Ein Herzog und sein Staat: Eine politische Biografie Herzog Johann Casimirs von Sachsen-Coburg (1564-1633)
 9783412522865, 3412522864

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NORM UND STRUKTUR Studien zum sozialen Wandel in Mittelalter und Früher Neuzeit

Christian Boseckert

Ein Herzog und sein Staat Eine politische Biografie Herzog Johann Casimirs von Sachsen-Coburg (1564–1633)

NORM UND STRUKTUR STUDIEN ZUM SOZIALEN WANDEL IN MITTELALTER UND FRÜHER NEUZEIT IN VERBINDUNG MIT GERD ALTHOFF, HEINZ DUCHHARDT, PETER LANDAU (†), GERD SCHWERHOFF HERAUSGEGEBEN VON

GERT MELVILLE Band 53

EIN HERZOG UND SEIN STAAT Eine politische Biografie Herzog Johann Casimirs von Sachsen-Coburg (1564–1633) von

CHRISTIAN BOSECKERT

BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR

Die Drucklegung erfolgt mit freundlicher Unterstützung der Niederfüllbacher Stiftung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek  : Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie  ; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2022 Böhlau, Lindenstraße 14, D-50674 Köln, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich) Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, Verlag Antike und V&R unipress. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der ­vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Umschlagabbildung  : Porträt Herzog Johann Casimirs, im Hintergrund Stadt und Veste Coburg, im Rollwerksrahmen, Pergament, Deckfarben und Gold, Maler: Hermann Weyer (1596-1621). © Coburg, Staatsarchiv, Bildsammlung 1-2,1 Korrektorat: Ulrike Weingärtner, Gründau Einbandgestaltung  : Michael Haderer, Wien Satz  : Michael Rauscher, Wien Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com ISBN 978-3-412-52286-5

Inhalt 1. Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1 Blick in die Vergangenheit . . . . . . . 1.2 Casimir als Forschungsobjekt . . . . . 1.3 Grenzregion . . . . . . . . . . . . . . 1.4 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . 1.4.1 Strukturgeschichtliche Ansätze . 1.4.2 Geistesgeschichtliche Ansätze . . 1.4.3 Kulturgeschichtliche Ansätze .. . 1.5 Quellensituation und Forschungsstand 1.6 Aufbau der Arbeit . . . . . . . . . . .

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2. Rahmenbedingungen eines schwierigen Lebens .. 2.1 Politische und soziale Krisen . . . . . . . . . . 2.2 Familiäre Konflikte . . . . . . . . . . . . . . . 2.3 Konfessionelle Streitigkeiten . . . . . . . . . . 2.4 Medialer Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.5 Der Reichstag zu Augsburg 1566 . . . . . . . . 2.6 Eskalation und Untergang . . . . . . . . . . . 2.7 Kriegstrauma? .. . . . . . . . . . . . . . . . . 2.8 Folgen der Gothaer Exekution . . . . . . . . .

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3. Tiefpunkt, Vereinnahmung und Identitätsverlust . . . . . . 3.1 Direkte Einflussnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.1 Erziehungsstreit und soziale Spannungen . . . . . 3.1.2 Erziehungsdefizite und Weichenstellung . . . . . . 3.1.3 Zerstörung des sozialen Umfelds . . . . . . . . . . 3.1.4 Streit um den Universitätsbesuch .. . . . . . . . . 3.1.5 Ersatzvater .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2 Indirekte Einflussnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.1 Einfluss auf das Territorium . . . . . . . . . . . . 3.2.1.1 Politische Grundlagen. . . . . . . . . . . . 3.2.1.2 Familiäre Voraussetzungen. . . . . . . . . . 3.2.2 Die Entscheidung von Speyer und deren Folgen . . 3.2.3 Herrschaftsgebiet und Verwaltung . . . . . . . . . 3.2.4 Der Wandel in der Vormundschaftsregierung . . .

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Inhalt

3.3 Vom politischen Spielball zum „Ziehsohn“ . . . . . . . . . . . 121 . . . . . . . . . .

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5. Höfische Repräsentation und Heiratspolitik . . . . . . . . . 5.1 Die Ehe als Machtstrategie .. . . . . . . . . . . . . . . . 5.2 Legitimierung der Ehe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.3 Ausbau höfischer Pracht . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.4 Höfisches Leben in Mitteldeutschland . . . . . . . . . . 5.5 Höfische Identitätsbildung .. . . . . . . . . . . . . . . . 5.5.1 Bibliografische Kontinuität . . . . . . . . . . . . . 5.5.2 Hofgelehrte für die Allgemeinheit .. . . . . . . . . 5.5.3 Alchemisten als wirkliche Hofgelehrte . . . . . . . 5.5.4 Casimirs „theatrum sapientiae“ . . . . . . . . . . . 5.5.5 Die Musikförderung als neues höfisches Element . . 5.5.6 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.6 „Action games“ und höfische Veranstaltungen . . . . . . 5.6.1 Ritterliche Übungen und Schlittenrennen . . . . . 5.6.2 Schießwettbewerbe .. . . . . . . . . . . . . . . . . 5.6.3 Tierhatzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.6.4 Komödien und Theaterspiele . . . . . . . . . . . . 5.6.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.7 Zähe „Reformatia“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.8 Mentale und soziokulturelle Spannungsfelder . . . . . . 5.9 Der Ehebruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.10 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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4. Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern 4.1 Väterliche Erziehungsdoktrin . . . . . . . . 4.2 Erziehungsinhalte . . . . . . . . . . . . . . 4.3 Geheime Kontakte . . . . . . . . . . . . . . 4.4 Leipziger Freiheiten . . . . . . . . . . . . . 4.5 Casimirs doppeltes Spiel . . . . . . . . . . . 4.6 Dilettantismus der Vormundschaft . . . . . 4.7 Machtvakuum . . . . . . . . . . . . . . . . 4.8 Die Barbysche Schuldsache . . . . . . . . . 4.9 Selbstbehauptung . . . . . . . . . . . . . .

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6. Bauten und Kunstförderung als symbolische Investitionen . . . . 221 6.1 Architektonischer Prototyp .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221

Inhalt

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6.2 Memoria und Rehabilitierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.3 Architektonische Symbole der Landesherrschaft . . . . . . . . 6.3.1 Die fürstliche Kanzlei .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.3.2 Die hohe Landesschule Casimirianum . . . . . . . . . . . 6.3.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.4 Fürstliche Repräsentation auf dem Land und Schaffung sozialer Räume .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.4.1 Das Wasserschloss Oeslau .. . . . . . . . . . . . . . . . . 6.4.2 Schloss Callenberg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.4.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.5 Der Ausbau der Coburger Residenzanlage . . . . . . . . . . . . 6.5.1 Das fürstliche Schützenhaus (Stahlhütte) . . . . . . . . . 6.5.2 Das Ballhaus .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.5.3 Lust- und Pommeranzenhaus . . . . . . . . . . . . . . . . 6.5.4 Altan und Hornstube . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.5.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.6 Gescheiterte Herrschaftsinszenierung . . . . . . . . . . . . . . 6.6.1 Das Zeughaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.6.2 Der geplante Ausbau von St. Moriz . . . . . . . . . . . . 6.6.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.7 Inszenierung durch die bildende Kunst . . . . . . . . . . . . . 6.8 Casimirs Kulturlandschaft – Eine Gesamtbetrachtung . . . . .

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7. Bekenntnisbildung, Institutionalisierung und Ordnungspolitik .. 7.1 Bestandsaufnahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.2 Ordnungspolitische Voraussetzungen . . . . . . . . . . . . . . 7.3 Institutionelle Investitionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.3.1 Eine sonderbare hohe Landesschule . . . . . . . . . . . . 7.3.1.1 Disziplinierung der Untertanen. . . . . . . . . . . 7.3.1.2 Berechnende Wohltätigkeit. . . . . . . . . . . . . 7.3.1.3 Festigung staatlicher Strukturen. . . . . . . . . . . 7.3.1.4 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.3.2 Aufbau eines Gesundheitssystems . . . . . . . . . . . . . 7.3.3 Heilsame Justizien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.3.4 Belebung des Münzregals . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.3.5 Identität und Kirchenreform . . . . . . . . . . . . . . . . 7.4 Wirtschaftsförderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.5 Grenzen der „guten Ordnung“ . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Inhalt

7.5.1 Die „Teufelssekte“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.5.1.1 Die Hexenverfolgung im Fürstentum Coburg. 7.5.1.2 Institutioneller Streit. . . . . . . . . . . . . . 7.5.1.3 Normierung und Organisation der Hexenverfolgung. . . . . . . . . . . . . . . . 7.5.1.4 Zusammenfassung.. . . . . . . . . . . . . . . 7.5.2 Moralischer und sittlicher Verfall .. . . . . . . . . . 7.5.3 Der „gerechte“ Preis .. . . . . . . . . . . . . . . . . 7.6 Ein guter Landesvater? – Eine Bilanz . . . . . . . . . . . 8. Machterhalt und Machterweiterung . . . . . . 8.1 Familiäre Auseinandersetzungen . . . . . . 8.1.1 Der Vater . . . . . . . . . . . . . . . 8.1.2 Der Bruder . . . . . . . . . . . . . . 8.1.3 Die Weimarer Vormundschaft . . . . 8.2 Auseinandersetzungen mit dem Niederadel 8.2.1 Der Rebell und die Reichsritter . . . 8.2.2 Der Liebhaber .. . . . . . . . . . . . 8.2.3 Nicolaus Zech .. . . . . . . . . . . . 8.2.4 Ausgleich . . . . . . . . . . . . . . . 8.3 Auswärtige Beziehungen . . . . . . . . . . 8.3.1 Würzburg . . . . . . . . . . . . . . . 8.3.2 Bamberg . . . . . . . . . . . . . . . . 8.3.3 Das niederrheinische Erbe . . . . . . 8.4 Integrationsbemühungen . . . . . . . . . . 8.5 Casimirs Machtkonsolidierung . . . . . .

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9. Krieg, Militär, Reichspolitik und Untergang . . 9.1 Unruhige Friedenszeit . . . . . . . . . . . . 9.2 Die Schweizer Garde . . . . . . . . . . . . . 9.3 Militär- und Reichsbündnisse Casimirs . . . 9.3.1 Die Protestantische Union . . . . . . 9.3.2 Die Katholische Liga . . . . . . . . . . 9.3.3 Zwischenbilanz in der Bündnisfrage .. 9.4 Eigene Aufrüstung . . . . . . . . . . . . . . 9.5 Gefährliche Doppelbestallung . . . . . . . . 9.6 Kriegsausbruch . . . . . . . . . . . . . . . . 9.6.1 Die böhmische Krise (1618−23) . . .

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Inhalt

9.6.2 Positionierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.6.3 Farbe bekennen .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.6.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.7 Eskalation des Familienkonfliktes . . . . . . . . . . . . . . . 9.8 Kriegsalltag in der Neutralität . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.9 Folgenreiches Edikt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.10 Das Ende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.10.1 Wallensteins Eroberung und Distanz zu Schweden . . 9.10.2 Casimirs Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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10. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 472 Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 503 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 516 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 557 Tafeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 559 Danksagung .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 575 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 577

1. Einführung

1.1 Blick in die Vergangenheit Anfang Oktober 1605 ritt ein Bote von Coburg aus gen Norden über den Thüringer Wald in das sogenannte Westthüringer Berg- und Hügelland. Er hatte einen ungewöhnlichen Auftrag. Er sollte aus dem fürstlichen Archiv zu Coburg zehn wichtige Aktenstücke nach dem oberhalb der Stadt Waltershausen liegenden Schloss Tenneberg bringen. Der Befehl dazu kam vom Schlossherrn selbst, der sich dort gerade aufhielt.1 Inhaltlich befassten sich die Archivalien mit Ausnahme eines Lutherbriefes mit einem einzigen Thema: der familiären Vergangenheit des Schlossherrn Johann Casimir, Herzog von Sachsen-Coburg. Darunter befand sich eine Prophezeiung aus dem 14. Jahrhundert, die seine Familie berührte. Dort hieß es: „Die Fürsten von Sachsen werden großen Unfall leiden, arm vndt elendt werden, da der Teutschen Trew undt glauben […] bey ihnen, in Untrew erwandelt werden.“2 Handschriftlich wurde dem Text der Vermerk beigefügt, dass sich die Prophezeiung 1547 erfüllt habe. Die weiteren Archivalien beinhalteten Dokumente, die den finanziellen, sozialen und politischen Niedergang der Familie jener Jahre nachzeichneten. Augenscheinlich besaß Casimir ein starkes Interesse an der familiären Vergangenheit. Suchte er eine Erklärung für die politischen Verhältnisse der Gegenwart? Diese Frage scheint ihn umgetrieben zu haben. Denn um die Dokumente einzusehen, musste der Bote rd. 100 Kilometer zurücklegen. Seine weiteren Intentionen können wir nur erahnen. Die familiäre Vergangenheit holte Casimir in seiner Regierungszeit als Herzog, von 1586 bis 1633, immer wieder ein. Sie war wohl ein Trauma seines Lebens und für einen Fürsten der Frühneuzeit außergewöhnlich. Thomas Nicklas bezeichnet die Umstände der casimirianischen Regentschaft, die auf den seit dem 16. Jahrhundert beginnenden familiären Niedergang beruhte, als

1 StACo, LA F 7612, fol. 1, Verzeichnis der Akten, die am 03.10.1605 nach Tenneberg geliefert wurden. 2 StACo, LA F 7612, fol. 23, Prophezeiung, Braunschweig [1375]. Eine identische Vorhersage fand sich in einer Bibliothek in Nürnberg (StACo, LA F 8070, Prophezeiung, Nürnberg [1305]). Der erwähnte Lutherbrief, ein Führbittschreiben, findet sich unter StACo, LA B 2431, fol. 1, abgedr. in Hönn: Historia Bd. II, S. 139 f.

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Einführung

eine reichspolitische Abnormität. Die Herrschaft selbst blieb seiner Meinung nach davon unberührt.3

1.2 Casimir als Forschungsobjekt Gerade diese reichspolitische Abnormität zeigt die Individualität fürstlicher Herrschaft, welche auf eigenen Erfahrungen, unterschiedlichen Einflüssen und Schicksalen beruht. Diese individuellen Erlebnisse besaßen die Kraft, die politischen Entscheidungen und Handlungsweisen des jeweiligen Fürsten zu beeinflussen. Ein rein strukturhistorischer Ansatz unterschlägt diese Faktoren. Die Arbeit verfolgt daher das Ziel, Casimirs Vita mit den strukturellen Entwicklungen der Frühen Neuzeit und den noch geltenden traditionellen mittelalterlichen Vorstellungen in Verbindung zu setzen und sie darin einzubetten. Casimir war Spross des ernestinischen Zweiges der Wettiner, die seit dem Mittelalter über Sachsen herrschten. Ihr politischer Aufstieg endete, als sich die Ernestiner im Rahmen des Schmalkaldischen Krieges (1546/47) gegen den Kaiser stellten und verloren. Die 1423 erworbene Kurwürde ging an den jüngeren albertinischen Zweig, welcher an der Seite des Reichsoberhauptes kämpfte. Die Ernestiner konnten diese Niederlage nicht verwinden und fanden sich deshalb in dieser für sie neuen Situation der verkleinerten politischen Maßstäbe nicht zurecht. Ihnen verblieb das Herzogtum Sachsen, welches größtenteils das mittelalterliche Territorium der Landgrafschaft Thüringen umfasste. Casimirs Vater und letzter ernestinischer Kurprinz, Johann Friedrich der Mittlere, fehlte die Bereitschaft, die neuen politischen Rahmenbedingungen anzuerkennen. Er versuchte stattdessen vergeblich, die Kurtranslation rückgängig zu machen. Um dies zu realisieren, ließ er sich in die sogenannten Grumbachschen Händel (1566/67) hineinziehen. Damit stand innerhalb von 20 Jahren ein zweiter Ernestiner in Opposition zum Kaiser und der albertinischen Linie.4 Thomas Nicklas sieht in der ernestinischen Entwicklung das „fast leitmotivisch wiederkehrende Thema einer Kollision von Anspruch und Wirklichkeit“, wobei Johann Friedrich der Mittlere „als symptomatische Gestalt für die Geschicke“

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Nicklas: Prosopographie, S. 134. Unter Grumbachsche Händel bezeichnet man eine militärische Auseinandersetzung in Franken und Thüringen, die auf Lehensstreitigkeiten zwischen den Bischöfen von Würzburg und dem Ritter Wilhelm von Grumbach beruhte. Zur weiteren Erläuterung vgl. Kap. 2.1 bis 2.4.

Casimir als Forschungsobjekt

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dieser Linie gedeutet werden kann.5 Aber auch bei anderen Angehörigen der Ernestiner lassen sich im 16. und 17. Jahrhundert derartige zur Realität ambivalente Verhaltensmuster nachweisen.6 Diese Ambivalenz löste sich erst am Ende des 18. Jahrhunderts mit dem Beginn der sogenannten „Coburger Heirats­politik“ auf, nachdem das ernestinische Territorium in mehrere Kleinstaaten zerfallen war. Den Beginn dieses Zerfalls sieht Nicklas in der Gründung des Fürstentums Coburg von 1572. Diesem stark strukturgeschichtlichen Ansatz setzt Gert Melville die Handlungsweisen und Person Casimirs als individueller Faktor entgegen. Dabei attestiert er dem Herzog eine „Kompensationsarbeit“ im psychologischen Sinne, die den Ansporn wohl dazu gab, „durch gute Politik nicht wieder alles zu verspielen“.7 Damit fügt Melville das individuelle Verhalten Casimirs als Komponente in die langfristige Entwicklung des familiären Niedergangs ein. An diesen Ansatz will die Arbeit anknüpfen, um die Hintergründe für das politische Handeln des Herzogs offenzulegen. Dabei geht es um die sozialen Rahmenbedingungen eines Fürsten in der frühneuzeitlichen Gesellschaft und in seinem höfischen Umfeld. Von Relevanz ist hier Max Webers Idealtypus der traditionalen Herrschaft, der sich durch den „Alltagsglauben an die Heiligkeit von jeher geltenden Traditionen und die Legitimität der durch sie zur Autorität Berufenen“ charakterisiert.8 Damit offenbart sich neben der Ambivalenz von politischem Anspruch und Wirklichkeit ein zweites Spannungsfeld. Dieses beinhaltet die Legitimation durch Tradition bei gleichzeitiger Diskreditierung und Beschädigung dieses Machtanspruchs durch das offenkundige Fehlverhalten der Vorfahren. Da sich die fürstliche Herrschaft in der Hauptsache aus Ehre, Besitz, der Genealogie, Herrschaftsansprüchen und Rechten erklärte und legitimierte, war es für einen Herrscher von großer Bedeutung, welches Verhältnis er zu seinen Ahnen besaß.9 Eine entscheidende Frage ist deshalb, ob es Casimir gelang, seine Herrschaft zu rechtfertigen, und welche Strategien er verfolgte, um seine Macht zu stabilisieren und gegebenenfalls auszubauen. Melville weist in diesem Zusammenhang zurecht darauf hin, dass in der Person Casimirs diese Auseinandersetzung besonders spürbar war. Schließlich ließ sich die eigene Position nur dann legitimieren,

5 Nicklas: Haus Coburg, S. 20 f. 6 Nicklas: Haus Coburg, S. 7. 7 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 5−7. 8 Winckelmann: Max Weber, S. 124. 9 Vgl. Althoff: Spielregeln; Melville: Transzendenzräume, S. 142−160.

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Einführung

„wenn die Ehre der Familie unbefleckt oder alle Schmach getilgt ist“.10 Die Analyse der fürstlichen Erinnerungspolitik auf Kontinuitäten und Brüche sowie der familiären Identität liefert hierzu Aufschluss. Gerade bei Letzterem betrachtete sich die Familie seit der Reformation als Verteidiger und Beschützer des „wahren“ lutherischen Glaubens und baute damit eine mediale Strategie auf.11 Nicklas sah die Entwicklung eher negativ für die Ernestiner. Für ihn war Casimir das Beispiel einer Assimilation, die vor allem vom albertinischen Zweig ausging und sich massiv auf sein soziales Umfeld auswirkte. Langfristig beeinflusste dies seine Politik, die er im Sinne des von Kursachsen betriebenen Hegemonialstrebens in Mitteldeutschland ausübte. Die Unterordnung unter den albertinischen Willen stand jedoch im Widerspruch zum Streben der Ernestiner, die frühere politische Macht und das soziale Prestige zurückzugewinnen. Melville nimmt hier eine gespaltene Kompensationsarbeit an, die sowohl die eigenen Wurzeln und das eigene Selbstverständnis berücksichtigte, aber sich auch in einem „wohlgefälligen Hinterherlaufen[s]“ hinter kursächsischen Interessen manifestierte.12 Ziel dieser Arbeit ist es, nun festzustellen, inwieweit sich Casimir assimilierte oder die konfessionelle Identität der Ernestiner und den Machtanspruch seiner Familie zumindest symbolisch im Zuge des Ausbaus der höfischen Repräsentation fortführen konnte. Die Antwort darauf findet sich in den familiären Beziehungen zu Kursachsen, deren Weiterentwicklung nach 1567 untersucht wird, und in der Hof- und Baupolitik des Herzogs nach seinem Regierungsantritt 1586. Es stellt sich auch die Frage nach der Autorität eines scheinbar politisch schwachen Fürsten gegenüber seinen Untertanen. Hier lohnt sich der exem­ plarische Blick auf Casimirs pragmatische Investitionen, welche die „Festigung von Staatlichkeit in allen Bereichen“ als Regierungsmaxime, zur Sicherung der fürstlichen Herrschaft implizierte.13 Der Fürst konnte auf den in der Frühen Neuzeit laufenden Staatsbildungsprozess zurückgreifen, der 1. die Institutionalisierung und die damit verbundene Bürokratisierung, 2. den Zusammenschluss mehrerer Landesteile zu einem Territorium, 3. die Zentralisierung politischer Macht, 4. die Verbesserung und Homogenisierung der Norm- und Gesetzgebung sowie 5. die Rationalisierung von herrschaftlichem Handeln

10 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 6. 11 Vgl. Gehrt: Konfessionspolitik. 12 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 5; Nicklas: Haus Coburg, S. 43 f. 13 Nicklas: Haus Coburg, S. 46. Vgl. auch Melville: Formung einer Residenzstadt, S. 29.

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und Verwaltungstätigkeit beinhaltete.14 Nutzte aber der Herzog diesen Prozess für sich und seinen Machterhalt? Langfristig wollten die Fürsten damit alle Macht im Land an sich ziehen. Das musste aber die Reaktion anderer politischer Akteure inner- und außerhalb des Herrschaftsgebietes herausfordern. Derartige Konflikte lassen sich zwischen Casimir und der emanzipierten und supraterritorial organisierten fränkischen Ritterschaft feststellen. Diese machte sich im Laufe des 16. Jahrhunderts zu großen Teilen unabhängig und unterstellte sich dem Kaiser. Die fränkischen Ritter des Fürstentums Coburg besaßen diese verfassungspolitische Stellung nicht. Es ist aber davon auszugehen, dass sie nach der Reichsunmittelbarkeit strebten und damit einen für diese Zeit typischen politischen und sozialen Konflikt entfachten. Casimir musste auf diese für ihn machtpolitisch bedrohlichen Situation reagieren. Sein Ziel war es, die Mediatisierung der Ritter voranzutreiben und diese in sein politisches System zu integrieren. Seinen Vorfahren war dies zumindest teilweise mit den sächsischen und thüringischen Rittern gelungen.15 Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, wie Casimir solche Probleme lösen konnte. Von Bedeutung ist, inwieweit seine Herrschaftslegitimation von allen Parteien akzeptiert wurde. Das Verhältnis zu den Rittern konnte jedenfalls für den Herzog zum Prüfstein werden, ob er in der Lage war, das Land der Vorfahren zu erhalten, und es nicht dem politischen und territorialen Zerfall preiszugeben. Hemmend wirkten sich die Nutz- und Realteilungen der Wettiner auf die Staatsbildung aus. Ständig entstanden neue zusammengewürfelte Herrschaftsgebiete, wodurch eine Identitätsbildung des Landes kaum möglich wurde. Casimirs Territorium bestand aus einem Teil des thüringisch-wettinischen Kernlandes, der Pflege Coburg als „sächsischem Ortland in Franken“ und der früheren hennebergischen Grafschaft Römhild (vgl. Kap. 3.2.3). Infolgedessen musste der Herzog die einzelnen Landesteile zu einem Korpus zusammenfügen. Dies gelang nur durch eine symbolische Politik des Landesherrn, bspw. durch die Übernahme früherer Residenzen, durch ein patriarchalisches Politikverständnis oder die Integration der wichtigsten Familien eines Landes in das Staatsgefüge. Ein solcher Integrationsprozess konnte den inneren Zerfall eines Territoriums verhindern. 14 Schwerhoff: Frühe Neuzeit, S. 7. 15 Die vornehmlich in Franken, Schwaben und am Rhein existierende Reichsritterschaft entwickelte sich aus Rittereinungen und -gesellschaften. Vgl. Ulrichs: Entstehung Reichsritterschaft; Schneider: Spätmittelalterlicher Niederadel, S. 177. Nicklas: Haus Coburg, S. 46 f. Zu den politisch-sozialen Krisen vgl. Schwerhoff: Frühe Neuzeit, S. 8.

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Nicklas sieht in diesen Landesteilungen eine Ambivalenz zum Anspruchsdenken der Ernestiner und eine gewisse Selbstzerstörung. Er konstatierte daher: „Nirgendwo sonst im feudalen Deutschland sollten bei der Vererbung dynastischer Besitz- und Herrschaftsrechte die privatrechtlichen Grundsätze so weit getrieben werden“ wie bei dieser Familie, was im Kontext aufoktroyierter Landesteilungen zu „Herrschaftsgebilden im Spielzeugformat“ führte.16 Aus einem solchen politischen Prozess entstand der Coburger Fürstenstaat, den Casimir zunächst mit seinem Bruder Johann Ernst nach wettinischer Tradition gemeinsam regierte. Doch schon nach wenigen Jahren kam es 1596 zu einer Teilung, bei der für Johann Ernst das Fürstentum Eisenach geschaffen wurde. Es stellt sich daher die Frage, warum Casimir den Zerfall der ernestinischen Territorien nicht aufhalten konnte. Jedenfalls hemmte diese Politik der Ernestiner den weiteren Staatsbildungsprozess. Die Konsolidierung eines frühneuzeitlichen Staates musste aber durch den Fürsten auch außenpolitisch erfolgen, vor allem dann, wenn wie in Franken die Herrschaftsgebiete einem „territoria non clausa“ entsprachen. Für Casimir war es daher wichtig, die Grenzen zu den Nachbarterritorien zu festigen und den Streit um Rechte und Regalien beizulegen oder fremde Hoheitsrechte zu beseitigen.17 Hier stechen vor allem die Beziehungen zu den benachbarten Hochstiften Würzburg und Bamberg hervor. In den Grenzgebieten zu Coburg herrschte eine verworrene Rechtslage, die Wald-, Jagd-, Gerichts- und Patro­natsrechte umfasste. Letzteres ist besonders in Bezug auf die Konfessionalisierung bedeutsam. Wie konnte in Anbetracht sich ständig zuspitzender konfessioneller Spannungen ein Ausgleich gelingen, der Casimirs Bestrebungen zur Sicherung seines Territoriums unterstützte?18 Daneben beeinflussten die Auswirkungen der Grumbachschen 16 Nicklas: Haus Coburg, S. 7, 17. 17 Vgl. Bahlcke: Landesherrschaft, S. 7. 18 In Europa verschärften sich seinerzeit die konfessionellen Spannungen. In Casimirs Geburtsjahr 1564 bestätigte die Bulle „Benedictus Deus“ die Beschlüsse des Ende 1563 geschlossenen Konzils zu Trient, womit die Gegenreformation eingeleitet wurde. 1562 brach in Frankreich der Erste Hugenottenkrieg aus, dem bis 1598 noch sieben weitere folgen sollten. Ab 1568 rangen das katholische Spanien und die nach Unabhängigkeit strebenden calvinistischen Niederländer im Achtzigjährigen Krieg miteinander. Im Reich führte der Höhepunkt der Konfessionalisierung ab den 1580er Jahren zu erheblichem Streit zwischen katholischen und protestantischen Reichsständen. Die Ursprünge dieser Konflikte lagen in den Auseinandersetzungen um die Interpretation des Augsburger Religionsfriedens von 1555 und im Heranwachsen einer neuen Fürstengeneration, die eher eine konfrontative Haltung einnahm und zunehmend zu keinen konfessionspolitischen Kompromissen bereit war. Damit einher ging der Versuch, in den einzelnen Ländern eine religiöse Einheitlichkeit zu schaffen.

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Händel das weitere Verhältnis zwischen Coburg und Würzburg. Das Herzogtum Sachsen stand seinerzeit auf der Seite des Ritters Wilhelm von Grumbach gegen Würzburg. Dies verschlechterte erwartungsgemäß die Beziehung zum Hochstift. Casimir oblag es, das Verhältnis wieder zu verbessern. Die Arbeit will untersuchen, welche Mittel er dafür einsetzte. Dabei sollen die Ergebnisse dieser Analyse in den Kontext zu den weiteren Beziehungen zu Kursachsen gesetzt werden. Außenpolitisch geriet Casimir in die konfessionellen Konflikte seiner Zeit, die in den Dreißigjährigen Krieg münden sollten. Wie häufig in seinem Leben musste er zwischen Glauben und Vernunft wählen. Sollte er das Engagement zugunsten des Protestantismus aufgeben und sich in das politische Umfeld des Kaisers bewegen? Oder erhob sich nun der dritte Ernestiner gegen das Reich? Drohten die Opfer, die Casimirs Familie für die Durchsetzung des Protestantismus erbracht hatte, umsonst gewesen zu sein? Dazu kam die schwierige Entscheidung zwischen Krieg und Frieden. Familiär gestaltete sich das Problem nicht weniger kompliziert. Sowohl zum lutherischen Kursachsen als auch zur calvinistisch geprägten Kurpfalz gab es verwandtschaftliche Beziehungen. Im Folgenden soll eruiert werden, welchen Politikansatz Casimir bei religiösen Konflikten verfolgte. Diese Arbeit will nun auch die These belegen, dass wegen des sozialen und politischen Abstiegs der Ernestiner Casimirs Herrschaftsanspruch lange umstritten gewesen war. Durch eine gute landesväterliche Politik, einen starken Drang zur Repräsentation und die Inszenierung seiner Macht versuchte der Herzog dies zu kompensieren. Sein Ziel war es, damit den Anspruch auf die frühere Position innerhalb der Reichsstände zumindest symbolisch aufrechtzuerhalten. Adelige Legitimationsprobleme traten in jener Zeit so häufig auf, dass die Historie des Adels „auch als Geschichte seiner Legitimationskrisen geschrieben werden könnte“.19 Diese Untersuchung befasst sich daher mit Casimirs Legitimation als Fürst. Vermutlich trug er dabei den aufgekommenen Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit weiter. So ist seine Politik als Aufbäumen gegen das Schicksal seiner Familie zu werten. Einen Bruch in Einstellung, Staatsführung und Identität der Ernestiner gab es demnach keineswegs.

Vgl. Gotthard: Dreißigjähriger Krieg, S. 16−30; Schwerhoff: Frühe Neuzeit, S. 7; Schilling: Konfessionalisierung, S. 1−45. 19 Sittig: Kulturelle Konkurrenzen, S. 47 f.; vgl. Hohendahl/Lützeler, Legitimationskrisen.

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1.3 Grenzregion Das Fürstentum Coburg mit seinen rd. 55.000 Einwohnern und einer Fläche von etwa 1400 Quadratkilometern erstreckte sich auf Gebiete in Franken und Thüringen, wobei zwei eigenständig gewachsene Regionen aufeinandertrafen, deren Unterschiedlichkeit sich in einer divergierenden Rechtspraxis zeigte.20 Deutlich wurde dies in der Zugehörigkeit zu zwei Rechtskreisen. Die fränkischen Gebiete um Coburg und Römhild gehörten zum fränkischen Rechtskreis und damit dem Vikariatskreis des pfälzischen Kurfürsten an. So galten in diesen Gebieten die Rechtsvorschriften der „Constitutio Criminalis Carolina“. Die Gebiete jenseits des Thüringer Waldes gehörten dem sächsischen Rechtskreis an, welcher wiederum dem Vikariatskreis des sächsischen Kurfürsten unterstand. Hier galten die Vorschriften des Sachsenspiegels. Die Pflege Coburg genoss dadurch innerhalb des wettinischen Territoriums einen rechtlichen Sonderstatus. Dieser drückte sich in der Gründung eines eigenen Hofgerichts aus, welches aus einem Hofrichter und mehreren Beisitzern aus der fränkischen Ritterschaft bestand. Eine einheitliche Rechtsprechung existierte lediglich im Lehensrecht, das sich am sächsischen Recht orientierte, aber die gemeinrechtlichen Traditionen in Franken akzeptierte.21 Ähnlich verhielt es sich bei der Zugehörigkeit zu den Reichskreisen. Durch Erwerb der Grafschaft Römhild 1555 erhielt das Herzogtum Sachsen und das daraus entstandene Fürstentum Coburg Sitz und Stimme im Fränkischen Reichskreis. Damit begann aber eine institutionelle Zweiteilung, da die Pflege Coburg dem Obersächsischen Reichskreis angehörte.22 Im administrativen Aufbau des wettinischen Territoriums spielten die fränkischen Gebiete eine hervorgehobene Rolle. Im Gegensatz zu den anderen mittleren Verwaltungseinheiten dieses Herrschaftsgebietes besaß die Pflege Coburg, auch als „Sächsisches Ortland in Franken“ oder „Land Franken“ bezeichnet, einen eigenen Statthalter, den sogenannten Pfleger. Er vertrat den sächsischen Kurfürsten, stammte aus vornehmem Adel und fungierte als Hofrichter.23 Kursachsens Besitzungen in Franken besaßen demnach eine verwaltungsstrukturelle Sonderstellung innerhalb des wettinischen 20 Dietze: Dreißigjähriger Krieg, S. 40 f.; Schwerhoff: Ordnung, S. 21. 21 Heyl: Johann Casimir, S. 158; Kretz: Schöppenstuhl, S. 5; Klein: Politik und Verfassung, S. 170 f.; Lünig: Goldene Bulle, Kap. V, § 1,2. Ein Hofgericht wird in Coburg erstmals 1441/42 genannt. 22 Dotzauer: Reichskreise, S. 51−79 (darin die Grundzüge der politischen Entwicklung der Reichskreise), 81, 108; Heyl: Johann Casimir, S. 158; Klein: Politik und Verfassung, S. 148, 246. 23 Heyl: Zentralbehörden, S. 62; Klein: Politik und Verfassung, S. 150 f., 170.

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Territoriums, die sich im Laufe des 16. Jahrhunderts festigen sollte. Daraus bildete sich eine Scharnierfunktion des Landes zwischen Franken und Thüringen.24 Die Gründung des Coburger Fürstentums schuf andererseits eine Ambivalenz zu den natürlich-geprägten Grenzräumen zwischen Franken und Thüringen. Diese Problematik erkannten zunächst im 17. Jahrhundert die Geografen. Daraus entwickelte sich in der Geschichtswissenschaft ein Diskurs um die Frage, zu welcher historischen Region man das Fürstentum zählen müsste.25 Dies machte sich erschwerend in der Forschung zu Johann Casimir bemerkbar, da dieser 1564 im thüringischen Gotha das Licht der Welt erblickte, aber 1633 im fränkischen Coburg starb. Wohl auch deshalb wurde er spät, nämlich erst 1980, in die fränkische Landesgeschichte eingeführt. In diesem Einführungsbeitrag von Gerhard Heyl wurde der Herzog als „Wahlfranke“ bezeichnet.26 Die geografische Lage des Fürstentums war demnach ein wesentlicher Faktor, der in Casimirs Leben und Politik eine große Bedeutung besaß und deshalb zum Verständnis seines Verhaltens berücksichtigt werden muss.

1.4 Methodik 1.4.1 Strukturgeschichtliche Ansätze Die Arbeit orientiert sich an den chronologischen Ereignissen in Casimirs Vita und bettet diese in den zeitgenössischen strukturellen Rahmen ein. Historiker sahen in der Frühen Neuzeit eine Übergangsperiode, wo mittelalterliche Traditionen und Ansichten auf eine „Vorlaufphase der Moderne von prototypischer Bedeutung“ trafen.27 Zentrale Bedeutung besaß dabei die Rationalisierung als „Modernisierungsmechanismus, der auf kultureller Ebene in Form einer Entzauberung und Dezentrierung des Weltverständnisses wirksam“ wurde und als Humus die weitere Modernisierung förderte.28 Dies äußerte sich durch ein 24 Nicklas: Prosopographie, S. 127. 25 Vgl. Hönn: Historia Bd. I, S. 170−172; Andrian-Werburg: Landesgeschichte, S. 1−10; Bachmann: Coburgs Sonderstellung, S. 35−42. 26 Heyl: Johann Casimir, S. 158; StACo, LA A 174, fol. 10, Bericht über Geburt und Taufe Casimirs, 1564; StACo, LA A 350, fol. 6 f., Räte an Johann Ernst von Sachsen-Eisenach, Coburg, 17.07.1633. 27 Schulze: Einführung Neuere Geschichte, S. 31. Vgl. Degele/Dries: Modernisierungstheorie, S. 35; Münch: Zwiespalt, S. 21 f. 28 Degele/Dries: Modernisierungstheorie, S. 113.

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zielorientiertes und systematisches Vorgehen, um so Missstände zu minimieren. Das sollte über den Aufbau einer funktionierenden Verwaltung, Rechtsprechung und Ordnungspolitik gelingen. Den Staatsdenkern ging es dabei um die Konzentration von Herrschaft, was über Verrechtlichungsprozesse und das Gewaltmonopol durchgesetzt werden sollte. Damit wurde das traditionelle Rechtsverständnis der Feudalgesellschaft zugunsten eines Rückgriffs auf das römische Recht aufgegeben.29 Die politischen Rahmenbedingungen waren für ein solches System in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts günstig. Die Errichtung des Fürstentums Coburg barg die Möglichkeit, auf Basis bestehender Behörden eine effiziente Verwaltungsorganisation aufzubauen. Dazu kamen die Reform und Weiterentwicklung der Ordnungspolitik auf Basis der bisherigen Gesetzgebung. Dies geschah in allen Bereichen der sogenannten „Guten Policey“. Sie geriet zum Ausdruck der Politik eines guten Landesvaters, der sich in der Verantwortung vor Gott um das Wohl der Menschen und des Landes kümmerte.30 Dieses Wohl folgte einem Idealbild, das im Alltag an seine Grenzen geriet und Widersprüche erzeugte. Ein Beispiel dafür ist die Hexenverfolgung. Gerade die Position Casimirs in dieser Frage ist bis heute umstritten. Autoren schwankten bisher zwischen der Darstellung des sorgenden Landesvaters und des radikalen Hexenverfolgers.31 Ein zweiter Rationalisierungsansatz betont besonders die Verwissenschaftlichung. Sie steht in dem zu untersuchenden Zeitraum (1564−1633) als charakteristisches Merkmal an bedeutender Stelle.32 Diese Genese drückte sich vor allem im Staatsbildungsprozess aus. Der im Entstehen begriffene Staat bedurfte einer effizient arbeitenden Verwaltung, gut ausgebildeter Fachleute in Jurisprudenz und Theologie sowie fähigen Pädagogen und Beamten. Casimir folgte dieser Entwicklung und gründete u. a. „eine sonderbare hohe Landesschul“.33 Für eine lange Zeit galt diese Gründung in der Historiografie als eine seine größten politischen Taten.34 Für seine Schule benötigte Casimir zudem hervorragende 29 Degele/Dries: Modernisierungstheorie, S. 95; Schulze: Einführung Neuere Geschichte, S. 29, 79 f. 30 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 7; Haslauer: Aufbauen, S. 47−49. 31 Haslauer: Aufbauen, S.  51; Melville: Formung einer Residenzstadt, S.  38 f.; Griess­hammer: Drutenjagd, S.  212−228; Rummel/Voltmer: Hexen, S.  18. Vgl. Kap. 7.5.1. 32 Degele/Dries: Modernisierungstheorie, S. 96; Schwerhoff: Frühe Neuzeit, S. 8. 33 Zit. Melville: hohe Landesschul, S. 35; Haslauer: Aufbauen, S. 37. 34 Johann Gerhard Gruner meinte, dass „schon diese einzige schöne Handlung“ Casimirs Namen in den Geschichtsbüchern verewigen würde. Vgl. Gruner: Johann Kasimir, S. 52.

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Wissenschaftler, die den Ruhm der Einrichtung mehren und gleichzeitig eine Gelehrtenschicht innerhalb der Bevölkerung bilden sollten. Damit ging die Verwissenschaftlichung der lokalen Gesellschaft einher. Einen vergleichbaren Einfluss besaßen die Fürstenhöfe. Hier waren es höfische Einrichtungen wie Bibliotheken oder die Unterhaltung von Hofgelehrten, die zum Erkenntnisgewinn beitrugen. Im Allgemeinen war das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Hof ambivalent. In Einzelfällen konnte es befruchtend wirken.35 Im Folgenden soll das Verhältnis zwischen dem Coburger Hof und der Landesschule, dem Gymnasium Casimirianum sowie der Stellenwert der Wissenschaftsförderung in Casimirs Leben untersucht werden. Melville weist darauf hin, dass der Herzog durch die Förderung von Schule und Wissenschaft seinen Ruhm als Landesherr vermehren und „aus der besseren Bildung seiner Untertanen für seine Herrschaft nur gewinnen konnte“.36 Bedeutsam war auch das Ziel der Zivilisierung und Gleichsetzung von Menschen vor gesetzlich vorgegebenen Normen. Gerhard Oestreich führte dazu den Begriff der Sozialdisziplinierung ein. Dahinter steckt das Ziel der Landesherrschaft, die Emotionen der Menschen in geordnete Bahnen zu lenken und sie über gesetzliche Regeln und Kontrollen in den frühneuzeitlichen Staat zu integrieren.37 Es gilt festzustellen, inwieweit Casimir von sich aus, ordnungspolitische Initiativen in die Wege leitete oder nur auf solche Probleme reagierte. Seine Aufgabe war es jedenfalls, als Landesvater sowie als höchster Vertreter im bischöflichen Amt (summus episcopus) für das Wohl und das Seelenheil seiner Untertanen zu sorgen. Melville sieht hier einen Ehrgeiz Casimirs, in diesen Rollen perfekter zu sein als seine Vorfahren.38 Darauf aufbauend soll nach dem Erfolg dieser Politik gefragt werden. Diese Fragestellung ist umso bedeutsamer, da diese Maßnahmen am Vorabend und während des Dreißigjährigen Krieges vonstattengingen. Gerade dieser Krieg stellte mit seiner Verrohung, Plünderungsund Zerstörungswut alles bisher Dagewesene in den Schatten.39 35 Müller: Fürstenhof, S. 49 f. 36 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 14. 37 van der Loo/Van Reijen: Modernisierung, S. 218; Schulze: Einführung Neuere Geschichte, S. 84; Degele/Dries: Modernisierungstheorie, S. 113; Behrens: Sozialdiszi­ plinierung, S. 25; Oestreich: Strukturprobleme, S. 187−196. 38 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 15. 39 Ein mediales Ereignis stellte die Eroberung und Zerstörung Magdeburgs im Jahre 1631 durch katholische Truppen dar, in welcher von protestantischer Seite die Kriegsgräuel der Katholiken in den Mittelpunkt gestellt wurden. Vgl. Kaiser: „Magdeburgische“ Hochzeit, S. 195−213.

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Zeitgleich gab es seitens der Fürsten Bemühungen, die Natur beherrschbar zu machen und sie nach dem Vorbild Gottes zu formen. Auch bei Casimir lässt sich ein Wille zur landschaftlichen Gestaltung und eine ausgeprägte Jagdleidenschaft feststellen.40 Bei diesem Aspekt gilt es die These Gerhard Heyls zu untersuchen, der im Jagdvergnügen die Flucht „vor intensiver Regierungstätigkeit“ sah. Andere Historiker hingegen verwiesen darauf, dass sich höfische Attitüden und Regierungstätigkeit nicht ausschlossen.41 Ein solches Hofleben muss aber eine Wirkung auf die Bevölkerung gehabt haben. Die Arbeit will diese Effekte und die Machtstrategien, die der Herzog nutzen konnte, vorstellen. Eine Auflösung traditioneller Bindungen oder Lebensformen ließe sich bei Casimir ebenfalls nachweisen. Gerade dieser Aspekt ist bei diesem Herzog interessant. Sein Vater stellte sich gegen den Kaiser, sodass er durch eine Reichsexekution abgesetzt und verhaftet wurde. Den Krieg erlebte Casimir dabei am eigenen Leibe; seinen Vater sollte er danach nur noch einmal wiedersehen. 1570 wurde er zusammen mit seinen Brüdern auf dem Reichstag zu Speyer restituiert, was das soziale Gefüge der Familie sprengen musste. Denn plötzlich waren Vater und Söhne Familienoberhäupter, wobei die Macht, juristisch und ökonomisch, eindeutig den Söhnen oblag. Die gängige Übergabepraxis von Herrschaft nach dem Tod eines Fürsten auf die nächste Generation kam so nicht zustande.42 Auch das sonstige Familienleben verlief in ungewöhnlichen Bahnen und außerhalb der damals geltenden Normen. 1572 verließ die Mutter Casimirs, Elisabeth, ihre Kinder und lebte seitdem bei ihrem Mann in der Gefangenschaft.43 Als außergewöhnlich kann auch die erste Ehe des Herzogs mit einer Tochter des sächsischen Kurfürsten August, dem Feind seines Vaters, gesehen werden. Die Verbindung ging wegen erwiesener Untreue der Gattin in die Brüche und wurde geschieden.44 Gerade diese Erfahrungen besaßen für Casimir tiefgreifende Einflüsse auf seine Person und sein Handeln. Nicklas und Melville weisen vor allem den Grumbachschen Händeln ein traumatisches Erlebnis in seinem Leben zu.45 Die Loslösung von der traditionellen Lebensweise musste ihn aus differenten gesellschaftlichen Einbettungen und Abhängigkeiten befreien. Daraus resultiert 40 Hönn: Historia Bd. II, S. 257 f. Auf seine Jagdleidenschaft weist auch Johann Gerhard hin. Vgl. *Gerhard: Oratio Funebris, fol. P IIIv–P IVr. 41 Heyl: Johann Casimir NDB, S. 531 f.; Haslauer: Aufbauen, S. 45 f. 42 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 5 f.; Lerner: Patriarchat, S. 295; Mitterauer: Familie, S. 21−45. 43 Götz: Elisabeth, S. 67. 44 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 5; Knöfel: Dynastie und Prestige, S. 340−344. 45 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 5; Nicklas: Haus Coburg, S. 48.

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die emanzipatorische Aufgabe, soziale Beziehungen selbst zu knüpfen.46 Es gilt daher zu klären, ob Casimir das gelang. Gerade diese Freiheiten können die Identität des Einzelnen unsicherer machen sowie den Regierungsstil und die Darstellung eigener Macht beeinflussen. Erste Ansätze einer Differenzierung finden sich in der Frühen Neuzeit vor allem im Bereich der Ökonomie. Die Umstellung von der Subsistenzwirtschaft zur gewerblichen Marktproduktion förderte die soziale Differenzierung, was einen gesellschaftlichen Wandel nach sich zog. Daneben bahnte sich eine geografisch abhängige Arbeitsteilung an. Nutznießer dieser Genese war das Bürgertum.47 Zu dieser aufstrebenden Schicht gehörte der coburgische Rentmeister Nicolaus Zech, der seine Erfahrungen und Auffassungen in die Arbeit als oberster Finanzbeamter des Landes einbringen konnte. Wohl auch deshalb leitete er mit großem Geschick die Sanierung der Finanzen in die Wege. Geldprobleme plagten Casimir seit seinem Amtsantritt und traten in der Folge immer wieder auf.48 Die Geldfrage konnte sich zu einer Machtfrage entwickeln, da es den Landständen oblag, Steuern zu bewilligen. Der Fürst musste hier etwaigen Forderungen der Stände entgegenkommen. Eine effiziente Steuerverwaltung, gepaart mit einer selbst betriebenen merkantilistischen Wirtschaftspolitik auf den Domänengütern, konnte den Herrscher finanziell unabhängiger von anderen politischen Akteuren machen. Eine solcher Ansatz mag für Casimir attraktiv gewesen sein, zumal er sich durch die Bestallung von gut ausgebildeten Beamten aus dem Bürgertum von den Ständen autark machen konnte.49 1.4.2 Geistesgeschichtliche Ansätze Das Leben und die Herrschaft Casimirs wurden auch durch den Humanismus geprägt. Ratgeber wie die sogenannten Fürstenspiegel boten Ansatzpunkte dafür, wie man weise und zum Wohle seiner Untertanen als Landesvater regieren und an der Spitze des eigenen Hofes als Hausvater agieren könne.50 Sie gaben auch 46 47 48 49

Degele/Dries: Modernisierungstheorie, S. 73. Schwerhoff: Frühe Neuzeit, S. 7. Nicklas: Haus Coburg, S. 49; vgl. Melville: Leben Johann Casimirs, S. 9 f. Im 15. Jahrhundert trat mit Jacques Coeur ein Finanz- und Wirtschaftsexperte gleichen Typus als Geldgeber des französischen Königs Karl  VII. in Erscheinung. Vgl. Mollat: Königlicher Kaufmann. 50 Für die Analyse des casimirianischen Hofes bezieht sich die Arbeit auf die Lehre Otto

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die Richtlinien für die Erziehung zukünftiger Fürsten vor. Die Humanisten setzten hier neue Akzente und förderten so die weitere Entwicklung der politischen Philosophie. Als die beiden bedeutendsten Werke jener Zeit gelten die „Institutio Principis Christiani“ des Erasmus von Rotterdam und das „Il Principe“ Niccoló Machiavellis.51 Gerade Erasmus’ Werk erfuhr im protestantischen Raum große Resonanz und floss in die Fürstenerziehung ein. Anhand dieser Erziehung und seinem Regierungsstil ließe sich ein humanistischer Einfluss auf Casimir nachweisen. In welchem Umfang dies geschah, soll anhand dieser Studie offengelegt werden. Die Humanisten mit ihren Auffassungen prägten auch die Reformation. Protestantische Fürsten wie Casimir wurden im religiösen Geiste Martin Luthers erzogen, um so die protestantische Lehre in ihren Ländern durchzusetzen. Es war Philipp Melanchthon, der als Erster die enorme Bedeutung von Erziehung und Bildung für die Bekenntnisbildung erkannte und damit Reformation und Humanismus zusammenbrachte.52 Die religiöse Ausbildung von Thronfolgern besaß daher einen großen Stellenwert. Sie bildete den Grundstein für die zukünftige Konfessionspolitik der nächsten Fürstengeneration. Der Erfolg von Religionslehrern ließ sich an der Bereitschaft des Herrschers ablesen, den „wahren“ christlichen Glauben in sein Land zu tragen und zu verteidigen. Im Zuge der immer stärker werdenden konfessionellen Spannungen und Profilierungen im Reich ab den 1590er Jahren gewann die religiöse Ausbildung weiter an Bedeutung. Dieser Aspekt wurde bei Casimirs Erziehung durch die familiäre Identität als Beschützer und Bewahrer des „reinen“ Luthertums noch verstärkt. Zudem bot die theologische Ausbildung Ansätze zur Definition des Fürstenamts. Die aus dem Mittelalter stammende biblische Vorstellung des Fürsten als Amtmann Gottes auf Erden (Weish 6,5), der nach dem Ende seines Lebens Rechenschaft vor dem Herrn über sein Wirken ablegen muss, war noch allgegenwärtig.53 Das Fürstenamt erhielt damit seine sakrale Bedeutung und Legitimation. Die biblischen Könige konnten daher als Vorbilder für das richtige Regieren dienen. Inwieweit Casimirs Erziehung und Herrschaft davon beeinflusst wurden, wird diese Arbeit analysieren.

Brunners vom „ganzen Haus“. Vgl. Brunner: Ganzes Haus, S. 103, 105, 118 f.; Müller: Fürstenhof, S. 9 f. 51 Brückmann/Schiersner: Historisch-politische Weltkunde, S. 132−134. 52 Hammerstein: Bildung und Wissenschaft, S. 18; siehe Kap. IV. 53 Buch der Weisheit, Kap. 6, Vers 5; vgl. Röm., Kap. 13, Vers 1–7.

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1.4.3 Kulturgeschichtliche Ansätze Gerade Fragen von Repräsentation, Inszenierung und Machtsymbolik, die bei Casimir eine Rolle spielen mussten, lassen sich mit Hilfe der Performanz erläutern. Diese lenkt in einer Zeit, wo sich neue Formen der Öffentlichkeit durchgesetzt hatten, „die Aufmerksamkeit auf die Ausdrucksdimension von Handlungen und Handlungsereignissen bis hin zur sozialen Inszenierungskultur“.54 Dieser Aspekt ist gerade bei Casimir so bedeutsam, da die Herrschaftsinszenierung eine wesentliche Strategie des Machterhalts darstellte. Dazu gehörte die Repräsentation des Hofes gegenüber Untertanen und Standesgenossen. In diesem Bereich musste Casimir Aufbauarbeit leisten, da Coburg nur kurz, zwischen 1542 und 1553, Residenzstadt gewesen war. Aus dieser Zeit stammte das Schloss Ehrenburg, womit die „hauptsächliche Infrastruktur einer Residenz“ bereits bestand.55 Es gilt dabei die Frage zu beantworten, welchen Charakter der Hof Casimirs besaß. Von Bedeutung sind dabei allgemeine Entwicklungen wie die Umwandlung vom hausväterlichen zum zeremoniellen Fürstenhaushalt. Die umstrittene Hoftypologie Volker Bauers bildet hier eine Grundlage. Denn gerade diese versucht, den Individualismus eines Hofes unter einem bestimmten Fürsten zu beschreiben.56 In einem zweiten Schritt will die Arbeit der Frage nachgehen, welches Vorbild Casimir für seinen Hof nutzte. Hinweise darauf kann die Kavalierstour geben, die jeder Adelige zu absolvieren hatte. Darin inbegriffen waren Aufenthalte an europäischen Herrscherhöfen. Später waren es gegenseitige Fürstenbesuche, die sich innovativ auf die weitere Genese der Höfe auswirkten. Mediale Strategien führten dazu, dass sich ein individuelles Profil herausbildete, das mit einem Erfahrungsvorsprung in Einzelbereichen einherging. Im Zusammenhang mit der familiären Auseinandersetzung zwischen Ernestiner und Albertiner mussten beim Aufbau des Coburger Hofes dynastische Rivalitäten und höfische Konkurrenzen eine besondere Rolle spielen. Gerade deshalb ist ein Vergleich mit dem Dresdner Hof in Bezug auf die Herrschaftsrepräsentation 54 Bachmann-Medick: Cultural Turns, S. 104; Martschukat/Patzold: Performative turn; Schulze: Einführung Neuere Geschichte, S. 29; Oschema/Andenna/Melville/Peltzer: Performanz. 55 Nicklas: Haus Coburg, S. 41, 46. Siehe auch Melville: Formung einer Residenzstadt, S. 25 f. 56 Bauer: höfische Gesellschaft, S. 55−80. Die Begrifflichkeit ist unter soziologischen und historischen Aspekten unscharf und anfechtbar. Siehe Müller: Fürstenhof, S. 99 f.

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und -inszenierung unerlässlich. Derartige Verknüpfungen gerieten in den letzten Jahren ins Blickfeld der Forschung.57 Hervorzuheben ist die Ambivalenz zwischen einer rationalisierenden Staatsbildung im Kontrast zu einem prachtvollen höfischen Leben, das von Inszenierung, Rivalitäten, elitärer Distinktion und dem Anspruch auf standesgemäßes Auftreten geprägt war. Melville weist diesem Gegensatz von persönlicher Machtobsession und modernem Staatsaufbau die Bedeutung einer der bestimmenden „Spannungsstrukturen jener Epoche zu, von der auch Casimir im höchsten Maße betroffen war“.58 Demnach müsste in Coburg wegen der familiären Konkurrenzsituation und dem eigenen Repräsentationsanspruch eine stark ambivalente Situation geherrscht haben, die den Niedergang der Ernestiner kaschieren sollte. Zur Sicherung politischer Herrschaft bedurfte es Strategien, die eine Omnipräsenz des Landesherrn gegenüber seinen Untertanen schuf. Es galt dabei, sich durch symbolische und mediale Ansätze von der physischen Anwesenheit des Fürsten unabhängig zu machen. Zwei Aspekte stechen dabei heraus: zum einen die Vernetzung von fürstlichen Residenzen, die als Orte höfischer und herrschaftlicher Repräsentation über das Territorium verteilt lagen. Dies setzte ein permanentes Reisen des Fürsten voraus. Casimir besaß hier mehrere repräsentative Jagdresidenzen und Schlösser.59 Das Staatsarchiv Coburg verwahrt dazu u. a. Dokumente über die alljährlichen Fahrten Casimirs zum Schloss Tenneberg auf.60 Auf dieser Quellenbasis will die Arbeit das Netz casimirianischer Residenzen im Fürstentum offenlegen und etwaige Besonderheiten herausarbeiten. Zum anderen fällt die Zahl von 22 Herrscherporträts und anderen bildlichen Darstellungen Casimirs auf. Demnach muss sein Wunsch nach unmittelbarer Vergegenwärtigung, unabhängig von der physischen Anwesenheit, relativ groß gewesen sein. Casimir wies diesen Porträts dadurch die „Funktion des Stellvertreters“ zu.61 Der Standort eines solchen Bildes besaß daher eine große Bedeutung. 57 Hier ist auf die Forschungen der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen zu verweisen, die 2008 unter dem Titel „Vorbild – Austausch – Konkurrenz. Höfe in der gegenseitigen Wahrnehmung“ ein Symposium abhielt, aus dem eine Publikation resultierte. Vgl. Boseckert: Dresden im Blick, S. 66. 58 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 7. 59 Jagdschlösser wurden von einigen Historikern als Privatresidenzen angesehen, da man die Jagd als ein von der Öffentlichkeit abgeschlossenes höfische Vergnügen annahm. Rainer Müller sieht für diesen Zeitraum aber keine theoretische Trennung von Hof- und Landesstaat. Vgl. Müller: Fürstenhof, S. 9; Boseckert: Selbstdarstellung, S. 26. 60 Axmann: Dresden und Rom, S. 118. 61 Götzmann: Kaiserliche Legitimation, S. 257; Heins: Bildnisse, S. 1−10.

Methodik

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Über Gemälde konnten Fürsten sich auf zwei Ebenen legitimieren. Zum einen erschienen sie auf dem Porträt als Symbol ihres Landes, was Ernst Kantorowicz „als Dualismus zwischen dem unsterblichen corpus politicum und dem sterblichen corpus naturale“ beschrieb.62 Zum anderen symbolisierten Ahnengalerien die traditionelle Legitimation von Herrschaft.63 Im Hinblick auf eine mögliche Legitimationskrise ist Casimirs Haltung und Auffassung zu dieser medialen Strategie interessant. Die vielen Gemälde legen ein Mäzenatentum des Herzogs nahe, was sich auch an anderen Beispielen aus der bildenden Kunst zeigen lässt.64 Die Fürsten nutzten aber auch die Architektur zur Herrschaftsrepräsentation.65 Gerade diese Form wurde von Historikern in der Vergangenheit besonders hervorgehoben. Melville spricht in diesem Fall von exemplarischen symbolischen Investitionen.66 An zentralen Stellen der Stadt formte Casimir Coburg zu einer prächtigen Residenzstadt.67 Daraus resultieren einige Fragen: Welche weltlichen und sakralen Bauwerke gab er in Auftrag und wo befanden sich diese geografisch? An welchen architektonischen und repräsentativen Vorbildern orientierte sich der Fürst dabei? Eine interessante Parallele zeigt Heiko Laß in seinem Aufsatz über die Etablierung der Residenzen in Dresden und Coburg auf, was unter dem Aspekt der Konkurrenzsituation zwischen beiden wettinischen Linien besonders bemerkenswert erscheint.68 War hier Dresden ein Vorbild? Und wie entwickelte sich die propagandistische Außendarstellung Coburgs als Residenzstadt? Gerade in der Ära Casimirs entstanden die ersten gedruckten Bildnisse von Stadt und Festung, welche wohl eine mediale Verbreitung gefunden haben.69

62 Zit. Götzmann: Kaiserliche Legitimation, S. 257. 63 Korsch: Galerien, S. 425−431. 64 Vgl. Nielius: Hornstube, S. 1−410; Kruse, Epitaph Teil 1 und 2. 65 Tischer: Propaganda, Sp. 454 f. 66 Axmann, Dresden und Rom, S. 104−109; Melville: Formung einer Residenzstadt, S. 29, 35−38; Nicklas: Haus Coburg, S. 31, 43. 67 Als Beispiel kann das 1597–99 entstandene Kanzleigebäude am Markt, gegenüber dem Rathaus, genannt werden. Vgl. Axmann: Dresden und Rom, S. 113−117. 68 Lass: Etablierung, S. 155−173. 69 Als Beispiel ist der sogenannte Isselburg-Stich von 1626 zu nennen. Vgl. Bachner: Johann Casimir, S. 29−31, 48 f.

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1.5 Quellensituation und Forschungsstand Trotz einiger Verluste existieren eine Vielzahl an persönlichen Quellen und an umfangreichen Verwaltungsschrifttum. Diese Tatsache ist vor allem auf den Herzog selbst zurückzuführen. 1593/94 gab er als Folge der zunehmenden Bürokratisierung den Auftrag, ein „Inventar über die alten Kammersachen“ anzulegen, in welchem das ab 1557 angefallene Schriftgut und die in diesen Jahren geführten fürstlichen Korrespondenzen verzeichnet wurden. Casimir legte in der Folgezeit großen Wert darauf, dass das Archiv in Ordnung gehalten und für die Verwaltung zugänglich gemacht wurde.70 Dennoch bestehen heute, vor allem in der Überlieferung der Renterei, im Bereich der Baupolitik und in der Darstellung der zweiten Ehefrau Margarethe von Braunschweig-Lüneburg, Defizite. Gerade im ersten Fall gingen viele Unterlagen durch Missmanagement verloren oder gelangten in andere Archive.71 Über Margarethe geben lediglich ihr Testament und eine Leichenpredigt Auskunft. Briefe zwischen den Ehepartnern fehlen im Vergleich zur ersten Frau Anna von Sachsen dagegen völlig. In der Baupolitik lässt sich hingegen vieles über den Kontext der reichsweiten Entwicklung erklären.72 Trotz dieser guten Voraussetzungen blieb eine wissenschaftliche Biografie Casimirs bisher aus. Margareta Kinner vermutet, dass die problematische Arbeit mit den Handschriften des Herzogs und die undurchschaubaren Kriterien der archivalischen Ordnung im Staatsarchiv Coburg dazu beigetragen haben, dass

70 StACo LA F 7611 und 7717; Andrian-Werburg: Archive, S. 83−85. Die aus dem Dreißigjährigen Krieg resultierenden Verluste wirken sich vor allem auf die letzte Regierungsphase aus. 71 Aus der Regierungszeit Casimir existiert lediglich ein Extrakt aus einer Abschlussrechnung der Rechenperiode 1618/19. Vgl. StACo, LA F 23, fol. 210–214, Extrakt aus der Rentereirechnung von 1618/19. Die Abrechnungen, die während der Vormundschaft Casimirs gefertigt wurden, konnten im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden ausfindig gemacht werden. Vgl. SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10.623/12 bis 10.629/5. Ansonsten muss auf die Quittungen Casimirs und die Aussagen des fürstlichen Rentmeisters Nicolaus Zech zurückgegriffen werden, der seine Arbeit am Coburger Hof, von 1594 bis 1598 und später als Kammerrat, in einem gegen ihn angestrengten Prozess äußerte. Vgl. Krauss: Nikolaus Zech, S. 68 f. 72 StACo, Urk LA A 398, Testament der Herzogin Margarethe, 1624; *Walther: Leich-Sermon, n. S. 57. Schon kurz nach ihrem Tod war kaum etwas über Margarethe bekannt. Vgl. StACo, LA A 359, fol. 5, Coburger Räte an Friedrich an Braunschweig-Lüneburg, Coburg, 20.11.1643.

Quellensituation und Forschungsstand

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Historiker vor einer Bearbeitung dieses Themas zurückschreckten.73 Tatsächlich mieden Autoren bis in die Gegenwart die Quellenarbeit mit der Konsequenz, dass bekannte Inhalte permanent und ungeprüft wiederholt und abgeschrieben wurden. Der Grund dafür mag eher in der reichen und größtenteils unbekannten Quellenlage liegen, die manchen Historiker davor zurückgeschreckt hat, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Als Erster befasste sich der Archivar Georg Paul Hönn in seiner „Sachsen-Coburgischen Historia“ um 1700 mit dem Wirken Casimirs als Landesvater. Hönn skizzierte chronologisch und stichpunktartig das Bild eines religiösen Menschen, der durch seine Ordnungspolitik als arbeitsam und fürsorglich gegenüber seinen Untertanen auftrat. Diese Darstellung prägte die Rezeption für die nächsten Jahrhunderte.74 Im 18. Jahrhundert entstand im Rahmen der historisch-statistischen Beschreibung des Fürstentums Coburg eine Serie von fünf Biografien über Mitglieder der ernestinischen Familie. In dieser vom Hof- und Regierungsadvokaten Johann Gerhard Gruner verfassten Reihe stellt die Lebensbeschreibung Casimirs von 1787 den zweiten Band dar. Dieses Werk ist bis heute die einzige Biografie des Herzogs. Größtenteils in der positiven historiografischen Tradition Hönns verfasst, fehlt der Arbeit aber das Niveau heutiger wissenschaftlicher Standards.75 Die Geschichtsschreibung nahm danach unterschiedliche Wege. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts folgte der Verklärung die Romantisierung seines Lebens in Form einer literarischen Rezeption.76 Danach befasste sich die aus der Zivilisationskritik gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Heimatforschung mit der Person Casimirs. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die Schuljubiläen des Casimirianums und weiterer Jahrestage. In jener Zeit entstanden zahlreiche populärwissenschaftliche Aufsätze, die den Grundtenor Hönns

73 Kinner: Johann Casimir, S. 8. Der Verfasser dieser Untersuchung konnte bei der Nutzung des Archivs derartige Problematiken kaum feststellen. Vielmehr kam der Eindruck zustande, dass Kinner nach einer Entschuldigung suchte, um bei ihrer Magisterarbeit die hauptsächliche Verwendung von Sekundärliteratur zu rechtfertigen. 74 Boseckert: Leben nach dem Tod, S. 132; Hönn: Historia Bd.  II, S. 212−275. Zur Vita Hönns vgl. Krieg: gelehrtes Coburg, S. 45−48. 75 Boseckert: Leben nach dem Tod, S. 138, 140; Kinner: Johann Casimir, S. 5 f.; Krieg: gelehrtes Coburg, S. 40 f.; Gruner: Johann Kasimir, S. 21−110. Für Kinner ist in erster Linie Gruner für die teils euphemistische Darstellung Casimirs verantwortlich. Den Grundstock legte aber bereits Hönn rund 100 Jahre früher. 76 Boseckert: Vor 450 Jahren, S. 6 f.; Boseckert: Leben nach dem Tod, S. 141 f.

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beibehielten. Während der NS-Zeit erreichte diese Form der Historiografie ihren Höhepunkt, wobei die casimirianische Architektur rezipiert wurde.77 Im 19. Jahrhundert begann auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Herzog. Zum Dreh- und Angelpunkt entwickelten sich dabei die Scheidung von seiner ersten Ehefrau Anna, sein Mitwirken an der Hexenverfolgung und das Verhalten bei der Inhaftierung Nicolaus Zechs. Anhand dieser Ereignisse überzogen die Autoren Casimir mit harscher Kritik und unbewiesenen Verdächtigungen. Während Ingo Krauß in dem Herzog einen blutrünstigen, alkoholkranken Tyrannen sah, spekulierte Strahlenau in Bezug auf die Hexenverfolgung und Scheidung auf eine homosexuelle Neigung.78 Aber schon Heinrich Beck erkannte, dass Casimir „der bekannteste unter den Coburger Fürsten des 16. bis 18. Jahrhunderts, aber zugleich auch der verkannteste“ sei.79 Die Untersuchung will deshalb die subjektiven Betrachtungen zur Person dieses Herzogs anhand der vorhandenen Quellen widerlegen und die wahren Hintergründe offenlegen. Demgegenüber entwickelte sich eine kontinuierliche Verwissenschaftlichung des Themas. Hier waren es vor allem die Arbeiten August Becks und Heinrich Glasers, die neue Maßstäbe setzten. Beck bearbeitete für die Allgemeine Deutsche Biografie das Leben Casimirs erstmals für ein überregionales Publikum. Neben seinen Verdiensten als Landesvater finden auch persönliche Makel des Herzogs, besonders die bereits erwähnte ausgeprägte Jagdleidenschaft und seine Trunkenheit, Erwähnung.80 Glaser hingegen bearbeitete in seiner 1893 verfassten Dissertation als erster Historiker einen Teilaspekt der Vita Casimirs auf wissenschaftlich moderne Basis.81 Die Untersuchung einzelner Facetten prägte die Forschungslage im 20. Jahrhundert. Einen Schub hin zu einer stärkeren Verwissenschaftlichung des Themas gelang nach 1960 dem Leiter des Coburger 77 Boseckert: damit Coburg schöner wird, S. 73, 81−84; Boseckert: Leben nach dem Tod, S. 138, 146. Ein Beispiel für eine solche Abhandlung ist Beck: Kasimirs Leben und Lande, S. 1−15. 78 von der Strahlenau: Johann Casimir, S. 141; Kinner: Johann Casimir, S. 6 f. Strahlenaus Anspielung steht unter dem Aspekt politischer und gesellschaftlicher Ächtung von Homosexualität im deutschen Kaiserreich. 79 Beck: Kasimirs Leben und Lande, S. 1 f. 80 Beck: Johann Casimir, S. 369−372; Wegele: Beck, August, S. 209 f. Diese negativen Eigenschaften Casimirs beschrieb bereits der Theologe Johann Gerhard 1634 in seinem Ehrengedächtnis auf den Herzog. Darin ging es um die Vergebung der zu Lebzeiten begangenen Sünden. Vgl. *Gerhard: Oratio Funebris, fol. P IIIv–P IVr. 81 Glaser: Politik Johann Casimirs; Kinner: Johann Casimir, S. 7; Casimirianum: Festschrift, S. 100.

Quellensituation und Forschungsstand

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Staatsarchivs Gerhard Heyl. Mit seinen beiden Aufsätzen über die Zentralbehörden von 1572 bis 1633 und der biografischen Aufarbeitung der Kindheit Casimirs setzte er neue Maßstäbe.82 Dennoch blieb das Problem, dass sich die Geschichtsforschung nicht permanent, sondern nur phasenweise mit Casimir beschäftigte. Besonders im Rahmen von Jubiläumsfeierlichkeiten wie zu seinem 400. und 450. Geburtstag (1964 und 2014) erfuhr seine Person großes wissenschaftliches Interesse. In diesem Zusammenhang fanden Ausstellungen statt, wobei in den dazugehörigen Katalogen der jeweils aktuelle Forschungsstand zusammengefasst wurde.83 Einen neuen Impuls setzten im 21. Jahrhundert Historiker, die im Rahmen der Forschungen zu den sogenannten kleinen Fürstenhöfen Untersuchungen zur Coburger Residenzbildung tätigten.84 Bedeutsam ist für diese Arbeit das gesteigerte Interesse an der Vita Johann Friedrichs des Mittleren. Joachim Kruse hat mit seiner Untersuchung über das von Casimir für seine Eltern gestiftete Epitaph in der Coburger Stadtpfarrkirche St. Moriz neue Einblicke über deren Beziehungen zueinander aufzeigen können.85 Die Beschreibung der historiografischen Entwicklung und der aktuellen Forschungssituation muss daher weitere Bereiche aus dem Leben Casimirs berücksichtigen. Doch gerade hier sind einige Desiderate feststellbar. Bis auf die Eltern und deren Verstrickung in den Grumbachschen Händeln fanden Casimirs Geschwister oder seine Ehefrau Margarethe kaum das Interesse der Historiker. Grundsätzlich erschienen die Familienmitglieder als Randfiguren. Mehr Interesse zeigten die Historiker an einzelne Beamten, Theologen und Hofkünstlern.86

82 Boseckert: Leben nach dem Tod, S. 138 f.; Kinner: Johann Casimir, S. 8; An­drian-­Werburg: Archive, S. 87 f.; Heyl: Kindheit, S. 13−58; Heyl: Zentralbehörden, S. 33−116. 83 Boseckert: Leben nach dem Tod, S. 146. Als Beispiele sind zu nennen: Bachner: Johann Casimir; Maedebach: Johann Casimir. 84 Vgl. Lass: Etablierung, S. 155–173; Melville, Formung zur Residenzstadt, S. 23–40. 85 Kruse: Epitaph Teil 2, S. 181−220, 269−298. 86 Die Person Zechs erfuhr erst im 20. Jahrhundert durch eine unveröffentlichte Arbeit von Ingo Krauß eine gewisse geschichtliche Rezeption. Auf deren Basis sammelte der Heimatforscher Erich Meißner weitere Quellen zu Zechs Wirken. Seit Mitte der 1970er Jahre wurden keine weiteren Versuche mehr unternommen, Zech geschichtswissenschaftlich zu untersuchen und seine Verhaltensweisen zu analysieren. Vgl. Krauss: Nicolaus Zech; Meissner: Nikolaus Zech, S. 2−25. Einen Überblick über Casimirs Baumeister bietet Axmann: Dresden und Rom, S. 122−127; Michel: Giovanni Bonalino; Kruse: Epitaph Teil 2, S. 181−220; bezüglich. der Hofkomponisten vgl. Aufdemberge: Werksverzeichnis, S. 187−240.

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Insgesamt war die bisherige Historiografie stark auf die politische Geschichte und die Person Casimirs fixiert. Strukturgeschichtliche Ansätze, die langfristige Prozesse ins Zentrum des Geschehens rücken und als äußere Rahmenbedingungen Ereignisse und Entscheidungen des Fürsten nachvollziehbar machen können, blieben unberücksichtigt. Darum ist es auch ein Anliegen dieser Arbeit, das Leben des Herzogs in einen strukturgeschichtlichen Kontext einzuordnen. So liegen zum Landtag und seiner Zusammensetzung bis heute keine wissenschaftlichen Untersuchungen vor, obwohl das notwendige Quellenmaterial dazu vorhanden wäre. Auch die Anzahl der Lehen ist gegenwärtig unbekannt, die Casimir als Landesherr vergeben konnte. Hier gab es bisher nur wenige wissenschaftliche Abhandlungen zu einzelnen niederadeligen Familien. Die Heimatforschung fokussierte sich eher auf eine Bestandsaufnahme vorhandener und verloren gegangener Adelssitze.87 Eine Übersicht über Rechte und Regalien des Landadels und der Landesherrschaft in den einzelnen Orten des Fürstentums fehlt ebenfalls.88 All dies führte dazu, dass Casimir heute noch den Eindruck eines Monarchen „absolutistischer“ Prägung besitzt.89

1.6 Aufbau der Arbeit Um die Verhältnisse, in die Casimir hineinwuchs, verdeutlichen zu können, ist es notwendig, einen Blick auf die wesentlichen Entwicklungsstränge zu werfen, die Einfluss auf das Leben des Herzogs nahmen. Dazu gehörte die Staatsbildung in Franken. Diese war u. a. durch die Rivalität zwischen den fränkischen Hohenzollern und den Bischöfen von Würzburg sowie durch die Ausbildung der fränkischen Reichsritterschaft geprägt. Ein weiterer Aspekt umfasst die soziale und machtpolitische Mobilität der Ernestiner, welche die Staatsbildung in Thüringen beeinflusste und zu einem Familienkonflikt ausartete. Daneben prägte der Streit um die Bekenntnisbildung, der als Folge der Konfessionalisierung innerhalb des Protestantismus ausgebrochen war, die familiären Beziehungen der Wettiner untereinander. Dies kulminierte in den medial geführten Grumbachschen Händeln, welche die zentrale Rolle des 2. Kapitels einnehmen. Reaktionen und Konsequenzen dieser Händel werden an der Haltung der Reichsinstitutionen 87 Vgl. Schneier: Coburger Land; Mahnke: Schlösser und Burgen. 88 Hier macht sich vor allem bemerkbar, dass die dafür vorgesehene Reihe „Historischer Atlas von Bayern“ sich noch nicht mit diesem Gebiet befasst hat. Stand: 01.03.2021. 89 Zur Diskussion des Begriffs „Absolutismus“ vgl. Bahlcke: Landesherrschaft, S. 108−111.

Aufbau der Arbeit

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und den wettinischen Linien offengelegt. Am Ende untersucht das Kapitel die direkten Folgen für Casimir. Zu den Grumbachschen Händeln sind eine gute archivalische Überlieferung und eine Vielzahl gedruckter Quellen und Publikationen vorhanden.90 Das 3. Kapitel behandelt die Jugend Casimirs im Nachgang der Grumbachschen Händel. Die Familie erlebte einen sozialen und politischen Tiefpunkt, die einsetzende Zerstörung der eigenen Identität und die machtpolitische Ausnutzung ihres Schicksals durch die nächsten Verwandten. Letztere unternahmen erste Assimilierungsversuche, die auf direktem und indirektem Wege zum Erfolg führen sollten. Die direkten Einflussnahmen werden exemplarisch anhand der religiösen Erziehung, der Frage des künftigen Wohnsitzes der Familie und der Zerschlagung des sozialen Umfelds von Casimir untersucht. Heyl und Kruse haben dazu schon fundierte und beachtenswerte Arbeiten geleistet. Ergänzt werden diese Darstellungen durch zwei Biografien über Casimirs Mutter Elisabeth und die Memoiren Sebastian Leonharts, dem Erzieher bzw. Präzeptor des späteren Herzogs.91 Zudem werden die Versuche der anderen Wettiner, die zukünftige Machtbasis Casimirs zu schmälern, thematisiert. Exemplarisch stehen dafür die politischen Motive im Vorfeld und während des Speyerer Reichstags (1570), der zur Restitution Casimirs führte, sowie der Verhandlungen zum Erfurter Vertrag (1572), aus dem das Fürstentum Coburg hervorging. Auf deren Verlauf und Ergebnisse wird im Rahmen möglicher indirekter Einflussnahmen auf die Person des Herzogs eingegangen. Einen Einblick geben hier edierte Reichstagsakten und Monografien über die ernestinischen Landesteilungen jener Zeit.92 Des Weiteren geht das Kapitel auf Machtkämpfe ein, die trotz der oben genannten Beschlüsse und Vereinbarungen zwischen den politischen Parteien entstanden waren. Konfessionspolitisch ist die Durchsetzung der von Kurfürst August geförderten Konkordienformel (1577) am bedeutsamsten, da sie die albertinischen und ernestinischen Vorstellungen des lutherischen Bekenntnisses scheinbar vereinigte und differente Interpretationen ausschloss. 90 Als Beispiele sind zu nennen: Starenko: Luther’s Wake; Ortloff: Grumbachische Händel, 4 Bde.; Press: Adelskrise, S. 396−431; Römmelt: Medialer Konfliktaustrag, S. 271−300. Zur aktuellen Forschungslage in Bezug auf die Adelskrise vgl. Sittig: Kulturelle Konkurrenzen, S. 48 f. 91 Heyl: Kindheit, S. 13−58; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 181−220; Götz: Elisabeth, S. 13−88; Schulze: Elisabeth; *Leonhart: Kurtze Beschreibung. 92 Vgl. Lanzinner: Reichstag zu Speyer 1570, 2 Bde.; Brather: Ernestinische Landesteilungen.

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Die Wahrung der eigenen Identität und kursächsische Diskrepanzen sind die zentralen Themen des 4. Kapitels. Dabei geht es um die Frage, ob Casimir tatsächlich völlig dem kursächsischen Einfluss ausgeliefert war oder ob er sich diesem wenigstens teilweise entziehen konnte. Hinweise geben 1. die Beteiligung der Eltern an der Erziehung und deren geistesgeschichtliche Verortung, 2. die Haltung Sebastian Leonharts, 3. das Verhältnis zwischen Eltern und Sohn, welches durch zahlreiche Briefwechsel dokumentiert ist, 4. die eigene Einstellung Casimirs zur Religionspolitik sowie 5. seine persönliche Beziehung zu Kursachsen. Diesen zum zweiten Kapitel aufgebauten Kontrast deutet bereits Melville an, als er Casimir eine gespaltene Kompensationsarbeit attestierte.93 Zudem soll untersucht werden, ob die Handlungen Kursachsens dazu geeignet waren, als Vorbild für den Herzog zu dienen und ihn dadurch für die eigenen Zwecke zu gewinnen. Zentral von Bedeutung sind die Finanzpolitik und die Person des Statt­ halters Graf Barby. Der zeitliche Rahmen bewegt sich zwischen 1567 und 1587. Die erste Machtstrategie Casimirs, der Aufbau eines adäquaten fürstlichen Hofes als symbolische Investition, wird in Kapitel 5 schwerpunktmäßig für den Zeitraum von 1584 bis 1599 vorgestellt. Wertvolle Hilfestellung bot dabei das von Werner Paravicini herausgegebene höfische Wörterbuch.94 Mit Schloss Ehrenburg war ein geeigneter Ort vorhanden, um einen Fürstenhof nach Casimirs Vorstellungen zu formen. Diese Bemühungen stehen zunächst im Mittelpunkt der Untersuchung und werden, unter der Einbeziehung der Konkurrenzsituation mit dem kursächsischen Hof in Dresden, in Kontext zu anderen Fürstenhöfen gesetzt. Die Identität und Individualität des Coburger Hofes soll anhand des „theatrum sapientiae“, also dem Schwerpunkt fürstlicher Sammlungen und Werkstätten, und anhand höfischer Veranstaltungen dargestellt werden.95 Dabei wird auf die Teilnehmer solcher Inszenierungen eingegangen. Der dritte Schwerpunkt untersucht das Mäzenatentum Casimirs, über das er versuchte, Künstler und Wissenschaftler an seinen Hof zu binden. Dieser Personenkreis wird durch Kurzbiografien vorgestellt. Ein weiterer Aspekt befasst sich mit der Finanzierung des Hofes. Als Casimir die Regierung übernahm, reichten die Erträge der Domänengüter für den höfischen Unterhalt nicht mehr aus. Ein frühneuzeitlicher Fürst war daher genötigt, bei den Landständen um eine Steuerbewilligung zu bitten. Die Finanzierungsmöglichkeiten und eine mögliche Kritik an der unvernünftigen Lebensweise 93 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 5; Zur Lage in Weimar vgl. Gehrt: Konfessionspolitik, S. 436−525. 94 Paravicini: Höfische Begriffe. 95 Korsch: Sammlungen, S. 350.

Aufbau der Arbeit

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werden hier vorgestellt. Dazu finden sich zahlreiche Quellen und Abhandlungen.96 Zudem befasst sich das Kapitel mit den familiären Krisen jener Jahre. Casimir heiratete in erster Ehe Anna von Sachsen, die in diesem Kontext biografisch eingeführt wird. Dieser Ehe und deren Scheitern wird anhand der Scheidungsprozessakten nachgegangen. Bei der Betrachtung spielen familiensoziologische Aspekte und die soziale Bedeutung des Coburger Hofes eine Rolle. Wie bedeutsam das höfische Umfeld war, zeigt die Einbindung dieses Themas in die „In­stitutio Principis Christiani“.97 Das 6. Kapitel beschäftigt sich mit Casimirs Machtsymbolisierung. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Repräsentation und Legitimation der Fürstenherrschaft durch Architektur und der bildenden Kunst zwischen 1590 und 1632. Benannt werden die familiären und politischen Voraussetzungen, die Casimirs Baupolitik beeinflussten oder die ein bauliches Eingreifen des Herzogs notwendig machten. Die Analyse umfasst die Residenzstadt Coburg und deren nähere Umgebung. Vorgestellt werden hauptsächlich administrative Bauten, Schlösser, höfische Anlagen und Kirchen. Theologische und mediale Aspekte fließen zur Erläuterung des Bauprogramms mit ein. Zugleich werden die monetären und symbolischen Grenzen einer solchen Darstellung aufgezeigt. Zu dieser Machtstrategie sind bereits viele Arbeiten sowohl im Allgemeinen als auch auf Coburg bezogen vorhanden.98 Mit diesen Untersuchungen erfuhr dieses Forschungsgebiet trotz der Quellenarmut die bisher gründlichste wissenschaftliche Aufarbeitung. Ein weiterer Aspekt zeigt die Repräsentation und Legitimation Casimirs durch das Mittel der bildenden Kunst. Unter anderem wird diese Form der Symbolisierung von Herrschaft anhand eines aufwendig verzierten und mehrfach gedruckten Pergament-Bildnisses und anhand der bildlichen Darstellung der Residenzstadt Coburg am Beispiel des sogenannten Isselburg-Stichs erörtert.99 Allerdings wird auch nach den Grenzen einer solchen medialen Strategie gefragt. Der Aufsatz Minni Gebhardts über die Bildnisse des Herzogs ist ein wesentlicher Bestandteil bei der Bearbeitung dieses Gesichtspunktes.100 96 Melville: Formung einer Residenzstadt, S. 28 f.; Krauss: Nicolaus Zech; Kius: Finanzwesen. 97 Rotterdam: Fürstenerziehung. 98 Beispiele sind: Axmann: Dresden und Rom, S. 104−131; Michel: Bonalino; Müller: Schloß als Bild; Paravicini: höfische Begriffe, S. 385−452. 99 Boseckert: Dresden in Blick, S. 74−76, 86. 100 Gebhardt: Bildnisse Johann Casimirs, S. 89−106.

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Casimirs pragmatische Investitionen werden indes exemplarisch anhand der Institutionalisierung und Bürokratisierung in Kapitel 7 angesprochen. Schwerpunkte bilden hier die Gründung des Gymnasiums Casimirianum und neuer Justizbehörden. Von essenzieller Bedeutung ist dabei die Ausformung des lutherischen Bekenntnisses im Rahmen der Konfessionspolitik, die dem Land eine unverwechselbare religiöse Identität geben sollte. Die coburgische Schul- und Kirchenordnung, die sogenannte „Casimiriana“ von 1626, wird unter diesem Aspekt als zentrales Dokument der konfessionellen Vorstellungen Casimirs untersucht. Ihr kommt auch ein wichtiger Platz in der Ordnungspolitik des Herzogs zu. Im Vergleich dazu wird Casimirs Haltung zu den Anhängern der Teufelssekte, den sogenannten „Hexen“, auf Vorstellungen des Glaubens und der Vernunft analysiert. Dabei ist auch der Frage nachzugehen, welche Bedeutung die für das Fürstentum betriebene Ordnungspolitik in Casimirs Macht­ strategie besaß. Auf welchen Ordnungsfeldern griff er aktiv durch Gesetze und andere Fördermaßnahmen in das Geschehen ein, und wo reagierte er nur auf Missstände? Dabei wird untersucht, welche Herrschaftsphilosophie er vertrat und mit welchen ordnungspolitischen Grundlagen er arbeiten musste. Des Weiteren soll im Rahmen der Sozialdisziplinierung nach Konflikten zwischen Untertanen und Fürst gefragt werden.101 Diese Frage wird vornehmlich anhand der Religions- und Sittenpolicey untersucht. Zusammenfassend soll belegt werden, dass entgegen der landläufigen Meinung der Herzog ein großes Interesse an diesem Politikfeld hegte, um möglicherweise damit auch das Fehlverhalten seiner Vorfahren auszugleichen. Eine wichtige Quelle stellen gedruckte Verordnungen und Mandate dar, die im Staatsarchiv Coburg und der Landesbibliothek Coburg einzusehen sind. Im Bereich der Literatur ist vor allem das Werk Gerhard Heyls über die Zentralbehörden des Fürstentums zu nennen, welches die notwendigen Grundlagen zu den genannten Fragestellungen liefert. Daneben existieren weitere Aufsätze, die sich mit Einzelthemen der casimirianischen Ordnungspolitik beschäftigten. Einen zusammenfassenden Überblick liefert der von Gert Melville herausgegebene Aufsatzband „Herzog Johann Casimir von Sachsen-Coburg (1564−1633). Einblicke in eine Epoche des Wandels“.102 Das 8. Kapitel behandelt die Möglichkeiten Casimirs, seine Macht zu erhalten und auszudehnen. Dies geschieht zunächst auf Basis familiärer Konflikte: 101 Eine wissenschaftliche Analyse zu dieser Frage steht noch aus. Vgl. Schwerhoff: Ordnung, S. 24. 102 Hier exemplarisch genannt: Heyl: Zentralbehörden, S. 33−116; Füssel: Hexenverfolgungen; Melville: Einblicke.

Aufbau der Arbeit

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1. dem Unterhaltsstreit mit seinem Bruder Johann Ernst, 2. den Spannungen mit seinem Vater und 3. den Auseinandersetzungen um die Vormundschaft über die Weimarer Herzöge im Jahre 1605. Dabei wird Casimirs Machtposition innerhalb des familiären Gefüges der Ernestiner nach seinem Regierungsantritt beschrieben. Essenziell sind auch seine Bemühungen, das Fürstentum zu einem territorium clausum zu formen. Dieses Streben wird einerseits am Verhältnis des Herzogs zu den institutionell organisierten fränkischen Rittern und andererseits an einzelnen Niederadeligen in seinem Land untersucht. Als bedeutendste Vereinbarung zwischen den Parteien gilt dabei der „Casimirianische Abschied“ von 1612, der auf Basis älterer Abhandlungen analysiert werden soll.103 Etwaige Auswirkungen auf die Lehenspolitik werden ebenso gezeigt wie die Bedeutung einer möglichen Legitimationskrise gegenüber den Ständen. In einer zweiten Perspektive steht dann die Außenpolitik Casimirs gegenüber den Hochstiften Bamberg und Würzburg im Mittelpunkt der Betrachtungen. Zentral werden die Bemühungen der Länder um ein geschlossenes Herrschaftsgebiet anhand typischer Problemfälle dargestellt. Gerade die Beziehung zu Würzburg liegt wegen der Grumbachschen Händel unter einem besonderen Augenmerk. Im Gegenzug werden Strategien vorgestellt, die zu einer Erweiterung des Landes führen sollten. Beispielhaft sind Casimirs Eingreifen als Erbe im Jülich-Kleve-Bergischen Erbfolgestreit und eine angestrebte Herrschaftsausdehnung zu Lasten der fränkischen Ritter. Die symbolischen Versuche des Herzogs nach innen, sein zusammengewürfeltes Territorium zu einem Staatsgebiet zu formen, bilden den letzten Aspekt dieses Kapitels. Untersucht werden das vorhandene Netz an Landschlössern und die Bedeutung von Jagdveranstaltungen. Mit beidem wäre es dem Herzog möglich gewesen, in allen Landesteilen Präsenz zu zeigen. Es gilt hier nachzuweisen, dass seine Aufenthalte in den einzelnen Schlössern nicht zufällig, sondern austariert waren. Das letzte Kapitel fragt nach dem Erfolg der casimirianischen Machtstrategien und setzt diese mit dem Dreißigjährigen Krieg und den dazugehörigen Kriegsvorbereitungen ab 1615 in Verbindung. Hielten die von Casimir aufgebauten politisch-administrativen Strukturen dem Krieg stand? Gerade aufgrund der Tatsache, dass das Fürstentum einem künstlich geschaffenen Gebilde entsprach und der Herzog keinen Erben besaß, ist diese Frage nach dem weiteren Erhalt des Landes von großer Bedeutung. Dieses Kapitel stellt zudem die Außenpolitik Casimirs vor und während des Dreißigjährigen Krieges dar. Besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf die Neutralitäts- und Friedenspolitik sowie deren 103 Röder: Erbgerichte; Struve: historisch- und politisches Archiv.

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ideologischem Ansatz. Daneben gab es Verteidigungsbemühungen, die in diesem Kontext untersucht werden sollen. Diese Ambivalenz von Vernunft getriebener Friedenspolitik und medialer Inszenierung des Beschützers des „reinen“ Glaubens soll anhand von Quellen aufgelöst werden. Berücksichtigung finden familiäre Aspekte und die Beziehungen zum katholisch geprägten habsburgischen Kaiserhaus. Schließlich geht das Kapitel auf das Scheitern dieser Politik ein. Denn Casimir geriet wie auch andere Reichsfürsten, die zwischen Kaiser- und Reichstreue sowie religiöser Interessenwahrung schwankten, in Gewissenskonflikte.104 Über die Außenpolitik wurden bereits Abhandlungen verfasst, die aber einen zeitlichen Schwerpunkt zwischen 1590 und 1621 besitzen.105 Diese Arbeit will nun weiterführend die Konsequenzen dieser Außenpolitik auf das Land und die Person Casimirs bis 1633 untersuchen. Zentrale Bedeutung besitzt dabei die Eroberung und Plünderung Coburgs durch die Truppen Wallensteins 1632. Die Arbeit ist insgesamt chronologisch und thematisch geordnet. Geografisch bewegt sich der Schwerpunkt auf den Lebensmittelpunkt Casimirs in Franken. Perspektivisch werden sein Leben und seine Politik aus der Sicht des Herzogs betrachtet. Der Konflikt um die Erbfolge in den Herzogtümern Jülich, Kleve und Berg, die wesentlichen politischen Entwicklungen in Thüringen und Franken oder Casimirs Agieren auf den Reichs- und Kreistagen bleiben daher unberücksichtigt. Basis dieser Untersuchung sind in erster Linie neu erschlossene oder gedruckte Quellen. Bei Letzteren werden zusätzlich die Fundstellen in der jeweiligen Sekundärliteratur oder die Signaturen in den Verzeichnissen der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke (VD 16 und 17) angegeben. Auf Literatur wird dort verstärkt zurückgegriffen, wo Quellen fehlen oder trotz Erwähnungen diese nicht mehr ausfindig gemacht werden können. Aufgrund der vielfach fehlenden wissenschaftlichen Arbeitsweise besonders in frühen Darstellungen ist eine derartige Vorgehensweise unerlässlich. Die Untersuchung verwendet dabei Quellen aus dem Staatsarchiv Coburg, den thüringischen Staatsarchiven, dem Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden und den Staatsarchiven Bamberg und Würzburg. Unterschiedliche Aussagen in der bisherigen Forschung werden mit den neuen Erkenntnissen in Kontrast gesetzt. Ansonsten finden sich weitere Erläuterungen im Fußnotenapparat.

104 Nicklas: Prosopographie, S. 128−132. 105 Nicklas: Prosopographie, S. 127−145; Glaser: Politik Johann Casimirs.

2. Rahmenbedingungen eines schwierigen Lebens

2.1 Politische und soziale Krisen Der Begriff Ständegesellschaft impliziert eine hierarchische, gottgegebene Ordnung, welche aus abgeschlossenen sozialen Gruppierungen bestand. Dieses noch um 1500 forcierte Gesellschaftsmodell stimmte bereits im Spätmittelalter nicht mehr mit der Realität überein. Differenzierung und Vielfalt politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens konnten immer weniger durch dieses Modell abgebildet werden. Auch erhöhte sich die soziale Mobilität zwischen und innerhalb der Stände, was zu sozialen Konflikten führen konnte. Der Adel blieb von dieser Entwicklung nicht verschont. Konflikte entstanden auch durch den Territorialisierungsprozess. In Franken kristallisierten sich so vier bis fünf ungefähr gleichstarke Länder heraus, die im 15. und 16. Jahrhundert ein labiles machtpolitisches Gleichgewicht bildeten. Volker Press bezeichnete diese Kon­ stellation als „fränkische Tetrarchie bzw. Pentarchie“.1 Dass sich dieses Gleichgewicht nicht festigen konnte, lag vor allem an den Burggrafen von Nürnberg und späteren Markgrafen von Brandenburg-Ansbach und Kulmbach aus dem Haus Hohenzollern. Diese versuchten zeitweise, die Vorherrschaft über Franken zu gewinnen, um so an Macht zu gewinnen. Dieses Ansinnen brachte sie in Konflikt mit fast allen wichtigen lokalen Herrschaftsträgern, vor allem mit dem Bischof von Würzburg, der für sich den Titel eines fränkischen Herzogs beanspruchte.2 Als labil galten auch die inneren Machtverhältnisse dieser Länder. Eine zentrale Bedeutung besaß vor allem die verfassungsrechtliche Stellung der supraterritorial operierenden Ritterschaft. Diese hatte sich als Reaktion auf den durch die Staatsbildung entstandenen „Verdichtungs- und Durchdringungsprozess“ genossenschaftlich organisiert, um sich der Superiorität größerer Territorien zu entziehen.3 Mit Beginn dieses Prozesses musste sich die Frage nach der verfassungsrechtlichen Stellung ritterlicher Korporation stellen. War diese Organisation nun reichsunmittelbar oder nicht? Selbst die Ritter waren sich darüber uneins und auch ihre Besitzverhältnisse gaben darüber ein uneinheitliches Bild ab. Einerseits war es ihnen gelungen, Allodialbesitz zu bewahren 1 Einen Überblick über die einzelnen Territorien gibt Press: Franken, S. 329−331. 2 Vgl. Schiener: Kleine Geschichte, S. 74 f., 91 f. 3 Andermann: Reichsritterschaft.

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oder zu erwerben. Auf der anderen Seite standen sie als Vasallen und Amtleute in Dienstverhältnissen zu den Territorialfürsten. Diese verfassungsrechtliche Zwitterstellung löste sich nach 1542 allmählich auf, als die kaiserlichen Forderungen nach einer dauerhaften Beteiligung am „Gemeinen Pfennig“ die Ritter erreichten. Dies machte den Aufbau ritterschaftlicher Finanz- und Steuerverwaltungen sowie die Entwicklung eigener Entscheidungsprozesse nötig. Damit war die strukturelle Basis für ein selbstständiges Herrschaftsgebiet geschaffen. Dieses gliederte sich seit 1577 in Anlehnung an die im Jahre 1500 eingeführten Reichskreise in drei Ritterkreise (Schwaben, Franken und Rhein). Deren organisatorischer Unterbau bildeten Kantone schweizerischen Vorbilds. Diese hatten sich aus örtlichen Rittergesellschaften formiert, die im Laufe des 15. Jahrhunderts entstanden waren. Mit dieser Entwicklung entschied sich bis 1590 die verfassungsrechtliche Stellung der reichsritterschaftlichen Korporation in Franken.4 Die Verfassungsgenese berührte auch die rechtliche Position einzelner Korporationsmitglieder, die je nach Besitztum zwischen Reichsunmittelbarkeit und Vasallentum mit einer scheinbar ambivalenten Situation umzugehen hatten. Dies barg Konfliktpotenzial. Wilhelm von Grumbach war einer der Ritter, auf den diese rechtliche Zwittersituation zutraf. Seine Familie gehörte im 16. Jahrhundert zu einer Gruppe von Mehrfachvasallen, die in ganz Franken Güter besaßen und daher unterschiedlichen Lehensherren Untertan waren. Sie verfügten auch über Allodialbesitz. Grumbach selbst besaß würzburgische Lehen und diente dem Bischof als Hofmarschall und Amtmann von Dettelbach. 1547/48 endete seine Tätigkeit im Streit mit Bischof Melchior Zobel von Giebelstadt. Die Auseinandersetzungen beinhalteten forstrechtliche Konflikte, Versprechungen im Vorfeld von Bischofswahlen und Geldforderungen, die zum Nachteil Grumbachs entschieden worden waren. Grumbach wechselte daraufhin an den Hof des Markgrafen Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach. Während des Zweiten Markgrafenkrieges (1552−54) stand er damit als Gegner Würzburgs auf der Seite Brandenburg-Kulmbachs. Bischof Zobel entzog Grumbach daraufhin wegen Beihilfe zum Landfriedensbruch und Aufwiegelung des würzburgischen Niederadels dessen Lehen.5 Für den Ritter bedeutete dies den sozialen und ökonomischen Absturz, der sich existenzbedrohend auf ihn und seine Familie auswirken konnte. 4 Vgl. Andermann: Reichsritterschaft; Ulrichs: Entstehung Reichsritterschaft. Im Jahre 1590 gab sich die fränkische Reichsritterschaft mit der Ritterordnung eine eigene Verfassung. 5 Ulrichs: Lehenshof, S. 49−51, 201−207; Hamberger: Grumbach, S. 3−16; Wendehorst: Bistum Würzburg, S. 101, 111 f. Im Zweiten Markgrafenkrieg versuchte Albrecht Alcibiades

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Der Streit um die Rückgabe der Lehen wurde zum Ausgangspunkt der späteren Grumbachschen Händel. Die Reaktion Bischof Zobels intensivierte bei Grumbach eine unter fränkischen Rittern weit verbreitete Abneigung gegen die Territorialfürsten und deren Versuche der Herrschaftsausdehnung.6 Grumbach verfolgte fortan zwei Strategien, um seinen politischen, sozialen und ökonomischen Status zu bewahren. Zunächst sollte von der Ritterschaft im Reich Druck auf die Fürsten ausgeübt werden. Grumbach sah sich dabei als einer der Anführer. Er war mit den Rittern gut vernetzt und besaß Eigenschaften einer charismatischen Persönlichkeit. Zum anderen schien die in der Zeit des Schmalkaldischen Krieges durch Kaiser Karl V. ins Spiel gebrachte Änderung der Reichsverfassung (sog. Bundespläne) in greifbarer Nähe, die die Anbindung der Ritterschaft an das Reichsoberhaupt vorsah. Dies beförderte das ritterliche Selbstbewusstsein. Grumbach verwies in der Folge immer wieder auf die Ankündigungen Karls V., um den Druck gegenüber den Fürsten zu erhöhen und sein Handeln damit zu legitimieren.7 Neben diesen langfristigen Plänen verfolgte er auch konkrete Maßnahmen. 1555 reichte er Klage beim Reichskammergericht gegen Würzburg ein und forderte die Herausgabe seiner Güter. Auch versuchte er über Verhandlungen, die Lehen zurückzuerhalten. Zwar gab das Gericht der Klage statt. Doch die Durchsetzung des Urteils scheiterte am Widerstand Würzburgs und den begrenzten Möglichkeiten der Reichsexekutive. Dementsprechend verliefen die Gespräche beider Parteien ergebnislos. Der frustrierte Ritter sah im institutionellen Weg eine Sackgasse und suchte nach anderen Mitteln, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Er griff dabei auf die durch den „Ewigen Landfrieden“ verbotene Fehde zurück.8 Der zunächst verfolgte Plan, Bischof Zobel zu entführen und

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seine politische Macht auf Kosten der Hochstifte Bamberg und Würzburg sowie verschiedener Reichsstädte wie Nürnberg durchzusetzen. Vgl. Press, Franken, S. 331, 333. Press: Adelskrise, S. 399, 402; Hamberger: Grumbach, S. 4 f. Press gibt als Grund für die Unzufriedenheit der Ritter u. a. die undurchsichtige Pfründenverteilung des Klerus an. Press: Adelskrise, S. 402 f.; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 1, S. 25−30; ebd., Bd. 4, S. 144 f. Grumbach nahm bereits 1528 am Rittertag, dem gemeinsamen Beratungsgremium der fränkischen Ritter, teil. Vgl. StACo, LA D 2230, fol. 207r. Zu den Bundesplänen Karls V. vgl. Press: Bundespläne, S. 55−106. Die Fehde wurde 1495 durch die Einführung des „Ewigen Landfriedens“ abgeschafft. Sie entsprach einem Mittel, das eigene Recht, meist militärisch durchzusetzen. Faktisch fand sie noch weit ins 16. Jahrhundert hinein Anwendung. Vgl. Reinle: Fehdewesen; Wieland: Violence of the Nobility, S. 36; Wendehorst: Bistum Würzburg, S. 137 f.; Hamberger: Grumbach, S. 22; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 522−533, 535−540.

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durch Erpressung die Güter wiederzuerlangen, scheiterte, da der Geistliche beim letzten Entführungsversuch unter ungeklärten Umständen ums Leben kam.9 Dies markierte im Nachhinein die erste Eskalation der Grumbachschen Händel. Auch nach neuen Verbündeten schaute sich Grumbach um, da Markgraf Albrecht Alcibiades nach seiner Niederlage im Zweiten Markgrafenkrieg sein Land verlor und 1557 im Exil starb.10 Der Ritter fand mit Johann Friedrich dem Mittleren von Sachsen, dem Vater Casimirs, einen Bündnispartner. Dieser war ebenfalls mit seiner politischen und sozialen Situation unzufrieden. Er glaubte, 1547 um die Kurwürde beraubt worden zu sein, und betrieb deshalb eine dynamische auf Veränderung ausgerichtete Politik.11 Das gemeinsame Ziel einer Erneuerung der Reichsverfassung schmiedete beide Adelige zusammen. 1557 trat Grumbach in sächsische Dienste, wobei Johann Friedrich auch andere Diener des verstorbenen Kulmbacher Markgrafen bei sich aufnahm.12 Dem Ritter gelang es bald, das uneingeschränkte Vertrauen des Herzogs zu gewinnen. Dies zeigt sich vor allem in der Tatsache, dass Grumbach noch zu Lebzeiten von Albrecht Alcibia­ des eine Heirat Johann Friedrichs mit einer Nichte des Markgrafen, der Pfalzgräfin Elisabeth, Tochter des pfälzischen Kurfürsten Friedrichs III. einfädelte.13 Daneben entwickelte sich das Herzogtum zur Basis Grumbachscher Operationen gegen Würzburg. Mit Johann Friedrich im Rücken versuchte der Ritter, seinen Forderungen neuen Nachdruck zu verleihen. Höhepunkt dieser Entwicklung war 1563 der vom Herzogtum aus geplante Überfall auf Würzburg. Grumbach nahm mit einem angeheuerten Kriegsvolk die Stadt ein und zwang das Domkapitel, anstelle des geflüchteten Bischofs Friedrich von Wirsberg, einen Vertrag zu unterschreiben, der die Rückgabe seiner Güter versicherte.14 Mit dieser Aktion machte er sich der Erpressung und des Verstoßes gegen den Ewigen Landfrieden schuldig. Dieser Gang in die Illegalität hatte für ihn weitreichende Konsequenzen. Der Rechtsbruch musste Kaiser Ferdinand I. zu einer kompromisslosen Reaktion herausfordern. Denn Grumbachs Aktion stellte einen Angriff auf das sich entwickelnde Gewaltmonopol des Reiches dar. Dass es zum Landfriedensbruch  9 Hamberger: Grumbach, S. 22−25. Grumbach bestritt jegliche Tötungsabsicht. Vgl. Wendehorst: Bistum Würzburg, S. 120 f., 123 f. 10 Guttenberg: Albrecht Alkibiades, S. 163. 11 Nicklas: Haus Coburg, S. 20. 12 Hamberger: Grumbach, S. 21. Der brandenburgische Hauptmann Hieronymus von Brandenstein wurde ebenfalls in sächsische Dienste übernommen. Vgl. Winzlmaier: Wilhelm von Grumbach, S. 39 f. 13 Götz: Elisabeth, S. 17, 19. 14 Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 1, S. 419−432.

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kam, lag am Versagen des Fränkischen Reichskreises, der seit dem Augsburger Reichstag von 1555 zusammen mit anderen Reichskreisen das Recht besaß, in solchen Fällen militärisch zu intervenieren. Der bereits erwähnte Konflikt zwischen dem Würzburger Bischof und den Markgrafen von Brandenburg hatte zur Spaltung des Reichskreises geführt, sodass nur wenige Kreismitglieder Partei für das Hochstift ergriffen.15 Ferdinand I. sah sich daher zum Handeln gezwungen und erließ ein Achtexekutionsmandat, welches er vom Reichsdeputationstag in Worms 1564 bestätigen ließ. Zudem wurde eine 1500 starke Reitertruppe in den Dienst gestellt, welche weitere Landfriedensbrüche des Ritters verhindern sollten. Würzburg schloss sich dieser Politik an.16 Es blieb aber nur bei einer Drohgebärde. Der Tod Ferdinands I., der Türkenkrieg und die Ablehnung mehrerer Reichsstände, militärisch gegen den Ritter vorzugehen, verhinderten die Durchführung der Exekution. Auch der neue Kaiser Maximilian II. wollte das Thema erst auf dem nächsten Reichstag abschließend behandeln.17 Grumbach verteidigte sich mit einem flammenden Manifest. Darin setzte er sich für die Rechte der Ritter ein, die von den Territorialherren beschnitten würden.18 Daneben plante er eine Adelsrevolte gegen die Fürsten, ohne aber die Autorität des Kaiseramtes beschädigen zu wollen. Seine Verfassungsidee sah für das Reich vor, den Niederadel aus der Abhängigkeit der Territorialherren zu entlassen, ihm eine eigene Steuergesetzgebung zu gewähren und die Fürsten mit geistlichem Eigentum zu entschädigen. Zum Reichsoberhaupt sollte aber kein Habsburger, sondern Johann Friedrich der Mittlere gewählt werden.19 Diese Ideen beunruhigten jedoch den sächsischen Kurfürsten August. Er fürchtete einen Angriff Johann Friedrichs auf sein Territorium und einen damit verbundenen Aufstand 15 Dotzauer: Reichskreise, S. 102; Wendehorst: Bistum Würzburg, S. 138; Schilling: Konfessionalisierung und Staatsinteressen, S. 22; Ulrichs: Entstehung Reichsritterschaft, S. 517−519. Der Nürnberger Zugeordnete Tetzel äußerte sich 1559 über die Lage des Fränkischen Reichskreises, dass „schier kein kreis im ganzen reich so gar zerrissen und zerspalten ist als dieser frenkisch krais“. Vgl. Hartung: Fränkischer Kreis, S. 230. 16 Ein Ächtungsverfahren, wie es die Constitutio Criminalis Carolina vorgab, fand im Fall Grumbach nicht statt. Dies wäre Voraussetzung für die Verhängung der Acht gewesen. Vgl. Heydenreuther/Pledl/Ackermann: Wörterbuch, S. 10; Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 122; Lanzinner: Friedenssicherung, S. 24−33; Nicklas: Macht oder Recht, S. 110; Wendehorst: Bistum Würzburg, S. 139. 17 Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 125; Nicklas: Macht oder Recht, S. 114. 18 Press: Adelskrise, S. 415 f.; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 2, S. 18−20. 19 Press: Adelskrise, S. 419; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 2, S. 398−412.

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kursächsischer Ritter. Daher versuchte er auf Reichsebene, eine Reform der Reichskreisordnung zu erreichen, die der Sicherheit Kursachsens genügen ­sollte.20 Eine endgültige Entscheidung fiel erst auf dem Reichstag 1566 in Augsburg. Der Kurfürst überschätzte aber Grumbachs Einfluss. Dessen aggressives Vorgehen ließ die Ritter vor einem Konflikt mit dem Hochadel zurückschrecken.21 Das Ziel einer dauerhaften Herrschaftsverdichtung, die mit der Auflösung kleinerer ökonomisch und politisch schwacher Territorien einherging, musste Gegenprozesse erzeugen. Die Grumbachschen Händel waren eine Antwort des Niederadels auf die zunehmende Herrschaftsvereinnahmung der Territorialfürsten und können nach Burkhardts Definition als Staatsbildungskrieg oder zumindest als Staatsbildungskonflikt angesehen werden.22 Wilhelm von Grumbach und seine Standesgenossen mussten durch diese Entwicklung den politischen Bedeutungsverlust und sozialen Abstieg befürchten. Manch einer von ihnen versuchte daher, diesen Prozess rückgängig zu machen. Grumbach wollte hier voranschreiten. Er versprach den von der Mediatisierung bedrohten fränkischen Rittern durch sein Eingreifen einen stabilen politischen und sozialen Profit. Johann Friedrich der Mittlere sollte in diesem Rahmen die alten fürstlichen Würden seiner Familie zurückerhalten. Die politischen Rahmenbedingungen erwiesen sich günstig dafür. Kaiser und Reich schienen nicht in der Lage zu sein, die Angriffe auf die neue Landfriedensordnung abzuwehren. Das mag eine Erklärung dafür sein, dass Grumbach und der Herzog ihren Weg unbeirrt fortsetzten. Die Territorialfürsten gaben sich aber nicht geschlagen. So rückten die machtpolitischen Vorstellungen und Ansprüche der beiden immer weiter von der politischen Wirklichkeit ab und entwickelten sich zu einer Utopie. Für den jungen Casimir bedeutete dies, dass er in eine Zeit politischer und sozialer Spannungen hineinwuchs.

2.2 Familiäre Konflikte Während dieser Zeit kam Casimir am 12. Juni 1564 auf der Festung Grimmenstein bei Gotha als dritter Sohn Johann Friedrichs des Mittleren auf die Welt. Der älteste Bruder, Johann Friedrich, starb bereits 1560 im Alter von neun 20 Nicklas: Macht oder Recht, S. 110−114; Press: Adelskrise, S. 418 f.; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 2, S. 268−274. 21 Press: Adelskrise, S. 419, 423 f. 22 Burckhardt: Dreißigjähriger Krieg, S. 490.

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Monaten. 1563 kam das zweite Kind Friedrich, 1566 der vierte Sohn Johann Ernst auf die Welt.23 Casimir entstammte einem Geschlecht, dessen Hauptlinien (Ernestiner und Albertiner) sich spätestens nach dem Ende des Schmalkaldischen Krieges 1547 in einer gegenseitigen Rivalität befanden. Casimirs Großvater, der Ernestiner Johann Friedrich I. von Sachsen, verlor damals durch die militärische Niederlage gegen Karl V. seine Freiheit und seine Kurwürde. Diese wurde auf Moritz von Sachsen, welcher der jüngeren albertinischen Linie angehörte, transferiert. Für die Ernestiner bedeutete dies den Verlust der Vorherrschaft innerhalb ihres Geschlechts, was die bisherige Familienhierarchie auf den Kopf stellte. Die Dynastie hatte sich an der Goldenen Bulle orientiert, welche die Unteilbarkeit der Kurländer und darauf aufbauend die Primogenitur beinhaltete.24 Mit der Kurtranslation ging für die Ernestiner ein Verlust von sozialem Prestige und eine erhöhte Gefahr von Landesteilungen, die zugleich den weiteren Rückgang politischer Macht nach sich zogen, einher. Für sie war es zudem schmerzlich, nun hinter der jüngeren Linie, gegen jede natürliche und gottgewollte Ordnung, stehen zu müssen. Johann Friedrich der Mittlere thematisierte dies in einem Brief an seinen Bruder Johann Wilhelm: Als sient wir vormittelst Gotlicher hulfe, und gnaden, keines weges bedachtt, Inne (= Albertiner) einen fußfall zuthun oder aber unns gleich einem fusschemmel, unterwürffig zumachen, denn gott hab lob wir, unnd nicht Er (= Kurfürst August), Einnes Rechten Naturlichen vnnd Vormuge des heiligen Reichs, Inn der guldinen Pullenn, gefassten Rechtenn, ordentlichs Churfürstl. Erstgeborinner Sachen sientt, undt demnach Inne mit nichten unter denn fussenn zu liegen.25

Johann Friedrich bekräftigte damit seinen Anspruch auf die Kurwürde und die damit verbundene Rolle als Oberhaupt der Wettiner. Daran änderte die Anerkennung der albertinischen Kurwürde durch Johann Friedrich I. im Naumburger Vertrag von 1554 nichts, wo die Ernestiner für ihren Verlust mit Gebietszuwächsen und Geldzahlungen entschädigt wurden. Die nächste ernestinische 23 StACo, LA A 174, Geburt und Taufe Johann Casimirs, 1564; Friedrich III. von der Pfalz an Johann Friedrich der Mittleren, Heidelberg, 15.08.1560, abgedr. In: Kluckhohn: Briefe Friedrichs Bd. 1, S. 144 f.; StACo, LA A 175, Geburt Herzog Johann Ernsts, 1566; Götz: Elisabeth, S. 32, 37. 24 Lünig: Goldene Bulle, Kap.  VII, § 2; Wolf: Kurfürsten; Klein: Politik und Verfassung, S. 238−244. 25 StACo, LA F 55, fol. 18v, Johann Friedrich an Johann Wilhelm, Gotha, 27.12.1566.

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Fürstengeneration setzte mehr auf Konfrontation als auf eine Friedenspolitik. Sie wurde angetrieben durch eine mittelalterliche Prophezeiung, die der Linie die Kaiserwürde versprach.26 Johann Friedrich erkannte zwischen der Weissagung und dem historischen Verlauf seiner Familiengeschichte einen Widerspruch, den es aufzulösen galt. Sein politisches Ziel war es daher, die Kurwürde wieder zu erlangen und von dort aus den Sprung auf den Kaiserthron zu schaffen. Grumbachs Auftreten eröffnete Johann Friedrich neue Perspektiven. Medial bedeutete dies, das eigene Land als das bessere wettinische Kurfürstentum darzustellen.27 Damit vertieften sich die Spannungen zu den Albertinern und ihrem Oberhaupt, Kurfürst August von Sachsen, der sich immer stärker auch physisch bedroht fühlte und um seine Herrschaft fürchtete. Bereits der Naumburger Vertrag zeigte, wie schwach die Albertiner die rechtliche Legitimation der Kurtranslation einschätzten. Ihnen ging es in dem Ausgleich um die Stabilisierung ihrer Macht. August erkannte als erster die Instabilität des regionalen politischen Gefüges und wurde so zum eifrigsten Befürworter einer Reichsexekution gegen Grumbach.28 Er versuchte auch deshalb, den Kaiser von einem solchen Feldzug zu überzeugen. Johann Friedrichs Bruder Johann Wilhelm besaß ebenfalls einen ausgeprägten machtpolitischen Ehrgeiz, der ihn nach Königswürden und damit nach dem sozialen Aufstieg streben ließ. Seine Bemühungen, etwa mit Hilfe der Hanse den unliebsamen schwedischen König Gustav I. Wasa zu stürzen und selbst den Thron zu besteigen, scheiterten ebenso wie eine Verheiratung mit Königin Elisabeth I. von England. Johann Wilhelm trat schließlich in die Kriegsdienste des französischen Königs Heinrich  II. gegen Spanien ein und hoffte dabei auf ein eigenständiges Fürstentum in Westeuropa. Doch auch dies zerschlug sich, 26 Die erwähnte Prophezeiung tauchte nach dem Aussterben der Staufer 1268 in vielen Facetten auf und richtete sich u. a. an Markgraf Friedrich I., genannt der Gebissene, von Meißen, den viele, als Enkel des staufischen Kaisers Friedrich II., als legitimen Erben der römischen Kaiserkrone ansahen. Tatsächlich sprach die Prophezeiung von einem Retter des Reiches, dem sogenannten „dritten Friedrich“. Über die „Chronica minor“ des Franziskanerklosters Erfurt hielt die Prophezeiung 1269 Einzug in Mitteldeutschland und erzeugte von da an eine hohe mediale Wirkung. Vgl. Würth: Geißler in Thüringen, S. 197−212; Houben: Friedrich II., S. 199−204; Starenko: Luther’s Wake, S. 266; Pfister: Konfession und Endzeit­ erwartung, S. 92 f. 27 Leppin: Ernestinische Beziehungen, S. 67. 28 Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 91, 125; Press: Adelskrise, S. 428; Bruning: August, S. 114; Klein: Politik und Verfassung, S. 244 f. Laut Klein besaß Kursachsen wegen einer „bedrängten Finanzsituation“ ein großes Interesse an einem Friedensschluss.

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sodass Johann Wilhelm im Vergleich zu seinem Bruder eine realistische Einstellung zu den politischen Verhältnissen im Reich und in Europa gewann.29 Nach dem Tode Johann Friedrichs I. im Jahre 1554 regierten nach den Bestimmungen seines Testaments Johann Friedrich der Mittlere, Johann Wilhelm und ein weiterer Bruder das Land. 1557 übertrugen die Brüder Johann Friedrich die alleinige Ausübung der Regierungsgewalt auf vier Jahre – eine Vereinbarung, die 1561 nochmals um den gleichen Zeitraum verlängert wurde.30 Das Bündnis Johann Friedrichs mit Grumbach entzweite jedoch die Familie. Die Brüder hielten nichts von den Utopien der beiden und distanzierten sich von ihnen. Sie fürchteten um ihr Erbe, denn die Gefahr, dass Johann Friedrich durch diese Politik ebenfalls unter Reichsacht fallen würde, war groß. In diesem Falle drohte den Ernestinern der Verlust ihrer Länder und Johann Friedrich die Haft. Der politische Einfluss der Brüder war aber zu schwach, um etwas daran ändern zu können. Johann Wilhelm ließ sich deshalb nach seinen Kriegszügen in Coburg nieder, wo er eine Hofhaltung mit ehemaligen Bediensteten Johann Friedrichs unterhielt, die mit der Politik ihres früheren Herrn nicht einverstanden waren. Infolgedessen kündigte Johann Wilhelm 1565 die Alleinregierungsvereinbarungen auf. Das führte zu massiven Streitigkeiten unter den Brüdern. Erst durch die Vermittlung Kurfürst Friedrichs  III . von der Pfalz kam es zu einer Einigung.31 Ihm gelang es, zwischen den Brüdern einen Mutschierung auszuhandeln, der beide Parteien zu gleichen Teilen an den Landeseinkünften beteiligte. Johann Wilhelm behielt Coburg als Residenz, während Johann Friedrich auf der Gothaer Festung Grimmenstein seinen Wohnsitz nehmen durfte. Dort lebten er und seine Familie seit 1564. Als Landesherren standen sie gleichberechtigt nebeneinander an der Spitze des Herzogtums. Untertanen und Landstände blieben ungeteilt. Damit entsprach das Vertragswerk einer Nutzteilung. Diese im Februar 1566 geschlossene Vereinbarung war für Johann Wilhelm lediglich ein Kompromiss. Ihm reichte diese staatsrechtliche Konstruktion nicht aus, da er weiterhin fürchtete, für die Politik seines Bruders in Verantwortung genommen

29 Nicklas: Haus Coburg, S. 21 f.; Klein: Politik und Verfassung, S. 247–249. 30 Klein: Politik und Verfassung, S. 248 f. 31 Ebd.; Götz: Elisabeth, S. 39. Der dritte Bruder, Johann Friedrich III., genannt der Jüngere, starb unverheiratet und kinderlos 1565 im Alter von 27 Jahren, sodass seine Person in der weiteren familiären Entwicklung keine Rolle spielt. Eine Biografie des Herzogs findet sich bei Wülcker: Johann Friedrich der Jüngere, S. 343. Friedrich  III. war der gemeinsame Schwiegervater der Brüder. Die Ehefrauen waren Schwestern.

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zu werden.32 Er ging auf Distanz und suchte Kontakt zu Kurfürst August, gegen den er ebenfalls eine Abneigung hegte.33 So waren die Familienverhältnisse innerhalb der Wettiner von langwierigen massiven Streitereien und sozialen Spannungen gekennzeichnet. Dabei spielten politische Machtinteressen, der soziale Status innerhalb der Familie und das Konkurrenzdenken der beiden Linien eine Rolle. Der Ausgangspunkt lag im Gegensatz von politischem Anspruch und Wirklichkeit, der u. a. durch die Anwesenheit Wilhelm von Grumbachs am Gothaer Hof schärfere Formen annahm. Diese Ambivalenz beruhte auf dem Glauben der Ernestiner an jene mittelalterliche Prophezeiung, die ihnen den sozialen und politischen Aufstieg zum Kaisertum voraussagte. Das Ziel Johann Friedrichs des Mittleren war es, die nach seiner Meinung bestehenden Diskrepanzen zwischen Realität und Verheißung aufzulösen. Der Familienkonflikt musste daher weiter ausgetragen werden. Für die nachfolgenden Ereignisse ist dieser Sachverhalt ebenso von Bedeutung wie auch das Machtstreben Johann Wilhelms.

2.3 Konfessionelle Streitigkeiten Die Reformation besaß nachhaltige Auswirkungen auf die Ernestiner. Von der neuen Konfession überzeugt, erkannten sie in ihr eine besondere göttliche Legitimation ihrer Herrschaft. Das Auftreten Luthers und die damit verbundene Verbreitung des „wahren“ göttlichen Wortes in ihrem Land war für sie Beweis genug, dass Gott sie auserwählt habe, die neue Lehre und das Evangelium gegen die Irrlehren der altgläubigen Kirche zu verteidigen. Diesen himmlischen Befehl galt es auszuführen. Diese Erkenntnis war das zentrale Motiv für das künftige dynastische Selbstverständnis der Ernestiner.34 Nach dem Verlust der Kurwürde verstärkte sich dieses Motiv zu einer bewussten ernestinischen Identität. Der Rückgang von Macht und sozialem Prestige sollte durch den göttlichen Auftrag kompensiert werden. Die daraus resultierende Konfessionspolitik gestaltete sich 32 Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 11−13. Weitere Ausführungen in: StACo, LA C 138–142. 33 Ein Treffen zwischen Johann Wilhelm und August fand im Mai 1566 in München statt. Hierbei wurde die weitere Vorgehensweise gegenüber Grumbach und Johann Friedrich dem Mittleren erörtert. Dabei ging es auch um den Beitrag Johann Wilhelms bei der bevorstehenden Reichsexekution. Vgl. Klein: Johann Wilhelm, S. 530 f.; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 86. 34 Starenko: Luther’s Wake, S. 266; Pfister, Konfession und Endzeiterwartung, S. 93.

Konfessionelle Streitigkeiten

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daher zunehmend konservativer und kompromissloser. Sie stand im Gegensatz zum Augsburger Religionsfrieden. Johann Friedrich der Mittlere sah in ihm eine Verwässerung der „reinen“ lutherischen Lehre. Mit dieser Einstellung unterschied sich der Herzog von den anderen protestantischen Ständen und von Kursachsen. Dort gewann Philipp Melanchthon mit seinen theologischen Ideen eine ernstzunehmende Schar von Anhängern, die gemeinhin als „Philippisten“ bezeichnet wurden. Das Herzogtum Sachsen sollte unter diesen Umständen zum Bollwerk des Gnesioluthertums, also der „reinen“ lutherischen Lehre werden. Diese dynastische Identität übertrugen die Ernestiner schließlich auf das Land. Beleg hierfür sind die im Herzogtum entstandenen theologischen Streitschriften, die allesamt mit dem Adjektiv „thüringisch“ versehen wurden.35 Damit betraten die Ernestiner einen konfessionellen und regional begrenzten In- und Exklusionsprozess. Sie schufen durch gesellschaftliche Teilhabe und Ausschluss von Lebensformen, Werten, Normen und gesellschaftlichen Institutionen diese Konformität mit reichsweiter symbolischer Ausstrahlung.36 Die Einheit von Land und Religion wurde durch die Auseinandersetzung um den theologischen Berater Johann Friedrichs des Mittleren, Matthias Flacius, erschüttert. Zunächst an der Seite des Herzogs stehend, trennten sich beide Ende 1561 im Streit um die Zusammensetzung der neugegründeten Kirchenbehörde, dem sogenannten Konsistorium, welches gegen den Willen von Flacius, auch mit weltlichen Räten besetzt werden sollte. Da Herzog Johann Wilhelm an Flacius festhielt, entstanden zusätzlich konfessionspolitische Differenzen zwischen den Brüdern.37 Der Weggang von Flacius hinterließ aber in der Konfessionspolitik Johann Friedrichs ein Vakuum. Dies konnte Wilhelm von Grumbach auf seine Weise nutzen. 1562 brachte er über seinen Schreiber einen 13-jährigen Bauernsohn namens Hänschen Tausendschön an den Hof. Es wurde behauptet, dass dieser mit Engeln kommunizieren könne. Nachdem sich einige Theologen davon überzeugt hatten, dass der Junge tatsächlich mit Gottesboten in Verbindung stünde, wurden seine Weissagungen zur Grundlage der weiteren Politik Johann Friedrichs. Der Herzog befragte den Seher fast täglich nach der Meinung der Engel.38 Für ihn war die Ankunft Tausend35 Gehrt: Identität, S. 54−59; Leppin: Ernestinische Beziehungen, S. 69; Wartenberg: Ernestiner und Albertiner, S. 45; Peters, Konkordienbuch, S. 199; Dingel: Religionsgespräche IV, S. 654−681. 36 Degele/Dries: Modernisierungstheorie, S. 72. 37 Kruse: Epitaph Teil 1, S. 16. 38 Kruse: Epitaph Teil 1, S. 20; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 1, S. 272−274. Eine

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schöns ein weiterer Beweis dafür, dass er von Gott ausgewählt worden sei, die Verbreitung der „wahren“ Worte des Herrn voranzutreiben und zu verteidigen. Diese Vorstellung verband sich mit dem Ziel, die vorhergesagte Kaiserwürde zu erreichen. Der Überfall auf Würzburg, die Anfeindungen Kaiser Ferdinands I. und der Kampf der Ritter gegen die Territorialherren wurden als himmlische Vorboten des neuen ernestinisch-lutherischen Reiches von Gottes Gnaden gesehen, welches vor dem Untergang der Welt entstehen würde.39 Als logische Konsequenz musste das theologisch abtrünnige Kursachsen zerschlagen und die Philippisten dadurch unterworfen werden. Kurfürst August war damit wieder als Hauptgegner ausgemacht. So verbanden sich die Interessen und Utopien Johann Friedrichs mit denen von Grumbach auch auf diese Weise. Die Aussagen des Engelsehers standen dem nicht entgegen. Dass die Prophezeiungen nicht eintrafen, spielte dabei keine Rolle. Den Glauben Johann Friedrichs an die Verheißung erschütterte das nicht. Mit Misstrauen beäugte Johann Friedrich auch die Entwicklung des Calvinismus im Reich, der aus der Schweiz und Frankreich in den süddeutschen Raum vordrang. Reichspolitisch befanden sich die Calvinisten gegenüber den Lutheranern im Nachteil, da sie vom Augsburger Religionsfrieden ausgeschlossen waren. Als Friedrich III. von der Pfalz sich Anfang der 1560er Jahre an den Lehren Johannes Calvins orientierte, kam es zwischen Johann Friedrich dem Mittleren und seinem Schwiegervater zu theologischen Auseinandersetzungen und zu einer weiteren konfessionellen Abgrenzung innerhalb der Familie.40 Dabei lassen sich bei den Wettinern unterschiedliche Reaktionsmuster erkennen. Herzog Johann Wilhelm und seine Ehefrau Dorothea Susanna lehnten jegliche Annäherung ab und fürchteten ein Übergreifen des Calvinismus auf das Herzogtum Sachsen. Johann Friedrich und Elisabeth reagierten anders. Trotz des theologischen Konflikts fragten sie den calvinistisch gesinnten Bruder Elisabeths, Johann Kasimir von Pfalz-Simmern, ob er nicht die Patenschaft für Casimir übernehmen möchte. Der Pfalzgraf nahm diese Ehre dankend an.41 Die Kurzbiografie Tausendschöns findet sich Winzlmaier: Wilhelm von Grumbach, S. 41. Der Glaube an Engel und mit ihnen über ein Medium in Kontakt treten zu können, war noch im 16. Jahrhundert unbestritten. 39 Starenko: Luther’s Wake, S. 266. 40 Zahlreiche Briefe zwischen beiden Fürsten legen von den theologischen Konflikten Zeugnis ab. Siehe Kluckhohn: Briefe Friedrichs Bd. 1, S. 257−261, 389−398; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 17. 41 StACo, LA A 174, fol. 10, Bericht über Geburt und Taufe Herzog Johann Casimirs, 1564. Die Namensgebung stellte für das Haus Wettin ein Novum dar. Weder zuvor noch nach 1633

Konfessionelle Streitigkeiten

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Großeltern waren über die Patenschaft hocherfreut und zeigten fortan an der Entwicklung ihres Enkels ein lebhaftes Interesse. Dies wird sich in den jungen Jahren Casimirs als bedeutsam erweisen.42 Kurfürst August zeigte sich gegenüber den calvinistischen Ansichten Friedrichs III. offen und betrieb dabei eine liberale Konfessionspolitik. Dies war Berechnung, da August im Vorfeld der Grumbachschen Händel nach militärisch potenten Bündnispartnern suchte.43 Während sich innerhalb des protestantischen Lagers die theologischen Auseinandersetzungen zuspitzten, fand in der katholischen Kirche eine Konsolidierung statt, die sich im Konzil von Trient (1545−63) ausdrückte. Inhaltlich ging es dort um die theologische Abgrenzung zu den Thesen der Reformation und um vorsichtige Reformbemühungen. Die Erneuerung sollte dabei die Basis für eine Gegenreformation dienen. Dieses Bemühen um religiöse Einheit beeinflusste fortan die Herrschaftsverdichtung und Territorialisierung im katholischen Raum.44 Auf Drängen Roms sollten die katholischen Reichsstände die Trienter Beschlüsse auf dem kommenden Reichstag 1566 in geltendes Gesetz umwandeln. Doch aus Rücksicht auf den Religionsfrieden vermieden die Katholiken eine förmliche Annahme der Konzilsbeschlüsse.45 Zu den Vertretern der Gegenreformation gehörten u. a. der Würzburger Bischof Friedrich von Wirsberg. Er legte damit die Basis für die gegenreformatorischen Maßnahmen, die unter seinem Nachfolger, Julius Echter von Mespelbrunn, zur vollen Entfaltung kamen.46 Dies musste zu religiösen Spannungen mit dem Herzogtum Sachsen führen. Hinzu traten die Bestrebungen Johann Friedrichs des Mittleren, auf Kosten der katholischen Nachbarn seine Macht auszubauen. So gelang es ihm 1565

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lässt sich der Vorname in der Genealogie nachweisen. Dessen Ursprung rührt vom mütterlichen Stammbaum her. Er lässt sich bei seinem Patenonkel und seinem Urgroßvater, dem Markgrafen Kasimir von Brandenburg-Kulmbach nachweisen. Hier wiederum verläuft die Spur zum dreimaligen Urgroßvater des Herzogs, dem König Kasimir IV. von Polen aus der Dynastie der Jagiellonen. Vgl. Heyl: Kindheit, S. 13. Auch hierzu ist ein umfangreicher Briefwechsel zwischen Eltern und Großeltern vorhanden. Exemplarisch vgl. StACo, LA A 10.485, fol. 132, Kurfürstin Maria an Johann Friedrich den Mittleren, Germersheim, 12.11.1564. August befürchtete bei einer Isolation der Kurpfalz, dass diese ein Bündnis mit Johann Friedrich dem Mittleren und Grumbach eingehen würde. Zudem hoffte er durch diese Politik, die Kurpfalz wieder an die lutherische Konfession binden zu können. Vgl. Wolgast: kurpfälzische Beziehungen, S. 17−19. Weiss: Katholische Reform, S. 45−55, 92. Weiss: Katholische Reform, S. 55. Dippold: Konfessionalisierung, S. 58 f. Dippold weist darauf hin (S. 45−47), dass die Bischöfe von Bamberg in dieser Frage zurückhaltend reagierten.

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Rahmenbedingungen eines schwierigen Lebens

vom Abt des Klosters Banz, die Schutzherrschaft über die Abtei zu erhalten. In einem nächtlichen Überfall besetzte er das auf dem Boden des Hochstifts Bamberg liegende Benediktinerkloster und führte dort mit Einverständnis des Konvents die Reformation ein.47 Die hier offen zutage getretenen konfessionellen Gegensätze sollten Johann Casimirs Leben prägen. Seine Geburt fällt in den Zeitraum, wo die Grundlagen für eine konfessionelle Abgrenzung gelegt wurden. Daraus resultierte eine gegenseitige Abneigung, die zu einer militärischen Lösung dieses Konfliktes führen konnte. Die Konfessionsfrage floss dabei in die Territorialisierung mit ein und förderte die Herrschaftslegitimation und die Identitätsbildung des jeweiligen Landes. Dies wird besonders bei den protestantischen Reichsständen deutlich. Die konfessionellen Genesen in Kursachsen, der Kurpfalz und dem Herzogtum Sachsen waren derart verschieden, dass sich die daraus resultierende Uneinigkeit oder Individualisierung fatal im Dreißigjährigen Krieg auswirken sollte.

2.4 Medialer Krieg Grumbach gelang es, wohl nach Vorbild des Markgrafen Albrecht Alcibiades, seinen Konflikt mit dem Würzburger Bischof geschickt zu einem medialen Krieg auszuweiten. Dem Ritter ging es dabei um die Mobilisierung weiter Teile der Bevölkerung und die Verbreitung seiner politischen Ideen aus dem regionalen fränkischen Umfeld heraus. Die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert ermöglichte ihm, eine breite Öffentlichkeit anzusprechen.48 Bereits die ersten Auseinandersetzungen um Grumbachs eingezogene Lehen besaßen eine mediale Ausstrahlung. Der Ritter und seine Kontrahenten legten ihre Meinungen über die Kanzleipublizistik und in juristischen Flugschriften, die hauptsächlich in Wirtshäusern und Kramläden ausgelegt waren, dar. Grumbach erfuhr dabei zunächst Unterstützung durch Markgraf Albrecht Alcibiades. In dessen Pforzheimer Exil entstanden die ersten nachweisbaren Schriften, die sich mit Grumbachs 47 Klein: Politik und Verfassung, S. 247. Die Banzer Mönche neigten zur Reformation. 1568 beschloss eine kaiserliche Kommission, dass nur die Hochstifte Bamberg und Würzburg den Klosterschutz ausüben sollten. Der Banzer Konvent trat nach dieser Entscheidung zum Protestantismus über und verließ das Kloster, das erst 1575 wieder mit Benediktinern besiedelt wurde. Vgl. Dippold: Konfessionalisierung, S. 68. 48 Römmelt: Medialer Konfliktaustrag, S. 273; Wieland: Violence of the Nobility, S. 37; Schulze: Einführung Neuere Geschichte, S. 29.

Medialer Krieg

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Schicksal beschäftigten.49 Dem Ritter gelang es durch seine Publikationen, die öffentliche Meinung zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Dies änderte sich mit der Ermordung Bischof Zobels. Der Tod des Würzburger Oberhirten war ein willkommener Anlass für die gegnerische Propaganda. Diese stempelte den Ritter zum Mörder ab.50 Das daraus resultierende Stigma bekam Grumbach, der an einer Tötung Zobels nicht interessiert war, nie mehr los. Dennoch behielt er auch danach seine Strategie bei. Er entwickelte im Vorfeld der Reichstage von 1559 und 1566 Kampagnen, womit er Einfluss auf dessen Entscheidungen nehmen wollte. Diese Medienkampagne erfasste die Literaten und Komponisten. Es entstanden Liedtexte, die für oder gegen die Ziele Grumbachs eintraten.51 Er selbst rechtfertigte Ereignisse wie den Überfall auf Würzburg als Bestrafung des Hochstifts, das durch die Enteignung der Ritter Landfriedensbruch begangen habe. Die Gegner sahen darin teuflische Handlungsweisen. Dies musste zur weiteren Eskalation des Konfliktes führen.52 So wurde ein angeblicher Überfall grumbachscher Söldner auf Bamberg propagandistisch genutzt, gegen ihn die Reichsacht zu bestätigen.53 Zeitgleich eskalierte der innerwettinische Konflikt.54 Sowohl Johann Friedrich der Mittlere als auch Kurfürst August bedienten sich dabei der Kanzleipublizistik. Die Grumbachschen Händel boten dafür eine reichhaltige inhaltliche Basis. August publizierte bspw. Briefwechsel, die Grumbach schwer belasteten.55 Andererseits bezichtigte Johann Friedrich den Kurfürsten, er wolle ihn beseitigen, um sein Herzogtum okkupieren zu können. Gegen diesen Vorwurf protestierte 49 *Wirsberg: Deß Hochwirdigen Fürsten vnd Herren; *Grumbach: Klagschrifft. Weitere Beispiele bei Römmelt: Medialer Konfliktaustrag, S. 277 f. Zu den Druckereien vgl. Reske: Buchdrucker, S. 304. Da in Kulmbach eine Druckerei existierte, scheint eine publizistische Unterstützung durch Markgraf Albrecht Alcibiades zu einem früheren Zeitpunkt möglich. 50 Press: Adelskrise, S. 402; Baum: Attentat, S. 97−100. Römmelt nennt das Attentat einen medialen Kollateralschaden. Vgl. Römmelt: Medialer Konfliktaustrag, S. 285. 51 Eines dieser Lieder, welches Grumbach lobte, war: *O.A.: Ein schön new Lied von dem Thewren Helden Wilhelm von Grumbach. Im VD 16 finden sich weitere Texte und Lieder so: *Grumbach: Ein Newer PASQVILLVS und *O.A.: Ein schoen new Lied; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 552−556; Wieland: Violence of the Nobility, S. 37. 52 Römmelt: Medialer Konfliktaustrag, S. 282. 53 Press: Adelskrise, S. 407. 54 Vgl. Haug-Moritz: Kommunikationsraum, S. 58−69; Römmelt: Medialer Konfliktaustrag, S. 285; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 138–143. 55 *Haussen/Obernitz: Abdruck Zweier Schreiben; *Wintzigenrode: Schreiben an Brandenstein; Römmelt: Medialer Konfliktaustrag, S. 278 f.; Haug-Moritz: Wolfenbütteler Krieg, S. 264.

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August aufs schärfste. Die Schmähschriften hetzten auch die gemeine Bevölkerung auf, was durch die differenten theologischen Ausrichtungen beider Länder verschärft wurde. Noch 1570 beschwerte sich der Kurfürst bei Herzog Johann Wilhelm, dass dessen Pfarrer in den Gottesdiensten schlecht über ihn reden würden. Fünf Jahre später wies er seine Räte an, die bösen Reden, die weiterhin in Gotha über ihn kursierten, zu unterbinden. Diese Reaktion beweist die Empfindlichkeit Augusts, die schon 1566 Thema eines Briefwechsels zwischen Johann Friedrich und Philipp I. von Hessen gewesen war.56 Die gegenseitigen Polemiken mussten die Parteien zu einer militärischen Auseinandersetzung reizen. Gerade die Medialisierung von Konflikten wurde von den Historikern lange unterschätzt.57 Im Allgemeinen besaß sie Einfluss auf die Kriegsführung und den politischen Folgeprozessen. Sie musste daher auch eine große Auswirkung auf Casimirs Leben gehabt haben. Für künftige Begrifflichkeiten und Casimirs Handlungsweisen wird die Medialisierung noch manche Erklärung bieten.

2.5 Der Reichstag zu Augsburg 1566 Der von März bis Mai 1566 abgehaltene Reichstag zu Augsburg diskutierte über die weitere Verfahrensweise in der Causa Grumbach. Dazu kam mit dem Überfall Herzog Erichs II. von Braunschweig-Lüneburg auf Warendorf im Jahre 1563, einer zum Hochstift Münster gehörenden Stadt, ein zweiter Fall des Landfriedensbruchs dazu. Die Landfriedensordnung des Reichs drohte einmal mehr, unterminiert zu werden. Dennoch verfolgte Kaiser Maximilian II. im Gegensatz 56 Landgraf Philipp bat Johann Friedrich den Mittleren, weitere Schmähschriften zu unterlassen, da diese „zu grosser unfreuntschafft vnd ungluck ursach gebenn, dan wir kennen den Churfürsten also, das er kein Scherzvogel ist“. Vgl. StACo, LA A 10.468, fol. 52, Philipp an Johann Friedrich den Mittleren, Kassel, 21.08.1566; *Sachsen: Kurtze verantwortung; SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10.625/2, fol. 133, Instruktionen Augusts an die kursächsischen Vormundschaftsräte, Coburg, 11.11.1575; ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. P, Abt. M, Nr. 3, Weimarer Räte an August, Weimar, 30.01.1568; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 413. 57 Römmelt stellt fest, dass die mediale Austragung von Konflikten im 16. bis 18. Jahrhundert bisher wenig von der Geschichtswissenschaft behandelt wurde, und spricht deshalb von einem Desiderat der Forschung. Vgl. Römmelt: Medialer Konfliktaustrag, S. 271 f. Im Falle der Grumbachschen Händel hatte bereits Ortloff die verschiedenen Publikationen ereignisgeschichtlich aufgearbeitet. Eine Analyse blieb aber hier aus.

Der Reichstag zu Augsburg 1566

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zu seinem Vater zunächst eine wohlwollende bis abwartende Politik gegenüber Grumbach. Dahinter stand die Sorge, dass die Staatsbildung, welche mit der Festigung und Ausdehnung politischer Macht zugunsten der Reichsfürsten einherging, dem Reichsoberhaupt zum Nachteil gereichen könnte. Da Maximilian aber keinen Konflikt mit den Reichsständen herbeiführen wollte, trieb er ein doppeltes Spiel mit ihnen. So gelang es ihm nach Volker Press, „soziale Kräfte als politisches Druckmittel zu benützen bzw. als einsetzbaren Faktor, freilich nur soweit, wie es die Belastbarkeit des Systems zuließ“.58 Die Reichsstände zeigten sich im Vorfeld des Reichstages unentschlossen. Die Kurfürsten von Brandenburg und Mainz, die Herzöge von Jülich-KleveBerg und Pfalz-Simmern, der Landgraf von Hessen und die Markgrafen von Baden-Durlach und Brandenburg sprachen sich für eine friedliche Lösung aus. Kurfürst Friedrich  III. von der Pfalz favorisierte die Versendung einer Reichsgesandtschaft zu Johann Friedrich dem Mittleren, die den Herzog zur Vernunft bringen sollte.59 Das Hochstift Würzburg und das Herzogtum Bayern sprachen sich hingegen für eine Reichsexekution aus. Auch für Kurfürst August war das Problem nur militärisch zu lösen.60 Während des Reichstags zeigte es sich aber schon früh, dass die Mehrheit der Reichsstände eine Bestätigung der Reichsacht 58 Press: Adelskrise, S. 423; siehe auch Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 125. 59 Instruktion Kurfürst Friedrichs  III. von der Pfalz, Heidelberg, 23.01.1566, abgedr. bei Kluckhohn: Briefe Friedrichs Bd. 1, S. 626−629; Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 125. Hier sei bei den Befürwortern einer friedlichen Lösung des Konflikts darauf hingewiesen, dass die Kurpfalz, Jülich-Kleve-Berg, Pfalz-Simmern, Hessen, Baden-Durlach und die Markgrafschaft Brandenburg in verwandtschaftlicher Beziehung zu Johann Friedrich dem Mittleren und seiner Frau Elisabeth standen. Neben den bereits erwähnten Verbindungen zu den pfälzischen Wittelsbachern und den fränkischen Hohenzollern bedürfen die anderen Verwandtschaftsverhältnisse eine kurze Erläuterung: Der Herzog von Jülich-Kleve-Berg war ein Onkel Johann Friedrichs mütterlicherseits; der Markgraf von Baden-Durlach war ein angeheirateter Onkel Herzogin Elisabeths. Hier lässt sich ein Netzwerk erkennen, welches auf verwandtschaftlichen Beziehungen beruhte und auf das Johann Friedrich offenbar zurückgreifen konnte: Vgl. Nicklas: Macht oder Recht, S. 126 f. 60 Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 125. Protokoll des Kurfürstenrates, Augsburg, 16.04.1566, abgedr. bei Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 303−305. In einer vertraulichen Unterredung zwischen dem sächsischen Rat Dürfeld und dem Protokollanten Lersner auf der Sitzung des Fürstenrates vom 30.05.1566 erklärte der Rat, Kurfürst August wolle als Kreisobrist des obersächsischen Reichskreises sich der Exekution annehmen und bereits am 24.06. nach Gotha ziehen. Siehe dazu Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 628.

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favorisierte und den in der Reichsexekutionsordnung vorgeschriebenen Weg beschreiten wollte.61 Trotz dieser Majorität kam es zu einem Kompromiss. Der Kurpfalz gelang es, ihr Anliegen einer Reichsgesandtschaft durchzusetzen und Johann Friedrich eine weitere Chance zu geben, Grumbach festzusetzen oder des Landes zu verweisen. Bei einem negativen Verlauf der Gespräche sollte sogleich die Exekution durchgeführt werden. Kursachsen konnte sich, entgegen der bisherigen Forschungsmeinung, lediglich bei der Bestätigung des Exekutionsverfahrens und der Ausdehnung der Reichsacht auf die Helfer und Receptatoren durchsetzen. So erneuerte Maximilian II. noch während des Reichstages am 13. Mai 1566 die Acht gegen Grumbach. Er drohte sie indirekt auch Johann Friedrich an, wenn er weiter gegen die Reichsbeschlüsse Widerstand leiste. Das Reich griff damit auf die in solchen Fällen vorgesehene gängige juristische Praxis zurück, welche die Androhung des Verlustes aller Regalien, Lehen, Freiheiten und Gnaden beinhaltete.62 Für den Herzog bedeutete dies die Gefahr des politischen, sozialen und ökonomischen Untergangs. Allerdings blieb es bei der obersten Prämisse des Reichstages, gegenüber Johann Friedrich den mildesten Weg einer Versöhnung einzuschlagen.63 Es stellte sich aber zunächst die Frage, wer die Exekution vollziehen sollte. Normalerweise übernahm der Obersächsische Reichskreis die Federführung, in dem Kurfürst August seit 1555 das Amt des Kreisobristen innehatte.64 Der Kaiser schlug aber vor, Herzog Johann Wilhelm mit der Exekution zu beauftragen. Kursachsen befürwortete den Vorschlag.65 Johann Wilhelm vollzog zwar auf dem Reichstag öffentlich den Bruch mit seinem Bruder. Dennoch lehnte 61 Protokoll des Kurfürstenrates, Augsburg, 13.04.1566, abgedr. bei Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 292−297; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 64 f. 62 Repblik Kaiser Maximilians II., Augsburg, 13.05.1566, abgedr. bei Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 755. Siehe dazu die Achtungserklärung des Reichstages gegen Grumbach und das kaiserliche Mandat gegen die Receptatoren und Helfer der Ächter, beides zu Augsburg, 13.05.1566, abgedr. bei Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 2, S. 892−898; Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 1, S. 491. 63 Quadruplik der Stände, Augsburg, 27.05.1566, abgedr. bei Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 767. 64 Dotzauer: Reichskreise, S. 365. 65 Triplik Kaiser Maximilians II. zum zweiten Hauptartikel (Landfriede), Augsburg, 24.05.1566, abgedr. bei Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 762 f.; Protokoll des Kurfürstenrates, Augsburg, 25.05.1566, abgedr. bei Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 507; Ortloff, Grumbachische Händel Bd. 3, S. 86.

Der Reichstag zu Augsburg 1566

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er die Durchführung ab. Zum einen führte er finanzielle Gründe an, die ihn daran hinderten, ein Heer aufzustellen. Zum anderen wies er auf die Stellung seiner Landstände hin, die trotz der Mutschierung ungeteilt blieben. Er hätte also bei einem Zug gegen seinen Bruder auch gegen die eigenen Stände ziehen müssen und sich durch die Vollstreckung der Exekution selbst ökonomisch und politisch geschadet. Zudem befürchtete er die mediale Wirkung eines Angriffs. Er sorgte sich, gegenüber der Bevölkerung als Aggressor dazustehen, der Lust besaß, das Land und die Einkünfte seines Bruders an sich zu reißen.66 Mit dem gleichen Problem kämpfte auch Kurfürst August, der hoffte, die Kosten und das mit der Exekution verbundene negative Prestige auf Johann Wilhelm abwälzen zu können. Der kaiserliche Vorschlag stieß indes im Kurfürsten- und Fürstenrat auf Ablehnung. Stattdessen pochten die Fürsten auf die Exekutionsordnung, sodass der Reichstag den Obersächsischen, Fränkischen, Niedersächsischen und Westfälischen Reichskreis mit der Durchführung der Exekution beauftragte. Den Reichskreisen blieb es dabei freigestellt, Johann Wilhelm zur Exekution hinzuzuziehen.67 Casimirs Vater verfolgte hingegen eine dilatorische Taktik. Er wich den Forderungen aus und mahnte stattdessen zu Verhandlungen mit dem Würzburger Bischof. Grumbachs Ausweisung und Verhaftung lehnte Johann Friedrich ebenso ab wie die Auflösung des Dienstverhältnisses. Er verwies zudem auf seine fürstliche Reputation, da sich der Geächtete im guten Glauben in seinen Schutz begeben hätte. Er könne ihn daher nicht fallen lassen.68 Stattdessen zielte er auf einen Friedensschluss mit Würzburg ab, in dessen Folge die Reichsacht gegen Grumbach aufgehoben werden sollte. Der Herzog suchte auf dem Reichstag hierzu politische Verbündete. Doch dies misslang, wie aus einem Brief des sächsischen Gesandten Heinrich Haussen hervorgeht: „So ists auch ohne das hierauffen dahin komen wann man Grumbachs vnd bitten wil das den Leuten die ohren wehe thun zu zuhöhren.“69

66 Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 103 f., 360. 67 Vgl. § 12 des Reichsabschieds, Augsburg, 30.05.1566, abgedr. bei Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 2, S. 1517 f. Die Einsetzung von vier Reichskreisen wurde damit begründet, dass zeitgleich das Heilige Römische Reich einen militärischen Konflikt mit den Türken in Ungarn austrug und von diesem Kriegsschauplatz keine Soldaten weggezogen werden sollten. Protokoll des Kurfürstenrates, Augsburg, 25.05.1566, abgedr. bei Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 511. 68 *Sachsen: Copey Der antwort; Römmelt: Medialer Konfliktaustrag, S. 294. 69 *Haussen/Obernitz: Abdruck Zweier Schreiben.

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Die Reichsstände reagierten verdrießlich auf die nun schon seit zehn Jahren andauernde Causa Grumbach. Die permanente Medialisierung des Themas tat ihr Übriges dazu. Hilfe war demnach von den anderen Reichsständen nicht zu erwarten. Maximilian II . war hingegen den Vorschlägen Johann Friedrichs nicht abgeneigt, da er aus zwei Gründen an einem friedlichen Ende des Konfliktes interessiert war: Zum einen band ihn der Zweite Österreichische Türkenkrieg (1566–68), sodass er kein Interesse an einer kriegerischen Auseinandersetzung innerhalb des Reiches hegte. Er befürchtete dadurch eine militärische Schwächung seines Heeres gegenüber den Türken. Andererseits wollte er den Reichsständen die drohenden hohen Kosten, welche durch die Exekution verursacht würden, ersparen.70 Maximilian musste aber dem Drängen Kursachsens, Bayerns und Würzburgs Rechnung tragen. Diese argumentierten, dass die Autorität des Kaisers und der Reichsinstitutionen Schaden nehmen könnte, wenn das Reich diese Umtriebe weiter dulden würde.71 Maximilian suchte daher den politischen Mittelweg. Er vermied eine direkte Ächtung Johann Friedrichs des Mittleren und arbeitete stattdessen mit schrittweisen Sanktionen, um den Herzog zum Einlenken zu bewegen. Die Bitte der ernestinischen Brüder um einen neuen Lehensvertrag, der nach der Mutschierung vonnöten war, bot hierfür eine gute Gelegenheit. Maximilian II . nahm dies zum Anlass, um Johann Friedrich eindringlich vor weiteren Ungehorsam zu warnen. Als erste Sanktion ließ er dessen Belehnung offen, während Johann Wilhelm ohne Verzögerung die kaiserliche Bestätigung erhalten hatte.72 Daneben stellte er ein kaiserliches Mandat in Aussicht, in welchem er die Landstände des Herzogtums Sachsen anweisen wollte, Johann Friedrich die Gefolgschaft zu versagen und sich mit Eid und Pflichten an Johann Wilhelm anzuschließen.73 Der Kaiser entmachtete damit den Herzog schrittweise und entzog ihm damit seine ökonomische Basis. Damit verlor Casimirs Vater bereits im Frühjahr 1566 im engeren juristischen Sinne die Ansprüche auf sein Territorium. Noch konnte

70 SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 8499/8, fol. 117–121, Maximilian II. an Kurfürst August, Dresden, 27.09.1566; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 351. Die finanzielle Belastung, welche die Unterhaltung eines Heeres nach sich gezogen hätte, wollte wohl der Kaiser auf Johann Wilhelm abwälzen, womit erklärbar wäre, warum Maximilian den Herzog mit der Reichsexekution beauftragen wollte. 71 Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 1, S. 125. 72 Schultes: Landesgeschichte, S. 58 f. (mit Anmerkung g); StACo, LA B 4 und 5, Lehensbriefe Maximilians II. an Johann Wilhelm, Augsburg, 25.05.1566. 73 Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 87.

Eskalation und Untergang

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Johann Friedrich aber auf die Belehnung hoffen. Voraussetzung war allerdings die Auslieferung Grumbachs.74 Der Augsburger Reichstag entpuppte sich bei näherem Hinsehen zu einem Fiasko für Würzburg und Kursachsen. Weder der Kaiser noch die Mehrzahl der Reichsstände waren bereit, die Grumbachschen Händel militärisch zu lösen. Vielmehr entstand eine Ambivalenz zwischen politischem Handeln und Tun. Die Bestätigung und Erweiterung der Acht sowie die Aufstellung eines Exekutionsheeres geschahen unter dem Aspekt, die Autorität des Reiches nach außen darzustellen. Der Kaiser rang sich lediglich zu einer abgestuften Sanktionspolitik durch, die Johann Friedrich zur Vernunft bringen sollte. Vielmehr war es Maximilian  II . daran gelegen, das Spannungsfeld zwischen Niederadel und Territorialherren in einem frühneuzeitlichen „Kalten Krieg“ zu erhalten. Der Kaiser wollte dabei alle Trümpfe in seiner Hand behalten, wenn die Lage eskalieren sollte. Noch einmal gelang es dem Adelsnetzwerk um Friedrich III. von der Pfalz, sich mit seiner Friedenspolitik durchzusetzen. Der Herzog in Gotha sollte diese politische Chance aber nicht nutzen.

2.6 Eskalation und Untergang Schon kurz nach der Beendigung des Reichstages informierte die Reichsgesandtschaft Anfang Juli 1566 Johann Friedrich den Mittleren über die Beschlüsse des Gremiums. Der Herzog blieb bei seiner dilatorischen Taktik.75 Vielmehr folgte er den Prophezeiungen des Engelsehers, der verkündete, dass die Erneuerung und Ausdehnung der Reichsacht keinen Schaden für ihn und Grumbach bringen würde. Auch sei seine Residenz vor militärischen Auseinandersetzungen sicher. Die Gesandtschaft verließ daher Gotha ohne Erfolg.76 Nach außen hin gab dieser Starrsinn ein katastrophales Bild ab. Kurfürst Friedrich III. war durch das Verhalten des Herzogs vor den Kopf gestoßen, und andere Fürsten sahen in 74 Johann Wilhelm an Johann Friedrich, Weimar, 08.06.1566, abgedr. bei Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 2, S. 302. 75 Die Antwort, welche die Vita Grumbachs und einen Verlaufsbericht der Grumbachschen Händel mit den von Johann Friedrich dem Mittleren enthaltenen Schlussfolgerungen über die Aufhebung der Acht nach erfolgreichen Verhandlungen mit dem Bischof von Würzburg und einem Fürbitten und Kniefall des Ritters vor dem Kaiser beinhaltet, findet sich bei Rudolphi: Historien-Beschreibung, S. 62−93; Ortloff. Grumbachische Händel Bd. 3, S. 181. 76 StACo, LA A 2027, fol. 54, Engelsprophezeiung, 20.04.1566; ebd., fol. 68, Engelsprophezeiung, 27.05.1566.

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der Beziehung Johann Friedrichs mit Grumbach zunehmend ein merkwürdiges standesuntypisches Bündnis, welches sie nicht erklären konnten.77 Unabhängig vom Erscheinen der Gesandtschaft suchte Johann Friedrich nach wie vor Verbündete, die mit ihm auf einen Friedensschluss zwischen Grumbach und Würzburg hinwirken sollten. Nächster Ansprechpartner waren die fränkischen Ritter, die sich im September 1566 in Schweinfurt, wegen der dem Reich zu leistenden Türkenhilfe, zu einem Rittertag trafen. Seine Anliegen fanden aber dort keinen Anklang. Die Teilnehmer verwiesen auf die Reichsacht und darauf, dass der Kaiser ihr einziger Herr sei, von dem sie Befehle erhielten. Was offensichtlich Johann Friedrich nicht wusste: Maximilian II. betrieb gegenüber den Rittern inzwischen eine Protektionspolitik. So unterzeichnete er noch während des Augsburger Reichstages eine Urkunde, die den Besitz des schwäbischen Ritterkreises bestätigte. Damit garantierte er den Fortbestand der ritterschaftlichen Herrschaft, was das Konfliktpotenzial zwischen dem Niederadel und den Territorialfürsten wesentlich zurückgehen ließ. Die Ritter sahen also keinen Anlass dafür, für Grumbach Partei zu ergreifen. Sie hatten ihre wesentlichen Ziele schon erreicht.78 Die Lage eskalierte erst im Oktober 1566. Zum einen kündigte der Engelseher wiederholt einen Mordanschlag auf Kurfürst August an. Als tatsächlich Attentäter gefangen genommen wurden, entwickelte sich daraus ein medialer Skandal zu Lasten Johann Friedrichs. Denn er und Grumbach wurden durch Zeugenaussagen als Drahtzieher des Anschlags belastet. Es liegt nahe, eine Manipulation des Ritters zu sehen, der den Seher anwies, eine solche Prophezeiung zu tätigen, die dann durch Mittelsmänner durchgeführt werden sollte. Nebenbei wäre hier der Beweis erbracht worden, dass Tausendschön tatsächlich die Zukunft voraussehen könnte. Den politischen Kurs des Herzogs hätte dies bestärkt.79 77 Held: Thüringen im 16. Jahrhundert, S. 15. 78 Instruktion Johann Friedrichs des Mittleren an die fränkischen Ritter, Gotha, September 1566, abgedr. bei Gruner: Johann Friedrich der Mittlere, S. 261−269; Press: Adelskrise S. 427; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 232 f.; Ulrichs: Entstehung Reichsritterschaft, S. 535. 79 StACo, LA A 2027, fol. 53, Engelsprophezeiung, 24.04.1566; ebd., fol. 140; Engelsprophezeiung, 13.10.1566. Anfang Juni 1566 konnte in der Nähe von Dresden ein früherer Diener Grumbachs gefangengenommen werden. In seinem Verhör erklärte er ungefragt und freiwillig, dass Grumbach und ein weiterer Geächteter, der fränkische Adelige Wilhelm von Stein, ihm Geld geboten hätten, damit er den Kurfürsten bei der Jagd erschieße. Zudem soll Johann Friedrich der Mittlere selbst, zusammen mit Grumbach und Stein, ihm ein Giftpulver

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Zum anderen änderte der Seher seine Prophezeiung dahingehend, dass er Johann Friedrich aufforderte, zum Krieg zu rüsten, da das von Gott gewollte Reich in Gefahr sei. Er solle deshalb Verbündete suchen. Der Herzog bat sogleich andere Fürsten um Hilfe. Grumbach sollte mit seiner Erfahrung die Kontakte dazu knüpfen und die militärische Taktik ausarbeiten. Doch der diplomatische Erfolg blieb aus.80 Johann Friedrich war inzwischen politisch isoliert. Fatal erwies sich dabei die Kontaktaufnahme zu den calvinistischen Aufständischen in den Spanischen Niederlanden. 1566 kam es dort aufgrund politischer, konfessioneller und ökonomischer Ursachen zu Unruhen gegenüber der katholisch geprägten spanisch-habsburgischen Herrschaft.81 Infolgedessen brach der Achtzigjährige Krieg aus, der schließlich zur Unabhängigkeit der Niederlande und der dazugehörigen Loslösung vom deutschen Reichsverband führte. Diese Kontaktaufnahme drang bis nach Wien vor und wirkte auf Maximilian als ernstzunehmende Bedrohung seiner eigenen Position. Der Kaiser hatte, trotz des Drängens von Kurfürst August, Johann Friedrich eine Frist bis November 1566 gegeben, um Grumbach zu überstellen. Erst danach sollte die Exekution beginnen.82 Nun hatte Maximilian aber keine Wahl mehr. In einem Brief an den böhmischen Statthalter, Erzherzog Ferdinand  II . von Österreich, bemerkte er, dass er eine militärische Lösung gerne aufgehalten oder ganz vermieden hätte. Der Krieg gegen die Türken würde das Reich genug beschweren. Aber seine und des Reiches Ehre, Hoheit und Autorität zwängen ihn dazu, diesen Unfug und beharrlichen Trotz zu beenden.83 Deutlicher waren seine Aussagen in einem Brief an Margarethe von Parma. Gegenüber der niederländischen Statthalterin äußerte er, dass „wir“ in Johann Friedrich „sambt seiner echterischen geselschaft anderst nicht als geschworne veinde unser kaiserlichen cron zu erkennen ursach haben“.84 Ende ausgehändigt haben, das er seinem Vetter geben sollte, der am kursächsischen Hof seinen Dienst verrichtete. Dort sollte das Gift in das Essen des Kurfürsten gemengt werden. Eine ähnliche Aussage machte auch ein aufgegriffener Straßenräuber. Vgl. *O.A.: Copeien Derer Schriften; Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 1, S. 497; Rudolphi: Historien-Beschreibung, S. 40−46. 80 StACo, LA A 2027, fol. 153 f., Engelsprophezeiung, 30.10.1566; ebd. fol. 212−241, Prophezeiungen, Dezember 1566; Wegele: Grumbach, S. 21. 81 Driessen: Geschichte der Niederlande, S. 18−20. 82 Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 337. 83 Maximilian II. an Erzherzog Ferdinand II., Wien, 31.12.1566, abgedr. bei Bibl: Korrespondenz Maximilians II. Bd. 2, S. 70 f. 84 Maximilian II. an Margarethe von Parma, Wien, 09.03.1567, abgedr. bei Bibl: Korrespondenz Maximilians II. Bd. 2, S. 134.

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November gab der Kaiser gegenüber dem Obersächsischen Reichskreis den Befehl für die Vollstreckung der Exekution. Kurfürst August begann sogleich, ein Heer zusammenzustellen.85 Am 12. Dezember 1566 stellte der Kaiser das Reichsexekutionsmandat aus, in welchem Johann Friedrich als Receptator ebenfalls unter die Reichsacht fiel. Dort hieß es: Sondern mit mehrerlei Ungrund die ganz sträftliche und oft und viel verbotene und abgeschaffte Receptation der Ächter mit allem Unfug noch zu beschönigen suche zu gänzlicher Verachtung der kaiserlichen und des Reichs Autorität, die Ächter ehrliche, gute Leute, ja Räthe und Diener des Herzogs nenne, und sich eines solchen freventlichen Ungehorsams, Widerspenstigkeit und Verachtung aller Reichsconstitutionen und Beschlüsse vorwissentlich und vorsätzlich befleiße und gebrauche, daß wohl bei Menschen Gedächtnis dergleichen im heiligen Reich nicht viel erfahrn.86

Nachdem im Geheimen die militärischen Vorbereitungen abgeschlossen waren, zog Kurfürst August gegen Gotha, wo sein Heer am 30. Dezember ankam. Dies überraschte die Bewohner, da Publikationen zur Reichsacht im Rahmen der medialen Auseinandersetzung der Zensur zum Opfer fielen. Daher waren die Untertanen über die Entscheidungen des Augsburger Reichstages nicht informiert. Sie sollten damit im Unklaren über die weitere Entwicklung der Händel bleiben.87 Johann Friedrich reagierte auf diese Bedrohung zu spät, da er aufgrund der Prophezeiungen davon ausging, dass Gotha von einer Belagerung verschont werde. Das Exekutionsmandat kam ihm erst bei Ankunft des Heeres zu.88 Im Laufe des Januars 1567 sammelte sich noch weiteres Kriegsvolk. Kursachsen stellte dabei die meisten Truppen. Die anderen involvierten Reichskreise hielten sich bei der Bereitstellung von Soldaten zurück. Insgesamt bestand das Exekutionsheer aus 5489 Reitern und 31 Fähnlein Fußvolk. Davon brachte August 85 Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 345−347. 86 *Maximilian II.: Abdruck Reichsexekutionsmandat, Leipzig, 12.12.1566. Auch der Versuch gegenüber der fränkischen Ritterschaft für Grumbach zu wirken, wurde erwähnt, vor allem dass behauptet wurde, der Kaiser habe dies mit Vorwissen und Begünstigung begleitet, was aber nicht den Tatsachen entsprach, entrüstete Maximilian. Vgl. Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 350. 87 Römmelt. Medialer Konfliktaustrag, S. 280. 88 StACo, LA A 2027, fol. 212, Engelsprophezeiung, 25.12.1566. Nach Darstellung des Engelsehers sollte ein Angriff erst im Sommer 1567 erfolgen. Töle: Beschreibung des Kriegs, S. 186−191; Rudolphi: Historien-Beschreibung, S. 123 f.; Römmelt: Medialer Konflikt­ austrag, S. 295; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 452 f.

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3863 Reiter und 18 Fähnlein Fußvolk selbst mit. Der Fränkische Reichskreis kam mit drei Fähnlein Fußvolk und rd. 900 Reitern an. Herzog Johann Wilhelm nahm mit einem Fähnlein Fußvolk teil, was wohl eher einer symbolischen Geste entsprach. Offiziell hatte er sich durch den Vereinigungs- und Bündnis-Receß von Langensalza vom 22. Januar 1567 an die Seite des Exekutionsheeres gestellt. Den Verteidigern standen indes 2500 Männer mit 250 Pferden zur Verfügung.89 Es kam in der Folge zu Kampfhandlungen, da Johann Friedrich der Mittlere eine Kapitulation ablehnte. Als Hauptfeind galt bei den Verteidigern der Fränkische Reichskreis. Es galt den Franken als Pfaffenknechte, das Kriegsleben so schwer wie möglich zu machen. Die Sachsen, so hieß es, waren mehr Freund als Feind. Hierbei bediente man sich durch Ausbildung von Feindbildern und natio­naler Stereotypen einer negativen Form frühnationaler Repräsentation.90 Ab Ende März 1567 zwangen aber mehrere Faktoren die Verteidiger zur Aufgabe. Zunächst führte die Belagerung zu Engpässen in der Lebensmittelversorgung und damit zu Hungererscheinungen. Außerdem entmutigte die Verteidiger, dass der versprochene Truppenersatz wegen der Umzingelung nicht erschien. Daneben führte Kurfürst August den medialen Krieg weiter. Es gelang ihm, Flugblätter in die Stadt zu schmuggeln, so über die wahren Umstände der Belagerung aufzuklären und die Auslieferung der Geächteten zu fordern. Ziel war die Demoralisierung der Eingeschlossenen.91 Johann Friedrich versuchte dem entgegenzuwirken, in dem er den Verteidigern erklärte, dass es sich hier um einen Religionskrieg handele, bei dem es um die „wahre“ Auslegung der göttlichen Lehre gehe.92 Doch damit überzeugte er nicht. Als sich die Soldaten Anfang April 1567 weigerten, den Diensteid gegenüber dem Herzog zu verlängern, und stattdessen die Verhaftung Grumbachs und seiner Getreuen forderten, kam es zu einer Rebellion. Johann Friedrich verkannte in dem Moment die Situation. Der 89 Müller: Haus Sachsen. S. 142; Rudolphi: Historien-Beschreibung, S. 126 f.; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 375−385; Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 1, S. 589; Starenko: Luther’s Wake, S. 255. 90 Schilling: Konfessionalisierung und Staatsinteressen, S. 174. Die Truppen des fränkischen Reichskreises haben auf dem Weg nach Gotha eine Spur der Verwüstung und Plünderung durch Thüringen hinterlassen. Wohl auch deshalb war der Hass auf die Franken besonders ausgeprägt. Siehe Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 1, S. 524, 535 f. 91 *Sachsen: Abforderung des Schlosses Grimmenstein vnnd Stadt Gotha; *Sachsen: Kurtze Verantwortung; Römmelt: Medialer Konfliktaustrag, S. 295 f.; Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 1, S. 548; Rudolphi: Historien-Beschreibung, S. 142. 92 StACo, LA A 2028, fol. 8, Engelsprophezeiung, 05.01.1567; ebd., fol. 64v−66v, Prophezeiung, 13.01.1567; ebd., fol. 112, Prophezeiung, 20.01.1567; Starenko: Luther’s Wake, S. 256, 258.

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Engelseher hatte ihm geweissagt, dass Gott für ihn den Krieg siegreich führen würde und er der Kaiserwürde nicht mehr fern wäre.93 Als die geforderte Verhaftung ausblieb, brachten die Aufständischen Grumbach und seine Helfer in ihre Gewalt, während Johann Friedrich und seine Familie unter Hausarrest gestellt wurden. Am 13. April 1567 nahm August die Festung kampflos ein. Während Grumbach hingerichtet und der Engelseher gehängt wurde, verbrachte man den Herzog als Gefangenen nach Österreich.94

2.7 Kriegstrauma? Die ersten Lebensjahre des jungen Casimir sind in den Quellen nur bruchstückhaft überliefert. Dennoch ist es möglich, seine Kindheit annähernd zu rekon­ struieren. Er wurde zunächst, wie allgemein bei fürstlichem Nachwuchs üblich, von einer Amme und einigen Kinderfrauen aufgezogen.95 Er entwickelte sich zu einem lebhaften Buben, der bspw. auf den Wällen der Festung Grimmenstein herumtollte. Ansonsten wirkte der junge Prinz vitaler als sein älterer, stets kränkelnder Bruder Friedrich. Die Quellen erwähnen bei ihm nur eine ansteckende Hautkrankheit, die Heyl mit Milchschorf übersetzte.96 Diese wenigen Schlaglichter vermitteln eine sorgenfreie Zeit. Erst die Grumbachschen Händel 93 StACo, LA A 2027, fol. 190v, Engelsprophezeiung, 12.12.1566; ebd., fol. 204v, Engelsprophezeiung, 31.12.1566; ebd., fol. 207, Engelsprophezeiung, 27.12.1566; ebd., fol. 210, Engels­ prophezeiung, 24.12.1566. Noch Anfang April 1567 prophezeite Hänschen Tausendschön, dass die Belagerung Gothas zugunsten Johann Friedrichs des Mittleren bald zu Ende gehen würde. Siehe: StACo, LA A 2028, fol. 69v, Engelsprophezeiung, 04.04.1567. Siehe Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 1, S. 549−551. 94 Rudolphi: Historien-Beschreibung, S. 144−155; Winzlmaier: Wilhelm von Grumbach, S. 41, 51 f. 95 Die Bestallung einer Amme nebst Kinderfrauen ist aus den Briefen von Casimirs Eltern ersichtlich. Vgl. StACo, LA A 2151, fol. 8, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 26.01.1570; StACo, LA A 2152, fol. 9, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 11.03.1571. Zudem gestatteten die Vormundschaftsräte der Amme Casimirs eine Rente zu. Vgl. StACo, Urk LA C 15, Coburger Abschied, 28.06.1574, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 252. 96 Herzogin Elisabeth schilderte diese Eindrücke ihren Korrespondenzpartnern. Vgl. StACo, LA A 2093, fol. 119, Elisabeth an Pfalzgraf Kasimir, Gotha, 18.11.1566; StACo, LA A 10.492, fol. 47v, Johann Friedrich an Pfalzgraf Kasimir, Gotha, 30.11.1566; StACo, LA A 2008, fol. 24v, Elisabeth an die Vormundschaftsräte, Wiener Neustadt, 27.08.1572; Heyl: Kindheit, S. 17; Georges: Handwörterbuch, Sp. 881.

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veränderten diese Situation radikal. Als sich dieser Konflikt zuspitzte, spielten Casimir und seine Brüder erstmals eine politische Rolle. Kurz vor der Eröffnung des Augsburger Reichstages schrieb Herzog Johann Wilhelm an seinem Bruder, er solle nicht nur an Land und Leute, sondern auch an seine Kinder denken, die durch den Ausbruch eines Krieges leiden müssten.97 Als Johann Wilhelm schließlich von Maximilian  II. zu einer Audienz empfangen wurde, sprach er dieses Problem an. Die Kinder sollten beide Seiten zur Vernunft bringen und zu einer friedlichen Lösung führen. Doch der Kaiser zeigte sich unbeeindruckt. Die Kinder könne man am besten schützen, wenn ihr Vater endlich die Reichsacht gegen Grumbach anerkennen würde. Geschehe das nicht, sei es vonnöten ein Exempel zu statuieren, damit dies keine Nachahmer finde.98 Der Argumentation Johann Wilhelms folgten die Professoren der Universität Jena sowie der Theologe Johann Stößel. Deren Briefe wurden dem Engelseher vorgelegt, damit dieser die rechte Antwort darauf geben könne. Doch dieser meinte, dass Gott bald die Prediger abschaffen würde und man deshalb den Jenaer Professoren kein Gehör schenken müsse.99 Nachdem Stößel auf seine Meinung beharrte, radikalisierten sich die Aussagen des Engelsehers gegenüber der Geistlichkeit im Allgemeinen ins Vulgäre.100 Johann Friedrich der Mittlere machte sich in diesem Zusammenhang um seine Söhne keine Sorgen. Ihnen versprachen die Engel eine glorreiche Zukunft. Sie erklärten, dass auch sie die deutsche Königs- und Kaiserkrone erhalten und die Grumbachschen Händel ohne Spuren an der Familie vorüberziehen würden. Es begänne für alle ein glückliches Leben.101 Der Herzog führte damit seine Familie in eine fatale Situation. Mutter Elisabeth setzte dem nichts entgegen, denn auch sie glaubte an die Prophezeiungen. Von ihr sind Fragen bezüglich Erkrankungen von Familienangehörigen, dem genauen Zeitpunkt der Geburt ihres

 97 Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 79.  98 Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 100.  99 StACo, LA A 2020, fol. 123v, Johann Stößel an Johann Friedrich, Jena, 16.05.1566; ebd., fol. 129v, Jenaer Professoren an Johann Friedrich, Jena, 17.05.1566; StACo, LA A 2027, fol. 65, Engelsprophezeiung, 22.05.1566; StACo, LA A 2027, fol. 85, Engelsprophezeiung, 20.06.1566. 100 StACo, LA A 2020, fol. 134, Johann Stößel an Johann Friedrich, Jena, 19.06.1566. Darin erklärte der Engelseher, dass es Gott ein Wohlgefallen wäre, den „Pfaffen“ eines Besseren zu belehren. 101 StACo, LA A 2027, fol. 41, Engelsprophezeiung, 31.03.1566; ebd., fol. 54, Engelsprophezeiung, 20.04.1566.

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zweiten Sohnes und über das Geschlecht ihres vierten Kindes überliefert.102 Die Eltern legten also das Schicksal ihrer Söhne in die Hände des Engelsehers. Als die Exekutionstruppen bereits vor Gotha standen, versuchte Johann Wilhelm im Januar 1567 nochmals seinen Bruder davon zu überzeugen, zum Wohle der Familie, Grumbach auszuliefern sowie Frau und Kinder in das sichere Coburg zu bringen.103 Johann Friedrich reagierte darauf nicht. Anstatt der versprochenen goldenen Zukunft wartete auf die Söhne der Krieg. Als eine Kanone auf dem Grimmenstein explodierte, zerbarsten die Fensterscheiben der fürstlichen Wohnung und verwüsteten diese. Eine feindliche Kanonenkugel soll zudem über die Wiege des jungen Johann Ernst hinweg geflogen sein.104 Als der Aufstand des Kriegsvolks den Grimmenstein erreichte, drang dieses auf der Suche nach dem verschwundenen Grumbach bis in die fürstlichen Gemächer vor. Man fand den Ritter schließlich im Schlafzimmer der Kinder in einem Schubbett.105 Obwohl man diesen auf Augenzeugen basierenden Aussagen kritisch gegenüberstehen sollte, haben sie alle eines gemeinsam: Die Söhne erlebten den Krieg hautnah mit. Casimirs älterer Bruder Friedrich war nach dem Ende des Konflikts traumatisiert. Er bekam Weinkrämpfe, ohne dass er jemanden sagte, was ihm fehle. Herzogin Elisabeth fürchtete zudem, dass ihr Sohn halsstarrig werde, da er eyn kopf, der eyn whenich hardt sey, und when er was hordt, das von E.L. (= Johann Friedrich) wher, das man saget, so het ich sorg, das kyndt fur raußer, wye zu Weymar, do man dye buchsen von poden bracht, saget ehr, dye buchsen seyn meyns Hern Fatters gewehsen, ich wyl sye wol finden.106

Casimirs Psyche darf ebenfalls durch die Ereignisse gelitten haben. Schwerwiegend wirkten sich wohl der Verlust der vertrauten Umgebung und die Verhaftung seines Vaters aus. Die charakterliche Entwicklung musste dadurch Schaden 102 StACo, LA A 2023, fol. 6, Engelsprophezeiung, 15.01.1563; ebd., fol. 14, Engelsprophezeiung, 11.02.1563; StACo LA A 2024, fol. 8, Engelsprophezeiung, 10.01.1563; ebd., fol. 26, Engelsprophezeiung, 26.01.1563; Götz: Elisabeth, S. 36 f. Sämtliche Antworten der Engel waren bezüglich der Geburt Prinz Friedrichs falsch. Kurfürstin Maria an Elisabeth, Heidelberg 19.07.1566, abgedr. bei Kluckhohn: Briefe Friedrichs Bd. 1, S. 690. 103 StACo, LA A 2052, fol. 21v, Johann Wilhelm an Johann Friedrich, Weimar, 29.12.1566, abgedr. bei Rudolphi: Historien-Beschreibung, S. 116 f.; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 427. 104 Töle: Beschreibung des Kriegs, S. 197; *Wagner: Traur- und Land-Klage. 105 Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 1, S. 353. 106 StACo, LA A 2153, fol. 10, Elisabeth an Johann Friedrich, Eisenberg, 18.03.1572.

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nehmen. Melville weist in diesem Kontext darauf hin, dass man hier fragen müsse, „ob man nicht ein Trauma erhalten hatte, dass das Leben im Sinne Freud’scher Psychologie doch mehr oder weniger unterschwellig beeinflusste“.107 Sicherlich bildeten die Erfahrungen aus den Grumbachschen Händeln die Basis seiner späteren Herrschaftspolitik und beeinflussten seine Machtstrategien. Dabei war er gezwungen, neue Wege zu gehen. Aber davon war Casimir noch weit entfernt. Mit nicht einmal drei Jahren stand er vor einer ungewissen Zukunft. Mit seiner Familie kam er an den Hof Johann Wilhelms nach Weimar, der sie aufnahm. Die politischen Konsequenzen, die aus dem Handeln seines Vaters herrührten, musste er erst später tragen.

2.8 Folgen der Gothaer Exekution Die Ereignisse von Gotha besaßen eine Vielzahl von Auswirkungen. In der Frage der Herrschaftsverdichtung und Staatsbildung gingen die Reichsfürsten gestärkt aus der Krise hervor. Der Niederadel verblieb in seiner nachgeordneten Stellung oder stabilisierte sich in der Reichsritterschaft. Press ist zuzustimmen, wenn er in den Grumbachschen Händeln keine kriminellen Aktionen eines Einzelgängers sieht, sondern eine Reaktion des Niederadels auf die Bedrängungen der großen Fürsten.108 Es handelte sich dabei um einen frühmodernen Prozess, der sich gegen die Rationalisierung richtete, die mit der Staatsbildung einherging. Für Franken bedeutete dies eine Stabilisierung der dortigen Herrschaftsverhältnisse und die endgültige Durchsetzung des Landfriedens. Übrig blieben nur Streitereien um Grenzen und Rechte, die vor Gericht ausgetragen wurden und mit denen sich Casimir in seiner Regierungszeit noch häufiger beschäftigen musste. Das Verhalten Johann Friedrichs des Mittleren zeigte sich in diesem Zusammenhang wenig rational. Der Glaube an Prophezeiungen stand gegen das kognitive Handeln eines Fürsten, welches auf Vernunft und Erkenntnis beruhte. Neben ihm waren Wilhelm von Grumbach, der mit seiner rückwärtsgewandten nieder­ adeligen Herrschaftsutopie scheiterte, und Maximilian  II. die Verlierer dieses Konflikts. Der Kaiser versuchte die Option eines Machtgewinns über die Ritter zunächst aufrechtzuerhalten. Als nach der Eroberung Gothas Kurfürst August geheime Briefwechsel zwischen Grumbach und Maximilian mit dementsprechenden Inhalten fand, musste der Sachse erkennen, dass das Reichsoberhaupt mit ihm ein doppeltes Spiel getrieben hatte. Daraufhin verschlechterten sich 107 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 5. 108 Press: Adelskrise, S. 430; Press: Reichsritterschaften, S. 688.

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die Beziehungen zwischen beiden und es kam zu einer mehrjährigen partiellen Entfremdung und zur Anlehnung Kursachsens an die Kurpfalz.109 Maximilian musste seine machtpolitischen Ambitionen damit begraben. Im innerwettinischen Konflikt setzte sich August politisch und hierarchisch endgültig gegen seinen ernestinischen Konkurrenten durch. Dieser hatte sich noch während der Gothaer Belagerung auf Ratschlag der Engel zum geborenen Kurfürsten ausgerufen und mit dem Titel Münzen geprägt und Schriftstücke unterzeichnet.110 Mit der Gefangennahme des Konkurrenten war nun die erste Gefahr für August beseitigt. Gelöst war dieser Konflikt aber keineswegs. Denn Herzog Johann Wilhelm, der in politischen und hierarchischen Fragen seinem Bruder in nichts nachstand, nahm nach dem Ende der Grumbachschen Händel dessen Position als Hauptgegner der Albertiner ein. Der Kaiser wies ihm im Januar 1567 das gesamte Herzogtum samt Landständen zu und teilte dies auf einem eilends einberufenen Landtag in Saalfeld den Teilnehmern mit.111 Johann Wilhelm war innerhalb des Hauses Wettin der eigentliche Sieger. Durch sein taktisches Verhalten schob er August die Rolle des Aggressors zu, der immer bestritt, militärisch das Herzogtum erobern zu wollen. Jetzt als Anführer des Exekutionsheeres hatte er das Land besetzt. Diesen Umstand wusste der Herzog medial auszuspielen.112 Konfessionspolitisch war August mit seinem Sieg mehr Erfolg beschieden. Durch eine geschickte Medienkampagne gelang es ihm, den theologischen Weg Johann Friedrichs des Mittleren zu diskreditieren. Nicht die göttliche Vorsehung war es, die Johann Friedrich zu einer Rebellion gegen Kaiser und Reich sowie zu einer eigenständigen Konfessionspolitik führte. Es war der Teufel nebst Dämonen und Zauberern, die den Herzog diesen Irrweg aufzeigten. Dieser Kampf um die „wahre“ Auslegung des lutherischen Glaubens war aber nach Augusts 109 Press: Adelskrise, S. 430; Bruning: kursächsische Reichspolitik, S. 86. 110 StACo, LA A 2027, fol. 134, Engelsprophezeiung, 06.10.1566; ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg Q 56, fol. 183, Johann Friedrich an Johann Hoffmann, Grimmenstein, 13.01.1567; ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv Reg P, Abt. C, Nr. 5, fol. 32, August an Johann Wilhelm, Saalfeld, 07.01.1567; Starenko: Luther’s Wake, S. 257 f. Johann Friedrich vertrat in Bezug auf die Kurwürde den Standpunkt: „dieweil sein Bruder Herzog Moriz, Weilant den hochgeborenen Fürsten, Herrn Johann Friederichen, Churfürsten zu Sachsen, Unsern und E.L. gnedigen lieben Herren und Vatern, Seine Vhralt Vätterliche, ererbte Chur undt Fürstenthumb, wider Gott, ehre und alle Recht, abgedrungen.“ Vgl. StACo, LA F 55, fol. 17v, Johann Friedrich an Johann Wilhelm, Gotha, 27.12.1566. 111 StACo, LA F 55, fol. 4r−11v, 25, Landtagshandlungen, o. D.; ebd., fol. 36−39, Kaiserliches Mandat, Wien, 23.12.1566. 112 Leppin: Ernestinische Beziehungen, S. 70.

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Meinung nur vorgeschoben, um auf Kosten Kursachsens die verloren gegangene politische Macht und Rangordnung wiederzuerlangen. So wollten Kaiser und Kurfürst das ungewöhnliche Verhalten des Herzogs wider den menschlichen Verstand erklären.113 Historiker haben in ihrer Rezeption Johann Friedrichs des Mittleren jahrhundertelang diese Version Augusts ungeprüft übernommen. Sie interpretierten den uneingeschränkten Glauben des Herzogs an den Engelseher als persönliche Schwäche oder Leichtgläubigkeit. Auch das Verhältnis zu Grumbach sei so geprägt gewesen. Deshalb trüge der Herzog selbst die Verantwortung für sein Schicksal.114 Eine darauf beruhende Zerstörung der ernestinischen Identifikation durch August lässt sich aber nicht nachweisen. Vielmehr stieg mit der Machtübernahme Herzog Johann Wilhelms der theologische Einfluss von Flacius und seiner Anhänger, den sogenannten „Flacianern“ − ein 1558 eingeführter polemischer Begriff für kompromisslose lutherisch-orthodoxe Theologen.115 Die Bezeichnung erhielt eine zusätzliche Bedeutung für die Konfessionspolitik Johann Wilhelms. Dieser versuchte, in frühabsolutistischer Manier, seine von Flacius geprägten theologischen Vorstellungen mittels Stellenbesetzungen und Mandate durchzusetzen, was den Widerstand der Landstände und vieler Theologen nach sich zog. Letztere verloren durch ihre Haltung ihre Stellung als Pfarrer und Professoren.116 Johann Wilhelm setzte damit den ernestinischen Sonderweg innerhalb des Protestantismus fort und unterstrich so die konfessionelle Identität seiner Familie gegenüber anderen Herrschern. Das Ende der Grumbachschen Händel brachte für die Calvinisten im Reich eine Phase der Entspannung. Die Kontakte zwischen der Kurpfalz und 113 Starenko: Luther’s Wake, S. 263 f. Vgl. ThHStAW, Ernestinsches Gesamtarchiv, Reg. P, Abt. M, Nr. 3, August an Johann Wilhelm, Eilenburg, 18.01.1568. 114 Herzogin Elisabeth beschuldigte bspw. Grumbach, ihren Mann mit einem Glas präparierten Weines gefügig gemacht zu haben. Vgl. Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 1, S. 7 f. Gruner führte an, dass Grumbach sich des Hänschen Tausendschön in betrügerischer Absicht bediente, um seine Ziele durchzusetzen und Johann Friedrich von seinen bisherigen Ratgebern abzuschirmen. Vgl. Gruner: Johann Friedrich der Mittlere, S. 62, 85. Eine kurze Darstellung der Rezeption findet sich bei Kruse: Epitaph Teil 1, S. 20; Starenko: Luther’s Wake, S. 263 f. 115 Diese Bezeichnung transformierte sich 1567 auf die theologische Auslegung der Erbsündenfrage, in welcher Flacius eine umstrittene Position einnahm. Eine genaue Darstellung des Streites liefert Gehrt: Konfessionspolitik, S. 213, 320−322. 116 SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10.302/4, fol. 81, Stößel an Johann Wilhelm, Jena, 18.09.1567. Hier bezeichnet Stößel seine Kritiker als „flacianische Lesterrott“. Vgl. Müller: Stößel, S. 471−473; Gehrt: Konfessionspolitik, S. 317−319.

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Rahmenbedingungen eines schwierigen Lebens

Kursachsen intensivierten sich und führten 1570 zur Ehe zwischen Pfalzgraf Johann Kasimir und Elisabeth von Sachsen, einer Tochter Kurfürst Augusts. Damit erreichten die Beziehungen ihren Höhepunkt. Kurfürst Friedrich III., der die Händel ohne politische Blessuren überstanden hatte, hoffte damit auf eine weitere Akzeptanz des Calvinismus, der wegen seiner Ausgrenzung im Religionsfrieden für viele im Reich als illegal agierende Sekte galt.117 Die Katholiken indes ließen die Gelegenheit ungenutzt verstreichen, durch die unsicheren politischen Verhältnisse im Herzogtum Sachsen, ihren macht- und konfessionspolitischen Ambitionen Nachdruck zu verleihen. Dies lag vor allem im Desinteresse Bambergs und Würzburgs begründet, bereits intensivere Maßnahmen der Gegenreformation zu ergreifen.118 Der mediale Krieg innerhalb des Hauses Wettin ging indes weiter. Kurfürst August gelang es, die Deutungshoheit über den konfessionspolitischen Kurs Johann Friedrichs des Mittleren zu erlangen und die Definition des Schlüsselbegriffs „Ächter“ durch Gleichsetzung mit der Bezeichnung „Receptator“ in seinem Sinn auszulegen. Er verwischte damit die vom Reichstag beschlossene Differenzierung von Tätern und Unterstützern, die normalerweise den juristischen Vorgaben in solchen Fällen entsprach. Augusts mediale Strategie zielte darauf ab, die Verbrechen Johann Friedrichs gegenüber Kaiser und Reich herauszustreichen. Der Ruf des Herzogs sollte dadurch geschädigt und ihm die Herrschaftslegitimation abgesprochen werden. In Szene setzte August auch das Hissen der kaiserlichen Flagge auf dem Grimmenstein.119 Sie symbolisierte den Sieg des Reiches über Johann Friedrich, Grumbach und seinen Gefährten. Dabei blieb es aber nicht. Da nichts mehr an die Rebellion erinnern sollte, wurde auf Befehl Augusts die Festung geschleift. Lediglich die Figur eines geharnischten Mannes, welche die Spitze des Schlossturmes bekrönte, wurde als Siegestrophäe nach Dresden verbracht. Dort zierte sie das „Schöne Tor“, dass August zwischen dem Schloss und der heutigen Augustusbrücke errichten ließ. Die grundlegende Zerstörung der Festung sollte zudem für die Kinder Johann Friedrichs eine Mahnung darstellen, was passieren würde, wenn sie sich ebenfalls gegen das Reich und seine Ordnung stellen würden.120 Demgegenüber stand die katastro117 Wolgast: kurpfälzische Beziehungen, S. 17−19; Bruning: kursächsische Reichspolitik, S. 86; Gehrt: Konfessionspolitik, S 322, 431−434. 118 Dippold: Konfessionalisierung, S. 46, 59; Dengler-Schreiber: Kleine Bamberger Stadtgeschichte, S. 78. 119 Römmelt: Medialer Konfliktaustrag, S. 296, 299. 120 StACo, LA F 7612, fol. 15r−17v, Memorial Augusts an Maximilian  II., Sulza, 13.04.1567;

Folgen der Gothaer Exekution

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phale mediale Wirkung der Eroberung ernestinischen Territoriums durch die Albertiner. Die ernestinische Propaganda nahm diesen Umstand allzu gerne auf, sodass Kurfürst August auch weiterhin Spottverse und Schmählieder über sich ergehen lassen musste. Eine 1567 in Kursachsen aufgebaute mediale Gegenoffensive mit Spottgedichten auf Johann Friedrich änderte nichts an der Schlagkraft der ernestinischen Propaganda.121 Es blieb bei dem vergifteten Klima, das noch lange zwischen den beiden Linien herrschen sollte. Zu den großen Verlierern des Konfliktes gehörten Johann Friedrich der Mittlere und seine Familie. Während der Herzog von der politischen Bühne verschwand, standen Herzogin Elisabeth und ihre Kinder auf dem Tiefpunkt ihres sozialen Daseins. Sie verloren alles Hab und Gut. Auch Johann Wilhelm überging seine Neffen, schloss aber ihre Einsetzung als Landesherren von kaiserlicher Seite zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus.122 Dennoch zeichnete sich schon in den ersten Jahren nach 1567 ab, dass es die Aufgabe der Söhne sein würde, verloren gegangenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Auf dieser Grundlage war es möglich, die verbliebene politische Macht zu erhalten und sich als Fürsten neu zu legitimieren.

Starenko: Luther’s Wake, S. 263; Lass: Etablierung, S. 164. 121 Leppin: Ernestinische Beziehungen, S. 70, 80. Eine Aufstellung solcher Spottgedichte findet sich bei Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 1, S. 594−600. 122 Assekurationsschein an Kurfürst August von Sachsen vom 08.01.1567, abgedr. bei Hellfeld: Beiträge Bd. 3, S. 176−183. Diesen Umstand bemerkten vor allem die kursächsischen Räte, die 1567 auf dem Landtag in Saalfeld teilnahmen, und warfen diese Frage in einem Brief an Kurfürst August auf. Sie waren der Meinung, dass nur der Kaiser und der Kurfürst als militärischer Befehlshaber die weitere Entscheidung darüber treffen könnten. Vgl. Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 370.

3. Tiefpunkt, Vereinnahmung und Identitätsverlust

3.1 Direkte Einflussnahmen 3.1.1 Erziehungsstreit und soziale Spannungen Nach der Niederlage von Gotha und der Verhaftung Johann Friedrichs des Mittleren stand Herzogin Elisabeth mit ihren Söhnen vor dem Nichts. Als die Familie im April 1567 den Grimmenstein in Richtung Weimar verließ, verlor sie alle finanziellen und ökonomischen Lebensgrundlagen. Zwar regelte ein Wittumsvertrag ihren Unterhalt. Allerdings galt dieser nur beim Tode des Ehemanns. Die Folgen der Grumbachschen Händel blieben unberücksichtigt. Zudem verlor Johann Friedrich das Sorgerecht über Frau und Söhne, welches als nächster Agnat Herzog Johann Wilhelm wahrnahm.1 In dieser ungeklärten Situation übernahm Kurfürst Friedrich III. die Initiative. Zunächst befahl er der Tochter, in Weimar eine neue Hofhaltung aufzubauen.2 Sogleich nahm er mit Johann Wilhelm Verhandlungen über den künftigen finanziellen Unterhalt auf. Die Beratungen stockten aber bei der Frage des Wohnsitzes und der Höhe der pekuniären Unterstützung.3 Johann Wilhelm verband letzteren Streitpunkt mit der künftigen Erziehung der Söhne. Um Kosten zu sparen, schlug er vor, die beiden ältesten Kinder gemeinsam mit seinem Sohn, Friedrich Wilhelm I., in Weimar erziehen zu lassen. Johann Friedrich, der mit seiner Frau bereits seit Mai 1567 in brieflichen Kontakt stand, erkannte dahinter sofort die Absicht, seine Söhne unter flacianischen Einfluss zu bringen.4 1 StACo, Urk LA A 71, Wittumsvertrag Herzogin Elisabeths, 15.02.1560; Götz: Elisabeth, S. 26−28. Im Wittumsvertrag verpflichtete sich Johann Wilhelm, die Rechte seiner Schwägerin, bei Ableben Johann Friedrichs, wahrzunehmen. Über die weiteren Bestimmungen des Vertrages berichtet Götz ausführlich. 2 StACo, LA A 2071, fol. 16, Friedrich III. an Caspar von Gottfahrt, Heidelberg, 16.05.1567. 3 ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. P, Abt. M, Nr. 1, fol. 5−77, Korrespondenz zwischen Friedrich  III. und Johann Wilhelm, 1567/68; StACo, LA A 2148, fol. 25, Elisabeth an Johann Friedrich, Weimar, 09.07.1567; ebd., fol. 26, Elisabeth an Johann Friedrich, Weimar, 20.07.1567. 4 Zu den ersten Briefen Elisabeths vgl. StACo, LA A 2148, fol. 1−8, 14 f., 18, abgedr. bei Götz: Elisabeth, S. 48−51; ebd., fol. 28, Elisabeth an Johann Friedrich, Weimar, 11.10.1568; ebd., fol. 45, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 03.11.1568. Wörtlich schrieb er:

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Gegenüber Elisabeth äußerte er, dass es für ihn deshalb ausgeschlossen sei, seine Kinder zur Erziehung dorthin zu schicken. Auch kritisierte er die angeblichen antiautoritären Erziehungsmethoden seines Bruders, die seinem Neffen und seinen Söhnen zum Nachteil gereichen würden.5 Allzu deutlich zeigt sich hier die zentrale Bedeutung des Religionsunterrichts. Dabei ging es um die „theologische und konfessionspolitische Orientierung der nächsten Fürstengeneration“, die erneut das Amt des „summus episcopus“ übernehmen sollte.6 Mit der Beeinflussung der religiösen Erziehung Casimirs wollte Johann Wilhelm seine Vorstellungen von der „wahren“ Lehre Luthers langfristig durchsetzen. Durch die räumliche Nähe wäre es für ihn auch möglich gewesen, die Familie seines Bruders zu kontrollieren und etwaige politische Ambitionen der Neffen von vornherein zu unterbinden. Die Legitimation dazu sah Johann Wilhelm in dem kaiserlichen Befehl, den Herrschaftsanteil Johann Friedrichs zu übernehmen. Die gemeinsame Residenz Weimar symbolisierte somit die politische und religiöse Vereinnahmung Elisabeths und ihrer Söhne sowie deren hierarchischen Abstieg auf die dritte Stelle hinter den Nachkommen Johann Wilhelms im wettinischen Familienverband. Die „gottgewollte Ordnung“ wurde so, für jedermann sichtbar, einmal mehr aufgehoben. Anders reagierte in dieser Phase Friedrich III . Ende 1567 bot er an, nach einem geeigneten Präzeptor für seine Enkel zu suchen.7 Als Johann Friedrich der Mittlere in einem Brief auch diese Offerte wegen des möglichen calvinistischen Einflusses ablehnte, unterstützte der Kurfürst fortan die Bestrebungen der Familie nach ökonomischer Unabhängigkeit. Dies beinhaltete den Erhalt des sozialen Umfeldes und die Erziehung der Söhne durch ihre Eltern. Friedrich „So wurden sie zum drithen zu den Flacianischen lugenern und unkristen gethan, das mir den bedencklichen sein wolthe.“ Mit Christoph Irenäus übte einer der eifrigsten „Flacianer“ das Hofpredigeramt in Weimar aus. Vgl. Junghans: Irenäus, S. 178. 5 StACo, LA A 2149, fol. 45, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 03.11.1568. Nichtsdestotrotz wurden die Kinder während eines Aufenthalts von Elisabeth in Heidelberg gemeinsam mit ihren Vettern unterrichtet. Vgl. ThHStAW, Weimarer Archiv − Fürstenhaus A 198, fol. 278, Gemeinsame Lateinische Schreibübung der Kinder Johann Friedrichs und Johann Wilhelms, o. O., 17.11.1570. 6 Gehrt: Erziehung Casimirs, S. 6. 7 StACo, LA A 10.487, fol. 75, Friedrich III. an Elisabeth, Heidelberg, 03.11.1567, abgedr. bei Kluckhohn: Briefe Friedrichs Bd. 2, S. 120 f. Friedrich schrieb: „das junge fursten schulmeyster haben, die sie vnder weysen vnd lernen dasjenig, so furstlichen personen zu lernen vnd zu wissen am nötigsten ist vnd dz sie auch eynen vnderschidt vnd bescheydenheyt wissen zu halten mit der straf, dan manches kindt lest sich mit worten ziehen, da bey den andern die ruth auch nichts fruchtet.“

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III . änderte aber 1570 seine Meinung, als er erkannte, dass der Streit um die theologische Erziehung die Ausbildung der Enkel als Ganzes gefährdete. Doch in diesem Moment erklärte Herzogin Elisabeth, dass dieses religiöse Problem bereits gelöst sei. Dies mag kaum den Tatsachen entsprochen haben, denn Johann Friedrich erlaubte ihr erst nach 1570, mit der Suche nach einem geeigneten Präzeptor zu beginnen. Er selbst griff über Vertraute in das Geschehen ein.8 Bis dahin blieben aber die Eltern nicht untätig. Seit September 1568 übernahm ein Diener die ersten Lektionen im Lesen und Schreiben. Johann Friedrich der Mittlere duldete diese untypische Erziehung aus mehreren Gründen: Es fehlten zunächst die finanziellen Mittel; dann spielten die Begehrlichkeiten der Verwandten, Einfluss auf die religiöse Ausbildung zu nehmen, eine Rolle; und schließlich gab es zwischen den Söhnen und dem Diener eine emotionale Bindung. Normalerweise übernahm eine Hofmeisterin diese Übungen zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr. Wegen des Alters seiner Söhne lehnte Johann Friedrich weitere Erziehungsmaßnahmen aber ab. Er orientierte sich dabei an den damals üblichen Erziehungsansichten.9 Über die theologische Ausbildung erfahren wir wenig, außer dass sie sich inhaltlich auf die Lehre Luthers bezog. Den Unterricht erteilte normalerweise ein Pfarrer. Hier versuchte Johann Friedrich, die theologischen Spannungen mit seinem Bruder abzubauen, indem er mit ihm in einen wissenschaftlichen Diskurs über den „Flacianismus“ trat. Die Kritikpunkte des Herzogs stießen beim Adressaten aber auf kein Gehör, sodass Johann Friedrichs Abneigung gegen die „Flacianer“ noch verstärkt wurde. Deutlich wurde dies durch die häufige Verwendung des negativ gefärbten Kampfbegriffs „Flacianer“, wodurch er sich von den Erziehungsgrundsätzen seines Bruders abzugrenzen versuchte.10 Da Johann Friedrich aber gleichzeitig Herzogin 8 StACo, LA A 10.487, fol. 116, Friedrich  III. an Elisabeth, Heidelberg, 14.03.1570. Darin schreibt Friedrich: „sei e l vor gedancken haben, es sey dan die beysorg der Flaccianer halb, dz er sich besorgt, es möcht jnen ayn solcher zugeordnet werden, aber jch will hoffen, du werdest solches wol wissen zuvorkommen.“ Ebd., fol. 117−124, Korrespondenz zwischen Friedrich III. und Elisabeth, April−August 1570; StACo, LA A 2152, fol. 9v, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 11.03.1571. Heyl: Kindheit, S. 52. 9 StACo, LA A 2149, fol. 22v, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 15.09.1568 (Konz.). Dort hieß es: „dew eyl (= dieweil) sie Hansen liebhaben, lernen sies viel leichther von im, das innen hernacher vil seurer ankumpt.“ Ebd., fol. 45, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 03.11.1568. Darin schreibt der Herzog: „vnd vber das, waß kunnen sie doch noch zur zeit von 5. und 4. jaren lernen und studiren. Darumb hastu wol gethan, das Du sie nicht von dir hast gelassen.“ Zum gleichen Schluss kommt auch Bender: Prinzenreise, S. 43; Heyl: Kindheit, S. 23. 10 FB Gotha, Chart A 40, fol. 17v–21r, 27, 34, Johann Friedrich an Johann Wilhelm, Wiener

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Elisabeth anwies, den Anordnungen Johann Wilhelms Folge zu leisten, geriet diese in eine schwierige Situation. Sie wendete sich in ihrer Not oft an ihren Vater.11 Die Lösung dieses Problems lag jedoch in den Verhandlungen über den finanziellen Unterhalt. Der Streit um Geld, Religion und Erziehung belastete das Zusammenleben beider Familien in Weimar. Der inhaftierte Herzog sah sich daher gezwungen, Kaiser Maximilian II. einzuschalten und sich über die Behandlung seiner Familie zu beschweren. Zwar beschloss der 1567 zu Erfurt abgehaltene Reichskreistag deren finanzielle Unterstützung. Doch Johann Wilhelm kam diesem Entschluss nur unzureichend nach, was der Kaiser in einen Brief an ihn kritisierte.12 Der Herzog gab als Begründung finanzielle Probleme an, welche ihn daran hinderten, für die Familie seines Bruders zu sorgen. Auf der anderen Seite warf er Elisabeth eine üppige Hofhaltung vor, was die Herzogin vehement bestritt und widerlegte.13 Im Gegenzug beklagte sich Elisabeth über das negativ wirkende Neustadt, 08.03.1571; ebd., fol. 36v–42r, Johann Wilhelm an Johann Friedrich, Weimar, Juni 1571; Gehrt: Erziehung Casimirs, S. 9; Gehrt: Konfessionspolitik, S. 399; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 16, 126. 11 StACo, LA A 2150, fol. 27 f., Elisabeth an Johann Friedrich, Weimar, 15.09.1569. Darin schreibt sie: „Was myr e l (= euer liebden) raden, wjl jch dun, so jch doch hynder hertzog Wilhelm nychs dun darf, was dje kjnder anlangt, so denk jch doch, der her jst myr nheer den der schwager.“ Heyl: Kindheit, S. 19. 12 Wörtlich schrieb der Kaiser: „Uns hat der gefangene Herzog Johann Friedrich von Sachsen mit merklicher und höchster Beschwerde zu erkennen geben lassen, daß seine Gemahlin große Armut und Mangel leiden müsse. Auch habe er von anderen Orten her glaublich gehört, wie sich oft zutrage, daß unsere liebe Mume und Fürstin nicht zehn Taler, ja auch weniger in barem Gelde unter den Händen habe. Gleichwohl sei auf dem jüngsten Versammlungstag zu Erfurt die Unterhaltung der Herzogin und ihrer Kinder bestimmt worden. Es versehe sich also der Kaiser zum Herzog, er werde der Herzogin und ihren Kindern nicht allein gebührliche und ihrem fürstlichen Stande angemessene Unterhaltung verordne, sondern auch ihrer Liebden an einem ziemlichen baren Gelde zu der täglichen Ausgabe und Notdurft keinen Mangel leiden lassen wolle.“ Maximilian II. an Johann Wilhelm, Wien, 18.01.1568, zit. Götz: Elisabeth, S. 55. Der Beschluss zur finanziellen Unterstützung findet sich unter § 17 des Reichskreistagsabschiedes. Vgl. StACo, LA A 2047, Reichskreistagsabschied, Erfurt 1567, abgedr. in Senckenberg/Schmauss: Reichs-Abschiede Bd.  III, S. 263−275, hier S. 266. 13 Götz: Elisabeth, S. 55, 57 f. Johann Wilhelm warf Elisabeth vor, sie würde große Feste veranstalten und einen Marstall mit 50 Pferden unterhalten. So würde ihm das ausschweifende Leben der Herzogin 34.000 Gulden kosten. Zudem hätte ihm die Herrichtung des Schlosses Dornburg an der Saale, welches Elisabeth als Wohnsitz ablehnte, 6000 bis 7000 Gulden gekostet. Zudem erklärte er, dass durch Schuldzinsen, Leibgedingsansprüche und Pensionen, die nur zum Teil aus den Einnahmen des von ihm verwalteten brüderlichen Anteils aufge-

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religiöse Klima am Hof, was nach ihrer Meinung durch die „Flacianer“ verursacht wurde. Zudem suchte sie für sich eine Aufgabe, da ihr nicht einmal eine eigene Hofhaltung zur Verfügung stand.14 Johann Wilhelm wies ihr aus Kostengründen sein Personal zu. Das wollte Elisabeth ändern und damit wenigstens eine gewisse Unabhängigkeit bewahren. Ihrem Vater gelang es, die Forderung durchzusetzen. Der Familie wurde der Zollhof in Eisenach als neue Residenz zugeteilt. Der Umzug erfolgte mit Abschluss des zwischen Friedrich III. und Johann Wilhelm ausgehandelten Unterhaltsvertrages im September 1568.15 Dabei zeichnete sich in der Erziehungsfrage eine Lösung ab. Die Söhne durften bei der Mutter bleiben. Sie musste sich aber verpflichten, einen Präzeptor zu bestellen. Als Kompromiss durfte Johann Wilhelm einen Hofmeister einsetzen, der die Aufgabe hatte, die Söhne in den Sonntagsgottesdienst zu schicken, sie über die Predigt abzufragen, Gottesfurcht, Gebet und fürstliche Tugenden zu lehren, sowie ihnen den lutherischen Katechismus nahezubringen.16 Der geforderte Präzeptor ließ aber auf sich warten, wie ein Brief Friedrichs III. an Johann Wilhelm belegt und wie aus der für 1569 dokumentierten Bewerbung Wolfgang Wonnas, dem Hauslehrer der Edelknaben am Weimarer Hof, hervorgeht. Aufgrund der theologischen Spannungen war aber an eine Anstellung Wonnas nicht zu denken.17 Da sich in der Lehrerfrage nichts tat, bot Johann Wilhelm erneut an, die Söhne nach Weimar zu bringen und sie dort mit seinen Kindern unterrichten zu lassen. Der Herzog sah darin wieder die Möglichkeit einer politischen und konfessionellen Beeinflussung seiner Neffen. Johann Friedrich stellte sich dem entgegen.18 Der fehlende Präzeptor barg aber tatsächlich die Gefahr, dass die Söhne an einen anderen Ort zur Erziehung geschickt werden könnten. wendet werden konnten, eine finanzielle Unterstützung für Elisabeth und ihre Kinder kaum möglich gewesen sei. 14 StACo, LA A 2149, fol. 33, Elisabeth an Johann Friedrich, Weimar, 31.10.1568. 15 StACo, LA A 2094, fol. 94−96, Ratifizierungsurkunde des Unterhaltvertrages vom 07.09.1568. 16 StACo, LA A 2094, fol. 96, Ratifizierungsurkunde des Unterhaltsvertrages vom 07.09.1568; ebd., fol. 110, Instruktion für Hofmeister Caspar von Gottfahrt, Weimar, 15.11.1568. 17 ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. P, Abt. M, Nr. 1, fol. 107r−108v, Friedrich III. an Johann Wilhelm, Heidelberg, 11.12.1568; StACo, LA A 2103, fol. 5, Wonna an Hofmeister von Gottfahrt, Weimar, 06.04.1569. Wonna wurde später Präzeptor bei Casimirs Cousin, Johann von Weimar. Seine pädagogischen Fähigkeiten schienen aber nicht sehr ausgeprägt gewesen zu sein, da seine Erziehungsmethoden nicht zu greifen schienen. Vgl. Wülcker: Johann, S. 350 f. 18 StACo, LA A 2094, fol. 160, Johann Wilhelm an Friedrich III., Coburg, 24.10.1569; StACo, LA A 2106, fol. 42−44; StACo, LA A 2150, fol. 37v, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 22.10.1569.

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Herzogin Elisabeth versuchte daher, ihren Mann zu überzeugen, bald einen Lehrer für die Kinder einzustellen.19 Doch dieser bezweifelte, dass der Zollhof die räumlichen Kapazitäten für eine prinzliche Hofhaltung besaß. Außerdem war ihm klar, dass eine separate Erziehung seiner Kinder mit derart hohen Kosten verbunden sein würde, dass nur eine Zusammenlegung mit der Ausbildung der Söhne Johann Wilhelms rentabel sein konnte.20 Das war aber nicht in seinem Interesse. Der Herzog empfahl daher seiner Gattin, von der Forderung nach einem Lehrer abzurücken und sich in Hoffnung auf eine bessere finanzielle Ausstattung in Geduld zu üben. An dem Ziel einer qualitativ guten Erziehung seiner Söhne ließ er dabei keine Zweifel. Diese Taktik zahlte sich zum Nachteil Johann Wilhelms aber aus.21 Die Erziehungsfrage der Söhne transformierte sich nach 1567 über die theologischen Auseinandersetzungen innerhalb des Luthertums zu einer machtpolitischen Frage, aus welcher in erster Linie Johann Wilhelm seinen Nutzen ziehen wollte. Friedrich III. hingegen agierte eher zum Wohle seiner Enkel und hielt sich in der Erziehungsfrage solange zurück, bis die politischen Umstände und die Gefahr von Ausbildungsdefiziten eine Entscheidung erforderten. Der kurpfälzische Großvater stand dabei der Familie näher als der weimarische Onkel, wie auch die Unterhaltsverhandlungen für Herzogin Elisabeth und ihre Söhne zeigten. Johann Friedrich der Mittlere praktizierte als dritte Partei eine Verzögerungstaktik und ermahnte, dass die Kinder nicht zu früh in die Hände eines Präzeptors gegeben werden sollten. Sein Ziel war die Aufrechterhaltung der Autonomie in Erziehungsfragen, womit seine religiösen Ansichten durchgesetzt werden konnten. So gestaltete sich die Ausbildung zu jener Zeit als Provisorium, in welchem ein Diener als Lehrer fungierte, der vom anspruchsvollen Vater geduldet wurde. Die Identitätsverschiebung zum „Flacianismus“ scheiterte. Die daraus resultierenden sozialen Spannungen innerhalb der Ernestiner 19 Diese Angst geht aus ihren Briefen an ihren Ehemann hervor. Siehe dazu: StACo, LA A 2150, fol. 43, Elisabeth an Johann Friedrich, Eisenach, 12.11.1569; ebd., fol. 27, Elisabeth an Johann Friedrich, Eisenach, 15.9.1569; StACo, LA A 2151, fol. 2 f., Elisabeth an Johann Friedrich, Eisenach, 02.01.1570; StACo, LA A 2106, fol. 26, Elisabeth an Johann Wilhelm, Eisenach, 26.09.1569. 20 StACo, LA   A 2094, fol.  94−96, Ratifizierungsurkunde des Unterhaltsvertrages vom 07.09.1568; StACo, LA A 2149, fol. 33, Elisabeth an Johann Friedrich, Weimar, 31.10.1568; Heyl: Kindheit, S. 26. Der Zollhof wurde unter Kurfürst Friedrich Weisen 1507 zur Residenz ausgebaut und 1742 teilweise abgerissen. Erhalten hat sich u. a. das sogenannte Residenzhaus. Zur Geschichte des Zollhofs vgl. Peter: Residenz zu Eisenach, S. 4−11. 21 StACo, LA A 2106, fol. 55−60, Unterhaltsvertrag, 28.02.1570; Schulze: Elisabeth, S. 110 f.

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erreichten dadurch ihren Höhepunkt. Sie waren in der gemeinsamen Weimarer Residenz geradezu greifbar. Herzogin Elisabeth musste dabei einen sozialen und hierarchischen Abstieg vom Haupt des Gothaer Hofes hinab zur Bittstellerin ohne Beschäftigung verarbeiten. Sie fand sich aber mit ihrem Schicksal nicht ab und bekam mit Unterstützung ihres Vaters ihre eigene Hofhaltung in Eisenach zugewiesen, womit sie wenigstens etwas an fürstlicher Würde und Prestige zurückgewinnen konnte. Für Casimir bedeutete dies den Beginn für eine im Vergleich zu anderen Prinzen bescheidene Jugend. 3.1.2 Erziehungsdefizite und Weichenstellung In Eisenach gelang es Herzogin Elisabeth eine Hofhaltung aufzubauen, die zumindest gehobenen bürgerlichen Ansprüchen entsprach. 1568 bestand ihr Hof aus 26 Personen, von denen sechs den Prinzen als Gesinde zugeteilt waren. Zusammen mit Johann Friedrich dem Mittleren schuf sie damit noch einmal für ihre Söhne eine vertraute Umgebung und legte mit ihm die Erziehungsschwerpunkte fest. Sie fand auch 1571 einen nach ihrer Meinung geeigneten Lehrer. Es handelte sich dabei um den Eisenacher Diakon Georg Rhönn.22 Johann Friedrich stand ihm jedoch skeptisch gegenüber. Er zweifelte an seiner pädagogischen Eignung, vermutete in ihm einen „Flacianer“ und überhaupt neigte er bei Thüringern zu negativen Stereotypen. Nach einem Jahr sah er sich in seinen Vorbehalten bestätigt, da er keinerlei Lernfortschritte bei seinen Söhnen feststellen konnte. Die Überprüfung der Tätigkeit eines Präzeptors durch den Fürsten war der Normalfall. Im Falle Casimirs und seiner Brüder erfolgte die Kontrolle durch den Vater allein über die Versendung von Schreibproben.23 22 ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. P, Abt. M, Nr. 2, Anschlag wegen der Kleidung des Hofgesindes, 1568; StACo, LA A 2075, fol. 31v, Sekretär Joachim Gottich an Johann Friedrich, Eisenach, 01.05.1571; Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte: Pfarrerbuch Bd. 3, S. 354. Rhönn wurde in Eichrodt als Sohn eines Tuchmachers geboren. Nach dem Besuch der Lateinschule in Gotha und dem Studium der Theologie an den Universitäten Erfurt und Jena ging er als Diakon nach Eisenach. 23 StACo, LA A 2152, fol. 29, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 14.06.1571; ebd., fol. 43, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 06.08.1571; StACo, LA A 2153, fol. 21, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 14.05.1572. Darin heißt es: „Unßer Kinder betreffende, das ßi wol lernen, hor ich gerne, ich hat auch darbey des Elthesten Handschrifdt gesehen seind zimlichen man wird un ein ander Precepthor haben mussen.“ StACo, LA A 2188, Schreibübungen 1572. In einem Brief an den Sekretär Gottich schrieb

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Elisabeth setzte sich zunächst noch für Rhönn ein. Als aber die Kritik immer lauter wurde, suchte sie auf Wunsch ihres Mannes einen neuen Präzeptor.24 Zu einer Neubestallung kam es aber nicht mehr. Rhönns Nachfolger, Sebastian Leonhart, fand schließlich bei seinem Amtsantritt 1573 einen „unordentliche[n] Processus“, also einen ungenügenden Fortschritt in der Prinzenerziehung vor.25 Auch die Erziehung ihrer Kinder durch den Hofmeister stieß bei Elisabeth zunehmend auf Kritik. Zu dessen weiteren Aufgaben gehörte es, die Söhne zur perfekten Körperhaltung und Waffenführung anzuhalten, ihnen das Reiten und Tanzen beizubringen sowie ihre musischen Talente zu fördern. Auf Drängen Elisabeths entließ Herzog Johann Wilhelm diesen Hofmeister 1570.26 Der Nachfolger, Hans Bruno von Pöllnitz, nahm zwar seine Aufgabe als Erzieher deutlich ernster. Aber auch er hatte wie sein Vorgänger die Verantwortung für die gesamte Hofhaltung inne, worunter die Prinzenerziehung leiden musste. Das erkannte Herzogin Elisabeth. Ihre Bitte, einen separaten Hofmeister für die Söhne anzustellen, lehnte Johann Friedrich wiederum aus finanziellen Gründen ab.27 Elisabeth gelang es dennoch, für sich und ihre Kinder ein Refugium zu schaffen, obwohl es sich bei dem Zollhof im Vergleich zu anderen Hofhaltungen um eine sehr kleine Residenz handelte. Dies war der finanziellen Elisabeth: „mih dunckt, sie kunden keinen besern man kriegen noh zur zeit, den den sie itz haben, aber ich weis niht, was der gutte frome man den leutten gethan hat, das man in nit gern bey meynen kindern hatt.“ Vgl. StACo, LA A 10.529, fol. 104 f., Eisenberg, 27.05.1572. Der Hinweis auf die Versendung von Schreibproben findet sich bei StACo, LA A 2152, fol. 37, Elisabeth an Johann Friedrich, Eisenach, 22.07.1571; Bender: Prinzenreise, S. 45. 24 StACo, LA A 2103, fol. 19, Johann Stößel an Joachim Gottich, Pirna, 02.05.1572. Elisabeth schrieb über Rhönn in einem Brief an ihren Mann: „ehr lerndt sye warljch gar flejsjg, ehr saget negst wjder mych, ehr wold, das dje kjnder alles kunden, wje ehr ghern sheg, so hertzlichen gut mejnet ehrs myt den kjndern.“ Vgl. StACo, LA A 2152, fol. 37, Elisabeth an Johann Friedrich, Eisenach, 22.07.1571. 25 StACo, LA A 2077, fol. 1, Dorothea Susanna von Weimar an Elisabeth, Weimar, 03.01.1573; StACo, LA A 10.532, fol. 14 f., Rhönn an die Eltern, Coburg, 01.02.1573; *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 30v. Genauere Angaben macht Leonhart nicht. Rhönn machte nach seinem Ausscheiden indes Karriere als Superintendent in Eisenach. Vgl. Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte: Pfarrerbuch Bd. 3, S. 354. 26 StACo, LA A 10.491, fol. 20 f., Elisabeth an Friedrich  III., Eisenach, 29.08.1570 (Kopie). Anscheinend hat sich Gottfahrt nur wenig um die Familie gekümmert. Seine Anwesenheit in Eisenach ist lediglich während der Heidelberger Reise der Familie im Jahre 1569 nachzuweisen. Vgl. StACo, LA A 10.505, fol. 8 f., Elisabeth an Johann Wilhelm, Heidelberg, 15.04.1569; Bender: Prinzenreise, S. 45. 27 StACo, LA A 2152, fol. 18 f., Elisabeth an Johann Friedrich, Eisenberg, 24.05.1571; ebd., fol. 29v, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 14.06.1571.

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Situation geschuldet. Auf der anderen Seite wirkt es so, dass der Zollhof nur als Übergangslösung dienen sollte. Die Tatsache, dass das Schicksal der Familie auf die reichspolitische Tagesordnung kam, verstärkt diesen Eindruck. Vieles war politisch noch im Fluss, sodass Elisabeth auf eine Verbesserung der Lebensverhältnisse hoffen konnte. 1570 entschied der Reichstag, dass die Kinder das väterliche Territorium auf Basis einer Landesteilung zurückerhalten sollten. Das Gremium setzte auch für die unmündigen Söhne eine Vormundschaft ein, die aus den drei weltlichen Kurfürsten und Herzog Johann Wilhelm bestand.28 Die Vormünder hielten sich aber zunächst zurück, sodass Johann Friedrichs Einfluss, mit der Protektion Friedrichs III., ungehindert fortbestand. Das Jahr 1572 war durch fundamentale Umwälzungen im familiären und politischen Bereich gekennzeichnet, die Casimirs Leben nachhaltig beeinflussen sollten. Dies begann mit dem Wegzug Herzogin Elisabeths nach Österreich. Schon kurz nach dem Ende der Grumbachschen Händel wollte sie ihren Mann besuchen. Sie vermisste den geistlichen Zuspruch und Trost sowie die „eheliche beiwohnung“.29 Eine erste Bittschrift an Kaiser Maximilian II . schrieb sie im Juni 1567, der noch viele folgen sollten. 1572 erlaubte ihr das Reichsoberhaupt erstmals den Besuch für einen Zeitraum von einem Monat.30 Von einer angedachten Mitnahme der Söhne rieten ihr aber Johann Friedrich und Friedrich III. ab. Auch hätten die Vormünder hierfür die Erlaubnis geben müssen, was sie wohl nicht getan hätten. Die Gefahr des möglichen Kindesentzugs durch den Vater stand dabei als Sorge im Raum. Stattdessen sollten die Söhne während ihrer Abwesenheit den Vormündern und dem vorhandenen Hofstaat anvertraut werden.31 Elisabeth folgte dem Rat und bat Johann Wilhelm und Kur28 Reichsabschied des Reichstags von Speyer, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 2, S. 1201−1270, vor allem S. 1218−1222; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 19. 29 StACo, LA A 2148, fol. 46, Elisabeth an Johann Friedrich, Weimar, 04.12.1567; StACo, LA A 2075, fol. 67−69, Elisabeth an Kurfürst August, Eisenberg, 13.11.1571; StACo, LA A 2093, fol. 27 f., Elisabeth an Maximilian II., o.D. [1572]; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 59. 30 StACo, LA A 2148, fol. 16, Elisabeth an Maximilian II., Weimar, 16.06.1567; StACo, LA A 2153, fol. 13, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 09.04.1572 (Konz.). 31 StACo, LA A 10.487, fol. 137, Friedrich  III. an Elisabeth, Heidelberg, 24.05.1572; StACo, LA A 2153, fol. 22 f., Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 16.04.1572. Dieser Sachverhalt ist bisher umstritten. Es galt zu klären, ob die Vormünder die Reise der Söhne nach Wiener Neustadt abgelehnt hätten, so wie Götz (S. 66) und Schulze (S. 150) es annehmen. Tatsächlich gibt es keine Hinweise darauf, dass die Vormünder gefragt worden sind. Johann Friedrich schrieb lediglich an seine Frau, sie solle bei einer ablehnenden Haltung auf die Mitnahme nicht bestehen.

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fürst August darum, sich um die Kinder zu kümmern. Beide sagten dies zu.32 Daraufhin trat Elisabeth ihre Reise im Juni 1572 an. Dieser Umstand löst bis heute in der Forschung Kontroversen aus. Verließ die Herzogin bewusst ihre Söhne, um für immer bei ihrem Ehemann zu bleiben? Die Rezeption schwankte dabei zwischen dem Begriff der „Rabenmutter“ bis hin zu einer heiligen, sich aufopfernden Samariterin gegenüber ihrem Mann.33 Die Quellen geben dazu ein eindeutiges Bild. Elisabeth hatte bei ihrer Abreise vor, nur für einen bestimmten Zeitraum bei ihrem Mann zu bleiben. Davon gingen auch die Verhandlungsführer in Erfurt aus, wo zeitgleich über die Teilung des Herzogtums Sachsen auf Basis des Reichstagsbeschlusses von 1570 verhandelt wurde. Elisabeth sollte neben ihren Kindern den Wohnsitz in Coburg nehmen. Noch in der Bestallung des Statthalters Barby vom Dezember 1572 wird darauf verwiesen, dass dieser während der Abwesenheit der Herzogin ihr Gemach in Schloss Ehrenburg beziehen könne. Käme sie aus Österreich zurück, so würden ihm die Vormünder einen finanziellen Unterhalt für eine Herberge in der Stadt zur Verfügung stellen. Auch wurde die Hofhaltung Elisabeths erst nach dem 15. Juni 1573 auf Beschluss der Vormundschaftsräte aufgelöst. Zuvor erwirkten sie auf Wunsch der Herzogin beim Kaiser die Genehmigung, in Wiener Neustadt, wo ihr Mann in der Kustodie lebte, bleiben zu dürfen. Die Entscheidung dazu traf sie kurzfristig und vor Ort, allerdings mit Rücksprache und nicht leichtfertig.34 Offensichtlich schockierte sie der psychische Zustand ihres Mannes derart, dass sie beschloss, bei ihm zu bleiben. Denn auch Johann Friedrich sehnte sich nach „ehelicher Beiwohnung“ und Zweisamkeit. Hier kam eine gewisse Isolation des Herzogs zum Tragen. Daneben wies Kruse darauf 32 ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. P, Abt. M, Nr. 5, fol. 71, Elisabeth an Johann Wilhelm, Eisenberg, 04.06.1572; StACo, LA A 10.508, fol. 3, Kurfürst August an Elisabeth, Dresden, 12.06.1572; StACo, LA A 10.505, fol. 175 f., Johann Wilhelm an Elisabeth, Weimar, 05.06.1572; StACo, LA A 2153, fol. 42, Elisabeth an Johann Friedrich, Amberg, 21.06.1572. Elisabeth reiste mit elf Personen nach Wiener Neustadt. Vgl. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 87 f. 33 Kruse: Epitaph Teil 1, S. 14. 34 StACo, LA A 10.530, fol. 112v, Gottich an Johann Friedrich, Erfurt, 27.08.1572; StACo, LA A 2324, Urk. 1, Bestallung u. Instruktion Graf Barbys, Coburg, 12.12.1572; StACo, LA B 11, fol. 1, Kaiserliche Resolution, Wien, 13.02.1573 (Kopie); StACo, LA A 10.469, fol. 11, Anna Elisabeth von Hessen-Rheinfels an Elisabeth, Rheinfels, 05.04.1573, StACo, LA A 10.487, fol. 140−142, Friedrich III. an Elisabeth, Heidelberg, 14.04.1573; StACo, Urk LA C 13, Weimarer Abschied, 15.06.1573, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 176; Ortloff, Grumbachische Händel Bd. 4, S. 460. Kustodie (lat. custodia = ein überwachter Bereich), beschreibt die Lebensbedingungen Johann Friedrichs des Mittleren nach dessen Gefangennahme. Der Begriff wurde von Joachim Kruse eingeführt.

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hin, dass Elisabeth nur an der Seite ihres Mannes ihren sozialen Rang und ihre Stellung erhalten konnte. Durch die Vormundschaft und den künftigen Aufbau des Fürstentums Coburg mit einem Statthalter an der Spitze war diese Position infrage gestellt. Ihr muss klar gewesen sein, dass sie fortan nur wenig Einfluss auf die Erziehung ihrer Söhne ausüben konnte.35 Eine etwaige Gefühlskälte gegenüber ihren Kindern lässt sich nicht nachweisen. Als die Idee aufkam, im Gegenzug zu einer Freilassung Johann Friedrichs den Prinzen Friedrich als Unterpfand zur Erziehung an den Dresdner Hof zu schicken, lehnte sie dies ab. Johann Friedrich zeigte sich in der Frage gesprächsbereiter, sah aber eher Casimir oder Johann Ernst in Dresden.36 Die Entscheidung Elisabeths wird heute unter dem Eindruck des zweiten großen Schicksalsschlages innerhalb der Familie bewertet, nämlich dem Tod des Prinzen Friedrich. Diese tragische Entwicklung ging auf das Jahr 1571 zurück. In Eisenach brach damals eine hochansteckende Seuche aus, sodass die Familie auf die Wartburg flüchtete. Als es auch dort zu unsicher wurde, wies ihnen Herzog Johann Wilhelm das Schloss Eisenberg in Ostthüringen als Wohnsitz zu.37 Dort herrschten katastrophale hygienische Zustände. Bereits im Februar 1572 schrieb der Sekretär Gottich an Elisabeth, sie möge ihren Vater bitten, wegen einer anderen Residenz, bspw. Coburg, bei Johann Wilhelm zu intervenieren, da sie sonst „mit gedoppeltem unrath haußhalten musten, welches das durch diesem wegk geendert werden kondte.“38

35 StACo, LA A 2073, fol. 32 f., Johann Friedrich an Maximilian II., Wiener Neustadt, 20.05.1569 (Konz.); Kruse: Epitaph Teil 1, S. 14. Ihrer Schwester Dorothea Susanna ereilte nach dem Tod ihres Mannes Johann Wilhelm 1573 das gleiche Schicksal. Hier versuchte die Herzogin noch religiösen und politischen Einfluss auf die Erziehung ihres Sohnes Friedrich Wilhelm zu nehmen, was vom Vormund Kurfürst August unterbunden wurde. Der Widerstand Dorothea Susannas war derart stark, dass sie schließlich aus Weimar abgeschoben wurde. Vgl. Gehrt: Konfessionspolitik, S. 450−454. 36 StACo, LA A 2153, fol. 8, Elisabeth an Johann Friedrich, Eisenberg, 11.02.1572; ebd., fol. 10, Elisabeth an Johann Friedrich, Eisenberg, 18.03.1572; ebd., fol. 22, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 16.04.1572. StACo, LA A 10.495, fol. 126v, Johann Friedrich an Friedrich III., Wiener Neustadt, 15.04.1572. 37 ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv Reg. P, Abt. M, Nr. 4, fol. 10−42, Korrespondenz zwischen Elisabeth und Johann Wilhelm wegen der Wohnsitzfrage, 1571; Heyl: Kindheit, S. 22; Schulze: Elisabeth, S. 149. Schloss Eisenberg wurde in der Regierungszeit Herzog Christians von Sachsen-Eisenberg (1677/80–1707) fast vollständig abgerissen und neu aufgebaut. Vgl. Stubenvoll: Schloß Christiansburg, S. 1−3. 38 StACo, LA A 10.529, fol. 22, Gottich an Elisabeth, Eisenberg, 21.02.1572.

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Die Vormünder und Elisabeth unterschätzten aber das Problem, da sie keinen Mediziner bestellten noch forderten.39 Auch sonst wurde wegen des Streits um das Arzthonorar, die medizinische Versorgung der Familie von den einzelnen Parteien vernachlässigt. Aufgrund der höheren Temperaturen während der Sommermonate wuchsen aber nun in Eisenberg die hygienischen Pro­bleme. Prinz Friedrich, dessen Gesundheit schon immer als labil galt, erkrankte dadurch ernsthaft. Die medizinische Versorgung wurde zusätzlich noch durch fehlende Arzneimittel im Schloss und der schwierigen Suche nach einem Arzt erschwert, die erst nach vier Tagen zum Erfolg führte.40 Dieser diagnostizierte bei Friedrich schließlich Fleckfieber.41 Die unsauberen Zustände hatten den Ausbruch der Krankheit gefördert. Am 4. August starb Prinz Friedrich an den Folgen der Erkrankung.42 Casimir erlebte den Tod seines Bruders hautnah mit. Hofmeister von Pöllnitz berichtete, dass die beiden Söhne, entgegen dem Willen von Mag. Rhönn, der sich vor einer Ansteckung fürchtete, am Totenbett ihres Bruders ausharrten.43 Dieses Ereignis besaß für Casimir eine fundamentale Auswirkung. Von diesem Zeitpunkt musste er die Hauptlast der Verantwortung für ein noch zu schaffendes, aber absehbares Fürstentum tragen. Der Achtjährige mag dies noch 39 StACo, LA A 2153, fol. 42, Elisabeth an Johann Friedrich, Amberg, 21.06.1572. Der bisherige Hofarzt, Dr. Jobst Fincelius, erhielt einen Ruf als Stadtphysikus nach Zwickau, wodurch die Stelle frei wurde. Vgl. StACo, LA A 10.532, fol. 51 f., Fincelius an Johann Friedrich, Zwickau, 25.06.1573. 40 ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. P, Abt. M, Nr. 1, fol. 107r−108v, Friedrich III. an Johann Wilhelm, Heidelberg, 11.12.1568; ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. P, Abt. M, Nr. 4, fol. 17r−26v, Korrespondenz zwischen Elisabeth und Johann Wilhelm wegen eines Arztes, 1571; ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. P, Abt. M, Nr. 7, fol. 2−19, Korrespondenz zwischen Elisabeth und Johann Wilhelm wegen der schlechten Gesundheit des Prinzen Friedrich, 1568; StACo, LA A 10.530, fol. 34−37, Pöllnitz an Elisabeth, Eisenberg, 24.07.1572. Vom Krankheitsverlauf des Prinzen Friedrich gibt es zahlreiche Berichte, u. a. von Georg Rhönn, den behandelten Ärzten und der Hofmeisterin Margarethe von Wolframsdorf. 41 StACo, LA A 10.530, fol. 47v, Ärzte an die Eltern, Eisenberg, 29.07.1572; StACo, LA A 2001, fol. 123, Ärzte an die Eltern, Eisenberg, 25.07.1572; ebd., fol. 136, Ärzte an die Eltern, Eisenberg, 05.08.1572. Bei Fleckfieber handelt es sich um eine Infektion mit Mikroorganismen, welche von Insekten und Parasiten bei heißem und subtropischem Klima auf Menschen übertragen werden. Im konkreten Fall kritisierten die Ärzte vor allem die Wohnbedingungen des Prinzen, von denen es hieß, dass diese „so eng, und vom gemach voller gestangk“ seien. 42 StACo, LA A 10.530, fol. 70−72, Pöllnitz an Elisabeth, Eisenberg, 09.08.1572; StACo, LA A 10.527, fol. 8, Wolframsdorf an Elisabeth, Eisenberg, 14.08.1572. 43 StACo, LA A 10.530, fol. 70−72, Pöllnitz an Elisabeth, Eisenberg, 09.08.1572.

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nicht realisiert haben. Sein Lebensweg als regierender Fürst war allerdings von da an vorgezeichnet. Für die Familie bedeutete der Tod Friedrichs einen schmerzhaften Verlust.44 Gerade er galt als Lieblingssohn seiner Eltern. Wohl aus einem Schockzustand heraus brachen sie den Kontakt zu ihren Söhnen für über ein Jahr ab. In dieser Zeit informierten Hofangestellte die Eltern über die Zustände in Eisenberg. Herzogin Elisabeth blieb in dieser Situation aber nicht völlig untätig. Für sie trugen die Vormünder und vor allem Johann Wilhelm die Verantwortung, der sich weigerte, die Söhne an einen anderen Ort unterzubringen. Elisabeth verlangte von ihnen brieflich, endlich ihre Fürsorgeverpflichtungen wahrzunehmen und die Kinder aus Eisenberg fortzubringen.45 Tatsächlich änderten die Vormünder ihre Politik und begannen damit, sich um das Wohl Casimirs und Johann Ernsts zu kümmern. Sie ordneten an, dass die Kinder bessere Wohnräume erhalten, die hygienische Zustände durch Wartung kontrolliert und Krankheiten sofort gemeldet werden sollten.46 Johann Wilhelm übte sich ebenfalls in Aktionismus, in dem er zusammen mit seiner Frau die Neffen besuchte, sich einen Überblick über die Situation machte und einen Entwässerungskanal zur Verbesserung der Hygiene in Auftrag gab. Herzogin Dorothea Susanna schickte zudem Medikamente.47 Auf der anderen Seite war es Johann Wilhelm, der immer noch den Umzug seiner Neffen verhinderte. Er betrachtete sie im politischen Ränkespiel als Faustpfand gegenüber den drei kurfürstlichen Mitvormündern. Zudem erkannte der Weimarer die Chance, nun endgültig die Erziehung der Kinder an sich reißen zu können. So mussten sie weiterhin in „den unsauberen Spelunken zu Eisenbergk“ ausharren, da die Kurfürsten auf eine Verlegung des

44 Magister Rhönn geht in seinem Kondolenzschreiben an die Eltern recht in der Annahme, wenn er schreibt, dass Friedrich ihr „libster vnnd frumbster sohnn“ gewesen sei. Siehe: StACo, LA A 10.530, fol. 109, Eisenberg, 25.08.1572. Wenig später haben die Eltern ein Bildnis ihres Sohnes in Auftrag gegeben, welches noch im gleichen Jahr in Wiener Neustadt in Empfang genommen wurde. Siehe: StACo, LA A 10.531, fol. 26, Pöllnitz an Elisabeth, Eisenberg, 14.10.1572; Heyl: Kindheit, S. 35 f. 45 StACo, LA A 2008, fol. 24, Elisabeth an die Vormundschaftsräte in Erfurt, Wiener Neustadt, 27.08.1572. 46 StACo, LA A 1004, fol. 7, Vormundschaftsräte an Pöllnitz, Erfurt, 11.08.1572. Dem voraus ging ein heute verschollener Beschwerdebrief des Hofmeisters, in welchem er über die katastrophalen Zustände berichtete. 47 StACo, LA A 10.531, zwischen fol. 6 und 7, Pöllnitz an Elisabeth, Eisenberg, 04.10.1572; StACo, LA A 10.507, fol. 129, Dorothea Susanna an Elisabeth, Weimar, 25.10.1572.

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Wohnsitzes nicht bestanden. Die Hofhaltung Casimirs war seit September 1572 reisebereit, durfte aber erst im Dezember Eisenberg verlassen.48 Die Unterzeichnung des Erfurter Teilungsvertrags löste die dritte grundlegende Zäsur in Casimirs Leben innerhalb eines Jahres aus. Der Vertrag regelte den künftigen Unterhalt der Söhne Johann Friedrichs des Mittleren. Diesen sollten sie fortan aus einem Teil des väterlichen Herzogtums bestreiten. Als Residenz wurde den Kindern Coburg zugewiesen. Casimir war von nun an Oberhaupt eines neu geschaffenen Fürstentums. Das stetige Herumziehen von einem Ort zum anderen, welches sich wohl nachteilig auf die Psyche des Herzogs ausgewirkt haben mag, fand damit ein endgültiges Ende. Damit löste sich auch die bisherige provisorische Hofhaltung Herzogin Elisabeths, die noch auf eine baldige Freilassung Johann Friedrichs des Mittleren ausgelegt war, auf. Eine Atmosphäre der Geborgenheit lässt sich in dieser Zeit am ehesten für den Aufenthalt im Eisenacher Zollhof annehmen. Die repräsentativen und erzieherischen Ansprüche konnte allerdings diese Hofhaltung nur teilweise erfüllen. Fundamentale Veränderungen stellten sich für die Familie erst 1572 ein. Dazu gehörte die Festlegung der Vormünder. Sie übernahmen nun endgültig die Erziehung der Kinder. Damit lösten sie die Eltern ab, die danach scheinbar keinen Einfluss mehr auf die Ausbildung ihrer Söhne nahmen. Es folgte die Erhebung der Kinder zu Herzögen, wodurch sich die familiäre Hierarchie wiederum nachhaltig veränderte. Schwerwiegender mag für Casimir der Tod seines älteren Bruders und das endgültige Auseinanderbrechen der Familie gewesen sein. Die Eltern lebten jetzt in weiter Ferne und waren nur noch durch Briefe allgegenwärtig. Die Erinnerung an sie musste bald verblassen. Casimirs bisheriges Leben endete mit der Ankunft in Coburg, wo er zusammen mit seinem Bruder am 5. Dezember 1572 die Huldigung der Bürger entgegennahm.49

48 Den ganzen Sachverhalt mit der Beschreibung der Zustände in Eisenberg schildert Sekretär Gottich den Eltern in mehreren Schreiben. Vgl. die Briefe vom 9. und 14. September 1572 an Johann Friedrich (StACo, LA A 10.530, fol. 126−128, 146 f., 149−152), und vom 21. Oktober 1572 an Elisabeth (StACo, LA A 2001, fol. 143). StACo, LA A 10.530, fol. 131, Pöllnitz an Elisabeth, Eisenberg, 09.09.1572. 49 StACo, LA A 10.531, fol. 86v, Gottich an Johann Friedrich, Coburg, 05.12.1572. Dieser beinhaltet auch die Vereinbarungen des Erfurter Vertrages (fol. 86−92). Siehe StACo, LA A 2008, fol. 37, 39, Küchenschreiber Dietrich an Johann Friedrich, Coburg, 06./16.12.1572.

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3.1.3 Zerstörung des sozialen Umfelds Bei den Erfurter Verhandlungen diskutierten die Teilnehmer über die zukünftige Erziehung der Herzöge und suchten nach einem, nach ihrer Meinung geeigneten Präzeptor. In der Bestallung des Statthalters Barbys schufen sie dazu die ersten Rahmenbedingungen. Barby musste dafür sorgen, dass die Kinder durch einen Erzieher zum Gebet und zur Gottesfurcht erzogen, im lutherischen Katechismus unterwiesen und zur Anhörung der Predigt ermahnt werden. In der Frage der religiösen Ausbildung fanden die Parteien einen Kompromiss des kleinsten gemeinsamen Nenners. Die Instruktion an Barby lautete dahingehend, dass die Söhne die „wahre“ Religion nach der Definition der Confessio Augustana durch das Lesen der Bibel erfahren sollten.50 Der zukünftige Erzieher besaß also einen verhältnismäßig großen Spielraum in dieser Frage. Als neuer Präzeptor setzte sich der von Kursachsen vorgeschlagene Mag. Sebastian Leonhart durch, der an der Fürstenschule Pforta lehrte.51 Leonhart durchlief die typische Ausbildung einer zukünftigen kursächsischen Verwaltungselite, welche durch ein Stipendiatswesen gefördert wurde. Damit sollte die Loyalität gegenüber dem Kurfürsten und die konfessionelle Zuverlässigkeit vor allem der Pfarrer und Lehrer garantiert werden. Hier wurde sehr darauf geachtet, dass humanistische Bildung, lutherische Konfession und Landesherrschaft einen inneren geistigen Sinnzusammenhang bildeten, wobei ihm klar war, dass die Stabilität seiner Macht von einem gut funktionierenden Bildungssystem und, daraus resultierend, von einem rational arbeitenden Verwaltungsapparat abhing.52 Der Magister zögerte mit der Annahme, da er wusste, welch schwierige Aufgabe er übernehmen sollte. Er musste schließlich Vormündern Rechenschaft ablegen, die unterschiedliche religiöse Auffassungen oder Erziehungsansichten 50 StACo, LA A 2324, Urk. 1, Bestallung und Instruktion Graf Barbys, Coburg, 12.12.1572. 51 Meinhardt: Sebastian Leonhart, S. 47−53; StACo, LA A 2002, fol. 19, Leonhart an Elisabeth, Coburg, 24.02.1573. Leonhart wurde 1544 in Freiberg als Sohn eines aus Nürnberg zugezogenen Barrettmachers geboren. Er besuchte die Kreuzschule in Dresden und kam dort mit den Schriften Melanchthons in Berührung. Später ging er, unterstützt durch ein Stipendium des Rates der Stadt Dresden, an die Fürstenschule St. Afra in Meißen, wo er Schüler des protestantischen Dichters und Historikers Georg Fabricius wurde. In den 1560er Jahren studierte er unter den Gelehrten Joachim Camerarius des Älteren, einem Freund Melanchthons, an der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig und wechselte später an die Hochschule nach Wittenberg. 52 Rudersdorf: Weichenstellung, S. 399; Gössner: kursächsische Universitätspolitik, S. 119.

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vertraten. Auch in der Abwesenheit der Eltern sah er ein Manko. Dennoch nahm er das Angebot aus Gehorsam gegenüber Kurfürst August an und erklärte, dass er das Amt für ein Jahr versehen werde. Die Chance eines sozialen Aufstiegs mag dafür den Ausschlag gegeben haben.53 In Coburg schlug ihm zunächst starkes Misstrauen von allen Seiten ins Gesicht. Seine kursächsische Herkunft und undurchsichtigen theologischen Einstellungen brachten ihm allerlei Skepsis ein. Leonhart galt als Philippist, wodurch die streng lutherisch-orthodoxe Erziehung Casimirs gefährdet schien. Stichfeste Beweise für solch eine Anhängerschaft Leonharts fanden die Zeitgenossen allerdings nicht.54 Die Eltern hielten sich daher zunächst bedeckt. Leonhart gelang es aber, die Kritiker durch seine Arbeit zu überzeugen. Schon wenige Wochen nach seinem Amtsantritt im Fe­­ bruar 1573 vermeldete der Küchenschreiber Dietrich in einem Brief an Johann Friedrich den Mittleren, dass der neue Lehrer fleißig mit den Söhnen studiere. Als die Vormundschaftsräte im Herbst 1573 die Arbeit Leonharts einer Visitation unterzogen, lobten sie explizit seinen Fleiß, erhöhten sein Gehalt von 130 auf 200 Gulden und verlängerten die Bestallung um fünf Jahre.55 Hinter der Ernennung Leonharts stand auch die Strategie, das bisherige Umfeld der Herzöge durch kursächsische Getreue zu ersetzen und damit jegliche Einflussmöglichkeit der Eltern auf die Erziehung der Söhne zu verhindern. Die Sorge Kurfürst Augusts war nicht unbegründet, denn Johann Friedrich der Mittlere hatte sich während seiner Kustodie ein weitgefächertes Kommunikationsnetz aufgebaut. Als sich seine Söhne in Coburg niederließen, besaß er dort bereits Korrespondenzpartner, die sein Vertrauen genossen.56 Durch die Entlassung der Hofhaltung Herzogin Elisabeths aufgrund „williger Nachlässigkeit und 53 Leonhart hat dies in seinen Memoiren ausführlich dargestellt. *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 28r−29v; StACo, LA A 2002, fol. 19, Leonhart an Elisabeth, Coburg, 24.02.1573; StACo, LA A 10.532, fol. 24, Leonhart an Johann Friedrich, Coburg, 24.02.1573; Bender: Prinzenreise, S. 108. 54 StACo, LA A 2005, fol. 1, Dorothea Susanna an Elisabeth, Weimar, 03.01.1573. Dorothea Susanna warnte ihre Schwester, dass der neue Lehrer „einer anderen religion ist, den der forige, vnd zu besorgen, das ehr ein sakramentirer sei“. Vgl. *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 30r; Meinhart: Sebastian Leonhart, S. 56; Heyl: Kindheit, S. 39. Leonharts Memoiren sind als Rechtfertigungsschrift zu sehen, da er 1591 als angeblicher Philippist aus kursächsischen Diensten fristlos entlassen wurde. Vgl. Meinhart: Sebastian Leonhart, S. 44 f. 55 StACo, LA A 2008, fol. 47 f., Fritz Dietrich an Johann Friedrich, Coburg, 20.03.1573; StACo, Urk  LA C 14, Leipziger Abschied, 02.11.1573, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 196. 56 Die Korrespondenz Johann Friedrichs des Mittleren aus der Kustodie heraus hat sich na-

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unrichtiger Vorsehung“ brach dieses Informationsnetz aber teilweise zusammen. Dies erschwerte den Kontakt der Eltern mit dem sozialen Umfeld ihrer Söhne.57 Zu den Leidtragenden dieser Entscheidung der Vormünder gehörten u. a. Georg Rhönn und Hofmeister von Pöllnitz. Nutznießer dieser Entwicklung war eindeutig Sebastian Leonhart.58 Nach dem Tod Prinz Friedrichs versuchten die Söhne, einen Briefkontakt mit den Eltern herzustellen. Den ersten eigenhändigen Brief verfasste Casimir bereits im Juli 1572 an seinen Vater. Auf Initiative Sebastian Leonharts folgten im Februar und April 1573 zwei weitere Schreiben an die Eltern.59 Die Briefe blieben aber unbeantwortet. Den Söhnen machte diese Distanz zu den Eltern psychisch zu schaffen. So offenbarte sich Casimir Ende Juni 1573 bei einem Tischgespräch: „Ach das gott wolt, das mir mein g. h. Vater schreiben wolt, wie wolt jch michs frewen.“60 Dieser Kontaktabbruch war derart ungewöhnlich, dass er im höfischen Umfeld der jungen Herzöge zu einem Politikum geriet. Einige Bedienstete forderten in ihren Briefen an die Eltern diese sogar auf, ihren Söhnen endlich zu antworten. Es dauerte danach noch bis Anfang Oktober 1573, bis das erste Schreiben der Mutter die Herzöge erreichte.61 Damit war zwar die Basis für eine weitreichende Korrespondenz gelegt. Doch die Inhalte besaßen ein hohes Maß an Formalismus. Ihnen fehlte der private Ton und sie verfügten über wenige persönliche Aussagen. Stattdessen wurden in den Briefen die einmal eingeführten Formeln ständig wiederholt. Die Söhne schrieben, dass sie für ihre Eltern beten, dem Präzeptor gehorchen, gute Lernfortschritte machen und gesund seien. Zudem entsprachen die lateinischen Briefe Stilübungen, woran Johann Friedrich der Mittlere die schulischen Fortschritte seiner Kinder weiterhin erkennen sollte. Die Eltern gingen auf diese Übungen ein und forderten ihre Söhne zum Gehorsam gegenüber Statthalter und Präzeptor auf, ermahnten zum Fleiß und zum Gebet hezu vollständig erhalten. Vgl. StACo, LA A 10.527−10.537. Korrespondenzpartner waren der Stadtphysikus Christoph Stathmion und der Superintendent Maximilian Mörlin. 57 StACo, Urk LA C 13, Weimarer Abschied, 15.06.1573, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 176; Heyl: Kindheit, S. 37. 58 *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 30v−31r; Heyl: Kindheit, S. 31; Meinhart: Sebastian Leonhart, S. 56 f. 59 LBCo, Ms 515/1, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 29.07.1572; StACo, LA A 2156, fol. 1, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 24.02.1573; ebd., fol. 2, Casimir an Elisabeth, Coburg, 24.04.1573; ebd., fol. 3, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 24.04.1573. 60 StACo, LA A 10.532, fol. 55, Maximilian Mörlin an Johann Friedrich, Coburg, 28.06.1573. 61 Ebd.; StACo, LA A 2008, fol. 60v, Fritz Dietrich an Johann Friedrich, Coburg, 21.06.1573; StACo, LA A 2156, fol. 7, Elisabeth an Casimir, Wiener Neustadt, 06.10.1573.

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für eine baldige Freilassung Johann Friedrichs. Gelegentlich gab ihnen der Vater seine Vorstellungen über eine gerechte Herrschaft mit auf den Weg.62 Es scheint, dass nach der Ankunft der Kinder in Coburg Kurfürst August seinen Einfluss sofort geltend machen konnte. Über seinen Untertanen Sebastian Leonhart gelang es ihm, auf die Erziehung der Herzöge einzuwirken. Er konnte davon ausgehen, dass die politische wie auch religiöse Ausbildung in seinem Sinne erfolgen würde.63 Hindernisse, die den Einfluss hätten aufhalten können, wurden beiseite geräumt, wie die fast vollständige Entlassung des Hofstaates von Herzogin Elisabeth beweist. Für Casimir muss der Austausch der Personen in seiner näheren Umgebung ein Rückschlag für dessen soziale Bindungen gewesen sein. Dies konnte sich nur negativ auf sein weiteres Leben auswirken. Darin mitinbegriffen ist auch der Rückzug der Eltern von ihren Söhnen. Eine gewisse Entfremdung, wie Heyl sie annimmt, ist hier nachvollziehbar.64 Dazu kam die fehlende Liebe und Wärme, die der Hof Casimir nicht geben konnte. Wenn es sie gab, dann wurde dieses Umfeld von den Vormundschaftsräten brutal zerstört. Von nun an war Casimir ein politisches Objekt, das es zu beeinflussen galt, damit er seine ernestinische Identität verlieren würde. 3.1.4 Streit um den Universitätsbesuch Die Initiative zur weiteren Ausbildung Casimirs kam in erster Linie von seinem pfälzischen Großvater. Friedrich III. brachte das Thema des Universitätsbesuches als erster beim Treffen der Vormundschaftsräte 1575 auf die Tagesordnung. Als Studienort schlug er Jena oder Leipzig vor, die auch der mitteldeutsche Adel als Ausbildungsort präferierte.65 Ein Jahr später brachten die Pfälzer die Alternativen Heidelberg und Marburg ins Gespräch mit ein. Diese Erweiterung beruhte auf der Initiative des neuen pfälzischen Kurfürsten Ludwig  VI., der 1576 die Nachfolge seines Vaters antrat. Von diesem Vorstoß überrascht, baten die anderen Vormünder zunächst um eine Bedenkzeit.66 62 Heyl: Kindheit, S. 44−46. 63 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 6; Nicklas: Haus Coburg, S. 43. 64 Heyl: Kindheit, S. 36, 49. 65 StACo, Urk LA C 19, Coburger Abschied, 21.11.1575, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 303; Leibetseder: Kavalierstour, S. 31. Der Autor nennt als Beispiel die Fürsten von Reuß. 66 StACo, Urk LA C 20, Coburger Abschied, 24.12.1576, Tagesordnungspunkt 10.

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Das Vorgehen der Kurpfalz stieß jedoch bei Johann Friedrich dem Mittleren und Sebastian Leonhart auf Ablehnung. Casimirs Vater bevorzugte Jena als Studienort, da „man bey den seinnen so vyl lernen kann alß auf der hohen schul“.67 Schon Jahre zuvor erklärte er Friedrich III., dass er der Erziehung seiner Söhne im Ausland mit großen Bedenken gegenüberstehe, weil diese möglicherweise negative Auswirkungen auf Gesundheit und religiöse Ausbildung mit sich bringen könnte. Er und seine Frau müssten schließlich vor Gott darüber Rechenschaft ablegen. Wenn durch ihre Entscheidungen einem der Söhne jedoch Schaden zuteil käme, würden sich beide große Vorwürfe machen.68 Leonhart sah in der Verschickung an eine außerhalb des ernestinischen Territoriums liegende Universität wenig Sinn. Zudem meinte er, dass die Kinder noch nicht alt genug für einen Hochschulbesuch seien. Tatsächlich waren Casimir und Johann Ernst mit 13 und elf Jahren sehr jung für die Aufnahme an einer Universität. Immatrikulationen fanden gewöhnlich zwischen dem 15. und 18. Lebensjahr statt.69 Kursachsen machte sich erst nach der pfälzischen Initiative Gedanken um einen Universitätsbesuch. Kurfürst August bevorzugte von Anfang an Leipzig als Studienort. Er begründete dies damit, dass hier die Herzöge mit aller Notdurft versorgt werden können. Die Anwesenheit der Herzöge von Mecklenburg, die ebenfalls an der Universität studierten, würde sich zudem vorteilhaft für die zeremonielle Erziehung auswirken, wenn man die jungen Fürsten zueinander brächte. Zudem könne die Stadt als „zuvor (= in der Nähe) gelegen unndt bequem erachtet“ werden.70 August setzte sich schließlich gegen alle Parteien durch.71 Warum entwickelte sich aber diese Frage zu einem solchen Politikum? Der Universitätsbesuch stand damals in engem Bezug zur theologischen Erziehung. Hier geriet Casimir in die Auseinandersetzung um die Auslegung des 67 StACo, LA A 10.534, fol. 70, Johann Friedrich an Leonhart, Wiener Neustadt, 21.02.1577 (Konz.). 68 StACo, LA A 10.495, fol. 126v, Johann Friedrich an Friedrich III., Wiener Neustadt, 15.04.1572 (Konz.). 69 StACo, LA A 10.534, fol. 77, Leonhart an Johann Friedrich, Coburg, 11.03.1577; Bender: Prinzenreise, S. 46. 70 StACo, Urk LA C 20, Coburger Abschied, 24.12.1576, Tagungsordnungspunkt 10. Gerade dieses Argument scheint aufgesetzt, da Jena von Coburg aus näher und bequemer zu erreichen gewesen wäre als Leipzig. Von seiner Residenz Dresden aus, ist Augusts Argumentation durchaus nachvollziehbar. SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10.624/2, Instruktionen an die kursächsischen Räte, Dresden, 02.12.1576. 71 StACo, LA A 10.535, fol. 9, Leonhart an Johann Friedrich, Coburg, 12.05.1578; StACo, LA A 2161, fol. 4, Johann Friedrich an Leonhart, Wiener Neustadt, 02.03.1578 (Konz.).

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protestantischen Glaubens und dem Versuch, zumindest die lutherische Kirche theologisch zu einen. Diese Bestrebungen belasteten die Beziehungen zwischen Kursachsen und der Kurpfalz, wie folgende drei Aspekte zeigen: Die Religionskriege in Westeuropa erreichten u. a. nach der Bartholomäusnacht 1572 ihren Höhepunkt. Die Kurpfalz war bereit, militärisch in den Konflikt einzugreifen, und suchte deshalb Verbündete unter den protestantischen Reichsfürsten. Kursachsen blieb hingegen neutral und fürchtete um den Religionsfrieden, welchen es durch das kurpfälzische Gebaren als gefährdet ansah. Politisch näherte man sich damit wieder den Habsburgern an.72 Zudem änderte August seine Konfessionspolitik nach innen. Er wandte sich 1574 von den philippistischen Theologen ab, die Friedrich  III. unterstützten, und verfolgte nun einen lutherisch-orthodoxen Kurs mit Ziel einer Homogenisierung der protestantischen Theologie. Dies ging mit einem Lehrverbot philippistischer Theologen einher.73 Bereits im Herbst 1575 stellte der Kurfürst den Entwurf einer Bekenntnisschrift, der sogenannten Konkordienformel, vor, womit er auf eine gesamtlutherische Verständigung abzielte. Kursachsen avancierte so zum Hauptorganisator der innerlutherischen Einigung. Mit der Kurpfalz war damit eine gemeinsame Konfessionspolitik unmöglich.74 Der dritte Punkt betraf die gescheiterte Heiratspolitik Kursachsens. Die Beziehung von Augusts Nichte Anna mit Wilhelm I. von Oranien scheiterte nach einem angeblichen Ehebruch. Wilhelm heiratete danach, ohne geschieden worden zu sein, eine am Heidelberger Hof lebende frühere Äbtissin, die zum Calvinismus übergetreten war. August, der erst nach der Hochzeit von der Eheschließung erfuhr, machte Friedrich  III. persönlich für den Skandal und die damit verbundene Schmach für die Wettiner verantwortlich.75 Auch die Ehe zwischen Augusts Tochter Elisabeth mit Casimirs Patenonkel steckte bald nach der Hochzeit wegen konfessioneller Auseinandersetzungen in einer Krise.76 Die genannten Faktoren ließen 72 Bruning: kursächsische Reichspolitik, S. 87. 73 Junghans: Kirchen- und Schulordnung, S. 213; Wolgast: kurpfälzische Beziehungen, S. 19 f.; Hasse: Zensur, 137−139; Peters: Konkordienbuch, S. 200. Ein radikaler Umschwung, wie manche Autoren meinen, fand in Kursachsen nicht statt. Vielmehr, so Peters, entwickelte sich der Philippismus „zu einer oppositionellen Unterströmung“. 74 Peters: Konkordienbuch, S. 201, 207. 75 Pfalzgraf Ludwig an Friedrich  III ., Heidelberg, 12.10.1575, abgedr. bei Kluckhohn: Briefe Friedrichs Bd. 2, S. 878; Friedrich III. an August, Heidelberg, 17.10.1575, abgedr. bei Kluckhohn: Briefe Friedrichs Bd. 2, S. 890, siehe Anmerkung 1; Vgl. Böttcher: Anna von Sachsen. 76 Hintergrund war der Streit um die Konfession Elisabeths. Während Pfalzgraf Kasimir dem

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den Besuch der Universität Heidelberg unwahrscheinlich werden. Zwar kehrte Ludwig  VI. 1576 wieder zum Luthertum zurück, doch August nahm an, dass sich diese Lehre in der Pfalz nur schwerlich durchsetzen lasse und die calvinistischen Strömungen zu stark seien.77 Ludwig VI. mag Heidelberg ebenfalls nur wenig Chancen eingeräumt haben, sodass er Marburg als Alternativvorschlag ins Gespräch brachte. Dort befand sich die hessische Landesuniversität. Die Beziehungen zwischen Kursachsen und der Landgrafschaft gestalteten sich weitaus positiver. Seit 1373 bestand eine Erbverbrüderung, in der Heiratspolitik gab es enge Verbindungen und schließlich betrieben beide eine vergleichbare Konfessionspolitik.78 Traditionell steuerte die Landgrafschaft einen ausgleichenden Kurs in der theologischen Auslegung des Protestantismus an. Diese Politik endete nach dem Tode Philipps I. von Hessen, als das Land unter seinen Söhnen aufgeteilt wurde. So setzte sich in Hessen-Kassel der Calvinismus durch, während sich in Hessen-Marburg und Hessen-Darmstadt der lutherische Glauben behauptete. Diese konfessionelle Spaltung führte bei August zur Ansicht, dass dies negative Auswirkungen auf die gemeinsam unterhaltene Universität haben könnte. Zudem musste ihn kritisch stimmen, dass Hessen-Kassel nach 1574 einige der emigrierten kursächsischen Philippisten bei sich aufnahm. Damit kam Marburg als Studienort für Casimir nicht infrage.79 Die Theologen, die für eine innerlutherische Einung eintraten, holte August ab 1574 nach Kursachsen. Dazu gehörten Jacob Andreae und Nicolaus Selnecker. Beide waren maßgeblich an der Entstehung der 1577 verfassten Konkordienformel beteiligt. Diesem Werk gelang die Einung des Luthertums auf Grundlage orthodoxer Lehren nach kursächsischen Vorstellungen. Andreae und Selnecker wirkten auch an der Universität Leipzig. August konnte daher sicher sein, dass Casimir die richtige, nämlich die kursächsische Auffassung des Luthertums

calvinistischen Glauben angehörte, blieb Elisabeth lutherisch. Kurfürst August beschuldigte Friedrich III. schließlich, er wolle seine Tochter zum Calvinismus überreden, was der Pfälzer aber verneinte. Vgl. August an Pfalzgraf Kasimir, Dresden, 01.12.1573, abgedr. bei Kluckhohn: Briefe Friedrichs Bd. 2, S. 611 f. 77 SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10624/3, Instruktionen an die kursächsischen Räte, Gommern, 18.06.1577; Wolgast: kurpfälzische Beziehungen, S. 23. 78 Rudersdorf: Hessische Beziehungen, S. 54 f.; Götz: Elisabeth, S. 16. Die erste Frau Johann Friedrichs des Mittleren, Agnes von Hessen, hatte zuvor Moritz von Sachsen geehelicht. 79 Rudersdorf: Hessische Beziehungen, S. 61, 63; Rudersdorf: Familie Landgraf Philipps, S. 145−153.

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lernen würde.80 Das Konzept griff mit der Einführung der Konkordienformel zusammen, die der Kurfürst als Vormund Casimirs und der Weimarer Herzöge in den ernestinischen Fürstentümern in Kraft setzte. Andreae und Selnecker brachten als Visitatoren, die dortigen Pfarrer und Lehrer unter den Schirm der Formel.81 Der Grad der Durchsetzung mag dabei die Verzögerungen bei der Frage des Universitätsbesuches erklären. Die Entscheidung darüber kam erst, als die lutherische Einung feststand. Eine Sonderstellung in den Überlegungen nahm die Universität Jena ein, denn theologisch wäre dort eine Unterbringung von August nicht zu beanstanden gewesen. Doch er wollte die Identität der Ernestiner als Bewahrer des reinen Luthertums zerstören und sie so zu einem theologischen Anhängsel Kursachsens degradieren.82 Doch der Aufenthalt in Jena besaß die Symbolkraft, eine Kontinuität der ernestinischen Konfessionspolitik zu suggerieren. Gerade darauf mag Johann Friedrich der Mittlere abgezielt haben. Seine Söhne sollten auf einer ernestinischen Universität die theologische Lehrmeinung der Ernestiner erlernen. Die Chance dazu bestand noch 1575/76, als in Jena nach dem von Herzog Johann Wilhelm durchgesetzten Corpus Doctrinae Thuringicum gelehrt wurde. Nach Gehrt stellt dieses einen „wesentliche[n] Bestandteil der dynastischen Identität der Ernestiner“ dar.83 Spätestens nach der Visitation von 1577 und der Einführung der von Johann Friedrich kritisch betrachteten Konkordienformel, verloren die ernestinischen Glaubenssätze an Bedeutung. Wohl auch deshalb gab er im Frühjahr 1578 den Widerstand gegen auswärtige Universitätsbesuche auf.84 80 Peters: Konkordienbuch, S. 198−204; Sprusansky: Bekenntnis und Kircheneinheit; Meinhold: Andreae, S. 277; Egloffstein: Selneccer, S. 687−692; Junghans: Kirchenund Schulordnung, S. 213; Koch: Selnecker, S. 105−108. Als Generalinspektor der sächsischen Universitäten, Schulen und Kirchen oblag es Andreae, eine umfassende Visitation durchzuführen und aus deren Ergebnissen eine Kirchen- und Schulordnung zu entwerfen. Selnecker indes hatte in Leipzig den Lehrstuhl für Theologie inne. 81 Gehrt: Konfessionspolitik, S. 513, 520. Die Konkordienformel wurde so in den ersten Jahren nach ihrer Entstehung von über 8000 in den deutschen Territorien im Kirchen- und Schuldienst Stehenden unterschrieben und dadurch angenommen. Die Unterschriftslisten wurden nach einzelnen Gebieten und Orten im Konkordienbuch (1580) aufgenommen, vgl. Sprusansky: Lutherische Bekenntniseinheit, S. 58−60. 82 Leppin: Ernestinische Beziehungen, S. 79 f. 83 Gehrt: Konfessionspolitik, S. 487. 84 Zur Konkordienformel schrieb Johann Friedrich: „denken wir, eß werde ein abortus bleyben.“ Vgl. StACo, LA A 10.536, fol. 18, Johann Friedrich an Christoph Stathmion, Wiener Neustadt, 20.06.1581. In einem Brief an Maximilian Mörlin schrieb Johann Friedrich: „Kaum

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Der Kurfürst von Brandenburg hielt sich als dritter Vormund in dieser Diskussion zurück. Er verwies aber auf die immensen Kosten der Ausbildung. So waren wohl die pfälzischen Vorschläge keine wirklichen Alternativen. Gerne nahm man daher das kursächsische Argument der räumlichen Nähe auf und entsprach damit der Einstellung, sich an den Vorstellungen des südlichen Nachbarn zu halten.85 Die Frage nach dem Studienort war in erster Linie von theologischen Streitigkeiten zwischen Calvinisten, orthodoxen Lutheranern und dem Ziel der lutherischen Einung geprägt. Dabei trafen verschiedene Vorstellungen aufeinander. Kurfürst August konnte sich hier im Bündnis mit Kurbrandenburg durchsetzen. Die Ausbildung Casimirs an der Universität Leipzig erfolgte auf der Basis der theologischen Vorstellungen Kursachsens, die in der Konkordienformel niedergeschrieben waren. Damit wurde gewährleistet, dass die neue Bekenntnisschrift auch in der nächsten Herrschergeneration Gültigkeit besaß. Hochschulen, an denen die Einführung der Formel infrage stand, schieden daher als Studienort aus. Die konfessionellen Gegensätze zwischen Ernestinern und Albertinern wurden dadurch weiter vertieft. Jena kam daher als Studienort nicht in Betracht. Die symbolische Bedeutung der Universität für die ernestinischen Glaubensvorstellungen war einfach zu groß und hätten bei einem Besuch Casimirs als Kontinuität eines eigenständigen Glaubensbekenntnisses gedeutet werden können. Aber gerade das wollte August verhindern. Er vollzog dabei die Homogenisierung der lutherischen Lehre oder eine Abgrenzung zu anderen protestantischen Theologien wie dem Calvinismus. Dies ging schließlich zu Lasten der familiären und politischen Beziehungen zur Kurpfalz, was sich im Streit um den Universitätsbesuch Casimirs widerspiegeln sollte. 3.1.5 Ersatzvater Im Juli 1578 verließen die jungen Herzöge Coburg und zogen nach dem Empfang durch die Leipziger Rats- und Universitätsvertreter in das sogenannte Fürstenhaus, einem repräsentativen bürgerlichen Renaissance-Stadthof hinter sei man die Flacianer mit Gottes Hilfe losgeworden, so kumpt, ja volgt der Calvinismus gleich auf dem Fuß nacher.“ Zit. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 141. Die Weimarer Linie lehnte ebenfalls die Konkordienformel ab. Hier trat vor allem Casimirs Tante, Dorothea Susanna, als Verteidigerin der ernestinischen Identität auf. Vgl. Gehrt: Konfessionspolitik, S. 513, 516, 520. 85 Leibetseder: Kavalierstour, S. 54; Rudersdorf: Hessische Beziehungen, S. 62 f.; Kretzschmar: Geschichte der Neuzeit, S. 234.

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der Paulinerkirche ein.86 Neben dem Studium diente der Aufenthalt der Einübung des heimatlichen Zeremoniells. Man lud sich gegenseitig ein, wodurch Casimir das selbstbewusste Auftreten der hiesigen Bürger kennenlernte. Die Herzöge traten dabei als Repräsentanten ihres Landes auf. Sie empfingen auch auswärtige Landesherren und Gesandte.87 Zu ihren Gästen gehörte im Mai 1580 Kurfürst August. Er hatte sie zur abendt malzeit fordern lassen und sich sambt der Churfürstin gnedig und vetterlich kegen uns erzeiget, also das man sich druber verwundern müssen, und ist der Churfürst mit seinem sohne uns im Hause entgegen gangen und dar nach zum abschide wider so weidt geleitet. Aber unsers gnedigen herren vatern und E.G. ist nicht gedacht worden. So hatt sich hertzog Christianus alles gutten erboten, und hette gerne vil mit uns geredt, wen gelegenheidt vorhanden gewesen, den nach der malzeidt nam der churfurst und die churfurstin uns zu sich und fureten uns beseits, frageten von unserm zustandt, von unserer wonung und studiren und sonsten nach anderen ubungen, waren frölich und lustig mitt uns, sageten uns zu, sie wolten uns kurtzlich nach Dresden zu sich holen lassen.88

Kruse sieht in diesen Treffen ein Schlüsselereignis und eine bis ins kleinste Detail geplante Inszenierung. Es war die erste Begegnung von Vormund und Mündel. August machte den Herzögen sofort die familiäre Hierarchie deutlich, in dem er sich mit Electore (lat. Kurfürst) anreden ließ. Für einen Ernestiner muss dies eine Demütigung gewesen sein. Er ließ sie spüren, wem sie ihre Standeserhöhung und Erziehung zu verdanken hätten. August zeigte ihnen aber auch, dass er sie als Reichsfürsten anerkannte. Er inszenierte sich damit als wohlwollender Ersatzvater, um so die Herzöge von seinen positiven Absichten zu überzeugen. Dahinter stand das Ziel Augusts, die Herzöge politisch zu vereinnahmen und die Eltern in Vergessenheit geraten zu lassen.89 Seine Anwesenheit in Leipzig zeigt daher, dass er der Erziehung Casimirs hohe Priorität beimaß und seinen Einfluss auf ihn steigern wollte. Ein ähnliches Verhalten lässt sich in Ansätzen 86 StACo, LA A 2161, fol. 20, Söhne an Johann Friedrich, Leipzig, 12.08.1578; StACo, LA A 10.456, fol. 14, Barby an Johann Friedrich, Coburg, 27.08.1578; *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 32v−33r. 87 StACo, LA A 2162, fol. 1, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 24.01.1579; StACo, LA A 2163, fol. 5, Casimir an seine Eltern, Leipzig, 01.02.1580; Bender: Prinzenreise, S. 107, 240; Leibetseder: Kavalierstour, S. 137; Rudersdorf: Weichenstellung, S. 419. 88 StACo, LA A 2163, fol. 21, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 16.05.1580. 89 StACo LA A 2162, fol. 1, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 24.01.1579; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 183 f.

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am Verhalten Herzog Johann Wilhelms feststellen, als er nach dem Tod Prinz Friedrichs die Neffen in Eisenberg besuchte. Dahinter stand jeweils das langfristige Ziel, Casimir und seinen Bruder zu assimilieren. August nahm erstmals 1582 direkten Einfluss auf Casimirs Erziehung, als er ihn und seinen Cousin, Friedrich Wilhelm, zum Reichstag nach Augsburg mitnahm. Sebastian Leonhart und Herzog Johann Ernst blieben zu Hause. Die Reise diente der weiteren Fortbildung und der Inszenierung Augusts als treusorgender Ersatzvater nach außen hin. Zudem wollte er damit die konfessionelle Einheit der Lutheraner gegenüber den Calvinisten dokumentieren und sich als Garant des Religionsfriedens gerieren. Tatsächlich inszenierte er sich als der bedeutendste Fürst neben dem Kaiser im Reich. Seine Delegation machte ca. 50 Prozent aller Reichstagsteilnehmer aus.90 Über Casimirs Auftreten hieß es: „Allda sie denn wegen fürstlichen Verstands, Demuth und Wohlverhaltens bey Ihrer Keyserlichen Majestet als die ein sonderlich Aug auff Ihr Fürstlich Gnaden gehabt, so dann allen Anwesenden Ständen deß Reichs grossen favor (= Gunst) erlangt.“91 Es gelang ihm wohl, einen positiven Eindruck zu hinterlassen. Für den weiteren Verlauf der Beziehungen zwischen Ernestinern und dem Reich war dies von großer Bedeutung. Verloren gegangenes Vertrauen sollte damit wiedergewonnen werden.92 Mit der Reise vollzog sich ein Bruch in der Erziehung. Casimir wurde aus der Zucht Sebastian Leonharts entlassen und musste fortan getrennt von seinem Bruder im Appartement des Statthalters Barby leben. Dieser führte ihn auf Weisung Augusts in die Regierungsgeschäfte ein und besuchte mit ihm die Renterei oder die Sitzungen der Landesregierung. Pädagogisch war diese Trennung sinnvoll. Denn an den ältesten lebenden Sohn wurden andere Anforderungen

90 StACo, LA A 2165, fol. 5, Casimir an Elisabeth, Coburg, 02.04.1582; Bruning: kursächsische Reichspolitik, S. 92; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 184. 91 *Wagner: Personalia Casimiriana, fol. 253r. 92 Der Reichstag beschäftigte sich mit der weiteren Erhöhung der Türkensteuer, mit der Frage, ob Reichsstädte selbstständig über ihre Konfession entscheiden sollten und ob die Administratoren säkularisierter Bistümer Sitz und Stimme im Reichsfürstenrat wahrnehmen dürften. Dieser Konflikt brach an der Session des Administrators des Bistums Magdeburg im Fürstenrat aus. Die katholischen Fürsten drohten mit einem Boykott, wenn dieser zu der Tagung zugelassen werde. Durch die Vermittlung Kaiser Rudolfs II. verzichtete der Administrator auf die Wahrnehmung seiner Rechte. Durch dieses Verhalten schuf Rudolf einen Präzedenzfall, den die katholische Seite für sich nutzte. Vgl. Lanzinner/Leeb: Reichstag zu Augsburg 1582, 2 Teilbände.

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gestellt als an die Nachgeborenen. Folglich differenzierten sich auch die Erziehungsinhalte.93 Augusts Einfluss auf die in der Prinzenerziehung übliche Bildungsreise war in dieser Phase groß. 1580 schlugen die pfälzischen Vormundschaftsräte als mögliche Ziele für eine Kavalierstour Frankreich, Welschland, Burgund und Straßburg vor. Generell war es üblich, Prinzen zwischen dem 16. und dem 20. Lebensjahr auf die Kavalierstour zu schicken. Die Idee kam also zu einer Zeit, wo sich die Vormünder mit dieser Frage auseinandersetzen mussten. Casimir war schon 16, sein Bruder 14 Jahre alt.94 Die brandenburgischen Räte befürworteten die Verschickung ins Ausland, forderten aber Alternativen zu den Vorschlägen der Pfälzer. Kursachsen enthielt sich der Stellungnahme, da deren Vertreter zu diesem Punkt keine Instruktionen besaßen.95 Das Thema wurde auf die nächste Sitzung im September 1581 vertagt. Dort begründeten die Pfälzer ihre Ideen. Mit der Kavalierstour bezweckten sie, dass die Herzöge fremde Sprachen erlernen und eine zweite Universität besuchen sollten. Das Ziel einer solchen Reise war auch der Erwerb von fürstlicher Ehre und die Perfektionierung des Auftretens eines zukünftigen Herrschers. Dazu gehörte die Konversation mit anderen Fürsten, die Teilnahme an höfischen Spielen und der gesellschaftliche Umgang mit Damen. Festivitäten und Zeremonien dienten zudem zur Selbstdarstellung der gesellschaftlichen Rolle, was sich durch eine dem fremden Hof angepasste Kleidung ausdrückte. Diese Aufenthalte erzeugten eine Vorbildfunktion für den heimischen Hof. Die von der Kurpfalz vorgeschlagenen Orte waren dafür gut geeignet.96 Diese Vorschläge stießen bei Kursachsen auf Kritik. Deren Räte verwiesen auf die militärischen und konfessionellen Spannungen in Westeuropa.97 Damit 93 StACo, LA   A 2165, fol.  30, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, November 1582; SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10625/5, fol. 108, August an Ponickau, Dresden, 20.12.1582; Bender: Prinzenreise, S. 225. 94 Stannek: Telemachs Brüder, S. 326. 95 StACo, Urk LA C 22, Coburger Abschied, 22.08.1580. Mit Welschland ist die französischsprachige Schweiz gemeint. 96 Bender: Prinzenreise, S. 47, 175, 184; Leibetseder: Kavalierstour, S. 27, 39 f., 78, 81 f. Eine solche Vorbildfunktion besaß u. a. der französische Königshof. Leibetseder belegt zudem anhand der Beliebtheit verschiedener Reiseländer beim Nürnberger Patriziat, dass zu 74,7 Prozent der Kavalierstouren im 17. Jahrhundert Frankreich als Ziel hatten, während Italien mit 51,9 Prozent den zweiten Platz belegte. 97 Die Räte verwiesen auf die Konflikte zwischen Katholiken und Calvinisten in Frankreich sowie auf den Konflikt zwischen Spanien und den nach Unabhängigkeit strebenden Nie-

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bestand die Gefahr, dass die Herzöge in militärische Auseinandersetzungen verwickelt werden und mit dem Calvinismus in Berührung kommen könnten. Letzteres würde für religiöse Verwirrung sorgen.98 Demnach kam Frankreich als Ziel nicht infrage. Bezüglich Italien finden sich vorgeschobene Argumente, die gegen eine Reise dorthin sprachen. Kurfürst August vertrat den Standpunkt, dass das Land zu weit weg liege und die Sprache schwierig zu erlernen sei. Er meinte, dass es nützlicher wäre, wenn die Herzöge ihre Lateinkenntnisse weiter intensivieren würden. Zudem sorgte er sich um ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen. Die Kavalierstour war für die Teilnehmer durchaus nicht ungefährlich. Infektiöse Krankheiten wie Pocken, Typhus oder die Pest lauerten als Gefahren auf die Reisegesellschaft. Nicht selten führten sie zum Tod.99 Auch war die Tradition, eine Kavalierstour zu unternehmen, bei den Wettinern kaum verbreitet, sodass sich für August der Sinn einer solchen Reise nicht ergab.100 Er stellte nun die beiden anderen Vormünder vor die Wahl. Sollten sie einer Kavalierstour zustimmen, würde er dies akzeptieren, aber keine Verantwortung für Sicherheit und Gesundheit der Herzöge übernehmen.101 In dieser Frage kam dem Markgrafen von Brandenburg eine Schlüsselstellung zu. Entgegen der ersten Reaktion lehnte er die Reise wegen der zu erwartenden hohen Kosten ab. Der Leipziger Aufenthalt erschien ihm teuer genug. Sinnvoller fand er es, die Studien in Coburg fortzusetzen. Diese Ansicht setzte sich zunächst durch. Statt einer Bildungsreise sollten die Herzöge das bisher Erlernte in einem „Proberegiment“ anwenden, was dem gleichen Stellenwert entsprach.102 Über eine Kavalierstour sprach man danach nur noch einmal. Weil die Kosten für die Coburger Hofhaltung gesenkt werden sollten, dachten die derländern, die 1581 die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen ausriefen und sich vom deutschen Reichsverband unter der Herrschaft Habsburgs separierten. Vgl. in einem größeren Zusammenhang Kohler: Reformation, S. 76−81.  98 StACo, Urk LA C 24, fol. 2v, Coburger Abschied vom 12.09.1581. Wörtlich heißt es dazu: „Auch nehme der Calvinismus mit Gewalt überhand, und junge Leute könnten gar leicht verführt werden.“ Zit. Beck: Kasimirs Leben und Lande, S. 3; SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10.624/1, fol. 158v, kursächsische Vormundschaftsräte an August, Coburg, 17.08.1581; Bender: Prinzenreise, S. 196.  99 StACo, Urk LA C 24, fol. 2v, Coburger Abschied, 12.09.1581; SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc 10.624/1, fol. 165−167. August an die Vormundschaftsräte, Chemnitz, 28.08.1581; Bender: Prinzenreise, S. 47; Leibetseder: Kavalierstour, S. 176. 100 Leibetseder: Kavalierstour, S. 33. Die wettinischen Prinzen wurden vornehmlich zuhause oder innerhalb des Reiches an anderen Fürstenhöfen erzogen. 101 StACo, Urk LA C 24, fol. 2v, Coburger Abschied, 12.09.1581. 102 StACo, Urk LA C 24, fol 3, Coburger Abschied, 12.09.1581; Leibetseder: Kavalierstour, S. 54; Bender: Prinzenreise, S. 48.

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Vormundschaftsräte 1583 daran, die Herzöge in die Fremde zu schicken. Sie planten die Übersiedlung Casimirs an den kursächsischen Hof, wo er unter der Aufsicht Graf Barbys, in die Regierungsarbeit und das dortige Hofleben eingeführt werden sollte. Für Johann Ernst und Sebastian Leonhart war ein erneuter Aufenthalt in Leipzig vorgesehen. Wegen eines epidemischen Ausbruchs in der Messestadt zerschlugen sich aber diese Pläne.103 Mit dem Besuch des sächsischen Kurfürsten und seiner Familie in Leipzig 1580 traten diese nun offiziell als Ersatzfamilie für Casimir auf. Augusts Ziel war es auf diesem Wege, seinen Ruf als Vormund zu verbessern, die Herzöge an sich zu binden und die eigentlichen Eltern der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Er gerierte sich dabei als Oberhaupt aller Wettiner, dem die Ernestiner zu gehorchen hatten. Separatistische Bestrebungen wollte er so verhindern und die Herzöge vollständig auf die kursächsische Politik einschwören. Ihre Identität hatte August ihnen bereits mit der Einführung der Konkordienformel genommen. Diese Beweggründe zwangen den Kurfürsten zum aktiven Eingreifen in ihre Erziehung. Diese Intervention wird vor allem in der Einführung in die Regierungsarbeit, im Auftritt auf dem Augsburger Reichstag und in der Frage der Kavalierstour deutlich. Damit endete die Erziehung Casimirs durch Leonhart, der weiterhin in coburgischen Diensten blieb.104

3.2 Indirekte Einflussnahmen 3.2.1 Einfluss auf das Territorium 3.2.1.1 Politische Grundlagen Neben der direkten Einflussnahme auf Casimir gab es Versuche, dessen Territorium politisch zu kontrollieren. Der Ausgangspunkt lag zeitlich nach dem Ende der Grumbachschen Händel, als sich die Frage stellte, wer nun mit dem Besitz Johann Friedrichs des Mittleren belehnt werden sollte. Kaiser Maximilian II. vermied eine endgültige Entscheidung darüber, wodurch eine juristische Grauzone 103 StACo, Urk  LA C 25, fol. 2v–3r, Coburger Abschied, 13.01.1583, Vgl. die Diskussion in ThHStAW, Weimarer Archiv, DS 100, fol. 118r, Bedenken der Coburger Regierung, Coburg, 02.06.1575. Im Gegensatz zu seinem Bruder absolvierte Herzog Johann Ernst 1585 eine Kavalierstour zum preußischen Hof seines Vormundes, Markgraf Georg Friedrich, nach Königsberg. Vgl. StACo, LA A 2194. 104 StACo, Urk  LA C 28, Coburger Abschied, 06.12.1584, Tagungsordnungspunkt 22.Vgl. Kap. 4.5.

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entstand. Auf Basis der Mutschierungsvereinbarung von 1566 besaß lediglich Herzog Johann Wilhelm die Legitimation, aus den ihm zugewiesenen Ämtern Einkünfte zu beziehen und damit gleichberechtigt an der Regierung des Landes zu partizipieren. Nach Johann Friedrichs Gefangennahme stellte sich die Frage, ob dessen Einnahmen dem Kaiser als Geschädigtem oder Johann Wilhelm als nächstem Verwandten zufallen sollten. Zudem blieb die Landesherrschaft über die herrenlos gewordenen Ämter zwischen beiden Parteien ungeklärt. Diese Fragen gewannen politisch an Bedeutung, als es um die Finanzierung der Reichsexekution gehen sollte. Maximilian II. schlug im Einvernehmen mit dem Obristen des Obersächsischen Reichskreises, Kurfürst August von Sachsen, vor, dass Johann Wilhelm die Einkünfte seines Bruders und die alleinige Herrschaft über das Herzogtum erlangen sollte, wenn er bereit wäre, im Rahmen einer Ämterassekuration die Kriegskosten zu begleichen.105 Nach einigem Zögern willigte Johann Wilhelm in das Angebot ein. Er versprach im Januar 1567 den an der Exekution beteiligten Reichsständen die Erstattung der Kriegskosten aus den Einkünften seines Bruders. Die finanziellen Belastungen sollten allerdings das Wittum der Herzogin Elisabeth und den Unterhalt der Söhne nicht berühren.106 Dem Kurfürsten verschrieb Johann Wilhelm daraufhin vier thüringische Ämter. Sollten deren Erträge nicht ausreichen, wollten beide Parteien erneut verhandeln.107 August wartete die endgültige Kostenzusammenstellung ab und vermied zunächst, die Ämter in seinen Besitz zu nehmen. In einer zweiten Stufe befahl Maximilian II. den Landständen, die sich Anfang Januar 1567 auf einem Landtag in Saalfeld einfanden, sich in Fragen der Landesherrschaft an Johann Wilhelm zu halten. Damit hob er den Gehorsams-, Pflichtund Treueeid der Stände gegenüber Johann Friedrich auf.108 Dadurch entstand eine juristische Grauzone, denn Johann Wilhelm interpretierte den Befehl als Belehnung, sodass er nach seiner Auffassung allein dem Herzogtum Sachsen 105 StACo, LA A 2052, fol. 6v−7r, Erste fürstliche Proposition zum Landtag in Saalfeld [1567] (Kopie). 106 Assekurationsschein an die Reichsstände vom 08.01.1567, abgedr. bei Hellfeld: Beiträge Bd. 3, S. 172−176; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 14. 107 Assekurationsschein an August von Sachsen vom 08.01.1567, abgedr. bei Hellfeld: Beiträge Bd. 3, S. 176−183. Es handelte sich dabei um die Ämter und Städte Weida, Ziegenrück, Arnshaugk mit Neustadt a.d. Orla, Triptis und Auma sowie das Amt Sachsenburg. Die Erträge der Ämter gingen vollständig auf den sächsischen Kurfürsten über, da Johann Wilhelm auch seinen Anteil an den Einkünften mit verpfändete. 108 StACo, LA F 55, fol. 27−29, Landstände an Johann Wilhelm, Saalfeld, 07.01.1567, abgedr. bei Rudolphi: Historien-Beschreibung, S. 122 f., Siehe Kap. 2.6.

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vorstand. Diese Annahme führte zu einem Paradoxon in der Frage der Bezahlung der Reichsexekution. Der Reichskreistag in Erfurt legte 1567 deren Kosten auf 985.641 Gulden fest, wobei Kurfürst August einen Betrag von 747.641 Gulden einforderte.109 Dieses Geld wollte er von Johann Wilhelm zurückerstattet haben. Da die Einnahmen aus den assekurierten Ämtern dafür nicht ausreichten, forderte August weitere Einkünfte für sich. Johann Wilhelm lehnte dies mit der Begründung ab, dass er selbst auf kaiserlicher Seite stand und seine Auslagen ebenfalls erstattet werden müssten. Er war durch seine militärischen Feldzüge in finanzielle Schwierigkeiten geraten, sodass er Augusts Forderungen auch bei gutem Willen nicht nachkommen konnte.110 Neben dem Streit um die Bezahlung der Exekution führten die differenten theologischen Auffassungen und medialen Auseinandersetzungen, die sich u. a. um eine vermeintliche Okkupation des Herzogtums Sachsen durch August drehten, zur Verschlechterung der Beziehungen zwischen Ernestinern und Albertinern.111 Der Kurfürst musste einsehen, dass eine Einigung in weiter Ferne lag. Schließlich verlangte er, dass das Reich die Kosten übernehmen müsse, da es die Vollstreckung der Exekution per Reichstagsbeschluss und kaiserlichem Mandat in Auftrag gegeben habe. Er folgte dabei der Losung: „Sachßen sei deß Reichs diener, erwart vom selbigen bezalung.“112 Durch die Überweisung von Reichsund Kreissteuern gelang es zwar bis 1570, die Forderungen Kursachsens auf 286.316 Gulden zu senken.113 Doch Augusts forsche Art, die Unkosten eintreiben zu wollen, stieß bei den Reichsständen auf Kritik. Andere Exekutionsteilnehmer wie der Fränkische Reichskreis sahen bis 1570 noch keinen Pfennig. Auch die Assekuration der vier Ämter wurde von den Verbündeten als eigenmächtiges

109 ThStAG, Geheimes Archiv 844, Rechnungen der Reichsrentmeister Lang und Sebottendorf, teilw. abgedr. bei Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 1, S. 589 f. Der Fränkische Reichskreis und Herzog Johann Wilhelm setzten mit 10.058 Gulden bzw. 10.880 Gulden dagegen nur geringe finanzielle Mittel ein. 110 Becker: Speyerer Reichstag, S. 81; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 413; Kius: Finanzwesen, S. 116–122. 111 Gehrt: Konfessionspolitik, S. 395, 398. Nach Gehrts Analyse der Fürstenkorrespondenz ging die Bezahlung der Exekutionskosten mit den vermeintlichen Diffamierungen der ernestinischen Theologen gegenüber Kurfürst August einher. Vgl. auch die Anmerkung bei: Leppin: Ernestinische Beziehungen, S. 70. 112 Protokoll der Sitzung des Kurfürstenrates vom 15.09.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 282. 113 Kius: Finanzwesen, S. 116.

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Vorgehen Kursachsens interpretiert.114 Aus diesen Gründen entwickelte sich ein reichsweites Interesse, wie nun mit der Bezahlung der Exekutionskosten in Zukunft zu verfahren sei. Das Thema erhielt auf dem 1570 abgehaltenen Reichstag zu Speyer einen eigenen Tagungsordnungspunkt. Dort ging es Kursachsen in erster Linie um die Zahlungssicherheit inklusive Begleichung der inzwischen angefallenen Zinsen. Deshalb forderte man die Einführung einer reichsweiten Kontribution oder die endgültige Assekuration der vier Ämter. Sollte sich der Reichstag zu keiner Entscheidung durchringen, drohte August mit einer Klage vor dem Reichskammergericht.115 Die Reichsstände waren aber nicht gewillt, dem Druck des Kurfürsten nachzugeben, geschweige denn eine neue Kontribution zu beschließen oder dessen Zinsen zu bezahlen. Vielmehr sprach sich die Mehrheit dafür aus, die Schulden aus den Gütern Johann Friedrichs des Mittleren zu begleichen. Hier galt das Rechtsprinzip, dass die Exekution vom Land des Geächteten zu bezahlen sei.116 Aber schon dies stand auf einem juristisch schwachen Fundament. Denn gegen Johann Friedrich war nie die Reichsacht verhängt worden. Er galt lediglich als Receptator. Auch einen juristischen Prozess, der die Reichsacht erst nachweisen musste, gab es gegen Johann Friedrich nicht. Ein solches Verfahren konnte Kurfürst August erfolgreich gegen die Bestrebungen Kaiser Maximilians verhindern.117 Die Reichsstände überprüften deshalb alle staatsrechtlichen 114 Protokoll der Sitzung des Kurfürstenrates vom 14.09.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 279. 115 Protokoll der Sitzung des Kurfürstenrates vom 15.09.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 282; Supplikation Augusts von Sachsen an die Reichsstände vom 14.11.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 1096 f. Die Höhe der Zinsen betrug 49.585 Gulden. 116 Protokoll der Sitzung des Kurfürstenrates vom 15.09.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 283. Lediglich Hessen sprach sich für eine Kontribution aus. Vgl. Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 146; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 15; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 414. Vgl. § 40 des Reichsabschieds, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 2, S. 1221. Darin waren nicht nur die Exekutionskosten Kursachsens, sondern auch die Auslagen anderer Territorien und Kreise, bspw. des fränkischen Kreises und Herzog Johann Wilhelms mitinbegriffen. Supplikation Kurfürst Augusts vom 14.11.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 2, S. 1096 f. 117 Maximilian  II.: Achtungserklärung des Reichstages gegen Wilhelm von Grumbach etc. vom 13.05.1566, abgedr. bei Lanzinner/Heil: Reichstag zu Augsburg Bd. 2, S. 894−897; Battenberg: Acht, Sp. 59−65. Zu einem Gerichtsprozess kam es wohl deshalb nicht, weil die Schuld Johann Friedrichs für jedermann sichtbar offen zutage trat; auch Wilhelm von Grumbach musste sich keinem Prozess stellen.

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Vorkommnisse der Jahre 1566/67 und stellten fest, dass der Herrschaftsanteil Johann Friedrichs spätestens nach dessen Erklärung als Receptator an das Reich zurückgefallen wäre und Johann Wilhelm nicht als „dominus utilis, sondern nur als ein Inhaber eingewiesen worden sei“.118 Dieser territoriale Anteil am Herzogtum Sachsen entsprach damit dem eines Reichslandes, in welchem der Kaiser direkt als Landesherr wirkte. Johann Wilhelm konnte hier bestenfalls als kaiserlicher Administrator angesehen werden. Der Herzog protestierte zwar heftig gegen diese Auslegung, weil sie sein eigenes Machtstreben dämpfte. Doch die Reichsstände verwarfen diesen Protest.119 Nun oblag es dem Reichstag, das Reichsland wieder mit einem neuen Fürsten zu besetzen, der auch die Exekutionsschulden übernehmen sollte. Kursachsen beobachtete diese Entwicklung mit großer Skepsis. Zum einen befürchteten die kursächsischen Reichsräte, dass bei der bestehenden Teilung des Landes Johann Wilhelm weiterhin als Administrator gegen die Interessen des Kurfürsten arbeiten könnte, wenn die Söhne Johann Friedrichs des Mittleren in das väterliche Territorium eingesetzt werden würden. Zum anderen lehnten sie die Bezahlung der Schulden durch eine neue Partei ab. Sie verlangten in diesem Fall, Johann Wilhelm die Kosten in Rechnung zu stellen. Doch die Vorschläge fanden bei den anderen Reichsständen kein Gehör.120 Inzwischen brachte nämlich die Kurpfalz einen Alternativvorschlag vor, mit dem die Bezahlung der Exekution und die Frage, wer den finanziellen Unterhalt für die Familie Johann Friedrichs leisten sollte, geklärt werden konnte. 3.2.1.2 Familiäre Voraussetzungen Gerade diese Frage nach dem finanziellen und wirtschaftlichen Unterhalt stand seit Langem als ungelöstes Problem im Raum. Die politischen Parteien äußersten sich nicht dazu.121 Zum Interessenvertreter der Familie entwickelte sich daher Kurfürst Friedrich III. Er versuchte mit Nachdruck, den Lebensunterhalt seiner 118 Zit. Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 425. Vgl. Protokoll des Kurfürstenrates vom 28.09.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 303. 119 Supplikation Johann Wilhelms an Kaiser und Reichsstände vom 07.10.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 2, S. 1103; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 13. 120 Protokoll der Sitzung des Kurfürstenrates vom 15.09.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 283; Protokoll der Sitzung des Kurfürstenrates vom 16.09.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 285. 121 Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 3, S. 370.

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Tochter und Enkel zu sichern. Auf der Basis des 1560 geschlossenen Wittumsvertrages von Herzogin Elisabeth begann er, Verhandlungen mit Johann Wilhelm zu führen. Diese Besprechungen verliefen äußerst zäh, da der Herzog nicht die finanziellen Mittel besaß, seine Schwägerin zu unterstützen oder ihr eine eigene Hofhaltung zu gewähren. Aus der finanziellen Not heraus begab sich Johann Wilhelm in der ersten Jahreshälfte 1568 mit einem Heer von 2000 Reitern in französische Kriegsdienste und stand dabei auf der Seite König Karls  IX . im Zweiten Hugenottenkrieg.122 Dieser erhoffte finanzielle Befreiungsschlag endete in einem Fiasko. Zum einen verlor der Herzog durch seine Parteinahme bei den protestantischen Reichsständen und bei Kaiser Maximilian an Ansehen, der die französischen Könige als Feinde betrachtete. Zum anderen ließ sich Frankreich mit der Bezahlung Johann Wilhelms viel Zeit, sodass der finanzielle Erfolg des Kriegszuges ungewiss erschien.123 Selbst den 1568 und 1570 ausgehandelten Unterhaltsverträgen mit Friedrich III. kam er nur ungenügend nach. So berichteten die kurpfälzischen Räte dem Reichstag, dass Johann Wilhelm kaum Zahlungen an die Familie geleistet habe, sodass die Kurpfalz etliche tausend Gulden vorstrecken musste.124 Die Pfälzer waren daher bestrebt, eine andere Lösung dieses Problems zu finden. Aus familiärer Sicht kam ein weiterer Aspekt hinzu. Seit der Verhaftung Johann Friedrichs bemühte sich Herzogin Elisabeth um eine Freilassung ihres Ehemanns. Dies geschah hauptsächlich durch Bittbriefe, bspw. an verwandte Fürstinnen und Maximilian  II. Ihr Ziel war es, auf ihre schwierige finanzielle Situation hinzuweisen und daraus resultierend die Freilassung ihres Mannes zu fordern. Hier sollte vor allem das Schicksal Casimirs und seiner Brüder die Brief­empfänger zum Mitleid anregen.125 In diesem Kontext entstand ein Bild-

122 Den Beschluss zu finanzieller Unterstützung findet sich unter § 17 des Abschiedes des Reichskreistages. Vgl. StACo, LA A 2047, Abschied des Reichskreistages, Erfurt 1567, abgedr. bei Senckenberg/Schmauss: Reichs-Abschiede Bd. III, S. 266; Götz: Elisabeth, S. 55. 123 Gehrt: Konfessionspolitik, S. 395; Klein: Johann Wilhelm, S. 530 f.; Wülcker: Johann Wilhelm, S. 348; Kius: Finanzwesen, S. 117. 124 StACo, LA A 2094, fol. 94−96, Ratifizierungsurkunde des Unterhaltvertrages vom 07.09.1568; StACo, LA A 2106, fol. 55−60, Verlängerung des Unterhaltsvertrages, datiert vom 28.02.1570; Protokoll des Kurfürstenrates vom 16.09.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 285. 125 StACo, LA A 2072, fol. 11 f., Elisabeth an die Kurfürstin von Sachsen, die Herzogin von Bayern und die Königin von Polen, Weimar, 19.01.1568; vgl. ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. P., Abt. M, Nr. 3.

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nis der drei Söhne, das wohl kurz nach dem Ende der Grumbachschen Händel gefertigt wurde. Eine dazugehörige lateinische Inschrift lautete übertragen: Zu dem Zeitpunkt, als das Römische Reich Gotha zu umzingeln begann, habe ich Deine drei Söhne, Johann Friedrich, gemalt. Nachdem der unheilvolle Mars aufgehört hatte, die Waffen zu schwingen, habe ich ihre Gesichter mit solchen Zügen vollendet. Möge Gott diese Söhne anschauen, wenn der Zorn des Kaisers besänftigt ist. Mögen sie bald ihren Vater heil und unversehrt sehen.126

Das Gemälde diente wohl als Vorlage für zahlreiche Kopien, die wiederum als Propagandamittel für die Unschuld der Kinder und eine Freilassung des Vaters werben sollten.127 Die Bemühungen Elisabeths zahlten sich zunächst aus. Unter der Federführung der Kurpfalz und Hessens forderten zahlreiche Reichsfürsten die Freilassung Johann Friedrichs.128 Das Thema kam so auf die Tagesordnung des Speyerer Reichstages. Elisabeth wollte in dieser Situation Einfluss auf die Entscheidung der Reichsstände nehmen und zog ohne ihre Kinder an den Heidelberger Hof ihres Vaters.129 Dort kam es zu einer Szene, die in der Forschung bisher unterschiedlich interpretiert wurde. Während des Reichstages ging Maximilian  II . Anfang Oktober 1570 auf Einladung Friedrichs  III . auf die Jagd. Danach folgte ein großes Essen im Heidelberger Schloss, an dem u. a. Maximilian und Elisabeth teilnahmen. Als der Kaiser den Saal betrat, haben alle Fürstinnen samtt dem gantzen frawenzimmer eynen Fußfal vorm Keyser im grossen Sahl getan, von wegen Herrn Hans Friedrichs von Saxen. Darnach haben alle Chur- und Fürsten gleichfals intercediret, hatt der Pfaltzgraf selbs von aller wegen, das Wort gethan. Daruff auch der Keyser selbst geantwort, Er hab ungern gesehen die sache dahin gerathen sein, Dieweil aber solchs durch alle Stende also beschlossen, wolts Ime nicht geziemen, sondern wils gleichwol zum besten gern befordern.130

126 Zit. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 56, siehe dort Abb. 15. 127 Bachner: Johann Casimir, S. 10 f. 128 Ein ganzes Kapitel über die Reaktionen der Reichsfürsten zur Verhaftung und Freilassung Johann Friedrichs findet sich bei Kruse: Epitaph Teil 1, S. 41−54. Das Staatsarchiv Coburg verwahrt 23 Bände mit Bittgesuchen, die sich mit der Freilassung Johann Friedrichs befassen. 129 Schulze: Elisabeth, S. 127 f. 130 Die beschriebene Szene überlieferte der Augenzeuge Ludwig von Wittgenstein. Vgl. Diarium Ludovici comitis, S. 11 f. Der Kniefall wurde in der geschichtlichen Überlieferung direkt auf den Reichstag zu Speyer verlegt. Vgl. u. a. Bachmann: Johann Casimir, S. 103.

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Eine Freilassung Johann Friedrichs im Rahmen eines Reichstagsbeschlusses schien mit dem Fußfall in Heidelberg möglich. Darüber beriet im Oktober 1570 der Kurfürstenrat. 3.2.2 Die Entscheidung von Speyer und deren Folgen Nachdem die Stände auf dem Reichstag die Trennung des Herzogtums Sachsen auf Basis des Mutschierungsvertrages von 1566 beschlossen hatten, stellte sich nun die Frage, wer als Herrscher in den Landesteil Johann Friedrichs einziehen würde. Aufgrund seiner konträren Außen-, Innen-, Familien- und Religionspolitik schied Herzog Johann Wilhelm als Landesherr aus. Schließlich diskutierten die Stände auch über die Wiedereinsetzung Johann Friedrichs. Kurfürst Friedrich III. hatte anfangs noch versucht, mit weiteren Aktionen die Freilassung seines Schwiegersohnes zu forcieren. Doch seine Räte meinten, dass zusätzliche Maßnahmen außerhalb der Bittschriften Herzogin Elisabeths ein seltsames Ansehen besäßen. Auch lehnten sie insgeheim die Wiedereinsetzung Johann Friedrichs als Landesherr ab. Der Kurfürst nahm sich daher zurück, erklärte aber, man wolle das unterstützen, was dem Reich dienlich sei. Für Kursachsen indes kam eine Freilassung des Herzogs nicht infrage und Brandenburg befürchtete bei einer Begnadigung neue Unruhen.131 Man beließ es daher bei einer Interzession Elisabeths an Kaiser, Reichsstände und Kurfürst August sowie bei einer Absichtserklärung, unter welchen Umständen die Freilassung Johann Friedrichs in Betracht käme.132 Beides blieb wirkungslos. Im Hintergrund stand dabei eine Vereinbarung zwischen Maximilian II. und dem sächsischen Kurfürsten, die wohl im Geheimen geschlossen wurde. Darin versprach der Kaiser für sich und seinen Nachkommen, Johann Friedrich lebenslang in Gefangenschaft zu halten. Eine Entlassung wäre nur möglich, wenn August und seine Nachfolger hierzu ihre Zustimmung geben würden. Tatsächlich hielten sich beide Parteien bis zum Tod Johann Friedrichs an diese Vereinbarung, sodass alle Bitten um Freilassung des Herzogs unter diesem Aspekt zu sehen sind.133 So blieben als 131 Protokoll des Kurfürstenrates vom 17.10.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 328; Becker: Speyerer Reichstag, S. 84. 132 Supplikation Herzogin Elisabeths an Kaiser und Reichsstände von Anfang September 1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 2, S. 1097 f.; Becker: Speyerer Reichstag, S. 84. 133 Vgl. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 37; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 205.

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mögliche Herrscher nur noch Casimir und sein Bruder übrig. Die Reichsstände waren der Auffassung, dass man den Kindern das Lehen nicht verweigern könne, da sie sich nicht der „crimine laesae maiestatis“ schuldig gemacht hätten. Auch besäßen sie einen Anspruch darauf. Von einer möglichen Restitution war daher nicht die Rede.134 So kristallisierten sich Casimir und sein Bruder als zukünftige Landesherren eines noch zu gründenden Fürstentums heraus. Kursachsen lehnte diese Idee, wie bereits erwähnt, ab. Doch gerade hier setzte die Kurpfalz die Hebel an und verband die Frage des Unterhalts mit der Frage nach der Begleichung der Exekutionskosten. Dazu fanden im Vorfeld und im Hintergrund des Reichstages Gespräche zwischen den kurpfälzischen und kursächsischen Gesandten statt. Sie einigten sich dabei auf einen Kompromiss: Kursachsen stimmte der Teilung des Herzogtums Sachsen und der daraus resultierenden Belehnung der Söhne zu. Damit erhielten die Kinder eine ökonomische und finanzielle Grundlage, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestreiten und die Außenstände Kursachsens sowie der anderen Exekutionsteilnehmer begleichen konnten. Die vier assekurierten Ämter sollten daher dem Land der Söhne zugeteilt werden, damit August diese als Pfand einziehen konnte. Dieses Ergebnis teilten die kursächsischen Räte ihrem Landesherrn im August 1570 mit und empfahlen ihm, diesen Kompromiss anzunehmen, da nur in diesem Fall eine Bezahlung der Schulden realistisch erscheine. Auch wiesen sie darauf hin, dass eine Landesteilung zu einer Schwächung Johann Wilhelms führen würde.135 Dabei mussten die Räte große Überzeugungsarbeit leisten, da August den Vorschlag ablehnte. Er argumentierte, dass sich zunächst die Kinder mit ihrem Onkel in Weimar vergleichen müssten, sei es finanziell wie auch territorial. August befürchtete, in dieser Situation noch länger auf sein Geld warten zu müssen.136 Der Kaiser war dieser Lösung hingegen nicht abgeneigt, da er darin die Möglichkeit sah, den Reichsfrieden zu bewahren.137 Herzog Johann Wilhelm lehnte die Landesteilung völlig ab. Da er aber über keinerlei Fürsprecher auf dem Reichstag verfügte, musste er seinen Widerstand aufgeben.138 134 Protokoll des Kurfürstenrates vom 15.09.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 283; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 417. 135 Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 416 f. 136 Ebd.; ThHStAW, Weimarer Archiv, DS 100, fol. 76−78, Vormundschaftsräte an Brandenburg, Coburg, 28.06.1574. 137 Dritte Stellungnahme Maximilians II. vom 31.10.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 2, S. 675−677. 138 Supplikation Johann Wilhelms an Kaiser und Reichsstände vom 14.08.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 2, S. 1102. In seiner zweiten Protestschrift vom 7.

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In einer zweiten Stufe diskutierten die Reichsstände, wer als Vormund für die drei unmündigen Söhne Johann Friedrichs in Betracht käme. Schnell einigte sich der Reichstag, dass die drei weltlichen Kurfürsten das Amt übernehmen sollten.139 Während Kurbrandenburg und die Kurpfalz dazu bereit waren, zögerte Kurfürst August mit der Annahme. Er wollte zunächst die Begleichung der Schulden abwarten. Auf der anderen Seite fürchtete er einen erneuten Propagandafeldzug Herzog Johann Wilhelms. Die Übernahme der Vormundschaft würde den Eindruck erwecken, dass August auf die Machtübernahme der ernestinischen Lande spekuliere. Diesen Anschein wollte der Kurfürst unter allen Umständen vermeiden. Er beugte sich aber dem kaiserlichen Wunsch.140 Genial erscheint aus heutiger Sicht der Schachzug Kaiser Maximilians, auch Johann Wilhelm zum Vormund zu ernennen. Damit waren alle Parteien an der Vormundschaft beteiligt. Die Zusammensetzung war damit soweit austariert, dass hegemoniale Bestrebungen einzelner Mitglieder unterbunden werden konnten.141 In diesem Geist fanden die Gespräche um die Aufteilung des Herzogtums Sachsen statt. Das zukünftige Territorium Casimirs musste ökonomisch so stabil sein, dass es den Unterhalt der Familie und die Bezahlung der Exekutionskosten gewährleisten konnte. Um eine finanziell akzeptable Landesteilung sicherzustellen, beschloss der Reichstag auf Anregung Maximilians II. die Bestellung zweier kaiserlicher Kommissare – Wilhelm IV. von Hessen-Kassel und Markgraf Georg Friedrich I. von Brandenburg –, welche die Separierung durchführen sollten.142 Bevor aber der Reichsabschied seine Gültigkeit erlangte, mussten in einer Zeremonie die beiden engsten Verwandten Johann Friedrichs, also Herzog Oktober 1570 willigte Johann Wilhelm schließlich in die Landesteilung ein. Er wollte sie jedoch selbst vornehmen. Vgl. die Supplikation an Kaiser und Reichsstände vom 07.10.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 2, S. 1103. 139 Protokoll Kurfürstenrat vom 28.09.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 303. 140 Protokoll Kurfürstenrat vom 15.11.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 373. 141 Becker: Speyerer Reichstag, S. 82; Dritte Stellungnahme Maximilians II. vom 31.10.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 2, S. 676. Als Voraussetzung an der Teilnahme der Vormundschaft galt für August und Johann Wilhelm, dass beide vorher ihre gegenseitigen finanziellen Forderungen begleichen sollten. 142 Hauptresolution des Kaisers vom 03.11.1570, abgedr. bei Ortloff: Grumbachsche Händel Bd. 4, S. 430 f. Im Vorfeld gab es einige Diskussionen, wer als kaiserlicher Kommissar in Erscheinung treten könnte. Dabei gab es von Seiten Österreichs den Vorschlag, den Würzburger Bischof als Kommissar zu bestellen. Dies lehnte er aber mit der Begründung ab, dass er in dieser Situation als geschädigte Partei der Grumbachischen Händel keine neutrale Position

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Johann Wilhelm und Kurfürst Friedrich  III ., vor dem Kaiser Abbitte leisten. Auch Herzogin Elisabeth beteiligte sich daran.143 Gesamtheitlich betrachtet, gab es nach dem Ende des Reichstags zwei Sieger. Zunächst gelang es Kaiser Maximilian, den Reichsfrieden durch die Lösung der Frage nach der Bezahlung der Exekutionskosten zu bewahren. Weder eine neue Kontribution noch ein juristischer Prozess vor dem Reichskammergericht standen danach auf der Tagesordnung. Die Zusammensetzung der Vormundschaft belegt zudem, dass ihm langfristig an einer Friedenspolitik in Thüringen gelegen war. Als weiterer Sieger konnte sich die Kurpfalz fühlen. Ihr Ziel, Casimir und seine Familie finanziell und ökonomisch abzusichern, gelang auf breiter Ebene. Kurfürst August hingegen empfand die Reichstagsbeschlüsse als eine Niederlage. Die Bezahlung der Exekutionskosten rückte durch die Entscheidungen des Gremiums in weite Ferne. Auch mussten ihm seine Räte langfristig zu seinem Glück zwingen, als es darum ging, die Vormundschaft für die Söhne Johann Friedrichs anzutreten und einer Teilung des Herzogtums Sachsen zuzustimmen. August wusste, dass dieser Schritt den Konflikt mit Herzog Johann Wilhelm weiter verschärfen würde. Welche Bedeutung diese Reichstagsentscheidung noch haben sollte, erkannte August erst später. Als großer Verlierer musste sich zunächst Johann Wilhelm fühlen. Ihm gelang weder, das Herzogtum Sachsen als Ganzes zu erhalten, noch war es ihm möglich, seine finanziellen Forderungen durchzusetzen. Zudem dämpfte der Reichsabschied seine machtpolitischen Ambitionen in größerem Umfang. Seine französische Bestallung, welche ihm wohl zu einem selbstsicheren Auftreten im Vorfeld und auch auf dem Reichstag veranlasste, brachte ihm nichts ein. Sie spielte aber im politischen Kalkül Kurfürst Augusts eine Rolle. Er befürchtete, dass Johann Wilhelm mit Hilfe des französischen Königs zur Restauration des ernestinischen Kurfürstentums ansetzen werde.144 einnehmen könne. Vgl. Protokoll des Fürstenrates vom 27.09.1570, abgedr. bei Lanzinner: Reichstag zu Speyer Bd. 1, S. 524. Würzburg spielte in diesen Verhandlungen keine Rolle. 143 StACo, StA-Urk 1104, Lehensbrief Rudolfs II. an Casimir und Johann Ernst, Prag, 17.02.1587; Becker: Speyerer Reichstag, S. 82. Während Friedrich III. sich durch seine Räte vertreten ließ, bat Johann Wilhelm persönlich um Verzeihung vor dem Kaiser. 144 Huschke: Ernestiner, S. 4; Becker: Speyerer Reichstag, S. 83. Johann Wilhelm nahm auch Casimirs Bruder Friedrich als dessen Vormund in französische Bestallung auf. Vgl. Ortloff: Grumbachsche Händel Bd. 4, S. 413. Die Reichsstände erklärten sich lediglich bereit, die Kosten für die Schleifung der Festung Grimmenstein auf sich zu nehmen. Die anderen finanziellen Forderungen Johann Wilhelms wurden abgelehnt. Vgl. Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 19; Gehrt: Konfessionspolitik, S. 399.

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Ebenfalls zu den Verlierern des Reichsabschiedes gehörte Herzogin Elisabeth. Ihr Ziel – die Freilassung ihres Mannes – erreichte sie trotz ihres Kniefalls in Heidelberg und zahlreicher Bittschriften, die sie selbst und befreundete Fürsten vorbrachten, nicht. Hier konnte sich August durchsetzen. Er selbst meinte mit seiner Zustimmung zur Belehnung der Söhne Johann Friedrichs, den äußersten Kompromiss eingegangen zu sein.145 Für Casimir bedeutete diese Entscheidung in erster Linie, jetzt in gesicherten Verhältnissen zu leben. Negativ erscheint vor allem die Übernahme der Schulden, die ihm zeitlebens zu schaffen machten. Strukturgeschichtlich bedeutet dieser Reichsabschied, dass damit die Grundlagen für die Gründung eines eigenen Coburger Staates geschaffen wurden. Infolgedessen beginnt für die Ernestiner nach Meinung von Thomas Nicklas der Gang in die kleinstaatliche Existenz, ohne eine größere Chance, noch einmal machtpolitisch im Reich tätig zu werden.146 3.2.3 Herrschaftsgebiet und Verwaltung Ab dem 19. Juli 1571 trafen sich die Parteien unter der Schirmherrschaft der beiden kaiserlichen Kommissare zu ersten Verhandlungen in Erfurt.147 Herzog Johann Wilhelm zeigte sich dabei als zäher Verhandlungspartner. Die Diskussionen zogen sich in die Länge, sodass es erst Ende 1572 zum Vertragsabschluss kam. Für die Ernestiner war diese Realteilung Neuland. Bisher gab es lediglich Nutzungsteilungen, wie sie beim Mutschierungsvertrag von 1566 vorlagen. Verfassungsrechtlich spielten diese Teilungen eine geringe Rolle, da sie die Einheit des Territoriums bewahrten. Bei der Realteilung von 1572 entstanden demnach zwei Fürstentümer: Weimar und Coburg.148 Dabei wurden die Grenzen der neuen Herrschaftsgebiete festgelegt. Casimirs Fürstentum umfasste Teile Westthüringens, die ehemalige Pflege Coburg, die frühere hennebergische Herrschaft Römhild und einige Enklaven. Dazu gehörten die fränkischen Ämter: Coburg mit dem Gericht Lauter und der Stadt Rodach, Heldburg mit den Städten Hildburghausen und Ummerstadt, 145 StACo, LA A 2034, fol. 73−76, Briefwechsel zwischen August und den drei geistlichen Kurfürsten, 1571; Becker: Speyerer Reichstag, S. 83; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 454. 146 Nicklas: Haus Coburg, S. 23. 147 Gehrt: Konfessionspolitik, S. 436. 148 Vgl. Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 22−36.

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Eisfeld mit den Steuereinkünften aus der dort ansässigen Saigerhütte sowie der Messinghütte in Unterneubrunn, Neustadt a.d. Heide und Sonneberg mit dem Gericht Gestungshausen und den Einkünften des ehemaligen Klosters Mönchröden, die Klosterämter Veilsdorf und Sonnefeld, die zu Kammergütern umgewandelt wurden, sowie das halbe Amt Schalkau.149 Aus der früheren Herrschaft Römhild waren den Söhnen die Ämter Römhild und Lichtenberg mit Ostheim v.d. Rhön sowie diverse Gerechtigkeiten in den Orten Brückenau und Schildeck zugesprochen worden. Der thüringische Landesteil bestand aus den Ämtern: Gotha, Eisenach, Creuzburg, Gerstungen, Krayenberg, Tenneberg mit der Stadt Waltershausen, den Kondominaten Salzungen, Hausbreitenbach und Treffurt, der Stadt Pößneck sowie den Klosterämtern Volkenroda, Allendorf und der Kollektur Salza.150 Zudem besaß Casimir die Möglichkeit, die vier assekurierten Ämter von Kursachsen nach Bezahlung der Exekutionskosten wieder einzulösen. Deren Wert legten die kaiserlichen Kommissare auf 191.793 Gulden fest. Die restlichen kursächsischen Schulden in Höhe von 94.523 Gulden plus einer Anleihe des Kurfürsten in Höhe von 10.000 Gulden bei der Reichsstadt Nürnberg sollten für die nächsten 14 Jahre durch die Einnahmen der Tranksteuer aus diesen vier Ämtern bezahlt werden.151 Mit Weimar erfolgte zudem die Aufteilung 149 StACo, LA F 7, fol. 160−164, Fränkisches Manbuch, 1598; StA Urk LA C 3, Teilungsvertrag vom 06.11.1572, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 143 f.; Heins: Überblick Landesgeschichte, S. 102 f.; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 133−210. Mit Neustadt a.d. Heide ist das heutige Neustadt bei Coburg gemeint. Die andere Hälfte des Amtes Schalkau war Reichslehen, welches der Kaiser an die Herren von Schaumberg gab. Die Einkünfte des in der Pflege Coburg gelegenen Amtes Neuhaus-Schierschnitz gingen an die Familie Gotzmann, die das dortige Schloss als erbliches Mannlehen bewohnten. Erst nach dem Aussterben der Familie 1611 gingen die Einkünfte des Amtes als Kammergut an Casimir. 150 StACo, LA F 7, fol. 165−167, Fränkisches Manbuch, 1598; StA Urk LA C 3, Teilungsvertrag vom 6.11.1572, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 143−145; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 133−210. Das Amt Salzungen war ein wettinisch-mainzisches Kondominat (Brather, S. 191), das Amt Hausbreitenbach ein Kondominat mit der Reichs­ abtei/Fürstentum Hersfeld (Brather, S. 161). Die Ganerbschaft Treffurt besaß drei weitere Landesherren. Dazu gehörten die Landgrafen von Hessen-Kassel und Kurmainz, die jeweils ein Drittel des Amtes hielten, sowie Kursachsen, das ein Sechstel des Amtes besaß. 1588 verkaufte Casimir seinen Anteil an Hessen-Kassel. Vgl. Jendorff: Condominium, S. 285−498. Ein Inventarium der einzelnen Ämter findet sich unter StACo, LA C 191. 151 Die vollständige Zurückzahlung der Exekutionskosten gelang nie. Vgl. StACo, LA C 183, fol. 373v; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 21; Gehrt: Konfessionspolitik, S. 401. Die Lösung des Problems gelang erst 1660, als Kursachsen auf die Ämter endgültig

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einiger Einkünfte und Rechte. Dazu gehörten das Geleit- und Schutzgeld zu Erfurt, das Schutzgeld zu Nordhausen, alle ernestinischen Lehen Erfurter Bürger und die juristischen Ansprüche gegenüber den Grafen von Schwarzburg und Gleichen.152 Insgesamt entsprachen die durchschnittlichen Jahreseinkünfte des Coburger Landesteils 64.207 Gulden. Der Gesamtwert des Territoriums betrug 1.284.428 Gulden. Im Vergleich zu Weimar stand Coburg ökonomisch knapp an zweiter Stelle. Herzog Johann Wilhelm konnte Jahreseinkünfte in Höhe von 65.990 Gulden und einen Gesamtwert von 1.319.803 Gulden vorweisen.153 Außenpolitisch erhielt Coburg Sitz und Stimme im Reichstag, im Obersächsischen Reichskreis und über die Grafschaft Henneberg-Römhild im Fränkischen Reichskreis.154 Offenblieb indes die Frage der Erbverbrüderung zwischen dem Herzogtum Sachsen und der Grafschaft Henneberg, die auf den Bestimmungen des Kahlaer Vertrages von 1554 beruhte. Maximilian II. behielt sich hier eine Entscheidung vor. Johann Wilhelm versuchte zwar in den Verhandlungen den alleinigen Anspruch auf ein mögliches Erbe durchzusetzen (ein solches war absehbar, da der letzte Henneberger Graf ohne männlichen Erben dastand und 1583 verstarb), doch der Kaiser und die drei weltlichen Kurfürsten lehnten das Ansinnen ab.155 Es galt wie schon auf den Reichstag zu Speyer, den machtpolitischen Einfluss Johann Wilhelms zu begrenzen, der während der Gespräche seine Ambitionen nicht aufgab. Im Falle des Verwaltungsaufbaus konnte Casimir bereits auf vorhandene Strukturen zurückgreifen. So blieben die Universität Jena mit dem Konsistorium, dem Hofgericht nebst Schöppenstuhl und Appellationsrat als gemeinsame Einrichtungen bestehen. Auf der anderen Seite musste für Coburg eine Landesregierung als Zentralbehörde eingerichtet werden. Dies geschah im Dezember

verzichtete und im Gegenzug, die Ernestiner ihre Ansprüche auf das albertinische Fürstentum Zeitz fallen ließen. Vgl. Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 436. 152 StACo Urk  LA C 3, Teilungsvertrag vom 06.11.1572, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 143; Huschke: Ernestiner, S. 7. 153 Der Gesamtwert beinhaltete 5 Prozent der Erträge. Vgl. StACo, LA C 153, Portionsaufschlag; Schultes: Landesgeschichte, S. 71−73. Die Differenz wurde über eine Verschreibung auf das Amt Reinhardsbrunn aufgehoben, auf die Coburg Anspruch hatte. Vgl. Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 33. 154 Heyl: Zentralbehörden, S. 34; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 107 f. 155 StACo, LA B 6, fol. 2−5, Vertrag von Kahla, 01.09.1554 (Kopie). Eine Stellungnahme Kaiser Maximilians II. zu diesem Thema vom 09.07.1572 findet sich in: StACo, LA C 194. Vgl. Huschke: Ernestiner, S. 10.

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1572 durch eine Kanzleiordnung.156 Dabei entstanden Strukturen, welche die Minderjährigkeit der Landesherren berücksichtigte. So bestallten die Vormünder einen Statthalter als Stellvertreter der Herzöge. Die Wahl fiel dabei auf Graf Burkhard VIII . von Barby-Mühlingen, einem kursächsischen Gefolgsmann. Damit hatte Kursachsen den Zugriff auf die zentrale Machtposition im Fürstentum.157 Als Kanzler und damit Chef der Landesregierung wurde Dr. Wilhelm Rudolf Meckbach, vorher Geheimer Rat bei Wilhelm IV. von Hessen-Kassel, verpflichtet. Seine offizielle Bestallung erfolgte zeitgleich mit der des aus weimarischen Diensten stammenden Rentmeisters Christoph Friederau durch den Weimarer Abschied vom Juni 1573.158 Insgesamt ist eine schleppende Besetzung der wichtigsten Posten der fürstlichen Verwaltung augenfällig, die schon die Zeitgenossen kritisierten.159 Auch verzichteten die Vormundschaftsräte auf die Ausarbeitung einer separaten Kanzleiordnung. Nach Heyls Analysen orientierte sich die Coburger Ordnung stark an den Rats- und Kanzleiordnungen Kursachsens und wurde sogar teilweise wortwörtlich übernommen.160 Zwar zeigte diese Zusammenführung der Beamten nach außen hin eine gewisse Austarierung der einzelnen Interessen der Vormünder. Doch Kursachsen sicherte sich mit dem Statthalteramt die zentrale Machtposition im Fürstentum. Von dieser Stelle aus konnte man den kursächsischen Einfluss ausweiten. Auch die anderen Parteien versuchten, ihre Interessen zu wahren. Dabei standen sich vor allem Kursachsen und die Kurpfalz mit unterschiedlichen Interessenlagen auf der einen und das Fürstentum Weimar auf der anderen Seite gegenüber. Gerade Herzog Johann Wilhelm stemmte sich mit aller Macht gegen die Teilung, die er nicht verhindern konnte. Er sicherte sich aber die Einflussnahme auf das gemeinsame Konsistorium und befreite sich von der Schuldenlast seines Bruders. Erst spät wendeten sich die Verhandlungsführer dem inneren Ausbau des 156 StACo, LA F 5227, Kanzleiordnung von 1572; Heyl: Zentralbehörden, S. 35; Huschke: Ernestiner, S. 7. 157 StACo, LA A 2324, Urk. 1, Bestallung u. Instruktion Graf Barbys, Coburg, 12.12.1572; Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 2, S. 101. Barby hatte seit 1570 das Amt des Statthalters der Ballei Thüringen des Deutschen Ordens inne. 158 StACo, Urk LA C 13, Weimarer Abschied, 15.06.1573, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 177 f.; Stieve: Meckbach, S. 158 f. 159 StACo, LA A 2008, fol. 42v, Fritz Dietrich an Johann Friedrich, Coburg, 17.01.1573; ebd., fol 47v, Fritz Dietrich an Johann Friedrich den Mittleren, Coburg, 20.03.1573. 160 StACo, LA F 8043, fol. 283−337, Kanzleiordnung, Senftenberg, 16.03.1616; Heyl: Zentralbehörden, S. 39. Als Vergleich zieht Heyl die kursächsische Rats- und Kanzleiordnung vom 9. Juli 1611 heran.

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Fürstentums zu, was vor allem durch die späten Bestallungen und der womöglich überstürzten Einführung einer wenig überarbeiteten Kanzleiordnung kursächsischer Handschrift zu ersehen ist. Dadurch entstanden in der Folge zahlreiche Fehler, die zu Lasten einer effizienten Regierung gingen. Casimir musste dies später korrigieren. Insgesamt gesehen entsprach die Schaffung einer Zentralbehörde wie der Coburger Landesregierung dem typischen Institutionalisierungsund Bürokratisierungsprozess in der Frühen Neuzeit, der in den modernen Staat mündete und sich von der Person des Landesherrn separierte. 3.2.4 Der Wandel in der Vormundschaftsregierung Die Befürchtungen Kurfürst Augusts, dass Herzog Johann Wilhelm auch weiterhin als Störfaktor in Erscheinung treten würde, bewahrheiteten sich bald. Der Streit eskalierte um den Zugang zur Universität und zum Konsistorium in Jena. Im Dezember 1572 reichten die drei weltlichen Kurfürsten als Vormünder der Coburger Herzöge ihre Beglaubigungsschreiben zur Öffnung der Jenaer Institutionen ein. Doch Johann Wilhelm verweigerte ihnen den Zugang.161 Hintergrund waren die religiösen Spannungen zwischen den protestantischen Herrschern untereinander. Es ging nicht minder um den Einfluss auf die theologische Ausrichtung der sächsischen Fürstentümer. Denn die drei Kurfürsten konnten als Vormünder eine eigenständige Personalpolitik betreiben und nach ihren religiösen Vorstellungen dementsprechende Pfarrer einsetzen. Das Gleiche galt für die theologischen Lehrstühle an der Universität Jena und der Besetzung des Konsistoriums, wo sie bei der Bestallung der Geistlichen ein Mitspracherecht besaßen. Kursachsen ging es dabei, nach Meinung Volker Leppins, um „die Brechung des ernestinischen Sonderwegs in Glaubensfragen“ und der damit verbundenen ernestinischen Identität lutherisch-orthodoxer Prägung.162 Johann Wilhelm wollte diese Einflüsse verhindern. Doch das verstieß gegen den Erfurter Vertrag. Die Vormundschaftsräte beschwerten sich daraufhin bei Maximilian II. 161 StACo, Urk  LA C 6, 8 und 9, Schreiben der drei Kurfürsten, incl. Notariatsinstrument an die Universität Jena und dem Konsistorium vom 10.12.1572; StACo LA C 193, fol. 5, Altenburger Abschied, 17.12.1572. 162 SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.329/5, fol. 302v−307r, Johann Wilhelm an die Räte Etzdorf und Roßbeck, Weimar, 07.12.1572; vgl. Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 3−5; Hellfeld: Beiträge Bd. 3, S. 32−40; Leppin: Ernestinische Beziehungen, S. 78, 80 (Zitat).

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und beschlossen, dass für Konsistorialangelegenheiten ab sofort die Landesregierung zuständig sei. Entscheidungen durften vorläufig nur mit Begutachtung des früheren Coburger Superintendenten Maximilian Mörlin getroffen werden. Inwieweit dies umgesetzt wurde, bleibt unklar. Denn Mörlin nahm erst im April 1573 wieder seine Tätigkeit in Coburg auf, nachdem der Streit um den Zugang zum Konsistorium beigelegt worden war und die „flacianischen“ Geistlichen durch Kurfürst August entlassen wurden. Die volle Gemeinschaft wurde jedoch nicht wiederhergestellt, sondern für die fränkischen Gebiete eine der Landesregierung nachgeordnete Institution geschaffen, aus der sich unter Casimir eine Kirchenbehörde entwickelte.163 Johann Wilhelms Konfrontationskurs zeichnete sich auch bei der Übergabe der Kanzlei ab, die provisorisch im Coburger Rathaus von den hiesigen Amtsleuten verwaltet wurde. Der Herzog wies diese an, die Kanzleiräume zu versiegeln und keine Akten den Vormundschaftsräten zu übergeben. Auf den Protest der Räte folgte schließlich deren Anweisung an den Coburger Bürgermeister, das Siegel aufzubrechen und die Unterlagen ins Schloss Ehrenburg zu überführen, wo sie bis zum Eintreffen der Kanzleibeamten von der Stadt verwaltet werden sollten.164 Zudem weigerte sich Johann Wilhelm, seinen Neffen die Veste Coburg samt Bewaffnung, Munition und Vorräte zu übergeben. Hier spielten militärische Erwägungen, finanzielle Aspekte und die Frage eine Rolle, wer die Burg eigentlich besäße. War sie eine gemeinsame Einrichtung mit Coburg oder gehörte sie Johann Wilhelm, da er seit 1567 für deren Unterhalt alleine aufkam? Eine ähnliche Argumentation findet sich auch im Streit um die Einkünfte 163 StACo, LA F 5227, Kanzleiordnung vom 17.12.1572, § 3; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 35 f.; Heyl: Zentralbehörden, S. 44 f. Mörlin war bis 1569 Superintendent in Coburg und wurde dann unter flacianischen Einfluss von Herzog Johann Wilhelm entlassen. Erst nach dem Sturz der „Flacianer“ kehrte Mörlin an die alte Wirkungsstätte zurück. Vgl. Wagenmann: Mörlin, S. 322. In der Sitzung der Vormundschaftsräte vom 2. November 1573 beschlossen diese, dass Mörlin die von der Landesregierung nicht zu erledigten Fälle zweimal jährlich am Jenaer Konsistorium vorzutragen habe. Vgl. StACo, Urk  LA C 14, Leipziger Abschied, 02.11.1573, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 193. Die Entscheidung steht konträr zur beschlossenen Kirchenvisitation von 1573, in welchem die Pfarrer in Gänze an das Konsistorium in Jena verwiesen wurden. Vgl. StACo LA B 2463, fol. 18, abgedr. bei Sehling: Kirchenordnungen, S. 68; Gehrt: Konfessionspolitik, S. 476. Ein Beleg für die fränkische Ausrichtung des Konsistoriums findet sich in einem Schreiben (Kopie) an den Superintendenten von Römhild vom 20. Januar 1579, das von den „verordneten des franckischen Consistorii“ unterzeichnet wurde (StACo LA E 1769, fol. 22v). 164 SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.630/2, Erich Volkmar von Berlepsch und David von Uttenhofen an Kurfürst August, Coburg, 21.12.1572.

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und Ritterdienste des seit 1533 verpfändeten Amtes Allstedt in Nordthüringen. Beide Fürstentümer besaßen nach dessen Wiedereinlösung einen Anspruch auf dessen Einnahmen, die Johann Wilhelm aber für sich haben wollte. Außerdem forderte er, ihn mit der alleinigen Administration des Fürstentums Coburg zu beauftragen. Damit spielte er auf den kostspieligen Aufbau des Verwaltungsapparats an, eine Strategie, die er bereits bei der Finanzierung von Casimirs Ausbildung anwendete. Die drei weltlichen Kurfürsten sollten nur für die Erziehung der Herzöge zuständig sein. Für deren Vertreter vor Ort war dies unakzeptabel. Sie empfahlen daher den Kurfürsten, sich an den Kaiser zu wenden und die Entfernung Johann Wilhelms aus der Vormundschaft zu verlangen.165 Maximilian II. bestand aber in seinen Antwortschreiben vom Februar 1573 auf die Vereinbarungen des Erfurter Vertrages. Johann Wilhelm wurde eine Frist bis Ende Mai 1573 eingeräumt, die Veste Coburg seinen Neffen zu übergeben. Die Ausfuhr von Munition und Vorräten war ihm verboten. In der Frage des Amtes Allstedt entschied der Kaiser, dass beiden Parteien je zur Hälfte die Einkünfte erhalten sollten, womit er seiner Politik des Ausgleichs treu blieb.166 Womöglich wäre es noch zu weiteren Irrungen zwischen den Vormündern gekommen, wenn nicht ein unvorhergesehenes Ereignis die Situation radikal verändert hätte. Am 2. März 1573 starb überraschend Johann Wilhelm im Alter von 42 Jahren in Weimar.167 Da seine beiden Söhne noch minderjährig waren, musste auch dort eine Vormundschaftsregierung eingerichtet werden. Hier setzten zunächst die Landstände an, die in Opposition zu Johann Wilhelms als „Flacianismus“ bezeichneten Innen- und Konfessionspolitik standen. Sie baten in zwei Briefen Kurfürst August als nächsten Agnaten, die Vormundschaft zu übernehmen. Dies versuchte Johann Wilhelm noch zu Lebzeiten zu verhindern, indem er testamentarisch andere Vormünder bestimmte. Doch die Stände konnten diesen Konflikt für sich entscheiden.168 August übernahm am 12. April die Vor165 StACo, LA C 193, fol. 5, Altenburger Abschied, 17.12.1572; ThHStAW, Ernestinisches Gesamtarchiv, Reg. P, Abt. R, Nr. 5, fol. 11r−16v, Johann Wilhelm an seine drei Gesandten in Coburg, Weimar, 28.11.1572; ebd., fol. 17, kaiserliche Kommissare an den Festungshauptmann, Coburg, 03.12.1572; ebd., fol. 27–34, Instruktionen Johann Wilhelms an seine Gesandten, Weimar, 07.12.1572; Huschke: Ernestiner, S. 10. 166 StACo, Urk LA C 11, Kaiserliches Dekret vom 13.02.1573; StACo Urk LA C 12, Kaiserliches Dekret vom 21.02.1573. Kurfürst August löste das Amt Allstedt im Jahre 1575 aus. 167 Klein: Johann Wilhelm, S. 530. Der Tod kam so überraschend, dass das Gerücht umging, er sei bei einem Besuch in Wien vergiftet worden. Siehe: Wülcker: Johann Wilhelm, S. 350. 168 Eine ausführliche Darstellung der Geschehnisse findet sich bei Gehrt: Konfessionspolitik, S. 438−445.

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mundschaft und beendete die bisherige Konfessions- und Innenpolitik, in dem er einige Regierungsräte, 113 Pfarrer und mehrere Theologen der Universität Jena entließ. Dies brachte ihm den Beifall der protestantischen Reichsstände und der Landstände ein. Mit der Eliminierung der religiösen Elite gelang es ihm, den theologischen Sonderweg der Ernestiner zu beenden und deren Identität langsam zu zerstören.169 Wie in Coburg setzte er auch in Weimar ein Ratskollegium kursächsischer Prägung ein, an deren Spitze ebenfalls ein Statthalter und ein Kanzler standen. Hierbei vertrat Huschke die These, dass die Zentralbehörden beider Länder keine Regierungsbefugnisse besaßen und eher als ausführende Organe der Dresdner Regierung anzusehen seien.170 Auf den ersten Blick scheint dies zu stimmen. Lässt sich dies anhand der weiteren Politik der Vormundschaftsräte aber nachweisen? Ohne Zweifel füllte August das entstandene Machtvakuum in Thüringen aus. In der Coburger Vormundschaft brach damit das von Maximilian II. austarierte Gleichgewicht zusammen, da über die gemeinsamen kirchlichen und gerichtlichen Institutionen der sächsische Kurfürst massiv an Einfluss gewann, die er jetzt zu zwei Drittel kontrollierte. In dieser Situation entwickelte sich Statthalter Barby zu einer Schlüsselfigur. Als Gefolgsmann Augusts und einer von 17 kursächsischen Räten oblag es ihm nun, die Vorstellungen und Wünsche seines Herrn vor Ort in die Tat umzusetzen.171 Da die Landesregierung gegenüber dem Statthalter weisungsgebunden war, mussten keine kursächsischen Beamte eingesetzt werden. Damit beendete Kursachsen seine zurückhaltende Außen-, Macht- und Konfessionspolitik. Auf Augusts Initiative hin betrieben seine Räte fortan eine forsche Machtpolitik in Mitteldeutschland.172 Dieser Wechsel geriet jedoch zum Nachteil für die beiden Mitvormünder. In der Alltagsarbeit der Vormundschaftsräte machte sich dieser Wandel zunächst kaum bemerkbar. Die Analyse der Abschiede ergab, dass die meisten Entscheidungen einvernehmlich stattfanden. Dazu gehörte die Durchführung einer Kirchenvisitation, die Kurfürst August wegen des „flacianischen“ Einflusses am Herzen lag.173 Auch die Einführung des Konkordienbuches als lutherisches

169 Leppin: Ernestinische Beziehungen, S. 78; Gehrt: Konfessionspolitik, S. 441−444. 170 Huschke: Ernestiner, S. 7. 171 Schirmer: Kursächsische Finanzen, S. 651. 172 Vgl. Bruning: kursächsische Reichspolitik, S. 85; Bruning: August, S. 121 f. 173 StACo, Urk LA C 13, Weimarer Abschied, 15.06.1573, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 174 f.

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„corpus doctrinae“ 1580 geschah im Einvernehmen.174 Kursachsens Übergewicht machte sich zunächst nur sehr subtil, bspw. durch die Übernahme von Druck und Verbreitung neuer Gesetzestexte, ab 1574 bemerkbar. Nachdem Unregelmäßigkeiten in den Abrechnungen der Renterei aufgetreten waren, übernahm der kursächsische Rentmeister Barthel Lauterbach mit Zustimmung der drei Vormünder die Kassenprüfung.175 Es hat hierbei den Anschein, dass viele Entscheidungen aufgrund der geografischen Nähe Kursachsens und der engen Verwandtschaft getroffen worden sind. Mit dieser Argumentation beschlossen die Räte 1581, dass Kurfürst August die alleinige Entscheidungsgewalt auf Seiten Coburgs in juristischen Verfahren vor dem Reichskammergericht erhalten solle.176 Dahinter steckten Rationalisierungsbestrebungen. Die Räte trafen sich nur einmal im Jahr, sodass langwierige Entscheidungsprozesse entstanden, die zu Nachteilen für das Fürstentum führen konnten.177 Wenn nun die Kurpfalz und Kurbrandenburg eigene politische Akzente einbrachten, so gelang es Kursachsen in vielen Fällen, seine Meinung durchzusetzen. Eine der wenigen Beispiele, bei der sich die beiden Vormünder durchgesetzt hatten, war die Einberufung eines Landtages 1576, der sich mit der Tilgung der Staatsschulden beschäftigte.178 Als 1578 der Kurfürst von Brandenburg aus Desinteresse aus der Vormundschaft ausschied – er beschickte schon vorher seine Räte nicht mehr zu den Treffen – empfahl die Kurpfalz Markgraf Georg Friedrich I. von Brandenburg als geeigneten Nachfolger. Er besaß zu beiden wettinischen Linien verwandtschaftliche Beziehungen, wodurch er für Kursachsen annehmbar war.179 In dieser Zeit stieg 174 StACo, Urk LA C 22, fol. 17, Coburger Abschied, 22.08.1580; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.625/1, fol. 74v, Kursächsische Vormundschaftsräte an August, Coburg, 13.08.1580; ebd., fol. 76, Räte an August, Coburg, 18.08.1580. 175 StACo, Urk LA C 14, Leipziger Abschied, 02.11.1573, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 193; StACo, Urk LA C 15, Coburger Abschied, 28.06.1574, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 236; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.624/3, Instruktionen Augusts an die Räte, Weißenfels, 06.06.1574; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.623/12, fol. 222−239, Konsistorialordnung zu Jena, 1574; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.625/2, fol. 128v, Instruktion Augusts an die Räte, Coburg, 11.11.1575. 176 StACo, Urk LA C 24, Coburger Abschied, 12.09.1581, nach Tagungsordnungspunkt 30. 177 Siehe Heyl: Zentralbehörden, S. 35. 178 StACo LA A 1005, Vollmacht der kurpfälzischen Räte zur Abhaltung eines Landtages, Heidelberg, 20.11.1575; StACo Urk  LA C 19, Coburger Abschied, 21.11.1575, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 300. 179 Die Abwesenheit Kurbrandenburgs auf den gemeinschaftlichen Vormundschaftstreffen wurde besonders auf der Tagung von 24.12.1576 kritisiert, vgl. StACo, Urk  LA C 20, Coburger Abschied, 24.12.1576, Tagungsordnungspunkt 12 (l) und die Einführung; SächsHStAD, Be-

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Augusts politische Macht, denn neben Kurbrandenburg legte auch die Kurpfalz die Arbeit der Vormundschaftsräte lahm. Sie versah ihre Vertreter mit keinen In­ struktionen mehr, sodass dies mit der Blockierung der Staatsgeschäfte einherging. Hintergrund war ein Machtkampf um die Vormachtstellung in der Vormundschaft, der sich vor allem im Streit um die Erziehung der Herzöge ausdrückte. So scheiterten zwischen 1576 und 1580 gemeinsame Treffen.180 Zudem entstanden Legitimitätsprobleme für die neuen Vormünder, da die kaiserliche Bestätigung und damit die Huldigung der Untertanen auf sich warten ließen.181 Dieses Machtvakuum füllte Kursachsen aus und schuf vor allem in der Konfessionspolitik mit der Einführung der Konkordienformel 1577 Tatsachen.182 Nachdem der pfälzische Kurfürst Ludwig VI. 1583 gestorben war stand 10.024, Loc. 10.624/3, David von Hirschfeldt an Kurfürst August, Coburg, 07.07.1577; ebd., Instruktion Augusts an die Räte, Gommern, 18.06.1577; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.624/4, fol. 35, Kurfürst Johann Georg von Brandenburg an August, Neukölln, 16.02.1578; ebd., fol. 36, Ludwig  VI. an August, Heidelberg, 22.03.1578; ebd., fol. 62, August an Rudolf  II., Dresden, 26.5.1578; ebd., fol. 114, Rudolf  II. an Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg, Wien, 10.06.1578; ebd. fol. 236, Georg Friedrich an August, Tilsit, 19.11.1578; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.624/5, fol. 1, Kaiserliche Bestätigung der Vormundschaft Markgraf Georg Friedrichs, Prag, 04.01.1579; StACo, Urk  LA C 22, Coburger Abschied, 22.08.1580, Einführung; StACo, LA A 1009, fol. 71v, Georg Friedrich an Casimir, Ansbach, 03.09.1586. 180 SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.625/1, fol. 29, Instruktion Augusts an die Räte, Dresden, 07.07.1580; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.624/4, fol. 49, August an Ludwig VI., Dresden, 11.04.1578; StACo, Urk LA C 22, Coburger Abschied, 22.08.1580, fol. 1 f. Ein Beispiel für dieses Chaos ist die Entlassung des Coburger Kanzlers Meckbach 1578. Da keine Stellungnahme von Kurbrandenburg zu dieser Frage einging, konnte keine neue Bestallung ausgeschrieben werden. Das Amt musste kommissarisch vom Rat David von Uttenhofen ausgeübt werden. 181 StACo, Urk  LA C 22, Coburger Abschied, 22.08.1580, fol. 1 f. Konkreter wird dieser Fall anhand der Rechnungsdarlegung durch Graf Barby für die Jahre 1577 bis 1580. Hier stellte sich zunächst die Legitimationsfrage, ob überhaupt der neue pfälzische Kurfürst und der Markgraf von Brandenburg berechtigt waren, eine Quittung für ordentliches Finanzgebahren auszustellen. Vgl. fol. 4 f. Die Huldigung für Markgraf Georg Friedrich und Kurfürst Ludwig VI. wurde erst im Frühjahr 1583 in der Herrschaft Römhild und an der Universität Jena vollzogen. Vgl. StACo, Urk LA C 25, Coburger Abschied, 13.01.1583, Tagungsordnungspunkt 1; StACo, LA A 1007, Instruktion des Kanzlers Michael Wirth wegen der Huldigung in Römhild und Jena, 1583. 182 Bei der Konkordienformel handelte es sich um die letzte Bekenntnisschrift innerhalb der lutherischen Kirche, welche die Zerwürfnisse zwischen den orthodoxen Lutheranern und Philippisten auf Veranlassung Augusts beilegen sollte. Sie vertiefte aber auch die Gräben zwischen lutherischer und reformierter Kirche.

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und daraufhin wegen der Unmündigkeit seines Nachfolgers Friedrich  IV. die Kurpfalz aus der Vormundschaft ausschied, konnte August seinen Willen ohne Gegenwehr durchsetzen. Markgraf Georg Friedrich erwies sich als der kleinere Partner, der relativ schnell politisch kaltgestellt werden konnte.183 In der Folge verlor die Zusammenkunft der Räte an Bedeutung. August leitete seine politischen Vorstellungen und Anweisungen direkt an Barby. Hönn monierte dies am Beispiel des ungefragten Abtransports von 69 Kanonen samt Munition und 448 Pechkränzen von der Veste Coburg in sein Territorium nach Leipzig.184 Auch im Verwaltungsapparat drang immer stärker der kursächsische Einfluss durch. Nachdem Kanzler Meckbach 1578 entlassen wurde, übernahm nach einer Übergangszeit der Jurist und frühere Rektor der Universität Leipzig, Michael Wirth d. Ä., das Amt. Er kam auf Empfehlung Augusts und ohne die Zustimmung der beiden anderen Vormünder nach Coburg. Wirth war einer von Casimirs Professoren in Leipzig, sodass sich der Jurist für diese Position empfehlen konnte.185 Dies war durchaus gängige Praxis im Umfeld der universitären Ausbildung von Fürstensöhnen. Mit dieser Personalie übernahm aber Kursachsen die zweite Schlüsselposition des Fürstentums. So muss konstatiert werden, dass der Machteinfluss Augusts in der Vormundschaftsregierung kontinuierlich anstieg und in den 1580er Jahren seinen Höhepunkt erreichte. Zusammen mit der Vormundschaft in Weimar erlangte er eine Machtfülle, die nach ihm kein Wettiner mehr in diesem Maße besaß. So entwickelten sich die Landesregierungen zunehmend zu Dependancen einer Dresdner Zentralregierung. Diese Einheit wird vor allem in der Konfessionspolitik deutlich. Im Gegenzug zeigten sich an der institutionellen Entwicklung des Konsistoriums erste Separations- und Differenzierungstendenzen, die in 183 SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.625/5, fol. 295 f., Kanzler Wirth und Barby an August, Coburg, 29.10.1583; ebd., fol. 297, August an Wirth und Barby, Augustusburg, 12.11.1583; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.625/7, fol. 23v, Georg Friedrich an August, Königsberg, 18.03.1584. Dass Georg Friedrich wegen der Überlastung der eigenen Regierung der Vormundschaft nur wenig Bedeutung einräumte, zeigt sich in der Tatsache, dass er bei der Rechnungsdarlegung 1584 nur einen Kammersekretär nach Coburg schickte. 184 Hönn: Historia Bd. II, S. 201; StACo, LA F 3656, Verzeichnis der abgeführten Waffen und Munition, 1581. 185 SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10.624/1, fol. 5, Barby an August, Leipzig, 14.10.1580; fol. 78 f., Bestallung Wirths, 28.01.1581; ebd., fol. 112, Ludwig  VI. an August, Heidelberg, 17.03.1581; StACo, Urk  LA C 24, Coburger Abschied, 12.09.1581, Tagungsordnungspunkt 3; StACo, LA A 2165, fol. 2v, Casimir an Elisabeth, Coburg, 06.02.1582; Leibetseder: Kavalierstour, S. 114; Heyl: Zentralbehörden, S. 96.

Vom politischen Spielball zum „Ziehsohn“

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Casimirs Regierungszeit häufig beobachtet werden können. Die aufgezeigte Ambivalenz zwischen individuellem territorialem Aufbau und rationalem, zentralistischen kursächsischen Machtanspruch sollte sich erst nach dem Tode des Kurfürsten auflösen.

3.3 Vom politischen Spielball zum „Ziehsohn“ Nach einer Zeit des Provisoriums (1567−70) entstanden durch die Reichstagsentscheidung von Speyer die Grundlagen für die Entstehung des neuen Fürstentums Coburg mit Casimir an dessen Spitze. Dass es so weit kam, hatte er der politischen Weitsicht des Kaisers und der Fürsorge seines Großvaters, des pfälzischen Kurfürsten, zu verdanken. Dieser konnte zusammen mit seinem Adelsnetzwerk die Belehnung der Enkel durchsetzen. Casimir erhielt durch den Reichstag eine neue, legale Herrschaftslegitimation. Sie entsprach nicht einem traditionellen Herkommen, sondern beruhte auf rationalen Erwägungen und einer politischen Entscheidung der Reichsstände. Die Herrschaftskontinuität der Ernestiner in Mitteldeutschland wurde dabei berücksichtigt. Casimir erhielt dadurch, ohne eigenes Zutun, ein Maß an sozialer Reputation auf dem Niveau eines deutschen Kleinfürsten zurück. Verlierer dieser Entwicklung war Herzog Johann Wilhelm. Er scheiterte mit seinen Versuchen, Einfluss auf seine Neffen und deren Land zu nehmen. Dabei spielten seine ehrgeizigen politischen Ambitionen, der Erhalt des Herzogtums Sachsen, der eigenen Identität durch Bewahrung der „wahren“ lutherischen Lehre sowie die Aufrechterhaltung der Ansprüche auf die Kurwürde eine Rolle. Zwischen 1567 und 1573 beförderten Johann Wilhelms Interessen eine Konfrontation mit Kursachsen, die sich erst mit seinem Tod auflöste. Damit brach aber das von Maximilian II. entworfene politische Gleichgewicht im Vormundschaftsrat nach 1572 zusammen. Die Machtverhältnisse verschoben sich zugunsten Kurfürst Augusts, der anfangs als Verlierer dieser politischen Entwicklung dastand. Ihm gelang es zunehmend, seinen Einfluss als Vormund in Coburg und Weimar auszubauen. Er setzte damit seine Hegemonialpolitik durch und vereinnahmte die ernestinischen Herzöge bis hin zur Assimilation.186 Am deutlichsten wurde dieser Machtzuwachs in der Konfessionspolitik. Durch seinen direkten Zugriff auf das ernestinische Konsistorium gelang es ihm, die Konkordienformel einzuführen. Der Einfluss auf die religiöse Erziehung der Herzöge und deren Aufenthalt an der kursächsischen 186 Siehe dazu auch die Darstellung bei Nicklas: Haus Coburg, S. 43.

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Universität Leipzig tat das Übrige dazu, dass nach Volker Leppin, eine theologische „Abschleifung der Gegensätze“ zwischen Ernestinern und Albertinern vollzogen wurde.187 Politisch gewann August nach dem Tode des pfälzischen Kurfürsten Ludwig VI. die alleinige Vormundschaft über die Coburger Herzöge. Ihm und Statthalter Barby war es gelungen, den 1578 als Vormund eingesetzten Markgrafen von Brandenburg, von den wichtigen Staatsgeschäften fernzuhalten. Auch die Landesverwaltung wurde immer stärker mit kursächsischen Beamten durchsetzt. Einflussnahmen von anderer Seite, u. a. von den Eltern, gingen dadurch zurück. Familiär nahm August seit den Leipziger Studienjahren zunehmend die Rolle des Ersatzvaters ein, der Casimir auf den Reichstag einführte und für die Einweisung in die Regierungsgeschäfte sorgte. Sein vorherrschendes negatives Image wollte er so zerstreuen. Casimirs Familie erlebte in diesen Jahren einen langsamen sozialen Aufstieg. Dieser kam durch die Errichtung einer eigenen Hofhaltung in Coburg und die Einsetzung der Söhne ins väterliche Erbe zum Ausdruck. Die Familienhierarchie blieb anfangs bestehen. Johann Friedrich der Mittlere fungierte immer noch als Oberhaupt, was auch in Verbund mit der Kurpfalz zu einer gewissen Unabhängigkeit der Familie führte. So war es den Eltern trotz mancherlei Widrigkeiten möglich, Einfluss auf eine halbwegs adäquate Erziehung ihrer Söhne zu nehmen. Erst die Ereignisse des Jahres 1572 führten zum völligen Zusammenbruch der alten Hierarchie. Mutter Elisabeth verließ die Söhne gen Wiener Neustadt. Casimirs älterer Bruder Friedrich starb. Er selbst wurde Landesherr und stand mit seinem Bruder Johann Ernst hierarchisch über seinem Vater, was zu einem Paradoxon führen musste. Die Eltern zogen sich danach von ihren Kindern zurück. Die Briefwechsel, die ab 1573 einsetzten, blieben formelhaft und unverbindlich. Eine Entfremdung zwischen Söhnen und Eltern war lediglich eine Frage der Zeit.188 Damit stellen die Jahre 1572/73 auch einen Bruch in der Kontinuität des sozialen Umfeldes Casimirs dar. Auf lange Sicht musste dies negative Auswirkungen auf den Charakter haben und eine gewisse Unsicherheit in der Persönlichkeit des jungen Herrschers fördern. Politisch entwickelte er sich immer mehr zu einem Objekt der Begierde, ohne selbst darauf Einfluss zu haben.

187 Leppin: Ernestinische Beziehungen, S. 67. 188 Heyl: Kindheit, S. 35.

4. Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern

4.1 Väterliche Erziehungsdoktrin Trotz der Kustodie besaß Johann Friedrich der Mittlere zumindest bis 1572 einen immensen Einfluss auf die Ausbildung seiner Söhne. Er maß dem Thema eine enorme Bedeutung bei und entwickelte in drei Stufen Erziehungsgrundsätze, die bei seinen Kindern Anwendung finden sollten. Zudem beschrieb er die Rahmenbedingungen ihrer Ausbildung. Johann Friedrich galt als Vertreter eines gebildeten, tugendhaften Fürsten, der an der Weitergabe seiner religiösen und philosophischen Überzeugungen Interesse zeigte und dies auch zu fördern suchte.1 Die ersten klar umrissenen Grundsätze erörterte er 1566 im Diskurs mit seinem Schwiegervater, Kurfürst Friedrich III. Zentrales Thema waren die calvinistischen Vorstellungen des Pfälzers zur Prinzenerziehung, denen Johann Friedrich nichts abgewinnen konnte. Nach seiner Ansicht sollten seine Söhne zur Gottesfurcht erzogen werden, damit unter ihnen das Wort Gottes blühe und gedeihe. Es gehe auch darum, den Kindern ritterliche Tugenden anzuerziehen, damit diese das Land später verteidigen und die Untertanen beschützen können. Die Einführung in die Staatsverwaltung, das Erlernen von Fremdsprachen und das Leben mit Ernst und Humor zu bestreiten, bildeten ebenfalls Erziehungsinhalte. Die Söhne sollten durch das Lesen religiös-lateinischer Texte, im Besonderen von Luthers Katechismus, vor konfessionellen Irrungen geschützt werden. Neben diesem theoretischen Ansatz sollten fleißiges Beten und der Gottesdienstbesuch mit Hören der Predigt und Teilnahme am Abendmahl Ausbildungsbestandteil werden.2 Der Diskurs mit Friedrich  III. eskalierte jedoch in der Frage um die tugendhafte Erziehung der Kinder in einer sündhaften Welt. Der Kurfürst 1

Diese Einschätzung teilen die bisherigen Biografen des Herzogs, Gruner, Beck und Ortloff innerhalb der Darstellung der Grumbachschen Händel. Eine Zusammenfassung findet sich bei Klein: Johann Friedrich  II., S. 530. Zuletzt stellte Kruse die wissenschaftlichen Interessen Johann Friedrichs heraus. Vgl. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 125−180; Heyl: Kindheit, S. 20. 2 StACo, LA A 10.494, fol. 43, Johann Friedrich an Friedrich III., Gotha, 20.09.1566 (Konz.); Gehrt: Erziehung Casimirs, S. 13; Bender: Prinzenreise, S. 41, 45. Diese Grundsätze legte Johann Friedrich auch seinen Söhnen dar. Vgl. StACo, LA A 10.456, fol. 7, Johann Friedrich an die Söhne, Wiener Neustadt, 30.06.1574 (Konz.).

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Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern

forderte hier einen christlich-asketischen Ansatz. Johann Friedrich dagegen fand, dass die Söhne zu ihrer Kurzweil auch Sport treiben und tanzen sollten, was der Großvater schon anstößig empfand. Der Herzog argumentierte, dass er keine Mönche oder gar Heilige erziehen wolle. Friedrich III. vermochte sich da nicht durchzusetzen und gab schließlich nach.3 In der Kustodie konkretisierte Johann Friedrich seine Erziehungsdoktrin auf Grundlage seiner 1566/67 formulierten Ansichten. Dies war notwendig geworden, da seine Söhne in das erziehungsfähige Alter kamen. Auch die geänderten Lebensumstände machten eine weitere Präzisierung notwendig. Johann Friedrich teilte seine Vorstellungen ab 1567 seiner Frau Elisabeth in verschiedenen Briefen mit. Die ersten Bestimmungen, in denen bereits Ende 1567 Prinz Friedrich im Alter von vier Jahren unterwiesen wurde, bezogen sich auf eine lutherisch-orthodox ausgeprägte religiöse Ausbildung. Casimir nahm bald an diesem Unterricht teil.4 Inhaltlich befasste sich die Doktrin außerdem mit den geforderten Eigenschaften eines Präzeptors. Bedeutend war für Johann Friedrich neben der theologischen Ausbildung die Gottesfurcht und Ehrbarkeit des Lehrers, ein gepflegtes soziales Umfeld, Durchsetzungsfähigkeit, Gelehrsamkeit, gutes pädagogisches Geschick, Ausgeglichenheit in der Lebensweise, autoritäres Auftreten, eine gewisse Bescheidenheit im Verhalten, Fröhlichkeit und Fürsorge für die ihm anvertrauten Kinder, vor allem in den Bereichen Ernährung und Gesundheit. Zu weiteren Erziehungsinhalten äußerte er sich insoweit, als sie auch das Erlernen von Fremdsprachen und die Förderung der Künste wie Malerei, Poesie und Musik beinhalten sollten. Er beschrieb zudem den künftigen Aufbau der Hofhaltung seiner Söhne. Die Kinder sollten mit anderen jungen Adeligen erzogen werden. Das fördere zum einen die soziale Kompetenz und zum anderen erlernten die Söhne dadurch die gesellschaftlichen Standesunterschiede. Johann Friedrich warnte aber davor, die Buben schon in jungen Jahren in die Hände eines Präzeptors zu geben. Wer zu früh mit dem Lernen beginne, 3 StACo, LA A 10.487, fol. 58, Friedrich  III. an Johann Friedrich, Heidelberg, 16.10.1566, abgedr. bei Kluckhohn: Briefe Friedrichs Bd. 1, S. 704 f.; ebd., fol. 60, Friedrich  III. an Johann Friedrich, Heidelberg, 22.11.1566; StACo, LA A 10.488, fol. 129, Friedrich  III. an Johann Friedrich, Heidelberg, 15.08.1566, abgedr. bei Kluckhohn: Briefe Friedrichs Bd. 1, S. 696 f.; ebd., fol. 131, Johann Friedrich an Friedrich III., Gotha, 07.12.1566 (Konz.); StACo, LA A 10.494, fol. 43, Johann Friedrich an Friedrich III., Gotha, 20.09.1566 (Konz.); ebd., fol. 45, Johann Friedrich an Friedrich III., Gotha, 01.11.1566 (Konz.); Heyl: Kindheit, S. 20 f. 4 StACo, LA A 2148, fol. 44, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 22.11.1567 (Konz.); ebd., fol. 49, Elisabeth an Johann Friedrich, Weimar, 20.12.1567.

Väterliche Erziehungsdoktrin

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der müsse damit rechnen, dass seine Kinder bald die Lust daran verlieren. Über die Herkunft des Hauslehrers meinte er, dass es kein Thüringer sein dürfe, „den sy gemeiniklich der sprach halben mangel haben“.5 Konkrete Vorstellungen besaß er über die Züchtigung der Söhne. Hier forderte er, dass der Präzeptor ernst und freundlich sein solle, „das in dy kinder furchten vnd doch liben keinne ruthe spar, den sy werden nicht darvon hinkend“.6 Auf der anderen Seite förderte Johann Friedrich durch Geschenke und Geschenkversprechungen den Fleiß und Ehrgeiz der Kinder. Seine Vorstellungen entsprachen dabei, mit Ausnahme der Vorbehalte gegen Thüringer, der gängigen erzieherischen Praxis bei Fürstensöhnen nach dem theoretischen Vorbild Erasmus von Rotterdams.7 Gleich im 1. Kapitel der „Fürstenerziehung“ stellte Erasmus seine Vorstellungen einer optimalen christlichen Fürstenerziehung vor. Die zentrale Position nahm dabei der Präzeptor ein. Da Erasmus annahm, dass der ideale Herrscher nicht einfach geboren wird, musste er durch die Erziehung des Präzeptors zum idealen Fürsten geformt werden. Dabei lehnte er autoritäre und antiautoritäre Ansichten ab. Er präferierte die Ausgewogenheit von Lob und Tadel, wie es der Philosoph Seneca forderte. Zum Inhalt der Ausbildung gehöre das Anerziehen tugendhafter Eigenschaften, die mit dem Erwerb von charismatischen Fähigkeiten verbunden seien. Damit einhergehend vollzog sich die Integrierung der Kinder in ein hierarchisches System. Damit ist die ständige Demutshaltung gemeint: die Demut des Herrschers vor Gott und die Demut der Untertanen gegenüber dem Landesherrn.8 Zudem forderte Erasmus, dass der zukünftige Fürst dem Allgemeinwohl seiner Untertanen dienen müsse. Dazu gehöre es, Schaden vom Volk abzuwenden, dessen Bedürfnisse zu berücksichtigen und eigene Wünsche zurückzustellen. Militärische Auseinandersetzungen lehnte er entschieden ab und akzeptierte nur die Selbstverteidigung im äußersten Notfall. Damit lehnte

5 StACo, LA A 2151, fol. 8 f., Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 26.01.1570 (Konz.). Das erwähnte Zitat findet sich unter StACo, LA A 2152, fol. 9v, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 11.03.1571 (Konz.). 6 StACo, LA A 2152, fol. 9v, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 11.03.1571 (Konz.). Der Einsatz der Rute in der Erziehung war durchaus üblich. Vgl. Többicke: Höfische Erziehung, S. 109. 7 Vgl. dazu zwei Beispiele aus StACo, LA A 2149, fol. 4, Elisabeth an Johann Friedrich, Weimar, 05.04.1568; StACo, LA A 2150, fol. 27, Elisabeth an Johann Friedrich, Eisenach, 15.09.1569; Heyl: Kindheit, S. 32; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 45−125. 8 Bender: Prinzenreise, S. 40 f.; Böhme: Bildungsgeschichte, S. 214−249; Többicke: Höfische Erziehung, S. 92 f.; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 45, 47, 49.

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er sich an der theologischen Lehre vom gerechten Krieg an. Über die Taten als Fürst müsse er vor Gott Rechenschaft ablegen.9 Von Seiten der Protestanten war es vor allem Philipp Melanchthon, der eine Brücke zu diesen Vorstellungen schlug, und damit das sächsische Schulwesen entscheidend prägte. Er forderte nach dem Vorbild Ciceros, die Eloquenz in den alten Sprachen Latein und Griechisch. Dazu verfasste er eigens Lehr-, Grammatik- und Lesebücher, die sich in den höheren sächsischen Schulen als Lernhilfen zu Standardwerken entwickelten. Er rezipierte dabei Werke antiker Philosophen und Schriftsteller, achtete aber auf pädagogische Schwerpunkte, sodass Teile dieser Schriften in den Schulbüchern Aufnahme fanden. Melanchthons Ziel war es, mit dem Unterricht Schülern die Einheit von Wortverständnis, grammatikalischem Wissen und, daraus resultierend, die „Fähigkeit zur geschmackvollen Darstellung des Erkannten“ zu vermitteln.10 Diese pädagogischen Maßnahmen können als Antwort auf die Ablehnung der Scholastik und der durch die Reformation bedingten Auflösung bisheriger schulischer Institutionen gesehen werden. So entstand im Verbund mit der beginnenden Bürokratisierung und der daraus resultierenden Notwendigkeit von gut ausgebildeten Beamten ein neuer von Humanismus und Luthertum geprägter Schultypus. Dieser schuf eine neue geistige Elite, welche die gelehrten politischen und theologischen Ideen ins Land trug. Melanchthon gelang es, diesen Ansatz großflächig im Reich durchzusetzen.11 In der dritten Phase nach 1572 korrespondierte Johann Friedrich mit Casimir und seinen Erziehern, denen er seine Doktrin darlegte. Inhaltlich ging es ihm um den Entwurf eines Idealbildes des gerechten christlichen Fürsten. So erläuterte er, dass „ohne guthe kunst vnd studia dy regiment nicht kunnen erhalthen werden, auch wann dy regenthen deren erfahren seind, thuts selthen noth“.12 Hier unterstrich er nochmals das humanistische Ideal, dass ein Herrscher nur  9 Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 97−101, 109, 111. Erasmus gibt als negatives Beispiel den Tyrannen an, der um sein Wohl besorgt ist. Die Frage nach der Legitimation eines bewaffneten Konfliktes behandelt er im Kapitel „Notwendige Kriegshandlungen“ (S. 207−219). Gerade die Frage nach dem gerechten Krieg spielte in der christlichen Theologie seit der Spätantike eine Rolle. Hier gaben Augustinus von Hippo und Thomas von Aquin wichtige Definitionen, die in der politischen Philosophie eine Rolle spielten. Vgl. Kap. 9.6.2. 10 Arnhardt/Reinert: Fürsten- und Landesschulen, S. 36; Böhme: Bildungsgeschichte, S. 252. 11 Wollersheim: Fürsten- und Landesschulen, S. 19−24. 12 StACo, LA A 10.456, fol. 1−3, Johann Friedrich an Barby, Wiener Neustadt, 30.09.1573 (Konz.).

Väterliche Erziehungsdoktrin

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durch Bildung zum gerechten Fürsten wird. Weiter war ihm daran gelegen, dass die Söhne zu Sanftmut und logischem Denken erzogen werden. Gefühlsbetonte Entscheidungen galten als Kennzeichen eines Tyrannen.13 Seine Söhne mahnte er bezüglich des Fürstenamtes, daß sie mit der zeitt landen vnnd leuthen als feine, erfahrne, fürtrefflich vnnd gelerte fürsten werden nützlich vnnd dinlich sein könden […] dieses ist auch bey den alten herlichen Römern, die jr kinder nicht anfengklichen zun kinderspielen, sondern gutten könsten vnnd sprachen, alsdann auch, damit sie das vatterlandt verthedigten, beschutzten vnnd erweitterten, zu den außlendischen krigen angewiesen, in vblichen gebrauch gehalten.14

Johann Friedrich gab hier seinen Söhnen eine Orientierungshilfe für das künftige Amt und empfahl ihnen, sich am Vorbild römischer Herrscher anzulehnen.15 Das Ziel eines gebildeten Fürsten sollte es sein, dem Land und dessen Volk zu dienen. Der Begriff des Dienens darf aber nicht mit der Herrschaftsphilosophie des preußischen Königs Friedrich II. verwechselt werden. Friedrich stellte die Bezeichnung auf die Grundlage der säkularisierten bzw. domestizierenden Aufklärung. Zu Casimirs Zeiten war hingegen der Gottesbezug zentral. Der Fürst erhielt sein Land von Gott und war nach Vorstellungen der Bibel als dessen Amtmann auf Erden ihm gegenüber verantwortlich.16 In diesem Kontext gibt der Briefwechsel mit den Eltern einen Einblick in die schulischen Fortschritte der Söhne. Dabei stach Prinz Friedrich besonders hervor. Wie die Mutter berichtete, stand Casimir seinem Bruder in nichts nach, was jedoch der Vater stark bezweifelte. Hier taucht eine gewisse Skepsis auf, die Johann Friedrich gegenüber seinem Sohn nie ablegte. Dabei benutzte er die Schreibübungen seiner Söhne für eine Analyse ihres Charakters. Während die Übungen Friedrichs ihn zufriedenstellten, kritisierte er die Arbeiten Casimirs als wenig ernsthaft. Er war der Meinung, dass sein Sohn mit mehr Strenge zum Lernen angehalten werden müsse. Zudem stellte Heyl bei der Analyse der Briefe fest, dass Casimir gegenüber seinen beiden Brüdern zurücktreten musste. Die

13 StACo, LA A 10.532, fol. 76, Johann Friedrich an Maximilian Mörlin, Wiener Neustadt, 08.10.1573 (Konz.); Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 45, 47, 85. 14 StACo, LA A 2157, fol. 5, Johann Friedrich an die Söhne, Wiener Neustadt, 03.06.1574. 15 Boseckert: Selbstdarstellung, S. 20. 16 Heyl: Kindheit, S. 46; Hartung: Verfassungsgeschichte, S. 63 f.

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Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern

Hintergründe für dieses Verhalten lagen in den subjektiven Eindrücken, die der Vater von seinem Sohn zwischen 1564 und 1567 gewonnen hatte.17 Vergleicht man die drei Stufen der Erziehungsdoktrin Johann Friedrichs des Mittleren, so fällt eine Weiterentwicklung auf. Gegenüber Friedrich III . von der Pfalz legte er die Grundzüge der künftigen Erziehung seiner Söhne dar. Sie bildeten in erster Linie eine Abgrenzung zu den calvinistischen Vorstellungen des Schwiegervaters. Die Kinder sollten stattdessen im „wahren“ lutherischen Glauben erzogen werden. In der zweiten Stufe zeichnete er in den Briefen an seine Frau das Idealbild eines Präzeptors. Der Herzog hielt ihn für die Schlüsselfigur der Fürstenerziehung. Er verband damit die theologische Erziehung der Söhne mit der humanistischen Vorstellung der Herrscherausbildung nach den Vorstellungen Erasmus von Rotterdams. Dabei konnte er die Lernfortschritte seiner Kinder durch den ständigen Briefkontakt in Augenschein nehmen, wobei Casimir aus subjektiven Gründen schlecht abschnitt. Der humanistische Einfluss verstärkte sich in der dritten Stufe, die der Herzog gegenüber den Erziehern und seinen Söhnen vertrat. Hier skizzierte er das Idealbild eines gerechten christlichen Fürsten. Daneben lässt sich eine Modifizierung seiner Vorstellungen nachweisen. Während er gegenüber Friedrich  III. forderte, dass man den Kindern die Freude am Leben belassen müsse, stellte er in einem späteren Brief an seine Söhne klar, dass man dem Leben mit Ernst begegnen sollte. Es scheint, dass die Kustodie seine Auffassungen vom Leben zum Negativen veränderte. Er zeigte aber weiterhin Interesse an der Erziehung seiner Söhne und versuchte, darauf Einfluss zu nehmen, ohne eine wirkliche Empathie für Casimir zu entwickeln.18 17 StACo, LA A 2148, fol. 49, Elisabeth an Johann Friedrich, Weimar, 20.12.1567. Elisabeth schrieb, dass die einen „gute kop zu lernnen“ besäßen. StACo, LA A 2149, fol. 43v, Elisabeth an Johann Friedrich, Weimar, 01.11.1568. Elisabeth bemerkte die schnelle Auffassungsgabe Friedrichs, der in kürzester Zeit das Alphabet gelernt hatte. StACo, LA A 2150, fol. 43, Elisabeth an Johann Friedrich, Eisenach, 12.11.1569. Johann Friedrich schrieb über Casimir: „Hanß Casimir wirdt nit gerne lernen, darumb wirdestu in dester mer darzu halthen mussen.“ Vgl. StACo, LA A 2150, fol. 3r, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 18.01.1569; StACo, LA A 2152, fol. 44, Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 06.08.1571. Dort heißt es: „Ich habs gantz genau gesehen, Fritzens ist genunk zum anfang, mit Hanß Casimirn ists kein ernst, das sehe ich auß seim schreyben, darumb muß man etwaß ernsther gegen im sein vnd in mehr darzu halthen, Hanß Ernst ist noch zu junk, doch hoffe ich, sy sollen noch wol lernen, man eyl sy nur nicht, sonderlich Fritzen, wen er sein cathar hat vnd das man in nicht vberheuf mit lehr, gemach kumpt man auch weyt.“ Vgl. Heyl: Kindheit, S. 24 f. 18 StACo, LA A 10.494, fol. 45, Johann Friedrich an Friedrich III., Gotha, 01.11.1566 (Konz.); StACo, LA A 2157, fol. 5, Johann Friedrich an die Söhne, Wiener Neustadt, 03.06.1574.

Erziehungsinhalte

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4.2 Erziehungsinhalte Die archivalische Überlieferung der vermittelten Erziehungsinhalte beginnt mit dem Amtsantritt von Mag. Rhönn. Er führte die Söhne in die lateinische Sprache und den Geschichtsunterricht ein, vertiefte mit ihnen das Lesen, Schreiben und Rechnen und intensivierte die religiösen Studien.19 Detaillierte Informationen über die damalige Herrschaftsphilosophie geben die Schreibübungen. Gleich der erste Lehrsatz fasste den Kern des Gottesgnadentums zusammen: „Die fürsten sollen lernen, das die reich bestellet werden von gott vnd das sie haben einen oberherren welchem sie müssen rechenschaft geben von allen worten und taten vnd welcher sie wirt fragen wie regiret haben und straffen das gottlose wesen aber die gottes furcht belohnen.“20 Der Herzog war also Gott, nicht den eigenen Untertanen, Rechenschaft über seine Herrschaftsausübung schuldig. Er bemühte sich dabei um ein gottgefälliges Leben, da er nach dem Tod die Wiederauferstehung am Jüngsten Tag und das ewige Heil erlangen wollte. Auf dieses Ziel der mittelalterlich und religiös geprägten Heilsvorstellung waren Casimirs Entscheidungen ausgerichtet. Rhönn warnte zugleich davor, das Auge Gottes zu unterschätzen, denn er sähe alles, auch die bösen Taten.21 Des Weiteren ermahnte der Präzeptor zu Fleiß und Offenheit gegenüber neuem Wissen und neuer Ansätze. Er bediente sich dabei die Allegorie der Biene. Wörtlich hieß es: Die knaben sollen im studiren nach folgen den binen undt viel scribenten lesen nach aller ding, eine wissenschaft machen aber aus den schriften allein das nützlichste zusammenlesen wie die bienen pflegen zu sitzen auff alle blumen vndt doch von iglichen das beste zu saugen den es ist nicht wert zu loben vil lesen mit unfleis als wenig lesen vndt nach dencken vndt ver alles liset der gebt entlich nichts wen es am meisten bedarf.22

Bedeutsam war auch die Ausbildung zu einem gebildeten Fürsten, der seinen eigenen Intellekt einsetzt und selbstständig Urteile und Entscheidungen treffen kann. Ihren theoretischen Hintergrund besaß dieses Ideal in Platons Vorstellungen 19 StACo, LA A 2156, fol. 6, Casimir an die Eltern, Coburg, 27.07.1573; Heyl: Kindheit, S. 30; Bender: Prinzenreise, S. 45. 20 StACo, LA A 2188, fol. 2, Schreibübungen Casimirs, o.D.; abgedr. bei Haslauer: Neubeginn, S. 21 f. 21 StACo, LA A 2188, fol. 3, Schreibübungen Casimirs, o.D. 22 StACo, LA A 2188, fol. 4, Schreibübungen Casimirs, o.D.

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über den gerechten Staat. Dem gebildeten Herrscher obliege dabei auch die Förderung von Kunst und Wissenschaft.23 Zum weiteren Inhalt gehörten die drei kyprischen Reden des griechischen Philosophen Isokrates, in welchem er das Idealbild eines Fürsten skizzierte. Nach seiner Auffassung zählte für den guten Herrscher nur der ehrliche Ruf, welchen er von den Eltern geerbt hatte. Dieser bliebe ewiglich bestehen.24 Diese Passage erhielt durch das Schicksal des Vaters Brisanz. Georg Rhönn erzog die Söhne in diesem Sinne. Die Grumbachschen Händel wurden demnach nicht nachteilig für Johann Friedrich den Mittleren ausgelegt. Casimirs Meinung über seinen Vater mag dies beeinflusst haben. Ein weiterer Aspekt beinhaltete das Verhältnis zwischen Landesherrn und Untertanen. Der Fürst sollte gegenüber seinem Volk gnädig und gütig sein, damit dieser von ihm geliebt wird. Konträr dazu sei die Tyrannis als Herrschaftsform abzulehnen, da sie zum Nachteil der Untertanen gereiche. Zudem sollte der Fürst Diener seines Volkes sein und es vor Krieg, Gewalt, Armut und Leid schützen, sodass seine Untertanen „in ihrer schos sicher schlaffen“.25 Damit sprach Rhönn ritterliche Tugenden an, über die ein guter Regent verfügen musste. Dabei ging es um das Bild des tapferen Landesherrn, der sich schützend vor Frauen und Kinder, den Armen und Kranken stellte. Rhönn bezieht sich damit auf die Schriften Senecas, der sich als Lehrer des gemeinnützigen Engagements und der Tugendhaftigkeit einen Namen machte. Der Erzieher bediente sich der Metapher des Vaters, der sich fürsorglich um seine Landeskinder kümmere. Bibelübersetzungen zur Geschichte Sauls, Davids und Salomons aus dem Lateinischen gaben dem Unterricht anschauliche und beliebte Beispiele.26 Aus der Zeit Sebastian Leonharts sind ebenfalls Instruktionen überliefert, die etwa um 1573 entstanden waren und einen Einblick in den Erziehungsalltag geben. Die Vorgaben beinhalten zwei, vermutlich von Leonhart verfasste Gebete. Im ersten ging es um Fürbitten für die Eltern und dass dem Vater Barmherzigkeit zuteilwerde. Die Kustodie interpretierte er als göttliche Strafe für die Sünden Johann Friedrichs. Das zweite Gebet handelte von der Beziehung der Fürsten zu 23 StACo, LA A 2188, fol. 17, 18v; vgl. Apelt: Platon Bd. V, S. 175−224. Platon vertrat darin die Auffassung, dass die Philosophen als die Gebildeten herrschen sollen und nicht die Krieger, welche er zusammen mit den Erwerbstätigen als weitere Stände seines Staates aufführte. 24 StACo, LA A 2188, fol. 5, Schreibübungen Casimirs, o.D. 25 StACo, LA A 2188, fol. 6, Schreibübungen Casimirs, o.D. 26 StACo, LA A 2188, fol. 7, 10−15, 19; Müller: Fürstenhof, S. 9 f.; Bender: Prinzenreise, S. 200. Zur Begrifflichkeit des Wortes Vater vgl. Brunner: Ganzes Haus, S. 111−113.

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Gott. Hier sprach er Elemente der traditionellen Herrschaft an. Nachdem Gott die Fürsten in ihr Amt einsetze, könnte der Monarch im Gebet darum bitten, ihn auf den rechten Herrschaftsweg zu führen. Dazu gehörte auch die Bitte um Erkennung von Gut und Böse, was Not mindere und Wohlstand fördere, und um ein gottgefälliges Leben.27 Erst danach schließt sich eine Art Stundenplan als Indiz früher Sozialdisziplinierung an. Er orientierte sich an religiösen Handlungen als Bestätigung der Wirksamkeit einer theologischen Ordnungsvorstellung. Der Unterricht umfasste Schreib- und Leseübungen, das Rechnen „auf der Feder“, grammatikalische Übungen wie Deklinieren und Konjugieren sowie die Vertiefung des Lateins. Viel Raum nahm der Religionsunterricht ein. Hier verlangte Leonhart das Auswendiglernen des kleinen lutherischen Katechismus in Deutsch und Latein. Aus Abschnitten der Bibel, besonders aus dem Buch Jesus Sirach und den Sprüchen Salomos, wurde gelesen und rezipiert. Die Evangelien brachte er ihnen in deutscher und lateinischer Sprache sowie durch Auswendiglernen kleinerer Sprüche nahe. Am Hofgottesdienst mussten sie dreimal die Woche teilnehmen, der Predigt lauschen, in der Nachbereitung deren Inhalt wiedergeben und angeben, welchen Eindruck diese bei ihnen hinterlassen hätte.28 Der Stundenplan erwähnt auch die Verwendung zweier Bücher, der „Chronica Carionis – Vom Anfang der Welt bis Kaiser Karl V.“ von Melanchthon und der „Hauspostillen“, einem Predigtbuch Martin Luthers.29 Leonharts Erziehungsansätze ermöglichen die genaue Analyse von Casimirs Religionsunterricht. Sofort fällt die intensive Behandlung der Schriften Luthers auf. Die Arbeiten von Matthias Flacius kommen nicht vor. Von Melanchthon fanden lediglich allgemeinbildende humanistische Texte Verwendung. Die ernestinische Lesart des Luthertums kam hier zum Vorschein. Leonhart scheint sich dem angepasst zu haben. In einem Brief an Johann Friedrich den Mittleren machte er deutlich, dass er die lutherische Auslegung als Grundstock des Protestantismus ansehe. In Anbetracht der Durchsetzung einer gemeinsamen Konkordienformel sei es demnach das Ziel, „am ende der weltt gottfurchtige, 27 StACo, LA A 2187, fol. 2, Erziehungsinstruktionen Leonharts, um 1573. 28 StACo, LA A 2187, fol, 3v−5r; Többicke: Höfische Erziehung, S. 94 f., 116, 125; Heyl: Kindheit, S. 40. Der Erziehungsdoktrin liegt auch ein Verzeichnis der Psalmen vor, die Johann Casimir auswendig lernen musste. Es handelte sich dabei um die Psalmen 2, 3, 5, 13, 15, 20, 23, 25, 28, 32, 34, 41, 43, 47, 85, 101, 103, 111, 126 und 130. Das Rechnen „auf der Feder“ ist das schriftliche Rechnen mit arabischen Ziffern. 29 StACo, LA A 2187, fol. 5, Erziehungsansätze Leonharts, [1573]; Scheible: Melanchthon, S. 252−254.

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gelerte vnd vorstendige fursten möchten erzogen werden, so ihre fundamenta catechismi neben der lateinischen sprachen gefasst vnd sich nicht, wie leider itzo vor augen vnd hoch darvber zu seufftzen, von einer opinion vff die andere verfuren lassen“.30 Er gab damit zum Ausdruck, dass er die lutherische Theologie als die einzig „wahre“ Auslegung ansah. Er ging aber noch einen Schritt weiter, in dem er die theologischen Meinungen Melanchthons und Calvins akzeptierte, sich mit ihnen inhaltlich auseinandersetzte und sie nicht von vorneherein ablehnte. Leonhart war der Auffassung, dass jene Auslegungen wichtige Impulse für die lutherische Lehrmeinung geben könnten. Sein Ansatz war im Kontext der zunehmenden religiösen Entfremdung im Reich geradezu avantgardistisch und ist am ehesten mit der frühen Konfessionspolitik der Landgrafen von Hessen-Kassel zu vergleichen. Wohl deshalb sah sich Leonhart lange dem Vorwurf ausgesetzt, ein Philippist bzw. Kryptocalvinist zu sein. Auch Johann Friedrich der Mittlere erfuhr von Leonharts theologischer Auffassung. Er bat schließlich darum, seine Söhne nicht in Glaubenszweifeln erziehen zu lassen. Eine theologische Schulaufgabe aus dem Jahre 1574 hatte diesen Eindruck bei ihm untermauert. Großen Einfluss besaß diese Bitte aber nicht. Leonhart hielt an seinen Überzeugungen fest. Heyl wies hier zurecht auf die spätere theologische Haltung Casimirs hin, die von einer gewissen religiösen Toleranz geprägt gewesen sei.31 Die Erziehung erfolgte nach zeitgenössischem Brauch mit anderen Adeligen. Ziel war es, den Ehrgeiz unter den Schülern zu wecken, Standesunterschiede zu erkennen und zeremoniell damit umzugehen. Da die Erziehungspraktiken Leonharts schon bald einen guten Ruf genossen, stieg die Nachfrage nach freien Schulplätzen drastisch an. Vor allem viele Niederadelige wollten ihren Nachwuchs nach Coburg schicken. Die Schülerschar wuchs derart, dass ein weiteres Studierzimmer eingerichtet und ein zweiter Präzeptor eingestellt werden musste. Schließlich verhinderte Raummangel eine weitere Ausdehnung. Zu den Schülern Leonharts zählten u. a. Herzog Wilhelm August von Braunschweig-Harburg, mehrere Grafen und 18 Edelknaben aus fränkischen, thüringischen und sächsischen Adelsgeschlechtern. Damit waren Strukturen, vergleichbar mit der einer Ritterakademie, geschaffen worden.32 Andere Fürstenhofe wurden auf die 30 StACo, LA A 10.534, fol. 77, Sebastian Leonhart an Johann Friedrich, Coburg, 18.04.1577. 31 Heyl: Kindheit, S. 42; Rudersdorf: Hessische Beziehungen, S. 60 f. 32 *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 31v− 32r; Gruner: Johann Kasimir, S. 16 f.; Heyl: Kindheit, S. 41; StACo, Urk LA C 15, Coburger Abschied, 28.06.1574, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 246. Darin heißt es: „Auf Ansuchen des Statthalters werden der

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Erziehungsmethoden Leonharts aufmerksam und zeigten ihr Interesse, sodass der Coburger Hof ein erstes signifikantes Merkmal besaß. Später bestellte Kurfürst Christian I. von Sachsen Leonhart zum Erzieher seiner Kinder. Dessen „Ordnung der Lection vnnd Stunden welche beyden jungen Hertzogen zu Sachsen Coburgischen Theils“ fand zudem Aufnahme in das kurpfälzische Hofschulbuch des Arztes Joachim Strupp.33 Die erwähnte Ordnung entstand zwischen 1575 und 1578. In den weiter entwickelten Erziehungsdoktrin wurde erstmals auf die Erlernung des Griechischen in Kombination mit dem Geschichtsunterricht eingegangen. Hier las Casimir die biografischen Texte Plutarchs. Eine Basis für seine Herrschaftsphilosophie bildeten lateinische Texte wie die historische Darstellung Vergils oder die Arbeiten von Sallust und Cornelius Nepos. Als Handbücher nutzte er Werke Philippe de Commynes und Herodians. Rein deutsche Publikationen finden sich hauptsächlich in Form von Kalendern, die u. a. die Dynastiegeschichte der Wettiner beinhalteten. Die theologische Ausbildung erfolgte nun in Deutsch, Griechisch und Latein. Es blieb beim Lesen und Auswendiglernen einzelner Kapitel aus der Bibel, vorrangig der Bücher Samuels, der Könige und der Chronik sowie des Johannes-Evangeliums. Dabei ging es um das richtige Verständnis von Glaubens­ inhalten. Der lutherische Katechismus sollte durch einen wissenschaftlichen Diskurs und mit Hilfe der aus der mittelalterlichen Scholastik stammenden Quaestiones verinnerlicht werden. Über diesen Ansatz diskutierte Casimir mit Wilhelm August von Braunschweig-Harburg zu Glaubensfragen. Der weitere Unterricht beinhaltete Lektionen über Rhetorik, Dialektik, die Einführung in die Jurisprudenz und das Rechnen „auf Linien“.34 Insgesamt geben die Instruktionen die typischen Erziehungsinhalte wieder, die Prinzen sich ab dem zehnten Lebensjahr aneignen mussten. Verschiedene Sohn des Grafen von Hohnstein, des Statthalters Neffe, ein Graf von Gleichen zu den Herzögen in die Schul genommen, und denselbigen die aufwarten helfe.“ Siehe auch Bender: Prinzenerziehung, S. 44 f. 33 Richter: Erziehungswesen, S. 89. Ein Lehrplan des kursächsischen Nachwuchses aus dem Jahre 1588/89 ist auf S. 433−436 abgedruckt und weist einige Parallelen zu den Erziehungsdoktrin Leonharts aus dem Jahre 1573 (StACo, LA A 2187) auf. Strupp war in Heidelberg Hofarzt, Bibliothekar und Präzeptor des pfälzischen Kurprinzen. Vgl. Kretzschmar: Strupp, S. 670 f. 34 LBCo, W III 12/11, Schreyb Kalender; vgl. Pfister: Enkel des Glaubenshelden, S. 218; Strupp: Hofschulbuch, fol. 206−210; Schulthess: Scholastik, S. 240−242; Többicke: Höfische Erziehung, S. 96. Das Rechnen „auf Linien“ mit einem Rechenbrett, ähnlich dem Abakus, beförderte Adam Ries.

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historische und theologische Texte, die den Schwerpunkt der religiösen und ethischen Ausbildung ausmachten, lieferten Beispiele für die richtige Handlungsweise eines zukünftigen Fürsten.35 Die Inhalte entsprachen zudem einer voruniversitären Bildung, wie sie an den sächsischen Landesschulen gelehrt wurden. Die Ausbildung in Rhetorik, Grammatik und Dialektik zielte auf den zukünftigen Besuch einer Hochschule ab, wie dies lutherische Theologen forderten. So ist die Doktrin von 1573 als Vorunterricht anzusehen, der mit den dort erworbenen Fertigkeiten im Lesen und Schreiben sowie den Vorkenntnissen in Latein auf das Universitätsniveau hinführte. Dazu gehörten die frühzeitige Eingewöhnung in einen Tagesablauf und die Heranführung an die Selbstdisziplin.36 Vor allem Sebastian Leonhart vermittelte dies den Herzögen mit Erfolg und legte damit den Grundstein für eine hervorragende Erziehung, die aufgrund ihrer äußeren Umstände nicht zu erwarten war und sich für andere Höfe zum Vorbild entwickelte. In zentralen theologischen Fragen blieb Leonhart der lutherischen Lehre treu, ließ aber auf ihrer Basis über weitere protestantische Ansichten diskutieren und öffnete damit den Blick auf deren positive Ansätze. Gerade am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges galt dies als avantgardistisch. Mit dieser Leitlinie setzte er sich dem nie bewiesenen Verdacht aus, ein Philippist bzw. Kryptocalvinist zu sein. Leonharts Erziehung stand so im Widerspruch zur kursächsischen Konfessionspolitik ab 1574. Casimir erhielt dadurch eine liberale Sichtweise auf theologische Streitfragen, womit aber der Schutz des „wahren“ Luthertums einherging. Dies garantierte die Weitergabe der ernestinischen Identität auf die nächste Generation. Die Erzieher befassten sich auch mit dem Schicksal der Eltern. Sie sensibilisierten die Söhne für die väterliche Tragik. Johann Friedrich wurde als Opfer des göttlichen Schicksals dargestellt und August eine negative Rolle zugewiesen.

4.3 Geheime Kontakte Johann Friedrich dem Mittleren gelang es, nach der Entlassung der Bediensteten Herzogin Elisabeths neue Gesprächspartner zu finden. Gegenüber Sebastian Leonhart blieb er aber zunächst zurückhaltend. Offensichtlich wartete er ab, welche Erziehungsansätze der Präzeptor anwenden würde und ob sie erfolgreich seien. Die Coburger Korrespondenzpartner zerstreuten aber die 35 Bender: Prinzenreise, S. 45 f.; Többicke: Höfische Erziehung, S. 107. 36 Wartenberg: Bildungskonzeption, S. 80; Többicke: Höfische Erziehung, S. 98.

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Zweifel an Leonhart.37 Johann Friedrich gelangte schließlich zur Überzeugung, dass Leonhart der richtige Präzeptor für seine Söhne sei. In seinem ersten Brief lobte Johann Friedrich dessen Arbeit und bat ihn, den bisherigen Unterricht in bewährter Weise fortzuführen. Fortan begann ein reger Briefwechsel, in welchem beide die Erziehung der Söhne thematisierten. Sie stellten dabei fest, dass sie ähnliche Erziehungsvorstellungen haben. Johann Friedrich ging aber sehr zurückhaltend vor, um den Verdacht der Einflussnahme zu vermeiden. Er beließ es bei Briefen an Leonhart und Barby, die im Allgemeinen zum Nachdenken anregen und auf Gefahren hinweisen sollten. Religiöse Stellungnahmen kamen nur dann vor, wenn sie mit den Positionen Kurfürst Augusts vereinbar waren.38 In jener Zeit wandte sich Leonhart vom Kurfürsten ab und verschrieb sich der Sache Johann Friedrichs und seiner Söhne. Ob die ab 1574 einsetzende Verfolgung der Philippisten in Kursachsen und die damit verbundene Verengung der theologischen Sichtweise oder das Schicksal Casimirs dieses Umdenken beeinflussten, ist nicht mehr feststellbar. Er nahm aber seither eine Doppelrolle ein, die er anscheinend so geschickt spielte, dass niemand Verdacht schöpfte. Barby und die Vormundschaftsräte sprachen ihm großes Lob für seine Arbeit aus. Vielmehr hielt der Statthalter, wie Leonhart es formulierte, seine Hand über ihn.39 Kurfürst August sah die Erziehung Casimirs in guten Händen. Nach seiner Auffassung hatte er Leonhart durch Dankbarkeit für dessen akademische Förderung und einer daraus resultierenden Loyalität für sich gewonnen. Wo jedoch theologische Erziehung und dynastische Identitätsbildung konträr zu seiner Politik standen, griff er radikal in die Ausbildung seiner Mündel ein. Dies zeigt das Beispiel Friedrich Wilhelms I. von Weimar. Von seiner Mutter 37 StACo, LA A 2002, fol. 26, Mörlin an Johann Friedrich, Coburg, 28.03.1574. Darin schreibt Mörlin: „vnd wer gros hofnung, wenn sie jren selbst herrn vater solten fur sich sehen, es solten zv grossen dingen rechte fursten werden.“ StACo, LA A 10.454, fol. 2, Barby an Johann Friedrich, Coburg, 02.02.1574. Darin schreibt Barby, dass die Söhne so gute Lernfortschritte machen würden, „dass jch e.f. [euer fürstlich] gnaden mith warheit schreibenn kahn, jhrers alders vnd gelegenheitt nach also, wo sie herttzogk Friderich Wilhelm nicht vberdreffen, so sollenn sie jhm gleich seinn.“ 38 StACo, LA A 10.533, fol. 30, Johann Friedrich an Sebastian Leonhart, Wiener Neustadt, 03.06.1574 (Konz.); ebd., fol. 35, Leonhart an Johann Friedrich, Coburg, 19.07.1574; Heyl: Kindheit, S. 41. Der Autor nennt als Beispiel die Warnung vor den Flacianern. 39 SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10624/3, Bestallung von Sebastian Leonhart, 1577; *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 30v−31r; Gössner: kursächsische Universitätspolitik, S. 126; Die Zufriedenheit der Räte machte sich auch über Geldgeschenke an den Erzieher bemerkbar. Vgl. SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 10625/2, fol. 119, Ausgaben 1583.

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getrennt, wurde er durch albertinische Vertrauensleute zu einem loyalen Gefolgsmann Kursachsens erzogen.40 Ein Jahr nach dem Tode des Prinzen Friedrich nahmen die Eltern einen unpersönlichen und sehr formellen Briefwechsel mit ihren Söhnen auf. Über die Hintergründe dieser Korrespondenz wurde in der Forschung lange spekuliert. Historiker nahmen an, dass es sich um einen Ausdruck des Zeremoniells, also des höfischen Umgangs zwischen fürstlichen Personen handelte. In diesen Briefen spiegelten sich die jeweiligen Standesunterschiede oder Ebenbürtigkeiten wider. Die Korrespondenz zwischen Vater und Söhnen muss daher als Briefwechsel zwischen Fürsten gesehen werden.41 Bisher unbekannt war die Existenz einer Geheimkorrespondenz, die zwischen Eltern und Söhnen bestand. Einen ersten Beleg dafür liefert ein Brief Casimirs an seine Mutter von 1575. Darin hieß es, dass ein Bote aus Wiener Neustadt heimlich bei einem Grafen von Könitz mit einer aus dem Umfeld des Coburger Hofes stammenden Büchersendung abgefertigt worden sei. Diese Bücher wurden durch den Hofmeister Moritz von Heldritt und Sebastian Leonhart übergeben. In den nächsten Jahren häufen sich die Belege für eine geheime Korrespondenz, die weniger auf eine zeremonielle Anrede Wert legte.42 Sie ist nur noch bruchstückhaft erhalten. Zudem 40 StACo, LA A 2079, fol. 35, Dorothea Susanna an Elisabeth, Weimar, 21.09.1575. Darin schreibt die Mutter Friedrich Wilhelms I.: „So gelangt unns auch ah, das unser eltester sohn, welchen wir seider unsers geliebtenn herren unndt gemahls sehligen todtlichen abschiedenn nicht gesehen noch zu S.I. kommen durfften, auch wol auf unnd bey gutter gesundheit sein soll.“ Erst als ihr Sohn krank wurde, durfte sie ihn besuchen. Vgl. StACo LA A 2079, fol. 43, Dorothea Susanna an Elisabeth, Weimar, 19.11.1575. Vgl. Gehrt: Konfessionspolitik, S. 450−454; Nicklas: Haus Coburg, S. 23. 41 Furger: Briefsteller, S. 101; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 211; Többicke: Höfische Erziehung, S. 99. 42 StACo, LA A 2158, fol. 19, Casimir an Elisabeth, Coburg, Juli/August 1575. Die Familie von Könitz besaß Besitzungen im Umkreis von Saalfeld. Über die alte Handelsroute von Nürnberg nach Leipzig, die auch durch Coburg führte, war es ein Einfaches, die Besitzungen der Grafen zu erreichen. Ein weiterer Hinweis auf eine geheime Korrespondenz findet sich in dem Brief Casimirs an seinen Vater vom 14. April 1583 (StACo, LA A 2166, fol. 2). Kruse merkt zudem an, dass Casimir gelernt haben mag, „vorsichtig, Folgen und mögliche Auswirkungen bedenkend, vorzugehen.“ Vgl. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 185. Den deutlichsten Beleg liefert Leonhart selbst in einem Brief an Johann Friedrich den Mittleren vom 5. Dezember 1583. Darin heißt es: „Das schreiben E.f.G. an ihrem geliebten sohn hertzog Johan Casimirum, hab ich in geheim unterdhenig uberantwortet vnd darneben verrichten, so viel mhier muglichen gewesen, ist ein gottfürchtig, frommes und fürstliches hertz noch vorhanden, sed bonus morti corrumpuet colloquia prava. (lat. böse Geschwätze zerstören gute Sitten.) Ihre f.G. haben wider in geheim geantwortet und wolen gerne recht thun, wen

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wurde sie bei der späteren Archivierung mit den offiziellen Schreiben zusammengefasst, sodass eine genaue Differenzierung bis heute aussteht. Die Existenz eines solchen Briefwechsels belegt, dass Johann Friedrich der Mittlere, stärker als bisher angenommen, versuchte, in die weitere Erziehung der Söhne einzugreifen. Leonhart agierte hier als Mittelsmann – eine Rolle, die er später noch öfters einnehmen sollte. Offenbar wollten beide Parteien eine Einsichtnahme von dritter, vielleicht kursächsischer Seite, verhindern. Auch verfassten Eltern und Söhne ihre Briefe fast alle eigenhändig.43 Einen intimeren Einblick gibt der offizielle Briefwechsel durch die dort erwähnten persönlichen Geschenke der Eltern an die Söhne. Das bedeutendste Präsent stellte ein Bildnis Johann Friedrichs und Elisabeths dar. Johann Ernst hatte seinen Vater noch nie gesehen und Casimir beklagte sich, dass er der „gegenwertigkeit“ seiner Eltern beraubt sei.44 Als Reaktion darauf, gaben diese ein Gemälde in Auftrag, welches Ende 1576 nach Coburg geliefert wurde. Nach Meinung Kruses besitzt dieses anamorphotisch verzerrte Bild eine besondere Pointe, nämlich „daß es nur den Augen Eingeweihter in natürlicher Gestalt sichtbar war, ein „Besuch“ also, der nur den Söhnen gegolten hat“.45 Die Omnipräsenz des Vaters blieb durch dieses Medium, welches eine Stellvertreterfunktion wahrnahm, als Konstante in Casimirs Leben bestehen. Durch die Verschickung der Herzöge nach Leipzig drohte das Kommunikationsnetz zerstört zu werden. Leonhart bemühte sich daher beim Treffen der Vormundschaftsräte 1576 um eine Verlängerung seiner Anstellung. Er warnte davor, dass der Universitätsbesuch die bisherigen erfolgreichen Studien hemmen könnte, da es „gelegenheit zum verseumen unndt sich zu nichtes gewißes vortbringen“ dort gäbe, und garantierte, dass die Herzöge bei seiner Weiterbeschäftigung „ihre Studia bey zur Wohlfahrt braucht“ fortführen würden.46 Die Räte gaben Leonharts Anliegen statt. Lediglich die Stelle des Hofmeisters sie dazu kommen konnen. Das ander schreiben, welches Thomas der bote offentlich presentiret.“ (StACo, LA A 10.549, fol. 2). 43 Auf diesen Sachverhalt geht auch Pfister im Zusammenhang mit dem ersten Schreiben Casimirs an seinen Vater aus dem Jahre 1572 ein. Auch hier finden sich Ansatzpunkte dafür, dass der Brief von dritter Hand geöffnet wurde. Siehe dazu: Pfister: Enkel des Glaubenshelden, S. 218. 44 StACo, LA A 2158, fol. 13, Casimir an Elisabeth, Coburg, 28.04.1575. 45 StACo, LA A 2159, fol. 23, Elisabeth an Casimir, Wiener Neustadt, 23.11.1576; StACo LA A 2160, fol. 2, Johann Friedrich an die Söhne, Wiener Neustadt, 10.03.1577; ebd., fol. 3, Elisabeth an die Söhne, Wiener Neustadt, 10.03.1577; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 196. 46 StACo, Urk LA C 20, Coburger Abschied, 24.12.1576, Tagungsordnungspunkt 11.

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wurde mit dem Wunschkandidaten Augusts, dem kursächsischen Adeligen Christoph von Nitzschwitz, neu besetzt. Der seit 1573 bestallte Hofmeister Moritz von Heldritt, aus der fränkischen Ritterschaft des Fürstentums stammend, wechselte in die Landesregierung.47 Die Stellung von Nitzschwitz im Beziehungsgeflecht zwischen der Familie und Leonhart ist aus den Quellen nicht ersichtlich. Der Hofmeister stellte wohl kein Hindernis dar, da die geheimen Briefwechsel unvermindert weiterliefen. Ansonsten beließ man Casimirs soziales Umfeld. So bestand die 23-köpfige Hofhaltung in Leipzig aus zwei jungen Grafen, vier Edelknaben und einem Kammerjunker, mit denen er bereits in Coburg zusammen war. Auch unter den Bediensteten blieb die personelle Kontinuität gewahrt, was aus organisatorischen Gründen und dem Abbau der Hofhaltungskosten geschah.48 Inmitten der Vorbereitungen zum Leipziger Studienaufenthalt bekamen die Herzöge Besuch von ihrer Mutter. Sie traf im Juni 1578 in Coburg ein, nachdem den Kindern eine Reise nach Wiener Neustadt durch Kurfürst August untersagt worden war. Sie blieb ungefähr vier Wochen am Hofe. Dort wollte sie sich nach dem Wohl ihrer Söhne erkundigen und sich über den Stand der Erziehung informieren. Die Eltern befürchteten die Einflussnahme Augusts, was durch die Festlegung Leipzigs als Studienort offensichtlich wurde. Für die Kinder muss der Besuch der Mutter ein freudiges Ereignis gewesen sein.49 Hier traf Elisabeth auch auf Sebastian Leonhart, der einen positiven Eindruck auf sie machte. Ihre Empfindungen teilte sie ihrem Mann mit, der danach endgültig Vertrauen zum Präzeptor fasste. Heyl stellte in seiner Untersuchung fest, dass nach dem Besuch der Briefwechsel zwischen Eltern und Erzieher sprunghaft anstieg.50 Was Leonhart und Elisabeth wegen der Ausbildung der Söhne mitei47 StACo, Urk LA C 19, Coburger Abschied, 21.11.1575, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 303; StACo, LA A 10.535, fol. 9, Leonhart an Johann Friedrich, Coburg, 12.05.1578; *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 32v. Der Wechsel zur Regierung war durchaus üblich, da man solche Vertrauten nur ungern in andere Territorien abwandern ließ. Vgl. Bender: Prinzenreise, S. 102 f. 48 SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10.623/12, fol. 212−215, Hausordnung zu Leipzig, Bereits 1576 beschlossen die Vormundschaftsräte, dass die beiden Grafen Gleichen und Solms ebenfalls am Bildungsaufenthalt in Leipzig teilnehmen durften. Vgl. StACo, Urk LA C 20, Coburger Abschied, 24.12.1576; Bender: Prinzenreise, S. 106. 49 StACo, LA A 10.535, fol. 20, Christoph Stathmion an Johann Friedrich, Coburg, 01.07.1578; StACo, LA A 2162, fol. 16, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 12.06.1579; Schulze: Elisabeth, S. 180 f. 50 Dies belegt ein Schreiben Elisabeths an Casimir vom 27. Juli 1578. Der Brief ist also nach ihrem Besuch in Coburg entstanden. Darin ermahnt sie ihren Sohn: „dejnem brecebter ge-

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nander besprachen, ist nicht überliefert. Es ist aber anzunehmen, dass die Eltern den Einfluss Kurfürst Augusts auf die politische und theologische Erziehung unterbinden wollten.51 Dabei ging es ihnen auch darum, ihre Rolle im Leben ihrer Söhne beizubehalten. Trotz der anfänglichen Distanzierung entwickelte sich eine intensive Beziehung zwischen den Eltern und ihren Söhnen. Eine Zuschauerrolle, eine Entfremdung oder ein Desinteresse an der weiteren Erziehung ist dabei nicht feststellbar. Dafür sprechen die zahlreichen Geschenke an die Söhne und der Wunsch nach einem Besuch in Wiener Neustadt.52 Vielmehr suchten die Eltern nach Mitteln, wieder mehr Einfluss auf die Erziehung ihres Nachwuchses zu nehmen. Das geschah durch die Korrespondenz mit dem höfischen Umfeld und den ab 1575 nachweisbaren geheimen Briefwechsel mit den Söhnen. Dabei kam Johann Friedrich dem Mittleren auch sein Informationsnetz zugute, welches er seit seiner Gefangennahme aufgebaut hatte. Zudem gelang es den Eltern, nach der Entlassung der alten Hofhaltung 1573, die zentralen Personen in Casimirs Umgebung, u. a. Sebastian Leonhart, auf ihre Seite zu ziehen. Dieser hatte sich zunehmend von der Politik Kurfürst Augusts abgewendet. Diese Einflussnahme blieb offenbar im Verborgenen. Leonharts gute Beziehungen zu den politischen Entscheidungsträgern spielte dabei eine positive Rolle. Denn weder Graf Barby noch der Kurfürst wussten nach aktueller Quellenlage etwas von diesem engen Kontakt nach Wiener Neustadt. Hier wurde bereits das Fundament für ein Doppelleben gelegt, welches den Alltag Casimirs erfassen sollte. Gleichzeitig übertrug dieser Kontakt die ernestinische Identität auf die nächste Generation und konservierte den eigenständigen Ansatz in der Konfessionspolitik. Die Familienhierarchie schien wieder gefestigt zu sein. Die Übernahme einer selbstständigen Regierung lag aber noch in weiter Ferne.

horchen, den er wjrdt djch njchts lernen noch hejsen, das wjder got sejn wjrd.“ Vgl. StACo LA A 2154, fol. 26; Heyl: Kindheit, S. 48. 51 SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10624/4, fol. 122, Barby an August, Coburg, 11.06.1578. Die Ankunft Elisabeths sorgte bei Barby für große Unruhe, da sie ohne Ankündigung erschien und ihre Absichten geheim blieben. 52 Heyl: Casimir von Sachsen-Coburg, S. 4, 7.

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Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern

4.4 Leipziger Freiheiten Während des Studiums verloren Casimirs Briefe an die Eltern an Formelhaftigkeit. Anscheinend war es in Leipzig möglich, sich freier zu artikulieren als am Coburger Hof, der von Graf Barby kontrolliert wurde.53 Private Äußerungen waren nichts mehr Ungewöhnliches. Casimir brachte bspw. seine Empfindungen zu Papier. Er fand lobende Worte für die Leipziger Ratsherren, die Universität und für den umliegenden Adel, der allerlei zur Haushaltung notwendige Gegenstände den Herzögen überließ.54 Ab Mai 1580 beklagte er sich über Heimweh und äußerte den Wunsch, wieder nach Coburg zurückkehren zu können, was für eine emotionale Bindung mit seinem Fürstentum spräche. Eine ethnologische Komponente ist daraus nicht ersichtlich. Vielmehr berichteten Leonhart und Casimir über die engen Beziehungen zwischen den Fürsten und Untertanen, die sich 1578 sorgten, Kurfürst August würde ihnen ihren „Landesschatz“ wegführen und nicht wiederbringen. So zeigten sie sich erfreut, als die Kinder nach Coburg zurückkehrten.55 Solche Inhalte verdrängten die bisher vorherrschenden Erziehungsvorschläge. Die Eltern schickten weiterhin ausgefallene Geschenke wie Rubine oder eine türkische Rüstung. Im Gegenzug verlangte Johann Friedrich der Mittlere für seine Bibliothek mehrere Bücher, die der Hofmeister auf der Leipziger Messe besorgen sollte.56 In den Briefen finden sich auch Geldforderungen des Vaters, die sich im Laufe der Jahre verstärkten. 53 Die Kanzleiordnung von 1594 regelt unter § 3, in welcher Gestalt und durch wen die Briefe, welche an den Herzog gerichtet waren, angenommen werden dürfen und wie damit weiter zu verfahren sei. Eine solche Regelung findet sich zwar in der Kanzleiordnung von 1572 nicht. Diese Problematik dürfte aber akut gewesen sein. Vgl. StACo, LA F 5230, fol. 4, Kanzleiordnung von 1594. Siehe auch Kruse: Epitaph Teil 1, S. 196. 54 StACo, LA A 2161, fol. 24, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 24.11.1578; StACo, LA A 2162, fol. 1, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 24.01.1579. 55 StACo, LA A 2161, fol. 20, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 12.08.1578; StACo, LA A 2163, fol. 36, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 17.12.1580; *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 32v; StACo, LA A 2163, fol. 16, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 17.03.1580. Darin heißt es: „Wir wolten nichts liebers, den das wir möchten bald wieder naus nach Coburgk kommen, den wir lange genug hir gewesen seindt.“ 56 StACo, LA A 2161, fol. 21, Johann Friedrich an die Söhne, Wiener Neustadt, 04.10.1578; ebd., fol. 24, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 24.11.1578; StACo, LA A 2162, fol. 19, Casimir an die Eltern, Leipzig, 24.11.1579; StACo, LA A 2163, fol. 3, Casimir an die Eltern, Leipzig, 11.01.1580. Eine Liste an gewünschten Büchern findet sich bei StACo, LA A 2161, fol. 21v. Johann Friedrich gelang es während seiner Kustodie, eine beachtliche theologische Bibliothek zusammenzustellen. Siehe dazu: Kruse: Epitaph Teil 1, S. 135−144.

Leipziger Freiheiten

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Verantwortlich dafür war Graf Barby, der die festgelegten Deputate nicht oder nur verzögert überwies. Casimir betätigte sich hier als Vermittler. Jedoch hatte er mit seinen Bemühungen nur wenig Erfolg. Johann Friedrich reagierte darauf mit Unverständnis. Darin lag bereits die Keimzelle des späteren Misstrauens zwischen beiden. Sie mag auch den Grundstein für die beginnende, von Casimir ungewollte Entfremdung zwischen ihm und seinen Eltern gewesen sein.57 Noch aber überwog die Sorge. Als im November 1578 in und um Leipzig eine tödliche Epidemie ausbrach, beruhigte Casimir seine Eltern, dass die kursierenden Berichte übertrieben wären und sie sich in Sicherheit befänden. Auch allgemein versuchte er, ihre Sorgen zu zerstreuen. Der Briefwechsel reichte den beiden Brüdern aber bald nicht mehr aus. Sie verfolgten ab Frühjahr 1581 das Ziel, die Eltern in Wiener Neustadt zu besuchen. Sie ließen dabei nichts unversucht. Schließlich vereitelte Kursachsen aber die Pläne.58 Aus theologischer Sicht blieb die Leipziger Hofhaltung autark, was ausgerechnet an der Konfessionspolitik des sächsischen Kurfürsten lag. Augusts Ablehnung gegenüber den Philippisten führte nach 1574 in Leipzig zu Maßnahmen gegen offene und mutmaßliche Theologen dieser protestantischen Lesart. Der kursächsische Schul- und Kirchenvisitator Jacob Andreae sollte diese ausfindig machen. Für ihn standen die konfessionelle Homogenisierung der lutherischen Lehre und der damit verbundene Konformitätsdruck auf die sächsischen Universitäten im Vordergrund seines Wirkens.59 So berichtete Sebastian Leonhart, dass peinlichst darauf geachtet werde, dass die Herzöge keinen Kontakt zu Universitätsprofessoren unterhielten, die in Verdacht standen, Philippisten zu sein. Einladungen an die fürstliche Tafel wurden ebenfalls unterbunden, sodass nur mit Ratsherren und Kaufleuten eine engere Konversation möglich war. Dieser Schutz vor ungewollten religiösen Einflüssen bedeutete auch, dass Leonhart den alleinigen theologischen Zugriff auf die Herzöge besaß. Die Vorstellungen der kursächsischen Konfessionspolitik waren damit aber schwerer zu vermitteln. Dies erkannte Andreae, sodass Leonhart ins Visier des Theologen geriet. 57 StACo, LA A 2162, fol. 17, Johann Friedrich an die Söhne, Wiener Neustadt, 05.08.1579; StACo, LA A 2163, fol. 16, Casimir an die Eltern, Leipzig, 17.03.1580; ebd., fol. 22, Casimir an die Eltern, Leipzig, 18.05.1580. Vgl. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 196. Hier ist Kruse zuzustimmen, der ebenfalls in den Geldforderungen der Eltern einen beginnenden Entfremdungsprozess annimmt. Vgl. den Diskurs bei Heyl: Kindheit, S. 25, 28, 36. 58 StACo, LA A 2164, fol. 23, Casimir an die Eltern, Leipzig, 09.05.1581; ebd., fol. 28, Casimir an die Eltern, Leipzig, 12.07.1581; ebd., fol. 30, Casimir an die Eltern, Leipzig, 29.03.1581. Eine Reise nach Wiener Neustadt kam erst Jahre später zustande. 59 Rudersdorf: Weichenstellung, S. 400, 408 f.

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Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern

Eine von ihm ausgearbeitete Studienordnung wurde jedoch wegen der Entlassung des Visitators 1580 und wegen des Widerstands von Leonhart und seiner Schützlinge nicht mehr eingeführt.60 Über die Studienfächer Casimirs herrschte bisher wenig Klarheit. Schulze erwähnte lediglich, dass sie „ausser der griechischen und lateinischen Sprache, die ihre künftigen Berufe angemessenen Wissenschaften studierten“.61 Casimir absolvierte drei Vorlesungen in Theologie und eine Vorlesung in Jurisprudenz. Zudem stand der Besuch der Vorlesungen von etlichen neuen Magistern auf dem Programm. Diese wie auch die Disputationen wurden grundsätzlich in lateinischer Sprache gehalten, da Latein als Bestandteil der antiken Sprachfertigkeit die Wissenschaftlichkeit symbolisierte. Es wurde zudem von den Herzögen erwartet, dass sie sich an der wissenschaftlichen Konversation auf dem Campus beteiligen.62 Der Kontakt zwischen Professoren und Studenten war allerdings gestört, da die Hochschullehrer meist den Vorlesungen fernblieben. Diese hielten wissenschaftliche Mitarbeiter oder sie fielen ganz aus. Daraus resultierte eine unzureichende Präsentation der Lehrgebiete sowie die ungenügende Pflege der Disputation und Vorlesungen. Dies zeigt die Analyse der von Casimir besuchten Vorlesungen deutlich. Wegen dieser Zustände wirkte u. a. Jakob Andreae in Leipzig. Sie führten im Rahmen der 1580 erlassenen kursächsischen Kirchenund Schulordnung zu einer erneuerten Universitätsordnung.63 Casimir scheint diese Defizite erkannt zu haben. Nach seiner Rückkehr aus Leipzig schrieb er seiner Mutter: „gott helfe das alles angeschafft werde, was zu unser erziehung und wolfardt gereichet“.64 Offensichtlich gelang dies in der Messestadt nicht.

60 *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 34r-35v, 36r; Meinhardt: Sebastian Leonhart, S. 58 f. Auch sonst machte sich Andreae mit seiner Konfessionspolitik, also der Durchsetzung der auf theologischen Ausgleich zwischen Albertinern und Ernestinern bedachten Konkordienformel und des Konkordienbuches, Feinde. Denn nicht jeder war von diesem Werk begeistert. Andreae versuchte sogar durch weitere theologische Kompromisse mit den Gnesiolutheranern, den Geltungsbereich des Konkordienbuches auszudehnen. Das wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Eine Einigung kam für Kurfürst August nicht infrage, da dies die ernestinisch-lutherisch geprägte Lehre zumindest teilweise legitimiert hätte. Vgl. Gehrt: Konfessionspolitik, S. 511−521. 61 Zit. Schulze: Elisabeth, S. 179. 62 StACo, LA A 2191, fol. 6, Casimir und Johann Ernst an Kanzler und Räte, Leipzig, 24.12.1579; *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 36r–v; Leibetseder: Kavalierstour, S. 41, 104; Rudersdorf: Weichenstellung, S. 403. 63 *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 36r–v; Rudersdorf: Weichenstellung, S. 413. 64 StACo, LA A 2164, fol. 22, Casimir an Elisabeth, Coburg, 08.12.1581.

Leipziger Freiheiten

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Der Aufenthalt in Leipzig war längerfristig angelegt. Das Studium endete aber abrupt, als dort eine Influenza-Epidemie ausbrach und Kurfürst August die Hofhaltung im Dezember 1580 kurzfristig nach Coburg evakuieren ließ. Dort blieben die Herzöge nur wenige Tage, bis sie wieder zurückkehren konnten.65 Der geäußerte Wunsch Casimirs nach einer Rückkehr nach Coburg erfüllte sich erst im Sommer 1581. Auslöser war wiederum der Ausbruch einer tödlichen Seuche. Ende August 1581 führte sie Graf Barby deshalb überstürzt zurück nach Coburg.66 Wie es mit ihnen weitergehen sollte, wussten die Brüder nicht.67 Einen akademischen Abschluss erreichten die Herzöge nach Sichtung der Quellen nicht. Ob dies überhaupt gewollt war, ist zweifelhaft. Aus den Regelungen der Universität heraus durfte die erste Prüfung nicht vor dem 17. Lebensjahr liegen. Ein Antrag auf die Bakkalaureatsprüfung war ab dem dritten Semester möglich, wurde aber von den Studenten abgelehnt. Die Magisterprüfung konnte nach sieben Semestern absolviert werden. Der Prüfling musste jedoch das 21. Lebensjahr erreicht haben.68 In diesem Alter sollten die Herzöge bereits ihr Land regieren. Rückblickend müssen die Studienjahre differenziert betrachtet werden. Trotz des Heimwehs war es für Casimir eine Zeit der Befreiung, in dem er ohne Furcht vor Entdeckung mit den Eltern korrespondieren konnte. Die Studienjahre förderten den Familienzusammenhalt und die eigene Identität. Söhne und Eltern scheinen sich so nah wie noch nie gewesen zu sein, obwohl durch Johann Friedrich den Mittleren erste Spannungen mit Casimir aufbrachen. Der Streit um 65 StACo, LA A 2163, fol. 36, Casimir an Elisabeth, Coburg, 17.12.1580. Casimir schrieb: „Dan sonsten aller Vorrhatt zu Leipzig gebliben, neben ettlichen pershonen, welche alles in Verwarung haben sollen. Ferner lasse E.G. ich wissen, das die zu Leipzig sehr ungerne gesehen solche Verenderung, auch legen vns beydes in der Vniversitedt vnd im Rhatt sich also erzeiget, des wir es zu rhumen Ursach haben, wie wol wir reinen endtlichen abscheidt bon ihnen genommen haben, weil wir noch nichts gewisses erfahren, ob wir wider kommen sollen.“ Vgl. Bönisch: Universitäten, S. 87. 66 StACo, LA A 2164, fol. 14, Casimir an Elisabeth, Coburg, 16.11.1581; ebd., fol. 22, Casimir an Elisabeth, Coburg, 08.12.1581. Im letzteren Brief hieß es, dass sie nach Coburg zurückkehren mussten, „weil es zu Leipzig wolt anfangen zu sterben.“ Vgl. Bönisch: Universitäten, S. 146. Bönisch sieht in den Ausbruch von Seuchen einen Zusammenhang mit dem Rückgang an Immatrikulationen an der Universität Leipzig. 67 StACo, LA A 2163, fol. 20, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 01.05.1580. Dort heißt es: „Wir konnen nicht wissen wie lang wir alhir bleiben mochten, man wil sagen das wir so baldt nicht weg kommen.“ StACo, LA A 2165, fol. 2, Casimir an Elisabeth, Coburg, 06.02.1582. Wörtlich heißt es: „Wir sitzn alhir, vnd wissen nicht ob wir wieder verschickt, oder ob Verenderung mitt vns vorgenommen werden sollen, wir wolten lieber alhir bleiben.“ 68 Rudersdorf: Weichenstellung, S. 403.

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die theologische Lehrmeinung in Kursachsen garantierte der religiösen Erziehung Leonharts einen gewissen Freiraum, den Jacob Andreae nicht beschneiden konnte. Es fehlte aber, und das war ein wesentliches Defizit der universitären Lehre Casimirs, der übliche Austausch zwischen Adeligen und Gelehrten, sodass neue Geistesansätze außen vor blieben. Auch die universitäre Ausbildung besaß Mängel, nachdem viele Professoren ihrem Lehrauftrag nur unzureichend nachgekommen waren. Dies mündete in eine erneuerte Universitätsordnung. Aus pädagogischer Sicht stand damit der Besuch Casimirs in Leipzig unter keinem guten Stern. Er endete 1581 vorzeitig aufgrund zahlreicher Epidemien, die den Aufenthalt in der Stadt unmöglich machten. Am Ende stand die Frage im Raum, ob die Herzöge für ihre kommende Aufgabe auch hervorragend vorbereitet wurden. Casimir bezweifelte dies.

4.5 Casimirs doppeltes Spiel Gerade der Leipziger Aufenthalt offenbarte das doppelte Spiel, welches die Herzöge und Leonhart gegenüber Kurfürst August spielen mussten. Hinter ihrer Gefügigkeit verbargen sie ihre wahren Überzeugungen. Die Inszenierung Augusts als Ersatzvater hinterließ bei Casimir daher misstrauische Gefühle. Er spürte zumindest, dass dahinter nur kursächsische Interessenpolitik stand.69 Die Meinung verstärkte sich, als August ihn 1582 mit auf die Reise zum Augsburger Reichstag nahm. Casimir hegte an der Teilnahme starke Bedenken. Er sah, dass er lediglich als Statist kursächsischer Inszenierung herhalten musste. Dabei besaß er bereits eigene politische Vorstellungen, die auf eine Erleichterung der Kustodie seines Vaters hinausliefen. Er hoffte diesbezüglich auch auf die Anwesenheit seiner Mutter, die aber nicht erschien. Doch der Herzog musste erkennen, dass seine Pläne durch „böse leute“ verhindert wurden.70 Die Kustodie stand von Anfang an nicht auf der Tagesordnung, sodass Casimirs Ambitionen, wohl auf Druck Kursachsens, früh begraben wurden. Johann Friedrich der Mittlere befürwortete den Besuch und ermahnte seinen Sohn, seine zeremoniellen Pflichten als Reichsfürst wahrzunehmen.71 Sebastian Leonhart sah dagegen die 69 StACo, LA A 2163, fol. 21, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 16.05.1580; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 184. 70 StACo, LA A 2165, fol. 5, Casimir an Elisabeth, Coburg, 02.04.1582; ebd., fol. 27, Casimir an Elisabeth, Coburg, 21.09.1582; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 184. 71 StACo, LA A 2165, fol. 11, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 24.05.1582; ebd.,

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Reise skeptisch. Er kritisierte, dass durch den Besuch die Studien Casimirs zu kurz kämen. Diese Sorge war berechtigt, denn der Aufenthalt auf den Reichstag führte Casimir nicht nur in die große Reichspolitik ein, sondern war auch der Beginn einer vom Präzeptor separaten Fürstenerziehung.72 Leonhart erkannte dies. Er schrieb Johann Friedrich dem Mittleren, dass der Erfolg seiner Erziehung allerlei Neider auf den Plan gerufen hätte. Er erklärte, dass die Studien bisher durch Gottes Segen zugenommen haben, was seiner Meinung nach etlichen Leuten Verdruss bereitete. Diese suchten nach Möglichkeiten, ihn von den Herzögen abzuziehen und zu entfremden. Durch die Reise Casimirs auf den Reichstag hofften die Gegner, ihrem Ziel ein Stück nähergekommen zu sein. Leonhart meinte jedoch, dass dies nur wenig Einfluss auf seine Erziehung besäße („geringe Dissipatio nostra disciplina“). Auch das bisher Erlernte und der Geist, welcher unter den Brüdern herrsche („studiorum et animorum inter fratrer“), könne man ihnen mit solchen Mitteln nicht nehmen. Zudem kündigte er an, gegen diese Einflussnahmen Widerstand zu leisten.73 Dies gelang ihm zum Teil, obwohl Barby Casimir nach der Rückkehr aus Augsburg unter seine Obhut nahm. Der junge Herzog fürchtete sich dennoch vor dem Auseinanderbrechen der Schicksalsgemeinschaft zwischen ihm, seinem Bruder und Leonhart sowie vor dem Misstrauen seiner Eltern, die eine Erziehung durch den Kursachsen Barby hervorrufen könnte. In einem Brief an seinen Vater klagte er, dass er ihn verleugnen müsste, dass er sich allein fühle und keinen Freund hätte, dem er vertrauen könnte. Und ich habe einen schweren zustandt, das ich also gleich gefangen bin und mitt andern nicht kunlich (= offen) reden darff. Gott der almechtige gebe gnade zu E.G. liberation (= Befreiung), das ich doch einen treuen freundt umb mich haben kan. Und sollen E.G. nicht zweifeln, ich wil micht gar nichts einlassen, auch in ehrlichen sachen uben und bose anleitung, welche nicht nach bleiben, vermeiden und denen nicht volgen. Gott umb hulffe und beystandt anruffen, das ich ein furstlich erbar leben verfuren möge und die ohren bleser abgewiesen werden.74

fol. 12, Casimir an Elisabeth, Coburg, 28.05.1582. Johann Friedrich forderte seinen Sohn auf, sich auf dem Reichstag ordentlich zu verhalten und nicht „zu saufen“. Casimir beruhigte seine Eltern jedoch. Vgl. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 184. 72 *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 37r. 73 StACo, LA A 10.536, fol. 44 f., Leonhart an Johann Friedrich, Leipzig, 08.04.1582. 74 StACo, LA A 2165, fol. 31v–32r, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, November 1582; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 185.

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Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern

Casimir brachte das Doppelleben an den Rand seiner psychischen Kräfte. Er musste den Eindruck haben, fortan auf sich allein gestellt zu sein. Barby war im Vergleich zu Leonhart alles andere als eine Vertrauensperson. Er galt bei den Herzögen als verlogen. Aus dieser Lage heraus besticht der Brief durch Offenheit und Offenbarung der eigenen Gefühle außerhalb jeglicher Norm der damaligen Zeit. Er zierte sich nicht für einen Fürsten. Casimir versprach zwar, dass er sich nicht von Barby manipulieren lasse. Dennoch setzte ihm die Situation stark zu, worauf seine Eltern geschockt reagierten, was der junge Herzog aber nicht wollte.75 Dies mag einer der Gründe gewesen sein, warum Herzogin Elisabeth ihre Söhne nochmals besuchte. Offensichtlich versetzte Casimirs Brief die Eltern mehr in Unruhe, als diese nach außen hin zugeben wollten. Im April 1583 erreichte Elisabeth Coburg. Casimir machte auf sie einen niedergeschlagenen Eindruck. Er beklagte sich, dass er seinen Vater weder besuchen noch in Gegenwart Barbys, dem „falßen hundt“, positiv über ihn reden durfte.76 Daneben bemühte sie sich um die Freilassung ihres Mannes. Aus diesem Anlass hoffte sie auf ein Treffen mit Kurfürst August, während der Hochzeit ihres Neffen Friedrich Wilhelm in Weimar.77 Ihr Plan scheiterte, da August zur Heirat nicht erschien. In Weimar vertrat Elisabeth auch die Interessen ihrer Söhne. In erster Linie ging es dabei um die Möglichkeiten einer Kavalierstour, womit die Eltern in Konkurrenz zu Kurfürst August auftraten. Tatsächlich bot sich Herzog Ludwig I. von Württemberg an, Johann Ernst an seinen Hof in Stuttgart aufzunehmen. Elisabeth teilte dies den Vormundschaftsräten schließlich mit. Diese zeigten sich von der Offerte angetan, konnte man dadurch die Kosten des Coburger Hofes senken. Doch andererseits überwog die Kränkung, da nicht sie, sondern die Herzogin angefragt wurde. Schließlich wurde die Idee nicht weiterverfolgt.78 Nach der Hochzeit kehrte Elisabeth nach Coburg zurück und plante, eine Bildungsreise 75 StACo, LA A 2155, fol. 24, Elisabeth an Johann Friedrich, Coburg, 17.05.1583; Kruse, Epitaph Teil 1, S. 211. Die Reaktion der Eltern ist trotz des Verlustes des Antwortschreibens bekannt, da Casimir in einem neuerlichen Brief darauf einging. Vgl. StACo, LA A 2165, fol. 38, Casimir an Elisabeth, Coburg, 03.12.1582. 76 StACo, LA A 2155, fol. 24, Elisabeth an Johann Friedrich, Coburg, 17.05.1583; Schulze: Elisabeth, S. 181. 77 StACo, LA A 2155, fol. 9, Elisabeth an Johann Friedrich, Coburg, 15.04.1583. Wörtlich schreibt sie: „Ich hof umer, es sol noch alles gut werden, das ich myh nyt vergebens so mudt hab gerumbelt, den der Kf. un seyn son und beyde ihr lyben gemal sollen gewys gen Weimar kumen.“ Siehe auch Schulze: Elisabeth, S. 181. 78 StACo, Urk LA C 26, fol. 2v, Coburger Abschied, 11.08.1583.

Casimirs doppeltes Spiel

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mit ihren Söhnen zu unternehmen. Sie beabsichtigte einen Besuch in Heidelberg bei ihrem Bruder Ludwig VI. Die beiden anderen Vormünder gaben dem Vorhaben ihre Zustimmung. Ende Mai reiste die Familie mit Sebastian Leonhart über Würzburg und Mergentheim nach Heidelberg. Unterwegs empfing der Würzburger Bischof Julius Echter von Mespelbrunn die Herzöge zu einem Gespräch. In Mergentheim kam es zu einem Treffen mit dem Hochmeister des Deutschen Ordens, Heinrich von Bobenhausen. Anfang Juni erreichten sie Heidelberg. Über den Aufenthalt dort berichtete Sebastian Leonhart, dass das Reichskammergericht und der Speyerer Dom besucht wurden. Casimir verweilte einige Wochen am kurpfälzischen Hof und kehrte danach nach Coburg zurück. Elisabeth blieb noch einige Zeit bei ihren Söhnen und verließ diese erst Ende Juli 1583 gen Wiener Neustadt.79 Das verstärkte Interesse der Eltern an ihren Söhnen mag eine Antwort auf die Inszenierungen Kurfürst Augusts als „Ersatzvater“ gewesen sein, von denen sie sicherlich Kenntnis hatten. Hierbei galt es, dessen Einfluss zurückzudrängen und somit eine soziale und politische Anbindung an Dresden zu verhindern. Casimir und sein Bruder standen, mit Unterstützung von Sebastian Leonhart, eindeutig auf der Seite der Eltern. Doch dieses Tauziehen um die Söhne beinhaltete ein Doppelleben, das vor allem Casimir zunehmend belastete und schließlich seine psychischen Grenzen aufzeigte. Gerade gegenüber den kursächsischen Beamten musste er sich verstellen. Dazu kam noch die Trennung von Leonhart und seinem Bruder, die schmerzlich, aber im Bereich einer normalen Fürstenerziehung war. Johann Ernst schien dieser Zwiespalt weit weniger etwas ausgemacht zu haben. Er besaß wohl ein ausgeprägteres Selbstbewusstsein als Casimir. Letzterer sorgte sich, dass er der permanenten Einflussnahme Barbys nicht standhalten würde. Sinnbildlich muss er sich als Drahtseiltänzer gefühlt haben, um die Erwartungen beider Parteien zu entsprechen. Dieses Lavieren war Ausdruck und Basis seiner „gespaltenen Kompensationsarbeit“.80 In der Vormundschaftszeit gelang ihm diese Balance. Nach seiner Tätigkeit als Präzeptor blieb Sebastian Leonhart in Coburg. Er wurde weiterhin als Mittelsmann zwischen den Eltern und ihren Söhnen benötigt. Zudem bat Casimir ihn, eine Stelle in der Landesregierung zu übernehmen, die Leonhart 1585 annahm. Derartige Wechsel waren durchaus üblich. Es galt 79 StACo, LA A 2166, fol. 7, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 29.05.1583; StACo, LA A 2155, fol. 45, Elisabeth an Johann Friedrich, Heidelberg, 21.07.1583; *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 37r–v. 80 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 5.

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Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern

diesen Personenkreis an den Hof zu binden, da dieser gewöhnlich viele intime Kenntnisse über die fürstliche Familie und deren Umfeld besaß, die man durch einen Wechsel an einen anderen Hof nicht öffentlich machen wollte. Die Herzöge blieben ihrem Präzeptor nach seinem Weggang nach Dresden, wo er von 1588 bis 1592 als Prinzenerzieher am Fürstenhof wirkte, verbunden. Er starb 1610 als coburgischer Geleitsmann in Erfurt.81

4.6 Dilettantismus der Vormundschaft Als Casimir 1594 auf dem Landtag klagte, dass seine Vormundschaft „übel in seinen unmündigen Jahren gehaushaltet“ hätte, legte er die Basis für das Bild dieser Regierung, welches bis heute von der Forschung anerkannt wird.82 Sie wurde für die Schulden, welche auf dem Land lastete, verantwortlich gemacht. Ganz so einfach, wie Casimir es darstellte, war es aber nicht. Auf der Gründung des Fürstentums Coburg lastete von Anfang an eine große Schuldenlast. Zunächst waren das die Exekutionskosten der Grumbachschen Händel und die dazugehörigen Auslagen der Reichskreise, die auf dem Reichskreistag in Erfurt mit einem Betrag von 80.000 Gulden veranschlagt wurden. Zusammen mit den Außenständen Kursachsens in Höhe von 104.523 Gulden musste das Fürstentum – ohne den Wert der assekurierten Ämter − 184.523 Gulden nebst Zinsen bezahlen. Weiterhin lasteten Kammerschulden in Höhe von 204.341 Gulden auf dem Land, die noch von Casimirs Vater und Großvater stammten. Der finanzielle Unterhalt Johann Friedrichs der Mittleren verschlang zudem ein Deputat von 12.000 Talern (rd. 18.000 Gulden). Demgegenüber standen geschätzte jährliche Gesamteinnahmen aus den Ämtern in Höhe von 64.207 Gulden. Teilweise wurde aber auch die finanzielle Situation des Herzogtums Sachsen allzu pessimistisch dargestellt, um finanzielle Forderungen im Vorfeld abzuwehren.83 81 StACo, Urk LA C 28, Coburger Abschied, 06.12.1584, Tagesordnungspunkt 38; StACo, LA A 10.549, fol. 16, Leonhart an Johann Friedrich, Coburg, 09.07.1585; ebd., fol. 21, Leonhart an Johann Friedrich, Coburg, 18.09.1585; *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 37v–43v; Bender: Prinzenreise, S. 108; Meinhardt: Sebastian Leonhart, S. 61−72. 82 Zit. Schultes: Landesgeschichte, S. 78. 83 StACo, LA C 153, Portionsausschlag, 1572; StACo, Urk  LA C 15, Coburger Abschied, 28.06.1574, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 226; Becker: Speyerer Reichstag, S. 81; Schultes: Landesgeschichte, S. 71−73. Die ursprünglichen Kammerschulden waren auf 408.682 Gulden angesetzt. Nach dem Erfurter Teilungsvertrag mussten beide Fürstentümer die Schulden je zur Hälfte übernehmen. Zur Herkunft der Schulden vgl. Kius:

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Dennoch ändert dies nichts an der Grundannahme, dass das Fürstentum Coburg unter diesen finanziellen Voraussetzungen nicht lebensfähig war. Die drei Vormünder mussten daher eine rigorose Sparpolitik durchführen. Auf Anweisung ihrer Räte begann Statthalter Barby mit dem Personalabbau am Hof und in den Ämtern, um so die Lohnkosten zu senken. Auch Maximilian II. mahnte zur Sparsamkeit und sah vor allem im Aufbau der Landesregierung einige Einsparmöglichkeiten.84 Daneben ergaben sich neue Einnahmen aus der Verpachtung von nicht benötigten Hofwiesen, aus der Einlösung des Amtes Allstedt im Jahre 1575 und dem 1576 beschlossenen Bau eines vier Kilometer langen Floßgrabens zwischen den Flüssen Steinach und Röden im Amt Neustadt/Sonneberg, welcher trotz des juristischen Widerspruchs des Hochstifts Bamberg – deren Flößerei dadurch an wirtschaftlicher Bedeutung verlor − fertiggestellt wurde. Die gewonnenen Floßgelder gelangten in den Staatshaushalt und senkten die Unkosten in der Holzversorgung am fürstlichen Hof, welche durch die Erhebung der bambergischen Zölle entstanden waren.85 Finanzwesen, S. 127 f.; StACo, Urk LA C 22, fol. 21v, Coburger Abschied, 22.08.1580. Kruse hat die Ausgaben Johann Friedrichs in seiner Kustodie detailliert untersucht und dargelegt. Vgl. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 92 f. 84 StACo, Urk LA C 13, Weimarer Abschied, 15.06.1573, abgedr. bei: Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 176 f.; StACo, Urk LA C 25, Coburger Abschied, 13.01.1583, Tagungsordnungspunkt 2. Eine Kostenerstellung bezüglich der Verschickung Herzog Johann Ernsts zur Universität Leipzig findet sich im Anhang an diesem Abschied nach Tagungsordnungspunkt 51. StACo, Urk  LA C 11, Dekret Kaiser Maximilians  II. die gesamte Administration und der Abtretung der Vestung Coburg, Wien, 13.02.1573. Das dazu gehörige Folgeschreiben findet sich in StACo Urk LA C 12, Erweitertes Dekret Kaiser Maximilians II., Wien, 21.02.1573. Hier kam auch die Idee auf, die Coburger Hofhaltung vollständig aus Kostengründen aufzulösen und die Herzöge zur Ausbildung nach Kursachsen zu schicken. 85 StACo, Urk  LA C 25, Coburger Abschied, 13.01.1583, Tagungsordnungspunkt 42 f.; StA Co, Urk LA C 20, Coburger Abschied, 24.12.1576, Tagungsordnungspunkt 12(c); StACo, Urk LA C 24, Coburger Abschied, 12.09.1581, Tagungsordnungspunkt 25; StACo, LA D 971, Irrungen zwischen Sachsen und Bamberg (1576–99), fol. 1; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10627/10, Jahresabrechnung 1580/81 (darin die Gewinne aus der Flößerei zwischen 1575 und 1581); StACo LA F 14.854, Jahresabrechnung Flößerei, 1586/87, fol. 2; StABa, B 46a, Nr. 1346a, 2948 und 2949, Flößerei-Streit (1575–1601). Der Bamberger Bischof zog in dieser Sache vor das Reichskammergericht, das ein Mandat gegen Coburg ausstellte. Da der Floßgraben komplett auf sächsischem Territorium lag und beim Eintreffen des Mandates der Graben bereits fertiggestellt war, blieb das Urteil wirkungslos. 1578 einigten sich beide Seiten darauf, den Floßgraben lediglich zum Transport für Feuerholz zu benutzen. Vgl. Schultes: Landesgeschichte, S. 75. Zu der weiteren wirtschaftspolitischen Bedeutung des Floßgrabens vgl. Aumann/Pachale: Die Itz, S. 109−112; Vorderwühlbecke: Holz-

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Daneben sollten durch eine Finanzreform neue Gelder gewonnen und eingespart werden. Die Vormundschaftsräte mussten nämlich feststellen, dass die Buchführung am Hofe und den Ämtern wenig effektiv ausgeführt wurde. Es fehlten teilweise Rechnungsbelege, sodass 1573 keine und 1574 nur eine mangelhafte Rechnungsüberprüfung möglich war. So wurde zunächst der kursächsische Landesrentmeister Barthel Lauterbach als Rechnungsprüfer eingesetzt. Dieser sollte dann zusammen mit Graf Barby eine Reform ausarbeiten. Als Ergebnis standen 1576 die Einführung eines Hofbuches, welches als Kostenkontrolle gegenüber den Renterei- und Amtsrechnung diente, und einer Holzordnung, welche den Energieverbrauch am Hofe regulierte.86 Die Maßnahmen reichten aber nicht, um die Schuldenlast abzubauen. So schrieben die Vormundschaftsräte 1576 bei einer Schuldensumme von 430.569 Gulden, einen Landtag aus. Die fränkischen Landstände gewährten neben der Erhöhung der Tranksteuer eine Art Vermögenssteuer von 1 Pfennig auf jeweils einen Gulden ihres Eigentumswertes. Die thüringischen Stände bezahlten mit einer Laufzeit von sechs Jahren auf jeweils einen neuen Schock (= 60 Gulden) Eigentumswert einen Betrag von 3 Pfennigen. Im Gegenzug forderten die Stände eine Schuldenbremse sowie Kontrollmöglichkeiten über das finanzielle Gebaren der Ämter und der Regierung.87 Eine schwere Wirtschaftskrise in den 1570er Jahren, die durch Missernten verursacht wurde, zu massiven Teuerungen bei Lebensmitteln führte und weitere Wirtschaftsbereiche erfasste, ließ diese Maßnahmen aber wirkungslos werden.88 Die Steuereinnahmen aus den Ämtern gingen folglich zurück. Zudem kamen neue Ausgaben hinzu. Für die Einlösung des verpfändeten Amtes Allstedt mussten 130.000 Gulden

weg, S. 41 f. Näheres zum Rückkauf des Amtes Allstedt vgl. StACo, Urk LA C 20, Coburger Abschied, 24.12.1576, Tagungsordnungspunkt 4; Huschke: Ernestiner, S. 10. 86 StACo Urk LA C 15, Coburger Abschied, 28.06.1574, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 235−237, 241; StACo, Urk LA C 16, Torgauer Abschied, 12.12.1574, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 279 f., 291; StACo, Urk  LA C 20, Coburger Abschied, 24.12.1576, Tagungsordnungspunkt 5. Darin wird dem Rentmeister aufgetragen, das Hofbuch „in gutter acht“ zu haben. 87 StACo, LA F 8, fol. 22−24, Präposition der Vormundschaftsräte für den Landtag, Heldburg, 08.04.1576; Kius: Finanzwesen, S. 129 f.; Schultes: Landesgeschichte, S. 75. 88 StACo, LA F 64, fol. 7r, Proposition der Vormünder, Coburg, 07.01.1583; Mathis: Wirtschaft im 16. Jahrhundert, S. 108. Die konkreten Auswirkungen dieser Wirtschaftskrise auf das Fürstentum Coburg beschreiben: Karche: Jahrbücher Bd.  III, S. 51; Boseckert: Kauf- und Warenhäuser Teil I, S. 56 f.

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aufgebracht werden.89 Die gutgemeinte Sparpolitik hob sich auch durch Fehl­ investitionen und das eigene dilettantische Vorgehen wieder auf. Die anvisierte Wiedereröffnung des Goldbergwerks Steinheid im Thüringer Wald geriet zu einem Desaster, obwohl man sich durch ein fachmännisches Gutachten einen guten Ertrag versprach. Doch der finanzielle und technologische Aufwand − die Vormundschaftsräte baten sogar den Erzbischof von Salzburg, ihnen einen erfahrenen Bergmeister zum Abbau der Metalle abzustellen −, standen in keinem Vergleich zur Ausbeute. Der Maximalertrag war schon 1545/46 erreicht worden und betrug 2640,5 Gramm. Das Bergwerk wurde deshalb nach kurzer Zeit wieder stillgelegt.90 Auch der Abbau von Silber und Kupfer an anderen Orten scheiterte. Zu einer Kostenexplosion führte auch ein Beschluss der Vormundschaftsräte zur Speisung der Kanzleiangestellten. Diese monierten 1573, dass ihr Kostgeld nicht ausreiche. Deshalb strichen die Räte die Zuwendung und ließen die Bediensteten zum fürstlichen Mittagessen in der Ehrenburg zu. Dies erschien als praktisch, da die Kanzlei im Schloss untergebracht war. Fatal wirkte sich jedoch aus, dass bis auf die Essenszeiten keinerlei Regelungen existierten. Nach einem Jahr explodierten die Kosten, da nicht nur das Gesinde und die Kanzleiangestellten dort speisten, sondern auch viele Fremde und Kanzleibesucher, welche nicht von den Beamten zu unterscheiden waren.91 Hier setzten die Vormundschaftsräte einen radikalen Schnitt. Die Kanzlei wurde verlegt, das Kostgeld in Höhe von einem Taler (rd. 1,5 Gulden) wieder eingeführt, eine Statistik über den Nahrungsmittelverbrauch von 30 Personen erstellt und zudem ein Schlachtund Backverbot in der Ehrenburg erteilt. Lebensmittel sollten bei Handwerksmeistern in der Stadt mit Naturalien wie Getreide oder Vieh bezahlt werden. Die Zustände im Schloss förderten auch die Einführung einer Hofordnung, die 1574 in Kraft trat. Sie legte Anzahl und Personen fest, die zukünftig an der Tafel Casimirs Platz nehmen durften.92 89 Schultes: Landesgeschichte, S. 76. 90 StACo LA F 8, Landschaftssachen, fol. 22−24; StACo, Urk LA C 20, Coburger Abschied, 24.12.1576, Tagungsordnungspunkt 12(k); StACo, Urk  LA  C 22, Coburger Abschied, 22.08.1580, fol. 22; Schwämmlein: Steinheider Goldbergbau, S. 30. 91 StACo, Urk LA C 13, Weimarer Abschied, 15.06.1573, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 177; StACo, Urk LA C 15, Coburger Abschied, 28.06.1574, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 238. 92 StACo, Urk LA C 15, Coburger Abschied, 28.06.1574, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 239 f.; StACo, LA A 2189, Hofordnung, 1574. Unter diesem Aspekt ist auch die Einführung des Hofbuches zu sehen.

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Zudem fehlte den Vormundschaftsräten das Glück, die wichtigen machtpolitischen Positionen im Fürstentum mit geeigneten Personen zu besetzen. Graf Barby war von Haus aus kein Finanzpolitiker, sondern ein Söldner, der für den König von Dänemark stritt und an den kaiserlichen Feldzügen gegen die Türken beteiligt war. Er kommandierte 1567 bei der Belagerung Gothas ein kursächsisches Regiment. Einige Vormundschaftsräte waren von der Personalie anfangs wenig überzeugt. Als 1574 seine Bestallung verlängert werden sollte, gab es Bedenken dagegen. Die Räte einigten sich dennoch auf eine Weiterbeschäftigung. Zwei Jahre später bat Barby um seine Entlassung, da er zum kursächsischen Statthalter in Dresden ernannt werden sollte. Als Nachfolger sah Kurfürst August Barbys Bruder Jobst vor. Doch die Räte lehnten das Ansinnen mit der Begründung ab, dass Barby aufgrund seiner Erfahrung schwer zu ersetzen sei. Das Chaos in der Vormundschaft verhinderte in den folgenden Jahren dessen Ablösung. Dennoch übernahm er 1579 die Statthalterschaft in Dresden und wurde dadurch hinter August der zweite Mann im Kurfürstentum. 1580 bestätigten die Vormundschaftsräte die Doppelfunktion, die bis 1581 bestand. Dies mag zum Nachteil des Fürstentums gewesen sein, da Barby sich fortan mehr in Dresden als in Coburg aufhielt und sich nur noch nebenbei mit den hiesigen Angelegenheiten beschäftigen konnte. Erst 1584 erwog Kursachsen den alt gewordenen Barby, durch einen neuen Statthalter zu ersetzen.93 Dies geschah aber nicht mehr. Der Graf verfolgte stattdessen in der letzten Phase seiner Amtszeit seine eigenen finanziellen Interessen. Auch Rentmeister Friederau erwies sich als personeller Fehlgriff. Bereits 1574 trugen sich die Vormundschaftsräte mit dem Gedanken, ihn zu ersetzen, da seine Rechnungslegung nicht den Vorstellungen entsprach. Er blieb aber im Amt, da sich seine Arbeitsweise besserte. Als er 1582 starb, hinterließ er 20.471 Gulden Privatschulden, die er sich aus der Renterei geliehen hatte. Diese Schulden musste Casimir später bei dessen Erben einklagen.94 Die fehlende Kompetenz in der 93 StACo, Urk LA C 15, Coburger Abschied, 28.6.1574, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 242; StA Co, Urk LA C 20, Coburger Abschied, 20.12.1576, Tagungsordnungspunkt 12(l); SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10624/2, Instruktion Augusts an die kursächsischen Vormundschaftsräte, Dresden, 02.12.1576; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10624/3, August an die Geheimen Räte, Borffenstein, 02.08.1577; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10625/1, fol. 15, Instruktion Augusts an die kursächsischen Vormundschaftsräte, Annaburg, 05.07.1580; StACo, LA A 10.901, fol. 1, Kursächsisches Gutachten zu Errichtung einer Coburger Hofhaltung, Dresden, 03.12.1584; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 199; Heyl: Zentralbehörden, S. 37; Beck: Johann Friedrich der Mittlere Bd. 2, S. 101. 94 StACo, Urk LA C 16, Torgauer Abschied, 12.11.1574, abgedr. bei Gruner: Friedrich Wil-

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Finanzpolitik machte sich auch dadurch bemerkbar, dass zinslose Staatsdarlehen verliehen wurden.95 Normalerweise verfügten diese Darlehen über einen Zinsbetrag von 5 Prozent. 1581 erkannten die Vormundschaftsräte, dass ihre Sparpolitik gescheitert war und sie bei den Landständen um Steuererhöhungen bitten mussten. Deshalb schrieben sie für 1583 einen neuen Landtag aus. Der Kassensturz brachte Verheerendes ans Licht. Anstatt einer Schuldensenkung, erhöhten sich diese gegenüber 1576 auf 564.445 Gulden. Die Landstände reagierten ungehalten über diese finanzielle Situation und forderten die Räte auf, Rechenschaft darüber abzulegen, wohin die bewilligten Steuern geflossen seien. Unter diesen Umständen geriet eine Steuerbewilligung in weite Ferne. Erst als sich die Vormünder bereit erklärten, 303.416 Gulden an Schulden zu übernehmen, rangen sich die Landstände damit durch, einen Betrag von 261.028 Gulden zur Tilgung der Schulden bereitzustellen.96 Infolgedessen verabschiedeten die Vormundschaftsräte 1583 eine Reform, die eine gewisse Steuergerechtigkeit bedeutete. Auf Grundlage eines Mandats Herzog Johann Wilhelms aus dem Jahre 1567 musste nun jeder Untertan eine Vermögenssteuer entrichten, welche sich auf den immobilen Besitz sowie auf Bargeldvermögen und Zinserträge erstreckte. 1595 erneuerte Casimir dieses Mandat.97 Die versprochene Schuldentilgung der Vormünder blieb jedoch aus. Als Casimir die Regierung antrat, beliefen sich die Staatsschulden noch auf 500.968 Gulden.98 So gesehen, hatte der Herzog recht, als er das Finanzgebaren der Vormundschaftsräte kritisierte. helm I., S. 291; StACo, Urk LA C 19, Coburger Abschied, 21.11.1575, abgedr. bei Gruner, Friedrich Wilhelm I., S. 322 f.; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10624/3, Instruktion Augusts an die kursächsischen Vormundschaftsräte, Weißenfels, 06.06.1574; Heyl: Zen­ tralbehörden, S. 60, 101; StACo, Urk LA C 25, Coburger Abschied, 13.01.1583, Tagungsordnungspunkt 3; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 7380/17, Schulden Friederaus. 95 Ein solches Darlehen in Höhe von 5000 Talern vergab die Renterei an den böhmischen Kanzler Vratislaw von Pernstein. Vgl. StACo, Urk LA C 25, Coburger Abschied, 13.01.1583, Tagesordnungspunkt 46. 96 StACo, Urk LA C 24, Coburger Abschied, 12.09.1581, Tagungsordnungspunkt 25; StACo, Urk LA C 25, Coburger Abschied, 13.01.1583, Tagungsordnungspunkt 51; StACo, LA F 10, fol. 132r−134v, Bedenken und Vorschlag an die Landstände, 1583; StACo, LA F 64, fol. 3r−10v, Proposition der Vormundschaft, Coburg, 06.01.1583; ebd., 12r−15v, Replik der Landstände, Coburg, 10.01.1583; ebd., fol. 37r−38v, Tuplik der Landstände, Coburg, 11.01.1583. 97 StACo, Urk LA C 26, Coburger Abschied, 11.08.1583; StACo, LA F 4992, Steuerordnung, Coburg 1583; StACo, LA F 4994, Steuermandat, Coburg, 1595; Schultes: Landesgeschichte, S. 76. 98 Schultes: Landesgeschichte, S. 78. Die Höhe der in dieser Zeit aufgenommenen Kredite

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Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern

Zwar bemühten sich die Vormundschaftsräte um eine Lösung des Schuldenproblems. Doch die finanzielle Bürde, welche der Reichstag zu Speyer dem Fürstentum auferlegte, war zusammen mit den Kammerschulden nicht zu bewältigen. Die Versuche der Räte zur Schuldentilgung muteten in diesem Kontext hilflos an. Dazu gesellten sich überregionale Faktoren wie die Wirtschaftskrise der 1570er Jahre und selbst verursachte Probleme wie die Unkosten am Hof oder die Fehlinvestitionen im Bergbau. Was blieb, waren die ersten Reformen im höfischen Bereich und der Steuergesetzgebung sowie die Rationalisierung des Verwaltungsapparates.

4.7 Machtvakuum 1585 beging Casimir seinen 21. Geburtstag. Dies wäre unter normalen Umständen der Zeitpunkt gewesen, an dem er die Regierung seines Landes hätte übernehmen sollen. Doch wie seinem Vetter Friedrich Wilhelm I. in Weimar verweigerte Kurfürst August beiden die Machtübernahme in ihren Territorien.99 Offenkundig lag es ihm daran, eine erneute Konkurrenzsituation zwischen Ernestinern und Albertinern zu unterbinden und damit seine Machtposition in Mitteldeutschland zu behaupten. Die Situation änderte sich erst, als August Mitte Februar 1586 überraschend starb. Damit endete die Tätigkeit von Graf Barby. Sein Rückzug führte zu einem Machtvakuum, da die Position des Statthalters nicht mehr neu besetzt wurde.100 Als einziger Vormund blieb Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg übrig, der sich nur wenig um Casimir kümmern konnte und durfte. So gab es von seiner Seite keinerlei Vorkehrungen, wer nun im Fürstentum Gesetze entgegenzeichnen und Belehnungen aussprechen sollte. Zudem durfte die Vormundschaft nur vom Kaiser aufgehoben werden. Sämtliche Verwaltungsvorgänge kamen daher bis zur Entscheidung des Reichsoberhaupts zum Erliegen. Es drohte der Unmut der Bevölkerung, die auf die Erledigung ihrer Angelegenheiten wartete.101 betrug 266.900 Gulden, wovon 102.800 Gulden getilgt wurden. Vgl. ThHStAW, Weimarer Archiv, DS 100, fol. 236−241.  99 Krusche: Friedrich Wilhelm I. 100 StACo, LA A 1009, fol. 1, Barby an die fürstlichen Räte und den Kanzler zu Coburg, Dresden, 16.03.1586; StACo, LA A 2165, fol. 2, Casimir an Elisabeth, Coburg, 06.02.1582; StACo, Urk LA C 25, Coburger Abschied, 13.01.1583, Tagungsordnungspunkt 49; StACo, Urk LA C 26, Coburger Abschied, 11.08.1583, fol. 6. 101 StACo, LA A 1009, fol. 3−7, Kanzler und Räte zu Coburg an Christian I. von Sachsen, Co-

Machtvakuum

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Dieser Problematik bewusst wendeten sich Casimir und seine Regierung an Markgraf Georg Friedrich und den neuen Kurfürsten Christian I. Letzterer schob die Verantwortung dem Markgrafen zu.102 In Ansbach hingegen ließen sich die Räte mit der Beantwortung der Frage Zeit. Georg Friedrich, der seit 1578 als Administrator dem Herzogtum Preußen vorstand, hielt sich in Königsberg auf und war nur schwer erreichbar. Er kehrte erst Mitte Juni nach Ansbach zurück und es dauerte noch drei Monate, bis Casimir eine Antwort erhielt. Darin gab der Markgraf zu verstehen, dass der Herzog das Alter besäße, sein Land selbstständig zu regieren und man ihn nicht daran hindern sollte. Eine Entscheidung darüber vermied er und schlug dafür ein letztes Treffen der Vormundschaftsräte vor.103 Casimir indes mochte nicht länger warten. Er deutete den Brief Georg Friedrichs als die langersehnte Entlassung aus der Vormundschaft. Diesen Eindruck vermittelte er seinem Vater. Als weiterer Beweis gilt ein fürstliches Mandat zur Verhinderung nächtlicher Ruhestörung vom Juni 1587, welches Casimir bereits als alleinverantwortlicher Herrscher erließ.104 Ein solches Vorgehen war allerdings juristisch gesehen nicht gesetzeskonform. Aber Casimir und der Markgraf nahmen dies in Kauf. Georg Friedrich verzichtete erst am 9. August 1587 auf seine Rechte. Rudolf II. belehnte die Brüder nach Intervention der Kurfürsten

burg, 08.04.1586, ebd., fol. 59, Kanzler und Räte zu Coburg an die Regierung in Ansbach, Coburg, 20.07.1586; ebd., fol. 71v, Georg Friedrich an Casimir, Ansbach, 03.09.1586; StACo, LA A 2169, fol. 1v, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 06.04.1586; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10625/7, fol. 266 f., Kanzler Wirth an Christian I., Coburg, 08.04.1586; ebd., fol. 269, Casimir an Christian I., Coburg, 12.04.1586. 102 StACo, LA A 1009, fol. 11, Christian I. an Casimir, Dresden, 14.05.1586; ebd., fol. 16 f., Christian I. an Casimir, Dresden 17.05.1586. 103 Kampf: Georg Friedrich von Brandenburg, S. 206; StACo, LA A 1009, fol. 38 f., Georg Friedrich an Casimir, Kulmbach, 13.06.1586; ebd., fol. 75v−76v, Georg Friedrich an Casimir, Ansbach, 17.09.1586. Der Markgraf schrieb: „So bedechten wir doch zu E.L. und anderer wohlgefallen gestellt, Weill vill Cantzley: und andere sachen vorhanden, Damit man bißhero auf die Inn deren Nahmen die brief außgehen vnnd die sachen verrichtet werden sollen, Das zu verhuttung unwiderbringliches Nachtheils, damit nicht lenger Innen gehalten, und E.L. solche brieff und Handlungen, Inn Ihrem als regirenden Fursten Nahmen (…) außgehen hetten lassen.“ 104 StACo, LA A 2169, fol. 31, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 24.10.1586. Darin heißt es, dass der Markgraf die „vormundschafft gentzlich auff gekundiget“ habe. Vorher verkündeten die Vormünder im Namen der unmündigen Herzöge die Gesetze. Siehe: StACo, LA F 5510, fol. 1, Fürstliches Mandat gegen nächtliche Ruhestörung, Coburg, 25.06.1587. Im Vergleich dazu StACo, LA F 5507, Mandat zum Verkauf von Viktualien u. a., Coburg, 24.04.1577.

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im Februar 1587 mit ihrem Fürstentum und hob von seiner Seite die Vormundschaft am 27. Dezember 1587 auf.105 Das Machtvakuum zog verwaltungstechnische Konsequenzen nach sich. Casimir erkannte, dass die bisherige Kanzleiordnung gravierende Mängel aufwies. Er beauftragte deshalb 1588 seinen Kanzler, Michael Wirth d.Ä., mit der Ausarbeitung einer neuen Ordnung.106 Diese orientierte sich, wie ihre Vorgängerin, am kursächsischen Vorbild. Daneben fand die Weiterentwicklung der 1499 erlassenen „alte Cancelley Ordnung des hochlöblichenn furstlichen Hauses zu Sachsenn“ Verwendung, die unter Casimirs Großvater in den 1530er und 1540er Jahren mehrmals überarbeitet wurde. Die Inkraftsetzung der neuen Behördenordnung verzögerte sich durch den Tod mehrerer fürstlicher Räte und den Wechsel Wirths an das Oberhofgericht Leipzig bis Ende 1593.107 Aus den Erfahrungen nach dem Tode Augusts heraus legte Wirth in den §§ 9 und 10 der neuen Ordnung die Arbeitsweise der Landesregierung bei Abwesenheit des Landesherrn bezüglich eingehender Briefe und Lehensfragen fest.108 Dadurch gelang es der Verwaltung, ihre Abhängigkeit von der Präsenz des Fürsten zu überwinden.

4.8 Die Barbysche Schuldsache Casimir kämpfte mit einem weiteren Problem, nämlich mit der Hinterlassenschaft Graf Barbys, der kurz nach Ende seiner Amtszeit am 2. Juni 1586 starb.109 Es stellte sich heraus, dass er bei seinem Abschied einen Großteil der Kanzlei- und 105 SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 9607/13 (darin findet sich das gesamte Verfahren am kaiserlichen Hof ); StACo, LA A 2169, fol. 31, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 24.10.1586; SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10.625/7, fol. 332r−333v, Georg Friedrich an Christian I., Ansbach, 22.10.1586; ebd., fol. 337 f., Christian I. an Georg Friedrich, Dresden, 19.11.1586; StACo, LA A 2324, Urkunde 5, fol. 31−34, Coburger Abschied, 27.12.1587; StACo, LA A 1009, fol. 83v, Georg Friedrich an Casimir, Röcklingen 29.08.1587; StACo, StA Urk 1104, Lehensbrief, Prag, 17.02.1587; StACo, LA A 2171, fol. 4, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 29.02.1588. Die Problematik eines genauen Datums der Regierungsübernahme erkannten Gruner: Johann Kasimir, S. 22 f. und Kruse: Epitaph Teil 1, S. 199−202. 106 StACo, LA F 7722, fol. 31, Protokoll der fürstlichen Räte, Coburg, 30.07.1594. 107 StACo, LA F 5234, fol. 1, Fürstliche Räte an Michael Wirth, Coburg 22.08.1593; ebd., fol. 2, Casimir an die Räte, Coburg, 01.10.1593; StACo, LA F 5857, Wechsel Michael Wirths nach Leipzig, 1592; Heyl: Zentralbehörden, S. 39; vgl. die Situation im Fürstentum Weimar bei Pischel: Zentralverwaltung in Weimar, 2 Teile. 108 StACo, LA F 5230, fol. 16 f., Rats- und Kanzleiordnung von 1594, §§ 9, 10. 109 StACo, LA A 1009, fol. 41, Wolfgang und Jobst von Barby an Casimir, Barby 12.06.1586.

Die Barbysche Schuldsache

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Renterei-Unterlagen unbefugterweise mitnahm und nur wenige Extrakte, die seine Person nicht tangierten, zurückließ.110 Dahinter steckte eine Verschleierungsstrategie. Denn Barby hatte sich auf Kosten des Landes bereichert, um seine eigenen Schulden bezahlen zu können, die er mit undurchsichtigen Geldgeschäften angehäuft hatte. Seine jährlichen Einnahmen umfassten Honorare aus seinen Tätigkeiten als kursächsischer Rat (3429 Gulden) und coburgischer Statthalter (1000 Gulden). Die Gelder reichten Barby aber nicht aus. Deshalb stieg er u. a. in das Kreditwesen ein und lieh Kurfürst August bspw. eine Summe von rd. 2000 Gulden.111 Um seine Schulden zu begleichen, führte er ein raffiniertes Geldbeschaffungssystem ein. So nahm er für das verschuldete Fürstentum Darlehen auf, die nur teilweise in die Renterei eingingen. In einem konkreten Fall unterschlug er 5000 Gulden aus einem Kredit der Stadt Leipzig, die ein Darlehen in von 15.000 Gulden gewährte hatte. Einen Privatkredit des Leipziger Rates an Barby in Höhe von 3000 Gulden ließ er durch die Renterei begleichen. Daneben lieh er sich Geldmittel von privater Seite und zweigte Einnahmen aus den Ämtern Gotha und Volkenroda für sich ab. Seinen Lebenswandel ließ er sich zudem von der Renterei finanzieren. Das Gleiche galt auch für seinen Tross. Es fanden sich Rechnungen für fünf Pferde, einen Turnierschlitten, Waren aus der Hofschneiderei, ein Fass Wein samt neuer Gefäße, einer neuen Rüstung aus Augsburg oder Mietkosten von Barbys Vorkoster. Auch Casimir wurde von Barby betrogen. Aus den Hochzeitsgeldern, die der Fürst anlässlich seiner Heirat mit Anna von Sachsen 1585 erhielt, nahm er 11.428 Gulden an sich. Insgesamt stellte die Renterei Ende Juli 1586 eine Gesamtschuld Barbys von 128.507 Gulden gegenüber dem Fürstentum fest, die ab 1583 entstanden waren. Ein höherer Schaden schien nicht ausgeschlossen.112 Durch den Zugriff auf die Coburger Finanzen konnte Barby ungestört seinen Geldgeschäften nachgehen. 110 StACo, LA A 1009, fol. 23, Casimir an Christian I., Coburg, 10.06.1586. Das gleiche Schreiben ging auch an Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg, siehe ebd., fol. 30−32, Coburg, 10.06.1586. 111 StACo, LA A 2324, Urkunde 1: Bestallung des Burkhard von Barby, Altenburg, 12.12.1572; Schirmer: Kursächsische Finanzen, S. 651, 672. Über das Prinzip der Doppelbestallungen versuchte Kurfürst August Einfluss auf andere Territorien zu nehmen. Als Beispiel ist die Verwaltung der Grafschaft Henneberg nach dem kinderlosen Tode des letzten Henneberger Grafen 1583 zu nennen. Hier wiesen der Statthalter und der Kanzler Doppelbestallungen mit Kursachsen auf. Siehe dazu: Huschke: Ernestiner, S. 11. 112 StACo, LA A 1009, fol. 64, Brief Johann Casimirs an Markgraf Georg Friedrich, Coburg, 24.07.1586; StACo, LA A 2324, Urk. Nr. 5, Coburger Abschied, 10.12.1587, Auflistung der

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Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern

Casimir machte hier Markgraf Georg Friedrich Vorwürfe. Dieser sah sich selbst als Opfer, denn seine Räte bekamen nur wenig Einsicht in das Finanzgebaren des Fürstentums, da es sich dabei, laut Barby, um geheime Angelegenheiten des Hauses Wettin handeln würde. Den Vormündern war der Skandal peinlich und sie versuchten, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Besonders Kursachsen deckte wohl das Treiben Barbys. Deshalb zögerte Casimir eine Quittung für eine ordentliche Vormundschaftsregierung auszustellen. Dass eine solche dann doch erteilt wurde, geschah nach Meinung von Schultes mehr „aus Galanterie, als aus actenmäßiger Überzeugung“.113 Casimir selbst besaß keine Kenntnis von diesem Gebaren. Barby zeigte ihm nur ausgewählte Aspekte der Finanzverwaltung. Das Misstrauen des Herzogs gegenüber dem Grafen war durchaus berechtigt gewesen.114 Hier lag ein strukturelles Defizit vor, welches die Kanzleiordnung von 1572 unterstrich. Laut seiner Bestallung war Barby allein für die Abrechnungen des Fürstentums gegenüber den Vormundschaftsräten verantwortlich. Diese quittierten als Kassenprüfer deren Richtigkeit. Bei dieser Handlung waren Regierungsmitglieder und Renterei-Bedienstete nicht anwesend, sodass es Barby möglich war, die Abrechnungen zu manipulieren. Dies tat er bspw. bei der Angabe neuer Schulden. Die Kontrollen fanden zudem nur einmal im Jahr statt, sodass der Graf Barby’schen Schulden; ebd., Urk. Nr. 6, Inventarium Graf Barbys. 1594 erklärte Casimir gegenüber dem Landtag, dass Barby Kammereinkünfte in Höhe von 75.000 Gulden an sich genommen habe. Vgl. StACo, LA F 11, fol. 168, Proposition Casimirs an die Landstände, o.D. Nach Barbys Bestallung sollte er von seinem Jahresgehalt zwölf Junker unterhalten und diese mit höfischer Kleidung versorgen. Zudem erhielt er einen unbekannten finanziellen Zuschuss für den Unterhalt seiner Pferde. Vgl. StACo, LA A 2324, Urk Nr. 1, Bestallung Burkhard von Barbys, Altenburg, 12.12.1572. 113 StACo, LA A 1010, Quittung für den Kurfürsten von Sachsen, Coburg, 09.12.1587; StACo, LA A 1022, fol. 1 f., Quittung für den Markgrafen von Brandenburg, Coburg, 09.12.1587 (Kopie); SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10636/1, Loszahlung der Vormundschaft, 1587−90. Während Kursachsen relativ schnell eine Quittung erhielt, weigerte sich Casimir gegenüber den kurpfälzischen Räten mit Verweis auf Barbys Misswirtschaft, eine solche zu genehmigen. Die Pfälzer erhielten dennoch eine Bestätigung. Siehe den dazugehörigen Briefverkehr in StACo, LA A 1009, fol. 91−95; StACo, LA A 2364, Rechtliches Bedencken Johann Casimirs und Johann Ernsts, 1627; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 200; Schultes: Landesgeschichte, S. 78. 114 StACo, LA A 2164, fol. 23, Casimir an seine Eltern, Leipzig, 09.05.1581; ebd., fol. 28, Casimir an seine Eltern, Leipzig, 12.07.1581; StACo, LA A 2155, fol. 24, Elisabeth an Johann Friedrich, Coburg, 17.05.1583; StACo LA A 2169, fol. 14, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 04.06.1586.

Die Barbysche Schuldsache

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frei über das Geld verfügen konnte.115 Dies machte Barby zur zentralen Herrscherfigur. Nicht zu Unrecht bezeichnete Heyl den Statthalter als „kommissarischen“ Herzog.116 Kursachsen stützte Barbys Macht. Wenn Brandenburg Mängel in den Rechnungslegungen anmahnte, geschah nichts, um diese abzustellen. Tatsächlich war es Barby nie möglich, eine korrekte Abrechnung vorzulegen.117 In diesem Zusammenhang tat sich noch ein weiterer struktureller Fehler im Verwaltungsapparat auf. Die Renterei war zu jener Zeit der Landesregierung zugeordnet. Der Rentmeister fungierte als Kassenbeamter aber nicht als Finanzpolitiker. So war Christoph Friederau vorher als Rentschreiber tätig. Auch sein Nachfolger Martin Lehmann kam aus dem Verwaltungsapparat der Renterei. Ihre Aufgabe war es, die Staatskasse zu führen und das Kassen- und Rechnungswesen in den Ämtern zu beaufsichtigen. Sie mussten dabei gegenüber der Landesregierung Rechenschaft über ihre Arbeit abgeben.118 Der Rentmeister war also nicht in der Position, einem Statthalter wie Barby Paroli zu bieten. Der Graf wusste es geschickt, diese vorhandenen Gesetzeslücken für sich auszunutzen und die Regierung über die Finanzen in Unklarheit zu lassen. Die Barbysche Schuldsache musste daher Konsequenzen nach sich ziehen. Zunächst verlangte Casimir von den Erben des Grafen, die Schulden zu begleichen. Diese weigerten sich zu zahlen und erhoben stattdessen selbst finanzielle Forderungen. Insgesamt forderte der Herzog, nach Abzug der Coburger Schulden, einen Betrag von 57.325 Gulden. Da eine Einigung nicht zustande kam, beschritten die Parteien den juristischen Weg. Barby verkomplizierte noch zu Lebzeiten die Sachlage, da er ein Teil der Coburger Gelder in sein Lehensgut investierte. Nach zahlreichen gegensätzlichen Urteilen endete das Verfahren nach einer Prozessdauer von fast 50 Jahren ohne Ergebnis.119 115 StACo, LA A 2324, Urk Nr. 1, Bestallung Burkhards von Barby, Altenburg, 12.12.1572; StACo LA A 1009, fol. 65, Casimir an Georg Friedrich, Coburg, 24.07.1586; ebd., fol. 73, Georg Friedrich an Casimir, Ansbach, 03.09.1586; SächsHStAD, Bestand 10024, Loc. 10625/7, fol. 32, Mängelliste der brandenburgischen Räte, 1584; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 199. 116 Heyl: Kindheit, S. 38. 117 SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 10625/7, fol. 23 f., Georg Friedrich an August, Königsberg, 18.03.1584; ebd., fol. 28−36, Mängelliste 1584; ebd., fol. 249, Georg Friedrich an August, Angerburg, 01.08.1585; ebd., fol. 307v, Casimir an Christian I., Coburg, 01.09.1586. 118 StACo, Urk LA C 14, Leipziger Abschied, 02.11.1573, abgedr. bei: Gruner: Friedrich Wilhelm I., S. 197; StACo, Urk  LA C 25, Coburger Abschied, 13.01.1583, Tagungsordnungspunkt 3, 50; Heyl: Zentralbehörden, S. 60. 119 SächsHStAD, Bestand 10.024, Loc. 4445/8, Schuldsache Barby; StACo, LA A 1009, fol. 24,

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Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern

Daneben beschritt Casimir den Weg einer Verwaltungsreform. Die Kanzleiordnung war trotz des vorgegebenen Kollegialitätsprinzips völlig auf den Statthalter zugeschnitten gewesen. Erst Michael Wirths Entwurf zur Zusammensetzung der Landesregierung mit einem Kanzler, jeweils drei adeligen Räten und Juristen, etlichen Sekretären und Kopisten setzte dieses Prinzip durch.120 Ein weiterer Aspekt der neuen Kanzleiordnung umfasste die Registrierung und Inventarisierung von Briefen, Büchern und Verwaltungsverfahren. Damit sollte die Entnahme von Dokumenten und Urkunden, wie es bei Barby geschah, unterbunden werden. Mit der Einführung dieser neu formierten Kanzleiregistratur schuf Casimir ab 1594 die Basis für das Coburger Archivwesen.121 Im Zuge der Verwaltungsreform wanderte zudem die Renterei aus dem Verantwortungsbereich der Landesregierung heraus und wurde dem Herzog unterstellt. Casimirs Ziel war es, die direkte Kontrolle über das Finanzwesen des Landes auszuüben. 1591 befahl er seinen Beamten, dass alle Schreiben, die „zu hoffe vndt […] in die renthcammer gehen, uff die vberschriefft vndt tittull desselben schreibens zugleich auch vnden ahn alleine die wortte: ,s.f.g. zu eigen handen gezeichnet‘“ und nicht mehr ohne seine Erlaubnis geöffnet werden sollten.122 Die Renterei wurde im Schloss Ehrenburg angesiedelt, womit die enge Verbindung zum Fürsten symbolisch unterstrichen wurde. Auch die Stellung des Rentmeisters änderte sich. Das Scheitern der bisherigen Behördenvorsteher bahnte den Weg für einen Managertypen wie Nicolaus Zech, der ökonomisch geschickt mit der Finanzkrise des Landes umzugehen wusste.

Casimir an Christian I., Coburg, 10.06.1586; ebd., fol. 62, Casimir an Georg Friedrich, Coburg, 24.07.1586; StACo LA A 2364, Rechtliches Bedencken der Herzöge von Sachsen-Coburg und Eisenach gegen die Erben des Grafen von Barby, Coburg 1627; StACo, LA A 2365, Kaiserliches Mandat, Speyer, 10.09.1630. Das Staatsarchiv Coburg verwahrt 42 Akten, welche die juristische Auseinandersetzung zwischen Casimir und den Erben Barbys bis 1631 dokumentieren. Auf die Akten wie den Prozess wird nicht weiter eingegangen. Dies wird einer separaten Untersuchung vorbehalten sein. 120 StACo, LA F 5230, Kanzleiordnung von 1594, § 1; im Vergleich dazu die Zusammensetzung der Landesregierung in: StACo, LA F 5227, Kanzleiordnung von 1572, § 1. 121 StACo, LA F 5230, Kanzleiordnung von 1594, §§ 8, 12; StACo, LA F 7717 Registratur unter Friedrich Ritters Kammersekretarien von 1575−93; Andrian-Werburg: Archive, S. 83 f. 122 StACo, LA F 5230, Kanzleiordnung von 1594, §§ 3, 7. Ausnahmen wurden nur bei Abwesenheit Casimirs gestattet. Siehe dazu § 9. StACo, LA F 5233; Heyl: Zentralbehörden, S. 42, 60.

Selbstbehauptung

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4.9 Selbstbehauptung Als Sebastian Leonhart 1592 seine Autobiografie verfasste, konnte er zufrieden auf seine Leistung als Präzeptor zurückblicken. Über seine Schüler Casimir und Johann Ernst schrieb er, dass ihre F. G. die Fundamenta in studis wol gelegt vnd in Lateinischer auch Griechischer sprach zimlich sich geübet, D. Lutheri Catechisimi Latine & Germanice auswendig gewusst vnd ihre Quaestiones darauff verstanden die Bibel vnd sonderlich die Bücher Samuelis, der Könige vnd der Chronicken offte, auch viel Historias fleissig gelesen, konte auswendig viel Psalmen vnd Sprüche Lateinisch vnd Deutsch aus der Bibel vnd anderen schrifften.123

Die Erziehung Leonharts entsprach für das konfessionelle Zeitalter einer avantgardistischen Meisterleistung. Sie entschied sich im Streit um die richtige Glaubensinterpretation innerhalb des Protestantismus nicht für eine Partei, sondern akzeptierte andere Meinungen und damit einen theologischen Pluralismus. So werden Ansätze deutlich, die dem Menschen eine religiöse Individualität zugestehen. Diese Position fand in den 1580er Jahren an anderen Höfen einen Widerhall. Der Coburger Hof besaß damit ein erstes positives Profil. Die Erziehung förderte bei Casimir die eigenständige Sicht auf die theologischen Konflikte, bewahrte aber den „reinen“ Kern des Luthertums und die eigene Identität. Leonharts Pädagogik führte im Kontext einer stärker werdenden konfessionellen Radikalisierung zu einer heterogenen Fürstenerziehung. Infolge der Grumbachschen Händel lagen zudem die politisch-religiösen, familiären und finanziellen Umstände der Erziehung außerhalb der üblichen Normen. Manchmal führte dies zu Einschnitten in der Ausbildung. Dennoch liegt hier eine typische humanistisch-religiöse Prinzenerziehung vor, denen die Vorstellungen Philipp Melanchthons, Erasmus von Rotterdams und lokaler Traditionen zugrunde lagen. Diese Ausbildung legte die Basis für die spätere Herrschaftsphilosophie Casimirs. Leonhart gelang es außerdem bis 1582, jegliche Einflussnahme auf seine Erziehungsmethoden abzuwehren. Im Vergleich mit der Erziehung von Casimirs 123 *Leonhart: Kurtze Beschreibung, fol. 36v. Diese Passage übernahm auch der Hofprediger Johann Wagner für das Ehrengedächtnis Johann Casimirs. Die Rezeption nahm dieses Zitat schließlich auf, wodurch aufgrund fehlender wissenschaftlicher Standards Herkunft wie Kontext dieser Aussage mit der Zeit verloren gingen. So meinte Heinrich Beck, dass dieser Aussage ein Zeugnis der Leipziger Professoren zugrunde liege. Anhand der untersuchten Quellen kann dies eindeutig verneint werden. Vgl. *Wagner: Personalia Casimiriana, fol. 252v; Beck: Kasimirs Leben und Lande, S. 3.

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Identitätswahrung und kursächsisches Scheitern

Vetter, Friedrich Wilhelm I., lässt sich besonders eine erzieherische Autonomie erkennen. Um diese Errungenschaft nicht zu gefährden, blieben die Eltern wohlbedacht im Hintergrund. Untermauert wurde diese Autonomie durch Leonharts Ablehnung der kursächsischen Konfessionspolitik ab 1574, die konträr zu seinen Überzeugungen stand. Er entfernte sich deshalb von Kurfürst August und näherte sich den Eltern seiner Schützlinge an. Als Kontaktmann zwischen Wiener Neustadt und Coburg leistete er der Familie einen unschätzbaren Dienst und wurde so zu einer Schlüsselfigur. Allgemein sorgten er und die anderen Erzieher bei den Söhnen für ein positives Verständnis des familiären Schicksals und einen konstruktiven Umgang damit. Der Briefwechsel zwischen Eltern und Söhnen intensivierte sich ab 1573 und erlebte während der Leipziger Studienzeit seinen Höhepunkt. Von einer Entfremdung war man weit entfernt. Casimirs Ziel war es daraufhin, die Eltern zu besuchen. Vor den Avancen Kurfürst Augusts war er zwar immun, konnte sich ihnen aber nicht entziehen, ohne sich selbst zu verleugnen. Auch die Eltern hegten starkes Interesse an ihren Kindern. Dies zeigt sich bei der Erziehung und an der vielfältigen Nutzung des Kommunikationsnetzes Johann Friedrichs des Mittleren. Als die Einflussnahme Kursachsens immer stärker wurde, intensivierten die Eltern das Verhältnis. Dies fand vor allem in der Bildungsreise von 1583 seinen Niederschlag. Durchaus ist hier ein Kampf um die Herzöge zu erkennen. Für Letztere bedeutete dies den Beginn eines Doppellebens als Söhne eines Geächteten und kursächsischen Getreuen. Casimir litt unter diesem Widerspruch stärker als sein Bruder. Ihm oblag es als ältester noch lebender Sohn, die Balance zwischen beiden Polen zu finden. Dass dies nicht leicht werden würde, zeigten die Geldforderungen seines Vaters, die Casimir nicht zusagen konnte. Die politische Macht lag in kursächsischen Händen. Johann Friedrich sah sein Vorurteil bestätigt, dass sein Sohn die Anforderungen an einen guten Fürsten nicht erreichen würde. Machtpolitische Realitäten ignorierte er. Kurfürst August und Barby machten indes Casimir die kursächsische Fürsorge, mit der sie ihn zum Fürsten ausbildeten, deutlich. Sie ließen ihn glauben, dass sie sein Land gut verwalten würden. Doch das erwies sich als Trugschluss. Der Mangel an gut ausgebildeten Beamten führte zu finanziellen Ausfällen. Eine Veränderung vermochte erst Casimir mit einer Verwaltungsreform herbeizuführen. Damit profilierte er sich erstmals und konnte seine Herrschaftslegitimation unter Beweis stellen. Zum Reformprogramm gehörte auch die Neuausrichtung der Finanzpolitik, welche in der Historiografie zum Charakteristikum für die unfähige Vormundschaftsregierung avancierte. Dabei traf den Räten nur teilweise die Schuld. Die Herkunft der Außenstände stammte teilweise aus der Zeit

Selbstbehauptung

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vor 1572. Zwar versuchten die Regierung mit einer am kursächsischen Vorbild orientierten Wirtschaftspolitik die finanziellen Verhältnisse zu verbessern, doch die Erträge aus den durchgeführten Infrastrukturmaßnahmen blieben hinter den Erwartungen zurück. Aus der Schwäche der Landesherrschaft schlugen die Landstände keinen Profit. Sie kämpften selbst mit ökonomischen Problemen, sodass an eine Machtausdehnung nicht zu denken war. Die politischen Verhältnisse im Land blieben damit unangetastet.

5. Höfische Repräsentation und Heiratspolitik

5.1 Die Ehe als Machtstrategie Die fürstliche Heiratspolitik verfolgte im 16. Jahrhundert verschiedene Ziele. Zunächst ging es um den Dynastie-Erhalt. Zudem verknüpften sich mit einer Eheschließung politische Interessen. Es ging dabei um die Festigung und Erweiterung der eigenen politischen Hausmacht, vor allem wenn eine ungeklärte Erbfolge im Raum stand. Des Weiteren dienten Ehen der Friedenssicherung zwischen zwei Territorien und der Bildung von politischen Bündnissen. Außerdem konnte mit einer Heirat der Aufstieg in eine höhere soziale Adelsschicht gelingen. Damit verbunden war der Gewinn an sozialem Prestige.1 Aufgrund dieser Vorstellungen gewann die künftige Ehe Casimirs an politischem Gewicht. Da die Eltern als Ehestifter ausschieden, oblag die Suche nach einer geeigneten Ehefrau den Vormündern. Die Aufgabe übernahm nach Meinung der Forscher Kurfürst August, der über die Heiratspolitik Casimir politisch und familiär an Kursachsen binden wollte. Die Heirat des Herzogs mit seiner Tochter Anna galt daher als großer Erfolg. Damit wäre es August gelungen, seine Hausmacht in Thüringen zu festigen, das Fürstentum Coburg als Bündnispartner an sich zu ziehen und mit der Heirat den Frieden zwischen beiden Linien zu beschließen. Als Beweis hierfür galt die ab 1580 einsetzende Inszenierung Augusts als Ersatzvater.2 Die Treffen mit der kursächsischen Familie sollten, so die These, die Basis für eine zukünftige Ehe Casimirs mit einer Kurfürstentochter schaffen. Solche Annäherungen finden sich aber von Seiten Augusts und Casimirs nicht.3 Tatsächlich lagen die politischen Planungen zu Casimirs Hochzeit in den Händen von Graf Barby. Als Mitglied des kursächsischen Geheimen Rates besaß er die Erfahrung und Autorität, sich aktiv in die Heiratspolitik einzubringen. Ihm oblag es, den skeptischen Casimir von der Heirat zu überzeugen. Dabei behalf er sich mit einem Köder. Er verband die Heirat mit einer möglichen Freilassung Johann Friedrichs des Mittleren. Diese Strategie erwähnte Barby erstmals 1583 1

Kägler: Dynastische Ehen, S. 5−20; Kohler: Felix Austria, S. 462; Weber: Bedeutung der Dynastien, S. 11. 2 Kruse: Epitaph Teil 1, S. 184, 187; Heyl: Herzog, S. 6; vgl. Kap. 3.2.4. 3 StACo, LA A 2163, fol. 21, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 16.05.1580; Lanzinner/Leeb: Reichstag zu Augsburg 1582 Bd. 1, S. 197. Weitere Zusammenkünfte sind nicht überliefert.

Die Ehe als Machtstrategie

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in einem Gespräch mit einer Vertrauten Herzogin Elisabeths.4 Casimir ahnte wohl, dass er als Schachfigur in der kursächsischen Dynastie- und Hegemonialpolitik herhalten musste. An seinen Vater schrieb er: Undt ich mus bekennen, das ich an das freyen vor mich selber so vil nicht gedachte, wen mhir nicht teglich dazu anreitzung geben wurde durch allerley reden, welche ich doch vorthin will meiden, wo ich kan, und E.G. Ermanung volgen, demselben heimstellen, was sie mir zum besten vor gudt achten und mhir aus veterlicher treu radten werden. Allein, mich duncket, wen ich an einen ehrlichen ordt verheyradt wurde, ob ich gleich ein jhar oder lenger warten musste, das ich mich desto mher hutten konnte und zufriden blibe von andern leuten, die nicht unterlassen werden, an mich zu setzen (= zuzusetzen) lucri causa (= zum Vorteil), wie den alle ihr thun dahin gerichtet ist.5

Die mögliche Freilassung Johann Friedrichs des Mittleren ließ Casimirs Meinung ändern. Er erkannte, dass die Verehelichung mit einer kursächsischen Prinzessin für ihn auch Vorteile bringen würde. Damit verbunden war nämlich der Gewinn an sozialem Prestige. Casimir wäre Teil der kursächsischen Familie geworden, die über Kurfürstin Anna, einer geborenen Prinzessin von Dänemark, verwandtschaftliche Beziehungen zum Kopenhagener Königshof pflegte. Zudem hätte die Heiratserlaubnis des Kurfürsten Casimirs Ruf als ehrbarer Reichsfürst gestärkt und damit seine Herrschaftslegitimation gefördert. Auch bestünde durch die Heirat die Möglichkeit eines Friedens mit Kursachsen. Gerade diese differenten Friedensvorstellungen entwickelten sich in den späteren Jahren zu einer Ambivalenz. Für eine Heirat kamen zwei Töchter des Kurfürsten infrage: Dorothea und Anna. Warum gerade Anna ausgewählt wurde, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Im Januar 1584 erfuhr Casimir, dass Anna angeblich seinem Cousin,

4 StACo, LA A 2093, fol. 91, Unbekannte Person an Elisabeth, o.D.; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 185, 211. Im Vorfeld äußerte sich Casimir gegenüber seinen Eltern negativ über eine Heirat mit einer Albertinerin. Vgl. StACo LA A 2165, fol. 30, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, November 1582; ebd., fol. 38, Casimir an Elisabeth, Coburg, 03.12.1582. Ein Beispiel für die Rolle Barbys findet sich bei der Heirat des Kurprinzen Christian mit einer Tochter des brandenburgischen Kurfürsten Johann Georg 1581. Aus diesem Grund reiste der Graf nach Kopenhagen, um beim Onkel des Bräutigams, König Friedrich II. von Dänemark, für die Verbindung zu werben. Vgl. StACo, LA A 2164, fol. 30, Casimir an Elisabeth, Leipzig, 29.03.1581; Knöfel: Dynastie und Prestige, S. 42. 5 StACo, LA A 2165, fol. 31v−32r, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, November 1582.

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Höfische Repräsentation und Heiratspolitik

Johann III. von Sachsen-Weimar versprochen war.6 Anfang Mai 1584 wurde er kurzfristig nach Dresden beordert. Die Angelegenheit eilte so sehr, dass er deswegen an der Taufe seiner Nichte nicht teilnehmen konnte und die Patenschaft an seinen Bruder abtreten musste.7 Dass sich die Ereignisse scheinbar überstürzten, dürfte nur einen Grund gehabt haben: Die scheinbar noch einzig verfügbare Tochter Dorothea sollte mit Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel, Bischof von Halberstadt, verlobt werden. Barby und Casimir fürchteten wohl, mit ihrer Strategie zu scheitern. In Dresden erfuhren beide, dass Dorothea bereits vergeben, Annas Verlobung mit Johann aber erst noch bevorstand. Barby sah sich daher zum schnellen Handeln gezwungen. Sofort bereitete der Graf den Weg für eine Heirat Casimirs mit Anna. Doch man musste mit einer Absage Augusts bei einer offiziellen Werbung des Herzogs rechnen. Der Sohn eines „Ächters“ erfüllte kaum die politischen und sozialen Anforderungen eines Ehemanns für eine kursächsische Prinzessin. Barby und Casimir baten daher, wie in solchen Fällen üblich, eine neutrale Partei um Hilfe. Anstatt des Herzogs sollte der in Dresden weilende brandenburgische Kurfürst Johann Georg die Brautwerbung im Namen des Coburgers übernehmen. Dieser erklärte sich dazu auch bereit. Als nun ein Abgesandter Kurbrandenburgs die Bitte August und seiner Frau vortrug, zeigten sich beide negativ überrascht.8 Die Reaktion darf nicht verwundern. August ließ seit 1573 nichts unversucht, die Ernestiner zu demütigen. Hier traten die Folgen des jahrelangen medialen ehrabschneidenden Krieges zwischen beiden Linien zutage. An einem sozialen Aufstieg Casimirs konnte er daher kein Interesse haben. Der Kurfürst geriet dadurch in ein Dilemma. Eine Werbung des Herzogs hätte er leicht mit dem Verweis auf die Grumbachschen Händel abweisen können. Eine schroffe Ablehnung gegenüber dem Boten Kurbrandenburgs hätte erhebliche Verstimmungen mit dem nördlichen Nachbarn zur Folge gehabt. August versuchte deshalb, die Entscheidung hinauszuzögern, in dem er bei den verwandten Herrscherhäusern 6 StACo, LA A 2167, fol. 3v, Casimir an Elisabeth, Coburg, 05.02.1584. Johann hielt sich damals in Dresden auf. Vgl. ThHStAW, Weimarer Archiv, A 198, fol. 220, Johann an Dorothea Susanna, Dresden, 26.02.1584. 7 StACo, LA A 176, fol. 6−12, Korrespondenz zwischen Friedrich Wilhelm und Casimir, April/Mai 1584; StACo, LA A 2167, fol. 8, Johann Ernst an Elisabeth, Coburg, 09.05.1584. Der Brief aus Dresden ist nicht mehr auffindbar. 8 Erhalten haben sich die Darstellungen Casimirs und Augusts zu der Eheanbahnung. Vgl. StACo, LA A 2167, fol. 10, Casimir an Elisabeth, Dresden, 14.05.1584; SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 10561/23, fol. 7, August an Friedrich II. von Dänemark, Dresden, 29.05.1584; Knöfel: Dynastie und Prestige, S. 43, 46.

Die Ehe als Machtstrategie

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und seinen Rechtsgelehrten nachfragte, ob eine Vermählung bei dieser Vorgeschichte statthaft wäre.9 Da die Juristen keine Einwände sahen, musste August notgedrungen dem Ansinnen Casimirs stattgeben. Die Verwandten wurden wohl nicht mehr in vollem Umfang um Rat gefragt, da bereits am Tage der Werbung die Verlobung verkündet wurde. Augusts Reaktion entsprach demnach nicht der eines erfolgreichen Heiratspolitikers.10 Die Weimarer Linie war für eine eheliche Verbindung eher geeignet, da im Vertrag von Langensalza ein Wechsel in der Erbfolge vereinbart wurde. Sollte eine der beiden Linien aussterben, übernahm die jeweils andere die Nachfolge. Das Gleiche galt in Fällen der Vormundschaftsausübung. Würden beide Linien aussterben, fand die Erbverbrüderungsvereinbarung mit der Landgrafschaft Hessen Anwendung.11 Kursachsen ging es in dem Fall darum, in den Beziehungen zu den Ernestinern „Abhängigkeiten zu schaffen und Einfluss zu bewahren und zu stärken“.12 Die verstärkte politische Einflussnahme Kursachsens auf Weimar scheint deshalb logisch. Sie zielte darauf ab, die Kontinuität kursächsischer Politik zu bewahren. Hier sei an die Eingriffe des Kurfürsten in die Erziehung Friedrich Wilhelms I. erinnert, die im Vergleich zu Casimirs Ausbildung massiv wirkten. Nach 1591 trugen diese Einflussnahmen Früchte, als der Weimarer als kursächsischer Administrator die Politik Augusts fortsetzte.13 Casimirs erste Machtstrategie, die auf der Initiative und dem Einfluss Barbys fußte, war zunächst erfolgreich. Ihm gelang es, sich mit einer Tochter Kurfürst Augusts zu verloben und damit sein soziales Prestige zu erhöhen. Nebenbei 9 SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 10561/23, fol. 8, August an Friedrich II. von Dänemark, Dresden, 29.05.1584; ebd., fol. 12−14, Gutachten Friedrichs II. von Dänemark, Odense, 30.06.1584; StACo, LA A 67, fol. 13−16, Casimir an Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg, Dresden, 13.05.1584; StACo, LA A 2193, Kurfürstin Anna an Elisabeth, Kletzschau, 08.09.1584. 10 Ältere Werke gehen sogar von einem Wohlwollen des Kurfürsten aus. Vgl. Hellfeld: Anna, S. 3; Gruner: Johann Kasimir, S. 20. 11 StACo, LA A 2048, fol. 74, Gothische und Grimmensteinische Belagerung und Capitulation anno 1567. Die Heirat Casimirs hatte aber keinen Einfluss auf die kursächsische Erbfolge, wie Anne-Simone Knöfel (Knöfel: Dynastie und Prestige, S. 340 f.) vermutete. 12 Kruse: Epitaph Teil 1, S. 187. 13 Der Machtübernahme Friedrich Wilhelms lag ein Politikwechsel zugrunde. Kurfürst Christian I. hatte eine offensive Außen- und kryptocalvinistische Konfessionspolitik betrieben, die auch die Anlehnung an die Kurpfalz beinhaltete. Friedrich Wilhelm kehrte hingegen zum orthodoxen Luthertum zurück. Gotthard sieht in dem Wandel den Beginn der langfristigen Spaltung der Protestanten in Deutschland, die sich im Dreißigjährigen Krieg fatal auswirken sollte. Vgl. Gotthard: 1591, S. 275−284; Krusche: Friedrich Wilhelm I. Siehe Kap. 3.

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Höfische Repräsentation und Heiratspolitik

erschien die Perspektive einer baldigen Freilassung Johann Friedrichs des Mittleren in greifbare Nähe gerückt. Damit stand in Casimirs Augen einer friedlichen Lösung des Konfliktes zwischen Ernestiner und Albertiner nichts mehr im Wege. Die Heirat bot für Kursachsen die Chance, den Herzog weiter an sich zu binden und damit die eigene Hegemonialpolitik zu stärken. Barby sah dies wohl ähnlich. Hellmut Kretzschmar stellte hier die Frage, ob Kurfürst August in den 1580er Jahren wegen seiner schlechten körperlichen und geistigen Verfassung überhaupt noch die Geschicke des Landes lenkte oder ob bereits der Geheime Rat die Leitung innehatte.14 Das Verhalten der einzelnen Parteien verhärtet gerade letztere Annahme. August lehnte innerlich die Heirat ab. Er musste sich der Auffassung seiner Regierung beugen. Als er sich am 3. Januar 1586 ein zweites Mal mit großem Pomp vermählte, folgten Casimir und Anna in kleinerem Rahmen 14 Tage später nach.15 Symbolischer konnte er sein Missfallen gegenüber dieser Ehe nicht dokumentieren.

5.2 Legitimierung der Ehe Trotz der Zustimmung Augusts fehlte der Heirat die notwendige Legitimierung. Diese musste erst von den einzelnen Protagonisten eingeholt werden. Das war schwierig, denn die schnelle Verlobung Casimirs zog einige schwerwiegende diplomatische Verstrickungen nach sich. Die Dresdner Kanzlei versuchte zunächst, die Heirat zu begründen. Sie verfolgte dabei den Grundtenor, dass durch Gottes Fügung zwei junge Menschen aufeinandergetroffen seien und sich sofort ineinander verliebt hätten. Mit dieser Erklärung wandten sich Casimir und August an den Mitvormund, Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg.16 Sie entschuldigten sich für die entstandene Situation und machten ihm glaubhaft, dass er nicht vorsätzlich übergangen wurde. Sie baten ihn, der Heirat zuzustimmen, was er dann auch tat.17 Dänemark reagierte auf die Ereignisse ungehalten, 14 Kretzschmar: Geschichte der Neuzeit, S. 233. 15 Kruse: Epitaph Teil 1, S. 193. 16 StACo, LA A 67, fol. 5−8, Casimir an Johann Friedrich den Mittleren, Dresden, 12.05.1584; ebd., fol. 10−12, Casimir an Elisabeth, Dresden, 12.05.1584; ebd., fol. 13−16, Casimir an Georg Friedrich von Brandenburg, Dresden, 13.05.1584. Die verfassten Schreiben Casimirs formulierte die Dresdner Kanzlei. 17 StACo, LA A 67, fol. 13−16, Casimir an Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg, Dresden, 13.05.1584; ebd. fol. 19−22, August an Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg, Sitzenroda, 16.08.1584.

Legitimierung der Ehe

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da man ebenfalls in die Pläne nicht eingeweiht worden war und zudem äußere Bedenken ins Feld führte. Die Spannungen legten sich auch in der Folge nicht, sodass der dänische König der Hochzeit fernblieb.18 Wie aber reagierten Casimirs Eltern auf die Hochzeit? August rechnete wohl mit Widerstand. Aus diesem Kalkül heraus hoffte er darauf, die Zusage zur Heirat zurückziehen zu können. Doch der Herzog führte in den Briefen an seine überraschten Eltern den Aspekt einer möglichen Freilassung aus der Kustodie ein. Unter diesen Umständen mag Johann Friedrich der Mittlere in der Verehelichung einen Lichtblick für sich gesehen haben, sodass er der Heirat zustimmte.19 Allerdings hielt er die Ehe für einen Fehler. Er warnte Casimir vor der Beziehung und erinnerte an die Ehekrise seines Patenonkels, Pfalzgraf Kasimirs, mit Annas Schwester Elisabeth. Auch sonst fand er seine Schwiegertochter äußerlich wenig attraktiv.20 Andererseits hofften die Eltern auf die Teilnahme an der Hochzeit, wie aus den Briefen an Casimir zu ersehen ist. Doch Kurfürst August dachte gar nicht daran, Johann Friedrich und seine Frau zur Hochzeit einzuladen. Nach seiner Niederlage gegen Casimir wollte der Kurfürst nicht noch das soziale Prestige des Vaters durch diese symbolisch-zeremonielle Handlung aufwerten. Die Hochzeit fand schließlich nach dem 18. Geburtstag der Braut, am 16. Januar 1586, ohne Casimirs Eltern statt, was beide zeitlebens betrübte.21 18 SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 8539/1, fol. 11, Friedrich  II. von Dänemark an Kurfürstin Anna, Odense, 30.06.1584; SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 10.561/23, fol. 11, Friedrich II. an Kurfürst August und Johann Georg von Brandenburg, Odense, 30.06.1584; ebd., fol. 286, Schmuckverzeichnis, 15.01.1586. 19 StACo, LA A 2167, fol. 17, Casimir an Elisabeth, Coburg, 27.05.1584; ebd., fol. 18, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 27.05.1584; ebd., fol. 20, Elisabeth an Casimir, Wiener Neustadt, 13.07.1584; SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 10.561/23, fol. 16, Fritz Dietrich an Barby, Wiener Neustadt, 04.06.1584; ebd., fol. 17, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 12.06.1584; ebd., fol. 18, Elisabeth an Casimir, Wiener Neustadt, 13.06.1584. 20 StACo, LA A 2167, fol. 35, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 28.08.1584; StACo, LA A 2171, fol. 7, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 21.04.1588; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 190. Die Ehe zwischen Pfalzgraf Kasimir und Elisabeth zerbrach an den unterschiedlichen Glaubensvorstellungen. Er als Calvinist versuchte die überzeugte Lutheranerin zur Übernahme seines Glaubens zu zwingen, was jedoch misslang. Die Ehe wurde schließlich nach einem angeblichen Mordkomplott Elisabeths gegen ihren Mann und wegen Ehebruchs geschieden. Vgl. Wolgast: kurpfälzische Beziehungen, S. 19, 25. 21 Zur Hochzeitseinladung siehe StACo, LA A 2168, sämtliche Briefe der Eltern an Casimir und umgekehrt. StACo, LA A 2089, fol. 1−3, Johann Friedrich an Erzherzog Ernst von Österreich, Wiener Neustadt, 19.01.1591; SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 10.561/23, fol. 91, Verschreibung Kurfürst Augusts, Dresden, 05.05.1584.

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Mit der Verlobung begannen sogleich die Verhandlungen über den Heiratsvertrag zwischen Casimir, August und dem Markgrafen von Brandenburg. Als Unterhändler fungierte der Kurfürst von Brandenburg. In den Gesprächen, welche bis in den Herbst 1585 andauerten, ging es zunächst um die politische Legitimation der Heirat. Als Verhandlungsbasis dienten die Vereinbarungen, die im Vorfeld der Heirat Dorotheas von Sachsen mit dem Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel getroffen worden waren. Als einziges Ziel formulierten die Parteien die Hoffnung, dass die Ehe eine Chance zum Frieden zwischen den verfeindeten wettinischen Linien bieten solle. Die allgemeine Formulierung ließ unterschiedliche Deutungen zu, was die bereits angedeutete Ambivalenz in dieser Frage noch vertiefte. In den Gesprächen offenbarte sich ein weiterer Widerspruch. Würde es Casimir gelingen, den Unterhalt für eine Herzogin aus kursächsischem Hause zu bestreiten? Von Dresdner Seite kam als Heiratsgut eine Geldsumme von 30.000 Talern sowie Schmuck, Kleider und Silbergeschirr mit in die Ehe. Casimir verpflichtete sich im Gegenzug, eine einmalige Morgengabe in Höhe von 7000 Talern oder 350 Talern Jahresrente zu zahlen. Zur Versicherung der Mitgift stimmte er einer sogenannten Widerlegung zu. Dafür erhielt Anna, mit Zustimmung von Herzog Johann Ernst, als Wittum die Herrschaft Römhild sowie die zur Pflege Coburg gehörenden Ämter Veilsdorf und Eisfeld. Die Jahreseinkünfte der Herzogin sollten dabei 6000 Taler betragen. Gerade der hohe finanzielle Umfang des Wittums führte zum Streit zwischen den Parteien und vergiftete die Verhandlungen.22 Hier kam die kursächsische Intention zum Ausdruck, Anna in einem vergleichbaren sozialen und mentalen Umfeld unterzubringen. Gerade dort lagen für politische Ehen große Unwägbarkeiten.23 Kurfürst August griff sogar soweit ein, dass er Ende 1584 ein Gutachten in Auftrag gab, in welcher Form der zukünftige herzogliche Hof in Coburg auszusehen habe. Die Vorstellungen 22 SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 10.561/23, fol. 90−105, Verschreibung Kurfürst Augusts, Dresden, 05.05.1584; ebd., fol. 154, Markgraf Georg Friedrich an Kurfürst August, Königsberg, 13.10.1585; ebd., fol. 273, Anerkennung des Konsenses, Dresden, 14.11.1587; SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 10.625/7, fol. 48−112, Erträge der verschriebenen Ämter; ebd., fol. 117−120, Begutachtung der kursächsischen und brandenburgischen Unterhändler über den baulichen Zustand von Schloss Römhild, 07.12.1584; SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 7265/5, Heimführungen der Töchter Augusts, 1585/86; StACo, Urk  LA A 72, Heiratsvertrag, Dresden, 05.05.1584, abgedr. bei Arndt: Archiv der sächsischen Geschichte Bd. 1, S. 362 f.; Knöfel: Dynastie und Prestige, S. 342. 23 Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 197, 199; Kohler: Felix Austria, S. 474.

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reichten über die Ausstattung des künftigen Frauenzimmers bis zur Schaffung von Hofämtern und der Größe des Marstalls.24 Zum Pro­blem entwickelten sich dabei die schlechten Staatsfinanzen. Brandenburg wies in den Verhandlungen darauf hin, und selbst Kursachsen zeigte sich skeptisch, was die adäquate Errichtung eines Hofes in Coburg unter diesen Voraussetzungen anging. Nicht anders ist es zu erklären, dass in der von Kurfürst Christian I. im April 1586 erlassenen Dresdner Küchenordnung Casimir, Anna und deren Gesinde ein Tisch bei der Hofspeisung zur Verfügung stand. Offenbar versuchte man über die Hoffrage, Casimir näher an Dresden zu binden. Diese Taktik schien anfangs von Erfolg gekrönt gewesen zu sein. Casimir und Anna besuchten zwischen Februar 1586 und Juni 1587 dreimal die Elbestadt, wobei der Coburger Staatskasse Unkosten in Höhe von 17.088 Gulden entstanden.25 Schließlich setzte sich Kursachsen mit seinen höfischen Vorstellungen durch. Der Heiratsvertrag legte in der Folge die Basis für eine Ausdehnung des Coburger Hoflebens mit all seinen Konsequenzen. Er bildete auch die Grundlage für ein soziales Spannungsfeld, in dem sich Anna in den nächsten Jahren bewegen musste. Die Folgen des Vertrages ließen sich 1585 noch nicht in Gänze abschätzen. Für Casimir war die Heirat in erster Linie ein Etappenziel im weiteren Verlauf seiner Macht- und Legitimationsstrategie.

5.3 Ausbau höfischer Pracht Nach der Heirat erreichte das junge Paar Mitte Februar 1586 Coburg. Mit nach Franken kamen auf Befehl Kurfürst Augusts einige Bedienstete des Dresdner Hofes, die im Frauenzimmer ihren Dienst taten und Annas Aufenthalt in Coburg angenehm gestalten sollten. Das Frauenzimmer war der Aufsicht der sächsischen Kurfürstin Sophie, Ehefrau Christians I., zugeordnet, da man wohl der jungen Anna eine solche Aufgabe nicht zutraute. Die sächsischen Bediensteten und kursächsischen Einflussnahmen prägten die Coburger Hofhaltung ebenso wie Casimirs eigene höfische Ansichten.26 Wie seine Fürstenkollegen wusste er um 24 StACo, LA A 10.901, fol. 1−5, Einrichtung eines fürstlichen Hofstaates, 03.12.1584. 25 SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 10.561/23, fol. 154−156, Markgraf Georg Friedrich an August, Königsberg, 13.10.1585; StACo, LA A 2304, fol. 13r−14v, Ausgaben des Reiseküchenschreibers, 1588; Kern: Deutsche Hofordnungen, S. 57. 26 StACo, LA A 67, fol. 24–26, Barby an Kanzler Wirth, Dresden, 27.01./31.01./03.02.1586; StACo, LA A 11.327, fol. 4, Speiseverzeichnis [1587]. Zur Verwaltung des Frauenzimmers

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die Bedeutung des Hofes als Symbol politischer und göttlich legitimierter Macht. Mit der Förderung von Kunst und Wissenschaft sowie als Gastgeber höfischer Festlichkeiten konnte das soziale Prestige gesteigert, aber auch Anspruch und Legitimation von Herrschaft manifestiert werden.27 Dazu kam die Herausbildung einer eigenen höfischen Identität hin zu einer dynastischen Unverwechselbarkeit. Casimirs Anspruch war es, eine dem Dresdner Hof ebenbürtige Einrichtung zu schaffen, welche seine Ansprüche als Nachkomme eines Kurfürsten widerspiegeln sollten. Unterstützend wirkte die allgemeine Umwandlung hausväterlicher Höfe in einen zeremoniellen Fürstenhaushalt, der die Herrschaftsrepräsentation als Symbol göttlich legitimierter politischer Macht ins Zentrum rückte.28 So kamen ihm die Vorstellungen der kursächsischen Räte wegen der angemessenen Unterbringung seiner Frau gelegen. Auch Kursachsen mag den Ehrgeiz des Herzogs bis zu einem gewissen Grad toleriert haben. Damit lag das höfische Vorbild auf der Hand. Zum einen war der Dresdner Hof ein Vorreiter in der Zeremonialisierung. Zum anderen findet sich hier eine parallele Entwicklung zu Coburg, denn wie Casimir besaßen auch die sächsischen Kurfürsten Legitimationsprobleme. Hierbei ging es um die umstrittene Kurtranslation.29 Doch eine Kopie des kursächsischen Hofes kam für Casimir nicht infrage. Denn es ging im allgemeinen Wettstreit unter den Höfen auch um Differenzierung und Übertrumpfen, zumindest aber um die Einhaltung eines anspruchsvollen höfischen Standards. Casimir musste demnach die Waage zwischen Orientierung und bewusster Abgrenzung zu den anderen wettinischen Höfen halten. Dieser Konkurrenzdruck war innerhalb herrschender Linien einer Dynastie und territorialen Rivalen stark ausgeprägt.30 Bei seinem Einzug in Coburg fand Casimir eine im Wachstum begriffene, aber noch hausväterlich geprägte höfische Einrichtung vor. Die Anzahl der vom Hof verköstigten Personen war von 38 Personen im Jahre 1574 auf 95 im Jahre 1584 gestiegen. Damit näherte man sich zwar zahlenmäßig dem Personenkreis an, der gewöhnlich vom Fürsten eine Verköstigung erhielt. Im Vergleich der Höfe

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siehe den Briefwechsel zwischen Anna und Kurfürstin Sophie in: StACo, LA A 10.664, fol. 3−6; Paravicini: Nachahmung, S. 18 f.; Auge/Spiess: Hof und Herrscher, S. 10. Lindgren: Wissenschaften, S. 228; Bojcov: Feste und Feiern, S. 483. Boseckert: Dresden in Blick, S. 66; Hahn: Rivalitäten, S. 393 f.; Bauer: höfische Gesellschaft, S. 62 f., 75. Lass: Etablierung, S. 155, 171 f. Nach Laß ging es in Dresden um die Darstellung des Machtzuwachses. Boseckert: Dresden in Blick, S. 66; Paravicini: Nachahmung, S. 15; Hahn: Rivalitäten, S. 393.

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untereinander entsprach aber diese Zahl der einer durchschnittlichen mittleren Residenz, an der zwischen 100 und 170 Personen versorgt wurden. Die Ansprüche Casimirs und Kursachsens zwangen nach 1586 aber zu einer weiteren Ausdehnung dieser Praxis. Eine Statistik für die Jahre 1587/88 erwähnte 213 Personen, die am Hof gespeist wurden. Diese Zahlen entsprachen der Größe eines kurfürstlichen Hofes.31 Eine parallele Entwicklung lässt sich bei der Residenz von Casimirs Schwager, Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel, feststellen. Auch in diesem Fall kam es, wohl auf Initiative des Herzogs und Kursachsens, nach der Heirat mit Dorothea von Sachsen zu einem massiven Ausbau des Fürstenhofes.32 Die damit verbundenen höheren finanziellen Bedürfnisse lassen sich in Coburg durch die Zahlungen an die Küchenschreiber nachvollziehen. Diese erhielten: 24.547 Gulden (Rechnungsjahr 1584/85), 17.084 Gulden (1585/86), 44.591 Gulden (1586/87) und 40.726 Gulden (1587/88).33 Zugleich stieg die Zahl der im Marstall gehaltenen Pferde von 38 auf 140 an. Dies war ebenfalls Ausdruck eines höfischen Überbietungswettbewerbs. Je mehr Pferde oder Jagdhunde gehalten wurden, desto höher stieg die Reputation des Fürsten bei seinen Standesgenossen. Zu diesem Zweck betätigte sich Casimir wie seine Vorfahren in der Tierzucht. Er erwarb sich dabei einen guten Ruf in der Ausbildung von Pferden und Jagdhunden. Kunden waren die preußischen und fränkischen Hohenzollern, die Welfen oder die Wittelsbacher. Publikationen wie die Werke des Coburger Bereiters Johann Geissert unterstrichen seine Reputation. Aus diesen Geschäftsbeziehungen entwickelte sich zudem ein Dedikationssystem, in welchem sich Casimir und die Fürsten gegenseitig Pferde, Hunde, Wildbret oder Wein verehrten. Ein Gutachten der Räte stellte 1602 fest, dass diese Widmungspraxis Ausgaben in Höhe von 9081 Gulden verursachte und dass der Herzog übermäßig darauf zurückgriff. Den dafür vorgesehenen Etat überzog er um rd. 6000 Gulden.34 31 StACo, LA  A 2189, Hofspeiseordnung 1574; StACo, LA  A 11.328, Hofspeiseordnung [1583/84]; StACo, LA A 11.327, Speiseverzeichnis [1587/88]; StACo, LA A 10.903, fol. 22, Augenzeugenbericht von Nicolaus Zech, Eisenach, 10.12.1590; Müller: Fürstenhof, S. 30 f. 32 Widder: Hofordnungen, S. 468 f. Hier stieg die Zahl der Hofbediensteten von 18 (1584) auf 225 (n. 1586) an. 33 StACo, LA A 2315, Finanzielle Forderungen Casimirs, 1603. Das Rechnungsjahr begann stets am Trinitatistag, dem Sonntag nach Pfingsten. Dem Küchenschreiber oblag die Verantwortung für die dortige Buchführung. 34 StACo, LA A 2197, Wein- und Pferdeverehrungen, 1587−92; StACo, LA A 2200, Versendung und Kauf von Jagdhunden, 1596−1619; StACo, LA A 2223, Wildbretsendungen nach Nürnberg, 1594−97; StACo, LA A 10.589, Korrespondenz mit Kurbrandenburg wegen

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Für was Casimir sein Geld ausgab, verrät die Abschrift eines höfischen Verzeichnis- und Registerbuches von 1588, welches in Verbindung mit einer eigenen Hofkasse zu sehen ist. Zunächst standen ihm Einnahmen aus den Ämtern und dem Niederadel zur Verfügung, die direkt an ihn flossen. Dieses Geld gab er in erster Linie für Kleidung (1507 Gulden) und Schmuck (1183 Gulden) aus. Den höchsten Betrag erhielt jedoch die Kasse des Küchenschreibers (2909 Gulden). Die Gesamtausgaben beliefen sich auf 14.487 Gulden. Dem standen Einnahmen in Höhe von 2431 Gulden gegenüber. Dieses Defizit glich Casimir teilweise aus seiner Privatschatulle aus. Von diesem Geld wurden Forstarbeiter und weitere Diener bezahlt, die außerhalb des Hofes angestellt waren.35 Die erwähnten Ausgaben offenbaren zwei Wesenszüge Casimirs, die ihren Ursprung in dessen humanistischer Erziehung und den Ideen des Erasmus von Rotterdam hatten. Dieser differenzierte zwischen adäquaten Ausgaben, die dem Repräsentationsbedürfnis des Staates dienen sollten, und einer Steuerverschwendung. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, der Fürst lebe auf Kosten der Steuerzahler, begünstige deren Verarmung oder verleite sein Volk zum Luxus. Das könnte zu politischer Unruhe führen.36 Diese Ausgewogenheit schafften nur wenige Fürsten. Casimir gehörte nicht zu ihnen. Die Zahlungen an die Renterei könnten deshalb als Skrupel vor einer steigenden Staatsverschuldung und möglichen Steuererhöhungen gedeutet werden.37 Schließlich standen den höfischen Ausgaben in Höhe von 169.734 Gulden im Jahre 1587 Einnahmen aus Ämtern und Extrasteuern in Höhe von Jagdhunden, 1617−19; StACo, LA A 10.863, fol. 33, Gutachten des Geheimen Rates, Coburg, 13.02.1602; StACo, LA F 13.845, fol. 23, Geissert an Casimir, Coburg, 05.04.1613; HStAM, 4f Staaten S, Sachsen-Coburg 19 und 35, Geschenke und Jagdsachen, 1588−1631. Augustin: Stuterei Rodach, S. 14−34; Hahn, Rivalitäten, S. 397; Schultes: Landesgeschichte, S. 78, 99. Die Landesbibliothek Coburg bewahrt zwei Werke *Geisserts über die Reiterei und Tiermedizin auf (Sign. LBCo, Cas B 53 und Cas A 1282). 35 StACo, LA A 2306, Einnahmen und Ausgaben der Hofkasse, 1588; StACo, LA A 2305, Einnahmen des Küchenschreibers, 1588; StACo, LA A 2304, fol. 1r–v, Einnahmen für die Renterei, 1588. In den Privatausgaben spielen Geschenke an Herzogin Anna mit einem Wert von 353 Gulden nur eine untergeordnete Rolle. 36 Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 159, 203, 205; vgl. Melville: Formung einer Residenzstadt, S. 29. 37 StACo, LA A 1009, fol. 66, Casimir an Markgraf Georg Friedrich, Coburg, 24.07.1586. Dort heißt es: „wie solche bürden (= Schulden) füglich abzutragenn, unndt unser fürstliches hoffwesen unsern alttenn furstlichenn stande unndt herkommen gemaß, ohne entlichenn und gantzlichen undergang, verderb undt außschöpfung unserer armen Underthanen nutzlich anzustellen.“

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108.125 Gulden gegenüber. Unter Abzug aller verpflichtenden Zahlungen in Höhe von 60.359 Gulden wären bei einem ausgeglichenen Haushalt nur 47.765 Gulden an höfischen Kosten gedeckt gewesen. Ein solches Defizit musste nach Meinung der Räte, „zum gänzlichen Verderben führen“.38 Diese Missstände wurden bald reichsweit publik. Der frühere Kanzler Meckbach schrieb 1587 in einem Brief an Wilhelm IV. von Hessen-Kassel, dass man eigentlich nach dem von Graf Barby verursachten finanziellen Fiasko den Hof nach dem Motto „Nott lehret partieren“ (= teilen) hätte führen müssen. Stattdessen lebe man dort wie an „König Artus hoff “ und trotz der Not würde man beim Kauf von Klein­odien und Schmuck, wie bereits gesehen, kein „Nachdenken noch ufheren“ kennen. Meckbach fürchtete den Unmut der Diener, die teilweise auf ihre Löhne warteten, während andere Höflinge finanziell bevorzugt würden. Die Schuld an den Missständen gab er Casimir und den „auslandischen, an die man sich hängt“, womit er den kursächsischen Einfluss auf den Coburger Hof anprangerte. Schließlich kommt Meckbach zum Schluss, dass diese Lebensweise nicht von Dauer sein könne und dass dringend gute „Reformation hoch notigk“ wäre.39 Auch den Landständen blieben die Missstände am Hof nicht verborgen. Durch ihre schlechten Erfahrungen mit der Finanzpolitik der Vormundschaftsregierung verlangten sie auf dem Landtag von 1589 eine detaillierte Darstellung der Kammerschulden und Belege für den Schuldenabbau. Tatsächlich erhöhten sich gegenüber 1583 nochmals die Schulden auf 596.835 Gulden (1583: 564.045 Gulden).40 Als Hauptursachen dafür erkannten die Stände die korpu­ lente Hofhaltung, Casimirs undurchschaubare Bestallungspraxis mit fehlenden schriftlich fixierten Arbeitsverträgen und Defizite in der bestehenden Hofordnung. Sie forderten daher vom Herzog tiefgreifende Reformen. Im Gegenzug 38 Zit. Schultes: Landesgeschichte, S. 79; StACo, LA A 10.903, fol. 58v−61v, Räte an Casimir, Coburg, 24.03.1591. 39 HStAM, 4f Staaten S, Sachsen-Coburg 15, fol. 2−4, Meckbach an Wilhelm IV., [1587]. Den Bezug auf König Artus erklärt Hans Wilhelm Kirchoff so: „Schlug vbermüglichen Fleiß drauff andere/Könige vnnd Potentaten/mit prächtiger Hoffhaltung vnd Reichlichkeit (= Reichtum) weit zu vertreffen.“ Vgl. *Kirchoff: Wend Unmuth Bd. 2, S. 35 f. Zu Beginn seiner Herrschaft gab Casimir für Schmuck und Kleinodien ca. 30.000 Gulden aus. Vgl. StACo, LA A 2304, fol. 25v−27v, Ausgabenverzeichnis des Hofes (Extract), 1587−92; Melville: Formung einer Residenzstadt, S. 29. Dort heißt es: „Willkürliches Machtgebaren einer Interimsregierung und höfische Attitüden des Fürsten schienen […] das gedeihliche Aufblühen einer Symbiose von Hof, Land und Stadt verhindert zu haben.“ 40 StACo, LA F 10, Landtagsakten, fol. 84v, Schuldenauflistung, 1583; ebd., fol. 353, Schuldenauflistung 1589.

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war der Landtag bereit, die Laufzeit der zusätzlichen Fiskaleinnahmen aus der Land- und Tranksteuer, welche 1583 auf sechs Jahre beschränkt worden waren, zu verlängern. Da Casimir dringend Geld zur Schuldentilgung benötigte, kam er den Forderungen der Stände nach und schlug eine Expertenkommission vor, welche die notwendigen Reformen ausarbeiten sollte. Zu dieser Kommission wurden zwei Sachkundige aus den Landständen hinzugezogen.41 Die erste Hofreform sollte transparent und unter Mitwirkung der Stände in die Wege geleitet werden. So endete der weitere Aufbau des Hofes. Die deutlich gewordene großzügige Ausgabenpolitik Casimirs scheint zunächst widersprüchlich zu sein, wenn man seine humanistisch, hausväterlich-protestantische Erziehung ansieht. Erasmus von Rotterdam stand für eine Ausgewogenheit von notwendigem Repräsentationsbedürfnis des Hofes und dem Schutz der Untertanen vor Verschwendung. Casimir hielt diese Balance nicht, obwohl wir bei ihm zumindest ein schlechtes Gewissen annehmen können. Die Gründe für das Aufblähen des Hofes lagen auf der Hand. Es entsprach dem kursächsischen Wunsch, für Herzogin Anna ein adäquates Heim zu schaffen. Schließlich sollte sie keine persönlichen Nachteile aus einer Heirat nach Coburg ziehen. Dementsprechend war der Dresdner Einfluss zumindest im Frauenzimmer sehr groß. Andererseits war der Ausbau des Coburger Hofes Ausdruck des höfischen Konkurrenzdenkens und Überbietungswettbewerbs, der innerhalb der Wettiner besonders ausgeprägt war. Casimir versuchte hier einen Hof zu formen, der den Ansprüchen eines kurfürstlichen Enkels entsprach. Dabei nutzte er den allgemeinen Wandel vom hausväterlichen zum zeremoniellen Hof für sich aus. Es war aber auch sein Verlangen, einen solchen Hof nach all den entbehrungsreichen Jahren zu errichten. Als Vorbild nutzte er die beiden kurfürstlichen Höfe zu Dresden und Heidelberg. Doch die Zeitgenossen ahnten, dass dies nicht gut gehen würde. Es waren schließlich die Landstände, die Casimir Einhalt boten und ihn zu ersten Hofreformen zwangen. An deren Ausarbeitung sollten sie sich auf Wunsch des Herzogs beteiligen. Casimir geriet so politisch in die Defensive, mussten doch seinetwegen weitere Steuergelder erhoben werden. Eine langfristige Lösung der Hoffinanzierung kam damit aber nicht zustande.

41 StACo, LA F 10, Landschaftssachen, fol. 361, 373v−374r; StACo, LA F 285, § 20 Landsteuerordnung, 1583.

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5.4 Höfisches Leben in Mitteldeutschland Casimirs Finanzgebaren nötigte zur Kritik. Die Situation am Coburger Hof war aber keine außergewöhnliche. In Weimar baute Friedrich Wilhelm I. nach seiner Volljährigkeit seinen Hof repräsentativ aus. Zwischen 1586 und 1590 erhöhten sich deswegen die Landesschulden um 150.000 Gulden auf rd. 350.000 Gulden. Daraufhin verfassten die Weimarer Räte einen Brief, indem sie massiv eine Hofund Finanzreform forderten. Eine Kopie des Schreibens kam Casimir zu, dem die Folgen seiner eigenen Misswirtschaft damit vorgeführt werden sollten. In gleicher Weise verfuhren die Räte mit dem Weimarer Herzog, als dieser 1591 von den Coburger Schulden erfuhr. Doch Friedrich Wilhelm I. führte lediglich eine Tilgungskasse ein, welche die Schuldenlast begrenzen und langfristig senken sollte.42 Die Lage in Weimar entspannte sich erst, als der Herzog als kursächsischer Administrator 1591 seine Residenz in Torgau nahm und sich dadurch die Hofausgaben verlagerten. Dort verbrauchte er in zehn Jahren rd. eine Million Gulden, die sein Mündel, Kurfürst Christian II., als angemessen hielt.43 Auch Casimirs Bruder Johann Ernst unterhielt in Eisenach einen üppigen Fürstenhof. Ein 1614 erstelltes Verzeichnis über die Personen, die an seinem Hofe verköstigt wurden, führte 130 Bedienstete auf, die an elf Tischen versorgt wurden. In der Folge traten weitere finanzielle Probleme auf, die man ähnlich wie in Coburg und Weimar über Hofreformen und überarbeitete Hofordnungen zu lösen versuchte.44 Die nahezu parallele Entwicklung an den ernestinischen Höfen lässt den Schluss zu, dass alle Herzöge einen zu Dresden ebenbürtigen Hof schaffen wollten. Die Demütigungen durch die Albertiner sollten wohl so kompensiert werden. Während die Höfe in Coburg und Weimar fast zeitgleich expandierten, begann in Hessen mit dem Amtsantritt des Landgrafen Moritz nach 1592 der Ausbau 42 StACo, LA A 10.853, fol. 1, 3. Bedenken der Weimarer Räte über das konfuse Hofwesen, Weimar, 22.05.1590; Kius: Finanzwesen, S. 132, 134. In Weimar kamen noch Unregelmäßigkeiten in den Abrechnungen der Ämter vor. Von den kalkulierten 80.000 Gulden an Erträgen erreichten die Renterei nur 30.000 Gulden, was durch nachlässige Kontrollen der dortigen Beamten und deren Kassenführung verursacht wurde. StACo, LA A 10.853, fol. 4, Räte an Friedrich Wilhelm I., Weimar, 22.05.1590; Huschke: Ernestiner, S. 47; Beck: Friedrich Wilhelm I., S. 792. 43 Huschke: Ernestiner, S. 45, 47. 44 ThHStAW, Eisenacher Archiv, Hof und Haushalt 1, fol. 67−73, Verzeichnis der Personen, die am Hof zu Eisenach gespeist werden, angefangen, Eisenach, 19.06.1614; ebd., fol. 74−159, Vorschläge, Befehle und Verzeichnisse zur Kostenreduzierung des Eisenacher Hofes.

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des Kasseler Hofes. Zuvor lebte man eine typisch hausväterliche Enthaltsamkeit. Dies wird durch die Entwicklung der Zahl der Hofbediensteten bestätigt. Sie stieg von 158 Personen im Jahre 1593, auf 209 im Jahre 1595 und schließlich auf 595 im Jahre 1610 an. Diese Expansion ging zu Lasten der Landesfinanzen, was ab 1612 zu einem Defizit von jährlich 84.989 Gulden im Haushalt führte.45 In Ansbach gelang es dem seit 1556 regierenden Markgraf Georg Friedrich durch Wirtschafts-, Finanz- und Verwaltungsreformen, das Land vorbildhaft zu organisieren. Die Zahlung der 2,5 Millionen Gulden an Forderungen verschleppte er, bis die Gläubiger verstarben und dadurch die Schulden hinfällig wurden. Durch diese Verzögerung gelang es ihm, die höfische Repräsentation relativ frei von Sparzwängen aufzubauen.46 In Brandenburg-Kulmbach kam es erst 1603, nach dem Regierungsantritt von Markgraf Christian, zum Ausbau eines repräsentativen Hofes in Bayreuth. Der höfische Ausbau erfasste auch Dresden. Kurfürst August finanzierte diese ab 1553 beschleunigte Expansion durch Wirtschafts-, Finanz- und Verwaltungsreformen, welche die Einkünfte des Landes steigerten. Die Staatsverschuldung, die ca. 1,6 Millionen Gulden umfasste, blieb dadurch konstant. Im Allgemeinen konnte Kursachsen durch die landesherrlichen Einnahmen in Höhe von 502.000 bis 610.000 Gulden sich solch einen repräsentativen Hof leisten. Insgesamt verschlang die Hofhaltung jährlich einen Betrag von rd. 121.000 Gulden.47 Der Überblick über die wichtigsten protestantischen Nachbarn Casimirs zeigt, dass die höfische Repräsentation durch die Entwicklung hin zum zeremoniellen Hof ein beliebtes Instrument fürstlicher Machtstrategie gewesen ist. Zunehmend stand dabei die Symbolisierung politischer Macht im Mittelpunkt. Auf das Reich bezogen entstand dadurch eine Polyzentralität, die auf dem Vorbild des Kaiserhofs beruhte. Die Ausbildung dieses Phänomens begann hauptsächlich im 15., lässt sich aber auch im 16. Jahrhundert nachweisen. 1521 gab es ca. 300 bis 350 Hofhaltungen im Reich, wobei Reichsstädte und Reichsritter nicht mit eingerechnet sind.48 Im Kontext dazu setzte die Coburger Entwicklung aufgrund des Fehlens einer kontinuierlichen Staatsbildung relativ spät ein. Gebietsabtretungen und die Gründung zahlreicher Kleinterritorien warfen diesen Prozess oft zurück. Residenzen mussten in der Folge aufgegeben oder von neuem aufgebaut werden. Erst die Stabilität der politischen Verhältnisse 45 46 47 48

Löwenstein: Nervus Pecuniae, S. 79−81, 91. Seyboth: Georg Friedrich d.Ä., S. 91 f.; Petersohn: Staatskunst und Politik, S. 239−241. Schirmer: Kursächsische Finanzen, S. 612, 637−642. Müller: Fürstenhof, S. 6−8.

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ließ die ernestinischen Höfe zur vollen Prachtentfaltung gelangen. Eine kontinuierliche Entwicklung existierte dagegen bei den Albertinern in Dresden und seit 1553 bei den fränkischen Hohenzollern. Bei Letzteren kam es zum Ausbau des Ansbacher Hofes erst, als mit dem Ende des Zweiten Markgrafenkrieges der territoriale Rahmen des Landes feststand und derartige Streitigkeiten über Gerichte institutionalisiert wurden. In Kassel kam der Ausbau des dortigen Hofes erst nach der Erbteilung der Landgrafschaft Hessen von 1567 in Schwung. Dieser stand in Verbindung mit einem innerfamiliären Konkurrenzdenken, der sich in einem höfischen Wettbewerb mit den hessischen Residenzen Darmstadt und Marburg widerspiegelte. Wie bei den Wettinern mussten auch die Landgrafen einen Mittelweg zwischen Nachahmung und Abgrenzung durch Ausbildung einer eigenen kulturellen Identität finden.49 Mit einer solchen Expansion verbanden die Fürsten politische Aussagen und Ansprüche. Casimir verwies damit auf die frühere politische Bedeutung seiner Familie und auf die Ebenbürtigkeit mit Dresden. Ähnlich agierte der bayerische Herzog Albrecht V., der mit dem Ausbau des Münchner Hofes sein Ziel, der Erlangung der Kurwürde von den pfälzischen Verwandten, symbolisierte.50 Zum Hemmschuh höfischer Prachtentfaltung und Zeremonialisierung konnten sich die Landesfinanzen entwickeln. Reformen boten hier einen Ausweg. Diese waren umso nötiger, da sich der Personalstand der Höfe parallel zum Ausbau der Verwaltung erhöhte. Zwischen 1500 und dem Ende des 18. Jahrhunderts verdrei- bis verfünffachten sich die Zahlen. Hintergrund war die punktuelle Ausweitung einzelner Hofdienste.51 Reformrückständige Länder bekamen dadurch noch größere finanzielle Probleme. Wie sich die einzelnen Territorien entschieden, hing von der Reformbereitschaft der Fürsten ab. Kamen die Reformen nicht vom Fürsten, waren es die Landstände oder Räte, welche Anstoß für Veränderungen gaben. Die Herrscher gerieten hier in eine Defensive. Der

49 Als Beispiel werden die Beziehungen zwischen der Kurpfalz und der Markgrafschaft Baden genannt. Vgl. Rösener: Hofleben und Hoforganisation, S. 162−165; Paravicini: Nachahmung, S. 15. 50 Lutz/Ziegler: konfessionelles Zeitalter Teil 1, S. 322−392. 51 Müller: Fürstenhof, S. 30 f.; Winterling: Fürstenhof in der Frühen Neuzeit, S. 36; Bauer: höfische Gesellschaft, S. 60−62. Gerade über die Bedeutung der Finanzen beim Umbau zum zeremoniellen Hof besteht unter den Historikern Uneinigkeit. Während Bauer diese als Merkmal für die einzelnen idealen Hoftypen festlegte, spielten sie bei Winterling keine Rolle.

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Zeremonialisierung taten diese Reformen aber keinen Abbruch.52 Wie Casimir das Problem zu lösen vermochte, wird noch zu sehen sein. Zunächst ging es ihm um die Individualisierung seines Hofes gegenüber den Residenzen anderer Fürsten, was aufgrund der familiären Ausgangslage eine gewichtige Rolle spielte.

5.5 Höfische Identitätsbildung Das fürstliche Mäzenatentum beeinflusste die Außendarstellung des Hofes. Je kleiner und politisch unbedeutender das Land, desto stärker stand das Profil der Kunst- und Wissenschaftsförderung im Vordergrund. Dabei legten die Herrscher ihre Prioritäten fest und gaben damit ihrem Hof Individualität. Mit der Förderung inszenierten sie sich als fürsorgliche Fürsten und untermauerten damit ihre Herrschaftslegitimation. Casimir nahm diese Strategie auf, die es ihm ermöglichte, sein Renommee zu steigern und seinem Hof eine kulturelle Bedeutung zu geben.53 5.5.1 Bibliografische Kontinuität Kurz nach seiner Regierungsübernahme fasste Casimir den Plan, eine Bibliothek zu gründen. Die Basis lieferte die Büchersammlung seines Vaters in Gotha, deren Ursprung bei Kurfürst Friedrich dem Weisen von Sachsen zu suchen ist. Nach 1567 lagerte diese in Weimar, später in der Universitätsbibliothek Jena. 1590 erhielt Casimir die Bücher wieder zurück.54 In der Folgezeit erfuhr die Bibliothek 52 Löwenstein: Nervus Pecuniae, S 82, 93; Petersohn: Staatskunst und Politik, S. 235, 238; 242; Bauer: höfische Gesellschaft, S. 82. In der Markgrafschaft Brandenburg verzichtete Markgraf Georg Friedrich auf die Einbeziehung der Stände in sein Reformprogramm. Ihm gelang es sogar, ihr Steuerprivileg zu beschneiden, sodass er relativ frei agierte. In Kassel und Weimar drängten die Räte ihre Fürsten zu Einsparungen. 53 Bauer: höfische Gesellschaft, S. 75−79; Lindgren: Wissenschaft, S. 228; Müller: Fürstenhof, S. 43; Kratsch: Büchersammlungen, S. 136. 54 StACo, LA E 2402, fol. 1r, Casimir an Friedrich Wilhelm, Coburg, 16.04.1589; ebd., fol. 1v, Friedrich Wilhelm an den Bibliothekar zu Jena, o.O., 16.04.1589; Kaltwasser: Schlossbibliothek, S. 13, 15; Aufschluss über die Sammlung geben zwei Bücherverzeichnisse in: StACo, LA E 2405, fol. 194−261, Katalog der Universitätsbibliothek Jena, 1596; SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 10.626/1, Bücherverzeichnis Johann Friedrichs des Mittleren, Weimar 1574. Als die Bibliothek nach Coburg kam, fehlten bereits 25 Bände, die nicht

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durch den Zukauf von Büchern, Dedikationen und der Überführung der in der Kustodie zusammengetragenen zweiten Büchersammlung Johann Friedrichs des Mittleren eine Vergrößerung. Sie besaß damit einen großen Stellenwert für die Identität des Hofes und für Casimir selbst. Das zeigt sich besonders, als nach dem Tod der Eltern der Herzog aus deren Nachlass sämtlichen Schmuck über seinen Nürnberger Handelsagenten Caspar Giradini für 30.000 Gulden zur Tilgung der Staatsschulden verkaufen ließ, die Büchersammlung aber für sich behielt.55 Die wichtigsten Exponate dieser Sammlung waren die aus dem Umfeld Lucas Cranachs d. Ä. illustrierte dreibändige „Spalatin-Chronik“ von 1515−17, welche die Historie Thüringens und Sachsens und damit die Geschichte der Wettiner darstellte. Hier symbolisierte die Dynastie genealogisch ihren Herrschaftsanspruch und empfahl sich durch ihre zahlreichen heiligen und kaiserlichen Vorfahren für höhere Ämter, wie ihnen die Familienlegende versprochen hatte.56 Weiter besaß die mit Werken Lucas Cranachs d. J. versehene Lutherbibel Johann Friedrichs I. aus dem Jahre 1540/41, eine hoch religiös-symbolische Bedeutung in Form eines kultischen Gegenstands. Die Ernestiner als Bewahrer und Verteidiger des „wahren“ Glaubens hielten damit die zentrale Legitimation ihres Handelns, nämlich das Wort Gottes, in ihren Händen.57 Die ersten Bibliothekare sind um 1600 greifbar. Ab 1605 bestand eine Personalunion mit dem Amt des Rektors des vom Herzog gegründeten Gymnasiums Casimirianum Academicum. Darunter befand sich der bekannte Arzt

mehr erhältlich waren. Vgl. StACo, LA E 2404, Casimir an Lucas Weischner, Bibliothekar zu Jena, 07.12.1595; Erdmann: Wettinische Fürstenbucheinbände, S. 32−40. 55 StACo, LA A 2309, Bücher-Dedikationen, 1595−1631; StACo, LA A 11.643, fol. 1, Nikolaus Reusner an Casimir, 16.11.1595; StACo, LA A 2146, Inventarium Johann Friedrichs des Mittleren, 1596; StACo, LA A 2224, fol. 2 f., Verkauf des Schmucks, Coburg, 06.12.1597; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 289 f. 56 Pfister: Georg Spalatin, S. 193 f. Die Chronik befindet sich heute im Bestand der Landesbibliothek Coburg (Sign. Ms Cas 9–11). Zu Casimirs Zeiten war sie an den Weimarer Hof ausgeliehen. Vgl. Meckelnborg/Riecke: Chronikhandschriften. 57 Kratzsch: Schätze der Buchmalerei, S. 104−110; Willing-Stritzke: Prachtbibeln Cranachs des Jüngeren, S. 139−147. Die symbolische Bedeutung dieser Bibel lässt sich auch dadurch ermessen, dass diese bei der Eroberung Coburgs 1634/35 durch kaiserliche Truppen u. a. in einem leeren Fass in der Hofkellerei versteckt und so gerettet wurde. Kurz nach Abzug der Truppen wurde Herzog Johann Ernst über den Verbleib der Bibel berichtet. Vgl. StACo, LA A 11.645, Kanzler und Räte an Johann Ernst, Coburg, 01.09.1635; vgl. Erdmann: Wettinische Fürsteneinbände, S. 81. Die Bibel befindet sich gegenwärtig im Bestand der Universitätsbibliothek Jena (Sign. Ms. El. f. 102a).

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und Chemiker Andreas Libavius, der das Amt von 1607 bis 1616 innehatte.58 Entgegen der bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts betriebenen Praxis, Bibliotheken nur für die fürstliche Familie, Hofbeamte und Hofgelehrte zur Verfügung zu stellen, scheint die Coburger Einrichtung zumindest eine halböffentliche gewesen zu sein, in welcher der Interessierte Bücher ausleihen konnte.59 Dies ermöglichte zumindest einigen Untertanen die Partizipation an der Bildung, wodurch Casimir die Wissenschaften zu fördern versuchte. Die Bibliothek entfaltete dadurch eine mediale Wirkung. Sie repräsentierte und legitimierte für jeden Besucher sichtbar die politische Macht ihres Eigentümers. Vor allem Bibliotheken beinhalteten wie Kunstkammern ein strenges Ordnungssystem, womit die natürliche Hierarchie symbolisiert wurde. Denn hier zeigte der Herrscher, dass er nicht nur die Welt, sondern auch die Bücher seinen Normen unterwarf.60 Welche Bibliotheken als Vorbilder dienten, lässt sich kaum sagen. Kurfürst August gründete bereits 1556 eine Bibliothek in Dresden. Im 16. Jahrhundert entstand auch die Bibliotheca Palatina in Heidelberg.61 Beide könnten Pate für die Coburger Einrichtung gestanden haben. Auch über Umfang, Nutzung und Inhalt der Bücher aus der Hofbibliothek ist kaum etwas bekannt. Im Vergleich zu anderen höfischen Büchersammlungen dürfte sie aber, zumindest für den mitteldeutschen Raum, eine „bibliophile Schatzkammer“ gewesen sein. Wohl auch deshalb ließ sie der kaiserliche Generalfeldmarschall Octavio Piccolomini Anfang 1635 größtenteils in sein Schweinfurter Hauptquartier bringen. Lediglich 155 Bücher aus der Sammlung Johann Friedrichs des Mittleren blieben in Coburg. In Zeiten des Dreißigjährigen Krieges war ein derartiger Raub gängige Praxis.62 58 StACo, LA E 1467, fol. 5, Johann Faber an Casimir, Coburg, 24.02.1600; ebd., fol. 24 f., Bestallung Nicolaus Hugo und Zacharias Scheffter, Heldburg, 20.10.1617; ebd., fol. 26, Casimir an Rentmeister Latermann, Coburg, 20.01.1621; StACo, LA F 5662, fol. 118, Bestallung Johann Faber, Coburg, 25.02.1600; ebd., fol. 271v−272r, Bestallung Andreas Libavius, Oeslau, 04.04.1607; Reissinger: Chronik Casimirianum, S. 32. 59 StACo, LA A 11.644, Befehl Casimirs zur Rückgabe von vier Büchern, Oeslau, 06.05.1604; StACo, LA E 1467, fol. 22v, Casimir an den Hofprediger Johann Faber, Coburg, 17.02.1617; Lindgren: Wissenschaft, S. 228; Müller: Fürstenhof, S. 47; Korsch: Sammlungen, S. 347. 60 Korsch: Sammlungen, S. 353; Korsch: Bibliothek, S. 372. 61 Korsch: Bibliothek, S. 370; Müller: Fürstenhof, S. 47. 62 StACo, LA B 3216, Die Abführung der fürstlichen Bibliothek, 1634/35; Erdmann: Wettinische Fürsteneinbände, S. 81. Die Dunkelziffer der in Coburg verbliebenen Bände wird höher liegen. Auch die Würzburger Fürstenbibliothek Julius Echters wurde 1632 von schwedischen Truppen geraubt und nach Stockholm bzw. Uppsala gebracht. Vgl. Wendehorst: Bistum Würzburg, S. 226. Ein Raub der Bibliothek durch Albrecht von Wallenstein, wie es Kratsch behauptet, ist archivalisch nicht greifbar. Vgl. Kratsch: Büchersammlung, S. 136.

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5.5.2 Hofgelehrte für die Allgemeinheit Die Verbindung vom Hof zur Wissenschaft verlief wie bei vielen anderen deutschen Fürsten über eine Hochschule, hier über das Gymnasium Casimirianum. Ein direktes Mäzenatentum Casimirs lässt sich daher nicht feststellen. Stefan Fisch schreibt zu Recht, dass Casimir „als personalisierte Instanz der Gesellschaft zur Verteilung der Mittel, die sie für Gelehrsamkeit aufbringen kann oder muss, diese nach einer Art Gießkannenprinzip“ vergab.63 Ihm ging es um die generelle Förderung der Wissenschaft im öffentlichen Raum und damit um seine persönliche Außendarstellung. Die Berufung von privaten Hofgelehrten kam daher für ihn nicht infrage. Die heute nicht mehr vorhandene Bemalung an der Außenfassade des Casimirianums machte diese Politik für jedermann sichtbar. Auf einer Ebene waren zwei Kirchenväter, zwei große Ärzte der Antike und zwei Lehrer des römischen Rechts als Allegorien für die theologische, medizinische und juristische „facultet“ zusammen mit einer Statue Casimirs abgebildet. Das Bildprogramm inszenierte den Herzog gegenüber Untertanen und Besuchern als Wissenschaftsförderer. Gegenüber Herzog Johann Ernst I. von Sachsen-Weimar trat er ebenso auf, als er ihm, im Rahmen der Einweihung des Casimirianums, neun theologische Bücher verehrte.64 Die gegenseitige Verwobenheit von Hof und Landesschule kam Casimirs Prestige als Wissenschaftsförderer zugute und erreichte dadurch eine größtmögliche mediale Wirkung. Dazu benötigte er renommierte Wissenschaftler, die bereit waren, am Casimirianum zu forschen und zu lehren. Ihm gelang es, eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten nach Coburg zu holen: zum einen die Mediziner Cornelius Pleier und Andreas Libavius, der 1607 als Mitbegründer der modernen Chemie aus Rothenburg o.d. Tauber kommend, sein Lehramt am Casimirianum antrat. Pleier gilt als Autor des „Malleus Judicum“, einem Werk, dass sich kritisch mit der Hexenverfolgung auseinandersetzte. Zum anderen wirkten die Theologen Matthäus Meyfart und Johann Gerhard an der Schule. Letzterer gilt als einer der Kirchenväter der lutherischen Orthodoxie und als Vertreter einer ernestinisch geprägten Konfessionspolitik. Meyfart trat ebenfalls als Kritiker von Hexenprozessen in Erscheinung.65

63 Fisch: Hof- und Gelehrsamkeit, S. 680. 64 StACo, LA A 10.687, fol. 3, Casimir an Johann Ernst, Coburg, 01.08.1606; Goslar: Renaissancebau, S. 168. 65 Vgl. Lange: Cornelius Pleier, S. 242 f.; Hambrecht: Matthäus Meyfart, S. 157−179.

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5.5.3 Alchemisten als wirkliche Hofgelehrte Während die Wissenschaftler vor allem am Casimirianum wirkten, verblieben die Alchemisten am Hof. Die Herstellung von Medikamenten auf chemischen Wegen durch Paracelsus stieß auf das Interesse der Fürsten, welche diese Kenntnisse für sich nutzen wollten. Sie förderten daher die Pharmazie. So besaß jeder größere Hof einen Alchemisten, dessen Aufgabe es war, Medizin und auf chemischen Weg Gold herzustellen. Das eine diente zur Gesundheitsförderung und zur Behandlung von Krankheiten, das andere zur Lösung leidiger Finanzpro­ bleme. Die Fürsten richteten dazu Laboratorien ein, die wie Kunstkammern als Vorzeigeobjekte für Hofbesucher dienten. Casimir hegte wie sein Vater Interesse an der Alchemie. Der Volksmund meinte sogar, dass er selbst wie auch Johann Friedrich der Mittlere einige Praktiken erlernt habe.66 Umso erfreuter muss Casimir gewesen sein, als im Oktober 1592 der bekannte italienische Mentalist und Zauberer Hieronymus Scotto in Coburg weilte. Er genoss in Fürstenkreisen als Alchemist einen guten Ruf. Von 1583 an stand er als Gesandter in Diensten Rudolfs  II. und reiste mit Geheimbotschaften des Kaisers von Hof zu Hof. Auch von seiner Zauberkunst war Rudolf überzeugt.67 Das Auftauchen Scottos in Coburg fiel zusammen mit der Aufgabe des Goldbergbaus in Steinheid. Da der Magier mit der Goldherstellung in Verbindung gebracht wurde, hoffte Casimir mit Scottos Hilfe, die finanziellen Probleme seines Landes lösen zu können. Es war damals üblich, dass die Fürsten, je größer das Defizit in der Hof- und Staatskasse ausfiel, ihr Geld verstärkt in die Einrichtung eines Goldlaboratoriums investierten. Scottos Tätigkeit am Coburger Hof ist jedoch außerhalb des fürstlichen Privatlebens nur für die Position eines Gesandten nachweisbar. Seine Besuche brachten jedoch − ein zweiter und letzter folgte im Februar 1593 − weltmännisches Flair nach Coburg. Dies förderte Casimirs Prestige. Die positiven Aspekte, die der Fürst mit seiner Anwesenheit verband, verwandelten sich aber ins Gegenteil, wie noch zu zeigen sein wird.68 66 Kruse: Epitaph Teil 1, S. 171; Lindgren: Alchemie, S. 238 f.; Korsch: Sammlungen, S. 350; Vulpius: Curiositäten Bd. 1, S. 107, 109 f. 67 StACo, LA  A 2281, Notariats-Instrument zur Vernehmung Herzogin Annas, Coburg, 16.11.1593, abgedr. bei Hellfeld: Anna, S. 17, 20; Jütte: Zeitalter des Geheimnisses, S. 225; Schwarzenfeld, Rudolf II., S. 83, 85. 68 StACo, LA A 10.718, fol. 35−38, Scotto an Casimir, Leipzig, 24.04.1593; StACo, LA A 2278, fol. 11, Anna an Georg Friedrich, Heldburg, 18.09.1593; Schwämmlein: Steinheider Goldbergbau, S. 30; Müller: Fürstenhof, S. 50.

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Ein Laboratorium ist in Coburg ab 1601 im Zusammenhang mit der Destillation von Heilwasser nachweisbar. Allerdings kam schon 1586 im Gefolge der Herzogin Anna eine Apothekerin aus Dresden mit nach Franken, in deren Aufgabenbereich es lag, Medikamente herzustellen. Die Destillatoren, die nach Fischs Meinung zur gelehrten „Unterschicht“ am Hofe gehörten, übernahmen später diese Arbeit.69 Zu großer Bekanntheit gelangten hier Johann Popp und sein Nachfolger Andreas Mack. Sie verfassten zahlreiche medizinische und chemische Sachbücher, die in wissenschaftlichen Bibliotheken noch zu finden sind. Das Laboratorium gewann durch Popp große Resonanz und entwickelte sich auch wegen seiner Einmaligkeit in der näheren Region zur bekanntesten Einrichtung am Hofe. So nahmen Johann Ernst I. von Weimar, Landgraf Moritz von Hessen-Kassel und Markgraf Christian von Brandenburg-Bayreuth Popps Dienste in Anspruch. Eine Schwägerin Casimirs, Gräfin Elisabeth von Hohenlohe-Langenburg, schenkte dem Laboratorium gar einen Destillierofen. Popp erhielt zudem eine zweite Bestallung am Bayreuther Hof.70 Außerhalb des Hofes eröffnete er 1604 trotz Widerstandes der Coburger Krämer einen Gewürz- und Kräuterhandel, den er durch ein Privileg Casimirs zu einer Apotheke erweitern konnte. Das Geschäft entwickelte sich im Zuge einer ab 1605 einsetzenden Institutionalisierung im Medizinalwesen zur ersten Hofapotheke unter Casimir.71 Dieses Geschäftsgebaren belegt den unternehmerischen Ehr69 StACo, LA A 11.327, fol. 4, Speiseverzeichnis [1587/88]; StACo, LA A 10.677, fol. 59, Casimir an Johann Ernst, Coburg, 23.08.1601; StACo, LA A 10.863, fol. 27v−31v, Gutachten des Geheimen Rates, Coburg, 13.02.1602; StACo, LA A 10.718, fol. 82, Bewerbung Matthias Beheimbs aus Merseburg als Destillator am Coburger Hof, Eßla, 24.03.1606; Fisch: Hofund Gelehrsamkeit, S. 680; Lass: Etablierung, S. 162. In Dresden existierte ab 1581 eine Hofapotheke nebst einem Laboratorium für den Hofalchemisten und ein Destillierhaus. 70 StACo, LA A 10.556, fol. 40, Christian an Casimir, Bayreuth, 26.08.1616; ebd., fol. 100 f., Korrespondenz zwischen Casimir und Christian, März 1620; StACo, LA A 10.687, fol. 116, Johann Ernst an Casimir, Weimar, 07.07.1618; StACo, LA A 10.616, fol. 135, Moritz an Casimir, Kassel, 03.02.1626; StACo, LA F 8438, fol. 5, Liste der Hofdiener, 1633; StACo, LA A 10.629, fol. 12, Casimir an Elisabeth, Coburg, 21.06.1619; Kraus: Beitrag Frankens, S. 1077. Die Recherche im Bibliotheksverbund Bayern ergab, dass sich von Johann Popp weit über zehn Sachbücher erhalten haben, die zwischen 1617 und 1628 erschienen sind. Zu Andreas Mack ließen sich bis 1633 nur einige publizierte Aufsätze nachweisen. 71 StACo, LA F 13.015, fol. 2, Casimir an die Räte, Coburg, 07.02.1604; StACo, LA F 7735, fol. 92, Register des Briefverkehrs, 1604; StACo, LA F 13.748, Apotheken-Privilegium, Coburg, 01.07.1605; StACo, LA F 13.749, fol. 27, Samuel Stehlin, Apotheker zu Coburg an Casimir, Coburg, 22.01.1613; ebd., fol. 40v, Gutachten des Stadtmedikus Michael Schön, Coburg, 15.02.1613. Vgl. Kap. 7.3.2.

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geiz Popps, der sich positiv auf die Entwicklung des Laboratoriums auswirken musste. Dies zeigt auch, dass Casimir allein die Profilierung seines Hofes nicht gelingen konnte. Er brauchte ehrgeizige Fachleute, die maßgeblich am Profil des Hofes mitarbeiteten. Popp ist dies am besten gelungen. 5.5.4 Casimirs „theatrum sapientiae“ Zentrale Merkmale eines am Hof angelegten und durch den Bibliothekar Samuel Quiccheberg definierten „theatrum sapientiae“ (Theater des Wissens) waren neben der Bibliothek und dem Laboratorium eine damit verbundene Kunstkammer. Quiccheberg schuf damit die ersten Grundlagen späterer Museumsstrukturen.72 Das Sammeln wurde seinerzeit als eine primäre Strategie zur fürstlichen Repräsentation und Kunstförderung eingesetzt. Dabei ging es zum einen darum, beim Besucher Bewunderung zu erzeugen, und zum anderen, das Renommee des Herrschers zu fördern. Die Kunstkammer mit ihrer klassischen Aufteilung „Naturalia, Artefacta, Antiquites, Mirabilia, Scientifca und Exotica“ öffnete sich einem erlesenen Besucherkreis, wodurch ihre Exklusivität hervorgehoben wurde. Durch die Erlesenheit der Exponate zeigte der Fürst seine finanziellen Möglichkeiten sowie sein Wissen um Schönheit und Exotik auf. Die Kunstkammer entsprach symbolisch einem Mikrokosmos, der vom Herrscher gestaltet und kontrolliert wurde. Der Landesherr konnte sich dadurch mit Gott vergleichen, der die Welt nach seinen Vorstellungen gestaltete und lenkte. Diesen symbolischen Machtanspruch übertrug man schließlich auf den politischen Machtanspruch.73 Auch Casimir nutzte diese Möglichkeit. Für die Coburger „Trehe- undt Kunstkammer“ mag wohl die 1560 gegründete Dresdner Kunstkammer Pate gestanden haben. Von den damaligen Exponaten sind archivalisch drei greifbar.74 72 Roth: Museumslehre, S. 1 f., 33. 73 Korsch: Sammlungen, S. 347−350; Roth: Museumslehre, S. 2. 74 StACo, LA A 1931, fol. 40, Casimir an Wilhelm von Sachsen-Weimar, Coburg, 13.10.1617; StACo, LA A 10.690, fol. 8, Wilhelm an Casimir, Weimar, 25.10.1617; StACo, LA A 10.679, fol. 29, Johann Ernst an Casimir, Eisenach, 10.01.1618 (Post-Scriptum); StACo, LA A 10.666, fol. 216 f.; Casimir an den Dresdner Hofmarschall Pliegk, Coburg, 29.03.1630. An außergewöhnlichen Objekten sind zwei Paradiesvögel zu nennen, die Casimir Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen im Jahre 1630 verehrt hat. Dieser hauptsächlich in Neuguinea beheimatete Vogel hatte zu Casimirs Lebzeiten niemand lebendig zu Gesicht bekommen. Den Europäern waren lediglich deren Bälge bekannt, die ihnen die Einheimischen bspw. auf Molukken als Geschenk darbrachten. Vgl. Wallace: Malayische Archipel Bd. 2, S. 359−361.

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Bei der „Trehekammer“ handelte es sich wohl um eine Drechselstube, die zum „theatrum sapientiae“ gehörte. Die Stube diente dem fürstlichen Zeitvertreib und als repräsentative Einrichtung zur Darstellung politischer Macht. Hier konnte der Fürst in Nachahmung Gottes, dem ersten Drechsler der Weltkugel, sich selbst als Schöpfer inszenieren. Beliebt war dabei die Verarbeitung von kostbaren Naturmaterialien wie Elfenbein, wofür die wettinischen Höfe bekannt waren. Auch Casimir betätigte sich als Drechsler. Ihm wird ein um 1628 entstandener Elfenbeinpokal zugeschrieben, der heute zu den Sammlungen des Palazzo Picci in Florenz gehört.75 Allgemein wurden in einer fürstlichen Drechselstube weltliche Gegenstände wie Figuren, Tafelaufsätze und Trinkgefäße gefertigt. Die Einrichtung einer solchen Werkstatt belegt ein fortgeschrittenes Stadium der Zeremonialisierung, den der casimirianische Hof offensichtlich erreichte. Denn hier taucht erstmals eine Privatsphäre des Fürsten auf, in welcher er einem Handwerk nachgehen und Distanz zum Gesinde wahren konnte.76 Casimir betätigte sich in diesem Fall auch als Kunstmäzen. Es gelang ihm, mit Marcus Heiden und dessen Schüler Johann Eisenberg talentierte Elfenbeinschnitzer und Kunstdrechsler zu verpflichten. Heidens Tätigkeit erstreckte sich am Hof von ca. 1617 bis 1632. Er erhielt seine Ausbildung wohl in Dresden, wo schon unter Kurfürst August die Elfenbeinschnitzerei sich großer Beliebtheit erfreute. Über diesen Kulturtransfer gelangten kursächsischen Einflüsse nach Coburg, wovon Heidens Werke noch teilweise zeugen. Mindestens 32 Drechselarbeiten fertigte er allein für Casimir an. Diese Kunststücke wie auch andere Exponate der Kunstkammer wurden bei der Eroberung Coburgs 1632 durch die Truppen Wallensteins geraubt. Die Kriegsbeute kam als Geschenk an das Haus Medici nach Florenz. Schon vorher hatten einige Stücke in Form von Dedikationen die Sammlung verlassen. Heiden wirkte nach 1633 an den Höfen in Eisenach und Weimar.77 Während der Drechsler selbst in einem Buch Zeugnis Die Inventarien der Dresdner Kunstkammer sind als gedruckte Quellen einzusehen bei Syndram/Minning: Inventare, 4 Bde. 75 Weschenfelder: Repräsentation und Wissenschaft, S. 35; Paravicini: Drechseln, S. 212; Korsch: Sammlungen, S. 350; Ulferts: Gedrechselte Botschaften, S. 188. Eine Abbildung des vermutlich von Casimir geschaffenen Pokals findet sich bei Maurice: Drechselnde Souverän, S. 71. Eine Drechselstube wird erst 1635 erwähnt. Vgl. StACo, LA B 3235, fol. 253r, Bericht über die Plünderung des Schlosses Ehrenburg, Coburg, 30.05.1635. Zum gegenseitigen Verbrauch von Elfenbein in Coburg und Weimar vgl. StACo, LA A 10.690, fol. 51 f., Korrespondenz zwischen Casimir und Wilhelm von Weimar, Juni 1625. 76 Paravicini: Drechseln, S. 212. 77 StACo, LA B 3113, fol. 117r−119v, Rat und Bürgermeister zu Coburg nebst fürstlichen Räten

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über sein künstlerisches Werk ablegte, ist über die weiteren Kunstdrechsler und -schreiner außer ihrer Existenz am Hof nichts bekannt.78 5.5.5 Die Musikförderung als neues höfisches Element Von zentraler Bedeutung für das höfische Leben in Coburg war die Musikpflege, die sich ebenfalls zum Aushängeschild des Hofes entwickelte. Bereits im 15. Jahrhundert bildeten sich kleinere Ensembles aus Trompetern und Paukern. Später entstanden daraus Hofkapellen, sodass zu Casimirs Zeiten eine solche Gruppe zum festen Bestandteil einer Fürstenresidenz gehörte. Die Höfe in Dresden und Ansbach waren hier ihrer Zeit voraus.79 In Casimirs Prinzenerziehung spielte die Musik zwar eine große Rolle. Dennoch lag sein Interesse zunächst bei anderen Hofdiensten. Die Coburger Kapelle vergrößerte sich erst im Laufe der 1590er Jahre von sechs (1591) auf 13 Musiker (1604). Dabei blickte Casimir auf die großen musikalischen Ensembles in Kassel und Weimar.80 Mit dem Musiker Melchior Franck gewann die Hofkapelle an Qualität. Seine Ausbildung genoss er wohl in Augsburg und Nürnberg. Von dort aus ging er auf Vermittlung von Casimirs Handelsagenten Caspar Giradini 1602/03 als Hofkapellmeister nach Coburg, wo er optimale Arbeitsbedingungen vorfand. Der Herzog hatte dort spätestens seit 1595 im Rahmen des Ausbaus des „theatrum sapientiae“ eine Druckerei eingerichtet, die Franck zur Vervielfältigung seiner Werke benötigte. Tatsächlich finden sich Belege für Notendrucke Francks aus dieser Druckerei. So verbreiteten sich dessen Kompositionen, die auf dem Höhepunkt ihrer Kreativität an das Niveau von Heinrich Schütz und Johann

an Wallenstein, Coburg, 8. (jul.)/18.10.1632 (greg.); StACo, LA F 8438, fol. 5, Verzeichnis Hofdiener, 26.11.1633; Ulferts: Gedrechselte Botschaften, S. 193−199, 201−208. Von den 32 Drechslerarbeiten gelten heute vier als verschollen. 1995 tauchte ein weiterer Pokal Heidens auf, der sich gegenwärtig im Besitz des Getty Museums in New York befindet. 78 *Heiden: Beschreibung; Maedebach: Johann Casimir, S 7−29; Nielius: Hornstube, S. 56−58; vgl. auch die Geschichte der Hornstube in Kap. 6.5.4. 79 Berger: Musiker, S. 200; Müller: Fürstenhof, S. 45. 80 StACo, LA A 10.862, Dienstbesoldungsverzeichnis [1591]; StACo, LA A 11.331, Verzeichnis der Personen, die am Hof gespeist werden, 12.02.1604; StACo, LA A 2243, Musikkompositionen, Stück Nr. 7 (vermutlich von Sebastian Leonhart), o.D.; Ignasiak: Zum Verhältnis, S. 335. Zwischen Kassel und Coburg wurden auch Kompositionen ausgetauscht. Vgl. StACo, LA A 10.616, fol. 52, Moritz von Hessen an Casimir, Kassel, 05.05.1606.

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Hermann Schein heranreichten, im ganzen Reich.81 Während seiner Arbeit in Coburg verfasste er vier Sammlungen mit Instrumentalmusik, u. a. für Tanzveranstaltungen, und 14 Sammlungen mit weltlichen Liedern. Auch komponierte er evangelische Kirchenmusik, wobei er der Nachwelt 22 Sammlungen mit geistlicher Instrumentalmusik hinterließ. Durch die mediale Verbreitung seiner Werke machte sich Franck ebenso einen Namen wie der Hof Casimirs. Der Komponist erfuhr die stärkste Rezeption in Nürnberg, wo er bedeutenden Persönlichkeiten und dem Rat der Stadt mehrere Werke widmete. Eine Anstellung als Nürnberger Ratskapellmeister nach dem Tode Casimirs scheiterte jedoch.82 In der Kapelle taten auf Vermittlung Caspar Giradinis weitere Nürnberger wie der spätere Hoforganist Erasmus Baumann und sein Bruder Martin als Stadtpfeifer ihren Dienst. Mit Benedikt Faber wirkte ab 1602/03 ein zweiter Hofkomponist in Coburg, dessen Ausstrahlungskraft hinter der von Franck zurückblieb. Der Nachwelt blieben von ihm eine Sammlung von vier- bis achtstimmigen Motetten erhalten. Auch für den Bamberger Hof komponierte er einige Gesänge. Zwischen Faber und Franck, die sich schon aus der gemeinsamen Zeit in Augsburg her kannten, herrschte eine freundschaftliche Zusammenarbeit.83 Weitere Musiker, vor allem Sängerknaben, suchte Casimir in Leipzig, wo er den ausgewählten Buben nach dem Stimmbruch ein Stipendium am Casimirianum oder eine Stelle als Musiker in seiner Kapelle in Aussicht stellte.84 5.5.6 Zusammenfassung Die Beispiele der Kunst- und Wissenschaftsförderung machen deutlich, dass sich Casimir der damals üblichen höfischen Standards bediente, um seine Macht zu symbolisieren und sich zu inszenieren. Dazu gehörte die Einrichtung eines 81 StACo, LA F 13.845, fol. 80, Verlegung der Kompositionen Melchior Francks, 1621; StACo, LA F 6465, fol. 338v, Caspar Lang an Casimir, Coburg, 10.06.1630; Reske: Buchdrucker, S. 140; Korsch: Sammlungen, S. 350; Gramss: Einblicke, S. 260−264; Taeschner: Melchior Franck, S. 165; Rathey: Melchior Franck, Sp. 1623–1633. 82 Aufdemberge: Werksverzeichnis, S. 187−240; Taeschner: Melchior Franck, S. 169. 83 StACo, LA D 2487, Bestallung Martin und Erasmus Baumann, 1602−1614; StACo, LA F 6465, fol. 339, Zentgraf Caspar Lang an Casimir, Coburg, 10.06.1630; StACo, LA A 10.899, Hof-, Küchen- und Kellerordnung des Bischofs von Bamberg; Grieb: Nürnberger Künstlerlexikon Bd. 1, S. 72 f.; Wilk: Melchior Franck, S. 88−92; Weiss: Bistum Bamberg, S. 339; Synofzik: Benedikt Faber, Sp. 614−616. 84 StACo, LA A 10.720, fol. 29, Casimir an Michael Wirth, Coburg, 06.04.1609.

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„theatrum sapientiae“ mit der Kunstkammer als deren Mittelpunkt. Bibliothek, Druckerei, Laboratorium und Drechselstube schlossen sich dem an. Daneben expandierten einige Hofdienste wie die Hofkapelle. Derartige Aus- und Aufbauten bildeten das zweite Charakteristikum des Coburger Hofes. Casimir orientierte sich zudem an der dynastischen Tradition, die als Kontinuität weitergeführt wurde, und an seinen eigenen Interessen, die er sich durch Erziehung und Aufenthalte an diversen Höfen erwarb.85 Die Wissenschaftsförderung erfolgte indes auf verschiedenen Ebenen. Während die Alchemisten als gelehrte „Unterschicht“ direkt dem Hof zugeordnet waren, förderte der Herzog den Zuzug großer Gelehrter über das Casimirianum. Die Personalunion von Rektorenamt und Bibliotheksleitung untermauerte die Verknüpfung zwischen Hof und Schule. Die Wissenschaftsförderung erfuhr zudem die größtmögliche Medialisierung durch: 1. den öffentlichen Zugang zu Bildungseinrichtungen wie der Bibliothek oder dem Casimirianum; 2. dessen symbolhaftes Bildprogramm, welches Casimir als Mäzen gegenüber Untertanen und Schülern darstellte, und 3. über die Gründung einer Druckerei, welche die im höfischen Umfeld gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Kunsterzeugnisse verbreitete und damit ihre Schöpfer und deren Förderer populär machte. Marcus Heiden, Melchior Franck und Johann Popp waren auch außerhalb Coburgs gefragte Experten ihres Fachs. Gelehrte wie Andreas Libavius, Matthäus Meyfart oder Johann Gerhard besaßen ebenfalls überregionale Ausstrahlung und beförderten den gegenseitigen wissenschaftlichen Austausch in der Region. Damit stieg Casimirs soziales Renommee gegenüber anderen Fürsten, die an Kunst und Forschung partizipieren wollten. Es gelang ihm so, seine fürstliche Reputation zu verbessern, sich als finanziell potenter Landesherr zu inszenieren sowie seine politische Macht zu begründen und zu repräsentieren.

5.6 „Action games“86 und höfische Veranstaltungen Zur höfischen Repräsentation und Außendarstellung des Fürsten gehörten Feste, die einen Bestandteil adeliger Kultur und höfischer Kommunikation darstellten. Sie symbolisierten die Funktion des Hofes als Zentrum politischer 85 Berns: Frühgeschichte, S. 24−26. Zum Idealtypus des „theatrum sapientiae“ gehörten auch eine Gießerei (eine wohl von Casimir gegründete Glockengießerei befand sich in der Nähe des Hofes, vgl. Breuer: Glockengießhaus, S. 67−130) und eine Münzstätte, die in Kap. 7.3.4 behandelt wird. Vgl. Korsch: Sammlungen, S. 350. 86 Nickel: Games and Pastimes, S. 347−353.

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Macht, brachten den adligen Anspruch auf Herrschaft zum Ausdruck und standen für die Zeremonialisierung der Höfe. Dem Adel gaben die Feste Freude und Zeitvertreib. Im Alltag stellten sie als Norm einen festen Bestandteil des Tages-, Wochen- oder Jahresablaufs dar. Dabei entschied der Fürst darüber, welche Formen der Festkultur an seinem Hof vorherrschen sollten.87 Anhand der Quellenlage können bei Casimir einige Schwerpunkte hervorgehoben werden. 5.6.1 Ritterliche Übungen und Schlittenrennen Durch den Einfluss der aus Italien stammenden „trionfi“ entwickelte sich das aus dem Hochmittelalter stammende Turnierwesen während der Renaissance zu einer höfischen Festlichkeit. Hierbei ging es um einen sportlich-fairen geregelten Wettbewerb, der sich mit religiösen Tugenden und traditionellen Herrscherattributen verband. Militärisch verloren diese Turniere zunehmend an Bedeutung. Vielmehr ging es um die Verbesserung des eigenen sportlichen Geschicks. Man beschwor vor allem bei Ritterturnieren die idealisierte Vergangenheit dieses Standes und repräsentierte durch das Abhalten solcher theatralisch inszenierten Veranstaltungen die Pracht und den Reichtum des einzelnen Hofes. Der Kaiserhof in Wien pflegte unter Maximilian I. und Maximilian II. diese Tradition ebenso wie der Dresdner Hof zu Zeiten Kurfürst Augusts, der wohl als Vorbild für die mitteldeutschen Fürstenhöfe wirkte.88 In Coburg gab es unter Casimir mehrere Formen des Turniers. Die Quellen berichten hier von Rennschlittenwettbewerben. Die ersten Schlitten gelangten bereits vor 1584 aus Dresden nach Coburg. In einem Verzeichnis der fürstlichen Rüstkammer finden sich vier einfache Schlitten, zwei Rennschlitten und allerlei Zubehör. Weitere Schlitten kamen wohl in Zusammenhang mit der Verlobung Casimirs mit Anna von Sachsen nach Coburg. Der Herzog kannte diese Turniere aus eigener Anschauung. So fand im Vorfeld seiner Dresdner Hochzeit ein Schlittenwettbewerb statt, an dem Casimir wohl teilnahm. Auch bei späteren Aufenthalten an der Elbe sah man den Herzog als Teilnehmer derartiger Wettbewerbe. In Coburg ist nur ein Turnier aus dem Jahre 1596 belegt. Es müssen aber weitere Schlittenturniere stattgefunden haben, da das Inventarium der fürstlichen Harnischkammer von 1601 eine Erhöhung 87 Zotz: Spiele, S. 207; Bojcov: Feste, S. 483; Müller: Fürstenhof, S. 54 f.; Winterling: Fürstenhof in der Frühen Neuzeit, S. 36; Bauer: höfische Gesellschaft, S. 58, 62. 88 Wolf: Ritter, Tod und Teufel, S. 180; Maedebach: Caroussell- oder Rennschlitten, S. 59.

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der Rennschlittenzahl auf 14 Fahrzeuge feststellte. Bis 1603 kamen zwei weitere Schlitten dazu. Damit besaß Coburg halb so viele Rennschlitten wie der Dresdner Hof.89 Die steigende Anzahl der Coburger Schlitten zeigt, dass das Spiel sich großer Beliebtheit erfreut haben muss. Bei einem „Caroussel“ oder Ringstechen war es die Aufgabe der Teilnehmer, von einem fahrenden Schlitten heraus mit einer Lanze einen Gegenstand (Ring oder Kranz), welcher an seinem Seil zwischen zwei Stangen befestigt war, zu treffen. Austragungsort war meistens eine öffentliche Rennbahn außerhalb des Hofbezirks. Zu den Schlittenbesitzern gehörten Hofbeamte wie Nicolaus Zech oder der Coburger Bürgermeister. Casimir besaß zeitweise zwei Schlitten, womit er die Hauptrolle in einer von Theatralisierung geprägten Festkultur spielte.90 Um Geschicklichkeit ging es auch beim Ringreiten (franz. course de bague), einer weiteren Turnierform, die in Coburg auf der fürstlichen Reitbahn abgehalten wurde. Casimir lud zu diesem Reiten erstmals 1588 ein. Hier sollte der Teilnehmer in vollem Galopp mit einer stumpfen Lanze einen Kringel durchstoßen. Als Regelwerke dienten die Weimarer Spielordnung von 1587 und kursächsische Anleitungen. Wie die sechs noch erhaltenen Ergebnislisten belegen, nahmen Casimir und sein Bruder als Hauptdarsteller an diesen Turnieren teil. Das Ringreiten war zumindest bei den Wettinern so beliebt, dass, zeitgleich mit dem ersten Coburger Turnier, Kurfürst Christian I. in Dresden den sogenannten Stallhof errichten ließ, in welchem solche Veranstaltungen stattfinden konnten. Auch die sogenannten Fußturniere (franz. tournoi à pied), die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in Kombination mit Ritterturnieren stattfanden, wurden dort abgehalten. Hier kämpften über eine Schranke zwei Mannschaften mit Schwertern und Piken gegeneinander. In Coburg sind zwischen 1588 und 1624 fünf derartige Turniere nachweisbar. Sie fanden vornehmlich zu Ehren adeliger Besucher statt. Insgesamt sind nur wenige Veranstaltungen überliefert. Offensichtlich bevorzugte Casimir andere Ausdrucksformen höfischer Inszenierung. Dies untermauern Briefe des Herzogs an seinen Cousin Friedrich Wilhelm I. und an Markgraf Georg Friedrich, in dem er um die leihweise Überlassung von Rüstungen für ein Ritterspiel und konkret für Fußturniere bat.91 Die wenigen 89 Maedebach: Caroussell- oder Rennschlitten, S. 61 f., 78; StACo, LA F 3657, fol. 4, Inventarium Rüstkammer, 1584; StACo, LA F 3663, fol. 21−30, Inventarium Rüstkammer, 1601. 90 Eine solche Reitbahn befand sich östlich des Schlosses Ehrenburg, auf dem sogenannten Glockenberg. Vgl. StACo, LA F 5541, Casimir an den Schosser zu Coburg, Coburg, 02.01.1621; Maedebach: Caroussell- oder Rennschlitten, S. 59; Bojcov: Feste, S. 485. 91 StACo, LA A 10.668, fol. 52, Casimir an Friedrich Wilhelm I., Coburg, 08.02.1593; StACo,

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Coburger Veranstaltungen rechtfertigten wohl den Ankauf solcher Rüstungen nicht. 5.6.2 Schießwettbewerbe Detaillierte Beschreibungen sind hingegen von den Schießveranstaltungen, speziell über die Wettbewerbe von 1606, 1614 und 1628, vorhanden. Casimir war ein begeisterter Schütze und nahm, mit einer Ausnahme während seiner Regierungszeit, an allen Wettbewerben teil, wobei er wiederum als Hauptakteur auftrat.92 Dabei sind zwei Aspekte besonders bedeutsam. Den Veranstaltungen gingen im Vorfeld eine Parade der Hofgesellschaft und fürstlichen Gäste voraus. Von Schloss Ehrenburg führte der Zug durch den Schlossgarten zum Schießhaus. Er bestand aus dem Herzogspaar, auswärtigen Adeligen und dem Hofstaat. Dem folgte der Hofzwerg, 24 gut gekleidete Knaben vornehmer Leute, Schalmeien- und Sackpfeifer, ein weiterer Hofzwerg und 24 ärmlich gekleidete Buben. Nach dem Ende der Siegerehrung am letzten Wettbewerbstag ging dieser Zug mit der gleichen hierarchischen Ordnung wieder zum Schloss zurück, wo ein gemeinsames Festmahl die Veranstaltung beschloss. Der Zug war neben dem fürstlichen Mahl, der Musik, spaßigen Unterhaltungseinlagen und einem Kirchgang fester Bestandteil der höfischen Inszenierung. Gegenüber den Zuschauern repräsentierte er durch Kleidung, Schmuck und Bewaffnung fürstlichen Wohlstand sowie die gesellschaftliche Hierarchie. Er zeugte somit von einem harmonischen sozialen Kosmos, an dessen Spitze der Adel mit seinem Anspruch auf politische Macht stand. Die Teilnahme einfacher Bürger und Gäste an dieser Handlung erhöhte die mediale Wirkung dieser Inszenierung. Dieses Entgegenkommen des Fürsten vermehrte dessen Ruhm bei den Untertanen, die zugleich durch die Teilnahme ihr Einverständnis zu den hierarchischen und politischen Verhältnissen gaben. Damit waren die Grundlagen der frühneuzeitlichen „guten Ordnung“, aber auch der Grad der Zeremonialisierung sichtbar in Szene gesetzt worden. Später dehnte sich diese Inszenierung aus, als die bürgerlichen Schützen von der Ehrenburg durch die LA A 1402, Ritterspiele, 1588−1624; Watanabe-O’Kelly: Turniere, S. 503 f.; Nicklas: Christian I. und Christian  II., S. 129; Lass: Etablierung, S. 158. Klassische Ritterturniere fanden unter Casimir wohl nicht mehr statt. 92 StACo, LA A 1700, Stahlschießen 1606; StACo, LA A 1720, Stahlschießen 1628; *Ferber: Armbrustschießen; Kramer/Kruse: Scheibenbuch, S. 6.

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Stadt zum Schießhaus zogen, wodurch sich höfische und städtische Welt weiter miteinander verschmolzen.93 Bedeutend ist dabei die soziale Herkunft der Teilnehmer. Von seinen Standesgenossen besuchten sein Bruder Johann Ernst, die Weimarer Herzöge und die Markgrafen von Brandenburg-Bayreuth die Veranstaltungen. Kramer und Kruse stellten zudem fest, dass vor dem Dreißigjährigen Krieg 40 adelige Teilnehmer, 42 Höflinge und 39 Bürger an den Wettbewerben teilnahmen. Während des Krieges ging die Zahl der teilnehmenden Adeligen und Hofbediensteten auf 25 bzw. 27 zurück, während die Zahl der Bürger auf 54 anstieg. Der Anteil der Gäste sank dabei von 24 auf 19 Personen.94 Es nahmen aber nur wenige Coburger Handwerker an den Veranstaltungen teil, da die Bürgerschaft eine eigene Schützengesellschaft besaß, die ebenfalls Schießwettbewerbe abhielt. Die meisten bürgerlichen Teilnehmer stammten von außerhalb, in erster Linie aus den fränkischen Reichsstädten, Erfurt und anderen thüringischen Orten, Dresden und Leipzig sowie Frankfurt am Main und Worms. Daraus entwickelte sich ein höfischer Schießkreis, dessen Mitglieder häufig wechselten. Als Ehrung galt, wenn dem Sieger das sogenannte Kränzlein überreicht wurde. Dieser symbolische Akt war zugleich eine diplomatische Geste gegenüber dem auswärtigen Teilnehmer, der sein Territorium repräsentierte. Sie diente auch als Einladung zum nächsten Schießen im Heimatort des Gewinners.95 Gegenüber dem Turnierwesen kommt eine deutliche Affinität Casimirs zum Scheibenschießen zum Vorschein. Zwischen 1609 und 1633 schrieb er 96 Wettbewerbe aus. Die ersten Schießen sind schon für 1574 belegt. Der Coburger Hof pflegte vor allem das Büchsenschießen, das auch beim Adel bevorzugt wurde. Casimir kam bei dieser Inszenierung gelegen, dass das Schützenwesen im 16. und 17. Jahrhundert überall in Mitteldeutschland in hoher Blüte stand 93 StACo, LA A 1700, fol. 5v−7v, 50, Stahlschießen 1606; StACo, LA A 1720, fol. 5, Stahlschießen 1628; Bojcov: Feste, S. 483, 486; Rahn: Hofzeremoniell, S. 310; Kratzke: Scheibenschießen, S. 525, 528; Müller: Fürstenhof, S. 56; Heins: Stahlschießen, S. 305, 309. 94 StACo, LA A 1700, fol. 2, Stahlschießen 1606; StACo, LA A 1706, Einladungen zum Armbrustschießen 1614; StACo, LA A 1720, fol. 4, Stahlschießen 1628; Heins: Stahlschießen, S. 304. Die Zahlen entstammen der Auflistung aller Teilnehmer an den Schießen von 1609−31. Vgl. Kramer/Kruse, Scheibenbuch, S. 16. 95 StACo, LA A 1700, fol. 23r−27v, Stahlschießen 1606; StACo, LA A 1706, fol. 114v, 116 f., Einladungen zum Armbrustschießen 1614; StACo, LA A 1707, fol. 22r–v, Stahlschießen 1614; StACo, LA A 1719, Einladung zum Stahlschießen nach Kulmbach, 1628; Kratzke: Scheibenschießen, S. 528; Kramer/Kruse: Scheibenbuch, S. 13, 15; Heins: Stahlschießen, S. 308.

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und die militärische Bedeutung dieser Wettbewerbe zugunsten des Spielcharakters abnahm.96 Das Schießen stellte demnach ein Identifikationsmerkmal des Hofes dar. Hierzu benötige Casimir erneut eine breit ausgelegte mediale Strategie. Bürger waren daher gern gesehene Teilnehmer und Zuschauer. Mit der Ausdehnung des Teilnehmerkreises gewann er eine größere Aufmerksamkeit. Er griff zudem in den Wettbewerb ein und dokumentierte so den sicheren Umgang mit dem uralten Machtsymbol der Waffe. Für die Darstellung politischer Macht besaß dies eine enorme Wirkung. Es zeigte fürstliche Wehrfähigkeit.97 Damit gelang es Casimir, die Zuschauer zu beeindrucken. Die Einladungen zu auswärtigen Wettbewerben förderten seine Akzeptanz als Fürst, sodass das politische Kalkül, als ein ebenbürtiger Reichsfürst anerkannt zu werden, aufging. 5.6.3 Tierhatzen Ungewöhnlich erscheint auf den ersten Blick die Abhaltung von Tierhatzen auf dem Coburger Marktplatz. Tierkämpfe kamen an den fürstlichen Höfen seit dem Frühbarock in Mode und orientierten sich an antiken römischen Vorbildern. Üblicherweise fanden solche Kämpfe innerhalb des Schlossbezirks statt. Aufgrund der medialen Strategie Casimirs erscheint die Abhaltung einer Jagd in einem Stadtzentrum nicht abwegig, denn auch in diesem Fall galt es, eine größtmögliche Öffentlichkeit zu erreichen. Hier mag er sich an den Gepflogenheiten des kursächsischen Hofes orientiert haben, der bisweilen den Dresdner Altmarkt für höfische Lustbarkeiten nutzte. Die Tierhatzen besaßen damit die gleiche symbolische Bedeutung und Wirkung wie die Umzüge zu den Schießwettbewerben.98 Nach mündlicher Überlieferung war der Andrang der Coburger Bevölkerung derart groß, dass einige Personen von den Dächern aus das Schauspiel beobachteten. Insgesamt entsprachen die Standorte der einzelnen Besucher einer strengen sozialen Rangordnung. Hohe Gäste und der Adel fanden auf einer Tribüne vor der fürstlichen Kanzlei ihren Platz, während aus deren Fenstern die Beamten und 96 Kramer: Fortsetzung Scheibenbuch, S. 329, 339; Kramer/Kruse: Scheibenbuch, S. 14; Geibig: Scheibenbuch, S. 141 f. Daneben spielte auch das Armbrustschießen eine gewisse Rolle. 97 Boseckert: Dresden in Blick, S. 82. 98 Alewyn: Welttheater, S. 19; Bojcov: Feste, S. 486; Lass: Etablierung, S. 162.

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Räte auf den Platz blickten. Demgegenüber besetzten die Coburger Ratsherren und Bürgermeister die Fenster des Rathauses. Vor der Stadtverwaltung befand sich eine kleine Bühne, wo die Jagdteilnehmer, u. a. auch Casimir, der Hatz beiwohnten und auch selbst eingriffen. Daneben befanden sich die Tierkäfige. Zur Sicherheit der Zuschauer wurde der Marktplatz mit Bretterwänden abgesperrt. Auch hatte man Sorge, dass Tiere entkommen könnten und es dadurch zu Verletzten oder Sachschäden kommen könnte, was durchaus geschah.99 Der Marktplatz spielte für die Herrschaftsinszenierung Casimirs eine zentrale Rolle. Hier empfing er 1572 durch die Huldigung von Rat und Bürgermeister symbolisch seine Macht. Dieses Ritual blieb als rechtlicher und politischer Übergang bei Herrscherwechseln in veränderter Form bis ins 20. Jahrhundert hinein erhalten. Nun demonstrierte und verteidigte Casimir auf der gleichen Bühne als Hauptakteur seine Macht, indem er sich als Herr über Menschen und Tiere inszenierte. Sein Eingriff in das Jagdgeschehen zeigte dem Volk, dass er keiner Konfrontation aus dem Weg ging und die Gefahr suchte.100 Er nutzte dabei den Drang des Menschen, die Natur zu beherrschen. Dies konnte aber nur gutgehen, solange der Fürst als Sieger aus dieser Konfrontation hervorging. Ludloff berichtete hier von einem Zwischenfall aus dem Jahr 1630, bei dem ein Bär dem Herzog einen Jagdspieß aus der Hand schlug und Casimir von einem an der Jagd beteiligten Konstabler gerettet werden musste.101 Damit waren für jedermann die natürlichen Grenzen der Herrschaftsinszenierung sichtbar geworden. Der Herzog vermied danach weitere Tierhatzen. Warum er sich öffentlich als Jäger inszenierte, beruhte auf der familiären Identität. Mit dem Land Sachsen war seinerzeit der Titel des Reichserzjägermeisters verbunden. Die daraus erwachsene Inszenierung führten die Ernestiner nach 1547 weiter, sodass sich Casimir dieser Tradition verpflichtet sah.102 Es galt also, dem Volk diese Seite familiärer Tradition und Identität vorzustellen und theatralisch vorzuspielen. Insgesamt sind aber nur zwei solcher Tierhatzen für 1620 und 1630 nachweisbar. Dabei

 99 Ludloff: Coburg 1629, S. 95. Die Tierhatzen haben im Nachgang eine literarische Rezeption in der Coburger Sagenwelt erhalten. Unter diesem Gesichtspunkt ist das Werk von Ludloff zu analysieren. Seiner Aussage nach hielt er sich bei den Beschreibungen der Jagden an die Zeitzeugenschilderungen (S. 178). Trotz des kritisch zu betrachtenden Werks beinhaltet dieses die einzige bisher publizierte intensive Behandlung der Tierhatzen. 100 Boseckert: Selbstdarstellung, S. 25 f.; Holenstein: Huldigung, Sp. 662; Bojcov: Feste, S. 486. 101 Ludloff: Coburg 1629, S. 111; Hönn: Historia Bd. II, S. 257 f. 102 Lass: Erzjägermeister, S. 193−220.

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wurden zwei Bären, vier Hirsche, über 60 Hasen dazu Füchse, Dachse und acht Wildschweine erlegt.103 Vom Bau eines eigenen Hetzplatzes sah Casimir ab. 5.6.4 Komödien und Theaterspiele Eine geringe mediale Rolle spielten Theateraufführungen, die eher einen internen Charakter besaßen. Einen öffentlichen Theaterbau gab es zu Casimirs Zeiten nicht, sodass Aufführungen dezentral stattfanden. Diese bestanden aus auf Latein gehaltenen Reden und Komödien. Hier festigte sich die Verbindung vom Hof zum Casimirianum, denn besonders Matthäus Meyfart legte während seines Wirkens dort großen Wert auf solche Vorführungen. 1618 inszenierte er die ersten Stücke, für die er auch eine Verehrung erhalten sollte. Er führte damit eine Tradition fort, die seit den 1540er Jahren in der Coburger Lateinschule ihren Anfang nahm. Anlässlich des Besuchs der Herzöge von Altenburg führte er 1621 die Regie bei der Aufführung der Komödie „Von der Susanna“. Am nächsten Tag wurde sie Coburger Bürgern im Rathaus gezeigt. Akteure auf der Bühne waren Studenten des Casimirianums. Durch die Theaterarbeit sollten sie neben ihrer Rhetorik, Gestik und Mimik auch ihre Sprachkenntnisse im Lateinischen üben und verbessern.104 Diese Vorgehensweise war an den Höfen kein Einzelfall. Auch die Landgrafen von Hessen holten sich von der Universität Marburg Studenten, die ihnen Theaterstücke, Gedichte und kunstvolle Reden darboten.105 Die Fürsten besaßen dabei die Möglichkeit, die pädagogischen Erfolge ihrer Schulen für sich zu vereinnahmen und diese ihren Standesgenossen und Untertanen zu präsentieren. Dies förderte wiederum das Prestige. Auf der anderen Seite verschmolz damit höfisches Leben mit der Inszenierung als Förderer von Wissenschaft und Kunst. Diese Form des Laientheaters ging im Laufe der Regierungszeit Casimirs allgemein zurück, da verstärkt Berufsschauspielergruppen die Höfe bereisten und das Musiktheater sich zunehmend professionalisierte.106 Bei Casimir scheinen diese Vorführungen nur eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Als Förderer des Theaterwesens trat er nicht in Erscheinung. Vielmehr lag ihm wohl an einer positiven medialen Ausstrahlung des Casimirianums. 103 Karche: Jahrbücher Bd. III, S. 146; Hönn: Historia Bd. II, S. 257 f. 104 StACo, LA E 1467, fol. 33, Mandatum zur Bezahlung Meyfarts, Coburg, 23.11.1618; Fisch: Gelebtes Latein, S. 248. 105 Berns: Frühgeschichte, S. 23. 106 Berns: Frühgeschichte, S. 30−32.

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5.6.5 Zusammenfassung Das Potpourri höfischer Feste ließe sich fortsetzen. Die beschriebenen Spiele und festlichen Ausschmückungen belegen bereits, dass 1. die typischen Lustbarkeiten eines Fürstenhofes auch in Coburg zum Standard gehörten und 2. der Grad der Zeremonialisierung schon einen beachtlichen Umfang besaß. Die höfische Repräsentation und die damit verbundene symbolische Darstellung politischer Macht fielen deshalb im Vergleich zu anderen Fürsten nicht aus dem Rahmen. Entscheidend für die Betrachtung ist die Herausbildung einer eigenen höfischen Identität auf Basis familiärer Tradition und eigener Interessen. Wie schon beim Ausbau der einzelnen Hofdienste deutlich wurde, stand auch bei den aus dem Mittelalter stammenden Festlichkeiten und „action games“ eine mediale Strategie hinter den Inszenierungen. Es galt, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, wofür man die höfische Bühne auf die gesamte Residenzstadt erweiterte. Die Untertanen waren durch ihre Partizipation an den Veranstaltungen in das Hofleben integriert und vermochten so schwerer gegen den Landesvater zu opponieren. Die frühneuzeitliche „gute Ordnung“ hatte hier ihr Gesicht bekommen. Casimir präsentierte sich damit als guter, wohlwollender und wehrhafter Gastgeber. Sein Hof erschien in diesem Schein als prachtvoll und ohne finanzielle Sorgen. Das brachte ihm ein Gewinn an sozialem Renommee gegenüber anderen Fürsten, die sich mit Einladungen zu eigenen Festen revanchierten. Theatervorführungen spielten dabei nur eine geringe Rolle. Vielmehr stand der Ruf des Casimirianums im Vordergrund, mit dem Casimir als guter Landesvater seine Macht festigen wollte. Seine Machtstrategie ging dabei auf. Er und sein Hof stießen überall auf Anerkennung und Akzeptanz.

5.7 Zähe „Reformatia“ Der Landtag von 1589 nötigte Casimir, die Hofkosten nachhaltig zu senken. Zunächst ging die Expertenkommission aus fürstlichen Räten und Landständen daran, eine neue Hofordnung auszuarbeiten. Die Kommission orientierte sich bei ihrer Arbeit typischerweise an den Erfahrungen anderer Höfe. Dabei setzten sich die Stände teilweise durch. Sie lehnten sich bei ihren Reformbemühungen an der Regulierungspolitik des Bamberger Bischofs Ernst von Mengersdorf an, der während seiner Amtszeit von 1583 bis 1591 mit einem überschuldeten Staatswesen zu tun hatte. Er begann deshalb Reformen einzuleiten, die auch seinen Hof umfassten. Die daraus resultierenden Hofregeln kamen als Kopien nach

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Coburg. Sie beinhalteten die Hofordnung von 1584, eine Küchen- und Speiseordnung, eine Beamtenordnung sowie Speise-, Wein-, Kleider- und Kostgeldverzeichnisse. Gerade der Verbrauch an Speisen und Getränken machte an den Höfen das größte Verschwendungspotenzial aus. Die fürstlichen Räte blickten indes wohl eher nach Dresden.107 Die Einflüsse beider Parteien wurden in der neuen Coburger Hofordnung deutlich. Von den hiesigen 16 Artikeln übernahm die Kommission sieben teilweise wortwörtlich von der Bamberger Version. Vier Artikel lassen sich der kursächsischen Hofordnung von 1554 zuschreiben. Drei Artikel finden sich als Regel sowohl am Bamberger wie auch am Dresdner Hof. Die Übereinstimmungen lagen in der Gottesfurcht (verpflichtender Gottesdienstbesuch und Verbot der Gotteslästerung) und bei der Schließzeitenregelung des Schlosstores. Zwei Artikel sind hingegen für den Coburger Hof spezifisch. Die beiden Bestimmungen handelten von Verhaltensweisen bei Aufruhr und der Aufsicht während der Mahlzeiten. Erstere entstand wohl als Reaktion auf die Gothaer Erfahrungen von 1567.108 Casimir führte die Hofordnung im Rahmen einer konsensorientierten Herrschaft im Jahre 1589 ein. Alle politischen Akteure des Landes waren in den Reformprozess involviert. Davon profitierte Casimir, der sich damit als problembewusster und lösungsorientierter Fürst inszenieren konnte.109 Diese Vorgehensweise blieb kein Einzelfall. Der zweite Reformschritt umfasste die Reduzierung des Hofpersonals sowie des Lebensmittel- und Futterverbrauchs. Mitte 1590 befahl Casimir dem Hausvogt Nicolaus Zech und Vizehofmarschall Ulrich von Lichtenstein, einen solchen Entwurf zur Verabschiedung auszuarbeiten. Dem Hofmarschall und dem Hausvogt oblag gemeinsam die Aufsicht über das Zeremoniell, den Geldverbrauch und die Ordnung des Hofes. Blieb das Hofmarschallamt unbesetzt, und das kam in der Ära Casimirs häufiger vor, übernahm der Hausvogt die alleinige Verantwortung für das Hofwesen und rückte so hinter dem Herzog an die zweite Stelle des Hofstaates.110 107 StACo, LA A 10.899, Hof-, Küchen- und Kellerordnungen des Bischofs von Bamberg. Zu Ernst von Mengersdorf vgl. Weiss: Bistum Bamberg, S. 228−257, hier vor allem S. 240−242. Die Schulden des Hochstifts Bamberg betrugen 1588 rd. 655.000 Gulden; Paravicini: Nachahmung, S. 20; Wüst: Hof und Policey, S. 127, 131. 108 StACo, LA A 10.899, fol. 35−46, Bamberger Hofordnung 1584; StACo, LA A 10.902, Coburger Hofordnung 1589; Kern: Hofordnungen, S. 41−49; Brunner: Ganzes Haus, S. 108. 109 StACo, LA A 10.902, Coburger Hofordnung 1589; Streich: Hof- und Verwaltungsordnungen, S. 499. 110 Zu den Aufgaben des Hofmarschalls vgl. StACo, LA A 10.898, § 5 Hofordnung, 1572; StACo, LA A 10.959, Instruktionen an Hofmarschall Hans Kaspar von Gottfahrt, Coburg,

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Trotz der schwierigen Aufgabe gelang es Zech und Lichtenstein Ende 1590, den gewünschten Entwurf zu präsentieren. Dabei erklärten sie, dass für die Hofhaltung lediglich rd. 11.250 Gulden zur Verfügung stünden. Casimir reagierte nach Zechs Aussage betrübt und mit Schweigen. Nach einem Gespräch mit Herzogin Anna ließ er sich ein Verzeichnis der Hofangestellten geben und befahl Zech, das nach seiner Meinung überflüssige Personal, insgesamt 24 Angestellte, von der Liste zu streichen. Die Stellung des Herzogs als Hausvater, welche die Fürsorge für das eigene Gesinde miteinschloss, mag den Ausschlag gegeben haben, so wenige Bedienstete wie möglich zu entlassen. Casimir muss daher die Sparmaßnahmen als eine persönliche Niederlage gesehen haben. Er war nicht in der Lage, für sein Gesinde zu sorgen. Andererseits verpflichtete ihn die Position des Hausvaters zur Sparsamkeit. Zudem musste er die Balance zwischen sparsamem Handeln und adäquaten Ausgaben für die Herrschaftsrepräsentation beachten. Schließlich bestätigte Casimir die von Zech und Lichtenstein vorgeschlagene Senkung der am Hofe verköstigten Angestellten von 213 auf 168 Personen und die Reduzierung der Pferde von 140 auf 71.111 Durch die Differenzierung der zur Verköstigung berechtigten Bediensteten beschritt man den Aufbau des alltäglichen höfischen Zeremoniells, in dem man von der Massenspeisung mit dem Fürsten als Hausvater wegging und stattdessen auf Distanzierung und Überhöhung des Landesherrn vom Gesinde nach burgundisch-spanischem Vorbild Wert legte.112 Das Gutachten führte zur dritten Reformstufe, welche die fürstlichen Räte in die Diskussion einführten. Ihnen gingen die Vorschläge Zechs und Lichtensteins nicht weit genug. Sie forderten in einem Brief an Casimir vom März 1591, die Anzahl der am Hof verköstigten Personen auf 49 zu reduzieren und die Anzahl 09.08.1597. Zu den Aufgaben des Hausvogts siehe die Bestallungsakten StACo, LA F 5662, fol. 136v–140v, Marx Weiße, Coburg, 02.05.1600; ebd., fol. 477r−482v, Georg Herold, Oeslau, 15.01.1607; ebd., fol. 553−555, Georg Unrath, Coburg, 03.05.1617. Vgl. Boseckert: Dresden in Blick, S. 69 f.; Müller: Fürstenhof, S. 19; Heyl: Zentralbehörden, S. 52, 96; Hess: Geheimer Rat, S. 5. 111 StACo, LA A 10.903, fol. 11v−18r, Casimir an Zech und Lichtenstein, Unterneubrunn, 18.07.1590; ebd., fol. 22r−25v, Augenzeugenbericht von Nicolaus Zech, Eisenach, 10.12.1590; StACo, LA A 10.904/10.905 Entwurf Zechs und Lichtensteins, Eisenach,10.12.1590 (Originale); StACo, LA A 11.327, Speise- und Unterhaltsverzeichnis, 1590; StACo, LA A 2315, Kammerschulden, 1603; Löwenstein: Nervus pecuniae, S. 82 f.; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 208; Bauer: höfische Gesellschaft, S. 68; Brunner: Ganzes Haus, S. 108. 112 Müller: Fürstenhof, S. 41; Simon: Gute Policey, S. 319. Vgl. die Entwicklung in Hessen-Kassel bei: Löwenstein: Nervus Pecuniae, S. 83, 87; Zum Wegfall zwischenmenschlicher Beziehungen vgl. Brunner: Ganzes Haus, S. 118.

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der Pferde auf 50 zu begrenzen. Zugleich sah man die Koppelung der Hofausgaben an die jeweiligen Steuereinkünfte des Landes und einen Mindestetat von 40.000 Gulden vor.113 Um ihren Argumenten Nachdruck zu verleihen, verwiesen sie auf die Renterei-Rechnung von 1587. Die Zahlen daraus entsprachen aber schon damals nicht mehr dem aktuellen Stand, da Casimir die Kosten bereits zurückfuhr. Die Ausgaben der Hofküche hatten sich danach von 34.239 Gulden im Rechnungsjahr 1589/90 auf 23.231 Gulden im Rechnungsjahr 1592/93 um ein Drittel reduziert.114Auch die Ausgaben des Reiseküchenschreibers gingen merklich, von 20.000 Gulden auf 9386 Gulden bzw. 11.962 Gulden in den Rechnungsjahren 1590/91 und 1591/92, zurück.115 Zentraler Bestandteil der Reformvorschläge der Räte waren neben weiteren Einsparungen auch die Einrichtung einer Kammerbehörde, die mit kursächsischen Adeligen besetzt werden sollte. Hofkammern entstanden in der Regel ab der Mitte des 16. Jahrhunderts, wenn durch Finanzkrisen Verwaltungsreformen notwendig wurden. Casimir lehnte dies vehement ab, da er um seine politische Unabhängigkeit fürchtete. Auf der anderen Seite mag die kursächsische Finanzpolitik beim Herzog einen schlechten Ruf gehabt haben. Das Finanzgebaren Graf Barbys und der kursächsischen Vormundschaftsräte lagen noch keine zehn Jahre zurück. Erst nach Rücksprache mit seinem Vater entschloss er sich, dem Plan zuzustimmen.116 Bei der Coburger Hofkammer handelte es sich um eine seinerzeit typische kollegial geführte Institution, die strukturell einer Verwaltungs-, Finanz- und Justizbehörde entsprach. Sie nahm die Aufgaben des vakanten Hofmarschallamtes auf, sorgte für die Hoffinanzierung, ahndete Verstöße gegen die Hofordnung, kontrollierte die Ämter und Renterei in ihrer Rechnungslegung, erhob Steuern und Zölle und übte wirtschaftspolitische 113 StACo, LA A 10.903, fol. 48−83, Räte an Casimir, Coburg, 24.03.1591, hier besonders fol. 63v, 67v, 73r, 82v. 114 StACo, LA A 2315, Kammerschulden, 1603. 115 Ebd. 116 StACo, LA A 10.903, fol. 95. Zech und Lichtenstein an Casimir, Coburg, 27.05.1591. Anschaulich wird in dem Brief die Reaktion Casimirs auf die Bestallungspraktiken seiner Räte beschrieben. Darin heißt es: „sindt i.f.g. sehr offendiret vnd vor dem Kopf gestoßen worden, ihn deme das die herrn rehde churfürstliche sechsische etc. leutte vorgeschlagen, i.f.g. zu rahden vnnd zu helffen. Darauff dan i.f.g. so balden dieße wort gesagtt: „Wan nur mein cantzler datum Dresden vntter diß bedencken gesetztt, so wisten wir doch, das ehr rechtt gantz vnd gar churfürstlich wehre.““ Zum Gutachten der Räte vgl. StACo, LA A 10.906, fol. 88r−94v (Kopie) und StACo, LA A 10.908, fol. 59r−66v, Räte an Casimir, Coburg, 11.04.1591; Mersiowsky: Rechenkammer, S. 258.

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Kontrollfunktionen aus. Die Amtsleitung übernahmen die fürstlichen Räte Moritz von Heldritt und Johann Ernst von Teutleben. Ihnen unterstanden auf einer mittleren Verwaltungsebene der Hausvogt und der Rentmeister. Die Kammer nahm schließlich nach kursächsischem Vorbild ihre Arbeit im Januar 1592 auf.117 Ihre Tätigkeit endete aber in einem Fiasko. Sie legte nur unvollständige Abrechnungen vor, da viele Ämter ihre Bilanzen zu spät einschickten. Innerhalb der Behörde herrschte zudem ein Streit zwischen den beiden Amtsvorstehern und Rentmeister Lehmann, die sich gegenseitig Inkompetenz vorwarfen. Auch weigerte sich das Renterei-Personal, den Anordnungen der Kammer Folge zu leisten. Dies löste 1594 eine Finanzkrise aus, infolgedessen empörte Diener, Handwerker und andere Gläubiger bei Casimir erschienen, ihr Geld verlangten und den Herzog beschimpften. Der Fürst forderte daraufhin strengere Kon­ trollen in der Finanzverwaltung. Zudem entließ er Teutleben und Heldritt aus ihren Ämtern.118 Nicolaus Zech, der von der Behörde ebenfalls wenig hielt, stieg in der Situation zum Rentmeister auf. Auf sein Drängen hin löste sich die Kammer auf, was völlig konträr zur landläufigen Entwicklung hin zu einer Institutionalisierung der Finanzverwaltung vonstattenging.119 Die getätigten Reformen führten nicht zur Besserung der Verhältnisse. Die Anweisungen wurden nach Casimirs Aussage mutwillig nicht befolgt oder schlicht vergessen. Offensichtlich fanden auch nur unzureichende Kontrollen statt, sodass die erzieherischen Maßnahmen gegenüber dem Gesinde erfolglos blieben und die Ausgaben für Küche und Keller nicht verringert werden konnten. Als Reaktion darauf kam es in den folgenden Jahren zu Verschärfungen der Artikel, intensivierten Kontrollen und Reformvorschlägen, die aber allesamt ihre Wirkung verfehlten.120 Noch im Jahre 1612 gab der Hof für Lebensmittel 117 StACo, LA A 10.903, fol. 95v, Zech und Lichtenstein an Casimir, Coburg, 27.05.1591; StACo, LA F 6176, Bestallung Johann Ernst von Teutlebens zum Kämmerer, Coburg, 14.09.1591; StACo, LA F 7718, fol. 115; Müller: Fürstenhof, S. 28; Heyl: Zentralbehörden, S. 53; Ohnsorge: Verwaltungsreform, S. 26−80, hier S. 51. Auch in Weimar entstand 1593 aufgrund der dortigen Schulden (1590: 350.000 Gulden) eine Kammer mit zwei Räten an der Spitze. Vgl. Pischel: Zentralverwaltung in Weimar, S. 132 f. Eine direkte Instruktion für die Hofkammer ist in Coburg nicht vorhanden. 118 StACo, LA A 10.167, Casimir an die Räte, Coburg, 07.11.1594. 119 StACo, LA F 5663, fol. 8 f., Eidesleistung von Nicolaus Zech, Coburg, 21.01.1594; StACo, LA A 10.170, Casimir an Zech, Coburg, 24.01.1595; Mersiowsky: Rechenkammer, S. 258; Müller: Fürstenhof, S. 28; Heyl: Zentralbehörden, S. 54. 120 StACo, LA A 10.911, Casimir an die Räte, Coburg, 03.08.1597; StACo, LA A 10.912, Hofordnung, Coburg, 24.10.1597 (Entwurf ). Zur Speiseregelung: StACo, LA A 10.913, Speiseordnung, 24.10.1597 (Entwurf ); StACo, LA A 10.917, fol. 3 f., Speiseordnung, 02.02.1600;

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rd. 47.000 Gulden aus, was ungefähr ein Drittel der gesamten Jahreseinnahmen des Landes entsprach. Dabei kämpfte man mit allgemeinen Preissteigerungen für Getreide und tierische Produkte. Nach Müller machten die Hofausgaben ein Viertel bis ein Drittel des Landesetats aus. Auf Basis dieser Zahlen muss in Coburg wohl mit einem höheren prozentualen Anteil gerechnet werden.121 Vieles hing aber auch von den allgemeinen Ansprüchen des Hofes und seiner Bewohner ab. Der hessische Rat Erasmus von Baumbach schrieb dazu 1612: „Darzu ist nunmehr ein Ubermas in Kleidung, Zehrung und andern im gantzen Teutschen Reich aufkommen, das wer nur leben undt den Leutten bekannt sein will, notwendigk sich denselben in etwas zum wenigsten bequemen muss!“122 Unter Casimir erfolgte 1607 die letzte Reform der Hofordnung. Danach beschränkten sich die Vorschläge auf eine flexible und praxisorientierte Optimierung einzelner Bereiche wie der Verbesserung der Küchen-, Speise-, Schlacht- und Backordnung, die mehr Erfolg versprachen. So verköstigte der Hof 1612 nach Umstellung von Naturalleistungen auf Geldzahlungen nur noch 55 Bedienstete. Die restlichen 127 Angestellten erhielten Kostgeld. Dies förderte die weitere Differenzierung des Gesindes bzw. die weitere Zeremonialisierung.123 Auch die Zahl der Angestellten ging stetig zurück und fiel im Jahre 1612 auf 182 Bedienstete, was zu jener Zeit der Größe eines kleinen Fürstenhofes entsprach. Andere Höfe hingegen expandierten in dieser Zeit. So beschäftigten die Kurfürsten bei sich bereits 600 bis 800 Personen.124 Der Coburger Hof kam mit dieser Entwicklung nicht mehr mit. StACo. LA A 11.330, Personenverzeichnis, die nach der neuen Ordnung am Hof gespeist werden, 1597; StACo, LA A 10.863, Gutachten des Geheimen Rats, Coburg, 13.02.1602. 121 StACo, LA A 10.870, fol. 3, Speisung und Kostgeld am Hof betreffend, 1612; StACo, LA A 10.864, fol. 17−19, Rentereisachen; Müller: Fürstenhof, S. 30 f.; Henning: Handbuch Bd. 1, S. 539−542; Münch: Zwiespalt, S. 54 f.; Schwerhoff: Frühe Neuzeit, S. 7. Zu berücksichtigen sind die Auswirkungen der „Kleinen Eiszeit“, einer Periode, in der sich zwischen 1550 und 1700 das Klima merklich abkühlte. Vgl. Münch: Zwiespalt, S. 30−32. Die Preissteigerungen beruhten auf einer steigenden Inflation und einem Bevölkerungswachstum, was zu Engpässen in der Lebensmittelversorgung führte. 122 Zit. Löwenstein: Nervus percuniae, S. 82. 123 StACo, LA A 10.924, Coburger Hofordnung, 1607; StACo, LA A 10.870, fol. 13 f., Speisung und Kostgeld am Hof betreffend, 1612; StACo, LA A 10.871, fol. 5, Rentmeister Georg Hack an Casimir, Coburg, 10.04.1613; Hamm: Hofordnung, S. 135 f. 124 Müller: Fürstenhof, S. 30. Müller weist in diesem Zusammenhang auch auf die gegenteilige Entwicklung einer Hofreduzierung hin. Nach seiner Auffassung hatten diese Reformen nur einen aufschiebenden Charakter, was durch die Entwicklung des Coburger Hofes unterstützt wird.

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Betrachtet man die Gesamtentwicklung der Hofreformen in Coburg, so identifizierte sich Casimir mit dieser Machtstrategie nur schwer. Lediglich nach außen sollte ein anderer Eindruck entstehen. Er selbst lebte in einem inneren Zwiespalt. Dieser drückte sich in einem Gewissenskonflikt zwischen hausväterlich geprägten Sparzwang, humanistischer Erziehung, dem Anspruch nach einer adäquaten Repräsentation des Hofes und der Pflicht zur Fürsorge gegenüber seinem Gesinde, aus. Der fürstlichen Tugend der „magnificentia“ fehlte hier die Ausgewogenheit. Casimir führte daher diese Reformen aus der Not und rationalen Erwägungen und weniger aus innerer Überzeugung durch, was seine Entscheidungskraft teilweise lähmte. Das gilt vor allem für die Finanzpolitik, wo er mehr reagierte als agierte. Der Erfolg hielt sich dabei zunächst in Grenzen. Der Hausvogt Georg Herold brachte es 1613 in einem Brief auf den Punkt, als er schrieb, dass man keine Verbesserungen der Küchen- und Kellerordnungen benötige, wenn sich nur das Gesinde daran halten würde.125 In Bezug auf Moritz von Hessen schreibt Uta Löwenstein: „Von seinen Standesgenossen, denen es in der Regel ähnlich ging, unterschied er sich vielleicht durch größere Skrupel und ein geringeres Geschick, sich praktische Hilfsquellen zu erschließen.“126 Dieses Urteil lässt sich auf Casimir übertragen. Dessen Glück war es, einen Mann wie Nicolaus Zech in seinen Reihen zu haben, der wenigstens versuchte, das finanzielle Chaos zu ordnen und das Geld zielgerichteter auszugeben. Auch der Einsatz von Einzelordnungen als praxisnahe und flexible Antwort hat dem Anschein nach eine Besserung hervorgerufen. Bei deren Festlegung trat Casimir als fürsorglicher Hausvater in Erscheinung. Wer jedoch gegen die Regeln verstieß, wurde bestraft. Schließlich ging es um das Prestige seines Fürstenhofes. Von den vielen Misserfolgen seiner erzieherischen Maßnahmen blieb seine Position als Hausvater unberührt und politisch verlor das Thema nach 1594 deutlich an Brisanz. Außergewöhnlich war diese höfische Entwicklung nicht. Den meisten anderen Fürsten erging es in dieser Frage nicht viel anders.

125 StACo, LA A 10.871, fol. 2, Georg Herold an Casimir, Coburg, 18.04.1613. „Magnificentia“ bedeutet, das rechte Maß in der Entfaltung fürstlichen Aufwands zu erkennen. Vgl. Lippert: Kunst, S. 73. Zur Ordnungspolitik vgl. Kap. 7. 126 Löwenstein: Nervus Pecuniae, S. 93.

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5.8 Mentale und soziokulturelle Spannungsfelder In diesem Umfeld höfischer Prachtentfaltung lebten Casimir und seine Frau Anna. Neben der politischen Komponente spielte bei der Eheschließung der Dynastieerhalt als soziale Bedingung eine wichtige Rolle. So lastete aufgrund dieser und anderer hoher politischer Erwartungen ein massiver Druck auf der Beziehung. Dieses Phänomen lässt sich bei anderen fürstlichen Eheschließungen mit ähnlichem politischem Kalkül feststellen.127 Zunächst schien das Paar mit dem Druck fertig zu werden. Dies belegen zahlreiche Briefe Annas an Casimir, die von ihrer persönlichen Zuneigung zeugen.128 Anfang April 1586 schrieb der Herzog an seine Mutter, dass Anna schwanger sei. Doch als Herzogin Elisabeth im August des gleichen Jahres nach dem Geburtstermin fragte, antwortete Casimir zwei Monate später, dass es mit dem Taufgerät noch Zeit habe. Mitte Dezember 1586 und Ende 1588 vermutete Anna, wiederum schwanger zu sein. Ende April 1589 erwähnte Casimir gegenüber seiner Mutter, dass die Entbindung nun kurz bevorstehe. Kurfürstin Sophie von Sachsen schickte Ende März das Taufgerät. Doch es geschah nichts. Die permanenten Schwangerschaftsgefühle machten das höfische Umfeld zunehmend misstrauisch. War Anna überhaupt schwanger oder spielte sie das nur? Zu einer weiteren psychischen Belastung führte der soziale Druck, einen Erben zu gebären. Maria von Birckfeldt beschrieb dazu eine Szene, die genau diese Belastung widerspiegelte. Als Casimir seine Frau im Sommer 1589 auf die Schwangerschaft ansprach und vermutete, dass eine Geburt nicht zu erwarten sei, erlitt Anna einen Nervenzusammenbruch und drohte mit Suizid, sodass sie mehrere Wochen überwacht werden musste. Der Herzog blieb überfordert zurück. Kruse weist in diesem Kontext auf die Möglichkeit einer Scheinschwangerschaft hin, die durch eine Amenorrhö ausgelöst wurde und möglicherweise als psychische Reaktion Annas auf den Tod ihrer Eltern anzusehen ist.129 127 Weber: Bedeutung der Dynastien, S. 15 f.; Sieder: Ehe, S. 146 f. Unter diesen Voraussetzungen ist die Ehe von Casimirs Patenonkel, dem Pfalzgrafen Casimir von Simmern mit Herzogin Elisabeth von Sachsen entstanden. Sie sollte neben einer engeren Bindung zwischen der Kurpfalz und Kursachsen auch die konfessionellen Spannungen zwischen beiden Ländern überwinden helfen. Vgl. Wolgast: kurpfälzische Beziehungen, S. 17. 128 StACo, LA A 2198, fol. 1−12, Briefe zwischen Anna und Casimir; Haslauer: Neubeginn, S. 26. 129 StACo, LA A 10.554, fol. 19r–v, Birckfeldt an Elisabeth, Heldburg, 30.08.1589. Dort heißt es: „Was die jung Herzogin anlanget zweiffelt mir nicht, E.F.G. werden von der finna wohl vernommen haben, was ich ihr vordessen geschrieben habe, mein arm einfeldig gedancken

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Hier stieß das politische Kalkül auf natürliche Grenzen. Die schon verbreitete rationale Denkweise berücksichtigte nicht die Unberechenbarkeit psychischer Faktoren, die eine Auswirkung auf die Fruchtbarkeit der Frau besitzen konnte. Erasmus von Rotterdam wies zudem auf mögliche soziokulturelle und mentalitätsbedingte Spannungen hin.130 Solche Phänomene dürften die kursächsischen Räte dazu bewogen haben, für Anna einen semikursächsischen Hof in Coburg einzurichten. Sie sollte ihr Leben wie bisher weiterführen. Doch die Ambivalenz zwischen der Lebensart am hausväterlich geprägten Coburger Hof und dem mehr am Zeremoniell orientierten Hof in Dresden ließ sich für die Herzogin nicht überbrücken. Dazu kam, dass sich der höfische Standard wegen der finanziell bescheidenen Verhältnisse nicht durchhalten ließ. Bereits nach der Offenlegung der Renterei-Rechnung von 1587 sanken die höfischen Ausgaben. Das bedeutete eine Einschränkung der Gelage, Spiele und Festlichkeiten. Als Reaktion darauf forderte Anna diesen Lebenswandel weiter ein, wie aus den Briefen Casimirs an seine Eltern hervorgeht. Diese lebten immer noch in bescheidenen Verhältnissen und beobachteten daher die Entwicklung in Coburg mit Missfallen.131 Anna besaß zudem einen unsteten, bis hin zur Zügellosigkeit neigenden Charakter, dem auch ihr Bruder, Kurfürst Christian I., anhing. In Coburg machte sie sich damit unbeliebt. Das Verhalten übertrug sich auf die Ess- und Trinkgewohnheiten und findet sich auch in ihrem wiewohl die Hebam stedt gesaget es sey ein Kindt, wir nun die zeit rumb ist undt 16 Wochen noch dazu, so hat Veit von Heldritts weib und ich mein g.f. Herrn angesprochen, sein f.g. sollten doch die Sache selbst in acht nehmen, so gehett das arme Herlein hin undt saget es der Herzogin, wir hatten sorge es sey kein Kindt, so gibett das weib ein solch herzleidt an undt wil ir kurzumb ein messer ins herz stechen, ich bin die zeit meines lebens in keiner großen not gewessen.Wir haben alle augenblick auf die sehn müssen.“ StACo, LA A 2169, fol. 4, Casimir an Elisabeth, Coburg, 06.04.1586; ebd., fol. 23, Elisabeth an Casimir, Wiener Neustadt, 02.08.1586; ebd., fol. 32, Casimir an Elisabeth, Coburg, 26.10.1586; ebd., fol. 59, Anna an Elisabeth, Coburg, 04.12.1586; StACo, LA A 2087, Casimir an Elisabeth, Coburg, 24.10.1588; StACo, LA A 10.664, fol. 17, Sophie an Anna, Dresden, 26.03.1589; StACo, LA A 2172, fol. 14, Casimir an Elisabeth, Coburg, 30.04.1589; StACo, LA A 2004, fol. 77 f., Birckfeldt an Elisabeth, Heldburg, 28.04.1589; Sieder: Ehe, S. 150; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 202; Knöfel: Dynastie und Prestige, S. 43. Die Befähigung, Nachkommen zu zeugen, war neben der Höhe der Mitgift das Kriterium für eine Heirat. 130 Kohler: Felix Austria, S. 464; Sieder: Ehe, S. 148; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 197−199. 131 StACo, LA A 2170, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 03.07.1587; StACo, LA A 2171, fol. 8, Elisabeth an Casimir, Wiener Neustadt, 23.04.1588. Eventuell handelt es sich auch um eine Schutzbehauptung Casimirs.

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Sexualleben wieder. Casimir setzte gerade beim letzten Punkt wohl nur eine gewisse Reserviertheit entgegen.132 Schließlich offenbart der letzte Aspekt die unterschiedlichen Mentalitäten, die auf den verschiedenen Lebensläufen der Ehepartner beruhten. Die gemeinsame Basis, auf der sich die Ehe gründete, schmälerte sich zusehends. In diesem Kontext brachten Autoren den Vorwurf ein, dass Casimir zunehmend seine Frau vernachlässigt habe, indem er zu Staatsbesuchen und Jagden alleine reiste.133 Gerade dies lässt sich archivalisch nicht nachweisen. Anna begleitete Casimir zu auswärtigen Besuchen, so 1591 nach Wiener Neustadt, als der Herzog seine Eltern dort einmalig besuchte. In einigen Fällen reiste sie mit ihm zu seinen Jagdschlössern. An den Jagdvergnügen selbst nahm sie mindestens einmal teil. Dass Fürstinnen aktiv in das Geschehen dort eingriffen, war seit den 1550er Jahren üblich.134 Die bisher ins Feld geführten Beweise − Briefe Annas an Casimir mit der Bitte, zu ihr zurückzukehren –, sind da kritisch zu bewerten. Ihnen fehlt, bis auf wenige Ausnahmen aus der Verlobungszeit, die Datierung. Auch Standardfloskeln sind dabei zu berücksichtigen.135 132 StACo, LA A 2103, fol. 189, Maria von Birckfeldt an Euphrosine von Teutleben, Heldburg, 16.07.1592. In diesem Brief schreibt Birckfeldt, dass Anna aufbrausend und zornig gewesen sei und dabei ihre Emotionen nicht mal gegenüber ihrer Schwägerin zurückhielt. Kurz darauf hätte sie wieder ein normales Verhalten gezeigt. Zu den Essstörungen vgl. StACo, LA A 2004, fol. 82, Maria von Birckfeldt an Elisabeth, Coburg, 09.06.1589; zum Sexualleben: StACo, Urk  LA A 494, fol. 5, Anna an Casimir, o.D.; fol. 6, Anna an Casimir, o. D.; Nicklas: Christian I. und Christian II., S. 127. 133 Vgl. Schultes: Landesgeschichte, S. 106; Beck: Anna, S. 471; Berbig: Gemahlinnen, S. 70. Der Vorwurf taucht im Zeitalter der Romantik erstmals auf und ist wohl im Zuge der Romantisierung und der literarischen Rezeption der Ehekrise entstanden. Zur Problematik vgl. Boseckert: Leben nach dem Tod, S. 132 f. 134 Einen Überblick über die Reisen des Herzogs mit Anna gewährt die Akte StACo, LA A 1334, Reisen Casimirs und Besuche auswärtiger Fürsten, 1587−99. Darin werden gemeinsame Besuche in Dresden und Heidelberg erwähnt. Ansonsten existieren einzelne Belege in Korrespondenzen. Vgl. StACo, LA A 2170, Johann Ernst an Johann Friedrich den Mittleren, Coburg, 27.06.1587; StACo, LA A 2004, fol. 82, Maria von Birckfeldt an Elisabeth, Coburg, 09.06.1589; StA Co, LA A 10.855, Einnahmen und Ausgaben, beinhaltet auch die Fahrt nach Wiener Neustadt, 1591−93; StACo, LA A 2103, fol. 189, Maria von Birckfeldt an Euphrosine von Teutleben, Heldburg, 16.07.1592. HStAM, 4 f Staaten S, Sachsen-Coburg 4 und 5, Reise Casimirs und seiner Frau durch Hessen, 1590; StACo, LA A 10.676, fol. 56, Casimir an Johann Ernst, Eisfeld, 24.06.1592; StACo, LA A 2282, Aussage Ulrichs von Lichtenstein, Coburg, 19.10.1593, abgedr. bei Hellfeld: Anna, S. 27; Bräuer: Sibylle von Kleve, S. 146. Sibylle von Kleve war die Großmutter Casimirs. 135 StACo, LA A 2198, Briefe Annas an Casimir; StACo Urk  LA A 494, Briefe Annas an Ca-

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Vielmehr scheint um 1590 eine Entwicklung in Gang gekommen sein, welche die Ehe in die Brüche gehen ließ. Dafür gibt es mehrere Hinweise. Zunächst bewirkten die Forderungen der Stände sofortige Sparmaßnahmen und eine Hofreform. Diese Einsparungen mussten über die Reduzierung der höfischen Spiele und Feste erreicht werden. Anna leistete dagegen zumindest öffentlich keinen Widerstand.136 Zudem finden sich Indizien, dass innerhalb der Familie Veränderungen vor sich gingen. So hörten ab Sommer 1589 die Scheinschwangerschaften auf und der kontinuierliche Briefwechsel zwischen Anna und ihren Schwiegereltern ging merklich zurück. Dies wird besonders in den Beziehungen zu ihrer Schwiegermutter deutlich. Nach dem Tod Kurfürstin Annas suchte ihre Tochter einen Mutterersatz und orientierte sich an Herzogin Elisabeth. Doch diese ging zunehmend auf Distanz. Als während der Scheinschwangerschaft von 1589 Anna darum bat, sie möge nach Coburg kommen, vermied Elisabeth eine Reise. Durch Maria von Birckfeldt wusste sie genau, was am Hofe vor sich ging. Anna wandte sich daraufhin von ihr ab und suchte Hilfe bei Herzogin Dorothea Susanna in Weimar. Doch diese Beziehung blieb nicht von Dauer. Die Fürstin starb bereits 1592.137 Der zweifelhafte Ruf Annas blieb den anderen Höfen nicht verborgen. Ihre Schwägerin und Hauptkorrespondenzpartnerin, Kurfürstin Sophie, sprach sie 1590 in einem Brief auf ihre Tugendlosigkeit an und warf ihr eheliche Untreue

simir; Schultes: Landesgeschichte, S. 106. Das Staatsarchiv Coburg verwahrt insgesamt 17 Briefe Annas an Casimir. Davon stammen zehn aus den Jahren 1584 bis 1586. Jeweils einer ist den Jahren 1591 und 1593 zuordenbar. Die restlichen vier sind undatiert. Die von Schultes ins Feld gebrachten Quellen sind undatiert. Er übernahm die Briefe aus dem ersten Band Christian A. Vulpius über die „Curiositäten der physisch-literarisch-artistisch-historischen Vor- und Mitwelt“ von 1811. Vulpius erwähnt darin, dass er die Briefe vom Archivrat Gruner erhielt und diese aus den ersten Jahren der Beziehung stammten. Dies deckt sich mit der chronologischen Analyse. Vgl. Vulpius: Curiositäten Bd. 1, S. 103. 136 StACo, LA A 10.903, fol. 25, Zeugenaussage Nicolaus Zechs, Eisenach, 10.12.1590. 137 Die Analyse des Schriftverkehrs zwischen Anna und ihren Schwiegereltern ergab, dass sie noch 1589 sechs Schreiben, jeweils drei an Johann Friedrich den Mittleren und Elisabeth schickte. 1590 erhielten die beiden nur noch ein Schreiben von ihrer Schwiegertochter. Vgl. StACo, LA A 2172, Korrespondenz Eltern/Söhne, 1589; StACo LA A 2173, Korrespondenz Eltern/Söhne, 1590 und die Korrespondenzen aus anderen Jahren in StACo, LA A 2169−2171. StACo, LA A 2172, fol. 16, Anna an Elisabeth, Coburg, 30.04.1589; ebd., fol. 27, Anna an Elisabeth, Coburg, 27.06.1589; StACo, LA A 10.683, fol. 5, Dorothea Susanna an Casimir, Weimar, 22.12.1589; ThHStAW, Weimarer Archiv, A 194, fol. 97, 103 f., 107−116, 121−124, 140 f., Korrespondenz zwischen Anna und Dorothea Susanna, 1586−91.

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und ein „unhöflich vnd unfürstlich Wesen“ vor.138 Der Brief löste massive Spannungen zwischen Coburg und Dresden aus. Casimir stand in diesem Konflikt hinter seiner Frau. Dabei ging es ihm um seine Fürstenehre und er musste wohl vermuten, dass Kursachsen über diese Methode versuchen wollte, seine Position als Landesherr zu diskreditieren. Er forderte seinen Schwager, Kurfürst Christian I., auf, die Herkunft dieser ehrabschneidenden Behauptungen preiszugeben. Dieser weigerte sich, Auskunft zu geben, und forderte stattdessen die Rückgabe des Briefes der Kurfürstin. Die weitere Diskussion zwischen beiden Fürsten lief ins Leere. Offenkundig belasteten die Vorwürfe die Ehe aber nicht. Hermann Wank machte auf zwei Briefe aus den Jahren 1591/92 aufmerksam, die keinerlei Trübung zwischen den Eheleuten aufwiesen.139 Andererseits lässt sich eine kontinuierliche sexuelle Entfremdung auf Basis unterschiedlicher Vorstellungen zur Auslebung von Sexualität erahnen. Dieses Phänomen war nicht untypisch für ein Herrscherpaar in jener Zeit. Zudem lastete auf ihnen der Druck, einen Thronerben zu zeugen. Infolgedessen begann auf beiden Seiten ein Dualismus ehelicher und außerehelicher Liebschaften, wobei nur Annas Verhalten kritisiert wurde.140 Sie zeigte sich in dieser Frage als emanzipierte junge Frau, ein Umstand, der ihr noch zum Verhängnis werden sollte. Als Hieronymus Scotto 1592 am Coburger Hof weilte, kam nochmals Hoffnung auf. Das Herzogspaar betraute ihn mit der Lösung des Nachwuchsproblems und ihrer sexuellen Entfremdung. Nach heutigen Maßstäben betätigte sich Scotto dabei als „Eheberater“. Für ihn trugen beide die Schuld an dieser Situation.141 Die von Erasmus von Rotterdam prophezeiten mentalen und soziokulturellen Probleme traten bei Anna deutlich ein. Der Druck, einen Erben zu gebären, stieg an bis zum Nervenzusammenbruch und zur Suizidgefahr. Zudem kam 138 StACo, LA A 2279, fol. 2 f., Kurfürstin Sophie an Anna, Frühjahr 1590. Bezüglich der Lebensführung Annas kam die Kurfürstin zum Schluss: „Du wilst immer Kinder haben, unser Hergott möcht dir se wol gebn weil du ein solch gottloß leben fuhrest, und wenn ich wiesen sollte, das daufgeret, das ich dir geschickt hätte, das solche solche lose Kinder darein gedeft sollte werden, so schicks mir er wieder, denn ich gedenk dir nicht zu lassen.“ Tugendhaftigkeit war ein wichtiges Kriterium bei geplanten Verehelichungen beim Adel, vgl. Knöfel: Dynastie und Prestige, S. 43. 139 StACo, LA A 2279, fol. 4 f., 14−19, Korrespondenz zwischen Casimir und Christian I., Mai/ Juni 1590; Wank: Leidensgeschichte, S. 8. 140 StACo, LA A 10.554, fol. 17v, Maria von Birckfeldt an Elisabeth, Coburg, 01.12.1589; StACo, LA A 2279, fol. 2, Kurfürstin Sophie an Anna, o.D.; StACo, LA A 2283, fol. 65−68, Hieronymus Scotto an Casimir, Rostock, 12.02.1594; Sieder: Ehe, S. 156. 141 StACo, LA A 2283, fol. 65r–v, Hieronymus Scotto an Casimir, Rostock, 12.02.1594.

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sie mit der Mentalität am Coburger Hof nicht zurecht, was ihr wohl in ihrer neuen Umgebung Feinde bescherte. Dies wird besonders durch ihr Emanzipationsstreben deutlich. Die Vermutung von Casimirs Eltern, ihr Sohn würde unter dem negativen Einfluss seiner Frau stehen, passt hier gut ins Bild. Gerade die Spannung zwischen dominantem und devotem Auftreten der Herzogin scheint Ehe und Umfeld belastet zu haben und mag Ausdruck eines seelischen Ungleichgewichts gewesen sein. Anna fehlte zudem eine Mutterfigur, an der sie sich hätte orientieren können. Die Gemeinsamkeiten waren unter solchen Einflüssen schnell aufgebraucht und führten schließlich zu einer offenen Ehe, in der beide Partner eigenständige sexuelle Wege gingen. Die schleichende Distanzierung erkannte das Paar und versuchte, diese mit Hilfe von Hieronymus Scotto zu überwinden. So kam 1592 zwischen den Eheleuten noch einmal eine trügerische Hoffnung auf.

5.9 Der Ehebruch Nach siebenjähriger Ehe erfüllten sich nur wenige politische Erwartungen an diese Verbindung. Einer endgültigen Friedenssicherung zwischen Coburg und Dresden stand immer noch die Kustodie Johann Friedrich des Mittleren entgegen. Obwohl sich Casimir Hoffnungen machte, änderte sich an den Haftbedingungen nichts. Dieser Misserfolg enttäuschte ihn. Auf kursächsischer Seite hingegen betrachtete man bis 1593 diese Form der Friedenssicherung als Erfolg. Die Beziehung zwischen Kursachsen und Coburg kann nach Analyse der Korrespondenzen zwischen den fürstlichen Ehepaaren, mit Ausnahme der Ausein­ andersetzung um Annas Ruf, als harmonisch angesehen werden. Ein weiterer Beleg sind die häufigen Aufenthalte Casimirs und Annas in Dresden während der Regierungszeit Christians I. Die Vereinnahmung schien nach außen hin perfekt. So fiel es den kursächsischen Räten auch leichter, nach neuen Reparationen zu verlangen, da die Einkünfte aus den assekurierten Ämtern nicht mehr ihre finanziellen Forderungen deckten. Nach Christians Tod 1591 übernahm Casimirs Cousin Friedrich Wilhelm I. die Vormundschaft über den unmündigen Nachfolger Christian II. Den guten Beziehungen zu Kursachsen tat dies keinen Abbruch, da Casimir mit dem Vormund eine enge Freundschaft verband.142 Was 142 StACo, LA A 10.664, Korrespondenz Annas mit Kurfürstin Sophie von Sachsen, 1586−93; StACo, LA A 2304, fol. 13, Reisen nach Dresden, 1586/87; StACo, LA A 1334, Einladungsschreiben nach Dresden, 1587−89; StACo, LA A 10.554, fol. 7v, Georg von Birckfeldt an

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blieb waren die unterschiedlichen Friedensinterpretationen von beiden Seiten. Sie entwickelten sich zunehmend zu einer Ambivalenz. Hinzu trat das Problem der Dynastiesicherung und die Eheprobleme des Paares. Casimir suchte hier den Rat Hieronymus Scottos. Dieser erwies sich als Scharlatan. Anstatt die Probleme zu beheben und ein Mittel gegen die Kinderlosigkeit zu finden, missbrauchte er seine vertrauliche Position. Er und Anna gingen im Oktober 1592 eine geheime außereheliche Beziehung ein. Anna selbst machte dem Vizehofmarschall Ulrich von Lichtenstein, auf den sie bereits seit 1589 ein Auge geworfen hatte, Avancen. Lichtenstein bemerkte dies erstmals im Sommer 1592 und wies ihre Werbung ab. Erst nach Scottos Aufenthalt und nach Annas massiven Drängen gab er seine Zurückhaltung auf und ging mit der Herzogin eine Liebschaft ein, die bis zum März 1593 andauerte. Lichtenstein blieb hier passiv. Er fürchtete, dass die Beziehung an die Öffentlichkeit käme, was durch Annas Annäherungsversuche im Beisein Casimirs und anderer Höflinge nicht ausgeschlossen werden konnte.143 Eine Zusammenführung der beiden durch Scotto, während seines zweiten Besuches im Frühjahr 1593, scheiterte. Die Autoren sahen in den Affären Annas die Folge einer erfolgreichen, durch Scotto verursachten Hypnose oder posthypnotischen Suggestion. Diese setzte er dazu ein, von der eigenen Beziehung zur Herzogin abzulenken. Als Liebesvermittler trat er wohl schon im Zusammenhang mit dem Kölnischen Krieg (1583−88) in Erscheinung, als er den Kölner Erzbischof Gebhard Truchsess von Waldburg-Trauchburg mit einer Gräfin von Mansfeld zusammenbrachte. Das Ziel des Bischofs war es daraufhin, im Amt zu bleiben und Kurköln zu säkularisieren, was durch bayerische Truppen vereitelt wurde. Im Coburger Fall war die Beziehung zu Lichtenstein nicht die Folge von Scottos Hypnose, sondern beide Affären liefen parallel nebenher.144 Johann Friedrich den Mittleren, Heldburg, 10.03.1589; StACo, LA A 10.667, fol. 4, Friedrich Wilhelm an Casimir, Weimar, 08.07.1588. Die Beziehung wird hier als Bruderschaft bezeichnet. 143 StACo, LA A 2281, Aussage Annas, Coburg, 16.11.1593, abgedr. bei Hellfeld: Anna, S. 20 f.; StACo, LA A 2285, fol. 7−14, Aussage Ulrich von Lichtensteins, Coburg, 19.10.1593 (Konz.). Die Aussage Lichtensteins, dass Anna bereits 1589 ein Blick auf ihn geworfen hatte, fiel der Zensur zum Opfer und findet sich nicht in den offiziellen Dokumenten. Offensichtlich sollte der Schaden, vor allem für Casimir, minimiert werden. 144 StACo, LA A 2282, Offizielle Aussage Ulrich von Lichtensteins, Coburg, 19.10.1593, abgedr. bei Hellfeld: Anna, S. 27. Zur kölnischen Episode Scottos vgl. Schwarzenfeld: Rudolf II., S. 77−83. Zur bisherigen Darstellung des Ehebruchs vgl. Böttcher: Wenig und Bös, S. 77 f.; Opfer-Klinger: Anna, S. 119−128.

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Diese Affären flogen im September 1593 auf, als die Liebesbeziehung zwischen einer Kammerfrau Annas mit einem Hofjunker publik wurde. Bei den nachfolgenden Verhören erzählte die Beschuldigte von den außerehelichen Beziehungen Annas. Derartige Verhältnisse duldete der Hof nicht. Sie verstießen im protestantisch-hausväterlichen Sinne gegen die Sittlichkeit. Zumal untergruben sie Casimirs „religiös-moralische Führungsinstanz“ als „summus episcopus“. Derartige Maßregelungen erfolgten über die Hofordnungen, die sich meistens am Policeyrecht orientierten.145 Wie nun aber reagierte Casimir auf diesen Skandal? Der Herzog schien zunächst überfordert gewesen zu sein. Die Quellen zeugen von einer starken persönlichen Betroffenheit des Fürsten, die vermuten lassen, dass er von den Seitensprüngen seiner Frau keine Ahnung hatte. Dies stellten die Liebhaber der Herzogin im Nachhinein infrage. Zunächst rang er sich durch, Anna und Lichtenstein unter Arrest zu stellen. Danach reiste er zu seinem Cousin, Friedrich Wilhelm I., um ihn zu befragen, wie er in der Sache weiter verfahren solle. Offenkundig wollte er seiner Frau verzeihen und Lichtenstein hinrichten lassen. Doch Friedrich Wilhelm und Johann Friedrich der Mittlere warnten ihn davor, mit zweierlei juristischem Maß zu messen. Dies würde Casimirs Ruf endgültig ruinieren, denn einem humanistisch geprägten Fürsten gebühre die Rachsucht nicht, wenn dies die Verhältnismäßigkeit der Strafen beeinflussen würde. Er solle die Vergehen gegenüber seiner Person eher geringschätzen und deshalb den Tätern bereitwilliger verzeihen.146 Vielmehr solle man beide Ehebrecher nach den geltenden Gesetzen verurteilen. 145 StACo, LA A 10.902, § 4, Hofordnung von 1589; StACo, LA A 2280, Anklageschrift und Aussage Conrad von Vitzthums, Coburg, 4. und 19.10.1593. Die Zeugenaussage der Magd ist heute verschollen. Wüst: Hof und Policey, S. 126, 131; Bauer: höfische Gesellschaft, S. 66; Müller: Schloß als Bild, S. 22. 146 StACo, LA A 2176, fol. 32r–v, Casimir an Johann Friedrich den Mittleren, Coburg, 24.11.1593. Wie überstürzt der Herzog Coburg verließ, geht aus einer Anmerkung Friedrich Wilhelms I. in Bezug auf die Beweisaufnahme vor, die Casimir in dem Brief an seinen Vater erwähnt: „So hat doch Herzog Friedrich Wilhelms Liebden vor ratsam erachtet, das ich beider Personen aussage im beysein beglaubter Personen wiederholen und in ein glaubwürdig Instrument bringen lassen sollte.“ Über seine Hilflosigkeit schrieb er zugleich: „Durch diesen fall genotträngt (= gezwungen) mich vun meiner Gemahlin gänzlich abzusondern undt ihr die, fur vorbringung (= Lösung) halben außer verlegung (= Verlust) meiner Ehren furderns ehrlichen nicht beykommen kann.“ StACo, LA A 2289, Casimir an Thomas Moll, Amtmann von Eisenach, Coburg, 26.10.1593; ebd., Johann Friedrich den Mittleren an Casimir, Wiener Neustadt, 19.12.1593; StACo, LA A 2285, fol. 1, Casimir an den Wachtmeister auf der Veste Coburg, Coburg, 04.10.1593; StACo, LA A 2282, Aussage Ulrich von Lichtensteins,

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Dies sahen auch die Coburger Räte so. Für sie kam eine Vergebung Annas und die Weiterführung der Ehe nicht infrage. Die Indizien sprechen dafür, dass sie über eine Intrige versuchten, den Herzog von seiner Frau zu lösen. Als Vorbild diente die Scheidung des Pfalzgrafen Kasimir von Simmern und seiner Frau Elisabeth, einer Schwester Annas. Deren Trennung wurde 1589 vollzogen, nachdem man Elisabeth Mordabsichten gegenüber ihrem Mann zur Last gelegt hatte. Auch in Coburg kam es gegenüber Anna zu solchen Vorwürfen. Ihre Aussagen dazu widersprachen sich. Das Konsistorium besaß in der Frage kein Aufklärungsinteresse. Schließlich belastete sie sich mit den Tötungsgedanken ohne erkennbaren Grund und Beweislage.147 Erst nach der Bestätigung des Mordkomplotts erkannte Casimir, dass an einer Fortführung der Ehe nicht zu denken war. Für ihn galt es nun, die eigenen außerehelichen Beziehungen zu verheimlichen und damit seine Reputation als Fürst nicht weiter zu beschädigen.148 Zudem waren wohl Kinder mit Anna nicht mehr zu erwarten, womit der Erhalt der Dynastie in Gefahr geriet. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, musste er eine neue mediale und politische Machtstrategie entwickeln. Die Geständnisse Lichtensteins und Annas sowie die offenkundige Schuld Scottos halfen ihm dabei. Nach einigen Beratungen mit seinem Vater und Cousin vollzog er den öffentlichen Bruch von seiner Frau und reichte vor dem Konsistorium die Scheidung ein.149 Da damit die Herzogin in der Öffentlichkeit als alleinige Schuldige dastand, konnte er der kursächsischen Familie einen moralischen Fehltritt nachweisen und sich so als Opfer inszenieren. Das Bild von der tadellosen Dresdner Fürstenfamilie bekam Risse. Umso schlimmer wirkte es, dass ausgerechnet ein Ernestiner dies offenbarte. Casimir wollte nun seine Frau nach Dresden abschieben. Doch

Coburg, 19.10.1593, abgedr. bei Hellfeld: Anna, S. 28; StACo, LA A 2283, fol. 65v, Scotto an Casimir, Rostock, 12.02.1594; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 175−177, 183. 147 StACo, LA   A 2289, Untersuchungsbericht Melchior Bischoffs an Casimir, Coburg, 16.11.1593; StACo, LA A 2281, Zeugenaussage Herzogin Annas, Coburg, 16.11.1593, abgedr. bei Hellfeld: Anna, S. 21 f.; Wolgast: kurpfälzische Beziehungen, S. 20, 25. Die Aussage Annas ist auch deshalb ungewöhnlich, da sie Fragen jeweils nur mit einem „Ja“ beantwortete. Begründungen wie bei der Zeugenaussage von Lichtenstein fehlen. 148 Rabeler: Mätressen, S. 61; Müller: Fürstenhof, S. 25. 149 StACo, LA  A 2176, fol. 32r−33v, Casimir an Johann Friedrich den Mittleren, Coburg, 24.11.1593; StACo, LA A 2286, fol. 1, Casimir an das Konsistorium, 20.11.1593, abgedr. bei Hellfeld: Anna, S. 36 f.

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Friedrich Wilhelm I. lehnte das Ansinnen als Zumutung ab.150 Casimir zeigte sich über die Antwort wenig erfreut. In Bezug auf den Dynastieerhalt eröffnete sich bald eine neue Perspektive. Durch die Scheidung bestand die Möglichkeit einer erneuten Heirat. Diese Option griff Casimir auf. 1595 bemühte er sich um die Herzoginwitwe Ursula von Württemberg, vier Jahre später um die Töchter der Herzoginwitwe Dorothea von Braunschweig-Lüneburg.151 In beiden Fällen entstammten die Ehekandidatinnen aus königlichem Hause: Ursula aus der schwedischen Herrscherdynastie Wasa; Dorothea war eine geborene Prinzessin von Dänemark. Die Wahl belegt, dass Casimir zumindest zweitrangig immer noch an einem sozialen Prestigegewinn interessiert war. Von einer politischen Ehe hielt er aber nichts mehr. Gegenüber Pfalzgraf Karl I. von Zweibrücken-Birkenfeld äußerte er, dass sich eine Heirat nicht über Papier erzwingen lasse, sondern nur durch Zuneigung.152 Casimir verfolgte auch Hieronymus Scotto. Dieser bekam im Frühjahr 1593 von Anna den Auftrag, aus Geldnöten ein Teil ihres Schmucks zu verkaufen. Er bot diesem dem brandenburgischen Markgrafen Georg Friedrich an, der nur an wenigen Stücken Gefallen fand. Mit dem restlichen Schmuck verschwand Scotto nach Norddeutschland. Casimir ließ nach ihm fahnden und suchte dabei die Unterstützung Kaiser Rudolfs II., der ihm ein Patent ausstellte. Doch Scotto besaß noch viele Freunde in wichtigen Positionen, sodass eine Verhaftung misslang. In zwei Briefen an die Coburger Räte und Casimir vom Januar und Februar 1594 rechtfertigte er sein Verhalten und drohte vor dem Konsistorium, die Wahrheit über Casimirs außereheliche Beziehungen zu sagen. Danach verschwand er für einige Jahre nach England und die Fahndung brachte keinen Erfolg. Der restliche Schmuck tauchte nie wieder auf.153 Die Betrügereien Scottos konnten aber der Reputation Casimirs nichts anhaben. 150 StACo, LA A 2289, Casimir an Friedrich Wilhelm, Coburg, 25.11.1593; StACo, LA A 2285, fol. 101 f., Friedrich Wilhelm an Casimir, Torgau, 22.01.1594. In den vorher genannten Signaturen finden sich zahlreiche Briefe zwischen beiden Parteien, wobei die zögerliche Haltung Friedrich Wilhelms in der Frage zum Ausdruck kommt. 151 StACo, LA A 70, fol. 1−5, Michael Schwerdt, Handelsmann an Rentmeister Nicolaus Zech, Dillingen, 22.07.1595; ebd., fol. 6−10, Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg an Herzoginwitwe Dorothea, o.D. 152 StACo, LA A 10.650, fol. 21v, Casimir an Karl, Coburg, 01.01.1598; Knöfel: Dynastie und Prestige, S. 296. 153 Es handelte sich dabei um zwölf Halsketten, 76 Kleinodien und 127 Ringe im Wert von 30.000 Gulden, wovon Markgraf Georg Friedrich eine Halskette, zwei Kleinode und zwölf Ringe erwarb. Er zahlte dafür 8007 Gulden, die er 1596/97 an Casimir überwies. Vgl.

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Am 12. Dezember 1593 fällte das Konsistorium sein Urteil. Darin wurde die Ehe geschieden, Casimir die Möglichkeit der Wiederheirat eingeräumt und die gesamte Mitgift in Höhe von 30.000 Talern dem Herzog zugesprochen. Dafür musste er aber für den Unterhalt der Herzogin sorgen.154 Der Herzog wollte sich durch die Abschiebung nach Dresden dieser Kosten entziehen. Dies wiederum sorgte dort für Ärger, denn Kursachsen forderte vom Herzog die Mitgift zurück. Es entstand darüber ein erbitterter Streit, der acht Jahre später durch das aggressive Verhalten Christians II. in dieser Frage eskalierte. Zudem nutzte Casimir seine persönliche Niederlage zu einem machtpolitischen Triumph über die Albertiner. Ihm gelang es, Kursachsen zu demütigen, so wie Jahre vorher seine Familie gedemütigt worden war. Von einem Frieden zwischen den Verwandten konnte nicht mehr gesprochen werden. Stattdessen brachen beide Parteien die diplomatischen Beziehungen zueinander ab. Es herrschte gegenseitiger Hass. Damit bewahrheitete sich die These Erasmus von Rotterdams, dass durch die Heiratspolitik der Frieden nur kurzfristig zustande kommen konnte.155 Der daraus resultierende Konflikt trugen beide Parteien auf Annas Rücken aus. Bereits im Dezember 1593 kam sie auf Befehl Casimirs in Handfesseln nach Eisenach, wo sie im Zollhof, unter Hausarrest stand. 1597 verlegte man sie ins frühere Zisterzienserinnenkloster Sonnefeld, was bei diesem Vergehen symbolhafter nicht sein konnte. Hier blieb sie bis 1603. Den Rest ihres Lebens verbrachte sie bis 1613 auf der Veste Coburg.156 Die Drohungen Christians II ., seine Tante aus der Kustodie zu befreien und sich die Mitgift zu holen, mag für die Verlegung den Ausschlag gegeben haben. Doch blieb es nur bei hartnäckigen Gerüchten, die aber zu zahlreichen Verhören führten. Dagegen waren in Dresden viele Informationen StACo, LA A 2288, Prozessschriften zwischen Markgraf Georg Friedrich zu Brandenburg und Herzog Johann Casimir zu Sachsen wegen der Kleinodien, so Hieronymus Scottos empfangen und ein theils höchstgedachten Markgrafen zu Kauf gegeben. Die Verfahrensakten zu Scotto mit den dazugehörigen Korrespondenzen bezüglich Rechtshilfeersuchen und den Antwortschreiben des Magiers siehe StACo, LA A 2283. Zum weiteren Schicksal Scottos vgl. Milbourne: Magic, S. 15. 154 StACo, LA A 2286, fol. 47 f., Consistorial-Bescheid, 12.12.1593, abgedr. bei Hellfeld: Anna, S. 49−51. 155 StACo, LA A 2229, Beziehungen zu Kursachsen, 1601/02. Wank: Anna, S. 32; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 195−199. 156 StACo, LA A 2289, Casimir an den Amtmann von Eisenach, Coburg, 26.10.1593; ebd., Casimir an Moritz von Heldritt, Coburg, 16.12.1593; ebd., Casimir an Philipp Eberwein, Schosser zu Sonnefeld, Römhild, 03.11.1597. Die folgende Korrespondenz zwischen Casimir und Eberwein ist abgedr. bei: Wank: Anna, S. 21−23; StACo, LA A 2294, Casimir an Diakon Aldenburg, Coburg, 13.05.1603.

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Höfische Repräsentation und Heiratspolitik

zu Annas Gefangenschaft verloren gegangen, da Friedrich Wilhelm I., die entsprechenden Akten 1601 nach dem Ende der kursächsischen Vormundschaft mitnahm. Sie kamen erst 1608 nach Dresden zurück.157 In diesem Zusammenhang kritisierten schon die Zeitgenossen die Härte, die Casimir an den Tag legte. Der Eisenacher Superintendent Rebhan schrieb in seiner ungedruckten Kirchengeschichte, dass es besser gewesen wäre, Anna diesen Fehltritt zu verzeihen. Das stand aber Casimir nach der Mordintrige nicht im Sinn. Vielmehr interessierte er sich für die Haftbedingungen seiner Ex-Frau, die er nur noch distanzierend „custodirte Person“ nannte.158 Obwohl Anna eine kleine Wohnung zugewiesen wurde und nach außen hin der Eindruck entstand, dass die Herzogin unter stiftsähnlichen Umständen leben würde, waren die Haftbedingungen hart. Casimir gestand ihr lediglich eine Magd und einen Pfarrer zu, der ihr die Beichte abnehmen sollte. Mit weiteren Personen durfte sie nicht reden. Der Pfarrer und die Magd wurden zur Verschwiegenheit verpflichtet.159 In diesen Kontext stellten Heimatforscher die Prägung einer Spottmünze, des sogenannten „Kusstalers“, der angeblich zur Hochzeit Casimirs mit seiner zweiten Frau geprägt wurde. Die Münze zeigt auf der Vorderseite ein sich küssendes Paar und auf der Rückseite eine Nonne mit der Inschrift: „Wer küsst mich armes Nönnelein.“ Die erstmals 1705 publizierte These hält heutigen wissenschaftlichen Analysen nicht stand. Franziska Bachner vermutet ein protestantisches Propagandamittel, welches das Zölibat und das Klosterwesen anprangerte.160 Casimir selbst mag an einer weiteren medialen Inszenierung der Ehekrise kein Interesse gehabt haben. Sie wäre zu Lasten seiner Reputation gegangen. Allerdings drängen sich Parallelen zur Kustodie Johann Friedrichs des Mittleren 157 SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 7187/6, fol. 1 Überschickung der Akten nach Dresden; StACo, LA A 2292, Instruktion Casimirs an Hofmarschall von Gottfahrt, Coburg, 07.05.1603; ebd., Gottfahrt an Casimir, Büttelstedt, 12.05.1603; ebd., Johann von Weimar an Casimir, Weimar, 30.06.1603; Krauss: Nicolaus Zech, S. 89−196. Darin befinden sich zahlreiche gedruckte Quellen über Verhöre zur angeblichen Befreiung Annas, die aus den Akten des Staatsarchivs Coburg, LA A 2295 und 2296 entnommen sind. StACo, LA A 2316, fol. 326 f., Befragung Konrad Feustlings, Schosser zu Sonnefeld, Coburg, 26.08.1603, abgedr. bei Krauss: Nicolaus Zech, S. 198 f. Im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden fanden sich keine Quellen über eine gewaltsame Freilassung Annas aus ihrer Kustodie. Vgl. SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimes Archiv, Loc. 10.562/1, Scheidung Casimirs 1593−96. 158 StACo, LA A 2289, Casimir an Nicolaus Zech, Coburg, 25.09.1600; Wank: Anna, S. 18. 159 StACo, LA A 2289, Korrespondenz zwischen Casimir und dem Sonnefelder Schosser Konrad Feustling; StACo, LA A 2294, Casimir an Diakon Aldenburg, Coburg, 13.05.1603; Böttcher, Wenig und Bös, S. 103. 160 Bachner: Johann Casimir, S. 17 f.

Zusammenfassung

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auf.161 Es scheint, dass Casimir mit der Kustodie Annas eine adäquate Antwort auf die Lebens- und Wohnbedingungen seiner Eltern geben wollte, die er von seinem Besuch her kannte. Das mag ihm Genugtuung gewesen sein. Schließlich kam er durch die Scheidung und das Schuldeingeständnis Annas gut davon, obwohl seine Heiratspolitik wegen der hohen politischen Erwartungen scheiterte.162 Es gelang durch die Heirat nicht, die Freilassung seines Vaters und den Frieden mit Kursachsen zu erreichen. Ebenso wenig musste man in Dresden erkennen, dass die Assimilationsstrategie gescheitert und der Herzog wesentlich eigenständiger agierte als angenommen. Das ab 1573 geführte familiäre Doppelleben Casimirs löste sich unter diesen Bedingungen auf. Zwischen Coburg und Dresden kühlten sich fortan die Beziehungen ab. Ob sich der Herzog von der kursächsischen Nähe befreien konnte, werden die nächsten Kapitel zeigen. Zurück blieb ein enttäuschter und verunsicherter Fürst, der von politischen Ehen genug hatte, aber dafür seine Autorität bewahrte. Dafür sorgte sein Umfeld, dass mit dem Mittel der Intrige Casimirs Enttäuschung über Anna in Hass umschlagen ließ. Der Ehebruch und die kriminelle Energie, die Hieronymus Scotto an den Tag legte, waren für eine mediale Ausschlachtung des Themas nicht geeignet. Dies hätte Casimirs Ansehen peinlich berühren können. Dem Herzog blieb der moralische Triumph über die Albertiner und die Bestrafung Annas und Ulrichs von Lichtenstein.

5.10 Zusammenfassung Der Ausbau des Coburger Hofes unter Casimir geschah in einer Zeit, als die Fürsten im Allgemeinen immer mehr Wert auf die höfische Repräsentation und Inszenierung politischer Macht legten. Dies führte zur Zeremonialisierung der Höfe und zum Rückgang hausväterlicher Lebensweise. Im Vergleich zu anderen Residenzen begann diese Entwicklung in Coburg relativ spät, was vor allem in der Staatsbildung im ernestinschen Sachsen und der langen Vormundschaftsregierung begründet liegt. Hausväterliche und zeremonielle Einflüsse waren 161 Erst im Januar 1593 war dem Herzog nach 26-jähriger Haft der Wunsch nach Ausfahrten gestattet worden, die Johann Friedrich der Mittlere aber aufgrund seiner schlechten Gesundheit nur noch bedingt machen konnte. Vgl. StACo, LA A 2091, fol. 15, Johann Friedrich der Mittlere an Kaiser Rudolf  II ., Wiener Neustadt, 22.04.1593. Vgl. Böttcher: Wenig und Bös, S. 98; Knöfel: Dynastie und Prestige, S. 63. 162 Weber: Bedeutung der Dynastien, S. 18.

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nach 1586 noch allgegenwärtig.163 Besonders Casimir gefiel sich in der Rolle des Hausvaters, was in den Hofordnungen ihren Niederschlag fand. Die Ehe mit Anna von Sachsen offenbarte jedoch die Rückständigkeit des Coburger Hofes gegenüber dem Dresdner Fürstenhaushalt. Dort war die Zeremonialisierung weiter fortgeschritten. Dies führte in Coburg zu einer Ambivalenz, die sich hauptsächlich auf Herzogin Anna und die Landesfinanzen auswirkte. Zeremonielle Einflüsse lassen sich an Casimirs Hof vor allem in zwei Formen ausmachen: 1. in einem alltäglichen Zeremoniell, welches bei der Hofspeisung Anwendung fand, und 2. in einem seltenen Zeremoniell bei den Prozessionen, die im Umfeld von Schießwettbewerben abgehalten wurden. Beides unterstrich zentrale zeremonielle Funktionen, nämlich die Formierung des Hofes und seiner Feste sowie den Aufbau einer Distanz zwischen dem Fürsten und den Untertanen. Casimir gelang es, seinem Hof ein eigenständiges Profil zu geben. Er betrieb dabei eine Politik der maximalen Medialisierung. Dies zeigt sich 1. an der medialen Verbreitung höfischer Musikkunst mittels modernster Drucktechnik, 2. der zeitgenössischen Rezeption seines „theatrum sapientiae“, 3. der öffentlich praktizierten Wissenschaftsförderung, die den Hof mit dem Casimirianum strukturell verband, und 4. an den sogenannten „action games“, die im öffentlichen Raum außerhalb des eigentlichen Hofbezirks abgehalten wurden. Gerhard Heyls Vermutung, dass es Casimirs größte Freude war, „fürstliche Gäste auf großen Festen um sich zu versammeln und ihnen etwas von dem Glanz seines Hofes mitzuteilen“, wird durch diese Untersuchung bestätigt.164 Die Aussage lässt sich sogar erweitern. Denn Casimir ging es darum, dem einfachen Fremden und den eigenen Untertanen den Glanz seines Hofes vorzuführen, indem er sie in die höfische Inszenierung miteinband. Diese mediale Strategie beruhte auf den Ansichten des Erasmus von Rotterdam. Für ihn gehörte es sich, dass ein Fürst mehr in öffentlichen Geschäften tätig ist, als daß er ein zurückgezogenes Leben führt. So oft er in der Öffentlichkeit erscheint, soll er durch seinen Gesichtsausdruck, seinen Gang und vor allem durch seine Art zu reden das Volk erheben, eingedenk, daß alle seine Worte und Taten von der gesamten Öffentlichkeit beobachtet und beurteilt werden. Weise Männer können sich nicht mit dem Brauch der Perser einverstanden erklären, deren Könige ihr Leben hinter vier Wänden verbrachten. Durch Unsichtbarkeit bzw. nur äußerst seltenes Auftreten vor dem Volk suchten sie dessen Hochschätzung zu erwerben. Traten sie einmal in der Öffentlichkeit auf, dann trugen sie nur einen barbarischen Hochmut und zum Schaden des 163 Vgl. dazu die Analyse bei Rahn: Hofzeremoniell, S. 310. 164 Heyl: Johann Casimir, S. 161, 165.

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Volkes maßlose Schätze zur Schau. Die übrige Zeit verbrachten sie mit Spielen oder mit wilden Eroberungszügen, so als ob es nichts gäbe, was ein vortrefflicher Fürst in Friedenszeiten tun könnte, wo doch eine so große Aussaat herrlichster Taten möglich ist, sofern der Fürst nur eine geziemende Gesinnung hat.165

Diese Schwerpunktsetzung diente zur Herausarbeitung einer individuellen höfischen Identität und entsprach einer symbolischen Investition zur Repräsentation von Herrschaft. Dabei ging es um bewusste Orientierung und Abgrenzung zu anderen Höfen. Die Zuweisung zu einem höfischen Idealtypus, wie ihn Bauer in die allgemeine Diskussion gebracht hat, greift hier zu kurz. Beim Ausbau des Hofes musste auf die Beschaffenheit der Landesfinanzen Rücksicht genommen werden. Die Landstände und die fürstlichen Räte trugen diese Problematik Casimir vor, der sich zwischen hausväterlicher Sparsamkeit und zeremoniellem Repräsentationsbedürfnis schwankend zeigte. Seine Sparpolitik war eine Antwort auf diese Kritik. Sie scheiterte, weil sie von Casimir nicht mit letzter Entschiedenheit durchgesetzt und von den Bediensteten nicht mitgetragen wurde. Aber auch äußere Einflüsse wie Preissteigerungen oder schwankende Steuereinnahmen und -ausgaben, machten jegliche Sparpolitik zunichte. Besonders augenfällig ist der Abbruch des Institutionalisierungsprozesses durch die unübliche Auflösung der Hofkammer. An ihre Stelle trat Nicolaus Zech, der damit auf dem Höhepunkt seiner Karriere anlangte. Casimir lavierte hier, als dass er eine klare Linie verfolgte. Die Finanzprobleme bremsten den weiteren zeremoniellen Ausbau des Hofes, verhinderten ihn aber nicht. Der gegenüber dem Dresdner Hof unmodern anmutende Coburger Fürstenhaushalt trug in der Folge mit dazu bei, dass die Ehe zwischen Casimir und Anna scheitern musste. Es gelang eben nicht, die Dresdner Verhältnisse sowohl mental als auch soziokulturell nach Franken zu transportieren. Dazu fehlten die finanziellen Mittel. Dadurch entwickelte sich ein höfisches Spannungsfeld, welches sich im alltäglichen Umfeld der Herzogin äußerte. Die Mitnahme von kursächsischen Bediensteten nach Coburg konnte dies nicht kompensieren. Die Tätigkeit kursächsischer Hofbediensteter unterstreicht aber den kulturellen Einfluss Dresdens auf dem Coburger Hof. Dieser blieb nicht allein. Es fanden sich Kontinuitäten und Traditionen ernestinischen Hoflebens, eigene Interessen des Fürsten, die auf seine Erziehung zurückgingen, und Impulse anderer Höfe, die in Coburg ihre Spuren hinterließen. 165 Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 201.

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Auf der Ehe lasteten weitere Probleme. Die überzogenen politischen Vorstellungen Casimirs und Kursachsens sowie der fehlende Dynastieerhalt drückten auf die Beziehung. Gerade Letzteres belastete das Paar in ihrem Sexualleben und führte bei Anna zu schweren psychischen Problemen. Mit der Scheidung erreichten die Spannungen ihren Höhepunkt und Schluss. Um dem mühsam aufgebauten Fürstenimage von Casimir keinen Schaden zuzufügen, griff sein Umfeld zu Intrigen, die den Herzog als Opfer inszenierten und ihn vor einer Blamage bewahrten, auf die er wohl zusteuerte. Das führte zum völligen Bruch zwischen Herzog und Herzogin. Die mit der Ehe verbundenen Machtvorstellungen erfüllten sich daher nicht. Die Freilassung seines Vaters lag nach der Scheidung in unerreichbarer Ferne. Casimir gelang dafür der soziale Aufstieg innerhalb der vorhandenen Adelshierarchie. Auch musste er sich gegenüber Kursachsen nicht mehr verstellen, wodurch sich die Beziehungen zu den Albertinern verschlechterten. Für Kursachsen bedeutete die Trennung das Scheitern einer seit über 20 Jahren gegenüber Coburg praktizierten Machtstrategie. Leidtragende dieses Aufflammens innerwettinischer Streitigkeiten war Anna, die ebenfalls in einer Kustodie leben musste, was für den Kurfürsten in Anbetracht des Schicksals Johann Friedrichs des Mittleren einer Demütigung gleichkam. Casimirs symbolische Investition zahlte sich in der Gesamtschau aus. Er etablierte sich mit seinem Hof in das polyzentrale Gefüge des Reiches und erfuhr Akzeptanz bei anderen Fürsten, Fremden und Untertanen. Sein ehrgeiziges Ziel, einem dem kurfürstlichen Hof in Dresden ebenbürtigen Fürstenhaushalt aufzubauen und damit den kurfürstlichen Anspruch der Ernestiner zu symbolisieren, scheiterte an der schlechten Finanzlage. Die Einkünfte reichten nur für einen mittelgroßen Fürstenhof. Casimir hatte im innerwettinschen Kampf um die Darstellung höfischer Repräsentation und Inszenierung eine Niederlage erlitten. Gegenüber den Herzögen in Weimar und Eisenach behauptete er sich aber mit seinem Hof. Dementsprechend konnte Casimir dann doch zufrieden auf den Aufbau seines Fürstenhofes blicken und sich anderen symbolischen Investitionen zuwenden.

6. Bauten und Kunstförderung als symbolische Investitionen Neben der höfischen Repräsentation lag Casimirs Augenmerk auf repräsentativen Bauten und Staatsporträts, die als zweiter Eckpfeiler seiner symbolischen Investitionen gelten können. Skulpturen, Gemälde und Architektur dienten in der Renaissance als Medium für die Repräsentation politischer Macht und höfischen Lebens im städtischen Raum.1 Coburg war für eine solche Strategie ideal, da außer dem Schloss Ehrenburg vor allem kirchliche und bürgerliche Bauten das Bild der Residenz prägten.2 Die neue Strategie führte die kulturelle Anlehnung und Abgrenzung gegenüber Kursachsen weiter, was besonders in der Architektur ihren Widerhall fand. Dabei galt es, einen neuen Baustil zu kreieren und, darauf aufbauend, Coburg zu einer Residenzstadt zu formen, die sich mit Dresden messen lassen konnte. Der ernestinische Anspruch auf die Kurwürde hätte so eine symbolische Entsprechung gefunden und gleichzeitig identitätsstiftend für die Person des Herzogs gewirkt. Heiko Laß weist zudem auf die Bedeutung der Architektur als Kompensationsmittel bei Herrscherfamilien hin, denen der Abstieg in die politische Bedeutungslosigkeit drohte. Dieser Aspekt wird nach seiner Meinung unter Johann Friedrich dem Mittleren bei der Errichtung des Französischen Baus auf der Veste Heldburg durch den Baumeister Nikolaus Gromann erstmals deutlich.3 Die Baupolitik Casimirs entsprach demnach einer längerfristigen ernestinischen Strategie, die über seine Regierungszeit hinausging. Daneben bedurfte die Repräsentation der konfessionellen Tradition gegenüber den Albertinern und den benachbarten katholischen Hochstiften Würzburg und Bamberg bedeutende symbolische Investitionen.4 Alles dies musste Casimir berücksichtigen.

6.1 Architektonischer Prototyp Das erste Bauprojekt umfasste den Ausbau der Residenzen von Casimir und seines Bruders Johann Ernst in Coburg und Marksuhl bei Eisenach. Beide Bauprojekte führte im Auftrag Casimirs ab 1589 der aus Straßburg stammende, aber 1 2 3 4

Müller: Kunst als Medium, S. 124. Melville: Formung einer Residenzstadt, S. 28. Lass: Burg und Schloss, S. 22, 24 f. Axmann: Dresden und Rom, S. 104.

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Bauten und Kunstförderung als symbolische Investitionen

in Gotha lebende Baumeister Michael Frey aus.5 Dem Ausbau der Ehrenburg lag die vorhergehende Vergrößerung des Hofes zugrunde. Das Schloss selbst entsprach bereits einem modernen Adelssitz. Casimirs Großonkel Johann Ernst errichtete ab 1543 unter Einbeziehung eines während der Reformation aufgegebenen Franziskanerklosters ein Schloss, das Mitte der 1550er Jahre vollendet wurde. Es umfasste im Kern einen zweiflügeligen Fürstenbau mit Schlossturm und Nebengebäuden. Die Verlagerung fürstlicher Residenzen von Burgen hinab in die Stadt kam damals im deutschsprachigen Raum auf. Schloss Ehrenburg war nach der Residenz Herzog Ludwigs X. von Bayern in Landshut der zweite Fürstensitz nördlich der Alpen, der in die Stadt verlegt wurde.6 Die Verlagerung optimierte im Sinne eines zeremoniellen Hofes die Repräsentation und Inszenierung politischer Macht. Schloss und Stadt standen symbolisch für den Kosmos und die Gesellschaftsordnung, in der Herrscher und Untertanen friedlich miteinander lebten. Visuell wurde dies durch die Verbundenheit bürgerlicher und herrschaftlicher Bauten innerhalb der Stadtmauern sichtbar. Aus der Ära Casimirs sind solche Darstellungen Coburgs bereits bekannt. Als herausragendes Werk gilt der von ihm in Auftrag gegebene „Isselburg-Stich“ von 1626, der den Stolz des Fürsten auf seine Residenzstadt in einem knapp zwei Meter breiten Panoramabild widerspiegelte. Casimirs Bauten sind hier besonders hervorgehoben. Das Bild schufen der Nürnberger Kartograf und Ingenieur Hans Bien und der Coburger Hofmaler Wolfgang Birckner, während den Kupferstich der Kölner Peter Isselburg fertigte.7 Trotz ihrer Modernität besaß die Ehrenburg symbolische Defizite, da im Schlossbau der Renaissance zwei Aspekte an Bedeutung gewannen: die optische Darstellung herrschaftlicher Kontinuität eines Fürstenhauses und die dynastische Memoria an ruhmreichen Taten der Vorfahren. Daher bevorzugten die meisten Regenten unregelmäßige Schlossanlagen mit Häuserkonglomeraten 5 StACo, LA A 11.761, fol. 33, Verzeichnis der Außenstände gegenüber Michael Frey; StACo, LA A 11.762, Abrechnung über die Arbeiten an der Ehrenburg. Axmann: Renaissance, S. LXIX f. 6 Zur Entstehung der Ehrenburg vgl. StACo, LA A 11.729−11.744; die einzelnen Bauabrechnungen vgl. StACo, LA A 11.746, 11.748 und 11.752. Vgl. Axmann: Renaissance, S. LXVI; Loefke: Franziskanerkloster, S. 307−312. 7 Lippert: Kunst, S. 68 f., 73; Ranft, Residenz und Stadt, S. 27; Bachner: Johann Casimir, S. 29−31. Unter dem Aspekt ist auch Herzog Johann Ernsts Kritik an seiner Residenz Marksuhl zu verstehen. Darin weist er auf fehlende Bequemlichkeit und Wohnungen für seine Diener und Räte hin, der in den Städten üblicherweise vorhanden sei. Vgl. StACo, LA C 237, fol. 8v.

Architektonischer Prototyp

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aus verschiedenen Jahrhunderten. Damit gelang die symbolische Darstellung der Dignität und Altehrwürdigkeit einer Dynastie und so die Darstellung der Herrschaftslegitimation durch Tradition. Die Ehrenburg als Schlossbau des 16. Jahrhunderts besaß diese Symbolik im Gegensatz zur Veste Coburg nicht.8 Schon Herzog Johann Ernst erkannte wohl diesen Makel und begegnete dem mit mittelalterlichen militärarchitektonischen Anleihen, um so Herrschaftslegitimation und -kontinuität zu symbolisieren. Moritz von Sachsen, der mit den gleichen symbolischen Problemen kämpfte, ging ähnlich vor, als er ab 1548 das Dresdner Schloss umbauen ließ.9 Auch Casimir sah hier Handlungsbedarf. Er plante daher den ersten größeren Umbau der Ehrenburg. Das Bauprojekt nahm jedoch zu der Zeit Formen an, als Casimir mit den Landständen über die zeitliche Verlängerung der Steuererhebungen verhandelte. In diesem Kontext kritisierte der Landtag die hohen Hofausgaben. Der Schlossumbau hätte unter dieser Voraussetzung wohl wenig Aussicht auf eine Realisierung gehabt. Dem Herzog gelang es aber, das Projekt mit der Forderung der fränkischen Ritterschaft im Fürstentum nach einem immer noch fehlenden Hofgericht zu verbinden. Er schlug vor, Hofgericht und Kanzlei im Schloss unterzubringen: Dieweill auch unser Canzley undt Rathstuben von unseren Fürstlichen Hauße etwas entlegen, So seindt wir entschloßen, ein sonderlichen baw darzu alhier auffrichten zulassen, damit wir nicht allein den Verhörungen selbst beywohnen, welches sonsten bei solcher ungelegenheit nicht wohl zugeschehen, sondern auch teglich undt nach vnser gelegenheit alle stund sehen undt wissen konnen, wie die leute vorhöret und die sache verabschiedet, damit dem armen, So wol als dem reichen mit gleichen recht unter augen gegangen, die sachen vielmehr als vorschleiffet befördert werden.10

Der Landtag bewilligte daraufhin die Finanzierung des Projekts.11 Geplant war der Abbruch der Gebäude, die sich im Süden der zweiflügeligen Schlossanlage 8 9

Müller: Großstruktur, S. 385 f.; Müller: Schloß als Bild, S. 237, 389. Neubauer: Baugeschichte der Ehrenburg, S. 28. Diese Anleihen lassen sich archäologisch in einem Eckturm nachweisen. Vgl. Lass: Etablierung, S. 157, 172; Müller: Schloß als Bild, S. 157; Schütte: Schloss als Wehranlage, S. 252−273. 10 StACo, LReg 318, fol. 6v−7r, Proposition der Herzöge an die Landstände, 1589. Die Kanzlei befand sich seit 1574 in einem Verwaltungsgebäude, der sogenannten Vogtei am Coburger Marktplatz. 11 StACo, LA F 10, fol. 390, Tagesordnung des Landtages von 1589; ebd., fol. 376v, Stellungnahme der Landstände zur Proposition der Herzöge. Der Landtagsabschied hat sich nicht mehr erhalten.

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Bauten und Kunstförderung als symbolische Investitionen

anschlossen und mit dieser einen Hof bildeten. Hier lagen mit dem Hauptportal und der Schaufront der Residenz sensible Punkte. Der Eingang, meist durch ein Schlosstor oder einen Torturm markiert, symbolisierte am deutlichsten die Differenzierung von Herrschafts- und Untertanenbereich und musste deshalb für den Betrachter eine stark repräsentative und wehrhafte Ausstrahlung besitzen.12 Hier setzte Casimir an. Michael Frey errichtete an dieser Stelle zwischen 1590 und 1595 einen zweiflügeligen Trakt mit Treppenturm und Runderker, der mit dem Fürstenbau eine für die Renaissance typisch regelmäßige Vierflügelanlage bildete. Als architektonischen Schmuck fügte er mehrere Zwillingsfenster und Lukarnen-Reihen ein, die aus 16 Zwerchgiebeln bestanden und die dem Fürstenbau und dem Südflügel aufgesetzt wurden.13 Der Baumeister nutzte dabei verschiedene symbolisch-architektonische Elemente der Herrschaftslegitimation. Die Lukarnen dienten z. B. als charakteristisches, auf eine Fernwirkung berechnetes herrschaftliches Abzeichen, was auf dem „Isselburg-Stich“ deutlich hervorsticht. Der Treppenturm symbolisierte in seiner ästhetischen Erscheinung, die Wehrhaftigkeit, Rechtmäßigkeit und Dignität fürstlicher Autorität. Er ergänzte damit den Schlossturm, der vor dem zentralen Fürstenbau stand. Der Eckerker, den die Wettiner häufig rezipierten, diente als Zeichen fürstlicher Tugend. Vorbildhaft für diese architektonisch-symbolische Ausstattung war bei mitteldeutschen Residenzen das von den Ernestinern erbaute Schloss Hartenfels in Torgau, woran sich auch Casimir orientierte.14 Die stärkste Symbolkraft besaß aber das Eingangsportal, das der Gothaer Steinmetz Hans Bischoff für rd. 3000 Gulden um 1595 schuf.15 Gerade die Grenze von Herrschafts- und Untertanenbereich bedurfte durch eine ikonografische Ausstattung wie heraldischen Elementen, allegorischen Figuren und einprägsamen Inschriften einer deutlichen optischen Darstellung. Am Portal der Ehrenburg finden sich dazu das fürstliche Wappen als Identifikationsmerkmal und zwei allegorische Wappenhalter − Pax und Justitia − als Symbole des Friedens nach Psalm 85, 11, den Casimir während seiner Erziehung auswendig 12 Müller: Torturm, S. 403 f.; Müller: Schloß als Bild, S. 133. 13 StACo, LA A 2304, fol. 16v−17r, Handwerkerrechnungen, 1590−93; StACo, LA A 11.761, Mahnbriefe von Handwerkern, 1590−92; StACo, LA A 11.762, fol. 2v−4r, 7v, Verzeichnis und Rechnung aller Arbeiten am Mauer- und Steinwerk, 1596; Müller: Großstruktur, S. 385; Müller: Schloß als Bild, S. 126. 14 Müller: Schloß als Bild, S.  129, 189−191, 253  f., 272; Lippmann: Dächer, S.  392; Morsbach/Titz: Stadt Coburg, S. 326 f. 15 StACo, LA A 11.762, fol. 4v, 6v−7v, Verzeichnis und Rechnung aller Arbeiten am Mauer- und Steinwerk, 1596; Föhl: Coburg, S. 71.

Architektonischer Prototyp

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lernen musste. Die harmonische Verbindung von Frieden und Gerechtigkeit galt in der Frühen Neuzeit als der Idealzustand des Gemeinwesens und als das Ziel einer jeden guten Regierung schlechthin. Augustinus von Hippo brachte dies bei seiner Auslegung des Psalms auf die Formel „Fac iustitiam et habebis pacem“.16 Die Figur der Pax trägt zudem eine Inschriftentafel mit dem ins Deutsche übersetzten Spruch aus der Disticha Catonis (Liber I, 36): „Frid ernert, unfrid verzehrt.“ Das Portal wies damit auf das familiäre Schicksal Casimirs hin und definierte dessen Herrschaftsmotto, welches er sich ab 1598 auch auf Münzen prägen ließ. In Kombination mit den Abbildungen der beiden Herzöge symbolisierten diese Prägungen brüderliche Einigkeit und den Frieden untereinander. Casimir gab damit seiner „auctoritas“ die für ihn entscheidende Herrschertugend.17 Der neue Bau orientierte sich in Konzept, Anlage und Baustil am Dresdner Stadtschloss. Dies zeigt sich in der Symbiose von Stadt und Residenz mittels Einbeziehung der Stadtbefestigung. In Dresden geschah dies durch die bauliche Vereinigung von Schloss und Georgentor, während es in Coburg zur Verbindung mit der städtischen Ostpforte, dem Steintor, kam. In beiden Fällen lag die Schaufront des Schlosses an einer wichtigen Ausfallstraße. Über das große Eingangsportal, das in beiden Fällen stadteinwärts gesehen rechts lag, kam der Besucher in einen Vorhof und schließlich über ein weiteres Tor in den repräsentativen Schlosshof. Lediglich die Anordnung der Höfe und die architektonische Ausführung, die in Coburg schlichter ausfiel, unterschied beide Residenzen voneinander.18 Casimir dokumentierte damit seinen konkurrierenden Anspruch auf Repräsentation kurfürstlicher Macht und spielte so auf eine Ebenbürtigkeit mit den Albertinern an. Er verstand es dabei, nicht nur das kursächsische Baumodell zu kopieren, sondern einen eigenen, aus ernestinischen und albertinischen Einflüssen gespeisten Architekturstil zu kreieren.19 Der neue Flügel symboli16 Albrecht: Portale, S. 410; Müller: Schloß als Bild, S. 140 f.; Morsbach/Titz: Stadt Coburg, S. 326; Kaulbach: Friedensvisionen, S. 299; vgl. Kap. 4.2. 17 Lippert: Kunst, S. 73; Trauthan: Friede Ernehrett, S. 356; Kozinowski/Otto/Russ: Münzen Bd. 1, S. 36, 53−123. Lautenbach: Latein-Deutsch, S. 156. Unter „auctoritas“ versteht man „eine Tugend, die dem Fürsten die Fähigkeit und Stärke verleiht, den Staat nach seinem Willen zu lenken und seine Gebote in ihm durchzusetzen“. Vgl. Simon: Gute Policey, S. 317. 18 Axmann: Dresden und Rom, S. 128; Ranft: Residenz, S. 28; Lass: Etablierung, S. 159 f., 167 f., 171; Nielius: Hornstube, S. 51, Abb. 35. Diese Schaufront verschob sich im 19. Jahrhundert in Richtung des damals angelegten Schlossplatzes. 19 Lass: Etablierung, S. 172; Müller: Schloß als Bild, S. 35, 40. Müller bezeichnet den Baustil

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sierte zudem den staatlichen Aufbau des Landes, da hier die Kanzlei und die Renterei einzogen. Der Trakt stand daher symbolisch für die Verwaltung, die erst den Weg zum Souverän, dargestellt durch den Fürstenbau, ermöglichte.20 Mit dem Ausbau der Ehrenburg gab Casimir seinen architektonisch-repräsentativen Vorstellungen eine Basis, die bei vielen seiner Bauten eine Rolle spielen sollten. Die Flügel waren der erste zaghafte Versuch, Coburg zur Residenzstadt zu formen. Die politischen Machtkonstellationen im Fürstentum − hier die Landstände, da Johann Friedrich der Mittlere, dessen Freilassung und Rückkehr nach Casimirs Auffassung im Bereich des Möglichen lagen − mögen der Grund dafür gewesen sein, dass der Herzog gehemmt in dieser Frage vorging. Er wagte den Bau nur im Kontext des höfischen Ausbaus und der Zusage zu einem Hofgericht. Symbolisch verfügte der neue Trakt mit Turm, Erker, Giebel, Wappen und Tor über alle Elemente der Inszenierung politischer Macht. Dadurch gelang es ihm, die verlangten baulichen Voraussetzungen zur Memoria an die eigenen Vorfahren, hier vor allem an Herzog Johann Ernst, sowie die traditionelle Herrschaftslegitimation, optisch darzustellen. Mit der Fertigstellung des Komplexes endete auch Michael Freys Tätigkeit bei Hofe.21

6.2 Memoria und Rehabilitierung 1594 starb Herzogin Elisabeth in Wiener Neustadt. Casimir ging sogleich mit ungewohnter Entschlossenheit daran, eine Grablege in Auftrag zu geben und den Leichnam seiner Mutter in die Heimat zu überführen. Die neue Grabstätte sollte in Kombination mit einem Epitaph im Chor der Coburger Stadtpfarrkirche St. Moriz errichtet werden. Der Standort entsprach den seit dem Mittelalter gängigen Vorstellungen für solch ein Projekt. Die lutherischen Fürsten griffen diesen, wegen der hohen repräsentativen Ausstrahlung des bedeutendsten Sakralraumes einer Residenz, gerne auf. Damit einher ging die mittelalterliche der Wettiner als „architektonischen Hegemon“, da er Vorbildfunktion für den deutschen Schlossbau erlangte. 20 StACo, LA C 211, fol. 29v, Inventarium Ehrenburg, 1575; StACo, LA F 14.341, fol. 2, Casimir an die Räte, Römhild, 19.02.1601, abgedr. in: Schultes: Landesgeschichte, S. 105; Friedhoff: Burg und Schloss, S. 24; Boseckert: Selbstdarstellung, S. 23; Brunner: Bautätigkeit an Schloss Ehrenburg, S. 162. 21 Frey werden noch einige Bauten zugeschrieben wie das Schloss und der Um- bzw. Neubau der Kirche in Tüngeda sowie der Stadthof des Amtmanns Thomas Moll in Coburg. Vgl. Axmann: Dresden und Rom, S. 125.

Memoria und Rehabilitierung

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Idee der Memoria an die Toten im Reich der Lebenden. Die Zeitgenossen selbst bezeichneten die Grablege als „monument und epitaph“.22 Die Pläne Casimirs stießen bei seinem Vater auf Ablehnung, als jener davon erfuhr. Johann Friedrich der Mittlere hatte schon früh die Stadtkirche zu Weimar als Begräbnisstätte bestimmt. Hier waren seine erste Frau und die beiden früh verstorbenen Söhne beigesetzt. Und hier stiftete er seinen Eltern ein dreiflügeliges Altarbild, das Lucas Cranach d.J. 1552/53 bis 1555 schuf. Die Regelungen des Erfurter Vertrages zwangen aber zur Aufgabe der Grablege.23 Der Widerstand des Vaters kam für Casimir ungelegen. Denn er verfolgte trotz seiner Scheidung das Ziel, eine neue ernestinische Linie zu gründen. Dazu benötigte er eine zentrale Grabstätte für sich und seine Nachkommen. Die sichtbare Verbindung von Memoria und Genealogie hatte sich im Laufe des 16. Jahrhunderts etabliert. Casimir ermöglichte dies, seine Machtlegitimation durch die bestehende Herrschaftstradition der Wettiner, den Kirchenbesuchern symbolisch darzustellen. Der Chorraum entwickelte sich damit zu einem sa­kra­ len Ort fürstlicher Inszenierung. Dem Standort des Epitaphs kam dabei eine große Bedeutung zu. Üblicherweise befanden sich Grabdenkmäler an den Seitenwänden des Chorraums, manchmal im baulichen Verbund mit dem Altar, wenigstens aber in Sichtbeziehung zu diesem und der Kanzel. Damit waren die Toten symbolisch als Hörer der Predigt in den Gottesdienst miteinbezogen. In Coburg wählte man aber den Chorscheitel als geeigneten Standort aus. Dieser Platz im „sanctum sanctorum“ besaß die größte symbolische Ausstrahlungskraft.24 Die Entscheidung war auch durch die bestehende Platznot in der Kirche beeinflusst. Trotz der Reformation blieb nämlich die altkirchliche Ausstattung erhalten. Auch Casimir wollte daran nichts ändern.25 22 StACo, LA A 2134, fol. 11v, Casimir an Herzog Friedrich Wilhelm und Markgraf Georg Friedrich, Coburg, 28.02.1594; fol. 29 f.; ebd., Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 02.03.1594; StACo, LA A 10.607, fol. 2−7, Korrespondenz Casimirs mit Herzog Friedrich-Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, 1620/21; Kruse: Epitaph Teil 2, S. 89, 91; Heck: Grablegen, S. 274; Heck: Genealogie, S. 92; Brinkmann: Grabdenkmäler, S. 263. Die These der Allgegenwart der Verstorbenen auch nach ihrem Tod vertritt vor allem Otto G. Oexle in zahlreichen Aufsätzen. Vgl. Meys: Memoria, S. 20−22, 39, 56. 23 StACo, LA A 2135, fol. 4v, Aufzeichnungen Veit von Heldritts, Wiener Neustadt, 24.10.1594. Zum Bildaltar vgl. Asshoff: Cranach-Altar. Der Altar gilt heute als Hauptwerk der thüringisch-sächsischen Kunst des 16. Jahrhunderts. 24 Heck: Grablegen, S. 275; Belghaus: Bildprogramme, S. 269; Kruse: Epitaph Teil 2, S. 91; Heck: Genealogie, S. 92, 167. 25 Zur früheren Einrichtung der Morizkirche siehe: Kruse: Epitaph Teil 2, S. 7−9.

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Bauten und Kunstförderung als symbolische Investitionen

Mit der Arbeit beauftragte Casimir 1595 den thüringischen Bildhauer Nikolaus Bergner. Dieser gehörte künstlerisch dem Milieu des flämischen Architekten und mainzerischen Hofbaumeisters Georg Robin an. Nach seinen Lehrjahren schuf Bergner 1582 mit dem Waldeck-Epitaph in der Stadtpfarrkirche zu Darmstadt sein erstes Monument. Weiterhin stand er in Diensten der Grafen von Schwarzburg-Arnstadt.26 Zwar gelang es ihm, dem Coburger Epitaph seinen künstlerischen Stempel, eine Mischung aus niederländischer Kunstauffassung und sächsischer Handwerkskunst, aufzudrücken. Die ikonografisch-theologische Ausgestaltung legte aber das Konsistorium fest.27 Im Zentrum stand dabei die biblische Geschichte von Jakob und seinen Söhnen Josef und Benjamin. Diese wies so starke Parallelen zur Beziehung Casimirs zu seinem Vater auf, dass dies den Zeitgenossen ins Auge fiel. Die Heimholung Jakobs aus Ägypten bildet dabei das zentrale Bildmotiv. Die bei Monumenten unübliche Darstellung legitimierte die Beisetzung des Vaters, der 1595 starb und nach Coburg überführt werden musste.28 Neben dieser Szene schuf Bergner eine Reihe vollplastischer Figuren, die auf einem Zwischenpodest vor der Epitaphwand Platz fanden. Hierbei handelte es sich um Standbilder der Familie Johann Friedrichs des Mittleren. Solche Statuen, entweder stehend oder kniend dargestellt, kamen in den 1580er Jahren in Europa in Mode. Ungewöhnlich ist in dem Fall die zentrale Position der Figur Johann Friedrichs auf der sonst freien oder durch ein Kruzifix betonten Mittelachse. Hier korrespondiert die Statue mit der dahinter liegenden Bildwand, die die Heimführung Jakobs zeigt.29 Diese künstlerische Umsetzung besaß in vielerlei Hinsicht Symbolkraft. Casimir schuf mit dem Epitaph ein Denkmal für seinen Vater. Es gelang ihm dabei, auf dessen Schicksal hinzuweisen und ihn als Stammvater einer neuen ernestinischen Linie darzustellen. Die Grablege diente so als genealogisches Programm für alle Nachfahren. Außerdem vermittelte sie den Eindruck, dass ein ehrbarer Mann und kein Geächteter hier bestattet worden sei. Damit kam eine mediale Deutung zum Tragen, die Casimir in einem Brief anlässlich des Todes seines 26 StACo, LA A 11.763, fol. 1, Bergner an Casimir, Rudolstadt, 21.04.1595; ebd., fol. 2 f., Gedingzettel Nikolaus Bergners, Coburg, 02.06.1595. Beide Quellen sind abgedr. bei Schmidt: Nicolaus Bergner, S. 103 f. Biografische Angaben zu Bergner siehe Schmidt: Nicolaus Bergner S. 81−122; Kruse: Epitaph Teil 2, S. 35−79. 27 Kruse: Epitaph Teil 2, S. 43, 93. 28 Vgl. die Kondolenzschreiben an Casimir in StACo, LA A 2135, Heimführung und Bestattung Johann Friedrichs des Mittleren 1595; *Bischoff: Sapientia Fidelivm; *Bapst: Epitaphivum; Brinkmann: Grabdenkmäler, S. 44; Kruse: Epitaph Teil 2, S. 106. 29 Kruse: Epitaph Teil 2, S. 98 f., 106; Heck: Grablegen, S. 275.

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Vaters gegenüber Rudolf  II. definierte. Wie schon eine Generation zuvor, bei Kurfürst Johann Friedrich I., verschob sich die mediale Darstellung vom Geächteten hin zu einem lutherischen Märtyrer. Damit wahrte man das allgemeine Ziel einer Grablege, dem dynastischen Ruhm zu dienen und so das endgültige Urteil über den Toten zu sprechen.30 Ein solches Urteil war bei einem in Reichsacht stehenden Vater umstritten. Dem theologischen Irrweg Johann Friedrichs setzte das Epitaph die lutherische Gesetz-und-Gnade-Ikonografie entgegen, die durch Statuen Mose und Jesus repräsentiert wird. Sie verweist auf die Frömmigkeit und Rechtgläubigkeit Johann Friedrichs sowie auf das lutherische Glaubensbekenntnis Casimirs. Auf diese Darstellung legte man mehr Wert als auf dynastische Würden durch Wappen, die untypischerweise an weniger prominenten Stellen eingefügt wurden.31 Dadurch gelang es, die zumindest moralisch angreifbare Herrschaft der Ernestiner zu begründen. Daneben ging es um Distanz zu Kursachsen. Bereits zu Lebzeiten Kurfürst Augusts existierte im Freiberger Dom eine albertinische Grablege. Casimir nahm wohl daran Anlehnung. Er grenzte sich aber theologisch von diesem Vorbild ab. In Coburg stand die eigentliche Lehre im Zentrum, während Freiberg stärker auf die Herrschaftsrepräsentation ausgerichtet wurde. Das Epitaph trat deshalb bewusst bescheidener auf als das prunkvolle sächsische Vorbild. Durch diese differenzierte Herangehensweise gelang es, den Anspruch einer kurfürstlichen Machtrepräsentation optisch und ideell zu untermauern. Schon die Größe − das Epitaph war mit 13,66 Metern das damals höchste Grabdenkmal im deutschsprachigen Raum – und die Ausstattung entsprachen kurfürstlichem Niveau. Kruse sieht darin eine posthume Rechtfertigung der Politik des Sohnes gegenüber dem Vater, einen Akt der Vaterliebe und den Beweis seines fürstlichen Gestaltungswillens. Die Konkurrenz zum Katholizismus spielte nur bei dem an zentraler Stelle des Epitaphs befindlichen Wahlspruch Johann Friedrichs („Allein Evangelium ist ohne Verlust“, kurz AEIOU) eine Rolle. Dieser kann als Antwort auf die AEIOU-Definition der Habsburger („Alles Erdreich ist Oesterreich unterthan“) gesehen werden kann.32 Mit Gesamtkosten von über 1800 Gulden vollendete Nikolaus Bergner das Epitaph im Jahre 1598.33 30 StACo, LA A 2139, fol. 11−14, Casimir an Rudolf  II., Coburg, 20.05.1595; Boseckert: Selbstdarstellung, S. 21 f.; Kruse: Epitaph Teil 2, S. 99, 115; Heck: Genealogie, S. 94; Andermann: Grablege, S. 180. 31 Meys: Memoria, S. 202, Vgl. Kap. 2. 32 Schmidt: Allein Evangelium, S. 73 f. 33 StACo, LA A 11.763, fol. 9, Abrechnung des Epitaphs 1598, abgedr. bei: Schmidt: Nikolaus

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Daneben entstanden im Chor zwei Grabtumben mit bronzenen Deckplatten aus der Werkstatt des Nürnberger Gießers Benedikt Wurzelbauer und ein prunkvolles Absperrgitter aus Eisen nach Entwürfen des Hofmalers Peter Sengelaub.34 Die Inszenierung und Repräsentation politischer Macht beinhaltete die Umgestaltung des Chores, umfasste aber auch liturgische Handlungen wie Leichenprozessionen. Die Heimholung Johann Friedrichs des Mittleren vollzog sich mit einem bis ins kleinste Detail geplanten Leichenzug, der sich durch Coburg bewegte und damit die gesamte Residenzstadt zur Bühne fürstlicher Repräsentation machte. Als Vorbild für die Beisetzung diente die Trauerzeremonie für Kurfürst August, an der Casimir teilnahm. Damit unterstrich der Herzog den Anspruch auf ein kurfürstlich-höfisches Niveau nochmals deutlich.35 Ebenso nach dem Dresdner Vorbild wollte er die Trauerfeier in einem Kupferstich verewigt wissen. Damit ging er über die übliche mediale Wirkung, die zunächst die Trauerpublizistik umfasste, hinaus. Das Projekt scheiterte aber wegen lückenhafter Aufzeichnungen und der fehlerhaften Erinnerungen der Teilnehmer.36 Der Bau des Epitaphs besaß für die Machtstrategie Casimirs durch die Einheit von dynastischer, personaler und herrschaftlicher Repräsentation eine zentrale Bedeutung, die für protestantische Grabdenkmäler typisch war. Nirgendwo anders stand die Legitimation seiner politischen Macht so im Vordergrund.37 Bergner, S. 106; Lass: Etablierung, S. 157 f.; Boseckert: Selbstdarstellung, S. 22; Kruse: Epitaph Teil 2, S. 95, 97, 230−232, 236, 239; Heck: Grablegen, S. 275; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 210; Brinkmann: Grabmäler, S. 407; Meys: Memoria, S. 62. Eine künstlerische Rezeption an anderen Höfen erfuhr das Epitaph lediglich in Wolfenbüttel. Vgl. StACo, LA A 10.607, fol. 2−7. 34 StACo, LA A 2138, fol. 24v−25r, Abrechnung Trauerfeierlichkeiten 1596; StACo, LA A 11.763, fol. 5, Abrechnung Peter Sengelaub für das Eisengitter, 1596; Grieb: Nürnberger Künstlerlexikon Bd. 1, S. 1712; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 243 f. Lediglich die Bronzeplatte der Herzogin Elisabeth ist Benedikt Wurzelbauer archivalisch zuzuordnen. 35 StACo, LA A 2304, fol. 13, Reise nach Dresden, 1586; StACo, LA A 311, Ordnung für das Trauerzeremoniell Kurfürst Augusts, 1585; StACo, LA A 2136, fol. 44−52, Beschreibung der Trauerprozession Johann Friedrichs des Mittleren, 1595. Die Prozession der Herzogin lässt sich mit Ausnahme der Aufstellungsordnung (StACo, LA A 2135, fol. 16r−17v) nicht mehr rekonstruieren. Brinkmann: Grabdenkmäler, S. 405; vgl. Kap. 5.6.2. 36 StACo, LA A 2136, fol. 1, Casimir an Hofmeister Friedrich von Redwitz, Coburg, 06.07.1596; ebd., fol. 2, Redwitz an Casimir, Hofeck, 12.07.1596; ebd., fol. 4 f., Veit von Heldritt an Casimir, Lichtenberg, 29.10.1597; ebd., fol. 6, Casimir an Redwitz, Coburg, 13.11.1597; ebd., fol. 7, Redwitz an Casimir, Hofeck, 20.11.1597; ebd., fol. 9, Redwitz an Casimir, Hofeck, 18.12.1597; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 269; Brinkmann: Grabdenkmäler, S. 86. 37 Brinkmann: Grabdenkmäler, S. 336, 338.

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Hier ging es um die mediale und memoriale Darstellung des Vaters, dessen Schicksal sich auf Casimirs Herrschaft stark auswirkte. Der Herzog inszenierte ihn als frommen, rechtgläubigen Fürsten, als Märtyrer des lutherischen Glaubens sowie als Stammvater einer neuen Linie, wodurch er für sich und seine Nachfahren die Herrschaftslegitimation und Identität zog. Herzogin Elisabeth spielte in dieser Herrschaftsinszenierung keine Rolle. Parallelen dazu finden sich im Altarbild der Weimarer Stadtpfarrkirche, dass Johann Friedrich der Mittlere für seinen Vater stiftete. In Coburg wiederholte sich diese Stiftungspraxis, wobei Casimir das Schicksal seines Vaters nicht verschwieg. Dies geschah durch die von der Trauerpublizistik verbreitete biblische Geschichte von Jakob und Josef. Empfänger dieser Botschaft waren Untertanen und Fremde, die durch den zentralen Standort des Epitaphs im Chorscheitel sich zwangsläufig damit auseinandersetzen mussten. Das Repräsentationsbedürfnis Casimirs als Fürst und „summus episcopus“ erfasste den gesamten Chorraum, den er durch Künstler ausgestalten ließ. Die Darstellung des Trauerzugs sollte dieses Bedürfnis ergänzen.38 Casimir bewegte sich hier in den üblichen Strategien zur Darstellung politischer und kirchlicher Macht. Im Gegenzug zur Freiberger Grablege entstand das Coburger Epitaph als ein bewusster lutherisch-theologischer und künstlerischer Gegenentwurf. Die Konkurrenz zum katholischen Glauben lässt sich wegen der räumlichen Nähe zu den fränkischen Hochstiften annehmen. Für die weitere Darstellung politisch-legitimierter Macht besaß das Epitaph die Funktion eines Schlüsselbaus.

6.3 Architektonische Symbole der Landesherrschaft Die nächste Stufe der Baupolitik befasste sich um 1600 mit der Errichtung von Verwaltungsgebäuden. Dabei spielte das Ziel, Coburg zu einer Residenz zu formen, noch keine übergeordnete Rolle. Stattdessen zwangen äußere Umstände Casimir dazu, aktiv zu werden. Zwischen Weimar und Coburg entwickelten sich mit den Jahren Separationsbestrebungen, die in erster Linie die gemeinsamen Einrichtungen in Jena (Universität, Gerichtsbehörden) und Saalfeld (Münzstätte) betrafen. Sie beruhten auf Konflikten, die seit dem Erfurter Vertrag zwischen den beiden Fürstentümern unterschwellig immer wieder auftraten. Sie beinhalteten u. a. gegenseitige Geldforderungen, ungeklärte Ritterdienste und Coburger Klagen über die 38 Brinkmann: Grabdenkmäler, S. 45, 358; Meys: Memoria, S. 56.

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Benachteiligung bei den Jenaer Einrichtungen.39 Als Casimir und sein Bruder sich 1596 auf eine Erbteilung verständigten und sich einen neuen separaten Lehensbrief vom Kaiser ausstellen lassen wollten, düpierten sie ihren Cousin Friedrich Wilhelm I. von Weimar. Dieser wusste als Senior der ernestinischen Linie nichts von der Vereinbarung und erfuhr erst durch einen Brief des Reichsoberhaupts vier Monate nach Vertragsschluss davon. Die Beziehungen zu Weimar verschlechterten sich danach rapide. Friedrich Wilhelm fürchtete eine finanzielle Benachteiligung seines Landes und die Verletzung seiner Rechte. Deshalb bat er den Kaiser, die Teilung zu verweigern.40 Rudolf II. lehnte das Ansinnen ab und forderte stattdessen die Parteien auf, sich in den bestehenden Streitfragen zu einigen. Bis dahin sollte die Reichshofkanzlei das Belehnungsverfahren zurückstellen.41 Nach zwei weiteren Tagungen – im Mai und im August 1597 – eskalierte die Situation. Mitte September 1597 kündigten Casimir und sein Bruder die Beteiligung am gemeinsamen Appellationsgericht auf. Die Fürsten nannten wohl als vorgeschobenen Grund, dass sie durch die Einsparungen im Verwaltungsapparat keine Juristen mehr dafür bereitstellen könnten. Als Reaktion darauf ließen die Weimarer Herzöge ihre Vettern wissen, dass ihnen die Gründung einer Universität nebst Hofgericht und Schöppenstuhl freistünde. Damit waren die letzten gemeinsamen Institutionen aufgelöst, denn Casimir kündigte daraufhin seine Beteiligung an der gemeinsamen Münzstätte in Saalfeld auf.42 39 StACo, LA A 2191, Casimir an die Räte (Post-Scriptum), Heidelberg, 19.10.1594; StACo, LA F 12, fol. 147r, Proposition der Herzöge für den Landtag 1598, o.D.; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 43; Beck: Festschrift Casimirianum, S. 7. Die diversen Streitpunkte finden sich im Vertrag von Suhl 1599 (StACo, Urk LA D 26), abgedr. bei Arndt: Archiv der sächsischen Geschichte Bd. 3, S. 412−431. 40 StACo, LA C 252, fol. 35r−38v, Casimir und Johann Ernst an Rudolf II., o.O., 22.01.1597; ebd., fol. 152, Friedrich Wilhelm I. an Casimir, Torgau, 13.03.1597; ebd., fol. 158, Casimir an Friedrich Wilhelm I., Coburg, 23.03.1597; ebd., fol. 170−173, Casimir und Johann Ernst an Friedrich Wilhelm I., Maßfeld, 31.03.1597 (darin ausführliche Darstellung der Erbsonderung); ebd., fol. 316r−317v, Friedrich Wilhelm I. an Rudolf  II., Annaburg, 06.09.1597 (Kopie); StACo, LA B 24, Drei Indulte zum Lehensbrief, Prag, 07.03./31.08./03.11.1597; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 41. ThHStAW, Weimarer Archiv, A 2004, Mutschierung zwischen Casimir und Johann Ernst sowie nachfolgende Streitigkeiten mit Weimar, 1596/97; ThHStAW, Weimarer Archiv, DS 107, fol. 99−163, Beschwerungen wegen der Erbsonderung, 1597. 41 ThStAW Weimarer Archiv, DS 107, fol. 258 f., Rudolf II. an Casimir und Friedrich Wilhelm I., Prag, 28.11.1597; Beck: Festschrift Casimirianum, S. 8. 42 StACo, LA C 252, fol. 178−186, Protokoll über das Treffen der Räte, Eisfeld, 04./05.05.1597; StACo, LA D 335, Casimir und Johann Ernst an Friedrich Wilhelm I., Heldburg, 12.09.1597;

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Im Nachhinein erkannte er, dass die Aufkündigung des Appellationsgerichts ein Fehler gewesen war.43 Tatsächlich verschärften er und sein Bruder durch ihre Politik den Konflikt. Nun stand die Wohlfahrt des Landes auf dem Spiel. Es fehlten schlagartig die oberen Gerichtsinstanzen, eine Hochschule und Münzstätte, wodurch das Verwaltungssystem des Fürstentums einen schweren Schlag erhielt. Es bedurfte daher einer schnellen grundlegenden Neuausrichtung. In dieser Situation wollten die Brüder einen breiten Konsens erreichen und riefen für Mai 1598 einen Landtag in Eisenach ein. Dort kamen die Parteien überein, die fehlenden Institutionen durch eigene Einrichtungen zu ersetzen. Die Herzöge erklärten, dass zur Gründung der neuen Institutionen die Errichtung repräsentativer Gebäude mit einherginge. Da sich die Fürsten außerstande sahen, die Baukosten alleine auf sich zu nehmen, erklärten sich die Landstände bereit, 150.000 Gulden an landesherrlichen Schulden zu übernehmen. Zugleich gewährten sie eine Verlängerung der Land-, Trank- und erhöhten Steuer um drei Jahre, wovon sie als Gegenleistung jeweils einen Heller pro eingenommenen Steuergulden erhielten.44 Sie erkannten die Notwendigkeit neuer Bauten, auch wenn sie mit Casimir in dieser Frage − wegen des beim Ausbau der Ehrenburg zugesagten aber immer noch nicht existierenden Hofgerichts − negative Erfahrungen machten. Mit ihrer positiven Entscheidung legten sie den Grundstein für die zweite Stufe des repräsentativen Ausbaus Coburgs zur Residenzstadt. Casimir mag dies als Chance begriffen haben. Jedenfalls ging er sofort daran, den Aufbau neuer fürstlicher Einrichtungen und den damit verbundenen Bau dementsprechender Gebäude zu fördern.

StACo, LA E 1903, fol. 28 f., Friedrich Wilhelm und Johann an Casimir und Johann Ernst, Weimar, 15.10.1597; StACo, LA F 10.720, fol. 9, Casimir an den Münzverwalter zu Saalfeld, Coburg, 27.04.1598; ThHStAW, Weimarer Archiv, DS 107, fol. 197−219, Korrespondenz zwischen Casimir, Friedrich Wilhelm I., Johann III. und dem Kanzler Gerstenberger, 1597; ThHStAW, Weimarer Archiv, DS 115, Korrespondenz zwischen Casimir und den einzelnen Institutionen, 1597−99. 43 StACo, LA E 1903, fol. 32, Casimir an Johann Ernst, Coburg, 05.12.1597. 44 StACo, LA F 12, fol. 188−191, Landtagsabschied, Eisenach, 03.05.1598; ebd., fol. 146−150, Proposition der Herzöge, o.D. Dort heißt es: „In diesen allen wir dann über das jenigen was vnnß an den Gesambtten Vniversitetskosten wiederumb zu gute gehet, anzulegen Collegy vnnd Schulgebeuden sowohl anndere nottürfftigen außgaben, ein mercklichs vnnd ansehenliches Jherliches werck aufwennden vnnd nachschießen müssen.“ StACo, LA F 4989, fol. 32, Steuermandat, Coburg, 02.04.1599. Ein Gulden entsprach 24 Heller. Vgl. Lotter: Steuer- und Abgabenwesen, S. 38; Melville. Formung zur Residenzstadt, S. 29.

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6.3.1 Die fürstliche Kanzlei Kurz nach Beendigung des Landtages trat eine Hofgerichtsordnung in Kraft, womit den jahrelangen Forderungen der fränkischen Ritter nach einer solchen Einrichtung nachgegeben wurde. Als Tagungsort legte man Coburg fest. Im November 1598 folgte eine Schöppenstuhlordnung, sodass die Eröffnungen der drei Gerichte und die ersten Sitzungen noch im Jahre 1598 stattfanden.45 Während im Rathaus das Hofgericht tagte, fanden Schöppenstuhl und Appellationsgericht in der Ratsstube im Südflügel der Ehrenburg ein Domizil.46 Erst 1601 entschied Casimir aus Raummangel, die Gerichte in einem Neubau am Markt unterzubringen, wohin die Landesregierung nebst Kanzlei, Archiv, Druckerei und Konsistorium verlegt werden sollten. Diese Behörden befanden sich seit 1595 ebenfalls im Südflügel der Ehrenburg, welcher nun der neuen Münzstätte Platz bot.47 Die Entstehungsgeschichte des Neubaus liegt im Dunkeln. Ursprünglich stand an dieser Stelle das sogenannte Vogtei-Kaufhaus, in dem zwischen 1574 und 1595 Regierungsbehörden untergebracht waren und in dem in früheren Zeiten die Vögte als Vertreter des Fürsten residierten. Das Gebäude repräsentierte die Landesherrschaft sowie mit seinen Läden und Bänken den Wohlstand und das Selbstbewusstsein der Kommune. In Kombination mit dem gegenüberliegenden Rathaus bildete das Gebäude zusammen mit dem Marktplatz das politische und wirtschaftliche Zentrum Coburgs. Früh erkannte Casimir das Potenzial des Platzes als Bühne für seine Herrschaftsinszenierung und die Darstellung seines politischen Programms. Im vorhergehenden Kapitel wurde dies im Kontext der Tierhatzen und des Huldigungsaktes angedeutet. Ihm ging es nun darum, 45 StACo, LA F 5143, fol. 6, § 1 Hofgerichtsordnung 25.05.1598; StACo, LA F 5141, Ankündigung der Einrichtung eines Appellations-, Hofgericht und Schöppenstuhl zu Coburg, 23.11.1598; StACo, LA F 6312, fol. 2, Kopialbuch des Hofgerichts, 08.12.1598; StACo, LA F 7728, fol. 1, Appellationsprotokoll, Coburg, 30.11.1598; StACo, LA F 6301, Schöppenstuhlordnung, Coburg, 13.11.1598. Für den Appellationsrat gab es keine eigene Behördenordnung. Aufbau und Zuständigkeit orientierten sich am kursächsischen Appellationsrat. Vgl. Heyl: Zentralbehörden, S. 69. 46 StACo, LA F 14.341, fol. 2, Casimir an die fürstlichen Räte, Römhild, 19.02.1601, abgedr. bei Schultes: Landesgeschichte, S. 105; StACo, LA F 7728, fol. 275v, Appellationsprotokolle; StACo, LA F 72, fol. 1, Casimir an die Räte, o.D. (Konz.). 47 StACo, LA F 14.341, fol. 2v, Casimir an die fürstlichen Räte, Römhild, 19.02.1601, abgedr. bei Schultes: Landesgeschichte, S. 106; StACo, LA F 10.720, fol. 29−33, Eröffnung der Münzstätte, Coburg, 22.03.1600.

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die symbolische Doppeldeutigkeit des Vogtei-Kaufhauses zu beseitigen.48 An dessen Stelle sollte ein fürstlicher Repräsentationsbau die „herrschaftlich-residentielle Inanspruchnahme der Stadt durch Einschluss ihrer wichtigsten Bauten, Straßen, Quartiere und Plätze“ dokumentieren.49 Dies war für die Entwicklung einer Renaissance-Residenzstadt typisch gewesen. Casimir ist mit dem Neubau diesen architektonisch-repräsentativen Schritt erstmals gegangen. 1597 begann der Teil-Abbruch des baufällig gewordenen Kaufhauses. Die Arbeiten an der Fassade des Neubaus waren 1599, der Innenausbau 1601 beendet.50 Welche Intension der Herzog anfangs mit dem Haus verfolgte, lässt sich nicht mehr klären. Die zeitgenössischen Quellen sprechen nur von einem fürstlichen neuen Bau. Nach Heiko Laß war es auf jeden Fall Casimirs Ziel, mit dem Gebäude seine politische Macht und Herrschertugenden im öffentlichen Raum zu visualisieren, wie dies die Albertiner mit dem Dresdner Stadtschloss vorgemacht hatten.51 Die Kanzlei ist daher als architektonische Weiterentwicklung zum Südflügel der Ehrenburg zu sehen. Repräsentative Elemente wie Lukarnen, Doppelfenster, Erker, Prunkportale und fürstliche Wappen fanden wieder Verwendung. Im Unterschied zur Ehrenburg wurde aber noch stärker auf fürstliche Repräsentation Wert gelegt. Dies zeigt sich am Fassadenschmuck. Das von drei Seiten freistehende und mit einer Schaufront zum Markt ausgestattete Gebäude besitzt zwei Giebel und drei Lukarnen, die ebenfalls auf eine Fernwirkung fürstlicher Abzeichen abzielten. Dazu kam die Darstellung von 15 Geharnischten, die als Skulpturen auf Seitengiebeln, Zwerchhäusern, Zwischengesimsen und Giebelabschlüssen aufgestellt wurden. Sie repräsentieren das damals übliche Herrschaftsideal eines Fürsten, der als Heerführer im Krieg sein Land tapfer vor Feinden verteidigte. Damit spielten die Figuren eine imaginäre militärische Macht Casimirs an, die es brauchte, den „wahren“ Glauben zu verteidigen. Daneben besaßen die Geharnischten über ihre Fahnen eine memorial-genealogische Bedeutung. Sie konnten so früheren Landesherrn zugeordnet werden und symbolisierten damit die Herrschaftskontinuität der 48 Lippert: Kunst, S. 69; Boseckert: Kauf- und Warenhäuser Teil I, S. 51−57; Habel: Coburger Stadtgeschichte, S. 57; vgl. Kap. 5.6.3. 49 Ranft: Residenz, S. 28. 50 StACo, LA A 14.341, fol. 5, Casimir an Rentmeister Georg Hack, Coburg, 11.03.1601; StACo, LA A 11.763, fol. 8, Nikolaus Bergner an Casimir, Coburg 19.03.1600, abgedr. bei: Schmidt: Nikolaus Bergner, S. 107 f.; StACo, LReg 7859, fol. 5v, Krämer an Casimir, Coburg, 10.07.1599; Karche: Jahrbücher Bd. III, S. 120. 51 Zur Begrifflichkeit des fürstlichen neuen Baus siehe StACo, LReg 7859; Lass: Etablierung, S. 169−171, 173; Delang: kursächsischer Schloßbau, S. 152.

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Wettiner.52 Die Fassade indes verfügte bis 1819 über eine von Peter Sengelaub gestaltete Außenmalerei, der auch das Gebäude entwarf. Sie bestand aus ganzkörperfigürlichen Darstellungen, die wohl auf antike, vornehmlich römische Persönlichkeiten aus den Bereichen Militär, Politik und Wissenschaft verwiesen. Derartige Wandmalereien kamen im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts auf, wobei die kursächsischen Residenzen wegweisend waren. Typisch für die Renaissance war auch der Rückgriff auf die Errungenschaften des Altertums im politischen und kulturellen Bereich. Antike Gelehrte und Staatsmänner galten so als Vorbild für die Fürsten des 16. Jahrhunderts. Selbst Johann Friedrich der Mittlere ermahnte seine Söhne, sich als Herrscher an römischen Vorbildern zu orientieren. Der bildliche Verweis auf griechische und römische Persönlichkeiten wäre hier eine logische Konsequenz gewesen. Unterstützt wird diese These durch eine heute nicht mehr an der Fassade befindliche lateinische Inschrift, welche Casimirs Herrschaft in einer Kontinuitätslinie mit dem glorreichen Wirken der römischen Kaiser setzte.53 Auch so ließ sich der Herrschaftsanspruch symbolisieren. Erhalten hat sich dagegen die künstlerische Ausstattung der beiden Eckerker, die Peter Sengelaub über zwei Etagen, einer tragenden Säule und mit einer Welschen Haube als Abschluss plante. Diese Bauweise, die nur in Coburg anzutreffen ist, wird deshalb als Coburger Erker bezeichnet. Als Turmderivate waren sie wie in Dresden ein Symbol der Landesherrschaft, traten so aus der Straßenschlucht heraus und waren daher aus einer größeren Entfernung zu sehen. Das von Nikolaus Bergner ausgeführte ikonografische Programm – er schuf auch die 15 Geharnischten-Figuren – spiegelt die Herrschaftsphilosophie und -legitimation des Herzogs wider. Das Bildprogramm besteht zunächst aus 16 Wappen, welche die Titulatur des Fürsten und den politischen Machtanspruch auf die damit verbundenen Territorien symbolisieren.54 Bedeutender sind aber die 52 Boseckert: Selbstdarstellung, S. 24; Morsbach/Titz: Coburg, S. 237; Heck: Grablegen, S. 275. 53 Die Inschrift lautete übersetzt: „Gleich wie Rom zu Augustus Zeit zu glänzen begonnen, als durch des Marmors Pracht wurde der Ziegel ersetzt, so ward unsere Stadt zur Zeit Johann Casimirs schön und herrlich geschmückt durch diesen prächtigen Bau. Mög unser Herzog selbst noch glücklicher sein als Augustus, mögen Treue und Recht immer bewohnen dieses Haus.“ Zit. Karche: Jahrbücher Bd. III, S. 142; StACo, LA A 2157, fol. 5, Johann Friedrich an Casimir und Johann Ernst, Wiener Neustadt, 03.06.1574; Boseckert: Selbstdarstellung, S. 24; Müller: Schloß als Bild, S. 255; Goslar: Renaissancebau, S. 167 f. 54 Gehringer: Wappen, S. 77−88; Boseckert: Selbstdarstellung, S. 24; Lass: Etablierung, S. 165.

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allegorischen Darstellungen der von Casimir präferierten fürstlichen Tugenden. Als Halbrelief entstanden Bildnisse der Justitia (Gerechtigkeit), Fides (Glaube), Spes (Hoffnung) und Caritas (Nächstenliebe). Die Erker sind daher typische Zeichen dieser Tugendhaftigkeit, die auf die ethische Verantwortung eines weisen und gerechten Fürsten hindeuten. Sie mahnen symbolisch den Monarchen, bei seiner Herrschaftsausübung es nicht an Opfermut, Klugheit, Tapferkeit und Selbstüberwindung mangeln zu lassen. Daneben spielt die symbolische Darstellung der Verteidigung des Protestantismus mit hinein und mag vor allem an katholische Besucher gerichtet gewesen sein. Als Vorbild für die Ikonografie kämen Arbeiten aus Dresden infrage, wo sich die Hofarchitektur ebenfalls durch ein aufwendiges Bildprogramm auszeichnete. Inhaltlich stimmte dieses kursächsische Programm mit dem am Kanzleigebäude überein.55 Am Ende sei auf die beiden Eingangsportale hingewiesen, die sich nicht an der Schauseite, sondern an den jeweiligen Seitenfronten befanden. Das mit einer Freitreppe versehene und im 18. Jahrhundert zugemauerte Hauptportal lag auf Höhe des ersten Obergeschosses an der Ostseite des Gebäudes und korrespondierte über eine Blickachse mit der Ehrenburg. Damit kam eine städtebauliche Orientierung zum Residenzschloss zum Tragen, die auch in anderen Städten genutzt wurde.56 Das westliche Eingangsportal entsprach dagegen trotz seiner repräsentativen Ausgestaltung mit allegorischen Figuren und heraldischen Elementen – hier diente wiederum das Wappen Casimirs als Identifikationsmerkmal – nur einem Nebeneingang. Dennoch wird hier wie beim Schlossportal der Ehrenburg dessen grenzziehende Funktion zwischen Herrschafts- und Untertanenbereich deutlich. Das hier formulierte Bauprogramm orientierte sich indes so stark am wettinischen Schlossbau, dass die Errichtung eines Stadthofes für Casimir naheliegen würde. Dafür spricht, dass sich Peter Sengelaub architektonisch wohl am Fürstenhaus zu Leipzig orientierte, in dem Casimir während seines Studienauf­ enthaltes lebte. Mit dem Haus verband der Fürst wohl positive Erinnerungen. Die Einrichtung einer fürstlichen Wohnung in einem ähnlichen Bau wäre da nur ein kurzer Gedankengang. Dagegen spricht, dass sich von 1600 bis 1601 in dem Neubau eine Trinkstube für Beamte und vornehme Bürger befand. Eine 55 Müller: Schloß als Bild, S. 129, 253 f., 272; Boseckert, Selbstdarstellung, S. 24; Lass: Etablierung, S. 165. 56 StACo, LA F 14.341, fol. 8 f., Grundrisse Kanzlei, abgedr. bei Axmann: Dresden und Rom, S. 116; Friedhoff: Architektonische Verzahnung, S. 246; Morsbach/Titz: Stadt Coburg, S. 237; Lehfeldt/Voss: Bau- und Kunstdenkmäler, S. 250−254.

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solche Einrichtung ist aber untypisch für eine Residenz.57 Zudem blieben die aus der Zeit des Kaufhauses bestehenden 16 Kramläden erhalten, die in den Neubau integriert wurden. Die Inhaber beteiligten sich sogar mit 128 Gulden an den Baukosten. Als Gegenleistung errichtete Casimir für sie einen säulengestützten Laubengang, unter dem die Krämer ihre Ware feilbieten konnten. Die Existenz solcher Läden lässt sich aber nur bei Verwaltungsgebäuden, wie in diesem Fall, nachweisen. Bei fürstlichen Residenzen fehlen sie völlig. Dass die Läden bestehen blieben, lag nach der Meinung Walter Föhls an deren symbolischer Bedeutung. Fürstliche Verwaltungstätigkeit und städtisches Markttreiben stellten hier das patriarchalische Zusammenleben von Bürgerschaft und Obrigkeit dar.58 Auch die Architektur kann nicht als Beweis für eine Residenz angenommen werden, da diese gemeinhin als Vorbild für die Gestaltung von Verwaltungsgebäuden diente.59 Der von Casimir befohlene Einzug landesherrschaftlicher Behörden in das neue Gebäude ließ dessen symbolische Bedeutung zur Entfaltung kommen. Die Genese vom Vogtei-Kaufhaus zur Kanzlei bezeugte zum einen die Kontinuität des Standorts als höherer Verwaltungssitz und die optische Machtverschiebung vom Stadtregiment hin zur Landesherrschaft. Der Bau nahm aufgrund seines Standortes das gesamte Sonnenlicht auf und stellte damit das gegenüberliegende Rathaus sprichwörtlich in den Schatten. Architektonisch lagen die Unterschiede zwischen beiden Gebäuden in Größe und Erkerzahl – das Rathaus besaß lediglich einen – sowie der künstlerischen Ausschmückung. Damit avancierte die Kanzlei zum prächtigsten Bau am Markt und zeigte damit frühbarocke Züge der Herrschaftsdarstellung.60 Nicht mehr das Stadtregiment besaß das prächtigste Haus, sondern der Fürst, der damit den Wohlstand seines Landes und seiner 57 StACo, LA A 2227, Trinkstubenverordnung, Coburg, 12.02.1600; StACo, LA F 7734, fol. 35 f., Erträge der Trinkstube, 1601−03; StACo, LReg 5601, fol. 214v–216r, Kaufvertrag zwischen Casimir und Peter Popp, 1600; ebd., fol. 326, Kauf- und Befreiungsurkunde für Georg Hack, Coburg, 12.07.1604; StACo, LA F 8206, fol. 16, Kaufurkunde Casimirs, 03.02.1601; StA Co, LA F 14.341, fol. 3, Casimir an die Räte, Römhild, 19.02.1601, abgedr. bei Schultes: Landesgeschichte, S. 105 f. Casimir entschied 1601, die Trinkstube aus Platzgründen in den früheren Stadthof seines Kammerschreibers Popp zu verlegen, den er im November 1600 erwarb. Das Haus war auch als Kanzlei im Gespräch. Vgl. Boseckert: Trinkstube, S. 13. 58 Föhl: Coburg, S. 39; StACo, LReg 7859, fol. 13, Extrakt aus der Amtsrechnung von Walpurgis 1600, Coburg, 06.07.1731; ebd., fol. 1−91. Briefwechsel zwischen Casimir und den Kramhändlern. 59 Goslar: Renaissancebau, S. 166. Goslar verweist hier auf das Rathaus von Altenburg. 60 Fiedler: Baukunst, S. CXVIII; Boseckert: Selbstdarstellung, S. 23 f.

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eigenen Person dokumentierte. Diese symbolische Überwölbung verstärkte die bestehende Kontrastierung von städtischer und fürstlicher Macht. Sie wurde durch die Rathaus-Architektur abgefedert, die als Symbol bürgerlicher Machtdarstellung fungierte, aber auch als Sinnbild für die Einbindung des Stadtregiments in das fürstliche Rechts- und Verwaltungssystem stand. Damit ordnete sich die Stadt Casimirs Herrschaftsanspruch auch optisch unter.61 Insgesamt 15.249 Gulden kostete der Bau, wovon die Malerarbeiten Peter Sengelaubs 1023 Gulden, die Bildhauerarbeit Nikolaus Bergners 197 Gulden und die Steinmetzarbeiten 352 Gulden ausmachten.62 Vermeintliche Kritik der Landstände umging Casimir, indem er sie in den Prozess der Institutionalisierung mit einband. Sie erhielten im Gegenzug das lang geforderte Hofgericht und eine Beteiligung an den Steuereinnahmen, mussten aber einen Teil der Landesschulden übernehmen. Die repräsentative Ausstrahlung der Kanzlei ist vergleichbar mit der des Epitaphs, was vor allem durch die großzügige künstlerische Gestaltung unterstrichen wird. Das Gebäude vereinigte wie die Grablege Herrschaftsdarstellung und -legitimation in einem. Der Südflügel der Ehrenburg kann nur als erster, noch schüchterner Versuch einer auf Repräsentation ausgerichteten Baupolitik gesehen werden. Lass’ Vergleich von Kanzlei und Dresdner Stadtschloss ist demnach stimmig. Casimir gelang es am zentral liegenden Markt, seine Macht optisch darzustellen und die Symbolisierung kommunaler Macht zurückzufahren. An Rathaus und Kanzlei konnte der Betrachter die politische Hierarchie in Coburg erkennen. Standort, Bildprogramm und höfische Feste taten das übrige dazu, den Bau als Machtkulisse in Szene zu setzen. 6.3.2 Die hohe Landesschule Casimirianum Nachdem der Landtag 1598 die Gründung einer Landesschule für die Fürstentümer Coburg und Eisenach beschlossen hatte, ging Casimir ohne Erfolg daran, die ersten Gelehrten anzuwerben. In der Frage des Schulhausneubaus hielt er sich anfangs aus politischen Gründen zurück. Im Gegensatz zu den Justizbehörden stand in der Frage der Universitätsbeteiligung eine endgültige Entscheidung noch aus. Auf ein Machtwort Kaiser Rudolfs II. folgten weitere Verhandlungen zwischen den Ernestinern, um die strittigen Fragen zu klären. Mit dem Suhler Vertrag vom August 1599 kam es zu einer ersten Einigung. Darin 61 Lippert: Kunst, S. 69, 74; Müller: Schloss als Bild, S. 362. 62 Karche: Jahrbücher Bd. III, S. 120.

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vereinbarten die Fürsten, die Universität Jena als gemeinsame ernestinische Einrichtung bestehen zu lassen. Casimir behielt sich aber die Gründung einer eigenen Hochschule vor.63 Dieser Vergleich wirkte wie ein Katalysator auf die Realisierung des Projektes. Im Januar 1600 trafen sich die fürstlichen Räte, um über den künftigen Standort der Landesschule zu beraten. Die Wahl fiel auf das Areal des Ratskornhauses am Kirchhof, schräg gegenüber der Morizkirche. Die Standortkriterien orientierten sich an denen des Kanzleigebäudes. Der Kirchhof war zu jener Zeit der zweitgrößte Platz Coburgs, an welchem ein Symbol landesherrschaftlicher Macht fehlte. Auch schien eine symbolische Überformung zu Lasten der Stadt möglich zu sein wie auch eine Symbiose des Schulhauses mit der Morizkirche als „geistig-geistliche Ausbildungsstätte“.64 Casimir griff in die Baumaßnahmen ein und bestimmte die Raumaufteilung des Hauses, das über einige Vorlesungssäle (Auditoria), ein Rektorat, Kalefaktorium und Wirtschaftsräume verfügen sollte. Auch an Versorgungseinrichtungen zur Speisung der Schüler, die in einem nahegelegenen Konvikt lebten, sparte er nicht. Er wies zudem der Stadt ein Gebäude als neuen Kornspeicher zu.65 Die Kombination von Landesschule und Internat findet sich häufig als Bestandteil universitärer Infrastruktur. Daran orientierte sich auch die Architektur. Ein seit Ende des 14. Jahrhunderts angewendeter Bautypus bestand aus einem Haupthaus und mehreren Nebengebäuden, die um einen Innenhof gruppiert waren. Dabei besaß das Schulhaus die größte repräsentative Wirkung.66 Hier findet sich das typische casimirianische Bauprogramm mit Treppenturm, Lukarnen, Doppelfenstern und zwei Volutengiebeln gen Norden und Süden. Die zum künstlerischen Repertoire zählenden Portale fallen allerdings schlichter aus als noch bei der Ehrenburg oder der Kanzlei. Hier verzichtete der verantwortliche Baumeister Peter Sengelaub auf allegorische Darstellungen und Wappen. Stattdessen griff er auf andere künstlerische Mittel zurück. Eine große Ausstrahlungskraft besaß die bereits erwähnte, über zwei Etagen laufende Wandbemalung. Sie stellte allegorisch die an der Landesschule gelehrten Fächer 63 StACo, Urk LA D 26, Vertrag von Suhl, 07.08.1599, abgedr. bei: Arndt: Archiv der sächsischen Geschichte Bd. III, S. 425−427; StACo, Urk LA E 498, Stiftungsurkunde, Coburg, 03.07.1605, abgedr. bei Beck: Casimirianum, S. 39; StACo, LA E 1903, diverse Abwerbeversuche ab fol. 63; Beck: Casimirianum, S. 13. 64 StACo, LA F 7731, fol. 5, Memorialbuch, Coburg, 23.01.1600; Morsbach/Titz: Stadt Coburg, S. 98. Lass: Etablierung, S. 173; Fiedler: Baukunst, S. CXVIII. 65 StACo, StA-Urk 468, Kaufvertrag zwischen Casimir und Thomas Moll wegen eines Kornhauses, Oeslau, 02.02.1607; Briegleb: Geschichte Casimirianum, S. 218 f. 66 Goslar: Renaissancebau, S. 158.

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Theologie, Jurisprudenz, Philosophie und Medizin in Form der sieben freien Künste und der sieben freien Tugenden dar. Der Verweis auf die Theologie belegt den für die Ernestiner wichtigen Anspruch, den „reinen“ lutherischen Glauben zu lehren. Das von Sengelaub entworfene Wandgemälde symbolisierte in seiner Gesamtheit das Bekenntnis des Landesherrn zum Humanismus. Ein mögliches Vorbild dürfte das Dresdner Stadtschloss gewesen sein, dem man eine gewisse Formverwandtschaft zum Schulbau attestieren kann. Nicht von ungefähr bezeichnet Rembrant Fiedler die Bemalung als „ikonographisches Gesamtkunstwerk“ dieser Geisteshaltung, Casimir selbst sprach von einem kostbar ansehnlichen Gebäude.67 Bestandteil dieses Wandgemäldes war auch eine Statue des Herzogs, die als Ganzkörperfigur auf Höhe des ersten Obergeschosses an der nordöstlichen Haus­ ecke in Blickrichtung zur Morizkirche errichtet wurde. Die Figur schuf Nikolaus Bergner. Casimir inszenierte sich so schon zu Lebzeiten als Stifter und Förderer der Bildung und Wissenschaften und mehrte damit seinen Ruhm. Sein Blick richtet sich dabei auf die Morizkirche, wodurch sich ein theologischer Aspekt einstellt. Die Figur zeigt Casimir als „summus episcopus“ und als Bewahrer und Förderer des „reinen“ Luthertums. Die Empfänger dieser Botschaft waren daher Lehrer, Studenten und Kirchgänger, die an der Statue vorbeigingen, um den Gottesdienst zu besuchen. Deren überhöhter Standort symbolisierte zudem das Bemühen um würdevolle Distanz zwischen Herzog und Untertanen. In Bezug auf die Schulgemeinschaft besaß das Denkmal eine Memorialfunktion, die durch den Akt einer Bekränzung der Statue bis heute gepflegt wird.68 Obwohl an der Hausecke befindlich, besetzt die Figur die zentrale Position in der Schaufront des Gebäudes. Sie ersetzt damit den sonst bei Casimir üblichen Erker. Goslar weist in diesem Kontext auf den schwierigen Grundstückszuschnitt und das abschüssige Gelände hin, der die zentrale Perspektive über die nördliche 67 StACo, LA F 14, fol. 121v, Proposition der Herzöge an den Landtag, Gotha, 24.09.1605. Darin steht, dass „wir Hertzogk Johann Casimir, die costbarlichen ahnsehnlichen gebeude, der neuen Landschulenn vnnd Gymnasy zue Coburgk verführett“ haben. Fiedler: Baukunst, S. CXVIII; Goslar: Renaissancebau, S. 167 f.; Müller: Schloss als Bild, S. 255; Axmann: Renaissance, S. LXXII; Föhl: Coburg, S. 46; vgl. Kap. 4.2 und 5.5.2. 68 Lippert: Kunst, S. 74; Boseckert: Selbstdarstellung, S. 27; Melville: Formung einer Residenzstadt, S. 29, 35 f.; Axmann: Renaissance, S.  LXXII f.; Boseckert: Leben nach dem Tod, S. 143−145; Hübner: Brauchtum am Casimirianum, S. 59−88. Die Statue Casimirs musste schon 1629 wegen Beschädigungen ersetzt werden. Den Auftrag hierfür erhielt der Steinbildhauer Veit Dümpel. Eine Bekränzung der Statue ist erst seit den 1820er Jahren nachweisbar.

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Giebelfront in Richtung östliche Traufseite und die Hausecke verschob. Dort erreichte man das repräsentative Optimum. Die beiden wichtigsten Räume der Schule, die Auditorien, lagen daher an dieser Ecke.69 Zu dieser Inszenierung des Herzogs gehören das neben dem Denkmal befindliche herzogliche Wappen als Identifikationsmerkmal und die Gründungsinschrift, welche die Intentionen Casimirs zum Schulbau wiedergeben. Das hier erstmals so bezeichnete Gymnasium sollte zum Schmucke Frankens gereichen.70 Das Schulhaus entstand zwischen 1601 und 1604. Die Eröffnung als Gymnasium Casimirianum erfolgte am 3. Juli 1605. Nach Karche betrugen die Baukosten rd. 18.500 Gulden. Davon erhielt Peter Sengelaub einen Lohn von 247 Gulden, Nikolaus Bergner für seine Arbeit an Denkmal, Inschriftentafel und Wappen 148 Gulden und der Tüncher Johann Schnabel, der die Innen- und Außenmalereien durchführte, 300 Gulden.71 Das Bauwerk verwies mit seiner künstlerischen Ausgestaltung auf einen neuen Schwerpunkt in der Machtdarstellung Casimirs. Es zeigte ihn als Förderer der Wissenschaft und als fürsorglichen Landesvater, dem es um die Förderung der Jugend ging. Dafür stand auch die Einrichtung eines Konvikts für minderbemittelte Schüler, deren ehrgeiziges Ziel es war, die Universität zu besuchen. Das Casimirianum offenbarte auch seine theologische Rolle, die durch die geografische Symbiose zur Morizkirche unterstrichen wird. Schule und Kirche waren hier stark miteinander verwoben. Im Gotteshaus sollte schließlich das „wahre“ Wort Gottes gesprochen, im Gymnasium dieses aber gelehrt werden. Die Casimir-Statue, die als Mittelpunkt der zentralen Blickachse bereits eine hohe symbolische Bedeutung für das Schulhaus 69 StACo, LA F 7731, fol. 45, Memorialbuch, Coburg, 23.02.1601; Goslar: Renaissancebau, S. 159−164. 70 Der Text der Inschrift lautet aus dem Lateinischen übersetzt: „Zum Ruhm des besten und größten Gottes, des Schöpfers, und seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn und Heilands, und des Heiligen Geistes, unseres Heilbringers und Trösters, hat Johann Casimir, Herzog von Sachsen, Landgraf von Thüringen, Markgraf von Meißen usw., durch die Gnade ebendieses Gottes sowohl aus eigener Frömmigkeit und wohlwollender Zuneigung zu seinen Untertanen als auch durch das Vorbild seines Großvaters und seiner hochlöblichen Vorfahren bewogen, dieses Gymnasium als einen Tempel der wahren und auf das Wort Gottes gegründeten Religion, als eine Werkstätte und Heimstatt der Tugenden, der freien Künste und der hauptsächlichsten Sprachen, sowie als Pflanzschule, als Schutz und Schmuck der Kirche und des Staates erbaut, eingerichtet, ausgestattet und dadurch Franken geschmückt.“ Vgl. Oertel/Wunderer: Salve, S. 23. 71 StACo, Urk LA E 498, Stiftungsurkunde, 03.07.1605; Karche: Jahrbücher Bd. III, S. 126. In den Archivalien ist lediglich eine Teilabrechnung aus dem Jahre 1602 erhalten. Vgl. StACo, LA F 7732, fol. 7v.

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besaß, erhielt zusätzlich noch die Funktion eines Bindeglieds beider Facetten theologischer Ausbildung und Ausübung. Das Casimirianum stellt damit eine architektonisch-symbolische Ergänzung zur Kanzlei dar, wo Casimirs politische Macht im Blickpunkt der Visualisierung stand. 6.3.3 Zusammenfassung Die Auseinandersetzung mit Weimar nutzte Casimir ab 1597 zum repräsentativen Ausbau seiner Residenzstadt Coburg. Dabei besetzte er die beiden wichtigsten Plätze der Stadt mit seinen Bauten. In beiden Fällen mussten städtische Repräsentationsbauten wie das Kaufhaus und das Ratskornhaus weichen. Beide Gebäude, die Kanzlei und das Casimirianum, setzten dabei unterschiedliche Akzente einer typischen Fürstenherrschaft in der Frühen Neuzeit. Während die Kanzlei die weltliche politische Macht des Fürsten im Kontrast zum Rathaus symbolisierte, stand das Casimirianum im Zusammenspiel mit der Morizkirche für die geistliche Macht des Herzogs als „summus episcopus“ und für die Einheit von Schule und Kirche. Baumeister Peter Sengelaub verwendete dabei bewährte architektonische Stilmittel der Wettiner wie Erker, Portale, Lukarnen, Doppelfenster oder Wappen, die auch eine Fernwirkung als fürstliche Abzeichen besaßen. Außergewöhnlich waren in beiden Fällen die Wandmalereien, welche die Bedeutung der Gebäude unterstrichen, Casimirs Herrschaft legitimierten sowie Herrschaftsprogramm, -tugend -und -philosophie einer breiten Öffentlichkeit kundtaten. Erstmalig wird auch die Bedeutung der zentralen Perspektive erkennbar, die sich in der Renaissance durchsetzen konnte. Die Kanzlei korrespondierte mit dem ihr gegenüberliegenden Rathaus und von ihrem seitlich angelegten Haupteingang mit Schloss Ehrenburg. Das Casimirianum stand in optischem Kontakt zur Morizkirche, wobei das Denkmal Casimirs als Kristallisationspunkt diente. Damit setzte der Herzog erstmals deutliche Akzente zum repräsentativen Ausbau Coburgs. Den Höhepunkt dieser verstärkt auf die Öffentlichkeit ausgerichteten Baupolitik bildeten die Jahre zwischen 1597 und 1604. Die danach folgenden Bauprojekte konnten mit ihrer Ausstrahlungskraft nicht mehr an die beiden Gebäude heranreichen. Casimir setzte hier die Pfeiler seiner Baupolitik. Was folgte, war im eigentlichen Sinne nur noch Beiwerk, das aber die Bühne casimirianischer Herrschaftsinszenierungen erweitern sollte.

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6.4 Fürstliche Repräsentation auf dem Land und Schaffung sozialer Räume Einen neuen Impuls in die Baupolitik brachte Casimirs zweite Ehefrau. Im September 1599 heiratete er in Heldburg Margarethe von Braunschweig-Lüneburg, Tochter Herzog Wilhelms des Jüngeren und seiner Frau Dorothea von Dänemark. Margarethes Schwester Sophie war seit 1579 mit Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg, Casimirs früherer Vormund, verheiratet, der bei der Brautwerbung vermittelnd in Erscheinung trat. Die Verbindung, die erst mit dem Tod Casimirs endete, sollte den Fortbestand der Dynastie sichern.72 Casimir kannte seine zweite Ehefrau seit 1587, als sie mit ihrem Vater auf dem Weg nach Ansbach in Coburg übernachtete. In der Folge kam es zu weiteren Begegnungen.73 Margarethe war im Gegensatz zu Anna eine reife emanzipierte und gebildete Frau, die sich für Theologie interessierte und über eine eigene Bibliothek verfügte. Die neue Ehefrau stellte den Herzog wieder vor die Frage, wie er mentale und soziokulturelle Spannungen überbrücken könnte. Denn es galt einen auf Margarethe zugeschnittenen, sozialen Raum zu schaffen, den Casimir nach den Erfahrungen mit Anna für notwendig erachtete.74 6.4.1 Das Wasserschloss Oeslau Einen Monat nach der Hochzeit wandte sich Casimir an Nicolaus Zech mit der Absicht, das Wasserschloss Oeslau von ihm erwerben zu wollen. Dieser niederadelige Herrensitz ging als Lehen der Benediktinerabtei Saalfeld wohl auf das 11. Jahrhundert zurück. Mit der Reformation fiel es an die wettinische 72 ThHStAW, Weimarer Archiv, A 117/2, fol. 12, Casimir an Johann Ernst, Coburg, 19.07.1599; StACo, LA A 75, fol. 5r−7v, Markgraf Georg Friedrich an Herzogin Dorothea, Ansbach, 03.09.1598; StACo, LA A 70, fol. 6−10, Georg Friedrich an Dorothea, Ansbach, o. D.; StACo, LA A 73, fol. 1, Heiratsabrede, 14.06.1599; StACo, Urk LA A 73, Heiratsvertrag, 1599; NLA HA, Dep. 84, B Nr. 549, Heirat Casimirs mit Margarethe, 1598−1600; Haslauer: Neubeginn, S. 30 f.; vgl. Kap. 5.9. 73 StACo, LA A 1334, fol. 23, Fürstliche Reisen, Wilhelm der Jüngere von Braunschweig-Lüneburg an Casimir, Ansbach, 29.09.1587; ebd., fol. 134, Übernachtung Herzog Augusts von Braunschweig-Lüneburg, Coburg, 18.04.1590; Haslauer: Neubeginn, S. 30. 74 StACo, Urk LA A 398, Testament der Herzogin Margarethe, Coburg, 10.05.1624; *Walther: Leich-Sermon, n. S. 57; NLA HA, Celle Br. 40, Nr. 26, Versendung von Personal von Celle nach Coburg, 1600; vgl. Kap. 5.7.

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Landesherrschaft. 1597 übernahm Zech das hoch verschuldete Rittergut für 26.000 Gulden. Noch im selben Jahr sicherte sich Casimir von Zech die niederen Jagdrechte. Dieser kam der Bitte seines Landesherrn nach und verkaufte im März 1600 Schloss und Gut für 28.000 Gulden Kauf- und 500 Gulden Leikauf­ geld an Casimir, der die Kaufsumme langfristig in Raten begleichen sollte.75 Der Herzog begründete den Kauf damit, dass er seiner Ehefrau „auß getreue liebe undt dann zur mehrern Vbunge und anstellung gutter Haußhaltung, darbey ihre Lieb herkommen ein gelegen gutt zur furwege zur verschaffen und zuundergeben“ möchte.76 Casimir erwarb zudem von der graubündischen Familie von Salis 20 Milchkühe und Rinder, die für den Aufbau von Margarethes Viehzucht in Oeslau gedacht waren. Die Herzogin bewahrte sich damit eine gewisse ökonomische Unabhängigkeit. Dabei ging es ihr nicht nur um die Führung eines Frauenzimmers, sondern um die Leitung und Aufsicht über das komplette Rittergut Oeslau. Sie trat hier in die Fußstapfen ihrer Mutter.77 Bereits im Frühjahr 1600 begannen die Bauarbeiten an der Schlossanlage. Über die genauen Maßnahmen ist nichts bekannt, außer dass diese unter Aufsicht, möglicherweise Planung von Peter Sengelaub vorgenommen wurden. Der Umbau dürfte sehr kostspielig gewesen sein, denn die fürstlichen Räte kritisierten Casimir, dass er seinen Privatetat in Höhe von 1500 Gulden pro Jahr wegen der Arbeiten in Oeslau überzog. Dabei ging es um Ausgaben für die Jahre 1600 und 1601 in Höhe von ca. 30.000 Gulden.78 Auf der ältesten Abbildung des Schlosses 75 StACo, LReg 5601, fol. 97v−98r, Vorwilligung über das niedere Jagd- und Waidwerk zu Oeslau, Coburg, 17.11.1597; StACo, LReg 5071, fol. 10−13, Quittung Hans Bertholds von Rosenau über den Erhalt der 26.000 Gulden für das Rittergut Oeslau, Coburg, 12.06.1598; StACo, Urk LA F 853, Kaufvertrag zwischen Zech und Casimir, Coburg, 24.03.1600. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung zur Geschichte des Oeslauer Schlosses liegt bisher nur in einem unveröffentlichten Manuskript Rainer Axmanns vor, der mir dankenswerter Weise die Arbeit zugänglich machte. Vgl. Axmann: Domäne Oeslau, S. 2 f. Das Leikaufgeld ist hier nicht genau definiert. 76 StACo, LReg 5071, fol. 26 f., Casimir an Nikolaus Zech, Coburg, 26.10.1599. 77 StACo, LA A 10.724, fol. 18−26, Briefwechsel zwischen Casimir und der Familie von Salis, 1600. Die Einnahmen des Gutes erhielt Margarethe. So schuldeten Casimir und der Hof der Herzogin Geld für bezogene Lebensmittel und Vieh. Vgl. StACo, LA F 314, fol. 10, Schuldverzeichnis, Coburg, 09.06.1623; NLA HA, Dep. 84, A Nr. 225, Quittung Casimirs an seine Frau, o.O., 15.10.1607. Margarethe war auch für ihre Dedikationen wie eingemachte Morcheln, Gurkenfässchen oder Jungvieh bekannt. Vgl. Beck: Leben und Lande, S. 8. 78 StACo, LA A 10.863, fol. 20, Sparvorschläge, 1602. Die Räte meinten, dass die vielen Residenzen aufgrund der Finanzlage nicht zu unterhalten seien. StACo, LA F 14.339, fol. 1, Casimir an den Forstmeister zu Franken und die Schosser zu Coburg und Neustadt a.d. Heide,

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von 1661 sieht man jedenfalls eine repräsentative für die Renaissance typische regelmäßige Vierflügelanlage, welche um einen Innenhof gruppiert war und an der südöstlichen Ecke einen Turm aufwies.79 Inventarlisten beschreiben zudem die fürstlichen Räume des Schlosses, das zwischen 1810 und 1858 abgerissen wurde. Erwähnenswert ist die Existenz einer wohl im Schlossturm befindlichen Sonnenstube. Es handelte sich dabei offensichtlich um ein Belvedere, das als Bauform besonders im französischen und mitteldeutschen Schlossbau Verwendung fand. Die Turmstuben setzten symbolisch das Prinzip des allseitig achtsamen Herrscherblicks um, welchen Erasmus von Rotterdam formuliert hatte. Von der Turmstube aus blickte der von Gott legitimierte Fürst über das Land und auf seine Untertanen und Bediensteten herab und wendete sich diesen zu. Damit kam eine Herrscherikonografie zum Tragen, die sozial-religiöse und ethische Dimensionen annahm. Zunehmend spielten die Stuben auch in der Gartenarchitektur eine Rolle, da hier der Fürst die geometrische Ordnung der Parkelemente betrachten konnte.80 Über die Existenz des Oeslauer Schlossgartens geben zahlreiche Quellen Auskunft, wodurch die Bedeutung der Gartenbaukunst für die Repräsentationsstrategie Casimirs sichtbar wird. Bereits 1601 bat er Graf Philipp Ernst von Gleichen um Übersendung von Artischockenpflanzen für seinen neuen Lustgarten. In den Folgejahren wurde der Herzog bei verschiedenen Fürsten und der Reichsstadt Nürnberg wegen dieses Projekts vorstellig und bat um Pflanzen oder Samen. So übersendeten die im Gartenbau erfahrenen Bischöfe von Bamberg und Eichstätt die gewünschten Gewächse. Daneben kam ein Wissensaustausch mit der Weimarer Verwandtschaft zustande. Nach seinem Bildungsaufenthalt in Italien ließ 1592 Johann III. in Altenburg einen Renaissancegarten anlegen, der bei den Zeitgenossen eine große mediale Wirkung erfuhr. So ist es nicht überraschend, dass Casimir für seinen Park um die Übersendung eines Gärtners bat.81 Der Oeslauer Coburg, 13.04.1600; StACo, LA F 13.681, fol. 7v, Caspar Schereß, Schosser zu Neustadt an Johann Götz, Amtmann zu Coburg, Neustadt a.d. Heide, 01.10.1604; StACo, LReg 6868, fol. 2r−4v, Holzverbrauch zum Bau von Schloss und Kirche in Oeslau, 1601−04. 79 StACo, KArchiv 4481, fol. 9, Darstellung des Schlosses, 09.05.1661; abgedr. in: Gemeinde Oeslau: 800 Jahre Oeslau, S. 31; Müller: Großstruktur, S. 385; Müller: Schloß als Bild, S. 188; Friedhoff: Burg und Schloss, S. 24. 80 StACo, LA A 632, fol. 136v−140v, 260 f., Inventarium Albrechts von Sachsen-Coburg, 1699; StACo, LReg 6268, fol. 3−13v, Inventarium Oeslau, 1710; Lippmann: Dächer, S. 394; Müller: Schloß als Bild, S. 275 f., 278; Lass: Jagd- und Lustschlösser, S. 357; Hoppe: Blickregie, S. 449 f.; Axmann: Domäne Oeslau, S. 13. 81 StACo, LReg 5492, fol. 1, Casimir an Anna Maria von Sachsen-Altenburg, Oeslau, 21.06.1604;

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Lustgarten war über zwei Holzbrücken mit dem Schloss und dem Wirtschaftshof verbunden und bestand aus einem Kräuter- und Obstgarten, Blumenbeeten, Wiesen, Gängen, Laubwegen und Pavillons. Diese wenigen Aussagen beschreiben die Anlage bereits als Renaissancegarten, in welchem gemäß des humanistischen Lebensideals ein starkes Interesse an Pflanzen und Heilpflanzen bestand. In Bezug auf die Darstellung politischer Macht symbolisierten die Schlossgärten den Garten Eden, in welchem Gott oder stellvertretend der Fürst, durch seinen Eingriff in die Flora, sich als Herr über Natur und Zeit sowie über Leben und Tod darstellen konnte. Erste Domestizierungstendenzen werden dabei erkennbar.82 Die größte repräsentative Ausstrahlung erhielt die Schlosskirche, die als separater Baukörper errichtet wurde. Casimir ließ sie als Patronatsherr im Inneren repräsentativ umbauen, wodurch er den gesamten Kirchenraum für sich vereinnahmte. Dies war eine typische Vorgehensweise für den lutherisch geprägten Adel. Neben den farbenprächtigen figürlichen Darstellungen, Tafelbildern und Reliefs an Decke, Kanzel und Langhaus-Empore ist die in den Chor eingebaute Herrschaftsempore zu nennen. Sie spielte eine wesentliche Rolle in der Selbstinszenierung des Fürsten als „summus episcopus“. Die Empore zeichnete sich durch ihre Exklusivität aus, da sie neben dem Altar den einzigen Einbau im Chorraum darstellte. Einschränkend wirkte ihre Position hinter einem Tragebogen, wodurch sie teilweise verdeckt blieb. Die Kanzel war dagegen auf das Langhaus ausgerichtet, wo die am Gottesdienst teilnehmenden Untertanen saßen. Sie bildete das Bindeglied zwischen Volk und Fürst, der sich dem Zeremoniell folgend, von den übrigen Teilnehmern distanzierte.83 ebd. fol. 4, Casimir an Caspar Girardini, Oeslau, 20.10.1604; ebd., fol. 13, Bischof Johann Philipp von Gebsattel an Casimir, Bamberg, 05.11.1604; ebd., fol. 19, Johann an Casimir, Weimar, 05.01.1605; ebd., fol. 22, Casimir an Bischof Johann Christoph von Westerstetten, Coburg, 31.08.1615; ebd., fol. 23, Westerstetten an Casimir, Eichstätt, 19.09.1615; StACo, LA A 10.613, fol. 36, Casimir an Philipp Ernst, Coburg, 16.05.1601; StACo, LA A 10.670, fol. 2, Casimir an Anna Maria, Oeslau, 02.06.1604; Keil: 400 Jahre Altenburger Schlossgarten. 82 StACo, LReg, 5492, fol. 1, Casimir an Anna Maria von Altenburg, Oeslau, 21.06.1604; ebd., fol. 3, Casimir an Moritz von Hessen, Oeslau, 20.10.1604; ebd., fol. 6−12, Verzeichnis der Kräuterpflanzen aus dem Schlossgarten Altenburg; StACo, LReg 5073, fol. 2v, Beschreibung Gut Oeslau 1673; StACo, LA F 2614, fol. 13−15, Memorial Gut Oeslau, 1694; Lass: Jagdund Lustschlösser, S. 207; Froesch: Gartenarchitektur, S. 433. 83 Lass: Jagd- und Lustschlösser, S. 151, 197; Brinkmann: Grabdenkmäler, S. 350; Axmann: Domäne Oeslau, S. 6 f. Durch einen Umbau im Jahre 1954 kam es zu einschneidenden Veränderungen im Kircheninneren. So befindet sich der Herzogsstand heute im Gerätemuseum „Alte Schäferei“ in Ahorn bei Coburg. Von der zweistöckigen Empore blieb nur die Brüstung einer Etage übrig.

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Im März 1604 wurde das Gotteshaus in Anwesenheit des Herzogspaares auf den Namen seines fürstlichen Stifters als Johanniskirche eingeweiht. Als Erinnerung an dieser Förderung des „reinen“ Glaubens entstand ein feierliches Lied, welches Casimir für den Kirchenbau rühmte. Zur Erinnerung an diese Tat und der Herrschaftsmarkierung brachte man im Innenraum über den Chor die fürstlichen Wappen Casimirs und Margarethes an.84 Es war im Übrigen der erste Sakralbau, den Casimir als Landesherr in Auftrag gab. Als Baumeister trat wieder Peter Sengelaub in Erscheinung. Die künstlerische Innenausstattung wurde lange Jahre Nikolaus Bergner zugeschrieben. Joachim Kruse und Eva Schmidt lehnen dies ab. Da Casimir keine weiteren Aufträge für ihn hatte, beendete er seine Tätigkeit in Coburg und nahm bereits vor 1605 eine Stellung beim Bischof von Bamberg an, wobei der Herzog ihm ein hervorragendes Zeugnis ausstellte. 1606 kehrte er in den Dienst der Schwarzburger Grafen zurück und starb zwischen 1609 und 1613.85 Peter Sengelaubs Ruhm hingegen strahlte jetzt über das Fürstentum Coburg hinaus. Für die Herzoginwitwe Dorothea Maria von Weimar lieferte er auf Empfehlung Casimirs Pläne für den Bau der Schlosskirche Reinhardsbrunn bei Friedrichroda. Das 1855 abgebrochene Gotteshaus besaß starke architektonische Ähnlichkeiten zu Oeslau.86 Insgesamt erinnert die Oeslauer Anlage in ihrem Aufbau an die Wasserschlösser in Celle und Winsen a.d. Luhe mit deren Gärten und Seen, in denen Herzogin Margarethe ihr bisheriges Leben verbrachte. In Kombination mit dem mitteldeutschen Schlossbau entstand eine eigene Mischung aus wettinischen und norddeutschen Einflüssen, die Joachim Kruse auch für die Schlosskirche vermutet.87 Damit schuf Casimir für seine Frau einen sozialen Raum, der sich 84 Axmann: Domäne Oeslau, S. 7. Das Lied ist abgedr. bei Hönn: Historia Bd. II, S. 231 f. 85 StACo, LA A 11.972, fol. 19, Nikolaus Bergner an Casimir, Coburg, 16.03.1605; ebd., fol. 18, Casimir an Bischof Johann Philipp von Gebsattel, Oeslau, 24.03.1605; ebd. fol. 23, Casimir an Bischof Gebsattel, Coburg, 09.10.1607; StACo, LA A 10.704, fol. 23, Clara von Schwarzburg-Frankenhausen an Casimir, Heringen, 02.05.1606; Axmann: Domäne Oeslau, S. 7; Kruse: Epitaph Teil 2, S. 79; Schmidt: Nikolaus Bergner, S. 111. Kruse geht davon aus, dass die künstlerische Gestaltung des Kirchenraumes Kalkschneidern bzw. Stuckateuren, oblag. Ein solcher Kalkschneider namens Weigand Schütz aus Schmalkalden hat im Sommer 1603 für Casimir gearbeitet. Vgl. StACo, LA A 10.668, fol. 83, Casimir an Johann III., Heldburg, 19.10.1603. 86 StACo, LA A 10.685, fol. 16, Casimir an Dorothea Maria von Sachsen-Weimar, Coburg, 14.01.1608; ThHStAW, Weimarer Archiv, A 194, fol. 211, Dorothea Maria an Casimir, Reinhardsbrunn, 04.01.1607; Axmann: Domäne Oeslau, S. 7. Vgl. Löffler: Kloster Reinhardsbrunn; Kruse: Schloß Reinhardsbrunn, S. 22, 46 f. 87 Axmann: Schlosskirche St. Johannis, S. 11.

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stark an der Umgebung ihrer Jugend orientierte und ihr deshalb vertraut vorkam. Eine Parallele zu seiner ersten Ehefrau Anna ist hier deutlich zu erkennen. Allerdings formulierte Margarethe deutlich bescheidenere höfische Ansprüche, die ihrer Lebensweise entsprach. Dagegen ist die These von Heiko Laß abzulehnen, dass es sich bei Oeslau um ein intimeres Lustschloss handelte. Vielmehr haben wir es mit einem Landschloss in Residenznähe zu tun, das eher in der Tradition der römischen „villa urbana“ stand. Die Anlage orientierte sich an den Anforderungen sächsischer Nebenresidenzen, wie sie Kurfürst August bewohnte und wie sie von den Ernestinern übernommen wurden.88 Untermauert wird dies durch eine ursprünglich vorhandene Sichtbeziehung zur Veste Coburg, dem Symbol politischer Macht im Umkreis. Eine solche Sichtachse findet sich auch im nächsten Fall und lässt bereits ein optisches Filiationssystem fürstlicher Hauptresidenzen erkennen.89 6.4.2 Schloss Callenberg Eine Parallele in der Darstellung und Inszenierung politischer Herrschaft durch Nebenresidenzen findet sich in Schloss Callenberg. Die aus dem Mittelalter stammende Gipfelburg fiel 1588 nach dem Tod des letzten Lehensnehmers an die Landesherrschaft zurück. Casimir nutzte das Lehen fortan für sich und wandelte es in ein Kammergut um.90 Zunächst fanden aber keine größeren Baumaßnahmen statt, da es um das Gut zu einem Rechtsstreit mit einem Nachkommen des letzten Lehensnehmers vor dem Reichskammergericht kam. Der Prozess endete 1610 mit einem Sieg für Casimir.91 Einen ersten Hinweis auf den Ausbau zur landesfürstlichen Residenz findet sich 1604, als Casimir die Anlegung eines Tiergartens plante und deshalb für den Bau einer Mauer einen Kostenvoranschlag forderte. Ein solcher Garten gehörte zum Standardrepertoire fürstlicher Repräsentation. Neben heimischem Wild 88 Lass: Jagd- und Lustschlösser, S. 52 f.; Delang: kursächsischer Schlossbau, S. 155. Augusts Nebenresidenzen waren Annaburg, Augustusburg, Lichtenburg und Freudenstein in Freiberg. 89 Gunzelmann: Kulturlandschaft, S. CLVI−CLXV. 90 StACo, LA A 10.162, Auszahlung der Witwe Dorothea von Sternberg, 1588; StACo, LA F 2176, Inventarium Callenberg, 1591; Axmann: Callenberg, S. 97. 91 StACo, LA F 7718, fol. 71v−72v, Abrechnungen Callenberg, 1589; StACo, KArchiv 4486, Anschlag Callenberg, 1713; StACo, LA B 2301−2304, Reichskammergerichtsverfahren um Callenberg, 1591−1610; StACo, LA D 2068, Irrungen mit Erhard von Lichtenstein, 1592−96.

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und Jagdvögeln hielten sich die Fürsten exotische Tiere. Gerne schenkte man sich untereinander auch allerlei Getier, wie die Korrespondenzen Casimirs beweisen. Die Anlegung eines Tiergartens geschah auch aus der fürstlichen Konkurrenzsituation heraus. Dabei besaßen das Wiener und das Dresdner Tiergehege eine große Ausstrahlungskraft. Die Tiergärten erlangten zudem, wie schon bei den Parkanlagen gesehen, eine domestizierende Bedeutung. Hier konnte sich der Fürst als Herr über die Fauna bzw. über Leben und Tod inszenieren. Über die Existenz eines solchen Gartens in Callenberg gibt es keine weiteren Anhaltspunkte. Belegt ist dagegen ein Tiergehege in Coburg.92 Die Umbaumaßnahmen, welche die Umwandlung der Burg in ein Residenzschloss beinhalteten, begannen 1610 mit dem Abbruch der Schlosskirche und umfassten nicht weiter erwähnte Gebäudeteile und ein Haus auf dem Vorwerk. Für das Bauprojekt lieferte Peter Sengelaub Entwürfe und übernahm die Bauaufsicht.93 Die wirkungsvollste Ausstrahlung in diesem typischen Häuserkonglomerat besaß die neue Schlosskirche, welche 1613 fertiggestellt und 1618 eingeweiht wurde.94 Hier offenbart sich eine Parallele zu Oeslau, wo ebenfalls die Kirche eine hohe repräsentative Funktion besaß. Auf Callenberg hob Sengelaub das Gotteshaus aus dem Häuserkonglomerat hervor, sodass es die engen Wehrmauern der Burg optisch sprengte. Die Kirche erhielt so eine visuelle herausragende Stellung, die in ihrer Fernwirkung über eine Sichtachse mit Stadt und Veste Coburg ihren entscheidenden Höhepunkt erreichte.95 Der Kirchenbau dokumentierte als Ausdruck landesherrschaftlichen Gestaltungswillens zudem den Wandel der Anlage von einer niederadeligen Burg hin zu einer fürstlichen Nebenresidenz. Deutlich stand das Gotteshaus auch für Casimirs Glaubensbekenntnis. Der Ausbruch aus den engen Burgmauern bedeutete, dass kein irdisches Bauwerk, sondern nur der „wahre“ Glauben den größtmöglichen Schutz vor Anfeindungen geben könne. Damit sollte wohl auf das Lutherwort „Eine feste Burg ist unser Gott“ angespielt werden. Unbekannt war eine solche Bauweise nicht. Ein ähnlich exponierter Standort für eine Kirche findet sich 92 StACo, KArchiv 4740, Kostenvoranschlag Tiergartenmauer, 1604; StACo, LA A 10.574, fol. 31, Casimir an Bischof Gebsattel, Coburg, 26.10.1600; Rösener: Wildpark, S. 333−336. Dieses Tiergehege gehörte zur Ausstattung des Schlossgartens bei Schloss Ehrenburg. 93 StACo, KArchiv 4486, Anschlag Callenberg 1713; StACo, KArchiv 4721, fol. 1 f., Gutsverwalter Peter Popp an Casimir, Coburg, 17.01.1611; StACo, LReg 5948, fol. 5, Zeughaus-Bau, 1616; Axmann: Callenberg, S. 120. 94 StACo, KArchiv 4625, Kirchenordnung für Callenberg, 18.03.1618; Axmann: Callenberg, S. 122. 95 Lass: Jagd- und Lustschlösser, S. 196; Gunzelmann: Kulturlandschaft, S. CLVI, CLX.

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bei der Hohenzollernresidenz in Haigerloch oder dem kursächsischen Schloss in Prettin.96 Die Schlosskirche unterschied sich damit von ihrem Pendant in Oeslau erheblich. Auf Callenberg wurde stärker auf die Außenrepräsentation wert gelegt, während der Innenraum demgegenüber zurückstand. Die Gottesdienstbesucher, meist Höflinge und Gutsangestellte, entsprachen einem anderen Klientel als in Oeslau, wo der Sakralraum als Pfarrkirche für die Dorfbevölkerung diente. Dennoch besitzt das Innere der dreischiffigen und vierjochigen Hallenkirche mit ihrem Kanzelaltar und den dreiseitigen, mit Kreuzrippen unterwölbten Emporen eine hervorzuhebende Architektur. Sie ähnelt der Bauweise der Torgauer Schlosskapelle, die zum architektonischen Muster protestantischer Gotteshäuser avancierte. Der Callenberger Sakralraum war einer der ersten im Fürstentum, der komplett nach protestantischen Vorstellungen erbaut wurde. Für die Ausgestaltung gewann Casimir in erster Linie fränkische Handwerker wie den Kulmbacher Steinmetz Jobst Müller oder den Bildhauer Hans Werner mit seinem Schwiegersohn Veit Dümpel aus Nürnberg.97 Neben den üblichen Privatgemächern ist der über der Schlosskirche errichtete Rittersaal von repräsentativer Bedeutung. Es handelte sich dabei um einen für fürstliche Residenzen typischen stützenfreien Festsaal, der vor allem in der Renaissance in Mode kam. Ein solcher Saal garantierte den allseitig achtsamen Herrscherblick auf die Untertanen, wie wir ihn bei Turmstuben bereits kennen. Die daraus resultierenden statischen Probleme zwangen die Verlegung der Säle unterhalb des Dachgeschosses wie auch in Callenberg. Doch ließen sich die Probleme nicht lösen. Nach zwei Sanierungen (1662 und 1702) erfolgte 1735 der Abbruch des Saales. Auch Schloss Ehrenburg besaß einen solchen Raum von Anbeginn. Hier nutzte man das Langhaus der ehemaligen Franziskanerkirche, um einen stützenfreien Saal zu gewinnen. Allgemein fanden darin Veranstaltungen wie Tanz, Festessen, Wettspiele oder politisch-rechtliche Handlungen, Rituale und Herrschaftsinszenierungen statt. Die Festsäle demonstrierten im Verbund mit einer aufwendigen Ausstattung fürstliche Macht und Ehre.98 96 Lass: Jagd- und Lustschlösser, S. 196, 237; Morsbach/Titz: Stadt Coburg, S. 427; Delang: kursächsischer Schlossbau, S. 160. 97 StACo, KArchiv 4876, fol. 55v−56r, Gerichtsprotokolle, 1612; Grieb: Nürnberger Künstlerlexikon Bd. 1, S. 293, 1657; Axmann: Schlosskirche St. Johannis, S. 11; Axmann: Callenberg, S. 108 f., 124−131; Grossmann: Burg zum Schloss, S. 184. Als Dümpels Hauptwerk gilt der 1624−26 geschaffene Bernhardusaltar in der Kirche der Zisterzienserabtei Ebrach. Werners bekannteste Werke sind ein Portal mit der Skulptur eines Ochsen an der Fleischbrücke zu Nürnberg und Arbeiten in der Stadtkirche zu Bayreuth. 98 StACo, LA F 2176, Inventarium Callenberg, 1591; StACo, KArchiv 4486, Anschlag Callen-

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6.4.3 Zusammenfassung Die übrigen Gebäude auf dem Callenberg blieben eher schlicht und standen in keinem Vergleich zu den Bauten in Coburg. Nach Meinung von Heiko Laß war es das Ziel Casimirs, auf dem Land zurückhaltender zu bauen, was aber in Ausstattung und Distribution nicht zutraf.99 Offensichtlich handelte es sich bei Callenberg und Oeslau um einen architektonischen Übergang von den im Fürstentum verstreuten Amtsschlössern zum Zentrum repräsentativer Machtdarstellung in Coburg. Der auswärtige Reisende sah hier die ersten Vorboten casimirianischer Herrschaftsinszenierung, die auf dem zentral gelegenen Coburger Marktplatz mit der Kanzlei ihren Höhepunkt erreichte. Wer die Residenzstadt verließ, fand mittels der Schlossarchitektur den symbolischen Übergang in die ländliche Region. Dabei spielten die Sichtbeziehungen zu Coburg und die Blickachsen zu den wichtigen Handelsstraßen eine Rolle. Oeslau lag in Sichtweite der Handelsroute nach Leipzig, Callenberg an der Strecke Richtung Erfurt, Osnabrück und Bremen. Casimir nutzte damit etwas, was zu seiner Zeit nur wenige Fürsten forcierten. Er beließ es nicht nur bei der Formung Coburgs zu seiner Residenz, sondern er bezog die nähere Umgebung in diese Pläne mit ein. Die humanistische Lehre des Erasmus von Rotterdam forderte die Fürsten geradezu auf, durch ihre Baupolitik das Land zu kultivieren.100 So betrachtet waren Oeslau und Callenberg eine Filiation zum Stadtschloss Ehrenburg. Da Casimir nie ein komplett neues Schloss errichtete, sondern lediglich im größeren Maß Umbauten in Auftrag gab, finden sich viele Elemente, die sonst in einem Schlossbau integriert waren, auf verschiedene Herrschersitze verteilt. In Oeslau galt das Hauptaugenmerk dem Schlossgarten und den dazugehörigen fürstlichen Räumen wie der Sonnenstube als Aussichtsplattform. In Callenberg waren dies neben dem vermuteten Wildgehege die Schlosskirche und der Festsaal. Dies ist deshalb bemerkenswert, da Casimir zwischen 1595 und 1623 keine dergleichen berg, 1713; StACo, Pl.-Slg. 1135, Grundriss Callenberg 1685; StACo, Pl.-Slg. 1110, Grundriss 1. Obergeschoss Ehrenburg, 1679; Chátelet-Lange: Großer Saal, S. 413; Axmann: Callenberg, S. 110; Hönn, Historia Bd. I, S. 228.  99 Lass: Jagd- und Lustschlösser, S. 237. Ein Vergleich mit Oeslau ist aufgrund fehlender detaillierter Darstellungen nur mit der Kirche, nicht aber mit dem Schloss möglich. 100 Lass: Jagd- und Lustschlösser, S. 236 f.; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 203; Höhn: Altstraßen, S. 171−202; Schelter: Landschaftsgestaltung, S. 108−115. Lediglich an der Handelsroute gen Süden Richtung Nürnberg lässt sich trotz zahlreicher Adelssitze ein Schloss Casimirs nicht nachweisen. Offensichtlich fehlten die Rahmenbedingungen für solch ein Projekt.

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Änderungen an der Ehrenburg vornahm. Umso wichtiger sind die Bauprojekte in Oeslau und Callenberg, da hier unterschiedliche Grade für die Schaffung eines sozialen Raumes mit privater Atmosphäre sichtbar wurden. Die Entwicklung in Callenberg kam über das Anfangsstadium aber nicht hinaus. Hier mögen die ungeklärten Besitzverhältnisse bis 1610 eine Rolle gespielt haben. Als diese gelöst wurden, lag die Präferenz des Herzogspaares eindeutig bei Oeslau. Dass Casimir diesen Aspekt der Herrschaftsrepräsentation relativ spät anging, lag wohl an zwei Faktoren: Zunächst lebte der Herzog zwischen 1593 und 1599 alleine, sodass erst durch die Heirat mit Herzogin Margarethe sich die Frage nach dem Abbau mentaler und soziokultureller Spannungen durch die Schaffung eines ihr vertrauten Umfeldes stellte. Zum anderen musste sich Casimir ab 1598 auf die Errichtung neuer repräsentativer Verwaltungsgebäude konzentrieren, die in diesem Moment wichtiger waren als der Ausbau des Fürstenhofes.

6.5 Der Ausbau der Coburger Residenzanlage 6.5.1 Das fürstliche Schützenhaus (Stahlhütte) Nach Abschluss der Arbeiten in Oeslau 1604 begann man in Coburg mit dem Ausbau des Hofes. Hierbei ist zwischen der Errichtung von Gebäuden höfischer Lustbarkeiten sowie Baukörpern und Räumen zu differenzieren, die verstärkt dem privaten Interesse des Herzogs dienten. Als erstes Projekt entstand 1605/06 die sogenannte „Stahlhütte“. Casimir erwarb dafür am Rande des Schlossgartens drei um einen Hof liegende Wohnhäuser, die er für 3483 Gulden von einem unbekannten Baumeister umbauen ließ.101 Wie bereits deutlich wurde, diente das Gebäude als Austragungsort fürstlicher Schießwettbewerbe und der dazugehörigen Festlichkeiten. Das Haus selbst wirkte im Vergleich zu den anderen casimirianischen Bauten in Coburg nur wenig repräsentativ. Das dreistöckige, langgestreckte Fachwerkgebäude besaß einen hofseitigen Treppenturm, ein hohes Giebeldach und zwei Giebelerker. Im Inneren stand ein Festsaal zur Verfügung, in welchem die in Öl gemalten Brustbilder der Mitglieder der fürstlichen

101 StACo, LA A 1700, Stahlschießen 1606; StACo, LA M 15, fol. 18v, Erbfälle-Register für das Amt Coburg, 1662; Heins: Stahlschießen, S. 304; Hönn: Historia Bd. I, S. 229 f. Der Begriff „Stahl“ rührt von den stählernen Bogen der Armbrüste her. Vgl. Boseckert: Dresden im Blick, S. 79. Der erwähnte Schlossgarten bei der Ehrenburg ist kaum archivalisch greifbar.

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Schützengilde hingen.102 Mit ihr hielt Casimir außerhalb der großen Schießbewerbe regelmäßig eigene Übungen ab, sodass das Haus im Alltag des Landesherrn eine große Rolle spielte.103 Über die Ausstattung der Stahlhütte geben Inventarien aus der Zeit ab 1628 Auskunft. Darin werden zahlreiche Preise und Geschenke aus Gold, Silber, Zinn, Kupfer, Eisen und Holz erwähnt, die in dem Gebäude Aufstellung fanden.104 Es scheint, dass das Innere des Hauses weitaus repräsentativer ausgestaltet wurde als die Außenfassade. Die Ansammlung zahlreicher Prunkstücke muss für den Außenstehenden wie eine Schatzkammer gewirkt haben. Dem Schießsport ging der Hof seit der Ankunft Casimirs in Coburg im Jahre 1572 nach. Bis zur Eröffnung der Stahlhütte fanden derartige Übungen in einem Schießgarten, der zwischen Schloss Ehrenburg und der bereits erwähnten Reitbahn lag, statt. Die Verantwortung über das höfische Schießen und der Verwaltung der Stahlhütte übernahm der Schützenmeister. Dieses Amt übte der Hofmaler Wolfgang Birckner aus, von dessen Arbeit Inventarien und in einem Zeitraum zwischen 1628 und 1632 auch Abrechnungen zeugen. Eine eigene Schützenordnung gab es nicht. Bei Wettbewerben galt die allgemeine Armbrustschützenordnung von 1595 und separat festgelegte Spielregeln. Erst 1619 wurde im Zuge einer Reform die Ordnung auf die Bedürfnisse in der Stahlhütte angepasst.105 Das Schießhaus gehörte auch zum Repertoire des Schlossgartens. Es bildete den nördlichen Abschluss der Anlage und diente als Kulisse für höfische Inszenierungen. Damit bewegte sich Casimir innerhalb bestehender Repräsentationsstrategien. Schon 1575 ließ Wilhelm IV . von Hessen-Kassel in seinem Schlosspark eine Schießstätte errichten. In Dresden gab es eine solche seit

102 Lehfeldt/Voss: Bau- und Kunstdenkmäler, S. 361. Da der Komplex abgerissen wurde, existieren heute nur noch einige Zeichnungen von der Anlage. Neben dem „Isselburg-Stich“ fanden als Grundlage Zeichnungen und Modelle des Bauinspektors Jakob Lindner aus dem 19. Jahrhundert Verwendung. Vgl. Breuer: Coburger Architekturmodelle, S. 18−21; friedrich: Jakob Lindner, S. 141. 103 Vgl. FB Gotha, Chart. A 579, Coburger Armbrustschießbuch, 1597−1617; Kramer/Kruse: Scheibenbuch, S. 13−16; Kramer: Fortsetzung Scheibenbuch, S. 329. 104 StACo, LA A 1720, fol. 54, Inventarium der Stahlhütte, 1628; ebd., fol. 87−91, Inventarium; ebd., fol. 117−120, Inventarium; ebd., fol. 146−152, Inventarium. 105 StACo, LA F 5515, Armbrustschützenordnung, 1595; StACo, LA F 5544, Stahl- und Büchsenschützenordnung 1619; StACo, LA A 1720, fol. 44−146, Inventarien und Abrechnungen, 1628−32; *Sachsen-Coburg: Schießhaus zu Coburgk; Kramer: Fortsetzung Scheibenbuch, S. 339; Hönn: Historia Bd. I, S. 229 f.

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1620.106 Nach dem Tod des Herzogs verlor die Stahlhütte jedoch an Bedeutung. Das Haus diente danach als fürstliche Münzstätte, bis die Landesherrschaft den Komplex 1689 verkaufte. Nach einer Nutzung als städtisches Waisenhaus wurden die Gebäude 1837/47 beim Bau eines neuen Hoftheaters abgerissen.107 Die Stahlhütte bildete den Auftakt zur Formung der näheren Umgebung von Schloss Ehrenburg zu einer Ideallandschaft, zu der neben dem Gebäudeensemble die Gartenarchitektur gehörte. Diesem Aspekt der Herrschaftsdarstellung widmete sich Casimir in den folgenden Jahren. 6.5.2 Das Ballhaus Noch vor der Eröffnung der Stahlhütte existierte an der Ostseite des Schlossgartens ein Ballsporthaus, in welchem der Hof hauptsächlich dem Jeu de Paume nachging. Dabei handelt es sich um einen Vorläufer des Tennis und des Squash, das seinen Ursprung in den mittelalterlichen Klöstern Nordfrankreichs besaß und im Laufe des 16. Jahrhunderts an den Fürstenhöfen in Frankreich und Italien eine Rezeption erfuhr. Das Spiel gelangte auch an die deutschen Höfe, so 1525 nach Wien oder 1568 nach Landshut. 1650 gab es mindestens 80 fürstliche Sporthallen im Reich.108 Die Entstehungsgeschichte des Coburger Ballhauses liegt dagegen im Dunkeln. Casimir dürfte aber während seiner Kavalierstour in Heidelberg mit einer solchen Sportstätte in Berührung gekommen sein. Dresden besaß erst 1598 eine derartige Einrichtung. In Coburg wird erstmals 1596 im Zusammenhang mit der Bewerbung eines „Ballenspielers“ ein Ballhaus erwähnt. Es dürfte zunächst nur dem höfischen Zeitvertreib gedient haben, öffnete sich aber bald für Reisende, vornehme Bürger und, im Rahmen ihrer akademischen Ausbildung, für Studenten des Casimirianums. Dies leitete eine Kommerzialisierung ein. Casimir selbst betrat laut dem „Wielkum-Buch“ (einer Art Gästebuch) das Haus nur einmal.109 Der große Andrang zwang ihn 1607 zum Erlass einer Ballspielordnung, die sich am normativen Vorbild des französischen Königshofes orientierte. Sie beinhaltete die Hausordnung sowie 106 Werner: Menagerie, S. 30, 34; Lass: Etablierung, S. 159; Müller: Fürstenhof, S. 74. 107 Lehfeldt/Voss: Kunstdenkmäler, S. 362. 108 Gillmeister: Topspin, S. 209−213; De Bondt: Ballhaus, S. 205 f. 109 LBCo, Ms 52, Das Wielkum-Buch Ins Neue Balnhaus, 1628−32; StACo, LA A 11.958, Casimir an Johann von Weimar, Coburg, 28.10.1596; Vaupel: Vorteil Herzog, S. 69 f.; Lass: Etablierung, S. 159; vgl. Kap. 7.3.1.1.

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die Spiel- und Verhaltensregeln für Teilnehmer und Zuschauer. Aufsicht und Verwaltung über das Gebäude nahm der „Ballenschlager“, der auch als Trainer, Schiedsrichter und Gastronom fungierte, wahr.110 Neben dem Ballhaus gab es auch einen Sportplatz. Ein für den überregionalen Markt gefertigter Kupferstich von 1632 belegt, dass der Hof dort dem aus den Niederlanden stammenden Spiel „Beugelen“ (engl.: Paille-Maille) frönte.111 Dieses gilt als Vorläufer des Krockets oder Golfs. Der Kupferstich zeigt Casimir als Teilnehmer, womit die körperliche Fitness des damals 68-jährigen Herzogs dokumentiert werden sollte. Es symbolisiert ein friedvolles und blühendes Gemeinwesen inmitten des Krieges, in welchem Casimir und seine Gäste unbekümmert den sportlichen Übungen nachgehen konnten. Die höfische Modernität wird auf diesem Bild durch die Ballhausarchitektur offenbart, was dem Prestige des Herzogs gegenüber seinen Standesgenossen und Fremden zugutekommen sollte.112 Mit der Zeit genügte das alte Ballhaus nicht mehr den Vorstellungen herrschaftlicher Repräsentation und es begannen Planungen für einen Neubau an gleicher Stelle, der 1627 realisiert wurde. Das neue Gebäude besaß eine Fläche von rd. 35,9x12,3 Metern und folgte dem weitverbreiteten Grundtypus des „Steccato minore“, den 1555 der Italiener Antonio Scaino entworfen hatte. Charakteristisch für diesen Typus waren Zuschauergalerien an beiden Längsseiten des Spielfeldes. Italienische Architektureinflüsse finden sich auch an der Außenfassade, die von ihrer Proportion her dem Ballhaus auf dem Prager Hradschin ähnelte. Sie bestand aus einer achtteiligen fensterlosen und über zwei Etagen laufenden Arkadenreihe, an deren Abschluss allegorische Darstellungen angebracht waren. Das zweite Obergeschoss besaß mehrere gestreckte unverglaste Fensterfronten. Verbaut wurde reichverziertes Holz aus Laubsägewerk. Die Wohnung des Ballmeisters, Lager- und Zuschauerräume sowie eine Gaststätte lagen in einem südlichen Anbau, der sich architektonisch durch quadratische Fenster und eine reich verzierte Fachwerkkonstruktion vom eigentlichen Hallenbau unterschied. Das Bauwerk wird dem Graubündener Baumeister Giovanni

110 StACo, LA F 5532, fol. 1−6, Ballspielordnung 1607; ebd., fol. 8, Casimir an den Amtmann von Römhild Thomas Moll, Tenneberg, 09.09.1607; StACo, LA F 5662, fol. 359, Bestallung des Ballenschlagers Johann Lamy, Coburg, 12.02.1613. 111 Bachner: Johann Casimir, S. 37; Boseckert: Dresden im Blick, S. 77. 112 Lippert: Kunst, S. 71, 76; Gillmeister: Topspin, S. 210; Bachner: Johann Casimir, S. 37.

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Bonalino zugeschrieben, der 1623 in die Dienste Casimirs trat und Erfahrungen in der italienischen Renaissancebauweise besaß.113 Abschließend gehörte das Ballhaus zum Ensemble des Schlossgartens und wirkte durch seine Architektur und Größe weitaus repräsentativer als die danebenliegende Stahlhütte. Das Gebäude diente gezielt der Außendarstellung Casimirs und seines Hofes, was vor allem durch die vorangetriebene Kommerzialisierung und dem 1632 gefertigten Kupferstich deutlich wird, der vom Motiv her einzigartig in Deutschland sein dürfte. Hier begegnen uns erstmals Einflüsse der italienischen Renaissance, die sich vor allem in den 1620er Jahren in Coburg großer Beliebtheit erfreute und für den Betrachter ein modernes, fortschrittliches Bild schuf. Das Ballhaus demonstrierte zudem als Vorzeigeobjekt den Wohlstand, die Gesundheit und Friedensliebe Casimirs. Diese Intention, die sich allgemein in der Renaissance widerspiegelt, zeigt sich auch beim „Isselburg-Stich“ und wirkt unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges besonders stark. Eine überregionale Öffentlichkeit sollte damit angesprochen werden. Diese mediale Strategie fiel stärker aus als bei der benachbarten Stahlhütte. Ansonsten standen beide Gebäude einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Beide dienten als Kulissen für die ideale Landschaftsgestaltung des Herzogs und beide befanden sich in einer engen Beziehung zum Schlossgarten, wodurch eine permanente Festatmosphäre nach italienischem Vorbild erzeugt wurde. Das alte Ballhaus, wohl nach kurpfälzischem Vorbild und nur für den höfischen Zeitvertreib errichtet, erfüllte diese Anforderungen nicht. Das Jeu de Paume gehörte bis ins 18. Jahrhundert hinein zum Repertoire höfischer Spielkultur. Dieser Entwicklung Rechnung tragend wurde das Ballhaus nach 1764 zu einem Komödien- und Schauspielhaus umgebaut. Eine solche Umwandlung war für die damalige Zeit in Deutschland typisch. 1840 erfolgte im Rahmen der Neugestaltung des früheren Gartenareals zu einem repräsentativen Schloss­ platz der Abbruch des Hauses. Einige Renaissance-Bauteile fanden beim Bau der Schlosswache (heutige Arkaden) an gleicher Stelle Wiederverwendung.114 113 StACo, LA A 11.765, Bestallung Giovanni Bonalino, 1623; Axmann: Dresden und Rom, S. 105; Vaupel: Vorteil Herzog, S. 68; Bondt: Ballhaus, S. 205 f.; Lippert: Kunst, S. 72; Michel: Bonalino, S. 97, 122; Lehfeldt/Voss: Kunstdenkmäler, S. 361. Die Zahlen zu den Ausmaßen des Ballhauses beruhen auf den Angaben in: StACo, LReg 6026, fol. 7 mit 118x40,5 Schuh. Zur Umrechnung in heutige Längeneinheiten vgl. Landefeld: Alte Coburger Maße, S. 27−30. In Bezug auf den Aufenthaltsraum verweist Erdmann auf zahlreiche Trinksprüche im sogenannten Wielkum-Buch, einer Art Gästebuch des Ballhauses (LBCo, Ms 52). 114 StACo, Hofbauamt 313, fol. 7, Ernst I. an die Schlossbaukommission, Gotha, 24.04.1840;

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6.5.3 Lust- und Pommeranzenhaus Zu Beginn des 17. Jahrhunderts verstärkte sich bei den Fürsten, so auch bei Casimir, der Wunsch nach einem herrschaftlichen Gartenhaus. In Coburg entstand ein solches um 1623. Kurz darauf, im Januar 1624, bestellte der Herzog beim Augsburger Kaufmann Martin Zobel etliche italienische Zitruspflanzen für das Pommeranzenhaus in seinem Lustgarten.115 Generell gab es bei solchen Häusern Mehrfachnutzungen, bspw. als Orangerie oder als Veranstaltungsgebäude für höfische Feste. Auf zwei Zeichnungen des Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel aus dem Jahr 1627 ist dieses Haus abgebildet.116 Es besaß eine für Lusthäuser typische italienische Arkadenarchitektur, die auch beim Bau des Ballhauses Verwendung fand. Des Weiteren verfügte es über zwei Etagen, höchstwahrscheinlich einen rechteckigen Grundriss und ein Walmdach. Lusthäuser gehörten mit ihrem Festsaal oder ihren kostbar ausgestatteten Räumen zur Repräsentationsstrategie fürstlicher Macht. Sie nahmen u. a. auch Studienräume, Apartments oder Sammlungsräume auf. Der Raum im Obergeschoss konnte wie schon die ehemaligen Turmstuben als Belvedere genutzt werden. Die symbolische Bedeutung war hier identisch. Die Arkaden im Erdgeschoss blieben generell offen, was dem südländischen Stil entsprach und auf der Zeichnung von 1627 zu erahnen ist. Der Standort des Hauses lag gegenüber dem Ostflügel der Ehrenburg, in dem sich die Privaträume des Herzogspaares befanden. Neben dieser Sichtachse gab es noch eine weitere in Richtung Ballhaus. Es ist anzunehmen, dass das Lusthaus die für Renaissancegärten typische Festatmosphäre in Coburg komplettierte. Für die Höfe in Dresden und Altenburg lässt sich ebenfalls ein solches Haus nachweisen.117 Das Coburger Lusthaus, auch als Sonnenhaus bekannt, wurde 1685 zugunsten der Errichtung eines neuen Marstallgebäudes abgerissen.118

Axmann: Renaissance, S. LXXIII; Gillmeister: Topspin, S. 228; Bachmann: Theatertradition, S. 12−23; Michel: Bonalino, S. 117. 115 StACo, LA A 10.722, fol. 14, Casimir an Zobel, Coburg, 08.01.1624; ebd., fol. 13, Zobel an Casimir, Augsburg, 11.02.1624; ebd., fol. 15, Liste der bestellten Zitruspflanzen. 116 UB Kassel, 2° Ms. Hass. 107, Nr. 13 und 89, abgedr. bei: Axmann: Dresden und Rom, S. 110, 113. 117 Matthies: Lusthäuser, S. 434−436; Hoppe: Blickregie, S. 451; Gehlauf: Altenburger Schloßgarten, S. 6; Lass: Etablierung, S. 158 f., 164. 118 StACo, LReg 5510, fol. 20, Pachtvertrag über den Schlossgarten mit Hermann Brückner, Tüncher zu Coburg, o.O., Petri Cathedra 1676; Hönn: Historia Bd. I, S. 224.

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6.5.4 Altan und Hornstube Der Schlüsselbau der italienischen Renaissance in Coburg stellt aber der zweigeschossige Altan dar, den 1623 Giovanni Bonalino für 1600 Gulden an der Ostseite des südlichen Schlosshofes, teilweise auf eigene Rechnung, errichtete. Während er das Parterre als halboffenen Galeriegang konzipierte, entstand im ersten Obergeschoss eine beidseitig offene Arkadenhalle.119 Den Abschluss bildete eine Dachterrasse, die vom Gemach des Herzogs in den Südflügel und weiter über einen gedeckten Gang in die Morizkirche führte. Diese Bauform gehörte zum Standardrepertoire einer Residenz und fand ab dem 16. Jahrhundert bei französischen und italienischen Schlössern Verwendung. Altane dienten als Verbindung zwischen zwei Flügeln und spielten in der höfischen Inszenierung als Tribünen bei festlichen Einzügen und Turnieren eine Rolle. Dabei übernahm der Schlosshof eine Bühnenfunktion. Über offene Treppenaufgänge waren Bühne und Tribüne miteinander verbunden, sodass bestimmte Bewegungsabläufe dem Betrachter im Hof zur Schau gestellt werden konnten. Eine solche Freitreppe gab es auch in der Ehrenburg.120 Zu welchen Anlässen der Altan eingesetzt wurde, ist unbekannt. Wolfgang Birckner verwendete ihn als Hintergrundkulisse für eine Halali-Szene in einem seiner Bilder. Es gibt aber ein weiteres Indiz dafür, dass der Altan als „Bühnenbild“ für Jagdinszenierungen diente.121 Neben der Dachterrasse ließ Casimir 1632 im Südflügel eine holzvertäfelte Hornstube (heute als Jagdintarsienzimmer bekannt) mit einem erzählerischen Bildprogramm über die Jagd einrichten. Damit schuf er sich eine nach seinen Vorstellungen entsprechende Privatsphäre. Hier findet sich eine Parallele zu Herzogin Margarethes eigenem Refugium in Oeslau. Mit der Hornstube erreichte die innere Ausgestaltung einer casimirianischen Residenz ihren künstlerischen Höhepunkt. Derartige Innenräume gab es zwar nördlich der Alpen. Die Hornstube erhielt aber eine derart umfangreich ausgestaltete Innenarchitektur, dass sie über das künstlerische Normalmaß vergleichbarer Räume hinausragte. 119 StACo, LA A 11.765, Altan-Bau 1623; Michel: Bonalino, S. 100 f., 111; Lippert: Kunst, S. 73. Ein direktes Vorbild besitzt die Altane nicht. Sie ähnelt der Formensprache des Palazzo Venezia von Giuliano da Sangallo, des Hauses Raffaels in Rom und des Palazzo Pompei in Verona. 120 Grossmann: Burg zum Schloss, S. 185; Michel: Bonalino, S. 100, 109. 121 Das Bild ist Bestandteil des Älteren oder Wiener Jagdbuch Wolfgang Birckners, das heute verschollen ist. Die Kunstsammlungen der Veste Coburg verwahren lediglich eine kleinformatige Reproduktion des Bildes auf. Dieses ist abgedr. bei Nielius: Hornstube, S. 51, Abb. 35.

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Unterschiedliche Angaben gibt es zu den beteiligten Handwerkern. Nach Meinung von Sylvia Nielius war Giovanni Bonalino an den Planungen beteiligt, was ein stilistischer Vergleich nahelegt. Die Jagdszenen stammten indes von Wolfgang Birckner. Die weiteren Handwerker sind unbekannt, wobei es sich durchaus um örtliche Bildschnitzer gehandelt haben könnte.122 Die Existenz der Hornstube untermauert die Auffassung, dass diese zusammen mit dem Altan und dem Schlosshof zur Inszenierung höfischer Jagden diente. Der Fürst trat aus der Hornstube heraus auf den Altan, wo er in würdevoller Distanz die Jagdgesellschaft begrüßte und ihre Beute in Augenschein nahm. Neben der Ausstrahlung auf den Innenhof wirkte der Altan mit seiner Dach­ terrasse auch in den Garten hinein. Wie schon in Oeslau konnte man auch hier auf das selbstgesteckte „Herrschaftsgebiet“ blicken und sich dabei an den geometrischen Mustern der Parkanlage erfreuen.123 Damit verband der Altan optisch das Schloss mit dem Garten und überwand damit den dazwischen liegenden Stadtgraben. Daneben stellte die fürstliche Propaganda den Bau mittels eines in höherer Auflage gedruckten Kupferstichs als Innovation dar. Wie schon das Ballhaus tat der Altan Kunde von Casimirs Modernität, Wohlstand und Friedensliebe. Der Stich wurde u. a. an andere Fürsten versendet, die sich dadurch von den Möglichkeiten der Coburger Herrschaftsinszenierung überzeugen lassen sollten.124 Casimir war mit der neuen architektonischen Ausstattung der Ehrenburg zufrieden. Giovanni Bonalino, der vorher am Wiederaufbau des Weimarer Schlosses und im Raum Bamberg tätig gewesen war, erhielt daraufhin eine Bestallung als Baumeister. Fortan plante er weitere herzogliche Bauten, führte die Bauaufsicht über die öffentlichen Gebäude im Fürstentum und übernahm wie vor ihm Peter Sengelaub eine gutachterliche Tätigkeit in Baufragen. 1627 gab er diese Stellung auf, nachdem er zum fürstbischöfl.-bambergischen Baumeister aufgestiegen war. Er starb 1633.125 Mit der italienischen Renaissance brachte Bonalino einen neuen architektonischen Impuls nach Coburg, den 122 Bachner: Johann Casimir, S. 33 f., 62 f. (mit einem von Wolfgang Birckner gefertigten Bildnis des Gemachs Casimirs); Nielius: Hornstube, S. 31, 42, 55−58; Michel: Bonalino, S. 106, 114 f. 123 Lippmann: Dächer, S. 394; Matthies: Lusthäuser, S. 435; Michel: Bonalino, S. 110. 124 Bachner, Johann Casimir, S. 31−33; Simon: Gute Policey, S. 319. Im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden befindet sich noch ein Exemplar dieses Kupferstichs (SächsStAD, Bestand 12.884 Karten und Risse, Loc. 10.712/1, Bl. 190.), welches der Augsburger Kupferstecher Lucas Kilian schuf. 125 StACo, LA F 3677, fol. 38 f., Bestallung Giovanni Bonalinos, Coburg, 03.05.1624; StACo,

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Casimir medial ausnutzte. Vor allem gelang es durch den Bau des Altans, den lang gewünschten Eindruck eines Häuserkonglomerats zu erreichen, was durch differente architektonische Akzente optisch untermauert werden konnte. Die Kontinuität politischer Herrschaft war damit symbolisch dargestellt.126 6.5.5 Zusammenfassung Die zweite Phase des Ausbaus der Ehrenburg und ihrer Gartenanlage zu einer höfischen Festkulisse begann erst, nachdem die notwendigen Verwaltungsbauten errichtet waren und Casimir 1599 ein zweites Mal geheiratet hatte. Er nutzte das vorgegebene Repertoire höfischer und herrschaftlicher Repräsentation und errichtete zwischen 1605 und 1627 einige Bauten wie ein Schieß-, Ball- und Lust­ haus sowie einen Altan. Im Vergleich zu anderen Höfen stellt dies keine Besonderheit dar. Casimir nutzte verstärkt diese Bauten zur höfischen Repräsentation, wie es die humanistische Fürstenerziehung von ihm verlangte. Dazu gehörte die Öffnung der Stahlhütte und des Ballhauses für ein ausgewähltes bürgerliches und adeliges Publikum zu sportlichen Wettbewerben. Unterstützend wirkten die architektonischen Vorstellungen Giovanni Bonalinos und die Kupferstiche des Altans und des Ballhauses. Sie dehnten die mediale Wirkung der Coburger Anlagen auf ein reichsweites Niveau aus. Das Ziel war klar: Andere Fürsten sollten von der Inszenierung casimirianischer Modernität, seines Wohlstands und Friedenswillens beeindruckt werden. Die mediale Strategie, die bereits bei der Bibliothek und der Wissenschaftsförderung deutlich wurde, erreichte dort eine weitere Facette. Casimir legte wohl gerade auf diese Darstellung so viel Wert, weil er damit die Verfehlungen seiner Vorfahren kompensieren und sich als guter Herrscher inszenieren konnte. Dieser Tatendrang konnte seinen Legitimationsbemühungen nur zugutekommen. Auffallend dabei ist, dass Casimir, wohl aus finanziellen Gründen, nie ein eigenes Schloss baute. Er legte stattdessen einen dezentralen Gestaltungswillen an den Tag, der über Umbauten bei den erwähnten Schlössern nicht hinauskam oder sich durch den Um- und Einbau LA A 11.766, Erinnerungsschreiben der Fürstlichen Kanzlei zu Coburg an Bonalino zwecks Rückgabe des Bestallungsbriefes, Coburg, 1628; Michel: Bonalino, S. 25 f., 28, 412−414. 126 Faber: neugotischer Umbau, S. 366 f.; Bachner: Johann Casimir, S. 33; Fiedler: Baukunst, S. CXIX; Michel: Bonalino, S. 107. Der Altan blieb nach einem Umbau im 19. Jahrhundert in veränderter Form erhalten. Lediglich die Dachterrasse wurde zugunsten eines weiteren Stockwerks entfernt.

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diverser halbprivater Räume wie der Hornstube ausdrückte. Letztere bildete zusammen mit dem Altan und dem Schlosshof die Kulisse für Casimirs Hofjagden, die neben dem Schießen und Ballenschlagen zu den höfischen Lustbarkeiten gehörten. Bedauerlicherweise ist von dieser zweiten Bauphase im Umfeld der Ehrenburg nur noch der Altan erhalten. Die meisten Gebäude wichen im 19. Jahrhundert der Anlegung des Schlossplatzes. Die Hornstube befindet sich heute auf der Veste Coburg und ist der einzige Raum Casimirs, der sich vollständig erhalten hat.

6.6 Gescheiterte Herrschaftsinszenierung 6.6.1 Das Zeughaus Die bisherige Untersuchung legt den Verdacht nahe, dass Casimirs Baupolitik ohne Probleme und Widerstände vonstattengegangen sei. Wie die Quellen belegen, ist gerade dies ein Trugschluss. Ein Beispiel für eine gescheiterte Herrschaftsdarstellung bildet das Zeughaus. Bereits am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges sah Casimir die Notwendigkeit, das Land auf einen militärischen Konflikt vorzubereiten. Er brachte deshalb 1615 auf einer Ausschusstagung der Stände die Vorlage einer Kriegssteuer ein, die zur militärischen Aufrüstung des Landes verwendet werden sollte. Die Stände beschlossen die Einführung dieser Steuer mit einem Volumen von 60.000 Gulden, wobei für den Ausbau von Verteidigungsanlagen und Bewaffnung 20.000 Gulden bereitgestellt wurden. Auf Basis dieser Abgabe sollte auch ein Landeszeughaus entstehen. Casimir erwarb sogleich dafür zwei zentral gelegene und repräsentative Grundstücke in der Herrngasse.127 Die Standortwahl mag kein Zufall gewesen sein. Die Straße besaß als Direktverbindung zwischen Schloss Ehrenburg und dem Kanzleigebäude eine symbolische Bedeutung. In der Regierungszeit Casimirs entwickelte sie sich zum Wohnort fürstlicher Beamter und Adeliger mit repräsentativen Häusern. Durch den Bau des zwischen Schloss und Kanzlei zentral gelegenen 127 StACo, LA F 20, fol. 52v−54r, Proposition der Herzöge an die Landstände, Coburg, 20.03.1615; ebd., fol. 84v−85r, Resolution der Landstände, 23.03.1615; ebd., fol. 89, Landtagsabschied, Coburg, 24.03.1615, teilw. abgedr. bei Schultes: Landesgeschichte, S. 106 f.; StACo, LA F 14.348, Quittung über den Kauf des Zeughaus-Areals, 1617; StACo, LA F 23, fol. 300v, Verzeichnis was an Extra Ordinari od defensive Steuer empfangen und hingegen außgegeben 1618−22; Axmann: Renaissance, S. LXXIII.

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Zeughauses erreichte Casimir ein Maximum an fürstlicher Repräsentation auf dieser von ihm und seinen Baumeistern geschaffenen Herrschaftslinie. Diese konnte durch zentrale Sichtachsen von beiden Enden der Herrngasse erkannt werden.128 Mit diesem Bauprojekt beschloss Peter Sengelaub seine Tätigkeit in Coburg. Zusammen mit dem Steinmetz Jobst Müller errichtete er es zwischen 1616 und 1618 für 21.928 Gulden. Das Gespann hatte sich bereits beim Umbau von Schloss Callenberg bewährt.129 Beim Zeughaus handelt es sich um einen dreistöckigen langgestreckten Satteldachbau mit reich ausgestatteten Renaissancegiebeln, die für solche Bauten typisch einen trutzig-wehrhaften Eindruck vermittelten. Übermäßiger Bauschmuck wie Türme, Giebelfiguren, Lukarnen, Wappen und Reliefs fehlen hier völlig, was der gängigen Baupraxis bei Waffenmagazinen entsprach. An den typischen casimirianische Baustil erinnern nur die Doppelfenster und die auf Fernwirkung abzielenden Giebel. Die beiden wuchtigen Eingangsportale orientierten sich an Entwürfen des Architekturtheoretikers Sebastiano Serlio, dessen Bücher, zusammen mit denen weiterer Experten wie Hans Vredeman de Vries, Walther Hermann Ryff und Vitruv, in der Hofbibliothek zu finden waren. Die Portale unterstrichen den wehrhaften Eindruck des Gebäudes.130 Das Zeughaus sollte mit dieser architektonischen Ausstattung die militärische und theologische Wehrhaftigkeit, die Repräsentation von politischer Herrschaft und die Fürsorge Casimirs gegenüber seinen Untertanen symbolisieren. Gerade als der Dreißigjährige Krieg noch nicht das Fürstentum erfasste, stieg die Symbolkraft des Hauses weiter an. Auf dem Höhepunkt dieser Inszenierung erfuhr das Haus eine Erweiterung. 1624 errichtete wohl Giovanni Bonalino an der Westseite des Gebäudes ein zweigeschossiges Torhaus, das sich von seiner frühbarocken architektonischen Ausstattung mit Erker und Lukarne deutlich vom Hauptgebäude abgrenzte.131 128 Eine solche Entwicklung im städtischen Raum steht typisch für die Formung zur Residenzstadt. Vgl. Ranft: Residenz, S. 27; Lass: Etablierung, S. 169. 129 StACo, LReg, 5948, fol. 5, Erbauung des Zeughauses, Kostgeldabrechnung, 1617; LBCo, Ms 51, Wielkum ins neu Zeug-Hauß, 1618−25; Fiedler: Baukunst, S. CXVIII; Axmann: Callenberg, S. 112; Hönn: Historia Bd. I, S. 231. Müller werden die Renaissancegiebel und die beiden Spindeltreppen zugeschrieben. Ein architektonisches Vorbild für den Bau gab es nicht. An erster Stelle stand die Funktionalität. Vgl. Kap. 9.5. 130 *Serlio/Scamozzi: Tvtte l’Opere D’Architettvra; Morsbach/Titz: Stadt Coburg, S. 112; Goslar: Renaissancebau, S. 155 f.; Neumann: Zeughaus Teil 1, S. 14, 76 f., 149. 131 Morsbach/Titz: Stadt Coburg, S. 113; Fiedler: Baukunst, S. CXIX; Michel: Bonalino, S. 123 f.

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Das Zeughaus füllte sich mit den Jahren durch den Ankauf neuer Waffen und fürstlichen Dedikationen. Als Casimir 1631 in den Krieg eintrat, waren die Waffenkammern gut gefüllt. Genutzt hat dies aber nichts. Als nämlich die kaiserlichen Truppen Wallensteins 1632 nach der Schlacht an der alten Veste bei Zirndorf gen Norden zogen, um das Heer des schwedischen Königs Gustav Adolfs in Sachsen zu stellen, eroberten diese Coburg und plünderten das Zeughaus.132 Damit verlor das Gebäude seinen Ruf als trutziges Bollwerk gegen die Feinde des Landes. Das Problem lag vor allem darin, dass bei der Errichtung des Zeughauses die symbolische Ausstrahlung des Gebäudes im Mittelpunkt stand. Der Standort lag ungelegen und nicht wie üblich im Stadtzentrum oder an der Stadtmauer, wie von Militärexperten vorgeschlagen. Damit waren trotz der beiden Haupteingänge an den jeweiligen Stirn- und Hofseiten weite Laufwege zur Verteidigung nötig. Dass beim Bau keine Ingenieure, sondern lediglich die üblichen Baumeister beteiligt waren, mag sich ebenfalls negativ ausgewirkt haben. Offensichtlich war das Zeughaus aber auch nicht in erster Linie für die Verteidigung der Stadt gedacht, sondern es diente als zentrales von den Landständen und dem Landesherrn finanziertes Waffenlager. Die Funktionalität geriet dabei in den Hintergrund. Allerdings besaßen Zeughäuser im städtischen Raum keine Verteidigungsanlagen, sodass bei der Eroberung Coburgs die Plünderer leichtes Spiel hatten. Gerade durch dieses Ereignis entpuppte sich das Zeughaus zumindest bei den Zeitgenossen als Beispiel einer gescheiterten Herrschaftsinszenierung. Das Waffenmagazin stand jetzt symbolisch für die Hilflosigkeit des Fürsten, seine Untertanen vor dem Kriegsgräuel zu bewahren. Als Reaktion darauf verlor das Gebäude seine ursprüngliche Nutzung. Neue Verwendungsmöglichkeiten zeichneten sich zu Casimirs Lebzeiten aber nicht mehr ab. Zunächst kamen historische Waffen und Kriegsgeräte unter. 1684 eröffnete dort das erste Hoftheater. Später diente es als Verwaltungsgebäude, Weinlager und Kaserne, wodurch sich die Nutzung radikal veränderte.133 132 StACo, LA F 3686, Inventarium des Zeughauses, 1619; StACo, LA F 3682, Anschaffung von Gewehren und Rüstungen, 1619−30; StACo, LA F 3685, Kauf von Waffen beim Rat der Stadt Erfurt, 1619; StACo, LA B 56, fol. 10v, Casimir an den kursächsischen Rat Ludwig Moser, Tenneberg, 12.06.1620 (Post-Scriptum); StACo, LA F 23, fol. 210−214, Rentereirechnung 1618/19; ebd., fol. 300v, Verzeichnis was an Extra Ordinari od defensive Steuer empfangen und außgegeben 1618−22; StACo, LA B 3113, fol. 88, Casimir an den Zeugmeister in Coburg, Römhild, 24.11.1632; ebd., fol. 117r-119v, Rat und Bürgermeister zu Coburg nebst fürstlichen Räte an Wallenstein, Coburg, 08. (jul.)/18.10.1632 (greg.); Hönn: Historia Bd. I, S. 231. Vgl. Kap. 9.10.1. 133 StACo, LA F 23, fol. 300v, Verzeichnis was an Extra Ordinari od defensive Steuer empfangen

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6.6.2 Der geplante Ausbau von St. Moriz In der bisherigen Untersuchung zur Residenzformung konnten Konflikte zwischen Casimir und dem Rat der Stadt Coburg nicht nachgewiesen werden. Derartige Auseinandersetzungen traten andernorts immer wieder auf, so bei der Verlegung des Dresdner Rathauses, das zugunsten der Erweiterung des Altmarktes abgerissen werden sollte. Die Kurfürsten wollten hier Platz für höfische Feste schaffen.134 In Coburg umging Casimir geschickt diese Auseinandersetzungen. Lediglich in einem Fall leistete der Rat Widerstand gegen ein Bauprojekt. Hierbei handelte es sich um den Umbau der Morizkirche. Nachdem 1601 ein zweistöckiger Fürstenstuhl als Grenze zwischen Chor und Langhaus in Form eines Lettners errichtet und von Peter Sengelaub ausgemalt wurde, plante Casimir die Umgestaltung des kompletten Sakralraumes. Seine Intention lag wiederum in der schrittweisen Überwölbung eines städtischen Symbols durch fürstliche Repräsentation.135 1619 gab er den in Weimar beschäftigten Giovanni Bonalino den Auftrag, für das Mittelschiff eine Wölbung zu entwerfen und einen Kostenvoranschlag zu liefern. Dafür sollte eine bemalte Holzkassettendecke entfernt werden. Die Idee für die Umgestaltung rührte nach Kruses Meinung von einem Besuch Casimirs in Celle im Jahre 1617 her, wo er wohl die dortige Schlosskirche besucht hatte.136 Zur Finanzierung des Projekts sollte eine neue Steuer eingeführt werden, welche die Kommune zu leisten hatte. Nach Bekanntgabe der Pläne regte sich beim Rat und in der Bevölkerung Widerstand gegen die Umgestaltung. Als Begründung gab der Rat die bereits vorhandene hohe Steuerlast, die Kriegswirren und den guten Erhaltungszustand der Kassettendecke an. Zudem fürchtete er einen Aufstand, wenn eine neue Steuer eingeführt werden würde. Er bat deshalb Casimir, von dem Bauvorhaben Abstand zu nehmen und es erst nach Kriegsende zu realisieren. Zudem lehnte die Bürgerschaft den Wunsch Casimirs ab, eine Sondersteuer einzuführen, womit der Einbau einer

und hingegen außgegeben 1618−22; Morsbach/Titz: Stadt Coburg, S. 112; Bachmann: Theatertradition, S. 7; Neumann: Zeughaus, S. 62 f., 71 f., 99. 134 Müller: Kunst als Medium, S. 132. 135 Brinkmann: Grabmäler, S. 350; Karche: Jahrbücher Bd. III, S. 125. 136 StACo, LReg 7221, fol. 12−17, Kostenvoranschlag Giovanni Bonalino, 1619; StACo, LA E 524, fol. 5 f., Bürgermeister und Rat der Stadt Coburg an die Räte, Coburg, 30.10.1586; StACo, LA A 1558, Reise nach Celle, 1617; NLA HA, Celle Br. 40, Nr. 44, Besuch Casimirs in Celle, 1617; Kruse: Epitaph Teil 2, S. 246; Michel: Bonalino, S. 35, 88−93. Bonalino kalkulierte für die Wölbung 4896 Gulden. Der Gegenkalkulation betrug 7288 Gulden.

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neuen Orgel finanziert werden sollte. Dem Herzog gelang es lediglich, die Neubemalung des Chorgestühls durchzusetzen, die Wolfgang Birckner besorgte.137 Der Fürstenstuhl symbolisierte mit seiner künstlerischen Ausstattung die geistliche und politische Macht. Diese Ausstrahlung richtete sich in erster Linie an das Kirchenvolk im Langhaus, wohin sich die liturgische Handlung verlagerte. Von dort erblickten die Untertanen ihren „summus episcopus“, der hier, von ihnen distanziert und überhöht, dem Gottesdienst beiwohnte. Der Blick zum Chor diente Casimirs Trauer und der Memoria gegenüber den Eltern. Andererseits bewirkte der Fürstenstuhl die Abgrenzung des Chors, der damit endgültig zur fürstlichen Grabkapelle avancierte. Andernorts mussten dazu erst Begräbniskapellen an die Gotteshäuser angebaut werden. Wie massiv Casimir die Kirche verändern wollte, ist aus den Quellen nicht ersichtlich. Der Umbau sollte aber zum Höhepunkt des casimirianischen Kirchenbaus avancieren. Dieser durchlief verschiedene Stufen. Casimir trat zunächst als Bauherr fürstlicher Filialkirchen in Oeslau und Callenberg in Erscheinung. Mit dem Umbau der Morizkirche wollte er in einem abschließenden Schritt den zentralen kultischen Ort des Fürstentums nach seinen Vorstellungen neugestalten.138 Die Bürger Coburgs verhinderten dies. Casimir verzichtete daraufhin auf den Umbau des Kirchenraums, der erst im 18. Jahrhundert, u. a. durch den Abbruch des Fürstenstuhls zustande kam.139 6.6.3 Zusammenfassung Beide Bauprojekte zeigen, dass der Herrschaftsinszenierung Grenzen gesetzt waren. Dies geschah durch Ambivalenzen zwischen Symbolik und Realität. Das Zeughaus konnte nur soweit seine wehrhafte Wirkung aufrechterhalten, solange der Krieg von der Residenzstadt ferngehalten wurde. Mit der Eroberung Coburgs 1632 verlor es seine Symbolik, was mit der unterschiedlichen Nutzung des Hauses danach einherging. Im Falle der Morizkirche scheiterte 137 StACo, LA E 553, Bürgermeister und Rat der Stadt Coburg an Casimir, Coburg, 12.06.1620; StACo, LReg 7221, fol. 53−55, Casimir an Birckner, Coburg, 08.08.1618; StACo, LA E 550, fol. 2v, Bürgermeister und Rat der Stadt Coburg an Casimir, Coburg, 08.06.1619; ebd., fol. 4v, Bürgermeister und Rat der Stadt Coburg an Casimir, Coburg, 10.06.1619; Haas: Baugeschichtliche Untersuchungen, S. 32. 138 Teufel: Morizkirche, S. 59; Heck: Genealogie, S. 170. 139 Kruse: Epitaph Teil 2, S. 8 f., 241. Durch den Bau einer Gruft Ende des 17. Jahrhunderts verschwanden diese Särge.

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das Bauprojekt am Widerstand der Bürger. Dabei fällt auf, dass Casimir in solchen Fällen immer wieder den Konsens mit den Landständen suchte, um seine Pläne durchzusetzen. Das geschah in diesem Fall nicht, was sofort Widerstände auslöste. Umso deutlicher ist eine konsensorientierte Herrschaft zu erkennen, ohne die Casimir Bauprojekte nicht hätte realisieren können. Für ihn mögen dies neue Erfahrungen gewesen sein. Im Vergleich dazu waren misslungene Herrschaftsinszenierungen nichts Ungewöhnliches, wie die Auseinandersetzungen um die Verlegung des Dresdner Rathauses beweisen.

6.7 Inszenierung durch die bildende Kunst Neben der Architektur besaß die bildende Kunst für Fürsten die Möglichkeit, ihre Macht darzustellen. Gemälde symbolisierten die Vergegenwärtigung des Monarchen bei physischer Abwesenheit, wodurch diese eine Stellvertreterfunktion innehatten. Diese Bedeutung nutzten schon Casimirs Eltern. Ihre Abwesenheit wurde durch Porträts kompensiert, worauf Johann Friedrich der Mittlere explizit hinwies. Daneben besaßen Bilder für die Herrschaft eine legitimierende Wirkung. Der Fürst stand hier nicht als Individuum, sondern als Repräsentant seines Landes, dem Herrschaftsattribute wie Insignien beigegeben wurden. Dieser optische „Dualismus zwischen dem unsterblichen corpus politicum und dem sterblichen corpus naturale“ entfaltete seine volle Wirkung während der Regierungszeit des abgebildeten Fürsten.140 Herrscherporträts richteten sich also an eine repräsentative Öffentlichkeit. Kaiser Maximilian I. entdeckte als erster das politische Potenzial von Bildern und setzte diese gezielt für seine Herrschaftsrepräsentation ein. Die Habsburger Kaiserporträts galten seither als Vorbild für andere Fürsten. Dabei bediente man sich der neuen Drucktechnologie und nutzte sie für die fürstliche Propaganda. Wie andere Herrscher auch, machte sich Casimir diese Form zu eigen und ließ zahlreiche Gemälde und sechs Kupferstiche in Auftrag geben.141 Bekannt sind sieben ganzfigurige Staatsporträts, die zwischen 1583 und 1610 entstanden sind. An der Kleidung lässt sich der Übergang von der dominierenden spanischen Hofmode der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hin zu französischen Einflüssen erkennen. Hier unterschied sich Casimir nicht 140 StACo, LA A 2160, fol. 2, Johann Friedrich der Mittlere an seine Söhne, Wiener Neustadt, 10.03.1577; Götzmann: Kaiserliche Legitimation, S. 257; vgl. Kap. 4.3. 141 Korsch: Kunst, S. 373; Heins: Bildnisse, S. 1−10.

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von anderen Fürsten. Die Körperhaltung auf den Porträts ist nahezu identisch und kann in einem direkten Bezug zueinander gesetzt werden. Der Herzog zeigte sich stets im Rechtsprofil, die rechte Hand sichtbar, während die linke teilweise unter einem Mantel verschwand oder einen Degen umschloss. Offenbar handelte es sich um die von ihm bevorzugte Darstellungsweise, an der sich die Maler orientierten. Die ursprünglichen Standorte der Gemälde sind mit Ausnahme des Porträts von 1583, welches in der Residenz Kurfürst Augusts in Weißenfels hing, unbekannt. Dort war das Porträt Bestandteil einer Galerie, in der auch Bildnisse von Casimirs Bruder und etlicher Kaiser hingen. Indizien weißen zudem auf ein Casimir-Porträt in der Weimarer Residenz hin, dass später nach Schloss Friedenstein in Gotha gelangte. Generell konnten solche Bilder als Geschenk in Schlössern befreundeter Fürsten oder in Amtsstuben Aufstellung finden. In Schloss Ehrenburg gab es ebenfalls eine Galerie. Belegt ist die Existenz eines Lutherporträts, zwei kleinerer Holzschnitte mit der Darstellung Kurfürst Friedrichs des Weisen und seines Bruders Johann des Beständigen sowie einer Kaisergalerie mit Bildern der Reichsoberhäupter von Karl IV. bis Ferdinand II. Diese sollte wohl bewusst die politische Akzeptanz Casimirs gegenüber der kaiserlichen Herrschaft unterstreichen.142 Herausstechend unter den Bildnissen des Herzogs ist ein farbiges Pergament mit einer halbfigürlichen Darstellung aus der Zeit zwischen 1610 und 1615, das im Druckverfahren gefertigt wurde. Gerade dieses Bild eignete sich gut als Mittel fürstlicher Propaganda. Unter dem Bildnis Casimirs tragen zwei Engel als Symbole göttlicher Legitimation das fürstliche Wappen, womit die Identität der dargestellten Person, der Dynastie und des Landes offenbar wird. Im Bildhintergrund sind Stadt und Veste Coburg zu erkennen. Umrahmt wird dies von einer Goldfassung und Rollwerkrahmen, auf denen Engel, zwei davon als Allegorien des Friedens und der Gerechtigkeit, sowie Fruchtgebinde abgebildet sind. Der 142 StACo, LA A 10.607, fol. 3, 8, Korrespondenz zwischen Casimir und Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, 1621; StACo, LA A 10.694, fol. 61 f., Korrespondenz zwischen Casimir und Ernst dem Frommen, Januar/Februar 1623; Boseckert: Dresden im Blick, S. 72 f.; Weschenfelder: Repräsentation und Wissenschaft, S. 33; Kruse, Epitaph Teil 1, S. 198; Gebhardt: Bildnisse Johann Casimirs, S. 89−106; Boseckert: Selbstdarstellung, S. 28; O’Frieling: Kleidung, S. 325; Schuttwolf: Malerei, S. 30, 34, 54 f.; Harnisch: Allerley Meisterstück, S. 171−186; Weschenfelder: Bildnus Lutheri, S. 24. Das einzige Casimir-Porträt, das heute in Zusammenhang mit einer Amtsstube im Coburger Rathauses hängt, lässt sich dort nur bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts nachweisen. Vgl. Brückner: Regimentsstube, o.S., (StACo, Amtsbibliothek, Fo 34:4). Ein ähnliches Porträt befindet sich im Rathaus von Chur.

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Betrachter soll darin Wohlstand und Frieden erblicken, womit Casimir auf seine Erfolge als Herrscher verwies und sich damit legitimierte. Zudem offenbart die Körperhaltung des Herzogs Entschlossenheit und Zielstrebigkeit, die er nur auf wenigen politischen Feldern an den Tag legte.143 Über die Adressaten dieses Pergaments, das als Fürstengeschenk verehrt wurde, geben zahlreiche Quellen Auskunft. Allein 38 Exemplare gingen in die Schweiz, u. a. an den Bischof und den Bürgermeister von Chur (siehe Kap. 9.2). 24 Darstellungen verschenkte Casimir 1610 auf seiner Reise nach Köln, wo er an den Gesprächen über die Erbfolge in den Herzogtümern Jülich, Kleve und Berg teilnahm. Zudem empfingen Beamte, Kaufleute, Juristen und Hofangestellte weitere Exemplare. Sie wirkten vor allem im Umfeld des Prager Kaiserhofes, der welfischen Residenzen in Celle und Wolfenbüttel, dem kursächsischen Hof in Dresden und dem Nürnberger Patriziat. Auch eigene Beamte erhielten ein solches Geschenk. Gegenwärtig sind für den Zeitraum von 1596 bis 1630 rd. 100 Bilddrucke archivalisch belegt, die je einen Wert von 15 Gulden besaßen.144 Das Pergament muss aber in einer noch höheren Auflage entstanden sein. Zudem gab es das Bild in verschiedenen Größen und Neuauflagen. So erhielt Casimirs Geschäftsträger in Prag, Caspar Sartorius, nach 1596 eine neuere Darstellung. Dem pfälzischen Staatsmann Ludwig Camerarius übersendete er ein besonders großes Pergament. Als Casimir 1598 ein Exemplar an seinen Bruder verehrte, entschloss sich Johann Ernst die mediale Strategie aufzunehmen und ebenfalls Pergamente mit seinem Konterfei sowie der Stadt Eisenach und der Wartburg im Hintergrund zu drucken. Auch bei Kurfürst Christian  II. und Herzogin Margarethe gibt es Hinweise darauf, 143 Boseckert: Dresden im Blick, S. 81; Hambrecht: Johann Casimir, S. 115 f.; Gebhardt: Bildnisse Johann Casimirs, S. 97. 144 StACo, LA  A 2222, Verzeichnis der Personen, welche ein Bildnis an Gold erhielten, 1596−1630; StACo, LA A 2228, Verehrungen der Bildnisse die Schweiz, o.D.; StACo, LA A 2246, Verehrung eines Bildes an Hans Friedrich Schenk von Siemau, 1615; StACo, LA A 10.718, fol. 201, Christian von Erffa an Casimir, Römhild, 27.09.1619; StACo, LA A 10.719, fol. 24, Casimir an Heinrich Scheler, Coburg, 19.03.1601; fol. 163, Casimir an Daniel Schneider, Coburg, 25.10.1605; StACo, LA A 2309, fol. 60, Anweisung der Renterei, Coburg, 26.02.1623; StACo, LA C 1475, fol. 22v, Ausgaben bezgl. Reise nach Köln, 1610; StACo, LA C 252, fol. 59r, Heußner an Casimir, Prag, 05.02.1597; StACo, LA C 1448, fol. 3 f., Dr. Johann Hildebrand an Heußner, Celle, 13.10.1609; StACo, LA B 2981, fol. 23, Übersendung eines Bildnisses an Gold nach Wien, o.D. Zur Verehrung einer großen Zahl von Bildern nach Graubünden, vgl. Kap. 9.2. Herstellung und Vertrieb der Bilder belasteten die Hoffinanzen, was die Räte 1602 in ihren Sparvorschlägen kritisierten. Vgl. StACo, LA A 10.861, fol. 17r−18v, Sparvorschläge, Coburg, 13.02.1602. Ein Exemplar befindet sich heute im Staatsarchiv Coburg (Bild-Slg. 1_2,1), abgedr. bei Boseckert: Dresden im Blick, S. 75.

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dass diese solche Bildnisse verehrt haben.145 Deutlich erkennbar ist, dass die Pergamente neben der propagandistischen Bedeutung die sozialen Beziehungen zwischen Casimir und den Empfängern befördern und Loyalitätserwartungen erzeugen sollten. Daneben sah der Herzog in der Malerei einen wesentlichen Bestandteil seiner Herrschaftsinszenierung. Neben Herrscherporträts wiesen Wappen auf die ruhmreiche Herkunft des Fürsten hin und unterstrichen dadurch den auf Tradition beruhenden Machtanspruch des Herrschers. Die Wappenbilder hingen wie auch die Porträts hauptsächlich an einer repräsentativen Stelle im großen Festsaal der Ehrenburg. Casimir sah wohl in einem allzu offensiven optischen Bezug auf seinen Vater und Großvater ein Legitimationsproblem, sodass er die Ausstattung eines Saales mit neutralen fürstlichen Wappen, nach Vorbild des Dresdner Riesensaals plante. 1623 bat er den Kurfürsten um Erlaubnis, die Wappen als Vorlage nehmen zu dürfen, was ihm gestattet wurde. Die Arbeit, welche 42 Wappenbilder mit Helmen und Schildern umfasste, führte der Dresdner Maler Andreas Göding aus. Die Kosten betrugen 21 Reichstaler. Wappen galten als wichtigste Trophäensammlung einer Dynastie und erlangten dadurch eine hohe symbolische Wirkung. In den meisten Fällen war damit der Besitz von Land und Macht verbunden. Es gelang so, auf die Saalgesellschaft eine domestizierende Wirkung auszuüben, die sich zumindest im Respekt gegenüber den Fürsten und den Leistungen seiner Vorfahren ausdrückte. Gleichzeitig symbolisierten die Wappen das dynastisch-genealogische Korsett des Landes, wobei die Saalgesellschaft die Rolle des Volkes einnahm. Der Fürst vereinigte als zentrale Figur die verschiedenen Symboliken in seiner Person und repräsentierte sich so als Landesherr und Nachkomme. Die Göding-Wappen wurden bei einem Brand 1690 zerstört und durch neue Exemplare, im sogenannten Riesensaal der Ehrenburg, ersetzt.146

145 StACo, LA A 2222, Casimir an Caspar Sartorius, Coburg, 13.11.1596; ebd., Aktennotiz der Renterei anlässlich der Verehrung eines neuen Bildes an Caspar Sartorius [1613]; ebd., Casimir an Ludwig Camerarius, Coburg, 06.03.1618; StACo, LA C 1452, fol. 224, Liste der Personen, die vom Kurfürsten ein Bildnis erhalten haben, Torgau, 03.11.1611; StACo, LA A 10.676, fol. 111, Casimir an Johann Ernst, Coburg, 08.03.1598; Hamm: Johann Ernst, S. 117 f. Weitere Hinweise auf Gemälde finden sich in: StACo, LA A 2304, fol. 18, Ausgaben für ein unbekanntes Porträt [1590–93]; StACo, LA A 10.595, fol. 42, Casimir an Dorothea von Braunschweig-Lüneburg, Coburg, 06.07.1603. 146 StACo, LA A 2262, Bestellung Wettinischer Wappen in Dresden, 1623/24; Meissner/ Beyer: Allgemeines Künstlerlexikon Bd. 57, S. 506; Heck: Genealogie, S. 141, 147; Müller: Schloss als Bild, S. 214 f.; Hambrecht: Wettiner Wappen, S. 5.

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Dieser Orientierung an Kursachsen stand eine gewisse Abgrenzung gegenüber. Als der Dresdner Maler Samuel Richter dem Herzog 1619 ein Gemälde verehrte, auf dem die Ankunft Kaiser Matthias und seines Nachfolgers Ferdinand II. in der kursächsischen Residenzstadt von 1617 abgebildet war, konnte Casimir der prunkvollen Selbstdarstellung der Albertiner nichts abgewinnen. Vielmehr sah er dieses Bild als Provokation an. Auf seinem Befehl hin wurde das Bild dem Künstler wieder zurückgeschickt und dem Maler wenigstens die Unkosten beglichen.147 Für die Herstellung unzähliger Porträts und Schützenscheiben für das höfische Schießen bedurfte es der Anstellung mehrerer Künstler. Kruse weist während der Regierungszeit Casimirs elf in Coburg ansässige Maler nach, deren Leben und Arbeiten nur teilweise rekonstruierbar sind.148 Der Bedeutendste unter ihnen war Peter Sengelaub, der bisher als Baumeister in Erscheinung getreten war. Der gebürtige Thüringer taucht erstmals um 1590 in den Quellen als Hofmaler auf. Zwischen 1594 und 1598 schuf er mindestens ein Fürstenporträt, drei weitere werden ihm zugeschrieben. 1607 malte er wohl für Casimir eine Porträt­galerie in der Stahlhütte. Zudem übernahm er bis 1619 die Ausmalung der meisten Schützenscheiben. Seine Tätigkeit als Baumeister ließ vermutlich das Schaffen weiterer Gemälde nicht zu, zumal Sengelaub auch für die Grafen von Schwarzburg, den Herzog von Altenburg und das Zisterzienserkloster Langheim arbeitete. Sengelaub starb 1622 in Coburg.149 Wohl zu seiner Entlastung kam um 1615 Wolfgang Birckner nach Coburg, der vorher für Christian von Brandenburg-Bayreuth gearbeitet hatte. Sein künstlerischer Schwerpunkt lag in der Darstellung von Jagdszenen, wie schon in Verbindung mit dem Altanbau und der Hornstube deutlich wurde. Daneben schuf Birckner ein auf das Jahr 1625 datiertes Büstenporträt und weitere Darstellungen Casimirs als Jagdherrn. Zudem führte er die Arbeit Sengelaubs an den Schützenscheiben fort. Mit dem 147 StACo, LA A 10.721, fol. 171r−172v, Richter an Casimir, Dresden, 04.07.1619. 148 StACo, LA A 10.718, fol. 75, Casimir an Matthias Harreisl, Küchenmeister zu Wiener Neustadt, Coburg, 12.04.1595; Kramer/Kruse: Scheibenbuch, S. 26−41; Bachner: Johann Casimir, S. 57. In dem Brief an Harreisl geht es um die Bestellung etlicher Bildnisse beim Maler „Honaherr“ in Wiener Neustadt, die Casimir trotz der Zahlung von 40 Reichstalern nicht erhielt. Nach Meinung Gebhardts fertigten auch Dresdner Maler Casimir-Porträts. Vgl. Gebhardt: Bildnisse Johann Casimirs, S. 92. 149 StACo, LA A 10.862, fol. 21v, Ausgabenverzeichnis des Coburger Hofes [1590]; Axmann: Peter Sengelaub, S. 112−115; Axmann: Sengelaub und die Grafen von Schwarzburg, S. 63−72; Kramer/Kruse: Scheibenbuch, S. 44; Gebhardt: Bildnisse Johann Casimirs, S. 90 f., 95.

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Tode Casimirs verlor er seine Stellung. Trotz zahlreicher beachtlicher Werke wie dem Jüngeren Jagdbuch gelang es ihm nicht, als Maler wieder Fuß zu fassen.150 Neben Sengelaub und Birckner arbeitete wohl auch die Coburger Malerfamilie Weyer für Casimir. Ihr werden zwei Porträts des Herzogs zugeschrieben.151 Der Drang nach immer neuen Porträts schlug sich in den Finanzen nieder. Ein fertiggestelltes Porträt kostete 256 Gulden. Allein die Unkosten, die durch den Kauf von Farben und Ölen verursacht wurden, betrugen 248 Gulden, sodass die Maler meist für ein ungleich geringes Honorar arbeiten mussten.152 Casimir nutzte dieses Medium, um sein fürstliches Prestige gegenüber seinen Standesgenossen zu steigern und sich als Fürst zu repräsentieren. Dies beförderte die bildende Kunst an seinem Hof.153 Die Herrschaftsporträts dienten dem gegenseitigen fürstlichen Austausch und als allgegenwärtiger Ersatz für den oft abwesenden Monarchen. Die stärkste mediale Wirkung besaß jedoch das in hoher Auflage gedruckte Pergament, dass Casimir einsetzte, um einen bestimmten Personenkreis für sich einzunehmen und seine politischen Erfolge darzustellen. Seine persönliche Neigung zur Malerei scheint dagegen kaum ausgeprägt gewesen zu sein. Dafür sprechen die vermutete geringe Größe der Gemäldegalerie und die beruflichen Nebentätigkeiten der wichtigsten Hofmaler Birckner und Sengelaub. Vielmehr nutzte Casimir Wappen zur Herrschaftslegitimation und Memoria. Damit umging er gegenüber anderen Fürsten und den Untertanen die problematische Vergangenheit seiner Familie. Es gelang ihm so, wiederum ein Optimum an medialer Wirkung zu erreichen.

6.8 Casimirs Kulturlandschaft – Eine Gesamtbetrachtung Die Formung Coburgs zur Residenz erfolgte auf Basis humanistischer Lehre, die auf eine Kultivierung des Landes abzielte Die Grundlage hierzu schuf Casimirs Großonkel Johann Ernst mit dem Bau des Schlosses Ehrenburg. Nach seiner 150 Bachner: Johann Casimir, S. 5; Hamm: Wolfgang Birckner, S. 143; Kramer/Kruse: Scheibenbuch, S. 41, 46; Lindner: Jüngere Jagdbuch, S. 5−12. Nach Meinung Kruses dürfte Wolfgang Birckner als Ersatz für den Ende 1614 verstorbenen Hofmaler Matthias Schäfer aus Bischofsheim v.d. Rhön gekommen sein, der an den malerischen Arbeiten an der Kanzlei und dem Casimirianum mitwirkte. 151 Kramer/Kruse: Scheibenbuch, S. 40 f.; Gebhardt: Bildnisse, S. 93, 97 f. 152 StACo, LA A 10.862, fol. 21v, Ausgabenverzeichnis [1590]; StACo, LA A 2304, fol. 18, Ausgaben für ein Porträt, 1593. 153 Schauerte: Porträt, S. 467.

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Regierungsübernahme führte Casimir den Prozess der Residenzenbildung intensiv weiter. Das sich nun anschließende Bauprogramm wurde in mehreren Stufen realisiert. Zunächst schuf man zwischen 1589 und 1598 mit dem Südflügel der Ehrenburg die architektonische Basis für weitere öffentliche Gebäude. Der zeitgleiche Bau des Epitaphs in der Stadtpfarrkirche St. Moriz manifestierte die legitime Basis für Casimirs Herrschaft und förderte damit die familiäre und religiöse Identitätsbildung eminent. Damit trug der Herzog dem politischen Schicksal seiner Familie Rechnung. In einer zweiten Stufe entstanden zwischen 1597 und 1604 öffentliche Bauten. Sie bildeten das typische Repertoire staatlicher Bauaufgaben. Dabei ist das Kanzleigebäude als architektonische und verwaltungsmäßige Weiterentwicklung des Südflügels von Schloss Ehrenburg zu sehen. Erst danach entstanden in einer dritten Phase (1605−27) höfische Bauten. Diese Kombination fand sich auch in Dresden. Inwieweit diese Anlage als Vorbild für Coburg diente, lässt sich heute nicht sagen. Zeitgleich kam es zu Um- und Ausbauten in den Schlössern Callenberg und Oeslau, wobei die Gestaltung der Schlosskirchen eine zentrale Rolle einnahm. Dabei schwang die Darstellung Casimirs als „summus episcopus“ und die Festigung des „wahren“ lutherischen Glaubens gegenüber den Albertinern und dem Katholizismus mit. Die repräsentative Nutzung des Kirchenraumes geschah auch hier stufenweise: zunächst durch die Vereinnahmung des Chores in der Morizkirche (1595−98), dann über die Ausgestaltung ganzer Sakralräume zu fürstlichen Filialkirchen (1600−13) und schließlich durch die geplante Umgestaltung von St. Moriz ab 1619. Dabei bewegte sich Casimir innerhalb der Vorgehensweise lutherischer Fürsten, wenn es um die repräsentative Neugestaltung von Kirchen ging. In den vorgestellten Fällen besaß er keine Patronatsrechte, sodass er sich mit anderen Parteien wie der Stadt Coburg erst einigen musste. In einer vierten Stufe kam es nach 1615 zum Ausbau der Landesverteidigung, wobei im Stadtzentrum ein Zeughaus errichtet wurde. Insgesamt hielt sich Casimir am typischen Bauprogramm fürstlicher Residenzen, wobei seine eigenen Vorlieben Berücksichtigung fanden. Ihm gelang es über dieses Programm, den städtischen Raum mit seiner fürstlichen Repräsentationsstrategie zu vernetzen und zu überformen. Damit glückte ihm die Visualisierung seiner Herrschaft. An den wichtigsten Plätzen der Stadt entstanden herzogliche Gebäude, womit Casimir eine dezentrale Errichtung fürstlicher Bauten den Vorzug gab. Es entstanden dadurch drei Verdichtungsräume am Markt, an der Morizkirche und im Umfeld der Ehrenburg. Zudem schuf er mit der Herrngasse eine Herrschaftslinie von der Kanzlei über das Zeughaus zum Schloss. Wappen und Inschriften kennzeichneten optisch diese Räume. Derartige Verdichtungen

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semiotischer Zeichen im Stadtzentrum, an der Grablege und am Schloss sind für Residenzstädte typisch.154 Casimir dehnte den Repräsentationsraum als einer der ersten Fürsten über die Stadtgrenzen in die nähere Umgebung aus und sorgte dafür, dass durch die baulichen Maßnahmen Sichtbeziehungen zwischen der Veste Coburg als Symbol der Landesherrschaft und den Nebenresidenzen Oeslau und Callenberg entstanden. Als repräsentative Einfallstore sollten sie den Fremden in das Machtzentrum des Landes, auf den Coburger Marktplatz mit seiner Kanzlei führen. Casimir gelang es so, die drei wichtigsten Bestandteile der fürstlichen Legitimation und Konstitution, nämlich Hofbauten, Verwaltungsgebäude und Grablegen, zu errichten. Er schuf damit nach seinen Vorstellungen die flächendeckende Visualisierung politischer Macht, wie sie für die Renaissance üblich war. Der Staat wurde so zum Kunstwerk oder Kosmos und sein Herrscher als Handwerker nach göttlichem Vorbild zu dessen Schöpfer. Er schuf aus dem vorhandenen Rohmaterial nach bestimmten Vorgaben ein strukturiertes Bild und formulierte daraus eine gesellschaftliche Ordnung.155 Mit der Gestaltung der natürlichen Umwelt schob Casimir einen Domestizierungsprozess an, der in Gartenanlagen, Wildgehegen und in der künstlerischen Rezeption den stärksten Niederschlag fand. Er erreichte damit die flächendeckende Repräsentation seiner Herrschaft im städtischen Raum und dessen näheren Umkreis. Die Albertiner erreichten diese flächendeckende Repräsentation in Dresden nicht. Gegenüber den Albertinern baute Casimir zurückhaltender, womit der fürstlichen Tugend der „magnificentia“ genügte.156 Daraus entstand als Abgrenzung zu den Kurfürsten ein eigener Baustil, der sich an ernestinischen und albertinischen Vorbildern orientierte. Der deutlichste Kontrast zu Kursachsen findet sich vor allem beim Epitaph. Damit wollte Casimir die unterschiedlichen theologischen Ansichten und damit das von den Ernestinern verkörperte „reine“ Luthertum untermauern. Als zweite Architekturform fand ab 1623 durch den Graubündner Baumeister Giovanni Bonalino die italienische Renaissance den Weg nach Coburg. Zudem lassen sich nach der Heirat mit Margarethe von Braunschweig-Lüneburg 1599 norddeutsche Bauelemente als dritte Architekturform nachweisen. Die an den Bauten beteiligten Handwerker stammten hauptsächlich aus Thüringen und Franken. Dabei gelang es dem Landesherrn, 154 Heck: Genealogie, S. 94−100; Lotman: Semiosphäre, S. 287−305; Ranft: Residenz, S. 28; Lass: Etablierung, S. 170. 155 Lippert: Kunst, S. 67−69, 74; Lass: Etablierung, S. 173. 156 Lass: Etablierung, S. 173; Meys: Memoria, S. 23.

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mit Peter Sengelaub und Nikolaus Bergner zwei bedeutende Künstler zu gewinnen. Gerade Sengelaub konnte durch die Arbeit für Casimir sein Ansehen noch steigern. Auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft wurde er einer der gefragtesten Baumeister Thüringens. Damit einher ging die Rezeption der casimirianischen Architektur in Gebieten außerhalb des Fürstentums Coburg. Neben diesen architektonischen Impulsen charakterisieren familiäre und politische Einflüsse die Baupolitik Casimirs, auf die er visuell reagieren wollte und musste. Der Herzog trat als Bauherr energisch und weniger zögerlich auf wie in anderen Politikfeldern. Dennoch musste er bei den öffentlichen Bauten Rücksicht auf die Landstände nehmen. Diese besaßen das Privileg der Steuerbewilligung und Casimir benötigte Geld für seine Baupolitik, die erst mit ihrem Einvernehmen realisiert werden konnte. Er holte deshalb die Stände mit in die Verantwortung, wodurch er eine konsensorientierte Lösung präferierte. Diese gewährten dann die Gelder zum Wohle des Landes, dem auch sie verpflichtet waren. In solchen Fällen stiegen die Kosten in den Bereich um 20.000 Gulden. Wenn eine Einigung mit den Ständen nicht zustande kam, konnte dies Projekte verzögern oder scheitern lassen. Einen generellen Widerstand gegen die Baupolitik lässt sich von dieser Seite aber nicht feststellen. Die Analyse stützt damit die aktuelle Forschungsmeinung, dass ständischer Widerstand gegen die fürstliche Baupolitik zwar möglich war, aber nicht generell anzunehmen sei.157 Die Konfrontation wurde hauptsächlich durch die Architektur ausgetragen, wie die Kontrastierung von Rathaus und Kanzleigebäude beweist. Relativ frei von den Ständen gestaltete Casimir den höfischen Ausbau seiner Residenzen. Hier waren es die Räte, welche die Ausgabenflut einzudämmen versuchten. Dabei zeigt sich ein uneinheitliches Bild. Während Casimir mit teuren Schlossprojekten deutlich sein Deputat überzog, sparte er andererseits durch kostengünstige Umbauten oder dem „Outsourcing“ der Baukosten finanzielle Mittel. Politische Angriffsflächen bot er damit nicht. Seine Bauten dienten der Herrschaftsrepräsentation und -inszenierung. Sie besaßen damit eine mediale Ausstrahlung, die Casimir für sich nutzte. Er verwendete dazu unterschiedliche Medien. Wandmalereien, allegorische Figuren, Inschriften und Wappen dienten dem Besucher der Residenz als Informationsträger über Herrschaftslegitimation und -philosophie, Identifikation und Repräsentation politischer Macht sowie den Grad der Zeremonialisierung. Architektur wurde dadurch zur Sprache. Dies kumulierte vor allem im Kanzleigebäude. Mit Kupferstichen sprach Casimir ein überregionales Publikum an. Er zeigte 157 Ranft: Residenz, S. 29.

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ihm seine neuesten Bauten und inszenierte sich im Falle des Ballhaus-Stichs als geübter Sportler im fortgeschrittenen Alter. Als Hauptwerk dieser medialen Strategie entwickelte sich der „Isselburg-Stich“, der die Symbiose des gemeinsamen friedlichen Zusammenlebens von Herrschaft und Untertanen darstellte. Gerade während des Dreißigjährigen Krieges entfalteten diese Stiche ihre größtmögliche mediale Ausstrahlung. Casimir inszenierte seine Residenz als blühendes, friedfertiges Gemeinwesen, womit er den damaligen Vorstellungen eines modernen und fortschrittlichen Staates ein Gesicht gab. Das mag allerdings schon ein Idealbild gewesen sein.158 Wie schnell diese Inszenierung und Herrschaftsrepräsentation ihre Wirkung verlor, belegt die Geschichte des Zeughauses, welches seine symbolische Bedeutung durch die Plünderung von 1632 einbüßte. Neben den Kupferstichen bediente sich Casimir der Malerei zur Inszenierung und Repräsentation politischer Macht. Staatsporträts verehrte er dabei an Fürsten und Amtsleute. Sie fanden so Aufnahme in Schlossgalerien und Amtsstuben, sodass die Bilder dort eine Stellvertreterposition einnahmen. Eine ähnliche Funktion besaß die Statue am Casimirianum, die seine Allgegenwart der Schulgemeinschaft und den Gottesdienstbesuchern der gegenüberliegenden Morizkirche zeigte. Hier inszenierte er sich als „summus episcopus“ und fürsorglicher Landesvater. Casimir nutzte auch die Drucktechnik für seine mediale Strategie. Es entstanden dadurch zahlreiche Pergamente mit seinem Konterfei, die in ganz Mitteleuropa Verbreitung fanden. Während Casimir Porträts für die äußere Inszenierung präferierte, scheint er am eigenen Hof die bildende Kunst kaum geschätzt zu haben. Nach 1610 ist kein Herrschaftsporträt mehr nachweisbar, und die Hofmaler konzentrierten sich auf Nebenberufe und Auftragsarbeiten. Es dürfte auch nur eine kleine Gemäldegalerie gegeben haben. Obligatorisch war aber die Existenz einer Kaisergalerie. Eine Ahnengalerie ist nicht nachweisbar. Womöglich scheute Casimir vor den auswärtigen Besuchern die Darstellung der traditionellen Herrschaft durch seine Vorfahren. Dem stand das Schicksal seiner Familie entgegen. Stattdessen nutzte er Wappen, um die Tradition ernestinischer Herrschaft zu symbolisieren. Derartige Wappen in Festsälen besaßen gegenüber der Saalgesellschaft die größte symbolische Ausstrahlung. Diese mediale Strategie widerspricht aber nicht der symbolischen Bedeutung des Epitaphs. Hier wurde eine andere Klientel, nämlich das Kirchenvolk, angesprochen. Casimir nutzte diese Möglichkeit, das familiäre Schicksal positiv in die Legitimationsstrategie seiner politischen und religiösen Herrschaft einzubauen. 158 Lippert: Kunst, S. 71, 76; Boseckert: Dresden im Blick, S. 86; vgl. Kap. 9.8.

Casimirs Kulturlandschaft – Eine Gesamtbetrachtung

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Im Vergleich zu den Hofreformen zeigt sich hier ein Herzog, der auf die Repräsentation, Legitimation und Inszenierung von Herrschaft viel Wert legte. Voraussetzung dafür mögen der Legitimationsdruck und der Drang nach sozialem Aufstieg gewesen sein. Im höfischen Wettbewerb waren derartige Inszenierungen unausweichlich, wenn man von anderen Fürsten bemerkt und geachtet werden wollte. Diese Akzeptanz gewann Casimir bei den meisten Herrschern. Zugleich belegt die Bautätigkeit aber den sozialen Abstieg der Ernestiner, den sie mit dieser Strategie kaschieren wollten. Hier trat Casimir in die Fußstapfen seines Vaters, der die ersten Bauprojekte diesbezüglich in die Wege geleitet hatte.159

159 Vgl. Grossmann: Burg zum Schloss, S. 169; Lass, Burg und Schloss, S. 22, 25.

7. Bekenntnisbildung, Institutionalisierung und Ordnungspolitik

7.1 Bestandsaufnahme Eine zweite grundsätzliche Säule fürstlicher Machtsicherung bildeten pragmatische Investitionen. Diese beinhalten Aufbau und Reform notwendiger Institutionen sowie eine Vielzahl von Normen und Verordnungen, die vom Landesherrn erlassen wurden. Diese beiden Möglichkeiten nutzten die Fürsten, um sich gegenüber den Untertanen als fürsorgliche Landesväter zu profilieren. Sie kamen damit ihrer von Gott (Weish 6, 1−11 und Röm 13, 1−7) vorgegebenen Verantwortung als dessen Amtmann auf Erden nach. Über ihr Wirken mussten sie nach Ende ihres Lebens Rechenschaft ablegen. Die weltliche Herrschaft besaß damit eine sakrale Bedeutung.1 Um dem gerecht zu werden, versuchte Casimir in den ersten Jahren seiner Regentschaft einen ordnungspolitischen Überblick über die Situation in seinem Land zu gewinnen. Er befahl daher 1587 und 1589 Visitationen im Medizinal- und Schulwesen sowie im kirchlichen Bereich. Bei Letzterem sollten die Visitatoren die theologische Ausrichtung der Pfarrer und das sittlich-moralische Verhalten der Untertanen überprüfen.2 Die Ergebnisse dieser Kontrollen waren ernüchternd. Es herrschte in allen Bereichen Unordnung. Im Medizinalwesen wurden vor allem der Arzneimittelverkauf, die Apotheken und der Stadtarzt kontrolliert. Die Visitation brachten Wucher, fehlende Medikamente, den verbotenen Verkauf von Arzneien durch Krämer, Defizite in der Ausstattung und im Einkauf der Heilkräuter, den anstößigen Lebenswandel des Apothekers und Mängel in der akademischen Ausbildung des Stadtarztes zutage. Anlass zur Kritik gab auch der Coburger Scharfrichter, der sich als Chirurg betätigte. Dieser Nebenverdienst bereitete der Bevölkerung aber weniger Probleme als den Visitatoren.3 1

Melville: Leben Johann Casimirs, S. 10; Simon: Gute Policey, S. 149. Zur Rechtfertigung vor Gott siehe StACo, LA A 2188, fol. 2, abgedr. bei Haslauer: Neubeginn, S. 21. Vgl. Kap. 4.2. 2 StACo, LA F 13.741, Bericht des Medicus Dr. Schröter zu Jena, Coburg, 01.09.1587; StACo, LA B 2492, Visitationsbericht für Thüringen, Coburg, 26.03.1591; StACo, LA B 2493, Visitationsbericht für Franken, Coburg, 26.03.1591; StACo, LReg 318, fol. 3v−4r, Proposition an die Landstände [1589]. 3 StACo, LA F 13.741, Bericht des Medicus Dr. Schröter zu Jena über die Apotheken, Coburg,

Bestandsaufnahme

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In den Pfarrgemeinden stellten die Visitatoren bauliche und aus ihrer Sicht theologische Mängel, Fälle von Blasphemie und Verstöße gegen die Sonntagsheiligung fest.4 Als guter Landesvater und Bewahrer des „reinen“ Luthertums musste Casimir darauf reagieren. Er setzte den Schwerpunkt auf die Verbesserung der Kirchenzucht, indem er das geistliche Regiment seines Landes reformierte. Den Hebel setzte er zunächst bei den Kirchenvisitationen an. Das Visitationssystem bildete eine zentrale Säule des Kirchenregiments. Im protestantischen Raum war dieses ein weithin anerkanntes Instrument für die eigentliche und ursprünglich-reformatorische Verfahrensweise der Kirchenführung.5 Höhere Geistliche übernahmen dabei die Funktion eines Aufsichts- und Besuchsamtes, in dem sie die „reine“ Lehre an die Ortspfarrer weitergaben und so theologische Fehlentwicklungen korrigierten. Unabhängig von bestehenden Gesetzen sollte über die eigene theologische Motivation der „wahre“ Glauben verbreitet werden. Dem Visitator kam damit bei der Bewahrung des Glaubens und der Durchsetzung der Kirchenordnung eine entscheidende Rolle zu. Er war das Bindeglied zwischen Kirchenregiment und Ortsgemeinden. Theologische Mängel wurden vor Ort geklärt. Erst bei Fragen des baulichen Unterhalts oder der Einsetzung von Superintendenten und Adjunkten schaltete sich das Konsistorium ein.6 Nach den Ergebnissen der Visitation befahl Casimir, die jährliche Durchführung derartiger Kontrollen, die trotz früherer Befehle periodisch nicht mehr flächendeckend erfolgt waren.7 Das Konsistorium als Aufsichtsgremium zur Erhaltung des „reinen“ Glaubens erhielt im Kontext dieser fürstlichen Aktivitäten eine neue Struktur, wodurch es sich endgültig von Jena separierte. Als Basis diente ein Vorschlag der Coburger Synode von 1580, wonach sich jeweils zwei weltliche und geistliche Räte sowie ein Sekretär wöchentlich trafen und unter dem Namen der Landesregierung alle kirchlichen Fragen behandelten. Als Kirchenvertreter fungierten der Hofprediger und der Generalsuperintendent, ein Amt, das erst Casimir eingeführt hatte. Man bewegte sich bei der Wahl der Mitglieder im damals üblichen 01.09.1587; StACo, LA F 13.742, fol. 1, Casimir an Rat und Stadtmedicus zu Coburg, Coburg, 04.01.1588; StACo LA F 13.744, Casimir an den Schosser zu Coburg, Coburg, 03.04.1588. 4 Vgl. die Ergebnisse der Schul- und Kirchenvisitation in StACo, LA B 2492 und LA B 2493. 5 Vgl. Diem: Kirchenvisitationen, S. 163. 6 Steiger: Kirchenordnung, S. 250−252. Diese Vorgehensweise zeigt sich besonders im Wirken Johann Gerhards. Eine Untersuchung über die Querverbindungen von Konsistorien und Visitationen steht noch aus. 7 StACo, LA F 4928, Visitations-Mandat, Coburg, 15.01.1589; Sehling: Kirchenordnungen, S. 83.

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Bekenntnisbildung, Institutionalisierung und Ordnungspolitik

Rahmen eines aus Geistlichen und Juristen bestehenden Gremiums. Dieses wurde so in Coburg 1593 eingeführt und durch die neue Kanzleiordnung mit wenigen Korrekturen umgesetzt.8 Das Konsistorium blieb aber als Abteilung der Landesregierung untergeordnet. Es besaß damit eine andere Stellung als vergleichbare Behörden in anderen Ländern, wo sie als eigenständige Institutio­ nen mit eigenen Behördenverfassungen agierten.9 In Anbetracht der zentralen Bedeutung der Konfessionspolitik mag diese Behördenstruktur verwundern. Die Befugnisse zur Vereinheitlichung von Lehre und Zeremonien lagen aber beim Generalsuperintendenten als obersten Geistlichen des Landes, bei den Super­ intendenten in den einzelnen Ephorien und bei den ihnen untergeordneten Adjunkten. Ihnen standen Visitationen und Synoden als wichtigste Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele zur Verfügung.10 Casimir rief allerdings nur einmal, nach 1614, eine Synode ein. Die Missstände in der Kirchenzucht führte Casimir auf die fehlende Identifikation der „auslandischen vnd fremden“ Pfarrer mit der lutherischen Theologie zurück.11 Er schlug deshalb auf dem Landtag von 1594 vor, die Zahl der Stipendienplätze an der Universität Jena aufzustocken. Damit wäre der Zugang zum Theologiestudium für seine Landeskinder erleichtert worden. Diese sollten langfristig die geistlichen Ämter im Fürstentum übernehmen, so die Identifikation mit der Lehre Luthers befördern und gleichzeitig die gnesiolutheranische Profilierung des Landes wieder aufnehmen. Casimir führte damit die Politik seines Vaters weiter, die eine konfessionell bestimmte Identität beförderte und die Entwicklung einer protonationalen Identität vorantrieb. Der Herzog wollte sich durch „den exklusiven Bezug auf Luther als Lehrautorität, die Distanzierung von Melanchthon und das Selbstverständnis, Bollwerk des wahren Luthertums zu sein“, deutlich von seinen Nachbarn abgrenzen.12 Er führte damit eine Kontinuitätslinie fort, die der Theologe und Historiker Marcus Wagner, beginnend 8 StACo, LA B 2464, fol. 2 f., Synodalbeschlüsse, Coburg 1580, abgedr. bei Sehling: Kirchenordnungen, S. 253; StACo, LA F 7722, fol. 2, Protokoll der Landesregierung; StACo, LA F 5227, § 3, Kanzleiordnung von 1572; StACo, LA F 5230, § 2, Kanzleiordnung [1594], abgedr. bei Honecker: Cura Religionis, S. 231; Brecht: Kirchenzucht, S. 43 f.; Heyl: Zentralbehörden, S. 45. 9 Vgl. Honecker: Cura religionis, S. 45. 10 StACo, LA F 4937, Casimiriana, S. 238; Strohm: Religion, S. 46; Heyl: Zentralbehörden, S. 46; Berbig: Visitationswerk, S. 10. 11 StACo, LA F 11, fol. 165r−166v, Proposition an den Landtag, o.D. (Kopie). 12 Ebd.; vgl. Müller: Gott zu ehren, S. 54; Schilling: Konfessionalisierung und Staatsinteressen, S. 21; Brecht: Kirchenzucht, S. 44; Gehrt: Identität, S. 67; vgl. Kap. 2.3.

Bestandsaufnahme

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mit dem Gründer des Dominikanerklosters in Erfurt, Elger von Honstein, über die Heilige Elisabeth und Luther, bis in die casimirianische Gegenwart gezogen hatte.13 Voraussetzung war allerdings die weitere Bekenntnisbildung als langfristiges Ziel der Konfessionspolitik Casimirs. Im Medizinalwesen beließ der Herzog die bisherige Gesetzgebung. Als direkte Konsequenz aus der Visitation von 1587 verlor der umstrittene Stadtarzt aber seine Stellung.14 Casimir verfolgte hier langfristige Ziele, die darauf ausgerichtet waren, die Ursachen von Krankheiten zu bekämpfen. Zentral waren Mandate zur Reinhaltung der Straßen und Plätze. In Casimirs erstem Mandat von 1595 hieß es dazu, dass „die Lufft inficiert vndt verunreinigett, auch allerley böse, gifftige krankheit vnd seuchen erweckett vndt erreget werden können“.15 Neben der Straßenverschmutzung stellten Misthaufen ein großes Problem dar. Hier griff Casimir massiv durch. Auf sein Betreiben verschwanden 1599 die Städel und Scheunen aus der Coburger Innenstadt, was auch den Wandel zur Residenzstadt beförderte. Den Eigentümern bot die Stadt im Gegenzug Bauplätze zum Wiederaufbau an, die außerhalb der Stadtmauern lagen.16 Casimirs Interesse am Medizinalwesen war wohl auf private Gründe zurückzuführen. 1621 schrieb er mit großem Missfallen an den Schosser zu Coburg, dass „mit vnlust vnd abscheulichen wesen“ einige Straßen in Schlossnähe „übelgehalten“ werden und er eine sofortige Abschaffung der Missstände verlange.17 Er hatte wohl dabei auch das Schicksal seines Bruders Friedrich vor Augen, der gerade wegen der katastrophalen hygienischen Zustände gestorben war. Exemplarisch lassen sich verschiedene Methoden erkennen, wie Casimir auf Probleme im Policeywesen reagierte. Er definierte langfristige Lösungsstrategien, reformierte die bestehenden Institutionen, steigerte deren Effizienz und legte 13 *Wagner: Kurtze einfeltige Erzelung; Gehrt: Identität, S. 65−67. 14 Hönn: Historia Bd. I, S. 78. 15 StACo, LA F 5514, Befehl zur Reinhaltung der Gassen und Straßen in Coburg, Coburg, 12.06.1595; vgl. Iseli: Policey, S. 71; Andrian-Werburg: Medizinalwesen, S. 17 f., 71 (dort Anm. 32). 16 StACo, LA F 8347, fol. 1−3, Bürgermeister und Rat der Stadt an Casimir, Coburg, 15.06.1598; ebd., fol 4, Kanzler und Räte an Bürgermeister und Rat der Stadt Coburg, Coburg, 02.08.1598; StACo, LA F 8362, Bericht der Kammerkanzlei, Coburg, 23.11.1598; Melville: Formung einer Residenzstadt, S. 29, 37, 39. 17 StACo, LA F 5541, Casimir an den Coburger Schosser, Coburg, 02.01.1621; vgl. Melville: Leben Johann Casimirs, S. 13. Bei einem Schosser handelt es sich um einen Beamten der als Steuereinnehmer fungierte und für die Finanzen eines fürstlichen Amtes zuständig war, vgl. Deutsches Wörterbuch von J./W. Grimm, Bd. 15, Sp. 1600 f.

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Bekenntnisbildung, Institutionalisierung und Ordnungspolitik

über die Gesetzgebung gewisse Normen fest, welche die Untertanen befolgen sollten. Seine Motive lagen in seinem machtpolitischen und privaten Interesse, den eigenen Erfahrungen oder beruhten auf familiärer Tradition. Die Visitationen besaßen für ihn die Bedeutung einer Bestandsaufnahme. Auf deren Ergebnisse fußte fortan seine Politik in den genannten Ordnungsfeldern, welche eine Wirkung bis in die 1620er Jahre hinein entfaltete.

7.2 Ordnungspolitische Voraussetzungen Mit der Erstbegründung des Coburger Fürstentums 1541/42 war die Grundlage für eine lokale, landesherrliche Ordnungspolitik gegeben. Diese bestand im Allgemeinen aus Einzelverordnungen, Mandaten und Reskripten. Der Tod Herzog Johann Ernsts 1553 und die politischen Wirren der 1560er und 1570er Jahre ließen diese Maßnahmen an Wirkung verlieren. Juristisch waren die Gesetze und Erlasse aus dieser Zeit aber noch gültig. Daneben besaß die Ernestinische Landesordnung von 1556 für Coburg eine zentrale Bedeutung als rechtlich bindende Orientierungshilfe. Sie wurde von Johann Friedrich dem Mittleren und seinen Brüdern unter Berufung eigener Rechtstraditionen und der Reichs-Policeyordnung von 1548 erlassen.18 Casimir konnte zudem auf eine Vielzahl politiktheo­ retischer Schriften als Leitfaden richtigen Handelns zurückgreifen. So stand er den Gedanken des Erasmus von Rotterdam nahe. Dies zeigte sich an seiner Reaktion auf die Visitationsergebnisse von 1587/89, wo er aktiv die Bekämpfung der Ursachen betrieb, anstatt mit schärferen Gesetzen zu antworten.19 Daneben besaß der Fürstenspiegel des kursächsischen Juristen Melchior von Osse großen Einfluss auf die politischen Entscheidungen in den wettinischen Ländern.20 Legitimiert wurde diese Ordnungspolitik durch den göttlichen Willen. Es galt, die Menschen zu Gottesfurcht, Sittlichkeit und einem moralisch einwandfreien Leben zu erziehen. Orientierung bot die Bibel, die Gottes Ordnung darlegte. Fürsten wie Casimir oblag es nun, diese durchzusetzen: 18 Richter: ernestinische Landesordnungen, S. 59; Nicklas: Haus Coburg, S. 40−43; Wüst: gute Policey, S. 21, 39−46. Die Fränkische Policey-Ordnung von 1572 spielte keine Rolle. Zur Typologie der Gesetze vgl. Härter/Stolleis, Einleitung, S. 11−14. 19 Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 169−171. Erasmus sieht den Staat wie einen menschlichen Körper. Die Aufgabe des Fürsten sei die eines Arztes, der durch Vorbeugung Krankheiten verhindern soll. 20 Luig: Melchior von Osse, S. 609 f.

Ordnungspolitische Voraussetzungen

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Wann wir vns dann Gottes Bevehl und Ordenung/ auch vnsers Fürstlichen Regierampts/ darinn wir von seiner Allmacht gesetzet/ erinnern/ demselbigen nach/ auch schuldig seyn/ was zur Ehre Gottes/ vnserer Vnderthanen zum besten und auffnemen gereicht/ zu befördern/ vnd das andere/ deme zu wider/ durch gebürliche Mittel abzuschaffen.21

Den Ernestinern musste es als Beschützer des „wahren“ Luthertums ein großes Interesse sein, ihren Untertanen diese Lehre weiterzugeben und die göttliche Ordnung zu bewahren. Dieses Ziel kam in der ernestinischen Landesordnung zum Ausdruck. So beschäftigten sich die ersten sechs Artikel der Landesordnung mit der Religion. An erster Stelle stand die Ahndung der Gotteslästerung, gefolgt von der Verachtung des Wortes Gottes, Sauferei, Ehebruch, Totschlag und unzüchtigem Reden. Damit waren die ordnungspolitischen Grundlagen für die Sitten- und Religionspolicey auf Basis der Zehn Gebote schon vor Casimirs Machtantritt gelegt.22 Melchior von Osse und Erasmus von Rotterdam wiesen der Religions- und Sittenpolicey einen zentralen Platz in den Ordnungsaufgaben zu. Frömmigkeit wurde dadurch zur Untertanenpflicht und Ausdruck einer gottgefälligen und moralischen Ordnung. Das Gegenteil bildete den Nährboden für Chaos und Aufruhr. Das seinerzeit gern gewählte Beispiel Sodoms und Gomorrhas aus dem Alten Testament zeigte den Untertanen, was passieren würde, wenn man gegen die Ordnung verstieße und damit den Zorn Gottes auf sich zöge. Religion wurde dadurch ein politisches Instrument zur Herrschaftsstabilisierung. Casimir erreichte dadurch zweierlei: die Durchsetzung der „reinen“ Lehre Luthers und die Festigung seiner göttlich-legitimierten Herrschaft durch die Religion. Der Ungehorsam gegen die weltliche Herrschaft war damit dem Ungehorsam gegenüber Gott gleichgesetzt.23 Dessen Zorn wollte niemand auf sich ziehen. Kurz zu fassen ist hier die Normierung in der Kirchenzucht. Diese wurde vor allem von Kurfürst August vorangetrieben und mündete in der Durchsetzung der Konkordienformel (1577) und des Konkordienbuches (1580). Eine Schulund Kirchenordnung erließen die Vormundschaftsräte für Coburg aber nicht. 21 StACo, LA F 5520, fol. 16, Ordnung wie es hinfüro mit Verlöbnissen, Kindstaufen und Hochzeiten zu halten, Coburg, 24.05.1596. 22 *Sachsen: Pollicey vnd Landtsordenung, §§ 1−6; Iseli: Policey, S. 35; Schwerhoff: Ordnung, S. 23. 23 Schilling: Konfessionalisierung und Staatsinteressen, S. 32; Simon: Gute Policey, S. 121, 150, 254−264; Oestreich: Strukturprobleme, S. 189; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 171.

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Bekenntnisbildung, Institutionalisierung und Ordnungspolitik

August setzte 1580 lediglich eine derartige Ordnung für Kursachsen in Kraft, die er auch für Coburg angewendet wissen wollte. Dies geschah aber kaum.24 Casimirs Eingriffe in diesen Ordnungsbereich beruhten auf zwei wesentlichen Faktoren: auf der familiären Tradition, welche den Erhalt des „wahren“ Luthertums verlangte, und auf der Übernahme der moralischen und religiösen Steuerung der Bevölkerung, die ab dem Spätmittelalter kontinuierlich auf die Landesherrschaft überging. In den protestantischen Ländern entstand wegen der fehlenden innerkirchlichen Strukturen das landesherrliche Kirchenregiment (cura religionis), wodurch der Fürst als „summus episcopus“ seine Landeskirche anführte. Dies brachte eine weitere Sakralisierung des Fürstenamtes mit sich. Unter diesem Eindruck erkannte Melchior von Osse im Kirchenwesen eine von drei wichtigen Ordnungsfeldern.25 Aufgabe des Fürsten war es, in seinem Land eine ihm inhaltlich bekannte einheitliche Theologie einzuführen, um Verwirrung und Unordnung zu unterbinden. Casimir orientierte sich da an den Ideen der Kirchenreformer des 15. Jahrhunderts. Osse wies in diesem Zusammenhang auf eine sorgfältige Auswahl bei der Besetzung der Pfarrstellen zur Erhaltung der gottgegebenen Ordnung hin. Die Geistlichen sollten sich mit Theologie und Ordnung identifizieren und dies mit Überzeugung an die Gläubigen weitergeben.26 Welche Folgen eine solche Verwirrung haben konnte, wusste Casimir genau. Die konfessionellen Konflikte um die „wahre“ Lehre und die damit verbundenen Konflikte innerhalb der Ernestiner kannte er nur zu gut. Sein persönliches Interesse lag damit auf der Homogenisierung und Harmonisierung des Glaubens in seinem Land. Letzteres geschah mit dem Hintergedanken, das Unruhepotenzial zu minimieren. Waren die theologischen Normen definiert, mussten sie dann mittels Ordnungen durchgesetzt werden. Für Casimir bedeutete die Durchsetzung dieser Normen die Legitimation seiner traditionellen, auf Gottes Willen beruhenden politischen Macht. Gleichzeitig unterstrich dies das sakrale Moment seiner Herrschaft. Andere Fürsten, unabhängig von ihrer Konfession, nutzten im 17. Jahrhundert ebenfalls diese Strategie.27 Auch im Gesundheitswesen konnte Casimir auf bereits vorhandene Gesetze zurückgreifen. Hier lag eine Differenzierung zu anderen Gewerben vor, welche 24 Vgl. Junghans: Schul- und Kirchenordnung, S. 209−238; ansonsten vgl. Kap. 3.1.4. 25 Hecker: Melchior von Osse, S. 292−295; vgl. Simon: Gute Policey, S. 124 f., 144. 26 Hecker: Melchior von Osse, S. 294 f.; vgl. Simon: Gute Policey, S. 123 f., 127, 139, 255; Müller: Gott zu ehren, S. 54. 27 Hecker: Melchior von Osse, S. 292−294; vgl. Simon: Gute Policey, S. 123; Schilling: Konfessionalisierung und Staatsinteressen, S. 36; vgl. auch Kap. 2.3, 3.1.4 und 3.2.5.

Institutionelle Investitionen

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die ernestinische Landesordnung vorgab.28 In § 59 ging es darum, den Verbraucher vor schlechten und nicht wirkenden Medikamenten sowie ungerechtfertigten Preissteigerungen zu schützen. Jährliche Visitationen durch Mediziner sollten dies überprüfen und anzeigen. Zudem mussten Ärzte ihre Promotion vorlegen, um praktizieren zu dürfen. Der Arzneiverkauf oblag ausschließlich geschultem Personal. Die Regelungen orientierten sich und folgten teilweise den Bestimmungen in § 33 der Reichspolizeiordnung von 1548. Auf dieser rechtlichen Basis und einer 1573 in Kraft getretenen Apothekenordnung, der ersten landesherrschaftlichen im thüringisch-fränkischen Raum, agierte die Gesundheitspolicey in den folgenden Jahren.29

7.3 Institutionelle Investitionen Die Kündigung der gemeinsamen Institutionen mit Weimar 1597/98 führte zu einer Beschleunigung der Institutionalisierung. Casimir musste auf diesen Verlust schnell reagieren, um sein Herrschaftssystem nicht zu gefährden. Er beschloss daher, zusammen mit seinem Bruder, neue Behörden einzurichten. Auf dem Landtag von 1598 stellten sie den Landständen ihre neue Verwaltungspolitik vor. Sie kündigten dabei wesentliche Veränderungen im Schul-, Justiz- und Medizinalwesen sowie der Konfessions- und Geldpolitik an. Die Durchsetzung dieses Programms sollte annähernd 30 Jahre dauern und in der pragmatischen Investitionspolitik großen Raum einnehmen. Dies bot die Chance einer von Weimar unabhängigen Ordnungspolitik. Dies war aber zunächst nicht Casimirs Intention.30 7.3.1 Eine sonderbare hohe Landesschule 7.3.1.1 Disziplinierung der Untertanen Die bisherige Untersuchung beschäftigte sich mit dem Casimirianum als symbolischer Investition und mit seiner höfischen Bedeutung. Hochschulen besaßen aber auch eine ordnungspolitische Aufgabe. Sie lieferten durch Bildung und 28 Richter: ernestinische Landesordnungen, S. 65. 29 *Sachsen: Pollicey vnd Landtsordenung, § 59; Bartels: Apothekengesetzgebung, S. 1454 f. 30 StACo, LA E 1903, fol. 32, Casimir an Johann Ernst, Coburg, 05.12.1597; Vgl. Kap. 6.3.

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Bekenntnisbildung, Institutionalisierung und Ordnungspolitik

Erziehung die Basis für die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung des Landes, was im Zuge der Konfessionalisierung im 16. Jahrhundert an Bedeutung für das weltliche Regiment gewann. Erasmus von Rotterdam empfahl daher, schon den Kindern den Unterschied zwischen rechtem und unrechtem Tun zu vermitteln.31 Melchior von Osse führte diesen Aspekt verstärkt im sächsischen Bereich ein. Sein zentrales Anliegen war es, dass die weltliche Herrschaft über „Zucht und Disziplin der Jugend“ Einfluss auf Charakter und moralischer Einstellung eines jeden Untertanen nehme.32 Denn vor allem im politischen Denken des 17. Jahrhunderts galt der Verfall von Zucht und Disziplin als Ursache innerer Unruhen. Welche Folgen ein Aufruhr der Untertanen nach sich ziehen konnte, wusste Casimir durch das Schicksal seines Vaters. Umso bedeutsamer musste es für ihn gewesen sein, dass sich solche Ereignisse nicht wiederholten. Mit der Verstaatlichung des Schulwesens, weg von der Geistlichkeit, besaß das weltliche Regiment die Möglichkeit, frühzeitig das Volk moralisch zu steuern. Als Idealtypus galt die Formung des Studenten zu einem gehorsamen Untertanen.33 Mit diesen Hintergedanken kündigte Casimir die Eröffnung einer hohen Landesschule, nach der Aufkündigung der Beteiligung an der Universität Jena, an.34 Das Konsistorium entwarf in Zusammenarbeit mit dem Rektor und Konrektor der Coburger Lateinschule eine Schulordnung, die sich an Vorlagen aus Meißen, Marburg und Schleusingen orientierte.35 Die Durchsetzung der Ordnung scheiterte aber. Bereits ein halbes Jahr nach Schuleröffnung (1605) mehrten sich die Klagen wegen fehlender Disziplin. Hintergrund war eine differenzierte Ahndung derartiger Vergehen bei Studenten und Lateinschülern, die ebenfalls im Casimirianum untergebracht waren. Dazu wirkten sich curriculare und personelle Verknüpfungen zwischen beiden Lehranstalten negativ aus. Wegen dieser Mängel wandten sich die Professoren an Casimir und unterbreiteten ihm erste Lösungsansätze. Der Herzog reagierte schnell und befahl den bereits in der 31 Simon: Gute Policey, S. 120; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 169. 32 Hecker: Melchior von Osse, S. 389−429; Simon: Gute Policey, S. 126. Gerade den Missständen und der daraus resultierenden Ordnungsnotwendigkeit im Schulbereich widmete Osse in seiner Arbeit viel Platz. 33 Simon: Gute Policey, S. 258 f.; vgl. Kap. 2.6. 34 StACo, Urk  LA E 498, Gründungsurkunde, Coburg, 03.07.1605, abgedr. bei Beck: Casimirianum, S. 40. 35 StACo, Casimirianum 526, pag. 507−511, Casimir an das Konsistorium und Rektoren der Lateinschule, Coburg, 12.07.1603; ebd., pag. 23, Casimir an die Professoren, Coburg, 20.04.1609; StACo, LA E 1465, fol. 66, Protokollbuch, o.D.; Melville: hohe Landesschul, S. 36.

Institutionelle Investitionen

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Gründungsurkunde bestellten und für die Einhaltung der Disziplin zuständigen Schulinspektoren eine Visitation durchzuführen.36 Infolgedessen kam es 1607 zu ersten Reformen, u. a. zur vollständigen Trennung von der Lateinschule oder der Eröffnung eines Paedagogiums. Casimir unterstrich die Bedeutung der Disziplin in einem eigenen Mandat. In diesem wies er darauf hin, dass deren Förderung einer der Beweggründe für den Bau der Schule gewesen sei. Aus diesem Grund vernahm er das studentische Treiben, sich mit Bürgersöhnen und Handwerksgesellen einzulassen und zu prügeln, mit Befremdung. Casimir fürchtete um den Ruf von Stadt und Schule, sodass er mit schweren Strafen drohte, wenn die Studenten nicht die Schulordnung befolgen und zu einem gottesfürchtigen Leben zurückkehren würden. Derartige Konflikte waren aber typisch für Hochschulstädte.37 In einer 1609 ausgestellten 34-seitigen Instruktion Casimirs an die Professoren nahm allein das Problem der fehlenden Disziplin zehn Seiten ein. Er beklagte darin den schlechten Umgang der Studenten mit den Einheimischen, das Versäumen von Unterricht und Gottesdienstbesuchen, sodass „keine Gottes ehre in acht genommen, dardurch die Eltern und Costherren Ihrer gueten Hoffnung betrogen, alß sie vermeinen das sie die Jugendt in Schuelen vnnd Kirchen sey vnnd bey Ihre vleiß Gottesfurcht Zucht und Erbarkeit uf achtsamb erhalten und compellirt“.38 Auf Basis des damals gängigen humanistischen Bildungsideals schlug Casimir vor, den Studierenden durch normativen Zwang nicht ihre Freiheit und Selbstbestimmung zu nehmen, da sonst die Lust am Studieren nachließe. Ähnlich argumentierte bereits Johann Friedrich der Mittlere in Bezug auf die Erziehung seiner Söhne. Casimir begrenzte diese Freiheit mit der Einhaltung eines humanistisch vorgegebenen sittlichen, gottgefälligen Lebens, um später die moralische Handlungsweise des Menschen zu gewährleisten. Bei Verletzung dieser 36 StACo, Urk  LA E 498, Gründungsurkunde, Coburg, 03.07.1605, abgedr. bei Beck: Casimirianum, S. 41, 53−55; StACo, LA E 1469, fol. 7, Diarium des Gymnasiums-Konvents, 07.02.1606; ebd., fol. 19−47, Bedenken und Bericht der Professoren, Frühjahr 1606; ebd., fol. 48 f., Casimir an die Schulinspektoren, Oeslau, 16.04.1606. Darin heißt es, dass die Einreißung aller wilden, rohen, zuchtlosen, unordentlichen und ärgerlichen Wesen nicht zu verantworten sei. Vgl. Beck: Casimirianum, S. 69−76 und Melville: hohe Landesschul, S. 36. 37 StACo, LA E 1465, fol. 129v−131r, Mandat die Studioso in Disziplin zu halten, Steinheid, 11.04.1607; StACo, Casimirianum 531, fol. 27−30, Bestallungsverfahren Andreas Libavius, Dezember 1606; Rudersdorf: Weichenstellung, S. 419; Melville: hohe Landesschul, S. 36; Reissinger: Chronik Casimirianum, S. 18 f.; Beck: Casimirianum, S. 78 f. 38 StACo, Casimirianum 526, pag. 20 f., Casimir an die Professoren, Coburg, 20.04.1609.

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Bekenntnisbildung, Institutionalisierung und Ordnungspolitik

Ordnung wurden scharfe Strafen ausgesprochen. Die Professoren forderte er dazu auf, solche Disziplinlosigkeiten wie schädliches Unkraut zu entfernen.39 Auch regte er ein Mentorensystem an. Jedem Studenten sollte ein Professor zur Seite gestellt werden, der sich um den ihm anvertrauten Burschen auch außerhalb der Studienzeit kümmern sollte. Dabei standen gemeinsame Spaziergänge oder ein Spiel im Ballhaus auf dem Plan, wo dem Studenten durch das Regelwerk die Vorzüge der Ordnungspolitik nahegelegt werden sollten. Denn ohne Norm konnte kein Spiel stattfinden.40 Casimir versuchte so den sozialen Umgang der Jugend in ihrer Freizeit zu kontrollieren. Die Reformen brachten aber keinen Erfolg. Stattdessen entwickelte sich das burschikose Treiben bis zum 19. Jahrhundert zu einer studentischen Tradition an Hochschulstädten.41 7.3.1.2 Berechnende Wohltätigkeit Der Herzog schuf mit der Gründung des Casimirianums die geforderten Stipendienplätze für Theologiestudenten und andere Studierende. Gegenüber den Untertanen inszenierte er sich damit als wohlwollender Landesvater. Er bewegte sich dabei in der wettinischen Tradition des Stipendienwesens. Auf dem Landtag von 1598 erklärte er zusammen mit seinem Bruder: Doselbst auch unsere Landeskhinnder, nicht weniger alß zu Jhena geschehen, mit gewöhnlichen undt außtreglichen Stipendys zuversehen, dorüber ein Convictorium für die armen, unvermögenden in unßern landen, so von ihren elltern zhum Studiern, nicht verlegt werden können, anzurichten, und die selben, gegen einen geringes Costgeldt zu unterhallten entschloßen.42

Damit ermöglichte Casimir seinen Untertanen den sozialen und intellektuellen Aufstieg durch landesherrliche Förderung. Als Vorbild diente die kursächsische

39 StACo, Casimirianum 526, pag. 21−23, Casimir an die Professoren, Coburg, 20.04.1609; StACo, LA A 2151, fol. 8 f., Johann Friedrich an Elisabeth, Wiener Neustadt, 26.01.1570 (Konz.); Zichy: Bildungsideal, S. 35; Simon: Gute Policey, S. 265. 40 StACo, Casimirianum 526, pag. 22, Casimir an die Professoren, Coburg, 20.04.1609. 41 StACo, Casimirianum 528, pag. 415−417, Casimir an Kanzler und Räte, Hildburghausen, 28.08.1610; StACo, Casimirianum 529, fol. 94r−136v, Disziplinarfälle; StACo, LA E 1480, Kanzler und Räte an Meyfart, Coburg, 29.05.1632; StACo, LA F 5490, fol. 30, Bürgermeister und Rat zu Coburg an Kanzler und Räte, Coburg, 22.11.1621; Reissinger: Chronik Casimirianum, S. 20−22; vgl. Kloosterhuis: Burschikose Gymnasiasten. 42 StACo, LA F 12, fol. 147r, Proposition der Herzöge, 1598.

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Fürstenschule in Meißen.43 Die Chance auf ein vom Landesherrn determiniertes besseres Leben sollte soziale Unruhen verhindern und das Prestige des Fürsten mehren. Auf der anderen Seite band er damit seine Untertanen an sich und konnte von ihnen Dankbarkeit und Loyalität erwarten.44 Dabei öffnete sich das Gymnasium auch für Studenten, die von außerhalb des Fürstentums kamen. Die Matrikel vermerkten u. a. Gymnasiasten aus Österreich, Augsburg, Erfurt, Nürnberg, Leipzig, Schweinfurt oder Fulda.45 Den Stipendiaten standen 24 Plätze an zwei Tischen, zum Teil kostenlos, zum Teil durch Bezahlung eines geringen Kostgeldes, zur Verfügung. Die Verpflegung bestand aus zwei Mahlzeiten und zwei Maß Bier aus eigener Herstellung. Damit inbegriffen war auch das Wohnrecht im Alumnat. Anträge zu Stipendien bearbeitete zunächst die Renterei. Voraussetzung für eine Zusage waren Würdigkeit und Bedürftigkeit des Studierenden. Infolgedessen wandten sich unbemittelte Eltern mit Supplikationen an Regierung und Herzogspaar mit der Bitte um Unterstützung. Inwieweit Casimir auf die Entscheidungsfindung Einfluss nahm, geht aus den Akten nicht hervor. Die Unterlagen beweisen aber, dass das Angebot auf große Resonanz bei der Bevölkerung stieß und sich der Herzog für die Einrichtung interessierte. Er monierte die schlechte Wasserversorgung und befahl dem Coburger Rat, einen neuen Brunnen anzulegen oder weitere Leitungen zu verlegen.46 Die Finanzierung erfolgte über eigene Einkünfte aus früheren niederadeligen Lehen und Geldzinsen. Ein privates Stifter- und Mäzenatentum war erwünscht, kam aber erst nach dem Dreißigjährigen Krieg zur Entfaltung.47 43 StACo, LA  F 7731, fol. 35r−36v, Memorialbuch, Sitzung der Coburger Räte, Coburg, 30.12.1600; Müller: Gott zu ehren, S. 62 f. 44 StACo, LA F 4937, Casimiriana, S. 401−404; Gössner: kursächsische Universitätspolitik, S. 126. 45 StACo, Casimirianum 526, pag. 514 f., Casimir an das Konsistorium, Oeslau, 08.11.1603; StACo, Casimirianum 528, pag. 421−424, Schülerliste [1608]; StACo, Casimirianum 625, Schülerliste 1606; Vgl. Hoefner: Matrikel Casimirianum, S. 256−278. 46 StACo, LA E 1465, fol. 125, Casimir an den Rat der Stadt Coburg, Oeslau, 16.04.1604; StACo, Urk LA E 498, Gründungsurkunde Coburg, 03.07.1605, abgedr. bei Beck: Casimirianum, S. 42−44; StACo, Casimirianum 527, pag. 1011, Anweisung an die Renterei, o.D.; StACo, LA E 1471, Supplikationen, 1609−31; StACo, LA E 1474, fol. 1−5, Supplikationen, 1614−21; StACo, LA E 1466, fol. 6 f., Kalkulation des Verbrauchs der 24 Stipendiaten, o.D., abgedr. bei Beck: Casimirianum, S. 178 f.; ebd., fol. 32, Jahresabrechnung 1606/07; StACo, LA E 409, fol. 12−14, Verzeichnis eines Speiseregisters für zwei Stipendiaten und daraus resultierende Unkosten, o.D.; ebd., fol. 33−35, Gutachten der Räte, o.D.; Faber: Stiftungen Casimirianum, S. 90 f. 47 StACo, LReg 5636, fol. 1, Liste der heimgefallenen und verkauften Güter, 1604; StACo,

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Die beschriebene Wohltätigkeit umfasste auch andere Schulen. Herzog Johann Ernst stiftete für die Landesschule in Eisenach ein Stipendiat in Höhe von 350 Gulden sowie einen Fond in Höhe von 150 Gulden zur Unterstützung armer Schüler. Zudem erhöhten beide Herzöge das von ihrem Großvater, Johann Friedrich I., gestiftete Stipendiat für die Landesschule Gotha um 200 Gulden. Nach dem Suhler Vertrag von 1599 und dem damit verbundenen Erhalt der gemeinsamen Universität in Jena blieb das dort eingeführte Stipendiatswesen als fortlaufende Unterstützung der Studenten bestehen. Eine endgültige Regelung erfuhr dieser Bereich mit der Schul- und Kirchenordnung von 1626. Diese beinhaltete die Voraussetzungen für den Erhalt der Unterstützung, deren Prüfung durch das Konsistorium, eine paritätische Verteilung der Zuschüsse über das ganze Land, die Laufzeit und etwaige Rückzahlungen. Von den Stipendiaten verlangte sie Fleiß, ein gottgefälliges Leben, den Treueeid auf den Fürsten und eine gewisse Aufenthaltsdauer in der Hochschulstadt während der Studienzeit.48 7.3.1.3 Festigung staatlicher Strukturen Casimir zielte mit der Schulgründung auf die Festigung seines jungen Staates ab. Aufgabe der Landesschulen war es, als neue zwischengeschaltete Ausbildungsebene nach den Lateinschulen den Grundstock für den neu zu bildenden Verwaltungsapparat im geistlichen und weltlichen Regiment zu schaffen und damit eine Elite zu formieren, die ihre Studien an den Universitäten fortsetzen konnte. Auf dieses in Straßburg entwickelte und erstmals angewendete Modell des Gymnasium illustre griffen viele protestantische Territorien zurück. Sie reagierten damit auf die geringen Erfolgsaussichten, durch Kaiser und Papst ein Universitätsprivileg zu erhalten.49 Auch Casimir führte diese Struktur ein, kombinierte sie mit dem kursächsischen Fürstenschulsystem und übernahm

Casimirianum 876, Stiftungen, 1613−1803; StACo, Urk LA E 498, Stiftungsurkunde, Coburg, 03.07.1605, abgedr. bei Beck: Casimirianum, S. 52; StACo, LA E 409, fol. 15v−16r, Kanzler und Räte zu Coburg an Kanzler und Räte zu Eisenach, Coburg, 13.11.1608; Vgl. Faber: Stiftungen Casimirianum, S. 89−108. 48 StACo, LA F 14, fol. 122v, Proposition an die Landstände, Gotha, 24.09.1605; StACo, LA E 1604 und 1605, Supplikationen für Stipendien an der Universität Jena, 1606–83; StACo, LA F 23, fol. 210−214, Rechnungsjahr 1618/19 (hier werden die Ausgaben für Stipendien mit 792 Gulden festgestellt); StACo, LA F 4937, Casimiriana, S. 401−404. 49 Müller: Gott zu ehren, S. 58; Schilling: Konfessionalisierung und Staatsinteressen, S. 12; Hammerstein: Bildung und Wissenschaft, S. 27−29.

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dafür den Begriff „Illustre Gymnasium academicum“, der im Wettinischen nicht gebräuchlich war.50 Es galt am nutzlichsten und förderlichsten, wann eine Landt Schuele vnd gleichsam in medium oder mittell, zwischen anderen gemeinen triviall vnd hohen Schuelenn, od Academien, constituiret, vnnd ein Gymnasium aufgerichttet, auch nach desselben artt Vnd eigenschafft, die Leges vnd Lectiones, dergestallt ahngeordnett werde.51

Die Kombination von politischem Interesse und staatlicher Verantwortung über die Bildung erkannten Theoretiker wie Melchior von Osse oder Johannes Ferrarius. Sie findet sich auch in der Stiftungsurkunde des Casimirianums. Dort heißt es: Sondern auch darumb, das grund gelertte leutte aufferzogen werden, welche hernacher, gleichsamb auß dem Paradys Gottes alls pflänzlein, zu Kirchen, Schuelen, vnd weldlichen Regimenten vndt ämbtern tuchttig vnd bequemer zu transferiren, zu vorsetzen vnndt zu bestellen, Dahero Scholae Seminaria Ecclesiae et Reipublicae genennet werden.52

Auch der Coburger Generalsuperintendent Melchior Bischoff erwähnte in seiner Eröffnungspredigt: „Ein Fürst muß seine Cantzler / Räht / vnd Amptleute haben / durch die Er das Recht in seinem Landt erhalte vnd Hoffgerichte wöllen freylich auch mit gelehrten Juristen / Richtern vnd Beysitzern versehen seyen / etc.“53 Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, orientierte sich das Casimirianum am herkömmlichen Fächerkanon der „studia generalia“, der auch an den Universitäten mit 50 StACo, Casimirianum 526, pag. 439−446, Bedenken des Rektors Johann Faber, Coburg, 30.03.1606; Müller: Gott zu ehren, S. 62. Melville sieht eine Dichotomie zwischen Landesschule und Gymnasium, da sich hier „nur zwei sich nicht widersprechende Ebenen gemeint sind, nämlich bei Landschul […] die organisatorisch-landeshoheitliche des Fürsten zum einen und bei Gymnasium die inhaltlich-akademische der Studienentfaltung zum anderen.“ Vgl. Melville: hohe Landesschul, S. 37. Faber sieht die Bezeichnung Gymnasium eher als Modebegriff für den bisherigen Terminus Land- oder Fürstenschule. Im kalvinistischen Einflussbereich findet man häufig die Begriffe „Gymnasium illustre“ oder „Gymnasium academicum“. Um ein solches handelte es sich u. a. beim Casimirianum in Neustadt a.d. Weinstraße, welches Casimirs Patenonkel gründete. 51 StACo, Urk LA E 498, Stiftungsurkunde, Coburg, 03.07.1605, abgedr. bei Beck: Casimirianum, S. 38; vgl. Berbig: Visitationswerk, S. 79. 52 StACo, Urk LA E 498, Stiftungsurkunde, Coburg, 03.07.1605, abgedr. bei Beck: Casimirianum, S. 37; vgl. Simon: Gute Policey, S. 126. 53 *Bischoff: Inauguratio Illustris Gymnasii Casimiriani, fol. D IIIv.

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ihren vier Fakultäten Jurisprudenz, Theologie, Philosophie und Medizin angeboten wurde.54 Man richtete dabei den Blick auf die Förderung der zukünftigen Verwaltungselite und die durchaus übliche Integration der Lehrenden in das Policeywesen des Landes. Beispielsweise saßen die Rechtsgelehrten im Schöppenstuhl, der Gutachten für Zivil- und Strafprozesse verfasste. Mediziner und Theologen wirkten zudem entscheidend in den jeweiligen Visitationskommissionen mit.55 Das Ziel Casimirs, mit den Studenten den Verwaltungsapparat zu stabilisieren und auszubauen, scheint ihm aber nur im schulisch-kirchlichen Bereich gelungen zu sein. Erste Untersuchungen, die im Rahmen dieser Arbeit getätigt wurden, zeigen dass rd. 70 Prozent der eingeschriebenen Landeskinder einen Beruf als Pfarrer und Lehrer ergriffen haben und nach ihrem Universitätsstudium in ihre Heimat zurückgingen. Einigen gelang es, als Lehrer oder gar als Rektor am Casimirianum Fuß zu fassen.56 Zum Problem wurde Casimirs mediale Strategie als Wissenschaftsförderer. Sie besaß den Nachteil, dass andere Fürsten oder Städte die gut ausgebildeten Akademiker des Casimirianums an sich banden. Diese Stellen waren meist finanziell und sozial lukrativer als die im Fürstentum.57 7.3.1.4 Zusammenfassung Die Bemühungen Casimirs belegen, dass er das Bildungswesen und die damit verbundenen Auswirkungen auf den Policeybereich in Kombination mit der Förderung der Wissenschaft ab 1598 aktiv vorantrieb. Die Bezeichnung Casimirianum 54 Melville: hohe Landesschul, S. 44. 55 StACo, Urk  LA F 527, §§ 5 und 15, Schöppenstuhlordnung, Coburg, 27.11.1598; Kretz: Schöppenstuhl, S. 8, 60−64; Heyl: Zentralbehörden, S. 70; Hammerstein: Bildung und Wissenschaft, S. 22. So leitete Johann Gerhard, seit 1606 Superintendent in Heldburg und Dozent für Theologie, als verantwortlicher Geistlicher die Kirchenvisitation von 1613. Andreas Libavius kontrollierte in seiner Funktion als lehrender Mediziner neben zwei anderen Ärzten die Apotheken auf ihre Gesetzestreue und verfasste Gutachten über die medizinische Versorgung. Vgl. StACo, LA F 13.749, fol. 3, Casimir an Libavius, Dr. Schön und Dr. Bierdümpfel, Coburg, 09.01.1609; ebd., fol. 33−47, Gutachten Libavius wegen der Apotheken, Coburg, 15.02.1613; Andrian-Werburg: Medizinalwesen, S. 17; Hoefner: Matrikel Casimirianum, S. 119; Berbig: Visitationswerk, S. 6. 56 Haslauer: Aufbauen, S. 54 f.; Hoefner: Matrikel Casimirianum, S. 114 f. Die Analysen basierten auf den Matrikeln von 100 Landeskindern, die zwischen 1606 und 1633 eingeschrieben und deren Viten bekannt waren. 57 Als Beispiel kann der in Römhild geborene Johannes Rebhahn gelten, der als Jurist an der Universität Straßburg lehrte und auch theologische Schriften verfasste. Vgl. Hoefner: Matrikel Casimirianum, S. 187; Landsberg: Johann Rebhan, S. 481.

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als Schulname ist der stärkste Beweis für die Ausübung der Richtlinienkompetenz des Herzogs in Bildungs- und Religionsangelegenheiten.58 Dabei kamen zwei Strategien zum Tragen. 1. Casimir vereinnahmte sein Volk durch Wohltätigkeit und erzog es moralisch durch Disziplin. 2. Durch den Ausbau des eigenen Verwaltungsapparates, der Recht und Ordnung durchsetzen sollte, zielte er auf eine Herrschaftsstabilisierung ab. Oberste Priorität besaß dabei die Ehrung Gottes, die „Erbauung der Christenheit“ und die Wohlfahrt des eigenen Landes.59 Die beschriebene Strategie war für Casimir nicht neu. Ihm schwebte zum einen das kursächsische Schulsystem als Vorbild vor, das allein in der Person Sebastian Leonharts eine positive Grundstimmung bei ihm erzeugt haben dürfte. Zum anderen orientierte er sich an dem Straßburger Schulsystem, von welchem er den Begriff Gymnasium übernahm. Damit unterstrich Casimir seine bildungspolitische Autonomie gegenüber den Albertinern. Tatsächlich handelt es sich bei der Bezeichnung um ein Synonym zum albertinischen Begriff der Fürsten- oder Landesschule, welcher ursprünglich im reformierten Raum, so in der Kurpfalz oder in Anhalt, Anwendung gefunden hatte. Hier verbanden sich die bildungspolitischen Ziele mit dem Wunsch zur Universitätsgründung.60 Casimirs bildungspolitische Ziele schienen aber nur teilweise aufzugehen. Die Disziplin der Studenten ließ trotz der intensiven Bemühungen des Herzogs um eine Verbesserung zu wünschen übrig. Erfolge gab es dagegen in der Förderung des akademischen Nachwuchses im Schul- und Kirchenbereich sowie in der Akzeptanz des Konvikts in der Bevölkerung. Die mediale Darstellung Casimirs als Wissenschaftsförderer tat ihr Übriges dazu, das die Absolventen seiner Schule einen guten Ruf genossen und reichsweit eine Anstellung fanden, sodass von dessen Zielen auch andere Territorien profitieren konnten. 7.3.2 Aufbau eines Gesundheitssystems Der beschleunigte Prozess der Institutionalisierung brachte Reformen im Medizinalwesen mit sich. Dieses genoss offensichtlich einen derart schlechten Ruf, dass sich die Beamten und die herzogliche Familie bei Erkrankungen an den

58 Müller: Gott zu ehren, S. 54. 59 StACo, Urk LA E 498, Stiftungsurkunde, Coburg, 03.07.1605, abgedr. bei: Beck: Casimirianum, S. 56 f. 60 Castan: Hochschulwesen, S. 14−18; Frijhoff: Grundlagen, S. 72−74.

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Schweinfurter Stadtarzt wendeten.61 Erst mit der Gründung des Casimirianums begann Casimir, sich aktiv diesem Bereich zuzuwenden. Zunächst versuchte er, mit einem Mandat das bereits verbotene Praktizieren von Laienmedizinern weiter zu unterbinden.62 Hier begegnet uns das Ziel einer standardisierten medizinischen Versorgung, die Apotheken und Ärzte gleichermaßen betraf. Hinzu kam eine funktionelle Differenzierung im Verkauf apothekenpflichtiger Waren und frei erhältlicher Heilmittel. Diese wurde in der reformierten Apothekenordnung von 1607 festgelegt und regelte so das Verhältnis zwischen Apothekern und Krämern. Der Erlass führte dabei einige Dutzend Medikamente auf. Ähnliche Listen finden sich in vergleichbaren Ordnungen im süddeutschen Raum. Eine Vorbildfunktion besaß dabei die Nürnberger Gesetzgebung. Die Stadt war eine der ersten im Reich, die bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts über eine Medizinalordnung verfügte. Die Reichsstädte erwarben sich in diesem Ordnungsfeld im Allgemeinen einen guten Ruf. Im Zentrum weiterer Bemühungen stand der institutionelle Auf- und Ausbau. Dazu gehörte die Gründung der medizinischen „facultet“ am Casimirianum, deren Ärzte zur allgemeinen Krankheitsbekämpfung herangezogen wurden. 1605 verlieh Casimir erstmals ein Apotheken-Privileg an seinen Destillator Johann Popp. Derartige Privilegien erteilte zunächst das Stadtregiment. Die landesherrschaftliche Gesetzgebung legte lediglich die Mindestanzahl der Coburger Apotheken fest. Erst Casimir änderte dies und zog die Apotheker-Anstellungen an sich.63 Eine zweite Verdichtung an Aktivitäten brachte die Ruhr-Epidemie von 1615/16 mit sich. Hier stellte sich heraus, dass die staatlichen Abläufe bei der Ausbreitung von Seuchen versagten. Casimir reagierte sofort. Der in die Kritik geratene Apotheker verlor zugunsten einer 1617 neu aufgerichteten Hofapotheke

61 StACo, LA A 10.718, fol. 29, Herzogin Anna an Paul Simbler, Coburg, 13.01.1593; ebd., fol. 46, Casimir an Simbler, Coburg, 09.02.1594; StACo, LA D 2527, Coburger Räte an Rat der Stadt Schweinfurt, Coburg, 23.03.1594. Hinweise auf Schweinfurter finden sich im Apothekenwesen (StACo, LA F 13.748, Apotheken-Privilegium für Johann Popp, Coburg, 01.07.1605; StACo, LA F 5662, fol. 549r, Bestallung Georg Goßmanns zum Hofapotheker, Coburg, 23.05.1617). 62 StACo, LA F 5527, fol. 1, Casimir an die Städte in Thüringen und Franken, Coburg, 14.04.1604. 63 StACo, Casimirianum 580, Libavius an Kanzler und Räte, Coburg, 16.01.1614 (Post scriptum); StACo LA F 6917, fol. 12, Pleier an Casimir, Coburg, 03.05.1624; StACo, LA F 13.748, Apotheken-Privileg an Johann Popp, Coburg, 01.07.1605; Andrian-Werburg: Medizinalwesen, S. 16−18; Bartels: Gesetzgebung, S. 1454. Eine Apotheke lässt sich in Coburg bisher bis in die 1520er Jahre zurückverfolgen.

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sein Privileg.64 Zudem beauftragte der Herzog den Coburger Stadtarzt mit der erneuten Reform der Apothekenordnung. Der Entwurf beinhaltete eine strengere Aufsicht der Apotheken, die Standardisierung der Ausbildung von Badern und Barbieren, eine schärfere Verfolgung von Quacksalbern (1623 realisiert) und die Ausweitung der medizinischen Versorgung auf dem Lande.65 Damit legte man den Grundstein für die Differenzierung verschiedener Ärztegruppen, deren Aufgabenbereiche sowie für den Aufbau eines Landphysikats nach 1625. Daneben galt eine Konsultationspflicht mit der medizinischen „facultet“ bei schweren Erkrankungen und Operationen.66 1618 kam es zudem auf Casimirs Befehl zur Gründung einer Ärztekommission, die dann in Aktion trat, wenn gefährliche Seuchen ausbrachen.67 Die schon an einigen Stellen deutlich gewordene Gesundheitsförderung dehnte sich auf das in Entstehung befindliche Kurwesen aus. Während Casimirs Regierungszeit entdeckte man in Liebenstein (Amt Tenneberg) einen Sauerbrunnen, der ein gutes Heilwasser versprach. Einen der ersten deutschen Trinkkurorte, das 1581 eröffnete Schwalbach bei Wiesbaden, kannte der Herzog aus eigener Anschauung. 1606 besuchte er auch Kissingen. 1610 beauftragte er Andreas Libavius mit der Untersuchung der Liebensteiner Quelle, die ein positives Ergebnis brachte. Casimir förderte danach aktiv den Ausbau des Dorfes zu einem Kurort. Dies tat er durch eigene Besuche und durch den Vertrieb des Wassers über sein Laboratorium. Ein weiterer Ausbau des Kurwesens erfolgte in seiner Regierungszeit wohl aus monetären Erwägungen und wegen des ausbrechenden Krieges aber nicht.68 64 StACo, LA F 13.749, fol. 121−124, Staehlin an Kanzler und Räte, Coburg, 13.09.1616; StACo, LA F 13.752, fol. 1v−2r, Casimir an die Räte, Tenneberg, 06.09.1616; StACo, LA F 5662, fol. 549−553, Bestallung Georg Goßmanns zum Hofapotheker, Coburg, 23.05.1617; StACo, LA F 23, fol. 210−214, Ausgaben des Hofes, Rechnungsjahr 1618/19; Hönn: Historia Bd. II, S. 239. 65 StACo, LA F 13.750, fol. 3v−4r, Schön an die Räte, Coburg, 26.01.1616; *Sachsen-Coburg: Taxordnung für Medikamente; Bartels: Miscellanea civitatis, S. 1783. 66 StACo, LA F 13.758, fol. 1r, Bürgermeister und Rat der Stadt Coburg an Kanzler und Räte, Coburg, 28.05.1625; ebd., fol. 3 f., Mandat, o.D.; Andrian-Werburg: Medizinalwesen, S. 18 f. 67 StACo, LA F 13.755, Casimir an die Ärzte, o.O., 17.08.1618. 68 StACo, LA F 14.344, Der Sauerbrunnen in Liebenstein, 1610; StACo, LA A 10.677, fol. 59, Casimir an Johann Ernst, Coburg, 23.08.1601; ThStAM, GHA Sektion I 363, Besuch in Liebenstein, 1615; StACo, LA A 1552, Besuch in Liebenstein, 1616; StACo, LA A 1586, Besuch in Liebenstein, 1620; StACo, LA A 1596, Besuch in Liebenstein, 1621; StACo, LA A 10.616, fol. 156, Casimir an Moritz, Coburg, 19.07.1631; *Libavius: Tractatus Medicus; StACo,

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Casimirs Agieren während der Pestepidemie von 1626 offenbart aber auch, dass seine Aktivitäten im Gesundheitswesen zeitlich begrenzt waren und er zunehmend das Handeln seiner Verwaltung überließ. Als Reaktion auf den Ausbruch der Seuche erarbeitete die Stadt Coburg eine Pestordnung, welche sie von der Regierung mit einigen Nachbesserungen absegnen und mit Casimirs Zustimmung als fürstliches Mandat veröffentlichen ließ. Eine Konkurrenzsituation zur landesherrlichen Gesetzgebung war dies nicht. Vielmehr oblag es den Städten in solchen Fällen Verordnungen zu erlassen.69 Casimir trat hier nur einmal aktiv in Erscheinung, als sich nämlich die Untertanen weigerten, die vorgeschriebenen Wachposten zur Einhaltung der Quarantäne zu übernehmen. Die Furcht vor einer Ansteckung war zu groß. Casimir drohte daraufhin mit schweren Strafen. Die Drohung zeigte aber nur die Grenzen des weltlichen Regiments auf. 259 Menschen fielen der Epidemie zum Opfer.70 Als Gesetzgeber trat Casimir danach noch einmal in Erscheinung. Wegen illegalem Arzneiverkauf und Kurierens durch unbefugte Personen befahl er die Reform der Apothekenordnung durch den Stadtmedicus und den Hofarzt. Diese Neufassung wurde 1629 als Medizinalordnung in Kraft gesetzt. Sie stellte eine Weiterentwicklung zu den bisherigen Ordnungen und Mandaten dar. Sie versuchte Lücken zu füllen, die mit der Zeit offensichtlich geworden waren. Dazu gehörte das Verbot von Abtreibungen, die Zusammenarbeit zwischen gelehrten und handwerklichen Medizinern wie Badern und Wundärzten sowie die Einführung beruflicher und moralischer Standards bei Hebammen.71 Deutlich zu sehen ist hier Casimirs Interesse an der Gesundheitspolitik. Das zeigt zunächst die Visitation von 1587, in der er sich als tatkräftiger Landesvater zu profilieren versuchte. Institutionell schuf er zwischen 1605 und 1625 mit der medizinischen „facultet“, dem Ausbau des Apothekenwesens, der Einrichtung LA A 1489, Reise nach Kissingen, 1606; Henkel/Herrmann: Liebensteiner Brunnenschrift. Belegt ist ein Treffen Kurfürst Augusts mit Casimir in Schwalbach (StACo, LA A 2167, fol. 18r, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 27.05.1584). 69 StACo, LA F 13.759, fol. 23−33, Mandat zur Pestbekämpfung, Coburg, 1626; ebd., fol. 45, Casimir an Schosser und Stadtrat zu Coburg, Coburg, 28.11.1626; ebd., fol. 59, Korrekturen; Iseli: Policey, S. 52. 70 StACo, LA F 13.759, fol. 46, Schosser zu Coburg an Casimir, Coburg, 02.12.1626; ebd., nach fol. 47, Kanzler und Räte an Schosser und Stadtrat zu Coburg, Coburg, 07.12.1626; Dietze: Dreißigjähriger Krieg, S. 43. 71 StACo, LA F 13.760, Casimir an den Rat der Stadt Coburg, Coburg, 17.04.1628; StACo, LA F 5558, Hofarzt Rumpel und Stadtmedicus Schön an Casimir, 22.01.1629. StACo, LA F 5557, Medicinal-Ordnung, 1629; Schwerhoff: Ordnung, S. 25.

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des Landphysikats und der Schaffung einer Ärztekommission im Seuchenfall vier wichtige Elemente, um die Bevölkerung vor Gesundheitsgefährdung zu schützen und Epidemien zu bekämpfen. Dazu gehörten auch Mandate zur Luftverbesserung in den Städten und der Aufbau eines Heilbades in Liebenstein. Der Ausbau dieser Strukturen geschah als Reaktion auf Epidemien, aufgrund persönlicher Interessen des Fürsten oder Lücken in der bisherigen Gesetzgebung. Die neu normierte Gesundheitspolicey definierte und differenzierte die einzelnen medizinischen Berufe sowie deren Beziehungen untereinander, verbesserte die Ausbildungs- und Arzneimittelstandards und regelte den Medikamentenverkauf zum Vorteil des Verbrauchers. Bei der Ausarbeitung der einzelnen Normen wirkten Ärzte als Sachverständige mit. Nach 1625 sank Casimirs Interesse am Medizinalwesen merklich. Die Bekämpfung der Pestepidemien bestritten hauptsächlich die Städte. Hier wurde vor allem auf frühere Verordnungen und Mandate des Herzogs Bezug genommen. Dennoch war das Urteil des Stadtmedicus Michael Schön über Casimir korrekt, wenn er schrieb: „Auß welchen ich billig zuerkennen hab, das e.f.g. vnd Herr der Meidicin vndt allen ihren zugehörigen Stücken, nicht allein gute Ordnung anzustellen, zu befördern, vndt zuerhalten, dem gantzen Landte, nicht weniger auch den benachbarten zum besten, Hochthumlich beließen sein.“72 7.3.3 Heilsame Justizien Rechtspflege und Schutz entsprachen als primäre Pflichten des Fürsten bereits mittelalterlichen Vorstellungen. Darauf bezog sich auch Melchior von Osse, weitete dies aber um die „ordnung und erhaltung guter, gotseligen, rechtmeßigen regirung, gerichtbarkeit und policei“ aus.73 Hintergrund war die Differenzierung des Schutzbegriffs nach außen und innen und das Ziel einer wirksamen Strafrechtspflege und Justizverwaltung. Dies durchzusetzen, oblag als Pflicht dem Fürsten. Gelang ihm dies nicht, traf ihn die Verantwortung für den daraus resultierenden Verfall der öffentlichen Ordnung. Die Bestrafung des Bösen und die Bewahrung des Guten galt als Befehl Gottes an das weltliche Regiment. Der Fürst musste daher nach seinem Tod vor Gott darüber Rechenschaft ablegen.74 Die zentrale Bedeutung des frühneuzeitlichen Justizwesens lässt sich daraus gut 72 StACo, LA F 13.750, fol. 3, Schön an Kanzler und Räte, Coburg, 26.01.1616. 73 Zit. Hecker: Melchior von Osse, S. 276; vgl. Simon: Gute Policey, S. 104 f. 74 Vgl. *Ferrarius: gemeiner Nutze, S. 25; Simon: Gute Policey, S. 109.

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erkennen. Ein funktionierendes Strafverfolgungs- und Ordnungssystem lag im wohlverstandenen Herrschaftsinteresse. Diese Grundlagen galten auch für Casimir, der schon vor 1598 versuchte, das Justizwesen seines Landes zu reformieren. Dazu gehörte der Wunsch der fränkischen Ritter nach einem eigenen Hofgericht. Man fürchtete, dass das Jenaer Hofgericht mit seinen rechtlichen Vorstellungen, die auf dem Sachsenspiegel beruhten, nicht geeignet sei für Franken, wo die Carolina galt, Recht zu sprechen. Casimir versprach daher auf dem Landtag von 1589, zur Förderung der „heilsamen Justizien“, ein Hofgericht zu gründen.75 Zwar kam die Gründung eines Hofgerichtes zunächst nicht zustande. Stattdessen beauftragte Casimir seinen Kanzler Michael Wirth d.Ä. über die neue Kanzleiordnung eine vergleichbare Einrichtung innerhalb der Landesregierung zu schaffen. Diese neue Unterbehörde erinnerte mit ihrer Installierung an die Einrichtung des Konsistoriums rd. 20 Jahre zuvor. Daraus resultierend erhob die Kanzleiordnung von 1594 die Landesregierung zur zweiten Instanz für Berufungen gegen Urteile unterer Gerichte des Landesherrn und der Landstände. Die Schriftsassen konnten sich in erster Instanz an die Regierung wenden. Der Herzog blieb in diesen Verfahren passiv und fungierte lediglich als Schiedsrichter in Güte- und Vorbescheidsverfahren. Die Urteile selbst fällte in dessen Vertretung die Landesregierung in seinem Namen.76 Die Kündigung der gemeinsamen Justizbehörden 1597/98 zwang Casimir zur institutionellen Weiterentwicklung des Coburger Justizapparates. Auf dem Landtag von 1598 erklärten er und Herzog Johann Ernst: Dieweil auch zum andern nach der Christlichen Religion, die heilsahme Justitia vnnd rechtschaffene Administration derselben, alß die andere Säule aller Wohlbestellten Regimenten unnß mit vhleiß in acht zunehmen gebürret, darmit solche in gueten Stannde vnnd Weßen erhallten werde, vnnd sich deren Meniglechen aequa lance (lat. = mit gleicher Waage) zugebrauchen vnnd zuerfreuen.77

Damit entstanden für Coburg und Eisenach gemeinsame Justizbehörden wie das Hofgericht, der Appellationsrat und der Schöppenstuhl, die noch im selben Jahr ihre Arbeit aufnahmen.78 Bei Eröffnung des Hofgerichts blieben die 75 StACo, LA F 65, fol. 1, Landtagsberatschlagungen 1589. 76 StACo, LA F 5230, §§ 4, 15, Kanzleiordnung [1594]; Heyl: Zentralbehörden, S. 40. 77 StACo, LA F 12, fol. 148, Proposition der Herzöge, o.O., o.D. 78 Vgl. Kap. 6.3.1.

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Kompetenzen der Landesregierung unberührt, sodass eine Konkurrenzsituation entstand, die zunehmend das Verhältnis zwischen Casimir und dem Niederadel belasten sollte. Generell war dieses Nebeneinander konkurrierender gerichtlicher Instanzen typisch für die Frühen Neuzeit.79 Der Appellationsrat war die höchste Berufungsinstanz im Fürstentum und orientierte sich in seiner Ordnung nach der kursächsischen Schwesterbehörde. Hier konnten Einsprüche über Urteile des Hofgerichts, der Landesregierung und des Konsistoriums in letzter Instanz eingelegt werden. Die Fälle wurden aufgrund der unterschiedlichen Rechtskreise in „fränkische“ und „thüringische“ Angelegenheiten differenziert. Der Gang zum Reichskammergericht blieb durch das vom Kaiser an die Wettiner verliehene Privileg „de non evocando et appellando“ den Klägern versperrt.80 Der Schöppenstuhl indes entsprach einem Rechtsberatungsorgan, welches Gutachten und Urteile zu Zivil- und Strafprozessen ausstellte. Durch seine Arbeit erwarb er sich bald einen guten Ruf in der näheren Region.81 Als ersten Vorsitzenden (Ordinarius) gewann Casimir den renommierten und aus Antwerpen stammenden Juristen Petrus Wesenbeck, der zuvor eine Anstellung als Professor an der juristischen Fakultät der Akademie Altdorf besaß.82 Die Mitglieder des Schöppenstuhls lehrten zudem als Professoren am Casimirianum. Mit dessen Gründung war die Institutionalisierung des Justizwesens abgeschlossen. Die Aufgabe des Gymnasiums war es, die neu gegründeten Behörden mit eigenen guten Juristen zu versorgen und damit die Stabilität des Landes und der fürstlichen Herrschaft durch ein funktionierendes Justiz- und Verwaltungswesen zu erhalten und auszubauen. Dies forderten bereits Melchior von Osse und Johann Friedrich der Mittlere.83 Dies gelang aber nur in Ansätzen, denn nur rd. 20 Prozent der Studenten des Casimirianums wechselten nach dem Studium in den coburgischen Staatsdienst.84

79 Heyl: Zentralbehörden, S. 39 f., 87 f. Vgl. Kap. 8.2.1. 80 Siehe dazu die Sitzungsprotokolle in StACo LA F 7728, (1598−1604); LA F 7738 (1606−07); LA F 7741 (1608−14) und LA F 7751 (1616−24); Heyl: Zentralbehörden, S. 68 f. Über die Bedeutung des „Privilegiums de non evocano et appellando“ vgl. Kap. 8.2.1. 81 Kretz: Schöppenstuhl, S. 10, 60−66. 82 Eine Zusammenfassung über Wesenbecks Vita siehe Haslauer: Aufbauen, S. 41. 83 StACo, LA A 10.857, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 09.05.1591; Hecker: Melchior von Osse, S. 388 f.; vgl. Simon: Gute Policey, S. 116; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 187. 84 Vgl. dazu die Untersuchung der theologischen Ausbildung in Kap. 7.3.1.3.

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Osse hob das Justizwesen „als besonders wichtige territorialstaatliche Aufgabe“ hervor.85 Es bildete die Basis für Ruhe und Ordnung im Land. Den Fürsten oblag es, dies zu garantieren. Diesbezüglich waren sie vor Gott Rechenschaft schuldig. Aber auch auf Erden erkannte man an einer schlechten Ordnung einen schlechten Herrscher. Casimir blieb als Herzog schon deshalb nichts anderes übrig, als sich aus landesväterlicher Fürsorge dem Justizwesen zuzuwenden. Sein Verdienst lag darin, auf Basis der gemeinsamen ernestinischen Behörden zwischen 1594 und 1605 eigenständige Institutionen und Normen geschaffen zu haben. Er beschleunigte die weitere Verrechtlichung und beförderte einen Differenzierungs- und Rationalisierungsprozess, der der Landesregierung immer mehr Kompetenzen zugunsten neuer Gerichtsinstanzen wegnahm. Mit dieser zweiten Institutionalisierung reagierte er auf die Kündigung der gemeinsamen Einrichtungen in Jena und auf die ständischen Forderungen nach einer Veränderung des Justizwesens. Als aktiver Gerichtsherr trat er hingegen schon 1594 in Zivilrechtssachen nicht mehr in Erscheinung. Dies überließ er bereits den Juristen. 7.3.4 Belebung des Münzregals Mit der Aufgabe der gemeinsamen Einrichtungen gewann die Geldpolitik für Casimir an Bedeutung. Durch die Goldene Bulle erhielten die Wettiner nach ihrer Erhebung in den Kurfürstenstand 1423 neben dem Berg- auch das Münzregal.86 Diese Privilegien blieben den Ernestinern nach 1547 erhalten. Sie betrieben zunächst eine gemeinsame Münzstätte in Saalfeld. Im Zuge des Konflikts mit Weimar kündigte Casimir seine Beteiligung an der Einrichtung auf und eröffnete 1600 eine eigene Münzstätte im Schloss Ehrenburg, womit er einen Dezentralisierungsprozess im Thüringer Raum einleitete. Hier mögen bereits erste Anzeichen auf eine reichsweite Inflation hindeuten, die zwischen 1620 und 1623 mit der „Kipper- und Wipperzeit“ ihren Höhepunkt erreichte.87 Casimir selbst begründete diesen Schritt mit seinem Bergregal, welches besagte, dass das 85 Simon: Gute Policey, S. 116. 86 Lünig: Goldene Bulle, Kap. IX, § 1, Kap. X, § 2. 87 Die Ursachen der Inflation lagen in einem seit dem 16. Jahrhundert kontinuierlich steigenden Geldverbrauch und der daraus resultierenden Erhöhung der Geldmenge. Um die Herstellungskosten niedrig zu halten, prägte man Münzen mit geringem Silbergehalt. Der Tausch mit guten Münzen brachte den Fürsten einen finanziellen Gewinn. Der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges beschleunigte diesen Kreislauf. Vgl. Henning: Handbuch Bd. 1, S. 558 f.

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im eigenen Territorium gewonnene Silber für die Münzherstellung verwendet werden durfte. Das Rohmaterial Kupferschiefer stammte zwar aus dem Mansfelder Revier, die Eisfelder Saigerhütte verhüttete aber dieses zu Münzsilber, sodass Casimir dies für sich nutzen konnte. Bei der Verlagerung spielten daher Kostengründe und kürzere Transportwege für das zu vermünzende Silber eine Rolle.88 Die neue Einrichtung prägte zunächst nur wenige Münzen. Offensichtlich wurde sie als Teil des „theatrum sapientiae“ angesehen und diente daher nur Repräsentationszwecken. Erst ab 1607 kam die Münzstätte ihrer eigentlichen Aufgabe nach. Zäh verlief auch die weitere Entwicklung. Erst auf dem Höhepunkt der Kipper- und Wipperzeit erließ Casimir eine Münzstättenverordnung. Sie regelte die Arbeitszeiten, definierte die Einstellungskriterien für Bewerber, beschrieb den Verhaltenscodex für das Personal und verlangte von ihnen absolute Verschwiegenheit.89 Über die Gründe dieser vergleichsweisen schleppenden Entwicklung finden sich in den Quellen keine Hinweise. Während der „Wipper- und Kipperzeit“ lehnte es Casimir im Unterschied zu anderen Münzherren ab, am Wechsel von eigenen geringwertigen Silbermünzen mit hochwertigem Silbergeld verdienen zu wollen. Er blieb der humanistischen Lehre treu, die solche Praktiken ablehnte. Mit dieser Ansicht stand er aber alleine da. So eröffnete sein Bruder ab 1619 mehrere Kippermünzstätten. Nachdem Kursachsen auf diese reichsweit übliche Geldpolitik eingeschwenkt hatte, empfahl Casimirs Münzmeister Wolf Albrecht im Jahre 1620, ebenfalls den Silbergehalt zurückzufahren, da sonst das hochwertige Coburger Geld ins Ausland abfließen und durch minderwertige Münzen ersetzt werden würde.90 Casimir folgte dem weniger aus eigener Überzeugung, sondern aus der politischen Notwendigkeit heraus. Er beauftragte Albrecht „mittelmeßige und kleinere Münzsorten“ wie in Kursachsen und Nürnberg, zum „allgemeinen Gebrauch und Beförderung des Handels und Wandels in unseren Landen“ zu prägen.91 Die Münzen verfügten im Vergleich aber immer noch über einen hohen Silbergehalt. 88 StACo, LA F 10.720, Verlagerung der Münzstätte, 1598−1600; StACo, LA F 5662, fol. 118−121, Urkunde zur Eröffnung der Münzstätte, Coburg, 22.03.1600; Kozinowski/Otto/ Russ: Münzen Bd. 1, S. 28. 89 StACo, LA   F 5347, fol.  16, Betriebsordnung für Münzstätten, Coburg, 02.02.1622; Ko­zinowski/Otto/Russ: Münzen Bd. 1, S. 31. Zum „theatrum sapientiae“ vgl. Kap. 5.5.4. 90 StACo, LA   F 10.728, fol.  45, 50, Johann Ernst an Casimir, Krayenberg, 02.08.1619; ebd., fol. 51 f., Albrecht an Casimir, Saalfeld, 05.08.1620; Huschke: Ernestiner, S. 111; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 161. 91 StACo, LA F 10.728, fol. 57, Casimir an Albrecht, Eisenach, 08.09.1620; Huschke: Ernestiner, S. 21.

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Da sich die bisherige Münzstätte in der Ehrenburg weder technisch noch kapazitiv für diese Aufgabe eignete, entschied Casimir im Herbst 1620, eine neue Prägeanstalt in Neustadt a.d. Heide zu eröffnen. Diese ging im Frühjahr 1621 in Betrieb.92 Es folgten im selben Jahr zwei weitere Kippermünzstätten in Gotha und Hildburghausen, die aber nur wenige Monate und Wochen arbeiteten. Deren Gründung geschah aus der starken Prägetätigkeit Herzog Johann Ernsts heraus, dessen wertlose Münzen auch im Fürstentum Coburg umliefen und Casimirs Einkünfte massiv dezimierten. Dies führte unter den Brüdern zu Spannungen und einer Erhöhung der zu prägenden Stückzahlen minderwertiger Münzen. Die für die Aufsicht des Münzwesens zuständigen Reichskreise versagten hier völlig.93 Casimir bekämpfte hingegen ab Herbst 1621 zusammen mit dem Bayreuther Markgrafen Christian aktiv dieses Unwesen, in dem er die Taxen für den Silbereinkauf seiner Münzstätten festlegte, den Umtauschkurs für ausländisches Geld regelte, ein Ausfuhrverbot für gutes Münzmetall verhängte und eine Währungsreform durchführte.94 Der Herzog ergriff hier früher Gegenmaßnahmen als andere Landesherren, die erst im Herbst 1622 die fatale Wirkung ihrer Geldpolitik erkannten. Denn ab einem gewissen Zeitpunkt floss nur noch geringwertiges Geld in die Staatskasse zurück. Ein Gewinn war so nicht mehr möglich. Die Fürsten mussten daher ihre Kippermünzen wieder einziehen und zur alten Politik unter Einbeziehung der Augsburger Reichsmünzordnung von 1559 zurückkehren.95 Casimirs Kehrtwende bedeutete mittelfristig das Ende für die Coburger Prägeanstalt. Die Einführung staatlicher Preisbindungen zur Bekämpfung der Inflation, der anderweitige Verkauf des Silbers und steigende Unkosten beim Rohmaterial machten die Münzstätten unrentabel. So stellte 92 StACo, LA F 10.728, fol. 73−75, Albrecht an Casimir, Saalfeld, o.D.; ebd., fol. 133v−134r Gutachten zur Münzstätte in Neustadt, 13.10.1620; ebd., fol. 218−222, Casimir, an die Landstände und Beamten, Coburg, 02.03.1621; ebd., fol. 244 f., Erteilung des Münzprivilegs, Coburg, 10.04.1621. 93 Vgl. Kozinowski/Otto/Russ: Münzen Bd. 1, S. 129−134, 140−185. 94 StACo, LA F 5347, fol. 19, Ordnung und Anschlag des Silberkaufs, Coburg, 03.01.1622; ebd., fol. 22, Verordnung über Umtauschkurse, Coburg, 08.04.1622; ebd., fol. 21, Münzpatent, Coburg, 12.08.1622; StACo, LA F 10.728, fol. 360 f., Casimir an Christian Ernst, Coburg, 25.09.1621. 95 Das eingesammelte Kippergeld (23 Zentner und 95 Pfund) wurde auf Befehl Casimirs eingeschmolzen und 1626 zu einer kupfernen Braupfanne für das Brauhaus in der Ehrenburg verarbeitet. Vgl. Grasser: Münz- und Geldgeschichte, S. 115; Huschke, Ernestiner, S. 111 f.; Kozinowski/Otto/Russ: Münzen Bd. 1, S. 129, 203.

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die Coburger Münze wie auch andere Prägestätten ihre Arbeit bis 1627 ein. Ra­tio­nale Faktoren zwangen die Ernestiner zu einem Zentralisierungsprozess, in dessen Folge Saalfeld als gemeinsame Münzstätte wieder an Bedeutung gewann. Casimirs Münzregal höhlte es allerdings teilweise aus.96 Casimirs eigenständige Geldpolitik manifestierte sich ab 1600 und fokussierte sich zunächst auf die symbolische Darstellung seines Anspruchs auf die sächsische Kurwürde. Dazu integrierte er die Münzstätte in sein „theatrum sapientiae“ und führte sie seinen fürstlichen Gästen vor. Ihrer eigentlichen Bestimmung, die Versorgung des Landes mit ausreichend Geldmitteln, kam sie erst allmählich nach. Insgesamt zeigt sich, dass die Belebung des Münzregals von Casimir nur schleppend vorangetrieben wurde. Besondere Aktivitäten lassen sich bei ihm erst während der „Kipper- und Wipperzeit“ nachweisen. Casimir lehnte die Geldpolitik anderer Fürsten ab und orientierte sich stattdessen an den Reichsgesetzen. Äußere Einflüsse zwangen ihn jedoch, ebenfalls den Silbergehalt seiner Münzen zu senken, um von seinem Land wirtschaftlichen Schaden abzuwenden. Das hielt ihn nicht davon ab, solche finanziellen Umtriebe frühzeitig zu bekämpfen. Das Ende dieser Geldentwertung beendete schließlich die Dezentralisierung der Münzstätten im Thüringer Raum. Das Münzregal Casimirs verlor dadurch an Bedeutung. Man kehrte aus rationalen Erwägungen zur geldpolitischen Situation der Jahre vor 1600 zurück und beließ es bei der zentralen Münzstätte in Saalfeld. 7.3.5 Identität und Kirchenreform Casimirs Konfessionspolitik befasste sich bis 1598 lediglich mit der Reform der geistlichen Institutionen. Erst in einem zweiten Schritt wollte er die eigentlichen Probleme, wie die Defizite in der Kirchenzucht und der Religionspolicey, beheben. Er erklärte daher den Landständen: So werden wir doch hinwiederumb glaubwürdig berichtet, erfahren es auch in Unßern Consistorys, nicht mit wenigen schmertzen, was für ergerlich vnnd sträfflich leben, nicht allein bey den Zuhörern, sondern fürnemblichen auch bey den lehrern vnnd Pfarrherrn geführet vnd welchermassen die ihr ambtt, zu zeytten, mit übermessigen quaßereyen (= Prassereien), zum theil auch verbottenen Wucher unnd andern verziemblichen commercien unter einen eingebildeten schein mißbrauchen, dardurch sie ihren Zuhörern groß ergerniß geben vnnd 96 Kozinowski/Otto/Russ: Münzen Bd. 1, S. 31 f., 129−135.

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dahero bey denselben wenig bawen oder sie zu beßerung Ihres Verdambliches Wanndels bringen können.97

Die Auflösung sittlicher und theologischer Defizite, verbunden mit der Normierung des Glaubens, waren Ziele casimirianischer Konfessionspolitik. Die Stiftungsurkunde des Casimirianums, die den Schlusspunkt in der Institutionalisierung des Coburger Kirchenwesens setzte, untermauerte den Anspruch, die „reine“ lutherische Lehre so zu bewahren. Der Herzog bezog sich aber auch auf die traditionelle Konfessionspolitik seiner Vorfahren und deutete damit an, diese fortsetzen zu wollen. Er gab damit auch persönliche Motive preis, als er verkünden ließ: Zuvörderst aber dem Edelsten höchstenn Schatzs, der reihnen, wahren, lautteren, recht schaffenen Lehre, Gottes alleine sehligmachenden Wortts, gleichförmig solche Lehre vonn anbegin der Weld geöffenbahrtett vnnd bestedtiget, beneben rechttenn Christlichen gebrauch der Heylig. Hochwürdigen Sacramenten, nicht weniger vnsern in Gott ruhenden hochgeehrten löblichen lieben Vorfahrenn der Chur: und Fürsten zu Sachssen, gnediglichenn vorlihen, darob dieselben nichtt mitt geringer gefahr, vnd zusezunge, eiferig, treulich und vhleißig gehaltten, vnd wir, durch Verleihunge Göttlicher gnadenn Huelff, die Zeitt vnsers lebens, weitter zuthuen, vnnd dabey bestendig zubleiben, vnnd zuverharren, auch uff unser liebe nachkommen zubringen, bedachtt.98

Neben der göttlichen Legitimation wies Casimir auf die familiären Opfer vom Schmalkaldischen Krieg bis zu den Grumbachschen Händeln hin, als er auf die großen Gefahren und Demütigungen seiner Vorfahren anspielte. Das Casimiria­ num symbolisierte damit erstmals in seiner Regierungszeit die Weiterführung dieses Anspruchs und bekräftigte damit die ernestinische Identität. Das gute Renommee des Gymnasiums trug dies ins Reich. Im Zeichen der zunehmenden Zuspitzung des Konfessionskonflikts, gewann der Herzog dadurch an theologischem Profil und unterstrich damit seine religionspolitische Autonomie. Ähnliche Gedanken besaßen auch andere Fürsten beider Konfessionen. Die Vorgehensweise untermauert die These, dass sich die frühmodernen Staaten in 97 StACo, LA F 12, n. fol. 147r, Proposition an die Landstände, o.D. Nicht anders verhielten sich die katholischen Pfarrer in den Hochstiften. Vgl. Wendehorst: Bistum Würzburg, S. 204; Wendehorst: Gottfried von Aschhausen, S. 180. 98 StACo, Urk LA E 498, Gründungsurkunde, Coburg, 03.07.1605, abgedr. bei: Beck: Casimirianum, S. 36.

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aggressiver Konkurrenz zueinander zu Kollektivindividuen entwickelten, aber nach innen eine Homogenisierung des Glaubens förderten. Die Reformation trieb diese Genese wesentlich voran und erzeugte so eine staatliche und nationale Partikularität mit.99 Dem strukturellen Aufbau fehlte allerdings eine von den Ernestinern, als den Beschützern des „wahren“ Luthertums, erlassene Kirchenordnung. Die Albertiner waren mit ihrer Ordnung von 1580 einen Schritt weiter. Casimir konnte diesen Mangel nicht dulden. So kündigte er 1598 auf dem Landtag an: Alß auch vnsern beederseits Consistoria mit Gottesfürchtigen vnnd tüchtigen Persohnen vorsehen, vnnd dann dieselben mit guter ordtnung und andern mehr nützlichen anschaffung verbessert werden möge, wollen wir nach gehaltener Visitation und eingenommmen erkhundigungender eingeschlichenen mengell mit zu Ziehung fürnehmen Theologen vndt etlicher auß den Landstenden dieselben abschaffen, vnnd eine Consistorial: vnnd Kirchenordtnung verfaßen laßen, auff das mit Verleihung Göttlicher gnade, die erkhannte undt bekhannte reine lehr, in vnßern lannden, erhaltten, unnd den Gottesdienst mit Lehrern, Predigern vnd Sacramentreichen, nach Gottesordtnung recht verrichtet wird.100

Zunächst stellte Casimir die Ausarbeitung dieses Werkes zugunsten der weiteren Institutionalisierung des Kirchenregiments zurück. Doch zeichneten sich bereits die militärischen Spannungen ab, die vor allem wegen der Glaubensfrage in den Dreißigjährigen Krieg mündeten. Es galt, sich dabei nicht nur für einen kommenden Konflikt zu rüsten, sondern auch die eigene ernestinische theologische Auslegung vor dem zu erwartenden Sturm zu festigen. Der Herzog kündigte daher wiederholt eine General-Schul- und Kirchenvisitation an, deren Ergebnisse schließlich der Synode übergeben, dort beraten und in die angekündigte neue Schul- und Kirchenordnung fließen sollten.101 Für die avantgardistische Erziehung Sebastian Leonharts war spätestens hier kein Spielraum mehr gegeben. Bei der Bestallung des Calvinisten Petrus Wesenbeck zum Schöppenstuhl-Ordinarius kam diese religiöse Liberalität nochmals zum Vorschein. Die  99 Schilling: Konfessionalisierung und Staatsinteressen S. 21, 34 f., 37; Wendehorst: Bistum Würzburg, S. 197. 100 StACo, LA F 12, fol 150v−151r, Proposition an die Landstände, o.D. [1598]. 101 StACo, LA F 14, fol. 119r−120r, Proposition an die Landstände, Gotha, 24.09.1605. Dort heißt es: „undt sindt für unsere Personen des christlichen, eiferigen gemuetts und Vorsazes, durch beystandt Gottes des allmechtigen, bey solcher einmahl erkannten und bekannten reihnen wahren Lehr bis ahn unser sehliges ende bestendigliechen zuverharren.“ (fol. 119v); vgl. StACo, LA F 16, fol. 140v, Proposition an die Landstände, o.O., [1610].

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Ausbildung des lutherischen Bekenntnisses hinderte ihn aber nicht daran, seine außenpolitischen Beziehungen zu den calvinistischen Fürsten weiter zu pflegen oder ihre Begrifflichkeiten, hier am Beispiel des Casimirianums gesehen, anzuwenden. So gesehen blieb eine gewisse Offenheit gegenüber dem Calvinismus als Kontinuität erhalten.102 Die Visitationen fanden 1610/11 und 1613 unter der Federführung Johann Gerhards zunächst in der Ephorie Heldburg, später im gesamten Fürstentum statt.103 Gerhard hatte u. a. an der Universität Jena Theologie studiert. 1606 berief ihn Casimir als Superintendent nach Heldburg, wobei er auch eine Anstellung als Dozent der Theologie am Gymnasium erhielt. Seine erfolgreiche Tätigkeit als Visitator und Lehrer machten andere Fürsten auf ihn aufmerksam. Zwischen 1610 und 1614 erhielt er etliche Vokationen deutschsprachiger Universitäten. Casimir ließ ihn aber entgegen seinem Willen nicht gehen, da er selbst von dessen Wissen und Können profitieren wollte. Er erkannte, dass mit Gerhard die ernestinische Auslegung des Luthertums ein neues Gesicht erhielt, was der Identität Casimirs nur zum Vorteil reichen würde. Dementsprechend wies er auch die Vielzahl kursächsischer Vokationen zurück. Die konfessionspolitische Konkurrenz zwischen Ernestinern und Albertinern spielte dabei eine wichtige Rolle. Stattdessen ernannte er Gerhard 1615 zum Generalsuperintendenten. Schon kurz darauf erhielt dieser wiederum einen Ruf an die Universität Jena. 1616 verließ Gerhard Coburg, blieb aber als Berater und als Beirat im hiesigen Konsistorium in Kontakt mit dem Landesherrn.104 In den wenigen Jahren seines Wirkens hinterließ Gerhard tiefe Spuren. Vor allem ist seine Visitationstätigkeit zu nennen, die er auf Basis der kursächsischen Schul- und Kirchenordnung von 1580 durchführte. Auf den 102 Siehe dazu die Thematisierung des Begriffs Toleranz bei Strohm: Religion, S. 48. 103 StACo, LA F 18, fol. 123r−124v, Proposition an die Landstände, o.O., [1614]; StACo, LA B 2533, Visitation der Ephorie Heldburg, 1610; StACo, LA B 2539 und 2540, Generalvisitation 1613; FB Gotha, Chart A 634, Akten zu den Visitationen in Heldburg (1610/11) dem Fürstentum Coburg (1613); vgl. Gehrt: Handschriften, S. 185−189. 104 StACo, Konsistorium 1362, Ernennung Gerhards zum Generalsuperintendenten, 1614/15; StACo, LA   E 2104, Wechsel Gerhards nach Jena, 1615/16; FB Gotha, Chart A  408, fol. 307r−310v, Bedenken Gerhards, Coburg, 29.12.1614; ebd., fol. 339, Ernennungsurkunde zum Generalsuperintendenten, Coburg, 07.02.1615; Gehrt: Handschriften, S. 85 f.; Haslauer: Aufbauen, S. 62; Wagenmann: Johann Gerhard, S. 767 f. Über die diversen Vokationen Gerhards, vgl. FB Gotha, Chart A 408, Berufungsakten; Gehrt: Handschriften, S. 80 f., 83, 85−88; NLA HA, Celle Br. 40, Nr. 49, Bestallung Gerhards Ruf nach Celle, 1611; *Gerhard: Oratio Funebris, fol. J IIv−J IIIr; Westphal: Gerhards Tätigkeit, S. 58 f., 64−67.

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Visitationsergebnissen aufbauend entwarf er eine als „Casimiriana“ bezeichnete Schul- und Kirchenordnung.105 Zunächst ging es ihm um die Normierung der äußeren Formen des lutherischen Glaubens. Vor allem zwischen den fränkischen und thüringischen Gemeinden herrschten gravierende Unterschiede, am deutlichsten in den Bräuchen und den verwendeten Agenden. So waren in Franken bis zu sieben Agenden in Gebrauch, u. a. die Heinrichs des Frommen von Sachsen und des Nürnberger Theologen Veit Dietrich, des früheren Sekretärs Martin Luthers. Gerhard selbst verwendete in Heldburg die braunschweigische Agende. In Thüringen hingegen bestand seit der Vormundschaftszeit ein einheitliches Agendenwesen. Unterschiede gab es zudem bei der Praxis des Gebetläutens (in Franken dreimal pro Tag, in Thüringen zweimal), beim Einsammeln der Kollekte, dem Zeitpunkt der Christ- und Frühmetten und dem Brauch des Leichenschmauses, der in Thüringen unbekannt war. Zwar ermöglichte der Religionsfriede den konfessionellen Pluralismus. Aber auf der Ebene unterhalb der Reichsfürsten erblickte man in der religiösen Vielfalt eine Unordnung, die zu Streit und Unruhe führen konnte.106 Gerhard orientierte sich bei der Ausarbeitung der Ordnung an den evangelischen Bekenntnisschriften. Im Blick auf die gottesdienstlichen Feiern lehnte er sich an der Agende Heinrichs des Frommen an. Als dritten Faktor nutzte er die gemachten Erfahrungen und Erkenntnisse aus den am Casimirianum abgehaltenen Disputationen, um die Kirchenordnung auf die pragmatischen und spezifischen Erfordernisse und Gegebenheiten des Landes zuzuschneiden.107 Die „Casimiriana“ beinhaltete neben der Glaubensnormierung die eigentlichen Kirchensatzungen. Dazu gehörten u. a. Dienstanweisungen für Ortsgeistliche in der Armen- und Krankenfürsorge. Die von Casimir geforderten Reformen bei der 105 FB Gotha, Chart A 634, fol. 8r, Gerhard an Martin Gnüge, Hofprediger, Heldburg, 21.10.1610; Westphal, Gerhards Tätigkeit, S. 60; Honecker, Cura Religionis, S. 42 f.; vgl. Sehling, Kirchenordnungen, S. 389−400. Die Casimiriana beinhaltete auch die reformierte Ordnung für das Casimirianum. Über die Anwendung der kursächsischen Schul- und Kirchenordnung herrschen in der Forschung unterschiedliche Auffassungen. Während Steiger (Kirchenordnung, S. 250 f.) die Auffassung vertritt, dass Gerhard die Methodik und die Rahmenbedingung für die Visitation selbst ausgearbeitet hat, vertritt Westphal (Gerhards Tätigkeit, S. 52, 60) die Ansicht, dass Gerhard sich streng an die Vorgaben der kursächsischen Ordnung hielt. 106 StACo, LA F 4937, Casimiriana, fol. a ivr–v, Strohm: Religion, S. 41; Müller: Gott zu ehren, S. 54; Axmann: Ordnung, S. 121; Berbig: Visitationswerk, S. 20−27, vgl. FB Gotha, Chart A 634, Visitationsakten; Gehrt: Handschriften, S. 185−189. 107 StACo, LA F 4937; Casimiriana, S. 1 f.; Strohm: Religion, S. 43; Steiger: Kirchenordnung, S. 229. Als Disputation versteht man ein öffentlich ausgetragenes wissenschaftliches Streitgespräch zur Erlangung eines akademischen Titels.

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Voraussetzung, Berufung und Einsetzung der Pfarrer fanden hier Berücksichtigung. Sie waren Bestandteil des von der „Casimiriana“ beschriebenen weitläufigen Aufgabenprofils des Konsistoriums. Die Verordnung berücksichtigte auch die Politik der Orientierung und Abgrenzung gegenüber Kursachsen. Gerhard gelang in Kombination mit einigen Neuerungen die Transformation albertinischer Glaubensgrundsätze in eine von Ernestinern erlassene Kirchenordnung. So gesehen, bot die „Casimiriana“ nicht viel Neues. Ihre Verdienste lagen in der Rationalisierung bzw. Systematisierung kirchlicher Lehre und Lebens sowie der stärkeren Hervorhebung „des Eigenrechts kirchlichen Handelns gegenüber staatlichen Handeln.“108 Schließlich trat die „Casimiriana“, obwohl schon 1615 vollendet, erst nach synodalen Beratungen, einer nochmaligen Visitation (1621), weiteren Überarbeitungen von anderer Hand und einigen Drucklegungsproblemen 1626 durch Verkündung von der Kanzel in Kraft.109 Ihre Bedeutung zeigt sich besonders in der repräsentativen Ausgestaltung des Druckwerks, das weit über das einer normalen Ordnung hinaus ging und damit den Herrscherwillen Casimirs am deutlichsten symbolisierte. Es besaß ein aufwendig gestaltetes Frontispiz nebst Titelseite, die Peter Isselburg gefertigt hatte. Die Titelseite zeigt als Herkunftsnachweis das herzogliche Wappen sowie Stadt und Veste Coburg. Der Titel wird von zwei Konsolen, die ein Portal stützen, und von den allegorischen Darstellungen der Pax (Friede) und der Religio (Glaube) umrahmt. Beides entsprach den damaligen künstlerischen Konventionen. Auf dem Frontispiz finden sich ein Porträt Casimirs und darüber die Darstellung des Friedenskusses von Pax (Friede) und Justitia (Gerechtigkeit). Dies symbolisierte den optimalen Zustand eines jeden Gemeinwesens und das Ziel einer guten Regierung. Hier unterstrich Casimir nochmals die Leitlinien seiner Ordnungspolitik, die er bereits am Südportal des Schlosses Ehrenburg optisch formuliert hatte. Die Auflage der „Casimiriana“ betrug indes 200 Stück. Hauptabnehmer waren die Pfarreien, um die oben erwähnten Standardisierungen umsetzen zu können.

108 StACo, LA F 4937, Casimiriana, S. 127−129, 132−140, 199, 255, 265 f., 270, 313−316; Strohm: Religion, S. 43, 45; Heyl: Zentralbehörden, S. 46 f. Gerhard praktizierte den Ansatz schon bei seinen Visitationen. 109 StACo, LA E 2104, fol. 3, Gerhard an Kanzler und Räte in Coburg, Coburg, 04.08.1615; LAEKLB, Generalsuperintendent Coburg 22; StACo, LA F 23, fol. 250v, Proposition an die Landstände, Gotha, 1621; StACo, LA B 2567, Visitationsakten 1621; StACo, LA A 2309, fol. 51−53, Gerhard an Kammersekretär Cornarius, Jena, 18.12.1622; Berbig: Composition, S. 186.

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Ansonsten erwartete man keine größere Nachfrage nach dem Werk.110 Eine Versendung an andere protestantische Fürsten und Gelehrte ist nicht nachweisbar. Im geistlichen Regiment überließ Casimir den Theologen die Verwaltung und Gestaltung des kirchlichen Lebens. Er gab lediglich als „summus episcopus“ die Richtlinien der Konfessionspolitik vor. Diese passive Haltung machte sich auch in der „Casimiriana“ bemerkbar. Hier spielt Casimir als Institution keine Rolle. Das landesherrliche Patronatsrecht nahm die Kirchenordnung selbst wahr. In Visitationsverfahren griff er nur wenig ein – und wenn, dann nur indirekt durch Anweisungen an seine Amtleute vor Ort. Direkte Eingriffe sind nur dort zu finden, wo er seine machtpolitische Position als Kirchenoberhaupt bedroht sah.111 Seine Passivität zeugt aber nicht von Desinteresse. Casimir besaß wie seine Frau Margarethe ein großes Interesse an der Theologie. Wohl deshalb setzte er alles daran, die theologische Bibliothek seines Vaters nach dessen Tod nach Coburg zu überführen und weiter auszubauen. Das Ehepaar erhielt in der Folge zahlreiche Dedikationen theologischer Bücher, sodass beide über neue Ansätze im wissenschaftlichen Diskurs informiert waren. Am Casimirianum nahm der Herzog oft an den Disputationen der theologischen „facultet“ teil. Hier mag er ebenfalls neue Denkanstöße gewonnen haben. Zudem korrespondierte das Ehepaar mit vielen Theologen wie Gerhard oder dessen Mentor Johann Arndt, einem der geistigen Wegbereiter des Pietismus.112 Die Vollendung der „Casimiriana“ bildete den Abschluss der Konfessionspolitik. Deren Bedeutung überstrahlte die institutionellen Reformen, die Casimir innerhalb des geistlichen Regiments tätigte. Chronologisch setzte er mit der Institutionalisierung und Reformierung des bestehenden Systems erste ordnungspolitische Schwerpunkte. Seine Politik war auf eine Identifikation 110 StACo, LA A 2309, fol. 51−53, Gerhard an Kammersekretär Cornarius, Jena, 18.12.1622; Strohm: Religion, S. 39; Bachner: Johann Casimir, S. 45 f.; vgl. Kap. 6.1. 111 Heyl: Zentralbehörden, S. 46. Nach der Visitation von 1589 erhielten die Ritter von Schaumberg und Truchsess von Wetzhausen Mahnbriefe von Casimir mit der Forderung, die kirchliche Obrigkeit zu respektieren. Vgl. StACo, LA B 2493, fol. 19v−20r, Casimir an Joachim Truchsess von Wetzhausen, Coburg, 26.03.1591; ebd., fol. 25r−26r, Casimir an den Burgvogt von Rauenstein, Coburg, 26.03.1591. 112 StACo, LA A 2309, fol. 49−55, Korrespondenz zwischen Casimir und Gerhard, 1622; StACo, LA A 1931, fol. 48 f.; Gerhard an Casimir, Jena, 14.07.1631; StACo, LA A 10.721, fol. 28, 36 f., Korrespondenz zwischen Arndt und Margarethe, 1616; Melville: Leben Johann Casimirs, S. 14; Wagenmann: Johann Gerhard, S. 68; Hamann: Johann Arndt, S. 360 f. Die Forschungsbibliothek Gotha verwahrt den größten Teil des Briefwechsels zwischen Gerhard und dem Herzogspaar unter FB Gotha, Chart. A 408, 600 und 601, vgl. Gehrt: Handschriften, S. 80−88, 114, 119, 123 f., 127 f.; *Gerhard: Oratio Funebris, fol. M IVr–v.

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mit dem „reinen“ lutherischen Glauben ausgelegt. Casimir führte damit die ernestinische Tradition weiter. Als am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges die konfessionellen Spannungen zunahmen, sah er sich noch stärker als bisher genötigt, sein theologisches Profil zu schärfen. Dies sollte durch die neue Kirchenordnung symbolisiert werden. Johann Gerhard gelang es mit dieser Ordnung, die „grundlegende, für das 17. Jahrhundert wirkungsreichste Darstellung der christlichen Lehre im lutherischen Verständnis“ zu schaffen.113 Der profilierte Theologe machte die Universität Jena in den 1620er und 1630er Jahren zum Zentrum der lutherischen Orthodoxie. Die Ernestiner nutzten dies, um ihren Anspruch als die wahren Erben der Reformation gegenüber den Albertinern zu artikulieren.114 Diesen Anspruch untermauert auch die „Casimiriana“. Hier gelang es, albertinische Einflüsse aufzunehmen, diese mit eigenen Elementen zu versehen und die letztgültige theologische Auslegung des Luthertums für sich zu beanspruchen. Berbig bezeichnete dies als den „Schlussstein“ des ernestinisch-sächsischen Kirchengebäudes.115 Den Endpunkt dieser Genese unterstreicht auch Schwerhoff, der die „Casimiriana“ schon außerhalb der „Ära der polizeilichen Schlachtschiffe“ sieht, die bereits am Ende des 16. Jahrhunderts ausliefen.116 Es blieb im Übrigen der einzige Versuch der Ernestiner, ein abschließendes und vollständiges Kirchenrecht zu schaffen. Die Ordnung galt in allen ernestinischen Fürstentümern und bot bis ins 19. Jahrhundert hinein Orientierung in der Glaubensausübung. Casimir legte durch seine Reformen zudem die Basis für die Identifikation des Landes mit dem Luthertum. Dies gelang nach Abschluss des theologischen Normierungsprozesses bzw. nach der Inkraftsetzung der „Casimiriana“. Als „summus episcopus“ stand er symbolisch für diese Einheit von Land, Untertanen und Fürst. Er führte damit die familieneigene Identität als Beschützer des „wahren“ Glaubens fort, ohne aber einen radikalen Kurs gegenüber anderen Konfessionen einzuschlagen. Vielmehr akzeptierte er andere theologische Vorstellungen. Mit dieser Einstellung übergab er die familiäre Identität an die nächste Generation.117 113 Strohm: Religion, S. 40. 114 Leppin: Ernestinische Beziehungen, S. 80. 115 Berbig: Composition, S. 177; Axmann: Ordnung, S. 121. 116 Schwerhoff: Ordnung, S. 24. 117 Dies war auch ausdrücklich das Ziel Casimirs. So schrieb er anlässlich der Eröffnung des Casimirianums an seinem Neffen, Johann Ernst I. von Sachsen-Weimar: „So thuen wir deroselben vndtt ihren geliebtte Jüng. Brued, unsers zu Coburgk angericht. Gymnasy Inauguration, neun eingebundene Exemplaria ubersenden, unserer darbey in guetem eingedenk zuseien, vnd von jugend auff zur beförderunge kirchl. undt Schuleen lust und neigunge

Wirtschaftsförderung

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7.4 Wirtschaftsförderung Wenig Bedeutung maß die Forschung der Wirtschaftspolitik Casimirs bei. Schon die Zeitgenossen behandelten diesen Teil landesväterlicher Fürsorge nachrangig. Gerade in der Gewerberegion des Thüringer Waldes, in den Ämtern Neustadt/ Sonneberg und Eisfeld, förderte Casimir mit dem aus kursächsischer Zeit verliehenen Bergregal das dort bestehende Montanwesen. Der Bergbau war für die Fürsten eine wichtige finanzielle Einnahmequelle, die, wie das Beispiel Kursachsens zeigt, sich positiv auf die Staatsbildung auswirkte.118 Casimir zielte wohl auf diese Wirkung ab. Zunächst kümmerte er sich um die Wiederinbetriebnahme des Steinheider Goldbergwerks. Dieses erhielt 1588, neben dem Salzbergwerk in Sonneberg, der Sohn Wilhelm von Grumbachs, Conrad, zum Lehen.119 Doch die in den Akten zu entnehmenden Päch­ terwechsel lassen erkennen, dass der Abbau keine großen Erträge erbrachte. Die Blüte des Bergbaus hatte sich schon vorher, 1550/60, nach über 100 Jahren dem Ende zugeneigt. Casimir setzte hier auf einen absterbenden Wirtschaftszweig.120 Waren die ökonomischen Rahmenbedingungen schon ungünstig, so tat die geringe Ausbeute ihr Übriges dazu, dass der Abbau 1590 eingestellt wurde. Eine von Casimir betriebene Reaktivierung blieb in den folgenden Jahren erfolglos.121 Schließlich versuchte er durch zahlreiche Aktivitäten, den Bergbau zu fördern. Dazu gehörte ein 1601 erlassenes Patent, das ausländischen Investoren den Zugang zu den Bodenschätzen ermöglichte. Dieses Patent regelte die Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden, die sich hemmend auf die ökonomische Entwicklung ausgewirkt hatten. Ziel war es, neue Bergwerke zu öffnen und die zuvberkommen.“ (StACo, LA A 10.687, fol. 3, Casimir an Johann Ernst, Unterneubrunn, 01.08.1606.) Einer der Brüder, Ernst der Fromme, führte das Werk in der Schul- und Kirchenpolitik tatsächlich fort. Vgl. Klinger: Gothaer Fürstenstaat. Verschickt wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit gedruckte Exemplare der Eröffnungspredigt Melchior Bischoffs „Inauguratio Illustris Gymnasii Casimiriani“. 118 Schilling: Konfessionalisierung und Staatsinteressen, S. 27; Henning: Handbuch Bd. 1, S. 558; Münch: Zwiespalt, S. 50 f.; Simon: Gute Policey, S. 151. 119 StACo, LA F 10.552, fol. 3 f., Lehensbrief Goldbergwerk in Steinheid, Coburg, 20.06.1588; ebd., fol. 5 f., Lehensbrief über das Salzbergwerk in Sonneberg, o.D. (beides Kopien). Conrad von Grumbach söhnte sich 1569 mit dem Würzburger Bischof aus und erhielt im Gegenzug die väterlichen Lehen zurück. Vgl. StAW, Ldf 29, S. 774 und StAW Ldf 31, S. 73, Belehnung Conrad von Grumbachs, Würzburg, 16.02.1569; vgl. Kap. 2. 120 Reith: Umweltgeschichte, S. 52. 121 Schwämmlein: Steinheider Goldbergbau, S. 30.

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Bekenntnisbildung, Institutionalisierung und Ordnungspolitik

Suche nach weiteren Metallvorkommen voranzutreiben.122 Die Bedeutung des Bergbaus blieb aber für die Wirtschaft des Landes gering. Einen höheren Stellenwert besaß die Eisenerzeugung. Das Hüttenwesen fasste schon vor Casimirs Amtsantritt im Thüringer Wald Fuß und erlebte im Laufe des 16. Jahrhunderts eine Expansion.123 Ein innovativer Kopf war hier der Nürnberger Kaufmann Thomas Paul, ein reicher Exilant aus Villach (Kärnten), der auf Casimirs Patent reagierte und ab 1603 einen Hütten- und Hammerwerksverband mit Einsetzung modernster Ofentechniken plante. Den Kern bildete die von Casimir protegierte Übernahme des Eisenhammers in Hüttensteinach bei Sonneberg, wobei Paul die Erlaubnis erhielt, drei weitere Hammerwerke und einen Hochofen bauen zu dürfen. Das in seinen Öfen geschmolzene Roheisen verarbeitete er zu Stab- und Frischeisen. Letzteres kam als Stahl, Blech und Draht auf die Märkte nach Leipzig und Nürnberg. Paul scheiterte aber an der Unbrauchbarkeit der heimischen Erze und dem daraus resultierenden Versagen seines modernen Hochofens. Die finanziellen Investitionen zahlten sich nicht aus und der Unternehmer geriet dadurch in Zahlungsschwierigkeiten. Daran änderte auch der Kauf weiterer Eisenhämmer nichts, die den finanziellen Verlust hätten auffangen sollen. Paul musste daher ab 1609 die Hämmer sukzessive verkaufen.124 Dem Hüttenwesen tat dies in seiner positiven wirtschaftlichen Entwicklung keinen Abbruch. Pauls Gebaren brachte aber Neider und Konkurrenten auf den Plan, die sich wegen des enormen Energieverbrauchs des Hüttenverbandes vor einer Abholzung großer Waldflächen und der damit verbundenen Teuerung des Rohstoffes fürchteten. Auch meinten sie, dass die Hütte bevorzugt behandelt würde. Diese Vorwürfe ließ Casimir durch eine Kommission untersuchen.125 Die 122 StACo, LA F 10.552, fol. 29, Offenes Patent zu Bergwerksbau, Coburg, 28.08.1601; ebd., fol. 32, Casimir an den Forstmeister zu Franken und Schosser zu Neustadt, Oeslau, 25.10.1603; StACo, LA F 10.558, fol. 13, Casimir an den Schosser zu Neustadt, Veilsdorf, 23.06.1601. 123 Eichhorn: Protoindustrialisierung, S. 29−32. 124 StACo, LA F 10.561, fol. 1 f., Casimir an die Forstmeister und Schosser zu Neustadt, Coburg, 07.05.1605; StACo, LA F 14.646, fol. 65, 69−71, Korrespondenzen Pauls mit Casimir und Hofmarschall Gottfahrt, Hüttensteinach, 28.08.1605/02.06.1606; ThStAM, Sachsen-Meiningisches Amtsgericht Sonneberg, Nr. 2, Erbbuch des Amtes Neustadt, 1659, fol. 252−255; Eichhorn: Protoindustrialisierung, S. 34−44; Haslauer: Aufbauen, S. 5 f.; Kühnert: Bergbau- und Hüttenwesen, S. 225 f. 125 StACo, LA F 14.646, fol. 30r−52v, Bericht der Kommissare mit Fragestellung und Zeugenaussagen, Dezember 1605; ebd., fol 56r−59v, Stellungnahme Pauls, o.D.; Eichhorn: Protoindustrialisierung, S. 39 f. Die Intrigen der Konkurrenz hatten mit dem Niedergang des Unternehmens nichts zu tun, wie es Kühnert (S. 226 f.) annimmt. Eichhorn sieht darin einen der Ausflüchte Pauls, der damit sein Scheitern kaschieren wollte.

Wirtschaftsförderung

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Beschwerden traten in einer Zeit auf, als der Herzog versuchte, durch damals übliche forstwirtschaftliche Reformen, die Erträge aus dem Holzverkauf zu steigern und eine Abholzung zu verhindern. Er forderte dabei rationales Handeln ein, regulierte die Waldnutzung in einem noch strengeren Maße und verschärfte die Strafen von Holzdiebstahl und Unterschlagung. Als Pauls Hütten nicht den gewünschten wirtschaftlichen Erfolg brachten, drosselte er den Holzverkauf an ihn, um eine Verschwendung zu verhindern.126 Große Bedeutung besaßen die im 15. Jahrhundert eröffneten und von Nürnberger Kaufleuten und Patriziern betriebenen Messing- und Saigerhütten in Unterneubrunn und Eisfeld. Sie fielen im Laufe des Dreißigjährigen Krieges der Zerstörung anheim.127 Für die Messinghütte blieb eine Hüttenordnung erhalten, die Casimir 1605 bestätigte. Sie diente „zue beßeren beförderung, fortsetzung und erhalttung des berumbtten wercks vnd handells, sowohl mehrern gehorsamb und vollge bey den arbeittern, dienern vnd gesinde“.128 Der Herzog bestätigte darin die bisherigen Privilegien, definierte die Steuerabgaben, führte eine Brandschutzverordnung ein und übertrug den Betreibern Policey-Aufgaben, zu denen die Verleihung der Niedergerichtsbarkeit gehörte. Die Hüttenbetreiber waren damit den Städten und dem Niederadel gleichgestellt, ohne jedoch ein Mitspracherecht auf dem Landtag zu erhalten. Ziel der Ordnung war es, die Wirtschaft des Landes zu fördern und die Hüttenarbeiter zu disziplinieren. Schlägereien waren auf dem Hüttengelände, wohl wegen des Alkohols (die Betreiber besaßen das Braurecht), an der Tagesordnung. 126 St AC o, LR eg 6750, fol.  33 r−56 v, Verzeichnis der Holzeinnahmen, 1601−09; *Sach­­sen-Coburg: Mandat gegen Unterschlagungen durch Forstleute, Coburg, 09.08.1602; StACo, LA F 14.642, Casimir an Räte, Forstmeister und Albrecht von Steinau, Coburg, 18.07.1603; StACo, LA F 14.643, Mandat gegen Holzdiebstahl, Coburg, 01.08.1604; StACo, LA F 5243, Ausschreiben, das sich niemandes in dero Gehülzen mit Äxten Holz zu hauen betreten laßen soll sondern nur haußarme leute, so mit einem Hacken daß dürre Holz zusammenlesen, und der wochs zweimal alß Mittwochs und Sonnabendts hierinnen erlaubt, Coburg, 01.08.1604; StACo, LA F 14.646, fol. 15−19, Beschwerungspunkte des Forstmeisters in Franken wegen ettlicher Forstknechte, Mönchröden, 25.10.1605; Vgl. Eichhorn: Protoindustrialisierung, S. 40. Zur ökonomischen Bedeutung der Forstwirtschaft für die Fürsten vgl. Henning: Handbuch Bd. 1, S. 558 f.; Münch: Zwiespalt, S. 52. 127 Die Eisfelder Saigerhütte wurde 1480 von Matthäus Landauer d.J. und Hans Starck gegründet und gehörte bis 1611 dem Nürnberger Stahlhändler Michael Diener und dessen Schwiegersohn Wolf Müller. Die Messinghütte in Unterneubrunn eröffneten 1445 Georg Holzschuher und Ulrich Ercker. Vgl. StACo, LA A 10.719, fol. 135, Wolf Müller an Casimir, Nürnberg, 04.05.1605; ebd., fol. 136, Müller an Casimir, Nürnberg, 06.07.1605; Ahlborn: Landauer, S. 489; Dietze: Dreißigjähriger Krieg, S. 152; Hönn: Historia Bd. II, S. 110. 128 StACo, LA F 10.562, fol. 1, Casimir an Georg Meinell, Hüttenbesitzer, Coburg, 19.03.1605.

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Die Ordnung selbst war wenig originell und orientierte sich an den üblichen Gepflogen- und Gegebenheiten.129 Sie bildete jedoch die rechtliche Norm für Siedlungen, die in Zusammenhang mit Hüttengründungen errichtet wurden. Wirtschaftlich erfolgreich gestaltete sich die von Casimir geförderte Ansiedlung von Glasmachern. Eine erste Glashütte gründete sich bereits 1564 in Fehrenbach (Amt Eisfeld).130 Der Durchbruch gelang 1597, als Casimir zwei aus der Herrschaft Pappenheim-Gräfenthal ausgewanderten Glasmachern einen Erbbrief ausstellte. Darin bestätigte er ihnen ihren Besitz bei Lauscha samt der bereits bestehenden Glashütte nebst Rode- und Bauland. Der Erbbrief regelte auch die Holzversorgung aus den fürstlichen Wäldern. Vier Jahre später erhielten die Glasmacher die Erlaubnis zum Bau einer Mahlmühle, 1621 wurde ihnen das Brau- und Schankrecht verliehen. Die Ansiedlung brachte neue Steuereinnahmen in die Staatskasse und rationalisierte die Verwertung der herzoglichen Holzvorräte, auf die es Casimir ankam. Über den Holzpreis gelang es ihm, Einfluss auf die Wirtschaftsförderung zu nehmen. Zudem begünstigte der technische Fortschritt den Aufschwung des Gewerbes, in dem sich zu Casimirs Lebzeiten vorindustrielle Strukturen entwickelten. Der Vertrieb konzentrierte sich zunächst auf den Nürnberger Markt, dehnte sich aber trotz des Dreißigjährigen Krieges bis 1650 auf Mitteleuropa aus.131 Die dargelegte Wirtschaftsförderung zeigt, dass Casimir eine merkantilistische Wirtschaftspolitik mit kameralistischen Ansätzen verfolgte. Durch seine aktive Hilfe konnte sich auf Basis der bereits vorhandenen Strukturen die Wirtschaft im Thüringer Wald weiterentwickeln. Dabei lassen sich frühkapitalistische Ansätze erkennen. Das sprach vor allem Nürnberger Kaufleute und Händler an, die als Hüttenbetreiber in Erscheinung traten. Dies stärkte die wirtschaftliche Beziehung zwischen dem Fürstentum und der Reichsstadt. Auch bei den Glasmachern konnte Casimir auf ein bereits etabliertes Gewerbe zurückgreifen, das durch seine Förderung eine entscheidende ökonomische Weiterentwicklung erfuhr. Schon hier wird die Verschmelzung fürstlicher Wirtschaftspolitik mit der Gesetzgebung, Verwaltung und Finanzwirtschaft zu einer Einheit bemerkbar. Die Kameralisten erkannten, dass das Steueraufkommen eines Landes und 129 StACo, LA F 10.562, fol. 3v−6r, Hüttenordnung, Coburg, 19.03.1605. 130 Kühnert: Urkundenbuch, S. 36−38; Pohl: wirtschaftliche Entwicklung, S. 232; Heinz: Glashütten. 131 StACo, Urk  LA F 577, Erbbrief an die Glasmacher Hans Greiner und Christoph Müller, Coburg, 10.01.1597; StACo, LA C 88, fol. 39, Erbbuch Amt Sonneberg, 1604; Kühnert: Urkundenbuch, S. 60; Schwämmlein: Lauschaer Glasmacher, S. 16−18; Dietze: Dreißigjähriger Krieg, S. 150 f.

Grenzen der „guten Ordnung“

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damit der Reichtum eines Fürsten vom Wohlstand der Untertanen und der Produktionskraft abhing.132 Es ging demnach bei der Wirtschaftsförderung auch um die Erhöhung der Steuereinnahmen und die Steigerung des Landeswohlstandes. Hüttenordnungen, Erbbriefe und Patente schufen die dafür notwendigen Rahmenbedingungen. Kam es zu Disharmonien im Wirtschaftssystem, reagierte der Fürst mit neuen Gesetzen oder einer geänderten Preispolitik. Unter Casimir geschah Letzteres bspw. durch die Regulierung der Holzversorgung. Die dargestellte Wirtschaftsförderung skizziert zwar nur exemplarisch das Wirken Casimirs auf diesem Gebiet. Sie belegt aber, dass er teilweise mit den ökonomischen, geologischen und energetischen Rahmenbedingungen zu kämpfen hatte. Kursachsen und Weimar hatten sich bereits die ökonomisch lukrativsten Gebiete einverleibt.133 Casimir wollte aber auch wie seine Vorfahren mit dem Montanwesen zu Reichtum gelangen, was wegen der spärlichen Bodenschätze ohne großen Erfolg blieb. Einzig die Förderung der Glasmacher brachte langfristigen Erfolg.

7.5 Grenzen der „guten Ordnung“ Die „gute Ordnung“ war der Leitfaden fürstlicher Politik, welcher das Ziel besaß, zum Wohle des Gemeinwesens und zum Erhalt des von Gott vorgegebenen Gesellschaftssystems zu wirken. Der Fürst kam damit seiner Fürsorgepflicht für die Untertanen nach. Doch die „gute Ordnung“ geriet an ihre Grenzen, wenn die Untertanen diese nicht befolgten, gegen deren Vorgaben protestierten oder in deren Namen Hexenverfolgungen stattfanden. Auch hier musste Casimir Lösungen finden, wenn Probleme auftraten. Dies wird anhand dreier Beispiele aus verschiedenen Ordnungsfeldern dargestellt. 7.5.1 Die „Teufelssekte“ 7.5.1.1 Die Hexenverfolgung im Fürstentum Coburg Das Auftreten sogenannter Hexen und Zauberer konnte für Casimir, dem Verteidiger des „reinen“ Glaubens, eine große Herausforderung darstellen. Theologen hatten im Spätmittelalter die Zauberei Einzelner mit dem Straftatbestand 132 Blaich: Wirtschaftspolitik, S. 430; Henning: Handbuch Bd. 1, S. 554. 133 Vgl. Hess: Geheimer Rat, S. 5−7.

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der Ketzerei zu einem Bandendelikt verbunden. Die weltlichen Juristen übernahmen diese Ansicht, wodurch es zu Strafverfahren gegen Angehörige dieser „Teufelssekte“ kam. Die Zeitgenossen sahen daher in der Hexerei einen Angriff auf die göttlich legitimierte Ordnung und in deren Verfolgung einen Ausdruck der „guten Policey“.134 Casimir musste dementsprechend ein großes Interesse an der Verfolgung und Bestrafung der Hexen gehabt haben. Nachdem in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Häufigkeit derartiger Strafverfahren zurückging, kam es in den 1560er Jahren reichsweit zu einem erneuten Ausbruch der Verfolgungen. Zu diesem Zeitpunkt fanden in Coburg die ersten nachweisbaren Gerichtsverfahren statt. Vereinzelte Prozesse lassen sich im ernestinischen Territorium schon 1529 nachweisen. Zwischen 1572 und 1596 sind für das Gebiet des Fürstentums (incl. Eisenachs) zehn Gerichtsverfahren dokumentiert. Eine massive, aber kaum homogene Verfolgungswelle setzte dann zwischen 1598 und 1632 ein, wobei diese 1629 ihren Höhepunkt erreichte. Letzteres entsprach der reichsweiten Entwicklung. Insgesamt stehen die Verfolgungen in Coburg in Bezug mit den Fahndungen nach Hexen in den benachbarten fränkischen Hochstiften. Kursachsen entsprach im Vergleich dazu einer verfolgungsarmen Gegend. Für das Fürstentum sind daher im Zeitraum von 1596 bis 1633 an die 168 Fälle dokumentiert, allein 87 Verfahren zwischen 1628 und 1632 (1612−16: 52 Verfahren).135 Geografisch konzentrierte sich die Verfolgung in den Ämtern Coburg (81 Fälle) und Heldburg (62 Fälle). Im landesweiten Vergleich ergaben sich dabei erhebliche Diskrepanzen. So fanden in den Ämtern Römhild (fünf Fälle) und Neustadt/Sonneberg (vier Fälle) kaum Hexenverfolgungen statt. Schon dieser Befund lässt eine von der Landesherrschaft gesteuerte Massenverfolgung als wenig realistisch erscheinen. Die Forderung nach Verfolgung muss daher, wie auch jüngste Forschungen zum Hochstift Würzburg gezeigt haben, lokal begrenzt, in erster Linie von Teilen der Bevölkerung ausgegangen sein.136

134 Rummel/Voltmer: Hexen, S.  20−28, 38−41; Füssel: Hexenverfolgungen, S.  22; Schwerhoff: Ordnung, S. 28. 135 Rummel/Voltmer: Hexen, S. 61; Füssel: Hexenverfolgungen, S. 23, 44, 265; Friedrich: Hexenjagd, S. 193; Schormann: Hexenprozesse, S. 55, 63. 136 Schwerhoff: Zentren, S. 99 f., Rummel/Voltmer: Hexen, S. 99−105; Füssel: Hexenverfolgungen, S. 54, 232−234; 237 f. Die Ämter Heldburg und Hildburghausen sind hier getrennt aufgeführt. Letzteres Amt wurde erst 1640 eingerichtet. Eine Dunkelziffer an Hexenprozessen kann angenommen werden. Zur aktuellen Forschungslage in Würzburg, vgl. Meier: Hexenprozesse, S. 145 f.

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Die Passivität der Obrigkeit wird durch die ordnungspolitische Tätigkeit untermauert. Vor 1628 fand diese Problematik keinen Niederschlag in der Gesetzgebung des Landes. Demnach sahen Casimir und seine Räte die vorhandenen Gesetze als ausreichend an. Hier ist zunächst Artikel 109 der „Constitutio Criminalis Carolina“ zu nennen. Er bildete die Rechtsgrundlage für Hexenprozesse im fränkischen Rechtskreis. Im sächsischen Rechtskreis galt die kursächsische Kriminalordnung von 1572. Diese charakterisierte, im Gegensatz zur Carolina, die Hexerei bereits als Bandendelikt. Die Verfahrensabläufe vor den Centgerichten waren aber dennoch identisch.137 Die zentrale gerichtliche Instanz der Coburger Hexenverfahren war allerdings der Schöppenstuhl, welcher die Verfahrensschritte und Gerichtsurteile bestimmte. Dem mussten die Centgerichte Folge leisten. Abschließend bestätigte die Landesregierung diese Vorgehensweise. Die Carolina (Artikel 219) gab den Niedergerichten diesen Weg, zumindest in Zweifelsfällen, vor. Lokal trug damit der Coburger Schöppenstuhl in hohem Maße an der Urteilsfindung bei. Im Vergleich zu anderen Spruchkörpern im Thüringer Raum verhandelte der Schöppenstuhl die meisten Hexenprozesse. Dies spräche für eine gewisse Kompetenz, den sich die Institution in dieser Rechtsfrage erworben hätte.138 7.5.1.2 Institutioneller Streit Diese Kompetenz stellten jedoch 1628 die beiden wichtigsten Theologen des Landes, Generalsuperintendent Caspar Finck und Hofprediger Nicolaus Hugo infrage. Diese warfen dem Schöppenstuhl und der Landesregierung vor, dass sie die Hexenverfolgung bewusst vernachlässigen und die Mitglieder der „Teufelssekte“ über Gebühr begünstigen, gar unterstützen würden. Den Geistlichen ging es offensichtlich darum, Einfluss auf die Rechtsprechung bei Hexereivergehen zu nehmen und im Fürstentum die Verfolgung zu intensivieren. Damit entfachten sie einen institutionellen Streit. Denn die Juristen mussten im Ansinnen der Geistlichkeit nach einer intensiveren, vielleicht ungehemmten Verfolgung 137 *Karl V.: Halsgerichtsordnung; Füssel: Hexenverfolgungen, S. 128−132, 136; Weiske: sächsisches Recht, S. 36−107. §§ 44 und 52 beinhalten prozessrechtliche Aspekte. Die kursächsische Kriminalordnung spielte wegen der wenigen Verfahren im thüringischen Herrschaftsgebiet Casimirs keine Rolle. 138 Füssel: Hexenverfolgungen, S. 186, 191 f.; Kretz: Schöppenstuhl, S. 66, 89−93. Der Schöppenstuhl befasste sich zwischen 1606 und 1632 mit 123 Hexenprozessen aus Henneberg, wovon 46 mit einem Todesurteil und 36 mit einem Freispruch endeten. In 41 Fällen ist das Urteil nicht bekannt.

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einen Verstoß gegen die „gute Ordnung“ sehen. Auch der Eingriff der Kirche in die Strafrechtsverfahren konnte nicht in ihrem Interesse sein. Der Schöppenstuhl richtete deshalb eine Beschwerde an Casimir. Sie wiesen darauf hin, dass Hexerei ein weltliches und kein kirchenrechtliches Vergehen sei. Dementsprechend sei es ihre Aufgabe, derartige Verbrechen zu bestrafen.139 Auch verwahrte sich der Schöppenstuhl gegen den Vorwurf, er würde gegen Hexen allzu milde urteilen. Genaue geschichtswissenschaftliche Analysen und Vergleiche mit anderen Spruchkörpern haben inzwischen gezeigt, dass die Urteile des Coburger Spruchkörpers keine auffällige Milde aufwiesen. Die Vorwürfe Fincks und Hugos sind dadurch widerlegt worden. Vielmehr hielten sich die Schöppen an Recht und Gesetz, was die Ausschöpfung aller Rechtsmittel für die Angeklagten beinhaltete.140 Insgesamt ist die Verteidigungsschrift ein guter Beleg für den Grad der Institutionalisierung und der damit verbundenen Differenzierung in der Rechtsprechung. In der Folge versuchte Casimir zwischen den Parteien zu vermitteln. Der Streit endete aber erst 1631, als die Juristen unter Verwendung zahlreicher Gutachten namhafter protestantischer und katholischer Theologen die Ansichten der Coburger Geistlichen widerlegten.141 Der Schöppenstuhl griff hier auf einen für die Zeit typischen theologischen Meinungspluralismus zurück, der im Protestantismus durch die Gründung einzelner, dezentraler Landeskirchen gefördert wurde. So gab es innerhalb der gelehrten Diskurse in der protestantischen und katholischen Kirche radikale Forderungen nach Vernichtung der Hexen bis hin zur Ablehnung der Verfolgung.142 Diese Meinungsvielfalt findet sich unter den Gelehrten des Casimirianums wieder. Cornelius Pleier sprach sich um 1628 in seinem Buch „Malleus Judicum“ gegen den Hexenglauben, dessen Verfolgung und die unmenschlichen 139 StACo, LA F 12.558, fol. 1, Schöppenstuhl an Casimir, Coburg, 29.04.1628; Friedrich: Hexenjagd, S. 29. 140 Füssel: Hexenverfolgungen, S. 58−61, 192. Zwischen 1628 und 1631 verhandelte der Schöppenstuhl über 61 Hexenprozesse, welche mit 23 Todesurteilen, zwei Landesverweisen und zwölf Freisprüchen endeten. In 24 Fällen ist das Urteil unbekannt. 141 StACo, LA F 6431, fol. 40 f., Vermittlungsvereinbarung Casimirs, Coburg, 04.11.1629; ebd., fol. 123r–v, Stellungnahme des Schöppenstuhls, o.D. (unvollst.). Das Abschlussgutachten ist abgedr. bei *Leib: Consilia, S. 1−138. 142 Rummel/Voltmer: Hexen, S. 64−71. Füssel kann weitere Streitigkeiten, vornehmlich auf der niederen Verwaltungsebene, nachweisen. Bei den Katholiken begann ab 1630 eine allmählich kritische Einstellung zu den Hexenprozessen. Vgl. Füssel: Hexenverfolgungen, S. 61 f.

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Prozesspraktiken aus. Er orientierte sich dabei an den Thesen des Arztes Johann Weyer aus dessen Abhandlung „De prestigiis daemonum“ von 1563. Matthäus Meyfart kritisierte in seinem Traktat „Christliche Erinnerung“ von 1635 die Anwendung der Folter zur Wahrheitsfindung, ohne jedoch den Straftatbestand der Hexerei anzuzweifeln. Meyfarts Arbeit entwickelte die Ansätze der „Cautio Criminalis“ Friedrich von Spees und der Schriften des Theologen Adam Tanner weiter. Pleier und Meyfart publizierten ihre Thesen erst nach ihrer Coburger Zeit. Anscheinend war es dort zu gefährlich, mit diesen Thesen an die Öffentlichkeit zu gehen. Gerade zwischen Meyfart und Caspar Finck herrschte ein gespanntes persönliches Verhältnis.143 Die Rechtsgelehrten, die auch im Schöppenstuhl saßen, vertraten indes eine moderate, streng nach den gesetzlichen Vorgaben praktizierende Verfolgung. Die Theologen forderten dagegen eine radikale Handhabe. Nicolaus Hugo orientierte sich bei seiner Argumentation am Theologen Martin Anton Delrio, der besonders in den Niederlanden die Hexenverfolgung vorantrieb.144 Eine einheitliche Stellungnahme der Coburger Gelehrten konnte daher nicht erfolgen. Umso bedeutender war die Einstellung Casimirs. Die Landesherrschaft konnte durchaus die Hexenverfolgung befördern oder auf ein Mindestmaß reduzieren. Casimir mag den Hexen und Zauberern nur wenig Sympathie entgegengebracht haben. Die Erfahrung mit Hieronymus Scotto sprach für sich. Hinzu kam der Tod seines Neffen Johann Friedrich von Weimar, der kurz nach seinem Hexereigeständnis unter ungeklärten Umständen ums Leben kam.145 Wie wirkte sich aber dies auf sein Handeln aus? Dies lässt sich vor allem an der Rolle Casimirs als oberster Gerichtsherr seines Landes zeigen. Allgemein legten ihm die Räte die Strafprozesse im Land zur Kenntnisnahme vor. Casimir griff hier im Gegensatz zu Zivilrechtsprozessen aktiv als Gerichtsherr ein, indem er die jeweiligen Urteile durch eigenhändige Unterschrift bestätigte, änderte oder den Angeklagten begnadigte. Dabei lässt sich eine Homogenität seiner Entscheidungen feststellen. 1586 milderte er ein Todesurteil dahingehend ab, dass die Schuldige vor der Feuerstrafe noch enthauptet werden sollte. Andererseits mussten in zwei Fällen des Landesverweises die Beschuldigten auf seinen Befehl die Gerichtskosten übernehmen, wovon der Schöppenstuhl 143 StACo, LA E 1467, fol. 58−92, Auseinandersetzung zwischen Meyfart und Fink, 1630/31; *Leib: Consilia, S. 39; Lange: Cornelius Pleier, S. 242 f.; Rummel/Voltmer: Hexen, S. 61, 66, 69; Hambrecht: Matthäus Meyfart, S. 157−179; Pelizaeus: Meyfarts Kritik, S. 33−62. 144 Rummel/Voltmer: Hexen, S. 63. 145 Huschke: Ernestiner, S. 124; vgl. Kap. 5.9.

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zunächst abgesehen hatte. Die Herangehensweise Casimirs zeugt von einer individuellen Entscheidungsfähigkeit, bei der sich bis 1628 keine Hervorhebung der Hexerei als „crimen exemptum“ finden lässt.146 Für ihn stellte die Hexerei durchaus ein strafbares Verhalten dar, welches unter Umständen mit dem Tod gesühnt werden musste. Die Hexenverfolgung fand damit sein „wohlwollendes oder zumindest stillschweigendes Einverständnis“.147 Ein ausgesprochen persönliches Verfolgungsinteresse findet sich in den Quellen ebenso wenig wie Bestrebungen, die Verfolgung zu hemmen. Diese passive und bisweilen desinteressierte Einstellung kritisierten Matthäus Meyfart und der Coburger Centgraf Caspar Lang, der neben Nicolaus Hugo und Caspar Fink einer der stärksten Befürworter der Hexenverfolgung gewesen war. Meyfart monierte, dass sich die Fürsten kaum um die peinlichen Gerichtsverfahren kümmerten und dies vielmehr den Juristen überließen. Er forderte daher eine direkte Teilnahme der Fürsten an den Prozessen.148 Lang berichtete 1628: Sr fürstl. Gnaden hätten sich – zweifelsfrei auf vorgegangene gnädige und reife Berathschlagunge, – endlich entschlossen, die Hexen und Drutten, beides hier und ufn Lande, so viel möglichen, exterminiren, ausrotten und zu gebührlicher wolverdienten Straf, die Reichen mit den Armen und die Alten mit den Jungen, nehmen zu lassen, maßen der Anfang bereit darzu gemacht worden.149

Indirekt kritisierte der Centgraf damit die lange Untätigkeit Casimirs. Erst der Verfolgungsdrang der Bevölkerung und die Forderungen radikaler Kräfte sorgten dafür, dass der Herzog im Frühjahr 1628 aus landesväterlicher Fürsorge als Hexenverfolger aktiv wurde.150 146 StACo, LA F 12.536 Hexenprozess gegen Anna Bauer, Mupperg, 1586; StACo, LA F 12.551, Hexenprozess gegen Ursula Gerbuch, Heßberg, 1626; StACo, LA F 12.552/I, Hexenprozess gegen Catharina Griebel, Heßberg; Friedrich: Hexenjagd, S. 28. Die genannten Berichte finden sich unter StACo, LA A 2191 und 2192. Den Begriff „crimen exceptum“ verwendete erstmalig der Trierer Weihbischof Peter Binsfeld in seinem 1591 erschienen „Tractat von Bekanntnuß der Zauberer und Hexen.“ Vgl. Dillinger: Peter Binsfeld. 147 Füssel: Hexenverfolgungen, S. 62; Rummel/Voltmer: Hexen, S. 86. 148 *Meyfart: Christliche Erinnerung, S. 412 f. 149 Zit. Schultes: Landesgeschichte, S. 204. 150 Im Vorwort zur Bestallung des Hexenkommissars Mund erklärt Casimir: „Wie hoch und schwerlich Gott der allmechtige, durch das abscheuliche laster der Hexerey, beleidiget, gemeiner Policey wohlfahrt verletzt, und verunruhiget, und allerhand Landplagen veruhrsacht werden, solches ist aus Heiliger Schrifft verordnung weltlicher Rechten, Historien, und tägli-

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7.5.1.3 Normierung und Organisation der Hexenverfolgung Auf dem Höhepunkt der Verfolgung war wie auch anderswo die soziale Oberschicht in Coburg der Hexenjagd ausgesetzt.151 Diese Ausweitung hatte monetäre Gründe. Die Verfahrenskosten trugen gewöhnlich die Beschuldigten oder deren Erben. Da in den meisten Fällen mittellose Personen verurteilt wurden, blieb das Land auf den Kosten sitzen. Dieser Sachverhalt entwickelte sich 1628 zu einem Problem, als das starke Prozessaufkommen die Staatskasse übermäßig belastete. In den benachbarten Prozesshochburgen Würzburg und Bamberg behalf man sich mit der Konfiszierung der Güter von Verurteilten.152 Casimir führte als Reaktion auf dieses Problem ein „Lastenausgleichsmodell“ nach kurkölnischem Vorbild ein. Mit diesem neuen Finanzmodus sollten vermögende Verurteilte die Gerichtsverfahren gegen mittellose „Hexen“ über hohe Geldstrafen mitfinanzieren. Die Gelder wurden in einer separaten Gerichtskasse verwaltet.153 Für Caspar Lang waren diese Regelungen aber nicht ausreichend. Er drängte auf einen „modus examinandi“, um eine Standardisierung der Hexenprozesse herbeizuführen. Casimir kam den Forderungen nach und erließ 1629 eine Hexenprozessordnung nach Vorbild der Carolina, in der auch die „Tax der gerichtsgebühr in Hexereysachen“ geregelt wurde.154 Allgemein ging es in der Ordnung um die Anwendung differenzierter Verfahrensregeln. Dazu gehörte die Festlegung der einzelnen Prozessschritte inklusive eines standardisierten cher erfahrung genugsam bewust und am tag dahero wir tragenden Landesfürstlichen ambts wegen unß schuldig erkennen, solch übel, mit besondern christlichen eiver zuverfolgen.“ Vgl. StACo, LA F 6433, fol. 2, Bestallung Georg Munds, Coburg, 26.09.1629; Schwerhoff: Zentren, S. 84. 151 Füssel: Hexenverfolgungen, S. 54; Behringer: Hexenverfolgung in Bayern, S. 233, 239 f.; Gehm: Hexenverfolgung in Bamberg, S. 127−129. 152 StACo, LA  F 12.561, fol. 10, Kostenaufstellung; Friedrich: Hexenjagd, S. 145−156; Schormann: Hexenprozesse, S. 80−89; Gehm: Hexenverfolgung in Bamberg, S. 165−167; Schormann: Krieg, S. 85−87. 153 StACo, LA F 6428, Bedenken des Schöppenstuhls wegen Gerichtskosten 1628; StACo, LA F 5150, fol. 6 f. Ordinarius Jacob Drach an Kanzler und Räte, Coburg, 22.10.1628; Schormann: Krieg, S. 91−93. Diese Verfahrenspraxis ist für lediglich drei Fälle nachweisbar. Vgl. StACo, LA F 12.561, fol. 4, 4b, 6, 9, 12, Einnahmen und Ausgaben der Hexen-Strafgelder, 1628/29. 154 StACo, LA F 5150, fol. 22v−27r, Hexenprozessordnung, Coburg, 21.02.1629, abgedr. bei Friedrich: Hexenjagd, S. 169−179. Zweifelhaft ist, ob sich die Ordnung überhaupt durchsetzte, wie eine Anfrage aus Eisfeld (StACo, LA F 5151, Amtmann Lattermann an die Regierung, Eisfeld, 16.01.1630.) vermuten lässt.

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Fragenkatalogs, den die Angeklagten beantworten mussten. Wie Schwerhoff feststellt, entsprach diese Ordnung, entgegen der landläufigen Meinung, nicht einem Werkzeug radikaler Hexenjäger. Sie versuchte stattdessen „eine durchaus typische Balance zwischen dem Willen zur Verfolgung der bösen Hexen einerseits und einer professionell-juristischen Vorsicht andererseits“.155 Zwar akzeptierte die Ordnung Folter als Mittel der Wahrheitsfindung. Exzesse lehnte sie aber nachdrücklich ab.156 Casimir kam den radikalen Verfolgern auf andere Weise entgegen. Er wies die Pfarrer des Landes an, Informationen über Hexerei außerhalb der Beichte an die Regierung weiterzuleiten. Als Reaktion auf den institutionellen Streit zwischen Juristen und Geistlichen bestellte er zudem nach Bamberger und Würzburger Vorbild einen Hexenkommissar.157 Hierzu ernannte er den Juristen Georg Mund und stattete ihn mit weitreichenden Vollmachten aus. Munds Aufgabe war es, die Verfahren zu bewerten und zu visitieren, wodurch er die Kompetenz der bisherigen Gerichte beschnitt. Damit differenzierte Casimir das Justizwesen weiter aus, indem er zwischen normalen peinlichen Gerichtsverfahren und Hexenprozessen unterschied. Eine solche Trennung ist für seine Regierungszeit einzigartig, war aber ein erster Schritt zu einer Spezialisierung von Spruchkörpern auf ein begrenztes Rechtsgebiet. Tiefgreifende Spuren hinterließ Georg Mund allerdings nicht. Er festigte allerdings aus seiner eigenen Überzeugung heraus die Vorstellung, dass die Hexerei ein „crimen exceptum“ sei, an dessen Verfolgung sich die Kirche beteiligen sollte.158 Casimir versuchte mit der Einsetzung des Hexenkommissars einen Ausgleich zwischen Juristen und Geistlichen im Sinne seiner konsensorientierten Politik zu finden. Eine Veränderung der Gerichtsorganisation zugunsten der Kirche lehnte er jedoch ab.

155 Schwerhoff: Ordnung, S. 29. 156 StACo, LA  F 5150, fol. 16 f., Hexenprozessordnung, Coburg, 21.02.1629, abgedr. bei Friedrich: Hexenjagd, S. 172; Friedrich: Hexenjagd, S. 39. 157 StACo, LA F 6431, fol. 40 f., Vermittlungsvereinbarung Casimirs, Coburg, 04.11.1629; ebd., fol. 123r–v, Stellungnahme des Schöppenstuhls, o.D. (unvollst.); StACo, LA F 12.567b, fol. 2, Casimir an das Konsistorium, Coburg, 26.09.1629, abgedr. bei: Friedrich: Hexenjagd, S. 241; Schwerhoff: Ordnung, S. 30. 158 StACo, LA F 6433, fol. 2 f., Bestallung Georg Mund, Coburg, 26.09.1629, abgedr. bei: Friedrich: Hexenjagd, S. 40; ebd., fol. 5r, Mund an Casimir, Coburg, 02.10.1629; ebd., fol. 36 f., Memorial Munds, o.D.; Friedrich: Hexenjagd, S. 41 f.; Füssel: Hexenverfolgungen, S. 61, 227.

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7.5.1.4 Zusammenfassung Schließlich stellte sich die Hexenverfolgung in Coburg als gut organisiert dar.159 Es war die Verfolgungswelle ab 1628, die durch die Einrichtung einer Gerichtskasse und Prozessordnung sowie eines Hexenkommissariats eine Effizienzsteigerung mit sich brachte. Weitere Einrichtungen wie der durch Caspar Lang geplante Bau eines Inquisitionszentrums untermauern diese Entwicklung.160 Deutlich wird hierbei der von einigen Untertanen, Geistlichen und Centgrafen betriebene Einstellungswandel der Menschen zur Hexerei. Als „crimen exceptum“ musste dieses Vergehen gesondert juristisch behandelt werden. Dies führte zu generellen Diskussionen über den richtigen Umgang mit diesem Verbrechen. In Coburg eskalierte diese Ausein­ andersetzung in einem institutionellen Streit zwischen Geistlichen und Juristen. Moderaten Gelehrten wie Matthäus Meyfart gelang es dabei nicht, Einfluss auf die Intensität der Verfolgung zu nehmen. Stattdessen gewannen radikale Kräfte die Oberhand, was für Coburger Verhältnisse ab 1628 zu einer größeren Verfolgungswelle führte. Mit dem Einfall wallensteinischer Truppen endete nahezu zeitgleich mit dem vorläufigen Ende der Verfolgung in den benachbarten Hochstiften die Hochphase dieser Prozesse. Weitere Gemeinsamkeiten mit den Verfolgungen in Würzburg und Bamberg dürfte es gegeben haben. Dies zu untersuchen, muss einer weiteren Arbeit vorbehalten bleiben.161 Sicher mag es einen gegenseitigen Erfahrungsaustausch gegeben haben, der die Verfolgungspraxis in den Ländern beeinflusste. Gemeinsam war den Verfolgungen, dass sie mit der Durchsetzung eigener Glaubensvorstellungen durch die Landesherren einhergingen. Unter dieser Bedingung stellten Hexen eine Bedrohung für beide Konfessionen dar. Der ordnungspolitische Weg von der „Casimiriana“, die den Glauben festigen und normieren sollte, hin zur Hexengesetzgebung war daher kurz.162 Für Casimir stellte die „Teufelssekte“ eine Gefahr dar, da sie die göttlich-legitimierte Ordnung angriff und damit seine traditionelle Legitimation als Herrscher 159 Füssel: Hexenverfolgungen, S. 53. 160 StACo, LA F 6502, Bau eines Hexengefängnisses durch den Rat der Stadt Coburg, 1628; Gehm: Hexenverfolgung in Bamberg, S. 102, 223. 161 Schwerhoff: Grenzen, S. 100; Kretz: Schöppenstuhl, S. 10 f.; Rummel/Voltmer: Hexen, S. 115; Füssel: Hexenverfolgungen, S. 48 f. In Würzburg und Bamberg beeinflusste auch das Eingreifen der Reichsbehörden (Kammergericht und Hofrat) das Ende der Hexenverfolgung. Zur Gesamtzahl der Opfer in Vergleich: Hochstift Bamberg ca. 600, Hochstift Würzburg ca. 1200, Markgrafschaft Brandenburg 111 und Thüringen ca. 900. Vgl. Füssel: Hexenverfolgungen, S. 24, 226. 162 Schwerhoff: Ordnung, S. 30; Rummel/Voltmer: Hexen, S. 116.

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anzweifeln konnte. Es war die Pflicht des Herzogs, zum Schutz der Menschen und ihres „reinen“ Glaubens gegen Hexen und Zauberer vorzugehen. Dementsprechend tolerierte er die Hexenverfolgung seiner Untertanen, ohne dabei zunächst als Landes- und Gerichtsherr sowie als Gesetzgeber besonders in Erscheinung zu treten. Dies geschah zu dem Preis, dass Obrigkeit und Untertanen bei der Durchführung der Hexenjagd ihre Rolle im politischen System des Landes vertauschten.163 Die Passivität Casimirs wurde daher von Kritikern und Anhängern der Hexenverfolgung moniert. Erst ab 1628 zeigte er eine Reaktion, als der institutionelle Streit den Herzog zum Eingreifen zwang und die fehlende Finanzierung der Hexenprozesse eine ordnungspolitische Reaktion erforderte. Die Probleme wurden durch eine weitere Normierung und Institutionalisierung gelöst. Casimir fungierte dabei als Vermittler, der durch sein konsensorientiertes Handeln die beste Lösung herbeiführen wollte. Das bedeutete, dass er die Forderungen der Geistlichen nach mehr Mitsprache bei den weltlich geführten Hexenprozessen zurückwies. Seine Antwort darauf war die Einbindung der Kirche in das Verfolgungssystem und eine weitere Differenzierung innerhalb des Justizwesens, wodurch er der Hexerei den Status des „crimen exceptum“ zuwies. Die daraus resultierende verschärfte Verfolgung durch die Behörden hatte für die angeblichen Hexen eine grauenvolle Konsequenz. 7.5.2 Moralischer und sittlicher Verfall Wie auch andere Landesherren musste sich Casimir mit der Reform bestehender Ordnungen im Bereich der Sittlichkeits- und Religionspolicey befassen. Zunächst beließ er es auf Basis der ernestinischen Landesordnung bei einzelnen Mandaten und Verordnungen, so gegen die Hurerei (1616), das Spazierengehen während der Sonntagspredigt (1617) und einer Aufforderung an die Bewohner Coburgs (1620), ein gottesfürchtiges Leben zu führen.164 Eine Intensivierung gesetzgeberischen Handels lässt sich erst nach dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges feststellen. Gerade der Krieg beförderte ab den 1620er Jahren im neutralen Fürstentum die Entwicklung hin zu einer Verrohung und zu einem 163 Schormann: Hexenprozesse, S. 57; Rummel/Voltmer: Hexen, S. 99 f. 164 StACo, LA F 5538, Verordnung wie die Hurerei zu strafen, Coburg, 14.08.1616; StACo, LA F 4935 Mandat wider das Spazierengehen unter der Sonntagspredigt, Coburg, 03.07.1617; StACo, LA F 5545, Mandat die Gymnasi, Bürger, Handwerksgesellen, Hofgesinde sollen sich einem gottesfürchtigen Leben befleissigen, Coburg, 02.06.1620.

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Sittenverfall.165 Darauf musste Casimir reagieren. Einen großen Niederschlag fand daher diese Problematik in der „Casimiriana“. Deutlicher als je zu vor wurde hier nach humanistischen Grundsätzen versucht, mit guten Gesetzen den schlechten Sitten entgegenzuwirken. Die „Casimiriana“ ging in Kapitel 25 („Vom rechten Christlichen Bann“) und 26 (Von der Kirchen Disciplin vnnd öffentlichen Abbitt / derer/ so mit groben äusserlichen Sünden die Kirche geärgert/ welches man die Kirchen=Busse nennet) auf die Störung der gesellschaftlichen und kirchlichen Ordnung ein. In der Vorrede verwies Casimir ausdrücklich auf die sittliche Krise seiner Untertanen: Dann weil leider/ das schendliche Laster der Hurerey vnd Vnzucht/ vngeachtet alles bißhero geschehenen ernsten Verbots/ vnd gleichsam vor Augenstellung zeitlicher vnd ewiger Straff/ gar zu sehr eingerissen/ vnd vberhand genommen: Dahero wir tragenden hohen Ampts wegen vmb so viel mehr solchem Laster durch schärfere Mittel vnnd Straff/ zu begegnen schuldig/ Sind auch die Formuln der öffentlichen Panitenz, deprecationen vnnd Abbitt vor der Gemeinde GOTTES/ gescherpffet [...].166

Die Wirksamkeit der „Casimiriana“ blieb aber begrenzt. Die Kriegsfolgen wirkten stärker auf die Bevölkerung als Casimirs Ordnungspolitik. Dies beklagte der Herzog in einem Mandat von 1631. Darin verband er die sittliche und religiöse Krise mit dem Zorn Gottes, der über das Land durch Krieg, Pest und Unruhe hereingebrochen wäre. Er forderte mit diesem typischen vergeltungstheologischen Ansatz seine Untertanen nochmals auf, zu einem gottgefälligen Leben zurückzukehren.167 Aber auch dieses Mandat dürfte keine Wirkung entfaltet haben. Einen anderen ordnungspolitischen Weg ging der Gesetzgeber bei der Normierung von Spiel und Luxus. Erasmus von Rotterdam sah in Luxus und Verschwendung ein großes Übel, welches die Fürsten zu unterbinden hätten. Die Verordnungen diesbezüglich zielten darauf ab, die Gottgefälligkeit der Menschen zu erhalten und sie vor dem finanziellen Ruin zu schützen. Gerade Letzteres hätte auch den Verlust der Besteuerungsfähigkeit nach sich gezogen. Als konkrete Maßnahmen wurden 1. eine Begrenzung von Festen wie Hochzeiten, Taufen und Begräbnissen, 2. Kleiderordnungen und 3. Spielverbote eingeführt. Beginnend in der spätmittelalterlichen kommunalen Gesetzgebung fanden diese 165 Vgl. Kap. 9.8. 166 StACo, LA F 4937, Casimiriana, S. vr, 265−307; Vgl. Strohm: Religion, S. 41. 167 StACo, LA F 4939, Mandat zu aller und jeden dero Unterthanen Wohlfart, Coburg, 07.10.1631; Vgl. Staudenmaier: Gute Policey, S. 88 f.

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Beschränkungen Aufnahme in den Reichspoliceyordnungen. Die ernestinische Landesordnung behandelte diese Themen ebenfalls. Bedeutend war auch die Policey- und Landesordnung Herzog Johann Ernsts von 1542, auf die sich die nachfolgenden Gesetze bezogen.168 Im Gesamtkontext spielte dieses Ordnungsfeld im Fürstentum zunächst eine untergeordnete Rolle. Die Begrenzung der Feste erfolgte durch die Festlegung der Teilnehmerzahl, abhängig vom sozialen Stand der Gastgeber und der Art der Veranstaltung. Die Ordnung regelte auch den Umfang des Ausschanks und der Speisen sowie die Größe der Musikkapelle und legte fest, welche Tänze gespielt werden durften.169 Anscheinend gab es immer wieder Ausuferungen, die zum finanziellen Ruin der Gastgeber führten. Allerdings waren Feste die einzige Möglichkeit für die Menschen, dem Alltag zu entfliehen, der durch schwere körperliche Arbeit und teils schwierigen Lebensbedingungen geprägt war.170 Casimir stellte hierzu erstmals 1591 „mit höchster befremdung“ fest, dass auf den Festen vor allem der Völlerei nachgegangen werde. Der Herzog forderte daraufhin, dass die bestehenden Gesetze besser durchgesetzt werden sollten.171 Auch die Kleiderordnungen wurden kaum befolgt. Melchior von Osse kritisierte vor allem Frauen, die durch immer wechselnde Moden gegen die Ordnungen verstoßen würden. Die ernestinische Landesordnung verwies hier auf die Regeln der Reichspoliceyordnung von 1548.172 Ein solches Gebaren galt als Luxus und verstieß damit gegen die gottgewollte Ordnung. Denn die Kleidung symbolisierte die ständische Gesellschaftsordnung. Luxuskleider verwischten diese.173 Die Städte im Fürstentum ergriffen 1611 als erste die Initiative, um diese Unordnung zu beseitigen. Die Räte prüften daraufhin die Bedenken und arbeiteten mit den Städten eine reformierte Kleider- und Festordnung aus, die sich an vergleichbaren Gesetzestexten der Reichsstadt Nürnberg orientierte. 168 Iseli: Policey, S. 37; Staudenmaier: Gute Policey, S. 138 f.; Holenstein: Gute Policey Bd. 1, S. 158−165; Richter: ernestinische Landesordnungen, S. 69; Kramer: Volksleben, S. 123; Für Würzburg vgl. Wendehorst: Bistum Würzburg, S. 222; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 175. 169 *Sachsen: Pollicey vnd Landtsordenung, §§ 69−73. 170 Strohm: Religion, S. 42 f.; Zur Festkultur vgl. Kramer: Volksleben, S. 80−122. 171 StACo, LA F 5512, fol. 14 f., Casimir an die Räte, Coburg, 10.04.1591; StACo, LA F 5522, Befehl über die Einladung von Hochzeitsgästen, Coburg, 05.05.1597. 172 *Sachsen: Pollicey vnd Landtsordenung, § 88; Hecker: Melchior von Osse, S. 462 f.; Iseli: Policey, S. 39. 173 Simon: Gute Policey, S. 117−119. Das verstärkte Auftreten von Kleiderordnungen kann auch auf einen sozialen und gesellschaftlichen Wandel hindeuten, vor dem man sich fürchtete.

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1613 wurde das Gesetz in Kraft gesetzt. Diese Verknüpfung sollte wohl die Wahrnehmung durch die Bevölkerung steigern.174 Die Wichtigkeit dieses Gesetzes wird durch das erstmalige massive Eingreifen Casimirs auf diesem Ordnungsfeld deutlich. Es sei seine Aufgabe, so der Herzog in der Einleitung zur Fest- und Kleiderordnung, „Gottes Befehl vnd Ordnung“ durchzusetzen und zu befördern. Zuwiderhandlungen gegen diese Ordnung müsse er deshalb streng bestrafen und gänzlich unterbinden. Zu seinem Verantwortungsgefühl gehöre es auch, den Untertanen, die Konsequenzen ihres Tuns vor Augen zu führen. Dies war aus seiner Sicht notwendig, da die bisherigen Gesetze den Umtrieben der Menschen nicht Einhalt boten. Er zeichnete dabei ein apokalyptisches Bild, nämlich: „Ohn allen zweiffel vmb vnserer übermachten Sünde willen/ gerathen/ vollends in eusserste armut gelangen/ ja wol endlicher verderb […] aus Gottes gerechtem hierdurch geursachten Zorn vnnd Straffe ervolgen müste.“175 Trotz Casimirs Eindringlichkeit entfaltete die Ordnung keine große Wirkung. Wie ein Gutachten 1615 zugestehen musste, fehlte es der Exekutive an Personal, um die Ge- und Verbote durchzusetzen. So verhängte die Obrigkeit zwischen 1581 und 1618 in Coburg nur 33 Geldstrafen, davon 17 in Verbindung mit Hochzeitsfeierlichkeiten. Die Zahl derer, die sich strafwürdig machten, war ungleich höher. Bereits im ersten Jahr nach Verkündung der reformierten Ordnung wurden allein in Coburg 19 Fälle des Tragens verbotener Trachten festgestellt, aber nicht geahndet.176 Auf diese Mängel reagierte Casimir 1618 mit einer erneuerten Policey- und Reformationsordnung, da die alten Normen „mercklichen hinangesetzt / vnd in verachtung gezogen“ wurden.177 Er bestallte den Juristen Gabriel Straß zu einem Sonderbeauftragten (Fiskal bzw. Hof­prokurator). Dessen 174 StACo, LA F 16, fol. 307−335, Unterthäniges Bedencken der Städte dieses Ortslandes zu Franken, Coburg, 14.01.1611; StACo, LA F 5534, Bedenken gegen die bestehenden Verordnungen, Coburg, 08.04.1611; StACo, LA A 10.720, fol. 97, Casimir an Dr. Christoph Gugel, Ratskonsulent zu Nürnberg, Coburg, 10.07.1612; StACo, LA F 4932, fol. 2v, Vernew­ erte Ordnung unnd Reformation, Coburg, 29.11.1613; vgl. StACo LA F 5535, fol. 7−47; Staudenmaier: Gute Policey, S. 139. 175 StACo, LA F 4932 fol. 3r, Vernewerte Ordnung unnd Reformation; vgl. Schwerhoff: Ordnung, S. 19 f. 176 StACo, LA F 5535, fol. 89, Bedenken wegen der Reformierten Ordnung, Coburg, 03.02.1615; ebd., fol. 167 f., Gutachten, Coburg, 27.04.1614; ebd., fol. 185−187, Extract der Busen aus den Stadtrechnungen; StACo, LA F 5536, fol. 97, Anzahl der Personen, welche wegen verbotener Trachten strafwürdig sind, Coburg, 29.11.1614. 177 StACo, LA F 5540, Erneuerung der Polizei- und Reformationsordnung, o.O., 12.07.1618.

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Aufgaben lagen in der Aufsicht über die Einhaltung der Verordnungen bis hin zur Anklagevertretung. Straß war mit Sondervollmachten ausgestattet, sodass Ämter und Behörden den Befehl erhielten, ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen. Damit schob Casimir eine weitere institutionelle Ebene im Justizwesen ein, beschnitt aber so die Kompetenz der Landesregierung, die bisher diese Kon­ trollfunktion innehatte. Wie auch der Hexenkommissar Mund war Straß dem Herzog direkt unterstellt.178 Über die Arbeit des Fiskals und seiner Nachfolger existieren keine Akten mehr. Das Problem dürften auch sie nicht gelöst haben, denn sowohl die „Casimiriana“ wie auch das Mandat von 1631 sprachen mit drastischen und teilweise noch dramatischeren Worten die Situation an.179 Die Einsetzung eines Fiskals zeigt, dass Casimir mit Nachdruck diese Verordnungen durchsetzen wollte und dabei den Weg einer weiteren Institutionalisierung beschritt. Die Ahndung der Vergehen sollte durch Druck von oben auf die unteren Behörden effizienter vonstattengehen. An den Ausbau bestehender Exekutivorgane dachte er dabei nicht. Die Kleider- und Festordnung untermauert den Willen Casimirs, in einem durch die Reichsgesetzgebung und Fürstenspiegeln vorgegebenen Ordnungsfeld als verantwortungsvoller Landesvater gegenüber seinen Untertanen aufzutreten. Ihm obliege es, die göttliche Ordnung durchzusetzen. So könne man das Land und seine Menschen vor dem Zorn Gottes und der Armut bewahren. Gesetzgeberische Initiativen finden sich von Seiten Casimirs vor 1613 aber nicht. Vielmehr ergriffen die Kommunen erste Schritte zu einer Verbesserung der Gesetze. Erst auf ihre Anregung hin wurde der Herzog aktiv. Dies zeigt sich besonders bei der Einsetzung des Hofprokurators Straß. Casimir reagierte damit auf den Widerwillen der Bevölkerung, sich gesellschaftlich zu disziplinieren. Ein weiteres Problem war die fehlende Ahndung von Gesetzesverstößen. Der Exekutive fehlte es an Personal, um die Verordnungen auch durchzusetzen. Dieses typische Problem des frühneuzeitlichen Verwaltungsapparates wird hier das erste und einzige Mal angesprochen. Casimir reagierte auf diesen Umstand nicht. Vielmehr versuchte er durch politischen Druck auf die Unterbehörden, 178 Ebd.; StACo, LA F 5542, Aufrechterhaltung der Policey- und Reformationsordnung, Coburg, 01.07.1618; StACo, LA F 6424, fol. 1 f., Casimir an Kanzler und Räte, Coburg, 01.07.1618; StACo, LA F 5490, fol. 28 f., Fürstliches Mandat zu Hochzeiten, Begräbnissen, Kindstauffen etc., o.O., 12.07.1618; Schwerhoff: Ordnung, S. 24; Heyl: Zentralbehörden, S. 40. 179 StACo, LA F 4937, Casimiriana, S. 233 f.; StACo, LA F 4939, fol. 5, Mandat zu aller und jeden dero Unterthanen Wohlfart, Coburg, 07.10.1631; Strohm: Religion, S. 42. Eine Straf­ erhöhung konnte in beiden Fällen nicht ermittelt werden.

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eindringlichere Worte, ausgefeiltere Gesetzen und einer weiteren Institutionalisierung im Justizwesen dieses Problem zu lösen. Erfolgreich war dies aber nicht, wie spätere Ordnungen und Mandate belegen. Intensiver beschäftigte sich Casimir mit der Durchsetzung der Kirchenzucht. Das hatte einen familiären Grund. Ihm ging es um den Schutz des Glaubens, der durch ein gotteslästerliches Leben bedroht schien. Mit dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges stieg diese Gefahr. Die Moral des Menschen sank. Verrohung machte sich breit. Die „Casimiriana“ versuchte dem entgegenzuwirken. Sie gab die moralischen Normen für die Menschen vor. In Anbetracht der Gewalttätigkeit der Soldateska und des Hungers konnte eine solche Norm aber keine Wirkung entfalten. Casimir blieb nichts anderes übrig, als mit deutlichen Worten vor dem Zorn Gottes zu warnen. Das Mandat von 1631 bildete den negativen Höhepunkt. Casimirs Worte waren hier am Eindringlichsten, als Krieg und Pest als vermeintliche Strafen Gottes auf die Untertanen niedergingen. Schließlich ging es um das Seelenheil der Menschen und Casimirs. Im damaligen Herrschaftsverständnis musste nämlich der Fürst vor Gott Rechenschaft über sein Wirken auf Erden ablegen. Sein Ziel war es daher, nach seinem Tode einem wohlwollenden Gott gegenüberzutreten. So kam der Religions- und Sittenpolicey eine komplexe Bedeutung zu, die auf die Disziplinierung des Volks und der Förderung des Gemeinwohls abzielte. 7.5.3 Der „gerechte“ Preis Ein weiteres Ordnungsfeld beinhaltete die Wirtschaftsnormierung. Priorität besaß dabei die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung, womit die Forderung nach dem „gerechten“ Preis für Käufer und Verkäufer einherging. Als „gerecht“ galt der Preis, der die Existenzgrundlage der niederen Bevölkerungsschichten garantierte. Wucher wurde als moralisch verwerflich abgelehnt und bestraft. Gewinnorientiertes Handeln war verpönt. Bei Versorgungsengpässen und der damit verbundenen Teuerung reagierte die Obrigkeit im Sinne des Merkantilismus mit Preisfestsetzungen. Dieser massive Markteingriff sollte Hunger und Armut verhindern. Beides gefährdete die öffentliche Ordnung und konnte zu Unruhen führen. Die Preisüberwachung und -festsetzung oblag dabei den Kommunen.180 Eine allgemeine Teuerung setzte bereits im 16. Jahrhundert ein, die in 180 *Sachsen: Pollicey vnd Landtsordenung, § 7; StACo, LA F 5516, Mandat gegen den Wucher, Coburg, 29.05.1596; StACo, LA F 5554, Coburger Taxordnung von 1620; Melville: For-

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den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges während der „Kipper- und Wipperzeit“ ihren Höhepunkt erreichte. So bestand auch im Fürstentum Coburg Handlungsbedarf.181 Casimir versuchte zunächst mit einem Münzpatent (1621), nach Vorbild des Hochstifts Minden, und der Bestallung von Preiskommissaren das Problem in den Griff zu bekommen. Die Kommissare unterstützten den Hofprokurator bei der Überwachung der Preise und ergriffen bei Wucher judikative Maßnahmen. Als dies keinen Erfolg brachte, kündigte Casimir 1622 eine einheitliche Taxordnung für das Fürstentum an. An der Ausarbeitung waren die Räte und Stände beteiligt. Ende Juni 1623 trat das neue Gesetz in Kraft.182 Die Ordnung erfasste 58 Berufszweige, beschrieb deren Leistungsprofil, legte die Löhne sowie den Wechselkurs zwischen Kippergeld und hochwertigen Münzen fest. Allgemein kam es zu einer Abwertung. Teilweise definierte sie Qualitätsnormen wie z. B. bei der Bratwurst, die eine rechte Größe und ein rechtes Gewicht haben und aus hochwertigen Rohstoffen hergestellt werden sollte. Die Metzger beschwerten sich daraufhin, dass sie zur Wurstherstellung das hochwertige Beinfleisch verwenden sollten, das sie als Eisbeine hätten teurer verkaufen können. Außerdem stellte sich ihnen die Frage nach der Entsorgung der übriggebliebenen Knochen.183 Ansonsten erfuhr kein anderes Gesetz im Untersuchungszeitraum so viel Widerstand wie die Taxordnung. In den Akten finden sich dutzende Beschwerden verschiedener Zünfte, die vor allem die Senkung der Verkaufspreise monierten. Viele Handwerker hatten ihre Rohstoffe lange vorher teuer eingekauft und mussten jetzt ihre Waren mit Verlust mung einer Residenzstadt, S. 39; Simon: Gute Policey, S. 152, 155, 163; Iseli: Policey, S. 56 f., 62−65. Die Preisbildung nach Angebot und Nachfrage spielte noch keine Rolle. 181 *Sachsen: Pollicey vnd Landtsordenung, §§ 43−45 (hier am Beispiel der Metzger und Bäcker); StACo, LA F 5351, fol. 2, Taxordnung, Coburg, 29.06.1623; Mathis: Wirtschaft im 16. Jahrhundert, S. 98 f. Die Verteuerung war auf ein Bevölkerungswachstum bei gleichbleibender Lebensmittelversorgung sowie auf eine Inflation zurückzuführen. 182 StACo, LA F 5349, fol. 2v−6r, Entwurf eines Münzpatents, o.D.; ebd., fol. 10−15, Münzordnung des Administrators zu Minden, 14.09.1621; StACo, LA F 5547, fol. 1, Casimir an Kanzler und Räte, Coburg, 22.01.1621; StACo, LA F 5548, fol. 1, Kanzler und Räte an den Rat der Stadt Coburg, Coburg, 08.03.1622; StACo, LA F 5554, Casimir an den Ausschuss der fränkischen Landstände, Coburg, 22.11.1622 und Engerer Ausschuss der fränkischen Landstände an Casimir, Coburg, 04.01.1623; StACo, LA F 5351, fol. 2, Taxordnung, Coburg, 29.06.1623; NLA HA, Celle Br. 40, Nr. 53, Korrespondenz wegen der Münzordnung, 1623. Der Administrator des Hochstifts Minden, Christian von Braunschweig-Lüneburg, war ein Bruder Herzogin Margarethes. 183 StACo, LA F 5351, fol. 4r−17r, Taxordnung, Coburg, 29.06.1623; StACo, LA F 5550, fol. 1, Rat der Stadt Coburg an Kanzler und Räte, Coburg, 15.10.1623; Iseli: Policey, S. 61 f.

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verkaufen. So setzten sich die Preise nur schleppend durch. Casimir reagierte darauf und ernannte örtliche Taxkommissare und Exekutoren, die die Preise überwachen sollten. Diese wurden von den Untertanen stark angefeindet. Als noch publik wurde, dass u. a. die Metzger ihre Waagen zu ihren Gunsten manipulierten, zeigte sich Casimir erbost über die Betrügereien. Daraufhin mussten die Fleischer auf ihre Kosten die Messinstrumente neu eichen. Von Beschwerden, Beschimpfungen und Betrügereien berichten die Quellen bis Anfang 1625. Vor solch einen Unmut warnte vorausschauend Erasmus von Rotterdam. Zwar hatte der Fürst nach seiner Meinung dafür zu sorgen, Gesetze zu erlassen, die allen Gutwilligen gefallen sollten. Doch müsse er darauf Rücksicht nehmen, dass das gemeine Volk ein Urteilsvermögen besäße. Hierzu hatte Erasmus auf die Philosophie Mark Aurels verwiesen. Dieses Urteilsvermögen unterschätzte Casimir.184 So verfehlte die Taxordnung ihre Ziele, die Bevölkerung zu beruhigen, einen „gerechten Preis“ festzulegen sowie die Nahrungslage für die hungernden Untertanen und deren Auskommen zu verbessern. Noch einmal, 1626, führte der Coburger Bürgermeister eigenmächtig eine Münzdevaluation durch, da ausländische Kippermünzen die Wirtschaft wiederum ruinierten.185 Dies geschah ohne das Einverständnis Casimirs, der sehr verärgert auf diese Eigenmächtigkeit reagierte. Eine ökonomische Besserung trat aber wegen des Dreißigjährigen Krieges nicht ein. Eine andere gängige Maßnahme des Markteingriffs war die Regulierung des Marktzugangs, die Einführung des Marktzwangs (d.h. die Waren nur dort anzubieten), die Bewilligung weiterer Jahrmärkte und ein Einfuhr- und Exportverbot für Lebensmittel und Tiere zur Stärkung des Binnenmarktes. Da auch die Nachbarländer eine Protektionspolitik betrieben, kam es hier zu Konflikten.186 Diese 184 StACo, LA F 5550, fol. 1, Rat der Stadt Coburg an Kanzler und Räte, Coburg, 15.10.1623; StACo, LA F 5554, Casimir an den Schosser und Rat zu Coburg, Neustadt a.d. Heide, 01.08.1623; ebd., Casimir an den Schosser, Rat zu Coburg und die Taxkommissare, Coburg, 21.10.1623; ebd., Taxkommissare an Casimir, Coburg, 26.02.1624; ebd., Berichte der Taxkommission, Coburg, 23.04.1624 und 02.10.1625; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 169. 185 StACo, LA F 10.742; Kozinowski/Otto/Russ: Münzen Bd. 1, S. 129; Pohl: wirtschaftliche Entwicklung, S. 240; Melville: Formung einer Residenzstadt, S. 37. Coburg war als Residenz besonders der Normsetzung unterworfen. 186 StACo, LA F 8352, Bewilligung eines fünften Jahrmarkts in Coburg, 28.03.1600; StACo, LA F 12.745, Zuwiderhandlungen gegen das Mandat von Verkauf der Wolle, Schafe, Getreide und Viktualien, 1589−97: StACo, LA D 1329, Einfuhrverbot für ausländische Schafe, 1617; StACo LA D 1795, Differenzen mit Würzburg und wegen des Coburger Rotgerberhandwerks, 1599; StACo, LA F 5351, fol. 3v, Taxordnung, Coburg, 29.06.1623; Iseli: Policey, S. 57−61; Wendehorst: Bistum Würzburg, S. 223 f.; Huschke: Ernestiner, S. 111.

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waren im Vergleich zur Auseinandersetzung um die Taxordnung eher harmlos. Casimir machte sich diese Politik zu eigen, ohne dabei herausragend tätig zu sein. Schließlich entsprach die Taxordnung einem Ergebnis konsensorientierter Herrschaft. An ihrer Fertigstellung arbeiteten Räte und Stände gemeinsam. Der Konsens scheiterte jedoch an den Untertanen, die gegen die Ordnung rebellierten. Ausgangspunkt dieses Streits war die Definition des „gerechten“ Preises, den viele als ungerecht ansahen. Casimir zeigte sich hier weniger kompromissbereit als im Hexenstreit der Coburger Institutionen. Mit der Ernennung der unter dem Dach des Hofprokurators agierenden Preiskommissare versuchte er, die Normen mit Nachdruck durchzusetzen. Dabei sehen wir, ähnlich wie bei der Religions- und Sittenpolicey, eine Institutionalisierung und Differenzierung der Verwaltung. Hinzu kam das Problem des Kippergeldes, das weiterhin ins Fürstentum floss, und der Dreißigjährige Krieg, der jegliches ökonomisches Gedeihen im Keime ersticken ließ. Der „gerechte“ Preis blieb daher Utopie. Nebenher beeinflusste die Taxordnung den Aufbau einer Lebensmittelpolicey, welche die Qualität überwachen sollte. Insgesamt lässt sich auch hier die Intention Casimirs erkennen, über die merkantilistische Wirtschaftspolitik als guter Landesvater zu wirken. Seine Position als Landesherr blieb dabei unangefochten.

7.6 Ein guter Landesvater? – Eine Bilanz „Flucht in Spiel und Jagdvergnügen aus Scheu vor intensiver Regierungstätigkeit“, so charakterisierte Heyl den Regierungsstil Casimirs.187 Diese Sichtweise nahm die Forschung für Jahre unbestritten zur Kenntnis. Zuvor hatte sie Gruners Meinung von Casimir als einem rastlos tätigen, in der Regierungsarbeit aufgehenden Fürsten ungeprüft übernommen. Belege für Heyls These gab es zuhauf, so die Mahnung Johann Friedrichs des Mittleren an Casimir, sich der Not des Volks stärker anzunehmen als der Jagd. Die neuere Forschung sieht hier eine unzulässige Differenzierung von Öffentlichkeit und Privatem, die für die Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg allerhöchstens in Ansätzen zu finden ist. Casimir füllte sein Amt ohne Pausen aus, so wie es seine humanistische Fürstenerziehung von ihm verlangte.188 Spiel und Jagd waren in erster Linie keine Privatvergnügen, sondern Bestandteile fürstlicher Repräsentation. Ging Casimir 187 Heyl: Johann Casimir NDB, S. 531. 188 StACo, LA A 10.857, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 09.05.1591; Boseckert: Selbstdarstellung, S. 26; Kinner: Johann Casimir, S. 107; Gruner: Johann Kasimir, S. 6;

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im Thüringer Wald auf die Jagd, so blieb er für seine Räte erreichbar. Sein Jagdschloss Tenneberg, gleichzeitig Sitz eines Amtmannes, besaß die notwendigen Verwaltungseinrichtungen, um als fürstlicher Regierungssitz außerhalb Coburgs zu fungieren. Das Gleiche gilt für Oeslau.189 Der Briefverkehr Casimirs mit seinen Räten und Sekretären in Coburg belegt die Tätigkeit der Schreiber und Kopisten an diesen Orten. Sie waren auch nötig, da die Behördenordnungen die eigenhändige Unterschrift des Herzogs auf Akten und Briefen verlangten. Wie eng fürstlicher Zeitvertreib und Regierungstätigkeit beieinander lagen, belegt eine Notiz aus einem Protokollbuch von 1613. Im Zusammenhang mit der Ernennung eines neuen Hofpredigers entschied Casimir über dessen Berufung im Schützenhaus („im schießhauß resolviret“).190 Andererseits musste Casimir keine gesetzgeberische Grundlagenarbeit mehr leisten. Sein Land lag eingebettet in den Reichspoliceyordnungen und der ernestinischen Landesordnung. Auf die Schöpfung seines Vaters bezog sich Casimir immer wieder, wenn es darum ging, neue Mandate und Ordnungen zu erlassen. Mit dem Ausbau und der Ausdifferenzierung der Verwaltungsstrukturen sowie der Gründung einer eigenen Druckerei schuf er die Basis für eine adäquate Umsetzung der Gesetze. Zugleich betonte er durch die Trennung der gemeinsamen Einrichtungen mit Weimar (1597/98) seine politische Unabhängigkeit.191 Zudem ergänzte und erneuerte er die Landesordnung mit eigenen Gesetzestexten. Er reagierte damit auf die Veränderungen in der Gesellschaft im Hinblick auf die sich anbahnende Moderne. Casimir praktizierte hier eine humanistische Ordnungspolitik. Erasmus von Rotterdam hatte den Fürsten aufgetragen, nicht viele, sondern möglichst gute Gesetze zu erlassen. Lediglich unbrauchbare Normen müssten verbessert und angepasst werden. Er verwies dabei auf Platon und verglich die Flut an Gesetzen mit einem Medikamentenmissbrauch. Der Fürst spiele wiederum die Rolle des Arztes, der Krankheiten

Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 199−201. Als antike Vorbilder nannte Erasmus Scipio und Aeneas von Virgil. 189 StACo, LA F 18, fol. 246. Die fürstliche Verwaltung von Oeslau wird erstmals 1619 erwähnt. Offizielle Schreiben und Anweisungen gingen von hier aber schon früher aus. Haslauer: Aufbauen, S. 45 f. 190 StACo, LA F 7746, fol. 4−6, Protokoll über die Sitzung des Geheimen Rates vom 01.11.1613; StACo, LA A 10.730, ab fol. 109 und StACo, LA A 10.733, Berichte des Kammersekretärs Siegmund Heußner, 1614−22. 191 Schwerhoff: Ordnung, S. 24.

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erkennen und bekämpfen solle.192 In diesem Geist schrieb Casimir an die Professoren des Gymnasiums: Wir lassen unß zwar berichten und vermerckhen nicht unbequemen, das am besten und sichersten man bleibe bey einmahl publicirten Statutis und anordtnungen […] Dann ob man offt wohl vermeinet mit enderung etwas nutzs zu schaffen Ist es doch allzeit gefehrlichen, die gewöhnlichen Gesetze und Ordnungen zu mutiren. […] Derowegen ist es mit viel neuen Gesetzen undt verenderungen derselben nicht gethan, sondern das man über eingeführten gueten Ordtnungen fest hallte, Dardurch dieselbigen am meisten gezihret und erbawlichen fortgesetzt werden. Jedoch das man daran so starcke und dermassen nicht gebunden sey, im fall der nottdurfft, darvon zu weichen, Sondern das alle Gesetze (ausser was Gott selbst und die Natur verordnet) Nach gelegenheit der Zeytt und läuffe geseztt, abgeschafft, gemehret, gemindert und verendert werden, sonderlich wann man darzu ehreliche zuvor wohlbedachte und erwogene Uhrsache gewinnet, wie Gallus schreibt.193

Diesen Ansatz verfolgte Casimir bei der geplanten Reformierung der Landesordnung. Nachdem Weimar 1589 eine geringfügige Erweiterung und Überarbeitung auf den Weg gebracht hatte, kündigte Casimir auf dem Landtag von 1594 ebenfalls eine Reform an. Doch diese kam trotz mehrmaliger Forderungen der Stände nicht zustande. Es blieb lediglich bei einem Entwurf, der erst 1631 vorgestellt wurde und lediglich punktuelle Verbesserungen und Ergänzungen umfasste. Die Landesordnung besaß damit im Coburger Gebiet ihre längste Geltung.194 Casimirs Ordnungspolitik war wie die von anderen Fürsten hauptsächlich auf Reaktion ausgerichtet. Eine Ausnahme bildete die „Casimiriana“, welche die letzte Lücke im ernestinischen Policeywesen schloss. Aus dieser Passivität aber ein generelles Desinteresse des Herzogs am alltäglichen Regieren herauszulesen, trifft die Sache nicht. Casimir griff erst dann in das Geschehen ein, wenn dafür eine gesellschaftliche Notwendigkeit bestand. Dieses Erfordernis erkannten auch die Stände oder einzelne Berufsgruppen. Beide Parteien konnten Einfluss 192 Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 165, 167, 177, 203. 193 StACo, Casimiriana 526, pag. 6−9, Casimir an die Professoren, Coburg, 20.04.1609; Vgl. Schwerhoff: Ordnung, S. 24. Casimir lehnt sich hier an der Theorie des römischen Rechtsgelehrten Gaius Aquilius Gallus an. 194 StACo, LA F 11, fol. 167r, Proposition der Herzöge, o.D.; StACo, LA F 12, fol. 361−383, Erinnerung der Städte des Ortslandes in Franken, bey der Landessordnung so zu revidieren und zu verneuern vertrostet worden; StACo, LA F 5524, Polizei-Ordnung (Entwurf ), Coburg, 07.10.1631; Klein: Politik und Verfassung, S. 174.

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auf den Gesetzgebungsakt nehmen oder Änderungen einfordern. Sich nur auf das Normierungs- und Disziplinierungsziel der Fürsten zu beschränken, reicht bei dieser Betrachtungsweise nicht aus. Casimir und seine ordnungspolitischen Vorstellungen waren nur ein Faktor der Gesetzgebung.195 Seine Handschrift wurde vor allem dann deutlich, wenn es angesichts der Bewahrung der „reinen“ lutherischen Lehre galt, sich von den Albertinern und den katholischen Nachbarländern abzugrenzen. Die Schul- und Konfessionspolitik diente ihm als Basis für eine noch aufzubauende Landesidentität. Dem zugrunde lagen persönliche Interessen, seine humanistische Fürstenerziehung und die familiäre Tradition als Beschützer und Bewahrer des lutherischen Erbes. Nicht zu unterschätzen sind persönliche Erlebnisse, die Einfluss auf die Ordnungspolitik nahmen. Ein solches war Gegenstand des ersten Mandats, welches Casimir 1587 erließ. Es handelte sich dabei um das Schreien, Jauchzen und Umherlaufen auf den Coburger Gassen, besonders im Umkreis der Ehrenburg zu Nachtzeiten. Offensichtlich beeinträchtigte der Lärm Casimirs Nachtruhe, da er im Mandat explizit auf seine eigenen Erfahrungen hinwies.196 Wie sah aber nun Casimirs alltägliche Regierungsarbeit aus? Für die ersten Regierungsjahre begegnet uns ein tatkräftiger und ehrgeiziger Fürst. Mit den Visitationen von 1587/89 verschaffte er sich einen Überblick über die Lage in seinem Land. Besonders die Kirchenvisitation von 1589 legte die Basis für eine Bekenntnisbildung. Auch schien er die Sitzungen der Landesregierung während der ersten Regierungsjahre mehrmals besucht zu haben. 1589 begründete er damit die Verlegung der Ratsstuben in die Ehrenburg, damit diese besser für ihn erreichbar seien. Doch schon bald nahm er nur noch sporadisch an den Sitzungen teil. So belegt ein Protokollbuch, dass Casimir zwischen Dezember 1592 und Januar 1594 an fünf von 18 Terminen erschien. Zwischen 1608 und 1612 blieb er allen Sitzungen fern. Heyls These, dass Casimir „eben doch bei allen guten Vorsätzen kein Mann der täglichen Verwaltungsarbeit“ war, untermauern diese Zahlen.197 Aber das machte ihn nicht zum schlechten Landesvater. Er schuf stattdessen Strukturen, die den Landesbehörden ein selbstständiges Arbeiten ermöglichten. Im Zuge der Hofreformen 1589−94 separierte er seine persönlichen Angelegenheiten von den Staatsgeschäften, indem er 1593 195 Schwerhoff: Ordnung, S. 27 f. 196 StACo, LA F 5510, fol. 1, Mandat gegen nächtliche Ruhestörung, Coburg, 25.06.1587. 197 StACo, LReg 318, fol. 6v, Proposition der Herzöge, 1589; StACo, LA F 7721, Protokoll der Landesregierung 1592−94; StACo, LA F 7740, Protokoll der Landesregierung, 1608−12; Heyl: Zentralbehörden, S. 56.

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eine Kammerkanzlei ins Leben rief. Ihr Vorsteher war der Kammersekretär. Er unterstand direkt dem Fürsten und genoss dessen besonderen Schutz. Sein Aufgabenbereich umfasste die Erledigung der geheimen Korrespondenzen sowie die Mitwirkung in der Rentereiverwaltung. Schon 1591 ordnete Casimir an, dass alle Briefe, die den Hof und die Renterei betrafen, ihm ungeöffnet vorgelegt werden müssten. Die Kanzleiordnung von 1594 bestätigte dieses Verfahren und regelte auch die Vorgehensweise während Casimirs Abwesenheit.198 Neben der Kammerkanzlei gab es zeitgleich vereinzelt auch Geheime Räte, die als politische Berater dem Herzog direkt unterstellt waren. Dies geschah zunächst formlos. Erst 1600 befahl Casimir die Ausarbeitung einer Hof- und Geheimen Ratsordnung, die 1602 in Kraft trat.199 Der Geheime Rat bestand von da an aus einem Kollegium, dem Kanzler, Hofmarschall, Rentmeister und Kammerschreiber angehörten. Als Vorsitzender stand dem Gremium der Herzog vor. Es befasste sich mit Hofangelegenheiten, Kammer- und Rentereisachen sowie Personalfragen. Zudem legte der Rat Wert auf die Koordination von Hof- und Landesbehörden.200 Casimir bewegte sich auch hier in der gängigen Herrscherpraxis seiner Zeit. Der Geheime Rat symbolisierte die Souveränität des Fürsten und galt als politisches Gegengewicht zu den Landständen. In Kursachsen hatte Kurfürst August 1574 ein solches Gremium gegründet.201 Der Herzog nahm anfangs regelmäßig an den Tagungen teil. Später zog er sich auch hier von den Sitzungen zurück. An seiner Stelle übernahm spätestens 1612 ein Geheimer Ratspräsident oder -direktor den Vorsitz.202 Die Entscheidungsgewalt blieb aber bei ihm. Eindeutig sollte der Geheime Rat als Beratungsgremium dienen, der

198 StACo, LA F 5233, Casimir an Kanzler und Räte, Coburg, 18.07.1591; StACo, LA F 5230, §§ 3, 7, 9, 10, Kanzleiordnung [1594]; Heyl: Zentralbehörden, S. 42, 58 f. 199 StACo, LA F 5662, fol. 33r, Bestallung Dr. Achatus Hüls, Coburg, 29.01.1595; ebd., fol. 58r, Bestallung Volkmar Scherer, Coburg, 29.07.1597; StACo, LA F 5987, fol. 1, Casimir an die Räte, Coburg, 28.10.1594; StACo, LA F 5238, Dienerordnung, Coburg, 29.12.1600; StACo, LA A 10.919, Hof- und Geheime Ratsordnung, Coburg, 30.04.1602. 200 StACo, LA A 10.919, §§ 2−5, Hof- und Geheime Ratsordnung; Heyl: Zentralbehörden, S. 55 f. 201 Heinker: Bürde des Amtes, S. 48 f.; Müller: Fürstenhof, S. 27 f. Zu den Landständen siehe Kap. 8.2.4. 202 StACo, LA A 10.919, § 8, Hof- und Geheime Ratsordnung; StACo, LA F 5662, fol. 348v−354r, Bestallung Ernst Fomann, Coburg, 01.12.1612; StACo, LA F 5995, fol. 18v, Gutachten des Vizekanzlers Fomann, o.D.; Heyl: Zentralbehörden, S. 98.

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im Auftrag des Herzogs zu politischen Fragen Stellung bezog. Darauf fußten Casimirs Entscheidungen.203 Ähnlich verfuhr Casimir bei den Sitzungen der Landesregierung. Hier ging er aber einen Schritt weiter. Er verzichtete sogar formal auf den Vorsitz in diesem Gremium. Die Landesregierung brachte dies symbolisch zum Ausdruck, indem sie Entscheidungen unter ihrem Namen ausfertigte und Casimir keine Erwähnung darin fand.204 Auch sonst zeigte der Herzog an den einzelnen Verfahrensschritten innerhalb der Verwaltung wenig Interesse. In Zivilgerichtsverfahren und Visitationen griff er kaum ein. Ausnahmen bildeten solche Situationen, wo seine Rechte und Privilegien drohten, beschnitten zu werden. Der kontinuierliche Rückzug des Herzogs beruhte auf der allgemeinen Entwicklung „einer stetig wachsenden Verschriftlichung und der damit einhergehenden Steigerung der Arbeitslast“.205 Eine Einzelperson wie Casimir konnte dies nicht bewältigen. Die logische Konsequenz daraus war der Ausbau der landesherrlichen Verwaltung, die Differenzierung der Behörden und die Professionalisierung des Verwaltungsapparates. Dementsprechend kamen in Coburg wie auch anderswo zwei Entwicklungslinien zum Tragen. Je stärker die Institutionalisierung und Professionalisierung voranschritt, desto mehr konnte sich Casimir guten Gewissens aus dem Regierungsalltag zurückziehen. Wo jedoch Probleme auftraten, griff er in das Geschehen ein. Er setzte Kommissare für spezielle Ressorts ein, die ihm zum Teil persönlich unterstanden und ihm Rechenschaft ablegen mussten. Hier zog er politische Problemfelder wieder an sich. Schon Johann Friedrich der Mittlere schlug eine vergleichbare Herangehensweise vor.206 Sie orientierte sich an der Lehre Erasmus von Rotterdams, der dem Fürsten bei der Gesetzgebung eine Kontrollfunktion zuwies, die über der Verwaltung zu stehen habe. Würden Befehle und Verordnungen nicht befolgt, so musste er dies korrigieren. Dass Casimir die alltägliche Regierungsarbeit seinen Beamten überließ, war aus humanistischer Sicht nicht anstößig. Für Erasmus waren gute Beamte die Voraussetzung für gute Gesetze. Er bezeichnete sie sinnbildlich als Diener, die 203 StACo, LA A 10.919, §§ 8, 9, Hof- und Geheime Ratsordnung; Heyl: Zentralbehörden, S. 56 f. 204 Heyl: Zentralbehörden, S. 42. Heyl verweist zudem auf die gegenteilige Entwicklung in Kurbayern, wo die Regierung im Namen des Fürsten die Entscheidungen auch bei dessen Nichteinmischung traf. Vgl. Heyl: kurbayerische Zentralbehörden, S. 55. Eine Ausnahme bildete das Lehenswesen. Hier behielt sich Casimir die Entscheidungen vor. 205 Heinkner: Bürde des Amtes, S. 56. 206 StACo, LA A 10.857, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 09.05.1591.

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den Fürsten als Arzt bei der Gesundung des Staatskörpers unterstützten. Ihre Bedeutung unterstrich er deutlich: Die erste und höchste Aufgabe des Fürsten muß es sein, sich mit aller Kraft um den Staat verdient zu machen. Er kann sich aber durch nichts besser um den Staat verdient machen, als wenn er bemüht ist, Ämter und Aufgaben den redlichsten und für das Staatswohl interessiertesten Männern zu übertragen.207

Schließlich stellt sich die Frage nach dem Erfolg als Landesvater. Sie ist deshalb von Bedeutung, da familiäre Erfahrung und Legitimationsgründe in Casimir die Sorge vor möglichen Unruhen hochbrachten. Vordergründig spielte dies keine Rolle. Es war allerdings das zentrale und allgemeine Anliegen der Ordnungspolitiker, die Fürstenherrschaft und die dazugehörige Ständeordnung als göttlich legitimiertes Gesellschaftsmodell zu sichern und zu bewahren. Das Vorantreiben der Normierung und der Institutionalisierung belegt, dass Casimir mit eben diesen für die Zeit typischen pragmatischen Investitionen versuchte, seine politische Macht zu legitimieren und zu festigen.208 Doch wie stand es um den Erfolg, wenn oft von der Missachtung der Ordnungen und Mandate sowie von Strafverschärfungen die Rede war? Das Mandat von 1631 zeigte die Ohnmacht des Fürsten. Es beschrieb als Folge des Dreißigjährigen Krieges den religiösen und sittlichen Verfall des Landes, der mit der Verbreitung der Hexerei einherging. Casimirs Worte waren hier am eindringlichsten. Das Konzept einer religiösen Einigung und Disziplinierung des Menschen unter dem Dach des Luthertums schien gescheitert zu sein. Das wiederum musste er nun vor Gott verantworten. Krieg, Pest und Unruhe waren im Sinne der Vergeltungstheologie die folgerichtigen Strafen dieser Umtriebe. Ob er selbst als ein leuchtendes Vorbild für diese Politik stand, mag bezweifelt werden. Sein Vater forderte dies auf der Basis der humanistischen Lehre von ihm ein.209 Die Strenge, die hier zutage trat, stellte allerdings den Sinn der Policeygesetzgebung an sich nicht infrage. Denn was oberflächlich wie ein Scheitern aussah, zeigte sich als eine praxisbezogene und flexible Antwort des Gesetzgebers auf die Realität. Schwerhoff verweist dabei auf die Medizinalpolicey, an deren Entwicklung man die zunehmende Ausdifferenzierung und Präzisierung 207 Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 187, 189; vgl. Brunner: Ganzes Haus, S. 114. 208 Melville: Leben Johann Casimirs, S. 10; Staudenmaier: Gute Policey, S. 104, 108. 209 StACo, LA A 10.857, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 09.05.1591; Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 165. Vgl. Kap. 9.9.

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der Normen deutlich erkennen kann, die anfangs noch Lücken und Grauzonen aufwies.210 Zudem fehlte es am notwendigen Verwaltungsapparat. Dieser war nicht imstande, die Verordnungen und Mandate nachhaltig durchzusetzen. Die konstitutionelle Entwicklung der Gesetzgebung und der Exekutive waren noch nicht abgeschlossen. Bis zum ersten klassischen Polizeistaat im modernen Sinne unter Kaiser Joseph II. sollten noch fast 150 Jahre ins Land ziehen.211 So blieb Casimir nichts anderes übrig als seine Machtpolitik der Realität anzupassen. Sie entwickelte sich hin zu einer „akzeptanzorientierten“ oder „konsensgestützten“ Herrschaft, in welcher er mit Landständen, Experten und weiteren Interessenvertretern um den gesellschaftlichen Konsens und seiner Akzeptanz als Fürst rang. Casimir vermittelte hier zwischen den Parteien und schlug Kompromisse vor. Diese Mittlertätigkeit ist in Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um die Rechtsprechung bei Hexereivergehen deutlich geworden. Casimirs Position wurde dadurch gestärkt. Das Beispiel Moritz von Hessens führte dem Herzog vor Augen, was passiert, wenn ein Herrscher ein gestörtes Vertrauensverhältnis zu seiner Regierung und seinen Ständen besaß. Moritz musste 1627 abdanken, nachdem eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Parteien nicht mehr möglich gewesen war.212 So gesehen, waren Casimirs Machtstrategien durch pragmatische Investitionen und Normierungen erfolgreich, auch wenn seine konsensorientierte Politik im Falle der Hexenverfolgung zu grausamen Konsequenzen für die Verfolgten führten. Er nutzte die ordnungspolitischen Möglichkeiten seiner Epoche optimal aus, obwohl negative Kriegseinflüsse ab den 1620er Jahren den Erfolg seiner Politik immer mehr infrage stellten. Von seinen Untertanen verlangte er aber zuviel. Sie waren noch nicht bereit, ihre Traditio­ nen und Lebensweisen zugunsten einer sozialen Disziplinierung aufzugeben. Casimir unterschätzte die Dauer einer solchen Genese. Die so Gescholtenen erkannten sein Bemühen erst nach seinem Tod an, wie Johann Gerhard schrieb: Mit was großem Lob und Ruhm Ih. Fürstl. Gn. Solche Landes Regierung vber die vierzig Jahr geführet/ wie viel schöner Tugenden in solchem Regiment von derselben herfür geleuchtet/ auch wie Ih. Fürstl. Gn. Durch Landesväterliche Trew vnd Gütigkeit bey den Vnterthanen dieses Lob erlanget. 213 210 Schwerhoff: Ordnung, S. 27 f. 211 Vgl. Wagner: Joseph II., S. 617−622. 212 Vgl. Brakensiek: Akzeptanzorientierte Herrschaft, S. 395−406; Schwerhoff: Ordnung, S. 28; Wolff: Moritz der Gelehrte, S. 136−139. 213 *Gerhard: Oratio Funebris, fol. L IIIr; vgl. Boseckert: Leben nach dem Tod, S. 132.

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Es war die „gute Ordnung“ Casimirs, die im kollektiven Gedächtnis der Untertanen positiv hängen blieb. Dies entsprach dem langfristigen Ziel eines humanistischen Fürsten und manifestierte sich vor allem in der Gründung des Casimirianums und der Förderung des Kirchenwesens.214 Casimir hätte eine solche Rezeption sicherlich gefallen, obwohl er zeitlebens mit der Gesamtentwicklung in der Ordnungspolitik unzufrieden blieb. Das selbstgesteckte Ziel, sein Land in einen verbesserten blühenden und ansehnlichen Zustand zu bringen, konnte er auch aufgrund der von ihm nicht verschuldeten historischen Ereignisse nur teilweise erreichen.

214 Rotterdam: Fürstenerziehung, S. 199; *Wagner: Personalia Casimiriana, fol. 251v, 253v−254v.

8. Machterhalt und Machterweiterung

8.1 Familiäre Auseinandersetzungen 8.1.1 Der Vater Die Vorurteile Johann Friedrichs des Mittleren, die er gegenüber Casimir seit dessen Geburt hegte, belasteten die Vater-Sohn-Beziehung seit jeher. Je älter Casimir wurde und je länger der Vater in der Kustodie zu Wiener Neustadt verblieb, verschlechterte sich das Verhältnis der beiden zueinander. Drei Faktoren gaben dazu den Ausschlag. Seit der Leipziger Studienzeit machte Johann Friedrich seinen Sohn für die schleppend einlaufenden Deputatszahlungen verantwortlich. Zwar bemühte sich Casimir redlich, die Zahlungen zu leisten. Doch spätestens nach der Barbyschen Schuldsache erkannte er die katastrophal schlechte finanzielle Situation seines Landes, die Deputatszahlungen verbot. Der Kaiser musste deswegen sogar Casimir verwarnen. Der Herzog selbst litt unter dieser finanziell angespannten Lage.1 Dass er zeitgleich mit dem kostenintensiven Ausbau des Coburger Hofes begann, machte die Sache nicht besser.2 Zudem meinte Johann Friedrich, sein Sohn habe sich durch die Heirat mit Anna von Sachsen in den kursächsischen Einflussbereich begeben und wäre durch Graf Barby manipuliert worden.3 Mit der Regierungsübernahme intensivierte er außerdem seine Forderung gegenüber den Söhnen, alles für seine Freilassung zu tun und seine Rehabilitierung voranzutreiben. Er forderte sie dabei 1

Die Geldzahlungen ist eines der Hauptthemen der Briefe zwischen Casimir und seinen Eltern ab 1586, schwerpunktmäßig in StACo, LA A 2169, Korrespondenz Casimir-Eltern, 1586; StACo, LA A 2172, Korrespondenz Casimir-Eltern 1589; StACo, LA A 2175, Korrespondenz Casimir-Eltern, 1592; StACo, LA A 2103, fol. 189v−190r, Maria von Birckfeldt an Euphrosine von Teutleben, Heldburg, 16.07.1592; StACo, LA A 2087, Rudolf II. an Casimir, Prag, 05.12.1588. Gerade die Mahnungen des Kaisers mussten für Casimir als Demütigung wirken, wusste doch das Reichsoberhaupt über die finanzielle Lage des Fürstentums Bescheid. Vgl. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 205−207, 218. 2 StACo, LA A 2171, fol. 8, Elisabeth an Casimir, Wiener Neustadt, 23.04.1588; StACo, LA A 10.857, fol. 1, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 09.05.1591. 3 Kruse: Epitaph Teil 1, S. 204. Die Eltern warfen Casimir vor, er hätte sich dem Weiberregiment seiner Ehefrau unterworfen. Siehe: StACo, LA A 2170, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 03.07.1587; StACo, LA A 2171, fol. 8, Elisabeth an Casimir, Wiener Neustadt, 23.04.1588.

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Machterhalt und Machterweiterung

permanent und im Besonderen Casimir dazu auf, endlich die Kinderschuhe auszuziehen. Die Rechtfertigungsversuche des ältesten Sohnes liefen dabei ins Leere.4 In Anbetracht dieser Gesamtsituation mussten die Eltern den Eindruck gewinnen, von ihren Söhnen verlassen worden zu sein. Johann Friedrich vermutete dahinter ein machtpolitisches Kalkül der Berater Casimirs, vor allem von Barby und Nicolaus Zech. Der Vater sollte als Rivale um die politische Macht im Fürstentum ausgeschlossen bleiben und so die Herrschaft der Söhne gesichert werden. War die Machtfrage ein reales Problem oder eher der Fantasie Johann Friedrichs entsprungen, dessen psychische Verfassung sich durch die Kustodie zunehmend verschlechterte?5 Tatsächlich untergruben Gerüchte über Johann Friedrich am Coburger Hof dessen Autorität.6 Die Söhne bemühten sich aber redlich und fast schon unter Wettbewerbsbedingungen um die Freilassung ihres Vaters. Sie verfassten Supplikationen an den Kaiser, baten andere Fürsten um deren Unterstützung oder versuchten über die kursächsische Verwandtschaft, die Freilassung zu erreichen. Auf ihre Initiative hin bewilligten die Landstände 1594 eine Verlängerung der Steuerlaufzeit um sechs Jahre zur weiteren Finanzierung der Kustodie und der Freilassungsbemühungen. Zudem gelang es Casimir auf dem Höhepunkt seiner Aktivitäten, das Thema 1594 auf den Reichstag zu Regensburg zu bringen, den er persönlich besuchte. Johann Friedrich beäugte indes die Bemühungen seiner Söhne skeptisch bis misstrauisch.7 Der Begriff Kinderschuhe findet sich u. a. bei StACo, LA A 2169, fol. 45, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 22.11.1586 (Entwurf ); StACo, LA A 2135, fol. 11, Aufzeichnungen Veit von Heldritts nach einem Gespräch mit Johann Friedrich, Wiener Neustadt, 24.10.1594; StACo, LA A 2170, Elisabeth an Herzogin Anna, Wiener Neustadt, 06.06.1587; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 205 f. 5 StACo, LA A 2169, fol. 20, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 20.06.1586; StACo, LA A 2170, Elisabeth an Anna, Wiener Neustadt, 06.06.1587; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 205. 6 StACo, LA A 2171, fol. 24, Johann Ernst an Johann Friedrich, o.O., 12.12.1588; StACo, LA A 2172, fol. 15, Casimir an Johann Friedrich, 1589 (Post-Scriptum). 7 Zahlreiche Akten belegen die unterschiedlichen Bemühungen um die Freilassung Johann Friedrichs des Mittleren. Vgl. StACo, LA A 2086−2093, Bittschriften, 1586−95; StACo, LA A 2174, fol. 102, Johann Friedrich an Johann Ernst Ritter, Wiener Neustadt, 02.12.1591; StACo, LA F 11, fol. 169v−170r, Proposition an die Landstände, o.D.; ebd. fol. 182v, Resolution der Landstände, Coburg, 09.03.1594; StACo, LA A 2177, fol. 44−60, Regensburger Reichstag, 1594; StACo, LA B 205 und 206, Reichstag zu Regensburg, 1594, Häberlin: Teutsche Reichs-Geschichte Bd. 18, S. 625 f.; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 205, 207. Zur Skepsis Johann Friedrichs vgl. StACo, LA A 2169, fol. 24, Johann Friedrich an Casimir, Wiener 4

Familiäre Auseinandersetzungen

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Eine Freilassung schien trotz der Geheimabsprachen zwischen Dresden und Wien möglich. 1585 unternahmen Hessen-Kassel und die Kurpfalz einen Anlauf zur Begnadigung des Herzogs. Kurfürst August und Rudolf II. waren in dieser Frage erstmals gesprächsbereit. So legten die kaiserlichen Räte den hessischen und kurpfälzischen Unterhändlern eine „Nothull Capitulationis“ vor. Darin wurde Johann Friedrich dem Mittleren die Entlassung aus der Kustodie nach Coburg in Aussicht gestellt, wenn er das Fürstentum nicht verlasse und die Entscheidungen des Speyerer Reichstages und des Erfurter Teilungsvertrags anerkenne.8 Für Johann Friedrich waren diese Konditionen unannehmbar, denn sie schlossen ihn von der Herrschaftsausübung aus. In seinem Antwortschreiben brachte er das Problem auf den Punkt: „so stellet vns, gleich wol alleinn dieses bedencklich für, Das wir vnter Vnsernn geliebten kindern […] wieder alle ordnung Gottes vnd der natur gleichsamb vnterthenig sein.“9 Für ihn war es unvorstellbar, dass er als Untertan seiner Söhne zurückkehren sollte. Er sah darin eine Kollision seiner göttlichen Herrschaftslegitimation mit der vertraglich-rationalen Herrschaftslegitimation seiner Söhne. Die Ambivalenz wurde dadurch verstärkt, dass Johann Friedrich von seinen Söhnen als Familienoberhaupt anerkannt wurde. Der Herzog konnte nicht anders, als diesen Vorschlag abzulehnen. Die Kapitulation trieb jedoch einen Keil zwischen Vater und Söhne, da es die Konkurrenzsituation um die politische Macht im Fürstentum beförderte. Johann Friedrich sah seine Söhne deshalb als Konkurrenten, denen es gefiele, dass er in der Kustodie sitzen und sterben würde.10 In Wahrheit war Casimir durchaus bereit, die Regierung an seinen Vater abzugeben, genauso wie es 1552 Johann Friedrich der Mittlere nach der Freilassung seines Vaters, Johann Friedrich I., tat. Diese Einstellung belegt, wie unsicher er seine Herrschaftslegitimation sah. Johann Ernst reagierte ganz anders, pochte auf seinen Herrschaftsanspruch und lehnte jegliche Verpfändung von ernestinischen Ämtern – im konkreten Fall war hier vom Amt Salzungen die Rede – zur Finanzierung der Kustodie ab. Den Ärger des Vaters bekam Casimir alleine Neustadt, 02.08.1586; StACo, LA A 2174, fol. 98r, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 30.11.1591.   8 Die Nothull Capitulationis und die Antwort Johann Friedrichs darauf finden sich als gedruckte Quelle in: Gruner: Urkunden, S. 443−452, 457−469. Die dazugehörigen Korrespondenzen zwischen den Parteien finden sich bei StACo, LA A 2085, Bittgesuche 1585. Vgl. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 48.  9 Zit. Gruner: Urkunden, S. 460 f. 10 StACo, LA A 2169, fol. 21, Johann Friedrich an Casimir und Johann Ernst, Wiener Neustadt, 20.06.1586; Vgl. Boseckert: Selbstdarstellung, S. 20 f.

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Machterhalt und Machterweiterung

zu spüren, der unter diesem Dilemma erkennbar litt. Das Verhältnis Johann Friedrichs zu Johann Ernst gestaltete sich indes weitaus entspannter, da dieser sich gegenüber den Eltern als besserer Sohn inszenierte.11 Als die Kustodie 1594 auf dem Regensburger Reichstag zur Sprache kam, bestätigte das Gremium auf Drängen Kursachsens die „Nothull Capitulationis“.12 Da für Johann Friedrich die Annahme der Bedingungen weiterhin unannehmbar waren, blieben die Fronten verhärtet. Ein kaiserlicher Rat beschrieb diese Situation so: „Es stecket ein nagel in der wandt, der stecket nicht allein so hoch, das man ihne nicht erreichen kann, sondern man kann auch die zangen nicht finden, damit mann denselibgen außzeuchet.“13 Eine Aussöhnung zwischen Casimir und seinem Vater fand nie statt, auch weil Johann Friedrich der Mittlere die machtpolitische Position seines Sohnes völlig überschätzte und sich der Wahrheit verschloss. Daran änderte auch der einzige Besuch Casimirs bei seinen Eltern 1591 nichts.14 Ebenso wenig gab es keine innerfamiliäre Aufarbeitung der Folgen der Grumbachschen Händel. In den über 20 Jahre andauernden Briefwechsel werden sie nur einmal, im Zusammenhang mit den finanziellen Problemen des Fürstentums erwähnt.15 Als Johann Friedrich 1595 starb, war dies für die Söhne in vielerlei Hinsicht eine Befreiung. Die Herrschaftsverhältnisse waren nun geklärt, die Ambivalenz 11 StACo, LA A 10.554, fol. 17, Maria von Birckfeldt an Elisabeth, Coburg, 01.12.1589; StACo, LA A 2174, fol. 20, Johann Ernst an die Kaiserlichen Räte, Herrenbreitungen, 18.03.1591. Dort heißt es: „Doch das er an vnserer fürstlichen Hoheit auch andern vnß zustendigen gerechtigkeiten, nichts entziehen, noch abbrechen lasse, sondern unß dieselbige alle außdrucklich vorbehalte vnd vnß zuvorfang vnd nachteil gar nichts bewillige.“ StACo, LA A 2175, fol. 1r−4v, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 19.01.1592; ebd., Johann Ernst an Johann Friedrich, Weimar, 06.02.1592; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 206. 12 StACo, LA  A 2135, fol. 2v–4r, Aufzeichnungen Veit von Heldritts, Wiener Neustadt, 24.10.1594; StACo, LA A 2177, fol. 78, Achatius Hülß an Johann Friedrich, Regensburg, 11.07.1594. 13 StACo, LA A 2135, fol. 4, Aufzeichnungen Veit von Heldritts, Wiener Neustadt, 24.10.1594. Heldritt war Mitglied der Coburger Delegation, die sich auf dem Regensburger Reichstag befand. 14 StACo, LA A 2174, fol. 31, Casimir an Johann Friedrich, Wien, 28.04.1591; ebd., fol. 46, Johann Friedrich an Johann Ernst, Wiener Neustadt, 26.05.1591. Weitere Besuche waren aufgrund der schlechten finanziellen Situation nicht möglich. Vgl. Kruse: Epitaph Teil 1, S. 209, 218. Johann Ernst besuchte die Eltern zweimal (1590 und 1591) und heiratete dort die Gräfin Elisabeth von Mansfeld. 15 StACo, LA A 2177, fol. 103, Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 02.11.1594; Kruse: Epitaph Teil 1, S. 209.

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aufgelöst. Bis zu diesem Zeitpunkt war Casimir bereit, ins zweite Glied zurückzugehen, was sich vor allem in der Baupolitik bemerkbar machte. Gerade hier gewinnt man den Eindruck, als hätte er bis 1595 das Fürstentum nur verwaltet und nicht gestaltet. Sein Bruder besaß viel weniger Skrupel im Kampf um die politische Macht. Zudem fiel bei Casimir der Druck, sich immer von neuem als guter Sohn getreu dem 4. Gebot des Alten Testaments zu beweisen. Doch gerade dies gelang ihm zu Lebzeiten seines Vaters nie, was seinen Ehrgeiz beim Bau des Epitaphs erklärbar macht.16 Nach dem Tod Johann Friedrichs zielten die Söhne weiterhin auf eine Rehabilitierung ihres Vaters. Sie forderten vom Kaiser die Streichung einer Passage aus ihrem Lehensbrief von 1587. Darin wurde Johann Friedrich dem Mittleren eine Rebellion gegen Kaiser und Reich, die Beleidigung des Reichsoberhaupts und Hochverrat (reus majestatis) unterstellt. Die Söhne begründeten ihren Wunsch damit, dass sie die Interessen ihres Vaters nach dessen Tod weiter vertreten wollten. Außerdem entstünde durch die Beibehaltung der „clausull“ der Eindruck, der Kaiser könne Johann Friedrich nicht einmal im Tod vergeben. Auch würde dadurch die Erinnerung an die Grumbachschen Händel wachgehalten. Nach Ansicht der Brüder befördere dies nur das Misstrauen zwischen ihnen und dem Kaiser. Zudem verwiesen sie darauf, dass ihr Vater für sein Vergehen mit einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe belegt wurde. Doch Rudolf II. lehnte eine Änderung ab. Erst unter seinem Nachfolger Matthias und mit der Unterstützung Kursachsens wurde die Passage im neu ausgestellten Lehensbrief von 1613 gestrichen.17 Johann Friedrich war damit politisch vergeben worden. Die Söhne erreichten so ihr Ziel; die vollständige Rehabilitierung ihres Vaters durch Kaiser und Reich. Casimir gelang es damit, jegliche Zweifel an seiner Herrschaftslegitimation beiseitezuwischen. Er hatte damit ein großes politisches Ziel erlangt, was auch seiner Familie zugutekam. Die Folgen der Grumbachschen Händel verschwanden so von der politischen Agenda. Was von Johann Friedrich dem Mittleren blieb, war die mediale Strategie eines Märtyrers des lutherischen Glaubens, die 16 Vgl. Kap. 6.2. 17 StACo, LA B 47, fol. 2 f., Gutachten, Coburg, 10.07.1612; ebd., fol. 5, Begründung der Änderung des Lehensbriefes, o.D.; ebd., fol. 49 f., Casimir an die Räte, Coburg, 24.02.1613; StACo, LA C 252, fol. 35r−38v, Herzöge an Rudolf  II., o.O., 22.01.1597; StACo, StA-Urk 1104, Lehensbrief Rudolfs II., Prag, 17.02.1587; StACo, LA B 49, Lehensbrief Kaiser Matthias an die Herzöge, Wien, 26.02.1613; SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 9608/4, Regalien und Reichslehen, 1611−13; Huschke: Ernestiner, S. 16.

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Casimir mit dem Epitaph in St. Moriz symbolisch umsetzte. Er musste nun keine Rücksicht mehr auf die unrühmliche Rolle seiner Familie in der Vergangenheit nehmen. 8.1.2 Der Bruder Eine Konkurrenz um die politische Macht erwuchs auch in Casimirs Bruder Johann Ernst. Nach 1586 übernahm Casimir nach wettinischem Gewohnheitsrecht alleine die Regierung und führte sie im Namen seines Bruders. Weitergehende Regelungen gab es nicht. Zunächst versuchte er seinen Bruder auf Kavalierstour zu schicken. Doch dergleichen Ansinnen an den württembergischen Herzog und den dänischen König zerschlugen sich.18 Johann Friedrich der Mittlere kritisierte Casimir heftig dafür, dass er seinen Bruder „von einem Hof zum andern schupsen thut“.19 Schließlich trug sich Johann Ernst mit der Idee, in den Achten Hugenottenkrieg an die Seite König Heinrichs  IV . nach Frankreich zu ziehen.20 Es kam jedoch anders, da er sich 1589 mit der Gräfin Elisabeth von Mansfeld verlobte. Für den Coburger Hof bedeutete dies einen Zuwachs an Bediensteten. Daher entschlossen sich die Brüder, die gemeinsame Hofhaltung aus Kostengründen und aus Sorge vor Streitigkeiten zwischen dem jeweiligen Gesinde zu trennen. Sie baten ihren Cousin, Friedrich Wilhelm I. von Weimar, um Vermittlung.21 Die bisherige Form der Herrschaftsausübung sollte beibehalten werden, Johann Ernst die Einkünfte aus einigen thüringischen Ämtern erhalten, wofür ihm die Steuerhoheit zugesichert wurde. Daneben durfte er als oberster Gerichts- und Lehensherr des dort ansässigen Niederadels fungieren. Auf eine weitergehende Vereinbarung wurde wegen einer möglichen Rückkehr und 18 StACo, LA A 2169, fol. 27 f., Johann Ernst an seine Eltern, Coburg, 18.09.1586; StACo, LA A 2170, Casimir an Johann Friedrich, 24.05.1587 und Johann Ernst an Johann Friedrich, Coburg, 27.06.1587; StACo, LA A 2171, fol. 5, Johann Ernst an Johann Friedrich, Coburg, 29.02.1588; ebd., fol. 20, Johann Ernst an Elisabeth, Coburg, 20.06.1588, StACo, LA A 2199, Kavalierstour Johann Ernsts am Stuttgarter Hof, 1588; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 37. 19 StACo, LA A 2170, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 05.06.1587. 20 StACo, LA A 2172, fol. 37 f. und 41, Johann Ernst an seine Eltern, Coburg, 13./16.10.1589. 21 StACo, LA A 2173, fol. 1−5, Casimir an seine Eltern, Coburg, 17.01.1590; ebd., fol. 7 f., Johann Ernst an Elisabeth, Coburg, 18.01.1590; StACo, LA C 237 / ThHStAW, Eisenacher Archiv, Hof und Haushalt 2806, Mutschierungsvertrag, Coburg, 13.02.1590.

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Regierungsübernahme Johann Friedrichs des Mittleren verzichtet. Der vereinbarte Mutschierungsvertrag (1590) sagte dem jüngeren Bruder zudem finanzielle Unterstützung bei dessen Hochzeitsfeierlichkeiten und dem Aufbau seines Hofwesens zu. Zugleich wurde Schloss Creuzburg bei Eisenach als Wohnsitz des Paares bestimmt.22 Doch Casimir konnte aufgrund der schlechten finanziellen Lage diese Zusage nicht einhalten. Der vereinbarte Umbau von Schloss Creuzburg kam nicht zustande, sodass Johann Ernst bis Mitte 1592 bei der Patin seiner Frau, der Gräfin Sophie von Henneberg, auf Schloss Herrenbreitungen bei Salzungen residieren musste. Danach bezog er das durch Michael Frey repräsentativ neu gestaltete Schloss Marksuhl bei Eisenach, dass ihm nicht einmal gehörte.23 Für ihn kam dies einer Demütigung gleich, wie aus der Ergänzung des Mutschierungsvertrages hervorgeht. Er gewann den Eindruck, sein Bruder habe ihn „uffen dorff undt unverwahrett sitzenn“ gelassen.24 Zudem reichten die Einkünfte aus den Ämtern nicht aus, um den Unterhalt des Herzogs zu finanzieren. Johann Ernst bat deshalb seinen Vater um Hilfe und forderte die Einnahmen weiterer Ämter u. a. von Eisenach. Zudem griff Casimir in die Autonomie seines Bruders ein, als er ohne vorherige Absprache für das Amt Gerstungen, dessen Erträge an Johann Ernst gingen, einen neuen Vorsteher ernannte.25 Dass Casimir nach außen hin in einem repräsentativen zeremoniellen Hof lebte, ließ die Kluft zwischen den Brüdern weiter anwachsen und trieb Johann Ernst in die Arme seiner Eltern, die dem Hofgebaren selbst ablehnend gegenüberstanden. Der Coburger Herzog sah sich als Opfer einer verheerenden Außenwirkung, welche die Ausdehnung seines Hofes mit sich brachte. Er fühlte sich daher von seiner Familie missverstanden und litt unter deren Vorwürfen.26 Johann Ernst zeigte 22 StACo, Urk  LA C 31, Mutschierungsvertrag, Coburg, 13.02.1590, abgedr. bei Hellfeld: Beiträge Bd. 3, S. 75−82; Huschke: Ernestiner, S. 16. 23 StACo, LA A 2174, fol. 98r−100v, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 31.11.1591; StACo, LA A 11.762, fol. 6, Abrechnung von Michael Fey, 1595; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 38. Den Aufenthalt in Herrenbreitungen belegen die Briefe Johanns Ernsts an seine Eltern (StACo, LA A 2174 und 2175). 24 StACo, LA C 237, fol. 8v, Ergänzung zur Mutschierungsvereinbarung, Tenneberg, 13.08.1593. 25 StACo, LA A 2201, Instruktion für Bastian von Stein, Neustadt a.d. Heide, 01.09.1591; StACo, LA A 174, fol. 98r−100v, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 30.11.1591. 26 StACo, LA A 2103, fol. 189v−190r, Maria von Birckfeldt an Euphrosine von Teutleben, Heldburg, 16.07.1592. Maria von Birckfeldt überbrachte Casimir 1592 einen Brief von seinen Eltern. Dessen Reaktion berichtete sie der Hofdame Herzogin Elisabeths, Euphrosine von Teutleben. Beim Lesen des Briefes seien ihm die Tränen gekommen und er sagte: „Ach,

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sich fortan kompromisslos. Zwar gelang 1593 nochmals ein Ausgleich, der drei Jahre gelten sollte. Doch die gespannte Lage zwischen den Brüdern förderte die Emanzipationsbemühungen Johann Ernsts enorm. Bereits nach 1591 forderte er eine Landesteilung. Casimir und seine Räte lehnten das Ansinnen aus ratio­ nalen Gründen ab. Sie zweifelten die ökonomische Lebensfähigkeit von zwei Territorien an, wiesen auf zusätzliche Ausgaben hin und erinnerten an die im Hause Wettin übliche Anwendung der Primogenitur, wie es die Goldene Bulle vorschrieb.27 Gerade dieser Bezug ist staatsrechtlich interessant, da die Primogenitur nur für kurfürstliche Häuser galt, also für die Ernestiner bis 1547. Dies schloss aber Mutschierungsverträge nicht aus. Casimir bestand wie sein Vater auf der Beibehaltung der kurfürstlichen Tradition. Diese Ambivalenz zu den realistischen Verhältnissen mussten die Juristen klären.28 Die Forderung nach einer Landesteilung ließ die brüderliche Beziehung endgültig in die Brüche gehen. Man ging sich über zwei Jahre aus dem Weg und ein Zeitzeuge schrieb von vielen verdrießlichen Schriften, Irrungen und Missverständnissen, welche die Mutschierung von 1590 noch verstärkte.29 1594 kündigte Johann Ernst fristgemäß den Vertrag und forderte nun die Landesteilung ein, die nach dem Tode Johann Friedrichs des Mittleren 1595 als realistisch erschien. Da die Verhandlungen zwischen den Brüdern scheiterten, musste Friedrich Wilhelm I. erneut vermitteln. Es gelang ihm, unter schwierigsten Bedingungen 1596 einen neuen Mutschierungsvertrag auszuhandeln, nachdem Johann Ernst keine Verbündeten für seine Idee der Landesteilung finden konnte.30 das ich doch sturbe, es wirdt nich besser mitt mir, mein her vatter undt fravmutter [werden] am jungsten dag mein hertz sehn, so sey Gott mein zeuge, das ich meinen bruder gern viel geben woltt, wans da wer. Ach die grosse schultt, der barmhertzig Gott, der gebe ein gnediges mittel auf beyden theil.“ 27 StACo, LA C 238, fol. 2r−3v, Bedenken der Räte Casimirs [n. 1591]; StACo, LA C 245, fol. 2, Rechtsgutachten zur Primogenitur, Coburg, 30.12.1595; StACo, Urk LA C 32, Ergänzung zum Mutschierungsvertrag, Tenneberg, 13.08.1593, abgedr. bei Arndt: Archiv der sächsischen Geschichte Bd. 3, S. 408−412; Lünig: Goldene Bulle, Kap. VII, § 2. 28 Die Akten StACo, LA C 238 und 245 beschäftigen sich ausführlich mit der Frage. Casimir wurde dabei vom Nürnberger Advokaten Johann Herold und dem Ordinarius der Akademie Altdorf, Petrus Wesenbeck, beraten. 29 StACo, LA C 258, fol. 3, Zeitzeugenbericht, o.D.; StACo, LA C 254, fol. 3v, Protokoll des Treffens zu Schleusingen, 1596; StACo, LA A 2174, fol. 54 f., Casimir an Johann Friedrich, Coburg, 14.06.1591; ebd. fol. 45, 61 f., Johann Ernst an Johann Friedrich, Herrenbreitungen, 25.05./28.06.1591. 30 StACo, Urk  LA C 34, Mutschierungsvereinbarung, Schleusingen, 25.08.1596; Kopie in: ThHStAW, Weimarer Archiv, A 2004, fol. 100−110; ebd., fol. 78r−97v, Protokoll der Schleu-

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Doch Casimir und Johann Ernst kamen zum Schluss, dass eine erneute Mutschierung ihre Probleme nicht lösen könne. Sie begannen deshalb, separate Verhandlungen miteinander zu führen. Casimir gab dort dem Drängen seines Bruders nach und akzeptierte die Landesteilung. Der ausgehandelte Vertrag vom Dezember 1596 regelte die Größe der Landesportionen, wobei Johann Ernst ein kleineres Gebiet um Eisenach und die Besitzungen in Ostheim v.d. Rhön erhielt. Als Ausgleich übernahm Casimir alle exterritorialen Lasten wie Reichs- und Kreissteuern sowie den Anteil am Unterhalt der gemeinsamen Einrichtungen in Jena. Der Coburger Herzog erhielt deshalb rd. zwei Drittel der Einnahmen aus den Ämtern. Nur die gemeinsamen Schulden, die sich 1594 auf 718.818 Gulden beliefen (1589: 596.835 Gulden), teilten sie je zur Hälfte auf.31 Eine Landesteilung kam dennoch nicht zustande, da Kaiser Rudolf  II. aus juristischen Gründen seine Zustimmung dazu verweigerte und deshalb auch keine separaten Lehensbriefe ausstellen ließ. Die ausgehandelte Vereinbarung erhielt dadurch den Charakter eines Erbsonderungsvertrages.32 Die Einheit des Territoriums blieb so formal bestehen. Es entstand ein staatlicher Aufbau, der mit heutigen Maßstäben am ehesten mit einem föderativen Konstrukt in Verbindung zu bringen ist. Es gab separate Institutionen wie Kanzleien und Rentkammern, aber auch gemeinsame Einrichtungen wie den Landtag oder eine gemeinsame Währung. Nach außen vertrat Casimir die beiden Fürstentümer alleine. Diese staatsrechtliche Konstruktion blieb zu Casimirs Lebzeiten bestehen und schuf die Rechtssicherheit, die er zum Bestand seines Machtbereichs benötigte. Die Einigung von 1596 versöhnte zudem die Brüder miteinander. Nach Unterzeichnung singer Verhandlungen, 1596. In StACo, LA C 250, finden sich Unstimmigkeiten und die Bitte von Umformulierungen zum Vertragstext von beiden Seiten. Huschke: Ernestiner, S. 16; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 38 f. 31 StACo, LA F 10, fol. 353, Landtagssachen 1589; StACo, LA C 243, fol. 12v, Verzeichnis der Kammerschulden, 1594; StACo, Urk LA C 33, Erbsonderungsreceß zwischen Casimir und Johann Ernst, Eisenach, 04.12.1596; abgedr. bei Hellfeld: Beiträge Bd. 3, S. 83−89; Haslauer: Neubeginn, S. 24. 32 Die Begründung der Ablehnung Rudolfs  II. formulierte der Kammersekretär Siegmund Heußner an Casimir. Darin heißt es: „was die Belehnung belangen thette, weyll dieses keine theilung sondern nur eine Erbsonderung, so der ellter des Jungern bruders mitt einer Portion Landes abweisen, und doch ins gesambtten Belehnung bleiben thetten, so bedörffe es auch keiner sonderlichen underschiedlichen Lehenbrieff sondern köntte zu einem wie zuvor doch mit anziehung des Erbsonderungvertrags und der keyserlichen confirmation verrichtet werden, da sonst es größer costen, Zeitt und muhe darauff lauffen auch vonnötten sein würde.“ Vgl. StACo, LA C 252, fol. 117, Heußner an Casimir, Prag, 10.03.(greg.)/20.03. (jul.) 1597.

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des Vertrages gelobten beide, dass damit ihre Ansprüche abgegolten seien, und schlossen in einem symbolischen Akt miteinander Frieden. Die Beziehung zwischen den Brüdern gestaltete sich danach als sehr freundschaftlich und blieb bis Casimirs Tod bestehen. In politischen Fragen bemühte man sich in der Folge um einen regen Austausch und Konsens.33 Dagegen verschlechterten sich die Beziehungen zu Friedrich Wilhelm I. nachhaltig. Die Versöhnung bildete den Auftakt zum Konflikt mit Weimar.34 Die vorgestellten Beziehungen zu Vater und Bruder belegen, dass Casimirs Herrschaft auch nach 1586 nicht gesichert schien. Das weitere Schicksal des Vaters war ebenso ungewiss wie der Bestand des Landes, der durch die Ansprüche des Bruders in Gefahr geriet. Casimir schob letzteres Thema vor sich her, ohne den Ehrgeiz zu besitzen, darauf einzugehen. Johann Ernst entwickelte sich so zu einem zähen und ehrgeizigen Konkurrenten um die Macht, welcher für die Herrschaftsausübung die notwendige Kaltblütigkeit besaß. Das machte sich in der Frage um die Freilassung Johann Friedrichs des Mittleren und dessen möglicher Übernahme der Regierung deutlich bemerkbar. Diese Faktoren mussten zu einem erbitterten Streit um die Macht führen. Johann Ernst zeigte sich hier als gewiefter Taktiker. Casimirs Herrschaftsattitüden nutzte er zu einem Bündnis mit seinem Vater. Der familiären Opposition hatte Casimir wenig entgegenzusetzen. Er fühlte sich stattdessen missverstanden. Eine Aussöhnung kam erst nach dem Tod Johann Friedrichs zustande, der in seinem Testament die Söhne zur Einigkeit nach Vorbildern im Herzogtum Bayern, bei den Staufern und in der Beziehung zwischen dem sächsischen Kurfürsten Friedrich  II. und dessen Bruder Wilhelm III. aufrief.35 Die Einigung beinhaltete eine Landesteilung, die durch ein kaiserliches Veto zu einem Erbsonderungsvertrag bzw. zu einer Mutschierung abgemildert wurde. Daraus entstand das Fürstentum Eisenach, das mit Coburg institutionell und politisch eng verbunden war. So gelang es in der 33 *Gerhard: Oratio Funebris, fol. N IIIv−N IVr. Die symbolische Handlung hat ein unbekannter Augenzeuge niedergeschrieben: „Nächst diesen wurden von beyden Theilen die Verträge gedoppelt unterschrieben und besiegelt: Darauff Hertzog Johann Casimir Hertzog Johann Ernsten mit diesen verbindlichen Worten die Hand geboten: Bruder dieweil wir nun gäntzlich und zu Grund verglichen so will ich dir hiermit meine Hand an Eydes statt geben und zusagen daß ich allen demselben wie verglichen und abgelesen nachkommen will versehe mich du werdest deines Theils auch dergleichen thun. Darauff Hertzog Johann Ernsten ihme hinwieder die Handgeben an Eydes statt zugesaget dieses alles steiff und fest zu halten.“ (StACo, LA C 258, fol. 7); Hönn: Historia Bd. II, S. 225. 34 Vgl. Kap. 6.3. 35 StACo, LA A 10.857, Johann Friedrich an Casimir, Wiener Neustadt, 09.05.1591.

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Außendarstellung, das gemeinsame Erbe und den Frieden zwischen den Brüdern zu erhalten. Verlierer dieser Entwicklung war Herzog Friedrich Wilhelm I., der sich nur kurz über seinen Vermittlungserfolg erfreuen konnte. Auf den brüderlichen Konflikt folgte der Streit mit dem Weimarer Cousin. 8.1.3 Die Weimarer Vormundschaft Friedrich Wilhelm I., der sich in den Verhandlungen als Gegner einer Landesteilung entpuppte, erlebte nach der Aussöhnung Casimirs und Johann Ernsts 1596 eine ähnliche Auseinandersetzung mit seinem Bruder Johann III. um das Fürstentum Weimar. Auch hier kam es zu zähen Verhandlungen, die erst durch den Tod Friedrich Wilhelms im Jahre 1602 beendet wurden. Unter der Vermittlung Kursachsens und Pfalz-Neuburgs kam schließlich 1603 eine Landesteilung zustande. Johann erhielt dabei das Fürstentum Weimar, die minderjährigen Söhne Friedrich Wilhelms das neu gegründete Fürstentum Altenburg, das sogleich unter kursächsische und weimarische Vormundschaft fiel.36 Ende Oktober 1605 starb überraschend Johann III. und hinterließ acht minderjährige Söhne. Casimir als Senior des ernestinischen Hauses und nächster Verwandter schickte sich sogleich an, die Vormundschaft zu übernehmen.37 Der Herzog erkannte neben der familiären Verpflichtung eine machtpolitische Perspektive zu Lasten Kursachsens. Welche Bedeutung eine Vormundschaft dabei einnahm, wusste er aus eigener Erfahrung mit der kursächsischen Einflussnahme auf seine Person. Seine Legitimation beruhte neben dem im Hause Wettin üblichen Gewohnheitsrecht u. a. auf dem Suhler Vertrag, in dem die meisten Irrungen zwischen beiden Linien ausgeräumt wurden. Der Vertrag beinhaltete die Neuregelung der Primogeniturordnung, die seit 1593 von Casimir und seinem Bruder angefochten wurde. So kamen beide Parteien darüber ein, dass die Regelungen des Vertrags von Langensalza nicht zum Nachteil der Söhne Johann Friedrichs des Mittleren hätten angewendet werden dürfen. Nach der Auffassung der Juristen legitimierte bereits die Restitution von 1570 die Herzöge für die Erbfolge. In Suhl akzeptierten nun Casimir und Johann Ernst gegen eine finanzielle Entschädigung die bestehende Regelung, welche die Weimarer Linie 36 Huschke: Ernestiner, S. 52−55; Brather: Ernestinische Landesteilungen, S. 44−52. 37 StACo, LA A 1017, fol. 32−36, Casimir an Herzoginwitwe Dorothea Maria, Oeslau, 08.11.1605 (Kopie in: StACo, LA A 1019, fol. 10r−13v); ebd., fol 37 f., Casimir an die Weimarer Räte, Oeslau, 08.11.1605.

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bevorzugte. Sie setzten aber ihre Beteiligung an der wettinischen Erbfolge und der Erbverbrüderung als nachgeordnete Linie durch. Die Darstellung Johann Friedrichs des Mittleren als Geächteter wurde zurückgewiesen.38 Neben dem Suhler Vertrag konnten die Juristen noch über 20 weitere Punkte feststellen, die für eine rechtliche Vertretung Casimirs sprachen. Der Herzog war daher von der positiven Antwort Rudolfs  II . überzeugt, der die Vormundschaft bestätigen musste.39 Das Vorgehen Casimirs erzürnte Kurfürst Christian II., der ebenfalls Ansprüche anmeldete. Er berief sich auf die Einhaltung des Vertrages von Langensalza und die Nachfolgeregelungen, die im Kontext der Restitution getroffen wurden. In zwei Konzessionsbriefen an Herzog Johann Wilhelm und Kurfürst August bestätigte Kaiser Maximilian II. 1572/73 die bestehende Primogeniturordnung und schloss diese damit von der Restitution aus.40 Diese beiden gegensätzlichen Rechtsauffassungen mussten zwischen Casimir und Christian zu einer Konfrontation führen. Waren die Beziehungen wegen der Kustodie Herzogin Annas bereits auf dem Tiefpunkt angelangt, so schürte die Geheimkorrespondenz zwischen Casimir und Rudolf II., in welcher der Herzog dem Kurfürsten die Anmaßung der Vormundschaft vorwarf, das Misstrauen untereinander. Schon die kursächsische Vormundschaft in Altenburg sah Casimir als Betrübnis an. Er fürchtete eine vergleichbare verheerende politische Entwicklung für die Ernestiner wie 1572/73, als Kurfürst August über die Vormundschaft die Hegemonialstellung seines Landes in Thüringen zu festigen versuchte. Doch Casimir fehlte für die Durchsetzung seiner Ansprüche die politische Kaltschnäuzigkeit. Während er den vorgeschriebenen institutionellen Weg beschritt, nahm Kursachsen Mitte November 1605 die Weimarer Räte in die Pflicht.41 38 StACo, Urk LA D 26, Suhler Vertrag vom 01.08.1599, abgedr. bei Arndt: Archiv der sächsischen Geschichte Bd. 3, S. 415−418; StACo LA A 1017, fol. 39−43, Casimir an Albrecht von Steinau, genannt Steinrück, Oeslau, 08.11.1605; ThHStAW, Weimarer Archiv, DS 107, fol. 3−21, Beschwerden Coburgs wegen der Erbfolge in Kursachsen und Henneberg, 1593. 39 StACo, LA A 1017, fol. 59−61, Casimir an Rudolf II., Coburg, 14.11.1605; ebd., fol. 162r−183v, Gutachten zur Vormundschaft Casimirs, o.D. 40 StACo, LA A 1019, fol. 124−129, Kaiserlicher Konzessionsbrief für Herzog Johann Wilhelm, Wien, 19.07.1572 (Kopie); ebd., fol. 130r−134v, Kaiserlicher Konzessionsbrief für Kurfürst August, Wien, 25.09.1573 (Kopie); ebd., fol. 260, Christian II. an Rudolf II., Torgau, 10.11.1605 (Kopie). 41 StACo, LA A 1017, fol. 34v, Casimir an Herzoginwitwe Dorothea Maria, Oeslau, 08.11.1605; ebd., fol. 63 f., Casimir an Rudolf II., Coburg, 14.11.1605; ebd., fol. 91v, Casimir und Johann Ernst an Kanzler und Räte, Oeslau, 16.11.1605; StACo, LA A 1019, fol. 218r−219v, Marcus Gerstenberger und Georg Albrecht von Kromdorf an Casimir, Altenburg, 08.12.1606;

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Die Weimarer Regierung indes präferierte, ebenfalls aus den negativen Erfahrungen der 1570er Jahre, eine coburgische Vormundschaft. Doch spielten politische und juristische Erwägungen eine größere Rolle, sodass man sich der Übernahme der Vormundschaft durch Kursachsen nicht verschloss. Juristisch gab es aufgrund der geschlossenen Verträge keine andere Möglichkeit und politisch wollten die Räte die Beziehungen zu Kursachsen nicht unnötig belasten. Schließlich benötigte man den Kurfürsten noch als Vermittler im 1603 ausgebrochenen Präzedenzstreit mit Altenburg.42 Nach außen hin ging man daher auf Casimirs Ansprüche nicht ein. Offener zeigte sich dagegen Herzoginwitwe Dorothea Maria, die gegen Kursachsen eine distanzierte Haltung einnahm. 1608 und 1611 versuchte sie erfolglos, die Vormundschaft über ihren ältesten Sohn Johann Ernst I. zu beenden. Ihre Vorbehalte gegenüber der kursächsischen Hegemonie rührten von ihrer Familie, den Askaniern in Anhalt, her, die schon länger den Machtgebärden des Kurfürsten in Mitteldeutschland skeptisch gegenüberstand.43 Unter diesen Bedingungen war Casimir ein willkommener Gesprächspartner für die Herzogin. Die überlieferte Korrespondenz belegt einen intensiven Briefwechsel zwischen beiden und mit den Söhnen. Sie berichteten über ihre Erziehungsfortschritte, tauschten Personal und Geschenke miteinander und vereinbarten Treffen, vor allem dann, wenn der Herzog in Tenneberg und die Weimarer Familie im vier Kilometer entfernten Reinhardsbrunn weilte. Casimir zeigte sich bei den Treffen als treusorgender Ersatzvater. Besonders zu Johann Ernst I. und seinem Bruder Ernst den Frommen entwickelte sich eine enge Beziehung.44 SächsHStAD, Bestand 10.024, Geheimer Rat, Loc. 10.667/16, Johann Kasimirs zu Sachsen angemaßte Vormundschaft der weimarischen Linien, 1606; Huschke: Ernestiner, S. 102; vgl. Kap. 3.2.4. 42 ThHStAW, Weimarer Archiv, A 1769, Akten zur Weimarer Vormundschaft; Schilling: Konfessionalisierung und Staatsinteressen, S. 28, 161; Huschke: Ernestiner, S. 102. Im Präzedenzstreit ging es um den Vorrang in der Erbfolge im Falle des Aussterbens der Albertiner sowie den Vortritt im Zeremoniell an anderen Höfen und auf Kongressen. Das Vortrittsrecht beeinflusste die persönliche Ehre des jeweiligen Fürsten und das Ansehen der Dynastie zum Positiven. Erst 1672 löste sich das Problem mit dem Aussterben der Altenburger Linie auf. 43 Nicklas: Macht oder Recht, S. 183−187, 197; Huschke: Ernestiner, S. 105 f. Einer von Dorothea Marias Halbbrüdern war der zum Calvinismus konvertierte Christian I. von Anhalt-Bernburg, der seit 1595 als kurpfälzischer Statthalter in der Oberpfalz fungierte, damit Friedrich V. von der Pfalz diente und an dessen Seite er im Böhmisch-pfälzischen Krieg gegen den Kaiser zu Felde zog. Vgl. Schubert: Christian I., S. 221−225. 44 Die Korrespondenzen finden sich in StACo, LA A 10.685, Briefwechsel mit Herzoginwitwe Dorothea Maria, 1605−17, und StACo, LA A 10.687, fol. 2−75, Briefwechsel mit den Söhnen,

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Während die familiäre Annäherung glückte, scheiterte Casimir politisch mit seiner Forderung nach der Vormundschaft. Zwar rief Rudolf II. beide Parteien zum Vergleich auf. Doch weitere Eingriffe vermied der Kaiser und beantwortete nicht einmal die zahlreichen Supplikationen des Herzogs. Die letzte verfasste Casimir 1607.45 Auch sonst fand er kaum Unterstützung für sein Vorhaben.46 An einen Vergleich war ebenfalls nicht zu denken, wie der Coburger Kanzler Volkmar Scherer nach Gesprächen mit dem kursächsischen Rat von Brandenstein seinem Herrn mitteilen musste.47 Dennoch bemühte sich Casimir spätestens seit Herbst 1606 um einen Ausgleich. Er ließ sich dabei vom Altenburger Kanzler Marcus Gerstenberger beraten, der einen guten Kontakt zu den Höfen in Dresden und Prag pflegte. Mit seiner Hilfe schien eine Aussöhnung möglich. Gerstenberger selbst hielt die Ansprüche Casimirs für wenig juristisch stichhaltig und forderte ihn daher zum Umdenken auf.48 Tatsächlich kamen Verhandlungen in Gang, die offenbar von kursächsischer Seite sabotiert wurden. 1608 tauchte von auswärts das Gerücht auf, dass Casimir und sein Bruder „zwar zu den landen restituiret, aber a dignitatibus excludiret“ seien.49 Die kursächsische Propaganda nutzte die Verfehlungen Johann Friedrichs des Mittleren aus, um Casimirs politische Ambitionen in die Schranken zu weisen. Für den Herzog war das ein schwerer Schlag. Seine Bemühungen, das Ansehen des Hauses wieder zu steigern, schienen gescheitert zu sein. Casimir ließ sich die Beschneidung seiner Legitimation aber nicht gefallen. Schon zehn Jahre zuvor beschwerte er sich beim Bamberger Bischof Neidthardt von Thüngen über eine ihm zugegangene 1606−14. So schrieb Johann Ernst I.: „Inn Jüngsthin zu Heldburg geschehenen vetterlicher bezeigunge vnd wiederfahrnen gutthaten, erfreuet mich nicht wenig die Mütterliche affection, derer gegen mir sich ercleret, in dem sie mich zu dero Sohn aufgenommen.“ (StACo, LA A 10.687, fol. 7, Johann Ernst an Margarethe, Ichtershausen, 11.10.1607). Vgl. den Briefwechsel mit Ernst dem Frommen (1620−32) in StACo, LA A 10.694; Beck: Leben und Lande, S. 11. 45 StACo, LA A 1017, fol. 258, Rudolf II. an Casimir, Prag, 20.01.1606; ebd. fol. 262, Rudolf II. an Christian  II., Prag, 20.01.1606; ebd. fol. 393r−394v, Casimir an Rudolf  II., Coburg, 05.10.1607; Huschke: Ernestiner, S. 102. 46 StACo, LA A 1017, fol. 198 f. Moritz von Hessen an Casimir, Kassel, 10.01.1606; ebd., fol. 271r−272v, Waldenfels an Casimir, Kölln a.d. Spree, 10.02.1606; ebd., fol. 275−277, Ludwig von Hessen an Casimir, Darmstadt, 16.01.1606. 47 StACo, LA A 1017, fol. 251r−252v, Brandenstein an Scherer, Dresden, 13.03.1606. Dort hieß es, dass eine Aussprache „meines erachtens mehr zu wünschen den zu hoffen“ wäre. 48 StACo, LA A 1019, fol. 218−264, Korrespondenz zwischen Casimir und Gerstenberger, 1606/07. 49 StACo, LA A 1012, fol 7, Casimir an Gerstenberger, Tenneberg, 03.08.1608 (Post-Scriptum). A dignitatibus excludiret = von den fürstlichen Würden ausgeschlossen sein.

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Rezepisse seiner Kanzlei, in der er wegen seiner fürstlichen Titel beleidigt wurde. Casimir stellte klar, dass er seine Titel ordnungsgemäß vom Kaiser erhalten hatte, und forderte den Bischof auf, solche Nachlässigkeiten nicht einreißen zu lassen und den Kanzleistil zu wahren. Thüngen entschuldigte dies als Versehen seiner Beamten.50 Zehn Jahre später befahl Casimir seinen Juristen, ein Gutachten zu erstellen, das seine fürstlichen Würden verteidigte. Dieses Gutachten schickte der Herzog an den Kaiserhof in Prag und bat um Begutachtung der Angelegenheit. Zugleich entstand zwischen Casimir und Gerstenberger erneut ein Briefverkehr. Der Kanzler beruhigte, wohl auch im Sinne einer Aussöhnung mit Kursachsen, den Herzog und antwortete, dass das Gutachten nicht nötig gewesen wäre. Er bestritt, dass jemals ein ehrlicher Mann die fürstlichen Würden Casimirs angezweifelt hätte. Wer dies dennoch tue, wäre ein Ignorant. Der Herzog ließ sich durch diese Antwort beruhigen.51 Die Aussöhnung mit Kursachsen geriet nicht in Gefahr. Sie vollzog sich mit einem Besuch Casimirs in Dresden im April 1609, nachdem bereits im Jahr zuvor erste Kontakte mit dem Bruder des Kurfürsten Johann Georg geknüpft worden waren. Casimir verzichtete dabei auf die weitere Vormundschaft. Danach setzte erstmals seit 1601 wieder eine dauerhafte, aber oberflächliche Korrespondenz zwischen den Parteien ein, die bis zum Tod des Kurfürsten 1611 anhielt.52 War nun Casimir der Verlierer in der Vormundschaftsfrage? Was zunächst als Niederlage aussah, entpuppte sich als Erfolg. Denn Kursachsen unterließ es, im Gegensatz zu 1573, seine politische Macht durchzusetzen. Die Fürstenfamilie blieb unbehelligt, sodass Herzoginwitwe Dorothea Maria ohne Einschränkung mit ihren anhaltinischen Verwandten und Casimir korrespondieren konnte und so die Weichen auf eine antikursächsische Politik stellte. So ernannte sie den Historiker Friedrich Hortleder zum Präzeptor ihrer Söhne, der ihnen die Geschichte der Ernestiner und deren politischen Niedergang nahebrachte. Dies stieß auf Interesse bei den Söhnen. Johann Ernst I. machte aus seiner Abneigung gegen Kursachsen keinen Hehl und Ernst der Fromme 50 StACo, LA D 1304, Schmälerung der fürstlichen Titel, 1598. Welcher Fehler unterlief, ist unbekannt. 51 StACo, LA A 1012, fol. 1r−6v, Gutachten, 23.03.1608; ebd., fol. 8, Gerstenberger an Casimir, o.D. (Post-Scriptum); ebd., fol. 9, Casimir an Gerstenberger (Post-Scriptum); Haslauer: Neubeginn, S. 32 f.; vgl. Schilling: Konfessionalisierung und Staatsinteressen, S. 28. 52 StACo, LA A 1509, Besuch in Dresden, 1609; StACo, LA A 10.666, fol. 2−25, Briefwechsel zwischen Casimir, Johann Georg und Christian II., 1609; *Gerhard: Oratio Funebris, fol. N IVr.

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interessierte sich so stark für die Familiengeschichte, dass er bald Erinnerungsstücke an die ruhmreiche Vergangenheit zu sammeln begann und eine Ahnengalerie erstellen ließ.53 Kursachsen versuchte bei der Entlassung Johann Ernsts aus der Vormundschaft im Jahre 1615 den Herzog mit einem Vertrag an sich zu binden. Er sollte sich verpflichten, in Reichs- und Konfessionsangelegenheiten nichts ohne ihren Rat zu unternehmen. Doch das vertiefte die Abneigung Johann Ernsts gegenüber den Albertinern. Das Dokument unterschrieb der Herzog, nachdem er sich von Kursachsen seine Autonomie als Reichsfürst hatte zusichern lassen und damit die Vereinbarung abschwächte.54 So blieb dem Kurfürsten nur das Fürstentum Altenburg als zuverlässiger Partner erhalten. Dementsprechend waren die Altenburger Beziehungen nach Coburg wesentlich schwächer ausgeprägt. Mit dem Amtsantritt Johann Ernsts I. lehnte sich Weimar verstärkt an Casimir an, der hier die Rolle des Ersatzvaters einnahm. Damit vollzog die Weimarer Linie einen radikalen Positionswechsel. Sah man sich bisher als ein Sieger der Grumbachschen Händel, so entwickelte sich daraus ein gemeinsames Schicksal, welches die Weimarer Herzöge weitaus weniger akzeptierten, als Casimir es tat.

8.2 Auseinandersetzungen mit dem Niederadel 8.2.1 Der Rebell und die Reichsritter Nicht nur innerhalb der Familie war Casimirs Herrschaftsanspruch zu Anfang umstritten. Auch die fränkische Ritterschaft der Pflege Coburg machte sich daran, die Macht des Herzogs zu beschneiden. Diese Auseinandersetzung ist vor allem mit den Namen Joachim Truchsess von Wetzhausen zu Sternberg verbunden. Das fränkische Niederadelsgeschlecht stand in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Lehensbeziehungen zu acht verschiedenen Herren. Zudem waren sie als Reichsritter im Kanton Baunach inkorporiert. Während der Grumbachschen Händel gehörte Truchsess zum Aufgebot des Fränkischen Kreises, welches 1567 nach Gotha zog. Zu diesem Zeitpunkt war er sächsischer Lehensmann und besaß das im Amt Heldburg liegende Rittergut Schweickershausen sowie die benachbarten reichsritterschaftlichen Dörfer Sulzdorf a.d. Lederhecke, 53 StACo, LA A 10.694, fol. 78, Ernst an Casimir, Weimar, 24.03.1624; Huschke: Ernestiner, S. 104, 107; vgl. Schuttwolf: Malerei, S. 34−36, 72. 54 Huschke: Ernestiner, S. 105 f.

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Sternberg, Zimmerau und Schwanhausen.55 Es liegt nahe, dass Truchsess seine sächsischen Lehen in ein Eigengut umwandeln wollte, um so uneingeschränkte Herrschaftsrechte ausüben zu können. Die Spannungen brachen daher an allen Stellen casimirianischer Obrigkeit aus. Bereits 1572 warnten die Heldburger Amtsleute davor, dem Adeligen irgendwelche Konzessionen zu machen, denn „dann do ihme dieses als zugestehen woltt, er von stundt an eine gerechtigkeit daraus erzwingen wolle“.56 Damals trat Truchsess erstmals negativ in Erscheinung. Er wollte einen seiner Vasallen einsperren, obwohl sich seine Rechtsprechungskompetenz lediglich auf die Vogteilichkeit und die Patrimonialgerichtsbarkeit erstreckte. Damit berührte er ein Problem, das im fränkischen Raum weit verbreitet war. Es ging um die Frage, wer die Niedergerichtsbarkeit in den Dörfern ausüben durfte – entweder der Landesherr oder der dort ansässige Niederadel. Dies hing von den Centbarkeit der Lehen ab. Für centbare Lehen war schon ab kleineren Straftaten das fürstliche Centgericht zuständig. In den centfreien Lehen durfte der jeweilige Lehensherr die Niedergerichtsbarkeit ausüben.57 In Franken oblag die Rechtsprechung gewöhnlich dem Inhaber der Vogteilichkeit und Niedergerichtsbarkeit, nicht aber der Landesherrschaft, die seit dem Interregnum stark geschwächt war.58 Es fehlte daher eine starke hegemoniale Herrscherstellung, welche die gesamte Rechtsprechung in sich vereinte. Den Landesherren fiel es in der Folge schwer, im Rahmen der Herrschaftsverdichtung, die Oberhand über den Niederadel zu gewinnen. Dementsprechend waren die Auseinandersetzungen mit den Rittern intensiver als in anderen Regionen, zumal die fränkischen Niederadeligen gegenüber ihren Standesgenossen über ein höheres soziales Prestige verfügten. Daneben begünstigten ihre geografische Konzentration am Rande der jeweiligen 55 Ulrichs: Lehenhof, S. 51; Biedermann: Geschlechtsregister Baunach, Tabelle  CCIV; Ortloff: Grumbachische Händel Bd. 4, S. 500; Sörgel: Ritterkanton Baunach, S. 52. Hier unter Truchsess von Wetzhausen zu Bundorf zu finden. 56 StACo, LA D 2198, fol. 1v, Bartholomeus Meißner, Zentgraf, und Heinrich Stein, Amtsschreiber, an die Landesregierung, Heldburg, 04.04.1572; ebd., fol. 12 f., Streit um die Niedergerichtsbarkeit, 1576. 57 StACo, LA D 2198, fol. 1 f., Bartholomeus Meißner, Zentgraf, und Heinrich Stein, Amtsschreiber, beide zu Heldburg, an die Landesregierung, Heldburg, 04.04.1572; Büchs: Bauernbefreiung, S. 20 f. Die Vogteilichkeit stand jedem Adeligen über sein Lehen zu. Sie umfasste das Privatrecht, vornehmlich, nach Büchs, „Vormundschaftssachen, Consensangelegenheiten, Personenstandssachen, Konkurse, Streitigkeiten über Eigentum Besitz Erbschaft und Zwangsvollstreckungswesen“. 58 Ulrichs: Lehenhof, S. 26; Pfeiffer: fränkische Ritterschaft, S. 176−183.

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Lehenhöfe und ihre Mehrfachvasallität ihre Unabhängigkeit, die schließlich zur Reichsunmittelbarkeit führen konnte. Das Fürstentum Coburg lag dabei im Grenzbereich einer ambivalenten Entwicklung. Die thüringische Ritterschaft war durch intensive persönliche Lehens- und Dienstbeziehungen als Schriftsassen fest in das Herrschaftssystem der Wettiner integriert. Dagegen gelang es den Rittern in Franken, sich der Herrschaftsverdichtung der Fürsten zu entziehen und ihre Privilegien in die Reichsunmittelbarkeit zu überführen. Eine Zwitterstellung nahmen die fränkischen Ritter in Coburg und Römhild ein, welche wettinische Vasallen geblieben waren.59 Die Niederadeligen gerieten so in ein soziales Spannungsfeld zwischen der Entwicklung in Thüringen und Franken. Die Truchsessschen Besitztümer lagen direkt auf dieser Nahtstelle, sodass politische Spannungen vorauszusehen waren. Zunächst eskalierte ab 1590 der Streit um die Niedergerichtsbarkeit in Schweickershausen, die beim fürstlichen Centamt Heldburg lag. Wegen des Verstoßes gegen die landesherrliche Obrigkeit wurde dem Ritter eine Geldstrafe auferlegt, die er sich weigerte zu zahlen. Daraufhin akquirierten fürstliche Beamte seine landwirtschaftlichen Einkünfte. Der Adelige legte deshalb Klage beim Reichskammergericht ein.60 Dort begannen in den folgenden Jahren zahlreiche Verfahren, deren Ergebnisse zehn Mandate waren, die alle zu Casimirs Nachteil ausfielen. Im Gegenzug fanden Verhandlungen vor dem Heldburger Centgericht statt. Der Herzog sah sich 1594 genötigt, eigens für diesen Fall ein Lehngericht ins Leben zu rufen, das nur auf seinen Befehl tagte. Truchsess lehnte beide Einrichtungen als für ihn nicht zuständig ab.61 Ihm ging es um die Durchsetzung seiner Reichsunmittelbarkeit. Aus diesem Grund verweigerte er Casimir 1590 59 Schneider: Spätmittelalterlicher Niederadel, S. 177, 392, 535, 545 f.; Merz: Landesherrschaft/Landeshoheit; Ulrichs: Lehenhof, S. 197 f. Als Schriftsassen bezeichnet man Inhaber eines Gutes, die dem Landesherrn direkt unterstanden und in Justizangelegenheiten bereits in erster Distanz der landesherrlichen Gerichte unterstellt waren. Vgl. Deutsch: Deutsches Rechtswörterbuch Bd. XII, Sp. 1213. 60 Eine ausführliche Beschreibung der Truchsessschen Emanzipationsbestrebungen findet sich in einem Urteilsspruch gegen Truchsess aus dem Jahre 1593. Vgl. StACo, LA D 2202, fol. 101r−113v, abgedr. bei: Struve: historisch- und politisches Archiv, S. 280−298. Dieses Teilverfahren ist enthalten in: StACo, LA D 2202. 61 Eine Übersicht der Mandate findet sich unter StACo, LA D 2204 und 2242, fol. 4v, Bedenken der Coburger Räte, Coburg, 10.01.1605. Die Akten zum Centgerichtsverfahren finden sich in StACo, LA D 2215, 2216, 2221−2227, 2229 und 2231; die Akten des Lehengerichts finden sich in StACo, LA D 2209 und 2210; StACo, LA A 2209, fol. 66r−67v, Befehl Casimirs zur Konstitution des Lehengerichts, Coburg, 17.06.1594. Das Thüringische Staatsarchiv

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die Steuerpflicht für neun Güter in Heldburg und ab 1591 die Gefolgschaft im kirchlichen Regiment. Er setzte eigenmächtig einen Pfarrer für die Schweickershauser Kirche ein und ließ die Schlüssel für das Gotteshaus beschlagnahmen. Dies musste Casimir als „summus episcopus“ düpieren. Er reagierte darauf mit dem Verbot, die dortige Messe zu besuchen.62 Als Truchsess den Herzog auf dem Höhepunkt der Finanzkrise von 1594 als „bettelfürsten“ bezeichnete und dessen öffentlichen Mandate in Schweickershausen entfernen ließ, sah sich Casimir nach langem Drohen genötigt, ihm 1595 die Lehen zu entziehen.63 Truchsess antwortete mit weiteren Mandaten des Reichskammergerichts. Daneben suchte er Verbündete unter den fränkischen Reichsrittern. Diese betrachteten ihre Coburger Standesgenossen als Teil ihres Korpus, da diese anfangs die Unabhängigkeitsbestrebungen mittrugen. Auf die darauffolgende differenzierte Entwicklung zwischen den fränkischen und Coburger Rittern kann hier nicht weiter eingegangen werden. Bedeutsam sind aber die seit 1539 fortlaufenden Versuche der fränkischen Niederadeligen, vor allem des Kantons Baunach, die Coburger Standesgenossen in die Reichsritterschaft zu integrieren.64 Mit dem Fall von Truchsess sahen sie die Möglichkeit, ihren Machtbereich nach Nordosten auszudehnen. Wie stark die dortigen Ritter ihre Ansprüche Meiningen verwahrt Abschriften dieses Prozesses auf (ThStAM, Regierung Coburg, 111 bis 116 sowie 119). 62 StACo, LA D 2198, fol. 18−20, Casimir an die Räte, Regensburg, 06.05.1594; ebd. fol. 79 f., Auszug aus der Renterei, 1594; StACo, LA F 989, Klage Truchsess wegen Steuerpflicht seiner Lehen in Heldburg, 1586/87; StACo, LA D 2207, fol. 11 f., Schöppenstuhl zu Jena an Nicolaus Leipold, Schosser zu Heldburg, 1594; StACo, LA D 2198, fol. 18−20, Casimir an die Räte, Regensburg, 06.05.1594. 63 StACo, LA D 2207, fol. 1v, 3, Bericht in Sachen Truchsess, Coburg, 23.07.1594; StACo, LA D 2213, fol. 2−4, Räte an Casimir, Coburg, 02.08.1595; StACo, LA D 2218, fol. 1−4, Casimir an Nicolaus Leipold, Schosser zu Heldburg, Coburg, 30.06.1595; StACo, LA F 4997, Verordnung zur Entziehung der Lehen, Coburg, 01.07.1595. 64 StACo, LA D 2230, fol. 202r−204v, Teilnehmerliste des Rittertags von 1523 in Schweinfurt, abgedr. in Sörgel: Ritterkanton Baunach, S. 98 f.; ebd., fol. 206−211, Teilnehmerliste des Rittertags von 1528 in Schweinfurt. Dort wird im Kontext der sechs fränkischen Ritterkantone auch eine Hennebergische Ritterschaft genannt. Nach Schultes scheiterte die Herauslösung der Fränkischen Ritter aus dem sächsischen Territorialverband „an der Aufmerksamkeit der Herzöge zu Sachsen, die ihre Territorialrechte durch nachdrückliche Patente, zu behaupten und den Coburgischen Adel in die Grenzen seiner Unterthanenpflicht zurückbringen wußten“. Vgl. Schultes: Landesgeschichte, S. 219; Hambrecht: Casimirianischer Abschied, S. 119. Ebenso mag die kaiserliche Unterstützung gefehlt haben, wie bspw. die Anweisung Maximilians II. aus dem Jahr 1567 an die Landstände belegt, sich an die Wettiner weiterhin zu halten. Vgl. Kap. 2.6.

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gegenüber Casimir formulierten, geht aus den Auseinandersetzungen im Umfeld des 1594 abgehaltenen Landtags in Coburg hervor. Die Tagung behandelte eine Verlängerung und Erhöhung der Land- und Tranksteuer auf sechs Jahre. Die Baunacher protestierten gegen die Einladung „ihrer“ Standesgenossen, da diese durch kaiserliche Privilegien eine eigene Steuergesetzgebung besäßen und Casimir nicht das Recht hätte, von ihnen Abgaben zu begehren. Zudem wäre jegliche Separation der Ritterschaft in fränkische und coburgische Niederadelige durch Befehl des Kaisers verboten. Der Protest lief aber ins Leere, da die Ritter des Fürstentums zwar mit Billigung der Baunacher den Landtag besuchten, aber eben dort das Steuerbegehren des Herzogs bestätigten. Dies führte wiederum zu einem scharfen Protest der Baunacher gegenüber ihren Standesgenossen.65 Von den Coburger Rittern war also keine Hilfe für Truchsess zu erwarten. Daher wandten sich die Baunacher ab 1595 an die kaiserliche Kanzlei.66 Dieser Kontakt sollte sich für Casimir weitaus gefährlicher erweisen als die bisherigen Gerichtsprozesse. Die Baunacher Ritter fragten nämlich in Prag an, ob die fränkische Ritterschaft im Fürstentum Coburg ebenfalls reichsfrei und die Erbhuldigung an den Herzog sowie die bisherigen Lehensverhältnisse rechtens seien. Das Reichskammergericht verhandelte seit 1594 in Verbindung mit der Auseinandersetzung um Truchsess ebenfalls über diese Fragen. Die Baunacher Ritter nahmen als Prozessgegner ab 1597 an diesem Verfahren teil.67 Der Herzog geriet dabei immer stärker in die Defensive. Schließlich erreichten die gegnerischen Parteien 1599 einen Sieg: Rudolf II. stellte ein Pönalmandat (hier schriftliche Androhung einer Strafe) aus, in dem er Casimir anwies, den fränkischen Rittern in der Pflege Coburg die Erbhuldigung zu erlassen und sie ungehindert 65 StACo, LA F 11, fol. 139, Fränkische Reichsritter an Casimir, o.O., 15.02.1594; ebd. fol. 143, Fränkische Reichsritter an Casimir, o.O., 22.03.1594; StACo, LA F 89, fol. 1 f., Fränkische Reichsritter an Coburger Ritter, Bamberg, 22.03.1594; StACo, LReg 394, fol. 1−14, Steuermandat, Coburg, 23.10.1595; Press: Reichsritterschaften, S. 686 f. 66 StACo, LA D 2205, fol. 15, Casimir an Caspar Sartorius, Schwarzenberg, 12.08.1595; StACo, LA D 2076, fol. 114 f., Hauptmann des Kantons Baunach an die Coburger Ritter, Bamberg, 05.01.1600; ebd., fol. 249 f., Hauptmann des Kantons Baunach an die Coburger Ritter, Pfarrweisach, 09.06.1600. 67 StACo, LA  D 2205, fol. 12−14, Kaiserliches Mandat Citationis ex Diffarmari, Speyer, 16.11.1594 (der dazugehörige Prozessverlauf findet sich auf den folgenden Seiten der Akte); StACo, LA D 2217, Beweismittel Joachim von Truchsess, Speyer, 29.04.1595; StACo, LA D 2071−2078, Gerichtliche Auseinandersetzungen mit der Baunacher Ritterschaft, 1597−1600; StACo, LA B 2309−2312, Reichskammergerichtsakten, Casimir vs. Fränkische Ritterschaft, 1597.

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auf die Rittertage der reichsfreien Niederadeligen zu lassen. Die kaiserliche Kanzlei begründete dies mit den ethnischen Gegebenheiten im Fürstentum: daß die gantze Coburgische Pflege und derselbige gantze District, biß an den Düringer Wald, wie auch die Herrschafft Römhild im Land zu Francken gelegen, sonder Provinzen des fränck. Craiß send, auch vor allters nit sächsisch, sondern der Gefürsteten Graffschafft Henneberg Theil und Provinz gewesen, welche grafen zu Henneberg die gefreyete Reichsritterschafft selbst geschätzt, mit denen selben in Bündniß gestanden, Ihre ausschreibende Obristen geweßen und zu Ihren contribuiret haben vnnd vnangesehen, sie an das Hauß Sachßen kommen, verblieben sie doch einen Weg alß den anderen Francken.68

Wie reagierte nun Casimir auf dieses Urteil? Ihm drohte die Aushöhlung seines Fürstentums und damit die Zurückdrängung seiner Herrschaft auf die thüringischen Gebiete und fränkischen Städte. Er fuhr hier eine mehrgleisige Strategie, um Macht und Land zu retten. Zunächst versuchte er, die juristischen Verfahren einzudämmen. Er pochte auf ein kaiserliches Sonderrecht, das in der Praxis kaum noch angewendet wurde, nämlich das „Privilegium de non evocando et appellando“. Dieses Vorrecht verbot den Untertanen, sich in Gerichtsfällen an den Kaiser als nächsthöhere juristische Instanz zu wenden. In der Goldenen Bulle war dieses Privileg für alle Kurfürsten festgeschrieben. Für Kursachsen kam die Besonderheit dazu, dass auf Basis des Sachsenspiegels und nicht auf der Constitutio Criminalis Carolina Recht gesprochen wurde. Die Einrichtung einer von den Reichsbehörden separierten Berufungsinstanz schien daher notwendig. 1559 bestätigte Kaiser Ferdinand I. den Ernestinern dieses Vorrecht. Auch Rudolf  II. gewährte Casimir dieses Privileg, der dieses durch die Gründung eigener Justizbehörden ab 1598 mit Leben erfüllte.69 Das von den Rittern geforderte Hofgericht übernahm dabei die zweite Instanz für alle Untertanen in Zivilsachen (ohne Malefiz und Eherecht) ab einem Streitwert von 60 Gulden. Die Landstände und fürstlichen Amtsleute konnten sich in erster Instanz an das Hofgericht im Rahmen ihrer selbst verwalteten Kammergüter und Einkünfte

68 StACo, LA F 72, fol. 5v−6r, Kaiserliches Pönalmandat, Wien, 03.04.1599. 69 Lünig: Goldene Bulle, Kap.  XI, § 1, 5; StACo, LA B 117, Bestätigung des Privilegiums de non appellando durch Kaiser Ferdinand I., Augsburg, 02.05.1559; StACo, LA B 119, fol. 2 f., Bedenken der Coburger Räte an Casimir, Coburg, 07.06.1596 (Konz.); StACo, LA B 115, fol. 106r−108v, Confirmation Rudolfs  II. an Casimir wegen seiner fürstlichen Privilegien, Prag, 17.02.1587.

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wenden. Einsprüche gegen die Urteile verhandelte dann der Appellationsrat als oberste Instanz.70 Um aber das Privileg politisch durchzusetzen, bedurfte es Verbündeter. Hierfür gewann er seinen Vetter Friedrich Wilhelm I. als Administrator Kursachsens und die Landgrafen von Hessen. Der Personenkreis war klug gewählt, da die Hessen und die Wettiner in einer Erbverbrüderung zueinanderstanden und der Verlust an politischen Einfluss sie alle beträfe. Zudem sprach Casimir seinen Cousin als Obristen des Obersächsischen Kreises an. Durch die Entlassung der Ritter in die Reichsunmittelbarkeit würden dem Kreis Kontributionen entzogen, wodurch dieser seine Aufgaben nicht mehr vollumfänglich wahrnehmen könne. Die angesprochenen Fürsten unterstützten Casimir sofort. Die Landgrafen von Hessen bezeichneten die Prozesse der Ritter am Reichskammergericht gar als rechtlichen Unfug.71 Ein weiterer Argumentationsstrang betraf die politische und ethnische Zugehörigkeit des Fürstentums. Die Coburger Räte reagierten auf die Betonung der fränkischen Wurzeln durch Kaiser und Ritter mit der thüringisch-sächsischen und damit wettinischen Zugehörigkeit des Landes, das den damaligen Sprachgebrauch wiedergab: Es nennen sich auch die Coburgische ort Vnd dorinnen seshaftige Riterschafft nicht hennenbergische sondern Landgrafische oder Sachssische Lehenleut oder Unterthanen, wie nun die Ritterschaft in Duringen Vor Vnterthanen vnd Landassen gehalten, also hat es eben messige gelegenheit mit denen In der pflege Coburgk welche zu der landgrafschafft düringen geheren und ein der selben Vniret sein.72

Der politische Druck von Seiten Kursachsens und anderer Fürsten zahlte sich aus. Per kaiserlichem Dekret wies Rudolf  II. im Jahr 1600 das Reichskammergericht an, das „Privilegium de non evocando et appellando“ bei den laufenden 70 Heyl: Zentralbehörden, S. 64, 67. 71 StACo, LA F 73, fol. 9r−10v, Friedrich Wilhelm I. an Casimir und Johann Ernst, Weimar, 16.09.1600; ebd., fol. 11r−13v, Friedrich Wilhelm I. an Rudolf II., Weimar, 16.09.1600 (Kopie); ebd. fol. 15−17, Intercessionsschreiben der hessischen Landgrafen an Rudolf II., Kassel, 09.11.1600; StACo, LA B 115, fol. 169r−187v, Memorial Friedrichs Wilhelms an Rudolf II., Torgau, 30.04.1597; ebd., fol. 194r−196v, Rudolf II. an Friedrich Wilhelm I., Prag, 21.05.1597; HStAM, 4 f Staaten S, Sachsen-Coburg 9, Bitte um Unterstützung gegen die Ritter, 1600; SächsHStAD, Bestand 10.024 Geheimer Rat, Loc. 8461/2, Beschwerden über die Ritter, 1600/01. 72 StACo, LA B 119, fol. 9, Bedenken der Räte, Coburg, 07.06.1596 (Konz.); Gehrt: Identität, S. 53.

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Verfahren zu berücksichtigen.73 Dies verhalf Casimir zum Sieg. Der Anweisung folgend hob das Gericht 1602 sechs Mandate auf und verwies die Parteien an die Gerichte in Coburg. Die restlichen vier Verfahren kamen nicht mehr zum Abschluss, da Truchsess 1606 starb und seine Erben an einer Weiterführung der Klage kein Interesse zeigten. Sie erhielten daraufhin das Gut Schweickershausen wieder zurück. Casimir gelang es, sich durchzusetzen und die etwaigen Separationsbestrebungen der Coburger Ritter nachhaltig zu stoppen.74 Die Urteile von 1602 begruben die ehrgeizigen Ziele der Baunacher Ritter. Zudem gelang es ihnen nicht, die Coburger Standesgenossen von den Vorzügen der Reichsunmittelbarkeit zu überzeugen. Vielmehr blieb der Fall Truchsess eine Einzelerscheinung. Worüber die Ritter verfügten, das empfingen sie weiterhin, neben mancherlei Allodium, aus der Hand des jeweils neuen Landesherrn. Die Umwandlung der Lehen in Eigengüter – so wie es bei der fränkischen Reichsritterschaft geschehen ist – fand nicht statt. Dennoch nutzten die Ritter ihre Position im wettinischen Lehenverband, um im Rahmen einer „ständisch beschränkten Monarchie“ an der Regierung des Landes mitzuwirken.75 Damit blieben sie ein wichtiger politischer Akteur, auf den Casimir Rücksicht nehmen musste. Daneben zwangen die juristischen Rahmenbedingungen die Baunacher Ritter zur Aufgabe ihrer Pläne. Hier kamen sie an Casimir und seinen ausdifferenzierten gerichtlichen Instanzen, die inzwischen geschaffen worden waren, nicht vorbei. Die neuen Institutionen erhielten die notwendige und vielleicht notgedrungene niederadelige Akzeptanz. Dies zeigt sich an der Anzahl der am Hofgericht verhandelten Verfahren. Während in den ersten drei Jahren seines Bestehens die Zahl der Gerichtsfälle zwischen drei und sieben pendelte, stieg sie ab 1601 deutlich über zehn an.76 Die Integration der Coburger Ritter schien damit geglückt zu sein. Casimir musste alles daransetzen, den möglichen Zerfall seines Landes zu verhindern. Dabei stand die Herrschaftslegitimation seiner ganzen Familie in Franken auf dem Spiel. Im Kontext des sozialen und politischen Abstiegs der Ernestiner kamen die Ansprüche der Reichsritter jedoch eindeutig zu spät. Die 73 StACo, LA B 115, fol. 347r−350v, Kaiserliches Dekret, Prag, 14.07.1600. 74 StACo, LA D 2204, Kopien der sechs Mandate, die aufgehoben wurden, abgedr. bei: Struve: historisch- und politisches Archiv, S. 333−337; StACo, LA D 2242, Bedenken der Coburger Räte, Coburg, 10.01.1605; StACo, LA F 4999, Mandat Casimirs an die Landstände, Coburg, 24.03.1602; StACo, LA F 6354, Fränkisches Mannlehenbuch, 1607. 75 Dressel: Verfassung, S. 43. 76 StACo, LA F 6306, Statistik Hofgerichtsverfahren, 1598−1640.

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Machtbasis der Wettiner hatte sich in der Zwischenzeit konsolidiert. Freiräume, die sich durch die Folgen der Grumbachschen Händel und deren Konsequenzen ergeben haben, wurden nicht genutzt. Das Verhalten von Truchsess musste Casimir schon aufgrund der traditionell engen persönlichen Lehensbeziehungen, die im Hause Wettin üblich waren, als direkten Angriff auf seine fürstliche Autorität deuten. Der Tatbestand der Felonie, also des schweren vorsätzlichen Verrats der Treuebeziehung zwischen Lehensherr und Lehensnehmer, stand dabei im Raum. Umso verständlicher ist seine Reaktion, die bis zum Entzug der Lehen reichte. Dabei galt es, ein Exempel zu statuieren. Die Problematik um die gerichtliche Zuständigkeit wurde damit aber nicht gelöst, wie noch zu sehen sein wird. Im Endstadium des fränkischen Staatsbildungskonflikts zwischen dem Nieder- und Hochadel hatte der Herzog abschließend den Erfolg aber auf seiner Seite. Dabei nützte ihm das „Privilegium de non evocando et appellando“, womit er eine rechtliche Kontinuität für sich beanspruchte, die auch der Kaiser akzeptieren musste. Einer Beschneidung dieser Rechte hätten die mächtigen erbverbrüderten Geschlechter nicht zugestimmt. 8.2.2 Der Liebhaber Casimir war ein Fürst, der um seine Herrschaft kämpfen musste. War er aber auch ein Herrscher, der ein Interesse an der Expansion seines Territoriums hegte? Die Ausdehnung der eigenen Machtsphäre lag im Interesse frühneuzeitlicher Fürsten. Ein solcher Wille lässt sich bei Casimir am ehesten 1593 im Kontext des Ehebruchs und der Scheidung von seiner Frau Anna nachweisen. Zentrale Figur des Geschehens war hier Ulrich von Lichtenstein. Der Junker kam als Spross einer fränkischen Mehrfachvasallenfamilie zur Welt und gelangte als Edelknabe an den Coburger Hof, wo er zusammen mit Casimir die höfische Erziehung genoss. Aufgrund seiner langen Tätigkeit besaß er das Vertrauen des Herzogs und stieg bis zum Vizehofmarschall auf.77 Den Beischlaf mit seiner Frau wollte Casimir seinem Gefolgsmann nicht verzeihen. Ende 1593 wies er seine Räte an, ein juristisches Gutachten zu erstellen, um Lichtenstein zum Tode verurteilen zu können. Doch diese vermochten keine Entscheidung zu treffen und verwiesen auf den Schöppenstuhl in Jena, der sich ab Ende Februar 1594 mit dem Fall beschäftigte. Dieser kam zum Schluss, dass 77 StACo, LA A 2285, fol. 144 f., Supplikation Rudolfs II., Regensburg 26.08.1594; Ulrichs: Lehenhof, S. 59.

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in diesem Fall nur eine lebenslange Freiheitsstrafe in Betracht komme. Das Ergebnis des Gutachtens war daher für Casimir enttäuschend.78 Er versuchte weiterhin, seinen Willen durchzusetzen und stieß dabei auf den Widerstand der Familie von Lichtenstein, die über ein ausgeprägtes Kommunikationsnetzwerk verfügte. Zwei Brüder Ulrichs waren Lehensnehmer