Die Chronik des Victor von Tunnuna (ca. 565): Eine Chronik und ihre Geschichte(n) 9783515133807, 9783515133821, 3515133801

Eine Chronik ist mehr als eine parataktische Aneinanderreihung von Fakten. Sie erzählt auch eine Geschichte. Dies zeigt

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Die Chronik des Victor von Tunnuna (ca. 565): Eine Chronik und ihre Geschichte(n)
 9783515133807, 9783515133821, 3515133801

Table of contents :
1. Einleitung
Die Chronik des Victor von Tunnuna (ca. 565) – eine Chronik und ihre Geschichte(n)
1.1 Einführung: Die Chronik des Victor von Tunnuna im Kontext ihrer Gattung
1.2 Fragestellungen und Vorgehensweise
2. Eine Chronik und ihre (Vor-)Geschichte
Der historische Kontext der Chronik
2.1 Vorbemerkungen
2.2 Nordafrika – Africa: Der geographische, politische und kirchliche Kontext der Chronik
2.2.1 Nordafrika vor der Vandalenherrschaft – ein knapper Überblick
2.2.2 Nordafrika unter den Vandalen
2.2.2.1 Die Herrschaft Geiserichs (428–477)
2.2.2.2 Die Herrschaft Hunerichs (477–484)
2.2.2.3 Die Herrschaft Gunthamunds (484–496)
2.2.2.4 Die Herrschaft Thrasamunds (496–523)
2.2.2.5 Die Herrschaft Hilderichs (523–530)
2.2.3 Das Ende der Herrschaft der Vandalen in Nordafrika und der Beginn der byzantinischen Herrschaft
2.2.4 Die Kirchen Nordafrikas und die byzantinische Herrschaft
Ein Konflikt zwischen den Kirchenprovinzen in Nordafrika? (Exkurs)
2.2.5 Gegen Mauren und Vandalen: Politische Probleme der byzantinischen Herrschaft in Nordafrika
2.3 Der Drei-Kapitel-Streit: Der theologiegeschichtlich-kirchenpolitische Kontext der Chronik
2.3.1 Von Marcian und dem Konzil von Chalcedon (451) bis zum Auftakt des Drei-Kapitel-Streites unter Justinian
2.3.2 Justinian und der Beginn des Drei-Kapitel-Streites
2.3.3 Widerstand in Nordafrika
2.3.4 Wer ist verantwortlich für den Drei-Kapitel-Streit? Antworten aus Nordafrika
2.3.5 Vom Iudicatum des Vigilius bis zur Verurteilung der Drei Kapitel auf dem Konzil von Konstantinopel 553
3. Der Text der Chronik und seine Geschichte
3.1 Zum Autor der Chronik: Victor von Tunnuna
3.1.1 Name und Herkunft
3.1.2 Biographische Annäherungen
3.2 Zur Datierung der Chronik
3.3 Zu den Quellen der Chronik
3.4 Überlieferung und Editionen
3.4.1 Grundsätzliches
3.4.2 Die Chronik des Victor von Tunnuna und die Chronik des Johannes von Biclaro
3.4.3 Eine Sammlung von Chroniken
3.4.4 Die Trennung der Überlieferung in zwei Zweige: Codex Soriensis und Codex Uniuersitatis Complutensis
3.4.5 Spätere Überlieferung und Editionen
3.5 Der ursprüngliche Umfang der Chronik 1: Universalchronik oder Anschluss an Prosper?
3.5.1 Das Zeugnis der Chronik des Victor von Tunnuna und das Zeugnis des Isidor von Sevilla
3.5.2 Keine ursprüngliche Universalchronik?
3.5.3 Doch eine ursprüngliche Universalchronik – die Einwände von Carmen Cardelle de Hartmann
3.5.4 Das Zeugnis des Johannes von Biclaro, des Isidor und die Verweise auf Didymus und Evagrius in Chronicon 170 – Versuch einer Neubewertung
3.6 Der ursprüngliche Umfang der Chronik 2: Die Chronik und ihr Schluss (Chronicon 175)
3.6.1 Der Schlussabschnitt Chronicon 175 – erste Beobachtungen
3.6.2 Die Angabe der Jahre a natiuitate Domini nostri Iesu Christi secundum carnem – eine Besonderheit bei Victor von Tunnuna
3.6.3 Geburt oder Passion Christi als Endpunkt einer Berechnung von Jahren: Die Angaben ad natiuitatem bzw. ad passionem
3.6.4 Die Passion als Ausgangspunkt von Berechnungen: Die Zählung der Jahre a passione
3.6.5 Die Geburt Christi als Ausgangspunkt von Berechnungen: Die Zählung der Jahre a natiuitate
3.6.6 567 Jahre a natiuitate als Rückgriff auf den Osterzyklus des Dionysius Exiguus, und woher kommt die Zahl 567?
3.6.7 567 Jahre a natiuitate – Chronicon 175 als mögliche spätere Hinzufügung zur Chronik
3.6.8 Der Schluss der Chronik des Prosper Tiro von Aquitanien im Codex Uniuersitatis Complutensis und im Codex Soriensis
3.6.9 Der Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro
3.6.10 Die Schlussparagraphen bei Victor von Tunnuna und bei Johannes von Biclaro – Versuch einer Neubewertung
4. Zum Gerüst der erzählten Geschichte
4.1 Die Chronologie der Chronik
4.1.1 Die Zählung der Jahre
4.1.2 Datierungen innerhalb der Jahre
4.1.2.1 Tagesdatierungen in der Chronik: Ein kurzer Überblick
4.1.2.2 Der Tod des Timotheus von Konstantinopel am 5. April (Chronicon 99)
4.1.2.3 Der Tod des Reparatus (Chronicon 165)
4.1.2.4 Der Tod des Theodor von Cebarsussa (Chronicon 173)
4.1.2.5 Der Tod des Laetus von Nepte (Chronicon 50)
4.1.2.6 Der Tod des Proterius (Chronicon 19)
4.2 Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge
4.2.1 Kaiser
4.2.2 … und (ihre) Frauen
4.2.3 Die Herrschaft der Vandalen in Africa
4.2.4 Patriarchen und Päpste
4.2.5 Bischöfe von Karthago
5. Die erzählte Geschichte der Chronik
5.1 Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedon – eine Geschichte ausgehend von Prospers Epitoma chronicon
5.1.1 Akzente des Victor von Tunnuna im Vergleich zu Prosper Tiro von Aquitanien – erste Beobachtungen
5.1.2 Politische Notizen der Jahre 444–455
5.1.3 Die Darstellung des Konzils von Chalcedon und seiner Vorgeschichte
5.1.4 Die Frage der Drei Kapitel als Fokus der Chronik des Victor von Tunnuna von Anfang an
5.1.5 Zusammenfassende Bemerkungen
5.2 Der Beginn der Rezeption Chalcedons unter Leo I. (Chronicon 16–40)
5.3 Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 1: Die Herrschaft Zenos (Chronicon 41–67)
5.3.1 Der Beginn der Herrschaft Zenos bis zu seiner Rückkehr aus Isaurien
5.3.2 Zeno in der communio mit den Gegnern Chalcedons
5.3.3 Sonstige Nachrichten bis zu Zenos Tod
5.4 Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 2: Die Herrschaft des Anastasius (Chronicon 67–100)
5.4.1 Der Beginn der Herrschaft des Anastasius
5.4.2 Anastasius und Euphemius von Konstantinopel
5.4.3 Weitere antichalcedonensische Maßnahmen des Anastasius
5.4.4 Anastasius und Severus von Antiochien
5.4.5 Die „Verbesserung“ des Evangeliums
5.4.6 Anastasius und Vitalian
5.4.7 Anastasius als Chalcedon-Gegner bis kurz vor seinem Tod
5.4.8 Die perfidia der Zeit unter Anastasius
5.4.9 Der Staurotheis-Aufstand
5.4.10 Der Tod des Anastasius als Fazit seiner Herrschaft
5.5 Dazwischen erzählt: Die Geschichte Nordafrikas unter den Vandalen
5.5.1 Nordafrika unter Geiserich: multarum prouinciarum clades et christiani apud Affricam populi spolia atque neces
5.5.2 Nordafrika unter Hunerich: furor arrianus und confessores ac martyres
5.5.3 Nordafrika unter Gunthamund: Ein knappes Zwischenspiel
5.5.4 Nordafrika unter Thrasamund: arriana insania und zwei Lichtblicke
5.5.5 Nordafrika unter Hilderich: Rücknahme der Maßnahmen Thrasamunds und ein neuer Bischof
5.5.6 Gelimer und das Ende der Herrschaft der Vandalen
5.6 Sinodi Calcidonensis amator simulque defensor: Die Zeit unter Justin I. (Chronicon 101–110)
5.7 Damnatores et defensores trium capitulorum: Die Geschichte des Drei-Kapitel-Streites
5.7.1 Der Beginn der Herrschaft Justinians I. (Chronicon 101–129)
5.7.1.1 Justinians Aufstieg zum Kaiser
5.7.1.2 Justinian als Kaiser in der Tradition Chalcedons
5.7.1.3 Justinian und der nordafrikanische Märtyrer Laetus von Nepte (Chronicon 118)
5.7.1.4 Justinian und die Bischöfe von Illyrien (Chronicon 120)
5.7.1.5 Justinian und Severus von Antiochien sowie Konflikte in Alexandria
5.7.2 Die Kaiserin und der Papst: Theodora, Vigilius und der Beginn des Drei-Kapitel-Streites (Chronicon 111–130/140)
5.7.2.1 Der Anfang Theodoras als Augusta
5.7.2.2 Theodora und der Konflikt um Anthimus, Bischof von Konstantinopel
5.7.2.3 Chronicon 130 als Kulminationspunkt und als Zäsur: Theodora und Vigilius, Bischof von Rom
5.7.2.4 Der Brief des Vigilius
5.7.2.5 Der Anfang des Drei-Kapitel-Streites: Die „Anfänge der Schlechtigkeiten“
5.7.2.6 Der Tod der Theodora
5.7.3 Der Drei-Kapitel-Streit: Eine nordafrikanische Geschichte zwischen defensores und praeuaricatores
5.7.3.1 Justinian als Akteur gegen die Drei Kapitel (Chronicon 132–137)
5.7.3.2 Zwischen Widerstand und Abfall: Bischöfe in Illyrien und in Africa (Chronicon 138–145)
5.7.3.3 Das 2. Konzil von Konstantinopel 553 (Chronicon 147)
5.7.3.4 Nach dem 2. Konzil von Konstantinopel: Der Abfall von der Verteidigung der Drei Kapitel preter paucissimos in Africa und darüber hinaus (Chronicon 148–152)
Praeuaricatio, communio, polluere – drei zentrale Begriffe für die Darstellung des Drei-Kapitel-Streites bei Victor von Tunnuna (Exkurs)
5.7.3.5 Das Schicksal des Victor von Tunnuna (Chronicon 153–156)
5.7.3.6 Vigilius vs. Felix: Ein „guter“ und ein „schlechter“ Tod und die Sukzession in Rom (Chronicon 157–159)
5.7.3.7 Das Schicksal der letzten Verteidiger der Drei Kapitel (Chronicon 160–173)
Chronicon 169 zum Ersten: Die noua superstitio (Exkurs)
Chronicon 169 zum Zweiten: Wer diskutiert mit wem über was? (Exkurs)
5.8 Ein ruhiges Ende: Justin II. und Sophia (Chronicon 174)
5.9 Ein Ausblick: Die Epistula fidei catholicae als letztes Zeugnis des Widerstandes gegen die Verurteilung der Drei Kapitel in Africa
6. Eine Chronik und ihre Geschichte(n)
Die Chronik des Victor von Tunnuna
Welche Geschichte (vom Drei-Kapitel-Streit und darüber hinaus) erzählt die Chronik des Victor von Tunnuna?
Was bedeutet dies für den historischen Ort der Chronik und für die ihr zugrundeliegende Intention?
7. Victor von Tunnuna, Chronicon
Übersetzung
8. Bibliographie
8.1 Quellen und Übersetzungen
8.2 Hilfsmittel
8.3 Sekundärliteratur
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Stellenregister
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ÆTERNA Altertumswissenschaften

RO M A

Franz Steiner Verlag

Antje Klein

Die Chronik des Victor von Tunnuna (ca. 565) Eine Chronik und ihre Geschichte(n)

M AA ÆT EÆ R N AT E R N A ROR OM    Beiträge zu Spätantike und Frühmittelalter

   Herausgegeben von Volker Henning Drecoll,    Irmgard Männlein-Robert, Mischa Meier und Steffen Patzold    Band 12

Die Chronik des Victor von Tunnuna (ca. 565) Eine Chronik und ihre Geschichte(n) Antje Klein

Franz Steiner Verlag

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

Umschlagabbildung: Bronzestatue der Kapitolinischen Wölfin, Kapitolinische Museen, Rom © akg/De Agostini Picture Library Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar. © Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2023 www.steiner-verlag.de Umschlaggestaltung: r2 Röger & Röttenbacher, Leonberg Layout und Herstellung durch den Verlag Druck: Beltz Grafische Betriebe, Bad Langensalza Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier. Printed in Germany. ISBN 978-3-515-13380-7 (Print) ISBN 978-3-515-13382-1 (E-Book)

Dank Die vorliegende Monographie ist meine geringfügig überarbeitete Dissertation, mit der ich im Juni 2021 an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien promoviert wurde. Bis dahin war es eine lange Reise. Viele Menschen an ganz verschiedenen Orten haben diese Reise begleitet. Dafür möchte ich Danke sagen – auch wenn hier nur eine Auswahl möglich ist. Begonnen hat die Reise im Evangelischen Stift in Tübingen. Prof. Dr. Volker Henning Drecoll hat mich nicht nur dazu angeregt, mich mit „Geschichtsschreibung in Nordafrika in der Spätantike“ zu beschäftigen, sondern er hat vor allem auch die ersten Schritte der Beschäftigung mit Victor von Tunnuna und anderen wohlwollend, geduldig und mit konstruktivem Interesse unterstützt. Ich danke ihm dafür sehr – und dafür, dass er nie das Vertrauen verloren hat, dass die Reise ein Ziel hat, das ich erreichen kann, auch wenn der ein oder andere Umweg nötig ist. Im Evangelischen Stift habe ich mit Studierenden, vor allem aber mit den Repetentinnen und Repetenten erlebt, was kollegialer Austausch bedeuten kann. Ich habe davon nicht nur für dieses Buch profitiert. Danke an Euch alle! Der Evangelischen Landeskirche in Württemberg bin ich dankbar dafür, dass sie sich ein solches Haus und solche Pfarrstellen, die Freiraum für ein wissenschaftliches Projekt bieten, leistet. Dankbar bin ich „meiner“ Kirche auch für den mir ganz unkompliziert gewährten Druckkostenzuschuss! Dafür, dass sie mir die Weiterreise nach Wien ermöglicht hat, danke ich Prof. Dr. Uta Heil, die dort die Betreuung der Arbeit übernahm. Ihrer Präzision und ihrem Blick dafür, wo noch mehr dahinter stecken und wo noch gründlicher gebohrt werden könnte, verdankt diese Arbeit sehr viel. Ich danke Uta Heil für ihre Fürsorge, ihre Unermüdlichkeit und für ihr kritisches Engagement, das mich über manche Hürde hinweg angespornt hat, meinen Weg weiterzuverfolgen – und noch rechtzeitig von den Umwegen in die Zielgerade abzubiegen. Wien wäre nicht einmal halb so schön gewesen ohne die Kolleginnen und Kollegen im Mittelbau an der Fakultät. Danke, dass Ihr immer ein Ohr hattet für alle möglichen Fragen, Klagen, Erkenntnisse und Lustigkeiten. Besonders danke ich Dr. Michaela Durst, meiner Instituts- und Zimmerkollegin, für das konstruktive gemeinsame Arbeiten und Diskutieren und alles andere, was wir geteilt haben.

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Dank

Ein herzliches „Danke“ auch an Hildegard Busch, die Institutsreferentin, für das Gute-Seele-Sein und für zwei wunderschöne Tage am Pool. Meine Arbeit an der Dissertation hat in Wien auch abseits der Evangelisch-Theologischen Fakultät wichtige Anregungen erhalten. Nennen möchte ich an dieser Stelle die Vienna Doctoral Academy „Medieval Academy“. Der interdisziplinäre Austausch war für mich sehr bereichernd. Prof. Dr. Matthias Meyer hat die Mitglieder der VDA und ihre Projekte stets sehr konstruktiv begleitet. Vielen Dank dafür! Vielen Dank auch an den Latein-Lektüre-Kreis unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Prügl, der mir in entspannter Atmosphäre einen interessanten ökumenischen Austausch ermöglichte. Die Jahre in Wien waren von der Arbeit an der Dissertation geprägt, aber nicht nur. Für das „nicht nur“, das für mich ein wichtiger Ausgleich war, danke ich allen Menschen, die uns dort im 6. Bezirk und anderswo zu Wegbegleitern, zu Freundinnen und Freunden geworden sind. Es war wunderbar mit Euch! Ein herzliches Dankeschön möchte ich auch meinen Eltern und Schwiegereltern aussprechen für die Unterstützung in unserem unsteten Lebenswandel. Fertiggestellt habe ich die Dissertation in Geislingen/Steige, als Pfarrerin in Geislingen-Altenstadt. Meinem Kollegen dort, Pfarrer Dr. Tobias Kaiser, danke ich dafür, dass er meinen Weg bis zu dieser Fertigstellung aufmerksam und mit Gelassenheit begleitet hat. Für ihr wohlwollendes Interesse sowie für die in den Gutachten enthaltenen wertvollen Hinweise danke ich den Gutachtern der Arbeit, Prof. Dr. Bruno Bleckmann und Prof. Dr. Volker Henning Drecoll. Für die Aufnahme des Manuskripts in die Reihe Roma aeterna danke ich Prof. Dr. Volker Henning Drecoll, Prof. Dr. Irmgard Männlein-Robert, Prof. Dr. Mischa Meier sowie Prof. Dr. Steffen Patzold. Katharina Stüdemann und dem Team vom Franz Steiner Verlag danke ich für die engagierte Betreuung der Publikation. Die lange Reise bis zur Fertigstellung der Dissertation wäre nie zu ihrem Ziel gekommen, hätte nicht mein Mann, Christoph Scheerer, sie von ihren Anfängen bis zum Schluss so großartig unterstützt. Er hat sich auf die Umzüge nach Tübingen und nach Wien eingelassen und oft den Alltag mit unseren dann drei Kindern gemanagt. Er war mir mein wichtigster und liebster Diskussionspartner. Bei ihm konnte ich auch unfertigen Gedanken freien Lauf lassen. Er hat mit mir über lateinischen Formen gebrütet. Er hat die Arbeit in all ihren Redaktionsstufen gelesen. Und er hat immer daran geglaubt, dass einmal ein Buch daraus wird. Danke! Meine Großmutter, Ruth Spiess, hätte sich besonders gefreut, dieses Buch in den Händen zu halten. Mit ihrer Neugier und ihrem Einsatz für ihre eigene Bildung war sie mir immer ein großes Vorbild. Ihrem Andenken widme ich dieses Buch. Geislingen/Steige, im Juni 2022 Antje Klein

Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung  Die Chronik des Victor von Tunnuna (ca. 565) – eine Chronik und ihre Geschichte(n) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.1. Einführung: Die Chronik des Victor von Tunnuna im Kontext ihrer Gattung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.2. Fragestellungen und Vorgehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2. Eine Chronik und ihre (Vor-)Geschichte Der historische Kontext der Chronik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2.1.Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2.2. Nordafrika – Africa: Der geographische, politische und kirchliche Kontext der Chronik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 2.2.1 Nordafrika vor der Vandalenherrschaft – ein knapper Überblick . . . . . . . . 26 2.2.2 Nordafrika unter den Vandalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.2.2.1 Die Herrschaft Geiserichs (428–477) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.2.2.2 Die Herrschaft Hunerichs (477–484) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.2.2.3 Die Herrschaft Gunthamunds (484–496) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 2.2.2.4 Die Herrschaft Thrasamunds (496–523) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 2.2.2.5 Die Herrschaft Hilderichs (523–530) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 2.2.3 Das Ende der Herrschaft der Vandalen in Nordafrika und der Beginn der byzantinischen Herrschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 2.2.4 Die Kirchen Nordafrikas und die byzantinische Herrschaft . . . . . . . . . . . . . 46 Ein Konflikt zwischen den Kirchenprovinzen in Nordafrika? (Exkurs) . . . . . . . . . 48 2.2.5 Gegen Mauren und Vandalen: Politische Probleme der byzantinischen Herrschaft in Nordafrika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52 2.3. Der Drei-Kapitel-Streit: Der theologiegeschichtlich-kirchenpolitische Kontext der Chronik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 2.3.1 Von Marcian und dem Konzil von Chalcedon (451) bis zum Auftakt des Drei-Kapitel-Streites unter Justinian . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 2.3.2 Justinian und der Beginn des Drei-Kapitel-Streites . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 2.3.3 Widerstand in Nordafrika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72

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2.3.4 Wer ist verantwortlich für den Drei-Kapitel-Streit? Antworten aus Nordafrika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 2.3.5 Vom Iudicatum des Vigilius bis zur Verurteilung der Drei Kapitel auf dem Konzil von Konstantinopel 553 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 3. Der Text der Chronik und seine Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 3.1. Zum Autor der Chronik: Victor von Tunnuna . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 3.1.1 Name und Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 3.1.2 Biographische Annäherungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 3.2. Zur Datierung der Chronik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 3.3. Zu den Quellen der Chronik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 3.4. Überlieferung und Editionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 3.4.1 Grundsätzliches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 3.4.2 Die Chronik des Victor von Tunnuna und die Chronik des Johannes von Biclaro . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 3.4.3 Eine Sammlung von Chroniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 3.4.4 Die Trennung der Überlieferung in zwei Zweige: Codex Soriensis und Codex Uniuersitatis Complutensis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 3.4.5 Spätere Überlieferung und Editionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 3.5. Der ursprüngliche Umfang der Chronik 1: Universalchronik oder Anschluss an Prosper? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 3.5.1 Das Zeugnis der Chronik des Victor von Tunnuna und das Zeugnis des Isidor von Sevilla . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 3.5.2 Keine ursprüngliche Universalchronik? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 3.5.3 Doch eine ursprüngliche Universalchronik – die Einwände von Carmen Cardelle de Hartmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 3.5.4 Das Zeugnis des Johannes von Biclaro, des Isidor und die Verweise auf Didymus und Evagrius in Chronicon 170 – Versuch einer Neubewertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 3.6. Der ursprüngliche Umfang der Chronik 2: Die Chronik und ihr Schluss (Chronicon 175) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 3.6.1 Der Schlussabschnitt Chronicon 175 – erste Beobachtungen . . . . . . . . . . . . 157 3.6.2 Die Angabe der Jahre a natiuitate Domini nostri Iesu Christi secundum carnem – eine Besonderheit bei Victor von Tunnuna . . . . . . . . 160 3.6.3 Geburt oder Passion Christi als Endpunkt einer Berechnung von Jahren: Die Angaben ad natiuitatem bzw. ad passionem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 3.6.4 Die Passion als Ausgangspunkt von Berechnungen: Die Zählung der Jahre a passione . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 3.6.5 Die Geburt Christi als Ausgangspunkt von Berechnungen: Die Zählung der Jahre a natiuitate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167

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3.6.6 567 Jahre a natiuitate als Rückgriff auf den Osterzyklus des Dionysius Exiguus, und woher kommt die Zahl 567? . . . . . . . . . . . . . . . 177 3.6.7 567 Jahre a natiuitate – Chronicon 175 als mögliche spätere Hinzufügung zur Chronik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183 3.6.8 Der Schluss der Chronik des Prosper Tiro von Aquitanien im Codex Uniuersitatis Complutensis und im Codex Soriensis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 3.6.9 Der Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 3.6.10 Die Schlussparagraphen bei Victor von Tunnuna und bei Johannes von Biclaro – Versuch einer Neubewertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 4. Zum Gerüst der erzählten Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 4.1. Die Chronologie der Chronik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 4.1.1 Die Zählung der Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 4.1.2 Datierungen innerhalb der Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 4.1.2.1 Tagesdatierungen in der Chronik: Ein kurzer Überblick . . . . . . . . . 204 4.1.2.2 Der Tod des Timotheus von Konstantinopel am 5. April (Chronicon 99) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 4.1.2.3 Der Tod des Reparatus (Chronicon 165) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 4.1.2.4 Der Tod des Theodor von Cebarsussa (Chronicon 173) . . . . . . . . . 207 4.1.2.5 Der Tod des Laetus von Nepte (Chronicon 50) . . . . . . . . . . . . . . . . 207 4.1.2.6 Der Tod des Proterius (Chronicon 19) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 4.2. Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213 4.2.1 Kaiser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213 4.2.2 … und (ihre) Frauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 4.2.3 Die Herrschaft der Vandalen in Africa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218 4.2.4 Patriarchen und Päpste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 4.2.5 Bischöfe von Karthago . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 5. Die erzählte Geschichte der Chronik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 5.1. Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedon – eine Geschichte ausgehend von Prospers Epitoma chronicon . . . . . . . . . . . . . . . . 230 5.1.1 Akzente des Victor von Tunnuna im Vergleich zu Prosper Tiro von Aquitanien – erste Beobachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . 232 5.1.2 Politische Notizen der Jahre 444–455 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 5.1.3 Die Darstellung des Konzils von Chalcedon und seiner Vorgeschichte . . . . 236 5.1.4 Die Frage der Drei Kapitel als Fokus der Chronik des Victor von Tunnuna von Anfang an . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 5.1.5 Zusammenfassende Bemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256 5.2. Der Beginn der Rezeption Chalcedons unter Leo I. (Chronicon 16–40) . . . . . 257

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5.3. Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 1: Die Herrschaft Zenos (Chronicon 41–67) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 5.3.1 Der Beginn der Herrschaft Zenos bis zu seiner Rückkehr aus Isaurien . . . . 266 5.3.2 Zeno in der communio mit den Gegnern Chalcedons . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 5.3.3 Sonstige Nachrichten bis zu Zenos Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278 5.4. Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 2: Die Herrschaft des Anastasius (Chronicon 67–100) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280 5.4.1 Der Beginn der Herrschaft des Anastasius . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 5.4.2 Anastasius und Euphemius von Konstantinopel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286 5.4.3 Weitere antichalcedonensische Maßnahmen des Anastasius . . . . . . . . . . . . . 288 5.4.4 Anastasius und Severus von Antiochien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292 5.4.5 Die „Verbesserung“ des Evangeliums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 5.4.6 Anastasius und Vitalian . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296 5.4.7 Anastasius als Chalcedon-Gegner bis kurz vor seinem Tod . . . . . . . . . . . . . 300 5.4.8 Die perfidia der Zeit unter Anastasius . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301 5.4.9 Der Staurotheis-Aufstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306 5.4.10 Der Tod des Anastasius als Fazit seiner Herrschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314 5.5. Dazwischen erzählt: Die Geschichte Nordafrikas unter den Vandalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316 5.5.1 Nordafrika unter Geiserich: multarum prouinciarum clades et christiani apud Affricam populi spolia atque neces . . . . . . . . . . . . . . . . 318 5.5.2 Nordafrika unter Hunerich: furor arrianus und confessores ac martyres . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 5.5.3 Nordafrika unter Gunthamund: Ein knappes Zwischenspiel . . . . . . . . . . . . 333 5.5.4 Nordafrika unter Thrasamund: arriana insania und zwei Lichtblicke . . . . 334 5.5.5 Nordafrika unter Hilderich: Rücknahme der Maßnahmen Thrasamunds und ein neuer Bischof . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338 5.5.6 Gelimer und das Ende der Herrschaft der Vandalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340 5.6. Sinodi Calcidonensis amator simulque defensor: Die Zeit unter Justin I. (Chronicon 101–110) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344 5.7. Damnatores et defensores trium capitulorum: Die Geschichte des Drei-Kapitel-Streites . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351 5.7.1 Der Beginn der Herrschaft Justinians I. (Chronicon 101–129) . . . . . . . . . . 352 5.7.1.1 Justinians Aufstieg zum Kaiser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 5.7.1.2 Justinian als Kaiser in der Tradition Chalcedons . . . . . . . . . . . . . . . 355 5.7.1.3 Justinian und der nordafrikanische Märtyrer Laetus von Nepte (Chronicon 118) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 5.7.1.4 Justinian und die Bischöfe von Illyrien (Chronicon 120) . . . . . . . . 360 5.7.1.5 Justinian und Severus von Antiochien sowie Konflikte in Alexandria . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362

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5.7.2 Die Kaiserin und der Papst: Theodora, Vigilius und der Beginn des Drei-Kapitel-Streites (Chronicon 111–130/140) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 5.7.2.1 Der Anfang Theodoras als Augusta . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368 5.7.2.2 Theodora und der Konflikt um Anthimus, Bischof von Konstantinopel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 5.7.2.3 Chronicon 130 als Kulminationspunkt und als Zäsur: Theodora und Vigilius, Bischof von Rom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377 5.7.2.4 Der Brief des Vigilius . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 5.7.2.5 Der Anfang des Drei-Kapitel-Streites: Die „Anfänge der Schlechtigkeiten“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 393 5.7.2.6 Der Tod der Theodora . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 396 5.7.3 Der Drei-Kapitel-Streit: Eine nordafrikanische Geschichte zwischen defensores und praeuaricatores . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397 5.7.3.1 Justinian als Akteur gegen die Drei Kapitel (Chronicon 132–137) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401 5.7.3.2 Zwischen Widerstand und Abfall: Bischöfe in Illyrien und in Africa (Chronicon 138–145) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411 5.7.3.3 Das 2. Konzil von Konstantinopel 553 (Chronicon 147) . . . . . . . . . 431 5.7.3.4 Nach dem 2. Konzil von Konstantinopel: Der Abfall von der Verteidigung der Drei Kapitel preter paucissimos in Africa und darüber hinaus (Chronicon 148–152) . . . . . . . . . . . . 435 Praeuaricatio, communio, polluere – drei zentrale Begriffe für die Darstellung des Drei-Kapitel-Streites bei Victor von Tunnuna (Exkurs) . . 437 5.7.3.5 Das Schicksal des Victor von Tunnuna (Chronicon 153–156) . . . . 446 5.7.3.6 Vigilius vs. Felix: Ein „guter“ und ein „schlechter“ Tod und die Sukzession in Rom (Chronicon 157–159) . . . . . . . . . . . . . . 450 5.7.3.7 Das Schicksal der letzten Verteidiger der Drei Kapitel (Chronicon 160–173) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 453 Chronicon 169 zum Ersten: Die noua superstitio (Exkurs) . . . . . . . . . . . 460 Chronicon 169 zum Zweiten: Wer diskutiert mit wem über was? (Exkurs) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 464 5.8. Ein ruhiges Ende: Justin II. und Sophia (Chronicon 174) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 472 5.9. Ein Ausblick: Die Epistula fidei catholicae als letztes Zeugnis des Widerstandes gegen die Verurteilung der Drei Kapitel in Africa . . . . . . . . 477 6. Eine Chronik und ihre Geschichte(n) Die Chronik des Victor von Tunnuna . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 484 . Welche Geschichte (vom Drei-Kapitel-Streit und darüber hinaus) erzählt die Chronik des Victor von Tunnuna? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 485 . Was bedeutet dies für den historischen Ort der Chronik und für die ihr zugrundeliegende Intention? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491

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7. Victor von Tunnuna, Chronicon Übersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 497 8. Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 521 8.1. Quellen und Übersetzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 521 8.2.Hilfsmittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 534 8.3.Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 535 . .

Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 557 Stellenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 557 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 579

1. Einleitung Die Chronik des Victor von Tunnuna (ca. 565) – eine Chronik und ihre Geschichte(n) 1.1 Einführung: Die Chronik des Victor von Tunnuna im Kontext ihrer Gattung Die vorliegende Monographie widmet sich der Chronik des Victor von Tunnuna (ca.  565) und ihrer/ihren Geschichte(n). Victor von Tunnuna berichtet in seiner Chronik anhand der Jahre nach dem Konzil von Chalcedon (451) und dem 2. Konzil von Konstantinopel (553) insbesondere von den Geschehnissen rund um die christologischen Streitigkeiten unter der Herrschaft von Justinian I. mit einem Schwerpunkt auf dem Streit um die Drei Kapitel. Daher nehmen kirchenpolitische bzw. kirchengeschichtliche Ereignisse in der Chronik des Victor von Tunnuna einen besonders großen Raum ein. Ein weiterer Schwerpunkt der Chronik sind Ereignisse in oder mit Bezug zu Africa. Der Zeit der Chronik entsprechend sind dies zunächst solche unter der Herrschaft der Vandalen, später solche in der späteren Phase des Drei-Kapitel-Streites.1 Bis zu ihrem Schluss ist die Verteidigung der Drei Kapitel in der Chronik greifbar: Despite his heavy-handed methods, Justinian therefore was unable to impose the degree of assent that he would have liked. The African resistance did not blow over. Victor of Tonnena, whose chronicle is our main source for many of these events, was as staunch as ever when he wrote it in 565/66, after years of exile and personal suffering […].2

Diese Charakterisierung des Victor von Tunnuna und seiner Chronik durch Averil Cameron spitzt Antonio Placanica noch weiter zu: Er sieht in der Chronik Victors – wie auch im Breuiarium des Liberatus von Karthago – im Kontext des Drei-Kapitel-Strei-

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Vgl. schon die Charakterisierung durch Schanz/Hosius/Krüger, Geschichte der römischen Literatur 4,2, 113: „Das Kirchliche ist in dieser Chronik viel stärker berücksichtigt als das Weltliche, besonders von 456 an. Die Chronik geht nicht selten in die Form der Geschichtserzählung über. Den Ereignissen seines Heimatlandes wendet der Afrikaner seine besondere Aufmerksamkeit zu.“ Cameron, „Byzantine Africa“, 58.

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Einleitung

tes eine „Streitschrift“ mit polemischer Intention.3 Damit schließt er sich Wolfgang Pewesin, der die Chronik als „antikaiserliche Streitschrift“ bestimmt,4 sowie Theodor Schnitzler5 an.6 Der Charakter als Streitschrift manifestiert sich aus Placanicas Sicht insbesondere in der klaren Trennung zwischen den Förderern und Gegner (v. a. defensores und obtrectatores) des Konzils von Chalcedon bzw. (eng damit zusammenhängend) der Drei Kapitel.7 Mit der Chronik des Victor von Tunnuna nimmt diese Arbeit eine Quelle in den Blick, die zu einer Gattung gehört, die in der historiographischen Forschung lange keinen guten Ruf genoss. Dies wirkte sich auch auf die Rezeption der hier untersuchten Chronik aus. So schreibt etwa Otto Bardenhewer in seiner Geschichte der altkirchlichen Literatur 4 (1932) in seinem Eintrag zu Victor von Tunnuna: „Die Chronik oder die dürre und trockene Aneinanderreihung unzusammenhängender Daten hat im Abendlande die Geschichtsdarstellung völlig zurückgedrängt.“8 Bardenhewer spielt damit auf die Gattung Chronik in ihrem Unterschied zur klassischen antiken Geschichtsschreibung (historia/historiae), aber auch in ihrem Unterschied zur christlichen Gattung „Kirchengeschichte“ (historia ecclesiastica) an. Als Vertreterin dieser Gattung sieht er offenbar auch in der Chronik des Victor von Tunnuna eine solche „dürre und trockene Aneinanderreihung unzusammenhängender Daten“. Ein angemessener Beitrag zur Geschichtsschreibung oder gar Geschichtsdeutung wurde Chroniken in dieser Tradition kaum zugestanden. „Der Niedergang der Geschichte zeigt sich darin, dass an Stelle der Geschichtsdarstellung eine dürre Aufzählung der Ereignisse, die Chronik, tritt“, urteilten Martin Schanz, Carl Hosius und Gustav Krüger in ihrer Geschichte der römischen Literatur.9 Richard W. Burgess und Michael Kulikowski fassen diese Geringschätzung von Chroniken prägnant wie folgt zusammen:

3 Vgl. Placanica, „Introduzione“, XIV. 4 Pewesin, Imperium, 135 (Anm. 14). 5 Schnitzler, Im Kampfe um Chalcedon, 55: Liberatus von Karthago und Victor von Tunnuna „wollten aus der Geschichte gegen Justinian und seine dogmatische Anmassung Beweis führen“. Ähnlich auch Cameron, „Byzantine Africa“, 60: „Chroniclers like Victor of Tonnena, who might have written of more general things, devoted their entire attention to the progress of the African opposition to Justinian, which therefore seems to hold the entire key to African cultural life in the mid sixth century.“ 6 Vgl. auch die Angabe bei Steinacher, Die Vandalen, 313, Victor von Tunnuna habe Justinian als „Verfolger“ (in Bezug auf die nach 553 in der Verteidigung der Drei Kapitel bleibenden Bischöfe) bezeichnet (leider ohne genauen Hinweis auf die betreffende Stelle in der Chronik). Vgl. ähnlich über Victor von Tunnuna und andere nordafrikanische Autoren unter byzantinischer Herrschaft Lassère, Africa, quasi Roma, 723: „Fidèles à leur doctrine, ils n’ont pas hésité à s’opposer aux décisions impériales.“ 7 Vgl. Placanica, „Introduzione“, XIV. 8 Bardenhewer, Geschichte der altkirchlichen Literatur 4, 330. 9 Schanz/Hosius/Krüger, Geschichte der römischen Literatur 4,2, 112.

Einführung: Die Chronik des Victor von Tunnuna im Kontext ihrer Gattung

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Because classical or „classicizing“ history, as it is usually called – Herodotus und Thucydides in Greek, Livy and Tacitus in Latin, for instance – has since the Renaissance been held up as the ideal form of writing about the past, a genre like the chronicle that differs so obviously from it can only be regarded as second- or third-rate; when combined with the generalized depreciation of things Christian and medieval („Gothic“) in comparison to things ancient, customary since the Renaissance and still implicit in much modern scholarship, the inferiority of the chronicles as a way of conceptualizing and reporting past events is simply assumed without a second thought.10

Im Gegensatz zu historiae und im Gegensatz zu Kirchengeschichten wurden Chroniken daher weniger als eigenständige Texte selbst (und im Ganzen) untersucht, sondern sie wurden v. a. aufgrund der Informationen, die in ihnen über bestimmte Ereignisse enthalten sind, herangezogen: Nach der bahnbrechenden editorischen Arbeit des Theodor Mommsen an den chronistischen Texten der Spätantike galten diese lange Zeit als eine mindere historische Gattung, die es nur als „Steinbruch“ zu benutzen galt.11

In dieser Tradition stehend bewerteten Schanz, Hosius und Krüger den Informationsgehalt der Chronik des Victor von Tunnuna bzw. des Chronisten selbst so: „Ueber seine Unzuverlässigkeit werden Klagen geführt“.12 Auch wenn Carmen Cardelle de Hartmann sich selbst mit ihrer Edition um die Chronik des Victor von Tunnuna verdient gemacht hat, gilt das, was sie in ihrem Aufsatz „Historie und Chronographie“ aus dem Jahr 2000 schreibt, in mancher Hinsicht nach wie vor: Obwohl in den letzten Jahrzehnten immer wieder Untersuchungen zu einzelnen Chroniken erschienen sind,13 werden Chroniken nach wie vor besonders als Quellen (und in diesem Sinn als „Steinbruch“) für die Rekonstruktion von Geschichte benutzt bzw. es werden (dafür) einzelne Aspekte ihrer Texte herangezogen.14 Unter

10 Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 6. 11 Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 107. 12 Schanz/Hosius/Krüger, Geschichte der römischen Literatur 4,2, 113. 13 Vgl. etwa Muhlberger, The Fifth-Century Chroniclers. Prosper, Hydatius, and the Gallic Chronicler of 452 (1990); Burgess, The „Chronicle of Hydatius“ and the „Consularia Constantinopolitana“ (1993); Cardelle de Hartmann, Philologische Studien zur Chronik des Hydatius von Chaves (1994); Croke, Count Marcellinus and his Chronicle (2001); vgl. jetzt auch die von Bruno Bleckmann und Markus Stein herausgegebene Reihe Kleine und fragmentarische Historiker der Spätantike, insbesondere das Modul G. Chroniken und Chronikfortsetzungen des fünften und sechsten Jahrhunderts mit Übersetzungen und philologisch-historischen Kommentaren u. a. zu den Chroniken von Prosper Tiro von Aquitanien und von Hydatius; der Gattung Chronik insgesamt widmet sich die Studie von Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time. 14 Das gilt für die Chronik des Victor von Tunnuna etwa für die einschlägigen Studien zur Geschichte des spätantiken Nordafrika wie Steinacher, Die Vandalen; Vössing, Das Königreich; Modéran, „L’Afrique reconquise“ u. a.

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Einleitung

der Prämisse, dass die Eigenart der (christlichen) Chroniken darin bestehe, dass sie die historische Darstellung der Zeitmessung unterordneten und dass diese Präsentation der Geschehnisse nicht die für eine historische Darstellung adäquate sei, dass zusammenhängende Ereignisse auseinandergerissen würden und dass „eine kritische Reflexion […] in dieser Struktur kaum unterzubringen“ sei,15 wird seltener nach ihrem Eigenwert gefragt, der über die Einzelinformationen, die Chroniken über bestimmte Ereignisse liefern, hinausgeht, und der sich erst im Blick auf die ganze Chronik zeigen kann. Die (Welt-) Chronik gilt neben der Kirchengeschichte als eine der beiden Hauptgattungen spätantiker christlicher Geschichtsschreibung. Beide Gattungen gehen im christlichen Kontext letztlich auf Eusebius von Caesarea zurück; antike (pagane) und jüdische Einflüsse und Vorgänger sind freilich jeweils nicht zu bestreiten.16 Im Gegensatz zur Kirchengeschichte, die am Übergang zum Mittelalter als Gattung verschwindet, wurde die Chronik zum Modell für die folgende Geschichtsschreibung.17 In der 15

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Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 109. Das Urteil von Cardelle de Hartmann relativiert sich freilich im Verlauf ihres Aufsatzes, wenn sie die einzelnen Chroniken als durchaus durchdachte Geschichtsdarstellungen mit bisweilen universalistischem Anspruch präsentiert, in denen auch Narrativität bzw. ein Narrativ zu erkennen sei, vgl. Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 114–123; s. weiter u. S. 19–20. Vgl. exemplarisch Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 109–113; Mehl, Römische Geschichtsschreibung, 105–106, 187–191 u. ö.; Vittinghoff, „Selbstverständnis“, 535; Timpe, Römische Geschichte, 105–106; Rüpke, Römische Geschichtsschreibung, 193–204. Eusebius nimmt in seiner Historia ecclesiastica jüdische und griechisch-römische Elemente auf und schreibt die Geschichte der Kirche als Geschichte eines eigenen Volkes, nämlich des neuen Gottesvolkes. Insbesondere hagiographische und martyrologische Elemente spielen darin eine große Rolle; auch steht die „Kirchengeschichte“ in der Tradition der frühchristlichen Apologetik. Mit ihrer Methodik knüpft sie an die überkommene historiographische Tradition an, dient aber darüber hinaus dem historiographischen Zweck des Nachweises der Schrifterfüllung im Prozess der Geschichte, dem Nachweis der Entfaltung des Logos und des Wirkens der göttlichen Providenz in den Geschicken der Kirche, ihrer Lehre, Lehrer und Zeugen. Besonders im Osten wurden in der Nachfolge Eusebs weitere Kirchengeschichten geschrieben; vgl. etwa die Kirchengeschichten von Philostorgius (ca. 368–439), Eunomius (ca. 335–394), Socrates Scholasticus (ca. 380 – ca. 450), Sozomenus (frühes fünftes Jahrhundert), Theodoret von Kyrrhos (ca. 393 – ca. 466), Zacharias Rhetor (gest. nach 536; erhalten in miaphysitischer, syrischer Überarbeitung als Ps-Zacharias Rhetor) und Evagrius Scholasticus (ca. 536 – nach 594). Im Westen sind nur zwei Werke als direkte Nachfolger der Historia ecclesiastica des Eusebius zu nennen: Die Übersetzung und Bearbeitung der Historia ecclesiastica von Rufinus von Aquileia sowie die Historia ecclesiastica tripartita des Cassiodor/Epiphanius Scholasticus. Dass die Gattung am Übergang zum Mittelalter verschwindet, hängt u. a. damit zusammen, dass ihr spezifischer Gegenstand im Unterschied zur allgemeinen politischen Geschichte unklar wird. Vgl. als Überblick Markschies, „Kirchengeschichte I.“, 1170–1179; Brennecke, „Kirchengeschichte/ Kirchengeschichtsschreibung II. 2.“, 1181–1183; Stöve, „Kirchengeschichtsschreibung“, 535–539. Zu Eusebius’ Historia ecclesiastica vgl. exemplarisch Schwartz, „Über Kirchengeschichte“, 110–130, bes. 113–124; Brennecke, „Die Kirche als ΔΙΑΔΟΧΑΙ ΤΩΝ ΑΠΟΣΤΟΛΩΝ“, 81–93; Timpe, Römische Geschichte; ders., „Was ist Kirchengeschichte?“, 171–204; Ulrich, „Eusebius als Kirchengeschichtsschreiber“, 277–287; Verdoner, Narrated Reality. Vgl. bspw. Engels/Hofmann, „Literatur und Gesellschaft“, 40; vgl. Vittinghoff, „Selbstverständnis“, 535. Zur Chronik vgl. Croke, „The Origins“; vgl. insgesamt Cardelle de Hartmann, „Historie und

Einführung: Die Chronik des Victor von Tunnuna im Kontext ihrer Gattung

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chronographischen Tradition von Sextus Julius Africanus (ca. 170–240) und Hippolyt von Rom (gest. ca. 235)18 stehend, anschließend an die Vorstellungen und Modelle der frühchristlichen Apologeten,19 gilt Eusebius von Caesarea als der erste, der eine Chronik im eigentlichen Sinn (d. h. im Sinn der später im Mittelalter fortgeführten Gattung) schrieb20: „No such universal synchronism for world history that incorporated Greek, Mediterranean, and biblical history rather than just a series of individual regnal lists had ever been written before“.21 Die Chronik des Eusebius besteht aus zwei Teilen, den Chronographia und den Chronici canones (geschrieben bis 325/326).22 Durch die Übersetzung der Chronici

Chrongraphie“; vgl. auch grundsätzlich Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time. Zur antiken Tradi­ tion, in der die christliche Chronik steht, vgl. bspw. ebd., 35: Die Gattung habe, was sie biete, von der hellenistischen griechischen Chronik geerbt: „In fact, apart from certain apocalyptic, providentialist, or teleological interpretations that may exist in late Roman and medieval chronicles, there is nothing inherently Christian in the chronicle genre at all. Christians simply discovered that the chronicle form satisfied or fulfilled the requirements of their own historiographical outlook and historical philosophy“. Gerade weil aber die Gattung Chronik dann von christlichen Autoren rezipiert wird (und insofern dann als christliche Gattung angesehen wird), wurde und wird immer wieder darüber debattiert, inwiefern Chronisten mit ihren Texten auch religiöse bzw. theologische Interessen verfolgen. Solche Interessen betont etwa Croke, „Chronicles, Annals“, 308, der in Chroniken wie in den Chroniken Prospers, des Hydatius und des Marcellinus „indeed religious documents in the broad sense of the word“ sieht, denn „they represent the pattern of divine chronology based on a Christian interpretation of history and they include many events of an explicitly religious nature.“ Dazu gehörten auch Naturgereignisse wie Erdbeben – „they all reflect the essentially religious interpretation of these events and the liturgified ceremonial that surrounded each of them.“ Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 34 betonen, dass neben verschiedenen theologischen Interessen, insbesondere „adding another section to a long record of the outline of God’s ultimate plan“, auch christliche Autoren Chroniken einfach aufgrund von „historical and antiquarian enthusiasm“ schrieben. Van Nuffelen, „Theology versus Genre?“, 125–126 hingegen spricht sich ganz für das Verständnis der Gattung unabhängig von Theologie aus. Christliche Autoren schrieben keine „Heilsgeschichte“, sondern „thought of ecclesiastical history as a subgenre of history, and did not define their task as ‚tracing God’s plan of salvation in history‘“. […] „We should therefore see Christian historiography in the first place as history, obviously written from a Christian perspec­ tive, and not as a transposition of theology in history.“ 18 Vgl. Timpe, Römische Geschichte, 97–98; Löhr, „Heilsgeschichte und Universalgeschichte“, 542– 551; Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 113–114. Julius Africanus und Hippolyt bestimmten bereits die Zeit der Welt von der Schöpfung bis zum Jüngsten Tag als 6000 Jahre. 19 Vgl. z. B. Theophilus von Antiochien, Ad Autolycum oder Tertullian, Apologeticum, die die Chronologie für den Altersbeweis in Anspruch nahmen. Zur apologetischen Chronographie vor Eusebius in Hellenismus und Judentum bzw. im frühen Christentum vgl. Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 99–119. 20 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 108–109, 114–115. 21 Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 124; vgl. den gesamten Band zur Entwicklung der Gattung. 22 Vgl. Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 123; Timpe, Römische Geschichte, 100. Die Chronographia sind ein Kompendium aus Listen und Quellenauszügen, das chronographisch die Weltgeschichte der Völker seit Abraham fixiert; im zweiten Teil (Chronici canones) sind, als Weltgeschichte von Abraham bis zum 25.07.325 in vertikalen Spalten die königlichen Regierungszeiten von 19 Königreichen verzeichnet, vgl. Löhr, „Heilsgeschichte und Universalgeschichte“, 551. Vgl. die Ausgaben in den GCS (20 = Eusebius 5, Karst; 47 = Eusebius 7, Helm).

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Einleitung

canones des Eusebius durch Hieronymus (381) wurde dieser Teil der Chronik im Westen breit rezipiert.23 Weitere nachfolgende, oftmals das Werk des Eusebius bzw. dann eine der nachfolgenden Chroniken fortsetzende lateinische Chroniken in der Spätantike sind etwa die Chronica Gallica ad a. 452, die Chroniken von Prosper Tiro von Aquitanien (verschiedene Ausgaben: 433, 445, 455, wahrscheinlich auch 451)24, Hydatius von Chaves (ca. 469), Marcellinus Comes (ca. 520), Cassiodor (Ende 518), Marius von Avenches (ca. 581) sowie Johannes von Biclaro (592/602) bis zu Isidor von Sevilla (615/616; 626) und Beda Venerabilis (725 [als Teil des Liber de ratione temporum]).25 Auch die Chronik des Victor von Tunnuna reiht sich hier in eine bestimmte „Genealogie“ von Chroniken ein.26 War anfänglich bei Eusebius die gesamte, universale Geschichte im Blick, konzentrierte sich mit dem Auseinanderbrechen des Römischen Reiches der Fokus der spätantiken Chroniken meist besonders auf eine Provinz; zum Teil schrieben sie die Geschichte des Römischen Reiches mit einer bestimmten Gruppe als Erbin von dessen Geschichte fort.27 Grundsätzlich sind Chroniken Chronologien; dies wird von den Chronisten selbst hervorgehoben. Isidor von Sevilla etwa ordnet die Chronik in seinen Etymologiae unter Chronologie (Gesetze und Zeiten) und nicht unter die historischen Gattungen ein.28 Die der Gattung Chronik zuzurechnenden Texte zeichnen sich hierbei – v. a. im

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Vgl. Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 125–126. Vgl. Kötter, „Einleitung“, 7–9. Vgl. das „Verzeichnis der frühen lateinischen Chroniken“ bei Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 123–127; vgl. zum Inhalt bzw. zur Geschichtsdeutung einzelner Chroniken von Eusebius und Hieronymus bis Beda ebd., 114–123. Vgl. auch Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 130, 184–187. S. u. Kap. 3.4. Dass Chroniken Fortsetzungen nach sich zogen, führt Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 123 auf ihre offene Struktur, aber auch auf ihre Form zurück: „Einerseits erlaubt sie [die Chronik] manchen Autoren, Informationen zu präsentieren, ohne sie interpretieren oder miteinander in Verbindung bringen zu müssen, andererseits kann sie mit ihrer einfachen Sprache und Form ein relativ breites Publikum erreichen. […] Noch ein Grund für den Erfolg dieser Form […] ist die offene Struktur. Zum einen lud das offene Ende zu einer Fortsetzung ein. Zum anderen führte die weitgehend starre chronologische Struktur dazu, dass narrative Stränge zerhackt wurden und in der Tendenz unkoordiniert, ja chaotisch, erschienen. Dies erlaubte – von Fassung zu Fassung – narrative Ergänzungen und Erweiterungen, was enzyklopädischen Interessen (v. a. im Spätmittelalter) besonders entgegenkam.“ Zum offenen Schluss als Kennzeichen der Gattung Chronik vgl. auch Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 28–29. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 119–122, besonders betont für Hydatius von Chaves. Vgl. auch Van Nuffelen, „Theology versus Genre?“, 123: Spätere Chroniken „narrowly focus on their own region“ (123). Der Chroniken gattungsmäßig zugeschriebene Universalismus werde von der literarischen Tradition bestimmt. „The scope of their actual contribution is very limited and hardly universal in any sense of the word. The genre of the chronicle thus incorporates some universal elements, not because Christian chroniclers are universal historians, but because these universal elements were a fossilised part of the genre ‚chronicle‘“. Vgl. Isidor von Sevilla, Etymologiae 5,28 (De legibus et temporibus) (s. p., 10–14 Lindsay): De chronicae uocabulo. Chronica Graece dicitur quae Latine temporum series appellatur, qualem apud Graecos

Einführung: Die Chronik des Victor von Tunnuna im Kontext ihrer Gattung

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Gegenüber zu Kirchengeschichten (oder auch zu antiken historiae) – insgesamt durch breuitas aus.29 The annalistic chronology, not the content, imposes the explicit structure. There need not be any overall sense of progression, development, or narrative relevance in the way events are recounted; each fact can be listed in its proper chronological location, in conceptual isolation from the rest of the chronicle’s entries. […] The authorial rationale is rarely overt and often unrecoverable.30

Dennoch ist es nicht einfach so, dass Chroniken aufgrund ihrer parataktischen Struktur keine eigene (Geschichts-) Erzählung bieten. Dabei kann jedoch „die reine Präsentation von Information […] Objektivität vorgaukeln und die Absichten des Autors kaschieren“.31 Dem Leser kommt die Aufgabe zu, die zugrundeliegende Erzählung aus den parataktisch präsentierten Fakten selbst herauszuarbeiten. Die Leserin hat also eine fundamentale Rolle im interpretativen Prozess, auch wenn gerade in den spätantiken Chroniken – etwa in der von Prosper – die über die parataktische Struktur vermittelte Geschichte durchaus offenkundig sein kann.32 Bei der aufmerksamen Lektüre der Chroniken nach Eusebius kann man bemerken, dass eine […] Auswahl [der spezifischen Themen, AK] durchaus getroffen und von der Ideologie des Autors gelenkt wurde. Sogar eine Narrativität ist in [sic!] Ansatz zu erkennen: bestimmte Themen werden verfolgt, wenn auch die chronologische Anordnung zur Verwirrung der Erzählfäden führen kann, nur ein Abschluss wird vermisst.33

Eusebius Caesariensis episcopus edidit, et Hieronymus presbyter in Latinam linguam conuertit. / „Über das Nomen ‚Chronica‘. ‚Chronica‘ wird auf Griechisch genannt, was auf Lateinisch ‚series temporum‘ (‚Reihenfolge der Zeiten‘) genannt wird, was bei den Griechen der Bischof Eusebius von Caesarea herausgegeben hat, und der Presbyter Hieronymus in die lateinische Sprache umgewandelt hat.“ Vgl. Cassiodor, Institutiones 1,17,2, der auch die Kürze von Chroniken hervorhebt (Chronica uero, quae sunt imagines historiarum breuissimaeque commemorationes temporum / „Chronicles, which are sketches of history or very brief summaries of the past“ [56,17–18 Mynors; Übers. 150 Halporn]). Vgl. Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 108–109; Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 20–35, 59–60. 29 Vgl. Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 25–27 (vgl. 35, 59), hier 26: „Cicero summed up the virtues of the chronicle genre best when he said that Atticus’s Liber annalis allowed one to view all history ‚uno in conspectus‘“ (vgl. Cicero, Brutus 15). Vgl. etwa auch Eusebius, Chronici canones praefatio (19,6–7 Helm): Quae uniuersa in suis locis cum summa breuitate ponemus. / „Die gesamten Dingen stellen wir an ihren Orten mit höchster Kürze dar.“ Breuitas kennzeichnet auch in Teilen die Chronik des Victor von Tunnuna – jedoch nicht in jedem Fall. 30 Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 23–24. 31 Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 123. 32 Vgl. Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 24–25. Im Gegensatz dazu gibt es in den klassischen historiae einen Erzähler, der Struktur, Kohärenz, Bedeutung der erzählten Ereignisse vorgibt, vgl. ebd., 21. 33 Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 117.

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Einleitung

Chroniken haben, so formulieren es Burgess und Kulikowski, eine „macro-narrative“, die sich aus ihrem Gesamten ergibt: Aus ihren Chronologien, aus den Ereignissen und aus den Individuen, die in einem Text zusammenkommen. Die Bedeutung von Geschichte liegt für eine Chronik insofern nicht in den Details, „but in the overall picture offered by the complete work, in which one could trace the rise and fall of empires, cities, and cultures“.34 So sind auch die spätantiken Chroniken zwar nicht als Historien, aber doch als historiographische Schriften zu verstehen.35 Die Zeitmessung ist in ihnen vor allem als ordnendes Prinzip wichtig.36 Allerdings schließt dieses ordnende Prinzip chronologische Vor- oder Rückgriffe nicht aus, etwa in summarischen Einträgen.37 Zwischen dem (theologischen) „Anspruch auf sinnstiftendes Verstehen des Gesamten“ und dem (historiographischen) „Anspruch auf wissenschaftliches Verstehen des Einzelnen“ besteht in Chroniken eine Spannung, die kaum aufgelöst werden kann.38 1.2 Fragestellungen und Vorgehensweise Dass neben ihrer Nutzung als Quelle für die Rekonstruktion von Geschichte seltener nach dem Eigenwert von Chroniken gefragt wird, gilt bedingt auch für die Chronik des Victor von Tunnuna. Sie wurde vielfach für die Rekonstruktion des Drei-KapitelStreites v. a. in dessen Spätphase herangezogen, da sie dafür eine der wenigen Quellen überhaupt ist (zuletzt etwa Yves Modéran, „L’Afrique reconquise“; Stanisław Ada­miak, Carthage). Die Chronik ist editorisch mehrfach erschlossen (Theodor Mommsen; Antonio Placanica; Carmen Cardelle de Hartmann), und sie wurde ins Italienische (Placanica) und ins Englische ( John R. C. Martyn)39 übersetzt. Zudem liegt ein phi-

34 Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 33. 35 Cardelle de Hartmann, „Der mozarabische Blick“, 45. 36 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 109. Dies kann dann aber als wichtigstes Ziel innerhalb der Gattung gelten, vgl. Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 25 zum wichtigsten Ziel der Chronik: „to serve as aides-mémoires“, „to organize those memories and put every­thing in its proper chronological relationship to everything else“. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 123: Das „Interesse für die Zeitmessung“ bleibe jedoch „für die Gattung konstitutiv“. 37 Dass die Chronologie nicht absolut ist („related events from different times can be narrated together or out of sequence“), ist für Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 21 ein Charakteristikum für die klassische historia. 38 Wallraff, „Protologie und Eschatologie“, 167. 39 Die Übersetzung von Martyn ist allerdings nicht unproblematisch, vgl. etwa Victor von Tunnuna, Chronicon 38 (Übers. 139 Martyn): „But Martyrius was ordained bishop of the Church of Constantinople after Anastasius“ für Iherosolimitane uero ecclesie Marturius post Anastasium episcopus aderat (13,194–195 Cardelle de Hartmann); Chronicon 74 (Übers. 145 Martyn): „The Emperor Anastasius followed the Synod of the heretics, and confirmed Zeno’s man Henoticus“ für Anastasius imperator, hereticorum sinodum faciens, enoticum Zenonis confirmat (23,376–377 Cardelle de Hartmann). S. auch u. S. 151–152 (Anm. 320).

Fragestellungen und Vorgehensweise

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lologisch-historischer Kommentar zu ihr vor, der sich den einzelnen Einträgen der Chronik widmet und v. a. auch auf Parallelüberlieferungen hinweist (Placanica).40 Über die Leistung des Lesers bei der (Re-) Konstruktion der Erzählung, die einer Chronik zugrunde liegen kann, schreiben Richard W. Burgess und Michael Kulikowski, dass der Unterschied zwischen einer Historia und einer Chronik darin liege, dass der Autor einer Geschichte „has already made the decisions and provided the emphasis and connections. The narrative belongs to him“. In einer Chronik jedoch „the reader makes his own history from the materials provided and makes whatever use of it he will“. Spätantike Chronisten allerdings „could be as explicit, biased, propagandistic, and committed to particular points of view as the most sophisticated author of narrative histories“.41 Als spätantike Chronik steht die Chronik des Victor von Tunnuna irgendwo dazwischen: Zwischen einer parataktischen Präsentation der Fakten und einer (Geschichts-) Erzählung, die mehr oder weniger offenkundig sein und durch die Leserin rekonstruiert werden kann – und vielleicht auch soll, weil dies vom Autor so angelegt wurde. Sind die Fakten, die die Chronik bietet, immer wieder Gegenstand von Untersuchungen gewesen, ist die Frage nach der der Chronik des Victor von Tunnuna zugrundeliegende Erzählung bzw. ihrer Rekonstruktion eine Frage, die bisher nur ansatzweise gestellt wurde.42 Dies aber ist das Vorhaben der vorliegenden Arbeit: Sie fragt nach dem Ganzen der Chronik. Ziel ist, herauszuarbeiten, welche Geschichte43 vom Drei-Kapitel-Streit die Chronik erzählt, welche „macro-narrative“44 der Chronik zugrunde liegt. Dies ergibt sich freilich erst aus der historisch-kritischen Untersuchung der durch die Chronik präsentierten Einzelheiten (den aufgezeichneten res gestae) – neben den einzelnen Fakten und Ereignissen (und sich daraus möglicherweise auch ergebenden Zusammenhängen) etwa auch die chronologischen Strukturen sowie die handelnden Personen und den ihnen durch die Chronik zugeschriebenen Rollen. Das Profil der Chronik des Victor von Tunnuna zeigt sich dabei nicht nur in der Untersuchung ihres eigenen Textes, sondern auch durch einen vergleichenden Rückgriff auf (mögliche) Quellen (wie etwa die Historia ecclesiastica des Theodoros Anagnostes, verfügbar nur in der späteren Epitome, sowie die Chronik des Prosper Tiro von Aqui-

40 Zu den genannten Titeln vgl. jeweils das Literaturverzeichnis. 41 Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 24. 42 Dies gilt auch für den Kommentar von Placanica, der sich der Chronik in ihren Einzelheiten widmet, aber neben Ansätzen dazu in der Einleitung („Introduzione“) kaum einen Blick auf das Gesamte der Chronik wirft. 43 Hier verstanden nicht in einem literaturwissenschaftlichen Sinn, sondern zunächst als historia rerum gestarum. Damit ist keine völlige Objektivität impliziert – dass nicht nur das Finden, sondern auch die „Erfindung“ (s)einer Geschichte die Arbeit eines Historikers prägt, darauf macht White, Metahistory, hier 20–21 aufmerksam. 44 S. o. S. 20.

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Einleitung

tanien), aber auch im Vergleich mit anderen spätantiken historiographischen Werken sowohl aus dem Westen als auch aus dem Osten, etwa mit der Chronik des Marcellinus Comes, der Historia ecclesiastica des Evagrius Scholasticus oder dem Breuiarium des Liberatus von Karthago, wenn sie von denselben Ereignissen berichten. Die Chronik des Victor von Tunnuna entstand, wie oben bereits kurz erwähnt, im Kontext des Drei-Kapitel-Streites; ihr Autor steht stets auf der Seite der Verteidiger der Drei Kapitel.45 Es ist anzunehmen, dass dieser Umstand eine entscheidende Rolle für die von ihm verfasste Erzählung des Drei-Kapitel-Streites spielt. Gefragt werden muss aber, ob die Chronik in diesem Kontext wirklich als antikaiserliche „Streitschrift“ mit polemischer Intention bestimmt werden kann, oder ob der Blick auf das Ganze der Chronik zu einem anderen Verständnis ihrer Intention und ihres konkreten Ortes innerhalb der Geschichte des Drei-Kapitel-Streites führt. Diese Fragen, die sich mit der inhaltlichen Gestalt der Chronik befassen, sind Gegenstand des ausführlichen 5. Kapitels dieses Buches. Um sich dieser erzählten Geschich­te der Chronik zu nähern, wird im vorherigen Kapitel 4 zunächst das Gerüst der Geschichte, d. h. die Chronologie der Chronik in den Blick genommen. Erst danach kann die eigentliche erzählte Geschichte untersucht werden, wobei im Wesentlichen dem chronologischen Duktus der Chronik gefolgt wird. In diesem Teil der Arbeit wird also die Aufgabe, die oben dem Leser, der Leserin einer Chronik zugesprochen wurde, wahrgenommen – die Rekonstruktion einer im Text der Chronik angelegten Geschichte (historia). Im Blick auf die Chronik des Victor von Tunnuna sind allerdings auch einige der klassischen „Einleitungsfragen“ nicht abschließend geklärt. Sie spielen aber auch eine Rolle für die Deutung der Geschichte, die die Chronik erzählt. D. h.: Für eine Untersuchung ihrer erzählten Geschichte ist auch die Untersuchung einer anderen Geschichte von Bedeutung – die Untersuchung der Geschichte ihres Textes. Dazu gehören die Frage nach ihrem Autor, nach ihrer Datierung und nach ihren Quelle sowie Überlieferungsfragen, die auch den ursprünglichen Textbestand betreffen. Diese Fragen bezüglich der Geschichte des Textes sind Gegenstand von Kapitel 3.46 Besonders in Kapitel 3–6 fließen die einschlägigen Forschungsdiskussionen, die sich (auch) auf die Chronik des Victor von Tunnuna beziehen, ein, daher ist kein vorgeschalteter Forschungsüberblick notwendig. Um eine Grundlage für die spätere Arbeit am Text zu schaffen und die in der Chronik abgehandelten Ereignisse einordnen

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Es wird in den Formulierungen in dieser Monographie nicht scharf zwischen der Erzählung der Chronik und der Erzählung des Autors, des Victor von Tunnuna, unterschieden – der Autor hat sich als Victor von Tunnuna selbst in die Chronik eingeschrieben, ihr Text ist daher mit seiner Stimme wenn auch nicht gleichgesetzt, so doch eng verbunden. Eine abschließende Klärung aller dieser Fragen ist auch hier nicht möglich, aber es können doch einige Argumente neu gewichtet und neue Perspektiven aufgezeigt werden.

Fragestellungen und Vorgehensweise

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zu können, wird jedoch noch zuvor im einführenden Kapitel 2 der historische Kontext der Chronik umrissen. Der Arbeit ist die eigene Übersetzung der Chronik ins Deutsche beigefügt (Kapitel 7). Grundlage dafür ist die Ausgabe von Cardelle de Hartmann, CChr.SL 173A (2001). Die englische Übersetzung von Martyn ist – im Gegensatz zur italienischen Übersetzung von Placanica – nicht immer befriedigend, und es erscheint für das Verständnis der Chronik im Rahmen dieser Arbeit sinnvoll, wenn auf eine vollständige deutsche Übersetzung zurückgegriffen werden kann. Die Übersetzung ist möglichst wörtlich am lateinischen Text orientiert – problematische Abschnitte werden im jeweiligen Kapitel diskutiert, wenn die betreffende Stelle analysiert wird.

2. Eine Chronik und ihre (Vor-)Geschichte Der historische Kontext der Chronik 2.1 Vorbemerkungen In diesem Abschnitt soll der historische Kontext der Chronik des Victor von Tunnuna umrissen werden, damit deutlich wird, wo – in welcher Zeit und in welchem Raum – sie grundsätzlich ihren Ort hat. Dafür sind – neben den von der Chronik abgehandelten Jahren, also der Zeit, von der sie erzählt – vor allem zwei Parameter von Bedeutung: „Nordafrika“ bzw. „Africa“ und der „Drei-Kapitel-Streit“. Vereinfachend gesagt handelt es sich also um einen geographischen Kontext („Nordafrika“), der gleichzeitig einen bestimmten politischen und kirchlichen Kontext impliziert („Africa“), und um einen theologiegeschichtlichen Kontext im engeren Sinn („Drei-Kapitel-Streit“).1 Der Kirche in diesem Kontext „Nordafrika“ wurden durch die Geschichte hindurch immer wieder bestimmte Charakteristiken zugeschrieben, insbesondere die Betonung der Autorität der Konzilien und das Beharren auf Autonomie: From the time of Tertullian […] the African church had presented certain characteristics: viz., a continuing reliance on the conciliar form for settling questions, a deep respect for the Roman Church combined with a jealously guarded autonomy, a considerable degree of obstinacy, sometimes crossing the link to fanaticism.2

Victor von Tunnuna schreibt seine Chronik allerdings nicht nur als afrikanischer Bischof  – entsprechend dem zu vermutenden Abfassungsort der Chronik, Konstantinopel, sowie der wichtigsten Quelle der Chronik bis 518, der Historia ecclesiastica des Theodoros Anagnostes, spielen östliche, kirchengeschichtliche Ereignisse darin eben-

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Das geographische „Nordafrika“ erstreckt sich von Westen nach Osten vom heutigen Marokko bis nach Westlybien; zur politischen und kirchlichen Struktur der römischen Diözese Africa s. u. Kap. 2.2.1. Vgl. zu den Begrifflichkeiten auch Howe, Vandalen, 12 (Anm. 2). Eno, „Doctrinal Authority“, 96; vgl. z. B. auch Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 157, der diese Charakteristiken gerade in der Zeit des Drei-Kapitel-Streites beobachtet; Conant, Staying Roman, 316.

Vorbemerkungen

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so eine wichtige Rolle. Die Perspektive spitzt sich allerdings im Verlauf der Chronik immer mehr auf den nordafrikanischen, v. a. kirchlichen, Kontext zu. Es ist nicht der Anspruch dieses Kapitels, der Arbeit an der Chronik selbst eine vollständige Darstellung oder gar eine eigene (Neu-) Erarbeitung ihres historischen Kontextes voranzustellen. Ziel ist vielmehr, die wichtigsten Eckpunkte des Drei-­KapitelStreites sowie der Historie Nordafrikas an dieser Stelle ins Gedächtnis zu rufen und überblicksartig darzustellen, um das später an der Quelle zu Erarbeitende einordnen und interpretieren zu können. Ebenso wenig angestrebt ist in diesem Einführungskapitel ein vollständiger Forschungsüberblick über die Literatur zu den abgehandelten Ereignissen und Zusammenhängen. 1995 schrieben David J. Mattingly und R. Bruce Hitchener zwar: „Until the 1970s, mastery of ‚l’Afrique tardive‘ arguably could be obtained through the reading of only four works, none written after the mid-1950s“,3 nämlich Christian Cour­tois, Les Vandales et l’Afrique (1955)4; Charles Diehl, L’Afrique byzantine (1896); William H. C. Frend, The Donatist Church (1952); Brian H. Warmington, The North African Provinces from Diocletian to the Vandal Conquest (1954)5. Auch wenn Stanisław Adamiak in seiner Arbeit zum byzantinischen Afrika konstatiert: „Nothing has changed materially in the interim, and their position still remains valid“,6 sind seither zur Geschichte Nordafrikas doch verschiedenste Beiträge erschienen, die einzelne Aspekte des spätantiken römischen, vandalischen und byzantinischen Nordafrika und seiner Kirche(n) beleuchten. Auch diese hier insgesamt aufzuzählen oder gar zu diskutieren und zu gewichten7 und daraus einen Überblick über den historischen Kontext der Chronik des Victor von Tunnuna zu erstellen, würde über das Ziel dieses Kapitels hinausgehen.8 Wo es aber für das Verständnis und die Interpretation des in der Chronik Dargestellten sinnvoll ist, Mattingly/Hitchener, „Roman Africa“, 209; dieser Hinweis aus Adamiak, Carthage, 2–3. Vgl. auch Julien/Courtois, Histoire de l’Afrique du Nord (10. Aufl., 1951); Audollent, Carthage ro­ maine (1901). 5 Vgl. hierzu die kritische Rezension von Frend, The Journal of Roman Studies 45 (1955), 203–204. 6 Adamiak, Carthage, 3. 7 Einen solchen groben Überblick versucht Adamiak, Carthage, 2–5. Er geht dabei jedoch fast nur auf die größeren, „klassischen“ Untersuchungen ein, neben den o. g. Devreesse, „L’Église d’Afrique“ (1940 [angegeben als 1937]); Pewesin, Imperium (1937); Gavigan, De vita monastica (1962); Marschall, Karthago und Rom (1971); Cameron, „Byzantine Africa“ (1982); Mombili Thumaini, L’aspect d’autonomie (2001); Modéran, Les Maures (2003); ders., „L’Afrique reconquise“ (2007). Als Forschungsüberblick bleibt dies insofern unbefriedigend, als neuere Untersuchungen zu einzelnen Aspekten, abgesehen von Modérans Aufsatz „L’Afrique reconquise“, so gut wie nicht in dem Blick genommen werden. Zu begrüßen ist, dass Adamiak (ebd., 4) die Forschungsgeschichte kurz in den Kontext der Kolonialisierung Nordafrikas einordnet; vgl. dazu auch Mattingly/Hitchener, „Roman Africa“, 169–170. 8 Vgl. neben den bei Adamiak genannten Titeln exemplarisch neuere Literatur zum spätantiken Nordafrika wie Conant, Staying Roman (2012); Vössing, Das Königreich der Vandalen (2014); Patout Burns/Jensen, Christianity in North Africa (2014); Lassère, Africa, quasi Roma, bes. 653–733 (2015); Wolff, Littérature, politique (2015); Steinacher, Die Vandalen (2016); Stevens/Conant, North Africa under Byzantium and Early Islam (2016); Whelan, Being Christian (2017). 3 4

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Eine Chronik und ihre (Vor-)Geschichte

findet selbstverständlich auch in diesem Kapitel eine kritische Auseinandersetzung mit der einschlägigen Literatur im Rückgriff auf die entsprechenden Quellen statt.9 Da der historische Ort der Chronik in Nordafrika innerhalb des Drei-KapitelStreites zu suchen ist – und dieser Kontext für die Darstellung der Geschichte in der Chronik eine entscheidende Bedeutung hat –, sollen hier in einem ersten Schritt der kirchlich-politisch-geographische Kontext der Chronik und in einem zweiten Schritt ihr engerer theologiegeschichtlich-kirchenpolitischer Kontext (zugespitzt auf den Drei-Kapitel-Streit) dargestellt werden. Mit dem Beginn der Chronik im Jahr 444 und ihrem Ende im Jahr 565 ist der grundsätzliche zeitliche Rahmen für die Darstellung des historischen Kontextes gesteckt. Endpunkt der Chronik ist der Tod Justinians bzw. die Übernahme der Herrschaft durch Justin II. Der zeitliche Rahmen der Chronik umfasst damit kirchengeschichtlich gesehen sowohl die Jahre direkt vor dem Konzil von Chalcedon (451) als auch die Jahre nach dem 2. Konzil von Konstantinopel (553). Gleichzeitig sind die in der Chronik behandelten Jahre zu großen Teilen die Jahre der Vandalenherrschaft in Nordafrika (429–533/534). Besonders die Jahre nach deren Ende waren in Nordafrika vom Widerstand gegen die Verurteilung der sogenannten Drei Kapitel geprägt. Für einige Ereignisse v. a. der späten Jahre des Drei-Kapitel-Streites in Nordafrika ist die Chronik eine der wenigen oder gar die einzige Quelle. 2.2 Nordafrika – Africa: Der geographische, politische und kirchliche Kontext der Chronik 2.2.1 Nordafrika vor der Vandalenherrschaft – ein knapper Überblick Für den nordafrikanischen Kontext der Chronik ist es wichtig, zunächst grundsätzlich die politische Struktur des römischen Nordafrika zu vergegenwärtigen10: Die römische prouincia Africa entsteht nach dem Sieg der Römer über Karthago 146 v. Chr. im karthagischen Gebiet, das durch die fossa regia11 begrenzt war. Zur Zeit Caesars kommen weitere Gebiete hinzu, die als Provinz Africa noua bezeichnet werden; das bisherige

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Grundlage und „Gerüst“ für die Einführung in den nordafrikanischen Kontext waren zunächst der TRE-Artikel „Afrika I“ von Alfred Schindler sowie die einschlägigen Beiträge aus der Geschichte des Christentums 3, hg. von Luce Pietri (Der lateinische Westen und der byzantinische Osten 431–642; konkret zu den einzelnen Artikeln s. u. jeweils an entsprechender Stelle; vgl. knapp auch entsprechende Abschnitte aus Hauschild/Drecoll, Lehrbuch), von Adamiak, Carthage, 3 nicht zu Unrecht als nach wie vor „the best introduction to the topic“ bezeichnet. Zur „Begriffsgeschichte“ und „Entdeckungsgeschichte“ vgl. kurz Huß, „Afrika 1.A.“; ders., „Afrika 1.B.“. Die Grenzlinie, die von Scipio dem Jüngeren im Jahr 146 v. Chr. zwischen der römischen Provinz Africa und dem numidischen Königreich gezogen wurde; vgl. Huß, „Fossa 7. Fossa regia“, dort auch zum Verlauf.

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Gebiet hingegen wird zu Africa uetus. Seit etwa 27 v. Chr. wird die dann senatorische Provinz – nach der Aufhebung der Trennung in Africa noua und Africa uetus – häufig auch Africa proconsularis genannt. Weitere westliche Provinzen kommen hinzu (Mauretania Caesariensis, Mauretania Tingitana). Unter Septimius Severus (Kaiser 193–211) wird Numidia als kaiserliche Provinz von Africa abgetrennt. Diokletian (Kaiser 284– 305) teilt die bisherige Provinz Proconsularis in die drei Provinzen Africa proconsularis, Africa Byzacena und Africa Tripolitana auf. Zusammen mit der Numidia (ihrerseits unterteilt in Numidia Cirtensis und Numidia Militiana), der 288 n. Chr. installierten Mauretania Sitifensis sowie der Mauretania Caesariensis fasst er diese zur Diözese Afri­ ca zusammen, die Teil der praefectura Italiae ist. Die Mauretania Tingitana hingegen wird der Diözese Spanien zugeordnet.12 Die kirchliche Provinzeinteilung geschieht allmählich in Anlehnung an die politische, sie bildet sich im vierten Jahrhundert heraus.13 Kirchlich entstehen zunächst sechs Provinzen: Numidia, Byzacena, Mauretania Sitifensis, Mauretania Caesariensis, Tripolitania und Africa proconsularis14. Diese Provinzen bleiben im Wesentlichen bis zum Ende der Herrschaft Ostroms erhalten. Dass die Mauretania Tingitana politisch zeitweise zur Spanien gehört, ändert nichts an ihrer kirchlichen Zugehörigkeit (als Teil der Mauretania Caesariensis) zur Africa. Kann man Ende des dritten bis Anfang des vierten Jahrhunderts von bis zu 250 Bischofssitzen in Nordafrika ausgehen, gibt es im frühen fünften Jahrhundert in Africa bereits etwa 650 Bischofssitze. Wahrscheinlich unter Bischof Agrippinus von Karthago beginnen um 220 die dann unter Cyprian ab 251 regelmäßig abgehaltenen Generalsynoden.15 Die Bedeutung der außerafrikanischen Konzilien für die nordafrikanische Kirche kann als relativ gering eingeschätzt werden. Unumstritten ist allerdings die Autorität des nizänischen Konzils von 325.16 Mit dem homöischen Christentum17 kommen die Nordafrikaner – abgesehen von der Teilnahme des Caecilianus von Karthago am Konzil von Nizäa 325 und der Teilnahme des Restitutus, Bischof von Karthago, am

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Vgl. Huß, „Afrika 3.“; ders., „Mauretania B.“; Schindler, „Afrika I“, 641. Die Grenze des römischen Machtbereichs in Richtung Süden schwankt. Vgl. zu einer übersichtlichen Darstellung die Karte „Nordafrika von der byzantinischen Periode bis zur islamischen Eroberung (5. bis 8. Jh. n. Chr.)“ in Huß/Scheid/Leisten, „Afrika“. Vgl. zum Folgenden Schindler, „Afrika I“, 642–647; vgl. auch Markus, „Carthage“, 279; Duval, „Die Kirche Nordafrikas“, 123–126. Vgl. insgesamt Diehl, L’Afrique byzantine 2, 410–418. Hier verläuft die Grenze zu Numidien kirchlich anders als staatlich: Der westliche Teil der (politischen Provinz) Proconsularis gehört kirchlich zum Teil zu Numidien. Vgl. Patout Burns/Jensen, Christianity, 4; Duval, „Die Kirche Nordafrikas“, 123. Zu Konzilien im späteren vierten und frühen fünften Jahrhundert in Nordafrika vgl. Schindler, „Afrika I“, 671–672. Zur Bedeutung von Nizäa vgl. etwa das Breuiarium Hipponense, das mit dem nizänischen Bekenntnis eröffnet wird (30 Munier): Nicaenii concilii professio fidei recitata et confirmata est quae ita se habet. D. h. mit dem „Arianismus“ – zur Problematik und zum Gebrauch dieses Begriffes s. u. S. 33–36.

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Konzil von Rimini 35918 – erst durch die Vandalen mehr als nur punktuell in Kontakt.19 Afrikaner wurden zum Konzil von Ephesus 431 eingeladen, konnten aber aufgrund der Situation unter den Vandalen nicht teilnehmen. Nur vier Afrikaner nahmen am Konzil von Chalcedon 451 teil.20 Wichtig für die nordafrikanische Kirche und ihr späteres Selbstverständnis sind von Anfang an die Martyrien und Verfolgungen der Christen bzw. die Lösung der Fragen, die aus dem Umgang mit den entsprechenden Erfahrungen resultierten. Hier kommt es sowohl zu innerafrikanischen Konflikten als auch zu Auseinandersetzungen mit Rom.21 So widerspricht Cyprian bereits während der Christenverfolgungen unter Decius und Valerian (249/50–260) aus dem Exil der Praxis, den Abgefallenen (lapsi), also denen, die der Aufforderung zum Opfer gefolgt waren, pauschal die Absolution zu erteilen. Streitigkeiten in Karthago sind die Folge, und die Frage der Wiedertaufe von reuigen häretischen Christen führt auch zu einem Konflikt mit Rom.22 Auch die Verfolgung unter Diokletian, die in Nordafrika knapp zwei Jahre dauert (303–305), führt nicht nur zu einer Zunahme des Märtyrer- und Reliquienkultes aufgrund der hohen Zahl von Opfern unter den Christen, sondern auch zu Konflikten innnerhalb der nordafrikanischen Kirche.23 An der Frage der Gültigkeit einer von traditores vorgenommenen Bischofsweihe entzündet sich zwischen 308 und 312 ein Streit, der in das Schisma zwischen „katholischer“ (das bedeutet hier: „caecilianistischer“) und „donatistischer“ Kirche mündet. Es kommt zu einer Doppelwahl einerseits des Caecilianus – für die Donatisten ungültig von traditores geweiht – und andererseits des Maiorinus, dessen Nachfolger Donatus wird.24 Das von da an bestehende Schisma prägt die Kirche Nord-

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Vgl. Schindler, „Afrika I“, 677; er sieht in der Teilnahme am Konzil von Rimini durch Restitutus einen Anschluss des „katholischen“ Klerus Afrikas an die arianisierende Hoftheologie (vgl. Schindler, „Afrika I“, 661–662). Zu Restitutus und seiner Rolle auf dem Konzil vgl. von Stockhausen, Athanasius von Alexandrien, 146–147. Von Stockhausen weist hier auch auf einen weiteren nordafrikanischen Teilnehmer am Konzil von Rimini hin, Bischof Muzonius aus der Byzacena, von dem Hieronymus, Contra Luciferum 18 berichtet. Dies gilt auch für Augustinus; zu Augustinus und dem „Arianismus“ vgl. kurz Brennecke, „Auseinandersetzung mit sogenannten ‚Arianern‘“, 208–212; Heil, „The Homoians“, 111–115; Patout Burns/ Jensen, Christianity, 67–68; Whelan, Being Christian, 13–14, 73–77. Vgl. Patout Burns/Jensen, Christianity, 58: „No evidence survives that the continuing rejection of Arian teaching by these councils made much impression in Africa; the Greek concerns over the constitution of the Savior were not high on the bishops’ agenda.“ Zu den an- bzw. abwesenden Bischöfen vgl. Maier, L’Épiscopat, 71–72. Vgl. zum Folgenden insgesamt Schindler, „Afrika I“, 648–668. Vgl. Duval, „Die Kirche Nordafrikas“, 122–123; vgl. Cyprian, Epistula 26; 41–43; 57. Im sogenannten Ketzertaufstreit stellt sich die nordafrikanische Kirche (ab 255) gegen den römischen Bischof Stephanus: Die Afrikaner vetreten die Position, dass eine von „Häretikern“ durchgeführte Taufe beim Eintritt in die „katholische“ Kirche abzulehnen ist (vgl. bereits Cyprian, De unitate 1). Dies gilt besonders hinsichtlich der Auslieferung der biblischen Schriften, der traditio. Zum Anfang des donatistischen Schismas vgl. auch Duval, „Die Kirche Nordafrikas“, 126–128. Vgl. zum Donatismus Pietri, „Der Donatistenstreit“, 507–523. Als Überblick vgl. auch Frend, „Donatismus“; vgl. ausführlich ders., The Donatist Church.

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afrikas in den darauffolgenden Jahrzehnten, auch wenn Konstantin 321 die Duldung der Donatisten verfügt. Verfolgungen stärken die Identität der Donatisten als Kirche der Märtyrer in der Tradition Cyprians. Beim Konflikt zwischen „Donatisten“ und „Caecilianisten“ spielen auch die Fragen nach dem Verhältnis zum Staat und nach der Autonomie (und in diesem Sinn auch der Identität) der nordafrikanischen Kirche eine wichtige Rolle – Fragen, die in der weiteren Geschicht der Kirchen Nordafrikas bis zum Drei-Kapitel-Streit immer wieder von Bedeutung sind. Das vierte Jahrhundert ist in Nordafrika auch politisch von Konflikten geprägt: Immer wieder kommt es zu Aufständen wie unter Firmus (372) und Gildo, der 397/398 eine offene Revolte führt, die aber bald von römischen Truppen niedergeschlagen wird.25 Weitere Konflikte unter dem comes Africae26 Heraclianus zur Zeit von Kaiser Honorius (Kaiser 395–423) folgen. Schlüsselfigur der 420er Jahre, der Jahre direkt vor der Ankunft der Vandalen in Nordafrika, ist der comes Bonifatius, der nach Streitigkeiten mit dem Kaiserhof zunächst durch den gotischen Homöer Sigisvult ersetzt werden soll, sich daraufhin aber Hilfe suchend nach Spanien wendet und Kontakt mit dem König der Vandalen, Gunderich, aufnimmt. Bonifatius wird jedoch bald darauf (428) von der Reichsregierung wieder in Africa eingesetzt, was zu einem Gegensatz zu Gunderichs Nachfolger Geiserich führt. Ob Bonifatius wirklich als derjenige gelten kann, der die Vandalen nach Africa rief, ist umstritten.27 Jedenfalls bereiteten diese letzten Jahre vor 429 den Boden für eine Lage in Nordafrika, an die Geiserich anknüpfen konnte.28 Mit dem Ende des ersten Drittels des fünften Jahrhunderts und der Ankunft der Vandalen in Nordafrika nähern wir uns der erzählten Zeit der Chronik des Victor von Tunnuna und damit den zum Teil auch in der Chronik berichteten Ereignissen. Die Zeit unter der Herrschaft der Vandalen soll daher im Folgenden etwas ausführlicher dargestellt werden.

25 Vgl. zum Folgenden Schindler, „Africa I“, 651–652. 26 Der comes Africae wurde unter Konstantin eingesetzt  – ein militärischer Oberbefehlshaber für ganz Nordafrika, der faktisch die gesamte Macht über Nordafrika in seiner Hand vereinigte und gegenüber Rom ein wirksames Druckmittel in der Hand hatte aufgrund der Abhängigkeit von den Kornlieferungen aus Africa. 27 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 89–90; dort auch zur Suche des Verantwortlichen für die Invasion der Vandalen bei Prokopios von Caesarea, der zwar Bonifatius’ Rolle hervorhebt, aber in den Intrigen des Aëtius den Grund für dessen Handeln sieht (vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,3,16–22; vgl. 23–26). Anders Jordanes, Historia gothorum 167, der berichtet, Bonifatius habe Geiserich nach Africa eingeladen, und der die Motive bei Bonifatius allein sucht und ihm die Verantwortung zuschiebt. 28 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 85: „Auch ohne eine Invasion der Barbaren verlor die römische Führung in den Reichszentren die Kontrolle über zentrifugale Kräfte in den Provinzen. So konnte Geiserich in Afrika an die Politik einheimischer Vorgänger, wie Gildo, Heraclianus und vor allem Bonifatius, anknüpfen.“ Vgl. auch Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 266.

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2.2.2 Nordafrika unter den Vandalen 2.2.2.1 Die Herrschaft Geiserichs (428–477) 429 n. Chr. landen die Vandalen in Mauretania Tingitana.29 Inwiefern deren 14-monatige Belagerung von Hippo Regius erfolgreich war, ist umstritten. Normalerweise wird eine erfolgreiche Eroberung für den Sommer des Jahres 431 angenommen.30 Die Beschreibung von Possidius – die Stadt destituta ab hostibus fuerit concremata31 – ist jedoch wohl übertrieben und lässt sich archäologisch nicht belegen.32 Auch wenn man von einer zunächst erfolglosen Belagerung ausgeht wie Konrad Vössing, kann Hippo Regius jedenfalls spätestens 434 nicht mehr gehalten werden und wird wahrscheinlich zu Geiserichs neuem Königssitz.33 Durch einen ersten Friedensvertrag erhalten die Vandalen 435 Teile der Proconsularis, Numidiens und der Mauretania Sitifensis.34

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Zur „Vorgeschichte“ der Vandalen im römischen Reich und zum Einfall in Nordafrika vgl. Vössing, Das Königreich, 11–40; Steinacher, Die Vandalen, 21–97, hier auch zum Namen „Vandalen“. Vgl. zur Landung in Nordafrika insb. Hydatius, Chronicon 90 (ad a. 429); Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1295; Victor von Vita, Historia persecutionis Africanae prouinciae 1,1 (dazu Vössing, „Einleitung“, 14; die Historia im folgenden zitiert als Historia persecutionis); später und legendarisch dann bei Gregor von Tours, Historiarum libri X 2,2 (vgl. dazu Steinacher, Die Vandalen, 92). Zur bei Victor von Vita, Historia persecutionis 1,2 angegebenen Anzahl der nach Africa gekommenen Personen (LXXX milia [3,11 Petschenig]) vgl. Steinacher, Die Vandalen, 94–95; Lassère, Africa, quasi Roma, 654–655; Vössing, Das Königreich, 39; ders., „Kommentar“, 154–155 (mit Anm. 12–13), hier auch weitere Literatur. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,5,18 weiß von derselben Zahl, bezieht sie aber auf Soldaten und reduziert sie daher auf 50.000. Vgl. dieselbe Zahl auch bei Prokopios von Caesarea, Anekdota 18,6. Die Zahl 80.000 taucht als Summe bei Heeresgrößen oder auch anderen großen Gruppen häufiger (in verschiedenen Kontexten) auf, vgl. bspw. Orosius, Historiae aduersum paganos 3,16,9; 5,14,4; 5,16,3; 5,20,9; 7,32,11; vgl. auch Tacitus, Annales 14,37; Caesar, De bello Gallico 7,71; 7,77; Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 9,2,3; Flavius Josephus, Contra Apionem 1,257 u. ö. Vorkommen und Bedeutung dieser Zahl weiter zu verfolgen wäre möglicherweise lohnenswert. 30 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 99; Leisten, „Afrika 4.“; Patout Burns/Jensen, Christianity, 62–63. 31 Possidius, Vita Augustini 28 (84,11 Geerlings): „preisgegeben und von den Feinden niedergebrannt“; vgl. 29–30. Zu Zerstörungen in Africa insgesamt vgl. u. a. auch Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1339; Victor von Vita, Historia persecutionis 1,3–8, hier auch zu möglichen Zerstörungen in Karthago. 32 Vgl. Patout Burns/Jensen, Christianity, 62 (mit Anm. 5), dort auch kurz zur Diskussion um die Angabe bei Possidius; vgl. auch Steinacher, Die Vandalen, 99, 127–131. 33 Vgl. Vössing, Das Königreich, 43–46; Merrills/Miles, The Vandals, 60. Zurückhaltend zu Hippo Regius als Königssitz Steinacher, Die Vandalen, 105. 34 Vgl. Vössing, Das Königreich, 46 (mit 160 [Anm. 50] zu den Quellen; vgl. hier v. a. Prosper Tiro von Aquitanien, Chronicon 1321 [474 Mommsen]: Pax facta cum Vandalis data eis ad habitandum Africae portione [per Trigetium in loco Hippone III idus Febr.]); vgl. auch die Karte ebd., 42. Zum Zusatz in einigen Handschriften (per Trigetium […] idus Febr.) vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 263, vgl. auch ebd., 264 zur Einschätzung eines Föderatenstatus der Vandalen. Zur habitatio vgl. Steinacher, Die Vandalen, 105.

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Ob und inwiefern hier von einem Föderatenstatus oder eher einer amicitia zu sprechen ist, ist umstritten.35 Karthago wird ab 439 neues Zentrum des vandalischen Herrschaftsgebietes,36 das mit weiteren Gebieten 442 unter Valentinian III. Geiserich auch durch einen Vertrag als souveränem Herrscher zufällt.37 Die Vandalen erhalten damit „den besseren Teil Afrikas, die fruchtbare Zeugitana (Africa proconsularis) und das östliche Numidien“.38 Ebenso steht die Byzacena nun unter Geiserichs Jurisdiktion.39 Auch wenn beide Verträge (von 435 und von 442) umstritten sind, wurde es doch meistens als „sicher“ angesehen, dass ab 442 das Vandalenreich offiziell als Königreich anerkannt und als autonom behandelt wurde.40 Roland Steinacher geht allerdings davon aus, dass „sowohl Konstantinopel als auch Ravenna das vandalische Afrika stets als römisches Hoheits­gebiet auf[fassten].“ „Moderne Vorstellungen von Souveränität“ seien dabei aber „nicht geeignet, diese Vorgänge zu erklären“.41 Jedoch: „Die Hasdingen verhielten sich eben wie Vizekaiser.“42 Die weiteren Operationen der Vandalen gegen das nördliche Festland und die Mittelmeerinseln finden in einem Ereignis von besonderer Symbolkraft ihren Höhepunkt: in der Plünderung Roms unter Geiserich im Jahr 455.43 Nach verschiedenen weiteren Kämpfen schließen Kaiser Zeno und Geiserich 474 (oder 476) einen „ewi-

Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 103–105; Vössing, Das Königreich, 46; Patout Burns/Jensen, Christianity, 63; Merrills/Miles, The Vandals, 60–61; Lassère, Africa, quasi Roma, 656; zu den Verträgen mit Geiserich vgl. auch Schulz, Die Entwicklung, 92–95. 36 Zu Karthago und seiner Bedeutung für die Vandalen vgl. Steinacher, Die Vandalen, 120–126. 37 Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Chronicon 1347; zum Gebiet vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 1,13; vgl. Vössing, Das Königreich, 52 (Abb. 5); Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 267–268; vgl. auch Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,4,12–14, der beide genannten Verträge vermischt. Vermischt auch bei Patout Burns/Jensen, Christianity, 63 (mit Anm. 14). 38 Steinacher, Die Vandalen, 143. Dort (vgl. 144) auch zu den weiteren bei Victor von Vita angegebenen Gebieten. Vgl. dazu auch Vössing, Das Königreich, 75–77. 39 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 143: Der „Küstenstreifen vom Golf von Hadrumetum (Sousse) bis zum Golf von Gabes, der kleinen Syrte, mit dem landwirtschaftlich besonders reichen Hinterland bis zu den Bergen und der Steppe im heutigen Westtunesien an der Grenze zu Algerien“. 40 So Vössing, Das Königreich, 50; vgl. Courtois, Les Vandales, 173; Castritius, „Wandalen“, 191–192; Lassère, Africa, quasi Roma, 663; Patout Burns/Jensen, Christianity, 64: „an independent kingdom“. Weitere Belege bei Steinacher, Die Vandalen, 144–145. 41 Steinacher, Die Vandalen, 145, der hier die fehlende Münzprägung als Argument nennt; anders Vössing, Das Königreich, 52–53, der eher „keinen Bedarf an eigenen Münzen“ sieht (53). 42 Steinacher, Die Vandalen, 146. 43 Vgl. Vössing, Das Königreich, 47–60; Steinacher, Die Vandalen, 196–205 (jeweils mit weiterer Literatur in den Anmerkungen). Zu den Gründen für den „sacco di Roma“ vgl. zusammenfassend insb. Vössing, Das Königreich, 55–60; Steinacher, Die Vandalen, 200–203 (mit den entsprechenden Quellen in den Anm.). S. dazu u. Kap. 5.1.2 im Zusammenhang mit der Darstellung der Plünderung Roms durch Geiserich bei Victor von Tunnuna. 35

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gen“ Friedensvertrag.44 Darin wird den Vandalen der Anspruch auf Korsika, Sardinien, die Balearen und Sizilien anerkannt.45 Grenzen der vandalischen Herrschaft zeigen sich nach Geiserichs Tod (477) in Bezug auf die Berber: Es entstehen unabhängige Berberreiche in den Provinzen der Mauretania, im Gebirge des Aurès (Mons Aurasius), in der südlichen Byzacena und in der Tripolitana.46 Strittig ist, ob man hier von einer Invasion der Berber sprechen kann47 – Prokopios von Caesarea nennt etwa einen Aufstand sesshafter Marusier im Aurès zur Zeit Hunerichs48 –, oder ob in Bezug auf die Berber eher Kontinuitäten zu der Zeit vor der Vandalenherrschaft vorliegen. Strittig ist auch, inwiefern dabei von den Berbern eine maurische oder eine römisch-christliche Identität betont wird.49 Unter Geiserich finden schon bald erste Maßnahmen gegen die „katholische“ (d. h. nizänische)50 Kirche statt wie die Exilierung von Klerikern und die Konfiszierung von Kirchen innerhalb Karthagos.51 Geiserich lässt zwar eine Bischofswahl in Karthago 454

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So Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,7,26 (τὸν πάντα αἰῶνα [344,15–16 Haury/Wirth]); vgl. Vössing, Das Königreich, 71–74; vgl. auch Victor von Vita, Historia persecutionis 1,51. Vgl. Vössing, „Kommentar“, 166 (Anm. 109); Courtois, Les Vandales, 185–193. Große Teile Siziliens trat Geiserich kurz darauf an Odoaker ab, vgl. Vössing, Das Königreich, 74. Weiter zu Geiserich und seiner Politik bzw. seiner Herrschaft vgl. Vössing, Das Königreich, 75–117; Steinacher, Die Vandalen, 207–234. Vgl. Diehl, L’Afrique byzantine, 42–44, 260–266, mit Hinweisen v. a. auf Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico; vgl. Leisten, „Afrika 4.“; Schindler, „Afrika I“, 641; Vössing, Das Königreich, 108–110; Adamiak, Carthage, 16–22; Steinacher, Die Vandalen, 107–109, 259–268. Vgl. in diesem Sinn etwa Coripp, Iohannis 2,235. Steinacher, Die Vandalen, 260 äußert sich kritisch zur herkömmlichen Darstellung einer Invasion der Berber: „Die stark typisierende wie auch generalisierende Darstellungsweise der spätantiken Historiographie wurde von der modernen Forschung oftmals kritiklos für bare Münze genommen.“ Zur Sicht Coripps bzw. von Nordafrikanern auf die byzantinische Rückeroberung im Zusammenhang mit der Bedrohung durch die Berber vgl. Patout Burns/Jensen, Christianity, 77: Coripps „writings supply invaluable but undoubtedly biased evidence on contemporary Mauri tribes and customs but also offer perspective on how some Africans viewed the Byzantine army. He describes them as bringing stability and order in the midst of untenable social and civil strife.“ Als Überblick zu Coripp vgl. auch Cameron, „Byzantine Africa“, 36–43. Vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,8,5; vgl. Steinacher, Die Vandalen, 261. Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 261–268 mit der Deutung einiger Inschriften. Zu Vandalen und Mauren vgl. weiter Modéran, „Vandales et Maures“; Modéran, Les Maures mit weiteren Differenzierungen (innere und äußere Berber); Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 291–297 zu den Mauren und ihrem Verhältnis zum Christentum bzw. zu den Kirchen. Zu Berichten über Verbannungen von „Katholiken“ unter maurische Bewachung vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 1,30–38; 2,26–28. Zu den Begrifflichkeiten s. im Folgenden. Vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 1,15–16. Zu Maßnahmen vor der Eroberung Karthagos vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1327; 1329. Vgl. Schindler, „Afrika I“, 683–684. Zur Darstellung einer Geschichte der nizänischen Kirche Nordafrikas unter den Vandalen ist anzumerken, dass ihre Hauptquelle bis einschließlich zur Zeit Hunerichs, die Historia persecutionis des Victor von Vita, in ihrer Deutung und ihrem historiographischen Wert aufgrund ihrer Tendenz, die Leiden der „Katholiken“ und die Grausamkeiten der Vandalen zu betonen, umstritten ist. Vgl. dazu exemplarisch Courtois, Victor de Vita, bes. 3, 86–87; Lancel, „I. Introduction“, 29–49, bes.

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zu, nach dem Tod dieses Bischofs, Deogratias (456/457), wird der Bischofssitz aber nicht wieder besetzt. Weitere Bischofsweihen in der Proconsularis werden verboten, Kirchen werden geschlossen, liturgisches Gerät und die heiligen Bücher müssen übergeben werden. Durch den bereits genannten Friedensvertrag von 474 mit Zeno werden die Maßnahmen allerdings wieder gemildert.52 Die Vandalen werden in den Quellen als „Arianer“ bezeichnet.53 Seit seiner Prägung im vierten Jahrhundert wird dieser Begriff polemisch gebraucht54 und ist daher heute als Bezeichnung für Anhänger eines bestimmten religiösen Bekenntnisses problematisch.55 In diesem Sinn aber, als Anhänger eines bestimmten religiösen Bekenntnisses, wurden die Vandalen als „Arianer“ bezeichnet: Sie waren dem sogenannten

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29–37; Vössing, „Einleitung“, 20–22; Patout Burns/Jensen, Christianity, 70–71 u. ö.; Heil, „From Hippolytus to Fulgentius“, 173–175; zur Problemanzeige vgl. auch Whelan, Being Christian, 9–10. Für die vorliegende Arbeit ist dieses Problem im Hinblick auf die Chronik des Victor von Tunnuna weniger relevant, weil die Darstellung der Verfolgungen unter den Vandalen bei Victor von Tunnuna sehr stilisiert erscheint und in summarischen Einträgen zu den Verfolgungen auf Einzelheiten fast ganz verzichtet. Bei der Deutung dieser Abschnitte der Chronik geht es weniger um die Frage danach, wie es wirklich war (und somit nicht um einen historischen Vergleich mit Victor von Vita), sondern vielmehr um die Frage ihrer Bedeutung im Rahmen dessen, was die Chronik als Geschichte erzählt. Die Umstrittenheit der Historia persecutionis (v. a. für einzelne Aspekte der Darstellung und für die Frage nach der Dichotomie „Vandalen“ – „Katholiken“) stellt auch nicht ihren Quellenwert insgesamt in Frage, zumal für eine zusammenfassende Darstellung der Ereignisse wie im vorliegenden Kapitel. Vgl. in diesem Sinn auch Vössing, Das Königreich, 120: Victor von Vita stelle mit der Historia persecutionis „ein Dossier zusammen, das in den Einzelheiten zwar durchaus verlässlich ist, in den Wertungen aber unhistorisch und parteiisch“, was sich inbesondere in der Darstellung Hunerichs zeige. Vgl. zum Quellenwert der Historia persecutionis auch Howe, Vandalen, 28–37. Vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 1,24; 27; 29; 39; 51. Vgl. Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 273–275, der besonders auf die regional unterschiedliche Intensität der Verfolgungen hinweist, die auch mit der regional unterschiedlichen Verteilung der sortes Vandalorum zu tun hätten: Geiserich habe immer „dasselbe vornehmliche Ziel“ verfolgt: „Die Konsolidierung der Africa Proconsularis als Wandalenland, wozu er den Katholizismus eliminieren und die örtliche Bevölkerung assimilieren wollte“ (275). Inwiefern jedoch die sortes Vandalorum „ein geschlossenes vandalisches Siedlungsgebiet“ in der Proconsularis implizieren, ist umstritten, dagegen argumentiert etwa Steinacher, Die Vandalen, 151–166 (das Zitat ebd., 161, 163). Vgl. auch Whelan, Being Christian, 98–99 zu der Frage, inwiefern die nizänischen („katholischen“) Christen bereits unter Geiserich als Häretiker galten; vgl. ebd., 181 zur Verbindung dieser Frage mit der Frage nach der Bedeutung der sortes Vandalorum in Bezug auf Modéran, „L’établissement territorial“: Hinsichtlich des Verbotes von nizänischen Gottesdiensten in den sortes Vandalorum könnten diese nicht nur verstanden werden als „the estates given to individual warriors but also, through a semantic drift, the kingdom itself “. Vgl. zum Verhältnis von „katholischer“ und homöischer Kirche unter Geiserich auch kurz Vössing, Das Königreich, 93–96; Lassère, Africa, quasi Roma, 666–667. Vgl. allein die Darstellung bei Victor von Vita, Historia persecutionis; vgl. dazu die Untersuchung von Howe, Vandalen. Vgl. Brennecke, „Introduction“, 14–15. Dies ist auch in der Chronik des Victor von Tunnuna der Fall, nicht nur im Hinblick auf die Vandalen. Zum Begriff „Arianer“ vgl. insgesamt Brennecke, „Introduction“. Zur generellen Problematik der Zuschreibung bestimmter häretischer Namen an Christen, die sich selbst für orthodox hielten, vgl. im Kontext von Nordafrika jetzt Whelan, Being Christian, 10–11.

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homöischen Reichsdogma, d. h. dem Bekenntnis von Ariminum (Rimini)/Seleukia/ Konstantinopel von 359/360 aufgrund der Geschichte ihrer „Mission“ (Bekehrung zum Christentum)56 verpflichtet.57 Die zunächst also innerhalb der Reichskirche zu verortende Gruppe der „Homöer“ war dabei keineswegs von Anfang an einheitlich. Auf dem Konzil von Konstantinopel (381) wurden die Homöer jedoch als Gruppe als „Arianer“ bezeichnet und damit als Häretiker aufgefasst, die aus der Kirche auszuschließen waren. Erst von da an kann man von einer „arianischen“ Kirche sprechen. Der Neunizänismus hingegen wurde zur Orthodoxie.58 Für Föderaten, die nicht an die Religionsgesetze des Reiches gebunden waren, war es aber auch danach möglich, dem homöischen Bekenntnis verpflichtet zu bleiben – so auch für die Vandalen. Wie und wann die Vandalen genau zum homöischen Christentum kamen, ist allerdings unsicher,59 sichere Zeugnisse gibt es erst aus der spanischen Zeit.60 Aufgrund der Quellenlage61 ist immer noch wenig bekannt über ihre Theologie bzw. über die Charakteristiken ihres Christentums62 und die Strukturen ihrer Kirche.63 56

Vgl. Brennecke, „Introduction“, 17–18. Dass die Vandalen sich selbst auf das Konzil von Rimini und Seleukia beriefen, bezeugt das Dekret Hunerichs vom 24. Februar 484, vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 3,5; hier wird das „katholische“ Bekenntnis auch als omousion bezeichnet (73,21 Petschenig). Vgl. Patout Burns/Jensen, Christianity, 67. 57 Vgl. Heil, „The Homoians“; zum Begriff „Homöer“ bzw. zu dessen Herkunft aus der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Gott Vater und Sohn als ὅμοιος („gleich“) vgl. ebd., 86. Zum Bekenntnis vgl. „Theologische Erklärung der Synode von Konstantinopel“ (= Dok. 62.5; Einleitung, griechischer Text, Kommentar, in Athanasius Werke 3,1,4, 550–552). 58 Vgl. canon 1 der Beschlüsse der Synode von Konstantinopel 381 (ACO 2,1,3 [96,7 Schwartz]). „‚Arians‘ […] therefore are no longer a theological category, but rather a juridical term for a church deemed to be heretical and therefore illegal under Imperial law“ (Brennecke, „Introduction“, 17– 18). Vgl. Brennecke, „Arius/Arianismus“, 743, vgl. auch insgesamt 741–743. Vgl. insgesamt auch Heil, „The Homoians“; vgl. Merrills/Miles, The Vandals, 177–179. 59 Vgl. Modéran, „Afrika und die Verfolgungen“, 282. Als Möglichkeit werden die Donauländer genannt. Vössing, Das Königreich, 32 nimmt eine Christianisierung der Vandalen schon im vierten Jahrhundert in Mitteleuropa durch Vermittlung der Goten und damit auch in der für die Goten bestimmenden Variante an; vgl. ähnlich Conant, Staying Roman, 159–160. 60 Vgl. Salvian, De gubernatione dei 7,46. 61 Die meisten der insgesamt wenigen Informationen über das Christentum oder die Kirche der Homöer und/oder Vandalen stammen eben aus gegnerischer Sicht (wie etwa aus der Historia persecutionis des Victor von Vita). Vgl. dazu die Hinweise bei Conant, Staying Roman, 173–175, vgl. auch 166–170. 62 Eine grundlegende Unterscheidung „vom Arianismus der übrigen Germanen“ sieht noch Schindler, „Afrika I“, 681. Eine besonders kämpferische „Auffassung von der eigenen göttlichen Erwählung“ erkennt Vössing, Das Königreich, 31. Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 271, betont für die Vandalen einen „antikatholischen Fanatismus, der das Hauptmerkmal der Verfolgungen bildete“. Die Vandalen hätten versucht, „die Eliten und die Massen in Nordafrika von der eigenen Religion, dem Arianismus, wechselweise mit Gewalt und Verführung zu überzeugen“ (272). Er sieht eine kaum kompromissbereite Lehre des Klerus, findet jedoch insgesamt: „Für den persönlichen Fanatismus gibt es einfach keine zufriedenstellende Erklärung“ (283). 63 Eine große Ähnlichkeit auch in institutioneller Hinsicht zwischen der nizänischen und der homö­ ischen Kirche betont jetzt Whelan, Being Christian, 29–54, hier insgesamt zur Organisation und personellen Besetzung beider Kirchen. Vgl. auch Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 284–285.

Nordafrika – Africa: Der geographische, politische und kirchliche Kontext der Chronik

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Als (polemische) Bezeichnung für die Anhänger des genannten Bekenntnisses wird der Begriff „Arianer“ für die Vandalen in den (nizänischen) Quellen und von dort ausgehend auch bis heute vielfach in der Literatur verwendet.64 „Arianer“ ist dabei keinesfalls eine Selbstbezeichnung – aufgrund ihres Bekenntnisses sind die Vandalen heute daher besser als „Homöer“ bzw. homöische Christen zu bezeichnen. Für diese Arbeit gilt allerdings, dass, wenn auf die Bezeichnung in den Quellen bzw. auf bestimmte Aussagen von Quellen rekurriert wird, der Begriff „Arianer“ (in Anführungszeichen) verwendet wird, um diesen Bezug zu kennzeichnen.65 Dasselbe Problem besteht auch hinsichtlich der Begriffe „katholisch“ bzw. „Katholiken“. Er bezeichnet in den Quellen die Anhänger des nizänischen Bekenntnisses bzw. der homoousianischen „Orthodoxie“, oft auch im Gegenüber zu den „Arianern“, den homöischen Christen (und kennzeichnet sie so als der „richtigen“, der orthodoxen Kirche zugehörig). Sinnvoll ist es daher, die Anhänger des nizänischen Bekenntnisses grundsätzlich als „Nizäner“ zu bezeichnen. In der Chronik des Victor von Tunnuna wird, wie später zu sehen sein wird, der Begriff catholicus auch im Streit um die Rezeption Chalcedons und im Kontext des Drei-Kapitel-Streites aufgegriffen, d. h. dann aber nicht (nur) als Gegensatz zu arianus.66 Es ist nicht sinnvoll, dabei von „Nizänern“ zu sprechen, da auch die jeweiligen Gegner eigentlich „Nizäner“ sind – hier wird die Begrifflichkeit der Chronik („katholisch“) selbst aufgenommen und durch Anführungszeichen gekennzeichnet. So wird in dieser Arbeit auch dann verfahren, wenn dies für eine Kennzeichnung der Übernahme dieses Begriffes aus einer Quelle etwa im Gegenüber zu Homöern (und damit als Ausdrucksweise der jeweiligen Quelle) sinnvoll erscheint.67 Angemerkt sei zudem, dass hinsichtlich des Bekenntnisses der Vandalen überhaupt grundsätzlich Vorsicht vor einer zu schnellen Gleichsetzung von Homöern und Vandalen und deren Herrschaft geboten ist, wie jüngst Whelan betont hat. Die religiöse

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Neuere Untersuchungen zu verschiedenen Aspekten des Christentums der homöischen Vandalen, insbesondere auch zu ihrer Theologie, sind etwa Dossey, „Last Days of Vandal Africa“; Modéran, „Une guerre de religion“; Whelan, Being Christian; Heil/Scheerer, „Wiederentdeckung“. Vgl. etwa trotz des Bezugs auf das Bekenntnis von Rimini und Seleukia bei Vössing, Das Königreich, 31–33; 93–96. Trotz der immer wiederkehrenden Verwendung des Begriffes „homöisch“ auch bei Steinacher, Die Vandalen, vgl. bspw. 246–249, 251–252; vgl. Merrills/Miles, The Vandals, 177–203. Besonders pointiert bei Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 271: „Die Wandalen [hatten] den christlichen Glauben angenommen […], wenn auch in der Form des häretischen Arianismus“. Vgl. auch Conant, Staying Roman, 159: „It is not clear when or how the Vandals as a people were converted to Arianism […]“, der aber ebd., 160 auf die Problematik der Begrifflichkeiten hinweist. Damit soll nicht an der abwertenden Polemik der jeweiligen Quelle partizipiert werden, vielmehr wird durch das Aufgreifen der Begrifflichkeit und ihrer gleichzeitigen Kennzeichnung mit Anführungszeichen eben diese Begrifflichkeit gerade als Polemik offengelegt. S. dazu insgesamt Kap. 5. In direkten Zitaten aus der Quelle und auch in den zusammenfassenden Tabellen in Kap. 5. wird auf weitere Anführungszeichen grundsätzlich verzichtet, dasselbe gilt für die unter 7. angehängte Übersetzung.

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Realität sei diverser gewesen, als bisher meistens wahrgenommen wurde: „Homoian Christanity should be decoupled from both the Vandal war band and Vandal power.“68 Nicht alle Vandalen waren Homöer, und nicht alle Römer waren Nizäner. 2.2.2.2 Die Herrschaft Hunerichs (477–484) Die vandalische Herrschaft wird nach Geiserichs Tod von dessen Sohn Hunerich69 weitergeführt. Er war zwischen 442 und 445/446 als Geisel in Ravenna gewesen und mit der Tochter von Valentinian III. und von Eudoxia, mit Eudocia, verlobt worden.70 Seine Politik ist zunächst deutlich kompromissbereiter als die Geiserichs. Auch kirchenpolitisch setzt er anfangs auf Ausgleich und lässt die Wahl eines Bischofs in Karthago zu, wo der Bischofsstuhl seit über 20 Jahren vakant war:71 Der möglicherweise aus dem Osten des Reiches stammende Eugenius wird im Jahr 480 oder 481 als (nizänischer) Bischof von Karthago eingesetzt.72 So pflegt Hunerich vorerst ein in diesem Sinne eher pragmatisches Verhältnis zur nizänischen Kirche Nordafrikas.73 Nach 480/481 verschärfen sich aber die antinizänischen Maßnahmen wieder, ohne dass die Gründe dafür aus den Quellen letztlich nachvollziehbar sind. Möglicherweise hängen die Maßnahmen mit innervandalischen

68 Whelan, Being Christian, 18. Er betont die Wichtigkeit des religiösen Bekenntnisses vor der Ethnizität und vor der römischen Identität, vgl. ebd., 19: „For all parties in this Christian conflict, the matter at stake was the true Christian faith. Ethnicity or Roman identity might sometimes enter the equation, but the key term was orthodoxy.“ So sei auch die homöische Kirche weder durch ihr Verhältnis zur hasdingischen Dynastie noch zur vandalischen „Kriegsbande“ („warband“) definiert gewesen (ebd., 53). Vgl. ähnlich zunächst Conant, Staying Roman, 182–184, der in der Frage nach der religiösen Identität aber letztlich eine politische Frage sieht: „Religious identity was inherently political in the Vandal kingdom. In changing the confession of Africa’s Roman popu­ lation, the Vandal kings would also have changed the fundamental identity of the vast majority of their subjects.“ Vgl. auch Patout Burns/Jensen, Christianity, 61–75 mit der Überschrift zu Kapitel 3, durch die sie das religiöse Bekenntnis und die Ethnizität eng verbinden: „Fifth-Century Conflicts: Vandal Arians and African Nicenes“. Vgl. auch grundlegend v. a. in Bezug auf die Historia persecu­ tionis des Victor von Vita Howe, Vandalen, besonders 120–182 (Kapitel 3). 69 Zu biographischen Informationen vgl. Courtois, Les Vandales, 395–396. Vgl. insgesamt zu Hunerich und seiner Herrschaft Vössing, Das Königreich, 118–124; Steinacher, Die Vandalen, 235–258. 70 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 236. 71 Hintergrund waren Bemühungen Konstantinopels, vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 2,2. Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 246–249. 72 Vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 2,6–7; Victor von Tunnuna, Chronicon 26. Zur Darstellung des Eugenius bei Victor von Tunnuna s. u. Kap. 5.5.2. Zur östlichen Herkunft vgl. auch Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 288, der in seiner Berufung als Bischof den Beweis daür sieht, „dass der Osten wegen der Verfolgung gleichfalls sehr besorgt war“. 73 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 244: Wahrscheinlich wollte Hunerich zwischen den beiden Kirchen zunächst einen Ausgleich schaffen, um seiner Macht bzw. der seines Hauses eine sicherere Basis zu schaffen. Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 276, sieht hier „punktuelle Befriedungsmaßnahmen“ i. S. eines politischen Zugeständnisses.

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Streitigkeiten um Hunerichs Nachfolge zusammen.74 V. a. die Proconsularis ist betroffen. Die Maßnahmen beinhalten sowohl das Verbot der nizänischen Rituale als auch die Exilierung von Diakonen, Priestern und Bischöfen.75 484 findet in Karthago ein Religionsgespräch zwischen homöischen und nizänischen Bischöfen statt, was Hunerich laut seiner Einberufung verfügt, weil die Nizäner in den sortes Vandalorum trotz Verbotes Gottesdienste feiern.76 Die nizänischen Bischöfe bringen ein Schriftstück über ihren Glauben, den Liber fidei catholicae, zur Darlegung ihres Standpunktes ein.77 Hunerich befiehlt jedoch nur wenige Tage nach Beginn des Gesprächs die Schließung der nizänischen Kirchen; der kirchliche Besitz, der noch in den Händen der Nizäner war, wird beschlagnahmt und den Homöern übergeben. Am 24. Februar 484 erlässt Hunerich ein Gesetz, dessen Bestimmungen auf alle angewandt werden sollen, die an ihrem homoousianischen Glauben festhalten. Verschiedene kaiserliche Häretikergesetze werden dabei auf die Nizäner bezogen.78 Inwiefern Hunerichs Maßnahmen Erfolg hatten und nizänische Bischöfe tatsächlich das Bekenntnis wechselten, ist umstritten.79 Victor von Vita schildert jedenfalls ausführlich die auf das Religionsgespräch folgenden heftigen Verfolgungen, während denen verschiedene „Katholiken“ als Märtyrer und Bekenner auftreten, die Victor von 74

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Vgl. so Steinacher, Die Vandalen, 241–246, hier 241, vgl. auch 249: Die eigentlichen Verfolgungen beginnen mit schikanierenden Maßnahmen gegen nizänische uirgines sacrae, vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 2,24–25. Folterungen schildert Victor von Vita zum ersten Mal in Historia persecutionis 2,8–9, vgl. 10; zu den Streitigkeiten am Hof vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 2,12–16. Vgl. auch Historia persecutionis 3,17–20: Als Hauptgrund für Exilierungen nach dem Religionsgespräch 484 gibt Victor hier die Weigerung der „katholischen“ Bischöfe an, einer Änderung der Thronfolgeordnung Geiserichs zugunsten Hunerichs Sohn Hilderich zuzustimmen. Zu den bei Victor von Vita geschilderten Exilierungen vgl. auch Heil, „From Hippolytus to Fulgentius“, 176–183. Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 249–250 (vgl. bes. Anm. 45 zu weiterer Literatur); Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 276. Vgl. Victor von Vita 2,26–37. Zur Darstellung bei Victor von Tunnuna, Chronicon 50 s. u. Kap. 5.5.2. Vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 2,39. Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 251–253. Der Liber fidei catholicae ist in die Historia persecutionis des Victor von Vita eingefügt: 2,56–101. Zur Diskussion um die Verfasserschaft vgl. Steinacher, Die Vandalen, 424 (Anm. 54). Dass der Liber in Africa große Bedeutung hatte, zeigt seine Benutzung noch eine Generation später im theologischen Disput zwischen Fulgentius von Ruspe und König Thrasamund (Dicta regis Thrasamundi), vgl. dazu Heil/Scheerer, „Wiederentdeckung“. Vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 3,2 sowie das von Hunerich erlassene und bei Victor von Vita, Historia persecutionis 3,3–14 überlieferte Gesetz (lex). Hunerich nimmt hier (3,5) auch auf die Reichssynoden von Seleukia und Rimini Bezug und damit auf das dort a mille et quod excurrit pontificibus de toto orbe (73,22–74,1 Petschenig) beschlossene homöische Bekenntnis; vgl. Steinacher, Die Vandalen, 253–256 (bes. Anm. 58 und 60); Vössing, „Kommentar“, 180–183 (Anm. 232–261) zu Inhalt und zu den verschiedenen aufgenommenen Gesetzen; Whelan, Being Christian, 98–99 zur Kontinuität zur Regierung Geiserichs. Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 257; vgl. dazu insbesondere die Diskussion um die Notitia prouinciarum und ihre Angaben bei Howe, Vandalen, 82–91; Lancel, „II. Introduction“, 223–248; Modéran, „La Notitia provinciarum“; Castritius, „Barbaren“, 377–379; vgl. jetzt mit einer Gegenposition auch Scheerer, „Catholic Identity“. Vgl. auch Lassère, Africa, quasi Roma, 686–687.

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Vita in seiner Historia persecutionis insgesamt in eine Kontinuität zu den Verfolgten unter den großen Christenverfolgungen setzt.80 Zusätzlich zu den Problemen der nizänischen Kirche innerhalb Nordafrikas selbst litten gleichzeitig deren Beziehungen zu Konstantinopel: Kaiser Zeno veröffentlicht bereits im Frühsommer 482 das sogenannte Henotikon, eine von Acacius von Kon­ stantinopel81 formulierte „theologische Deklaration“, die auf die Einheit im Osten, insbesondere mit Ägypten, zielte. Sie verurteilte das Konzil von Chalcedon zwar nicht, grenzte sich aber doch deutlich davon ab.82 Der Gegensatz der lateinischen und der griechischen, miaphysitischen Kirchen verschärft sich. Für die chalcedontreue nizänische Kirche in Nordafrika bedeutet dies zwar keinen Abbruch der Verbindungen zu Konstantinopel, aber deren Schwächung.83

Vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 3,15–60; vgl. Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 278– 279; zur Kontinuität zu den Christenverfolgungen vgl. Moorhead, Victor of Vita, XIV–XV; Shanzer, „Intentions and Audiences“, 283, 285, 288–289. Zu den Bekennern und Märtyrern vgl. weiter u. Kap. 5.5.2. 81 Vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 42, mit Verweis auf Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 5,7; Theophanes, Chronographia a. m. 5976; Johannes von Nikiou, Chronicon 88,62. 82 Das Henotikon, kein „Einigungsedikt“ (Maraval, „Die Religionspolitik“, 133; von einem „Edikt“ spricht auch Kötter, Zwischen Kaisern, 64), sondern eher eine „theologische[…] Deklaration“ oder „theologische Stellungnahme“ (Brennecke, „Das akakianische Schisma“, 81, 92; so auch in ders., „Chalkedonense“, 43), eine „Einigungsformel“ (Hauschild/Drecoll, Lehrbuch, 340), sollte ins­besondere ein Schisma mit der alexandrinischen Kirche verhindern: Es handelt sich dabei „um eine allein für das von kirchlicher Spaltung bedrohte Ägypten bestimmte theologische Deklaration, die für die Ägypter die Anstöße von Chalkedon beseitigen sollte und ihnen die Möglichkeit eröffnen sollte, Chalkedon grundsätzlich und in seiner antihäretischen Tendenz anerkennen zu können“ (Brennecke, „Chalkedonense“, 43). Der Text verurteilte Chalcedon nicht, legte aber nur die ersten drei Konzilien als verbindlich fest und grenzte sich durch seine Formulierungen vom Chalcedonense ab. Als verbindlich gelten darin auch die Anathematismen Cyrills gegen Nestorius sowie die Verurteilungen gegen Nestorius und gegen Eutyches. Vgl. Maraval, „Die Rezeption“, 133, vgl. insgesamt 133–137; vgl. Brennecke, „Das akakianische Schisma“, bes. 92–95, der auch hier betont, dass das Henotikon keinesfalls antichalcedonensisch intendiert war (93); noch pointierter Uthemann, „Kaiser Justinian“, 263–265, der im Henotikon einen „Fortschritt“ sieht, einen „Versuch […], das eigentliche Anliegen der Definition von Chalkedon zu verdeutlichen“ (264), jedoch eben sehr offen formuliert und im miaphysitischen Sinn gegen Chalcedon interpretierbar. Der Text ist überliefert bei Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,14 (griechisch); Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 5,8 (syrisch); Liberatus von Karthago, Breuiarium 17 (Latein); griechisch zudem in Codex Vaticanus graecus 1431 (Nr. 75 [52,21–54,21 Schwartz]). Die Überlieferung geht auf Zacharias Rhetor und die Sammlung aus dem Codex Vaticanus graecus 1431 zurück, vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 40–41 (mit Anm. 87). 83 Vgl. Vössing, Das Königreich, 120. 80

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2.2.2.3 Die Herrschaft Gunthamunds (484–496) Hunerich stirbt 484.84 Sein Nachfolger wird jedoch nicht sein Sohn, den er auf den Thron bringen wollte, sondern sein Neffe Gunthamund, Sohn von Hunerichs Bruder Gento. Er agiert mit einer milderen Politik gegenüber den nizänischen Christen, indem er die gegen diese gerichteten Edikte zwar nicht widerruft, aber auch nicht ausführt. Nach dem Zeugnis des Laterculus Regum Vandalorum lässt er etwa Eugenius 487 nach Karthago zurückkehren und gibt die Basilika des Agileus, ein wichtiges Märtyrerheiligtum, an die Nizäner zurück; bald darauf kehren alle nizänischen sacerdotes aus dem Exil zurück.85 2.2.2.4 Die Herrschaft Thrasamunds (496–523) Auf Gunthamund folgt dessen jüngerer Bruder Thrasamund, der nicht nur in panegyrischen Texten hoch gelobt wird.86 Politisch schließt sich Thrasamund enger an das Ostgotenreich unter Theoderich dem Großen an, was sich unter anderem in seiner Heirat mit der verwitweten Schwester Theoderichs, Amalafrida, im Jahr 500 zeigt.87 Auch eine Einigung über Sizilien, worüber es unter Gunthamund erneut Konflikte mit den Goten gegeben hatte, wird erzielt. Das Verhältnis zwischen Theoderich und Thrasamund verschlechtert sich bald darauf jedoch wieder. Obwohl er auch nizänische Bischöfe exiliert – darunter erneut

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Zur Darstellung von Hunerichs Tod bei Victor von Tunnuna u. a. s. u. Kap. 5.2.2. Laterculus Regum Vandalorum et Alanorum, Augiensis A8–A9 (356,5–15 Becker); vgl. auch Victor von Tunnuna, Chronicon 52 (dazu s. u. 5.5.3); Steinacher, Die Vandalen, 276; Courtois, Les Vandales, 299–301. In der Agileus-Basilika fand auch das Konzil von Karthago 525 statt, vgl. Concilium Car­ thaginense a. 525 (255,1–2 Munier). Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 280, weist darauf hin, dass es insgesamt für die Verfolgungen der nizänischen Christen seit Gunthamund nur wenige Quellen gibt; er selbst stützt seine Darstellung v. a. auf die schon gattungsmäßig nicht unproblematische Vita Fulgentii (zu dieser Vita vgl. jetzt die Ausgabe von Isola mit ausführlicher Einleitung). Steinacher, Die Vandalen, 277, führt den „Kurswechsel des Regimes Gunthamunds“ auf das Henotikon zurück – Gunthamund habe durch die folgende zunehmende Entfremdung der westlichen von der östlichen Kirche einen größeren Handlungsspielraum gehabt: „Ein Gegensatz zwischen der lateinischen und der griechischen Kirche erhöhte den Bewegungsspielraum des hasdingischen Königs erheblich, verlor doch der Ostkaiser dadurch seine Schutzherrschaft über die afrikanischorthodoxe Kirche. Diese blieb nach Rom orientiert.“ Vgl. zu Gunthamund insgesamt Vössing, Das Königreich, 124–125; Steinacher, Die Vandalen, 275–278. Vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,8,8; vgl. z. B. auch Florentinus, In laudem regis (= Anthologia latina 371). Auch Fulgentius lobt ihn zu Beginn seiner Bücher Ad Thrasamundum (2,1–2), wobei jedoch zu bedenken ist, dass dieses Lob wohl nicht Fulgentius’ eigentliche Meinung widerspiegelt, sondern großteils Konventionen in der Widmung an einen Herrscher geschuldet ist, besonders aus einer defensiven Position heraus. Vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,8,11–12; vgl. Vössing, Das Königreich, 125–126; Steinacher, Die Vandalen, 284–286.

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Eugenius und später Fulgentius von Ruspe (ca. 467–ca. 532) – und die Widerbesetzung von Bischofssitzen weiterhin verbietet,88 setzt Thrasamund religionspolitisch insgesamt mehr auf positive Anreize statt auf Zwang durch Gewaltmaßnahmen: Geldzahlungen und bestimmte Posten bekommen diejenigen, die sich zum homöischen Glauben bekennen.89 Thrasamund zeigt auch Interesse an der theologisch-dogmatischen Seite des Streites zwischen den Homöern und den Nizänern: Um 51590 holt er Fulgentius von Ruspe aus dem sardinischen Exil nach Karthago, zumindest der Legende nach, um mit ihm ein theologisches Streitgespräch zu führen.91 Fulgentius von Ruspe spielt für die Geschichte und das Selbstverständnis der (nizänischen) Kirche Nordafrikas eine bedeutende Rolle, was sich auch in der Chronik des Victor von Tunnuna zeigt. Fulgentius stammte aus der Byzacena,92 wurde 507 nizänischer Bischof des ebenfalls in der Byzacena gelegenene Ruspe,93 und weil er an seinem homoousianischen Bekenntnis festhielt, wurde er vom homöischen Vandalenkönig Thrasamund mit anderen Bischöfen ins Exil nach Sardinien geschickt. Nach dem erwähnten kurzen Aufenthalt in Karthago auf Thrasamunds Geheiß wurde er erneut exiliert und blieb bis zum Regierungsantritt Hilderichs im Exil. Fulgentius richtete sich mit seinen theologischen Schriften dezidiert gegen die homöische („arianische“) vandalische Theologie.94

Vgl. Merrills/Miles, The Vandals, 196; Vita Fulgentii 13,32 (Bezug auf das Verbot der Weihe von Bischöfen); 17,40 (Exilierung des Fulgentius nach Sardinien). Eine Hunerich in nichts nachstehende Politik gegenüber dem nizänischen Klerus durch Thrasamund betont Courtois, Les Vandales, 302. 89 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 281; vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,8,9; Vita Fulgentii 20,44; zum Erfolg vgl. Vita Fulgentii 20,45; 25,54. 90 Die genaue Datierung ist umstritten; anders etwa bei Merrills/Miles, The Vandals, 197 (zwischen 517 und 519). 91 So etwa bei Steinacher, Die Vandalen, 282; Whelan, Being Christian, 160. Vgl. Vita Fulgentii 20,44– 21,49 (Fulgentius wird nach dem Streitgespräch laut der Vita wieder ins Exil geschickt). Vgl. die Thesen von Thrasamund, überliefert als Obiectiones oder Dicta regis Thrasamundi (67–70 Fraipont); vgl. die Antworten von Fulgentius, Responsiones Fulgentii (71–94 Fraipont); vgl. auch die drei Bücher Ad Thrasamundum (97–185 Fraipont); vgl. zu den Thesen Thrasamunds jetzt Heil/ Scheerer, „Wiederentdeckung“; vgl. auch Merrills/Miles, The Vandals, 196–198. Zu Fulgentius besonders im Blick auf seine Exile vgl. Heil, „From Hippolytus to Fulgentius“, 181–188. 92 Zur Byzacena vgl. Dessau, „Byzacium“, 1114–1116; Audollent, „Byzacène“; Desanges/Lancel/Ristow, „Byzacena“. 93 Seine Bestellung zum Bischof sei „one of many carried out by the primate of Byzacena in contravention of a kingdomwide ban“, so Whelan, Being Christian, 160; vgl. auch Modéran, „La chronologie“, 151: Das Verbot zur Weihe von Bischöfen „fut finalment bravée par les évêques de Byzacène qui procédèrent à une série de consécrations“. Dies bezieht sich auf Vita Fulgentii 13 (zur Erhebung des Fulgentius zum Bischof vgl. dann Vita Fulgentii 14). 94 Vgl. etwa Fulgentius von Ruspe, Dicta regis Thrasamundi et contra ea responsiones (CPL 815; s. o. Anm. 91); Ad Thrasamundum (CPL 816); Psalmus abecedarius (CPL 827); Contra sermonem Fastidiosi Ariani (CPL 820). Vgl. Markschies, „Fulgentius 2. Fulgentius von Ruspe Bischof 507“; Collins, „Fulgentius von Ruspe“; Modéran, „La chronologie“ (besonders zur Frage nach der Vita Fulgentii und ihrer Chronologie und deren Bedeutung für die Geschichte des vandalischen Africa); Whelan, Being Christian, 49; 160–163 (v. a. auch zu Fulgentius und Thrasamund). Vgl. ferner Diesner, 88

Nordafrika – Africa: Der geographische, politische und kirchliche Kontext der Chronik

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Die Frontstellung Thrasamunds gegenüber der nizänischen Kirche, besonders gegenüber den Bischöfen, bleibt über seine Regierungszeit bestehen; die Verbindung zwischen König und der homöischen Kirche kann sogar als gefestigt gelten.95 Insgesamt wird Thrasamunds Regierungszeit als ruhig bewertet.96 2.2.2.5 Die Herrschaft Hilderichs (523–530) Auf Thrasamund folgt im Jahr 523 Hilderich. Er ist Sohn der Eudocia und des Hunerich, damit Enkel von Valentinian III. und von Geiserich. Hilderich lässt noch vor seinem formalen Herrschaftsantritt die exilierten (nizänischen) Bischöfe nach Nordafrika zurückkehren.97 „Er sah die Zukunft seines Reiches nicht in der traditionellen Politik der Abgrenzung und in ‚barbarischer‘ Eigenständigkeit, sondern in der Integration auch der Romanen Africas und ebenso ihrer Kirche.“98 Inwiefern man unter seiner Herrschaft von einer „Restitution“ der „katholischen“ Kirche sprechen kann, ist jedoch umstritten.99 525 kann in Karthago jedenfalls das einzige allgemeine afrikanische (nizänische) Konzil unter der Herrschaft der Vandalen stattfinden, allerdings nur mit 61 Teilnehmenden, und zwar unter dem Vorsitz des 523 neu eingesetzten Bischofs von Karthago, Bonifatius. Die Dauer des Konzils ist unsicher, da nur die Akten des ersten Verhandlungstages vollständig überliefert sind; am zweiten Tag brechen die Akten ab.100 Fulgentius von Ruspe; Schneider, „Fulgentius von Ruspe“, 274–276; vgl. auch Lang­lois, „Fulgentius“, 632–661, der allerdings noch zu einer Gleichsetzung von Fulgentius von Ruspe mit Fulgentius dem Mythographen tendiert. Zu Fulgentius in der Chronik Victors von Tunnuna s. u. Kap. 5.5.4. 95 Vgl. Vössing, „Einleitung“, 28. 96 Politisch verschlechtert sich unter Thrasamund allerdings nach dem Regierungsantritt Justins I. 518 das Verhältnis der Vandalen zu Ostrom, weil sich der Osten und die römische Kirche wieder annähern. Vgl. insgesamt zu Thrasamund Vössing, Das Königreich, 125–128; Steinacher, Die Vandalen, 279–287; Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 281–282. 97 Vgl. Vita Fulgentii 25,55; vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 106. Zu Hilderich vgl. insgesamt Steinacher, Die Vandalen, 288–292. 98 Vössing, Das Königreich, 128. 99 Vgl. Vössing, Das Königreich, 129. Vgl. bspw. auch Courtois, Les Vandales, 309; Placanica, „Note“, 106 (ad a. 523,2); Castritius, Die Vandalen, 133–134; besonders pointiert Merrills/Miles, The Vandals, 59 („major changes within the Vandal kingdom, including the official conversion of the state to Nicene Catholicism“), 201–202; vgl. Steinacher, Die Vandalen, 289 (Hilderich „vollzog einen drastischen Kurswechsel in der Religionspolitik und wollte die katholische Kirche uneingeschränkt anerkennen“). Vgl. Vita Fulgentii 25,55 (214,24–25 Isola): Ecclesiae catholicae per Africam constitutae libertatem restituens. Vgl. auch Laterculus regum Vandalorum et Alanorum, Augiensis A16 (358,17–18 Becker): omnibus catholicis libertate restituit. Vgl. Paulus Diaconus, Historia romana 16,7, der zusätzlich angibt, Hilderichs Mutter sei katholisch gewesen. 100 Schindler, „Afrika I“, 682, geht davon aus, dass die Teilnahme von Bischöfen aller afrikanischen Provinzen daran (wie auch am Religionsgespräch von 484) den kirchlichen gesamtafrikanischen Zusammenhalt bezeuge, also zwischen den unter vandalischer Herrschaft stehenden Gebieten und denen, die nicht unter vandalischer Herrschaft stehen; auch die Bemühung, die Ordnung

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Eine Chronik und ihre (Vor-)Geschichte

Grundsätzlich ging es auf dem Konzil um die Rekonstitution der „katholischen“ Kirche in Africa – u. a. um die Ordnung der afrikanischen Provinzen aufgrund der Beschlüsse des Konzils von Karthago 418101 und um die Bestätigung der Vorrangstellung des Bischofs von Karthago102 –, aber auch um konkrete Einzelfragen. Die Akten des zweiten Tages zeigen einen Streit zwischen dem Primas der Byzacena, Liberatus, und dem Kloster des Petrus, weil Liberatus beansprucht hatte, das Ordinationsrecht im Kloster auszuüben; das Kloster selbst war jedoch der Meinung, dies stehe dem Bischof von Karthago zu.103 Dieser Streit wurde oft mit der Annahme eines grundsätzlichen Konfliktes um die bischöfliche Vorrangstellung in Africa zwischen der Proconsularis und der Byzacena in Verbindung gebracht.104 Wie Wolfgang Kaiser überzeugend gezeigt hat, geht der Konflikt auf dem Konzil aber nicht über die konkrete Frage hinsichtlich der Ordinationen im Kloster hinaus. Richtig ist freilich, dass die Vorrangstellung

der Gesamtkirche aufrechtzuerhalten werde hier deutlich. Allerdings gab es beim Konzil von 525 wenige Teilnehmer aus der Byzacena, wo zuvor mehrere Regionalkonzilien stattgefunden hatten, u. a. das Konzil von Iunci 523, dessen Akten zum Teil in den Akten des Konzils von 525 überliefert sind; vgl. dazu Kaiser, Authentizität, 96 (mit Anm. 221); Audollent, „Byzacène“, 1478. Vgl. zum Konzil von 525 Marschall, Karthago und Rom, 206–209; Kaiser, Authentizität, 95–100 (mit weiteren Literaturhinweisen 97–98 [Anm. 235]); Whelan, Being Christian, 134–137. Die Akten des Konzils sind herausgegeben von Charles Munier in CChr.SL 149, 255–282. Vgl. zu den teilnehmenden Bischöfen auch Courtois, Les Vandales, 305–307 (mit Anm. 8; insgesamt zum Konzil ebd., 304–308), mit einer aufgearbeiteten Anwesenheitsliste, diese in Concilium Carthaginense a. 525, subscriptio (271–272 Munier). In der Chronik des Victor von Tunnuna wird das Konzil nicht erwähnt. 101 Vgl. auch Kaiser, Authentizität, 94–95. 102 Vgl. Concilium Carthaginense a. 525 (261,284–262,318; 267,498–270,615 Munier). 103 Vgl. die Darlegung des Problems durch Petrus und seine Mönche in Concilium Carthaginense a. 525 (273,26–275,90; 275,125–276,164 Munier). Die Frage war offenbar schon auf dem Regionalkonzil von Iunci (523) behandelt worden, vgl. Concilium Carthaginense a. 525 (277,196–197 Munier); vgl. Kaiser, Authentizität, 96–97. Zum Streit vgl. auch Audollent, „Byzacène“, 1478–1480. 104 So etwa jetzt Adamiak, Carthage, 46–47: Der Konflikt zwischen den Primaten der Byzacena und von Karthago sei das Hauptthema des Konzils von 525 gewesen, er stünde im Rahmen einer „ancient rivalry“ zwischen dem Erzbischof von Karthago und dem Primas der Byzacena, in dem dann Bonifatius versucht hätte, seine Überlegenheit über alle anderen Bischöfe Africas zu etablieren. Vgl. auch Markus, „Carthage“, 284, der den Hauptzweck des Konzils so beschreibt: „We must conclude that it had only one item on its agenda, the precedence and jurisdiction of the see of Carthage, which it treated in general terms on its first session, and in specific conflict before it in the second.“ Auch Marschall, Karthago und Rom, 207 sieht den Konflikt als Hauptthema des Konzils; für Modéran, „L’Afrique reconquise“, 76–77 spiegeln sich im Konflikt um das Kloster die sich seit der Vandalenherrschaft verstärkenden Unterschiede bzw. Trennungen („divisions“) zwischen den Kirchenprovinzen (die damit jeweils mehr Eigenständigkeit erlangt hätten), die auf die unterschiedlich starken Auswirkungen der Verfolgungen zurückzuführen seien. Diese setzten sich dann auch in den folgenden Konflikten fort. Vgl. auch Modéran, „Afrika und die Verfolgung“, 289–291. In dieser Hinsicht ist die Frage nach einem möglichen, sich hier zeigenden innerafrikanischen Konflikt auch für die Deutung der Chronik des Victor von Tunnuna von Bedeutung, denn dort zeigt sich, wie später zu sehen sein wird, ein ebensolcher.

Nordafrika – Africa: Der geographische, politische und kirchliche Kontext der Chronik

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Karthagos auf dem Konzil durch ihre Bestätigung auch bekräftigt wurde – im Rückgriff auf das geltende Recht (aber nicht als Neuerung bzw. als Resultat eines Streites).105 Verschlechterte sich unter Justin I. ab 518 das Verhältnis der Vandalen zu Ostrom zunächst, nähert sich Hilderich dem 527 auf Justin I. als oströmischem Kaiser folgenden Justinian I. (481/482–565) wieder an.106 Neben innenpolitischen Machtkämpfen beschäftigen auch Hilderich als militärische Gegner besonders die Mauren. Eine empfindliche Niederlage erleiden die Vandalen 530 unter ihrem General Hoamer gegen den Maurenfürsten Antalas in der Byzacena.107 Daraufhin gelangt 530 mit Gelimer der sechste und letzte vandalische König durch einen Putsch an die Macht.108 Kaiser Justinian protestiert zwei Mal dagegen, Gelimer lenkt jedoch nicht ein.109 Ein mögliches militärisches Eingreifen in Nordafrika ist in Konstantinopel dennoch durchaus umstritten.110 2.2.3 Das Ende der Herrschaft der Vandalen in Nordafrika und der Beginn der byzantinischen Herrschaft 533 beauftragt Justinian seinen General Belisar (ca. 500/505–565)111 zur Invasion in Africa und erteilt ihm sämtliche Vollmachten.112 Zunächst war dabei wohl weniger an eine Eroberung als vielmehr an eine Intervention i. S. einer Wiedereinsetzung Hilderichs gedacht.113 Nach einem unerwartet schnellen Sieg kann Belisar jedoch schon im

105 Vgl. insgesamt Kaiser, Authentizität, 86–114; konkret zum Konzil von Karthago 525 ebd., 95–100, hier 97: Der bereits bestehende Vorrang des Bischofs von Karthago zeigt sich bspw. darin, dass ihm schon das Konzil von Iunci bestimmte Fragen zur Entscheidung vorlegte und die Bischöfe auch in einem Begleitschreiben diesen Vorrang zum Ausdruck brachten (Concilium Carthaginense a. 525 [277,180; 277,177 Munier]). Festgelegt worden war die Rangordnung der fünf Provinzen Karthago (Proconsularis), Numidia, Byzacena, Mauretania Sitifensis, Tripolitana auf dem Konzil von Karthago 518, s. dazu u. S. 49. 106 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 237, 286–287, 293; Meier, Das andere Zeitalter, 174; vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico, 1,9,5–6. Zu Justinian s. weiter u. Kap. 2.3. 107 Vgl. Vössing, Das Königreich, 130; Steinacher, Die Vandalen, 292; Modéran, „Die Kirchen“, 750; vgl. Coripp, Iohannis 3,198–264; Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,9,2–3. 108 Vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,9,8–9; vgl. Steinacher, Die Vandalen, 292–293. 109 Vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,9,10; 1,9,14–19. Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 293–295; vgl. Vössing, Das Königreich, 131, der v. a. im ersten Protest noch die „Linie vorsichtiger Vandalenpolitik früherer byzantinischer Kaiser“ sieht. 110 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 295–296. 111 Vgl. als Überblick Tinnefeld, „Belisarios“. 112 Vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,11,18–21. Zum bei Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,10,18–21 berichteten Traum eines Bischofs, der Justinian zum Umschwung bewegt und einer pointiert unterschiedenen Version bei Victor von Tunnuna, Chronicon 118 s. u. Kap. 5.7.1.3. 113 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 302; vgl. Merrills/Miles, The Vandals, 228–229. Zu möglichen Gründen und Motiven vgl. auch Vössing, Das Königreich, 132–133; Steinacher, Die Vandalen, 296.

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Eine Chronik und ihre (Vor-)Geschichte

September Karthago einnehmen, und bis Mitte Dezember desselben Jahres gelingt es ihm, die Herrschaft der Vandalen in den nordafrikanischen Provinzen zu beenden.114 Im Frühjahr 534 gibt Gelimer, der vor Belisar und seinen Truppen geflohen war, auf. Er wird schließlich – nachdem er im Triumphzug duch Konstantinopel geführt wird – nach Galatien ins Exil gebracht.115 Die Vandalen bleiben in Africa und assimilieren sich oder gehen nach Spanien,116 zum Teil werden sie auch in die oströmische Armee eingegliedert und in den Osten geschickt.117 Vössing beschreibt die Zustände in Africa nach dem Sieg Belisars als chaotisch: Belisars Sieg war nicht etwa der Auftakt zu einer stabilen Herrschaft, sondern zu einer anderthalb Jahrzehnte dauernden, chaotischen und desaströsen Abfolge von Kämpfen zwischen kaisertreuen und revoltierenden Byzantinern, in die sich maurische Aufstände mischten. Und mitten darin, natürlich auf der Seite der Rebellen, agierte eine schlagkräftige Truppe von vandalischen Kriegern. […] bis zum Jahr 548 kehrte in Africa Ruhe ein.118

Die byzantinische Herrschaft in Nordafrika hat Bestand bis ca. 700 n. Chr. Africa hat eine eigene Präfektur119 und besteht nach Codex Iustinianus 1,27,1,12 aus sieben Provinzen.120 Justinian lässt in Nordafrika viele neue Bauten errichten oder alte renovieren, 114 Vgl. dazu insgesamt Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico, insb. ab 1,11. Zur letzten Schlacht bei Tricamarum vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,12,2–3. Vgl. insgesamt zu Belisars Unternehmungen in Nordafrika und Gelimers Reaktionen Merrills/Miles, The Vandals, 228–233; Steinacher, Die Vandalen, 296–314; Vössing, Das Königreich, 132–139. 115 Vgl. Vössing, Das Königreich, 136–139. Zur Eroberung unter Belisar vgl. auch Vössing, „Africa zwischen Vandalen“, 196–199. 116 Vgl. Leisten, „Afrika 4.“. 117 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 310, 313–314; Merrills/Miles, The Vandals, 233. 118 Vössing, Das Königreich, 140. Vgl. ebd., 141–144 zur Frage, ob „Belisars Feldzug Africa wirklich befreit“ hat (141) und zu Hypothesen, wie sich das Vandalenreich hätte positiv entwickeln können. Steinacher, Die Vandalen, 308 formuliert noch deutlicher als Vössing: „Die afrikanischen Provinzen waren freilich keineswegs befriedet, im Gegenteil, ihnen standen noch für ein Jahrhundert teils schwere Kämpfe mit verschiedenen maurischen Gruppen, vandalischen und anderen Aufständischen aus der Armee des Kaisers bevor. Genau genommen mussten die Byzantiner nach der Kapitulation Gelimers 534 bis zum ersten Erscheinen der Araber 647 einen nie endenden Maurenkrieg führen.“ 119 Der Präfekt unterstand dem magister militum Africae (Solomon), vgl. Steinacher, Die Vandalen, 311. Vgl. aber ebd., 315: „Solomon wurde zum Heermeister und Prätorianerpräfekt Afrikas ernannt“, mit Hinweis (439, Anm. 59) auf Nouellae Iustiniani 36 und 37, die an Salomoni pp [= praefecto praetorio] gerichtet sind (243,21; 244,21 Schöll/Kroll). 120 Codex Iustinianus 1,27,1,12 (77 Krüger [51892]): Et ab ea auxiliante deo septem prouinciae cum suis iudicibus disponantur, quarum Zeugi [die Ausgabe von 1877 liest noch Tingi], quae proconsularis antea uocabatur, Carthago et Byzacium ac Tripolis rectores habeant consulares: reliquae uero, id es Numidia et Mauretaniae [die Ausgabe von 1877 liest Mauritania] et Sardinia, a praesidibus cum dei auxilio gubernentur. D. h. also die Zeugitana (die zuvor Africa proconsularis genannt wurde und dem Gebiet von Karthago entspricht), Byzacena, Tripolis, Numidia, zwei mauretanische Provinzen, wahrscheinlich Mauretanis Sitifensis als Mauretania prima und Mauretania Caesariensis und Tingitana als Mauretania secunda, sowie Sardinia. Vgl. zur Diskussion dieser Liste und ihrer Lesarten Diehl, L’Afrique

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besonders in den Küstenstädten.121 Das tatsächliche Herrschaftsgebiet Ostroms ist kleiner als das nordafrikanische Gebiet des Römischen Reiches vor der Vandalenherrschaft.122 Justinian versucht, Kontinuitäten zu dieser Zeit hervorzuheben und damit seine Maßnahmen als restaurativ darzustellen.123 Er sieht sich als Kaiser grundsätzlich in der Pflicht, die fragmentierten Teile des alten Römischen Imperiums wiederzuvereinigen. Diese Wiedervereinigung, zu der auch die Invasion in Nordafrika gehört, sieht er als Plan Gottes an. So wird auch das Unternehmen in Africa als religiös motiviert präsentiert.124 Die nordafrikanische Kirche reagiert zunächst positiv und sieht sich – eben gerade auch in religiöser Hinsicht  – befreit von der vorherigen Gefangenschaft.125 Der An-

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byzantine 107–111; vgl. auch Schindler, „Afrika I“, 641–642, der von einer Provinz Tingi und einer Provinz Mauretania ausgeht. Zur Bezeichnung Zeugitana für Africa proconsularis vgl. auch Stei­ nacher, Die Vandalen, 143 (mit 399, Anm. 165); vgl. ebd., 311 zur Provinz „Zeugi Carthago“ als eine der unter Justinian eingerichteten Provinzen. Vgl. zur politischen Struktur auch Merrills/Miles, The Vandals, 240. Vössing, „Africa zwischen Vandalen“, 212–213 hebt die tatsächliche Schlechterstellung der Afrikaner durch die von Justinian vorgenommene Verwaltungsreform hervor, einer der Faktoren, durch welche die alte städtische Oberschicht Missachtung erfahren habe. Vgl. Leisten, „Afrika 4.“; Merrills/Miles, The Vandals, 234–238, vgl. zum Fazit 238: „Very swiftly the new regime presented itself as the divinely-sanctioned deliverer of the Romano-Africans from the heresy and barbarism of the Vandals, and supported this with an ambitious building programme.“ Prokopios von Caesarea berichtet vom Bauprogramm Justinians in De aedificiis, vgl. zu Nordafrika bes. De aedificiis 6; dieses Zeugnis ist aber v. a. hinsichtlich eines „Bauprogramms“ für Karthago (De aedificiis 6,5) mit Vorsicht zu betrachten (vgl. Merrills/Miles, The Vandals, 234–235, differenziert zu neuen Bauten in Karthago und anderswo ebd., 241–248; auch zur wachsenden Verehrung östlicher Heiliger in Nordafrika). Modéran, „Die Kirchen“, 759–760 (Zitat 759), weist hingegen auf den „Prozeß großen Ausmaßes“ für die Bautätigkeit Justinians in Nordafrika hin, den neuere archäologische Untersuchungen bezeugen würden. Vgl. dazu Schindler, „Afrika I“, 642; Steinacher, Die Vandalen, 311. Vgl. Vössing, „Africa zwischen Vandalen“, 203–204. Vgl. Merrills/Miles, The Vandals, 237: „The conquest of Africa was cast as a crusade to unite the orthodox Romano-Africans with their church, while restoring the lands of the old western Roman Empire.“ Besonders deutlich Adamiak, Carthage, 53: „Belisarius’s expedition against the Vandals should in many respects be considered a religious war.“ Vgl. Nouellae Iustiniani 30,11,2 (234,33–36 Schöll/Kroll; Übers. Merrills/Miles, The Vandals, 237): […] et spes habere bonas quia etiam reliquorum nobis detentionem annuet deus, quam prisci Romani usque ad utriusque oceani fines tenentes sequentibus neglegentiis amiserunt […]. / „We are inspired with the hope that God will grant us rule over the rest of what, subject to the ancient Roman limits of both seas, they later lost by their neglects.“ Vgl. auch Codex Iustinianus 1,27,1,1–6; Nouellae Iustiniani 78,4,1; vgl. auch Marcellinus Comes, Chronicon a. 534 (103,32 Mommsen; Übers. 44–46 Croke): Prouincia Africa […] uolente deo uindicata est. / „The province of Africa […] was liberated by God’s will.“ Zur religiösen Motivation des Unternehmens vgl. auch Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,10,18–20 ( Justinian erscheint im Traum ein Bischof, der ihm zum Eingriff in Africa rät; s. dazu u. Kap. 5.7.1.3); 1,12,2 (Taufe eines Soldaten durch den Patriarchen von Konstantinopel kurz vor der Einschiffung der Flotte Belisars); vgl. Modéran, „Die Kirchen“, 752. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 686–688, stellt die religiösen Motive Justinians im Zusammenhang mit den von ihm geführten Kriegen (nicht nur gegen die Vandalen) unter der Überschrift „Religion im Dienste der Außenpolitik“ dar. Vgl. Modéran, „Die Kirchen“, 750–751, mit Hinweis auf Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,21,18–25 (Wiederinbesitznahme der Cyprian geweihten Kirche in Karthago); Modéran,

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spruch Justinians, sich auch in kirchlichen und theologischen Angelegenheiten zu engagieren, wird in Nordafrika zunächst akzeptiert.126 Die Herrschaft Ostroms in Africa ist im Folgenden dennoch von Konflikten geprägt, sowohl in politischer als auch in religiöser Hinsicht. Sie hat in weiten Teilen den Charakter einer Fremdherrschaft.127 Ostrom versuchte zwar als Befreier von der vandalischen Herrschaft aufzutreten, insgesamt aber bedeutete „für Afrika […] das Ende der Vandalenherrschaft […] eine Verschlechterung“128 – sei es bezüglich des Verhältnisses zu den Mauren oder bezüglich der Ausbeutung von Ressourcen durch die neuen Herrscher. Besonders die Eliten waren unter der neuen Herrschaft die Verlierer.129 2.2.4 Die Kirchen Nordafrikas und die byzantinische Herrschaft Grundsätzlich sieht sich Justinian hinsichtlich der Kirchen als Garant ihrer Einheit in der „Pflicht zur Verteidigung des Glaubens“ und ausgestattet mit dem „Recht, innerhalb der Kirche zu intervenieren“.130 Seine o. g. Bautätigkeit betrifft auch den Kirchenbau.131 Er versucht, die nizänische Kirche Nordafrikas stärker an Konstantinopel

„L’Afrique reconquise“, 40; vgl. auch den Brief des Konzils von Karthago 535 (s. auch u. S.  47) an Johannes II. (zu Fragen über den Umgang mit homöischen Geistlichen; Collectio Auellana 85,1 [328,10–14 Guenther]): Optimam consuetudinem praeteriti temporis, quam uiolenta captiuitas per annos centum dolentibus cunctis abstulerat, iterum seruare cupientes ad uniuersalem totius Africae synodum fideli deuotione conuenimus […]. / „Indem wir begehrten, die vorzügliche Gewohnheit der vergangenen Zeit, welche die hundertjährige gewaltsame Gefangenschaft für alle, die darunter gelitten hatten, unmöglich gemacht hatte, wiederum zu pflegen, sind wir zu einer allgemeinen gesamtafrikanischen Synode in gläubiger Demut zusammengekommen […]“. Im Weiteren ist von „Freudentränen“ (lacrimantibus gaudiis [328,19 Guenther]) über diese Möglichkeit der Versammlung in der Kirche, aus der die „Katholiken“ von Hunerich vertrieben worden waren, die Rede. Adamiak, Carthage, 86–87 sieht hingegen keine Dankbarkeit der „katholischen“ Kirche Nordafrikas gegenüber Justinian. Die „Katholiken“ hätten Justinian nicht als Befreier gesehen, da sie von Hilderich nicht unterdrückt gewesen seien. Die Bedrohung für die „Katholiken“ sei vielmehr von den Berbern ausgegangen (s. auch u. Anm. 128). S. u. Kap. 5.5.6 und 5.7.1.3 zur (ambivalenten) Sicht auf die Rückeroberung Africas in der Chronik des Victor von Tunnuna. 126 Vgl. Modéran, „Die Kirchen“, 755–756: Die afrikanische Kirche habe den Kaiser zwischen 533 und 543 durch wiederholte Appelle an ihn zu einer solchen Haltung ermutigt. Zum Anspruch Justinians, sich auch um kirchlich-theologische Angelegenheiten zu kümmern bzw. in diesen zu intervenieren vgl. etwa Nouellae Iustiniani 6, praefatio; 7,2. S. dazu auch u. Kap. 2.3.1. 127 Vgl. Vössing, „Africa zwischen Vandalen“, 205–216, der hierfür vier Gründe nennt: „Die Verkennung der machtpolitischen Realitäten in Bezug auf die Mauren“ (205–208), „Das mangelhafte Eingehen auf die Notwendigkeiten eines Söldnerkrieges“ (208–212), „Die weitgehende Missachtung der alten städtischen Oberschicht“ (212–214), „Die neue Stellung und Inanspruchnahme kirchlicher Würdenträger“ (214–216). 128 Steinacher, Die Vandalen, 310. 129 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 311–312; Merrills/Miles, The Vandals, 238–239. 130 Maraval, „Die Religionspolitik“, 421. 131 Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 425.

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anzubinden.132 Die nizänische Kirche erhält nach dem Sieg für Justinian die Kirchen und Pfründe, die von den Homöern beschlagnahmt worden waren, zurück. Auch mit der homöischen Kirche werden aber zunächst Kompromisse gesucht133 – dabei geht es vor allem um die Frage der Integration des verbliebenen homöischen Klerus und der Gemeinden, aus denen wohl nicht wenige Romano-Afrikaner sind, in die nizänische Kirche.134 Anfang des Jahres 535 fand unter der Leitung des neuen Bischofs der Proconsularis, Reparatus, in der Basilica Fausti ein Konzil statt, auf dem die Afrikaner ihre neue Situation klären wollten. Es ging insbesondere um die Restitution der Kirchengüter und um das Schicksal der homöischen Geistlichen.135 Die nizänische Kirche wollte Justinians Entgegenkommen gegenüber den Homöern und deren Kirche (in Sinn der o. g. Kompromisse) nicht einfach hinnehmen.136 Justinian veranlasste schließlich die bereits genannte Rückgabe des kirchlichen Besitzes und ordnete in seiner Novelle De Africana ecclesia (Nouellae Iustiniani 37) vom 1. August 535 weitere Maßnahmen gegen „Arianer“, Donatisten und Juden an. Dieses Gesetz ist deutlich umfassender und radikaler als die bisherigen Maßgaben.137

132 Vgl. Tilley, „The Collapse“, 14: „Justinian exercised a much tighter control over internal ecclesiastical affairs than that to which the Africans had grown accustomed either before or during the Vandal occupation“. 133 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 312–313. 134 Justinians Gesetzgebung bezieht sich explizit auf die Konversion von Romano-Afrikanern durch Wiedertaufe ad suam [= der Vandalen] perfidiam (Codex Iustinianus 1,27,2 [77 Krüger]); vgl. Merrills/Miles, The Vandals, 239–241, 249. 135 Vgl. Merrills/Miles, The Vandals, 249–250; Vössing, „Africa zwischen Vandalen“, 203; Modéran, „Die Kirchen“, 752; Kaiser, Authentizität, 103–104; vgl. Collectio Auellana 85,1–6. Der Bischof von Karthago, Reparatus, schreibt im Kontext des Konzils von 535 zusammen mit den Bischöfen der Proconsularis an den Kaiser mit der Bitte um die Regelung solcher Fragen, vgl. Nouellae Iustiniani 37,1 (244,24–32 Schöll/Kroll); vgl. Kaiser, Authentizität, 81; Markus, „Carthage“, 281. Vgl. zu weiteren Quellen und zur Frage der genauen Datierung Champetier, „Les conciles africaines“, 104. Ein Regionalkonzil wurde auch 541 in der Byzacena abgehalten, auch wenn mit den Adressaten der entsprechenden Novelle Justinians vom 6. Oktober 541 (Iussio Iustiniani imperatoris pro priuilegio concilii Byzaceni neben dem „Metropoliten“ Datianus wohl kein Konzil, sondern das Bischofskollegium gemeint ist (Datiano metropolitano Byzacii et omni concilio Byzacena [796,25–26 Schöll/Kroll; vgl. auch bei Kaiser, Authentizität, 37,4]). Vgl. dazu Kaiser, Authentizität, 117–120, auch 130. 136 Vgl. etwa Ferrandus von Karthago, Epistula ad Eugippium (Epistula 4); vgl. Epistula 4A (Fragmentum), worin sich Ferrandus nach dem Ende der Herrschaft der Vandalen ausführlich gegen die homöische Trinitätslehre wendet; vgl. dazu Merrills/Miles, The Vandals, 249: „As early as 533, leading theologians were writing to important ecclesiastical figures in Italy, rehearsing the doctrinal case against Arianism with the clear intention of galvanizing wider western support.“ Zum Brief vgl. auch kurz Howe, Vandalen, 26. 137 Vgl. Nouellae Iustiniani 37,1; 5–9. Vgl. Merrills/Miles, The Vandals, 250: „For the Pope and the Afri­ can Church this apparent volte face represented an important victory over an emperor who until then had shown little propensity for listening to their opinions or acting upon them.“ Vgl. ebd., 251: Justinian habe dennoch eigenständig und nicht auf Druck des Papstes gehandelt, um sich als frommer christlicher Herrscher zu inszenieren. Vgl. auch Steinacher, Die Vandalen, 312–313; Maraval, „Die Religionspolitik“, 431–432; Modéran, „Die Kirchen“, 753. Zum Umgang mit „religiöse[n] Dis-

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Ein Konflikt zwischen den Kirchenprovinzen in Nordafrika? (Exkurs) Es ist auch für diese Zeit138 diskutiert worden, ob es zu einem Rangstreit zwischen den Kirchenprovinzen Nordafrikas kam. Die Nouella 37 verleiht dem Bischof von Karthago auch die Metropolitenwürde bzw. die entsprechenden Privilegien.139 Wahrscheinlich ging dem ein entsprechendes Gesuch von Reparatus, dem Bischof von Karthago, voraus.140 Auf eine „neue und direkte Autoriät über den gesamten afrikanischen Episkopat“141 für den Bischof von Karthago ist daraus allerdings nicht zu schließen: Aus den Konstitutionen im 1. Buch des Codex Theodosianus (vgl. Codex Theodosianus 1,1– 13) ergibt sich für die Metropoliten wenig Konkretes, ihre Amtsbefugnisse erstrecken sich lediglich auf die jeweils eigene Provinzialkirche, nicht jedoch auf andere.142 Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang etwa auch Collectio Auellana 87. Hier wendet sich Papst Agapitus an Reparatus von Karthago als Metropoliten. Die gebrauchte Formulierung (caritati tuae metropolitana iura reparantes)143 deutet jedoch eher auf eine Erneuerung der Metropolitenwürde hin, nicht auf eine erstmalige Verleihung.144 Der Papst sah den Bischof von Karthago wohl „von vornherein als Metropoliten“ an.145

sidenten“ (hier als Heiden, Juden und Samariter, Häretiker verstanden) unter Justinian vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 426–432. Mit zahlreichen Belegen zur Gesetzgebung gegenüber Juden vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 740–44, vgl. ebd., 744–748 zu „Häretikern“. Zu Justinians kirchenpolitischer Gesetzgebung insgesamt mit Verfügungen in Bezug auf die Kirche und ihre Verwaltung, den Klerus und die Mönche vgl. zusammenfassend und mit zahlreichen Beispielen Maraval, „Die Religionspolitik“, 423–425; vgl. auch Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 733–752. 138 S. o. S. 41–42. Hier gilt wie bereits oben, dass diese Frage insofern für die Deutung der Chronik des Victor von Tunnuna relevant ist, als in der Chronik ein innerafrikanischer Konflikt deutlich wird. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 76–78 sieht etwa eine Verbindung von dem hier diskutierten, bereits zur Zeit der Vandalen beginnenden und sich deutlich im Konzil von Karthago 525 zeigenden Konflikt zum heftigen Widerstand gegen die Verurteilung der Drei Kapitel gerade in der Byzacena im Gegenüber zu den anderen afrikanischen Provinzen, auch wenn man nicht von einer direkten kausalen Verbindung sprechen könne. 139 Vgl. Nouellae Iustiniani 37,9 (245,21–22 Schöll/Kroll): Priuilegia insuper sacrosanctae ecclesiae nostrae Carthaginis Iustinianae omnia condonamus quae metropolitanae ciuitates et earum antistites habere noscuntur. / „Wir gewähren überdies der hochheiligen Kirche unserer Stadt Karthago alle Privilegien, von denen man weiß, dass sie die Metropolitanstädte und deren Bischöfe haben.“ Fortgeführt wird diese Bestimmung mit dem Wunsch, die Stadt möge, ausgestattet mit kaiserlichen Privilegien, erblühen (245,24 Schöll/Kroll): imperialibus etiam priuilegiis exornata florescat. 140 Bei Victor von Tunnuna wird Reparatus allerdings nicht als Metropolit, sondern als Erzbischof bezeichnet, vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 143; 145; 149; 165; zu den Stellen s. jeweils u. Kap. 7.7.3. 141 Modéran, „Die Kirchen“, 754. 142 Vgl. Kaiser, Authentizität, 105–106. 143 Collectio Auellana 87,4 (333,13–14 Guenther). 144 Anders Tilley, „The Collapse“, 14. 145 Kaiser, Authentizität, 106–107, hier 107. Auch im vierten Jahrhundert wurde der Bischof von Karthago bereits als Metropolit bezeichnet, konkret Capreolus von Karthago beim Konzil von Ephesus 431, vgl. Collectio Casinensis 25 (ACO 1,3 [81,1–3 Schwartz]) und Collectio Veronensis 25 (ACO 1,2, [64,5 Schwartz]). Markus, „Carthage“, 280, sieht die Metropolitenwürde seit der Zeit von Cy-

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Die Rangordnung der Kirchenprovinzen war bereits durch das Konzil von Karthago 418 festgelegt worden und seither gültig geblieben – ihr entspricht noch die Reihenfolge in der Novelle Justinians vom 29. Oktober 542 (Iussio Iustiniani imperatoris pro priuilegio concilii Bycazeni [797,21–22 Schöll/Kroll; vgl. auch bei Kaiser, Authentizität, 38,19]).146 Von einem auf Nouellae Iustiniani 37 folgenden Rangstreit zwischen der Byzacena und der Proconsularis ist schon deshalb nicht auszugehen.147 Eine Auseinandersetzung zwischen der Byzcaena und der Proconsularis kann, wie oben gesehen, nur für das Regionalkonzil von Iunci (523) und für das Konzil von Karthago (525) hinsichtlich der konkreten Frage des Ordinationsrechtes eines Kloster in der Byzacena herausgearbeitet werden: „Ein Dissens zwischen Byzacium und Karthago lässt sich damit nicht über das Jahr 525 hinaus verfolgen“.148 Auch die Novellen von 541 und 542, die als Belege für einen solchen Konflikt gesehen wurden, sind, wie Wolfgang Kaiser ebenfalls gezeigt hat, in einem anderen Kontext zu sehen. In der Novelle vom 6. Oktober 541 geht es um auch sonst übliche kaiserliche Vergünstigungen für eine bestimmte Provinzialkirche (keineswegs spezifisch für Africa), hier eben die der Byzacena. Die Bestimmungen und Vergünstigungen der Novelle vom 29. Oktober 542 betreffen nicht allein die Byzacena, sondern die ganze Diözese Africa und können schon allein deshalb nicht für einen Streit zwischen Byzacena und Proconsularis herangezogen werden. Mit ihnen wollte Justinian vielmehr eine „Stärkung der Orthodoxie“ erreichen.149

prian in Karthago gegeben (leider ohne Quellenbelege). So sieht er auch ebd., 282, keinen Beleg dafür, dass der Kirche von Karthago über die sowieso traditionell bestehenden Rechte hinaus hier weitere Rechte zugestanden werden. Vielmehr habe der Kaiser als Geber eines neuen Privilegs gesehen werden wollen. 146 Vgl. Registri ecclesiae Carthaginensis excerpta 127 (227,1546–228,1555 Munier), hier ist die Reihenfolge Karthago, Numidia, Byzacena, Mauretania Sitifensis, Tripolitana genannt. Der Kanon wurde auf dem Konzil von Karthago 525 verlesen, vgl. Concilium Carthaginensis a. 525 (261,281–282; vgl. 261,294–262,300 Munier). Vgl. auch Kaiser, Authentizität, 94–95. 147 Einen solchen Konflikt, in den dann der Kaiser eingriff, sieht noch Modéran, „Die Kirchen“, 754; vgl. ders., „L’Afrique reconquise“, 76–78 (hier wird der Konflikt über das Konzil von 525 bis auf die Zeit unter der Vandalenherrschaft zurückgeführt; s. bereits den Hinweis o. Anm. 138). 148 Vgl. Kaiser, Authentizität, 86–114, hier 114. Vgl. in Bezug auf Kaiser auch Vössing, „Africa zwischen Vandalen“, 215 (Anm. 83). 149 Vgl. Kaiser, Authentizität, 115–155 (Zitat 154); vgl. die Novelle Justinians vom 6. Oktober 541 (796,21–797,6 Schöll/Kroll; vgl. auch bei Kaiser, Authentizität, 37,1–19) und die Novelle Justinians vom 29. Oktober 542 (797,7–29 Schöll/Kroll; vgl. auch bei Kaiser, Authentizität, 38,1–30). Die Geschichte des von einem Rangstreit bestimmten Verhältnisses zwischen der Byzacena und der Proconsularis wird dann mit Massigli, „Primat de Carthage“, 427–440, hier 438–439 fortgeschrieben mit dem Verweis auf die Novelle Justins II. vom 1. Mai 568 (Nouella 4); vgl. Adamiak, Carthage, 64. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 79–80, sieht in dieser Novelle ähnlich, aber mit einem anderen Akzent, einen Beleg für den bewussten, für sich geschickt genutzten Umgang von Byzanz mit alten Tendenzen zur Fragmentierung der nordafrikanischen Kirche. Vgl. zu dieser Novelle Justins und ihrer Zielsetzung Kaiser, Authentizität, 156–171, der ihr Anliegen als Freistellung (Exemtion) der Kirche der Byzacena von der staatlichen Gerichtsbarkeit und Erhalt eines unmittelbaren Zugangs zum Kaisergericht für den Primas beschreibt.

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Einen Konflikt zwischen den kirchlichen Provinzen Africas in dieser Zeit sehen auch Andy Merrills und Richard Miles, die annehmen, dass ein solcher Konflikt sich darin zeigt, dass die Primaten der Byzacena und von Numidia in den Jahren nach 533 aktiv ihre kirchliche Autorität hervorgehoben hätten, indem sie mehrere Provinzialkonzilien einberiefen.150 Merrills und Miles verweisen hier jedoch lediglich auf Pierre Champetier,151 der sich aber wiederum auf Stellen bei Victor von Tunnuna beruft, bei denen er aufgrund der Verwendung des Begriffs concilium von einem tatsächlichen Regionalkonzil ausgeht.152 Dieser Begriff wird aber bei Victor von Tunnuna nur in Ausnahmefällen für ein tatsächliches Konzil gebraucht; grundsätzlich bezeichnet er vielmehr das Bischofskollegium einer Provinz.153 Auch aus diesen Angaben lässt sich also kein Machtkonflikt zwischen den afrikanischen Provinzen konstruieren. *** Die Bedeutung des Bischofsamtes und damit der bischöfliche Einfluss in allen Bereich des urbanen Lebens nahm unter der byzantinischen Herrschaft in Nordafrika zu, brachte aber auch eine größere Abhängigkeit vom Kaiser und seiner Gewalt mit sich.154 In diesem Zusammenhang zeigt die genannte Novelle von 541 tatsächlich ein neues Moment in den Auseinandersetzungen innerhalb der afrikanischen Kirche, auch wenn man sie nicht auf einen Rangstreit zwischen Karthago und der Byzacena bezieht, nämlich „die Bereitschaft, unter Umgehung gesamtafrikanischer Konzilien persönlich oder als Kirchenprovinz an den Kaiser zu appellieren in der Hoffnung, mit seiner Hilfe die eigenen Ansprüche durchzusetzen.“155

150 Vgl. Merrills/Miles, The Vandals, 251. 151 Vgl. Champetier, „Les conciles africaines“, 108–111. 152 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 145, 152; vgl. nach Champetier, „Les conciles africaines“, 108, auch ein concilium 554 in der Proconsularis nach Victor von Tunnuna, Chronicon 149. Auch Maier, L’Épiscopat, 78–79, vgl. auch 77, verzeichnet entsprechende Konzilien unter Berufung auf Victor von Tunnuna. 153 Vgl. Kaiser, Authentizität, 88–90, 117–118. Zu den Stellen bei Victor von Tunnuna und seiner Verwendung von concilium s. u. S. 419 (Anm. 905). 154 Vgl. Vössing „Africa zwischen Vandalen“, 215; vgl. auch Cameron, „Byzantine Africa“, 45–46, die auch den Umstand, dass unsere Informationen über das byzantinische Africa vielfach auf Bischofslisten zurückgehen, nicht auf einen Mangel an Quellen zurückführt, sondern davon ausgeht, dass dies die soziale Realität repräsentiere; auch der Kirchenbau spiegele die soziale Bedeutung der Bischöfe, nicht nur die kaiserliche Politik. Vgl. zu den Bischofslisten etwa Maier, L’Épiscopat. Vgl. Cameron, „Byzantine Africa“, 45 (Anm. 147) zu weiterer Literatur zu den Bischofslisten. Vgl. auch Modéran, „Die Kirchen“, 753–754. 155 Vgl. Vössing, „Africa zwischen Vandalen“, 215–216, hier 215. Vössing weist hier besonders auf die priuilegia und beneficia im Jahr 541 für die Byzacena in der genannten Novelle Justinians hin (s. o. S.  49), die er als Eingehen des Kaisers auf Versuche der Bischöfe, das „kaiserliche Gängelband […] zur Schwächung der innerafrikanischen, kollegialen Kontrolle“ und damit zur Stärkung seiner eigenen Macht zu nutzen, einschätzt; ähnlich Tilley, „The Collapse“, 14.

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Die nordafrikanische (nizänische) Kirche war zwar für Justinian „a prime, if not the prime instrument for Byzantine rule“.156 Auf lange Sicht schadete Justinians Umgang mit ihr in den Jahren der Machtübernahme aber seinem Verhältnis zu ihr, obwohl sie Justinians Anspruch auf Behandlung auch kirchlich-religiöser Angelegenheiten anfänglich nicht ablehnte: „His unilateral legislation raised suspicion among the African ecclesiastical community that Justinian felt intervening into Christian doctrinal affairs to be within his jurisdiction as emperor.“ Diese „suspicion“ in Bezug auf das Eingreifen des Kaisers in christliche Lehrangelegenheiten zeigt sich dann auch im Drei-Kapitel-Streit.157 Bei der zunehmend ablehnenden Haltung gegenüber der byzantinischen Herrschaft spielte auch die kaum vergangene Zeit unter den Vandalen eine Rolle: Ein Jahrhundert lang hatte die nordafrikanische Kirche relativ isoliert von östlichem Einfluss ihre religiösen Positionen entwickelt und vertreten – und die byzantinische Herrschaft setzte dem ein Ende.158 Justinian unterschätzte oder übersah zwei wesentliche Motive der afrikanischen Kirche in ihrem Widerstand: Die Opposition gegenüber der vandalischen Kirchenpolitik war in Nordafrika entscheidend durch das unbedingte Festhalten am nizänischen Bekenntnis geprägt, was einerseits eine standhafte (nizänische) Argumentationsfähigkeit in trinitarischen Debatten mit sich brachte159 und andererseits die Zustimmung zu einer Änderung des Chalcedonense als einem ökumenisch verbindlichen Konzilsbeschluss nicht erwarten ließ.160 Hinzu kamen die Sicht auf die Herrschaft von Byzanz als Fremdherrschaft und das Unvermögen Konstantinopels, ausreichenden Schutz vor den Mauren zu bieten.161

156 Cameron, „Byzantine Africa“, 45 (mit Anm. 146), mit Verweis auch auf Champetier, „Les conciles africaines“, 118: „L’église d’Afrique, c’est en fait le domaine de l’autorité byzantine“. 157 Merrills/Miles, The Vandals, 251–252; vgl. auch Cameron, „Byzantine Africa“, 45: „For Africa, it was soon clear that the price of ‚liberation‘ was, besides taxation, the acceptance of Byzantine ideas, especially in matter of doctrine. The Catholics were restored and supported by the imperial government, but orthodoxy was to be defined from Constantinople.“ 158 Vgl. Cameron, „Byzantine Africa“, 48: „The Africans were not interested in the wider politics of Justinian’s empire or his need for compromise with Monophysitism, which they would have seen, if they understood it at all, as quite contrary to their interests.“ 159 Vgl. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 65. Vgl. bspw. die Korrespondenz zwischen Ferrandus von Karthago und Fulgentius von Ruspe (Epistulae 13 und 14); vgl. etwa auch Collectio Auellana 85,3, wo für die Synode von 535 die Bestimmungen des Konzils von Nizäa als Grundlage der Untersuchungen benannt werden. 160 Vgl. etwa Ferrandus von Karthago, Epistula 6,7 (PL 67, 926A Migne); vgl. Conant, Staying Roman, 318–319; s. u. Kap. 2.3.3. Vgl. insgesamt auch Eno, „Doctrinal Authority“. 161 Vgl. Vössing, „Africa zwischen Vandalen“, 216; vgl. auch Modéran, „L’Afrique reconquise“, 78–82, der hierin einen der Gründe für die heftigen Reaktionen der nordafrikanischen Kirche im DreiKapitel-Streit sieht; s. u. S. 78.

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Eine Chronik und ihre (Vor-)Geschichte

2.2.5 Gegen Mauren und Vandalen: Politische Probleme der byzantinischen Herrschaft in Nordafrika Widerstand gab es gegen die byzantinische Herrschaft nicht nur von Seiten der nordafrikanischen Kirchen: Schon bald nachdem Belisar 534 Africa verlassen hatte, zeigte sich die politische Instabilität der Herrschaft Ostroms – bereits unter Solomon kam es zu Maurenaufständen.162 Aufstände aus den eigenen Reihen kamen hinzu, auch aus religiös motivierten Gründen.163 Anführer der Aufständischen wird 536/537 Stotzas, dieser kann aber unter dem magister militum Germanus, einem von Justinian entsandten Cousin Belisars,164 besiegt werden.165 539 kommt Solomon nach Africa zurück und versucht, in weiteren Kämpfen gegen Mauren, u. a. in einem Feldzug gegen den Aurès 539, weitere Provinzen zu restituieren. 543 wird der von Kaiserin Theodora166 begünstigte Sergius neuer dux Tripolitanae prouinciae, ist gegenüber den Mauren aber erfolglos. Stotzas kehrt wieder auf die Bühne zurück und ist zunächst erfolgreich, woraufhin Konstantinopel Athanasius zum neuen Prätorianerpräfekten macht anstelle des weiterhin unglücklich agierenden Sergius. Die Byzantiner bleiben trotz eines weiteren neuen Befehlshabers, dem Senatsaristokraten Areobindus, mäßig erfolgreich. Stotzas stirbt 544 bei Cillium.167 Ein weiterer Aufstand geschieht 545/546 unter Guntharis (Guntharit), Solomons ehemaligem Leibwächter und Numidiens Militärbefehlshaber. Er wird als „der letzte Vandale, der in Afrika eine besondere Rolle spielt“, bezeichnet.168 Guntharis wird im Frühjahr 546 von Artabanes, einem Armenier, der sich zuvor scheinbar mit Guntharis verbündet hatte, getötet. Artabanes wird dafür in Konstantinopel geehrt. 546 kommt gegen Ende des Jahres Johannes Troglita nach Africa und wird neuer Oberbefehlshaber. Er führt bis 551 weitere Kämpfe gegen Mauren, und er kann letzt-

162 Vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 2,8,9–11; 2,11,15–56; 2,12. Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 314–316. 163 Prokopios von Caesarea führt diese Aufstände auch darauf zurück, dass viele Soldaten in der byzantinischen Armee in Africa „Arianer“ waren, vgl. De bello Vandalico 2,14,11–16. 164 Vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 2,16,1. 165 Vgl. insgesamt Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 2,14–15; vgl. 1,11,30 zu Stotzas; vgl. Steinacher, Die Vandalen 316–320. 166 S. u. S. 61. 167 Vgl. insgesamt Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 2,19–24. Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 320–326, vgl. dort die enstprechenden Anm.  zu weiteren Quellen. Vgl. insgesamt auch Lassère, Africa, quasi Roma, 706–708. Zu Stotzas und seinem Tod in der Chronik des Victor von Tunnuna (Chronicon 134) s. u. Kap. 5.5.6. 168 Steinacher, Die Vandalen, 326, vgl. 327–328; vgl. Vössing, „Africa zwischen Vandalen“, 212; vgl. insgesamt zu Guntharis Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 2,25–28; vgl. auch Marcellinus Comes, Chronicon a. 547,6; vgl. Placanica, „Note“, 122 (ad a. 546,2) zu weiteren Quellen. Von den Geschehnissen wird auch in der Chronik des Victor von Tunnuna knapp berichtet (Chronicon 136; s. u. Kap. 5.5.6).

Der Drei-Kapitel-Streit: Der theologiegeschichtlich-kirchenpolitische Kontext der Chronik

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lich einen Frieden schließen.169 Prokopios schildert drastisch die Folgen der vorgangegangenen Jahre der Kämpfe für Africa.170 Dennoch lässt sich für die Zeit unter Johannes Troglita nach 546 von einer „Wende“ sprechen, weil sein letzter Sieg nachhaltig war und es in Numidien und der Byzacena zu einem dauerhaften Übereinkommen von Mauren und Byzantinern kam.171 Zumindest bis kurz vor Justinians Tod war nun also eine gewisse Stabilität erreicht.172 Mit seinem Tod bzw. der Machtübernahme durch Justin II. (565) endet der zeitliche Rahmen der Chronik des Victor von Tunnuna. Dass die nordafrikanische (nizänische) Kirche nicht einfach einverstanden war mit der Herrschaft Justinians, sondern zunehmend eine ablehnende Haltung einnahm, wurde oben bereits angerissen. Einer der wichtigsten Konflikte, in denen Justinian der Kirche Nordafrikas gegenüberstand, ist, wie ebenfalls schon benannt, der Drei-Kapitel-Streit. Dieser wird im folgenden Kapitel als theologiegeschichtlich-kirchenpolitischer Kontext der Chronik genauer in den Blick genommen. 2.3 Der Drei-Kapitel-Streit: Der theologiegeschichtlich-kirchenpolitische Kontext der Chronik Der Drei-Kapitel-Streit entzündet sich innerhalb des eben beschriebenen grundsätzlichen kirchlich-politisch-geographischen Kontextes der Chronik und ist als ein wesentlicher Konflikt der nordafrikanischen Kirche(n) (auch) mit der byzantinischen Herrschaft selbst Teil dieses Kontextes. Da er der theologiegeschichtliche und kirchenpolitische Rahmen im engeren Sinn ist, in dem die Chronik steht, soll er hier genauer in den Blick genommen werden. Ziel ist, einen Überblick über den Verlauf des Drei-Kapitel-Streites zu bieten, der das in der Chronik Dargestellte zu deuten und zu

169 Vgl. Steinacher, Die Vandalen, 328, mit Verweis auf Modéran, Les Maures, 697–661. Vgl. Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 2,28,50–52; vgl. Vössing „Africa zwischen Vandalen“, 217, der hier auf 548 datiert, vgl. dazu auch 218 (mit Anm. 96); das Jahr 548 als das Jahr, in dem „das Reich die Oberhand gewann“, nennt auch Modéran, „Die Kirchen“, 762. 170 Vgl. Prokopios von Caesarea, De bellis 8,17,20–22; Anekdota 18,1–9. Positiver unter Betonung der militärischen Siege bei Coripp, Iohannis 3,68; 3,195–196; vgl. Steinacher, Die Vandalen, 328–329 (mit Anm. 116 [S. 442]); Modéran, Les Maures, 565–566. 171 Vgl. Vössing, „Africa zwischen Vandalen“, 216–220. Adamiak, Carthage, 87, sieht den Sieg des Johannes Troglita insofern als Wendepunkt für Justinian, als er nun die Möglichkeit gehabt habe „to visit on his religious opponents the kind of repressive treatment that was usually reserved fo those whose activities were seen as threatening the Empire’s cohesion“. 172 Zum (weiteren) „Schicksal der Romanitas in Africa“ unter der Herrschaft von Byzanz vgl. Vössing, „Africa zwischen Vandalen“, 220–224. Er spricht ebd., 223, sogar davon, dass „sich die byzantinische Herrschaft in Africa erstaunlich sicher behaupten [konnte]. Keineswegs taumelte sie, wie eine geläufige (deterministische) Vorstellung es will, im späteren 6. und früheren 7. Jahrhundert bereits dem Untergang entgegen.“

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Eine Chronik und ihre (Vor-)Geschichte

verstehen erlaubt.173 Wie oben schon erwähnt,174 ist dabei besonders für die späte Phase des Drei-Kapitel-Streites in Nordafrika zu beachten, dass die Chronik des Victor von Tunnuna dafür die einzige Quelle ist. Der Drei-Kapitel-Streit gehört zur Geschichte der christologischen Streitigkeiten im fünften und sechsten Jahrhundert. Er ist damit Teil der Debatten um die Rezeption des Konzils von Chalcedon,175 die seit dem Konzil für fortwährende Unruhen gesorgt hatten: Weder die zunächst großzügige, seit dem ersten Jahrzehnt des sechsten Jahrhunderts zunehmend miaphysitisch eingefärbte Henotikon-Politik des Anastasios noch die strikte Chalkedon-Haltung Justins I. noch der Kampf Justinians gegen die Miaphysiten […] erwiesen sich als geeignet, um die Streitigkeiten beizulegen.176

Mit seinem Beginn in der Mitte des sechsten Jahrhunderts gehört der Streit in ein Jahrhundert, das man besonders im oströmischen Reich als „eine Phase entscheidender theologischer und kirchenpolitischer Weichenstellungen“ bezeichnen kann.177 Auf verschiedenen Ebenen entstanden Konflikte und „kirchenpolitische[…] Verwicklungen“, die ein gegenseitiges Unverständnis zwischen West und Ost zeigten. Die theologischen Diskussionen im Osten wurden im Westen immer weniger verstanden. Ost und West befanden sich zu Beginn des sechsten Jahrhunderts aufgrund unterschiedlicher Auslegungen der Konzilsbeschlüsse von Chalcedon (451) sowie kirchenpolitischer Konflikte im Schisma (das so genannte Akakianische Schisma); diese Spaltung der Christenheit war durch das so genannte Henotikon des Kaisers Zeno (474–491) und des Patriarchen von Konstantinopel, Akakios (471–489) ausgelöst worden, vertiefte sich durch die in ihrer Tendenz seit etwa 506 zunehmend miaphysitische Religionspolitik des Anastasios (491–518) und konnte erst nach einem radikalen Kurswechsel Konstantinopels unter Justin I. (518–527) im Jahr 519 behoben werden.178

173 Das heißt auch: Die komplexen theologischen Inhalte werden dann dargestellt, wenn sie für die Deutung der Chronik relevant sind. Wo sinnvoll, werden sie erst bei der Arbeit an der Quelle selbst genauer in den Blick genommen. Eine Doppelung lässt sich allerdings nicht immer ganz vermeiden. Vgl. grundsätzlich zum Drei-Kapitel-Streit insgesamt insbesondere Pewesin, Imperium; Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“; Stein, Histoire du Bas-Empire 2, 632–683; Haacke, „Die kaiserliche Politik“, 163–175; Gray, The Defense, 61–79; Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 431–484; Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“ (vgl. die Literatur 151 [Anm.  1]); Uthemann, „Kaiser Justinian“, 298–325; Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 694–699; zur Religions- und Kirchenpolitik Justinians ab 543 vgl. auch Meier, Das andere Zeitalter, 274–293; zu deren Anfängen vgl. Leppin, „Zu den Anfängen“. 174 S. o. S. 26. 175 Vgl. Uthemann, „Dreikapitel-Streit“, 977; Meier, Das andere Zeitalter, 273–274. 176 Drecoll/Meier, „Einleitung“, 4. 177 Drecoll/Meier, „Einleitung“, 4 (auch das folgende Zitat). 178 Drecoll/Meier, „Einleitung“, 4 (vgl. Anm. 3 zu Literatur).

Der Drei-Kapitel-Streit: Der theologiegeschichtlich-kirchenpolitische Kontext der Chronik

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So kann das sechste Jahrhundert auch als Jahrhundert „einer fehlgeleiteten Kommunikation zwischen Osten und Westen“ gedeutet werden.179 Ein gegenseitiges Verständnis wäre jedoch schon deshalb wichtig gewesen, weil seit 552 nicht nur Nordafrika, sondern auch Italien, und damit zwei herausragende Städte des christlichen Westens, nämlich Rom und Karthago, zum Herrschaftsbereich Justinians gehörten.180 Die Chronik des Victor von Tunnuna hat als Chronik eines Nordafrikaners – eines Bischofs aus dem lateinischen Westen – geschrieben in Konstantinopel, mit einem Fokus auf den Drei-Kapitel-Streit, Anteil an dieser komplexen Gemengelage zwischen Ost und West. 2.3.1 Von Marcian und dem Konzil von Chalcedon (451) bis zum Auftakt des Drei-Kapitel-Streites unter Justinian Am Anfang der Streitigkeiten, die zum eigentlichen Drei-Kapitel-Streit führten, steht das Konzil von Chalcedon (451), welches mit seiner unmittelbaren Vorgeschichte auch Inhalt der ersten Abschnitte der Chronik Victors von Tunnuna ist. Das von Kaiser Marcian (ca. 393–457, Kaiser 450–457) und seiner Frau Pulcheria (399–453) einberufene Konzil sollte die besonders im Westen umstrittenen Beschlüsse der Synode von Ephesus (449; sog. „Räubersynode“) aufheben und unter die Streitigkeiten, welche die Lehren des Nestorius und des Eutyches hervorgerufen hatten, durch das Verfassen eines gemeinsamen Bekenntnistextes endgültig einen Schlussstrich ziehen.181 Das Ergebnis des Konzils war ein Kompromiss: Verabschiedet wurden die Bekenntnisse von Nizäa (325) und Konstantinopel (381; in überarbeiteter Fassung), zudem wurde mit dem sogenannten Chalcedonense ein eigener theologischer Lehrtext, eine Glaubens­ definition verfasst.182 Indem darin Elemente der Theologie Kyrills von Alexandria sowie des Tomus ad Flauianum von Leo I. von Rom integriert wurden, war es ein Kompromiss, der im Westen aufgrund der Rezeption der Theologie Leos angenommen, im Osten jedoch die Streitigkeiten in der Folgezeit nicht beenden konnte. Dort kam es vielmehr zu weiteren heftigen Konflikten zwischen Miaphysiten, besonders in Ägypten, und antiochenischen („nestorianischen“) Theologen.183

179 Drecoll/Meier, „Einleitung“, 5. 180 Vgl. Drecoll/Meier, „Einleitung“, 5–6. 181 Zur Vorgeschichte des Konzils von Chalcedon vgl. als Überblick Frend, The Rise, 1–49; FraisseCoué, „Von Ephesus nach Chalcedon“, 3–89 (mit ausführlicher Bibliographie, auch der Quellen); Grillmeier, Jesus der Christus 1, 637–750. 182 Vgl. ACO 2,1,2 (127,9–130,18 Schwartz). 183 Zum Konzil von Chalcedon vgl. als Überblick Maraval, „Das Konzil von Chalcedon“, 90–119; Grillmeier, Jesus der Christus 1, 751–775; Hauschild/Drecoll, Lehrbuch, 333–338; Ritter, „Chalcedon“, 92– 93; ders., „Chalcedonense“, 93–94; vgl. jetzt auch Leuenberger-Wenger, Das Konzil von Chalcedon, die das Konzil hinsichtlich seiner ekklesiologischen Dimension untersucht.

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Die unterschiedliche Rezeption des Chalcedonense in Ost und West sieht Richard Price als Wurzel des Drei-Kapitel-Streits: While for the eastern bishops the Definition, despite its assertion of two natures, expressed the Christology of Cyril, it was understood at Rome to canonize the Christology of Leo and his Tome. This fundamental divergence was the root of the Three Chapters controversy, in that, while the East was happy to improve on the work of Chalcedon in a Cyrillian direction, this looked to western observers like a derogation from the completeness of the Chalcedonian Definition, understood as a confirmation of western theology.184

Kaiser Marcian und sein Nachfolger Leo I. (Kaiser 457–474) hatten sich um der Einheit des Reiches willen gegen heftigen Widerstand um eine Durchsetzung des Chalcedonense bemüht, das 452 als Reichsgesetz erlassen worden war.185 Der nachfolgende Kaiser Zeno186 (Kaiser 474–491) suchte einen neuen Weg, die Einheit zu sichern und veröffentlichte 482 das zunächst konkret auf die Einheit in Ägypten zielende Henotikon. Gleichwohl kam es in der Folge der Veröffentlichung dieser theologischen Deklaration zum schon genannten acacianischen Schisma zwischen Ost und West.187 Formal war der Anlass der Aufhebung der Kirchengemeinschaft mit Konstantinopel auf Betreiben von Felix III. von Rom das Eingreifen des Acacius von Konstantinopel bei der Wahl des Patriarchen von Alexandria, Petrus Mongus. Eine römische Synode exkommunizierte den Konstantinopler Patriarchen deshalb im Spätsommer 484. Das daraus resultierende Schisma zwischen Rom und Konstantinopel dauerte bis 518/519, also bis in die Zeit Justins I.188 Anastasius I.189 (Kaiser 491–518) übernahm das Henotikon und wollte so zunächst die Kompromisspolitik des Zeno fortsetzen. Er weitete die Gültigkeit des Henotikon 184 Price, „The Three Chapters Controversy“, 20. 185 Marcian, Constitutio ad synodum Chalcedonensem (ACO 2,2,2 [21,29–22,27 Schwartz]). Vgl. Maraval, „Die Rezeption“, 120–121, vgl. insgesamt zu Marcian und Leo Maraval, „Die Rezeption“, 120– 129; Grillmeier, Jesus der Christus 2,1, 107–130, 221–238. 186 Auch der zwischenzeitige Usurpator Basiliscus (475–476) griff mit zwei Dokumenten, dem von Timotheus Ailurus verfassten Enkyklion und dem dieses dann bald widerrufende Antienkyklion, in die Streitigkeiten ein, vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 2,1, 267–279; Maraval, „Die Rezeption“, 129–131. Der Text des Enkyklion ist überliefert bei Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,4 (101,6–104,19 Bidez/Parmentier); das Antienkyklion ebd. 3,7 (107,1–28 Bidez/Parmentier). Das Enkyklion betont die Gültigkeit der Beschlüsse von Nizäa (325), Konstantinopel (381) und Ephesus (431), verwirft aber Chalcedon. Es scheint ohne Widerspruch angenommen worden zu sein; angeblich unterschrieben es über fünfhundert Bischöfe, vgl. Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,4–5; vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 34–36. 187 S. o. S. 38. 188 Vgl. Kötter, Zwischen Kaisern, 91–97, 138–144; zum acacianischen Schisma vgl. insgesamt diese Monographie; zu weiterer Literatur vgl. übersichtlich Brennecke, „Das akakianische Schisma“, 74 (Anm. 2). Zur (wenig ausgeprägten) Rezeption bei Victor von Tunnuna s. u. S. 347–348. 189 Zu Anastasius I. vgl. insgesamt Haarer, Anastasius I; Meier, Anastasios I.; vgl. Kötter, Zwischen Kaisern, 262–268; Grillmeier, Jesus der Christus 2,1, 302–358; Maraval, „Die Rezeption“, 137–146; Haacke, „Die kaiserliche Politik“, 124–141.

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in einer zunehmend miaphysitischen Interpretation im Sinne eines im ganzen Reich verbindlichen Bekenntnistextes aus.190 Einerseits wurde so die Deutung des Henotikon bezogen auf Chalcedon immer mehr zur Streitfrage; die (östliche[n]) Kirche(n) und ihre Bischöfe waren sich uneins in ihren dogmatischen Positionen, selbst unter den Henotikon-Anhängern. Eine wichtige Rolle spielte in diesem Zusammenhang Severus, seit 512 Bischof von Antiochien, der in Konstantinopel als Berater des Kaisers agierte und eine radikal antichalcedonensische Linie vertrat.191 Andererseits vertiefte sich bereits unter Papst Gelasius I. (492–496) auch der Konflikt Konstantinopels mit Rom. Dieser setzte sich unter dessen Nachfolgern Symmachus (498–514) und Hormisdas (514–523) fort.192 Anastasius’ Einheitsprogramm scheiterte, vielmehr zersplitterte er die Kirche und brachte Chalcedon-Anhänger dazu, mit Rom Kontakt zu suchen.193 Zwischen Papst und Kaiser kam es hingegen zum Beziehungsabbruch.194 Justin I. (Kaiser 518–527) änderte daher das Vorgehen und und nahm wieder einen „chalkedonischen Kurs“ ein. Er suchte in diesem Zusammenhang wieder die Nähe zu Rom, auch, weil er hierin eine größere Chance für eine kirchliche Einheit des Reiches sah. Ob es ein kaiserliches Edikt für die Versöhnung mit Rom gab, ist unklar.195 Dem Henotikon erteilte Justin – auch mit dem Ziel der eigenen Herrschaftssicherung – jedenfalls eine Absage, wenn er auch dessen Unterzeichner nicht verdammte, und er befahl, Chalcedon im ganzen Reich anzunehmen.196 Auch Papst Hormisdas war mitt-

190 Vgl. Meier, Anastasios I., 84; Brennecke, „Chalkedonense“, 50; Grillmeier, Jesus der Christus 2,1, 284. 191 Vgl. zu Severus und seinen Anhängern und den entsprechenden gegnerischen Gruppierungen Kötter, Zwischen Kaisern, 122–128. Zu Severus vgl. auch ebd., 229–238 u. ö. Severus wurde 518 verurteilt und floh nach Ägypten in die Wüste, wo er wahrscheinlich 538 starb, vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 692. Seine Anhänger, die sog. Severianer, spielen in den folgenden Konflikten immer wieder eine große Rolle. Severus galt ihnen nach wie vor als eigentlicher Patriarch, vgl. Uthemann, „Kaiser Justinian“, 267; s. auch u. Kap. 5.7.1.5. 192 Vgl. Kötter, Zwischen Kaisern, 129–137. Hormisdas versuchte ab 515, offensiv in die Kirchenpolitik im Osten einzugreifen, wo der dortige chalcedonensisch orientierte Widerstand sich in zunehmendem Maß Unterstützung von ihm erhoffte. Zum sich verschärfenden Konflikt mit Rom unter Gelasius vgl. auch Kötter, Zwischen Kaisern, 103–109, zum weiteren Verhältnis zu Rom unter Anastasius I. vgl. insgesamt ebd., 109–144. Vgl. Meier, Anastasios I., 103–117, zum Verhältnis von Anastasius zu Gelasius und dessen Nachfolger Anastasius II. 193 Vgl. Kötter, Zwischen Kaisern, 266. 194 Vgl. Kötter, Zwischen Kaisern, 262–264; Meier, Anastasios I., 316–319; vgl. zum Konflikt zwischen Papst und Kaiser etwa Symmachus, Epistula ad Anastasium Imperatorem (= Symmachus, Epistula 10 [Thiel]); Anastasius I., Epistula Hormisdae Papae (Collectio Auellana 138), v. a. Abschnitt 5. 195 Kötter, Zwischen Kaisern, 270, vgl. ebd. 270–273, mit Hinweis auf den Brief Justins I. an Hormisdas (Collectio Auellana 160); vgl. ebd., 138 (mit Anm. 427) mit Überlegungen zu den Gründen für Justins Umschwung zu einer prochalcedonensischen Haltung, dort auch zu Literatur; vgl. insgesamt ebd., 138–144. Vgl. auch Maraval, „Die Rezeption“, 150, vgl. insgesamt 146–156. 196 Vgl. Kötter, Zwischen Kaisern, 270–271. Ein Hinweis auf die prochalcedonensische Haltung von Justin ist zunächst die Aufnahme der vier ökumenischen Konzilien in die Diptychen, vgl. Collectio Sabaitica 5,27, zu entsprechenden Forderungen der Synoda endemousa in Konstantinopel; vgl. 5,28–31 zur Rezeption durch Synoden in Jerusalem und Tyros. Vgl. Kyrill von Skythopolis, Vita Sabae 60 (162,10–13 Schwartz; Übers. 171 Price): Ἰουστῖνος αὐτίκα τὴν βασιλείαν παραλαβὼν

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lerweile zu Zugeständnissen bereit.197 Unter Justin wurde so bald (März 519) das Schisma überwunden: Der Bischof von Konstantinopel, Johannes II., stimmte dem Libellus Hormisdae, der u. a. die Anerkennung Chalcedons und des Tomus Leonis beinhaltete, zu und durfte diesem dafür ein Vorwort beilegen. Die Unterschrift unter den Libellus Hormisdae hatte der Papst zur Bedingung für eine Versöhnung gemacht.198 Die Fragen, die zur Entfremdung zwischen den Kirchen geführt hatten, waren dennoch nicht aus der Welt. Seit Anfang 519 gab es in Jerusalem Unruhen, die durch skythische (gotische) Mönche hervorgerufen wurden, welche der Unionsformel zwischen Osten und Westen nicht zustimmen wollten, jedoch einen Kompromiss vorschlugen mit dem Ziel der Versöhnung des Tomus Leonis mit den Anathematismen Kyrills, die sogenannte theopaschitische Glaubensformel (unus de Trinitate cruxifixus bzw. unus de [bzw. ex] Trinitate passus est carne). Damit sollte sichergestellt werden, dass wirklich die zweite Person der Trinität gelitten hatte.199 Die Formel zielte also auf die Betonung der Personeinheit in Christus, d. h. die Identifikation der zweiten Person der Trinität mit dem gottmenschlichen Erlöser.200 Die skythischen Mönche waren der Meinung, das Chalcedonense sei nur mit dem genannten Zusatz, der dem zwölften Anathema Kyrills Rechnung trägt, ausreichend gegen eine nestorianische Interpretation abgegrenzt. Justin und sein Neffe Justinian setzten sich – nach anfänglicher Ablehnung und wohl

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νόμοις ἐχρήσατο τοῖς κελεύουσιν τοὺς ὑπὸ Ἀναστασίου ἐξορισθέντας πάντας ἀνακληθῆναι καὶ τὴν ἐν Χαλκηδόνι σύνοδον τοῖς ἱεροῖς ἐνταγῆναι διπτύχοις. / „Justin, on succeeding to the throne, immediately issued decrees ordering all those exiled by Anastasius to be recalled and for the Council of Chalcedon to be inserted in the sacred diptychs.“ Vgl. auch die Korrespondenz zwischen Rom und Konstantinopel in Collectio Auellana 141 (Mitteilung des Kaisers an den Papst über seine Wahl); 143 (Brief Justins an Hormisdas) und 146 (Brief des Johannes von Konstantinopel an Hormisdas), mit dem Signal der Versöhnungsbereitschaft und dem Bekenntnis zu Chalcedon bzw. mit der Bitte um die Sendung von Legaten zur Beilegung des Schismas; vgl. zum Briefwechsel zwischen Konstantinopel und Rom auch Collectio Auellana 148–157. Vgl. Schwartz, Publizistische Sammlungen, 260; Maraval, „Die Rezeption“, 149; Grillmeier, Jesus der Christus 2,1, 364–368. Vgl. Kötter, Zwischen Kaisern, 140–141. Die Forderung zur Unterschrift findet sich in Collectio Auellana 116a, einer Aufzeichnung des Hormisdas über die Ziele seiner Legaten beim Kaiser in Konstantinopel; der Text des Libellus Hormisdae in Collectio Auellana 116b (vom 18.03.517) sowie in Appendix 4 (vom 11.08.515), weitere Exemplare verzeichnet bei Collectio Auellana, Appendix 4 (800 Guenther [apparatus ad locum]). Das Vorwort des Johannes sowie seine Billigung und Unterschrift unter den Libellus in Collectio Auellana 59. Vgl. Kötter, Zwischen Kaisern, 133–134, zum Ende des Schismas vgl. ebd., 141–144; Uthemann, „Kaiser Justinian“, 260–261; Maraval, „Die Rezeption“, 149; Schwartz, Publizistische Sammlungen, 260–261. Vgl. Maraval, „Die Rezeption“, 150; ders., „Die Religionspolitik“, 436; Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 336–344. Die Formel war nicht neu; zu ihrer Vorgeschichte und zu ihren verschiedenen Varianten vgl. ebd., 334–336; Uthemann, „Kaiser Justinian“, 268–275; Meier, Das andere Zeitalter, 215–217, zum Streit um die Formel unter Justinian vgl. insgesamt ebd., 215–223 (vgl. ebd., 126 [Anm. 569] zu weiterer Literatur). S. u. Kap. 5.4.9, vgl. Kap. 5.7.2 zur Frage der theopaschitischen Formel in der Chronik. Vgl. so bei Gleede, „(Neu-) Chalkedonismus“, 268.

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auch durch den Einfluss des magister militum Vitalian201 – für die Annahme der Formel ein.202 Möglicherweise erhofften sie sich davon eine konsensfähige Öffnung gegenüber den Miaphysiten.203 Hormisdas aber behielt seine ablehnende Haltung bei.204 Es dauerte noch bis 533, bis der theopaschitische Zusatz duchgesetzt werden konnte.205 Auch unter Justinian, der 527 auf Justin I. folgte,206 dauerten die Auseinandersetzungen um die Beschlüsse von Chalcedon an. Auch wenn sein religiöses Herrschaftsverständnis an traditionelle Elemente anknüpfte, zeigte sich in Justinians Herrschaft doch mehr als bei seinen Vorgängern eine religiöse Motivation und ein religiöser Impetus.207 Justinian

201 Vgl. Collectio Auellana 216,5; betont bei Uthemann, „Kaiser Justinian“, 268; zurückhaltend Meier, Das andere Zeitalter, 216–217 (mit Anm. 277 zur weiteren Diskussion). S. u. bes. Kap. 5.4.6 zu Vita­ lian und seiner Darstellung in der Chronik des Victor von Tunnuna. 202 Vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 217 (mit Anm. 579): Im u. g. Glaubensbekenntnis aus dem Codex Iustinianus (s. u. S. 370–371) erscheint dann auch die theopaschitische Formel in auf die Inkarnation abgewandelter Form (Codex Iustinianus 1,1,5,2). Vgl. dazu auch Speigl, „Formula Iustiniani“, 112. 203 Vgl. Hauschild/Drecoll, Lehrbuch, 344; Meier, Das andere Zeitalter, 221–222, lehnt hingegen die Ansicht, das Eintreten Justinians für die theopaschitische Formel sei eine „Konzession gegenüber den Monophysiten“ gewesen, ab. Er habe sich vielmehr von diesen distanziert (Codex Iustinianus 1,1,6,6). Meier deutet Justinians Engagement daher als „persönlichen religiösen Eifer“ (222). Ähnlich auch Uthemann, „Kaiser Justinian“, 297. Vgl. auch das Resumee von Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 291: Justinian, „der ein sattelfester Dogmatiker zu sein glaubte, hat nie daran gedacht, ‚die Monophysiten durch Entgegenkommen zu gewinnen‘, sondern, wenn es hoch kam, versucht, sie zu widerlegen und als Irrgläubige zu überführen.“ 204 Aus diesem Konflikt sind mehrere Briefe erhalten, u. a. eine Korrespondenz zwischen Justinian und Hormisdas (Collectio Auellana 187–191 [im Brief 191 zeigt sich der Anschluss Justinians an die Position der Mönche]; 196); der letzte Brief von Justinian an Hormisdas in dieser Sache ist Collectio Auellana 235 vom 9. September 520; die bleibend ablehnende Haltung von Horsmidas wird deutlich in Collectio Auellana 236 (Hormisdas an Justin, 26.03.521) und 237 (Hormisdas an Epiphanius von Konstantinopel, 26.03.521). 205 Vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 355–357; Meier, Das andere Zeitalter, 217; Codex Iustinianus 1,1,6; 1,1,7; 1,1,8. Von päpstlicher Seite aus wurde der Zusatz 535 durch Johannes II. anerkannt, vgl. Lange, Mia energeia, 322–323. 206 Zu Justinian vgl. als Überblick exemplarisch Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“; Noeth­ lichs, „Iustinianus (Kaiser)“; Uthemann, „Kaiser Justinian“; Leppin, Justinian; Meier, Das andere Zeitalter; ders., Justinian. 207 S. auch o. S. 45. Insgesamt betont die Bedeutung des christlichen Bekenntnisses und der persönlichen Frömmigkeit für Justinian und seine Herrschaft besonders Meier, Das andere Zeitalter. Er weist ebd., hier 385–386 (mit Anm. 217) auch auf die strukturelle Verflechtung von Kaisertum und Kirche hin  – die συμφωνία τις ἀγαθή (Nouellae Iustiniani 6, praefatio [36,7–8 Schöll/Kroll]) sei gerade nicht i. S. einer Dichotomie von Kirche und Staat zu sehen, für Justinian hätten „erst das Zusammenwirken von Kaiser und Patriarch das staatliche Gefüge überhaupt ergeben“. Vgl. zu einem religiösen Herrschaftsverständnis Justinians auch kurz Leppin, „(K)ein Zeitalter Justinians“, 30–31. Religiöse Elemente von „Herrschaftsverständnis u. Regierungsmaximen“ zeigt auch Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 708–711, vgl. auch 733, anhand vieler Beispiele aus der Gesetzgebung Justinians auf. „Hauptaufgabe des Herrschers“ sei, „die wahre Religion zu gewährleisten; die Hoffnung auf Gott muß Anfang, Mitte u. Ende aller gesetzgeberischen Maßnahmen sein“. Dies zeige sich schon am Stellenwert der Religion in der Gesetzgebung, die im Codex Iustinianus im Gegen-

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glaubt sich berechtigt u. fähig, an der Wahrheitsfindung selbst mitwirken zu können, allerdings weniger durch den Aufweis eigener, originärer Lösungswege, sondern mehr durch die theologische Abwehr „falscher“ Meinungen auf dem Hintergrund dessen, was er selbst für „orthodox“ hält.208

Vor allem seit den 540ern ging Justinian noch einen Schritt weiter: „Bemerkenswert ist für das Selbstverständnis des Kaisers, daß er in mehreren seiner Abhandlungen selbstbewußt ‚Anathematismen‘ verkündet, als sei er Teil des kirchlichen Lehramtes“ – Facundus von Hermiane warnt ihn (Pro defensione trium capitulorum 12) nicht ohne Grund, dass es schlimme Folgen habe, wenn der Kaiser sich in kirchliche Dinge einmische, die ihn nichts angingen.209 Justinian knüpfte zunächst in einem pro-chalcedonensischen Sinn, aber kompromissbereit an die Religionspolitik von Justin I. an. Dies zeigt sich etwa in einem Glaubensbekenntnis, wohl aus der Zeit vor 527 oder aus diesem Jahr (Codex Iustinianus 1,1,5), das sowohl ein Bekennnis zur Zwei-Naturen-Lehre als auch zu Maria als theotokos beinhaltet und als Gegner die Anhänger von Nestorius und Eutyches sowie von Apollinaris von Laodicea benennt. Damit ist es theologisch mehr auf das Konzil von Ephesus bezogen, auch wenn es sich nicht konkret auf ein Konzil bezieht.210 Im Osten kam es darüber zu heftigen Konflikten.

satz zum Codex Theodosianus an die erste Stelle rückt, vgl. die Überschrift in Codex Iustinianus 1,1 (5 Krüger): De summa trinitate et de fide catholica et ut nemo de ea publice contender audeat. 208 Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 752. Zu den theologischen Erörterungen Justinians vgl. ebd., 752–754 (im Codex Iustinianus) und 754–755 (in separaten Traktaten). Neben – anschließend an Chalcedon – christologischen Fragen spielt darin besonders die Auseinandersetzung mit Origenes eine Rolle. Unklar ist bei den theologischen Texten Justinians oft die Rolle der kaiserlichen Berater. 209 Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 754; Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 12,3,35; 12,4,5. Vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 278–279, der besonders eine Änderung im Verhalten Justinians seit den 540ern betont. Vgl. zur Haltung des Facundus gegenüber dem Kaiser Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 170–173. Zu Facundus von Hermiane s. u. S. 73–74. 210 Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 689; vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 436. Dass Justinian damit von Anfang an einen milderen Kurs gegenüber den Miaphysiten eingeschlagen hat, betont Leppin, „Zu den Anfängen“, 191–193: Das Bekenntnis sei aufgrund der fehlenden Nennung von Miaphysiten ein ausdrückliches Signal an diese, dass die scharf antimiaphysitische Politik seines Onkels nun ein Ende habe. Zu den Maßnahmen am Anfang von Justinians Regierungszeit gehören auch solche gegen „Heiden“ und die Schließung der Akademie in Athen 529. Leppin, „Zu den Anfängen“, 192, sieht in beiden Maßnahmen angelegt, was für die nächsten Jahre der Politik Justinians prägend sei: „Dogmatische Äußerungen, sofern er sie überhaupt machte, blieben vage, dafür wurden gemeinsame Gegner von Chalkedoniern und Miaphysiten mit ungewöhnlicher Energie bekämpft.“ Uthemann, „Kaiser Justinian“, 275, wiederum sieht als Ziel der Kirchenpolitik Justinians von Beginn an die Sicherstellung einer authentischen Interpretation von Chalcedon: „Die Kirchenpolitik Justinians verfolgte von Anfang an das Ziel, die Anerkennung von Chalkedon im Reich durchzusetzen.“ Zur kontroversen Beurteilung der Religions- und Kirchenpolitik Justinians in der jüngeren Forschung vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 274 (mit der entsprechenden Literatur in den Anm. 215–218), s. auch u. S. 70–72.

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Justinian machte den Miaphysiten jedoch bald Zugeständnisse und bemühte sich um ein Entgegenkommen und einen Kompromiss, indem er im Jahr 532 eine Konferenz zwischen einer Gesandtschaft severianischer Bischöfen (und weiterer Kleriker und Mönche) und chalcedonensischen Bischöfen einberief (Collatio cum Seuerianis).211 Auch Justinians Ehefrau Theodora scheint hier aktiv geworden zu sein.212 Auf der Konferenz wurde u. a. das Verhältnis der Synode von Chalcedon zu Ibas von Edessa bzw. seinem Brief an den Perser Mari, zu Theodoret von Khyrros und Theodor von Mopsuestia sowie deren Rezeption diskutiert. Die Miaphysiten forderten eine Anathematisierung der Rezeption des Briefes von Ibas und der Rehabiliterung von Ibas und Theodoret.213 Hier deutet sich bereits der spätere Drei-Kapitel-Streit an.214 Theodora (ca. 500–548) war wahrscheinlich seit 525 (jedenfalls vor 527) mit Justinian verheiratet.215 Sie gestaltete aktiv Justinians Regierung mit – dies gilt insbesondere für die Religionspolitik. Hier war sie – anders als Justinian – offenbar den Miaphysiten zugeneigt.216 Inwiefern dabei tatsächlich ihr persönlicher Glaube berührt war, ist umstritten,217 auch ist ihre genaue Rolle bei den verschiedenen Geschehnissen im Einzel-

211 Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 690. Leppin, „Zu den Anfängen“, 193, weist zudem darauf hin, dass Ps-Zacharias Rhetor berichtet, Miaphysiten seien aus der Verbannung zurückgerufen worden, vgl. Historia ecclesiastica 8,5; vgl. 8,4; 9,15; auch dies deutet auf Kompromissbereitschaft des Kaisers hin. Zur Collatio und ihrer unterschiedlichen Deutung in miaphysitischen und chalcedonensischen Quellen vgl. auch Leppin, „Zu den Anfängen“, 194–199; Uthemann, „Kaiser Justinian“, 278–284 (ausführlich zum Verlauf und zu den Argumenten). 212 Vor einer Überschätzung der Rolle Theodoras an dieser Stelle warnt aber Leppin, „Zu den Anfängen“, 194 (Anm. 30): Sie habe ja gerade „das eindeutige Bekenntnis zu Chalkedon nicht verhindern“ können. 213 Vgl. Uthemann, „Kaiser Justinian“, 280–281; vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 437. 214 Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 690; Meier, Das andere Zeitalter, 282. 215 Theodoras Eltern hatten im Zirkus in Konstantinopel gearbeitet. Sie selbst war „Schauspielerin“ gewesen, weshalb sogar eine Gesetzesänderung vorgenommen wurde für eine rechtsgültige Eheschließung mit Justinian. Prokopios von Caesarea schildert in den Anekdota toposartig „ihr skandalöses Vorleben“ (Tinnefeld, „Theodora 2.“). Theodora starb im Jahr 548. Vgl. zu Theodora exemplarisch Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 678–681; Tinnefeld, „Theodora 2.’“; Garland, Byzantine Empresses, 23–37; Beck, Kaiserin Theodora; Evans, The Empress Theodora; Pratsch, Theodora von Byzanz; Potter, Theodora; Evans, The Power Game in Byzantium (v. a. zu der Beziehung zwischen Antonina und Theodora). Kritisch zu allen biografischen Versuchen („die letztlich […] alle gescheitert sind“) bis auf Beck Meier, „Rezension zu Paolo Cesaretti, Theodora“. 216 Vgl. etwa Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 363–365 zum Eingreifen Theodoras bei der Einsetzung von Patriarchen. 217 Die differenzierte Auseinandersetzung von Menze, Justinian and the Making, 208–228 mit der „nonChalcedonian empress“ (bspw. S. 222) zeigt, dass Theodora erst seit 535/536 als Beschützerin von Nicht-Chalcedoniern auftrat. Menze schließt, dies sei eine Notwendigkeit gewesen: Die NichtChalcedonier hätten nicht ignoriert werden können. Während Justinian als Chalcedon-­Anhänger regiert habe, habe sich Theodora um die Nicht-Chalcedonier gekümmert (vgl. ebd., 227). Leppin, Justinian, 392 (Anm. 109) merkt dazu an, dass Justinian selbst ja auch erst seit diesem Zeitpunkt „eine prononcierte Gegnerschaft erkennen ließ [d. h. gegen die Miaphysiten], so dass sie vorher in dieser besonderen Rolle weniger gefordert bzw. sichtbar war“.

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nen nicht leicht zu rekonstruieren.218 Aktiv scheint sie etwa in die Niederschlagung des Nika-Aufstandes eingegriffen zu haben.219 Inwiefern Theodora allerdings (kirchen-) politisch wirklich eigenständig agierte oder im Zusammenspiel mit Justinian, ist ebenfalls umstritten und jeweils im Einzelfall zu betrachten. Ihre Einschätzung ist schon bei Zeitgenossen zwiegespalten.220 Victor von Tunnuna betont, wie wir später sehen werden, ihre (intrigante) Beteiligung am Drei-Kapitel-Streit.221 In der Folge der Collatio cum Seuerianis veröffentlichte Justinian im März 533 einen Erlass, gerichtet an die Einwohner Konstantinopels und zwölf anderen Städten im Reich. Ein weiteres Schreiben erging an den Patriarchen von Konstantinopel, Epiphanius. Justinian bemühte sich in beiden Texten, ausgewogen zu formulieren und betonte die Einheit der Person Christi.222 Zudem schickte er ein Glaubensbekenntnis an den Bischof von Rom, Johannes II.223 Sein Versuch der versöhnlichen Haltung gegenüber den Miaphysiten scheiterte aber ebenso wie der Versuch des Johannes, der in einem Brief an die Senatoren von Konstantinopel Zugeständnisse machte.224

218 Vgl. etwa Meier, Das andere Zeitalter, 275–278 (zum Patriarchat von Alexandria und Absetzung des Silverius). 219 Vgl. etwa Victor von Tunnuna, Chronicon 113 (Erlass eines theopaschitischen Gesetzes); 121 (Anthi­ mus wird Bischof durch die Unterstützung Theodoras); Prokopios von Caesarea, De bello Persico 1,24,33–38 (Theodoras Rede beim Nika-Aufstand [129,22–130,16 Haury/Wirth]); Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 9,14 (Nika-Aufstand); Theophanes, Chronographia a. m. 6039 (1,225,12–28 de Boor [zu Menas]); vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 284–285; Meier, Das andere Zeitalter, 220, 283 (Anm. 260) u. ö.; Stein, Histoire du Bas-Empire 2, 453–454 (zum Nika Aufstand). Kritisch zur Rede Theodoras beim Nika-Aufstand als Zeugnis für ihre eigenes politisches Handeln Leppin, Justinian, 146–147. 220 Dies führt zum Teil auch zu ihrer negativen Einschätzung in der Sekundärliteratur, vgl. etwa Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 153–154, der v. a. den Anekdota Prokopios’ in ihrer negativen Sicht auf Theodora folgt. Ein schönes Beispiel für die ambivalente Einschätzung Theodoras in der Spätantike selbst ist Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 4,10 (160,16–23 Bidez/Parmentier; Übers. 469–471 Hübner), der einen Gegensatz in der Haltung Justinians und Theodoras zeichnet, sich aber nicht sicher ist, warum Theodora den Miaphysiten folgt: „entweder weil sie wirklich so dachte […], oder weil sie eine bestimmte Abmachung getroffen hatten, daß der eine sich an die halte, die zwei Naturen in Christus unserem Gott nach der Einigung annehmen, die andere an die, die eine Natur verehren.“ (εἴτε καὶ τῶν ἀληθῶς οὕτως ἐχόντων […], εἴτε καὶ κατά τινα συγκείμενοι οἰκονομίαν ἵν’ ὁ μὲν τῶν λεγόντων δύο φύσεις ἐπὶ Χριστοῦ τοῦ θεοῦ ἡμῶν μετὰ τὴν ἕνωσιν ἀντέχηται, ἡ δὲ τῶν πρεσβευόντων μίαν φύσιν.). Vgl. dazu Menze, Justinian and the Making, 209. 221 S. u. Kap. 5.7.2. Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser“), 678. 222 Vgl. Codex Iustinianus 1,1,6–7. Justinian betonte in den Erlassen auch die theopaschitische Formel, vgl. Uthemann, „Kaiser Justinian“, 284–285 (das dort genannte Zitat ist allerdings wörtlich in Codex Iustininaus 1,1,6 nicht zu finden); Meier, Das andere Zeitalter, 217, spricht in diesem Zusammenhang von der Durchsetzung des theopaschitischen Zusatzes durch den Kaiser. 223 Collectio Auellana 84,7–21; das Antwortschreiben des Papstes in Codex Iustinianus 1,1,8; vgl. Noeth­ lichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 690–691; Leppin, „Zu den Anfängen“, 199–200, der den „Ausgleich“ zwischen Justinian „mit dem wichtigsten Exponenten der chalkedonischen Gegenseite“ betont (200). 224 Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 438; Uthemann, „Kaiser Justinian“, 286–287; der Brief in ACO 4,2 (206–210 Schwarz); vgl. auch den Brief an Justinian vom selben Tag (Collectio Auellana 84).

Der Drei-Kapitel-Streit: Der theologiegeschichtlich-kirchenpolitische Kontext der Chronik

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535 wurden, auch durch die Beeinflussung Theodoras,225 zwei den Severianern nahstehende Patriarchen gewählt, Theodosius von Alexandria und Anthimus von Konstantinopel.226 Besonders um Anthimus gab es Konflikte, in die sowohl der Kaiser als auch der Bischof von Rom involviert waren – die entsprechenden Ereignisse um Anthimus, die Annäherung des Kaisers an Papst Agapitus und die anschließende Synode werden meistens als Justinians endgültiger „Bruch mit den Monophysiten“ verstanden:227 Anthimus war bei der Collatio von 532 noch auf der Seite der Anhänger Chalcedons gestanden, nahm jedoch bald die kirchliche Gemeinschaft mit Severus von Antiochien, der sich 535/536 kurzzeitig in Konstantinopel befand, und mit dessen Anhänger Theodosius von Alexandria auf.228 Theodosius wurde aber bald, als er sich weigerte, die Beschlüsse von Chalcedon zu unterzeichnen, vom Kaiser wieder abgesetzt.229 Nun besuchte auch Papst Agapitus Konstantinopel, zunächst, um sich auf Befehl von Theodahat, des Königs der Goten in Italien, dafür einzusetzen, dass der Kaiser sein Heer aus Sizilien abziehe.230 Dann aber lehnte auch er die Gemeinschaft mit Anthimus ab, schien dieser ihm doch durch seine Interpretation des Henotikon bereit, das Chalcedonense aufzugeben.231 Nachdem Justinian noch versucht hatte, Anthimus zur Umkehr zu bewegen, setzt er ihn auf Betreiben des Agapitus hin schließlich ab und begründete dies zunächst mit dessen unkanonischer Wahl. Schließlich wurde Menas unter der Zustimmung Justinians zum Bischof von Konstantinopel geweiht. Agapitus verurteilte Anthimus zusätzlich, was von Justinian ebenfalls bestätigt wurde.232 Er ver225 Dies wird u. a. betont von Evans, The Empress Theodora, 79. 226 Zur Affäre um Anthimus vgl. insgesamt Uthemann, „Kaiser Justinian“, 290–294; Leppin, Justinian, 183–189. 227 Uthemann, „Kaiser Justinian“, 296–297, stellt die Geschehnisse dieser Synode unter die Überschrift „Der endgültige Bruch mit den Monophysiten“ und sieht die constitutio (der Synode, s. u. S. 64) als dahingehende Zeugin der „Kontinuität in Justinians Politik und theologischem Denken“; vgl. auch bei Meier, Das andere Zeitalter, 275, mit anderem Akzent, nämlich auf der Collatio von 532 vgl. ebd., 221–222; vgl. (sinngemäß) Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 370–372; vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 289, der hier ein Ende des kaiserlichen Zickzackkurses sieht; kritisch dagegen Meier, Das andere Zeitalter, 274 (mit Anm. 15). Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 694, formuliert etwas zurückhaltender: „Der Besuch Agapets in Kpel hat wohl [ Justinian] doch veranlaßt, nun schärfer das Chalcedonense durchzusetzen.“ Vgl. auch Leppin, „Zu den Anfängen“, 189 (mit Anm. 9 u. 10) zu Positionen, die bei Justinian nach 536 eine „hart chalkedonische Linie“ sehen. 228 Vgl Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 4,11; Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 9,19. Vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 285; Leppin, „Zu den Anfängen“, 200–201; Uthemann, „Kaiser Justinian“, 288, 290–291; Stein, Histoire du Bas-Empire 2, 382 (Anm. 1); zu Theodoras Rolle vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 363–365. 229 Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 438–439; Meier, Das andere Zeitalter, 275–276. Auch hier gab es weitere Konflikte innerhalb der verschiedenen miaphysitischen Gruppen. 230 S. u. S. 375 (mit Anm. 693). 231 Vgl. Collectio Sabbaitica 5,62 (= ACO 3 [135,11–12 Schwartz]). Vgl. Uthemann, „Kaiser Justinian“, 292. 232 Vgl. Nouellae Iustiniani 42. Vgl. Leppin, „Zu den Anfängen“, 201–202 (mit Anm. 56), der einen Verzicht auf den Thron durch Anthimus selbst, wie ihn Johannes von Ephesus, Historia ecclesiastica

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langte die Einberufung einer Synode, jedoch starb er – als alles „auf eine ideale Beziehung zwischen Kaiser und Papst hinauszulaufen“ schien233 –, bevor diese begann. Die Synode, die 536 kurz nach dem Tod des Agapitus stattfand, verurteilte u. a. Anthimus und Severus und bekräftigte das Band zu den ersten vier Konzilien sowie zum Tomus Leonis, was von Justinian in einer constitutio bestätigt wurde.234 Liberatus von Karthago sieht in der Synode sogar die Einheit der Kirchen verwirklicht.235 Auf die Synode folgten vermehrt Repressionen gegen die Miaphysiten.236 Justinian versuchte zudem, das Chalcedonense in Ägypten mit Gewalt durchzusetzen. Thedosius von Alexandria wurde in diesem Zuge durch Paulus von Tabennisis ersetzt, der Justinians Maßgaben durchführte. Paulus wurde aber seinerseits von einer Synode in Gaza abgesetzt,237 und für ihn wurde Zoilus Bischof (540–551). Auch zu dieser Zeit verfasste Justinian theologische Schriften, ein Lehrschreiben an Zoilus (540) und eines an die Mönche in Alexandria (542/543). In diesen Schriften wird Kyrill von Alexandria als die für Justinian entscheidende Autorität für die Interpretation von Chalcedon deutlich. Besonders im Schreiben an die Mönche versuchte er eine Übereinstimmung des Chalcedonense mit Kyrill von Alexandria sowie eine Übereinstimmung von Kyrill mit den Vätern und der Bibel aufzuzeigen.238 1,42 suggeriert, ablehnt, so rezipiert etwa bei Maraval, „Die Religionspolitik“, 439 (mit Anm. 75), allerdings mit Bezug auf Johannes von Ephesus, Mönchsgeschichte 48. Zu weiteren Quellen im Vergleich mit der Darstellung bei Victor von Tunnuna s. u. Kap. 5.7.2.2. 233 Leppin, „Zu den Anfängen“, 203. 234 Vgl. insgesamt zur Synode Speigl, „Die Synode von 536“; vgl. auch Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 287–289; Haacke, „Die kaiserliche Politik“, 161–162; Maraval, „Die Religionspolitik“, 439–440; Leppin, Justinian, 187–188; Meier, Das andere Zeitalter, 221 (Anm. 604); Leppin, „Zu den Anfängen“, 203–206; Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 367–372; die Akten der Synode in ACO 3 (27,11–189,17 Schwartz); die constitutio Justinians in Nouellae Iustiniani 42. Der Kaiser bekannte sich darin ausdrücklich zu Chalcedon (und insgesamt zu den vier heiligen Synoden), vgl. Leppin, „Zu den Anfängen“, 205. Zur Verurteilung des Severus in der Chronik des Victor von Tunnuna s. u. Kap. 5.7.1.5. 235 Vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 23 (138,32–33 Schwartz): Hoc ergo modo unitas facta est ecclesiarum anno X imperii gloriosi Iustiniani augusti. / „Auf diese Weise also wurde die Einheit der Kirchen geschaffen im 10. Jahr der ruhmreichen Herrschaft des Augustus Justinian.“ Zu Liberatus s. u. S. 118–119 (Anm. 145). 236 Vgl. auch Leppin, „Zu den Anfängen“, 205–205, der im Nachklapp zur Synode von 536 ein Scheitern des bis dahin integrativen Ansatzes Justinians sieht. 237 Zu den Verwicklungen vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 23. S. auch u. S. 365 (Anm. 647) zu Victor von Tunnuna, Chronicon 128. 238 Das Schreiben Justinians an die alexandrinischen Mönche bei Schwartz, Drei dogmatische Schriften, 7–43 (Contra Monophysitas); der Brief an Zoilus ist fragmentarisch enthalten (ACO series secunda 2,1, 352,11–356,15 Riedinger; PG 86,1, 1145D–1150A Migne). Vgl. auch Uthemann, „Kaiser Justinian“, 299–309, vgl. insbesondere 301–302 zur „neuchalkedonischen“ Theologie dieser Schrift („eine Mitte zwischen Nestorios’ Betonung der Transzendenz des Gott Logos gegenüber dem Menschen Jesus und Eutyches’ Immanenz des Gott Logos in der Oikonomia“ [301]). Auch hier zeige sich der eindeutige „Bruch mit den Monophysiten“ (vgl. 307). Zu den Schriften vgl. auch Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 373–378, 400–402, der in ihnen „eine reine, streng chalcedonische, an Leo I. orientierte Christologie“ erkennt (402).

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Die Jahre nach 536 verliefen insgesamt „im Zeichen der aufgezwungenen Einheit“, auch unter Zoilus’ Nachfolger Apollinarius.239 Weiterhin fanden jedoch Miaphysiten bei Theodora Schutz, und die Stimme derjenigen, die in Konstantinopel erneut die Beschlüsse Chalcedons diskutieren wollten, hatte gegenüber dem Kaiser weiter Gewicht. Gleichwohl war die westliche Opposition gegen sie noch stark, besonders in der Person von Papst Vigilius und dessen Apokrisiar Pelagius.240 Vigilius wurde 537 Papst, nach mehreren Quellen unterstützt von Theodora, und nach einer mehr oder weniger willkürlichen Absetzung seines Vorgängers Silverius.241 Mischa Meier betont, dass sich nicht nur in den Aktionen gegen die Miaphysiten, sondern auch in dieser Absetzung Justinians Kompromisslosigkeit in seiner Politik seit 536 zeige: Der kurzfristigen Gesprächsbereitschaft gegenüber den Monophysiten folgte seit 536 ein offener Konfrontationskurs, in den sich der Eingriff in die Besetzung des Patriarchats von Alexandrien im Interesse der Chalcedonier gut einfügt. Die Absetzung des Silverius hingegen kann als weiteres Beispiel der Kompromißlosigkeit Justinians in machtpolitischen Fragen während der 20er und 30er Jahre gewertet werden.242

Insgesamt fällt für die Zeit seit den frühen 540er Jahren auf, dass Justinian wiederholt theologische Traktate verfasste. Für Meier zeigt sich darin ein „Wandel vom Kirchenpolitiker mit starken theologischen Interessen hin zum Theologen, der seine überragende politische Stellung kompromißlos zur Durchsetzung seiner eigenen Standpunkte ausnutzt“.243 Auch hier zeige sich nun eine Kompromisslosigkeit: Justinians Diskussionbereitschaft in theologischen Fragen nehme ab. Auffällig sei andererseits, dass jetzt weniger Gesetze erlassen würden – (macht-)politische Interessen habe Justinian nun weniger dezidiert verfolgt.244 Ob Justininan in dieser Zeit daher vorrangig als Theologe oder doch als (Kirchen-)Politiker zu sehen ist, ist umstritten.245

239 Vgl. insgesamt Maraval, „Die Religionspolitik“, 441–442, hier 442. 240 Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 442. 241 S. dazu im Einzelnen u. Kap. 5.7.2.3. Für einen Überblick zu Vigilius vgl. Sotinel, „Vigilio“, dort auch zu weiterer Literatur. 242 Meier, Das andere Zeitalter, 278. 243 Meier, Das andere Zeitalter, 278. Zu den verschiedenen dogmatischen Schriften im Vorfeld des eigentlichen Drei-Kapitel-Streits vgl. ebd., 279–281. 244 Vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 235–236, für die Innenpolitik vgl. ebd., 251–273, zusammenfassend ebd., 650–652. Kritisch zu Meiers Sicht auf Justinian vorrangig als Theologen vgl. bspw. die Rezension von Menze zu Das andere Zeitalter in sehepunkte 6 (2006). 245 Vorsichtiger als Meier äußert sich zu einem Wandel in der Kirchen- und Religionspolitik Justinians Leppin, „Zu den Anfängen“, 207–208. Uthemann, „Kaiser Justinian“, 257, sieht eine politische Intention: „Justinians theologische Schriften dienen seinem Willen, expansiv die Restauration des Imperium zu verwirklichen.“ S. weiter u. S. 70–72 zur Frage nach der religiösen Motivation Justinians bzw. zur Deutung seiner Intentionen.

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2.3.2 Justinian und der Beginn des Drei-Kapitel-Streites Der eigentliche Drei-Kapitel-Streit beginnt in der Mitte der 540er Jahre: Justinian erließ in dieser Zeit zwei Edikte. Ob sie im Kontext weiterer Versuche, die Miaphysiten von seiner Neudeutung Chalcedons zu überzeugen, stehen, ist nicht unumstritten und hängt mit der Gesamtdeutung der Intentionen seiner Kirchen- und Religionspolitik zusammen.246 Das erste dieser beiden Edikte veröffentlichte Justinian im Januar 543. In diesem Edikt wurden die zehn Anathematismen des Origenes und der Origenismus verurteilt. Unklar ist, ob das Edikt von Pelagius, Apokrisiar des römischen Bischofs in Konstantinopel, initiiert wurde.247 Liberatus von Karthago jedenfalls stellt es so dar248 – und bringt das folgende zweite Edikt Justinians,249 gerichtet gegen die Drei Kapitel, direkt damit in Verbindung: Theodor Askidas, Bischof von Caesarea und Berater des Kaisers in Konstantinopel, habe aus Schmerz über die Verurteilung des Origenes und als Rivale des Pelagius den Kaiser zur Verurteilung des Theodor von Mopsuestia angestiftet.250 Insofern wurde auch das erste Edikt (= das Edikt gegen Origenes) direkt als im Zusammenhang mit dem Drei-Kapitel-Streit stehend verstanden.251 Dass Theodor von Askidas hinsichtlich der Verurteilung der Drei Kapitel initiativ wurde und dabei so eine wichtige Rolle spielte, kann aufgrund der entsprechenden Darstellung sowohl bei Befürwortern als auch bei Gegnern der Verurteilung der Drei Kapitel zumindest ver-

246 In den Kontext dieser Versuche eingeordnet bei Hauschild/Drecoll, Lehrbuch, 346–347; ähnlich bei Maraval, „Die Religionspolitik“, 443: Justinians Agieren in den Konflikten um Origenes sei als „Auftakt“ zu einem weiteren Suchen des Ausgleichs mit den Miaphysiten zu verstehen; vgl. auch Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 405–406. 247 Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 694; Maraval, „Die Religionspolitik“, 445–446, der betont, Justinian habe sich von dieser Verurteilung des Origenes auch erhofft, Papst Vigilius werde im Gegenzug der Verurteilung des Theodor von Mopsuestia zustimmen; Gleede, „Liberatus’ Polemik“, 128–129; Meier, Das andere Zeitalter, 280–281. Vgl. insgesamt zu Justinian und den Origenisten bis zum Konzil von 553 Maraval, „Die Religionspolitik“, 443–448. Das Edikt in Collectio Sabbaitica 6 (ACO 3 [189,18–214,9 Schwartz]). Vgl. auch Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 295–298. 248 Vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 23. 249 Zu datieren zwischen 543 und 545: 543/544, so Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 694; Modéran, „Die Kirchen“, 756; zwischen 543 und 545, so Meier, Das andere Zeitalter, 282; ca. 544, so Drecoll/ Hauschild, Lehrbuch, 347; Ende 544/Anfang 545, so Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 302; 544/545, so Uthemann, „Kaiser Justinian“, 314. 250 Mit der Begründung, er habe Schriften gegen Origenes verfasst und Chalcedon habe ihn durch den Brief des Ibas von Edessa positiv rezipiert, der Theodor Askidas als nestorianisch gegolten habe (Liberatus von Karthago, Breuiarium 24 [140,13–19, hier 17–19 Schwartz]: quod Theodorus multa opuscula edidisset contra Origenem […] et maxime quod synodus Calchedonensis […] laudes eius susceperit in Ibae epistola [140,17–19 Schwartz]). Der Brief des Ibas quae per omnia Nestoriana esse cognoscitur (140,26–27 Schwartz). Vgl. auch Kyrill von Skythopolis, Vita Sabae 85 (192,9–11 Schwartz). 251 Vgl. Uthemann, „Kaiser Justinian“, 311–312, 321–322; Meier, Das andere Zeitalter, 281–282, 286–287. Diese Deutung wird z. B. von Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 153 übernommen.

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mutet werden, auch wenn eine „Rache“ für die Verurteilung des Origenes nicht seine letztlich ausschlaggebende Motivation gewesen sein dürfte.252 Bei den Drei Kapiteln253 handelt es sich um drei Bischöfe bzw. ihre Schriften aus der sogenannten Schule von Antiochia: Theodor von Mopsuestia (ca. 352–428),254 Theodoret von Kyrrhos (ca. 393–ca. 460/466)255 und Ibas von Edessa (seit 435 Bischof von Edessa)256. Diese waren v. a. in kyrillischen Kreisen äußerst umstritten, obwohl sie versöhnt mit der Kirche gestorben waren – sie galten als Nestorianer. Theodor von Mopsuestia war schon kurz nach seinem Tod von Bischof Rabbula von Edessa verurteilt worden, weitere Angriffe gegen ihn folgten.257 Theodor hatte hauptsächlich exegetisch gearbeitet, zum Stein des Anstoßes wurde jedoch seine Christo-

252 Differenziert zur aus seiner Sicht durchaus entscheidenden Rolle des Theodor Askidas für den Beginn des Drei-Kapitel-Streits Gleede, „Liberatus’ Polemik“, bes. 121–127; vgl. 124–125 zu dessen äußerst negativer Darstellung in den Vigiliusbriefen; vgl. ebd., 123–124 zur Darstellung bei Evagrius, Historia ecclesiastica 4,38, wo Theodor als Protektor origenistischer Mönche in Palästina dargestellt wird, der die Verurteilung der Drei Kapitel angestiftet habe, um vom antiorigenistischen Verfahren abzulenken. Victor von Tunnuna erwähnt Theodor Askidas überhaupt nicht. Vgl. zu Theodors Rolle aus westlicher Sicht v. a. Liberatus von Karthago, Breuiarium 24: Theodor werden hier zwei Motive zugeschrieben, neben der Bekämpfung des Theodor von Mopsuestia (s. o.) die Chalcedons, weil Chalcedon den Brief des Ibas von Edessa angenommen habe, in welchem Theodor von Mopsuestia gelobt worden sei (vgl. auch Uthemann, „Kaiser Justinian“, 311). Gleede, „Liberatus’ Polemik“, 126, folgt für den Grund für die Initiative gegen die Drei Kapitel den Schilderungen von Evagrius: „Er [= Theodor Askidas] wollte […] von dem für seine palästinischen Mitbrüder desaströsen Edikt ablenken, in dem [sic!] er ein höchst sensibles Problem auf die Tagesordnung brachte, das die Gemüter im Reich mit Sicherheit stark erhitzen würde“. Letztlich habe aber „die Sorge um eine Aushöhlung der Autorität Chalkedons im Mittelpunkt gestanden“ (ebd., 127). Vgl. auch Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 1,2,4 (9,23–27 Clément/Vander Plaetse; Übers. 163 Fraïsse-Bétoulières): […] quod eius complices [von Domitian von Ancyra], cum uiderent non se posse proprium dogma defendere […] ad ultionem eorum quae contra Origenem gesta sunt, haec Ecclesiae scandala commouerunt. / „[…] que les complices […], lorsqu’ils virent qu’ils ne pouvaient défendre leur doctrine propre […], provoquèrent ces scandales pour l’Église afin de tirer vengeance des décrets contre Origène.“ Zur Entwicklung bei den Origenisten bis zum Konzil von Chalcedon vgl. Uthemann, „Kaiser Justinian“, 322–323. 253 „Kapitel“ von kephalaia, lat. capitula, eigentlich also „Anathematismen“, vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 448. 254 Zu Theodor von Mopsuestia vgl. als Überblick Jansen, Theodor von Mopuestia, 2–4 (mit weiteren bibliographischen Hinweisen in Anm. 1); Grillmeier, Jesus der Christus 1, 614–634; Fraisse-Coué, „Die theologische Diskussion“, 572–573; vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 77–84, zur Einordnung in die Diskussion um die Drei Kapitel. 255 Zu Theodoret von Kyrrhos vgl. als Überblick Grillmeier, Jesus der Christus 1, 693–700; Clayton, The Christology; Price, The Acts of Constantinople 553 1, 84–88. 256 Zu Ibas von Edessa vgl. Rammelt, Ibas von Edessa (zur Biographie insbesondere 35–61); kurz etwa auch Grillmeier, Jesus der Christus 2,1, 436–437. 257 Vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 432–436: Rabbula trat in Edessa gegen die an Theodor von Mopsuestia orientierte sog. Schule der Perser auf, wo auch Ibas tätig war, der wiederum an der Weitergabe der Lehre Theodorets von Khyrros beteiligt gewesen sei – die Namen der Drei Kapitel werden bereits hier in einen Zusammenhang gebracht.

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logie, die er in Schriften gegen die „Arianer“ und gegen den Apollinarianismus entwickelte: Ihm wurde vorgeworfen, er halte Christus lediglich für einen Menschen.258 Theodoret von Kyrrhos hatte Werke gegen Kyrill, auch gegen die zwölf Anathematismen, und das Konzil von Ephesus verfasst sowie sich in seiner Historia ecclesiastica positiv über Diodor von Tarsos und Theodor von Mopsuestia geäußert.259 Die „Räubersynode“ von Ephesus 449 hatte ihn in absentia abgesetzt, er war aber durch das Konzil von Chalcedon aufgrund dieser unrechtmäßigen Absetzung wieder rehabilitiert worden.260 Auch Ibas von Edessa, ein Gegenspieler des Rabbula,261 wurde deshalb in Chalcedon rehabilitiert.262 Er hatte u. a. in einem Brief an den Perser Mari die Unruhen bedauert, die nach dem Konzil von Ephesus 431 von den Anhängern Kyrills verursacht worden waren, zudem hatte er Kyrill als Apollinaristen bezeichnet und in dem genannten Brief Theodor von Mopsuestia gelobt.263 Theodor von Mopsuestia selbst hingegen war formal nicht anathematisiert worden, und sein Name wird in den Akten des Konzils von Chalcedon nicht erwähnt.264 Die Stellung des Briefes des Ibas von Edessa wurde im Drei-Kapitel-Streit zur umstrittensten und kompliziertesten Frage, obwohl der Brief ursprünglich in den auf das Konzil von Chalcedon hinführenden Diskussionen im Vergleich zu anderen Aussagen des Ibas nur sekundäre Bedeutung gehabt hatte und auf dem Konzil von Chalcedon auch weder konkret verurteilt noch rehabilitiert worden war.265 Dennoch wurde gerade seine Infragestellung von den Verteidigern der Drei Kapitel später als Infragestellung Chalcedons selbst aufgefasst.266 Der Bezug auf Chalcedon wurde der eigentliche Streitpunkt im Drei-Kapitel-Streit: Die Frage nach der Verurteilung der Drei Kapitel wurde zur Frage nach der Treue zu Chalcedon. 258 259 260 261 262 263

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Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 77–84. Vgl. bspw. Theodoret von Kyrrhos, Historia ecclesiastica 2,24–25; 5,42. S. dazu weiter u. Kap. 5.1. Vgl. Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 152. Vgl. Price, „The Three Chapters Controversy“, 21–24, hier 22: „Their condemnation in absentia was judged uncanonical. Chalcedon dealt with them as victims of injustice who deserved redress; it had no wish to examine the orthodoxy or otherwise of their theological opinions.“ Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 448. Der Brief des Ibas von Edessa in ACO 2,1,3 (32,9–34,27 Schwartz; griech.); ACO 2,3,3 (39,26–43,2 Schwartz; lat.); 4,1 (138,6–140,23 Straub; lat.); zudem zitiert bei Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 6,3,2–17. Das syrische Original ist verloren, vgl. Bruns, „Ibas von Edessa“, 1. Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 276–277. Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 88–98, zum Brief des Ibas auf dem Konzil von Chalcedon vgl. bes. ebd., 91–93, v. a. in Bezug auf die Voten von vier Bischöfen in Actio 10/11,161–163 (lat. ACO 2,3,3 [48,24–49,20 Schwartz]; griech ACO 2,1,3 [39,23–40,17 Schwartz]), die auch seinen Brief als orthodox erklärten. Vgl. dazu auch Placanica, „Note“, 118 (ad a. 442,1), der allerdings betont, diese Meinungen seien als Einzelmeinungen keine Überlegungen des Konzils: „Le parole dei legati romani [= Actio 10/11,161] rappresentano la motivazione di un voto, non esprimono la deliberazione del Concilio.“ S. dazu u. Kap. 2.3.3. Vgl. auch Graumann, „Orthodoxy“, 223.

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Das zweite der beiden oben genannte Edikte Justinians ist konkret gerichtet gegen die Person des Theodor von Mopsuestia und seine Werke, gegen den Brief an den Perser Mari, der als anonym aufgefasst wird und gegen jeden, der Ibas von Edessa als dessen Autor behauptet sowie gegen die antikyrillischen Schriften des Theodoret von Kyrrhos. Damit gilt es als erstes Edikt des Kaisers gegen die Drei Kapitel.267 Obwohl die Drei Kapitel (mit Ausnahme des zuvor nicht verurteilten Theodor von Mopsuestia) ja auf dem Konzil von Chalcedon rehabilitiert worden waren, konnte Justinian jetzt betonen, dass er mit seinem Edikt keinesfalls das Konzil angreifen wollte: Dafür argumentierte er insbesondere, der Brief des Ibas von Edessa an Mari sei eine anonyme Schrift, daher treffe eine Verurteilung des Briefes das Konzil von Chalcedon nicht.268 Theodor von Mopsuestia sei nicht Gegenstand des Konzils gewesen, insofern sei auch seine Verurteilung nicht gegen Chalcedon gerichtet. Dies treffe auch für die antikyrillischen Schriften Theodorets zu. Justinian versichert daher mehrfach, mit seinem Edikt Chalcedon zu bestätigen.269 Justinians Behauptung, das Konzil von Chalcedon nicht infrage stellen zu wollen, entspricht die mehrfache Bestätigung Chalcedons und der anderen drei ökumenischen Konzilien in seinen Gesetzen: Es finden sich ausdrückliche (auch inhaltliche) Bezüge auf die Lehre der vier ökumenischen Konzilien.270 Die canones der vier ökumenischen Konzilien werden als dauerhaft gültige Gesetze festgelegt.271 Schon Codex

267 Vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 441, der allerdings wie Schwartz von „Traktat“ spricht. Von „Dekret“ spricht Jansen, Theodor von Mopsuestia, 71. Das Edikt selbst ist nicht erhalten, eine Zusammenstellung der erhaltenen Zitate bei Facundus von Hermiane und Pelagius bei Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 321–328; ohne die Zitate aus Pelagius bei Pewesin, Imperium, 150–158. 268 Vgl. im ersten Edikt gegen die Drei Kapitel Justinians im Anhang bei Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 327–328 bzw. das Zitat einer angeblich früheren Version bei Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 2,3,12–13 (hier 52,81–82 Clément/Vander Plaetse; Übers. 297 Fraïsse-Bétoulières): Si quis dicit rectam esse ad Marin impiam epistulam quae dicitur ab Iba esse facta. / „Si quelqu’un dit qu’est correcte la lettre impie à Maris qu’on attribue à Ibas“. Vgl. dann auch in Justinians Schreiben gegen die Drei Capitel 2; 14 (48,14; 52,29–29 Schwartz, wo vom „sogenannten Brief des Ibas“ die Rede ist [ἐπιστολὴ ἡ λεγομένη Ἴβα]); 63 (64,22–65,22 Schwartz). In der Literatur wird behauptet, Theodor Askidas habe Justinian von der Anonymität des Briefes von Ibas überzeugt, vgl. bspw. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik“, 301; Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 440–441, 443; Maraval, „Die Religionspolitik“, 449; Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 153 – leider jeweils ohne Beleg (der sich auch nicht finden ließ). Vgl. auch Meier, Das andere Zeitalter, 281 (mit Anm. 251). Zu den Diskussionen um den Brief des Ibas vgl. auch Rammelt, Ibas von Edessa, 277–278; Price, The Acts of Constantinople 553 1, 93–96 zu den Argumenten Justinians bzw. der Gegner der Drei Kapitel im Einzelnen. 269 Vgl. bes. die Zitate bei Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 326–328. Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 449. Vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 301–303; Uthemann, „Kaiser Justinian“, 314–319; Meier, Das andere Zeitalter, 282 (mit Anm. 254). 270 Vgl. z. B. Codex Iustinianus 1,1,7,11; 1,1,11,8 (533); vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 754. 271 Vgl. Nouellae Iustiniani 131,1 aus dem Jahr 545; allgemeiner formuliert bereits in Codex Iustinianus 1,3,44 (530); s. auch u. S. 246–247. Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 734; Meier, Das andere

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Iustinianus 1,5,8,9 (455) weist an, nichts gegen die Synode von Chalcedon zu befehlen, zu schreiben, zu veröffentlichen oder herauszugeben.272 Welche Intentionen Justinians Kirchen- und Religionspolitik bestimmten, ist allerdings nicht unumstritten. Grundsätzlich war wohl sein Ziel eine Einigung mit den Miaphysiten i. S. einer kyrillischen Interpretation des Chalcedonense, auch, um die Einheit der Kirche zu erhalten.273 Nach Justinians eigenem Zeugnis dürfte dies aber zumindest nicht der einzige Grund für die Verurteilung der Drei Kapitel sein.274 Mischa Meier hat in seiner Habilitationsschrift daher im Anschluss an Eduard Schwartz und Karl-Heinz Uthemann275 der These, die Verurteilung der Drei Kapitel sei ein Versuch gewesen, „zum Ausgleich mit den Monophysiten zu gelangen“, was der „Grundlinie seiner Religionspolitik“ entspreche, widersprochen.276 Er betont stattdessen für das Vorgehen Justinians dessen theologische Intentionen: Dem Kaiser sei es „allein um die allgemeine Duchsetzung persönlicher Glaubensinhalte“ gegangen.277 Justinians eigentliches Ziel in dieser Auseinandersetzung habe darin bestanden, die Glaubensformel von Chalkedon sowohl gegen nestorianische als auch gegen monophysitische Interpretationsmöglichkeiten abzusichern und im Sinne der von ihm selbst

Zeitalter, 289: Dies sei ein „unverhohlener Angriff gegen die Monophysiten“ gewesen; zugleich zeige sich auch hier Justinians Eingreifen in kirchliche Dinge bzw. ein Verständnis von Orthodoxie als staatliche Aufgabe (vgl. die Überschrift des entsprechenden Abschnittes bei Noethlichs, „Iustinianus [Kaiser]“, 733). 272 Codex Iustinianus 1,5,8,9 (78,13–14 Krüger): Nulli etiam contra uenerabilem Chalcedonensem synodum liceat aliquid uel dictare uel scribere uel edere atque admittere. Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 747; vgl. ebd., 734 den Hinweis auf das Verbot von öffentlichen theologischen Diskussionen und Neuerungen in Codex Iustinianus 1,1,4–5 (über Chalcedon [Zitat des Gesetzes von Marcian] und das von Justinian dort gegebene Bekenntnis hinaus). 273 Vgl. Devreesse, Le patriarcat d’Antioche, 75; Stein, Histoire du Bas-Empire 2, 632–633; Haacke, „Die kaiserliche Politik“, 141–175, bes. 154–155, 163; Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 176; Grillmeier, Jesus der Christus 2,2 496 (das Ziel Justinians als Wiederherstellung der „Glaubenseinheit des Reiches“); vgl. Meier, Das andere Zeitalter 285 (Anm. 268) für zahlreiche weitere Belege. 274 So Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 301 in Bezug auf ein Schreiben Justinians, in dem er Bischöfen gegenüber (wahrscheinlich einer illyrischen Synode, vgl. Schwartz, „Bemerkungen“, 115) die Verurteilung der Drei Kapitel rechtfertigt (v. a. Justinian, Schreiben gegen die Drei Capitel 1 [47,26–48,5 Schwartz]). Vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 285–286 (Anm. 272) zur unklaren Datierung, entweder 549/550, nach dem Edikt von 551 oder nach dem Konzil von 553; zum Schreiben vgl. auch Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 442–445; s. auch u. S. 360–362. 275 Vgl. Uthemann, „Kaiser Justinian“, 313–314. 276 Meier, Das andere Zeitalter, 285–286 (vgl. Anm. 268 zur entsprechenden Literatur), hier 286. 277 Meier, Das andere Zeitalter, 285.

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bevorzugten Theologie des Kyrillos von Alexandreia neu zu definieren („Neuchalkedonismus“278).279

So hätten die Aktionen Justinians – „die Anbindung der monophysitisch geprägten Provinzen an die Orthodoxie“ – auch kein politisches Ziel.280 Theologisch, nicht kirchenpolitisch, habe sich Justinian „dem Monophysitismus“ angenähert.281 Dem kaiserlichen Handeln liege „in der Tat ein Einigungsbestreben zugrunde, nicht jedoch aus politischen, sondern insbesondere aus persönlichen religiösen Motiven“.282 Es bleibt die Frage, ob sich aus öffentlichen Äußerungen des Kaisers so dezidiert auf persönliche religiöse Motive unter Absehung von politischen Intentionen schließen lässt. Das eine muss das andere nicht ausschließen. Justinian blieb auch nach 540 Kaiser, und als

278 Die Verwendung des Begriffs „Neuchalcedonismus“ ist nicht unproblematisch, und er ist schwer theologisch präzise auf den Punkt zu bringen. Kurz zusammengefasst lässt sich sagen: Das Bekenntnis von Chalcedon wird kyrillisch interpretiert. Es geht um die Versöhnung der Wesenseinheit (hypostatische Union des Logos: eine Hypostase aus zwei Naturen [ἐκ δύο φύσεων]; Kyrill gegen Nestorius) mit der Zwei-Naturen-Lehre (Christus in zwei Naturen [ἐν δύο φύσεσιν]; Chalcedon gegen Eutyches). Dies geschieht durch die Vorstellung der Enhypostasie bzw. der enhypostatischen Einung: Voraussetzung ist, dass es keine anhypostatische Natur (eine Natur ohne Hypostase) geben kann. Leontius von Byzanz entwickelte den Gedanken, in der Einung der zwei Hypostasen werde die menschliche Natur durch die göttliche Natur so überformt, dass die menschliche Natur nur ἐνυπόστατος bestehe (also in der Hypostase der göttlichen Natur). Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 450–459, hier 459, unterscheidet einen gemäßigten und einen extremen Neuchalcedonismus, wobei Justinian eine gemäßigte Richtung vetrete: „Bei Justinian finden wir erstmals den Entwurf zu einer Gesamtdeutung der Person Christi und ihrer Einigung aus göttlicher und menschlicher Natur in der einen göttlichen Hypostase des Logos, die grundsätzlich an der chalcedonischen Formel von der einen Hypostase in zwei Naturen festhält, zu ihrer stärkeren Interpretation im Sinn der Henosis aber eine Reihe cyrillischer Elemente heranholt.“ Vgl. auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff „Neuchalcedonismus“ bei Uthemann, „Der Neuchalkedonismus“, 207–243; vgl. auch Graumann, „Orthodoxy“, 222 (Anm. 6). 279 Meier, Das andere Zeitalter, 286. Ähnlich auch Uthemann, „Kaiser Justinian“, 314–316. Vgl. ebd., 317, wo Uthemann darauf hinweist, dass Justinian sowohl in dem ersten Edikt gegen die Drei Kapitel (= das o. g. zweite Edikt) als auch in dem o. g. Schreiben an die illyrischen Bischöfe (historisch fälschlicherweise) behauptete, neben Papst Coelestin und der Synode von Ephesus (431) hätten auch das Konzil von Chalcedon und Papst Leo Kyrills zwölf Anathematismen angenommen. Auch Ibas von Edessa und Theodoret von Kyrrhos seien erst nach deren Anerkennung wieder rehabilitiert worden. Vgl. die Stelle im Edikt Justinians gegen die Drei Kapitel bei Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 321 (Anhang); Justinian, Schreiben gegen die Drei Capitel 54 (61,34–36; 62,27–30 Schwartz). Vgl. auch Uthemann, „Kaiser Justinian“, 318: „Für Justinian erschließt sich die Definition von Chalkedon, sofern es um den Ausschluß eines jeden nestorianisierenden Mißverständnisses geht, aus Kyrills Anathematismen“. 280 Meier Das andere Zeitalter, 286 (Anm. 274), mit kritischem Verweis auf Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 152. 281 Meier, Das andere Zeitalter, 288. Zur Einschätzung von Justinians Religions- und Kirchenpolitik in den Jahren von 543–565 vgl. ebd., 291–293. 282 Meier, Das andere Zeitalter, 293. Zur Rückführung auf äußere Faktoren für diesen Umschwung bei Justinian (Krisen in den Jahren 540–542) vgl. dann ebd., 307–341.

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solcher agierte er reichs- und kirchenpolitisch und nicht nur aus persönlichen Motiven heraus. Er blieb Politiker und handelte nicht (nur) als Theologe. Justinian verlangte Unterschriften von allen fünf Patriarchen unter sein Edikt gegen die Drei Kapitel. Von den östlichen Bischöfen und Patriarchen wurde der Erlass trotz zum Teil starker Bedenken  – und zum Teil durch Zwang  – angenommen.283 Menas von Konstantinopel etwa behielt sich vor, seine Zustimmung im Falle der Ablehnung durch den Papst zuückzunehmen.284 2.3.3 Widerstand in Nordafrika Der Westen reagierte negativ auf das Edikt. Er sah in der Verurteilung der Drei Kapitel vor allem einen Angriff auf das Konzil von Chalcedon.285 Zudem wurde eine Verurteilung von Toten abgelehnt.286 Der Apokrisiar Roms in Konstantinopel, der Diakon Stephanus, stellte sich seit der Veröffentlichung des Ediktes gegen die Verurteilung der Drei Kapitel und verweigerte Menas die kirchliche Gemeinschaft.287 Eine Entscheidung des Papstes, der in dieser frühen Phase des Streites jedenfalls offiziell288 noch nicht selbst beteiligt war, in der Frage der Drei Kapitel wurde wichtig, auch, weil Ste-

283 Vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 282–283; Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 303–304; Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 462–463. 284 Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 695; Meier, Das andere Zeitalter, 283 (mit Anm. 257); vgl. Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 4,4,2–3. 285 Eine zusammenfassende Formulierung dahingehend bei Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum, praefatio 1 (3,1–10 Clément/Vander Plaetse; Übers. 141 Fraïsse-Bétoulières), wo er die Motivation zur Verfassung seines Werkes darlegt: Cum in praeiudicium sancti concilii Chalcedonensis impugnatores eius Acephali per quosdam subriperent, ut epistulae Ibae Edesseni episcopi, quam ad se delatam memorata synodus Catholicam iudicauit, sed et Theodorus Mopsuestenus episcopus eiusque doctrina, quae in eadem epistula Ibae laudata est, nec non et quaedam Theodoreti Cyrri episcopi scripta, qui in praedicto Chalcedonensi concilio epistulam dogmaticam papae Leonis asseruit, sub anathemate damnarentur, hoc opus suadentibus fratribus ad imperatorem Constantinopoli scripsi. / „Pour nuire au saint synode de Chalcédoine, ses adversaires acéphales s’employaient sournoisement, par l’entremise de quelques individus, à faire frapper d’anathème la lettre d’Ibas, évêque d’Édesse, jugée catholique par ce synode à qui on l’avait soumise; ils visaient également Théodore, évêque de Mopsueste et sa doctrine, louée dans cette même lettre d’Ibas ainsi que certains écrits de Théodoret, évêque de Cyr, qui défendit au synode de Chalcédoine la lettre dogmatique du pape Léon; c’est alors que, sur le conseil de mes frères, j’ai écrit cet ouvrage à l’empereur, à Constantinople.“ Theologisch steht auch im Hintergrund, dass die Christologie von Kyrill von Alexandria dem Westen fremd und die Anerkennung der theopaschitischen Formel durch Rom 535 (s. o. S. 59 [Anm. 204]) weitgehend, mit Ausnahme der Päpste, unbeachtet geblieben waren; vgl. auch Uthemann, „Kaiser Justinian“, 310. 286 S. dazu u. S. 75–76. 287 Vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 304. 288 Vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 307–308, der allerdings davon ausgeht, dass Vigilius vor dessen offizieller Vorlage durch Justinian „den Traktat längst kannte“ (ebd., 308 [Anm. 1]); vgl. auch Sotinel, „Vigilio“, 520.

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phanus bald verstarb.289 Justinian ließ Vigilius im September 545 aus Rom wegbringen.290 Erst im Januar 547 traf der Papst dann  – nach einem längeren Aufenthalt in Sizilien im Jahr 546291 – in Konstantinopel ein, wo er bis zum Jahr 555 bleiben sollte.292 Trotz anfänglichem Widerstand, der sich u. a. in der Exkommunikation des Menas293 und der anderen, die den Erlass unterschrieben hatten, äußerte, gab Vigilius schließlich offenbar dem Druck Justinians294 nach und verpflichtete sich in zwei Briefen, die er im Juni 547 an Justinian und Theodora schrieb, dazu, die Drei Kapitel zu verurteilen. Diese beiden Briefe wurden jedenfalls auf dem Konzil von Konstantinopel 553 verlesen – ihre Echtheit ist jedoch nicht unumstritten.295 Vor einer öffentlichen Entscheidung suchte Vigilius jedenfalls zunächst die Diskussion mit etwa siebzig in Konstantinopel anwesenden Bischöfen. An diesem Zusammentreffen, dessen genauer Charakter unklar ist,296 war auch der nordafrikanische Theologe Facundus von Hermiane (vor 547/548–ca. 570) beteiligt. Er trat besonders bestimmt auf, weil er mit der Verurteilung der Drei Kapitel die Autorität des Konzils von Chalcedon ruiniert sah.297 Facundus von Hermiane veröffentlichte in diesem Zu289 Vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 304–305. 290 Zu den Umständen vgl. auch Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 308–309; Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 463; Sotinel, „Vigilio“, 519. Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 446, sieht hier eine Initiative Theodoras. 291 Hier traf er schon westliche Kleriker (möglicherweise auch Facundus von Hermiane), die ihn dazu drängten, die Unterschrift unter das kaiserliche Edikt zu verweigern, vgl. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 46, mit Verweis auf Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 4,3,5. 292 Vgl. Marcellinus Comes, Chronicon a. 546; Johannes Malalas, Chronographia 18,97; Prokopios von Caesarea, De bello Gothico 3,15,9; vgl. Placanica, „Note“, 121 (ad a. 544,1). Vgl. Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 564–565 zum Umfeld des Vigilius in Konstantinopel. Auch die nordafrika­ nischen Theologen Facundus von Hermiane, Verecundus von Iunci und Primasius von Hadrumetum befanden sich Ende der 540er Jahre in Konstantinopel; s. dazu weiter u. S. 418–420. 293 So bei Johannes Malalas, Chronographia 18,98; vgl. Theophanes, Chronographia a. m. 6039; vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 309. 294 Vgl. auch den Brief italienischer Kleriker an fränkische Gesandte, die Epistula legatariis (hier 19,12–13 Schwartz; Übers. 1,165 Price; vor 551): coeperunt ibi ipsum exspectare, ut damnationem alienorum capitulorum faceret / „they began there to look to him [= Vigilius] to condemn some chapters“. 295 Maraval, „Die Religionspolitik“, 449–450, hier 450, sieht die Briefe als echt an: „In zwei geheimen Briefen an Justinian und Theodora belegte er [Vigilius] die Drei Kapitel völlig klar und eindeutig mit dem Anathema.“ Vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 309–310. Die Briefe auf dem Konzil von Konstantinopel 553 in ACO 4,1 (187,21–188,21 Straub). Zur umstrittenen Echtheit vgl. den apparatus ad locum (187 Straub); vgl. Sotinel, „Autorité pontificale“, 457–458; Gleede, „Liberatus’ Polemik“, 109–110. S. auch u. Kap. 5.7.2.4. 296 Es wird insbesondere diskutiert, ob die Bischöfe freiwillig oder wegen eines kaiserlichen Befehls zu dem Treffen kamen; es gibt allerdings keinen Hinweis in den Quellen auf einen solchen Befehl. Wahrscheinlich wurden die Bischöfe von ihren Provinzen delegiert, um den Papst bei seinem Widerstand gegen die Verurteilung der Drei Kapitel zu unterstützen; vgl. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 47–48. 297 Vgl. Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum, praefatio 2–3; Contra Mocianum 25– 33; vgl. Clément/Vander Plaetse, „Einleitung“, XI; Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 158–159; Sotinel, „Vigilio“, 522; Modéran, „L’Afrique reconquise“, 47–48; Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 696: Facundus sei Apokrisiar in Konstantinopel gewesen. Facundus beklagt sich in Pro defensione

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sammenhang die erste Ausgabe seiner Schrift Pro defensione trium capitulorum. V. a. aufgrund dieser 12 Bücher umfassenden Schrift wird Facundus als die Stimme des Westens298 und als Anführer des Widerstandes gegen die Verurteilung der Drei Kapitel gesehen.299 Setzt sich Facundus darin zunächst mit Aussagen Justinians auseinander – gegen „Eutychianer“ und „Nestorianer“ –,300 verteidigt er dann die sogenannten Drei Kapitel sowohl theologisch301 als auch mit dem Argument, dass Tote nicht verurteilt werden können302. Er betont zudem die Autorität der Konzilien, insbesondere Chal-

trium capitulorum, praefatio in Bezug auf das o. g. Treffen darüber, dass der Papst die Diskussion abgebrochen und innerhalb von nur sieben Tagen – darunter zwei Feiertage – schriftliche Ausfertigungen über die Frage der Drei Kapitel erwartet habe. 298 Facundus selbst kontrastiert darin die Kirchen des Westens und des Ostens, vgl. Pro defensione trium capitulorum 1,4,38; 5,3,34; 9,5,42. Vgl. Eno, „Doctrinal Authority“, 108. 299 Vgl. auch Pro defensione trium capitulorum, praefatio 1, wo Facundus die fratres suadentes erwähnt (s. o. Anm. 285), die ihn bei Abfassung der Schrift beraten haben – möglicherweise sind hier konkret andere afrikanische Bischöfe gemeint, vgl. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 47 (Anm.  31). Eine weitere wichtige Schrift des Facundus im Zusammenhang mit der Verteidigung der Drei Kapitel ist der Liber contra Mocianum Scholasticum (= Contra Mocianum), gerichtet gegen „einen im diplomatischen Sinne kaisertreuen nordafrikanischen Theologen“ ( Jansen, Theodor von Mopsuestia, 84; vgl. auch Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 159; Modéran, „L’Afrique reconquise“, 52 [Anm. 48] sieht ihn als Anwalt [„un avocat“]). Die Datierung beider Schriften des Facundus ist umstritten, vgl. Chrysos, „Zur Datierung und Tendenz“; Clément/Vander Plaetse, „Einleitung“, XII; Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 159; Pewesin, Imperium, 160–162 (zu Contra Mocianum); Jansen, Theodor von Mopsuestia, 87–89. Bei Pro defensione trium capitulorum stellt sich v. a. die Frage, wie die Schrift im Verhältnis zum Iudicatum von Papst Vigilius (veröffentlicht im April 548; s. u. S. 83–84) zu datieren ist und ob man eine Übergabe an den Kaiser von einer Veröffentlichung in Afrika unterscheiden muss (so Jansen, Theodor von Mopsuestia, 87–88, vgl. 85, vgl. dort auch zu einer kurzen Darstellung der Forschungsdiskussion; für eine zweistufige Entstehung [ohne bzw. mit praefatio] auch Chrysos, „Zur Datierung und Tendenz“). Modéran, „L’Afrique reconquise“, 48, datiert die Veröffentlichung von Pro defensione trium capitulorum in das Jahr 550 unter Bezug auf Victor von Tunnuna, Chronicon 142; Clément/Vander Plaetse, „Einleitung“, XII gehen von zwei Ausgaben aus, die frühere zwischen Juni 547 und April 548, die zweite „zwischen August 550 […] und Sommer 551“. Contra Mocianum ist wahrscheinlich in das Jahr 550/551, kurz nach der Synode von Karthago (vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 141) zu datieren, vgl. Jansen, Theodor von Mopsuestia, 89; Chrysos, „Zur Datierung und Tendenz“, 322 (zwischen der Synode und der Rücknahme des Iudicatum im August 551); anders Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 159 (Anm. 45): „nach 553“, da sich die „Situation einer definitiven Trennung“ spiegele. Vgl. zu Contra Mocianum und zur Lokalisierung von Mocianus’ Wirken auch Modéran, „L’Afrique reconquise“, 52–53 (mit Anm. 48– 49), der etwas später (551/552) datiert; auf 553 – zwischen Iudicatum und Constitutum des Vigilius – datiert Fraïsse-Bétoulières, „Introduction“, 13, in Bezug auf Stein, Histoire du Bas-Empire 2, 824–826. Zu einer weiteren Schrift im Drei-Kapitel-Streit, die zum Teil ebenfalls Facundus von Hermiane zugeschrieben wird, der Epistula fidei catholicae, s. u. Kap. 3.3 und Kap. 5.9. Vgl. insgesamt zur Biographie des Facundus von Hermiane Jansen, Theodor von Mopsuestia, 83–86; Clément/Vander Plaetse, „Einleitung“, XI–XII; Hainthaler, „Facundus von Hermiane“, 6. Vgl. zu Facundus und seiner Theologie auch noch Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, bes. 158–176. 300 Vgl. Pro defensione trium capitulorum 1–2. 301 V. a. Pro defensione trium capitulorum 3–9. 302 V. a. Pro defensione trium capitulorum 10–11. Dies war neben dem Bezug auf Chalcedon ein besonders wichtiges Argument für die Verteidiger der Drei Kapitel; vgl. etwa auch Liberatus von Karthago, Breuiarium 24 (140,14 Schwartz) zur vorher geschilderten Aktion des Theodor Askidas, die

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cedons, der für ihn hinsichtlich der Anerkennung des Briefes des Ibas von Edessa eine hohe Bedeutung zukommt,303 und er formuliert scharfe Kritik am Eingreifen des Kaisers in die Belange der Kirche.304 Gerade mit der Berufung auf die unbedingte Autorität eines Konzils (in diesem Fall v. a. Chalcedon) steht Facundus auch in einer nordafrikanischen Tradition.305 Eine weitere Stimme aus Nordafrika hatte sich bereits zuvor mit einschlägigen Argumenten aktiv gegen die Verurteilung der Drei Kapitel eingesetzt: Der Diakon Ferrandus von Karthago (gestorben 546/547), ein Schüler des Fulgentius,306 der ihm ins sardinische Exil folgte, schrieb mit seiner Epistula 6307 an Pelagius und Anatolius, Diakone aus Rom, einen expliziten Bericht über den Drei-Kapitel-Streit und legte darin Gründe gegen die Verurteilung der Drei Kapitel dar.308 Ferrandus bringt hier Argu­mente vor, die auch später im Streit, bspw. auch, wie gesehen, bei Facundus von

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schließlich in die Verurteilung der Drei Kapitel mündet: et reserato aditu aduersariis ecclesiae, ut mortui damnarentur („und nachdem der Zugang für die Gegner der Kirche geöffnet worden war, Tote zu verurteilen“) – damit sind dann die Möglichkeiten für alles weitere offen. In der Chronik des Victor von Tunnuna spielt die Kritik an der Verurteilung bereits Verstorbener keine Rolle. Vgl. bspw. die Argumentation in Pro defensione trium capitulorum 12,3,14–37, wo Facundus gegenüber Justinian in Bezug auf vorherige Kaiser für die Autorität des Konzils argumentiert. Vgl. zu dieser Stelle bei Facundus auch Modéran, „L’Afrique reconquise“, 60. Vgl. Eno, „Doctrinal Authority“, bes. 104–106 zu Facundus’ Konzilstheologie (mit zahlreichen Belegen aus Pro defensione trium capitulorum); vgl. auch Sieben, Die Konzilsidee, 291–300, insbesondere mit Bezug auf Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 5,5. Vgl. z. B. Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 12,3,3 (381,18–19 Clément/Vander Plaetse): Die Rolle, die dem Kaiser zukommt, ist die des ecclesiasticorum canonum exsecutor […], non conditor, non exactor; 12,3,27 (230–233 Clément/Vander Plaetse): Die Entscheidungen, die durch den Willen eines einzigen Laien zustande kommen, sind nicht mit den Dekreten eines Konzils zu vergleichen; vgl. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 60–61. Diesen Zug von Pro defensione trium capitulorum betont besonders Adamiak, Carthage, 83, der die Schrift des Facundus als „something of an anti-imperial manifesto, proclaiming both the absolute incompetence of the state and the outright independence of the Church in spiritual matters“ bezeichnet. Eine solche Opposition sei auch ein Erbe aus der Zeit unter den Vandalen (ebd., 84). Vgl. zum Inhalt von Pro defensione trium capitulorum Fraïsse-Bétoulières, „Introduction“, 49–50, zu den dort als „theologisch“ und als „historisch“ bezeichneten Argumenten im Einzelnen ebd., 50–78. Dies betont Eno, „Doctrinal Authority“, v. a. 96, 109; vgl. auch Adamiak, Carthage, 80–82. Es wurde lange angenommen, dass Ferrandus der Autor der Vita Fulgentii sei, so etwa in der lange maßgeblichen Edition von Lapeyre, Vie de Saint Fulgence. Mittlerweile wird dies jedoch in Frage gestellt, vgl. die Darstellung der Forschung und kritisch zur Autorschaft des Ferrandus von Karthago Isola, „Introduzione“, 7–25; zur Frage nach der Vita Fulgentii und ihrer Chronologie und deren Bedeutung für die Geschichte des vandalischen Africa vgl. auch insgesamt Modéran, „La chronologie“. Zu datieren „um 545“ (Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 157) oder „kurz nach 546“ (Sotinel, „Das Dilemma das Westens“, 463). Ferrandus von Karthago, Epistula 6 (Ad Pelagium et Anatolium diaconos urbis Romae [PL 67, 921D– 928B Migne). Vgl. Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 463; vgl. Roland Fröhlich, „Ferrandus“; Fuhrer, „Ferrandus“, 411.

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Hermiane, bestimmend sein werden:309 Die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon sind zu respektieren, seine Urteilsfähigkeit ist nicht in Zweifel zu ziehen.310 Im Frieden mit der Kirche Bestattete dürfen nicht posthum aufgrund eines menschlichen Urteils verurteilt werden.311 Kein Einzelner darf über das, was in der Heiligen Schrift und in den Konzilien enthalten ist hinaus etwas für die Kirche festsetzen.312 Die Autorität der Konzilsakten ist der der Heiligen Schrift fast gleichgestellt.313 Niemand, also auch nicht der Kaiser, darf vorschreiben, was die Kirche zu lehren hat, vielmehr muss jeder der Lehre der Kirche folgen.314 Ähnlich bestritt Ferrandus in einem weiteren Brief, dass 309 Vgl. Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 157; Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 464. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 46 sieht in dem Brief des Ferrandus eine Äußerung zumindest der ganzen Proconsularis. Facundus von Hermiane bezieht sich in Pro defensione trium capitulorum 4,3,6–9 auf Ferrandus von Karthago und seine Epistula 6; vgl. Placanica, „Note“, 122 (ad a. 546,1); vgl. zu Ferrandus und zum Brief auch Price, The Acts of Constantinople 553 1, 109–110. 310 Vgl. z. B. Ferrandus von Karthago, Epistula 6,2 (PL 67, 922B Migne; Übers. 1,113 Price): Quidquid semel statuitur in concilio et congregatione sanctorum Patrum, perpetuam debet obtinere iugiter firmitatem. / „whatever is once decreed on a council and assembly of holy fathers ought to possess perpetual calidity forever“; 6,3 (PL 67, 923C–D Migne; Übers. 1,114–115 Price): Totum concilium Chalcedonense, cum est totum concilium Chalcedonense, uerum est. Nulla pars illius habet ullam reprehensionem: quidquid ibi dictum, gestum, iudicatum nouimus atque firmatum. Sancti Spiritus operata est ineffabilis et secreta potentia. / „But the whole Council of Chalcedon, since the whole of it is the Council of Chalcedon, is true; no part of it is open to criticism. Whatever we know to have been uttered, transacted, decreed and confirmed there was worked by the ineffable and secret power of the Holy Spirit.“ Dies gilt, wie Facundus von Hermiane dann herausstellt, generell – wird ein Konzil zurückgenommen, werden die Beschlüsse aller Konzilien in Zweifel gestellt, vgl. Pro defensione trium capitulorum 4,3,9; 2,6,7. Hier zeige sich, so Price, The Acts of Constantinople 553 1, 98 ein neuer „conciliar fundamentalism […], where all the acts and not just the decrees were treated with exaggerated respect“, d. h. es wurde nicht mehr zwischen Diskussionen und Beschlüssen eines Konzils unterschieden. Vgl. auch Eno, „Doctrinal Authority“, 100; Modéran, „L’Afrique reconquise“, 61–62. 311 Vgl. Ferrandus von Karthago, Epistula 6,7 (PL 67, 926C Migne; Übers. 1,119 Price): Si quis accusatus et absolutus in pace Ecclesiae transiuit ad Dominum, condemnari non potest humano iudicio. / „If anyone arraigned and acquitted has gone to the Lord in the peace of the church, he cannot be condemned by a human tribunal.“ 312 Vgl. Ferrandus von Karthago, Epistula 6,9 (PL 67, 927C–D Migne; Übers. 1,120 Price): Sola enim sunt […] in canonicis libris praecepta diuina, et in generalibus synodis paterna decreta, non refutanda nec respuenda, sed custodienda et amplectenda […]. Lex enim patris fulget […] in canonicis libris; consilium matris in uniuersalibus conciliis continetur […] ceterum praeter illos qui statuunt quae statuenda sunt, nullus cogit ultra subscribere. / „For […] it is only the divine precepts in the canonical books and the decrees of the fathers in general synods that are to be neither opposed nor rejected but preserved and embraced […]. For the law of the Father […] shines forth in the canonical books, and the advice of the mother [the church] is contained in the general councils […]. But apart from those who decree what has to be decreed no one compels further subscriptions“. 313 Vgl. Ferrandus von Karthago, Epistula 6,7 (PL 67, 925A Migne; Übers. 1,118 Price): Uniuersalia concilia, praecipue illa quibus Ecclesiae Romanae consensus accessit, secundae auctoritatis locum post canonicos libros tenent. / „General councils, particularly those that have gained the assent of the Roman church, hold a place of authority second only to the canonical books.“ Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 98. 314 Vgl. Ferrandus von Karthago, Epistula 6,10 (PL 67, 927D–928A Migne; Übers. 1,121 Price): Ut nullus libro suo per subscriptiones plurimorum uelit dare auctoritatem, quam solis canonicis libris Ecclesia catholica detulit. Illud quoque tranquillitati Ecclesiarum proficere poterit, si nullus uelit praescribere

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dem christlichen dux, also auch dem Kaiser, als Laie ein Urteil in Glaubensfragen zustehe  – er müsse sich dem (Lehr-) Urteil der Bischöfe (sacerdotes) unterwerfen: Bischöfe lehren und Laien werden gelehrt.315 Orthodoxie war damit vor allem formal verstanden als „die Treue zu einer klar formulierten Tradition“.316 Neben diesen einschlägigen Argumenten im Drei-Kapitel-Streit wurde von nordafrikanischer Seite aber auch  – nicht unberechtigterweise  – die eigene Unkenntnis der Sachverhalte vorgebracht: So schrieb der nordafrikanische Bischof Pontianus317 in einer ersten Antwort auf das Edikt Justinians, man kenne die dicta der Drei Kapitel ja gar nicht: Eorum dicta ad nos usque nunc minime peruenerunt. Die dicta könne man, wenn man sie hätte, bedenken, Tote allerdings keinesfalls verurteilen.318

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quid sequitur Ecclesia, sed tenere quod Ecclesia docet. / „That no one is to wish through numerous subscriptions to claim for his own book an authority that the catholic church has attributed only to the canonical books. This also will contribute to the tranquility of the churches, if everyone seeks not to lay down what the church should follow, but to hold what the church teaches.“ Vgl. Chrysos, „Zur Datierung und Tendenz“, 322: Dieses Prinzip gelte aber gerade auch für den Bischof von Rom. Vgl. Ferrandus von Karthago, Epistula 7,17 an den comes Reginus (PL 67, 945A–B; 945C Migne). Es wäre möglicherweise lohnenswert, zu überprüfen, ob diese Aussagen durch die Aussagen von Gelasius I. zu den zwei Gewalten beeinflusst sein könnten. So formuliert es Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 468, die darauf hinweist, dass das Wort „Tradition“ „in den Werken des Facundus öfter vorkommt als in der ganzen lateinischen patristischen Literatur, und zwar durchgehend in der Weise, daß die Tradition einfach so zu bewahren sei, wie sie bei den früheren Konzilien, besonders in Chalkedon, verkündet worden sei.“ Vgl. Price, „The Three Chapters Controversy“, 32–33 zum unterschiedlichen Verständnis von Orthodoxie in Ost (Festhalten an der Theologie Kyrills von Alexandria um der Wahrheit über Christus willen) und West (Festhalten an der Formel von Chalcedon und damit an den Zwei Naturen in Christus). Der Name Pontianus ist selten. In den Akten des Konzils von Iunci 523 wird ein Ponticanus erwähnt (Concilium Carthaginense a. 525 [277,181.200–201 Munier]); in der Vita Fulgentii 29,66 (226,9–10 Isola) für das Jahr 533 im Zusammenhang mit der Nachfolge des Fulgentius von Ruspe ein Pontianus von Thenae (Byzacena) ([…] uisionem fidelissimam beati Pontiani, episcopi Thenitani […]). Möglicherweise handelt es sich bei allen drei Erwähnungen um dieselbe Person, so Modéran, „L’Afrique reconquise“, 44–45; die (vorsichtig formulierte) Identifizierung bereits bei Mandouze, Prosopographie, 884 (s. v. „Ponticanus 2“). Aufgrund dieser Annahme geht Adamiak, Carthage, 69, davon aus, dass Pontianus mit seinen Äußerungen das ganze Episkopat der Byzacena repräsentiert habe. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 45, formuliert vorsichtiger: „Même si elle ne désigne pas explicitement son auteur comme un porte-parole, il se peut donc que sa lettre ait constitué une première réponse officielle de l’ensemble de l’épiscopat de Byzacène à Justinien.“ Vgl. auch Eno, „Doctrinal Authority“, 97. Pontianus von Thenae, Epistula ad Iustinianum Imperatorem (PL 67, 997A Migne), wahrscheinlich von 545. Vgl. Cameron, „Byzantine Africa“, 47; Tilley, „The Collapse“, 16; Maas, Exegesis and Em­ pire, 63–64 (mit englischer Übersetzung des Briefes); Modéran, „L’Afrique reconquise“, 44–45 (mit französischer Übersetzung); Adamiak, Carthage, 68–70; Dossey, „Exegesis and Dissent“, 251. Zur Unkenntnis der (griechischen) Texte bzw. Sachverhalte vgl. auch das von Liberatus von Karthago im Proömium seines Breuiarium genannte Ansinnen, das er mit seiner Schrift offenbar verfolgte, s. u. S. 83 (Anm. 341); vgl. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 66. Hinsichtlich der Übermittlung von ins Lateinische übersetzten griechischen Dokumenten aus der antiochenischen Schule an Nordafrikaner wird oft auf das Lehr- oder Handbuch Instituta regularia diuina des Junillus Africanus, von 542 bis 549 quaestor sacri palatii bei Kaiser Justinian, verwiesen. Dieses ist Primasius von Hadru-

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Insgesamt war die Reaktion aus Nordafrika auf die Verurteilung der Drei Kapitel besonders intensiv und besonders nachhaltig.319 Dafür ist auch die Chronik des Victor von Tunnuna ein Zeugnis. Averil Cameron formuliert als Folge der Verurteilung der Drei Kapitel sehr zugespitzt: „The general effect of the condemnation of the Three Chapters was to turn the African church into a nationalistic organ and to cause it to reflect on the dubious benefits which liberation from the Arian Vandals had brought“.320 Allerdings war und blieb die nordafrikanische Kirche weiterhin in vielfältiger Weise mit dem byzantinischen Reich verknüpft.321 Camerons Aussage macht aber darauf aufmerksam, dass der Drei-Kapitel-Streit mit seinen heftigen Reaktionen in Nordafrika auch im Zusammenhang mit der byzantinischen Rückeroberung und ihren Auswirkungen für Nordafrika zu sehen ist. Der Aufruhr, den die Verurteilung der Drei Kapitel durch Justinian in Nordafrika verursachte, war also erstens auch ein Ausdruck „of the discomfort felt by many Roman Africans on realising how much the reconquest was going to interfere with their lives and indeed bring all the disadvantages of actual and dangerous warfare.“322

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metum gewidmet. In der Folge von Kihn, Theodor von Mopsuestia (1880), wird Junillus damit als Übermittler der Ideen von Paulus dem Perser, identifiziert mit Paulus von Nisibis, einem Schüler des Theodor von Mopsuestia, gesehen, der damit den Nordafrikanern die Theologie der antiochenischen Schule vermittelt habe; so etwa bei Cameron, „Byzantine Africa“, 46; Patout Burns/ Jensen, Christianity, 79; vgl. auch die Beispiele bei Maas, Exegesis and Empire, 10–11 (mit Anm. 20 zur Forschungsdiskussion; der Text der Instituta mit Übersetzung auf den S. 118–235). Maas arbeitet aber in seiner Studie heraus, dass Junillus vielmehr – trotz einer antiochenischen Tendenz – im justinianischen Sinn orthodox argumentiert und seine Schrift Teil eines Austausches zwischen zwei Exegeten, eben Junillus und Primasius, ist. Vgl. auch Modéran, „L’Afrique reconquise“, 66–67. Zur Einschätzung der sprachlichen Schwierigkeiten der Nordafrikaner bei der Rezeption der einschlägigen Schriften vgl. auch knapp Adamiak, Carthage, 85–86. Vgl. Markus, „Religious Dissent“, 142: „Resistance may have been widespread in the West; but we shall not be far wrong if we follow the lead of the imperial government in looking to Africa as the chief source of the intellectual vitality and of the moral strength behind it.“ Vgl. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 42: Der bemerkenswerteste Zug der Krise der Drei Kaptel ist „la virulence et la radicalité de l’attitude des Africains“; vgl. ebd., 58–59. Ein Grund ist für Modéran (vgl. ebd., 63–64, das folgende Zitat 67) auch, dass einige der späteren Verteidiger der Drei Kapitel – auch Pontianus  – Augenzeugen des Kampfes gegen die „Arianer“ gewesen seien. Die Vehemenz des Widerstandes der „Katholiken“ unter den „arianischen“ Vandalen setzte sich also im Drei-KapitelStreit im Widerstand der Verteidiger der Drei-Kapitel (und damit der dem Selbstverständnis nach Chalcedon-Treuen) fort: „L’expérience de la lutte contre les Vandales, que beaucoup avaient vécue, fut donc décisive, selon nous, à la fois dans la spontanéité et la vigueur de la réaction des clercs africains à la condamnation des Trois Chapitres“. Cameron, „Byzantine Africa“, 47; vgl. Conant, Staying Roman, 316–317, kritisch zu Cameron v. a. 330. Vgl. Conant, Staying Roman, 330, wo Conant die Integration der nordafrikanischen Kirche in die imperialen und kirchlichen Strukturen des byzantinischen Reiches des sechsten Jahrhunderts betont; vgl. auch ebd., 352, vgl. insgesamt die Darstellung ebd., 306–361. Cameron, „Byzantine Africa“, 45, die auch die Bedeutung der byzantinischen Verwaltung hervorhebt: Auch aufgrund dieser hätte sich der nordafrikanische Klerus wieder mehr nach Rom gewandt. Vgl. auch Markus, „Religious Dissent“, 146.

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Sowohl die steuerpolitischen Maßnahmen der neuen Herrscher als auch die Maurenaufstände trugen zu diesem „discomfort“ bei: Statt Ordnung und Ruhe, welche eine erhöhte Steuerlast rechtfertigen würden, sahen sich die Nordafrikaner einer größeren Bedrohung ihrer Existenz durch die Mauren gegenüber als zuvor.323 Zudem agierte der afrikanische Klerus wohl im Zusammenhang mit den Maurenaufständen vor dem Eingriff des Johannes Troglita324 immer wieder eigenständig auch in nicht genuin kirchlichen Angelegenheiten, indem er wichtige militärische Funktionen oder Funktionen von Staatsbeamten übernahm.325 Zweitens spielte auch die jüngere Vergangenheit für den heftigen Widerstand gegen die Verurteilung der Drei Kapitel in Nordafrika eine Rolle, nämlich die Geschichte der „katholischen“ Kirche Nordafrikas unter den Vandalen. Einerseits konnte diese doch (trotz der Verfolgungen) zu dieser Zeit relativ eigenständig agieren und entscheiden,326 andererseits hatte sie sich auch theologisch gegenüber den Homöern positioniert. Hierbei war bereits der Bezug auf die sich in den Konzilien zeigende Tradition der Väter essentiell. Dass dieses Erbe der Zeit der Verfolgungen unter den Vandalenherrschern im Drei-Kapitel-Streit fortwirkt, betont besonders Yves Modéran: L’idée qu’en matière de doctrine, seule la tradition des Pères, exprimée notamment dans les conciles, énonçait la vérité, et qu’aucune discussion ni aucun compromise n’étaient envisageables, avait été en effet un des leitmotiv de leur polémique contre les ariens à l’époque vandale, et elle était devenue pour eux une règle absolue.327

323 Vgl. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 68–70, 81–82, der auch die Bedeutung der Koinzidenz des Drei-Kapitel-Streites und des großen Maurenkrieges („la grande guerre libyque“) 544–548 betont. 324 S. o. S. 52. 325 Vgl. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 70–72; vgl. etwa Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 2,23,18–25; 2,26,23–28.31. 326 Vgl. Patout Burns/Jensen, Christianity, 79: Die reiche literarische theologisch-dogmatische Produktion von den späten 540ern bis in die frühen 560er Jahre in Nordafrika (Ferrandus von Karthago, Facundus von Hermiane, Liberatus von Karthago), zeige, dass „African clerics presumed the right to judge independently in matters of dogma and discipline“. 327 Modéran, „L’Afrique reconquise“, 61–68, hier 62, vgl. auch besonders ebd., 62–63 mit Verweis auf den Brief an das Konzil von Ephesus des Capreolus von Karthago (ACO 1,2 [64,7–65,9 Schwartz]); vgl. ebd., 65: „A cette entreprise de conversion [= der Mission der „Arianer“], il avait fallu opposer une théologie de combat, fondée sur une argumentation approfondie“, mit dem Hinweis auf Quodvultdeus, Vigilius von Thapsus und Fulgentius von Ruspe. Deren Argumentation sei zudem schon über „le conflict avec l’arianisme“ hinausgegangen. Vgl. auch die Hinweise zu Fulgentius von Ruspe, ebd., 65–66; vgl. auch zusammenfassend ebd., 81. Vgl. auch insgesamt Whelan, Being Christian, 109–137. Adamiak, Carthage, spricht in seinem Kapitel zu „The Specificity of the North African Church“ (11–52) vom „Erbe der Verfolgungen“ („The Legacy of the Persecutions“ [11–22]) und beschreibt diesbezüglich die Zeit vor Diokletian, die Donatisten und Circumcellionen sowie die Vandalen und Berber; er sieht also im „Erbe der Verfolgungen“ über die Herrschaft der Vandalen hinaus ein Charakteristikum der nordafrikanischen Kirche. Zur Bedeutung der Zeit der Vandalenherrschaft für die Chronik des Victor von Tunnuna s. u. bes. Kap. 5.5 und dann wieder 5.7.3. S. dazu auch die Hinweise o. S. 75 (Anm. 304).

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Besonders die Heftigkeit des Widerstandes habe hier ihren Ursprung: L’expérience de la lutte contre les Vandales, que beaucoup avaient vécue, fut donc décisive, selon nous, à la fois dans la spontanéité et la vigueur de la réaction des clercs africains à la condamnation des Trois Chapitres.328

Von der Gegenseite wird der Widerstand der Nordafrikaner gegen die Verurteilung der Drei Kapitel auch mit dem Agieren der Donatisten verglichen. Dies wird v. a. in Facundus’ Contra Mocianum erkennbar.329 In diesem Vergleich mit den früheren „Schismatikern“ kann man ein Moment der Wahrheit erkennen, wenn man hier die Tradition einer typisch afrikanischen Widerspruchshaltung sehen will. Dies hat vor allem Robert A. Markus betont: Der Leser von Contra Mocianum sei „left with the overwhelming impression that we are very close to a characteristically African stance of dissent – even though it is now dissent inspired by a sense of fidelity to conciliar decisions, especially to those of Chalcedon.“330 Damit hinge der Widerstand der nordafrikanischen Kirchen also drittens mit einer bereits länger bestehenden Tradition einer bestimmten Haltung gegenüber Autoritäten zusammen, in der diese Kirchen stehen, eben einer Tradition von dissent.331 Der argumentative Rückgriff auf den donatistischen Streit war allerdings schon in der Zeit der Vandalenherrschaft üblich, wie Robin Whelan herausgearbeitet hat, und zwar sowohl bei nizänischen als auch bei homöischen Christen. Beide Seiten griffen damit auf bekannte „Häretiker“ zurück, um die jeweiligen Gegner als eben solche zu diffamieren.332 Wenn Mocianus also den Verteidigern der Drei Kapitel vorwirft, den Donatisten zu ähneln,333 wirft dies jedenfalls nicht nur ein Licht auf eine mögliche Tradition des dissent, die sich hier ausdrückt, sondern v. a. auch auf eine Tradition der Argumentation im Rückgriff auf den donatistischen Streit,

328 Modéran, „L’Afrique reconquise“, 67. 329 Vgl. etwa Facundus von Hermiane, Contra Mocianum, 7; 17; vgl. Markus, „Religious Dissent“, 145: „Facundus’s reply [= Contra Mocianum] is substantially nothing more nor less than a defence against the charge of being party to a new Donatist schism.“ 330 Markus, „Religious Dissent“, 146. Vgl. ebd., 149: „The persistence and volume of dissent through­ out the history of African Christianity is striking enough to prompt the historians to seek an underlying thread behind the changing forms.“ Vgl. zustimmend, aber zurückhaltender Eno, „Doctrinal Authority“, 112. 331 So betont Markus, „Religious Dissent“, 148 die deutlichen Affinitäten zwischen dem Denken von afrikanischen Klerikern wie Ferrandus und Facundus und einer langen Tradition innerhalb der nordafrikanischen Kirchen, wie das Verhältnis von Kirche gegenüber der päpstlichen und säkularen Autorität zu denken sei. In dieser Tradition sei eben auch der Donatismus gestanden, und nun bediene sich die afrikanische Kirche ihrer erneut. Vgl. grundsätzlich zustimmend, aber vor Überbetonung dieses Faktors warnend Modéran, „L’Afrique reconquise“, 59–60. 332 Vgl. Whelan, Being Christian, 130–134, in Bezug z. B. auf Ps-Fulgentius, De trinitate und Hunerichs Edikt vom 24. Februar 484. 333 Vgl. Facundus von Hermiane, Contra Mocianum 7 (402,61–62 Clément/Vander Platese; Übers. 237 Solignac): si autem uidetur quia nos Donatistis similes sumus  / „s’il pense que nous sommes semblables aux donatistes“.

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die im Drei-Kapiel-Streit fortgeführt wurde, weil sie offenbar weiterhin nützlich erschien.334 Bedenkt man die Bedeutung exegetischer Fragen bzw. von Entscheidungen über Exegeten (Origenes, Theodor von Mopsuestia) im Drei-Kapitel-Streit, ist noch an eine andere Ebene zu denken, die wichtig für den Widerstand in Nordafrika gegen die Verurteilung der Drei Kapitel war: Leslie Dossey hat jüngst eine weitere Interpretation dieses Widerstandes vorgelegt, in der sie dafür argumentiert, dieser sei v. a. der Widerstand von doctores gewesen – genauer gesagt ihres Rechtes, Texte selbst zu interpretieren: „At the core of the debate was a concern over the censorship of texts.“ Das Festhalten an der Freiheit der Interpretation von Texten – bei korrekter Intention, nämlich der Liebe, um Häresie und Schisma zu vermeiden –, zeige sich sowohl bei Ferrandus und Facundus als auch in den exegetischen Texten von Junillus und Primasius.335 Für die Entstehung und Entwicklung des (heftigen) Widerstandes gegen die Verurteilung der Drei Kapitel in Nordafrika haben letztlich wohl alle diese Gründe und Motive eine Rolle gespielt. Es lässt sich nicht grundsätzlich sagen, welcher Faktor hier der wichtigste war. Es wird sich später im Hinblick auf die Chronik des Victor von Tunnuna zeigen, ob für sie eines oder mehrere dieser Motive wichtig ist – und ob bzw. inwiefern hier von einer spezifischen nordafrikanischen Tradition gesprochen werden kann, in der die Chronik damit steht. 2.3.4 Wer ist verantwortlich für den Drei-Kapitel-Streit? Antworten aus Nordafrika Wen machen nordafrikanische Quellen für den Drei-Kapitel-Streit verantwortlich bzw. wer wird als dessen Urheber und somit als der Hauptschuldige dargestellt? Blicken wir zurück zu Justinian und zur Beurteilung seiner Rolle am bzw. für den Anfang des Drei-Kapitel-Streites: Erscheint Justinian in den bisherigen Geschehnissen als aktiv die Kirchenpolitik gestaltender Kaiser, ist es auffällig, dass für die Verurteilung 334 Vgl. Whelan, Being Christian, 134 zur Nützlichkeit dieser Argumentationstradition: „If both Nicenes and Homoians kept using arguments developed during the Donatist schism, it was because that was one of the best ways to claim ecclesiastical legitimacy within the African Christian community.“ Vgl. auch Whelans entsprechende Beobachtungen zum Konzil von Karthago 525, ebd., 136–137, hier 137: Das Vermächtnis des donatistischen Schismas zeige sich „in the use of the same arguments and the strategies to contest the status of the true church in a new ecclesiastical controversy“. 335 Mit der Intention der Vermeidung von Häresie und Schisma ist dieser Punkt mit den o. g. Faktoren verknüpft. Vgl. insgesamt Dossey, „Exegesis and Dissent“; vgl. ähnlich auch Sotinel, „Le rôle des expertises“. Ein Erbe der Verteidiger der Drei Kapitel in dieser Hinsicht sei, so Dossey, im Westen Cassiodor, der die Texte von Junillus, Facundus und Primasius – und auch von Origenes – rezipiere, was zeige, dass die nordafrikanischen Argumente nicht einfach mit dem Ende des Drei-KapitelStreites untergegangen seien. Zu Junillus s. o. S. 77–78 (Anm. 318).

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der Drei Kapitel durch Justinian sowohl bei Facundus von Hermiane (vgl. etwa Pro defensione trium capitulorum 2,1,3–4) als auch bei Liberatus von Karthago (vgl. Breuiarium 24)336 die dunklen Machenschaften von Hintermännern betont werden. Dies wird unterschiedlich gedeutet: Peter Bruns sieht die Rolle der Hintermänner bei Facundus von Hermiane vor dem Hintergrund von dessen Forderung der Orthodoxie für den Kaiser.337 Diese Forderung sei nicht nur eine captatio beneuolentiae, sondern entspreche Facundus’ „reichskirchliche[m] Denken“: Es sei für Facundus die Aufgabe des Kaisers, „seine äußere, weltliche Autorität einzusetzen, um die Kirche von ihrer Häresie zu reinigen.“ Von einem christlichen Kaiser habe ein Christ nichts zu fürchten (vgl. Pro defensione trium capitulorum 4,4,18): „Schriften, die der katholischen Lehre widerstreiten, sind offenkundig nicht vom Kaiser selbst, sondern von irgendwelchen Hintermännern in Umlauf gesetzt worden“. Facundus kann sich bei einem christlichen Kaiser also quasi nichts anderes vorstellen, positiv formuliert: Die Abschiebung der Verantwortung entspricht seinem Verständnis des christlichen Kaisers.338 Für Eduard Schwartz, Karl Leo Noethlichs und Mischa Meier hingegen hat die Darstellung der Machenschaften der Hintermänner einen anderen Grund: Facundus von Hermiane habe Justinian nun nicht direkt angreifen müssen. Justinian verurteilte die Drei Kapitel nur, weil er mit böser Absicht getäuscht wurde, also quasi als Opfer. Damit ist er letztlich nicht selbst verantwortlich, und somit gilt auch die Kritik an der Verurteilung der Drei Kapitel nicht ihm selbst. Gleichzeitig steht damit aber auch Facundus nicht im Verdacht, den Kaiser anzugreifen. Diese Deutung betont eine vorsichtigere, eine defensivere Haltung der Verteidiger der Drei Kapitel gegenüber dem Kaiser.339 Bezüglich des Breuiarium des Liberatus von Karthago geht Meier in der Deutung der Hintermänner noch einen Schritt weiter: Er hat herausgearbeitet, dass Liberatus, indem Justinian bei ihm Opfer „einer finsteren Intrige“ wird, die Verantwortung gerade von Justinian habe wegschieben wollen, um „seinem Publikum einen tendenziell günstigen Eindruck Justinians“ zu vermitteln.340 Der Kaiser wird also nicht aufgrund einer defensiven Haltung als Opfer einer Intrige dargestellt, sondern weil er positiv dargestellt werden soll, um damit ein anderes Ziel zu erreichen: Das tendenziell positive Bild 336 S. o. S. 66–67 zu Theodor Askidas. 337 Vgl. Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 1,1,1.3.13; 1,2,1; 2,3,22. 338 Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 170. Allerdings vertrete Facundus eine deutliche Trennung von Herrschertum, regnum, und Priestertum, sacerdotium, worin er im Gegensatz zu Justinian stehe. Dieser könne als Laie den Glaubensinhalt nicht beurteilen, er sei für die Verteidigung der Orthodoxie nach außen zuständig (vgl. ebd., 171–172; vgl. etwa Pro defensione trium capitulorum 12,5,25.27, wo Facundus mit Beispielen aus der Vergangenheit argumentiert). Und (Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 172): „Die Einheit im Glauben läßt sich nicht durch kaiserliches Dekret auf Kosten der Wahrheit erkaufen“ – aus Sicht des Facundus so geschehen bei Zeno (vgl. Pro defensione trium capitulorum 12,4,16). 339 Vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“; 304; Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 695 (so auch zu Liberatus von Karthago); Meier, Das andere Zeitalter, 287. 340 Meier, „Das Breviarium“, 138.

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Justinians diene dem eigentlichen Ziel des Liberatus, nämlich der Vermittlung der oströmischen Kirchenpolitik an die Afrikaner und deren Akzeptanz: „Den nunmehr zum Oströmischen Reich gehörenden Afrikanern sollte auseinandergesetzt werden, wie im christlichen Imperium die Spielregeln der Kirchenpolitik funktionierten, in welcher Weise sie historisch verankert waren und sich bisher auch ausgezahlt hatten.“341 Dass die Nordafrikaner Facundus von Hermiane und Liberatus von Karthago versuchen,342 andere als Justinian für den Ausbruch des Drei-Kapitel-Streites verantwortlich zu machen – sei es, um eine positive Sicht auf Justinian sicherzustellen, um ihn aus Vorsicht nicht direkt anzugreifen, sei es, um die eigenen Landsleute für seine Politik empfänglich zu machen –, ist ein Hinweis darauf, auch bei der Analyse der Darstellung der Chronik aufmerksam zu sein für die dort dem Kaiser zugeschriebene Rolle und Verantwortung im Drei-Kapitel-Streit. Die Frage danach ist, wie später zu sehen sein wird, auch für die Bewertung der Chronik des Victor von Tununna und ihrer Intention von Relevanz.343 2.3.5 Vom Iudicatum des Vigilius bis zur Verurteilung der Drei Kapitel auf dem Konzil von Konstantinopel 553 Am 11. April 548 veröffentlichte Vigilius, nachdem er sich zuvor die Zustimmung der Bischöfe hatte zusichern lassen,344 seinen Urteilsspruch in der Sache der Drei Kapitel, das Iudicatum: Eine Verurteilung der Drei Kapitel bei gleichzeitiger Bekräftigung des Chalcedonense.345 Mit diesem sollte wohl vor allem informell eine Einigung erreicht werden.346 Die ablehnenden Reaktionen darauf waren jedoch im Westen besonders

341 Meier, „Das Breviarium“, 147. Cameron, „Byzantine Africa“, 47, hebt für das Breuiarium des Liberatus von Karthago ähnlich die Intention hervor, den Nordafrikanern grundlegendes Wissen über Nestorianismus und Monophysitismus zu vermitteln – so ja auch Liberatus von Karthago selbst in seinem prooemium (99,4–7 Schwartz): Quod faciens pro mea eruditione et responsione contra falsiloquos utrarumque partium sectatores, qui consueto studio aliter loquuntur de suis auctoribus quam ueritas habet, libenter offero catholicis fratribus ignorantibus acta ipsarum heresum et legere uolentibus. / „Dies mache ich für meine Bildung und als Antwort gegen die lügenhaften Anhänger von beiden Seiten, die mit gewohntem Eifer anders sprechen über ihre Urheber als es sich tatsächlich verhält, und gerne biete ich dies den katholischen Brüdern, die die Umstände der Häresien selbst nicht kennen und die es lesen wollen, an.“ 342 Auch in den Vigiliusbriefen (Epistula 1 und 2) wird die Verantwortung für den Drei-Kapitel-Streit Theodor Askidas zugeschrieben, vgl. Gleede, „Liberatus‘ Polemik“, 124–125; s. auch o. S. 66–67. 343 S. o. S. 13 zur Deutung der Chronik als „antikaiserliche Streitschrift“ durch Pewesin. 344 S. o. S. 73. 345 Zum Teil überliefert in ACO 4,1 (11,21–12,6 Straub); vgl. Collectio Auellana 83 (316,4–317,16 Guen­ ther). 346 Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 696.

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heftig,347 v. a. in Nordafrika. Victor von Tunnuna berichtet sogar (Chronicon 141) von der Exkommunikation des Papstes durch eine nordafrikanische Synode.348 Vigi­lius wollte das Iudicatum nun zurücknehmen.349 Justinian gab diesem Ansinnen nach, nahm Vigilius aber den Eid ab, alles zur Verurteilung der Drei Kapitel zu unternehmen und den Kaiser über jeglichen Widerstand zu informieren. Bis zu einem Konzilsentscheid solle nichts weiter unternommen werden.350 In der Folge wurden verschiedene Bischöfe abgesetzt. Im Juli 551 veröffentlichte Justinian erneut ein Dekret351 oder Edikt, die Confessio rectae fidei, worin er die Drei Kapitel verurteilte und seine Treue zu Chalcedon erklärte. Grundsätzlich hält Justinian in diesem Edikt an der Formel von der einen Hypostase in zwei Naturen, also an der Formel von Chalcedon, fest, die Einung i. S. der henosis (bzw. synthesis) wird aber mit kyrillischen Elementen stärker betont.352 Dabei stellt sich Justinian in die Tradition der Väter, sowohl bezüglich der dogmatischen Inhalte als auch bezüglich der gewählten Methode der Interpretation der jeweiligen Texte,353 und er verteidigt sich in der Schrift gegen Angriffe der Gegner der Verurteilung der Drei

347 Auch im Osten sorgte das Iudicatum aber nicht für Ruhe, vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 696–697. 348 Vgl. Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 155 (mit Anm. 21), mit Verweis auf die einen Konflikt mit Rom und Africa zeigenden Briefe des Vigilius an Valentinianus von Tomi (18.03.550; veröffentlicht in den Akten des Konzils von Konstantinopel 553 [ACO 4,1 (195,1–196,36 Straub)]) sowie an Rusticus, seinen Neffen, und Sebastianus, welche Vigilius absetzte. Der Brief an Rusticus und an Sebastianus ist kurz nach dem ersten Brief zu datieren, so Price, The Acts of Constantinople 553 2, 81 (Anm. 21), bzw. auf den 15.08.550 (Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 155 [Anm. 21]); veröffentlicht in den Akten des Konzils von Konstantinopel (ACO 4,1 [188,23–194,36 Straub]). Rusticus unterstützte zunächst das Iudicatum, bei seinem Umschwenken spielte wohl Felix Gillitanus eine Rolle, der im selben Brief exkommuniziert wurde; vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 311–312; zu Felix s. u. Kap. 5.7.3.3 und 5.7.3.6. Vgl. auch Sotinel, „Vigilio“, 522; dies., „Das Dilemma des Westens“, 466, mit Bezug v. a. auf Victor von Tunnuna, Chronicon 139 und 141; dies., „Autorité pontificale“, 458–459. Zu Chronicon 141 s. u. Kap. 5.7.3.2. 349 Vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 446–447; vgl. Collectio Auellana 83,297. 350 Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 450–451; Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 313; Gleede, „Liberatus’ Polemik“, 110; der Eid in ACO 4,1 (198,30–199,20 Straub), allerdings in der Echtheit umstritten, vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 697. 351 So genannt bei Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 2,3,19. 352 Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 451; das Edikt bei Schwartz, Drei dogmatische Schriften, 72–111 (lat. betitelt als Edictum […] rectae fidei confessionem continens et refutationem heresium quae aduersantur catholicae dei ecclesiae); vgl. dazu auch in den „Bemerkungen“, 116–117; die englische Übersetzung bei Price, The Acts of Constantinople 553 1, 129–159; vgl. auch ebd., 122–129 zur Einführung. Zum Edikt vgl. auch Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 447–449, 455–459, 484. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 314, sieht im Hintergrund wieder ein Agieren des Theodor Askidas. Das Schreiben wird zitiert im Chronicon paschale, Olympiade 333 (636,1–684,15 Dindorf). 353 Vgl. Justinian, Confessio rectae fidei (74,35; 84,13–14; 86,18–19 Schwartz); vgl. Graumann, „Orthodoxy“, 228 (mit Anm. 22); vgl. auch Justinian, Confessio rectae fidei (100,10–19 Schwartz) mit Bezug auf Athanasius’ methodischen Zugang zum Problem der Diskrepanzen zwischen einzelnen Äußerungen und anderen Texten eines Autors (konkret Dionysius); vgl. dazu bzw. zu Justinians Umgang damit Graumann, „Orthodoxy“, 227–231.

Der Drei-Kapitel-Streit: Der theologiegeschichtlich-kirchenpolitische Kontext der Chronik

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Kapitel. Die Drei Kapitel sind v. a. Thema in Confessio rectae fidei, Anathemata 11–13, wobei Justinian sich am ausführlichsten der Argumentation bezüglich des Briefes des Ibas und seiner Behandlung auf dem Konzil von Chalcedon in Confessio rectae fidei, Anathema 13 widmet.354 Wahrscheinlich antwortete Justinian mit seinem Edikt auf Facundus von Hermianes Schrift Pro defensione trium capitulorum.355 Vigilius forderte die Rücknahme des Ediktes356 und war massiven Schikanen ausgesetzt, so dass er schließlich in die Kirche der heiligen Euphemia in Chalcedon flüchtete.357 Es wurde mehrfach versucht, ihn aus dem Asyl fortzubringen. Vigilius wandte sich zwei Mal an die Öffentlichkeit und prangerte nicht nur die ihm angetane Gewalt an, sondern fügte auch eine expositio fidei bei, ein Glaubensbekenntnis in Übereinstimmung mit den vier ersten Konzilien, allerdings ohne Erwähnung der Drei Kapitel.358 Der Westen scheint über die Geschehnisse um Vigilius zu dieser Zeit schlecht bzw. einseitig informiert gewesen zu sein, was auch ein Brief italienischer Kleriker an fränkische Gesandte (552)359 zeigt: Auf ihrer Reise nach Konstantinopel werden sie vor den Gefahren, die „katholische“ sacerdotes dort erleiden müssen – persecutiones und uiolentiae – gewarnt. Es lässt sich durch den Brief aber auch erkennen, dass Vigilius dem Westen erfolgreich als Chalcedon-Gegner präsentiert worden war, wohl durch die bereits erwähnten Diakone Rusticus und Sebastianus.360 Andererseits wird berichtet, dass gerade die Afrikaner bereit waren, die Diskussionen mit Papst und Kaiser erneut

354 Vgl. Graumann, „Orthodoxy“, 226–227, 231. Justinian argumentiert hier u. a., der Brief des Ibas könne als heterodoxes Dokument nicht vom Konzil als ganzem, als corpus, befürwortet worden sein, denn als ganzes Konzil bezeuge es die Orthodoxie, unabhängig von den Aussagen Einzelner; vgl. Justinian, Confessio rectae fidei (100,6–10 Schwartz). 355 Vgl. Pewesin, Imperium, 139–141; Cameron, „Byzantine Africa“, 47. 356 Er verstand es wohl als Vertragsbruch, da ja vereinbart worden war, dass bis zu einem Konzil in der Sache der Drei Kapitel nichts mehr unternommen werden sollte, s. o. Anm. 350. Vgl. Vigilius, Epistula 1 (Vigiliusbriefe 1 [2,4–13 Schwartz]). Dort droht Vigilius auch mit der Exkommunikaton derer, die das Edikt annehmen. Vgl. auch Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 314–315. 357 Vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 315–316. Zur Kirche Euphemia s. u. S. 428–429. 358 Vgl. Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 317; mit Hinweis auf Vigiliusbriefe 1 (5. Februar 552); vgl. auch die Mitteilung an die fränkischen Gesandten mit einem Glaubensbekenntnis des Vigilius (Brief des Vigilius), Vigiliusbriefe 3 (16,24–18,19 Schwartz); vgl. dazu auch die Erläuterungen bei Schwartz, „Vigiliusbriefe“, 29–32. Vgl. auch Maraval, „Die Religionspolitik“, 452–453, allerdings mit Hinweis auf Vigiliusbriefe 2 (10,24–15,15 Schwartz). 359 Zum Brief vgl. auch Sotinel, „The Three Chapters“, 92. Er zeige mehrere charakteristische Ansichten des italienischen Klerus: „unshaken confidence in Pope Vigilius; a sense of solidarity with the western churches – especially of Africa – against ‚the Greeks‘; sharp distrust of the rumours circulating in Italy; and reasoned rejection of an ecclesiastical model regarded as ‚Greek‘“. 360 Vgl. Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 467–468. Auch wenn Rusticus und Sebastianus in dem Brief nicht namentlich genannt werden, zeigen die Italiener sich in dem Brief gut über ihre Agita­ tionen informiert. Der Brief italienischer Kleriker an fränkische Gesandte (Epistula legatariis): Epistula 4 (438,24–442,24 Gundlach) = Vigiliusbriefe 4 (18,23–25,6 Schwartz). Für Italien spielte allerdings andererseits auch Datius von Mailand eine Rolle für eine positive Rezeption des Vigilius, vgl. Sotinel, „Vigilio“, 517, 528.

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aufzunehmen – in diesem Zuge kommt auch Reparatus von Karthago nach Konstantinopel, wovon der Brief auch berichtet.361 Nach weiteren Einschüchterungsversuchen durch Justinian und Gegenreaktionen des Papstes stimmte dieser schließlich der Einberufung eines Konzils, bei dem über die Drei Kapitel verhandelt werden sollte, zu.362 Jedoch kam es zu weiteren Streitigkeiten über dessen Besetzung und dessen Ort.363 Das Konzil kam am 5. Mai 553 ohne Vigilius zusammen.364 Vorsitzender war Eutychius von Konstantinopel. Neben sechs nordafrikanischen Bischöfen nahmen nur Bischöfe aus dem Osten teil, auch die Patriarchen von Alexandria und Antiochien.365 Justinian war nicht anwesend, wodurch er versuchte, dem Konzil Unabhängigkeit zu signalisieren. Dennoch zeigte er durch einen Brief (forma), der zu Beginn der ersten Sitzung verlesen wurde, dass seine Vorgaben wie die Verurteilung der Drei Kapitel zu befolgen seien, und er legte auch noch einmal die Ziele seiner Drei-Kapitel-Politik dar: die Restitution der kirchlichen Gemeinschaft und die Verteidigung Chalcedons gegen

361 Vgl. Epistula legatariis (19,27–21,2 Schwartz); vgl. Modéran, „L’Afrique reconquise“, 49–51. Zu Reparatus und anderen afrikanischen Bischöfen, die nach der Chronik des Victor von Tunnuna nach Konstantinopel kommen s. u. Kap. 5.7.3.2 zu Chronicon 143. 362 In einem Brief an den Nachfolger des Menas, Eutychius von Konstantinopel, vom 06./07.01.553 (PL 69,65B– 68B Migne), ein Antwortschreiben auf dessen professio fidei, später aufgenommen in das Constitutum des Vigilius (Collectio Auellana 83,11–18 [232,22–234,14 Guenther]); vgl. Haacke, „Die kaiserliche Politik“, 171. 363 Vgl. Collectio Auellana 83,20–22; vgl. ACO 4,1 (12,17–38; 25,22–26,9 Straub). Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 452–453; Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 697–698. 364 Vgl. insgesamt zum Konzil und seiner theologischen Aussage Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 459–484. 365 Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 453; Price, The Acts of Constantinople 553 1, 51, spricht von sieben Bischöfen aus Africa und neun aus dem Illyricum. Die genaue Zahl der beim Konzil insgesamt anwesenden Bischöfe wird unterschiedlich wiedergegeben: Chrysos, Die Bischofslisten, 44–51, 138–144, verweist auf 166 Bischöfe, die die dogmatischen canones des Konzils unterschrieben hätten, in den Bischofslisten seien insgesamt 9 Afrikaner verzeichnet. Diese Zahl von afrikanischen Bischöfen gibt auch Maier, L’Épiscopat, 78 an. Noethlichs, „Iustiniaus (Kaiser)“, 698 geht von einer Gesamtzahl von 164 Bischöfen aus, unter ihnen acht Afrikaner; so auch Modéran, „L’Afrique reconquise“, 54. Nur ein Bischof, Pompeianus von Victoriana, scheint aus der Byzacena gewesen zu sein, vgl. Adamiak, Carthage, 75; Modéran, „L’Afrique reconquise“, 75; vgl. die Listen in ACO 4,1 (4,8; 21,4; 33,8; 40,5; 204,5; die Unterschrift verzeichnet in 225,6–7 Straub). Pompeianus verstand sich offenbar als Vertreter der gesamten Byzacena auf dem Konzil, vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 2, 293 (Anm. 14): „Its high position in the list and the designation of its bishop in the attendance list as simply ‚bishop of Byzacena‘ imply that he claimed to represent his province, despite the presence in the city of Primasius of Hadrumetum, active in the opposition to the council.“ Es sei unklar, ob die kleine Zahl von afrikanischen Bischöfen Resultat einer strengen Auswahl war oder Reflex dessen, dass nicht mehr (im kaiserlichen Sinn) zuverlässige Bischöfe gefunden werden konnten, so Modéran, „L’Afrique reconquise“, 54 mit Verweis auf einen entsprechenden Bericht zum Handeln des praefectus Africae in der Epistula legatariis (21,2–5 Schwartz).

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die Anhänger von Eutyches und Nestorius.366 Auch sein Konzilsverständnis machte Justinian deutlich: Semper studium fuit orthodoxis et piis imperatoribus patribus nostris pro tempore exortas haereses per congregationem religiosissimorum episcoporum amputare et recta fide sincere praedicata in pace sanctam dei ecclesiam custodire.367

So ist es wohl gerechtfertigt, Meier in seiner Einschätzung zu folgen: „Selbst das äußerlich unabhängig tagende 5. Ökumenische Konzil stand letztlich ganz unter dem Einfluß des Kaisers und diente lediglich der Ratifizierung seiner Entscheidungen.“368 Trotz mehrfacher Aufforderung kam Vigilius nicht zum Konzil dazu.369 Er erklärte, er werde eine eigene Beurteilung abgeben, und falls er dies nicht innerhalb von zwanzig Tagen tun werde, werde er den Entscheidungen des Konzils folgen – jedenfalls aber werde er nicht die communio mit den Anwesenden verlassen.370

366 Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 453–454. Vgl. ACO 4,1 (8,13–14,27, das folgende Zitat 10,12–19 Straub; Übers. 1,192 Price): […] initium et fundamentum nostri imperii fecimus coniungere diuisos sacerdotes sanctarum dei ecclesiarum ab Oriente usque Occidentem et omnem contentionem amputantes, quae is contra Calchedonensem sanctam synodum ab Eutychis et Nestorii impiorum sequacibus mouebatur, fecimus praedicari eandem sanctam synodum cum praedictis aliis sanctis tribus conciliis in dei ecclesiis, certe scientes quod ea quae ab ea de fide exposita sunt, consonant per omnia aliis tribus sanctis conciliis. / „We made it the start and foundation of our reign to unite the divided priests of the holy churches of God from east to west, and in order to suppress all the contention that the followers of the impious Eutyches and Nestorius were stirring up against the holy Council of Chalcedon, we made the same holy council to be proclaimed in the churches of God together with the aforesaid other holy councils, knowing for certain that its teaching on the faith accords in all respects with the three other holy councils.“ Vgl. auch Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 460; Price, The Acts of Constantinople 553 1, 29; ders., „The Second Council“, 130. 367 ACO 4,1 (8,19–22 Straub): „Es war immer das Streben für die rechtgläubigen und frommen Kaiser, unsere Väter, die in der jeweiligen Zeit aufgetretenen Häresien durch eine Versammlung der gottesfürchtigsten Bischöfe abzuschneiden und die heilige Kirche Gottes im Frieden zu bewahren durch den richtigen, rein gepredigten Glauben.“ Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 698: „Die Kaiser versammeln die Bischöfe, um Irrlehren zu beseitigen, den rechten Glauben zu verkünden u. die Kirche in Frieden zu behüten.“ Zum Frieden der Kirchen in Bezug auf das Konzil von Chalcedon (Victor von Tunnuna, Chronicon 10) s. u. Kap. 5.1.3. 368 Meier, Das andere Zeitalter, 293. 369 Vgl. die Berichte darüber in der 2. Sitzung des Konzils (Actio secunda 5 und 8–11 [ACO 4,1 (24,31– 27,5; 27,18–29,15 Straub)]). Vgl. auch Noethlichs, „Iustinanus (Kaiser)“, 697, zu den Gründen (Forderungen wie ein Tagungsort im Westen seien nicht erfüllt worden). Vigilius’ o. g. grundsätzliche Zustimmung zu einem Konzil (Antwortschreiben an Eutychius) wurde in der ersten Sitzung verlesen, vgl. ACO 4,1 (16,17–17,31 Straub). 370 Vgl. ACO 4,1 (26,11–14 Straub; Übers. 1,212 Price): Et uobis autem similia dico hoc adiciens quod, nisi intra praedictos dies manifestam meam faciam uoluntatem, quidquid uos de capitulis istis ordinaueritis, sequor uos et non separo me de uestra communione / „And I say the same to you, adding this, that unless I make known my will within the aforesaid days [= zwanzig Tage], whatever you decide about those chapters, I follow you and do not separate myself from your communion“. Die Forderung der Beibehaltung der communio wird auch durch die zu Vigilius gesandten Bischöfe betont (ACO 4,1 [26,29–30 Straub; Übers. 1,213 Price]): permanetis in nostra communione et condemnatis a nobis tribus capitulis / „you remain in our communion even after we have condemned the Three Chap-

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Das Konzil verhandelte die Frage der Drei Kapitel in seiner vierten, fünften und sechsten Sitzung:371 In der vierten Sitzung des Konzils wurde zuerst Theodor von Mopsuestia behandelt, indem Teile seiner Schriften verlesen wurden, um seine blasphemiae darzustellen und ihn der Häresie zu überführen. Er wurde aber noch nicht abschließend verurteilt.372 In der fünften Sitzung wurde der Fall des Theodor daher anhand dessen, quae de ipso sancti patres dixerunt et imperialibus legibus et historicis conscriptis continentur,373 weiter verhandelt. Es wurde zudem geprüft, ob es schon einmal den Fall gegeben hatte, Verstorbene zu verurteilen, und es wurden Beispiele dafür angeführt.374 Es entspreche der kirchlichen Tradition, Häretiker posthum zu verurteilen.375 Schließlich wurden in derselben Sitzung noch Exzerpte aus den antikyrillischen Schriften des Theodoret von Kyrrhos verlesen – desjenigen der Drei Kapitel, der im ganzen Streit am wenigsten diskutiert wurde –, um zu zeigen dass sie dem Brief des Ibas ähnelten und gleich diesem verwerflich seien.376 Der Brief des Ibas von Edessa an den Perser Mari wurde in der sechsten Sitzung des Konzils verhandelt, in weiten Teilen präsentiert von Theodor Askidas. Auch hier wurde u. a. die Argumentation der Unechtheit des Briefes aufgegriffen. Der Brief wurde aber ebenso theologisch auseinandergenommen und als nestorianisch interpretiert. Das Bekenntnis von Chalcedon widerspreche seinem Inhalt; wer den Brief anerkenne, lehne Chalcedon ab.377

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ters“. Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 213 (Anm. 16), der dies als Forderung an Vigilius versteht, nicht mit Exkommunikation zu reagieren wie nach Justinians Edikt Confessio rectae fidei (vgl. Vigiliusbriefe 1). Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 52: „These sessions consisted of a one-sided presentation of the case against the chapters; though the final verdict was utterly predictable, the bishops held back from pronouncing it immediately, presumably in the hope that Vigilius might even now be induced to take part.“ Zusammengefasst bei Price, The Acts of Constantinople 553 1, 225–226; zur Auswahl der Texte Theodors vgl. ebd., 227–230; der Text der Actio in ACO 4,1 (39–72 Straub), zur noch nicht abschließenden Verurteilung vgl. ACO 4,1 (72,23–30 Straub [Actio quarta 83]). ACO 4,1 (73,22–23 Straub [Actio quinta 2]; Übers. 1,283 Price): „of what the holy fathers said about him and what is contained in imperial laws and historical writings“. So auch Justinians Anweisung in Actio prima 7,15; vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 271; zur Einordnung der verlesenen Texte in die Kontroversen der 430er Jahre und ihrer Präsentation auf dem Konzil vgl. ebd., 271–279. Vgl. auch Justinian, Confessio rectae fidei (102,16–106,5 Schwartz). Vgl. ACO 4,1 (Actio quinta 93 [130,5–7 Straub; Übers. 1,358 Price]): Sufficiunt quidem quae dicta et prolata sunt, ecclesiasticam traditionem demonstrare eo quod oportet haereticos et post mortem anathematizari. / „What has been stated and produced is sufficient to prove the church tradition that it is proper to anathematize heretics even after death.“ Vgl. zusammenfassend zur Sitzung Price, The Acts of Constantinople 553 1, 271; vgl. auch kurz Maraval, Die Religionspolitik, 455; der Text der Actio in ACO 4,1 (73–136 Straub). Vgl. zur Rolle der Schriften Theodorets im Drei-Kapitel-Streit Price, The Acts of Constantinople 553 1, 84–88, zur Verurteilung in dieser Sitzung vgl. ebd., 281–282. Vgl. zur Argumentation des Theodor Askidas in dieser Sitzung Price, „The Second Council“, 127–129; Graumann, „Orthodoxy“, 231–235. Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 2, 3–5; Price, „The Three Chapters Controversy“, 27–29; der Text der sechsten Sitzung in ACO 4,1 (137–182 Straub). Das Gesamturteil sprach Eutychius von Konstantinopel für das ganze Konzil (Actio sexta 30), wobei er grundsätzlich Justinians Confessio

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Vigilius hatte in der Zwischenzeit seine angekündigte eigene Beurteilung in der Frage der Drei Kapitel verfasst, das Constitutum.378 Es wurde am 14. Mai von drei römischen Diakonen und siebzehn weiteren Bischöfen, darunter Primasius von Hadrumetum, in Konstantinopel unterzeichnet, jedoch erst am 25. Mai dem Kaiser übergeben.379 Justinian lehnte das Dokument jedoch ab: Es „war überflüssig, wenn es die Drei Kapitel verurteilte, da sich der Papst bereits gegen sie ausgesprochen hatte, und es war unannehmbar, wenn er sie guthieß, da er sich damit selbst wiedersprochen hätte.“380 Im Constitutum werden Auszüge aus den Werken Theodors von Mopsuestia präsentiert, die für häretisch befunden werden, wenngleich die Verurteilung eines Verstorbenen abgelehnt wird. Theodoret von Kyrrhos und der Brief des Ibas von Edessa an Mari werden verteidigt; ebenso die Autorität des Konzils von Chalcedon.381 Abschließend wird verboten, irgendetwas anderes als im Constitutum dargelegt über die Drei Kapitel zu schreiben, zu lehren oder weiter zu untersuchen.382 Das Dokument ähnelt v. a. in seiner Verteidigung der Drei Kapitel Pelagius’ 554 herausgegebener Schrift In defensione trium capitulorum.383 Sein Anliegen ist aber v. a. darin zu sehen, den Papst vor dem Vorwurf der Häresie zu schützen und seine Leser davon zu überzeugen, dass dessen Weigerung, die Drei Kapitel zu verurteilen, sein Festhalten an der kyrillischen Christologie, wie sie Justinian in der Confessio rectae fidei dargelegt hatte, nicht kompromittierte.384

rectae fidei folgte, im Einzelnen aber von den Argumenten Justinians abwich; vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 2, 5. 378 Vigilius, Constitutum de tribus capitulis (= Collectio Auellana 83 [230,19–320,16 Guenther]). 379 Vgl. Vigilius, Constitutum de tribus capitulis 307–314 (318,15–320,11 Guenther). 380 Maraval, „Die Religionspolitik“, 455; vgl. Actio septima 4,2 (ACO 4,1, 185,10–42 [hier 34–40 Straub; Übers. 2,77 Price]): Cum autem hoc recusasti [= das Kommen zum Konzil und das Urteilen über die Drei Kapitel], dicis uero quaedam solus scripsisse per te de his tribus capitulis, si quidem condemnasti ea consonanter his quae iam facta ante sunt, habemus multa talia scripta quae fecisti, et altero non indigemus; si autem aliquid contrarium his quae iam ante facta sunt, in praesenti fecisti, tu te ipsum per tua scripta condemnas a rectis desistens dogmatibus et impietatem defendens. Et quomodo a te habemus talem chartam suscipere? / „But since you have refused to do this and say that you have written certain things on your own about these Three Chapters –, if you have condemned them in accord with previous transactions, we possess many such writings that you have composed and have no need of another; but if you have composed at the present time something contrary to what was already composed before, you condemn yourself in your writings by forsaking orthodox doctrines and defending impiety. How can I accept such a document from you?“ Das Constitutum wurde daher wahrscheinlich nie veröffentlicht, vgl. Zettl, Die Bestätigung, 13; Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 461 (Anm. 502). 381 Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 2, 141–144 für eine Zusammenfassung der (weiteren) Inhalte. Vgl. auch Maraval, „Die Religionspolitik“, 455–456. 382 Vgl. Vigilius, Constitutum de tribus capitulis 305–306. 383 Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 461, hebt daher die Rolle des Pelagius beim Verfassen des Constitutum hervor. 384 Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 2, 144.

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Von den Geschehnissen um die Übergabe des Constitutum wurde zu Beginn der siebten Sitzung385 berichtet, die dann im Folgenden das Problem der Haltung des Papstes behandelte. Es wurden die Dokumente vorgebracht, die zeigen sollten, wie sich Vigilius zuvor in der Frage der Drei Kapitel positioniert hatte, wie die o. g. geheimen Briefe an Justinian und an Theodora.386 Die Gemeinschaft mit der Kirche Roms wurde zwar beibehalten,387 der Name des Papstes aber als dem Christlichen „fremd“ bezeichnet und aus den Diptychen getilgt.388 Damit war Vigilius quasi von seinem Amt suspendiert.389 Seine Opposition stand nicht mehr im Weg, und die Frage der Drei Kapitel konnte in der achten und letzten Sitzung des Konzils abschließend beurteilt werden.390 Nach einer Zusammenfassung der in den vorherigen Sitzungen zusammengetragenen Argumente erfolgte die formale Verurteilung der Drei Kapitel: des Theodor von Mopsuestia und seiner gottlosen Schriften, der Schriften des Theodoret von Kyrrhos gegen den rechten Glauben, gegen die zwölf Anathematismen des Kyrill von Alexandria, gegen das Konzil von Ephesus und zur Verteidigung des Theodor und des Nestorius, sowie des Briefes an den Perser Mari, der Ibas zugeschrieben wird.391 385 Vgl. Actio septima 4 (ACO 4,1 [183,23–187,18; die Sitzung insgesamt 183–202 Straub]). 386 S. o. S. 73. 387 Vgl. Actio septima 17 (ACO 4,1 [202,18–19 Straub; Übers. 2,101 Price]): Seruemus itaque unitatem ad apostolicam sacrosanctae ecclesiae sedem antiquioris Romae. / „Let us therefore preserve unity with the apostolic see of the sacrosanct church of Elder Rome“. 388 Vgl. Actio septima 16,3 (ACO 4,1 [202,7–8 Straub; Übers. 2,101 Price]): His igitur ab eo factis alienum Christianis iudicauimus nomen ipsius sacris diptychis non recitari. / „Since therefore he has acted in this way, we have pronounced that his name is alien to Christians and is not to be read out in the sacred diptychs“. Zur Bedeutung dieses Aktes vgl. kurz Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 472: Durch die Erwähnung bzw. eben Nicht-Erwähnung in den Diptychen, die im Gottesdienst verlesen wurden, wurde seit dem Ende des fünften Jahrhunderts das Bestehen bzw. das Fehlen der kirchlichen Gemeinschaft ausgedrückt. 389 Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 2, 73–74, vgl. 102: Er wurde nicht formal abgesetzt, impliziert wurde aber, „if he refused to yield to the council, deposition would swiftly follow“. Vgl. auch Maraval, „Die Religionspolitik“, 456: „Vigilius’ Verhalten wurde getadelt, ohne daß das Konzil Maßnahmen gegen ihn ergriffen hätte. Man unterschied zwischen dem sedens (Vigilius) und der sedes Apostolica. Letztere wurde nicht angegriffen, dafür aber der sedens.“ Eine solche Unterscheidung findet sich später auch gegenüber Pelagius: Nach seiner Einsetzung als Papst wollten Bischöfe aus der Tuscia Annonaria zwar mit der römischen Kirche Gemeinschaft haben, nicht aber mit ihm als Papst; vgl. Pelagius I., Epistula 10; vgl. Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 472–473. 390 Der Text der achten Sitzung in ACO 4,1 (203–231 Straub). 391 Vgl. Actio octaua 4,27 (ACO 4,1 [214,16–34 Straub; Übers. 2,118–119 Price]): Condemnamus autem et anathematizamus una cum aliis omnibus haereticis qui condemnati et anathematizati sunt a praedictis sanctis quattuor conciliis et a sancta catholica et apostolica ecclesia, et Theodorum qui Mopsuestiae episcopus fuit, et impia eius conscripta et quae impie Theodoretus conscripsit contra rectam fidem et contra duodecim capitula sancti Cyrilli et contra Ephesenam primam synodum, et quae ad defensionem Theodori et Nestorii ab eo scripta sunt. Super haec anathematizamus et impiam epistolam quam dicitur Ibas ad Marim Persam scripsisse […]. Praedicta igitur tria capitula anathematizamus, id est Theodorum impium Mopsuestenum cum nefandis eius conscriptis et quae impie Theodoretus conscripsit, et impiam epistolam quae dicitur Ibae, et defensores eorum et qui scripserunt uel qui scribunt ad defensionem eorum uel recta ea dicere praesumunt uel omnino impietatem eorum nomine sanctorum patrum aut sancti Calchedonensis concilii defenderunt aut defendere conantur. / „Together with all the other her-

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Die 14 canones des Konzils (215,8–220,14 Straub) sind eine erweiterte Fassung von Justinians Confessio rectae fidei. Die Verurteilungen der Drei Kapitel werden in den canones 12–14 festgehalten. Die canones 1–10 bestätigen im Prinzip das Bekenntnis zu Chalcedon; canon 11 bezieht sich auf die Verurteilung des Origenes.392 Damit war 122 Jahre nach dem Konzil von Ephesus 431 erneut der Nestorianismus mit seinen Hauptthesen verurteilt und Chalcedon durch die Verurteilung der des „Nestorianismus“ bezichtigten Drei Kapitel vom Verdacht des „Nestorianismus“ „befreit“.393 Das Konzil versichert abschließend noch einmal, mit seinem Bekenntnis der Lehre der Schrift, den Vätern und den vier Konzilien zu folgen.394 Die prochalcedonensischen Bischöfe, die am Konzil teilgenommen hatten, stimmten dem Konzil ohne größere Widerstände zu. Der Status von Vigilius hingegen blieb zunächst offen: „There were only two ways in which the impasse could now be resolved – either by the formal trial and deposition of Vigilius or by his capitulation, in which case his name could be restored to the diptychs.“395 Es ist zu vermuten, dass Vigilius daher in der Folge weiterem Druck ausgesetzt war.396 Schließlich verurteilte Vigilius die Drei Kapitel zunächst in einem kurzen Brief an Eutychius von Konstanti-

etics who were condemned and anathematized by the aforesaid holy four councils and by the holy catholic and apostolic church we also condemn and anathematize Theodore at one time bishop of Mopsuestia and his impious writings, the things that Theodoret wrote impiously against the orthodox faith and against the Twelve Chapters of the holy Cyril and against the […] First Council of Ephesus, and what he wrote in defence of Theodore and Nestorius. In addition to this we also anathematize the impious letter that Ibas is said to have been written to Mari the Persian […]. We therefore anathematize the aforesaid Three chapters, that is, the impious Theodore of Mopsuestia together with his execrable writings, the things that Theodoret wrote impiously, and the impious letter ascribed to Ibas, and also their defenders and those who have written or write in their defence or presume to call these writings orthodox or have defended or try to defend their impiety in any way in the name of the holy father or of the holy Council of Chalcedon.“ Vgl. auch Price, The Acts of Constantinople 553 2, 102–103; ders., „The Three Chapters Controversy“, 26; Maraval, „Die Religionspolitik“, 455. 392 Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 2, 103–105; vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 456. Der Origenismus war (erneut) kurz vor dem Konzil verurteilt worden, das Konzil nahm diese Verurteilung lediglich zur Kenntnis; vgl. Uthemann, „Kaiser Justinian“, 324–325; Meier, Das andere Zeitalter, 282 (mit Anm. 255). 393 Vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 465; vgl. ebd., 466–484 zur theologischen Einordnung der Konzilsbeschlüsse. Das Konzil vertrete in christologischer Hinsicht einen gemäßigten Neuchalcedonismus (vgl. ebd., 483). Vgl. auch Price, „The Second Council“, 130 zum letztlichen Ziel des Konzils: „The only way to solve the problem of the apparent flaws in the work of Chalcedon was to demonstrate that its work had not been properly understood. The reshaping of the record […] presented a perfected and purified Chalcedon“, aber eben im genannten Sinn, und nicht im Sinne einer Weiterentwicklung der Lehre des Konzils oder gar einer Korrektur der Fehler Chalcedons. 394 Vgl. Actio octaua 5,14 (ACO 4,1 [220,6–8 Straub]). Die Autorität der vier Konzilien wird auch an anderer Stelle betont, vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 285 (mit Anm. 267) mit Hinweis auf ACO 4,1 (209,28–37; 214,12–16 Straub [hier kurz vor der Verurteilung der Drei Kapitel]). 395 Price, The Acts of Constantinople 553 2, 214. Vgl. zu Vigilius und zum Konzil selbst auch Sotinel, „Vigilio“, 523–527. 396 Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 54.

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nopel (08.12.553), indem er hauptsächlich die canones des Konzils wiederholte.397 Am 23.02.554 veröffentlichte Vigilius dann ein zweites Constitutum, ein deutlich umfangreicheres Dokument, welches die Verurteilung aus dem Brief an Eutyches offiziell wiederholte.398 Der Text befasst sich hauptsächlich mit dem Brief des Ibas von Edessa, die anderen „Zwei Kapitel“ spielen nur eine untergeordnete Rolle.399 Vigilius argumentiert v. a. für die Unechtheit des Briefes.400 Vigilius starb im Juni 555 auf der Rückreise von Konstantinopel nach Rom.401 Er wurde dem Liber pontificalis zufolge als einziger Papst des sechsten Jahrhunderts nicht in der St. Peter-Basilika in Rom bestattet.402 Vigilius’ Nachfolger wurde Pelagius, über zehn Jahre römischer Apokrisiar in Konstantinopel, der kurz zuvor ja noch eine Schrift zur Verteidigung der Drei Kapitel ver-

397 Der Brief an Euytchius (Vigilius, Epistula 2 ad Eutychium) in ACO 4,1 (245,9–247,39 Straub), angefügt an die Akten der achten Sitzung des Konzils in deren zweiten Ausgabe: „As expressing papal confirmation of the council’s condemnation of the Three Chapters it was an essential part of the second edition of the acts, produced to celebrate the achievement of unanimity.“ (Price, The Acts of Constantinople 553 2, 214; zur zweiten Edition vgl. ders., The Acts of Constantinople 553 1, 104–105.) Dieser Brief kann schon als offizielles Schreiben verstanden werden, vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 463. 398 Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 456–457; das zweite Constitutum in ACO 4,2 (138–168 Schwartz). Die Echtheit dieser beiden Texte des Vigilius war lange umstritten, wurde aber durch Zettl, Die Bestätigung, bes. 17–69 bereits überzeugend nachgewiesen, vgl. die Erörterung bei Straub, „Praefatio“, XXIX–XXXII. 399 Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 54–55. Als Reaktion schrieb Pelagius wohl kurz darauf seine Schrift In defensione trium capitulorum, in der er das päpstliche Dokument attackierte; u. a. behauptete er, dieses basiere auf einem Brief aus dem Palast (In defensione trium capitulorum 2 [6,32; 11,4 Devreesse] u. ö.); vgl. Devreesse, „Introduction“, XLI (mit Anm. 1); wahrscheinlicher ist jedoch, dass es das verlorene Iudicatum als Grundlage hatte (vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 54). Vgl. insgesamt zur Schrift des Pelagius die Einleitung in der Ausgabe von Devreesse. 400 Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 2, 219–220; ders., „The Three Chapters Controversy“, 29– 30, hier 29: „He went beyond the call of duty in not simply querying the authenticity of the Letter to Mari but arguing that it was certainly inauthentic.“ Vgl. etwa die Interpretation der Konzilsakten der 9. Sitzung von Chalcedon im Constitutum II (ACO 4,2 [142,24–26 Schwartz; Übers. 2,227 Price]): Claret igitur ab ipso initio quo Hibas Edessenae ciuitatis episcopus sanctam Chalcedonensem synodum monstratur ingressus, epistolam quae Marim Persam ab eo scripta confingitur, quia sua fuerit, denegasse […]. / „It is therefore clear from the very start, when Ibas bishop of the city of Edessa is described as having entered the holy Synod of Chalcedon, that he denied as being his letter which pretends to have been written by him to Mary the Persian […]“. 401 Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 55, der den Verdacht äußert, Konstantinopel könnte der Providenz hierbei ein wenig nachgeholfen haben. Zwischenzeitlich hatte Vigilius bei Justinian noch den Erlass der sog. Pragmatischen Sanktion, die Maßnahmen zugunsten Italiens zugestand, erreicht (Nouellae Iustiniani, Appendix 7 [799–802 Schöll/Kroll]); vgl. Stein, Histoire du Bas-Em­ pire 2, 613–616; Maraval, „Die Religionspolitik“, 457; Price, The Acts of Constantinople 553 1, 55. 402 Vgl. Liber pontificalis 61,9 (299,12 Duchesne); Sotinel, „Vigilio“, 527: Dies sei der erste Ausdruck einer subtilen damnatio memoriae, die Vigilius’ Nachfolger Pelagius verfolgt habe. Wenn Vigilius mit der Verurteilung der Drei Kapitel die Gunst des Kaisers erlangt habe, habe er dafür die Feindschaft beinahe aller, die in ihrer Verteidigung standhaft geblieben waren, auf sich gezogen. Diese Feindschaft wird auch in der Chronik des Victor von Tununna deutlich, s. u. Kap. 5.7.2 und 5.7.3.

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fasst hatte, nun aber auf Verlangen Justinians der Verurteilung durch das Konzil zustimmte, um Papst zu werden.403 Das Konzil von 553 stieß auf Widerstand bei den Miaphysiten und im Westen, besonders in Nordafrika und im Illyricum404, wo es zu Verfolgungen und Exilierungen von Mönchen und Klerikern kam, die gegen die Verurteilung der Drei Kapitel Widerstand leisteten. Aber auch in Italien gab es gegen die Beschlüsse von 553 heftige Gegenwehr, wobei hier besonders die Gemeinschaft mit Rom in Frage gestellt wurde.405 Für Nordafrika urteilt Claire Sotinel: Die Gegenmaßnahmen des Kaisers scheinen Erfolg gehabt zu haben: In der Folgezeit gab es in Nordafrika keine Auseinandersetzungen mehr, die sich an der Haltung zu den Drei Kapiteln entzündeten. Obgleich man in der Sache selbst entschieden blieb, wie schon das Werk des Liberatus von Karthago bezeugt, war die Gemeinschaft mit Konstantinopel und Rom nicht davon betroffen.406

Die Arbeit an der Chronik des Victor von Tunnuna wird zeigen, ob diese Einschätzung auch von ihr her bestätigt werden kann. Immerhin zeichnet sie mit einem Fokus auf den Drei-Kapitel-Streit noch die Jahre bis 565 auf. Justinian suchte auch nach dem Konzil noch das Gespräch mit den Miaphysiten, Anfang der 560er Jahre versuchte er sogar eine Annäherung mit der (nestorianischen) persischen Kirche. Diese weiteren Aktionen sind aber kein Thema in der Chronik des Victor von Tunnuna, möglicherweise abgesehen von der (umstrittenen) Hinwendung Justinians zum sogenannten Aphthartodoketismus.407 403 Vgl. Maraval, „Die Religionspolitik“, 457; Sotinel, „Das Dilemma des Westen“, 470–471; Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 156. Im Liber Pontificalis 62,1 (303,4–5 Duchesne) wird Vigilius als Märtyrer des Pelagius gesehen, d. h. Pelagius wird für den Tod des Vigilius verantwortlich gemacht, und deshalb kündigen ihm Klöster und eine Menge von Mönchen, Weisen und Noblen die Gemeinschaft auf (monasteria et multitudo religiosorum, sapientium et nobilium subduxerunt se a communione eius, dicentes quia in morte Vigilii papae se imiscuit). Die Nachricht, dass Vigilius selbst kurz nach dem Konzil seine Meinung geändert hatte, verbreitete sich wohl nicht überall, vgl. Sotinel, „The Three Chapters“, 93–94; Adamiak, Carthage, 76 (Anm. 869). Die Gründe für das Umschwenken des Pelagius sind unklar und umstritten. Vgl. Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 471–477; dies., „The Three Chapters“, bes. 93–109, zu Pelagius und zur Situation in Italien (Rom, Ravenna, Mailand und Aquileia), wo Vigilius weiterhin als Verteidiger der Drei Kapitel betrachtet wurde. Nur in Rom gelang es, Bedenken gegen Pelagius zu zerstreuen. Dies zeigt auch die erhaltene Korrespondenz des Pelagius. 404 Zum Illyricum vgl. Sotinel, „Das Dilemma des Westens“; 469; vgl. auch kurz Flusin, „Bischöfe und Patriarchen“, 576–577; s. auch u. in Kap. 5.7.1.4 und 5.7.3. 405 Zwischen Mailand und Aquileia führten die Konflikte bis zum Schisma, das bis zum Ende des siebten Jahrhunderts anhielt, vgl. Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 477–479, vgl. ebd., 478– 488 zur weiteren Entwicklung in Aquileia; vgl. dies., „Vigilio“, 527–528; dies. „The Three Chapters“. Vgl. zur Rezeption im Westen auch Price, „The Three Chapters Controversy“, 35–36. 406 Sotinel, „Das Dilemma des Westens“, 469, mit Verweis auch auf die Chronik des Victor von Tunnuna und die Epistula fidei catholicae. 407 Vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 485–495; Maraval, „Die Religionspolitik“, 458. Zur Diskussion bezüglich Justinian und den Aphthartodoketismus s. u. Kap. 5.7.3.7 und die entsprechenden Exkurse.

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Eine Chronik und ihre (Vor-)Geschichte

„North African churchmen were looking both east and west in the Byzantine period“.408 Dies spiegelt auch der zweifache Kontext der Chronik des Victor von Tunnuna: Das Panorama „Nordafrika“, also der Kontext der Chronik in geographisch-politischkirchlicher Hinsicht und der Drei-Kapitel-Streit als theologiegeschichtlicher  – und auch kirchenpolitischer – Kontext der Chronik. Diese sind hiermit abgesteckt.409 Wie die Chronik des Victor von Tunnuna in dieses Panorama einzuordnen ist – als Chronik aus Nordafrika, dennoch geschrieben in Konstantinopel, als parteiischer Text im Drei-Kapitel-Streit, wird im weiteren Verlauf der Arbeit zu untersuchen sein.

408 Dossey, „Exegesis and Dissent“, 267. 409 Da die Chronik des Victor von Tunnuna für einige Ereignisse aus der späten Zeit des Drei-Kapitel-­ Streites (nach 553) die einzige Quelle ist, wird die historische Darstellung an dieser Stelle nicht fortgeführt, um die folgende Untersuchung nicht vorwegzunehmen.

3. Der Text der Chronik und seine Geschichte In diesem Kapitel 3 steht die erste Geschichte der Chronik im Mittelpunkt: Die Geschichte des Textes der Chronik. Darunter werden hier zunächst die klassischen „Einleitungsfragen“ subsumiert: Die Frage nach dem Autor der Chronik, die Datierung der Chronik, ihre Quellen und ihre grundsätzliche Überlieferung bis zu den bisher erschienenen Editionen und Übersetzungen. Immer wieder wurde diskutiert, ob die Chronik des Victor von Tunnuna ursprünglich eine Universalchronik war oder ob der überlieferte Text dem ursprünglichen Textbestand entspricht. Damit hängt die Beurteilung des Anfangs der Chronik (Präskript) zusammen. Eine weitere Unklarheit in Bezug auf den ursprünglichen Textbestand ergibt sich am Schluss der Chronik (Chronicon 175), der vom restlichen Text der Chronik sehr unterschieden ist und besondere formale Merkmale aufweist. Auch diese Probleme werden daher in diesem Kapitel untersucht. 3.1 Zum Autor der Chronik: Victor von Tunnuna Über den Autor der Chronik, also die historische Person „Victor von Tunnuna“, ist wenig bekannt. Schon sein Name und die Lokalisierung von Victors Bischofssitz sind umstritten. Die einzige Quelle für das Leben des Victor von Tunnuna ist die Chronik selbst, in der in wenigen Kapiteln Informationen über ihren Autor zu finden sind.1 Von

1

Die für Victors Biographie relevanten Stellen in der Chronik sind Victor von Tunnuna, Chronicon 153 (50,905–912 Cardelle de Hartmann); 156 (51,919–923 Cardelle de Hartmann); 169 (53,968– 54,975 Cardelle de Hartmann). Zu Victors Biographie vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 95*–102*; Placanica, „Introduzione“, XI–XII; ders., „Da Cartagine“, 327–336; Martyn, „Preface“, 130–131; vgl. auch Mommsen, „Praefatio“, 178–179. Placanica, „Da Cartagine“, 333, nimmt zudem an, Chronicon 141 belege, dass Victor von Tunnuna am afrikanischen Konzil von 550 teilgenommen habe, „del quale egli stesso conserva il ricordo“. Aus Chronicon 141 ist aber seine eigene Teilnahme nicht ersichtlich, es werden nur allgemein afrikanische Bischöfe erwähnt. Im Kommentar zu diesem Jahr in Victors Chronik (Placanica, „Note“, 123) erwähnt Placanica diese Vermutung auch nicht mehr, obwohl er sie in der Einleitung zu seiner Edition nochmals äußert (vgl. Placanica, „Introduzione“, XII).

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

der Chronik abhängig2 schreibt Isidor von Sevilla über Victor in De uiris illustribus 15.3 Zudem gibt es eine kurze Notiz in De uiris illustribus 25, die über das in der Chronik Notierte hinausgeht.4 So kann es im Folgenden nur um Annäherungen an die Person gehen, die sich in der Chronik Victor Tunnensis ecclesie huius auctor operis nennt.5 3.1.1 Name und Herkunft Es ist davon auszugehen, dass der auctor der Chronik, der sich als Victor Tunnensis bezeichnet, aus Africa stammt: Er schreibt von sich und Bischof Theodor von Cebarsussa, der mit ihm in Gefangenschaft war, etwas später als von episcopi Affricani.6 Eine präzisere Lokalisierung über Africa hinaus ist nicht sicher möglich,7 auch wenn der Bischofssitz Tunnuna mehrfach in der Proconsularis vermutet wurde: Theodor Mommsen verlegt die Stadt „in provincia proconsulari fortasse non longe a Carthagine magna“;8 Antonio Placanica nennt Victors Bischofssitz „una città, o più probabilmente vilaggio, nell’Africa Proconsulare“.9 In der Notitia prouinciarum wird für die Proconsularis nämlich ein Bischof Cresconius Tennonnensis notiert.10 Zudem wird für das Konzil von Karthago von 525 ein Optatus episcopus plebis Tonnonensis aufgeführt.11 Auch der Sitz dieses Bischofs wird mit Verweis auf die Notitia prouinciarum und den genannten Cresconius Tennonnensis normalerweise in der Proconsularis lokalisiert.12

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Vgl. Placanica, „Da Cartagine“, 328–329; Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 97*; vgl. zur Abhängigkeit des Isidor von Victor auch Codoñer Merino, „Estudio de la obra“, 60–62. Isidor von Sevilla, De uiris illustribus 15 (147,1–12 Codoñer Merino). Von Isidor wiederum abhängig ist Johannes Trithemius, Liber de scriptoribus ecclesiasticis, Basel 1494, fol. 36r, der Victor eine Schrift Pro defensione trium capitulorum zuschreibt (et quaedam alia), was aber wohl eine Fehlinterpretation von Isidor von Sevilla, De uiris illustribus 25 (147,5–7 Codoñer Merino) ist, wo Isidor schreibt: Hic pro defensione trium capitulorum a Iustiniano Augusto exilio in Aegypto transportatur. Vgl. Placanica, „Da Cartagine“, 330–331, sowie Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 97* (Anm. 189). S. u. S. 106. Victor von Tunnuna, Chronicon 153 (50,905–906 Cardelle de Hartmann). Victor von Tunnuna, Chronicon 156 (51,919 Cardelle de Hartmann). Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 97*. Mommsen, „Praefatio“, 179. Placanica, „Introduzione“, XI. Notitia prouinciarum et ciuitatum Africae 21 (253,21 Lancel; vgl. 63,21 Halm). Petschenig entscheidet sich in seinem Text in Angleichung an das Konzil von Karthago 525 für Cresconius Tonnonensis (118,21 Petschenig; vgl. apparatus ad locum). Die (einzige vorhandene) Handschrift der Notitia (Laon BM 113, 9. Jahrhundert) bezeugt aber eben Tennonnensis, ebenso wie die indirekte Bezeugung im Thesaurus geographicus von Abraham Ortelius, Antwerpen 1596 (fol. ccv). Concilium Carthaginense a. 525, subscriptio (272,60 Munier). Vgl. Mommsen, „Praefatio“, 179; Placania, „Da Cartagine“, 331. Vgl. Courtois, Les Vandales, 37; Mandouze, Prosopographie, 806 (s. v. „Optatus 11“).

Zum Autor der Chronik: Victor von Tunnuna

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Allerdings kann nicht ohne weiteres davon ausgegangen werden, dass es sich bei beiden, Tennonnensis und Tonnonensis, um denselben Bischofssitz handelt: Mommsen schlägt für Victor nach der Erwähnung der Varianten in den Handschriften den Beinamen Tonnenensis vor13 und stützt sich dabei auf eine unvollständige Inschrift einer Liste von Städten im Gebiet von Karthago, die von Johannes Schmidt entdeckt wurde.14 Carmen Cardelle de Hartmann kritisiert dies wegen des Wechsels der Vokale: Sie weist darauf hin, dass ein Wechsel zwischen u und o im spätantiken Latein zwar normal, ein Wechsel zwischen u und e jedoch schwierig zu erklären sei.15 Dieses Argument spricht auch gegen eine Gleichsetzung der Bischofssitze des Cresconius Tennonnensis und des Optatus Tonnonensis. Wenn sie aber nicht gleichzusetzen sind, bedeutet das wiederum für den Bischofssitz des Optatus, dass er nicht in Bezug auf Cresconius Tennonnensis in der Proconsularis lokalisierbar (und damit zunächst überhaupt nicht lokalisierbar) ist. Ebensowenig kann dann allerdings der Bischofssitz des Victor von Tunnuna in Bezug auf diese beiden Bischöfe in der Proconsularis verortet werden. Ein weiteres Problem ist, dass der Name des Bischofssitzes von Victor von Tunnuna selbst unklar ist: Victors (Bei-) Name variiert in der Textüberlieferung der Chronik und bei Isidor.16 Die Tradition der Handschriften der Chronik spricht für Tunnensis als Originalform.17 Bezeugt sind in den Handschriften der Chronik die Varianten Tunnensis (P, P-S ex So), Tuniensis (P’) und Tunnuriensis (U).18 Da die lateinischen Formen des Adjektives für Tunis (lateinisch Thynos oder Thunos) Tuneiensis und Tuniensis sind,19 wurde vermutet, dass Victor Bischof von Τύνες (dem heutigen Tunis) war.20 Allerdings ist dies schon deshalb nicht wahrscheinlich, weil die Akten des 2. Konzils von Konstantinopel 553 für Tunis einen Sixtilianus als Bischof bezeugen.21 Cardelle de Hartmann geht daher davon aus, dass die Form Tunnensis aus Chronicon 153 ein sehr früher Fehler vom Anfang der Überlieferung ist.22 In den Handschrif13 14 15 16 17 18 19 20 21 22

„Dubbiosamente“, so Placanica, „Da Cartagine“, 332. CIL 8, Suppl. 1, n. 125552a: ]nennenses (1298 Cagnat/Schmidt). Vgl. Mommsen, „Praefatio“, 179: „Hanc coniecturam secutus equidem in re incerta Tonnenensem eum appello“. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 98*. Neben den o. g. Abschnitten über Victor in De uiris illustribus erwähnt Isidor Victor im Vorwort seiner Chronik (Isidor von Sevilla, Chronica 1/2 1 [6,7–8/7,7–8 Martín]) als Victor Tonnonensis (mit zahlreichen Varianten im apparatus ad locum). Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 97*. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 153 (50,905 Cardelle de Hartmann und apparatus ad locum; zur Übersicht der Handschriften vgl. das Stemma in der „Introducción“, 76*). Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 98* (Anm. 192). Diese These wurde bereits von Henrique Flórez, dem Herausgeber der ersten kritischen Edition der Chronik des Johannes von Biclaro vertreten und war sehr wirkungsvoll (vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 97*–98*; Flórez, Chronicon Johannis Biclarensis, 375 [Anm. 1]). Sextilianus […] episcopus ecclesiae catholicae Tuneiensis (ACO 4,1 [222,32 Straub]). Vgl. Placanica, „Da Cartagine“, 331; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 97*–98*. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 98*.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

ten bezeugen das Vorwort der Chronik von Johannes von Biclaro sowie die Texte von Isidor von Sevilla (die Chronik und De uiris illustribus) nämlich weitere Varianten.23 Wahrscheinlich, so Cardelle de Hartmann, laute, wenn man alle Zeugnisse, auch die subscriptio des Konzils von Karthago 525, berücksichtige, die originale Form wohl Tunnunensis oder Tunnonensis.24 Cardelle de Hartmann entscheidet sich so für die Form Tunnunensis bzw. Tunnuna: Sie ist belegt durch das Vorwort zur Chronik von Johannes von Biclaro im Codex Uniuersitatis Complutensis (U), zudem sei sie die von Editoren und Forschern meistens gewählte Form, auch wenn nicht auszuschließen sei, dass die Formen Tonnonensis oder Tunnonensis die Originalformen gewesen sein könnten.25 Aus ähnlichen Gründen entscheidet sich Placanica ebenfalls für Tun(n)unensis.26 Dem schließe ich mich hier an, mehr also pragmatisch aufgrund der traditionellen Überlieferung als aufgrund des handschriftlichen Befundes; immerhin ist die gewählte Form für den Text der Chronik selbst nicht belegt. Eine (Bei-) Namens-Variante, die dem o. g. Cresconius Tennonnensis ähnelt, ist für Victor nicht überliefert. Damit bleibt eine genauere Lokalisierung des Bischofssitzes aufgrund des Namens unmöglich: Der Bischofssitz des Victor von Tunnuna kann höchstens derselbe sein wie der des genannten Optatus episcopus plebis Tonnonensis, dessen Lage jedoch, wie gesehen, ebenfalls unklar ist. Vermutungen über den genaueren Ort lassen sich allerdings anstellen aufgrund der inhaltlichen Darstellung der Chronik bzw. ihr erkennbaren Position. Beides weist auf die Provinz Byzacena. Einige der in der Chronik genannten Verteidiger der Drei Kapitel stammen aus der Byzacena – ebenso wie der deutlich kritisierte Primasius von Hadrumetum.27 Zudem war Victor zusammen mit Theodor von Cebarsussa, dessen Bischofssitz wohl ebenfalls in der Byzacena lag, im Exil.28 Eine Herkunft bzw. Verortung Victors in der Byzacena erscheint daher aus inhaltlichen Gründen möglich, wenn

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Bei Johannes von Biclaro Tunnunensis, Tunnensis sowie Tunnonensis korrigiert aus Tunnensis, vgl. Johannes von Biclaro, Chronicon, praefatio (59,3 Cardelle de Hartmann sowie apparatus ad locum). Bei Isidor dominieren Τon(n)on(n)ensis in der Chronik (vgl. Isidor von Sevilla, Chronica  1/2  1 [6,7–8/7,7–8 Martín und apparatus ad locum]) und Tunnuntensis und Tunnutensis in De uiris illustribus, mit zahlreichen Varianten (vgl. Isidor von Sevilla, De uiris illustribus 25 [147,1 Codoñer Merino und apparatus ad locum]). Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 98*. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 98*. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 98*. Martyn, „Preface“, 131, folgert übrigens daraus, Cardelle de Hartmann „rightly accepts Mommsen’s Tonnonensis“ [sic!]. „Denominazione […] sotto la quale l’autore fu conosciuto sin dall’editio princeps: forma peraltro ben attestata nei codici, e della quale rimane vestigio in varianti corrotte“ (Placanica, „Da Cartagine“, 332); vgl. Placanica, „Introduzione“, XI. Die editio princeps (s. u. S. 141) von Heinrich Canisius hat den Titel Chronicon Victoris Episcopi Tunnunensis. S. dazu v. a. Kap. 5.3.7.3.3. Dem soll an dieser Stelle nicht vorausgegriffen werden, daher nur dieser kurze Hinweis. Zur Lage Cebarsussas in der Byzacena vgl. Audollent, „Cabarsussi“, 8; Mesnage, L’Afrique chrétienne, 187; Desanges/Lancel/Ristow, „Byzacena“, 251.

Zum Autor der Chronik: Victor von Tunnuna

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auch nicht abschließend beweisbar.29 Von der Darstellung der Chronik her bleibt auch denkbar, dass Victor von Tunnuna zu den paucissimi gehörte, die sich in der Proconsularis der Verurteilung der Drei Kapitel wiedersetzten (vgl. Chronicon 149) – darauf könnten sowohl der sich zeigende Konflikt mit Primosus als auch die deutlich werdende Hochschätzung des Reparatus von Karthago hindeuten.30 3.1.2 Biographische Annäherungen Victors Chronik endet im Jahr 565 (Thronbesteigung Justins II.).31 Dies lässt eine Datierung seiner Geburt auf etwa das Jahr 500 zu, auch wenn dies freilich nur eine weitere Vermutung bleibt, die über den Autor der Chronik geäußert werden kann.32 Falls Victor wie der eben genannte Optatus Bischof der nordafrikanischen Stadt Tunnuna oder Tonnona war, wurde er dies nach 525, da eben für das Jahr 525 Optatus als Bischof bezeugt ist. Weitere Informationen über Victors Leben lassen sich, wie bereits erwähnt, nur seiner eigenen Darstellung in der Chronik entnehmen. Die erste Information, die Victor dort über sich selbst gibt, bezieht sich auf sein Exil als Konsequenz seiner Verteidigung der Drei Kapitel: Victor Tunnensis ecclesie episcopus huius auctor operis, post custodias simulque et plagas quas in insulis est Valericis perpessus nec non33 etiam in monasterio de Mandracum primo, ac secundo exilio Aegimuritanae insule, tertio Alexandriam una cum Theodoro Cebarsusitanee ecclesie episcopo, pro prefatorum trium capitulorum defensione exilio mittitur et carceri[s] castelli Diocleciani post pretorianum carcerem truditur.34

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Desanges/Lancel/Ristow, „Byzacena“, 253, verorten Victor von Tunnuna ebenfalls dort, jedoch leider ohne nähere Begründung, wenn auch die Position des Victor von Tunnuna im Drei-Kapitel-­ Streit bei dieser Verortung eine Rolle gespielt zu haben scheint. Audollent, „Byzacène“, 1487, platziert Victor zwar nicht explizit in der Byzacena, verortet ihn aber im Kontext des anhaltenden Widerstandes, der insbesondere aus der Byzacena gekommen sei. Zu den (angenommenen) Bischöfen aus der Byzacena auf dem Konzil von Karthago 525 vgl. Kaiser, Authentizität, 98–99 (mit Anm. 243) – Optatus wird in der genannten Literatur nicht in der Byzacena verortet, weil sein Bischofssitz mit dem des Cresconius gleichgesetzt wird (s. o. S. 96). S. v. a. Kap. 5.3.7.3.3–5.3.7.3.4. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 174. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 100*. Wenn Victor von Tunnuna um 500 geboren wurde, ist Modéran, „L’Afrique reconquise“, 64 zuzustimmen, der auf die Bedeutung der „expérience du pouvoir arien“ durch den Schüler Victor von Tunnuna hinweist. Weitere Belege zu diesem Pleonasmus, auch mehrfach bei Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum, bei Placanica, „Note“, 128–129 (ad a. 555,1). Victor von Tunnuna, Chronicon 153 (50,905–912 Cardelle de Hartmann): „Victor, Bischof der Kirche von Tunnuna, Urheber dieses Werkes, wurde nach dem Gefängnis und den Schlägen, die er auf den [balearischen Inseln] erduldete, gewiss auch im Kloster Mandracum im ersten, und im zweiten Exil der Insel Aegimuritana, im dritten Exil für die Verteidigung der zuvor genannten Drei

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

Diese Notiz ist, vom Schlussabschnitt Chronicon 175 zurückgezählt, auf das Jahr 555 zu datieren.35 Sie stellt zunächst vor ein textkritisches Problem: Die Handschriften bezeugen den Text in sala est ualericis.36 Mommsen und Cardelle de Hartmann haben den aus ihrer Sicht unklaren Text in ihren Editionen geändert: Mommsen entscheidet sich für in insulis est Balearicis;37 Cardelle de Hartmann schließt sich mit der Variante in insulis est Valericis grundsätzlich Mommsen an,38 weil sie keinen sonst unbekannten Ort für ein Gefängnis oder ein Exil annehmen will.39 Stimmt man dieser Konjektur zu, erscheinen hinsichtlich des Verlaufs von Victors Leben hier zunächst die für dasselbe Jahr genannten Orte der Gefangenschaft bzw. des Exils problematisch: die Balearen, das Kloster von Mandracum40 (in Karthago), die Insel Aegimuritana (bei Karthago) und Alexandria. Für ein Jahr sind dies viele Orte, die zum Teil dazu noch weit voneinander entfernt liegen. Es wäre schwierig, anzunehmen, dass die Exile im Jahr 555 begannen und Victor in einem Jahr an alle genannten Orte führten, zumal für das Jahr darauf eine weitere Klosterhaft (custodia monasterii) in der Chronik vermerkt ist.41 Selbst mit einem Beginn der Exilierungen im Jahr 552, als Maßnahmen gegen die Verteidiger der Drei Kapitel ergriffen wurden, nachdem Primosus Bischof von Karthago geworden war (vgl. Chronicon 145), wären es viele verschiedene Orte in kurzer Zeit.42

Kapitel zusammen mit Theodor, dem Bischof von Cebarsussa, nach Alexandria geschickt, und er wurde gestoßen in den Kerker der Burg von Diokletian nach dem Gefängnis des Prätoriums.“ Der Aufenthalt in einem öffentlichen Gefängnis (carcer des Prätoriums) ist bei spätantiken verbannten Klerikern nur für Victor von Tunnuna (und mit ihm Theodor von Cebarsussa) bezeugt, vgl. Hillner, Prison, 225. Der carcer des castellum Diocletiani beziehe sich möglicherweise auf das Legionärslager von Nikopolis außerhalb der Stadt (Alexandria), vgl. ebd., 243. Vgl. auch ebd., 231–232 zum eigentlichen Verbot von öffentlichem Gefängnis für Exilierte unter Justinian seit 529, die sich frei bewegen sollten (vgl. Codex Iustinianus 9,47,26; „troublemakers“ sollten aber mit dem Tod bestraft werden) und zur „conflicting evidence“ bei Victor von Tunnuna, die Hillner mit dem Kontext des Gesetzes von 529 erklärt. Der Bruch mit den Miaphysiten und der Drei-Kapitel-Streit seit den 540ern „may have convinced the emperor, as it had those before him both at imperial and at provincial level, that some clerical exiles simply must be controlled more tightly for security purposes or coercion.“ Hier habe dann das Exil im Kloster eine wichtige Rolle gespielt, um eine Balance herzustellen zwischen dem Bedürfnis nach Bewachung und dem Bedürfnis des Kaisers, ein Bild von sich als Verfolger zu vermeiden. 35 Zur Problematik der Zählung aufgrund von Chronicon 175 vgl. jedoch u. bes. Kap. 3.6.6. 36 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 153 (50,906–907 Cardelle de Hartmann und apparatus ad locum). 37 Victor von Tunnuna, Chronicon a. 555 (204,6 Mommsen). 38 Victor von Tunnuna, Chronicon 153 (50,906–907 Cardelle de Hartmann). 39 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 99*. 40 Oder Mandracio, Mandracium, Μανδράκιον, vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 153 (50,908 Cardelle de Hartmann und apparatus ad locum). 41 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 156. S. u. S. 105. 42 Vgl. zum Problem Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 99*; Placanica, „Da Cartagine“, 332–333.

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Chronicon 153 wird  – unter Annahme der Richtigkeit der Konjektur  – daher von Antonio Placanica und Cardelle de Hartmann diskutiert: Placanica bemerkt dazu, dass sich der Text über die Gefangenschaft (custodias simulque plagas) deutlich von dem „rapporto quasi di continuità“43 des Exils (primo, ac secundo exilio […], tertio […] exilio) absetze. Es sei möglich, dass sich der Hinweis auf die Gefangenschaft nicht auf den Streit um die Drei Kapitel beziehe, sondern auf frühere Umstände bzw. auf frühere Verfolgungen, nämlich die der katholischen Kirche unter den „Vandali ariani“,44 genauer auf die Verfolgung unter Thrasamund, die auch in Victors Chronik erwähnt werde und von der bekannt sei, dass sie Exilierungen etwa nach Sardinien zur Folge gehabt habe.45 Ein Exil oder eine Gefangenschaft auf den Balearen erscheine in diesem Zusammenhang nicht undenkbar.46 Victor habe dabei möglicherweise sogar den beim Konzil von 525 anwesenden Optatus Tonnonensis als Kleriker oder Diakon begleitet und sein Schicksal geteilt.47 Die These Placanicas, dass Victor sich hier auf ein eigenes früheres „vandalisches“ Exil beziehe, lehnt Cardelle de Hartmann aus drei Gründen ab:48 Erstens verwundere es dann, dass Victor bei der Notiz zu den Verfolgungen unter Thrasamund Sardinien als Exilsort benenne, aber nicht die Balearen.49 Zweitens erscheine es merkwürdig, dass die Bischöfe von Diakonen und Presbytern begleitet worden sein sollten, da man sie in diesem Moment doch eher in Africa gebraucht habe, um die Kontinuität der katholischen Kirche dort zu gewährleisten. Dies wisse man von Victor von Vita.50 43 44 45 46 47 48 49

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Placanica, „Da Cartagine“, 332. Placanica, „Da Cartagine“, 333. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 78. Vgl. zu den Balearen unter den Vandalen Courtois, Les Vandales, 185–186; vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 1,13 (7,7–15 Petschenig). Vgl. Placanica, „Da Cartagine“, 333. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 99*–100*. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 78 (24,401 Cardelle de Hartmann): Sardinia exilio. Placanica, „Note“, 128 (ad a. 555,2) erklärt den Umstand, dass Victor an dieser Stelle nicht von sich berichtet, damit, dass er zu dieser Zeit noch nicht Bischof gewesen und eine Mitteilung über sein eigenes Schicksal an dieser Stelle nicht logisch gewesen sei, eine solche Mitteilung in Chronicon 153 sei hingegen „del tutto naturale“. Cardelle de Hartmann gibt keine spezifische Stelle aus der Historia persecutionis an, auf die sie sich bezieht. So bleibt ihre Bemerkung unklar: Die Historia persecutionis endet 484, so dass konkret für Verfolgungen unter Thrasamund aus ihr nichts geschlossen werden kann. Victor von Vita selbst war wohl als comitans bei der Exilierung des Klerus der Proconsularis dabei (482/483), vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 2,30 (35,4–6 Petschenig). Für die Verfolgung unter Hunerich berichtet Victor von Tunnuna selbst, dass dieser die „Katholiken“, und zwar „die Bischöfe und Kleriker jeglicher Ordnung“, dazu auch „Mönche und Laien“, insgesamt ungefähr 4.000, exilierte (catholicos iam non solum sacerdotes et cuncti ordinis clericos sed et monachos atque laycos quatuor circiter milia exiliis durioribus relegat [Victor von Tunnuna, Chronicon 50 (16,244–247 Cardelle de Hartmann)]). Victor von Vita, Historia persecutionis 2,26 (33,21–22 Petschenig; Übers. 79 Vössing) spricht auch von episcopos, presbyteros, diaconos et alia ecclesiae membra […] ad exilium heremi destinauit („als er Bischöfe, Priester, Diakone und andere Mitglieder der Kirche […] zur Verbannung in der Wüste verurteilte“). Ähnlich sind auch bei der Vertreibung der Kleriker von Karthago wohl

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Drittens werde die Deportation nach Sardinien von Victor von Tunnuna auf das Jahr 497 datiert, auch wenn Courtois51 annehme, sie habe nicht vor 502 stattgefunden. Jedenfalls aber müsse man, wenn Victor von dieser Exilierung betroffen gewesen wäre, sein Geburtsjahr auf jeden Fall vor 490, eher noch vor 480 datieren. Er wäre dann bei der Redaktion der Chronik, die ja 565 endet, sehr alt gewesen und hätte ebenfalls im hohen Alter noch das Exil überstanden. Dies sei zwar nicht unmöglich, aber wenig wahrscheinlich.52 Möglich sei eine spätere Verbannung Victors, da die Verfolgungen unter Thrasamund bis zum Jahr 523 anhielten. Dann könne die Geburt Victors auf 500 datiert werden. Dann bleibe aber merkwürdig, dass Victor sein Exil nur indirekt und in Verbindung mit sehr viel späteren Ereignissen erwähne. Cardelle de Hartmann selbst schlägt folgende Lösung vor: Victor sei möglicherweise von Primosus, nachdem dieser 552 Primas von Karthago53 geworden sei, in Gewahrsam genommen worden („puso a Víctor bajo custodia“).54 Victor schreibe schließlich selbst, dass Primosus ab diesem Zeitpunkt die Verteidiger der Drei Kapitel verfolgt habe.55 Das offizielle Exil (was von Victor dann auch so genannt werde) beginne ein Jahr später auf Befehl des Kaisers nach der offiziellen Verurteilung der Drei Kapitel auf dem Konzil von Konstantinopel 553. Dass Victor in den kommenden zwei Jahren an drei

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nicht nur Bischöfe betroffen: uniuersus clerus ecclesiae Carthaginis […], inter quos quam plurimi errant lectores infantuli […] exilio crudeli traduntur („als damals auch alle Kleriker von Karthago […], darunter sehr viele Lektoren in kindlichem Alter […] in ein […] grausames Exil verwiesen wurden“ [Victor von Vita, Historia persecutionis 3,34 (89,4–7 Petschenig; Übers. 125 Vössing)]). Victor von Vita bezeugt also wie auch Victor von Tunnuna gerade nicht, dass Diakone und Presbyter et alii nicht mit ins Exil gingen (was freilich nicht notwendigerweise bedeutet, dass alle exiliert wurden, vgl. dazu auch Courtois, Les Vandales, 297–298 [Anm. 10]). Der These von Placanica, dass Victor von Tunnuna Optatus begleitet habe, kann schlicht entgegengesetzt werden, dass sie keinen Anhalt in den Quellen hat. Vgl. Courtois, Les Vandales, 302. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 100*. So bei Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 99*, vgl. irrtümlicherweise ebd., 100*–101*: „el nombramiento de Primoso como primado de Numidia en 552“. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 145; 155. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 100*–101*. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 101*, mit Bezug auf Chronicon 145, wo Victor von Tunnuna allerdings Verfolgungen der Verteidiger der Drei Kapitel aus Nordafrika dem Primasius, Nachfolger des Boethius als Primas der Byzacena, zuschreibt (48,853–856 Cardelle de Hartmann): […] reuersusque ad sua, que prius defendebat, ualidissimis persecutionibus impugnauit, fidelibusque calunnias generando, eorumque substantias auferendo. / „[…] und er [Primasius] kehrte zu seinem Sitz zurück. Was er vorher verteidigt hatte, bekämpfte er durch stärkste Verfolgungen, sowohl indem er Schikanen für die Gläubigen erzeugte als auch indem er ihre Habseligkeiten wegnahm.“ Primosus, von dessen Amtsübernahme nach seiner Verurteilung der Drei Kapitel Chronicon 145 berichtet, werden dann erst in Chronicon 155 (nach dem Konzil von Konstantinopel) Unterdrückungen derer, die ihm nicht die Zustimmung geben wollten, „bald mit Knüppeln, bald mit Gefängnisstrafen, bald auch mit Exilen“, vorgeworfen (51,915–918 Cardelle de Hartmann): Primosus Cartaginis incubator ecclesie sibi nolentes assensum prebere nunc fustibus nunc custodibus nunc quoque exiliis affligit. Eine Bestrafung durch Bischöfe war unter Justinian ab 546 möglich (vgl. v. a. Nouellae Iustiniani 123,21), vgl. Hillner, Exile, 87, was wohl eine Legalisierung einer bereits zuvor üblichen Praxis war.

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verschiedenen Orten war, verwundere dann nicht mehr, denn die zwei ersten Orte lägen sehr nah beieinander. Die Annahme, einer ersten Strafmaßnahme liege eher ein Konflikt mit Primosus, also ein innerafrikanischer Konflikt, zugrunde, würde zum engeren historischen Kontext der Chronik passen.56 Allerdings wird eben Victor von Tunnuna hier selbst nicht konkreter, so dass wir auf Vermutungen angewiesen bleiben. Plausibel erscheint jedenfalls die Annahme, dass in Chronicon 153 mehrere unterschiedliche (Haft-)Strafen im Zusammenhang mit dem Drei-Kapitel-Streit in unterschiedlichen Jahren zusammengefasst werden. Auch in anderen Notizen werden die Ereignisse mehrerer Jahre zusammengefasst.57 Mit einer solchen Deutung der Angaben in Chronicon 153 wird der zutreffenden Beobachtung Placanicas, dass sich die Erwähnung der custodias simulque et plagas von der Benennung der weiteren Stationen als Exile unterscheidet, Rechnung getragen. Andererseits vermeidet aber Cardelle de Hartmanns Deutung der ersten Gefangenschaft als einer Gefangenschaft unter Primosus die bei Placanica gegebene Problematik von Victors Alter bzw. insbesondere die Frage, warum an dieser Stelle – ohne entsprechenden expliziten Hinweis – von deutlich früheren Verfolgungen unter den Vandalen die Rede sein sollte.58 Ähnlich wie Cardelle de Hartmann sieht übrigens auch Julia Hillner in Chronicon 153 eine längere Zeitspanne während des Drei-Kapitel-Streites abgehandelt: Der Aufenthalt Victors im Kloster Mandracum beziehe sich auf eine Zeit der Verbannung seit 544 (also aufgrund des Widerstandes gegen Justinians Edikt gegen die Drei Kapitel), die möglicherweise vom Prätorianerpräfekt von Africa oder vom Statthalter („governor“) der Proconsularis bestimmt worden sei. Das Exil in Alexandria sei dann auf das Jahr 555 bezogen.59 Diese Datierung der ersten Haft ist freilich hinfällig, wenn man sie mit dem Konflikt mit Primosus verbindet. Es bleibt die Frage nach einem Exil Victors auf den Balearen: Zu bedenken ist bei der vorgenommenen Konjektur, dass damit Victor von Tunnuna der einzige Zeuge für die Balearen als Exilsort für einen Kleriker der Spätantike wäre.60 Möchte man der

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Vgl. auch Modéran, „L’Afrique reconquise“, 56. Zu diesem Konflikt als Kontext der Chronik s. u. insgesamt Kap. 5.7. Im näheren Kontext von Chronicon 153 etwa die Aktionen und Schicksale der afrikanischen Bischöfe in Chronicon 145. Vgl. auch Modéran, „L’Afrique reconquise“, 57 (Anm. 66), der die Jahresangabe von Chronicon 153 nur auf das Exil im Osten (Alexandria) bezieht. Offen bleibt freilich, warum Victor nicht für das Jahr 552 von seinem Schicksal berichtet; andererseits entspräche das nicht dem Fokus von Chronicon 145, dem Abfall der nordafrikanischen Bischöfe von der Verteidigung der Drei Kapitel. Vgl. Hillner, Prison, 319. Die Datenbank Clerical Exile gibt jedenfalls für die Balearen nur Victor von Tunnuna als exilierte Person an, vgl. https://www.dhi.ac.uk/clericalexile/location/133 (letzter Zugriff 23.01.2021). Lediglich auf Victor von Tunnuna verweisen auch Cau Ontiveros/Mas Florit, „The Early Byzantine Period“, 33, 39. Keine Erwähnung als Exilsort finden die Balearen bei Panzram, „Kleine Geschichte“. Mit Tacitus, Annales 13,43, der vom Exil des P. Suillius auf den Balearen berichtet, liegt immerhin ein Zeugnis dafür vor, dass die Balearen überhaupt Exilsort waren.

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Konjektur von Mommsen und Cardelle de Hartmann auch aus diesem Grund nicht folgen, legt sich vielleicht eine schlichte Lösung nahe, nämlich dass dem Exil eine Inhaftierung an einem nicht näher bestimmbaren Ort vorausging, was ja auch Cardelle der Hartmann selbst als Möglichkeit ins Spiel bringt: „Lo que sí parece extraño es que lo enviara a las Baleares, pero no olvidemos que nos hallamos ante una conjetura textual, y el nombre en el texto puede referirse a algún lugar en Africa desconocido para nosotros“.61 Damit wäre auch das Problem der ganz verschiedenen, weit voneinander entfernt liegenden Exilsorte für die kurze Zeit gelöst: Es wären nur noch zwei weiter auseinanderliegende Orte, Karthago und Alexandria. Die Haft in bzw. bei Karthago lässt sich in den Kontext der Darstellung des Drei-Kapitel-Streites in Africa einordnen – und könnte so mit den Agitationen des Primosus verbunden sein. Darauf würde dann die (kaiserliche) Exilstrafe in Alexandria folgen.62 Es wäre dann nicht mehr nötig, für den ersten Ort ein doch deutlich früheres Ereignis anzunehmen. Erwähnt sei an dieser Stelle noch, dass John R. C. Martyn durch seine Übersetzung von Chronicon 153 neben Cardelle de Hartmann und Placanica noch eine dritte Möglichkeit für das Exil bzw. die Gefangenschaft Victors vorschlägt: Victor […] suffered imprisonments and simultaneous beatings on the Balearic Islands, and in the monastery of Mandracium as well. His first and second exiles on the island of Aegimuritanae, and his third exile in Alexandria, were shared with Theodore […].63

Martyn geht also von zwei Exilen in „Aegimuritanae“ aus, und durch die Parallelisierung von in insulis Valearicis und in monasterio de Mandracum von einer Gefangenschaft und Schlägen an diesen beiden Orten. Er entscheidet sich dabei auch für eine eigene Punktierung bzw. Aufteilung des Satzes. Aufgrund der o. g. Überlegungen zum Unterschied zwischen dem Bericht über die Gefangenschaft und über das Exil ist jedoch die Chronologie in der Übersetzung Placanicas (Übers. 55 Placanica) vorzuziehen, die die Haft und die Schläge von den nachfolgenden Exilen trennt: Vittore, […] dopo la prigionia e le percosse subìte nelle isole Baleari e anche durante il suo primo esilio nel monastero di Mandracio e il secondo nell’isola Egimuritana, a causa della sua difesa in favore dei Tre Capitoli già ricordati viene per la terza volta relegato in esilio ad Allesandria insieme con Teodoro […].64

Ein genaues Nachzeichnen von Victors Exilen bzw. von Strafmaßnahmen gegen ihn allein aufgrund des vorliegenden Zeugnisses ist allerdings auch aufgrund der Textüberlieferung nicht möglich. Nach den jetzt vorhandenen Angaben der Chronik selbst lässt

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Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 101*. Denkbar wäre etwa auch, dass ualericis auf einen Personennamen zurückzuführen ist. S. auch u. Kap. 5.7.3.5 zu Victor von Tunnuna, Chronicon 155. Victor von Tunnuna, Chronicon 153 (Übers. 163 Martyn). Dieser Chronologie schließe ich mich in meiner eigenen Übersetzung an, s. o. S. 99–100 (Anm. 34).

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sich lediglich sagen: Victor von Tunnuna wurde inhaftiert und exiliert aufgrund seiner Haltung zu den Drei Kapiteln. Nach vorherigen, nicht näher bestimmbaren Geschehnissen (Haft und Schläge an einem nicht bekannten Ort, wahrscheinlich in Africa), war er um bzw. bis 555/55665 im Exil bei Karthago und Alexandria.66 Er gehört damit jedenfalls zu der (kleinen) Gruppe, die die Drei Kapitel auch nach dem Konzil von 553 noch verteidigte. Für das darauffolgende Jahr berichtet Victor von Tunnuna in Chronicon 156 von einem weiteren Ort einer Inhaftierung, (erneut in einem Kloster) bei Canopus in der Nähe von Alexandria, wohin er zusammen mit Theodor von Cebarsussa67 geschickt worden sei: Victor et Theodorus antefati episcopi Affricani de carcere eiciuntur et post disputationes in pretorio continuas dierum XV ad aliam custodiam monasterii Tabennensiotarum quod est apud Canopum XII milia procul ab urbe Alexandrina mittuntur.68

Klosterhaft war unter Justinian nicht ungewöhnlich und bedeutete wahrscheinlich einen größeren Komfort als andere Haftstrafen.69 Ob die Haft im hier als monasterium Tabennesiotarum bezeichneten Kloster Metanoia eher der prochalcedonensischen Haltung Victors entgegenkam oder nicht, ist umstritten.70 Für die Zeit im Kloster bei 65

Cardelle de Hartmann geht zwar von einer Gefangeschaft unter Primosus ab 552 aus (s. o. S. 102), schreibt aber hierzu, Victor „entre el 550 y el 555 estuvo desterrado en Cartago y Alejandría“ (Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 101*). 66 Es ist nicht undenkbar, dass Victor in der Gefangenschaft weitere westliche Verteidiger der Drei Kapitel kennenlernte, vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 169 (53,968–54,971 Cardelle de Hartmann), wo neben Victor und Theodor von Cebarsussa weitere afrikanische Bischöfe erwähnt werden (Musicus, Brumasius, Donatus und Crisonius). Placanica, „Introduzione“, XII, verweist in dieser Frage auch auf Liberatus von Karthago (Breuiarium 1; 12) und Rusticus Diaconus (Contra Acephalos disputatio [PL 67, 1170 B Migne]) – beide waren zwar in Alexandria; es findet sich an den von Placanica genannten Stellen aber kein Hinweis auf einen konkreten gemeinsamen Gefängnisbzw. Exilsort mit Victor von Tunnuna, auch bei Victor findet sich kein Hinweis auf Liberatus oder Rusticus. 67 Von dessen Schicksal berichtet die Chronik später (Victor von Tunnuna, Chronicon 173 [54,989– 990 Cardelle de Hartmann]): exilio apud urbem regiam eo mense et die quo Iustinianus moritur / „er starb im Exil bei der Königsstadt in dem Monat und an dem Tag, an dem Justinian starb“. S. u. Kap. 5.7.3.7. 68 Victor von Tunnuna, Chronicon 156 (51,919–924 Cardelle de Hartmann): „Victor und Theodor, die zuvor genannten afrikanischen Bischöfe, wurden aus dem Kerker hinausgeworfen und nach fortlaufenden Disputationen von 15 Tagen im Prätorium in eine andere Haft des Klosters von Tabennisis, was bei Canopus, 12 Meilen entfernt von der Stadt Alexandria, liegt, geschickt.“ 69 Vgl. Hillner, Prison, 319–320; vgl. auch die Listen ebd., 381–386 für einen Überblick über Orte von Klosterhaft in der Spätantike. Hillner führt Justinian als Verantwortlichen für die Klosterhaft Victors von Tunnuna an (ebd., 383–384). Die Chronik des Victor von Tunnuna berichtet von einer Klosterhaft noch für Primasius von Hadrumetum (Chronicon 145). 70 Hillner, Prison, 319–320 sieht eine Haltung des Klosters, die Victor entgegenkam: „This was a community famous for its support of Chalcedon and hence likely to be sympathetic to Victor’s views.“ Vgl. auch Bacht, „Die Rolle“, 259, der das Kloster als einen „Hort der chalkedonischen Orthodoxie“ bezeichnet. Gascou, „Metanoia“, 1609, sieht in der Haft Victors in dem Kloster hingegen gerade

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Canopus stellen sich Placanica und andere jedenfalls den Beginn von Victors historiographischer Tätigkeit vor.71 Da Victors Chronik noch kurz vor Ende von einer weiteren Inhaftierung berichtet (Chronicon 169), liegt es nahe, vom Schreiben der Chronik in Haft auszugehen, auch wenn auf den genauen Ort nicht sicher geschlossen werden kann. Eine letzte Information über Victors Leben bietet Chronicon 16972: 564, also nach mindestens 10 Jahren in Haft bzw. Verbannung, ruft Justininan einige afrikanische Bischöfe, unter ihnen Victor und Theodor (diese aus Ägypten), zu einem Streitgespräch in seiner Anwesenheit bzw. mit dem Bischof Eutychius nach Konstantinopel.73 Der genaue Inhalt des Gespräches ist unklar.74 Die Afrikaner bleiben anschließend jedenfalls in Konstantinopel, und zwar als Inhaftierte, erneut in Klöstern: per monasteria eiusdem urbis custodie mittuntur.75 Nicht näher bestimmt werden können sowohl die Umstände als auch das Datum von Victors Tod: Denkbar ist ein Todesdatum kurz nach der Abfassung der Chronik oder auch einige Jahre später. Placanica hält es insbesondere aufgrund der „improvvisa conclusione“76 der Chronik für wahrscheinlich, dass Victor kurz nach der Thronbesteigung durch Justin  II. starb.77 Darauf weise auch Isidor von Sevilla hin, der damit in De uiris illustribus 25 die einzige über die Chronik hinausgehende Information über Victors Leben biete: Er sage von Victor, dass dieser in eadem damnatione, ut dicunt, permanens moritur,78 wobei mit eadem damnatione das Exil Victors in dem in Chronicon 169 genannten Kloster bei

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eine der Spuren von Anti-Chalcedonismus dort. Zum Recht des Klosters Metanoia auf Immunität vgl. ACO 2,1,2 (217,21–31 Schwartz): Ein Kleriker erklärt beim Konzil von Chalcedon, dass er dort Zuflucht gefunden habe gegen die Verfolgungen von Dioskur; vgl. Gascou, „Metanoia“, 1609. Vgl. Placanica, „Da Cartagine“, 333–334. Diese Vorstellung findet sich bereits bei Schanz/Hosius/ Krüger, Geschichte der römischen Literatur 4,2, 113 („[i]m Exil schrieb er seine Chronik“) und Bardenhewer, Geschichte der altchristlichen Literatur 5, 329–330, der sich für die schriftstellerische Tätigkeit von Victor die „Klosterhaft“ in Konstantinopel vorstellt. Neben der Chronik sind übrigens keine weiteren Werke Victors bekannt. Das ihm bisweilen zugeschriebene De paenitentia stammt von Victor von Cartenna, vgl. Mommsen, „Praefatio“, 178; Bardenhewer, Geschichte der altkirchlichen Literatur 5, 331; ders., Geschichte der altkirchlichen Literatur 4, 546. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 169 (54,968–54,975 Cardelle de Hartmann). Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 101*. Terminus ante quem dieses Ereignisses ist Januar 565, da Eutychius zu diesem Zeitpunkt auf Befehl des Kaisers verbannt wurde, vgl. Placanica, „Da Cartagine“, 334. Dazu s. ausführlich u. die Exkurse in Kap. 5.7.3.7. Victor von Tunnuna, Chronicon 169 (54,974–975 Cardelle de Hartmann): „Sie wurden als Verhaftete in Klöster derselben Stadt geschickt“. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 101*. Placanica, „Da Cartagine“, 336. Zur Frage danach, ob es sich hier tatsächlich um einen „plötzlichen Schluss“ handelt s. u. Kap. 5.8 u. ö. In „Da Cartagine“, 336 führt Placanica dafür sogar einen recht genauen Zeitraum an, nämlich zwischen dem 15. November und dem Ende des Jahres 565. Denn: „Il richiamo degli esuli va collocato alla fine del 565“. Cardelle de Hartmann hingegen („Introducción“, 108*) bezieht sich auf die Annahme Placanicas, Victor sei 567 [sic!] gestorben. Isidor von Sevilla, De uiris illustribus 25 (147,11–12 Codoñer Merino).

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Konstantinopel gemeint sei.79 Die Information stamme direkt von Johannes von Biclaro – ut dicunt beziehe sich auf ihn als Quelle.80 Dafür gibt es freilich keinen weiteren Hinweis – genauso gut könnte angenommen werden, Isidor habe diese Aussage zum Tod Victors schlicht aufgrund der letzten Information der Chronik über Victors Leben, d. h. der Angabe zu seiner Haft in bzw. bei Konstantinopel und fehlender darüber hinausgehender Informationen getroffen. Zudem erwähnt die Chronik ja auch, dass Victors Gefährte Theodor von Cebarsussa im Exil starb (Chronicon 173) – die Annahme, dass dies auch auf Victor von Tunnuna zutraf, liegt also auch von daher nicht fern. Auf wen sich Isidor mit ut dicunt bezieht, kann nicht zweifelsfrei bestimmt werden. Wenn Victor von Tunnuna in Haft bzw. im Exil starb, ist es allerdings aufgrund der folgenden religionspolitischen Maßnahmen des Kaisers tatsächlich wahrscheinlich, dass dies nur kurz nach der Thronbesteigung durch Justin geschah, also kurze Zeit nach dem Zeitpunkt des Endes der Chronik.81 Cardelle de Hartmann geht von einem späteren Tod Victors aus:82 Sie sieht in der Chronik zwei Textpassagen, die auf eine Redaktion von 568 bzw. sogar von 575 hinweisen könnten.83 Auch sei das Ende der Chronik keineswegs abrupt.84 Der Satz des Isidor ließe sich erklären, wenn man annehme, dass seine Information die war, dass Victor in Konstantinopel geblieben sei. Isidor habe dann wohl angenommen, dass Victor auch verbannt geblieben sei. Es sei freilich möglich, dass Victor in Konstantinopel geblieben sei, auch wenn Justin II. seine Strafe aufgehoben habe. Vielleicht habe einfach Victors Gesundheit eine Rückreise nach Africa nicht zugelassen. Victor sei jedenfalls eher kurz nach der Endredaktion der Chronik, 568 oder 575, gestorben.85 Die Annahmen hinsichtlich des Todesjahres Victors hängen damit eng mit dem angenommenen Zeitpunkt der Verfassung bzw. der Endredaktion der Chronik zusammen. Darüber hinaus bleiben sie letztlich spekulativ – es ist eben neben der Chronik keine Quelle mit weiteren Informationen über das Leben Victors bekannt. Auch Isidor von Sevilla hat seine Angaben wahrscheinlich aus der Chronik selbst gewonnen –

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Vgl. Placanica, „Da Cartagine“, 333. Vgl. Placanica, „Da Cartagine“, 335 Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 101*: „tuvo que ser muy poco después de la llegada al poder de Justino II, defensor de Calcedonia, que con toda seguridad levantaría esta pena“. Zu Justin II. und seinen möglichen religionspolitischen Maßnahmen (die im Einzelnen durchaus umstritten sind) s. u. Kap. 5.8. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 101*–102*. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 102*. Leider nennt Cardelle de Hartmann diese Textpassagen an dieser Stelle nicht. Wahrscheinlich bezieht sie sich auf die hier in Kap. 3.3 diskutierten Stellen, in denen Victor sich auf ein erstes Konsulat bezieht, wobei der betreffende Konsul sein zweites Konsulat erst 568 innehatte. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 108*. Zur möglichen Endredaktion der Chronik s. u. S. 110.

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außer seines vagen Hinweises ut dicunt lässt aus dem Text seiner Chronik nichts darauf schließen, dass er weitere Quellen zur Verfügung hatte.86 Insgesamt lässt sich wie zu manchem zuvor also auch keine endgültige Entscheidung treffen, was den Tod des Victor von Tunnuna und dessen Umstände betrifft: Der einzige sichere terminus post quem bleibt das Ende der Chronik.87 3.2 Zur Datierung der Chronik Victors Chronik beginnt in der überlieferten Form mit dem Jahr 444 (8. Konsulat des Kaisers Theodosius II. und Konsulat des Albinus) und endet mit der Thronbesteigung Justins II. (565) und einer darauffolgenden summarischen Bemerkung.88 Damit steht als terminus post quem für ihre Abfassung grundsätzlich die Thronbesteigung Justins II. fest. Die Frage der Datierung der Chronik hängt zunächst einmal mit der Frage nach dem Todesjahr ihres Autors zusammen: Antonio Placanica datiert die Chronik ebenso wie den Tod des Victor von Tunnuna auf das Ende des Jahres 565. Er stellt sich – insbesondere auf der Basis der o. g. Notiz des Isidor von Sevilla (De uiris illustribus 25) und des von ihm als plötzlich eingestuften Endes der Chronik – vor, dass Victor die Arbeit an der Chronik schon in seiner Zeit im Gefängnis in Alexandria begann und kurz vor seinem Tod, nicht lange nach dem Tod Justinians, beendete.89

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Vgl. Codoñer Merino, „Estudio de la obra“, 71–72. Angemerkt sei noch, dass Martyn, „Preface“, 130–131 einen noch späteren Tod Victors und zuvor eine Rückkehr auf seinen Bischofssitz annimmt. Obwohl er selbst feststellt, dass Victor „the second most frequent name for Bishops in the North African Church“ war, geht er davon aus, dass der Bischof Victor (Primas von Numidien), der in Briefen von Gregor I. erscheint und an den Gregor I. auch einen Brief richtet (Martyn nennt die Briefe 12,3; 12,8; 12,9; vgl. aber auch 4,35; 8,14 [vgl. den Index in MGH.Ep 2, 513, s. v. „Victor 2“]), Victor von Tunnuna ist: „Victor reappears in North Africa as the reinstated bishop of Tonnena in the letters of Pope Gregory“ (Martyn, „Preface“, 130). Die Briefe stammen aus den Jahren 601 und 602, was die Geburt von Victor um 500 fast unmöglich machen würde. Wie Martyn überhaupt zu dieser These kommt, bleibt unklar, zumal es auf „Tununna“, „Tonnena“ o. ä. an den genannten Stellen keinerlei Hinweise gibt. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 1 (3,3–5 Cardelle de Hartmann); 174–175 (55,992–1003 Cardelle de Hartmann). Victor von Tunnuna (Chronicon 175 [55,997–1002 Cardelle de Hartmann]) datiert die Thronbesteigung Justins II. auf das Jahr 567 nach Christus (zu dieser Zahl s. ausführlich u. Kap. 3.6.6 und 3.6.7): a Natiuitate uero Domini nostri Iesu Christi […] usque in annum Iustini primum principis Romanorum, qui Iustiniano imperio successit, anni DLXVII. Unklar ist, warum Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 77*, angibt, die Chronik von Victor „llega hasta el año 569“. Wenn hier nicht schlicht ein Tippfehler vorliegt, bezieht sie sich möglicherweise auf die Zählung Prospers (s. u. S. 182). Der in Chronicon 1 erwähnte Bischof Domnus von Antiochien wurde vor 444 n. Chr. (441–442) Bischof, vgl. Devreesse, Le patriarcat d’Antioche, 54. Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXII; ders., „Da Cartagine“, 336; s. auch o. Kap. 3.1.2.

Zur Datierung der Chronik

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Carmen Cardelle de Hartmann datiert die Chronik des Victor von Tunnuna später – entsprechend des von ihr angenommenen späteren Todes Victors.90 Eine Datierung kurz nach dem Ereignis, mit dem die Chronik endet, sieht Cardelle de Hartmann als „altamente hipotético“91 an: Das Ende von Victors Chronik sei eben nicht plötzlich. „Da la impresión más bien de que Victor eligiera ese momento de cambio de gobierno para terminar su relato“.92 Außerdem biete die Chronik ja noch die chronologische Zusammenfassung im Schlussparagraphen (Chronicon 175): Es sei daher vielmehr wahrscheinlich, dass Victor seine Chronik einige Jahre nach dem letzten Jahr, von dem er berichtet, geschrieben habe. Die zusammenfassende Chronologie am Ende der Chronik, die die Jahre ab Adam bis Justin zählt, unterscheidet sich zwar in ihrem Charakter tatsächlich vom Rest der Chronik.93 Indem sie die Jahre seit Adam zählt, schließt sie das bisher Berichtete ab und schafft eine Zäsur. Damit liegt, wenn man diese Passage nicht als spätere Hinzufügung sehen will, ihre Deutung als absichtsvoll gestalteter Schluss der Chronik oder jedenfalls als Übergang zu einem neuen, von einem nachfolgenden Chronisten zu schreibenden Abschnitt nahe.94 Ein relativ früher Tod Victors kurz nach der Übernahme der Herrschaft durch Justin II. und damit die Datierung der Chronik auf den Zeitraum kurz danach ist damit allerdings nicht ausgeschlossen. Die Datierung der Chronik hängt neben der Frage, ob ihr Schluss als abrupt (und damit einem plötzlichen Tod Victors geschuldet) angesehen werden kann oder nicht, auch mit der Bewertung möglicher späterer Zusätze in der Chronik zusammen. Als solche kommen insbesondere drei Abschnitte in Frage95: In Chronicon 126 wird notiert, dass der „Häretiker Theodosius“ bis zum ersten Konsulat Justins des Jüngeren lebte.96 Das impliziert die Kenntnis des zweiten Konsulats Justins 568.97 In Chronicon 159 wird 90 91 92

S. o. Kap. 3.1.2. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 108*. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 108*. Vgl. grundsätzlich auch Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 28: Chroniken haben nicht notwendigerweise einen gestalteten Schluss und enden insofern abrupt; das bedeutet aber nicht, dass das Ende nicht gewählt wurde: „They simply stopped abruptly when the narrative reached the date of writing, an important recent event, or the end of the previous ruler’s reign“. 93 Victor von Tunnuna, Chronicon 175 (55,996–1003 Cardelle de Hartmann): Colliguntur omnes anni ab Adam primo homine usque ad Natiuitatem Domini nostri Iesu Christi secundum carnem VMCXCIX, a Natiuitate uero Domini nostri Iesu Christi secundum carnem que facta est XLIII Augusti Octauiani Cesaris imperii anno usque in annum Iustini primum principis Romanorum, qui Iustiniano imperio successit, anni DLXVII. Fiunt simul ab Adam usque in annum primum memorati principis Romanorum anni VM DCCLXVI. 94 Zu Chronicon 175 s. ausführlich u. Kap. 3.6, dort auch die Übersetzung. 95 Es ist auch über die im Folgenden genannten Stellen hinaus möglich, dass es spätere Redaktionen, Hinzufügungen und Streichungen am Text der Chronik gab; s. dazu u. Kap. 3.5 und 3.6 zur Frage nach der ursprünglichen Gestalt der Chronik. 96 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 126 (41,717–719 Cardelle de Hartmann): Vixit enim Theodosius prefatus hereticus usque ad primum Iustini iunioris Augusti consulatum. 97 Vgl. Placanica, „Introduzione“, XLIX.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

gegen die sonstige Gewohnheit des Chronisten die Dauer eines Papstamtes erwähnt.98 Die Dauer eines Papstamtes wird auch in Chronicon 167 genannt, wobei dessen 11 Jahre Dauer bis in das Jahr 574/575 reichen.99 Placanica nimmt – vor dem Hintergrund seiner frühen Datierung von Victors Tod – für diese drei Abschnitte die Einfügung durch eine spätere Hand an. Diese Hand sei die des Johannes von Biclaro, der die Dauer eines Papstamtes normalerweise angebe.100 Cardelle de Hartmann hingegen sieht in den Textpassagen keine Zusätze durch eine spätere Hand. Aufgrund ihrer von Placanica abweichenden Sicht auf den Schluss der Chronik sowie auf die Notiz bei Isidor von Sevilla und ihrer daraus folgenden späteren Datierung des Todes Victors kann sie die Angaben, die auf ein späteres Datum verweisen als das letzte in der Chronik berichtete Ereignis, auf eine Endredaktion durch Victor von Tunnuna selbst zurückführen. Sie datiert daher die Chronik – oder jedenfalls deren Endredaktion – auf 568 oder sogar 575.101 Dennoch lässt Cardelle de Hartmann die Möglichkeit, dass es sich bei den von Placanica genannten Stellen um spätere Einfügungen handelt, prinzipiell offen. Sie selbst setzt den betreffenden Text in der Ausgabe der Chronik jeweils nicht in Klammern, weist aber im Apparat auf diese Möglichkeit bzw. auf die Entscheidung Placanicas hin.102 Eine abschließende Entscheidung für die genaue Datierung der Chronik lässt sich m. E. aufgrund ihres des Textes tatsächlich nicht treffen: Ob jemand anders die Notizen, die auf ein späteres Jahr weisen als der letzte Abschnitt der Chronik, eingefügt hat oder ob diese Notizen von Victor von Tunnuna selbst stammen, sei es, dass er sie in einem Redaktionsprozess eingefügt, sei es, dass er die Chronik insgesamt einige Jahre nach dem Tod Justinians geschrieben hat, muss offen bleiben. Plausibel erscheint damit jedenfalls auch, dass sich die Abfassung der Chronik bis zu ihrer endgültigen Fertigstellung insgesamt über einen längeren Zeitraum hinzog. Der jetzt vorliegende Text der Chronik kann jedenfalls erst nach 565 fertig gestellt worden sein; eine Endredaktion ist (aufgrund der Angabe in Chronicon 167) bis spätestens 575 anzunehmen.

Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 159 (52,934–935 Cardelle de Hartmann): Qui [Pelagius] prefuit annis V. Vgl. Placanica, „Introduzione“, XLIX. 99 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 167 (53,964 Cardelle de Hartmann): Prefuit [ Johannes] annis XI. 100 Vgl. Placanica, „Introduzione“, XLIX. 101 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 102*. Damit sei auch denkbar, dass Victor und Johannes von Biclaro sich kannten: Johannes habe, als er in Konstantinopel studiert habe, dort möglicherweise den betagten Victor kennengelernt und von ihm persönlich ein Exemplar der Chronik erhalten. Damit jedoch „nos movemos en el terreno de la conjetura“ (ebd., 108*). Vgl. auch ebd., 77*. Zum Argument, die Zusätze gingen wegen des ähnlichen Stils (Nennung der Dauer eines Papstamtes) auf Johannes von Biclaro zurück, nimmt Cardelle de Hartmann nur implizit Stellung, vgl. ebd., „Introducción“, 107*–108*. 102 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 108*; vgl. jeweils den apparatus ad locum. 98

Zu den Quellen der Chronik

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3.3 Zu den Quellen der Chronik In diesem Abschnitt sollen überblicksartig die wichtigsten Quellen der Chronik des Victor von Tunnuna benannt werden. Dabei geht es an dieser Stelle grundsätzlich darum, welche Quellen Victor von Tunnuna möglicherweise benutzt hat. Eine eingehendere Untersuchung von Victors Umgang mit ihnen bzw. vom Verhältnis der Chronik zu ihren Quellen im Einzelnen erfolgt dann später an der jeweiligen konkreten Stelle.103 Für die Jahre 444–455, d. h. also für den Anfang der Chronik, hat, wie oben bereits erwähnt, Victor von Tunnuna die Chronik des Prosper Tiro von Aquitanien als Quelle benutzt. Da die Benutzung dieser Quelle eng mit der Überlieferungsgeschichte der Chronik verknüpft ist, wird das Verhältnis zur Chronik Prospers weiter unten genauer analysiert werden.104 Die wichtigste Quelle, die sich darüber hinaus identifizieren lässt, ist die Historia ecclesiastica von Theodoros Anagnostes (Theodorus Lector). Theodoros war Lektor an der Hagia Sophia in Konstantinopel; darüber hinaus ist über sein Leben so gut wie nichts bekannt. Günther Christian Hansen sieht ihn in der Einleitung zu seiner Ausgabe der Historia ecclesiastica als Teil „der starken chalkedonisch gesinnten Fronde innerhalb des Konstantinopler Klerus, die zu Anasthasios und dem ihm ergebenen Patriarchen Timotheos in scharfer Opposition stand“; er sei möglicherweis mit dem Patriarchen Mace­donius von Konstantinopel (496–511) auf Befehl von Kaiser Anastasius I. verbannt worden.105 Theodoros erstellte zunächst eine Historia tripartita ab der Regierungszeit Kaiser Konstantins bis zum Beginn der Regierung von Theodosius II. (408–450) aus den Kirchengeschichten des Sokrates, Sozomenos und Theodoret.106 Anschließend fertigte er die Historia ecclesiastica als eigenständige Fortsetzung an – sie liegt heute jedoch nur noch in Fragmenten und in Form einer Epitome, die auf 610–615 datiert wird, vor.107 Politische Geschichte spielt darin eine relativ geringe Rolle,108 und der vorliegende Text zeigt Theodoros’ pro-chalcedonensische Einstellung. Hansen urteilt: Nicht nur die Verengung des Horizonts, die für die Zeit vor Justinians Reichserneuerung charakteristisch sein dürfte, sondern auch die dogmatische und kirchenpolitische Voreingenommenheit des Autors hat zu mancher Verzerrung der wirklichen historischen Zusammenhänge geführt.109

103 Vgl. zu den Quellen insgesamt Placanica, „Introduzione“, XVIII–XXXVIII sowie den Kommentar von Placanica und den Similienapparat bei Cardelle de Hartmann. 104 S. u. Kap. 3.5; s. u. Kap. 5.1 für einen inhaltlichen Vergleich. 105 Hansen, „Einleitung“, X; vgl. auch Uthemann, „Theodor Anagnostes“, 867; Whitby, „The Church Historians“, 467. 106 Vgl. Hansen, „Einleitung“, XI–XVII; Uthemann, „Theodor Anagnostes“, 867. 107 Vgl. dazu Hansen, „Einleitung“, XXXVII–XXXIX. 108 Insbesondere zur Profangeschichte in der Historia ecclesiastica vgl. Greatrex, „Théodore le Lecteur“. 109 Hansen, „Einleitung“, XVIII.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

Erhalten sind Fragmente der Kirchengeschichte bis in das Jahr 518 (Thronbesteigung Justins I. = Victor von Tunnuna, Chronicon 100–101). In diesem Jahr wurde sie wohl auch fertiggestellt.110 Die Mehrzahl der in der Ausgabe von Hansen aufgeführten Fragmente der Historia ecclesiastica findet sich bei Victor von Tunnuna. Es ist davon auszugehen, dass Victor von Tunnuna entsprechend der Gattung seines Textes die Informationen der Historia ecclesiastica gekürzt und zum Teil auch verändert hat; dennoch besteht kein Zweifel daran, dass er die Kirchengeschichte als Quelle benutzt hat.111 Insbesondere für die Regierungszeit Zenos und Anastasius’ ist sie Victors Hauptquelle;112 Hansen geht von einer Benutzung bereits ab Chronicon 3 aus.113 Beispielhaft zeigt sich die gattungsgemäße breuitas der Chronik des Victor von Tunnuna bei seiner Benutzung der Historia ecclesiastica im Vergleich der ausführlichen Darstellung des „Arianers“ Olimpius bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica fr. 52a (131,10–133,32 Hansen [aus Johannes Damascenus, De imaginibus, oratio 3, Florilegium]) mit den wenigen Zeilen bei Victor von Tunnuna, Chronicon 80 (25,405–410 Cardelle de Hartmann), der im Gegensatz zu seiner Quelle etwa alle direkten Reden weglässt.114 Das genaue Verhältnis des Textes der Chronik Victors zum ursprünglichen Text der Historia ecclesiastica ist allerdings aufgrund der Überlieferungslage nicht mehr zu bestimmen – inwiefern die Epitome aus dem siebten Jahrhundert dem ursprünglichen oder auch dem Victor von Tunnuna vorliegenden Text der Kirchengeschichte

110 Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica fr. 77 und E524 (151,6–12.24–29 Hansen). Vgl. auch Hansen, „Einleitung“, X–XI: „Da nun die KG mit der Thronbesteigung Justins endet und jeden Ausblick auf den Triumph der chalkedonischen Orthodoxie vermissen läßt, darf als sicher gelten, daß sie noch im Jahre 518 abgeschlossen ist.“ Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXI: Victor benutzt die Historia von Theodoros von 444/457 bis 518, „anno con il quale si concludeva la Storia di Teodoro Lettore“. Unklar ist, warum Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 110*, schreibt, dass die Historia ecclesiastica „abarcaba los años 439 al 527“. 111 Vgl. Hansen, „Einleitung“, XXI, in Bezug auf Sarrazin, De Theodoro Lectore, 224 (dort konkret zu Victor von Tunnuna, Chronicon 82) und Schwartz, Publizistische Sammlungen, 219 (Anm.  1). Schwartz verzichtet auf eine weitere Darlegung seiner Aussage „Ich bemerke nebenbei, daß Theodors Kirchengeschichte von Victor Tunnunensis benutzt ist.“, führt ebd. aber die „Konkordanz“ zwischen Theophanes, Chronographia a. m. 5984 und Victor von Tunnuna, Chronicon 70 auf die gemeinsame Quelle Theodoros Anagnostes zurück. 112 Vgl. Hansen, „Einleitung“, XXI, zu den wichtigsten Parallelen bei Victor von Tunnuna als Beleg, dass dieser „ThA [die Kirchengeschichte des Theodoros Anagnostes] vor sich gehabt und exzerpiert hat“; vgl. insgesamt seine Ausgabe der Historia ecclesiastica fr. 1–77 (98–151 Hansen). Vgl. auch Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 110*; vgl. mit Beispielen Placanica, „Introduzione“, XIX– XXI. Dies muss hier nicht im Einzelnen nachgezeichnet werden. Zur Analyse ausgewählter Stellen s. u. in Kapitel 5 (bis 518). Theodoros Anagnostes’ Darstellung hatte selbst den Schwerpunkt in den Jahren der Herrschaft von Zeno und (besonders) von Anastasius, da er deren Zeitgenosse war, vgl. Greatrex, „Théodore le Lecteur“, 123. 113 Vgl. Theodors Anagnostes, Historia ecclesiastica fr. 1 (98,1–18 Hansen). 114 Vgl. Placanica, „Introduzione“, XX–XXI; vgl. auch Placanica, „Introduzione“, XVIII (Anm. 2) zu der Darstellung des Alamundarus bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E513 und bei Victor von Tunnuna, Chronicon 93. Zu beiden Stellen s. weiter u. Kap. 5.4.8.

Zu den Quellen der Chronik

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entspricht, kann letztlich nur vermutet werden.115 Trotz dieser Einschränkung ist es, weil die Historia ecclesiastica eben nicht selbst zur Verfügung steht, dennoch für die Analyse der Chronik des Victor von Tunnuna sinnvoll, die entsprechenden Texte aus der Epitome vergleichend heranzuziehen, um das Profil der Chronik genauer herauszuarbeiten.116 Für die Zeit nach 518, also für die Abschnitte nach Chronicon 101, ist es schwierig, Quellen ausfindig zu machen. Eine gemeinsame (unbekannte) chronistische Quelle von Victor von Tunnuna, Kyrill von Skythopolis und Johannes Malalas, wie sie Ernest Stein117 v. a. aufgrund einer Übereinstimmung für das Jahr 518, den Tod des Anastasius in Folge eines Blitzes,118 annahm, erscheint nicht wahrscheinlich: Antonio Placanica weist nach, dass die Parallelen zu Kyrill auf (zum Teil verlorene) Passagen der Historia ecclesiastica des Theodoros Anagnostes zurückzuführen sind, welche auch Kyrill benutzte. Zudem legt er dar, dass die Ähnlichkeiten mit Malalas zu vage sind, um daraus auf eine gemeinsame Quelle oder überhaupt auf die genauen Beziehungen zwischen den Chronographiae und der Chronik Victors zu schließen.119 Weil Victor von Tunnuna die Konsulatsjahre als chronologische Struktur benutzt, ist es wahrscheinlich, dass er sich hierbei auf Konsullisten (fasti consulares)120 stützt. Placanica nimmt als konkrete mögliche Quelle die Consularia Italica an, relativiert dies 115

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Als Theophanes seine Chronographia verfasste (nach 810), lag ihm wohl die Epitome selbst vollständig vor, vgl. Hansen, „Einleitung“, XXIX. Dass besonders die Interpretation der nur bei Theophanes vorkommenden Stücke schwierig ist, darauf macht Greatrex, „Théodore le Lecteur“, 125–126 aufmerksam; vgl. auch ebd., 130–139 seine Untersuchung der Vorgehensweise des Verfassers der Epitome im Vergleich mit Ps-Zacharias Rhetor, mit der er nachweist, dass manche Einfügungen in die Epitome eben nicht etwa aus Theophanes stammen, sondern vom Epitomator selbst. Gleiches gelte womöglich für auffälligerweise fehlende Stücke, z. B. zu westlicher Geschichte. S. dazu u. Kap. 5. Vgl. Stein, „Cyrille de Scythopolis“, 173 (Anm. 1). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 100 (33,548–552 Cardelle de Hartmann); Kyrill von Skythopolis, Vita Sabae 60 (162,4–10 Schwartz); Johannes Malalas, Chronographia 16,22 (335,64–66 Thurn). Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXIII–XXVI; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 112*. Ferner gibt es eine auffällige Ähnlichkeit einer Formulierung in der Chronik (Chronicon 130 [43,771–773 Cardelle de Hartmann]: generalis orbis terrarum mortalitas sequitur et inguinum percussione melior pars populorum uexatur [„es folgte eine Sterblichkeit der Länder des ganzen Erdkreises, und der bessere Teil der Völker wurde weggerafft durch das Schlagen der Leisten“) mit Prokopios von Caesarea, Anekdota 18,44 (119,14–16 Haury/Wirth): ἐπιγενόμενος δὲ καὶ ὁ λοιμὸς, οὗ πρόσθεν ἐμνήσθην, τὴν ἡμίσειαν μάλιστα τῶν περιγινομένων ἀνθρώπων ἀπήνεγκε μοῖραν. / „Nachdem aber auch die Pest aufgekommen war, an die ich zuvor erinnert habe, raffte sie die bessere Hälfte der übrig gebliebenen Menschen als gebührenden Anteil weg.“ V. a. die Formulierung der „besseren Hälfte“ ist auffällig, weil sie in den anderen Quellen zu dieser Pest nicht vorkommt; s. dazu u. S. 393 (Anm. 777). Da die Ähnlichkeit aber nur einen kleinen Teil der Gesamtformulierung betrifft, lässt sich letztlich auch hier keine (direkte) Abhängigkeit postulieren. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 111*, spricht von „fastos consulares“. Die Problematik der Begrifflichkeit bezüglich fasti, fasti consulares, consularia u. ä. kann hier nicht diskutiert werden, vgl. dazu Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 10–12, vgl. insgesamt 1–62 zur Frage der Gattung und Nomenklatur. Kritisch zu den dortigen Lösungsversuchen Becker, „Consularia Constantinopolitana, Einleitung“, 3–7.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

aber selbst wieder, indem er darauf hinweist, dass „il gran numero di errori e fraintendimenti, e sopratutto la totale assenza di conicidenze verbali inducono a postulare ameno una fonte intermedia attraverso cui sia giunto a Vittore il material ricavato dai Consularia“.121 Bei den Consularia Italica handelt es sich zudem um eine Gruppe von Texten, deren genaue Herkunft unbekannt ist.122 Welchen Text Victor von Tunnuna seiner Chronik hier konkret zugrunde legt, kann daher aufgrund des generell offenen Charakters und der häufigen Fortschreibung solcher Konsullisten nicht genau bestimmt werden. Victor nennt weder den östlichen noch den westlichen Konsul immer zuerst: Von 444 bis 457 nennt er zuerst den westlichen Konsul, von 548 bis 500 zuerst den östlichen, von 501 bis 563 wieder den westlichen (jeweils mit wenigen Ausnahmen).123 Dies deutet auf die Benutzung verschiedener Listen hin oder auf die Benutzung einer Liste, deren Text selbst Elemente verschiedener Herkunft aufweist, ähnlich wie etwa die sogenannten Consularia Constantinopolitana.124 Denkbar, aber aus dem Text der Chronik letztlich nicht zu belegen, ist auch eine Benutzung von Synodalakten durch Victor von Tunnuna: Es gibt Hinweise auf die Kenntnis der Akten des zweiten Konzils von Ephesus bzw. des Konzils von Chalcedon, die aber eher vage sind.125 121 Placanica, „Introduzione“, XXI–XXII (das Zitat XXII), unter Rückbezug auf Zecchini, Aezio, 88– 89 sowie Bury, „The Nika Riot“, 94. 122 Wahrscheinlich stammt die originale Sammlung aus dem späten vierten Jahrhundert; vgl. Bur­ gess/Kulikowski, Mosaics of Time, 178–179. Die Consularia Italica sind unter diesem Titel ediert von Mommsen, Chronica minora 1 (249–339; jeweils mit Einleitung); die Beziehung der einzelnen Texte untereinander ist jedoch noch nicht geklärt, vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 111*. Zur Forschungsgeschichte und Diskussion der bei ihm als „consular annals“ bezeichneten Texte vgl. auch Muhlberger, The Fifth Century Chroniclers, 25–27. 123 Vgl. die Angaben bei Mommsen, „Praefatio“, 180. 124 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 111*. Zu den Consularia Constantinopolitana vgl. jetzt die Einleitung von Maria Becker neben Text (Becker) und Übersetzung (Mehran A. Nickbakht) sowie Kommentar (Becker und Nickbakht) in Modul G1–4 der Reihe der Kleinen und fragmentarischen Historiker der Spätantike, Consularia Constantinopolitana und verwandte Quellen. Vgl. auch Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 175–178 (dort als Descriptio consulum bezeichnet). Zum Charakter von Consularia vgl. kurz auch Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 122*–123*. 125 Vgl. Placanica, „Introduzione“, XVIII–XIX: Victor von Tunnuna verwendet beim Eintrag zum zweiten Konzil von Ephesus in Chronicon 4 das Verb contradicere, welches auf das Κοντραδίκιτουρ des römischen Diakons Hilarius, notiert in den Akten des Konzils, anspiele (vgl. ACO 2,1,1 [191,30– 31 Schwartz]). Immerhin verwendet Prosper, Victors Hauptquelle für diese Jahre, an dieser Stelle ein anderes Verb, woraus man auf eine andere Quelle schließen könnte: Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 4 (4,29–30): […] contradicentibus etiam legatis sedis apostolice […].  / „[…] obwohl die Gesandten des Apostolischen Stuhls widersprachen […]“. Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1358 (480,14–15 Mommsen; Übers. 127 Kötter): […] reclamantibus eis qui uice sancti papae Leonis intereant […]. / „[…] obwohl diejenigen, die an Stelle des heiligen Papstes Leo teilnahmen, widersprachen […].“ Das Verb contradicere findet sich im selben Zusammenhang auch bei Liberatus von Karthago, Breuiarium 12 (118,26 Schwartz). Da Liberatus sagt, er habe eine aus dem Griechischen übersetzte Version der Akten des Konzils von Chalcedon (mit den dort in der ersten Sitzung verlesenen Akten des Konzils von Ephesus) in Alexandria erhalten (Breuiarium 12 [119,7–8 Schwartz]), ist vorstellbar, dass Victor von Tunnuna in Alexandria ebenfalls Zugang

Zu den Quellen der Chronik

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Placanica sieht darüber hinaus die Möglichkeit, dass Victor auf weitere offizielle Dokumente zurückgegriffen hat: Aufgrund ähnlicher Wortwahl bei jeweils denselben Themen könnte Victor Briefe oder Briefsammlungen von Päpsten aus dem fünften und sechsten Jahrhundert als Quelle benutzt haben.126 Er nennt Parallelen von – Chronicon 8 (Martianus […] ecclesiarum paci prospiciens [5,49–51 Cardelle de Hartmann]) zu Leo I. der Große, Epistula 94,1 (ad reparationem pacis ecclesiasticae synodum habere uoluistis [PL 54, 941A Migne]); – Chronicon 19 zu Leo I. der Große, Epistula 170 (PL 54, 1214B Migne; Timotheus Ailurus jeweils als auctor des Todes von Proterius); – Chronicon 58 (litteris […] admonitus; custodie mancipat [18,295–297 Cardelle de Hartmann]) zu Felix III. (II.) von Rom, Epistula 6,1 (Vitalem atque Misenum […] custodiae passus fueri mancipari [244–245 Thiel]) und Epistula 7 (secundo a nobis admonitus [247 Thiel]). Zudem werde in Chronicon 22 ein Brief von Leo dem Großen an Juvenal von Jerusalem erwähnt, bei dem es sich um Epistula 150 handeln könnte. Chronicon 53 zeige ferner eine Nähe zu einem Abschnitt der Narrationis ordo de prauitate Dioscori.127 Carmen Cardelle de Hartmann ist zuzustimmen, wenn sie hier insgesamt eher Echos als Paral­ lelen sieht.128 Der Anklang zumindest an die Briefe des Felix von Rom in Chronicon 58 ist aber auch insofern deutlich gegeben, als es ja dort gerade konkret um Briefe des Felix geht. Ob Victor von Tunnuna die Briefe allerdings wirklich direkt benutzt hat, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Aufgrund ihres nordafrikanischen Autors und ihres Profils stellt sich die Frage, ob sich auch nordafrikanische Quellen der Chronik identifizieren lassen. V. a. an eine Benutzung der Historia persecutionis Africanae prouinciae des Victor von Vita ist zu denken, erwähnt doch die Chronik an mehreren Stellen die Verfolgungen der „Katholiken“ Nordafrikas unter der vandalischen Herrschaft.129 Placanica geht davon aus, dass „più che generiche affinità nel contenuto storico fanno pensare alcune somiglianze verbali“.130 Er verweist auf mehrere solcher „wörtlichen Ähnlichkeiten“:

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zu solchen Dokumenten hatte; vgl. Placanica, „Introduzione“, XIX. Weiter zu Chronicon 4 s. u. Kap. 5.1.3 und 5.1.4; zu einem weiteren Hinweis bezüglich einer Benutzung der Konzilsakten (Datierung des Konzils in das Konsulat des Augustus Marcian) s. ebf. u. S. 244. Für die Benutzung der Akten des 2. Konzils von Konstantinopel gibt es keinen Hinweis, auch wenn die Angabe der Chronik, dass Vigilius von Rom auf dem Konzil anwesend war (vgl. Chronicon 147) für eine dahingehende Argumentation nicht überbewertet werden sollte; s. zu diesem Problem u. Kap. 5.7.3.3. Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXII. Narrationis ordo de prauitate Dioscori, Appendix 2,14 (795,10–12 Guenther). Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 112*. Sie hält es dann aber doch für „probable que Víctor pudiera utilizar estas epístolas, ya que estas expresiones similares aparecen al tratar de los mismos temas“. S. dazu insgesamt u. Kap. 5.5. Placanica, „Introduzione“, XXIII.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

Victor von Tunnuna, Chronicon 14 (Hic itaque malum quod latebat apparuit. [7,86– 87 Cardelle de Hartmann]) erinnere direkt an Victor von Vita, Historia persecutionis 3,20 (Post uero fraus quae celabatur apparuit. [81,8 Petschenig]). Chronicon 28 (post multarum prouinciarum clades et christiani apud Affricam populi spolia atque neces [11,150–151 Cardelle de Hartmann]) erscheine wie eine Verstärkung von Historia persecutionis 3,59 (frequens [bei Placanica als frequentia zitiert] multarum prouinciarum spolia [101,9–10 Petschenig]). Zudem runde Victor von Tunnuna die Zahl der Exilierten unter Hunerich (Chronicon 50 [16,246 Cardelle de Hartmann]: quatuor circiter milia) aus Victor von Vita, Historia persecutionis 2,26 (quattuor milia DCCCCLXVI [33,22 Petschenig]).

Letztlich lässt Placanica zwar die Frage, ob Victor von Tunnuna die Historia persecutionis als Quelle benutzt hat, dennoch offen. Aber selbst dies greift noch zu weit: Die Zahl der genannten Anklänge ist erstens äußerst gering, und zweitens sind diese sehr vage. Gerade die gerundete Zahl der Exilierten kann auch allgemein bekannt gewesen sein. Zudem steht, selbst wenn es sich um eine „wörtliche Ähnlichkeit“ handelt, zumindest die erste „Ähnlichkeit“ in beiden Quellen in ganz verschiedenen Kontexten.131 Auch die zweite „Ähnlichkeit“ läuft bei Victor von Vita auf ein anderes Ziel hin, nämlich nicht den Regierungswechsel zu Hunerich (so bei Victor von Tunnuna), sondern die Hungersnot der Vandalen. Eine direkte Benutzung der Historia persecutionis als Quelle legt sich aufgrund dieser Stellen jedenfalls nicht nahe, und auch hinsichtlich anderer Stellen ist ein solcher Nachweis schwer zu erbringen.132 Placanica sieht auch „generici accostamenti“ mit dem Laterculus Regum Vandalorum hinsichtlich der Verfolgung durch Hunerich und der Rückeroberung durch Belisar.133 Hier dürfte die Abhängigkeit aber in die andere Richtung gehen: Roland Steinacher hat gezeigt, dass die Chronik des Victor von Tunnuna vielmehr für den Text des Laterculus, einer (afrikanischen) Fortsetzung der Chronik Prospers, in der Version des Reichenauer Codex (Parisinus Latinus 4860, fol. 49v) selbst eine Quelle ist.134 Für einen Verteidiger der Drei Kapitel aus Nordafrika wie Victor von Tunnuna stellt sich dann auch die Frage nach einer Rezeption von Texten anderer Verteidiger der Chronicon 14: Ermordung Valentinians und Eroberung Roms durch Geiserich, der genannte Text bezogen auf die Heirat der Witwe von Valentinian durch Maximus ohne die übliche Trauerzeit. Historia persecutionis 3,20: Erzwungener Eid von katholischen Bischöfen, verbannt werden letztlich sowohl die, die geschworen haben, weil das Schwören im Evangelium verboten ist, als auch die anderen, weil sie keinen Eid gegenüber dem König geleistet haben. 132 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 113*–114*. S. auch u. S. 319–320 (Anm. 412) zu einer weiteren Ähnlichkeit, Victor von Tunnuna, Chronicon 30 und Victor von Vita, Historia persecutionis 2,17. 133 Placanica, „Introduzione“, XXIII. 134 Vgl. Steinacher, „The So-Called Laterculus Regum Vandalorum et Alanorum“; ausführlicher in der dem Aufsatz zugrundeliegenden Arbeit Der Laterculus Regum VVandalorum et Alanorum, in Auseinandersetzung mit der Edition Mommsens, Chronica minora 3, 456–460 (mit Einleitung). 131

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Drei Kapitel, gerade aus Nordafrika. Es gibt jedoch insgesamt nur wenige Hinweise auf eine direkte Benutzung solcher Texte: Dem Zeugnis der Chronik zufolge kannte Victor von Tunnuna Facundus von Hermiane und seine duodecim libri, also seine Schrift Pro defensione trium capitulorum.135 Auf eine tatsächliche Kenntnis oder auch Benutzung dieser Schrift durch Victor weisen die Benennung des zweiten Konzils von Ephesus als nec dicenda sinodus136 sowie die Rückführung der Verurteilung der Drei Kapitel durch Papst Vigilius auf die Anstachelung des Kaisers durch die subreptiones Accephalorum hin, die Facundus von Hermiane als Hintergrund für das Edikt Justinians sieht, gegen das er sich mit seiner Schrift wendet.137 In Chronicon 137, wo berichtet wird, dass Justinian per diuersas prouincias in regni sui finibus constitutas instantissime scribit et antistites cunctos prefata tria capitula damnare compellit (45,811–46,813 Cardelle de Hartmann) findet sich zudem ein wörtlicher Anklang an Pro defensione trium capitulorum 2,3,17,138 wobei Chronicon 137 auch inhaltlich im selben Kontext steht. V. a. deshalb kann dies als weiterer Hinweis darauf gesehen werden, dass Victor von Tunnuna diese Schrift des Facundus kannte und benutzte.139 Dieselbe Stelle in der Chronik ist zudem ein Anklang an Facundus von Hermianes Liber contra Mocianum Scholasticum140 13. In Contra Mocianum 13 schreibt Facundus von Hermiane, bezogen auf Zenos Henotikon, insbesondere aber auch auf die Gemein135 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 142. Zu kurzen Einordnung und Datierung der Schrift s. o. S. 74–75. 136 Victor von Tunnuna, Chronicon 10 (6,59–60 Cardelle de Hartmann); vgl. Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 5,3,33 (secunda non dicenda synodo Ephesena [146,259–260 Clément/Vander Plaetse); vgl. 6,1,1; vgl. Placanica, „Note“, 70 (ad a. 451); ders., „Introduzione“, XXVI; Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 113. 137 Victor von Tunnuna, Chronicon 132 (44,786–791 Cardelle de Hartmann); vgl. Facundus von Her­ miane, Pro defensione trium capitulorum, praefatio (3,1–2 Clément/Vander Plaetse; Übers. 141 FraïsseBétoulières): Cum in praeiudicium sancti concilii Chalcedonensis impugnatores eius Acephali per quosdam subriperent […] / „Pour nuire au saint synode de Chalcédoine, ses adversaires acéphales s’employaient sournoisement de quelques individus […]“. Allgemein mit haeretici verbunden wird subreptio in Pro defensione trium capitulorum 2,1,2; 3,5,13; 4,3,6; 5,5,20. Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXVI; ders., „Note“, 121 (ad a. 544,1); Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 113*. Bei Victor von Tunnuna wird subreptio nur an der genannten Stelle und somit nur in Verbindung mit den Accephali gebraucht. Auch impugnatores wird nur einmal in Chronicon 124 für Severus von Antiochien und Julian von Halicarnassus gebraucht, s. u. Kap. 5.7.1.5. 138 Facundus von Herminae, Pro defensione trium capitulorum 2,3,17 (53,117–120 Clément/Vander Plaetse; Übers. 301 Fraïsse-Bétoulières): […] ad augmendum numerum, alieno decreto subscribere compel­luntur episcopi, quod per diuersas circumlatum prouincias omnium sacerdotum uideretur subscriptione firmari. / „pour en augmenter le nombre sont contraints de souscrire à un décret différent qui, porté à travers diverses provinces, semblerait avoir reçu confirmation par l’adhésion de tous les évêques“. 139 Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXVI. Cardelle der Hartmann, „Introducción“, 113* (Anm.  222) lehnt die Argumentation mit dieser Stelle eher ab: „La única semejanza con § 137 es la expresión per diuersas prouincias.“ Vgl. zudem auch die ähnliche Beschreibung der Drei Kapitel in ihrem Verhältnis zu Chalcedon in Victor von Tunnuna, Chronicon 130 und Facundus von Hermiane, Contra Mocianum 5. 140 S. o. S. 74 (Anm. 299) zur Datierung und Einordnung.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

schaft mit Acacius von Konstantinopel und anderen Gegnern von Chalcedon, Zeno omnes Ecclesias in sui regni finibus constitutas idem facere compellebat.141 Diese wörtlichen Parallelen können auch Zufall sein, fallen aber, obwohl auf ein anderes Ereignis bezogen, auf.142 Weitere Anklänge von Chronicon 57 und 104 an Contra Mocianum 13 und 19 sind zwar vage, finden sich aber immerhin im entsprechenden inhaltlichen Kontext.143 Ein Rückgriff Victors auf Contra Mocianum erscheint damit jedenfalls denkbar. In Bezug auf Facundus von Hermiane wird auch das Verhältnis der Chronik zur Epistula fidei catholicae diskutiert. Da eher von einer pseudepigraphen Zuschreibung der Epistula fidei catholicae an Facundus von Hermiane, v. a. aber von einer späteren Datierung als die Chronik auszugehen ist, kommt bezüglich der Epistula aber nur eine Benutzung der Chronik Victors durch Ps-Facundus in Frage, nicht umgekehrt.144 Hinweise auf eine solche Benutzung würden dann auf eine Rezeption der Chronik in dem (nordafrikanischen) Milieu hindeuten, das auch noch nach 565 die Drei Kapitel gegen ihre Verurteilung zu verteidigen suchte. In Bezug auf weitere nordafrikanische Quellen wird in der bisherigen Forschung zu Victor von Tunnuna die Annahme einer Benutzung des (ca. 560 bis 566 entstandenen) Breuiarium causae Nestorianorum et Eutychianorum des Nordafrikaners Liberatus von Karthago durch Victor von Tunnuna diskutiert, aber normalerweise abgelehnt.145

141 Facundus von Hermiane, Contra Mocianum 13 (404,114–115 Clément/Vander Plaetse; Übers. 241 Fraïsse-Bétoulières): „contraignait à faire de même les évêques soumis à son empire“. 142 Insgesamt zu Chronicon 137 und den Anklängen an Facundus von Hermiane sowie zur Deutung dieser möglichen Neu-Kontextualisierung durch Victor von Tunnuna s. u. S. 408–411. 143 Placanica, „Introduzione“, XXVI und Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 113* halten aufgrund der genannten Stellen Chronicon 57 und 104 und deren Rückgriff auf Contra Mocianum 13 eine Benutzung dieser Schrift von Facundus von Hermiane durch Victor von Tunnuna wahrscheinlich. Sie beziehen sich für Chronicon 57 (Acacianisches Schisma) wahrscheinlich auf die orientales episcopi preter paucos (18,287–288 Cardelle de Hartmann) im Gegenüber zu omnis Oriens, praeter admodum paucos in Contra Mocianum 13 (404,117 Clément/Vander Plaetse). Für Chronicon 104 (Beendigung des acacianischen Schismas) nennt Placanica als Parallele zu Contra Mocianum 13 sub digna satisfactione (34,574 Cardelle de Hartmann), gemeint ist hier aber wohl eine Parallele zu Contra Mocianum 19 (sub debita satisfactione [405,163 Clément/Vander Plaetse]). 144 Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXVI–XXVII. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 113* (Anm. 222) sieht in den bei Placanica angegebenen Stellen (Chronicon 145 und 152 sowie Epistula fidei catholicae 25–26 und 59) keinen Beleg für eine Benutzung der Chronik durch den Autor der Epistula. Zur Diskussion von Datierung und Autorschaft der Epistula fidei catholicae sowie zu deren Verhältnis zur Chronik Victors von Tunnuna s. u. Kap. 5.9. 145 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 112*–113*; Placanica, „Introduzione“, XXVII–XXVIII; vgl. schon Mommsen, „Praefatio“, 183, so jetzt auch, in Bezug auf Cardelle de Hartmann und Placanica, Blaudeau, „Introduction“, 15 (mit Anm. 2), vgl. auch ebd., 51–52. Liberatus, (Erz?-) Diakon von Karthago, gibt in seinem Breuiarium causae Nestorianorum et Eutychianorum (hier zitiert als Breuiarium; ediert von Eduard Schwartz in ACO 2,5, 98–141; vgl. jetzt auch die französische Übersetzung mit Einleitung in den Sources chrétiennes 607 von Philippe Blaudeau, Libératus de Carthage [2019]) einen Abriss der religions- und kirchenpolitischen Debatten im oströmischen Reich im fünften und sechsten Jahrhundert (von Nestorius bis zum Konzil von Konstantinopel 553),

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In Frage kommt eine direkte Abhängigkeit insbesondere für Victor von Tunnuna, Chronicon 130 (42,752–43,771 Cardelle de Hartmann), das Zitat eines (unechten) Briefes von Papst Vigilius, welcher sich auch in Breuiarium 24 (137,27–138,5 Schwartz) findet.146 Gegen eine Abhängigkeit wird argumentiert, dass es zwischen der Chronik und dem Breuiarium bis auf den Vigilius-Brief keine formalen Parallelen gebe und dass Victor auch nicht dieselben Quellen benutze wie Liberatus. Hinsichtlich des Vigilius-­ Briefes werden die vielen Unterschiede zwischen den Texten bei Victor und Liberatus

inklusive einer kurzen Vorgeschichte zum christologischen Streit im vierten Jahrhundert (so charakterisiert bei Drecoll/Meier, „Einleitung“, 6). Das Breuiarium ist ein Zeugnis für die Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Ost und West im sechsten Jahrhundert, aber es ist auch ein Versuch, diese zu überwinden. Liberatus von Karthago verteidigt damit zwar einerseits die Drei Kapitel – überhaupt wurde im Breuiarium oft „vornehmlich eine Rechtfertigung der Drei Kapitel sowie [der] Versuch, die Unrechtmäßigkeit ihrer Verurteilung durch Justinian zu erweisen“ (ebd., 6) gesehen, so etwa bei Suchla, „Liberatus, Diakon von Karthago“ (456): „Das Anliegen dieser Schrift, die zwischen 560 und 566 entstand, lag in der Verteidigung der Drei Kapitel und im Erweis, dass Justinian mit der Verurteilung der Drei Kapitel eine falsche Entscheidung getroffen habe“ (zu weiteren Beispielen vgl. Meier, „Das Breviarium“, 132–133). Gleichzeitig schreibt Liberatus selbst, dass sein Ziel mit dem Breuiarium ist, einem lateinischsprachigen Leserkreis Einblick in komplizierte Diskussionen im griechischen Osten zu geben (vgl. Breuiarium 1 [99,6–7 Schwartz]: libenter offero catholicis fratribus ignorantibus acta ipsarum heresum et legere uolentibus / „gerne biete ich es [= was ich schreibe] den katholischen Brüdern an, die die Ereignisse derselben Häresien [= Nestorianer und Eutychianer] nicht kennen und sie lesen wollen“); vgl. Drecoll/Meier, „Einleitung“, 6. Daher ist mit der Verteidigung der Drei Kapitel „die Intention des Liberatus keineswegs ausreichend beschrieben“ (ebd., 6): Von Justinians Herrschaft zieht er „ein ausgesprochen positives Fazit“ (Meier, „Das Breviarium“, 138); insgesamt ist er eher als Vermittler zwischen Ost und West zu sehen, der v. a. „einen Abriss oströmischer Kirchenpolitik im 5. und 6. Jahrhundert“ bietet (ebd., 142) und „eine tendenzöse Schrift weitgehend im Sinne Justinians“ verfasst hat (ebd., 147). Der Intention einer positiven Darstellung der Herrschaft Justinians widerspricht nun wieder Blaudeau, „Introduction“, bes. 42–47, der zudem wieder die inhaltliche Verwandtschaft zu Facundus von Hermiane und Victor von Tunnuna im Kampf für die Verteidigung der Drei Kapitel hervorhebt (vgl. bes. ebd., 47–52). Insgesamt sind Gattung und Intention des Breuiarium so auch weiterhin umstritten. Die Annahme, dass es keine unmittelbare textliche Beziehung zwischen der Chronik des Victor von Tunnuna und dem Breuiarium gebe, spricht für Blaudeau, „Introduction“, 15–17.51 übrigens (neben anderen Hinweisen) für die Redaktion des Breuiarium in Italien (Vivarium) (in Bezug auf die These von Schwartz, „Praefatio“, XXII, der annimmt, dass Liberatus dahin geflohen sein könnte). Vgl. insgesamt zum Breuiarium v. a. das Themenheft ZAC 14,1 (Das „Breviarium“ des Liberatus von Karthago), dort in den einzelnen Beiträgen auch einschlägige weitere Literatur zu Liberatus; jetzt eben auch den o. g. Band von Blaudeau. 146 Dass der Brief nicht von Vigilius selbst stammt, hat Placanica, „De epistola Vigilio supposita“, gezeigt; vgl. auch die Anmerkungen zu einzelnen Textteilen bei Placanica, „Note“, 118–120 (ad a. 542,1). Es ist nicht nötig, seine Argumentation hier im Einzelnen nachzuzeichnen. Es gibt eine weitere Stelle, die auf eine direkte Verbindung der Chronik und des Breuiarium hinweisen könnte: Bereits im 18. Jahrhundert wurde eine Abhängigkeit zwischen Liberatus von Karthago, Breuiarium 19 (133,8–12 Schwartz) und Victor von Tunnuna, Chronicon 87 (27,449–451 Cardelle de Hartmann; „Tadel“ des Evangeliums durch Kaiser Anastasius) diskutiert, vgl. Placanica, „Note“, 98 (ad a. 506 [genannt ist dort fälschlicherweise Breuiarium 18]). Schon Mommsen, „Praefatio“, 183, lehnt diese Abhängigkeit aber ab: „Victor rem diverse omnino narrans certe non pendet a Liberato“. Die Frage lässt sich für diese Stelle nicht eindeutig lösen. Zu Victor von Tunnuna, Chronicon 130 vgl. insgesamt Kap. 5.7.3.2–5.7.3.4.

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betont. Wahrscheinlicher sei hier, dass Victor und Liberatus mit dem Brief unabhängig voneinander einen pseudepigraphischen Text wiedergeben würden, der in Nordafrika unter den Verteidigern der Drei Kapitel verbreitet gewesen sei, einem dezidiert gegen Vigilius eingestellten Milieu.147 Betrachtet man die Brieftexte bei Victor und bei Liberatus nebeneinander, fällt aber weniger ihre Unterschiedlichkeit auf als vielmehr ihre große Ähnlichkeit. Neben einzelnen Wort- oder Flexionsvarianten wie iuuante und adiuuante oder Umstellungen wie qui est uester und qui uester est,148 die nicht zuletzt auch durch die Überlieferung entstanden sein können, gibt es drei größere Unterschiede: Der längere Briefanfang149 und die Nicht-Nennung des Namens der Antonina bzw. stattdessen ihre Benennung als domina150 bei Victor von Tunnuna sowie der unterschiedliche letzte Satz vor der subscriptio151. Gerade eine Änderung am Anfang einer zitierten Textstelle ist nicht ungewöhnlich. Der längere Anfang des Briefes könnte eine Anpassung durch Victor von Tunnuna an die subscriptio des Briefes sein.152 Schon

147 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 112*–113*, hier 113*: „un ambiente particularmente hostil al Papa Vigilio“; vgl. auch Gleede, „Liberatus’ Polemik“, 111. Placanica, „De epistola Vigilio supposita“, 32, nimmt eine Entstehung an „fortasse in Aegypto, ubi deguerunt Liberatus et Victor“; vgl. auch ders., „Note“, 118–119 (ad a. 542,1); Placanica, „Introduzione“; XXVII – der Brief könne im Original sogar auf Griechisch geschrieben gewesen sein. Blaudeau, „Notes“, 330 (Anm. 4), sieht in Bezug auf Speigl, „Leo quem Vigilius condemnavit“, 13, den Brief von Partisanen des Silverius verfasst, der bei Liberatus von Karthago die entsprechende Erzählung um Vigilius garantieren solle. 148 Vgl. bspw. Victor von Tunnuna, Chronicon 130 (42,755–756 Cardelle de Hartmann): deo iuuante mit Liberatus von Karthago, Breuiarium 22 (137,33–34 Schwartz): deo adiuuante. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 130 (43,763 Cardelle de Hartmann): qui est uester mit Liberatus von Karthago, Breuiarium 22 (137,33 Schwartz): qui uester est. Unterschiedlich in der Bedeutung, aber möglicherweise auch auf einen frühen Schreib- oder Verständnisfehler zurückzuführen ist die Variante profectus mei bei Victor von Tunnuna (43,763 Cardelle de Hartmann, ihrer Angabe zufolge in allen Handschriften; „meines Fortschritts“) im Gegenüber zu prouectus mei bei Liberatus (137,33 Schwartz; „meiner Beförderung“). Placanica (46 Placanica) entscheidet sich bei Victor von Tunnuna gegen das Zeugnis der Handschriften für die Variante des Liberatus, also prouectus. Aus meiner Sicht gibt es dafür keinen nachvollziehbaren Grund (zumal an den anderen unterschiedlichen Stellen der Text des Briefes ja auch nicht vereinheitlicht wird), weshalb ich in der Übersetzung mit Cardelle de Hartmann dem für die Chronik überlieferten Text folge. Zu weiteren kleineren Varianten vgl. die Darstellung bei Placanica, „De epistola Vigilio supposita“, 27–28. 149 Vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 22 (137,27–28 Schwartz): Dominis et Christis Vigilius. Bei Victor von Tunnuna, Chronicon 130 (42,752–754 Cardelle de Hartmann): Dominis et in Christi Dei Saluatoris nostri karitate coniunctis fratribus Theodosio, Antimo et Seuero episcopis Vigilius episcopus. 150 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 130 (42,756–758 Cardelle de Hartmann): quia modo gloriosa domina et filia mea patricia christianissima desideria mea fecit impleri. Vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 22 (137,28–29 Schwartz): quia modo gloriosa filia mea patricia Antonina Christianissima desideria mea fecit impleri. 151 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 130 (43,768–769 Cardelle de Hartmann): ut facilius possit Deus que cepit operari perficere. Vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 22 (138,3 Schwartz): ut facilius possim his quae coepi operari, perficere. 152 Dort werden einige Begriffe genannt, die in der Variante des Anfangs bei Victor von Tunnuna vorkommen, vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 130 (43,769–771 Cardelle de Hartmann; die gemeinsamen Begriffe [vgl. 42,752–754 Cardelle de Hartmann] sind unterstrichen): orate pro me domini

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Schwartz bemerkt im apparatus ad locum zur Stelle (137 Schwartz): „longior extat salutationis forma apud Victorem partim ex fine epistulae desumpta“153. Das Problem des fehlenden Namens der Antonina bei Victor von Tunnuna hingegen löst Cardelle de Hartmann selbst durch eine Konjektur auf.154 Wenn man dieser Konjektur nicht zustimmen will, bleibt immer noch die Beobachtung, dass der Name der Antonina in der Version des Briefes von Victor von Tunnuna zum Verständnis nicht notwendig ist, weil er kurz zuvor in Verbindung mit patricia genannt wurde und daher klar ist, auf wen sich gloriosa domina et filia mea patricia christianissima bezieht. Bei Liberatus von Karthago hingegen wird zwar Antonina auch kurz zuvor genannt, aber als coniux des Belisar ohne den Titel patricia.155 Dass Antonina dafür bei Victor von Tunnuna stattdessen als domina bezeichnet wird, kann einerseits ebenso gut eine spätere Hinzufügung sein, die die doppelte Rolle der Antonina als filia i. S. des päpstlichen Amtes, aber als domina i. S. dessen, zu dem sie Vigilius zwingt, verdeutlicht. Andererseits passt die Bezeichnung aber auch zum Duktus der Vigiliusdarstellung in der Chronik, die ihn gerade in Chronicon 130 als leicht durch die beiden Frauen Theodora und Antonina verführbaren Bischof von Rom präsentiert. Die Satzvariante vor der subscriptio schließlich lässt sich leicht als Schreibvariante erklären. Trotz dieser Unterschiede gibt es jedenfalls insgesamt mehr Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Brieffassungen,156 und die bestehenden Unterschiede können zumindest ohne größere Schwierigkeiten erklärt werden. Sie können jedenfalls nicht als Argumente gegen eine Benutzung des Breuiariums, und sei es nur für die Übernahme des Briefes, durch Victor von Tunnuna angeführt werden. Ein wichtigeres Gegenargument bleibt wohl der Umstand, dass es sonst keine formalen (d. h. auch wörtlichen) Parallelen zwischen beiden Quellen gibt. Trotzdem lässt sich eine Benutzung des Breuiarium durch Victor von Tunnuna an dieser Stelle nicht dezidiert ausschließen, gerade auch im Vergleich der jeweiligen Einbettung des Briefes in die erzählte Geschichte, die bei Victor mit ihrer eigenen Zuspitzung so wirkt, als sei sie eine Anpas-

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mei fratres in Christi Dei nostri Saluatoris karitate conexi. Die Namen der drei Patriarchen kommen in der Version des Anfangs bei Victor von Tunnuna dazu, eine freilich für einen Briefanfang nicht ungewöhnliche Ergänzung. Die Version der subscriptio bei Liberatus von Karthago verwendet bis auf wenige Ausnahmen die gleichen Wörter, allerdings teilweise in unterschiedlicher Flexion, vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 22 (138,4–5 Schwartz): Orate pro nobis, domini mihi fratres in Christo domini nostri caritate coniuncti. Schwartz selbst nimmt ja für den Anfang bei Liberatus eine Konjektur vor, s. o. Anm. 149. S. o. Anm. 150. Vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 22 (137,25 Schwartz): Vigilius autem per Antoniam Bilisarii coniugem inplens. Vorher erfolgt ihre Nennung einmal ohne Namen als Frau des Belisar (Bilisarius et eius coniux [136,32 Schwartz]), und dann bei der Erwähnung ihres Sohnes mit Namen und als patricia (Photis filius Antoninae patriciae [136,36 Schwartz]). Dies gilt v. a. auch im Vergleich zu den Gemeinsamkeiten der Chronik mit den Texten, die sonst als Quellen für Victor von Tunnuna genannt werden; s. o in diesem Kapitel.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

sung der bei Liberatus vorgefundenen Geschichte an das eigene Vorhaben.157 Ebenso wenig auszuschließen ist freilich die oben genannte Möglichkeit, dass Victor von Tunnuna und Liberatus von Karthago beide unabhängig voneinander jeweils den Brief als solchen zitieren, gerade weil es sich bei der einzigen größeren Parallele zwischen beiden Texten eben um einen zitierten Text handelt. Zudem werden Versprechungen des Vigilius, die bei Liberatus und (etwas anders) bei Victor Anlass für den Brief sind, in mehreren anderen Quellen erwähnt; offenbar kursierten entsprechende Gerüchte unter den Verteidigern der Drei Kapitel, so dass auch von daher denkbar ist, dass in diesem Milieu, das sich gegen Vigilius wandte, ein solcher Brief zirkulierte, von dem Liberatus und Victor unabhängig voneinander Kenntnis hatten.158 Letztlich lässt sich bezüglich einer Benutzung des Breuiarium durch Victor von Tunnuna daher an dieser Stelle kein abschließendes Urteil fällen. Es gibt weitere Ähnlichkeiten zwischen dem Breuiarium und der Chronik, die allerdings eher inhaltlicher Art sind, also weniger auf die Benutzung des einen Textes durch den anderen i. S. einer Quelle, sondern ebenfalls eher auf ein gemeinsames Milieu hindeuten, in dem beide Texte entstanden sind.159 Es lassen sich also trotz des nordafrikanischen Kontextes der Chronik konkret nur wenige, punktuell benutzte nordafrikanische Quellen identifizieren.160 Woher Victor von Tunnuna seine Informationen über die afrikanischen Ereignisse hatte, von denen er berichtet, muss daher offen bleiben. Es besteht freilich die Möglichkeit, dass er auf mündliche Traditionen und persönliche Erinnerungen zurückgreifen konnte.161 V. a. persönliche Erinnerungen sind schon deshalb wahrscheinlich, weil sich der Autor der Chronik ja dezidiert in die berichteten Ereignisse einschreibt.162 Das nordafrikanische Milieu der Verteidiger der Drei Kapitel dürfte hier insgesamt eine wichtige Rolle gespielt haben, auch wenn sich dies offenbar kaum in konkret nachweisbaren Abhängigkeiten der Texte spiegelt. Die wichtigste Quelle Victors bis in das Jahr 518 ist – neben der Chronik Prospers für den Anfang der Chronik bis 455  – mit der Historia ecclesiastica des Theodoros Anagnostes eine prochalcedonensische, aber aus dem griechischen Osten stammende Schrift. Nach dem Urteil Placanicas ist die Tendenz der Historia ecclesiastica für Inhalt und Charakteristik von Victors Chronik prägend:

157 S. u. Kap. 5.7.2.4. 158 S. auch u. Kap. 5.9 zur Epistula fidei catholicae. 159 Vgl. auch Blaudeau, „Introduction“, 51, der dem Breuiarium „un intime rapport de solidarité logique“ mit den Werken des Facundus von Hermiane und des Victor von Tunnuna attestiert, wenngleich: „il n’y a pas pour autant d’évidente et immédiate relation textuelle entre eux“. Eine weitergehende Untersuchung zum Verhältnis der beiden Schriften wäre wünschenswert. 160 Placanica, „Introduzione“, XXVII, nimmt auch an, dass Victor von Tunnuna Ferrandus von Karthago kannte, stellt aber gleichzeitig fest, dass sich die Benutzung seiner Briefe im Text der Chronik nicht zeigen lasse. 161 Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXIII. 162 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 153; 156; 169.

Überlieferung und Editionen

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Vittore accoglie molte delle caratteristiche proprie alla sua fonte: preminente interesse per gli avvenimenti ecclesiastici, attenzione esclusiva alla pars Orientis e centralità di Constantinopoli rispetto agli altri patriarcati, atteggiamento non sempre imparziale, che si dimostra nella recenzione di dicerie e aneddoti tendenzioso.163

Es wird sich jedoch zeigen  – insofern dies aufgrund der Überlieferung der Historia ecclesiastica möglich ist –, wie Victor von Tunnuna mit dieser Quelle umgeht und wie er ihre Informationen an sein eigenes Interesse und seinen Kontext anpasst, inwiefern er also ihre Tendenz für sich nutzt und mit ihr seine eigene Geschichte schreibt. Dass Victor von Tunnuna die Historia ecclesiastica benutzte, ist übrigens auch ein wichtiger Hinweis auf eine weitere Information über den Autor der Chronik selbst: Er konnte offenbar gut genug griechisch, um diese Schrift zu lesen und Teile davon ins Lateinische zu übertragen.164 Möglicherweise hatte Victor von Tunnuna im Exil in Alexandria oder später in Konstantinopel Zugang zu ihr. Angemerkt sei an dieser Stelle noch, dass Victor von Tunnuna die biblischen Schriften so gut wie gar nicht als Quellen benutzt bzw. zitiert – weder als Geschichtsquellen, was sich natürlich schon durch die erzählte Zeit nicht nahelegt, noch als Mittel zur Interpretation von Geschichte. Dies entspricht freilich grundsätzlich dem Charakter einer Chronik. 3.4 Überlieferung und Editionen 3.4.1 Grundsätzliches Carmen Cardelle de Hartmann hat die Überlieferungsgeschichte sowohl der Handschriften (10 codices seruati und 7 codices deperditi) als auch der Editionen der Chronik von Victor von Tunnuna im Vorwort ihrer Ausgabe gründlich untersucht und ausführlich dargestellt.165 Im Detail muss die Geschichte und Bewertung der Codices hier nicht nachgezeichnet werden, da kein neuer Text erstellt werden soll. Zunächst war auch eine generelle Sichtung bzw. Überprüfung von Codices für diese Arbeit nicht vorgesehen. Dennoch hat sich gezeigt, dass die Überlieferungsgeschichte der Chro163 Placanica, „Introduzione“, XX. S. dazu aber o. S. 113 (Anm. 115) die Anm. von Greatrex. 164 Von einer anderen lateinischen Übersetzung, die Victor von Tunnuna hätte benutzen können, ist nichts bekannt. 165 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 12*–45* (Codices); 45*–57* (Editionen); 59*–76* (Beziehungen zwischen den Codices, Stemma); 77*–94* (Textgeschichte [Überlieferungs-/Druckgeschichte]); bei Placanica vgl. „Introduzione“, XXXII–LII; in der Ausgabe von Mommsen vgl. „Subsidia critica“, 165–177. Die Stemmata von Cardelle de Hartmann („Introducción, 76*) und von Placanica („Introduzione“, XLVIII) sind sehr ähnlich. Ihr Vergleich wird allerdings durch die unterschiedlichen Abkürzungen der Codices in den beiden Editionen erschwert.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

nik, u. a. die Frage ihrer Einbettung und der Gestaltung möglicher früherer Sammlungen, zu denen die Chronik gehörte, auch für die inhaltliche Arbeit an der Chronik relevant ist, da von ihr auch die Frage nach der ursprünglichen Textgestalt, die über einfache Varianten hinausgeht, abhängt. Insbesondere die Frage nach dem ursprünglichen Umfang der Chronik, d. h. insbesondere nach ihrem Anfang und ihrem Schluss, sind hier berührt. Zur Geschichte einzelner Codices, die (auch) die Chronik Victors von Tunnuna enthalten, sind seit der Ausgabe Cardelle de Hartmanns zudem neuere Untersuchungen erschienen, die für die Antwort auf die Frage nach der ursprünglichen Gestalt der Chronik ebenfalls nicht unerheblich sind.166 Daher ist an dieser Stelle zunächst grundsätzlich die Überlieferungsgeschichte der Chronik vor dem Hintergrund der genannten Fragestellungen nachzuvollziehen, darzustellen und ggf. zu präzisieren, bevor dann in Kap. 3.5 und 3.6 Anfang und Schluss der Chronik genauer in den Blick genommen werden. Dazu gehört dann auch ein selektiver Rückgriff auf die Codices selbst. Die älteste heute erhaltene Handschrift der Chronik ist der Codex Uniuersitatis Complutensis – U (Madrid, Biblioteca General de la Universidad Complutense, Fondo Histórico, 134, 178 fol.) aus dem 13.  Jahrhundert, wahrscheinlich kurz nach 1244 in Toledo kopiert.167 Er repräsentiert einen von zwei großen Überlieferungssträngen. Die beiden weiteren wichtigsten erhaltenen Codices, Codex Perezianus Escorialensis – P-E168 und Codex Perezianus Segobrigensis – P-S169 stammen aus dem 16. Jahrhundert und sind damit nochmals deutlich jünger. Von diesen drei Codices stammen die weiteren erhaltenen Handschriften ab. Eine wichtige Rolle für die Überlieferungsgeschichte spielen aber auch die früheren codices deperditi, insbesondere der Codex 166 Vgl. v. a. Furtado, „A Collection of Chronicles“; ders., „Reassessing Spanish Chronicle Writing“; Bautista, „Páez de Castro“. 167 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 27*–38*; Furtado, „A Collection of Chronicles“, passim, als Überblick und zu verwandten Handschriften vgl. 227–231. Vgl. zur Beschreibung auch Mommsen, „Subsidia critica“, 167–172; vgl. Placanica, „Introduzione“, XXXII–XXXIII. Zum Codex Uniuersitatis Complutensis innerhalb der Überlieferungsgeschichte der Chronik des Victor von Tunnuna s. u. Kap. 3.4.4. 168 San Lorenzo de El Escorial, Königliche Bibliothek, & IV. 23. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 38*–42*; vgl. Placanica, „Introduzione“, XXXIV (dort mit E abgekürzt); vgl. Mommsen, „Subsidia critica“, 173–174. 169 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 23*–27*. Der Codex Perezianus Segobrigensis – P-S (Segobrigensis Capituli cathedralis, I [arm. G, est. I (vgl. Placanica, „Introduzione“, XXXIV)]) selbst ist physisch nicht mehr vorhanden, er verschwand im spanischen Bürgerkrieg 1938. Cardelle de Hartmann zählt ihn daher zu den codices deperditi. Es gab Fotografien, die aber ebenfalls verschwunden waren, weshalb Placanica auf die Arbeit von Mommsen zurückgriff (vgl. Placanica, „Introduzione“, XXXIV–XXXV), der für seine Edition eine Kollation von Roque Chabas verwendete (vgl. Mommsen, „Subsidia critica“, 174). 1998 wurden die Fotografien von P–S wieder gefunden, so dass Cardelle de Hartmann in ihrer Edition darauf zurückgreifen konnte. Allerdings fehlen Textteile, und der Text in den Fotografien ist sehr schwer zu lesen. Die in den Codex eingeschriebenen Notizen von Juan Bautista Pérez weisen u. a. auf Varianten aus dem verlorenen Codex Soriensis hin, s. u. S. 136.

Überlieferung und Editionen

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Soriensis (So) aus dem 9./10. Jahrhundert, der den zweiten Überlieferungsstrang der Chronik repräsentiert.170 Die heute vorliegenden Codices sind also relativ jung. Dennoch soll nun versucht werden, die Überlieferungsgeschichte der Chronik des Victor von Tunnuna möglichst von Anfang an nachzuvollziehen – Zeugnisse bei anderen Autoren und der Versuch der Rekonstruktion der Überlieferungsgeschichte der Handschriften im Rückgriff auf die genannten neueren Untersuchungen geben hier wichtige Hinweise, wenngleich an manchen Stellen nur Vermutungen angestellt werden können. Insgesamt ist hinsichtlich der Überlieferung der Chronik des Victor von Tunnuna zunächst festzuhalten, dass diese eine eher geringe Verbreitung fand. Es gibt keinen Beleg dafür, dass sie von byzantinischen Autoren als Quelle benutzt wurde. In einem Umfeld, das auch nach 565 an der vehementen Verteidigung der Drei Kapitel festhielt, wurde die Chronik möglicherweise durch den Autor der Epistula fidei catholicae rezipiert.171 Hinweise auf eine frühe Rezeption der Chronik in Nordafrika ergeben sich auch durch ihre Benutzung durch den Autor des Laterculus Regum Vandalorum et Alanorum, einer nordafrikanischen Fortsetzung der Chronik Prospers.172 Als westlicher nichtafrikanischer Autor benutzte Isidor von Sevilla die Chronik als Quelle für verschiedene Werke – für die längere Version seiner Chronik, für seine Historia Gothorum Wandalorum Sueborum, für verschiedene Biographien in De uiris illustribus und für Informationen bezüglich bestimmter Häresien in seinen Etymologiae. Über Isidor gelangten einige Notizen Victors und biographische Informationen über Victor in andere mittelalterliche Chroniken wie die Bedas. Es gibt (abgesehen von der indirekten Vermittlung über Isidor von Sevilla) kein Zeugnis für die (direkte) Kenntnis der Chronik Victors von Tunnuna in der mittelalterlichen spanischen Historiographie. Erst im 16. Jahrhundert wurde die Chronik Victors wieder von Johannes Vasaeus benutzt.173 Schon sehr früh wurde die Chronik des Victor von Tunnuna zusammen mit der Chronik des Johannes von Biclaro174 und den Randnotizen Consularia Caesaraugustana175 überliefert. Normalerweise wird aufgrund der vorliegenden Zeugnisse und Handschriften davon ausgegangen, dass die Chronik des Victor von Tunnuna nicht außerhalb Spaniens und nicht ohne die Chronik des Johannes von Biclaro überliefert

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S. u. Kap. 3.4.4. Dies ist umstritten und wird unten, Kap. 5.9, genauer dargelegt. Vgl. Steinacher, „The So-Called Laterculus Regum Vandalorum et Alanorum“; s. dazu auch o. S. 116. In seinen Chronici rerum memorabilium Hispaniae, Salamanca 1552. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 89*–90*, 114*–115*. 174 Zu Johannes und seiner Chronik vgl. insgesamt Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 124*–143*, sowie die Anmerkungen von Collins, „An Historical Commentary“; neben der Ausgabe von Cardelle de Hartmann vgl. die Ausgabe von Campos Ruíz, Juan de Biclaro obispo de Gerona; vgl. auch Díaz y Díaz, „La transmisión textual“. 175 S. u. S. 134–135.

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wurde.176 Es gibt allerdings zumindest einen Hinweis auf ihre Benutzung durch einen nicht-spanischen Autor: Wolfram Brandes macht in seiner Rezension zu der Ausgabe von Antonio Placanica darauf aufmerksam, dass „auch der Kardinal Deusdedit († 1098/1099) […] einige Passagen in seine Kanonessammlung inkorporierte“. Diese sei durch relativ alte Handschriften überliefert, weshalb deren Varianten (konkret für die Jahre 499, 506, 510 und 511) für eine Edition zu berücksichtigen seien (etwa Codex Vaticanus latinus 3833, ca. 1099–1118).177 Möglicherweise gab es also eine (indirekte?) Überlieferung der Chronik Victors in Italien oder Gallien.178 3.4.2 Die Chronik des Victor von Tunnuna und die Chronik des Johannes von Biclaro Der Hauptstrang der Überlieferung, der hier nachgezeichnet werden soll, weist jedenfalls nach Spanien und hängt mit der Chronik des Johannes von Biclaro zusammen. Deren Datierung ist, ähnlich wie die der Chronik Victors, nicht unumstritten: Sie endet nach heutiger Zeitrechnung mit dem Jahr 590 (Chronicon 91). Die in allen Handschriften der Chronik vorkommende Erwähnung der zwanzigjährigen Regierungszeit von Mauritius (Chronicon 63) und der fünfzehnjährigen Amtszeit von Papst Gregor dem Großen (Chronicon 81) weisen jedoch auf das Jahr 602.179 Manuel C. Díaz y Díaz und Cardelle de Hartmann nehmen für diese Angaben einen näheren Bezug zur Abfassung der eigentlichen Chronik an: Díaz y Díaz geht von einer Rezension in einem mit Johannes von Biclaro verbundenen mönchischen Umfeld aus;180 Cardelle de Hartmann von einer Endredaktion durch Johannes von Biclaro selbst.181 Julio Campos Ruíz 176 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 114*; vgl. auch wieder Bautista, „Páez de Castro“, 5. 177 Brandes, „Rezension zu Antonio Placanica, Hg., Vittore de Tunnuna, Chronica“, 278–279. Vgl. Kardinal Deusdedit, Collectio canonum 4,277 (547,22–548,19 Glanvell, hier 547,22–23 Glanvell): Ex chronica Victoris episcopi Tunnesis Africe, quam subiecit chronice Prosperi. Zu den Handschriften vgl. Glanvell, Die Kanonessammlung, XIX–XLIV. Zu Kardinal Deusdedit vgl. van de Wouw, „Deusdedit“, 739–740. Ich danke Carmen Cardelle de Hartmann für diesen Hinweis. Vgl. so jetzt in Bezug auf einen Hinweis von Brandes Blaudeau, „Introduction“, 52 (mit Anm. 2), der die Entdeckung der Chronik zudem auch über „une légation vers la Saxe“ für möglich hält. 178 Leider kann diese Spur hier nicht weiter verfolgt werden. 179 Vgl. die letzte Datierung in Johannes von Biclaro, Chronicon 91 (81,348–349 Cardelle de Hartmann): Anno VIII Mauricii imperatoris, qui est Reccaredi regis IV annus. Dieses Jahr ist das Jahr 590 n. Chr. nach heutiger Zeitrechnung. Zur zwanzigjährigen Regierungszeit von Mauritius und der fünfzehnjährigen Amtszeit von Papst Gregor dem Großen vgl. Johannes von Biclaro, Chronicon 63 (73,232 Cardelle de Hartmann): Romanorum LV Mauritius regnat annis XX; sowie Chronicon 81 (77,298–299 Cardelle de Hartmann): Pelagio iuniore mortuo Romane ecclesie Gregorius in episcopatum succedit, preest annis XV. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 130*. 180 Vgl. Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 63–65. Diese Rezension sei dann die Basis für die ganze weitere handschriftliche Überlieferung. 181 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 130*–131*. Cardelle de Hartmann folgt darin im Prinzip Mommsen, „Praefatio ad Iohannis Abbatis Biclarensis Chronica“, 208, der es für die genannten

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hingegen spricht für diese Stellen von späteren Interpolationen und benützt damit einen starken Begriff, ohne näher auszuführen, welches Umfeld er sich für diese Interpolationen vorstellt.182 Vor dem Hintergrund des Aufenthaltes von Johannes von Biclaro in Konstantinopel183 und aufgrund der Art des Anschlusses seiner Chronik an die Chronik Victors184 ist es, wie bereits erwähnt, möglich, dass Johannes von Biclaro seine Chronik selbst der Chronik des Victor angefügt hat und sie, als er nach Spanien ging, dorthin mitbrachte, wo sie in dem von ihm gegründeten Kloster kopiert wurde.185 Die Zusammenstellung beider Chroniken könnte also schon um das Jahr 602 oder etwas früher erfolgt sein. Wenige Jahre nach der Fertigstellung der Chronik des Johannes von Biclaro hatte Isidor von Sevilla sowohl die Chronik Victors186 als auch die Chronik des Johannes zur Verfügung. Aufgrund der Benutzung zumindest der Chronik des Johannes von Biclaro durch Isidor in der Kurzfassung seiner Historia (619), (noch) nicht aber in der Kurz-

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Stellen (Chronicon 63 und 81) für möglich hält, „possunt adiecti esse post tempus ab ipso [= Johannes von Biclaro], videmusque eum in vivis fuisse, quo tempore Isidorus de viris illustribus commentarium edidit“. Cardelle de Hartmann („Introducción“, 130*) schreibt allerdings, Mommsen habe für diese Stellen wie Campos Ruíz Interpolationen angenommen. Mommsens Aussage ist tatsächlich nicht eindeutig, da er im Text selbst die betreffenden Zahlenangaben in Klammern setzt (216,20; 217,39 Mommsen) und im Apparat vermerkt: „postea adscriptum“ bzw. „non sunt Iohannis“. Campos Ruíz selbst („Introducción“, 53) grenzt sich dennoch von Mommsen ab. Vgl. Campos Ruíz, „Introducción“, 53. Dass sich Johannes von Biclaro in Konstantinopel aufhielt, kann aus Chronicon 26 (65,99–100 Cardelle de Hartmann) geschlossen werden, wo Johannes als Augenzeuge von der Beulenpest berichtet: In regia urbia mortalitas inguinalis plage exardescit, in qua multa milia hominum uidimus defecisse. / „In der Königsstadt entbrannte die Krankheit der Beulenpest, in der wir viele Tausende von Menschen sterben sahen.“ Vgl. auch Isidor von Sevilla, De uiris illustribus 31; vgl. dazu Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 124*–125*. Sowohl die letzte Datierung der Chronik des Victor von Tunnuna (Chronicon 172 [54,986–987 Cardelle de Hartmann]: Quadragesimo imperii sui anno Iustinianus uite suscepit finem indictione XV.) als auch die erste Datierung der Chronik des Johannes von Biclaro (Chronicon 1 [59,13–15 Cardelle de Hartmann]: Quinta decima ergo indictione, ut dictum est, Iustiniano mortuo Iustinus iunior nepos eius romanorum efficitur imperator.) erfolgen – als jeweils einzige in der jeweiligen Chronik und auf dasselbe Ereignis bezogen – aufgrund von Indiktionen, zudem bezieht Johannes sich mit ut dictum est auf etwas bereits Erwähntes, wohl eben aus der Chronik Victors; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 132*. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 77*, 131*–132*. Bei Isidor von Sevilla, De uiris illustribus 31 (152,13–16 Codoñer Merino), findet sich eine kurze Biographie zu Johannes von Biclaro, in der Isidor auch vermerkt, Johannes habe seine historia an einen liber chronicorum angefügt: Addidit et in libro Chronicorum ab anno primo Iustini iunioris principatus […] ualde utilem historiam. Vgl. dazu und insgesamt zur Rekonstruktion einer Biographie des Johannes Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 124*–128*, 132*. Aufgrund einer Angabe bei Isidor wird zum Teil angenommen, Isidor habe die Chronik Victors mit vorangehender eigener Epitome (d. h. in ihrer Originalgestalt als Universalchronik) vor sich gehabt; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 77*; Furtado, „A Collection of Chronicles“, 230 (Anm. 10); deutlich für eine eigenständige Universalchronik Victors dann Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 178 (mit Anm.  44). S.  dazu weiter u. Kap.  3.5.1. Zur Rezeption der Chronik Victors bei Isidor s. o. Kap. 3.1.1.

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fassung seiner Chronik (615), lässt sich schließen, dass die Chroniken zwischen 615 und 619 nach Sevilla kamen.187 3.4.3 Eine Sammlung von Chroniken Sehr wahrscheinlich wurde aus der ersten kleinen Zusammenstellung der beiden Chroniken schon bald eine größere Sammlung: In allen bekannten Handschriften sind die Chroniken von Victor und Johannes im Anschluss an die Chronik von Euse­bius/ Hieronymus188 und an die Chronik des Prosper Tiro von Aquitanien überliefert.189 Rodrigo Furtado hat für den ältesten noch vorhandenen Codex der Chronik, den Codex Uniuersitatis Complutensis – U, gezeigt, dass sich darin u. a. in Form eines incipit und eines explicit Spuren einer größeren Sammlung finden, die über diesen Kern hinausgeht, genannt Liber chronicorum: Im Codex folgt auf die Anni sacerdotum Hebreorum der Hinweis explicit liber chronicorum (fol. 42r); vor der ersten Epitome der Chronik des Eusebius/Hieronymus findet sich ein Incipit liber chronicorum (fol. 2v).190 Furtado nimmt zunächst an, dass ein Kompilator diesen Liber nach 602 (jedoch anscheinend vor dem Auseinandergehen der Überlieferung) in Spanien aus zwei Teilen zusammengestellt hat: aus einer bereits bestehenden Sammlung mit den Chroniken von Eusebius/Hieronymus, Prosper, Victor von Tunnuna und Johannes von Biclaro (fol. 2v–25v),191 sowie aus einer Sammlung mit chronographischen Texten, die zwischen Africa, Italien und Südgallien zirkulierte und ca. 568 erstellt wurde (fol. 25v– 42r).192 Weil dieser (große) Liber chronicorum jedoch im zweiten Überlieferungsstrang (repräsentiert durch den Codex Soriensis) nicht überliefert ist,193 müsste man, wollte man eine sehr frühe Zusammenfügung vertreten, entweder annehmen, er sei für diesen Strang verloren gegangen bzw. ersetzt worden, oder der (große) Liber chronicorum 187 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 77*–78*, 141*, in Bezug auf Collins, „Isidore, Maximus“, 353–354; vgl. auch Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 173. 188 Die im Codex Uniuersitatis Complutensis überlieferte abgekürzte Version dieser Chronik ist nach Furtado, „La ‚crónica‘“ nicht wirklich eine Epitome (sie beginnt nach den Prologen mit dem Tod des Pompejus [fol. 4v]). Zudem sei sie relativ jung, im Modell von U sei ursprünglich eine vollständige Version der Chronik überliefert gewesen, worauf u. a. das Inhaltsverzeichnis des Complutensis (fol. 2r) hinweise. 189 Im Codex Uniuersitatis Complutensis ohne die vorherige prospersche Epitome der Chronik des Eusebius/Hieronymus, in der Ausgabe von 445, mit einer kleinen Fortführung bis 455; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 31*. 190 Vgl. Furtado, „A Collection of Chronicles“, 249–250. 191 Auf diesen Kern der Überlieferung für die Chronik Victors verweist auch Bautista, „Páez de Cas­ tro“, 42, der jedoch noch die Chronica des Isidor als diesem Kern zugehörig ansieht. 192 Vgl. Furtado, „A Collection of Chronicles“, 230–231, 250–251, zu den Texten und der darin erkennbaren theologisch-chronologischen Diskussion um die Daten von Parusie und Passah vgl. bes. ebd., 231–237, 244–249. 193 So auch Furtado selbst, „A Collection of Chronicles“, 231.

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sei doch erst nach dem Auseinandergehen der Tradition zusammengefügt worden. Dies hat Furtado auch selbst in einem späteren Beitrag so präzisiert.194 Wenn man Isidors Zeugnis über Victors Chronik in Richtung einer ursprünglichen Universalchronik deutet, die er kannte, kann man annehmen, dass Isidor eine Zusammenstellung dieser Art (als große oder als kleine Sammlung) in der jetzt vorliegenden Form (mit Anschluss Victors an Prosper) noch nicht zur Verfügung hatte – oder jedenfalls zunächst keinen Gebrauch davon machte.195 Wenn die Chronik Victors ursprünglich eine Universalchronik war, ist es ebenso denkbar, dass ihr erster Teil zu dieser Zeit – in der ersten Hälfte des siebten Jahrhunderts – durch eine Epitome von Eusebius/Hieronymus ersetzt und mit der Fortsetzung Prospers ergänzt wurde. Damit könnte der erste Teil des von Furtado herausgearbeiteten Liber chronicorum als Kern der heute bekannten Handschriften in Sevilla entstanden sein: This model196 must have been produced not in Biclar, but only after Victor’s and John’s Chronica had arrived at Seville, since Isidore still knew Victor’s full text, and before the tradition of these texts had split in two branches […]. Seville, where Isidore had and used extensively both Eusebius/Jerome’s and Prosper’s Chronica, must have been a good place to make this replacement. This new Liber chronicorum did not change its main thread: it was in fact a unique narrative of world history, where each Chronicon, by intending to complete the former one, updated the facts since the last date of the last Chronicon up to the present of the new text.197

194 Vgl. Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 179–180. Der Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro kann ebenfalls ein Hinweis darauf sein, s. u. Kap. 3.6.9. Ähnlich sieht Bautista, „Páez de Castro“, 64–65, vgl. auch 66 (ohne Bezug auf Furtado) die Bildung des Modells für den Überlieferungsstrang von U (bei ihm als „miscelánea ‚alcobacense‘“ bezeichnet): „Su formación parece ser el fruto de la combinación del núcleo que acabo de mencionar [= der o. g. kleine Kern der Überlieferung] con otra colección historiográfica, procedente en parte del Norte de África“. Er nimmt für diesen zweiten Teil anders als Furtado dann die Texte 7–18 aus der Auflistung der in U enthaltenen Texte von Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 30*–35*, an, nimmt also noch die Karthagische Chronik von 525 dazu. Zum von Furtado untersuchten incipit und explicit äußert er sich nicht. Die Texte dieses zweiten Teils seien am Ende des sechsten Jahrhunderts auf der iberischen Halbinsel zusammengestellt und in der zweiten Hälfte des siebten bzw. am Anfang des achten Jahrhunderts der ersten kleineren Sammlung angefügt worden. Weitere Texte seien in der ersten Hälfte des achten Jahrhunderts in Toledo dazugekommen, in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts die Chronica Muzarabica; s. auch u. S. 138. 195 Vgl. Isidor von Sevilla, De uiris illustribus 25 (147,2–4 Codoñer Merino); Isidor von Sevilla, Chronica 1/2 1 (4,3–6,10/5,3–7,10 Martín); möglicherweise kannte Isidor aber die Sammlung des zweiten Teils des Liber chronicorum, vgl. Furtado, „A Collection of Chronicles“, 251. Zur Frage der Universalchronik, auch in Bezug auf die Aussagen Isidors, s. insgesamt Kap. 3.5. 196 Furtado bezieht sich an dieser Stelle selbst nur auf den ersten Teil des von ihm postulierten (großen) Liber chronicorum. 197 Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 178. Hier scheint auch Furtado selbst davon auszugehen, dass der (große) Liber chronicorum zu diesem Zeitpunkt der Überlieferung noch nicht zusammengestellt ist. Vgl. zur ersten Sammlung mit den genannten Chroniken etwa auch Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 78*; Furtado, „A Collection of Chronicles“, 231, 250. Zum

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Aber auch wenn man sich der Vorstellung einer ursprünglichen Universalchronik nicht anschließt, spricht die Überlieferung der genannten Chroniken in derselben Reihenfolge in allen Handschriften für ihre frühe Zusammenstellung. Einzig der Schritt der Kürzung der Chronik Victors fiele dann weg. Auf diese erste kleine Sammlung als Kern der Überlieferung gibt es mehrere Hinweise in den Texten selbst: Bereits Theodor Mommsen hat sich unter der Annahme, die Chronik Victors sei ursprünglich eine Universalchronik gewesen, einen Kompilator vorgestellt, der den Anfang der Universalchronik Victors durch den Originaltext von Prosper ersetzt habe.198 Cardelle de Hartmann hat Hinweise auf diesen Kompilator in den Präskripten des genannten Kerns der Überlieferung, also den Chroniken von Eusebius/Hieronymus, Prosper, Victor und Johannes im Codex Uniuersitatis Complutensis gesehen (dieser Kompilator habe dann auch die ursprüngliche Universalchronik Victors gekürzt)199: Es gibt sowohl für die Chronik von Prosper als auch für die Chronik des Johannes von Biclaro, also für die beiden Texte, die im Complutensis die Chronik des Victor rahmen, Präskripte, die dem zur Chronik des Victor von Tunnuna sehr ähnlich sind. – Das Präskript zur Chronik des Prosper: Hucusque Iheronimus presbyter ordinem precedentium digessit annorum: nos que consecuta sunt adicere curauimus.200 – Das Präskript zur Chronik des Victor von Tunnuna: Huc usque Prosper uir religiosus ordinem precedentium digessit annorum cui et nos ista subiecimus.201 – Das Präskript zur Chronik des Johannes von Biclaro: Huc usque Victor Tunnunensis ecclesie episcopus Affricane prouincie ordinem precedentium digessit annorum, nos que consecuta sunt adicere curauimus. Ab hinc historiam ducit uenerabilis pater noster Iohannes abbas monasterii Biclarensis fundator.202 Alle diese Präskripte sind also – jedenfalls im ersten Satz – nach demselben Schema verfasst: Nach Huc usque folgt der Name des vorherigen Autors mit einer näheren

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gemeinsamen Kern der beiden Überlieferungsstränge vgl. auch Bautista, „Páez de Castro“, 36, 64. Zur Frage, ob die Texte des Isidor auch zu dieser frühen Sammlung gehörten s. u. S. 137–138. Vgl. Mommsen, „Praefatio“, 180. S. dazu auch u. S. 145–146. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 104*–105*. Codex Uniuersitatis Complutensis, fol. 14v. Das Präskript der Chronik Prospers hat in der Überlieferung mehrere Varianten; Mommsen und Becker/Kötter entscheiden sich für ihren Text für die Variante Hucusque Hieronimus presbyter ordinem praecedentium digessit annorum. Nos, quae consecuta sint, adicere curauimus (Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1166 [460 Mommsen; 64,8–9 Becker/Kötter; jeweils mit unterschiedlicher Zeichensetzung]). Vgl. auch Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 105* (mit Anm. 203); vgl. Mommsen, „Praefatio ad Epitoma Chronicon“, 347. Codex Uniuersitatis Complutensis, fol. 17v; Victor von Tunnuna, Chronicon, praescriptio (3,1–2 Cardelle de Hartmann). Codex Uniuersitatis Complutensis, fol. 23r.

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(Amts-) Bezeichnung, mit denselben Worten die Benennung dessen, was er getan hat (precedentium digessit annorum) und dann der Hinweis auf das, was „wir“ nun tun, allerdings sind hier im letzten Teil des Satzes nur die Präskripte von Prosper und Johannes von Biclaro gleich, die Formulierung bei Victor von Tunnuna weicht davon ab. Dennoch ist insgesamt eine große Übereinstimmung erkennbar. Zudem ist auch das ebenfalls ähnliche (originale) Präskript der Fortsetzung des Hieronymus in diesem Codex zu finden, das zwar nicht über der gesamten Epitome von Eusebius/Hieronymus, aber nach den praefationes von Hieronymus und Eusebius und den historischen Notizen des Eusebius steht: Huc usque hystoriam scribit Eusebius Pamphili martyris contubernalis cui nos ista subiecimus.203 Die hier gebrauchte Variante, welche die Weiterführung bezeichnet, entspricht der bei Victor von Tunnuna (cui [et] nos ista subiecimus). Die Präskripte der Chroniken von Eusebius/Hieronymus und Prosper entsprechen freilich dem insgesamt in deren Überlieferung üblichen Schema – sie allein sind damit noch kein Hinweis auf eine Sammlung von Chroniken, die sich im Complutensis zeigt. Jedoch ist auffällig, dass eben auch die Chroniken von Victor und Johannes hier mit einem entsprechenden Präskript überliefert sind – und sich damit die Präskripte genau der Texte entsprechen, die oben bereits als erster zusammenhängender Kern der Überlieferung postuliert wurden. Die Präskripte der weiteren, direkt an diese Texte anschließenden Werke im Complutensis weichen hingegen von diesem Schema ab.204 Damit unterstützen die Präskripte die These dieses ersten Überlieferungskerns, der durch einen Kompilator zusammengefügt wurde.205 Bisher war jedoch unklar, ob die Präskripte so auch im Codex Soriensis (und damit im zweiten Überlieferungsstrang der Chronik) überliefert waren: Zur Chronik Victors berichtet Mommsen zwar von einem chronologisch präzisierenden Präskript, das sich nach dem Zeugnis von Juan Bautista Pérez im Soriensis befunden habe und das im ersten Teil mit dem im Complutensis vorhandenen Präskript übereinstimme: Huc usque Prosper uir religiosus ordinem praecedentium digessit annorum: cui et nos ista subiicimus. Abhinc, id est a XVIII Theodosii iunioris consulatu, Victor Tunnunensis (mut. in Tunnensis) ecclesiae Africanae episcopus texit historiam.206 Für Cardelle de Hartmann war diese Angabe – auch aufgrund der schlechten Überlieferungslage von P–S – nicht verifizierbar.207

203 Codex Uniuersitatis Complutensis, fol. 12v; vgl. Hieronymus, Chronicon a. 362,2 (331,12–13 Helm). 204 Vgl. die Beschreibung bei Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 31*–35*. Generell wäre eine weitergehende Untersuchung des Complutensis im Hinblick auf dessen Geschichtsdeutung wünschenswert. Zur Bedeutung der Manuskripttradition für das Verständnis spätantiker Chroniken vgl. kurz Croke, „Chronicles, Annals“, 326–328. 205 Dafür, dass das Präskript der Chronik von Johannes von Biclaro und auch die Präskripte der Chroniken des Victor von Tunnuna und des Prosper einem späteren Kopisten zuzuschreiben sind, argumentiert bereits Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 3–4. 206 Mommsen, „Praefatio“, 179. 207 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 106*.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

Zur Chronik des Johannes von Biclaro gab es nach Cardelle de Hartmann im von P-S und P-E reflektierten Codex Oxomensis (O)208 folgendes Präskript: Hactenus Victor Tunnunensis / Ab hinc historiam ducit uenerabilis pater noster Ioannes Abba monasterii Biclarensis fundator. In P-S sind nach der Chronik des Victor von Tunnuna die Worte Hactenus Victor Tunnunensis durchgestrichen, und der oben wiedergegeben erste Teil des Präskriptes aus U zur Chronik des Johannes von Biclaro notiert (Huc usque […] curauimus; p. 32). Der zweite Teil des Präskriptes steht über dem Text der Chronik des Johannes mit der Bemerkung hoc erat in margine.209 Dabei blieb aber bisher unklar, ob die von Juan Bautista Pérez notierte Variante aus dem Apograph von Florian de Ocampo (Oc) oder aus dem Soriensis (So) stammt.210 Das Präskript zur Chronik des Johannes von Biclaro wurde daher durch die bisherigen Herausgeber unterschiedlich bewertet: Mommsen ediert den ersten Teil des Präskriptes von U als Text der Chronik,211 den weiteren Teil, also den oben aufgeführten zweiten Satz des Präskriptes, sieht er als sekundär an, eingefügt von einem angenommenen Kompilator aus dem achten Jahrhundert.212 Cardelle de Hartmann hingegen sieht nur eine geringe Möglichkeit, dass das Präskript insgesamt zum ursprünglichen (oder zu einem frühen) Text der Chronik von Johannes von Biclaro gehörte. Die Notiz in P-S stamme eher aus dem Apograph von Ocampo, nicht aus dem Soriensis, und sei damit eine Anpassung des Präskriptes der Chronik des Johannes von Biclaro durch einen späteren Schreiber: Der einzige Satz, der in allen drei Manuskripten vorhanden sei (Ab hinc historiam ducit uenerabilis pater noster Iohannes Abba monasterii Biclarensis fundator), könne nicht von Johannes selbst stammen.213 Daher ediert Cardelle de Hartmann das Präskript auch nicht als Teil der Chronik des Johannes von Biclaro, auch

208 Zu diesem Codex vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 20*–21*, vgl. 22*. Juan Bautista Pérez konnte auf ihn zurückgreifen. Der Apopgraph von Juan Páez de Castro ist laut Pérez eine Abschrift von diesem Codex, s. u. S. 140, 149. 209 Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 131*. 210 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 131*; Bautista, „Páez de Castro“, 26. Zu den Notizen von Pérez s. auch u. S. 136. 211 Johannes von Biclaro, Chronicon, praescriptio (211 Mommsen): Huc usque Victor Tunnennensis ecclesiae episcopus Africanae prouinicae ordinem praecedentium digessit annorum: nos quae consecuta adicere curauimus. Er geht auch davon aus, dass diese Worte im Soriensis vorhanden waren, vgl. „Praefatio ad Iohannis Abbatis Biclarensis Chronica“, 208. 212 Mommsen, „Praefatio ad Iohannis Abbatis Biclarensis Chronica“, 208: „Ab Hispano eo qui saec. VIII corpus historicorum chronica duo continens ordinauit“. 213 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 131*–132*; vgl. so auch Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 8, in Bezug auf Campos Ruíz, „Introducción“, 52 und Mommsen, „Praefatio ad Iohannis Abbatis Biclarensis Chronica“, 208. Campos Ruíz, „Introducción“, 52, weist als Begründung auch darauf hin, dass im Complutensis beide Teile des Präskriptes zur Chronik des Johannes von Biclaro rot geschrieben seien (vgl. fol. 23r), „como solían ponerse las observaciones del copista, que no son texto del autor“. Dies kann freilich lediglich ein Hinweis auf die Sekundarität des Präskriptes sein.

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wenn sie theoretisch noch die Möglichkeit sieht, dass Johannes von Biclaro das Präskript sogar selbst verfasste, um seine Chronik an die Chronik Victors anzufügen.214 Durch eine Entdeckung von Francisco Bautista215 hat sich nun jedoch in Bezug auf die Präskripte geklärt, dass sie in beiden Zweigen der Überlieferung vorkommen und also schon früh die Texte verknüpft haben. Jéronimo Zurita (1512–1580) notierte die Präskripte des Codex Soriensis im Codex Kopenhagen, Arnamagnæanske Institut, Københavns Universitet, AM 833 4°: Das Präskript zur Chronik des Victor von Tunnuna entspricht dort tatsächlich dem bei Mommsen notierten Text und damit im ersten Teil dem Text von U (fol. 120r).216 Das Präskript zur Chronik des Johannes von Biclaro entspricht dem Text von U (fol. 130v). Zuritas Notizen zeigen also, dass sich die Präskripte in beiden Zweigen der Überlieferung entsprechen.217 Das Präskript zur Chronik von Johannes von Biclaro könnte damit sogar vom Autor selbst eingefügt sein.218 Die These einer frühen Sammlung vor dem Auseinandergehen der Tradition wird damit jedenfalls auch durch den zweiten Zweig der Überlieferung gestützt: Auch in diesem Zweig sind die genannten Chroniken durch die Präskripte verbunden. Zu beachten ist allerdings, dass neben dem Präskript für den Text der Chronik des Johannes von Biclaro noch eine praefatio überliefert ist: Post Eusebium Cesariensies ecclesie episcopum, Iheronimum toto orbe notum presbyterum, nec non et Prosperum uirum religiosum atque Victorem Tunnunensis ecclesie Affricane episcopum, qui hystoriam omnium pene gentium summa breuitate et diligentia contexere uisi sunt, et usque ad nostram etatem congeriem219 perduxerunt annorum […], nos ergo […] que temporibus nostris acta sunt […] studuimus […] transmittere.220

214 Warum allerdings das Präskript zur Chronik des Victor von Tunnuna bei Cardelle de Hartmann im edierten Text der Chronik erscheint und das zur Chronik des Johannes von Biclaro nicht, obwohl sie für beide letztlich eine spätere Einfügung durch den Kompilator annimmt, bleibt unklar. Wahrscheinlich ist dies auf die sich Cardelle de Hartmann bietende Bezeugung in beiden Teilen bzw. nur einem Teil der Tradition zurückzuführen. 215 S. weiter u. S. 136–137. 216 S. o. S. 131. Das Präskript in So hat also gegenüber U einen zusätzlichen Satz, möglicherweise in Anpassung an das Präskript zur Chronik des Johannes von Biclaro. 217 Die von Pérez in P-S notierte Variante nach dem durchgestrichenen Hactenus Victor Tunnunensis kann damit tatsächlich auch aus dem Soriensis stammen; sie muss nicht notwendigerweise aus dem Apograph von Ocampo sein. 218 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 26. 219 Congeries wird selten in diesem Zusammenhang (Sammlung von Jahren) gebraucht, vgl. TLL, s. v. „congeries 2“. 220 Johannes von Biclaro, Chronicon, praefatio (59,1–12 Cardelle de Hartmann): „Nach Eusebius, dem Bischof der Kirche von Caesarea, Hieronymus, dem im ganzen Erdkreis bekannten Presbyter, und auch Prosper, dem Mönch und Victor von Tunnuna, dem Bischof der Kirche Africas, die gelten als solche, die die Geschichte fast aller Völker in höchster Kürze und Sorgfalt zusammenfügen, und die bis zu unserem Zeitalter die Sammlung der Jahre geführt haben […], haben wir uns also bemüht, die Dinge, die in unseren Zeiten geschehen sind […] zu übermitteln.“

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

Auch mit dieser praefatio wird die Chronik des Johannes von Biclaro in die oben postulierte erste Sammlung eingereiht, und zwar – durch die Bezeichnungen der jeweiligen Autoren  – die Präskripte der anderen Chroniken bzw. eine Formulierung aus der Chronik des Victor von Tunnuna221 aufgreifend. Die Chroniken werden quasi als Fortschreibungen dargestellt, welche die Chronik des Johannes von Biclaro bis in „unsere Zeiten“ aktualisiert. Cardelle der Hartmann lehnt auch aufgrund dieser praefatio ein weiteres durch Johannes von Biclaro verfasstes Präskript ab.222 Auch hier bietet die Annahme eines etwas späteren Kompilators, der die Präskripte eben vor dem Auseinandergehen der Tradition eingefügt hätte, eine mögliche Lösung. Wenn die praefatio noch früher entstanden ist  – und damit möglicherweise von Johannes von Biclaro selbst stammt223 –, würde dies aber bedeuten, dass er selbst seine Chronik schon in die genannte Überlieferungskette eingeordnet hat. So ist auch denkbar, dass er selbst schon die genannte Sammlung zur Verfügung hatte, und dass der etwas spätere Kompilator oder Redaktor dann die praescriptiones zur deutlicheren Verknüpfung der Chroniken einfügte. Sowohl die Präskripte und ihre Überlieferung als auch der Text der praefatio zur Chronik des Johannes von Biclaro deuten also auf Folgendes hin: Es gab früh eine erste kleine Sammlung der Chroniken von Eusebius/Hieronymus, Prosper, Victor von Tunnuna und Johannes von Biclaro, die als Kern der weiteren Überlieferung der Chroniken von Victor und Johannes gelten kann. Ob die Sammlung aber durch Johannes von Biclaro oder durch einen bald auf ihn folgenden Kompilator zusammengestellt wurde, oder ob erst ein weiterer Redaktor die Präskripte hinzugefügt und die Sammlung dahingehend bearbeitet hat, kann nicht abschließend entschieden werden. In die Zeit der Zusammenstellung einer ersten kleinen Sammlung, vor Mitte des achten Jahrhunderts, möglicherweise sogar bereits Anfang des siebten Jahrhunderts, fällt auch die Hinzufügung der Consularia Caesaraugustana zum Text der Chronik Victors. Isidor von Sevilla hat Fragmente von ihnen in seine Historia Gothorum eingefügt.224 V. a. aber sind sie in beiden Zweigen der Überlieferung belegt, d. h. also sie gehörten schon früh zur Chronik dazu.225 Es handelt sich bei den Consularia um Marginalien, die wahrscheinlich auf eine Konsularliste zurückgehen. Die Randnotizen informieren insbesondere über das westgotische Spanien der ersten Hälfte des sechsten Jahrhun-

Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 153; 156. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 132*. Auf eine Überlieferung der praefatio nur in einem Zweig der Tradition gibt es keinen Hinweis. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 118*; Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 173; Bautista, „Páez de Castro“, 42. Vgl. auch Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 78*–80*. 225 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 115*: In P–E, P–S mit Hinweis auf ihr Vorkommen im So, zudem, einem Hinweis von Johannes Vasaeus folgend, im Codex Alcobaciensis (s. u. S. 139– 140). In U sind sie jedoch nicht überliefert. 221 222 223 224

Überlieferung und Editionen

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derts.226 Es ist wahrscheinlich, dass die Consularia aus der Provinz Tarraconensis stammen. Cardelle de Hartmann hält es für denkbar, dass es dieselbe Person war, die sowohl die genannte Epitome von Eusebius/Hieronymus der Chronik Victors vorangestellt als auch die Consularia zum Text hinzugefügt hat227 – es könnte sich also hierbei um den Kompilator des o. g. Kerns des Liber chronicorum handeln, möglicherweise um einen Mönch aus dem Kloster von Biclarum oder sogar um Johannes von Biclaro selbst.228 3.4.4 Die Trennung der Überlieferung in zwei Zweige: Codex Soriensis und Codex Uniuersitatis Complutensis Spätestens im achten Jahrhundert trennt sich die Überlieferung der Chroniken in zwei Zweige229: Ein Zweig ist dadurch gekennzeichnet, dass in ihm der Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro fehlt230 und dass er die Chronica Byzantia-Arabica (741)231 überliefert. Er wird, wie oben bereits erwähnt, durch den Codex Soriensis (So) repräsentiert. Dieser Codex aus der Bibliothek San Lorenzo del Escorial, VI E 28 zählt heute zu den codices deperditi; er ging vermutlich 1671 in einem großen Feuer in El Escorial verloren. Wahrscheinlich ist er in das neunte/zehnte Jahrhundert zu datieren.232 Kenntnis über den Inhalt des Codex gab es bisher nur durch die Notizen von Juan Bautista Pérez (ca. 1534–1597). Er vermerkte die ihn interessierenden Varianten des 226 Vgl. zu den Consularia Caesaraugustana Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 80*, 115*–124* (hier 115*, 123*) sowie den Kommentar von Collins, „An Historical Commentary on the Consularia Caesaraugustana“, 95–109. 227 Ebenso wie die o. g. Bearbeitung der langen Version der Historiae des Isidor von Sevilla, vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 80*. 228 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 123*–124*: Die Consularia könnten von Johannes von Biclaro selbst stammen, „quien completó su ejemplar de Víctor con estas notas marginales, algún tiempo después de la terminación de su crónica“. Ebenso sieht Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 173 die Consularia schon durch denjenigen eingefügt, der die Chronik des Johannes an die Chronik Victors anfügte, entweder durch einen Mönch des Klosters von Biclarum oder durch Johannes selbst. 229 Terminus ante quem ist die Abfassung der Chronica Byzantia-Arabica von 741, da sie nur im So überliefert ist (s. dazu im Folgenden). Zu den beiden Zweigen vgl. auch Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 66*–69*. 230 Dazu s. u. Kap. 3.6.9. 231 Herausgegeben von Mommsen, Chronica minora 2, 334–348 (= „Additamentum IV“ zu den Historiae des Isidor); Gil, Corpus Scriptorum Muzarabicorum 1, 7–14; jetzt neu von Gil in CChr.CM 65, 309–323; vgl. ders. „Introducción“, 15–49; vgl. als Überblick auch Cardelle de Hartmann, „Der mozarabische Blick“, 45–51. Zu den anderen Texten, die So enthielt vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 13*; jetzt auch Bautista, „Páez de Castro“, 39–41; vgl. Mommsen, „Subsidia critica“, 165–166. 232 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 13*. Etwas später datiert ihn Bautista, „Páez de Castro“, 37: „Entre la segunda mitad del siglo X y la primera del XI“, vgl. ebd., 42: Die dort zu findende Sammlung von Texten „hubo de estar fijada ya definitivamente antes de fines del siglo X“, vgl. aber 43: „la miscelánea […] se hallaba en Oviedo en la segunda mitad del siglo IX“.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

Codex Soriensis in Randnotizen in seinem Codex Perezianus Segobrigensis (P–S),233 wodurch zum Teil auf Varianten von So geschlossen werden kann. Der Ausgangstext von P–S ist die (bisher als nicht erhalten angenommene) Abschrift von Juan Páez de Castro (Apograph von Juan Páez de Castro – Pa), die mit der (nicht erhaltenen) Abschrift von Florianus de Ocampo (Oc) und später eben mit dem Codex Soriensis kollationiert wurde.234 Francisco Bautista hat nun in seinem Beitrag „Juan Páez de Castro, Juan Bautista Pérez, Jerónimo Zurita y dos misceláneas historiográficas de la España altomedieval“ (2016) weitere Hinweise zur Erschließung des Textes des Codex Soriensis gegeben: Er hat herausgearbeitet, dass der Codex Kopenhagen, Arnamagnæanske Institut, Københavns Universitet, AM 833 4° (zusammen mit weiteren späteren Texten) den von Pérez selbst benutzten Codex Paezianus (Apograph von Juan Páez de Castro  – Pa) überliefert. Pérez hat darin einige Notizen zu Varianten eingefügt, v. a. aus der Abschrift von Florianus de Ocampo (Oc).235 Der Codex Paezianus gehörte (wahrscheinlich nach dem Tod von Pérez) Jéronimo Zurita, der darin unabhängig von Pérez, wahrscheinlich 1576–1577, ebenfalls Varianten notierte, die er einem visigothischen Codex entnehmen konnte: „ex vetustissimo codice regię bibliothecę ante D annos litteris gothicies descripto emmendatum exemplar“236. Bautista legt dar, dass es sich bei diesem Codex um den Codex Soriensis handelt, insbesondere, weil er auch die Chronica Byzantia-Arabica überliefert.237 Bautista kann zudem auf zwei weitere Beschreibungen des Soriensis hinweisen: Eine ist erhalten in einer Kopie eines Inventars von elf Handschriften von Jorge de Beteta, die im Manuskript Archivo Catedralicio de Palencia, ms. 37, fol. 297v–298 gefunden wurde. Sie nennt weitere Texte über Zurita und Pérez hinaus, von denen damit jedoch noch nicht völlig klar ist, ob sie tatsächlich im Soriensis enthalten waren. Eine

233 Über die Notizen von Pérez gibt es eine Zusammenstellung in der Beschreibung von P–S bei Villanueva, Viage literario 3, 196–220, die auch Mommsen verwendet („Subsidia critica“, 165–166), die allerdings zum Teil von den Fotografien von P–S abweicht, vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 36–37. 234 Vgl. zur Notierung von Varianten durch Pérez Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 24*–25*. 235 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, hier bes. 7–11; die Notizen von Pérez sind bei Bautista als Pa-P bezeichnet. 236 Codex Kopenhagen, Arnamagnæanske Institut, Københavns Universitet, AM 833 4°, fol. 120r, vor den Chroniken von Victor von Tunnuna und Johannes von Biclaro; vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 12. Die Notizen von Zurita sind bei Bautista mit Pa-Z bezeichnet. Zum Codex Paezianus (Pa) vgl. auch kurz Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 22* (dort als C bezeichnet, im Stemma ebd., 76* jedoch als Pa). 237 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 12–13. Seine Untersuchung konzentriert sich dann v. a. auf die Überlieferung der Historiae des Isidor von Sevilla, von der die beiden Überlieferungszweige der Chroniken des Victor von Tunnuna und des Johannes von Biclaro ein Teil sind, vgl. die Stemmata auf den S. 34 (die U zugrunde liegende Überlieferung = „miscelánea ‚alcobacense‘“) und 62 (Gesamtüberlieferung).

Überlieferung und Editionen

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weitere Beschreibung des Soriensis findet sich in der Handschrift Ms. Besançon, Bibliothèque Municipale, 128.238 Auch im Codex Soriensis sind die Chroniken von Victor – mit den Consularia – und Johannes, wie oben schon angedeutet, nach den Chroniken von Eusebius/Hieronymus und Prosper überliefert. Daran schließen die Chronik von Isidor, die Historiae von Isidor, die Chronica Byzantia-Arabica und weitere historiographische Schriften an.239 Auch Bautista verweist darauf, dass der älteste Kern der hier erhaltenen Sammlung wohl aus den Chroniken des Eusebius/Hieronymus sowie denen von Prosper, Victor von Tunnuna und Johannes von Biclaro besteht,240 d. h. also aus dem ersten Teil des o. g. (großen) Liber chronicorum.241 Weil auch die Chronica des Isidor in beiden Zweigen der Tradition überliefert werden, ist es möglich, dass auch sie früh, vor dem Auseinandergehen der Traditionszweige, an diese erste kleine Sammlung von Chroniken angefügt wurden. Dies ist jedoch umstritten: Während Cardelle de Hartmann und Bautista für die baldige Hinzufügung der Chronica und einer bearbeiteten Version der langen Fassung der Historiae des Isidor zu der Sammlung plädieren,242 sieht Furtado für die Werke des Isidor in beiden Zweigen der Überlieferung jeweils einen eigenen, späteren Kompilator am Werk. Ein Kompilator habe im Zweig des Complutensis neben den Texten des Isidor auch die Chronica Muzarabica (Mozarabische Chronik von 754) angefügt.243 Im So schließt die Chronica Byzantia-Arabica direkt an die Chroniken von Victor und Johannes an. Furtado macht daher v. a. geltend, dass die Chronica Byzantia-Arabica als Fortsetzung für die Chroniken von Victor und Johannes gedacht war244 und ihr Autor die Chronik Isidors nicht benutzte. Zwar habe er Isidors Historia Gothorum benutzt,245 aber nicht, um deren Fortsetzung zu schreiben: „Since the Chronica Byzantia-Arabica intended to complete John’s Chronicon, and not Isidore’s texts, I assume that the Biclar collection must have reached the Mozarabic world without Isidore’s historical works.“ Dies ist tatsächlich ein starkes Argument dafür, dass Isidors Texte später hinzugekommen

238 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 37–38. Zu den Inventaren vgl. Faulhaber/Perea Rodríguez, „¿Cuántos Cancioneros de Baena?“, 26–34. Vgl. auch Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 174–175. 239 Vgl. zu So auch Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 174–176. 240 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 42. 241 S. o. Kap. 3.4.3. 242 Vgl. Cardelle de Hartmann, 66* (diese Sammlung dann als Archetyp der Manuskripte), 78*–80*; Bautista, „Páez de Castro“, 15, 42, 64. 243 Furtado, „A Collection of Chronicles“, 253–255. 244 Dies bemerkt bereits Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 67: Die Chronica Byzantia-Arabica beginnen mit Rekkared, also mit dem Herrscher, mit dem die Chronik des Johannes von Biclaro abschließt. 245 Für die Regentschaften von Sisebut und Sunthila; vgl. auch Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 67.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

sind, da dieser zweite Kompilator sonst doch eher die Chronica oder die Historiae des Isidor als letzte Texte einer bereits bestehenden Sammlung vervollständigt hätte.246 Weil die Texte des Codex auf Oviedo hindeuten, ist denkbar, dass das Modell von So dort zusammengestellt wurde.247 Die Chronica Byzantia-Arabica (und wohl auch Isidors historische Schriften) kam vielleicht in Toledo – oder in einem anderen mozarabischen Zentrum – hinzu.248 Der andere, zweite Zweig der Überlieferung wird durch den ältesten erhaltenen Codex, der die Chroniken des Victor von Tunnuna und des Johannes von Biclaro enthält, repräsentiert: Den Codex Uniuersitatis Complutensis – U (13. Jahrhundert).249 Dem beiden Zweigen gemeinsamen Kern der Überlieferung wurde, wenn man den Hinweisen Furtados auf den in U nachweisbaren Liber chronicorum folgt,250 in diesem Überlieferungszweig zunächst der oben bereits erwähnte zweite Teil dieses Liber hinzugefügt, die Anthologie mit Texten aus Africa, Italien und Gallien. In einem zweiten Schritt wurden dann auch hier Isidors Chronica und seine Historiae angefügt, zudem die Chronica Muzarabica a. 754, möglicherweise durch denselben Kompilator in der Mitte des achten Jahrhunderts.251 Diese Sammlung war dann das Modell für den Codex Uniuersitatis Complutensis.252 246 So Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 179, im Gegenüber zu Mommsen, „Subsidia critica“, 165–166; vgl. auch Mommsen, „Additamenta IV.V., praefatio“, 323; vgl. ähnlich, trotz der Bemerkung zum Anschluss an Johannes von Biclaro Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 66–68. Bautista, „Páez de Castro“, äußert sich zunächst nicht zum Zusammenhang zwischen der Chronica Byzantia-Arabica und der Chronik des Johannes von Biclaro. Auch er nimmt eine frühe Zugehörigkeit der Texte des Isidor zu der Sammlung an und argumentiert zunächst damit, dass die Chronik von Isidor und seine Historiae in beiden Zweigen der Überlieferung belegt sind (vgl. etwa 15, 42); die Historia gehe in beiden Zweigen der Überlieferung auf dieselbe Rezension zurück, weise aber signifikante Unterschiede auf, die dann aber eben später entstanden seien. Später (66) weist Bautista jedoch darauf hin, dass die Chronica Byzantia-Arabica die erste Hinzufügung zum Kern der Sammlung seien, „que se presentan justamente como una continuación de la crónica de Juan de Biclaro, y que quizá se llevase a cabo en algún lugar del sur de la peninsula Ibérica, tal vez en Córdoba o Sevilla.“ Eine Kopie dieser Sammlung sei dann im zweiten Viertel des achten Jahrhunderts in Toledo gewesen. Vielleicht habe sie auch der Autor der Chronica Muzarabica gekannt. 247 Vgl. Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 180–183; vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 43: Die dem Soriensis zugrundeliegende Sammlung habe sich in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts in Oviedo befunden. 248 Vgl. Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 180; so auch Bautista, „Páez de Castro“, 16. 249 S. o. S. 124; zum Teil für die Historiae des Isidor und die Chronica Muzarabica mit M abgekürzt, so auch insgesamt bei Bautista, vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 17 und passim. 250 S. o. Kap. 3.4.3. 251 Vgl. Furtado, „A Collection of Chronicles“, 253–254. Bautista, „Sobre los primeros textos“, hat jetzt herausgearbeitet, dass der Autor der Chronica Muzarabica wahrscheinlich die Sammlung, die dem Soriensis zugrunde liegt, kannte und sowohl benutzte als auch diesbezügliche Notizen in die Chronica Byzantia-Arabica eingefügt hat. Vgl. dazu auch Gil, „Introducción“, 20–21. 252 Vgl. Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 178–180; ders., „A Collection of Chronicles“, 250–253 zu Zeugnissen für eine Verbreitung und Benutzung in Spanien. Die Chronica Muz­ arabica spielt mit ihrer Überlieferung auch für die Frage der ursprünglichen Gestalt der Chroniken des Victor von Tunnuna und des Johannes von Biclaro eine Rolle, s. dazu u. Kap. 3.6.9. Editionen

Überlieferung und Editionen

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Der Codex Uniuersitatis Complutensis als ganzer wird von Cardelle de Hartmann auch inhaltlich ausführlich in der Einleitung zur Ausgabe der Chronik des Victor von Tunnuna beschrieben. Die Chronik Victors von Tunnuna wird hier, wie bereits erwähnt, ohne die Consularia Caesaraugustana, in einer kleinen Sammlung nach einer Epitome bzw. abgekürzten Version253 der Chronik von Eusebius/Hieronymus (fol. 2v– 14v), der Chronik des Prosper Tiro von Aquitanien (fol. 14v–17v; ohne vorangehende eigene Epitome, in der Ausgabe von 445, mit eigener Fortsetzung bis 455) überliefert (fol. 17v–23r), gefolgt von der Chronik des Johannes von Biclaro (fol. 23r–25v) einschließlich dessen zusammenfassender Schlussberechnung (Epilog). Daran schließen sich zahlreiche weitere historiographische oder chronographische Texte an.254 Zu diesem zweiten Zweig der Überlieferung gehören neben U nach Cardelle de Hartmann auch die codices deperditi Codex Alcobaciensis (A), Codex Toletanus (T) und Codex Oxomensis (O). Diese drei repräsentieren einzelne Überlieferungsstränge dieses Zweiges der Tradition und gehen auf einen gemeinsamen Subarchetyp β zurück.255 Informationen über den Codex Alcobaciensis (A) sind über Johannes Vasaeus erhalten. Er berichtet von A im Prolog seines Werkes Chronici rerum memorabilium Hispaniae 1 (1552).256 Vasaeus bezieht sich mehrfach auf seinen Inhalt, ohne jedoch eine ausführliche Beschreibung des Codex zu geben. Bei seinen Zitaten vermerkt Vasaeus zwar jeweils, aus welchem Werk er selbst zitiert; allerdings ist seine Zitation weder vollständig noch völlig zuverlässig. Der Codex Alcobaciensis unterscheidet sich von So vor allem darin, dass er nicht die Chronica Byzantia-Arabica überliefert, dafür aber die Chronica Muzarabica a. 754 und die Chronik des Hydatius. Auch wenn Vasaeus nicht die genaue Reihenfolge der in dem Codex enthaltenen Werke notiert hat, zeigt sich

der Chronica Muzarabica (der Mozarabischen Chronik) bei Mommsen, Chronica minora 2, 334–368 (= „Additamentum V“ zu den Historiae des Isidor); Gil, Corpus Scriptorum Muzarabicorum 1, 16–54; jetzt neu von Gil in CChr.CM 65, 327–382; vgl. auch dort die ausführliche „Introducción“, 50–100. 253 S. o. S. 128 (Anm. 188). 254 Vgl. auch o. S. 128–129 zum Liber chronicorum. 255 Zum Stemma vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 76*, vgl. die Ausführungen ebd., bes. 65*–75*. 256 Vasaeus, Chronici rerum memorabilium Hispaniae 1, fol. 10v. S. auch o. S. 125.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

aufgrund der ihm zufolge enthaltenen Texte so eine große Nähe zum Codex Uniuersitatis Complutensis.257 A stammt wahrscheinlich aus dem 12. Jahrhundert.258 Zu den weiteren codices deperditi gibt es nur wenige Informationen: Den aus Burgo de Osma stammenden Codex Oxomensis (O)259 erwähnt Pérez, der den Apograph von Páez (Pa) auf diesen Codex zurückführte. Er enthielt auch die Chronica Muzarabica.260 Der Codex Toletanus (T) war Cardelle de Hartmann zufolge dann wahrscheinlich das Modell für den Codex Uniuersitatis Complutensis.261 Der letzten Annahme hat Furtado jüngst widersprochen, vielmehr basierten U und T auf demselben Modell.262 Eine im Detail von Cardelle de Hartmann abweichende Überlieferungsgeschichte dieses zweiten Zweiges der Tradition hat Francisco Bautista in der bereits genannten Untersuchung herausgearbeitet.263 Sein Stemma unterscheidet sich von dem Cardelle de Hartmanns besonders dadurch, dass Pa (der Apograph von Juan Páez de Castro, bei Bautista Pa-orig) nicht von *O264 abstammt: *O und Pa gehörten zu zwei verschiedenen Überlieferungssträngen dieses Zweiges der Tradition, die bereits im achten Jahrhundert auseinandergegangen seien. Das Modell, auf das *O letztlich zurückgehe (= γ; wahrscheinlich aus Toledo), sei spätestens Anfang des neunten Jahrhunderts entstanden. Einen gemeinsamen Subarchetyp (= ε; ebenfalls aus Toledo) mit Pa hätten M (= U) und *V (= A),265 diese bildeten jedoch, aus Coimbra stammend, selbst eine andere Unterfamilie als Pa. Die Überlieferung dieser zwei Unterfamilien sei vor dem 12.  Jahrhundert auseinandergegangen.266 Diese Sammlung gehe insgesamt auf einen

257 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 14*–18*, hier 14*–15*, 18*. In der Forschung wurde zur Geschichte von A v. a. debattiert, ob die sechs folia mit der Chronica Muzarabica, die in London, British Library Egerton 1934 und Madrid, Biblioteca de la Academia de la Historia 81 überliefert sind, zu diesem Codex gehören. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 15*–18* zur Diskussion um die dahingehende These von Mommsen, „Additamenta IV.V., praefatio“, 330; vgl. auch Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 70–71; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 19*–20* zu den genannten folia, die sie selbst einem Codex Muzarabicus zuordnet; für die These Mommsens nun wieder Gil, „Introducción“, 81–85 in Bezug auf Bautista, „Páez de Castro“, 20, mit Verweis auf die Entdeckung eines Apographs von Juan Vázquez de Mármol aus dem Jahr 1576 (bei Bautista und Gil werden die sechs folia, obwohl nicht als Fragment der Sammlung des Alcobaciensis angesehen, dennoch mit dem Siglum A versehen). 258 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 18*. 259 S. o. S. 132, 139. 260 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 20*–21*. 261 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 21*–22*. Mommsen nahm an, T sei U, vgl. Mommsen, „Subsidia critica“, 167. Vgl. zu beiden Codices auch kurz Furtado, „A Collection of Chronicles“, 229. 262 Vgl. Furtado, „La ‚Crónica‘“, 79–80. Dies muss hier nicht näher ausgeführt werden. 263 Bautista, „Páez de Castro“, 15–36, das Stemma ebd., 34. 264 Entspricht der als O bezeichneten Handschrift bei Cardelle de Hartman (Codex Oxomensis). 265 Zudem die Handschrift Paris, Bibliothèque de l’Arsenal 982, 14. Jahrhundert (= P), die allerdings die Chroniken von Victor von Tunnuna und Johannes von Biclaro nicht enthält. 266 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 33: „La tradición de la que proceden M, P, *V y Pa-orig se separó ya antes del siglo XII, y que, por tanto, su antecedente no puede identificarse con el subarquetipo procedente de Coimbra“.

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Subarchetyp α zurück, der mit der Chronica Muzarabica als jüngstem gemeinsamem Text in Toledo zusammengestellt worden sei.267 Die Stemmata können hier im Einzelnen nicht weiter verglichen werden. Für die oben genannte Frage nach der ursprünglichen Textgestalt (Anfang und Schluss der Chronik) ist v. a. die Überlieferung in den beiden großen Zweigen wichtig. Dies wird unten noch einmal aufgegriffen werden. 3.4.5 Spätere Überlieferung und Editionen Abschließend sei noch zusammenfassend auf die weitere, spätere Überlieferung der Chronik des Victor von Tunnuna hingewiesen: Neben dem Codex Uniuersitatis Complutensis sind, wie oben bereits angeführt,268 die beiden weiteren wichtigsten Codices der Codex Perezianus Escorialensis  – P-E und der Codex Perezianus Segobrigensis  – P-S, von denen die weiteren erhaltenen Handschriften abstammen. Ein Zeugnis für die Benutzung der Chronik Victors durch andere Autoren in Spanien gibt es abgesehen von der indirekten Benutzung über Isidor erst wieder im 16. Jahrhundert mit den Chronici des Johannes Vasaeus.269 Die Editio princeps (inklusive der Consularia Caesaraugustana) wurde herausgegeben von Heinrich Canisius, Chronicon Victoris Episcopi Tunnnunensis. Chronicon Ioannis Biclarensis, episcopi Gerundensis. […], Ingolstadt 1600.270 Ihre handschriftliche Basis ist der Codex Vulcanianus Leidensis – Vu,271 eine Abschrift von P-E. Die kurz darauf erschienene zweite Edition wurde auf derselben Textbasis herausgegeben von Joseph Scaliger.272 Auf diesen beiden Editionen basieren einige weitere Ausgaben aus dem 17.–19. Jahrhundert.273 Nach der Ausgabe der Chronik des Johannes von Biclaro durch Henrique Flórez274 ist die erste kritische Ausgabe der Chroniken von Victor und Johannes sowie – vom Text der Chroniken separiert  – der Consularia Caesaraugustana die von Theodor

267 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 35: „El hecho de que las dos ramas de la tradición de la miscelánea ‚alcobacense‘ se encuentren vinculadas con Toledo sugiere que fue allí donde esta colección alcanzó su forma definitiva, con la inclusión de la Chronica Muzarabica, la obra más moderna común a todos los ejemplares, y también que desde allí se fue difundiendo“. Vgl. zu dieser Zusammenstellung mit der Chronica Muzarabica auch Furtado, „A Collection of Chronicles“, 253–254; s. auch o. S. 138. 268 S. o. S. 124. 269 S. o. S. 125, 139–140. 270 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 45*–46*; vgl. Placanica, „Introduzione“, LI. 271 Bibliothek der Reichsuniversität Leiden, Vulc. 20 IIa. 272 Scaliger, Thesaurus Temporum […], Leiden 1606, 1–12. 273 Vgl. dazu Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 47*–51*. 274 Flórez, España Sagrada. Theatro Geográfico-Histórico de la Iglesia de España 6, Madrid 1751 (2. Auflage Madrid 1773), vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 52*–53*.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

Mommsen in den Chronica minora 2 (MGH.AA 11; 1894).275 Deren Text folgt die Ausgabe von Antonio Placanica (1997) weitgehend.276 Zu Placanicas Ausgabe gehört eine italienische Übersetzung der Chronik Victors sowie ein ausführlicher Kommentar, der v. a. historisch ausgerichtet ist und insbesondere umfangreich auf Quellen Victors bzw. Parallelüberlieferungen in anderen (Geschichts-) Werken verweist. Besonders an die vielfach listenartig aufgeführten Quellenangaben bei Placanica knüpft diese Arbeit in Kapitel 5 an. Placanica verzichtet auf die Edition der Consularia Caesaraugustana.277 Die neueste Edition der Chronik mit ausführlicher Einleitung ist die von Carmen Cardelle de Hartmann (CChr.SL 173A; 2001), die, insbesondere basierend auf U, P-E und P-S, mit ihrem Text einen Archetyp α rekonstruiert und dabei den Text auch (wieder) dem Spätlatein anpasst.278 Cardelle de Hartmann hat auch die Consularia in ihrer Edition in den Text der Chronik integriert, sie aber durch Kursivsetzung und besondere Zählung kenntlich gemacht.279 3.5 Der ursprüngliche Umfang der Chronik 1: Universalchronik oder Anschluss an Prosper? 3.5.1 Das Zeugnis der Chronik des Victor von Tunnuna und das Zeugnis des Isidor von Sevilla Der ursprüngliche Umfang der Chronik Victors von Tunnuna, also die Frage, ob sie seit je mit dem Jahr 444 begann und somit grundsätzlich an die Chronik Prospers Tiro von Aquitanien anschloss oder ursprünglich eine (eigene) Universalchronik war, ist

275 Mommsens Edition basiert für Victors Chronik v. a. auf U unter Bezugnahme auf P-S, P-F (Codex Perezianus Matritensis) und P-E, die er allerdings nicht im Original zur Verfügung hatte, sondern für die er auf Zusammenfassungen zurückgriff, vgl. Mommsen, „Subsidia critica“ 173–174; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 53*–54*. Mommsen hat die Orthographie des Textes an klassisches Latein angepasst, vgl. Mommsen, „Subsicia critica“, 177; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 54*. 276 Vgl. Placanica, „Introduzione“, LII–LIII. 277 Vgl. Placanica, „Note“, 63–133. Cardelle de Hartmann kritisiert an Placanicas Ausgabe einen wenig reflektierten Umgang mit dem spätantiken Charakter von U, vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 57*. 278 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 9*–10*, 12*, 143*–145*. Für die von ihr gewählte Orthographie ist Cardelle de Hartmann kritisiert worden, vgl. Martyn, „Preface“, 130; vgl. Schiefer, „Rezension zu Victoris Tunnunensis Chronicon“, 633–634. Schiefer kritisiert dort auch die seltenen „substantiellen Veränderungen“ im Vergleich zum Text von Mommsen. 279 Vgl. etwa Consularia Caesaraugustana in Victor von Tunnuna, Chronicon 4a (4,33–36 Cardelle de Hartmann). Weil die Consularia trotz der frühen gemeinsamen Überlieferung mit der Chronik ein separater Text sind – oder vielmehr ein in die Chronik eingeschriebener Text –, sind sie für die Interpretation der Chronik selbst nicht relevant und werden daher auch nicht in die im Anhang beigefügte Übersetzung aufgenommen.

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ein immer wieder diskutiertes Problem und muss daher vor der inhaltlichen Arbeit an der Chronik zunächst in formaler Hinsicht bedacht werden, auch wenn sich dabei inhaltliche Überlegungen und damit Überschneidungen mit anderen Teilen dieser Arbeit nicht völlig vermeiden lassen. Auch die bei der Diskussion der möglichen Überlieferung der Chronik bereits bedachte Frage nach den Präskripten der Chronik wird in diesem Abschnitt erneut aufgegriffen werden, da sie auch im Zusammenhang mit der Frage nach der ursprünglichen Gestalt der Chronik diskutiert worden ist. Victors Chronik selbst präsentiert sich in den vorliegenden Handschriften als Fortsetzung der Chronik Prospers: Huc usque Prosper uir religiosus ordinem precedentium digessit annorum cui et nos ista subiecimus.280 Es wurde oben schon erwähnt, dass insbesondere aufgrund von Angaben bei Isidor von Sevilla dennoch oft angenommen wird, die Chronik Victors sei ursprünglich eine Universalchronik gewesen, die Isidor noch kannte. Es geht dabei um die Deutung von den folgenden Aussagen Isidors aus De uiris illustribus und aus seiner Chronik: Hic [= Victor von Tunnuna] a principio mundi usque ad primum Iustini iunioris imperii annum […] nobilissimam promulgauit historiam.281 Dehinc Eusebius Caesariensis atque sanctae memoriae Hieronymus chronicorum canonum multiplicem ediderunt historiam regnis simul ac temporibus ordinatam. Post hos alii atque alii, inter quos praecipue Victor Tonnonensis ecclesiae episcopus recensitis praedictorum historiis gesta sequentium aetatum usque ad consulatum Iustini iunioris expleuit.282

Isidor berichtet also in De uiris illustribus von einer historia a principio mundi Victors. Die Aussage in seiner Chronik lässt sich zudem zumindest dahingehend deuten, dass Victor selbst die vergangenen Geschichten noch einmal erzählt und diese dann bis zu Justin II. ergänzt hat. Diese Deutung des recensitis praedictorum historiis ist freilich nicht zwingend: Die passivische Formulierung recensitis praedictorum historiis legt nicht notwendigerweise Victor von Tunnuna als handelndes Subjekt fest. Es könnte auch ein Anschluss an eine vorher bereits bestehende Darlegung gemeint sein, also ein

280 Victor von Tunnuna, Chronicon, praescriptio (3,1–2 Cardelle de Hartmann): „Bis hierher hat der Mönch Prosper die Ordnung der vorangehenden Jahre der Reihe nach eingetragen, dem lassen auch wir diese Dinge folgen.“ 281 Isidor von Sevilla, De uiris illustribus 25 (147,2–4 Codoñer Merino): „Dieser veröffentlichte eine überaus edle Geschichte […] vom Beginn der Welt bis zum ersten Jahr der Regierung Justins des Jüngeren.“ 282 Isidor von Sevilla, Chronica 1/2 1 (4,3–6,10/5,3–7,10 Martín): „Seitdem gaben Eusebius von Caesarea und Hieronymus heiligen Angedenkens den vielfältigen Kanon der Chroniken heraus, die Geschichte geordnet durch die Reiche wie auch durch die Zeiten. Nach diesen waren es immer wieder andere, unter ihnen hat besonders Victor, der Bischof der Kirche von Tunnuna, nachdem die Geschichten der vorher genannten der Reihe nach erzählt worden waren, die Ereignisse der folgenden Zeitalter bis zum Konsulat Justins des Jüngeren ergänzt.“

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Anschluss entsprechend des Zeugnisses der Chronik in ihrer praefatio und entsprechend des vorliegenden Textbestandes. An diesen beiden Aussagen Isidors von Sevilla hat sich jedenfalls die genannte Frage entzündet, ob der überlieferte Text der Chronik des Victor von Tunnuna vollständig ist und die Chronik somit seit je her eine Fortsetzung der Chronik von Prosper war, oder ob die Chronik des Victor von Tunnuna ursprünglich eine Universalchronik war – eigenständig oder in Form einer Epitome von Eusebius/Hieronymus –, von der somit nur ein Fragment erhalten ist.283 3.5.2 Keine ursprüngliche Universalchronik? Die Manuskripttradition bezeugt eine eigenständige Universalchronik oder eine Epitome der Chronik von Eusebius-Hieronymus mit eigener Fortsetzung nicht, weshalb sich frühe Forscher (Heinrich Canisius, Jacobus Basnage u. a.) gegen die Glaubwürdigkeit der Angabe bei Isidor bzw. eine dahingehende Interpretation seiner Aussagen entschieden haben.284 Carmen Codoñer Merino sieht in der Passage aus Isidors Chronik ebenfalls keinen Hinweis auf eine eigene Epitome von Eusebius/Hieronymus durch Victor, sondern nur auf eine Fortsetzung von Eusebius und Hieronymus.285 Bei seiner Angabe in De uiris illustribus habe Isidor sich vom Schluss der Chronik Victors leiten lassen, welcher die Jahre ab Adam zusammenfasst bzw. berechnet.286 Freilich entspricht die Formulierung ab Adam primo homine bei Victor nicht ganz dem a principio mundi aus der Angabe Isidors. Auch Marc Reydellet geht nicht davon aus, dass Isidor tatsächlich auf eine Universalchronik Victors verweist: Er vermutet, dass Isidor Victor und Prosper verwechsele, da er eine Handschrift vor sich habe, welche neben der Chronik von Hieronymus auch die Chronik von Prosper und die Fortsetzung von Victor enthalte, die alle Victor von Tunnuna zugeschrieben würden.287

283 Vgl. insgesamt Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 102*–106*. 284 Vgl. Canisius, Chronicon Victoris, 6; Basnage, Thesaurus 1, 262; vgl. Placanica, „Introduzione“, XIII (mit Anm. 1). 285 Vgl. Codoñer Merino, „Estudio de la obra“, 71. 286 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 175 (55,996 Cardelle de Hartmann): Colliguntur omnes anni ab Adam primo homine. Vgl. Codoñer Merino, „Estudio de la obra“, 71. So schon Canisius, Chronicon Victoris, 6; anders dann ders., Antiquae lectiones 1, 668; vgl. Placania, „Introduzione“, XIII. Zum Schluss der Chronik und zur Frage, ob dieser ursprünglich zur Chronik gehörte s. u. Kap. 3.6. 287 Vgl. Reydellet, „Les intentions“, 368–369, hier 369: „La bibliothèque de Séville comptait, à côté de la Chronique de Jérôme, un manuscrit qui contenait à la suite la Chronique de Prosper et la continuation de Victor, le tout placé sous le nom de ce dernier“. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 103*–104*. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 103*, spricht in Bezug auf Reydellets

Der ursprüngliche Umfang der Chronik 1: Universalchronik oder Anschluss an Prosper?

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3.5.3 Doch eine ursprüngliche Universalchronik – die Einwände von Carmen Cardelle de Hartmann Gegen diese These formuliert Carmen Cardelle de Hartmann zwei Einwände, die neben dem Zeugnis des Isidor von Sevilla zunächst den Text der Chronik Victors selbst in den Blick nehmen und die Möglichkeit einer ursprünglichen Universalchronik Victors wieder denkbar erscheinen lassen. Sie sollen hier ausführlicher diskutiert werden: Der erste Einwand Cardelle de Hartmanns basiert auf einer bereits von Theodor Mommsen288 gemachten Beobachtung zum Jahr 565/566 in Victors Chronik: Dort schreibt Victor von den supra gelobten Evagrius und Didymus.289 Weder Evagrius noch Didymus werden jedoch zuvor im vorliegenden Text der Chronik Victors erwähnt; und in der Chronik von Hieronymus (und in der Epitome von Prosper) wird nur Didymus genannt, nicht aber Evagrius.290 Mommsen nimmt daher an, Victor habe selbst eine Epitome von Prosper geschaffen – ähnlich wie Prosper von Hieronymus –, in die er sowohl Material eingefügt habe als auch Material verändert oder weggelassen habe.291 Ein Schreiber (Kompilator) habe dann beim Kopieren der Chroniken die ergänzte Epitome von Prosper, die Victor erstellt hatte, durch den Originaltext von Prosper, der ihm zur Verfügung gestanden habe, ersetzt.292 Aufgrund der Verbreitung der Chronik Prospers erscheine dies, so Cardelle de Hartmann, jedenfalls nicht undenkbar.293 Victor von Tunnuna könne sich an der genannten Stelle tatsächlich konkret auf Material aus De uiris illustribus von Hieronymus (zu Didymus; vgl. Hieronymus, De uiris illustribus 109) und von Gennadius (zu Evagrius; vgl. Gennadius, De uiris illustribus 11) beziehen.294 Dafür spreche auch die Formulierung von Chronicon 170, Annahme von einer Handschrift, „en el que figurarían el epítome de Jerónimo hecho por Próspero, la continuación de Próspero y la de Víctor, todo atribuido a Víctor“. 288 Vgl. Mommsen, „Praefatio“, 179–180. 289 Victor von Tunnuna, Chronicon 170 (54,978–980 Cardelle de Hartmann): […] Euagri […] ac Didimi […] quorum laudes supra […] pertulimus […]. 290 Hieronymus, Chronicon ad a. 372 (47,13–14 Helm): Didymus Alexandrinus multa de nostro dogmate per notarios commentatur. Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1146 (459 Mommsen). Placanica weist darauf hin, dass Didymus auch bei Prosper nicht erwähnt werde, vgl. Placanica, „Introduzione“, XIV, damit bezieht er sich wohl auf die Fortsetzung Prospers, nicht auf dessen eigene Epitome. 291 Vgl. Mommsen, „Praefatio“, 180; vgl. auch Placanica, „Introduzione“, XIII–XIV. Die Existenz einer Prosper-Überarbeitung „von Anfang an“ nehmen auch Schanz/Hosius/Krüger, Geschichte der römischen Literatur 4,2, 113 an. 292 Vgl. Mommsen, „Praefatio“, 180. 293 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 104*. Die genannte Stelle in Victors Chronik ist auch für Placanica, „Introduzione“, XIV, das entscheidende Zeugnis dafür, dass Victors Chronik ursprünglich eine längere Fassung hatte, basierend auf einer Epitome der Chronik Prospers mit Ergänzungen durch andere Quellen. Der vordere Teil sei durch einen „accidente della tradizione“ verloren gegangen. Insofern „non resta dunque che accogliere la notizia di Isidoro, il quale peraltro conobbe e usò con larghezza nei suoi scritti la cronaca di Vittore“. 294 Vgl. Cardelle de Hartmann. „Introducción“, 104*.

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quorum laudes supra illustrium uirorum ex autoritate pertulimus („deren Lob wir oben ausgeführt haben aus der Autorität von berühmten Männern“295) – sie könne auf eine Quelle über solche uiri illustri hinweisen. Allerdings deutet sonst nichts in der Chronik darauf hin, dass Victor von Tunnuna Hieronymus’ oder Gennadius’ De uiris illustribus benützt hat.296 Cardelle de Hartmann argumentiert zudem, dass die Hypothese Mommsens, dass Victor von Tunnuna eine Prosper-Epitome angefertigt habe, auch wenn eine solche heute nicht bekannt sei, durch die Entdeckung von Steven Muhlberger ein gewisses Stück an Plausibilität gewonnen habe: Muhlberger hat durch einen Vergleich der entsprechenden Passagen bei Prosper und am Anfang der Chronik Victors nachgewiesen, dass Victor von Tunnuna für die Zeit von 444–455 die Chronik Prospers als Quelle benutzte.297 Damit hat er gleichzeitig gezeigt, dass es keine (verlorengegangene) Ausgabe der Chronik Prospers von 443 gab, wie es noch Mommsen annahm.298 Der eigene Bericht von Victor ab dem Jahr 444 hängt, so Muhlberger, mit dem Zweck der Chronik Victors (Verteidigung der Drei Kapitel; für diese Jahre insbesondere eine eigene Deutung des Konzils von Chalcedon 451) zusammen, dem der Text Prospers nicht entsprochen habe.299

295 Alternative Übersetzungsmöglichkeiten wären: „deren Lob als [das] berühmter Männer wir oben aus Autorität ausgeführt haben“ oder „deren Lob wir über das berühmter Männer hinaus oben aus Autorität ausgeführt haben“. 296 Denkbar wäre auch ein Bezug auf die wichtigste Quelle von Victor von Tunnuna bis 518, die Historia ecclesiastica des Theodoros Anagnostes. Dies erscheint jedoch eher unwahrscheinlich: Didymus und Evagrius kommen nach dem Zeugnis der Epitome zwar in dessen Historia tripartita vor, aber wir wissen erstens nichts über deren Benutzung durch Victor, da sie frühere Jahre behandelt, und zweitens entsprechen die Stellen auch nicht der o. g. Aussage (quorum laudes supra illustrium uirorum ex autoritate pertulimus). Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia tripartita, E148 (Didymos), E174, E249, E266, E300 (Evagrius). 297 Vgl. Muhlberger, „Prosper’s Epitoma chronicon“, 240–244, bes. 241–243; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 105* (Anm. 204). Der Vergleich muss hier nicht noch einmal im Einzelnen nachgezeichnet werden. Dass Victor für die Jahre 444–455 die Chronik Prospers als Quelle benutzt hat, bemerkte übrigens schon Papencordt, Geschichte, 361–364, worauf Placanica, „Introduzione“, XIII, hinweist. Muhlberger, „Prosper’s Epitoma Chronicon“, erwähnt Papencordts Überlegungen nicht. Zu einem Vergleich vom Anfang der Chronik Victors mit dem entsprechenden Text bei Prosper und zum inhaltlichen Fokus bei Victor s. u. Kap. 5.1. 298 Vgl. Mommsen, „Praefatio“, 179–180. Die Chronik des Prosper Tiro von Aquitanien (ca. 390–nach 455) entstand in mehreren Überarbeitungsstufen während eine längeren Zeitraumes. Drei eindeutige Überarbeitungsstufen stammen aus den Jahren 433, 445 und 455, eine in das Jahr 451 zu datierende vierte Version ist sehr wahrscheinlich. Vgl. zu Prosper und seiner Chronik jetzt die „Einleitung“ in Becker/Kötter, Prosper Tiro, Chronik, 3–60; vgl. auch Muhlberger, The Fifth-Century Chroniclers, 48–135. 299 Vgl. Muhlberger, „Prosper’s Epitoma chronicon“, 243–244; vgl. auch Placanica, „Introduzione“, XIII–XIV: „Si può dedurre che Vittore rimanegiasse l’Epitome prosperiana, anche mediante il ricorso ad altre fonti, sino al 455, facendo seguire ad essa la propria continuazione, que doveva fornire la ‚chiave‘ per la lettura delle controversie anteriori“.

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Damit zeigt sich jedenfalls, dass die Chronik Victors nicht einfach an die Chronik Prospers anschließt, wie vom vorliegenden Präskript behauptet, sondern dass Victor Prospers Text in der Fassung bis 455 vorliegen hatte und mit dieser Fassung gearbeitet hat. Dies kann als Hinweis darauf gesehen werden, dass er insgesamt frühere Teile der Chronik Prospers benutzt und möglicherweise auch eine Epitome erstellt hat. Freilich ist dies kein zwingender Schluss: Es ist dennoch ebenso möglich, dass Victor von Tunnuna aufgrund seines eigenen Fokus seine Chronik auch ohne vorherige eigene Epitome ab dem Jahr 444 auf diese Weise entweder an Prosper angeschlossen bzw. dessen Chronik fortgeschrieben hat, oder dass er sie eigenständig und erst im Jahr 444 beginnend konzipiert hat. Wenn Victor von Tunnuna selbst das Präskript der Chronik vorangestellt hat, entspräche das einer Darstellung, die sich trotz der sich überschneidenden Jahre als eigenständiger Anschluss an Prosper verstehen würde: The originality of Victor’s ecclesiastical history from 444 is sufficient to explain his statement that he wrote independently from that year. Victor was taking responsibility for an account that he had revised and supplemented to reflect his own judgements on the past.300

Das macht eine weitere Vermutung Cardelle de Hartmanns unwahrscheinlich, wenn auch nicht undenkbar: Cardelle de Hartmann überlegt, dass das Präskript sich vielleicht schon im Text von Victors Chronik selbst befand, aber nach dem Jahr 455, in dem die Chronik von Prosper endet; der (erste) Kompilator habe es dann lediglich an eine andere Stelle geschoben.301 Dies hält auch Placanica für möglich, der zudem auf den Beginn mit igitur in Chronicon 1 (3,3 Cardelle de Hartmann) hinweist, was einen besseren Ort im Anschluss an den Text des Präskriptes nach dem Jahr 455 habe.302 Das igitur ist aber genauso gut nach dem jetzigen Ort des Präskriptes denkbar, um im Anschluss daran, den Text der Chronik Victors mit der Chronik Prospers verknüpfend, deren Fortführung zu signalisieren; es könnte damit jedenfalls auf den Verfasser des Präskriptes zurückgehen, der, wie oben bereits dargelegt, nicht Victor selbst sein muss.303 Es ist zudem auch denkbar, dass in der Zusammenstellung der ersten kleinen Sammlung ein anderer einleitender Satz, der von Victor selbst stammte, durch das Präskript ersetzt wurde. Wenn das Präskript von einem Kompilator stammt, könnte es dieser trotz der von den Jahren her weitergehenden (parallel verlaufenden) Chronik Prospers dem ihm vorliegenden Text der Chronik Victors vorangestellt haben mit dem (übergeordneten) Ziel der Zusammenstellung einer Sammlung. Die doppelt vorhandenen Jahre hätten für diesen Kompilator dann offenbar keine Rolle gespielt.

300 301 302 303

Muhlberger, „Prosper’s Epitoma Chronicon“, 244. Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 106*. Vgl. Placanica, „Note“, 63 (ad praescriptio; ad a. 444). S. o. Kap. 3.4.3.

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Als zweiten Einwand gegen die Annahme Reydellets304 führt Cardelle de Hartmann an, dass es keine Spuren einer Handschrift gibt, wie sie Reydellet annimmt, also einer Handschrift, in der mehrere Chroniken Victor von Tunnuna zugeschrieben werden. Dafür sieht sie, wie oben gesehen, in den Präskripten zu den Chroniken von Eusebius/ Hieronymus, von Prosper, von Victor von Tunnuna und von Johannes von Biclaro in U Hinweise auf den von Mommsen genannten Kompilator.305 Der in diesen Präskripten erscheinende Kompilator habe aber nun nicht nur eine Sammlung von Chroniken zusammengestellt, sondern er habe auch auf folgende Weise in die Texte der Chroniken eingegriffen306: Er habe die Hieronymus-Epitome von Victor von Tunnuna durch eine Epitome ersetzt, die so gut wie alle historischen Notizen der Chronik von Hieronymus aufgenommen habe.307 Dann habe er die Prosper-Epitome von Victor durch Prospers bis 455 reichenden Gesamttext ersetzt. Daran fügte er die Chronik von Victor ab dem Jahr an, ab dem dessen eigene Notizen besonders großes Gewicht erlangt hätten, nämlich ab 444.308 Die Zeit von 444–455 sei nun doppelt erschienen. Dies habe dann nicht nur ein Präskript, sondern auch eine chronologische Präzisierung notwendig gemacht. Diese finde sich zwar nicht im Complutensis, dafür aber in P-E und in P-S und damit im Codex Oxomensis: A XIIX cos. Theodosii Iunioris Victor epispcopus Tunnunensis ecclesiae Africae historiam prosequitur ubi Prosper reliquit.309 304 Verwechslung von Prosper und Victor durch Isidor; ursprünglich keine Universalchronik Victors; s. o. S. 144. 305 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 104*–105*; zum Kompilator Mommsens s. o. S. 145– 146. 306 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 105*–106*. 307 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 105* für eine Beschreibung der Epitome von Eusebius/ Hieronymus im Codex Uniuersitatis Complutensis. 308 Ähnlich wie Cardelle de Hartmann, die sich nicht auf ihn bezieht, aber mit anderer Spitze, schreibt schon Papencordt, Geschichte, 363 aufgrund der Benutzung der Chronik Prospers durch Victor für die Jahre 444–455 das Präskript der Chronik (bei Papencordt, Geschichte, 360, allerdings als A XVIII consulatu Theodosii junioris Victor episcopus Tunnunensis ecclesiae Africae historiam prosequitur, ubi Prosper reliquit notiert, was der Fassung des Codex Perezianus Escorialensis – P-E [s. o. S. 124] entspricht, vgl. Mommsen, „Praefatio“, 179) einem Abschreiber zu. Dieser habe Prospers Chronik „nur in der bis zum Jahr 444 reichenden Ausgabe oder in einer verstümmelten Handschrift“ besessen, und dann „als Fortsetzung Victors Darstellung der späteren Zeiten“ hinzugefügt. Aus dieser Handschrift stammten dann alle erhaltenen Handschriften von Victors Chronik, der Teil von Victors Chronik bis zum Jahr 444 sei so verlorengegangen (vgl. Papencordt, Geschichte, 363–364). „Dies ist umso leichter anzunehmen, da für die von Prosper selbst behandelte Zeit dessen Arbeit dem Abendlande wichtiger erscheinen musste, während für die spätere Zeit auch eine auf Afrika besonders berechnete Chronik immer besser als gar keine war“ (ebd., 364). Papencordt äußert sich nur indirekt zu der von ihm benutzten Ausgabe, wahrscheinlich handelt es sich um die von Thomas Roncalli von 1787 (vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 49*–50*). 309 Codex Oxomensis – O, einer der codices deperditi, auf die Pérez noch zurückgreifen konnte; zitiert nach P-E und P-S bei Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 106*; s. o. S. 140. Vgl. auch Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 20*–21*, 105*–106*. Eine andere Art chronologischer Präzisierung findet sich allerdings im Complutensis: Die Chronik Prospers wird dort mit einer chronologischen Schlussbemerkung abgeschlossen, welche die Jahre ab Adam usque ad consulatum Valentiniani VIII berechnet, also bis zu dem Jahr, bis zu dem die Chronik Prospers in diesem Codex

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Freilich ist auch hier eine schlichtere Lösung denkbar, dass nämlich die Chronik Victors von Anfang an nur ab dem Jahr 444 vorlag. Der Kompilator hätte dann nicht selbst entschieden, ab wann der Text Victors sein „zentrales Gewicht“ gehabt hätte und den ursprünglichen Text gekürzt, sondern einfach den ihm vorliegenden Text benutzt. Eine Präzisierung hinsichtlich des konkreten Konsulats wie im Codex Oxomensis ist auch so denkbar, wenn die Doppelung mit der Chronik Prospers auffiel.310 Rodrigo Furtado hat, wie oben dargelegt, die Spuren einer Sammlung von Texten im Codex Uniuersitatis Complutensis (U), des Liber chronicorum, herausgearbeitet, zu dem auch die Chroniken des Victor von Tunnuna, des Johannes von Biclaro, des Prosper und des Eusebius/Hieronymus gehören.311 Er sieht den Zeitpunkt der Entstehung dieser Sammlung bzw. der kleineren Sammlung der genannten Chroniken als den Zeitpunkt an, zu dem die erste Hälfte von Victors bis dahin vollständiger Chronik durch die Texte von Eusebius/Hieronymus und Prosper ersetzt wurde.312 Isidor hingegen habe Victors ganzen Text noch gekannt, daher sei das Model für alle jetzt vorliegenden oder rekonstruierbaren Handschriften – bzw. für den Teil, der die Abfolge der Chroniken von Eusebius/Hieronymus, Prosper, Victor und Johannes enthält – erst nach der Ankunft der Chroniken von Johannes und Victor (letztere noch in Form einer Universalchronik) in Sevilla entstanden.313 In den nun genannten Überlegungen vermischen sich zwei Fragestellungen: Die Frage nach den Präskripten und damit nach einer frühen Sammlung von Chroniken sowie die Frage nach dem ursprünglichen Umfang der Chronik. Eine frühe Sammlung von Chroniken und deren Zusammenstellung mit den Präskripten impliziert nicht notwendigerweise eine ursprüngliche Universalchronik Victors, die ein Kompilator gekürzt hat. Die Chronik Victors kann ursprünglich mit dem Jahr begonnen haben, mit dem sie jetzt beginnt, und trotzdem durch die Präskripte mit den anderen Chroniken verbunden worden sein – so wie auch die Chronik des Johannes von Biclaro nach der Chronik Victors beginnt, ohne ursprüngliche voranstehende Universalchronik, und dennoch ein Präskript hat.

fortgeführt wird (vgl. Codex Uniuersitatis Complutensis, fol. 17r; der Schlussteil von U ist ediert von Mommsen als Continuatio Codicis Alcobaciensis in den Chronica minora 1, 487). Zum Schluss der Chroniken in U s. u. Kap. 3.6.8–3.6.9. 310 Eine solche spätere chronologische Präzisierung bezeugt ja auch der zweite Teil des oben zitierten Präskriptes aus dem Codex Soriensis (Abhinc, id est a XVIII Theodosii iunioris consulatu, Victor Tunnunensis [mut. in Tunnensis] ecclesiae Africanae episcopus texit historiam.); s. o. S. 131. 311 Vgl. Furtado, „A Collection of Chronicles“; s. o. Kap. 3.4.3. 312 Furtado, „A Collection of Chronicles“, 251. Zur späteren Präzisierung hinsichtlich der kleineren Sammlung vgl. Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 179–180. 313 Vgl. Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle-Writing“, 178 (mit Anm. 44).

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3.5.4 Das Zeugnis des Johannes von Biclaro, des Isidor und die Verweise auf Didymus und Evagrius in Chronicon 170 – Versuch einer Neubewertung Betrachtet man nun die bei Johannes von Biclaro vorangestellte praefatio, wird deutlich, dass schon hier die Chronik Victors in die Reihe Eusebius, Hieronymus und Prosper gestellt ist – es wird zudem suggeriert, dass alle zusammen die historiam omnium gentium „gewoben“ haben bis zur Zeit des Johannes von Biclaro.314 Es geht hier offenbar nicht um einzelne vollständige Darstellungen, und es deutet auch nichts darauf hin, dass hier die Chronik Victors als eigenständige Universalchronik (oder vollständige Epitome) im Blick ist. Sie steht vielmehr als ein Glied in der Reihe derer, die insgesamt die „Geschichte aller Völker“ zusammengefügt haben. Oben wurde herausgearbeitet, dass die praefatio von Johannes von Biclaro selbst stammt oder sehr früh ist315 – sie ist damit ein frühes Zeugnis, das gegen eine ursprüngliche Universalchronik Victors spricht. Die Benutzung Prospers für die ersten Jahre ab 444 der Chronik durch Victor von Tunnuna ist zwar ein möglicher Hinweis auf eine ursprünglich eigene Epitome, die Prosper als Quelle benutzte, hat dies aber ebenfalls nicht zwingend zur Folge. Entscheidend für die Beantwortung der Frage, ob die Chronik des Victor von Tunnuna ursprünglich eine Universalchronik war oder nicht, ist letztlich, wie man das Zeugnis Isidors bewertet und wie man die in der Chronik vorkommenden Verweise auf Didymus und Evagrius versteht. Das Zeugnis aus Isidors Chronik316 lässt sich am einfachsten mit Codoñer Merino so erklären, dass hier die Chronik des Victor von Tunnuna als eine der vielen Fortsetzungen (post hos alii atque alii) der Chronik von Eusebius/Hieronymus präsentiert wird: Die Aussage Victor Tonnonensis […] recensitis praedictorum historiis gesta sequentium aetatum usque ad consulatum Iustini iunioris expleuit sagt eben aus, dass die histo­ riae der vorher Genannten schon erzählt sind – im Satz zuvor war davon die Rede, dass Eusebius und Hieronymus chronicorum canonum multiplicem ediderunt historiam regnis simul ac temporibus ordinatam. Auf diese, also auf Eusebius und Hieronymus, beziehen sich dann die historiae praedictorum. Recensitis praedictorum historiis kann also in diesem Zusammenhang schlicht die Ordnung der Geschichte im Sinne von „der Reihe nach erzählen“ durch Eusebius und Hieronymus und deren Nachfolger (post hos alii atque alii) meinen. Auch im Satz zuvor war ja bezüglich Eusebius und Hieronymus 314 Vgl. Johannes von Biclaro, Chronicon, praefatio (59,1–12 Cardelle de Hartmann): Post Eusebium Cesariensis ecclesie episcopum, Iheronimum toto orbe notum presbyterum, nec non et Prosperum uirum religiosum atque Victorem Tunnunensis ecclesie Affricane episcopum, qui hystoriam omnium pene gentium summa breuitate et diligentia contexere uisi sunt, et usque ad nostram etatem congeriem perduxerunt annorum […], nos ergo […] que temporibus nostris acta sunt […] studuimus […] transmittere. Zur Übersetzung s. o. S. 133 (Anm. 220). 315 S. o. S. 134. 316 S. o. Kap. 3.5.1.

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von der durch die Reiche und Zeiten geordneten Geschichte die Rede. Nach den der Reihe nach erzählten historiae der zuvor Genannten ergänzt nun Victor von Tunnuna die Ereignisse der folgenden Zeitalter. Dies entspräche der o. g. Deutung der praefatio bei Johannes von Biclaro. Dass in Isidors Chronik eine eigene Epitome von Victor gemeint ist, die alles der praedicti noch einmal in einer eigenen Fassung durchnimmt, wäre die kompliziertere Lösung. Die Angabe in Isidors De uiris illustribus bezeugt zwar eine Chronik a principio mundi. Es stellt sich aber die Frage, ob dieses Zeugnis für eine Universalchronik so stark zu gewichten ist, stärker etwa als die in der praefatio des Johannes von Biclaro bezeugte Reihe von Chroniken von Eusebius bis Victor.317 Auch ist denkbar, dass Isidor die Angabe auf den Schluss der Chronik Victors (Chronicon 175) bezieht, ohne dass ihm eine Universalchronik vorlag.318 Nicht zuletzt hat die Angabe bei Isidor zur Chronik Victors keinen Rückhalt in der handschriftlichen Überlieferung oder in anderen Zeugnissen. Die oben genannten Theorien darüber, wie aus einer ursprünglichen Universalchronik (oder der Epitome einer solchen) die jetzt vorliegende Fassung der Chronik geworden sein könnte, greifen zwar Hinweise aus den Texten auf, die untersuchten Textbefunde widersprechen aber an keiner Stelle einer ursprünglichen Fassung der Chronik Victors ab 444. Diese ist daher in diesem Zusammenhang die einfachere Erklärung.319 Rätselhaft bleibt damit v. a. die Formulierung in Chronicon 170 (quorum laudes supra illustrium uirorum ex autoritate pertulimus).320 Wenn sich diese Aussage auf Material aus 317 Die Angaben zu Werken in Isidors De uiris illustribus sind nicht immer ganz präzise, wie etwa die Angaben zu Fulgentius von Ruspe zeigen (De uiris illustribus 14). Isidor von Sevilla schreibt zudem über Johannes von Biclaro (De uiris illustribus 31 [152,13–16 Codoñer Merino]): Addidit in libro chronicorum ab anno primo Iustini iunioris principatus usque in annum octauum Mauricii principis Romanorum et quartum Recharedi regis annum, historico compositoque sermone ualde utilem historiam. / „Er fügte zum Buch der Chroniken vom ersten Jahr der Kaisertums Justins des Jüngeren bis ins achte Jahr des Kaisers der Römer Mauritius und das vierte Jahr des Königs Rekkared, mit einer geschichtlichen und geordneten Ausdrucksweise eine sehr nützliche Geschichte an.“ Dies kann man zumindest als Hinweis darauf verstehen, dass Isidor eine Sammlung von Chroniken (liber chronicorum) voraussetzt (von der dann die Chronik Victors ein Teil wäre), an die Johannes von Biclaro anschließt. 318 S. o. Kap. 3.5.2. 319 Den möglichen Einwand, dass auch die Chronik des Eusebius/Hieronymus in der in der ersten Sammlung überlieferten Fassung nicht a principio mundi beginne (vgl. Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle-Writing“, 178 [Anm. 44] in Bezug auf die Fassungen in den Codices Uniuersitatis Complutensis, Alcobaciensis und Toletanus), was als Hinweis darauf gesehen werden könnte, dass Isidor eben die Chronik Victors meinte und nicht etwa eine Sammlung beginnend mit Eusebius/ Hieronymus, ist durch Furtado, „La ‚crónica‘“ selbst entkräftet worden, der gezeigt hat, dass die jetzt in U überlieferte abgeschnittene Fassung der Chronik des Eusebius/Hieronymus nicht die ursprüngliche ist, s. o. S. 128 (Anm. 188). 320 Dass die Interpretation von Chronicon 170 schwierig ist, zeigt auch die Übersetzung von John R. C. Martyn (Übers. 166 Martyn), der hier eine kreative Lösung bietet, die neue Personen ins Spiel bringt: „Justinian sent into exile the bishop of Constantinople, Eutychius, who condemned the Three Chapters, supported by the deacons of the hermit Evagrius and the monks of Didymus and of the confessor of Alexandria, whose praises I sang above, with the authority of famous men, and

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Hieronymus’ oder Gennadius’ De uiris illustribus beziehen würde, wäre dies die einzige Stelle, in der Victor von Tunnuna seine Quelle benennt – es wäre überhaupt die einzige Stelle, in der, abgesehen vom Präskript, der Autor in der 1. Person Plural schreibt. Zudem ist eine Benutzung von Hieronymus’ oder Gennadius’ De uiris illustribus, wie oben bereits erwähnt, an keiner anderen Stelle der Chronik erkennbar. Dass Didymus und Evagrius hier überhaupt erwähnt werden, ist leicht erklärbar: Evagrius und Didymus wurden auf einer Synode in Konstantinopel 553, kurz vor dem ökumenischen Konzil, zusammen mit Origenes verurteilt.321 Von dieser Synode schreibt Victor zwar nichts. Die Verurteilung wurde jedoch schon bald in engem Zusammenhang zum Konzil selbst gesehen,322 und so könnte man zunächst auch den Hinweis bei Victor verstehen: Eutychius wäre als Teilnehmer bzw. Vorsitzender des Konzils dann einer der damnatores nicht nur der Drei Kapitel, sondern auch von Didymus und Evagrius gewesen. So sieht etwa Dossey hier eine Verteidigung von Didymus und Evagrius, was eine positivere Haltung gegenüber den Origenisten als bei Facundus von Hermiane und Liberatus von Karthago ausdrücke.323 Auffällig ist allerdings, dass Origenes hier nicht namentlich erwähnt wird. Richard Price geht schlicht davon aus, dass Victor die Anathematismen von 553 nicht auf Origenes bezogen verstanden hat.324 Diekamp hingegen führt die Erwähnung von Eva­ grius und Didymus auf die Kritik an der Verdammung bereits Verstorbener durch die Verteidiger der Drei Kapitel zurück – deshalb habe Victor Origenes nicht erwähnt, da dieser ja schon zu Lebzeiten verurteilt gewesen sei: Daß er Origenes auch in diesem Zusammenhange nicht erwähnt, obwohl die Verdammung des Evagrios und Didymos von der des Origenes begleitet gewesen sein wird, hat wohl seinen Grund darin, daß er das Anathem gegen Evagrios und Didymos, nicht jedoch das gegen Origenes, für ebenso ungerecht hielt, wie die Verurtheilung der drei Capitel. Origenes als ein zu seinen Lebzeiten Excommunicirter durfte nach Victors Meinung auch nach seinem Tode vom Banne getroffen werden. Da der Chronist darauf ausgeht, die Thä-

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in his place he appointed John, a similar bishop with the same error.“ Theoretisch ist zwar eine Auflösung der Genitive (diaconi und monachi) als Nominative Plural denkbar, aber das „supported“ taucht im lateinischen Text überhaupt nicht auf, und es stellt sich die Frage, wer etwa die Mönche des Didymus sein sollen, welche Justinian unterstützten (der zuvor die Verurteilung der Origenisten vorangetrieben hatte). Zum Text von Chronicon 170 im Detail s. u. Kap. 5.7.3.7, bes. in den Exkursen (mit Belegen). Vgl. Diekamp, Die origenistischen Streitigkeiten; Schwartz, „Zur Kirchenpolitik Justinians“, 319; Uthe­ mann, „Kaiser Justinian“, 324–325; Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 422–430; die Anathematismen gegen die Origenisten in ACO 4,1 (248–249 Straub); s. auch o. S. 90–91. Vgl. etwa Kyrill von Skythopolis, Vita Sabae 90; die Verbindung von Origenes bzw. Origenisten, Evagrius und Didymus im Kontext des Konzils von 553 auch bei Evagrius, Historia ecclesiastica 4,38, vgl. auch 4,39. Vgl. Dossey, „Exgesis and Dissent“, 263 (Anm. 86). Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 2, 280 (Anm. 49).

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tigkeit des Concils bezw. die des Eutychios herabzusetzen, so schweigt er über Origenes’ Anathematisirung.325

Gerade die Ablehnung der Verurteilung Verstorbener spielt jedoch in der Chronik des Victor von Tunnuna in der Darstellung bezüglich der Konflikte um die Drei Kapitel überhaupt keine Rolle. Es ist daher fraglich, ob Victor von Tunnuna an dieser Stelle bezogen auf Evagrius und Didymus sehr implizit darauf rekurriert. M. E. gibt es für die Nicht-Erwähnung des Origenes noch eine andere Lösung. Hierzu sind die Formulierungen aus Chronicon 170 noch einmal genauer zu betrachten: Iustinianus Euticium Constantinopolitanum episcopum damnatorem trium capitulorum et Euagri heremite diaconi ac Didimi monachi et confessoris Alexandrini, quorum laudes supra illustrium uirorum ex autoritate pertulimus, exilio dirigit.326

Evagrius wird als „Eremit“ und „Diakon“ bezeichnet, Didymus als monachus und confessor Alexandrinus. Oben wurde schon erwähnt, dass die Formulierung illustrium uirorum ex autoritate pertulimus auf eine Quelle De uiris illustribus, d. h. auf die entsprechenden Schriften des Hieronymus und Gennadius, verweisen könnte.327 Auffällig ist nun aber, dass weder Didymus bei Hieronymus als monachus oder confessor Alexandrinus noch Evagrius bei Gennadius als diaconus oder heremita bezeichnet werden. Evagrius als Eremit oder Diakon zu bezeichnen, ist allerdings, selbst wenn es wörtlich nicht aus Hieronymus’ De uiris illustribus übernommen worden sein kann, nicht ungewöhnlich: Es entspricht dem, was dort dargestellt ist bzw. was man über Evagrius wissen kann.328 Auch die Bezeichnung von Didymus als monachus ist in diesem Sinne erklärbar.329 Didymus als Alexandrinus zu benennen, würde De uiris illustribus 109 ent325 Diekamp, Die origenistischen Streitigkeiten, 81. Vgl. auch Placania, „Note“, 132, in Bezug auf Noris, Dissertatio historica, 662 (in der mir zugänglichen Ausgabe S. 66). Vgl. Price, The Acts of Constantinople 553 1, 280, zur Problematik des Beispiels „Origenes“ für eine posthume Verurteilung auf dem 2. Konzil von Konstantinopel (vgl. Sessio 5, 87): „Origen was not a good example of someone who died in good standing and was condemned only posthumously since it was widely believed in the sixth century that he had died either excommunicate or even as an apostate.“ 326 Victor von Tunnuna, Chronicon 170 (54,976–980 Cardelle de Hartmann): „Justinian schickte Eutychius, den Bischof von Konstantinopel, einen Verurteiler der Drei Kapitel und von Evagrius dem Eremiten, Diakon, und von Didymus dem Mönch und des alexandrinischen Bekenners, deren Lob wir oben ausgeführt haben aus der Autorität von berühmten Männern, ins Exil.“ 327 Vgl. Hieronymus, De uiris illustribus 109 (Didymus); Gennadius, De uiris illustribus 11 (Evagrius); s. o. S. 145. 328 Evagrius wird als Diakon bezeichnet etwa bei Palladius, Historia lausiaca 38, dort wird auch sein Leben als Eremit beschrieben. Als Vitae patrum bezeichnete Schriften waren weit verbreitet, daher ist ein Wissen um Evagrius als Eremit und Diakon für einen in Konstantinopel schreibenden westlichen Autor des sechsten Jahrhunderts durchaus denkbar; vgl. Wellhausen, Die lateinische Übersetzung, 210–213. Auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E198 erwähnt etwa solche Schriften als Παραδείσια (72,11 Hansen). 329 Vgl. etwa Palladius, Historia lausiaca 4. Der Beiname „der Blinde“ ist erst seit Mitte des sechsten Jahrhunderts bezeugt, vgl. Kramer, „Didymus von Alexandrien“, 742.

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sprechen.330 Ungewöhnlich wäre aber, ihn confessor zu nennen. Dass er Bekenner unter einer Christenverfolgung war, kann hiermit nicht gemeint sein.331 Man könnte daran denken, was über ihn und andere in De uiris illustribus 120 berichtet wird: Sie antworten dem häretischen Bischof Eunomius.332 Von Leiden, die er in diesem Zuge erlitt, wird aber nichts berichtet. Eine andere Möglichkeit liegt zumindest näher: Origenes fehlt, wie gesagt, in der Aufzählung  – genau er könnte aber hier mit den Worten confessor Alexandrinus gemeint sein. Dann wäre die Trias der in Konstantinopel neben den Drei Kapiteln als verurteilt Erwähnten vollständig. Ihn als Alexandrinus zu bezeichnen entspricht seiner Herkunft. Die Bezeichnung confessor Alexandrinus für ihn ist freilich ungewöhnlich.333 Sie entspricht aber sachlich den Berichten, die über sein Leben erhalten sind: So wird in De uiris illustribus 54 – mit dem Verweis auf das sechste Buch der Historia ecclesiastica des Eusebius – von der Grausamkeit der Verfolgung unter Decius berichtet, unter der auch Origenes zu leiden hatte. Die Schilderungen in der Historia ecclesiastica sind entsprechend drastisch.334 Zudem wird schon am Anfang der Beschreibung in De uiris illustribus erwähnt, dass der Besitz von Origenes’ Familie ob confessionem Christi konfisziert wurde.335 Anders als sein Vater erleidet Origenes selbst aber nicht das Martyrium. Origenes aufgrund dieser Berichte über sein Leben als confessor zu bezeichnen, ist also nicht undenkbar.336 Ein weiterer Hinweis im Text kann diese These noch stützen: Evagrius und Didymus sind durch das ac eng verbunden, ihre jeweiligen näheren Bezeichnungen als Appositionen beigefügt (Euagri heremite diaconi ac Didimi monachi). Der „alexandrinische Bekenner“ hingegen ist – wie Evagrius und Didymus nach den Drei Kapiteln – durch et in den Satz eingefügt und damit von Didymus und Evagrius abgesetzt.337 Die Aufzählung des Satzes hat somit als einzelne Glieder die Drei Kapitel, Didymus und Evagrius (als Paar), sowie den alexandrinischen Bekenner. Das confessoris Alexandrini auf Didymus zu beziehen, erscheint auch auf dieser Ebene weniger wahrscheinlich.

330 Vgl. Hieronymus, De uiris illustribus 109 (50,1 Richardson). 331 Didymus lebte von 313–398, also nach der letzten großen Christenverfolgung unter Diokletian und Galerius; vgl. Kramer, „Didymus von Alexandrien“, 741. 332 Auch werden in De uiris illustribus 109 zwei Bücher des Didymus Contra Arianos erwähnt. 333 Eine Recherche mit den üblichen Suchwerkzeugen (TLG, Library of Latin Texts, Patrologia Latina Database) hat keine weiteren Belege oder auch nur ähnliche wörtliche Zusammenstellungen ergeben. 334 Vgl. v. a. Eusebius von Caesarea, Historia ecclesiastica 6,39,5; vgl. auch den lateinischen Text von Rufinus. 335 Hieronymus, De uiris illustribus 54 (32,12 Richardson). 336 Auch die Übersetzung von Martyn sieht in der Person des „confessor of Alexandria“ jemand anderen als Didymus, auch wenn der confessor dabei anonym bleibt, s. o. S. 151–152 (Anm. 320). 337 Zu ac/atque als Ausdruck der Verbindung von zwei zusammengehörigen Begriffen vgl. Ruben­ bauer/Hofmann, Lateinische Grammatik, 258–259.

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Möglicherweise hat also Victor von Tunnuna in Konstantinopel von der Verurteilung der Origenisten Didymus und Evagrius neben der Verurteilung des Origenes erfahren und diese Information über diese Trias nach dem Konzil in seine Chronik eingefügt – in Bezug auf Eutychius, vielleicht, um ihn, unter dessen Vorsitz das Konzil ja stattgefunden hatte, noch mehr als unrechtmäßigen Verurteiler zu diskreditieren.338 Dass die Formulierung confessoris Alexandrini dabei auf Origenes verweist, wäre zwar ungewöhnlich, könnte aber mit dem, was über sein Leben bekannt ist, erklärt werden.339 Warum der Name des Origenes nicht genannt wird, bleibt unklar – jedoch werden auch zuvor in der Chronik weder Origenes noch Origenisten mit dieser Bezeichnung erwähnt, auch wenn es der Sache nach um den Origenistenstreit geht.340 Ebenfalls möglich ist, dass der Name später entfallen ist bzw. die Bezeichnung geändert wurde, v. a. wenn man eine weitere Überlegung zu Chronicon 170 einbezieht: Es bleibt hier nämlich zunächst das Problem, dass auf Didymus, Evagrius und den confessor Alexandrinus als von den supra gelobten verwiesen wird. Wie oben schon bemerkt, ist der Halbsatz (quorum laudes supra illustrium uirorum ex autoritate pertulimus) im Gesamtzusammenhang der Chronik ungewöhnlich, an der Stelle in Chronicon 170 wirkt er sperrig. So ist es nicht verwunderlich, dass ihn P-S (zusammen mit der Angabe zu den Drei Kapiteln, Evagrius, Didymus und dem Bekenner) nicht überliefert.341 Dass hier tatsächlich auf eine Quelle De uiris illustribus hingewiesen sein kann, wurde oben schon benannt.342 Wenn man supra nicht im Sinne von „oben im selben Werk“ sondern im Sinne von „darüber hinaus“ versteht,343 muss supra nicht auf dasselbe Werk, sondern kann einfach auf eine zusätzliche Information verweisen, die in einem anderen Werk zu finden ist. Genau dies könnte hier gemeint sein: Wir haben schon 338 Im Zusammenhang mit dem Bericht über Justinians Absetzung des Eutychius und seine Hinwendung zum Aphthartodoketismus bzw. ein entsprechendes Edikt kommt die Trias Origenes, Didymus und Evagrius auch bei Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 4,39 (190,14–16 Bidez/ Parmentier) vor – Justinian habe nach der Absetzung des Eustochius (von Jerusalem) Origenes, Didymus und Evagrius anathematisiert (ἐπεὶ Ὠριγένην καὶ Δίδυμον καὶ Εὐάγριον ἀνατεθεμάτικε μετὰ τὴν Εὐστοχίου καθαίρεσιν) und danach das Edikt über den Aphthartodoketismus verfasst; die Trias in diesem Zusammenhang auch bei Eustratius, Vita Eutychii (33,978–980 Laga), wo deren Lehren als die der Verirrung des Justinian zugrundeliegenden Lehren genannt sind. S. dazu auch u. Kap. 5.7.3.7. Die Absetzung des Eustochius wird in der Chronik des Victor von Tunnuna in Chronicon 168, also kurz vor der hier diskutierten Stelle, erwähnt. Das entspricht jedenfalls der bei Evagrius genannten Abfolge der Ereignisse. 339 Damit wäre auf Origenes ohne negative Konnotation verwiesen. Facundus von Hermiane zeigt in Pro defensione trium capitulorum hingegen eine negative Sicht auf Origenes. Vgl. auch Liberatus von Karthago, Breuiarium 23 (140,11–12 Schwartz), wo bezüglich Origenes zwar vermerkt wird, dass er „als Toter verurteilt“ wird, dies aber eingeschränkt wird, denn er wurde „zuvor schon verurteilt, als er noch lebte“ (Origenes damnatus est mortuus, qui uiuens olim fuerat ante damnatus). 340 S. u. S. 431 (Anm. 967). 341 Vgl. die (im Detail unterschiedlichen) Angaben zu Victor von Tunnuna, Chronicon 170 (54, 977– 980 Cardelle de Hartmann; 205,28–30 Mommsen; jeweils apparatus ad locum). 342 S. o. S. 145. 343 Zum Bedeutungsspektrum vgl. Georges, Handwörterbuch, s. v. „supra“.

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gesehen, dass die Chronik des Victor von Tunnuna bald bearbeitet und auch Textteile, u. a. Randglossen, hinzugefügt wurden.344 Auch die schon erwähnten Consularia Caesaraugustana wurden an einigen Stellen wohl (von einem Redaktor) in den Text der Chronik eingeschrieben, möglicherweise, weil er eine Lücke in der Konsulliste der Chronik annahm.345 Es ist denkbar, dass eine solche Bearbeitung (Hinzufügung) auch in Chronicon 170 vorgenommen wurde. Der Halbsatz quorum laudes supra illustrium uirorum ex autoritate pertulimus könnte so ursprünglich eine (Rand-) Glosse gewesen sein. Vielleicht fiel einem frühen Abschreiber (möglicherweise sogar dem o. g. Kompilator der frühen Sammlung von Chroniken, denn es gibt kein Zeugnis dafür, dass der Satz nicht in beiden Überlieferungszweigen vorhanden ist) angesichts der genannten Didymus und Evagrius (und dem Bekenner, möglicherweise Origenes) auf, dass diese ihm aus einem anderen Werk, nämlich De uiris illustribus, bekannt waren und er notierte dies am Rand. Dass De uiris illustribus in Spanien am Anfang des sechsten Jahrhunderts verbreitet und gut bekannt war, zeigen die Fortsetzungen des Isidor von Sevilla sowie des Ildefonsus von Toledo. Ein Bezug auf dieses Werk durch einen Schreiber in Spanien ist also auch von daher denkbar. Ob die Randglosse dann im Einzelnen denselben Text hatte wie der jetzige Halbsatz, kann nicht mehr nachvollzogen werden – es ist gut möglich, dass derjenige, der sie in den Text einfügte, die Angabe noch einmal veränderte. Aus den vorliegenden Hinweisen auf eine ursprüngliche Universalchronik Victors zu schließen, bleibt schwierig. Die Präskripte sind kein Beweis dafür. Das Zeugnis aus De uiris illustribus des Isidor darf nicht überbewertet werden. Die Angaben bei Johannes von Biclaro und in der Chronik des Isidor lassen sich plausibel anders, als Hinweis auf eine frühe Reihe von Chronikfortsetzungen, deuten. Das einzige gewichtige Argument für eine ursprüngliche Universalchronik im Text, der Hinweis auf die supra genannten Personen in Chronicon 170, kann ebenfalls anders interpretiert werden. Die handschriftliche Überlieferung ist zudem ein gewichtiges Argumente gegen eine ursprüngliche Universalchronik. Somit ist davon auszugehen, dass die Chronik des Victor von Tunnuna beginnend mit dem Jahr 444 konzipiert wurde. Ob damit wirklich von einer „Fortsetzung“ der Chronik Prospers die Rede sein muss, sei vorerst dahingestellt. Diese Fortsetzung oder der Anschluss ist jedenfalls nicht nahtlos, wie der Rückgriff auf die Chronik Prospers in den Anfangsjahren zeigt, aber etwa auch die fehlende Zählung der Jahre nach der Passion wie bei Prosper bei Victor von Tunnuna.346 Es gibt jedenfalls keinen belastbaren Niederschlag eines ursprünglich längeren Textes der Chronik des Victor von Tunnuna, weder in Form einer eigenständigen Universalchronik noch in Form einer eigenen Epitome. Die Version der Chronik ab dem Jahr 444 als 344 S. auch o. S. 110 zur Annahme der Zusätze in Chronicon 126 und 159 durch Placanica. 345 Vgl. inbesondere Victor von Tunnuna, Chronicon 14–15 (7,83–94 Cardelle de Hartmann); 109a–110 (35,610–611 Cardelle de Hartmann); vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 107*, 116*–117*. 346 S. dazu u. S. 180.

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ihre ursprüngliche Version anzunehmen ist die einfachere Lösung und entspricht auch besser der Intention und dem historischen Ort der Chronik.347 Für den ursprünglichen Umfang der Chronik ist neben der Frage ihres Beginns auch die Frage nach ihrem Schluss relevant. Diese Frage ist Gegenstand des folgenden Kapitels. 3.6 Der ursprüngliche Umfang der Chronik 2: Die Chronik und ihr Schluss (Chronicon 175) Neben dem Anfang der Chronik ist auch ihr Schluss für die Frage nach ihrer ursprünglichen Gestalt von Bedeutung: Der Schlussabschnitt der Chronik (Chronicon 175) hebt sich formal vom Rest der Chronik, wie oben schon angesprochen,348 ab. Die Chronik Victors endet, nach der Notiz über den Herrschaftswechsel durch Justin II. cum tranquillitate populi maxima349, mit einem vom übrigen Text und dessen Zählung der Jahre deutlich unterschiedenen Schlussparagraphen, der in diesem Kapitel unter formalen und inhaltlichen Gesichtspunkten genauer in den Blick genommen werden soll – über die Frage, ob er für eine relativ frühe oder späte Datierung der Chronik in Anspruch genommen werden kann, hinaus, nämlich unter der Fragestellung, ob er ursprünglich zur Chronik gehörte oder nicht. 3.6.1 Der Schlussabschnitt Chronicon 175 – erste Beobachtungen Der Schlussparagraph berechnet in einer zusammenfassenden Chronologie die Jahre von Adam bis Justin II.: Colliguntur omnes anni ab Adam primo homine usque ad Natiuitatem Domini nostri Iesu Christi secundum carnem VMCXCIX, a Natiuitate uero Domini nostri Iesu Christi secundum carnem que facta est XLIII Augusti Octauiani Cesaris imperii anno usque in annum Iustini primum principis Romanorum, qui Iustiniano imperio successit, anni DLXVII. Fiunt simul ab Adam usque in annum primum memorati principis Romanorum anni VM DCCLXVI.350

347 Auch Cardelle de Hartmann hat in einem späteren Beitrag die Chronik des Victor als geplante Fortsetzung bzw. geplanten Anschluss an Prosper gesehen; vgl. Cardelle de Hartmann, „Der mozarabische Blick“, 44. 348 S. o. Kap. 3.2. 349 Victor von Tunnuna, Chronicon 174 (55,993–994 Cardelle de Hartmann); dazu s. u. Kap. 5.8. 350 Victor von Tunnuna, Chronicon 175 (55,996–1003 Cardelle de Hartmann): „Man rechnet zusammen alle Jahre von Adam, dem ersten Menschen, bis zur Geburt unseres Herrn Jesus Christus nach dem Fleisch 5199, von der Geburt aber unseres Herrn Jesus Christus nach dem Fleisch, die geschah im 43. Jahr der Herrschaft des Caesar Augustus Oktavian, bis zum ersten Jahr von Justin,

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Unabhängig von der bisherigen Zählung nach Konsulats- bzw. kaiserlichen Regierungsjahren351 werden hier also die Berechnungen zur Zahl der Jahre von Adam bis zur Geburt Christi (5199 Jahre) und von der Geburt Christi bis zum ersten Jahr der Regierungszeit von Justin (567 Jahre) zu einer Gesamtsumme der Jahre von Adam bis Justin II. aufgerechnet (5766 Jahre). Die Berechnung stimmt dabei zunächst mit den Berechnungen überein, die sich bei Prosper (an verschiedenen Stellen seiner Chronik) finden: Bei Prosper sind es von Abraham bis zur Geburt Christi 2015, von der Flut bis Abraham 942, von Adam bis zur Flut 2242 Jahre, was eine Gesamtsumme von 5199 Jahren von Adam bis zur Geburt Christi ergibt, welcher die bei Victor von Tunnuna angegebene Summe der Jahre für diese Zeitspanne entspricht.352 Die Berechnungen von Prosper gehen ihrerseits zurück auf Hieronymus.353 Victor von Tunnuna rechnet also zu den 5199 Jahren von Adam bis Christi Geburt von Prosper bzw. Hieronymus die genannten 567 Jahre dazu und kommt auf 5766 als die Gesamtsumme der Jahre ab der Erschaffung der Welt. Die Zählung in diesem Schlussparagraphen weicht insgesamt formal, aber auch hinsichtlich ihrer berechneten Zahlen (567 Jahre seit der Geburt Christi) von der Zählung in der übrigen Chronik ab. Die formale Abweichung besteht nicht allein darin, dass es sich eben um eine zusammenfassende Berechnung der bisher vergangenen Jahre handelt und nicht um die Datierung eines Ereignisses bzw. um einen Teil der fortlaufenden Chronik, sondern auch darin, dass es zwei Bezugsgrößen gibt, die in der Chronik in der vorliegenden Form zuvor nicht benutzt wurden, nämlich Adam und die Geburt Jesu Christi, „unseres Herrn“. Zudem stellt sich, da Victor von Tunnuna sonst keine Gesamtsumme der Jahre berechnet, die Frage, woher die Zahl der 567 Jahre seit der Geburt Christi stammt bzw. auf welcher Grundlage sie berechnet wird. Von unserer heutigen Zeitrechnung354 weicht sie um zwei Jahre ab.

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dem Prinzeps der Römer, der Justinian in der Herrschaft folgte, 567 Jahre. Es ergeben sich also gleichsam von Adam bis in das erste Jahr des genannten Prinzeps der Römer 5766 Jahre.“ Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXIX. Vgl. etwa Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 361 (408 Mommsen): Colliguntur autem omnes ab Abram usque ad natiuitatem Christi anni I̅ I̅ XV; und 1318 (474 Mommsen): A diluuio autem usque ad Abraham sunt anni DCCCCXLII, ab Adam uero usque ad diluuium an. ĪĪCCXLII. Vgl. die Berechnungen bei Placanica, „Note“, 133 (ad epilogus), zu seinen Überlegungen weiter s. u. S. 180–181; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 109*. Vgl. Eusebius/Hieronymus, Chronicon, praefatio (15,2–5 Helm): A natiuitate Abraham usque ad totius orbis diluuium inuenies retrorsum anno DCCCCXLII, item a diluuio usque ad Adam annos ĪĪCCXLII; Chronicon (169,14–15 Helm): Colliguntur omnes ab Abraham usque ad natiuitatem Christi ann. I̅ I̅ XV. Das entspricht den im Schluss der Chronik (250,1–26 Helm) angegebenen Zahlen (dort allerdings bezogen nicht auf die Geburt, sondern auf das öffentliche Wirken Jesu). Vgl. auch Mommsen, „Praefatio“, 181. Nach heutiger Zeitrechnung regierte Justin II. ab dem Jahr 565 nach Christus. Zur Problematik hinsichtlich der Erwartung einer nach heutigen Maßstäben „richtigen“ Zahl aus den Angaben der Chronik s. u. S. 182–183.

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Adam, der erste Mensch, erscheint in Chronicon 175 zunächst als Anfangspunkt der Geschichte: Von ihm geht die Berechnung der Jahre aus. So rechnet etwa auch immer wieder Prosper, dessen Epitoma chronicon ja tatsächlich mit Adam beginnt.355 Die Geburt Christi wird nun in Chronicon 175 zwar mit dem „43. Jahr der Herrschaft von Caesar Augustus Oktavian“356 selbst in Bezug auf einen Herrscher datiert – eine grundsätzliche formale Entsprechung zu den sonstigen absoluten Datierungen der Chronik ( Jahre der Konsuln, Jahre der Regierungszeit von Justinian357). Die Gesamtberechnungen der Jahre bis zum letzten Jahr der Chronik sind aber eben (zweifach) auf die Geburt Christi bezogen: Gezählt oder gerechnet werden die Jahre bis zu Christi Geburt und die Jahre seit ihr. Auch wenn im abschließenden Satz von Chronicon 175 dann noch die Gesamtzahl der Jahre von Adam bis zum ersten Jahr der Herrschaft Justins II. angegeben wird, erscheint die Geburt Christi damit in diesem Schlussparagraphen als zweifacher chronologischer Marker, gleichsam als „Mitte der Zeit“. Zwischenmarker wie die Geburt Abrahams oder die Flut, zu denen einzelne Zwischensummen aufgerechnet werden und damit bestimmte Perioden gezählt werden, fehlen. Dies ist ein Unterschied zu den Chroniken von Prosper und Eusebius/Hieronymus: Bei Prosper erfolgt etwa die Gesamtberechnung von Adam bis zu den Konsuln Theodosius (Theodosius II.) und Maximus in Epitoma chronicon 1312–1318 unter Einbeziehung solcher weiterer Zwischenmarker wie Abraham, der Flut und dem Bau des ersten Tempels. Ähnlich rechnet auch Eusebius/Hieronymus Zwischensummen von Adam bis zur Flut, von der Flut bis Abraham usw.358 Solche Zwischenmarker, die bestimmte Perioden abschließen, finden sich auch schon in frühen Texten, die eine Gesamtsumme der Jahre der Welt berechnen.359 Maria Becker und Jan-Markus Kötter sehen die Aufrechnung von Zwischensummen in der Chronik Prospers verbunden mit dem Ziel, eine Verbindung der jüngeren

355 Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1; 13; 385; 386; 1318. Adam ist auch der Ausgangspunkt für die Berechnungen bei Eusebius/Hieronymus, vgl. etwa Eusebius/Hieronymus, Chronicon (250,23–24 Helm), s. auch o. Anm. 6. 356 Die Zahl XLIIII bei Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 358 (407 Mommsen) ist vermutlich ein Fehler in der Überlieferung. Von anderen bei Prosper angegeben Zahlen her kommt man auf das 43. Jahr der Regierung des Augustus, vgl. die Ausführungen bei Placanica, „Note“, 133 (ad epilogus). Bei Hieronymus wird die Geburt Christi in der Einleitung zur Chronik in das 42. Jahr der Regierung des Augustus datiert, vgl. Hieronymus, Chronicon, praefatio (10,5 Helm). Die Angabe in Chronicon, a. 1 a. Chr. (255,9–10 Helm, mit apparatus ad locum) ist unklar: Die Angabe zur Geburt Christi bei Helm ist genau zwischen die Jahre 42 und 43 notiert; gemeint ist wohl das Jahr 42, denn im Apparat werden als Abweichungen (vgl. Helms „Verzeichnis der Handschriften“, XLVII) Handschriften mit den Datierungen der Jahre XLI und XLIII angegeben. Das 42. Jahr der Regierung des Augustus wird als Datum der Geburt Christi u. a. auch genannt bei Eusebius, Historia ecclesiastica 1,5,2; Orosius, Historiae aduersum paganos 1,1,6; 7,2,14; Johannes Malalas, Chronographia 10,1. 357 S. u. Kap. 4.1.1. 358 Vgl. Eusebius/Hieronymus, Chronicon (250,1–25 Helm). 359 Vgl. etwa Theophilus von Antiochien, Ad Autolycum 3,28 (ohne Bezug auf Christus).

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Teile der Chronik zu den Geschehnissen, von denen das Alte Testament und die ältere Profangeschichte berichten, zu schaffen, und damit den Versuch Prospers „eine Einheit der gesamten Heilsgeschichte“ zu verbürgen: „Diese Funktion übernimmt die in c. 1312–1318 vorliegende Aufzählung wichtiger alttestamentlicher und profangeschichtlicher Ankerpunkte, die chronologisch aufeinander bezogen und damit auch in chronologischen Bezug zu Prospers eigener Gegenwart gebracht werden.“360 In der Chronik des Victor von Tunnuna ist eine solche Verbindung im Vergleich zu Prosper zwar deutlich schwächer ausgeprägt, nicht nur dadurch, dass eine solche Zählung nur am Schluss der Chronik erfolgt, sondern auch dadurch, dass Chronicon 175 allein von Adam bis zur Geburt Christi und von der Geburt Christi bis Justin II. zählt, aber keine Zwischensummen berechnet. Dennoch fügt sich durch den Schlussparagraphen auch die Geschichte, von der in der Chronik Victors berichtet wird, in die gesamten Jahre der Geschichte seit ihres Beginns und in eine Geschichte, die in der Geburt Christi ihre Mitte hat, ein. Ob damit, wie von Becker und Kötter für Prosper postuliert, eine Art „Heilsgeschichte“ impliziert ist, sei dahingestellt – im Vordergrund steht bei Victor an dieser Stelle wohl eher die Berechnung der Jahre, welche durch „Adam“ und (zweifach) durch die „Geburt Jesu Christi“ Fixpunkte erhält, die der Einteilung der Geschichte in Perioden und damit auch der Orientierung in ihrem Gesamtzusammenhang dienen. 3.6.2 Die Angabe der Jahre a natiuitate Domini nostri Iesu Christi secundum carnem – eine Besonderheit bei Victor von Tunnuna Auffällig ist nun der zweifache Bezug auf die Geburt Christi in Chronicon 175 vor allem in einer Hinsicht: Die Geburt Christi schließt, wie gesehen, eine Periode ab und lässt eine andere Periode beginnen (ad Natiuitatem Domini nostri Iesu Christi secundum carnem – a Natiuitate uero Domini nostri Iesu Christi secundum carnem). Fragt man danach, ob dieser zweifache Bezug auf die Geburt Christi und die darauf bezogene Rechnung von Jahren bzw. Jahressummen auch in anderen Chroniken oder Geschichtswerken eine Rolle spielt, lässt sich zunächst bei einem Blick in die Chronik Prospers, die ja ähnliche Gesamtberechnungen wie Victors Chronicon 175 aufweist, feststellen, dass gerade dieser zweifache Bezug auf die Geburt Christi dort fehlt. Bei Prosper liegt lediglich die Zählung ad natiuitatem vor, und zwar nur an einer Stelle: Prosper zählt die Jahre bis zur Geburt Christi nur in dem direkten Abschnitt zu Christi Geburt, und zwar von Abraham aus (Colliguntur omnes ab Abram usque ad natiuitatem Christi anni I̅ I̅ XV).361 Diese Aufrechnung der Jahre von Abraham bis zur Geburt Jesu gibt es bereits

360 Becker/Kötter, „Kommentar“, 262. 361 Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 361 (408 Mommsen).

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bei Eusebius/Hieronymus bei der entsprechenden Eintragung (zur Geburt Jesu).362 Im weiteren Abschnitt, in dem Prosper nach Christus die Gesamtzahl der Jahre aufrechnet, zählt er dann entsprechend seiner vorherigen fortlaufenden Zählung die Jahre von der Passion bis zur Gegenwart (Konsuln Theodosius [Theodosius II.] und Maximus).363 Eusebius/Hieronymus zählt in einer abschließenden zusammenfassenden Schlussberechnung die Jahre seit dem öffentlichen Auftreten Christi (A XV Tiberii anno et praedicatione Domini nostri Iesu Christi).364 Obwohl sich also sowohl bei Prosper als auch bei Eusebius/Hieronymus eine Aufrechnung von Jahren seit Christus findet, haben diese Zählungen jeweils einen anderen spezifischen Ausgangspunkt. Eine Zählung der Jahre a natiuitate Domini oder (inhaltlich äquivalent) ab incarnatione findet sich gerade nicht. Auch wenn man, werden die Jahre bis zur Geburt Christi aufsummiert, schließen könnte, damit sei eine Periode seit der Geburt Christi mitgedacht, spiegelt sich diese Periode eben nicht in den Formulierungen der Texte. Es werden andere Ereignisse (passio, praedicatio Christi) als Zwischenmarker gewählt. Zu fragen ist daher, warum bei Victor von Tunnuna bei der Summierung der Jahre die Geburt Christi als zweifacher chronologischer Zwischenmarker zu finden ist – insbesondere aber die Periode a natiuitate Domini.

362 Vgl. Eusebius/Hieronymus, Chronicon (169,13–14 Helm). 363 Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1312–1318, hier 1312 (474 Mommsen), ein Abschnitt innerhalb der Gesamtberechnung der Jahre von Adam: Colliguntur omnes anni usque in consulatum Theodosii XIIII et Maximi a XV Tiberii anno et passione domini anni CCCCVI. Prosper setzt an dieser Stelle den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu (vgl. Lk 3,1) in dasselbe Jahr wie die passio domini. Die Gesamtberechnung in Epitoma chronicon 1312–1318 wird durch den Codex Uniuersitatis Complutensis nicht bezeugt, jedoch findet sich im Schluss der Chronik Prospers in diesem Codex (= Continuatio codicis Alcobaciensis [487,6–7 Mommsen]) eine entsprechende Berechnung, in der a praedicatione domini gezählt wird. In Epitoma chronicon 378–388 hingegen wird die Passion Christi drei Jahre später als der Beginn seines öffentlichen Wirkens datiert. Hier werden zunächst zusammenfassend die Jahre von Adam bis zum 15. Jahr der Regierung des Tiberius gezählt (Epitoma chronicon 386), dann wird die Passion Christi in das 18. Jahr des Tiberius datiert (Epitoma chronicon 388). Mit Epitoma Chronicon 390 beginnt dann die Zählung der Jahre nach der Passion (Incipit adnotatio consulum a passione domini nostri Iesu Christi cum historia [410 Mommsen]). In den unterschiedlichen Angaben zum Verhältnis von Passion und öffentlichem Wirken Jesu spiegelt sich die unterschiedlich beantwortete Frage nach der Dauer des öffentlichen Wirkens Jesu, vgl. Strobel, Ursprung und Geschichte, 100–104. Neugebauer, „On the ‚Spanish Era‘“, 375 sieht in der Zählung der Jahre nach der Passion eine Zählung auf der Basis eines Osterzyklus („To count the years of an Easter cycle from the Passion makes good sense, and is the norm also adopted by Prosper of Aquitane in the ‚Chronicon‘“). Zur Diskussion um einen Osterzyklus bei Prosper vgl. auch Strobel, Ursprung und Geschichte, 275–280. Zur Zählung a passione s. weiter u. Kap. 3.6.4. 364 Eusebius/Hieronymus, Chronicon (250,4–5 Helm; vgl. 250 die gesamte Schlussberechnung). Vgl. dazu auch die Einleitung des Eusebius, Chronicon, praefatio (10,5–7 Helm). Die sich aus den Angaben bei Eusebius/Hieronymus ergebende Summe der Gesamtzahl der Jahre von Adam bis zur Geburt Christi entspricht den bereits genannten 5199 Jahren. Vgl. den Eintrag bei der Geburt Jesu (250,14–15 Helm): 2015 Jahre von Abraham bis zur Geburt Jesu; die Summe mit den etwa im Schlussabschnitt angegebenen Zahlen von der Flut bis Abraham (942) und von Adam bis zur Flut (2242) ergibt 5199 Jahre.

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3.6.3 Geburt oder Passion Christi als Endpunkt einer Berechnung von Jahren: Die Angaben ad natiuitatem bzw. ad passionem Zunächst ist aber noch einmal festzuhalten, dass eine Berechnung der Jahre bis zur Geburt Christi (ad natiuitatem) in (im weiteren Sinne) chronographischen oder historiographischen Texten insgesamt zwar nicht häufig, aber auch nicht ungewöhnlich ist. Neben den Chroniken von Eusebius/Hieronymus und Prosper findet sich, an diese anschließend, eine solche Aufrechnung etwa bei Orosius, Historiae aduersum paganos,365 sowie in den Chronica Gallica a. 511.366 Auch bei der Berechnung der Jahrwochen bei der Auslegung von Daniel wird bis zur Geburt Jesu gerechnet.367 Ebenso rechnen oder zählen dann spätere Texte wie De comprobatione sextae aetatis (686)368 des Julian von Toledo (ca. 642–690)369. Seltener ist das mögliche Äquivalent, die Aufrech-

365 Vgl. Orosius, Historiae aduersum paganos 1,1,6, wo von Ninus oder Abraham bis zur Geburt Christi ebenfalls 2015 Jahre gezählt werden. Orosius periodisiert die Geschichte sonst nach den vier Weltaltern im Rückgriff auf die vier Weltreiche Daniels, vgl. Van Nuffelen, Orosius and the Rhetoric, 45–62 (Kapitel 2) sowie 147–153. 366 Chronica Gallica a. 511 276 (638 Mommsen): Ab Abraham ergo usque ad natiuitatem Christi anni I̅ I̅ XV. Dies entspricht der bereits mehrfach genannten Summe (vgl. bei Hieronymus und Prosper). Chronica Gallica a. 511 293 (639 Mommsen) bietet eine Berechnung Ab Adam uero usque ad praedicationem domini. Ein weiterer Beleg für eine Aufrechnung ad natiuitatem ist Ps-Cyprian, De pascha computus 18 (266,3–4 Hartel), wo allerdings die Jahre vom Exodus bis zur Geburt Christi gezählt werden, vgl. dann auch De pascha computus 22 (268,17–18 Hartel), wo weiter zur Passion aufgerechnet wird. 367 Vgl. exemplarisch Quodvultdeus, Liber de promissionibus et praedictionibus Dei 2,35,79, der sich hier auf die Auslegung von Daniel durch Hieronymus bezieht (In Danielem 9), der wiederum selbst verschiedene andere Ansätze referiert; vgl. Braun, „Introduction“, 61. 368 Vgl. Julian von Toledo, De comprobatione sextae aetatis 3: Hier berechnet Julian von Toledo die Jahre ad natiuitatem vom Beginn der Welt im Zusammenhang mit der Berechnung der Dauer der verschiedenen aetates. Vom Beginn der Welt ad tempus natiuitatis Christi zählt er 5325 Jahre (De comprobatione sextae aetatis 3,10,34 [211,104–107 Hillgarth]). Bei De comprobatione sextae aetatis handelt es sich um eine Schrift aduersus Iudaeos, die im dritten Buch in einem Exkurs zeigt, dass man sich nun im sechsten, im messianischen Zeitalter der Welt befinde; vgl. Campos Ruíz, „El ‚De comprobatione‘“, 247; Stancati, Julian of Toledo, 126–127. Hillgarth, „Introduction“, XX, bestimmt De comprobatione als „treatise on Biblical chronology“. Die Datierung der Schrift in das Jahr 686 ergibt sich aus De comprobatione sextae aetatis 3,10,34 (211,112–114 Hillgarth): Nunc autem acclamatur eram esse DCCXXIIII. Detractis igitur XXX et VIII annis […] residui sunt anni DCLXXXVI; vgl. Stancati, Julian of Toledo, 123. Die vergangene Zeit bis heute wird von Julian von Toledo als 6011 Jahre bestimmt, vgl. De comprobatione sextae aetatis 3,10,35 _ (212,124–129 Hillgarth): Ab initio mundi […] usque in praesentem diem […] computati sub uno VIXI. Damit entsprechen 1000 Jahre in De comprobatione nicht genau einer aetas (vgl. zur Dauer der aetates 1–5 De comprobatione sextae aetatis 3,10,27–33). Die verbleibende Zeit des sechsten Zeitalters bis zum Ende der Zeiten kenne man nicht, vgl. De comprobatione sextae aetatis 3,10,34. Hier bezieht Julian sich auf Isidor von Sevilla, Etymologiae 5,39,42 (211,115–117 Hillgarth; vgl. apparatus ad locum); vgl. auch Isidor von Sevilla, Chronica 418. Zu den Quellen Julians insgesamt vgl. Campos Ruíz, „El ‚De Comprobatione‘“, 252– 258. Zu den Berechnungen bei Julian von Toledo vgl. auch Landes, „Lest the Millenium“, 171–174; Gil, „Judíos y cristianos“, 79/87–88/96. 369 Zum spanischen Bischof Julian von Toledo vgl. kurz Alonso-Núñez, „Julianus v. Toledo“. Weiter zu Julian von Toledo s. u. S. 172–174.

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nung der Jahre ad incarnationem.370 Eine Aufrechnung der Jahre bis zur Geburt Christi kommt auch in griechischen Texten vor.371 Schließt in diesen Berechnungen also die Geburt Christi eine Periode ab,372 gibt es auch historiographische Texte, die die Passion als Grundlage für eine entsprechende Periodisierung nehmen, d. h. ebenfalls ein Datum der Heilsgeschichte, aber ein anderes. Diese Periodisierung ad passionem findet sich bei Gregor von Tours in den Historiarum libri X, wo dann auch weiter a passione gezählt wird.373 Zum Abschluss der Historiarum libri X zählt Gregor die Jahre dann noch mit Bezug auf die Auferstehung, also mit einem weiteren heilsgeschichtlichen Datum.374 Dies zeigt auch, dass verschiedene Begrifflichkeiten bzw. Periodisierungen in Bezug auf Christus nebeneinander gebraucht werden.

370 Eine Suche in der Library of Latin Texts ergab für chronographische Texte nur Belege bei Ps-Julian von Toldeo, Ordo annorum mundi, recensiones 1–5,10. Bei Julian von Toledo, De comprobatione sextae aetatis und Ps-Julian von Toldeo, Ordo annorum mundi findet sich auch die Angabe ad Christum in Verbindung mit einer Jahressumme ab origine mundi oder ab Adam. Die Patrologia Latina Database ergab für die Berechnung von Jahren ad natiuitatem zusätzlich Belege in späteren Texten wie dem anonymen Chronicon antiquissimum ex palatinis membranis eductum (abgedruckt in PL 94). 371 Vgl. Johannes Malalas, Chronographia 10,2 (173,14–16 Thurn; Übers. 239 Thurn/Meier): ὡς συνάγεσθαι ἀπὸ Ἀδὰμ τοῦ πρωτοπλάστου ἕως τῆς κατὰ σάρκα γεννήσεως τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ τοῦ μβʹ ἔτους τῆς βασιλείας τοῦ αὐτοῦ Αὐγούστου Καίσαρος ἔτη ͵εϡξζʹ. / „[…] damit errechnen sich von Adam, dem ersten geschaffenen Menschen, bis zur Geburt im Fleisch unseres Herrn Jesus Christus bzw. zum 42. Jahr der Kaiserherrschaft eben dieses Augustus Caesar 5967 Jahre“. Zu den Zahlen bei Malalas und zu seiner Absicht, mit einem neuen chronologischen System (wahrscheinlich syrischen Ursprungs) die Ansicht, um 500 n. Chr. werde das siebte Jahrtausend anbrechen, zu widerlegen, vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 444–460, hier 452: „Malalas versuchte mit seinem Modell ganz offensichtlich, seinen Zeitgenossen die seit den Ereignissen um 500 und den damals jäh enttäuschten Naherwartungen um sich greifende Unsicherheit und Furcht zu nehmen. Mit einem Ende der Welt war seiner Überzeugung nach in absehbarer Zeit nicht zu rechnen.“ Meier (ebd., 460) sieht in den Berechnungen bei Johannes Malalas und anderen – auch Dionysius Exiguus, s. dazu u. Kap. 3.6.6 – insgesamt „Zeugnisse für chronologische Unsicherheiten im 6. Jahrhundert“, insbesondere das Ostreich betreffend. Vgl. auch den Laterculus imperatorum Romanorum Malalianus 3 (427,3–17 Mommsen) zur Berechnung von 6000 Jahren ab Adam usque ad domini nostri Iesu Christi secundum carnem natiuitatem et passionem crucis et adsumtionis eius in caelis ad patrem. Bei dem Laterculus handelt es sich um eine kurze Schrift vom Ende des siebten Jahrhunderts, die, entstanden in Anlehnung an die Chronographia des Johannes Malalas (ca. 490–ca. 565; vgl. Thurn, „Einleitung“, 1*–2*), die Bedeutung der Geburt Christi für die Chronologie thematisiert, vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 448. 372 Implizit ist sie damit freilich gleichzeitig der Beginn einer neuen Periode; s. auch u. S. 167–168. 373 Vgl. Gregor von Tours, Historiarum libri X 1,23 (19,1 Krusch/Levison): A captiuitate uero Hierusolimae et desolationem templi usque ad passionem domini nostri Iesu Christi, id est usque Tiberii septimo decimo anno, subpotantur anni 668. Vgl. Historiarum libri X 4,51 (190,3–5 Krusch/Levison): A transmigratione igitur usque ad passionem Domini anni 668. A passione Domini usque ad transitum sancti Martini anni 412. Auch deutlich spätere Texte bieten diese Periodisierung, so etwa die Historia Brittonum 1,3. 374 Vgl. Gregor von Tours, Historiarum libri X 10,31 (537,4–5 Krusch/Levinson): Ab hoc maris transitu usque ad resurrectionem dominicam anni MDXXXVIII. A resurrectione dominica ad transitum sancti Martini anni CCCCXII.

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3.6.4 Die Passion als Ausgangspunkt von Berechnungen: Die Zählung der Jahre a passione Bereits in der Chronik Prospers kommt, wie schon gesehen, dann auch die Passion als Ausgangspunkt der Berechnung einer Periode oder Summe von Jahren vor, und sie datiert auch einzelne Jahre nach ihr.375 Ebenso bietet die Chronik des Sulpicius Severus (Anfang 5. Jahrhundert) an einer Stelle eine zwar nicht wörtlich, aber inhaltlich entsprechende Berechnung der Jahre seit dem Tod Christi am Kreuz.376 Eine solche Berechnung der Jahre a passione in historiographischen bzw. chronographischen Texten hängt zunächst einerseits zusammen mit der Verortung des Todes Jesu Christi und der jeweiligen eigenen Zeit innerhalb der angenommenen traditionellen Vorstellung von 6000 Jahren als Dauer der Welt.377 Damit steht sie gleichzeitig im Zusammenhang mit der Erwartung der Wiederkunft Christi und der Frage, wann diese geschehen wird.378 Im Hintergrund steht aber auch die Vorstellung von der Einteilung der Weltgeschichte in aetates.379 Ein weiterer Kontext, in dem die Berechnung a passione verwendet wurde, ist der der Osterfestberechnungen. Victorius von Aqui-

375 Kötter, „Einleitung“, widmet sich in dem Kapitel zu Prospers chronologischem Rahmen (S. 9–12) mehr der Frage nach der Konsuldatierung und ihrer Herkunft sowie der Frage nach der Genauigkeit der Chronologie Prospers. Dass Prosper nach der Passionsära zählt, wird lediglich konstatiert, aber leider nicht näher untersucht (vgl. auch Becker/Kötter, „Kommentar“, 262). Ähnlich bei Muhlberger, The Fifth-Century Chroniclers, 63–70. 376 Vgl. Sulpicius Severus, Chronicorum libri II 2,5 (82,15–18 Halm): Hoc regnante, anno regni eius octauo et decimo, Dominus crucifixus est Fufio Gemino et Rubellio Gemino consulibus: a quo tempore usque in Stiliconem consulem sunt anni CCCLXXII. Auch in einem Fragment des Secundus von Trient, (wahrscheinlich) einer supputatio zu seiner Historiola, zu datieren auf das Jahr 580, werden die Jahre ad passionem und passo Christo gezählt (242 Van Hoof/Van Nuffelen; Übers. 242 Van Hoof/ Van Nuffelen): A principio usque ad passionem Domini sunt anni V milia CCXXVIIII. Passo Christo usque in presente anno sunt DLIIII. / „From the beginning until the Passion of the Lord, there are 5229 years. From the Passion of Christ until the present year, there are 554 years.“ Vgl. dazu die Einleitung und den Kommentar bei Van Hoof/Van Nuffelen, „Secundus of Trent, History“ in The Fragmentary Latin Histories, 232–238, 243–245. 377 Vgl. bspw. Barnabasbrief 15,3–4; Irenäus von Lyon, Aduersus haereses 5,28,3; Hippolyt, In Danielem 4,23; Laktanz, Diuinae institutiones 7,14; Tyconius, Liber regularum 5,3,1; vgl. auch bei Secundus von Trient. Die Annahme der 6000 Jahre Weltdauer orientiert sich grundsätzlich an der Schöpfungswoche unter Rückgriff auf Ps 90,4. Vgl. insgesamt Schwarte, Die Vorgeschichte; vgl. auch Landes, „Lest the Millennium“. In Bezug auf die Frage nach der Verortung des Todesjahres Jesu innerhalb der angenommenen 6000 Jahre der Weltgeschichte vgl. auch Strobel, Ursprung und Geschichte, 395–412. 378 Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 261, in Bezug auf Burgess/Kulikowski, Mosacis of Time, 114–116 (dort zum 6000-Jahre-Schema im Zusammenhang mit der Frage nach der consummatio mundi). 379 Mit der aetates-Lehre wird die Weltgeschichte in verschiedene Perioden unterteilt, die je nach Autor unterschiedlich bestimmt werden und deren Dauer auch unterschiedlich sein kann. Auf ihren Hintergrund und ihre Rezeption kann hier nicht näher eingegangen werden; s. dazu kurz u. S. 167–168 zu Augustinus. Vgl. dazu etwa neben Schwarte, Die Vorgeschichte auch Schmidt, „Aetates mundi“; Archambault, „The Ages of Man“; Kötting/Geerlings, „Aetas“.

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tanien etwa zählt in seiner Ostertafel von 457 nach den Jahren der Passion. Auch er ist damit allerdings nicht der erste.380 Hervorgehoben als Referenzdatum bei der Zählung der Jahre der Welt ist die passio Christi schon in der chiliastischen Chronographie des Quintus Iulius Hilarianus, De cursu temporum. Diese nordafrikanische Schrift, die sich auf 397 datieren lässt, berechnet insgesamt die Jahre von der Erschaffung der Welt bzw. von Adam bis zur Vollendung der Welt. Dabei ist die Passion Christi ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Zwischenmarker in den Berechnungen – allerdings mit dem Fokus darauf, wie viele Jahre noch bis zur Vollendung der Welt fehlen. So rechnet Quintus Iulius Hilarianus, in seinen Ausführungen zur Zeit Jesu Christi kommend, zunächst ad passionem und gibt an, wie viele Jahre von dort bis zur Vollendung der Welt fehlen.381 Die Passion ist hier der Punkt im Lauf der Zeiten, an dem zum ersten Mal vorgerechnet wird auf die 6000 Jahre der Dauer der Welt. Sie hat theologisch ein besonderes Gewicht, weil erst mit ihr die Scheidung der Menschen in Gläubige und Ungläubige erfolgen kann, was dann wiederum erst die Verheißung über das Ergehen der Gläubigen am Ende der Zeiten ermöglicht.382 Nach der Berechnung ad passionem folgt die Zählung der Jahre a passione domini bis zum Heute, um dann zu bestimmen, wie viele Jahre jetzt (vom Heute aus) noch bis zu den 6000 Jahren fehlen.383 De cursu temporum zeigt damit exemplarisch, dass die passio Christi schon früher als bei Prosper als (theologisch bedeut-

380 So angegeben bei Maier, Die christliche Zeitrechnung, 33. Vgl. den Text bei Krusch, Die Entstehung, 27–52. Die Osterfestberechnungen spielen für die Entstehung der christlichen Chronologie eine entscheidende Rolle. Vgl. die entsprechende Einschätzung bei Meier, Das andere Zeitalter, 462– 463, mit Bezug auf Strobel, Ursprung und Geschichte, insb. auf dessen „Zwischenfazit“ S. 353: „So ist es nämlich ein unbestreitbares Faktum, daß aus allen Formen frühchristlicher Osterberechnung das Bemühen spricht, die eigene österliche Feier in Kontinuität zum historischen Urdatum des Heilsgeschehens um Christus zu begehen.“ S. auch o. S. 161 (Anm. 363); s. u. Kap. 3.6.6. 381 Q. Iulius Hilarianus, De cursu temporum 16 (205,10–15 Guillaumin/Übers. 216 Conduché): Ex istius namque consulatu annuos iam consules requirentes, inuenimus usque ad passionem domini nostri Iesu Christi, usque ad annum XVI. Imperii Tiberii Caesaris, CLXXVIIII annos esse completes. Ac hoc per fabrica mundi usque ad passionem Christi saluatoris nostri anni sunt V̅ DXXX. Proinde ad conclusionem V̅ I̅ annorum debentur anni CCCCLXX. / „Depuis son consulat, en cherchant désormais les consuls de chaque année, nous trouvons que jusqu’à la passion de notre seigneur Jésus Christ, jusqu’à la seizième année du règne de Tibère César, 179 ans sont passés; et pour cette raison de la création du monde jusqu’à la passion du Christ notre sauveur, il y a 5530 ans. Par suite, pour l’accomplissement de six mille ans, il manque 470 ans.“ Dies ist zugleich eine weitere Variante der Datierung der Passion Christi – hier in das 16. Jahr der Tiberius. 382 Vgl. Q. Iulius Hilarianus, De cursu temporum 16 (206,1–2 Guillaumin/Übers. 216 Conduché): […] a passione domini Christi, ex quo tempore in se fide credentibus resurrectionem pollicitus est dei filius […] / „[…] à partir de la passion du Seigneur le Christ (lorsque le Fils de Dieu promit la résurrection à ses fidèles croyants) […]“. 383 Q. Iulius Hilarianus, De cursu temporum 17 (206,6–8 Guillaumin/Übers. 216 Conduché): De CCCC uero et LXX annis a passione domini, in consulatu Caesarii et Attici, die VII. Kalendas Aprilis, anni transierunt CCCLXVIIII. Restant itaque anni CI ut consummentur anni V̅ I̅ . / „Or, sur les quatrecent soixante-dix ans en partant de la passion du Seigneur, à l’époque du consulat de Césarius et d’Atticus, le 25 mars, 369 ans sont passés.“

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sames) Referenzdatum für Berechnungen von Jahressummen in chronographischen Texten benutzt wurde und eben auch schon a passione gezählt wurde.384 Freilich ist der explizite Fokus auf die Jahre, die noch bis zur Vollendung der 6000 Jahre fehlen, ein anderer als bei Prosper, der einzelne Ereignisse auf ein bestimmtes Jahr nach der Passion datiert und diese dann zu einer Gesamtsumme aufrechnet.385 Die Frage nach der Verortung Jesu Christi bzw. seiner Heilstaten und der eigenen Zeit im Zusammenhang mit der Erwartung einer 6000-jährigen Dauer der Welt spiegelt sich aber noch in den Gesamtsummen, die bei Prosper, Victor von Tunnuna und anderen jeweils angegeben werden, welche sich aus der Datierung der Geburt Jesu auf das Jahr 5199 (oder 5200)386 seit der Schöpfung ergeben.387 Neben der Zählung a passione findet sich mit der Zählung bzw. Datierung der Jahre nach der Himmelfahrt („Himmelfahrtsära“388) bei Johannes Malalas und im Chronicon Paschale eine weitere Zählung von Jahren mit heilsgeschichtlichem (Ausgangs-) Bezugsdatum.389

384 Die Expositio a mundi inchoatione (ca. 470), ein De cursu temporum ergänzender bzw. dessen Berechnungen verbessernder chronographischer Kommentar, zählt hingegen nur die Jahre ab Adam usque ad passionem domini (254 Marquis). Vgl. insgesamt zu diesen beiden Texten die Recherches augustiniennes et patristiques 37 (2013), als „Le De cursu temporum d’Hilarianus et sa refutation (CPL 2280 et 2281). Une querelle chronologique à la fin de l’Antiquité“ herausgegeben von Cécile Conduché u. a. De cursu temporum und Expositio a mundi inchoatione sind beide – wie die Chronik Victors von Tunnuna – im Codex Uniuersitatis Complutensis (U) überliefert, ebenso wie die o. g. Chronica Gallica a. 511 (die nur dort überliefert ist, vgl. Burgess, „The Gallic Chronicle of 511“, 91), innerhalb des zweiten Teils des von Furtado (s. o. Kap. 3.4.3) angenommenen (großen) Liber chronicorum; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 32*; Mommsen „Subsidia critica“, 169. 385 Die Zählung der Jahre a passione bei Prosper als „innovation“ hervorzuheben, wie es Muhlberger, The Fifth-Century Chroniclers, 64 tut, ist somit nicht ganz passend, auch wenn er zu Recht betont, dass Prospers Werk unabhängig von Hilarianus und Sulpicius Severus ist (vgl. ebd., Anm. 35). Eine Zählung a passione findet sich ferner etwas später beispielsweise in der wahrscheinlich aus Spanien stammenden, von Mommsen als Additamentum 1 zum Chronographus anni 354 herausgegebenen Computatio a. 452 (153 Mommsen), die ab Adam usque in passionem und dann de passione domini usque ad consulatum Mamertini et Neuittuale zählt; vgl. dazu Schmidt, „Aetates mundi“, 308. Vgl. auch Liber de Genealogiis Patriarcharum (5./6. Jahrhundert, vgl. Strobel, Ursprung und Geschichte, 103 [mit Anm. 18]) (PL 59, 544D–545A Migne): Et a passione Domini usque ad annum uigesimum quartum regis Geiserici anni sunt quadringenti XXXIIII. 386 Rechnet man 5199 Jahre seit der Schöpfung bis zur Geburt kann die Geburt Christi auch als im Jahr 5200 geschehen verstanden werden; daher die Angabe von 5200 Jahren als Jahr der Geburt Christi bei Eusebius/Hieronymus in der Sekundärliteratur, vgl. etwa Strobel, Ursprung und Geschichte, 407; Wallraff, „Von der antiken Historie“, 9; zum Problem der Rechnung vgl. Landes, „Lest the Millennium“, 196–197 (Anm. 226). 387 Vgl. Strobel, Ursprung und Geschichte, 407–409. 388 Koep, „Chronologie“, 59. 389 Vgl. Johannes Malalas, Chronographia 10,15.24.45; Chronicon Paschale 325; 330.

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3.6.5 Die Geburt Christi als Ausgangspunkt von Berechnungen: Die Zählung der Jahre a natiuitate Eine Zählung der Jahre a passione ist also in verschiedenen historiographischen bzw. chronographischen Kontexten zwar nicht häufig, aber auch nicht unüblich. Ungewöhnlich ist allerdings die Zählung der Jahre bzw. die Aufrechnung zu einer Jahressumme a natiuitate Domini im letzten Drittel des sechsten Jahrhunderts. Eine Suche nach a natiuitate in der Library of Latin Texts für Autoren der Jahre 200–735 n. Chr. zeigt Victor von Tunnuna als einzigen Historiographen, bei dem diese Wortverbindung im Zusammenhang mit der entsprechenden Zählung der Jahre vorkommt. Das Ergebnis der Suche in den Scriptores der MGH und in der Patrologia Latina Database entspricht dem und weist, wenn die Geburt Christi als Referenzpunkt in der Geschichte für eine Periodisierung gebraucht wird, auf Texte, die deutlich nach der Chronik Victors von Tunnuna entstanden sind.390 Eine Ausnahme ist die Chronik des Johannes von Biclaro: Der von Mommsen herausgegebene Text hat in seinem Schlussteil die Angabe porro a natiuitate domini nostri Iesu Christi usque in annum VIII Muricii principis Roma­ norum anni DXCII.391 Man könnte einwenden, dass etwa auch Augustinus ab der Geburt Christi rechnet, wenn er in De ciuitate Dei den Verlauf der Weltgeschichte in aetates einteilt und dabei Christi Geburt als den Beginn des sechsten Zeitalters bestimmt.392 Christi Geburt ist 390 In den Additamenta zur Chronik Bedas wird im Generationum regnorumque laterculus Bedanus cum continuatione Carolingica altera 105 eine Berechnung a natiuitate domini nostri Iesu Christi usque ad Tiberium aufgeführt (351 Mommsen); in der Historia Brittonum (158,18–20 Mommsen) findet sich die Angabe a natiuitate domini usque ad aduentum Patricii ad Scottos CCCCV anni sunt. Das oben Gesagte gilt auch für die Formulierung ab aduentu domini; zur Formulierung ab incarnatione s. weiter u. in diesem Kapitel. 391 Johannes von Biclaro, Chronicon (220,10–11 Mommsen): „Fernerhin sind es von der Geburt unseres Herrn Jesus Christus bis in das 8. Jahr von Mauritius, dem Prinzeps der Römer, 592 Jahre.“ Dazu s. u. Kap. 3.6.9. 392 Vgl. Augustinus, De ciuitate Dei 22,30 (865,130–136 Dombart/Kalb; Übers. 835 Thimme): Hinc iam, sicut Matthaeus euangelista determinat, tres aetates usque ad Christi subsequuntur aduentum, quae singulae denis et quaternis generationibus explicantur: ab Abraham usque ad Dauid una, altera inde usque ad transmigrationem in Babyloniam, tertia inde usque ad Christi carnalem natiuitatem. Fiunt itaque omnes quinque. Sexta nunc agitur nullo generationum numero metienda. / „Darauf folgen die vom Evangelisten Matthäus angesetzten drei Weltalter bis zur Ankunft Christi, deren jedes vierzehn Geschlechter in sich begreift, das eine von Abraham bis David, das andere von da bis zur babylonischen Gefangenschaft, das dritte von da bis zur Geburt Christi im Fleisch. Bis dahin also im ganzen fünf. Das sechste dauert noch an und ist nach keiner Zahl von Geschlechtern bemessen.“ Zu den Weltzeitaltern bei Augustinus vgl. auch De ciuitate Dei 16,24; De Genesi contra Manichaeos 1,23,35–41, wo Augustinus die Weltzeitalter (gefasst als Tage der Welt) mit den Altern des Menschen verknüpft. Das sechste Zeitalter (1,23,40) beginnt dort mit dem öffentlichen Wirken Jesu: ex praedicatione Euangelii per Dominum nostrum Iesum Christum (108,1–2 Weber). Augustinus gilt als derjenige, der „establishes the ‚Six Ages‘ as the principle historical vision for the Latin church“ (Landes, „Lest the Millennium“, 159). Die Vorstellung der aetates wurde im Anschluss an Augustinus und dann an Isidor von Sevilla und Beda Venerabilis im Mittelalter vielfältig rezipiert, vgl.

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hier zwar neben anderen Punkten der Geschichte (Flut, Abraham u. a.) ein Marker, ein Punkt des Übergangs zwischen zwei Zeitaltern. Jahreszahlen oder Jahressummen, die die eigene Zeit weiter innerhalb des jeweiligen Zeitalters verorten würden, werden allerdings nicht explizit angegeben.393 Augustinus hat an einer genaueren Verortung der Gegenwart in der Geschichte und damit an einer Datierung des Heute über die Angabe des Zeitalters hinaus hier eben gerade kein Interesse („Das sechste [Zeitalter] dauert noch an und ist nach keiner Zahl von Geschlechtern bemessen.“). Es geht hier nicht um eine Aufrechnung der Jahre von einem Punkt bis heute, sondern um den Übergang von einem Zeitalter in das nächste bzw. um die generelle Frage, in welchem Zeitalter man sich befindet und darum, ob das Ende der Welt bzw. die Wiederkunft Christi nahe ist.394 Auch findet sich die wörtliche Entsprechung „seit der Geburt“ Christi oder eine äquivalente Formulierung hier eben gerade nicht. Das fünfte Zeitalter geht „bis zur Geburt Christi im Fleisch“. Eine entsprechende Formulierung für das sechste Zeitalter seit der Geburt Christi wird an dieser Stelle von Augustinus jedoch nicht gebraucht.395 Als erster, der – lange vor einer Benutzung im historiographischen Kontext zur Datierung von Ereignissen wie später Beda Venerabilis396 – Jahre ab incarnatione berechnet hat, wird normalerweise Dionysius Exiguus genannt.397 Die Formulierung ab incarnatione entspricht zwar nicht wörtlich, aber inhaltlich der Formulierung bei Victor von Tunnuna. Dionysius Exiguus hat in seiner Ostertafel (525) eine solche Berechnung

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Schmidt, „Aetates mundi“. Isidor von Sevilla führt die Einteilung der Geschichte in aetates mit deren Angabe in seiner Chronik (Fassung von 626) in einer historiographischen Schrift durch. Vgl. auch seinen Überblick über die aetates in Etymologiae 5,38,5; vgl. Schmidt, „Aetates Mundi“, 290–291, in Bezug u. a. auf Heussi, Altertum, Mittelalter, 7. Sowohl bei Isidor als auch bei Beda Venerabilis (De ratione temporum) findet sich dann im Gegenüber zu Augustinus die genau Berechnung der einzelnen Zeitalter, vgl. Schmidt, „Aetates Mundi“, 293. S. auch o. S. 164 (Anm. 379). Wenn man davon ausgeht, dass eine aetas 1000 Jahre dauert, sind implizit aber 5000 Jahre bis zur Geburt Christi gedacht, vgl. Strobel, Ursprung und Geschichte, 409 (mit Anm. 5). Vgl. Landes, „Lest the Millennium“, 159: „Thus, although he [= Augustinus] rejected any effort to read the sixth age in terms of an eschatological development and refused to define the ages chronologically, he nevertheless placed the present in a Sixth Age which had begun with Christ.“ Vgl. Schmidt, „Aetates Mundi“, 294. Vgl. auch Augustinus, De ciuitate Dei 18,54, wo sich Augustinus in Auseinandersetzung mit Tyconius mit der bisherigen Dauer der christlichen Religion auseinandersetzt und ihren Anfang in der Auferstehung bzw. in der Ausgießung des Heiligen Geistes sieht. Diese wird allerdings mit der Angabe von Konsuln datiert. Eine solche Weiterführung der Dauer einer aetas findet sich allerdings in Augustinus, De diuersis quaestionibus octoginta tribus 58 (395–397; 106,50–51 Mutzenbecher), jedoch ebenfalls ohne darüber hinausgehende Berechnungen: Sexta ab aduentu domini usque ad finem saeculi speranda est. Schwarte, Die Vorgeschichte, 278–279 weist zudem hin auf Augustinus, Sermo 259,9 (393), wo die sechste aetas (hier als sechster Tag) ebenfalls ab aduentu ergo Domini periodisiert werde. S. u. S. 175–176. Vgl. bspw. von den Brincken, Historische Chronologie, 82; Maier, Die christliche Zeitrechnung, 33; vgl. dazu auch McCarthy, „The Emergence“, 32. Zu Dionysius vgl. exemplarisch Richter, „Dionysius Exiguus“; Peitz, Dionysius Exiguus; dazu die kritische Rezension von Schäferdiek, ZKG 74 (1963), 353–368; Meier, Das andere Zeitalter, 462–465, dort besonders auch zu den östlichen Einflüssen auf Dionysius.

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vorgelegt mit der Begründung, er habe nicht mehr (wie Cyrill, an den er anknüpft) die Zählung nach Diokletian verwenden wollen.398 Dionysius berechnet damit in seiner Ostertafel keine Perioden, sondern bestimmte Daten. Die genauen Ursprünge seiner Berechnungen sind umstritten, wahrscheinlich ist, wie Alden A. Mosshammer gezeigt hat, letztlich eine Herkunft aus der griechisch-byzantinischen Chronographie ( Julius Africanus’ Chronographiae [ca. 222]), vermittelt über alexandrinische Tradition.399 Dionysius beginnt seine Zählung in seinem Osterzyklus mit dem Jahr 532 ab incarnatione.400 Indem er ab incarnatione rechnet, ersetzt er die Berechnungen ab dem Regierungsantritt eines Herrschers. So gesehen ist diese Zählung der Jahre seit der Geburt Christi „weniger strukturell als im Hinblick auf die Orientierungsperson eine Innovation“.401 Der Computus paschalis von [Ps-]Cassiodor aus dem Jahr 562 gibt im Anschluss an die Ausführungen von Dionysius, dessen Osterzyklus er benutzt,402 Hinweise, wie das

398 Vgl. Dionysius Exiguus, Libellus de cyclo magno paschae DCCCII annorum, prologus (64,8–14 Krusch/Übers. McCarthy, „The Emergence“, 36): Quia uero sanctus Cyrillus primum cyclum ab anno Diocletiani CLIII coepit et ultimum in CCXLVII terminauit, nos a CCXLVIII anno eiusdem tyranni potius quam principis inchoantes, noluimus circulis nostris memoriam impii et persecutoris innectere, sed magis elegimus ab incarnatione domini nostri Iesu Christi annorum tempora praenotare; quatinus exordium spei nostrae notius nobis existeret et causa reparationis humanae, id est, passio redemptoris nostri, euidentius eluceret. / „Because the blessed Cyril began his first cycle in the 153rd year of Diocletian and ended his last cycle in the 274th year of Diocletian, we have to start in the 248th year of this man who was a tyrant rather than an emperor. However, we did not want to preserve the memory of an impious persecutor of Christians in our cycles, but chose rather to mark the times with years from the incarnation of our Lord Jesus Christ, so that the commencement of our hope will appear more familiar to us and the origin of the redemption of mankind, that is the Passion of our Redeemer, will shine in a more glorious way.“ 399 Vgl. die Darstellung der Versuche des Herkunftsnachweises in der Forschungsgeschichte bei Mosshammer, The Easter Computus, 339–356. Vgl. zusammenfassend Mosshammer, The Easter Computus, 437: „He [Dionysius] simply transmitted to the west a well-established tradition of the Alexandrinian church. […] Dionysius adopted his era of the Incarnation from the Alexandrians with their 19-year Paschal cycle. It was the Cristian era of Julius Africanus, adopted by Anatolius of Laodicea, and transmitted along with the 19-year-cycle to Athanasius, Andreas, Theophilus, Panodorus, and the Armenian church, as well as to Dionysius Exiguus.“ 400 Vgl. Dionysius Exiguus, Libellus de cyclo magno paschae DCCCII annorum (70,9 Krusch). Seinem Zyklus hat er den letzten Zyklus des Cyrill vorangestellt, vgl. Krusch, Die Entstehung, 59. 401 Meier, Das andere Zeitalter, 463. 402 Vgl. Lehmann, „Cassiodorstudien“, 47. Zum Computus paschalis a. 562 insgesamt vgl. Lehmann, „Cassiodorstudien“, 47–55 (hier, 52–55, auch die Edition): Die Schrift ist in den Handschriften stets zusammen mit dem 2. Buch der Institutiones des Cassiodor sowie zwei weiteren Schriften überliefert. Diese Sammlung könne um das Jahr 562 entstanden sein. Es sei nicht auszuschließen, dass die Schrift, die an Dionysius anschließt, von Cassiodor selbst stamme, da Cassiodor die Werke von Dionysius zur Verfügung gehabt habe. Möglicherweise sei die in der genannten Sammlung vorliegende Bearbeitung des zweiten Buches der Institutiones und die Zusammenstellung mit dem Computus (oder der Computus selbst) auch die Arbeit eines Schülers von Cassiodor. Jedenfalls weisen die Texte auf ihre Entstehung im Kontext des Klosters Viviarium hin. Die Einschätzung von Poole, „The Earliest Use“, 58, Cassiodor habe in Institutiones 1,25,2 (bei Poole als „XV“ zitiert) den Mönchen empfohlen, den Osterzyklus des Dionysius zu studieren, obwohl es keine Hinweise

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Jahr ab incarnatione zu berechnen ist: Si nosse uis, quotus annus est ab incarnatione Domini nostri Jesu Christi, computa [hier folgt eine Berechnung, die in das Jahr 562 führt]. Isti anni sunt ab incarnatione Christi.403 Der Computus, fast zeitgleich wie die Chronik des Victor von Tunnuna verfasst, ist damit ein früher Beleg für die Berechnung von Jahren ab incarnatione im Anschluss an Dionysius. Abgesehen von dem Computus, also im Kontext von Osterberechnungen, findet sich dann im chronographischen bzw. historiographischen Kontext eine Summierung der Jahre ab incarnatione in Texten, die deutlich nach der Chronik des Victor von Tunnuna datiert werden. Einige der früheren dieser Texte weisen nach Spanien: So zählt bereits der anonyme, von den Handschriften Julian von Toledo zugeschriebene kleine Computus Ordo annorum mundi in seinen recensiones 3–5 die Jahre ab der Inkarnation Christi bis zur Gegenwart:404 Ab incarnatione autem domini nostri Ihesu Christi usque ad presentem Quintiliani principis annum, qui est era LXXIIII, sunt anni DCXXXVI.405 Ab incarnatione autem domini nostri Ihesu Christi usque in presentem primum gloriosi Vuambani principis annum, quod est era DCCX, anni DCLXXII.406 Ab incarnatione autem domini nostri Ihesu Christi usque ad primum gloriosi Bambani princeps annum fuere anno sexcenti septuaginta duo.407

Diese Berechnung ist jeweils ein Zwischenschritt innerhalb der gesamten Zählung der Jahre der Welt in verschiedenen chronologischen Abschnitten, die mit dem Abschnitt von Adam bis zur Flut beginnt und mit einer Summierung der Jahre vom Beginn der Welt bis zur Gegenwart (recensiones 3 und 4) bzw. einer mahnenden Erinnerung da­

gebe, dass er ihn selbst benutzt habe, beruht auf einer Verwechslung des Osterzyklus des Dionysius Exiguus mit dem Pinax Mundi des Dionysius Periegetes (Anf. 2. Jahrhundert), von dem an dieser Stelle die Rede ist. 403 [Ps-]Cassiodor, Computus paschalis a. 562 (52,3–7 Lehmann): „Wen du wissen willst, das wievielte Jahr es ist seit der Inkarnation unseres Herrn Jesus Christus, rechne […] Diese Jahre sind es seit der Inkarnation Christi.“ Vgl. [Ps-]Cassiodor, Computus paschalis a. 562 (52,14.19.24 Lehmann) für weitere Anweisungen zur Berechnung ab incarnatione. 404 Die Recensio 3 von Ordo annorum mundi wird auf 636 datiert, die Recensiones 4 und 5 auf 672, vgl. Martín-Iglesias, „Introducción“, 257–260. Zur Verfasserfrage sowie zur Datierung und zur Verortung der Schrift vgl. Martín-Iglesias, „Introducción“, bes. 237–245. 405 Ps-Julian von Toledo, Ordo annorum mundi, Recensio tertia 13 (695,30–32 Martín-Iglesias): „Von der Inkarnation jedoch unseres Herrn Jesus Christus bis zum gegenwärtigen ersten Jahr des Prinzeps Quintilian, welches [das Jahr der] Ära 74 ist, sind es 636 Jahre.“ 406 Ps-Julian von Toledo, Ordo annorum mundi, Recensio quarta breuior 13 (698,30–32 Martín-Iglesias): „Von der Inkarnation jedoch unseres Herrn Jesus Christus bis zum gegenwärtigen ersten Jahr des ruhmvollen Prinzeps Wamba, welches [das Jahr der] Ära 710 ist, sind es 672 Jahre.“ 407 Ps-Julian von Toledo, Ordo annorum mundi, Recensio quarta longior (= recensio 5) 13 (700,31–33 Martín-Iglesias): „Von der Inkarnation jedoch unseres Herrn Jesus Christus bis zum ersten Jahr des ruhmvollen Prinzeps Wamba waren es 672 Jahre.“

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ran, dass niemand wisse, wieviel Zeit bis zum Ende der Welt übrig bleibe (recensio 5), schließt. Auch wenn über den Autor und über die erste Version des Ordo annorum mundi kaum sichere Aussagen getroffen werden können, weisen die genannten Rezensionen durch ihre Verwendung der Spanischen Ära und den Bezug auf den westgotischen princeps (König) Wamba auf Spanien hin. Der Ordo annorum mundi ist auch im Codex Perezianus Segobrigensis (P-S) auf den fol. 244r–245r in einer charakteristischen Mischform überliefert. José Carlos Martín-­ Iglesias hält den Text aus P–S, weil er in dieser Form der Version aus dem Liber chronicorum des Pelayo de Oviedo (ca. 1115/1142) entspreche, für eine Abschrift aus einer Handschrift von Pelayo.408 Allerdings ist der Text in P–S mit dem Zusatz ex codice Gotthi­co soriensi versehen, er stammt damit also nach dem Zeugnis von Juan Bautista Pérez aus dem Codex Soriensis. Ihm fehlt auch ein für Pelayo de Oviedos Liber charakteristischer Zusatz.409 Francisco Bautista zeigt insgesamt in seiner oben bereits genannten Untersuchung auch,410 dass die dem Soriensis zugrundeliegende Sammlung – anders als von Martín-Iglesias noch angenommen – überhaupt eine der grundlegenden Quellen für das historiographische Werk des Bischofs von Oviedo ist.411 Bautista sieht in der in P-S bzw. im Soriensis überlieferten Fassung des Ordo annorum mundi (Mischform) so die originale Version der Fassung des Ordo von 672 (also der recensiones 4 und 5).412 Diese Fassung des Ordo annorum mundi weist damit nicht nur auf eine relativ frühe Verwendung einer Zählung der Jahre ab incarnatione, sondern darüber hinaus auch auf zumindest einen der beiden Überlieferungsstränge der Chronik des Victor von Tunnuna hin.413

408 Vgl. Martín-Iglesias, „Introducción“, 270 (Anm. 87). Zu Pelayo de Oviedo vgl. kurz Alonso-Núñez, „Pelayo v. Oviedo“; vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 44–45. 409 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 44–45 (mit Anm.  116). Martín-Iglesias, „Introducción“, 270 (Anm. 87) bemerkt zwar die o. g. Bemerkung ex codice […], wertet sie aber nicht für die Überlieferungsgeschichte des Ordo annorum mundi aus, wie Bautista, „Páez de Castro“, 44–45 (mit Anm. 116) bemerkt: „La incorrecta identificación de este testimonio, no usado por Martín en su edición critica, condiciona su estudio de la tradición de la recensión del Ordo annorum mundi fechada en el primer año de Wamba. […] el original de la version de 672 corresponde al texto transmitido por el manuscrito ‚soriense‘“. 410 S. o. S. 136. 411 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 44–45. Pelayo de Oviedo bezeugt auch für andere Texte wie die Historiae des Isidor von Sevilla die Tradition des Soriensis, vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 52. 412 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 44. Vgl. aber auch Martín-Iglesias, „Introducción“, 272: Hier weist Martín-Iglesias auf die Möglichkeit hin, dass Pelayo von Oviedo, wenn er seine Fassung nicht aus verschiedenen Versionen zusammengestellt habe, eine Version des Ordo aus der Zeit Wambas gekannt haben könnte, die gleichzeitig die millenaristische Zählung der recensio 3 enthalten habe. Dies aber könnte, berücksichtigt man die Annahme von Bautista, die Version aus dem Soriensis gewesen sein. 413 Wenn die nach dem Zeugnis von Pérez im Soriensis überlieferte Version des Ordo tatsächlich die Orginalversion von 672 ist, deutet dies gleichzeitig darauf hin, dass sich die beiden Überlieferungsstränge der Chronik Victors vor 672 getrennt haben, da der Complutensis weder den Ordo noch die Historia Wambae des Julian von Toledo, die wahrscheinlich von Anfang an zusammen überlie-

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Auch der spanische Bischof Julian von Toledo selbst zählt in seiner Schrift De comprobatione sextae aetatis (686) nicht nur die fünfte aetas bis zur Geburt Christi,414 sondern er führt das sechste Zeitalter weiter a tempore natiuitatis Christi: Sexta aetas. Octauianus Caesar regnauit ann. LVI. Huius quadragesimo primo anno, iuxta quod Tertullianus, Hieronymusque testantur, Christus Dei Filius de Maria semper uirgine nasci­ tur, et Tiberii imperatoris tempore crucifigitur, qui et ipse Tiberius regnauit ann. XXIII. Ab initio itaque mundi usque ad tempus natiuitatis Christi […] eueniunt anni V̅ CCCXXV. Iam uero residuus annorum numerus a tempore natiuitatis Christi usque in praesens, in promptu est unicuique, et scire si uolet, et supputare si placet, assumptis uidelicet annis secundum eram ab ipsa Domini incarnatione. Era enim inuenta est ante XXX et VIII annos quam Christus nasceretur. Nunc autem acclamatur eram esse DCCXXIIII. Detractis igitur XXX et VIII annis, ex quo era inuenta est, usque ad natiuitatem Christi, residui sunt anni DCLXXXVI.415

Die Berechnungen von Julian von Toledo stehen im Kontext seines Durchgangs durch die sechs aetates, mit dem er an Augustinus und Isidor von Sevilla anknüpft.416 Julian fert wurden, enthält. Es gibt auch ein indirektes Zeugnis für die im Soriensis überlieferte Version von Ordo annorum mundi in der Chronica Muzarabica (vgl. die Marginalie zu Chronica Muzarabica 29 [342 Gil; vgl. auch den apparatus ad locum]). Dies ist einer der Hinweise darauf, dass der Autor der Chronica Muzarabica eine dem Soriensis ähnliche Sammlung kannte und benutzte. Vgl. Bautista, „Sobre los primeros textos“, 70–71, s. o. S. 138 (Anm. 251). 414 S. o. Kap. 3.6.3. 415 Julian von Toledo, De comprobatione sextae aetatis 3,10,34 (211,100–114 Hillgarth): „Das sechste Zeitalter. Caesar Oktavian regierte 56 Jahre. In dessen 41. Jahr wurde, nach dem, was Tertullian und Hieronymus bezeugen, Christus, der Sohn Gottes, aus Maria, der immerwährenden Jungfrau, geboren, und er wurde gekreuzigt zur Zeit des Kaisers Tiberius, welcher, derselbe Tiberius, 23 Jahre regierte. Daher kommen heraus vom Anfang der Welt bis zur Zeit der Geburt Christi 5325 Jahre. Schon aber ist die übrige Zahl der Jahre von der Zeit der Geburt Christi bis in die Gegenwart offenkundig für jeden Einzelnen, sowohl wenn er es wissen will, als auch wenn es ihm gefällt, zu rechnen, nachdem natürlich hinzugenommen worden sind die Jahre nach der Ära von der Inkarnation des Herrn selbst. Die Ära nämlich wird gefunden 38 Jahre ehe Christus geboren wurde. Jetzt aber wird ausgerufen, dass die Ära 724 ist. Nachdem also die 38 Jahre abgezogen wurden, von wo die Ära gefunden wird, bis zur Geburt Christi, bleiben 686 Jahre übrig.“ An einer anderen Stelle rekurriert Julian auch noch auf die (traditionellen) 5200 Jahre als Zeitspanne von der Erschaffung der Welt bis zur Geburt Christi. Diese Zahl kannte er also, er deutet aber an dieser Stelle zugleich an, dass zu dieser Zahl noch weitere Jahre hinzukommen, vgl. Julian von Toledo, De comprobatione sextae aetatis 3,8,15 (200,12–17 Hillgarth): Etenim si quaeramus annos a principio mundi usque ad natiuitatem Christi secundum codices Septuaginta translatorum, subsequentibus etiam quibusdam historiis gentium, reperiuntur ab Adam usque ad Christum anni V̅ CC et quidquid aliud superest secundum quosdam historicos, qui annorum mundi seriem conscripserunt. / „Und wenn wir nämlich erforschen die Jahre seit dem Anfang der Welt bis zur Geburt Christi nach den Handschriften der Siebzig Abschreiber [= der Septuaginta], und wenn wir dabei auch gewissen Geschichtsschreibungen der Völker folgen, werden ermittelt von Adam bis Christus 5200 Jahre und was auch immer anderes darüber hinaus geht gemäß gewissen Historikern, die eine Abfolge der Jahre der Welt aufgezeichnet haben.“ 416 Julian von Toledo will in De comprobatione nicht nur zeigen, dass man sich nun im sechsten Zeitalter der Welt befindet, sondern er will insbesondere gegenüber der jüdischen Vorstellung, die den Messias für das Jahr 6000 erwartete, zeigen, dass die 6000 Jahre seit der Entstehung der Welt be-

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von Toledo datiert in der zitierten Passage zunächst die Geburt und die Kreuzigung Christi wie Isidor von Sevilla nach den Regierungsjahren des Oktavian und des Tiberius.417 Anders als bei Isidor von Sevilla finden sich aber anschließend keine weiteren Angaben zur Datierung einzelner Ereignisse nach den Regierungsjahren weltlicher Herrscher.418 Vielmehr folgen weitergehende Berechnungen, zu denen die Berechnung der Jahre a tempore natiuitatis Christi bis heute gehört. Die Jahre werden gezählt ab initio mundi bis zur Geburt Christi, und dann weiter bis zum praesens nach den Jahren der era und nach den Jahren a tempore natiuitatis Christi. Das praesens bzw. nunc wird hier also zweifach in einem bestimmten Jahr verortet und damit datiert. Besonders deutlich wird dies in der Formulierung Nunc autem acclamatur eram esse DCCXXXVI, der Angabe in der Spanischen Ära.419 Diese wird dann wieder umgerechnet in die Angabe der Jahre vom Heute bis zur Geburt Christi – Julian von Toledo rechnet also bei der auf die allgemeine Aussage, die Jahre seit der „Zeit der Geburt Christi bis in die Gegenwart“ seien offenkundig, folgenden konkreten Berechnung die Jahre vom Heute ad natiuitatem Christi zurück. Diese konkrete Berechnung steht aber dennoch unter der vorherigen Prämisse, es gehe nun um eine Weiterberechnung der Zahl der Jahre a tempore natuitatis Christi usque in praesens. Julian von Toledo geht damit an dieser Stelle also sowohl über Augustinus als auch über Isidor von Sevilla hinaus: Augustinus hatte, wie gesehen, an einer konkreten Verortung des Heute im Zusammenhang mit den sechs Weltzeitaltern kein Interesse.420 Bei Isidor von Sevilla findet sich keine Aufrechnung der Jahre seit der Inkarnation oder Geburt Christi und auch keine Angabe zu einer solchen Zeitspanne: Er beschreibt zwar das fünfte Zeitalter bis zur Inkarnation Jesu Christi, das sechste aber lediglich als „das sechste, das jetzt erlebt wird“.421 Christi Geburt wird zwar für das sechste Zeitalter angegeben, in der Beschreibung bzw. in der Auflistung der Jahre des sechsten Zeitalters rechnet Isidor aber nach den römischen Kaisern.422 Eine Aufrechnung der Jahre

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reits vergangen sind: „Christ, he said, had been born in 5325 AM, and therefore the year 6000 had passed – without incident – over a decade earlier“ (Landes, „Lest the Millenium“, 172, in Bezug auf die hier und im Folgenden zitierten Passagen). Deshalb rechnet Julian auch zu den bei Isidor von Sevilla zu findenden Zahlen 130 Jahre dazu, indem er in der zweiten aetas im Stammbaum Sems zwischen Arfaxat und Sala Cainan mit 130 Jahren ergänzt (vgl. De comprobatione 3,10,28 mit Isidor von Sevilla, Etymologiae 5,39,5–7). Mit der traditionellen Zahl 5199/5200 als Summe der Jahre vom Beginn der Welt bis zur Geburt Christi wären die 6000 Jahre mit dem „Heute“ Julians noch nicht erreicht gewesen. Allerdings bleibt genau besehen eine Diskrepanz zwischen 5200 Jahre plus 130 Jahre gegenüber den o. g. 5325 Jahren. Vgl. zum sechsten Zeitalter bei Julian im Verhältnis zu den „jüdischen“ Berechnungen auch Gil, „Judíos y cristianos“, 79/87–88/96. Vgl. Isidor von Sevilla, Etymologiae 5,39,26. Mit Ausnahme der Angabe zu Erwig im folgenden Kapitel, s. im Folgenden. Zur Spanischen Ära s. u. S. 188–189 (Anm. 483). S. o. S. 167–168. Isidor von Sevilla, Etymologiae 5,38,5: sexta, quae nunc agitur (s. p.,11 Lindsay; Übers. 199 Möller). Vgl. Isidor von Sevilla, Etymologiae 5,39,26–42; vgl. Möller, „Die Enzyklopädie“, 201 (Anm. 3).

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nach Christi Geburt gibt es nicht, und damit auch keine daran anschließende Verortung des Heute wie bei Julian von Toledo. Das Interesse an einer Verortung des Heute in einem bestimmten Jahr nach der Inkarnation und insofern an einer dementsprechenden Datierung wird auch noch einmal im folgenden Abschnitt aus Julians De comprobatione deutlich, der sich kurz hinter der eben zitierten Passage findet: Ab initio enim mundi usque ad Christum computandos esse diximus annos V̅ CCCXXV, quibus si addantur anni ab incarnatione Domini DCLXXXVI usque in praesentem diem, id est, quando serenissimus Eruigius princeps sextum imperii sui uidetur habere annum, computati sub uno V̅ I̅ XI anni efficiuntur.423

Auch hier steht die Inkarnation des Herrn als Anfangspunkt einer Periode (ab incarnatione Domini […] usque in praesentem diem), die letztlich auf die Gesamtzahl der Jahre seit Beginn der Welt zielt. Zugleich aber wird der dies praesens mit dem sechsten Jahr der Herrschaft des Erwig datiert – und mit der Formulierung id est wird die Zahl der Jahre seit der Geburt Christi bis zum Heute (686) mit diesem Jahr gleichgesetzt. Das Heute wird also in einem bestimmten Jahr verortet, das einerseits das Jahr eines Herrschers, andererseits aber auch ein bestimmtes Jahr nach Christi Geburt ist. Gleichzeitig ist dieser Abschnitt ein Hinweis darauf, dass die Termini natiuitas und incarnatio nebeneinander, gleichsam synonym, gebraucht werden konnten: Neben der Zählung der Jahre ab initio mundi rekurriert Julian von Toledo eben auf die Jahre ab incarnatione Domini, wo er kurz zuvor (im oben zitierten De comprobatione 3,10,34) dieselbe Summe der Jahre a tempore natiuitatis Christi angegeben hatte. Ein ähnliches Muster – die Verbindung der Datierung nach einem Regierungsjahr mit der Zählung der Jahre a natiuitate, und damit eine wörtliche Übereinstimmung mit der Angabe bei Victor von Tunnuna – findet sich in der Chronik des Johannes von Biclaro, der, wie oben gesehen, angibt porro a natiuitate domini nostri Iesu Christi usque in annum VIII Mauricii principis Romanorum anni DXCII.424 Neben den Chroniken des Victor von Tunnuna und des Johannes von Biclaro bieten noch weitere frühe Texte aus dem Codex Uniuersitatis Complutensis, die auf Spanien als Entstehungsort weisen, eine Zählung bzw. Aufrechnung der Jahre a natiuitate, nämlich die Adbreuiatio omnium temporum425 und die Adbreuiatio ebdomadarum Danie423 Julian von Toledo, De comprobatione sextae aetatis 3,10,35 (212,124–129 Hillgarth): „Wir haben gesagt, dass man nämlich vom Anfang der Welt bis Christus 5325 Jahre zählen muss, durch die, wenn hinzugerechnet werden 686 Jahre von der Inkarnation des Herrn bis zum gegenwärtigen Tag, das heißt, als der durchlauchtigstes Prinzeps Erwig das sechste Jahr seiner Herrschaft zu haben scheint, die zusammengerechneten Jahre insgesamt 6011 ergeben.“ 424 Johannes von Biclaro, Chronicon (220,10–11 Mommsen), s. o. S. 167. Zur Diskussion um den Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro s. u. Kap. 3.6.9. 425 Adbreuiatio omnium temporum, Codex Uniuersitatis Complutensis, fol. 41v: A natiuitate Christi usque nunc, id est, usque ad eram DC, anni DLXII. Fiunt simul ab Adam usque in Eram presentem

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lis LXX426. Auf deren Ähnlichkeit mit Ordo annorum mundi weist Martín-Iglesias hin: „Estamos, en definitiva, ante un cómputo de los años del mundo semejante a OAM, pero con sus propias particularidades.“427 Stehen die Berechnungen der Jahre ab incarnatione bzw. a natiuitate bei Victor von Tunnuna, Johannes von Biclaro, dem Ordo annorum mundi und Julian von Toledo (in unterschiedlicher Weise) einer Periodisierung der Weltgeschichte im Sinne von aetates nahe, zielen sie dennoch zugleich neben einer Summierung der Jahre seit der Erschaffung der Welt auf die Verortung der jeweiligen Gegenwart innerhalb dieser Welt- oder auch Heilsgeschichte und damit auf eine Datierung. Mit der Ausnahme von Victor von Tunnuna weisen die Texte auf Spanien als Ort einer relativ frühen Benutzung der Periode a natiuitate bzw. ab incarnatione in Verbindung mit konkreten Zahlen und dem genannten Interesse an einer konkreten Verortung des Heute.428 Die hier aufgeführten Texte bieten damit möglicherweise so etwas wie eine Zwischenform zwischen einer reinen Periodisierung und der Angabe einer Datierung nach den Jahren des Herrn, wie sie dann in Beda Venerabilis’ Historia ecclesiastica gentis Anglorum429 zu finden ist: Hier wird die Angabe ab incarnatione nicht mehr für eine Periode oder für die Berechnung einer Summe der Jahre seit der Menschwerdung Christi gebraucht, überhaupt wird auch keine Berechnung von aetates vorgenommen, sondern die Angabe ab incarnatione dient einer Datierung wie in Geschichtswerken zuvor etwa die Angabe von Regierungsjahren eines Herrschers. Anders gesagt: Beda Venerabilis gibt in seiner Historia ecclesiastica ein bestimmtes Jahr nach der Inkarnation als Datum

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anni V̅ DCCLXII. Vgl. Mommsen, „Subsidia critica“, 171, der die Adbreuiatio damit auf 562 datiert; Furtado, „A Collection of Chronicles“, 235–236, 251, mit dem Hinweis auf die darin schon benützte Spanische Ära und einer Datierung kurz vor 568. Die Adbreuiatio sei als einer der letzten Teile zum zweiten Teil des o. g. (großen) Liber chronicorum hinzugekommen. Adbreuiatio ebdomadarum Danielis LXX, Codex Uniuersitatis Complutensis, fol. 42r: A natiuitate usque ad Constantinum anni CCCCXII. Vgl. Furtado, „A Collection of Chronicles“, 236. Unter CPL 2265 sind als Chronicon a. 562 die Adbreuiatio omnium temporum, die Adbreuiatio ebdomadarum Danielis LXX und die Anni sacerdotum Hebraeorum (vgl. Codex Uniuersitatis Complutensis, fol. 42ra–b) subsumiert, vgl. auch so herausgegeben bei Flórez, España Sagrada 6, 343–345. Martín-Iglesias, „Introducción“, 247–250 (Zitat 250). Auch die fast wörtliche Übereinstimmung mit der Chronik des Eusebius/Hieronymus sei kein Zufall. Martín-Iglesias äußert sich hier leider nicht weiter zur möglichen Bedeutung der Ähnlichkeiten zum Ordo annorum für die Überlieferungsgeschichte. Dazu s. auch u. S. 178–180. Für diese Schrift werden mehrere Redaktionsstufen angenommen, als offizielles Datum der Veröffentlichung gilt das Jahr 731 (vgl. Historia ecclesiastica gentis Anglorum 5,23,7), vgl. Lapidge, „Introduction“, 54; Becker, „Beda Venerabilis II.“.

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für verschiedene Ereignisse an.430 Damit gilt Beda als erster, der eine solche Datierung nach der Inkarnation in einem historiographischen Werk vorgenommen hat.431 Setzte sich damit im lateinischen Westen die Berechnung der Jahre bzw. eine Datierung nach den Jahren seit der Geburt Christi zögerlich durch, fand sie im griechischen Osten kaum Verbreitung.432 Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Victor von Tunnuna diese Zählung etwa aus Konstantinopel mitgebracht hat. 430 Vgl. z. B. Beda Venerabilis, Historia ecclesiastica gentis Anglorum 1,3,1 (124,12–14 Lapidge/Übers. 125 Monat/Robin): Hoc autem bellum quarto imperii sui anno compleuit, qui est annus ab incarnatione Domini quadragesimus sextus. / „Il acheva cette guerre lors de la quatrième année de son règne, c’est-à-dire l’an 46 de l’incarnation du Seigneur“; 2,9,4 (334,1–3 Lapidge/Übers. 335 Monat/Robin): Ordinatus est autem Paulinus episcopus a Iusto archiepiscopo sub die XII kalendarum Augusta­ rum anno ab incarnatione Domini DCXXV. / „Paulinus, donc, fut ordonné évêque par l’archevêque Justus, le douzième jour des calendes d’août, la 625e année de l’incarnation du Seigneur“; u. ö. Vgl. auch Beda Venerabilis, Vita beatorum abbatum Benedicti, Ceolfridi, Eosterwini, Sigfridi et Hwaetberti. Vgl. auch die bei Beda überlieferte Computatio ab anonymo (PL 94, 655A Migne), die die Zählung nach den „Jahren des Herrn“ als üblich voraussetzt, dies allerdings in einer Gesamtaufrechnung der Jahre: Sunt anni ab origine mundi, sicut in Orosio legitur, usque ad natiuitatem Christi, quinque millia centum nonaginta nouem. Ab orbe condito usque ad urbem conditam, anni sunt quatuor millia quatuor centum quadraginta septem. Ab urbe condita usque ad natiuitatem Christi, anni sunt septigenti quinquaginta duo; sicque fiunt anni quinque millia centum nonaginta nouem. Exinde anni Domini supputantur. / „Es sind seit dem Beginn der Welt, wie man bei Orosius liest, bis zur Geburt Christi 5199 Jahre. Seit dem gegründeten Erdkreis bis zur gegründeten Stadt sind es 4447 Jahre. Seit der gegründeten Stadt bis zur Geburt Christi sind es 752 Jahre; und so ergeben sich 5199 Jahre. Von da an werden die Jahre des Herrn gezählt.“ 431 Vgl. Poole, „The Earliest Use“, 62; Becker, „Beda Venerabilis II.“, 1777: „Hervorzuheben ist ferner die nach Dionysius Exiguus’ ‚Liber de paschate‘ erfolgte Angabe der Jahreszahlen nach der chr. Zeitrechnung, der er schon durch die Einführung in seine chronolog. Schriften zum endgültigen Durchbruch verholfen hatte“; von den Brincken, Historische Chronologie, 82: „Erst Beda Venerabilis […] hat die neue Jahreskennzeichnung wirklich popularisiert. […] in der Kirchengeschichte Englands führte er die Inkarnationsära ein.“ Zuvor habe Beda auch in der Fortsetzung der Ostertafeln des Dionysius Exiguus nach Inkarnationsjahren gezählt (vgl. De temporum ratione [725]), insbesondere Kapitel 47 in direktem Bezug auf Dionysius Exiguus). Die „neue Datierweise“ sei von Augustin von Canterbury von Rom nach England mitgebracht worden, wo sie zunächst in Urkunden Verwendung gefunden hätte. Vgl. in Bezug auf Victor von Tunnuna Mosshammer, The Easter Computus, 31, der „the interval from the Incarnation“ bei Victor vom „system for historical chronology“ bei Beda abgrenzt. 432 Vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 466; Koep, „Chronologie“, 59, in Bezug auf Gardthausen, Griechische Paläaographie 2, 450–453. Im Chronicon Paschale findet sich im Abschnitt 616 (Olympiade 349) an einer einzigen Stelle die Angabe nach Jahren nach Christi Geburt, nämlich zur Datierung des Konsulats des Heraclius, allerdings im weiteren Kontext von Osterberechnungen (710,5–6 Dindorf; Übers. 162 Whitby/Whitby): Ἀπὸ τῆς γεννήσεως τοῦ δεσπότου Χριστοῦ ἕως ταύτης τῆς ὑπατείας ἐπληρώθησαν ἔτη χιθʹ καὶ ἤρξαντο τὰ χκʹ. / „From the birth of the Lord Christ up till this consulship, 619 years have been completed and 620 have begun.“ Whitby/Whitby deuten in ihrem Kommentar an, dass diese Stelle nicht unproblematisch ist (163, apparatus ad locum): „The reason for this further chronological computation is unclear. The calculation in 609 had already served to verify the author’s chronology for the start of Heraclius’ reign, and this notice merely adds further confirmation that the author had counted the appropriate number of years since the birth of Christ and the Crucifixion.“ Die Annahme, dass diese Angabe einfach eine Variation in den vielfältigen Datierungsformen des Autors des Chronicon ist (vgl. Whitby/Whitby, „Introduction“, xxiii), ist daher vielleicht zu einfach, was hier aber nicht näher verfolgt werden kann.

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Mit diesen Hinweisen auf die Herkunft und Entwicklung der Periodisierung und Berechnung a natiuitate ist die Frage, warum Victor von Tunnuna als nordafrikanischer Autor im Jahr 565 (oder kurz darauf) eine Summierung der Jahre a natiuitate vornimmt – d. h. auch, woher er diese Art der Berechnung übernimmt –, noch nicht beantwortet. Sie sei an dieser Stelle erst einmal zurückgestellt. 3.6.6 567 Jahre a natiuitate als Rückgriff auf den Osterzyklus des Dionysius Exiguus, und woher kommt die Zahl 567? An dieser Stelle sei noch einmal daran erinnert, dass eine weitere Frage bezüglich Chronicon 175 offen geblieben ist, nämlich die Frage, wie die im Schluss genannte konkrete Summe der Jahre, also die Zahl 567, zustande kommt (a Natiuitate uero Domini nostri Iesu Christi secundum carnem […] usque in annum Iustini primum principis Romanorum […] anni DLXVII). Beide Fragen zusammen, also die der Berechnung a natiuitate und die der konkreten Zahl 567, wollte Mommsen lösen, indem er annahm, dass Victor von Tunnuna bei der Angabe zu den Jahren seit Christi Geburt nicht – wie sonst mit seiner Chronik und auch mit den Zahlen im Schlussparagraphen – Prosper, sondern dem laterculus des Dionysius Exiguus folgte. Dionysius Exiguus zählt in seinem Osterzyklus nämlich nicht nur grundsätzlich die Jahre ab incarnatione, sondern er gibt u. a. auch die jeweilige Indiktion an. Das 567. Jahr domini nostri Iesu Christi, d. h. seit der Geburt Christi, ist bei Dionysius das Jahr der 15. Indiktion. Damit entsprechen seine Angaben aber denen gegen Ende der Chronik des Victor von Tunnuna: Diese datiert wenige Abschnitte vor der Nennung der 567 Jahre seit der Geburt Christi den Tod Justinians nämlich in ihrer einzigen derartigen Angabe in die 15. Indiktion: Quadragesimo imperii sui anno Iustinianus uite suscepit finem indictione XV.433 Bereits Reginald L. Poole lehnt diese These Mommsens mit dem Hinweis auf die unterschiedliche Terminologie („Geburt“ bei Victor von Tunnuna; „Inkarnation“ bei Dionysius Exiguus) ab.434 Poole führt die Berechnung Victors auf die Chronik von Eu-

433 Victor von Tunnuna, Chronicon 172 (54,986–987 Cardelle de Hartmann): „Im vierzigsten Jahr seiner Regierung empfing Justinian das Ende seines Lebens in der 15. Indiktion.“ Vgl. Mommsen, „Victoris episcopi Tonnennensis chronica“, 181: „At in computandis annis a Christo nato Victor non Prosperum secutus est […], sed cum scribit a nativitate Christi ad annum Iustini primum annos numerari 567 […], aperte ad Dionysianum laterculum sese applicuit, annum ni fallor indictionis XV et Iustiniani quem ait quadragesimum Iustinique primum statuens eundem esse aera Christia­nae DLXVII.“ Vgl. Dionysius Exiguus, Libellus de cyclo magno paschae DCCCII annorum (71,25 Krusch). Zur Angabe nach der Indiktion s. auch u. S. 202–203. 434 Vgl. Poole, „The Earliest Use II“, 211: „Had it been derived from Dionysius, we should have expected the writer to speak not of the Nativity but of the Incarnation, for the terms are not synonymous.“

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sebius/Hieronymus zurück: In dieser Chronik entspreche das Jahr der Geburt Christi dem Jahr 2 v. Chr. nach unserer Rechnung, was mit den 567 Jahre zum (nach unserer heutigen Zeitrechnung korrekten) Jahr 565 für den Herrschaftswechsel von Justinian zu Justin II. führe. Es könne zudem nicht gesagt werden, dass sich bei Victor von Tunnuna insgesamt die Vorstellung einer Ära finde. Die Schlussnotiz der Chronik und ihr sonstiges chronologisches Schema „appear to be drawn from independent sources, and the note is merely a chronological statement of a type of which there are numerous examples.“435 Poole weist übrigens in diesem Zusammenhang ebenfalls auf die frühe Benutzung der Berechnung der Jahre seit Christi Geburt in Spanien hin: Obwohl die Historia ecclesiastica des Beda Venerabilis das erste Geschichtswerk sei, in dem die Inkarnationsära verwendet wurde, sei sie möglicherweise schon in Spanien im Jahr 672 in Gebrauch gewesen. Als Beleg dafür nennt Poole eine bei Bruno Krusch zitierte Quelle436 – Krusch weist in dem bei Poole genannten Beitrag auf eine Handschrift aus Madrid als ältestes Beispiel für die Jahresberechnung nach Inkarnationsjahren hin, und damit auf einen uns schon bekannten Text: Diese Handschrift überliefere einen Ordo annorum mundi breuiter collectus a b. Iuliano Pomerio Toletanae sedis archiepiscopo, der zähle Ab incarnatione domini nostri Iesu Christi usque in praesentem primum gloriosi principis Bambani annum qui est era 740 sunt anni 672.437 Dieser Text entspricht im Wesentlichen der entsprechenden Passage in der bereits oben genannten 5. Rezension von Ordo annorum mundi des Ps-Julian von Toledo.438 Diese 5. Rezension wurde oben schon einmal genannt als (früher, aber nach der Chronik Victors zu datierender) Beleg für eine Berechnung von Jahren ab incarnatione. Bei der von Krusch genannten und von Georg Heinrich Pertz beschriebenen Handschrift handelt es sich nicht um eine der von Martín-Iglesias in seiner Ausgabe von Ordo annorum kollationierten Handschriften,439 sondern, dem bei Pertz als Incipit der Handschrift angegebenen Text zufolge, um die Version von Ordo

435 Poole, „The Earliest Use II“, 211. 436 Poole, „The Earliest Use“, 62 (mit Anm. 23), mit Hinweis auf Krusch, „Die Einführung des griechischen Paschalritus“, 121. 437 Vgl. Krusch, „Die Einführung des griechischen Paschalritus“, 121. Es handelt sich um die Handschrift Madrid, Königliche Bibliothek T 10 in der Beschreibung von Georg Heinrich Pertz, „Handschriftenverzeichnis VII. Spanien, 1. Königliche Bibliothek zu Madrid“, 798–800, hier 799. 438 Ps-Julian von Toldeo, Ordo annorum mundi, recensio 5,13 (700,31–33 Martín-Iglesias): Ab incarnatione autem domini nostri Ihesu Christi usque ad primum gloriosi Bambani principis annum fuere anni sexcenti septuaginta duo. 439 Martín-Iglesias gibt in seiner „Introducción“, 251–252 die von ihm kollationierten Codices an, zwei davon sind aus der Bibliothek der königlichen Akademie von Madrid: Madrid, Biblioteca de la Real Academia de la Historia, 2, fol. 4va–vb (M); Madrid, Biblioteca de la Real Academia de la Historia, 78, fol. 208r–v (R). Die fünfte Rezension von Ordo annorum mundi überliefert von diesen beiden Handschriften nur die Handschrift M. Die bei Krusch angeführten Varianten sind aber jedenfalls nach der Edition von Martín-Iglesias nicht in dieser Handschrift M zu finden (vgl. Ordo annorum mundi, Recensio quarta longior 13 [700,31–33 Martín Iglesias (apparatus ad locum)]).

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annorum aus dem oben bereits genannten Liber chronicorum des Pelayo de Oviedo.440 Dessen Text wurde von Martín-Iglesias nicht in der eigentlichen Ausgabe kollationiert, aber an separater Stelle (als Teil der indirekten Tradition) abgedruckt.441 Der von Martín-­Iglesias abgedruckte Text entspricht dem bei Krusch bzw. Pertz genannten Text bis auf kleinere Varianten;442 insbesondere hat er die von Krusch als zu korrigierend angemahnte Zahl der Jahre nach der Ära 710.443 Es gibt jedoch auch vom Liber chronicorum des Pelayo de Oviedo mehrere Rezensionen, und Martín-Iglesias hat in dem bei ihm angegebenen Text mehrere Handschriften kollationiert und einige fehlerhafte Passagen korrigiert.444 Da Pertz nicht die foliae angibt, auf welcher der Ordo annorum in der von ihm gesehenen Handschrift notiert ist, kann aufgrund seiner Angaben nicht geschlossen werden, um welche der bei Martín-Igle­sias angegebenen Handschriften aus Madrid es sich handelt (oder ob es sich sogar um eine weitere Handschrift handelt). Auch der bei Krusch und Pertz genannte Text, auf den Poole aufmerksam macht, weist aber jedenfalls, wie die oben genannten frühen Texte, die eine Berechnung ab incarnatione oder a natuitate domini vornehmen, nach Spanien.445 Charles W. Jones plädiert für eine frühe Benutzung der dionysischen Ostertafeln in Spanien (aufgrund der dortigen Benutzung der Inkarnationsära).446 Wie Poole nimmt er aber an, dass die Berechnung des Victor von Tunnuna nicht auf Dionysius Exiguus

440 Vgl. Pertz, „Handschriftenverzeichnis VII. Spanien, 1. Königliche Bibliothek zu Madrid“, 798, der den Anfang der Handschrift angibt mit „Pelagius Ovitensis ecclesiae episcopus fuit consecratus sub era 1036. 4. Kal. Ian.“ S. auch o. S. 171. 441 Vgl. Martín-Iglesias, „Introducción“, 271–272, insgesamt zum Liber chronicorum des Pelayo de Oviedo vgl. 269–272. 442 Pelayo de Oviedo, Liber Chronicorum, Ordo annorum mundi 15 (Text nach Martín-Iglesias, „Introducción“, 271): Ab incarnacionem domini nostri Ihu Xpi usque in presentem primum gloriosi Bambani principis annum, qui est era DCCX, sunt anno DCLXXII. 443 Vgl. Krusch, „Die Einführung des griechischen Paschalritus“, 121: „Die Era muss in 710 gebessert werden; die Jahre Christi dagegen sind richtig angegeben, denn Wamba gelangte in der That 672 auf den Thron.“ 444 Vgl. Martín-Iglesias, „Introducción“, 270–271. Die bei Martín-Iglesias angegebenen kollationierten Handschriften für den Liber chronicorum des Pelayo de Oviedo sind Madrid, Biblioteca Nacional, 1358 (12. Jahrhundert); Madrid, Biblioteca Nacional, 1513 (Anfang 13. Jahrhundert) und Madrid, Biblioteca Nacional, 2805 (12. Jahrhundert, vielleicht eine Abschrift von Ms. Madrid, Biblioteca Nacional, 1358). 445 Auch Krusch, „Die Einführung des griechischen Paschalritus“, 121 verweist übrigens neben dem eben genannten Textstück auf die oben (s. o. S. 172–173) diskutierte Schrift von Julian von Toledo, De comprobatione sextae aetatis 3 als frühen Beleg für die Rechnung nach Jahren nach der Inkarnation in Spanien: Hier zeige sich, „dass man um diese Zeit [= gegen Ende des siebten Jahrhunderts] mit der Rechnung nach Incarnationsjahren in Spanien schon vollkommen vertraut war“. 446 Vgl. Jones, „The Victorian and Dionysiac Paschal Tables“, 419, mit Verweis auf den Brief des Mönchs Leo (hg. von Bruno Krusch, Der 84jährige Ostercyclus, 298–302, vgl. ebd., 98), der Dionysius wörtlich zitiert, ohne ihn namentlich zu erwähnen. Krusch, „Die Einführung des griechischen Paschalritus“, 120 schließt hingegen aus demselben Text, da er Dionysius eben nicht namentlich erwähnt, darauf, dass „dessen Ostertafel in der ersten Hälfte des 7. Jahrh. in Spanien so gut wie unbekannt gewesen zu sein scheint“.

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zurückgehe, weil es keinen Hinweis darauf gebe „that the Dionysiac era was used for historical purposes before the close of the seventh century“. An Pooles Argumentation kritisiert er dessen Annahme des Rückgriffs auf zwei verschiedene Quellen für die Berechnungen: „Poole’s argument that Victor used one calculation in one place and changed to another calculation in another appears unsound, and there is not much to be said for the fact that ‚incarnation‘ and ‚nativity‘ are not synonymous.“447 Tatsächlich wird aber bei Victor von Tunnuna nicht einfach a natiuitate gerechnet, sondern a Natiuitate uero Domini nostri Iesu Christi secundum carnem, womit das „Fleisch“ zumindest aufgegriffen ist. Zudem können, wie bei Julian von Toledo gesehen, die Periodisierungen bzw. Datierungen a tempore natiuitatis und ab incarnatione in derselben Schrift kurz nacheinander stehen, um ein und denselben Sachverhalt aufzuzeigen. Es scheint also für die Berechnung der Jahre nach Christi Geburt nicht notwendig zu sein, scharf zwischen beiden Begrifflichkeiten zu unterscheiden, und so sind die unterschiedlichen Begriffe kein zwingender Beleg dafür, dass Victor von Tunnuna nicht auf Dionysius Exiguus zurückgegriffen hat. Die Beiträge von Poole und Jones aufgreifend setzt sich Antonio Placanica mit der o. g. These Mommsens auseinander und lehnt die Annahme einer Benutzung der Dionysischen Zählung durch Victor von Tunnuna ab. Er widmet sich in seiner Argumentation allerdings hauptsächlich der Zahl 567, weniger der Periode a natiuitate. Diese Zahl bereitet Placanica zufolge Schwierigkeiten: Da Victor von Tunnuna vorher die Gesamtzahl der Jahre an keiner Stelle seiner Chronik in einer solchen oder ähnlichen Weise zusammenfassend berechnet hat und auch die Zählung der Jahre nach der Passion Prospers nicht übernimmt, ist unklar, wie die Zahl 567 als Summe der Jahre nach Christi Geburt zustande kommt.448 Placanica will daher zeigen, dass Victor von Tunnuna auch mit den Zahlen aus Prospers Chronik auf die Zahl 567 kommen konnte.449 Die Berechnungen, die er dazu vornimmt, sind jedoch wenig hilfreich: Nachdem er die Berechnung für die sich entsprechenden Jahre der Welt von Adam bis zur Geburt Christi bei Prosper und Victor aufgeführt hat, geht Placanica weiter zum Jahr 5634 seit der Schöpfung, das für Prosper das 406. Jahr seit der Passion des Herrn und damit das 435. Jahr nach der Geburt Christi sei. Die Konsuln, die für dieses Jahr notiert seien, seien die unseres Jahres 433 n. Chr.450 Subtrahiere man nun die jeweiligen Jahre seit Adam, also die 5199 Jahre (Adam – Geburt Jesu) Prospers von den 5766 Jahren (Adam – Herrschaft Justins II.) Victors, blieben 567 Jahre seit Christi Geburt. Allerdings ist diese Rechnung kein Beweis dafür, dass Victor auch für die 567 Jahre Prospers Zahlen zugrunde gelegt hat: Victor von Tunnuna bietet ja gerade dieselbe Zahl 5199 und zählt dann dazu 567, um auf die Gesamtsumme der Jahre als 5766 zu 447 448 449 450

Jones, „The Victorian and Dionysiac Paschal Tables“, 416. S. auch o. S. 177. Vgl. Placanica, „Note“, 133 (ad epilogus). S. u. S. 181–182 (mit Anm. 455).

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kommen. Dass die Subtraktion der 5199 Jahre Prospers von 5766 Jahren Victors 567 ergibt, überrascht dann natürlich nicht, da Victor von Tunnuna ja die 567 Jahre selbst zu diesen 5199 Jahren addiert hat. Auch die Einbeziehung weiterer Zahlen aus der Chronik Prospers ändert nichts daran, dass die Herkunft der Zahl 567 nicht daraus belegt werden kann: Placanica weist als umgekehrte Rechnung darauf hin, dass das Jahr 406 nach der Passion, welches dem Jahr 435 nach der Geburt Christi entspricht, bei Prosper das Jahr 5634 nach Adam ist,451 was eine Differenz von 132 Jahren zur Gesamtsumme der Jahre bei Victor von Tunnuna (5766) bedeutet. Dem entspreche die Differenz von 435 zu 567 Jahren (in den Chroniken jeweils seit der Geburt Jesu). Placanica stellt also richtig fest, dass die Differenz in der jeweiligen Gesamtsumme der Jahre in den beiden Chroniken (5634 bei Prosper, 5766 Jahre bei Victor von Tunnuna) der Differenz zwischen den jeweiligen Jahren nach der Geburt Jesu entspricht (435 bei Prosper, 567 bei Victor von Tunnuna). Dies überrascht jedoch wiederum nicht, weil der Unterschied zwischen beiden Rechnungen darin liegt, ob die Jahre von Adam bis zur Geburt Christi (5199) Jahre mitgezählt werden oder nicht. Damit ist aber natürlich die Frage danach, wie Victor auf die 567 Jahre kommt, noch nicht geklärt: Die Gleichung funktioniert mit jeder beliebigen Zahl, die man zu den 5199 Jahren addiert – die Differenz dieser Zahl zu 435 und die Differenz der 5199 plus dieser Zahl zu 5634 (= 5199 + 435) entsprechen sich immer.452 Es lässt sich damit also keineswegs zeigen, dass Victor auch für die 567 Jahre „ha composto i suoi calcoli seguendo la base cronologica che gli proveneva dalla Epitome prosperiana di cui fu riebaloratore e continuatore.“453 Die Summierung der Jahre bis zur Geburt Christi entspricht, wie gesehen, den Zahlen bei Prosper und Eusebius/Hieronymus, auf eine bestimmte Zahl der Jahre seit der Geburt Christi bei Victor lässt sich aus ihren Rechnungen allerdings nicht schließen. Gesagt werden kann nur, dass die angegebenen Jahre nach Christi Geburt in den Chroniken jeweils korrekt zur angegebenen Gesamtzahl der Jahre seit Adam führen und diese damit in ihren Berechnungen in sich jeweils kohärent sind. Im Anschluss an Placanica lehnt auch Carmen Cardelle de Hartmann Mommsens Annahme, dass Victor von Tunnuna die Zählung in Chronicon 175 von Dionysius aufgegriffen hat, ab, stellt dann aber ebenso vor allem die Frage nach dem Zustandekommen der Zahl 567 als Gesamtsumme der Jahre nach der Geburt Christi.454 Auch sie weist auf Prosper hin, die erste wichtige Quelle Victors, deren Zahlen Victor im Schlussparagraphen zum Teil übernimmt, die aber eben um zwei Jahre von unserer heutigen 451 Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1312; 1318. D. h. eben auch: 5199 plus 435 Jahre. Zur Berechnung der Differenz zwischen Geburts- und Todesjahr Jesu vgl. Placanica, „Note“, 133 (ad epilogus). 452 Anders gesagt: Für x kann man in der Rechnung (5199 + x) – 5634 = x – 435 jede beliebige Zahl einsetzen. Sie bedeutet damit letztlich nur: x = x. Man kann damit nicht die Zahl 567 mit der Berechnung Prospers verbinden. 453 Vgl. Placanica, „Note“, 133 (ad epilogus). 454 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 109*–110*.

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Zählung abweicht – das Geburtsjahr Christi ist das Jahr 2 n. Chr. unserer Zählung.455 Weil Victor von Tunnuna den Tod Justinians in das Jahr 566 (nach unserer Zeitrechnung) datiere, könne man im Anschluss an die Abweichung um zwei Jahre bei Prosper als Gesamtsumme der Jahre seit der Geburt Christi bei Victor 568 Jahre erwarten.456 Vielleicht liege hier schlicht ein Rechenfehler Victors vor. Ein Grund dafür könnten die fehlenden Jahre bei der Angabe der Konsuln sein.457 Denkbar sei auch, dass der zusammenfassende Schlussparagraph später durch eine andere Person verändert worden sei, die das genaue Todesdatum Justinians kannte, welches nach der Zählung Prospers im Jahr 567 läge (565 n. Chr. nach heutiger Zeitrechnung).458 Hierzu ließe sich freilich fragen, warum diese Person nur hier eingriff und nicht etwa auch die Regierungsdauer von Justinian änderte.459 Vor allem aber ist es überhaupt nicht möglich, aus der Chronik Victors selbst irgendeine bestimmte Zahl der Jahre seit der Geburt Christi für den Schlussparagraphen zu erwarten: Die Berechnung des Todesjahres Justinians auf das Jahr 566 n. Chr., von dem aus Cardelle de Hartmann eine Berechnung des Gesamtsumme auf 568 Jahre erwartet, ist eine von unserer heutigen Zeitrechnung aus vorgenommene Berechnung aufgrund des Vergleichs der Angaben Prospers mit unseren heutigen Jahreszahlen. Victor von Tunnuna zählt die Jahre zuvor aber nie nach diesem auf Christus bezogenen System, sei es nach der Geburt oder nach der Passion Christi. Justinians Tod datiert er nicht auf das Jahr 566, sondern auf das 40. Jahr von dessen Regierung.460 Dass dies dem (falschen) Jahr 566 entspricht, ist eine Umrechnung aus heutiger Sicht. Prosper zählt in seiner Chronik die Jahre nach der Passion chronologisch durch. Von dieser Zählung aus gibt er an manchen Stellen eine Gesamtsumme (der Jahre seit der Erschaffung der Welt, der Jahre seit der Passion) an.461 Diese Gesamtsumme lässt sich aufgrund seiner Angaben umrechnen in die Jahre nach der Geburt Christi. Bei Victor von Tunnuna finden sich, wie gesehen, solche Angaben aber eben gerade nicht. Es lässt sich also aus dem Text der Chronik nicht schließen, welches Jahr seit der Passion oder seit der Geburt Christi Victor von Tunnuna mit seinen Angaben meint – weil er so eben nicht rechnet. Übrigens hilft hier auch ein Durchzählen der in der Chronik angegebenen 455 Dazu vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1311 in Verbindung mit 1318, vgl. 390 (Beginn der Zählung nach Konsuln im 1. Jahr nach der Passion) sowie die Angaben zu Augustus und Tiberius (Epitoma chronicon 329 und 388); vgl. Epitoma chronicon 1311 (die dort genannten Konsuln sind in unserer Zählung der Jahre in das Jahr 433 zu datieren). Vgl. insgesamt dazu Placanica, „Note“, 133 (ad epilogus). Vgl. auch schon den Hinweis bei Poole, „The Earliest Use II“, 211, zu Eusebius/Hieronymus (s. o. S. 177–178). 456 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 109*–110*. 457 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 107*. Zu den fehlenden Jahren bei der Angabe der Konsuln s. u. S. 203. 458 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 110*. 459 Zur unpräzisen Angabe in Victor von Tunnuna, Chronicon 172 s. u. S. 201. 460 Vgl. Chronicon 172 (s. o. S. 177). 461 S. o. S. 159–160, 165.

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Jahre nicht weiter. Zählt man die durch die Konsuln angegebenen Jahre bei Victor von Tunnuna im Anschluss an die bei Prosper angegebenen Jahre nach der Passion oder an die im Codex Uniuersitatis Complutensis angegebene Summe der Jahre seit der Erschaffung der Welt (5654 [487,19 Mommsen]) weiter, kommt man auch nicht auf die Zahl 567 bzw. 5766.462 Aus der Chronik des Victor von Tunnuna oder aus Chronicon 175 im Vergleich zu Prosper überhaupt eine fixe Zahl der Jahre seit der Geburt Christi (oder entsprechend seit der Erschaffung der Welt) abzuleiten oder zu erwarten, ist schlicht nicht möglich. 3.6.7 567 Jahre a natiuitate – Chronicon 175 als mögliche spätere Hinzufügung zur Chronik Die bisherigen Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Verwendung einer Zählung (Berechnung) der Jahre a natiuitate in der Chronik des Victor von Tunnuna um das Jahr 565 ist erstens ein früher Beleg für eine solche Verwendung. Andere Belege im Anschluss an Dionysius Exiguus weisen auf eine frühe regionale Verbreitung dieser Zählung (oder Periodisierung) in Spanien hin. Zweitens lässt sich die Zahl von 567 Jahren nicht – wie bisher immer wieder versucht – aus der Chronik des Victor von Tunnuna selbst erklären und auch nicht aus einem Vergleich mit der Chronik Prospers. Sie ist unabhängig von der vorherigen Zählung der Jahre. Auffällig ist zudem, dass sowohl bei Victor von Tunnuna als auch bei Dionysius Exiguus die 15. Indiktion mit dem Jahr 567 nach Christi Geburt gleichgesetzt wird. Bei Cardelle de Hartmann und bei Placanica steht die Besonderheit des Schlussparagraphen – wie eben gesehen – nur hinsichtlich der Summe der Jahre zur Debatte, insbesondere hinsichtlich der Frage, wie diese Summe (567 Jahre nach der Geburt Christi bzw. entsprechend 5766 Jahre seit Adam) zustande kommt. Die Form des Schlusses und der Bezug der Zählung (ad natiuitatem – a natiuitate) spielen in ihren Überlegungen keine Rolle. Es sind, wie gesehen, jedoch auch diese Unterschiede, die im Vergleich zum übrigen Text der Chronik – der keinerlei Zwischenberechnungen enthält wie andere Chroniken – auffallen. Durch seine besonderen formalen Merkmale erscheint der Schluss als absichtsvoll gestaltet. Ihn als „plötzlich“ zu deuten, wie es Placanica tut,463 ist insofern unbefriedigend. Sowohl angesichts der genannten Abweichungen in der Art der Zählung als auch angesichts der im sonstigen Text der Chronik nicht vorkommenden ganzen Form des

462 Zusammengezählt ergibt sich hier die Zahl 531 nach der Passion, die dann nach Prospers Zählung 560 nach der Geburt Christi wäre, nach unserer Zählung 558. Jedoch fehlen ja einige Konsulnjahre. Eine solche Zählung macht daher schon wegen der Lücken keinen Sinn. 463 S. o. S. 106.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

Schlusses mit seinen Berechnungen, die freilich aus anderen Chroniken bekannt ist,464 im Zusammenhang mit der Beobachtung, dass eine frühe Berechnung von Jahren a natiuitate – abgesehen von Cassiodors Osterberechnungen465 – auf Spanien weist, jedoch eher auf eine etwas spätere Zeit als 565, könnte man einen Schritt weitergehen als es bisher getan wurde und an eine spätere Einfügung des Schlussparagraphen denken. Für die Präskripte der Chroniken des Victor von Tunnuna und des Johannes von Biclaro wurde herausgearbeitet, dass diese wahrscheinlich von einem Kompilator oder Redaktor stammen, der eine erste kleine Sammlung von Chroniken zusammengestellt hat.466 Angesichts der genannten Punkte ist in Erwägung zu ziehen, ob ebenfalls ein Kompilator – möglicherweise derselbe – nicht auch den Schlussparagraphen in die Chronik des Victor von Tunnuna eingefügt und diese damit an die zuvor in die Kompilation eingefügten Chroniken von Eusebius/Hieronymus und Prosper und deren zusammenfassende Berechnungen angepasst hat. Eine solche Möglichkeit diskutieren allerdings weder Mommsen oder Placanica noch Cardelle de Hartmann. Eine spätere Abfassung von Chronicon 175 könnte aber gleichzeitig eine Erklärung sein für die ungewöhnliche, für relativ frühe Texte nach Spanien weisende Zählung der Jahre nach der Geburt Christi und ist daher hier in Erwägung zu ziehen. Zuerst ist dazu festzuhalten, dass die handschriftliche Überlieferung für die Chronik des Victor von Tunnuna keine Hinweise auf eine Sekundarität des Schlusses gibt.467 Dies entspricht allerdings dem oben herausgearbeiteten handschriftlichen Befund für die Präskripte, die dennoch als wenig später als der Text der Chronik, entstanden im Zuge der Zusammenstellung einer ersten kleinen Sammlung von Chroniken, gedeutet wurden. Analog zu den Präskripten erscheint es daher sinnvoll, die Schlüsse der anderen Chroniken der Chronik-Sammlung zu betrachten. 3.6.8 Der Schluss der Chronik des Prosper Tiro von Aquitanien im Codex Uniuersitatis Complutensis und im Codex Soriensis Einen ersten Hinweis für die Deutung des Schlussparagraphen bei Victor von Tunnuna gibt der Schluss der Chronik Prospers in den Handschriften U und So: Normalerweise schließt die Chronik Prospers  – anders als die Chronik des Eusebius/

464 465 466 467

S. o. S. 159–160. S. o. Kap. 3.6.5. S. o. Kap. 3.4.3. Der Schluss ist im Complutensis enthalten (fol. 23r); für den Soriensis gibt es keine Hinweise auf eine Abweichung, weder in P-S (S. 32/Foto Nr. 28) noch im Codex Kopenhagen, Arnamagnæan­ ske Institut, Københavns Universitet, AM 833 4° (fol. 130v). In AM 833 fehlt im Haupttext vielmehr der letzte Satz des in U notierten Schlusses (Fiunt simul …), der am Rand als im v. c. = vetustissimus codex = Codex Soriensis vorhanden notiert wird.

Der ursprüngliche Umfang der Chronik 2: Die Chronik und ihr Schluss

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Hieronymus (vgl. 250,1–26 Helm)468 – nicht mit einer chronologischen Zusammenfassung ab.469 Es ist jedoch auffällig, dass genau in den Handschriften, die für die beiden Überlieferungsstränge der Chronik des Victor von Tunnuna stehen, in der Chronik Prospers ebenfalls eine chronologische Zusammenfassung am Schluss steht. Bautista weist darauf im Zusammenhang der Darlegung der Verwandtschaft der beiden Zweige der Überlieferung hin: „*So presenta las mismas variantes que M [= U] y ofrece igual continuación del texto de Próspero hasta el ano 455, con idéntico resumen cronológica final.“470 Pérez transkribierte neben Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1351–1353 (vgl. 479–480 Mommsen) eine ähnliche chronologische Zusammenfassung wie sie in U vorliegt (fol. 17r–17v; vgl. 487,1–19 Mommsen) mit dem Hinweis „in manuscripto gotthico soriensi“, also aus dem Soriensis stammend.471 Die chronologische Zusammenfassung am Schluss der Chronik des Prosper in diesen Handschriften hat zwar andere Zwischenschritte als die Zusammenfassung in Chronicon 175 und zählt von heute zurück (und nicht von Adam bis heute wie in Chronicon 175), weist aber trotzdem ähnliche formale Merkmale auf: Zunächst wird darin ab urbe condita ad extremum huius operis gerechnet, wozu mehrere Zwischenschritte aufgeführt werden, dann beginnt die eigentliche Zusammenfassung mit Colliguntur omnes anni (so auch der Beginn in Chronicon 175), die allerdings usque in consulatum Valentiniani VIII Augusti a XV Tiberii anno et praedicatione domini nostri Iesu Christi gezählt werden. Von dort aus wird heruntergerechnet, indem die Jahre der einzelnen zeitlichen Abschnitte (Perioden) angegeben werden. Diese Zählung bzw. Rechnung schließt nach der Zusammenfassung der Jahre von der Flut bis Abraham und von Adam bis zur Flut mit einer Gesamtaufrechnung, die wieder an die Formulierung bei Victor von Tunnuna erinnert: Fiunt ab Adam usque ad consulatum Valentiniani VIII omnes anni V̅ DCLIIII. Dieser Text aus dem Codex Uniuersitatis Complutensis wird in der Ausgabe von Mommsen mit einem weiteren Codex als Continuatio Codicis Alcobaciensis kollationiert (487 Mommsen) und als ein afrikanischer Zusatz verstanden.472 Dass die Chronik Prospers analog zur Chronik des Eusebius/Hieronymus in den beiden Überlieferungszweigen der Chronik des Victor von Tunnuna mit einer chronologischen Zusammenfassung abschließt, was sonst nicht der Fall ist, könnte aber auch ein erster Hinweis darauf sein, dass sich analog zu den Präskripten auch darin die oben herausgearbeitete erste Sammlung (der kleine Liber chronicorum) zeigt. Auffällig ist nämlich 468 Vgl. auch im Complutensis (fol. 14v.) und laut P-S, fol. 117r im Soriensis, vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 39. S. auch o. S. 161. 469 Die Chronik Prospers hat – je nach Redaktionsstufe – verschiedene Schlüsse. 470 Bautista, „Páez de Castro“, 42. 471 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 40, 42 (Anm. 109), laut P-S, fol. 117v–118r im Soriensis. 472 Vgl. Mommsen, „Additamenta I. Additamenta Africana (praefatio)“, 486; im Complutensis fol. 17r–17v. Auch Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 177 sieht hier ein afrikanisches Modell mit einer Ausgabe der Chronik Prospers aus dem Jahr 455 im Hintergrund.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

zudem, dass der Schluss dieses Prosper-Zusatzes mit dem 3. Konsulat des Aëtius und dem Konsulat des Symmachus beginnt und dann statt des („normalen“) ausführlichen Textes Prospers bis zur Schlussberechnung nur sehr kurze Eintragungen (zumeist zu den Konsuln der entsprechenden Jahre) bietet. Damit reduziert sich die Doppelung der Chronik Victors mit der Chronik Prospers für den Anfang insofern, als zwar die gleichen Jahre bis 455 abgehandelt, aber nicht mehr dieselben Geschehnisse ausführlich dargestellt werden. Es ist auch von daher denkbar, dass der Kompilator der bereits diskutierten Sammlung von Chroniken, dem die Doppelung des Anfangs der Chronik Victors zum Schluss der Chronik Prospers auffiel, den Text Prospers für die Jahre 446 bis 455 gekürzt und mit der chronologischen Zusammenfassung versehen hat. 3.6.9 Der Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro Schauen wir nun auf den Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro, die als letzter Teil zur genannten ersten (kleinen) Sammlung von Chroniken gehört. Ihr Schlussabschnitt ist im Gegensatz zum Schlussabschnitt bei Victor von Tunnuna in seiner Echtheit umstritten bzw. seine Echtheit wird in unterschiedlicher Form mehrheitlich abgelehnt, was dem handschriftlichen Befund entspricht: Der Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro ist nur im Codex Uniuersitatis Complutensis überliefert.473 Der Schlussabschnitt der Chronik des Johannes von Biclaro lässt sich aufgrund von zwei verschiedenen Gesamtaufrechnungen der Jahre in zwei Teile gliedern. Insbesondere der erste Teil ähnelt, wie bereits angesprochen, dem Schlussabschnitt aus der Chronik des Victor von Tunnuna: Er rechnet ebenso die Jahre a natiuitate domini nostri Iesu Christi auf, was eingebettet wird in eine Zählung der Jahre in verschiedenen Abschnitten ab Adam, u. a. auch von Abraham ad Natiuitatem Domini nostri. Bis zur Geburt Jesu Christi entsprechen die angegeben Zahlen den Zahlen bei Prosper,474 und ebenso, im Anschluss daran, der bei Victor von Tunnuna angegebenen Gesamtzahl der Jahre von Adam bis zur Geburt Jesu Christi. Am Ende der Berechnungen steht – entsprechend dem Schema bei Victor von Tunnuna – eine Gesamtaufrechnung der Jahre ab Adam bis zum Jahr des (nach dem Text der Chronik) derzeitigen princeps Romano­ rum. Die Ähnlichkeiten zu den Formulierungen im Schlussabschnitt der Chronik des Victor von Tunnuna sind gerade auch hinsichtlich seiner zuvor herausgearbeiteten Besonderheiten frappierend. Abweichend sind im Wesentlichen nur die Zwischenabschnitte – Flut und Abraham sind zusätzlich eingefügt – und die Angaben zu den

473 Codex Uniuersitatis Complutensis, fol 25v. Zur Frage der handschriftlichen Überlieferung s. weiter u. S. 191. 474 Und damit denen aus der Chronik des Eusebius/Hieronymus.

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späteren Jahren (unterstrichen sind im Folgenden die mit Victor von Tunnuna übereinstimmenden oder sehr ähnlichen Formulierungen)475: Colliguntur omnes anni ab Adam usque ad diluuium anni II̅ CCXLII. A diluuio usque ad Abraham anni DCCCCXLII. Ab Abraham uero usque ad natiuitatem domini nostri Iesu Christi secundum carnem anni II̅ XV. Fiunt simul anni V̅ CXCVIIII. Porro a natiuitate domini nostri Iesu Christi usque in annum VIII Mauricii principis Romanorum anni DXCII. Fiunt simul omnes anni ab Adam usque in annum VIII Mauricii principis Romanorum, qui est IIII Reccaredi Gothorum regis, anni V̅ DCCXCI.476

Dieser Text wurde von Mommsen – anders als von Cardelle de Hartmann477 – in seiner Ausgabe der Chronik des Johannes von Biclaro als Schlussabschnitt der Chronik ediert.478 Leider nennt Mommsen nicht explizit die Gründe, warum er sich trotz des handschriftlichen Belegs nur im Complutensis dafür entscheidet, dass dieser erste Teil des Schlussabschnittes von Johannes von Biclaro selbst stammt. Der Text im Codex Uniuersitatis Complutensis geht mit einem zweiten Teil weiter: Dieser zählt bis zu dem Jahr, in dem Isidor seine Chronik verfasst hat bzw. usque his temporibus, in quo est era DCCLXXX, woraus dann wiederum eine Gesamtzahl der Jahre seit Adam aufgerechnet wird. Daran schließen sich eine unvollständige Berechnung bis zum Ende des sechsten Zeitalters sowie ein Incipit für die folgende breuiatio cronice von Eusebius/Hieronymus an: Usque DCLIIII uero eram, in qua beatus Isidorus cronicam suam condidit, id est quinto Eraclii imperatoris anno et quarto Sisebuti regis Gothorum fiunt omnes ab initio anni V̅ DCCCXV. Deinde ergo usque his temporibus, in quo est era DCCLXXX, creuerunt anni CXXVI, qui additi ad superiorem summam faciunt omnes annos ab Adam usque in presentem eram, qui est DCCLXXX, V̅ DCCCCXLI. Posthac quippe supersunt usque ad finem sexte huius etatis uel

475 Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 63 (Anm. 16) sieht, ohne die wörtlichen Übereinstimmungen in diesem Teil des Schlusses wirklich zu gewichten, in der Weise der Berechnung hingegen einen wesentlichen Unterschied zur Chronik des Victor von Tunnuna: „Anoto que el métdodo de cómputo es diferente del que cierra la Historia de Víctor de Tunnuna.“ Allerdings hat er hier v. a. den zweiten Teil des Schlusses im Blick. 476 Johannes von Biclaro, Chronicon (220,4–13 Mommsen): „Man rechnet zusammen alle Jahre von Adam bis zur Flut, 2242 Jahre. Von der Flut bis Abraham 942 Jahre. Von Abraham aber bis zur Geburt unseres Herrn Jesus Christus nach dem Fleisch 2015 Jahre. Das sind gleichsam 5199 Jahre. Fernerhin sind es von der Geburt unseres Herrn Jesus Christus bis in das 8. Jahr von Mauritius, dem Prinzeps der Römer, 592 Jahre. Es ergeben sich also gleichsam als alle Jahre von Adam bis in das 8. Jahr von Mauritius, dem Prinzeps der Römer, das ist das 4. Jahr von Rekkared, dem König der Gothen, 5791 Jahre.“ Die Zahlen weichen im bei Cardelle de Hartmann in ihrer Einleitung abgedruckten Text ab, da sie den Text von U zum Teil korrigiert hat, vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 133*. 477 Zur Bestreitung der Echtheit des gesamten Schlusses durch Cardelle de Hartmann s. u. S. 190–191. 478 Vgl. auch Mommsen, „Praefatio ad Iohannis Abbatis Biclarensis“, 208: „Computatio sine dubio Biclarensis ipsius […] et altera, quae est librariorum […]“.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

introitu septime etatis, in qua dominus in maiestate prestolatur aduentus anni … Item incipit breuiatio cronice Eusebii Iheronimi.479

Isidor von Sevilla und seine Chronik480 werden hier ebenso erwähnt wie die Spanische Ära, mit der dieser Epilog auf das Jahr 780 (d. h. 742 n. Chr.) datiert wird. Aufgrund dieser Datierung lässt Mommsen in seiner Ausgabe diesen von ihm als zweiten Teil des Epilogs aufgefassten Abschnitt als sekundär weg, ebenso wie eine im Codex Uniuersitatis Complutensis belegte Präzisierung direkt nach der Erwähnung des 4. Jahres von Rekkared im ersten Teil des Schlussabschnittes, die die Jahreszahl in der Spanischen Ära angibt (in quo est era DCXXX et a principio). Er begründet dies damit (220,13 Mommsen [apparatus ad locum]), diese „non sunt Iohannis, sed librarii eius“, führt dies aber nicht näher aus. Leuchtet die Annahme einer späteren Einfügung dieser abschließenden Zählung nicht nur aufgrund des Bezugs auf Isidor, sondern natürlich v. a. aufgrund der Weiterführung der Zählung der Jahre bis in das Jahr 742 n. Chr.481 unmittelbar ein, ist sie für die genannte Präzisierung zum 4. Jahr von Rekkared mit Hilfe der Spanischen Ära im ersten Teil des Schlussabschnittes zwar nicht zwingend: Frühe Belege einer Zählung nach der Ära sind nicht auszuschließen.482 Jedoch gilt normalerweise Isidor von Sevilla als erster, der im historiographischen Kontext nach ihr zählt.483 Zudem entspricht die

479 Vgl. Johannes von Biclaro, Chronicon (Text nach Mommsen „Subsidia critica“, 169, einschließlich des Incipit zur Chronik [Epitome] von Eusebius/Hieronymus; vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 133* [mit Anm. 266 zu den im Gegenüber zu U korrigierten Zahlen; vgl. dazu auch Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 6 (Anm. 13)]): „Bis Ära 654 aber, in der der selige Isidor seine Chronik verfasste, das heißt im fünften Jahr des Kaisers Heraclius und im vierten Jahr von Sisebuth, dem König der Gothen, ergeben alle Jahre seit dem Anfang 5815. Darauf also bis in diesen Zeiten, worin ist (das Jahr der) Ära 780, haben sie 126 Jahre unterschieden, die, hinzugefügt zur oben genannten Summe, ergeben alle Jahre von Adam bis zur gegenwärtigen Ära, die ist 780, 5941. Nachher freilich sind übrig bis zum Ende des sechsten Zeitalters oder bis zum Eingang des siebten Zeitalters, in dem erwartet wird der Herr in seiner Majestät hinsichtlich seiner Ankunft … Jahre. Desgleichen beginnt die Kurzfassung der Chronik von Eusebius/Hieronymus.“ Die Bewertung der Leerstelle bezüglich der Jahre bis zur Wiederkunft des Herrn ist umstritten. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 133* sieht die Möglichkeit, dass mit der Leerstelle eine Absicht vorliegt; Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 69 (mit Anm. 42), geht davon aus, dass ein Kopist, der bemerkte, dass die Berechnung falsch war, die Zahl ausließ. Mommsen, „Subsidia critica“, 169, bemerkt nur: „Numerus non enuntiatur.“ 480 Die entsprechende Angabe in der Chronik des Isidor von Sevilla lautet Fiunt igitur ab exordio mundi usque in eram praesentem, hoc est in anno quinto imperatoris Eraclii et quarto religiosissimi principis Sisebuti, anni V̅ DCCCXIII (Chronica 1 417 [204–206 Martín]). Sie findet sich in der ersten Redaktion der Chronik, die auf das Jahr 615/616 datiert werden kann, vgl. Martín, „Introduction générale“, 119*. 481 Also weit nach der vermuteten Fertigstellung der Chronik des Johannes von Biclaro (602). 482 S. o. S. 174–175; jedoch sind diese Texte kaum untersucht. 483 Die sog. Spanische Ära ([a]era) weicht um 38 Jahre von der Zeitrechnung nach Christus ab. D. h. das hier bei Johannes von Biclaro angegebene Jahr 780 nach der era ist das Jahr 742 nach Christi Geburt, das Jahr 630 nach der Spanischen Ära das Jahr 592 nach Christi Geburt. Die Herkunft der Spanischen Ära ist schwierig zu bestimmen. Möglicherweise geht sie auf einen Osterzyklus zu-

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Formulierung der Angabe nach der Spanischen Ära der im zweiten Teil des Schlusses (in quo est era), ist also leicht als Angleichung zu erklären. Die von Mommsen eingeführte Zweiteilung des Schlusses wurde von Julio Campos Ruíz in seiner Ausgabe der Chronik des Johannes von Biclaro aufgenommen. Er hat auch dessen ersten Teil als Text der Chronik herausgegeben.484 Widersprochen hat ihr Manuel C. Díaz y Díaz – er plädiert mit folgenden Argumenten für einen einheitlichen Charakter des Epilogs, der insgesamt eine spätere Hinzufügung sei: In beiden Teilen des Schlusses – jedoch nur an dieser Stelle der Chronik – finde sich die Formulierung in quo est era, obwohl Johannes von Biclaro sonst nie nach der Spanischen Ära zähle. Das am Ende der Chronik angegebene Jahr, also das vierte Jahr der Regierung von Rekkared,485 werde in Mommsens erstem Teil als das Jahr 630 (Spanische Ära, d. h. 592 n. Chr.) angegeben, also mit einer Abweichung von zwei Jah-

rück, vgl. Neugebauer, „On the ‚Spanish Era‘“; Mommsen, „Aera“, 273; beide in Bezug auf Heller, „Über den Ursprung der sogenannten Spanischen Ära“. Umstritten ist, ob die Belege bei Hydatius (ca. 470; vgl. Muhlberger, The Fifth-Century Chroniclers, 193), insbesondere Chronicon 42 und 214, als erste literarische Belege für sie gelten können, oder ob sie spätere Einfügungen sind. Für eine Authentizität der Angaben bei Hydatius argumentieren bspw. Cardelle de Hartmann, Philologische Studien, 43–46, und Burgess, The Chronicle of Hydatius, 33–35; dagegen Neugebauer, „On the ‚Spanish Era‘“, 376. Sicher ist, dass Isidor von Sevilla nach der Spanischen Ära gezählt hat, so etwa im o. g. Abschnitt aus der Chronik, durchgehend dann in den Historiae Gothorum, Wandalorum, et Sueborum (vgl. Cardelle der Hartmann, Philologische Studien, 43 [Anm. 146]). Vgl. auch Isidor von Sevilla, Etymologiae 5,36,4 (s. p.,24–27 Lindsay/Übers. 197 Möller), wo die aera auf Augustus zurückgeführt wird: Aera singulorum annorum est constituta a Caesare Augusto, quando primum censu exagitato Romanum orbem descripsit. Dicta autem aera ex eo, quod omnis orbis aes reddere professus est reipublicae. / „Eine Ära aus einzelnen Jahren wurde von Caesar Augustus festgesetzt, als er zum ersten Mal einen Zensus ausführen und den römischen Erdkreis aufschreiben ließ. Ära ist es aber genannt worden, weil jedermann auf dem Erdkreis versprochen hat, eine Münze (aes, Gen. aeris) der res publica zu geben.“ Eine Datierung nach der Spanischen Ära findet sich allerdings bereits auf der Synode von Tarragona (516): Concilium Tarraconense (269,2–3 Martínez Díez/Rodríguez): Concilium Terraconense decem episcoporum habitum aera DLIIII; vgl. Peitz, Dionysius Exiguus, 23. Es gibt auch relativ frühe epigraphische Belege, die aera im modernen Sinn einer Zeitspanne gebrauchen, aber nicht notwendigerweise mit der Spanischen Ära in Verbindung zu bringen sind, vgl. Neugebauer, „On the ‚Spanish Era‘“, 374; als „Rechnung nach spanischer Aera“ gedeutet von Peitz, Dionysius Exiguus, 23. Vgl. auch Meier, Das andere Zeitalter, 463–464 (Anm. 178), der auf die Nähe der Zeitrechnung nach der Spanischen Ära zu der nach Christi Geburt verweist und darin so etwas wie „ein Modell“ für Dionysius sieht. Inwiefern Dionysius Exiguus dann von der Spanischen Ära Gebrauch machte und ob er sie in die (von ihm erarbeitete?) Hispana genannte Kanonessammlung einfügte, womit er ihre Verbreitung in Spanien gefördert hätte, ist jedoch umstritten. Dafür argumentiert eben Meier, Das andere Zeitalter, 463–464 (Anm. 178) in Bezug auf Peitz, Dionysius Exiguus, 22–23 und 252–256, der davon ausgeht, Dionysius habe die Spanische Ära aus der Chronik des Hydatius übernommen; kritisch dagegen Schäferdiek, „Rezension zu Peitz, Dionysius Exiguus“, bes. 366–367. Die Diskussion kann hier nicht im Einzelnen nachgezeichnet werden. 484 Vgl. Campos Ruíz, „Introducción“, 53, vgl. den Text auf S. 100. 485 Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 134*, schreibt bei der Darstellung der Argumentation von Díaz y Díaz „el tercer año de Recaredo se data al principio como era 530“. Hierbei dürfte es sich um einen Druckfehler handeln, da Cardelle de Hartmann den Text des Schlusses (ebd., 133*) mit qui est IIIIus annus Recaredi Gothorum regis angibt.

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re zum tatsächlichen Zeitpunkt (590 n. Chr. nach unserer heutigen Rechnung486), und die gesamte Berechnung im zweiten Teil des Epilogs basiere auf dieser Zahl.487 Auch der Anschluss mit uero (Usque DCLIIII uero eram) weise auf eine Zusammengehörigkeit beider Teile hin. Zudem erscheine der Titel princeps im sonstigen Text der Chronik äußerst selten.488 Infolge dieser Argumentation lehnt Díaz y Díaz überhaupt die Zuschreibung des Schlusses an Johannes von Biclaro selbst ab und weist ihn insgesamt einer Rezension der Chronik aus dem Jahr 742 zu, die dem Codex Alcobaciensis zugrunde liege und jetzt im Complutensis überliefert sei.489 Diesen Argumenten folgt Cardelle de Hartmann und fügt noch hinzu, dass sich im Codex Uniuersitatis Complutensis (fol. 39v) zur Chronica Gallica ad a. 511 ein sehr ähnlicher Schlussteil finde.490 Dieser zeige sowohl Parallelen in den Formulierungen als auch eine Nähe in der Datierung des Heute (742 n. Chr./780 nach der Spanischen Ära in der Chronik des Johannes von Biclaro, 771 nach der Spanischen Ära = 733 n. Chr. in der Chronica Gallica ad a. 511). Das führt Cardelle de Hartmann zu der Annahme, dass beide chronologische Schlusspassagen von derselben Person stammen, nämlich von der Person, die sie in eine Handschrift einfügte, in die dann auch etwas später, in der Mitte des achten Jahrhunderts, von einer anderen Person die Chronica Muzarabica (754) eingefügt wurde, also in die Handschrift, von der der Codex Uniuersitatis Complutensis abstammt. Dass dabei nicht dieselbe Person die Chronica Muzarabica von 754 und die Ausgabe der Chronik des Johannes von Biclaro von 742 (mit der chronologischen Zusammenfassung am Schluss) verfasst hat, nimmt bereits Díaz y Díaz an: „Sobre 754, en Toledo, un clérigo compuso la Crónica mozárabe, que añadió a un manuscrito en que se transmitía la colección de crónicas, con la de Juan de Bíclaro en la recensión del 742.“491 Ein Codex mit der Ausgabe der Chronik des Johannes von Biclaro von 602, also ohne chronologische Zusammenfassung, sei hingegen vom Autor der Chronica Byzantia-Arabica ad a. 741 benutzt worden, in dem Zweig der Überlieferung 486 Es ist unklar, warum Cardelle de Hartmann dann, obwohl sie im Anschluss an Díaz y Díaz selbst auf das Jahr 590 hinweist („Introducción“, 134*), trotzdem in den Marginalien zu Johannes von Biclaro, Chronicon 91–93 die Jahreszahl „589“ (81 Cardelle de Hartmann) notiert. Vgl. Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 5. 487 Bzw. auf diesem „Fehler“: „Todo el cálculo de los años posteriores está hecho sobre este error“ (Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 63). 488 Vgl. Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 6–7. 489 Vgl. Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 68–69. 490 Chronica Gallica a. 511, Codex Uniuersitatis Complutensis, fol. 39v (Text bei Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 134*; die ähnlichen Formulierungen sind unterstrichen): Ab hoc consule qui uult per indictiones computet uel per eram. Ab era usque in nostris temporibus in quo est era DCCLXXI creuerunt anni CCXXIIII. Fiunt ab initio VDCCCCXXXI. / „Von diesem Konsul [im Satz zuvor sind genannt Felix und Secundinus] zählt wer will nach den Indiktionen oder nach der Ära. Von der Ära bis in unseren Zeiten, wo die Ära 771 ist, haben sie unterschieden 224 Jahre. Es ergeben sich also vom Anfang 5431 [ Jahre].“ 491 Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 70. Der Codex Alcobaciensis sei eine sehr nahe Kopie dieser historiographischen Sammlung.

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also, den der Codex Soriensis repräsentiert.492 Denn nach dem Zeugnis von Pérez habe es am Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro im Soriensis keine chronologische Zusammenfassung gegeben.493 Wie oben schon gesagt, ist der Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro nämlich nur in einem Zweig der Überlieferung belegt: Anders als bei Victor von Tunnuna deutet hier die handschriftliche Überlieferung tatsächlich auf die Sekundarität des Schlusses hin. Pérez notiert in P-S am Ende der Chronik des Johannes von Biclaro: „Aquí había en el otro exemplar 8 o diez ringlones más, abaxo (non legitur) fol. 319 mas no en el gótico de Soria.“494 Das genannte Zeugnis von Pérez besagt, dass der chronologische Schlussparagraph wohl in der Abschrift des Florianus de Ocampo (Oc)495 vorhanden war, nicht aber in der Abschrift des Johannes Páez de Castro (= der Basistext von P-S) und auch nicht im Codex Soriensis. Auch im Codex aus Kopenhagen (AM 833 4°) findet sich kein Hinweis auf eine andere Lesart im Soriensis.496 Die gesamte chronologische Zusammenfassung am Schluss ist also diesem Zeugnis zufolge nur in dem Zweig der Tradition überliefert, zu dem der Codex Alcobaciensis und der Codex Uniuersitatis Complutensis gehören, nicht in dem Zweig, zu dem der Codex Soriensis gehört (und der im Anschluss an die Chronik des Johannes von Biclaro die Chronica Byzantia-Arabica überliefert).497 Deshalb ediert Cardelle de Hartmann sie auch nicht in ihrer Ausgabe als Text der Chronik des Johannes von Biclaro.498

492 Vgl. Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 66–68, 73; vgl. auch Cardelle de Hartmann, „The Textual Transmission“, 28. 493 Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 134*; vgl. auch Cardelle de Hartmann, „The Textual Transmission“, 28. Zur Textüberlieferung der Chronica Muzarabica a. 754 vgl. ebd. passim. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 134*–135* (mit Anm. 272) weist zudem auf einen weiteren ähnlichen Schlussteil in der kurzen Version der Chronik des Isidor von Sevilla in einer Handschrift aus El Escorial (T II 24) hin (abgedruckt bei den „Additamenta ad Chronica minora“ bei Mommsen, Chronica minora 2, 506), der ebenfalls nach der Spanischen Ära zählt und die Formulierung creuerunt anni verwendet: „Quizá son las tres notas indicios de las actividades de un escriba con interés por la cronografia, activo no sabemos dónde a mediados del s. VIII.“ 494 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 134* (Anm. 269), dort das Zitat aus dem Codex Perezianus Segobrigensis (P-S), fol. 32v. In der erhaltenen Fotografie von P-S ist dieser Satz deutlich kleiner geschrieben als der Text der Chronik und sehr schlecht lesbar. Bautista, „Páez de Castro“, 32 (Anm. 87), liest den Text folgendermaßen: „Aqui havia en el otro exemplar 8 o diez renglones, mas abaxo los ponemos al fin de este libro, fol. 319; mas no en el gotthico de Soria“. Vgl. auch Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 76, für die Lesart von P-S am Schluss der Chronik: […] non esse superbos. FINIS. 495 Wenn man „el otro exemplar“ auf diesen Codex bezieht, was insofern Sinn macht, als Pérez die Varianten aus Oc mit „alias“ bezeichnet (vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 25*). 496 Allerdings auch nicht auf eine andere Lesart in Oc oder einer anderen Handschrift; vgl. Codex Kopenhagen, Arnamagnæanske Institut, Københavns Universitet, AM 833 4°, fol. 134v–135r. Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 32. 497 Vgl. auch Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 61–62, der hierin das stärkste Argument gegen die Authentizität des Schlussabschnittes sieht. 498 Bei der Betrachtung des Schlusses der Chronik des Johannes von Biclaro fällt noch ein weiterer Punkt auf: Eigentlich läuft die Chronik auf die Geschehnisse in Chronicon 91 (3. Konzil von To-

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

3.6.10 Die Schlussparagraphen bei Victor von Tunnuna und bei Johannes von Biclaro – Versuch einer Neubewertung Die Schlussparagraphen beider Chroniken, der Chronik des Johannes von Biclaro und der Chronik des Victor von Tunnuna, sind trotz dieses handschriftlichen Befundes in einer Zusammensicht noch einmal neu zu betrachten. Aufgrund der späten handschriftlichen Überlieferung werden sich hier keine zwingenden Schlüsse ergeben. Es sollen hier aber noch einmal die Hinweise zur Deutung der Schlüsse benannt und gewichtet werden. Zunächst ist festzuhalten, dass die o. g. Argumentation von Cardelle de Hartmann bezüglich der Ähnlichkeit der Schlüsse in der Chronik des Johannes von Biclaro, der Chronica Gallica und einer Variante in Isidors Chronik nur für den zweiten Teil des Schlusses bei Johannes von Biclaro gilt. Mag daraus für diesen zweiten Teil derselbe Schreiber abzuleiten sein, gilt dies deshalb noch nicht für den ersten Teil des Schlusses. Dessen deutliche Übereinstimmung mit dem Schlussteil der Chronik des Victor von Tunnuna wurde oben aufgezeigt. Für Díaz y Díaz ist die Parallelität der Schlussabschnitte der beiden Chroniken kein hinreichender Grund, den Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro als ursprünglich aufzufassen.499 Dem ist insofern zuzustimmen, als eben v. a. aufgrund dieser Übereinstimmung im ersten Teil vielmehr davon auszugehen ist, dass der Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro eben doch aus zwei Teilen besteht. Diese stammen nicht vom selben Verfasser und sind in zwei Schritten zum eigentlichen Text der Chronik hinzugekommen.

ledo mit dessen „katholischem“ Glaubensbekenntnis) hinaus und findet hier nicht nur inhaltlich, sondern auch formal ein Ende, wenn es heißt (82,383–388 Cardelle de Hartmann): A uicesimo ergo imperii Constantini principis anno, quo tempore heresis Arriana initium sumpsit, usque in octauum annum Mauricii principis Romanorum, qui est Recaredi IV regni annus, anni sunt CCLXXX, quibus ecclesia catholica huius heresis infestatione laborauit sed fauente Domino uicit, quoniam fundata est supra petram. / „Vom zwanzigsten Jahr der Regierung des Prinzeps Konstantin also, als die arianische Häresie ihren Anfang nahm, bis in das achte Jahr des Prinzeps der Römer Mauritius, welches das 4.  Jahr der Regierung des Rekkared ist, sind es 280 Jahre, in denen die katholische Kirche sich gegen die Anfeindung dieser Häresie bemühte, aber siegte, weil Gott sie begünstigte, da sie ja gegründet ist auf den Stein.“ Dies ist die erste (und mit Ausnahme des genannten Schlusses einzige) chronologische Zusammenfassung in der Chronik, danach folgen noch zwei kurze Notizen (Chronicon 92 [die Perser bekehren sich zum Christentum] und 93 [Bestrafung eines Rebellen durch Rekkared]). Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 130*, sieht „una resolución final de los problemas planteados con el triunfo de la ortodoxia sobre la herejía en el concilio de Toledo, y del poder central sobre los intentos de rebelión, con Recaredo como triunfante figura central.“ Hierzu würden, so Cardelle de Hartmann, die Schlussworte docuit famulos dominis non esse superbos (Chronicon 93 [83,404–405 Cardelle de Hartmann]) dann passen. Vgl. noch etwas zugespitzter auf ein sinnvolles Ende in Chronicon 91 Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronografie“, 118–119. Die zwei letzten Paragraphen sind genau genommen für die genannte „resolución final“ überflüssig. Man könnte daher überlegen, ob der eigentliche Schluss der Chronik in den genannten Zeilen in Chronicon 91 zu suchen ist. Dies kann an dieser Stelle leider nicht weiter verfolgt werden. 499 Vgl. Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 51.

Der ursprüngliche Umfang der Chronik 2: Die Chronik und ihr Schluss

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Die Argumente von Díaz y Díaz in Bezug auf die Einheitlichkeit des Schlusses der Chronik von Johannes von Biclaro sind nämlich keineswegs zwingend. Neben der deutlichen Parallelität – hier ist v. a. noch einmal die doch insgesamt seltene Formulierung a natiuitate domini nostri hervorzuheben – (nur) im ersten Teil zum Schlussabschnitt der Chronik des Victor von Tunnuna kann seinen Argumenten Folgendes entgegengehalten werden: Die Formulierung in quo est era, die in beiden Teilen vorkommt, kann, wie von Mommsen angenommen, durchaus eine spätere Einfügung durch den Verfasser des zweiten Teils sein, der hier dann eine Anpassung vorgenommen hätte. Díaz y Díaz bietet keine Argumente, die dem widersprechen könnten. Der Anschluss des zweiten Teils mit uero kann ebenso dem Bemühen seines Verfassers um einen einheitlich wirkenden Gesamtschluss geschuldet sein. Auch eine Entsprechung der Zahlen des zweiten Teils zu denen des ersten verwundert nicht, wenn man einen Schreiber annimmt, der den zweiten Teil als Fortsetzung des ersten schrieb. Weitere Beobachtungen sprechen zudem für einen Bezug des ersten Teils des Schlusses der Chronik des Johannes von Biclaro zum Schluss der Chronik des Victor von Tunnuna: Will man die Zahlen, die von unserer heutigen Zählung um zwei Jahre abweichen, als Argument heranziehen, ist zu bedenken, dass dieselbe Abweichung in der Chronik des Victor von Tunnuna zu finden ist. Die Zählung bei Johannes von Biclaro könnte also ebenso eine Anpassung an diese Zählung sein. Dasselbe gilt für die Titulierung von Mauritius als princeps Romanorum. Dass dieser Titel in der Chronik des Johannes von Biclaro sonst so gut wie nicht vorkommt, ist in der Tat auffällig – aber auffällig ist ebenso, dass gerade auch im Schlussabschnitt der Chronik des Victor von Tunnuna usque in annum […] principis Romanorum gerechnet wird und der Titel princeps Romanorum hier überhaupt das einzige Mal bei Victor verwendet wird.500 Auch diese wörtliche Übereinstimmung zur Formulierung in der Chronik des Johannes von Biclaro spricht vor allem für einen Bezug der beiden Schlüsse (erster Teil bei Johannes, Chronicon 175 bei Victor) zueinander.501 Anstatt hier eine Einheitlichkeit des Schlusses der Chronik des Johannes von Biclaro zu postulieren, erscheint es aufgrund der genannten Hinweise sinnvoller, Mommsen in der Annahme von zwei Schlussteilen der Chronik des Johannes von Biclaro zu folgen. Der zweite Teil (beginnend mit Usque DCLIIII uero eram) weist aufgrund der Datierung his temporibus in das Jahr 780 nach der spanischen Ära, d. h. 742 n. Chr.,502 500 Bei Herrscherwechseln wird sonst der Titel weggelassen und lediglich Romanorum notiert, vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 8; 18; 41; 68; 101; 111. Sonst werden zwar Kaiser auch als princeps bezeichnet (etwa Leo in Chronicon 23 oder Justinian in Chronicon 42), aber nicht in Verbindung mit Romanorum. 501 In Chronicon 91, also kurz vor dem Schlussteil, wird allerdings Mauritius ebenfalls bereits als princeps tituliert (82,385 Cardelle de Hartmann), zuvor im selben Abschnitt jedoch noch als imperator (81,348 Cardelle de Hartmann). 502 Zur Entstehung von chronographischen Notizen in dieser Zeit (s. auch oben zu den Chronica Gallica) im Kontext von chiliastischen Hoffnungen unter den Mozarabern und zum Bedürfnis nach

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

zudem nennt er die Chronik des Isidor von Sevilla, beides schließt eine Entstehung mit dem Text der Chronik des Johannes von Biclaro (592/602) aus. Da davon auszugehen ist dass sich die Überlieferung vor dem Jahr 741 in zwei Zweige getrennt hat, ist der zweite Teil des Schlusses wohl von vornherein nur im Überlieferungszweig des Codex Uniuersitatis Complutensis enthalten gewesen. Mit diesem zweiten Teil kam die Ergänzung der Zählung nach der Ära im ersten Teil dazu, wahrscheinlich spätestens im Complutensis aus einer Randnotiz in den Text.503 Die Entstehung des ersten Teils des Schlusses der Chronik des Johannes von Biclaro ist aufgrund der deutlichen Übereinstimmungen gemeinsam oder in der Nähe der Entstehung des Schlusses der Chronik des Victor von Tunnuna zu suchen, mindestens aber als abhängig von ihm zu betrachten. Dies würde auf eine Ursprünglichkeit oder auf eine frühe Hinzufügung beider mit Colliguntur beginnenden Schlussteile hindeuten – also entweder darauf, dass Johannes von Biclaro selbst diesen ersten Teil in Anlehnung an den Schlussteil der Chronik des Victor von Tunnuna an seine Chronik angefügt hat, oder aber, und dafür spricht nun v. a. die Angabe a natiuitate, zu der oben herausgearbeitet wurde, dass sie auf eine etwas spätere Zeit hinweist und auf einen spanischen Kontext, auf eine frühe Hinzufügung der Schlussteile beider Chroniken analog zur Hinzufügung der oben diskutierten Präskripte,504 in Anlehnung an den o. g. Schluss bei Prosper und bei Eusebius/Hieronymus, den anderen beiden Texten aus der ersten kleinen Sammlung.505 Offen bleibt damit zunächst die Frage, wie sich die Tatsache, dass der gesamte Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro nur in einem Teil der Überlieferungstradition bezeugt ist, zu dieser These verhält. Der Soriensis ist nicht die einzige Handschrift, in der der Schussteil der Chronik des Johannes von Biclaro fehlt. Auch in Pa-orig (= Pa bei Cardelle de Hartmann: Apoklarer chronographischer Ordnung vgl. die kurze Bemerkung bei Cardelle de Hartmann, „Der mozarabische Blick“, 61–62. 503 Dafür spricht auch, wenn es mit dem Schluss der Chronik entstanden ist, das Incipit zur Epitome des Eusebius/Hieronymus (Item incipit breuiatio cronice Eusebii Iheronimi [s. o. S. 187–188]), welches eindeutig auf den Überlieferungsstrang des Complutensis hinweist, da darin auf die Chronik des Johannes von Biclaro anders als im Soriensis eben dieser Text folgt. Die Frage, warum ein Kompilator überhaupt den zweiten Schlussteil anfügte, kann hier nicht weiter geklärt werden. Hierzu wäre eine weitere Untersuchung der Zusammenstellung des Complutensis sinnvoll. Möglicherweise geschah dies, wenn das Incipit zur Chronik des Eusebius/Hieronymus gleichzeitig eingefügt wurde, im Zuge der Zusammenstellung des von Furtado herausgearbeiteten (großen) Liber chronicorum. 504 S. o. Kap. 3.4.3; vgl. die Formulierung von Díaz y Díaz, „La transmisión textual“, 60, zu den Präskripten: „Hay que deducir ciertamente que se trata de un clisé multiplicado por el copista de alguno de los códices intermedios entre estos autores y nosotros.“ Ein ebensolches „clisé multiplicado“ könnte angesichts ihrer Übereinstimmung für die Schlüsse der Chroniken vorliegen. 505 Auch in der Chronik des Johannes von Biclaro kommen ja solche Berechnungen zuvor nicht vor, mit Ausnahme der o. g. Passage in Chronicon 91 (s. o. S. 191–192 [Anm. 498]), in der Mauritius auch als princeps bezeichnet und die fast wörtlich im ersten Schlussteil aufgegriffen wird. Das kann auch auf eine spätere Hinzufügung deuten, die etwas vereinheitlichen will, auch wenn das kein zwingender Schluss ist.

Der ursprüngliche Umfang der Chronik 2: Die Chronik und ihr Schluss

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graph von Páez de Castro) ist er, anders als im Complutensis, nicht bezeugt, obwohl beide demselben Überlieferungsstrang angehören. Dazu schreibt Bautista: Cabría pensar, entonces, que este epílogo se hubiese insertado originalmente como una nota marginal al final de la crónica de Juan: tal nota se habria preservado, incorporada en el texto, en la rama correspondiente a M [= U], mientras que se habría perdido en la representada por Pa-orig.506

Für den Soriensis ist aber dasselbe Szenario vorstellbar: Wenn darin die chronologische Zusammenfassung als Randnotiz an den Text der Chronik angefügt worden war, ist es durchaus möglich, dass sie, als sich die Überlieferung in die zwei Hauptstränge teilte und im Soriensis die Chronica Byzantia-Arabica an die Chronik des Johannes von Biclaro angefügt wurde, in diesem Überlieferungsstrang verlorenging. Die Chronica Byzantia-Arabica wurde als Fortsetzung der Chronik des Johannes von Biclaro verfasst und schließt mit dem Tod Rekkareds an sie an.507 Für sie ist kein Präskript überliefert.508 Es ist damit denkbar, dass sie tatsächlich als direkter Anschluss an die Chronik des Johannes von Biclaro konzipiert wurde und der Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro in diesem Prozess wegfiel. Umgekehrt ist dann auch denkbar, dass die chronologischen Zusammenfassungen am Ende der Chroniken von Johannes von Biclaro und von Victor von Tunnuna (und von Prosper?509) bei der Zusammenfügung der ersten kleinen Sammlung der Chroniken hinzukamen, in Angleichung an den Schluss bei Eusebius/Hieronymus. Damit aber würde der Schluss der Chronik des Victor von Tunnuna nicht von Victor von Tunnuna selbst stammen. Dass beide Schlüsse gleichzeitig hinzukamen, ist zwar nicht zwingend: Johannes von Biclaro könnte seinen Schluss an den der Chronik Victors angepasst haben. Die starke Übereinstimmung der Texte in Verbindung mit der auf Spanien weisenden Verwendung von a natiuitate lässt dies aber vermuten und somit auf eine etwas spätere Hinzufügung zum Text der Chronik schließen. Da auch die Präskripte etwas später hinzukamen, ist an denselben Kompilator zu denken, der die Chroniken von Eusebius/Hieronymus, Prosper, Victor und Johannes als

506 Bautista, „Páez de Castro“, 32: Pa-orig sei hier, übereinstimmend mit So, näher am Archetyp als der Complutensis. 507 Vgl. Bautista, „Páez de Castro“, 66; Furtado, „Reassessing Spanish Chronicle Writing“, 179. Vgl. Chronica Byzantia-Arabica 1 (309,1 Gil): Reccaredus moritur anno regni XV expleto. 508 Vgl. Mommsen, „Additamenta IV.V, Praefatio“, 324; vgl. auch Codex Kopenhagen, Arnamagnæanske Institut, Københavns Universitet, AM 833 4°, fol. 176r. 509 Der Schluss der Chronik Prospers wurde offensichtlich auch in den beiden Überlieferungszweigen der Chroniksammlung angepasst, s. o. Kap.  3.6.8; es ist gut möglich, dass dies ebenfalls im Zuge der Zusammenstellung dieser ersten Sammlung geschah. Ebenso möglich ist aber auch, dass er schon früher zu dieser Prosper-Version gehörte und die Anpassung der Chroniken von Victor und Johannes an Eusebius/Hieronymus und an Prosper erfolgte.

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Der Text der Chronik und seine Geschichte

Sammlung gestaltete, 602 oder kurz danach.510 Die handschriftliche Überlieferung dürfte in diesem Fall weniger stark zu gewichten sein als die in großen Teilen wörtliche Übereinstimmung der Texte in den beiden Chroniken von Victor und Johannes. Der ursprüngliche Text der Chronik Victors von Tunnuna hätte dann einfach mit einem Herrschaftswechsel cum tranquillitate populi maxima geendet.511 Dass die Schlüsse bei Victor und bei Johannes beide eine Differenz von zwei Jahren zu unserer heutigen Zeitrechnung haben, ist dann kein Zufall mehr: Bei Johannes von Biclaro werden in der Chronik 25 Jahre gezählt. Rechnet man diese Zahl zu den 567 Jahren aus der Angabe bei Victor von Tunnuna, Chronicon 175 dazu, kommt man auf 592 Jahre – genau diese Zahl wird bei Johannes von Biclaro im ersten Teil des Schlusses angegeben. Man kann also die Zahl 592 aus der bei Victor von Tunnuna angegebenen Zahl 567 in Verbindung mit den Jahresangaben bei Johannes erklären. Es bleibt die Frage nach der Herkunft der 567 Jahre bei Victor von Tunnuna. Hierzu könnte in anderer Hinsicht der Laterculus des Dionysius Exiguus herangezogen worden sein: Wie von Mommsen vermutet ist es denkbar, dass derjenige, der den Schluss an die Chronik des Victor von Tunnuna anfügte, die Datierung des Todes von Justinian in der 15. Indiktion aus Chronicon 172 aufgrund einer Benutzung des Laterculus des Dionysius Exiguus im Schluss der Chronik in das Jahr 567 nach Christi Geburt setzte.512 Die Zahl 567 könnte so als Umrechnung auf Grundlage des Osterzyklus des Dionysius erklärt werden, aber nicht aus der Chronik des Victor von Tunnuna selbst und ebenso wenig aus einem Vergleich mit Prosper. Sowohl am Anfang und am Schluss der Chronik sind also etwas spätere Hinzufügungen zum Text der Chronik anzunehmen, Präskript und Schlussparagraph, mit der die

510 Dies könnte freilich auch Johannes von Biclaro selbst oder eine Person aus seinem Umfeld sein, s. o. S. 135. Sollte der ursprüngliche Schluss der Chronik des Johannes von Biclaro aber doch in Chronicon 91 liegen (s. o. S. 191–192 [Anm. 498]), wäre zumindest an die Redaktion von 602 zu denken. Mit der Annahme eines (frühen) sekundären Schlusses läge dann auch Poole, der den Schluss der Chronik des Victor von Tunnuna ja auf eine andere Quelle zurückführen wollte (s. o. S. 178), nicht ganz falsch. 511 Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 108*, die betont, dass dieser Herrschaftswechsel von Victor als Ende der Chronik gewählt worden sein kann. Zum besonderen Charakter der Einführung Justins II. in Chronicon 174 s. u. Kap. 5.8. Dass eine spätantike Chronik keinen dezidierten Schluss, sondern ein offenes Ende hat, ist nicht ungewöhnlich; vgl. auch Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 28. Dies ist dann auch der Grund für die vielfältigen Fortsetzungen der Chroniken, vgl. Cardelle de Hartmann, „Historie und Chronographie“, 123. Cardelle de Hartmann deutet den Umstand, dass die Chroniken keinen richtigen Schluss haben, auch theologisch: „Erst die Parusie wird die Geschichte zum Abschluss bringen und ihr Sinn geben können“ (ebd., 117–118). Als Chroniken mit überlegtem Abschluss weist sie allerdings auf die Chroniken von Johannes von Biclaro und Cassiodor hin (ebd., 118–119). 512 Zu dieser ungewöhnlichen Datierung des Todes Justinians selbst s. u. S. 201–202. Es besteht auch die Möglichkeit, dass Victor von Tunnuna die Datierung in die 15. Indiktion aus einer Quelle in Konstantinopel bekannt war, vgl. ebf. u. S. 202.

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Chronik in eine erste kleine Sammlung von Chroniken eingefügt wurde. Dadurch entstand ein größerer Textcorpus von Chroniken bzw. chronographischen Texten, von dessen Geschichte die Chronik des Victor von Tunnuna ein Teil wurde. Ihr Text wurde fast von Anfang an mit anderen Texten verbunden und innerhalb dieser Überlieferungsgeschichte weitergegeben. Eine eingehendere Untersuchung der Handschriften, v. a. des zur Verfügung stehenden Codex Uniuersitatis Complutensis zur Erhellung der Geschichte der folgenden Sammlungen ist ein Desiderat. Die vorliegende Arbeit aber widmet sich der Chronik des Victor von Tunnuna, und so wird nun der Frage nachgegangen, welche Geschichte insbesondere des Drei-Kapitel-Streites, in dessen Kontext der historische Ort der Chronik zu suchen ist, die Chronik erzählt.

4. Zum Gerüst der erzählten Geschichte In den nun folgenden Kapiteln kommt die zweite Geschichte der Chronik des Victor von Tunnuna in den Blick: Die Geschichte, die die Chronik erzählt. Diese Geschichte ist, wie oben schon erläutert, eine Geschichte des Drei-Kapitel-Streites in einem bestimmten Kontext, Nordafrika. Diese erzählte Geschichte steht in der Chronik in einem formalen Rahmen, der hier als ihr „Gerüst“ bezeichnet wird. Einerseits gehört dazu die Chronologie der Chronik, d. h. die Zählung der Jahre und die Datierungen innerhalb der Jahre in der Chronik (Kap. 4.1). Andererseits sind es die in der Chronik angeführten Abfolgen der Herrscher, d. h. der römischen Kaiser und der vanda­ lischen Könige sowie die Abfolgen der Patriarchen und Bischöfe, die der Chronik eine nachvollziehbare Struktur geben (Kap. 4.2). In dieses Gerüst der Chronik wird ihre erzählte Geschichte eingeschrieben. Dieses Gerüst wird daher im folgenden Kapitel 4 untersucht, ehe sich Kapitel 5 der erzählten Geschichte selbst widmet. 4.1 Die Chronologie der Chronik Eine Chronik ist nicht nur Chronologie – dennoch sind Chroniken dadurch charakterisiert, dass die in ihnen erzählte Geschichte in ein chronologisches „Gerüst“ eingeschrieben ist: In eine bestimmte Art der Zählung der Jahre. In der Chronik des Victor von Tunnuna finden sich außerdem innerhalb dieses Gerüstes weitere chronologische Elemente, nämlich Datierungen innerhalb der angegebenen Jahre. Diese beiden Aspekte sollen im Folgenden untersucht werden.

Die Chronologie der Chronik

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4.1.1 Die Zählung der Jahre Grundsätzlich folgt die Chronik des Victor von Tunnuna1 wie die Chronik des Prosper Tiro von Aquitanien einer Chronologie von Konsulaten.2 Das bedeutet, dass am Anfang eines neuen Jahres jeweils in einem Ablativus temporis die Konsuln genannt sind.3 Diese Form der Chronologie ist die für die Chronik grundlegende. Für die Jahre 444–457 und 501–563 verwendet Victor die westliche Form der Konsulzählung, für die Jahre 458–500 die östliche, wobei es jeweils Ausnahmen gibt.4 Wahrscheinlich greift Victor von Tunnuna hier auf Konsullisten zurück, die sich allerdings nicht näher bestimmen lassen.5 Die Zählung der Jahre nach der Passion Christi, die Prosper nach dem Tod Jesu zusammen mit der Chronologie der Konsulate bietet, findet sich bei Victor von Tunnuna nicht.6 Victor schreibt seine Chronik in einer Zeit, in der die Institution „Konsulat“ verschwindet: Das Konsulat des Basilius im Jahr 541 (vgl. Chronicon 128) war das letzte reguläre Konsulat.7 Victor von Tunnuna versucht zunächst, das System der Zählung nach Konsulaten dennoch aufrechtzuerhalten, indem er die Jahre nach dem Konsulat von Basilius zählt (bis 23 Jahre danach). Dann geht er dazu über, ab dem 38. Jahr der Regierung Justi-

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Der Schlussparagraph Chronicon 175 ist in diesem Kapitel ausgenommen, zu ihm s. ausführlich o. Kap. 3.6. Vgl. dazu die Konsulliste von Mommsen („Index V. Consules“, 497–551 [531–548 für die Jahre 444– 566]). Vgl. z. B. Victor von Tunnuna, Chronicon 3 (3,7–9 Cardelle de Hartmann): Callipio et Ardabure consulibus, Eutices […] paruit. / „Als Callipius und Ardabur Konsuln waren, erschien Eutyches […].“ Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXVIII in Bezug auf Mommsen, „Praefatio“, 180. Die bei Mommsen genannten Ausnahmen sind Chronicon 23; 28; 29; Placanica nennt darüber hinaus Chronicon 109a und 118. Mit westlicher bzw. östlicher Form ist die jeweils unterschiedliche Reihenfolge in der namentlichen Nennung der Konsuln gemeint; vgl. die entsprechenden Angaben in dem genannten „Index V. Consules“ bei Mommsen. S. o. Kap. 3.3. Zur hohen Bedeutung der Zählung nach Konsuln für die Rezeption von Prospers Chronik im Westen vgl. Kötter, „Einleitung“, 16; vgl. zu diesem System der Jahreszählung auch Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 133–137. Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 390–391 (410 Mommsen): Incipit adnotatio consulum a passione domini nostri Iesu Christi cum historia. / I. Fufio Gemino et Rubellio Gemino consulibus. / „Es beginnt die Aufzeichnung der Konsuln mit der Geschichte von der Passion unseres Herrn Jesus Christus. / 1. Jahr. Als Fufius Geminus und Rubellius Geminus Konsuln waren.“ Vgl. Noethlichs, „Iustinianus (Kaiser)“, 174; Meier, „Das Ende des Konsulats“, 250: In der Zeit danach erscheint der Kaiser – etwa im Jahr 566 Justin II. – im ersten Jahr seiner Regierung als Konsul. Die Gründe für das Ende des Konsulats sind umstritten, auffällig ist jedenfalls, dass das Jahr 541/542 in eine Zeit des Umbruchs fällt, in der christliche Symbolik in vielen Lebensbereichen altrömische Traditionen zurückdrängt; vgl. dazu Meier, „Das Ende des Konsulats“, hier 271: „Im Römischen Reich, wie wir es seit den frühen 40er Jahren des 6. Jahrhunderts greifen können, gab es für diese Institution keinen Raum mehr.“

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

nians die Jahre der Herrschaft von Kaiser Justinian zu zählen (vgl. Chronicon 167).8 Das System der Zählung nach den Regierungsjahren des Kaisers findet sich dann auch bei Johannes von Biclaro.9 Der Tod des Justinian wird bei Victor von Tunnuna zusätzlich nach der Indiktion angegeben.10 Dass Datierungen hinfort zuerst nach dem Regierungsjahr des jeweiligen Kaisers vorzunehmen seien, hatte Justinian 537 für schriftliche Dokumente (Verträge und Denkschriften: in documentis bzw. griech. ΕΝ ΤΟΙΣ ΣΥΜΒΟΛΑΙΟΙΣ ΚΑΙ ΥΠΟΜΝΗΜΑΣΙ)11 selbst verfügt. Er verfolgte damit wohl das Ziel einer Stabilisierung gegenüber solchen sich durch die unterschiedlichen Datierungen auch in der Chronik des Victor von Tunnuna zeigenden chronologischen Unsicherheiten.12 Präzisierend wird in Novelle 47,1 bestimmt, dass neben dieser Angabe der Name des jeweiligen Konsuls einzufügen sei, dann die Indiktion, der Monat und der Tag.13 Den Beginn des Regierungsjahres präzisierte Justinian dann auf den 1. April.14 Es kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob Victor von Tunnuna vor dem Hinter-

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Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 109*. Zur Zählung nach Konsulaten von Anfang des überlieferten Textes an vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 1 (3,3 Cardelle de Hartmann): Igitur Theodosio XVIII et Albino consulibus. Zur Zählung der Jahre nach dem Konsulat des Basilius vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 128–166. Zur Zählung nach den Jahren der Herrschaft von Justinian vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 167–172. Bei Johannes von Biclaro vgl. etwa Chronicon 7 (61,43 Cardelle de Hartmann): Anno III Iustini imperatoris […]. Ab Chronicon 11 zählt Johannes von Biclaro dann doppelt, nach den (oströmischen) Kaiserjahren und nach den Regierungsjahren der westgotischen Könige. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 172; s. o. S. 177. S. auch weiter u. S. 202. So im Titel von Nouellae Iustiniani 47 (283,3–4 bzw. 4–5 Schöll/Kroll). Vgl. dann auch Nouellae Iustiniani 47,1, praefatio (284,8–13 Schöll/Kroll): […] hoc modo incipere in documentis [griech. τῶν συμβολαίων]: Imperii illius sacratissimi Augusti et imperatoris anno toto. […] Sic enim per omnia tempus seruabitur (οὕτω γὰρ ἄν διὰ πάντων ὁ χρόνος τηροῖτο). Vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 182. Fichtenau, „‚Politische‘ Datierungen“, 203, sieht in den Datierungen nach dem Kaiser v. a. monarchische Propaganda, vgl. ebd., 204: „Die Datierung nach dem Kaiser verkündete dessen absolute Herrschaft über das Reich.“ Burgess/Kulikowski, Mosaics of Time, 137 führen den Gebrauch von Regierungsjahren in Chroniken aus dem vierten/fünften Jahrhundert anders auf die Chronici canones von Eusebius/Hieronymus zurück. Nouellae Iustiniani 47,1, praefatio (284,9–15 Schöll/Kroll): Βασιλείας τοῦδε τοῦ θειοτάτου Αὐγούστου αὐτοκράτορος ἔτους τοσοῦδε, καὶ μετ’ ἐκεῖνα ἐπιφέρειν τὴν τοῦ ὑπάτου προσηγορίαν τοῦ κατ’ ἐκεῖνου τὸ ἔτος ὄντος, καὶ τρίτην τὴν ἐπινέμησιν, παρεπομένου τοῦ μηνὸς καὶ τῆς ἡμέρας. / Imperii illius sacratissimi Augusti et imperatoris anno toto, et post illa inferre consulis appellationem qui illo anno est, et tertio loco indictionem, mensem et diem. Die Datierungen der Novellen selbst entsprechen diesem Schema allerdings oft nicht, v. a. die Indiktionsjahrdatierung fehlt häufig, vgl. Harweg, Zeit, 156– 159. Die Novelle weist jedenfalls darauf hin, dass die Datierung nach Konsuln beibehalten werden sollte, vgl. Meier, „Das Ende des Konsulats“, 251–252. Nouellae Iustiniani 47,1,1 (284,35–285,4 Schöll/Kroll): Palam namque est quia nunc quidem annum undecimum nostri scribunt imperii, incohante uero Aprile mense et prima die (ἀρχομένου δὲ τοῦ Ἀπριλλίου μηνὸς κατὰ τὴν πρώτην ἡμέραν), in qua nos deus Romanorum superposuit rebus, duodecimum annum scribent. Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXIX (mit Anm. 1). Diese Angabe gleicht übrigens der bei Victor von Tunnuna, Chronicon 99 genannten (im Rahmen des römischen Kalenders ungewöhnlichen) Angabe zum 5. April, s. u. Kap. 4.1.2.2.

Die Chronologie der Chronik

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grund dieser Novelle, die eben Bestimmungen für documenta oder συμβόλαια enthält,15 zur Zählweise nach den Jahren des Kaisers wechselt, wenngleich es plausibel erscheint, zumal – wie sich weiter unten zeigen wird – anzunehmen ist, dass Victor von Tunnuna mit der Zählung nach den Kaiserjahren die Jahre wie von Justinian angeordnet mit dem 1. April beginnen lässt. Warum Victor genau im genannten Jahr, also dem 38. Jahr der Regierung Justinians, seine Zählweise wechselt, kann nicht geklärt werden.16 Chronologische Schwierigkeiten bereiten die Angaben Victors von Tunnuna zu Justinian und dessen Todesjahr: Victor zählt die Jahre 37–40 der Regierungszeit des Kaisers17 und notiert den Tod Justinians für dessen 40. Regierungsjahr.18 Dies entspricht den vorherigen Angaben der Chronik: Zählt man die einzelnen Jahresabschnitte der Chronik für die Regierungszeit Justinians nach, kommt man auf die von Victor genannten 40 Jahre.19 Je nach Zählung – also ob man das Kalenderjahr seines Regierungsantritts zu seiner Herrschaft oder zu der seines Vorgängers rechnet – starb Justinian aber im 38. oder im 39. Jahr seiner Regierung. Die meisten der sonst bekannten Quellen geben eine Dauer von 38 Jahren, 7 Monaten und 13 Tagen für die Regierungszeit Justinians an.20 Die Schwierigkeiten in und mit der Chronologie Victors veranlassten Theodor Mommsen dazu, anzunehmen, dass ein (Kalender-) Jahr zwei Mal gezählt wurde, nämlich das 23. Jahr nach dem Konsulat des Basilius und das 37. der Regierung Justinians.21 Antonio Placanica hingegen geht davon aus, dass Victor nach dem Wechsel in der Zählung (von konsularisch zu kaiserlich) die Jahre mit dem 1. April beginnen lässt, also mit dem von Justinian angeordneten Datum als Beginn des Regierungsjahres, so dass er einmal das Jahr 563 als 23. Jahr nach dem Konsulat von Basilius zählt und einmal das Jahr 563/564 als 37. Jahr der Herrschaft Justinians.22 Carmen Cardelle de Hartmann

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Fichtenau, „‚Politische‘ Datierungen“, 205, weist darauf hin, dass auch die päpstliche Kanzlei seit 547 (Zeit des Aufenthaltes von Papst Vigilius in Konstantinopel) nach Kaiserjahren datierte. 16 Vgl. Harweg, Zeit, 161. 17 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 167; 169; 170; 172. 18 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 172 (54,986 Cardelle de Hartmann): Quadragesimo imperii sui anno; s. o. S. 177. Vgl. Chronicon 111 (36,612–613 Cardelle de Hartmann): Romanorum LII Iustinianus regnat annis XXXIX mensibus VII. / „Der 52. Kaiser der Römer, Justinian, regierte 39 Jahre und 7 Monate.“ 19 Umgerechnet auf die heutige Zeitrechnung kommt man damit für den Tod Justinians auf das Jahr 566/567; vgl. bei Cardelle de Hartmann die Marginalie zu Chronicon 172; vgl. auch in der Ausgabe von Mommsen, 206 („567?“). 20 Johannes Malalas, Chronographia 18,1 (354,5 Thurn); Theophanes, Chronographia a. m. 6057 (241,3–4 de Boor), oder wie etwa Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 4,41 (192,3–3 Bidez/ Parmentier) gerundet auf 38 Jahre und 8 Monate. Vgl. Placanica, „Note“, 107 (ad a. 527,2); vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 109*. Vgl. auch Mommsen, „Das Römisch-Germanische Herrscherjahr“, 60. 21 „Consularisch wie kaiserlich“, Mommsen, „Das Römisch-Germanische Herrscherjahr“, 60 (Anm. 2). Vgl. Mommsen, „Praefatio“, 180. 22 Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXVIII–XXIX.

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

schließt sich dem an23: Auf dieser Basis, wenn man die Jahre also von April aus zählt, kommt man mit der Angabe von Chronicon 111 (39 Jahre und 7 Monate Regierungszeit Justinians) für den Tod von Justinian zwar auf ein falsches Jahr (nach unserer Zeitrechnung auf 566 statt auf das tatsächliche Todesjahr 565), aber auf den richtigen Monat (November).24 Dieser Fehler ist jedenfalls leichter zu erklären als einer, der Monate und Jahre umfasst. Die Annahme von Placanica erscheint somit plausibel. Woher der Fehler in der Angabe der Regierungszeit kommt, bleibt freilich unklar.25 Die oben bereits genannte Datierung des Todes Justinians nach der Indiktion (Chronicon 172) ist die einzige Datierung nach dieser Form in der Chronik. Die Zählung nach Indiktionen26 war v. a. im Osten des Reiches verbreitet und setzte sich dort im sechsten Jahrhundert zunehmend „als zentrales Datierungselement“ durch.27 Die Datierung des Todes Justinians nach der Indiktion ist selten: Ohne die Angabe der Indiktion findet sich die Datierung des Todes Justinians etwa bei Marius von Avenches, Chronica a. 566; Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 4,41; Johannes von Ephesus, Historia ecclesiastica 3,5,13. Theophanes, Chronographia a. m. 6057, nennt (korrekt) die 14. Indiktion; Chronicon paschale 566 gibt nach der Nennung der 14. Indiktion als Datum des Todes Justinians die 15. Indiktion an. Die Angabe bei Johannes von Biclaro, Chronicon 1 entspricht der Angabe Victors von Tunnuna. Oben wurde vermutet, dass durch die Angabe der Indiktion ein Zusammenhang zum Osterzyklus des Dionysius Exiguus bestehen könnte28 – wenn man aber davon ausgeht, dass die Angabe von Victor von Tunnuna selbst stammt und nicht von demjenigen, der den Schluss der Chronik angefügt hat, ist auch denkbar, dass Victor von Tunnuna die Information zum Tod Justinians in der 15. Indiktion in Konstantinopel erhielt, da das Chronicon paschale von

Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 109*; vgl. auch die Marginalien zu Chronicon 165 und 166. Dass die Chronik Victors von Tunnuna in den letzten Abschnitten (unabhängig vom Schlussparagraphen) am Ende also nur ein Jahr von unserer Zeitrechnung abweicht (anders als Prosper, der zwei Jahre abweicht), ist wohl ein durch die Hinzufügung von einem Jahr zur Regierungszeit Justinians bedingter Zufall, vgl. Placanica, „Note“, 133 (ad epilogus). 25 Cardelle de Hartmann versucht, die Frage nach dem Warum dieser Zählung zu lösen, indem sie den Fehler in der Berechnung des Todesjahres bzw. der Regierungsdauer Justinians auf das von ihr vermutete Alter Victors bei der Abfassung seiner Chronik zurückführt – genauer gesagt, auf altersbedingte Gedächtnisprobleme, vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 108* (vgl. auch ebd., 102*): „Podemos muy bien conjeturar que Víctor escribió su crónica unos años después del último año narrado y que su equivocación en la datación de la muerte del emperador se debe a un fallo en la memoria a corto plazo de un hombre ya anciano“. Sie betont allerdings: „Nos movemos en el terreno de la conjetura“. 26 Bei den Indiktionen handelt es sich um fünfzehnjährige Steuerzyklen (seit Diokletian bzw. dem frühen vierten Jahrhundert), innerhalb derer die einzelnen Jahre durchgezählt wurden (15. Indiktion = letztes Jahr eines Indiktionsintervalls), und die bald für Datierungen verwendet wurden; der erste Beleg in einem Gesetz in Codex Theodosianus 12,12,2. Vgl. Meier, Das andere Zeitalter, 474, vgl. ebd., Anm. 231 zu Angaben zur Diskussion um den Ursprung der Indiktionen. 27 Meier, Das andere Zeitalter, 465. 28 S. o. Kap. 3.6.6. 23 24

Die Chronologie der Chronik

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dort stammt. Möglicherweise zeigt sich in Chronicon 172 auch in der Kombination der Datierung nach Herrscherjahren und Indiktion der Einfluss der o. g. Novelle 47.29 Anzumerken ist an dieser Stelle noch, dass sich (aus heutiger Sicht) in der Chronologie der Chronik zahlreiche Datierungsfehler bzw. Ungenauigkeiten finden. Es fehlen bspw. einige Jahre bei der Angabe der Konsuln ( Jahre 452; 472; 478; 481; 493; 503; 526).30 Uneinheitlich bzw. nicht korrekt sind auch Victors Angaben bezüglich der Regierungszeit der vandalischen Könige (insbesondere von Geiserich) und der Dauer der Vandalenherrschaft.31 4.1.2 Datierungen innerhalb der Jahre Zur Chronologie der Chronik gehören auch Angaben zur Datierung innerhalb eines Jahres. Diese Angaben sind in der Chronik des Victor von Tunnuna selten. Sie deshalb als eigenes „Gerüst“ für den Text der Chronik zu bezeichnen, wäre verfehlt. Sie präzisieren aber das eben dargestellte Gerüst der Jahreszählung. Einerseits soll sich in den gebotenen Daten sicher die über die einzelnen Jahre hinausgehende Kenntnis der Chronologie zeigen: Bestimmte Ereignisse werden genau innerhalb eines Jahres veror-

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30 31

Inwiefern die genannte Novelle freilich für die Durchsetzung der Zählung nach Indiktionen bedeutsam ist, ist nicht unumstritten. Fichtenau, „‚Politische Datierungen‘“, 197–198 (Anm.  59), spricht von einem „Mitschleppen der Indiktion bzw. der Postkonsulatsjahre“ durch die Novelle; Harweg, Zeit, 157, weist darauf hin, dass es Indiktionsjahrangaben in Datierungen in Novellen bereits vor Nouellae 47 gegeben habe; Steinacher, Die Vandalen, 124, betont, dass der 15-jährige Zyklus der Indiktionszählung „von Justinian 537 in seiner Novelle zwingend festgelegt“ wurde. Meier, Das andere Zeitalter, 474, sieht die Novelle innerhalb einer Entwicklung: „Demgegenüber hatten die Indiktionen schon in den Jahren zuvor merklich an Bedeutung für die Chronologie gewonnen und mußten nunmehr noch deutlicher in den Vordergrund treten.“ Er setzt diese Entwicklung dann in Zusammenhang mit seiner These der Krisen/Katastrophen im Reich und den damaligen Entwicklungen als Antworten auf die deshalb herrschenden Unsicherheiten: „Möglicherweise reflektiert die Abwendung von dem Versuch, zu absoluten Fixdaten zu gelangen, und ihr Ersatz durch die frei im zeitlichen Kontinuum schwebenden Indiktionen ein verbreitetes Bewußtsein des Verlorenseins innerhalb einer in keine Richtung mehr kalkulierbaren Weltzeit, die ihr Telos verloren hatte.“ Vgl. Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 107*. Vgl. Placanica, „Introduzione“, XXX–XXXI; vgl. auch insgesamt die Angaben in den „Note“ von Placanica bei den entsprechenden Jahren. Im Einzelnen s. dazu u. Kap. 5.5. Zum Teil verwirrend sind die von Mommsen, Placanica und Cardelle de Hartmann jeweils als Marginalien eingefügten, allerdings nicht näher explizierten Jahreszahlen in der Chronik. Sie gehen wohl zunächst – rückwärts gezählt – von der Schlussberechnung (Chronicon 175) aus und werden dann der Berechnung nach dem Konsulat des Basilius angepasst (das Jahr 563 ist zwei Mal vermerkt: 563 für Chronicon 165; 563/64 für Chronicon 167). Damit wird der Tod Justinians analog zur Zählung Victors etwa für das Jahr 566/7 angegeben, was für heutige Leserinnen und Leser zwar eine Orientierungshilfe darstellt, absolut (nach heutiger Berechnung) aber nicht korrekt ist. Die Randzählung berücksichtigt auch nicht die Datierungsfehler in der Chronik. Dies muss bei der Lektüre der Chronik bedacht werden.

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

tet. Da diese genauen Datierungen aber innerhalb der Chronik nur vereinzelt zu finden sind, ist andererseits zu fragen, ob sie, wenn sie verwendet werden, darüber hinaus eine besondere Funktion einnehmen. Nach einem kurzen Überblick zu den Tagesdatierungen in der Chronik werden diese hier daher dahingehend untersucht. 4.1.2.1 Tagesdatierungen in der Chronik: Ein kurzer Überblick Die erste Tagesdatierung in der Chronik betrifft die Versammlung des Konzils von Chalcedon, die auf den 8. Tag vor den Kalenden des Oktober datiert wird (VIII kalendas octobris […] sinodus generalis Calcidona colligitur).32 Eine weitere Datierung wenig später ist die Übernahme der Herrschaft durch den weströmischen Kaiser Flavius Libius Severus als Nachfolger von Maiorianus an den Nonen des Juli (07. Juli).33 Die weiteren Datierungen in der Chronik beziehen sich durchgehend auf Todestage: Die Ermordung des Proterius geschieht VI kalendarum aprilium VI feria ultime ieiuniorum ebdomade, die qua noster Saluator et Dominus a Iudaeis est cruxifixus.34 Hier wird das genaue Datum noch näher spezifiziert, einerseits als Wochentag und andererseits religiös: Der Wochentag ist der Freitag, und zwar der Freitag der letzten Woche des Fastens, also Karfreitag. Von Laetus, dem Bischof von Nepte, wird berichtet, er wurde VIII kalendarum octobrium die Märtyrer (gloriose martirio coronatur).35 Im selben Satz wird gleich im Anschluss notiert, dass Eugenius, der Bischof der Kirche von Karthago, nach den schrecklichen Exilen (in) der Wüste mit vielen Leiden und Strafen berühmt wurde.36 Dies kann sich also auf dasselbe Datum beziehen, auch wenn dies kein zwingender Schluss ist.37 Datiert werden ferner der Tod von Timotheus, Bischof von Konstantinopel, auf den 5. April38 sowie der Tod des Reparatus von Karthago die

Victor von Tunnuna, Chronicon 10 (5,55–6,58 Cardelle de Hartmann). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 27 (10,147–148 Cardelle de Hartmann): Maiorianus Rome occidit et Seuerus imperium nonis Iuliis sumit. / „Maiorianus starb in Rom und Severus übernahm die Herrschaft an den Nonen des Juli.“ Dieses Datum stimmt wahrscheinlich nicht, vgl. Placanica, „Note“, 75 (ad a. 458); Henning, Periclitans res publica, 40–41. 34 Victor von Tunnuna, Chronicon 19 (8,113–115 Cardelle de Hartmann): „[…] am 6. Tag vor den Kalenden des April [= 27. März], am Freitag der letzten Woche des Fastens, am Tag an dem unser Retter und Herr von den Juden gekreuzigt wurde“. Die Chronik fährt erläuternd mit einem weiteren Datum fort (8,116–9,117 Cardelle de Hartmann): Tunc enim Pascha dominicum quarto est kalendarum aprilium celebratum. / „Damals nämlich wurde der Ostersonntag gefeiert am vierten Tag vor den Kalenden des April [= 29. März].“ 35 Victor von Tunnuna, Chronicon 50 (16,251–252 Cardelle de Hartmann). Zum Tod des Laetus als „guter Tod“ s. u. Kap. 5.5.2. 36 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 50 (16,252–254 Cardelle de Hartmann): et Eugenius episcopus Cartaginensis ecclesie post dira heremi exilia plurimis afflictionibus penisque clarus habetur. 37 Das clarus habetur kann sich auch ausschließlich auf das den Satz eröffnende nicht spezifische tunc beziehen. 38 Victor von Tunnuna, Chronicon 99 (32,544 Cardelle de Hartmann): quinta die aprilis mensis. 32 33

Die Chronologie der Chronik

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VII idus ianuarias39. Theodor von Cebarsussa stirbt eo mense et die quo Iustinianus moritur40. Eine Ausnahme ist die Angabe zum Tod des Johannes (Troglita) und des Stotzas: Es wird notiert, dass sie sterben am Tag des Herrn, an dem sie gekämpft hatten: Qui confestim alter utro utrique gladio occiderunt et dominico die quo pugna facta est moriuntur.41 Hier wird also der Wochentag, Sonntag, nicht aber das genaue Datum genannt. Dass damit eine Aussage über eine Präzisierung hinaus getroffen werden soll, ist nicht ersichtlich.42 Auffällig ist die Angabe dennoch, weil sie sich in anderen Quellen nicht findet.43 4.1.2.2 Der Tod des Timotheus von Konstantinopel am 5. April (Chronicon 99) Formal auffällig ist die Datierung des Todes von Timotheus, Bischof von Konstantinopel, quinta die aprilis mensis (Chronicon 99). Auch diese Datierung ist wohl schlicht eine Präzisierung. Victor von Tunnuna benutzt hier allerdings ausnahmsweise ein anderes kalendarisches Schema als das traditionelle römische.44 Normalerweise wird angenommen, dass die Datierungsform nach dem numerischen Monatstag im Westen erst seit dem Frühmittelalter auftritt; die Chronik Victors dürfte also eines der frühen (lateinischen) literarischen Zeugnisse dafür sein.45 Aufgrund der Tatsache, dass Victor

39 40 41 42 43

44 45

Victor von Tunnuna, Chronicon 165 (53,956–957 Cardelle de Hartmann). Victor von Tunnuna, Chronicon 173 (54,989–990 Cardelle de Hartmann). Zur Datierung des Todes Justinians in der 15. Indiktion s. o. S. 202. Victor von Tunnuna, Chronicon 134 (45,799–800 Cardelle de Hartmann): „Die töteten sich beide sogleich gegenseitig mit dem Schwert, und sie starben an dem Sonntag, an dem der Kampf gemacht wurde.“ Sie wird daher in diesem Kapitel nicht separat untersucht; vgl. zu Chronicon 134 aber u. in Kap. 5.6.6. Vgl. Marcellinus Comes, Chronicon a. 545,2; Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 2,24,10–11; Coripp, Iohannis 4,168–221. Auch die Darstellung der Todesumstände weicht in diesen Quellen von Victor von Tunnuna ab: Johannes tötet erst Stotzas, wird dann aber kurz darauf selbst von Feinden bzw. von einem Bewaffneten aus Stotzas Anhängern getötet. Der hier gemeinte Kampf zwischen Johannes Troglita und dem Anführer der Aufständischen Stotzas fand im August oder September 545 statt; vgl. Placanica, „Note“, 121–122 (ad a. 545). Vgl. Placanica, „Note“, 103 (ad a. 517,2). Vgl. Rüpke, „Kalender“; ähnlich von den Brincken, Historische Chronologie, 53; Placanica, „Note“, 103 (ad a. 517,2) weist als weitere Beispiele hin auf Cassiodor-Epiphanius, Histora ecclesiastica tripartita 3,12,10 (155,37 Jacob/Hanslik): […] uicesima secunda mensis Mai […]; sowie ACO 4,1 (27,20–23 Straub): Et primo die instantis Maii mensis […]. Es gibt auch relativ frühe epigraphische Belege, vgl. Ferrua, „Il giorno del mese“, in Auseinandersetzung mit den Belegen bei Diehl, Inscriptiones Latinae Christianae veteres 3. Indices, 310. In Africa fänden sich Inschriften mit solchen Datierungen allerdings erst seit dem Ende des sechsten Jahrhunderts, vgl. Ferrua, „Il giorno del mese“, 66 (Anm. 11). Ferrua (66) verweist auf die erstmalige Benutzung dieses von ihm „modern“ genannten Stiles im Liber pontificalis bei Gregor dem Großen und seinem Nachfolger Sabinianus (Liber pontificalis 66,5 und 67,1); danach würde der moderne Stil sich mit dem römischen abwechseln: „E questa sembra indicare esattamente l’evoluzione storica della data del mese per tutto l’Occidente latino“. Besonders früh zeige sich der „moderne Stil“ in Sizilien (vgl. 71–72). Ferrua kommt

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

von Tunnuna seine Chronik in Konstantinopel schrieb, sind östliche Einflüsse denkbar: In Chroniken aus dem Osten findet sich diese Datierung zu dieser Zeit schon. So datiert die Chronik des Johannes Malalas46 an verschiedenen Stellen nach numerischen Monatstagen.47 Auch später im Chronicon paschale (ca. 630) finden sich wiederholt Angaben nach diesem Schema – seltener vor Justinian, häufiger nach Justinian, so etwa auch zum Tod Justinians.48 Die o. g. Nouella 47, die allerdings selbst nach dem römischen Schema datiert wird,49 setzt den Beginn des Kaiserjahres auf den „ersten Tag des Monats April“,50 den Tag, den die beiden genannten griechischen Chroniken als Tag des Regierungsantritts Justinians angeben. Ist die Angabe „der erste Tag des Monats April“ in der Novelle selbst keine Datumsangabe im eigentlichen Sinn – auch die Kalenden des April sind ja dennoch einfach der erste Tage des Monats April –, wird sie aber in den Chroniken so gebraucht. Die Datierung in Chronicon 99 ist die einzige in der Chronik nach dem Schema der numerischen Monatstage. Unklar bleibt, warum Victor an dieser Stelle diese Datierungsform wählt und auf welcher Grundlage er das konkrete Datum nennt. Die Epitome des Theodoros Anagnostes etwa gibt für den Tod des Timotheus keine genauere Datierung an.51 Der fünfte April lässt sich auch nicht schlüssig auf ein anderes Ereignis beziehen, das an diesem Datum stattfand.52 zu dem Schluss, dass es seit dem fünften Jahrhundert die Tendenz gegeben habe, das traditionelle System der Kalenden, Nonen und Iden zu vereinfachen (74) – „ma la causa ultima del cambiamento verificatosi in Sicilia e poi altrove ci sfugge“ (75). 46 Zu datieren in das sechste Jahrhundert, der zweite Teil, der wohl mit dem Tod Justinians endete, konzentriert sich auf Konstantinopel; vgl. Thurn, „Einleitung“, 2*– 3*; vgl. Thurn/Meier, Johannes Malalas, Weltchronik, 535. 47 Vgl. bspw. Johannes Malalas, Chronographia 10,1.14 (verschiedene numerische Monatsdatierungen zu Passion und Auferstehung Christi); 13,2 (Beginn der Herrschaft des Julian Apostata); 17,1 (Regierungsantritt von Justin I.); 18,1 (Regierungsantritt Justinians [354,5–6 Thurn; Übers. 439 Thurn/Meier]): ἐν μηνὶ ξανθικῷ τουτέστι ἀπριλλίῳ πρώτῃ ἰνδικτιῶνι πέμπτῃ / „im Monat Xanthikos-April, am ersten, in der fünften Indiktion“. 48 Vgl. Chronicon paschale 566 (688,1 Dindorf; Übers. 137 Whitby/Whitby): τῇ ιδʹ τοῦ νοεμβρίου μηνὸς / „on the 14th of the month November“. Vgl. bspw. auch Chronicon paschale 360 (hier umgerechnet aus dem römischen System); 527 (Regierungsantritt Justinians am 1. April [617,14–15 Dindorf; Übers. 108 Whitby/Whitby]: τουτέστιν ἀπὸ μηνὸς ξανθικοῦ, κατὰ Ῥωμαίους ἀπριλίου αʹ. Ἰνδ. εʹ. / „that is from the month Xanthicus, April 1st according to the Romans, indiction 5“); vgl. auch Chronicon paschale 562; 582; 602 u. ö. 49 Vgl. Nouellae Iustiniani 47, epilogus (285,34–36 Schöll/Kroll; Übers. Harweg, Zeit, 155): Dat. Prid. K. Sept. imp. Dn. Iustiniani pp. Aug. anno XI. post cons. Belisarii v. c. anno II. / „Gegeben am Tag vor den Kalenden des September ‚in Konstantinopel‘ im 11. Jahre der Herrschaft unseres Herrn Justinian, für immer Augustus, im 2. Jahr nach dem Konsulat Belisars, des erlauchten Mannes“. Zur (hier zitierten) lateinischen Datierung im griechischen Text vgl. Harweg, Zeit, 153, 155. Im lateinischen Text ist darüber hinaus die Indiktion angegeben. 50 Vgl. Nouellae Iustiniani 47,1,1 (284,35–285,4 Schöll/Kroll; s. o. S. 200 [Anm. 14]). 51 Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E523 (151,19 Hansen): Τιμόθεος ὁ ἐπίσκοπος ἐτελεύτησεν. Die Angabe zum 5. April könnte freilich auch aus der ursprünglichen Fassung der Historia ecclesiastica stammen. 52 Auch dann nicht, wenn man ihn auf die römische Datierung (= dies nonis aprilis) umrechnet.

Die Chronologie der Chronik

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4.1.2.3 Der Tod des Reparatus (Chronicon 165) Ähnliches gilt für den Tod des Reparatus von Karthago am VII idus ianuarias (= 8. Januar).53 Es ist keine weitere Quelle für seinen Tod am 7. Tag vor den Iden des Januar bekannt, ebenso wenig verweist dieses Datum auf ein Ereignis, das im Zusammenhang mit dem Tod des Reparatus von Bedeutung sein könnte.54 Hier ist eher an den Beleg der genauen Kenntnis der Umstände des Todes des Reparatus durch Victor von Tunnuna zu denken. 4.1.2.4 Der Tod des Theodor von Cebarsussa (Chronicon 173) Mit dem Tod des Theodor von Cebarsussa eo mense et die quo Iustinianus moritur wird der Tod eines weiteren Nordafrikaners, der wie Reparatus und mit Victor von Tunnuna bis zuletzt an der Verteidigung der Drei Kapitel festgehalten hat, genau datiert – jedenfalls auf den ersten Blick. Tatsächlich fehlt aber in der Chronik die entsprechende Datierung des Todes Justinians, für den nur Jahr und Indiktion, nicht aber Monat und Tag genannt werden.55 Möglicherweise ist dies ein Hinweis darauf, dass für den Chronisten weniger das konkrete Datum als der Bezug zum Tod Justinians entscheidend ist – gleichzeitig mit Justinian stirbt der neben Victor von Tunnuna letzte namentlich genannte Verteidiger der Drei Kapitel. Wie dies im Rahmen der Geschichte der Verteidigung der Drei Kapitel, die Victor von Tunnuna erzählt, gedeutet werden kann, wird weiter unten aufgegriffen werden.56 4.1.2.5 Der Tod des Laetus von Nepte (Chronicon 50) Genau angegeben wird auch das Datum des Märtyrertodes des Laetus, Bischof von Nepte, also eines weiteren Nordafrikaners (Chronicon 50: VIII kalendarum octobrium

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55 56

S. o. S. 204–205. Vgl. Placanica, „Note“, 130 (ad a. 563,1): „La notizia non risulta da altra fonte a me nota“. Es findet sich bspw. kein Eintrag für dieses Datum im Kalender von Karthago; das Martyrologium Hieronymianum gedenkt am 7. Tag vor den Iden des Januar Lukian von Antiochien, der an diesem Tag im Jahr 312 als Märtyrer starb. An eine Verbindung des Todes des Reparatus zu dem des Lukian zu denken, ist aber zu konstruiert. Auch die Suche nach dem Datum 7. Tag vor den Iden des Januar mit den Tools Patrologia Latina Database und Library of Latin Texts erbrachte kein Ergebnis. Die Notiz zum Tod des Reparatus ist aber für die Chronik des Victor von Tunnuna in anderer Hinsicht interessant, s. dazu u. S. 455–459. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 172; s. o. S. 202. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 173; s. u. Kap. 5.7.3.7.

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die), eines Märtyrers aus der Zeit der Vandalenherrschaft.57 Diese Datierung ist in zweifacher Hinsicht auffällig: Einerseits weicht diese Datierung jedenfalls auf den ersten Blick von den Angaben zum Tod des Laetus bei Victor von Vita ab.58 In dessen Historia persecutionis wird der Tod des Laetus – des, so Christian Courtois, einzigen namentlich genannten Märtyrers unter den nordafrikanischen Bischöfen unter den Vandalen59 – im Vorfeld der auf den 1.  Februar 484 einberufenen Konferenz von Karthago genannt. Hunerich veranlasst ihn, um andere abzuschrecken.60 Kurt Vössing nennt die Angabe bei Victor von Tunnuna daher schlicht falsch.61 Allerdings ist die Information bei Victor von Vita nicht ganz eindeutig: Es wird geschildert, dass Hunerich vor der Konferenz u. a. Laetus zur Hinrichtung auswählte, den er dann „nach langer, in einem schmutzigen Verlies verbrachter Haft“ verbrennen ließ.62 Die genaue Zeit der Haft ist dabei nicht genannt – es kann sich dabei durchaus um einen längeren Zeitraum handeln (diuturnos), der eine Datierung des Todes im September – auch noch unter Hunerich – möglich erscheinen lässt.63 Die Datierung des Todes von Laetus ist aber andererseits auch deshalb auffällig, weil sie der Tagesdatierung des Beginns des Konzils von Chalcedon in der Chronik entspricht (Chronicon 10; s. o. S. 204) – einer von nur zwei Angaben in der Chronik zu einem Tagesdatum, die nicht auf einen Tod bezogen sind.64 Diese Datierung der Eröffnung des Konzils von Chalcedon auf den 8. Tag vor den Kalenden des Oktober ist selbst ungewöhnlich: Das Konzil wurde nach den Akten am 8. Tag vor den Iden des Oktober, also am 08.10.451 eröffnet.65 Warum Victor von Tunnuna hier anders datiert,

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Weiter zum Tod des Laetus als Märtyrer im Rahmen der Chronik des Victor von Tunnuna s. u. Kap. 5.5.2. 58 Zur Identifizierung des Laetus bei Victor von Vita mit Laetus von Nepte s. u. S. 324–325. 59 Vgl. Courtois, Les Vandales, 298: „parmi eux, nous ne connaissons qu’un seul martyr, Laetus de Nepta“. In der Historia persecutionis wird Laetus allerdings nicht als Märtyrer bezeichnet, s. dazu u. S. 325. 60 Vgl. dazu aber Vössing, „Kommentar“, 177 (Anm. 213): „Die genauen Hintergründe sind unklar. Daß Laetus willkürlich ausgewählt wurde, um ein Exempel zu statuieren, erscheint angesichts des Fehlens sonstiger Belege für Hinrichtungen von Bischöfen unwahrscheinlich.“ 61 Vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 2,52. Vgl. Vössing, „Kommentar“, 177 (Anm. 212). 62 Vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 2,52 (44,23 Petschenig; Übers. 97 Vössing): post diuturnos carceris squalores. 63 Vgl. auch Vössing selbst, der zum Tod des Laetus schreibt („Kommentar“, 177 [Anm. 211]): „Hinrichtungen sind aber in diesem Zusammenhang, wie das Folgende zeigt, nur in einem Fall bezeugt, und dies erst Monate später“. So setzt auch das Martyrologium Romanum (nicht das Martyrologium Hieronymianum, so Placanica, „Note“, 84 [ad a. 479,1]) den Gedenktag des Laetus auf den 8. Tag vor den Iden des September (= 6. September; vgl. AASS Propylaeum decembris [382 Delehaye u. a.]). Vgl. auch Vössing, „Kommentar“, 177 (Anm. 212); Lancel, „Notes complémentaires“, 308 (Anm. 222). 64 Die andere Angabe bezieht sich auf die o. g. Übernahme der Herrschaft durch Flavius Libius Severus (Chronicon 27) und ist wohl als Präzisierung zu verstehen. 65 Vgl. ACO 2,1,1 (55,2–3 Schwartz), lateinisch ACO 2,3,1 (27,5–6 Schwartz); Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 5,3,3; vgl. Placanica, „Note“, 69 (ad a. 451).

Die Chronologie der Chronik

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kann nicht rekonstruiert werden – es ist nicht auszuschließen, dass hier schlicht ein (Schreib-)Fehler vorliegt.66 Dennoch ist zu überlegen, ob zu dieser Tagesdatierung mehr zu sagen ist, als dass Victor von Tunnuna hier eben einfach falsch datiere.67 Dass der 8. Tag vor den Kalenden des Oktober, also der 24. September, um die herbstliche Tag- und Nachtgleiche liegt, ist bemerkenswert, kann aber Zufall sein. Dass sich aber die Tagesdatierungen des Konzils von Chalcedon und des Todes des Laetus entsprechen, wäre, wenn es ein bloßer Zufall wäre, ein äußerst auffallender: Durch diese Datierung werden der Tod des Laetus, eines „katholischen“, nizänischen Märtyrers aus der Byzacena,68 und das Konzil von Chalcedon auf subtile Weise verbunden. Laetus von Nepte steht in seinem Tod (implizit) in der Tradition von Chalcedon. Später in der Chronik kommt Laetus eine wichtige Rolle zu: In Chronicon 118 wird berichtet, dass Laetus von Nepte Kaiser Justinian erscheint und dieser daraufhin Belisar mit einem Heer nach Africa schickt, um gegen die Vandalen zu kämpfen. Es wird später gezeigt werden, wie dies im Rahmen der erzählten Geschichte der Chronik zu deuten ist.69 An dieser Stelle genügt die Feststellung, dass Laetus von Nepte und das Konzil von Chalcedon in der Chronik durch die gemeinsame Tagesdatierung verknüpft sind. 4.1.2.6 Der Tod des Proterius (Chronicon 19) Ein weiteres Tagesdatum in der Chronik lässt die Deutung einer prochalcedonensischen Zuspitzung zu: Die Datierung der Ermordung des Proterius auf den 6. Tag vor den Kalenden des April, näher qualifiziert als Karfreitag (Chronicon 19: VI kalendarum aprilium VI feria ultime ieiuniorum ebdomade, die qua noster Saluator et Dominus a Iudae­ is est cruxifixus).70 In der Epitome des Theodoros Anagnostes, die ebenfalls von der Ermordung des Proterius berichtet, fehlt diese Datierung.71 In der Collectio Auellana wird die Ermordung des Proterius auf den Gründonnerstag datiert.72

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Beide Angaben beziehen sich immerhin auf denselben Wochentag, Montag (vgl. Bär, Chronologie und Kalender). Vgl. Vössing, „Kommentar“, 177 (Anm. 212). Vgl. Vössing, „Kommentar“, 177 (Anm. 212). S. u. Kap. 5.5.6 und 5.7.1.3. S. o. S. 204. Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E368–370 (103,22–104,22 Hansen). So die Gesta de nomine Acaci 4 = Collectio Auellana 99,14 (445,11–14 Guenther): ante triduum paschae, quo cena domini celebratur […] Proterius […] supra dicto die in baptisterio occiditur […]. So auch bei Liberatus von Karthago, Breuiarium 15 (124,8–10 Schwartz): et ante triduum paschae, quo cena domini celebratur, […] eadem die in baptisterio occiditur […]. Der davon ebenso berichtende Brief chalcedontreuer Bischöfe aus Ägypten nennt uneindeutig die Osterzeit, vgl. Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 2,8 (58,28 Bidez/Parmentier; Übers. 245 Hübner): ἦν γὰρ τοῦ σωτηρίου πάσχα πανήγυρις / „es war nämlich die Feier des heilbringenden Osterfestes“; vgl. lat.

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

Gereon Siebigs geht davon aus, dass Theodoros Anagnostes ursprünglich auch den Karfreitag angab, da „alle Quellen, die dieses Datum haben, […] ihn direkt oder indirekt benutzt“ haben73: Victor von Tunnuna biete „direkt das Original“, also die ursprüngliche Version des Theodoros Anagnostes. Indirekt sei die Überlieferung der ursprüng­lichen Version des Theodoros Anagnostes bei Theophanes.74 Dessen Chronik nennt als Datum ἐν τῇ πρώτῃ τῆς πασχαλίας ἡμέρᾳ,75 also den ersten Tag der Oster­ feierlichkeiten. Abgesehen davon, dass die Chronik des Theophanes deutlich später, am Anfang des neunten Jahrhunderts geschrieben wurde, ist diese Angabe nicht eindeutig. Versteht man die Osterfeierlichkeiten im Sinne eines Triduum sacrum, das mit dem Karfreitag begann, kann mit der genannten Formulierung zwar der Karfreitag gemeint sein.76 Jedoch kann das Triduum sacrum später, indem man den Vorabend zum darauffolgenden Tag zählt, auch als am Gründonnerstagabend mit der Feier der Einsetzung des Abendmahls beginnend verstanden werden.77 Auch gibt es liturgische Quellen, die den Gründonnerstag unabhängig von einem Triduum als Beginn des Osterfestes bezeichnen.78 Die Formulierung „am ersten Tag der Osterfeierlichkeiten“ ist also prinzipiell offen für eine Deutung hinsichtlich des Gründonnerstags und nicht eindeutig auf den Karfreitag bezogen.

ACO 2,5, Collectio Sangermanensis 1,7 (14,15 Schwartz): cum esset salutaris paschae festiuitas; vgl. ACO 2,5, Collectio Sangermanensis 1,8 (19,35–36 Schwartz): commiserunt enim homicidium tempore sancto paschae. 73 Siebigs, Kaiser Leo I., 816. 74 Siebigs, Kaiser Leo I., 816. 75 Theophanes, Chronographia a. m. 5950 (110,35 de Boor). Siebigs, Kaiser Leo I., 816, nennt zudem Georgios Kedrenos (ca. 11. Jahrhundert) als vom ursprünglichen Text bei Theodoros Anagnostes abhängig. 76 So in der genannten Stelle in den Gesta de nomine Acaci 4 (445,11–12 Günther; vgl. auch die in Anm. 72 genannte Stelle bei Liberatus von Karthago, Breuiarium 15), die den Tod des Proterius ausdrücklich vor das Triduum paschale auf den Tag, an dem das Herrenmahl gefeiert wurde, datieren: ante triduum paschae, quo coena Domini celebratur. Zu einem solchen Verständnis des Triduum sacrum vgl. bspw. auch Augustinus, Epistula 55,14,24 (195,13–14 Goldbacher; Übers. Studer, „Zum Triduum Sacrum“, 277): Attende igitur sacratissimum triduum crucifixi, sepulti, suscitati. / „Beachte darum gut die heiligen drei Tage des gekreuzigten, begrabenen und auferweckten Herrn.“ – Hier allerdings nicht als pascha bezeichnet, vgl. Auf der Maur, Feiern im Rhythmus der Zeit 1, 77, und ohne Bezug auf liturgische Vollzüge, vgl. Studer, „Zum Triduum Sacrum“, 277. 77 Vgl. Bieritz, „Das Kirchenjahr“, 375. Seit wann der Gründonnerstagabend (im Westen) in das Triduum paschale einbezogen wurde, ist unklar, vgl. Marsili, „Il ‚Triduo sacro‘“, 21–24; vgl. für den Osten knapp Taft, „In the Bridgegroom’s Absence“, 72. Ein eigener Ritus nur des Triduum sacrum entwickelte sich im Osten nicht, vgl. Auf der Maur, Feiern im Rhythmus der Zeit 1, 77; Buchinger, „Was There Ever a Liturgical Triduum“, 63. 78 Vgl. bspw. Missale Gothicum 28 (Missa in caena domini): hodierna die inchoandae paschae (55,31–32 Mohlberg); vgl. Gy, „Semaine sainte“, 15. Daher ist auch eine Bestreitung der „liturgical distinction of a Triduum within the larger concept of Holy Week“ (Buchinger, „Was There Ever a Liturgical Triduum“, 266) für die Frage, ob der Gründonnerstag schon zu den „Osterfeierlichkeiten“ dazugehörig gedacht werden kann, weniger von Belang.

Die Chronologie der Chronik

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Victor und Theophanes könnten sich also beide auf den Karfreitag beziehen, und damit könnten sie Angabe auch von Theodoros Anagnostes übernommen haben.79 Allerdings könnte Theophanes auch den Gründonnerstag meinen. Zudem fehlt die Angabe zum genauen Tag eben in der Epitome des Theodoros Anagnostes, und die Formulierungen bei Victor und Theophanes unterscheiden sich erheblich. Bei Theophanes ist die Angabe zur Datierung knapp und uneindeutig. Bei Victor ist die Formu­ lierung hinsichtlich des Karfreitags hingegen unmissverständlich und ausführlich angegeben, sowohl nach der Kalenden-Zählung80 als auch mit dem Wochentag „Freitag“ der letzten Woche der Fastenzeit als auch mit der näheren Charakterisierung des Tages (die qua noster Saluator et Dominus a Iudaeis est cruxifixus81). Überhaupt ist diese Angabe der Tagesdatierung für die Chronik Victors auffällig ausführlich. Normalerweise kürzt Victor von Tunnuna bei der Benutzung von Theodoros Anagnostes dessen Angaben (soweit nachvollziehbar) deutlich.82 Selbst wenn Victor also die Angabe des Karfreitags doch grundsätzlich von Theodor übernommen haben sollte, liegt es nahe, dass die ausführliche Akzentsetzung entweder von ihm selbst stammt oder dass er sie mit einer bestimmten Intention so ausführlich belassen hat. Die Ermordung des Proterius steht zunächst im Kontrast zur Heiligkeit des Karfreitags.83 Gerade als Lichtgestalt aber zwischen Dioskur und Timotheus II. Ailurus, als

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Der Karfreitag – bei Siebigs angegeben als 29. März, was von der Osterberechnung für das Jahr 457 (31. März) her korrekt ist, allerdings nicht der Angabe bei Victor von Tunnuna entspricht, da der 6. Tag vor den Kalenden des April der 27. März ist – kann so auch das tatsächlich richtige Datum sein; eine Entscheidung „ist freilich endgültig nicht möglich“ (Siebigs, Kaiser Leo I., 817); für den Karfreitag spricht auch, dass im Zusammenhang dieses Ereignisses in den Quellen von Taufen die Rede ist und Karfreitag in Alexandria Tauftermin war – „allerdings lassen die Quellen nicht erkennen, ob Proterius bei der Taufe selbst, d. h. am Freitag, umkam oder während der Taufvorbereitung“ (ebd.). Hübner, Evagrius Scholasticus 1, 240 (Anm. 212) gibt den „Gründonnerstag des Jahres 457“ an, ohne weiteres Datum. Blaudeau, Alexandrie et Constantinople, 151 (mit Anm. 261), datiert auf den 28. März 457 als Gründonnerstag; so auch bei Schwartz, Publizistische Sammlungen, 173. Brennecke, „Chalkedonense“, 28–29, datiert den Tod des Proterius auf den 28. März 458 und führt u. a. Victor von Tunnuna als Angabe für das Datum an, äußert sich aber nicht zum Tag innerhalb der Karwoche (Gründonnerstag oder Karfreitag). Mit Fragezeichen ebenfalls ohne weitere Angabe zum Tag innerhalb der Karwoche datiert Grillmeier, Jesus der Christus 2,1, 125 auf den „29.  (28.?) März 457“. Welcher Märztag hier (nach heutiger Berechnung) letztlich gemeint ist – möglicherweise liegt ja in der Chronik des Victor von Tunnuna ein Fehler bei der Angabe der Kalenden vor, was bei Ziffernangaben nicht unwahrscheinlich ist – ist allerdings für die Diskussion um Gründonnerstag oder Karfreitag weniger von Belang. 80 Dies wird noch unterstrichen durch die weitere Angabe des Ostertages (Victor von Tunnuna, Chronicon 19 [8,116–9,117 Cardelle de Hartmann]): Tunc enim Pascha dominicum quarto est kalendarum aprilium celebratum (s. o. S. 204 [Anm. 34]). 81 S. o. S. 204. 82 S. o. Kap. 3.3. 83 Vgl. expliziter bei Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 2,8 (58,27 Bidez/Parmentier; Übers. 245 Hübner): οὔτε τὸ σέβας αἰδεσθέντες τοῦ τόπου οὔτε τὸν καιρόν / „die [= die Proterius töten] weder die Heiligkeit des Ortes scheuten noch den Zeitpunkt“. Der Ort der Tötung wird bei Victor von Tunnuna gar nicht erwähnt.

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

die Victor von Tunnuna ihn zeichnet, stirbt Proterius als sinodi calcidonensis decretorum custos (vgl. Chronicon 19) am selben Tag wie noster Saluator et Dominus – eine deutliche Referenz, die die Bedeutung seins Todes hervorhebt.84 Andersherum betrachtet tötet Timotheus Ailurus, Calcidonensis sinodi obtrectator (vgl. Chronicon 49), Proterius am selben Tag, an dem die Iudaei Christus gekreuzigt haben – ein deutlicher Hinweis auf die Wertung des Timotheus85 und der Ablehnung Chalcedons. Auch an weiteren Stellen danach erwähnt die Chronik, dass Timotheus Ailurus interfector bzw. peremptor des Proterius ist.86 Zudem wird berichtet, dass Petrus von Alexandria den Namen des Proterius aus den Diptychen tilgt (vgl. Chronicon 53). Auch dies zeigt seine Bedeutung: Er war vielleicht nicht mehr dem Range, so doch sicher dem allgemeinen Ansehen seines Thrones nach der zweitwichtigste Amtsträger der damalige [sic!] Christenheit. […] ein Thronwechsel in Alexandria [tangierte] immer auch die Religionspolitik des gesamten Ostreiches […]. 457 war dies umso mehr der Fall, als der Tod des Proterius das Konzil von Chalkedon, die dadurch eingeleitete religionspolitische Wende und den wiedergewonnenen kaiserlichen Einfluss auf die Kirchenpolitik in Frage stellte.87

Diese Bedeutung des Proterius gerade als custos der Beschlüsse Chalcedons wird in der Chronik des Victor von Tunnuna durch die ausführliche Angabe zu Proterius’ Tod am Karfreitag, die seiner Tötung auch im Gegenüber zur sonstigen Datierung auf den Gründonnerstag eine deutliche Nuance gibt, unterstrichen. Durch die Parallelisierung des Todes des Proterius mit dem Tod Christi wird die Unrechtmäßigkeit seiner Tötung und damit gleichzeitig die Rechtmäßigkeit seiner Position als Verteidiger von Chalcedon betont. Gleichzeitig stehen die Gegner Chalcedons damit auf der Seite derer, die Christus getötet haben. Für die meisten der (insgesamt wenigen) Tagesdatierungen in der Chronik des Victor von Tunnuna lässt sich also keine weitere Funktion neben einer Präzisierung bzw. einer Demonstration der genauen Kenntnisse des Chronisten feststellen. Die Datierungen der Tode des Laetus und des Proterius lassen aber eine darüber hinausgehende Deutung im Sinne einer prochalcedonensischen Zuspitzung zu. Es wird sich zeigen, wie dies im Gesamtduktus der Chronik einzuordnen ist.

So auch Blaudeau, Alexandrie et Constantinople, 151 (Anm. 261): Die Datierung auf den Karfreitag (welche von Theodoros Anagnostes stamme), geschehe „évidemment avec le souci de faire référence au Christ“. 85 Freilich auch „der Juden“, was in Chronicon 19 aber nicht der Fokus ist. 86 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 23; 46; 49. 87 Siebigs, Kaiser Leo I., 274–275. Zu Proterius vgl. insgesamt auch Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 2,8 (58,18–59,10 Bidez/Parmentier); Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 4,2 (Übers. 24–25 Ahrens/Krüger). 84

Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge

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4.2 Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge Neben der grundsätzlichen Zählung der Jahre nach den Konsulaten, der Jahre nach dem Konsulat des Basilius und der Jahre der Kaiserherrschaft Justinians gibt es zwei weitere chronologische Stränge, die als Grundgerüst die Chronik durchziehen. Sie konstituieren die Geschichte, die die Chronik Victors erzählt, als Geschichte des (römischen) Staates und der Kirche, indem sie die Regierungsjahre der Kaiser und den Wechsel in deren Herrschaft  – zum Teil auch die jeweiligen Ehefrauen  – sowie die Abfolge der Patriarchen nennen. Die Patriarchen sind anders als die Kaiser ohne die Dauer des jeweiligen Episkopats genannt; indem aber regelmäßig der Wechsel im Amt notiert wird, wird auch deren Abfolge zu einem chronologischen Strang der Chronik. Dem Kontext der Chronik entsprechend gibt es zu den beiden Hauptsträngen jeweils einen nordafrikanischen Nebenstrang, in dem die Abfolge der Könige der Vandalen und die der Bischöfe von Karthago notiert sind. Das hierdurch – neben der Zählung der Jahre – entstehende Grundgerüst der Chronik soll im Folgenden kurz dargestellt werden, um auf das inhaltliche Panorama der Chronik hinzuführen, das mit der Angabe zu diesen Personen eng verknüpft ist. 4.2.1 Kaiser Die Chronik des Victor von Tunnuna notiert die und berichtet von der Herrschaft der römischen West- und Ostkaiser seit Theodosius bis Justin II. – entsprechend der von ihr behandelten Jahre. Die Chronik unterscheidet hier zwar nicht grundsätzlich, jedoch werden nur die Kaiser des Ostens dezidiert als „[Kaiser] der Römer“ bezeichnet und durchgezählt.88 Dies entspricht der historischen Entwicklung (Ende des weströmischen Kaisertums mit dem Tod des Julius Nepos 475/480) und der Bedeutung der Kaiser des Ostens für die Konflikte um die Rezeption Chalcedons bzw. im Drei88

Vgl. zu den (Ost-) Kaisern nach Theodosius, dessen Herrschaftsübernahme nicht Teil der Chronik ist, Victor von Tunnuna, Chronicon 8 (5,49–50 Cardelle der Hartmann): Romanorum XLVII Martianus regnauit annis V mensibus VI; 18 (8,108 Cardelle de Hartmann): Romanorum XLVIII Leo regnat annis XVI; 41 (13,204–205 Cardelle de Hartmann): Romanorum XLIX Zenon regna­ uit annis XVII; 68 (21,346 Cardelle de Hartmann): Romanorum L Anastasius regnat annis XXVII; 101 (33,553–554 Cardelle de Hartmann): Romanorum LI Iustinus regnat annis VIII mensibus VIIII; 111 (36,612–613 Cardelle de Hartmann): Romanorum LII Iustinianus regnat annis XXXIX mensibus VII. Bei dem (West-) Kaiser Maiorianus heißt es bspw. hingegen (Chronicon 20 [9,122–123 Cardelle de Hartmann]): Maiorianus Rome imperium sumit. Die Kaiser werden bei dieser Durchzählung ohne Titulatur aufgeführt. Insgesamt werden die Kaiser in der Chronik als princeps, Augustus und imperator bezeichnet. Justinian wird besonders häufig als princeps, Anastasius besonders häufig als imperator bezeichnet, jedoch werden auch sie mit den anderen Titeln belegt, so dass sich insgesamt kein Muster der Bezeichnung für einzelne Kaiser erkennen lässt.

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

Kapitel-­Streit.89 Eine Ausnahme bildet neben der kurzen Herrschaft Leos II. die Herrschaftsübernahme Justins II.: Bei ihm, mit dem die Chronik ihren Schluss findet, wird die Reihe der Kaiser nicht weitergezählt, und er wird zu Beginn seiner Herrschaft nicht als „[Kaiser/Prinzeps] der Römer“ bezeichnet.90 Die in der Chronik aufgeführten Kaiser sind (in der dort notierten Reihenfolge)91: Theodosius II. (408–450)92; Marcian (450–457)93; Valentinian III. (424–455)94; (Petronius) Maximus (455)95; Avitus (455–456)96; Leo I. (457–474)97; Maiorianus (457– 461)98; (Libius) Severus (461–465)99; Anthemius (467–472)100; Olybrius (472)101; 89

Placanica, „Introduzione“, XVII geht hier so weit, zu folgern, Victor „segue un’ideologia imperiale di carattere sostanzialmente tradizionale, la Romana respublica viene a identificarsi con l’Impero bizantino.“ Vgl. auch Placanica, „Note“, 68 (ad a. 450,3): Dass Victor Valentinian III. und die weiteren Westkaiser nicht in der Reihe der römischen Kaiser mitzähle, zeige, dass Victor von Tunnuna die römische Republik mit der pars Orientis indentifiziere. Allerdings ist zu bedenken, dass im die Chronik betreffenden Zeitraum die Ostkaiser mit Ausnahme von Marcian im Gegenüber zu Valentinian III. jeweils die Anciennität innehatten, nach der die Kaiserreihung erfolgte. Für diesen Hinweis danke ich Bruno Bleckmann. 90 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 174 (55,992–994 Cardelle de Hartmann): Iustinus iunior […] cum tranquillitate populi maxima imperii sumit sceptra. Dass die Zahl der Jahre seiner Herrschaft hier nicht genannt wird, versteht sich aus der Abfassungszeit der Chronik. Dass bei ihm aber nicht weitergezählt wird in der Reihenfolge der römischen Kaiser, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Chronik eben nicht nur „irgendwo“ und „plötzlich“ endet, sondern dass mit Chronicon 174 ein Schlusspunkt gesetzt ist. 91 Im Folgenden sind nicht die als reine Konsulatsjahre (Datierungen) erscheinenden Nennungen der Kaiser angegeben. 92 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 4; 6; vgl. 1 (Konsulat). Angegeben sind hier und im Folgenden jeweils die Jahre der Herrschaft, nicht die Lebensdaten. Zu den Kaisern vgl. als kurzen Überblick über ihre Herrschaft grundsätzlich jeweils die entsprechenden Seiten bei Demandt, Geschichte der Spätantike, zu Theodosius vgl. ebd., 133–142. Zur ausführlicheren Darstellung und Einordnung der in diesem ganzen Kapitel genannten Personen vgl. die entsprechenden weiteren Kapitel dieser Arbeit; dort auch ggf. Verweise auf weitere Literatur; s. auch o. in Kap. 2. 93 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 8; 10; 17. Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 152–153. 94 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 13; 14. Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 123, 128–129. 95 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 14; 15. Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 142–143; Henning, Periclitans res publica, 20–21, 28–32. 96 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 15; 16. Victor von Tunnuna nennt ihn in Chronicon 15 aber nur Herrscher über Gallien (8,100–101 Cardelle de Hartmann): Auitus uir tocius simplicitatis in Gallias imperium sumit. Placanica ändert den Text von U daher zu in Galliis (6 Placanica). Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 142–143; Henning, Periclitans res publica, 32–36. 97 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 17; 18; 20; 25; 30; 33; 35; 36; 37; 40. Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 154–157. 98 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 20; 27; vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 144; Henning, Periclitans res publica, 36–40. 99 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 27; vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 144–145; Henning, Periclitans res publica, 40–41. 100 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 32; 33; 39; vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 145–146; Henning, Periclitans res publica, 42–46. 101 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 39: Er wurde durch den magister militum Ricimer zum Gegenkaiser gemacht, so auch dargestellt bei Victor von Tunnuna; vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 146; Henning, Periclitans res publica, 47–50.

Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge

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( Julius) Nepos (474–475/480)102; Leo II. (474)103; Zeno (474–491)104; Anastasius I. (491–518)105; Justin I. (518–527)106; Justinian I. (527–565)107; Justin II. (565–578)108. Die Reihe der Kaiser ist also mit Ausnahme des westlichen Kaisers Glycerius (473– 474)109 für den von der Chronik abgehandelten Zeitraum vollständig. Der weitere Verlauf der Herrschaften im Westen nach dem Tod des Julius Nepos fehlt. Auffällig ist in diesem Zusammenhang die Angabe in Chronicon 39, wo Herculanus Orestis filius als Usurpator genannt ist, auf den dann nach dessen Tod Julius Nepos folgt.110 Mit dem „Sohn des Orestes“ müsste eigentlich Romulus Augustulus gemeint sein, der jedoch auf Julius Nepos folgte bzw. von seinem Vater Orestes 475 nach einer Revolte zum Augustus erhoben wurde, während Julius Nepos bis zu seinem Tod im Jahr 480 den Anspruch auf den Thron weiter aufrecht erhielt.111 Die Angabe ist daher in zweifacher Hinsicht unklar: Einmal bezüglich des Namens Herculanus und einmal bezüglich der Chronologie. Man könnte überlegen, ob Romulus’ Name ursprünglich Herculanus war, den er mit der Thronerhebung änderte.112 Jedoch bleibt dies Spekulation, da weitere Quellen fehlen.

102 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 39; vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 147; Henning, Periclitans res publica, 51–55. 103 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 40; 42; vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 157; Henning, Periclitans res publica, 205 (Anm. 91). Er wird bei der Durchzählung der „[Kaiser/Prinzipes] der Römer“ in der Chronik nicht mitgezählt. 104 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 41; 42; 44; 47; 50; 53; 54; 57; 67; vgl. 104. Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 157–160. 105 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 67; 68; 70; 71; 74; 75; 81; 83; 85; 87; 90; 91; 94; 95; 98; 99; 100; vgl. 92; 104. Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 160–164. 106 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 101; 102; 103; 104; 105; 108; 109; 110. Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 164–166. 107 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 101; 102; 103; 107; 109 (vor seiner Kaiserherrschaft); 111; 112; 117; 118; 120; 124; 132; 136; 137; 139; 143; 147; 159; 166; Datierungen ab 167 (s. o. Kap. 4.4.1); 169; 170; 172; vgl. 173. Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 166–180. 108 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 174. 109 Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 146–147; Henning, Periclitans res publica 50–51. Möglicherweise nennt Victor ihn deshalb nicht, weil er vom Kaiser des Ostens, Leo, nicht anerkannt wurde, vgl. Placanica, „Note“, 80 (ad a. 473,6). 110 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 39 (13,298–299 Cardelle de Hartmann): Et post certos dies Herculanus Orestis filius arripiens imperium cum patre suo occiditur et eius regum Nepos assumit. / „Und nach einigen Tagen wurde Herculanus, der Sohn des Orestes, zusammen mit seinem Vater getötet, als er die Herrschaft an sich reißen wollte, und Nepos nahm dessen Königsherrschaft an sich.“ 111 Vgl. Placanica, „Note“, 81 (ad a. 473,5); Henning, Periclitans res publica, 54–56. 112 Diese Möglichkeit nennt Nathan, „The Last Emperor“, 270 (Anm. 270) – ein mit der Thronbesteigung neu angenommener Name sei nicht ungewöhnlich. Nathan nennt zudem noch eine zweite Möglichkeit, die aber nicht belegbar sei: Herculanus könnte der jüngere Bruder von Romulus gewesen sein. „It was entirely normal throughout the whole of Antiquity for an Emperor to name all of his sons Caesar or Augustus. Perhaps Herculanus’ status was simply eclipsed by time and obscurity.“

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

Für die Zeit von Kaiser Zeno werden zudem als Usurpatoren genannt der tirannus Basiliscus (475–476)113 und der tirannus Leontius (484–488)114, für die Zeit von Ana­ stasius Athenodorus und Longinus (492–497)115. Einige der Kaiser spielen in der Chronik nur eine geringe Rolle: Es wird kurz über die Umstände der Herrschaftsübernahme bzw. des Endes der Herrschaft berichtet oder es wird überhaupt nur der Name genannt bzw. dieser erscheint in den Jahreszählungen, wenn der Augustus gleichzeitig Konsul war. Dies gilt für die Westkaiser Avitus, Maiorianus, (Libius) Severus, Anthemius, Olybrius, Herculanus und ( Julius) Nepos.116 Auch Leo II. erscheint der kurzen Dauer seiner Herrschaft als Kaiser entsprechend nur knapp.117 Die Intrigen um die Westkaiser Valentinian III. und (Petronius) Maximus werden in Verbindung mit Geiserichs Überfall auf Rom ausführlicher geschildert (vgl. Chronicon 13–15). Sie zeigen, wie noch zu sehen sein wird, im Detail Unter­schiede zur entsprechenden Darstellung bei Prosper, sind aber für die Darstellung des DreiKapitel-Streites und seiner Vorgeschichte in der Chronik nicht von Belang.118 4.2.2 … und (ihre) Frauen Auch hier zunächst einige grundsätzliche Beobachtungen: Als Akteurinnen in der Geschichte kommen Frauen in der Chronik des Victor von Tunnuna selten vor. Wenn überhaupt, werden sie meistens als Ehefrauen oder seltener als Töchter oder Mütter eines Mannes, in der Regel eines Kaisers, erwähnt.119 In dieser Rolle sind Frauen zunächst vor allem solche, an denen gehandelt wird  – und dementsprechend bleiben sie namenlos: So notiert die Chronik Victors von Tunnuna, dass Maximus die Witwe Valen­tinians, die Augusta, ohne angemessene Trauerzeit heiratet; nachdem Maximus von Geiserich besiegt worden ist, führt er sie und Valentinians Töchter aus Rom weg.120 Weiter berichtet die Chronik, dass Geiserich eine dieser Töchter Hunerich in

Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 43; 45; 47; 48. Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 200. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 55; 61. Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 200. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 72. Vgl. Demandt, Geschichte der Spätantike, 160. Von den Wirren um Olybrius, Anthemius, Herculanus und Julius Nepos allerdings wird in Chronicon 39 etwas ausführlicher berichtet. Vgl. dazu auch die Anmerkungen bei Placanica, „Note“, 80–81 (ad a. 473,6–7). 117 Zur Frage seiner tatsächlichen Regierungszeit vgl. Placanica, „Note“, 79–80 (ad a. 473,1): Victor von Tunnuna gibt in Chronicon 37 2 Jahre an; Johannes Malalas, Chronographia 14,47 1 Jahr und 23 Tage; Placanica nimmt daher an, Victor von Tunnuna habe hier aufgerundet. 118 S. u. Kap. 5.1.2. 119 Da insgesamt wenige Frauen in der Chronik notiert sind, seien hier alle kurz aufgeführt, auch wenn sie nicht alle Frauen eines Kaisers sind. 120 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 14 und 15. 113 114 115 116

Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge

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die Ehe gibt.121 Sie wird später noch einmal als Mutter Hilderichs erwähnt.122 Namenlos bleibt auch die Frau des Basiliscus, die mit diesem von Zeno ins Exil geschickt wird.123 Namentlich genannt wird hingegen Amalafrida, die Witwe Thrasamunds, die flieht und dann in Haft stirbt.124 Ariadne (ca. 450–515), die Frau von Kaiser Zeno, Augusta, ist die erste (politisch) handelnde Frau in der Chronik, die nach der Darstellung der Chronik sogar nach Zenos Tod Anastasius zu dessen Nachfolger bestimmt.125 Mit ihrem Namen erwähnt wird auch Lupicina (gest. vor 527), die Frau des nächsten Kaisers, Justin I., über die zudem informiert wird, sie sei später von den Bewohnern Konstantinopels „Euphemia“ gerufen worden.126 Innerhalb der insgesamt zurückhaltenden Darstellung der (kaiserlichen) Frauen sticht heraus, was die Chronik über Theodora, die Gattin Justinians, berichtet. Theodora kommt in der Chronik eine eigene pointierte Rolle zu: Sie wird nicht nur mehrfach als aktiv handelnde Herrscherin dargestellt, sondern ihr Handeln ist auch innerhalb des Drei-Kapitel-Streites von entscheidender Bedeutung.127 Theodora ist damit die einzige Augusta und überhaupt die Frau, der als einziger in der Chronik eine größere Rolle zukommt. Abschließend erwähnt wird als Frau Justins I. Sophia, die gleichzeitig als Nichte von Kaiserin Theodora bezeichnet wird.128

121 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 28 (11,153–154 Cardelle de Hartmann): Huic Hugnerico Gensericus Valentiniani filiam quam ex Roma captiuam abduxerat in coniugio tradidit. Andere Quellen nennen ihren Namen, Eudocia; vgl. bspw. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E393; Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,5,6; Johannes Malalas, Chronographia 14,26; Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 2,7. Vgl. Placanica, „Note“, 77 (ad a. 464), dort auch zur umstrittenen genauen Datierung der Eheschließung. Zur schon vor Geiserichs Plünderung Roms beste­ henden Verlobung der Eudocia mit Hunerich vgl. knapp Meier/Strothmann, „Eudokia 2“. 122 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 106. 123 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 47. Die Frau des Basiliscus erwähnt auch namenlos Johannes Malalas, Chronographia 15,5; ihren Namen Zenonis nennt Marcellinus Comes, Chronicon a. 476,1. Vgl. Placanica, „Note“, 83 (ad a. 476). 124 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 106; s. u. S. 337. 125 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 42; 44; 67; 97. Zu Ariadne vgl. als Überblick Martindale, PLRE 2, 140–141 (s. v. „Aelia Ariadne“). 126 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 101; s. u. S. 346–347. Vgl. zu ihr auch Martindale, PLRE 2, 423 (s. v. „Lupicina quae et Euphemia 5“). 127 Zu Theodora und ihrem Handeln in der Chronik vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 111; 113; 121; 125; 130; 140. 128 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 174 (55,994–995 Cardelle de Hartmann): Huius coniux Sophia Theodore Auguste neptis asseritur. / „Seine [= Justins] Ehefrau Sophia wird als Nichte von Augusta Theodora gezählt.“

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

4.2.3 Die Herrschaft der Vandalen in Africa Entsprechend der nordafrikanischen Herkunft des Victor von Tunnuna bzw. entsprechend des Kontextes der Chronik werden neben den „Kaisern der Römer“ und ihren Frauen auch die vandalischen Herrscher und (mit Ausnahme von Gelimer) die Anzahl ihrer Regierungsjahre genannt129: Geiserich (428–477)130; Hunerich (477–484)131; Gunthamund (484–496)132; Thrasamund (496–523)133; Hilderich (523–530)134; Gelimer (530–533)135. Nach dem Sieg des Belisar über Gelimer (vgl. Chronicon 118) sind Aufstände bzw. Tyrannenherrschaft in Africa unter Stotzas (536/537)136 und Guntharith (Gun­ tharis; 545–546)137 notiert. Damit ist auch die Reihe der vandalischen Herrscher – und späteren Aufständischen – vollständig. Die in der Chronik angegebenen Regierungszeiten entsprechen ungefähr den Angaben im Laterculus Regum Vandalorum.138 Grundsätzlich wird für die vandalische Herrschaft neutrales Vokabular gebraucht: regnum, rex, regnare.139 Formal entsprechend der Angaben zu den römischen Kaisern sind (mit Ausnahme von Gelimer) auch die Regierungsjahre der vandalischen Könige angegeben, z. T. in Bezug auf das Todesjahr.140 Vokabular und Angaben zu den Regie-

129 Zu den Daten ihrer Herrschaft vgl. den Überblick bei Steinacher, Die Vandalen, 240; zu Stotzas und Guntharith vgl. ebd., 316–328. Vgl. auch Placancia, „Introduzione“, XXX zur Diskussion des Verhältnisses der Jahresdatierungen bei Victor von Tunnuna zur heutigen Datierung in Bezug auf Courtois, Les Vandales, 409. 130 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 14; 15; 28; vgl. 106 (retrospektive Nennung). 131 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 28; 30; 50; 51; vgl. 106, 118 und 173 (retrospektive Nennung). Auch Hunerichs Frau wird genannt, s. o. Kap. 4.2.2. 132 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 52; 78. 133 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 78; 106. Thrasamunds Frau Amalafrida wird in Chronicon 106 namentlich genannt, s. o. Kap. 4.2.2. 134 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 106; 115; 118. 135 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 115; 117; 118. In Chronicon 118 sind mit Gunthimer und Gebamundus auch zwei Brüder Gelimers genannt. 136 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 129; 131; 134. 137 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 136. 138 Zu den Abweichungen im Einzelnen s. u. Kap. 5.5 bei den jeweiligen Königen. Zu dieser (afrikanischen) Fortsetzung der Chronik Prospers s. auch kurz o. S. 116. 139 Geiserich (vgl. Chronicon 14; 15; 28), Hunerich (vgl. Chronicon 30; 50; 118; 173), Gunthamund (vgl. Chronicon 78) und Thrasamund (vgl. Chronicon 106) werden als rex Vuandalorum bezeichnet; Gelimer wird schlicht als rex bezeichnet (vgl. Chronicon 118). Zu regnum und regnare vgl. die folgende Anmerkung. 140 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 28 (11,149–152 Cardelle de Hartmann): Gensericus Vuandalorum rex […] moritur regni sui anno XI [sic]. / „Geiserich, der König der Vandalen […], starb im 11. Jahr seiner Regierung.“; Chronicon 28, vgl. auch 51 (11,152–153; 16,255–258 Cardelle de Hartmann): Ugnericus filius eius regnat annis VII mensibus V.; Ugnericus […] VIII regni sui anno […] misere uitam finiuit. / „Hunerich, sein Sohn, regierte für 7 Jahre und 5 Monate.“; „Hunerich beendete […] im 8. Jahr seiner Regierung […] unglücklich das Leben.“; Chronicon 52 (16,259 Cardelle de Hartmann): Cui succedit Guntamundus, regnat annis XII / „Ihm folgte Gunthamund, er regierte 12 Jahre“; Chronicon 78 (24,399 Cardelle de Hartmann): Trasamundus regnat annis XXVII mensibus IIII / „,Thrasamund regierte für 27 Jahre und 4 Monate“; Chronicon 106 (34,584–586 Cardelle

Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge

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rungsjahren weisen darauf hin, dass die vandalische Herrschaft grundsätzlich als rechtmäßig anerkannt wird.141 Auch dass Gelimer auch nach der Darstellung der Chronik die Macht unrechtmäßig ergriff und als einziger der Vandalenherrscher als tirannus bezeichnet wird, deutet darauf hin.142 4.2.4 Patriarchen und Päpste Ähnlich wie bei den Kaisern werden auch bestimmte Bischöfe in der Chronik regelmäßig notiert, nämlich die Inhaber der Bischofssitze der fünf großen Städte Rom, Konstantinopel, Antiochien, Alexandria und Jerusalem, d. h. die sogenannten Patriarchen143 und der Wechsel im jeweiligen Patriarchat.144 Der Titel des Patriarchen hatte sich, beginnend im fünften Jahrhundert, im sechsten Jahrhundert für die Bischöfe der genannten Städte (sog. Pentarchie) eingebürgert, was etwa seine entsprechende Verwendung durch Kaiser Justinian in der praefatio der Novelle 109 und in Novelle 123,3145 zeigt. Die besondere Bedeutung dieser Bischofssitze für die Gesamtkirche und deren Leitung hatten die Konzilien von Nizäa 325 (canon 6 [Hervorhebung von Rom, Alexandria und Antiochien]), Konstantinopel 381 (canon 3: Primat des Bischofs von Konstantinopel im Osten) und Chalcedon 451 (v. a. sog. canon 28: zweiter Rang Konstantinopels nach Rom unter Bestätigung von canon 3 aus Konstantinopel) bestätigt.

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de Hartmann): Hilderix […] regnauit annis VII mensibus tribus. / „Hilderich […] regierte 7 Jahre und drei Monate.“ Vgl. so auch Conant, Staying Roman, 312, der schließt: „Victor […] accepted the fundamental legitimacy of Vandal rule as such.“ S. auch u. S. 357–358 zum Terminus für die Rückeroberung durch Belisar capit. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 115 (37,635–637 Cardelle de Hartmann): Geilimer […] regnum cum tirannide sumit, et Cartaginem ingressus Hildericum regno priuat  / „Gelimer [übernahm] die Herrschaft mit Gewaltherrschaft. Er zog in Karthago ein und beraubte Hilderich der Königsherrschaft“; vgl. auch Chronicon 117 (38,647 Cardelle de Hartmann): Geilimer tirannus; 118 (38,660–661 Cardelle de Hartmann): [Belisar] Gellimer tirannum capit. In Chronicon 118 wird er allerdings auch als rex bezeichnet, s. o. Anm. 139. Placanica, „Note“, 109 (ad a. 531; dort auch zu weiteren Quellen) sieht in der Darstellung des Gelimer als Tyrann in Bezug auf Courtois, Les Vandales, 269 (Anm. 2) allerdings v. a. kaiserliche Propaganda, was sich insbesondere bei Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,16,13 zeige: Dort wird ein Brief von Justinian zitiert, in dem dieser versichert, er wolle keinen Krieg mit den Vandalen führen, sondern nur den Tyrannen Gelimer stürzen, sich also für sein Eingreifen in Africa rechtfertigt. Zum „Tyrannen“ Gelimer vgl. auch Steinacher, Die Vandalen, 292–293, bes. auch 434 (Anm. 220). Diese kurze Definition genügt an dieser Stelle; vgl. als Überblick Gahbauer, „Patriarchat I.“, 85–88; Ohme, „Pentarchie“; Ritter, „Patriarch/Patriarchat I.“; Flusin, „Bischöfe und Patriarchen“, 521–522, 544–578 (zum Osten). Die Daten im Folgenden betreffen die Amtszeit, vgl. dazu jeweils die Listen mit den entsprechenden Einträgen bei Grumel, La Chronologie, 430 (Rom), 435 (Konstantinopel), 446–447 (Antiochien), 443–444 (Alexandria), 451 ( Jerusalem). Dort allerdings als archiepiscopi et patriarchae, vgl. Nouellae Iustiniani 123,3 (597,11 [Latein] bzw. 12 Schöll/Kroll [Griechisch]).

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

Die eben genannte Reihenfolge Rom, Konstantinopel, Antiochien, Alexandria und Jerusalem entspricht dem Rang der Patriarchate, der sich daraus ergibt. Die in der Chronik genannte Reihenfolge ist allerdings Rom, Alexandria, Antiochien, Jerusalem und Konstantinopel.146 Die Chronik notiert die Patriarchate damit nach der in Rom und im ganzen Westen übliche Reihenfolge.147 Obwohl die Chronik des Victor von Tunnuna die Inhaber dieser Episkopate regelmäßig anführt, kommt der Begriff „Patriarch“ (patriarcha) in der Chronik selbst nicht vor. Die betreffenden Bischöfe werden normalerweise schlicht als episcopus (bzw. als in ein episcopatum folgend) bezeichnet.148 Diese Bezeichnung wird auch für die Inhaber anderer Bischofssitze verwendet, so etwa auch für Ibas von Edessa, Theodor von Mopsuestia und Theodoret von Kyrrhos.149 Auch wenn allgemein von Bischöfen die Rede ist, werden sie episcopi genannt.150 Zwar sind sie also von der Bezeichnung her nicht zu unterscheiden, aber die Bischöfe der genannten Städte sind trotz des fehlenden Titels patriarcha schon allein deshalb hervorgehoben, weil eben der Wechsel in diesen Bischofssitzen regelmäßig genannt wird. Konkrete Ausnahmen von der Bezeichnung als episcopus sind die Bezeichnung des Agapitus als „Erzbischof “ (archiepiscopus)151 sowie die Bezeichnung Leos und Vigilius’ als papa152. Felix von Rom wird drei Mal als presul ecclesie Romane aufgeführt,153 der römische Bischofssitz an zwei Stellen als sedes apostolica.154 Pontifices werden einmal genannt Acacius von Konstantinopel, Petrus Mongus und Petrus Fullo,155 zudem einmal

146 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 4; 10; 108; 147; vgl. 69 (ohne Konstantinopel); 104 (Alexandria, Antiochien, Jerusalem). 147 Rom hatte den canon 28 des Konzils von Chalcedon nicht bestätigt und hielt bis zum 4. Laterankonzil 1215 am zweiten Rang Alexandrias fest; vgl. insgesamt Placanica, „Note“, 65 (ad a. 447), hier auch zu weiterer Literatur zur Frage der Patriarchate; zur Ablehnung Roms auf dem Konzil von Chalcedon (vgl. Actio 16,45) und darüber hinaus vgl. auch Price/Gaddis, The Acts of the Council of Chalcedon 3, 69–72. Eine Bemerkung von Liberatus von Karthago, Breuiarium 13 (123,17–18 Schwartz) zur Stellung Konstantinopels nach Chalcedon zeigt, dass die Pentarchie i. S. Chalcedons de facto aber auch im Westen akzeptiert wurde: Et licet sedes apostolica nunc usque contradicat, quod a synodo firmatum est, imperatoris patrocinio permanet quoad modo. / „Und wenn auch der apostolische Stuhl bis jetzt dem widerspricht, was von der Synode bekräftigt wurde, bleibt es durch den Schutz des Kaisers bis eben jetzt bestehen.“ Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 5,3,28 (145,212 Clément/Vander Plaetse) kritisiert, dass sich (der in Chalcedon anwesende) Anatolius von Konstantinopel den priorem […] locum („den vorderen Rang“) vor Antiochien angeeignet habe. 148 Vgl. z. B. Victor von Tunnuna, Chronicon 3; 4; 16; 34; 38 u. ö. 149 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 130. Andere Beispiele sind Frontinus von Salona (Chronicon 148; 164); Datius von Mailand (Chronicon 150). 150 Vgl. bspw. Victor von Tunnuna, Chronicon 10; 57; 120. 151 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 125 und 128. 152 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 5; 15; 130. 153 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 56; 58; 59. 154 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 4; 130. 155 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 104.

Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge

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zusammengefasst die Bischöfe Africas156. Als archiepiscopus wird zudem Reparatus von Karthago bezeichnet.157 Daneben findet sich aber auch die allgemeine Bezeichnung als antistes, besonders wenn mehrere (namentlich nicht genannte) Bischöfe zusammen gemeint sind.158 Zum Teil werden (über Felix von Rom hinaus) Bischöfe auch als presul/presules der jeweiligen Bischofssitze aufgeführt.159 V. a. im nordafrikanischen Kontext werden Bischöfe allgemein auch als sacerdotes bezeichnet.160 Grundsätzlich gilt, dass insbesondere für die Patriarchen zur Zeit des Zeno und des Anastasius, aber auch darüber hinaus, regelmäßig die Haltung gegenüber dem Konzil von Chalcedon notiert wird. Die dadurch vorgenommene Bewertung der Patriarchen, aber auch anderer Bischöfe, geschieht vor allem durch deren Bezeichnung als defensor und custos Chalcedons oder als obtrectator, inimicus, damnator, impugnator oder incubator ecclesie.161 Im Folgenden seien die in der Chronik genannten Bischöfe der Pentarchie aufgelistet162: – Als Bischof von Rom sind genannt: Leo I. (der Große) (440–461)163; Hilarius (461–468)164; Simplicius (468–483)165; Felix III. (II.) (483–492)166; Gelasius I.

156 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 157. 157 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 143; 145; 149; 165. S. dazu weiter u. S. 419–420 (Anm. 906). 158 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 4 (Bezeichnung für die auf der 2. Synode von Ephesus verurteilten Bischöfe); 10 (Rückbezug auf diese verurteilten Bischöfe); 19 (nur für Proterius); 22 (nur für Leo den Großen); 104 (für die östlichen und westlichen Bischöfe zusammen); 137 (für alle Bischöfe); 141 (allgemein die afrikanischen Bischöfe); 145 (für die Bischöfe des Konzils der Byzacena). 159 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 4; 10 (jeweils für die Patriarchen der Pentarchie); 33 (allgemeiner Bezug auf verschiedene Bischöfe); 81 (Flavian von Antiochien und Philoxenus von Mabbug); 147 (zusammenfassend für die auf dem 2. Konzil von Konstantinopel anwesenden Patriarchen); vgl. 9; 11; 49; 77; 119; 133 (jeweils praesulatus). 160 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 30; 50; 106; 149; 152; vgl. auch 76; 89. 161 Vgl. etwa Victor von Tunnuna, Chronicon 23 (9,132–10,37 Cardelle de Hartmann: Timotheus Salafatiarius als synodi Calcidonensis defensor); 63 (20,318–322 Cardelle de Hartmann: Euphemius als sinodi Calcidonensis decretorum custos); 19 (8,109–9,119 Cardelle de Hartmann: Timotheus Ailurus als Calcidonensis synodi obtrectator); 59 (19,298–304 Cardelle de Hartmann: Acacius von Konstantinopel, Petrus von Alexandria und Petrus von Antiochien als Calcidonensis synodi inimici); 58 (18,294–297 Cardelle de Hartmann: Acacius von Konstantinopel wird gewarnt, sich a damnatorum sinodi Calcidonensis communione zu enthalten); 124 (40,687–704 Cardelle de Hartmann: Severus von Antiochien und Julian von Halicarnassus als apostolice fidei et Calcidonensis sinodi impugnatores); 21 (9,124–125 Cardelle de Hartmann: Timotheus [Ailurus] von Alexandria als ecclesie incubator). S. dazu weiter u. bei der Behandlung der jeweiligen Abschnitte der Chronik. 162 Zu allgemeinen Hinweisen mit Quellen (Parallelstellen) vgl. insgesamt den Kommentar von Placanica, „Note“. In den folgenden Kapiteln dieser Arbeit wird v. a. in den Blick genommen, was hinsichtlich der Rezeption Chalcedons und hinsichtlich des Drei-Kapitel-Streites wichtig ist. 163 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 3; 4; 5; 10; 15; 22; 34. 164 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 34; 38. 165 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 38. 166 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 38; 56; 58; 59; 69.

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

(492–496)167; Anastasius II. (496–498)168; Symmachus (498–514)169 und dessen Gegenpapst Laurentius (501–505)170; Hormisdas (514–523)171; Johannes I. (523– 526)172; Felix IV. (III.) (526–530)173; Bonifatius II. (530–532)174; Johannes II. (533– 535)175; Agapitus I. (535–536)176; Silverius (536–537)177; Vigilius (537–555)178; Pelagius I. (556–561)179; Johannes III. (seit 561 [bis 574])180. Als Bischof von Konstantinopel sind genannt: Flavian (446–449)181; Anatolius (449–458)182; Gennadius I. (458–471)183; Acacius (472–489)184; Flavitas (489– 490)185; Euphemius (490–496)186; Macedonius II. (496–511)187; Timotheus I. (511–518)188; Johannes II. Kappadokes (518–520)189; Epiphanius (520–535)190; Anthimus I. (535–536)191; Menas (536–552)192; Eutychius (552–565)193; Johannes III. Scholasticus (seit 565 [bis 577])194.

Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 69. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 69; 76. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 76; 108. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 76. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 108; 122. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 122. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 122. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 122. Der Gegenpapst Dioskur (530) (vgl. Grumel, La Chronologie, 430) ist nicht genannt. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 122. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 122; 125; 128. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 128; 130; vgl. 147 (rückbezogene Nennung). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 130; 132; 141; 147; 157. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 159; 167. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 167. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 3; 4; 9. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 9; 38. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 38. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 54; 57; 58; 59; 62; 63. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 63. Bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E440 (122,20 Hansen) ist der Name mit Φραυίτας angegeben, was Mommsen (191,13 Mommsen) aus Theophanes, Chronographia a. m. 5981 in seinen Text der Chronik des Victor übernimmt (vgl. apparatus ad locum). Vgl. auch die Anmerkungen im textkritischen Apparat bei Cardelle de Hartmann ad locum (20 Cardelle de Hartmann). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 63; 67; 70; 74; 97. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 74; 75; 83. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 83; 99. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 99; 108; vgl. 121 (rückblickend). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 108; 121. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 121; 125; 130. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 125; 147. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 147; 169; 170. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 170.

Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge

223



Als Bischof von Antiochien sind genannt: Johannes I. (428–441/442)195; Domnus (441/442–450)196; Maximus (451–455)197; Alexander198; Martyrius (458– 459)199; Julianus (471–475)200; Petrus Fullo201; Stephanus (477–479)202; Calandio (479–484)203 und Johannes II. Codonatus (476–477)204; Petrus205; Palladius

195 196 197 198

Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 1. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 1; 4. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 10; 29. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 29; 38. Ein Alexander war nicht zu dieser Zeit, sondern von 414–424 Bischof der Kirche von Antiochien. Victor von Tunnuna nennt vor Martyrius dafür aber nicht die Bischöfe Basilius (457–458) und Acacius (458–459). Placanica, „Note“, 77 (ad a. 465,1) schlägt daher vor, dass vielleicht Alexander für Basilius stehe und verweist dafür auf einen Vorschlag Mommsens im apparatus ad locum (187 Mommsen), der dort aber nur die falsche Reihenfolge bemerkt und keine Änderung am Text vorschlägt („immo Maximo successit, non Alexander, sed Basilius“). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 38; vgl. 49 (retrospektive Nennung). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 38; 49. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 49; 54; 57; 59; 62; vgl. 104 (retrospektive Nennung). Bei Victor von Tunnuna wird nur eine Amtszeit genannt, die Angaben bei Victor von Tunnuna entsprechen den Jahren 477–488. Petrus Fullo war allerdings drei Mal Bischof von Antiochien (471; ca. 476– 477; 485–488); vgl. Suchla, „Petrus Fullo“, 1171. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 62. Zur Diskussion um die mögliche Existenz von zwei Bischöfen mit diesem Namen vgl. Placanica, „Note“, 88–89 (ad a. 488,3). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 62; 65; 68; 69. Die bei Victor von Tunnuna angegebenen Jahre weichen von der o. g. Zeitspanne seiner Amtszeit ab, die letzte Erwähnung in Chronicon 69 betrifft (nach der Zählung von Cardelle de Hartmann) das Jahr 492. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 62: Dort wird die Information gegeben, dass Calandio von Acacius von Konstantinopel, Johannes hingegen von den orientales episcopi ordiniert worden sei (19,314 Cardelle de Hartmann). Johannes Codonatus war nur sehr kurze Zeit, etwa drei Monate, nach dem zweiten Episkopat des Petrus Fullo Bischof von Antiochien, d. h. aber eigentlich vor dem Episkopat des Stephanus; vgl. Theophanes, Chronographia a. m. 5969; vgl. Placanica, „Note“, 89 (ad a. 488,3), dort auch zu weiteren Quellen zu Johannes. Sein Beiname wird in U als Campaneum angegeben (vgl. 19 Cardelle de Hartmann, apparatus ad locum), was aber sonst nicht belegt ist. Der Namen Κωδωνάτος ist für die Epitome der Kirchengeschichte des Theodoros Anagnostes (E421) bezeugt durch Theophanes, Chronographia a. m. 5973 (128,25 de Boor); vgl. Schwartz, Publizistische Sammlungen, 192. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 62; 68. Petrus wird als hereticus bezeichnet und als Nachfolger des Johannes Codonatus dargestellt (20,16–17 Cardelle de Hartmann), qui Calendione sinodi Calcidonensis defensore superstite fuerat ab hereticis Zenonis temporibus principis ordinatus („der, obwohl Calandio, Verteidiger der Synode von Chalcedon, noch lebte, von den Häretikern zu den Zeiten des Prinzeps Zeno ordiniert worden war“ [21,350–352 Cardelle de Hartmann]). Tatsächlich folgte auf die Amtszeit von Calandio ein drittes Episkopat des Petrus Fullo (vgl. Grumel, La Chronologie, 447, 485–489), worauf an dieser Stelle Placanica, „Note“, 89 (ad a. 488,3) dezidiert hinweist, als ob hier Petrus Fullo gemeint sein könnte. Dies ist vom Text der Chronik her allerdings insofern ausgeschlossen, als ja im ersten Teil von Chronicon 62 bereits vom Tod des Petrus Fullo „unter Verdammung“ berichtet wurde (Petrus Antiochenus episcopus sub damnatione moritur [19,311–312 Cardelle de Hartmann]). Mommsen, „Praefatio“, 182, führt diesen Petrus hereticus daher in seiner Patriarchenliste auch separat auf.

199 200 201

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205

224



Zum Gerüst der erzählten Geschichte

(490–498)206; Flavian II. (498–512)207; Severus (512–518; gest. 538)208; Paulus II. (519–521)209; Eufrasius (521–526)210; Euphemius211; Domninus (545–559)212; Anasta­ sius (seit 559 [bis 570])213. Als Bischof von Alexandria sind genannt: Dioskur (444–451; gest. 454)214; Proterius (451–457)215; Timotheus II. Ailurus (457–460)216; Timotheus III. Salophaciolus [Salafatiarius] (460–475)217; Timotheus II. Ailurus (475–477)218; Timotheus III. Salophaciolus [Salafatiarius] (477–482)219; Johannes Tabennesiota (482)220; Petrus III. Mongus (482–489)221; Athanasius II. Keletes (489–496)222; Johannes Mula (496–505)223; Johannes Niceta (505–516)224; Dioskur II. (516–517)225; Timo-

206 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 68; 69; 77. 207 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 77; 81; 85. 208 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 85; 90; 93; 98; 104; 108; 124; 130. Der Wechsel von Flavian zu Severus wird bereits in Chronicon 85, d. h. im Zusammenhang mit Ereignissen des Jahres 504, erwähnt. Ebenso wird er schon in Chronicon 90 als Bischof erwähnt, also früher als 512. 209 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 108; 127. 210 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 127. 211 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 138. Mit Euphimius ist wohl Ephraim gemeint (527–545); vgl. Mommsen, „Praefatio“, 182; Placanica, „Note“, 122 (ad a. 548,3). 212 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 138; 147; 154. 213 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 154. 214 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 4; 10; 11; vgl. 19; 22; 53; 123; 128 (ab Chronicon 19 bezogen auf den Fehler des Dioskur, d. h. seine Lehre). 215 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 11; 19; vgl. 23; 46; 49; 53 (bezogen auf seinen Mörder Timotheus Ailurus bzw. die Tilgung seines Namens aus den Diptychen). 216 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 19; 21; 23. 217 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 23; 46; vgl. 53 (Rückbezug auf dieses Episkopat). 218 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 46; 49; 53 (bezogen auf seinen Namen in den Diptychen). 219 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 49; 53. 220 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 53; 71. Johannes Tabennesiota meint hier Johannes Talaia, s. u. S. 269. 221 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 53; 54; 56; 57; 59; 64; vgl. 104 (retrospektiver Verweis). Auf das bei Grumel, La Chronologie, 443 angegebene erste, sehr kurze Episkopat des Petrus (Ende Juli bis Anfang September 477) bezieht sich die Bemerkung bei Victor von Tunnuna, Chronicon  53 (17,265–267 Cardelle de Hartmann): Petrus, qui superstite Timotheo Salafaciario episcopo ab hereticis fuerat ordenatus / „Petrus, der, während der Bischof Timotheus Salafatiarius noch lebte, von den Häretikern ordiniert worden war“. Vgl. Placanica, „Note“, 85–86 (ad a. 480). Der Beiname „Mongus“ wird in der Chronik nicht erwähnt. 222 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 64; 69; 73. Der Beiname kommt in der Chronik nicht vor. 223 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 73. Die Angabe „nach wenigen Tagen“ (post paucos dies [23,374 Cardelle de Hartmann]) bezieht sich nicht auf den Tod des Johannes Mula nach wenigen Tagen im Amt, sondern auf die Nachfolge durch Johannes Niceta wenige Tage nach dessen Tod; vgl. Placanica, „Note“, 92 (ad a. 495,2). 224 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 73; 77; 99. 225 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 99; 104; vgl. 123 (als Rückbezug).

Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge



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theus IV. (517–535)226; Theodosius (535–566)227 und Gaianus (535)228; Paulus Prestor (537–540)229; Zoilus (540–541)230; Apollinarius (seit 551 [bis 570])231. Als Bischof von Jerusalem sind genannt: Juvenal (422–458)232; Anastasius I. (458– 478)233; Martyrius (478–486)234; Sallustius (486–494)235; Elias I. (494–516)236; Johannes III. (516–524)237; Petrus (524–552)238; Macarius II. (552)239; Eustochius (552–563/564)240; Macarius II. (seit 563/564 [bis ca. 575])241.

Allgemein lässt sich zu den Bischöfen bzw. Patriarchen von Rom, Konstantinopel, Antiochien, Alexandria und Jerusalem in der Chronik des Victor von Tunnuna sagen: Die Namen der genannten Patriarchen sind im Wesentlichen vollständig.242 Es fehlen243 nur vereinzelt Bischöfe, v. a. bei Parallelstrukturen aufgrund von Spaltungen. Für einige Bischö­fe bzw. Patriarchen wird nur der Name genannt bzw. ihre Einsetzung als Bischof und/oder das Ende ihres Episkopats.244 Dazu gehören auch bedeutende Päpste wie Gelasius und Hormisdas. Diese Bischöfe spielen in der Chronik als Akteure im Streit um Chalcedon bzw. um die Drei Kapitel keine weitere Rolle, auch wenn zum Teil kürzere zusätzliche Informationen über sie vermerkt werden wie ihre kirchenpolitische Haltung bzw. Einschätzung oder der Umstand ihrer Einsetzung bzw. Ab226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244

Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 104; 108; 123. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 123; 126; 128; 130; vgl. 124 (Theodosianer). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 123; 126; 128; vgl. 124 (Gaianiten). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 128. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 128; 144; 147 (Rückbezug). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 144; 147. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 4; 10; 22; 29. Der miaphysitische Gegenpatriarch zu Juvenal, Theodosius (451–457 [vgl. Grumel, La Chronologie, 451]), wird in der Chronik nicht genannt. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 29; 38. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 38; 49. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 49; 69; 77. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 77; 90. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 90; 104; 108; 119. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 119; 133. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 133; 146; vgl. 147 (Rückbezug nach der Absetzung). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 146; 147; 168. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 168. Vgl. auch die Liste der Bischöfe bei Victor von Tunnuna bei Mommsen, „Praefatio“, 182. Bei Rom fehlt dort allerdings ein Eintrag zu Johannes III. (vgl. Chronicon 167). Vgl. die genannten Listen bei Grumel, La Chronologie (s. o. Anm. 144). Dies betrifft folgende Bischöfe: Für Rom Hilarius; Simplicius; Gelasius; Anastasius II.; Symmachus und Laurentius (mit der Information, dass er durch eine Synode in Rom wieder abgesetzt wurde, vgl. Chronicon 76); Hormisdas; Johannes I.; Felix IV. (III.); Bonifatius II.; Johannes II.; Jo­ hannes III. Für Konstantinopel Gennadius I.; Flavitas/Fravitas; Epiphanius; Menas; Johannes III. Scholasticus. Für Antiochien: Johannes I.; Alexander; Martyrius; Julianus; Stephanus; Johannes Codonatus; Petrus (hereticus [s. o. S.  223 (Anm.  205)]); Palladius; Paulus II.; Eufrasius; Euphe­ mius; Anastasius. Für Alexandria: Johannes Mula; Dioskur II.; Paulus Prestor; Zoilus. Für Jerusalem: Anastasius I.; Martyrius; Elias I.; Petrus; Macarius (Benennung seiner Einsetzung, Absetzung und Wiedereinsetzung).

226

Zum Gerüst der erzählten Geschichte

setzung.245 Neben den Bischöfen, für die nur die Einsetzung und das Ende des Amtes notiert wird, gibt es Bischöfe, die für die beiden großen Konzilien in Chalcedon und Konstantinopel im Verbund mit den anderen Patriarchen als anwesend notiert werden, ohne dass ihnen darüber hinaus in der Chronik eine bestimmte Rolle zukäme.246 Insgesamt gilt v. a. für die Patriarchen von Jerusalem, dass sie in der Chronik trotz ihrer durchgehenden Nennung kaum als handelnde Personen auftreten.247 Den Päpsten kommt zwar zum Teil eine wichtige Rolle zu, aber v. a. an bestimmten Punkten der Chronik, nämlich am Anfang, als die Chronik Prospers als Quelle benutzt wird, und nach bzw. mit Beginn des eigentlichen Drei-Kapitel-Streites (Chronicon 130). Mehr Aufmerksamkeit liegt über weite Strecken insbesondere auf den Patriarchen von Alexandria und Konstantinopel, aber auch von Antiochien.248 Es gibt in der Chronik immer wieder summarische Bemerkungen, in denen mehrere Bischöfe notiert sind – diese fassen entweder mehrere hintereinander folgende Bischöfe eines Bischofssitzes249 oder mehrere parallele Episkopate der verschiedenen Städte in einer Notiz zusammen250. Damit wird dann jeweils eine größere Zahl von 245 Vgl. etwa Victor von Tunnuna, Chronicon 62 (Petrus von Antiochien als hereticus; vgl. auch 68); 170 (54,981 Cardelle de Hartmann): Johannes von Konstantinopel wird gemacht zum Bischof eiusdem erroris / „von demselben Fehler“ (wie Eutychius). Die Amtseinsetzung zu Lebzeiten des Vorgängers wird erwähnt für Palladius von Antiochien (Chronicon 69: Calendione superstite [22,3358 Cardelle de Hartmann]); die Absetzung des Elias von Jerusalem, der als Verteidiger Chalcedons bezeichnet wird, wird relativ ausführlich geschildert (Chronicon 90); die Amtseinsetzung von Paulus Prestor durch Verteidiger Chalcedons wird genannt (Chronicon 128); genannt wird auch der Grund für die Absetzung des Zoilus, der die Drei Kapitel nicht verurteilen wollte (Chronicon 144). 246 Dies gilt für Maximus von Antiochien und Anatolius von Konstantinopel (Chalcedon, vgl. Chronicon 10); sowie für Domninus von Antiochien, Appollinarius von Alexandria und Eustochius von Jerusalem (Konstantinopel, vgl. Chronicon 147). 247 Der einzige, dem hier eine größere Rolle zukommt, ist Juvenal; s. u. Kap. 5.1. 248 Insofern ist Placanica zuzustimmen, wenn er schreibt („Introduzione“, XVII): „Hanno speciale rilievo le vicissitudini dei patriarcati allesandrino e costantinopolitano […], mentre Roma, pur serbando il suo primate nell’ordine tradizionale delle sedi patriarcali, ha uno spazio del tutto inadeguato rispetto alla funzione esercitata dalla Sede apostolica tra il concilio di Calcedonie e il secondo di Constantinopoli.“ Dass es sich um eine „inadäquate“ Darstellung der Päpste handelt, lässt sich freilich nur sagen, wenn man für sie eine bestimmte Rolle erwartet. 249 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 122 (39,675–678 Cardelle de Hartmann): Iohanne v. c. consule, Romane ecclesie post Ormisdam Iohannes, post Iohannem Felix, post Felicem Bonifatius, post Bonifa­ tium alius Iohannes, et post Iohannem Agapitus episcopus ordinatur. / „Als der uir clarissimus Johannes Konsul war, wurde für die römische Kirche nach Hormisdas Johannes, nach Johannes Felix, nach Felix Bonifatius, nach Bonifatius ein anderer Johannes, und nach Johannes Agapitus zum Bischof ordiniert.“ In dieser Notiz werden die Jahre 523–535 zusammengefasst; vgl. Grumel, La Chronologie, 430. 250 Vgl. etwa Victor von Tunnuna, Chronicon 38 (13,189–195 Cardelle de Hartmann): Romane ecclesie episcopus post Ylarium Simplicius ordinatur et post Simplicium Felix. Constantinopolitane ecclesie Gennadius Anatholio succedit in episcopatum et Gennadio Acatius. Antiochene ecclesie post Alexandrum Marturius et post Marturium Iulianus ordinatur episcopus. Iherosolimitane uero ecclesie Marturius post Anastasium episcopum aderat. / „Für die Kirche von Rom wurde nach Hilarius Simplicius als Bischof ordiniert, und nach Simplicius Felix. Für die Kirche von Konstantinopel folgte Gennadius auf Anatolius in das Bischofsamt, und auf Gennadius Acacius. Für die Kirche von Antiochia wurde

Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge

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Jahren mit einer Notiz abgehandelt, ohne dass deshalb die übrige abgehandelte (parallele) Geschichte ebenso komprimiert würde. Es spielt dann nur die Geschichte der so zusammengefassten Episkopate für die jeweilige nähere Zeit keine Rolle mehr. Zum Teil wird auch zwischen Beginn und Ende eines Episkopats kurz notiert, dass jemand das betreffende Episkopat innehat.251 Gerade durch diese Angaben zu Beginn und Ende der Episkopate und durch die summarischen Bemerkungen wird deutlich, dass die Abfolge der Bischöfe ein weiteres chronologisches Grundgerüst ist, das die Chronik durchzieht, wenn auch ohne die Angabe der Amtsjahre wie bei den Kaisern und chronologisch nicht immer „korrekt“, d. h. mit der tatsächlichen Amtszeit bzw. mit der parallel erzählten Zeit übereinstimmend.252 4.2.5 Bischöfe von Karthago Auch die Bischöfe von Karthago253 und deren Wechsel werden – wieder entsprechend dem nordafrikanischen Fokus der Chronik  – in ähnlicher Weise wie die Patriarchen der Pentarchie angegeben.254 Genannt werden Capreolus (429/430–ca. 435)255, Quodvultdeus (seit ca. 439 [oder 437])256, Deogratias (454–456/457)257, Eugenius

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nach Alexander Martyrius, und nach Martyrius Julianus als Bischof ordiniert. Für die Kirche von Jerusalem aber war Martyrius nach Anastasius Bischof.“ In dieser Notiz, die nicht den Patriarchen von Alexandria erwähnt, sind die Jahre von 458 (Beginn des Episkopats des Gennadius) bis 483 (Beginn des Episkopats von Felix) abgedeckt. Vgl. ähnliche summarische Bemerkungen in Chronicon 29; 49; 69; 77; 104; 108, vgl. auch 119 (Karthago und Jerusalem, s. u. Anm. 263). Die konkret genannten Patriarchate (Städte) variieren jeweils. Vgl. etwa zu Athanasius II. Keletes von Alexandria, der zudem in der Nachfolge des Petrus Mongus als Häretiker bezeichnet wird: Alexandrine uero Athanasius preerat hereticus (Victor von Tunnuna, Chronicon 69 [22,356–357 Cardelle de Hartmann]). Der Beginn seines Amtes wird in Chronicon 64 genannt, das Ende aufgrund seines Todes in Chronicon 73. Vgl. eine solche „Zwischennotiz“ auch bei Johannes Niceta (Chronicon 77); Timotheus IV. von Alexandria (Chronicon 108); Sallustius (Chronicon 69); Johannes III. von Jerusalem (Chronicon 104 und 108). Vgl. bspw. schon die o. g. summarischen Bemerkungen; auch Angaben für einzelne Episkopate stimmen (nach heutiger Rechnung) oft nicht. Zur Vorrangstellung des Bischofs von Karthago im nordafrikanischen Kontext s. o. S. 42–43. Der Bischof von Karthago wurde nie als „Patriarch“ bezeichnet, vgl. Adamiak, Carthage, 45. Allerdings scheinen die homöischen Vandalen ihrem Bischof in Karthago diesen Titel beigelegt zu haben, vgl. Victor von Vita, Historia persecutionis 2,14 (Patriarch Iucundus) und 2,54. Victor von Vita berichtet, dass dieser Titel von den „Katholiken“ als „hochmütig und unerlaubt angemaßt[]“ empfunden wurde (superbe et illicite sibi nomen usurpatum [45,11 Petschenig; Übers. 97 Vössing]). Zu den jeweiligen Daten in der untenstehenden Auflistung vgl. Maier, L’Épiscopat, 95, sowie Audollent, Carthage romaine, 827. Die Bischöfe anderer Städte bzw. Provinzen Africas werden in der Chronik nicht regelmäßig aufgeführt; zu ihnen s. im Einzelnen im jeweiligen Kapitel. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 26. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 26. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 26. Nach Deogratias war der Bischofssitz 24 Jahre vakant.

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Zum Gerüst der erzählten Geschichte

(480/481–505 [?]; verbannt unter Thrasamund 496)258, Bonifatius (ca. 523–535)259, Reparatus (535–552; gest. 563)260 und Primosus (552–nach 566/567)261. Auch hier ist die Liste der Bischöfe somit vollständig, und die Angaben gleichen zumindest teilweise formal den Angaben zu den Bischöfen der Pentarchie: Es finden sich wie bei den Patriar­chen summarische Bemerkungen, die mehrere Jahre in einer Notiz abhandeln,262 und in Chronicon 119 wird der Wechsel im Episkopat Karthagos in einer Notiz mit dem Wechsel im Episkopat Jerusalems genannt, also in den Wechsel der anderen Patriarchen eingereiht263. Auch wenn Chronicon 119 das einzige Beispiel für eine solche Einreihung ist, ähnelt doch die Notierung der Bischöfe Karthagos in der Chronik insgesamt der der Patriarchen. Anzumerken ist darüber hinaus noch, dass allgemein für die Bezeichnung von Bischöfen besonders in Africa in der Chronik auch der Begriff sacerdotes gebraucht wird: So ist von sacerdotes catholici im Zusammenhang mit den Exilierungen Hunerichs bzw. der Rückkehr der Exilierten unter Hilderich die Rede (vgl. Chronicon 30; 50; 106).264 Sacerdotes als Angehörige eines concilium der Proconsularis werden genannt in Chronicon 149 und 152.265

258 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 26; 50; 86. Nach Eugenius war der Bischofssitz erneut vakant (18 Jahre). Vgl. auch Steinacher, Die Vandalen, 283. 259 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 106; 119. 260 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 119; 143; 145; 165; vgl. 149 (Rufinus und Vivus als obtrectatores des Reparatus). In Chronicon 143; 145; 149 und 165 wird Reparatus als archiepiscopus (Erzbischof) bezeichnet. Zu diesem Titel s. u. S. 419–420 (Anm. 906). 261 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 145; 149; 152; 155. 262 Vgl. v. a. Victor von Tunnuna, Chronicon 26 (10,142–144 Cardelle de Hartmann): Viuiano u. c. […] consulibus Cartaginiensis ecclesie post Capreolum Quoduultdeus et post Quoduultdeus atque Deogratias Eugenius episcopus ordinatur.  / „Als der uir clarissimus Vivianus […] Konsuln waren, wurde für die Kirche von Karthago nach Capreolus Quodvultdeus und nach Quodvultdeus und Deogratias Eugenius zum Bischof der Kirche von Karthago ordiniert.“ Hiermit werden in der Notiz zu einem Jahr ungefähr 45 Jahre abgehandelt. 263 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 119 (38,663–666 Cardelle de Hartmann): Belesario uice consule, Reparatus Cartaginensis ecclesie episcopatum post Bonifacium suscipit, Iherosolimitane uero ecclesie presulatu Petrus Iohanni mortuo succedit. / „Als Belisar zum zweiten Mal Konsul war, empfing Reparatus das Bischofsamt der Kirche von Karthago nach Bonifatius, für den Vorsitz der Kirche von Jerusalem aber folgte Petrus, nachdem Johannes gestorben war.“ 264 Tilley, „The Collapse“, 6 (mit Anm. 9) verweist auf Victor von Tunnuna, Chronicon 30 als Beleg dafür, dass das Wort sacerdos in Nordafrika bis weit in die byzantinische Zeit nur für Bischöfe gebraucht wurde. Dafür, dass hier Bischöfe gemeint sind, spricht jedenfalls auch die Angabe in Chronicon 50, wo notiert wird, dass neben den sacerdotes auch die cuncti ordinis clerici exiliert wurden: Dass zwischen beiden unterschieden und die sacerdotes zuerst genannt sind, legt eine Deutung der sacerdotes (nur) als Bischöfe nahe. Dasselbe gilt bspw. für die Parallelisierung von den episcopi aus Numidien mit den sacerdotes aus der Proconsularis in Chronicon 152, auch dort scheinen die beiden Begriffe dasselbe, eben Bischöfe, zu bezeichnen. 265 Dazu s. u. Kap. 5.7.3.4. Die Bezeichnung sacerdotes wird darüber hinaus in der Chronik noch gebraucht für die christlichen Amtsträger, die durch ihre Gebete dem Perserkönig Kavvades helfen, ein Kastell einzunehmen (vgl. Chronicon 89); in der entsprechenden Stelle bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E512 (146,25–147,15 Hansen) ist ein explizit genannter Protagonist

Angaben zu Personensukzessionen in der Chronik als chronologische Stränge

229

Es wurde schon oft bemerkt, dass kirchenpolitische bzw. kirchengeschichtliche Ereignisse in der Chronik Victors von Tunnuna einen besonders großen Raum einnehmen: […] Victor de Tonnenna […] nous a laissé une Chronique singulièrement curieuse, dans les portions qui se rapportent au VI siècle, par le ton passionné du récit et la preoccupation presque exclusive des événements de l’histoire religieuse.266 Das Kirchliche ist in dieser Chronik viel stärker berücksichtigt als das Weltliche, besonders von 456 an.267

Neben den in der Chronik dargestellten Ereignissen zeigt sich dies auch an der aufgezeigten regelmäßigen Nennung der Bischöfe der Pentarchie und Karthagos und an der (fast lückenlosen) Vollständigkeit ihrer Auflistung, die neben den Kaisern den zweiten chronologischen Strang der Chronik ergibt. Längst nicht alle Bischöfe aber nehmen eine aktive Rolle in der Darstellung der Chronik ein – und verschiedenen Bischofssitzen kommt für verschiedene Zeiten eine unterschiedliche Rolle zu. Dies hängt einerseits mit den von Victor von Tunnuna benutzten Quellen zusammen, andererseits aber auch mit der Geschichte, welche die Chronik mit einer bestimmten Intention bzw. von einem bestimmten historischen Ort aus erzählt. Dieser Geschichte dient das hier dargestellte Gerüst als Grundlage, sozusagen als äußerer Rahmen, und sie füllt es inhaltlich. Wie sie dies tut, wird im folgenden Kapitel 5 untersucht werden.

der Christen der ἐπίσκοπος, so dass auch bei Victor von Tunnuna entsprechend Bischöfe gemeint sein können. Eine „bischöfliche Versammlung“, die den Gegenpapst Laurentius absetzt, wird in Chronicon 76 erwähnt (24,391–393 Cardelle de Hartmann): Laurencius […] a cetu est sacerdotali proiectus / „Laurentius […] wurde von einer bischöflichen Versammlung fortgejagt“. 266 Diehl, L’Afrique byzantine 2, 432. 267 Schanz/Hosius/Krüger, Geschichte der römischen Literatur 4,2, 113. Vgl. auch Placanica, „Introduzione“, XX: Victor von Tunnuna habe besonderes Interesse an kirchlichen Ereignissen, mit einem besonderen Augenmerk auf den Orient und – im Vergleich zu den anderen Patriarchaten – auf die Zentralität Konstantinopels (dazu kurz s. o. S. 122–123).

5. Die erzählte Geschichte der Chronik In den folgenden Kapiteln wird nun die erzählte Geschichte (d. h. die oben postulierte zweite Geschichte) der Chronik in den Blick genommen: Welche Geschichte erzählt die Chronik des Victor von Tunnuna – insbesondere welche Geschichte des Drei-­Kapitel-Streites? Dabei wird, wie oben dargelegt, davon ausgegangen, dass eine Chronik tatsächlich eine eigene Geschichte erzählt und damit mehr ist als eine bloße chronologische Aneinanderreihung von Fakten oder eine dürre Aufzählung. Die Chronologie ist in der Chronik des Victor von Tunnuna zunächst das Gerüst, das die erzählte Geschichte zusammenhält und gleichzeitig inhaltlich durch sie gefüllt wird. Inwiefern diese Annahme einer erzählten Geschichte auf die Chronik des Victor von Tunnuna zutrifft und was die erzählte Geschichte zugleich über den Ort/Kontext der Chronik und auch die Intention, mit der sie verfasst wurde, verraten kann, dem wird in diesem großen Kapitel 5 nachgegangen. Dabei werde ich im Wesentlichen chronologisch vorgehen, d. h. der durch die Chronik vorgegebenen chronologischen Struktur folgen. Das heißt, dass sich die Abschnitte in diesem Kapitel an den „Kaisern der Römer“ orientieren – deren Herrschaftszeiten strukturieren die Chronik durch die jeweils gleiche Einführung und die formal gleiche Angabe der Jahre der Herrschaft. Die nordafrikanische Geschichte, die die Chronik erzählt, ist dabei in die erzählte Geschichte des Römischen Reiches und der kirchlichen Strukturen eingewoben, lässt sich aber zumindest für die Zeit unter der Vandalenherrschaft als eigener Erzählfaden verfolgen, daher wird diese Geschichte in einem gesonderten Kapitel (Kap. 5.5) behandelt. Als Überblick über die abgehandelten Einträge der Chronik wird an den Anfang jedes Kapitels jeweils eine kurze tabellarische Übersicht eingefügt. Am Ende der „erzählten Geschichte“ kommt mit der Epistula fidei catholicae ein letztes Zeugnis des Widerstandes gegen die Verurteilung der Drei Kapitel in Africa in den Blick (Kap. 5.9). 5.1 Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedon – eine Geschichte ausgehend von Prospers Epitoma chronicon Die Frage, ob die Chronik des Victor von Tunnuna einmal eine Universalchronik war oder nicht, wurde oben bereits in Verbindung mit dem Präskript der Chronik aus-

Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedo

231

führlich diskutiert.1 Das Präskript präsentiert die Chronik als Fortsetzung der Chronik Prospers: Huc usque Prosper uir religiosus ordinem precedentium digessit annorum cui et nos ista subiecimus.2 Die Chronik Victors wird damit angeschlossen an eine ordo, die Prosper „bis hierher“ geführt hat, wobei der Fokus des Präskriptes der Gattung Chronik entsprechend auf der Chronologie liegt: auf der Zählung der Jahre (digessimus) im Anschluss an die Chronik Prospers. Was in der Chronik folgt, ist freilich mehr als das – einerseits folgt eben nicht nur eine simple Zählung der Jahre, und andererseits schließt die Chronik Victors ja eben gerade nicht einfach an die Chronik Prospers an, sondern verarbeitet sie als Quelle.3 Diese Benutzung der Chronik des Prosper Tiro von Aquitanien durch Victor von Tunnuna für die Jahre 444–455 zeigt sich grundsätzlich besonders in der Darstellung der politischen Geschichte: Alle politischen Ereignisse der Jahre 444–455, die in der Chronik Victors erwähnt sind, kommen auch bei Prosper vor.4 Zudem sind die Ausführungen zur politischen Geschichte in diesem ersten Teil der Chronik im Verhältnis zu späteren Einträgen relativ ausführlich. Auch dies weist auf ihre Quelle hin.5 Hier soll nun der jetzt vorliegende und oben als ursprünglich angenommene Anfang der Chronik in inhaltlicher Hinsicht in den Blick genommen werden: Gerade im Vergleich mit der Chronik Prospers zeigen sich für die Jahre 444–455 (Chronicon 1–15) von Anfang an eigene Akzente, die zur Geschichte des Drei-Kapitel-Streites, wie sie die Chronik erzählt, hinführen. Dass Victor von Tunnuna nicht einfach an das Jahr 455 und damit an die ihm offensichtlich vorliegende Version der Chronik Prospers anknüpft, ist auffällig und nicht nur relevant für die Frage nach der ursprünglichen Gestalt der Chronik Victors, sondern auch für die Frage nach deren inhaltlichem Fokus mit einer bestimmten Intention und einem bestimmten historischen Ort im Drei-­ Kapitel-Streit. Dieser Fokus soll im Folgenden v. a. im Vergleich mit der Darstellung Prospers herausgearbeitet werden. Die Abschnitte der Chronik, die die Jahre 444–455 umfassen und deren Hauptquelle also die Chronik Prospers ist, beinhalten folgende Ereignisse:

1 2 3

4 5

S. o. Kap. 3.5. Victor von Tunnuna, Chronicon (3,1–2 Cardelle de Hartmann): „Bis hierher hat der Mönch Prosper die Ordnung der vorangehenden Jahre der Reihe nach eingetragen, dem lassen auch wir diese Dinge folgen.“ S. o. S. 143. Auch die Historia ecclesiastica des Theodoros Anagnostes wurde bereits am Anfang der Chronik als Quelle benutzt; Hansen weist in seiner Ausgabe auf die Benutzung von Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E344–347 in Chronicon 3–4 hin; allerdings war die Historia möglicherweise bereits für Chronicon 1 eine Quelle; s. u. S. 232–233. Ausnahme ist die Erwähnung der Amtsübernahme des Avitus für das Jahr 455 (Chronicon 15) – dieses Ereignis gehört freilich schon in die Zeit nach dem Ende der Chronik Prospers. Vgl. Muhlberger, „Prosper’s Epitoma Chronicon“, 241. Zur ausführlichen Darstellung und Begründung der Annahme, dass Victor von Tunnuna die Chronik Prospers als Quelle benutzt vgl. insgesamt ebd., 240–244, bes. 241–243; s. dazu auch kurz o. Kap. 3.3 sowie S. 146.

232

Die erzählte Geschichte der Chronik

Chronicon

Jahr6

Ereignis/Inhalt

1

444

Domnus als Bischof von Antiochia.

2

446

Das (dritte) Konsulat des Aëtius und das des Symmachus.

3

447

Die „Häresie“ des Eutyches, seine Verurteilung in Konstantinopel und deren Bestätigung durch den römischen Bischof Leo.

4

448

Die 2. Synode von Ephesus („Räubersynode“).

5

449

Hunnenkönig Attila bedroht Italien.

6

450

Tod von Kaiser Theodosius II.

7

450

Marcian wird als Kaiser eingesetzt.

8

450

Marcian kündigt das Konzil von Chalcedon an.

9

450

Anatolius als Bischof von Konstantinopel.

10

451

Das Konzil von Chalcedon.

11

453

Proterius als Bischof von Alexandria nach der Exilierung des Dioskur.

12

453

Der Tod des Attila und die Schwächung der Hunnen.

13

454

Tötung des Patriziers Aëtius durch den Augustus Valentinian.

14

455

Intrigen gegen Valentinian und dessen Tötung; Übernahme der Herrschaft durch Maximus; die Ankunft Geiserichs in Rom steht bevor.

15

455

Die Plünderung Roms durch Geiserich; Avitus als Herrscher über Gallien.

5.1.1 Akzente des Victor von Tunnuna im Vergleich zu Prosper Tiro von Aquitanien – erste Beobachtungen Die Chronik beginnt mit dem Jahr 444 nach unserer Zeitrechnung. Dieses Jahr ist das Todesjahr des Kyrill von Alexandria, was allerdings – wie in der Chronik Prospers – nicht erwähnt wird.7 Das erste Ereignis, das Victor nach der Angabe der Konsuln notiert, ist vielmehr, dass Domnus nach Johannes Bischof der Kirche von Antiochien wird.8 Schon mit diesem ersten Eintrag wird ein Akzent gesetzt: Prosper nennt dieses Ereignis nicht. In der Epitome des Theodoros Anagnostes wird die Wahl des Domnus zum Bischof hingegen genannt, anders als bei Victor von Tunnuna noch weiter 6 7 8

In dieser und in den in den weiteren Kapiteln folgenden chronologischen Tabellen dieser Art sind die Angaben zu den Jahren aus der Ausgabe Cardelle de Hartmanns übernommen. Bei Prosper wird Kyrill nur in seiner Opposition zu Nestorius erwähnt (vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1297). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 1 (3,3–5 Cardelle de Hartmann): Antiochene ecclesie episcopatum post Iohannem Domnus suscepit. / „Nach Johannes empfing Domnus das Bischofsamt der Kirche von Antiochien.“

Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedo

233

präzisiert durch die Information, Domnus habe an den König geschrieben wegen der „Rechtgläubigkeit der Zeugen für Theodor von Mopsuestia“.9 Facundus von Hermiane erwähnt bezüglich Domnus, er sei die erste Person, welche offen die Lehre des Eutyches angegriffen habe.10 Nach Liberatus von Karthago verurteilte Domnus in einem Streit von Presbytern und Diakonen aus Edessa zusammen mit Ibas von Edessa einige dieser Presbyter und Diakone und hob das Urteil des Ibas gegen sie nicht auf.11 Domnus selbst wurde in Ephesus 449 verurteilt.12 Damit wird die Chronik mit der Einsetzung eines Bischofs eröffnet, der als rechtgläubig im Sinne des späteren Konzils von Chalcedon erscheint, und der zudem selbst zugunsten einzelner der Drei Kapitel handelt. Dies kann als Subtext i. S. des Fokus der Chronik auf die Verteidigung der Drei Kapitel gedeutet werden – allerdings finden sich diese Hinweise im Text selbst nicht. Die Chronik von Victor von Tunnuna erwähnt überhaupt keine weiteren Ereignisse, die Domnus betreffen.13 5.1.2 Politische Notizen der Jahre 444–455 Nach dieser ersten Akzentsetzung in der Chronik des Victor von Tunnuna zeigt ein Vergleich mit den parallelen Einträgen aus der Chronik Prospers grundsätzlich, wie oben schon angeführt, dass es v. a. bezüglich politischer Notizen für die Jahre 444–455 9

10 11 12 13

Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E341 (97,8 Hansen): ὃς καὶ ἕγραψε βασιλεῖ ὀρθοδοξίαν μαρτυρῶν Θεοδώρῳ Μομψουεστίας. Damit folgt Victor hier wahrscheinlich eher Theodoros Anagnostes als Prosper. Somit erscheint auch Placanicas Überlegung (vgl. „Note“, 53 [ad a. 444]), dass sich die fehlende Notiz zum Tod Kyrills im ursprünglich vorher stehenden Teil der Chronik Victors befand, weniger wahrscheinlich, selbst wenn man noch von einer Universalchronik ausgehen will: Theodoros Anagnostes erwähnt den Tod von Kyrills in dem auf den Bericht über die Amtsübernahme des Domnus folgenden Abschnitt (Historia ecclesiastica E341–E342). Wenn Victor mit der Angabe der Wahl des Domnus zum Bischof in diesem Abschnitt aber eher Theodoros als Prosper folgt, wäre es naheliegender, eine Notiz zum Tod Kyrills an derselben Stelle wie bei Theodoros zu erwarten. Bei Placanica, „Note“, 53 (ad a. 444) auch die Hinweise auf die weiteren Quellen in diesem Abschnitt. Vgl. Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 8,5,1–5 (Brief des Domnus an Kaiser Theodosius wegen Eutyches); 12,5,18. Vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 10 (113,15–25 Schwartz); vgl. Heil, „Liberatus von Karthago“, 57. Vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 2,2, 437. Dies wird von Victor von Tunnuna nicht berichtet, vgl. Chronicon 4. Vgl. Placanica, „Note“, 63 (ad a. 444): „Non senza motivo Vittore […] segnala l’elezione di Domno: egli fu infatti il primo ad attacare apertamente le dottrine di Eutiche“. Placanica weist ebd. auch darauf hin, dass Domnus eigentlich 441–442 Bischof wurde. Victor von Tunnuna erwähnt später (Chronicon 130) eine Synode in Antiochien unter Johannes, die Theodor von Mopsuestia gelobt habe. Damit bezieht er sich auf eine Synode aus dem Jahr 438 (s. u. S. 386; Prosper erwähnt diese Synode nicht). Dies kann als ein weiterer Hinweis darauf gesehen werden, dass aus Sicht des Victor von Tunnuna die Streitigkeiten, die zum späteren Drei-Kapitel-Streit führen, in diesen Jahren um 440 beginnen, was auch inhaltlich einen Beginn der Chronik zu dieser Zeit nahelegen würde.

234

Die erzählte Geschichte der Chronik

inhaltliche und wörtliche Übereinstimmungen zwischen Prospers und Victors Chronik gibt. Ähnlich geschilderte Ereignisse sind etwa der Tod Attilas und dessen Folgen (vgl. Chronicon 12 und Epitoma chronicon 1370). Auch in Chronicon 13 und 14 (Aëtius und Valentinian) finden sich Belege für die Übereinstimmung von Prosper (vgl. Epitoma chronicon 1373 und 1375) und Victor, die Muhlberger als „clear verbal echoes of Prosper“ bei Victor aufgezeigt hat.14 Freilich gibt es in denselben Einträgen dennoch Unterschiede im Detail: So ist die Darstellung der Tötung des Aëtius bei Victor (Chronicon 13; vgl. Epitoma chronicon 1373) deutlich kürzer, es fehlt im Gegenüber zu Prosper etwa die Erwähnung einer angestrebten familiären Verbindung zwischen dem Augustus Valentinian und dem patricius Aëtius.15 Als Anstifter für die Feindseligkeiten zwischen Valentinian und Aëtius wird bei Prosper der kaiserliche praepositus, der Eunuch Heraclius genannt; dieser (oder ein anderer Intrigant) spielt bei den Schilderungen in der Chronik des Victor von Tunnuna zunächst keine Rolle.16 Ist es bei Prosper Valentinian, der Aëtius eigenhändig tötet,17 wird bei Victor von Tunnuna die Tötung – nach einer vorherigen gewaltsamen Intervention durch den Kaiser – den Schwertern der Umstehenden zugeschrieben.18 In Chronicon 14 erwähnt Victor dann Heraclius mit dem Patrizier Maximus19 als an der 14 15

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18

19

Vgl. Muhlberger, „Prosper’s Epitoma chronicon“, 241–242: Vergleich von Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1361; 1367; 1373; 1375 und Victor von Tunnuna, Chronicon 5; 6; 7; 13; 14. Aëtius war erfolgreicher Heermeister und wurde von Kaiser Valentinian III. und dessen Umfeld als Bedrohung wahrgenommen. Er versuchte nach Prosper, seinen Sohn mit der Tochter von Valentinian, Placidia, zu verheiraten. Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 321–322; vgl. Steinacher, Die Vandalen, 192–193. Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 323–324: Prosper folge mit der Beschuldigung eines kaiserlichen Beraters einem „Grundmuster antiker Polemik“, hier allerdings in abgeschwächter Form. Victor übernimmt dieses Muster an dieser Stelle jedenfalls nicht. Zu den Varianten in Prospers Text vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 320–321, 324–325. Prosper (Epitoma chronicon 1373) bietet zunächst als einziger die Information, dass auch der Präfekt Boethius getötet wurde (vgl. ebd., 325), was Victor von Tunnuna aufnimmt (Chronicon 13). Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1373 (483,12–14 Mommsen; Übers. 135–137 Kötter: Aetius […] imperatoris manu et circumstantium gladiis intra palatii penetralia crudeliter confectus est / „Aëtius [wurde] durch des Kaisers Hand und durch die Schwerter der Umherstehenden in den Gemächern des Palastes grausam umgebracht.“ Zur Sicht auf Aëtius als letztem „Römer und Retter des weströmischen Kaisertums“ vgl. Steinacher, Die Vandalen, 196, in Bezug auf Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,4,28; vgl. auch Marcellinus Comes, Chronicon ad a. 454,2 (86,9–10 Mommsen; Übers. 22 Croke): Cum ipso Hesperium cecidit regnum. / „And with him fell the Western Kingdom“. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 13 (7,79–81 Cardelle de Hartmann): Aetius patricius Valentiniani Augusti manu intra palatium primo percussus circumstancium gladiis crudeli morte extinguitur. / „Der Patrizier Aëtius wurde durch die Hand des Augustus Valentinian im Palast zuerst geschlagen und dann durch die Schwerter der Umstehenden durch einen grausamen Tod ausgelöscht.“ Auf die Erwähnung der direkten Beteiligung des Kaisers an der Tötung des Aëtius in weiteren Quellen weisen Becker/Kötter, „Kommentar“, 325 (mit Anm. 2) hin. Vgl. etwa Marcellinus Comes, Chronicon a. 454,2; Hydatius, Chronicon 160 u. ö. Vgl. auch Placanica, „Note“, 71–72 (ad a. 454). Vgl. zu seiner möglichen Beteiligung an der Tötung Valentinians und zu seiner anschließenden Heirat mit dessen Witwe kurz Becker/Kötter, „Kommentar“, 327.

Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedo

235

Tötung des Valentinian beteiligt, Prosper (Epitoma chronicon 1375) hingegen notiert die Tötung des Heraclius kurz nach der Tötung Valentinians.20 Maximus wird kurzzeitig Nachfolger Valentinians und heiratet dessen Witwe (Licinia Eudoxia, weder bei Victor noch bei Prosper namentlich genannt). Die negative Beurteilung dieser Ehe, zu der Maximus die Witwe ohne die angemessene Trauerzeit gezwungen hatte,21 ist bei Victor von Tunnuna deutlicher als bei Prosper: Sie wird direkt im Anschluss an die Aussage, hier erscheine das Schlechte, das bisher verborgen war, genannt.22 Auf die Angabe zu der Ehe folgt die Darstellung der Fortführung dieser Schlechtigkeiten mit „noch schlechteren Dingen“,23 nämlich der Erlaubnis an die Römer, bei der Ankunft Geiserichs in Rom24 zu fliehen und Maximus’ eigenem Fluchtplan. Diese „schlech-

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Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 14 (7,83–85 Cardelle de Hartmann): Valentinianus imperator Rome campo Martio dolis Maximi patritii et Eraclii prepositi perimitur. / „Kaiser Valentinianus wurde auf dem Marsfeld durch die Täuschungen des patricius Maximus und des praepositus Heraclius getötet.“ Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1375 (484,6–7 Mommsen/Übers. 137 Kötter): Heraclio simul, ut erat proximus, interempto. / „Gleichzeitig wurde Heraclius beseitigt, weil er ihm am nächsten stand.“ Placanica, „Note“, 72 (ad a. 455) nimmt an, dass Victor von Tunnuna Prosper hier missverstanden habe und deshalb Heraclius an der Tötung Valentinians beteiligt sehe. Placanica sieht insgesamt in der Notiz zu Valentinians Tod bei Victor eine größere Nähe zu Marcellinus Comes, Chronicon a. 455,1 als zu Prosper, wobei eine Benutzung dieser Chronik durch Victor aber unwahrscheinlich sei. S. dazu auch u. S. 309–310. Die Trauerzeit betrug eigentlich ein Jahr, vgl. Placanica, „Note“, 73 (ad a. 455); vgl. Codex Iustinanus 5,9,2. Bei Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1375 (484,16 Mommsen/Übers. 137 Kötter) wird die Ehe des Maximus mit der Witwe Valentinians als incontinentia („Unmäßigkeit“) bezeichnet. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 14 (7,87–89 Cardelle de Hartmann): […] malum quod latebat apparuit. […] Sed his malis peiora succedunt. / „Hier erschien daher das Schlechte, das verborgen war. […] Aber auf diese schlechten Dinge folgten noch schlechtere.“ S.  auch u. Kap.  5.4.1 und 5.7.2.5 zu Chronicon 68 und 130. Das malum quod latebat apparuit kann sich gleichzeitig auf die zuvor genannten doli von Maximus und Heraclius und die darauf folgende Übernahme der Herrschaft durch Maximus beziehen. Die unrechtmäßige, durch Täuschungen erworbene Herrschaft zeigt sich auch in der unrechtmäßigen Heirat. Zu Geiserich s. o. Kap. 2.2.2.1, s. auch u. Kap. 5.5.1. Vössing, Das Königreich, 56, sieht in der Besetzung des Kaiserthrones durch Maximus den entscheidenden Impuls für die Plünderung Roms durch Geiserich, als Rache für die Ermordung Valentinians, dessen Vertragspartner und gleichzeitig zukünftigen Schwiegervater seines Sohnes, dem Valentinians Tochter Eudocia versprochen worden war. Zu den Gründen für den „sacco di Roma“ vgl. zusammenfassend insb. Vössing, Das Königreich, 55–60, hier 58: Geiserich wollte „sicherstellen, dass die Nachfolgefrage im Westreich offen blieb, dass zumindest nichts ohne ihn entschieden werden konnte, und bezeichnenderweise gab er die Kaiserwitwe und ihre jüngere Tochter Placidia nicht eher frei, als bis er die ältere (Eudocia) mit seinem Sohn vermählt und auch die jüngere einem ihm genehmen Ehemann gegeben hattte.“ Zudem habe die Beraubung darauf gezielt, „das Westreich durch systematische Ausplünderung von der Möglichkeit abzuschneiden, in der üblichen Weise Foederaten-Soldaten zu verpflichten und einzusetzen […]. Mit den Schätzen sollte also auch die politisch-militärische Initiative von Rom nach Karthago wechseln.“ Vgl. zu den Gründen auch Steinacher, Die Vandalen, 200–203, der neben einer Beeinflussung des Westens durch Geiserich sowohl eine Demonstration der maritimen Vorherrschaft der Vandalen sieht als auch das Prestige und den finanziellen Wert der Beute für die Vandalen betont.

236

Die erzählte Geschichte der Chronik

teren Dinge“ enden mit Maximus’ Tod. Der Zusammenhang zwischen der Ehe, dem Verhalten bei der Ankunft Geiserichs und dem Tod des Maximus ist bei Prosper weniger pointiert dargestellt.25 Dies rückt Maximus bei Victor zunächst in ein schlechteres Licht. Dafür wird jedoch bei Prosper explizit erwähnt, dass Maximus kein Begräbnis erhielt.26 Das Bild des Maximus ist damit letztlich bei beiden Chronisten negativ gezeichnet.27 Insgesamt betreffen die genannten Unterschiede zwischen beiden Chroniken also tatsächlich Details bei einer grundsätzlich ähnlichen Darstellung der politischen Ereignisse. 5.1.3 Die Darstellung des Konzils von Chalcedon und seiner Vorgeschichte Anders verhält es sich mit der jeweiligen Darstellung des Konzils von Chalcedon und dessen Vorgeschichte bzw. Begleitumstände, also bei der Schilderung der Ereignisse, die man als „kirchlich“ oder als „kirchenpolitisch“ bezeichnen kann. Hier weichen die Chroniken von Victor und Prosper zum Teil entscheidend voneinander ab. In dieser unterschiedlichen Darstellung wird der eigene Fokus der Chronik des Victor von Tunnuna im Gegenüber zu ihrer Quelle von Anfang an deutlich: „Since it was impossible for him to adopt Prosper’s stance, Victor found it necessary to construct his own history of the rise and fall of Eutyches“.28 „Prosper’s stance“ bedeutet insbesondere eine bewundernde Haltung gegenüber Papst Leo I. (440–461 im Amt). So lässt sich mit Jan-Markus Kötter die Notwendigkeit eines eigenen Berichtes für Victor von Tunnuna zusammenfassend zurückführen auf die unterschiedlichen Ansichten bezüglich der Vorgänge rund um die Synode von Chalcedon: Während Prosper die Abwehr des Eutychianismus gänzlich Papst Leo, nicht aber der

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Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1375 (484,16–18 Mommsen/Übers. 137 Kötter): Sed hac incontinentia non diu potitus est. Nam post alterum mensem nuntiato ex Africa Gisirici regis aduentu […]. / „Aber solche Unmäßigkeit genoss er nicht lange Zeit. Denn zwei Monate später wurde König Geiserichs Anmarsch aus Africa gemeldet […].“ Darauf folgt die Darstellung der Flucht der Menschen aus Rom und der Erlaubnis des Kaisers dazu sowie die Schilderung seines Todes. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1375 (484,22 Mommsen): sepultura quoque caruit. Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 328: „Der Hinweis auf die mangelnde Bestattung des Kaisers rundet das Bild der Chronik von Maximus ab, der den Angehörigen seines Vorgängers zuvor ebenfalls eine adäquate Trauer um den Verstorbenen verwehrt hatte.“ Bei Prosper und bei Victor fehlt die sonst zum Teil vorkommenden Notiz, dass Licinia Eudoxia nach der Zwangsverheiratung mit Maximus Geiserich dazu überredet habe, Rom anzugreifen; vgl. etwa Marcellinus Comes, Chronicon a. 455,5; Hydatius, Chronicon 167; Prokopios von Caesarea, De bello Vandalico 1,4,36–39; Johannes Malalas, Chronographia 14,26; Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 2,7; vgl. Placanica, „Note“, 73 (ad a. 455). Muhlberger, „Prosper’s Epitoma Chronicon“, 243–244.

Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedo

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Synode zuschreibt, war die Autorität der Synode für Victor im Streit um die „drei Kapitel“ unter Kaiser Justinian von höchster Bedeutung.29

Was für die Chronik des Victor von Tunnuna der Eutychianismus ist, wird bereits im dritten Abschnitt der Chronik relativ ausführlich dargestellt. Dort wird die von Eutyches, „Presbyter und Archimandrit eines gewissen konstantinopolitanischen Klosters“ geschaffene „Häresie“,30 zunächst kurz beschrieben und dann noch einmal negativ benannt als das, was Eutyches auf einer Synode, die in Konstantinopel zusammengekommen war, nicht bekennen wollte: Hic etenim Dominum nostrum Ihesum Christum sic asserebat natum ex Maria semper uirgine matre, ut nichil in eo confiteretur humane nature. […] dum nollet Christum in duabus confiteri naturis post natiuitatem ex uirgine et nobis secundum carnem consubstancialem esse […].31

Die Lehre des Eutyches ist eine der wenigen theologischen Positionen, die in der Chronik zumindest ansatzweise genauer angegeben werden.32 Victor von Tunnuna stellt sie als Leugnung der menschlichen Natur Christi und damit seiner fleischlichen Konsubstantilität mit dem Menschen dar. Dies entspricht grundsätzlich der Aussage über die haeresis und impietas33 des Eutyches bei Prosper, allerdings wird dort ein anderes Vokabular benutzt.34 Die insgesamt dennoch knappe Darstellung dessen, was Eutyches theologisch vertrat, ist in der Chronik damit grundsätzlich korrekt: Eutyches 29 30

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Kötter, „Einleitung“, 9. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 3 (3,7–9 Cardelle de Hartmann): Eutices presbyter et archimandrita cuiusdam monasterii Constantinopolitani paruit qui sui nominis heresim condidit. / „Es erschien Eutyches, Presbyter und Archimandrit eines gewissen konstantinopolitanischen Klosters, der eine Häresie seines Namens begründete.“ Victor von Tunnuna, Chronicon 3 (3,16 Cardelle de Hartmann): „Dieser nämlich behauptete, dass unser Herr Jesus Christus so aus der immerwährenden Jungfrau Maria als Mutter geboren wurde, dass er nicht zugestand, das in ihm etwas von menschlicher Natur sei. […] weil er nicht bekennen wollte, dass Christus nach der Geburt aus der Jungfrau in zwei Naturen, und dass er mit uns nach dem Fleisch konsubstantiell sei […].“ Vgl daneben auch Chronicon 123–124 zu den „Theodosianern“ und „Gaianiten“. Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1358 (480,1.6 Mommsen). Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1358 (480,3–6 Mommsen; Übers. 127 Kötter): […] praedicans Iesum Christum dominum nostrum beatae Mariae uirginis filium nihil maternae habuisse substantiae, sed sub specie hominis in eo uerbi dei fuisse naturam.  / „Er lehrte, dass Jesus Christus, unser Herr, der seligen Jungfrau Marien Sohn, nichts von der mütterlichen Substanz besessen habe, sondern in der Gestalt eines Menschen allein die Natur des Logos in ihm gewesen sei.“ Eutyches wird zudem als auctor der Häresie bezeichnet. Becker/Kötter, „Kommentar“, 302 sehen darin die Darstellung eines „heilsgeschichtlich stabil[en]“ rechten Glaubens, im Gegensatz zu den „Irrlehren“, die sich dadurch auszeichnen, dass sie einen Anfang in der Geschichte haben und damit „weder die Einsetzung durch Christus noch überzeitliche Geltung für sich beanspruchen können“. Bei Prosper findet sich Ähnliches bezüglich Priscillian (Epitoma chronicon 1171: heresim nominis sui condit [460 Mommsen]); vgl. auch zu Pelagius (Epitoma chronicon 1252) und Nestorius (Epitoma chronicon 1297). Das condidit bei Victor von Tunnuna (s. o. Anm. 30) drückt ebenfalls diese Sicht auf die Häresie als etwas Neues, sich auf nichts vorheriges Begründendes aus (s. auch

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Die erzählte Geschichte der Chronik

hatte sich gegen die Zweinaturenlehre gewandt – auch nach der Inkarnation sei die Menschheit Christi von seiner Gottheit aufgesogen, Christus sei daher nicht wesens­ eins mit den Menschen.35 Die Verurteilung des Eutyches geschieht bei Prosper durch Flavian,36 Victor von Tunnuna hingegen erwähnt die (endemische) Synode in Konstantinopel 448, die unter Flavians Vorsitz stattfand und auf der Eutyches tatsächlich verurteilt wurde.37 Günther Christian Hansen sieht Chronicon 3–4 als Fragment 1 (F1) von Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica: Victor von Tunnuna habe die Zusätze im Gegenüber zu Prosper aus der Historia ecclesiastica des Theodoros Anagnostes übernommen (vgl. Historia ecclesiastica E344–347 [97,19–98,32 Hansen; vgl. apparatus ad locum]). Die Lehre des Eutyches wird allerdings zumindest in der Epitome des Theodoros nicht näher ausgeführt, es wird nur gesagt τὰ Ἀπολιναρίου φρονῶν („er hatte die Dinge des Apollinarius im Sinn“).38 Der bei Hansen (98,6–8 Hansen) durch das Druckbild als

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u. Kap. 5.7.3.7 zur noua superstitio). Mit der Benennung dessen, was Eutyches nicht bekannte, ist (implizit) gleichzeitig positiv die aus der Sicht Victors „orthodoxe“ Lehre dargestellt. Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 302; vgl. auch Grillmeier, Jesus der Christus 1, 731–733; Price, The Acts of Chalcedon 1, 25–20; bei Grillmeier und Price v. a. auch zur o. g. Synode. Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon a. 1358 (480,6–7 Mommsen; Übers. 127 Kötter): Ob quam impietatem a Flauiano eiusdem urbis episcopo, quia corrigi noluit, condemnatus est. / „Wegen dieser Gottlosigkeit wurde er von Flavian, dem Bischof der Stadt, verurteilt, weil er sich nicht berichtigen lassen wollte.“ Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 3 (3,12–17 Cardelle de Hartmann): Qui sinodali inuitatus colloquio Constantinopolim congregato, cui sanctus prefuit Flauianus eiusdem urbis episcopus […] damnationem cum proprio errore suscepit. / „Er wurde von einer synodalen Versammlung eingeladen, die nach Konstantinopel zusammengekommen war, welcher der heilige Flavian, Bischof derselben Stadt, vorstand […], er empfing die Verurteilung zusammen mit seinem eigenen Fehler“. Eusebius von Dorylaeum, der eine wichtige Rolle bei der Erhebung der Anklage gegen Eutyches spielte, wird erst in Chronicon 10 als einer der in Chalcedon rehabilitierten Bischöfe erwähnt. Die Akten der Synode in Konstantinopel von 448 sind überliefert in der Actio prima der Akten des Konzils von Chalcedon (= ACO 2,1,1 [100,1–147,31 Schwartz]); ebenfalls herausgegeben und kommentiert von Schwartz, Der Prozess des Eutyches. Die Synode wird auch erwähnt bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E344, s. zum Folgenden. Vgl. insgesamt zu den für diesen Abschnitt genannten Quellen die Auflistungen bei Placanica, „Note“, 64–65 (ad a. 447). Auch bei Liberatus von Karthago, Breuiarium 3 wird die Häresie des Eutyches auf Apollinarius zurückgeführt, vgl. auch Drecoll, „Kommentierende Analyse“, 26–27. Vgl. auch die allgemeine Angabe in der Verurteilung auf der Synode in Konstantinopel gegen Eutyches (ACO 2,1,1 [145,10–12 Schwartz; Übers. 1,225 Price/Gaddis]): Διὰ πάντων πεφώραται Εὐτυχὴς ὁ πάλαι πρεσβύτερος καὶ ἀρχιμανδρίτης ἔκ τε τῶν ἤδη πεπραγμένων καὶ τῶν οἰκείων αὐτοῦ νῦν καταθέσεων τὴν Οὐαλεντίνου καὶ Ἀπολιναρίου κακοδοξίαν νοσῶν. / „Eutyches, formerly presbyter and archimandrite, is revealed in every way, by both his past actions and his present testimony, to be riddled with the heresies of Valentinus and Apollinarius“. Das von Flavian auf der Synode vorgetragene Bekenntnis hingegen gibt genauer an (ACO 2,1,1 [114,8–10 Schwartz; Übers. 1,186–187 Price/Gaddis]; lat. ACO 2,3,1 [93,28–94,2 Schwartz]): Καὶ γὰρ ἐκ φύσεων ὁμολογοῦμεν τὸν Χριστὸν εἶναι μετὰ τὰν ἐνανθρώπησιν, ἐν μιᾶι ὑποστάσει καὶ ἑνὶ προσώπωι ἕνα Χριστόν, ἕνα υἱόν, ἕνα κύριον ὁμολογοῦντες. / „For we confess that Christ is from two natures after the incarnation, as we confess in one hypostasis and one person one Christ, one Son“. / Etenim ex duabus naturis confitemur Christum esse post incarnationem, in una subsistentia et in una persona unum Christum, unum dominum, unum filium confitentes.

Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedo

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Zusatz für die Chronik Victors aus Theodoros Anagnostes gekennzeichnete Satz über das, was Eutyches auf der Synode in Konstantinopel nicht bekennen wollte (dum nollet Christum in duabus confiteri naturis post natiuitatem ex uirgine et nobis secundum carnem consubstantialem esse), taucht in den entsprechenden Abschnitten der Epitome nicht auf, wirkt dafür aber wie eine Antwort auf die bei Liberatus von Karthago, Breuiarium 13 (115,13–14 Schwartz) von Florentius an Eutyches gestellte Frage ut confiteretur dominum nostrum Iesum Christum consubstantialem nobis secundum carnem in duarum naturarum unitione. In den in Chalcedon verlesenen Akten der Synode von Konstantinopel stellt diese Frage der Bischof Eusebius (ACO 2,3,1 [123,14–15 Schwartz; vgl. griech. ACO 2,1,1, 140,23–24 Schwartz]): Confiteris duas naturas, domne archimandrita, post incarnationem et consubstantialem nobis esse Christum dicis secundum carnem aut non? Damit stehen hier neben einem Rückgriff auf Theodoros Anagnostes, der sich zumindest an dem in der Epitome überlieferten Text nicht zeigt, die Möglichkeiten eines direkten Rückgriffs auf die Akten von Chalcedon oder eines indirekten Zugriffs vermittelt durch das Breuiarium im Raum – wenn man die letzte Möglichkeit nicht insgesamt ausschließen will.39 Auch der Bischof von Rom spielt bei Victor von Tunnuna im Kontext der Abwehr der Lehre des Eutyches durchaus eine Rolle: Wie Prosper erwähnt auch Victor von Tunnuna nach der knappen Darstellung der Lehre des Eutyches zunächst die Rolle Leos im Gegenüber zu ihm. So weist Victor darauf hin, dass Leo die erste Verurteilung des Eutyches bestätigt hat.40 Wie bei Prosper widersprechen auch bei Victor von Tunnuna die Gesandten des Apostolischen Stuhls den Verurteilungen auf der 2. Sy­

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Vgl. das den Akten der Synode beigegebene Begleitschreiben Flavians an Leo von Rom, das Eutyches als Verleugner der ersten Formel (zwei Naturen nach der Inkarnation) darstellt (ACO 2,1,1 [36,6–37,26 Schwartz]); vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 1, 733. S. auch o. Kap. 3.3; zur Benutzung der Akten des Konzils von Chalcedon durch das Breuiarium in diesem Abschnitt vgl. Wallraff, „Das Konzil von Chalkedon“, 64–66. Eine weitere Beobachtung, die auf diese beiden Möglichkeiten hinweist, ist, dass anders als bei Prosper zwar auch bei Theodoros Anagnostes Eutyches als „Archimandrit“ bezeichnet wird, dass dies allerdings ebenso bei Liberatus von Karthago, Breuiarium 13 sowie in den in Chalcedon zitierten Akten der Synode von Konstantinopel (vgl. etwa Actio 1,489–490) der Fall ist. Darauf, dass Victor von Tunnuna diese Geschehnisse im Gegensatz zu Prosper ein Jahr zu früh berichtet, weist Placanica, „Note“, 63–64 (ad a. 447) hin. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 3 (3,16–18 Cardelle de Hartmann): damnationem […], quam sanctus Leo Romanus antistes apostolica auctoritate firmauit. / „die Verurteilung […], die der heilige Leo, der römische Bischof, mit apostolischer Vollmacht bestätigte.“ Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E345. Mit der Bestätigung der Verurteilung des Eutyches durch Leo wird der Tomus Leonis ad Flauianum gemeint sein (vgl. ACO 2,2,1 [24,15–33,10 Schwartz]; griechisch ACO 2,1,1 [10,19–20,5 Schwartz]); vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E345 (98 Hansen, apparatus ad locum). Prosper erwähnt die vorherige Unterstützung Flavians durch Leo auffälligerweise nicht – dies dürfte darauf zurückzuführen sein, dass durch das Schweigen darüber verschleiert werden sollte, dass das Ergebnis der 2. Synode von Ephesus eine deutliche Niederlage für Rom war, so Becker/Kötter, „Kommentar“, 303. Vgl. zu Leo und dem Tomus Leonis auch Grillmeier, Jesus der Christus 1, 734–750.

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Die erzählte Geschichte der Chronik

node von Ephesus.41 Und auch über den Konflikt mit Eutyches hinaus wird am Anfang der Chronik zum Teil die positive Rolle des Bischofs von Rom hervorgehoben. So berichtet Victor von Tunnuna in Chronicon 5 wie Prosper in Epitoma chronicon 1367, dass Papst Leo sich an einer Gesandtschaft, die das Gespräch mit dem in Italien einfallenden Attila sucht, beteiligt, welcher sich daraufhin zurückzieht. Sowohl bei Prosper als auch bei Victor erscheint die Beteiligung Leos an dieser Gesandtschaft entscheidend dafür, dass Attila Italien verlässt.42 Victor ist zudem der einzige Chronist aus dem sechsten Jahrhundert, der (Prosper folgend) die Fürsprache Papst Leos bei Geiserich erwähnt, die zum Verzicht Geiserichs „auf Feuer, Folter und Schwert“ beim Angriff auf Rom führt.43 Bei Prosper ist im Gegensatz zu Victor dabei allerdings zusätzlich die Rolle Gottes hervorgehoben, wodurch die Verbindung des römischen Bischofs zu Gott betont wird.44 Der die Chronik Prospers abschließende Osterterminstreit (Epitoma chronicon 1376) ist bei Victor von Tunnuna nicht erwähnt. Prosper fokussiert damit

Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 4 (4,29–30 Cardelle de Hartmann): […] contradicentibus etiam legatis sedis apostolice […]. / „[…] obwohl die Gesandten des Apostolischen Stuhls widersprachen […]“. Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1358 (480,14–15 Mommsen/ Übers. 127 Kötter): […] reclamantibus eis qui uice sancti papae Leonis intereant […]. / „[…] obwohl diejenigen, die an Stelle des heiligen Papstes Leo teilnahmen, widersprachen […].“ Damit ist bei Prosper im Gegenüber zu Victor allerdings der Papst durch die Nennung seines Namens hervorgehoben. 42 Tatsächlich spielten bei diesem Rückzug wohl auch andere Gründe wie Seuchen, die Attilas Heer bedrohten, eine Rolle, vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 314. Die deutliche Kritik an Aëtius und an der Reichsregierung, die bei Prosper an dieser Stelle erkennbar ist, findet sich bei Victor von Tunnuna nicht, vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 312–313. Zur Rolle Leos vgl. auch kurz Stei­ nacher, Die Vandalen, 197–198; Henning, Periclitans res publica, 26 (mit Anm. 26). 43 Victor von Tunnuna, Chronicon 15 (8,98–99 Cardelle de Hartmann): Ut autem ab incendio, tormentis et gladio abstineret, pape Leonis intercessio facit. / „Dass er jedoch auf Feuer, Folter und Schwert verzichtete, machte die Fürsprache von Papst Leo.“ Vgl. Muhlberger, „Prosper’s Epitoma chronicon“, 241. 44 Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1375 (484,25–28 Mommsen/Übers. 139 Kötter): Occurrente sibi extra portas sancto Leone episcopo, cuius supplicatio ita cum deo agente leniuit, ut, cum omnia potestati ipsius essent tradita, ab igni tamen et caede atque suppliciis abstineretur. / „Außerhalb der Tore trat ihm der heilige Bischof Leo entgegen, dessen Fürbitte duch Gottes Wirken Geiserich insoweit besänftigte, dass er sich immerhin von Brandschatzung, von Mord und auch von Foltern abhalten ließ, wenn alle Dinge seiner eigenen Gewalt ausgeliefert würden.“ Vgl. Becker/ Kötter, „Kommentar“, 329: „Indem Leo also den Vandalenkönig milde stimmt, erweist sich der Papst, wie bei der Italieninvasion Attilas 452, als eigentlicher Beschützer der Stadt Rom.“ Muhlberger, The Fifth-Century Chroniclers, 127–135, hier 130, betont, dass die Chronik Prospers auch „the progress of God’s work in the world“ darstelle, indem Prosper Papst Leo als einen Mann voller Gnade zeichne. Allerdings belegt Muhlberger seine Aussagen hauptsächlich mit anderen Schriften Prospers wie De uocatione omnium gentium. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E366 folgt mit der Angabe zu einem Gemetzel an vielen Römern bei der Ankunft Geiserichs in Rom (103,9–10 Hansen: πολλὰ μὲν πλήθη Ῥωμαίων κατέσφαξεν) einer anderen Tradition als Victor und Prosper, vgl. Placanica, „Note“, 73 (ad a. 455). Trotz ihrer Symbolkraft spielt die Eroberung Roms durch Geiserich in der Chronik des Victor von Tunnuna im Folgenden keine Rolle mehr. 41

Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedo

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gerade am Ende der Chronik noch einmal die Rolle von Papst Leo.45 Insgesamt kommt aber auch Leo in der Chronik des Victor von Tunnuna durchaus eine wichtige und positive Rolle zu. Dennoch ist der o. g. Beobachtung Kötters zuzustimmen, dass bei Victor von Tunnuna im Vergleich zu Prosper mehr noch – und damit ja auch von Anfang an – die Rolle der Synode46 in den theologischen Streitigkeiten hervorgehoben wird, v. a. die Rolle der Synode von Chalcedon selbst. Ein erster Hinweis darauf ist schon, dass die erste Verurteilung des Eutyches bei Prosper durch den Bischof von Konstantinopel, Flavian, erfolgt, bei Victor von Tunnuna hingegen betont wird, dass die Verurteilung auf einer Synode (der Flavian vorstand) geschah.47 Auch in den Schilderungen zu Marcian und der Ankündigung des Konzils von Chalcedon48 ist dieser Akzent der Chronik Victors greifbar. Zunächst ist festzuhalten, dass, als nach der bei Victor und Prosper ähnlich beschriebenen Rolle und Beseitigung des praepositus Chrysaphius49 Marcian Kaiser wird, dies bei Victor mit der Zustimmung tocius rei publice erfolgt,50 bei Prosper mit der Zustimmung totius exercitus.51 Damit verschweigen sowohl Prosper als auch Victor die Heirat mit Pulcheria, der Schwester des Theodosius, als Grundlage für Marcians Legitimation als Kaiser.52

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Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 329–331. An dieser Stelle sei auch noch einmal darauf hingewiesen, dass mit U und So beide Überlieferungszweige der Chronik des Victor von Tunnuna den ausführlichen Schluss der Chronik des Prosper (von 455) nicht bieten, sondern stattdessen einen reduzierten Text, der sich fast ausschließlich auf die Zählung der Jahre nach den Konsuln beschränkt und dann mit einer zusammenfassenden Schlussberechnung endet. In den Handschriften der Chronik Victors ist also die textliche Doppelung zur Chronik Prospers stark reduziert. S. o. Kap. 3.6.8. 46 Zu den Begrifflichkeiten Synode/Konzil (sinodus/concilium) in der Chronik s. auch u. S.  417 (Anm. 894). 47 Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1358 (480,6–7 Mommsen/Übers. 127 Kötter; s. o. S. 238 [Anm. 36]); vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 3 (3,12–17 Cardelle de Hartmann; s. o. S. 238 [Anm. 37]). Vgl. auch Liberatus von Karthago, Breuiarium 11 (die Verurteilung dort auch formuliert als Verurteilung durch die Synode). 48 S. auch o. S. 55. 49 Vgl. dazu Becker/Kötter, „Kommentar“, 305: Hier zeige sich „ein gängiger Zug spätantiker Kaiserkritik […], in der Herrscher nicht direkt kritisiert werden, sondern über die Personen ihrer Berater“. S. auch o. S. 235 (Anm. 20) zu Heraclius. Der Eunuch Chrysaphius war praepositus sacri cubiculi unter Theodosius II. und galt als Unterstützer des Eutyches, was ja auch Victor von Tunnuna als Grund für seine Ermordung angibt (Chronicon 7 [5,46–47 Cardelle de Hartmann]: amicitiis Euticetis male usus occiditur); vgl. Leppin, „Chrysaphios“. Dazu s. auch u. S. 254. 50 Victor von Tunnuna, Chronicon 7 (5,47 Cardelle de Hartmann). 51 Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1361 (481 Mommsen). 52 Prosper wendet sich ab hier insgesamt ab von einer dynastischen Orientierung, vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 306. Placanica, „Note“, 67 (ad a. 450,2), führt die Angabe zur „Zustimmung der ganzen Republik“ „forse“ auf die bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E355 erwähnte Preisung von Marcian und Pulcheria durch κλῆρος ἅπας καὶ μοναχοὶ καὶ λαϊκοί zurück; dieses Ereignis findet aber nach der Ausrufung Marcians zum Kaiser statt, vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E354.

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Die erzählte Geschichte der Chronik

Prosper bestimmt nun die positive Rolle Marcians dadurch, dass seine Edikte – und zwar bevor das Konzil von Chalcedon stattfindet – die Synode von Ephesus verdammen, wobei er darin der auctoritas des römischen Stuhls folgt, als „Mann, [der] auch der Kirche eng verbunden“ war.53 Seine Legitimität zeigt sich also in seinem kirchlichorthodoxen Handeln, das an den Papst gebunden ist.54 Das Konzil von Chalcedon wird nach Prosper mit dem Ziel einberufen, „damit sowohl die Vergebung die auf den rechten Weg Gebrachten versöhne als auch die Starrsinnigen zusammen mit der Häresie vertrieben würden.“55 Damit wird dem Konzil die Behandlung disziplinarischer Fragen zugestanden, wohingegen die dogmatischen Fragen schon durch das zuvor erfolgte Handeln von Kaiser und Papst geklärt scheinen.56 Bei Victor von Tunnuna kündigt Marcian das Konzil von Chalcedon an, weil er Frieden für die Kirchen sucht.57 Er tritt also als Kaiser in Erscheinung, der aktiv, aber unabhängig von Rom, kirchenpolitisch zum Wohl der Kirche agiert.58 Von einer vorherigen Verurteilung der ephesinischen Synode durch den Kaiser oder von einem dahingehenden Einfluss des Papstes berichtet Victor – den tatsächlichen Abläufen (nach den Akten des Konzils) entsprechend – hingegen nicht. Die Verurteilungen, auch die der Synode von Ephesus, schreibt er (mit passivischen Formulierungen) dem Konzil

Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1361–1362 (481 Mommsen/Übers. 129 Kötter): Vir […] etiam ecclesiae pernecessarius. Huius edictis apostolicae sedis auctoritatem secutis synodus Ephesena damnatur […]. / „Ein […] Mann […] auch der Kirche eng verbunden. Durch dessen Edikte wird die Synode von Ephesus verdammt, wobei der Gewichtigkeit des apostolischen Stuhles gefolgt wird […].“ 54 Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 306–308: Tatsächlich erkannte Marcian die Beschlüsse der 2. Synode von Ephesus erst nicht mehr an, nachdem das Konzil von Chalcedon entsprechend entschieden hatte. 55 Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1362 (481 Mommsen/Übers. 129 Kötter): […] et apud Chalcedonam celebrari concilium episcopale decernitur, ut et correctis uenia mederetur et pertinaces cum heresi depellerentur. 56 Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 308. 57 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 8 (5,50–52 Cardelle de Hartmann): Qui in ipsa regni sui exordia ecclesiarum paci prospiciens Calcidonia fieri sinodum imperiali auctoritate denunciat. / „Er sorgte gerade am Anfang seiner Regierung für Frieden der Kirchen und kündigte mit kaiserlicher Autorität an, dass eine Synode in Chalcedon stattfinden werde.“ Dass der Kaiser für den Frieden der Kirche zu sorgen hat ist einerseits ein charakteristisches Konzept der Reichsideologie, vgl. bspw. den Brief von Marcian an Leo (Epistula 73); Leo I., Epistula 36; 94,1 u. ö.; vgl. auch zu weiteren Belegen Placanica, „Note“, 68 (ad a. 450,3.). Andererseits wird die Förderung des kirchlichen Friedens auch dem Papst, den anderen Bischöfen (vgl. bspw. Leo I., Epistula 10,9; 13,1; 23,2; 78; u. ö.) oder dem Konzil zugeschrieben (Leo I., Epistula 93,1; so auch bei Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 2,6,5); vgl. auch zu weiteren Belegen Placanica, „Note“, 68 (ad a. 450,3). 58 Placanica, „Note“, 69 (ad a. 450,3) weist darauf hin, dass besonders seit Gelasius auctoritas etwas sei, das dem sacerdotium zukomme – damit könnte die Aussage, dass Marcian hier imperiali auctoritate agiert, ein Hinweis auf seine im priesterlichen Sinn ausgeübte kaiserliche Macht sein, die damit positiv gesehen würde. 53

Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedo

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selbst zu.59 Somit übernimmt er auch die sich in den Schilderungen Prospers spiegelnde ambivalente päpstliche Sicht auf das Konzil von Chalcedon nicht.60 Auch bezüglich der Rolle Marcians ist neben dem Vergleich zu Prosper noch einmal ein kurzer Blick auf die Epitome der Historia ecclesiastica des Theodoros Anagnostes erhellend: Dort erscheint Marcian als einer, der sich durch die Teilnahme am Konzil von Chalcedon als zweiter Konstantin erweisen will und daher das Konzil von Nizäa nach Chalcedon verlegt, um sich selbst eine Teilnahme zu ermöglichen.61 Beides erwähnt Victor von Tunnuna nicht. Sollte er auch für das Konzil von Chalcedon neben Prosper Theodoros Anagnostes als Quelle vorliegen gehabt haben (und sollte die Epitome hier dem usprünglichen Text der Kirchengeschichte ähneln), würde im Vergleich zu ihr umso deutlicher, dass für Victor weniger der Blick auf den Kaiser und dessen Selbstverständnis als vielmehr das Ziel des Friedens für die Kirchen interessant ist. Auf dem Konzil selbst kommt dem Kaiser in der Chronik (Chronicon 10) dann auch keine Rolle mehr zu.62 Zu Marcians Tod gibt es in der Chronik Victors von Tunnuna dann lediglich eine kurze Notiz,63 er spielt also für eine genauere Einschätzung oder Wertung der Regierung Marcians keine Rolle.

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S. u. S. 248. Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 308–309, der darauf hinweist, dass die Schilderungen Prospers dem Ansinnen des Papstes entsprochen hätten: Der Papst habe kein weiteres Konzil gewollt, sondern die Änderung der Beschlüsse von 449 allein durch sein Urteil als päpstliches Urteil, durchgesetzt mit Hilfe des Kaisers, angestrebt. Prospers Bericht „spiegelt somit Leos ursprünglich sehr ambivalente Position zur Synode, die er nicht gewollt und der er wegen ihrer hierarchischen Regelungen anfangs sogar seine Zustimmung verweigert hatte.“ Die Differenzen betrafen allerdings v. a. canon 28 zur Frage des Rangs von Konstantinopel. Vgl. dazu auch Leo I., Epistula 104. Vgl. auch Fraisse-Coué, „Von Ephesus nach Chalcedon“, 80; dies., „Die zunehmende Entfremdung“, 161–165. Tatsächlich stimmte der Papst erst 453 den Beschlüssen von Chalcedon förmlich zu, vgl. Leo I., Epistula 114 (ACO 2,4 [70,19–71,22 Schwartz]). Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E360 (101,18–21, hier 20–21 Hansen): θέλων δι’ ἑαυτοῦ παρεῖναι ἐν τῇ συνόδῳ κατὰ μίμησιν Κωνσταντίνου τοῦ θείου. / „Er wollte selbst teilnehmen an der Synode in Nachahmung des göttlichen Konstantin.“ Die entsprechenden Briefe Marcians an das Konzil (Epistulae 14 und 16 in ACO 2,1,1 [28,12–29,3; 30,4–35 Schwartz], lat. ACO 2,3,1 [22,3–22; 22,27–24,23 Schwartz]) rekurrieren nicht auf diese Mimesis. Vgl. aber die Einschätzung von Price/ Gaddis, The Acts of Chalcedon 1, 42: „Marcian himself, accompanied by Pulcheria, arrived to address the council in person during the sixth session  – a weight of imperial presence far beyond what had been felt at either of the Ephesian councils, and perhaps not matched since Constantine and Nicaea.“ Um zu entscheiden, ob Theodoros Anagnostes hier einen positiven Vergleich ziehen oder eine Anmaßung ausdrücken will, müsste freilich das Bild der Kaiser in der Historia ecclesiastica untersucht werden. Zum anberaumten Ortswechsel des Konzils von Nizäa nach Konstantinopel in letzter Minute vgl. auch Price/Gaddis, The Acts of Chalcedon 1, 91–92; Lange, Mia energeia, 119. Marcian nahm (zusammen mit Pulcheria) an der sechsten Sitzung des Konzils teil und ergriff dort auch mehrfach das Wort. Victor von Tunnuna nennt ja aber sowieso keine Details zu einzelnen Sitzungen, sondern gibt die Ergebnisse des Konzils summarisch wieder (s. dazu im Folgenden). Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 17 (8,105–107 Cardelle de Hartmann): Martianus imperator Constantinopoli moritur et pro eo Leo imperator efficitur. / „Kaiser Marcian starb in Konstantinopel, und für ihn wurde Leo zum Kaiser gemacht.“

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Die erzählte Geschichte der Chronik

Ein grundsätzlicher Unterschied in den Angaben Victors und Prospers zum Konzil von Chalcedon ist neben der Bedeutung, die jeweils dem Papst und dem Kaiser in dessen Kontext beigemessen wird, auch dessen Datierung. Bei Victor von Tunnuna wird das Konzil in das Jahr des Konsulats des Augustus Marcian datiert, womit der westliche Konsul Adelfius – anders als beim entsprechenden Eintrag von Prosper – nicht genannt wird, obwohl Victor in diesem Abschnitt seiner Chronik nach den westlichen Konsuln zählt.64 Diese Datierung nach dem Konsulat des Marcian findet sich ebenfalls bei Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 5,3,3. Auch in den Akten des Konzils wird nur Marcian genannt65 – ein weiterer Hinweis auf eine mögliche Kenntnis und Benutzung der Akten des Konzils durch Victor von Tunnuna, wenn auch erneut ein vager.66 Bei Prosper wird für dasselbe Jahr die Invasion der Hunnen nach Gallien geschildert. Das Konzil von Chalcedon wird nach seiner Ankündigung (Epitoma chronicon 1362) bei ihm erst wieder in Epitoma chronicon 1369 erwähnt, datiert in das Jahr 426 nach der Passion, das Jahr der Konsuln Opilio und Vincomalus.67 Das ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass Prosper die Invasionen Galliens und Italiens durch Attila zusammenhängend darstellen wollte – gleichzeitig zeigt sich im Vorrang der Kriegszüge gegenüber dem Konzil wohl auch die kritische „Distanz der zeitgenössischen römischen Kirche zum Konzil von Chalcedon“.68 Angemerkt sei an dieser Stelle noch, dass der „Friede“ der Kirche nicht nur für Victor von Tunnuna in Bezug auf das Konzil von Chalcedon und seine positive Wertung wichtig ist, sondern auch für andere Verteidiger der Drei Kapitel: Das Konzil begann in ihrer Darstellung im Frieden und wurde im Frieden beendet, in Einmütigkeit, in völligem Konsens aller Teilnehmenden. Ferrandus von Karthago verknüpft dabei den Frieden, der auf dem Konzil von Chalcedon herrschte und diesem auch folgte, direkt mit der Anwesenheit des Kaisers, Marcian, die bei Victor von Tunnuna für das Konzil selbst ja keine weitere Rolle spielt.69 Auch Facundus von Hermiane betont neben der 64 65 66 67

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Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 10 und Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1363. Vgl. ACO 2,1,1 (55,2–3 Schwartz), lat. ACO 2,3,1 (27,5–6 Schwartz). Vgl. dazu auch Placanica, „Note“, 69 (ad a. 451). Vgl. o. Kap. 3.3 zu weiteren Hinweisen. D. h. nach unserer Zeitrechnung in das Jahr 453 – wie schon erwähnt ist die Chronik Prospers unserer Zeitrechnung grundsätzlich um zwei Jahre voraus. Die Formulierung synodus Chalcedonensis peracta (482,1 Mommsen) lässt durch die Vorzeitigkeit zwar letztlich offen, ob das Konzil wirklich in das genannte Jahr datiert wird – allein durch den Eintrag zu eben diesem Jahr wird dies jedoch nahegelegt. Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 315–316, hier 315. Vgl. Ferrandus von Karthago, Epistula 6,5 (PL 67, 924C–925A; Übers. 1,116 Price): Merito tunc praesente Marciano imperatore religioso, sacerdotes omnes qui concilium pacis mentibus pacificis inchoatum definitionibus ecclesiasticae pacis conuenientibus finierunt, in pace fraterna redierunt ad suarum plebium loca. / „All the priests who at that time in the merited presence of the religious emperor Marcian terminated a council of peace initiated by minds set on peace with corresponding decrees of ecclesiastical peace returned in brotherly peace to the places of their congregations“. Vgl. dazu Sieben, Konzilsidee, 288–289.

Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedo

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Definition des Glaubens das Ziel des Friedens und der Einheit der Kirche für das Konzil von Chalcedon.70 Er hebt im Zusammenhang mit dem Konzil auch die Rolle von Papst Leo hervor.71 Die Notiz über das Konzil von Chalcedon beginnt Victor von Tunnuna nach dessen genauerer Datierung auf den 8. Tag vor den Kalenden des Oktober72 und der Auflistung der anwesenden Patriarchen (Leo von Rom, Dioskur von Alexandria, Maximus von Antiochien, Juvenal von Jerusalem und Anatolius von Konstantinopel) mit der schlichten Feststellung, dass sich 630 Bischöfe in Chalcedon versammelt hätten.73 Dann stellt er die Ergebnisse des Konzils dar. Zunächst ging es Victor zufolge in Chalcedon neben der „Zurückweisung“ der 2. Synode von Ephesus um Urteile gegenüber Personen, die gefällt oder aufgehoben wurden74:

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Vgl. Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 2,6,5. Vgl. etwa Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 2,6,23 (69,178–179 Clément/ Vander Plaetse; Übers. 351–353 Fraïsse-Bétoulières): cum magna et uniuersali synodo Chalcedonensi idem gloriosissimus auctor atque defensor eius Leo damnetur. / „qu’avec le grand et universel synod de Chalcédoine on condamme aussi Léon, son garant et son très glorieux défenseur.“ Vgl. Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 163 (mit Anm. 72); vgl. Eno, „Doctrinal Authority“, 110. S. o. Kap. 4.1.5. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 10 (5,55–6,59 Cardelle de Hartmann): Consulatu Marciani Augusti, VIII kalendas octobris, Leone Romano, Dioscoro Alexandrino, Maximo Antiocheno, Iuuenale Ihersolimitano et Anatholio Constantinopolitano presulibus, sinodus generalis Calcidona colligitur episcoporum DCXXX. / „Als der Augustus Marcian Konsul war, wurde am 8. Tag vor den Kalenden des Oktober, als Leo von Rom, Dioskur von Alexandria, Maximus von Antiochien, Juvenal von Jerusalem und Anatolius von Konstantinopel Bischöfe waren, eine Generalsynode in Chalcedon von 630 Bischöfen versammelt“. Mit den Zahlen DXX (P-S ex So) und DCXXX (U und P’) der teilnehmenden Bischöfe bieten die Handschriften der Chronik Victors die beiden wichtigsten Traditionen für die Teilnehmerzahl des Konzils. Diese Traditionen müssen hier nicht im Einzelnen dargestellt werden, vgl. dazu Placanica, „Note“, 69 (ad a. 451). Die Zahl 630 ist jedenfalls die am häufigsten bezeugte, 520 ist die lectio difficilior, weshalb sich Placanica auch für die DXX entscheidet. Er beruft sich dabei auf Hansens Ausgabe der Historia ecclesiastica des Theodoros Anagnostes, der jedoch DCXXX angibt, allerdings im apparatus ad locum meint, DXX sei „vielleicht richtig“ (Historia ecclesiastica F3 [101,5 Hansen]). Dies erinnert an das bei Prosper summarisch genannte Ziel des Konzils, nämlich disziplinarische Maßnahmen gegen Einzelne zu beschließen; s. o. S. 242.

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Die erzählte Geschichte der Chronik

Ubi Ephesena secunda nec dicenda sinodus abdicatur, Eutices75 cum Dioscoro patrono suo76 Alexandrino episcopo atque Nestorio77 condempnatur antistitesque catholici iniuste dampnati ab eodem Dioscoro in sinodo prefata Ephesena secunda soluuntur.78

Dass Eutyches und Dioskur verdammt wurden, nennt ebenso Prosper als konkretes Ergebnis des Konzils.79 Als weiteres Ergebnis des Konzils wird aber bei Victor von Tunnuna über Prosper hinaus80 festgehalten, dass der „Glaube der heiligen Väter, die in Nizäa, Konstantinopel und auf der ersten [Synode] von Ephesus in heiligen Synoden 75

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Zur Verurteilung von Eutyches auf dem Konzil von Chalcedon vgl. ACO 2,1,2 (93,28–29; 129,14 Schwartz); lat. ACO 2,3,2 (105,23–24; 137,13 Schwartz); vgl. Placanica, „Note“, 70 (ad a. 451). Gegen Eutyches richtet sich also insbesondere der Tomus Leonis ad Flauianum, der auf dem Konzil verlesen (vgl. Actio 2), vom Konzil angenommen (vgl. Actio 4) und im Chalcedonense rezipiert wurde (vgl. Actio 5); vgl. Böhm, „Die Definition des Glaubens“, 103–107; vgl. Uthemann, „Zur Rezeption des Tomus Leonis“, 6–12. Zur Verurteilung des Dioskur (nach 444 Nachfolger des Kyrill als Bischof von Alexandria) auf dem Konzil von Chalcedon vgl. Price/Gaddis, The Acts of the Council of Chalcedon 2, 30–35; Maraval, „Das Konzil von Chalkedon“, 92–98. Es war schon auf dem Konzil umstritten, ob Dioskur wegen seiner (eutychianischen) Lehre verurteilt werden sollte (so der Vorwurf in ACO 2,3,2 [56,13–16 Schwartz]) oder aus disziplinarischen Gründen (so etwa Anatolius, gegen die Verurteilung aufgrund seiner Lehre in ACO 2,1,2 [124,17–19 Schwartz]). Zu den spezifischen Vorwürfen gehörten etwa die unrechtmäßige Verurteilung von Flavian in Ephesus und die Wiederaufnahme der Gemeinschaft (Kommunion) mit Eutyches (vgl. ACO 2,1,2 [27,39–28,17 Schwartz]; ACO 2,3,2 [48,17–23; 56,24–26; 61,27–62,4; 64,23–27 Schwartz]). Vorgeworfen wurde ihm auch immer wieder, dass er drei Mal die Vorladung zum Konzil ignorierte (so auch in der genannten Aussage von Anatolius). Die Verurteilung des Dioskur in den griechischen Akten in ACO 2,1,2 (28,21–34,11; 41,33–42,34 Schwartz), ausführlicher in der lateinischen Version in ACO 2,3,2 (45,19–71,29; 83,9– 86,25 Schwartz). Vgl. die Auflistung der Quellen bei Placanica, „Note“, 70 (ad a. 451). Zur Verurteilung des Nestorius vgl. ACO 2,1,2 (129,10 Schwartz); lat. ACO 2,3,2 (137,9 Schwartz). Victor von Tunnuna, Chronicon 10 (6,59–63 Cardelle de Hartmann): „Wo die zweite Synode von Ephesus, die nicht als Synode zu bezeichnende, zurückgewiesen wurde, Eutyches mit seinem Patron Dioskur, dem Bischof von Alexandria, und Nestorius verurteilt wurde, und die katholischen Bischöfe, die von demselben Dioskur in der zuvor genannten zweiten Synode von Ephesus verurteilt wurden, freigesprochen wurden.“ Zur Bezeichnung des zweiten Konzils als nec dicenda sinodus s. auch o. S. 117. Zum Freispruch der in Ephesus verurteilten Bischöfe vgl. ACO 2,1,1 (195,12–16 Schwartz), lat. ACO 2,3,1 (258,15–19 Schwartz): Flavian und Eusebius wurden unrechtmäßig verurteilt; ACO 2,1,3 (7,7–11,18 Schwartz), lat. ACO 2,3,3 (10,28–15,23 Schwartz): Rehabiliterung von Theodoret von Kyrrhos, Sophronius von Constantia, Johannes von Germanicia, Amphilochius von Side; ACO 2,1,3 (11,19–42,18 Schwartz), lat. ACO 2,3,3 (15,25–52,16 Schwartz): Ibas von Edessa. Vgl. auch Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1369 (482,2–3 Mommsen; Übers. 133 Kötter): Omnes autem, qui se ab eis retraxerunt, in communionem recepti. / „Alle aber, die sich von ihnen [= Eutyches und Dioskur] zurückzogen, wurden wieder in die Gemeinschaft aufgenommen.“ Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 316; vgl. auch Placanica, „Note“, 70 (ad a. 451). S. auch u. Kap. 5.7.2.3 zu Chronicon 130 und der Darstellung der Verbindung der Drei Kapitel zum Konzil von Chalcedon. Vgl. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1369 (482,1–2 Mommsen; Übers. 133 Kötter): Synodos Chalcedonensis peracta Eutyche Dioscoroque damnatis. / „Die Synode von Chalcedon wurde beendet, Eutyches und Dioskor wurden verdammt.“ Auch bei Thedoros von Anagnostes findet sich eine solche Angabe für das Ergebnis des Konzils von Chalcedon nicht.

Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedo

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zusammengekommen waren, entfaltet wurde“.81 Hier wird das Konzil von Chalcedon rückbezogen auf die vorherigen sogenannten „ökumenischen“ Konzile. Dabei wird das Konzil von Chalcedon nicht nur formal, sondern auch inhaltlich in die Reihe der „heiligen Synoden“ gestellt, als die die Synoden von Nizäa, Konstantinopel und die erste Synode von Ephesus hier bezeichnet werden82: Der Glaube der heiligen Väter, die in den vorherigen Synoden zusammengekommen waren, wurde in Chalcedon „entfaltet“. Explanatur weist auf eine enge Verbindung mit dem, was es bereits zuvor gab, hin. Was entfaltet wird (die fides der Väter) ist also einerseits stark auf das Vorherige bezogen, andererseits aber durch diese Erklärung bzw. Entfaltung selbst weiterentwickelt i. S. einer Verdeutlichung dessen, was damit gemeint ist (nicht i. S. einer [neuen] Hinzufügung).83 In der Darstellung der Chronik werden also die vorherigen Konzilien durch Chalcedon nicht nur inhaltlich theologisch bestätigt, sondern auch – in dieser orthodoxen Tradition stehend – durch die chalcedonensischen „Erklärungen“ in diesem Sinne weitergeführt.84 81 82

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Victor von Tunnuna, Chronicon 10 (6,63–65 Cardelle de Hartmann): Fidesque sanctorum patrum qui in Nicena, Constantinopolitana et Ephesena prima conuenerunt sanctis sinodis explanatur. Victor von Tunnuna zählt hier die Konzilien nach östlicher Weise auf, vgl. Placanica, „Note“, 70 (ad a. 451). Das Konzil von Konstantinopel 381 wurde v. a. von Rom zunächst nicht als ökumenisch anerkannt; seine Rezeption als ökumenisches Konzil setzte erst mit Chalcedon ein. Dort wurden nur die Konzilien von Nizäa und Ephesus (431) als ökumenisch bezeichnet, vgl. ACO 2,1,2 (94,9; 105,40 Schwartz). Die Glaubensformel Konstantinopels wurde aber als Norm akzeptiert, was schließlich auch zur Anerkennung des Konzils von Konstantinopel als ökumenische Synode (auch) im Westen führte, eine Entwicklung, die letztlich erst mit Gregor der Große, Registrum epistu­larum 1,24, der dort die vier Konzilien wie die vier Bücher des heiligen Evangeliums anerkennt, abgeschlossen ist; vgl. Ritter, Das Konzil von Konstantinopel, 209–220, v. a. 214–216. Placanica, „Note“, 70 (ad a. 451) sieht eine definitive Anerkennung allerdings schon bei Papst Vigilius, vgl. etwa Collectio Auellana 92,2 (Vigilius an Justinian [249,1–3 Günther]) u. ö. Im Osten wurde das Konzil von Konstantinopel jedenfalls schon früher in die Reihe der vier Synode gestellt: Als „vier heilige Synoden“ werden die Konzilien von Nizäa, Konstantinopel, Ephesus (431) und Chalcedon in den Novellen Justinians bezeichnet, und ihre canones (regulae) werden „wie Gesetze“ anerkannt; die Lehren der vier Synoden werden zudem wie die Heilige Schrift angenommen: Nouellae Iustiniani 131,1 (654,25–655,8 Schöll/Kroll): Sancimus igitur uicem legum obtinere sanctas ecclesiasticas regulas, quae a sanctis quattuor conciliis (griech. ὑπὸ τῶν ἁγίων τεσσάρων συνόδων) expositae sunt aut firmatae. [Darauf folgt die Aufzählung der genannten Konzilien.] Praedictarum enim quattuor synodorum dogmata sicut sanctas scripturas accipimus et regulas sicut leges seruamus (griech. καὶ τὰ δόγματα καθάπερ τὰς θείας γραφὰς δεχόμεθα καὶ τοὺς κανόνας ὡς νόμους φυλάττομεν). Vgl. Ritter, Das Konzil von Konstantinopel, 216 (mit Anm. 4). Placanica, „Note“, 71 (ad a. 451) versteht explanatur dogmatisch-ekklesiologisch pointiert als „indicativo del concetto di evoluzione omogenea nel dogma, proprio della tradizione cattolica“, mit dem Hinweis auf σαφηνίζειν/explanare in ACO 2,1,1 (91,30 Schwartz); 2,1,3 (111,14; 112,30; 113,13 Schwartz); lat. ACO 2,3,1 (68,5 Schwartz), 2,3,3 (115,24; 117,25; 118,19 Schwartz); 4,1 (9,35–37; 209,30– 32 Schwartz); Justinian, Schreiben gegen die Drei Capitel 61 (64,4–8 Schwartz); Codex Iustinianus 1,1,7,11. Vgl. aber neutraler die Bedeutung von explanare in TLL, s. v. „explano“, insb. I.2: proferre, manifestare; vgl. auch Georges, Handwörterbuch, s. v. „explano“, mit der (übertragenen) Grundbedeutung: „verdeutlichen, deutlich entwickeln, erläutern, erklären, aufklären, über etw. Aufklärung geben“. Man könnte hier in Anlehnung an einen Begriff von Hermann Josef Sieben von einem vertikalen Konsens sprechen, in den Chalcedon gestellt wird und der mit diesem Konzil gleichzeitig fort-

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Die erzählte Geschichte der Chronik

Neben der Übereinstimmung mit den vorherigen Konzilien betont die Chronik des Victor von Tunnuna bei der Darstellung des Konzils von Chalcedon auch die handelnde Rolle der Synode selbst, welche die Beschlüsse trifft und vor allem durch ihre Unterschrift bestätigt: Die Verurteilungen, die auf dem Konzil von Chalcedon vorgenommen werden, sind zwar passivisch formuliert ([…] ubi […] abdicatur, […] condempnatur […] soluuntur, […] explanatur)85. Anschließend erscheint aber deutlich die Synode – als Genitivus subiectivus zu den subscriptiones – als die, die die Beschlüsse unterschreibt, somit letztlich festlegt und damit quasi als Handelnde auftritt: His itaque definitis et subscriptionibus tocius sinodi roboratis […].86 Hier handeln also nicht Einzelne etwa durch ihre Unterschriften, sondern die Synode als ganze. Zur abschließenden Festlegung der Entscheidungen des Konzils wird in Chronicon 10 der Begriff definire verwendet. Dieses Verb ist Terminus technicus für die Festlegung von Entscheidungen durch Konzilien (Konzilsdekrete) und Erlasse von Kaisern. Ist er im strengeren, übertragenen speziellen Sinn ein Begriff aus der Gerichtssprache i. S. eines letztgültigen Urteilsspruchs (sententia definitiua)87, bezieht er sich im weiteren Sinn im philosophischen Kontext auf die Dinge, „quae argumentando vel docendo statuuntur“, also sententia oder regula.88 Im Sinn von institutio bezeichnet er zudem die Kundgabe des Willens eines Machtträgers, so definiert der Kaiser, so definieren die Bischöfe für sich und als auf Synoden versammelte.89 Pointiert als abschließendes

gesetzt wird; vgl. z. B. Sieben, Die Konzilsidee, 119. Hier verweist Sieben auf einen Brief Leos, der bezüglich des Konzils von Chalcedon auf einen vertikalen und einen horizontalen Konsens verweise: Das Konzil „wurde von allen Provinzen des römischen Erdkreises unter Zustimmung der ganzen Welt gefeiert (horizontaler consensus) und ist von den Dekreten des hochheiligen Nicaenischen Konzils (Inbegriff der Tradition) ununterschieden (vertikaler consensus)“. Vgl. Leo I., Epistula 164,3 (= Collectio Grimanica, Epistula 103; ACO 2,4 [111,24–26 Schwartz]): Quae [= das Konzil von Chalcedon] ab uniuersis Romani orbis prouinciis cum totius mundi est celebrata consensu et a sacratissimi concilii Nicaeni est indiuisa decretis. Bei Sieben ist dieser Konsens freilich das konstitutive Kriterium für die katholische Wahrheit und wird auch mit dem Papstamt eng verknüpft, welchem die Verkündigung des vertikalen Konsens der Kirche zukomme (vgl. ebd., 139–140). Darum geht es bei Victor von Tunnuna hier nicht, dennoch kann der Begriff „vertikaler Konsens“ die hier gemeinte Art der Übereinstimmung – als Konsens durch die Zeiten, als diachroner Konsens (vgl. ebd., 307 [Anm. 5]) – ausdrücken. 85 Victor von Tunnuna, Chronicon 10 (6,59–65 Cardelle de Hartmann). 86 Victor von Tunnuna, Chronicon 10 (6,66–67 Cardelle de Hartmann): „Nachdem diese Dinge festgelegt und durch die Unterschriften der ganzen Synode bekräftigt worden waren […]“. Die Unterschriften vgl. ACO 2,1,2 (141–155 Schwartz); lat. ACO 2,3,2 (157–175 Schwartz); vgl. Placanica, „Note“, 71 (ad a. 451). 87 Vgl. TLL, s. v. „definitio I. B.2“. 88 TLL, s. v. „definitio II.A.3“. In diesem Sinn wurde er früh auch im christlichen Kontext verwendet zur Bezeichnung etwa der Meinung von Philosophen, vgl. etwa Tertullian, De anima 16: definitio zur Bezeichnung der Lehre des Plato; vgl. Sieben, Die Konzilsidee, 127 (Anm. 77). 89 Vgl. Sieben, Die Konzilsidee, 126–128, bes. Anm. 76–78; zu Kaisererlassen vgl. bspw. Codex Theodosianus 1,6,2 (Sacrae definitionis ius [39 Mommsen/Meyer]); 1,10,7 (legis nostra definitiones [46 Mommsen/Meyer]); 3,10,1 (praesentis legis definitione prohibemus [147,6 Mommsen/Meyer]) u. ö. Zu Bischöfen vgl. bspw. Codex Theodosianus 1,27 (De episcopali definitione [62 Mommsen/

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Urteil der Orthodoxie versteht Facundus von Hermiane die „Definition“ des Konzils im Kontext seiner Verteidigung der Drei Kapitel: Et ideo non idem modus esse debet atque ordo quaerendi, post definitionem concilii totius Ecclesiae consensione firmati, qui fuit ante definitionem. Tunc enim ratio poscebat ut si orthodoxa probaretur illa epistula, suscipienda iudicaretur a synodo; nunc autem ratio poscit ut, si suscepta probetur a synodo, iudicetur orthodoxa.90

Ist etwas (hier konkret bezogen auf den Brief des Ibas von Edessa) von einer Synode per definitio angenommen, worin sich der Konsens der ganzen Kirche zeigt, muss es auch später wieder, wenn sich die Annahme durch die Synode beweisen lässt, als orthodox angesehen werden.91 Definire wird also an anderer Stelle im Kontext des DreiKapitel-Streites als Terminus für die endgültige Festlegung eines Sachverhaltes durch ein Konzil gebraucht. Die Annahme, dass die definitio so auch bei Victor von Tunnuna zu verstehen ist, wird unterstützt durch seine Formulierung am Ende von Chronicon 10 (6,69–71 Cardelle de Hartmann): dass omnia que ad statum ecclesie pertinent disposita sunt ratumque terminum susceperunt.92 Das Konzil selbst bekräftigt in der Darstellung des Victor von Tunnuna also mit den Unterschriften, was zuvor endgültig beschlossen wurde: Es hält als sinodus generalis der 630 Bischöfe die Entscheidung und damit den (synchronen) Konsens der Kirche fest, der sich, wie oben gesehen, in Übereinstimmung mit dem auf den Konzilien von Nizäa und Konstantinopel sowie auf dem 1. Konzil von Ephesus Dargelegten befindet. Damit steht das Konzil eben zugleich im diachronen Konsens zu diesen Konzilien und führt deren fides weiter. Gerade darin aber liegt seine Autorität. Bei Prosper wird als (passivisch formuliertes) Ergebnis des Konzils von Chalcedon zunächst die Vollstreckung der zuvor als Ziel genannten disziplinarischen Maßnahmen genannt: Synodos Chalcedonensis peracta Eutyche Dioscoroque damnatis. Omnes autem, qui se ab eis retraxerunt, in communionem recepti.93 Neben diesen disziplinarischen

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Meyer]); zu Bischöfen versammelt auf Synoden bzw. zu Synoden vgl. bspw. Coelestin I., Epistula 14,8 (Ut autem noueritis sub qua definitione litteras miserimus [PL 50, 497C Migne]). Vgl. auch die genannten Anmerkungen bei Sieben zu weiteren Belegen; vgl. Placanica, „Note“, 71 (ad a. 451). Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 5,5,5 (157,32–37 Clément/Vander Plae­ tse; Übers. Sieben, Die Konzilsidee, 297): „Deswegen kann die Art und Weise der Untersuchung nach der Definition eines durch die Zustimmung der gesamten Kirche bekräftigten Konzils nicht mehr die gleiche wie vorher sein. Vorher verlangte die Vernunft, daß der fragliche Brief vom Konzil als anzunehmender beurteilt wird, wenn er sich als orthodox beweisen läßt; jetzt dagegen verlangt die Vernunft, daß (dieser Brief) als orthodox beurteilt wird, wenn er als von der Synode angenommener bewiesen wird.“ Vgl. Sieben, Die Konzilsidee, 296–297. Vgl. auch Bruns, „Zwischen Rom und Byzanz“, 167. S. zu diesem Abschluss von Chronicon 10 weiter u. S. 250–252. Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1369 (482 Mommsen/Übers. 133 Kötter): „Die Synode von Chalcedon wurde beendet, Eutyches und Dioskor wurden verdammt. Alle aber, die sich von ihnen zurückzogen, wurden wieder in die Gemeinschaft aufgenommen.“ S. auch o. S. 246 (Anm. 78).

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Maßnahmen nennt Prosper nun aber auch ein inhaltlich-theologisches Ergebnis des Konzils: „Allgemein bestätigt wurde der Glaube von der Fleischwerdung des Wortes“. Diesen Glauben „von der Fleischwerdung des Wortes“ bezieht Prosper direkt anschließend auf den Papst – der ja schon zuvor (Epitoma chronicon 1362) als die führende Kraft bei der Klärung der dogmatischen Fragen geschildert worden war: Es ist nämlich der Glaube, der „gemäß der Lehre der Evangelien und der Apostel durch den heiligen Papst Leo verkündigt wurde.“94 Das Konzil bestätigt also den Glauben, den Papst Leo (zuvor schon) verkündigt hat, also das, was dieser theologisch lehrt. Hinter den dogmatischen Beschlüssen des Konzils steht damit letztlich – auf der Grundlage der neutestamentlichen Lehre  – Papst Leo. Ein Handeln des Kaisers etwa spielt hier gar keine Rolle mehr.95 Auch gibt es keine Einreihung des Konzils von Chalcedon in die anderen Konzilien oder gar eine positive theologische Bezugnahme darauf. Steven Muhlberger fasst diesen Unterschied zwischen Prosper und Victor v. a. in Bezug auf die Rolle des Papstes pointiert zusammen: „Prosper de-emphasized the council that Victor valued so highly, by presenting it as simply a confirmation of Leo’s earlier declaration of doctrine.“96 Nach der Nennung der Beschlüsse des Konzils97 beendet Victor von Tunnuna seinen Bericht über das Konzil (wie bereits erwähnt) mit dem Fazit omnia que ad statum ecclesie pertinent disposita sunt ratumque terminum susceperunt.98 Mit Chalcedon ist alles, was zum status der Kirche gehört, endgültig festgelegt.99

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Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1369 (482 Mommsen/Übers. 133 Kötter): Confirmata uniuersaliter fide, quae de incarnatione uerbi secundum euangelicam et apostolicam doctrinam per sanctam papam Leonem praedicabatur. / „Allgemein bestätigt wurde der Glaube von der Fleischwerdung des Wortes, der gemäß der Lehre der Evangelien und der Apostel durch den heiligen Papst Leo verkündigt wurde.“ Vgl. auch Muhlberger, „Prosper’s Epitoma Chronicon“, 243. S. hingegen o. S. 242–244 vor der Einberufung des Konzils. Muhlberger, „Prosper’s Epitoma chronicon“, 243. Zur Wiedereinsetzung von Eusebius von Dorylaeum, Theodoret von Kyrrhos und Ibas von Edessa sowie zur Exkommunikation der Anhänger des Dioskur s. u. S. 255. Victor von Tunnuna, Chronicon 10 (6,69–71 Cardelle de Hartmann): „Es wurden alle Dinge, die zum Bestand der Kirche gehören, geordnet, und empfingen das rechtskräftige Ende.“ Vgl. auch die Übersetzung von Martyn (Übers. 134 Martyn): „All things were arranged concerning the status of the Church, and received a settled ending.“ Die genaue Übersetzung von status in diesem Zusammenhang ist nicht ganz einfach. Gemeint ist wahrscheinlich alles, was zur Kirche und dem kirchlichen Leben dazugehört i. S. ihres „Gesamtzustandes“, vgl. Georges, Handwörterbuch, s. v. „status“ II,1: „Stand“, „Zustand“, „Verfassung“, „Umstände“, „Beschaffenheit“. Placanica (Übers. 7 Placania), übersetzt daher: „Così, tutto ciò atteneva alla vita della Chiesa si trovò disposto e debitamente determinato“. Weniger definitiv erscheint das Fazit bspw. der Epitome von Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E360 (101,22–24 Hansen) zum Konzil von Chalcedon: ἐν ᾗ πολλὰ καὶ ἀναγκαῖα διετυπώθησαν δόγματά τε καὶ πράγματα, ὧν ἡ γνῶσις καὶ ἡ ὠφέλεια πολυμερὴς οὖσα διὰ τῆς τῶν πεπραγμένων δηλοῦται ἀναγνώσεως. /„In ihr [der Kirche Sankt Euphemia] bildeten sie viele und notwendige Lehren und Handlungen aus, von denen die Kenntnis und der Nutzen, der mehrteilig ist, durch das Vorlesen der abgehandelten Dinge bekannt gemacht wird.“ S. auch o. S. 249 zu definire. Seit 452 galten die Beschlüsse Chalcedons auch als Reichsgesetz (vgl. ACO 2,2,2 [21,29–22,27 Schwartz; lat.]; 2,1,3 [120,14–121,190 Schwartz; griech.]) und es war verboten, sie zu diskutieren; vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 27.

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Mit dieser Bilanz zum Konzil bewegt Victor von Tunnuna sich im Rahmen dessen, was auch andere Verteidiger der Drei Kapitel vertraten.100 Antonio Placanica sieht hier eine offizielle Sprache der Orthodoxie, die auf ein von Leo I. etabliertes Prinzip101 verweise, das sich bei diesem in Epistula 164,1 zeige: nihilque prorsus de bene compositis retractetur.102 Dieses Prinzip sei unaufgebbare Forderung in der Polemik zur Verteidigung der Drei Kapitel gewesen, was sich etwa bei Ferrandus von Karthago (Epistula 6,10) und Facundus von Hermiane (Pro defensione trium capitulorum 2,5,4; 6,5) zeige.103 Ferrandus von Karthago nennt in seiner Epistula 6,10 an Pelagius und Anatolius zum Abschluss zusammenfassend drei Regeln, die zu beachten seien. Die erste davon spricht die Frage nach der Revidierbarkeit von Konzilien an: Ut concilii Chalcedonensis uel similium nulla retractatio placeat; sed quae semel statuta sunt, intermerata seruentur.104 Was auf Konzilien beschlossen wurde, ist nicht revidierbar, sondern muss immer befolgt werden. Der Akzent liegt bei Ferrandus auch an anderen Stellen dieses Briefes auf der Betonung dieses Respektes vor der Tradition.105 Facundus von Hermiane beruft sich in Pro defensione trium capitulorum 2,5,4 wörtlich auf Papst Leo selbst als den, der auf dem Konzil von Chalcedon gesagt habe, dass alle Dinge festgesetzt seien, um zu bestätigen, dass nichts zu ihrer Vollkommenheit

100 Vgl. bspw. den ähnlichen Verweis auf die perfectio und die plenitudo des Konzils von Chalcedon bei Facundus von Hermiane, z. B. in Pro defensione trium capitulorum 2,5,10 (hier 63,67 Clément/ Vander Plaetse). S. auch o. S. 73–75; s. auch im Folgenden. 101 Vgl. Placanica, „Note“, 71 (ad a. 451): „Vittore conclude quindi il presente capitolo, intessuto di frasi tratte dal linguaggio ufficiale dell’ortodossia, con un giudizio che richiama implicitamente il principio stabilito da Leone Magno“. 102 Leo I., Epistula 164,1 (ACO 2,4 [110,33 Schwartz]): „und es soll hinfort nichts von den Dingen, die auf gute Weise abgefasst worden sind, überarbeitet werden“. 103 Vgl. auch Victor von Tunnuna, Chronicon 33; s. dazu u. S. 262 (Anm. 154). 104 Ferrandus von Karthago, Epistula 6,10 (PL 67, 927D Migne; Übers. 1,120 Price): „that no revision of the Council of Chalcedon or of similar councils is to be approved, but what has once been decreed is to be kept intact“. Die beiden weiteren Regeln stehen ebenso im Zusammenhang mit den Geschehnissen im Drei-Kapitel-Streit (PL 67, 927D–928A Migne; Übers. 1,120–121 Price): Ut pro mortuis fratribus nulla generentur inter uiuos scandala. Ut nullus libro suo per subscriptiones plurimorum dare uelit auctoritatem, quam solis canonicis libris Ecclesia catholica detulit. / „that no occasions of offence are to be created among the living over brethren who are deceased; and that no one is to wish through numerous subscriptions to claim for his own book an authority that the catholic church has attributed only to the canonical books.“ Die zweite Regel betrifft also die Kritik an der Verurteilung bereits Verstorbener; die dritte Regel lehnt ab, dass der Kaiser Religionsedikte mit bischöflichen Subskriptionen (außerhalb von Synoden) erlässt. Vgl. Sieben, Die Konzilsidee, 289–290. 105 Oder, um es mit Sieben, Die Konzilsidee, 285 zu formulieren, „auf der Respektierung […] des vertikalen Konsenses der Kirche“. Ein weiterer Anklang an dieses Prinzip ist Ferrandus von Karthago, Epistula 6,5 (PL 67, 925AB Migne; Übers. 1,117 Price): Nemo culpare festinet bene deposita, nemo recta corrigere. / „May no one be eager to criticize what was successfully resolved; may no one be eager to set right what was right already.“ Vgl. dazu Sieben, Die Konzilsidee, 289. Vgl. zu Ferrandus von Karthago und seiner Epistula 6 insgesamt Sieben, Die Konzilsidee, 283–291; s. auch o. Anm. 100.

252

Die erzählte Geschichte der Chronik

hinzugefügt werden könne.106 In Pro defensione trium capitulorum 2,6,6–7 zitiert Facundus von Hermiane zudem den o. g. Brief Leos I. (Epistula 164)107 und bezieht sich zuvor in 2,6,5 darauf, dass neben den fidei definitiones conciliorum („den Glaubensbeschlüssen der Konzilien“, d. h. den dogmatischen Entscheidungen) alle Dinge, die auf dem Konzil von Chalcedon pro pacis et unitatis obseruantia […] modeste ibi fuerint ac bene composita108 Autorität hätten und nicht zu bezweifeln seien. Insofern ist eine Kontinuität der Aussagen der beiden Verteidiger der Drei Kapitel zu den Aussagen Leos I. durchaus erkennbar. Victor von Tunnuna stellt nun allerdings, wie gesehen, in seinem Abschnitt zum Konzil von Chalcedon gerade das Handeln des Konzils selbst in den Vordergrund und nicht das Agieren des Papstes. Er bezieht sich in seinem Fazit zum Konzil auch nicht auf eine päpstliche Aussage. Sein Fazit steht in inhaltlicher Nähe zur Betonung der Nichtrevidierbarkeit bzw. des Charakters der Endgültigkeit von Konzilsbeschlüssen, die sich bei Facundus und Ferrandus zeigt. Diese beziehen sich, wie gesehen, wenigstens zum Teil auf Aussagen Leos. Insofern ist der o. g. Aussage Placanicas, dass sich bei Victor von Tunnuna implizit das bei Leo vorkommende „Prinzip“109 der Nicht-Überarbeitung von Konzilsbeschlüssen zeigt, nicht grundsätzlich zu widersprechen. Für die Frage nach den Akzenten am Anfang der Chronik gerade im Gegenüber zu Prosper ist aber insbesondere wichtig, dass Victors Fazit zum Konzil von Chalcedon in einer Linie mit anderen Verteidigern der Drei Kapitel steht.

106 Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 2,5,4 (61,20–23 Clément/Vander Plaet­ se; Übers. 329 Fraïsse-Bétoulières): Beatus autem Leo […] sic ibi esse dicit omnia definita, ut nihil eorum perfectioni adici posse confirmet. / „Or le bienheureux Léon […] dit qu’au synode tout a été défini at affirme qu’on ne peut rien ajouter à cette perfection.“ Facundus von Hermiane zitiert dann im Folgenden (Pro defensione trium capitulorum 2,5,5–7 [62,29–48 Clément/Vander Plaetse]) einen Brief von Papst Leo an Kaiser Leo (Epistula 162 = 72 Silva-Tarouca [PL 54, 1144B–1145A Migne; 165–168 Silva-Tarouca), der dessen Standhaftigkeit in dieser Haltung zeigen soll (prudenter ac fortiter eorum insidiis restitit / „il s’opposa avec prudence et courage, à leurs embûches“ [61,28 Clément/Vander Plaetse; Übers. 331 Fraïsse-Bétoulières]). Vgl. zur „Konzilsidee“ bei Facundus von Hermiane auch Sieben, Die Konzilsidee, 291–300. 107 Zu weiteren Briefen Leos, die im 2. und im 12. Buch von Pro defensione trium capitulorum zitiert werden vgl. Sieben, Die Konzilsidee, 292 (mit Anm. 91 und 92). Auch bei diesen Zitaten steht die Nichtrevidierbarkeit des Konzils in Vordergrund. 108 Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 2,6,5 (65,37–38 Clément/Vander Plaet­ se; Übers. 341 Fraïsse-Bétoulières): „[ce qui] a été organisé judicieusement et avec mesure pour l’observance de la paix et de l’unité“. Zum Frieden als Kennzeichen des Konzils von Chalcedon bzw. als Grund für dessen positive Wertung bei Ferrandus von Karthago vgl. Sieben, Die Konzilsidee, 288–289; s. auch o. S. 244. 109 So auch Sieben, Die Konzilsidee, 289; vgl. ebd. 115–120, der hier (118) auch von „Konzilsaxiom“ spricht. Ob man tatsächlich von dem „Leoninische[n] Prinzip“ sprechen muss, kann hier nicht weiter untersucht werden. Entscheidend ist an dieser Stelle die Rezeption durch die Verteidiger der Drei Kapitel.

Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedo

253

5.1.4 Die Frage der Drei Kapitel als Fokus der Chronik des Victor von Tunnuna von Anfang an Neben der grundsätzlichen Betonung der Rolle der Synode (und damit einhergehend der Abschwächung der Rolle des Papstes und ansatzweise des Kaisers) im Vergleich zu Prosper ist also allein schon mit der Bilanz zum Konzil von Chalcedon, die in einer erkennbar gleichen Argumentationslinie mit anderen Verteidigern der Drei Kapitel steht, in Chronicon 10 der Fokus der Chronik greifbar, der im weiteren Verlauf eine entscheidende Rolle spielen wird: Die Frage der Drei Kapitel. Dieser Fokus klingt auch an anderen Stellen in Chronicon 1–15 an. Neben dem Subtext von Chronicon 1110 zeigt er sich auch an anderen Stellen der Darstellung der Jahre 444–455: Als Ergebnis des zweiten Konzils von Ephesus („Räubersynode“ von 449) hält Prosper neben dem „Freispruch des Eutyches das Urteil der Verdammung gegen Flavian, den Bischof von Konstantinopel“ durch Dioskur fest.111 Bei Victor von Tunnuna hingegen ist die Angabe der Verurteilung durch Dioskur112 ausgeweitet: et eius obtrectatores duarum in Christo naturarum doctores Flauianum Constantinopolitanum, Eusebium Durelei, Theodoretum Cyri, et Ibam Edessenum antistites ceterosque alios impia auctoritate […] condempnauit.113 Diese Angabe findet sich auch in der Epitome der Kirchengeschichte des Theodoros Ana­ gnostes, die zusätzlich die Verurteilung eines Andreas erwähnt.114 Möglicherweise hat Victor die über Prosper hinausgehenden Informationen also von Theodoros.115 Jedenfalls aber rücken, indem Victor von Tunnuna nun die Verurteilung von Theodoret von Kyrrhos und Ibas von Edessa auf dem zweiten Konzil von Ephesus notiert, einerseits

110 S. o. Kap. 5.1.1. 111 Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1358 (480,12–13 Mommsen/Übers. 127 Kötter): […] Dioscorus Alexandrinus […] absoluto Eutyche in Flauianum episcopum Constantinopolitanum damnationis sententiam tulit. 112 Zur von Kaiser Theodosius II. übertragenen leitenden Rolle Dioskurs auf dem Konzil vgl. Placanica, „Note“, 65 (ad a. 448); vgl. die auf dem Konzil von Chalcedon zitierte entsprechende Mitteilung an Dioskur in ACO 2,1,1 (74,9–28 Schwartz); lat. ACO 2,3,1 (49,8–25 Schwartz). Vgl. dazu auch kurz Fraisse-Coué, „Von Ephesus nach Chalcedon“, 54 (mit Anm. 198). 113 Victor von Tunnuna, Chronicon 4 (4,26–30 Cardelle de Hartmann): „und er verurteilte dessen Widersacher, die Lehrer der zwei Naturen in Christus, die Bischöfe Flavian von Konstantinopel, Eusebius von Dorylaeum, Theodoret von Kyrrhos und Ibas von Edessa sowie weitere andere mit frevelhafter Vollmacht […].“ 114 Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia eccleasiastica E347. Wer dieser Andreas ist, ist unsicher, vgl. Hansen im apparatus ad locum (98–99 Hansen). Zur Absetzung Theodorets von Khyrros vgl. die Akten der ephesinischen Synode vom Jahre 449 (syrisch und deutsch; 84–113 Flemming/Übers. Hoffmann); zur Absetzung des Ibas von Edessa vgl. Akten der ephesinischen Synode vom Jahre 449 (12–69 Flemming/Übers. Hoffmann). S. auch o. S. 68. 115 In den auf dem Konzil von Chalcedon verlesenen Akten werden nur Flavian und Eusebius von Do­ rylaeum als Verurteilte erwähnt, vgl. ACO 2,1,1 (191,8–194,38 Schwartz); lat. ACO 2,3,1 (239,6–252,19 Schwartz), vgl. Placanica, „Note“, 66 (ad a. 448), dort auch zur Formulierung ceterosque alios. Zur dennoch bestehenden Möglichkeit einer direkten Kenntnis der Synodalakten Chalcedons durch Victor von Tunnuna s. o. Kap. 3.3.

254

Die erzählte Geschichte der Chronik

die Drei Kapitel (jedenfalls zum Teil) schon am Anfang der Chronik in den Fokus. Andererseits wird damit die Unrechtmäßigkeit dieses Konzils aus der Sicht Victors unterstrichen116: Die Versammlung selbst wird zwar zunächst schlicht als generalis sinodus secunda congregatur in Epheso bezeichnet.117 Ihre negative Einschätzung wird aber nicht nur deutlich, indem dargestellt wird, dass Dioskur den Vorsitz – mit kaiserlicher Unterstützung – an sich reisst und Eutyches freispricht, sondern eben v. a. auch durch die Verurteilung von Theodoret von Kyrrhos, Ibas von Edessa und anderen, die eben impia auctoritate contradicentibus etiam legatis sedis apostolice verurteilt werden.118 Zur Synode von Ephesus (449) sei darüber hinaus noch kurz angemerkt, dass mit ihrer Darstellung in der Chronik auch die Reihe der Ostkaiser, die eine aktive Rolle in den theologischen Streitigkeiten einnehmen, beginnt: In Chronicon 4 wird Theodosius II. als patronus der Synode eingeführt, und Dioskur erlangt „mit kaiserlicher Begünstigung“ deren Vorsitz.119 In der Epitome der Kirchengeschichte des Theodoros Anagnostes wird Theodosius durch Chrysaphius und andere Anhänger des Eutyches zur Einberufung der Synode überredet.120 Diese Information gibt es bei Victor von Tununa nicht. So ist der Kaiser bei Victor von Tunnuna zwar als patronus selbst in die Geschehnisse der Synode verwickelt, jedoch nicht – jedenfalls nicht offensichtlich – mit den Anhängern des Eutyches verbunden. Zu Theodosius wird im Folgenden auch

116 Gemeinsam ist Prosper und Victor beim Bericht über die 2. Synode von Ephesus neben der Betonung des Widerspruchs der Gesandten des Bischofs von Rom (s. o. S. 240 [Anm. 41]) die Gewalt, mit der Dioskur die Zustimmung zu seinen Beschlüssen erzwang. Vgl. Becker/Kötter, „Kommentar“, 304; Placanica, „Note“, 66 (ad a. 448). Den Tod Flavians (Sanctus uero Flauianus […] glorioso ad Christum fine transiuit [481,31–32 Mommsen]) erwähnt Victor von Tunnuna anders als Prosper nicht. 117 Victor von Tunnuna, Chronicon 4 (4,22–23 Cardelle de Hartmann). Vgl. aber die Bezeichnung als secunda nec dicenda sinodus in Chronicon 10 (6,59–60 Cardelle de Hartmann). 118 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 4. Das (grammatikalische) Subjekt ist hier zunächst allerdings Dioskur und nicht die Synode selbst, die aber dann im Anschluss von Dioskur mit Gewalt zur Unterstützung gezwungen wird (4,30–32 Cardelle de Hartmann): totamque sinodum sibi fauere monachorum seditione militarique uiolentia inclinauit / „und er [Dioskur] zwang die ganze Synode durch einen Aufstand von Mönchen und mit militärischer Gewalt, ihn zu unterstützen“. 119 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 4 (3,19–4,25): Pro quo imperatore Theodosio patrocinante […] generalis sinodus secunda congregatur in Epheso, in qua Dioscorus Alexandrinus episcopus sibi principatum usurpans imperiali fauore […]. / „Dafür versammelte sich unter der Schirmherrschaft von Kaiser Theodosius […] eine zweite allgemeine Synode in Ephesus, auf der Dioskur, der Bischof von Alexandria, mit kaiserlicher Begünstigung den Vorsitz an sich riss […]“. Zur Einberufung des Konzils durch den Kaiser vgl. ACO 2,1,1 (77,14–15 Schwartz); lat. ACO 2,3,1 (52,15–16 Schwartz). Zu der in Chalcedon 451 zitierten Übertragung des Vorsitzes an Dioskur s. o. Anm. 112. Zu Theodosius II. vgl. exemplarisch Millar, A Greek Roman Empire; sowie den von Kelly herausgegebenen Sammelband Theodosius II. 120 Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E346 (98,23–24 Hansen): Χρυσάφιος καὶ οἱ περὶ Νόμον τὸν ὕπατον ἐκθύμως τῷ Εὐτυχεῖ προσκείμενοι πείθουσι Θεοδόσιον κελεῦσαι σύνοδον.  / „Chrysaphius und die, die bezüglich dem höchsten Gesetz übermütig dem Eutyches anhingen, überredeten Theodosius, eine Synode zu befehlen.“

Der Auftakt der Chronik: Rund um die Synode von Chalcedo

255

nichts weiter notiert, und er bzw. sein Handeln werden auch nicht weiter bewertet.121 Der Fokus liegt bei Victor von Tunnuna auf Dioskur als Urheber der Verurteilungen.122 Auch Theodosius’ kurz darauf folgender Tod wird neutral geschildert.123 Den Fokus auf die Drei Kapitel zeigt im Folgenden noch ein weiteres Ergebnis des Konzils von Chalcedon, das Victor von Tunnuna – anders als Prosper oder Theodoros Anagnostes – festhält: Eusebio Durilei, Theodoreto Cyri et Iba Edesseno episcopis propriis restitutis ecclesiis […].124 Entsprechend der Rücknahme der Beschlüsse des zweiten Konzils von Ephesus wird also auch hier durch die explizite Erwähnung von Theodoret von Kyrrhos und Ibas von Edessa deutlich gemacht, dass in Chalcedon auch Vertreter der Drei Kapitel rehabilitiert wurden.125 Umgekehrt ergeht es Dioskur, der auf dem Konzil von Chalcedon verurteilt wird.126 Seine Verurteilung auch der genannten Vertreter der Drei Kapitel führt zu seiner eigenen Verurteilung. Er ist damit der Erste in einer Reihe von Gegnern der Drei Kapitel (und Chalcedons), deren Ablehnung der Drei Kapitel negative Folgen (für sich selbst) nach sich zieht.127

121 Vgl. auch Prosper Tiro von Aquitanien, Epitoma chronicon 1358, wo ebenfalls Theodosius II. die 2. Synode von Ephesus einberuft. Er erfährt dort zwar keine direkte negative Beurteilung, jedoch wird von Gewalt gegen die Gesandten des Papstes berichtet, die nur deshalb dem Freispruch des Eutyches und der Verurteilung des Flavian von Konstantinopel zugestimmt hätten (s. o. Anm. 116). Becker/Kötter, „Kommentar“, 304 deuten dies als „kaiserliche[…] Einmischung“, und zwar für eine bestimmte, von Prosper als häretisch wahrgenommene Theologie, weshalb sich Prosper dagegen wende. Dies sei dann auch der Grund dafür, dass Prosper im Anschluss „von seiner positiven Haltung gegenüber der theodosianischen Dynastie abrücken sollte“. Wenn man die bei Victor von Tunnuna als von Dioskur initiiert dargestellte militärische Gewalt gegen die Synode in diesem Sinne deutet, lässt sich auch bei Victor eine implizite Kritik am Kaiser erkennen, hatte dieser doch die Schirmherrschaft über die Synode inne. 122 S. o. S. 253–254. 123 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 6 (5,44–45 Cardelle de Hartmann): Theodosius imperator anno uite sue LXII Constantinopoli moritur. / „Kaiser Theodosius starb im 62. Jahr seines Lebens in Konstantinopel.“ 124 Victor von Tunnuna, Chronicon 10 (6,67–68 Cardelle de Hartmann): „Nachdem Eusebius von Dorylaeum, Theodoret von Kyrrhos und Ibas von Edessa wieder in ihren eigenen Kirchen eingesetzt worden waren […].“ 125 In den Konzilsakten vgl. zu Eusebius von Dorylaeum ACO 2,1,1 (77,38–78,4 Schwartz); lat. ACO 2,3,2 (4,8–13 Schwartz); zu Theodoret von Kyrrhos vgl. ACO 2,1,3 (10,1–11,7 Schwartz); lat. ACO 2,3,3 (14,4–15,12 Schwartz); zu Ibas von Edessa vgl. ACO 2,1,3 (39,23–42,18 Schwartz); lat. ACO 2,3,3 (48,24–52,16 Schwartz); vgl. auch den Bezug darauf bei Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 5,1,2. In Chronicon 130 erwähnt Victor von Tunnuna anders als in der Notiz zum Konzil selbst, dass Theodor von Mopsuestia in den gesta von Chalcedon gelobt worden sei; s. u. Kap. 5.7.2.3. 126 S. o. S. 246. 127 Und als Verurteiler der Drei Kapitel so auch der erste in einer negativen Traditionskette, die sich in der Chronik fortsetzt. In Epistula fidei catholicae 59 (s. u. Kap. 5.9) ist Dioskur in Chalcedon der letzte in einer Reihe von Häretikern, die von den vier Konzilien in Nizäa (Arius), Konstantinopel (Macedonius) und Ephesus (Nestorius) verturteilt werden.

256

Die erzählte Geschichte der Chronik

5.1.5 Zusammenfassende Bemerkungen Blickt man noch einmal zusammenfassend auf den Anfang der Chronik des Victor von Tunnuna, sind es v. a. zwei Hauptpunkte, die deren Eigenheit bereits am Anfang v. a. im Gegenüber zur Chronik Prospers zeigen: Einerseits die grundsätzliche Betonung der Rolle der Synode (des Konzils – und nicht des Papstes) sowie die klare und eine (Lehr-) Entwicklung abschließende Einordnung des Konzils von Chalcedon in die Reihe der vier „heiligen Synoden“, andererseits der Fokus auf die Drei Kapitel, deren Geschichte und Verteidigung schon anklingt. Beide Punkte hängen insofern zusammen, als auch andere Verteidiger der Drei Kapitel die Rolle der Konzilien und besonders des Konzils von Chalcedon hervorheben und letzteres entsprechend einordnen. Damit zeigen sich bereits in der die Prospers Chronik rezipierenden Darstellung der Jahre 444–455 Akzente Victors, die im weiteren Verlauf der Chronik wichtig sein werden.128 Der vorliegende Anfang der Chronik ist damit ein Auftakt, der der weiteren Akzentuierung der Schilderung der Ereignisse trotz des Rückgriffs auf eine spezifische Quelle entspricht. Um noch einmal auf die Frage nach einer ursprünglichen Universalchronik zurückzukommen: Der Beginn der Chronik im Jahr 444 liegt also tatsächlich da, wo Victors „noticias adquieren el peso central“.129 Gerade deshalb kann die Chronik aber auch aus inhaltlichen Gründen von Anfang an mit diesem Jahr begonnen haben. Victors Interesse liegt in diesen Jahren ab 444: Am Anfang der Chronik in der Konstruktion einer eigenen Geschichte des Konzils von Chalcedon, dessen unmittelbarer Vorgeschichte und Ergebnis, dabei aber nicht fokussiert auf den damit zusammenhängenden dogmatischen Diskurs, sondern auf die Rolle und die Einordnung des Konzils und einzelner Akteure. Damit zeigt sich bereits hier, dass die Bezeichnung der Chronik Victors als „Fortsetzung“ oder „Anschluss“ an Prosper wohl zu kurz greift: Die Chronik Victors schreibt die Chronik des Prosper zwar in gewisser Weise fort, weil sie chronologisch an sie anschließt, ihr Interesse liegt aber offensichtlich in dem genannten eigenen inhaltlichen Schwerpunkt, mit dem so von Anfang an ein eigenes Ziel verfolgt wird. Dieses geht über eine bloße „Fortsetzung“ um der Vervollständigung der geschichtlichen Darstellung willen hinaus.

128 Die grundsätzliche Hervorhebung der Autorität des Konzils hängt möglicherweise auch mit der negativen Sicht des Victor von Tunnuna auf die Päpste seiner Zeit zusammen, die für ihn die chalcedonensische Orthodoxie betrogen hatten; vgl. knapp Muhlberger, „Prosper’s Epitoma chronicon“, 243; s. u. in Kap. 5.7.2 und 5.7.3 zu Vigilius. 129 Cardelle de Hartmann, „Introducción“, 105*; s. o. S. 148.

Der Beginn der Rezeption Chalcedons unter Leo I. (Chronicon 16–40)

257

5.2 Der Beginn der Rezeption Chalcedons unter Leo I. (Chronicon 16–40) Die Zeit unter Kaiser Leo I. lässt sich als nächster Abschnitt der Chronik zusammenfassen (Chronicon 16–40).130 Die Chronik Prospers wird nun nicht mehr als Quelle benutzt. In diesem Abschnitt werden die ersten Jahre nach der Synode von Chalcedon behandelt und damit der Beginn ihrer Rezeption. Er ist von vielen kürzeren Notizen geprägt, die Abfolgen bei Bischöfen und Caesaren, Angaben zur Regierungsdauer oder Konsulaten, aber auch Palastintrigen bzw. Usurpationen enthalten.131 Diese Notizen sind i. W. schlicht gehalten und lassen keine Bewertung einzelner Personen wie Kaiser oder Papst durch Victor von Tunnuna bzw. eine Positionierung ihnen gegenüber erkennen.132 Der Abschnitt ist so insgesamt, nach der relativ ausführlichen Eröffnung der Chronik im Anschluss an Prosper, als Überleitung mit wenigen eingestreuten Schlaglichtern zu sehen, als Überleitung nämlich zu den Konflikten unter den folgenden Kaisern Zeno und Anastasius, die dann auf den eigentlichen Drei-Kapitel-Streit und damit auf die spezifische Intention der Chronik hinführen. Gleichzeitig sind gerade in diesem Abschnitt mit den Verfolgungen unter Hunerich nordafrikanische Ereignisse platziert, die für die Deutung der Chronik bestimmend sind. Auch hier sei zunächst ein Überblick über die von der Chronik erwähnten Ereignisse in tabellarischer Form gegeben. Die Ereignisse, die insbesondere Nordafrika betreffen, sind in der Tabelle in [Klammern] gesetzt: Zu ihnen lässt sich ein eigener Erzählstrang herausarbeiten, der in Kapitel 5.5 behandelt wird.

130 Zu Leo II. s. kurz u. S. 266 (Anm. 169). 131 Die kürzeren Notizen in diesem Sinne sind Chronicon 16; 17; 18; 20; 24; 25, 27; 29; 32; 34; 35; 36; 37; 38; 39; 40. 132 Dies gilt etwa auch für den Aufstand des (patricius) Ricimer gegenüber Avitus (Chronicon 16). Victor von Tunnuna berichtet dazu, dass Ricimer Avitus aus Rücksichtnahme zum Bischof von Placencia machte. Tatsächlich wurde Ricimer wohl erst im Jahr 457 patricius. Avitus erscheint hier bei Victor als harmlos, für die Herrschaft eher nicht geeignet (vgl. Chronicon 15 [8,100 Cardelle de Hartmann]: uir tocius simplicitatis). Vgl. dazu und zu weiteren Quellen für Ricimer und Avitus Placanica, „Note“, 74 (ad a. 456): Victor habe die Notiz aus den Consularia Italica; zur Problematik dieser Annahme s. o. S. 113–114. Ricimer wird neben der Nennung seines Konsulats in Chronicon 22 noch einmal in Chronicon 39 erwähnt im Zusammenhang mit seiner factio, die beim Aufstand gegen Anthemius beteiligt ist. Zu Ricimer vgl. kurz Lütkenhaus, „Ricimer“; Henning, Periclitans res publica, 45–46, 258–257; insgesamt Anders, Flavius Ricimer; vgl. auch zu Avitus und Ricimer Vössing, Das Königreich, 59–60.

258

Die erzählte Geschichte der Chronik

Chronicon

Jahr133

Ereignis/Inhalt

16

456

Usurpation des Ricimer gegenüber Avitus; Avitus als Bischof von Placencia.

17

457

Tod von Marcian; Kaiser Leo I.

18

457

Angabe der Regierungszeit Leos I.

19

457

Aufruhr durch Timotheus Ailurus und Ermordung des Proterius. Timotheus Ailurus wird Bischof von Alexandria.

20

458

Maiorianus als Herrscher in Rom.

21

458

Verfolgungen der Anhänger Chalcedons duch Timotheus Ailurus.

22

459

Leo I. von Rom schreibt an Juvenal von Jerusalem gegen Eutyches und Dioskur.

23

460

Leo I. entfernt Timotheus Ailurus als Bischof von Alexandria und macht Timotheus Salafatiarius, einen Verteidiger Chalcedons, zum Bischof.

24

461

Die Konsuln Dagalyfus und Severinus.

25

462

Die Konsuln Leo I. und Severus.

[26

463

Die Abfolge der Bischöfe Karthagos (Capreolus, Quodvultdeus, Deogratias und Eugenius).]

27

463

Tod des Maiorinus, Herrschaft des Severus.

[28

464

Der Tod Geiserichs und die Herrschaftsübernahme durch Hunerich sowie die Heirat Hunerichs mit einer Tochter Valentinians.]

29

465

Alexander als Bischof von Antiochien, Anastasius als Bischof von Jerusalem.

[30

466

Verfolgungen und Exilierungen der Katholiken unter Hunerich.]

31

467

Ein Zeichen in einer Wolke im Himmel.

32

467

Anthemius als Herrscher in Rom.

33

469

Bericht über die Enzyklika Leos I.; die Bischöfe sichern Leo zu, dass die Beschlüsse Chalcedons Bestand haben.

34

469

Hilarus wird nach Leo Bischof der Kirche von Rom.

35

470

Patricius, der Sohn des Aspar, wird Caesar.

36

471

Aspar und seine Söhne Patricius und Ardaburius werden in Konstantinopel auf kaiserlichen Befehl hin getötet.

37

473

Leo I. macht seinen Enkel Leo zum Caesar.134

133 Die Jahreszahlen sind übernommen aus der Edition von Cardelle de Hartmann. 134 In der Chronik wird nicht erwähnt, dass Leo II. noch zu Lebzeiten Leos I. zum Augustus und somit zum Mitkaiser wurde.

Der Beginn der Rezeption Chalcedons unter Leo I. (Chronicon 16–40)

259

Chronicon

Jahr133

Ereignis/Inhalt

38

473

Bischofsabfolgen in Rom, Konstantinopel, Antiochien und Jerusalem.

39

473

Usurpation des Olybrius und Flucht des Anthemius; weiterer Aufstand durch Herculanus, nach dessen Tod Übernahme seiner Königsherrschaft durch Nepos.

40

474

Tod von Leo I. in Konstantinopel.

Entsprechend der Deutung dieses Abschnittes im Rahmen der Gesamtchronik als Überleitung zu den nachfolgenden Kaisern wird die Herrschaft Leos I. – nach der kurzen Notiz zu Marcians Tod und Leos Amtsübernahme (Chronion 17) – wenig pointiert bezüglich seiner Haltung zu Chalcedon geschildert: Für Leo finden sich zunächst mehrere Notizen zu seiner Regierungsdauer sowie zu seinen Konsulaten (Chronicon 18; 20; 25; 30). Ferner werden Bestimmungen bzw. die Tötung von Caesaren durch Leo I. angegeben, die aber nicht mit religionspolitischen Aktivitäten in Verbindung gebracht werden (Chronicon 35 [Patricius als Caesar]; 36 [Tötung des Aspar, des Patricius und des Ardabur]135; 37 [Leo, der Enkel Leos I. als Caesar136]).137 Der Beginn der Rezeption Chalcedons ist in diesem Abschnitt zunächst mit dem Namen Timotheus Ailurus verbunden, der dezidiert als Chalcedon-Gegner geschildert wird138: Er gelangt als Calcidonensis synodi obtrectator auf den Bischofsstuhl von Alexandria.139 Die Rezeption Chalcedons wird durch den Fokus auf den ChalcedonGegner Timotheus Ailurus so zunächst v. a. als negative Rezeption dargestellt, die gleichzeitig in die Gesamtsituation in Alexandria und Ägypten eingebettet wird: Der erste Abschnitt über Timotheus Ailurus wird mit der Einschätzung Alexandria et Egiptus errore Dioscori languens decreta Calcidonensis sinodi non recepit eröffnet.140 Mit dieser Eröffnung führt Victor von Tunnuna dann auf Timotheus Ailurus selbst hin, der gemäß der Chronik zunächst einen Aufruhr entfacht, woraufhin Anhänger des Dioskur dessen Nachfolger Proterius, im Gegensatz zu Timotheus Ailurus custos der Beschlüsse Chalcedons, ermorden. Wie oben bereits herausgearbeitet, bekommt diese 135 Vgl. dazu kurz Demandt, Geschichte der Spätantike, 155–157. 136 Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E398 (111,13–14 Hansen); von den Geschehnissen um Aspar und seine Söhne berichtet Theodoros nicht. 137 Vgl. auch Placanica, „Note“, 79 (ad a. 470; 471; 473). In Chronicon 23 und 33 werden dann allerdings religionspolitische Aktivitäten Leos beschrieben, s. dazu im Folgenden. 138 Timotheus Ailurus war von 457–460 und von 475–477 Patriarch von Alexandria; vgl. als Überblick Hoffmann, „Timotheos II. Ailuros“; Fraisse-Coué, „Die zunehmende Entfremdung“, 168–174; vgl. auch insgesamt in Verbindung mit der Rezeption Chalcedons durch Leo von Rom Grillmeier, Jesus der Christus 2,1, 131–266. 139 Victor von Tunnuna, Chronicon 19 (9,118–119 Cardelle de Hartmann). 140 Victor von Tunnuna, Chronicon 19 (8,109–110 Cardelle de Hartmann): „Alexandria und Ägypten waren kraftlos durch den Irrtum des Dioskur und empfingen die Beschlüsse der Synode von Chalcedon nicht.“

260

Die erzählte Geschichte der Chronik

Ermordung durch ihre Datierung auf den Karfreitag ein besonders großes Gewicht, und damit auch Proterius’ Rolle als Verteidiger Chalcedons.141 Die positive Aufnahme Chalcedons kann sich nach dem Tod des Proterius in Alexandria nicht durchsetzen: Ermöglicht durch seine Ermordung gelangt Timotheus Ailurus auf den Bischofssitz von Alexandria.142 Sein Amt ist in der Chronik dadurch, dass die Ermordung von Proterius als Voraussetzung dafür geschildert wird, betont in schlechtes Licht gerückt.143 Timotheus ist sowohl obtrectator Chalcedons144 als auch incubator145 der Kirche Alexan­ drias und verfolgt als solcher die Verteidiger Chalcedons.146 Bei den Streitigkeiten um Timotheus Ailurus spielt in der Chronik der Bischof von Rom so gut wie keine Rolle: Victor von Tunnuna gibt zwar an, dass Papst Leo an Juvenal von Jerusalem einen Brief „gegen den Fehler des Eutyches und des Dioskur“ schickt,147 darin ist aber allerhöchstens im Ansatz eine „Offensive des Papstes gegen die

141 S. o. Kap. 4.1.2.6. 142 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 19 (8,110–9,119 Cardelle de Hartmann): Proterium antistitem Dioscori successorem et sinodi Calcidonensis decretorum custodem populus Dioscoritanus seditione facta Thimotheo auctore cognomento Illuro interfecit VI kalendarum aprilium VI feria ultime ieiuniorum ebdomade, die qua noster Saluator et Dominus a Iudeis est crucifixus. […] Proterio itaque interempto Thimotheus prefatus cognomento Illurus Calcidonensis synodi obtrectator eius episcopatum ecclesi­ amque peruadit. / „Nachdem durch Timotheus mit dem Beinamen Ailurus ein Aufruhr entfacht worden war, tötete eine Schar von Anhängern des Dioskur den Bischof Proterius, den Nachfolger des Dioskur und Wächter der Beschlüsse der Synode von Chalcedon am 6. Tag vor den Kalenden des April, am Freitag der letzten Woche der Fastenzeit, am Tag, an dem unser Retter und Herr von den Juden gekreuzigt wurde. […] Nachdem also Proterius getötet worden war, drang der zuvor genannte Timotheus mit dem Beinamen Ailurus, Widersacher der Synode von Chalcedon, in dessen Bischofsamt und Kirche ein.“ 143 Nach anderen Quellen wird Timotheus Ailurus vor der Ermordung des Proterius zum Bischof ordiniert, vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 15; Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E370; Gesta de nomine Acaci 14; Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 2,8; vgl. Placanica, „Note“, 75 (ad a. 457,2), dort auch weitere Quellen. 144 Für eine Übersicht über die weiteren obtretcatores Chalcedons und der Drei Kapitel s. u. S.  412 (Anm. 861). 145 Auch so werden weitere Bischöfe in der Chronik bezeichnet, zunächst der Chalcedon-Gegner Petrus von Alexandria (Chronicon 64), später als Gegner der Drei Kapitel Primosus (Chronicon 152; 155) und Petrus von Salona (Chronicon 164), der Frontinianus, einen Verteidiger der Drei Kapitel, ersetzt; s. u. zur jeweiligen Stelle. 146 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 21 (9,124–125 Cardelle de Hartmann): Thimotheus Alexandrine ecclesie incubator defensores sinodi Calcidonensis insequitur. / „Timotheus, unrechtmäßiger Besitzer der Kirche von Alexandria, verfolgte die Verteidiger der Synode von Chalcedon.“ Allgemeiner ist dies formuliert bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E370 (104,22 Hansen): καὶ εὐθὺς θορύβων καὶ ταραχῶν τὴν ἐκκλησίαν ἐπλήρωσεν. / „Und bald erfüllte er [Timotheus] die Kirche mit Tumulten und Erregungen.“ 147 Victor von Tunnuna, Chronicon 22 (9,129–131 Cardelle de Hartmann): Iuuenalis Iherosolimorum episcopus litteris Leonis Romani antistitis aduersum errorem Euticis Dioscorique armatur. / „Juvenal, der Bischof der Jerusalemer, wurde mit einem Brief von Leo, dem römischen Bischof, gegen den Fehler des Eutyches und des Dioskur bewaffnet.“

Der Beginn der Rezeption Chalcedons unter Leo I. (Chronicon 16–40)

261

alexandrinischen Monophysiten“ zu erkennen.148 Timotheus Ailurus wird in diesem Zusammenhang auch gar nicht selbst genannt.149 Hingegen werden zwei religionspolitische Aktivitäten des Kaisers im Folgenden von Victor von Tunnuna benannt: Zunächst wird auf seinen Befehl Timotheus Ailurus aus seinem Amt entfernt und exiliert; wenig später wird mit Timotheus Salafatiarius (Salophaciolus) ein Verteidiger Chalcedons als Bischof von Alexandria eingesetzt.150 Hier erscheint der Kaiser also als im Sinne Chalcedons Handelnder.151 Als weitere religionspolitische Aktivität Leos I. wird dann in Chronicon 33 beschrieben, dass der Kaiser aufgrund von Bitten der Ägypter eine Synode einberufen wollte, die über Chalcedon urteilen sollte; auf einen Brief, in dem er um die Meinung der

148 So nennt Fraisse-Coué, „Die zunehmende Entfremdung“, 168 die Aktionen des Papstes: V. a. setzte er sich eben in mehreren Briefen an den Kaiser und andere Bischöfe für Chalcedon und gegen Timotheus Ailurus ein; vgl. ebd., 168–169 mit den entsprechenden Briefen. Der o. g. Brief an Juvenal ist wohl Epistula 90 in ACO 2,4 (97,31–98,25 Schwartz; vom 1. September 547) an Juvenal und vier weitere Bischöfe, vgl. Placanica, „Note“, 75 (ad a. 459); Fraisse-Coué, „Die zunehmende Entfremdung“, 169 (mit Anm. 143). Vgl. auch die breite Darstellung und Diskussion der Reaktion Leos auf Chalcedon und seine Rezeption der Synode bei Grillmeier, Jesus der Christus 2,1, 131–220 bzw. 266. Auch Anatolius von Konstantinopel spielte – anders als bei Victor von Tunnuna, wo nur seine Amtseinsetzung (Chronicon 9) und die Bestimmung seines Nachfolgers (Chronicon 38) erwähnt werden – in den Diskussionen eine größere Rolle. 149 Vgl. Placanica, „Note“, 75 (ad a. 460). 150 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 23 (9,132–10,137 Cardelle de Hartmann): Timotheus episcopus, interfector Proterii episcopi, Leonis principis precepto uix a cede Alexandrine ecclesie raptus Cersona exilio religatur, et post menses V eidem Alexandrine ecclesie alius pro eo Timotheus cognomento Salafatiarius synodi Calcidonensis defensor episcopus ordinatur. / „Bischof Timotheus, der Mörder des Bischofs Proterius, wurde auf Befehl von Prinzeps Leo eilig aus dem Bischofssitz der alexandrinischen Kirchen entfernt und im Exil in Cersona festgehalten, und nach 5 Monaten wurde für dieselbe Kirche von Alexandria ein anderer für ihn zum Bischof ordiniert, Timotheus mit dem Beinamen Salafatiarius, Verteidiger der Synode von Chalcedon.“ Vgl. auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E379; Liberatus von Karthago, Breuiarium 16; Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 2,11. Vgl. Placanica, „Note“, 75–76 (ad a. 460). Terminus ante quem für die Einsetzung des Timotheus Salafatiarius ist der 18. August 460, da auf diesen Tag ein Brief des Papstes an Timotheus als Bischof datiert ist (Collectio Auellana 53). 151 Der Zusammenhang mit der Korrespondenz des Papstes fehlt, wie bereits angemerkt, bei Victor von Tunnuna, vgl. Placanica, „Note“, 75 (ad a. 460); Fraisse-Coué, „Die zunehmende Entfremdung“, 170–173; zur Verbannung des Timotheus Ailurus vgl. auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E300, vgl. E379; Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 4,9; Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 2,11; Liberatus von Karthago, Breuiarium 16.

262

Die erzählte Geschichte der Chronik

Bischöfe bat,152 hätten diese aber geantwortet,153 dass die Beschlüsse von Chalcedon für immer bleiben würden.154 Die in Leos Brief ebenfalls gestellte Frage nach der Gültigkeit der Ordination des Timotheus Ailurus155 wird in der Chronik Victors hingegen nicht erwähnt – er war ja nach der Chronik auch bereits abgesetzt worden. Die Bitten der Ägypter werden von Victor von Tunnuna als Versuch der retractatio der Beschlüsse Chalcedons interpretiert.156 Auch hier wird die bereits in Chronicon 19 angesprochene negative Rezeption Chalcedons in (Alexandria und) Ägypten deutlich.

152 Der Brief Leos in ACO 2,5 (11,5–34 Schwartz); griech. Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 2,9. Vgl. auch Gesta de nomine Acaci 16 (445,18–446,5 Günther). Vgl. auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E372 (105,8–9 Hansen): Λέων ὁ βασιλεὺς ὁ μετὰ θάνατον Μαρκιανοῦ χρηστῶς καὶ ἀσφαλῶς βουλευσάμενος τὰς ἐγκυκλίους ἐπιστολὰς πρὸς τοὺς κατὰ τόπον ἐπισκόπους ἔγραψε. / „Kaiser Leo, der nach dem Tod des Marcian rechtschaffen und zuverlässig [sein] wollte, schrieb Rundbriefe an die Bischöfe bezüglich des Themas“ [vgl. E371]. Vgl. Placanica, „Note“, 78–79 (ad a. 468); vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 32 (Anm.  44), der darauf hinweist, dass die „Gültigkeit synodaler Entscheidungen […] nach altkirchlicher Auffassung selbstverständlich nicht durch Meinungsumfragen […] bestätigt oder verworfen werden“ konnte. 153 Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E373 (105,16 Hansen): Die Bischöfe schrieben an Leo, „dass die Synode in Chalcedon tatsächlich den wahren Glauben festsetzte“ (ἡ μὲν σύνοδος ἡ ἐν Χαλκηδόνι τὴν ἀληθῆ πίστιν ἐκύρωσε); vgl. u. a. Marcellinus Comes, Chronicon a. 458; Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 12,3,18–19 (vgl. auch 12,3,21 [386,186 Clément/ Vander Plaetse] die Bezeichnung Leos in diesem Zusammenhang als religiosissimus imperator – so dezidiert positiv ist die Beurteilung bei Victor von Tunnuna nicht); Pelagius Diaconus, In defensione trium capitulorum 6 (62,5–18 Devreesse); vgl. Placanica, „Note“, 79 (ad a. 468). 154 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 33 (12,168–176 Cardelle de Hartmann): Leo Augustus, supplicationibus Egiptorum permotus ut sinodus fieret que de gestis sinodi Calcidonensis iudicium ferret, ad cognoscendam singulorum fidem ecclesiarum presulibus unoquoque semotim scripsit et a singulis epistolas tanquam ex una collatione consonas suscepit, id fieri nullatenus posse, sed magis ac magis in sua perpetuitate sinodi gesta Calcidonensis manere. Extant que inciclia Greco eloquio vocitantur. / „Augustus Leo schrieb, weil er bewegt war durch die Bitten der Ägypter, dass eine Synode geschehe, die über die Beschlüsse der Synode von Chalcedon ein Urteil bringe, den Vorstehern der Kirchen, jedem einzelnen besonders, um den Glauben der einzelnen zu erfahren; und er empfing übereinstimmende Briefe von den einzelnen, wie aus einer einzigen Beratung, dass das keineswegs geschehen könne, sondern dass die Beschlüsse der Synode von Chalcedon immer mehr in ihrer Ewigkeit Bestand haben würden. Es sind noch die vorhanden, die auf Griechisch ‚Enzyklia‘ genannt werden.“ Codex enzyclius heißt die in diesem Zusammenhang überlieferte Sammlung von Briefen und Berichten der Antworten an Kaiser Leo, vgl. Maraval, „Die Rezeption“, 126–127; Lange, Mia energeia, 176–177; Hübner, Evagrius Scholasticus, 246–247 (Anm.  217); Brennecke, „Chalkedonense“, 30–32; Brennecke, „Das akakianische Schisma“, 76–77; vgl. insgesamt ausführlich zu Diskussion und Analyse des Codex enzyclius Grillmeier, Jesus der Christus 2,1, 221–266. Vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 15 (124,33–34 Schwartz): Et hae epistolae uel relationes episcoporum omnium in uno codicis corpore uocantur enzycliae. Vgl. auch Theodoros Anagnoses, Historia ecclesiastica E373; Evagrius Scholas­ ticus, Historia ecclesiastica 2,10; Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 2,5,11; Pelagius Diaconus, In defensione trium capitulorum 6. Vgl. die unvollständig erhaltene Sammlung in ACO 2,5 (9–98 Schwartz = Collectio Sangermanensis 1,5–48); vgl. Placanica, „Note“, 79 (ad a. 468). 155 Vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 30. 156 Vgl. Placanica, „Note“, 78 (ad. a. 468): „in accordo con le fonti migliori“, vgl. ACO 2,5 (11,35–17,20 Schwartz: die preces Aegyptiorum orthodoxodum an Kaiser Leo; 21,24–22,21 Schwartz: der Brief der Gesandten des Timotheus Ailurus an Kaiser Leo); Leo I., Epistula 156,3–4 an Kaiser Leo (PL 54, 1129C–1131A Migne); Gesta de nomine Acaci 15 (445,17–18 Günther): haeretici supplicarunt peten-

Der Beginn der Rezeption Chalcedons unter Leo I. (Chronicon 16–40)

263

Bezüglich der politischen Herrscher beginnt diese negative Rezeption mit Leo I. und dem Codex enzyclius.157 In den Notizen des Victor von Tunnuna steht dabei allerdings nicht das kaiserliche Handeln, sondern die ewige Gültigkeit der Beschlüsse von Chalcedon im Vordergrund, hinter der alle angeschriebenen Bischöfe (bis auf die Ägypter also) stehen, also die Einheit bezüglich der dauerhaften Gültigkeit der Beschlüsse Chalcedons.158 In anderen Quellen wurde Leos Handeln zunehmend so gedeutet, dass er sich hier für eine Bestätigung Chalcedons einsetzte.159 Eine dahingehende Deutung findet sich zwar explizit in der Chronik Victors nicht, aber Leos Umgang mit den Bitten der Ägypter wird auch nicht negativ gesehen, zumal die Chalcedonfreundlich ausfallen. So wird auch von Leos Tod neutral berichtet.160 In die Zeit der Herrschaft Leos fällt nach Chronicon 31 das Erscheinen eines Zeichens am Himmel: Signum in celo ex nube uelut contum apparuit per dies X.161 Möglich ist hier auch die Lesart per dies XL.162 Mit der Bezeichnung der Erscheinung als signum zusammen mit der biblisch bedeutsamen Zahl 40 liegt eine Deutung als göttliches

157 158

159

160 161 162

tes, ut Chalcedonensis synodus aboleretur; vgl. Liberatus von Karthago, Breuiarium 15 (124,14–30 Schwartz); vgl. auch Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 4,5 (27,9–23 Ahrens/Krüger; vgl. dazu den Kommentar auf den S. 314–315). Vgl. Grillmeier, Jesus der Christus 2,1, 265–266. Zu dieser Sicht auf Chalcedon bei den Verteidigern der Drei Kapitel s. auch schon o. Kap. 5.1.3, bes. S. 251–252. Auch dass die Debatte um die Ordination des Timotheus Ailurus bei Victor von Tunnuna in diesem Zusammenhang gerade nicht erwähnt wird (s. o. S. 262), zeigt, dass anderes im Fokus steht – eben das Konzil. Auf die Wichtigkeit der Unveränderlichkeit der Konzilsentscheidungen im Streit um Chalcedon, insbesondere für die Unterstützer der Drei Kapitel, weist auch Placanica, „Note“, 78–79 (ad a. 468) im Kommentar zu dieser Stelle hin. Vgl. Placanica, „Note“, 78 (ad a. 468); mit Verweis auf ACO 2,5 (10,21–29 Schwartz); Marcellinus Comes, Chronica a. 458; Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 12,3,17 (hier 385,149–150 Clément/Vander Plaetse; Übers. 185 Fraïsse-Bétoulières): Hoc et ipse fecit quod imperatorem decuit Christianum. / „Léon fit lui aussi ce qui convenait à un empereur chrétien“; vgl. auch Pelagius Diaconus, In defensione trium capitulorum 6 (61,17–62,5 Devreesse). Vgl. auch o. Anm. 152 die Notiz zu Leos Bemühen um Rechtschaffenheit und Zuverlässigkeit bei Theodoros Anagnostes. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 40 (13,201–202 Cardelle de Hartmann): Leo maior Augustus Constantinopolim moritus. / „Augustus Leo der Ältere starb in Konstantinopel.“ Vgl. zu kirchenpolitischen Aktivitäten in seinen letzten Jahren knapp Maraval, „Die Rezeption“, 128. Victor von Tunnuna, Chronicon 31 (11,165–166 Cardelle de Hartmann): „Ein Zeichen erschien im Himmel aus einer Wolke wie ein Wurfspeer für 10 Tage.“ Mommsen (187,21 Mommsen, vgl. apparatus ad locum) und Placanica (10, vgl. apparatus ad locum) entscheiden sich für die Variante dies XL, die auch in den Handschriften bezeugt ist. Bei Mommsen ist allerdings XL als Variante des Codex Uniuersitatis Complutensis angegeben, bei Placanica X. Bei Cardelle de Hartmann findet sich keine Bemerkung im Apparat, daher handelt es sich in ihrer Edition um den Text des Complutensis (vgl. „Introducción“, 143*–144*); vgl. Codex Uniuersitatis Complutensis, fol. 18r. Theophanes, Chronographia a. m. 5958 (115,1–2 de Boor) gibt in seiner parallelen Notiz für die Dauer der Erscheinung 40 Tage an (bei ihm wird die Erscheinung als σάλπιγξ [Kriegstrompete] bezeichnet). Vgl. auch Placanica, „Note“, 78 (ad a. 467,1) zu weiteren Parallelen in syrischer Literatur. Placanica nimmt an, dass Theophanes und Victor von Tunnuna die Notiz aus der Historia ecclesiastica des Theodoros Anagnostes übernommen haben; die Epitome bezeugt diese Notiz allerdings nicht.

264

Die erzählte Geschichte der Chronik

Zeichen nahe.163 Der textkritische Befund lässt aber keine Entscheidung darüber zu, welches die ursprüngliche Lesart ist.164 Auch gibt es anschließend in der Chronik keine Notiz, welche sich mit dieser Nachricht unmittelbar verbinden ließe. Sie hat für den weiteren Verlauf der Geschichte bei Victor von Tunnuna keine Bedeutung und ist auch nicht mit anderen Notizen – etwa durch Wortverbindungen – verknüpft. Sie lässt sich also kaum weitergehend deuten, auch wenn sie allein schon deshalb auffällig bleibt, weil sie im Kontext der Chronik eine der wenigen Nachrichten ist, die sich überhaupt so, als göttliches Zeichen eben, deuten lassen. Die Chronik berichtet sonst kaum von als übernatürlich erscheinenden Phänomenen.165 Die Notiz ist so insgesamt vermutlich schlicht als vom Chronisten als nennenswert eingeschätzte Merkwürdigkeit, möglicherweise aus seiner Quelle, zu sehen. Auf die nach der Darstellung der Chronik insgesamt unspektakuläre Herrschaft Leos I., die ihn vorsichtig als Chalcedon-Anhänger zeichnet und die negative Rezeption Chalcedons in Alexandria und Ägypten betont, sowie auf die ganz kurze Herrschaft Leos II.166 folgt die Herrschaft von Kaiser Zeno. Mit ihm beginnt die Reihe der ausführlicher dargestellten Kaiser „der Römer“  – und die Reihe der Ereignisse, die näher auf den Drei-Kapitel-Streit hinführt. 5.3 Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 1: Die Herrschaft Zenos (Chronicon 41–67) In der Chronik Victors werden v. a. zwei Kaiser als Chalcedon-Gegner dargestellt: Zeno und Anastasius. Obwohl eine solche Darstellung von Zeno und Anastasius für einen Anhänger Chalcedons selbstverständlich nicht ungewöhnlich ist,167 bietet die Chronik Victors dabei doch immer wieder eigene Akzente, die die negative Rezeption Chalcedons durch diese Kaiser in besonderer Weise betonen und diese bei der Schil-

163 So stellt Heinzelmann, „Die Funktion des Wunders“, 31, für die Bibelübersetzung des Hieronymus fest: „Tatsächlich ist danach signum, gefolgt von virtutes, der wichtigste Begriff für göttliche Manifestationen in beiden Testamenten; in diesen erscheint signum, meist in Pluralform, häufig in Verbindung mit Begriffen der traditionellen paganen Terminologie wie prodigium […].“ 164 Auch wenn per dies X aufgrund der Parallele bei Theophanes und der biblischen Anklänge der Zahl 40 als lectio difficilior verstanden werden kann, ist ebenso gut eine versehentliche Auslassung des L durch einen Schreiber möglich. 165 Vgl. Kap. 5.4.8. 166 S. u. S. 266 (Anm. 169). 167 Vgl. zur Rezeption von Zeno und Anastasius in prochalcedonensischen Quellen Kötter, Zwischen Kaisern, 268–270, hier 270: „Es ist somit zu vermuten, dass die oftmals kritisierten Kaiser Zenon und Anastasios kein grundsätzlich anderes Verhalten an den Tag legten als ihr Nachfolger Justin. Der Unterschied zwischen ihnen bestand in der dogmatischen Positionierung, die im Ergebnis dazu führte, dass in der nachträglichen Bewertung der Zeit Zenon und Anastasios als Ketzer galten, während Justin als Retter eines wahren Glaubens gepriesen werde konnte.“

Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 1: Die Herrschaft Zenos (Chronicon 41–67)

265

derung ihrer Herrschaft im Gegenüber zu anderen Aspekten ihrer Herrschaft in den Vordergrund rücken. Dies soll im Folgenden herausgearbeitet werden. Die etwa siebzehnjährige Herrschaft Zenos (474–491) ist die Klammer um die Abschnitte Chronicon 41–67. In diesem Abschnitt der Chronik nehmen die Konflikte im Osten, auch aufgrund der hauptsächlichen (erkennbaren) Quelle, der Historia eccle­ siastica des Theodoros Anagnostes, einen besonders großen Raum ein. Die Rolle des Bischofs von Rom beim akakianischen Schisma etwa wird hingegen nicht ausführlich behandelt. Ein kurzer Abschnitt zur Situation in Africa (Chronicon 50–52) findet sich ebenfalls in diesem Teil der Chronik. Auch an dieser Stelle wird zunächst ein Überblick über die von der Chronik erwähnten Ereignisse in tabellarischer Form gegeben, die nordafrikanischen Ereignisse sind wie im Kapitel zuvor in [Klammern] gesetzt, sie werden in Kapitel 5.5 behandelt. Chronicon

Jahr168

Ereignis/Inhalt

41

474

Krönung des Zeno als 49. Kaiser der Römer.

42

475

Versuch des Zeno, seinen Sohn, den Augustus Leo zu töten; Tötung eines anderen auf Veranlassung seiner Frau Ariadne.

43

475

Der Tyrann Basiliscus.

44

475

Flucht von Ariadne und Zeno nach Isaurien.

45

475

Befehl der Verurteilung Chalcedons durch Basiliscus.

46

475

Rückkehr des Timotheus Ailurus aus dem Exil; Flucht des Timotheus Salafatiarius.

47

476

Rückkehr des Zeno nach Konstantinopel; Exil und Tod des Basiliscus.

48

476

Konsul Armatus.

49

477

Tod des Timotheus Ailurus; Timotheus Salafatiarius wieder Bischof von Alexandria. Bischofsabfolge in Jerusalem und Antiochen.

[50

479

Weitere Verfolgungen und Exilierungen unter Hunerich; die Bekenner mit den abgeschnittenen Zungen; Laetus von Nepte; Eugenius von Karthago.]

[51

479

Der unglückliche Tod des Hunerich.]

[52

479

Gunthamunds Regierung mit Rückholung der Exilierten.]

53

480

Konflikte in der Kirche von Alexandria nach dem Tod des Timotheus Salafatiarius unter dessen Nachfolger Johannes von Tabennisis und Petrus (Mongus).

168 Die Jahresangaben folgen der Ausgabe von Cardelle de Hartmann.

266

Die erzählte Geschichte der Chronik

Chronicon

Jahr168

Ereignis/Inhalt

54

482

Kaiser Zeno und das Henotikon, durch das er sich mit Acacius von Konstantinopel, Petrus von Alexandria und Petrus von Antiochien vom katholischen Glauben entfernt.

55

483

Tyrannenherrschaft des Leontius in Isaurien, gefördert durch den Patrizier Illus.

56

484

Schriftliche Warnung des Felix von Rom an Mönche und Kleriker im Osten vor der Gemeinschaft mit Petrus Mongus.

57

485

Absage der östlichen Bischöfe an Chalcedon vor dem Hintergrund des Henotikon durch den consensus mit Petrus von Alexandria, Petrus von Antiochien und Acacius von Konstantinopel.

58

486

Schriftliche Warnung des Felix von Rom an Acacius von Konstantinopel vor der Gemeinschaft mit den Gegnern Chalcedons.

59

487

Verurteilung von Acacius von Konstantinopel, Petrus von Alexandria und Petrus von Antiochien durch Felix von Rom und eine Synode in Italien.

60

488

Auffindung des Körpers des heiligen Apostels Barnabas in Zypern.

61

488

Tod des Tyrannen Leontius und des Illus.

62

488

Tod des Petrus von Antiochien; Tötung seines Nachfolgers Stephanus durch Acacius von Konstantinopel und Ordination des Calandio. Gleichzeitig Weihe des Johannes Codonatus zum Bischof von Antiochien; dessen Nachfolger Petrus.

63

489

Tod des Acacius von Konstantinopel; Nachfolger Flavitas und der Chalcedon-Anhänger Euphemius.

64

490

Tod des Petrus von Alexandria; Nachfolger Athanasius.

65

490

Überführung der Überreste des Bischofs Eustachius nach Antiochien durch Calandio von Antiochien.

66

490

Wundersame Taten von Eremiten in der Wüste.

67

491

Tod des Kaisers Zeno und dessen Nachfolger Anastasius.

5.3.1 Der Beginn der Herrschaft Zenos bis zu seiner Rückkehr aus Isaurien Dass die Herrschaft Zenos von Anfang an nicht unter guten Vorzeichen steht, zeigt schon ihr Beginn – formal contra consuetudinem169, und mit dem Versuch der Ermor169 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 41 (13,203–204 Cardelle de Hartmann): Zenon a Leone Augusto filio in Septimo contra consuetudinem coronatur. / „Zeno wurde vom Augustus Leo, seinem Sohn, in Septimus entgegen dem Brauch gekrönt.“ Diese Bemerkung findet sich etwa nicht bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E400 oder Johannes Malalas, Chronographia 14,47.

Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 1: Die Herrschaft Zenos (Chronicon 41–67)

267

dung seines Sohnes Leos, „um zu seiner Herrschaft zu gelangen“. Dabei kommt auch seine Frau Ariadne (ca. 450–515) ins Spiel,170 die die erste (politisch) handelnde Frau ist, die in der Chronik dargestellt wird: Von ihr wird zunächst berichtet, dass sie, als Zeno versucht, seinen Sohn Leo zu töten, stattdessen einen anderen, ihm ähnlich sehenden Jungen tötet und Leo zu einem Kleriker in Konstantinopel macht.171 Anschließend werden Zenos Flucht mit Ariadne nach Isaurien (Chronicon 44; aufgrund der Tyrannei des Basiliscus [vgl. Chronicon 43])172 und seine Rückkehr nach Konstantinopel mit der Niederschlagung der Herrschaft des Basiliscus notiert (Chronicon 47).173

170 171

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Allerdings betont die Epitome des Theodoros, dass Leo „seinen eigenen Vater“ (τὸν ἴδιον πατέρα [112,12 Hansen]) krönt. Der Hebdomon am siebten Meilenstein vor Konstantinopel war ein Vorort Konstantinopels. Bei Theodoros Anagnostes (Historia ecclesiastica E400) wird Zeno im Hippodrom gekrönt. Vgl. Placanica, „Note“, 81–82 (ad a. 474); dort auch zur Frage nach dem genauen Datum der Krönung. Zu Leo II. wurde zuvor erwähnt, dass er von Leo I. zum Caesar gemacht wurde (Chronicon 37), und dass er in dem Jahr, in dem Leo I. starb, Augustus geworden war (Chronicon 40). Er wird in der Chronik nicht als „Kaiser der Römer“ gezählt. Vgl. zur ihr bereits Victor von Tunnuna, Chronicon 37 (hier 12,185 Cardelle de Hartmann), wo die Chronik Leo angesichts seiner Erhebung zum Caesar bereits als Zenonis uxoris filie sue filium erwähnt („den Sohn seiner Tochter, der Frau des Zeno“). Victor von Tunnuna, Chronicon 42 (14,206–212 Cardelle de Hartmann): Zeno imperator querens Leonem Augustum proprium filium occidere et eius imperium peruadere, alium pro eo eius uxor Arriagne Augusta similem puerum ad mortem obtulit et Leondem eundem Augustum occulte totondit eumque clericum unius ecclesie Constantinopolitane fecit. Qui Leo usque ad Iustiniani tempora principis uixit. / „Als Kaiser Zeno suchte, den Augustus Leo, seinen eigenen Sohn, zu töten und zu seiner Herrschaft zu gelangen, brachte seine Frau, die Augusta Ariadne, einen anderen, einen ähnlichen Jungen, an seiner statt zu Tode und scherte denselben Augustus Leo heimlich und machte ihn zum Kleriker einer Kirche von Konstantinopel. Dieser Leo lebte bis zu den Zeiten von Prinzeps Justinian.“ Diese Episode, „evidentemente denigratoria“, ist sonst nicht belegt, vielleicht hat sie ihren Ursprung in den Ereignissen um Basiliscus den Jüngeren, der zum Caesar gemacht worden war und dann (bei Theophanes mit Hilfe von Ariadne) dem Tod entkam und Bischof von Cyzicus wurde, als Zeno sich dessen Vaters entledigte, Placanica, „Note“, 82 (ad a. 475,1); vgl. z. B. Johannes Malalas, Chronographia 15,7; Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,24; Theophanes, Chronographia, a. m. 5969; zur Diskussion der Stelle bei Victor von Tunnuna vgl. auch insgesamt Croke, „Basiliscus“. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 44 (14,215–217 Cardelle de Hartmann): Zenon Augustus in Isauriam unde exortus fuerat fugit et eum Arriagne Augusta sub yemis discrimine nauali itinere subsecuta. / „Augustus Zeno floh nach Isaurien, wo er geboren worden war, und die Augusta Ariadne folgte ihm unter der Gefahr des Winters auf dem Seeweg.“ Von einer Flucht nach Isaurien mit Ariadne berichtet auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E401. „Orthodoxe“ Quellen wie Theodoros und Victor von Tunnuna sehen in Basiliscus einen Usurpator (vgl. Chronicon 43 [14,213–214 Cardelle de Hartmann]: Basiliscus […] imperium cum tirannide Constantinopoli sumit. / „Basiliscus ergriff […] die Herrschaft in Konstantinopel mit Gewaltherrschaft.“); miaphysitische Quellen zeigen zum Teil deutliche Sympathie für ihn; vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 34 (Anm. 59). Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E413–E414, mit zusätzlicher Information zu den Umständen, etwa auch zur Frau des Basiliscus. Vgl. auch Brennecke, „Chalkedonense“, 37–39. Zum Exil und zum Tod des Basiliscus (bei Victor von Tunnuna, Chronicon 47 [815,229–230 Cardelle de Hartmann] als finemque uite inibi misere facit [„und er beendete daselbst (= in Sasemis in Kappadokien) auf elende Weise das Leben“] beschrieben) gibt es verschiedene Versionen, vgl. die Hinweise bei Placanica, „Note“, 83 (ad a. 476); zu Victors Version vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E414.

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Die erzählte Geschichte der Chronik

Zu Basiliscus wird zuvor noch angegeben, dass er per Gesetz die Verurteilung des Konzils von Chalcedon und die Annahme des 2. Konzils von Ephesus befohlen hätte.174 Die in diesem sogenannten Enkyklion wichtige Bezugsgröße Nizäa wird in Chronicon 45 nicht genannt.175 Auch vom folgenden Antienkyklion und von der Rolle des Acacius von Konstantinopel als Gegner des Basiliscus dabei berichtet Victor von Tunnuna nicht.176 Er erwähnt hingegen noch, dass – als Basiliscus also an der Macht war – Timotheus Ailurus aus dem Exil zurückgekehrt und Timotheus Salafatiarius (Salophaciolus), der Verteidiger Chalcedons, geflohen sei.177 Zenos darauf folgende Rückkehr aus dem Exil und die Wiedergewinnung seiner Herrschaft (Chronicon 47) lassen ihn also trotz des unguten Beginns seiner Herrschaft zunächst – zumindest implizit – immerhin als Kaiser erscheinen, der im Gegensatz der chalcedonfeindliche Politik des Tyrannen steht, den er ins Exil schickt.178 174 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 45 (14,218–220 Cardelle de Hartmann): Basiliscus tirannus lege data Calcidonensem sinodum damnari et Ephesinam secundam precepit absolui ac suscipi. / „Der Tyrann Basiliscus befahl durch einen Gesetzeserlass, dass die chalcedonensische Synode verurteilt und die zweite ephesinische freigesprochen und angenommen werde.“ Vgl. auch Theodoros Ana­ gnostes, Historia ecclesiastica E407; Liberatus von Karthago, Breuiarium 16 (125,8–10 Schwartz). Von einer Verbindung des Basiliscus zum Nestorianismus (ohne Bezug auf Chalcedon) ist die Rede bei Marcellinus Comes, Chronicon a. 476,1. Der Text des Enkyklion des Basiliscus, in dem das Konzil von Chalcedon verurteilt wurde, ist herausgegeben von Schwartz, Codex Vaticanus gr. 1431, 49–51. Vgl. Placanica, „Note“, 82–83 (ad a. 475,4); vgl. auch Brennecke, „Chalkedonense“, 34–35. 175 Vgl. Maraval, „Die Rezeption“, 129. 176 Vgl. dazu Brennecke, „Chalkedonense“, 36–37. S. auch o. S. 56 (Anm. 186). 177 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 46. Victor nimmt dabei auch noch einmal Bezug auf die Ermordung des Proterius durch Timotheus Ailurus (Proterii succesor pariter et peremptor [14,221–222 Cardelle de Hartmann]). Direkt als Akt des Basilicus nennt die Wiedereinsetzung des Timotheus Ailurus Liberatus von Karthago, Breuiarium 16 (125,10–12 Schwartz); vgl. auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E405 und E409. Vgl. Placanica, „Note“, 83 (ad a. 475,4). Die Verbindlichkeit der Beschlüsse der 2. Synode von Ephesus 449 wurde auf einer Synode in Ephesus, die Timotheus Ailurus einberufen hatte, festgestellt; vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 35 (mit Anm. 64); vgl. auch Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,5 (Auszug des Briefes der Synode an Basiliscus). Davon berichtet Victor von Tunnuna aber nichts. 178 Deutlicher wird dies bei Liberatus von Karthago, Breuiarium 16 (125,13–14 Schwartz) durch die Deutung des Todes des Timotheus Ailurus, die bei Victor von Tunnuna fehlt: Postquam ergo imperator Zenon reuersus est ad imperium, Timotheus Elurus metuens zelum quo habebat circa Calchedonense concilium, optauit sibimet mortem. / „Nachdem also Kaiser Zeno zur Herrschaft zurückgekehrt war, fürchtete Timotheos Ailurus den Eifer, in dem dieser hinsichtlich des Konzil von Chalcedon glühte, und wünschte sich den Tod“. Die Übersetzung hier aus Bleckmann, „Tendenziöse Historiographie“, 176 (vgl. dort [Anm. 44] auch zur intransitiven Übersetzung von habere); vgl. ebd., 175–176, wo Bleckmann die Version des Liberatus als „tendenziöse Weiterbildung“ derjenigen des Ps-Zacharias Rhetor herausarbeitet (vgl. Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 5). Bei Victor von Tunnuna wird der Tod des Timotheus Ailurus schlicht notiert und nicht mit Zeno in Verbindung gebracht, allerdings wird noch einmal auf die Tötung des Proterius Bezug genommen, und es wird auch wieder die Haltung der beiden alexandrinischen Bischöfe zu Chalcedon vermerkt (Chronicon 49 [15,234–238 Cardelle de Hartmann]): Thimotheus Illurus, Calcidonensis sinodi obtrectator et Proterii episcopi interfector, moritur et Alexandrine ecclesie presulatum alius Timotheus cognomente Salafatiarius, Calcidonensis sinodi defensor, resumit. / „Timotheus Ailurus, Widersacher der Synode von Chalcedon und Mörder von Bischof Proterius, starb, und der andere Timotheus,

Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 1: Die Herrschaft Zenos (Chronicon 41–67)

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5.3.2 Zeno in der communio mit den Gegnern Chalcedons Obwohl sich sagen lässt, dass mit Zenos Rückkehr im Jahr 476 zunächst eine „Phase chalkedontreuer Politik“ mit Acacius von Konstantinopel als wichtigem Protagonisten beginnt,179 stellt die Chronik des Victor von Tunnuna Zeno zum ersten Mal explizit als kirchenpolitisch agierenden Herrscher als Unterstützer der Gegner Chalcedons dar180: Zeno gibt dem nun in der Chronik zum ersten Mal erwähnten Petrus (Mongus), der zu Lebzeiten des Timotheus Salafatiarius (Salophaciolus) ab hereticis fuerat ordinatus181, den Befehl, den Bischof von Alexandria Johannes Tabennesiota (= Johannes Talaia182), synodi Calcidonensis defensor183 und Nachfolger des Timotheus Salafatiarius, aus seinem Amt zu entfernen.184 Daraufhin wird Petrus Mongus Bischof von Alexandria. Als Verteidiger Chalcedons erscheint Johannes Talaia hier als Gegenspieler zu Petrus Mongus

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mit dem Beinamen Salafatiarius, Verteidiger der Synode von Chalcedon, bekam wieder den Vorsitz über die alexandrinische Kirche.“ Die Nachricht ist Teil einer Notiz über Bischofsfolgen in Alexandria, Jerusalem und Antiochien. Von einer zwischenzeitlichen Einsetzung des Petrus Mongus als Bischof von Alexandria durch eine Gruppe in der alexandrinischen Kirche (vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E416; Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 5,5; Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,11; Liberatus von Karthago, Breuiarium 16) berichtet Victor von Tunnuna hier (noch) nicht (vgl. aber später in Chronicon 53; s. im Folgenden); vgl. auch Placanica, „Note“, 83 (ad a. 477,1). Vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 38–40, das Zitat 38–39; Maraval, „Die Rezeption“, 131–132. Vgl. in diesem Sinn zu Zeno auch explizit Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,8 (108,9–11 Bidez/Parmentier; Übers. 353 Hübner): Καὶ νόμον ὁ Ζήνων τίθησιν ἀναιροῦντα τὰ ἐπὶ τοῖς ἐγκυκλίοις συντεθειμένα Βασιλίσκῳ τῷ τυράννῳ· / „Zeno erließ ein Gesetz, das alles aufhob, was der Usurpator Basiliscus in den Enzyklien festgesetzt hatte“. Vgl. zu Aktivitäten im prochalcedonensischen Sinn auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E415; E418; E421. Die Rückkehr des Timotheus Salafatiarius auf den Bischofssitz von Alexandria wird bei Victor von Tunnuna zwar notiert (Chronicon 49; s. die vorige Anm.), jedoch nicht mit der Herrschaft Zenos in Verbindung gebracht. Die prochalcedonensische Kirchenpolitik Zenos und die entsprechenden Äußerungen in prochalcedonensischen Quellen finden auch im Breuiarium des Liberatus von Karthago keinen Niederschlag; vgl. Brennecke, „Das akakianische Schisma“, 91. Vgl. neben Liberatus von Karthago, Breuiarium 16 auch Breuiarium 17 (126,16–17 Schwartz): haeretici […] Petrum latenter instituerant / „die Häretiker hatten […] Petrus heimlich eingesetzt“. Vgl. auch Gesta de nomine Acaci 18. Vgl. Placanica, „Note“, 85 (ad a. 480); vgl. etwa auch Liberatus von Karthago, Breuiarium 16 (125,25–26 Schwartz): Iohannes ex oeconomo presbyter factus Tabennisiotis cognomento Talaia / „Johannes von Tabennisis, vom Verwalter zum Presbyter gemacht, mit dem Beinamen Talaia“. Vgl. auch Kosiński, The Emperor Zeno, 128 (Anm. 22). Vgl. sein Lob bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E417 (115,29–116,1 Hansen): τῶν δογμάτων τῆς ἀληθείας ὑπέρμαχος / „ein Verteidiger der Lehren der Wahrheit“. Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 53 (17,263–268 Cardelle de Hartmann): Alexandrine ecclesie Iohannes Tabennesiota […], synodi Calcidonensis defensor, episcopus ordinatur. Quem Zenonis precepto principis Petrus, qui superstite Timotheo Salafaciario episcopo ab hereticis ordinatus, eiciens Alexandrinam ecclesiam peruadit. / „Johannes Tabennesiota […], Verteidiger der Synode von Chalcedon, wurde für die alexandrinische Kirche zum Bischof ordiniert. Den warf Petrus, der zu Lebzeiten von Timotheus Salafatiarius von den Häretikern zum Bischof ordiniert worden war, auf Befehl des Prinzeps Zeno hinaus und drang in die alexandrinische Kirche ein.“

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Die erzählte Geschichte der Chronik

und zum Kaiser, der als Urheber des Befehls als Chalcedon-Gegner gezeichnet oder vielmehr sogar in die Nähe von Häretikern gerückt wird, indem er mit dem von Häretikern eingesetzten Petrus kollaboriert. Dass dies nicht die einzig mögliche Deutung des Johannes Talaia und seiner Absetzung ist, zeigt etwa die Version des Evagrius Scholasticus: Bei ihm steht die Absetzung in einem anderen Kontext, der nicht unmittelbar mit Johannes’ Haltung zu Chalcedon verbunden wird. Nach Evagrius’ Historia ecclesiastica 3,12 hatte Johannes dem Kaiser versprochen, nicht das Bischofsamt in Alexandria anzustreben, erlangte dies dann aber doch durch Bestechung nach dem Tod des Timotheus, worauf der Kaiser befahl, ihn zu verjagen.185 Die Absetzung des Johannes Talaia führt dann in der Chronik Victors zu weiteren antichalcedonensischen Maßnahmen, nicht nur zur öffentlichen Verurteilung Chalcedons durch Petrus „unter der Gunst des Kaisers Zeno“, sondern auch zur Tilgung der Namen der Chalcedon-Anhänger Proterius und Timotheus Salafatiarius (Salophaciolus) aus den Dyptichen sowie zur Einfügung der Namen von Dioskur und Timotheus Ailurus sowie zur Entfernung des Leichnams von Timotheus Salafatiarius aus der Kirche, in der er bestattet worden war.186 Nicht nur die alexandrinische Kirche erscheint hier also in der Person des Petrus Mongus als chalcedonfeindlich, sondern auch der Kaiser selbst. Diese Haltung und die entsprechende Aktivität des Kaisers spitzen sich mit der Verfassung des Henotikon zu:

185 Vgl. zu dieser Tradition auch Placania, „Note“, 85 (ad a. 480). Wieder anders ist die Darstellung bei Liberatus von Karthago, Breuiarium 17: Dort wird Acacius nicht über die Ordination des Johannes informiert und erscheint deshalb gekränkt, woraufhin er die Absetzung des Johannes bei Zeno anstrebt (126,13–127,16 Schwartz); vgl. Brennecke, „Das akakianische Schisma“, 92. Vgl. auch Brennecke, „Chalkedonense“, 41–42, der den politischen Konflikt „zwischen dem chalkedonensischen alexandrinischen Patriarchen und dem bisher ebenfalls strikt antimonophysitischen und chalkedontreuen Kaiser“ herausarbeitet. Acacius kommt bei Victor von Tunnuna nach der Notiz zu seiner Einsetzung (Chronicon 38) erst in Chronicon 54 in den Blick. 186 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 53 (17,268–273 Cardelle de Hartmann): Qui confestim fauore Zenonis principis sinodum Calcidonensem de pulpito coram populis damnat, Proterii et Salafaciarii nomina de dipticis ecclesiasticis tollit et Dioscori atque Timothei Elluri, qui Proterium interfecit, scribit corpusque prefati Timothei Salafatiarii de ecclesia eiciens in loco deserto fori ciuitatem proecit. / „Der [= Petrus Mongus] verurteilte sofort unter der Gunst des Prinzeps Zeno vom Ambo öffentlich die chalcedonensische Synode, er tilgte die Namen von Proterius und Salafatiarius aus den kirchlichen Dyptichen und schrieb die von Dioskur und Timotheus Ailurus, der Proterius getötet hatte, ein, und er warf den Leichnam des zuvor genannten Timotheus Salafatiarius aus der Kirche hinaus und warf ihn weg an einen verlassenen Ort außerhalb der Stadt.“ Der Hinweis auf die Gunst des Kaisers fehlt sowohl bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E425 als auch bei Liberatus von Karthago, Breuiarium 17 (130,4–8 Schwartz); vgl. auch Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,16.

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Zenon imperator, Euticiani poculo erroris sopitus,187 Acatium Constantinopolitanum episcopum dampnatoribus sinodi Calcidonensis Petro Alexandrino et Petro Antiocheno episcopis per enoticum a se prolatum socians, eorum communione polluitur et cum eis a catholica fide recedit.188

Das Handeln des Kaisers wird hier zunächst auf eine (falsche) theologische Motivation zurückgeführt, denn er war „eingelullt durch den Zaubertrank des eutychianischen Fehlers“. Die Herausgabe des Henotikon wird also – obwohl es selbst eine Verurteilung von Eutyches (und Nestorius) enthält189 – mit dem „Fehler des Eutyches“ (vgl. Chronicon 3)190 verknüpft, der am Anfang der Chronik den Auftakt zu der Entwicklung darstellte, die zur Verurteilung von Theodoret, Ibas und anderen auf der 2. Synode von Ephesus führte. Das Henotikon steht damit in dieser Tradition. Das daraus Folgende ist dreifach bestimmt: Durch sein Henotikon vereinigt Zeno191 erstens Acacius von Konstantinopel mit Petrus von Alexandria (= Petrus Mongus) und Petrus von Antiochien,192 die damnatores von Chalcedon sind. Zeno wird zweitens durch deren Gemeinschaft verunreinigt und entfernt sich dann drittens mit ihnen vom „katholischen“ Glauben.193 Der Bezug auf Eutyches wird hier zwar zum ersten Mal für Zeno ins Spiel gebracht, trotzdem steht seine Entfernung vom „katholischen“ Glauben in Kontinuität

187 Dieser Ausdruck ist ungewöhnlich; die Formulierung findet sich in (lateinischen) spätantiken Texten (nach der Library of Latin Texts und der Patrologia Latina Database) sonst nicht. Placanica, „Note“, 86 (ad a. 482) verweist auf das Vorkommen derselben „Metapher“ bei Augustinus, De ciuitate Dei 1,32 und in Kyrill von Skythopolis, Vita Sabae 38; an beiden Stellen sind die konkreten Formulierungen allerdings deutlich anders. 188 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 54 (17,274–279 Cardelle de Hartmann): „Kaiser Zeno war eingelullt durch den Zaubertrank des eutychianischen Fehlers, und er vereinigte Bischof Acacius von Konstantinopel mit den Verurteilern der Synode von Chalcedon, den Bischöfen Petrus von Alexandria und Petrus von Antiochien, durch das Henotikon, das von ihm selbst herausgegeben wurde, und er wurde durch ihre Gemeinschaft verunreinigt und entfernte sich mit ihnen vom katholischen Glauben.“ Zum Henotikon s. auch o. S. 56–57. 189 Vgl. Zeno, Henotikon (53,27–28 Schwartz); vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 45. 190 Vom Fehler des Eutyches ist auch noch in Victor von Tunnuna, Chronicon 22 und 123 die Rede, in Chronicon 22 genauer als „Fehler des Eutyches und des Dioskur“ (error[] Euticis Dioscorique [9,131 Cardelle de Hartmann]) bezeichnet; vgl. auch Chronicon 19 nur „Fehler des Dioskur“ (vgl. 8,109 Cardelle de Hartmann). 191 Das Henotikon war tatsächlich nur durch die Autorität des Kaisers legitimiert, nicht durch eine Synode. Vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 43. Dass Acacius von Konstantinopel das Henotikon formulierte, wird bei Victor von Tunnuna nicht erwähnt, es wird nur auf den Kaiser zurückgeführt. 192 D. h. Petrus Fullo (vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 49), der freilich zur Zeit der Herausgabe des Henotikon 482 verbannt und erst wieder von 484 oder 485 bis 488 Patriarch von Antiochien war. Er unterschrieb bei seiner Rückkehr in sein Amt das Henotikon; vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 48–49; vgl. Suchla, „Petrus Fullo“, 1171. 193 Vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 42

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zu seiner vorherigen Unterstützung der Gegner Chalcedons und ist in der Darstellung der Chronik kein Bruch, keine Wende.194 Zeno hat hier auch nach der Chronik Victors Interesse an einer kirchlichen Einheit,195 an der communio, aber eben nicht an der in der Tradition Chalcedons und damit dem „katholischen“ Glauben stehenden – daher wird er durch die communio, die er wählt, verunreinigt.196 Entscheidend für diese Verunreinigung ist die communio, die durch das Henotikon entsteht, nicht das Henotikon an sich. Auch wenn er schon vorher als Unterstützer der Chalcedon-Gegner präsentiert wurde, entfernt Zeno sich erst durch diese communio dezidiert cum eis vom „katholischen“ Glauben. Diese communio weitet sich im Folgenden aus: Weitere östliche Bischöfe sagen sich durch dieselbe Gemeinschaft, die durch das Henotikon Zenos hergestellt wird, von Chalcedon los – und sind durch diese Gemeinschaft beschmutzt (polluti197).198 Die Zustimmung zum Heno194 Vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 40: Das Henotikon gelte normalerweise als „Wende der Kirchenpolitik Zenons hin zu einer Begünstigung des Monophysitismus“; vgl. dagegen ebd., 50 zum Ergebnis seiner Untersuchung: „Kaiser Zenon und der Konstantinopeler Patriarch Akakios haben von Anfang an und ohne irgendeinen Bruch konsequent an einer theologischen Auffassung und entsprechenden Politik festgehalten, die für sie eindeutig chalkedonensisch war, und die als eine die umstrittenen theologischen Aussagen von Chalkedon umgehende Interpretation im Sinne Kyrills und der Unionsformel von 433 angesehen werden muß.“ Bei Victor von Tunnuna wird diese Kontinuität freilich zu einer antichalcedonensischen Kontinuität. 195 Zur angestrebten Einheit im Henotikon selbst vgl. v. a. Zeno, Henotikon (bes. 53,9–13 Schwartz). Das Henotikon zielte zunächst konkret auf die Einheit in Ägypten (s. o. S. 56). Petrus Mongus musste es unterschreiben, um (anstatt des Johannes Talaia) Bischof von Alexandria werden zu können. Für Zeno und Acacius war damit wohl das Wesentliche von Chalcedon bewahrt und gleichzeitig eine Spaltung in Ägypten verhindert, vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 42–44; Kötter, Zwischen Kaisern, 257. 196 Die communio der Kirchen sowie die Verunreinigung durch die communio mit Gegnern Chalcedons spielt in der Chronik Victors noch an weiteren Stellen eine Rolle, s. dazu bes. in Kap. 5.7.3. Auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E429 (118,29–30 Hansen; aus Theophanes) betont bezüglich des Henotikon die Gemeinschaft mit Petrus Mongus, zu der Zeno die östlichen Bischöfe durch den Willen des Acacius durch die Unterschrift unter das Henotikon zwingt: Ὁ δὲ Ζήνων τῇ βουλῇ Ἀκακίου τοὺς κατὰ τὴν ἑῴαν ἐπισκόπους ἐβιάζετο ὑπογράψαι τῷ ἑνωτικῷ καὶ κοινωνῆσαι Πέτρῳ τῷ Μογγῷ. / „Zeno aber zwang durch den Willen des Acacius die Bischöfe aus dem Osten, das Henotikon zu unterschreiben und Gemeinschaft zu haben mit Petrus Mongus.“ Bei Theodoros ist damit Acacius von Konstantinopel der Urheber der (antichalcedonensischen) Gemeinschaft mit Petrus Mongus, wohingegen Zeno als Akteur von dessen Willen erscheint. Bei Victor von Tunnuna hingegen ist das Subjekt der (durch den eutychianischen Fehler quasi vergiftete) Kaiser. 197 Dazu s. weiter u. in Kap. 5.7.3. 198 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 57 (18,287–291 Cardelle de Hartmann): Orientales episcopi preter paucos per enoticum Zenonis communione atque consensu polluti Petri Alexandrini, Petri Antiocheni et Acacii Constantinopolitani episcoporum sinodo Calcidonensi renuntiant.  / „Die östlichen Bischöfe sagten sich bis auf wenige, mittels des Henotikon von Zeno durch die Gemeinschaft und die Übereinstimmung der Bischöfe Petrus von Alexandria, Petrus von Antiochien und Acacius von Konstantinopel beschmutzt, von der chalcedonensischen Synode los.“ Vgl. auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E430 (118,31–32 Hansen), wo die Furcht als Motivation der östlichen Bischöfe herausgestellt wird: Πολλοὶ τῶν ἐπισκόπων ἀνατολῆς φόβῳ Ζήνωνος καὶ Ἀκακίου τῷ Μογγῷ ἐκοινώνησαν, πολλοὶ δὲ μέχρι θανάτου ὑπὲρ τῆς ἀληθείας διηγωνίσαντο. / „Viele von den Bischöfen

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tikon wird also zunächst nicht mit der Absage an die Gemeinschaft mit Rom (im Sinne des folgenden acacianischen Schismas)199 in Verbindung gebracht, sondern als Absage an das Konzil von Chalcedon gedeutet.200 In der Chronik zeigt sich also eine dezidiert antichalcedonensische Rezeption des Henotikon.201 Dessen Annahme steht der durch Chalcedon gegebenen communio im „katholischen“ Glauben entgegen. Dass die communio mit den Gegnern Chalcedons die entscheidende Größe in der Beurteilung der Ereignisse ist und nicht das Henotikon an sich, zeigt sich auch in der Beschreibung der Briefe des Bischofs von Rom im Kontext des beginnenden acacianischen Schismas: Zunächst notiert Victor von Tunnuna die briefliche Initiative des Felix von Rom an östliche Mönche und Kleriker, mit der er diese ermahnt habe, „dass sie Petrus, den alexandrinischen Bischof, Widersacher der Synode von Chalcedon, des Ostens begaben sich in die Gemeinschaft mit Mongus aus Furcht vor Zeno und Acacius, viele aber kämpften wegen der Wahrheit bis zum Tod.“ Vgl. auch Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 12,4,1 (390,2–5 Clément/Vander Plaetse; Übers. 199 Fraïsse-Bétoulières), der durch das Henotikon die unitas durch eine confusio in Gefahr gebracht sieht: Quis […] nec intellexit quod non confusio faciat unitatem? / „Qui n’a pas compris que la confusion ne fait pas l’unité?“. 199 Zu einem Konflikt mit Rom dann v. a. Victor von Tunnuna, Chronicon 56, 58–59; s. weiter u. in diesem Kapitel. 200 Tatsächlich verurteilte das Henotikon selbst Chalcedon ja keineswegs, und es hob auch nicht die Beschlüsse des Konzils auf; vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 46, der die theologische Aussage folgendermaßen zusammenfasst: „Dogmatisch gesehen ist so das Henotikon so als eine deutlich kyrillische, gegen den Tomus des Papstes Leo gerichtete und philosophisches Vokabular möglichst vermeidende Interpretation des Chalkedonense anzusehen, die nun in der Tat das theologische Gewicht des Chalkedonense antiochenisch und proalexandrinisch verschob. Als antichalkedonensisch oder gar monophysitisch dagegen wird man es nicht interpretieren dürfen.“ Vgl. auch Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,17.20.22. Auch bei Facundus von Hermiane, Contra Mocianum 11–13 (403,97–404,120 Clément/Vander Plaetse; Übers. 239–241 Fraïsse-Bétoulières) wird zunächst die Gemeinschaft mit den Gegnern Chalcedons und nicht das Henotikon selbst kritisiert: Dort wird über Acacius gesagt, dass er, indem er die Gemeinschaft mit den Feinden Chalcedons erlaubt habe, es gewagt habe, etwas gegen die Autorität des Konzils zu unternehmen, das Edikt Zenos erfolgt erst postea, allerdings a minoribus ad maiora prosiliens („passant de choses mineures à des choses plus graves“). Bei Facundus von Hermiane führt die Gemeinschaft des Zeno mit Acacius dann quasi direkt zum vierzig Jahre andauernden (acacianischen) Schisma: „Zeno […] praedicto Acacio communicabat […] omnis Oriens, praeter admodum paucos qui in illa multitudine occulti latebant, a communione sedis apostolicae remotus per quadraginta ferme annos […] permansit. / „Zénon […] restat en communion avec Acace […] tout l’Orient, à l’éxception d’un petit nombre d’hommes qui se tenaient cachés dans cette multitude, resta pendant bien quarante ans à l’écart de la communion avec le Siége apostolique“. Bei Liberatus von Karthago, Breuiarium 17 (131,10–20 Schwartz) ist v. a. die communio des Acacius mit Petrus Mongus, der sich nicht öffentlich zum Konzil von Chalcedon bekennt, Ursache für das Schisma: Acacius […] perseuerat neque recedens a communione Petri neque suadens ei confiteri palam suscipere Chalcedonense concilium et tomum papae Leonis. […] His ergo prouenientibus et Acacio permanente in Petri communione separauit se quidem sedes apostolica et Constantinopolitana. / „Acacius blieb standhaft, indem er weder zurückwich aus der Gemeinschaft mit Petrus noch indem er ihn überzeugte, öffentlich zu bekennen, dass er anerkenne das Konzil von Chalcedon und den Tomus Leonis. […] Als also diese Dinge vonstattengingen und Acacius in der Gemeinschaft mit Petrus blieb, trennten sich der apostolische Stuhl und der von Konstantinopel.“ Vgl. auch Brennecke, „Das akakianische Schisma“, 94. 201 Vgl. Brennecke, „Chalkedonense“, 49 (mit Hinweis auf Victors Chronik in Anm. 125).

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Die erzählte Geschichte der Chronik

und die mit ihm in Gemeinschaft Stehenden wie Häretiker meiden sollten“.202 Das Henotikon wird hierbei nicht erwähnt, es geht auch hier letztlich um eine communio, um die communio mit Petrus Mongus und seinen Anhängern als obtrectatores Chalcedons. Diese soll vermieden werden – die Chronik Victors formuliert anders als Theodoros Anagnostes’ Epitome etwa nicht, dass Petrus „hinausgeworfen“ werden solle.203 Das zentrale Interesse ist auch hier eben die communio, die es zu vermeiden gilt.204 Dasselbe gilt für die zweite Nachricht über einen ermahnenden Brief des Felix von Rom: Er habe Acacius ermahnt ut a damnatorum sinodi Calcidonensis communione atque societate abstineat.205 Es geht auch bezüglich Acacius selbst nach Victor von Tunnuna also nicht um eine inhaltlich gefüllte theologische Lehre, die zu verwerfen wäre, oder um das Henotikon, sondern um die communio mit den damnatores von Chalcedon, deren Vermeidung der Bischof von Rom vom Patriarchen von Konstantinopel fordert.206 Diese damnatores sind hier allgemein genannt; bei Liberatus von Karthago

202 Victor von Tunnuna, Chronicon 56 (18,284–286 Cardelle de Hartmann): ut Petrum Alexandrinum episcopum Calcidonensis sinodi obtrectatorem et eius communicatores tanquam hereticos uitent. 203 Vgl. Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E431 (119,15–19 Hansen): Felix habe an den Kaiser und an Acacius geschrieben, dass sie Petrus Mongus wie einen Häretiker hinauswerfen sollten (βασιλεῖ δὲ καὶ Ἀκακίῳ ἔγραψεν ἐκβαλεῖν τὸν Μογγὸν ὡς αἱρετικόν). Zudem findet sich dort die zusätzliche Information, Felix habe an die Alexandriner geschrieben, dass sie an den rechten Lehren festhalten sollten (γράψας Ἀλεξανδρεῦσι καὶ τοῖς ἕω ὀρθῶν δογμάτων ἀντέχεσθαι), auch habe er bezüglich der „Arianer“ in Africa geschrieben. Zur möglichen Identifizierung der bei Victor und bei Theodoros genannten Briefe vgl. Placanica, „Note“, 87 (ad a. 484). 204 Dieser Gedanke spielt auch für den unmittelbaren Kontext der Chronik des Victor von Tunnuna eine entscheidende Rolle, s. u. in Kap. 5.7.3 sowie 7. Das „Hinauswerfen“ bei Theodoros Anagnostes impliziert zwar ebenso ein Ende einer kirchlichen Gemeinschaft, formuliert diesen Gedanken einer communio aber nicht so dezidiert. Auch scheint die Blickrichtung eine andere zu sein: Hinausgeworfen wird Petrus als Häretiker, die Warnung vor der communio ergeht an die, die jetzt noch nicht zu den Häretikern gehören. 205 Victor von Tunnuna, Chronicon 58 (18,296–297 Cardelle de Hartmann): „sich der Gemeinschaft und der Verbindung mit den Verurteilern der Synode von Chalcedon zu enthalten“. Die Gesandten, die von Acacius inhaftiert werden (legatos eius in custodie mancipat [18,297 Cardelle de Hartmann]), sind Vitalis und Misenus, vgl. zu ihnen ausführlicher Liberatus von Karthago, Breuiarium 17 (130,31–131,1 Schwartz); Liber pontificalis 50,2–4 (252,4–14 Duchesne); vgl. dazu auch Felix III. (II.) von Rom, Epistula 6 (Thiel) = Collectio Veronensis 5 (6,21–7,2 Schwartz); vgl. auch Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,18 (117,1–10, hier 5 Bidez/Parmentier; Übers. 373 Hübner): hier schreibt Felix an Acacius „wegen seiner Gemeinschaft mit Petrus“ (τῆς πρὸς Πέτρον ἕνεκα κοινωνίας); vgl. auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E432–433; vgl. Placanica, „Note“, 87 (ad a. 486). Nach Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,20–21 (hier 119,2–3.16 Bidez/Parmentier; Übers. 377 und 379 Hübner) versagten Misenus und Vitalis, indem sie „Gemeinschaft mit den Häretikern gehabt hatten“ (τοὺς περὶ Μισῖνον καὶ Βιτάλιον κοινωνήσαντας τοῖς αἱρετικοῖς), und sie wurden „aus der reinen Gemeinschaft ausgeschlossen“ (τῆς ἀχράντου κοινωνίας ἐχωρίσθησαν). Auch für die römischen Gesandten spielt also hier die Frage nach der communio, in die sie sich begeben, eine entscheidende Rolle. Vgl. auch Gesta de nomine Acaci 27–28 (451,11–452,1 Guenther). 206 Freilich können Personen auch als identity marker für eine bestimmte theologische Position stehen – diese besteht aber in der Chronik an dieser Stelle nicht aus mehr als aus der Zustimmung oder Ablehnung bezüglich des Konzils von Chalcedon.

Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 1: Die Herrschaft Zenos (Chronicon 41–67)

275

etwa ist es hingegen konkret Petrus Mongus, von dessen Gemeinschaft Acacius sich enthalten soll.207 Wie Acacius auf die päpstliche Mahnung reagiert, überliefert die Chronik nicht direkt, jedoch berichtet sie im darauffolgenden Abschnitt von dessen Verurteilung zusammen mit Petrus von Alexandria und Petrus von Antiochien, den Calcidonensis synodi inimici, durch den Bischof von Rom und durch eine italienischen Synode.208 Mönche übermitteln diese Verurteilung an Acacius.209 Ein Schisma zwischen Rom und Konstantinopel erwähnt die Chronik des Victor von Tunnuna hier zwar nicht explizit,210 dass aber ein solches (wohl selbstverständlich) mitgemeint ist, zeigt die spätere Formulierung zur (Wieder-) Vereinigung der östlichen und westlichen Kirchen in Chronicon 104.211 207 Liberatus von Karthago, Breuiarium 17 (130,29–34 Schwartz) vermerkt einen dezidierten Ungehorsam des Acacius gegenüber dem Bischof von Rom, weshalb dann die Mönche Vitalis und Misenus gesandt werden; dies ist bei Victor von Tunnuna nicht erwähnt. Die Stoßrichtung der Frage der communio findet sich bei Liberatus von Karthago allerdings auch, vgl. auch Breuiarium 17 (131,18–19 Schwartz): Acacio permanente in Petri communione; vgl. Brennecke, „Das akakianische Schisma“, 83–84, 94. 208 Zur Verurteilung des Acacius vgl. auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E434 (120,21–22 Hansen); Liberatus von Karthago, Breuiarium 17 (131,8–14 Schwartz); Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,18–21. Eine Verurteilung von Petrus Mongus und Petrus Fullo findet sich weder in den offiziellen Synodenbeschlüssen (vgl. Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,21) noch in den an Acacius übermittelten Verurteilungen (Felix III. [II.] von Rom, Epistulae 6–7 [Thiel] [= Collectio Veronensis 5; Collectio Berolinensis 26]); sie wird auch in den genannten Stellen bei Theodoros Anagnostes und Liberatus von Karthago nicht erwähnt. Die römische Kirche war mit ihnen bereits nicht mehr in Gemeinschaft; vgl. insgesamt dazu mit Auflistung der Quellen Placanica, „Note“, 87 (ad a. 487). Dass Acacius nach Rom geladen worden war und aufgrund seines Nicht-Erscheinens von Felix verurteilt wurde, wird in der Chronik nicht thematisiert; vgl. Kötter, Zwischen Kaisern, 154–155; vgl. Felix III. (II.) von Rom, Epistula 6 (Thiel) (= Collectio Veronensis 5 [7,7–9 Schwartz]). 209 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 59 (19,298–304 Cardelle de Hartmann): Acatius Constantinopolitanus, Petrus Alexandrinus et Petrus Antiochenus episcopi, Calcidonensis synodi inimici, a Felice ecclesie Romane presule et sinodo Italie facta dampnantur, et ipsa damnatio Acatio, Constantinopolim legatis missis, per monacos monasteriorum Aquimitensium, Basiani atque Dii ingeritur. / „Die Bischöfe Acacius von Konstantinopel, Petrus von Alexandria und Petrus von Antiochien, Feinde der Synode von Chalcedon, wurden von Felix, dem Vorsitzenden der römischen Kirchen, und einer Synode, die in Italien abgehalten worden war, verurteilt, und dieselbe Verurteilung wurde über Acacius von den Mönchen der Klöster von Aquemetensis, Basianus und Dius durch nach Konstantinopel geschickte Gesandte verhängt.“ Zur möglichen lokativen Deutung von Italie vgl. Placanica, „Note“, 88 (ad a. 487). Zu den Mönchen bzw. Klöstern vgl. auch Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E434; Liberatus von Karthago, Breuiarium 17 (131,14–17 Schwartz); Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,18. Victor von Tunnuna vermischt hier offenbar unterschiedliche Traditionen bezüglich der Klöster, vgl. Placanica, „Note“, 88 (ad a. 487). 210 Vgl. hingegen die klare Formulierung bei Liberatus von Karthago, Breuiarium 17 (131,18–20 Schwartz; zur Übersetzung s. o. Anm. 200): His ergo prouenientibus et Acacio permanente in Petri communione separauit se quidem sedes apostolica et Constantinopolitana. 211 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 104 (34,570–574 Cardelle de Hartmann): Iustinus imperator orientales […] occidentalibus antistibus sub digna satisfactione coniugit / „Kaiser Justin vereinigte die östlichen […] mit den westlichen Bischöfen unter würdiger Genugtuung.“ S. zu dieser Stelle auch u. S. 347–348.

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Die erzählte Geschichte der Chronik

Der Erzählfaden mit den Ereignissen um Acacius wird nach Chronicon 59 mit Chronicon 62 fortgesetzt, wo von der weiteren Bischofsfolge in Antiochien berichtet wird: Schlicht wird zunächst vom Tod des Petrus von Antiochien berichtet, dessen Nachfolger Stephanus von Acacius bzw. seinen Helfershelfern getötet wird, um Calandio zum Bischof zu machen. Die „östlichen Bischöfe“ weihen jedoch Codonatus zum Bischof von Antiochien, dem ein hereticus Petrus folgt.212 Die Notiz ist „molto confusa“213, eigentlich war ja Stephanus bereits nach der zweiten Amtszeit des Petrus Fullo Bischof, vor dessen dritter Amtszeit, und somit vor seinem Tod. Dasselbe gilt für Calandio214 und Johannes Codonatus215. Unklar ist auch, ob mit Petrus hereticus entgegen dem Text der Chronik Petrus Fullo gemeint ist oder ein anderer Petrus.216 Aus den Angaben von Victor von Tunnuna ergibt sich jedenfalls, dass der Konflikt im Osten weitergeht, und insbesondere Acacius erscheint dadurch, dass ihm sogar die Tötung des Stephanus zugeschrieben wird, in einem schlechten Licht.217

212 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 62 (19,311–20,317 Cardelle de Hartmann): Petrus Antiochenus episcopus sub damnatione moritur et in eius loco Stephanus ordinatur, quem Acatius Constantinopolitanus per suos satellites necat et in eius loco Calendionem ordinat. Orientales autem episcopi tanquam nescientes Iohannem cognomento Codonatum eidem Antiochene ecclesie consecrant episcopum, cui Petrus succedit hereticus. / „Petrus, der Bischof von Antiochien, starb unter Verurteilung, und an dessen Stelle wurde Stephanus ordiniert. Diesen tötete Acacius von Konstantinopel durch seine Helfershelfer und ordinierte an seiner Stelle Calandio. Die östlichen Bischöfe jedoch, als ob sie es nicht wüssten, weihten Johannes mit dem Beinamen Codonatus zum Bischof für dieselbe antiochenische Kirche. Diesem folgte der Häretiker Petrus.“ 213 Placanica, „Note“, 88 (ad a. 488,3). 214 Calandio wird in Chronicon 68 dann, obwohl er ja nach Chronicon 62 von Acacius eingesetzt wurde, als defensor von Chalcedon bezeichnet (vgl. 21,350–351 Cardelle de Hartmann). Die Ordination durch Acacius, den Bischof von Konstantinopel, entspricht nicht den kirchlichen canones, vgl. Simplicius, Epistula 15,3; 17,1 (Thiel) (= Collectio Auellana, Epistula 66,4–5; 67,2–4); vgl. Placanica, „Note“, 89 (ad a. 488,3). Dass Calandio sich zusammen mit Illus gegen Zenos Henotikon wandte (vgl. Kötter, Zwischen Kaisern, 256), wird in der Chronik nicht erwähnt – bezüglich Illus wird nur dessen Unterstützung für eine tyrannis des Leontius in Isaurien (Chronicon 55) sowie beider mors turpissima (Chronicon 61 [vgl. 19,310 Cardelle de Hartmann]) notiert (bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E437–438 wird die Opposition gegenüber Zeno hingegen direkt vermerkt). Vgl. zu weiteren Quellen zu Illus und Leontius Placanica, „Note“, 86 (ad a. 483) und 88 (ad a. 488,1). Calandio bzw. seine weitere unrechtmäßige Nachfolge wird noch einmal erwähnt in Chronicon 69. Chronicon 65 (20,328–331 Cardelle de Hartmann) berichtet von der Überführung der reliquiae des Eustachius, der als prodecessor des Calandio und als confessor bezeichnet wird, von Philippopolis in Makedonien nach Antiochien. Die Notiz stammt aus Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica: In E435 wird zusätzlich berichtet, Calandio habe Zeno darum gebeten, und es wird darauf hingewiesen, dass Eustachius dorthin verbannt und dort getötet worden sei. Zur (zu späten, da Calandio tatsächlich bis 484 Bischof war) Datierung in der Chronik Victors vgl. Placanica, „Note“, 90 (ad a. 490,2). 215 Zu dessen Namen s. o. S. 223 (Anm. 204). 216 S. o. S. 223 (Anm. 205). 217 Vgl. Placanica, „Note“, 89 (ad a. 488,3): Die Tötung des Stephanus durch Acacius werde nur von Victor von Tunnuna berichtet, der dadurch die negative Rolle des Acacius betone. Vgl. anders etwa bei Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,10 (Tötung durch die Antiochener).

Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 1: Die Herrschaft Zenos (Chronicon 41–67)

277

Von Acacius’ Tod berichtet die Chronik dennoch neutral – bemerkt wird immerhin, dass er „unter Verurteilung“ starb. Ihm folgt nach einem kurzen Zwischenspiel durch Flavitas mit Euphemius ein Calcidonensis decretorum custos.218 Sodann wird die Bischofsabfolge in Alexandria notiert, wo auf Petrus (Mongus) Athanasius folgt, der mit dem Episkopat zugleich auch denselben Fehler wie Petrus aufnimmt219 – die Bischofsabfolge in Alexandria erscheint also weiterhin als eine von Häretikern (vgl. Chroni­ con 53; vgl. auch später Chronicon 69) bzw. incubatores, Gegnern von Chalcedon.220 In diesem Abschnitt, nach der von Victor von Tunnuna dargestellten Absage Zenos an den „katholischen“ Glauben bzw. Chalcedon (s. o. zu Chronicon 54 und 57), berich­ tet die Chronik nur mehr von kirchlichen Belangen, neben den Nachrichten über die Korrespondenz des Felix v. a. in Form der Bischofsabfolgen, und zwar bezogen auf den Osten (Alexandria und Antiochien). Die komplizierten Details und Verhältnisse dieser Abfolgen gibt die Chronik nicht immer chronologisch korrekt wieder. Theologische Inhalte über die Haltung zu Chalcedon hinaus, politische Fragen o. ä. spielen in diesem Abschnitt keine Rolle. So werden auch die Aktivitäten des Felix von Rom als prochalcedonensische Maßnahmen gedeutet, bzw. als Maßnahme zur Aufrecht-

218 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 63 (20,318–322 Cardelle de Hartmann): Acatius Constantinopolitanus episcopus sub damnatione moritur et pro eo Flauitas episcopus ordinatur, cui tercio promotionis sue mense mortuo Euphimius sinodi Calcidonensis decretorum custos in episcopatum succedit. / „Acacius, der konstantinopolitanische Bischof, starb unter Verurteilung, und für ihn wurde Flavitas als Bischof ordiniert, dem, nachdem er im dritten Monat seiner Erhebung gestorben war, Euphemius, Wächter der Beschlüsse der Synode von Chalcedon, in das Bischofsamt folgte.“ Zum Tod des Acacius vgl. auch die schlichten Bemerkungen bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E440 (122,19–20 Hansen; dort ohne Hinweis auf die bestehende Verurteilung); Liberatus von Karthago, Breuiarium 18 (132,4–6 Schwartz); Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 6,4; Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,23. Die Nachfolge des Flavitas wird ebenso ohne weitere Bemerkung zu dessen Haltung zu Chalcedon überliefert bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E440 (122,21–24 Hansen); bei Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 6,4 wird Flavitas als demütig und gläubig beschrieben; bei Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,23 findet sich ein Hinweis auf ein Synodalschreiben des Flavitas an Petrus von Antiochien (welches bei Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 6,5 überliefert ist). Liberatus von Karthago, Breuiarium 18 (132,6–9 Schwartz) weist hingegen darauf hin, dass Flavitas an Felix von Rom geschrieben habe, weil er nicht ohne den römischen Bischof habe eingesetzt werden wollen (qui non consensit sine Romano episcopo inthronizari). Er erscheint dort als östlicher Bischof also jedenfalls nicht in einem Gegenüber zum Westen. Vgl. zu den Quellen auch Placanica, „Note“, 89 (ad a. 489). 219 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 64 (20,323–325 Cardelle de Hartmann): Petrus Alexandrine incubator ecclesie sub damnatione moritur, cuius episcopatum simul et errorem suscepit Athanasius. / „Petrus, der unrechtmäßige Besitzer der alexandrinischen Kirche, starb unter Verurteilung. Sein Bischofsamt zusammen mit seinem Fehler übernahm Athanasius.“ Ohne weitere Ausführungen berichten vom Tod des Petrus Mongus Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E443; Liberatus von Karthago, Breuiarium 18 (132,9–11 Schwartz); Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,23. Ps-Zacharias Rhetor, Historia ecclesiastica 6,4 bezeichnet ihn im Zusammenhang mit seinem Tod als gläubigen Mann; vgl. auch Placanica, „Note“, 89 (ad a. 490,1), dort auch zu weiteren Quellen. 220 Dass Athanasius ebenfalls Chalcedon-Gegner ist, schreiben auch Liberatus von Karthago, Breuiarium 18 und Evagrius Scholasticus, Historia ecclesiastica 3,23.

278

Die erzählte Geschichte der Chronik

erhaltung einer reinen221 chalcedonensischen communio, die (im Osten) ja durch die Vereinigung von Acacius mit Petrus Mongus und Petrus Fullo durch das von Zeno herausgegebene Henotikon beschmutzt ist. Bezüglich der Politik Zenos hält Brennecke fest222: Es zeige sich insgesamt, dass Zeno und Acacius „von Anfang an und ohne irgendeinen Bruch konsequent an einer theologischen Auffassung und entsprechenden Politik festgehalten [haben], die für sie eindeutig chalkedonensisch war“.223 Bei Victor von Tunnuna wird diese Kontinuität geradezu umgedreht und zu einer antichalcedonensischen Kontinuität, in die Zeno durch die Tradition des Eutyches und dann durch seinen eigenen Text gerät, indem er durch ihn Gemeinschaft hat mit den Patriarchen Petrus von Alexandria, Petrus von Antiochien und Acacius von Konstantinopel, was seiner Absage vom „katholischen“ Glauben entspricht. In diesem Sinn greift die Chronik auch an späterer Stelle die Herrschaft Zenos auf, wenn sie über Justin I. schreibt: rediuiuaque facit sinodi Calcedonensis decreta, Zenonis et Anastasii principum temporibus abdicata.224 5.3.3 Sonstige Nachrichten bis zu Zenos Tod In die Zeit unter dem chalcedonfeindlichen Herrscher Zeno fallen zwei für die Chronik des Victor von Tunnuna ungewöhnliche Nachrichten: In Chronicon 60 wird über die Auffindung des Körpers des heiligen Barnabas in Zypern und des von ihm geschriebenen Matthäusevangeliums berichtet.225 Barnabas ist damit neben Antonius226 der einzige konkrete (bereits verstorbene) Heilige, der in der Chronik genannt wird.227 Victor von Tunnuna greift hier wohl auf Theodoros Anagnostes zurück (vgl. Theodo221 Vgl. die wiederholte negative Aussage in Victor von Tunnuna, Chronicon 54 (eorum communione polluitur [17,278 Cardelle de Hartmann]) und 57 (orientales episcopi […] communione atque consensu polluti [18,287–289 Cardelle de Hartmann]). 222 Brennecke, „Chalkedonense“, 50. 223 Anders etwa Maraval, „Die Rezeption“, 133, der dem Henotikon einen „antichalcedonische[n] Duktus“ bescheinigt; vgl. auch ebd., 134 (Anm. 75, in Bezug auf Facundus von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 12,4): „Dem Kaiser ging es im letzten nicht mehr um die Wahrheit des Chalcedonense“. 224 Victor von Tunnuna, Chronicon 104 (34,574–576 Cardelle de Hartmann): „Und er [= Justin I.] machte die Dekrete von Chalcedon wieder lebendig, die man in den Zeiten der Prinzipes Zeno und Anastasius verworfen hatte.“ 225 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 60 (19,305–308 Cardelle de Hartmann): Corpus sancti Barnabe apostoli in Cipro et euangelium secundum Matheum eius manu scriptum ipso eodem reuelante inuentum est. / „Der Körper des heiligen Apostels Barnabas wurde in Zypern gefunden, und das Evangelium nach Matthäus, das von seiner Hand geschrieben wurde, als eben der es dort offenbarte.“ 226 Vgl. Victor von Tunnuna, Chronicon 163; s. u. S. 454. 227 Das Lemma sanctus wird zudem für Flavian von Konstantinopel und Leo von Rom verwendet (Chronicon 3); zudem wird es gebraucht für die heiligen Väter und die heiligen Synoden (Chronicon 10; 112; 113); für die heilige Trinität (Chronicon 80); für den heiligen Geist (Chronicon 82); für die heiligen Evangelien (Chronicon 87); innerhalb der Namensbezeichnung einer Kirche (Chroni-

Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 1: Die Herrschaft Zenos (Chronicon 41–67)

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ros Anagnostes, Historia ecclesiastica E436), der diese Nachricht darüber hinaus mit dem Anspruch Zyperns auf Autokephalie gegenüber Antiochien verbindet und über die Aufbewahrung des Evangeliums im Palast durch Zeno berichtet.228 Diese weiterführenden Informationen bzw. Deutungen fehlen bei Victor von Tunnuna. Die zweite für die Chronik ungewöhnliche Nachricht ist die über das wundersame Wirken einiger Eremiten: Hoc tempore heremite Annianus super Eufratem fluuium oratione podagros curat, Auxencius demones fugat, Daniel et Anastasius, Vindimiolus, Manasse, Seuerus et ceteri alii per diuersa heremi loca uirtutibus uariis atque prescientia claruerunt.229

Mehrere der hier genannten Eremiten (Annianus, Anastasius und Manasse) sind ansonsten unbekannt.230 Mindestens zwei von ihnen, die Styliten Auxentius und Daniel, sind allerdings mit der Erinnerung an Chalcedon und einer positiven Haltung gegenüber dem Konzil verbunden.231 Möglicherweise liegt darin die Motivation zu dieser Notiz, gerade auch vor dem Hintergrund der Verwendung von clarare/clarus haberi

con 94); in einer brieflichen Anrede (Chronicon 130). Das Lemma beatus wird in der Chronik gar nicht verwendet. 228 Vgl. auch Placanica, „Note“, 88 (ad a. 488,1). 229 Victor von Tunnuna, Chronicon 66 (20,332–21,336 Cardelle de Hartmann): „Zu dieser Zeit heilte der Eremit Annianus beim Fluss Euphrat durch Gebet Gichtkranke, Auxentius schlug Dämonen in die Flucht, Daniel und Anastasius, Vindimiolus, Mannasse, Severus und einige andere an verschiedenen Wüstenorten wurden durch verschiedene Tugenden und durch Vorauswissen berühmt.“ Zur Bedeutung von praescientia in diesem Sinn vgl. TLL, s. v. „praescientia“. Zu uirtutes als Terminus für Wundertaten i. S. von Tugendverdiensten von Heiligen vgl. Heinzelmann, „Die Funktion des Wunders“, 31–32, 56 u. ö. 230 Bei Vindimiolus könnte es sich um „Bendinianus“ (Βενδιμιανός, Βενδιανός), einen Schüler von Auxen­tius, handeln. Vgl. dazu Placanica, „Note“, 90 (ad a. 490,3). 231 Für Auxentius und Daniel und deren Verhältnis zum Konzil von Chalcedon vgl. v. a. deren Viten (hg. von Clugnet, „Vie de Saint Auxence“; hg. von Delehaye, „Vita S. Danielis stylitae“). Siebigs, Kaiser Leo I., 178–179 weist allerdings darauf hin, dass die Haltung des Auxentius nicht von vornherein chalcedonfreundlich gewesen sein muss, sondern dass er sich darin vielmehr dem Druck von Kaiser Leo I. fügte. Das ändert nichts daran, dass er hier in Chronicon 66 als Chalcedon-Anhänger rezipiert werden kann. Daniel wird auch bei Theodoros Anagnostes an verschiedenen Stellen erwähnt (Historia ecclesiastica E385; E407; E408), nach seiner Vita (Vita sancti Danielis stylitae 71; 73) tritt er v. a. im Zusammenhang mit dem Aufstand des Basiliscus für das Konzil von Chalcedon ein; vgl. Placanica, „Note“, 90 (ad a. 490,3). Severus wird erwähnt bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica fr. 37. Die Notiz erscheint nicht in der Epitome der Historia ecclesiastica, sondern ist im Gerontikon des Codex Athous Iviron 497, fol. 25r (vgl. 124,20–125,14 Hansen) enthalten (mit dem direkten Hinweis auf die Herkunft aus Theodoros Anagnostes’ Text). Es ist also nicht auszuschließen, dass auch die anderen Eremiten in der ursprünglichen Fassung der Historia ecclesiastica erwähnt waren. Grundsätzlich zu einer Inanspruchnahme eines Heiligen für eine bestimmte theologische bzw. kirchenpolitische Position am Beispiel des Simeon Stylites vgl. Brennecke, „Wie man einen Heiligen politisch instrumentalisiert“.

280

Die erzählte Geschichte der Chronik

an weiteren Stellen der Chronik232: Die Eremiten erhellen die sonst als dunkel geschilderte Zeit. Trotz seiner Darstellung als Gegner Chalcedons wird Zenos Tod in der Chronik neutral geschildert: Zenon imperator constantinopoli moritur anis uite sue XLII.233 Daran anschließend stehen in Chronicon 67 dann Ariadnes Aktivitäten um Zenos Nachfolge und der Auftakt zu dieser Nachfolge mit Anastasius im Vordergrund.234 Zusammenfassend ist über die Darstellung von Zeno und seiner Herrschaft in der Chronik zu sagen: Obwohl Zeno zunächst über den Chalcedon-Gegner Basiliscus siegt, erscheint er in der Chronik bald dezidiert als Herrscher, der die ChalcedonGegner begünstigt (Chronicon 53) und dann durch sein Henotikon selbst in deren Gemeinschaft gerät. Er ist dann kein „katholischer“ Kaiser mehr. Das Henotikon ist dabei kein Bruch, sondern setzt die schon davor begonnene Linie seiner Politik fort, die auf seine (negative) Haltung gegenüber Chalcedon zugespitzt wird. Nach Zenos Abfall vom „katholischen“ Glauben bzw. seines „Rausfalls“ aus der reinen Gemeinschaft, die durch das Bekenntnis zu Chalcedon konstituiert ist, durch seine Gemeinschaft mit Chalcedon-Gegnern, haben auch andere Notizen in der Chronik die Frage der communio und die Frage der jeweiligen Position gegenüber Chalcedon im Blick. Die Geschichte, die Victor von Tunnuna in diesem Abschnitt der Chronik erzählt, ist so nicht nur die Geschichte einer Regentschaft eines Kaisers, der vom „katholischen“ Glauben abgefallen ist, sondern auch eine Geschichte der „reinen“ communio der Chalcedon-Anhänger, die hier aber gestört und insbesondere im Osten zu einer „beschmutzten“ Gemeinschaft geworden ist. Einzelne bleiben aber Befürworter Chalcedons.235 5.4 Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 2: Die Herrschaft des Anastasius (Chronicon 67–100) Zeno fällt als Kaiser aus der Gemeinschaft der „Katholiken“ heraus und steht dafür in der communio der Gegner Chalcedons. Sein Nachfolger Anastasius nun wird in der Chronik dezidiert zum Chalcedon-Gegner, der von Anfang seiner Herrschaft an durch 232 S. u. S. 329–330 (Eugenius von Karthago), 335 (Fulgentius von Ruspe), 407–408 (Ferrandus von Karthago), 416 (Facundus von Hermiane). 233 Victor von Tunnuna, Chronicon 67 (21,337–338 Cardelle de Hartmann): „Kaiser Zeno starb in Konstantinopel im 42. Jahr seines Lebens.“ Ebenso schlicht bei Theodoros Anagnostes, Historia ecclesiastica E446; vgl. hingegen etwa Evagrius Scholasticus 3,29, der zusätzlich notiert, dass Zeno „kinderlos an Epilepsie starb“ (ἄπαιδος τελευτήσαντος ἐπιληψίας νόσῳ [125,6–7 Bidez/Parmentier; Übers. 393 Hübner]); zu weiteren Quellen vgl. Placanica, „Note“, 90 (ad a. 491,1). 234 S. u. S. 283–284. 235 Vgl. etwa Euphemius in Chronicon 64.

Damnatores et defensores sinodi Calcidonensis 2: Die Herrschaft des Anastasius

281

perfidia charakterisiert ist. Er unterstützt die Gegner Chalcedons in vielfältiger Weise, besonders durch seine Begünstigung des Severus von Antiochien. Die Zeit seiner Herrschaft ist auch deshalb durch verschiedene düster bzw. wundersam anmutende Ereignisse gekennzeichnet, die im Zusammenhang mit oder sogar als Folgen dieser antichalcedonensischen Haltung des Kaisers präsentiert werden. Auch in diesem Abschnitt der Chronik greift Victor von Tunnuna v. a. auf Theodoros Anagnostes’ Historia ecclesiastica als Quelle zurück, sein eigener Fokus auf die Frage nach der Haltung für oder wider Chalcedon wird aber, soweit sich dies im Vergleich mit der überlieferten Epitome erschließen lässt, auch hier deutlich. Die Zeit unter Anastasius erscheint als ein weiterer Zeitabschnitt, in dem sich die Verteidiger Chalcedons den Gegnern der Synode gegenübersehen, die jetzt mit dem Kaiser durchgängig einen mächtigen Fürsprecher und sogar Protagonisten haben. Auch hier sei zunächst ein Überblick über die Ereignisse gegeben, die die Chronik des Victor von Tunnuna für die Zeit des Anastasius (Chronicon 67–100 = die Jahre 491–518 n. Chr.) notiert: Chronicon

Jahr236

Ereignis/Inhalt

67

491

Tod des Zeno und Bestimmung des Anastasius zum Kaiser durch Ariadne. Anastasius wird ein schriftliches Versprechen abgenommen, nichts gegen den apostolischen Glauben und gegen Chalcedon zu unternehmen.

68

491

Angabe der Regierungsdauer des Anastasius; Rücknahme seines schriftlichen Versprechens und Maßnahmen gegen die Anhänger Chalcedons.

69

492

Bischofsnachfolgen in Rom, Alexandria, Antiochien und Jerusalem.

70

492

Bestätigung Chalcedons durch eine von Euphemius von Konstantinopel einberufene Synode.

71

494

Johannes von Alexandria und Anastasius.

72

495

Der isaurische Krieg.

73

495

Bischofsnachfolgen in Alexandria.

74

496

Bestätigung des Henotikon durch Anastasius; Absetzung und Exilierung des Euphemius von Konstantinopel.

75

497

Verurteilung der Anhänger Chalcedons und der Anhänger des Nestorius und des Eutyches durch Macedonius von Konstantinopel.

76

497

Bischofsnachfolge und Spaltung in Rom.

77

497

Bischofsnachfolgen in Antiochien, Alexandria und Jerusalem.

236 Die Jahresangaben folgen der Ausgabe von Cardelle de Hartmann. Zu den auch hier in [Klammern] gesetzten Ereignissen in Nordafrika s. u. Kap. 5.5.

282

Die erzählte Geschichte der Chronik

Chronicon

Jahr236

Ereignis/Inhalt

[78

497

Der Tod des Gunthamund; erneute Exilierungen unter Thrasamund.]

[79

497

Fulgentius von Ruspe.]

80

498

Der „Arianer“ Olimpius lästert der Trinität.

81

499

Anathema gegen den Tomus Leonis und Chalcedon sowie gegen die Drei Kapitel und andere Theologen durch eine Synode in Konstantinopel auf Initiative von Kaiser Anastasius.

82

50