Archivalische Zeitschrift: Band 96. Die Staatlichen Archive Bayerns in der Zeit des Nationalsozialismus [1 ed.] 9783412516086, 9783412516062

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Archivalische Zeitschrift: Band 96. Die Staatlichen Archive Bayerns in der Zeit des Nationalsozialismus [1 ed.]
 9783412516086, 9783412516062

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ARCHIVALISCHE ZEITSCHRIFT 96. Band

Die Staatlichen Archive Bayerns in der Zeit des Nationalsozialismus

Herausgegeben von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns

2019 BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR

ARCHIVALISCHE ZEITSCHRIFT BAND 96

ARCHIVALISCHE ZEITSCHRIFT 96. Band

Die Staatlichen Archive Bayerns in der Zeit des Nationalsozialismus

Herausgegeben von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns

2019 BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR

Archivalische Zeitschrift

1876 begründet und herausgegeben vom Königlich Bayerischen Allgemeinen Reichsarchiv, seit 1921 Bayerisches Hauptstaatsarchiv; ab 1972 herausgegeben von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns. Schriftleitung: Christian Kruse Die Archivalische Zeitschrift pflegt das deutsche und internationale Archivwesen in allen seinen Zweigen einschließlich der Quellenkunde und der historischen Hilfswissenschaften, soweit sich diese auf Archivalien beziehen. Die Zeitschrift erscheint in Jahresbänden. Manuskripte sind möglichst nur nach vorheriger Anfrage an die Schriftleitung einzusenden. Für den Inhalt der Beiträge einschließlich der Bildrechte für die Abbildungen zeichnen die Verfasserinnen und Verfasser verantwortlich. Werbeanzeigen und Beilagen besorgt der Verlag (Böhlau Verlag GmbH & Cie, Lindenstraße 14, D-50674 Köln). Schriftleitung und Redaktion der Archivalischen Zeitschrift: Christian Kruse. Mitarbeit: Claudia Pollach und Karin Hagendorn. Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Schönfeldstraße 5, 80539 München Postanschrift: Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Postfach 22 11 52, 80501 München, E-Post: [email protected]

© by Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns Satz und Gestaltung: Karin Hagendorn ISBN 978-3-412-51608-6

Inhalt Autorinnen und Autoren der Beiträge.............................................................7 Zur Einführung...................................................................................................9 Sven Kriese, „Gute Freundschaft mit dem kleineren bayerischen Bruder“. Die Generaldirektoren der Preußischen Staatsarchive und Reichsarchivleiter Albert Brackmann und Ernst Zipfel und die Staatlichen Archive Bayerns............................................................................11 Hermann Rumschöttel, Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus in der NS-Zeit...........................................................31 Michael Stephan, Das Stadtarchiv München und der Historische Verein von Oberbayern in der Zeit des Nationalsozialismus.....................43 Dominik Radlmaier, Das Stadtarchiv Nürnberg in der NS-Zeit..............73 Susanne Wanninger, Unter einem Dach mit dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv: Die Bayerische Staatsbibliothek in der Zeit des Nationalsozialismus....................................................................................... 109 Margit Ksoll-Marcon, Die Generaldirektoren zwischen Weimarer Republik und Nachkriegszeit................................................................. 127 Bernhard Grau, „Im bayerischen Archivwesen gehört ausgemistet“ – Personalpolitik und Personalentwicklung der Staatlichen Archive Bayerns im NS-Staat....................................................................... 151 Peter Fleischmann, Dr. Fridolin Solleder (1886–1972). Leiter des Staatsarchivs Nürnberg von 1940 bis 1952................................................ 197 Stefan Nöth, Ubi bene, ibi patria. Michel Hofmann (1903–1968) und seine Dienstzeit am Staatsarchiv Bamberg im Nationalsozialismus................................................................................................................... 219 Rudolf Morsey, Fritz Gerlich (1883–1934) – der Publizist als Archivar................................................................................................................ 235 Magnus Brechtken, Geschichtswissenschaften im Nationalsozialismus – Einflüsse, Personen, Folgen.......................................................... 255

Johannes Haslauer, Vom sachsen-coburgischen Haus- und Staatsarchiv zum Staatsarchiv Coburg (1939). Die Eingliederung eines neuen Landesteils in die bayerische Archivverwaltung............................ 277 Martina Haggenmüller, Das Kriegsarchiv in der Zeit des Natio­ nal­sozialismus................................................................................................. 295 Walter Naasner, Das Hauptarchiv der NSDAP in München.............. 329 Gerhard Hetzer, Überlieferungsbildung und Politik. Kontinuitäten und Wandel des Archivierens im Nationalsozialismus...................... 347 Klaus Rupprecht, Die „Landschaftliche Archivpflege“ in der NSZeit in Bayern................................................................................................. 375 Markus Schmalzl, Archivnutzung im NS-Staat. Familien- und Sippenforschung bei den Staatlichen Archiven Bayerns 1933–1945........... 405 Michael Unger, Zwischen Routine und Raub: Archivalienerwerb im Nationalsozialismus................................................................................. 425 Herbert Schott, „Wir sind ein wissenschaftliches Institut und keine Altpapiersammlung“. Luftschutz und Archivalienver­ lagerung der Staatsarchive Nürnberg und Würzburg............................................... 447 Christoph Bachmann, Dem Feind zur Wehr, den Archiven zur Ehr: Bayerische Archivare im Kriegseinsatz.............................................. 471 Zusammenfassungen..................................................................................... 487 Summaries....................................................................................................... 499 Résumés........................................................................................................... 511 České resumé.................................................................................................. 523

Autorinnen und Autoren der Beiträge Bachmann, Christoph, Dr., M.A., Ltd. Archivdirektor, Staatsarchiv München, Schönfeldstraße 3, 80539 München Brechtken, Magnus, Dr., Prof., Institut für Zeitgeschichte, Leonrodstraße 46b, 80636 München Fleischmann, Peter, Dr., Prof., Ltd. Archivdirektor, Staatsarchiv Nürnberg, Archivstraße 17, 90408 Nürnberg Grau, Bernhard, Dr., M.A., Direktor des Hauptstaatsarchivs, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Schönfeldstraße 5, 80539 München Haggenmüller, Martina, Dr., M.A., Archivdirektorin, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Schönfeldstraße 5, 80539 München Haslauer, Johannes, Dr., M.A., Archivoberrat, Staatsarchiv Bamberg, Hainstraße 39, 96047 Bamberg Hetzer, Gerhard, Dr., Direktor des Hauptstaatsarchivs a.D., Karlsbader Str. 10b, 86356 Neusäß Kriese, Sven, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Archivstraße 12–14, 14195 Berlin Ksoll-Marcon, Margit, Dr., M.A., Generaldirektorin der Staatlichen Archive, Schönfeldstraße 5, 80539 München Morsey, Rudolf, Dr. Dr. h.c., Prof., Blumenstraße 5, 67435 Neustadt Naasner, Walter, Dr., Bundesarchiv, Finckensteinallee 63, 12205 Berlin Nöth, Stefan, Dr., Archivdirektor a.D. (Staatsarchiv Bamberg) Radlmaier, Dominik, Dr., Stadtarchiv Nürnberg, Marientorgraben 8, 90402 Nürnberg Rumschöttel, Hermann, Dr., Prof., Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns a.D., Walkürenstraße 21, 85579 Neubiberg Rupprecht, Klaus, Dr., Archivdirektor, Staatsarchiv Würzburg, Residenzplatz 2, Residenz-Nordflügel, 97070 Würzburg

Schmalzl, Markus, Dr., M.A., Archivoberrat, Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Schönfeldstraße 5, 80539 München Schott, Herbert, Dr., M.A., Archivdirektor, Staatsarchiv Nürnberg, Archivstraße 17, 90408 Nürnberg Stephan, Michael, Dr., Stadtdirektor, Stadtarchiv München, Winzererstraße 68, 80797 München Unger, Michael, Dr., M.A., Archivdirektor, Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Schönfeldstraße 5, 80539 München Wanninger, Susanne, Dr., M.A., Bischöfliches Zentralarchiv Regensburg, St.-Peters-Weg 11–13, 93047 Regensburg

Zur Einführung Untersuchungen zur Verwaltungsgeschichte in der NS-Zeit rückten in jüngster Zeit wieder verstärkt in den Blickwinkel der Forschung sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene. Die Archive haben sich erst spät ihrer Verpflichtung angenommen, ihre Rolle in der NS-Zeit zu untersuchen, von Einzelpublikationen und Aufsätzen abgesehen. Wichtige Impulse für eine breiter angelegte, auch die Wahrnehmung der Fachaufgaben reflektierende Auseinandersetzung lieferte vor allem der 75. Deutsche Archivtag im Jahr 2005 in Stuttgart mit dem Thema „Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus“. Die Staatlichen Archive Bayerns haben sich mit ihrer eigenen Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen eines Kolloquiums befasst, das vom 26. bis 28. Oktober 2016 im Bayerischen Hauptstaatsarchiv stattfand und dessen Beiträge im vorliegenden Band im Druck vorgelegt werden. Das Kolloquium verfolgte zwei Aspekte: Es galt einerseits, einen bislang nur ansatzweise aufgearbeiteten Abschnitt der bayerischen Archivgeschichte auszuleuchten, andererseits sollte die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit auch dazu dienen, das eigene Selbstverständnis und die eigene Aufgabenwahrnehmung zu hinterfragen und in ihrer Zeitbedingtheit zu erkennen. Das Kolloquium wollte ein möglichst breites Themenspektrum abdecken. In der Analyse der Wahrnehmung der Fachaufgaben zeigte sich deutlich, in welch starkem Maße die NS-Ideologie auf das Archivwesen eingewirkt hat. Zum Vergleich wurden benachbarte Institutionen mit in die Betrachtung einbezogen. So befassten sich einige Beiträge mit Kommunalarchiven oder der Bayerischen Staatsbibliothek und mit den Beziehungen zu diesen. Außerdem richtete sich der Blick auch auf eine Reihe führender Persönlichkeiten aus der bayerischen Archivverwaltung, um zu zeigen, ob und wie die NS-Ideologie deren Arbeit bestimmte. Zu berücksichtigen waren dabei die veränderten organisatorischen Rahmenbedingungen. So unterstanden die (zivilen) staatlichen Archive seit 31. Mai 1933 nicht mehr dem Außenministerium, sondern dem Staatsministerium für Unterricht und Kultus. 1934 wurde das Landtagsarchiv dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv einverleibt. Außerdem begegnet in den Quellen immer wieder das sogenannte Kriegswirtschaftsarchiv. Dabei handelte es sich um die Überlieferung der bayerischen Kriegswirtschaftsstellen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, die im Hauptstaatsarchiv ver-

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wahrt wurde. Relativ neu im Verband der bayerischen Staatsarchive war die sogenannte Staatsarchivalienabteilung in Coburg, die dem Staatsarchiv Bamberg zugeordnet war. Sie hatte in der Archivverwaltung einen Sonderstatus, der es rechtfertigt, auch diese Einrichtung eigens zu untersuchen. Nicht in Vergessenheit geraten darf, dass die Pfalz damals noch zu Bayern gehörte, auch wenn sie sich organisatorisch bereits aus dem Verbund des Freistaats zu lösen begann. Das Staatsarchiv in Speyer war aber noch bis Kriegsende integraler Bestandteil der bayerischen Archivverwaltung. Vieles wurde im Rahmen des Kolloquiums angesprochen. Dennoch war es nicht annähernd möglich, alle relevanten Aspekte zu berücksichtigen. Wir verstehen das Kolloquium und die hier abgedruckten Beiträge deshalb keinesfalls als Endpunkt der Auseinandersetzung, sondern als Impuls für eine kontinuierlichere Weiterbeschäftigung mit dieser Thematik. Margit Ksoll-Marcon

Bernhard Grau

„Gute Freundschaft mit dem kleineren bayerischen Bruder“. Die Generaldirektoren der Preußischen Staatsarchive und Reichsarchivleiter Albert Brackmann und Ernst Zipfel und die Staatlichen Archive Bayerns Von Sven Kriese Welchen Einfluss besaßen die Generaldirektoren der Preußischen Staatsarchive und Reichsarchivleiter Albert Brackmann und Ernst Zipfel auf die Staatlichen Archive Bayerns? Die Frage soll schlaglichtartig an zwei Problemkomplexen untersucht werden: anhand des Themenbereichs zentrale Archivverwaltung bzw. „Verreichlichung“ des deutschen Archivwesens sowie in Bezug auf Bestandsabgrenzungen zwischen den preußischen und bayerischen Staatsarchiven. D a s Ve r h ä l t n i s d e r G e n e r a l d i r e k t o r e n z u e i n a n d e r, d i e „ Ve r r e i ch l i ch u n g “ d e s d e u t s ch e n A r ch iv we s e n s u n d d e r A r ch iv s ch u t z Am 14. März 1929 schloss Otto Riedner (Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns) einen Briefwechsel mit Paul Fridolin Kehr (Generaldirektor der Preußischen Staatsarchive) bezüglich einer Benutzungsanfrage des großen Papstdiplomatikers zu Münchener Urkundenbeständen mit den Worten: „Hoffentlich hält Ihre glänzende Stimmung von unlängst noch an! Herrn Brackmann habe ich schon gestern meinen Glückwunsch gesandt. Ich freue mich, dass Sie nun einen Nachfolger erhalten haben, der ebenso wie Sie gute Freundschaft mit dem kleineren bayerischen Bruder halten wird!“1 Den damaligen Berliner Lehrstuhlinhaber Albert Brackmann hatte Riedner zuvor bereits herzlich beglückwünscht und ihn gebeten: „[B]leiben Sie auch in Zukunft uns Bayern freundlich gesinnt! Sie

Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (= GStA PK), VI. HA Familienarchive und Nachlässe, Nl Paul Fridolin Kehr, Nr. 28, Bl. 132.

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wissen ja wohl selbst, in wie angenehmen dienstlichen Beziehungen ich stets zu Ihrem Herrn Amtsvorgänger stand“.2 Waren dies reine Höflichkeiten Riedners gegenüber den beiden mächtigen Berliner Generaldirektoren oder hatte das angedeutete Kräfteverhältnis zwischen „groß“ und „klein“ einen dauerhaften Einfluss auf die Arbeit der Staatlichen Archive Bayerns, obwohl die beiden Archivverwaltungen doch behördenmäßig ganz unterschiedlich ressortierten? Die Preußische Archivverwaltung unterstand mit ihren Staatsarchiven als „Archivabteilung“ dem Preußischen Staatsministerium (war also dem Preußischen Ministerpräsidenten direkt zugeordnet),3 die Staatlichen Archive Bayerns wiederum ressortierten seit 31. Mai 1933 vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, das im Zuge der Gleichschaltung zur Reichsmittelbehörde wurde.4 Die dritte hineinspielende Archivverwaltung war das 1919 aus militärischer Wurzel gegründete Reichsarchiv in Potsdam, das Albert Brackmann seit 1. August 1935 kommissarisch und in Personalunion mit seinem Generaldirektorenamt leitete.5 Persönlich war Otto Riedner nicht nur mit Paul Fridolin Kehr, dem politisch bestens vernetzten Großorganisator der deutschen Geschichtswissenschaft, seit langem in vertrautem Umgang, sondern er unterhielt auch mit Kehrs Schüler Albert Brackmann seit Jahren gute Beziehungen. Diese GStA PK, VI. HA Familienarchive und Nachlässe, Nl Albert Brackmann, Nr. 28, Bl. 169 f. (datiert auf den 12.3.1929). – Ein zweites Glückwunschschreiben ließ Riedner am 1.10.1929 folgen, am Tag von Brackmanns Amtsantritt (ebd. Nr. 90, Bl. 446). 3 Johanna Weiser, Geschichte der preußischen Archivverwaltung und ihrer Leiter. Von den Anfängen unter Staatskanzler von Hardenberg bis zur Auflösung im Jahre 1945 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Beiheft 7), Köln-Weimar-Wien 2000; zur Amtszeit Brackmann S. 111–143. 4 Margit Ksoll-Marcon, Staatliche Archive in Bayern, publiziert am 31.3.2015. In: Historisches Lexikon Bayerns, http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Staatliche_Archive_in_Bayern (aufgerufen am 17.5.2918). – Hermann Rumschöttel, Geschichte des bayerischen Kultusministeriums von der Errichtung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst (Hrsg.), Tradition und Perspektive. 150 Jahre Bayerisches Kultusministerium, München 1997, S. 45–101. 5 Matthias Herrmann, Das Reichsarchiv (1919–1945). Eine archivische Institution im Spannungsfeld der deutschen Politik. Dissertation Humboldt-Universität Berlin 1994. – Vgl. zur militärischen Tradition des Reichsarchivs: Jürgen Kloosterhuis, Archivische Sprengelkompetenz versus militärhistorische Deutungshoheit. (Militär-)Politische Implikationen in der Entwicklung des preußisch-deutschen Heeresarchivwesens. Eine archivgeschichtliche Dokumentation. In: Hans-Christof Kraus (Hrsg.), Das Thema „Preußen“ in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik vor und nach 1945 (Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte NF, Beiheft 12), Berlin 2013, S. 171–218. 2

Albert Brackmann, Ernst Zipfel und Bayern

Albert Brackmann (Foto: unbekannt; Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, IX. HA Bilder, SPAE, VII Nr. 1823, Bl. 1).

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rührten insbesondere aus Kehrs und Brackmanns Benutzungen an den Münchener Urkundenbeständen für ihre Arbeiten am Göttinger Papsturkundenwerk her.6 Die positiven Beziehungen zwischen Brackmann und Riedner – der erstgenannte nationalkonservativ und nach einer Mitgliedschaft bis 1925 in der DVP anschließend DNVP-Mitglied, der andere als Mitglied der BVP grundsätzlich liberaler eingestellt – hielten sich auch nach Brackmanns Amtsantritt als Generaldirektor.7 Als ausgewiesener Urkundenspezialist genoss Brackmann von Beginn an ein hohes Ansehen in der gesamten deutschen Archivwelt, auch wenn er selbst vor 1929 nie als Archivar tätig gewesen war oder eine archivarische Ausbildung im engeren Sinne erhalten hatte.8 Ihre Korrespondenz ab 1929 konzentrierte sich zunächst vornehmlich auf die Archivtagsorganisation.9 Nach dem überraschenden Tod seines 2. Direktors Melle Klinkenborg am 29. März 1930 rückte Brackmann für diesen in den „Geschäftsführenden Ausschuss“ des Deutschen Archivtags. Brackmann, der zuvor kein ausgewiesener Archivtags-Besucher war, übernahm dabei nach dem ausgefallenen Archivtag 1931 zunehmend die Initiative gegenüber den anderen Ausschussmitgliedern Otto Riedner, Ernst Müsebeck, Paul Wentzcke und Ludwig Bittner. 1932 in Stuttgart hielt er einen Vortrag über die Dahlemer Archivarsausbilung am neu gegründeten Institut für Archivwissenschaft und geschichtswissenschaftliche Fortbildung.10 Auf den beiden folgenden Archivtagen in Königsberg und Wiesbaden übernahm er die programmatischen und in zentralen Siehe die Korrespondenz Riedners mit Brackmann aus dem Zeitraum 1911 bis 1929 in: GStA PK, VI. HA Familienarchive und Nachlässe, Nl Albert Brackmann, Nr. 28. 7 Zu den Parteimitgliedschaften: Sven Kriese, Albert Brackmann und Ernst Zipfel: Die Generaldirektoren im Vergleich. In: Ders. (Hrsg.), Archivarbeit im und für den Nationalsozialismus. Die preußischen Staatsarchive vor und nach dem Machtwechsel von 1933 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Forschungen 12), Berlin 2015, S. 17–94, hier S. 24. – Bernhard Grau, „Im bayerischen Archivwesen gehört ausgemistet“ – Die Staatlichen Archive Bayerns im Nationalsozialismus. Erste Ergebnisse eines archivgeschichtlichen Kolloquiums. In: Archivar 70 (2017), Heft 4, S. 365–369, hier S. 366. 8 Zu Brackmanns Karriere vor 1929 siehe: Kriese, Albert Brackmann und Ernst Zipfel (wie Anm. 7), S. 20–27. 9 Siehe etwa die einschlägige Korrespondenz zur Vorbereitung der Archivtage 1933 und 1934 in: GStA PK, VI. HA Familienarchive und Nachlässe, Nl Albert Brackmann, Nr. 92. – GStA PK, I. HA Rep. 178 Generaldirektion der Staatsarchive, Nr. 1168 (Gesamtverein der Deutschen Geschichts- und Altertumsvereine sowie Deutscher Archivtag, Bd. 2); ebd. Nr. 1173 (Materialsammlung zum Archivtag in Wiesbaden). 10 Abdruck: Albert Brackmann, Das Dahlemer Institut für Archivwissenschaft und geschichtswissenschaftliche Fortbildung in den Jahren 1930–1932 und das Problem des 6

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Aussagen politischen Eröffnungsreden mit den Schwerpunktthemen „Ostforschung“ (1933) und Archivgesetzgebung/„einheitliche Reichs-Archivverwaltung“ (1934).11 Hier betonte er: „Dieses Gesetz wird die erste große Manifestation des neuen Geistes unserer Staatsverwaltung auf dem Gebiet des Archivwesens sein“.12 Mit seiner umgehenden, programmatischen und beispielgebenden Bejahung des nationalsozialistischen Systems leitete Brackmann eine Neuausrichtung für das deutsche Archivwesen ein, dessen „Indienststellung“ für die Politik das Archivwesen stützen und stärken sollte. Dabei wirkte der kulturpolitisch bestens vernetzte Brackmann – über die Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft auch weit über den Archivbereich und seine spätere Pensionierung hinaus – als ein „‚Präzeptor‘ der deutschen Geschichtswissenschaft“ insgesamt, wie es Ingo Haar auf Grund von Brackmanns maßgeblicher Rolle in der legitimatorisch wirkenden „Deutschen Ostforschung“ formuliert hat.13 Diese Neuausrichtung des deutschen Archivwesens im Sinne Albert Brackmanns sah als einen zentralen Punkt die Ausformung einer einheitlichen Reichsarchivverwaltung vor – auch als „Reichs-Archivspitze“ oder „Archiv-Fachspitze“ bezeichnet – und war eng verbunden mit den Bemühungen um das Archivalienschutzgesetz. Die Diskussionen um beide Themen waren nicht neu in der deutschen Archivwelt und flammten nach Gründung des Reichsarchivs 1919 und nach Heinrich Otto Meisners Gesetzentwurf von 1922 immer wieder auf, wurden jedoch erst seit dem Amtsantritt von Albert Brackmann wieder mit Vehemenz betrieben. In archivarischen Nachwuchses. In: Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine 80 (1932) Sp. 150–155. 11 Konzept der Eröffnungsrede 1933: GStA PK, VI. HA Familienarchive und Nachlässe, Nl Albert Brackmann, Nr. 92, Bl. 459–465. – Zu 1934: Albert Brackmann, Eröffnungsansprache zum 25. Deutschen Archivtag in Wiesbaden (3. September 1934). In: Archivalische Zeitschrift 44 (1936) S. 1–5. 12 Ebd. S. 4. 13 Ingo Haar, Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der „Volkstumskampf“ im Osten (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 143), Göttingen 2000, S. 197. – Verwiesen sei hier aus der reichhaltigen Forschungsliteratur zur „Ostforschung“ und insgesamt zur „Geschichtswissenschaft als Legitimationswissenschaft“ im Nationalsozialismus neben Haar noch auf die weiteren impulsgebenden Standardwerke: Michael Burleigh, Germany turns eastwards. A study of Ostforschung in the Third Reich, Cambridge 1988. – Peter Schöttler (Hrsg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945, Frankfurt am Main 1997. – Michael Fahlbusch, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ von 1931–1945, Baden-Baden 1999. – Winfried Schulze – Otto Gerhard Oexle (Hrsg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1999.

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Bezug auf die einheitliche Reichsarchivverwaltung setzte sich Brackmann vor allem mit Ernst Müsebeck vom Reichsarchiv intensiv auseinander.14 Im Grundsatz ging es um eine Zentralisierung und dabei um den Führungsanspruch im deutschen Archivwesen, den Brackmann für die Preußische Archivverwaltung (bei zukünftiger Vereinigung mit dem Reichsarchiv) proklamierte, Müsebeck aber für das Reichsarchiv einforderte. Auftrieb erhielten Brackmanns Planungen im Kontext der nationalsozialistischen „Reichsreform“-Bestrebungen ab 1933. Dabei bemühte er sich, die Traditionen der nichtpreußischen Archivverwaltungen zu berücksichtigen und zunächst keine verwaltungsmäßige Eingliederung aller Länderarchivverwaltungen in die angestrebte Reichsarchivverwaltung zu fordern (bevor nicht die Verwaltungsstrukturen zukünftig grundsätzlich umgestaltet sein würden), beanspruchte jedoch eine fachliche und personalpolitische Lenkungsfunktion.15 1934/1935 war er dieser Position bereits „ad personam“ sehr nahe gekommen und verfasste mehrere politische Denkschriften, die zumeist aus der Feder Georg Winters vom Geheimen Statsarchiv stammten und eine erfolgte Abstimmung mit den Länderarchivverwaltungen betonten.16 Bald nach Übernahme der kommissarischen Leitung des Reichsarchivs zum 1. August 1935 ging er an einen Verwaltungsumbau des Reichsarchivs und forderte nun konkret die Zusammenlegung der Ämter des Preußischen Generaldirektors und des Reichsarchivdirektors zu einem Präsidentenamt der Reichsarchivverwaltung, der die archivfachlichen Richtlinien vorgeben und die Personalplanung zentral vornehmen sollte.17 Besonders wichtig für Brackmann war dabei immer die ressortunabhängige Unterstellung unter den Reichskanzler (bzw. zumindest unter dessen Stellvertreter oder die Reichskanzlei), 14 Weiser (wie Anm. 3) S. 137–139. – Ingeborg Schnelling-Reinicke, Gegeneinander – miteinander: Der preußische Führungsanspruch unter den deutschen Staatsarchiven und das Reichsarchiv. In: Kriese (Hrsg.), Archivarbeit (wie Anm. 7), S. 145–164. – Aus der reichhaltigen Literatur zum Archivalienschutzgesetz siehe nur: Norbert Reimann, Archivgesetzgebung im Nationalsozialismus. Ein gescheiterter Versuch. In: Robert Kretzschmar u.a. (Red.), Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart (Tagungsdokumentationen zum Deutschen Archivtag 10), Essen 2007, S. 45–56. 15 Schnelling-Reinicke (wie Anm. 14) S. 154–156. 16  Die diversen Denkschriften finden sich in den von Brackmann unter dem Stichwort „Archiv-Verwaltung“ zusammengestellten Korrespondenz-Bänden (GStA PK, VI. HA Familienarchive und Nachlässe, Nl Albert Brackmann, Nr. 91 bis 93) sowie im Band „Reichsarchiv“ (ebd. Nr. 99). 17 Abdruck der zentralen Denkschrift vom 22.11.1935: Weiser (wie Anm. 3) S. 270–273.

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sofern unumgänglich in einer Doppelunterstellung zum Reichsinnenminister. Otto Riedner stimmte Brackmanns Initiativen nach Lage der Korrespondenz weitgehend zu. Differenzen ergaben sich allerdings in der Gewichtung: Für Brackmann ging es vornehmlich um die rasche, wenn auch vorläufige Einrichtung eines zentralen Amtes, um aus diesem heraus eine „gewisse Vereinheitlichung der Praxis“ zu erzielen. Alles Weitere sollte auf die Reichsreform verschoben werden, so Brackmann kurz vor seiner Berufung zum kommissarischen Leiter des Reichsarchivs am 11. Juli 1935.18 Riedner wiederum wollte zuerst geklärt wissen, „welches Reichsministerium für das gesamte Archivwesen zuständig sein soll.“19 Und weiter: „Ist hier Klarheit und Einheit geschaffen, so scheint es mir nicht schwer, auch für die sonstigen vordringlichen Bedürfnisse zu sorgen. Notwendig ist eine Stelle, die eine gewisse Vereinheitlichung der Praxis herbeiführt und die vor allem anderen Behörden das Verhandeln mit deutschen Archiven erleichtert, indem sie den Briefträger, Vormund und Fürsprecher macht. Aber würde denn dazu nicht genügen, wenn der Generaldirektor der Preußischen Staatsarchive mit der ‚einstweiligen Leitung der Reichsarchivverwaltung‘ betraut würde?“ Die unterschiedlichen Nuancen beider Positionen verschwimmen fast. Dass Riedners Forderung, zunächst die Unterstellung zu klären, Mitte 1935 in Anbetracht der zögerlich fortschreitenden „Reichsreform“ nicht kurzfristig umzusetzen war, wird ihm bei seiner Antwort bewusst gewesen sein. Mit seinem alternativen Votum für eine „einstweilige Leitung der Reichsarchivverwaltung“ durch den Preußischen Generaldirektor als eine Art „primus inter pares“ erhoffte er sich offenbar eine Aufrechterhaltung der Eigenständigkeit seiner und der sonstigen nichtpreußischen Länderarchivverwaltungen. Und Albert Brackmann wiederum fasste seine zukünftige Rolle ganz sicher nicht als „Briefträger“ auf! Die Sache wurde in der Amtszeit von Brackmann und Riedner nicht mehr entschieden. Als Albert Brackmann im August 1936 unerwartet in Pension geschickt wurde, wohl auf Betreiben Walter Franks und für weite Teile der deutschen Archivwelt überraschend,20 bedankte sich Riedner am 14. September beim geschätzten Kollegen für dessen „fachkundig[e], 18 GStA PK, VI. HA Familienarchive und Nachlässe, Nl Albert Brackmann, Nr. 93, Bd. 1, Bl. 473 f., Zitat Bl. 473. 19 Ebd. Bl. 470–472, Zitat Bl. 470. 20 Kriese, Albert Brackmann und Ernst Zipfel (wie Anm. 7), S. 86–90.

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sachlich[e] und bedachtsam[e]“ Art. „Ich bedauere Ihren Rücktritt um der bayerischen Archive willen. Denn wo finden wir einen gleich wohlwollenden und einflußreichen Helfer in unseren Belangen?“21 Mit erst 58 Jahren verstarb Otto Riedner nur reichlich ein Jahr später am 9. November 1937. Das Verhältnis der beiden Amtsnachfolger von Brackmann und Riedner – der beiden bekennenden und aktiven Nationalsozialisten Ernst Zipfel und Josef Franz Knöpfler – ist zunächst schwieriger zu beurteilen. Zipfel war als früheres Mitglied des sächsischen Heeres ein typischer Reichsarchivar der ersten Stunde, der seine Archivarsausbildung erst nach Aufnahme seiner Tätigkeit durch v.a. interne Schulungen im Reichsarchiv erhielt.22 Im ersten Jahrzehnt seiner Tätigkeit widmete er sich dort mit Erfolg diversen Ordnungs- und Bewertungsaufgaben. Seit 1932 NSDAP-Mitglied, stieg er zum 1. Januar 1935 zum Referenten für Haushalt, Verwaltung und Personal im Reichsarchiv auf. In dieser Position arbeitete er eng mit Albert Brackmann zusammen, der ihn noch kurz vor seiner Pensionierung am 11. Juni 1936 in Doppelfunktion auch als Verwaltungsreferent in die Preußische Archivabteilung holte. Als Brackmann am 29. August 1936 beurlaubt wurde, übernahm Zipfel die beiden hohen Archivämter von Brackmann: Am 19. September 1936 wurde er zum Direktor des Reichsarchivs ernannt und zum 1. Oktober 1936 zum stellvertretenden und somit kommissarischen Generaldirektor der Preußischen Staatsarchive befördert.23 Um die endgültige Besetzung des Generaldirektoren-Amtes setzte anschließend ein zähes politisches Ringen mit diversen Kandidaten und zahlreichen Manövern hoher politischer Amtsträger ein (Walter Frank, Heinrich Himmler, Hermann Göring, Rudolf Heß, Alfred Rosenberg waren beteiligt), ehe aus dem Provisorium eine Dauerlösung wurde. Wohl unter Einfluss des Staatssekretärs im Reichsinnenministerium Hans Pfundtner wurde Ernst Zipfel zum 1. Oktober 1938 endgültig zum Generaldirektor der Preußischen Staatsarchive ernannt. Der Mann der Partei Zipfel wurde den Makel seines Quereinstiegs vom Militär (mit nachgeschobenem Studium und mäßiger volkswirtschaftlicher Promotion) über das Reichsarchiv in die Preußische Archivverwaltung nie los. Er galt nicht als Archivar, sondern als Verwaltungsmann, trat gegenGStA PK, VI. HA Familienarchive und Nachlässe, Nl Albert Brackmann, Nr. 93, Bd. 2, Bl. 106. 22 Zu Zipfels Karriere bis 1936 siehe: Kriese, Albert Brackmann und Ernst Zipfel (wie Anm. 7), S. 27–30. 23 Dazu und zum Folgenden: ebd. S. 33–37. 21

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Ernst Zipfel (Foto: unbekannt; Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, IX. HA Bilder, SPAE, VII Nr. 1392, Bl. 2).

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über seinen Mitarbeitern oft ausgesprochen militärisch auf und forderte von ihnen eine auf seine Führerschaft ausgerichtete Gefolgschaft.24 Hinter vorgehaltener Hand gab es von verschiedenen traditionellen Archivaren der Preußischen Staatsarchive Misstrauen und auch Spott gegen den „neuen Herrn“; andere wiederum, besonders augenfällig Georg Winter, arbeiteten eng mit ihm zusammen.25 Genügt die gemeinsame NSDAP-Mitgliedschaft, um ein einheitliches und unbelastetes Zusammenwirken von Ernst Zipfel und Josef Franz Knöpfler anzunehmen? Knöpfler, dessen Aufstieg innerhalb der bayerischen staatlichen Archivverwaltung wie bei Zipfel ebenfalls eng mit seiner am 1. Mai 1933 erworbenen Parteimitgliedschaft zusammenhing, kam zu vergleichbaren Zeiten wie dieser in die hohen Positionen: ab 1. August 1936 Direktor der staatlichen Archive Bayerns und Stellvertretender Generaldirektor, dann ab 9. November 1937 mit Riedners frühem Tod kommissarischer Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns.26 Jedoch musste er bis zum Februar 1943 auf die Verleihung des vollen Titels warten. Gerade diese langfristige kommissarische Leitung und der parallel steile und schließlich gefestigte Aufstieg Zipfels scheint Knöpfler nachhaltig berührt zu haben. „Der von Karriere- und Geltungssucht getriebene[n] Knöpfler [empfand es] selbst als ständigen Stachel im Fleisch“, dass er bis zum Februar 1943 auf den vollen Titel als Generaldirektor warten musste, so Bernhard Grau; „[o]ffizieller Grund dafür war die geplante Verreichlichung des Archivwesens und damit der Wegfall der Generaldirektorenstelle.“27 In Reaktion auf Zipfels endgültige Investierung als Generaldirektor drückte Knöpfler am 30. September 1938 gegenüber seinem österreichischen Amtskollegen Ludwig Bittner sein ganzes Misstrauen gegen die Personalie Zipfel aus. Knöpfler befürchtete, dass nun ein zentrales PräsiEbd. S. 79–86. Als „neuen Herrn“ (und in weiteren Schreiben ähnlich despektierlich) bezeichnete der klassische Historiker-Archivar Gottfried Wentz vom GStA seinen Generaldirektor Ernst Zipfel noch im Jahr 1940 – und zwar in einem Schreiben an den früheren Generaldirektor Paul Fridolin Kehr, mit dem Wentz bis zum Tode Kehrs 1944 eng für die Germania Sacra zusammenarbeitete: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Abt. I, Rep. 20, Nr. 14, ohne Foliierung (22.2.1940). – Vgl. zu Winters verantwortlicher Rolle unter Ernst Zipfel: Sven Kriese, Konsistenz und Wandel der preußischen „Archivarbeit“ im Nationalsozialismus. Ein Arbeits- und Forschungsaufruf. In: Archivar 70 (2017), Heft 4, S. 370–375, hier S. 373. 26 Hermann Rumschöttel, Ivo Striedinger (1868–1943) und Josef Franz Knöpfler (1877– 1963). Archivarische Berufswege zwischen Königreich und Verwaltungshandeln. In: Archivalische Zeitschrift 94 (2015) S. 29–50, hier S. 44, 47–48. 27 Grau (wie Anm. 7) S. 367. 24 25

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dentenamt für das deutsche Archivwesen entstehen und dadurch die Direktorenstelle des Reichsarchivs und die Generaldirektorenstellen in Preußen, Österreich und Bayern wegfallen würden; er stellte in Frage, ob die Vertreter der bayerischen Archivverwaltung unter diesen Umständen und unter Zipfels Ägide am geplanten Archivtag 1938 in Innsbruck teilnehmen könnten, und hoffte, dass alle deutschen Archivare ähnlich denken würden.28 Zipfel verfolgte die alte Brackmannsche Idee einer – wie er zumeist formulierte – „Archiv-Fachspitze“ weiter. Er operierte dabei aus einer schwierigen Position: Als Generaldirektor der größten deutschen Archivverwaltung leitete er 16 Staatsarchive an; zudem stand er dem Reichsarchiv in Potsdam und dessen Zweigstellen vor, nicht jedoch den übrigen deutschen Länderarchivverwaltungen, dem 1940 gebildeten Reichsarchiv Wien und formal auch nicht den österreichischen „Reichsgauarchiven“, die Teil der Selbstverwaltung wurden, und auch nicht den ReichsarchivNeubildungen in Troppau, Reichenberg, Posen und Danzig. Dass er die Direktorenkonferenzen wiederholt für Leitungen nichtpreußischer Archivverwaltungen öffnete, war ein integrativer Versuch zur Herstellung von übergreifenden Fachgesprächen, sicher aber auch zur Durchsetzung seiner Interessen.29 1942 verfügte ihm Staatssekretär Pfundtner vom Reichs-Innenministerium immerhin, dass er sich laufend über die fachlichen und wissenschaftlichen Angelegenheiten der Reichs- und Reichsgauarchive – „ausgenommen das Reichsarchiv Wien“ – unterrichten und dem Reichinnenministerium des Innern in Bezug auf „erforderlich erscheinende Maßnahmen Vorschläge“ unterbreiten sollte.30 Knöpfler blieben Zipfels Bemühungen um die einheitliche Reichsarchivverwaltung offensichtlich ein Ärgernis, zumal seine eigene Karriere nicht vorankam und die Eigenständigkeit seiner Archivverwaltung gefährdet schien. Am 6. November 1939 folgte ein weiterer Brief an Ludwig 28 Das Schreiben Knöpflers an Bittner im Nachlass Ludwig Bittner im Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien hier zitiert nach dem Regest in der Online-Datenbank des Archivs, Signatur: OeStA/HHStA SB NL Bittner 3-1-217, http://www.archivinformationssystem.at/detail. aspx?ID=425833 (aufgerufen am 15.5.2018). 29 Die Protokolle dieser vielfach in der Literatur verwiesenen Direktorenkonferenzen seit 1937 sind gesammelt im Aktenband: GStA PK, I. HA Rep. 178 Generaldirektion der Staatsarchive, Nr. 28. 30 Hier zitiert nach dem Abdruck im „Mitteilungsblatt der Preußischen Archivverwaltung“ von 1942, S. 91: GStA PK, I. HA Rep. 178 Generaldirektion der Staatsarchive, Nr. 64, Bl. 47.

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Bittner, dessen eigenständige Position in Wien ja ebenfalls im Fokus stand. Knöpfler zeigte sich dabei verärgert wegen der Verhinderung einer bayerischen Archivzuständigkeit über das Saarland durch Ernst Zipfel, so dass er zuletzt in einem Memorandum für seinen Gauleiter und Bayerischen Kultusminister Adolf Wagner die ebenfalls diskutierte Präsidentschaft Edmund Glaise-Horstenaus für die Archiv-Fachspitze unter Beibehaltung der Generaldirektorenstellen in Wien und München empfohlen habe.31 Als bei der erweiterten Direktorenkonferenz 1943 in Dresden durch Erich Randt, dem Leiter der Archivverwaltung im Generalgouvernement, noch einmal die Notwendigkeit einer vollgültigen „Archiv-Fachspitze“ auf die Tagesordnung gehoben wurde und Randt dabei die Leistung von Generaldirektor Zipfel „sozusagen als Fachspitzenersatz“ würdigte, argumentierte Josef Franz Knöpfler für Bayern: Auch er habe sich mehrfach mit der Reichsarchiv-Fachspitze gutachterlich befassen müssen. Natürlich werde diese von allen benötigt, jedoch würden bei einer Unterstellung des Präsidentenamtes unter den Reichsminister des Innern für die Bayerische Archivverwaltung besondere Schwierigkeiten entstehen, da es vom Reichswissenschaftsministerium ressortiere. Die Zuordnung zur Reichskanzlei und die „Verreichlichung aller Archive ist somit die conditio sine qua non.“32 Wie schon Riedner 1935 konterte Knöpfler also im Mai 1943 mit der damals nicht durchsetzbaren verwaltungsmäßigen Neuordnung. Zipfel antwortete resignierend, dass das deutsche Archivwesen 1933 auf Grund seiner unterschiedlichen Ressortzugehörigkeiten in einem „unfertigen Zustand“ gewesen sei, der Reichsminister des Innern dabei „dankenswerter Weise in die Bresche gesprungen“ war und getan habe, was er tun konnte; auch der Preußische Ministerpräsident habe stets betont, dass die Archivverwaltung nach preußischem Vorbild „zur Reichskanzlei gehört. Zur Zeit aber ruht das Problem, da der Herr Reichsminister Lammers glaubt, die Angelegenheit dem Führer während des Krieges nicht vortragen zu dürfen“.33 Durch das Steckenbleiben der „Reichsreform“ kam die „Verreichlichung“ des Archivwesens bis zum Ende des Krieges nicht voran. Sucht man trotzdem nach einer zentralen Lenkungsfunktion Zipfels innerhalb des deutschen Archivwesens, so fällt diese neben koordinierenden TätigZitiert wie Anm. 28 nach dem Online-Regest OeStA/HHStA SB NL Bittner 3-1-218, http://www.archivinformationssystem.at/detail.aspx?ID=425834 (aufgerufen am 15.5.2018). 32 GStA PK, I. HA Rep. 178 Generaldirektion der Staatsarchive, Nr. 28, Bl. 140. 33 Ebd. 31

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keiten im Bereich des Kriegseinsatzes der Archivare und der diversen Archivschutzkommissionen und Archivverwaltungen in den besetzten Gebieten34 vor allem im Bereich des Luftschutzes auf. Luftschutzmaßnahmen wurden seit Mitte 1934 stark vorangetrieben und betrafen vorerst Schulungen von Luftschutzhelfern, Beschaffungen von Lösch-Gerätschaften und leichtere bauliche Ertüchtigungen. Im Zuge der zahlreichen Ausführungsbestimmungen des Luftschutzgesetzes wurden die Maßnahmen ab 1937 verschärft und führten zu Luftschutzübungen, Verdunkelungsvorrichtungen, Entrümpelungsmaßnahmen und zur Organisation des sogenannten Selbstschutzes. Im Krieg mussten die entsprechenden Vorkehrungen bald verschärft werden, was am 22. Mai 1940 zur Ernennung Ernst Zipfels zum „Kommissar für den Archivschutz im Westen“ durch den Reichsminister des Innern führte und zunächst lediglich als Koordinationsaufgabe für die Archivalien-Auslagerungen aus der Saarpfalz in die Staatsarchive Marburg, Koblenz, Wiesbaden (...) und Speyer gedacht war.35 Auf diesen Erfahrungen fußend wurden Zipfels Befugnisse am 21. April 1941 auf alle besetzten und noch zu besetzenden Gebiete ausgedehnt und seine Funktion kurz als „Kommissar für den Archivschutz“ tituliert. Verfügungsgewalt gegenüber den nichtpreußischen Staats- und sonstigen Archiven erhielt er jedoch erst am 23. Juli 1942 mit der Erweiterung seiner Zuständigkeit für die Luftschutzmaßnahmen der Archive im gesamten Reichsgebiet. Von nun an war er im Grundsatz befugt, allen staatlichen und kommunalen deutschen Archiven Weisungen in Luftschutzfragen zu erteilen. Der kriegsbedingten Auslagerung von Archivalien stand Zipfel lange reserviert gegenüber und empfahl am 24. Oktober 1940 unter dem Eindruck der beginnenden Luftangriffe gegenüber den Preußischen Staatsarchiven lediglich die Versendung besonders wertvoller Archivalien an das Staatsarchiv Königsberg.36 Darüber hinaus forderte er neben baulichen Ertüchtigungen vornehmlich Umlagerungen innerhalb der Magazine. Verunsichert wirkte Zipfel dann allerdings 1941 in Anbetracht umfassenVgl. dazu v.a. Stefan Lehr, Ein fast vergessener „Osteinsatz“. Deutsche Archivare im Generalgouvernement und im Reichskommissariat Ukraine (Schriften des Bundesarchivs, 68), Düsseldorf 2007. 35 Dazu und zum Folgenden: Johannes Kistenich-Zerfass, Auslagerung von Archivgut im Zweiten Weltkrieg. Selbsthilfe der Staatsarchive oder zentrale Steuerung durch den Kommissar für Archivschutz? In: Kriese (Hrsg.), Archivarbeit (wie Anm. 7), S. 407–476, hier S. 415 f. 36 Z.B. GStA PK, I. HA Rep. 178 Generaldirektion der Staatsarchive, Nr. 2049 (ohne Foliierung). 34

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der Auslagerungen aus einigen bayerischen Staatsarchiven, insbesondere aus Nürnberg, München und Würzburg. Die bayerischen Vorkehrungen standen im Gegensatz zu seinen bisherigen Empfehlungen, wonach Flüchtungen eher als Schädigungspotential für das Archivgut betrachtet worden waren. Während der Direktorenkonferenz am 3./4. Oktober 1941 in Marburg wurden – unter Abwesenheit Josef Franz Knöpflers – die bayerischen Aktivitäten eingehend diskutiert. Der Wert von Flüchtungen galt weiterhin als zweifelhaft und die Schadensrisiken bei Auslagerung in abgelegene Baudenkmäler nach bayerischem Vorbild auf Grund von Feuchtigkeit, Schädlingen und mangelhafter Gebäudesicherheit als größere Gefahr.37 Zipfel behandelte die Frage der Auslagerung als Abwägungssache und erbat Berichte der Staatsarchive darüber, welche Luftschutzmaßnahmen bisher durchgeführt wurden und weshalb gegebenenfalls eine Auslagerung von Archivalien stattgefunden habe. Erst durch den Eindruck der zunehmenden Luftangriffe entwickelte sich Zipfel vom „Skeptiker und Zauderer“ zum – ab Mai 1942 feststellbar – Sympathisanten und schließlich – ab spätestens Mai 1943 – „vehemen­ te[n] Befürworter“ und Antreiber umfassender archivischer Auslagerungen in den Preußischen Staatsarchiven, wie es Johannes Kistenich-Zerfaß treffend formuliert hat.38 Gegenüber den nichtpreußischen Archivverwaltungen agierte Zipfel laut den wenigen erhaltenen Unterlagen aus der Registratur des Kommissars für Archivschutz vor allem als Informationsvermittler: Seine innerpreußischen Verfügungen zum Archivschutz erhielten diese als Abschriften; er selbst ließ die von ihnen erhaltenen Berichte in seine Stellungnahmen gegenüber dem Reichsministerium des Innern einfließen.39 Der Nachweis, dass Zipfel – bei allen Erfolgen für die Preußischen Staatsarchive, die jedoch auch schwere Verluste hinnehmen mussten – die Aufgabe einer reichsweit zentralen Steuerung der Archivschutzmaßnahmen überaus erfolgreich gelöst habe, wie Zipfels ehemaliger Referent Wilhelm Rohr 1950 im Archivar dargestellt hat, muss wohl doch erst noch

37 Kistenich-Zerfass, Auslagerung (wie Anm. 35), S. 421 mit Verweis auf GStA PK, I. HA Rep. 178 Generaldirektion der Staatsarchive, Nr. 28, Bl. 124. 38 Kistenich-Zerfass (wie Anm. 35) S. 417–426, Zitate S. 417 und 424. 39 Siehe z.B. Zipfels Bericht „Luftschutz und Sicherungsmaßnahmen im deutschen Archivwesen“ vom 6.4.1945 in: GStA PK, I. HA Rep. 178 Generaldirektion der Staatsarchive, Nr. 2874 (ohne Foliierung); vgl. auch den Aktenband „Verfügungen zu Luftschutzmaßnahmen im Allgemeinen und im Besonderen“ (ebd. Nr. 651).

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erbracht werden.40 Dies lässt sich gerade auch an den Aktivitäten der Staatlichen Archive Bayerns erahnen: Als Zipfel den Archivalienauslagerungen Mitte 1941 noch weitgehend ablehnend gegenüberstand, hatte Bayern in mehreren Staatsarchiven damit längst begonnen – und dabei in der Art und Weise, die Zipfel wegen ungenügender Lagerungsbedingungen ablehnte, nämlich mit diversen Auslagerung in entlegene Baudenkmäler. Gerade aber, als der Kommissar für Archivschutz 1942 seine ablehnende Haltung gegen Archivalienflüchtungen aufzugeben begann, „trat in Bayern allerdings ein auffälliger Bruch ein, ließ das Engagement merklich nach.“41 Als sich Zipfel Mitte 1942 ernsthaft mit Auslagerungsmaßnahmen zu befassen begann, bat er Josef Franz Knöpfler am 5. September, Erkundungen über die Eignung der Salzbergwerke in Berchtesgaden und Reichenhall zur Einlagerung von Archivalien einzuholen. Zipfels damaliger Referent Hans Frederichs vermerkte dazu: „Dir[ektor] Dr. Knöpfler [werde] dienstlich Mitteilung machen.“42 Mit welchem Nachdruck Knöpfler diese Frage behandelte, lässt sich erahnen, wenn man Anton Schmids Beitrag von 1950 „Die bayerischen Archive im Zweiten Weltkrieg“ heranzieht. Im vorletzten Satz, den man natürlich im zeitgeschichtlichen Kontext lesen muss, betonte er mit Verweis auf das Staatsarchiv Speyer: „Glücklicherweise konnte von der bayer[ischen] Archivverwaltung verhindert werden, daß pfälzer Archivalien in die Salzbergwerke des Ostens verlagert wurden“.43 Dass Knöpfler im August 1944 nicht zuletzt wegen seiner zögerlichen Haltung zur Archivalien-Beräumung des gemeinsam genutzten Dienstgebäudes von Staatsbibliothek und Hauptstaatsarchiv in der Münchener Ludwigstraße in den Ruhestand versetzt wurde, ist sicher nicht als Machtbeweis des Kommissars für Archivschutz Ernst Zipfel gegenüber Josef Franz Knöpfler zu werten, sondern wurde hauptver-

Wilhelm Rohr, Die zentrale Lenkung deutscher Archivschutzmaßnahmen im zweiten Weltkrieg. In: Der Archivar 3 (1950) Sp. 105–122. 41 Bernhard Grau, Katastrophenfall. Die Stammabteilung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs im Zweiten Weltkrieg. In: Archivalische Zeitschrift 94 (2015) S. 177–228, Zitat S. 202. 42 GStA PK, I. HA Rep. 178 Generaldirektion der Staatsarchive, Nr. 647 (ohne Foliierung). 43 Anton Schmid, Die bayerischen Archive im zweiten Weltkrieg. In: Archivalische Zeitschrift 46 (1950) S. 41–76, hier S. 76. 40

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antwortlich durch den einflussreichen Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek Rudolf Buttmann erwirkt.44 B e h a r r e n d e Tr a d i t i o n e n : A r ch iva l i e n - Au s e i n a n d e r­ s e t z u n g e n z w i s ch e n P r e u ß e n u n d B ay e r n Nachdem die langjährigen Ausgleichsverhandlungen zwischen den Archivverwaltungen Bayerns und Preußens 1908 erfolglos zu Ende gegangen waren, kam das Thema erst 1931 wieder auf. Der Anstoß ging nicht etwa vom neuen Generaldirektor Albert Brackmann aus, sondern vom Direktor des Düsseldorfer Staatsarchivs Bernhard Vollmer, der am 20. Februar von Brackmann die Erlaubnis zur Aufnahme von Ausgleichsverhandlungen mit Bayern erbat.45 Vollmer forderte zum einen 227 Geldernsche Urkunden aus dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds, die er als Austauschmasse für Düsseldorfs Ausgleich mit den Niederlanden benötigte; zum anderen wünschte er die Abgabe von bayerischen Ministerialakten zu Jülich-Cleve-Berg aus München, Speyer und Neuburg, für die er zum größten Teil erst gar keine Provenienzbegründung suchte, sondern vielmehr deren bessere Benutzbarkeit in Düsseldorf vor dem Hintergrund von Düsseldorfer Archivalienverlusten betonte. Riedner verwies in seiner Antwort an Vollmer auf die noch nicht erfolgte Behandlung der Geldernschen Urkunden im Wittelsbacher Ausgleichsfonds und bat um Vertagung der Sache.46 Deutlich ablehnend behandelte er dabei die Forderung nach den Jülich-Cleve-Berg-Überlieferungen, indem er deren bayerische Provenienz und Verzahnung mit den sonstigen Ministerialakten betonte. Zudem verglich er deren Verbleib mit dem der fränkisch-bayreuther Ministerialregistratur aus dem ehemaligen Plassenburger Archiv im Preußischen Geheimen Staatsarchiv, deren Verbleib in Berlin-Dahlem damals unbestritten war. Nach erneutem Vorstoß Vollmers und einer Berichtsaufforderung an das Geheime Staatsarchiv lehnte Brackmann schließlich Vollmers Forderungen nach den Ministerialakten im Februar 1933 wegen fehlender wissenschaftlicher Begründung ab.47 Kaum war die Machtübertragung vollzogen, wurde das Thema am 27. März wieder aufgeworfen. Abermals ging die Wiederaufnahme jedoch Grau (wie Anm. 41) S. 201–206. GStA PK, I. HA Rep. 178 Generaldirektion der Staatsarchive, Nr. 720, Bl. 166. 46 Ebd. Bl. 167 f. 47 Ebd. Bl. 177–181 (handschriftliches Konzept Brackmann; Reinschrift: Bl. 182–188). 44 45

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nicht von Brackmann aus, sondern erneut von Bernhard Vollmer, der seine Forderungen wenig modifiziert wiederholte, jedoch zudem bei Brackmann das Zusammenstellen von adäquaten Gegengaben für Bayern aus den Preußischen Staatsarchiven erbat.48 Brackmann löste Ende April 1933 tatsächlich eine solche Umfrage unter den Preußischen Staatsarchiven aus und schlug Riedner am 19. Juli 1933 die Aufnahme von Ausgleichsverhandlungen vor.49 Riedner blieb zunächst unverbindlich, erbat sich den konkreten Düsseldorfer Forderungskatalog und ließ sich schließlich mit seiner Antwort bis zum 13. Februar 1935 Zeit.50 Auch diese Antwort war mit Verweis auf das Provenienzprinzip unverändert ablehnend. Brackmann, der auch das Geheime Staatsarchiv noch einmal beteiligte, antwortete dem Bayerischen Generaldirektor am 7. März 1935: „Die Preußische Archivverwaltung kann und wird daher keine Ansprüche auf die letztgenannten bayerischen Archivalien erheben.“51 Düsseldorf sollte sich mit Archivreisen, Abschriften und Findmittel-Kopien begnügen. Am 4. April 1935 verfügte er Vollmer seine Ablehnung für die Verhandlungen.52 Die grundsätzliche Austauschfrage kam 1937 jedoch noch einmal auf die Tagesordnung, als Speyer und Wiesbaden über Archivalien der Herrschaft Kirchheim-Stauf verhandelten, Wiesbaden dies aber mit der Forderung nach kurmainzischen Archivalien aus München verband.53 Der nunmehrige (kommissarische) Generaldirektor Ernst Zipfel verfügte daraufhin am 18. Mai 1937: „Ich halte es nicht mehr für zweckmäßig, einen speziellen Archivalienaustausch zwischen den Staatsarchiven zu Wiesbaden und Speyer vorzunehmen, sondern möchte die notwendige archivalische Flurbereinigung zwischen den einzelnen deutschen Archivverwaltungen möglichst bis zu dem Zeitpunkt verschieben, wo derartige Fragen zentral von einer archivalischen Reichsleitung nach fachlichen Gesichtspunkten und nicht in Form von Handelsgeschäften erledigt werden können.“54 Es war nun aber Riedner, der dieser Diskussion wieder Nahrung gab, indem er am 19. Juni 1937 einen Speyerer Codex aus Köln erwerben wollte und im Gegenzug zwar nichts für das Stadtarchiv Köln zu geben hatte, jedoch Urkunden des Stiftes Wolf an der Mosel aus München für das Preußische Ebd. Bl. 190 f. Ebd. Bl. 196 (28.4.1933) und Bl. 216 f. (19.7.1933). 50 Ebd. Bl. 218 (05.8.1933) und Bl. 223 f. (13. 2.1935). 51 Ebd. Bl. 226. 52 Ebd. Bl. 232. 53 Ebd. Bl. 233–235. 54 Ebd. Bl. 235. 48 49

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Staatsarchiv Koblenz anbot.55 Damit verursachte Riedner, dass die von Zipfel eigentlich auf Eis gelegte Ausgleichsfrage einen neuen Schub erhielt. Ende 1937 erbat Zipfel Bericht seiner Staatsarchive zu einem generellen Ringtausch zwischen Bayern und Preußen.56 Düsseldorf wiederholte dabei seine bekannten Forderungen und nominierte Abgabekomplexe; auch Hannover, Koblenz, Wiesbaden sowie Breslau benannten Archivalien für einen Austausch.57 Selbst das Geheime Staatsarchiv stieg mit ein, indem es neben 30 Urkunden aus seiner Urkundensammlung die ansbachische Residentur in Wien und tatsächlich die Akten der Markgrafen von Ansbach betreffend die protestantische Union anbot.58 Natürlich aber lag das Problem im Detail. So berichtete Koblenz am 7. Juni 1938 an Zipfel, dass eine Abgabe nach dem Pertinenzprinzip nicht angedacht, die Zeit für Provenienzanalysen in Anbetracht eingehender sonstiger Aktenmassen aber nicht vorhanden sei.59 Schließlich vermerkte Zipfels Sachbearbeiter Georg Winter am 15. Oktober 1938 das Ende der Diskussion: „Die Austauschverhandlungen mit Bayern werden vorläufig noch zurückgestellt.“60 Auch die nationalsozialistische Zeit führte also nicht dazu, dass die Grundsätze des Provenienzprinzips für Fragen des innerdeutschen Archivalienausgleichs zwischen Bayern und Preußen über Bord geworfen wurden – im Gegensatz zu diversen archivischen Fehlgriffen deutscher Archivare im Kriegseinsatz oder während der letzten Kriegswochen.61 Ob die innerdeutsche Wahrung des Provenienzprinzips allerdings bei fortschreitender „Reichsreform“ so geblieben wäre, darf bezweifelt werden. Zipfel selbst hatte am 18. Mai 1937 gegenüber Wiesbaden die ArchivalienEbd. Bl. 237 f. Ebd. Bl. 243. 57 Hannover: ebd. Bl. 245–247; Breslau: ebd. Bl. 248; Wiesbaden: ebd. Bl. 248 f.; Koblenz: ebd. Bl. 256 f.; Düsseldorf: ebd. Bl. 261–268. 58 Ebd. Bl. 270–274. 59 Ebd. Bl. 282. 60 Ebd. Bl. 283. 61 Vgl. nur Lehr (wie Anm. 34), hier z.B. S. 126–132 (Archivalienauseinandersetzung im Generalgouvernement mit z.T. vermischter und „bedarfsbezogener“ Anlegung von Provenienz- und Pertinenzprinzip), S. 235–241 (Plünderungen und Zerstörungen Warschauer Archive durch Wehrmacht und SS mit Brandkatastrophe im „Zentralarchiv für moderne Akten“ während des Warschauer Aufstands nach zuvor offenbar bewusst verzögerter Flüchtung von Archivgut unter dem damaligen Warschauer Archivamtsleiter Hans Branig), S. 241–245 (zur Grenzfrage von Auslagerung und Archivalienversendung ins Reich vs. Archivalienraub am Beispiel des Stadtarchivs Lemberg). – Siehe zu Aktenvernichtungen des Preußischen Staatsarchivars Erich Weise im Reichsministerium des Innern Ende März 1945: Kriese, Albert Brackmann und Ernst Zipfel (wie Anm. 7), S. 64. 55 56

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Ausgleichsfrage als zukünftige Aufgabe für eine Reichsarchivverwaltung zurückgestellt. Er machte dies an der Frage fest, ob das ehemalige Mainzische Regierungs- und Landesarchiv grundsätzlich wieder im Staatsarchiv Darmstadt vereinigt werden könnte oder ob die entsprechenden Archivalien nach Lage der ehemaligen Besitzungen auf die Archive aufgeteilt werden sollten, in deren Sprengel die betreffenden „Landstriche“ dann zu liegen kämen. „Im letzteren Falle scheint über die Unterbringung der Archivalien noch lange nicht das letzte Wort gesprochen zu sein, sondern jede dereinstige Veränderung der Verwaltungsbezirke könnte sich auch auf die Bestände der Staatsarchive erneut auswirken.“62 Fa z i t Die Preußischen Generaldirektoren und Reichsarchivdirektoren Albert Brackmann und Ernst Zipfel besaßen keine Verfügungsgewalt gegenüber den Bayerischen Generaldirektoren und den Staatlichen Archiven Bayerns; auszunehmen ist davon lediglich die Weisungsbefugnis des Kommissars für Archivschutz Ernst Zipfel seit Juli 1942 für Luftschutzmaßnahmen der Archive im gesamten Reichsgebiet, die in Bezug auf die Staatlichen Archive Bayerns aber bis auf einige Berichtssachen keine markanten Folgen hatte. Die Zeit des Nationalsozialismus war bei allem Wandel im deutschen Archivwesen auch eine Zeit des Beharrens und Wartens – des Wartens auf die Durchführung der „Reichsreform“ und des Beharrens in traditionellen Arbeits- und Verwaltungsstrukturen. Auch wenn die Staatlichen Archive Bayerns am 31. Mai 1933 einen Ressortwechsel vom Staatsministerium des Äußern, für Wirtschaft und Arbeit (bzw. seit April 1933 der Staatskanzlei) zum Bayerischen Kultusministerium vornehmen mussten, blieben sie doch Teil der bayerischen Verwaltung, wenn auch in mittelbarer Unterstellung zum Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Die „Reichsreform“ verzögerte sich, blieb seit Mitte der 1930er Jahre mehr oder weniger stecken und wurde schließlich auf die Zeit nach dem Krieg verschoben. Somit wurde auch keine einheitliche Reichsarchivverwaltung durchgesetzt. Die Handlungsoptionen für die Staatlichen Archive Bayerns waren also nicht in der Berliner Preußischen Archivverwaltung oder im Potsdamer Reichsarchiv durch Albert Brack62

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mann oder Ernst Zipfel vorgegeben, eher noch im Wissenschaftsministerium Bernhard Rusts oder im Reichsministerium des Innern, vor allem aber in München selbst.

Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus in der NS-Zeit Von Hermann Rumschöttel Dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus und seiner schriftlichen Überlieferung kommt bei Fragen zur Geschichte des staatlichen Archivwesens zwischen 1933 und 1945 große Bedeutung zu. Nach der Auflösung des Staatsministeriums des Äußern und der Errichtung einer Staatskanzlei im April 1933 wurde der Kompetenzbereich des Kultusministeriums unter anderem durch die zum 1. Juni 1933 erfolgte Übertragung der Zuständigkeit für das zivile Archivwesen des Staates erweitert. Das Staatsministerium für Unterricht und Kultus war jetzt auch Archivministerium mit entsprechendem, im Einzelfall genauer zu ermittelndem Einfluss auf die personellen, finanziellen, räumlichen, fachlichen und politischen Weichenstellungen in den staatlichen Archiven Bayerns.1 Dieser Beitrag nimmt – gleichsam als Basisinformation für die folgenden Darstellungen einzelner Themenfelder – das Ministerium als Ganzes, seine innere Entwicklung und seine Arbeitsschwerpunkte während des NSStaates in gebotener Kürze in den Blick.2 Dabei darf man nicht übersehen, dass, anders als in der Zeit der Monarchie, anders als in den Weimarer Jahren und anders als nach 1945/46 die außerministeriellen, verfassungs- und staatsrechtlich nicht vorgesehenen Einflüsse auf das Handeln der obersten leitenden und vollziehenden Behörde für die öffentlichen Unterrichts- und Bildungsaufgaben, die Wissenschaft, die Kultur, das Verhältnisses von Staat und Kirche und die Religion zwischen 1933 und 1945 besonders groß gewesen sind. Hitler, die politische Organisation der NSDAP, die Gliederungen und angeschlossenen Verbände der Partei beeinflussen oder bestimmen auch die fortbestehende Staatsverwaltung. Andererseits konnten sich eine starke VerDas Kriegsarchiv war 1920 zunächst dem Außenministerium und ab 1933 der Staatskanzlei nachgeordnet. 1937 erfolgte die remilitarisierende Eingliederung als Heeresarchiv München in das System der deutschen Militärarchive in der Wehrmacht. 2 Hermann Rumschöttel, Geschichte des bayerischen Kultusministeriums von der Errichtung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst (Hrsg.), Tradition und Perspektive. 150 Jahre Bayerisches Kultusministerium, München 1997, S. 45–101. 1

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ankerung des Ministers in der Partei oder eine besondere Nähe zu Adolf Hitler positiv auf die Handlungsspielräume des Ministeriums auswirken und dadurch eventuell Einwirkungen neutralisieren, die vom Reichsstatthalter, vom Ministerpräsidenten, vom Reichsinnenministerium oder von dem am 1. Mai 1934 errichteten Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung ausgingen. Ein kompliziertes Spiel der Kräfte – sowohl bei der theoretischen Kompetenzverteilung wie im praktischen Vollzug. Die Forschung konnte und kann dies anhand zahlreicher Fallbeispiele konkretisieren.3 Die Forschungslage hat sich in den letzten Jahren vor allem dadurch gebessert, dass die die regionale Zeitgeschichte Bayerns in den 1970er und 1980er Jahren des 20. Jahrhunderts bestimmenden gesellschaftsgeschichtlichen Fragestellungen durch Arbeiten zu Regierung und Herrschaft ergänzt wurden, darunter weiterführende Studien und Analysen, die im expandierenden Feld der modernen Verwaltungsgeschichte angesiedelt sind.4 Zum bayerischen Kultusministerium der Weimarer Zeit ist vor allem auf Lydia Schmidts Arbeit über Kultusminister Franz Matt (1920–1926)5 und die Studie von Maria Magdalena Bäuml über die Jahre 1926 bis 19336, also die Zeit von Kultusminister Franz Xaver Goldenberger zu verweisen. Eine vergleichbare Monografie für die NS-Zeit fehlt zwar noch, aber insbesondere Winfried Müllers einschlägige Untersuchungen7 erhellen bereits wichtige personelle und strukturelle Entwicklungen, so das Tableau Hermann Rumschöttel – Walter Ziegler (Hrsg.), Staat und Gaue in der NS-Zeit. Bayern 1933–1945 (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Beiheft 21, Reihe B), München 2004. 4 Walter Ziegler, Überblick und Bibliographie. In: Rumschöttel – Ziegler (wie Anm. 3) S. 671–736, v.a. S. 711–717. 5 Lydia Schmidt, Kultusminister Franz Matt (1920–1926) (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 126), München 2000. – Lydia Grosspietsch, Staatsministerium für Unterricht und Kultus (Weimarer Republik), publiziert am 2.11.2006. In: Historisches Lexikon Bayerns, http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Staatsministerium für Unterricht und Kultus (Weimarer Republik) (eingesehen 23.5.2018). 6 Maria Magdalena Bäuml, Kulturpolitik gegen die Krise der Demokratie. Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus (1926–1933) (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 168), München 2018. 7 Winfried Müller, Gauleiter als Minister. Die Gauleiter Hans Schemm, Adolf Wagner, Paul Giesler und das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus 1933–1945. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 60 (1997) S. 973–1021. – Ders., Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus: Verwaltung und Personal im Schatten der NS-Politik. In: Rumschöttel – Ziegler (wie Anm. 3) S. 197–215. – Ders., Schulpo3

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der Gauleiter als Minister, also Hans Schemm (zu dem wir außerdem über eine von Franz Kühnel erarbeitete politische Biografie verfügen8), Adolf Wagner und Paul Giesler sowie die NS-Ideologisierung des ministeriellen Handelns mit ihren antisemitischen, antikirchlichen und antisozialistischen Stoßrichtungen. Eine biografische Skizze Ernst Boepples ist ein Desiderat.9 Ministerpräsident und Landesregierung insgesamt sind Thema der Dissertation von Daniel Rittenauer10, der auch für die Edition der Ministerratsprotokolle der NS-Zeit verantwortlich ist. Für eine Reihe von Ministerien liegen Arbeiten von unterschiedlicher Intensität vor, die eine vergleichende Betrachtung des Kultusministeriums möglich machen.11 Nach Rittenauers vorläufiger Einschätzung war das Kultusressort das schwächste im Konzert der bayerischen Ministerien, trotz der Größe des nachgeordneten Bereichs.12 Noch ein abschließender Hinweis zur Forschung und, um ein Beispiel aus der Gruppe zahlreicher weiterer biografischer, prosopografischer und sachthematischer Einzelstudien zu nennen: Susanne Wanningers große Arbeit über Rudolf Buttmann, der, Fraktionsvorsitzender der NSDAP im Bayerischen Landtag, sich selbst gerne als erster nationalsozialistischer Kultusminister in Bayern gesehen hätte und dessen Nachlass wichtige Informationen zur politisch-administrativen Machtübernahme in München enthält, ist zugleich ein Exempel für die unverzichtbare Aussagekraft nicht-staatlicher Quellenüberlieferung.13 Die früheren Klagen über eine unzureichende Forschungslage sind also nur mehr bedingt berechtigt, wenn auch besonders im nachgeordneten Bereich der Ministerien Lücken existieren. litik in Bayern im Spannungsfeld von Kultusbürokratie und Besatzungsmacht 1945–1949 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 36), München 1995. 8 Franz Kühnel, Hans Schemm. Gauleiter und Kultusminister (1891–1935) (Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte 37), Nürnberg 1985. 9 Zu Boepple müssten auch die einschlägigen Unterlagen der polnischen Justiz ausgewertet werden. 10 Daniel Rittenauer, Das Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten in der NS-Zeit (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 169), München 2018. 11 Nachweise in der von Walter Ziegler erstellten Bibliographie (Anm. 4) sowie Einzelbeiträge im Sammelband: Rumschöttel – Ziegler (wie Anm. 3). 12 Für einschlägige Informationen danke ich Daniel Rittenauer. 13 Susanne Wanninger, „Herr Hitler, ich erkläre meine Bereitwilligkeit zur Mitarbeit.“ Rudolf Buttmann (1885–1947), Politiker und Bibliothekar zwischen bürgerlicher Tradition und Nationalsozialismus (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen 59), Wiesbaden 2014.

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Die sogenannte Machtergreifung, die nationalsozialistische Machtübernahme in Bayern14, begann am 9. März 1933 durch die von Reichinnenminister Frick verfügte Ernennung Franz Xaver Ritter von Epps zum Reichskommissar und die sich anschließende, die Usurpation der Regierungsgewalt einleitende Ernennung von Kommissaren, die dem Innen-, Justiz- und Finanzministerium zugeordnet wurden. Goldenbergers Kultusministerium blieb ohne Kommissar, vermutlich wegen der noch offenen Frage einer eventuellen bayerischen Regierungskoalition von NSDAP und BVP. Nach dem Rückzug Helds aus dem Ministerpräsidentenamt am 15. März 1933 trat an die Stelle des Gesamtministeriums ein kommissarischer Ministerrat mit Epp als kommissarischem Ministerpräsidenten und Minister des Äußern, den bisherigen Staatskommissaren Adolf Wagner, Ludwig Siebert und Hans Frank als kommissarische Staatsminister des Innern, der Finanzen und der Justiz und dem NSDAP-Reichstagsabgeordneten, Lehrer, Gauleiter der Bayerischen Ostmark und Vorsitzenden des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) Hans Schemm als kommissarischem Kultusminister. Nach dem 1. Reichsstatthaltergesetz wurden am 12. April Siebert als Ministerpräsident und die erwähnten kommissarischen Minister definitiv ernannt. Fünf kurze Schlaglichter sollen im Folgenden wichtige Aspekte der NSGeschichte des Ministeriums beleuchten. Sie werden auf die Veränderungen bei der Zuständigkeit, dann auf das Führungspersonal, die personellen Veränderungen im Haus, auf die Organisation des Ministeriums und schließlich auf die Schwerpunkte seiner Aktivitäten geworfen.15 Zunächst zum Kompetenzbereich. Neben der bereits angesprochenen neuen Zuständigkeit für das zivile Archivwesen übernahm das Ministerium in vollem Umfang die Angelegenheiten der Kunst, der Wissenschaft, des Bibliothekswesens, der Erziehung und des Unterrichts, an denen das Außenministerium bisher beteiligt war, sowie die Zuständigkeit für die ausländischen Doktortitel und Studienreisen von Ausländern. Der Bereich der Theater wurde dem Ministerium im Jahr 1936 entzogen und als „Oberste Theaterbehörde in Bayern“ Wagners Innenministerium übertraWalter Ziegler, Die „Machtergreifung“, 9. März 1933, publiziert am 12.3.2007. In: Historisches Lexikon Bayerns, http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Die „Machtergreifung“, 9. März 1933 (eingesehen 23.5.2018). 15 Ich orientiere mich im Folgenden vor allem an meinen Ausführungen in: Rumschöttel, (wie Anm. 2) S. 85–92. Dort finden sich auch die Quellen- und Literaturnachweise. 14

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gen. Angelegenheiten der Kunstpflege und Kunstförderung kehrten zwar 1944 zurück, die volle Theaterzuständigkeit aber erst im Zuge des Wiederaufbaus der Ministerialorganisation nach 1945. Grundsätzliche, ja grundstürzende Bedeutung gewannen die Veränderungen bei der behördlichen Aufbauorganisation nach der endgültigen Gleichschaltung der Länder durch das Gesetz über den Neuaufbau des Reichs vom 30. Januar 1934. Das bayerische Kultusministerium wurde eine dem für die nationalsozialistische Schul- und Kulturpolitik zentral verantwortlichen Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung nachgeordnete Reichsmittelbehörde. Die Verwaltungs- und Schulorganisation unter dem bayerischen Kultusministerium blieb jedoch im Wesentlichen erhalten – mit den entsprechenden mentalen Auswirkungen dieser Kontinuität. Damit ist gemeint, dass dem Ministerium auch weiterhin eine gefühlte zentralbehördliche Funktion zukam. Diese Feststellung müsste allerdings durch weitere mentalitäts- und kulturgeschichtliche Untersuchungen des ministeriellen Apparats und des nachgeordneten Bereichs überprüft und gegebenenfalls erhärtet werden.16 Schlaglicht 2: die Spitze des Hauses. Der 41-jährige Hans Schemm übernahm das Kultusministerium am 17. März 1933 und leitete es bis zu seinem Tod durch einen Flugzeugabsturz am 5. März 1935, also lediglich knapp zwei Jahre. Seine Funktionen als Gauleiter des Gaues Bayerische Ostmark und als Vorsitzender des Nationalsozialistischen Lehrerbundes behielt er bei, zudem stand er ab 1934 an der Spitze des Hauptamts für Erzieher der Reichsleitung der NSDAP. In einer programmatischen Antrittsrede vor dem gesamten Personal des Ministeriums – allerdings ohne den bisherigen Minister Goldenberger, der wenige Tage später in Haft genommen und einige Wochen in Stadelheim festgehalten wurde – forderte Schemm alle zur Mitarbeit in einem Ministerium auf, das er als „Sachwalterin kultureller, d.h. seelischer, geistiger, nationaler und religiöser Belange“ bezeichnete. Die folgenden Ausführungen lassen einen unerwarteten, aber kennzeichnenden Aspekt seines Wirkens erkennen, der insbesondere in kirchlichen Kreisen vorübergehend als eine Art Entwarnung missverstanden wurde: „Jeder der Versammelten müsse sich über die letzten und höchsten Ziele des menschlichen Seins 16 Beispiel für eine einschlägige jüngere Untersuchung: Jürgen Finger, Eigensinn im Einheitsstaat. NS-Schulpolitik in Württemberg, Baden und im Elsass 1933–1945, Baden-Baden 2016.

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klarwerden und damit eine bejahende Stellung zum Leben und zu seinen göttlichen Aufgaben einnehmen, d.h. im Gegensatz zu den zerrütteten und vernichtenden Tendenzen einer vergangenen liberalistisch-marxistischen Zeit die große nationalsozialistische Parole erkennen: Hin zum Ganzen, Hin zur Volksgemeinschaft, Hin zur Gemeinschaft mit Gott.“17 In einer Ende März verbreiteten Grundsatzerklärung Schemms zu den neuen Grundlagen von Schule und schulischem Lehramt nahm er auch den von ihm öfters verwendeten Satz auf: „Unsere Religion heißt Christus, unsere Politik heißt Deutschland.“ Die emotionale Pathetik des charismatischen Redners, ein von der Ämtervielfalt erzwungener Rückzug auf Grundsätzliches, bei der praktischen Durchsetzung nationalsozialistischer Kernziele von eher zurückhaltender Radikalität und fehlende Erfahrung auf dem facettenreichen Feld bayerischer Kulturpolitik – das sind Eindrücke von Hans Schemm, die man beim Studium der Quellen gewinnt. Was ein staatliches Archiv ist, wusste er wohl kaum. Größeres konkretes Interesse zeigte er bei Volksschule und Lehrerausbildung, also seinem eigenen beruflichen Erfahrungsraum. Nach Schemms Tod wurde zunächst kein neuer Minister ernannt. Hintergrund dieser Vakanz waren politische Auseinandersetzungen zwischen der Landesregierung und dem Reichsstatthalter. Staatsrat Dr. Ernst Boepple, der selbst auf das Ministeramt hoffte und als Gegenspieler des gleichfalls ambitionierten Postensammlers Adolf Wagner, Gauleiter von München-Oberbayern und Innenminister, wirkte, führte bis November 1936 das Ministerium kommissarisch und darf als „de-facto-Kultusminister“ dieser eineinhalb Jahre bezeichnet werden. Hans Schemm, der wegen seiner Funktionen in Bayreuth und in Berlin sowie seiner zahlreichen Redeauftritte häufig abwesend war, hatte zunächst den zum 1. Juli 1933 als Ministerialdirektor ernannten vormaligen Vorstand des Bezirksamts Pfaffenhofen Karl August Fischer als Vertreter eingesetzt. Schon bald aber avancierte der im Mai 1933 von Schemm „zur besonderen Dienstleistung“ und dann für das Referat 7 (Bibliotheken, Schrifttum, Film, Rundfunk, Kunstpflege, Heimatpflege, Volkskunde, Volksbildung) und zur „Mitzeichnung in allen politischen Angelegenheiten“ ins Ministerium berufene ehemalige Lehrer und Verleger von antisemitischen und nationalsozialistischen Schriften Dr. Ernst Boepple zum Staatsrat und Minister-Vertreter. Er bleibt, bis zu seiner Entmachtung

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Zit. nach Kühnel (wie. Anm. 8) S. 288.

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durch Adolf Wagner im Jahr 1937 eine, ja streckenweise die zentrale nationalsozialistische Steuerungsfigur des Ministeriums.18 Boepple verstand sich als einen der frühesten Gefolgsmänner Hitlers. Auf ihn gehen wichtige ideologische Entscheidungen in dem nach Schemms Tod politisch aktiver werdenden Kultusministerium zurück. Hinzuweisen ist vor allem auf eine Intensivierung des Kirchenkampfes mit erheblichen Auswirkungen im schulischen Bereich. Auf Wunsch Hitlers war er im März 1937 zum Staatssekretär ernannt worden. Nicht nur seine „konziliantere Härte“ bei der Durchsetzung seiner nationalsozialistischen Ziele und sein auf das Ministeramt zielender Ehrgeiz führten zur Zerrüttung des Verhältnisses zu Adolf Wagner. Maßgebend waren wohl vor allem unterschiedliche Charaktereigenschaften. Boepple wurde zunächst innerministeriell entmachtet, dann 1939 beurlaubt. Über eine militärische Dienstleistung kam er in führende Funktionen der Regierung des Generalgouvernements in Krakau, er war dort der dritte Mann in der Frankschen Hierarchie, Anfang März 1945 tauchte er – immer noch beurlaubter Staatssekretär des Kultusministeriums – noch einmal als Leiter der Staatskanzlei in München auf, wurde nach Kriegsende von den Amerikanern an Polen übergeben und dort im Dezember 1950 hingerichtet. Zurück zum Münchner Kultusministerium. Nach eineinhalbjähriger Vakanz wurde am 28. November 1936 der fanatische Nationalsozialist und glühende Verehrer Hitlers, Gauleiter und Innenminister Adolf Wagner mit der Leitung des Kultusressorts beauftragt, das er bis zu seinem krankheitsbedingten Rückzug 1942 bzw. de jure bis zu seinem Tod 1944 leitete. An die Stelle der gebremsten Radikalität der ersten Jahre trat nun die rüde Brutalität der „Bewegung“ ganz in den Vordergrund. Nach Wagners Ausscheiden wurde der Gauleiter von Westfalen-Süd Paul Giesler damit beauftragt, die Geschäfte des bayerischen Innenministeriums und des Kultusministeriums zusammen mit dem NSDAP-Gau München-Oberbayern zu führen. Nach dem Tod von Ministerpräsident, Finanzminister und Wirtschaftsminister Ludwig Siebert am 1. November 1942 übernahm Giesler auch dessen Funktionen, zunächst kommissarisch,

Bayerisches Hauptstaatsarchiv MK 54119 (Personalakt), OP 5099 (Offizierspersonalakt), Reichsstatthalter 174, StK 7578, Sammlung Personen 7207. – Staatsarchiv München, Spruchkammern Karton 167 (Boepple). – Unterlagen zu Boepples Aktivitäten in Polen finden sich im Warschauer Archiv für Nationales Gedächtnis (Instytut Pamięci Narodowej).

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dann partiell definitiv. Der Krieg und seine Folgen in Bayern prägten in immer dominanter werdenden Umfang das kultusministerielle Handeln. Blickt man zusammenfassend auf die Führungsebene des Kultusministeriums, dann fallen ein häufiger Wechsel und lange Vakanzen ebenso auf wie die hart, ja brutal geführten Auseinandersetzungen zwischen wichtigen bayerischen Repräsentanten des NS-Establishments. Streckenweise wird das Ressort eher im Nebenamt geführt oder von alten Kämpfern als eine Art Trophäe verstanden. Dennoch lassen sich bei jedem Minister oder Ministervertreter typische Vorgehensweisen und Handlungsschwerpunkte erkennen. Bei der innerministeriellen Personalpolitik – Schlaglicht 3 – lässt sich bei Schemm eine erste Säuberungs- und „Nazifizierungs“-Phase mit der Einsetzung von nationalsozialistischen Beauftragten – Hans Dietrich, Max Kolb, Hans Roder – erkennen. Hinzu kam die Ruhestandsversetzung einiger bisheriger Spitzenbeamter. Staatsrat Dr. Jakob Korn und Ministerialdirektor Richard Hendschel (Volksschulabteilung) mussten ebenso gehen wie der der SPD nahestehende Oskar Vogelhuber und Marie Freiin von Gebsattel, eine ehemalige BVP-Landtagsabgeordnete und scharf antisozialistische Katholikin. 1921 war sie die erste weibliche Referentin im Kultusministerium gewesen. Auf einen umfassenden Personalwechsel verzichtete Schemm. Er vertraute der einschüchternden, die „Schere im Kopf“ intensivierende Wirkung punktueller Maßnahmen. In diesem Sinne schrieb Vogelhuber im Oktober 1933 an Hans Meinzolt, den Leiter der Rechtsabteilung des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenrats: „Ausgeschieden heißt bald vergessen und dazu kommt in solchen Fällen die Furcht der im Dienste Belassenen vor einer Gemeinschaft mit den Ausgestoßenen.“19 Neben eine beschränkte nationalsozialistische Umstrukturierung trat in den ersten Monaten nach der Machtübernahme der Ersatz katholischer Spitzenbeamter durch solche protestantischer Konfession. Schemm, Boepple und Fischer waren evangelisch. Von den neu eingesetzten Abteilungsleitern bekannten sich Fischer, Dr. Karl Müller und Siegfried von Jan zum Protestantismus, nur der Abteilungsleiter II (Dr. Johann Bauer-

19 Landeskirchliches Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Nürnberg, Nachlass Meiser 63 (zit. nach Winfried Müller, Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus (wie Anm. 7), S. 209).

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schmidt) war Katholik. Evangelisch waren auch die erwähnten „Beauftragten“ Schemms. Nach der zwar nationalsozialistisch geprägten, aber auch pragmatischen und vom öffentlichen Dienst- und Verwaltungsrecht mitbestimmten Phase 1933 bis 1936 folgte ein bis 1941 dauernder Abschnitt personalpolitischer Radikalisierung. Wichtigster Vorgang dabei war die Errichtung eines „Politischen Stabes“ im April 1937, zugleich ein Kampfinstrument Wagners in seiner Auseinandersetzung mit Boepple. Im Jahr 1941 mussten die letzten höheren Beamten, die der Bayerischen Volkspartei bis zur Auflösung angehört hatten und der Politischen Organisation der NSDAP nicht beigetreten waren, das Ministerium verlassen: die Ministerialräte Dr. Albert Decker, Wilhelm Emnet, Dr. Eugen Mayer und Max Sayler sowie der Regierungsrat Dr. Joseph Mayer.20 Schlaglicht 4: Ein völlig neues Element in der überkommenen Aufbauorganisation des Ministeriums, das zwischen 1933 und 1940 seine Abteilungen (4 auf 7), Referate (13 auf. 27) und Mitarbeiter (50 auf 100) ungefähr verdoppelte, war der am 21. April 1937 errichtete Politische Stab, mit dem die Beamten endgültig unter nationalsozialistische Kuratel gestellt wurden. Diese Wagner unmittelbar zugeordnete Stabsstelle sollte Angelegenheiten von besonderer politischer Bedeutung bearbeiten und den Minister direkt unterstützen. Das Personal kam aus dem NS-Apparat: Der Obergebietsführer der Hitler-Jugend Emil Klein als Stabsleiter wurde für Fragen aus dem Aufgabenbereich des Reichsjugendführers zuständig, der Leiter der NS-Oberschule Feldafing und SA-Oberführer Julius Görlitz für Unterricht und Erziehung, Gauamtsleiter Leichtenstern für Kunsterziehung und der ehemalige Gauleiter von Niederbayern-Oberpfalz Franz Maierhofer für Kirchenangelegenheiten. Man kann in diesem Politischen Stab eine Organisationsform erkennen, die mit „Spiegelreferaten“ zur politischen Kontrolle arbeitet. Als zusätzliches nationalsozialistisches Steuerungselement entstand durch Ministerialerlass vom 29. November 1939 eine dem „alten Kämpfer“ Theodor Baumann übertragene Personalabteilung, die im gesamten Zuständigkeitsbereich des Ministeriums die „einheitliche Ausrichtung in Zu Joseph Mayer u.a.: Hans-Joachim Hecker, Bayerisches Konkordat und Reichskonkordat. Die Verweigerung des Nihil obstat durch Kardinal Faulhaber bei der Berufung des Kanonisten Hans Barion nach München im Jahr 1938. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung 100 (2014) S. 407–427, hier S. 416 f.

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der Behandlung von Personalangelegenheiten in politischer Hinsicht“ garantieren sollte. Bis September 1942 Unterabteilung P in der Zentralabteilung, führte Baumanns Geschäftsbereich anschließend die Bezeichnung „Der Personalreferent im Staatsministerium für Unterricht und Kultus“. Baumann hatte unmittelbares Vortragsrecht beim Minister, prüfte alle wichtigen Personalvorschläge und durfte auf diesem Sektor auch selbst aktiv werden. Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf die Arbeitsschwerpunkte des Ministeriums.21 In einem Tätigkeitsbericht vom März 1936, zum „3. Jahrestag der Regierungsübernahme“ wurde unter anderem ausgeführt: „Die politische und geistige Wende erforderte tiefgreifende Änderungen auf allen Gebieten. An sämtlichen Schulen – von der Volksschule bis zur Hochschule – wurden die Lehrer entfernt, die rassisch und politisch ungeeignet waren; die verbliebenen wurden in ständiger Zusammenarbeit von Staat und Bewegung zu ihren neuen Aufgaben hingeführt. (…) die Neugestaltung an den Hochschulen (fand) ein weites Feld. Ihr Lehrkörper wurde verjüngt; dadurch konnte auch die Not des akademischen Nachwuchses gemindert werden. Die Neubesetzung der Stellung bot Gelegenheit, bewährte nationalsozialistische Wissenschafter (!) zu berufen und so die Hochschulen zu nationalsozialistischen Bildungsstätten auszubauen. Diesem Ziele dienten auch die Einführung des Führergrundsatzes in die Hochschulverfassung und die Schaffung besonderer Dozentenschaften. Die Personalangelegenheiten der Hochschulen sind inzwischen vom Reichs- und Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung übernommen worden; seine Maßnahmen werden vorbereitet, durchgeführt und unterstützt. (…) Was das Büchereiwesen betrifft, so wurde alsbald nach der Machtübernahme die Entfernung des gesamten bolschewistischen, marxistischen und pazifistischen Schrifttums aus dem Ausleihverkehr der öffentlichen Bibliotheken angeordnet. (…) Die staatlichen Archive wurden in vermehrtem Umfang der Familienforschung dienstbar gemacht. (…)“.22 Der Tätigkeitsbericht verband natürlich die Darstellung konkreter Maßnahmen mit nationalsozialistischen Absichten und Plänen, vermittelt aber Vgl. u.a. Dietmar Willoweit, Nationalsozialistische Hochschul- und Wissenschaftspolitik in Bayern. In: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst (Hrsg.), Tradition und Perspektive (wie Anm. 1), S. 156–174. 22 Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Reichsstatthalter 174. 21

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dennoch ein gutes Bild der ministeriellen Aktivitäten in der NS-Zeit: Die Ausrichtung des Schulwesens in Organisation, personeller Besetzung und Lehrprogramm auf den Nationalsozialismus mit seinen antisemitischen, antikirchlichen, antisozialistischen und in gewissem Umfang auch seinen gegen die ehemalige BVP und ihr Milieu gerichteten Frontlinien, entsprechende Maßnahmen im Hochschulbereich, die weitgehende Gleichschaltung der Kulturträger sowie der Bildungs- und Jugendorganisationen, Einschränkungs- und Verfolgungsmaßnahmen gegen Geistliche und kirchliche Einrichtungen, aber auch gegen Kirche und Glaube als Teil der Mentalität der bayerischen Bevölkerung, die Durchsetzung der nationalsozialistischen Kulturpolitik. Wichtig waren aber auch langfristig modernisierende Elemente wie die Einführung der Gemeinschaftsschule oder die Errichtung der Hochschulen für Lehrerbildung in München-Pasing, Bayreuth und Würzburg, die die bisherigen Lehrerbildungsanstalten ablösten und die akademische, auf der Hochschulreife aufbauende Volksschullehrerausbildung brachten. In die neue Lehrerbildungseinrichtung in München-Pasing musste ein großer Teil des Ministeriums ausweichen, nachdem im Dezember 1944 und im Januar 1945 der Gebäudekomplex am Odeonsplatz durch Luftangriffe schwer beschädigt worden war. Die amerikanischen Besatzungstruppen stellten nach dem Einmarsch in München lapidar fest, das Ministerium für Unterricht und Kultus sei nur mehr ein Name. „At the time Education and Religious Affairs office were set up in Bavaria, the Ministry of Education and Religious Affairs existed in name only.”23

Bayerisches Hauptstaatsarchiv, OMGBY 10/50-1/17 (zit. nach Winfried Müller, Schulpolitik (wie Anm. 7), S. 12.). 23

Das Stadtarchiv München und der Historische Verein von Oberbayern in der Zeit des Nationalsozialismus Von Michael Stephan Fr a g e s t e l l u n g , M e t h o d i k u n d Q u e l l e n Am 2. August 1935 verlieh Adolf Hitler der Stadt München die zusätzliche Bezeichnung „Hauptstadt der Bewegung“. Das Stadtarchiv München verwendete diesen „Ehrentitel“ – wie viele andere Behörden und Firmen – ab diesem Zeitpunkt in seinem gedruckten Briefkopf. Es wird zu fragen

Briefkopf des Stadtarchivs München, 10. März 1939 (Stadtarchiv München, PA-11057-003, Ausschnitt).

sein, ob das Stadtarchiv München als eines der großen Kommunalarchive in Deutschland versuchte, durch besondere Aktivitäten diesem herausgehobenen Anspruch gerecht zu werden. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht – mit einem biographischen Ansatz – das Führungspersonal in der Leitung des Stadtarchivs. Dazu gehören in dem Zeitraum zwischen 1933 und 1945 drei Archivare: – Pius Dirr, der bereits 1917 (mitten im Ersten Weltkrieg) in die Leitung des Stadtarchivs berufen worden war; er trat sein Amt zwar erst 1919 definitiv an, hatte es aber über das Jahr 1933 hinaus bis zu seiner Pensionierung Ende 1938 inne;

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– Friedrich Hornschuch arbeitete seit 1921 beim Stadtarchiv, wurde 1926 zweiter wissenschaftlicher Archivar und Stellvertreter Dirrs und ging 1946 in den Ruhestand; – Reinhold Schaffer wurde Anfang 1939 zum Nachfolger Dirrs ernannt (er war zuvor Leiter des Stadtarchivs Nürnberg1) und blieb über das Ende der NS-Zeit hinaus bis 1956 im Amt. Ein genaues Augenmerk wird dabei auf die historischen Zäsuren 1933 und 1945 sowie auf das Jahr 1939 zu werfen sein, in dem die Leiterstelle neu besetzt wurde. Die wichtigste Quelle für diese Untersuchung stellen neben dem Nachlass von Pius Dirr vor allem die umfangreichen Personalakten der drei Archivare dar. Herangezogen wurden auch die damaligen Publikationen und die Verwaltungsakten des Stadtarchivs, hier vor allem mit Blick auf zeitbezogene Veränderungen in der eigenen Aufgabenstellung. In die NS-Zeit fallen auch die (erfolgreichen) Bemühungen des Stadtarchivs München, die Bibliothek und die Sammlungen des 1837 gegründeten Historischen Vereins von Oberbayern zu übernehmen, die hier ebenfalls thematisiert werden. Daraus resultiert die bis heute beständige personelle Verknüpfung von Leitung des Stadtarchivs und Vereinsvorsitz. Organisation und Gebäude Das Stadtarchiv hatte bis 1934 den seit 1917 amtierenden 2. Bürgermeister Hans Küfner als vorgesetzten Referenten. Auch danach war das Stadtarchiv in der NS-Zeit nicht direkt Oberbürgermeister Karl Fiehler (Amtszeit 1933–1945) zugeordnet, sondern Karl Tempel (1934–1940), seinem Stellvertreter, dem 2. Bürgermeister, oder – wie er seit 1935 hieß – „erstem beigeordneten Bürgermeister“. Seit 1938 war das Stadtarchiv zusammen mit sieben weiteren bislang eigenständigen Dienststellen in das Tempel direkt unterstellte Hauptververwaltungsamt eingegliedert (war also Teil der Allgemeinen Verwaltung).2 Vgl. den Beitrag von Dominik Radlmaier zum Stadtarchiv Nürnberg in diesem Band, S. 73–108. 2  „Geschäftsverteilung für die Verwaltung der Hauptstadt der Bewegung vom 1. Juli 1938“ (Stadtarchiv München, Archiv 263). – Zur „Münchner Stadtverwaltung im Nationalsozialismus“ läuft seit 2009 ein mehrteiliges und langfristiges Projekt im Auftrag des Münchner Stadtrats, das vom Historischen Seminar der LMU, München in Kooperation mit dem Stadtarchiv München durchgeführt wird; http://www.ngzg.geschichte.uni-muenchen.de/forschung/ forsch_projekte/stadtverwaltung/index.html (aufgerufen am 21.4.2017). 1

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Untergebracht war das Stadtarchiv in der NS-Zeit an drei Standorten: – im Archivgebäude am Marienplatz 16; 1890/92 hat Hans Grässel, der spätere Stadtbaurat, neben den bisherigen Archivräumen mit Adresse Petersplatz 3 und 4, die direkt an den Turm des Alten Rathauses anschlossen, einen repräsentativen Zweckbau in einem historisierenden Stil errichtet, dessen Kapazität sich aber schon nach dem Ersten Weltkrieg als zu gering erwies; – im früheren Verwaltungsgebäude an der Thalkirchnerstraße; dort lagerten die dem Stadtarchiv zugeteilten Akten der städtischen Kriegswirtschaft (damals auch Gebäude der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung); – und vor allem im ehemaligen Wehramtsgebäude an der Winzererstraße 68, das seit 1926 als Provisorium bezogen wurde; anfangs mit nur teilweiser Belegung im zweiten und dritten Stock, im Dachgeschoß sowie in Nebengebäuden; nach 1945 wurde dieses Gebäude nach und nach bis heute zum alleinigen Standort des Stadtarchivs. Seit 1928 gab es Pläne für einen Neubau des Stadtarchivs (zusammen mit der Stadtratsbibliothek) an der Stelle des alten Feuerhauses am Jakobsplatz 13, die aber nie realisiert wurden.3 Pius Dirr Berufliche und politische Laufbahn Am 24. April 1916 starb der legendäre und langjährige Archivar Ernst von Destouches; er war nach Karl August Muffat (1841–1878) seit 1879 erst der zweite hauptamtliche Archivar der Stadt gewesen. Mit seiner Nachfolge wurde nach einem langen Auswahlverfahren, das sich mitten im Ersten Weltkrieg bis 1917 hinzog, der promovierte Historiker und Archivar Pius Dirr betraut.4 Dirr, geboren am 28. November 1875 in Weisingen bei Dillingen a.d. Donau, hatte in München, Erlangen und Berlin Geschichte, Staatswissenschaften sowie deutsche Philologie und Literatur studiert. Promoviert wurde er mit einer auf Archivforschungen beruhenden Arbeit mit dem Titel „Deutsche Reichskriegs- und Kreisverfassung im Zeitalter Ludwigs XIV.“ Nach seiner Archivarsausbildung im preußischen  „Tätigkeitsbericht des Stadtarchivs 1933/34“ (Stadtarchiv München, Archiv 667; vgl. auch Nr. 166). 4  Vgl. zum Folgenden den Personalakt Dirrs (Stadtarchiv München, Personalakten 12025). 3

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Dr. Pius Dirr, der Leiter des Stadtarchivs München (1917–1938), am Schreibtisch, ca. 1930 (Stadtarchiv München, FS-PER-D-0175-02).

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und bayerischen Archivdienst wurde er 1903 Stadtarchivar in Augsburg und übernahm 1905/06 zusätzlich die Leitung der dortigen Stadtbibliothek.5 Wegen seines Einsatzes beim Militär, der die gesamte Kriegszeit andauerte, konnte Dirr sein Amt in München erst am 1. Oktober 1919 antreten. Er begann ab 1920 mit der Neugestaltung des Stadtarchivs nach seinen schon im Bewerbungsverfahren geäußerten Grundsätzen; dazu gehörte z.B. der Aufbau einer zeitgeschichtlichen Sammlung und die verstärkte Übernahme von Foto- und Filmmaterial. Interessant an dieser Archivarspersönlichkeit ist, dass Dirr ein aktiver Politiker war, der dem linken Liberalismus angehörte.6 Schon in der Monarchie saß er von 1912 bis 1918 für die Liberale Vereinigung in der Kammer der Abgeordenten, und in den ersten beiden Wahlperioden von 1919 bis 1924 für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) im Bayerischen Landtag (immer für den Stimmkreis Augsburg).7 In der 1. Wahlperiode (1919–1920) war er Initiator und Vorsitzender des sogenannten EisnerAusschusses, also der Kommission zur Prüfung bayerischer Dokumente betreffend die Friedensfrage und außerpolitische Verhältnisse während des Krieges. Dirr gab im Februar 1922 als Ergebnis die Landtagspublikation „Bayerische Dokumente zum Kriegsausbruch und zum Versailler Schuldspruch“ heraus, die die These von der deutschen Kriegsschuld zu widerlegen versuchte und damit indirekt auch die Dolchstoßlegende inhaltlich unterfütterte.8 In der 2. Wahlperiode (1920–1924) fungierte Dirr als Fraktionsvorsitzender. Zu seinem 50. Geburtstag erhielt Dirr unter

 Vgl. Kerstin Lengger, „Seel, Richtschnur und größter Schatz“ – Das Archiv der Stadt Augsburg im Wandel der Jahrhunderte. In: Michael Cramer-Fürtig (Hrsg.), Das neue Stadtarchiv Augsburg. Ein moderner Wissensspeicher für Augsburgs Stadtgeschichte (Beiträge zur Geschichte der Stadt Augsburg 6), Neustadt a.d. Aisch 2016, S. 77–141; hier S. 116 f. 6  Die Plakatsammlung des Stadtarchivs verdankt Dirr ihren großen Bestand an fast 100 DDP-Plakaten. 7  Vgl. die genauen Angaben zu Dirr im Internetportal des Hauses der bayerischen Geschichte zur Geschichte des Bayerischen Parlaments seit 1819, http://www.hdbg.de/parlament/content/persDetail.php?id=354&popH=864 (aufgerufen am 13.4.2017). 8  Bernhard Grau, Bayerische Dokumente zum Kriegsausbruch und zum Versailler Schuldspruch, 1922. In: Historisches Lexikon Bayerns, http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/ Lexikon/Bayerische_Dokumente_zum_Kriegsausbruch_und_zum_Versailler_Schuldspruch,_1922 (publiziert am 2.11.2006) (aufgerufen am 24.10.2016). – Vgl. hierzu Stadtarchiv München, Nachlass Dirr 165–174. 5

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anderem ein Glückwunschschreiben von Reichspräsident Hindenburg.9 Auch nach seiner aktiven politischen Zeit blieb Dirr ein Garant dafür, „dass in München eine liberale Auffassung doch in stärkerem Maße fortlebt, als man gemeinhin glaubt.“10 Hatte diese politische Einstellung 1933 irgendwelche Konsequenzen? Zunächst fällt auf, dass Dirr nie der NSDAP beigetreten ist. Im Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 gab er bei der Frage 5a nach Zugehörigkeit zu Parteien eine ausführliche Erklärung zur deutlichen „Kennzeichnung der nationalen Haltung des Befragten“ und führt als Beleg seine frühere Tätigkeit im Eisner-Ausschuss an.11 Nach dem Reichsgesetz vom 20. August 1934, das den Diensteid der öffentlichen Beamten und der Soldaten der Wehrmacht regelte, musste auch Dirr am 28. August 1934 den Eid auf Adolf Hitler leisten. Zuvor überstand Dirr noch die Denunziation eines ehemaligen Mitarbeiters, der glaubte, nach dem Machtwechsel sich nun für persönliche Zurücksetzung und Kränkung rächen zu können. Der Verwaltungs-Obersekretär a.D. Joseph Egner, unter Dirr geschäftsführender Beamter, schrieb am 8. September 1933 an Bürgermeister Tempel: „Der jetztige Vorstand des Stadtarchivs leistet nicht planmäßige Arbeit, von ihm ‚Bürotrott‘ genannt, sondern er arbeitet nur zur Befriedigung seiner Liebhaberei u(nd) zwar vorwiegend in Politik u(nd) was ihm gerade dazu passt, wobei das Amtspersonal noch mithelfen u(nd) die Zeit vertrödeln muss.“ Ein weiterer Vorwurf Egners war, dass Dirr kein „Kind dieser Stadt“ sei. In dem Brief folgt noch ein „Totschlag“-Argument: „Im Uebrigen dürfte seine Freundschaft mit dem berüchtigten H(einrich) Mann seine polit(ische) Gesinnung kundtun.“ Die Denunziation blieb für Dirr zum Glück ohne Folgen. Familien-, Sippen- und Rasseforschung Dirr gelang es vielmehr, sich mit verschiedenen Aktivitäten an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Der Tätigkeitsbericht des Stadtarchivs für das Jahr 1933/34 (vom 29. Mai 1934) weist bereits einen eigenen Abschnitt  Stadtarchiv München, Nachlass Dirr 5.  So in einem Schreiben des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus e.V. in Berlin an Dirr vom 18. Juni 1930 (Stadtarchiv München, Nachlass Dirr 358). 11  Personalakt Dirr (wie Anm. 4), dort auch die folgenden Belege. 9

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zur „Familien-, Sippen- und Rasseforschung“ aus. Darin wird darauf verwiesen, dass man nicht erst auf Anweisung des Oberbürgermeisters vom September 1933 die Aufgabe einer Auskunfts- und Beratungsstelle übernommen habe, sondern dass bereits 1926 eine „familien- und sozialgeschichtliche Abteilung zur besonderen Pflege der Geschlechter- und Rassekunde“ im Stadtarchiv eingerichtet worden sei.12 In gleichlautenden Pressemitteilungen in allen Tageszeitungen (z.B. Völkischer Beobachter vom 27. Oktober 1934) wurde dies auch öffentlich kundgetan.13 Auch Dirrs Stellvertreter Friedrich Hornschuch unterstrich in seinem Aufsatz „Sippen-Forschung und Stadtarchiv“ nicht ohne Stolz die neue und wichtige Rolle der Archive bei dem in der NS-Zeit geforderten Ariernachweis.14 Publikationen Dirrs Als im Herbst 1933 in München zum ersten Mal in Deutschland der Internationale Straßenkongress tagte, gab es im Münchner Ausstellungspark die Ausstellung „Die Straße“. Auch das Stadtarchiv München beteiligte sich an diesem Ereignis mit einer eigenen Begleitausstellung.15 Mit solchen Publikationen konnte sich Dirr gut und fast unangefochten in die neue Zeit retten. Als Wissenschaftler hatte Dirr zudem schon lange einen guten Ruf. Er war seit 31. Mai 1927 Mitglied der Kommission für bayerische Landesgeschichte, die er kurz zuvor mit begründet hatte. Sie wurde zuerst von Michael Doeberl, Lehrstuhlinhaber für bayerische Landesgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität und Vorsitzender des Historischen Vereins von Oberbayern (seit 1908), bis zu seinem frühen Tod 1928 geleitet (danach war für ein Jahr Otto Riedner, der Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, kommissarischer Leiter). Die Idee zu einer historischen Landeskommission hatte Dirr schon 1912 als Landtagsabgeordneter zusammen mit Akademiepräsident Karl Theodor von Heigel entwickelt. Dirr ging es vorrangig um stärkere planmäßige Förderung der Städtefor Stadtarchiv München, Archiv 667.  Stadtarchiv München, Archiv 187. 14  Erweiterter Sonderdruck aus Heft 11 des „Münchener Wirtschafts- und Verwaltungsblatt“ vom 31. August 1933. 15  Pius Dirr, Die Isarstadt an der Salzstraße. Merkblatt zu den vom Stadtarchiv ausgestellten Plänen und Urkunden. In: Das Bayerland 45 (1934) S. 438–441. Vgl. auch den Beitrag von Friedrich Hornschuch (Die Stadt München pflastert ihre Straßen, ebd. S. 441 f.); und s.a. Anm. 31. 12 13

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schung und Städtekunde in Bayern. Die Umsetzung der Idee scheiterte aber zunächst am Widerstand von Sigmund von Riezler. Der führende Landeshistoriker und Münchner Lehrstuhlinhaber (bis 1927) hatte eine persönliche Abneigung gegen jede Art von organisatorischer Verbindung. Mit Georg Leidinger, dem Direktor der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek, der die Kommission von 1929 bis 1945 leitete (er war zudem seit 1928 auch Vorsitzender des Historischen Vereins von Oberbayern), brachte Dirr bei der Kommission die neue Reihe „Bayerische Rechtsquellen“ auf den Weg. Als erster Band dieser Reihe erschien 1934 Dirrs Edition der „Denkmäler des Münchner Stadtrechts“.16 Diese erste, nach wissenschaftlichen Regeln bearbeitete Münchner Quellensammlung ist bis heute eine der wichtigesten Publikationen des Stadtarchivs. Man merkt ihr die Entstehungszeit nicht an, selbst im Vorbericht zur Edition heißt es lediglich nach einem Dank an den Stadtrat und den früheren Bürgermeister Küfner: „Schon als Mitglied des früheren Stadtrats schenkte auch der nunmehrige Oberbürgermeister Fiehler den Arbeiten des Archivs freundliche Aufmerksamkeit. Unter seiner Führung bekundete die Stadtverwaltung neuerdings ihren Willen zur Fortsetzung des Werkes durch die Genehmigung der Haushaltsmittel des Stadtarchivs.“17 Welche Implikationen auch ein angeblich so zeitloses Werk in sich trägt, wurde deutlich, als Fridolin Solleder, Archivar am Bayerischen Hauptstaatsarchiv, 1938 das Buch „München im Mittelalter“ veröffentlichte.18 Dirr erhielt daraufhin ein im Auftrag von Oberbürgermeister Karl Fiehler erteiltes Schreiben.19 Darin geht es um den „Ausbau der Arbeit des Stadtarchivs“; darin wird u.a. eine neue Schriftenreihe angeregt mit dem Titel „München in der Vergangenheit. Beiträge zur Geschichte der Hauptstadt der Bewegung, im Auftrag des Oberbürgermeisters herausgegeben vom Stadtarchiv“. Dazu heißt es wörtlich: „Durch geschickte Auswahl von Arbeiten für diese Schriftenreihe könnte sicherlich auch der Prestigeverlust, 16  Pius Dirr (Bearb.), Die Denkmäler des Münchner Stadtrechts. Erster Band 1158–1403 (Bayerische Rechtsquellen, hrsg. von der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 1), München 1934. Ein Registerband mit Glossar folgte 1936. Der zweite Band, der bis 1803 (bis zum Ende der alten Stadtfreiheit) führen sollte, wurde nie mehr realisiert. 17  Ebd. S. 22*. 18  Solleder (ab 1940 Leiter des Staatsarchivs Nürnberg) hatte schon 1910 eine Dissertation zu „Münchens Stadtwirtschaft im Mittelalter“ vorgelegt. Nur das fünfte Kapitel („Das Steuerwesen“) wurde 1919 als Teilabdruck in München veröffentlicht. 19  Schreiben vom 1. Februar 1938 (Stadtarchiv München, Nachlass Dirr 9).

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den das Stadtarchiv in den Augen der Öffentlichkeit zweifelsohne durch das Erscheinen des Buches von Solleder ‚München im Mittelalter‘ erlitten hat, wieder wettgemacht werden.“ Dirr antwortet am 9. Februar 1938 mit einem neunseitigen Schreiben, in dem allein vier Seiten dem Solleder-Buch gewidmet sind. In Verteidigung seiner „Denkmäler des Münchner Stadtrechts“ schreibt er: „Für mich gibt es keinen Zweifel, dass es mir gelungen ist, den deutschen Reichsgedanken in der Gründungsgeschichte nachzuweisen und aufleuchten zu lassen und die bayerisch-partikulare Auffassung, wie sie Solleder vertritt, zu überholen und zu widerlegen. (...) Wem könnte das wissenschaftliche Resultat meines Buches, durch das der deutsche Reichs- und Volksgedanke in der Stadtgründungsgeschichte endlich einmal in helle Erscheinung tritt, mehr zusagen, als einer nationalsozialistischen Staats- und Stadtführung!“20 Straßenbenennungen Dem Stadtarchiv München kam in der NS-Zeit (wie auch heute noch) eine wichtige gutachterliche Funktion zu bei der Benennung bzw. bei der Umbenennung von Straßennamen, hier v.a. bei Straßen, die nach Juden benannt worden waren. Dazu gehörten z.B. die Schüleinstraße und der Schüleinplatz, die Hirschgereuthstraße, die Mendelssohnstraße oder die Neustätterstraße. Auf Anregung von Oberbürgermeister Fiehler begann das Stadtarchiv 1937 mit einer systematischen Überprüfung der Straßennamen.21 Nur ein Teil der damals umbenannten Straßen wurden nach 1945 wieder zurückbenannt.22 Dirrs weiterer beruflicher Weg Dirr scheint in der NS-Zeit nicht weiter angeeckt zu sein. Die Beurteilung aus dem Jahr 1920 („zielbewußt und gewissenhaft“) unterscheidet sich kaum von der im Jahr 1934 („Dr. Dirr ist ein eifriger und gewissenhafter Beamter“). Im Fragebogen von 1935 „über die Zugehörigkeit zur NSDAP, ihren Gliederungen und angeschlossenen Verbänden und über Personalakt Dirr (wie Anm. 4).  Vgl. das Gutachten von Dr. Hornschuch vom 14. September 1937 zu sechs Straßennamen (Stadtarchiv München, Straßenbenennung 40/60). 22  Detaillierte Informationen zu den Münchner Straßennamen sind von dem Projekt zu erwarten, das das Stadtarchiv zusammen mit dem Kommunalreferat seit 2016 im Auftrag des Münchner Stadtrats durchführt. 20 21

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Urkunde für Archivdirektor Dr. Pius Dirr zur Verleihung des Goldenen TreuedienstEhrenzeichens, 14. Juni 1939 (Stadtarchiv München, NL-DIRR-006-1).

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die Mitgliedschaft bei Vereinen“ gibt Dirr nur die Mitgliedschaft beim Reichsbund der deutschen Beamten, bei der NS-Volkswohlfahrt und beim Reichsluftschutzbund (alle seit 1934) an. Die Mitgliedschaft bei weiteren Vereinen zeigen seine eigentlichen Interessen. Neben der Berufsvereinigung der Archivare und der schon genannten Kommission für bayerische Landesgeschichte23 werden hier aufgelistet: Deutsche Burschenschaft – Ortsgruppe Arminia München, Historischer Verein von Oberbayern, Verband der Freunde der Universität München, Vereinigung der notleidenden Künstler in München und etwas überraschend: TSV 1860 München. Sein Sohn Wolfgang Dietrich (* 22.11.1918) ist eingeschriebenes Mitglied der Hitlerjugend. Er stirbt am 9. April 1944 an der Ostfront. Zu Dirrs 60. Geburtstag erscheinen im November 1935 wohlwollende Artikel in den Münchner Tageszeitungen, in denen erwähnt wird, dass er „früher auch politisch tätig war“.24 Am 2. Juni 1938 bittet Dirr in einem Schreiben an den Oberbürgermeister aus gesundheitlichen Gründen um Versetzung in den Ruhestand. Dieser wird nach einigem Hin und Her schließlich bewilligt – mit Wirkung vom 1. Januar 1939. Am 14. Juni 1939 erhält Dirr – obwohl schon Pensionär – noch das goldene Treuedienst-Ehrenzeichen „als Anerkennung für 40jährige treue Dienste“; die Urkunde ist von Adolf Hitler unterzeichnet.25 Das war aber nun nichts Besonderes, sondern eine reine Routineauszeichnung, die neben Dirr noch einige weitere Mitarbeiter des Stadtarchivs nach der Erreichung der entsprechenden Dienstjahre erhalten haben.26 Pius Dirr stirbt bereits am 27. Januar 1943. Für die Pension seiner Witwe Anna setzen sich nach 1945 Oberbürgermeister Karl Scharnagl und der Kulturbeauftragte und Stadtbibliotheksdirektor Hans Ludwig Held persönlich ein.27

 Vgl. Korrespondenz Dirrs mit Max Spindler, Schriftleiter der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, und Georg Leidinger, 1938–1941 (Stadtarchiv München, Nachlass Dirr 361 und 362). 24  Münchener Zeitung vom 21. November 1935 (Stadtarchiv München, Personalakt Dirr, wie Anm. 4); vgl. Glückwunschurkunde, unterschrieben von den (damals) 10 Mitarbeitern (Stadtarchiv München, Nachlass Dirr 5). 25  Stadtarchiv München, Nachlass Dirr 9. 26  Friedrich Hornschuch erhielt 1940 diese Auszeichnung (Stadtarchiv München, Archiv 160). 27  Vgl. Dankbrief von Anna Dirr an OB Scharnagl vom 5. Januar 1946 (Stadtarchiv München, Personalakt Dirr, wie Anm. 4). Die Witwe lebt noch bis ins Jahr 1967. Erst danach wurde der Personalakt ans Stadtarchiv abgegeben. – Ein Nachruf von Heinrich Geidel 23

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Fr i e d r i ch H o r n s ch u ch Berufliche Laufbahn bis 1933 Friedrich Hornschuch, der am 9. November 1889 in Windsheim geboren wurde, studierte an den Universitäten Erlangen, Greifswald und Kiel. In den Jahren 1914 bis 1918 war Hornschuch Kriegsteilnehmer. 1920 wurde an der Universität Erlangen seine Doktorarbeit über die „Geschichte des burggräflich-nürnbergischen Kesslerschutzes“ angenommen. In den Jahren 1921 bis 1926 fungierte er als wissenschaftlicher „Hilfsarbeiter“ im Stadtarchiv München. In letzterem Jahr absolvierte er die archivalische Staatsprüfung und wurde zum 1. Juli 1926 als Archivrat beim Stadtarchiv München fest eingestellt.28 Hornschuch hatte ein enges Vertrauensverhältnis zu Pius Dirr. Wohl auch deshalb wurde Hornschuch nach dem Regimewechsel 1933 in die oben erwähnte Denunziation Dirrs miteinbezogen. Der frühere Stadtarchiv-Mitarbeiter Egner spielte bei Hornschuch vor allem auf die Umstände seiner Anstellung 1926 an: „Der s(einer) Z(ei)t von einem demokratischen Parteigenossen empfohlene und auch eingestellte wissenschaftl(iche) Hilfsarbeiter Dr. Hornschuh[!] konnte mit seiner Arbeit nicht fertig werden, da er über ein Jahr lang ausschließlich nur für seinen Archivarskurs allein arbeiten durfte, also auf Kosten der Stadt sich auf die Prüfung vorbereitete, ohne hervorragendes Resultat!“29 Auch in seinem Fall blieben die Hinweise ohne unmittelbare Konsequenz. Tätigkeit nach 1933 Aus den diversen, im Personalakt Hornschuchs überlieferten Fragebögen geht hervor, dass auch Hornschuch nie der NSDAP angehört hat, wohl aber dem Reichsbund der deutschen Beamten (seit 1934) und der NS-Volkswohlfahrt (seit 1935). Im Fragebogen von 1935 gibt Hornschuch die Mitgliedschaft im (Fach-)Verein der deutschen nichtstaatlichen Archierschien erst zum 6. Todestag. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 15 (1949), Heft 1, S. 190–192. Der Nachruf endet mit folgender persönlicher Einschätzung: „Sein geschichtlicher Seherblick ließ ihn das dem deutschen Volke drohende Unheil vorausschauen und diese Erkenntnis verzehrte die Kraft seines Lebens. Ehre dem Andenken dieses wahrhaften Demokraten!“ 28  Personalakt Hornschuchs (Stadtarchiv München, Personalakten 12506). 29  Brief vom 8. September 1933 im Personalakt Dirr (wie Anm. 4).

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vare sowie in verschiedenen Bildungsvereinen an (u.a. Bayerischer Landesverein für Familienkunde und Historischer Verein von Oberbayern). Bei den Publikationen Hornschuchs fällt auf, dass sie fast durchweg ohne typische NS-Terminologie auskommen. Das gilt auch für den oben erwähnten Beitrag zum Thema „Sippenforschung“.30 Zur Stadtgeschichte hat er nur wenige Aufsätze in Zeitschriften publiziert.31 Das hängt aber auch damit zusammen, dass er im Hintergrund der entscheidende Mitarbeiter Dirrs an den „Denkmälern des Münchner Stadtrechts“ und seinem Register (1934 bzw. 1936) war. Als es Ende 1938 nach der Pensionierung Dirrs um die Neubesetzung der Leitung des Stadtarchivs ging, war Hornschuch auch einer der Bewerber. Gegen ihn sprach jedoch, „dass er zu sehr in seinen Arbeiten sowohl als auch persönlich zu stark unter dem Einfluß des Archivdirektors Dr. Dirr gestanden hat.“32 Das Rennen machte daher sein Mitbewerber Reinhold Schaffer aus Nürnberg. Hornschuch wurde jedoch zum 1. Januar 1939 zum Oberarchivrat befördert, „weil er bei der Besetzung der Direktorstelle des Stadtarchivs nicht zum Zuge kam und Herr Oberbürgermeister mit den Leistungen des Archivrats Dr. Hornschuch durchaus zufrieden ist.“33 Im Jahr 1940 wurde Hornschuch uk-gestellt. Die Freistellung vom Militär wurde 1943 verlängert. In diesem Jahr verließ Hornschuch im Zuge der Auslagerungen der Bestände aus dem Stadtarchiv die Stadt; er blieb schließlich in Schloss Neufraunhofen bei Velden a.d. Vils, einem der 17 Ausweichquartiere rund um München. Seit dem 12. Juni 1944 war Hornschuch krank geschrieben und überstand so den Krieg.

 Wie Anm. 14.  Die Stadt München pflastert ihre Straßen. In: Das Bayerland 45 (1934) S. 441–442. – Das Münchner Kindl grüßt die Gäste. Die Kongreßstadt und die Straße. In: Die Straße 12 (1934) (Zum VII. Internationalen Straßenkongreß in München 1934) S. 48–49. – Künstler und Reichsautobahn. In: Die Straße 18 (1936) (Zur Straßenbautagung München 1936) S. 574–575. – Die geschichtliche Entwicklung Münchens. In: Deutsche GemeindebeamtenZeitung vom 17. Mai 1936. Der letzte, gesperrt gedruckte Absatz wirkt dabei wie künstlich angefügt: „Eine deutsche Stadt fand Adolf Hitler, als er 1912 nach München kam. Zu der deutschen Stadt, zur Hauptstadt der Bewegung, bestimmte der Führer die Geburtsstadt eines neuen Deutschlands. Gestaltender Wille eines Mächtigen gab der Stadt ihre dritte Sendung“ (S. 293). 32  Aus den Bewerbungsunterlagen von Reinhold Schaffer in seinem Personalakt (Stadtarchiv München, Personalakten 11057). 33  Personalakt Hornschuch (wie Anm. 28). 30 31

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Im Fragebogen der amerikanischen Militärregierung antwortete Hornschuch am 23. August 1946: „1942 wurde ich in Verfolg der von Minister Wagner geforderten Mitarbeit der Beamten bei der NSDAP, ihren Gliederungen und angeschlossener Verbände trotz meiner schriftlichen Ablehnung zum stellvertretenden Blockhelfer der NSV Ortsgruppe Dom Pedroplatz bestimmt.“ Laut Urteil der Spruchkammer Vilsbiburg vom 18. Dezember 1946 war Hornschuch „von dem Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946 nicht betroffen“. Bereits am 1. Oktober 1946 wurde er in den Ruhestand versetzt. Schon ein Jahr später, am 2. Oktober 1947, ist Hornschuch in Neufraunhofen gestorben.

Personalbogen für Archivdirektor Dr. Reinhold Schaffer, Leiter des Stadtarchivs München (1939–1956), angelegt 1. Februar 1939 (Stadtarchiv München, PA-11057-001).

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Re i n h o l d S ch a f f e r Berufung nach München 1939 Reinhold Schaffer, geboren am 6. November 1891 in Pottenstein, war von 1926 bis 1939 beim Stadtarchiv Nürnberg tätig (seit 1930 als Leiter). In dieser Zeit verfasste Schaffer eine „Geschichte der Juden in Nürnberg“, die zwar nie gedruckt wurde, aber bei seiner Bewerbung für München dennoch als Referenz für seine wissenschaftliche Kompetenz herangezogen wurde.34 Am 1. Februar 1939 trat er sein neues Amt als Leiter des Stadtarchivs München an.35 Die Berufung führte noch zu einigen Irritationen, wie aus einer Aktenvormerkung von Bürgermeister Tempel über seine Unterredungen mit den Staatssekretären Max Köglmaier (Innenministerium) und Ernst Boepple (Kultusministerium) vom 7. Februar 1939 hervorgeht. Letzterer forderte eine Rückgängigmachung der Berufung, was aber von Tempel abgewehrt wurde mit Hinweis auf die guten Referenzen und Zeugnis  Von dieser Arbeit existieren in der Bibliothek des Stadtarchivs München zwei unterschiedliche maschinenschriftliche Fassungen. Die erste Fassung von 1936 mit dem Titel „Geschichte der Juden in Nürnberg bearbeitet im Auftrage des Herrn Oberbürgermeisters der Stadt der Reichsparteitage“ (Signatur: Av. Bibl. 47685) enthält im letzten Kapitel „Die Juden in Nürnberg seit der Einverleibung der Reichsstadt in das Königreich Bayern“ einige Passagen, die den Zeitgeist widerspiegeln: „das unheilvolle Wirken des Judentums in Nürnberg seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts“ (S. 153). Oder: „Es ist kein Zufall, wenn den Juden gerade in Nürnberg in Julius Streicher ihr größter Gegner erwuchs.“ (S. 155). Schließlich der Schlusssatz: „Durch die Nürnberger Judengesetze zur Reinhaltung des deutschen Blutes vom Jahre 1935 wurde von einem alten, judenfeindlichen Vorwerk aus die Judenfrage für das ganze Reich gelöst. Die Kampfansage an das Weltjudentum auf dem Parteitag 1936 fand ein zustimmendes Echo weit über die Reichsgrenzen hinaus.“ (S. 155). Nach 1945 hat Schaffer an einer zweiten Fassung gearbeitet (Av. Bibl. 46133), in der er die zitierten, inkriminierenden Passagen einfach weggelassen hat. Im neuen letzten Abschnitt spricht Schaffer nun von der „Katastrophe der Juden im Dritten Reich“ (S. 150). Auch diese Fassung wurde nie veröffentlicht. – Johannes Heil, Erinnerungsspuren und Ereigniskumulationen. Die Nürnberger Juden im städtischen Gedächtnis 1350–1946. In: Janus Gudian – Johannes Heil – Michael Rothmann – Felicitas Schmieder (Hrsg.), Erinnerungswege. Kolloquium zu Ehren von Johannes Fried (Frankfurter Historische Abhandlungen 49), Stuttgart 2018, S. 191–221; zu Schaffer S. 213–218, insbesondere biographische Fußnote 92. 35  Der Personalakt der Stadt Nürnberg ist mit seiner Versetzung Teil des Personalakts in München geworden (Stadtarchiv München, Personalakten 11057). Dort auch die folgenden Belege. – Vgl. auch die Meldekarte Schaffers (Stadtarchiv München, EWK 76/S 104). 34

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se (u.a. aus Nürnberg): „Staatssekretär Boepple bat dann, dass man die Amtsführung Dr. Schaffers genau überprüfen möge, ob es sich bei ihm nicht um einen verkappten Jesuiten handle.“ Boepple forderte dann noch eine rechtliche Überprüfung, „ob Dr. Schaffer den päpstlichen Konsens zur Verheiratung erhalten habe.“ Schaffer, der nach seinem theologischen Examen von 1916 bis 1920 in Nürnberg als Katechet und Geistlicher an einer Simultanschule unterrichtet hatte, hat am 2. Juni 1938 in Nürnberg geheiratet.36 Diese Interventionen hatten jedoch keine Konsequenzen. Noch am selben Tag, also am 7. Februar 1939, wurde die Berufung in der nichtöffentlichen Sitzung der Ratsherren bekannt gegeben. Um die Formulierung der Bekanntgabe war aber heftig gerungen worden, wie die verschiedenen Entwürfe im Personalakt belegen. In der endgültigen Fassung heißt es dann am Schluss: „Dr. Schaffer ist daher nach seinen wissenschaftlichen Arbeiten und nach seinem Wirken als Direktor des Stadtarchivs in Nürnberg der geeignete Mann für die Leitung des Stadtarchivs der Hauptstadt der Bewegung, dem es gelingen möge, die Arbeit des Stadtarchivs in nationalsozialistischem Geiste und Sinne durchzuführen.“37 Neue gesetzliche Grundlagen mit Auswirkungen auf das Stadtarchiv In seinem ersten Verwaltungsbericht für 1938/39 vom 19. Juni 1939 ging Schaffer erstmals auf neue rechtliche Regelungen ein, die Auswirkungen auf die Arbeit des Stadtarchivs hatten.38 Das waren zum einen die sogenannten Nürnberger Rassegesetze, die 1938 auch in Österreich und 1939 im Protektorat Böhmen und Mähren Gültigkeit fanden. Hier verzeichnet Schaffer „eine gesteigerte Inanspruchnahme des Stadtarchivs“, d.h. Beratung und Unterstützung von „neuen Reichsbürgern auf der Suche nach ihrem Abstammungsnachweis“. Schaffer führte dann eine Reihe von Entschließungen und Erlassen auf, die eine Einschränkung der Archivbenützung für Juden vorsahen. Schaffers Resumée: „Der Erfolg der neuen Bestimmungen machte sich insoferne unmittelbar geltend, als das Stadtarchiv von Juden seither nicht mehr aufgesucht wurde.“

 Schaffers Ehe wurde schon bald nach seinem Umzug nach München am 15. Juli 1939 geschieden. 37 Personalakt Schaffers (wie Anm. 35). 38  Stadtarchiv München, Archiv 396. 36

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Dagegen blieb der Runderlass des Chefs der Sicherheitspolizei vom 2. Dezember 1938 („Sicherung von Juden-Akten und Archivalien durch die SD-Dienststellen“) zunächst noch ohne Auswirkungen. Doch hier ergab sich in einem konkreten Fall eine neue Situation.39 Die Stadt München hatte auf Veranlassung von Stadtrat Christian Weber unrechtmäßig das Schloss Planegg von Rudolf Freiherrn von Hirsch „erworben“; damit war auch das alte Schloss- und Hofmarksarchiv in den Besitz der Stadt übergegangen. Am 20. Juni 1938 bat Archivrat Dr. Heinz Lieberich vom Kreisarchiv München in einem Schreiben den Oberbürgermeister von München um Unterstützung. Das Archiv, das beim Bürgermeister von Planegg in Verwahrung war, wurde daraufhin auf Veranlassung Schaffers am 25. Juli 1939 „aus archivpflegerischen Gründen“ ins Stadtarchiv geholt, wo ein ausführliches Verzeichnis angelegt wurde.40 Die Geschichte dieses Archivs nach 1945 sei hier kurz erzählt, da sie doch Aufschlüsse über das Denken der Protagonisten gibt. Am 15. Juli 1946 schrieb Rudolf Frhr. von Hirsch an Schaffer und forderte unmissverständlich die Rückgabe des Archivs, „das am 9. November 1938 nach dem Überfall durch Christian Weber entfernt wurde“.41 Schaffer antwortete zwei Tage später, er habe sich persönlich um das Archiv gekümmert, er habe es gesichert und zusammen mit den anderen Beständen des Stadtarchivs nach auswärts gebracht zum Schutz gegen Fliegerschäden. Seinen Vorschlag, das Archiv als Leihgabe dem Stadtarchiv zu überlassen, lehnte Baron Hirsch in seinem Brief vom 20. Juli 1946 klar ab: „Meiner Meinung nach gehört diese kleine Sammlung wieder an den Ort, von dem sie stammt und von woher sie in widerrechtlicher Weise entfernt wurde.“ Nach der Rückgabe an die Schlossbesitzer galt das Archiv lange Zeit als verschollen und tauchte erst vor einigen Jahren wieder auf. Dr. Hubert Freiherr von Hirsch übergab im April 2005 sein Adelsarchiv, unter Vorbehalt des Eigentums, dem Staatsarchiv München als Depot.42

 Stadtarchiv München, Archiv 234/6.  Stadtarchiv München, Archiv 300. 41  Wie Anm. 39. 42  Andrea Schiermeier, Neuer Bestand im Staatsarchiv München: „Schlossarchiv Planegg“. In: Nachrichten aus den Staatlichen Archiven Bayerns Nr. 50 (2005) S. 14 (ohne Hinweis auf die Vorgeschichte). 39 40

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„Forschungsstätte für die Baugeschichte der Hauptstadt der Bewegung“ Auf Anregung von Oberbürgermeister Fiehler wurde am 16. März 1938 beim Münchner Stadtbauamt eine „Forschungsstätte für die Baugeschichte der Hauptstadt der Bewegung“ eingerichtet.43 Deren primärer Zweck bestand darin, alles an unterschiedlichsten Standorten vorhandene Bildmaterial (Pläne, Zeichnungen, Fotos) über die reale und projektierte Architekturentwicklung Münchens in Kopie oder – wenn möglich auch im Original – zusammenzutragen, zu ordnen und zu erschließen, um auf diese Weise erstmals einen fundierten Überblick über die Münchner Baugeschichte zu bekommen. Die Unterlagen wurden in erster Linie als Anregung und Argumentationshilfe für die von Hitler beabsichtigte bauliche Ausweitung und Verschönerung Münchens verstanden. Durch die Verlagerung der Münchner Stadtplanung von der seit Jahresbeginn 1938 dem Stadtbauamt noch organisatorisch angeschlossenen „Sonderbehörde Ausbau der Hauptstadt der Bewegung“ hin zu dem im Sommer 1938 von Hitler berufenen und allein ihm unterstellten Generalbaurat Hermann Giesler erfuhren die baulichen Projekte in München jedoch bald eine gänzlich neue Richtung. Von nun an tendierten die Dimensionen des Stadtausbaus ins Große und Grundsätzliche und legten praktisch keinen Wert mehr auf eine Kompatibilität mit dem Bestehenden. Der in Berlin grassierende architektonische Größenwahn hatte sich endlich auch der Münchner Stadtplanung bemächtigt. Konsequenterweise wurde nun die im Aufbau befindliche „Forschungsstätte“ als architekturgeschichtlicher Ideenspender überflüssig, weshalb ihr Fundus im Mai 1939 aus dem Stadtbauamt ausgegliedert und dem für die Dokumentation der Stadtgeschichte zuständigen Stadtarchiv überstellt wurde. Mit dieser Historisierung des gesammelten Materials fiel der ursprünglich dem aktuellen Planen und Bauen dienende Werkcharakter weg und die über Karteien erfassten und in Form von Miniaturfotoabzügen festgehaltenen Belege reihten sich den im Stadtarchiv vorhandenen Originalen als zusätzliche Informationsträger historischer baulicher Entwicklungsstränge an. Sehr aufschlussreich in diesem Kontext ist die Bewertung der Arbeit des Stadtarchivs durch einen städtischen Amtsdirektor aus der Bauverwaltung: „Da das Stadtarchiv im nationalsozialistischen Staat sich nicht mehr damit begnügt, in einem beschaulichen Eigenleben beziehungsloses Wissen zu sammeln, nicht mehr nur Schatzkammer, sondern auch Rüstkammer für  Hierfür sowie für das Folgende: Stadtarchiv München, Archiv 240a, 261 und 263.

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die gesamte kommunalpolitische Arbeit ist, wurde die Forschungsstätte folgerichtig dem Stadtarchiv angegliedert. Es verwirklicht sich hier ein Grundgedanke des modernen Archivwesens, demzufolge der Archivar ein wichtiger Arbeitskamerad sowohl des Verwaltungsbeamten als auch des Architekten und Künstlers sein soll.“44 Die Sammlungen der nun beim Stadtarchiv München angesiedelten „Forschungsstätte“ wurden dennoch ständig erweitert. In diesen Zusammenhang ist auch der Ankauf der „Altmünchner Fotosammlung“ von Karl Valentin (mit etwa 1000 Fotos und Postkarten) im August 1939 für 20.000 Reichsmark einzuordnen.45 Für die Forschungsstätte war als Fotograf Johann Meyer tätig, der neben der Anfertigung von Reproduktionen auch ab April 1939 Ereignisse, Straßen und Platzanlagen sowie Gebäude in München fotografiert hat. Etwas über 2900 Gebäudeaufnahmen sind überliefert, also eine fast vollständige Erfassung sämtlicher Bürgerhausfassaden im Bereich der Münchner Altstadt, z.T. vor ihrem Abbruch bzw. ihrer Zerstörung im Luftkrieg.46

 W. Neff, Forschungsstätte für die Hauptstadt der Bewegung. In: Wirtschafts- und Verwaltungsblatt der Hauptstadt der Bewegung 1940, Heft 2, S. 32 (Stadtarchiv München, Archiv 263). – In diesem Kontext gab das Stadtarchiv München folgende Publikation heraus: Oswald Hederer, Die Ludwigstraße in München (Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München, herausgegeben im Auftrag des Oberbürgermeisters der Hauptstadt der Bewegung Karl Fiehler vom Direktor des Stadtarchivs Dr. Reinhold Schaffer, Band 1), München (Verlag Franz Eher Nachf. GmbH) 1942. Den Zeitbezug stellte der Oberbürgermeister in seinem Vorwort vom 5. Dezember 1942 unmissverständlich her: „Für die Gegenwart und Zukunft Münchens ist die höchste Aufgabe und das stärkste Erlebnis der großzügige Ausbau zur Hauptstadt der Bewegung. Zur Erforschung der nötigen baugeschichtlichen Unterlagen wurde dem Stadtarchiv die Forschungsstätte für die Baugeschichte angegliedert. Diesem Arbeitsgebiet entstammt der erste Band der neuen Schriftenreihe. Der große Ausbauplan des Führers für München hatte einen Vorläufer in den Plänen Ludwigs I. Der Bauwille dieses Mannes fand neben vielen Einzelbauten seinen geschlossenen Ausdruck in der Ludwigstraße. Die Geschichte dieser Straße ist daher auch besonders geeignet, die Schwierigkeiten großer Bauprobleme vor Augen zu führen und an einem kleineren Beispiel zu zeigen, was die Willenskraft eines einzelnen Mannes zu leisten vermag“ (unpagniert, S. 7). Die Publikation erschien auch als Sonderdruck ohne dieses Vorwort und ohne Hinweis auf die Schriftenreihe (Mandruck Theodor Dietz München 1942) und behielt so – ganz zeitlos – ihren kunsthistorischen Wert auch nach 1945. 45  Stadtarchiv München, Archiv 381 und 445. – Richard Bauer, Karl Valentin als „Geheimer Privat-Historiker der kgl. Haupt- und Residenzstadt München“. In: Richard Bauer – Eva Graf, Karl Valentins München. Stereoskop-Photographien von 1855 bis 1880, Kreuzlingen-München 2007, S. 6–26. 46  Stadtarchiv München, Archiv 110. 44

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Das Gebäude des Stadtarchivs München an der Winzererstr. 68 mit Zerstörungen nach einem Luftangriff, 10. März 1943 (Stadtarchiv München, FS-WKII-STR-3779).

Im Leistungsbericht des Stadtarchivs vom 15. Dezember 1944 heißt es dann aber lapidar: „Die Forschungsstätte muss infolge der Umstände stillgelegt werden.“ Aber dort folgt unmittelbar der Satz: „Indessen wurden für die Kriegs- und Stadtchronik zahlreiche Aufnahmen von den Fliegerschäden gemacht.“47 Denn der Fotograf Meyer hat im Krieg eine der seltenen amtlichen Sondergenehmigungen erhalten, die zunehmenden Zerstörungen durch Fliegerangriffe zu dokumentieren. Nach jeder Bombardierung wurden von Meyer die zerstörten Gebäude und Anlagen penibel festgehalten. Johann Meyer hat noch bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1964 für das Stadtarchiv fotografiert.

 Stadtarchiv München, Archiv 457.

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Münchner Häuserbuch Schaffer führte ein schon 1934 von Pius Dirr in einer Denkschrift gefordertes „Münchner Bürgerhauswerk“48 konzeptionell fort. Erste konkrete Recherchen für ein Häuserbuch der Stadt München, gegliedert nach Altstadtvierteln, wurden begonnen. Im Leistungsbericht von 1943 heißt es: „Es wurde das Graggenauer Viertel nahezu fertig gestellt.“ Im Leistungsbericht von 1944: „Das Häuserbuch wurde trotz der schwierigen Umstände weitergeführt, da es zum Wiederaufbau der Stadt die wichtigsten Unterlagen zu liefern hat.“49 Für das Häuserbuch dienten neben den archivalischen Quellen auch die über den Krieg geretteten Planakten der Münchner Bauämter und Meyers fotografische Dokumentation des unzerstörten München als quellenmäßige Grundlagen. Das Häuserbuch erschien nach den vier Altstadtvierteln gegliedert in vier Bänden; zuerst 1958 – pünktlich zur 800-Jahrfeier der Stadt – der Band über das Graggenauer Viertel. Es folgten dann – schon unter Schaffers Nachfolger Michael Schattenhofer – die Bände über das Kreuzviertel (1960), das Hackenviertel (1962) und das Angerviertel (1966) sowie 1977 ein Registerband.50 Luftangriffe und Auslagerung der Bestände Von den zunehmenden Luftangriffen auf München im Zweiten Weltkrieg blieb auch das Stadtarchiv München nicht verschont. Die Leistungsberichte der Jahre 1943 und 1944 dokumentieren die „Terrorangriffe“ vom 9./10. März 1943, vom 11. bis 16. Juli 1944 sowie vom 4. Oktober 1944

 Stadtarchiv München, Archiv 162.  Stadtarchiv München, Archiv 457. – Vgl. auch Reinhold Schaffer, Der Münchener Stadtplan als Geschichtsquelle. In. Wirtschafts- und Verwaltungsblatt der Hauptstadt der Bewegung 1942, Heft 2, S. 37–40. 50 Häuserbuch der Stadt München, hrsg. vom Stadtarchiv München nach Vorarbeiten von Andreas Burgmaier. Band I: Graggenauer Viertel, mit 73 Zeichnungen von Gustav Schneider, München 1958. Band II: Kreuzviertel, mit 71 Zeichnungen von Gustav Schneider, München 1960. Band III: Hackenviertel, mit Zeichnungen von Gustav Schneider und Richard Zehentmeier, München 1962. Band IV: Angerviertel, mit Zeichnungen von Gustav Schneider, München 1966. Band V: Register, bearbeitet von Ludwig Morenz unter Mitarbeit von Manfred Hackl, München 1977. – Vgl. auch die spätere historische Fortschreibung: Helmuth Stahleder, Älteres Häuserbuch der Stadt München. Hausbesitz und Steuerleistung der Münchner Bürger 1368–1571, 2 Bände, München 2006. 48 49

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Übersicht über alle Orte für die ausgelagerten Archivalien des Stadtarchivs München während des Zweiten Weltkriegs, 1944 (Stadtarchiv München, ARC-178).

(mit detailliertem Bericht über die Schäden und die Rettungsarbeiten).51 Schaffers Weitsicht war es zu verdanken, dass die Archivalien aus der Winzererstraße rechtzeitig in Ausweichlager im Münchner Umland verschafft wurden, die wertvollsten Archivalien schon bei Kriegsbeginn 1939. Der Leistungsbericht von 1944 weist bereits 17 solcher Ausweichstellen aus: Ammerland (Graf Pocci), Ammerland (Schrenck-Notzing), Laufzorn (Ziegelei: Räume der Bayerischen Filmkunst AG), Lengdorf (Pfarrer Zurrer), Neufraunhofen (Graf Soden), Oberaudorf (Moser), Oberndorf bei Donauwörth (Fürst Fugger), Oberschönenfeld (Abtei), Offenstetten (Le Ebd.

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gationsrat Schlitter), Rimsting (Prinz Eberhard Arenberg), Sassau (Gräfin Arco), Seeheim (Fürst Sayn-Wittgenstein), Seeheim (Landhaus Pirner), Steppberg (Gräfin Moy), Unterdiessen (Fürst von der Leyen), Urfahrn (Hofrat Schlagintweit) und Waal (Pfarrer Offinger).52 Tätigkeit nach 1945 Schaffer wohnte wegen der Zerstörung seiner Wohnung am Kaiserplatz seit dem 1. Juli 1945 selbst im Stadtarchiv. Sein erster Tätigkeitsbericht nach der NS-Zeit vom 5. August 1946 weist viele zeittypische Betätigungsfelder auf. Nun geht es in erster Linie um die Rückführung der ausgelagerten Bestände („ist an wesentlichem Archivmaterial auf diese Weise nichts zu Verlust gekommen“) und die damit verbundenen Raumprobleme.53 Durch die erneuten Umbenennungen bzw. Neubenennungen54 vieler Straßennamen verzeichnet Schaffer eine verstärkte Auskunfts- und Gutachtertätigkeit. Auf Befehl der amerikanischen Militärregierung wurden sechs Mitarbeiter entlassen, so dass der Personalstand nur noch 13 Mitarbeiter betrug. Schaffer selbst, der nie Mitglied der NSDAP war, wurde im Zuge der Entnazifizierung als „nicht betroffen“ eingestuft.55 Am 2. April 1947 legte Schaffer den Eid auf die neue Bayerische Verfassung ab. Am 3. Mai 1947 konnte das Stadtarchiv wieder für die Benützung geöffnet werden.56 Als nach einem Einbruch im Stadtarchiv von der Stadtverwaltung nicht sofort die von Schaffer geforderten Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt wurden, bat Schaffer um sofortige Beurlaubung von seiner Stelle als Archivdirektor, was von Oberbürgermeister Karl Scharnagl in einem geharnischten Antwortschreiben zurückgewiesen wurde.57  Zu den Auslagerungen siehe auch: Stadtarchiv München, Archiv 4, 112, 292, 177 und 178 (mit handgezeichneter Karte der Standorte). 53  Stadtarchiv München, Archiv 457. 54  Durch die zahlreichen Eingemeindungen in der NS-Zeit gab es viele Doppelbenennungen in der Stadt (vgl. Anm. 22). 55  Bescheid vom 28. April 1947 im Personalakt in der Mappe „Politische Unterlagen“ (wie Anm. 35). Deshalb wurde auch kein Spruchkammerverfahren gegen Schaffer eingeleitet. 56  Manuskript der Rede Schaffers zur Wiedereröffnung am 3. Mai 1947 (Stadtarchiv München, Av. Bibl. 28554). 57  Schreiben vom 27. März 1948 im Personalakt (wie Anm. 35): „Es ist Ihnen bekannt, dass ich Sie als Direktor des Archives wie als Fachmann außerordentlich hoch schätze, dass ich in gleicher Weise auch ihre menschlichen Qualitäten anerkenne, die Sie in Ihren Gedichten zum Ausdrucke zu bringen wissen, dass ich also Ihnen als Person wie als Fachmann 52

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Schaffer blieb natürlich auf seinem Posten. Er übernahm nun sogar viele neue ehrenamtliche Aufgaben. Bereits 1943 war er bereit gewesen, den Vorsitz der „Vereinigung der nichtstaatlichen Archivare“ zu übernehmen, was aber wegen des Krieges nie umgesetzt wurde.58 Seit 1946 war Schaffer Mitglied der Kommission für bayerische Landesgeschichte, hier als Vertreter der Stadtarchivare. Ab 1948 war Schaffer kommissarischer Vorsitzender des Verbandes bayerischer Geschichtsvereine; nach dessen Neukonstituierung war er ab 9. Mai 1949 erster Vorsitzender (bis 1961). Und am 1. April 1952 übernahm er auch das Amt des ehrenamtlichen Kreisheimatpflegers im Stadtkreis München. Nach seiner Pensionierung im Jahr 1956 arbeitete Schaffer auf Werkvertragsbasis bis 1958 weiter am Münchner Häuserbuch mit. Sein Nachfolger wurde Michael Schattenhofer, der bereits seit 1946 am Stadtarchiv München tätig war. Er übernahm 1956 zunächst kommissarisch die Leitung, die ihm dann 1958 definitiv übertragen wurde. Am 2. März 1963 ist Schaffer in Neunkirchen am Brand gestorben. In seinem Geburtsort Pottenstein liegt er begraben. Der Münchner Landeshistoriker Max Spindler hat einen einfühlsamen Nachruf auf Reinhold Schaffer als Menschen verfasst, in dem er auch mit großem Respekt den Historiker und Archivar würdigt: „mit ihm beginnt die moderne Geschichte der beiden Archive“ Nürnberg und München.59 Auf Schaffers Wirken in der NS-Zeit geht Spindler nicht weiter ein, betont aber die „photographische Erfassung aller Bürgerhausfassaden“ auf seine Veranlassung hin, und vor allem, dass Schaffer „der Stadt München ihr Archiv erhalten und vor Kriegsverlusten bewahrt“ hat. Als drittes großes, wenn auch wenig bekanntes Verdienst Schaffers erwähnt Spindler die Übernahme und damit der Archivwissenschaften mit größter Wertschätzung gegenüberstehe. Ich kann aber nicht verhehlen, dass ich Ihre Einstellung als Beamter nicht verstehen kann und dass ich sie daher ablehnen muss.“ Die erwähnten Gedichte („Verse von Reinhold Schaffer“) erschienen kurz zuvor in einem Sonderdruck in München (Stadtarchiv München, Av. Bibl. 45143). Vielsagend erscheint im Hinblick auf Schaffers Persönlichkeit und vielleicht auch sein berufliches Schaffen in der NS-Zeit gleich der erste Vers: „Dass Du es nur weisst:/ ich hab eine Doppelseele / halb Erde, halb Geist“ (S. 7). 58  Stadtarchiv München, Archiv 136. – Vgl. auch seine archivfachlichen Publikationen in dieser Zeit: Die Zukunft der Stadtarchive. In: Archivalische Zeitschrift 45 (1939) S. 177– 186. Und: Das Massenproblem bei den Stadtarchiven. In: Ebd. S. 208–222. 59  Max Spindler, Nachruf [auf] Reinhold Schaffer. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 26 (1963) S. 829–833, hier S. 830. – Spindler hatte sich schon bei Bewerbung Schaffers für München mit einem Gutachten vom 16. November 1938 für ihn eingesetzt (Stadtarchiv München, Personalakten 11057, Mappe „Vorverhandlungen“).

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auch die Rettung der wertvollen Sammlungen und der Bibliothek des Historischen Vereins von Oberbayern: „Durch ihre Zurückschaffung nach dem Krieg und Aufstellung im Stadtarchiv hat er die enge Verbindung zwischen Archiv und Verein eingeleitet, die sich heute als so fruchtbar erweist.“60 D e r H i s t o r i s ch e Ve r e i n vo n O b e r b ay e r n in der NS-Zeit Der Historische Verein im institutionellen Netzwerk In dem institutionellen und auch personellen Netzwerk zwischen dem Lehrstuhl für bayerische Landesgeschichte an der LMU München, der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und dem Stadtarchiv München spielt als vierte Institution der 1837 gegründete Historische Verein von Oberbayern eine gewisse Rolle. Vorsitzender des Vereins war von 1908 bis zu seinem Tod 1928 Michael Doeberl, der Lehrstuhlinhaber und erste Vorsitzende der Kommission. Ihm folgte als Vereinsvorsitzender Georg Leidinger, seit 1909 Schriftleiter der Vereins-Zeitschrift „Oberbayerisches Archiv“ und im Hauptberuf Leiter der Handschriftenabteilung bei der Bayerischen Staatsbibliothek, der 1929 auch bei der Kommission – nach dem kurzen kommissarischen Intermezzo von Otto Riedner – den Vorsitz übernahm. Pius Dirr, der Leiter des Stadtarchivs München, wiederum war Mitglied der Kommission seit ihrer Gründung 1927 und Mitglied des Historischen Vereins von Oberbayern (dort waren auch sein Stellvertreter Friedrich Hornschuch und sein Nachfolger Reinhold Schaffer Mitglieder). Veränderungen in der NS-Zeit Der Verein hatte 1926 noch 600 Mitglieder, 1933 war die Zahl aufgrund vieler Austritte aus wirtschaftlicher Not auf 427 geschrumpft.61 1934 betrug die Mitgliederzahl nur noch 399. Eine wichtige Quelle für diese  Ebd. S. 831.  Vgl. zum Folgenden: Brigitte Huber, „Eine hochansehnliche Versammlung ausgezeichneter Kenner, Pfleger und Freunde der vaterländischen Geschichte“ – 175 Jahre Historischer Verein von Oberbayern. In: Oberbayerisches Archiv 136 (2012) S. 11–63; zur NSZeit S. 49–58. 60 61

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Entwicklung ist ein Mitgliederverzeichnis aus dem Jahr 1927, in dem alle Austritte der Jahre 1928 bis 1934 handschriftlich (aber nur zum Teil mit genauem Austrittsdatum) eingetragen sind.62 Ausgetreten waren 1933, im ersten Jahr in der NS-Herrschaft, alle jüdischen Vereinsmitglieder: Albert Bäuml, Eduard Bloch (30. Juni 1933), Alexander Dinkelsbühler, Max Frankenburger, Hugo Helbing, David Mosbacher, Eduard Schöpflich, Michael Strich und Theodor Wilmersdoerffer (3. Februar 1933). Julius Heß war in dieser Zeit verstorben. Von den weiteren Todesfällen, die die Mitgliederzahl schrumpfen ließ, sei hier nur der Archivar und regimekritische Journalist Fritz Gerlich erwähnt, der in der Nacht vom 30. Juni auf 1. Juli 1934 im Konzentrationslager Dachau ermordet worden ist. Für die NS-Zeit gibt es im Stadtarchiv München nur sehr spärliche Vereinsakten. Eine Ursache dafür ist, dass der Vereinsvorsitzende Georg Leidinger nach seiner Pensionierung 1936 seinen Wohnsitz nach Marquartstein verlegt hat und seitdem mit den anderen Vorstandsmitgliedern fast nur noch in brieflichem Kontakt stand. Die entsprechende Vereinskorrespondenz befindet sich deshalb in Leidingers privatem Nachlass, der in der Bayerischen Staatsbibliothek verwahrt wird. Die vorhandenen Unterlagen lassen erkennen, dass nach 1933 die Ideologie der Nationalsozialisten durchaus in den Verein Einzug hielt und sich beispielsweise in der Auswahl der Vortragsthemen niederschlug. Leidinger, der zwar kein Parteimitglied, wohl aber ein „vollkommener Anhänger Hitlers und seiner Regierung“63 war, referierte im Dezember 1934 etwa über sein Spezialgebiet „Johannes Aventin und sein Zeitbuch über ganz Deutschland“ und stellte dabei Aventin als „ersten bayerischen Historiker (dar), der kritische Quellenforschung betrieb, der vor allem über die Enge der damals herrschenden Einzelstaaterei hinaus um die Seele des gesamten deutschen Volkes warb und als Wegbereiter des deutschen Nationalgefühls bezeichnet werden darf.“64 Er nahm damit klar Bezug zur neuen Staatsideologie.

 Stadtarchiv München, HV-AK 170/2.  Fridolin Dressler, Die Bayerische Staatsbibliothek im Dritten Reich. In: Rupert Hacker (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte der Bayerischen Staatsbibliothek (Bayerische Staatsbibliothek Schriftenreihe 1), München 2000, S. 285–308. 64  Jahresbericht des Historischen Vereins von Oberbayern 1934/35. In: Oberbayerisches Archiv 72 (1936) S. 118–121; hier S. 118. 62 63

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Der Verein in räumlichen Schwierigkeiten Anfang Mai 1934 wurden dem Verein zwei Drittel seiner 700 qm umfassenden Räume in der Schwere-Reiter-Kaserne in der Zweibrückenstr. 12/ II gekündigt. Der Verlust der Räume hatte Konsequenzen: Die Monatsversammlungen konnten nicht mehr im Vereinslokal stattfinden und die vereinseigenen Sammlungen mussten so eng zusammengestellt werden, dass sie nicht mehr benutzbar waren. Damit begannen die Überlegungen, Sammlungsgegenstände in die Obhut anderer Institutionen zu geben. Das Stadtarchiv München schaltete sich gleich 1934 aktiv in diese Überlegungen ein. Pius Dirr hat in seinem Tätigkeitsbericht 1933/34 in Punkt 10 („Sammlungen des Historischen Vereins von und für Oberbayern“) direkt darauf Bezug genommen: „In Übereinstimmung mit der Leitung des Stadtmuseums kann ich eine etwaige Übernahme rückhaltlos befürworten. Der Plan ist schon vor Jahren zwischen mir und dem Vorstand des Historischen Vereins, Geheimrat Dr. Leidinger, besprochen worden für den Fall, dass das Archiv in einem Neubau untergebracht werden soll. (…) Die Übernahme der Sammlungen in städtische Verwaltung erweist sich nach Ansicht Dr. Leidingers und auch nach meiner Auffassung schon deswegen als richtig, weil es einen bayerischen Staat verfassungsrechtlich nicht mehr gibt. In dieser Lage ist die Stadt München als altbayerischer und oberbayerischer Vorort die gegebene Sachwalterin.“65 Diese ersten Gespräche brachten aber, weil die Neubaupläne ohne Fortschritt blieben, noch kein Ergebnis. Immerhin wurden aber in dieser Zeit die Statuten des Vereins geändert bzw. deren ursprüngliche Fassung wieder hergestellt. In den Statuten von 1837 hatte der Verein für den Fall seines Erlöschens den Stadtmagistrat München als Erbe der Sammlungen unter dem Vorbehalt der Bereitstellung eines für die Aufbewahrung und Nutzung der Sammlungen geeigneten Gebäudes eingesetzt. Da der Verein seine Räumlichkeiten in den folgenden Jahrzehnten seines Bestehens regelmäßig von staatlichen Stellen zugewiesen bekam, hatte man das Statut 1876 zugunsten der „Kreisgemeinde von Oberbayern“, also des Vorläufers des Bezirks Oberbayern, geändert. Nach der Entrechtung des bayerischen Staates 1934 kam man wieder auf die ursprüngliche Bestimmung zurück und setzte erneut die Stadt für den Fall des Erlöschens des Vereins als Erbin ein.

 Stadtarchiv München, Archiv 667.

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Und so fand man im Jahr 1937, in dem die vor- und frühgeschichtlichen Objekte der Prähistorischen Sammlung als Leihgabe überlassen worden sind, auch für die wertvolle Bibliothek, die Handschriften, Urkunden und die Bildersammlung eine Lösung. Sie sollten nun an die Stadtbibliothek gehen, die gerade einen Neubau plante. Ein entsprechender Vertrag mit Oberbürgermeister Karl Fiehler wurde am 20. Dezember 1937 geschlossen. Da das neue Bibliotheksgebäude kriegsbedingt jedoch nicht gebaut wurde, fand die Übergabe nie statt. Übernahme der Vereinsbestände durch das Stadtarchiv und seine Folgen Nach der Amtsübernahme des Stadtarchivs durch Reinhold Schaffer im Februar 1939 kamen wieder Überlegungen auf, die Vereinsbestände an das Stadtarchiv zu übergeben. Aber erst als 1943 die häufiger werdenden Bombenangriffe auf München eine Neuunterbringung dringend machten, nahm Prof. Theodor Dombart66 Kontakt mit Schaffer auf, der nicht nur größtes Interesse an den Sammlungen hatte, sondern auch sofort aktiv wurde. Gemeinsam mit Leidinger bereitete er einen Übernahmevertrag vor, der den 1937 geschlossenen Vertrag ersetzen sollte; Leidinger unterschrieb diesen am 4. Juni 1943. Im März 1944 verließ der Historische Verein von Oberbayern die letzten ihm verbliebenen Räumlichkeiten an der Zweibrückenstraße und bezog einen Raum im Stadtarchiv an der Winzererstraße 68. Unmittelbar nach der Übernahme der Vereinssammlungen durch das Stadtarchiv begann Archivdirektor Schaffer mit der Evakuierung der Archivbestände und damit auch der Vereinssammlungen aus München. Fünfzehn Fliegerangriffe hatte München zu diesem Zeitpunkt schon erlebt und es war absehbar, dass weitere folgen würden. Die ca. 50.000 Bände umfassende Bibliothek des Historischen Vereins wurde nach Kloster Oberschönenfeld verbracht, die übrigen Sammlungen kamen im Pfarrhaus von Lengdorf bei Dorfen unter.67 Sowohl die Bestände des Historischen Vereins als auch die des Stadtarchivs überstanden den Zweiten Weltkrieg ohne Verluste.

  Dombart war von 1935 bis 1963 Schatzmeister des Historischen Vereins von Oberbayern, danach wurde er zum Ehrenmitglied ernannt. – Vgl. seine kleine Würdigung von Michael Stephan, „Schwabing-Professor“ Theodor Dombart (1884–1969). In: Michael Stephan und Willibald Karl, Schwabing (Zeitreise ins alte München, hrsg. vom Stadtarchiv München), München 2015, S. 74–75. 67  Vgl. Anm. 52. 66

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Georg Leidinger, der langjährige 1. Vorsitzende des Historischen Vereins, erlebte das Kriegsende nicht mehr, er starb am 9. März 1945 im Alter von 74 Jahren. Im Oktober 1945 wurde der schon 1943 von Leidinger unterschriebene Übernahmevertrag zwischen dem Verein und dem Stadtarchiv vom zweiten Bürgermeister Franz Stadelmayer gegengezeichnet. Da in der Einleitung aber immer noch der NS-Oberbürgermeister Fiehler als Vertreter der Stadt genannt ist, wurde der Vertrag zwischen Verein und Stadtarchiv 1973 noch einmal neu abgeschlossen. Der Verein verzichtete nun auch auf das noch im Vertrag von 1943 enthaltene Rückforderungsrecht und wandelte die bisherigen Leihgaben in Dauerleihgaben an das Stadtarchiv um.68 Die Grundlagen für die bis heute bestehende Symbiose von Verein und Stadtarchiv waren aber in der NS-Zeit gelegt worden. Den Vereinsvorsitz übernahm nach 1945 zunächst noch Domkapitular Michael Hartig (Reinhold Schaffer wurde aber Mitglied des Ausschusses). Zu seinem Nachfolger wurde 1960 Michael Schattenhofer gewählt, der schon seit 1945 als Schriftführer des Historischen Vereins tätig war und 1958 die Leitung des Stadtarchivs München übernommen hatte.69 Mit ihm beginnt die Tradition der Personalunion von Stadtarchivleitung und Vereinsvorsitz, die bis heute anhält.70

 Stadtarchiv München, HV-AK 105/9 sowie 105/9a.  Willibald Karl, Michael Schattenhofer (1915–1992) – Kurzbiographie. In: Michael Schattenhofer, Wirtschaftsgeschichte Münchens. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, hrsg. und erweitert von Willibald Karl (Hrsg.), München 2011, S. 7–10. 70  Michael Schattenhofer (1915–1992): Leiter des Stadtarchivs München (1958–1980) und Vorsitzender des Historischen Vereins von Oberbayern (1960–1984, danach Ehrenvorsitzender). – Richard Bauer (* 1943): Leiter des Stadtarchivs München (1980–2008) und Vorsitzender des Historischen Vereins von Oberbayern (1984–2010, danach Ehrenvorsitzender). – Michael Stephan (* 1954): Leiter des Stadtarchivs München (seit 2008) und Vorsitzender des Historischen Vereins von Oberbayern (seit 2010). 68 69

Das Stadtarchiv Nürnberg in der NS-Zeit Von Dominik Radlmaier Zur Quellenlage Die Geschichte des Stadtarchivs Nürnberg in der NS-Zeit ist bis heute ein ungeschriebenes, unerforschtes und nur in groben Zügen bekanntes Forschungsthema. Zwar berücksichtigen die beiden Ausstellungskataloge des Stadtarchivs Nürnberg zu dessen 125. beziehungsweise 150. Gründungsjubiläum die Entwicklung des Archivs im „Dritten Reich“, doch belassen es deren Beiträge bei der Darstellung der Bestandszunahme und der Entwicklung der Benutzerzahlen.1 Von den Auswirkungen der NSDiktatur auf den Archivbetrieb, die Archivmitarbeiter oder den gewachsenen Aufgabenbereich des Stadtarchivs seit 1936 erfährt man dort kein Wort. Wenige, teilweise fehlerhafte Informationen zu den Entwicklungen am Stadtarchiv in den Jahren 1933 bis 1945 enthält schließlich die von Werner Schultheiß und Gerhard Hirschmann bearbeitete „Festschrift zur Hundertjahrfeier“.2 Dies hat nichts mit einem selektierenden Umgang mit der eigenen Geschichte zu tun, sondern ist dem Umstand geschuldet, dass das im Pellerhaus untergebrachte Stadtarchiv durch den britischen Luftangriff vom 2. Januar 1945 völlig zerstört wurde. Dabei sind ca. zwei Regalkilometer Akten, sämtliche Dienstakten, Akzessionsverzeichnisse, Findmittel sowie Horst-Dieter Beyerstedt, Geschichte des Stadtarchivs Nürnberg. In: Horst-Dieter Bey– Herbert Schmitz (Bearb.), 125 Jahre Stadtarchiv Nürnberg. Ausstellungskatalog (Ausstellungskataloge des Stadtarchivs Nürnberg 5), Nürnberg 1990, S. 9–29, hier S. 16–19. – Horst-Dieter Beyerstedt, Geschichte des Stadtarchivs Nürnberg. In: Michael Diefenbacher – Horst-Dieter Beyerstedt – Ulrike Swoboda u.a. (Hrsg.), 1865–2015. 150 Jahre Stadtarchiv Nürnberg. Ausstellungskatalog (Ausstellungskataloge des Stadtarchivs Nürnberg 23), Nürnberg 2015, S. 17–75, hier S. 27–30. 2 Werner Schultheiss, Geschichte des Stadtarchivs Nürnberg 1865–1965. In: Werner Schultheiss – Gerhard Hirschmann (Bearb.), Stadtarchiv Nürnberg 1865–1965. Festschrift zur Hundertjahrfeier (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Nürnberg 4), Nürnberg 1964, S. 7–106, hier S. 17–18. Generell keine Erwähnung fand die Zeit des „Dritten Reichs“ in: Werner Schultheiss – Gerhard Hirschmann – Albert Barthelmess u.a. (Bearb.), 100 Jahre Stadtarchiv Nürnberg. Ausstellungskatalog (Ausstellungskataloge der Stadtbibliothek Nürnberg 42), Nürnberg 1965. 1

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der größte Teil der Dienstbibliothek und der Bibliothek des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg vernichtet worden.3 Im ersten städtischen Verwaltungsbericht der Nachkriegszeit wird das ganze Ausmaß dieser Zerstörung deutlich: „Seine Diensträume im Pellerhaus lagen seit dem 2. Januar 1945 in Trümmern und die Teile der Archivbestände, die in jenem herrlichen Bürgerhaus und im benachbarten Peststadel verblieben waren, hatten sich in Asche verwandelt. Dazu war fast die gesamte Handbibliothek, ein erheblicher Teil der Verzeichnisse und Kataloge und das sonstige Inventar des Amtes dem Kriege zum Opfer gefallen.“4 Eine Darstellung des Stadtarchivs Nürnberg in der NS-Zeit muss sich also auf eine heterogene Ersatzüberlieferung stützen.5 Sie bleibt trotzdem lückenhaft, ist nicht mehr als der Versuch einer groben Skizze der damaligen Verhältnisse. Sie kann nur schlaglichtartig Entwicklungen aufgreifen, die Niederschlag in den städtischen Verwaltungsberichten und Personalakten, staatlichen und kirchlichen Akten, Direktionsakten des Germanischen Nationalmuseums oder privaten Dokumenten gefunden haben.6 Zu Staatsarchiv Nürnberg (StAN), Dienstakt IV, Nr.29d (Schreiben des Fridolin Solleder v. 28.1.1947 an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus). Dort äußerte Solleder massive Kritik an den verschleppten Bergungen des Werner Schultheiß. Siehe auch: Stadtarchiv Nürnberg (StadtAN), C 36/I Nr. 326 (Werner Schultheiß, Übersicht über die Archivbestände samt den zugehörigen Findbüchern und Findkarteien. Typoskript) u. StAN, Dienstakt IV, Nr.29d (Gerhard Pfeiffer: Bericht über die Bestände des Stadtarchivs Nürnberg). Zu den Beständen vor der Zerstörung siehe: Werner Schultheiss, Das Stadtarchiv Nürnberg und seine Bestände (Stand: 1. April 1944). In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 39 (1944) S. 253–258. Bei diesem Luftangriff verbrannte zudem die im Hauptverwaltungsamt untergebrachte Hauptregistratur der Jahre 1890–1945, die ebenfalls Akten zum Stadtarchiv enthalten hatte. Siehe: Schultheiss 1964 (wie Anm. 2), S. 49. 4 Verwaltungsbericht der Stadt Nürnberg 1945 bis 1949. Nürnberg 1950, S. 97. 5 Zum Thema siehe die zeitgleich mit dem vorliegenden Beitrag erschienene Publikation: Dominik Radlmaier, Das Stadtarchiv Nürnberg in der NS-Zeit. Die Amtszeit der Direktoren Reinhold Schaffer und Gerhard Pfeiffer. In: Peter Fleischmann – Georg Seiderer (Hrsg.), Archive und Archivare in Franken im Nationalsozialismus (Referate der Tagung vom 13.–14.10.2017) (Franconia. Beihefte zum Jahrbuch für fränkische Landesforschung 10), Erlangen 2019, S. 403–443. – Dank geht in diesem Zusammenhang an die Kollegen des Archivs des Erzbistums Bamberg, des Stadtarchivs München, des Staatsarchivs München und des Staatsarchivs Nürnberg, insbesondere an Herrn Dr. Andreas Hölscher, Herrn Dr. Michael Stephan, Herrn Robert Bierschneider und Herrn Gunther Friedrich, die die Recherchen mit großem Entgegenkommen unterstützt haben. 6 Unter den Direktionsakten des Germanischen Nationalmuseums sind in diesem Zusammenhang die Berichte des Komitees zur Erhaltung der Nürnberger Denkmäler, Kunstwerke, Bibliotheken und Archive (Monuments, Fine Arts & Archives Committee MFA&A) 3

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den Dokumenten nichtamtlicher Provenienz gehören u.a. die Tagebücher des Ernst Strobel, der zwischen 1936 und 1939 am Stadtarchiv beschäftigt und für den „Nachweis der arischen Abstammung“ zuständig war.7 Aus dieser Quelle ist zumindest zu erfahren, welche Personen zwischen 1936 und 1939 am Stadtarchiv gearbeitet haben. Daneben ließen insbesondere die in den einschlägigen Spruchkammerakten überlieferten eidesstattlichen Erklärungen die erstmalige Rekonstruktion von Anzahl und Aufgaben der Archivmitarbeiter in den Jahren 1933 bis 1945 zu. D a s S t a d t a r ch iv N ü r n b e r g i n d e r N S - Z e i t Die folgende Darstellung des Stadtarchivs Nürnberg in der NS-Zeit ist chronologisch in zwei Abschnitte gegliedert, die sich durch die Amtszeiten der beiden Direktoren der Jahre 1930 bis 1939 und 1939 bis 1946 erklären. Da unter der Ägide von Archivdirektor Reinhold Schaffer das Stadtarchiv einen eigenen Amtssitz erhielt und das Personal durch die Ansiedlung von Sonderprojekten eine beachtliche Erhöhung erfuhr, verdient diese Periode im Folgenden eine intensivere Betrachtung als die Entwicklungen in den Kriegsjahren. Amtszeit Dr. Reinhold Schaffer: 1930 bis 1939 Das Pellerhaus als Dienstsitz des Stadtarchivs Auf Leitungsebene fand vor und nach 1933 kein Wechsel beim Stadtarchiv statt. Dr. Reinhold Schaffer amtierte bereits 1930 als Archivdirektor und blieb es auch nach der Machtübernahme, ohne dass Anpassungsschwierigkeiten erkennbar waren. Mit seiner Amtszeit ist nicht nur eine Neustrukturierung der Archivtektonik verbunden, sondern zudem die Schaffung eines eigenen Dienstsitzes in der Nürnberger Altstadt. Die Stadt Nürnberg hatte 1929 das am Egidienplatz gelegene Pellerhaus erworben und in den Folgejahren einer grundlegenden Restaurierung unterzogen, um dort das städtische Archiv unterzubringen.8 Wohl im April 1932 eröffnete das Stadtarchiv seine Amtsräume im Pellerhaus, von Bedeutung. Siehe: Germanisches Nationalmuseum, Historisches Archiv (GNM, HA), K. 459. 7 StadtAN, E 10/120 Nr. 3–6. 8 Stadtrat Nürnberg (Hrsg.), Verwaltungsbericht der Stadt Nürnberg für 1930/31. Nürnberg 1931, S. 306.

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Ruinen des Pellerhauses, Dienstsitz des Stadtarchivs Nürnberg am Egidienplatz seit 1932, Fotografie, 1945 (Stadtarchiv Nürnberg A 39/III Fi-E-20).

im September 1932 bekam es zusätzliche Magazinflächen im Erdgeschoss des westlich anstoßenden sogenannten Peststadels zur Verfügung gestellt.9 Zumindest nach Auffassung des Nürnberger Archivars Werner Schultheiß galt es „seit seiner Unterbringung im Pellerhaus als das schönste Der Umzug war am 20.4.1932 abgeschlossen. Siehe: StadtAN, C 18/II Nr. 1618 (Vermerk des Reinhold Schaffer v. 25.4.1932 an das Personalamt). – Stadtrat Nürnberg (Hrsg.), Verwaltungsbericht der Stadt Nürnberg für 1932/33. Nürnberg 1933, S. 227. Auf die Schließung wurde im Amtsblatt der Stadt Nürnberg Nr. 30 v. 15.4.1932 hingewiesen. Das Anwesen Tetzelgasse 30, als Eichstätter Kasten oder Peststadel bezeichnet, wurde 1480/81 als Kornhaus erbaut, diente im 16. Jahrhundert als Einstellplatz der Pestwagen und im 19. Jahrhundert als Schule. Seit 1921 war der Peststadel Ämtergebäude.

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Stadtarchiv Deutschlands“.10 Der neue Amtssitz erlaubte die Übernahme geschlossener Bestände aus den städtischen Registraturen (z.B. Hauptregistratur bis 1890), ließ das Archiv jedoch mit 200.000 nach dem Umzug übernommenen Einheiten sofort wieder an die Grenzen der Aufnahmekapazität gelangen.11 Im ersten Obergeschoss des Vorderhauses waren der Lesesaal und die Direktion untergebracht, das zweite Geschoss wurde für Ausstellungen genutzt. Der Magazinbereich erstreckte sich über die westlichen Seitenflügel sowie die Räume des Hinterhauses mit dem Lichthof. Insgesamt fanden 2100 laufende Meter Akten Platz im Pellerhaus.12 Biographie und Werdegang Dr. Reinhold Schaffer Die archivalischen Quellen zu Reinhold Schaffer, geboren am 6. November 1891 in Pottenstein, gestorben am 2. März 1963 in Neunkirchen am Brand, im Stadtarchiv Nürnberg sind als überschaubar zu bezeichnen. Zwar gibt es einen Personalakt, dieser stellt jedoch nur einen Restakt dar, der in der Nachkriegszeit angelegt wurde.13 Der ursprüngliche Akt ist mit Reinhold Schaffer 1939 an seinen neuen Dienstherrn, die Stadt München, gewandert und wird daher heute im Stadtarchiv München aufbewahrt.14 Darüber hinaus existiert ein kirchlicher Personalakt in Bamberg, der sich auf seine theologische Laufbahn seit 1912 bis zur Nichtigkeitserklä10 Werner Schultheiss, Neue Aufgaben des Stadtarchivs. In: Städtisches Amtsblatt Nürnberg Nr. 2 v. 7.1.1935, S. 9. 11 Reinhold Schaffer, Das Pellerhaus in Nürnberg. Nürnberg 1934, S. 73. – Ders., Das Stadtarchiv Nürnberg in seinem neuen Heim. In: Archivalische Zeitschrift 42–43 (1934) S. 344–361, hier S. 360. 12 Gerhard Pfeiffer, Das neue Dienstgebäude des Stadtarchivs Nürnberg. In: Archivalische Zeitschrift 56 (1960) S. 131–143, hier S. 131. 13 StadtAN C 18/II Nr. 9847. Die Geburtsdaten Schaffers, seiner Mutter und Halbgeschwister wurden vom Standesamt der Stadt Pottenstein mitgeteilt (freundliches Schreiben v. 11.5.2016). Den Sterberegistereintrag Reinhold Schaffers stellte die Gemeinde Neunkirchen am Brand zur Verfügung (freundliches Schreiben v. 3.8.2016). Zur Biographie siehe: Archiv des Erzbistums Bamberg (AEB), Rep. 3, Nr. 3103/806 (Lebenslauf v. 20.4.1923). – Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 3108 (Schreiben des Prof. Königer v. 15.6.1923 an Otto Riedner). – BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Kriegsstammrollen 1914–1918, Band 5400 (Eintrag 107). – Stadtarchiv München (StadtAM), Personalakten (PA) 11057 (Politische Unterlagen, Fragebogen des Personal- und Organisationsamtes München v. 13.2.1939). – StadtAN, C 21/IX Nr. 282 (Schaffer, Reinhold). Schaffer wurde am 1.12.1934 das Ehrenzeichen für Kriegsteilnehmer verliehen. 14 StadtAM, PA 11057.

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rung seiner Priesterweihe im Jahr 1936 bezieht.15 Sein wissenschaftlicher Nachlass, der einschließlich einiger Bücher 1963 auf Vermittlung Michael Schattenhofers als Schenkung des Pianisten Alfons Lehmann, des Testamentsvollstreckers sowie Haupterben Schaffers, an das Stadtarchiv Nürnberg gelangte, umfasst nur neun Einheiten zu bestimmten Nürnberger Forschungen Schaffers.16 Sein Leben ist durch zwei gedruckte Nachrufe von Universitätsprofessor Dr. Max Spindler, enger Freund seit der Bonner Studienzeit und Trauzeuge Schaffers, und Dr. Michael Schattenhofer, Nachfolger Schaffers als Leiter des Stadtarchivs München, skizziert worden. Bezeichnenderweise hat der Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg, dem Reinhold Schaffer von 1927 bis 1939 angehörte, keine Würdigung veröffentlicht.17 In diesen Nekrologen wie in den amtlichen und nichtamtlichen Quellen zeichnet sich eine widersprüchliche Persönlichkeit ab, deren Biographie nicht geradlinig verlaufen ist.18 Nach Besuch des Bamberger Priesterseminars von 1913 bis 1914 leistete er von Dezember 1914 bis Juni 1915 Kriegsdienst im 7. Bayerischen Infanterie-Regiment. Im Anschluss an die Priesterweihe am 23. Juli 1916 war er als Kaplan in mehreren oberfränkischen Gemeinden und in Nürnberg tätig, ehe er sich von August 1916 bis Oktober 1920 vom KirchenAEB, Rep. 3 Nr. 3103/806. StadtAN E 10/25 Nr. 1–9. Zur Schenkung (Acc. Nr. C 46/1963) siehe: StadtAN C 36/I Nr. 263 (Summarische Zusammenstellung der von Herrn Alfons Lehmann, München, Winzererstraße 68, übergebenen Stücke aus dem Nachlass des verstorbenen Archivdirektors Dr. Reinhold Schaffer). Die Schenkung umfasste auch elf gedruckte Bücher, von denen der größte Teil in die Dienstbibliothek eingereiht wurde. Drei Bände, darunter das völkische „Blut und Boden“-Werk „Die Lehre vom neuen Staat, Grundgedanken einer Wirklehre des Staates“ von Wilhelm Glungler (Darmstadt: Verlag Student an die Front 1934), gelangten an die Stadtbibliothek Nürnberg (Sign.: B 13289) wie auch „Pro Memoria. Ein Gedenkbuch für die Gefallenen des erzbischöflichen Priesterseminars u. Lyzeums zu Bamberg. In den Kriegsjahren 1914–1918“ (Sign.: B 5370) und Schaffers 1942 in München veröffentlichter Gedichtband „Verse“ (Sign.: FS 17,1). Zum Nachlass allgemein und Alfons Lehmann siehe: Staatsarchiv München (StAM), AG München NR 1963/2379. Die Schenkung des Nachlasses Schaffer an das Stadtarchiv wurde im Amtsblatt der Stadt Nürnberg v. 3.1.1964 bekannt gegeben. 17 Der Vereinsbeitritt erfolgte am 13.1.1927. Siehe: StadtAN, E 6/687 Nr. 60, Bl. 49 r. Schaffer trat nach Übernahme der Leiterstelle des Stadtarchivs München aus dem Verein aus. Siehe: StadtAN, E 6/687 Nr. 30 (Postkarte des Reinhold Schaffer an Hans Dürr, Poststempel 30.08.1939). 18 Max Spindler, Nachruf Reinhold Schaffer. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 26 (1963) S. 829–833. – Michael Schattenhofer, Reinhold Schaffer. In: Der Archivar 17 (1964) Sp. 144–145. Zu seinem Tod siehe: StadtAN F 2 Nr. 55, S. 29. 15 16

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Dr. Reinhold Schaffer, Direktor des Stadtarchivs Nürnberg von 1930 bis 1939, Fotografie, undatiert (um 1927) (Stadtarchiv Nürnberg, C 21/VII Nr. 134).

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dienst beurlauben ließ.19 Noch im Oktober 1920 nahm er das Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Germanistik in Bonn auf, das er 1923 mit einer Promotion über Andreas Stoß, den letzten Prior des Nürnberger Karmelitenklosters vor Einführung der Reformation, abschloss.20 Zwischen 1923 und 1926 war er Volontär am Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München, wo er auch die Staatsprüfung für den höheren Archivdienst ablegte. Schaffers Tätigkeit am Stadtarchiv Nürnberg begann im Oktober 1926 als Bearbeiter des Nürnberger Urkundenbuchs, eine Projektarbeit, die ihm Dr. Otto Riedner, Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, vermittelt hatte. Bereits 1928 erfolgte die Festanstellung als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter, 1929 die Beförderung zum Archivrat. Seit 1. Mai 1930 stand er als Leiter dem Archiv vor, wobei Schaffer gerne betonte, dass er zu diesem Zeitpunkt „jüngster Beamter der Stadt in leitender Stellung und der jüngste Archivdirektor des Reichs“ gewesen sei.21 Nicht ganz unbescheiden stellte der Archivleiter fest: „Unter meiner Direktion wurde der Umbau des Pellerhauses zum Stadtarchiv durchgeführt, der Umzug des Archives vollzogen und die Organisation des archivalisch sehr vernachlässigten Amtes in die Wege geleitet.“22 In „guter“ Nürnberger Tradition ging der neue Archivleiter rasch auf Konfrontationskurs mit dem Staatsarchiv Nürnberg. So forderte er 1932 die Rückgabe reichsstädtischer Archivalien oder zumindest einen beiderseitigen Archivalientausch. Pikiert kritisierte der Leiter des Staatsarchivs Nürnberg Dr. Alfred Altmann das undiplomatische Vorgehen Schaffers und dessen Instrumentalisierung der Lokalpresse: „Dieser liebt es […] mit seinen dienstlichen, wissenschaftlichen und persönlichen Belangen die Öffentlichkeit zu beschäftigen, indem er diese durch eine ihm nahestehende Presse […] von seinen Wünschen unterrichtet, ein Weg, der sicher einer sachlichen Behandlung rein archivtechnischer Fragen nicht gerade zuträgBereits am 10.5.1923 hatte Schaffer bei der Sakramentenkongregation die Zurückversetzung in den Laienstand beantragt, die jedoch erst am 27.5.1936 durch den Apostolischen Stuhl genehmigt wurde. Siehe: AEB, Rep. 3, Nr. 3103/806 Schaffer, Reinhold (Nichtigkeitserklärung der Sacra Congregatio De Sacramentis v. 27.5.1936). 20 Siehe: Reinhold Schaffer, Andreas Stoß, Sohn des Veit Stoß und seine gegenreformatorische Tätigkeit (Breslauer Studien zur historischen Theologie 5), Breslau 1926. 21 StadtAM, PA 11057 (Einstellungsunterlagen und Zeugnisse, Bl. c). 22 BayHStA, Kultusministerium (MK) 66820 (Lebenslauf zum Schreiben des Reinhold Schaffer v. 3.10.1933 an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus). Zur Übernahme des Nürnberger Amtes siehe: BayHStA, GDion Archive 3108 (Schreiben des Reinhold Schaffer v. 27.3.1930 an Otto Riedner). 19

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lich ist.“23 Widerstand gegen Schaffers Plan kam gleichfalls von der Generaldirektion, die Alfred Altmann versicherte: „Wir werden uns aber unsere Speisekammer nicht durch den Schaffer der Stadt ausräumen lassen.“24 Nach 1933 wurde Schaffer in seinem öffentlichkeitswirksamen Vorstoß vom Nürnberger Oberbürgermeister Willy Liebel unterstützt. Daneben erweiterte er „durch Anschaffungen von Unterlagen und Quellen die Familien- und Rasseforschungsmöglichkeit“ im Stadtarchiv.25 Sein engagiertes Eintreten für die Belange des Stadtarchivs hielt Reinhold Schaffer aber nicht davon ab, schon kurze Zeit nach Übernahme der Leitungsfunktion eine berufliche Veränderung anzustreben. Die ersten Versuche Schaffers, eine neue, wohl eher seinem Selbstverständnis entsprechende Arbeitsstelle zu finden, setzten bereits 1934 ein. Seine Bemühungen zunächst am Bayerischen Hauptstaatsarchiv und anschließend beim Staatsarchiv München bzw. dem Geheimen Hausarchiv unterzukommen, schlugen fehl und führten gar zum Zerwürfnis mit seinem Mentor Otto Riedner.26 Weil ein Wechsel zu den Staatlichen Archiven Bayerns in absehbarer Zeit nicht zu realisieren war, fand er sich zunächst mit den Gegebenheiten ab und übernahm die Rolle des Vorkämpfers der Kommunalarchive, in der er nicht ganz uneigennützig die soziale sowie finanzielle Gleichstellung der Stadtarchivare forderte. Gegenüber Otto Riedner bemerkte er: „Ich weiß, wie sehr von staatlichen Archivaren am Rangunterschied zu den Nichtstaatlichen [!] Archivaren festgehalten wurde und werde in keiner Weise dazu beitragen, diesen Kastenunterschied zu fördern oder zu verewigen.“27 Den Plan eines Stellenwechsels verfolgte Reinhold Schaffer von Nürnberg aus auch weiterhin. Tatsächlich gelang es ihm 1939 eine neue Stelle anzutreten. Am 1. Februar 1939 wurde er zum Direktor des Stadtarchivs 23 StAN, Dienstakt IV, Nr. 29d (Schreiben des Staatsarchivs Nürnberg v. 30.4.1932 an Otto Riedner). 24 Ebd. (Schreiben des Wilhelm Fürst v. 10.5.1932 an Alfred Altmann). 25 Bericht über die Arbeit der Stadtverwaltung Nürnberg im ersten Jahr des nationalsozialistischen Deutschlands März 1933 – März 1934. Nürnberg 1934, S. 69. 26 BayHStA, MK 66820 (Schreiben des Reinhold Schaffer v. 3.10.1933 und 6.2.1934 an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus) sowie GDion Archive 3108 (Schreiben des Otto Riedner v. 5.10.1933 an Reinhold Schaffer). 1945 versuchte Schaffer die Stelle des Generaldirektors der Staatlichen Archive zu erlangen, ebd. (Schreiben der Generaldirektion v. 17.8.1945 an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus). 27 BayHStA, GDion Archive 2990 (Schreiben des Reinhold Schaffer v. 23.9.1935 an Otto Riedner).

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München berufen, dem er ohne Unterbrechungen bis November 1956 vorstand. In München entschloss sich Schaffer, der bis dahin in der NSHochburg Nürnberg erfolgreich die Mitgliedschaft in der NSDAP umgangen hatte, schließlich im November 1939 doch, der Partei beizutreten. Das betreffende politische Gutachten fiel äußerst positiv aus. So konstatierte Mitte November 1939 das Münchner Gauamt für Beamte der NSDAP auf Grundlage der Beurteilung der Gauleitung Franken vom Februar 1939: „Dr. Schaffer hat sich schon frühzeitig die nat.-soz. Weltanschauung zu eigen gemacht und nach Kräften gefördert. […] Die politische Zuverlässigkeit Dr. Schaffer’s kann ohne jeden Vorbehalt bejaht werden“.28 Zu einem Beitritt ist es aus unbekannten Gründen trotzdem nicht gekommen.29 Mit welchem Kalkül Reinhold Schaffer hier agierte, unterstreicht seinen Ehrgeiz bei der Verwirklichung seiner beruflichen Ziele. Für sein Fortkommen war ihm jedes Mittel recht, von der Verschleierungstaktik bis zum gezielt eingesetzten Antisemitismus. Förderer der Schafferschen Karriere hatten für ihn in der Regel nur eine begrenzte Phase der Nützlichkeit. Der Nürnberger sozialdemokratische Stadtrat Dr. Dr. Max Süßheim, geboren am 20. Juli 1876 in Nürnberg, gestorben am 1. März 1933 in Nürnberg, hatte 1928 als Archivpfleger die Festanstellung Schaffers in Nürnberg durchgesetzt. Um jegliche persönliche oder politische Verbindung zu Süßheim zu vertuschen, schob Schaffer 1939 diesen als Grund für sein verspätetes Aufnahmegesuch in die NSDAP vor: „Gleichwohl war ein formeller Beitritt zur NSDAP seitens des Obigen in der Systemzeit nicht möglich, weil der Jude Dr. Max Süßheim bei seinem jüdischen Spioniertalent auch dies erfahren [hätte], das Stadtarchiv wäre in erster Linie der Leidtragende gewesen.“30 Mit seinem berechnenden Vorgehen schuf sich Schaffer bei Parteistellen allerdings nicht nur Freunde und erwarb so den Ruf eines kühlen Karrieristen: „Politisch wie charakterlich bietet Schaffer das unangenehme Bild des früheren katholischen Geistlichen, der […] als 28 Bundesarchiv Berlin, BDC, PK Dr. Schaffer, Dr. Reinhold (Gesamturteil des Gauamts für Beamte der NSDAP v. 14.11.1939). Im Staatsarchiv München konnte keine politische Beurteilung Reinhold Schaffers im Bestand NSDAP (hier Akt 1283) nachgewiesen werden. 29 Zu seiner Parteilosigkeit siehe: BayHStA, MK 66820 (Schreiben des Otto Riedner v. 27.2.1934 an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus) u. StadtAM, PA 11057 (Politische Unterlagen, Bl. d). Schaffer wurde daher 1947 als nicht vom „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946“ betroffen eingestuft. 30 Wie Anm. 28 (Gesamturteil des Gauamts für Beamte der NSDAP v. 14.11.1939). – Auf den Archivpfleger Max Süßheim folgte der Ratsherr Hans Oberndörfer.

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gewissenloser Streber kein Mittel scheut, um ausser den kirchlichen Interessen vor allem seinem persönlichen Fortkommen zu dienen.“31 Antisemitismus am Stadtarchiv In der Amtszeit Schaffers wurden zwei neue Benutzungsordnungen für das Stadtarchiv verabschiedet. Die Benutzungsordnung vom 16. Mai 1935 erläuterte die Aufgaben des Stadtarchivs und regelte die Benutzung ohne Rücksicht auf die NS-Rassenpolitik.32 Drei Jahre später erfolgte eine Überarbeitung, die die Archivbenutzung allgemein erschwerte und insbesondere jüdische Bürger ausschloss. Dort heißt es in Paragraph 1: „(1) Das Stadtarchiv ist bestimmt für wissenschaftliche, volks- und heimatkundliche sowie familiengeschichtliche Forschungen durch Reichsangehörige mit Ausnahme der Juden […]. Der Oberbürgermeister kann Juden in Ausnahmefällen die Erlaubnis zur Benützung des Stadtarchivs erteilen.“33 Hintergrund für diese rigorose Einschränkung dürfte der Erlass des Reichsministers des Innern vom 24. März 1938 gewesen sein, der Juden die Benutzung staatlicher Archive nur noch mit großen Einschränkungen gestattete.34 Dass Juden kommunale Archive nutzen könnten, beschäftigte auch das bayerische Kultusministerium. Ende Dezember 1939 forderte das Ministerium unter Bezugnahme auf den Erlass vom 24. März 1938 die Bezirksregierungen auf, bei den Kommunen, die über ein eigenes Archiv verfügten, Informationen zur Archivbenutzung durch Juden anzufordern.35 Anfang Januar 1939 legte der Regierungspräsident in Ansbach diese Frage dem Nürnberger Oberbürgermeister vor. Nach einer Bearbeitungszeit StAM, Spruchkammerakten 391, Fees, Karl Dr., geb. 10.5.1901 (Schreiben des NS Dozentenbundes v. 18.3.1939 an Georg Ritter von Ebert). 32 StadtAN, C 7/I Nr. 10049 (Städtisches Amtsblatt Nürnberg Nr. 43/44 v. 3.6.1935). 33 Ebd. (Städtisches Amtsblatt Nürnberg Nr. 37 v. 13.5.1938, S. 209). In diesem Akt findet sich auch ein undatierter Vermerk von Referat VII über die überarbeitete Benutzungsordnung, in welchem explizit auf diese antijüdische Regelung hingewiesen wird. Siehe auch: Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg (Hrsg.), Das Ortsrecht der Stadt der Reichsparteitage Nürnberg. Nürnberg 1939, 7 C Nr. 1 u. Schultheiss 1964 (wie Anm. 2), S. 29. 34 StAN, Rep. 270/V, Reg. von Mittelfranken, Kammer des Innern, Abg. 1978, Nr. 35 (Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums des Innern v. 13.4.1938 an die Bezirksregierungen). 35 StAN, Rep. 270/V, Reg. von Mittelfranken, Kammer des Innern, Abg. 1978, Nr. 35 (Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus v. 29.12.1938 an die Bezirksregierungen). 31

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von sechs Monaten, die sich durch die Vakanz und Neubesetzung der Leiterstelle erklärt, meldete am 10. Juni 1939 der Oberbürgermeister an die Regierung in Ansbach: „Das Archiv der Stadt der Reichsparteitage Nürnberg ist seit dem Erlaß des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 28. September 1938 von Juden weder zu familiengeschichtlichen Zwecken, noch in der Absicht der Erforschung des jüdischen Volkstums, noch zu irgend welchen anderen Zwecken benützt worden. Der letzte Versuch einer Archivbenützung durch einen Juden ist am 19. Mai 1938 gemacht worden, dem unter Hinweis auf § 1 der Satzung für das Archiv der Stadt der Reichsparteitage Nürnberg die Einsicht in die Bestände des Stadtarchivs versagt wurde.“36 Dass dem Stadtarchiv unter Oberbürgermeister Liebel eine neue Rolle zugedacht wurde, hatte sich schon sich an der organisatorischen „Umsiedlung“ des Stadtarchivs im Jahr 1936 vom Schulreferat zum Referat XI „für Allgemeine Kulturfragen, für die Reichsparteitage und für Feste und Ehrungen“ gezeigt.37 Dies könnte mit der Aufgabenerweiterung des Archivs zusammenhängen, wie sie Schaffer in seinen „Allgemeinen Richtlinien für Stadtarchive“ formuliert hatte, nämlich „1. Die Erforschung des Stadtbildes von seinen Anfängen bis in die neueste Zeit. […] 2. Die Erforschung der Verfassungsgeschichte und Ämterorganisation der Stadt. […] 3. Die Erforschung des städtischen Einwohnerverbandes zur Feststellung der bodenständigen Familien, der Zu- und Abwanderung (Juden), der Berufs- und Gewerbegliederung, der Erbkrankheiten usw. […] 4. Eine zeitgeschichtliche Abteilung (Chronik).“38 Die Liste der Veröffentlichungen Reinhold Schaffers ist lang, sie reicht von Monographien über Veit Stoß oder „Das Pellerhaus in Nürnberg“ bis hin zu Zeitschriftenbeiträgen wie „Das Massenproblem bei den Stadtarchiven“ oder „Die Zukunft der Stadtarchive“, in denen er den Anspruch der kommunalen Archive auf Autonomie gegenüber den staatlichen ArStAN, Rep. 270/V, Reg. v. Mittelfranken, Kammer d. Innern, Abg. 1978, Nr. 35 (Schrei­ ben des Oberbürgermeisters / Ref. VII v. 10.6.1939 an den Regierungspräsidenten in Ansbach). 37 Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg (Hrsg.), Geschäfts-Verteilung für die Referate. Nürnberg 1936, Schultheiss 1964 (wie Anm. 2), S. 27–28 und Beyerstedt 2015 (wie Anm. 1), S. 30. Referat XI wurde am 1.11.1937 aufgelöst. Dessen Aufgaben übernahm Referat VII (Fremdenverkehr und allgemeines Verkehrswesen, Feste und Ehrungen, Reichsparteitage, Presse). 38 StadtAM, PA 11057 (Vorverhandlungen Dr. Schaffer Reinhold, Allgemeine Richtlinien für Stadtarchive, von allen Sonderfragen der Archivwissenschaft abgesehen). 36

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chiven zum Ausdruck brachte.39 Außerdem entwickelte er die Idee einer „Filmischen Chronik der Stadt Nürnberg mit lebendem und tönendem Stadtplan“.40 Aus Schaffers Schrifttum sticht jedoch eine Arbeit, die im Auftrag des Nürnberger Oberbürgermeisters entstanden ist, irritierend hervor, die „Geschichte der Juden in Nürnberg“. Grundlage dieses Werkes bildete die sachthematische Kartei des Dr. Johann (Hans) Wecker, Bibliothekar des Stadtarchivs.41 Diese Kartei mit dem Betreff „Nürnberger Juden und Judentaufen“ entstand auf Eigeninitiative Weckers, dessen Antisemitismus selbst nach dem Zweiten Weltkrieg noch präsent war. So urteilte sein Vorgesetzter Dr. Gerhard Pfeiffer im Jahr 1946: „Dr. W[ecker] hat sich in seinen Äußerungen im Stadtarchiv für bestimmte Gedanken der sog. nationalsoz. Weltanschauung, insbesondere für den Antisemitismus und für das Durchhalten im Kriege eingesetzt.“42 Wie Reinhold Schaffer hatte Hans Wecker (geboren am 20. Februar 1883 in Obereichstätt, gestorben am 5. Dezember 1962 in Nürnberg) zunächst Theologie studiert und eine Laufbahn in der römisch-katholischen Kirche eingeschlagen. Seit Oktober 1911 war er als Kaplan im Erzbistum Bamberg tätig, zuletzt in Nürnberg.43 Nach dem Bekanntwerden der Liaison Weckers mit seiner Haushälterin sollte er zunächst strafversetzt werden, Reinhold Schaffer, Veit Stoß. Ein Lebensbild, Nürnberg 1933. – Ders., Das Pellerhaus in Nürnberg, Nürnberg 1934. – Ders., Das Massenproblem bei den Stadtarchiven. Aussonderung der Akten, Archivwürdigkeit. In: Archivalische Zeitschrift 45 (1939) S. 208–222. – Ders., Die Zukunft der Stadtarchive. Ausgestaltung, Aufbau, Aufgaben. In: Ebd. S. 177–186. 40 StadtAN E 10/25 Nr. 6. 41 Reinhold Schaffer, Geschichte der Juden in Nürnberg. Typoskript, Nürnberg 1936, Bl. IIr. – Hans Wecker gehörte seit Mai 1933 der NSDAP an. Siehe: StAN, Spruchkammer (Sprk) Nürnberg II, W-97 (Meldebogen des Hans Wecker v. 7.5.1946). Im Stadtarchiv befindet sich der Nachlass von Hans Wecker (E 10/35), der 28 Einheiten umfasst und vor allem Material zu den lokalhistorischen Forschungen Weckers enthält. Eine Personalakte liegt nicht vor. Die „Wecker-Kartei“ zu „Nürnberger Juden u. Judentaufen“, aus rund 600 Karteikarten mit Quellennachweisen der einschlägigen Bestände des Staatsarchivs Nürnberg, der Stadtbibliothek Nürnberg, des Landeskirchlichen Archivs sowie des Stadtarchivs Nürnberg bestehend, ist hingegen erhalten (F 5 Nr. 904). 42 StAN, Sprk Nürnberg II, W-97 (Fragebogen des Personalamts der Stadt Nürnberg v. 27.8.1946). 43 Johann Wecker wurde am 29.6.1909 in Eichstätt zum Priester geweiht und zwei Jahre später als Kaplan in das Bistum Bamberg versetzt mit Stationen in Hollfeld (1911), Eggolsheim (1912) sowie Nürnberg (1916–1919). Siehe: AEB, Rep. 3, Nr. 3103/364 (Schreiben des Dr. Neundorfer v. 24.11.1987 an Erzbischöfliches Generalvikariat Bamberg). Nach seinem Wechsel zur Stadt Nürnberg verwendete Wecker den Vornamen „Hans“. 39

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Vorderspiegel der von Reinhold Schaffer verfassten „Geschichte der Juden in Nürnberg“ mit Exlibris des städtischen Personalreferenten Julius Rühm und Vermerk des Werner Schultheiß von 1943, Typoskript, 1936 (Stadtarchiv Nürnberg, Av 2665.4°).

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wurde jedoch anschließend quiesziert.44 Schließlich erfolgte im Juli 1920 seine Suspension vom Kirchendienst, eine Entlassung in den Laienstand jedoch nicht. Bereits zuvor, seit Sommersemester 1914, hatte er in Erlangen das Studium der Nationalökonomie und Philosophie aufgenommen, das er im Mai 1920 mit der Promotion abschloss.45 An das Stadtarchiv Nürnberg gelangte er 1925 als Seiteneinsteiger mit vielfältigen Aufgabenbereichen, erst 1930 wurde ihm die Dienstbibliothek übertragen.46 Die Schrift Schaffers „Geschichte der Juden in Nürnberg“ wurde nie gedruckt, liegt aber in mehreren Abschriften im Stadtarchiv München, in der Dienstbibliothek des Stadtarchivs Nürnberg sowie im Nachlass Schaffer vor.47 Das Exemplar des Stadtarchivs Nürnberg gelangte erst 1943 als Schenkung der Stadtbibliothek Nürnberg, die es vom Nürnberger Personalreferenten Julius Rühm erhalten hatte, in die Dienstbibliothek. Nach einem Besuch des Stadtarchivs Nürnberg am 11. November 1938 durch den Leiter des Münchner Hauptverwaltungsamts stellte dieser fest: „Von besonderem Interesse für München ist seine zur Zeit im Druck befindliche Arbeit über »Die Juden in Nürnberg«, die sowohl die ausdrückliche Anerkennung des Oberbürgermeisters als auch des Gauleiters Streicher gefunden hat. Archivdirektor Schaffer erklärte, daß es außerordentlich mühselig gewesen sei und einer nahezu jahrelangen Kleinarbeit bedurft habe, das vorliegende Material zusammenzutragen.“48 Schaffers Text quillt förmlich über an antisemitischen Phrasen und stellt zugleich eine ungeheure Anbiederei an einflussreiche Repräsentanten des NS-Regimes dar, wie beispielhaft eine Passage aus dem Kapitel „Die Juden in Nürnberg seit der Einverleibung der Reichsstadt in das Königreich AEB, Rep. 3, Nr. 3103/364 (Schreiben des Johann Wecker v. 17.11.1919 an den Bamberger Weihbischof). 45 Siehe: Johann Wecker, Die Bamberger Gärtnerei nach ihrer geschichtlichen Entwicklung und wirtschaftlichen Bedeutung, Diss. Erlangen 1920. Die Promotionsurkunde datiert auf 30.3.1925. Die Angaben zum Studium Weckers hat freundlicherweise das Universitätsarchiv Erlangen auf Grundlage der Promotionsakte C4/3b Nr. 4035 zur Verfügung gestellt (schriftliche Mitteilung von Dr. Clemens Wachter v. 16.2.2017). 46 Schultheiss 1964 (wie Anm. 2), S. 17. Im Oktober 1936 wurde Hans Wecker verbeamtet. Siehe: StadtAN E 10/35 Nr. 26 (Urkunde v. 14.10.1938). 47 StadtAM, Sammlung des Historischen Vereins für Oberbayern, u. StadtAN Sign.: Av 2665.4° u. E 10/25 Nr. 4 (darin auch eine fragmentarische, in München entstandene Abschrift). Die „Studie“ wurde im Auftrag des Oberbürgermeisters Willy Liebel erstellt. Siehe: Rechenschaftsbericht der Stadt Nürnberg 1936/37, Nürnberg 1937, S. X/15. 48 StadtAM PA 11057 (Vorverhandlungen Dr. Schaffer Reinhold, Vermerk des Karl Fees v. 18.11.1938). 44

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Bayern“ belegt: „Es ist kein Zufall, wenn den Juden gerade in Nürnberg in Julius Streicher ihr größter Gegner erwuchs. Es ist, als ob die alten verschütteten Quellen der reichsstädtischen Zeit nach einer jahrhundertelangen Zurückdämmung wieder aufgebrochen wären, um alles Schädliche und Schadhafte hinwegzuschwemmen. Ein gewaltiger Unterschied allerdings liegt darin, daß nunmehr die Judenfrage keine Grenze mehr findet am Rande des reichsstädtischen Territoriums. Durch die Nürnberger Judengesetze zur Reinhaltung des deutschen Blutes vom Jahre 1935 wurde von einem alten, judenfeindlichen Vorwerk aus die Judenfrage für das ganze Reich gelöst.“49 Vor diesem Hintergrund wird die Unterstützung der antisemitischen Ausstellung „Der ewige Jude“ 1937 in der Bibliothek des Deutschen Museums durch Archivalienleihgaben des Stadtarchivs erklärbar.50 Personalsituation und Sonderprojekte Einen ersten, subjektiven Einblick in die Personalsituation am Stadtarchiv des Jahres 1936 vermittelt das eingangs erwähnte Tagebuch des Archivmitarbeiters Ernst Strobel. Mit knappen Worten beschreibt Strobel die höheren Beamten: „Es war ein kleiner Stab von Mitarbeitern, den Dr. Schaffer um sich geschart hatte. Da war zunächst sein Stellvertreter, Dr. Schultheiß, den er nicht aufkommen ließ, allerdings noch jung und unreif, mit recht mäßigem wissenschaftlichen Rüstzeug, […]. Schaffer hatte eine schwere Magenerkrankung hinter sich, die s. Zt. an seinem Aufkommen zweifeln ließ. Schultheiss sah sich schon als Nachfolger, […] und konnte sich nicht enthalten dies auch zu äußern. Dann war auf Veranlassung Schaffers Archivrat Löhlein als Stadtchronist eingestellt worden, kurz vor meiner Ankunft. Als Bibliothekar funktionierte Dr. Wecker.“51 Im Jahr 1939 erreichte das Stadtarchiv Nürnberg hinsichtlich seiner Mitarbeiterzahl den vorläufigen Höchststand: 14 Beamte und Angestellte waren dort tätig.52 Von diesen 14 Personen gehörten wohl elf der NSDAP Schaffer, Geschichte der Juden (wie Anm. 41), S. 154–155. Rechenschaftsbericht der Stadt Nürnberg 1937/38, Nürnberg 1938, S. XII/18 und Beyerstedt 2015 (wie Anm. 1), S. 29. 51 StadtAN, E 10/129 Nr. 3, S. 176. 52 StadtAN, C 36/I Nr. 191 (Lagebericht des Stadtarchivs v. 30.11.1948). Dort auch eine 1948 angefertigte Liste des Personalstandes des Stadtarchivs mit Stand 31.8.1939. Weitere Mitarbeiter waren: Josef Bauer (geb. 31.12.1896 in Waidhaus, gest. 31.1.1982 in Waidhaus): StAN, Sprk Fürth II, B-63 u. StadtAN, C 18/II Nr. 10136; bis 1937 Josef Bayer (geb. 49 50

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Dr. Werner Schultheiß, stellvertretender Direktor des Stadtarchivs Nürnberg von 1934 bis 1945, Fotografie, 1939 (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, MK 36283).

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an, nämlich Peter Baier, Josef Bauer, Hermann Busch, Heinrich Danninger, Georg Löhlein, Käthe Nürnberger, Werner Schultheiß, Karl Strehl, Hans Wecker sowie Wilhelm Wölfel (siehe Anhang: Übersicht der Mitarbeiter des Stadtarchivs Nürnberg 1933–1945; S. 106–108). Stellvertretung des Dienststellenleiters: Dr. Werner Schultheiß Seit September 1934 war neben Reinhold Schaffer ein weiterer Facharchivar am Stadtarchiv auf einer neu geschaffenen Stelle tätig: der promovierte Jurist Werner Schultheiß, geboren am 28. April 1906 in Nürnberg, gest. 2. November 1972 ebenda.53 Dr. Schultheiß hatte im Mai 1933 in München die Staatsprüfung für den höheren Archivdienst abgelegt und war ab 1934 als Archivassessor am Bayerischen Hauptstaatsarchiv tätig gewesen. Im Stadtarchiv Nürnberg hatte er sowohl unter Schaffer als auch unter Pfeiffer die Funktion eines stellvertretenden Dienststellenleiters inne.54 Trotz seines Beitritts zur SA im Oktober 1933 und zur NSDAP im 18.2.1901 in Nürnberg, gest. 26.3.1974 in Nürnberg): StAN, Sprk Nürnberg III, B-128 u. StadtAN, C 18/II Nr. 12015; Christine Danninger (geb. 31.8.1886 in Schwabach, gest. 21.4.1962 in Nürnberg, vorübergehende Hausmeisterin des Pellerhauses nach dem Tod des Heinrich Danninger): keine Spruchkammerakte vorhanden; Heinrich Danninger (geb. 21.7.1886 in Schwabach, gest. 12.4.1940 in Nürnberg): StadtAN, C 18/II Nr. 1618; Leonhard Scharrer (geb. 7.6.1888 in Etzelwang, gest. 8.2.1962 in Nürnberg): StadtAN, C 18/ II Nr. 5955; Lorenz Schneider (geb. 12.7.1894 in Mürsbach, gest. 4.6.1978 in Nürnberg): StAN, Sprk Nürnberg IV, Sch-248, eine Personalakte Lorenz Schneider liegt nicht vor; Hildegard Taufer (geb. 5.12.1920, Angestellte), keine Personalakte und keine Spruchkammerakte vorhanden, zu den biographischen Daten siehe: StadtAN, C 21/IX Nr. 1409 (Taufer, Hildegard). 53 Der wissenschaftliche Nachlass des Werner Schultheiß mit 180 Einheiten befindet sich im Stadtarchiv Nürnberg (E 10/28). Zu seinem Leben siehe: N.N., Dr. Werner Schultheiß, ein Fünfundsechziger. In: Frankenland 23 (1971) S. 112–113. – Gerhard Hirschmann, Werner Schultheiß †. In: Der Archivar 26 (1973) Sp. 350–352. – Gerhard Pfeiffer, Werner Schultheiß zum Gedächtnis. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 60 (1973) S. 321–323. 54 Reinhold Schaffer hatte sich massiv für die Einstellung von Werner Schultheiß eingesetzt und die Bewerberin Herta Mittelberger als seine Stellvertreterin abgelehnt. Siehe: StadtAN, C 18/II Nr. 11549 (Vermerk des Reinhold Schaffer v. 6.2.1934 an Ref. IX). Der Akt unterliegt bis 2026 einer Schutzfrist. Zu Schultheiß‘ Ausbildung siehe: StadtAN, C 18/II Nr. 11549 (Lebenslauf des Werner Schultheiß v. 24.12.1933) u. C 18/II Nr. 11550 (Fragebogen der Militärregierung v. 1.6.1946). Am 23.6.1945 wurde Schultheiß durch die Militärregierung vom Amt suspendiert. Siehe: StadtAN, C 18/II Nr. 11550 (Schreiben des Oberbürgermeisters v. 26.6.1945 an Werner Schultheiß). Schultheiß fiel 1948 unter die Weihnachtsamnestie.

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Mai 1937 hatte er bei der Neubesetzung der Direktorenstelle nach dem Weggang Schaffers keine Chance, vielmehr wurde ihm bis 1961 die Rolle des „ewigen Zweiten“ zuteil.55 Dies ist umso erstaunlicher, da er wiederholt Ergebenheitsadressen an den Oberbürgermeister gerichtet hatte und versucht hatte, sich als zuverlässigen Nationalsozialisten darzustellen.56 Ende August 1939 „als untauglich vom Militärdienst entlassen“ und später völlig vom Heeresdienst freigestellt,57 organsierte er während des Krieges vor allem die Bergung der Archivbestände. Sippenamt / Beratungsstelle für Sippenforschung Die Einführung des sogenannten Arierparagraphen wirkte sich massiv auf die Benutzerzahlen des Stadtarchivs aus: rund 2400 genealogische Anfragen über „arische Abstammung“ hatten die Mitarbeiter im Jahr 1935 zu bearbeiten.58 Bereits 1934 klagte Reinhold Schaffer gegenüber dem Schulreferenten Hans Dürr über die dadurch bedingte Mehrarbeit: „Das Archiv ist zur Zeit mit arischen Nachforschungen sehr überlastet, da für die meisten Parteimitglieder der arische Nachweis, bis zum Jahre 1800 zurück, verlangt wird.“59 Werner Schultheiß wies hingegen 1935 in einem Zeitungsartikel stolz auf die neue Aufgabe hin: „Das Stadtarchiv ist aber nicht nur familiengeschichtliche Beratungsstelle, sondern erfüllt auch schon jetzt die Aufgaben, die das künftige »Sippenamt« leisten soll.“60 Als Folge davon wurde im Jahr 1936 eine zusätzliche Stelle geschaffen, die „Familiengeschichtliche Beratungsstelle“, später „Beratungsstel-

StadtAN, C 18/II, Nr. 11549 (Bewerbungsschreiben des Werner Schultheiß v. 14.2.1939). Schultheiß wurde erst 1961 Direktor des Stadtarchivs. Der Beitritt zur SA erfolgte seinen Angaben zufolge durch die Anregung Otto Riedners. Siehe: StAN, Sprk Hersbruck, Nr. 3266, Bl. 2a u. Schreiben des Werner Schultheiß v. 2.6.1946 an den Oberbürgermeister. 56 Siehe z.B. Werner Schultheiss, Neue Aufgaben des Stadtarchivs. 2. Teil. In: Städtisches Amtsblatt Nürnberg Nr. 3 v. 10.1.1935, S. 14. 57 StadtAN, C 18/II, Nr. 11549 (Vermerk des Gerhard Pfeiffer v. 28.8.1939 an PA/1). 58 Siehe: Rechenschaftsbericht der Stadt Nürnberg 1935/36, Nürnberg 1936, S. X/23 und Beyerstedt 1990 (wie Anm. 1), S. 18. 59 StadtAN, C 18/II, Nr. 11952 (Vermerk des Reinhold Schaffer v. 14.4.1934 an Hans Dürr und Julius Rühm). Der Personalakt Peter Baier, der diesen Vermerk enthält, unterliegt einer Schutzfrist und ist bis 2035 gesperrt. 60 Werner Schultheiss, Im Dienste der Wissenschaft und Volksbildung: Neue Aufgaben des Stadtarchivs. In: Bayerische Volkszeitung v. 4.7.1935. Zuvor veröffentlicht in: Städtisches Amtsblatt Nürnberg Nr. 2 v. 7.1.1935, S. 9–10. 55

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le für Sippenforschung“.61 Aufgabe dieser Stelle war die „Beratung und Verbescheidung von Familienforschern (Ariernachweis) auf Grund der Nürnberger Sippenkartei 1810–1875“.62 Auch in Vorträgen griff Werner Schultheiß das Thema Familienforschung wiederholt auf, so 1935 in einem Referat über „Familiengeschichtliche Quellen in Nürnberg“ oder 1936 zum Thema „Wie betreibe ich planmäßig Familienforschung?“.63 Wie der Leiter der bayerischen Archivverwaltung Dr. Josef Franz Knöpfler in seinem Beitrag „Die deutschen Archive und die Familienforschung im neuen Reich“ mit der Machtübernahme Adolf Hitlers ein neues Zeitalter für die vernachlässigten Archive hatte heraufziehen sehen,64 beschwor auch Schultheiß die neue Bedeutung des Stadtarchivs: „Seitdem die nationalsozialistische Revolution den Menschen zur Besinnung auf Blut und Boden zurückgeführt hat, hat die Geschichtsforschung und die auf das Kulturelle abgestellte Tätigkeit des Archivs die Bestätigung ihrer Daseinsberechtigung erhalten, die ihr die materialistische Weltanschauung versagt hatte.“65 Die von Schultheiß apostrophierte wachsende Bedeutung des Archivs für die Gesellschaft war allerdings eher Wunschvorstellung als Realität und ignorierte geflissentlich, dass sich kein neues historisches Bewusstsein ausgebreitet hatte, sondern der Boom der Familienforschung ausschließlich externe Gründe hatte. Das änderte aber nichts daran, dass sich die Erforschung der Abstammungsnachweise massiv auf die Arbeit des Stadtarchivs Nürnberg auswirkte. Allein die „Familiengeschichtliche Beratungsstelle“ hatte im Jahr 1936 ca. 1100 Benutzungen zu bewältigen.66 Im Jahr 1937 lag die Benutzerzahl der Beratungsstelle bei 1068,67 im Jahr darauf bei 1282 Benutzern.68 Siehe: Gerhard Jochem, Die Dokumentation, Erforschung und Vermittlung der Nürnberger jüdischen Geschichte bis 1945 durch das Stadtarchiv. In: Diefenbacher – Beyerstedt – Swoboda u.a. (Hrsg.), 1865–2015 (wie Anm. 1), S. 177–186, hier S. 179. 62 StadtAN, C 7/I Nr. 10049 (Vermerk über die Dienstaufgaben des Stadtarchivs, undatiert). 63 StAN, Sprk Hersbruck, Nr. 3266, Schriften zum Vorprüfungsausschuß in Sachen Dr. Schultheiß Werner / Henfenfeld, Bl. 10 r (Beiblatt 4: Vorträge von Archivrat Dr. Schultheiß 1929–1942). 64 Siehe: Josef Franz Knöpfler, Die deutschen Archive und die Familienforschung im neuen Reich. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte 83 (1937) S. 180–195. 65 Werner Schultheiss, Neue Aufgaben des Stadtarchivs. In: Städtisches Amtsblatt Nürnberg Nr. 2 v. 7.1.1935, S. 10. 66 Rechenschaftsbericht 1936/37 (wie Anm. 47), S. X/15–X/16. 67 Rechenschaftsbericht der Stadt Nürnberg 1937/38, Nürnberg 1938, S. XII/20. 68 Rechenschaftsbericht der Stadt Nürnberg 1938/39, Nürnberg 1939, S. XIII/16. 61

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Während einer Besichtigung des Stadtarchivs am 11. November 1938 konnte sich Dr. Karl Fees, Leiter des Hauptverwaltungsamts der Stadt München, über das Arbeitsspektrum und die Arbeitsfortschritte der Beratungsstelle informieren. Begeistert berichtet er: „Die Mehrzahl der Nürnberger Einwohner ist in dieser Abteilung karteimäßig erfaßt, sodaß in absehbarer Zeit der Nachweis der arischen Abstammung für die meisten Nürnberger Einwohner beim Stadtarchiv vorliegt.“69 Den Aufgabenbereich der „Familiengeschichtlichen Beratungsstelle“ übernahm der evangelische Theologe und Philosoph Dr. Hans Karl Strehl (geboren am 11. März 1907 in Nürnberg, gest. 21. Februar 1993 ebenda), der seit August 1935 als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Stadtarchiv beschäftigt war.70 Seine Archivausbildung hatte er zwischen April 1936 und März 1937 am Institut für Archivwissenschaft am Geheimen Staatsarchiv Berlin-Dahlem erfahren, jedoch ohne Abschlussprüfung beendet.71 Strehl, der vor 1933 Mitglied der „Reichsflagge“ und des „Stahlhelms“ sowie seit Januar 1933 der SA und seit August 1935 der NSDAP war, ist auch deshalb der Erwähnung wert, weil er im April 1940 vom Stadtarchiv Nürnberg an das Stadtarchiv Thorn wechselte.72 Zwischen 1940 und 1942 leitete er das dortige Stadtarchiv und stand seit 1941 zugleich dem neu

69 StadtAM, PA 11057 (Vorverhandlungen Dr. Schaffer Reinhold, Vermerk des Dr. Karl Fees v. 18.11.1938). 70 Zu den biographischen Angaben siehe: StadtAN, C 21/IX Nr. 1405 (Strehl, Karl). Der sieben Einheiten umfassende Nachlass von Hans Karl Strehl befindet sich im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin (VI. HA Familienarchive und Nachlässe, Nl Strehl, Hans-Karl). Bei dem im Stadtarchiv Nürnberg vorliegenden Nachlass Strehl (E 1/2193) handelt es sich um Kopien aus dem Berliner Bestand. Der in der Nachkriegszeit angelegte Nürnberger Personalakt des Hans Karl Strehl – der ursprüngliche Akt verbrannte laut Aussage Strehls in einem Schreiben vom 9.8.1952 im Zweiten Weltkrieg – wurde zwar an das Stadtarchiv abgegeben (C 18/II Nr. 11236), unterliegt aber einer Sperrfrist bis Ende 2024. Siehe auch die in manchen Punkten fehlerhafte Studie: Robert Thoms, Der Nürnberger Archivar Hans-Karl Strehl (1907–1993). In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 94 (2007) S. 211–226. 71 Siehe: StadtAN, C 18/II Nr. 11236 (Vermerk des Werner Schultheiß v. 31.10.1957). Über seine Ausbildung in Berlin liegen Dokumente im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin vor: I. HA Rep. 178, Nr. 240, Bd. 1 u. Nr. 241, Bd. 2 (schriftliche Mitteilung von Laura Gerber v. 14.11.2016). 72 StAN, Sprk Nürnberg II, S-656, Bl. 6–9 (Sitzungsprotokoll der Berufungskammer Nürnberg-Fürth v. 29.3.1949). Strehl promovierte 1944 in Erlangen über „Untersuchungen zur Nürnberger Ratsverfassung vom 14. Jahrhundert bis 1520“. Im Dezember 1948 wurde Strehl durch die Spruchkammer Nürnberg I in die Gruppe der Mitläufer eingereiht.

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geschaffenen Sippenamt vor.73 Sein unmittelbarer Vorgesetzter in Thorn war als Leiter des städtischen Kulturamts der umstrittene Fürther Stadtarchivar Dr. Adolf Schwammberger, geboren am 17. September 1905 in Nürnberg, gestorben am 15. Juli 1975 in Fürth. Strehls rasche Karriere soll auf die Unterstützung des stellvertretenden fränkischen Gauleiters Karl Holz (geboren am 27. Dezember 1895 in Nürnberg, gestorben am 25. April 1945 ebenda) zurückzuführen sein, in dessen Auftrag Strehl das Gauarchiv Franken aufgebaut hatte und für das er seit 1936 nebenberuflich tätig war.74 Nach dem Zweiten Weltkrieg führte Strehl als Nachfolger von Ernst Strobel zwischen 1961 und 1964 die Stadtchronik im Stadtarchiv Nürnberg. Als Zuarbeiter Strehls bei der Nürnberger Beratungsstelle fungierte der Archivhilfsassistent Peter Baier (geboren am 22. Oktober 1906 in Höchstadt an der Aisch, gest. am 6. April 1957 in Nürnberg), Mitglied der NSDAP und politischer Leiter seit 1. Mai 1937.75 Hinzu kamen der Verwaltungsleiter Josef Bayer (geboren am 18. Februar 1901 in Nürnberg, gestorben am 26. März 1974 ebenda) sowie Ernst Strobel (geboren am 23. Dezember 1895 in Kulmbach, gestorben am 13. Januar 1979 in Wörth a.d. Donau), der zeitweise die Stelle von Karl Strehl bekleidete.76 In seinem Tagebuch notierte Strobel: „Der Vertragsangestellte Strehl machte ab 1. IV. [1936] einen einjährigen Kurs am Geheimen Staatsarchiv in BerlinDahlem mit. Für die Sippenforschung wurde also dort ein Ersatz benötigt und Dr. Schaffer dachte natürlich gleich an mich.“77 Mit Kriegsbeginn, dem Weggang von Karl Strehl und der Einberufung von Peter Baier endete 1940 wohl auch die Arbeit der Beratungsstelle. StadtAN, C 18/II Nr. 11236, Bl. 17r (Vermerk des Oberbürgermeisters Franz Jakob v. 27.3.1941). 74 StadtAN, E 1/2193 Nr. 1 (Personalbogen Karl Strehl der Motorgruppe Franken u. Lebenslauf v. 8.2.1941 als Anlage zum Schreiben an das Kolonialpolitische Amt der NSDAP). 75 StAN, Sprk Nürnberg II, B-55 (Meldebogen v. 10.5.1946). Baier gehörte seit November 1933 der SA an. 76 Eine Personalakte Ernst Strobel ist im Stadtarchiv Nürnberg nicht nachweisbar. Zu den Meldedaten Strobels siehe: StadtAN, C 21/IX Nr. 874 (Strobel, Ernst Clemens Leonhard). Das Sterbedatum wurde beim Standesamt Kulmbach ermittelt (freundliche Mitteilung v. 16.2.2017). 77 StadtAN, E 10/129 Nr. 3, S. 173. Im Staatsarchiv Nürnberg konnte lt. Mitteilung von Herrn Gunther Friedrich v. 19.10.2016 keine Spruchkammerakte für Ernst Strobel nachgewiesen werden. Grund hierfür ist, dass Strobel nicht von der Entnazifizierung betroffen war. Siehe: StadtAN, E 10/120 Nr. 5 (Postkarte der Spruchkammer Fürth I v. 25.4.1947 an Ernst Strobel). 73

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Forschungsstelle zur Geschichte der NSDAP Durch die Protektion und Fürsprache des fränkischen Gauleiters Julius Streicher wurde für Hermann Busch, geboren am 15. Oktober 1879 in Sinbronn, gestorben am 6. März 1960 in Erlangen, einem „alten Kämpfer“, seit 1934 Träger des Goldenen Parteiabzeichens und bis 1935 Gauschatzmeister des Gaues Franken, am Stadtarchiv im Oktober 1935 eine Forschungsstelle geschaffen.78 Bereits im April 1933 hatte ihn Julius Streicher mit dem Posten eines Nürnberger Ratsherrn versorgt.79 Die für Hermann Busch, Studienprofessor a.D., geschaffene Stelle wurde zwar aus dem Archivhaushalt bezahlt, unterstand aber organisatorisch nicht dem Leiter Reinhold Schaffer.80 „Herr Busch kam gegen meinen Willen ins Stadtarchiv, nach meiner Erinnerung durch eine Verfügung des Bürgermeisters Liebel“, versuchte Schaffer 1948 die Einrichtung der Forschungsstelle zu erklären.81 Ernst Strobel erwähnt in seinem Tagebuch ebenfalls Hermann Busch und dessen Tätigkeitsgebiet: „Ein weiterer Hausgenosse mit etwas undurchsichtiger Tätigkeit war der frühere Gymnasiallehrer und jetzige wissenschaftliche Hilfsarbeiter Ratsherr Busch im dritten Stock – neben der Stadtchronik Dr. Löhleins – angeblich mit der Abfassung einer Geschich78 StadtAN C 59 Nr. 100, Bl. 4 r u. 14 r – 14 v. Die Forschungsstelle bestand aus Hermann Busch, einer Sekretärin („Fräulein Nürnberger“) und einer Schreibkraft („Herr Wölfel“). Bei Buschs Mitarbeitern dürfte es sich handeln um: 1.) Käthe Nürnberger (geb. 25.5.1903 in Nürnberg, gest. 13.4.1980 in Nürnberg): StadtAN, C 21/IX Nr. 1286 u. StAN, Sprk Nürnberg V, N-82; 2.) Wilhelm Wölfel (geb. 21.1.1910 in Nürnberg, seit März 1945 vermisst und 1956 für tot erklärt): StadtAN, C 21/IX Nr. 1438 u. StAN, Sprk Nürnberg II, W-302), der zwischen April 1940 und Oktober 1942 beim Stadtkommissar in Kalisch / Warthegau tätig war. Zu beiden Personen liegen keine Personalakten im Stadtarchiv Nürnberg vor. Hermann Busch gehörte seit 24.6.1925 der NSDAP an und führte die Kassengeschäfte der Ortsgruppe Nürnberg, seit 1930 des Gaues Franken. Laut eigener Aussage Hermann Buschs setzte sich Julius Streicher bei Oberbürgermeister Willy Liebel um eine Arbeitsstelle bei der Stadt Nürnberg für ihn ein: StAN, Sprk Nürnberg VII, Nr. B-109 (Sitzungsprotokoll der Berufungskammer Nürnberg-Fürth v. 23.8.1949). Zu den biographischen Angaben Hermann Buschs siehe: StadtAN, C 21/IX Nr. 432 (Busch, Anna) u. StAN, Sprk Nürnberg VII, Nr. B-109 (Arbeitsblatt des öffentlichen Klägers der Spruchkammer Nürnberg VII v. 22.1.1948 mit Auskunft der Militärregierung). 79 StadtAN, C 59 Nr. 100. 80 StAN, Sprk Nürnberg VII, Nr. B-109 (Schreiben des Reinhold Schaffer v. 31.05.1948 an den Öffentlichen Kläger der Spruchkammer Nürnberg VII). 81 StAN, Sprk Nürnberg VII, Nr. B-109 (Schreiben des Reinhold Schaffer v. 31.05.1948 an den Öffentlichen Kläger der Spruchkammer Nürnberg VII).

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te der Partei beschäftigt, die nie fertig wurde.“82 Hermann Busch, der zwischen 1898 und 1904 Mathematik, Physik sowie Volkswirtschaft an der Münchner Universität studiert hatte, arbeitete seit 1913 als Lehrer für mathematische Fächer, später als Geschäftsteilhaber an der von dem Schriftsteller Hermann Buzello gegründeten Nürnberger Privatschule „Privatlehrkurse Buzello“.83 Laut eines Aktenvermerks der Regierung in Ansbach hatte Busch sein Studium mit einem mittelmäßigen Durchschnitt nach dem ersten Prüfungsabschnitt beendet.84 Am Stadtarchiv hatte Hermann Busch die Aufgabe, die Geschichte der NSDAP in Franken von ihren Anfängen bis zum Jahr 1933 zu erforschen und am Ende zu publizieren.85 Zu einer Veröffentlichung ist es nie gekommen, doch zwölf umfangreiche Archivmappen dokumentieren bis heute die Arbeit von Hermann Busch zur „Geschichte der nationalsozialistischen Kommunalpolitik in Nürnberg von den Anfängen des Nationalsozialismus bis in den März 1933“.86 Dass diese Arbeit nicht fertig wurde, hat damit zu tun, dass Hermann Busch 1939 an das städtische Quartieramt versetzt wurde, an welchem er bis Juli 1943 beschäftigt war. Mit der Absetzung Streichers im Jahr 1940 durch die Göring-Kommission verlor Hermann Busch sowohl seine Stellung als Ratsherr als auch als Parteihistoriker.87 Im Rahmen der Entnazifizierung wurde Hermann Busch zunächst in die Gruppe der Belasteten eingestuft, jedoch 1949

StadtAN, E 10/129 Nr. 3, S. 176. Zu seiner Ausbildung an der Universität München siehe: StAN, Sprk Nürnberg VII, Nr. B-109 (Schreiben des Hermann Busch v. 6.4.1948 an den Öffentlichen Kläger der Spruchkammer Nürnberg VII). Im Oktober 1927 schied Hermann Busch wegen Differenzen mit Hermann Buzello aus dem Institut aus: StAN, Rep. 270/II, Reg. v. Mittelfranken, Kammer d. Innern, Abg. 1932 (Schreiben des Hermann Busch v. 12.11.1927 an Regierung von Mittelfranken). 1928 schloss die Regierung von Mittelfranken das Institut. Siehe: Ebd. (Schreiben der Regierung von Mittelfranken an Stadtrat Nürnberg) u. BayHStA, MK 21913 (Schreiben des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus v. 10.4.1928 an Regierung von Mittelfranken). 84 StAN, Rep. 270/II, Reg. v. Mittelfranken, Kammer d. Innern, Abg. 1932 (Aktenvermerk der Kammer des Innern v. 19.5.1913). 85 StAN, Sprk Nürnberg VII, Nr. B-109 (Sitzungsprotokoll der Berufungskammer Nürnberg-Fürth v. 23.8.1949) und Rechenschaftsbericht der Stadt Nürnberg 1935/36. Nürnberg 1936, S. X/23. 86 StadtAN F 5 Nr. 400/1–12. 87 Die Entlassung erfolgte zum 31.12.1940. Siehe: StadtAN C 59 Nr. 100, Bl. 3 r. 82 83

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durch die Berufungskammer Nürnberg-Fürth der Gruppe der Mitläufer zugeordnet.88 Stadtchronik Ein weitere Aufwertung des Stadtarchivs vollzog Oberbürgermeister Willy Liebel, indem er das Führen der Stadtchronik dem Stadtarchiv übertrug.89 Hierfür wurden zum 1. Januar 1936 zwei Stellen geschaffen.90 Für die Sachbearbeiterstelle wählte Schaffer den Archivar Dr. Georg Löhlein, (geboren am 18. August 1899 in Oberlangheim / Oberfranken, gestorben am 19. März 1991 in Nürnberg) aus.91 Löhlein hatte nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg und Rückkehr aus britischer Kriegsgefangenschaft in Erlangen Geschichte, Germanistik und Archäologie studiert, 1931 promoviert, die Stelle eines wissenschaftlichen Hilfsarbeiters am Stadtarchiv Nürnberg übernommen und auf Fürsprache Reinhold Schaffers bei Generaldirektor Otto Riedner von 1933 bis 1936 in München als Volontär die Ausbildung zum höheren Archivdienst absolviert.92 Bereits 1925 war Löhlein für ein Jahr Mitglied der NSDAP, im April 1933 trat er erneut der Partei bei, von November 1933 bis Februar 1936 gehörte er zudem StAN, Sprk Nürnberg VII, Nr. B-109 (Spruch und Begründung der Berufungskammer Nürnberg-Fürth v. 23.08.1949). 89 Die Stadtchronik wurde bis 1930 vom Stadtarchiv geführt, anschließend vom Statistischen Amt. Das bis 1930 gesammelte Material wanderte an die Stadtbibliothek. Siehe: Stadtrat Nürnberg (Hrsg.), Verwaltungsbericht der Stadt Nürnberg für 1930/31, Nürnberg 1931, S. 303. 90 Rechenschaftsbericht 1935/36 (wie Anm. 58), S. X/23 u. StadtAN C 18/II Nr. 11112 (Direktorialverfügung v. 7.1.1936). Der Personalakt C 18/II Nr. 11112 ist bis 2021 für die Benutzung gesperrt. 91 Georg Löhlein trat am 1.3.1936 seine neue Stelle an. Zum Aufgabenbereich Georg Löhleins siehe: StadtAN C 36/I Nr. 211 (Vermerk „Arbeitsgebiet des Archivars Dr. Löhlein“). Hilfskraft wurde Josef Bauer. Im Mai 1930 hatte Reinhold Schaffer beim Stadtrat erwirkt, dass die Bände der bisherigen Stadtchronik an die Stadtbibliothek abgegeben wurden: StadtAN, C 36/I Nr.320, S. 370–374. Die Aufgabe selbst übernahm bis 1936 das Statistische Amt: StadtAN, C 36/I Nr.320, S. 386. 92 BayHStA, GDion Archive 2990 (Schreiben des Reinhold Schaffer v. 31.5.1932 an Otto Riedner u. Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus v. 15.7.1933 an Otto Riedner). Löhleins Dissertation erschien 1932 in der Serie „Erlanger Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte“ (Bd. 17). Zu seiner Militärlaufbahn siehe: StadtAN, C 18/II Nr. 11112 (Auszug aus dem Militärpass) und BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Kriegsstammrollen 1914–1918, Bd. 13112 (Nr. 214), Bd. 13743 (Nr. 2037), Bd. 13752 (Nr. 2274), Bd. 14219 (Nr. 473) u. Bd. 14428 (Nr. 292). 88

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der SA an.93 Josef Franz Knöpfler, in seiner Funktion als politischer Vertrauensmann des Kultusministeriums, urteilte über ihn: Löhlein war „in politischer Beziehung als Parteigenosse und als ehem. Frontkämpfer und Angehöriger eines Freikorps stets ein leuchtendes Vorbild von Treue und Überzeugung […]. Er war überall da, wo es galt für den Nationalsozialismus und den neuen Staat den Mann zu stellen.“94 Die Spruchkammer Nürnberg reihte auch Georg Löhlein, der erst 1947 aus französischer Kriegsgefangenenschaft zurückgekehrt war, 1948 in die Gruppe der „Mitläufer“ ein.95 Von Löhleins Arbeit war der Oberbürgermeister, obwohl er sich im Februar 1936 für die Besetzung der Chronistenstelle mit ihm ausgesprochen hatte,96 zu Beginn nicht sehr begeistert. Nach Sichtung des Manuskripts der Chronik für die Jahre 1932/1933 ließ er am 26. August 1937 Löhlein wissen: „Die Darstellungen sind fast ausnahmslos zu lang, die Abfassung des Textes zu schwerfällig und voll von vollkommen überflüssigen Sprüchen und Lobhudeleien. Ich wünsche eine ganz kurze Fassung in schlichter, einfacher und volkstümlicher Sprache, die nur Tatsachen berichtet.“97 Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges endete die Arbeit Löhleins an der Stadtchronik, zum einen weil Willy Liebel die Aufgabe einer „Kriegschronik“ dem Nachrichtenamt der Stadt übertrug, zum andern weil der Stadtchronist 1939/40 und ab 1943 zum Kriegsdienst herangezogen wurde.98 Amtszeit Dr. Gerhard Pfeiffer: 1939 bis 1946 Biographie Gerhard Pfeiffer Nach dem Weggang Schaffers Anfang 1939 war die Stelle des Archivleiters neu zu besetzen. Der Text für die am 7. Februar 1939 öffentlich aus93 StadtAN, C 18/II Nr. 11112 (Personalbogen v. 6.3.1951 u. Erklärung über die bisherige politische Betätigung und Parteizugehörigkeit). 94 StadtAN, C 18/II Nr. 11112 (Bestätigung des Josef Franz Knöpfler v. 1.2.1936). 95 Siehe: StAN, Sprk Nürnberg V, L-162, Bl. 1 v. Mit Stadtratsbeschluss v. 28.2.1951 wurde Georg Löhlein wieder als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Stadtarchiv angestellt: StadtAN, C 18/II Nr. 11112 (Gutachten des Personalausschusses v. 19.2.1951). 96 StadtAN, C 18/II Nr. 11112 (Verfügung des Oberbürgermeisters v. 21.2.1936). 97 StadtAN, C 36/I Nr. 320, S. 430. 98 Zum Kriegsdienst Löhleins siehe: StadtAN, C 18/II Nr. 11112 (Personalbogen v. 6.3.1951). Josef Bauer, Mitarbeiter Löhleins, wurde mit der Stelle Stadtchronik 1940 an das Nachrichtenamt versetzt. Siehe: StadtAN, C 18/II Nr. 10136 (Aktenvermerk des Oberbürgermeisters v. 11.1.1940). Die nachträglich verfassten Chroniken der Jahre 1933–1935 u. 1936–1944 befinden sich im Stadtarchiv Nürnberg (F 2 Nr. 46 u. 47).

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geschriebene Stelle des Archivdirektors am Stadtarchiv Nürnberg ist erstaunlich sachlich gehalten, es wird weder auf die Mitgliedschaft in der NSDAP noch auf die „arische“ Abstammung abgehoben.99 Tatsächlich fiel die Wahl auf ein Nichtparteimitglied. „Herr Dr. Pfeiffer scheint unser Mann zu sein“ stellte Oberbürgermeister Liebel schon am 8. März 1939 fest.100 Mit der Direktorialverfügung vom 25. März 1939 fiel die Entscheidung Liebels endgültig zugunsten von Dr. Gerhard Pfeiffer, geboren am 14. Februar 1905 in Breslau, gestorben am 17. Juli 1996 in Nürn- Dr. Gerhard Pfeiffer, Direktor des berg.101 Der in Berlin ausgebildete sowie Stadtarchivs Nürnberg von 1939 bis zwischen 1930 und 1939 am Staatsarchiv 1946, Fotografie, 1937 (Geheimes Staatsarchiv Preußischer KulturbeMünster tätig gewesene Archivar Dr. sitz, I. HA Rep. 178, Nr. 1628). Pfeiffer übernahm Ende April 1939 die Leitung des Stadtarchivs, auf die eigentlich Werner Schultheiß spekuliert hatte. Es überrascht, dass in der „Stadt der Reichsparteitage“ ein Nichtparteimitglied den Zuschlag erhalten konnte, zumal das in München angeforderte politische Gutachten über Gerhard Pfeiffer wenig positiv ausfiel.102 So stellte das „Braune Haus“ fest: „Der Staatsarchivrat Dr. Gerhard Pfeiffer hat bisher Anzeichen einer aktiven Einsatzbereitschaft für den nationalsozialistischen Staat nicht erkennen lassen. Diese Einstellung scheint sich erst in der jüngsten Zeit zu ändern. Ehe Pfeiffer nicht durch eine längere

Amtsblatt der Stadt Nürnberg Nr. 11 v. 7.2.1939, S. 74. Für die Formulierung der Stellenausschreibung holte der Nürnberger Personaldezernent die Meinung Reinhold Schaffers ein. Dieser verwies auf den Ausschreibungstext seiner Münchner Stelle: StadtAN, C 18/II Nr. 11145 (Schreiben des Reinhold Schaffer v. 27.1.1939 an Julius Rühm). 100 StadtAN, C 18/II Nr. 11145 (Vermerk des Ref. VII v. 2.3.1939 an Ref. VI und Herrn Dir. A.) 101 StadtAN, C 18/II Nr. 11145 (Direktorialverfügung v. 25.3.1939). Für die Stelle lagen insgesamt nur sieben Bewerbungen vor. 102 StadtAN, C 18/II Nr. 11145 (Schreiben des Personalamts v. 5.4.1939 an die Kanzlei des Stellvertreters des Führers). 99

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Zeitdauer hindurch sich politisch bewährt hat, kann ich ihm die politische Zuverlässigkeit nicht vorbehaltlos zuerkennen.“103 Von Willy Liebel scheint schließlich Druck auf Gerhard Pfeiffer ausgeübt worden zu sein, um einen Parteibeitritt herbeizuführen.104 Am 4. März 1940, rückwirkend zum 1. Dezember 1939, wurde Pfeiffer als Anwärter in die NSDAP aufgenommen.105 Im Rahmen seines Spruchkammerverfahrens betonte Pfeiffer die schwierige Situation, die er bei Dienstantritt im Stadtarchiv vorfand, und entwarf zugleich sein Selbstbildnis als verdeckt operierender Oppositioneller: „Im Amt hatte ich eine besonders schwere Stellung. In ihm waren ein ehemaliger Gauamtsleiter [i.e. Hermann Busch], eine Trägerin des goldenen Parteiabzeichens [i.e. Käthe Nürnberger], ein Altparteigenosse [i.e. Dr. Georg Löhlein] und mehrere Pg’s vertreten. Trotzdem bemühte ich mich, aus dem Amt nationalsozialistische Einflüsse fernzuhalten, und ich habe insbesondere bei Bearbeitung der sog. Ariernachweise eine Schädigung von arisch nicht einwandfreien Personen zu hindern gesucht.“106 Unerwähnt lässt er, dass die meisten Mitarbeiter, darunter die erwähnten „Widersacher“ der NSDAP mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges das Stadtarchiv bereits verlassen hatten und die Darstellung des Archivs als „Sumpf“ überzeugter Nationalsozialisten zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr zutraf. Gerhard Pfeiffer war von seiner Persönlichkeitsstruktur, wie sie Dieter J. Weiß in seinem Nekrolog skizziert hat, das exakte Gegenteil seines opportunistischen und anerkennungsheischenden Amtsvorgängers.107 Dies und die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auf den Archivalltag ließen Pfeiffer wenig Zeit für eine umfangreiche wissenschaftliche Produktion. Aufgrund der fehlenden Überlieferung aus der Amtszeit Gerhard Pfeiffers sind jedoch keine konkreteren Aussagen möglich. So ist beispielsweise unklar, bei welchen Aktionen der „Aktensammelstelle West“ in Flandern 103 StadtAN, C 18/II Nr. 11145 (Schreiben des Stellvertreters des Führers v. 15.4.1939 an das Personalamt der Stadt Nürnberg). 104 StAN, Sprk Nürnberg III, P-67, Bl. 26 r. 105 StadtAN, C 18/II Nr. 11145 (Vermerk des Gerhard Pfeiffer v. 4.3.1940 an Ref. VII). Seine Anwartschaft endete mit dem Beginn des Heeresdienstes. Aufgrund dieser wurde er am 17.12.1946 vom Dienst suspendiert, jedoch 1947 in die Gruppe der Mitläufer eingeordnet: StAN, Sprk Nürnberg III, P-67, Bl. 1. 106 StAN, Sprk Nürnberg III, P-67, Bl. 22 r. 107 Dieter J. Weiss, Gerhard Pfeiffer (1905–1996). In: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 58 (1998) S. 391–394. Im Stadtarchiv Nürnberg liegt ein Nachlassbestand Gerhard Pfeiffer (E 10/52), der jedoch nur fünf Einheiten umfasst und kein Material zu seiner Amtszeit enthält.

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Gerhard Pfeiffer als „Sonderführer Z“ von Januar bis September 1944 beteiligt war.108 Ebenso herrscht Unklarheit über die Beschäftigung von polnischen Fremdarbeiterinnen „unter Ing. Kokelli aus Warschau“ in den Jahren 1943 und 1944 im Stadtarchiv Nürnberg. Hierzu gibt es ausschließlich Hinweise des Hausmeisters des Pellerhauses und von Werner Schultheiß, der vor dem Hintergrund seiner Entnazifizierung darüber berichtete.109 Bergungsmaßnahmen während des Luftkrieges Kurz nach Amtsantritt sah sich Gerhard Pfeiffer mit der Notwendigkeit umfangreicher Bergungsarbeiten der Archivbestände konfrontiert, die auch fortgesetzt wurden, er von August 1941 bis Kriegsende zur Wehrmacht eingezogen worden war.110 Diese logistische Aufgabe, die nach einem von Pfeiffer entwickelten Kategoriensystem erfolgte, musste daher vor allem sein Stellvertreter Werner Schultheiß stemmen.111 Verzögerungen traten ein, als Werner Schultheiß krankheitsbedingt mehrere Wochen ausfiel und der Kunsthistoriker Dr. Wilhelm Schwemmer (geboren am 20. Januar 1901 in Nürnberg, gestorben am 18. Oktober 1983 ebenda), Konservator an den Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg, am 1. Oktober 1944 vorübergehend die Leitung des Stadtarchivs übernahm, um die weiteren Bergungen durchzuführen.112 Aus welchen Gründen bestimmte Bestandsgruppen nicht geborgen wurden, lässt sich heute nicht mehr erschließen. Fridolin Solleder sah vor allem Werner Schultheiß als den Hauptverantwortlichen für die Verluste und kolportierte eine von diesem 108 Gerhard Pfeiffer erwähnt diese Funktion in seinem Meldebogen v. 5.5.1946: StAN, Sprk Nürnberg III, P-67, Bl. 1 v. 109 StAN, Sprk Hersbruck, Nr. 3266, Bl. 4 r u. Bestätigung des Hausverwalters Lorenz Schneider v. 16.9.1945. 110 Gerhard Pfeiffer wurde zum 27.8.1941 zum Kriegsdienst einberufen und einer Dolmetscherkompanie zugeteilt. Als seinen Stellvertreter benannte zunächst er Georg Löhlein, dessen Einberufung später erfolgte: StadtAN, C 18/II Nr. 11145 (Vermerk des Gerhard Pfeiffer v. 26.8.1941). Am 24.6.1945 ist er vom Militär entlassen worden. 111 StadtAN, C 18/II Nr. 11549 (Vermerk des Dezernats VII v. 4.9.1941). Zur Bergung siehe: Georg Seiderer, Maßnahmen zum Schutz von Kulturgütern. In: Michael Diefenbacher – Wiltrud Fischer-Pache (Hrsg.), Der Luftkrieg gegen Nürnberg. Angriff am 2. Januar 1945 und die zerstörte Stadt (Quellen und Forschungen zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg 33), Nürnberg 2004, S. 31–91, hier S. 60–62. 112 StadtAN, C 34 Nr. 293 (Vermerk des Oberbürgermeisters v. 22.9.1944) u. C 18/II Nr. 11549 (Schreiben des Werner Schultheiß v. 22.12.1944 an Personalamt der Stadt Nürnberg).

Das Stadtarchiv Nürnberg in der NS-Zeit

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angeblich gegenüber Wilhelm Schwemmer getätigte Aussage: „Der Vorstand des Staatsarchives wünsche zwar die Wegschaffung, das Stadtarchiv aber müsse auch noch etwas zu verwalten haben, sonst sei es kein Amt, kein Archiv.“113 Über den Ablauf der Bergungsmaßnahmen liegen ebenfalls nur wenige gesicherte Informationen vor. „Die letzte Bergung wurde mit Hilfe von Russen und Handwagen am Vormittag des 24.12.1944 in den Neutorturm durchgeführt“, berichtete 20 Jahre später Werner Schultheiß.114 Wie eingangs erwähnt, hatte der Luftangriff vom 2. Januar 1945 verheerende Auswirkungen auf das Stadtarchiv: das Pellerhaus brannte bis zum ersten Stockwerk nieder, vom Peststadel blieben nur die Umfassungsmauern stehen. „Selbstverständlich hat auch das Pellerhaus etwas abbekommen und zwar diesmal so, daß es endgültig der Vergangenheit angehört“, stellte Wilhelm Schwemmer nüchtern fest.115 Insgesamt verlor das Stadtarchiv an diesem Tag 20 bis 25 Prozent seines Aktenbestandes.116 Immerhin konnten durch Bergungsmaßnahmen, die zwischen März 1940 und Dezember 1944 durchgeführt wurden, fast 98 Prozent der reichsstädtischen Bestände, etwa 90 Prozent der kommunalen Überlieferung des 19. Jahrhunderts und ausgewählte Stücke der Archivbibliothek gerettet werden. Das Stadtarchiv hatte seine Bestände in neun Bergungsorte geflüchtet. Die Archivalien überdauerten den Krieg in Schloss Grünsberg, im Gasthaus zur Alten Post in Hohenburg bei Amberg, im Kloster Plankstetten, in der Rosenburg bei Riedenburg sowie in Schloss Wiesenthau.117 Besonders wertvolle Dokumente wurden direkt in

StAN, Dienstakt IV/29d, Archivalienaustausch zwischen dem Staatsarchiv Nürnberg u. dem städt. Archiv Nürnberg 1932–1948 (Schreiben des Fridolin Solleder v. 28.1.1947 an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus). 114 Schultheiss 1964 (wie Anm. 2) S. 49. 115 StadtAN, C 36/I Nr. 191 (Schreiben des Wilhelm Schwemmer v. 15.1.1945 an Werner Schultheiß). 116 Am 2.1.1945 wurde nebst den Handakten und Findmitteln die im Erdgeschoss des Pellerhauses aufgestellte Dienstbibliothek mit ihren 3000 Bänden nahezu völlig vernichtet. Ein Raub der Flammen wurden zudem die im Peststadel verwahrten Rechnungen der Stadtkämmerei, Niederlassungsakten, Heimatrechtsakten, die Schulregistratur, Namensänderungsakten, die Registraturen der Vororte, die Akten des Jugendamts, des Arbeitsamts, der Kriegsfürsorge (WK I), der Kriegswirtschaftsstellen (WK I) und des Tiefbauamtes. 117 Zur Archivalienbergung siehe: StadtAN, C 36/I Nr. 203. Die Bergungsorte nutzten auch die Archivmitarbeiter Werner Schultheiß und Hans Wecker, um Mobilien einzulagern (ebd., Vermerk des Werner Schultheiß v. 3.1.1944). 113

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Nürnberg, in drei Bunkeranlagen (Obere Schmiedgasse, Neutorturm und Königstraße), und im Staatsarchiv Nürnberg geborgen. Fa z i t Letztendlich bleibt hinsichtlich der Geschichte des Stadtarchivs in der NS-Zeit – bedingt durch den Verlust der Dienstakten – vieles im Dunklen. Dies gilt insbesondere für die Zeit nach dem Paradigmenwechsel ab Kriegsbeginn. Nicht abschließend ist die Frage geklärt, welche Auswirkungen das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 auf den Mitarbeiterstab des Stadtarchivs hatte. Es steht aber fest, dass die dort tätigen Facharchivare vom „Berufsbeamtengesetz“ nicht betroffen waren und kontinuierlich weiterbeschäftigt wurden.118 Die Beibehaltung des Führungspersonals, insbesondere Reinhold Schaffers, scheint mit Willy Liebels utilitaristischer Personalpolitik in Zusammenhang zu stehen, der bevorzugt auf bewährte Fachleute statt auf unerfahrene „Seiteneinsteiger“ aus dem Parteikader setzte, um das Funktionieren der Verwaltung zu gewährleisten.119 Reinhold Schaffer, der aufgrund seiner durch den liberalen Oberbürgermeister Hermann Luppe sowie den sozialdemokratischen Stadtrat Max Süßheim geförderten Karriere am Nürnberger Stadtarchiv eigentlich im Fadenkreuz der lokalen NS-Machthaber hätte stehen müssen,120 bedankte sich mit seinem antijüdischen Machwerk „Geschichte der Juden in Nürnberg“ für diesen Vertrauensbonus. Generell fällt bei der Beschäftigung mit den Biographien der Stadtarchivsmitarbeiter auf, dass dort drei ehemalige Geistliche (Schaffer, Strehl, Wecker) wirkten, deren antisemitische Tendenzen in der Archivarbeit frappierend herausstechen. Aktive Beteiligung des Stadtarchivs bei der Arisierung jüdischen Kulturguts kann nahezu ausgeschlossen werden, Nutznießerschaft hingegen 118 Der Verein für die Geschichte der Stadt Nürnberg, der an das Stadtarchiv organisatorisch angebunden war und ist, wandte hingegen 1933 den sogenannten Arierparagraphen an und kündigte den jüdischen Mitglieder die Vereinszugehörigkeit auf: StAN, Sprk Hersbruck, Nr. 3266 (Eidesstattliche Erklärung des Emil Reicke v. 8.5.1947). 119 Siehe: Matthias Klaus Braun, Die Verwaltung der Stadt Nürnberg im Nationalsozialismus 1933–1945. Aufgaben und Gestaltungsmöglichkeiten im totalitären Staat. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 96 (2009) S. 299–319. 120 Auch Fridolin Solleder wies wiederholt auf die Förderung Schaffers durch Max Süßheim hin. Siehe: BayHStA, GDion Archive 2612 (Schreiben des Fridolin Solleder v. 28.12.1940 an Josef Franz Knöpfler).

Das Stadtarchiv Nürnberg in der NS-Zeit

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nicht. Nichts deutet jedoch daraufhin, dass das Stadtarchiv im Anschluss an das Pogrom vom 9./10. November 1938 Akten der jüdisch-orthodoxen Gemeinde übernommen hätte, wie es andernorts, beispielsweise in Frankfurt am Main, geschehen ist.121 Ebenso ist keine Gutachtertätigkeit des Stadtarchivs für die Devisenstelle Nürnberg bei der Bewertung von jüdischem Umzugsgut belegt, im Gegensatz zur Stadtbibliothek und dem Staatsarchiv Nürnberg. Laut Erlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 15. Mai 1939 zum „Schutz des deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung (Mitnahme von Umzugsgut bei der Auswanderung von Juden)“ war dem Staatsarchiv die Sachverständigenfunktion für Archivgut im Regierungsbezirk Mittelfranken übertragen worden.122 Dort heißt es: „Die Kontrolle der jüdischen Auswanderung, insbesondere die Freigabe von Umzugsgut, liegt den Devisenstellen ob. […] Die Devisenstellen lassen sich […] erforderlichenfalls beraten […] in Archivfragen durch die vom Reichserziehungsministerium benannten Sachverständigen.“123 Die Auswirkungen der NS-Ideologie auf den Archivalltag sind in den herangezogenen Quellen zwar spürbar, jedoch nur punktuell wirklich greifbar. Dies betrifft nicht nur die Entwicklung am Stadtarchiv, sondern auch beim Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg, der von jeher eng mit dem Stadtarchiv verbunden gewesen ist.

121 Die Zuständigkeit für Archivalien aus jüdischem Besitz lag in Nürnberg offenbar beim Gauarchiv der NSDAP: StAN, Rep. 274/I, OFD Nürnberg-Bund, Nr. 15455 (Schreiben der Gauleitung Franken v. 6.3.1942 an Oberfinanzpräsident Nürnberg). Bücher und Dokumente der jüdischen Gemeinde wurden am 10.11.1938 in der Synagoge Essenweinstraße durch die SA beschlagnahmt und in die Gauleitung verbracht: StAN, Rep. 279/5/SII, Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Nürnberg-Fürth II, Nr. 2455, Bd. I, Bl. 135v u. Rep. 503, NS-Mischbestand, Gauleitung, Nr. 181 (Schreiben des Hans Roth v. 6.9.1940 an Rudi Höllerich). Zur Übernahme des Schriftguts der Frankfurter jüdischen Gemeinde bzw. Synagoge durch das dortige Stadtarchiv siehe: Konrad Schneider, Das Stadtarchiv Frankfurt 1933 bis 1945. In: Robert Kretzschmar u.a. (Red.), Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart (Tagungsdokumentationen zum Deutschen Archivtag 10), Essen 2007, S. 372–384, hier S. 374–375. 122 GNM, HA, GNM-Akten K. 134 (Verzeichnis der Devisenstellen als Anlage zum Schreiben des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 15.5.1939 an Heinrich Kohlhaußen). 123 Ebd. (Schreiben des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 15.5.1939 an Heinrich Kohlhaußen).

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Anhang: M i t a r b e i t e r d e s S t a d t a r ch iv s N ü r n b e r g 1933–1945 Name, Vorname

Funktion und Aufgabenbereich

Beschäftigt am Stadtarchiv

Mitglied der NSDAP

Baier, Peter

Archivhilfsassistent bzw. Archivinspektor (Sachbearbeiter „Ariernachweis“)

13.9.1934 – 17.10.1945 / 1.5.1937 – 1945 3.5.1948 – 6.4.1957

Bauer, Josef

Kanzleiassistent (Sachbearbeiter „Stadtchronik“); Kanzleisekretär, Kanzleiobersekretär

5.2.1936 – 3.1.1940 / 16.5.1945 – 31.5.1956

1.5.1937 – 1945

7.11.1932 – 30.4.1937

1.5.1933 – 1945

Bayer, Josef Busch, Hermann

Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter (Projekt „Geschichte der nationalsozialistischen Kommunalpolitik in Nürnberg“)

Oktober 1935 – 1939

24.06.1925 – 1945 (Goldenes Parteiabzeichen)

Danninger, Heinrich

Hausmeister

1.4.1931 – 12.4.1940 (Todestag)

1.5.1937 – 12.4.1940

Danninger (geb. Vogel), Christine

Hausmeisterin

13.4.1940 – 31.8.1940

Kein Mitglied

Löhlein, Dr. Georg

Archivvolontär, Archiv­rat (Sachbearbeiter „Stadtchronik“ und Schulung der städtischen Fremdenführer ab 1936); ab 10. Juli 1951 Archiv­ rat (Sachbearbeiter „Stadtchronik“)

15.6.1931 – 15.7.1933, 1.3.1936 – 16.3.1947 / 6.3.1951 – 31.8.1964

11.7.1925 – 28.2.1926, 1.4.1933 – 1945

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Das Stadtarchiv Nürnberg in der NS-Zeit

Name, Vorname

Funktion und Aufgabenbereich

Beschäftigt am Stadtarchiv

Mitglied der NSDAP

Nürnberger, Käthe

Kanzleisekretärin, Kanzleiobersekretärin (Abteilung Hermann Busch)

[1935] – August 1939

9.7.1926 – 1945 (Goldenes Parteiabzeichen)

Pfeiffer, Dr. Gerhard

Archivdirektor

29.4.1939 – 17.12.1946 1.12.1939 – 1945 bzw. 2.1.1947 / 21.3.1947 – 31.12.1960

Schaffer, Dr. Reinhold

Archivrat / seit 1930 Archivdirektor

1.4.1929 – 30.4.1930 / 1.5.1930 – 31.1.1939

Kein Mitglied

Scharrer, Leonhard

Vollzugssekretär (Magazindienst)

1.9.1929 – 30.9.1945

Kein Mitglied

Schneider, Lorenz

Hausverwalter

1941–1945

Kein Mitglied

Schultheiß, Dr. Werner

Archivrat / seit 1.8.1961 Archivdirektor

1.9.1934 – 26.6.1945 / 1.12.1949 – 31.3.1970

1.5.1937 – 1945

Schwemmer, Dr. Wilhelm

1.10.1944 – 30.4.1945 Kommissarischer Leiter des Archivs für den erkrankten Werner Schultheiß

1.5.1933 – 1945

Strehl, Dr. Hans Karl

Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter (Sachbearbeiter „Ariernachweis“), Archivar / seit 1958 Archivinspektor (seit 1.1.1961 Sachbearbeiter „Stadtchronik“), seit 1962 Archiv­oberinspektor

1.8.1935 – 31.3.1940 / 1.9.1957 – 1.3.1964

1.8.1935 – 31.3.1943

Strobel, Ernst

Oberinspektor (Sachbearbeiter „Ariernachweis“) / Verwaltungsoberinspektor (Sachbearbeiter „Stadtchronik“)

2.5.1936 – 1939 / 8.11.1948 – 31.12.1960

Kein Mitglied

108 Name, Vorname

Dominik Radlmaier

Funktion und Aufgabenbereich

Beschäftigt am Stadtarchiv

Mitglied der NSDAP

Taufer, H[ildegard]

Kanzleidienst

Ungeklärt

Ungeklärt

Wecker, Dr. Hans

Archivinspektor (Bibliothekar)

1925 – 5.10.1945

1.5.1933 – 1945

Wölfel, Wilhelm

Verwaltungsinspektor (Abteilung Hermann Busch)

Oktober 1935 – März 1940

1.6.1931 – 1945

Unter einem Dach mit dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv: Die Bayerische Staatsbibliothek in der Zeit des Nationalsozialismus Von Susanne Wanninger „Das Archiv muss für uns räumen!“1 – Dieser Ausruf findet sich unter dem 6. Oktober 1943 im Tagebuch von Rudolf Buttmann, dem damaligen Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek. Nur drei Tage nach dem Luftangriff auf München in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1943, bei dem das Gebäude Ludwigstraße 23 – heute Hausnummer 16 – zum wiederholten Mal in Mitleidenschaft gezogen worden war, hatte das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus endgültig eine Entscheidung gefällt: Das Bayerische Hauptstaatsarchiv sollte der Bayerischen Staatsbibliothek das Gebäude zur alleinigen Nutzung überlassen. Dieser Beschluss bedeutete das Ende der Hausgemeinschaft von Archiv und Bibliothek, die zu diesem Zeitpunkt seit ziemlich genau 100 Jahren bestanden hatte. Im Frühjahr 1843 waren das Allgemeine Reichsarchiv und die Hof- und Staatsbibliothek in die imposante Fünfflügelanlage mit zwei Innenhöfen eingezogen, die König Ludwig I. von Bayern von dem Architekten Friedrich von Gärtner an der Ludwigstraße für sie hatte errichten lassen. Etwas vereinfacht dargestellt befand sich das Archiv von diesem Zeitpunkt an im Erdgeschoss, die Bibliothek in den darüber liegenden Stockwerken. Selbst bei Erweiterungsbauten wie dem Nordmagazin hielt man im Wesentlichen an dieser Raumaufteilung fest.2 Die Fragen, die sich hinsichtlich der Bayerischen Staatsbibliothek in der Zeit des Nationalsozialismus stellen, stimmen weitgehend mit denen zu den Staatlichen Archiven Bayerns überein: Wer stand als Generaldirektor an der Spitze der Bayerischen Staatsbibliothek und wie positionierte er sie im NS-Staat? Wie sah die Personalpolitik zwischen 1933 und 1945 aus?  Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), NL Buttmann 97, Tagebuch Nr. 26, S. 149, Eintrag vom 6.10.1943. 2  Zur gemeinsamen Nutzung des Archiv- und Bibliotheksgebäudes an der Ludwigstraße siehe Wilhelm Volkert, Zur Geschichte des Bayerischen Hauptstaatsarchivs 1843–1944. In: Archivalische Zeitschrift 73 (1977) S. 131–148. 1

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Susanne Wanninger

Wie gestalteten sich Erwerbung, Bestandsbildung und Benützung unter den Bedingungen des Nationalsozialismus? Welche Auswirkungen hatte der Zweite Weltkrieg auf den Bibliotheksbetrieb? Der Generaldirektor Entscheidend für die Ausrichtung der Bayerischen Staatsbibliothek im Nationalsozialismus – sowohl was den inneren Betrieb anbelangt, als auch im Hinblick auf ihre Außenwirkung – war von 1935 an Rudolf Buttmann. Wohl vor allem in München genoss Buttmann damals einen gewissen Bekanntheitsgrad – allerdings nicht als Bibliothekar, sondern als Politiker. Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs setzte Buttmann sich für die Aufstellung einer gegenrevolutionären Bürgerwehr ein. Dabei erfuhr er anfänglich sogar Unterstützung von führenden Sozialdemokraten wie Innenminister Erhard Auer; als jedoch die reaktionären Absichten bekannt wurden, die hinter diesem Projekt standen, ging die Regierung von Kurt Eisner mit Verhaftungen dagegen vor.3 Daneben war Buttmann an der Gründung der Bayerischen Mittelpartei beteiligt, die sich 1920 an die Deutschnationale Volkspartei anschloss. Im Streit über den Wiedereintritt in die Landesregierung wurde er 1922 aus der Bayerischen Mittelpartei ausgeschlossen.4 1924 zog Buttmann als Abgeordneter des Völkischen Blocks, einer Wahlplattform für die seit dem Hitlerputsch verbotene NSDAP, in den Landtag ein. Am 27. Februar 1925, als Hitler die NSDAP im Rahmen einer Massenveranstaltung im Münchner Bürgerbräukeller neu gründete, wechselte Buttmann schließlich zu den Nationalsozialisten über.5 Diesem Umstand verdankte er seine niedrige Parteimitgliedsnummer, die Vier. Noch im selben Jahr übertrug Hitler Buttmann den Fraktionsvorsitz der NSDAP im Bayerischen Landtag, den er bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme innehaben sollte.6  Susanne Wanninger, „Herr Hitler, ich erkläre meine Bereitwilligkeit zur Mitarbeit.“ Rudolf Buttmann (1885–1947) – Politiker und Bibliothekar zwischen bürgerlicher Tradition und Nationalsozialismus (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen 59), Wiesbaden 2014, S. 61–67. 4  Ebd. S. 69–75. 5  Ebd. S. 79 f. und S. 83–85. 6  BayHStA, NL Buttmann 83, Tagebuch Nr. 12, S. 17, Eintrag vom 27.9.1925. Zur NSFraktion im Bayerischen Landtag siehe Robert Probst, Die NSDAP im Bayerischen Landtag 1924–1933 (Münchner Studien zur neueren und neuesten Geschichte 19), Frankfurt am Main 1998. 3

Die Bayerische Staatsbibliothek in der Zeit des Nationalsozialismus

111

Rudolf Buttmann, 1933 (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Nachlass Buttmann 253).

112

Susanne Wanninger

Im Zusammenhang mit dem Regimewechsel erhoffte sich Rudolf Buttmann ein Ministeramt in der bayerischen Staatsregierung, ging bei der Postenverteilung aber zunächst leer aus.7 Im April 1933 trug ihm Reichs­ innenminister Wilhelm Frick dann eine Stelle als Ministerialdirektor in seiner Behörde an.8 Als Leiter der kulturpolitischen Abteilung nahm Buttmann am 20. Juli 1933 im Vatikan an der Unterzeichnung des Konkordats zwischen dem Heiligen Stuhl und NS-Deutschland teil. In den folgenden beiden Jahren beschäftigte ihn vor allem die praktische Umsetzung des sogenannten Reichskonkordats, wobei er mehrfach mit ranghohen Vertretern der katholischen Kirche wie Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., zusammentraf. Ebenso fiel das Verhältnis der deutschen Protestanten zum Hitler-Regime in seinen Kompetenzbereich.9 Da Buttmann bald die Erfahrung machte, dass er in der Reichshauptstadt kaum Rückhalt bei führenden Vertretern des nationalsozialistischen Staates hatte, begann er bereits Anfang des Jahres 1934 über mögliche Alternativen nachzudenken. Buttmanns Augenmerk lag dabei vor allem auf der Bayerischen Staatsbibliothek. Skrupel gegenüber dem amtierenden Generaldirektor Georg Reismüller kannte er offenbar nicht. Im Februar 1934 beschloss er, nach der Rückkehr von einer Dienstreise dem Reichsinnenminister „seinen Rücktritt zu erklären u[nd] den Posten zu fordern, zumal der jetzige Dr. Reißmüller [sic!] ein Schwarzer ist u[nd] sehr unbeliebt“10. Dass Buttmanns Blick ausgerechnet auf diese Stelle fiel, kam nicht von ungefähr: Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in München, Freiburg und Berlin war er 1908 in München als Praktikant in die damals noch Königliche  Zu Buttmanns Aussichten auf das Amt des bayerischen Kultusministers siehe Winfried Müller, Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus: Verwaltung und Personal im Schatten der NS-Politik. In: Hermann Rumschöttel – Walter Ziegler (Hrsg.), Staat und Gaue in der NS-Zeit. Bayern 1933–1945 (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Beiheft 21, Reihe B), München 2004, S. 197–215, hier S. 198. – Laut Hans Frank, der von April 1933 bis Dezember 1934 an der Spitze des bayerischen Justizministeriums stand, äußerte sich Hitler über die Nichtbeachtung Buttmanns bei der Ämterverteilung in Bayern folgendermaßen: „‚Buttmann ist zu altmodisch, hat keinerlei revolutionäre oder auch nur soldatische Haltung. Ich werde ihn schon seiner Leistung entsprechend verwenden können.“ – Hans Frank, Im Angesicht des Galgens. Deutung Hitlers und seiner Zeit auf Grund eigener Erlebnisse und Erkenntnisse, Neuhaus bei Schliersee 1955 [posthum erschienen], S. 129 f. 8  BayHStA, NL Buttmann 103, Tagebuch der Ehefrau Nr. 3, S. 110, Eintrag vom 18.4.1933. 9  Wanninger (wie Anm. 3) S. 203–306. 10  BayHStA, NL Buttmann 104, Tagebuch der Ehefrau Nr. 4, S. 68 f., Eintrag vom 2.2.1934. 7

Die Bayerische Staatsbibliothek in der Zeit des Nationalsozialismus

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Hof- und Staatsbibliothek eingetreten und hatte ein Jahr später mit gutem Erfolg die Fachprüfung für den höheren Bibliotheksdienst abgelegt. Erst 1910 waren jedoch alle Voraussetzungen für eine Karriere als wissenschaftlicher Bibliothekar erfüllt, als er nicht nur die vorgeschriebenen eineinhalb Jahre Vorbereitungsdienst absolvierte hatte, sondern auch an der Universität München von dem Nationalökonomen Lujo Brentano mit einer Dissertation im Fach Staatswissenschaften promoviert worden war. Seine weiteren beruflichen Erfahrungen sollte Buttmann allerdings nicht an der Staatsbibliothek sammeln, sondern an der Bibliothek des Bayerischen Landtags.11 – Das heißt, Buttmann qualifizierte sich nicht unbedingt durch eine besondere Vertrautheit mit den Betriebsabläufen der Bayerischen Staatsbibliothek für den Generaldirektorenposten. Tatsächlich zerschlugen sich diese Pläne auch fürs Erste: Wie Buttmann von Frick erfuhr, wollte ihm Hitler „unbedingt die Botschaft am h[ei] l[igen] Stuhl geben […] u[nd] noch die Botsch[aft] bei Mussolini“12. Während des folgenden Jahres konkretisierte sich diese Absicht aber nicht, so dass Rudolf Buttmann im April 1935 zu seiner ursprünglichen Idee, dem Wechsel vom Reichsinnenministerium an die Bayerische Staatsbibliothek, zurückkehrte. Der Anstoß kam diesmal von außen, ein Bekannter berichtete Buttmann von der Amtsenthebung Georg Reismüllers. Nach drei Mitarbeitern der Bayerischen Staatsbibliothek, die auf der Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wegen politischer Unzuverlässigkeit ihren Arbeitsplatz verloren hatten,13 traf es zu guter Letzt den Generaldirektor selbst. Die Vorwürfe, die gegen Reismüller vorgebracht wurden, reichten von seiner früheren Nähe zur katholisch-konservativen Bayerischen Volkspartei über sexuelle Beziehungen zu ehemaligen Mitarbeiterinnen bis zur Aufbewahrung pornographischer und anti-nationalsozialistischer Literatur in seinem Dienstzimmer.14 Im Unterschied zum Vorjahr stimmten Hitler und Frick Buttmanns Wunsch nun zu und setzten seine Berufung auf den Spitzenposten

 Wanninger (wie Anm. 3) S. 29–36.  BayHStA, NL Buttmann 104, Tagebuch der Ehefrau Nr. 4, S. 73, Eintrag vom 16.2.1934. 13  Wanninger (wie Anm. 3) S. 329–331. 14  BayHStA, Staatskanzlei 7597, Politischer Polizeikommandeur der Länder an Bayerische Staatskanzlei, 16.4.1935. Zu Reismüller siehe auch Hartmut Walravens, „Palastrevolution in der Staatsbibliothek?“ Die Kontroverse um Generaldirektor Georg Reismüller. In: Bibliotheksforum Bayern 26 (1998) S. 256–270. 11 12

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der traditionsreichen Münchner Einrichtung durch, „[o]hne weitere zuständige Stellen ordnungsgemäß zu beteiligen“15. Am 5. Oktober 1935 ging Rudolf Buttmann schließlich „zum erstenmal [sic!] seit 25 Jahren als ihr Beamter“16 in die Bayerische Staatsbibliothek. Einige Jahre später gestand er sich in autobiographischen Aufzeichnungen selbst ein, dass er in den alten Beruf zurückgekehrt sei, „ohne hier so gut ausgerüstet zu sein, wie es mir ein Leben voll bibliothekarischer Berufs- u[nd] vor allem Forschungsarbeit allein hätte sichern können“17. Bei der Belegschaft der Bayerischen Staatsbibliothek, zu der damals rund 120 Männer und Frauen gehörten, hinterließ der neue Generaldirektor einen guten ersten Eindruck. Der Bibliothekar Ernst Mehl berichtete seinem Abteilungsleiter Emil Gratzl wenige Tage später: „Viele Kollegen, die Befürchtungen hatten, atmen erleichtert auf, weil sie den Willen zu Sachlichkeit und Gerechtigkeit spüren“18. Dasselbe empfand Hans Striedl, damals „Hilfsarbeiter“ in der Bayerischen Staatsbibliothek und später selbst Generaldirektor. Seiner Erinnerung zufolge war Buttmann „zwar Nationalsozi, aber Mensch geblieben“19. Mehl und Striedl gaben damit wohl in erster Linie ihre Erfahrungen im persönlichen Umgang mit Buttmann wider, lieferten aber zumindest im Kern auch eine treffende Beschreibung von dessen Amtsführung. Selbst wenn Buttmann die beiden Jahre als Ministerialdirektor im Reichsinnenministerium als eher enttäuschend erfuhr, änderte das nichts an seiner nationalsozialistischen Grundüberzeugung. Trotzdem beabsichtigte er zu keinem Zeitpunkt, die Bayerische Staatsbibliothek in eine NS-Mustereinrichtung umzugestalten. Vielmehr ist sein Wirken an dieser durch eine außerordentliche Ambivalenz gekennzeichnet: Einerseits hielt er an bewährten Traditionen fest, andererseits nutzte er wiederholt Möglichkeiten, die sich ihm allein durch die Mitgliedschaft in der NSDAP boten. Beispiele hierfür lassen sich letztlich in allen Bereichen des Bibliotheksbetriebs finden: Personalpolitik, Erwerbungspraxis, Benützung.

 BayHStA, Kultusministerium (MK) 36234, Staatsministerium für Unterricht und Kultus an Karolina und Günther Buttmann, 18.6.1953 (Entwurf). 16  BayHStA, NL Buttmann 86, Tagebuch Nr. 15, S. 29, Eintrag vom 5.10.1935. 17  BayHStA, NL Buttmann 24, Leitgedanken für meine Erinnerungen, S. 88. 18  Bayerische Staatsbibliothek (BSB), Gratzliana G, Mehl, Ernst, Ernst Mehl an Emil Gratzl, 6.10.1935 mit Nachtrag vom 14.10.1935. 19  BayHStA, NL Buttmann 210, Hans Striedl an Rupert Hacker, 17.2.1999. 15

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Der Bibliotheksbetrieb Überwiegend sachlich entschied Rudolf Buttmann in Personalangelegenheiten. Als Stellvertreter berief er stets ausgezeichnete Vertreter ihres Faches: Auf Georg Leidinger und Emil Gratzl – beide langjährige Abteilungsleiter der Bayerischen Staatsbibliothek und beide Ende der 1920er Jahre mit Aspirationen auf den Generaldirektorenposten20 – folgte 1937

Die Belegschaft der Bayerischen Staatsbibliothek auf Betriebsausflug, 1938 (Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv, Porträt- und Ansichtensammlung, port-010645).

Otto Handwerker, der von 1925 bis 1928 die Betriebsabteilung der Staatsbibliothek geleitet hatte und anschließend als Leiter der Universitätsbibliothek nach Würzburg gegangen war.21 Als Nachfolger wiederum baute er Ernst Mehl auf, der die bibliothekarische Fachprüfung 1927 mit der Bestnote abgelegt hatte und schnell im Ruf der hervorragendsten Arbeitskraft in der Erwerbungsabteilung stand.22 Bei Beförderungen achte Siehe hierzu Rupert Hacker, Die Bayerische Staatsbibliothek in der Weimarer Republik. In: Ders. (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte der Bayerischen Staatsbibliothek (Bayerische Staatsbibliothek Schriftenreihe 1), München 2000, S. 265–284, v.a. S. 267. 21  BayHStA, MK 41413, Rudolf Buttmann an Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 10.8.1937. 22  BayHStA, MK 45484, Prüfungszeugnis Ernst Mehls, 15.11.1927 und Gustav Hofmann an Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 30.9.1949. 20

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te Buttmann gewöhnlich sehr auf die Qualifikation und das Anrecht der Beamten, dem Dienstalter entsprechend vorzurücken. Aus den Beförderungsanträgen, die er beim Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus stellte, lässt sich schließen, dass für ihn gute Leistungen im Allgemeinen mehr zählten als die Mitgliedschaft in der NSDAP.23 In einem Fall machte sich Buttmann die Zeitumstände hingegen zunutze: 1937 beantragte er beim Kultusministerium, Heinz Zirnbauer in den Rang eines Staatsoberbibliothekars zu versetzen und mit der Leitung der Pfälzischen Landesbibliothek in Speyer zu betrauen. Zirnbauer wurde dabei sechs Kollegen vorgezogen, die „nach ihrer Prüfungsnote und nach ihrer dienstlichen Bewährung ihm zum Teil überlegen waren“24. Was Buttmann dazu bewog, Zirnbauer in die am weitesten von München entfernte staatliche Bibliothek in Bayern wegzuloben, geht weder aus seinen dienstlichen noch seinen privaten Aufzeichnungen hervor. Es steht jedoch fest, dass Zirnbauer 1933/34 an der Entlassung von zwei Kollegen beteiligt und auch in die Vorgänge um die Amtsenthebung Reismüllers involviert war.25 Schon seine Mitarbeiter vermuteten daher, Buttmann habe in der Bayerischen Staatsbibliothek ideologischem Übereifer keinen Vorschub leisten wollen.26 Ebenso wenig duldete er in seinem Haus allerdings offene Kritik an Hitler und dem NS-Regime, was für den Hilfsarbeiter Wilfried Bering tragische Folgen haben sollte. Nachdem es zwischen dem Hilfsarbeiter und einem Oberoffizianten zu einer Auseinandersetzung unter anderem über Politik gekommen war und Schlichtungsversuche keinen Erfolg hatten, entließ Buttmann Bering im Herbst 1941 fristlos und zeigte ihn darüber hinaus bei der Geheimen Staatspolizei an. Gegenüber dem Kultusministerium begründete er dies damit, dass sich Bering „einer Verletzung der bei seiner Einstellung gelobten Treuepflicht gegenüber dem Führer

 Wanninger (wie Anm. 3) S. 351–362.  BayHStA, MK 41445, Rudolf Buttmann an Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 8.9.1939. 25  BayHStA, MK 41405, Bayerische Staatsbibliothek – Beilage zum Bericht der Direktion vom 10.8.1933, Aussage Heinz Zirnbauers betr. Staatsbibliothekar Dr. Stefl, 2.8.1933 und Niederschrift über die Vernehmung in den Räumen der Bayer. Staatsbibliothek im Vollzuge des Gesetzes über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, hier Verhalten des Staatsoberbibliothekars Dr. Benno Ziegler, 15.9.1933 sowie Bundesarchiv: BArch, R/4901/13657, Bericht über die in dienstlichem Auftrage geführte Nachuntersuchung des Dienstzimmers des Herrn Reismüller, vorgelegt von Staatsbibliothekar Dr. Zirnbauer. 26  Staatsarchiv München (StAM), Spruchkammern 237, Buttmann, Rudolf, Eidesstattliche Erklärung Emil Gratzls, 7.9.1948 und Eidesstattliche Erklärung Hans Halms, 30.9.1948. 23 24

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und Reichskanzler“27 schuldig gemacht habe. Bering wurde 1942 vor ein in solchen Fällen zuständiges Sondergericht gestellt; die verhängte Freiheitsstrafe galt eigentlich als mit der Untersuchungshaft verbüßt.28 Bering wurde aber vom Gerichtssaal weg erneut von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und kam später im Konzentrationslager Dachau ums Leben.29 Hinsichtlich der Bestandserweiterung von Bibliotheken zwischen 1933 und 1945 interessiert seit einigen Jahren vor allem der Umgang mit NSRaubgut. Von den unrechtmäßigen Enteignungen betroffen waren neben Jüdinnen und Juden auch politische und weltanschauliche Gegner des NS-Regimes. Die Bayerische Staatsbibliothek übernahm während der Amtszeit Rudolf Buttmanns wiederholt Bücher, die die Geheime Staatspolizei bei jüdischen Münchnerinnen und Münchnern konfisziert hatte, darunter bei der Kunsthändlerin Anna Caspari und dem Kunsthändler Ludwig Bernheimer.30 Daneben ging Buttmann ein Tauschgeschäft mit der Bibliothek der SS-Schule Haus Wewelsburg ein, durch das 273 Bände freimaurerischer Literatur in das Münchner Haus gelangten. Die Bücher stammten aus dem Besitz diverser Freimaurer-Logen in ganz Deutschland und waren vom Sicherheitsdienst beschlagnahmt worden.31 Schließlich erhielt die Staatsbibliothek durch die Vermittlung eines Mitarbeiters, der während des Kriegs an der Hauptheeresbücherei in Belgrad eingesetzt war, über 500 Bände aus dem Lager des beschlagnahmten serbischen Verlags Geca Kon.32 Wie diese Beispiele belegen, war Buttmann also durchaus  BayHStA, MK 41417, Rudolf Buttmann an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 22.10.1941. 28   StAM, Staatsanwaltschaften 11283, Urteil mit Begründung (1 Kms-So 84/42 (III 81/42)). 29  BayHStA, NL Buttmann 96, Tagebuch Nr. 25, S. 65, Eintrag vom 1.5.1942 sowie schriftliche Auskunft des Archivs der KZ-Gedenkstätte Dachau vom 11.1.2010. 30  Zu Anna Caspari siehe https://www.bayerische-landesbibliothek-online.de/caspari (zuletzt am 8.4.2016 geändert)(aufgerufen am 3.4.2017); zu Ludwig Bernheimer siehe Stephan Kellner – Susanne Wanninger, NS-Raubgut auf der Spur. Provenienzforschung an der Bayerischen Staatsbibliothek. In: Bibliotheksmagazin. Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München 9 (2014), 2, S. 58–61. 31  Siehe hierzu Stephan Kellner – Susanne Wanninger, Forschung nach NS-Raubgut in der Bayerischen Staatsbibliothek: Einem „schlechten Geschäft“ auf der Spur. In: Regine Dehnel (Hrsg.), NS-Raubgut in Museen, Bibliotheken und Archiven. Viertes Hannoversches Symposium, Frankfurt am Main 2012, S. 63–70. 32  Siehe hierzu Stephan Kellner – Gudrun Wirtz, Belgrad – München – Belgrad. Übergabe von Werken aus dem Verlag Geca Kon an die Serbische Nationalbibliothek. In: Bibliotheksmagazin. Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München 11 (2016), 3, S. 74–77. 27

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offen für geraubte Bücher. Dennoch ergab die systematische Suche nach NS-Raubgut in den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek, dass die Einrichtung „die ‚Arisierungen‘ nicht zu einer quantitativen Bereicherung in großem Stil genutzt hat“33. Der Umgang mit geraubten Büchern ist aber nur ein Aspekt der Erwerbungspraxis. Nicht minder interessant ist die Frage, um welche Titel die Sammlungen der Bayerischen Staatsbibliothek ab 1935 ergänzt wurden. In dem posthumen Spruchkammerverfahren gegen Buttmann erklärte Emil Gratzl, der der Erwerbungsabteilung über viele Jahre hinweg vorgestanden hatte, „dass die Bücherankäufe der Staatsbibliothek während seiner ganzen Amtsführung nicht nach der Parteibrille, sondern der jahrhundertealten Tradition des Hauses entsprechend einzig nach dem sachlichen Wert der Neuerscheinungen und nach dem Gesichtspunkt ihrer Notwendigkeit für die gegenwärtige und zukünftige wissenschaftliche Arbeit“34 erfolgen konnten. Aussagen in Zusammenhang mit der Entnazifizierung einer Person sind prinzipiell kritisch zu hinterfragen. Für den hohen Wahrheitsgehalt dieser Aussage sprechen aber zwei Punkte: Zum einen äußerte sich Albert Hartmann, der Leiter der Handschriftenabteilung, ganz ähnlich über die Anschaffungsgrundsätze, die unter Buttmann galten.35 Zum anderen hatte Gratzl selbst 1943 in einem Brief an einen befreundeten Bibliothekar die den politischen Umständen geschuldete Praxis kritisiert, Bücher zu kaufen, um sie dann für Benützer zu sperren.36 Von dieser Maßnahme waren freilich nicht nur Neuerwerbungen betroffen. Den Vorgaben des NS-Regimes entsprechend wurde die sogenannte schädliche und unerwünschte Literatur in den Beständen ermittelt und in einem speziellen Raum separiert, zu dem nur ein ausgewählter Kreis von Mitarbeitern Zutritt hatte. Wer die betroffenen Bücher einsehen wollte, hatte eine Bescheinigung über seine politische Zuverlässigkeit sowie ein wissenschaftliches Interesse vorzuweisen.37 Dagegen hatte Buttmann 33  Thomas Jahn – Stephan Kellner, Forschung nach NS-Raubgut an der Bayerischen Staatsbibliothek. Ein Zwischenbericht. In: Stefan Alker – Christina Köstner – Markus Stumpf (Hrsg.), Bibliotheken in der NS-Zeit. Provenienzforschung und Bibliotheksgeschichte (Bibliothek im Kontext Sonderband), Göttingen 2008, S. 45–57, hier S. 49. 34  StAM, Spruchkammern 237, Buttmann, Rudolf, Eidesstattliche Erklärung Emil Gratzls, 7.9.1948. 35  StAM, Spruchkammern 237, Buttmann, Rudolf, Eidesstattliche Erklärung Albert Hartmanns, 18.10.1948. 36  BSB, Gratzliana F 10, Leyh, Georg, Emil Gratzl an Georg Leyh, 21.7.1943. 37  Wanninger (wie Anm. 3) S. 421 f.

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nichts einzuwenden, solange die wissenschaftlichen Bibliotheken in der Bestandsbildung weiterhin frei waren. 1936 führte er in einem Referat über nationalsozialistische Bibliothekspolitik aus, es sei „nicht Angst vor der Wahrheit, sondern im Gegenteil Liebe zur Wahrheit“, wenn Teilbestände für die allgemeine Ausleihe gesperrt würden. Schließlich könne man vom nationalsozialistischen Staat nicht erwarten, dass er selbst Leuten, „die den Grundgedanken, auf dem sich Volksgemeinschaft und Staat aufbauen, bekämpfen, oder solchen Volksgenossen, die der oft durchtriebenen feindlichen Lügentaktik nicht gewachsen sind“, „unterschiedslos giftige Waffen zu seiner Bekämpfung“38 liefere. Umso überraschender erscheint vor diesem Hintergrund allerdings die Entscheidung, die Rudolf Buttmann im März 1939 zu Gunsten jüdischer Benützer traf. Diesen war der Zutritt zur Bayerischen Staatsbibliothek seit den Novemberpogromen 1938 nicht mehr gestattet. Wie aus den Briefen jüdischer Bibliotheksbesucher an die Generaldirektion hervorgeht, informierte sie ein Zettel „an der Glastür des Treppenaufganges“39 über diesen Umstand. In Absprache mit dem Kultusministerium erhielt Buttmann das Verbot prinzipiell zwar aufrecht; allerdings wies er seine Mitarbeiter an, dass „[e]in Benützer hinfort nur dann, wenn er durch geräuschvolles, störendes, der Benützungsordnung oder den guten Sitten widersprechendes Benehmen Anstoss bei den Beamten oder bei den Benützern erregt, zur Rede gestellt und gefragt werden [darf], ob er Jude ist“40. Alles weitere sollte der Direktion vorbehalten sein. Diese Regelung galt bis zum 25. September 1941. Erst als das NS-Regime Jüdinnen und Juden zwang, sich zur Kennzeichnung einen gelben Stern an die Kleidung zu heften, blieb die Bayerische Staatsbibliothek jüdischen Benutzern verschlossen. D a s Ve r h ä l t n i s z u m B ay e r i s ch e n H a u p t s t a a t s a r ch iv So tief die Einblicke sind, die die vorhandenen Quellen in den Alltag des traditionsreichen Hauses zwischen 1935 und 1945 erlauben: Über einen Punkt geben weder die Akten der Generaldirektion der Staatlichen Bibliotheken Bayerns noch der Nachlass Rudolf Buttmann wirklich Aufschluss,  Völkischer Beobachter, 20.2.1936 (Generaldirektor Dr. Buttmann über: Nationalsozialistische Bibliothekspolitik). 39  BayHStA, Generaldirektion der Bayer. Staatlichen Bibliotheken (GDion Bibliotheken) 21, Erich Warschauer an die Generaldirektion der Bayerischen Staatsbibliothek, 6.1.1939. 40  BayHStA, GDion Bibliotheken 21, Umlauf bei den Beamten und Angestellten der Bayerischen Staatsbibliothek, 17.3.1939. 38

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nämlich das Verhältnis der Bayerischen Staatsbibliothek zum Bayerischen Hauptstaatsarchiv. Es hat den Anschein, als ob die Beziehungen der beiden Einrichtungen zueinander bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 auf das Notwendigste beschränkt geblieben wären. Und selbst danach scheint die Bayerische Staatsbibliothek und das Bayerische Hauptstaatsarchiv wenig mehr verbunden zu haben, als das gemeinsam genutzte Gebäude. Der Kriegsbeginn traf weder die Deutschen im Allgemeinen noch die Bibliothekare und Archivare im Besonderen unvorbereitet. Bereits die Jahre der Weimarer Republik standen im Zeichen der „geistigen Mobilmachung“ und der „Wiederwehrhaftmachung“ der Bevölkerung; die Organisation des zivilen Luftschutzes begann weit vor 1933.41 Die politischen Kräfte waren parteiübergreifend davon überzeugt, dass bei einem erneuten Krieg mit Angriffen aus der Luft zu rechnen sei. Es erscheint daher nur konsequent, wenn man sich sowohl in Bibliothekars- als auch in Archivarskreisen frühzeitig mit diesem Thema auseinandersetzte. 1935 sprach Franz Hammer auf dem Bibliothekartag in Tübingen über den „Luftschutz in Bibliotheken“; er erwartete bereits zu diesem Zeitpunkt einen „totalen Krieg“, der weit hinter die eigentliche Front zurückreichen und besonders auch auf die Zermürbung der Zivilbevölkerung setzen würde. Sorgen bereitete vor allem der anzunehmende Einsatz von Sprengund Brandbomben. Der Stuttgarter Bibliothekar prophezeite richtig, dass Flugzeuggeschwader ihre Bombenladungen gestreut abwerfen würden und Kultureinrichtungen daher leicht in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Genaue Vorstellungen von den verheerenden Wirkungen von Fliegerbomben fehlten zu diesem Zeitpunkt aber noch. Als Vorsichtsmaßnahmen schlug Hammer nämlich unter anderem vor, die Dachböden mit Feuerschutzmitteln zu imprägnieren und besonders wertvolle Stücke in Kellerräume zu verlagern.42 Die Mitarbeiter der Staatsbibliothek und des Hauptstaatsarchivs hatten sich seit 1934 außerdem praktisch mit Fra Siehe hierzu Jürgen Förster, Geistige Kriegführung in Deutschland 1919 bis 1945. In: Jörg Echternkamp (Hrsg.), Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945, Teilbd. 1: Politisierung, Vernichtung, Überleben (Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg 9/1), München 2004, S. 469–640 sowie Bernd Lemke, Luftschutz in Großbritannien und Deutschland 1923 bis 1939. Zivile Kriegsvorbereitungen als Ausdruck der staats- und gesellschaftspolitischen Grundlagen von Demokratie und Diktatur (Militärgeschichtliche Studien 39), München 2005. 42  Franz Hammer, Luftschutz in Bibliotheken. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen 52 (1935) S. 496–505. 41

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gen des Luftschutzes auseinanderzusetzen. Auf Veranlassung des bayerischen Innenministeriums wurden in Staatsgebäuden Luftschutzräume eingerichtet, zugleich mussten Mitarbeiter als Luftschutzhauswarte und Hausfeuerwehrleute benannt werden.43 Seit dem 1. September 1939 unterlagen die Bayerische Staatsbibliothek und das Bayerische Hauptstaatsarchiv dem sogenannten erweiterten Selbstschutz; die Belegschaften der beiden Einrichtungen bildeten eine gemeinsame Luftschutzgemeinschaft. Der Selbstschutzmannschaft gehörten im ersten Kriegsjahr rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Bibliothek und Archiv an. Davon waren „33 als Brandwachen, 9 als Löschtrupps, 6 als Krankenträger, 3 als Melder, 6 als Laienhelferinnen und 3 in besonderer Verwendung (Fernsprecher, technische Arbeiten und dergleichen) tätig“44. Vollständig war die Selbstschutzmannschaft nur tagsüber anwesend. Für die Nacht befand sich in dem Gärtner-Bau seit Langem ein Wachlokal der staatlichen Feuer- und Sicherheitspolizei,45 dessen Besetzung infolge der Kriegseinberufungen im Herbst 1939 von zwei auf einen Feuerwächter reduziert worden war. Rudolf Buttmann richtete zur Unterstützung einen Nachtdienst, bestehend aus einem Bibliotheks- oder Archivmitarbeiter, ein.46 Nachdem die britische Luftwaffe am 10. März 1940 erstmals München angeflogen hatte, baute Buttmann die Nachtbereitschaft aus. Statt einem hatten fortan sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von 19 Uhr bis 8.30 Uhr anwesend zu sein.47 Nach Ansicht von Rudolf Buttmann handelte es sich bei der Nachtbereitschaft letztlich um eine „Affenkomödie“, da die Bibliotheks- und Archivmitarbeiter im Katastrophenfall wenig würden ausrichten können: „1 Mann müßte an die Spritze. Dabei ist dieses Spritzenmundstück so schwer, daß es nur ein kräftiger Mann halten kann. Die meisten der Männer in der Nachtwache sind aber schon älter, da die jüngeren alle eingezogen sind. Zum Teil sind sie Asthmatiker, oder mit sonstigen Leiden behaftet, die nie wirkliche Hilfe leisten könnten. Es ist außerdem nicht einmal eine Feuer BayHStA, GDion Bibliotheken 201, Landbauamt München an Bayerische Staatsbibliothek, 25.10.1934. 44  BayHStA, GDion Bibliotheken 202, Rudolf Buttmann an Luftschutzkommando, 26.3.1940. 45  StAM, Landbauämter 2535, Landbauamt München an Direktion der Bayerischen Staatsbibliothek, 7.11.1935. 46  BayHStA, NL Buttmann 90, Tagebuch Nr. 19, S. 31, Eintrag vom 5.9.1939. 47  BayHStA, GDion Bibliotheken 201, Rudolf Buttmann und Max Stois an SchutzpolizeiAbschnittskommando Nord, 29.4.1940. 43

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schutzkleidung vorhanden. Zudem haben noch jede Nacht 2 Damen mit Wache. Der Schlauch ist sehr schwer und niemand würde im Ernstfall das Dach mit dem schweren Schlauch besteigen können.“48 Die gemeinsame Verantwortung für das Gebäude trug auch nicht zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen Bayerischer Staatsbibliothek und Bayerischem Hauptstaatsarchiv bei, sondern bewirkte vielmehr das Gegenteil. Im Juni 1942 sorgte zum Beispiel die unversperrte Tür zum Schlafsaal der Nachtbereitschaft für Spannungen zwischen den beiden Einrichtungen. Der Schlafsaal war offenbar in dem Teil des Gebäudes eingerichtet worden, in dem sich das Bayerische Hauptstaatsarchiv befand. Das heißt, über diesen Raum konnte man weiter in den Verwaltungstrakt und die Magazinsäle des Archivs gelangen. Der Luftschutzbeauftrage des Bayerischen Hauptstaatsarchivs war aus verschiedenen Gründen empört: Er nahm an, dass sich „also wieder einmal“ Mitarbeiter der Bibliothek beim Pförtner den Schlüssel hatten geben lassen und „ohne dass irgendjemand vorher um die Erlaubnis angegangen wurde, in das Archiv eingedrungen“ seien. Er sah die Sicherheit der Archivbestände dadurch massiv gefährdet: Zum einen wurden „anscheinend sonst im Archiv ohne unser Wissen Besichtigungsspaziergänge unternommen“; zum anderen hielt die Staatsbibliothek seit 1. Juni 1942 ihren Lesesaal bis 21 Uhr geöffnet, so dass auch jederzeit Fremde über den Schlafsaal in das Archiv hätten eindringen können.49 Otto Handwerker, der langjährige Stellvertreter Buttmanns, wies die Anschuldigungen großteils zurück. Der „pflichtmäßige Verschluss der Magazine der Staatsbibliothek wie des Hauptstaatsarchivs“ stand für ihn außer Frage. Er sah den Grund für die offene Tür allerdings in den veränderten Betriebsabläufen. Vor der Lesesaalöffnung bis 21 Ihr waren die staatlichen Feuerwächter angewiesen gewesen, bereits bei ihrem ersten Rundgang zwischen 19.30 Uhr und 21 Uhr sämtliche Türen aufzuschließen, damit die Mitglieder der Nachtbereitschaft bei einem Alarm ungehindert in jeden Raum gelangen könnten. Vor diesem Hintergrund vermutete Handwerker, dass ein Versehen des Feuerwächters vorlag, der gewohnheitsmäßig sämtliche Türen aufgesperrt habe. Was den unberechtigten Zutritt zu Räumen des Hauptstaatsarchivs anbelangt, räumte Handwerker  BayHStA, MK 41221, Niederschrift über eine Besprechung im Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 28.7.1941. 49  BayHStA, Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 1248, Ignaz Hösl an Josef Franz Knöpfler, 12.6.1942. 48

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zumindest einen Vorfall ein. Nachforschungen hatten ergeben, dass sich der 15-jährige Sohn des Hausmeisters der Bayerischen Staatsbibliothek einmal in den Ausstellungssaal des Hauptstaatsarchivs geschlichen habe. Wie man dem Hauptstaatsarchiv versicherte, war dem Vater wegen Vernachlässigung seiner Aufsichtspflicht ein Verweis erteilt worden.50 Allerdings war die Angelegenheit damit noch nicht erledigt. Der Generaldirektor des Bayerischen Hauptstaatsarchivs hatte den Vorfall nämlich zum Anlass genommen, mehrere Verfügungen in Zusammenhang mit der Nachtbereitschaft zu erlassen. Allein die Feststellung, dass die Archivschlüssel nicht länger bei der gemeinsamen Pforte hinterlegt sein sollten, verrät viel über die Beziehung der beiden Einrichtungen in jenen Jahren. Davon abgesehen sollte derjenige Mitarbeiter, der für das Archiv zur Nachtbereitschaft eingeteilt war, das Erdgeschoss künftig auch im Alarmfall nicht mehr verlassen. Er sei für den Schutz des Hauptstaatsarchivs verantwortlich und nicht auch für die anderen Teile des Gebäudes.51 Der Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek sah dies selbstverständlich nicht so. Dass das wechselseitige Verhältnis vergiftet war, zeigte sich auch daran, dass Buttmann im Juni 1942 explizit davor warnte, dass „die Archivverwaltung unter Missachtung der zur Verwaltungsvereinfachung ergangenen Erlasse und Entschließungen es weiterhin vorziehen sollte, mit mir auf schriftlichem Weg zu verkehren (...)“52. Allem Anschein nach war das Verhältnis im Sommer 1942 so angespannt, dass zumindest die beiden Generaldirektoren den direkten Umgang miteinander vermieden. Der Tiefpunkt war damit allerdings noch längst nicht erreicht. An diesem langten die Bayerische Staatsbibliothek und das Bayerische Hauptstaatsarchiv im darauffolgenden Jahr an, als das Gebäude im März und Oktober von Bomben getroffen wurde. Infolge des Luftangriffs vom 9./10. März 1943 verlor die Staatsbibliothek 400.000 Bücher, bei der Bombardierung am 2./3. Oktober 1943 büßte sie weitere 10.000 Bände ein. Dabei handelte es sich um knapp ein Fünftel des Gesamtbestands an Büchern.53 Die 50.000 Handschriften im Besitz der Staatsbibliothek sowie  BayHStA, GDion Archive 1248, Otto Handwerker an den Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns, 17.7.1942. 51  BayHStA, GDion Archive 1248, Ignaz Hösl an den Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek, 19.6.1942. 52  BayHStA, GDion Archive 1248, Rudolf Buttmann an den Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns, 20.6.1942. 53  Siehe hierzu Hans Halm, Die Schicksale der Bayerischen Staatsbibliothek während des Zweiten Weltkrieges. In: Rupert Hacker (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte der Bayerischen 50

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Die zerstörte Haupttreppe in der Bayerischen Staatsbibliothek, 1943 (Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv, Porträt- und Ansichtensammlung, port-021007).

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16.000 Inkunabeln hatten sich zum Zeitpunkt des ersten Bombenschadens bereits nicht mehr im Haus befunden, sondern in 19 Ausweichlagern auf dem Land.54 Das Bayerische Hauptstaatsarchiv befand sich in einer etwas besseren Lage, da es sowohl im Hauptgebäude als auch im später dazugekommenen Nordmagazin jeweils die unteren Stockwerke belegte.55 Seit Mitte März 1943 versuchte Rudolf Buttmann alles, diese Gebäudebereiche zugesprochen zu bekommen.56 Seine Idee war, die Bibliotheksbestände aus den gefährdeten oberen Stockwerken zunächst in die unten gelegenen zu verbringen, bevor sie an Bergungsorte außerhalb Münchens transportiert werden konnten. Der Generaldirektor erhielt von seiten der maßgeblichen staatlichen Stellen relativ schnell Unterstützung für diesen Plan, was natürlich größtes Mißfallen bei seinem Pendant im Bayerischen Hauptstaatsarchiv hervorrief. Es dürfte Josef Franz Knöpfler zuzustimmen sein, wenn er in einem Schreiben an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus feststellte, dass Buttmann „ohne sich im mindesten über das weitere Schicksal des Archives Gedanken zu machen, einfach den Auszug des Archives und der Zentralstelle der Archivverwaltung in kürzester Frist“57 verlangte. Knöpfler spielte in diesem Zusammenhang auch auf das schlechte Verhältnis zwischen Bibliotheks- und Archivverwaltung an, wobei er jede Schuld von sich wies. Der Protest blieb letztlich wirkungslos. Wie eingangs erwähnt verfügte das Ministerium im Oktober 1943 definitiv die Räumung des Gebäudes durch das Archiv. Vom Hauptstaatsarchiv sei „lediglich eine mit dem unbedingt notwendigen Personal zu besetzende Abwicklungsstelle zu belassen“58. Bemerkenswert ist, dass Bibliotheks- und Archivverwaltung trotz ihrer schwierigen äußeren Situation weiterhin Zeit in kleinere Auseinandersetzungen investierten. So stritten sie unter Einbeziehung des Kultusministeriums sogar noch darüber, ob das Hauptstaatsarchiv zu langsam

Staatsbibliothek (Bayerische Staatsbibliothek Schriftenreihe 1), München 2000, S. 309–314. 54  BayHStA, MK 66639, Bericht über die Tätigkeit der Handschriftenabteilung der B.SB von September 1939–31. März 1953. 55  Volkert (wie Anm. 2) S. 137 und S. 144 56  BayHStA, NL Buttmann 97, Tagebuch Nr. 26, S. 41, Eintrag vom 15.3.1943, S. 45, Eintrag vom 22.3.1943, S. 46, Eintrag vom 24. März 1943 und S. 82, Eintrag vom 1.6.1943. 57  BayHStA, GDion Archive 1278, Josef Franz Knöpfler an Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 23.5.1943. 58  BayHStA, GDion Archive 1278, Staatsministerium für Unterricht und Kultus an Josef Franz Knöpfler, 18.10.1943.

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ausräume oder die Staatsbibliothek mit der Belegung der freigemachten Magazinabschnitte nicht schnell genug nachkomme.59 Um die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen der Bayerischen Staatsbibliothek und dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv stand es in der Zeit des Nationalsozialismus also nicht zum Besten. Worin genau die Ursachen für das schlechte Verhältnis lagen, lässt sich schwer sagen. Bei der Lektüre der Tagebücher von Rudolf Buttmann entsteht der Eindruck, dass persönliche Faktoren einen nicht zu unterschätzenden Faktor darstellten. Die beiden Generaldirektoren scheinen jedenfalls große Schwierigkeiten im Umgang miteinander gehabt zu haben; hinzu kommt, dass sie für ihre beiden Einrichtungen jeweils bei denselben vorgesetzten Stellen um die Gunst buhlen mussten. Buttmanns Bemühungen waren in dieser Hinsicht allerdings nicht nur bei der Verdrängung des Hauptstaatsarchivs aus dem gemeinsamen Gebäude, sondern auch in anderen Angelegenheiten immer wieder erfolgreich. Erinnert sei nur an die Wiederzulassung jüdischer Benutzer zur Staatsbibliothek nach den Novemberpogromen. Möglichkeiten für eine Kooperation zwischen Bayerischer Staatsbibliothek und Bayerischem Hauptstaatsarchiv hätte es damals durchaus gegeben: Sei es bei den Ausstellungsprojekten, die die Staatsbibliothek regelmäßig verwirklichte,60 oder erst recht bei der Verbringung der Bestände beider Institutionen in Bergungslager. Beispielsweise kooperierte die Bayerische Staatsbibliothek mit der Bayerischen Staatsgemäldesammlung bei der Beaufsichtigung der ausgelagerten Bestände an mehreren Bergungsorten.61 Paradoxerweise kamen die Bayerische Staatsbibliothek und das Bayerische Hauptstaatsarchiv aber noch über das Kriegsende hinaus nicht voneinander los. So fanden sie sich 1947 vorübergehend im selben Gebäude wieder, dem ehemaligen sogenannten Führerbau an der Arcisstraße in München. In den 1950er Jahren endete die Hausgemeinschaft dann endgültig, und aus „Mitbewohnern“ wurden Nachbarn.62

 BayHStA, NL Buttmann 97, Tagebuch Nr. 26, S. 72, Eintrag vom 12.5.1943 und S. 87, Eintrag vom 11.6.1943. 60  Zu den Ausstellungen der Bayerischen Staatsbibliothek in der Zeit des Nationalsozialismus siehe Wanninger (wie Anm. 3) S. 432–437. 61  BayHStA, GDion Bibliotheken 213, Rudolf Buttmann an Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 6.10.1942. 62  Volkert (wie Anm. 2) S. 146–148. 59

Die Generaldirektoren zwischen Weimarer Republik und Nachkriegszeit Von Margit Ksoll-Marcon Mit der Archivreform des Jahres 1921 ging aus dem Allgemeinen Reichsarchiv in München das Bayerische Hauptstaatsarchiv mit dem Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns an der Spitze des Hauptstaatsarchivs wie des gesamten staatlichen Archivwesens hervor.1 Aufgrund seiner Stellung gehörte er zu den bayerischen Spitzenbeamten und aufgrund seines Studiums und der anschließenden Fachausbildung auch zu Bayerns geistiger Elite.2 In der Zeit zwischen Weimarer Republik und den 1950er Jahren hatten Dr. Otto Riedner (1923–1937), Dr. Josef Franz Knöpfler ((1937–)1943–1944), Dr. Ignaz Hösl (stellvertretende Geschäftsführung 1944–1947) und Dr. Wilhelm Winkler (1948–1958) dieses Spitzenamt inne. Trotz unterschiedlichen Alters kannten sich die Archivare, deren Wege sich naturgemäß immer wieder kreuzten. In den folgenden Ausführungen soll ein Blick auf diese Akteure an der Spitze des staatlichen Archivwesens geworfen werden, ob und wie sie das NS-Regime unterstützten oder mit ihm kollaborierten. Für deren Gesamtwürdigung sind auch andere Beiträge dieses Zeitschriftenbandes heranzuziehen.3 Die Archive unterstanden bis April 1933 dem Staatsministerium des Äußern, für Wirtschaft und Arbeit und wurden dann dem Staatsministerium

S. dazu Walter Jaroschka, Zentralisierung und Dezentralisierung im bayerischen Archivwesen. Voraussetzungen und Ergebnisse der Beständebereinigung. In: Hermann Bannasch (Hrsg.), Beständebildung, Beständeabgrenzung, Beständebereinigung. Verhandlungen des 51. Südwestdeutschen Archivtags am 11. Mai 1991 in Augsburg. Mit einem Anhang zur Geschichte der Südwestdeutschen Archivtage (Werkhefte der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Serie A, Heft 3), Stuttgart 1993, S. 37–51, hier S. 37. 2 Vgl. dazu Torsten Musial, Staatsarchive im Dritten Reich. Zur Geschichte des staatlichen Archivwesens in Deutschland 1933–1945 (Potsdamer Studien 2), Potsdam 1996, S. 15. 3 Vgl. die Beiträge in diesem Band: Bernhard Grau, „Im bayerischen Archivwesen gehört ausgemistet“ – Personalpolitik und Personalentwicklung der Staatlichen Archive Bayerns im NS-Staat, S. 151–196. – Michael Unger, Zwischen Routine und Raub: Archivalienerwerb im Nationalsozialismus, S. 425–446. – Markus Schmalzl, Archivnutzung im NSStaat. Familien- und Sippenforschung bei den Staatlichen Archiven Bayerns 1933–1945, S. 405–423. 1

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für Unterricht und Kultus unterstellt.4 Dem vorgesetzten Ministerium in der NS-Zeit, das für die Kultusminister der Jahre 1933 bis 1945 „ein Amt neben anderen war, das zumindest teilweise mit einer unverkennbaren Beiläufigkeit wahrgenommen wurde“ und das annähernd vier Jahre nur kommissarisch besetzt war5, ist ebenfalls ein eigener Beitrag gewidmet.6 Veröffentlichungen zu den Generaldirektoren, sieht man einmal von der zu Josef Franz Knöpfler von Hermann Rumschöttel ab, fehlen bisher.7 Zu den genauen zeitlichen Abläufen der Auflösung des Bayerischen Staatsministeriums des Äußern, für Wirtschaft und Arbeit, der Errichtung der Staatskanzlei und der Umressortierung der Archivverwaltung ins Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus und zur Amtsniederlegung bzw. Ernennung von Politikern von März bis Mai 1933 mit Relevanz für die staatliche Archivverwaltung wird auf folgende Daten hingewiesen:    5.3.1933 Reichstagswahl – 9.3.1933 Ernennung von General Franz Xaver Ritter von Epp zum Reichskommissar für Bayern – 15.3.1933 Amtsniederlegung Ministerpräsident Heinrich Held – 16.3.–12.4.1933 Epp kommissarischer Ministerpräsident – 10.4.1933 (am 12.4. rückwirkend ernannt) Epp Reichsstatthalter – 12.4.1933 Ludwig Siebert Ministerpräsident und Hermann Esser Staatsminister ohne Geschäftsbereich und zugleich Chef der neu errichteten Staatskanzlei (nach: Hermann Rumschöttel, Ministerrat, Ministerpräsident und Staatskanzlei. In: Hermann Rumschöttel – Walter Ziegler [Hrsg.], Staat und Gaue in der NS-Zeit. Bayern 1933–1945 [Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Beiheft 21, Reihe B], München 2004, S. 41–75, bes. S. 51–57 und 67–69).    12.4.1933 (Gesetz betreffend die Staatsverwaltung, GVBl. S. 113) Auflösung des Staatsministeriums des Äußern und Errichtung der „Staatskanzlei des Freistaats Bayern“ – 31.5.1933 (Verordnung des Gesamtministeriums über den Geschäftsbereich der Staatskanzlei des Freistaates Bayern, GVBl. S. 153 f., und Verfügung des Ministerpräsidenten über den Geschäftsbereich der Staatskanzlei des Freistaates Bayern, GVBl. S. 154 f.): Übergang des „Zivilarchivwesens“ an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus (nach Wilhelm Volkert [Hrsg.], Handbuch der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte 1799–1980, München 1983, S. 19 f., 26, 184). Gemäß Rumschöttel (wie oben, S. 69) ging dem ein „längere(s) harte(s) Ringen mit dem Innen- und dem Kultusministerium“ voran. 5 Winfried Müller, Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus: Verwaltung und Personal im Schatten der NS-Politik. In: Hermann Rumschöttel – Walter Ziegler (Hrsg.), Staat und Gaue in der NS-Zeit. Bayern 1933–1945 (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Beiheft 21, Reihe B), München 2004, S. 197–215, hier S. 202. 6 S. Beitrag in diesem Band: Hermann Rumschöttel, Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus in der NS-Zeit, S. 31–41. 7 Hermann Rumschöttel, Ivo Striedinger (1868–1943) und Josef Franz Knöpfler (1877– 1963). Archivarische Berufswege zwischen Königreich und NS-Staat. In: Archivalische Zeitschrift (AZ) 94 (2015) S. 29–49. Rumschöttels Ausführungen basieren im Wesentlichen auf Aufzeichnungen Walter Jaroschkas, s. Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), NL Jaroschka. Biogramme s.: Wolfgang Leesch, Die deutschen Archivare 1500–1945, Bd. 2: Biographisches Lexikon, München 1992. – Kurt Malisch, Knöpfler, Franz Josef. In: Karl Bosl (Hrsg.), Bosls Bayerische Biographie. 8000 Persönlichkeiten aus 15 Jahrhunderten, Regensburg 1983, S. 428. – Ders., Winkler, Wilhelm. Ebd. S. 852. – Lieselotte Klem4

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Lediglich in z.T. ausführlichen Nachrufen erfolgte eine Würdigung ihres Wirkens.8 Dr. Otto Riedner, geboren am 26. November 1879 in Omersbach in Unterfranken, trat nach seinem juristischen Studium in den Archivdienst ein und durchlief die einzelnen Stationen eines bayerischen Archivars: 1902 Praktikant am Geheimen Staatsarchiv München, 1904 Praktikant am Reichsarchiv, im Februar 1906 legte er die Archivprüfung ab, im September 1906 trat er seine Stelle als Reichsarchivsekretär am Kreisarchiv Speyer an, 1908 kam er nach München in das Reichsarchiv zurück, 1920 wurde er Archivrat und zum 1. Januar 1923 als Staatsoberarchivar Generaldirektor.9 Er folgte Dr. Georg Maria Ritter von Jochner, dem ersten Generaldirektor, nach. Riedner gehörte von November 1918 bis Juli 1933 der Bayerischen Volkspartei an, ab Juli 1933 der NSDAP.10 Riedner schreibt über sich in seiner Stellungnahme an das Ministerium vom 14. August 1933 zu dem Artikel „Im Bayerischen Archivwesen gehört ausgemistet“, der in der Zeitschrift „Der Stürmer“ Nr. 32/1933 erschienen war: „Als ich ab 1. Januar 1923 unter Überspringung der Hälfte der akademischen bayerischen Archivbeamten mit 44 Jahren (also doch simer,

Riedner, Otto. Ebd. S. 633. – Zu Josef Franz Knöpfler s.: Bernward Deneke – Rainer Kahsnitz (Hrsg.), Das Germanische Nationalmuseum Nürnberg 1852–1977. Beiträge zu seiner Geschichte, Nürnberg 1978. 8 Nachrufe: Albert Pfeiffer, Otto Riedner †. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte (ZBLG) 11 (1938) S. 159–162. – Clemens Bauer, Otto Riedner †. In: Historisches Jahrbuch 58 (1938) S. 237–238. – Ludwig Friedrich Barthel, Dr. Otto Riedner * 26.11.1879 † 9.11.1937. In: Aschaffenburger Jahrbuch 3 (1956) S. 451–454. – Ignaz Hösl, Otto Riedner. In: AZ 45 (1939) S. 373–377. – Hans Rall, Ignaz Hösl. In: Der Archivar 21 (1968) Sp. 205–208. – H[ermann] H[offmann], Nachruf Staatsarchivdirektor a.D. Prof. Dr. Ignaz Hösl. In: Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern 9 (1963) S. 63–64. – Max Spindler, Wilhelm Winkler †. In: ZBLG 22 (1959) S. 532–534. – Otto Schottenloher, Wilhelm Winkler 29.5.1893–5.10.1958. In: AZ 55 (1959) S. 171–173. – Friedrich Baethgen, Wilhelm Winkler und Walter Goetz. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters namens der Monumenta Germaniae Historica 15 (1959) S. 609–610. – Anton Doll, Wilhelm Winkler †. In: Pfälzer Heimat 9 (1958) S. 196. – Adolf Roth, Bildnis der Heimat. 70. Wilhelm Winkler. In: Schönere Heimat 47 (1958) S. 540. – [Edgar Krausen], Generaldirektor Dr. Wilhelm Winkler (Nachruf). In: Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern 4 (1958) S. 45–47. – Rudolf Fraja, Wilhelm Winkler. In: Academia. Cartellverband der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen 1 (1958) S. 298–300. 9 Personalakt Riedners vom Kultusministerium: Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Kultusministerium (MK) 36279. – Personalakt Riedners der Generaldirektion: BayHStA, Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 3082. 10 BayHStA, MK 36279.

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Dr. Otto Riedner (* 26.11.1879 † 9.11.1937), Generaldirektor 1923–1937 Ölgemälde (vor 1920) des Schwabinger Malers A. Arnegger (Datierung und Signatur schwer lesbar). Weitere Zuschreibung auch nicht über den Nachlass Riedner möglich. Dort finden sich keinerlei persönliche Unterlagen, wie Korrespondenzen, sondern fast ausschließlich Materialsammlungen bzw. Veröffentlichungen (freundliche Mitteilung BayHStA, Abt. V, Dr. Paringer, vom 13.2.2019). Die Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns erhielt das Portrait Otto Riedners im Jahr 2001 von der Witwe eines Neffen Riedners über Herrn Archivamtsrat a.D. Anton Grau geschenkt (GDion Archive, Registratur, Akt 966-2.1) (Aufnahme: Bayerisches Hauptstaatsarchiv, 2019).

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cherlich gegenüber der gewöhnlichen Ministeriallaufbahn im Landes- und Reichsdienst kein unerhörtes Alter!) zum Generaldirektor ernannt wurde, war ich für den Posten vorgeschlagen worden, ohne mein Wissen und wider Willen“.11 Die Reaktionen anlässlich seiner Ernennung in der Presse waren sowohl positiv als auch negativ, letzteres vor allem, weil er dienstälteren Kollegen vorgezogen worden war.12 Riedner stand bei seinem Amtsantritt vor großen Aufgaben, galt es doch die Mengen an Aktenabgaben aufgelöster Dienststellen nach dem Ersten Weltkrieg zu bewältigen. Noch 1929 beklagte er in einem Schreiben an Ministerpräsident Dr. Heinrich Held die Personal-, Raum- und Geldnot der Archive. Wenngleich Bemühungen für eine Archivgesetzgebung im Reich scheiterten, so konnte 1932 in Bayern die Aussonderungsbekanntmachung in Kraft treten, eine klare Regelung zur Anbietung von Unterlagen der Behörden und Gerichte, die in modifizierter Form bis 1991 Gültigkeit besaß.13 Das Erscheinen der „Archivalischen Zeitschrift“ nach kriegsbedingter Unterbrechung nahm Riedner wieder auf. Er reformierte die Ausbildung an der Bayerischen Archivschule und führte Aus- und Fortbildungskurse für die Kollegen durch, auf denen er u.a. über Erfahrungen und Eindrücke seiner Dienstreisen berichtete, beispielsweise von seiner Besichtigung des neu errichteten Geheimen Staatsarchivs in BerlinDahlem, des Archivs des Auswärtigen Amtes, des Hausarchivs Charlottenburg und des Reichsarchivs in Potsdam 1924.14 Ein wichtiges Anliegen war Riedner die Beständebereinigung in und zwischen den staatlichen Archiven in Bayern, denn es herrsche ein „System der Systemlosigkeit“ und ein „archivalisches Trümmerfeld“, das zu einer Neuordnung zwinge.15 Als 1933 Investitionen in die Archive als Verschwendung von Steuergeldern gebrandmarkt wurden, wies Riedner dies entschieden zurück und verwies darauf, dass das Hauptstaatsarchiv „nicht nur zu einem der bedeutendsten Aktenarchive Deutschlands, sondern überhaupt zum grössten UrkundenBayHStA, MK 41340 – Abbildung des Artikels s. Beitrag Grau (wie Anm. 3) in diesem Band S. 167. 12 BayHStA, GDion Archive 3082. 13 Bodo Uhl, Aktenaussonderung und Verwaltungsvereinfachung. Zur Entstehung der bayerischen Aussonderungsbekanntmachung von 1932. In: Gerhard Hetzer – Bodo Uhl (Hrsg.), Festschrift Hermann Rumschöttel zum 65. Geburtstag (= AZ 88 [2006]), 2. Teilband, S. 995–1024. – S. in diesem Band Beitrag Gerhard Hetzer, Überlieferungsbildung und Politik. Kontinuitäten und Wandel des Archivierens im Nationalsozialismus, S. 347– 374. 14 BayHStA, MK 36279. 15 Jaroschka (wie Anm. 1) S. 37. 11

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archiv der Welt“ zählen würden und bat das Ministerium um Schutz vor derartigen Angriffen.16 Der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, deren Gründung Riedner zusammen mit Prof. Dr. Michael Doeberl und Dr. Georg Leidinger erreicht hatte, gehörte er als 2. Vorstand an. In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen wurde Riedner zum 29. Mai 1934 für die nächsten fünf Jahre erneut zum 2. Vorstand der Kommission ernannt, der Direktor der Staatsbibliothek Dr. Georg Leidinger zum 1. Vorstand und Prof. Dr. Karl Alexander von Müller zum Schriftführer.17 Für die Jahrgänge 1929 bis 1936 oblag Riedner die Schriftleitung der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte. Bereits am 6. April 1933 bat Riedner in einem Schreiben an das Staatsministerium des Äußern, für Wirtschaft und Arbeit General von Epp, der die Befugnisse des Ministerpräsidenten übernommen hatte, seine Aufwartung machen zu dürfen, und lud ihn gleichzeitig in das Bayerische Hauptstaatsarchiv ein.18 Am 9. Mai wiederholte er sein Schreiben an Ministerpräsident Siebert; an diesem Tag schrieb er auch Staatsminister Esser, mit der Bitte, ihn besuchen und ihn auch in die Urkundenausstellung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs einladen zu dürfen.19 In dem Artikel „Im Bayerischen Archivwesen gehört ausgemistet“ vom August 1933 wurde auch Riedner als Generaldirektor angegriffen, was er u.a. mit dem Hinweis zurückwies, dass er seinen Dienst „unparteiisch, gerecht und wohlwollend [vollzogen habe] gegen jeden meiner Beamten ohne jede Ausnahme“.20 Der eigentliche und zentrale Angriff darin galt dem Staatsarchivrat I. Klasse Dr. Fritz Gerlich21, der unter Beziehung seiSchreiben Riedners vom 14.8.1933 in Reaktion auf den Artikel „Im Bayerischen Archivwesen gehört ausgemistet“ in „Der Stürmer“ Nr. 32/[11.8.]1933; BayHStA, MK 41340. – Vgl. Anm. 11. 17 BayHStA, MK 36279. – S. dazu auch: Wilhelm Volkert – Walter Ziegler (Hrsg.), Im Dienst der bayerischen Geschichte. 70 Jahre Kommission für bayerische Landesgeschichte. 50 Jahre Institut für Bayerische Geschichte (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 111), 2. aktualisierte Aufl., München 1999. 18 BayHStA, MK 36279, GDion Archive 3082. – Vgl. auch Anm. 4. 19 BayHStA, MK 36279. – Vgl. auch Anm. 4. 20 BayHStA, MK 41340. – Vgl. auch Anm. 16. 21 Mit Bekanntmachung vom 20.2.1930 erhielten die Staatsoberarchivare die neue Amtsbezeichnung Staatsarchivrat I. Klasse. Neben Fritz Gerlich war davon auch der spätere Generaldirektor Ignaz Hösl betroffen. Wilhelm Winkler war zu dieser Zeit Staatsarchivrat. Dazu: BayHStA, MK 45434. – Zu Fritz Gerlich s. in diesem Band den Beitrag von Rudolf Morsey, Fritz Gerlich (1883–1934) – der Publizist als Archivar, S. 235–254. 16

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nes Gehalts in den Räumen des Hauptstaatsarchivs seiner journalistischen Tätigkeit nachgehen könne. Hier verwies Riedner auf das gegen Gerlich 1933 eingeleitete Disziplinar- und Dienstenthebungsverfahren. Riedner schrieb dazu über Gerlich, dass seine Artikel in der Zeitschrift „Der Gerade Weg“ „teils der Wahrheit nicht entsprachen, teils Angriffe maßlosester Art gegen andere Personen enthielten“, aber „auf keinen Fall“ würde Gerlich „rückhaltlos“ für den nationalen Staat eintreten, wie er gegenwärtig verwirklicht sei.22 In dem besagten Artikel wurden die Archive als eine Domäne der Bayerischen Volkspartei und des Zentrums dargestellt. Es heißt darin u.a., dass es keine Behörde in Bayern gäbe, „die so schwarz ist als das staatliche Archivwesen, das mit seinem ultramontanen Nachwuchs auch die Stadtarchive ganz Bayerns versorgt hat, im trauten Verein mit dem Marxismus“.23 Damit wurde die verwaltungsinterne Ausbildung an der Bayerischen Archivschule angegriffen, deren Leiter die Generaldirektoren waren. Um diese Behauptung zu entkräften, legte Riedner gegenüber dem Kultusministerium die Konfessions- und die Parteizugehörigkeit der Personen dar, die er für den Archivdienst ausgewählt hatte. Daraus sowie in weiteren Schriftsätzen des Generaldirektors an das vorgesetzte Ministerium geht hervor, dass im Juni 1933 noch ausschließlich die fachlichen Kriterien für eine Aufnahme in den Archivdienst ausschlaggebend waren. Eine Parteizugehörigkeit wird weder bei den einzelnen Referendaren noch summarisch erwähnt. Das änderte sich ab dem Jahr 1934, da nun der politische Vertrauensmann des Ministeriums Archivdirektor Dr. Josef Franz Knöpfler der Auswahl zustimmen musste.24 Knöpfler wurde Riedner, der als ehemaliges BVP-Mitglied als nicht uneingeschränkt zuverlässig im Sinne der NS-Ideologie galt, zur Seite gestellt. Als Knöpfler allerdings in seiner Funktion des politischen Vertrauensmannes Mitglied des Prüfungsausschusses für die Staatsprüfung werden wollte, wurde diesem Wunsch nicht entsprochen. Das Ministerium wies Knöpflers Ansinnen am 26. März 1934 zurück, da es sich bei den Entscheidungen des Prüfungsausschusses „um ein rein fachliches Urteil über die Prüfungsleistungen“ handele und die politische Eignung der Anwärter vom Ministerium gesondert ge-

22 BayHStA, MK 41340; im Original Hervorhebung durch Unterstreichung. – S. Morsey (wie Anm. 21). 23 BayHStA, MK 41340. 24 BayHStA, GDion Archive 1603.

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würdigt werde.25 Generaldirektor Riedner, so weiter, werde ihm, Knöpfler, nach Abschluss des Prüfungsverfahrens Einsicht in die Akten geben, was ab 1935 erfolgte.26 Die Auswahl der Kandidaten sowie die Bewertung der Prüfungsaufgaben schlug jedoch durchaus Wellen, zum Teil Jahre später. Dr. Ferdinand Weiß legte gegen seine Benotung 1935 Einspruch ein und seinem Gesuch „um bevorzugte etatsmäßige Anstellung auf Grund seiner Verdienste um die nationale Erhebung“ wurde seitens des Ministeriums stattgegeben. Riedner hatte in seiner Stellungnahme vom 23. März 1935 an das Ministerium unter Hinweis auf die „schwer beleidigten Mitglieder des Prüfungsausschusses“ die Frage aufgeworfen, „ob innerhalb des neuen Staates, das den Führer-, Leistungs-, Unterordnungs- und Pflichtgedanken jedem Volksgenossen alltäglich einhämmert, ein Untergebener seinen Vorgesetzten ungestraft verdächtigen und beleidigen darf“. Und weiter: Er, Riedner, habe dem Ministerium bereits bei anderer Gelegenheit erklärt, „dass ich nicht an meinem Posten klebe“.27 Dass Riedner 1934 einen Bewerber für den höheren Archivdienst ablehnte, weil die Bewerbungsfrist verstrichen und die Promotion noch nicht abgeschlossen war, war Thema am 19. November 1936 anlässlich der Eröffnung der Münchner „Forschungsabteilung Judenfrage“. Der Präsident des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands Prof. Walter Frank griff in seiner Eröffnungsrede Riedner dezidiert an, weil er den Leiter der neuen Forschungsabteilung Dr. Wilhelm Grau nicht in den Archivdienst aufgenommen habe, wo doch dieser ein umfassendes Werk zur „Judenfrage“ geplant hatte. Riedner, der mit Schreiben vom 3. Februar 1937 an das Ministerium darauf Stellung bezog, und darin auch über ein Gespräch mit Grau berichtete, in dem er ihm dringend eine Schwerpunktsetzung im Dissertationsthema empfahl, schloss mit den Worten: „Ich bin also verstockt genug, auch heute noch meinen Rat an Herrn Grau unter den damaligen Umständen für einzig richtig zu halten.“28 Es war selbstverständlich, dass Riedner als Generaldirektor der zweitgrößten Archivverwaltung an den Deutschen Archivtagen zum fachlichen Austausch wie auch zur Kontaktpflege teilnahm.29 Die Archivtage wurden BayHStA, MK 45434. – S. dazu auch Rumschöttel (wie Anm. 6) S. 39 ff. BayHStA, MK 45434. – S. dazu auch Grau (wie Anm. 3) und Rumschöttel (wie Anm. 6). 27 BayHStA, GDion Archive 3082. 28 BayHStA, MK 36279. 29 BayHStA, MK 36279. 25 26

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als Podium genutzt, um die neuen Machthaber der Loyalität der Archivare zu versichern. So forderte auf dem Archivtag im September 1933 in Königsberg der Generaldirektor der Preußischen Archive Prof. Dr. Albert Brackmann in seiner Eröffnungsrede, die Ergebnisse der Geschichtsforschung der Politik zur Verfügung zu stellen und versicherte, dass „die deutschen Archivare dem Ruf des großen Führers des neuen Deutschland gefolgt [sind] und haben sich mit ihrer ganzen Kraft in den Dienst des Vaterlandes gestellt.“30 Erich Weise, Staatsarchiv Königsberg, proklamierte auf diesem Archivtag den Archivar „zum Herold der nationalen Sache … weil … Volkstum und Staatsgedanke und der entscheidende Wille zur völkischen Behauptung lebendig bleiben müssen.“ Daher hätten „die deutschen Archivare das neue Deutschland des 30. Januar voll und ganz bejaht. Im Geist des Dritten Reichs wirken sie mit dem Volk für das Volk.“31 Das Jahr 1933 bedeutete insofern einen Aufwind für Archivare, als sie nun eine Chance sahen, ihre Projekte vorantreiben zu können. Durch ihre Loyalitätsbekundungen gegenüber der Regierungsspitze erhofften sie sich eine bessere Ausstattung ihrer Archive in personeller, finanzieller und baulicher Hinsicht.32 Neben den angestiegenen Aktenabgaben war seit Ende des Ersten Weltkriegs das Interesse an der Familienforschung gestiegen, nicht zuletzt durch die bereits um die Jahrhundertwende entstandenen genealogischen Vereine. Das war ein Nährboden für die Aufgaben, die die Archivare zu einem Herrschaftsinstrument des NS-Staates werden ließen: die Sippenforschung und die Erstellung sogenannter Ariernachweise, was auch Einflüsse auf die Überlieferungsbildung in der NS-Zeit hatte.33 Riedner traf sich nicht nur anlässlich der Deutschen Archivtage mit seinen außerbayerischen Kollegen. Er pflegte den Kontakt zu anderen Archivverwaltungen vor allem nach Württemberg, Preußen und Österreich. So traf er sich beispielsweise am 15. September 1935 in Stuttgart mit dem Generaldirektor der Preußischen Staatsarchive und kommissarischen Lei-

Musial (wie Anm. 2) S. 30. Zitiert nach Astrid M. Eckert, Zur Einführung: Archive und Archivare im Nationalsozialismus. In: Robert Kretzschmar u.a. (Red.), Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart (Tagungsdokumentationen zum Deutschen Archivtag 10), Essen 2007, S. 11–19, hier: S. 14. 32 Musial (wie Anm. 2) S. 32 33 Eckert (wie Anm. 31) S. 14. – Schmalzl (wie Anm. 3). 30 31

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ter des Reichsarchivs Prof. Dr. Albert Brackmann, um u.a. über Fragen der Reichsarchivreform zu sprechen.34 Otto Riedner, der wegen einer Blinddarmentzündung Anfang November 1937 ins Krankenhaus gebracht werden musste, starb am 9. November diesen Jahres.35 In sämtlichen Kondolenzschreiben der Archivverwaltungen des Reiches als auch Österreichs wird die enge Zusammenarbeit und die hohe Wertschätzung zum Ausdruck gebracht. Brackmann, der im August 1936 unerwartet in Pension geschickt worden war, erwähnte in seinem Schreiben, dass er Riedner seit 1905 und damit 32 Jahre lang kannte – vom Benutzer bis zum Generaldirektor – und er ihn erst wenige Wochen vor seinem Tod in Prag getroffen habe.36 Dr. Ernst Zipfel telegrafierte, dass das bayerische und deutsche Archivwesen den Tod „eines seiner fähigsten Leiter“ zu beklagen habe. Darauf antwortete Knöpfler mit Schrei­ben vom 8. Dezember 1937: „Man mag über Riedner denken wie man will, ein führender Mann im deutschen Archivwesen ist er auf alle Fälle gewesen.“37 Er, Knöpfler, habe unter Anspielung auf die Reichsarchivreform nun wahrscheinlich mit einer längeren Stellvertretung zu rechnen, aber er könne es sich „nicht anders denken, als daß für die preußischen und deutschen Archive je eine Spitzenstellung bleiben muß.“38 Dr. Ludwig Bittner, Leiter des Haus-, Hof- und Staatsarchivs in Wien, bezeichnete in seinem Kondolenzschreiben Riedner als „hochverehrten, vertrauten lieben Freund, treuen Berater und Helfer“, dessen Tod in sein Leben „eine tiefe Lücke reisst.“39 Knöpfler antworte darauf, die Erkrankung „auf seelische Einflüsse zurückführen zu müssen. R[iedner], eine politisch so schwer umkämpfte Persönlichkeit, hatte natürlich in dem heutigen Deutschland einen schweren Standpunkt und rang, wie er mir einmal selbst sagte, innerlich schwere Kämpfe mit sich aus.“40

34 BayHStA, MK 36279. – S. dazu den Beitrag in diesem Band von Sven Kriese, „Gute Freundschaft mit dem kleineren bayerischen Bruder“. Die Generaldirektoren der Preußischen Staatsarchive und Reichsarchivleiter Albert Brackmann und Ernst Zipfel und die Staatlichen Archive Bayerns, S. 11–30. 35 BayHStA, MK 36279. 36 BayHStA, GDion Archive 3082; zum Verhältnis Brackmann – Riedner, s. Kriese (wie Anm. 34). 37 BayHStA, GDion Archive 3082. 38 Ebd. 39 Schreiben Bittners vom 11.11.1937: BayHStA, GDion Archive 3082. 40 Schreiben Knöpflers vom 7.12.1937: BayHStA, GDion Archive 3082.

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Dr. Josef Franz Knöpfler (* 13.2.1877 † 6.2.1963), Kommissarischer Generaldirektor 1937–1943, Generaldirektor 1943–1944 (Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Bildersammlung).

Riedner folgte sein Stellvertreter, der Direktor der Staatlichen Archive, Dr. Josef Franz Knöpfler nach. Zwischen Riedner in seiner Funktion als Generaldirektor und Knöpfler herrschte ein angespanntes Verhältnis. Beide kannten sich aus der Zeit ihrer Zugehörigkeit zur katholischen Studentenverbindung Rheno-Frankonia. Knöpfler, 1877 in Freistadt in Österreich geboren, katholisch und großdeutsch erzogen, Mitglied der Schönerer-Partei, schloss sich später der antisemitischen Bewegung des Wiener Bürgermeisters Dr. Lueger an, wie auch bereits sein Vater, der ihn, was er später immer wieder betonte, in den CV, den katholischen Cartell-Verband

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zwang und die Finanzierung des Studiums von der Mitgliedschaft abhängig machte.41 Knöpfler studierte zunächst in Innsbruck Rechtsgeschichte, wechselte bereits im zweiten Semester nach München, um Geographie und Geschichte zu studieren. Noch vor seiner Promotion bemühte er sich im April 1900 um eine Stelle bei den staatlichen Archiven Bayerns. Dort wurde seine Aufnahme unterstützt, was ihm den Weg für die Verleihung des bayerischen Indigenats ebnete. Im April 1901 wurde Knöpfler zum archivischen Vorbereitungsdienst zugelassen. 1903 legte er das Staatsexamen ab. 1904 erfolgte die Anstellung am Reichsarchiv, 1905 wechselte er als Kreisarchivsekretär nach Amberg.42 Nach Konflikten mit dem dortigen Amtsvorstand wurde er 1920 nach Landshut versetzt, wo er 1923 zum Staatsoberarchivar befördert wurde. Auch mit dem dortigen Chef hatte Knöpfler Probleme. Generaldirektor Otto Riedner war mit Knöpflers Leistungen während seiner Landshuter Zeit nicht zufrieden. Besonders verärgert zeigte er sich, als Knöpfler mit Mitgliedern des Hauses Wittelsbach Kontakt aufnahm, um Leiter des Geheimen Hausarchivs zu werden. Riedner hatte ihm auf Grund fehlender Französischkenntnisse diese Fähigkeit abgesprochen. 1929 wurde Knöpfler Leiter des Landshuter Staatsarchivs und 1930 wurde er zum Staatsarchivrat I. Klasse befördert. Am 1. Februar 1933 erfolgte die Beförderung zum Oberarchivrat, am 1. April 1933 die Versetzung an das Bayerische Hauptstaatsarchiv. Die Stelle des Direktors der Staatlichen Archive war seit der Ruhestandsversetzung Dr. Ivo Striedingers seit September 1933 unbesetzt. Anfang 1936 leitete Staatsrat Dr. Ernst Boepple ein Antragsverfahren auf Besetzung dieser Stelle über den Kopf Riedners hinweg ein, der Knöpfler für dafür ungeeignet hielt.43 Diese Beförderung Knöpflers zum Direktor der Staatlichen Archive zum 1. August 1936 begründete Boepple44 damit, dass Riedner seine „Herkunft aus der Bayer. Volkspartei nicht zu leugnen vermag“, folglich „an der zweitwichtigsten Stelle im bayerischen Archivdienst“ ein Beamter erforderlich ist, „auf dessen politische Haltung ich mich unbedingt verlassen kann“. In der Vergangenheit Rumschöttel (wie Anm. 7) S. 40–42. S. dazu: Heribert Sturm, Landesarchiv der Oberen Pfalz. Maschinenschriftliches Manuskript, Staatsarchiv Amberg, S. 29, 40. 43 Rumschöttel (wie Anm. 7) S. 43–44. 44  Zu Boepple s. Michael Unger, Biogramme: Boepple, Ernst (Staatssekretär). In: Hermann Rumschöttel – Walter Ziegler (Hrsg.), Staat und Gaue in der NS-Zeit. Bayern 1933–1945 (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Beiheft 21, Reihe B), München 2004, S. 739–740. 41 42

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sei Knöpfler aufgrund seiner „politischen Einstellung“ bei Beförderungen wiederholt zurückgesetzt worden.45 Im gleichen Jahr bekundete Knöpfler stellvertretend für die Leiter des deutschen Archivwesens am Archivtag in Stuttgart: „Ja wir Archivare stellen uns restlos und in vorderster Linie in den Dienst der deutschen Volksgemeinschaft und haben auch hierzu eine besondere Berufung.“46 Knöpfler war bereits am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten, 1938 wurde er in der SS als Untersturmführer unter gleichzeitiger Ernennung zum SS-Führer im SD-Hauptamt aufgenommen, am 20. April 1940 zum SS-Obersturmführer im Reichssicherheitsdienst und dort 1941 zum Sturmbannführer befördert. Knöpfler war die Nähe zu Heinrich Himmler wichtig, dessen Berater er in Archivfragen war.47 Als treuer Verfechter der NS-Ideologie vertrat Knöpfler das Gedankengut nicht nur in der Öffentlichkeit, wie z.B. auf Archivtagen48, ihm war vor allem die Bedeutung der Archive im Zusammenhang mit der Beschaffung von Ariernachweisen bewusst, was er auf dem Archivtag 1936 proklamatisch erklärte: „ Es gibt keine Rassepolitik … ohne Archive, ohne Archivare.“ So war es dann auch nur folgerichtig, wenn Knöpfler, auch wenn er nur stellvertretend das Amt des Generaldirektors inne hatte, so war er doch Leiter der Bayerischen Archivschule, sich, wie er 1938 einmal schreibt, bei der Auswahl der Kandidaten für die Archivarsausbildung „mit in erster Linie von ihrer Einstellung zum nationalsozialistischen Staate, der Prüfung ihrer Weltanschauung leiten“ ließ. Knöpfler hatte auch keine Skrupel die Gestapo einzuschalten, wenn es darum ging, Sammlungsgut in die staatlichen Archive zu holen.49 Knöpfler war mit anderen Archivleitern bestens vernetzt. Er stand nicht nur in engem Kontakt zu Generaldirektor Dr. Ernst Zipfel in Berlin, sondern auch zum Leiter der österreichischen Archive in Wien, Dr. Ludwig Bittner.50 Gerade in Wien sah man 1938 die Gelegenheit als gekommen, die staatlichen Archive im Sinne einer Zentralisierung neu zu organisieBayHStA, MK 45434. – S. auch Rumschöttel (wie Anm. 7) S. 44. Musial (wie Anm. 2) S. 34. 47 Ebd. S. 45. 48 Ebd. S. 30, 34, 46. – Rumschöttel (wie Anm. 7) S. 47. 49 S. dazu den Beitrag Unger in diesem Band (wie Anm. 3). 50 Herbert Hutterer – Thomas Just, Zur Geschichte des Reichsarchivs Wien 1938–1945. In: Robert Kretzschmar u.a. (Red.), Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart (Tagungsdokumentationen zum Deutschen Archivtag 10), Essen 2007, S. 313–325, u.a. S. 314. 45 46

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ren. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv stellte bereits zehn Tage nach dem Einmarsch der deutschen Truppen den Antrag, sich in „Wiener Reichsarchiv“ umbenennen zu dürfen. Knöpfler gab Bittner dafür organisatorische Ratschläge. Wie sehr Bittner Knöpfler schätzte, zeigen die erhaltenen Schreiben. Für die gesamte Amtszeit Knöpflers im Dienst der bayerischen staatlichen Archivverwaltung zeigen sich sein übersteigerter Ehrgeiz und eine ausgeprägte Karrieresucht, vor allem sein Bemühen um eine Beförderung zum Generaldirektor. In einem Schreiben Knöpflers an das Ministerium mit der Bitte um Beförderung hebt er hervor, wie schwer es sei, „die staatliche Archivverwaltung nach außen und innen hin mit dem nötigen Nachdruck zu vertreten, wenn nun schon im 4. Jahre alles vertretungsweise verhandelt und gezeichnet werden muss.“51 Ein Bittgesuch Knöpflers vom 13. Juni 1942 um Beförderung an das Ministerium trägt den Vermerk: „Der Mann hat also Zeit in der Zeit wo andere bluten u. arbeiten für Deutschland an seiner Beförderung zu arbeiten.“52 Knöpfler, der zum 1. Februar 1943 dann doch zum Generaldirektor befördert wurde, bedankt sich auf das Glückwunschschreiben Bittners am 16. April 1943: „Es hat ein harter Kampf mit dieser Unterschrift des Führers ein Ende gefunden, den ich nicht noch einmal durchmachen möchte. Aber trotzdem freue ich mich, dass ich hart geblieben bin, nicht wegen meiner Person, sondern wegen des Ansehens meiner Archivverwaltung nach außen und besonders der Stellung Berlin gegenüber.“53 1941 musste angesichts der Luftkriegsgefahren die Evakuierung von Archivgut eingeleitet werden.54 Knöpfler selbst war 1943 mit einem Staatsarchivrat und einer Schreibkraft sowie umfangreichem Archivgut in das Kloster Reisach im Inntal umgesiedelt, die Geschäftsstelle des Hauptstaatsarchivs wurde nach Landshut verlegt und in München verblieb unter der Leitung von Dr. Vock nur eine „Abwicklungsstelle“. Im Bericht des Obergebietsführers Emil Klein an SS-Obergruppenführer Freiherr von Eberstein vom 23. April 1942 heißt es zur Aufbewahrung der Schlüssel BayHStA, MK 66777. Personalakt Knöpflers vom Kultusministerium: BayHStA, MK 45434. 53 BayHStA, GDion Archive 366. 54 Anton Schmid, Die bayerischen Archive im zweiten Weltkrieg. In: AZ 46 (1950) S. 41–76. S. 72: „Die Bayerische Archivverwaltung verdankt die Rettung des größten Teils der Archivalien neben den einzelnen Amtsvorständen und ihrer einsatzbereiten Gefolgschaft vor allem den Leitern des Archivwesens, Generaldirektor Dr. J. Fr. Knöpfler, und nach dessen Ruhestandsversetzung ab 1. Juni 1944 Staatsarchivdirektor Dr. J. Hösl.“ 51 52

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für die Archivalien im Kloster Reisach: Knöpfler habe „sich für die Sicherheit der Akten in erster Linie als SD-Führer verbürgt. Ich glaube nicht, daß man sich für einen Prior oder einen anderen Pfaffen verbürgen kann, wenn man nicht selbst Pfaffe ist, noch weniger, wenn man SD-Führer ist.“ Bevor er die Schlüssel in andere Hände gebe, möchte er jedoch um Stellungnahme bitten „unter nochmaligem Hinweis auf die Person Dr. Knöpflers, die mir für SD-Dienste ungeeignet erscheint. Knöpfler wird in meinem Hause als politisch nicht zuverlässig abgelehnt.“55 Im Frühjahr 1943 schreibt Knöpfler an Zipfel, dass die „stürmische Zeit“ ihm „grosse Sorgen und unendliche Verantwortung“ aufgeladen habe, „da die Staatsbibliothek unsere Räume rasch beanspruchen will und der Gauleiter die baldige Verlegung des Hauptstaatsarchives München nach auswärts auf Kriegsdauer angeordnet hat. Natürlich kann ich nur im Rahmen des Möglichen dieser Anordnung entsprechen, um nicht mein grosses und schönes Archiv ganz zu zerschlagen und nach dem Kriege vor dem Nichts zu stehen.“56 Am 16. April 1943 schreibt Knöpfler an Bittner in Wien, dass durch den Brand der Staatsbibliothek das Archiv durch Löschwasser und die entstandene Unordnung in Mitleidenschaft gezogen worden sei. „Zu allem Unglück drängt nun die Bibliothek auf Räumung des Archivs und Herr Generaldirektor Buttmann hat eine Anordnung des Gauleiters erwirkt, dass das Hauptstaatsarchiv nach auswärts zu verbringen sei. Nachdem ich bisher schon soviel auswärts geborgen habe und mein Archiv durch den Brand so sehr in Unordnung gekommen ist, denke ich gar nicht daran, diesem Befehl in Übereilung nachzukommen, sondern in Ruhe so allmählich der Bibliothek Raum in meinem Archiv zu machen. … Wenn die Bibliothek einmal meine Räume belegt hat, stünde ich in München vor dem Nichts, denn an einen Neubau des Archivs gleich nach dem Krieg glaubt ja kein Mensch.“ Und weiter: „Leider haben unsere Ministerialstellen und jene der Partei für das Archivwesen wenig Verständnis und noch weniger Fürsorge.“57 Am 14. Januar 1944 schrieb Knöpfler an Zipfel in Berlin, der nun auch Kommissar für den Archivschutz war, dass seine größte Sorge die „Zerstückelung“ des Hauptstaatsarchivs in viele Bergungsorte sei. Und weiter: „Und dazu habe ich nach dem Kriege in München nicht einmal mehr ein Heim, wohin ich diese Schätze zurückführen konnte. Generaldirektor Buttmann hat mit wenig kollegialer BayHStA, MK 66798. BayHStA, GDion Archive 366. 57 Ebd. 55 56

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Machtanwendung das Hauptstaatsarchiv aus seinem Hause einfach hinausgedrängt“. Und weiter „Der größte Hemmschuh aber für meine ganze Arbeit ist leider – wie ich sehr vertraulich sagen muss – unser eigenes Staatsministerium, welches für das Archivwesen, wie ich wieder bei der Räumungsfrage erneut sah, weder Interesse noch Verständnis an den Tag legt.“58 Generaldirektor Buttmann hat seinen Tagebucheintrag vom 3. Oktober 1943: „Das Archiv muss für uns räumen“ mit Hilfe der Partei realisiert.59 Mit Erlass vom 1. Mai 1944 wurde Knöpfler zum 1. September 1944 in den Ruhestand versetzt; im dazwischenliegenden Zeitraum war er beurlaubt.60 Knöpfler wusste, dass er anders als Buttmann weder die Unterstützung der Partei noch des Ministeriums hatte. Nach Knöpflers überraschender Ruhestandsversetzung folgte ihm Dr. Ignaz Hösl nach. Die Dienststelle im Kloster Reisach wurde geschlossen. Es verblieb dort nur noch ein Bergungslager. Interessant ist nun ein Schreiben Generaldirektors Dr. Zipfel an Freiherrn von Stengel im Kultusministerium vom 22. Dezember 1944: Darin heißt es u.a., dass es der derzeitigen Leitung der bayerischen Staatsarchive (gemeint ist Hösl) „leider an der notwendigen Energie, Beweglichkeit und Geschicklichkeit fehlt, die für eine so schwierige Aufgabe, wie die Räumung der Archive bei den heutigen Verhältnissen darstellt, unerläßlich sind … Und es geht nicht an, daß der jetzige Direktor der Archive, wenn ich um der Sache willen etwas dringlicher auf ihn einzuwirken suche, mit großen Worten anstatt mit überzeugendem Handeln antwortet.“ Hösl wurde daraufhin in das Ministerium zitiert. In dem Antwortschreiben von Stengels an Zipfel erklärt dieser sehr freimütig: „Daß Dr. H[ösl] keine Führernatur ist, war uns von Anfang an klar, aber sein Nürnberger Kollege [Solleder] ist das noch weniger und der Würzburger Herr [Burkhard] erschien politisch nicht tragbar“.61 Im Spruchkammerakt Knöpflers erklärt Solleder, dass das größte Verdienst Knöpflers in der Bergung der Archivbestände gelegen habe: „Wäre Dr. Knöpfler nicht auf Betreiben unentwegter Parteimänner vorzeitig 1944 abberufen worden“, so wären die schweren Verluste BayHStA, GDion Archive 1189. S. den Beitrag in diesem Band von Susanne Wanninger, Unter einem Dach mit dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv: Die Bayerische Staatsbibliothek in der Zeit des Nationalsozialismus, S. 109–126 (vor allem ab S. 119: Das Verhältnis zum Bayerischen Hauptstaatsarchiv). 60 BayHStA, GDion Archive 366. 61 BayHStA, MK 41340. 58 59

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im Hauptstaatsarchiv nicht eingetreten.62 Ob zu diesen Parteimännern neben Buttmann auch Archivare gehörten, wäre zu prüfen. Nach 1945 versuchte Knöpfler erneut und mit Nachdruck, vergeblich, wieder für den Archivdienst zugelassen zu werden. Wer war nun Dr. Ignaz Hösl? Hösl, der am 12. März 1881 in München geboren wurde, dort das Gymnasium absolvierte und studierte, trat 1906 gleich nach der Promotion in den Archivdienst ein. 1916 wurde er dem Staatsarchiv Bamberg als Kreisarchivassessor zugewiesen, wo er aber nie tätig war. Auf Grund seiner außerordentlichen Sprachbegabung – er beherrschte insgesamt 26 europäische Dr. Ignaz Hösl (* 12.3.1881 † 26.12.1963), und orientalische Sprachen, Kommissarischer Generaldirektor 1944–1947 für die meisten hatte er die (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Archivchronik, Dolmetscherprüfung abgeAusschnitt; komplettes Foto s. S. 182). legt – war er während des Krieges bis 1920 als dienstverpflichteter Übersetzer in der Überwachungsstelle des 1. Bayerischen Armeekorps in München, dann bei der zivilen Postüberwachungstelle in München tätig. Diese Sprachkenntnisse waren es neben seinem fachlichen Wissen, seinem unermüdlichen Fleiß und seinen guten Umgangsformen, weshalb ihn Otto Riedner mit Schreiben vom 20. März 1928 der Vermögensverwaltung des Kronprinzen und dem Wittelsbacher Ausgleichsfonds für das Geheime Hausarchiv vorschlug, zu

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Staatsarchiv München (StAM), Spruchkammerakten K 3893.

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dessen Abteilungsvorstand er zum 27. September 1932 ernannt wurde.63 Zum 1. April 1934 erfolgte die Beförderung zum Oberarchivrat am Hauptstaatsarchiv und bereits zwei Jahre später zum 29. Juli 1936 die Ernennung zum Staatsarchivdirektor.64 Riedner lag sehr an dieser Beförderung, fürchtete er doch um die Einziehung dieser Stelle. In einem Schreiben des Ministeriums vom 9. April 1936 im Zusammenhang mit der Beförderung heißt es: „Gegen die politische Haltung des Dr. Hösl sind weder seitens des politischen Vertrauensmannes des Ministeriums [Knöpfler] noch auch seitens des Amtes für Beamte der NSDAP irgendwelche Bedenken geäußert worden. In anderen Verwaltungen sind … schon wiederholt Beamte, die bis zum Umbruch der BVP angehörten, die sich aber als treue Diener des nationalsozialistischen Staates erwiesen haben, befördert worden“.65 1939 kam es zur Einleitung eines Dienststrafverfahrens gegen Hösl und zu einem Parteigerichtsverfahren. Dr. Konrad Morg, der 1937 als politischer Vertrauensmann Knöpfler, der das Amt zurückgegeben hatte, nachgefolgt war, teilte der Gauamtsleitung mit, dass Hösl „bei einem politischen Gespräch“ am 28. September „sich zu erregten Ausfällen gegen die deutsche Reichspolitik“ hinreißen ließ. Er äußerte z.B., „daß der größte Teil der deutschen Meldungen über die tschechischen Untaten und Greuel unwahr sei und daß die deutsche Politik ein Verbrechen am deutschen Volke sei.“ Als Zeugen wurden die Herren Dr. Walther E. Vock und Dr. Morg sowie Verwaltungsinspektor Schuster genannt. Knöpfler hatte die Genannten mündlich vernommen, wobei sich Vock an keine Details mehr erinnern konnte. Hösl sollte sich schriftlich äußern. Morg gab an, dass er die Sache „nur aus innerem Pflichtgefühl als politischer Leiter zur Anzeige gebracht habe“.66 Knöpfler schließt seinen Bericht an das Kultusministerium vom 10. März 1939 wie folgt: „Soweit ich Dr. Hösl im Dienst beobachtet habe, konnte ich feststellen, daß er zwar kein hundertprozentiger Nationalsozialist ist, aber stets das größte Vertrauen in die Klarheit und Zielbewußtheit der inneren und äußeren Politik unseres Führers an den Tag gelegt hat. Dr. Morg dagegen kann ich das Urteil nicht vorenthalten, daß er sicher aus innerer ehrlicher Überzeugung die Dinge oft zu schwarz sieht, falsch auslegt und in seinem jugendlichen Eifer manchmal zu stren-

Personalakt Hösl: BayHStA, GDion Archive 2905. – BayHStA, MK 45429. BayHStA, GDion Archive 2905. 65 BayHStA, MK 45429. 66 BayHStA, MK 45429. – S. dazu auch StAM, Spruchkammerakten K 734. 63 64

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ge Schlussfolgerungen zieht.“67 Dr. Hösl wurde von der Anklage wegen der gegen ihn erhobenen politischen Beschuldigungen am 6. Juli 1939 vor dem Kreisgericht freigesprochen, auch vor dem Parteigericht erfolgte ein vollkommener Freispruch. Ende Oktober wurde dann auf Grund der ergangenen Beschlüsse die Einstellung des Dienststrafverfahrens verfügt.68 Interessant zu diesem Vorfall ist ein Satz Morgs aus einem Schreiben aus dem Jahr 1948, in dem er seine Wiedereinstellung in den Archivdienst erreichen wollte: „Wäre ich im Fall Hösl einfach den Parteiinteressen gefolgt und hätte keinen menschlichen Standpunkt vertreten lassen, hätte Dr. Hösl sicher mit dem Kz. Bekanntschaft machen müssen.“69 Fünf Monate nach seinem Amtsantritt kam es zu einer Generalabrechnung zwischen Hösl und Knöpfler. In dem Schriftsatz vom 9. November 1944 gab Hösl Knöpfler das „Du“ zurück, weil die Aktenlage eine andere Einstellung Knöpflers ihm gegenüber darlegt, als er sie im persönlichen Miteinander vermuten ließ. Knöpfler hätte Dr. Fridolin Solleder als seinen Nachfolger vorgeschlagen und wollte ihn, wie Hösl schreibt „von der Höhe“ seiner „nationalsozialistischen Weltanschauung abstechen“. Es werden in dem Schreiben allerlei Details aufgeführt, bis hin zu der Tatsache, dass Knöpfler 1940 einen Staubsauger vom Hauptstaatsarchiv für den Haushalt seiner Tochter ausgeliehen und immer noch nicht zurückgegeben habe. Das Schreiben schließt mit dem Vorwurf, dass Knöpfler die bayerische staatliche Archivverwaltung „als wissenschaftliches Institut von Weltruf“ „herabgewirtschaftet“ habe.70 Die Spruchkammer München stufte Hösl mit Sühnebescheid vom 12. November 1947 als Mitläufer ein; ihm wurde eine Geldsühne von 1.000,00 RM auferlegt.71 Als belastend wurden seine Mitgliedschaft in der NSDAP und in NS-nahen Vereinigungen aufgeführt: So in der NSDAP von 1937 bis 1945, im Reichsbund der Deutschen Beamten (RDB) von 1934 bis 1945, in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) von BayHStA, MK 45429. Ebd. 69 BayHStA, MK 45439. In: dem Akt findet sich auch die Mitteilung von Generaldirektor Dr. Heinz Lieberich vom 4.4.1967, worin er dem vorgesetzten Ministerium mitteilt, dass Staatsarchivrat Dr. Morg am 30. März verstorben sei, „der den älteren Beamten der Archivverwaltung durch seine parteipolitische Betätigung während des 3. Reiches in deutlicher Erinnerung ist.“ Morg war aufgrund der Weihnachtsamnestie 1948 als Mitläufer eingestuft worden. 70 BayHStA, MK 45429. 71 StAM, Spruchkammerakten K 734. 67 68

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1936 bis 1944, im Reichskolonialbund (RKB) von 1936 bis 1943 und im Reichslehrerbund (RLB) von 1936 bis 1943. Dagegen erhob Hösl Einspruch und wurde mit Spruch vom 16. Juli 1948 als entlastet eingestuft. Gewürdigt wurde, dass Hösl erst 1937 in die Partei eingetreten war, dass er in der Folge „nicht nur ein passives Verhalten gegenüber der NSDAP eingenommen hat, sondern auch aktiven Widerstand leistete.“ Das zeigten die gerichtlichen Verfahren von 1939, in deren Folge er „dauernde Benachteiligung innerhalb seiner Berufslaufbahn auf sich nehmen“ musste. Auch habe er in ständiger Verbindung zu betont antinationalsozialistischen Kreisen, wie zu Universitätsprofessor Dr. Scharf und Privatdozent Dr. Spitaler gestanden. Hösls Hinweis, dass er im März 1934 „den bekannten heftigen Gegner der Nationalsozialisten Dr. Fritz Gerlich (der im Juni 1934 in Dachau ermordet wurde), zwei Tage lang bis zu seiner Flucht aus München in seiner Wohnung verborgen gehalten, als dieser von der Gestapo gesucht wurde“, hat die Kammer „als einen wichtigen Tatbestand zur Charakterisierung seiner politischen Gesamthaltung anerkannt“.72 Knöpfler äußerte am 15. Mai 1945 über Hösl, dass er ein tüchtiger Beamter gewesen sei, er könne ihn aber „nicht als vollüberzeugten Nationalsozialisten bezeichnen“.73 Im Zusammenhang mit der Entnazifizierung Hösls liegt ein Schriftwechsel zwischen Fritz Schäffer und Kultusminister Dr. Alois Hundhammer aus dem Jahr 1947 vor. Demnach soll Hösl zum Ausdruck gebracht haben, dass Schäffer dem Präsidenten des Bayerischen Statistischen Amtes Dr. Burgdorfer gesagt habe, „dass es nicht ratsam sei, den Fragebogen zu fälschen, dass aber kleine Ungenauigkeiten erlaubt seien und eine Gelegenheit bieten würden, den Fragebogen zurückzuhalten, um dadurch eine Verzögerung der Entscheidung zu erreichen.“74 Und weiter: Es „ergibt sich, dass Herr Generaldirektor Dr. Hösl wahrscheinlich noch in der Zeit, in der ich Bayerischer Ministerpräsident war, ohne mich zu verständigen und ohne Erkundigungen einzuziehen, ob die angebliche Äußerung des Herrn Präsidenten Dr. Burgdorfer sachlich begründet sein könne, der amerikanischen Militärregierung gegenüber eine Verdächtigung meiner Amtsführung ausgesprochen hat, über deren Tragweite er sich vollkommen klar sein musste.“ Er stellte dem Kultusminister anheim gegen Hösl „entweder mit Strafanzeige oder im Wege eines Disziplinarverfahrens vorStAM, Spruchkammerakten K 734; s. dazu Beitrag Morsey (wie Anm. 21). BayHStA, MK 45429. 74 Ebd. 72 73

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zugehen“, da sein Verhalten mit der Amtspflicht eines Beamten nicht vereinbar sei.75 Hösl wies die Anschuldigungen zurück, es sei in verschiedenen Gesprächen u.a. um die Bezeichnung „Amt“ und „Rang“ gegangen, da selbst „in höchsten Kreisen Unklarheit“ darüber herrschte.76 Hösl war in der Zeit von 1944 bis 1947 mit der stellvertretenden Führung der Geschäfte des Generaldirektors betraut.77 Sein Nachfolger, Generaldirektor Dr. Wilhelm Winkler, schlug Hösl für den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland vor mit der Begründung, dass er nach der Übersiedlung Knöpflers nach Reisach 1943 unter schwierigsten Bedingungen die Geschäfte in München fortgeführt habe, den Wiederaufbau des bayerischen Archivwesens nach 1945 eingeleitet und „mit der Einrichtung des Hauptstaatsarchivs im Führerbau Arcisstr. 10 zu einem gewissen Abschluss“ gebracht habe. 1959 nach dem Tode Winklers schlug dessen Nachfolger Generaldirektor Dr. Heinz Lieberich Hösl für den bayerischen Verdienstorden vor. Mit Dr. Wilhelm Winkler, geboren 1893 in München, wurde 1947 ein Archivar Generaldirektor, der nicht der NSDAP angehört hatte.78 Auf politischen Druck war er von 1938 bis 1944 Hilfsrechner in einer Zelle bei der NSV. Ihm wurde von verschiedenen Seiten eine politisch einwandfreie und sehr religiöse Lebenshaltung attestiert.79 Winkler hob in seiner Stellungnahme in seinem Spruchkammerverfahren ausführlich seine engen Kontakte zu Dr. Fritz Gerlich hervor, was durch den Verleger Dr. Johannes Steiner bestätigt wurde.80 Wie Winkler schreibt, fand seine „Mitarbeit mit Dr. Gerlich zum grossen Teil in unseren Amtsräumen statt“. Jedem Amtsangehörigen sei bekannt gewesen, dass er „in den Augen der NaEbd. Ebd 77 Hösl wurde zum 31.3.1949 pensioniert. Vom 1.4.1947 datiert ein Schreiben, in dem ihm Kultusminister Hundhammer für seine „Stellvertretung des Leiters der Staatlichen Archive Bayerns“ dankt. „Dieses Provisorium [sei] durch die Ernennung des Herrn Staatsarchivrats Dr. Winkler zum Direktor der Staatlichen Archive Bayerns und damit zum Leiter der Staatlichen Archive beendet“. Im April 1948 wurde eine Verschiebung der Ruhestandsversetzung Hösls bis 1.4.1949 durch das Kultusministerium genehmigt (MK 45429). Hösl hatte bereits am 12.3.1946 das 65. Lebensjahr vollendet. 78 BayHStA, MK 66777. – Karl-Ulrich Gelberg (Bearb.), Die Protokolle des Bayerischen Ministerrats 1945–1954. Das Kabinett Ehard I. 21. Dezember 1946 bis 20. September 1947, München 2000, S. 147 f. 79 StAM, Spruchkammerakten K 1984. 80 Ebd. 75 76

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zifreunde von vornherein entsprechend belastet war“. Das heißt, Winklers Einstellung zu Gerlich war nicht nur Riedner, sondern auch Knöpfler bekannt.81 Winkler stellte Knöpfler, der nach Kriegsende als belastet sofort in ein Internierungslager kam, einen „Persilschein“ aus, was dazu führte, dass dieser schließlich als Mitläufer eingestuft wurde. In der Erklärung Winklers im Spruchkammerverfahren Knöpfler vom 12. August 1948 heißt es u.a.: „Er hat das Naziregime von Anfang an ausgenützt zur Durchsetzung seiner ehrgeizigen Ziele in seiner Berufslaufbahn … auch ist uns nicht bekannt, daß er einen Amtsangehörigen wegen nichtnazistischer Einstellung oder Äußerung zu schädigen gesucht hätte.“82 Gründe für diesen Persilschein mögen gewesen sein, dass Knöpfler während der NS-Zeit jederzeit Winkler als Parteigegner hätte anzeigen können, und dass Knöpfler, als es um die grundlegende und bedeutsame Entscheidung ging, den Standort München aufzugeben, das Archiv wichtiger als Partei und Ministerium war. Wirft man einen abschließenden Blick auf die obersten Leiter der Staatlichen Archive Bayerns während der NS-Zeit und in der frühen Bundesrepublik, so gilt für Riedner, dass er aus der Weimarer Republik kommend sich den politischen Zwängen fügte, er, wie er deutlich zum Ausdruck brachte, seine archivfachlichen Vorstellungen zu realisieren gedachte und nicht am Amt klebte. Knöpfler hingegen sah das Regime als Chance zur Realisierung seiner Karrierewünsche und zur Befriedigung seiner Geltungssucht. Hösls Verhalten lässt sich in diesem Rahmen schwer beurteilen; weitere Untersuchungen wären erforderlich. Sicher erscheint, dass er im Gegensatz zu Morg nicht als NS-Hardliner eingestuft werden kann. Er gab im Spruchkammerverfahren zu seinen Gunsten einen Kontakt zu Fritz Gerlich vor, den er aber vermutlich nicht hatte. Mit Generaldirektor Wilhelm Winkler, der als Nicht-Nationalsozialist eingestuft wurde und werden kann, begann eine neue Ära.

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S. dazu den Beitrag von Morsey in diesem Band (wie Anm. 21), v.a. Anm. 30. StAM, Spruchkammerakten K 3893.

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Dr. Wilhelm Winkler (* 29.5.1893 † 5.10.1958), Kommissarischer Generaldirektor 1947, Generaldirektor 1948–1958, Vorsitzender des Vereins deutscher Archivare 1953–1957 (Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Bildersammlung, Foto: Grete Eckert, München).

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Der Personalakt Otto Riedners zeigt außer seinen beruflichen Stationen auch den Ressortwechsel der Archivverwaltung aus dem Bayer. Staatsministerium des Äußern (auf dem Aktendeckel rot ausgestrichen) ins Bayer. Staatsministerium für Unterricht und Kultus (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, MK 36279, Aktendeckel; Foto: Bayerisches Hauptstaatsarchiv).

„Im bayerischen Archivwesen gehört ausgemistet“ – Personalpolitik und Personalentwicklung der Staatlichen Archive Bayerns im NS-Staat Von Bernhard Grau Die Nationalsozialisten waren sich der Tatsache sehr wohl bewusst, dass sie für die Errichtung ihres Unrechtsstaates auf eine Verwaltung angewiesen waren, die in ihrem Sinne funktionierte. Und so gehörte die Gleichschaltung der staatlichen Instanzen nach der Machtübernahme zu einem ihrer Kernanliegen.1 Wie zu zeigen sein wird, waren die Archive hiervon nicht ausgenommen. Sie standen auf der Prioritätenliste vielleicht nicht an erster Stelle, waren aber wichtig genug, um nachhaltig in den Blick der neuen Machthaber zu geraten. Im Folgenden soll daher vor allem der Frage nachgegangen werden, welche personalpolitischen Schritte der NS-Staat unternahm, um die Archivverwaltung in seinem Sinne auszurichten und welchen Erfolg dies hatte. Es ist zu hoffen, dass in diesem Zusammenhang auch erkennbar wird, welche personellen Ressourcen der NS-Staat für die Erledigung der Fachaufgaben zur Verfügung stellte, welche Bedeutung den Archiven in der NS-Zeit mithin zugemessen wurde. Selbstverständlich wird auch zu fragen sein, welchen Zwängen die Archivare im NS-Staat ausgesetzt waren und welche Spielräume sie andererseits hatten. Dabei kann an dieser Stelle allerdings nur auf einige besonders wichtige Aspekte eingegangen werden. Ausgeklammert bleiben muss etwa die Entwicklung der beamtenrechtlichen Bestimmungen, wiewohl diese für das Verständnis der Personalpolitik sicher von nicht geringem Belang sind. Auf die dazu bereits vorliegende Literatur wird daher verwiesen.2 1 Hans Mommsen, Beamtentum im Dritten Reich. Mit ausgewählten Quellen zur nationalsozialistischen Beamtenpolitik (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 13), Stuttgart 1966, S. 29–38. – Jörg Grotkopp, Beamtentum und Staatsformwechsel. Die Auswirkungen der Staatsformwechsel von 1918, 1933 und 1945 auf das Beamtenrecht und die personelle Zusammensetzung der deutschen Beamtenschaft, Frankfurt a.M. 1992, S. 92–96. – Ernst Ritter, Justiz und innere Verwaltung. In: Wolfgang Benz – Hermann Graml – Hermann Weiss (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, 5. Aufl., München 2007, S. 86–101, hier S. 86 f. 2 Siehe insbesondere Mommsen (wie Anm. 1). – Sigrun Mühl-Benninghaus, Das Beamtentum in der NS-Diktatur bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Zu Entstehung,

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Außerdem wird sich der Beitrag weitgehend auf die akademischen Beamten konzentrieren müssen. Aber selbst deren Schicksal kann an dieser Stelle nur im Überblick behandelt werden. D i e S t e l l e n e n t w i ck l u n g vo n 1 9 3 3 b i s 1 9 4 5 Werfen wir zunächst einen Blick auf die Entwicklung des Personalstands der Archive vom späten Königreich bis zum Ende der NS-Zeit. Auch wenn die dafür einschlägigen Zahlenangaben wegen Veränderungen in den äußeren Verhältnissen mit größter Vorsicht betrachtet werden müssen, sind an ihnen doch gewisse Trends ablesbar. Nach einem Bericht des Generaldirektors Dr. Otto Riedner3 aus dem Jahr 1932 stellte sich die Stellenentwicklung bei der bayerischen Archivverwaltung so dar, dass im Jahr 1912 alle staatlichen Archive zusammengenommen 72 Beamte beschäftigten. Im Jahr 1923 wies der Stellenplan dann sogar 75 Beamte aus. Dieser Stand ließ sich in der Zeit der Weimarer Republik jedoch nicht halten. Die Personaleinsparungen vor allem in den letzten Jahren vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten hatten zur Folge, dass im Jahr 1932 nur noch 69 Beamte, davon 38 etatmäßige akademische Beamte zur Verfügung standen. Indem Riedner aus dieser Zahl noch die drei Mitarbeiter der neu hinzugekommenen Einrichtungen – neben der Archivalienabteilung in Coburg zählte er dazu auch das Kriegswirtschaftsarchiv beim Bayerischen Hauptstaatsarchiv – herausrechnete, kam er mit Blick auf das Jahr 1932 auf eine Personalminderung von 10 Prozent gegenüber dem Jahr 1912 und sogar von 13,3 Prozent gegenüber 1923. Diese Stellenminderung war aus seiner Sicht umso bedrückender, als die Arbeitsbelastung seit Ende des Ersten Weltkriegs in allen staatlichen Archiven massiv angestiegen war. Als Belege dafür führte er die wachsenden Benutzerzahlen und die gestiegene Zahl der Aussonderungen an. So kam Riedner an anderer Stelle zu dem Schluss, dass der Personalstand bis

Inhalt und Durchführung der einschlägigen Beamtengesetze (Schriften des Bundesarchivs 48), Düsseldorf 1996. 3 Zu Otto Riedner siehe Wolfgang Leesch, Die deutschen Archivare 1500–1945, Band 2, Biographisches Lexikon, München 1992, S. 489. Vgl. den Beitrag von Margit KsollMarcon in diesem Band S. 127–150.

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1933 gerade zur Erledigung des laufenden Dienstes unter starker Zurückstellung der so notwendigen Ordnungsarbeiten notdürftig gereicht habe.4 Dies wirft die Frage auf, ob es nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Bayern an dieser sensiblen Stellschraube zu einer Trendumkehr gekommen ist oder nicht. Dafür hätte es – wie die Berichte von Riedner zeigen – durchaus Ansatzpunkte und Argumente gegeben. Dies umso mehr, als in Konsequenz der nationalsozialistischen Rassepolitik die Familienforschung eine ganz neue Bedeutung gewann, was zu einem weiteren Anstieg der Benutzungszahlen sowie des Beratungsbedarfs und in der Konsequenz zu einer deutlichen Mehrbelastung der Archive führte. Es ist interessant zu sehen, dass dieses Argument von der Politik zunächst nicht aufgegriffen wurde. In den ersten Jahren des NS-Staates blieb es vielmehr bei der rigiden Sparpolitik, die die Bewilligung neuer Stellen praktisch ausschloss.5 Zwar erfolgte kein weiterer Stellenabbau mehr, doch griffen nunmehr reichsrechtliche Regelungen, nach denen freie Stellen im Regelfall erst nach dreimonatiger Vakanz wieder besetzt werden konnten.6 Unvorhergesehene Abgänge von Mitarbeitern und langwierige Nachbesetzungsverfahren schmälerten die personelle Ausstattung de facto weiter. Zu dem grundsätzlichen Problem, dass eine Neubesetzung vakanter Stellen immer erst dann möglich war, wenn die Referendare bzw. Anwärter des laufenden Ausbildungskurses ihre Abschlussprüfung abgelegt hatten, kam nun – wie noch zu zeigen sein wird – ein äußerst aufwändiges Einstellungs- und Beförderungsverfahren, bei dem nicht nur die fachliche Qualifikation, sondern auch die politische Zuverlässigkeit der Kandidaten zu prüfen war. Folge war, dass im April 1935, wegen unvorhergesehener

Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Kultusministerium (MK) 41355, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium des Äußern, München, 11.1.1932. – Ebd., MK 41351, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 10.7.1933. 5 Wie Riedner dem Leiter der Preußischen Staatsarchive, Ernst Zipfel, Ende 1935 mitteilte, war zu diesem Zeitpunkt „das grundsätzliche Verbot des Finanzministeriums, neue Stellen zu beantragen“ seit 10 Jahren in Kraft. De facto sei in dieser Zeit jede dritte sich erledigende Stelle durch Einziehung verlorengegangen. BayHStA, MK 41355, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an den Generaldirektor der Preußischen Staatsarchive und kommissarischen Leiter des Reichsarchivs, München, 10.12.1935 (Abschrift). 6 BayHStA, MK 41351, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 16.3.1934. 4

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Abgänge zwei Stellen des höheren Dienstes unbesetzt waren.7 Im Dezember 1936 wurde die Zahl der unbesetzten Stellen mit drei, im November 1938 sogar mit acht angegeben, was – wie Generaldirektor Dr. Josef Franz Knöpfler in seinem Schreiben an das Kultusministerium hervorhob – auch negative Auswirkungen auf die Beförderungschancen der Archivbediensteten hatte: „Die Vorrückungsverhältnisse beim staatlichen Archivdienst sind im Vergleich zu anderen Sparten des staatlichen Verwaltungsdienstes in Bayern so schlecht gelagert, daß sie einem Vergleich gar nicht standhalten.“8 Als weitere Belastung erwiesen sich die seit 1933 in verstärktem Maße durchgeführten militärischen Manöver und Übungen, für die die Beamten oft über mehrere Wochen abgestellt werden mussten, was vor allem bei den Staatsarchiven im Aufgabenvollzug zu Problemen führte.9 Angesichts weiter steigender Benutzerzahlen führte die Stellensituation – wenn auch bei den einzelnen Beamten in stark unterschiedlichem Umfang – zu einer spürbar wachsenden Arbeitsbelastung. Unmittelbare Folge war, dass es als unstatthaft erklärt werden musste, freie Zeit für wissenschaftliche Forschungen einzuräumen. Im Jahr 1935 wurde schließlich beschlossen, die arbeitsaufwändigen Ausbildungskurse für Orts- und Heimatforscher in diesem Jahr ausfallen zu lassen. Ja, der Personalmangel zwang sogar zu einer Beschränkung der amtlichen Tätigkeit in Benutzungsangelegenheiten. Unter dem Stichwort „Geschäftsvereinfachung“ Die unvorhergesehenen Vakanzen hatten sich durch die Verhaftung von Dr. Joseph Friedrich Abert und den Wechsel von Dr. Karl Theodor Lauter in den thüringischen Archivdienst ergeben. BayHStA, Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 1343, Protokoll der Jahreshauptsitzung vom 13.4.1935. 8 BayHStA, MK 41352, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 3.12.1936. – Ebd., Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 24.11.1938. – Schon 1932 hatte Riedner gegenüber dem damals noch zuständigen Außenministerium von schlechten Beförderungsaussichten gesprochen. Siehe BayHStA, MK 41355, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive an das Bayerische Staatsministerium des Äußern, für Wirtschaft und Arbeit, München, 21.12.1932. 9 Siehe etwa BayHStA, GDion Archive 1558, Der Vorstand des Bayerischen Staatsarchivs Amberg an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Amberg, 13.4.1937. – Ebd., Staatsarchiv Bamberg an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Bamberg, 26.4.1939. – Vgl. Franz Maier, Das Staatsarchiv Speyer in der NS-Zeit. In: Walter Rummel (Hrsg.), 200 Jahre Landesarchiv Speyer. Erinnerungsort rheinpfälzischer, rheinhessischer und deutscher Geschichte, 1817–2017 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz 122), Koblenz 2017, S. 55–80, hier S. 64. 7

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wurde angeordnet, bei Anfragen lediglich die einschlägigen Archivalien zu ermitteln, die Durchsicht hingegen dem Benützer selbst zu überlassen.10 Eine Änderung der diesem Zustand zugrunde liegenden Personalpolitik ist erst im Laufe des Jahres 1936 festzustellen. Sie stand in unmittelbarem Zusammenhang mit den Arbeiten an einem Archivalienschutzgesetz, das Ende 1935 / Anfang 1936 unmittelbar vor der Verabschiedung zu stehen schien.11 Als bekannt wurde, dass dieses Gesetz in Preußen zum Anlass genommen wurde, 12 wissenschaftliche Archivarsstellen neu zu schaffen,12 stellte Riedner Mitte Dezember 1935 unter Verweis auf das Archivgutschutzgesetz, auf die Ariernachweise, die Familien-, Heimatund Volkstumsforschung und das Erbhofgesetz ebenfalls den Antrag, bei jedem Staatsarchiv eine neue Archivratsstelle zu schaffen und dem Stelleninhaber jeweils noch einen Verwaltungssekretär zur Seite zu stellen. Da Riedner zudem eine Oberarchivrats- und eine Verwaltungsoberin­ spektorsstelle für das Bayerische Hauptstaatsarchiv forderte, addierte sich die beantragte Personalmehrung auf insgesamt 20 neue Beamtenstellen.13 Siehe hierzu u.a. den Bericht des Generaldirektors Riedner auf der Jahressitzung der akademischen Beamten des Hauptstaatsarchivs vom 13. April 1935. BayHStA, GDion Archive 1343, Niederschrift über Teil 1 der Jahressitzung vom 13. April 1935, o.O. [München], o.Dat. [April 1935], hier S. 2–6. 11 Siehe hierzu Norbert Reimann, Archivgesetzgebung im Nationalsozialismus. Ein gescheiterter Versuch. In: Robert Kretzschmar u.a. (Red.), Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart (Tagungsdokumentationen zum Deutschen Archivtag 10), Essen 2007, S. 45–56, hier insbesondere S. 48–51. 12 Nach Auskunft des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 7. September 1936 waren außerdem vier Planstellen zu einer bis dahin nicht bestehenden mittleren gehobenen Archivlaufbahn geschaffen worden. BayHStA, MK 41355, Schreiben des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Berlin, 7.9.1936. – Zu den Personalmehrungen in Preußen und der Ausbildung eines mittleren gehobenen Archivdienstes siehe auch Sven Kriese, Albert Brackmann und Ernst Zipfel. Die Generaldirektoren im Vergleich. In: Ders. (Hrsg.), Archivarbeit im und für den Nationalsozialismus. Die preußischen Staatsarchive vor und nach dem Machtwechsel von 1933 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Forschungen 12), Berlin 2015, S. 17–94, hier S. 40 sowie S. 77–79. 13 BayHStA, MK 41355, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 18.12.1935. – Vgl. ebd., Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an den Generaldirektor der Preußischen Staatsarchive und kommissarischen Leiter des Reichsarchivs (Brackmann), München, 10.12.1935. – Siehe auch ebd., Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an den Generaldirektor der Preußischen Staatsarchive und kommissarischen Leiter des Reichsarchivs, München, 27.11.1935. 10

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Das Kultusministerium reagierte zunächst zurückhaltend, holte hinter den Kulissen aber Informationen über die mitgeteilten Stellenmehrungen in Preußen ein.14 Ein knappes Jahr später stellte es immerhin drei neue Staatsarchivratsstellen und zwei Stellen für mittlere Archivbeamte in den Nachtragshaushalt für das Jahr 1936 ein,15 die auch tatsächlich bewilligt wurden. Damit stieg die Zahl der Stellen für akademische Beamte von 38 auf 41 an.16 In der NS-Zeit gelang der Archivverwaltung also ein moderater Stellenausbau, der jungen Archivaren Anstellungschancen eröffnete. Dass sich diese Stellenmehrungen in der Praxis nur bedingt auswirkten, lag zum einen daran, dass ausgebildete Stellenbewerber nicht sofort in ausreichender Zahl zur Verfügung standen, dann aber auch am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, der durch die Einziehung der wehrfähigen Bediensteten die Verhältnisse auf den Kopf stellte. Zwar kam es ausgerechnet im Krieg zu weiteren Stellenbewilligungen. Diese dienten aber primär der Bewältigung der durch den Krieg und die Einziehung von Mitarbeitern zum Kriegsdienst heraufbeschworenen Notlage, waren also sowohl implizit wie explizit nicht auf Dauer berechnet.17

BayHStA, MK 41355, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Reichs- und Preußischen Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, München, 10.7.1936. 15 BayHStA MK 41355, Aktenvermerk, betreffend den Nachtragshaushalt 1936, München, o. Dat. [Sept. 1936]. – Ebd., Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an die Vertretung Bayerns in Berlin, München, 17.12.1936. – Vgl. ebd., den übrigen Schriftverkehr des Kultusministeriums in dieser Sache. 16 BayHStA, MK 41352, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 14.5.1937. – Mit dem Argument der „drückenden“ Geschäftslage wurde eine dieser Stellen dem Staatsarchiv Speyer (Archivassessor Friedrich Steck), eine andere dem Staatsarchiv Amberg (Archiv­ assessor Dr. August Stengel) zugewiesen. BayHStA, GDion Archive 1558, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 16.9.1937 (Entwurf). 17 Die Schaffung zusätzlicher Planstellen für Beamte während des Krieges stützte sich auf eine Entschließung des Reichsfinanzministers vom 21. November 1940. Die entsprechenden Stellen trugen einen „k.w.“-Vermerk. Siehe dazu die einschlägigen Vorgänge im Sammelsachakt des Kultusministeriums (BayHStA, MK 41353). 14

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D i e Ve r r e i ch l i ch u n g d e r Pe r s o n a l p o l i t i k Auch im Archivwesen rechnete man mit einer Verreichlichung, das heißt mit einer Zentralisierung der föderalen Organisationsstrukturen im Archivwesen.18 Als Motor dieses Prozesses hätte das bereits in den Weimarer Jahren geforderte Archivgutschutzgesetz wirken können, von dem sich die deutschen Archivare vermehrte Einfluss- bzw. Eingriffsrechte gerade auch gegenüber privaten Archiveignern erwarteten. Die Verreichlichung hätte aber auch die Selbständigkeit der Landesarchivverwaltungen beseitigt und hing daher wie ein Damoklesschwert über den staatlichen Archiven in Bayern. So diente die geplante Verreichlichung als eines der Argumente dafür, die Stelle des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns nach dem Ableben Dr. Otto Riedners über einen längeren Zeitraum hinweg nicht wiederzubesetzen. Nachdem das fertig ausgearbeitete Archivgutschutzgesetz im Dezember 1936 und dann erneut im Juni 1938 am Veto Hitlers gescheitert war, war mit einer Verreichlichung allerdings zunächst nicht mehr zu rechnen, auch wenn im Kreis der Archivleiter noch über den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hinaus weiter über die Notwendigkeit einer Reichsarchivfachspitze diskutiert wurde.19 Gleichwohl machten sich zentralstaatliche Tendenzen auch im Archivwesen frühzeitig bemerkbar. Vor allem im Personalsektor griffen sie schnell und umfassend. Eines der Kernanliegen war es dabei, nur noch politisch zuverlässige Mitarbeiter einzustellen und in verantwortliche PoAls Beispiel dafür, dass eine mögliche Verreichlichung des Archivwesens bereits unmittelbar nach der Machtergreifung in der bayerischen Archivverwaltung diskutiert wurde, sei auf die allgemeine Jahresübersicht verwiesen, die der Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Otto Riedner, auf der Jahreshauptsitzung abgab, die am 31. Mai und 3. Juni 1933 stattfand und an der sämtliche akademischen Beamten und planmäßigen Assessoren des Hauptstaatsarchivs teilnahmen. Im Jahr 1935 wurde mit einer entsprechenden Neuorganisation des Archivwesens schon fest gerechnet, wenn auch erst für die Zeit nach der geplanten Reichsreform. BayHStA, GDion Archive 1343, Niederschrift über die Jahreshauptsitzung 1932/33, o.O. [München], o.Dat. [Juni 1933], hier S. 9–11. – Ebd., Niederschrift über die Jahressitzung vom 13. April 1935, o.O. [München], o. Dat. [April 1935]. – Siehe dazu Torsten Musial, Staatsarchive im Dritten Reich. Zur Geschichte des staatlichen Archivwesens in Deutschland 1933–1945 (Potsdamer Studien 2), Potsdam 1996, S. 34–43. 19 Zum Gang der Gesetzesberatungen siehe Musial (wie Anm. 18) S. 49–52. – Reimann (wie Anm. 11) S. 47–55. – Siehe ferner Volker Wahl, Die „gemeinsame Front“. Die Arbeitstagungen der deutschen Archivverwaltungen 1941 bis 1944. In: Robert Kretzschmar u.a. (Red.), Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart (Tagungsdokumentationen zum Deutschen Archivtag 10), Essen 2007, S. 57–68, hier S. 63–66. 18

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sitionen zu bringen. Dazu wurde ein wahres bürokratisches Monstrum errichtet, dessen Kulminationspunkt die Bestimmung war, dass der Reichspräsident alle Ernennungen der Beamten des höheren Dienstes aussprach. Da Hindenburg diese Kompetenz umgehend auf den Reichkanzler übertragen hatte, war die Reichskanzlei fortan an allen Personalmaßnahmen zu beteiligen, die die akademischen Archivbeamten in Bayern betrafen.20 Damit nicht genug, mussten an einer Personalmaßnahme auf dem Wege der Beteiligung bzw. der Über- und Unterordnung auch noch eine Vielzahl weiterer Behörden und Parteidienststellen beteiligt werden. So bedurfte ein Einstellungs- und Beförderungsantrag des Generaldirektors zunächst der Zustimmung des Vertrauensmannes des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, ehe dieses denselben weiterbehandelte. Dabei wurde vom Ministerium auch die zuständige NSDAP-Gauleitung eingeschaltet, die noch einmal zur politischen Zuverlässigkeit des Beamten Stellung nahm. Erst dann leitete das Kultusministerium den Antrag an den Reichsstatthalter weiter, der ihn ebenfalls prüfte, ehe er ihn zur Entscheidung an die Reichkanzlei in Berlin abgab, während parallel dazu der Stellvertreter des Führers als Leiter der Parteikanzlei die politische Zuverlässigkeit des Kandidaten unter Beachtung der vorliegenden Stellungnahmen abschließend prüfte. Selbstverständlich wurde in die Personalentscheidungen auch das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung einbezogen. Ministerialrat Dr. Rudolf Kummer, ein ausgebildeter Bibliothekar, der dort seit September 1935 als Referent wirkte, war zugleich Parteisachverständiger für Bibliotheken und Archive.21 Nicht beteiligt wurde hingegen die Standesvertretung der Staatsbediensteten, also der Reichsbund der deutschen Beamten (RDB), dem auch die Mehrzahl der Martin Broszat, Der Staat Hitlers (dtv-Weltgeschichte im 20. Jahrhundert), 13. Aufl., München 1992, S. 310 f. – Michael Ruck, Die deutsche Verwaltung im totalitären Führerstaat 1933–1945. In: Jahrbuch für europäische Verwaltungsgeschichte 10 (1998) S. 1–48, hier S. 33. – Zur Reichskanzlei und zu ihrer Aufgabenabgrenzung gegenüber der Parteikanzlei siehe Dieter Rebentisch, Hitlers Reichskanzlei zwischen Politik und Verwaltung. In: Ders. – Karl Teppe (Hrsg.), Verwaltung contra Menschenführung im Staat Hitlers. Studien zum politisch-administrativen System, Göttingen 1986, S. 65–99. 21 BayHStA, GDion Archive 1343, Niederschrift über Teil 2 der Jahressitzung vom 25. Mai 1935, o.O. [München], 2.7.1935, S. 4. – Zu Rudolf Kummer und seinem Wirken siehe Fridolin Dressler, Die Bayerische Staatsbibliothek im Dritten Reich. In: Rupert Hacker (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte der Bayerischen Staatsbibliothek (Bayerische Staatsbibliothek Schriftenreihe 1), München 2000, S. 285–308, hier insbesondere S. 288–295 und Rudolf Kummer. In : Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Kummer (aufgerufen 27.8.2018; zu diesem Termin wurden auch alle weiteren Quellen im Internet aufgerufen). 20

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bayerischen Archivbeamten angehörte.22 Ihm wurde – wie Riedner auf der Jahressitzung der planmäßigen akademischen Beamten am 13. April 1935 mitteilte – vom Reichsminister des Innern jede Einmischung in Personalangelegenheiten untersagt.23 Dennoch sorgte dieses Verfahren für extrem lange Bearbeitungszeiten und zum Teil auch für viel Sand im Getriebe, vor allem dann, wenn einzelne Dienststellen abweichende Positionen bezogen und versuchten, ihre eigenen personalpolitischen Vorstellungen durchzusetzen.24 Als beispielsweise im Frühjahr 1936 die Leitung des Staatsarchivs Würzburg neu zu besetzten war, widersprach das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung dem ursprünglichen Vorschlag des bayerischen Kultusministeriums. Dieses war daher gezwungen, den bereits gestellten Antrag zu widerrufen und dem Reichsstatthalter stattdessen die Ernennung des vom Reichsminister favorisierten Kandidaten vorzuschlagen.25 Der Reichsstatthalter in Bayern sah seine Aufgabe dagegen in erster Linie in der Einhaltung der beamtenrechtlichen Vorgaben. So widersprach er 1936 nicht nur der Beförderung von Ignaz Hösl zum Staatsarchivdirektor, weil die Frist von drei Jahren zwischen zwei Beförderungen nicht eingehalten worden war, sondern forderte aus gleichem Grund im Fall Josef Franz Knöpflers, dessen Ernennung zum Direktor der Staatlichen Archive nahezu zeitgleich beantragt worden war, eine nachvollziehbare Begründung.26

In der Jahressitzung vom 13. April 1935 wies Otto Riedner explizit darauf hin, dass ein Erlass des Reichsinnenministeriums den Beauftragten des Reichsbunds der deutschen Beamten die Einmischung in die Personalangelegenheiten untersage. BayHStA, GDion Archive 1343, Protokoll über Teil 1 der Jahressitzung vom 13. April 1935, München. o. Dat. [April 1935]. 23 BayHStA, GDion Archive 1343, Niederschrift über die Jahressitzung vom 13. April 1935, o.O. [München], o. Dat. [April 1935]. 24 Siehe hierzu Bernhard Grau, Der Reichsstatthalter in Bayern: Schnittstelle zwischen Reich und Land. In: Hermann Rumschöttel – Walter Ziegler (Hrsg.), Staat und Gaue in der NS-Zeit. Bayern 1933–1945 (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Beiheft 21, Reihe B), München 2004, S. 129–169, hier S. 163–166. 25 BayHStA, MK 41352, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Reichsstatthalter in Bayern, München, 16.3.1936. – Vgl. die einschlägige Korrespondenz im Personalakt von Hans Burkard (BayHStA, MK 45421). 26 BayHStA, MK 41352, Schreiben des Reichsstatthalters in Bayern an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 19.2.1936. – Ebd., Schreiben des Reichsstatthalters in Bayern an das Bayersiche Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 26.3.1936. 22

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Von erheblicher Bedeutung für die Personalpolitik der bayerischen Archivverwaltung war dabei ohne Zweifel das Verhältnis zwischen dem Generaldirektor und dem politischen Vertrauensmann des Ministeriums. Es versteht sich nicht von selbst, dass Otto Riedner in seiner Amtszeit in Josef Franz Knöpfler eher einen Rückhalt als einen Gegenspieler hatte. Auf der Jahressitzung der akademischen Beamten des Bayerischen Hauptstaatsarchivs nahm Riedner eine sachliche, von persönlichen Stimmungen unbeeinflusste Geschäftsführung für sich in Anspruch, die zum Erfolg führen müsse, wenn der politische Vertrauensmann an seiner Seite stehe. Dass dies der Fall war, daran hatte Riedner offenbar keinen Zweifel.27 D u r ch f ü h r u n g d e s G e s e t z e s ü b e r d i e W i e d e r­ herstellung des Ber ufsbeamtentums Die Machtübernahme in Bayern hatte zur Folge, dass die Nationalsozialisten nun auch hier begannen, die staatliche und kommunale Verwaltung nach ihren Vorstellungen umzubauen. Wilde Entlassungen oder Beurlaubungen wie sie zumindest in Preußen für die Frühphase der NSHerrschaft dokumentiert sind, waren in Bayern allerdings wohl eher die Ausnahme und betrafen wohl vor allem die innere Verwaltung.28 Dies hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass die sogenannten Parteibuchbeamten, gegen die sich diese Aktivitäten richteten, allen voran die Kommunisten und Sozialdemokraten im bayerischen Staatsdienst nur sehr spärlich vertreten waren.29 Aus diesem Grund kamen wilde Entlassungen auch in der 27 Dies verdient deshalb hervorgehoben zu werden, weil Knöpfler als kommissarischer Leiter der bayerischen Archivverwaltung und dann als offiziell bestellter Generaldirektor bei seinem Nachfolger als Vertrauensmann des Ministeriums und Politischer Leiter der bayerischen Archivverwaltung, Dr. Konrad Morg, keine vergleichbare Unterstützung gefunden hat. 28 Siehe etwa Broszat (wie Anm. 20) S. 303 f. – Grotkopp (wie Anm. 1) S. 96–105. – Thomas Forstner, Die Beamten des bayerischen Innenministeriums im Dritten Reich. Loyale Gefolgsleute oder kritische Staatsdiener (Forschungen zur Landes- und Regionalgeschichte 8), St. Ottilien 2002, S. 51–55. – Ritter (wie Anm.1) S. 89. 29 Das dies auch zu Beginn der NS-Zeit so gesehen wurde, belegt eine Veröffentlichung des Sächsischen Reichskommissars Manfred von Killinger von Ende März 1933: „In Sachsen hat genau so wie in Bayern die Durchsetzung der Staats- und Gemeindeverwaltung mit reinen Parteigrößen keinen zu großen Umfang erreicht. Dadurch unterscheiden sich die Verhältnisse in Sachsen und Bayern wesentlich von denen in Preußen, wo die Verteilung der Ämter zwischen Sozialdemokraten und Zentrumsanhängern zur Regel gemacht worden war.“ Zitiert nach Andreas Wagner, „Machtergreifung“ in Sachsen. NSDAP und

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bayerischen Archivverwaltung praktisch nicht vor. Allenfalls der Fall des Staatsarchivrats I. Klasse Dr. Fritz Gerlich kann damit in Verbindung gebracht werden. Er gehörte zu den ausgewiesenen Gegnern des Nationalsozialismus und dürfte daher auf einer der schwarzen Listen gestanden haben, die bei NSDAP und DNVP geführt wurden.30 Dies hatte zur Folge, dass er – wie Dr. Ivo Striedinger in Vertretung von Generaldirektor Dr. Riedner am 10. März dem Außenministerium mitteilte – bereits am Tag der Machtübernahme, das heißt am 9. März 1933, in Schutzhaft genommen und im Polizeigefängnis der Polizeidirektion München in der Ettstraße inhaftiert wurde.31 Er sollte nicht mehr an seinen Arbeitsplatz im Bayerischen Hauptstaatsarchiv zurückkehren. Die systematischen personalpolitischen Eingriffe in die öffentliche Verwaltung begannen aber erst mit dem Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933. Dieses Gesetz hatte – vereinfacht ausgedrückt – den Zweck, Staatsbedienstete, die den marxistischen Parteien angehörten, oder der jüdischen Reli­gions­gemeinschaft entstammten, aus dem aktiven Dienst zu entfernen. Die generalklauselartigen Bestimmungen ermöglichten es allerdings, darüber hinaus praktisch jeden missliebigen Stelleninhaber in den Ruhestand zu versetzen.32 Mit einer gewissen Verzögerung gerieten im Jahr 1935 auch die Angehörigen von Logen und Geheimgesellschaften in den Blick der neuen Machthaber.33 Der Vollzug des Berufsbeamtengesetzes erfolgte in der bayerischen staatlichen Archivverwaltung in der Form, dass alle betroffenen Mitarstaatliche Verwaltung 1930–1935 (Geschichte und Politik in Sachsen 22), Köln 2004, S. 214. – Vgl. ebd. S. 204–214. – Siehe dazu auch Mommsen (wie Anm. 1) S. 23 f. 30 Mühl-Benninghaus (wie Anm. 2) S. 10–16. 31 BayHStA, MK 41355, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium des Äußern, für Wirtschaft und Arbeit, München, 10.3.1933. – Vgl. BayHStA, GDion Archive 1343, Niederschrift über die Jahreshauptsitzung 1932/33, 1. Sitzung am 31. Mai 1933, o.O. [München], 10.6.1933, S. 12–18. Zu Fritz Gerlich siehe jetzt vor allem Rudolf Morsey, Fritz Gerlich (1883–1934). Ein früher Gegner Hitlers und des Nationalsozialismus, Paderborn 2016, hier S. 271–273. – Vgl. auch den Beitrag desselben Autors in diesem Band S. 235–254. 32 BayHStA, GDion Archive 1519/qu, Unterakt über die gesetzlichen Durchführungsbestimmungen. – Zum Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums siehe Mommsen (wie Anm. 1) S. 39–61. – Grotkopp (wie Anm. 1) S. 105–129. – Angelika Königseder, Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. In: Benz – Graml – Weiss (wie Anm.1) S. 536 f. – Zur eher zurückhaltenden Anwendung des Berufsbeamtengesetzes in Bayern siehe Forstner (wie Anm. 28) S. 55 f. 33 BayHStA, GDion Archive 1519/qu, Unterakt über die Zugehörigkeit der Beamten zu Logen und logenähnlichen Organisationen.

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Meldebogen für die von dem Reichsgesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums betroffenen Beamten betreffend den Staatsarchivrat I. Klasse im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, Dr. Fritz Gerlich (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, MK 15683).

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beiterinnen und Mitarbeiter schriftliche Erklärungen abgeben mussten, in denen sie bestätigten, arischer Abstammung zu sein und nicht der Kommunistischen Partei oder einer ihrer Hilfs- bzw. Ersatzorganisationen angehört zu haben. Die Ergebnisse dieser Erhebung wurden am 4. August 1933 an das vorgesetzte Staatsministerium für Unterricht und Kultus gemeldet.34 Demnach war nur ein Beamter, der bereits erwähnte Staatsarchivrat I. Klasse, Dr. Fritz Gerlich, von dem Gesetz betroffen. Als besonders profilierter Gegner der NSDAP befand er sich zu diesem Zeitpunkt – wie gesagt – bereits in Polizeihaft, so dass seine Betroffenheit evident zu sein schien, obwohl er weder einer marxistischen Partei anhing noch der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörte. Auf der Basis des Berufsbeamtengesetzes wurde gegen ihn nun auch noch ein Disziplinarverfahren eingeleitet, das mit Wirkung vom 1. September 1933 seine Dienstenthebung durch den Reichsstatthalter in Bayern herbeiführte.35 Als gezielten beamtenpolitischen Eingriff wird man diese Maßnahme angesichts der vorausgegangenen Inschutzhaftnahme dennoch nur sehr bedingt werten können. Aus dem Resultat der Fragebogenaktion bei den Archiven wird man vielmehr schließen dürfen, dass in der gesamten bayerischen Archivverwaltung kein einziger jüdischer Mitarbeiter beschäftigt war. Einem Verdachtsfall war Generaldirektor Dr. Otto Riedner zwar nachgegangen, doch erwiesen sich die umlaufenden Gerüchte als nicht haltbar. Konkret ging es dabei um den Archivassessor Dr. Konrad Morg, dem nachgesagt wurde, Nachkomme eines Nürnberger „Judenmetzgers“ zu sein. Dieser Fall war insofern besonders heikel, weil Morg als „Altparteigenosse“ galt, das heißt als einer von ganz wenigen Archivaren im Staatsdienst, die der NSDAP bereits vor 1933 beigetreten waren.36 Richtig war, dass Morg aus einer Nürnberger Metzgersfamilie stammte und dass Anfang des 20. Jahrhunderts einer ihrer Angehörigen zeitweise für die jüdische Gemeinde geschlachtet hatte. Die Familie selbst gehörte der jüdischen ReligionsgeBayHStA, MK 15432, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 4.8.1933. 35 BayHStA, MK 41351, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 30.8.1933. – Vgl. Morsey (wie Anm. 31) S. 274–276. 36 Alter Kämpfer. In: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Alter_Kämpfer. – Siehe hierzu und zu den Karriereverläufen ausgewählter „alter Kämpfer“ Martin Moll, Der Sturz alter Kämpfer. Ein neuer Zugang zur Herrschaftsanalyse des NS-Regimes. In: Historische Mitteilungen 5 (1992) S. 1–52. 34

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meinschaft aber nicht an. Die Aufklärung dieses Sachverhalts, den Riedner den Amtsangehörigen des Bayerischen Hauptstaatsarchivs am 17. Mai 1933 in einem Umlauf zur Kenntnis brachte,37 änderte aber nichts daran, dass die Verdächtigungen das Binnenklima massiv belasteten, da Morg – letztlich vergeblich – von mehreren Berufskollegen eine förmliche Entschuldigung forderte.38 Wie Riedner dem Ministerium meldete, hatte die vom Berufsbeamtengesetz vorgeschriebene Erhebung letztlich auch zum Ergebnis, „dass kein Beamter, Anwärter, Angestellter oder Arbeiter der staatlichen Archivverwaltung irgendwelche, auch nur lose Beziehungen zur Sozialdemokratischen oder Kommunistischen Partei, ihren Hilfs- und Ersatzorganisationen und ihren Vertretern im Ausland unterhält.“39 Dass diese Aussage durch die geforderten Erklärungen nicht in vollem Umfang abgedeckt war, zeigte sich freilich schon bei der Jahreshauptsitzung der akademischen Beamten des Bayerischen Hauptstaatsarchivs am 31. Mai 1933. Bei dieser Gelegenheit relativierte Riedner die eben zitierte Aussage insofern, als er zutreffenderweise mitteilte, von sämtlichen Beamten der bayerischen staatlichen Archivverwaltung die Erklärung eingeholt zu haben, dass sie niemals der kommunistischen Partei angehört hätten. Sein ergänzender Hinweis, dass es sich in den Fällen, in denen ein Verdacht gegeben gewesen sei, nur um eine sozialdemokratische Tätigkeit gehandelt habe, muss hingegen so interpretiert werden, dass in der staatlichen Archivverwaltung immerhin Mitarbeiter beschäftigt wurden, die Verbindungen zur Sozialdemokratischen Partei hatten, ein Befund, der für die Betroffenen aber offensichtlich ohne Folgen blieb.40 Unterm Strich wird man gleichwohl sagen können, dass es sich bei den bayerischen Archivaren um eine relativ homogene Belegschaft handelte, die angesichts einer überwiegend

BayHStA, MK 45428, Umlauf im Hause und bei den Abteilungen, München, 17.5.1933 (Abschrift). 38 Siehe hierzu die einschlägigen Unterlagen in den Personalakten Dr. Konrad Morgs (BayHStA, MK 45439) und Dr. Richard Hippers (BayHStA, MK 45428). – Vgl. BayHStA, GDion Archive 1343, Niederschrift über die Jahreshauptsitzung 1932/33, München, o. Dat. [Juni 1933], hier S. 12. 39 BayHStA, MK 15432, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 2.11.1933. 40 BayHStA, GDion Archive 1343, Niederschrift über die Jahreshauptsitzung 1932/33, München, o.Dat. [Juni 1933], hier S. 11 f. – Vgl. ebd. 1519/qu, Erklärungen der Beamten des Bayerischen Hauptstaatsarchivs bzw. Berichte der einzelnen Staatsarchive über die Ergebnisse der Prüfung. 37

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christ- beziehungsweise nationalkonservativen Ausrichtung unter Systemgesichtspunkten nach außen wenig Angriffsflächen zu bieten schien.41 D i e Po l e m i k d e s „ S t ü r m e r “ g e g e n d i e b ay e r i s ch e A r ch iv ve r wa l t u n g Dass das bayerische Archivwesen nicht unangreifbar war und von den neuen Machthabern sehr wohl kritisch gesehen wurde, enthüllte im August 1933 ein anonymer Artikel des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“. Er trug die Überschrift: „Im bayerischen Archivwesen gehört ausgemistet“. Im Mittelpunkt der Kritik stand dabei einmal mehr Fritz Gerlich, dem „teuflische Hetzpropaganda“ unterstellt wurde. Sein einziges Ziel – so der „Stürmer“ – sei der „Kampf bis aufs Messer gegen Adolf Hitler und seine Bewegung“ gewesen. In diesem Zusammenhang kam auch seine amtliche Tätigkeit zur Sprache. Gerlichs Geschäftszimmer im Bayerischen Hauptstaatsarchiv wurde als „Redaktionsstube eines Revolverblattes“ beschrieben. Weiter wurde behauptet, dass seine Tätigkeit als Beamter fast nur in der „Herausgabe seiner Schmierzeitung“ bestanden habe. Der staatlichen Archivverwaltung wurde vorgeworfen, dieses Treiben geduldet, wenn nicht gefördert zu haben. In Zusammenhang damit wurde die Frage in den Raum gestellt, warum man noch nichts von der Entlassung dieses „Sudlers“ gehört habe. Davon ausgehend kam der „Stürmer“ auf seine Gönner und Helfer in der bayerischen staatlichen Archivverwaltung zu sprechen, die noch immer in ihren Ämtern säßen. Worauf das Blatt abzielte, verdeutlichte die Behauptung, dass das Archivwesen in Bayern von jeher „als ganz besondere Domäne der Bayerischen Volkspartei und des Zentrums“ gegolten habe: „Es gibt wohl in Bayern keine Behörde, die so schwarz ist als das staatliche Archivwesen, das mit seinem ultramontanen Nachwuchs auch die Stadtarchive ganz Bayerns versorgt hat, im trauten Verein mit dem Marxismus.“ Die Konsequenz, die der „Stürmer“ daraus zog, lautete: „Man werfe ein Dutzend der schwarzen Brüder hinaus aus den fetten Pfründen. Sie ha-

Vgl. für Preußen Astrid M. Eckert, Archivare im Nationalsozialismus. Zum Forschungsstand. In: Michael Knoche – Wolfgang Schmitz (Hrsg.), Wissenschaftliche Bibliothekare im Nationalsozialismus. Handlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens 46), Wiesbaden 2011, S. 51–89, hier S. 58 f. und 61. 41

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Artikel aus der Zeitschrift „Der Stürmer“, Nr. 32 (1933) (aus: BayHStA, MK 41340).

ben sich gütlich genug getan!“42 Hintergrund des Artikels war also das Faktum, dass Mitglieder der Bayerischen Volkspartei vom Berufsbeamtengesetz nicht unmittelbar betroffen waren und daher im Regelfall in Amt und Würden blieben.43 Nun zeigte sich, dass es den Nationalsozialisten letztlich auch um die Ausschaltung der Anhänger der Bayerischen Volkspartei und des Zentrums zu tun war, die bei ihnen unter dem Verdacht der ultramontanen Betätigung standen.44 Dass es sich bei dem Angriff des „Stürmer“ um einen äußerst gefährlichen Vorstoß handelte, musste den Betroffenen ohne weiteres klar sein. Obwohl im Urlaub, entwarf Riedner umgehend eine Erwiderung, die er BayHStA, MK 41340, Zeitungsausschnitt: Der Stürmer, Jg. 11 (1933), Nr. 32, o. Dat. [11.8.1933]. 43 Vgl. Forstner (wie Anm. 28) S. 56 f. 44 Dass der Angriff des „Stürmer“ in dem größeren Kontext des Vorgehens gegen den politischen Katholizimus zu sehen sein dürfte, darauf deutet zumindest die Tatsache hin, dass die NS-Presse in der Pfalz nur wenig früher mit vergleichbarer Wortwahl die „schwarzen Umtriebe“ in der dortigen Kreisregierung attackiert hatte. Siehe Hans-Joachim Heinz, NSDAP und Verwaltung in der Pfalz. Allgemeine innere Verwaltung und kommunale Selbstverwaltung im Spannungsfeld nationalsozialistischer Herrschaftspraxis 1933–1939. Ein Beitrag zur zeitgeschichtlichen Landeskunde (Geschichte im Kontext 1), Mainz 1994, S. 116 f. 42

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Staatsarchivdirektor Dr. Albert Pfeiffer (Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Fotosammlung).

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am 14. August 1933 an sein Ministerium sandte. Darin trat er dem Vorwurf entschieden entgegen, die staatlichen Archive seien eine Bastion der Bayerischen Volkspartei. Zwar musste er einräumen, dass er selbst dieser Partei angehörte und mit ihm zwei andere von insgesamt 8 Direktoren. Er verwies aber darauf, dass vier der acht Direktoren Protestanten seien und einer der Katholiken der NS-Bewegung nahestehe. Von den sonstigen Amtsvorständen würden zwei der Deutschnationalen Volkspartei angehören. Ähnliches gelte auch für die 18 unter ihm neu zugelassenen akademischen Beamten. Namentlich nannte Riedner vier Beamte, die der NS-Bewegung nahestehen würden: den Archivleiter in Würzburg Dr. Joseph Friedrich Abert, den Leiter des Staatsarchivs Landshut, Dr. Josef Franz Knöpfler, und die Assessoren Dr. Konrad Morg und Dr. Ferdinand Maria Weiß.45 Erkennbare Auswirkungen auf die Personalentwicklung der Archive hatte der „Stürmer“-Artikel zunächst nicht. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Vorwürfe bei allen für die Personalentscheidungen zuständigen Instanzen hängen blieben und dafür sorgten, dass künftig genau hingesehen wurde. Als etwa Dr. Josef Franz Knöpfler 1936 zum Direktor der Staatlichen Archive befördert werden sollte, begründete Staatssekretär Dr. Ernst Boepple vom Staatsministerium für Unterricht und Kultus diese Personalentscheidung gegenüber dem Reichsstatthalter wie folgt: „Ich war mir von vornherein klar darüber, daß für diesen wichtigen Posten, dessen Inhaber die ständige Vertretung des Generaldirektors der staatlichen Archive obliegt, keiner der damals im Amte befindlichen Staatsarchivdirektoren, die teils der Bayerischen Volkspartei angehörten, teils in ihrer Gesamteinstellung dem Nationalsozialismus fernstehen, in Betracht kommen kann.“46 Welche Konsequenzen diese Auffassung haben konnte, zeigt der Fall des Staatsarchivdirektors Dr. Albert Pfeiffer, seit Mai 1926 Vorstand des Staatsarchivs Speyer.47 Wegen seiner mannigfachen Verbindungen zur aufgelösten BVP forderte die NSDAP-Gauleitung der Saarpfalz 1936 seine Ablösung.48 Es spricht für sich, dass Pfeiffer auf Anordnung von Staatsse45 BayHStA, MK 41340, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 14.8.1933. 46 BayHStA, MK 41352, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Reichsstatthalter in Bayern, München, 2.3.1936. 47 Siehe Leesch (wie Anm. 3) S. 450 f. 48 Generaldirektor Riedner eröffnete Pfeiffer schon am 23. November 1936 in einem persönlich gehaltenen Schreiben, aber ohne Angabe von Gründen („Näheres ist mir nicht

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kretär Boepple zum 1. April 1937 tatsächlich vom Staatsarchiv Speyer ans Staatsarchiv Landshut versetzt wurde, wo er allerdings weiter die Funktion des Amtsvorstands wahrnahm. Richtig peinlich wurde die Angelegenheit für alle Beteiligten, als im Jahr 1940 der Speyrer Oberbürgermeister eine Rückholaktion startete und dafür die NSDAP-Kreisleitung und – in Abwesenheit des angestammten Gauleiters Bürckel – auch die Gauverwaltung gewann, die von der vorausgehenden Aktion entweder nichts mehr wusste oder Bürckel bewusst in den Rücken fiel. So kam es noch 1940 zur Rückversetzung Pfeiffers nach Speyer und dies, obwohl derselbe zu diesem Zeitpunkt an der Ausübung des Amtes verhindert war, weil er im Dienste des Deutschen Reichs bei der Archivkommission in Paris verwendet wurde.49 Im Falle der bayerischen staatlichen Archivverwaltung blieben solche Eingriffe letztlich punktuell und – wie gerade dieser Fall idealtypisch verdeutlichte – ohne nachhaltigen Effekt. Dies hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass hochqualifizierte Archivbeamte mangels ideologisch zuverlässigerer, aber ebenfalls gut ausgebildeter Mitbewerber nicht ohne weiteres zu ersetzen waren. Um tatsächlich dauerhafte Veränderungen herbeizuführen, gab es im Rahmen des Beamtenrechts daher wohl nur drei Alternativen: die gezielte Förderung von Gefolgs­leuten der Partei unter den Archivbediensteten, die Heranziehung eines systemkonformen Nachwuchses und die Aufnahme von Quer- und Seiteneinsteigern.

bekannt“) die Absicht des Ministeriums, die Vorstandsstelle des Staatsarchivs Speyer neu zu besetzen und kündigte ihm vertraulich an, dass sich in nächster Zeit die Vorstandsstelle in Landshut erledigen werde. BayHStA, GDion Archive 3050, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an Dr. Albert Pfeiffer, München, 23.11.1936. – Schon im Juni 1933 war Pfeiffer wegen seiner BVP-Zugehörigkeit aufgefordert worden, sein Amt als Geschäftsführer der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften zur Verfügung zu stellen. Heinz (wie Anm. 44) S. 116 f. 49 BayHStA, MK 41353, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an die Gauleitung der Saarpfalz, München, 26.8.1940 (Abschrift). – Ebd., Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an die Gauleitung der Saarpfalz, München, 2.10.1940 (Abschrift). – Ebd., Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 31.10.1940. – BayHStA, GDion Archive 3050, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an Albert Pfeiffer, München, 23.11.1936. – Vgl. die Unterlagen in den Personalakten Dr. Albert Pfeiffers (BayHStA, MK 45442 und GDion Archive 3050). – Siehe ferner Maier (wie Anm. 9) S. 55 f., 62 f. und 67 f.

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D i e Fö r d e r u n g ve r d i e n t e r N a t i o n a l s o z i a l i s t e n Der naheliegendste Weg, um dem Nationalsozialismus mehr Einfluss auf die staatlichen Archive in Bayern zu verschaffen, war sicher die Förderung von Archivbeamten mit enger Bindung an die Partei. Die Tatsache, dass das Laufbahnrecht einer Bevorzugung von Nationalsozialisten grundsätzlich im Wege stand, schloss im NS-Ausnahmestaat eine Vorzugsbehandlung keineswegs vollständig aus. Auch auf normativem Weg wurden verschiedene Möglichkeiten geschaffen, Beamte, die sich um die NS-Bewegung verdient gemacht hatten, zu belohnen.50 So eröffnete ein Erlass des Reichsministers der Finanzen vom 26. Mai 1936 die Möglichkeit, Dienstzeiten in der SS, SA sowie als Amtswalter oder Redner der NSDAP auf das Besoldungsdienstalter anzurechnen. Allerdings galt diese Bestimmung nur für Beamte des mittleren und unteren Dienstes, die wegen ihrer Eigenschaft als alte Kämpfer in das Beamtenverhältnis übernommen worden waren.51 Eine gemeinsame Bekanntmachung sämtlicher bayerischer Staatsministerien vom 8. Juni 1934 sah dagegen ganz generell eine bevorzugte Beförderung von Beamten vor, die sich um die nationale Erhebung verdient gemacht hatten, legte aber gleichzeitig eine sehr knappe Antragsfrist (30.6.1934) fest.52 Geht man von der oben angesprochenen Erwiderung des Generaldirektors Dr. Otto Riedner auf den „Stürmer“ aus, kamen in der bayerischen Archivverwaltung vor allem vier akade­mische Beamte für eine gezielte Förderung in Frage, da in ihrem Fall schon zum Zeitpunkt der Machtergreifung festzustehen schien, dass sie dem Nationalsozialismus nahestanden und daher hätten protegiert werden können. Einer von ihnen war Dr. Josef Franz Knöpfler, der an anderer Stelle dieses Bandes ausführlicher behandelt wird.53 Es soll daher der Hinweis genügen, dass Zu den reichsrechtlichen Regelungen siehe Grotkopp (wie Anm. 1) S. 134–136 und 288 f. 51 BayHStA, MK 41355, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 22.12.1936 (Abschrift). 52 BayHStA, MK 41355, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 30.1.1935. 53 Zu Knöpfler siehe Leesch (wie Anm. 3) S. 321. – Hermann Rumschöttel, Ivo Striedinger (1868–1943) und Josef Franz Knöpfler (1877–1963). Archivarische Berufswege zwischen Königreich und NS-Staat. In: Archivalische Zeitschrift (AZ) 94 (2015) S. 29–49, hier S. 40–49. – Vgl. den Beitrag von Margit Ksoll-Marcon in diesem Band S. 127–150, hier S. 137–142. 50

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Fotoreproduktion eines Portraitbilds von Staatsarchivdirektor Dr. Joseph Friedrich Abert (Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Fotosammlung).

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er für eine Vorzugsbehandlung vor allem deshalb in Frage kam, weil er in den Weimarer Jahren vorübergehend der DNVP angehört hatte und seit 1929 Hospitant, seit dem 1. Mai 1933 offizielles Mitglied der NSDAP war. Im Januar 1938 schloss er sich auch der SS an, bei der er es bis zum SS-Obersturmführer im Reichssicherheitsdienst, 1941 dann zum Sturmbannführer brachte. Aus den Akten des Kultusministeriums wird evident, dass Knöpfler von Staatssekretär Dr. Ernst Boepple, der bis zu seiner Aufgabenentbindung im Jahr 1939 für die Personalentscheidungen im Archivbereich verantwortlich zeichnete,54 tatsächlich gezielt gefördert wurde, um in der bayerischen staatlichen Archivverwaltung mittelfristig die Leitungsfunktion zu übernehmen. Dies verhinderte allerdings nicht, dass auch seine Förderer im Ministerium zunehmende Zweifel an seinen Führungsqualitäten entwickelten. Letztlich schützte ihn die Verankerung in der NS-Bewegung deshalb nicht davor, zunächst beurlaubt und dann vorzeitig in den Ruhestand versetzt zu werden. Am Rande sei vermerkt, dass Knöpflers Konflikt mit Dr. Rudolf Buttmann, dem Generaldirektor der Staatlichen Bibliotheken, um die luftkriegsbedingte Räumung des Archiv- und Bibliotheksgebäudes dafür den Hintergrund bildete.55 Neben Knöpfler war Staatsarchivdirektor Dr. Joseph Friedrich Abert zweifellos der höchstrangige Archivar, der der NSDAP nahestand. Er war am 1. Mai 1933 in die Partei eingetreten und konnte darauf verweisen, nach Ende des Ersten Weltkriegs in der Freikorpsbewegung in Würzburg eine tragende Rolle gespielt zu haben.56 Vor Beginn der NS-Herrschaft in Bayern amtierte er bereits seit sieben Jahren äußerst erfolgreich und mit großer Außenwirkung als Vorstand des Staatsarchivs Würzburg. Für die NSDAP des Gaues Mainfranken war er daher der geeignete Mann für die Funktionen eines ersten Vertrauensmannes sowie die des „Beraters in geZum beruflichen Werdegang Dr. Ernst Boepples siehe den Personalakt des Kultusministeriums (BayHStA, MK 54119). – Vgl. Michael Unger, Biogramme: Boepple, Ernst (Staatssekretär). In: Rumschöttel – Ziegler (wie Anm. 24) S. 739 f. – Ernst Boepple. In: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Boepple. 55 Für die Konflikte rund um die Auslagerung des Archivguts siehe Susanne Wanninger, „Herr Hitler, ich erkläre meine Bereitwilligkeit zur Mitarbeit.“ Rudolf Buttmann (1885– 1947). Politiker und Bibliothekar zwischen bürgerlicher Tradition und Nationalsozialismus (Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen 59), Wiesbaden 2014, S. 449–470. – Bernhard Grau, Katastrophenfall. Die Stammabteilung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs im Zweiten Weltkrieg. In: AZ 94 (2015) S. 177–228, hier S. 202–206. – Vgl. Rumschöttel (wie Anm. 53) S. 48. Vgl. auch den Beitrag von Susanne Wanninger in diesem Band S. 109–126. 56 BayHStA, MK 17585, Personalerfassungsbogen für Joseph Friedrich Abert, o.O., o. Dat.. 54

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schichtlichen und kultürlichen Belangen“.57 Seine Karriere endete jedoch abrupt, als er 1935 unter dem Vorwurf des Verstoßes gegen den § 175 Strafgesetzbuch verhaftet wurde. Auf der Basis des sogenannten Homosexuellenparagraphen wurde er verurteilt, was auch noch ein Dienststrafverfahren und die Entlassung aus dem Archivdienst zur Folge hatte.58 Bleiben die beiden Archivassessoren Dr. Konrad Morg und Dr. Ferdinand Maria Weiß. Sie waren der Partei schon vor 1933 beigetreten. Morg galt sogar als „alter Kämpfer“ beziehungsweise „Alt-Parteigenosse“, weil er der NSDAP mit Unterbrechungen schon seit Ende 1922 angehörte.59 Als Nachweis seiner Gesinnungstüchtigkeit konnte Morg, der im Jahr 1900 in Bamberg geboren worden war, anführen, in den Jahren 1919 und 1920 jeweils 60 Tage Freiwilligendienst im Freikorps Epp geleistet zu haben und in dieser Zeit Mitglied im deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbund Bayreuth gewesen zu sein. Ende 1922 war er der SA beigetreten. In der Zeit des Verbots der NSDAP ab Herbst 1923 wollte Morg für verbotene Organisationen, später für die Großdeutsche Volksgemeinschaft und den Völkischen Block tätig gewesen sein. Und als Student in Erlangen hatte er der Deutschen Arbeiterpartei Julius Streichers angehört.60 Die Parteizugehörigkeit von Weiß, der am 17. März 1902 geboren worden war, 1928 seine juristische Staatsprüfung abgelegt hatte und im November 1929 in den archivischen Vorbereitungsdienst eingetreten war, datierte dagegen erst vom 1. Juni 1930. Im Dezember 1931 hatte er sich auch der SA verpflichtet.61 Morg und Weiß war auch gemeinsam, dass sie in der Staatsprüfung für den höheren Archivdienst jeweils schlecht abgeschnitten hatten.62 Beide BayHStA, MK 41351, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 16.3.1934. 58 Zu Joseph Friedrich Abert siehe BayHStA, MK 36235, Personalakt Abert. – Vgl. Leesch (wie Anm. 3) S. 25 f. – Bernd-Ulrich Hergemöller, Mann für Mann. Biographisches Lexikon, Frankfurt a.M. 2001, S. 83. – Joseph Friedrich Abert. In: Wikipedia, https:// de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Friedrich_Abert. 59 Siehe BayHStA, MK 41351, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 22.3.1934. 60 Siehe dazu die einschlägigen Unterlagen im Personalakt Morgs (BayHStA, MK 45439). 61 Siehe hierzu die einschlägigen Unterlagen im Personalakt von Dr. Ferdinand Weiß (BayHStA, MK 45452). 62 Weiß hatte die Gesamtnote 94 erzielt, die als „sehr ungünstig“ zu bewerten war, da die Prüfung ab der Gesamtnote 96 als nicht bestanden zu werten gewesen wäre. Siehe hierzu BayHStA, MK 41351, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 20.2.1934. 57

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nutzen ihre Zugehörig­keit zur Partei daher bewusst dafür aus, Karrierevorteile zu erlangen oder unerwünschte Personalentscheidungen abzuwehren. Dass Weiß im März 1934 gleichzeitig mit seinen deutlich besseren Referendarskollegen verbeamtet und zum nichtetatmäßigen Archivassessor ernannt wurde, kann man als klare Bevorzugung werten. Und im Januar 1935 wurden vom Ministerium in seinem Fall die Voraussetzungen für eine bevorzugte Festanstellung auch formell anerkannt, obwohl gleichzeitig festgestellt wurde, dass Weiß in der Staatsprüfung nicht benachteiligt worden war. Die Vorwürfe, die er deswegen gegen seine Vorgesetzten erhoben hatte, wurden ausdrücklich missbilligt.63 Eine ähnliche Sonderbehandlung ist bei Dr. Konrad Morg zu beobachten. Er war mit Wirkung vom 1. April 1934 zum Archivassessor und nicht­ etatmäßigen Beamten ernannt worden und wurde ungewöhnlicherweise schon ein Jahr später erneut befördert und damit Staatsarchivrat. Vorausgegangen war ein Antrag des Beamten auf bevorzugte Beförderung, der sich auf die erwähnte Bekanntmachung sämtlicher Staatsministerien vom 8. Juni 1934 stützte. Den Hinweis des Generaldirektors, dass der Antrag verspätet eingereicht worden sei, verwarf der Referent im Kultusministerium in einer Randnotiz: „Selbstverständlich bestehen keine Bedenken dagegen, dass die Verdienste eines Beamten um die nationale Bewegung außerhalb des Rahmens der Ministerialbekanntmachung vom 8.6.34 gewürdigt werden.64 Ungewöhnlich war im Falle Dr. Konrad Morgs auch, dass ihm die im Anschluss an die Verbeamtung allgemein übliche Versetzung an eines der auswärtigen Staatsarchive erspart blieb. Als Riedner diese im Frühjahr 1934 ins Auge fasste, protestierte Morg dagegen beim Ministerium auf bezeichnende Weise: „Weiterhin bin ich in München der einzige alte Nationalsozialist an den Bayerischen Staatsarchiven. Da Herr Generaldirektor Dr. Riedner zur gleichen Zeit Kollegen Dr. Weiß nach auswärts zu versetSiehe dazu BayHStA, MK 41351, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 2.3.1934. – Siehe auch ebd., Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 10.4.1935. 64 BayHStA, MK 45439, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 6.4.1934. – Ebd., Schreiben Dr. Konrad Morgs an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 8.1.1935. – Ebd., Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 30.1.1935. 63

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zen versucht, würde sich daraus der Umstand ergeben, dass dann in den Münchner staatlichen Archiven kein einziger Nationalsozialist mehr arbeiten würde, der vor dem Jahre 1933 in die NSDAP eingetreten wäre. Aus politischen Gründen dürfte dies nicht für gut zu halten sein.“65 Tatsächlich unterblieb seine Versetzung daraufhin.66 Morg erlangte in der NS-Zeit zwar keine Führungsposition mehr, machte aber insofern Karriere, als er nach dem Tod Riedners die Nachfolge Knöpflers als politischer Vertrauensmann des Kultusministeriums und Politischer Leiter der bayerischen Archive antrat.67 Unterm Strich ist also zu konstatieren, dass eine gezielte Protektion systemkonformer Mitarbeiter nachweisbar ist, dass diese aufs Ganze gesehen aber nur eingeschränkte Erfolge zeitigte. Wegen der beschränkten Zahl an parteipolitisch unumstrittenen Kandidaten führte an der Beförderung politisch indifferenter oder sogar verdächtiger Archivbeamter daher kein Weg vorbei. Ein Beispiel dafür stellt die Karriere von Ignaz Hösl dar, der es nach dem Ausscheiden Knöpflers aus dem Amt des Generaldirektors noch zum kommissarischen Leiter der bayerischen staatlichen Archivverwaltung brachte, obwohl er dem politschen Katholizismus nahegestanden hatte.68 Als Hösl im April 1936 zum Staatsarchivdirektor befördert werden sollte, ging Boepple im Antragsschreiben an den Reichsstatthalter auf die gegen ihn bestehenden Vorbehalte schon im Vorgriff ein. Er bemerkte: „In anderen Verwaltungszweigen sind meines Wissens schon wiederholt Beamte, die bis zum Umbruch der BVP angehörten, die sich aber als treue Diener des nationalsozialistischen Staates erwiesen haben, befördert worden.“69

65 BayHStA, MK 45439, Schreiben Dr. Konrad Morgs an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 20.3.1934. 66 Das Ministerium scheint Morg zwar keine Garantie für einen Verbleib in München, zumindest aber die Zusicherung gegeben zu haben, „dass aus dringenden persönlichen Gründen“ eine Versetzung nach Amberg für ihn ausgeschlossen sein soll. BayHStA, MK 45428, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 19.2.1936. 67 BayHStA, MK 45439, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an den Kassationshof beim Bayerischen Staatsministerium für Sonderaufgaben, München, 10.3.1950. 68 Siehe hierzu die Personalakten für Ignaz Hösl (BayHStA, MK 45429 und GDion Archive 2905). – Vgl. Leesch (wie Anm. 3) S. 261 f. 69 BayHStA, MK 41352, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Reichsstatthalter in Bayern, München, 9.4.1936.

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H e r a n z i e h u n g e i n e s s y s t e m ko n f o r m e n N a ch w u ch s e s Da sich also die Ausrichtung des Beamtenapparates an der Ideologie des Nationalsozialismus auf dem Wege der Förderung zuverlässiger Beamter nur in begrenztem Umfang verwirklichen ließ, blieb immerhin noch die Möglichkeit, geeignete Kräfte im Rahmen der normalen Nachwuchsgewinnung zu rekrutieren.70 Hier gab es freilich ebenfalls eine Hürde zu überwinden und zwar in Form der beamtenrechtlich normierten Zugangsvoraussetzungen und des bis heute üblichen Vorbereitungsdienstes. Im Frühjahr 1933 befanden sich zwei Kurse mit insgesamt 6 Referendaren in der Ausbildung, die alle noch während der Weimarer Zeit zugelassen worden waren. Erst Mitte 1933 bestand daher erstmals die Gelegenheit, die Referendare nach neuen Gesichtspunkten auszuwählen. Tatsächlich spielte die arische Abstammung der Kandidaten bei der Auswahl sofort eine Rolle. Von einer Prüfung der politischen Zuverlässigkeit war zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht die Rede. Im Kern basierte der dem Ministerium unterbreitete Auswahlvorschlag vielmehr auf den auch in der Weimarer Zeit praktizierten Auswahlkriterien, also auf den lateinischen und französischen Sprachkenntnissen, den Vorkenntnissen in den geschichtlichen, hilfswissenschaftlichen und rechtswissenschaftlichen Fächern, den schulischen und universitären Noten sowie den archivpraktischen Erfahrungen.71 Die politische Zuverlässigkeit kam erstmals beim Auswahlverfahren des Jahres 1934 voll zum Tragen. 1934 ergab sich dabei, dass zwei der drei zur Aufnahme in den Kurs ausgewählten Kandidaten bereits der Partei angehörten, der dritte war angemeldet, aber infolge der Mitgliedersperre von der Aufnahme zurückgestellt worden. Diese Kandidaten konnten allerdings erst nach ihrer Staatsprüfung, also frühestens im Jahr 1936 verbeamtet werden. Weitere Kurse begannen in den Jahren 1935 (5), 1937 (5), 1938 (4) und 1941 (3). In den Jahren 1933 bis 1945 wurden damit insgesamt 23 Referendare neu für die Ausbildung zum höheren Archivdienst zugelassen. Dabei ist evident, dass die jungen Anwärter schon wegen der Siehe hierzu etwa Michael Ruck, Korpsgeist und Staatsbewusstsein. Beamte im deutschen Südwesten 1928 bis 1972 (Nationalsozialismus und Nachkriegszeit in Südwestdeutschland 4), München, 1996, S. 177–182. – Vgl. Jane Caplan, Government without Administration. State and Civil Service in Weimar and Nazi Germany, Oxford 1988, S. 183–188. 71 BayHStA, GDion Archive 1603, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 30.6.1933 (Entwurf). 70

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Verbesserung ihrer Anstellungs- und möglicherweise auch ihrer Beförderungschancen eher bereit waren, den Erwartungen des Regimes gerecht zu werden und in die Partei und ihre Verbände einzutreten als mancher langgediente Archivmitarbeiter. Andererseits wird aber auch deutlich, dass der Umbau der Archivverwaltung auf dem Weg der Nachwuchsrekrutierung eine äußerst langwierige Sache war, zumal die Berufsanfänger in aller Regel nicht sofort für Leitungsaufgaben in Frage kamen. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs wirkte dabei auch in diesem Bereich retardierend, da die Nachwuchsgewinnung stockte und die durchwegs jungen Referendare bevorzugt zum Kriegsdienst eingezogen wurden, so dass in der Schlussphase des Krieges die Ausbildung schließlich ganz zum Erliegen kam.72 Au f n a h m e vo n Q u e r e i n s t e i g e r n Die Archivverwaltung war beileibe nicht der einzige Verwaltungszweig, bei dem ein Mangel an ausgewiesenen Nationalsozialisten herrschte, die in der Lage waren, die Geschäfte nicht nur in ideologisch, sondern auch in fachlich einwandfreier Weise zu führen.73 Insofern hätte es nahegelegen, diesem Defizit durch Aufnahme von Quer- und Seiteneinsteigern abzuhelfen, wie sie für andere Behörden und Verwaltungszweige dokumentiert ist.74 Damit hätte man ohne Zweifel zugleich der Erwartungshaltung vieler Gefolgsleute der NSDAP und der ihr angeschlossenen Gliederungen entsprochen, die in der staatlichen Verwaltung ein Bollwerk des Beharrens sahen oder gar selbst auf eine adäquate Versorgung in Form einer sicheren Beschäftigung im Staatsdienst spekulierten. Dem standen allerdings – wie erwähnt – die hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums im Wege. Die fachlichen Voraussetzungen und Anforderungen für die Aufnahme in die Beamtenlaufbahn stellten gerade für Nationalsozialisten der ersten Stunde eine hohe formale Hürde dar, die nur beim einfachen Für das Vorstehende siehe die einschlägigen Vorgänge im Sammelakt der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns über die Aufnahme von Archivreferendaren (BayHStA, GDion Archive 1558). 73 Siehe beispielsweise Mommsen (wie Anm. 1) S. 107. 74 Bekannt sind etwa die Bemühungen Adolf Wagners in den von ihm geleiteten Staatsministerien persönliche Vertraute zu installieren und sich so mit einem persönlichen Stab an zuverlässigen Mitarbeitern zu umgeben. Siehe etwa Jochen Klenner, Verhältnis von Partei und Staat 1933 – 1945. Dargestellt am Beispiel Bayerns (Miscellanea Bavarica Monacensia 54), München 1974, S. 288–300. – Forstner (wie Anm. 28) S. 69–73. – Gerhard Hetzer, Personal und Verwaltungsbereiche des Innenministeriums. In: Rumschöttel – Ziegler (wie Anm. 24) S. 171–195, hier S. 179–183. 72

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und mittleren Dienst auf dem Rechtswege massiv abgesenkt wurde. Beim höheren und gehobenen Dienst wurde eine vollständige Beseitigung der üblichen Zugangsvoraussetzungen – trotz des Misstrauens, das die Nationalsozialisten dem Beamtentum entgegenbrachten – hingegen nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Dass ein solcher Eingriff massive Unzufriedenheit und Missmut bei den etablierten Beamten auslösen würde, schien absehbar. Mindestens ebenso groß war aber die Sorge, durch solche Eingriffe die Funktionsfähigkeit der Staatsverwaltung zu gefährden, auf deren systemstabilisierende Wirkung die Nationalsozialisten aller Kritik zum Trotz doch setzten.75 Das Dilemma, dem sich die Personalpolitik der Nationalsozialisten dadurch ausgesetzt sah, ist auch am Beispiel der staatlichen Archive Bayerns zu erkennen. Paradigmatisch wirkt dabei der Fall Kurt Mayer. Mayer war langjähriges NSDAP-Mitglied und hatte schon vor 1933 als Gauredner und Bezirksleiter der NSDAP in der Pfalz gewirkt. Nach dem Studium hatte es für ihn aber nur zu befristeten Arbeitsverhältnissen im Museums- bzw. Archivbereich gereicht, so dass er Ende 1931 nach Halle an der Saale gewechselt war, um dort für den Evangelischen Bund zu arbeiten.76 Nach 1933 sah er offensichtlich seine Chance auf eine seiner Ausbildung entsprechende Stelle und eine Rückkehr in die Pfalz gekommen. Und so hatte er sich in Bayern für die Aufnahme in den staatlichen Archivdienst beworben und dafür offensichtlich auch Protektion aus der NSDAP in Anspruch genommen. Dass es gelang, diesen aus Sicht von Generaldirektor Riedner ungeeigneten Kandidaten abzuwehren, hatte auch damit zu tun, dass Riedner in dieser Sache auf die volle Unterstützung von Josef Franz Knöpfler, dem Vertrauensmann des Ministeriums und der Partei, bauen konnte.77 So belegt dieser Fall zugleich, dass auch etablierte Beamte,

Zum Vorstehenden siehe etwa Ritter (wie Anm. 1) S. 89 f. – Peter Diehl-Thiele, Partei und Staat im Dritten Reich. Untersuchungen zum Verhältnis von NSDAP und allgemeiner innerer Staatsverwaltung 1933–1945, 2. Aufl., München 1971, S. 1–7. – Dieter Rebentisch, Führerstaat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg. Verfassungsentwicklung und Verwaltungspolitik 1939–1945 (Frankfurter Historische Abhandlungen 29), Stuttgart 1989, S. 29–33. – Grotkopp (wie Anm. 1) S. 160. 76 Zu Kurt Mayer siehe Maier (wie Anm. 9) S. 57 f. 77 BayHStA, GDion Archive 1343, Niederschrift über die Jahressitzung vom 13. April 1935, o.O. [München], o. Dat. [April 1935]. 75

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die der NSDAP nahestanden, einer Absenkung der Zugangsvoraussetzungen mit großer Zurückhaltung gegenüberstanden.78 Etwas anders sah es aus, wenn der Kandidat die formalen Voraussetzungen mitbrachte, die für eine Anstellung im bayerischen Archivdienst galten. In diese Richtung weist zumindest der Fall des 1903 in St. Pölten in Österreich gebürtigen Dr. Robert von Lacroix. Er hatte die Qualifikation für den Archivdienst am renommierten Institut für österreichische Geschichtsforschung in Wien erworben und dort auch eine Anstellung als Unterstaatsarchivar gefunden. In Folge des gescheiterten nationalsozialistischen Umsturzversuchs in Wien vom 25. Juli 1934 (Juliputsch)79 war er kurzzeitig interniert worden und hatte er seine Stellung im Staatsdienst wieder verloren.80 Zwar konnte er sich vorübergehend mit Mitteln der Forschungsgemeinschaft der deutschen Wissenschaft über Wasser halten, doch lief diese Förderung Ende September 1935 aus. Um Lacroix unter die Arme zu greifen, drängte deshalb das Reichs- und Preußische Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung auf eine Übernahme in den bayerischen Archivdienst. Zwar war von Lacroix formal kein Mitglied der NSDAP, doch war er offensichtlich in Österreich ab Ende 1932 oder Anfang 1933 Mitglied des Kampfopferrings der NSDAP gewesen. In seinem Fall gab es – wie Riedner in der Jahressitzung der akademischen Beamten betonte – „natürlich keinerlei Einwände“ und so wurde von Lacroix zum 1. Mai 1936 bayerischer Archivassessor. Bereits am 14. Mai 1937 wurde er unter Ausnahme vom Erfordernis der vierjährigen Dienstzeit erstmalig zur Beförderung vorgeschlagen. Mit dem Anschluss Für das Reichsarchiv ist ein vergleichbarer Fall dokumentiert. Siehe dazu Matthias HerrDas Reichsarchiv (1919–1945). Eine archivische Institution im Spannungsfeld der deutschen Politik, phil. Diss., Bd. II, Berlin 1994, S. 290. 79 Siehe dazu Kurt Bauer, Hitlers zweiter Putsch. Dollfuss, die Nazis und der 25. Juli 1934, St. Pölten u.a. 2014. – Vgl. Juliputsch. In: Wikipedia, https://de.wi kipedia.org/wiki/Juliputsch. 80 Wie einem von Ernst Boepple unterzeichneten Schreiben an das Reichserziehungsministerium zu entnehmen ist, soll Lacroix bei den Vorfällen in Wien „Heil Hitler“ gerufen haben, mit Polizeiarrest bestraft worden sein und die Stellung im Archiv verloren haben. BayHStA, MK 41351, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Reichs- und Preußischen Minister für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung, München, 9.12.1935. – Zu Robert von Lacroix siehe ferner die Personalakten des Kultusministeriums und der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (BayHStA, MK 36267 und GDion Archive 2971). – Siehe außerdem Thomas Just, Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv in der NS-Zeit. In: Österreichs Archive unter dem Hakenkreuz. Redaktion: Sabine Bohmann u.a. (= Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 54/2010), Innsbruck u.a. 2010, S. 103–147, hier S. 109–111. 78

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Österreichs endete von Lacroix´ Karriere im bayerischen Archivdienst allerdings schon wieder. Im September 1938 kam es zur Rückversetzung in den österreichischen Archivdienst und zur Übernahme durch das Reichsarchiv in Wien.81 Auch der Blick auf die Quereinsteiger zeigt mithin, dass alle Bemühungen der NS-Herrscher, vertrauenswürdige Mitarbeiter in der bayerischen Archivverwaltung zu etablieren, nur von begrenztem bzw. vorübergehendem Erfolg gekrönt waren. S e l b s t g l e i ch s ch a l t u n g Trotz des überschaubaren Erfolgs der bislang beschriebenen Maßnahmen82 wird man sich davor hüten müssen, die Neuausrichtung der bayerischen Archivare im Staatsdienst im Sinne des NS-Regimes als Fehlschlag zu betrachten. Eine einmal eingenommene politische Grundhaltung war nicht unveränderlich. Und durch ideologische Erziehungsmaßnahmen versuchten die Nationalsozialisten sogar, diesen Prozess gezielt voranzutreiben.83 So lässt sich auch im Falle der staatlichen Archive Bayerns eine Teilnahme von Bediensteten an den „Vaterländischen Ausbildungskursen“ nachweisen.84 Zudem entfaltete die für alle Ernennungen und Beförderungen erforderliche politische Beurteilung je länger, je mehr einen erheblichen Konformitätsdruck. Nicht zuletzt blieb auch noch nach dem 81 BayHStA, GDion Archive 1343, Niederschrift der Jahressitzung vom 13. April 1935. – Ebd., MK 41352, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Reichsstatthalter in Bayern, München, 11.5.1936. – Ebd., Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 14.5.1937. – Ebd., Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Reichs- und Preußischen Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, München, 20.9.1938. Siehe ergänzend Musial (wie Anm. 18) S. 194. 82 Dieser Befund gilt keineswegs nur für das Archivwesen. Auch in anderen Verwaltungszweigen fiel es den Nationalsozialisten schwer, als unzuverlässig eingestufte Beamte durch ausreichend qualifizierte Altparteigenossen zu ersetzen. Siehe etwa Broszat (wie Anm. 20) S. 303–305. – Ritter (wie Anm. 1) S. 15. 83 Grotkopp (wie Anm. 1) S. 137 f. 84 Für Februar 1935 existiert eine Liste der freiwilligen Teilnehmer der „Vaterländischen Ausbildungskurse“. Sie umfasst 11 Bedienstete der Münchner Archive. In einem separaten Schreiben werden auch zwei Nürnberger Archivare genannt. Die große Mehrheit der Teilnehmer stellten die Archivassessoren und Archivreferendare. BayHStA, MK 41351, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 28.2.1935.

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Mitarbeiterin und Mitarbeiter des Bayerischen Hauptstaatsarchivs im Lesesaal des Archiv- und Bibliotheksgebäudes in der Ludwigstraße (erste Reihe, sitzend v.l.n.r.: Ludwig Dobler, Hans Pregler, Richard Hipper, Otto Engl, Ignaz Hösl, Franz Eheberg; zweite Reihe, stehend v.l.n.r.: Emil Trollmann, Maximilian Kaufmann, namentlich nicht zuordenbare Sekretärin, Josef Franz Knöpfler, Simon Rennschmid, Heinrich Huber, Johann Ernst Böhmländer, Dr. Anton Schmid, Georg Albig) (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Archivchronik 014-A2, Mappe Ia-41).

Auslaufen des Gesetzes für die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums die Möglichkeit bestehen, Beamte, die nicht die Gewähr dafür boten, jederzeit für den nationalsozialistischen Staat einzutreten, aus dem Dienst zu entlassen.85 Das heißt, dass auch die etablierten Archivbeschäftigten sich den Zwängen des neuen Systems nicht entziehen konnten.86 Die Anfangserfolge des NS-Staats, Karrierechancen, aber auch äußerer Druck konnten zur Anpassung oder sogar zum Umdenken führen. Dies machte sich schon früh bemerkbar. Ein Beispiel dafür wären etwa die Ausführungen Otto Riedners am ersten Tag der Jahreshauptsitzung der akademischen Beamten im Mai 1933. Bei dieser Gelegenheit sprach Riedner, dem sicher keine ausSiehe etwa Mommsen (wie Anm. 1) S. 103–107. – Diehl-Thiele (wie Anm. 75) S. 3 f. – Broszat (wie Anm. 20) S. 312–316. – Grotkopp (wie Anm. 1) S. 148–152. – Ruck (wie Anm. 20) S. 23 f. – Ritter (wie Anm. 1) S. 86 f. 86 Siehe hierzu etwa Musial (wie Anm. 18) S. 32–34. 85

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geprägte ideologische Nähe zum Nationalsozialismus nachgesagt werden kann, unter Bezugnahme auf die „politische Neugestaltung“ wörtlich von dem obersten Grundsatze, „dass es Pflicht eines jeden Staatsbürgers sei, für den nationalen Staat einzutreten und die eigene Person rückhaltlos in den Dienst des Staates zu stellen.“ Eine solche Mitarbeit sei insbesondere Pflicht der Staatsbeamten.87 Ein Beispiel für einen durch äußeren Druck herbeigeführten Eintritt in die NSDAP dürfte der Archivassessor Dr. Fritz Schnelbögl sein. Er war schon im Oktober 1936 für die Ernennung zum Staatsarchivrat in Aussicht genommen worden. Im November 1937 hatte man sich aber wegen politischer Bedenken immer noch nicht dazu durchringen können, ihn zu ernennen. Schnelbögl wurde zur Last gelegt, überzeugter Anhänger des politischen Katholizismus und fanatischer Gegner des Nationalsozialismus gewesen zu sein. Das Nationalsozialistische Kraftfahrerkorps (NSKK), in dem Schnelbögl Mitglied war, hatte ihm zudem eine „geringe Dienstbeteiligung“ attestiert.88 Auf Geheiß des Ministeriums wurde Schnelbögl daher aufgefordert, durch vermehrten Einsatz im Sinne der nationalsozialistischen Staatsführung die Erinnerung an seine frühere politische Haltung zu verwischen und seitens der zuständigen Parteidienststellen eine wesentlich günstigere Beurteilung seiner politischen Einstellung zu erlangen. Da Schnelbögl nicht auf unbegrenzte Zeit in der Stellung eines nicht etatmäßigen Beamten belassen werden konnte, drohte ihm andernfalls die Entlassung.89 Dies mag dazu beigetragen haben, dass Schnelbögl am 1. Mai 1937 der NSDAP beitrat, nachdem er zuvor schon Mitglied beim Reichsbund der Deutschen Beamten, beim NSKK und bei der NS-Volkswohlfahrt geworden war.90 Aber auch dann dauerte es noch bis zum Juli 1938, bis Generaldirektor Knöpfler Schnelbögl die politische Zuverlässigkeit bescheinigen und so seine Ernennung zum Staatsarchivrat veranlassen konnte.91 BayHStA, GDion Archive 1343, Niederschrift über die Jahreshauptsitzung 1932/33, München, o. Dat. [Juni 1933], hier S. 2 f. 88 BayHStA, GDion Archive 3122, Schreiben des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung an den Reichsstatthalter in Bayern, Berlin, 20.10.1937 (Abdruck). 89 BayHStA, MK 41352, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 2.11.1937. 90 BayHStA, GDion Archive 3122, Erklärung vom 7.2.1938. 91 Schnelbögl war beileibe kein Einzelfall. Ein anderes Beispiel wäre der Speyrer Archivar Hellmuth Scheidt. Siehe dazu Maier (wie Anm. 9) S. 65 f. 87

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Ob aus Überzeugung, opportunistischem Karrieredenken oder aufgrund äußeren Drucks, festzuhalten ist, dass im Laufe der NS-Zeit ein wachsender Prozentsatz der Archivbediensteten bereit war, in die NSDAP oder in die der Partei angeschlossenen Verbände einzutreten. Letztlich waren so fast alle Archivare zumindest im Reichsbund der Deutschen Beamten, dem Reichslehrerbund oder den Rechtswahrerbund, gegebenenfalls auch in mehreren dieser Verbände vertreten. Nicht ungewöhnlich war daneben auch die Mitgliedschaft im NS-Kraftfahrerkorps, in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt oder im Reichskolonialbund. Den Eintritt in die NSDAP vollzogen hingegen bei weitem nicht alle Archivare und wenn, dann meist erst relativ spät, das heißt oft erst nach 1937, also nach Aufhebung der 1933 verhängten Aufnahmesperre.92 D i e p e r s o n e l l e n Au s w i r k u n g e n d e s Z we i t e n We l t k r i e g s Einen massiven Einschnitt in der personellen Entwicklung der staatlichen Archive brachte der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit sich. Er hatte zur Folge, dass schlagartig ein großer Teil der Bediensteten zum Militärdienst eingezogen wurde und die einzelnen Staatsarchive teilweise auf Dauer mit einer Notbesetzung zurecht kommen mussten. Eine Aufstellung über die Wehrverhältnisse der Beamten und Angestellten der bayerischen Archivverwaltung nennt zum Stichtag 1. Juni 1939 insgesamt 91 Beamte und Angestellte. Ergänzenden Eintragungen ist zu entnehmen, dass davon bis 10. Oktober 1939 bereits 37 Mitarbeiter zum Wehrdienst eingezogen worden waren, also ziemlich genau zwei Fünftel der Belegschaft. Dies hatte einen extremen Personalmangel zur Folge und führte langfristig dazu, dass überwiegend nur noch ältere und nicht mehr wehrdienstfähige Mitarbeiter zur Aufrechterhaltung des Betriebs zur Verfügung standen.93

Diese Aussage stützt sich auf eine Auswertung der Personalakten der akademischen Archivbeamten in den Beständen des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus sowie der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns. Vgl. Maier (wie Anm. 9) S. 65. 93 BayHStA, GDion Archive 1245, Wehrdienstverhältnisse der Beamten und Angestellten, o.O. [München], o.Dat. [1.6.1939–12.1.1940]. – Siehe dazu Dieter Rebentisch, Einleitung. In: Rebentisch – Teppe (wie Anm. 20) S. 7–32, hier S. 17. Vgl. den Beitrag von Christoph Bachmann in diesem Band S. 471–486. 92

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Der Kriegsausbruch hatte beispielsweise zur Folge, dass beim Staatsarchiv Amberg zum 1. September 1939 sowohl der Amtsvorstand Dr. Anton Eberl als auch sein Vertreter Dr. Karl Puchner zum Kriegsdienst eingezogen wurden, so dass Dr. August Stengel, der erst 1937 seine Abschlussprüfung absolviert hatte und noch den Rang eines nichtplanmäßigen Archivassessors bekleidete, zu diesem Zeitpunkt der einzige akademische Beamte in Amberg war.94 Da ab Kriegsbeginn in den meisten Staatsarchiven nur noch ein akademischer Beamter zur Verfügung stand, musste im Vertretungsfall jedes Mal ein Mitarbeiter des Bayerischen Hauptstaatsarchivs zur Dienstleistung in das jeweilige Staatsarchiv abgeordnet werden, was in besonderem Maße den dort beschäftigten Staatsarchivrat Dr. Richard Hipper traf.95 Da auch befristete Abordnungen vom Ministerium zu genehmigen waren, hatte dies zudem einen zeitraubenden Schriftverkehr zur Folge. Zwar wurden im Laufe des Krieges einige wenige zusätzliche Stellen bewilligt, die vor allem die Beschäftigung von Hilfskräften ermöglichten. Doch wurden diese Stellen in der Regel nur befristet bis zum Ende des Krieges zur Verfügung gestellt oder dienten gar nur der finanziellen Absicherung der im Felde stehenden Referendare, für die keine Planstellen zur Verfügung standen.96 Neue rechtliche Bestimmungen eröffneten daneben die Option, Beamte, deren Ruhestandsversetzung anstand, weiter zu beschäftigen, eine Möglichkeit, von der die bayerische staatliche Archivverwaltung etwa im Fall des Staatsarchivdirektors Dr. Alois Mitterwieser Gebrauch machte, der über das Datum seiner Ruhestandsversetzung BayHStA, GDion Archive 1245, Wehrdienstverhältnisse der Beamten und Angestellten. Die Berufung Dr. August Stengels ins Beamtenverhältnis auf Lebenszeit und die Ernennung zum Staatsarchivrat erfolgten erst mit Wirkung vom 1. Februar 1940. BayHStA, GDion Archive 3165, Schreiben des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 27.2.1940. 95 Im Personalakt Dr. Richard Hippers (4.1.1896–3.1.1981) (BayHStA, MK 45428 und GDion Archive 2902), der seine feste Stelle im Bayerischen Hauptstaatsarchiv hatte, sind im Zeitraum von Oktober 1940 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs insgesamt acht dienstlich veranlasste Abordnungen zur Dienstleistung in einem Staatsarchiv im Umfang von zwei Wochen bis zu drei Monaten dokumentiert. Der Weg führte Hipper dabei dreimal nach Amberg, je zweimal nach Bamberg und Neuburg an der Donau und einmal nach Landshut. 96 Siehe bspw. BayHStA, MK 41355, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 24.2.1942. – Vgl. ebd., Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an das Bayerische Staatsministerium der Finanzen, München, 6.12.1940. 94

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Aufstellung über die Wehrdienstverhältnisse der Beschäftigten der Bayerischen Archivverwaltung nach dem Personalstand vom 1. Juni 1939 (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns 1245).

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hinaus noch bis zu seinem Tod am 20. November 1943 weiterbeschäftigt wurde.97 Sehr zögerlich wurde hingegen von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, Ruhestandsbeamte zu reaktivieren. Dabei hatten sich im Bereich der staatlichen Archive Bayerns bis Mitte Oktober 1939 elf Ruhestandsbeamte freiwillig für die Reaktivierung gemeldet. Wie einem Randvermerk des Ministeriums vom 23. Februar 1940 auf dem einschlägigen Antrag des Generaldirektors zu entnehmen ist, wurde von dieser Option aber erst einmal kein Gebrauch gemacht.98 Diese zusätzlichen Optionen waren aber lediglich Tropfen auf den heißen Stein. An eine geregelte Personalpolitik war nun nicht mehr zu denken. Den meisten Maßnahmen haftete vielmehr der Charakter des Behelfsmäßigen an. Im Jahr 1943 war man schließlich so weit, dass man ernsthaft über die Schließung des Staatsarchivs in Coburg nachdachte.99 Die Berichte über eine Überforderung der verbliebenen Mitarbeiter erscheinen deshalb plausibel, auch weil der Krieg zwar zu einem Nachfragerückgang, mit der durch die Luftkriegsgefahr notwendig gewordenen Bergung des Archivguts und der Verbringung an weniger gefährdete Orte außerhalb der städtischen Zentren aber auch zusätzliche Anforderungen mit sich brachte. Zudem wurden etliche Beamte der bayerischen staatlichen Archivverwaltung für Aufgaben des Luftschutzes oder für die Ermittlung von Wohnraum für Ausgebombte herangezogen.100 Die Konsequenz war, dass speziell für die Wahrnehmung zentraler Fachaufgaben wie die Ordnungsarbeiten kaum noch Ressourcen zur Verfügung standen. Die Inangriffnahme wichtiger Vorhaben wie etwa die 97 BayHStA, MK 41353, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 13.1.1941. – Siehe auch die einschlägigen Kassenanweisung und und die Auszahlungsanordnung über Sterbegeld vom 6.1.1944 im Personalakt Mitterwiesers (BayHStA MK 36273). 98 BayHStA, MK 41355, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 13.10.1939 nebst Randvermerk vom 23.2.1940. – Vgl. ebd., MK 41353, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 12.9.1939. – Ebd., Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 18.12.1939. 99 BayHStA, MK 41353, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 3.6.1943. 100 Siehe bspw. BayHStA, MK 41355, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 16.5.1944.

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Anlage eines Generalregisters wurde daher auf die Zeit nach dem Kriege verschoben, für die eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen erwartet wurde. So hegte Generaldirektor Josef Franz Knöpfler 1940 mit Blick auf die deutlich besser ausgestattete preußische Archivverwaltung ernsthaft die Hoffnung, nach Kriegsende den Personalstand deutlich steigern zu können. In einem Rundschreiben teilte er den Staatsarchiven und der Abteilung Kreisarchiv des Bayerischen Hauptstaatsarchivs im Oktober 1940 jedenfalls mit: „Ich hoffe, daß es mir nach dem Kriege gelingen wird, das heute viel zu knappe Archivpersonal zu vermehren und mein Bestreben geht dahin, an allen äußeren Archiven mindestens 3 akademische Beamte, bei den größeren Archiven aber mindestens 4 zu sehen, vor allem aber Stellen für hiezu geeignete Beamte des gehobenen Dienstes zur Erledigung einfacher Ordnungsarbeiten und Nachforschungen zu erreichen.“101 Die Realität sah freilich ganz anders aus. Personell gesehen befand sich die bayerische staatliche Archivverwaltung bei Kriegsende in einem desolaten Zustand. Die Zahl der Mitarbeiter, die nach wie vor ihrer Arbeit nachgingen, war überschaubar, die Mitarbeiter waren teilweise disloziert in Bergungslagern oder behelfsmäßigen Arbeitsstätten untergebracht. Zudem waren einige wegen ihres fortgeschrittenen Alters und eines angegriffenen Gesundheitszustandes den Anforderungen des Dienstes unter den Bedingungen des Kriegszustandes nur noch eingeschränkt gewachsen. Auch für den Umbau der Archivverwaltung im nationalsozialistischen Sinne bedeutete der Krieg einen Rückschlag, da zunächst vorrangig solche Archivare eingezogen wurden, die noch in einem Wehrverhältnis standen, also einen Wehrpass besaßen. Das hatte den Effekt, dass zunächst vor allem junge, oft schon nach den Kriterien des NS-Staats zugelassene Kollegen betroffen waren, so dass die Archivarbeit nun wieder fast ausschließlich auf Mitarbeitern lastete, die schon vor 1933 in den Archivdienst eingetreten waren.

101 Staatsarchiv München, Altregistratur, Generalakt Nr. 16, Repertorien / Ordnungsarbeiten, Rundschreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an alle Staatsarchive und die Abteilung Kreisarchiv München, München, 7.10.1940.

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D i e Au f n a h m e vo n Fr a u e n i n d e n a k a d e m i s ch e n A r ch ivd i e n s t Sieht man von den unverheirateten weiblichen Angestellten ab, die vorrangig mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt wurden, war die bayerische staatliche Archivverwaltung eine reine Männergesellschaft.102 Dies war keineswegs Zufall und auch nicht strukturell bedingt, sondern Programm, das – mit Blick auf die Ausbildung zum höheren Archivdienst – von Generaldirektor Dr. Knöpfler 1942 dem Ministerium gegenüber auch offen kommuniziert wurde: „Bisher wurden für den höheren Archivdienst in Bayern Frauen nicht zugelassen“.103 Dass dies nicht selbstverständlich war, zeigt ein Seitenblick auf das erst 1930 begründete Preußische Institut für Archivwissenschaft und geschichtswissenschaftliche Fortbildung in Berlin-Dahlem, zu dessen Kursen auch Frauen Zutritt hatten.104 Und im Bibliotheksbereich hatten Frauen in Preußen sogar schon 1921 Zugang zur akademischen Laufbahn erhalten.105 Erst unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und der durch diesen heraufbeschworenen Personalnöte begann auch in der Archivverwaltung ein vorsichtiger Umdenkprozess. Als ersten bislang bekannten Fall für die Einstellung einer Frau als wissenschaftliche Archivarin ist Dr. Klara Trenz anzusprechen, über die – man102 In einem Schreiben an das Kultusministerium teilte Riedner im Oktober 1933 mit: „Im Bereich der staatlichen Archivverwaltung sind verheiratete weibliche Beamte, Angestellte und Arbeiterinnen nicht beschäftigt.“ BayHStA, GDion Archive 1519/qu, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 17.10.1933 (Entwurf). Übrigens nahmen an der Bayerischen Archivschule erst nach dem Ausscheiden Generaldirektor Dr. Heinz Lieberichs (1970) erstmals drei Frauen am Vorbereitungsdienst 1970/1973 für den höheren Archivdienst teil. 103 BayHStA, GDion Archive 1603, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 28.3.1940. 104 Siehe hierzu und zum Preußischen Institut für Archivwissenschaft allgemein Pauline Puppel, Die „Heranziehung und Ausbildung des archivalischen Nachwuchses“. Die Ausbildung am Institut für Archivwissenschaft und geschichtswissenschaftliche Fortbildung in Berlin-Dahlem (1930–1945). In: Kriese (wie Anm. 12) S. 335–370, hier S. 364–369, und Gisela Vollmer, Archivarinnen gestern und heute. Zur Entwicklung des Frauenanteils insbesondere im staatlichen Bereich. In: Der Archivar 42 (1989) Sp. 351–374. – Vgl. Kriese, Brackmann und Zipfel (wie Anm. 12) S. 37–40. – Preußisches Institut für Archivwissenschaft. In: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Preußisches_Institut_für_Archivwissenschaft. 105 Dagmar Jank, Wissenschaftliche Bibliothekarinnen im Nationalsozialismus. In: Knoche – Schmitz (wie Anm. 41) S. 27–35, hier S. 27.

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gels eines Personalakts – allerdings nur bekannt ist, dass sie mit Wirkung vom 1. Dezember 1939 dem Staatsarchiv Würzburg zur Dienstleistung „beigegeben“ wurde und ein Beschäftigungstagegeld für unverheiratete Beamte mit eigenem Hausstand in Höhe von 5,40 Reichsmark bewilligt erhielt. In ihrem Fall handelte es sich also um eine befristete Aushilfstätigkeit, die offensichtlich schon mit Ablauf des Monats April 1940 wieder endete und für die Frau Trenz als Stadtarchivarin aus Saarbrücken in ausreichendem Maße qualifiziert gewesen sein dürfte.106 Wesentlich aufschlussreicher ist in unserem Zusammenhang aber der Fall von Dr. Hertha Mittelberger, Tochter des Infanteriegenerals und Inspekteurs der Waffenschulen z.V. Hilmar Ritter von Mittelberger.107 Sie hatte sich im Frühjahr 1942 bei der bayerischen staatlichen Archivverwaltung um Anstellung als Archivassessorin beworben, ein Gesuch, das der Generaldirektor dem Kultusministerium befürwortend zur Zustimmung vorlegte, weil – wie er anmerkte – „eine haushaltsmäßige Stelle eines außerplanmäßigen Beamten bei der bayerischen Archivverwaltung zur Zeit frei ist, aber nicht besetzt werden kann, da kein geprüfter Bewerber vorhanden ist.“ Frau Dr. Mittelberger war für diese Stelle durch eine längere Praxis im Preußischen Hausarchiv und im Preußischen Geheimen Staatsarchiv in Berlin qualifiziert und hatte 1933 auch die Abschlussprüfung am Preußischen Institut für Archivwissenschaften und geschichtswissenschaftliche Fortbildung abgelegt, die – wie Knöpfler anmerkte – der bayerischen Staatsprüfung für die Anstellung im höheren Archivdienst gleich zu werten sei. Verwendet werden sollte Frau Mittelberger bei der Abteilung Geheimes Staatsarchiv des Bayerischen Hauptstaatsarchivs und zwar zur Erarbeitung eines gedruckten wissenschaftlichen Verzeichnisses der Staatsverträge Bayerns. Für diese Aufgabe sei Frau Mittelberger aufgrund ihrer Vorbildung und Praxis „wie geschaffen“.108 Obwohl die Archivverwaltung also ein ersichtlich großes Interesse an der Einstellung von Frau Mittelberger hatte, ließ Knöpfler keinen Zwei106 BayHStA, MK 41353, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 28.3.1940 (Abschrift). – Ebd., Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 20.5.1940 (Abschrift). 107 Siehe für das Folgende den Personalakt für Hertha Mittelberger (BayHStA, MK 46916). Zur Biographie Mittelbergers siehe außerdem Puppel (wie Anm. 104) hier S. 366 f. 108 BayHStA, GDion Archive 1603, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 21.4.1942.

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fel daran, dass es sich hierbei um einen Ausnahmefall handeln sollte. Die Stelle, die für Frau Mittelberger vorgesehen war, war nur eine außerplanmäßige Beamtenstelle, die es der Antragstellerin bei längerer Verwendung ermöglicht hätte, die Endstufe des Gehalts eines Archivrats zu erreichen. Ob ihr der Aufstieg auf die Stelle eines planmäßigen Archivrates eröffnet oder ob dies abgelehnt werden sollte, war für Knöpfler erst noch zu klären. Dass er letzteres für angemessen hielt, verschwieg er jedoch nicht.109 Auch wenn es zur Einstellung Dr. Hertha Mittelbergers – wohl aus Gesundheitsgründen – letztlich nicht kam, ist doch festzuhalten, dass es keineswegs ideologische, sondern ausschließlich pragmatische Gründe waren, die eine Anstellung von Frauen im bayerischen höheren Archivdienst in den Bereich des Möglichen rückten. Dass damit kein grundsätzlicher Kurswechsel intendiert war, wurde durch die Korrespondenz mit dem Kultusministerium jedenfalls deutlich. Kriegsende und Entnazifizier ung Versucht man eine vorsichtige Bilanz zu ziehen, so wird man konstatieren dürfen, dass es den Nationalsozialisten – äußerlich betrachtet – nur bedingt gelungen ist, den Personalstamm der Archivverwaltung in den 12 Jahren zwischen 1933 und 1945 grundlegend zu erneuern. Das wissenschaftliche Personal des Jahres 1945 war vor allem in den gehobenen Positionen mit dem des Jahres 1933 auf weite Strecken identisch. Fanatische Nationalsozialisten waren an maßgeblichen Positionen nur ausnahmsweise zu finden. Die jungen, in der Zeit des NS-Staates neu eingestellten akademischen Beamten hatten als Assessoren oder Staatsarchivräte nur einen geringen Einfluss auf den allgemeinen Gang der Geschäfte. Und der Zweite Weltkrieg bewirkte hier keine Änderung im Sinne des Systems, sondern eher das Gegenteil. Der personelle Umbau der bayerischen staatlichen Archivverwaltung scheiterte dabei nicht nur daran, dass dafür fachlich qualifizierte und ideologisch einwandfreie Archivare so gut wie nicht zur Verfügung standen. Weitergehenden personellen Eingriffen stand vielmehr auch im Weg, dass am Prinzip des Berufsbeamtentums und damit an den traditionellen Zugangs- und Laufbahnbestimmungen auch im NS-Staat grundsätzlich nicht gerüttelt wurde. Am Erhalt der hergebrachten Grundsätze hatten nicht zuletzt auch überzeugte Nationalsozialisten ein Interesse, die auf regulä109

Ebd.

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Schreiben des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 25. Juli 1946 betreffend die Dienstverhältnisse der Beschäftigten der bayerischen Archivverwaltung (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, MK 74564, Bildmontage).

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rem Wege in ihre Beamtenstellungen gelangt waren. Dies setzte den parteipolitischen Einwirkungsmöglichkeiten erkennbare Grenzen.110 Dennoch darf man die Einwirkungskraft der NS-Ideologie keinesfalls unterschätzen. Der Druck der äußeren Umstände hatte auch den Archivaren, die schon zur Zeit des Königreichs oder der Weimarer Republik in den Archivdienst übernommen worden waren, erhebliche Anpassungsleistungen abverlangt. Gerade die Korrespondenz in Personalangelegenheiten zeigt, wie sehr der Geist des Nationalsozialismus auch in den Berufsalltag eingedrungen war. In dem Maße, in dem die politische Zuverlässigkeit zum Gradmesser der Eignung für Ämter und Aufgaben gemacht wurde, entstand ein Anpassungsdruck, dem sich der Einzelne nur schwer entziehen konnte, und wenn, dann unter Verzicht auf Karriere und Einfluss. Gleichzeitig trug die Ideologisierung der Personalpolitik Misstrauen und Unfrieden in die Behörden, förderte das Denunziantentum und erhöhte für Nonkonformisten das Risiko aufzufallen und reglementiert zu werden. Vom Ideal einer politisch neutralen ausschließlich sachorientierten Beamtenschaft waren daher auch die Archive am Ende des Zweiten Weltkriegs weiter entfernt als je zuvor.111 Den Lackmustest hierfür sollte nach Kriegsende die Entnazifizierung bieten. Als die amerikanische Militärregierung die Archivmitarbeiter unter neuem Vorzeichen überprüfte, wurden zunächst nur 33 für die weitere Verwendung genehmigt. Das entsprach etwa einem Drittel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Archivverwaltung bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beschäftigt hatte. Etliche waren an der Front gefallen oder in der Kriegszeit verstorben112. Unter den Archivbeschäftigten, die die Überprüfung auf Anhieb bestanden hatten, befanden sich nur 14 Angehörige des höheren Dienstes.113 Ein Jahr später, im Juli 1947 waren von insgesamt 41 akademischen Beamten und wissenschaftlichen Angestellten 18 – also fast die Hälfte – nach

Siehe hierzu etwa Broszat (wie Anm. 20) S. 303–308. Vgl. Werner K. Blessing, Bayerns Verwaltung im 20. Jahrhundert. Bemerkungen zu Leittendenzen, Forschungsstand und Perspektiven. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 61 (1998) S. 59–95, hier S. 65 f. 112 Vgl. den Beitrag von Christoph Bachmann in diesem Band S. 471–486. 113 BayHStA, MK 74564, Aufstellung über die am 8. Juni zur weiteren Verwendung genehmigten Beamten und Angestellten der bayerischen Archivverwaltung. – Vgl. ebd., Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 25.7.1946. 110 111

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wie vor ihres Dienstes enthoben.114 Dies war allerdings kein bleibender Effekt. In den folgenden Jahren erreichten die meisten Archivare mit Abschluss ihres jeweiligen Spruchkammerverfahrens die Wiederanstellung.115 Dennoch ist ein Umbruch erkennbar. Dieser war schon alleine dadurch bedingt, dass ein Teil der Bediensteten noch vor dem Wiedereintritt die Altersgrenze erreicht hatte und in den Ruhestand verabschiedet wurde. Zur Veranschaulichung sei daher abschließend noch einmal auf das Schicksal jener vier Archivare geblickt, die Riedner 1933 als überzeugte Anhänger des Nationalsozialismus identifiziert hatte. Dr. Josef Franz Knöpfler war – wie gezeigt – bereits 1944 in den Ruhestand geschickt worden, so dass die bayerischen staatlichen Archive kommissarisch von seinem Stellvertreter Dr. Ignaz Hösl geleitet werden mussten. Als Knöpfler sich nach Kriegsende um eine Reaktivierung bemühte, ließ sich das Kultusministerium nicht darauf ein. Eine Nachfolgeregelung wurde dennoch erst im Frühjahr 1947 getroffen. Neuer Generaldirektor wurde Dr. Wilhelm Winkler, der bis dahin Vorstand des Geheimen Hausarchivs gewesen war.116 Dr. Joseph Friedrich Abert hatte nach seiner Entlassung aus dem Archivdienst im Jahr 1935 eine Anstellung am Deutschen Historischen Institut in Rom gefunden, wo er – dem Anschein nach allerdings mit einer mehrjährigen Unterbrechung – am Repertorium Germanicum (Pontifikat Nikolaus V.) mitarbeitete.117 Er kehrte aber 1945 sofort wieder nach Würzburg zurück. Für den Archivdienst kam er aber schon aus Altersgründen nicht mehr in Frage. Dr. Ferdinand Maria Weiß hingegen kam nicht mehr aus dem Krieg zurück. Er war am 26. Juli 1944 gefallen.118 Daher drohte von den vieren nur im Falle Dr. Konrad Morgs die Rückkehr ins Amt. Die Berufungskammer in Amberg hatte das Entnazifizierungsverfahren am 12. August 1948 nämlich eingestellt, da sie im Falle Morgs die Voraussetzungen der Weihnachtsamnestie als gegeben ansah. BayHStA, MK 74564, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 19.7.1947. 115 Siehe dazu die Unterlagen im einschlägigen Sammelakt der Generaldirektion (BayHStA, GDion Archive, Abgabe 2009, lfd. Nr. 367). – Für Preußen vgl. Eckert (wie Anm. 41) S. 53 f. und 65 f. 116 BayHStA, MK 74564, Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, München, 31.3.1947. – Zu Wilhelm Winkler siehe Leesch (wie Anm. 3) S. 671. 117 Siehe hierzu die einschlägigen Vorgänge in den Personalakten Prof. Dr. Josef Friedrich Aberts (BayHStA, MK 36325 und GDion Archive 2725). 118 BayHStA, MK 45452, Der Direktor der Staatlichen Archive Bayerns (Dr. Hösl) an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München, 25.9.1944. 114

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Dies sorgte im Bayerischen Hauptstaatsarchiv für große Aufregung und massive Proteste und veranlasste Generaldirektor Dr. Wilhelm Winkler, die Kassation des Spruchkammerurteils zu beantragen. Darin trug er neue Belastungsmomente vor und kennzeichnete Morg als „fanatischen Nationalsozialisten“, der einen erheblichen Druck auf das Personal der Archivverwaltung ausgeübt habe. Ja er ging so weit, sein Unverständnis darüber zu äußern, dass Dr. Morg als Mitläufer mit dem „Gros der von ihm verführten und terrorisierten Beamten“ in einen Topf geworfen werde.119 Winklers Einspruch blieb allerdings vergebens, und tatsächlich beantragte Morg, der für die Pensionierung mit 48 Jahren noch zu jung war, im Mai 1952 die Wiederverwendung im staatlichen Archivdienst.120 Sie wurde vom Ministerium jedoch unter Verweis auf ein amtsärztliches Zeugnis abgelehnt, das ihm dauernde Dienstunfähigkeit bescheinigt hatte.121 Morg blieb aber zumindest die im Jahr 1949 zugebilligte Altersversorgung in Höhe von 60 Prozent des bis dahin verdienten Ruhegehalts.122

BayHStA, MK 45439, Schreiben des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns an den Kassationshof beim Bayerischen Staatsministerium für Sonderaufgaben, München, 10.3.1950. 120 BayHStA, MK 45439, Schreiben Dr. Konrad Morgs an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Rupprechtstegen, 25.5.1952. 121 Schreiben des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an Dr. Konrad Morg, München, 3.6.1952. 122 Siehe hierzu die einschlägigen Vorgänge im Personalakt von Konrad Morg (BayHStA, MK 45439). 119

Dr. Fridolin Solleder (1886–1972). Leiter des Staatsarchivs Nürnberg von 1940 bis 1952 Von Peter Fleischmann Für die Erforschung und Vermittlung der bayerischen Geschichte und insbesondere für die staatliche Archivverwaltung in Bayern war Dr. Fridolin Solleder eine der markantesten Persönlichkeiten seiner Zeit. Ungewöhnlich ist die Kontinuität in der Leitung des größten bayerischen Staatsarchivs außerhalb Münchens über das Jahr 1945 hinweg. Dabei stellt sich die Frage nach dem Verhalten Solleders als führende Person der Staatlichen Archive Bayerns nach 1933 und nach seiner Affinität zur nationalsozialistischen Ideologie. Quellengrundlage des Versuchs einer biographischen Würdigung sind Personalakten der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns,1 der Bayerischen Akademie der Wissenschaften,2 der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg3 sowie mündliche Aussagen von Zeitzeugen.4 Würdigungen anlässlich des 70. Geburtstags5, bei der Überreichung einer Festschrift zum 80. Geburtstag6, Nachrufe7 beim Tod Solleders im Alter von 85 Jahren am 31. März 1972 in NürnBayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 3152 (alt: P 250); Staatsarchiv Nürnberg (StAN), Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 2302; dagegen unergiebig 5503 und 5525. 2 Frdl. Hinweis Dr. Thomas Horling, Bayerische Akademie der Wissenschaften. 3 Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Archiv C 4/5 Nr. 119 (Personalnebenakte der Fakultät). – Frdl. Hinweis Dr. Clemens Wachter. 4 Dank gilt Frau Dr. med. Traudl Solleder (geb. 1926), Würzburg, und dem ehemaligen Mitarbeiter und späteren Nachfolger im Amt Dr. phil. Günther Schuhmann (1920–2017). 5 Karl Alexander von Müller, Fridolin Solleder (Bildnis der Heimat 43). In: Schönere Heimat 45 (1956) S. 256 f. (von Müller hatte gemeinsam mit Fridolin Solleder im Wintersemester 1906/07 das Studium der Geschichte an der LMU aufgenommen). – Otto Puchner, Professor Dr. Fridolin Solleder – Ehrenmitglied unserer Gesellschaft. In: Blätter für fränkische Familienkunde 7 (1957) S. 33–36. 6 Horst Heldmann, Fridolin Solleder – der Archivar und Historiker. In: Archive und Geschichtsforschung. Studien zur fränkischen und bayerischen Geschichte. Fridolin Solleder zum 80. Geburtstag dargebracht, hrsg. v. Horst Heldmann, Neustadt a. d. Aisch 1966, S. XI–XV; darin auch Horst Heldmann, Veröffentlichungen Fridolin Solleders. Ein bibliographischer Versuch S. 372–391. 7 Gerhard Hirschmann, Fridolin Solleder zum Gedenken. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 59 (1972) S. 240 f. – Otto Puchner, Fridolin Solleder †. In: 1

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berg und biographische Artikel8 sind angesichts der hier im Vordergrund stehenden Fragestellung – die Staatlichen Archive Bayerns in der Zeit des Nationalsozialismus – nur teilweise verwertbar. Ebenso wenig hilfreich ist der im Staatsarchiv Nürnberg verwahrte Nachlass, der eine reiche Stoffsammlung Solleders zu Wiguläus X. A. von Kreittmayr und zu diplomatischer Korrespondenz zwischen dem Habsburger und dem Wittelsbacher Hof am Ende des Alten Reichs sowie verschiedene Zettelkataloge enthält.9 Solleders Lebenslauf bis 1940 Am 28. August 1886 wurde Solleder als Sohn eines kinderreichen Schneidermeisters (1856–1916) in Straubing geboren.10 In der Vaterstadt besuchte er das humanistische Gymnasium, bis er 1906 zum Studium der Geschichte an die Ludwig-Maximilians-Universität nach München wechselte. Bei Sigmund von Riezler (1843–1927), seit 1898 Professor für bayerische Landesgeschichte, wurde er am 22. November 1910 mit einer Arbeit über „Münchens Stadtwirtschaft im Mittelalter“ promoviert.11 Riezler hat Solleder als seinen Meisterschüler bezeichnet und ihm das Prädikat summa cum laude gegeben. Nach Zulassung zum archivarischen Vorbereitungsdienst beim Reichsarchiv im Jahr 1911 hat Dr. Solleder von Juli 1912 bis Februar 1914 das über 22.700 Akten und 313 Urkunden umfas-

Der Archivar 26 (1973) Sp. 715–718. – Otto Puchner, Dr. Fridolin Solleder in memoriam. In: Blätter für fränkische Familienkunde 10 (1972/73) S. 191–194. 8 In einschlägigen Handbüchern sind nur summarische Lebensabrisse zu finden: Wolfgang Leesch, Die deutschen Archivare 1500–1945, Bd. 2, München 1992, S. 577 f. – Große Bayerische Bibliographische Enzyklopädie, hrsg. v. Hans-Michael Körner unter Mitarbeit von Bruno Jahn, München 2005, S. 1850. – Die Professoren und Dozenten der FriedrichAlexander-Universität Erlangen 1743–1960, bearb. v. Clemens Wachter (Erlanger Forschungen, Sonderreihe 13), Erlangen 2009, S. 210 f. 9 StAN, Nachlass Solleder (im Umfang von 203 Archivalien; darunter zur Person Solleders lediglich zwei Konvolute mit Korrespondenzen, 101, 102); ein 2016 zur Verfügung gestellter Nachtrag mit einigen autobiographischen Skizzen ist wichtig, doch sind die Erinnerungen wegen des Hangs zur Selbststilisierung mit Vorbehalt zu sehen; Nachlass Solleder 204. 10 Grundlegend: BayHStA, GDion Archive 3152. 11 Erst 1919 kam es zu einem Teilabdruck unter dem Titel „Münchens Stadtwirtschaft im Mittelalter. Fünftes Kapitel: Das Steuerwesen“, München 1919, im Umfang von 32 Seiten; der für 1920 in Aussicht gestellte Druck des gesamten Typoskripts ist zunächst nicht zustande gekommen.

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sende Stiftungsarchiv im Julius-Spital Würzburg geordnet.12 Dank dieser Tätigkeit konnte der junge Historiker zu der von Karl Alexander von Müller 1913 herausgegebenen „Riezler-Festschrift“ einen Beitrag über „Die Judenschutzherrlichkeit des Juliusspitals in Würzburg“ liefern.13 Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich am 2. August 1914 der nicht sehr groß gewachsene, aber sehr selbstbewusste Mann als Ersatzreservist und wurde am 11. August 1914 dem Reserve-Infanterie-Regiment 1, später Reserve-Infanterie-Regiment 16 zugeteilt. Als Soldat nahm er an den Schlachten in Flandern teil und wurde „als einziger bayerischer Archivbeamter … im Krieg dreimal verwundet, davon zweimal schwer“. Bei Ypern erlitt er 1914 einen Bauch- und Fußschuss, auf der schwer umkämpften Höhe von Vimy 1915 eine Verletzung durch eine Handgranate und im Mai 1916 bei Douaumont trafen Granatsplitter Brust, Lunge und Oberarm. Solleder erhielt das Verwundetenabzeichen in Silber, das Eiserne Kreuz, das Militär-Verdienstkreuz und im Juni 1917 den Verdienstorden vom Heiligen Michael 4. Klasse. Letzteren dürfte er wegen seiner wahrscheinlich 42 Auftritte als Redner im Winter 1916/17 im Auftrag des Staatsministeriums des Inneren erhalten haben, bei denen er die Bevölkerung auf den Ernst der Kriegslage hingewiesen hat.14 Der Eintritt in den Zivildienst 1916 dürfte den strebsamen Historiker und angehenden Archivar motiviert haben, erste Arbeiten von 1911 fortzuführen und 1918 ein stattliches Urkundenbuch seiner Vaterstadt Straubing zum 700. Gedenkjahr der Gründung der Neustadt im Druck herauszugeben.15 Im Jahr 1919 hat Solleder gemeinsam mit Dr. Max Heuwieser (1878–1944) das Stadtarchiv von Passau neu geordnet. Archiv des Juliusspitals zu Würzburg, Teil I: Akten, bearb. v. Erich Stahleder (Bayerische Archivinventare 9), München 1957, S. IX. – Archiv des Juliusspitals zu Würzburg, Teil II: Pergamenturkunden 1162–1575 unter Verwendung von Vorarbeiten von Fridolin Solleder, bearb. v. Erich Stahleder (Bayerische Archivinventare 22), München 1963, S. VII. 13 Fridolin Solleder, Die Judenschutzherrlichkeit des Juliusspitals in Würzburg. Ein Beitrag zur Sozial-, Wirtschafts- und Sittengeschichte Frankens. In: Riezler-Festschrift. Beiträge zur Bayerischen Geschichte, hrsg. v. Karl Alexander von Müller, Gotha 1913, S. 260–304. 14 Fridolin Solleder. In: Landwirte heraus! Vier Feldgraue zur Lebensmittelnot (Kriegsaufklärungsschriften des bayerischen Landesvereins für Heimatschutz), München 1917, S. 18–32. 15 Urkundenbuch der Stadt Straubing, Festgabe des Historischen Vereins Straubing und Umgebung zur Feier des 700. Gedenkjahrs der Gründung der Neustadt, Bd. 1, bearb. v. Fridolin Solleder, Straubing 1918 (887 S.). – Ein zweiter Band ist nicht erschienen. 12

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Wie viele Deutsche war auch Solleder desillusioniert vom Ausgang des Ersten Weltkriegs und stand den neuen politischen Gegebenheiten reserviert gegenüber. Dies bezeugt auch eine Erklärung des angehenden Beamten vom 14. November 1918, in der er folgende Einschränkung machte: „Ich verpflichte mich, dem Volksstaat Bayern, unter Wahrung meiner Gesinnung und Überzeugung, freiwillig und aufrichtig im Interesse der Gesamtheit meine Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen“.16 Die patriotische Gesinnung Solleders aber auch die Bereitschaft nach dem Ende der Monarchie in Bayern konstruktiv zu wirken, haben ihn zum Beitritt der am 12. November 1918 gegründeten Bayerischen Volkspartei bewogen. Die Eskalation der politischen Verhältnisse in München hatte unmittelbare Auswirkungen auch auf Rosenheim und Kolbermoor, wo Anfang Mai 1919 die Räterepublik durch das Freikorps Chiemgau unter Oberst von Mieg niedergeschlagen wurde. Auch Solleder hatte sich dem 3. Cheveauleger-Regiment angeschlossen und warb für das „Freikorps Straubing“, das auf „Hilferuf des Regierungspräsidenten von Niederbayern“ die rote Armee aus Landshut drängte, und die Solleder als Parlamentär von Miegs im Chiemgau zur Kapitulation bewegen konnte.17 Nach erfolgreich absolvierter „Prüfung für den höheren Archivdienst“ empfing Solleder am 12. Juli 1920 eine vom bayerischen Ministerpräsidenten Gustav von Kahr unterzeichnete Urkunde. Schon am 1. August 1920 begann die Laufbahn des strebsamen Niederbayern als Akzessist beim Allgemeinen Reichsarchiv, Kreisarchiv München. Hier hat er sich in den folgenden Jahren bei der Ordnung eines größeren Lagers von Druckschriften bewährt und 1922 hat er das dem Freistaat 1916/19 übereignete, umfangreiche Archiv der Freiherren Lochner von Hüttenbach sehr penibel geordnet.18 Dass Solleder ein ernsthaftes historisches Interesse und große Heimatliebe hatte, zeigte sich im Februar 1918, als er für die Dauer von zehn Jahren die Schriftleitung von „Das Bayerland. Illustrierte Wochenschrift BayHStA, GDion Archive 3152; Hervorhebung durch Unterstreichung im Original. Die Niederwerfung der Räteherrschaft in Bayern 1919. Darstellungen aus den Nachkriegskämpfen deutscher Truppen und Freikorps, hrsg. im Auftrag des OKW von der Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres, Band 4, Berlin 1939, S. 69 (24. April 1919: „80 Köpfe starke Freiwilligen-Abteilung, die von dem Archivrat Dr. Solleder aus allen möglichen Kreisen und Ständen … gesammelt worden war“), S. 83 („Abt. Solleder“), S. 172 („Einnahme von Kolbermoor … geschickte und mutige Auftreten des Dr. Solleder“). – StAN, Nachlass Solleder 204. 18 StAN, Freiherren Lochner von Hüttenbach (219 Urkunden, 20 Amtsbücher, 176 Akten). 16 17

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für bayerische Geschichte und Landeskunde“, seit 1900 mit dem Untertitel „Illustrierte Wochenschrift für Bayerns Land und Volk“, übernommen hat. Gegründet wurde dieses Periodikum 1890 von dem Münchner Publizisten Heinrich Leher (1848–1909). Es ist zunächst wöchentlich, später zweimal je Monat in bebilderten Ausgaben erschienen und sollte durch historische und landeskundliche Artikel die Heimatverbundenheit zum Land Bayern fördern. Die Autoren setzten sich aus „durchwegs bayerischstämmigen und meist konservativ-patriotisch gesinnten Akademikern, hohen Staatsbeamten und in der Heimatbewegung anerkannten Laienforschern“ zusammen.19 Unterstützt von einem Gremium an Herausgebern stellte sich Solleder in der zweiten Februar-Ausgabe des Jahres 1918 als neuer Schriftleiter in vaterländischem Duktus vor.20 Seine redaktionelle Arbeit im Nebenberuf darf nicht hoch genug eingeschätzt werden, denn jeder Jahrgang umfasste zunächst etwa 400 Seiten, bis der Umfang auf 500 Seiten im Jahr 1924 und schließlich auf über 750 Druckseiten im Jahr 1927 angestiegen ist.21 Dies war ein Beleg für zunehmende Resonanz, denn Solleder widmete jedes Heft einem besonderen Thema, was sicherlich auch der Steigerung der Auflage von anfangs 2.800 Exemplaren auf über 4.000 bis 5.000 zugute gekommen ist.22 Unter seiner Herausgeberschaft gewann das „betont bayerische Heimatblatt“ eine stark föderalistische Ausrichtung, bis es gegen Ende der 1920er Jahre zum bloßen „Sprachrohr der BVP- und Regierungspolitik“ wurde.23 Über den Hintergrund von Solleders Ausscheiden gibt es keine Nachrichten, doch könnte neben Überlastung auch der Wechsel des Verlags zu Adolf Müller, seit 1920 Herausgeber des „Völkischen Beobachter“, eine Rolle gespielt haben. Jedenfalls gewann der umtriebige Archivar dank dieser Tätigkeit 19 In der Amtsbücherei des StAN befinden sich die ersten 30, sehr aufwändig gebundenen Jahrgänge (Band 24 fehlt) aus der Bibliothek des Prinzen Leopold von Bayern (1846– 1930), die der Norica-Sammler Guido von Volckamer (1860–1940) am 16. Juli 1934 vom Antiquariat Theodor Ackermann in München erworben hatte (2° P 234). – Ulla-Britta Vollhardt, „Das Bayerland“ und der Nationalsozialismus. Zum Wirken einer Heimatzeitschrift in Demokratie und Diktatur (Forschungen zur Landes- und Regionalgeschichte 4), St. Ottilien 1998, S. 32. 20 Das Bayerland. Illustrierte Halbmonatsschrift für Bayerns Land und Volk 29 (1918) S. 176. 21 Das Bayerland 29 (1917/18) mit 436 S., 30 (1918/19) mit 442 S., 31 (1919/20) mit 430 S., 32 (1920/21) mit 440 S., 33 (1921/22) mit 420 S., 34 (1922/23) mit 326 S., 35 (1924) mit 500 S., 36 (1925) mit 784 S., 37 (1926) mit 744 S., 38 (1927) mit 776 S. 22 Vollhardt (wie Anm. 19) S. 42. 23 Vollhardt (wie Anm. 19) S. 48, 52.

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Bekanntschaft mit fast allen bayerischen Historikern sowie Münchner Dichtern und Literaten, was ihm für mehrere Jahre die ehrenamtliche Schriftleitung „des exklusiven Münchner Journalisten- und Schriftstellervereins“ einbrachte.24 Nebenbei war Solleder 1922 Gründungsmitglied des „Bayerischen Landesvereins für Familienkunde“ und später zeitweise auch dessen Geschäftsführer.25 In diesem Kreis genealogisch Interessierter verkehrte auch Thea Bertl (1891–1951), Tochter eines Bäckermeisters aus Wildsteig nahe der berühmten Wieskirche. Die nicht mehr ganz junge Lehrerin und der fünf Jahre ältere, aufstrebende Archivar heirateten am 19. August 1924. Mehr als eineinhalb Jahre danach wurde dem Ehepaar eine Tochter geboren. Das Familienleben war geprägt von Lektüre und Studium, aber nur selten wurde das breite kulturelle Angebot der Landeshauptstadt wahrgenommen. Nach der Versetzung Solleders vom Kreisarchiv München an die Abteilung I des Hauptstaatsarchivs im Jahr 1925 widmete er sich der Erschließung der Kriegs- und Kriegswirtschaftsstellen im Umfang von etwa 2.000 Laufmetern bzw. dem Aufbau der Kriegswirtschaftlichen Abteilung.26 Am 1. Januar 1927 folgte die Beförderung zum „Staatsoberarchivar“ oder „Staatsarchivrat I. Klasse“. Überraschend in der Vita Solleders ist im Jahr 1919 das Ausscheiden aus der Bayerischen Volkspartei und die bis 1933 ununterbrochene Mitgliedschaft in der Deutschen Demokratischen Partei bzw. seit 1930 in der Deutschen Staatspartei. Die anfangs linksliberale, strikt demokratische Partei bekannte sich zur Weimarer Verfassung von 1919. Sie gehörte nicht dem rechten Spektrum an und wahrte Distanz zur Sozialdemokratie, aber sie stand „auf dem Boden der Republik“, zu der sich ihre Mitglieder aus innerster Überzeugung bekannten.27 Allerdings ist die DDP nach anfänglichem Wahlerfolg von 1919 mit 14% der Stimmen bei den Landtagswahlen 1924 und 1928 auf 3,2% bzw. 3,3% und 1932 in die Bedeutungslosigkeit Heldmann, Solleder (wie Anm. 6), S. XIII. Blätter des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde 1 (1923) S. 2. 26 Fridolin Solleder, Kriegsstellen und Kriegswirtschaftsstellen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv. In: Archivalische Zeitschrift (AZ) 40 (1931) S. 153–188. 27 Joachim Stang, Die Deutsche Demokratische Partei in Preußen 1918–1933 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der Politischen Parteien 101), Düsseldorf 1994, S. 43, 50 f. – Hermann Luppe, Mein Leben (Quellen zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg 10), Nürnberg 1977, S. 111: Bericht über den Parteitag der DDP in Nürnberg im Dezember 1920 mit der Rede von Dr. Walther Rathenau; dabei übte der Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Luppe Kritik am Münchner Flügel der DDP unter Dr. Fritz Gerlich und Dr. Pius Dirr, Stadtarchivar von München, die bald danach als „Reaktionäre aus der Partei“ ausgeschieden sind. 24 25

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abgesunken. In der Blütephase zu Beginn der Weimarer Republik war die DDP in Bayern noch mit zwei Ministern in den Kabinetten Hoffmann II und Kahr I vertreten. In jener Zeit war in der DDP ein nur drei Jahre älterer Berufskollege Solleders sehr aktiv, der schon 1910 (ebenfalls mit Platzziffer 1) die Staatsprüfung für den archivarischen Vorbereitungsdienst absolviert hatte. Die Rede ist von Dr. Fritz Gerlich (1883–1934), dessen Biographie manch überraschende Parallelen zu derjenigen Solleders aufweist, auch wenn ersterer 1914 zunächst als militäruntauglich eingestuft worden ist.28 Der gebürtige Stettiner ist aber weniger als Archivar, sondern vielmehr publizistisch hervorgetreten. Vor der Räterepublik in München war er nach Nürnberg und Bamberg ausgewichen und setzte sich zu deren Niederschlagung für das Freikorps Epp ein. Danach kandidierte er 1919 für die DDP bei der Wahl für den bayerischen Landtag, blieb jedoch erfolglos. Während Gerlich zum erbitterten Gegner Hitlers und des aufkeimenden Nationalsozialismus wurde und daraufhin beim sogenannten Röhm-Putsch vom 30. Juni zum 1. Juli 1934 im KZ Dachau ermordet worden ist, war die politische Einstellung Solleders sehr viel moderater. Dennoch dürfte Solleder als Mitglied der DDP im konservativen Kreis der bayerischen Staatsarchivare eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein. Umso erstaunlicher ist seine Berufung als Leiter des Staatsarchivs Nürnberg zum 1. Januar 1940, obwohl er nicht Mitglied der NSDAP gewesen ist. Diese außerordentliche Bevorzugung dürfte auf seine Dienstzeit im Ersten Weltkrieg und die spätere historiographische Würdigung seines Regiments zurückgehen. Unter der Sigle „Dr. F. S., München“ berichtete er als 30 Jahre alter Soldat aus der Wir-Perspektive erstmals im Mai 1915 in der Wochenschrift „Das Bayerland“ über die Nachricht vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs, seine Einberufung und – in Fortsetzungen bis zum August 1915 – über Kriegserlebnisse unter dem Titel „Mit dem Regiment „List“ zum ersten Mal in Feindesland“.29 Unterbrochen durch KriegsverletRudolf Morsey, Fritz Gerlich (1883–1934). Ein früher Gegner Hitlers und des Nationalsozialismus, Paderborn 2016 und Beitrag Morsey in diesem Band, S. 235–254. 29 Das Bayerland 26 (1914/15) S. 302–304, 317–319, 333–335, 347–350, 395 f.; Das Bayerland 27 (1915/16) S. 37–39, 68–70. – Einen Anfang dieser unmittelbaren Berichterstattung in Verbindung mit „kunsthistorischen, sozialen, kulturgeschichtlichen Streiflichtern [der] durchzogenen Landstriche“ hatte der Konservator Dr. Richard Hoffmann, Feldgeistlicher beim Stab der 1. Infanterie-Division des 1. Bayerischen Armeekorps unter dem Titel „Lose Blätter aus meinem Kriegstagebuch“ am 10. November 1914 gemacht. In: Das Bayerland 26 (1914/15) S. 33–37, 49–53, 65–68, 84–86, 109–112, 144–147, 154–157, 169–171, 190– 28

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zung setzte Solleder seine Berichterstattung in zwei Serien „Wieder an der Front! An der Somme im Sommer 1915“ und „Im Trommelfeuer auf der Vimyhöhe“ im November 1915 fort. Nach erneuten Verwundungen und der Rückkehr nach Bayern fanden die Kriegsberichte ein Ende.30 Seit 1918 als neuer Schriftleiter dieser „Illustrierten Halbmonatsschrift für Bayerns Land und Volk“ begann Solleder nicht nur mit dem Abdruck einer bunten Abfolge verschiedenster Beiträge, sondern er setzte in den einzelnen Heften Themenschwerpunkte. Das erste November-Heft des Jahres 1920 widmete er „Erinnerungen ans List-Regiment (R.-I.-R. 16) 1914–1918“, in dem ehemalige Angehörige Kriegserlebnisse Revue passieren ließen.31 Mit 3.754 Toten und 8.795 Verwundeten hatte das in Flandern eingesetzte Regiment „List“ die meisten Verluste der insgesamt 24 Infanterieregimenter der Bayerischen Armee zu beklagen, weshalb im Münchner Rathaus auch ein dreiflügeliges Gedächtnisfenster angebracht worden ist. Infolge mehrerer Vorarbeiten machte sich Solleder Ende der 1920er Jahre ans Werk und gab zur Erinnerung und aus „Anhänglichkeit an mein Ausmarschregiment“ … zu Weihnachten 1931 „Vier Jahre Westfront, Geschichte des Regiments R.I.R. 16“ heraus.32 Zu dieser vielbeachteten Regimentsgeschichte trugen viele Autoren bei, darunter selbstverständlich der Herausgeber, aber auch der junge, früh verwundete Eugen Roth (1895–1976), der Regimentskommandeur von 1916/17 Emil Spatny (1861–1935) und als „getreuester Mitarbeiter“ Hauptmann Fritz Wiedemann (1891–1970). Im fünfseitigen Vorwort merkte der Herausgeber recht neutral an: „Das Bild des Regiments List wäre nicht vollständig ohne den Hinweis auf die geschichtliche Tatsache, daß in seinen Reihen der Kriegsfreiwillige Adolf Hitler vier Jahre an der Westfront stand, der später der Gründer und Führer einer der stärksten politischen Parteien Deutschlands wurde“ (S. IX). Der ehemalige Kommandeur der 1. Kompanie steuerte ein Foto bei mit der Unterschrift „Kriegsfreiwilliger Adolf Hitler. Gefechtsordonnanz des

193, 208–211, 225–227, 245–247, 258–261, 300 f., 329–333, 351–353, 410–413, 446 f., Das Bayerland 27 (1915/16) S. 9–12, 31–35, 39 f., 70 f., 233–235, 309 f. – Gleichsam als patriotische Unterstützung aus der Heimat steuerten ein einziges Mal die Kreisarchivassessoren Fritz Gerlich und Ernst Böhmländer einen Beitrag über „Kriegsbrot und Teuerung vor 145 Jahren“ bei. In: Das Bayerland 26 (1914/15) S. 280–285. 30 Das Bayerland 29 (1916/17) S. 161–163, 180–182, 197–199, 221 f.; S. 275–277, 292–294. 31 Das Bayerland 32 (1920/21) S. 49–64. 32 4 Jahre Westfront. Geschichte des Regiments List R.I.R. 16, hrsg. v. Fridolin Solleder (Erinnerungsblätter deutscher Regimenter 76), München 1932 (502 Seiten).

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Regiments, Mai 1915“ (S. 168).33 Es handelte sich um Korbinian Rutz, ehemaliger Hauptmann der Kompanie, in der Hitler hinter den Linien als Meldegänger eingesetzt war; zum Zeitpunkt der Herausgabe der Regimentsgeschichte agitierte Rutz heftig gegen Hitler und wurde deshalb 1933 nach der Machtübernahme in Dachau interniert. Es ist davon auszugehen, dass sich Solleder und Hitler gekannt haben und sich beide in München begegnet sind. Hitler selbst war im Besitz eines Exemplars der „Geschichte des Regiments List“, das ihm der letzte Kommandeur Maximilian von Baligand mit Widmung geschenkt hatte.34 Aber mit Fritz Wiedemann, „Adjutant des Führers“, hatte Solleder noch dazu als Frontkämpfer nach 1933 den besten Draht in das nähere Umfeld Hitlers.35 Im Personalakt des Generaldirektors der Staatlichen Archive, seinerzeit stellvertretend Dr. Josef Franz Knöpfler, findet sich vom 18. Oktober 1938 eine wichtige Würdigung der beruflichen Leistung und der ideologischen Verortung Solleders: „Er gehört als Fachmann heute sicher zu den besten Beamten der bayerischen Archivverwaltung … Es steht aber außer Zweifel, daß Herr Solleder voll und ganz auf dem Boden des heutigen Staates steht.“36 Sicherlich, um in dieser Hinsicht Klarheit zu schaffen, hatte Solleder am 5. Januar 1938 eine Urkunde über seine Teilnahme an Kämpfen des Freikorps Epp vorgelegt. Am 19. Dezember 1939 wurde Dr. Fridolin Solleder zum Staatsarchivdirektor ernannt und mit Wirkung vom 1. Januar 1940 als Nachfolger des am 10. Januar 1939 im 59. Lebensjahr verstorbenen Dr. Wilhelm Fürst37 zum Leiter des Bayerischen Staatsarchivs Nürnberg bestellt. Über diese ministerielle Entscheidung urteilte Solleder in seinen Erinnerungen, er habe es „als schweres Opfer und Diktat des 3. Reichs“ empfunden.

33 Thomas Weber, Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit, Berlin 2011, mit zahlreichen Belegen zu Fridolin Solleder und Korbinian Rutz. 34 Timothy Ryback, Hitlers Bücher: seine Bibliothek – sein Denken, Köln 2009, S. 39. 35 Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, hrsg. v. Hermann Weiss, Frankfurt a.M. 1998, S. 489: Fritz Wiedemann (1891–1970), 1910 Fahnenjunker, 1915 Adjutant im RIR 16, 1934 Adjutant bei Rudolf Heß, 1. Januar 1935 Adjutant Hitlers, 1939 Januar Entlassung und Versetzung als Generalkonsul nach San Francisco, dort Gegner Hitlers, Kontakt mit britischem und us-amerikanischem Geheimdienst, 1941 Generalkonsul in Tianjin/ China, 1945 Zeuge beim IMT. 36 BayHStA, GDion Archive 3152. 37 BayHStA, GDion Archive 2851.

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S o l l e d e r a l s L e i t e r d e s S t a a t s a r ch iv s N ü r n b e r g Die Leitung des größten Staatsarchivs außerhalb Münchens ist nach dem überraschenden Herztod von Dr. Wilhelm Fürst (1879–1939) am 10. Januar 1939 frei geworden. Auch Dr. Fürst war im Dezember 1935 gegen seinen Willen vom Hauptstaatsarchiv nach Nürnberg versetzt worden, doch ist seine kurze Dienstzeit von längeren, schweren Krankheitsphasen überschattet gewesen. Während dieser Zeit hat ihn Wilhelm Biebinger (1889–1961) vertreten, der am 1. Juni 1928 seine erste Stelle beim Staatsarchiv Nürnberg angetreten hatte. Hoffnungen Biebingers auf die Nachfolge von Dr. Fürst haben sich wegen früherer Mitgliedschaft in der Loge „Wilhelm zur ostpreußischen Treue“ im ostpreußischen Bartenstein zerschlagen, weshalb ihm 1938 die Mitgliedschaft in der NSDAP verwehrt worden war. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass er in der Reihenfolge potentieller Kandidaten für dieses Amt an hinterer Stelle rangierte. Während der Vakanz hat man ihm stellvertretend die Leitung der Amtsgeschäfte übertragen, und am 24. Mai 1940 wurde auch er zum Militärdienst einberufen.38 Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs konnte Biebinger die ihm zum 1. April 1941 eröffnete Ernennung als Vorstand des Staatsarchivs Bamberg nicht wahrnehmen, doch stand der Beförderung zum Staatsarchivdirektor des nach 1945 Unbelasteten nichts mehr im Wege. Als Solleder am 1. Januar 1940 durch den stellvertretenden Generaldirektor Dr. Josef Knöpfler in das Amt eingeführt wurde, stieß er auf ein halb verwaistes Haus.39 Von den höheren Beamten waren für die Dauer von knapp fünf Monaten nur noch Wilhelm Biebinger, Georg Kolbmann (1879–1960), die 1937 eingestellte Schreibkraft Anny Bayer und der Hilfswart Andreas Saffer anwesend. Der Amtsvorstand hatte seine Wohnung im Obergeschoss des rückwärtigen Verwaltungsgebäudes Archivstraße 17. Zum Heeresdienst abgeordnet waren Dr. Wilhelm Neukam (1901– 1964), Dr. Fritz Schnelbögl (1905–1977), der Verwaltungsassistent Theodor Fischer (1912–1945) und der Amtswart Karl Lindau (1900–1970?). Knöpfler verabschiedete sich von Solleder mit den Worten, er dürfe „sich

BayHStA, GDion Archive 2759. – Rainer Hambrecht, Wilhelm Biebinger (1889–1961). In: Jahresbericht des Historischen Vereins Bamberg 141 (2005) S. 144–147. 39 StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 2302. 38

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in Nürnberg nicht auf ein endgültiges Bleiben einrichten“.40 Doch das Gegenteil sollte der Fall sein. Nach der Einberufung Biebingers hatte Solleder die Last der Amtsführung weitgehend im Alleingang zu schultern, dabei unterstützt von dem seit 1920 altgedienten, sich aber schon dem Ruhestand nähernden, stark kränkelnden Regierungsinspektor Kolbmann und der Schreibkraft Anny Bayer. An Erschließungsarbeiten war gar nicht zu denken, zumal auch der Zugang an Akten staatlicher Behörden und Gerichte aus Mittelfranken seit 1943 stagnierte und am 18. August 1944 im Staatsarchiv eine letzte Abgabe im Umfang von sechs Laufmetern eintraf.41 In seiner Autobiographie schrieb Solleder, seine Amtsführung in Nürnberg sei „gekennzeichnet durch den Gewinn wertvoller Archivalien, so … fränkischer und Nürnberger Chroniken, Handschriften und Geschlechterbücher.“42 In der Tat ist im Archivalien-Zugangsbuch unter dem Datum 13. Februar 1941 vermerkt: „43 A(rchivalien) Ankauf Süßheim“.43 Dabei handelte es sich um eine Sammlung des Nürnberger Rechtsanwalts, Stadtrats und SPDLandtagsabgeordneten Dr. Max Süßheim (1876–1933), dessen Witwe sich am 10. November 1938 das Leben genommen hatte. Die Handschriften waren nach dem Tod Süßheims an seinen Bruder Prof. Dr. Karl Süßheim (1878–1947) übergegangen, der sie in München anlässlich seiner Emi­ gration in die Türkei wegen seiner jüdischen Herkunft 1941 unter Wert verkaufen musste. Über die zweifelhafte Herkunft dieser Archivalien, die im Juni 2017 an die Erben restituiert worden sind, muss sich Solleder im Klaren gewesen sein, denn qua Amt fungierte Solleder als Gutachter bei der „Stelle für Devisenwirtschaft“ zur steuerlichen Ausplünderung der Juden.44 Überraschenderweise fehlen in der amtsinternen Überlieferung des Staatsarchivs die Jahresberichte für die Jahre 1940 bis 1945, nachdem Biebinger am 20. Februar 1940 noch einen detaillierten, zehnseitigen Jahresbericht für die Zeit vom 1. April 1938 bis zum 31. März 1939 vorgelegt hatte.45 BayHStA, GDion Archive 1926. StAN, Archivalienzugangsbuch 1896–1943, 1944–1949. 42 StAN, Nachlass Solleder 204. 43 StAN, Archivalienzugangsbuch 1896–1943. 44 Bernhard Grau, Rückgabe entzogenen Kulturguts – Das Staatsarchiv Nürnberg gibt 41 Archivalien an die Nachkommen von Prof. Karl Süßheim zurück. In: Nachrichten aus den Staatlichen Archiven Bayerns 73 (Dezember 2017) S. 8 f. – Frdl. Hinweis Dr. Dominik Radlmaier. 45 StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 5497. 40 41

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Als Leiter des Staatsarchivs Nürnberg hat Solleder seinen Wirkungskreis offensiv wahrgenommen. Gerade im Bereich der Archivpflege gab es mit der Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums des Innern vom 8. Dezember 1938 dafür eine gute Handhabe. Nach dem Vorbild von Baden und Württemberg sollten „historisch interessierte und gebildete Persönlichkeiten“ als ehrenamtliche Mitarbeiter gewonnen werden, um Gemeindearchive beim Aufbau und der Verwaltung zu unterstützen. Obwohl auch in Mittelfranken rasch alle Sprengel besetzt waren, sind entsprechende Aktivitäten während des Zweiten Weltkriegs rasch zum Erliegen gekommen.46 Trotzdem konnte Solleder Ende Dezember 1949 mit Stolz bilanzieren, dass nach 1945 in manch größeren Orten „besonders durch den Einsatz von Berufsarchivaren“ Archive geordnet und verzeichnet werden konnten (Altdorf, Ansbach, Dinkelsbühl, Eichstätt, Erlangen, Feuchtwangen, Lauf, Neustadt, Roth) und dass in Nürnberg ohne „die Mitwirkung des Staatsarchivs … im Krieg eine Anzahl der Patrizierarchive zugrunde gegangen“ wäre.47 Nur drei Monate nach seinem Amtsantritt wandte sich Solleder mahnend an den Regierungspräsidenten von Mittelfranken, an Kreisleiter Hans Zimmermann bei der Gauleitung Franken der NSDAP und an die Landräte, nachdem ein Aufruf zur Reichspapiersammlung vom 4. bis zum 19. Mai 1940 ergangen war. Dennoch musste er am 31. März 1942 eingestehen, es hätten trotz „wiederholter amtlicher Aufrufe … mehrere Landbürgermeister ihre wertvollen Archive dem Einstampf überantwortet“, weshalb er sich die Adressen der in Ober-, Mittel- und Unterfranken tätigen Papiermühlen beschaffte, um sie direkt anzuschreiben und sie vor der Vernichtung von Unterlagen aus der Zeit vor 1800 eindringlich zu warnen.48 In gleicher Weise wandte sich Solleder am 18. Juni 1943 wegen „Aktenausscheidung und Altpapiersammlung“ an alle Behördenleiter und Schulleiter in Mittelfranken einschließlich der Universität Erlangen, der Akademie der bildenden Künste Nürnberg und des Ohm-Polytechnikums Nürnberg. Unter Bezug auf den Erlass des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns vom 11. Juni 1943 mahnte er vor leichtfertiger Vernichtung von behördlichem Schriftgut und betonte „Was archivgeeignet ist, bestimmen die Fachleute, nicht Stellen, welche zwar den besten Willen, nicht aber die Kenntnis haben, um hier StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 800. Mitteilungen für die landschaftliche Archivpflege Nr. 5 v. 15. Oktober 1948, S. 102 f., Nr. 10 v. 22. Dezember 1949, S. 252. 48 StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 803. 46 47

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entscheidend mitwirken zu können“. Gerade diese Bemerkung wurde von der NSDAP Gauleitung Franken als „derartig gehässig“ angesehen, weshalb Solleder „Massnahmen wegen parteischädigenden Verhaltens“ angedroht wurden, zu denen es aber angesichts der Kriegslage nicht mehr gekommen ist.49 Noch im September 1940 ist Solleder aktiv geworden, um die geplante Überführung des Schwarzenbergschen Archivs von Schloss Schwarzenberg bei Scheinfeld „nach Krummau im Gau Niederdonau (früher in der Tschecho-Slowakei)“ zu verhindern, weil es dort „der fränkischen Benützung so gut wie entzogen“ sein würde.50 Nachdem die Geheime Staatspolizei das Vermögen des Dr. Adolph Fürst zu Schwarzenberg im August 1940 beschlagnahmt hatte, wurden schließlich aus Furcht vor Luftangriffen das gesamte Inventar sowie museale Gegenstände nebst dem großen, schon seit vier Jahren gänzlich verpackten Schlossarchiv im Frühjahr 1944 nach Krumau verbracht.51 Im Gegensatz zu seinen Berufsjahren in München, war Solleder nach seinem Amtsantritt in Nürnberg als Historiker fast nicht mehr aktiv. Noch 1938 hatte er – 28 Jahre nach seiner Promotion – das Typoskript der umfangreichen Dissertation mit dem Titel „München im Mittelalter“ im renommierten Oldenbourg Verlag zum Druck bringen können.52 Auch dank dieser monumentalen Arbeit wurde Solleder im Mai 1943 nebst weiteren fünf Kandidaten zur Wahl in die Kommission für bayerische Landesgeschichte vorgeschlagen, doch ist wegen der Kriegslage die Bestätigung durch das zuständige Ministerium unterblieben.53 Dies wurde immerhin am 24. Oktober 1946 nachgeholt. Sicherlich nicht ohne Stolz dürfte

StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 803. StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 942. 51 Highlights aus dem Schwarzenberg-Archiv. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Nürnberg im Knauf-Museum Iphofen, bearb. v. Nicola Humphreys – Daniel Burger (Staatliche Archive Bayerns – Kleine Ausstellungen 56), München 2018, S. 161, 179 f. 52 Fridolin Solleder, München im Mittelalter, München-Berlin 1938 (592 S. mit 63 Abbildungen). 1962 folgte noch ein unveränderter Nachdruck. – Im Vorwort dankte der Autor „Herrn Oberbürgermeister Fiehler“ und dem Direktor des Kulturamts Max „Reinhardt“ [sic !] für einen namhaften Zuschuss zur Drucklegung. 53 Wilhelm Volkert, Die Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. In: Im Dienst der bayerischen Geschichte. 70 Jahre Kommission für bayerische Landesgeschichte. 50 Jahre Institut für Bayerische Geschichte, hrsg. von Wilhelm Volkert – Walter Ziegler (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 111), 2. aktualisierte Aufl., München 1999, S. 67 f., 183. 49 50

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Solleder die Aufnahme in Kürschners Deutschem Gelehrten-Kalender Jahrgang 1940/41 (6. Auflage) registriert haben.54 Fast gleichzeitig mit dem deutschen Überfall auf Polen wurden vom Reichsluftfahrtministerium „Richtlinien für die Durchführung des Luftschutzes in Museen, Büchereien, Archiven und ähnlichen Kulturstätten“ erlassen, nachdem schon 1937 dieses Ministerium ein stattliches Handbuch „Der zivile Luftschutz“ vorgelegt hatte.55 Am 29. August 1942 erlebte die „Stadt der Reichsparteitage“ den ersten britischen Nachtangriff, bei dem 137 Opfer zu beklagen waren. Im Jahr 1943 folgten am 25./26. Februar, am 8./9. März, am 10./11. August und am 27./28. August vier britische Nachtangriffe, die über 1000 zivile Opfer forderten. Am 31. März, dem 10. September, dem 3. Oktober, dem 19. Oktober dem 25./26. November sowie am 28. November 1944 fanden vier Nachtangriffe der britischen Luftstreitkräfte sowie zwei Tagangriffe der us-amerikanischen Bomberflotte statt, bei denen in Nürnberg 853 Menschen zu Tode kamen. Ein Großangriff von einer halben Stunde Dauer versetzte der Ikone der alten deutschen Stadt am Abend des 2. Januar 1945 den Todesstoß (1800 Tote). Trotzdem wurden in den letzten drei Kriegsmonaten am 20. und 21. Februar (1390 Tote), am 16. März (597 Tote), am 5. April (195 Tote) und noch am 11. April (91 Tote) weitere verheerende Angriffe geflogen. Bei allen 16 Tag- und Nachtangriffen in den Jahren 1942 bis 1945 sind in Nürnberg 6066 Menschen gestorben. Nach Dresden war Nürnberg in Deutschland die am stärksten zerstörte Stadt. Total zerstört waren 36 Prozent der Wohngebäude und 38 Prozent der öffentlichen Gebäude; jeweils

54 Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender 1940/41, hrsg. v. Gerhard Lüdtke, Berlin 1941, Bd. 2, Sp. 802. 55 Der zivile Luftschutz. Ein Sammelwerk über alle Fragen des Luftschutzes, hrsg. v. E. H. Knipfer und Erich Hampe, 2. völlig neu bearb. Aufl., Berlin 1937. – Im Folgenden: Georg Seiderer, Maßnahmen zum Schutz von Kulturgütern. In: Der Luftkrieg gegen Nürnberg. Der Angriff am 2. Januar 1945 und die zerstörte Stadt hrsg. v. Michael Diefenbacher und Wiltrud Fischer-Pache (Quellen und Forschungen zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg 33), Nürnberg 2004, S. 31–91. – Georg Seiderer, „Nur Bergen kann unsere Bestände retten.“ Fridolin Solleder und die Bergung der Bestände des Staatsarchivs Nürnberg im Zweiten Weltkrieg. In: Archive und Archivare in Franken im Nationalsozialismus (Referate der Tagung vom 13.–14.10.2017), hrsg. v. Peter Fleischmann und Georg Seiderer (Franconia, Beihefte zum Jahrbuch für fränkische Landesforschung 10), Erlangen 2019, S. 65–83.

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nur neun Prozent sind unbeschädigt geblieben.56 Bei den öffentlichen Gebäuden galten als schwer zerstört 34 Prozent und als leicht zerstört 28 Prozent. Das Staatsarchiv Nürnberg mit seinem prächtigen im Jahr 1880 errichteten Gebäude nur etwa 500 Meter nördlich der Kaiserburg bzw. der Altstadt wurde in der Kategorie „schwer zerstört“ aufgeführt. Während die ersten beiden Angriffe dem Archiv nur unwesentlich zugesetzt hatten, wurde es im eineinhalbstündigen Bombenhagel vom 8. März 1943 schwer getroffen. Eine Phosphorbombe mit einem Gewicht von 14 Kilogramm durchschlug den westlichen Kopfbau und explodierte nahe der Außenwand. Kurz vor Mitternacht stürzte der brennende Rumpf eines abgeschossenen britischen Bombers in den rückwärtigen Garten, in dem man zwei Löschteiche angelegt hatte. „Beim Großangriff vom 10./11. August 1943 hagelten 43 Stabbrandbomben auf das Archivgelände. Im Ostflügel entstanden gefährliche Brände, deren Löschen durch dichten Qualm erschwert wurde.“57 Während das Gebäude bei allen sechs Angriffen des Jahres 1944 noch glimpflich davon gekommen war, wurde das Dach am 2. Januar 1945 durch Luftminen weitgehend weggesprengt; 60 Stabbrandbomben fielen auf dem Gelände nieder, doch ist glücklicherweise eine neben dem Westflügel niedergegangene Fünf-Zentner-Bombe nicht explodiert. Allerdings ist am 21. Februar 1945 der östliche Kopfbau des Magazins durch mehrere Treffer bis auf den Grund zerstört und die ursprünglich gewölbten Säle im Erdgeschoss des westlichen Kopfbaus waren zerschlagen worden. Das Gelände war übersät mit Stabbrandbomben, die gefährliche Brände auslösen konnten. Bei dem schweren Nachtangriff vom 16. März 1945 verursachten explodierende Luftminen weitere Gebäudeschäden, so dass resümierend festgehalten werden musste: „Von den 2500 qm Beständeraum waren 1945 fast 700 qm vollkommen zerstört, der übrige Teil des Beständehauses eine Ruine ohne Dach.“58 In den Jahren 1943 bis 1945 ist das Staatsarchiv durch mehrere Minen, sechs

Der Luftkrieg gegen Nürnberg. Der Angriff am 2. Januar 1945 und die zerstörte Stadt hrsg. v. Michael Diefenbacher und Wiltrud Fischer-Pache (Quellen und Forschungen zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg 33), Nürnberg 2004, S. 517 f. 57 Carl Adam, Das Staatsarchiv Nürnberg – wie es wurde, wie es ist. In: Archive und Geschichtsforschung. Studien zur fränkischen und bayerischen Geschichte, Fridolin Solleder zum 80. Geburtstag dargebracht, hrsg. v. Horst Heldmann, Neustadt a.d. Aisch 1966, S. 359–371, hier S. 368 f. 58 Adam (wie Anm. 57) S. 369. 56

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schwere Sprengbomben, eine Phosphorbombe und etwa 200 Stabbrandbomben getroffen und schwer beschädigt worden.59 Die Ernennung von Dr. Fridolin Solleder als Leiter des Staatsarchivs Nürnberg zum 1. Januar 1940 war für dieses Amt ein einziger Glücksfall. Der damals 55 Jahre alte, kriegserfahrene, sehr energische Archivar war zur richtigen Zeit an den richtigen Ort gekommen. Auf Initiative des NS-Oberbürgermeisters Willy Liebel waren schon am 20. September 1939 Pläne für den späteren Kunstbunker unterhalb der Nürnberger Burg in der Oberen Schmiedgasse 52 vorgelegt worden, in den ab Februar 1940 die wertvollsten Objekte des Staatsarchivs eingelagert wurden, darunter 16 Urkunden mit goldenen Bullen, Chroniken, Dürer-Briefe, der Pfinzing-Atlas von 1594, alle 4456 Ratsverlässe der Reichsstadt Nürnberg usw. Solleder stieß vor Ort auf eine bereits im Laufen befindliche Aktion, die er als verantwortlicher Leiter der staatlichen Einrichtung energisch vorangetrieben hat. „Bereits 1941, und damit früher als von den anderen Nürnberger Sammlungen und Archiven, wurde durch das Staatsarchiv ein erster auswärtiger Bergungsort bezogen.“60 Die Auslagerung nach Schloss Sandsee bei Pleinfeld war nur der Auftakt für die verhältnismäßig schnelle Räumung der Bestände des Staatsarchivs im Umfang von 16,7 Regalkilometern. Bis zum 1. Oktober 1944 konnten bei 170 Transportfahrten mit Möbelwagen oder Lastkraftwagen fast alle Archivalien an insgesamt 32 Bergungsorte in Mittelfranken, Schwaben, Oberfranken, der Oberpfalz und sogar Niederbayern verbracht werden. Als Depots dienten Schlösser, Klöster, Kirchen, Pfarrhäuser und andere Gebäude.61 „Anders als dem Stadtarchiv gelang es dem Bayerischen Staatsarchiv Nürnberg, seine Bestände bis zum Jahr 1944 fast vollständig nach auswärts zu verlagern“62, was Solleder die besondere Anerkennung des Reichskommissars für den Archivschutz, Dr. Ernst Zipfel, einbrachte. Im weitläufigen Magazin ließ er als Schutzmaßnahmen gegen den Bombenkrieg den Keller unter dem Vestibül abstützen und zum Luftschutzraum ausbauen, das Magazin durch 20 feuerhemmende Eisentüren in Brandabschnitte untergliedern und einen Fernsprechanschluss zur direkten Vorwarnung bei Luftangriffen an das Polizeipräsidium legen; überdies konnte er den Ausbau einer StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 2120 (Schreiben v. 27. Juni 1949). Seiderer, Maßnahmen zum Schutz von Kulturgütern (wie Anm. 55) S. 63. – Anton Schmid, Die bayerischen Archive im zweiten Weltkrieg. In: AZ 46 (1950) S. 41–76. 61 StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 717. 62 Seiderer, Maßnahmen zum Schutz von Kulturgütern (wie Anm. 55) S. 62. 59 60

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Kanzel für Flugabwehrkanonen auf dem Archiv verhindern. Gemeinsam mit der Ehefrau harrte der Archivdirektor während aller Angriffe im Luftschutzkeller aus. Oft unter Einsatz seines Lebens und manchmal bis zur Erschöpfung löschte er in dem weitläufigen und manchmal schon einsturzgefährdeten Gebäude Brände. Nicht ohne berechtigten Stolz hielt Solleder später fest: „Daß dank der umsichtigen Sicherung und der opferbereiten Verteidigung die 17 Regalkilometer Archivalien des Staatsarchivs heil durch die schweren Zeiten kamen, ist vornehmlich mein Verdienst“.63 Der tatkräftige Einsatz Solleders blieb jedoch für seine Karriere weitgehend bedeutungslos. An der Spitze der Staatlichen Archivverwaltung stand Dr. Josef Franz Knöpfler (1877–1963), SS-Sturmbannführer, der zunächst als Stellvertreter und seit dem 9. November 1937 mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Generaldirektors der Staatlichen Archive betraut war. Im Februar 1943 wurde ihm schließlich der Titel des Generaldirektors verliehen, bis zum 1. September 1944 seine Versetzung in den Ruhestand folgte. Im Mai dieses Jahres versuchte Knöpfler die eigene Stellvertretung zu regeln, wofür nur ein „Mann von Tatkraft, Organisationstalent und Führereigenschaft“ in Frage komme.64 Mit diesen Worten versuchte er gegenüber dem Ministerium Dr. Solleder ins Spiel zu bringen. Damit votierte er gegen den in München tätigen Dr. Ignaz Hösl (1881–1963), den man trotz seiner Parteimitgliedschaft „nicht als vollüberzeugten Nationalsozialisten“ bezeichnen könne, und gegen den Leiter des Staatsarchivs Würzburg, Dr. Hans Burkard65 (1888–1969), der „wegen seiner früheren Zugehörigkeit zur Schlaraffia“ als Kandidat ausscheide. Vielmehr habe sich Dr. Solleder in München und Nürnberg mehrfach profiliert und er habe das Staatsarchiv Nürnberg zweimal „vor größter Gefahr bewahrt“. Obwohl er in „der Systemzeit 1918/19“ Mitglied der BVP und von 1919 bis 1933 der DDP gewesen war, sei er „heute sicher völlig auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung stehend zu bezeichnen. Jedenfalls ist seine Dienstauffassung und seine persönliche Einstellung von diesem Gedanken getragen.“ Deswegen schlug Dr. Knöpfler vor, Dr. Solleder zum „Direktor der staatlichen Archive Bayerns“ zu ernennen und ihm die Leitung des Hauptstaatsarchivs in München zu übertragen.66 Bekanntlich StAN, Nachlass Solleder 204. BayHStA, GDion Archive 3152. 65 Hans Burkard, Die Frage des Luftschutzes für Archive und Akteien. In: AZ 44 (1936) S. 172–180. 66 BayHStA, GDion Archive 3152. 63 64

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folgte das Ministerium nicht der Empfehlung des Generaldirektors, sondern bestellte im September 1944 Dr. Hösl zum Direktor und kommissarischen Generaldirektor der Staatlichen Archive, was er auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Versetzung in den Ruhestand Anfang April 1949 geblieben ist. Ein ehemaliger Mitarbeiter Dr. Solleders wusste zu berichten, dass dieser Hösl als „seinen Feind“ titulierte, wobei man angesichts seines Naturells von tief empfundener Feindschaft ausgehen kann. Die Versetzung Solleders nach Nürnberg zum 1. Januar 1940 sollte sicherlich eine Zwischenstufe beim Aufstieg an die Spitze der Archivverwaltung darstellen, doch wurden diese Pläne von den Ereignissen der Zeit durchkreuzt. Nachdem der öffentliche Kläger der Spruchkammer I Stadtkreis Nürnberg (Abt. I a) mit Sitz in der Schweppermannstraße 58/III erwartungsgemäß bestätigt hatte, dass Solleder von dem Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946 „nicht betroffen“ war, verkündete das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus am 25. Juli 1946: „Die Militärregierung für Bayern in München hat laut Schreiben vom 8.6.1946 zugestimmt, daß Sie bis auf weiteres in Ihrer derzeitigen dienstlichen Stellung als Staatsarchivdirektor beim Staatsarchiv Nürnberg verbleiben.“67 Nach dem Ende des Dritten Reichs knüpfte Solleder wieder an seine politische Ausrichtung während der Weimarer Republik an und trat der Freien Demokratischen Partei bei, die von ehemaligen Mitgliedern der 1933 aufgelösten Deutschen Demokratischen Partei und der Deutschen Volkspartei im Dezember 1948 begründet wurde. Bis zur üblichen Pensionsgrenze Ende August 1951 hatte der politisch unbelastete Solleder nur noch wenige Dienstjahre zu absolvieren. Diese standen ausschließlich im Zeichen des Wiederaufbaus und der Rückführung der verlagerten Archivalien. Dank guter Beziehungen zur USMilitärregierung erwies er sich dabei „als Meister der Improvisation und Mobilmachung geeigneter Hilfsquellen“.68 Schon im Herbst 1945 war der Dachstuhl des Magazingebäudes notdürftig errichtet, der völlig ruinierte Kopfbau des Ostflügels 1946 bis zur halben Höhe wiederaufgebaut und auch am Mitteltrakt und am Westflügel waren bis 1948 weite Teile wiederBayHStA, GDion Archive 3152. Puchner, Professor Dr. Fridolin Solleder (wie Anm. 7) S. 33. – StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 718 (Bericht Solleders an das Office of Military Government for Kreis Nürnberg vom 20. März 1946 „Die Rückführung der Archivalien und die bauliche Wiederherstellung war nur dank der amerikanischen Unterstützung in diesem weitgehenden Maße möglich“), 2302.

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hergestellt. Vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren immerhin schon 78 Prozent der ausgelagerten Archivalien bzw. 13.500 laufende Regalmeter weitgehend unversehrt nach Nürnberg zurückgebracht worden. Die restlichen Bestände befanden sich immer noch in neun Depots, darunter auch auf der Willibaldsburg in Eichstätt. Immerhin kamen im Jahr 1946 schon 34 Benützer, nachdem das Staatsarchiv ein Jahr nicht zugänglich gewesen war.69 Ende des Jahres 1948 umfasste das Fachpersonal des Staatsarchivs Nürnberg fünf Angehörige mit Dr. Solleder im Range eines Staatsarchivdirektors als Amtsleiter. Ihm zur Seite standen seit 1. September 1947 der Archivassessor Dr. Otto Puchner (1913–1981) und der als Archivreferendar in Ausbildung befindliche Dr. Günther Schuhmann (1920–2017). In Rußland befand sich noch in Kriegsgefangenschaft Staatsarchivrat Dr. Fritz Schnelbögl (1905–1977), während sein Kollege Dr. Friedrich Steck (1908–1945) und der Regierungssekretär Theodor Fischer (1912–1945) als „im Osten vermißt“ galten. Seit dem 14. Oktober 1947 waren der aus Berlin gebürtige wissenschaftliche Angestellte Dr. Wolfgang A. Mommsen (1907–1986), der 1952 an das Bundesarchiv wechselte, sowie der Beamtenanwärter für den gehobenen Dienst, Ludwig Veit (1920–1999), in der Archivstraße 17 tätig. Im persönlichen Umgang konnte Solleder wegen seines Jähzorns und seines Beharrens auf dem eigenen Standpunkt manchmal sehr schwierig sein, doch ist immer wieder auch von großer Milde die Rede gewesen. Laut Erlass des Generaldirektors vom 4. Juni 1948 hatte Solleder alle drei Monate über die politische Gesinnung von wieder- oder neueingestellten Personen zu berichten, was stets mit identischem Wortlaut erfolgte: „Ich melde weisungsgemäß, daß alle am Staatsarchiv Nürnberg beschäftigten Personen die positiven politischen, liberalen und moralischen Eigenschaften, die zur Entwicklung der Demokratie in Deutschland beitragen, besitzen“. Erst ab März 1951 waren entsprechende Meldungen nicht mehr erforderlich.70 Unter der Ägide Solleders und auf Betreiben von Dr. Wolfgang A. Mommsen konnten nach dem Ende der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse durch Vermittlung des Völkerrechtlers Prof. Dr. Herbert Kraus (1884–1965) im Sommer 1948 erste Verhandlungsakten an das Staatsarchiv Nürnberg gebracht werden.

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StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 2120. StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 718.

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Dr. Fridolin Solleder (1886–1972) im Alter von 80 Jahren (Foto: Staatsarchiv Nürnberg).

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Seitdem bildet diese später erheblich angereicherte Überlieferung ein Alleinstellungsmerkmal dieses Hauses.71 Zum 1. September 1951 näherte sich Dr. Solleder der regulären Altersgrenze und hätte danach in den Ruhestand treten sollen. Doch gegen Ende seiner Laufbahn wurde ihm doch noch ein wenig Gerechtigkeit zuteil, nachdem er die Versetzung von München nach Nürnberg zum 1. April 1940 „als schweres Opfer und Diktat des 3. Reichs“ empfunden hat und ihm während des Dritten Reichs wegen fehlender Zugehörigkeit zur NSDAP und Bevorzugung von Dr. Hösl eine Beförderung aus politischen Umständen verwehrt geblieben ist. Dies wurde am 1. Juni 1950 vom Bayerischen Staatsminister für Unterricht und Kultus, Dr. Alois Hundhammer, durch die Ernennung zum Direktor der Staatlichen Archive „unter Belassung auf seiner bisherigen Stelle als Vorstand des StA Nürnberg“72 (Besoldungsgruppe A 1 a) nachgeholt, weil man ihn dort als „unersetzlich“ angesehen hat. Schließlich gewährte das Ministerium Dr. Solleder noch eine Verlängerung seiner Dienstzeit um 14 Monate bis zum 31. Dezember 1952, weil das 100jährige Jubiläum des Germanischen Nationalmuseums und die 100-Jahr-Feier des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine bevorstanden. Aus diesem Anlass fand vom 6. bis 10. August 1952 der 31. Deutsche Archivtag in Nürnberg statt. Dabei hielt Dr. Solleder im Auditorium Maximum der Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften den Eröffnungsvortrag über „Wert, Begriff und Aufgaben der Archive“, was gleichzeitig auch seinen Abschied aus dem Kreis der aktiven Archivare bedeutete.73 S o l l e d e r i m Ru h e s t a n d Nach dem Ende seiner letzten zwölf Dienstjahre kehrte der gebürtige Niederbayer nicht mehr nach Altbayern zurück, sondern ist in Nürnberg geblieben. Nur wenige hundert Meter vom Staatsarchiv entfernt nahm sich der Witwer (die Ehefrau war 1951 verstorben) eine Wohnung. Schon seit 1948 hatte er einen Lehrauftrag für Archivkunde und historische Hilfswissenschaften an der Universität Erlangen. 1953 wurde er zum 71 Wolfgang A. Mommsen, Die Akten der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und die Möglichkeit ihrer historischen Auswertung. In: Der Archivar 3 (1950) Sp. 14–25. 72 Personalnachrichten. In: Der Archivar 3 (1950) Sp. 205. 73 StAN, Staatsarchiv Nürnberg, Registratur 2089. – Der Archivar 5 (1952) Sp. 97–116 („Die Versammlung schließt mit dem Dank des Vorsitzenden an Dr. Solleder für die Vorbereitungen des Nürnberger Archivtages, der unvergessen bleibe“).

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Honorarprofessor ernannt und hielt noch zehn Jahre lang Vorlesungen und Übungen. Genealogische Interessen wieder aufgreifend, stellte er sich 1947 als Geschäftsführer der bereits 1921 gegründeten Gesellschaft für Familienforschung in Franken zur Verfügung. Sein Vorgänger in diesem Amt, der 1945 pensionierte bzw. vom Dienst suspendierte Archivoberinspektor Georg Kolbmann (1879–1960), hatte die Geschäftsstelle von seiner Wohnung aus in der Schweppermannstraße betrieben, welche Solleder in das Staatsarchiv Nürnberg verlegte.74 In dieser Funktion und von 1953 bis 1956 außerdem 1. Vorsitzender begründete er die „Freie Schriftenfolge“, in der unter seiner Ägide noch acht wichtige Veröffentlichungen erschienen sind. Die wissenschaftliche, archivarische und organisatorische Leistung Solleders an allen Wirkungsorten ist unbestritten. Sein großes Verdienst liegt in der rechtzeitigen Bergung und kompletten Auslagerung der wertvollen Bestände des Staatsarchivs Nürnberg. Dass er während des Dritten Reichs nicht der NSDAP beigetreten ist, sondern an bürgerlich-liberalen Werten festgehalten hat, spricht für seine Geradlinigkeit. Unter ausdrücklichem Bezug auf die Rettung des Staatsarchivs Nürnberg und seiner Bestände ist ihm am 28. August 1961, seinem 75. Geburtstag, das Bundesverdienstkreuz I. Klasse verliehen worden. Vonseiten der Stadt folgte 1962 die Ehrung mit der Bürgermedaille der Stadt Nürnberg, und die Stadt Straubing zeichnete ihn 1963 mit der Goldenen Bürgermedaille aus. In jenem Jahrzehnt arbeitete Solleder an seinem Alterswerk über den kurbayerischen Kanzler Wiguläus X. A. von Kreittmayr (1705–1790), doch ist die geplante, mehrbändige Dokumentation nicht mehr erschienen.75 Am Karfreitag, dem 31. März 1972, ist Fridolin Solleder in Nürnberg im 85. Lebensjahr verstorben. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof von St. Michael in Straubing.76

Werner Wilhelm Schnabel, Dienst und Ehrenamt. Der Nürnberger Archivinspektor Georg Kolbmann (1879–1960) und die Gesellschaft für Familienforschung in Franken. In: Archive und Archivare in Franken im Nationalsozialismus (Referate der Tagung vom 13.–14.10.2017), hrsg. v. Peter Fleischmann und Georg Seiderer (Franconia, Beihefte zum Jahrbuch für fränkische Landesforschung 10), Erlangen 2019, S. 185–236. 75 StAN, Nachlass Solleder (wie Anm. 9). 76 Frdl. Hinweise Dr. Johannes Laschinger, Amberg, und Dr. Dorit-Maria Krenn, Straubing. 74

Ubi bene, ibi patria. Michel Hofmann (1903–1968) und seine Dienstzeit am Staatsarchiv Bamberg im Nationalsozialismus Von Stefan Nöth Michel Hofmann war eine tragische Figur. 1903 in Waischenfeld, Fränkische Schweiz, geboren, aus bäuerlichen Verhältnissen stammend, studierte er zunächst an der Philosophisch-theologischen Hochschule in Bamberg, wechselte dann in das Fach Jura an den Universitäten Würzburg und München.1 Als Referendar absolvierte er 1928 die Archivschule als Bester seines Jahrgangs und promovierte 1932 zum Doktor beiderlei Rechts in Würzburg mit „summa cum laude“. Nach kurzer Zeit als Archiv­assessor beim Bayerischen Hauptstaatsarchiv wurde er zum 1. April 1933 an das Staatsarchiv Bamberg als Staatsarchivrat versetzt und nach der Pensionierung des bisherigen Amtsvorstandes Paul Glück am 1. September 1938 mit der stellvertretenden Leitung des Staatsarchivs betraut. In einem Schreiben des Hofmann damals noch durchaus gewogenen kommissarischen Generaldirektors Dr. Josef Franz Knöpfler an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 23. April 1939 heißt es: „Hofmann war dort seit einigen Jahren die eigentliche Seele des Amtes, da sein damaliger Vorstand Glück, eine von Haus aus zögernde und unschlüssige Persönlichkeit, ein allmähliches Nachlassen der Kräfte zeigte und in der neuen Zeit nicht mehr ganz mitzukommen vermochte.“ Ferner: „… hat sich Hofmann sehr gut bewährt und gezeigt, daß er eine ausgesprochene Führernatur ist, die andere schon ältere Amtsvorstände in den Schatten zu stellen imstande ist. Jedenfalls weht beim Staatsarchiv Bamberg … ein ganz anderer Geist, der von richtiger Erfassung der volksverbundenen Aufgaben eines staatlichen Archivs in neuerer Zeit spricht.“ „Vom parteipolitischen Standpunkt aus gesehen ist Hofmann ein Mann, der sich   Informationen zu Hofmanns Lebensdaten aus: Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 2910. – Staatsarchiv Bamberg (StABa), Spruchkammer (Sprk) Ebermannstadt H 245. – StABa, K 515 Nr. 373 (Personalakt Hofmann). – Siegfried Wenisch, Dr. Michel Hofmann (1903–1968). Archivar, Journalist, Politiker, musischer Mensch. In: Berichte des Historischen Vereins Bamberg 141 (2005) S. 191–195. 1

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Dr. Michel Hofmann (13.8.1903–7.11.1968) (Foto: Staatsarchiv Bamberg).

persönlich einem großen Wandel unterworfen hat. Es darf kein Hehl daraus gemacht werden, daß er vor der Machtergreifung z.T. im Wasser der BVP [Bayerische Volkspartei] segelte und eine persönliche Einstellung in gläubiger Hinsicht zur katholischen Kirche an den Tag legte. Bald nach seiner Versetzung nach Bamberg ist Hofmann aber ein sehr eifriger SAMann, später sogar Schulungsleiter der SA geworden mit ausgesprochen strenger nationalsozialistischer Einstellung. Man wird sich fragen müssen, ob das gewonnene innere Überzeugung oder eine Anpassungsfähigkeit ist, die der Verstand, – und der ist bei einem Dr. Hofmann sehr stark entwickelt –, diktiert hat. Seine engen Beziehungen zu den Parteistellen in Bamberg, … Volksbildungswerk, … und zum Herrn Oberbürgermeister der Stadt [Kreisleiter Zahneisen], sprechen jedenfalls für eine äußerlich völlig

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einwandfreie politische Einstellung Hofmanns. In dieser Hinsicht bedient sich besonders der Herr Oberbürgermeister von Bamberg seines Rates. Nunmehr halte ich Hofmann als einen aus Überzeugung zum Nationalsozialisten gewordenen Beamten. Seine Dienstauffassung ist betont vom nationalsozialistischen Standpunkt aus gehalten. Seine Kameradschaftlichkeit mag unter dem starken Ausdruck seiner Persönlichkeit manchmal falsch verstanden werden. Bei seinen Untergebenen gilt er aber als ein sehr beliebter Vorgesetzter, der im Amte den Begriff Volksgemeinschaft in praktische Form zu kleiden vermag. Hofmann ist … in hartem Kampfe mit sich selbst und dem Schicksal durch seine persönlich hervorragende Begabung zu dem geworden, was er heute ist.“ 2 Am 1. April 1941 wurde nun Wilhelm Biebinger, als Weltkriegsteilnehmer, aufgrund höheren Alters und als dienstältester Archivar, Hofmann als Amtsvorstand vorgezogen, was diesen erheblich kränkte. Erste Spannungen mit Biebinger, den er später nur noch mit „B.“ oder nach seinem Spruchkammerverfahren mit „Herrn Belastungszeugen“ titulierte, finden sich in seinen Äußerungen in einem Schreiben an den kommissarischen Generaldirektor Knöpfler: „… Zugleich bitte ich, Herrn Staatsarchivrat Biebinger zu veranlassen, dass er dem Staatsarchiv Bamberg … seine allenfalls von ihm für nötig befundenen Anweisungen erteilt. Denn ich möchte nicht im geringsten etwas tun, was dem H(errn) Amtsvorstand zuwider wäre.“3 Den Versuch einer Verwendung in der Reichsarchivverwaltung aufgrund seiner angeblichen Zurücksetzung in Bamberg, eine spontane Trotzidee Hofmanns, verfolgte er nicht weiter. Knöpfler merkte dazu an: „Herr Hofmann ist nun in seinen Hoffnungen schwer enttäuscht und hat anscheinend die Nerven verloren.“ Hofmann versuchte hartnäckig, den Personalakt Biebingers vom Staatsarchiv Nürnberg nach Bamberg wegen angeblich dienstlicher Zwecke überweisen zu lassen. In Wirklichkeit wollte Hofmann, versteckt in anderen Fragen, etwa nach einer Promotion Biebingers oder nach seinem Gehalt, nur wissen, in welchen Parteigliederungen und Vereinen Biebinger organisiert war.4 „Über die Partei- usw. Mitgliedschaft wird durch KreisleiHier und im Folgenden: BayHStA, GDion Archive 2910 (ohne Foliierung). – Zu Knöpfler jüngst: Hermann Rumschöttel, Ivo Striedinger (1868–1943) und Josef Franz Knöpfler (1877–1963). Archivarische Berufswege zwischen Königreich und NS-Staat. In: Archivalische Zeitschrift 94 ( 2015) S. 29–50. 3 StABa, K 515 - 1922. 4 StABa, K 515 - 378 (Personalakt Biebinger): Schreiben vom 5.5.1941. Biebinger war Mitglied im Reichsbund der deutschen Beamten (RDB) seit 10.5.1933, in der NS-Volkswohl2

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tung (Amt für Beamte) und andere Stellen öfters angefragt; eben erst bei der Erstaufführung des Ohm-Krüger-Films wurden die als Ehrengäste geladenen Amtsvorstände und Stellvertreter befragt, ob die dem höheren Dienst angehörenden Gefolgschaftsmitglieder bereits Mitglieder des Reichskolonialbundes seien. Es ist bei solchen Gelegenheiten dann für den Vertreter der Archivverwaltung sehr mißlich, angeben zu müssen, er wisse es nicht, ob der Amtsvorstand bereits der Organisation angehöre; noch unbequemer ist es allerdings, sagen zu müssen, daß er ihr nicht angehört“, empörte er sich am 8. Mai 1941. Knöpfler verweigerte die Übersendung des Aktes, solange Biebinger nicht tatsächlich in Bamberg wäre. Er solle sich an Biebinger direkt wenden, wenn er Personaldaten dienstlich benötigte.5 Dr. Solleder, der Amtsvorstand des Staatsarchivs Nürnberg, bemerkte in einem Schreiben an Knöpfler erbittert: „In keinem Falle halte ich mich befugt, hinter dem Rücken des bisherigen Amtskollegen am Staatsarchiv Nürnberg und nunmehrigen Vorstands von Bamberg seinem Stellvertreter Auskünfte über seine Person zu geben. Dies um so weniger, wenn die Mitteilung des Kollegen Biebinger auf Wahrheit beruht, daß sich der ihm unterstellte Staatsarchivrat erkühnte, zweimal den beim Herrn Generaldirektor geführten Personalakt seines Vorstandes anzufordern.“6 Biebinger konnte jedoch die Stelle in Bamberg wegen seiner Einberufung zum Militär seit 28. Mai 1940 nicht antreten. Hofmann blieb bis 1945 Stellvertreter, was er auch demonstrativ stets mit dem Zusatz „i. V.“ oder „stellvertretender Amtsvorstand“ bei Unterschriften bzw. mit spitzen Bemerkungen wie: „die Amtsvorstände – zu denen ich ja trotz der fünf letzten schweren Jahre nicht gehöre – [1943]“ kundtat.7 In einem Bericht an Knöpfler vom 16. August 1941 legte Hofmann seine Stellung am Staatsarchiv Bamberg ausführlich dar. „Der Kreisleiter und Oberbürgermeister von Bamberg, der zuständige Gauinspekteur, erst recht die Gauleitung Bayerische Ostmark selbst (bes. Gauleiter Wächtler, Personalamtsleiter Horlbeck, Gauamtsleiter Weber, der Leiter der Forschungsgemeinschaft und Beauftragte für Forschung und Wissenschaft) wünschen es dringendst, daß ich in Bamberg bleibe. Die Leitung der DAF, der Landesbauernschaft, der HJ und des BDM haben mich wiederholt darauf fahrt seit 6.9.1934 und dem Reichsluftschutzbund (RLB) seit 1.4.1934, vgl. ebd., Schreiben vom 27.5.1941. 5 Ebd., Schreiben vom 23.5.1941 und 6.6.1941. 6 Ebd., Schreiben vom 28.5.1941. 7 StABa, K 515 - 370 (Personalakt Glück).

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angehalten, nicht aus dem Heimatgau fortzugehen.“ Selbstbewusst fügte er hinzu: „Das Staatsministerium hält mich für den ‚einzig geeigneten Mann‘ für Bamberg. Daß ich der beste Kenner und sozusagen die ‚Seele‘ des Staatsarchivs Bamberg nun einmal bin, … steht bei allen … außer Frage … Mein Vorsprung ist auch in Jahren nicht einzuholen. Ein mir vorgesetzter Amtsvorstand wäre entweder von mir sachlich abhängig oder in notwendigen beständigen Reibungen mit mir, beides zum Schaden der Arbeit des Amtes. Gauleitung und Kreisleitung haben nie etwas anderes als meine Ernennung zum Amtsvorstand in Bamberg erwartet und gewünscht. Ich bemerke, daß ich ausdrücklich gebeten habe, Herrn Biebinger zu schonen; der Gauleiter ließ mir aber bedeuten, daß es sich für die Gauleitung … um eine Prestigefrage für Gau und Kreis handle … Vor kurzen Wochen hat der Sachbearbeiter im Reichsinnenministerium, bei dem die Personalsachen der bayerischen Archive zur Wahrung der allgemeinen beamtenpolitischen Richtlinien durchlaufen, hier persönlich mit mir über den ganzen Fall gesprochen und sich dabei eindeutig im Sinn der Partei geäußert … Soweit ich die Verhältnisse beurteilen kann, wäre Herr Biebinger in Bamberg sehr fehl am Platze. Herr Biebinger wird bei allen in Frage kommenden Parteistellen, v.a. bei der Gau- und Kreisleitung, auf größten und dauernden Widerstand stoßen, da ihn die Partei als gegen ihren Willen in seine Stellung und in den Gau ‚eingeschmuggelt‘, betrachtet. Das Amt für Beamte hat bereits erklärt, daß es für den Fall eines tatsächlichen Antritts der Vorstandsstelle durch ihn auch fernerhin nur mich zu den monatlichen vertraulichen Besprechungen der Behördenleiter zuziehen wolle.“8 In einem Schreiben an den eingezogenen Stadtarchivleiter Hans Pfau machte er sich über Biebinger lustig: „Unser Amtsvorstand Biebinger leitet immer noch als Leutnant d. Res. die Heeresbücherei beim stv. Generalkommando in Nürnberg.“9 Hofmann drohte damit, aus dem staatlichen Archivdienst auszuscheiden, da ihm die Stadt Bamberg vieles angeboten habe: den Titel Rechtsrat – Oberregierungsrat – Direktor, den Posten als Chef des städtischen Kulturamts, dem das Stadtarchiv, die Stadtbibliothek, die Museen, die Heimat-, Denkmal-, Wissenschafts- und Kulturpflege und das Stadttheater unterstehen sollten. Er jedoch habe

Die Unterstreichungen im Original wurden von späterer Hand, vermutlich von dem Ermittler der Spruchkammer, mit roter und grüner Farbe angebracht; hier zur Hervorhebung kursiv. 9 Stadtarchiv Bamberg, BS 483 (Personalakt Hofmann), Schreiben vom 28.5.1942. 8

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sich für „sein Staatsarchiv“ entschieden, da er das persönliche Vertrauen des Gauleiters und des Kreisleiters genießt. Mit diesem selbstbewussten, opportunistischen „Bericht“, der mit den Namen der in Oberfranken bekanntesten Nationalsozialisten operiert und der die Drohung der Abwanderung in eine andere Verwaltung enthält, hatte Hofmann bei Knöpfler alle Unterstützung verspielt. Knöpfler berichtete dies dem Ministerium, das ihn beauftragte, bei den Archivschulkollegen Hofmanns ein „Gutachten über die politische Gesinnung“ einzuholen. Der befragte Dr. Ferdinand Weiß antwortete: „Von nationalsozialistischer Gesinnung habe ich bei Dr. Hofmann bis zur Machtergreifung nicht das mindeste bemerkt.“ Dr. Morg, beim Bayerischen Hauptstaatsarchiv NSVertrauensmann, von Hofmann als „Hausnazi“ betitelt, äußerte sich, dass er bis 1. Juli 1933 an Hofmann eine „tief-schwarze“ Gesinnung bemerkt hätte, deren Wurzeln er im tridentinischen Katholizismus vermutete. Die Wandlung Hofmanns in Bamberg konnte er nur damit erklären, dass Hofmann „aus Konjunktur die Flagge gewechselt habe. Letzteres würde seinem Charakter eher entsprechen, der wirklich unschön zu nennen ist. Äußerlich kann Hofmann sich sehr bieder, liebenswürdig und verbindlich geben. In seinem tiefsten Inneren ist er jedoch intrigant und opfert alles seinem Ehrgeiz. H. zieht nämlich jeden Archivbeamten in zynischer Weise durch den Schmutz, er macht jeden Archivbeamten bei jedem schlecht“, was sich sogar auf das sexuelle Gebiet erstrecken würde. Auch wenn Morg von Hofmann während der Archivschulzeit wegen seiner NSIdeen verspottet worden ist und daraus Vorbehalte geblieben sein sollten, kann die Einschätzung Morgs trotz seines Nazitums nicht übergangen werden. Auf die Unterschiede zur früheren Einstellung Hofmanns von Morg angesprochen, antwortete Hofmann: „Ja, wir leben doch heute im nationalsozialistischen Staat.“ Knöpfler führte außerdem das Verhalten Hofmanns gegenüber dem verstorbenen Generaldirektor und Förderer Hofmanns Otto Riedner an, von dem Hofmann ganz offen abrückte „und ihn, der Charakter genug besaß, aus seiner bisherigen politischen Gesinnung keinen Hehl zu machen, direkt verleugnete. … Auch war es bezeichnend, daß Hofmann der einzige Archivbeamte war, welcher den Angehörigen Riedners nach dessen Tode sein Beileid nicht aussprach.“ Knöpfler schloss: „Getreu dem Grundsatz: Ubi bene, ibi patria. Solche Leute sind keine Charaktere.“ Es gehörte zu den charakterlichen Eigenarten Hofmanns, bei ihm nicht genehmen Entscheidungen Vorgesetzter oder nicht unmittelbar erfolgter Erfüllung von Wünschen Verschwörungstheorien auszumachen, die z.T.

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einem neurotischen Verfolgungswahn gleichkamen. Ein Beispiel dafür: Hofmann erhielt keinen Lehrauftrag der Universität Erlangen, trotz von dieser Seite erweckter Hoffnungen. Am 22. November 1943 schrieb er an Knöpfler: „Daß ich bei meinen Vorgesetzten nur ein unterdurchschnittliches Wohlwollen genieße, könnte ich in den letzten Jahren nicht nur aus mancher auffallenden Schärfe in GD-Erlassen schließen. Ich habe nur ein Interesse daran, zu erfahren, welche Tatsachen gegen mich sprechen.“ Er führt dann „Hemmungen“ gegen die Erteilung des Lehrauftrags an. „Von seiten der Universität gehen diese Hemmungen bestimmt nicht aus…Von Seiten der NSDAP können diese Hemmungen auch nicht kommen, weil ich weiß, daß die für meine politische Begutachtung zuständige Gauleitung Bayreuth … für mich eintritt. Die Hemmungen können also nur von vorgesetzter Stelle kommen.“ Knöpfler reagierte am 2. Dezember 1943 scharf: „Ihr an den Generaldirektor gerichtetes Schreiben ist ein neuer Beweis für die Unbesonnenheiten, mit denen Sie sich seit einigen Jahren Ihre Lage gegenüber Ihren Vorgesetzten erschweren … Wenn ein Beamter mit damals 34 Lebens- und 6 Dienstjahren seinem ersten dienstlichen Vorgesetzten beim Amtsantritt [1937], wenn auch in einem Privatbriefe, schreibt, er werde kein angenehmer Untergebener sein, so war schon mit dieser einzigen Äußerung mir klar geworden, daß an einen reibungslosen Verkehr mit Ihnen nicht zu denken war und die Folgezeit hat dann auch dieser Befürchtung recht gegeben.“ Hofmann ruderte zurück, entschuldigte sich, kommt jedoch in seinem Schreiben mehrfach darauf zurück, dass er „enttäuscht und verbittert“ sei, weil er die Amtsvorstandsstelle in Bamberg nicht erhalten hätte. Jetzt müsste er um einen Gartenanteil kämpfen und „gnadenweise Falläpfel auflesen.“ „Ich hatte jedenfalls in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen, man wolle mich vom bayerischen staatlichen Archivdienst wegekeln und mir die bescheidenen Entfaltungsmöglichkeiten bewußt beschneiden.“ Eine ausgemachte Unwahrheit, die seine heimatgeschichtlichen Aktivitäten und seine selbstbewusste Aussage vom Staatsarchiv Bamberg als „meinem Archiv“ ad absurdum führen. Hofmann kommt nochmals darauf zu sprechen: „Würde mich diese Liebe [zum Archivdienst] nicht hier festhalten, ich hätte längst die bayerische Archivverwaltung von einem unbeliebten und problematischen Mitglied und den Herrn Generaldirektor von einem unbequemen Untergebenen befreit.“ Er zählt erneut die Angebote der Stadt auf, um zu schließen: „Ich war bisher der Narr groß genug, auch unter bewußt demütigenden und kränkenden Umständen in meiner Stellung zu bleiben und am Staatsarchiv Bamberg zu hängen, … aber ich verstehe nicht, warum

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man nicht wenigstens mit heiterem Lächeln die Donquixoterie meiner beruflichen Selbstaufopferung anerkennt und zugleich die Tatsache, daß ich weder ehrgeizig [sic!] noch geldgierig bin.“10 Da er ohne Antwort bleibt, schiebt er am 7. Juli 1944 nach: „Daß an vorgesetzter Stelle gegen meine Person ernstliche Widerstände bestehen, habe ich seit Jahren zu fühlen. Zunächst hatte ich angenommen, daß nur der letzte Herr Generaldirektor [Knöpfler] im Grunde gegen mich eingestellt sei. Er hat eine grundsätzliche Gegeneinstellung mir gegenüber bis zuletzt bestritten. Ich habe den Sitz der Gegenstimmung also im Staatsministerium zu suchen.“ Zum Ende des Zweiten Weltkriegs trat Wilhelm Biebinger seinen Dienst als Archivdirektor in Bamberg an. Hofmann dazu: „Mit der Entlassung des Herrn StOA. Biebinger aus dem Heeresdienst betrachte ich den mir im Jahr 1938 erteilten Auftrag (stellv. Führung der sämtlichen Vorstandsgeschäfte unter der Zeichnung „In Vertretung“, einschließlich der Wahrnehmung der Geschäfte des Beauftragten für den Archivschutz im Krieg) als erloschen und bin wieder in die Gefolgschaft [sic!] des Staatsarchivs zurückgetreten.“ Bereits am 30. Juli 1945 legte Hofmann einen Rechenschaftsbericht über seine Amtszeit an den Direktor der staatlichen Archive vor, möglicherweise im Vorgriff auf seine von der Spruchkammer zu untersuchende Belastung während der NS-Zeit.11 Darin schilderte er seine Archivarbeiten, Personalführung, Planungen in baulicher, technischer und wissenschaftlicher Hinsicht, ohne jedoch „… etwas ins Werk zu setzen, was den ‚rechtmäßigen‘ Amtsleiter in seinen Plänen und Absichten hätte binden oder festlegen können.“ Hofmann bekannte sich auch dazu, „nie als ein autoritärer oder militärischer Vorgesetzter zu erscheinen, sondern … ein wirklich kameradschaftlicher Förderer und verständnisvoll teilnehmender Freund zu sein … Wie grundlegend sich infolgedessen der ganze Ton im Amt geändert hat (man mag diese Wandlung nun als ‚nationalsozialistisch‘ oder als ‚demokratisch‘ bezeichnen), wird keiner verkennen, der noch die frühere Aera miterlebt hat.“ Hauptziel Hofmanns war seinen Ausführungen zufolge die Förderung der Volksbildungsarbeit und der Wissenschaft bei allen Behörden, Organisationen und Stellen „und in weitesten Volkskreisen“ durch das Staatsarchiv. Durch seine Veranstaltungen, Kurse, Lehrgänge, Führungen, Vorträge „vor den Volksbildungsorganisa10 Zum Begriff Donquixoterie vgl. Michel Hofmann, Die „Carmina Burana“ im Werden. In: Frohmut Dangel-Hofmann (Hrsg.), Carl Orff – Michel Hofmann, Briefe zur Entstehung der Carmina Burana, Tutzing 1990, S. 196. 11 StABa, K 515 - 370 (Personalakt Glück), auch im Folgenden.

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tionen“, historischen Vereinen, vor der Lehrerschaft im Amtsbezirk, bei den Universitäten Erlangen, Würzburg und Frankfurt am Main, glaubte er dahingehend wirken zu können. Die dadurch erzielte Popularität hätte ihm jedoch geschadet, da er den Staatsdienst nicht quittiert hatte. Denn es war so, so sein Fazit, – eine wichtige Aussage Hofmanns bereits ganz früh im Juli 1945, die bei seinem Versuch der Wiedereinstellung als Beamter 1955 und der Ablehnung der Beamteneigenschaft durch das Staatsministerium für Unterricht und Kultus eine wichtige Rolle spielen sollte –, dass er „jedenfalls nicht mit dem Grundsatz der vorgesetzten Stellen gerechnet (habe), die einzelnen Persönlichkeiten gerade dort nicht zur vollen Auswirkung ihrer Kenntnisse und Kräfte kommen zu lassen, wo dies für das Amt am fruchtbarsten sein könnte. Mein Fehler war es eben, dem Staatsarchiv Bamberg treu zu bleiben.“ Dank wollte er für seine bisherigen Tätigkeiten nicht [es hat aber auch niemanden gedrängt, ihm Dank auszusprechen. S.N.]. Biebinger konstatierte zu diesem Bericht: „Entsprechend dem ausdrücklichen Wunsche von Dr. Hofmann vorgelegt, ohne seine Ausführungen dadurch in allen Punkten als berechtigt und notwendig anzuerkennen.“ Michel Hofmann wurde auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung wegen Parteizugehörigkeit am 17. Oktober 1945 des Dienstes enthoben, ein Spruchkammerverfahren eingeleitet, das in der Klageerhebung am 10. Dezember 1946 gipfelte.12 Der Spruch erfolgte am 28. Januar 1947. Zunächst wurden 1945 im Fragebogen die Mitgliedschaften in NS-Organisationen bzw. deren Gliederungen erhoben, in denen Hofmann organisiert gewesen war, und dessen Tätigkeiten aufgelistet: – NSDAP: 1.5.1937 bis 1945 (Nr. 5 826 235) – SA: 11/1933–1935 – Reichsbund der deutschen Beamten: 1933–1945 – NSV: 1935–1945 – DRK: 1933–1945 – Reichsluftschutzbund (RLS): 1933–1945 – Reichskolonialbund: 1938–1945 – Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA): 1933–1945 Im Gegensatz dazu Siegfried Wenisch (wie Anm. 1): „Seine archivarische Tätigkeit wurde nicht … aufgrund der Entnazifizierung nur kurz unterbrochen, sondern bis zum 30. September 1956, … aber nicht, weil er politisch in besonderem Maße belastet gewesen wäre, sondern weil er … einen passenden Beruf gefunden hatte.“ Weitere Angaben zu Hofmanns Rolle im Dritten Reich macht Wenisch nicht.

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– Studentenverbindung KV-Thuringia Würzburg 1923–1945 – 1937–1945 wissenschaftliche Leitung des Stadtarchivs Bamberg – 1935–1945 Fachmitarbeiter der Landesbauernschaften Bayern und Bayreuth – ab 1.12.1939 Kulturbeirat der Kreisleitung der NSDAP (Oberbürgermeister Zahneisen) im Benehmen der Gauleitung Bayerische Ostmark – ab 1.12.1939 Kulturbeirat der Kreiswaltung der DAF – ab 1.9.1942 Beirat und Kursleiter im NS-Kulturkreis (NS-Volksbildungsstätte) – ab 1.9.1942 Politischer Leiter und Vertrauensmann des Amtes für Beamte – ab 1.9.1942 Kreissippenwart des Reichsbundes Deutsche Familie (Kampfbund für den Kinderreichtum der Erbtüchtigen) – Beauftragter des Kreisleiters für die ETA Hoffmann-Gesellschaft – ab 8.4.1943 Leitung des NS-Volksbildungswerkes innerhalb der Gemeinschaft Kraft durch Freude – ab 23.12.1943 Schriftwaltung der im Gauverlag erscheinenden „Heimatbriefe für den Kreis Bamberg“ – Leiter der Arbeitsgemeinschaft Heimatkunde im BDM-Werk „Glaube und Schönheit“ – Redner der HJ im gesamten Banngebiet Bamberg-Forchheim – Veröffentlichungen und Vorträge innerhalb der NS-Organisationen bis Ende 1944. Insgesamt vergab der Spruchkammerermittler vierzehnmal die Bewertung für die Einstufung in Gruppe II – Belastete.13 Biebinger am 13. September 1946 dazu: „Es ist mir ferner bekannt, dass diese Funktionen von Herrn Dr. H. keineswegs alle nur auf dem Papier gestanden sind.“ Und: „… daß Herr Dr. H. seiner gesinnungsmäßigen Ablehnung des Nazismus, auf die er sich beruft, vorwiegend im Kreis seiner Vertrauten und Bekannten, deren er sicher war, Ausdruck verliehen hat, in der Öffentlichkeit aber für die Partei aktiv tätig gewesen ist.“14 An höhergestellten Persönlichkeiten, die Persilscheine ausgestellt haben, fehlte es Hofmann erneut nicht: Landrat Dr. Thomas Dehler; Dr. Eduard Margerie, Begründer des Colloquium Historicum Wirsbergense; Erzbischof Joseph Otto Kolb („…treuer Sohn der katholischen Kirche bei regelmäßigem Kirchenbesuch, betontes Fernbleiben von NS-Morgenfeiern. 13 14

StABa, Sprk Ebermannstadt H 245, Prod. 93. Ebd., Prod. 3.

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Sein öffentliches Wirken stand im Dienste der geschichtlichen Wahrheit und Gerechtigkeit.“); Götz von Pölnitz („Hofmann hat die Leiterstelle des rassepolitischen Amtes der Gauleitung Bayreuth abgelehnt, dadurch systematische Zurücksetzung von jeglichen Beförderungen“); Hans Meisenbach, Bamberger Verleger; Prof. Dr. Erich von Guttenberg; Martin Förtsch, Pfarrer in Willersdorf; aber auch Heinrich Denzler, Hauswart im Staatsarchiv.15 In der Verhandlung lehnte Hofmann Biebinger als befangen ab. „Warum habe ich meine wahre Gesinnung Herrn B. nie auf die Nase gebunden? Weil ich allen Grund hatte, ihm politisch aufs äußerste zu mißtrauen … Ich habe Herrn B. gewiß nie als begeisterten Nazi betrachtet, aber als einen bezeichnenden Angehörigen jener in Beamtenkreisen und im Offizierskorps sehr stark vertretenen traurigen Gruppe von Gesinnungslosen, die sich beflissen und bedenkenlos auf den „Boden der Tatsachen“ stellen und der jeweils herrschenden politischen Richtung „korrekt und loyal“ und „getreu ihrem Fahneneide“ dienen … Das Nazi-Regime hat Herrn B. deshalb mit Recht zum Amtsvorstand befördert, so daß er jetzt sich als berufenen Zionswächter der neuen Demokratie aufspielen kann. Es wäre offenbarer Wahnsinn gewesen, einem solchen Menschen meine … antinazistische Gesinnung zu offenbaren. Nun versucht er als eingestandener Nicht-Kenner meine Gesinnung zu begutachten … Dieser Versuch ist so grotesk und erheiternd, daß ich das Urteil darüber getrost der Einsicht der Spruchkammer in die Menschlichkeiten mancher „formal-unbelasteten“ Zeitgenossen anheimstellen kann.“ Und: „Angesichts der emsigen Bemühungen des StOA B.[iebinger], den Entscheid der Spruchkammer anzufechten, drängt sich wohl oder übel die Frage auf, ob er dabei gegen mich im Namen und Auftrag der Archivverwaltung oder auf eigene Rechnung als persönlicher Hasser tätig wird … Das Spruchkammerurteil vom 28. Januar 1947 hat der öffentliche Kläger – nicht aus eigenem Antrieb! – durch Berufung angefochten.“ Hofmann wollte noch 1947 von Biebinger in einer nicht zustande gekommenen Aussprache „… von Ihnen verlässig zu erfahren, woraus Sie (und Ihre Hintermänner) das Recht ableiten, gegen mich zu arbeiten, Material zu sammeln etc. Ich stehe Ihnen weder beruflich noch gesellschaftlich im Wege; ich glaube aber den Anspruch zu haben, von Ihnen nicht weiter mit feindlichem Interesse verfolgt zu werden.“16 Erneut zeigen sich hier die pathologisch paranoiden Züge. 15 16

Ebd., Prod. 7–19. BayHStA, GDion Archive 2910.

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Hofmann sei der NSDAP nicht aus freiem und eigenem Antrieb eingetreten. „Nicht um Vorteile zu ziehen, sondern nur um unmittelbar drohende Nachteile zu vermeiden, musste ich mich zum Eintritt in die NSDAP entschließen.“17 Seine Nazi-Aktivität gab es nicht: „… ist das Gegenteil von Aktivität festzustellen, nämlich Passivität und Sabotage, unpolitische Betätigung und Gegenwirkung gegen die Interessen der NSDAP bei jeder möglichen Gelegenheit … Ich bin den Nazis nicht nachgelaufen und habe mich ihnen nicht aufgedrängt, aber sie sind mir nachgelaufen und haben mich gepresst.“18 Das letzte Wort des Angeklagten lautete: „Ich wurde wegen meiner politische Einstellung widerholt denunziert, als Beamter nicht befördert, in meiner Schriftsteller- und Vortragstätigkeit eingeschränkt und um meine beruflichen und wirtschaftlichen Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten gebracht. Ich wurde als Kulturreferent der Stadtverwaltung Bamberg abgelehnt, mit der Begründung, ich wäre ein schwarzer Hund. Ferner wurde mir der Lehrauftrag an der Universität Erlangen verweigert und ich wurde auch nicht zum Chef in Bamberg befördert“19, was doch sehr im Gegensatz zum oben dargelegten Lebenslauf steht. Die Kammer hat jedoch Hofmann Glauben geschenkt, „wonach sein Eintritt in die Partei und die Übernahme der vielfachen Ämter und Funktionen in dieser nur erfolgt sei, um seiner gegnerischen Einstellung gegen die Partei und ihre Doktrin möglichst unbehelligt Ausdruck verleihen zu können.“ Hofmann wurde am 28. Januar 1947 tatsächlich als „Entlasteter“ eingestuft. Der Spruch der Kammer Ebermannstadt war der übergeordneten Berufungskammer Ansbach offensichtlich doch zu geschönt, so dass sie am 24. Februar 1947 Berufung einlegte und die Einstufung in die Gruppe IV – Mitläufer gemäß Art. 12 des Entnazifizierungsgesetzes erreichte.20 Als Gründe führte sie an: „Entlasteter ist, wer aktiv Widerstand geleistet hat und dadurch Nachteile erlitten hat.“ Die Spruchkammer Ebermannstadt wollte nachweisen, dass Hofmann keine NS-Propaganda, sondern nur geschichtliche und heimatkundliche Vorträge gehalten hat, Juden die Archivbenutzung gestattet und jüdische Gegenstände verwahrt hat. Das sei kein aktiver Widerstand. Die jüdischen Gegenstände seien dem Archiv vielmehr zur Aufbewahrung übergeben, nicht von Hofmann gerettet worden. „Demgegenüber ist festzustellen, daß der Betr.[offene] sehr StABa, Sprk Ebermannstadt H 245, Prod. 20. Ebd., Prod. 70–79. 19 Ebd., Prod. 82–90. 20 Ebd., Prod. 118, 119. 17 18

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munter in dem großen Strom der Parteimitglieder mitgeschwommen ist, was insbesondere die Vielzahl seiner Ämter und die vielen Beziehungen, die er zu dem damaligen Kreisleiter Zahneisen unterhalten hat, beweisen. Hätte der Betr. sich wirklich so weitgehend, wie er heute behauptet, zurückgehalten und darüberhinaus noch den Anordnungen des Kreisleiters, wie überhaupt denjenigen der Partei zuwidergehandelt, so wäre dies nicht völlig verborgen geblieben und der damalige Kreisleiter der NSDAP hätte den Betr. wohl kaum mit immer neuen und noch mehr Ämtern bedacht, wie er dies tatsächlich getan hat.“21 Hofmann vermochte den Spruch der Berufungskammer nicht zu akzeptieren. Am 10. August 1948 ersuchte er das Bayerische Staatsministerium für Sonderaufgaben um Rechtsauskunft: „Ich halte meine Einreihung in Gruppe IV, also die Versagung der Gruppe V, in meinem Fall als Rechtsirrtum, als ungesetzlich.“22 Der 3. Senat jedoch ließ verlautbaren: „Der Senat würde den Spruch der Berufungskammer voraussichtlich nicht beanstanden.“ (9. Februar 1949). „Ich bitte Sie, den Betroffenen gegebenenfalls mündlich über die Aussichtslosigkeit seines Antrages aufzuklären.“ (10. Februar 1949).23 Hofmanns Bestrebungen zur Wiedereinstellung als Beamter betrieb er in der Form des kalkulierten Abwartens. Das Auslaufen der Amtszeit Biebingers am 1. August 1954 bewog ihn, der keinesfalls unter Biebinger arbeiten wollte, sich erst 1955 um Wiederverwendung zu bewerben. Der neue „passende Beruf“ als Feuilletonredakteur der Bamberger Zeitung „Fränkischer Tag“, seine Ambitionen als Lokalpolitiker und Oberbürgermeisterkandidat und so manche Nebeneinkünfte ließen Hofmann die Wartezeit mit sehr gutem Auskommen bequem überstehen.24 Das Staatsministerium für Unterricht und Kultus hielt ihn jedoch zunächst für ungeeignet, jemals wieder Beamter zu sein: „Im Zusammenhang mit Ihren weiteren Ausführungen drückt sie [Hofmanns Einstellung] aber eine unmißverständliche Ablehnung und die Erwartung einer grundlegenden Änderung des durch die Verfassung gewährleisteten demokratisch-konstitutionellen Staatswesens aus [sic!]. Diese…über die Jahre 1945 bis 1951 ge21 Ebd., Prod. 148. – BayHStA, GDion Archive 2910: Gutachten Prof. Lieberich v. 15.11.1951. 22 StABa, SprK Ebermannstadt H 245, Prod. v. 10.8.1948 (o. Nr.). 23 Ebd., Prod. v. 9.2. und 10.2.1949 (o. Nr.). 24 Wenisch (wie Anm. 1) S. 192. – Stadtarchiv Bamberg, BS 483, Zeitungsausschnitt Fränkischer Tag (FT) v. 25.3.1952: Hofmann als Spitzenkandidat der Bayernpartei für die Stadtratswahl: „1945 Besatzungsgeschädigter [sic!] und als Parteigenosse (1938 [sic!]) entlassen.“

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machten Äußerungen gehen über bloße Kundgebungen der Verbitterung oder Verärgerung weit hinaus und zeigen eine Haltung, die Ihre Person als Beamter untragbar macht.“25 Hofmann entschuldigte sich umgehend in devoter Form und widerrief, so dass er nach längeren Verhandlungen ab 1. Oktober 1956 als Archivrat am Staatsarchiv Bamberg (Direktor Dr. Wilhelm Neukam) wieder angestellt wurde. Am 16. August 1958 wurde Hofmann Amtsvorstand am Staatsarchiv Würzburg, wo er wenige Wochen nach seiner Pensionierung am 7. November 1968 verstarb. Würdigung: Michel Hofmann, der bis 1933 die Ideen des politischen Katholizismus der Bayerischen Volkspartei vertreten hatte und zu der Zeit nicht gerade zu den konservativen Kollaborateuren des Nationalsozialismus gehörte, wandte sich nach der Machtübernahme 1933 sehr schnell den neuen Ideen zu. Wenn er auch anfangs heimatkundliche und geschichtliche Vorträge über Franken hielt und aus der katholischen Kirche nicht austrat, so geriet er schon seiner Natur nach als universal dilettierender Staatsarchivrat zwangsläufig in die Fänge von Kreisleiter und Oberbürgermeister Zahneisen und in die der Gauleitung Bayreuth. Ehrgeiz, Geltungsbedürfnis, Selbstbewusstsein und unverhohlener Opportunismus ließen ihn ohne Widerstand Ämter, Positionen und Aufgaben übernehmen, die ihren Höhepunkt im Eintritt in die NSDAP 1937 nach der Aufnahmesperre vom 1. Mai 1933 fand, der besonders denjenigen ermöglicht wurde, die sich seit 1933 als bewährte Parteigenossen erwiesen hatten. Auf die Frage eines Archivschulkollegen, wie dieser Wandel zustande gekommen sei, wo man ihn doch in ganz anderer Erinnerung hätte, antwortete er: „Ja, wir leben doch heute im nationalsozialistischen Staat.“ Selbst sein Vorgesetzter, Generaldirektor Knöpfler, war sich unschlüssig, ob Hofmanns Wandel Überzeugung oder Anpassungsfähigkeit war. Er hielt ihn jedenfalls für einen Mann mit „streng nationalsozialistischer Einstellung.“ Hofmann passte sich den neuen Gegebenheiten an, schwamm mit dem großen Strom der Parteimitglieder, wie die Berufungskammer Ansbach urteilte, und versuchte, jedenfalls gegenüber Partei, Kreis- und Gauleitung einen nur positiven nationalsozialistischen Eindruck zu vermitteln. Wie anders ist es jedoch, eine Marginalie gewiss, zu erklären, dass die Töchter Hofmanns, geb. 1942 und im Januar 1945, die in Franken eher seltenen Vornamen Frohmut und Friedrun erhielten. Eine pathologische Ausprägung seines Charakters hin zur verzerrten Wahrnehmung seiner Umgebung, die sich in ängstlichem Misstrauen bis zu Verschwörungs25

BayHStA, GDion Archive 2910.

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theorien und Verfolgungswahn äußerte, macht die Person Hofmann so unsympatisch. Er konnte doch an sich in seinem beruflichen Einziehungsgebiet schalten und walten wie er wollte. Noch besser hätte er es seiner Meinung nach gekonnt, wenn er offizieller Amtsvorstand gewesen wäre. Dass er seine Chancen durch unbedachte Äußerungen selbst verbaute, war ihm, der gerne ausschweifende Stellungnahmen verfasste, die auch Dinge anlangten, die das Staatsarchiv Bamberg nichts angingen, bis zuletzt nicht bewusst. Juden gegenüber zeigt er wenig feststellbare Emotionen, die sich im Rahmen eines damals üblichen Antisemitismus hielten. Lehnte Hofmann den staatlich verordneten Judenhass innerlich ab? Nutzte er seine Stellung, um verfolgten Juden zu helfen? Erfüllte er seine Aufgaben mit gleichgültiger Routine oder in Übereinstimmung mit den Rassegesetzen? Schließlich liefen alle Ariernachweisanfragen an das Staatsarchiv über ihn, in dessen Verwaltungsakten jedoch keine antisemitischen Äußerungen gefunden werden konnten. Als der Reichsführer SS, Chef des Rasse- und SiedlungsHauptamtes, 1936 einmal eine Auskunft aus den Judenregistern benötigte, verwies Hofmann auf das Rabbinat Bamberg als Matrikelbehörde, „mit der Sie wohl ebenso ungern wie das Staatsarchiv in Schriftverkehr treten“, wobei dieser Halbsatz von Staatsarchivdirektor Glück gestrichen wurde.26 Jüdische Archivbenutzer scheinen durch ihre Anfragen nicht geschädigt worden zu sein. Ein Verbot der Benutzung der Lesesäle der Staatsarchive durch Juden wurde von der Archivverwaltung angeordnet. Eine Umfrage des Generaldirektors ergab, dass eine Benützung staatlicher Bestände durch Juden völlig zum Erliegen gekommen war. Lediglich das Staatsarchiv Bamberg verbuchte durch die Beschlagnahme der Registratur der jüdischen Kultusgemeinde durch die politische Polizei ein erhöhtes Benutzungsaufkommen durch Matrikelanfragen, bei denen die jüdischen Benutzer zunächst persönlich in der Kanzlei, nach 1940 nur noch schriftlich abgefertigt wurden.27 Der im Zuge der Pogromnacht beschlagnahmte Judenstern und das Memorbuch waren von der politischen Polizei im Staatsarchiv als Registraturgut hinterlegt und zählten nicht zu den Archivalien des Staatsarchivs. Jede Benützung bedurfte der Einwilligung durch den SD. Das Memorbuch ließ Hofmann von der Polizei für sich kopieren. Eine im Spruchkammerverfahren von Hofmann behauptete Ausleihe des Memorbuches zu gottesdienstlichen Zwecken an die Kultusgemeinde kann 26 27

StABa, K 515 Nr. 2967. StABa, K 515 Nr. 123.

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nicht nachgewiesen werden. Hofmann arbeitete auch auf dem Gebiet der Erforschung Bamberger jüdischer Familien, v. a. der Familie Marcus, hatte die Sache jedoch nach eigenem Bekunden nicht weiter verfolgt, da „Widerstände seitens der am Tourismus interessierten Kreise entgegenstehen dürften – E.T.A. Hoffmanns Angebetete ‚Julia‘ zählt als Volljüdin zu dieser Sippe.“28 Die Bezeichnungen schwarzer amerikanischer Soldaten als „Niggers“ in den Tagebuchnotizen Hofmanns als Volkssturmmann im April 1945 dürften auf die übliche abwertende Sprachregelung im Nationalsozialismus zurückgehen und keinen speziell rassistischen Hintergrund haben.29 Noch am 16. Februar 1945, nach dem Fliegerangriff auf den Hain in Bamberg vom 2. Januar 1945, der auch das Staatsarchivgebäude stark beschädigte, schrieb Hofmann in einem Brief an seinen Kollegen und Freund Dr. Josef Heider am Staatsarchiv Neuburg in seinem seltsam verschwiemelten Duktus, der übrigens auch sämtliche Schreiben an den Generaldirektor durchzieht, die eigenen Empfindungen beim Luftangriff und seine danach eingeleiteten, zugegebenermaßen erfolgreichen Wiederaufbaumaßnahmen, eigenartig überhöht betonend: „Ja, wenn nicht der größte Feldherr aller Zeiten an der Spitze stünde, der genialste Politiker, den unser Volk je gehabt hat, dann könnte man sehr traurig werden. Aber unter dieser Führung müssen und können wir siegen, wenn wir nur wollen …“30 Hofmann war „ein Meister der indirekten Methoden und des Gegen­ einanderausspielens der Kräfte“, was ihm mit seinem Intellekt und seiner Neigung zu zynischen Kommentaren nicht schwer gefallen sein dürfte.31 Bis zum Erreichen der letzten Dienststellung, Archivdirektor beim Staatsarchiv Würzburg 1958, und bis zu seinem Tod 1968 blieb er diesem fatalen Charakterzug, trotz aller musischen Anlagen, die von einem sprühenden Geist zeugen, treu.32 Michel Hofmann war eine peinliche Figur.

StABa, K 515 Nr. 2967. StABa, A 245/I, Nr. 152, S. 16, 21, 23. 30 StABa, K 515 Nr. 250, Bl. 45. 31 BayHStA, GDion Archive 2910: Gutachten Prof. Lieberich (wie Anm. 21). 32 Wenisch (wie Anm. 1). – Dangel-Hofmann (wie Anm. 10). – Franz Willnauer (Hrsg.), Carmina Burana von Carl Orff. Entstehung, Wirkung, Text (Serie Musik Piper-Schott 8220), Mainz 1995. 28 29

Fritz Gerlich (1883–1934) – der Publizist als Archivar Von Rudolf Morsey Ende April 1932, etwa zwei Wochen nach der Wiederwahl des 84jährigen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (1847–1934), bereits in der Agonie der Weimarer Republik, kam der österreichische Journalist Curt Graf Strachwitz (1890–1961) nach München. Er wollte dort – wie er drei Jahre später, aber ohne Namensnennung, schrieb1 – „Material für eine größere publizistische Arbeit“ sammeln. Er interessierte sich auch für das „Studium der nationalsozialistischen Bewegung“. Dabei fand er „an einem föhnigen, schwülen Abend“ in einer „bescheidenen Wirtschaft an der Ecke des Josefsplatzes“ die „Überreste einer abgegriffenen und zerlesenen“ älteren Ausgabe des „Geraden Weges“. Darin fiel ihm der Artikel eines P. Ingbert Naab (1885–1935) auf. Es war wohl der in der Ausgabe vom 20. März 1932: „Herr Hitler, wer hat Sie gewählt?“2 Dieser Artikel faszinierte den Journalisten derart, dass er den Herausgeber des Wochenblattes zu sprechen suchte. Das gelang Strachwitz mit einer Empfehlung von Franz Xaver Glasschröder (1864–1933).3 Der frühere Staatsarchivdirektor teilte ihm mit, dass er Gerlich „von seiner Tätigkeit im Staatsarchiv seit Jahren kenne und Vom Preußen zum Großdeutschen. Gespräche Dr. Gerlichs mit Verus, Innsbruck 1935, S. 17 f. Strachwitz wurde anschließend Mitarbeiter Gerlichs im „Geraden Weg“ und am 13. März 1933, vier Tage nach dessen Verhaftung, in der Wohnung des Redakteurs der „Münchner Neuesten Nachrichten“, Erwein Frhr. von Aretin (1887–1952), und zusammen mit ihm, verhaftet und erst Ende 1933 wieder aus der „Schutzhaft“ entlassen. Zu Strachwitz vgl. Werner Röder und Herbert A. Strauss (Bearb.), Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Bd. I, München u.a. 1980, S. 738. – Mein Manuskript ist, gegenüber der Vortragsfassung, erweitert und redigiert. Seine Grundlage ist: Rudolf Morsey, Fritz Gerlich (1883–1934). Ein früher Gegner Hitlers und des Nationalsozialismus, Paderborn u.a. 2016. Nachgewiesen sind vornehmlich wörtliche Zitate. 2 Druck: Prophetien wider das Dritte Reich. Aus den Schriften des Dr. Fritz Gerlich und des Paters Ingbert Naab O.F.M.Cap. Gesammelt von Dr. Johannes Steiner, München 1946, S. 267–277. Dazu vgl. Rudolf Morsey, Auswirkungen der Zensurpolitik in der USBesatzungszone. Wie Zeitungsartikel von Fritz Gerlich und Ingbert Naab aus den Jahren 1931–1933 in einem Nachdruck von 1946 verändert worden sind. In: Historisch-Politische Mitteilungen 17 (2010) S. 269–277. 3 Zur Vita Glasschröders, seit 1929 im Ruhestand, vgl. Wolfgang Leesch, Deutsche Archivare 1500–1945, Bd. 2, Biographisches Lexikon, München u.a. 1992, S. 188. Auch alle 1

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schätze“; er sei „der einzige Mann, der das Wesen und die letzten Ziele der Hitlerbewegung klar durchschaue“. Seinen Besuch im Hauptstaatsarchiv beschreibt Strachwitz folgendermaßen:4 „Ich klopfte, erhielt aber [zunächst] keine Antwort. […] Nach einer Weile wurde der Schlüssel umgedreht, die Türe öffnete sich eine Handbreit und eine Stimme, deren Besitzer ich im Halbdunkel des Ganges nicht wahrnehmen konnte, fragte: ‚Wen wünschen Sie?‘ Ich nannte meinen Namen, sagte, dass ich Österreicher sei und über Empfehlung des Dr. Glasschröder die Bekanntschaft des Herausgebers des ‚Geraden Weges‘ machen wolle. Sofort antwortete dieselbe, aber nun wesentlich freundlicher gewordene Stimme: ‚Sie kommen von Dr. Glasschröder? Dann treten Sie nur ein, bitte.‘ Die Türe wurde weit geöffnet und ein Herr, der sich als Dr. Gerlich vorstellte, kam mir mit ausgestreckter Hand entgegen. In der anderen Hand allerdings lag halbverdeckt eine Pistole, die freilich rasch in der Hosentasche ihres Besitzers verschwand.“ Das Gespräch fand, wie Strachwitz weiter schreibt, in einem „gemütlichen, mittelgroßen, gewölbten Raum“ statt. Dort habe es „heftig nach staubigen Akten und Schnupftabak“ gerochen und am Fenster vor der Schreibmaschine „ein ältliches Fräulein“ gesessen. Zunächst habe Gerlich seine „Sekretärin“ (Maria Karl) hinausgeschickt und sich dafür entschuldigt, dass er seinen Besucher „mit der Pistole in der Hand empfangen“ habe: „Aber Sie werden begreifen, ich bekomme ja von unseren Freunden, den Nazisozi, so viele Drohbriefe, dass ich mich doch auf einen gelegentlichen Besuch von dieser Seite gefasst machen muss. Und vorläufig habe ich noch nicht die Absicht, mich widerstandslos krumm und klein schlagen zu lassen.“ Die Pistole hatte Gerlich am 18. April 1932 gekauft, nach einem drei Tage zuvor fehlgeschlagenen Säureattentat auf ihn im Hauptstaatsarchiv. Der 1934 im KZ Dachau ermordete Fritz Gerlich ist nicht als Archivar eine Person der Geschichte geworden, sondern wegen seiner Kampfpublizistik gegen Hitler und seiner hellseherischen „Prophetien wider das

anderen Archivare, die in diesem Beitrag genannt werden, sind in diesem Lexikon erwähnt. Darauf sei generell verwiesen. 4 Strachwitz (wie Anm. 1) S. 19 f. – Nach einem Bericht des Generaldirektors der Staatlichen Archive Bayerns, Otto Riedner (1879–1937), vom 11. Juli 1933 an das Kultusministerium hatte er Gerlich den „Empfang privater Besuche im Amtszimmer […] untersagt“. Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 2866.

Fritz Gerlich (1883–1934)

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Dr. Fritz Gerlich um 1930/1931 (Foto: Privatbesitz).

Dritte Reich“. In biographischen Würdigungen Gerlichs ist vom bayerischen Staatsarchivar häufig eher beiläufig die Rede. Zwei seiner Kollegen haben an ihn erinnert, 1950 Ignaz Hösl (1881– 1963)5, der 1910, zusammen mit Gerlich, die Staatsprüfung absolviert hatIgnaz Hösl, In memoriam Dr. Fritz Gerlich. In: Archivalische Zeitschrift 46 (1950) S. VII–X.

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te, und 1960 Bernhard Zittel (1912–1983)6, beide jedoch mit erheblichen lückenhaften Informationen. Bei Hösl heißt es sogar, Gerlich sei bereits im April 1932 „ganz aus dem Archivdienste“ ausgeschieden.7 So ist es an der Zeit, den Archivar näher in den Blick zu nehmen. Das ist jedoch nicht leicht, denn Gerlich war in seinen letzten 18 Amtsjahren, nach 1918, knapp elf Jahre lang beurlaubt. Zunächst kurz zu seiner Vita. 1883 in Stettin geboren, begann Gerlich Ende 1901 ein Studium der Naturwissenschaften in München. In seinem vierten Semester8 wechselte er – aus unbekannten Gründen – zur Geschichtswissenschaft und Anthropologie. Seine 1907 abgeschlossene und gedruckte Dissertation trug den Titel: „Das Testament Heinrichs VI. Versuch einer Widerlegung“. Bernhard Zittel zitierte irrtümlich „Heinrich IV.“9 und erwähnte, wie schon Hösl10, dass die Arbeit mit „summa“ – statt mit „magna cum laude“ – bewertet worden sei. Gerlich bestand sein Rigorosum mit „Note II“. Ab 1905, während des zweiten Teiles seines Studiums, verdiente er seinen Lebensunterhalt durch Mitarbeit in der Werbung von Kathreiners Malzkaffee-Fabriken in München, auch noch während seiner anschließenden dreijährigen Praktikantenzeit für die Vorbereitung auf den höheren Archivdienst. Sie begann Gerlich unmittelbar nach seiner Promotion. In seiner Bewerbung vom 11. April 1907 vermerkte der selbstbewusste Petent, dass er beabsichtige, „dereinst in den bayerischen Staatsdienst“ einzutreten, allerdings nur in München. Denn nur mit den dortigen Bibliotheksbeständen könne er seine – nicht näher beschriebenen – Forschungen fortsetzen. Offensichtlich strebte Gerlich eine Lehrtätigkeit an. Karl Bernhard Zittel, Dr. Fritz Michael Gerlich. Ein Märtyrer für die Wahrheit. In: Der Mönch im Wappen. Aus Geschichte und Gegenwart des katholischen München, München 1960, S. 521–532. Michael war Gerlichs Taufname bei seiner Konversion von der evangelisch-lutherischen zur katholischen Kirche (1931), den er jedoch nicht führte. 7 Hösl (wie Anm. 5) S. IX. Vgl. demgegenüber Hösls Aussage vom 12. Februar 1948 in Anm. 42. 8 Zittel (wie Anm. 6) S. 524 irrtümlich: im „dritten Semester“. 9 Ebd. S. 522. 10 Hösl (wie Anm. 5) S. IX. Der Fehler bereits bei Erwein Freiherr von Aretin, Fritz Michael Gerlich. Ein Martyrer unserer Tage, München 1949, S. 18. Für die Schilderung ganzer Teile von Gerlichs Vita, insbesondere seiner Jugend- und Studienzeit, haben Hösl und Zittel – wie später andere Autoren – die Darstellung Aretins übernommen. Sie beruhte auf mündlichen Informationen Gerlichs, die bisher aus anderen Überlieferungen nicht bekannt sind. 1983 erschien eine ergänzte Neuauflage: Fritz Michael Gerlich. Prophet und Märtyrer. Sein Kraftquell. Zum 100. Geburtstag Gerlichs und zur 50jährigen Wiederkehr seiner Gefangennahme und seines Todes herausgegebene Zweitauflage mit einem zeitgeschichtlichen Kommentar von Karl Otmar Freiherr von Aretin, München-Zürich 1983. 6

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Theodor von Heigel (1842–1915), Koreferent von Gerlichs Dissertation, bestätigte dem Leiter des Geheimen Haus- und Staatsarchivs, Georg Maria Jochner (1860–1923), am 16. April l907, dass der Bewerber für den Archivdienst „vollkommen befähigt“ sei.11 Der von Gerlich am 21. Mai 1907 begonnene Vorbereitungsdienst im Allgemeinen Reichsarchiv lastete ihn nicht aus. Daneben belegte er, noch fünf Semester lang, Kollegs an der Universität, vorwiegend zur bayerischen Geschichte bei Sigmund von Riezler (1843–1927). Anfang Juni 1910 absolvierte Gerlich seine Staatsprüfung, und zwar „mit der Note II/1/28 und mit dem ersten Platz“.12 Kurz zuvor hatte der preußische Staatsbürger die bayerische Staatsangehörigkeit erworben und wurde am 4. November 1911, als Accessist, nichtetatsmäßiger Beamter. Inzwischen war Gerlich bereits seit Jahren damit beschäftigt, das Generalregister für die 55 Bände der Allgemeinen Deutschen Biographie zu erstellen, das 1912 erschien, jedoch ohne seinen Namen auf dem Titelblatt. Nach dieser enormen Arbeitsleistung veröffentlichte der arbeitswütige Autor bereits ein Jahr später, als Frucht seiner Studien auch zur Wirtschaftsgeschichte, eine „Geschichte der Theorie und Praxis des Kapitalismus“. Bei Kriegsausbruch 1914 „nicht militärdiensttauglich“, bewarb er sich am 8. Dezember 1914 um eine Assessor-Stelle im Kreisarchiv in München. Dabei erwähnte er, dass er sich bereits mit seinem Chef, Georg Maria Jochner, und am Vortag auch mit Ministerpräsident Georg Graf von Hertling (1843–1919) – bei dem er 1904 eine vierstündige „Geschichte der neueren Philosophie“ und eine dazu gehörige Übung belegt hatte – über seine „wissenschaftliche Tätigkeit“ unterhalten habe; denn derentwegen beharrte er, wie 1907, auf einer Anstellung am Ort: Er beschäftige sich mit einer „größeren Arbeit über die Wechselwirkung zwischen dem Stande der philosophischen Erkenntnis und der nationalökonomischen Theorie“.13 Bereits am 23. Dezember 1914 wurde Gerlich, der inzwischen ein umfassendes und vielseitiges Wissen besaß, aber „eine explosive Natur“14 war, zum Assessor ernannt und am 1. Februar 1915 im Kreisarchiv fest angestellt. Sein Jahresgehalt betrug 3000,- Mark. Rasch entdeckte und nutzte Morsey (wie Anm. 1) S. 33. Ebd. S. 34. Nach Hösl bestand Gerlich die Prüfung „als erster seines Kurses mit besonderem Erfolge“ (wie Anm. 5) S. VII, nach Zittel (wie Anm. 6) S. 522 mit „Platzziffer 1, aber notengleich mit einem Kollegen“, wohl Hösl. 13 Morsey (wie Anm. 1) S. 41 f. 14 Zittel (wie Anm. 6) S. 523. 11 12

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er sein Talent für öffentliches Auftreten, das er bereits während seiner Studienzeit erprobt hatte. Nach mehreren Beiträgen zum Thema „Krieg und Volkswirtschaft“, in denen er vor den negativen Folgen der zentralen Kriegswirtschaft warnte, erhielt er das Angebot, sich an der Technischen Hochschule in München für Volkswirtschaftslehre zu habilitieren. Die Erlaubnis dazu beantragte Gerlich am 26. März 1916, über den Vorstand des Kreisarchivs, dem seine „Neigung und Veranlagung“ zum „wissenschaftlichen Forschen und Lehren“ bekannt sei. Allerdings benötige er für den Lehrberuf „weiterhin“ seine Archivstelle. Die Gewährung seiner Bitte, so hieß es abschließend, könne für sein Leben von „einschneidendster Bedeutung“ sein. Gerlichs Vorgesetzter, Franz von Löher (1857– 1917), befürwortete den Antrag des „äußerst strebsamen“ Archivars „auf das wärmste“; denn er passe „seiner ganzen Veranlagung und Ausbildung nach besser für einen akademischen Lehrstuhl der Nationalökonomie denn für die stille Archivarbeit“.15 Auch Jochner unterstützte Gerlichs Gesuch beim Innenminister, der am 16. Mai 1916 zustimmte. Der Assessor legte jedoch, vermutlich wegen seiner inzwischen begonnenen und zudem finanziell lohnenden publizistischen Tätigkeit, die angekündigte Habilitationsschrift nicht vor und blieb im Archivdienst. Im Dezember 1916 wurde Gerlich für eine berufsfremde „Kriegsarbeit“, für die Bewirtschaftung von Lebensmitteln, beurlaubt, im April 1917 für eine andere. Um dringend benötigte Ersatzfuttermittel und Industriefette zu gewinnen, plante er – unter Bezugnahme auf sein Studium der Naturwissenschaften –, Waldabfälle und trockenes Laub organisch in tierisches Fett und Eiweiß umzuwandeln, und zwar mit Hilfe „verschiedener Arten“ von Würmern. Nach fünfzehn Monaten vergeblichen Experimentierens scheiterte Gerlich mit diesem Projekt, das er in alten Forstakten entdeckt hatte.16 Im August 1918 kehrte er in das Kreisarchiv zurück. Während des Krieges war er von der politischen Überzeugung seiner sozial-liberal geprägten Studienzeit, beeinflusst von Friedrich Naumann (1860–1919), weit nach Rechtsaußen gerückt. Seit 1915 unterstützte er mit zahlreichen Artikeln in den in München erscheinenden „Süddeutschen Monatsheften“, den „Historisch-Politischen Blättern für das katholische Deutschland“ und den „Freien deutschen Blättern“ – 1917 zudem in seiner Wochenschrift „Die Wirklichkeit“ – die annexionistische Kriegszielpolitik der Alldeutschen. Mit seiner umfangreichen publizistischen „Ne15 16

Morsey (wie Anm. 1) S. 62. Erwähnt bei Zittel (wie Anm. 6) S. 524.

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bentätigkeit“ wurde Gerlich in national-konservativen Honoratiorenkreisen bekannt. Mit ihr verdiente er zudem das Mehrfache seines Gehalts. Sofort nach Beginn der November-Revolution 1918 schwenkte der Propagandist der Deutschen Vaterlandspartei zu seiner früheren Mitte-LinksPosition zurück. Er engagierte sich in der neuen linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei und trat in der Öffentlichkeit als selbsternannter Anwalt des Berufsbeamtentums auf. Seine Agitation gegen die revolutionären Machthaber zwang ihn, im April 1919, zur Flucht nach Bamberg. Von dort aus warb er Freiwillige für Einwohnerwehren, die helfen sollten, München von der Rätediktatur zu befreien. Nach deren rascher Niederschlagung hielt Gerlich den Kampf gegen den Kommunismus für so wichtig, dass er Ende Mai zum „Heimatdienst Bayern für Ordnung, Recht und Aufbau“ wechselte. In dieser privatwirtschaftlich finanzierten, aber staatlich geförderten Organisation leitete er die Propagandazentrale und die Wochenschrift „Feurjo“. Aus Gerlichs zahlreichen Artikeln gegen die Heilslehre des totalitären Bolschewismus entstand 1920 sein Buch „Der Kommunismus als Lehre vom Tausendjährigen Reich“. Seit Oktober 1919 wieder im Kreisarchiv tätig, drängte der Assessor erneut in die Politik. Seine Wahl in den Stadtrat in München wurde jedoch, im Mai 1920, wegen eines Formfehlers, für ungültig erklärt. Im selben Monat scheiterte seine Kandidatur für die DDP bei den Wahlen zum Reichstag und zum bayerischen Landtag. Anfang Juli 1920 wurde Gerlich überraschend zum Hauptschriftleiter der „Münchner Neuesten Nachrichten“ berufen. Den Verlag dieses großen liberalen Blattes, Knorr & Hirth, hatte kurz zuvor ein Konsortium der rheinischen Schwerindustrie erworben und Jochner dessen Münchner Berater, Paul Nikolaus Cossmann (1869–1942), den 37jährigen Archivar empfohlen. Ihm verschaffte der unerwartete Karrieresprung eine bedeutende soziale Stellung und hohes Einkommen. Für seine neue Tätigkeit ließ sich Gerlich, zunächst für drei Jahre, beurlauben. Es folgten drei Verlängerungen bis 1928. Dabei wurde der seit 1923 amtierende Generaldirektor Otto Riedner nicht gefragt. Ihm sei, so schrieb er später17, versichert worden, dass eine „Rückkehr“ Gerlichs „ganz unwahrscheinlich“ sei und er, Riedner, sich 1927 gegen eine „nochmaliIn seinem Bericht vom 11. Juli 1933 (wie Anm. 4). Dazu vgl. auch: Rudolf Morsey (Bearb.), Fritz Gerlich (1883–1934) – Ein Publizist gegen Hitler. Briefe und Akten 1930–1934 (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe A, Quellen, Bd. 56), Paderborn u.a. 2010, S. 279 Anm. 538.

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ge Verlängerung der Wiedereintrittsfrist“ ausgesprochen habe. Sie gelang Gerlich noch, für ein letztes Jahr, nach Gesprächen mit Ministerpräsident (1924–1933) Heinrich Held (1868–1938) und Finanzminister (1927–1930) Hans Schmelzle (1874–1955). Die fast achtjährige Tätigkeit Gerlichs als Hauptschriftleiter der „MNN“ bleibt für unser Thema ausgeklammert. Sie ist noch kaum erforscht. Nach dem eben erwähnten, zugunsten von Gerlich akzentuierten Urteil Riedners (11. Juli 1933) riss der Chefredakteur die Zeitung „aus dem von ihr in der ersten Nachkriegszeit eingeschlagenen Linkskurs heraus und gab sie an die vaterländische Richtung ihrer Vergangenheit zurück; aufs schärfste führte er dabei den Kampf gegen den Bolschewismus und Marxismus“.18 Seit seiner Heirat, im Oktober 1920, wohnte Gerlich mit seiner Frau Sophie Gerlich (1883–1956), geb. Stempfle, (nach einer kurzen Scheinehe) geschiedene Botzenhart, in der Richard-Wagnerstraße 27/I lks. Die Ehe blieb kinderlos. Mitte Februar 1928, an seinem 45. Geburtstag, verlor Gerlich seine Stellung im Verlag Knorr & Hirth auf wenig rühmliche Weise, auch unter Alkoholeinfluss. Dabei spielte eine Rolle, dass sich inzwischen seine Persönlichkeitsstruktur und damit auch das Verhältnis zu seiner beruflichen Umwelt verändert hatten. Der kirchenferne Calvinist hatte im September 1927, nach Begegnungen mit der Mystikerin Therese Neumann (1898–1962) in Konnersreuth, sein „Damaskus“ erlebt. Zu diesem Zeitpunkt lebte er bereits, seit April 1927 und noch bis Ende September 1928, getrennt von seiner Frau in München. Da er von Knorr & Hirth eine hohe Abfindung erhalten hatte, begann er ein Werk über die „ Lebensgeschichte“ und die „Glaubwürdigkeit“ Therese Neumanns. Es erschien Ende 1929 in zwei Bänden im Münchner Verlag Kösel & Pustet. Als deren Ergebnis hielt er den „Gesamtfall“ der Stigmatisierten „für nicht natürlich erklärbar“.19 Therese Neumann wurde für Gerlich ein, pointiert formuliert, „himmlisches Auskunftsbüro“,20 Ebd. Bd. 2, S. 406. 20 Diesen Ausdruck aus einem Schreiben des Bischofs von Regensburg, Michael Buchberger (1874–1961) vom 5. Februar 1930 an den Bischof von Limburg, Augustinus Kilian (1856–1930), habe ich in meiner Gerlich-Biographie (wie Anm. 1) zitiert (S. 144 Anm. 12 u.ö.), und zwar nach: Anna Maria Zumholz, Die Resistenz des katholischen Milieus. In: Wunderbare Erscheinungen. Frauen und katholische Frömmigkeit im 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. von Irmtraud Götz von Olenhusen. Paderborn u.a. 1995, S. 221–251, hier S. 232. In dem Schreiben Buchbergers, von dem ich erst seit 2018 eine Kopie besitze, ist 18 19

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das er häufig in geschäftlichen wie privaten Angelegenheiten befragte. In seiner Suche nach der „Wahrheit“ führte von Konnersreuth aus auch sein Weg zur katholischen Kirche, der er 1931 beitrat. Noch einmal zurück zum 30. Juni 1928, an dem die Beurlaubung des Archivars endete. Vier Tage vorher beantragte er seine, offensichtlich mit Held vorbesprochene „Wiederverwendung im bayerischen Staatsdienst“. Der Ministerpräsident zeigte sich in einem Gespräch am 16. Juli 1928 „überaus wohlwollend“, empfahl Gerlich jedoch, seinen Antrag von Michael Kardinal von Faulhaber (1869–1952) unterstützen zu lassen. Bereits am folgenden Tage übermittelte der Erzbischof dem Regierungschef sein Bittschreiben für den nichtkatholischen Petenten, der „von Konnersreuth aus“ an ihn „gewiesen“ worden sei.21 Die Rückmeldung des Archivars, zudem mit einem „Gruß des Herrn Ministerpräsidenten, der ihn zu mir schickte“, löste bei Riedner, am 1. August 1928, einen „Schrecken“ aus. Er habe, wie er festhielt, „nie an dessen Rücktritt“ geglaubt und ihn infolgedessen aus seiner Personalpolitik „ganz ausgeschaltet“ gehabt, aus Rücksicht auf die auf Beförderung wartenden „Nachleute“.22 Dem Heimkehrer wurde am 17. November 1928 vom Ministerium zugesichert, in den Staatsdienst zurückkehren zu können, allerdings erst in Jahresfrist. Als „Entschädigung“ für sein Einverständnis mit dieser Verschiebung erhielt „der Gesuchsteller jedes im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen tunliche Entgegenkommen“ zugesichert; denn er habe sich durch seine „Tätigkeit in der Presse große, unleugbare Verdienste um den Frieden des Staates Bayern und damit um das Gemeinwohl erworben“.23 In der Jahressitzung der Generaldirektion am 24. März 1929 berichtete Riedner über den „Fall Dr. Gerlich“.24 Danach sei er der Ansicht gewesen, dass der Archivar von seinem „Recht auf Rücktritt“ keinen Gebrauch machen, sondern es als „Druckmittel für seine wirtschaftlichen Verhandlunjedoch vom „himmlischen Auskunftsbüro“ keine Rede. Dort heißt es, dass viele Besucher Therese Neumann „fast wie ein Orakel oder eine Art Auskunftsbüro für alle möglichen Anliegen und Fragen betrachten“. Bischöfliches Zentralarchiv Regensburg, OA/TH.N. 97. Zumholz’ Zitationsweise verfälscht den Wortlaut. 21 Morsey (wie Anm. 1) S. 155. Die Zitate im folgenden Absatz ebd. S. 156. 22 Nach Riedners Bericht vom 11. Juli 1933 (wie Anm. 4) waren Gerlich auf diese Weise „sieben Nachmänner“ vorgezogen worden. 23 BayHStA, GDion Archive 2866. 24 Ebd., GDion Archive 1343. Eine Kopie dieses Berichts, der nach meinem Referat gefunden worden ist, verdanke ich Herrn Dr. Bernhard Grau.

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gen, auch in seiner Stellung als Hauptschriftleiter, benützen würde“. Diese Auffassung sei vom Ministerium des Äußern geteilt worden. Als Gerlichs Rückkehrgesuch am 26. Juni 1928 „einlief“, sei es bereits „genehmigt“ gewesen, allerdings, nach „langen Verhandlungen“, mit der schon erwähnten Verschiebung bis Mitte 1929. Er, Riedner, habe nicht angenommen, dass Gerlich wieder, „in diese kleinen ärmlichen Verhältnisse, in die Geschäfte eines kleinen Referatshilfsarbeiters oder kleinen Referenten“, zurückkehren würde. Sein Versuch, den Archivar zu veranlassen, sein Gesuch zurückzuziehen oder sich eine „bessere bezahlte Stellung“ zu suchen, sei gescheitert. Gerlichs Rückkehr werde mit „gewissen Vorteilen“ erfolgen, wie sie bei Beamten in anderen Verwaltungen üblich seien. Das vom Staatsministerium des Äußern bestätigte Entgegenkommen bestand u.a. in der Wiederanstellung als Staatsoberarchivar, und zwar in München, einer Anrechnung seiner „im Dienst der Presse“ verbrachten Zeit „bis zum Höchstbetrag von vier Jahren“ und eines „mit seinem Besoldungsdienstalter gleichlaufenden Anstellungsdienstalters“. Im November 1929, nach einer Unterbrechung von achteinhalb Jahren und nach der von ihm erbetenen Zustimmung von Therese Neumann, begann Gerlich wieder seinen Archivdienst im Hauptstaatsarchiv, Ludwigstraße 23 (heute Nr. 16), vier Monate später als Staatsarchivrat I. Klasse. Sein Monatseinkommen, 848,- RM, empfand er als unzureichend. Es wurde im Zuge der Deflationspolitik der Reichsregierung Brüning in den folgenden beiden Jahren noch gekürzt. Der Verkauf seiner beiden Bände über die „Lebensgeschichte“ und die „Glaubwürdigkeit“ von Therese Neumann brachte Gerlich etwa 5000,- RM, aber nur einen Bruchteil der ihm in Konnersreuth genannten Summe. Da er von seiner erheblichen Abfindung aus dem Verlag Knorr & Hirth einen großen Teil in Aktien angelegt hatte, verlor er beim „Bankenkrach“ in der Weltwirtschaftskrise sein Vermögen. Ende Juni 1930 nahm Gerlich, unangemeldet, am Ersten Religionspsychologischen Kongress in Erfurt teil. Dabei schaltete er sich massiv in Diskussionen über den „Fall Konnersreuth“ ein. Für die ihm von Riedner bewilligte zweitägige Dienstbefreiung musste er die „versäumten Amtsstunden“ nachholen.25 Am 15. Juli 1930 suchte Gerlich seine „Forschung über Therese Neumann“ mit seiner beruflichen Tätigkeit zu verbinden. Er beantragte bei Riedner, sie in das „anerkannte wissenschaftliche Interes25

Morsey (wie Anm. 17) S. 56.

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sengebiet eines bayerischen staatlichen Archivars“ einzubeziehen; denn es handle sich um eines der „markantesten Geschehnisse der bayerischen Kultur- und Religionsgeschichte“. Es gehöre ebenso zum staatlichen Sammelgebiet wie „Hexenakten“ und die Geschichte der Reformation.26 Riedner war einverstanden, so dass Gerlich künftig einen nicht bekannten Teil seiner Dienstzeit auf die Beschäftigung mit „Konnersreuth“ verwenden konnte. 1931 veröffentlichte er im „Naturverlag“, dessen Miteigentümer er inzwischen war, eine Streitschrift „Der Kampf um Dr. Otto Riedner (26.11.1879–9.11.1937) Generaldirektor 1923–1937 die Glaubwürdigkeit der Therese (Generaldirektion der Staatlichen Archive Neumann“. Bayerns, Bildersammlung). Sein „Anwesenheitsdienst“ im Archiv, bei 37 Urlaubstagen im Jahr, richtete sich nach unterschiedlichen Zeitblöcken in den jeweiligen vier Sommer-, Übergangs- und Wintermonaten. Er betrug von montags bis freitags im Schnitt 6,5 Stunden (plus eine Stunde „zuhause oder auf der Bibliotheken, wissenschaftliche Fortbildung“), samstags 4,75. Eine undatierte Notiz, bezogen wohl auf die frühere Hektik bei den „Münchner Neuesten Nachrichten“, lautete: „Staatsdienst – Erholung“.27 Es hat den Anschein, als warte der so „erholte“ Beamte geradezu auf eine neue publizistische Herausforderung. Denn Therese Neumann hatte ihm, nach seinem Ausscheiden bei Knorr & Hirth, „geweissagt“, er werde „doch wieder mal in eine Zeitung kommen“, aber seine zentrale Frage vom 30. April 1930 nach der Beschaffung der dafür notwenigen „Geldmittel“ nicht beantwortet.28 Im September 1930 fand Gerlich in dem von ihm beabsichtigten „geistigen Kampf“ gegen den totalitären Kommunismus und Nationalsozialismus einen Mitstreiter aus dem inzwischen entstandenen Ebd. S. 56 f. Morsey (wie Anm. 1) S. 162 f. 28 Ebd. S. 166 f. 26 27

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Konnersreuther (wenig später: Eichstätter) Kreis, Erich Fürst von Waldburg-Zeil (1899–1953). Er gründete in München einen Verlag („Naturverlag“) und kaufte vom Pesta-Verlag dessen unbedeutende Wochenschrift „Illustrierter Sonntag“. Gerlich erhielt die Hälfte der Geschäftsanteile und übernahm die Leitung des Blattes. Der geplante Zukauf der wirtschaftlich gesicherten „Welt am Sonntag“ (München), der das Unternehmen erst rentabel gemacht hätte, kam in der Folge nicht zustande. Der „Naturverlag“ blieb strukturell unterfinanziert. Gerlichs Ziel war es, das politische und gesellschaftliche Leben in der strukturell instabilen Weimarer Republik, die zunehmend bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen erlebte, zu erneuern. Das sollte auf der Grundlage des Christentums und naturrechtlicher Vorstellungen geschehen, im Sinne der katholischen Soziallehre. Therese Neumann hatte Gerlich auf seine neue, utopisch anmutende „Missionsaufgabe“ hingewiesen und am 29. April 1930 auf dessen Frage, ob er sie unter Beibehaltung seiner Beamtenstelle „durchführen“ könne, geantwortet: „Vorläufig schon“.29 Ab Januar 1932 erschien der „Illustrierte Sonntag. Das Blatt des gesunden Menschenverstandes“ unter dem Namen „Der gerade Weg. Deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht“. Gleichzeitig wurde aus dem „Naturverlag“, programmatisch eindeutig, der „Naturrechts-Verlag“. Der Name „Der gerade Weg“ stammte von Gerlichs Archivkollegen Wilhelm Winkler (1893–1958), der dafür ein Honorar erhielt.30 Winkler hat später mitgeteilt, dass er mit seinem Archivkollegen Fritz Gerlich in „enger Verbindung“ gestanden, an der „Vorbereitung und Gestaltung fast jeder einzelnen Nummer“ seiner Zeitung „nicht unwesentlichen geistigen Anteil gehabt“ und darin auch eigene, mit Namen gezeichnete Artikel veröffentlicht habe.31 Ebd. S. 167 f. Das erwähnte der Geschäftsführer des „Natur-“ bzw. „Naturrechts-Verlags“, Johannes Steiner (1902–1995), der es gezahlt hatte, am 15. November 1946 in einem „Persilschein“ für Winklers Entnazifizierungsverfahren. Staatsarchiv München (StAM), Spruchkammerakten K 1984. Eine Kopie dieses Dokuments und die einiger anderer Akten (in den Anm. 42 und 46) verdanke ich Frau Generaldirektorin Dr. Margit Ksoll-Marcon. Winklers Namensvorschlag hatte bereits Zittel (wie Anm. 6) S. 529 erwähnt. 31 Am 17. Dezember 1946 (aus Markt Grafing) an die Spruchkammer in Ebersberg. Als Beweis verwies Winkler auf beiliegende Aussagen von Steiner (wie Anm. 30) und von Ludwig Weitmann (1904–1979) vom 14. Dezember 1946, einem Neffen Gerlichs, der als Rechtsreferendar im Verlag tätig gewesen war. StAM, Spruchkammerakten K 1984. Es liegt nahe, dass Winkler häufig mit Gerlich über dessen Zeitschrift gesprochen, jedoch nicht den von ihm beschriebenen „Anteil“ an dessen Publizistik genommen hat. Steiner sprach (wie Anm. 30), wohl treffender, von einem „ideengemeinschaftlichen Verkehr“ zwi29 30

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Für unser Thema genügt der Hinweis, dass Gerlich sein Wochenblatt, das seit Mitte Dezember 1932 zweimal pro Woche erschien, zu einem in seiner Schärfe und Präzision einzigartigen Kampforgan gegen Hitler und den totalitären Nationalsozialismus machte. Dabei enthüllte der Publizist den kriminellen Charakter erheblicher Teile seines Führungskreises.32 Seit Ende 1931 rechnete er damit, in dem von der NSDAP propagierten „Dritten Reich“ als einer der ersten gehängt zu werden. Wie aber verband Gerlich Publizistik und Archivdienst? Wie schaffte er es, wie er einmal klagte, „zwei Herren dienen zu müssen“? 33 Riedner hatte ihm im Juni 1931 genehmigt, die Zeitung herausgeben und „wöchentlich einen bis zwei politische Leitartikel“ beisteuern zu können, nach Gerlichs Aussage „im staatserhaltend-bayerischen Sinne“.34 Der Generaldirektor hatte sich zudem einen „Widerruf“ vorbehalten, falls sich Gerlichs „Zeitungstätigkeit“ mit seiner „Dienstesaufgabe als Archivbeamter“ nicht vereinbaren ließe. Auf jeden Fall habe der Archivar die Zeit, die er „etwa während des Dienstes für seine Zeitung benötige“, nachzuholen.35 Er erlaubte ihm auch, eine Privatsekretärin auch für dienstliche Aufgaben einzusetzen. Am 4. August 1932 verbot die Polizeidirektion München, auf Weisung des Innenministers Karl Stützel (1872–1944), aber gedrängt vom Reichsminister des Innern, Wilhelm von Gayl (1879–1945), den „Geraden Weg“ – wegen „Beleidigung“ des Reichspräsidenten und zweier Reichsminister – für vier Ausgaben. Am 6. September 1932 wies Ministerpräsident Held Generaldirektor Riedner an, gegen Gerlich ein Dienststrafverfahren einzuleiten. Dessen Ergebnis war, am 7. Oktober 1932, eine „Geldstrafe von 100,- RM“, nicht aber ein schärferer „Verweis“. 36 Riedner begründete die schen ihnen. Eine Artikelfolge Winklers „Entwicklung der Monarchie in Deutschland“ erschien im „Geraden Weg“ vom 14., 18., 21. und 25. Dezember 1932. Die angekündigte Fortsetzung bis in die Gegenwart folgte nicht mehr. 32 Zittel (wie Anm. 6) S. 529 schätzte den Gesamtumfang von Gerlichs Beiträgen in seiner Zeitschrift (ca. 46 Prozent des politischen Teils) auf etwa tausend Seiten. In dem von der Staatsbibliothek in München hergestellten Online-Exemplar des „Illustrierten Sonntags“ und des „Geraden Weges“ ist der politische Teil der unter Gerlichs Chefredaktion betreuten Ausgaben (12. Juli 1931 bis 8. März 1933) mit 1319 Seiten ausgewiesen. Darin sind die mit Werbeanzeigen gefüllten Seiten nicht einbezogen. 33 Das sei für ihn „ein ziemliches Kreuz“, schrieb Gerlich am 26. März 1932 Josef Held (1902–1964), einem Sohn des Ministerpräsidenten Held. Morsey (wie Anm. 17) S. 193. 34 Erwähnt in Riedners Bericht vom 11. Juli 1933 (wie Anm. 4). 35 Morsey (wie Anm. 1) S. 185 f. 36 Morsey (wie Anm. 17) S. 238–240.

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„verhältnismäßig geringe“ Summe mit der „ganz ungewöhnlichen Schärfe des letzten Wahlkampfs“ und den „unleugbaren Verdiensten“ des Archivars sowie der „ehrenhaften Gesinnung“ seines Vorgehens, die er sich „in den Jahren nach der Revolution als Beamtenführer und als Hauptschriftleiter der ‚Münchner Neuesten Nachrichten‘ um die Ruhe und Ordnung in Bayern erworben habe“. Der Generaldirektor verknüpfte seinen Strafbescheid, den Gerlich akzeptierte, allerdings mit einer Warnung: Der Archivar müsse sich bei einem „neuen Fall des Widerstreits“ zwischen seiner „politischen Tätigkeit“ und seinen „engeren Amtspflichten ausschließlich für die eine oder andere Laufbahn entscheiden“. Kurz danach nannte er, als „äußersten Termin“ für diese Entscheidung, den 1. April 1933. Auch damit erklärte sich Gerlich einverstanden. Ende Dezember 1932 forderte Waldburg-Zeil, der den „Naturverlag“ – seit 1932: „Naturrechts-Verlag“ – nach Prüfung durch einen Bankfachmann als vorerst gesichert ansah, seinen Mitstreiter auf, „alle Brücken“ hinter sich abzubrechen. Gerlich solle deswegen bei Therese Neumann anfragen und dann – nach dem üblichen „Weiterdenken“ der von ihr offenbar erwarteten positiven Antwort – „springen“; denn die „Rückversicherung beim sterbenden Vater Staat“ sei „eigentlich die letzte Halbheit bei unserem wahnwitzigen Unternehmen“.37 Gerlich beließ es jedoch bei dieser „Halbheit“ und äußerte sich brieflich nicht zu dem ihm von Riedner gesetzten Rückkehr-Termin. Er setzte seine Kampfpublizistik gegen Hitler und dessen „Massenwahn“-Bewegung fort. In seinem mutigen Artikel im „Geraden Weg“ vom 1. Februar 1933, „Deutschlands Leidensweg beginnt“, bezeichnete er den zwei Tage zuvor mit der Regierungsführung betrauten Nationalsozialismus als die „offenbar unvermeidliche offene Loslösung von der menschlichen Kultur der letzten zwei Jahrtausende“, als einen „Schritt in die Barbarei“.38 Zwei Wochen später beging der Archivar seinen 50. Geburtstag. In seiner Gratulation zeigte sich Riedner besorgt; denn dieses Jahr werde Gerlich „schon in Bälde vor große, weittragende Entscheidungen“ stellen. Obwohl er manchmal nicht mit ihm einverstanden gewesen sei, wünsche er dennoch seinem „ehrlichen, furchtlosen Kämpfen im Hinblick auf das

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Morsey (wie Anm. 1) S. 233. Prophetien (wie Anm. 2) S. 541.

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jedem guten Deutschen am Herzen liegende Endziel einen gesegneten Erfolg“.39 Dieser „Erfolg“ blieb bekanntlich aus. Inzwischen herrschte bereits, nach dem Erlass der „Reichstagsbrand-Verordnung“ vom 28. Februar 1933, vor der Reichstagswahl vom 5. März 1933 „Bürgerkrieg in Permanenz“.40 Im „Geraden Weg“ vom 5. März 1933, der am Vortage ausgegeben wurde, stand ein langer Artikel Gerlichs („Politische Clubgespräche in Berlin“).41 Er befürchtete offensichtlich eine unmittelbar bevorstehende Verhaftung. Jedenfalls hielt er sich „Anfang März“ – vermutlich nur in den beiden Nächten vom 2./3. und 3./4. März –, bei seinem Kollegen Ignaz Hösl „verborgen“.42 Am Samstag, 4. März 1933, fuhr er, da er, je nach dem Wahlausgang, mit blutigen Unruhen rechnete, mit seiner Frau nach Innsbruck. Gerlichs PKW steuerte sein Neffe und Mitarbeiter Ludwig Weitmann. Von Innsbruck aus gaben sie, am folgenden Tage, ihre Stimme zur Reichstagswahl – die der Hitler-Regierung die bisher fehlende Reichstagsmehrheit verschaffte – in Kiefersfelden ab und kehrten nach Innsbruck zurück. Erst am Abend des 6. März 1933 waren sie, behindert durch Autopannen, wieder in München. Gerlich hatte es abgelehnt, in Österreich zu bleiben oder in die Schweiz zu flüchten, wo er in St. Gallen ein im Vorjahr vorsorglich angelegtes kleines Guthaben besaß. In der Redaktion bereitete er am folgenden Tag mit Waldburg-Zeil Unterlagen vor, mit denen sie am Abend des 8. und am Vormittag des 9. März 1933 in Stuttgart den Staatspräsidenten von Württemberg, Eugen Bolz (1881–1945), vergeblich dafür zu gewinnen suchten, bei Hindenburg die 39 NL Gerlich, 33/P/55/3781. Ich danke Herrn Dr. Max A. Hoefter (Wollerau/Schweiz), der den Nachlass Gerlich verwahrt, auch an dieser Stelle für mannigfache Hilfestellung und Auskünfte. Max A. Hoefter hat den Nachlass im Oktober 2018 an das BayHStA übergeben. Sein langjähriger Besitzer ist am 26. Dezember 2018 in Wollerau gestorben. Mein Beitrag ist seinem Andenken gewidmet. 40 Dirk Blasius, Weimars Ende. Bürgerkrieg und Politik 1930–1933, Göttingen 2005, S. 174–178. 41 Dafür benutzte er erstmals ein Pseudonym („K.A. Deinhardt“), den Namen seiner Sektmarke. 42 Staatsarchivdirektor Ignaz Hösl erwähnte in seinem Entnazifizierungsverfahren am 12. Februar 1948 gegenüber der Spruchkammer München X, dass sich Gerlich „im März 1933 2tagelang bis zu seiner Flucht aus München in meiner Wohnung verborgen gehalten [habe], als dieser von der Gestapo gesucht wurde“. Am 16. Juli 1948 wurde Hösl als „entlastet“ eingestuft und hatte „RM 1000,- Geldbuße“ zu zahlen. StAM, Spruchkammerakten K 734. Gerlich ist allerdings weder aus München „geflohen“ noch von der Gestapo, die es in Bayern noch nicht gab, „gesucht“ worden.

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befürchtete Gleichschaltung Süddeutschlands zu verhindern. Die von ihnen vorgelegten „Dokumente“ sollten Hitler und andere Mitglieder seines Führungskreises politisch und moralisch belasten. Beschafft hatte sie ihr Reisebegleiter Georg Bell (1898–1933), ein Nachrichtenhändler, der bis April 1932 für den Stabschef der SA, Ernst Röhm, gearbeitet hatte und seit Oktober 1932 für Gerlich tätig war, ihm allerdings oft obskure Informationen aus dem „Braunen Haus“ in München und der NSDAP-Zentrale in Berlin lieferte. Gerlichs Fahrt nach Stuttgart hat Hösl als „Dienstreise“ des Archivars43, Zittel als „Besprechung“ bezeichnet.44 Beide erwähnten jedoch nicht das Treffen mit Eugen Bolz und ihr Ziel, über das Aretin bereits in seiner Gerlich-Biographie 1949 berichtet hatte. Nach ihrer Rückkehr, am Abend des 9. März 1933, begaben sich Gerlich und Bell in die Redaktion des „Geraden Weges“, Hofstatt 5. Inzwischen hatte, wie bereits am Vortag in Württemberg, die revolutionär erfolgte NSGleichschaltung Bayerns begonnen. SA-Horden stürmten und verwüsteten den „Naturrechts-Verlag“ und die Redaktion. Dabei verschleppten sie Berge von Akten, misshandelten Gerlich und lieferten ihn in das Polizeigefängnis in der Ettstraße ein. Bell entkam über ein Dachfenster und floh am folgenden Abend, gedrängt von Erich Fürst von Waldburg-Zeil, nach Österreich. Dort suchte der Agent – vergeblich – erneut in Kontakt mit Röhm zu gelangen. Am 3. April 1933 wurde er, in der Nähe von Kufstein, von einem SA-Rollkommando erschossen. Am 6. April 1933 bestätigte der in „Schutzhaft“ befindliche Staatsarchivrat I. Klasse Gerlich die am Vortag ausgestellte „Dienstenthebungsentschließung“ des Staatsministeriums des Äußern. Am folgenden Tag wurde gegen ihn ein Disziplinarverfahren angekündigt. Für dessen „Voruntersuchung“ benannte Riedner Staatsarchivdirektor Wilhelm Fürst (1879–1939). Da eine Entlassung Gerlichs zur Aberkennung von Ruhegeld und Hinterbliebenenversorgung hätte führen können, schlug der Generaldirektor am 30. April 1933 der Staatskanzlei, die kurz zuvor an die Stelle des aufgelösten Außenministeriums getreten war, eine andere Möglichkeit vor, nach dem neuen Gesetz (der Hitler-Regierung) vom 7. April 1933, „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. Dessen § 4 treffe „gerade“ auf Gerlich zu; denn dieser biete, „‚nach seiner bisherigen politischen Betätigung‘ bei seinem auf Leidenschaft und Furchtlosigkeit Hösl (wie Anm. 5) S. IX. Zittel (wie Anm. 6) S. 530. Unklar ist, ob Gerlich für die zweite Märzwoche 1933 Dienstbefreiung beantragt und erhalten hatte.

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aufgebauten Charakter, ‚nicht die Gewähr dafür, dass er jederzeit rückhaltslos für den nationalen Staat eintritt‘, so wie dieser gegenwärtig von seinen grimmig­sten Gegnern verwirklicht ist“.45 Am 12. Mai 1933 wurde das Dienststrafverfahren wegen „Pflichtwidrigkeiten“ eingeleitet, Gerlich zwei Tage später „vorläufig“ aus seinem Amt entlassen und ein Drittel seines Gehalts einbehalten. Am 31. Mai 1933 berichtete Riedner in der Jahreshauptsitzung 1932/33 der Generaldirektion über den „Fall Gerlich“.46 Er wiederholte seine Vorbehalte gegen dessen Rückkehr in den Staatsdienst zu Ende 1929. Neu war seine Bemerkung, dass Gerlich den Vorhalt, auf Dauer nicht seine amtliche und publizistische Tätigkeit „verbinden“ zu können, mit dem Hinweis auf „ein sehr zahlreiches von ihm eingestelltes Personal“ zu widerlegen gesucht habe. Um seine „Berichtsentwürfe wie die Aufzeichnungen seiner Ordnungsarbeit“ gleich in „sauberer Schrift“ vorlegen zu können, habe er ihm genehmigt, seine „Privatsekretärin“ für dienstliche Zwecke in seinem Büro arbeiten zu lassen. „Tatsächlich“ seien auch die „Ordnungsarbeiten am Hohenaschauer Archiv unter Gerlich ziemlich [von Riedner gestrichen: sehr] weit gediehen“.47 Riedner erwähnte seine „Verwahrung“, die er dem Archivar am 1. August 1932 mit einer Geldstrafe erteilt und ihm noch in diesem Monat als Termin für seine Entscheidung über eine Trennung von Politik und Archivarbeit den 1. April 1933 gesetzt habe. In dem schon zitierten Bericht des Generaldirektors vom 11. Juli 1933 an das Kultusministerium beschrieb Riedner erneut die Position Gerlichs, dessen Stelle er möglichst rasch wiederzubesetzen beantragte: Ich habe „darüber gewacht, dass [Gerlich] seinen staatlichen Dienst richtig versah. Dabei habe ich als G[eneral]D[irektor] wenig unmittelbare Berührung mit ihm gehabt. […] Es war selbstverständlich, daß Gerlich in keiner Weise besser gestellt wurde als irgend ein anderer von seinen Kollegen; aber er wurde auch nicht schlechter gestellt. Es kam mehrmals zu BeanstandunBayHStA, GDion Archive 2866. – Morsey (wie Anm. 1) S. 274. BayHStA, GDion Archive 1343. 47 Gerlich hatte mit der Ordnung der Bestände des Archivs Hohenaschau (im Chiemgau, an der Grenze zu Tirol) bereits vor seinem zeitweiligen Ausscheiden aus dem Archivdienst, 1920, begonnen. Das ergibt sich aus einem „Ersuchen“ vom 29. Oktober 1930 an seinen Kollegen im Hauptstaatsarchiv, Fridolin Solleder (1886–1972): Er solle in dem ihm, Gerlich, von Archivdirektor (bis 1925) Josef Huggenberger (1865–1938) „zugeteilten Saale 29“ diejenigen „Stellagen“ von neu eingestellten Büchern räumen („bis Montag früh“), die ihm von dem „damals zuständigen Verwalter der Bestände des Hohenaschauer Archivs“ zu dessen „Ordnung überwiesen“ worden seien und die er nunmehr wieder dafür benötige. NL Gerlich (wie Anm. 39) 30/G/29/1218. 45 46

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gen […]; aber in jedem Fall, der zu meiner Kenntnis kam, habe ich eingegriffen oder die nötigen Weisungen erteilt.“ Auch hier, so schrieb Riedner weiter, sei er bei Gerlich „ausnahmslos auf größte Unterordnung und Dienstwilligkeit“ gestoßen. Schließlich erwähnte er seine Mahnung gegenüber dem Archivar, dass dessen „Verbindung von Staatsamt und Zeitungsdienst auf die Dauer“ unmöglich sei; denn „niemand [könne] ständig zwei Herren dienen und der staatliche Beruf müsse zunächst Schaden leiden“.48 Der von der Außenwelt weiterhin abgeschlossene Häftling hingegen schätzte seine Situation anders ein als sein Vorgesetzter. In ausführlichen „Gegenäußerungen“ vom 5. August 1933 beschrieb er seine „politische Betätigung“ seit seiner Studienzeit.49 Sie sei „nie etwas anderes“ gewesen als das betonte „Eintreten für den nationalen Staat“. Dafür zählte er Beispiele auf, auch seine Rolle als „Mitgründer der Deutschen Vaterlandspartei“, als Verfechter des Berufsbeamtentums 1918/19 und als Hauptschriftleiter der „Münchner Neuesten Nachrichten“. Deswegen hielt Gerlich die Voraussetzungen des § 4 des neuen Reichsbeamtengesetzes für seinen Fall „nicht gegeben“. Mit diesem Fazit widersprach er dem zu seinen Gunsten verfassten Votum Riedners, das er nicht kannte. Am 14. August 1933 bestätigte der Generaldirektor dem Kultusministerium einmal mehr, dieses Mal nach einer Attacke des „Stürmers“ (Nr. 32: „Im bayerischen Archivwesen gehört ausgemistet“), in der auch die Beamtenposition des Publizisten kritisiert worden war, dessen dienstliche Tätigkeit. Gerlich sei in „gleichem Umfang wie jeder andere höhere Beamte mit Benützungs- und Ordnungs-, teilweise auch sogar Verwaltungsarbeiten (hier namentlich Aktenaussonderungen bei Behörden) befasst“ gewesen.50 Er, Riedner, hatte ihm aber auch, „damit der Staat ja nicht zu kurz“ komme, die Erlaubnis erteilt, für die „schnelle und saubere Ausführung der Entwürfe zu den ihm übertragenen Verwaltungs-, Benützungs- und Ordnungsarbeiten, hier namentlich Aktenaussonderungen bei Behörden“, in seinem Dienstzimmer eine „private Schreibkraft“ zu verwenden. Am 1. September 1933 entließ Reichsstatthalter Franz Xaver von Epp (1868–1946) den Staatsarchivrat I. Klasse aus dem Staatsdienst. Dafür bezog er sich, wie von Riedner vorgeschlagen und vom inzwischen zustänWie Anm. 4. Morsey (wie Anm. 17) S. 282–286. 50 BayHStA, Kultusministerium (MK) 41340. – Abbildung des Stürmer-Artikels s. Beitrag von Bernhard Grau in diesem Band S. 167. 48 49

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digen Staatsministerium für Unterricht und Kultus akzeptiert, auf § 4 des Reichsbeamtengesetzes. Dadurch erhielt der „Schutzhäftling“, der weder verhört noch angeklagt worden war und keinen Rechtsbeistand erhalten hatte, noch drei Monate lang sein volles Gehalt, dann Dreiviertel davon als Versorgungsbezüge. Der Kultusminister und NSDAP-Gauleiter Hans Schemm (1891–1935) bestand jedoch am 3. Oktober 1933 auf „weiterer Durchführung des Dienststrafverfahrens“ und übermittelte Riedner eine vierseitige Liste mit den als „staatsfeindlich“ eingestuften Artikeln Gerlichs.51 Riedner und Archivdirektor Fürst suchten dessen Fortgang zu verzögern. Erst am 23. Juni 1934 teilte der Generaldirektor – der längere Zeit beurlaubt gewesen war – mit, dass Fürst im Juli mit der Voruntersuchung beginnen werde. Noch bevor er das tun konnte, hatte das „anhängige Disziplinarverfahren“, in der Amtssprache des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 4. November 1935, durch den Tod Gerlichs „seine Erledigung gefunden“.52

Gedenktafel für Dr. Fritz Gerlich (Foto: Doris Wörner, Bayerisches Hauptstaatsarchiv). Morsey (wie Anm. 17) S. 300–304. BayHStA, MK 36252. Diese Formulierung benutzte auch das Finanzministerium am 13. November 1935. Morsey (wie Anm. 1) S. 276. 51 52

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Er war in der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli 1934, im Zuge des „RöhmPutsches“, in das KZ Dachau überführt und dort erschossen worden. In der drei Wochen später in zwei Münchner Zeitungen erschienenen Todesanzeige durfte Sophie Gerlich zwar die Amtsbezeichnung ihres Mannes, Staatsarchivrat I. Klasse, mitteilen, aber weder den Ort noch den Tag noch die Art seines Todes, auch nicht das Requiem in St. Bonifaz. Sophie Gerlich erhielt Witwenversorgung bis zu ihrem Tod, 1956. Mein Beitrag mag dazu anregen, die Tätigkeit Gerlichs im bayerischen Archivdienst weiter zu klären, auch durch Urteile von Vorgesetzten und Mitarbeitern. Ignaz Hösl würdigte ihn als einen „mutigen, charaktervollen Mann, der in ehrlicher Überzeugung für Recht und Freiheit in den Tod gegangen“ sei, als einen „stets liebenswerten, hilfsbereiten, treuen und aufrichtigen Kollegen“, der „in unseren Kreisen unvergessen bleiben“ werde.53 Künftig ist aber auch der mutige und – in den damals möglichen Grenzen – erfolgreiche Einsatz Otto Riedners zu bedenken54, dem, nach dem Urteil von Zittel55, Gerlich „wohlmeinendem Vorgesetzten“. Die existentielle Grundlage dieses hellsichtigen, wenn auch vergeblichen Warners vor Hitler und dem Nationalsozialismus, blieb seine Beamtenstelle im bayerischen Staatsdienst. Er war bereit, für seine politische Überzeugung sein Leben einzusetzen. Sein Andenken hat mit der staatlichen Ehrung, durch die Enthüllung einer ihm gewidmeten Gedenktafel im Hauptstaatsarchiv56, einen neuen Bezugspunkt gefunden.

Hösl (wie Anm. 5) S. VIII. Riedner, der auch den Münchner Zweigverein des Deutschen Sprachvereins leitete, hatte im „Illustrierten Sonntag“ vom 15. Februar 1931, S. 3, einen begeisterten Artikel zu Gerlichs Beitrag („Kampf dem Fremdwort aus Nächstenliebe“) in der vorhergehenden Ausgabe veröffentlicht. Am 1. November 1931, S. 11, erschien sein Artikel „Ludwig III. König von Rechts wegen“. Es handelte sich um eine kürzere Fassung eines gleichnamigen Beitrags Riedners in: Verband der Deutschen Akademien (Hrsg.), Deutsches biographisches Jahrbuch, Bd. 10, Stuttgart u.a. 1929, S. 321–341. Im Nachruf von Albert Pfeiffer (1880–1948, Landshut) auf den 1937 verstorbenen Otto Riedner, einem „kerzengeraden Charakter“, ist dessen Distanz zum Dritten Reich deutlich erkennbar (in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 11 [1938] S. 159–162, hier S. 162), in dem von Clemens Bauer (1899–1984), der zeitweise im Hauptstaatsarchiv tätig gewesen war, heißt es, dass für Riedner nach der „Richtschnur“ seines Handelns „Recht und Norm die geschworenen Feinde aller Willkür“ gewesen seien. In: Historisches Jahrbuch 58 (1938) S. 23 f., hier S. 23. 55 Zittel (wie Anm. 6) S. 530. 56 Abb. s. S. 253. – Kurzbericht „Süddeutsche Zeitung“ vom 27. Oktober 2016, S. R 2. 53 54

Geschichtswissenschaften im Nationalsozialismus – Einflüsse, Personen, Folgen Von Magnus Brechtken Die Geschichtswissenschaften im Nationalsozialismus in einem knappen Überblick historisch zu charakterisieren bedeutet vor allem: sich zu bescheiden.1 Das Thema bietet problemlos Stoff für eine umfängliche Monographie, wollte man alles halbwegs Relevante angemessen ansprechen. Wir müssen uns also konzentrieren auf einige zentrale Aspekte, die genauere Beachtung verdienen und zugleich zu den großen Fragen in Relation zu setzen sind. Zweifellos verdient das Sujet ernst genommen zu werden. Nicht, weil Historikerinnen und Historiker so gern Nabelschau betreiben. Auch nicht, weil sich die Geschichte „unseres“ Faches oder „unserer Zunft“, wie der Begriff bisweilen noch zu hören ist, grundsätzlich von der anderer Disziplinen und Institutionen unterschiede. Nein, auch die Historikerinnen und Historiker sind, auch die Geschichtswissenschaft ist Teil der Gesellschaft. Sie waren es immer, trotz aller Behauptungen des „sine ira et studio“, trotz allen subjektiv vielleicht authentisch empfundenen, realiter doch unmöglichen Positionierens in der imaginierten Welt reiner Objektivität. Vergangenheitsverhandlung und Erinnerungsauswahl sind ein Gesellschaftsspiegel. Das galt für die Geschichtswissenschaften vor dem Nationalsozialismus, das galt für die Jahre seiner Herrschaft, das gilt seither bis in unsere Gegenwart. Dies festzustellen ist keineswegs so selbstverständlich, wie es sich lesen mag. Es hilft deshalb, daran zu erinnern: Historiker sind mit ihren Begriffen und Wertungen konstitutiver Teil der Lebenswelt. Sie tragen mithin Verantwortung nicht nur für die Erforschung der Vergangenheit, sondern auch für die Funktion und Wirkung ihrer Erkenntnisse in der Gegenwart. Das galt für die Jahrzehnte vor 1933, das gilt für die historischen Wissenschaften im sogenannten Dritten Reich. Und was das für uns heute bedeuten mag, dazu einige Bemerkungen am Schluss.

 Der Text basiert auf einem Vortrag, den ich auf Einladung der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns am 27. Oktober 2016 hielt; der Vortragscharakter ist im Kern beibehalten. 1

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Beginnen wir mit einem analytischen Aufriss der historischen Perspektive auf dem heute möglichen Reflexionsstand. Über Geschichtswissenschaften im Nationalsozialismus zu sprechen, muss heute mindestens dreierlei bedeuten: Erstens die Rolle des Faches Geschichte in ihrem Herkommen als Wissenschaft in jener politisch-ideologischen Neuformierung zu verorten, die nach dem 30. Januar 1933 angestrebt wurde. Zweitens ist damit der notwendig exemplarische Verweis auf einige zentrale Akteure unabdingbar, deren Handeln für diese erste Perspektive relevant ist. Hier vermengen sich politische, fachwissenschaftliche und biografische Sicht. Mindestens ebenso, vielleicht mehr noch als in anderen Disziplinen ist das Thema Geschichtswissenschaften im Dritten Reich im Kern eine Frage nach dem Verhältnis von Historikern zur nationalsozialistischen Herrschaft. Wenn im Folgenden weithin von Historikern und kaum von Historikerinnen die Rede ist, folgt das nicht aus einem Mangel an Bewusstsein für angemessene geschlechterneutrale Sprache, sondern ist selbst schon ein analytischer Befund. Historikerinnen kommen in den Geschichtswissenschaften dieser Jahrzehnte kaum vor. Rare Ausnahmen, Hedwig Hintze wäre nennbar, bestätigen die Regel. Das gilt weit über 1945 hinaus. Wir erinnern an Hans Mommsens Bemerkung, „dass es niemals zuvor eine derartige Vorherrschaft alter Männer gegeben hat wie in der Zeit von 1945 bis in die 1960er Jahre“2. Über die Geschichtswissenschaften im Nationalsozialismus zu sprechen, bedeutet folglich drittens perspektivisch über die Zäsuren hinaus zu blicken, die mit den politischen Markierungen des Januar 1933 und Mai 1945 gesetzt sind. Wie Bürokratie und Verwaltung, wie Menschen in zahlreichen öffentlichen Institutionen, arbeiteten auch die Mehrzahl der Wissenschaftler und überhaupt die meisten Funktionseliten nach kurzen Unterbrechungen oft merkwürdig stabil über diese Schwellen hinweg. Die eigentlich spannende Frage ist daher, wie sich die Individuen in den Wandlungen dieser Bedingungswelt verhielten, sie adaptierten, trugen, ertrugen, gestalteten. Die jüngere Forschung, namentlich die zahlreichen Projekte etwa zu Ministerien und Behörden wie sie am Institut für Zeitgeschich Hans Mommsen. In: Rüdiger Hohls – Konrad H. Jarausch (Hrsg.), Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus. Unter Mitarbeit von Torsten Barthmann, Jens Hacke, Julia Schäfer und Marcel Steinbach-Reimann, Stuttgart-München 2000, S. 8 und S. 163–190. 2

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te beispielsweise zum Bundesministerium des Inneren, zum Forschungsund Gesundheitsministerium oder zu ausgewählten bayerischen Institutionen entstehen, stellt diese Kontinuitätsfragen vom Nationalsozialismus zur Bundesrepublik mit Recht in den Mittelpunkt.3 Zahlreiche Quellen für diese Form der Langzeitanalyse vom Ende der Weimarer Republik bis zum Ende der 1960er Jahre werden recht eigentlich erst jetzt ausgewertet und mit dem angemessenen methodologischen Instrumentarium analysiert. Es ist eine Schimäre, dass die Quellen für die Zeit des Dritten Reiches ausgeforscht seien. Es ist ganz im Gegenteil geradezu verblüffend, wie viel Revisionsbedarf zu vermeintlich feststehenden Thesen sich ergibt, wenn man einen Blick in die Archive wirft. Um nur ein prominentes Beispiel zu nennen, das sich aus der intensiven Quellenanalyse anbietet4: Die Rolle von Albert Speer im Dritten Reich wurde noch bis vor wenigen Jahren weitgehend aus dessen Zeitzeugenfabeln erzählt. Über Jahrzehnte haben viele, nicht selten prominente Historiker in geradezu grotesker Weise Speers Legenden durch Repetition auratisiert, während ein analytischer Blick in die reichlich überlieferten zeitgenössischen Dokumente, etwa zum Stichwort Judenverfolgung oder Rüstungswunder, den Märchengehalt vieler Speer-Erzählungen rasch sichtbar werden lässt. Dies ist im Übrigen nur das vielleicht prominenteste Beispiel für die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Neu-Analyse aller Zeitzeugen-Erzählungen aus Täterperspektive, wie sie seit den 1950er Jahren ihren Weg in die Geschichtsschreibung zum Nationalsozialismus fanden. Zahllose Hitler-Zitate und über die Jahrzehnte bis in die Populärwelt eingeschliffene Bilder sind in hohem Maße Nachkriegskonstruktionen. Es gilt, die Mischung aus verlässlicher Erinnerung, die enthalten sein mag, aus interessegeleiteter Konstruktion, nämlich sich selbst als möglichst unbeteiligt zu präsentieren, sowie aus reichlich purer Phantasie zu trennen. Wer den Film „Der Untergang“ gesehen hat, wurde mit der Behauptung konfrontiert, dass das Gezeigte eine wissenschaftliche Grundlage habe. Tatsächlich er Christian Mentel – Niels Weise, Die zentralen deutschen Behörden und der Nationalsozialismus. Stand und Perspektiven der Forschung, München-Potsdam 2016. – Dies., Die NS-Vergangenheit deutscher Behörden. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 67. Jg., 14/15 (2017) S. 16–21. – „Forschungsgruppe zur Geschichte der Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin“: http://geschichte-innenministerien.de/; „Demokratische Kultur und NS-Vergangenheit. Politik, Personal, Prägungen in Bayern 1945–1975“: http://www.ifz-muenchen.de/ aktuelles/themen/demokratische-kultur-und-ns/ (aufgerufen am 3.7.2017). 4  Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere, München 2017. 3

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halten wir ein zuverlässiges Bild von zeitgenössischen Uniformen, Abzeichen und Grußformeln. Schon bei der Architektur des Führerbunkers aber beginnen die ersten Abweichungen, und die meisten Dialoge sind, obwohl wissenschaftlichen Werken entnommen, erst nach dem Krieg formuliert. Das Beispiel soll genügen als Appell doch bitte nicht nachzulassen, auch vermeintlich etablierte Erzählungen durch einen Blick in die dokumentarische Überlieferung zu testen. Da wartet noch manche Überraschung. Zunächst zurück zur ersten angekündigten Perspektive, der Rolle der Geschichtswissenschaft in der politisch-ideologischen Neuformierung der 1930er Jahre. 1 . Ko n t i nu i t ä t u n d Z ä s u r i m Ja h r 1 9 3 3 Mit welcher Haltung, welchem Weltbild, welcher Idee von ihrer Aufgabe trat die Geschichtswissenschaft über die Schwelle des 30. Januar 1933? Es zählt zum Allgemeinwissen, dass eine Vielzahl führender deutscher Historiker in den 1920er Jahren ihr berufliches Ethos und ihre wissenschaftliche Aufgabe darin sahen, dem beschnittenen Nationalstaat, der die Niederlage im Weltkrieg zu erleiden hatte, zu neuer Legitimation, politischer Größe und historischer Reinheit zu verhelfen. Es zählt weiter zu den Standardformulierungen moderner Geschichtsbücher zur Weimarer Republik, dass die Ablehnung des Versailler Vertrages als die Konsensideologie der Zeit von links bis rechts angesehen werden kann. Hauptwerke der geschichtswissenschaftlichen Instrumentalisierung im Sinne des höheren nationalistischen Zweckes waren das Aktenwerk „Die große Politik der europäischen Kabinette“ sowie die dazugehörigen Veröffentlichungen zur Kriegsschuldfrage. Als Forschungszweck galt, die Unschuld des Deutschen Reiches am Ausbruch des Weltkrieges gegen Artikel 231 des Versailler Vertrages nachzuweisen. Die Forderung nach Revision seiner geographischen, wirtschaftlichen, finanziellen und ethnischen Folgen war dem immanent und entsprach dem Wunsch der überwiegenden Mehrheit der Deutschen. Führende Köpfe der Geschichtswissenschaft sahen ihre Aufgabe darin, diese Forderungen mit wissenschaftlicher Reputation zu versehen. Neben den vierzig Bänden der „Großen Politik“, der Zeitschrift „Kriegsschuldfrage“ und vielen weiteren Texten zählte die Förderung ein-

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schlägiger Historiker, namentlich in den angelsächsischen Staaten, zu dieser geschichtspolitischen Strategie.5 Als Langzeitwirkung der Fischer-Kontroverse ist dies inzwischen einigermaßen erforscht. Zu nennen sind hier namentlich Bernd Faulenbachs Arbeiten über die „Ideologie des deutschen Weges“ (1980)6, Ulrich Heinemanns Buch über „Die verdrängte Niederlage“ (1983)7 sowie Wolfgang Jägers Arbeit über „Historische Forschung und politische Kultur“ (1984).8 Wollte man die Ergebnisse knapp zusammenfassen, so könnte man sagen: Zahlreiche Historiker sahen ihre Aufgabe darin, die unwillkommenen Ereignisse von 1918 aufzulösen, um dem Deutsches Reich die Legitimität seines Großmachtanspruchs zurückzugeben. Mitgedacht war darin stets die territoriale Revision, die erneute Einverleibung von nunmehr zu anderen Nationalstaaten zählenden Gebieten. Rein instrumentell betrachtet waren die staatsgeförderten deutschen Historiker mit dieser Strategie bemerkenswert erfolgreich.9 Mit dem Gang über die Schwelle des 30. Januar  Die Große Politik der Europäischen Kabinette 1871–1914. Sammlung der diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes, im Auftrage des Auswärtigen Amtes hrsg. von Johannes Lepsius, Albrecht Mendelssohn Bartholdy und Friedrich Thimme, 40 Bde. in 54 Teilbd., Berlin 1922–1927. – Vgl. Winfried Baumgart (Hrsg.), Quellenkunde zur deutschen Geschichte der Neuzeit von 1500 bis zur Gegenwart, Bd. 5: Das Zeitalter des Imperialismus und des Ersten Weltkrieges (1871–1918), Teil 1. Akten und Urkunden, 2., überarb. u. erg. Aufl., Darmstadt 1991, S. 1–15. – Die Kriegsschuldfrage. Berliner Monatshefte für internationale Aufklärung, hrsg. von der Zentralstelle für Erforschung der Kriegsursachen, Jg. 1 (1925) – Jg. 6 (1928). 6  Bernd Faulenbach, Ideologie des deutschen Weges. Die deutsche Geschichte in der Historiographie zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, München 1980. 7  Ulrich Heinemann, Die verdrängte Niederlage. Politische Öffentlichkeit und Kriegsschuldfrage in der Weimarer Republik (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 59), Göttingen 1983. 8  Wolfgang Jäger, Historische Forschung und politische Kultur in Deutschland. Die Debatte 1914–1980 über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 61), Göttingen 1984. 9  Ihre Wirkung reichte bis zur „Deutsch-französischen Vereinbarung über strittige Fragen europäischer Geschichte“, die aus einem dreitägigen Treffen vom 9. bis 11. Oktober 1951 im Mainzer Institut für Europäische Geschichte hervorgegangen war, in der es unter anderem hieß: „Die Dokumente erlauben es nicht, im Jahre 1914 irgendeiner Regierung oder einem Volk den bewussten Willen zu einem europäischen Kriege zuzuschreiben.“ Deutsch-französische Vereinbarung über strittige Fragen europäischer Geschichte. In: Internationales Jahrbuch für Geschichtsunterricht Bd. 2 (1953) S. 78–109, hier S. 85. Vgl. auch: Ulrich Pfeil, Art. „Pierre Renouvin“. In: Nicole Colin – Corine Defrance – Ulrich Pfeil – Joachim Umlauf (Hrsg.), Lexikon der deutsch-französischen Kulturbeziehungen nach 1945 (Edition lendemains 28), Tübingen 2013, S. 393. 5

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1933 erweiterte sich die Rolle der machtpolitischen Re-Legitimierung peu à peu in die einer volkstumspolitischen Orientierungswissenschaft. Es wäre sicher übertrieben, pauschal die gesamten Geschichtswissenschaften seit 1933 als Zuarbeiter der neuen Herrschaft zu charakterisieren. Aber eine nationalistische Grundhaltung war ohnehin Teil des verbreiteten Zunft-Habitus. Das Regime selbst hatte der Geschichtswissenschaft eine klare Rolle zugedacht: Nämlich die rückwärts gerichtete Traditionsstiftung verbunden mit der Teleologie des Führerstaates als Überwindung der sogenannten Ideen von 1789 in Erfüllung germanozentrischer Imaginationen von Arminius zu Adolf Hitler. Joseph Goebbels fasste dies im April 1933 so zusammen: „Der Sinn dieser Revolution liegt im Geistigen. Wir wollen die Weltanschauung des Liberalismus und die Anbetung des Einzelnen beseitigen und ersetzen durch einen Gemeinschaftssinn, der wieder das ganze Volk umfaßt und das Interesse der Einzelperson wieder dem Gesamtinteresse der Nation ein- und unterordnen. Damit wird das Jahr 1789 aus der Geschichte gestrichen. Die Umstellung vom Individualismus auf den Gemeinschaftsgedanken erstreckt sich natürlich nicht nur auf das Politische, sondern auch auf das Weltanschauliche, Kulturelle und Wirtschaftliche.“10 „Volk“ und „Rasse“ waren, wie Hitler in „Mein Kampf“ und zahlreichen Reden beschrieben hatte, nicht nur ideologische Propagandaformeln. Sie waren zentrale, auf Praxis zielende Elemente eines politischen Programms, das beanspruchte, den Schlüssel zur Weltgeschichte als determiniert von Rassenkämpfen erkannt zu haben. Traditionelle Gelehrtenpolitiker wie Friedrich Meinecke und Hermann Oncken, auch Walter Goetz gerieten in die Defensive und wurden verdrängt von einer Phalanx aufstrebender, dem Gedanken der Volkstumsgeschichte, der Siedlungs- und Bevölkerungspolitik zugewandter Historiker. Für sie wuchsen Begriffe wie „Volkstum“, „Lebensraum“, „Volksboden“, und damit auch Begriffe der „Volksgemeinschaft“, der „Volksgenossen“, der „Gemeinschaftsfremden“ und der „Volksfeinde“ zu zentralen Elementen geschichtswissenschaftlicher Forschungssemantiken heran. Die inzwischen verfügbaren Details zu Hermann Aubin, Albert Brackmann, Gunther Ipsen, Hans Rothfels und deren Schülerkreis, namentlich Werner Conze und Theodor Schieder, aber auch zu Karl Alexander von Müller oder Karl Dietrich Erdmann – all dies hier aufzuführen wäre die eingangs  Rundfunkrede zum Judenboykott am 1. April 1933. In: Joseph Goebbels, Revolution der Deutschen. 14 Jahre Nationalsozialismus, Oldenburg 1933, S. 155–161, hier S. 155.

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erwähnte Aufgabe einer monographischen Gesamtbeschreibung. Die in den 1990er und Nuller-Jahren entstandenen Texte von – alphabetisch – Götz Aly bis Hans Woller illustrieren dies.11 Die für historische Kontroversen bemerkenswerte Vielzahl der beteiligten Forscherinnen und Forscher indiziert, dass hier ein Nerv getroffen wurde, der ganz offensichtlich jahrzehntelang nicht spürbar gewesen war. Seit den 1990er Jahren fanden jene Arbeiten und Texte aus der Zeit vor 1945 Beachtung, die führende Historiker der Bundesrepublik – exemplarisch Theodor Schieder, Werner Conze, Karl Dietrich Erdmann oder der Mediävist Otto Brunner – als junge Doktoranden und Habilitanden geschrieben hatten. Ein Auslöser dieser Debatte und der nunmehr folgenden genaueren Recherche und Lektüre war etwa Götz Alys und Susanne Heims These von den „Vordenkern der Vernichtung“.12 Andere Bücher wie Willi Oberkromes Arbeit über die „Volksgeschichte“ und die „völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft“13 sowie Ingo Haars und Michael Fahlbuschs ähnlich gelagerten Studien über Historiker im Nationalsozi-

 Auf einer – keineswegs vollständigen – Liste wären zu nennen: Mathias Beer, Wolfgang Behringer, Nicolas Berg, Jan Eckel, Arnold Esch, Thomas Etzemüller, Michael Fahlbusch, Hermann Graml, Ingo Haar, Frank-Rutger Hausmann, Susanne Heim, Johannes Hürter, Karsten Jedlitschka, Jürgen Kocka, Hartmut Lehmann, Hans Mommsen, Wolfgang Neugebauer, Christoph Nonn, Willi Oberkrome, Otto Gerhard Oexle, Pierre Racine, KarlHeinz Roth, Jörn Rüsen, Wolfgang Schieder, Peter Schöttler, Winfried Schulze, Irmline Veit-Brause, Hans-Ulrich Wehler, Heinrich August Winkler, Hans Woller und manche andere. Götz Aly, „Endlösung“. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt a.M. 1995. – Jörn Rüsen, Konfigurationen des Historismus. Studien zur deutschen Wissenschaftskultur, Frankfurt a. M. 1993. – Siehe daneben die einzelnen Beiträge in den Sammelbänden: Peter Schöttler (Hrsg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 1333), Frankfurt a.M. 1997. – Winfried Schulze – Otto Gerhard Oexle (Hrsg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 1999. – Johannes Hürter – Hans Woller (Hrsg.), Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 90), München 2005. – Karsten Jedlitschka, Wissenschaft und Politik. Der Fall des Münchner Historikers Ulrich Crämer (1907–1992) (Ludovico-Maximilianea 21), Berlin 2006. 12  Götz Aly – Susanne Heim, Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Hamburg 1991. 13  Willi Oberkrome, Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918–1945 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 101), Göttingen 1993. 11

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alismus wären zu nennen.14 Ohne hier die Details der Debatte (die später noch einmal angesprochen werden), wiederholen zu können, blicken wir auf die zu Grunde liegende Kernfrage: Den Konnex der zeitgenössischen Texte zur NS-Politik. Wir sehen in den Jahren nach 1933 vielfach die Fundierung der Volkstumsgeschichte als Element der nationalsozialistischen Selbstbegründung, als Ausgangspunkt geographischer Raumkonstruktionen, als Perspektive militärischer Eroberungen, als Anspruch an einen deutschbeherrschten, europäischen Machtraum, in dem Minderheiten sortiert, ethnische Neustrukturierungen projiziert, „Lösungen“ formuliert und gefordert wurden. So waren beispielsweise in der 1935 geschaffenen nordostdeutschen Forschungsgemeinschaft „rund 200 Gelehrte mit rund 400 Projekten“15 erfasst. Verkürzt gesprochen folgte auf den Drang zur Revision von Versailles eine intellektuelle Erforschung und Ausformulierung des Lebensraumkonzepts. Wie weit diese Projekte praktische Folgen hatten und tatsächlich einen aktiven Beitrag zur Vernichtungspolitik lieferten, oder ob sie vor allem für Schublade und Regal produziert wurden, soll hier nicht im Einzelnen beschrieben werden; die Forschung dazu ist weiterhin im Fluss. Es geht im Kern darum, dass sich hunderte Wissenschaftler, nicht nur Historiker, auch Sprachforscher, Raumplaner, Architekten und andere mit Fleiß, Engagement und intellektueller Kreativität einem Denken widmeten, das einen Kognitionsraum der Ermöglichung schuf, in dem es für die Praktiker von SD und SS schon lange keine ethischen Grenzen mehr gab. Wer sich in diesem Kognitionsraum aufhielt, in ihm arbeitete, war Teil eines Herrschaftsagierens, das durch sein Denken und Schreiben mit konstituiert und stabilisiert wurde. Das zum mindesten ist die zeitgenössische Verantwortung. 2 . H i s t o r i ke r a l s g e s ch i ch t s p o l i t i s ch e A k t e u r e Lenken wir nun den Blick auf einzelne Akteure. Auch hier ist die Forschung inzwischen deutlich differenziert. Ausgelöst seit den 1990er Jahren  Ingo Haar – Michael Fahlbusch (Hrsg.), Handbuch der völkischen Wissenschaften. Personen – Institutionen – Forschungsprogramme – Stiftungen, München 2008. 15  Ingo Haar, Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der „Volkstumskampf“ im Osten (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 143), Göttingen 2000, S. 368. 14

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liegen neben zahlreichen Sammelbänden Biographien vor zu Hans Rothfels (2005)16, Werner Conze (2001 und 2010)17, Theodor Schieder (2013)18 und Karl Alexander von Müller (2014).19 Im weiteren Kontext wären Studien zu Karl Dietrich Erdmann (1996)20 zu nennen sowie Christoph Cornelißens weit gefächerte Analysen zu Gerhard Ritter. Der ist zwar nicht als NS-Historiker aufgetreten, spielt aber für dessen Interpretation nach 1945 eine zentrale Rolle.21 Der 1908 geborene Theodor Schieder war in dieser Perspektive einer der zentralen Akteure. Schieder wurde 1933 bei Karl Alexander von Müller promoviert und wechselte anschließend nach Königsberg (Stichwort Grenzland) zu Hans Rothfels. Von 1935 bis 1944 leitete Schieder die „Landesstelle Ostpreußen für Nachkriegsgeschichte“, an der auch Helmut Krausnick arbeitete, seit April 1952 Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte und von 1959 bis 1972 dessen Leiter. Schieder wurde 1940 in Königsberg als Dozent verbeamtet und erhielt dort 1942 einen Lehrstuhl per Hausberufung. Mit vierunddreißig Jahren war er keineswegs zu alt fürs Soldatsein, aber an die Front mussten andere. Christoph Nonn hat gezeigt, wie Schieder seit 1933 einen Weg „der Anpassung und Annäherung an den Nationalsozialismus“ nahm, „bis hin zur weitgehenden Identifikation mit diesem“.22 Seit 1938 bekannte er sich „unzweideutig zum Nationalsozialismus“.23 Nonn beschreibt weiter, wie die Arbeiten der von Schieder geleiteten „Landesstelle Ostpreußen“ in Zichenau zu einem Klima beitrugen, das „alltägliche Willkürakte von deutschen Behördenvertretern, Polizisten und ‚Volksdeutschen‘ an Po Jan Eckel, Hans Rothfels. Eine intellektuelle Biographie im 20. Jahrhundert (Moderne Zeit 10), Göttingen 2005. 17  Thomas Etzemüller, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 (Ordnungssysteme 9), München 2001. – Jan Eike Dunkhase, Werner Conze. Ein deutscher Historiker im 20. Jahrhundert (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 194), Göttingen 2010. 18  Christoph Nonn, Theodor Schieder. Ein bürgerlicher Historiker im 20. Jahrhundert (Schriften des Bundesarchivs 73), Düsseldorf 2013. 19  Matthias Berg, Karl Alexander von Müller. Historiker für den Nationalsozialismus (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayer. Akademie der Wissenschaften 88), Göttingen 2014. 20  Martin Kröger – Roland Thimme, Die Geschichtsbilder des Historikers Karl Dietrich Erdmann. Vom Dritten Reich zur Bundesrepublik, München 1996. 21  Christoph Cornelissen, Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert (Schriften des Bundesarchivs 58), Düsseldorf 2001. 22  Nonn (wie Anm. 18) S. 117–121, hier S. 117. 23  Ebd. S. 118. 16

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len ermöglichte – bis hin zu nicht autorisierten Erschießungen, ‚wilden‘ Deportationen und Mord.“24 Nonn charakterisiert dies als „indirekte[n] Beitrag zu den Verbrechen deutscher Besatzung.“25 Schieder war demnach „in den frühen 1940er-Jahren … zu einem Nationalsozialisten reinsten Wassers und rassistischen Ideologen“ geworden.26 Mehr ließe sich vorführen, die Befunde sind deutlich genug. Schieder ist nur einer von vielen, die die Aufgabe der Geschichtswissenschaften darin sahen, dem Geist der Zeit, aber auch ihrer Politik dienstbar zu sein. Zitate, Konzepte und Pläne vieler Kollegen aus diesen Jahren ließen sich aus den biographischen Analysen ohne Umschweife für einige Stunden präsentieren. Nachwuchsforscher waren in diesem Sinne nicht in jedem Fall „Vordenker“, aber selbstverständlicher und selbstbewusster Teil des NS-Legitimationsapparates, der diese ideologischen Konzepte der Lebensraumkonkurrenz und ihrer politischen Weiterungen, die im Krieg ihren Ausdruck fanden, zumindest unterfütterte. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Historiker, sondern, wie angesprochen, für zahlreiche andere Fächer, Demographen, Soziologen, Architekten, Raumplaner und manche andere. Betrachten wir nun die Frage, warum das Wiederentdecken und die Analyse dieser zeitgenössischen und nach 1945 keineswegs unzugänglichen Texte und Denkmuster erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten erfolgte. Auch hier sind die Geschichtswissenschaften keine Ausnahme, sondern Teil eines generellen gesellschaftlichen Prozesses. Institutionengeschichtlich spielt die jahrzehntelange Beharrungskraft der Veto-Akteure eine zentrale Rolle. Anders formuliert: So lange die Altvorderen in Ministerialapparaten und Verbänden, in wirtschaftlichen und institutionellen Netzwerken präsent und reputiert, zumindest noch aktiv waren, fiel es offensichtlich schwer, eine selbstkritische Komplexanalyse vorzunehmen. Erst als die Veto-Spieler verschwanden, fanden die leisen Nachfrager, die es immer wieder gab, endlich Gehör und öffentliche Resonanz. Auch da macht die Historikerschaft keinen Unterschied zu anderen Institutio Ebd. S. 101.  Ebd. S. 101. 26  Christoph Nonn, Kommentar zu: Peter Schöttler, Rezension zu: Nonn, Christoph: Theodor Schieder. Ein bürgerlicher Historiker im 20. Jahrhundert. Düsseldorf 2013. In: H-Soz-Kult, 19. Dezember 2013, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21182. Erwiderung auf Peter Schöttlers Rezension meiner Biographie über Theodor Schieder, 14. Januar 2014. 24 25

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nen und Funktionseliten. Oder doch? Sie hat es, und das ist die eigentliche Dialektik des Themas, viele Jahre lang behauptet. Nämlich: Dass man im Fach selbst ja schon lange kritisch mit der eigenen Rolle im Nationalsozialismus umgegangen sei. Doch auch da gibt es einiges zu modifizieren. Beim Versuch dessen, was man Ambition zur Ehrenrettung der Geschichtswissenschaften nennen könnte, wird regelmäßig auf Karl Ferdinand Werner und dessen bereits 1967 erschienenen Band über „Das NSGeschichtsbild und die deutsche Geschichtswissenschaft“ verwiesen.27 Werner analysiert vor allem die Rolle der Mediävisten. Sein Ansatz ist zeitgenössisch durchaus mutig, ja provokativ. Aber wir müssen auch hier präzise hinschauen. Ein Resümee Werners aus dem Band „Geschichtswissenschaft in Deutschland“, der 1974 beim Verlag C.H. Beck erschien, fasst zusammen: „Die deutsche Geschichtswissenschaft hat gegenüber dem NS-System geistig versagt, weil sie schon längst vor Hitler, von wenigen, denkwürdigen Ausnahmen abgesehen, sich kaum mit der gesellschaftlichen Analyse der politischen Erscheinungen, den innenpolitischen Voraussetzungen und Motiven außenpolitischer Machtentfaltung beschäftigt hat. Indem sie den äußeren Ablauf des vom nationalen Standpunkt und überwiegend aus deutscher Sicht gesehenen politischen Geschehens, durchaus mit partieller Erklärung namentlich außenpolitischer Motivationen, beschrieb, indem sie die geistigen Leistungen in einer gleichsam isolierten Welt der Ideen- und Geistesgeschichte würdigte und feierte, war sie notwendig von einem Instrument der Erkenntnis und Besinnung, ungewollt und ohne es zu bemerken, herabgesunken zur bloßen Dekoration des bestehenden, zur Geschichte des Erfolges und der Erfolgreichen. Es bedurfte des größten Misserfolges der neueren Geschichte, um sie wachzurütteln.“28 Das liest sich beim ersten Hören als scharfe Kritik. Und in der Diskurswelt des Jahres 1967 war es dies zweifellos. Die entscheidenden Worte dieses Zitates werden dabei leicht überlesen. Sie lauten „ungewollt und ohne es zu bemerken“. Nein, wird man entgegnen müssen, die meisten agierten ganz und gar nicht so. Wer Außenpolitik und Machtstaatsgeschichte als Höchstes wissenschaftliches Maß propagierte und mit den selbstgesetzten Ideen der Volkstumsgeschichte  Karl Ferdinand Werner, Das NS-Geschichtsbild und die deutsche Geschichtswissenschaft, Stuttgart u.a. 1967. 28  Karl Ferdinand Werner, Die deutsche Historiographie unter Hitler. In: Bernd Faulenbach (Hrsg.), Geschichtswissenschaft in Deutschland. Traditionelle Positionen und gegenwärtige Aufgaben (Beck‘sche schwarze Reihe 111), München 1974, S. 86–96, hier S. 96. 27

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verband, tat dies nicht ungewollt und ohne Bemerken, nicht ohne Bewusstsein für die Kategorien, in denen hier geforscht und geschrieben wurde. Der Modus, in dem Werner formuliert, ist in diesen Jahren äußerst populär. Es ist die Erzählung des „man“: Dass „man“ das Dritte Reich eigentlich gar nicht so richtig habe entfalten und wirken sehen. Dass „man“ dabei selbstverständlich in Distanz stand. Die neuere Forschung etwa zum Personal des Bundesministeriums des Innern zeigt, wie in den Personalunterlagen der 1950er Jahre genau diese Selbsterzählung dominiert: „Man“ habe immer nur seine fachliche Arbeit gemacht, sei „eigentlich“ stets auf Distanz zum Nationalsozialismus gewesen, sei unpolitisch und ganz der genuinen Expertise verpflichtet gewesen, schon vor 1933, dann während seiner Herrschaft und jetzt, da man sich im Ministerium bewerbe, selbstverständlich immer noch. Die Ikone dieser Entlastungserzählung war der erwähnte Albert Speer. Ihm gelang es mit der Konstruktion, er sei irgendwie, aber eigentlich nicht bewusst im Dritten Reich dabei gewesen, im Nürnberger Prozess seinen Kopf zu retten.29 Seine erfolgreiche Selbstkonstruktion als „unpolitischer Techniker“, als „Künstler“ und „Fachmann“ bot das prominenteste und wirkungsvollste Modell für die Selbsterzählung der deutschen Funktionseliten. Und auch die Historiker folgten diesen Erzählungen gern. Blicken wir daher als nächstes auf einen noch weitaus bekannteren als Werners Text, der regelmäßig als Hinweis für die kritische Selbstanalyse der Geschichtswissenschaften genannt wird: Helmut Heibers monumentales Werk über „Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands“.30 Heibers Buch, das ist wichtig zu vermerken, entstand als Auftragsarbeit des Instituts für Zeitgeschichte. Von wem die Initiative ausging, ob Heiber das Thema vorschlug und absegnen ließ, oder andere ihn damit betrauten, weil sie das Thema für akut hielten, ist bislang offen. Den Ursprung dieses magnum opus zu erfahren, würde auch einen Beitrag zum frühen Selbstverständnis des IfZ liefern, das ja als Institut zur Erforschung der nationalsozialistischen Zeit gegründet worden war. Schauen wir in die Quellen: Der Stiftungsrat des Instituts, der seinerzeit über Veröffentlichungen entschied, diskutierte Heibers Manuskript am 18. Juni 1965. Gutachter waren Hans Rothfels, seinerzeit Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates (1959–1974) und Herausgeber der Viertel Das folgende nach: Brechtken (wie Anm. 4) S. 299–310.  Helmut Heiber, Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 13), Stuttgart 1966.

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jahrshefte für Zeitgeschichte, sowie Theodor Schieder, Mitglied des Beirates von 1958 bis 1974. Rothfels gab ein „mündliches Gutachten“. Heibers „Arbeit habe sich zu einer gründlichen Darstellung der Geschichte der Geschichtswissenschaft und der Wissenschaftsverwaltung im Dritten Reich ausgewachsen. Ungeachtet kleinerer Monita und Vorbehalte plädiere er entschieden für eine Veröffentlichung des Buches durch das IfZ. Auch Professor Schieder sei unbedingt dafür. Die Darstellung basiere auf einer enormen Materialbreite. Über seine Vorbehalte in stilistischer Hinsicht habe Professor Rothfels schon mit dem Verfasser gesprochen. Streichungen sollten jedoch nur in kleinem Umfang vorgenommen werden.“31 Direktor Krausnick verlas Schieders Gutachten mit dem „Fazit …, dass die Schrift vom IfZ unbedingt zur Veröffentlichung angenommen werden sollte“.32 Das Protokoll verzeichnet weiter, Heiber leiste genau das, was ein anderes Beiratsmitglied, Theodor Litt (1950–1962), immer gefordert habe, nämlich „das Schicksal der eigenen Wissenschaft im Dritten Reich zu untersuchen“. Bemerkenswert ist die Verwendung des Wortes „Schicksal“ im Gegensatz zu einem aktiven „Tun“. Heiber „gehe auch mit Walter Frank keineswegs schonend um“. Im Übrigen: „Veröffentlicht werde das Manuskript bestimmt, denn es interessierten sich schon zwei Verlage dafür.“ Rothfels war gleichwohl etwas unbehaglich, denn das Protokoll vermerkt seinen „Vorschlag, dem Buch kein Personenverzeichnis beizugeben, um einem Missbrauch entgegenzuwirken.“ Zwar habe das Werk „keinen denunziatorischen Ton“, aber dennoch. Seine Kollegen meinten allerdings, „ein Weglassen des Personen-Index werde in dieser Hinsicht wenig nützen“, so dass Rothfels seinen Vorschlag zurückzog.33 Wie erklärt sich nach allem, was wir über die Texte Schieders und den Einfluss Rothfels‘ in der NS-Zeit wissen, dass beide „entschieden“ und „unbedingt“ für eine Veröffentlichung plädierten? Die Antwort ist einfach. Sie kommen ebenso wie viele nun mit ihnen in der Bundesrepublik aktiven Historiker im Buch kaum vor, jedenfalls ohne die Analyse ihrer Schriften von vor 1945.

 IfZ-Archiv ID 5/1, Protokoll über die sechste Sitzung des Stiftungsrats vom 18. Juni 1965, S. 6–7. 32  Ebd. S. 9. 33  Ebd. S. 9. Zur Diskussion vgl. auch Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung (Moderne Zeit 3), Göttingen 2003, S. 360. 31

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Rothfels ist fast zwei Dutzend Mal erwähnt, aber stets unverfänglich. Schieder wird nur mit Hinweisen auf Nachkriegstexte genannt. So zitiert Heiber Schieders Aufsatz zum hundertjährigen Jubiläum der Historischen Zeitschrift von 1959. Darin hatte der HZ-Herausgeber nicht nur seinen Lehrer Müller recht unverfänglich porträtiert. Heiber attestierte Schieder zudem, „was von dem 1935 ausgeschiedenen Mitglied des Herausgeberstabes Hans Rothfels schon 1948 konstatiert worden war: dass nämlich die ns-gleichgeschaltete HZ mehr Integrität bewahrt hat, als man eigentlich hätte erwarten können.“ Die „beschämenden Stücke“ waren demnach von „anderen“, von „außen“ also, vor allem Walter Frank, gleichsam hineingedrückt worden.34 Kein Wunder, dass Rothfels, Schieder & Co. in Heibers Werk einen gelungenen Weg sahen, eine auch für sie hilfreiche Lesart ihres Faches im Nationalsozialismus zu etablieren. Vehementer Protest kam von anderer Seite. Heiber hatte im Archiv des Oldenbourg-Verlages einige Briefe zur Geschichte der HZ ausgewertet und zitiert. Verleger Karl von Cornides sah sich nun bei der Lektüre der Druckfahnen alarmiert und schrieb an IfZ-Direktor Krausnick: „Ich bin bestürzt, nicht allein wegen der Darstellung von Herrn Dr. Heiber, sondern auch darüber, dass diese Arbeit, die meines Erachtens das Ansehen der deutschen Geschichtswissenschaft aufs Schwerste belastet, zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Es kann nicht im Interesse der von mir hoch geschätzten Historiker Ihres Kuratoriums liegen, dass Verstorbene und lebende Kollegen (wie z.B. Professor K[arl] A[lexander] von Müller und Professor Kienast) in einer derartigen Weise verunglimpft werden, wie es hier geschieht.“35 Cornides zeigte vor allem Sorge um den Ruf seines Hauses.36 „Unser Verlag kann es auf keinen Fall zulassen, dass er dadurch, dass er das Material für diese Arbeit geliefert hat, eine Mitverantwortung (…) übernehmen muss. Dabei gehe ich keineswegs so weit, bei Herrn Dr. Heiber Böswillig34  Heiber (wie Anm. 30) S. 279. – Gemeint ist: Theodor Schieder, Die deutsche Geschichtswissenschaft im Spiegel der Historischen Zeitschrift. In: Historische Zeitschrift 189 (1959) S. 1–104. 35  IfZ-Archiv ID 5/1, Karl Cornides an Helmut Krausnick, 27. Juni 1966. 36  Einige Informationen, die Heiber erhalten hatte, stammten aus dem Bestand der Schriftstücke seines eigenen Hauses. Sein Vorgänger Kliemann hatte Heiber Akteneinsicht gewährt. Cornides missfiel das, konnte es aber nicht mehr rückgängig machen. Er bestritt stattdessen, dass Kliemann berechtigt gewesen sei, Heiber „die Wiedergabe von Schriftstücken ohne Einvernehmen mit deren Urhebern zu gestatten“. Mit anderen Worten: Die Briefschreiber selbst sollten gefragt werden, ob sie damit einverstanden waren, zitiert zu werden. IfZ-Archiv ID 5/1, Cornides an Helmut Heiber, 14. Juni 1966.

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keit anzunehmen. Es ist wohl mehr so, dass sein geringes sprachliches Gestaltungsvermögen, seine Unvertrautheit mit der Praxis des Verlagswesens und eine ihm wahrscheinlich gar nicht bewusste Voreingenommenheit, es ihm unmöglich gemacht haben, die Vorgänge, mit denen er sich befasst hat, zu verstehen und adäquat darzustellen.“37 So meinte Cornides, Heibers Interpretation, dass der HZ-Herausgeberwechsel von Friedrich Meinecke zu Karl Alexander von Müller 1935 mit dem Nationalsozialismus zu tun habe, sei völlig übertrieben.38 Cornides versuchte auch, Heiber selbst zu beeinflussen, der wich aber aus und verwies an das Institut: „Ich habe einen Forschungsauftrag erhalten und habe ihn ausgeführt, das Institut hat die Arbeit geprüft und zur Veröffentlichung angenommen. Alle rechtlichen Folgen, die mit der Veröffentlichung zusammenhängen, sind mithin Sache des Instituts, und ich halte mich nicht für befugt, hier Entscheidungen zu treffen“.39 An seinen Direktor schrieb Heiber: „Dass die Publikation ‚Walter Frank‘ ein Risiko darstellt und ich hinsichtlich Einstweiliger Verfügungen keine Garantie übernehmen kann, habe ich von Anfang an klargestellt.“ Mit einer Spur kühlem Zynismus fügte er hinzu: „Ich möchte jedoch zu bedenken geben, dass auch im schlimmsten Falle [die] ‚Reklame‘ für das Institut m.E. größer ist als jedes normal durchlaufende Buch sie bewirkt.“40 Tatsächlich  IfZ-Archiv ID 5/1, Karl Cornides an Helmut Krausnick, 27. Juni 1966.  Es ging um jenen Vorgang der geflissentlichen Anpassung an das NS-Regime, den Cornides HZ-story nannte. Gemeint war die Entlassung Friedrich Meineckes vom Amt des HZ-Herausgebers, die Übergabe an Karl Alexander von Müller und der Einfluss von Walter Frank in diesem Prozess. Cornides behauptete nun, dass der Verlag ohnehin mit Meinecke unzufrieden gewesen sei und die Lösung Karl Alexander von Müller schon länger im Raum gestanden habe. In einem Post Skriptum schrieb Cornides: „Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich keineswegs an einer in einem bestimmten Sinn gefärbten Darstellung oder gar einer ‚Weißwaschung‘ unseres Verlages interessiert bin. Wenn eine Publikation über die Vorgänge um die HZ aufgrund unserer Akten überhaupt einen Sinn haben soll, so kann es doch wohl nur der sein, ein besseres Verständnis der damaligen Verhältnisse herbeizuführen. In dieser Hinsicht hätten unsere Akten sicherlich manches beitragen können und ich vermute, dass dieser Gedanke auch Herrn Kliemann [Cornides Verlagskollege, der Heiber die Informationen zugänglich machte] zu seinem Entgegenkommen ihnen gegenüber veranlasst hat.“ Das war ein bekannter Ton der Altvorderen, der noch lange gegen die kritische Analyse aus den Quellen vorgebracht wurde: Die Verhältnisse könne nur verstehen, wer dabei war, überhaupt könnten Nachgeborene überhaupt kein Verständnis aufbringen für die Diffizilität der damaligen Lage. IfZ-Archiv ID 5/1, Karl von Cornides an Helmut Heiber, 14. Juni 1966. 39  IfZ-Archiv ID 5/1, Helmut Heiber an Karl von Cornides, 16. Juni 1966. Cornides führte den Verlag 1966 noch von Wien aus, die Adresse war: Neulinggasse 26/12, 1030 Wien. 40  IfZ-Archiv ID 5/1, Helmut Heiber, Aktenvermerk für Dr. Krausnick, 16. Juni 1966. 37 38

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wurde Heibers Werk ein veritabler Erfolg und bis heute hält sich die Anekdote, sein Personenindex sei einige Jahre das am meisten genutzte Register überhaupt gewesen. Entscheidend aber war, dass die seinerzeit aktuellen Größen des Faches, Rothfels, Schieder, Conze und viele andere in dieser süffig geschriebenen Abrechnung nicht für die in Rede stehende Zeit analysiert und mithin auch nicht zur öffentlichen Reflexion über ihre eigene Vergangenheit provoziert wurden. Peter Schöttler hat mit Recht bemerkt, dass Heibers Buch „gerade wegen seiner unglaublichen Ausführlichkeit“ dazu beitrug, das Forschungsfeld nahezu zu verdecken. Heiber habe den Eindruck vermittelt, die NS-Historie habe sich vor allem zwischen den Polen von Propagandaschlachten und Personalquerelen bewegt. „Auf nicht weniger als 1200 Seiten machte Heiber die gesamte Mischpoke der Nazi-Historiker derart lächerlich, dass niemand sie anschließend mehr ernst nehmen konnte, ja ernst zu nehmen brauchte. Weitere Nachforschungen schienen überflüssig. Das Problem der NS-Historie war damit für lange Zeit unter Anekdoten und humorigen Sprüchen begraben.“41 So blieb es bis in die 1990er Jahre. Welche Entwicklung aber nahm das Geschilderte über die Zäsur 1945 und die Frage nach der Verbindung zur Gegenwart hinaus? 3 . B l i ck ü b e r d i e Z ä s u r e n Als das Thema „Geschichtswissenschaften im Nationalsozialismus“ in den 1990er Jahren wieder Forschungsobjekt wurde – Höhepunkt war zweifellos der Frankfurter Historikertag 1998 –, entwickelte sich eine mehrschichtige Diskussion. Einmal trat methodisch die Frage ins Bewusstsein, inwieweit die moderne deutsche Sozialgeschichte aus einer Kontinuität der Volkstumsforschung herkomme, gleichsam deren illegitimes Kind sei. Und zum zweiten ging es um die generationelle Pikanterie, dass just die Vorreiter der gesellschafts- und strukturgeschichtlichen Neukonzeptionen zugleich die Meisterschüler jener nunmehr im Forschungsscheinwerfer stehenden und aus den Quellen belasteten jungen NS-Volkstumsforscher waren. Wir erinnern uns, wie Hans-Ulrich Wehler, viele Jahre Assistent Theodor Schieders in Köln, 1998 in Frankfurt am Rednerpult demonstrativ  Peter Schöttler, Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. Einleitende Bemerkungen. In: Ders. (wie Anm. 11) S. 7–30, hier S. 13–14.

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die Frage stellte: „Warum ging ich zu Schieder und blieb so viele Jahre?“ Seine Antwort: „Weil er unter den Historikern der Zeit ein Riese war, anderen weit überlegen.“ Wehler berichtete zugleich, wie erfolglos alle Versuche endeten, mit Schieder über die Königsberger Zeit zu sprechen. Der schwieg und wechselte das Thema. Hans Mommsen, Assistent von Werner Conze, erklärte die Unmöglichkeit, den Kokon des unnahbaren Professors, zumal in jenen Zeiten fest etablierter Lehrstuhl-Feudalsysteme, zu durchbrechen. Genuine persönliche Nähe war selten, eine bestimmte Art von Fragen tabu. Der im Kontext dieser Debatte entstandene Interviewband von Rüdiger Hohls und Konrad Jarausch über „deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus“ trägt denn auch den programmatischen Titel „Versäumte Fragen“.42 Warum aber taten sich, wie der Historikertag zeigte, die Geschichtswissenschaften auch jetzt noch schwer mit einer umfassenden Analyse ihrer eigenen Rolle im Nationalsozialismus? Thomas Etzemüller betitelte 2003 einen Beitrag zur Rothfels-Debatte mit der Frage: „Suchen wir Schuld oder wollen wir Gesellschaft analysieren?“43 Diese Frage impliziert eine wertende Dichotomie, die ein Entweder-Oder postuliert, das die Geschichtswissenschaft sich nicht aufdrängen lassen sollte. Selbstverständlich „wollen wir Gesellschaft analysieren“. Aber angesichts der inzwischen bekannten Wirkungsmechanismen, nach denen die NS-Herrschaft als Eroberungsregime funktionierte, ist es nicht ausgeschlossen, dass wir auch auf „Schuld“ treffen. Dem über die Jahrzehnte wiederholten und in merkwürdiger Unreflektiertheit vorgebrachten Argument, die Nachlebenden würden sich arrogant erheben und politische und ethische Maßstäbe der Gegenwart an vergangenes Denken und Handeln anlegen, ist zu widersprechen. Dass man die Thesen und Ansichten der Vergangenheit in ihre Zeit einordnen müsse, ist ebenso richtig wie banal. Gleiches gilt für die Ansicht, man müsse hermeneutisch konstatieren, dass das Denken der Zeit nun einmal so gewesen sei. Wenn beispielsweise in Texten von Historikern aus den Jahren vor 1945 antisemitische und nationalsozialistische Thesen formuliert würden, wenn  Hohls – Jarausch (wie Anm. 2). – Zahlreiche online-Publikationen jener Jahre präsentieren ein ähnliches Bild. H-Soz-u-Kult: Review-Symposium: http://hsozkult.geschichte. hu-berlin.de/Rezensio/symposiu/versfrag/sympos.htm (aufgerufen 22.10.2016). 43  Thomas Etzemüller, Suchen wir Schuld oder wollen wir Gesellschaft analysieren? Eine Anmerkung zur aktuellen Debatte um Hans Rothfels, 16.2.2003: http://hsozkult.geschichte. hu-berlin.de/forum/id=284&type=diskussionenonen (aufgerufen 22.11.2016). 42

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von der Volkstumsproblematik die Rede sei oder vom „Aufbau einer gesunden Volksordnung“44, dann gelte es vor allem, dies in der Zeit zu „kontextualisieren“, ist dem zunächst nicht zu widersprechen.45 Der Historiker solle nicht als Staatsanwalt auftreten. Alles richtig. Gleichwohl liegt dieser Argumentation ein Denkfehler zu Grunde: Sie unterstellt, dass wir eine veränderte Begrifflichkeit implizieren, wenn wir aus der Perspektive der heutigen Welt über Vergangenes reden. Dies aber trifft hier nicht zu. Wenn etwa Theodor Schieder in seiner sogenannten Polen-Denkschrift vom 7. Oktober 1939 „die Entjudung Restpolens“ projiziert, dann ist dies schon 1939 ein Ausdruck antisemitischen Denkens und antisemitischer Politik. Nicht erst der rückblickende Maßstab macht ihn, den Begriff von der Entjudung, dazu. Wenn Otto Brunner 1938/39 über die „dunkle Stimme des Bluts“46 raunt, vom „blutsmäßig germanischen Anteil an der Bevölkerung“ spricht und der „Immunisierung der deutschen Volksgruppen gegen die geistige Beeinflussung durch fremde Staatsideen“ das Wort redet47, ist das zeitgenössisch bewusstes völkischrassisches Denken und wird dies nicht erst, wenn wir Brunners Text heute lesen.48 Wir könnten hier auch Martin Heideggers jüngst veröffentlichte Briefe an seinen Bruder nennen. Das ist der Zeitgeist und diese Herren zählen zu seinen Trägern, Reflektoren und Propagandisten. Mit anderen  So eine Formulierung von Theodor Schieder in seiner sogenannten „Polen-Denkschrift“ vom September/Oktober 1939. In: Angelika Ebbinghaus – Karl-Heinz Roth, Vorläufer des „Generalplans Ost“. Eine Dokumentation über Theodor Schieders Polendenkschrift vom 7. Oktober 1939. In: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 7 (1992) Heft 1, S. 62–94. – Zitiert nach Götz Aly, Theodor Schieder, Werner Conze oder Die Vorstufen der physischen Vernichtung. In: Schulze – Oexle (wie Anm. 11) S. 163–182, hier S. 163. – Theodor Schieder, Landständische Verfassung, Volkstumspolitik und Volksbewußtsein. Eine Studie zur Verfassungsgeschichte ostdeutscher Volksgruppen. In: Hermann Aubin – Otto Brunner – Wolfgang Kohte – Johannes Papritz (Hrsg.), Deutsche Ostforschung. Ergebnis und Aufgaben seit dem ersten Weltkrieg, Bd. 2, Leipzig 1943, S. 257–288. 45  Ein Beispiel: Horst Möller, Hans Rothfels – Versuch einer Einordnung In: Hürter – Woller (wie Anm. 11) S. 201–206, hier besonders S. 202–203. 46  Otto Brunner, Das österreichische Institut für Geschichtsforschung und seine Stellung in der deutschen Geschichtswissenschaft. In: Mitteilungen des Österreichischen Instituts für Geschichtsforschung 52 (1938) S. 385–416, hier S. 412. 47  Brunner-Zitate nach Michael Fahlbusch, Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft. In: Haar – Fahlbusch (wie Anm. 14) S. 688–697, hier S. 694–695. 48  Wenn Otto Brunner seinem Mentor Hans Hirsch im Nachruf 1941 ein „lebendiges geschichtliches Bewußtsein im Volkstumskampf“ attestiert, dann ist das völkisches Denken im Moment des Formulierens. – Otto Brunner, Nachruf Hans Hirsch. In: Historische Zeitschrift 163 (1941) S. 447–449, hier S. 448–449. 44

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Worten: Man muss kein Staatsanwalt sein, um einen rassistischen Text von 1940 als solchen zu identifizieren, Historiker sein genügt völlig. Im Dienste der Rationalität unseres Faches können und dürfen wir dieser Aufgabe nicht entweichen. Wer in die Quellen der Zeit sieht, für den wird offensichtlich, dass rassistisches Denken ein bestimmendes Merkmal zahlreicher Historiker-Texte dieser Jahre war. Das macht diese Wissenschaftler nicht automatisch zu Akteuren der Vernichtung. Aber zu MitDenkern des zeitgenössisch politisch Dominierenden doch allemal. Dann stellt sich zu Recht die Frage: Wie aber gehen wir dann mit den Lebensläufen der Nachkriegszeit um? Die Frage der Kontinuität und Diskontinuität über die politische Brachialzäsur von 1945 hinweg ist ein zentrales Thema nahezu aller eingangs erwähnten aktuellen Forschungsprojekte. Für die Historikerschaft steht eine solche Analyse noch aus. Hans-Ulrich Wehler hat vor fünfzehn Jahren im Beitrag, der aus dem Historikertag 1998 hervorging, ausführlich die Frage diskutiert, wie man das Verhältnis von nationalsozialistischem Engagement und bundesrepublikanischer Karriere nach 1945 in Beziehung setzen und als Lebensleistung angemessen bewerten kann. Zentrale Kategorien sind dabei zweifellos die Fragen „nach einer glaubwürdigen Lernbereitschaft und reflexiven Lernfähigkeit“.49 Ohne hier in die Details gehen zu können, ist der Befund für die bislang untersuchten Akteure zumindest so zu deuten, dass keiner derjenigen, die in der Bundesrepublik wieder zu Lehrstuhlmacht und Forschungspfründen kamen, je wieder nationalsozialistisches Denken propagierte. Viele repräsentieren einen Lern- und Bewusstseinsprozess, der wiederum durchaus als typisch gelesen werden kann für die Funktionseliten der deutschen Gesellschaft, die sich einem neuen, strukturell und persönlich bald sehr erfolgreichen Belohnungssystem gern ergaben. Diese Formulierungen sind bewusst vage, weil wir von wenigen Einzeluntersuchungen abgesehen keine systematische Analyse dieses Wandlungsprozesses besitzen. Überhaupt scheint das breite Interesse an diesem Thema „deutsche Historiker zwischen Nationalsozialismus und Bundesrepublik“ nach den Eruptionen zur Jahrtausendwende merkwürdig erlahmt. Wichtige Arbeiten, die seither publiziert wurden, haben bei weitem nicht die Resonanz erfahren, die man nach den Kontroversen vor zwei Jahrzehnten erwarten mochte und die diese Forschungen verdient  Hans-Ulrich Wehler, Nationalsozialismus und Historiker. In: Schulze – Oexle (wie Anm. 11) S. 306–339, hier S. 328.

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hätten50. Trotz dieser Studien erscheint es, als fände dieses auf anderen Feldern so populäre Thema der Kontinuität und Diskontinuität sowohl in der „Zunft“ als auch in der weiteren Öffentlichkeit kaum Interesse. Auch eine Historiker und andere Funktionseliten verbindende analytische Diskussion bleibt so vorerst ein Desiderat. In den Archiven, Nachlässen, Briefwechseln, in gedruckten und ungedruckten Texten ist jedenfalls noch einiges zu entdecken. Mit Blick auf die bekannten Felder zur NS- und zeitgeschichtlichen Forschung nach 1945 ist das sicher und die genannten Archivzitate etwa zum Heiber-Buch mögen als Beleg dienen.51 S ch l u s s Mit diesem für Historiker stets passenden Hinweis auf Forschungsdesiderate könnten diese Beobachtungen und Argumente abschließen. Allerdings erscheint es angezeigt, diesen Bogen noch einige Sätze weiter zu spannen und zur jüngeren Gegenwart anzuschließen. Wer als Historiker des 20. Jahrhunderts geschult ist und wem die Wandlungen des Politischen seit dem Kaiserreich und Weimar vor Augen stehen, der erlebt derzeit eine gewisse Reizung seines Sensoriums. Gemeint sind die seit vielleicht anderthalb, zwei Jahren sichtbaren Wandlungen in bestimmten Bereichen unserer politischen Kultur. Sprache und Auftreten im öffentlichen Raum reichern sich zusehends an mit Elementen des Apodiktischen, des Dogmatischen, ja des potentiell Gewalthaften. Respekt als Kategorie des politisch-demokratischen Diskurses erscheint einem Prozess bewusster Herabwürdigung ausgesetzt, wie wir ihn insbesondere in den Vereinigten Staaten beobachten. Auch im politischen Diskurs der Bundesrepublik werden Grenzen des Semantischen neu getestet und historisch aufgeladene Begriffe sollen als vermeintliche Neutra zurück in den politischen Tagesdiskurs geführt werden.

 Zu nennen ist hier namentlich die Studie von Christoph Nonn zu Theodor Schieder, die, abgesehen von einer auffällig kritischen Rezension von Peter Schöttler, auf die Nonn entsprechend erwiderte, kaum eine weitere Diskussion „in der Zunft“ auslöste (vgl. Anm. 18 und 26). 51  Es sei im übrigen vermerkt, dass auch die wissenschaftliche Analyse der Geschichte des Instituts für Zeitgeschichte weiterhin zu den Desideraten zählt; einen aktuellen Ansatz zu wichtigen Forschungsfragen und einschlägigen Themen möchte ich im Rahmen des „Handbuchs der Vergangenheitsaufarbeitung“ präsentieren, dessen Erscheinen für 2019 geplant ist. 50

Geschichtswissenschaften im Nationalsozialismus

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Wir wissen, dass die Verschiebung des Semantischen nicht selten die Vorstufe des aktiv Politischen bedeutet. Das illustriert die Diskussion um den Begriff „völkisch“. Historisch Interessierten ist die Aufladung des Begriffs bekannt. Sie ist auch in Geschichtsbüchern rasch recherchierbar. Für die Öffentlichkeit hat Uwe Puschner schon vor einiger Zeit über die Bundeszentrale für politische Bildung eine konzise Skizze des Begriffs und der „völkischen Bewegung“ geliefert. Andere, wie jüngst Johannes Hürter vom Institut für Zeitgeschichte, haben in Interviews die Schnittmengen des völkischen mit der nationalistischen und antisemitischen Radikalisierung hin zum Nationalsozialismus benannt.52 Gleichwohl gibt es Politiker, die damit weiter zu spielen suchen. Sie agieren, so wirkt es, bewusst gegen das verfügbare Wissen, vielleicht auch gegen ihr eigenes Wissen, stellen sich auf Marktplätze und ins Fernsehen und behaupteten, der Begriff „völkisch“ meine ja nur eine Art harmlose Wandervogel-Jugendgruppe der 1920er Jahre. Wer aber Begriffe derart umzudeuten sucht und Aufladungen leugnet, der betreibt bewusst oder aus aktiver Ignoranz das Geschäft einer semantischen Wandlung, um, das ist bei diesem Begriff unübersehbar, in die Grauzonen jenseits des demokratischen Verfassungsstaates zumindest sprachlich vorzudringen. Es ist weithin bekannt, dass die Gewalt der Sprache die Vorstufe zur Gewalt der Tat sein kann. Nicht ohne Grund betrieben die Gegner der Weimarer Demokratie eine Politik der sprachlichen Denunziation. „Kampf um Namen“ hieß die einschlägige Untersuchung über die NS-Kampagne gegen den Berliner Polizeivizepräsidenten Bernhard Weiß.53 Wir sehen nicht nur hierzulande, wie rationale Fakten durch die Konstruktion sogenannter gefühlter Wirklichkeiten unterminiert, durch die Irrationalismen vermeintlicher Postfaktizität einem Prozess der Erosion des Rationalen überhaupt preisgegeben werden.54 Es gilt also festzuhalten: Auch wir als Historikerinnen und Historiker in der Gegenwart bewegen uns in einem Kognitionsraum des Politischen, der uns qua Profession und professioneller Einsicht durchaus eine Aufga Uwe Puschner, Die völkische Bewegung, http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/230022/die-voelkische-bewegung (aufgerufen am 26.6.2017). 53  Dietz Bering, Kampf um Namen. Bernhard Weiss gegen Joseph Goebbels, Stuttgart 1991. 54  Nicht statistische Daten und messbare Fakten über steigende oder gesunkene Kriminalität bestimmen die Diskussion, sondern die Gefühle, die einzelne Gruppen der Gesellschaft zu diesen Fakten, die sie im Zweifelsfall nicht einmal interessieren, einnehmen. 52

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be zuweist. Wir sollten diese nicht ignorieren, wenn uns Verachtung des Wissens, der Forschung oder der Versuch, Begriffe durch Neusprech politisch zu instrumentalisieren, begegnet. Die Geschichtswissenschaft besitzt eine Aufgabe im demokratischen Selbstvergewisserungsprozess der Zivilgesellschaft. Sie ist im guten Sinne Teil und Exponent der Aufklärung sowie Ermöglicher des selbst denkenden Individuums. Wir sollten den Mut haben, vielleicht mehr als wir das bisweilen tun, dieser Rolle auch öffentlich Gehör und Geltung zu verschaffen.

Vom sachsen-coburgischen Haus- und Staatsarchiv zum Staatsarchiv Coburg (1939). Die Eingliederung eines neuen Landesteils in die bayerische Archivverwaltung Von Johannes Haslauer Das Staatsarchiv Coburg wurzelt im Archiv des bis 1918 bestehenden Herzogtums Sachsen-Coburg. Dessen Nachfolgestaat, der Freistaat Coburg, vereinigte sich auf der Grundlage der 1919 erfolgten Volksabstimmung zum 1. Juli 1920 per Staatsvertrag mit dem Freistaat Bayern1. Die entscheidenden Weichenstellungen auf dem Weg vom herzoglich-sachsen-coburgischen Haus- und Staatsarchiv zum Staatsarchiv Coburg als Behörde der bayerischen Archivverwaltung fanden erst in der Zeit der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus statt. Auch wenn Klaus Freiherr von Andrian-Werburg in einem Aufsatz bereits knapp die Grundlinien aufgezeigt hatte2, so ist doch die Frage nach den Zielsetzungen, Motiven und Strategien der handelnden Personen und insbesondere nach dem Verhältnis von fachlichen und politischen Erwägungen noch zu beantworten. Zum Verständnis wird im ersten Schritt die Entstehung der 1924 ins Leben gerufenen Staatsarchivalienabteilung Coburg als Außenstelle des Staatsarchivs Bamberg untersucht. Im Anschluss wird der mit der Abteilungsleitung beauftragte Walter Heins in den Blick genommen, der schließlich den Ausbau zum selbständigen Staatsarchiv im Jahr 1939 vor Ort vorantrieb.

Rainer Hambrecht, „Nicht durch Krieg, Kauf oder Erbschaft“. Ausstellung des Staatsarchivs Coburg anläßlich der 75. Wiederkehr der Vereinigung Coburgs mit Bayern am 1. Juli 1920 (Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns 34), München 1995. – Ders., Die Vereinigung des Freistaates Coburg mit Bayern. In: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 58 (1998) S. 371–390. 2 Klaus Freiherr von Andrian-Werburg, Archive in Coburg. In: Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 13 (1968) S. 79–126, hier bes. S. 101–104. Vgl. dagegen die knappen Rahmendaten bei Ders., Staatsarchiv Coburg. Beständeübersicht (Bayerische Archivinventare 41), München 1982, S. XII sowie bei Rainer Hambrecht, Staatsarchiv Coburg (Kurzführer der Staatlichen Archive Bayerns, Neue Folge), Neustadt a.d. Aisch 1999, S. 3. 1

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1. Als der im November 1918 gegründete Freistaat Coburg und der abgetretene Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha die Eigentumsfragen an Hausallod und Staatseigentum regelten, vereinbarten sie mit dem Vertrag vom 7. Juni 1919 die Errichtung einer „Landesstiftung“3. Sie sollte unter anderem dazu bestimmt sein, die bedeutsamen herzoglichen Sammlungen in ihr Eigentum zu übernehmen. Im Vertrag erklärte sich der Herzog „damit einverstanden, dass das Staats- und Hausarchiv [...] einheitlich wie bisher verwaltet“ werde4. Durch die Bestimmung war eine Trennung in Archivgut des Staates und der Familie verworfen, wobei erstaunt, dass der nicht mehr regierende Herzog auf diese Art und Weise noch über das eigentliche Staatsarchiv mitverfügte5. Mit dem Gesetz über die Verwendung des bisherigen Domänengutes und über die Errichtung einer Landesstiftung vom 9. August 1919 übertrug die Coburger Landesversammlung der neugegründeten Stiftung die „Verwaltung und Erhaltung“ der „Staats- und Hausurkundensammlung“6 . Wenngleich die Eigentumsfrage am Archiv nominell nicht geklärt wurde, so urteilte Andrian-Werburg folgerichtig, das Archiv sei dem Freistaat Coburg „unter den Fingern davongeglitten, ohne daß man sich dessen recht bewußt gewesen zu sein scheint“7. Dass die Entscheidung offensichtlich unter Hintanstellung staatsrechtlicher Überlegungen getroffen wurde8, wird dadurch unterstrichen, dass der Freistaat Coburg die Ausfertigungen der Staatsarchiv Coburg (StACo), Urk. LA F Nr. 567. – Druck: Gesetz über den Ausgleich mit dem Herzog vom 1. Juli 1919. In: Gesetzsammlung für Sachsen-Coburg 1919, Nr. 26, S. 157–169, hier S. 161–165. Zu den Abfindungsverhandlungen: Hambrecht, Krieg (wie Anm. 1) S. 108–114. Zur Landesstiftung im Überblick mit weiterführender Literatur: Stefan Nöth, Coburger_Landesstiftung. In: Historisches Lexikon Bayerns. http://www. historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Coburger Landesstiftung (aufgerufen am 2.10.2016). 4 Gesetz über den Ausgleich (wie Anm. 3), § 6. 5 Andrian-Werburg, Archive (wie Anm. 2) S. 101 f. mit Anm. 199a und 201. 6 Gesetz über die Verwendung des bisherigen Domänengutes und über die Errichtung einer Landesstiftung vom 9. August 1919. In: Gesetzsammlung für Sachsen-Coburg 1919, Nr. 38, S. 257–262, § 3 Punkt 4. Dem folgt die Bestimmung in § 5 im Vertrag zwischen dem Staatsfiskus und der Stiftung vom 11. November 1919, siehe: Die Coburger Landesstiftung, ihre Einrichtung und Verwaltung seit ihrer Begründung bis zur Neuwahl des Stiftungsvorstandes im Herbst 1925, Coburg [um 1925], S. 19 f. 7 Andrian-Werburg, Archive (wie Anm. 2) S. 101. 8 Am rechtlichen Status des Haus- und Staatsarchivs hätte „gar nicht [...] gedeutelt werden dürfen“, ebd. S. 124 Anm. 201. Der Übergabe an die Stiftung sei „in Verkennung der Rechtslage“ vonstattengegangen, ebd. S. 106. Vgl. auch Oskar Hofmann, Die Coburger 3

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durch ihn geschlossenen Staatsverträge - einschließlich des auf den 14. Februar 1920 datierenden Vereinigungsvertrags mit Bayern - in dem nun durch die Stiftung verwalteten Archiv hinterlegte9. Man wird darin das Verständnis von der Coburger Landesstiftung als örtlicher Treuhänderin für jene Werte sehen dürfen, die aus der Eigenstaatlichkeit herrührten und die auch im Falle eines Zusammenschlusses mit einem Nachbarstaat10 vor Ort gehalten werden sollten. Der Vorrang des landesgeschichtlich-kulturellen Aspekts wird auch durch die beim Übergang an die Stiftung vollzogene Umbenennung des Archivs in „Coburger Landesarchiv“11 deutlich, verunklarte diese Nomenklatur doch den staats- und familienrechtlichen Charakter. Die Stiftung verpflichtete sich in dem am 11. November 1919 mit dem Staatsfiskus geschlossenen Vertrag, die für das Archiv erforderlichen Räume im Schloss Ehrenburg zur Verfügung zu stellen12. Aus den Entwicklungen ergab sich die „groteske Situation“13, dass der Freistaat Bayern bei der Vereinigung mit dem Freistaat Coburg im neuen Landesteil kein Archiv übernahm. Im Staatsvertrag ist das Archiv folgerichtig nicht erwähnt14. Nun lagerten aber in Coburg umfangreiche archivreife Aktenmassen, vor allem die reponierte Registratur des in Auflösung befindlichen sachsen-coburgischen Staatsministeriums sowie die Akten der bereits 1858 aufgehobenen Landesregierung15. Zunächst setzten der Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns Dr. Georg Maria Ritter von Jochner, das Kreisarchiv Bamberg und die zuständigen bayerischen Staatsministerien des Äußern und des Innern das Provenienz- und Zuständigkeitsprinzip zugunsten des Kreisarchivs Bamberg durch - und erteilten damit der in Coburg beiläufig thematisierten Option der Abgabe an das durch die Stif-

Landesstiftung in der Bewährung. Eine Analyse. In: Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 14 (1969) S. 17–36, hier S. 20. 9 Andrian-Werburg, Archive (wie Anm. 2) S. 102. 10 Zur Präsenz der Thematik seit der Revolution Hambrecht, Krieg (wie Anm. 1) S. 115– 142, 153–189. 11 Andrian-Werburg, Beständeübersicht (wie Anm. 2) S. XII. – Hambrecht, Staatsarchiv (wie Anm. 3) S. 3. 12 Die Coburger Landesstiftung (wie Anm. 6) S. 19 f. 13 Andrian-Werburg, Archive (wie Anm. 2) S. 102. 14 StACo, Urk. LA F 570. – Vgl. Andrian-Werburg, Archive (wie Anm. 2) S. 124 Anm. 203. 15 Andrian-Werburg, Archive (wie Anm. 2) S. 102 f.

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tung verwaltete Landesarchiv eine Absage16. Wenngleich das Coburger Bezirksamt in seiner Funktion als „Abwicklungsstelle“ für das ehemals coburgische Staatsministerium bereits Ende Mai 1921 mit der Übersendung von Aktengruppen aus der Ministerialregistratur nach Bamberg begonnen hatte17, erhob der Stiftungsvorsitzende Staatsrat Dr. Hans Schack (1878–1946)18 erst Mitte Oktober gegenüber dem Kultusministerium den Anspruch auf derartige Aktenbestände für das Coburger Landesarchiv, da die Unterlagen „insbesondere für die coburgische Orts- und Landesgeschichte wertvollen Stoff“ enthielten19. Dr. Ernst Fritsch (1880–1945)20, ehemaliger Vorstand des coburgischen Staatsministeriums und nun Leiter des Bezirksamts Coburg, unterstützte den Vorstoß durch einen Antrag bei dem für die Staatsarchive zuständigen Innenministerium21. Während das Kultusministerium keine Bedenken anmeldete22, verwies Generaldirektor Jochner auf das staatliche Eigentumsrecht an den Akten und lehnte das Ansinnen ab23, woraufhin sich Innen- und Außenministerium dieser Haltung anschlossen24. Die Landesstiftung warnte daraufhin das KultusBayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Kultusministerium (MK) 15689, v.a. Schreiben Dr. Werners i.V. an das Staatsministerium des Äußern, 31.12.1920. – Ebd., Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 1740. – Staatsarchiv Bamberg (StABa), VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1797. 17 StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1797, u.a. Schreiben des Bezirksamts Coburg als Abwicklungsstelle des ehemaligen coburgischen Staatsministeriums an das Kreisarchiv Bamberg, 26.5.1921. – Siehe auch ebd., Regierung von Oberfranken (Rep. K 3), Abgabe 1971, Nr. 8610. 18 Klaus Freiherr von Andrian-Werburg, Die Zusammensetzung der coburgischen Volksvertretung bei der Vereinigung Coburgs mit Bayern. In: Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 14 (1969) S. 37–50, hier S. 43 f. – Robert Vogt, Hans Schack (1878–1946) und sein Berliner Hieracium-Herbar. In: Willdenowia 29 (1999) S. 337–348. 19 BayHStA, MK 29084, Schreiben der Coburger Landesstiftung an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 15.10.1921. 20 Hambrecht, Krieg (wie Anm. 1) S. 218 Nr. 130 c). 21 BayHStA, GDion Archive 1740, Bericht des Bezirksamts Coburg als Abwicklungsstelle an das Staatsministerium des Innern, 19.10.1921, Abschrift. 22 Ebd., Randnote des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 8.12.1921 auf der Eingabe der Abwicklungsstelle vom 19.10.1921. 23 BayHStA, GDion Archive 1740, Schreiben des Generaldirektors Jochner an das Staatsministerium des Äußern vom 23. Dezember 1921, Entwurf (Ausfertigung in BayHStA, MK 15689). 24 BayHStA, MK 15689, Schreiben des Ministeriums des Äußern an das Staatsministerium des Innern, 29.12.1921, Entwurf. Siehe auch StACo, Coburger Landesstiftung 263, fol. 4, Staatsministerium des Innern an das Bezirksamt Coburg als Abwicklungsstelle, 4.1.1922, Abschrift. 16

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ministerium, die Entscheidung würde bei Bekanntwerden „in der Öffentlichkeit peinliches Aufsehen“ erregen25. In Coburg würde es „kein Mensch verstehen, dass Akten, welche für die bayerische Staatsverwaltung ohne jede praktische Bedeutung sind, die aber erhebliches wissenschaftliches Interesse für Forschungen auf dem Gebiete der Coburgischen Landesgeschichte haben, ohne ersichtliche Notwendigkeit und anscheinend nur aus formaljuristischen Erwägungen aus Coburg fortgeschafft und damit der Zusammenhang mit den hier befindlichen wertvollen und umfangreichen Beständen an Archivalien von gleicher Art und Bedeutung zerstört werden soll [sic]“. Schack wies darauf hin, dass das Landesarchiv „unter fachmännischer Leitung“ stehe26. Gleichzeitig setzte er die im Bayerischen Landtag sitzenden Abgeordneten aus Coburg mit der Bitte in Kenntnis, sich für die „Wahrung der Coburger Interessen“ einzusetzen27. Angesichts des entschlossenen Handelns der Stiftung befürwortete das Kultusministerium Anfang März 1922 das Anliegen gegenüber den beiden anderen Ministerien28, bei denen Schack ebenfalls vorstellig wurde29. Seit spätestens Anfang August 1922 machte das Außenministerium gegenüber der Archivverwaltung deutlich, man halte es „aus politischen Gründen […] für dringend angezeigt“, dem Anliegen Rechnung zu tragen30. Nachdem sich die Münchner Ministerien und der Generaldirektor Jochner eine Satellitenlösung für das Coburger Archivgut vorstellen konnten31, wurde Staatsoberarchivar Dr. Wilhelm Fürst vom Hauptstaatsarchiv im Zuge seiner Abordnung zur Verzeichnung des Stadtarchivs Coburg damit beaufBayHStA, MK 29084, Schreiben der Coburger Landesstiftung an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 14.1.1922. – StACo, Coburger Landesstiftung 263, fol. 5 f. 26 Archivvorstand war Prof. Dr. Thilo Krieg (1873–1933), der zuvor herzoglicher Archivar gewesen war. Biogramm bei Andrian-Werburg, Archive (wie Anm. 2) S. 123 Anm. 194. 27 Siehe StACo, Coburger Landesstiftung 263, fol. 6‘. 28 BayHStA, MK 29084, Noten an die Staatsministerien des Innern und des Äußern, 1.3.1922. 29 StACo, Coburger Landesstiftung 263, fol. 7: Schreiben an das Staatsministerium des Äußern, 27.4.1922, Entwurf (Ausfertigung in BayHStA 15689); darin der Hinweis auf eine Besprechung beim Innenministerium. 30 BayHStA, GDion Archive 1740, Schreiben des Staatsministeriums des Äußern an den Generaldirektor, 2.8.1922 (Entwurf in: BayHStA MK 15689). 31 BayHStA, GDion Archive 1740, Schreiben des Staatsministeriums des Innern an das Staatsministerium des Äußern, 8.11.1922, Abschrift, mit Vermerk Jochners, 14.12.1922. – Ebd., MK 15689, Schreiben des Staatsministeriums des Äußern an das Staatsministerium des Innern, 20.12.1922, Entwurf, Schreiben des Staatsministeriums des Innern an das Bezirksamt Coburg als Abwicklungsstelle, 27.12.1922, Abschrift, Schreiben Werners i.V. an das Staatsministerium des Äußern, 30.12.1922. 25

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tragt, sich „in möglichst entgegenkommendem Sinne“ mit den Coburger Protagonisten, insbesondere dem Stiftungsvorstand, ins Benehmen zu setzen32. Bei der Konferenz zur Neuorganisation bzw. Beständebereinigung der bayerischen Archive im März 1923 in München unterbreitete ihm der Bamberger Amtsvorstand Paul Glück die Idee, schon allein wegen der in Bamberg drohenden Raumnot nach dem Vorbild des Landgerichts Coburg ein „eigenes bayer. Archiv in Coburg“ zu schaffen33. In der in Coburg am 15. Mai 1923 abgehaltenen Besprechung mit dem Bezirksamtsvorstand Fritsch, dem Stiftungsarchivar Prof. Dr. Thilo Krieg (1873–1933) sowie Archivrat a.D. Wilhelm Küstermann, dem ehemaligen Vorstand der Ministerialregistratur, skizzierte Fürst die Möglichkeit, die archivreifen Bestände durch einen Beauftragten der Archivverwaltung ordnen zu lassen und schließlich als Depot der Landesstiftung anzuvertrauen, die für die Benützung gemäß der staatlichen Benützungsordnung Sorge tragen sollte34. Die Stiftungsvertreter erklärten sich bereit, die künftige Verwaltung zu übernehmen und Räumlichkeiten zu stellen. Der Wunsch nach dem Verbleib der Archivalien wurde Fürsts Bericht zufolge auch von Vorständen der Coburger Unterbehörden, von Oberbürgermeister Gustav Hirschfeld und dem Stadtrat geteilt. Der neue Generaldirektor Dr. Otto Riedner argumentierte nun, die Anwendung des Provenienzprinzips erfordere gerade, die auf ehemals coburgischem Staatsgebiet erwachsenen Unterlagen „als geschlossenes Ganzes“ zu erhalten, wobei dies auch ein Gebot der Zweckmäßigkeit hinsichtlich der Benützung sei35. Er schlug die Einrichtung einer „Staatsarchivalienabteilung Coburg des Staatsarchives Bamberg“ 36 mit Sitz in der Ehrenburg, dem Coburger Stadtschloss, vor, das der Stiftung zur Nutzung zur Verfügung stand. Dorthin sollten die Staatsbehörden auch in der Zukunft ihre Akten abgeben. Hinsichtlich der Personalausstattung stellte Riedner die auf vier Jahre befristete EntsenBayHStA, MK 15689, Schreiben des Ministeriums des Äußern an das Staatsministerium des Innern, 24.1.1923, Entwurf, Schreiben des Ministeriums des Äußern an den Generaldirektor, 19.2.1923, Entwurf. 33 StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1788, Aktenvermerk, Juli 1925. Er habe „seinen ausschlaggebenden Vorschlage [...] der geschichtl. Ueberlieferung u. der Vollständigkeit wegen“ festhalten wollen, so Glück. 34 BayHStA, MK 15689, Niederschrift Fürsts, 15.5.1923, Abschrift, Bericht Fürsts an den Generaldirektor, 26.6.1923, Abschrift. 35 BayHStA, MK 15689, Bericht des Generaldirektors Riedner an das Staatsministerium des Äußern, 7.7.1923. 36 Die Namensbildung sei „unter Verwendung einer bereits für die Münchener Archive vorgeschriebenen Amtsbezeichnung“ erfolgt, erläuterte Riedner. 32

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dung eines Archivassessors samt Hilfskraft in Aussicht. Nach der Übernahme und Erschließung der Bestände war laut Riedner an den Übergang der Verwaltungsgeschäfte an den Stiftungsarchivar Krieg zu denken, wobei nach dessen Ausscheiden aus dem Dienst eine Neuregelung der Personalverhältnisse ins Auge gefasst werden könne. Die Gründung eines eigenen staatlichen Archivs schien nicht realisierbar, da man vermutete, der Landtag würde sie aus Etatgründen ablehnen37. Mit Entschließung vom 2. August 1923 stimmte das Ministerium des Äußern der Einrichtung der „Staatsarchivalienabteilung Coburg des Staatsarchivs Bamberg“ zu38. In einem Rundschreiben begründete Generaldirektor Riedner im Juni 1924 die Entscheidung damit, die „interessierten Kreise“ in Coburg hätten im Archivalienabtransport „eine Massnahme zur Zwangsbajuwarisierung, zur Entfremdung von der heimatlichen Vergangenheit“ gesehen39. Während für die Staatsregierung dieser „politische Gesichtspunkt“ entscheidend gewesen sei, habe für die Archivverwaltung die Unterbringung und Bearbeitung des Archivguts den Ausschlag gegeben. Wie zugesagt stellte die Landesstiftung unentgeltlich Räume in der Ehrenburg zur Verfügung40. Da der Generaldirektor die Schaffung einer neuen Stelle nicht durchsetzen konnte, setzte er zum 1. Juli 1924 den jungen Assessor Dr. Walter Heins nach Coburg41, womit die Abteilung ins Leben trat. 2. Werfen wir einen Blick auf die Person Walter Heins42. Heins wurde am 29. Januar 1894 als Kind protestantischer Eltern im sächsischen Zwickau Andrian-Werburg, Archive (wie Anm. 2) S. 103. – Siehe auch StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1788, Schreiben des Generaldirektors an den Regierungspräsidenten von Oberfranken, 30.12.1924, Abschrift. 38 BayHStA, MK 15689, Schreiben des Staatsministeriums des Äußern an den Generaldirektor, 2. August 1923; Entwurf. 39 StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1788, 24.6.1924. 40 BayHStA, MK 15689, Schreiben der Coburger Landesstiftung an den Generaldirektor, 2.9.1924, Abschrift. Instandsetzungs- bzw. Bauunterhaltsmaßnahmen an den Archivräumen und die Einbeziehung in den staatlichen Bauetat dokumentieren sich u.a. in StABa, Regierung von Oberfranken (Rep. K 3), Abg. 1971, Nr. 8700 (1925–1931) und ebd., VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1791. 41 BayHStA, MK 15689, Bericht des Generaldirektors Riedner an das Staatsministerium des Äußern, 6.6.1924. 42 Für das Folgende, soweit nichts anderes angegeben ist, die Personalakten BayHStA, GDion Archive 2896 sowie StACo, Archivariat V 13 und 14. 37

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geboren. 1913 bis 1918 studierte er Geschichte an der Universität München und schloss mit der Doktorprüfung ab. 1918 wurde er wissenschaftlicher Hilfsarbeiter bzw. Mitarbeiter bei der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in der Abteilung Briefe und Akten zur Geschichte des 30jährigen Krieges. 1920 trat er in den Vorbereitungskurs für den höheren Archivdienst in München ein. Nach dessen Abschluss wurde Heins zu Beginn des Jahres 1923 Archivassessor am Geheimen Staatsarchiv in München, am 1. Juli 1924 schließlich Archivassessor bei der dem Staatsarchiv Bamberg unterstehenden Staatsarchivalienabteilung Coburg. Wurde er kurz nach seinem Dienstantritt in Coburg mit der Beratung bei der durch die Stadt Coburg vorgenommenen Neuordnung des Stadtarchivs Coburg betraut, so übernahm er im April 1925 nebenamtlich die Funktion des Stadtarchivars43. Am 1. September 1925 erhielt er Titel und Rang eines Staatsarchivars, worauf die etatsmäßige Anstellung als Staatsarchivar zum 1. März 1926 folgte. Am 1. April 1934 wurde er zum Staatsarchivrat I. Klasse befördert. Zum 1. Oktober 1939 sollte er – gleichzeitig mit der Errichtung des selbständigen Staatsarchivs Coburg – zum Staatsoberarchivar ernannt werden. Mehrmals unabkömmlich gestellt und 1944 zum Leiter des Luftschutzes der Ehrenburg ernannt, wurde er nicht zur Wehrmacht eingezogen. Heins blieb Leiter des Staatsarchivs bis zu seiner Pensionierung 1957. Nachdem die NSDAP 1929 in Coburg die Stadtratsmehrheit errungen hatte44, finden sich untrügliche Zeichen dafür, dass Heins dem Nationalsozialismus nahe stand. 1931 legte er die Schriftleitung bei der heimatkundlichen Beilage des evangelischen Gemeindeblattes für das Coburger Land („Heimatglocken“) nieder und übernahm die Schriftleitung der „Coburger Heimat“45, die heimatkundliche Beilage der „Coburger-Nationalzeitung“, die 1930 auf Initiative des Coburger NSDAP-Vorsitzenden Franz Schwede (1888–1960) aus dem Wochenblatt der örtlichen NSDAP „Der StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1824. Zum frühen Aufstieg der Nationalsozialisten in Coburg v.a. Joachim Albrecht, Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. Die Coburger NSDAP während der Weimarer Republik 1922–1933 (Europäische Hochschulschriften Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 1008), Frankfurt a. Main u.a. 2005. – Hubertus Habel (Hrsg.), Voraus zur Unzeit. Coburg und der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland. Ausstellung der Initiative Stadtmuseum Coburg e.V. und des Staatsarchivs Coburg im Staatsarchiv, 16.5.– 8.8.2004, Coburg 2004. 45 StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1841, Jahresbericht 1931/1932. – Pg. Dr. Heins 40 Jahre alt. In: Coburger Heimat 3 (Heft 2), 1934. 43 44

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Archivassessor Dr. Walter Heins, Vorstand der Staatsarchivalienabteilung Coburg, im Coburger Regierungsgebäude, in dem die Unterlagen der 1858 aufgelösten Landes­ regierung bis zur Übernahme in die neugeschaffene Staatsarchivalienabteilung lagerten. Um 1925 (Staatsarchiv Coburg, Bildsammlung 4_9, 2).

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Weckruf“ entstanden war. Die Einrichtung der Beilage geht wohl mit auf Heins Initiative zurück46. Am 1. Juli 1933 wurde Heins zum „Führer“ des 1920 durch die Coburger Landesstiftung ins Leben gerufenen „Coburger Heimatvereins“ ernannt47. Auch in der neugegründeten Ortsgruppe des von Alfred Rosenberg ins Leben gerufenen Kampfbundes für deutsche Kultur übernahm er 1933 die Aufgabe des „Führers“48. In den dreißiger Jahren war Heins beim Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) als „Schulungsleiter für Heimatgeschichte“ tätig49. In den Jahresberichten der Abteilung findet sich für 1934/1935 erstmals der Hinweis auf Vorträge bei NSDAP-Ortsgruppen50. 1936 sprach er im Auftrag der NSDAPKreisleitung Coburg bei der Feier zum 500. Geburtstag des Mathematikers und Astronomen Regiomontanus in Königsberg ein Grußwort51. 1938 übernahm er die Leitung der durch Gauleiter Wächtler begründeten Forschungsgemeinschaft Bayerische Ostmark – Kreisgebiet Coburg52. Im Fragebogen der Militärregierung gab Heins 1945 an, in der Novemberwahl 1932 „Deutschnational“ gewählt zu haben53. In der im Bundesarchiv verwahrten Mitgliederkartei der NSDAP wird Heins nach dem Ende der im April 1933 erlassenen Aufnahmesperre zum 1. Mai 1937 als Mitglied eingetragen54. Schon 1934 wird Heins im Artikel zu seinem 40. Geburtstag in der „Coburger Heimat“ als Parteigenosse bezeichnet55. Er sei „für die Ideen Adolf Hitlers […] schon im Jahr 1923 als eifriger Kämpfer eingetreten“. 1938 schloss sich Heins seinen eigenen Angaben zufolge den Deutschen Christen an56. Vgl. die Bemerkung in BayHStA, GDion Archive 1749, Schreiben von Robert Lang, Kreisobmann des Nationalsozialistischen Lehrerbundes Coburg, und Ludwig Carl, Vorsitzender des Kreislehrervereins Coburg (Stadt), an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 22.9.1933, Abschrift. 47 StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1841, Jahresbericht für 1933/1934. – Andreas Kuschbert, 75 Jahre Historische Gesellschaft Coburg. In: Frankenland 47 (1995) S. 300–307, hier S. 301. 48 StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1841, Jahresbericht für 1933/1934. 49 StACo, Archivariat V 14, 11.5.1935, 14.7.1937. – Siehe auch StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1840, Tit. VIII, Nr. 58, 64, 70. 50 StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1841, Jahresbericht für 1934/1935. 51 Ebd., Nr. 1840, Tit. VIII, Nr. 57. 52 Ebd., Nr. 1841, Jahresbericht für 1938. 53 StACo, Archivariat V 14, Fragebogen der Militärregierung, 10.10.1945. 54 Bundesarchiv, R 9361-VIII Kartei / 9740340; entsprechend auch: StACo, Spruchkammer Coburg-Stadt H 130, Bl. 3. 55 Pg. Dr. Heins 40 Jahre alt (wie Anm. 45). 56 StACo, Spruchkammer Coburg-Stadt H 130 Coburg-Stadt, Bl. 3. 46

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Heins umfangreiche Forschungstätigkeit äußerte sich in unzähligen heimatkundlichen Veröffentlichungen. Als Beispiel einer Vermengung von Wissenschaft und Politik ist sein zusammen mit dem Coburger Grafiker und Kunsthistoriker Louis Walter (1891–1949) betriebener Einsatz für die Ersetzung des Mohrenkopf-Stadtwappens im Jahr 1934 durch ein Wappen mit NS-Ikonographie zu nennen57. 1937 lieferte er dem Stadtrat eine befürwortende Stellungnahme zur Umbenennung der Mohrenstraße in „Straße der SA“58. Zusammen mit Walter - der die Entwürfe für das „Coburger Ehrenzeichen“59 und die 1932 an Hitler verliehene Ehrenbürgerurkunde lieferte und die Inschrift für die 1933 gegossene Franz-Schwede-Glocke schuf - ist Heins als einer der „Akteure im Hintergrund“ der historisch ausgerichteten Legitimationsbemühungen der Coburger Nationalsozialisten anzusehen. Vor der Spruchkammer bemühte er sich, seine Tätigkeit als unpolitisch darzustellen60. Die Spruchkammer Coburg-Stadt stufte ihn im April 1948 im Rahmen eines vereinfachten nicht-öffentlichen B2-Verfahrens als Mitläufer mit Sühnezahlung von 750 RM ein61. 3. Ausschlaggebend für die weitere Entwicklung war der Tod des Stiftungsarchivars Thilo Krieg am 1. Juli 193362. Am Rande seiner Bestattung63 besprachen sich am 5. Juli 1933 Heins und der Bamberger Archivdirektor Glück mit Bezirksamtsvorstand Franz Dehler (1888–1970)64, der vertreHubertus Habel, Im Zeichen von Veste & „Mohr“. Städtische Symbole und Geschichtskultur am Beispiel Coburgs, Diss. phil. Marburg 2009. https://doi.org/10.17192/z2009.0160 (abgerufen am 2.10.2016), S. 112–119. – Walter Heins, Das Coburger Stadtwappen in seiner geschichtlichen Entwicklung. In: Coburger Heimat 3 (1934), S. 3–4. 58 Habel (wie Anm. 57) S. 122. 59 Die NSDAP-Reichsleitung verlieh das Abzeichen 1932 an die „Alten Kämpfer“, die sich an dem zum Parteimythos erklärten „Zug nach Coburg“ zum Dritten Deutschen Tag am 14./15. Oktober 1922 beteiligt hatten, siehe Habel (wie Anm. 57) S. 108 f. 60 „Die von mir verfassten Aufsätze und im Coburger Heimatverein bezw. vor dem NSLB und der HJ gehaltenen Vorträge waren rein heimatkundlichen Charakters“, StACo, Spruchkammer Coburg-Stadt H 130, Bl. 3. 61 StACo, Spruchkammer Coburg-Stadt H 130, Bl. 5. 62 Personalakt: StACo, Archivariat V 12. 63 Coburger Nationalzeitung, Nr. 155, 6. Juli 1933, Ausschnitt in StACo, Archivariat V 12, fol. 74. 64 Zur Biographie: Joachim Lilla, Dehler, Wilhelm [sic]. In: Ders., Staatsminister, leitende Verwaltungsbeamte und (NS-)Funktionsträger in Bayern 1918 bis 1945. https://verwaltungshandbuch.bayerische-landesbibliothek-online.de/dehler-wilhelm (abgerufen am 2.10.2016). – Zu 57

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tungsweise als Vorstand der Landesstiftung amtierte und seit Herbst 1932 NSDAP-Mitglied war. Zwischen Heins und Dehler bestand Einigkeit, dass eine Zusammenlegung der beiden Archive „im beiderseitigen Interesse“ läge, wie Glück nach München berichtete65. Dehler machte deutlich, dass die Stiftung finanziell nicht in der Lage sein würde, wieder einen Archivar anzustellen. Er brachte die Übertragung des herzoglichen Staatsarchivs unter Eigentumsvorbehalt auf 99 Jahre an die Archivverwaltung ins Spiel und schlug vor, für das Hausarchiv eine Konstruktion nach dem Vorbild des Wittelsbacher Hausarchivs zu schaffen. Angesichts des Umfangs der Bestände und der bevorstehenden Aufgaben sprach sich Glück für die Errichtung eines „von Bamberg unabhängigen Staatsarchivs Coburg“ aus. Riedner machte sich die Position zu eigen, um „eine wirklich sachgemäße Verwaltung herbeizuführen“66. Heins positionierte sich umgehend als künftiger Leiter des Archivs67. Er führte auch die Unterstützung durch den inzwischen zum Coburger Oberbürgermeister aufgestiegenen Franz Schwede (NSDAP) ins Feld. Umgehend benannte er die räumlichen und fachlichen Erfordernisse und bemerkte, dass zur Bewältigung der Arbeiten eine zweite akademische Archivarsstelle erforderlich sei. Anfang August 1933 erreichte Generaldirektor Riedner die Billigung des inzwischen für die Staatsarchive zuständigen Kultusministeriums hinsichtlich der Übernahme der Verwaltung des Landesarchivs und der Errichtung eines selbständigen Staatsarchivs68. Riedner gab an, die Errichtung eines Staatsarchivs in Coburg in erster Linie zu befürworten, „um ein Zeichen des Wohlwollens der neuen Staatsregierung gegenüber der Provinz und dem jüngsten Stück Bayern“ zu setzen69. Er beauftragte Heins damit, mit den beteiligten Stellen in Coburg Verhandlungen zu führen70. Dabei waren die vom Ministerium gestellten Bedingungen zu beachten, wonach alle Maßnahmen aus den vorhandenen Mitteln der Archive zu finanzieren waren Dehlers Verhältnis zur NSDAP von 1929 bis 1932. Albrecht (wie Anm. 44) S. 119–123 und 146 f. 65 StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1790, Schreiben Glücks an den Generaldirektor vom 7. 7.1933, Entwurf (Ausfertigung in BayHStA, GDion Archive 1749). – Siehe auch StACo Archivariat II 2, fol. 4. 66 StACo, Archivariat II 2, fol. 3. 67 Ebd., fol. 4 f. 68 Siehe BayHStA, GDion Archive 1749, Schreiben des Generaldirektors an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 16.8.1933, Entwurf. – StACo Archivariat II 2, fol. 6 und 7 f. 69 StACo, Archivariat II 2, fol. 6. 70 Ebd., fol. 6 und 7 f.

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Der Jurist Franz Dehler war seit 1930 stellvertretender, ab 21. Dezember 1933 Vorsitzender der Coburger Landesstiftung. Am 5. Mai 1933 war er mit der Wahrnehmung der Vorstandsgeschäfte beim Bezirksamt Coburg betraut worden, nachdem sein Vorgänger, Oberregierungsrat Dr. Ernst Fritsch – zugleich auch Stiftungsvorsitzender – aus politischen Gründen des Amtes enthoben worden war. Dehler war 1932 von der DNVP zur NSDAP übergetreten und ab 1941 SS-Standartenführer (Staatsarchiv Coburg, NL Franz Dehler, Nr. 36 [Urheber: Max Adler, gest. 1942]).

und die Landesstiftung zur Stellung eines Amtswarts, also eines einfachen Beamten, für das Archiv verpflichtet werden sollte. Zusammen mit Oberbürgermeister Schwede sprach auch Dehler den Plan seitens der Stiftung mit dem Kultusministerium ab71. Weil sich die Verhandlungen zwischen der Archivverwaltung und der Landesstiftung über die Überlassung des Landesarchivs eng mit den baulichen Fragestellungen verbanden, verzögerte sich die Verwirklichung des Vorhabens72. Das Ministerium machte die Umwandlung der Abteilung in ein selbständiges Staatsarchiv davon abhängig, dass mit der Stiftung ein Vertragsschluss erzielt wurde, diese für die erforderlichen Baumaßnahmen aufkam und die Räume tatsäch71 Siehe BayHStA, GDion Archive 1749, Schreiben der Staatsarchivalienabteilung Coburg an den Generaldirektor, 11.8.1933. 72 Hierzu vor allem BayHStA, GDion Archive 1749. – Ebd., MK 41365. – StACo, Archivariat II 2. – StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1789, 1790, 1791.

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lich bezugsfertig waren73. Auch der künftige laufende Bauunterhalt für die Räume der Landesarchivbestände sowie die diesbezüglichen Sachkosten waren nach Ansicht des Ministeriums durch die Stiftung zu tragen74. Vor allem um die Anstellung des durch den Staat geforderten Amtswarts und die Finanzierung der Umbauten musste gerungen werden. Auffällig war, dass Heins zu Beginn versuchte, im Interessensbündnis mit der Stiftung seine eigene Position zu verbessern, also wohl die Beförderungsfähigkeit seiner Stelle zu erreichen, was den zeitweise im Auftrag des Generaldirektors verhandelnden Dr. Fürst zur Klarstellung veranlasste, dass der geplante Schritt alleine den Coburger Interessen geschuldet sei, nicht denen des Staates75. Es wird mit diesem Ereignis zusammenhängen, dass sich kurz darauf zwei Funktionäre der nationalsozialistischen Lehrerschaft beim Kultusministerium – getragen vom „einmütigen Vertrauen der gesamten Coburger Lehrerschaft“ – für den Verbleib von Heins einsetzten76. Die Coburger Protagonisten versuchten auch den Gauleiter und Kultusminister Hans Schemm zur Beschleunigung der Vorgänge zu gewinnen, als sich dieser 1934 bei der Einweihung des Adolf-Hitler-Hauses in Coburg aufhielt77. Heins hatte die Zielsetzung eines eigenständigen Archivs schnell auch in der Öffentlichkeit propagiert, beispielsweise in seinem Beitrag für die Maiausgabe 1934 der heimatkundlichen Monatszeitschrift „Das Thüringer Fähnlein“78, wodurch zugleich seine guten Verbindungen zu Armin Tille, dem Direktor der Thüringischen Staatsarchive

73 BayHStA, GDion Archive 1749, Entschließung des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor, 25.7.1934. – Siehe auch ebd., Schreiben des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor, 24.12.1937. 74 BayHStA, GDion Archive 1749, Entschließung des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, 25.7.1934. 75 Ebd., Bericht Fürsts an Generaldirektor Riedner vom 15.9.1933. 76 Ebd., Eingabe von Robert Lang, Kreisobmann des Nationalsozialistischen Lehrerbundes Coburg, und Ludwig Carl, Vorsitzender des Kreislehrervereins Coburg (Stadt), beim Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 22.9.1933, Abschrift. 77 StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1789, Schreiben Heins an das Staatsarchiv Bamberg, 29.10.1934, Schreiben Glücks an Riedner (persönlich), 30.10.1934, Entwurf. 78 Walter Heins, Die Coburger Archive und ihre Bestände. In: Das Thüringer Fähnlein 3 (1934) S. 302–308, hier S. 308. – Siehe auch die wohl aus einer billigend hingenommenen Ungenauigkeit in der Ernennungsurkunde Heins zum Staatsarchivrat I. Klasse vom 6. April 1934 resultierende Presseberichterstattung über die angeblich bereits vollzogene Erhebung zum Staatsarchiv, StACo, Archivariat V 14 und Archivariat II 2, fol. 22; StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515) Nr. 1790.

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und Erstem Vorsitzenden des Thüringer Archivtages, zum Ausdruck kamen79. Nach der Abstimmung aller beteiligten Stellen stand in der ersten Jahreshälfte 1934 der Plan fest, für das Archiv im ersten Bauabschnitt im Westflügel der Ehrenburg eine zusammenhängende Folge von Magazinräumen zu schaffen. Im zweiten Schritt sollte in der Südostecke die ehemalige Hofküche, die noch durch die städtische Volksküche genutzt wurde, als Vorstandszimmer, Benützerraum und Kanzlei umgenutzt werden80. Im Rahmen der Planungen wurde für die Landesbibliothek der Ostflügel des Erdgeschosses vorgesehen, wodurch die Räumung des Bibliotheksmagazins im Dachgeschoss aus Gründen des Luftschutzes und die museale Nutzung bis dato belegter Prunkräume möglich werden sollte. Für die 1936 genehmigten und begonnenen Baumaßnahmen steuerte der Staat schließlich etwa die Hälfte der für die archivischen Zwecke anfallenden Ausgaben bei81. Stiftungsvorstand Dehler erreichte beim Ministerpräsidenten und Finanzminister Ludwig Siebert einen Zuschuss aus dem Dispositionsfonds82. Der abgesetzte Herzog Carl Eduard konnte für eine Spende gewonnen werden, die zur Anschaffung von Aktengestellen und Urkundenschränken für das Hausarchiv sowie zur Anbringung von Wappen im Gewölbe des Hausarchivraumes diente83. Nur unter Druck konnte die Stadt zum Abzug der Volksküche bewegt werden84. Insbesondere wirkte hier die Ankündigung, der Thüringische Archivtag solle 1938 als Rahmen für die feierliche Eröffnung des Staatsarchivs in Coburg stattfinden. Fast am Ende der Baumaßnahmen tauschten Bibliothek und Archiv 79 Siehe die entsprechenden Einträge in StABa, VA Altregistratur (Rep. K 515), Nr. 1841, Vierteljahresbericht für das 3. Quartal 1928, Jahresbericht für 1928/1929 und Vierteljahresbericht für das 2. Quartal 1929. – Zu Tille: Bernhard Post, Armin Tille (1870–1941). In: Thüringer Archivarverband (Hrsg.), Lebensbilder Thüringer Archivare, Rudolstadt 2001, S. 242–255. 80 BayHStA, GDion Archive 1749, Schreiben des Generaldirektors an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 7.2.1934, Entschließung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor, 25.7.1934. – StACo, Archivariat II 2, fol. 35, Technisches Gutachten betr. „Neuordnung der Coburger Archivverhältnisse“, 20.3.1934, Abschrift. 81 BayHStA, GDion Archive 1749, Entschließung des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, 18.6.1936, Schreiben der Staatsarchivalienabteilung Coburg an das Staatsarchiv Bamberg, 4. September 1936, Durchschlag. 82 BayHStA, StK 5423, Schreiben des Ministerpräsidenten an die Coburger Landesstiftung vom 20.8.1936, Entwurf. 83 BayHStA, GDion Archive 1749, 30.7.1937, 10.8.1937. 84 Stadtarchiv Coburg, Akten 15294. – BayHStA, GDion Archive 1749.

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Für den Magazinraum, in dem das herzogliche Hausarchiv untergebracht wurde, leistete der ehemalige Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha eine Spende, die zur Anschaffung von Aktengestellen und Urkundenschränken sowie zur Anbringung von Wappen im Gewölbe diente (Staatsarchiv Coburg, Bildsammlung 5_C 1, 476).

aus bautechnischen Gründen und angesichts drohender Mehrkosten die Flügel, so dass das Archiv im Ostflügel unterkam.85 Nach der Fertigstellung im Sommer 1938 wurden die bislang getrennt aufgestellten Archivbestände dort räumlich zusammengeführt86. Anfang November 1937 war schließlich der Vertrag zwischen der Landesstiftung und der Archivverwaltung zustande gekommen87. Die Landesstiftung übergab das in ihrem Eigentum stehende Coburger Landesarchiv unter Eigentumsvorbehalt auf 99 Jahre „unter die Verwaltung des staatlichen Archivs Coburg“. Sie verpflichtete sich zur unentgeltlichen Stellung von Räumen, eines Amtswarts sowie zur Beteiligung an Bauunterhalt und Sachbedarf. Die Benützung des Hausarchivs wurde – außer für staatliche

BayHStA, GDion Archive 1749, Schreiben Glücks an den Generaldirektor, 18. Dezember 1937, Entschließung des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, 10.8.1938. 86 BayHStA, GDion Archive 1749. 87 Ebd., Vertrag vom 3./8.11.1937. 85

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Zwecke – in bestimmten Fällen von der Zustimmung des Oberhaupts des Hauses abhängig gemacht. In dem beim Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung einzureichenden Antrag auf Errichtung des Staatsarchivs rechtfertigte das Kultusministerium den kleinen Sprengel damit, dass „ein starkes staatliches Interesse gegeben erscheint, dass die für die historische und die politische Forschung sehr wichtigen Coburger Archivalien in die staatl. Verwaltung gebracht werden“88. Die Zustimmung des Reichsministers traf am 18. Oktober 1938 in München ein89. Im Juni 1939 fand der Thüringische Archivtag in Coburg statt90. Zum 1. Oktober 1939 verfügte die Staatskanzlei gemeinsam mit dem Innen-, Kultus- und Finanzministerium die Umwandlung91. Die Hoffnungen auf eine zweite wissenschaftliche Archivarsstelle erfüllten sich nicht. 4. Die staatliche Archivverwaltung kam mit der 1924 gegründeten Staatsarchivalienabteilung Coburg des Staatsarchivs Bamberg den von der Coburger Landesstiftung formulierten kulturellen Interessen des neuen Landesteils entgegen. War für die Zukunft zunächst an die Überlassung der staatlichen Bestände als Depot an das Coburger Landesarchiv gedacht, kehrten sich die Vorzeichen durch den Tod des Stiftungsarchivars Thilo Krieg 1933 um. Die Interessen der Landesstiftung und der Archivverwaltung, insbesondere von deren örtlichem Vertreter Walter Heins, fielen nun auf die Art und Weise zusammen, dass das Coburger Landesarchiv als Depot unter das Dach der staatlichen Archivbehörde kommen und diese zum selbständigen Staatsarchiv aufgewertet werden sollte. Diese Entscheidung erscheint zwar nicht explizit von Argumenten der nationalsozialistischen Ideologie motiviert, war aber dennoch politisch. Die Stiftung musste in finanziell prekärer Lage eine Lösung für den Unterhalt des BayHStA, MK 41365, Antrag des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus beim Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, 13.8.1938, Entwurf. 89 Ebd. 90 Hauptversammlung des Vereins für Thüringische Geschichte und Altertumskunde und 37. Thüringischer Archivtag; am Sonnabend, den 10. Juni und Sonntag, den 11. Juni 1939 in Coburg, Coburg 1939, Landesbibliothek Coburg, Ze-747(1939). – Der Thüringische Archivtag fand entgegen der ursprünglichen Planungen nicht 1938, sondern erst 1939 in Coburg statt. 91 Bayerischer Regierungsanzeiger, Ausgabe 262/263, 20. September 1939. 88

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Coburger Landesarchivs finden. Walter Heins hatte durch sein umtriebiges heimat- und archivkundliches Engagement, das mit den Interessen des NS-Regimes in Einklang stand, sowohl die fortbestehende Bedeutung des Archivstandorts Coburg im öffentlichen Bewusstsein verankert als auch das Gewicht seiner eigenen Person gestärkt. Heins und der Stiftungsvorstand Dehler waren Teil des NSDAP-Milieus und konnten sicher sein, im Interesse der Partei zu handeln, für die Coburg eine besondere Bedeutung als Modell hatte92. Die Archivverwaltung nahm die fachliche Gelegenheit wahr, das ehemalige herzogliche Haus- und Staatsarchiv in ihre Verwaltung zu übernehmen und das Staatsarchiv Bamberg zu entlasten. Die Verzögerungen resultierten aus den geringen finanziellen Spielräumen der beteiligten In­stitutionen und dem Erfordernis, die Lasten in einen tragfähigen Ausgleich zu bringen. Mit der Zusammenführung der Bestände unter dem Dach eines Staatsarchivs konnte der staats- und verwaltungsrechtliche Charakter des Archivguts mit der identitätsstiftenden Bedeutung für das ehemalige Herzogtum Sachsen-Coburg in Einklang gebracht werden, nachdem dieser Konnex nach der Vereinigung mit Bayern brüchig geworden war. Allerdings blieb es nicht bei dieser Konstruktion. Mit Wirkung zum 1. Januar 1973 wurde das Coburger Landesarchiv unter Wahrung der bisherigen Eigentumsverhältnisse als in sich geschlossener Bestand in das Staatsarchiv eingegliedert93. 1987 stellte das Bayerische Oberste Landesgericht fest, dass der Freistaat Bayern bereits 1920 rechtmäßiger Eigentümer des Coburger Landesarchives geworden war94. Damit war das Versäumnis von 1919 nachgeholt, die Eigentumsverhältnisse am ehemaligen sachsencoburgischen Haus- und Staatsarchiv umfassend und endgültig zu klären. Die komplexen Lösungen, die ab 1918/1919 gefunden worden waren, erwiesen sich somit als hinfällige Hilfskonstrukte, die aber die Etablierung des Staatsarchivs Coburg zur Folge hatten.

Siehe vor allem: Albrecht (wie Anm. 44) S. 172–183. – Habel (wie Anm. 44). Andrian-Werburg, Beständeübersicht (wie Anm. 2) S. XII. – Hambrecht, Staatsarchiv (wie Anm. 3), S. 3. 94 Urteil zu Eigentumsverhältnissen an Gegenständen im Staatsarchiv Coburg, 9.6.1987, Aktenzeichen 1 Z 89/86. In: Entscheidungen des Bayerischen Obersten Landesgerichts in Zivilsachen 37 (1987) S. 195–203. 92 93

Das Kriegsarchiv in der Zeit des Nationalsozialismus Von Martina Haggenmüller 1 . Z u r Vo r g e s ch i ch t e : e i n k u r z e r Ü b e r b l i ck Ein erstes Kriegsarchiv1 wurde in Bayern 1804 vom Geheimen Kriegsbureau, dem Vorgänger des 1808 errichteten Ministeriums für Kriegswesen (1817 Staatsministerium der Armee, 1826 Kriegsministerium) eingerichtet, um das Schriftgut des 1799 aufgelösten Hofkriegsrats aufzunehmen. Ergänzt wurde dieser Archivbestand 1811 durch Registraturgut der Hofkammer, nämlich durch die Akten der Hofkammerkriegsdeputation. Dem Archiv war allerdings nur eine kurze Lebensdauer beschieden. In Zusammenhang mit seiner 1822 erfolgten Umwandlung zum „Hauptkonservatorium der Armee“ (ab 1895 „Armeebibliothek“) trennte es sich weitgehend von seinem Archivgut, das nun an die Registratur des Kriegsministeriums sowie an das Archivkonservatorium München, die Aktenabteilung des Allgemeinen Reichsarchivs, abgegeben wurde. Bei dem skizzierten, vorübergehend archivierten militärischen Schriftgut handelte es sich alles in allem lediglich um unverfängliches, nicht der Geheimhaltung unterliegendes Material. Die Masse der Unterlagen war seinerzeit bei der Truppe und bei den Kommandobehörden verblieben. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der schon länger gehegte Plan, eine umfängliche Geschichte des bayerischen Heeres zu erstellen, Gestalt annahm, rückte auch der Gedanke an ein eigenes Kriegsarchiv wieder in den Fokus. Einschlägiges Quellenmaterial sollte hierfür an einem zentralen Ort für die Forschung bereitgestellt werden. Mit der In­ stallierung eines Historischen Referenten im Generalstab, dem die Zusammenführung des archivwürdigen und -reifen Schriftguts bei den Truppen, Kommandobehörden, im Kriegsministerium sowie die Rückführung der bereits an staatliche Archive abgegebenen Bestände oblag, wurden die nöZur Geschichte des Kriegsarchivs s. Gerhard Heyl, Das Kriegsarchiv. In: Rainer Braun − Gerhard Heyl − Andrea Gross (Bearb.), Bayern und seine Armee. Eine Ausstellung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs aus dem Beständen des Kriegsarchivs (Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns 21), München 1987, S. 330–333. – Ders., Militärwesen. In: Wilhelm Volkert (Hrsg.), Handbuch der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte 1799–1980, München 1983, S. 337 f. 1

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tigen Vorarbeiten geleistet. Und so konnte im Jahr 1885 das bayerische Kriegsarchiv offiziell als eine Dienststelle des Generalstabs der bayerischen Armee gegründet werden.2 Mit der Auflösung der bayerischen Armee nach dem Ersten Weltkrieg, die auch ein Ende der verschiedenen Militärbehörden zur Folge hatte, verlor das Kriegsarchiv seinen Vorgesetzten, war quasi „herrenlos“ geworden. Nach verschiedenen langwierigen Verhandlungen zwischen Reichs- und bayerischen Behörden wurde das Kriegsarchiv nicht dem neugegründeten Reichsarchiv in Berlin zugeschlagen, das die preußischen Militärakten aufgenommen hatte, sondern vielmehr der bayerischen Zivilverwaltung und zwar dem Bayerischen Staatsministerium des Äußern zugeordnet.3 Kurzzeitige Erwägungen, die Einrichtung dem Generaldirektor der Staatlichen Archive zu unterstellen, was fachlich nahe lag, wurden vor allem von dem damaligen Direktor, Georg von Jochner, aufgrund fachlicher Bedenken und Etatdiskussionen torpediert.4 Entsprechend blieb das Verhältnis der Kriegsarchivare zu ihren zivilen Kollegen in der Folgezeit wegen der von den ehemaligen Offizieren betonten Standes- und Mentalitätsunterschiede und den von den Staatsarchivaren monierten fachlichen Niveauunterschieden denn auch ziemlich angespannt. An die Spitze des Kriegsarchivs trat 1919 der Major i.G. (im Generalstab) Dr. Maximilian Leyh,5 der gemeinsam mit Offizieren wie Hubert von Hößlin6 oder Otto Frhr. von Waldenfels7 die Geschicke des Archivs in den folgenden Jahren und Jahrzehnten maßgeblich prägen sollte. Die nach Auflösung der Armee 1919 ins Archiv drängenden Aktenmassen erforderten zum einen eine neue interne Organisation, zum anderen angepasste Raumverhältnisse. War das Kriegsarchiv zunächst im gemeinsam errichteten Archiv- und Bibliotheksgebäude an der Ludwigstraße (heute Bayerische Staatsbibliothek) untergebracht gewesen, von wo es 1904 zusammen mit den anderen beiden wissenschaftlichen Instituten Die Genehmigung durch König Ludwig II. erfolgte am 11. Januar 1886. S. Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Abt. IV Kriegsarchiv, Kriegsministerium 1090, Prod. 66. 3 Verordnung den Wirkungskreis des Staatsministeriums des Äußern betreffend vom 1.4.1920, Amtsblatt des Heeresabwickelungsamts Bayern 1920, S. 130 Nr. 158. 4 BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivakten (AA) 145. – BayHStA, Generaldirektion der Staatlichen Archive (GDion Archive) 1183. 5 Dr. Maximilian Leyh (1879–1952). – Vgl. BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Offizierspersonalakt (OP) 61745. – BayHStA, GDion Archive 2982. 6 Hubert von Hößlin (1882–1968). – Vgl. BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, OP 58524. 7 Otto Freiherr von Waldenfels (1888–1964). – Vgl. BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, OP 58525. – BayHStA, GDion Archive 3196. – BayHStA, Kultusministerium (MK) 45449. 2

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des Generalstabs, nämlich dem Armeemuseum und der Armeebibliothek, in das neu errichtete Armeemuseum am Hofgarten umgezogen war, verteilten sich seine Bestände ob des enormen Platzbedarfs ab 1919 auf drei Abteilungen an drei Standorten. Das angestammte Gebäude des Armeemuseums am Hofgarten beherbergte die Direktion des Archivs sowie die Abteilung I, deren Bestände sich auf die Zeit vom Dreißigjährigen Krieg bis zur Mobilmachung 1914 erstreckten. Im alten Zeughaus an der Lothstraße hatte sich die Abteilung II eingerichtet. Sie umfasste die Akten des bayerischen Heeres aus der Kriegszeit 1914–1918 sowie die Schriftgutüberlieferung der Nachkriegszeit, das heißt der Freiwilligenverbände und Übergangsheere. Im Gebäude des ehemaligen Kriegsministeriums an der Schönfeldstraße befand sich schließlich Abteilung III, die das Aktenmaterial dieses Ministeriums sowie der obersten Militärbehörden vereinigte. Da die Lagerungsbedingungen für das Archivgut im Zeughaus an der Lothstraße aufgrund von Feuchtigkeit mit Schimmelbildung auf Dauer nicht zu vertreten waren, musste eine neue Unterbringungsmöglichkeit für diese Abteilung gesucht werden. Gefunden wurde sie in einem ehemaligen Montierungsgebäude des I. Train Bataillons an der Leonrodstraße. Dieses wurde für die Unterbringung der Archivalien mit Regalen ausgebaut und um einen Verwaltungsbau mit Büros, einem Benützerraum und speziellen Sälen für die Bild- und Kartenabteilung ergänzt. Ende 1928/Anfang 1929 konnte der Bezug der Räumlichkeiten abgeschlossen werden. 2 . Z u r Z e i t d e s N a t i o n a l s o z i a l i s mu s 2.1 Neue organisatorische und rechtliche Strukturen Das Jahr 1933 mit der Machtergreifung Hitlers und dem sukzessiven Staatsumbau brachte für das Kriegsarchiv insofern eine erste Zäsur, als mit der Aufhebung des Bayerischen Staatsministeriums des Äußern die Stelle als dessen vorgesetzte Behörde künftig durch die neu gegründete Staatskanzlei wahrgenommen wurde.8 Der zentrale organisatorische und in der Folge auch rechtliche Einschnitt erfolgte im Herbst 1936. Im Zuge der systematisch vorangetriebenen Wiederaufrüstung Deutschlands nach 1933 stellte sich unter anderem die Frage nach der Errichtung spezifischer Militärarchive bzw. eines Allgemeinen Heeresarchivs als unentbehrliches Hilfsmittel für die Schlagkraft Gesetz betreffend die Staatsverwaltung vom 12.4.1933, Gesetz- und Verordnungsblatt für den Freistaat Bayern S. 113.

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einer Armee. Entsprechend entstanden ab Oktober 1936 unter der Leitung eines „Chefs der Heeresarchive“ die Heeresarchive Potsdam, in das die im Reichsarchiv lagernden Heeresakten verbracht wurden, sowie die aus den Reichsarchiv-Zweigstellen gebildeten Heeresarchive Dresden und Stuttgart.9 Eine Anfrage des Reichskriegsministeriums beim Bayerischen Ministerpräsidenten, einer analogen Regelung für das bayerische Kriegs­ archiv zuzustimmen, wurde im September 1936 positiv beschieden.10 Demnach würde das Kriegsarchiv am 1. April 1937 vom Haushalt der bayerischen Staatskanzlei auf den Haushalt des Reichskriegsministeriums übergehen. Doch sollte es bereits ab 1. Oktober 1936 in allen Fragen der Benutzung und Auswertung militärischer Akten an die Weisung des Oberbefehlshabers des Heeres gebunden sein.11 Als „Gegenleistung“ für diese Zustimmung wurden von der bayerischen Staatsregierung lediglich die Berücksichtigung der Interessen der Beschäftigten12 sowie die Belassung der Bestände in München gefordert. Im Kriegsarchiv, nunmehr „Heeresarchiv München“, wurde die neue Organisationsstruktur, die dem bislang geltenden föderalen Charakter der Archivverwaltung komplett widersprach, durchaus mit Sympathie aufgenommen. Leyh, der auch künftig die Position des Archivleiters einnehmen sollte, befürwortete in einem Tagesbefehl vom 1. April 1937 ausdrücklich den Übertritt des Kriegsarchivs als Heeresarchiv München zur Wehrmacht, wenn er schreibt:“ Wir begrüßen die Rückkehr unserer Anstalt zum Heer als die Beendigung eines durch das Versailler Diktat auferlegten unnatürlichen Zustandes.“13 Eine grundsätzliche Aufgabenabgrenzung zwischen dem Chef der Heeresarchive, General Friedrich von Rabenau, und den ihm unterstellten Direktoren der einzelnen Heeresarchive regelte eine bereits am 2. April 1937 erlassene „Vorläufige Dienstanweisung für die Direktoren der HeeresarS. zur Neuorganisation der Heeresarchive Friedrich-Christian Stahl, Die Organisation des Heeresarchivwesens in Deutschland 1936–1945. In: Heinz Boberach − Hans Booms (Hrsg.), Aus der Arbeit des Bundesarchivs. Beiträge zum Archivwesen, zur Quellenkunde und Zeitgeschichte (Schriften des Bundesarchivs 25), Boppard am Rhein 1978, S. 69–101, hier v.a. S. 74. 10 Ebd. S. 75. – BayHStA, GDion Archive 1183. 11 Ebd. – Gerhard Böhm, Die Abteilung II des Bayerischen Hauptstaatsarchivs in München. In: Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern 2 (1956) S. 12–16, hier S.13. 12 Insgesamt handelte es sich um 15 Beamte (9 höherer Dienst, 2 gehobener Dienst, 3 mittlerer Dienst, 1 einfacher Dienst) sowie um 14 nicht verbeamtete Hilfskräfte. S. Stahl (wie Anm. 9) S. 78. 13 BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 289. 9

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Das Gebäude in der Leonrodstraße (Abteilung/Gruppe II) mit Hakenkreuzfahne (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik).

chive“. Sie sah vor, dass die Richtlinienkompetenz, d.h. Entscheidung in Grundsatzfragen, beim Chef der Heeresarchive verblieb, während die Direktoren in ihren Häusern als Dienst- und Disziplinarvorgesetzte fungierten, die für die Auskunftstätigkeit in ihrem Archiv verantwortlich zeichneten. In territorialen Angelegenheiten waren sie an die Weisungen des Befehlshabers des zuständigen Wehrkreises gebunden.14 Die Unterstellung des ehemaligen Kriegsarchivs als Heeresarchiv München unter das Oberkommando des Heeres brachte auch einige Änderungen in der internen Organisation mit sich. So monierte das Reichskriegsministerium die im Reichsdienst mit besonderen etatrechtlichen Folgerungen verbundene Bezeichnung „Abteilung“ für die drei inhaltlich wie räumlich getrennten Teile des Heeresarchivs. Maximilian Leyh schlug daraufhin die Formulierung „Gruppen“ für die bisherigen Abteilungen

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Ebd.

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vor. Künftig war nun von „Gruppe I Hofgartenstraße, Gruppe II Leonrodstraße“ und „Gruppe III Ludwigstraße“ die Rede.15 2.2 Zentrale archivische Fachaufgaben 2.2.1 Archivbenützung Im April 1937 wurde eine neue Ausleih- und Benutzungsordnung für die Heeresarchive erlassen.16 Geregelt wurde darin detailliert die Benützung durch Dienststellen und Angehörige der Wehrmacht, durch Dienststellen außerhalb der Wehrmacht sowie durch private Forscher. Ihnen allen stand der Zugang zu dem in den Archiven verwahrten Schriftgut prinzipiell offen. Lediglich für private wissenschaftliche Arbeiten konnte die Benützung versagt werden, sofern die Landesverteidigung oder politische Gegebenheiten dies erforderten, Rücksicht auf Lebende geboten schien, Verträge entgegenstanden oder der augenblickliche Ordnungszustand der Akten dies bedingte.17 Über den Zugang zu ihren Dokumenten, d.h. über die Benützung und Ausleihe von Archivalien entschieden die jeweiligen Heeresarchive nicht eigenständig, sondern der vor Ort ausgefüllte schriftliche Benutzungsantrag18 war mit einer Stellungnahme des Archivs beim Chef der Heeresarchive zur Genehmigung einzureichen. Während Mitarbeiter von Dienststellen der Wehrmacht mit Genehmigung sogar die Magazinräume betreten, unmittelbar Einsicht in Verzeichnisse und Karteien nehmen und Akten ausleihen durften, war dies privaten Forschern grundsätzlich untersagt. Da es sich bei den Unterlagen der Heeresarchive teils um sensibles Schriftgut handelte, verwundert es nicht, dass strenge Kontrollen sogar hinsichtlich der Veröffentlichung von Textinhalten erfolgten. So waren etwa auf Verlangen vorab Manuskripte nebst Titelblatt und Vorwort vorzulegen. Beanstandungen waren zu berücksichtigen und selbst Abschriften oder Notizen wurden überprüft. 15 Ebd. Vgl. auch den im Akt enthaltenen neu erlassenen Geschäftsverteilungsplan für das Heeresarchiv München, der diese Terminologie bereits berücksichtigt. Die einzelnen Gruppen wiederum sind in Sachgebiete untergliedert. 16 Z.B. BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 298. 17 Die derzeit gültige Benützungsordnung der Staatlichen Archive Bayerns kennt im Übrigen analoge Gründe für das Versagen einer Benützungsgenehmigung oder die Erteilung von Auflagen. Vgl. Benützungsordnung für die staatlichen Archive Bayerns (Archivbenützungsordnung − ArchivBO) vom 16. Januar 1990, zuletzt geändert durch Verordnung vom 6. Juli 2001, GVBl S. 371 (BayRS 2241-1-1-WFK), https://www.gda.bayern.de/fachinfor mationen/more/benuetzungsordnung/, hier: § 5 (2) und (3). 18 Beispiel in BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 74.

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Benützungsantrag im Heeresarchiv München (ab 1937) (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivakten 74).

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Betrachtet man die Anzahl der Benützungen zwischen 1933 und 1936, also für jene Zeit, in der das Kriegsarchiv noch eine staatliche bayerische Institution darstellte,19 so zeigt sich, dass in diesen Jahren zwischen 9.029 (1933) und 11.616 (1936) Auskunftsgesuche gestellt wurden. Am häufigsten kontaktiert wurde dabei Abteilung II („Weltkriegsabteilung“) des Kriegsarchivs. In all den Jahren hielten sich behördliche Anfragen mit Recherchen durch Privatpersonen in etwa die Waage. Was den Recherchezweck anbelangt, so dominieren rechtliche Fragestellungen, insbesondere die Klärung von Versorgungsangelegenheiten. Daneben finden sich jedoch auch heeres- und truppengeschichtliche Themen sowie Fragestellungen zur Heimat- und Familienforschung. Ab 1. März 1934 tauchen als Forschungszweck erstmals Angaben wie „arische Abstammung“,20 „arischer Nachweis“21 oder „Rassezugehörigkeit“22 auf. Der Zeitpunkt dürfte u.a. mit dem Erlass des Reichswehrministers vom 28. Februar 1934 in Zusammenhang stehen, wonach § 3 (arische Abstammung) des die Beamten betreffenden „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 sinngemäß auch auf die Soldaten anzuwenden sei. Offiziere und Mannschaften, die dieser Vorgabe nicht entsprachen, waren aus der Wehrmacht zu entlassen.23 Ab 1939 war durch die Benützer – so zeigt die Rubrik „Bemerkungen“ des Benützerbuches – anzugeben, ob sie arisch und/oder Ausländer sind. Im selben Jahr erging zudem an alle Heeresarchive die Verordnung, dass „fortan Juden [...] die Benutzung staatlicher Archive ausser zu familiengeschichtlichen Zwecken und zur Erforschung des jüdischen Volkstums zu versagen ist.“24 Eine weitere Einschränkung speziell für in den Niederlanden wohnende Juden bei der Benützung der Heeresarchive erfolgte 1942. Deren Anträge auf Ordensbescheinigungen oder des Frontehrenkreuzes sollten, so eine Anweisung des Chefs der Heeresarchive, nicht beantwortet werden.25 Als Quellengrundlage dienen zum einen die Angaben des Statistischen Jahrbuchs für die Zeit von 1933 bis 1936, zum anderen die Aufzeichnungen des Benützerbuchs der Abteilung I des Kriegsarchivs für jene Jahre. Vgl. hierzu: Statistisches Jahrbuch für Bayern 1938, 22. Jg., München 1938, S. 393 und BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Handschriften (HS) 3343 (Benützerbuch). 20 BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, HS 3343, 1934 lfd. Nr. 121(Franz Kustermann). 21 Ebd., z.B. 1939 Nr. 109 (Anton Mendler). 22 Ebd., z.B. 1939 Nr. 121 (Eduard Füchsl). 23 Rudolf Absolon, Die Wehrmacht im Dritten Reich (Schriften des Bundesarchivs 16/I), Boppard am Rhein 1969, Bd. I, S. 154–157, hier S. 154. 24 BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 74. 25 Ebd., AA 158. 19

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Was die Auskunftstätigkeit der Jahre 1937 bis 1945 anbelangt,26 so reduzierte sie sich bei allen Gruppen (= ehemalige Abteilungen) kontinuierlich, bis sie Ende 1943 fast gänzlich zum Erliegen kam. So wurden z.B. in diesem Jahr in Gruppe III nur mehr rund 70 Einzelauskünfte erteilt und es erfolgte eine einzige Aktenversendung für Recherchen außer Haus. Diesen Zahlen standen im Jahr 1937/38 (bis März 1938) allein in der genannten Gruppe noch 858 Einzelauskünfte und 256 Aktenversendungen gegenüber.27 Ähnlich verhielt es sich bei den anderen beiden Gruppen. Die ab 1943 sehr niedrige Anzahl an Benützungen war zum einen gewiss der unsicheren Lage v.a. auch in München (Bombardierungen), zum anderen nicht zuletzt den ab Ende 1942 in die Wege geleiteten Archivalienauslagerungen geschuldet, so dass zahlreiche Bestände für eine Forschung gar nicht mehr zur Verfügung standen. 2.2.2 Ordnungsarbeiten Am 1. November 1940 wurden durch den Direktor des Heeresarchivs München neue „Richtlinien für das Ordnen und Verzeichnen von Akten“ erlassen.28 Die vierseitige Handreichung, die ausdrücklich keine „Dienstanweisung“ darstellen sollte, da die Voraussetzungen bei den drei Gruppen für das Verzeichnen von Akten so verschiedenartig waren, dass eine starre Vorgabe nicht zweckmäßig war, nennt lediglich Gesichtspunkte, die bei der praktischen Arbeit als Richtschnur mit entsprechender Flexibilität dienen sollen. Leyh ging zunächst ein auf Anlieferungsverzeichnisse bei Aktenabgaben durch Dienststellen und Truppenteile des Heeres. Diese enthielten einzelne Rubriken wie Aktenbezeichnung, Zeitabschnitt und Zahl der Bünde / Akten. Anhand dieser Angaben waren die Aktenlieferungen durch die Archivare auf Vollständigkeit zu überprüfen.29 Sofern eine Abgabe in ungeordneter Weise erfolgte, waren entsprechende Verzeichnisse, nun Archivverzeichnisse genannt, von den Archivaren selbst zu erstellen. Grundlage sind die jährlich gefertigten Jahres- bzw. Tätigkeitsberichte der Gruppen I bis III. S. hierzu BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 116 sowie HS 2771 (für Abt. II). 27 Ebd. 28 U.a. enthalten ebd., AA 4. 29 Vgl. das Vorgehen bei der heutigen Aktenaussonderung, das sich gemäß Aussonderungsbekanntmachung in analoger Weise gestaltet (Aussonderung, Anbietung, Übernahme und Vernichtung von Unterlagen (Aussonderungsbekanntmachung – Aussond-Bek vom 19.11.1991, geänd. durch Bek v. 6.11.2001). 26

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Erläutert wird sodann die Fertigung eines vorläufigen und endgültigen Repertoriums mit Aktenverzeichnung. Ausführlich wird in diesem Zusammenhang auch auf die Bedeutung des Ordnungssystems eines Aktes und einer Registratur sowie auf die sorgfältige Handhabung der Aktenausscheidung (Vernichtung) von Unterlagen eingegangen. Für die Ordnungsarbeiten galt bei allen drei Gruppen dasselbe wie bei der Archivbenützung: sie fanden zwar kontinuierlich statt, nahmen jedoch, vor allem in den Kriegsjahren, stetig und merklich ab. Als Beispiel sei Abteilung III genannt. Während 1939 noch 2220 Bünde repertorisiert wurden und gleichzeitig die Verkartung der Mobilmachungsakten der Registratur des Kriegsministeriums erfolgte, wurden 1943 nur mehr 85 Bünde bearbeitet.30 Parallel zu diesem deutlichen Rückgang an Aktenbearbeitung kam auch der Zugang an Archivalien im Laufe der Jahre fast völlig zum Erliegen. Strömten im Jahr 1936 noch 1886 Akten allein von Behörden und Truppen in Gruppe III des Kriegsarchivs,31 so waren es 1943 nur mehr 41 Akten.32 Was die genannten Zugänge anbelangt, so handelte es sich zudem in der Regel nicht um direkte Zugänge von militärischen Einrichtungen, sondern vielmehr um Abgaben im Rahmen von Beständebereinigungen zwischen den Archivgruppen. 2.3 Spezifisch kriegsbedingte Maßnahmen und Sachverhalte 2.3.1 Luftschutz Vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg, in dem erstmals Vorbeugemaßnahmen gegen drohende Luftangriffe auf Städte erfolgt waren,33 wurde bereits in den Weimarer Jahren das Szenario eines potentiellen künftigen Krieges, der – so die allgemeine Überzeugung, auch die Heimatfront und damit die Zivilbevölkerung in Form eines Luftkriegs tangieren würde – rege diskutiert. Die frühzeitig angestellten Überlegungen, wie einem feindlichen Luftangriff konkret zu begegnen

BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 116. Statistisches Jahrbuch für Bayern 1938, 22. Jg., München 1938, S. 393. 32 BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 116. 33 Vgl. Bernhard Grau, Katastrophenfall. Die Stammabteilung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs im Zweiten Weltkrieg. In: Archivalische Zeitschrift (AZ) 94 (2015) S.177–228, hier S. 180 f. 30 31

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sei, mündeten in das Luftschutzgesetz vom 26. Juni 1935.34 Noch vor Inkrafttreten dieses Gesetzes, setzten sich die Archivare, sensibilisiert durch das Schicksal der Archive in den während des Ersten Weltkriegs besetzten Gebieten, in Fachveranstaltungen, etwa dem 25. Deutschen Archivtag im September 1934 in Wiesbaden, mit der Luftschutzthematik auseinander und entwickelten eigene Sicherungsstrategien.35 Für alle drei Standorte des Heeresarchivs, d.h. die Gebäude an der Ludwigstraße und an der Leonrodstraße sowie für das Armeemuseum wurden von der Heeresstandortkommandantur München zentral Luftschutzmaßnahmen angeordnet. Aufgrund des Verlustes einschlägiger Akten für Gruppe I und III, sind die Maßnahmen im Einzelnen nur für Gruppe II (Leonrodstraße) nachvollziehbar.36 Sie dürften jedoch analog mit gewissen, den Standorten geschuldeten Modifizierungen, in ähnlicher Form für die übrigen beiden Gruppen existiert haben. Noch vor Kriegsbeginn erfolgten demnach sog. Entrümpelungsmaßnahmen auf den Speichern, um alles brennbare Material zu entfernen und bei Bedarf einen ungehinderten Zugang zum Dach zu gewährleisten. Seit dem Frühjahr 1938 waren die Mitarbeiter des Archivs zudem durch Unterweisung über die Grundprinzipien des Luftschutzes belehrt worden und in der Folgezeit wurden regelmäßig Luftschutz- und Löschübungen abgehalten. Das gesamte Personal war mit Gasschutzmasken ausgestattet worden und in einen Feuerlöschtrupp, einen Luftschutz-Sanitätstrupp sowie einen Entgiftungstrupp eingeteilt. Erforderliche Gerätschaften, wie etwa Spritzen, Wassereimer, Beile, Schaufeln, aber auch elektrische Verdunkelungsbirnen oder Luftschutzvorhänge, die kein Licht nach Außen dringen ließen, waren beschafft worden, so dass im Mai 1939 der Heeresstandortkommandantur eine sorgfältig ausgearbeitete „Luftschutzordnung“ vorgelegt werden konnte. Mit Kriegsbeginn waren somit zunächst keine weitergehenden besonderen Vorkehrungen mehr zu treffen. Lediglich bei Nacht waren künftig Verdunkelungsmaßnahmen zu ergreifen, worüber ab März 1943 (verstärkte Luftangriffe auf Südbayern und hier auch auf München) ein 34 Reichsgesetzblatt I S. 827. Hinzu kamen noch zehn Durchführungsverordnungen von 1937 bis 1939. 35 Vgl. den dort gehaltenen Vortrag von Hans Burkard, Die Frage des Luftschutzes für Archive und Akteien. In: AZ 44 (1936) S.172–189. 36 Sie sind dargelegt in einem Bericht der Abt. Leonrodstraße vom 30.1.1949 an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, in dem die Bergungsmaßnahmen während des Krieges geschildert und zusammengefasst wurden. BayHStA, GDion Archive 1273.

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eigenes Kontrollbuch geführt wurde,37 in das täglich durch den wachhabenden Beamten relevante Vorkommnisse eingetragen wurden. In der Regel heißt es „ohne Neuigkeiten“, aber auch Angriffe wurden notiert wie z.B. am 26./27.11.1944 „4.30 Alarm, 4.40 Angriff, kein Schaden, 6.15 Entwarnung.“38 Darüber hinaus wurden wiederholt Versäumnisse der Kollegen benannt, um diese in Zukunft abzustellen:“15.7.43 – das Zimmer v. G. Eberwein war nicht verdunkelt. Im Urlaubsfalle muß der Zimmernachbar sich um die Verdunkelung kümmern!“39 In der Folgezeit, mit Verschärfung der Kriegslage, galt es, weitergehende Maßnahmen zu ergreifen.40 Im Laufe des Jahres 1940 wurde begonnen, monatlich einmal eine halbe Stunde den Dienst mit aufgesetzter Gasmaske zu verrichten. Ferner wurde die Decke des im Keller befindlichen Luftschutzraumes durch Anbringen kräftiger Rundhölzer zusätzlich gestützt.41 Sodann sind die Fertigung von Blenden an den Kellerfenstern und das Anbringen von Hinweisschildern für Luftschutzkeller und Notausstieg mitzuteilen. Außerdem führte man im Herbst aus zwei Mann bestehende Luftschutzwachen ein. Im Jahr darauf wurden besonders wertvolle Aktenbestände gekennzeichnet, um sie im Notfall leichter retten zu können, und die schon bestehende Luftschutzwache wurde um zwei abkommandierte Soldaten ergänzt. Außerdem fanden monatliche Feuerlösch- und Luftschutzübungen statt. Unter den Maßnahmen der folgenden Jahre sind besonders Aktenverlagerungen aus Sicherheitsgründen zu nennen. Im September 1942 wurden die als Aktenräume eingerichteten Speicher der Gruppe II im Bürogebäude und Beständehaus geleert und die Akten in eine Exerzierhalle der Max-II-Kaserne (nun Beständehaus II genannt) in unmittelbarer Nachbarschaft verbracht. Alle Unterlagen wurden zudem nur mehr in Reichhöhe in die Regale eingelegt, um sie im Bedarfsfall rasch greifen zu können. Im gleichen Jahr noch wurden die Repertorien, Erstschriften der Kriegstagebücher und wichtige Personalakten in die Kellerräume des Bürogebäudes verlagert. Für 1943 ist der Bau eines LuftschutzPostenstandes im Garten des Archivs zur Beobachtung der Gebäude während eines Luftangriffes hervorzuheben.

BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 135. Ebd. 39 Ebd. 40 Für das Folgende vgl. BayHStA, GDion Archive 1273. 41 Die stützenden Rundhölzer sind noch sichtbar vorhanden. 37 38

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Luftschutzraum im Keller des Gebäudes an der Leonrodstraße mit den zusätzlich als Verstärkung eingebrachten Holzstützen (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik).

Ein eigenes Luftschutzmerkblatt, das jedem Mitarbeiter ausgehändigt wurde, fasste die wesentlichen Punkte und v.a. das Verhalten im Ernstfall nochmals kurz zusammen.42 2.3.2 Brandschutz Parallel zu den im Rahmen des Luftschutzes ergriffenen Sicherungsmaßnahmen wurden umfangreiche Vorkehrungen des Brandschutzes in die Wege geleitet. Dazu gehörte insbesondere, dass für alle drei Gruppen des Heeresarchivs mit Kriegsbeginn den besonderen Erfordernissen angepasste Feuerlöschvorschriften erlassen wurden. Gruppe I im Armeemuseumsgebäude, wo sich auch die Direktion befand, erließ eine solche Ordnung am 7. Februar 1940.43 Unterteilt in zwei Großabschnitte listet sie zum einen Vorbeugungsmaßnahmen gegen Feuergefahr auf, zum anderen beschäftigt sie sich mit konkret zu ergreifenden 42 43

BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 134. Ebd. AA 89.

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Maßnahmen beim Ausbruch eines Brandes. Zu den Vorsorgemaßnahmen gehörten entsprechende Verhaltensweisen wie das Verbot, Aktenräume mit offenem Licht zu betreten und dort Streichhölzer anzuzünden oder gar zu rauchen. Hingewiesen wurde prophylaktisch zudem auf den Lagerort der Feuerlöschgeräte, von Wassereimern, Feuerpatschen, Sandkisten und -haufen mit Spaten und Kübeln, sodann auf die Lage der Wasserzapfstellen im Gebäude sowie der nahegelegenen Hydranten. Außerdem wurde eine alljährliche Feuerlöschübung im April in Aussicht gestellt. Für den Fall eines Brandes sah die Ordnung einen detailliert aufgelisteten Alarmplan vor, Löschmaßnahmen durch den hausinternen Löschtrupp und ggf. personelle Unterstützung durch die Kommandantur. Außerdem enthält die Feuerlöschvorschrift einen Bergungsplan für die Archivalien. Erforderlichenfalls sollte mit den Beständen begonnen werden, die dem Brandherd am nächsten lagen, sodann war in einer vorgegebenen Reihenfolge nach interner Wertigkeit (Kriegsakten B, Zettelkästen und Aktenverzeichnisse, Handschriftensammlung, Graphische Sammlung, Registratur, gebündelte Akten, ungebündelte Akten) fortzufahren. Je nach Klein- oder Großfeuer waren die Archivalien nach ihrer Bergung in den Gängen abseits des Feuerherds oder in den Arkaden längs der Galeriestraße aufzuschichten. Bei der Firma „Kraftverkehr Bayern“ waren, falls erforderlich, auch Lastkraftwagen zum Abtransport in Bergungslager anzufordern. Offensichtlich gab es entsprechende Notunterkünfte, ohne diese allerdings konkret zu benennen. Betrachtet man die modernen Notfallpläne der Archivverwaltung, so findet sich hier bereits eine ganze Reihe zentraler Aspekte wie Alarmplan oder Bergungsplan verwirklicht. Exemplare der Vorschrift waren an zentralen Stellen des Gebäudes durch Aushang bekannt zu machen. Zum selben Termin trat eine Feuerlöschordnung auch für Gruppe II in der Leonrodstraße in Kraft.44 Sie ist zwar nicht so detailliert ausgearbeitet wie jene von Gruppe I, doch auch in ihr findet sich ein sorgfältig erstellter Alarmplan, eine Auflistung der Löschgeräte mit jeweiligem Lagerort sowie eine Zusammenstellung an präventiven Verhaltensmaßregeln. Ein Bergungsplan war nicht vorgegeben. Hier erteilte, je nach Lage, ein Mitarbeiter die entsprechenden Anweisungen. Darüber hinaus waren „mit roten Zetteln versehene Aktenfächer“ vorrangig zu sichern. Gruppe II ergriff in den folgenden Jahren noch einige weitere Maßnahmen, um gegen Brände besser gewappnet zu sein. Im Herbst 1942 wurden etwa die

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Ebd.

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Speicherböden des Beständehauses I mit einer Sandschicht bedeckt45 und im Jahr darauf entstand im Garten des Archivgebäudes ein unterirdisches Löschwasserbassin.46 Im Sommer 1944 schließlich wurden die Aktengestelle mit feuerhemmenden Schutzmitteln imprägniert.47 Und auch Gruppe III erhielt eine Feuerlöschordnung, die in ihrer Gliederung den beiden anderen Vorschriften im Wesentlichen entspricht.48 Für die Gruppe existiert ein genauer Bergungsplan. So sollten die „wichtigsten Akten beginnend mit Repertorien, Urkunden, Geheimakten des Abteilungsleiters“ gerettet werden. Was genau zuerst zu retten war, war in den einzelnen Arbeitsräumen der Mitarbeiter aufgezeichnet. Zudem erfolgte eine Kenntlichmachung der relevanten Unterlagen mit roter Farbe. 2.3.3 Auslagerung von Archivgut Parallel zu den Sicherungsmaßnahmen in den Archivgebäuden fanden ab Herbst 1942 erste Erkundungen nach Auslagerungsorten für die Bestände der drei Gruppen statt. Wiegte man sich zunächst noch in Sicherheit, da München lange nicht im Fokus der alliierten Luftangriffe stand, änderte sich dies mit den ersten Flächenbombardements im September 1942, die sich in den folgenden Monaten fortsetzen sollten. Der Krieg in der Heimat hatte nun auch den Süden Bayerns erreicht. Neben einigen Auslagerungen innerhalb Münchens (s.o.)49 wurden bis Kriegsende 22 Bergungslager an 18 Bergungsorten in Schwaben, Oberbayern und Niederbayern für die Unterbringung und Sicherung der Akten des Heeresarchivs rekrutiert. Darunter befanden sich Räume in Klöstern wie Beuerberg, in Schlössern wie Sulzemoos und Hofhegnenberg, in Kasernen, Pfarrhöfen, Gasthöfen und Brauereien sowie Privatunterkünften. Bei der Suche nach geeigneten Quartieren waren wohl auch Archivarskollegen behilflich, wie z.B. der Leiter des Staatsarchivs Neuburg, Dr. Josef Heider, der in Schwaben über beste Kontakte zu den Besitzern von Diese Maßnahme bewährte sich beim Luftangriff am 25.4.1944, als eine Brandbombe auf dem Speicherboden liegen blieb, wo sie im Sand unschädlich abbrannte. Ebd. AA 92. 46 Das Bassin ist noch heute in dem mittlerweile von der Stadt München als öffentliche Parkanlage genutzten Teil des Kriegsarchivgartens erhalten. 47 BayHStA, GDion Archive 1273. 48 BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 89. 49 Verlagerung von Akten aus den Speichern des Bürogebäudes und des Beständehauses an der Leonrodstraße sowie von Gruppe III in eine Exerzierhalle der Max-II-Kaserne. BayHStA, GDion Archive 1273. 45

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Liste potentieller Bergungslager im Ries (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivakten 392).

in Frage kommenden Objekten verfügte, oder wohl auch P. Dr. Paulus Weißenberger, der Archivar des fürstlichen Archivs in Wallerstein, der das Pfarrhaus und das Klostergebäude in Mönchsdeggingen oder auch Schloss Lierheim, allesamt im Besitz der Familie Oettingen-Wallerstein, als Lagerorte vermittelt haben dürfte.50 Mitarbeiter des Heeresarchivs beS. hierzu auch die generellen Hinweise bei Reinhard H. Seitz, Archivauslagerungen während des Zweiten Weltkriegs in und nach Bayerisch Schwaben. In: Peter Fassl (Hrsg.), Das Kriegsende in Bayerisch-Schwaben 1945. Wissenschaftliche Tagung der Heimatpflege des Bezirks Schwaben in Zusammenarbeit mit der Schwabenakademie Irsee am 8./9. April 2005, Augsburg 2006, S. 129–142. Das Heeresarchiv München ist in dem Aufsatz zwar nicht explizit erwähnt, doch die allgemeinen Ausführungen zu den Unterkünften sind auch in diesem Zusammenhang von Interesse. 50

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sichtigten vorab in Frage kommende Einrichtungen, listeten vorhandene freie Räume mit Angabe der zur Verfügung stehenden Quadratmeterzahl auf,51 ehe die als brauchbar und vor allem als ausreichend eingestuften Örtlichkeiten dann von den zuständigen Heeresstandortverwaltungen angemietet wurden, um als Unterkünfte für das Heeresarchiv zu fungieren.52 Ab Januar 1943 erfolgte teils mit angemieteten Lastkraftwägen, teils mit Wehrmachtstransportern und mit Bahnwaggons die Verlagerung der Archivalien. Insgesamt wurden bis Dezember 1944 179 Fahrten durchgeführt.53 Was den Umfang der ausgelagerten Archivalien anbelangt, so ist in den Akten von rund 53.000 Aktenbünden à 10 bis 15 cm Dicke, 100 Kartenrollen, 200 Kartons mit Bildern, 414 Kisten und 4 Schrankkästen mit weiteren Archivalien die Rede.54 Die größeren Ausweichlager wurden vor Ort von Archivaren betreut, d.h. diese bezogen dort Quartier und kontrollierten regelmäßig die Unversehrtheit der Archivalien. Fachpersonal hielt sich in den Ausweichlagern Dillingen (gleichzeitig für Donaualtheim und Schretzheim), Mönchsdeggingen (auch für Kleinsorheim, Merzingen, Lierheim), Hofhegnenberg, Sulzemoos, Haidenburg und Frauenau auf. Die übrigen Ausweichlager wurden nur monatlich einmal von Beamten aus München visitiert. Um vor Ort ein Arbeiten zu gewährleisten, mussten Büromöbel aus dem Heeresarchiv in die provisorischen Arbeitsräume in der Provinz transportiert werden. Die Gruppe Leonrodstraße transferierte zum Beispiel am 23. Dezember 1943 u.a. 3 Schreibtische, 11 Tische, 13 Stühle verschiedener Art, 4 Sessel, 2 Aktenschränke, 1 Waschkommode, 4 Waschtische, 5 Aktenhunde, 3 Staffeleien, 2 Papierkörbe und 1 Divan nach Mönchsdeggingen. Privatgegenstände – so ist extra mit Bleistift noch notiert – sind hierbei nicht erwähnt.55

BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 392. S. ein Anfang des Jahres 1949 für einen Bericht an den Generaldirektor der Staatlichen Archive erstelltes Verzeichnis der Ausweichorte mit Angabe der dort untergebrachten Akten nach Art und Zahl. BayHStA, GDion Archive 1273. 53 Ebd. Die Anzahl der Fahrten wurde, so die Angabe im Text, aus dem Gedächtnis wiedergegeben. 54 Ebd. 55 BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 392. 51 52

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Zerstörungen im Beständehaus I (Leonrodstraße) (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik).

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Zerstörungen im Beständehaus II (Max-II-Kaserne) (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik).

2.3.4 Angriffe auf München – Gebäudeschäden Bei den Angriffen auf München wurde auch das Heeresarchiv nicht verschont. Alle drei Standorte wurden teils massiv in Mitleidenschaft gezogen. Das Armeemuseum, in dem Gruppe I untergebracht war, war vor allem von den Angriffen gegen Kriegsende betroffen. Bei dem Luftangriff vom 17. Dezember 1944 entstanden Schäden an Fenstern, Türen und Mobiliar durch Spreng- und Brandbomben. Nach der Bombardierung der Stadt am 7. Januar 1945, die schwere Gebäudeschäden an der Hofgartenseite nach sich zog, stürzte beim Angriff vom 25. Februar 1945 der ganze Trakt, in dem sich das Archiv befand, bis zum 1. Stock herunter ein. Noch im Gebäude verbliebene Akten (insbesondere Unteroffizierspersonalakten, Akten der Kavallerie) wurden dabei verschüttet, konnten jedoch teilweise gerettet werden.56 56

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Die in der Leonrodstraße untergebrachte Gruppe II war ab Dezember 1942 bis unmittelbar zum Kriegsende immer wieder von Luftangriffen betroffen. Der Angriff im März 1943, bei dem der Dachstuhl im Bürogebäude verschoben, drei Kamine abgerissen, fast sämtliche Fensterscheiben zerbrochen und Türen beschädigt worden waren sowie jener vom 24./25. April 1944 wüteten besonders heftig. Bei dem letztgenannten Bombardement brannte ein Saal im 3. Stock des Beständehauses I völlig aus. Dabei gingen rund 500 Aktenbünde u.a. mit Unterlagen zu den Landsturmformationen und Jägern verloren. Das gleiche Schicksal ereilte die in die Exerzierhalle der Max-II-Kaserne, das sog. Beständehaus II, verbrachten Archivalien. Dort verbrannten 20.000 Aktenbünde, u.a. wichtige Unterlagen der Bauämter und der Bezirkskommandos sowie Aktengestelle, Schränke, Bücher.57 Das Gebäude der Gruppe III in der Ludwigstraße wurde bei den zahlreichen Angriffen 1943 und vor allem 1944 weitläufig zerstört. Im Archiv waren starke Löschwasserschäden zu konstatieren. Die nur noch wenigen, nicht ausgelagerten Akten, blieben dabei allerdings unversehrt.58 2.3.5 Archivare des Heeresarchivs München im Dienst des Archivschutzes in den besetzten Gebieten59 Die Haager Landkriegsordnung (HLKO) von 1907, in der völkerrechtlich verbindliche Regelungen für die Kriegsführung und die Behandlung von besetzten Gebieten festgelegt wurden, verweist in Artikel 56 unter anderem auf den besonderen Schutz von Anstalten der Kunst und der Wissenschaft sowie geschichtlicher Denkmäler und untersagt deren Beschlagnahme, Zerstörung oder Beschädigung.60 Zwar ist in dem genannten Artikel der Schutz von Archivgut nicht explizit angesprochen, jedoch Ebd. Ebd. 59 Die Thematik kann im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes nur angerissen werden. Eine ausführlichere Darstellung des Sachverhalts durch die Autorin ist in Bearbeitung. Die nachfolgenden Ausführungen stützen sich auf Registraturunterlagen des Kriegsarchivs sowie auf Angaben aus den Nachlässen der beteiligten Archivare. Für die angestrebte umfassende Darlegung müssen auch die Unterlagen des Chefs der Heeresarchive im Bundesarchiv Militärarchiv in Freiburg mit einbezogen werden. 60 Die Haager Landkriegsordnung (Abkommen, betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs, vom 18.10.1907) wurde für das Reich verbindlich publiziert in: Reichsgesetzblatt 1910, S. 107–151; hier S. 150 f. 57 58

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aus dem Dargelegten direkt ableitbar.61 Seit dem Ersten Weltkrieg gibt es daher einen institutionalisierten Archivschutz im Rahmen der Militärverwaltungen für die besetzten Gebiete.62 Im Sinne dieses Archivschutzes waren auch während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche wissenschaftliche Archivbeamte aus nahezu allen deutschen Ländern sowie aus Österreich, organisiert in sogenannten Archivschutzkommissionen, in den von Deutschland besetzten Gebieten tätig.63 Die staatlichen Archivverwaltungen, das Auswärtige Amt, der Sicherheitsdienst, der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg und auch die Heeresarchive64 starteten entsprechende Initiativen in den korrespondierenden Archiven und Einrichtungen der betreffenden Länder.65 Unter den Heeresarchivaren, die als „Beauftragte des Chefs der Heeresarchive“ in Sachen Archivschutz in die Militärarchive der besetzten Staaten abkommandiert wurden, befand sich auch eine Reihe von Mitarbeitern des Heeresarchivs München:66

61 Vgl. Joachim Meyer-Landrut, Die Behandlung von staatlichen Archiven und Registraturen nach Völkerrecht. In: AZ 48 (1953) S. 45–120, hier S. 71; s. auch Wolfgang Stein, Die Inventarisierung von Quellen zur deutschen Geschichte. Eine Aufgabe der deutschen Archivverwaltungen in den besetzten westeuropäischen Ländern im Zweiten Weltkrieg. In: Inventar von Quellen zur deutschen Geschichte in Pariser Archiven und Bibliotheken. Bearb. von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Georg Schnath, hrsg. von Wolfgang Hans Stein, Band 1 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz 39), Koblenz 1986, S. XXVII–LXVII, hier S. XXVIII f. 62 Meyer-Landrut (wie Anm. 61) S. 61–63. 63 Vgl. u.a. Torsten Musial, Deutsche Archivare in den besetzten Gebieten 1939 bis 1945. In: Archive und Herrschaft. Referate des 72. Deutschen Archivtages 2001 in Cottbus; Redaktion: Jens Murken (Der Archivar, Beiband 7), Siegburg 2002, S. 77–87, hier S. 77. Ferner u.a.: Torsten Musial, Staatsarchive im Dritten Reich. Zur Geschichte des staatlichen Archivwesens in Deutschland 1933–1945 (Potsdamer Studien 2), Diss. Potsdam 1996. 64 Stahl (wie Anm. 9), hier v.a. S. 82–90. 65 Von Parteidienststellen initiierte Sammeltätigkeiten, etwa durch das NSDAP-Mitglied Friedrich Rehse, auf den die „Sammlung Rehse“ zurückgeht, wurde nach einigen Auseinandersetzungen zwischen Wehrmachtsführung und Partei unterbunden. Ebd. S. 81 f. 66 Aufgeführt sind hier lediglich die „Beauftragten des Chefs der Heeresarchive“. Hinzu kommen noch weitere Mitarbeiter, die die Genannten begleiteten und bei ihrer Aufgabe unterstützten. S. hierzu auch Stahl (wie Anm. 9) S. 96–99.

316 In Warschau 27.9.1939–4.2.1940

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Oberheeresarchivrat Otto Frhr. von Waldenfels67

In Warschau: Frhr. von Waldenfels (Mitte) im polnischen Kriegsarchiv im Fort Legionow (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik).

In Danzig 10.10.1939–31.10.1939 Heeresarchivrat Gerhard Böhm68 Die in den polnischen Heeresarchiven gesammelten Akten sollten an einem Ort zusammengeführt werden. Dazu wurde in Danzig-Oliva, im Gebäude einer ehemaligen Teeimportfirma, eine sog. Aktensammelstelle (ab 1.10.1940 Heeresarchivzweigstelle Danzig) eingerichtet. Sie wurde von Heeresarchivrat Gerhard Böhm nach ihrer Errichtung am 1.11.1939 bis zum 31.7.1943 geleitet.

S. Anm. 7. Gerhard Böhm (1899–1974); BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, OP 35772. – Ebd. AA 329; BayHStA, GDion Archive 2768. 67 68

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In Danzig: Aktensammelstelle in Danzig-Oliva (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik).

In Paris: Der Leiter des Heeresarchivs München, Maximilian Leyh (Mitte), mit seinem Mitarbeiter August Schad (rechts) vor Schloss Versailles (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik).

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In Paris 18.6.1940–15.2.1941 16.2.1941–18.7.1941 31.10.1941–30.4.1943 1.5.1943–14.8.1944

Oberheeresarchivrat Otto Frhr. von Waldenfels Oberstleutnant August Schad69 Major Joseph Karl Brennfleck70 Oberheeresarchivrat Herbert Knorr71

In Brüssel 1.6.1940–30.1.1941

Oberheeresarchivrat Herbert Knorr

In Athen 2.5.1941–10.6.1941

Oberheeresarchivrat Otto Frhr. von Waldenfels

Beim rückwärtigen Heeresgebiet Mitte 22.7.1941–18.12.1941 Oberheeresarchivrat Otto Frhr. von Waldenfels In Norditalien 14.9.1943–31.5.1944

Heeresarchivrat Gerhard Böhm

Zur Aufnahme des erbeuteten bzw. beschlagnahmten Schriftguts aus den italienischen Militärarchiven wurde im September 1943 eine von Major Brennfleck bis Kriegsende geleitete eigene Aktensammelstelle Süd in Ingolstadt eingerichtet.72 Der Begriff „Archivschutz“ für den Einsatz der Heeresarchivare und auch all der genannten übrigen Kommissionen ist jedoch teilweise irreführend. Selbstverständlich umfasste er die Sorge um den Erhalt des Schriftguts der Archive in den besetzten Ländern, doch damit verbunden war zugleich das Ziel, die gesicherten Unterlagen im deutschen Interesse auszuwerten und auch auszunutzen. Das Vorgehen der Archivschutzkommissionen glich bei allen Trägern einem nahezu analogen, mehr oder weniger fixen Regieplan: 1. Sicherung der Archive, 2. Überprüfung des vor Ort tätigen Personals auf Eignung zur Mitarbeit (Abstammung, fachliche August Schad (1875–1953); BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, OP 66079. Joseph Karl Brennfleck (1882–1947); BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, OP 23735. 71 Herbert Knorr (1888–1967); BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, OP 65052. – BayHStA, GDion Archive 2949. 72 Die Stelle wurde Anfang Februar 1944 nach München verlegt. Im Zuge der Aktenauslagerungen durch das Heeresarchiv München gelangten die Unterlagen dann nach Schwaben, u.a. nach Donaualtheim (Landkreis Dillingen), wo sie im Gasthaus Saal eingelagert wurden. 69 70

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und politische Zuverlässigkeit), 3. Recherche nach Archivgut deutscher Provenienz und Vorbereitung zu dessen Rückführung nach Deutschland (Erstellung von sog. Rückforderungslisten für die Zeit nach dem Krieg), 4. Inventarisierung von Archivgut fremder Provenienz und/oder deren Fotokopierung bzw. auch Abtransport der Bestände, 5. Bereitstellung von Archivgut der fremden Archive für eine Auswertung durch die NSDAP und staatliche Stellen und 6. Bereitstellung dieser Archivalien für die wissenschaftliche Forschung. Sehr gut dokumentieren lässt sich anhand der in Abt. IV Kriegsarchiv vorliegenden Überlieferung die Tätigkeit der bayerischen Heeresarchivare in den besetzten Gebieten hinsichtlich der unter Punkt 4 genannten Aufgaben. So befinden sich im Kriegsarchiv unter der Signatur HS [= Handschriften] 1707–1921 Inventarbände aus französischen Heeresarchiven und Militäreinrichtungen.73 Die Serie gliedert sich im Einzelnen in folgende Themen-/Nummernblöcke: Übersichten und Repertorien (HS 1707–1714). Laut Verzeichnis handelt es sich dabei jeweils um vervielfältigte Übersetzungen, die 1943 in Paris angefertigt wurden; Stammrollen (Nr. 1715–1888); Personalakten, Rang- und Rekrutenlisten (Nr. 1889–1904, darunter z.B. als HS 1903 eine Personalkartei an deutschstämmigen Offizieren in französischen Fremdenregimentern aus den Archives Administratives des französischen Kriegsministeriums); Übersichten und

Beispiel für eine aus den Ranglisten der französischen Fremdenregimenter erstellte Kartei deutschstämmiger Offiziere, Buchstaben: Hi–Kn (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, HS 1895). 73 Die Bände wurden innerhalb der sachthematischen Gliederung der Handschriften unter die Gruppe VIII (= Rang- und Stammlisten) als Rubrik c (= Kopien aus französischen Archiven) nach den Listen der Kurpfalz und Bayern/Kurpfalzbayern/Königreich Bayern eingereiht.

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Von der Archivschutzkommission um den Beauftragten des Chefs der Heeresarchive in den Pariser Archiven verwendetes Vervielfältigungsgerät (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik).

Aktenabtransport aus polnischen Heereseinrichtungen in Warschau (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik).

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Repertorien (Nr. 1905–1916); Akten (Nr. 1917–1921). Die dazugehörigen Negative lagern gleichfalls im Kriegsarchiv. Gerade der Fertigung von Fotokopien kam vor Ort eine große Bedeutung zu. Nur so konnte die Masse an Unterlagen überhaupt einigermaßen bearbeitet werden. Allein in Pariser Archiven wurden mehr als 500.000 Aufnahmen gefertigt.74 Dass auch originales Schriftgut aus den Archiven vor Ort entfernt wurde, ist eindrücklich Fotos von Oberheeresarchivrat Otto von Waldenfels aus seiner Zeit als Beauftragter des Chefs der Heeresarchive in Warschau zu entnehmen. Sie zeigen die Beladung von Pferdefuhrwerken mit Akten aus polnischen Heereseinrichtungen.75 Die abtransportierten Archivalien wurden zum einen in die Aktensammelstelle nach Danzig-Oliva verbracht, um registriert und kopiert zu werden, zum anderen gelangten zahlreiche Unterlagen als Beutegut nach Deutschland.76 Dass Archivalien außer Landes gebracht wurden, zeigen u.a. auch Schriftstücke in Abt. IV Kriegsarchiv. So ist in einem Verzeichnis, in dem das am 27. Oktober 1943 in das Ausweichlager Sulzemoos transferierte Material der „Zeitgeschichtlichen Sammlung“ aufgelistet wurde, ein Bund „Russisches Material (ungeordnet) vom Beauftragten des Chefs der Heeresarchive in Danzig übersandt“77 erwähnt und in einer Liste, die am 22. Oktober 1943 aus Paris eingetroffenes Material aufführt, sind u.a. Unterlagen des Französischen Marineministeriums genannt.78 Wo sich das Schriftgut heute befindet, ob und falls ja, wann und wohin dieses nach dem Krieg abgegeben wurde, muss zum gegenwärtigen Zeitpunkt offen bleiben. Mit dem Näherrücken der Front zogen sich die Archivschutzgruppen zurück. Ihre Tätigkeit gilt es sicherlich differenziert zu sehen. Zweifelsohne spielte der Schutz der Archive in den besetzten Gebieten eine Rolle für ihr Tun, doch der Eigennutz, verbunden mit nicht immer rechtmäßigem Handeln darf keineswegs negiert werden. Stein (wie Anm. 61) S. XLVIII. Oberheeresarchivrat Herbert Knorr übermittelte den Kollegen im Kriegsarchiv, mit denen er in einem regen Briefwechsel stand, auch ein Foto eines von seiner Arbeitsgruppe in Frankreich verwendeten Kopiergerätes. Allein, dass hiervon eine Aufnahme getätigt wurde, zeigt, welche Bedeutung dieser Aufgabe zugesprochen wurde: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik. 75 BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik. 76 S. hierzu auch Piotr Bańkowski, Verluste der polnischen Archive und Handschriftenabteilungen der Bibliotheken im 2. Weltkrieg. In: Archivmitteilungen 10 (1960) S. 22–26, hier S. 22 f. 77 Danzig-Oliva diente auch als Sammellager für Archivalien aus russischen Militärarchiven und -registraturen. 78 BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 91. 74

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3 . K r i e g s e n d e u n d N e u b e g i n n – e i n k u r z e r Au s b l i ck Am 30. April 1945 zogen amerikanische Truppen in München ein. Die Kapitulation Deutschlands war nur mehr eine Frage der Zeit. Die Wehrmacht existierte de facto nicht mehr, infolgedessen das Heeresarchiv/ Kriegsarchiv (wieder einmal) herrenlos geworden war. Unter großem Engagement der Archivare, die sich als Wehrmachtsangehörige selbst in einer prekären Lage befanden, erfolgte die Weichenstellung für die Zukunft. 3.1 Örtlicher Neubeginn Von den drei Häusern des Archivs waren das ehemalige Kriegsministerium und das Gebäude des Armeemuseums zerstört bzw. schwer beschädigt. Leidlich funktionsfähig war lediglich das Haus an der Leonrodstraße, auf das sich entsprechend die Aktivitäten des Personals fortan konzentrierten. Am 18. Mai 1945 zog in das Verwaltungsgebäude ein amerikanischer Stab, die 482d AAA AW BN (SP) unter Colonel McArthur, ein, der ein knappes Jahr später von anderen Einheiten abgelöst wurde.79 Während der Beschlagnahme des Hauses, die bis 31. Mai 1946 dauerte, mussten die Archivare auf das Beständehaus ausweichen. Dieses war jedoch für einen Aufenthalt, insbesondere in den Wintermonaten, reichlich ungeeignet, zählten die Mitarbeiter, wie eine Aufstellung vom September 1945 zeigt, doch in den Aktensälen auf den insgesamt fünf Ebenen 1035 zerbrochene Fensterscheiben. In einem Schreiben an die Glaserinnung bittet folglich Frhr. von Waldenfels um die Zuweisung von 400 qm Glas und 10 Zentner Fensterkitt, um wenigstens einige Räume wieder notdürftig herrichten zu lassen und wetterfest zu machen.80 Neben der Beseitigung der zahlreichen weiteren baulichen Schäden kümmerten sich die Archivare vor allem um die Bestände. Hier galt es zunächst „Aktenschutt“, d.h. vernichtetes, zerstörtes Archivgut zu beseitigen. In den Akten finden sich wiederholt Empfangsbestätigungen von Papiergroßhandlungen, denen dieses Material als Altpapier gegen Bezahlung überlassen wurde.81 Dar­über hinaus darf davon ausgegangen werden, dass die noch in den anderen beiden Gebäuden des Kriegsarchivs verbliebenen, einigermaßen unversehrten Archivalien nach und nach in das Beständehaus an der Leonrodstraße überführt wurEbd. AA 93. Ebd. 81 Ebd. 79 80

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Ein amerikanischer Soldat in der Eingangstür des Kriegsarchivs. Die an der Hauswand angebrachten Pfeile weisen den Weg in den Luftschutzraum. Die Betonblenden, die heute noch als Gartenbegrenzung im Kriegsarchiv erhalten sind, dienten der Verdunkelung von Kellerfenstern sowie dem Schutz vor Bombensplittern (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivchronik, Ausschnitt).

den. Da von einer Nutzung der zwei anderen Häuser für das Kriegsarchiv in den Akten nicht mehr die Rede ist, kristallisierte sich das Gebäude in der Leonrodstraße wohl rasch als künftige (einzige) Adresse des Archivs (in welcher rechtlichen Stellung auch immer) heraus. 3.2 Rechtlicher Neubeginn Maximilian Leyh war es, der sich bereits am 1. Juni 1945 an den neu bestellten vorläufigen Ministerpräsidenten Bayerns, Fritz Schäffer, mit der Bitte um „Wiederübernahme des Kriegsarchivs durch den b[ayerischen] Staat“ und dessen Ressortierung zum Ministerium für Unterricht und

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Kultus wandte.82 Auf Wunsch des Ministeriums erstellte er wenige Wochen später einen Haushaltsplan für das Archiv.83 In seinem Begleitschreiben, in dem er sich im Briefkopf gewissermaßen Fakten schaffend bereits als „Direktor des Bayerischen Kriegsarchivs“ bezeichnet, gab er einen kurzen Abriss der Geschichte der Einrichtung und ersuchte, bei der Militärregierung die Zuweisung der Militärarrestanstalt in der Leonrodstraße als Ersatz für die zwei zerstörten Archivgebäude (Armeemuseum am Hofgarten, Kriegsministerium) zu erwirken.84 Die Militärregierung, speziell das Office of Military Government for Bavaria, Monuments, Fine Arts and Archives Department, später umbenannt in Monuments, Fine Arts and Archives Section, die letztlich entscheidende Stelle, verfügte schließlich Anfang 1946 in einem Schreiben an das Kultusministerium, dass „1. The Munich Army Archives (Heeresarchiv München), an instrument of the Former German Wehrmacht, are herby dissolved. 2. The Collection of the dissolved Munich Army Archives are placed in the custody and care of the Bavarian Hauptstaatsarchiv pending decision as to further disposition.“85 War mit dieser Entscheidung die Zuordnung zum Bayerischen Hauptstaatsarchiv lediglich angedeutet worden, so darf mit der endgültigen Übernahme des Archivpersonals in den Haushalt des bayerischen Staates zum 1. August 1947 die Eingliederung des ehemaligen Heeresarchivs in die bayerische Zivilstaatsverwaltung als abgeschlossen gelten. Ab November desselben Jahres trug das ehemalige Kriegsarchiv offiziell die Bezeichnung „Bayerisches Hauptstaatsarchiv Abteilung Leonrodstraße“,86 wodurch die Zugehörigkeit zur staatlichen bayerischen Archivverwaltung erkennbar zum Ausdruck kam.

82 Ebd. AA. 94. S. zum Folgenden auch Achim Fuchs, Das Heeresarchiv München am Ende des Zweiten Weltkriegs. In: Hermann Rumschöttel – Erich Stahleder (Hrsg.), Bewahren und Umgestalten. Aus der Arbeit der Staatlichen Archive Bayerns. Festschrift Walter Jaroschka zum 60. Geburtstag (Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern, Sonderheft 9), München 1992, S. 62–73. 83 Einnahmen von 300 Mark durch Schreib-, Benützer- und Stempelgebühren standen Ausgaben in Höhe von 172.432 Mark gegenüber. Den umfangreichsten Posten bildeten darunter die Personalausgaben mit 142.432 Mark. Für den Rücktransport der ausgelagerten Archivalien wurden immerhin 20.000 Mark veranschlagt: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 94. 84 Ebd. 85 BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 161. 86 Seit 1. Januar 1960 trägt es seine heutige Bezeichnung „Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. IV Kriegsarchiv“.

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3.3 Rückholung der ausgelagerten Akten und Feststellung der Verluste Hand in Hand mit der Klärung der künftigen rechtlichen und räumlichen Situation des Kriegsarchivs bestand Handlungsbedarf hinsichtlich der Rückführung der ausgelagerten Archivalien des ehemaligen Heeresarchivs. Damit verbunden war – soweit möglich – zugleich eine Bestandsaufnahme der erlittenen Verluste. Um einen Überblick über die Anzahl der Bergungsorte und den Umfang sowie den Zustand der dort jeweils verwahrten Unterlagen zu gewinnen, wurde im Frühjahr 1946 für jede Örtlichkeit ein von der Monuments, Fine Arts and Archives Section vorgegebener Fragebogen mit 15 Berichtspunkten bearbeitet.87 Bereits Ende 1945 war in Oberammergau ein Archives Collecting Point errichtet worden, in den die Akten aus den Bergungsorten in Garmisch und Eurasburg verbracht worden waren. Sie gelangten in der Folgezeit von dort nach München, in den Führerbau in der Arcisstraße, ehe sie endgültig in das Gebäude in der Leonrodstraße überstellt wurden.88 Die Archivalien aus den restlichen Auslagerungsorten gelangten nach und nach direkt in das Kriegsarchiv. Eine abschließende Zusammenstellung der Archivalienverluste im Kriegsarchiv während des Zweiten Weltkriegs ist nicht vorhanden. Insbesondere bei den Truppenakten des Ersten Weltkriegs, bei den Unterlagen der technischen Institute, Bauämter und Bezirkskommandos sind jedoch schmerzliche Lücken zu konstatieren. Doch nicht nur bei den Angriffen auf München wurden Bestände vernichtet, auch in den Bergungslagern sind Verluste zu beklagen: zwar nicht durch unmittelbare Kriegsschäden, wohl aber durch Plünderungen und Vandalismus nach dem Krieg. So ließen etwa die Amerikaner sämtliche Akten in den Lagern Hofhegnenberg und Seeleiten ohne Zielangabe abtransportieren, darunter Unterlagen der 87 BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, AA 174 enthält Entwürfe des Kriegsarchivs. Abgefragt wurden im Einzelnen: Adresse des Bergungsortes; Zustand des Gebäudes; Aufsichtsperson (Name und Adresse); dient der Ort nur zur Aufbewahrung oder auch als Archiv; verwahrtes Archivmaterial (Kisten, Bände, lfm); Sicherheit des Ortes vor Diebstahl; Bewertung der Unterbringungsbedingungen (ausgezeichnet – genügend – ungenügend); Art der Aufbewahrung (in Büchergestellen, lose gestapelt, in Kisten); Zustand der Archive (z.B. zerstört, zerstreut, unbeschädigt); ist Material gestohlen, geplündert oder abhanden gekommen; vorhandene Register, Inventare; Grundlage des Berichts (persönliche Besichtigung etc.); Name des Berichtenden; Datum des Berichts oder der Besichtigung; Vorschläge für künftige Behandlung des Materials am Bergungsort). Insgesamt liegen 17 ausgefüllte Fragebögen vor. 88 Ebd. AA 162.

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Fragebogen über Bergungsorte bayerischer Archive (Seite 1) (aus: BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Archivakten 174).

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kurpfälzischen Armee aus dem 17. Jh., und im Hof der Ludwigskaserne in Dillingen verbrannten ehemalige polnische und russische Zwangsarbeiter eingelagerte Akten, um sich am Feuer aufzuwärmen.89 Ebenfalls einen Kriegsverlust, wenn auch unter anderen Vorzeichen, stellen die Akten der bayerischen Luftstreitkräfte dar. Sie hatten 1939 auf Befehl des Chefs der Heeresarchive an das „Luftarchiv“ des Reichsluftfahrtministeriums abgegeben werden müssen, um dort von der 6. (kriegswissenschaftlichen) Abteilung des Generalstabs der Luftwaffe ausgewertet zu werden. 1943 wurden die Bestände des Luftwaffenarchivs nach Karlsbad (Karlovy Vary, Tschechien) evakuiert, wo sie bei Kriegende größtenteils verbrannten. Ein Teil ging in Saaz (Žatec, Tschechien) vor der geplanten Verlagerung in die Alpen in Flammen auf, der noch verbliebene Rest wurde in Vorderriß von der US-Armee beschlagnahmt. Lediglich einzelne Teile der Überlieferung gelangten in der Nachkriegszeit über das Bundesarchiv wieder nach München zurück. Ein besonders herber Verlust erfolgte im Bereich der Stammrollen und Ranglisten. Diese Unterlagen waren 1919 dem neu gegründeten Zentralnachweiseamt (Nachweis von Kriegsgräbern und Menschenverlusten) zur Erleichterung seiner Arbeit überlassen worden. Während des Krieges war das Amt mit Sitz im Zeughaus in der Lothstraße nach Memmingen ausgewichen, wo – so zeigten Kontrollen nach der Rückkehr der Unterlagen 1949 ins Kriegsarchiv – umfängliche eigenmächtige Makulierungen vorgenommen worden waren. Sämtliche Stammrollen und Ranglisten, Verlustlisten, Neuigkeitsrapporte und Strafbücher für die Zeit von 1872 bis 1914 sind verloren. Übrig geblieben sind lediglich die Kriegsstammrollen und -ranglisten von 1914 bis 1918.90 4 . Fa z i t Nach diesem kurzen historischen Abriss bleibt die Frage, was am Ende des Krieges schwerer wiegt: die Zerstörungen und Verluste, die in den Jahren der NS-Herrschaft auch für das Heeresarchiv zu konstatieren sind, oder doch eher die Tatsache, wie viel an Archivgut durch umsichtiges Agieren der Verantwortlichen, durch Auslagerungen umfangreicher Bestände gleichwohl für die Zukunft gerettet werden konnte.

89 90

BayHStA, GDion Archive 1273. Fuchs (wie Anm. 82) S. 70f; BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, HS 2772; ebd. AA 74.

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Trotz umfangreicher Auslagerungen musste das Kriegsarchiv schmerzliche Archivalienverluste hinnehmen. Betroffen waren v.a. jene Bestände, die in München verblieben waren, da man ihnen eher geringere Bedeutung beimaß. Darüber hinaus zogen Plünderungen nach Kriegsende gravierende Lücken bei einzelnen Beständen nach sich. Auf der anderen Seite konnten eben durch die zahlreichen, gerade noch rechtzeitig in die Wege geleiteten Archivalienauslagerungen wertvolle Unterlagen gerettet werden. Und doch muss man sich gerade in diesem Zusammenhang fragen, warum mit den Auslagerungen erst relativ spät begonnen worden war und warum nicht noch mehr Archivgut, v.a. nachdem die ersten Bombardierungen auf München niedergegangen waren, in die Evakuierungen miteinbezogen wurden. Als Glück darf sicherlich gewertet werden, dass die amerikanische Besatzung keine Archivalien als Kriegsbeute in die USA verlagerte, sondern vielmehr offen war für den Wunsch der Heeresarchivare, sich der zivilen bayerischen Archivverwaltung anzuschließen. Und diese trug auch dem spezifischen Selbstverständnis und eigenen Entwicklungsgang des Kriegs­ archivs, die sich nicht zuletzt während der NS-Zeit als Teil der Reichsmilitärverwaltung gebildet hatten, Rechnung, indem es das Archiv als eigene Abteilung dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv eingliederte. Dass das Kriegsarchiv, das trotz all der Irrungen und Wirrungen während des Zweiten Weltkriegs über eine der umfangreichsten und v.a. geschlossensten Überlieferungen an militärhistorischen Unterlagen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und für die frühen Nachkriegsjahre verfügt, aufgrund seiner Genese wie seiner Bestände gleichwohl immer ein „Archiv sui generis“ bleiben wird, drückt sich nicht zuletzt in seiner Bezeichnung aus: Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. IV Kriegsarchiv.91

91

Fuchs (wie Anm. 82) S. 73.

Das Hauptarchiv der NSDAP in München1 Von Walter Naasner D i e E r r i ch t u n g u n d Ko n s o l i d i e r u n g d e s H a u p t a r ch iv s d e r N S DA P Bereits im Juli 1931 war in der Reichsleitung der NSDAP erwogen worden, die „bisherige Handhabung des Archivwesens bei der Reichsleitung“ neu zu regeln, da zu dieser Zeit „verschiedene Abteilungen eigene Archive“ unterhielten und dadurch vermeidbare Kosten und Mehrarbeiten entstanden.2 Bis 1933 scheinen diese Überlegungen jedoch zu keinem greifbaren Ergebnis geführt zu haben. Erst am 15.  Januar 1934 wurde auf Veranlassung des Reichsschulungsleiters der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront (DAF), Otto Gohdes, ein zentrales Parteiarchiv der NSDAP als Dienststelle des Reichsschulungsamts errichtet. Kurz darauf richtete Gohdes an „alle, die dabei waren“, den Aufruf, dem „Geschichtlichen Archiv“ des Reichsschulungsamts ihre Materialen zur Geschichte der „Kampfzeit bis Ende 1932“ zur Verfügung zu stellen.3 Für den Aufbau und die Leitung „eines großen politischen Zentralarchivs innerhalb der N.S.D.A.P.“ wurde ein „geeigneter Parteigenosse gesucht“, der „auf archivarischem und politischem Gebiet vorgebildet sein, Fachkenntnisse und Erfahrungen aus ähnlicher Tätigkeit mitbringen, möglichst in der Presse gearbeitet haben und dabei besonders die Parteipresse einigermaßen kennen“ sollte.4 Übertragen wurde diese Aufgabe Dieser Beitrag beruht auf der Einleitung des im Oktober 2003 von meinem Kollegen im Bundesarchiv (BArch) Volker Lange (†) vorgelegten Archivfindbuchs zum BundesarchivBestand NS 26 Hauptarchiv der NSDAP. 2 Einladung des Reichsgeschäftsführers in der Reichsleitung der NSDAP, 10.7.1931, zu einer „Reichsleitungssitzung“ am 13.7.1931. BArch, NS 22/826. 3 Undatierter Aufruf und undatierte Anordnungen Otto Gohdes‘ (geb. 17.12.1896, gest. 5.3.1945). In: „Der Deutsche“, 30.1.1934 („Die Geschichte der Partei – die Geschichte des neuen Deutschlands“). BArch, NS 26/1923 a. – Franz Josef Gangelmayer, Das Parteiarchivwesen der NSDAP. Rekonstruktionsversuch des Gauarchivs der NSDAP-Wien (Dissertation, E-Theses: https://othes.univie.ac.at/12247; aufgerufen Oktober 2016), Wien 2010, S. 57. Näheres zur Archiverrichtungsanordnung nicht ermittelt. 4 Stabsleiter des Stellvertreters des Führers, Martin Bormann, an die Gauleiter, 19.2.1934. BArch, NS 6/216, fol. 20. 1

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schließlich einem Mitarbeiter des Reichsschulungsamts, dem Geowissenschaftler und Publizisten Dr. Erich Uetrecht.5 Die Bezeichnung des neuen Archivs schwankte zunächst. Es firmierte u. a. als „Reichsschulungsamt, Geschichtliches Archiv“6, als „Zentral-Archiv der N.S.D.A.P.“7, als „Partei Archiv der N.S.D.A.P. und D.A.F.“8 und in bemerkenswerter Überschneidung mit dem staatlichen Archivwesen sogar als „Reichsarchiv der NSDAP“9. Seit Juni 1935 setzte sich schließlich die Bezeichnung „Hauptarchiv der NSDAP“ durch.10 Seine Leitung verblieb bis zum 15. März 1942 bei Uetrecht und wurde seitdem bis zum Kriegsende vom vormaligen Leiter des Instituts für deutsche Studentengeschichte in Würzburg, Prof.  Dr.  Arnold Brügmann, wahrgenommen. Als Geschäftsführer fungierte Felix Richter.11 Das Archiv wurde zunächst in einem inzwischen von der Deutschen Arbeitsfront übernommenen Haus des bereits 1933 von den Nationalsozialisten zerschlagenen Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) am Märkischen Ufer 34 in Berlin-Mitte (Berlin SW. 19) untergebracht.12 Schon im September 1934 wurde es jedoch nach München verlegt. Nach einer übergangsweisen Unterbringung im Gebäude der ehemaligen Apostolischen Nuntiatur in München13 bezog das Archiv am  Dr. Erich Uetrecht, geb. 24.4.1879 in Minden/Westfalen, gest. 9.10.1960 in Seefeld, Landkreis Starnberg. BArch, VBS 1/1180019335, BArch, R 9361 V/11522 und BArch, NS 1/3414. – Carl-Eric Linsler, Uetrecht, Erich. In: Wolfgang Benz (Hrsg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Bd. 8 Nachträge und Register, Berlin 2015, S. 139–141. 6 Undatierter Aufruf und undatierte Anordnungen des Reichsschulungsleiters der NSDAP und der DAF Gohdes (wie Anm. 3). 7 Reichsleitung der NSDAP an Oberste Leitung der Politischen Organisation, 5.9.1934. BArch, NS 22/826. 8 Ausarbeitung „Parteiarchiv und Bücherei der NSDAP + DAF“ (ohne Verfasserangaben) („März 1935“). BArch, NS 22/826. 9 Ausarbeitung „Trennung des Parteiarchivs in Archiv der NSDAP und Archiv der DAF“ (ohne Verfasserangaben) („1935“). BArch, NS 22/826. 10 Bormann an Reichsorganisationsleiter der NSDAP (ROL), Robert Ley, 11.7.1935, Bormann an Uetrecht, 27.6.1935, und Uetrecht an Stabsleiter des ROL Ley, Heinrich Simon, 19.6.1935. BArch, NS 22/826. Überliefert sind zwei verschiedene Schreiben Uetrechts an Simon, jeweils 19.6.1935. BArch, NS 22/826. 11 Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 70 und 78 f. – Prof. Dr. Arnold Brügmann, geb. 14.3.1912 in Lüchow, gest. 24.6.1995 in Hamburg. Ebd. 12  Undatierter Aufruf und undatierte Anordnungen des Reichsschulungsleiters der NSDAP und der DAF Gohdes (wie Anm. 3). – Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 57. 13 Reichsleitung der NSDAP an Oberste Leitung der Politischen Organisation, 5.9.1934. BArch, NS 22/826. 5

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3.  Juni 1935 Räume im 4.  Stockwerk eines Gebäudes der Reichsleitung der Politischen Organisation (PO) der NSDAP in der Barer Straße 15 in München 33.14 Dieses vormalige Haus einer Versicherungsgesellschaft war zu dieser Zeit in das Eigentum der NSDAP übergegangen.15 Nach der Übernahme der Leitung des Hauptarchivs der NSDAP durch Brügmann am 16. März 1942 wurde der Hauptsitz des Archivs in ein Parteigebäude in der Gabelsbergerstraße 41, Ecke Arcisstraße in München verlegt.16 Bereits anlässlich eines ersten Besuchs des Archivs regte der Reichsschatzmeister der NSDAP, Franz Xaver Schwarz, an, „dass eine Angliederung des bisherigen Zentralarchivs der Reichspressestelle erfolgen solle, um Doppelarbeit zu vermeiden und ein einheitliches System in die karteiliche Erfassung zu bringen.“17 Dieses Zentralarchiv der Reichspressestelle geht vermutlich auf eine Sammlung zurück, die Adolf Hitler selbst schon im August 1926 angeregt hatte. Hitler hatte die Witwe des beim gescheiterten Putsch am 9. November 1923 in München getöteten „alten Kämpfers“ Max von Scheub­ ner-Richter18, Mathilde von Scheubner-Richter, gebeten, in Zusammenarbeit mit dem seinerzeit noch nicht mit der Führung der SS, sondern mit Parteiämtern auf der Gauebene betrauten Heinrich Himmler eine Sammlung anzulegen. Darin sollten die nationalsozialistische Presse ebenso dokumentiert sein wie die der Gegner des Nationalsozialismus und darüber hinaus Materialien über Personen enthalten sein, die der NS-Bewegung feindlich gesinnt waren. Um 1928 wurde die Sammlung Mathilde von Scheubner-Richters durch die Reichspropagandaleitung der NSDAP übernommen und weitergeführt.19 Nach der Ernennung Otto Dietrichs zum Reichspressechef der NSDAP durch Hitler am 1. August 1931 dürfte 14 Uetrecht an Stabsleiter des ROL Ley, Simon, 19.6.1935. BArch, NS 22/826. Ferner Hauptstabsamt des ROL an Hausinspektion der Reichsleitung, 25.7.1935, und an Stabsleiter des ROL, 10.3.1936. BArch, NS 22/826. – Gebäudeplan des Hauptarchivs der NSDAP in der Barer Straße. BArch, NS 26/1923 a. 15 Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 58. 16 Ein Schreiben des Hauptarchivs der NSDAP an die ROL vom 1.10.1942 trug bereits die Absenderanschrift Gabelsbergerstr. 41. BArch, NS 22/826. Gebäudepläne des Hauptarchivs der NSDAP in der Gabelsbergerstraße. BArch NS 26/1923 a. – S. a. Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 79. 17 Uetrecht an Stabsleiter des ROL Ley, Simon, 19.6.1935. BArch NS 22/826. 18 Ludwig Maximilian Erwin von Scheubner-Richter, geb. 21.1.1884, gest. 9.11.1923. 19 NSDAP Hauptarchiv. Guide to the Hoover Institution Microfilm Collection, bearb. von Grete Heinz und Agnes F. Petersen, Stanford 1964, S. VII. – Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 58 f. – Zur Reichspropagandaleitung der NSDAP: Organisationsbuch der NSDAP, hrsg.

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diese Sammlung an die Reichspressestelle der NSDAP, der Dienststelle des Reichspressechefs, übergegangen sein.20 Der Reichsschatzmeister der NSDAP, Schwarz, hatte in einer Besprechung mit dem Stabsleiter des Stellvertreters des Führers, Martin Bormann, und mit Uetrecht am 5. Mai 1935 kurzerhand und ohne vorherige Konsultation des Reichsschulungsleiters bestimmt, dass Uetrecht „ab heute dem Stabe des Stellvertreters des Führers unterstellt sei und dass das Parteiarchiv aus dem Schulungsamt und der P. O. ausscheidet.“21 In Übereinstimmung damit ordnete Rudolf Heß am 14. Juni 1935 an: „Die Parteiarchive bei der Reichspressestelle und beim Reichsschulungsamt werden vereinigt. Die Leitung des neuen Parteiarchivs, das ich mir direkt unterstelle, übernimmt der zu meinem Stabe tretende Pg. Dr. Uetrecht.“22 Die Zusammenlegung beider Archive zum „neuen Parteiarchiv“, dem darüber hinaus das „Archiv der Auslandspresse“ angegliedert wurde,23 kritisierte die Reichsorganisationsleitung der NSDAP als Beschneidung ihrer Zuständigkeit24 und sie führte zu Spannungen zwischen Uetrecht und den ihm bis dahin vorgesetzten Vertretern der ROL und des Reichsschulungsamts.25 Schließlich wurde dem Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Dr. Robert Ley, von der Dienststelle des Stellvertreters des Führers auch formell mitgeteilt, dass die Anordnung Heß‘ vom 14. Juni 1935 unverändert gültig bleibe.26

von Robert Ley, München 1936, S. 295–302. – Unterlagen zur Unterabteilung Archiv und Auskunft der Reichspropagandaleitung in BArch, NS 26/1923 a. 20 Organisationsbuch der NSDAP 1936 (wie Anm. 19), S. 303–306. 21 Uetrecht an Stabsleiter des ROL Ley, Simon, 19.6.1935. BArch, NS 22/826. 22 Anordnung 116/35. Verordnungsblatt der Reichsleitung der NSDAP, Folge 99 („Ende Juni 1935“). BArch, NS 22/826. 23 Uetrecht an Stabsleiter des ROL Ley, Simon, 19.6.1935. BArch, NS 22/826. Der Auslandspressechef der NSDAP fungierte als „oberste Dienststelle der Partei für alle die ausländische Presse berührenden Angelegenheiten.“ Ihm unterstanden sämtliche Auslandspressestellen der NSDAP. – Organisationsbuch der NSDAP 1936 (wie Anm. 19), S.  309. – Zu weiteren frühen Beständen des Hauptarchivs der NSDAP: Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 58. 24 Bormann an Ley, 27.6.1935. BArch, NS 22/826. 25 Uetrecht an Stabsleiter des ROL Ley, Simon, 19.6.1935. BArch, NS 22/826. Uetrecht ließ sich sogar von Martin Bormann schriftlich bestätigen, „dass Sie auf die Entscheidung, bezw. auf den Vorschlag des Herrn Reichsschatzmeisters keinen Einfluss nahmen.“ Bormann an Uetrecht, 27.6.1935. BArch, NS 22/826. 26 Stellvertreter des Führers an Ley, 16.7.1935. BArch NS, 22/826.

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Die Herauslösung des neuen Parteiarchivs aus der Politischen Organisation der NSDAP traf auch bei der in Personalunion von Ley geleiteten Deutschen Arbeitsfront auf Widerstand. Während das bisherige Parteiarchiv beim Reichsschulungsamt als Dienststelle sowohl der NSDAP als auch der DAF angesehen wurde, bedeutete die direkte Unterstellung des Hauptarchivs unter den Stellvertreter des Führers aus Sicht der DAF eine Übertragung von Teilen ihres Vermögens an die NSDAP. Die DAF verlangte daher die Herauslösung ihrer Vermögenswerte und ihrer Archivanteile aus dem Hauptarchiv und strebte deren Zusammenführung in einem eigenständigen Archiv der DAF an. Dementsprechend erklärte Ley gegenüber Bormann, dass er Uetrecht „seines Amtes, soweit es die Verwaltung des Archives der DAF betrifft, enthoben“ habe, „sodass Pg. Dr. Uetrecht nur das Archiv der Partei verwaltet.“27 Bormann beteuerte gegenüber Ley bereits im Juni 1935, „dass dem Stellvertreter des Führers oder mir nichts ferner gelegen hat, als Ihnen bezw. Ihrer Dienststelle ein Stück wegzunehmen.“28 Im Juli 1935 legte Bormann alsdann Ley dar, warum sich dessen „Vorschlag, aus dem neu gebildeten Hauptarchiv der NSDAP das ‚Archiv der DAF‘ herauszunehmen, mit dem besten Willen praktisch nicht durchführen lässt“: „Eine Trennung des Materials nach Partei und DAF ist deshalb sachlich unmöglich, sie würde das ganze, nach weiteren Gesichtspunkten im Hinblick auf die Geschichte und die Entwicklung der gesamten nationalsozialistischen Bewegung aufgebaute Gefüge des Hauptarchivs der NSDAP zerstören.“29 Immerhin war Bormann bereit, der DAF eine Erstattung ihrer bisherigen wirtschaftlichen Aufwendungen für das vormalige Parteiarchiv beim Reichsschulungsamt zuzugestehen, soweit eine solche Vergütung nicht bereits durch den Reichsschatzmeister der NSDAP erfolgt sei.30 Daraufhin verfolgte Ley seine Ausgliederungspläne offensichtlich zwar nicht weiter, von 1937 an betrieb er jedoch den Neuaufbau eines DAF-Archivwesens.31 Zu keinem Zeitpunkt in das Hauptarchiv der NSDAP integriert war demgegenüber die sogenannte Sammlung Rehse. 1914 hatte der Fotograf Friedrich Joseph Maria Rehse begonnen, Zeitungsausschnitte, Plakate, Flugblätter, Bilder, Zeitschriften und Bücher zu sammeln, um nach Ley an Bormann, 5.7.1935. BArch, NS 22/826. Bormann an Ley, 27.6.1935. BArch, NS 22/826. 29 Bormann an Ley, 11.7.1935. BArch, NS 22/826 30 Ebd. 31 Matthias Herrmann, Das Reichsarchiv (1919–1945). Eine archivische Institution im Spannungsfeld der deutschen Politik (Diss.), 2. Ausgabe, Berlin 1993, Bd. II, S. 374. 27 28

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dem Ende des Ersten Weltkriegs ein Weltkriegsmuseum zu begründen. Nach 1918 erweiterte Rehse seine zunehmend undifferenzierte und konzeptionslose Sammlungstätigkeit um alle erreichbaren Materialien zum Zeitgeschehen. Am 16. April 1929 erwarb die NSDAP zum Preis von 80.000 RM das schon seit 1925 von ihr finanziell unterstützte, von Rehse nun so bezeichnete „Archiv für Zeitgeschichte und Publizistik“. Organisatorisch gehörte die Sammlung Rehse fortan zum Geschäftsbereich des Reichsschatzmeisters der NSDAP. Seit 1935 befand sich die Sammlung als „F. J. M. Rehse Archiv und Museum für Zeitgeschichte und Publizistik“ in der Münchener Residenz.32 In der Besprechung Schwarz‘ mit Bormann, Uetrecht und Rehse am 5.  Mai 1935 wurden die Arbeitsbereiche des Hauptarchivs der NSDAP und der Sammlung Rehse derart gegeneinander abgegrenzt, dass in der Sammlung alle musealen, für Ausstellungszwecke geeigneten Stücke, im Hauptarchiv der NSDAP hingegen das parteigeschichtliche Schrift- und Druckgut aufbewahrt werden sollten. Die Bestände beider Einrichtungen waren in diesem Sinne zu bereinigen.33 Durch die Anordnung des Stellvertreters des Führers vom 14.  Juni 1935 wurde diese Aufgabenteilung bestätigt.34 D e r Au s b a u d e s H a u p t a r ch iv s d e r N S DA P u n d d i e s t a a t l i ch e n A r ch ive Das „Organisationsbuch der NSDAP“ enthält folgende Aufgabenbeschreibung des Hauptarchivs der NSDAP: „Im Hauptarchiv werden alle die späteren Geschichtsschreiber interessierenden Dokumente, Druckschriften, Berichte usw. gesammelt, gesichtet und wissenschaftlich bearbeitet.“35 Im Kern ging es demnach um das Sammeln von Unterlagen zur Geschichte der „nationalsozialistischen Bewegung“ im weitesten, um nicht Hans Booms, Die „Sammlung Rehse“. In: Der Archivar 22 (1969) Sp. 57 f. – Uetrecht an Stabsleiter des ROL Ley, Simon, 19.6.1935. BArch, NS 22/826. – Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 59 f. – Friedrich Joseph Maria Rehse (1870–1952). 33 Uetrecht an Stabsleiter des ROL Ley, Simon, 19.6.1935. BArch, NS 22/826. 34 Anordnung 116/35. Verordnungsblatt der Reichsleitung der NSDAP, Folge 99 („Ende Juni 1935“). BArch, NS 22/826. 35 Organisationsbuch der NSDAP 1936 (wie Anm. 19), S. 339. Diese Aufgabenbeschreibung blieb in den späteren Auflagen des Organisationsbuchs der NSDAP weitgehend unverändert. 32

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zu sagen: im grenzenlosen Sinn. Das Hauptarchiv der NSDAP entfaltete ein rastloses Engagement und forderte wiederholt die NSDAP-Mitglieder auf, ihm Materialien insbesondere zur sogenannten Kampfzeit der Jahre bis 1933 einzusenden.36 Organisatorisch gliederte sich das „Partei Archiv der N.S.D.A.P. und D.A.F.“ im März 1935 folgendermaßen:37 Geschichtliches Archiv Zeitungs- und Zeitschriften-Archiv Zentral-Bücherei I und II38 Sammlungen Photo-Laboratorium, Bildstelle Auslandsdeutschtum Buchbinderei Geschichte der Arbeit. Bis 1943 hatte sich die folgende Organisationsform des Hauptarchivs der NSDAP herausgebildet:39 Geschichtliches Archiv Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv Bücherei Auslandsdeutschtum Abteilung für Kulturgeschichte und Kulturpolitik Sammlungen Photolaboratorium und Bildstelle Sonstige Archive und Unterlagen. Besondere Bedeutung erlangten die drei Organisationseinheiten Zeitungsund Zeitschriftenarchiv, Bücherei und Geschichtliches Archiv; in ihm wurde die Parteigeschichtsschreibung vorbereitet. Verzahnt waren diese  S. u.a. den undatierten gedruckten Aufruf des Hauptarchivs der NSDAP „Männer schreiben Geschichte!“ BArch, NS 26/1923 a, und Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 61 f. 37 Ausarbeitung „Parteiarchiv und Bücherei der NSDAP + DAF“ (ohne Verfasserangaben) („März 1935“). BArch NS 22/826. – Vgl. den Geschäftsverteilungsplan „Reichsschulungsamt Partei-Archiv“ („Ende August 1934“). BArch, NS 26/1923 a. 38 Die Zentral-Bücherei II hatte ihren Sitz in Berlin. 39 Organisationsbuch der NSDAP, hrsg. von Robert Ley, 7.  Auflage, München 1943, S. 339 f. Vgl. den Geschäftsverteilungsplan des Hauptarchivs der NSDAP in: Organisationsbuch der NSDAP 1936 (wie Anm. 19), S.  339  f., das Organigramm „Der Aufbau des Hauptarchivs der NSDAP.“, Stand: 1.12.1939, BArch, NS 26/1923 a, das undatierte Organigramm des Hauptarchivs der NSDAP, BArch, NS 26/1923 a, und den Geschäftsverteilungsplan des Hauptarchivs der NSDAP, 7.1.1942, BArch, NS 26/1923 a. 36

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Arbeitsbereiche durch eine systematische Zentralkartei, des unverzichtbaren Nachweis-, Ordnungs- und Auskunftsinstruments des Hauptarchivs der NSDAP.40 Die Personalausstattung und die Bestände des Hauptarchivs der NSDAP wuchsen kontinuierlich. Fünf Jahre nach seiner Errichtung waren neben dem am 30. Januar 1938 zum Reichsamtsleiter der NSDAP beförderten Erich Uetrecht bereits mehr als 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, nahezu ausnahmslos ohne archivarische und ohne bibliothekarische Fachausbildung.41 Einem Artikel im „Völkischen Beobachter“ vom 15. Januar 1939 anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Archivs folgend verfügte das Hauptarchiv der NSDAP seinerzeit über etwa 30.000 Bilder, 9000 Negative und Fotokopien, 150 parteigeschichtliche Filme, 3600 Plakate sowie rund 100.000 Bücher, Zeitschriften und Zeitungsbände. Angaben zum Umfang des schriftlichen Archivguts wurden hier jedoch versäumt.42 Das gesamte Archivwesen der NSDAP, ihrer Gliederungen und angeschlossenen Verbände wurde durch die Anordnung Heß‘ vom 21.  Juli 1939 einheitlich geregelt. Definiert wurden als Archive der Partei neben dem Hauptarchiv der NSDAP die Archive der Dienststellen der Reichsleitung, die Gauarchive, die Archive der Gliederungen (SA, SS, Nationalsozialistisches Kraftfahr-Korps, Hitler-Jugend, Nationalsozialistischer Deutscher Dozentenbund, Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund, Nationalsozialistische Frauenschaft) und die Archive der angeschlossenen Verbände (u. a. DAF und Nationalsozialistische Volkswohlfahrt e. V.). Das dem Stellvertreter des Führers, Heß, unmittelbar unterstellte Hauptarchiv der NSDAP war das Archiv für den Stab des Stellvertreters des Führers, für die Kanzlei des Führers der NSDAP und für die Reichsleitung der NSDAP. Der Leiter des Hauptarchivs der NSDAP vertrat die Parteiarchive in allen Archivangelegenheiten und führte die Verhandlungen zwischen

Ausarbeitung des Mitarbeiters der Abteilung Geschichtliches Archiv des Hauptarchivs der NSDAP, Wilhelm Dammann: „Sinn und Arbeit des Hauptarchivs der NSDAP“ („März 1941“). BArch, NS 26/1923 a. – Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 67–70. 41 Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 63 und 66. – Carl-Eric Linsler, Hauptarchiv der NSDAP. In: Benz (wie Anm. 5) S. 219–221. – Zu Uetrecht BArch, VBS 1/1180019335 und BArch R 9361 V/11522. 42 „Völkischer Beobachter“, 15.1.1939 („Fünf Jahre Hauptarchiv der NSDAP.“). BArch, R 1506/7, fol. 506. 40

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den Archiven der Partei und des Staates. Sämtliche Archive der Partei unterstanden fachlich und sachlich dem Hauptarchiv der NSDAP.43 Mit seinem tendenziellen Anspruch auf sämtliche NS-parteigeschichtlich bedeutungsvollen Unterlagen konterkarierte das Hauptarchiv der NSDAP nicht allein die Zuständigkeiten der angeführten anderen Parteiarchive; es befand sich damit auch in einem grundsätzlichen Kompetenzkonflikt mit den staatlichen Archiven. Insbesondere für die Zeit vor 1933 waren die Unterlagen staatlicher, auch gerichtlicher Stellen von größtem Wert für die Geschichte der NSDAP. Auf Veranlassung des Hauptarchivs der NSDAP untersagte daher der Reichsminister der Justiz mit einer Verfügung vom 17. September 193544 die Vernichtung von für die Geschichte der „Kampfzeit der Bewegung“ relevanten Materialien, die sich zu einem großen Teil in gerichtlichen Prozessakten befanden. Insbesondere galt das für die „Akten über Verfahren, in denen führende Persönlichkeiten der Bewegung beteiligt waren, sowie für Akten über sonstige bemerkenswerte politische Verfahren bürgerlichrechtlicher oder strafrechtlicher Art“.45 Seit dem 2. Dezember 1936 waren alle Polizeidienststellen angewiesen, geschichtlich relevante Unterlagen zur NS-Bewegung dem Hauptarchiv der NSDAP anzuzeigen. Erst auf Protest der zentralen staatlichen Archive hin wurde diese Regelung am 17. Februar 1937 in der Weise ergänzt, dass die entsprechenden Listen gleichzeitig auch den Staatsarchiven zuzuleiten waren.46 Das Reichsarchiv trat den Ansprüchen des Hauptarchivs der NSDAP auf staatliches Schriftgut entgegen, zumal der Direktor des Reichsarchivs, Dr. Ernst Zipfel47, während eines Besuchs des Hauptarchivs der NSDAP  Anordnung Nr. 147/39 des Stellvertreters des Führers vom 21.7.1939. BArch, NS 26/1923 a. 44 Deutsche Justiz 1935, S. 1374 (zit. n. Harald Jaeger, Problematik und Aussagewert der überlieferungsgestörten Schriftgutbestände der NS-Zeit. In: Der Archivar 28 (1975) Sp. 284). 45 Rundschreiben Nr. 90/36 des Stellvertreters des Führers, 18.7.1936, in dem alle Parteidienststellen aufgefordert wurden, sämtliche in Betracht kommenden wichtigen Prozesse und Ereignisse dem Hauptarchiv der NSDAP zu benennen, damit dieses die zuständigen Behörden um „Erhaltung und Herausgabe dieser Akten ersuchen“ könne. BArch, NS 6/223, fol. 53. 46 Jaeger (wie Anm. 44) Sp. 284 f. 47 Ernst Zipfel, geb. 23.3.1891, gest. 17.4.1966, Generaldirektor der Staatsarchive und Direktor des Reichsarchivs. – Wolfgang A. Mommsen, Verzeichnis der schriftlichen Nachlässe in deutschen Archiven und Bibliotheken (Schriften des Bundesarchivs 17), Boppard am Rhein 1971, Bd. 1, S. 580. 43

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im Herbst 1937 mit Blick auf dessen fachlichen Qualifikationsgrad den bereits früher gewonnenen Eindruck bestätigt gefunden hatte, dass „von einem Archiv hier nicht die Rede sein könne“. Daraus folgerte Zipfel: „Umso mehr haben die staatlichen Archive die Ansprüche auf staatliches Archivgut abzuwehren.“48 In den verstärkt seit 1935 geführten Diskussionen um die Reform des deutschen Archivwesens trat der Gegensatz deutlich hervor. Hier war das Hauptarchiv der NSDAP bestrebt, seinerseits eine Beschränkung auf den innerparteilichen Bereich abzuwehren. Die Unvereinbarkeit der Positionen der staatlichen Archive und des Hauptarchivs der NSDAP trat Anfang 1938 in der Frage einer „Neuordnung des Archivwesens in Deutschland“ zutage. Uetrecht beklagte sich über „Versuche der Staatsarchive, sich parteigeschichtliche (z. B. gerichtliche) Akten zu sichern.“49 Der Leiter der Archivalien-Abteilung des Hauptarchivs der NSDAP, Dr. Wilhelm Bohl, charakterisierte das Selbstverständnis des Hauptarchivs in bürokratischem, sperrigem Stil folgendermaßen: Es nehme „eine Sonderstellung ein, insofern sich bei ihm mit dem sachlichen Prinzip der Sammlung und Ordnung des die Entwicklung der Partei darstellenden Schriftgutes von Anfang an verbindet das Funktionsprinzip der Auswertung und Bereitstellung des nationalsozialistischen Gedankengutes im aktuellen Dienst des politischen Verwirklichungswillens seitens der Partei und des Staates und das methodische Prinzip der Sichtung der Unterlagen für die Geschichtsschreibung des50 neuen Deutschlands“. Das Hauptarchiv der NSDAP unterscheide sich „als lebendiges Zeitarchiv in wesentlichen Punkten von den anderen Archivtypen“ und repräsentiere eine „vom herkömmlichen Archivbegriff abweichende Verbindung des Dokumenten- und Aktenmaterials mit der Sammlung und Sichtung des zeitgeschichtlichen Zeitungs- und Buchmaterials“.51 Protokoll der Dienstbesprechung des Reichsarchivs am 18.11.1937. BArch, R 1506/53, fol. 25. – Zum Folgenden auch Herrmann (wie Anm. 31), Bd. II, S. 372–377. – Torsten Musial, Staatsarchive im Dritten Reich. Zur Geschichte des staatlichen Archivwesens in Deutschland 1933–1945 (Potsdamer Studien 2), Potsdam 1996, S. 61–63. – Johanna Weiser, Geschichte der preußischen Archivverwaltung und ihrer Leiter. Von den Anfängen unter Staatskanzler von Hardenberg bis zur Auflösung im Jahre 1945 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Beiheft 7), Köln u. a. 2000, S. 153. 49 Uetrecht an Stellvertreter des Führers, 19.1.1938. BArch, NS 26/1923 b. 50 „des“ vom Verfasser korrigiert aus: „der“. 51 Uetrecht an Stellvertreter des Führers, 19.1.1938, Anlage: Ausarbeitung Bohls: „Neuordnung des Archivwesens in Deutschland“ („Januar 1938“). BArch, NS  26/1923 b. – Zur dienstlichen Funktion Bohls: Bohl an Reichsorganisationsleitung, 1.10.1942. BArch, NS 22/826. 48

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Im Oktober 1938 hielt es Bohl mit Blick auf eine künftige Reichsreform sogar für „fraglich, ob dann der heute noch geltende Grundsatz der Zuständigkeit der staatl[ichen] Archive für behördliche Akten, der Parteiarchive für parteigeschichtlich wichtige Akten noch praktisch Geltung haben wird“. Unter Hinweis auf den „Ausspruch Z[ipfel]s, das H[aupt] A[rchiv] sei gar kein Archiv“, vertrat Bohl die Auffassung, dass mit einer „klaren Ordnung“ des Hauptarchivs der NSDAP „jedem Versuch, den Charakter des H[aupt]A[rchivs] als wirkliches Archiv anzuzweifeln, die Spitze abgebrochen“ werden solle.52 Angesichts der von Hitler veranlassten Zurückstellung eines Archivschutzgesetzgebungsvorhabens53 schlug das Reichsministerium des Innern (RMdI) im Februar 1939 dem Stellvertreter des Führers im Sinne einer erforderlichen „klaren Abgrenzung“ vor, die Zuständigkeit der Parteiarchive und der Sammlung Rehse auf „das auf parteiamtlichem und parteigeschichtlichem Gebiete entstandene und entstehende Archivgut und zeitgeschichtliche Material“ zu beschränken. Die staatlichen Archive sollten demgegenüber für die archivreifen staatlichen Unterlagen und auch „für das außerhalb von Partei und Bewegung entstandene und entstehende nicht-staatliche Archivgut und zeitgeschichtliche Material“ zuständig sein. Diesem Vorschlag stimmte der Stellvertreter des Führers zu.54 Die Kompetenzfrage wurde nach den Pogromen des 9. November 1938 besonders intensiv diskutiert. Bereits im Januar 1939 fand im RMdI eine „Besprechung über jüdische Archive“ statt, an der neben den zuständigen Ministerialbeamten Vertreter der Sicherheitspolizei, des SD-Hauptamts, der staatlichen Archive und der Reichsstelle für Sippenforschung, nicht jedoch des Hauptarchivs der NSDAP teilnahmen. Das RMdI vertrat die Auffassung, dass die im November 1938 beschlagnahmten und erfassten „jüdischen Archivalien“ nicht zersplittert werden dürften. Es konnte grundsätzlich Einvernehmen darüber erzielt werden, dass diese Unterlagen nach Abschluss der erforderlichen sicherheitspolizeilichen Verwertung an die Staatsarchive abzugeben seien. Das SD-Hauptamt sicherte ausdrücklich die Wahrung des Provenienzprinzips zu, betonte jedoch, dass bei der Auswertung der „Juden- und Logenmaterialien“ als des Ausarbeitung Bohls: „Zur Neuordnung des deutschen Archivwesens“ („Okt. 1938“). BArch, NS 26/1923 b. 53 Herrmann (wie Anm. 31) Bd. II, S. 374. 54 RMdI an Stellvertreter des Führers, 3.2.1939, und dessen Antwortschreiben, 21.3.1939. BArch, R 1506/7, fol. 521 f. 52

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„täglichen[n] Handwerkszeug[s] des Sicherheitsdienstes“ eine Mitwirkung der staatlichen Archive nicht in Betracht käme.55 Auch in einer Besprechung im SS-Hauptamt am 26. April 1940 zwischen Zipfel, weiteren Repräsentanten der staatlichen Archive und Vertretern des SD-Hauptamts bestand Übereinstimmung, dass die von der Gestapo und vom SD beschlagnahmten Bestände „jüdischer Archivalien“ nach sicherheitspolizeilichem Gebrauch „in die staatlichen Archive gehören.“56 Das Hauptarchiv der NSDAP war mit diesen Abstimmungsergebnissen nicht einverstanden. Im März 1939 bekundete Uetrecht gegenüber dem RMdI, dass „zu unserer Überraschung und Enttäuschung entgegen unseren Erwartungen das anlässlich der Novemberaktion sichergestellte Material aus den Synagogen usw. den Staatsarchiven zugewiesen“ wurde. Uetrecht bekräftigte seinerseits den Anspruch seines Archivs auf diese Unterlagen, die für die Auskunfts- und Ausstellungstätigkeit des im Hauptarchiv der NSDAP seit 1935 bestehenden „Sonderreferat[s] für die archivalischgeschichtliche Behandlung der Juden- und Freimauererfrage sowie der politisierenden Kirchen“ benötigt würden. Uetrecht erhob gegenüber dem RMdI nunmehr sogar die expansive Forderung, eine generelle Anordnung zu treffen, nach der sämtliche die Parteigeschichte direkt oder auch nur mittelbar betreffenden Unterlagen ausschließlich dem Hauptarchiv der NSDAP zur Aufbewahrung und Bearbeitung zustünden.57 Im Juni 1939 war die Abgrenzung zwischen den Archiven der Partei und des Staates Gegenstand einer Spitzenbesprechung von Vertretern des RMdI, der staatlichen Archive und des Stellvertreters des Führers, erneut jedoch nicht des diesem unterstellten Hauptarchivs der NSDAP. Die Archive der Partei beabsichtigten nach Aussage des Vertreters des Stellvertreters des Führers „keine uferlose Sammelei“, das Hauptarchiv der NSDAP müsse jedoch in die Lage versetzt werden, „alle Anforderungen des Führers und der Partei bezüglich parteigeschichtlichen Quellenstoffes Protokoll des Reichsarchivs zur Sitzung am 27.1.1939. BArch, R 1506/7, fol. 507–509. Überliefert ist ferner eine Niederschrift des RMdI zu dieser Sitzung. BArch, R 1506/7, fol. 542–543. 56 Generaldirektor der Staatsarchive an Direktor des Reichsarchivs, 3.5.1940. BArch, R 1506/5, fol. 68 f. 57 Uetrecht an RMdI, 23.3.1939. BArch, R 1506/7, fol. 523–526. – Zur umfassenden Ausstellungstätigkeit des Hauptarchivs der NSDAP, auch zu seiner Beteiligung an der seit 1937 präsentierten Propagandaausstellung „Der ewige Jude“, s. den undatierten gedruckten Aufruf des Hauptarchivs der NSDAP „Männer schreiben Geschichte!“, BArch, NS 26/1923 a (wie Anm. 3), und Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 61 f. und 70 f. 55

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jederzeit erfüllen zu können“. Es konnte Einvernehmen über die Vorschläge der Vertreter des RMdI und der staatlichen Archive erreicht werden, nach Möglichkeit Originalüberlieferungen aus staatlichen Archiven auch dort zu belassen und den Archiven der Partei nur Fotokopien parteigeschichtlich relevanter Unterlagen zu übergeben. Ferner wurde vereinbart, die in Beständen der staatlichen Archive befindlichen Materialien von parteigeschichtlicher Bedeutung in eigenen Verzeichnissen zusammenzustellen und diese den Archiven der Partei zu übergeben.58 Es dauerte jedoch mehr als ein Jahr, bis dieser Kompromiss am 11. Juli 1940 in einem Runderlass des Reichsministers des Innern zumindest in Teilen umgesetzt wurde. Darin wurden die Reichsarchive in Potsdam, Wien, Reichenberg, Troppau, Posen und Danzig sowie die ostmärkischen Reichsgauarchive „einem Wunsche des Stellvertreters des Führers entsprechend“ angewiesen, „a) die in ihren Beständen enthaltenen Vorgänge zur Geschichte der nationalsozialistischen Partei und Bewegung tunlichst beschleunigt in besonderen Verzeichnissen zusammenzustellen und diese Verzeichnisse dem Hauptarchiv der NSDAP., München, Barerstr. 15, zu übersenden; b) diese Verzeichnisse von Zeit zu Zeit durch Nachmeldungen laufend zu ergänzen.“59 Den vom Hauptarchiv der NSDAP zu dieser Zeit an das RMdI herangetragenen „Gedanken einer Mitwirkung der Parteiarchive bei der Ausscheidung (Kassation) staatlicher Akten“ lehnte der Direktor des Reichsarchivs jedoch entschieden ab.60 Auch über die im RMdI-Erlass vom 11. Juli 1940 enthaltenen Regelungen hinaus stellten die Parteiarchive auf zentraler und regionaler Ebene immer wieder Ansprüche auf staatliches Archivgut.61 Zipfel erinnerte daher im September 1941 in einem Bericht an den RMdI daran, dass er dieProtokoll des Reichsarchivs zur Sitzung am 13.6.1939. BArch, R 1506/7, fol. 536–538. Überliefert ist ferner eine Niederschrift des RMdI zu dieser Sitzung. BArch, R 1506/7, fol. 565 f. 59 Runderlass des RMdI, 11.7.1940. BArch, R 1506/5, fol. 90. 60 Bericht des Direktors des Reichsarchivs an RMdI, 19.7.1940, und dessen Erlass, 11.7.1940. BArch, R 1506/5, fol. 92 und 95 f. 61 So war der Oberpräsident der Provinz Ostpreußen vom zuständigen Gauarchiv der NSDAP um die „Herausgabe des bei den Landratsämtern und Regierungen befindlichen Aktenmaterials über die NSDAP und die Bauernnotbewegung“ gebeten worden. Generaldirektor der Staatsarchive an Direktor des Reichsarchivs, 16.6.1940. BArch, R 1506/5, fol. 127. 58

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sem bereits mehr als ein Jahr zuvor, am 14. Juni 1940, den Entwurf eines Runderlasses zur abschließenden Zuständigkeitsabgrenzung zwischen den Archiven des Staates und der Partei vorgelegt habe, und regte nunmehr dringend die Herausgabe eines entsprechenden Erlasses an.62 Schließlich wurde diese Angelegenheit am 26. Mai 1943 von Zipfel zu den Akten verfügt, nachdem neun Tage zuvor einer seiner Referenten hierzu vielsagend vermerkt hatte: „Mit der Herausgabe des Erlasses dürfte während des Krieges nicht zu rechnen sein. Da durch spätere Ansprüche von Parteidienststellen an staatliches Archivgut diese Angelegenheit sich von selbst in Erinnerung bringt, dürfte dieser Vorgang ‚z. d. A.‘ geschrieben werden können.“63 Demgegenüber war im Hauptarchiv der NSDAP bereits im Oktober 1938 folgende Auffassung vertreten worden: „Die tatsächliche Entwicklung hat bis jetzt fast immer gezeigt, dass in64 Zuständigkeitsfragen die Entscheidung zugunsten der staatlichen Vorschläge bezw. Forderungen ausfiel.“65 Die nach Kriegsende in den Beständen des Hauptarchivs der NSDAP aufgefundenen Unterlagen des Bayerischen Staatsministeriums des Innern, der Bayerischen Politischen Polizei sowie der Polizeidirektionen München und Nürnberg-Fürth lassen indessen erkennen, dass das Hauptarchiv der NSDAP mit seinen Versuchen, staatliche Provenienzen in seinen Besitz zu bringen, nicht erfolglos geblieben ist. In den Auseinandersetzungen zwischen den Archiven des Staates und der Partei traten die Kompetenzerweiterungsabsichten des Leiters des Hauptarchivs der NSDAP, Uetrecht, immer deutlicher zutage. Schließlich war das Hauptarchiv der NSDAP in Zusammenarbeit mit der Gestapo und der SS auch an der Beschlagnahme und am Raub von Archivgut in den besetzten Gebieten beteiligt. Diese Expansionstendenzen zulasten konkurrierender Institutionen mögen zur vorzeitigen Pensionierung Uetrechts und zu seiner Ablösung durch Brügmann Mitte März 1942 beigetragen haben. Brügmann konzentrierte sich auf die parteibezogenen Kernaufga-

Berichte Zipfels an RMdI, 14.6.1940 (mit Erlassentwurf) und 18.9.1941. BArch, R 1506/5, fol. 70–72 und 131. 63 Verfügungen Zipfels, 26.5.1943, und des Referenten, 17.5.1943. BArch, R 1506/5, fol. 131 (Rückseite). 64 „in“ vom Verfasser korrigiert aus: „die“. 65 Ausarbeitung Bohls: „Zur Neuordnung des deutschen Archivwesens“ („Okt. 1938“). BArch, NS 26/1923 b. 62

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ben des Hauptarchivs der NSDAP und verfolgte speziell gegenüber den staatlichen Archiven einen Kurs des archivpolitischen Ausgleichs.66 D i e B e s t ä n d e d e s H a u p t a r ch iv s d e r N S DA P i n d e r E n d p h a s e d e s K r i e g e s u n d i n d e r N a ch k r i e g s z e i t Bereits seit 1943 wurden die in München in der Barer Straße  15 und der Gabelsbergerstraße 41 untergebrachten Bestände des Hauptarchivs der NSDAP luftkriegsbedingt ausgelagert. Die Bestände wurden nach Passau (Feste Oberhaus), nach Neumarkt-St. Veit (Landkreis Mühldorf/ Oberbayern), und nach Lenggries (Landkreis Tölz/Oberbayern, Schloss Hohenburg) verbracht. Nach Passau sollen zwar nicht viele, aber einige der bedeutsamsten Stücke gelangt sein, darunter Gemälde und Jugendfotos Hitlers, dessen Handexemplar des Versailler Vertragstextes, Notizen Bormanns zu Tischgesprächen im Führerhauptquartier und eine Kopie von Tagebuchauszügen Benito Mussolinis.67 Am 25. Januar 1945 informierte der Leiter des Hauptarchivs der NSDAP, Brügmann, den Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP, Martin Bormann, über die völlige Zerstörung der Münchener Büroräume in der Barer Straße 15 und in der Gabelsbergerstraße 41 infolge eines Luftangriffs am 7. Januar 1945.68 Die in München verbliebenen Teile der Bibliothek des Hauptarchivs der NSDAP gingen dabei verloren.69 In den Ausweichlagern scheinen dagegen keine Kriegsschäden eingetreten zu sein. Gleichwohl blieben die in Schloss Hohenburg untergebrachten Unterlagen nach dem Krieg verschollen, während die übrigen verlagerten Bestände wohl größtenteils in die Verfügungsgewalt der US-amerikanischen Besatzungstruppen und über sie ins Berlin Document Center (BDC) gelangten.70 Dort wurde der Versuch unternommen, die während der Aus-

Linsler (wie Anm. 5) S. 139–141. – Ders. (wie Anm. 41) S. 219–221. – Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 70 und 78–81. 67 Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 72. 68 Brügmann an Bormann, 25.1.1945. BArch, NS 26/1923 a. – S. a. Gangelmayer (wie Anm. 3) S. 71 f. 69 NSDAP Hauptarchiv. Guide (wie Anm. 19) S. VIII. 70 Zur Geschichte des BDC: The Holdings of the Berlin Document Center, Berlin 1994, S. XI–XXII. – Dieter Krüger, Archiv im Spannungsfeld von Politik, Wissenschaft und öffentlicher Meinung. Geschichte und Überlieferungsprofil des ehemaligen „Berlin Document Center“. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45 (1997) S. 49–74. 66

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lagerung und des Transports nach Berlin gestörte Überlieferungsstruktur der „Collection NSDAP Hauptarchiv“ zu rekonstruieren. Die Sammlung wurde zunächst in 1. eine in 29 Gruppen unterteilte thematische Sammlung und 2. eine nach Provenienzen geordnete Sammlung gegliedert.71 Eine weitere Gruppe mit Unterlagen verschiedenster Provenienzen wurde dem Bestand erst nachträglich im Berlin Document Center angegliedert.72 Die zweite Gruppe umfasste Unterlagen der Polizeidirektion München, des Amtsgerichts München, der Polizeidirektion Nürnberg-Fürth, des Bayerischen Staatsministeriums des Innern, des Reichswehrministeriums und des Hauptarchivs der NSDAP. Diese Unterlagen wurden, soweit sie nicht in die Zuständigkeit des Bundesarchivs fielen, im Jahr 1961 noch vor der Übergabe des Bestands an das Bundesarchiv an das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München abgegeben. Der Gesamtbestand wurde seit dem Herbst 1958 durch die Hoover Institution in Stanford, Kalifornien, mikroverfilmt und in einem „Guide“ grob erschlossen. In den „Guide“ aufgenommen wurde auch eine in die Verfilmung einbezogene Auswahl aus den BDC-Sammlungen „Streicher“ und „Himmler“, die ihrerseits nicht Bestandteile der „Collection NSDAP Hauptarchiv“ waren.73 Nach dem Abschluss der Mikroverfilmung wurden der Sammlungsbestand Hauptarchiv der NSDAP und die übrigen im „Guide“ ausgewiesenen Unterlagen 1963 dem Bundesarchiv in Koblenz übergeben. In Anbetracht der Mikroverfilmung wurde die Ordnung des Bestands vorerst nicht verändert.74 Der „Guide“ diente bis zum Überarbeitungsabschluss der Bestandserschließung im Oktober 2003 als provisorisches Findmittel. Seit der Übernahme durch das Bundesarchiv hat der Bestand NS 26 Hauptarchiv der NSDAP erhebliche Veränderungen erfahren. Einerseits wurden Unterlagen in andere Bestände des Bundesarchivs überführt, wie z.B. die „Guide“-Gruppen XXV Parteikanzlei und XXVI Stellvertreter des Führers in den Bestand NS 6 Partei-Kanzlei der NSDAP. Andererseits wurden wiederholt archivwürdige Unterlagen zur Geschichte der NSDAP, NSDAP Hauptarchiv. Guide (wie Anm. 19) S. IX f. Jaeger (wie Anm. 44) Sp. 286. Umgekehrt wurden im BDC auch Unterlagen dem Bestand entnommen und anderen Sammlungen zugeführt. Ebd. 73 NSDAP Hauptarchiv. Guide (wie Anm. 19) S. III („Preface“). 74 Zur archivtheoretischen Dimension: Jaeger (wie Anm. 44) Sp. 286 f. 71 72

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für die im Bundesarchiv kein anderer sinnvoller Bestandsanschluss gegeben war, dem Bestand NS 26 zugeführt. Dies gilt nicht zuletzt für die ins Bundesarchiv gelangten und nicht anderweitig zuzuordnenden Splitter der Sammlung Rehse, die 1945 zunächst der Library of Congress in Washington, D.  C. übergeben worden war. Dort erfolgte eine Aussonderung von Materialien. Der in die Bundesrepublik Deutschland rückgeführte Rest ging größtenteils an die Bayerische Staatsbibliothek, das Bayerische Hauptstaatsarchiv und das Stadtarchiv München.75 Eine „Collection Hauptarchiv der NSDAP“ des BDC, die dort auch nach den geschilderten Abgaben verblieben war,76 gelangte schließlich ins Bundesarchiv, als dieses 1994 das Berlin Document Center in seiner Gesamtheit übernahm. Da es sich jedoch fast ausschließlich um Kopien und Dubletten handelte, wurde diese Sammlung bis auf wenige Ausnahmen kassiert. Aus dem Bundesarchiv-Bestand NS 26 Hauptarchiv der NSDAP ausgegliedert und zu eigenen Beständen formiert wurden im Bundesarchiv – die Presseausschnittsammlung (nun Bestand ZSg. 117: 1362 Nummern), – das Bildgut (nun Bestand Bild 119: 20.647 Negative und 10.352 Positive), – die Plakate (nun Bestand Plak. 2/39–42, 3 passim) sowie – das Druckgut (nun Amtsdrucksachen-Bestand NSD 31). Im Zuge der Bearbeitung der seit 2003 vorliegenden Neufassung des Archivfindbuchs zum Bundesarchiv-Bestand NS  26 Hauptarchiv der NSDAP wurden der gesamte Bestand durchgesehen, die Klassifikation überarbeitet und die Verzeichnungstitel und Formalangaben überprüft. In diesem Zusammenhang mussten zahlreiche Titel neu gebildet werden. Angesichts der anhaltend starken Benutzung des Bestands wurde jedoch von körperlichen Veränderungen der bereits im Hauptarchiv der NSDAP oder im BDC gebildeten Archivalieneinheiten abgesehen, auch wenn dadurch eine präzise inhaltliche Abgrenzung im Rahmen der Erschließung oft erschwert war. Der Bundesarchiv-Bestand NS  26 Hauptarchiv der NSDAP befindet sich heute am Standort Berlin-Lichterfelde, hat nach dem Stand vom 4. Oktober 2016 einen Umfang von 45,63 laufenden Regalmetern und 75 76

Booms (wie Anm. 32) S. 59 f. The Holdings (wie Anm. 70) S. 138.

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weist insgesamt 2125 Archivalieneinheiten aus (höchste Nummer: 2630). Inhaltliche Überlieferungsschwerpunkte bilden Materialien zur Person Adolf  Hitlers und anderen Personen der Zeitgeschichte, zu Religionsfragen, zur Rassenpolitik, zu Freikorps und Einwohnerwehren, zu den Gliederungen der NSDAP wie SA und SS, zur Territorialstruktur der NSDAP und zu deren staatlicher Überwachung vor 1933, zu nicht-nationalsozialistischen Parteien, Verbänden und Gewerkschaften, zur Presse, zum Rundfunk und Film. Dem Bundesarchiv-Bestand NS 26 Hauptarchiv der NSDAP in gewisser Weise vergleichbar ist die sogenannte Sammlung Schumacher, die im BDC aus verschiedensten Provenienzen als sachthematischer Bestand gebildet worden war.77 Große Teile dieser Sammlung sind nach ihrer sukzessiven Übernahme durch das Bundesarchiv den dortigen einschlägigen Provenienzbeständen zugeordnet worden. Verblieben ist ein unteilbarer Rest, der heute den Bundesarchiv-Bestand R 187 Sammlung Schumacher bildet.

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Jaeger (wie Anm. 44) Sp. 280 f.

Überlieferungsbildung und Politik. Kontinuitäten und Wandel des Archivierens im Nationalsozialismus Von Gerhard Hetzer Im Februar und März 1932 war die Schlussfassung einer Bekanntmachung sämtlicher bayerischer Staatsministerien in Arbeit, mit der die Aktenaussonderung bei den staatlichen Stellen und Behörden geregelt werden sollte. Die schließlich unter dem 31. März 1932 veröffentlichte Vorschrift sollte immerhin fast 60 Jahre in Geltung bleiben.1 Ein Entwurf vom Mai 1928 hatte vorgesehen, dass Akten an die staatlichen Archive abzugeben seien, die „mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Staatsverwaltung, Rechtspflege, Statistik, Geschichtsforschung oder Heimatkunde weiter aufbewahrt“ werden sollten.2 Hier klangen noch die Vorläuferbestimmungen an, die in Bayern seit Mitte der 1850er Jahre erlassen worden waren – diese hatten Archivwürdigkeit mit der „historischen“ oder/ und „statistischen“ Bedeutung von Unterlagen verbunden. Nun, mehr als ein Menschenalter später, gab es eine Differenzierung und die Betonung von Eigenschaften. Dass Geschichtsbetrachtung jetzt zugleich in einem breiteren Umgriff erfolgte, wurde an demjenigen Gliederungspunkt des Entwurfes deutlich, in dem eine Kennzeichnung von Schriftstücken für eine künftige Archivierung gewünscht wurde. Diese sollten nämlich „in rechtlicher, geschichtlicher oder volkskundlicher Hinsicht von besonderer Bedeutung“ sein. Hier hatte sich ein über die Ereignisgeschichte hinaus reichender Zugang geöffnet, der von der Kulturgeschichtsschreibung gebahnt worden war. Der Vorschlag von 1928 ging über das bayerische Staatsministerium des Äußern, dem die staatlichen Archive unterstanden, zur Stellungnahme an die anderen Ministerien. Zur Genese der Bekanntmachung und zu deren Zusammenhang mit den Bemühungen um Straffung und Verbilligung der Staatsverwaltung seit den frühen 1920er Jahren Bodo Uhl, Aktenaussonderung und Verwaltungsvereinfachung. Zur Entstehung der bayerischen Aussonderungsbekanntmachung von 1932. In: Gerhard Hetzer – Bodo Uhl (Hrsg.), Festschrift Hermann Rumschöttel zu 65. Geburtstag (= Archivalische Zeitschrift [AZ] 88 [2006]), 2. Teilband, S. 995–1024. 2 Hierzu die verschiedenen Entwurfsfassungen und Gesprächsnotizen in Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 2557. 1

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Die nächste Überarbeitungsphase begann erst im Dezember 1930. Der Text der geplanten Bekanntmachung wurde verschlankt und neu gegliedert, die Behandlung künftiger Archivsachen bei den Behörden wurde praxisnäher und auch bestimmter vorgeschrieben. Ein Entwurf vom Mai 1931 kam der späteren Endfassung schon recht nahe. Bei den Archivsachen-Kriterien, die nunmehr im Gliederungspunkt § 12 gefasst waren, gab es eine Erweiterung, die freilich eine gewisse Unsicherheit verriet, nämlich hin zu einer „rechtliche[n], geschichtliche[n], volkskundliche[n] oder ähnliche[n] Hinsicht“. Als es schließlich in die Endrunde ging, ergänzte mit Otto Riedner der Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns Mitte Februar 1932 den Entwurf, der für den abschließenden Meinungsaustausch unter den Ressorts vorbereitet wurde, bei den Kennzeichen der Archivsachen um den Begriff „politisch“. Also hatten die Sachbearbeiter in den abgebenden Behörden Akten mit dem Vermerk „Staatsarchiv“ zu versehen, wenn sich im Zuge der Bearbeitung „die Bedeutung einer Sache in rechtlicher, politischer, geschichtlicher, volkskundlicher oder ähnlicher Hinsicht“ herausstellen sollte. Z e n t r a l e o d e r f ö d e r a t ive L ö s u n g e n ? Dies wurde am 15. März 1932 im Außenministerium auf einer Besprechung mit den Vertretern der anderen Staatsministerien abgesegnet und blieb auch bei den abschließenden Gesprächen so stehen. Zwei Tage zuvor hatte der erste Durchgang zur Wahl des deutschen Reichspräsidenten stattgefunden. Den Teilnehmern der Zusammenkunft im Sitzungssaal des Außenministeriums am Münchener Promenadeplatz dürfte die Berechtigung der von Riedner vorgenommenen Ergänzung eingeleuchtet haben. Ansonsten war noch keine Woche verstrichen, seitdem der Generaldirektor an die Vorstände der Staatsarchive unter dem Siegel der Vertraulichkeit eine Denkschrift versandt hatte. Diese beschäftigte sich aus Sicht der bayerischen staatlichen Archivverwaltung kritisch mit dem Erlass von Reichsinnenminister Wilhelm Groener vom Dezember 1931 über die „Verwertung von Akten für wissenschaftliche Zwecke“. Für Riedner war der Erlass „Ausfluss der ja im Reichsinnenministerium herrschenden einseitig unitaristisch-zentralistischen Richtung“. Allerdings seien Schritte im

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Gange, um die im Text dieses Erlasses „verborgenen Möglichkeiten einer künftigen Schädigung der berechtigten Länderbelange hintanzuhalten.“3 Der Erlass hatte das Reichsarchiv als „archivalische Zentralstelle für die Geschichte des Deutschen Reichs seit 1867 und die Geschichte der Deutschen Einheitsbewegung seit 1848“ beschrieben. Es sollte die Akten der obersten Reichsbehörden und einiger höherer Behörden übernehmen, die auch aufgezählt waren. Die Archivierung von Akten der „örtlichen Reichsbehörden“ war hingegen in das Ermessen von deren vorgesetzten Dienststellen gestellt. Soweit „landes- und ortsgeschichtlich wertvolle Akten“ anfielen, aber nicht vom Reichsarchiv übernommen wurden, sollte Landes- und Stadtarchiven Gelegenheit zur Einsicht und eventuellen Übernahme gegeben werden. Riedners Kritik am Groener-Erlass galt nicht nur den unklaren oder reduzierten archivischen Kompetenzen bei der Übernahme von Akten „örtlicher Reichsbehörden“ und der möglichen Auflösung – er gebrauchte bereits den Begriff „Zerreißung“ – von Registraturzusammenhängen.4 Sie galt auch der Abwertung der Rolle der Länderarchive in denjenigen Verwaltungszweigen, die bis 1920 Ländersache gewesen waren. Die bayerische Aussonderungsbekanntmachung vom März 1932 enthielt neben den Aussagen zum Charakter von Archivgut (§ 4, § 12) auch eine Bestimmung über Akten, die zwar bei Reichsbehörden verwahrt wurden, aber „im Eigentum des bayerischen Staates“ stünden, oder die „infolge Besorgung von Landesgeschäften“ bei Reichsbehörden erwüchsen. Deren Aussonderung sei „im Benehmen“ mit diesen Behörden vorzunehmen (§ 14). Man wollte sich seine Rechte vorbehalten. Somit konnte der von Staatssekretär Hans Pfundtner unterschriebene Runderlass des Reichsinnenministeriums vom 4. August 1936, der die Abgabe der für den laufenden Dienstbetrieb entbehrlichen Akten der nachgeordneten Reichsbehörden – mit Ausnahmen – an die Staatsarchive der Länder anordnete, als Erfolg wirken, und dies umso mehr, als auch auf den Groener-Erlass Bezug genommen wurde. Und die Bestätigung ging weiter: Ein gemeinsamer Runderlass des Reichsfinanzministers und des Staatsarchiv Augsburg (StAAu), Verwaltungsakten (VA) 54, Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns an die Staatsarchive (10.3.1932). Zum Groener-Erlass und zu den Reaktionen in den Archivverwaltungen der Länder Matthias Herrmann, Das Reichsarchiv (1919–1945). Eine archivische Institution im Spannungsfeld der deutschen Politik, 2. Aufl. Berlin 1993, Bd. 1, S. 198 f. 4 Siehe dazu die Ausführungen von Hans Pregler, Neuere Aktenaussonderungsvorschriften. In: AZ 42/43 (1934) S. 242–259, hier S. 243 f. 3

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Reichsinnenministeriums vom 24. August 1936 über die Archivierung von Personalakten erteilte einer Aufteilung von Aktenbeständen mit der Wortwahl des Pfundtner-Erlasses eine Absage, da dies zu einer „Zerreißung des organisch gewachsenen Registraturbestandes“ führe und „vom Standpunkt des in der modernen Archivtechnik geltenden Provenienzprinzips nicht tragbar“ sei. Und, mit dem Vorbehalt „einer späteren umfassenden Anordnung“: Die „zu erwartende archivorganisatorische Entwicklung weise […] auf eine maßgebliche Einschaltung der staatlichen Länderarchive hin.“ Als bei einer späteren Weisung des Reichsfinanzministers eine Aufweichung dieses Grundsatzes drohte, protestierte die bayerische staatliche Archivverwaltung.5 Auch der Reichspostminister – September 1936 –, der Reichsverkehrsminister und Generaldirektor der Reichsbahn – im März 1937 – sowie der Reichsarbeitsminister – im März 1938 – folgten in jeweiligen Verfügungen an ihren nachgeordneten Bereich dem PfundtnerErlass vom August 1936. A r ch iva r s b e r u f u n d B e we r t u n g : N e u e A n l ä u f e u n d d e r Z wa n g d e r U m s t ä n d e Der Zeitabschnitt von 1920 bis 1940 gehört zu den Schwellenzeiten einer intensiven Bewertungsdiskussion, ebenso wie schon die Jahrzehnte zwischen 1860 und 1880 oder eben später die 1980er und 1990er Jahre. Diese Zeiträume waren vor Ort in den Archiven jeweils vom Empfinden gekennzeichnet, vor Massenproblemen zu stehen. Zugleich wurden die Einflüsse geschichtswissenschaftlicher Strömungen und Schulen in der archivischen Praxis deutlicher. In den 1930er und 1940er Jahren war noch viel Spielraum für individuelle Auswahl. Man war aber auf dem Wege zu genaueren Regelwerken, und man generierte Entscheidungshilfen. Hierbei kam den sogenannten Motivenberichten und Gruppengrundsätzen eine wichtige Rolle zu, wie sie für verschiedene Verwaltungszweige erstellt und zwischen 1938 und 1944 vor allem im Mitteilungsblatt der preußischen Archivverwaltung veröffentlicht wurden. Die von Ernst Zipfel, seit Herbst 1936 Direktor des Reichsarchivs und zunächst kommissarischer Leiter der preußischen Staatsarchive6, eingesetzte Kassationskommission StAAu, VA 54, Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns (i.V. Knöpfler) an den Reichsminister der Finanzen (4.11.1937) (Abdruck). 6 Zu Ernst Zipfel: Johanna Weiser, Geschichte der preußischen Archivverwaltung und ihrer Leiter. Von den Anfängen unter Staatskanzler von Hardenberg bis zur Auflösung 5

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erarbeitete bis 1940 eine Reihe von Bewertungsmodellen.7 Daneben gab es in der Tradition der „diskutierenden Verwaltung“ den Austausch von Erfahrungen, wie sie im Zuge der Aktenaussonderung bei einzelnen Behörden hatten gesammelt werden können, und bei dem einige Staatsarchive hervortraten. Dass die Tätigkeit der staatlichen Archivare auch nach 1933 den Grundsätzen der Provenienz und der Geschlossenheit des Aktenzusammenhanges verpflichtet war, steht außer Frage. Argumentierte man gegen die Einwirkung von Organisationen und Einrichtungen, die konkurrierend Überlieferungsbildung betrieben, oder gegen Vorschriften, die die Entscheidungskompetenz der Archive bei der Schriftgutbewertung einschränkten, so zeigte sich ein seit dem 19. Jahrhundert gewachsenes berufliches Selbstbewusstsein. Gleichzeitig wusste man um die Machtverhältnisse und um Wege und Grenzen, diese Belange durchzusetzen. Einem umfassenderen Begriff von Überlieferung entsprach auch der umgreifende Archivschutz bei öffentlichen wie privaten Trägern. Ein hierfür grundlegendes Archivgesetz des Reiches kam nach mehreren Anläufen nicht zustande. Es gab die Praxis, die nach herkömmlichen Gesichtspunkten urteilte und handelte und die Bewertungen, an denen Züge einer weltanschaulichen „Neuausrichtung“ erkennbar wurden.8 Das Eine waren die Förderung der Archivpflege bei den Staatsbehörden wie bei den Gemeinden und der

im Jahre 1945 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Beiheft 7), Köln u.a. 2000, S. 144–212. – Sven Kriese, Albert Brackmann und Ernst Zipfel. Die Generaldirektoren im Vergleich. In: Ders. (Hrsg.), Archivarbeit im und für den Nationalsozialismus. Die preußischen Staatsarchive vor und nach dem Machtwechsel von 1933 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Forschungen 12), Berlin 2015, S. 17–94. Aus der Sicht eines ehemaligen Beamten des Reichsarchivs, der seit 1940 zur Dienststelle des Kommissars für den Archivschutz abgeordnet war: Walter Vogel, Der Kampf um das geistige Erbe. Zur Geschichte der Reichsarchividee und des Reichsarchivs als „geistiger Tempel deutscher Einheit“, Bonn 1994, S. 72–77 und passim. 7 Hier sei lediglich auf einzelne Aufsätze verwiesen, in denen die Tätigkeit der Kassationskommission angesprochen wird: Bodo Uhl, Die Geschichte der Bewertungsdiskussion. In: Andrea Wettmann (Hrsg.), Bilanz und Perspektiven archivischer Bewertung (Veröffentlichungen der Archivschule Marburg 21), Marburg 1994, S. 11–35, hier S. 21 f. – Angelika Menne-Haritz, Das Provenienzprinzip – ein Bewertungssurrogat? Neue Fragen einer alten Diskussion. In: Der Archivar 47 (1994) Sp. 229–252, hier Sp. 232 f. – Kriese, Albert Brackmann (wie Anm. 6), S. 63 f. 8 Hierzu Sven Kriese, Konsistenz und Wandel der preußischen „Archivarbeit“ im Nationalsozialismus. Ein Arbeits- und Forschungsaufruf. In: Archivar 70 (2017) S. 370–375, hier S. 374.

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Schutz des Schriftgutes der Wirtschaft und auch der Kirchen9, ebenso die Bemühungen um eine Verbesserung der Instrumente für die Bewertung. Das Andere waren begleitende Zweckbestimmungen, die zum Teil weltanschaulich motiviert waren und das auch klar aussprachen. Der Einfluss dieser Ideologeme ging über die Akzente hinaus, die ein auch unter Archivaren verbreitetes Geschichtsbild setzte, das vom Weltkrieg und dessen Folgen und von der Ablehnung der Erscheinungen der „Zerfallszeit“ bestimmt war. Die steigenden Archivbenützerzahlen schienen den Stellenwert der Archive im neuen Staat zu bestätigen. Praktische Ansätze für eine Popularisierung des Archivwesens gab es bereits in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, zeitlich parallel mit besucherfreundlicheren Konzepten in den Museen und im öffentlichen Ausstellungswesen und mit neuen Ansätzen in der Geschichtsdidaktik. Nach 1945 sollte dies, was ab 1933 als Beitrag der Archive zur Allgemeinbildung und zur rechtlichen Hilfe im Alltag gewürdigt worden war, als fachfremde Überladung kritisiert werden, die von den Kernaufgaben abgehalten habe. Jetzt aber gab es einen volksbildnerischen Ehrgeiz, der die vielen Anfragen zum Nachweis der Abstammung und bei Familienforschungen als Zeichen sah, dass man aus dem Elfenbeinturm herauskomme. Heinrich Otto Meisner, damals schon ein weithin anerkannter Archivar und Historiker, hat in verschiedenen Publikationen, die für ein nicht-fachliches Publikum oder für die Berufsberatung gedacht waren, die Archive durch die Impulse der nationalsozialistischen Weltanschauung „auf dem beste Wege“ gesehen, „volkstümlich zu werden“. Die personen- und familienkundlichen Anfragen stünden nun ebenbürtig neben den wissenschaftlichen und rechtlichen Zwecken.10 9 Robert Kretzschmar, Überlieferungsbildung im Nationalsozialismus und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. In: Ders. u.a. (Red.), Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart (Tagungsdokumentationen zum Deutschen Archivtag 10), Essen 2007, S. 34–44, hier S. 36. 10 Heinrich Otto Meisner, Der Archivar. Sammlung „Die akademischen Berufe“, hrsg. vom Akademischen Auskunftsamt Berlin in Verbindung mit dem Amt für Berufserziehung und Betriebsführung in der Deutschen Arbeitsfront, Berlin 1938, S. 8. Zur Aufgabe der Bewertung äußerte sich Meisner hier nur knapp. Als Voraussetzung nannte er eine „gründliche Kenntnis der Rechts-, Verwaltungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte“, dazu „eine klare Anschauung vom inneren Leben der Behörden und ihrer sich ergänzenden Zusammenarbeit“, räumte freilich ein: „Unfehlbar ist auf diesem Gebiete auch der tüchtigste Archivar nicht.“ (S. 10). Zum Funktionswandel der Archive auch der Gesamtbericht Zipfels für die preußische Archivverwaltung für 1936/37, auszugsweise zitiert bei Ulrich Kober, Bewertung und Übernahme von Archivgut durch das Geheime Staatsarchiv in

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Fragen der Bewertung von Schriftgut wurden ebenfalls durch die Zeitumstände gestellt. Diese Art der Priorisierung beeinflusste in den letzten Vorkriegsjahren, im Zweiten Weltkrieg und in der frühen Nachkriegszeit die Aktenaussonderung und betraf vielfach auch die bereits archivierten Bestände. Hierzu gehörten die Verlagerungen im Zeichen des Luftkrieges und der Raummangel, der Kassationen begünstigte. Manchmal triumphierte in der Schlussphase des Krieges und in der frühen Nachkriegszeit ein traditionsgebundenes Verständnis von der Tätigkeit des Archivars und von den Archivalien über die „Verwaltungsarchivare“ und deren Aktenmassen, die in den letzten Jahrzehnten zu den Schätzen von einst in die Magazine gekommen waren.11 Seit Anfang 1935 bauten die Aufrufe, die in Ämtern, Gemeinden und Betrieben, aber auch in privaten Haushalten die „Rückführung von Altpapier“ zur Selbstverpflichtung machten, Druck bei der Aktenaussonderung und in der Archivpflege auf. Das Rundschreiben der Geschäftsgruppe Rohstoffverteilung beim Beauftragten für den Vierjahresplan vom Juli 1937 brachte einen ersten Höhepunkt dieser Aktionen, die bis in den Herbst 1944 hinein den Zugzwang aufrechterhielten, zu anwendbaren Bewertungsrastern zu kommen. Auch der denkwürdige Charakter, der bislang Schriftgut beigemessen wurde, das sich mit den Ereignissen des Ersten Weltkrieges verband12, bot nicht immer dauerhaften Schutz. So sollte im Sommer 1940 ein Teil der Überlieferung des Territorialkommandos des k.k. XIV. Korps, die im Reichsgauarchiv Innsbruck aufbewahrt wurde, zum Ergebnis einer Altpapieraktion beitragen. Das Heeresarchiv Wien übernahm schließlich über 9000 Faszikel und 1500 Geschäftsbücher.13

der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945). In: Kriese, Archivarbeit (wie Anm. 6), S. 307–333, hier S. 308. 11 Siehe etwa das Schreiben des kommissarischen Leiters der bayerischen Archivverwaltung Staatsarchivdirektor Ignaz Hösl an den zwei Monate zuvor pensionierten Generaldirektor Josef Franz Knöpfler vom 9.11.1944. BayHStA, Kultusministerium (MK) 45429. 12 Zur Sicherung und zähen Bewahrung der Akten und Karteien, die die zivilen Kriegswirtschaftsstellen des Ersten Weltkrieges in Bayern hinterlassen hatten, Gerhard Hetzer, Erinnern und Vergessen. Die bayerischen Kommunalverbände (1915–1924) und ihr Schriftgut. In: Archive in Bayern 4 (2008) S. 13–40, v.a. S. 30–35. 13 Michael Hochedlinger, Doppeladler oder Hakenkreuz? Das „Heeresarchiv Wien“ 1938–1945. In: Österreichs Archive unter dem Hakenkreuz. Redaktion: Sabine Bohmann u.a. (= Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 54/2010), Innsbruck u.a. 2010, S. 221–284, hier S. 251. Allerdings traten Verluste nach der 1944 erfolgten Auslagerung des Bestandes ein.

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Au ch e i n „ K a m p f u m d i e A k t e n “ Der von Ernst Zipfel 1937 berufenen Kassationskommission gehörten mit Wilhelm Rohr, Hermann Meinert und Heinrich Otto Meisner Archivare des Preußischen Geheimen Staatsarchivs und des Reichsarchivs an. Eine Säule von deren Tätigkeit war die Erarbeitung von Richtlinien für die Innenverwaltung. Ein weiterer Schwerpunkt war das Schriftgut der Justizverwaltung, seit 1935 eine Reichsangelegenheit. Es galt, Antworten auf Regelungen zu finden, die ohne Beteiligung der Archive zustande gekommen waren. Dies betraf vor allem die Allgemeine Verfügung des Reichsjustizministers vom 26. April 1937, mit der „Vorläufige Vorschriften über die Aussonderung und Vernichtung der Akten, Register und Urkunden bei den Justizbehörden“ erlassen wurden.14 Hierbei waren umfangreiche Aktengruppen der Zivil- und Strafjustiz zur Abgabe an die seit 1935 behördenmäßig eingerichteten Gesundheitsämter oder an noch näher zu bezeichnende Stellen für Sippen- und Rassenforschung bestimmt. Gedacht war dabei an die beim Reichsinnenministerium angesiedelte Reichsstelle für Sippenforschung – seit November 1940 Reichssippenamt –, die künftig einen mittelbehördlichen Unterbau erhalten sollte. Besonders im Blickfeld für Ablieferungen waren dabei Akten mit ärztlichen Zeugnissen oder Sachen zum Familien- und Namensrecht. Die Bestimmungen zu den Aufbewahrungsfristen waren so gehalten, dass zahlreiche Unterlagen nach Fristablauf vernichtet werden konnten, für die bisher eine „dauernde Aufbewahrung“ gegolten hatte. Andererseits enthielt die Verfügung den Auftrag zu jährlichen fristgerechten Aussonderungen und die grundsätzliche Abgabepflicht für „dauernd aufzubewahrende Akten“ an die staatlichen Archive. Wilhelm Rohr übernahm die Aufgabe, mit Hilfe von Erfahrungsberichten aus den Archiven ein geschlossenes Alternativmodell zu entwickeln. Dies führte bis August 1939 zu einem Teilergebnis im Bereich der freiwilligen Gerichtsbarkeit und des Registerwesens15, das zur weiteren Erörterung gestellt werden sollte. Als das Reichsjustizministerium im März 1938 ankündigte, nunmehr „die Frage der Aussonderung und Vernichtung […] Deutsche Justiz, S. 643. Bundesarchiv Koblenz (BAK), N 1418/52, „Bericht über das Schriftgut der Gerichtsbehörden“, mit dem Vermerk Rohrs, dass die Arbeit wegen des Kriegsausbruchs nicht fortgesetzt werden konnte. Veröffentlicht wurde der Bericht in den Allgemeinen Verfügungen der preußischen Archivverwaltung. 14 15

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endgültig und umfassend“ regeln zu wollen und hierzu einen Referentenentwurf für die Aufbewahrungsbestimmungen übersandte, erhielt das Preußische Geheime Staatsarchiv den Auftrag Zipfels zur fachlichen Stellungnahme. Die von Reinhard Lüdicke und Wilhelm Rohr erarbeitete, von Adolf Brenneke unterzeichnete Antwort unterstrich den Standpunkt, dass staatliches Schriftgut nur in die staatlichen Archive gehöre oder in Einrichtungen, die der Aufsicht der staatlichen Archivverwaltung unterstünden. An Forschungsstellen oder an die Gesundheitsämter könne es nur leihweise zu Auswertungszwecken gelangen. Kritisiert wurde dabei der in den Verlautbarungen des Ministeriums verwendete Begriff der „abzuliefernden Forschungssache“. Beigegeben war eine Liste der an andere Behörden und Stellen zu entleihenden Forschungssachen, wobei auch Felder einer möglichen Zusammenarbeit mit den Sippenforschern angesprochen wurden – also sachliche Begrenzung und begrenzte Kooperation („einbauen […] in die Organisation des archivischen Interessenbereichs“).16 Eine Vorbemerkung galt den Akten, die nach Ablauf der Aufbewahrungsfristen nicht vernichtet werden durften. Sie folgte überwiegend einer Verlautbarung des Reichsjustizministeriums vom März 1937 über die Aussetzung der Vernichtung von Akten. Dies betraf außer Material für die Kampfzeit der NSDAP solche Unterlagen „deren Inhalt für die Beurteilung der staatspolitischen, sozialpolitischen, wirtschaftspolitischen und kulturpolitischen Verhältnisse und ihre geschichtliche Entwicklung von Bedeutung“ sei. Aufgezählt wurden aufsehenerregende Prozesse und sonstige Ereignisse mit Bezug auf bekannte Persönlichkeiten oder „die für den Einfluß des Judentums […] durch jüdische Sachverständige, Presseberichterstatter, Kunst- und Theaterkritiker usw. besonders kennzeichnend“ seien. Auch den Akten über die Zusammenbrüche größerer Unternehmen, Korruptionsfälle, Werkspionage oder Sittlichkeitsprozesse sollte Augenmerk gelten. Hingegen hatte man sich nun die Hinweise vom März 1937 auf Ereignisse, die „zu parlamentarischen Erörterungen geführt“ hätten, oder die „über die Gewerkschaftsbewegung und über die Gründe und den Verlauf von Arbeitseinstellungen und Aussperrungen Aufschluß geben“, gespart. Im Übrigen waren es allgemein Unterlagen in Hinblick auf Besitz- und Rechtsverhältnisse des Reiches, der Länder und der Gemeinden „oder die

BAK, N 1418/54, Direktor Preußisches Geheimes Staatsarchiv an den Generaldirektor preußische Staatsarchive (9.6.1938, Abschrift). 16

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über Einrichtungen der Vergangenheit Aufschluß geben oder für die Beurteilung bedeutsamer Verhältnisse der Gegenwart wichtig“ seien.17 B ay e r i s ch e We g e u n d S e i t e n we g e Ein Aspekt der Schaffung reichseinheitlicher Vorschriften für die Justiz war die Ablösung anderslautender Bestimmungen der ehemaligen Länderjustizverwaltungen. In Bayern war am gleichen Tag wie die Aussonderungsbekanntmachung von 1932 eine Bekanntmachung über die Ausscheidung der Akten der Justizbehörden in Kraft getreten.18 Auch hier hatten Aufbewahrungsbestimmungen den Löwenanteil der Paragraphen ausgemacht. Verantwortet wurde die Vorschrift von Staatsminister Franz Gürtner, der wenige Monate später das Amt des Reichsjustizministers übernehmen sollte. Die Archive waren nur am Rande erwähnt, Abgaben dorthin hatte sich das Ministerium selbst zur Entscheidung vorbehalten. Um den Rückstau an Altakten in den Registraturen abzubauen, war den Justizbehörden für fünf Jahre eine jährliche Berichterstattung über den Stand der Ausscheidungsarbeiten auferlegt worden.19 Mit der Überleitung der Rechtspflege auf das Reich hatte zu Jahresende 1934 auch die Tätigkeit des bayerischen Staatsministeriums der Justiz als selbständiges Ressort geendet. Die Entscheidung über Abgaben an die Archive war nun auf die Präsidenten der Oberlandesgerichte übergegangen. Allerdings hatten die Ausscheidungsbestimmungen von 1932 zwischenzeitlich einige Ergänzungen erfahren. Hier wirkten sich Reichsgesetze aus, die seit der nationalsozialistischen Machtübernahme erlassen worden waren. Dazu zählte das Berufsbeamtengesetz vom April 1933, das eine Flut genealogischer Forschungen ausgelöst hatte. Im März 1934 hielt eine Bekanntmachung von Staatsminister Hans Frank die bayerischen Justizbehörden dazu an, Akten und Aktenstücke von der Vernichtung auszunehmen, „die für die Familien- und Rassenforschung von Wichtigkeit sein können […]“. 20 Direkt genannt wurden Zeugnisse über den FamilienEbd. – Bei der Vorlage für die Vorbemerkung handelte es sich um die AV vom 15.3.1937. Deutsche Justiz, S. 431. 18 Bekanntmachung über die Ausscheidung der Akten bei den Justizbehörden vom 5.3.1932, Justizministerialblatt S. 9–24. 19 Die auf Ministerialebene eingelaufenen Berichte sind im Bayerischen Hauptstaatsarchiv unter den Signaturen MJu 11418–11420 erhalten. 20 Bekanntmachung des Staatsministers der Justiz vom 5.3.1934. Bayerischer Staatsanzeiger, Nr. 54, vom 7.3.1934. 17

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stand, aufwendig erstellte Auszüge aus Pfarrmatrikeln und Stammbäume. Besonders hingewiesen wurde auf Schriftstücke aus der freiwilligen Gerichtsbarkeit und aus Nachlassverhandlungen. Die Aufbewahrungsbestimmungen für dieses Schriftgut erhielten einen entsprechenden Vermerk. Im folgenden Monat wies Frank die Generalstaatsanwälte bei den Oberlandesgerichten an, Gefangenenbücher und Gefangenenpersonalakten, die bislang eine Aufbewahrungsfrist von 20 Jahren aufwiesen, wegen der „erbbiologischen und rassenhygienischen Aufgaben des Staates“ von der Ausscheidung auszunehmen, sie dauernd aufzubewahren und auch dies in den Vorschriften zu vermerken.21 Am gleichen Tag wurde die Abgabe von Insassenakten des Zuchthauses Ebrach an das Staatsarchiv Bamberg genehmigt. Wie wirkten sich weltanschauliche Gesichtspunkte im Aussonderungsalltag aus? Wie wurde argumentiert, welche Begriffe wurden gewählt? Manchmal war dies auch eine Frage des altersmäßigen Abstandes. 1934 konnte eine Empfehlung für ein stärkeres Augenmerk auf Quellen zur Familienforschung einfach damit begründet werden, dass diese „ja neuerdings noch mehr zu berücksichtigen [sei] als bisher“22 – so der Vorstand des Staatsarchivs Neuburg an der Donau (Jahrgang 1883). Im gleichen Jahr konnte aber auch bereits mit den Erbgesundheitsgesetzen und mit „erwachender biologischer Ahnenkunde“ begründet werden, wenn es sich um die Sicherung von Unterlagen handelte. Dies gehe freilich – so ein jüngerer Beamter des gleichen Archivs – über die private Familienforschung hinaus, denn es liege im „Interesse des Staates, authentische Urkunden über den Gesundheitszustand seiner Staatsbürger und deren Vorfahren gerade für den Einzelfall zu besitzen.“23 Mit der Erbgesundheitsgesetzgebung und mit den bevölkerungs- und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen entstanden neue Behörden und neue Aktengruppen, für die Generaldirektor Riedner die Zuständigkeit der Archive als gegeben ansah. Er nahm für sich in Anspruch, seit 1929 die in Regie der Münchener Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie geführten kriminologischen Forschungen unterstützt zu haben, und zwar BayHStA, MJu 11426, Staatsministerium der Justiz an die Generalstaatsanwälte (4.4.1934). StAAu, VA 58, Staatsarchiv Neuburg a.d. Donau an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns in Sachen Übernahme von Personalakten des ehemaligen Oberlandesgerichts Augsburg (16.1.1934). 23 StAAu, VA 50, Staatsarchiv Neuburg a.d. Donau an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns zur Aktenaussonderung bei den Landesversicherungsanstalten (20.8.1934). 21 22

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eben durch die Übernahme von Gefangenenpersonalakten aus bayerischen Strafanstalten.24 Unmittelbar nach dem offiziellen Errichtungstermin für insgesamt 24 Erbgesundheitsgerichte in Bayern – zum 1. Januar 1934 – bemühte sich Riedner bei den neuen Einrichtungen um eine künftige Archivierung von dort entstehenden Verfahrensakten. Deren Gutachten und Intelligenzprüfungsbögen dürften „für volks- und familienbiologische Forschungen […] von nicht zu unterschätzendem Werte“ sein. Er bezog sich dabei auf die Aussonderungsbekanntmachung von 1932 und die dortige Archivsachenregelung. Fast zeitgleich und mit nahezu identischer Begründung war ein Schritt bei den bayerischen Kreisregierungen als den Mittelbehörden der inneren Verwaltung vorgesehen. Es sollte der Anspruch auf diejenigen Akten zu staatlichen Ehestandsdarlehen angemeldet werden, die wegen erblicher Behinderungen abgelehnt worden waren.25 Hier blieb es ohne vorläufig ersichtlichen Grund bei einem Entwurfsschreiben der Generaldirektion, das zu den Akten ging. Die Archivierung der Erbgesundheitsgerichtsverfahren in den bayerischen Staatsarchiven scheiterte daran, dass sich das Reichsinnenministerium vorbehielt, eine Stelle für die gemeinsame Aufbewahrung für abgeschlossene Akten zu nennen. Im Juni 1934 wurde hierfür zunächst das Reichsgesundheitsamt bestimmt. 1935 und 1936 erfolgten dann Verfügungen des Reichsjustizministeriums zur Weitergabe der erledigten Erbgesundheits- und Ehegesundheitssachen an das für den Wohnort des Betroffenen zuständige Gesundheitsamt – für Riedner vermutlich ein neues Indiz für die Zersplitterung von Überlieferungen, die eigentlich den Archiven zustünden. In Reaktion auf die „Vorläufigen Vorschriften“ des Reichsjustizministeriums vom 26. April 1937 ging Riedner den Weg von Landesbehörde zu ehemaliger Landesbehörde: Im Juni 1937 wandte er sich an die Präsidenten der vier bayerischen Oberlandesgerichte als den Stellen, die nun für die Genehmigung von Aktenabgaben zuständig waren. Er verwies auf die fortdauernde Gültigkeit landesrechtlicher Vorschriften, die die Übernahmen durch die staatlichen Archive regelten, und bat um die MöglichStAAu, VA 51 I, Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns an die Präsidenten der bayerischen Oberlandesgerichte (21.6.1937) (Abdruck). Zunächst waren Akten aus der Strafanstalt Laufen an die Abt. Kreisarchiv des Hauptstaatsarchivs abgegeben worden. Auf die Heranziehung bereits archivierter älterer Strafakten hatte die Leitung der Kriminalbiologischen Sammelstelle damals verzichtet. Staatsarchiv München (StAM), Verwaltungsakten, AR II/4 (Generalakt 26), Abt. Kreisarchiv an Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns (26.11.1930). 25 Vorgänge in den Akten BayHStA, GDion Archive 560, 561. 24

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keit der archivischen Bewertung für Zivil- und Strafsachen, für die nun keine dauernde Aufbewahrung mehr vorgesehen war.26 Vor allem wandte er sich unter Verweis auf den Pfundtner-Erlass gegen die „Zerreißung“ der Registraturen durch Abgaben an die Gesundheitsämter und die „noch zu bestimmenden Stellen“ – die Sippenämter. Er wünschte unter Verweis auf den provisorischen Charakter der neuen Bestimmungen des Reiches ein Abblocken der Abgaben an andere Behörden. Die Wirkungen dieses Schrittes waren zunächst schwer abzusehen. Immerhin erließ der Präsident des Oberlandesgerichts Bamberg wenige Monate später an die ihm nachgeordneten Gerichte eine Anordnung, die den Argumenten der bayerischen staatlichen Archivverwaltung voll Rechnung trug.27 Der Verbleib der Akten der Erbgesundheitsgerichte stand hier nicht mehr zur Debatte, diese wollte der Jurist alter Schule (Jahrgang 1872) ohnehin den Gesundheitsämtern überlassen. In anderen Gerichtsbezirken hingegen mussten die Staatsarchive bei Behördenkontakten weiter für den archivischen Standpunkt werben.28 In den über den Dienstweg weitergereichten Mitteilungen von Justizbehörden über anstehende Aktenaussonderungen wiederholte sich häufig, dass unter den betroffenen Akten keine seien, „die für die Sippenkunde, die Rasseforschung und die Feststellung der Abstammung oder der Erbanlage eines Menschen von Bedeutung“ seien. Hier folgte man dem Wortlaut einer Allgemeinen Verfügung des Reichsjustizministerium vom Mai 1935, und entsprechend formelhaft war der Gebrauch.29 Die Generaldirektion gab Antwortschreiben an einzelne Justizbehörden zu eingesandten Aussonderungsverzeichnissen häufiger als Richtschnur im Abdruck an die Staatsarchive weiter – etwa, wenn auf den Quellenwert von Vorgängen zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen hingewiesen wurde, die nicht zur Anklageerhebung geführt hatten und die eigentlich Schreiben des Generaldirektors an die OLG-Präsidenten vom 21.6.1937 (wie Anm. 24).  StAAu, VA 51 I, OLG-Präsident von Bamberg an die Landgerichtspräsidenten (16.9.1937) (Abdruck). 28 Hierzu die Schreiben des Staatsarchivs Neuburg a.d. Donau an das Landgericht Kempten vom 17.12.1937 und 12.5.1943. StAAu, VA 60. 29 So die Ankündigung der Aussonderung von Zivil- und Strafakten ab 1917 bzw. 1910 durch den Präsidenten des Landgerichts Eichstätt vom 24.8.1937 oder die Bekanntgabe der Aussonderung von Urteilen ab 1880 durch den Präsidenten des Oberlandesgerichts Nürnberg vom 21.3.1938. Staatsarchiv Nürnberg, Verwaltungsakten HA IV/124 bzw. HA IV/128. Entsprechende Beobachtungen bei Kretzschmar, Überlieferungsbildung (wie Anm. 9), S. 39. 26 27

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durch die Raster der Archivierung fielen.30 Bei Zivilsachen mit geringem Streitwert wurde einem Einstampf nicht entgegengetreten, „es sei denn, daß in einem einzelnen Falle das typisch jüdische Geschäftsgebaren in besonders krassem Maße zu Tage träte.“31 Dass die Überlieferungsbildung im Bereich der Justiz mit den alten Vorschriften schwierig war und dass dies auch mit den neuen Bestimmungen so blieb, davon zeugen einzelne, willkürlich ausgewählte Beispiele aus Mittelfranken. Bei einer Aussonderung von Vorstandsakten des Oberlandesgerichts Nürnberg im Februar 1935 hatte das Staatsarchiv Nürnberg ganze zwei Akten übernommen, die jeweils in einem Zusammenhang mit den revolutionären Ereignissen von 1919 gestanden hatten. Alles andere galt als Stampfgut, darunter auch die angebotenen Personalakten.32 Von über 1200 Akten, die von der Staatanwaltschaft beim Landgericht Eichstätt 1938 ausgesondert wurden, schlug die Abgabebehörde insgesamt vier zur Archivierung vor, und zwar zu kleineren Vorfällen mit politischem Hintergrund aus der Zeit nach 1918. Zwei weitere wählte im Nachgang die Generaldirektion aus.33 Hingegen führte die Weisung des Reichsjustizministers vom 20. Juni 1939 über die Behandlung der geschichtlich wertvollen Akten in 17 Positionen entsprechende Unterlagen auf, die vom Bezug auf „führende Männer von Partei und Staat“ sowie „sonstige zeitgeschichtliche Persönlichkeiten“ bis hin zu „zeittypische[r] Kriminalität, Sensationsprozesse[n], Katastrophen, Kuriosa“ reichte und besondere Akzente aus der Ereignisgeschichte der letzten Jahrzehnte bezog. Daneben wurde für die als nicht geschichtlich wertvoll gekennzeichneten Akten ein abschließender Prüfdurchgang angeordnet.34 Damit wurden Verfügungen vom September 1935 und März 1937 aufgehoben, die der Sicherung der geschichtlich wertvollen Akten der Justizverwaltung dienen sollten.

StAAu, VA 51 i; Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns (i.V. Knöpfler) an Oberstaatsanwalt beim Landgericht Ansbach (8.6.1937) (Abdruck). 31 Zur Aufbewahrung von Urteilen, die Juden als Kläger oder Beklagte betrafen, das Schreiben des Generaldirektors (i.V. Hösl) an das Staatsarchiv Würzburg vom 25.6.1937, das dem Staatsarchiv weitgehend freie Hand gegeben hatte. BayHStA, GDion Archive 2554. – StAAu, VA 51 I, Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns (i.V. Knöpfler) an die Staatsarchive (20.8.1937), mit Bezug auf den Schriftwechsel mit dem Staatsarchiv Würzburg. Ein Beispiel für die Empfehlung dieses Auswahlkriteriums bei Forderungen, Wechselklagen etc. in StAAu, VA 60 (Landgericht Kempten). 32 Vorgang im Akt BayHStA, MJu 11420. 33 Vorgang in StAN, Verwaltungsakten, HA IV/124. 34 Deutsche Justiz, S. 1075. 30

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Für diese Aufgabe hatte das Oberlandesgericht München einen für ganz Bayern zuständigen Sachbearbeiter bestellt.35 Im Januar 1936 hatte ein Runderlass des preußischen Finanzministers und des Reichsinnenministers für die Personalakten aller Behörden ein vorläufiges Vernichtungsverbot verhängt. Im Hintergrund standen dabei die Auswertungsinteressen der Reichsstelle für Sippenforschung. Im gleichen Jahr war zwar der abschließende Verbleib tatsächlich archivwürdiger Personalakten in den Archiven bestätigt worden. Dennoch stand diese Aktengruppe unter einem Sonderstatus, der weltanschaulich bestimmt war. Auch hier wollte Riedner archivische Zuständigkeiten wahren. Nach einem weiteren Runderlass vom August 1936 begrüßte er zwar, dass die Archive entscheiden sollten, welche Akten dauernd aufbewahrt, vernichtet oder vor der Vernichtung von Sippenforschern verkartet werden sollten. Allerdings warnte er vor der Verkartung, „da an die Stelle der originalen Quelle eine Bearbeitung tritt, deren Richtigkeit später nicht mehr nachgeprüft werden“ könne. Er plädierte für eine Archivierung auch der zur Vernichtung vorgesehenen Akten, die freilich ausgedünnt werden sollten.36 Schließlich wies ein Runderlass des Reichs- und Preußischen Ministeriums des Innern im September 1937 die Staatsbehörden an, grundsätzlich alle abgeschlossenen Personalakten an die Archive abzugeben. Die Abgabeverzeichnisse waren dreifach zu fertigen. Eine Ausfertigung sollte an die Reichsstelle gehen, wo eine Verkartung der Akten zum Aufbau eines Zentralnachweises für die Abstammung der Volkszugehörigen eingeleitet werden sollte.37 Der weitere Gang der Personalaktenabgaben führte zu unüberschaubaren, von Provisorien beherrschten Verhältnissen.38 Die Hierzu die Vorgänge mit Verzeichnissen ab 1937 in BayHStA, GDion Archive 443, 444, 446. 36 StAAu, VA 51 I, Generaldirektor der Staatlichen Archive an die Staatsarchive (16.11.1936). Der Runderlass vom 24.8.1936 im Reichsministerialblatt der inneren Verwaltung S. 1159. 37 Runderlass vom 16.9.1937, Reichsministerialblatt der inneren Verwaltung S. 1533. 38 Zum Stau in den Behördenregistraturen bei der Aussonderung von Personalakten und zu den Unklarheiten über die weitere Bearbeitung Annette Hennigs, Das Staatsarchiv Münster zwischen Ariernachweisen, Sippenforschung und Rassenforschung. In: Kriese, Archivarbeit (wie Anm. 6), S. 295–306, hier S. 300–303. Siehe auch Robert Kretzschmar, „Kassationsgrundsätze allgemeiner und besonderer Art“. Zur Bewertungsdiskussion der preußischen Archivverwaltung 1936 bis 1945. In: Bernd Kasten – Matthias Manke – Johann Peter Wurm (Hrsg.), Leder ist Brot. Beiträge zur norddeutschen Landes- und Archivgeschichte. Festschrift für Andreas Röpcke, Schwerin 2011, S. 383–399, hier, S. 396 f., mit Bezug auf den Beitrag von Johannes Frederichs „Die Personalakten und ihre archivische Behandlung“ von 1944. 35

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Reichsstelle für Sippenforschung sollte zwar schrittweise einen Unterbau erhalten, der ab 1938/39 mit Landes- und Gausippenämtern in den an das Reich angegliederten Gebieten begann und einige Schwerpunkte auch im alten Reichsgebiet (etwa in Hessen-Nassau) bildete. In den bayerischen Gauen hingegen blieb dies in Ansätzen stecken. D i e g e r i ch t l i ch e A r ch iv p f l e g e Die Bestellung von Archivpflegern bei den Abgabebehörden war einer der Bausteine für den Schutz der staatlichen Überlieferungen. Die Justiz war der erste Verwaltungszweig, in dem Behördenmitarbeiter unterstützend auftraten. Im November 1937 ordnete das Reichsjustizministerium nach dem Vorbild des Oberlandesgerichtsbezirks Breslau die Benennung von Archivpflegern für jedes Land- und Amtsgericht an.39 In Bayern schien die neue Einrichtung Gelegenheit zu geben, die Staatsarchive als Empfänger einer ungeteilten Überlieferung zu präsentieren und die Anwendung der „Vorläufigen Vorschriften“ zu steuern. Vorarbeiten für eine Einweisung der künftigen Mitarbeiter bei den Gerichten leistete das Staatsarchiv Bamberg mit seinen guten Kontakten zum dortigen Oberlandesgericht. Eine Handreichung des Staatsarchivs gab Hinweise zur Kenntnis der Akten und zur Geschichte der Gerichtsorganisation, zur Registraturpflege sowie zu inhaltlicher Auswahl und Verzeichnung der zu archivierenden Akten. In der Generaldirektion wurden daraufhin in Zusammenarbeit mit dem Oberlandesgericht und der Generalstaatsanwaltschaft München „Erläuterungen“ für die neuen Archivpfleger verfasst, die im Juli 1938 an die Staatsarchive ausgegeben wurden. Sie umfassten 20 Seiten sowie Anhänge, erläuterten die Aufgaben vor Ort und verwiesen auf das Schriftgut, dem inhaltlich besonderes Augenmerk zu schenken sei. Gegliedert in acht Positionen, reichte dies von Unterlagen zu den Verfassungs-, Rechts- und Besitzverhältnissen von Reich, Ländern und Gemeinden und zur Geschichte der Rechtspflege sowie zum Eigentumsnachweis an Grund und Boden bis zum Personenstand und Namensrecht, der Sippen- und Rassenkunde Zu den Anfängen der gerichtlichen Archivpflege im Bereich der Staatsarchive Sigmaringen und Stuttgart Jürgen Treffeisen, Der behördliche Archivpfleger bei den Justiz- und Verwaltungsbehörden. Einrichtung und Aufhebung in Hohenzollern und Württemberg (1937–1964). In: Konrad Krimm – Herwig John (Hrsg.), Archiv und Öffentlichkeit. Aspekte einer Beziehung im Wandel. Zum 65. Geburtstag von Hansmartin Schwarzmaier (Werkhefte der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, Serie A, 9), Stuttgart 1997, S. 131–143, hier S. 137–141. 39

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sowie der Erbgesundheitsforschung. Klare politische Akzente setzten die Hinweise auf bedeutsame Unterlagen „für die Geschichte der Zerfallszeit und der nationalsozialistischen Erhebung (1918 ff.)“ sowie „für die Beurteilung des Judentums und des Freimaurertums“.40 Die Verankerung des von Riedner im Juni 1937 formulierten Standpunktes in den „Erläuterungen“ war ein Fortschritt, dem im Zeichen des Krieges meist wenig Zeit für praktische Anwendung blieb. Da sich die Hoffnung auf eine umfassende Neuregelung nach den „Vorläufigen Vorschriften“ in Verhandlungen zwischen Reichsjustiz- und Reichsinnenministerium nicht erfüllte, arbeiteten die Archive in den kommenden Jahren weiter gegen die Buchstaben und mussten sich auch über punktuelle Erfolge freuen.41 Otto Riedner war im November 1937 verstorben. Sein Amt wurde seitdem von seinem bisherigen Stellvertreter, dem Direktor der Staatsarchive Josef Franz Knöpfler, kommissarisch geleitet, also auch dies ein Zustand der Vorläufigkeit, der sich bis 1943 fortsetzen sollte. Knöpfler war viel eher ein Mann von Partei und Bewegung als der katholisch konnotierte Föderalist Riedner. Gleichwohl war auch er ein Verfechter der archivischen Belange, wiewohl abwartender und biegsamer als sein Vorgänger, nicht zuletzt wegen seiner ungesicherten Stellung an der Spitze der bayerischen staatlichen Archivverwaltung. Die komplizierten Verhältnisse bei der Überlieferungsbildung konnten auch in politischen Beurteilungen anklingen. Einer der beiden Verfasser der „Erläuterungen“ war Staatsarchivrat Hans Pregler, langjähriger Sachbearbeiter für Aktenaussonderung bei der Generaldirektion und maßgeblich an der Abfassung der Aussonderungsbekanntmachung von 1932 beteiligt. Dieser sei, so Knöpfler gegenüber dem Ressortministerium in einer Beförderungsfrage, zwar katholisch geprägt und verleugne dies auch nicht. Pregler gehörte nicht der NSDAP an. Aber er sei „ernstlich bemüht“, „alle Quellen für deutsche Familienund Sippenforschung getreu dem Hauptgrundsatz unserer Weltanschauung, der Lehre von Blut und Boden, zu erfassen und in die Archive zu 40 Die Zusammenstellung „Zur gerichtlichen Archivpflege“ des Staatsarchivs Bamberg vom 25.1.1938, unterzeichnet von Archivdirektor Paul Glück, sowie die „Erläuterungen“ in StAAu, VA 51 a. 41 Etwa wenn im März 1943 der Präsident des Oberlandesgerichts Nürnberg seine Amtsgerichte dazu anhielt, bei der Aussonderung von Vormundschaftsakten nicht so zu verfahren, dass fast nichts übrigbleibe. „Es muß alles Aktengut erhalten bleiben, welches für den Nachweis der Abstammung eines Volksgenossen von Bedeutung sein kann.“ StAAu, VA 60, Staatsarchiv Neuburg a.d. Donau an den Präsidenten des Landgerichts Kempten (12.5.1943).

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retten.“42 Der zweite Verfasser war Staatsarchivrat Ludwig Barthel, der bei der Generaldirektion Archivpflegeangelegenheiten bearbeitete und auch in der Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt war. Nachdem er die Archivalienausstellung „Der Kampf um das Reich in 12 Jahrhunderten“ betreut hatte, entwarf er – in beratender Archivpflege – im Sommer 1936 für die Pressestelle der Bayerischen Staatskanzlei einen Plan zur Ablage der dortigen Zeitungsausschnitte, der 21 Fächer um­fasste. Die zentralisierende Entwicklung der letzten Jahre nachvollziehend, stellte das Schema die Verfassung und Innenpolitik des Reiches an den Anfang. Von Barthel stammte vermutlich auch eine demgegenüber verschlankte Einteilung für das Archiv der süddeutschen Ausgabe des „Völkischen Beobachters“ von Ende des gleichen Jahres.43 Barthel zeichnete bis 1943 für die von der bayerischen Archivverwaltung herausgegebenen „Mitteilungen für die landschaftliche Archivpflege“ verantwortlich, die seit 1941 vor allem der Vermittlung von Informationen für den Schutz der Archivalien bei Gemeinden und Wirtschaftsunternehmen dienten, so bei Altpapiersammlungen und der Inanspruchnahme von Stellraum. 1948 führte er die Schriftleitung der nach kriegsbedingter Zäsur erschienenen „Mitteilungen“ weiter, nachdem er, zeitweilig dienstenthoben und dann entnazifiziert, im Angestelltenverhältnis wieder beschäftigt worden war. G r u n d r a s t e r we l t a n s ch a u l i ch e r Ü b e r l i e f e r u n g s b i l d u n g Es ist festgestellt worden, dass in den Jahren ab 1933 im konkreten Aussonderungsgeschäft die hergebrachten Bewertungsmuster dominierten, wenn dies auch mit der personellen Fluktuation und dem Mangel an Zeit für die Erarbeitung spezifisch nationalsozialistischer Archivierungsmodelle in Verbindung gebracht wurde.44 Heinrich Otto Meisner betonte in der schriftlichen Ausarbeitung seines Vortrages auf dem Deutschen Archivtag in Gotha vom September 193745 den zeitüberspannenden Charakter dessen, was „inhaltlich wichtig“ sei: Derartiges Schriftgut verweise auf den dauerhaften Charakter einer Einrichtung, es verbinde mit BayHStA, GDion Archive 3038, Stellungnahme vom 29.10.1938 für das Kultusministerium. 43 Die Schemata in BayHStA, GDion Archive 563. 44 So der Befund anhand der Bewertungsentscheidungen des Preußischen Geheimen Staatsarchivs bei Kober (wie Anm. 10) S. 309–313, 319, 322. 45 Zur Bedeutung dieses Archivtages für die Entwicklung der Bewertungsdiskussion Bodo Uhl, Bewertung von Archivgut. In: Der Archivar 43 (1990) Sp. 529–538, hier Sp. 531. 42

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einem „monumentum aere perennius“. Eher kassabel seien Archivalien, die einem bestimmten, vorübergehenden Zweck gedient hätten.46 Dies war in der Tradition der preußischen Staatslehre und der Verehrung des positiven Rechts gedacht. Nationalsozialistische Parameter waren andere. Robert Kretzschmar hat auf die Ansätze zu einer nationalsozialistischen Bewertungslehre hingewiesen, wie sie in dem Beitrag von Hermann Meinert, seinerzeit Hausreferent am Preußischen Geheimen Staatsarchiv, zu „Die Aktenwertung. Versuch einer methodologischen Zusammenfassung“ enthalten waren.47 Es deuteten sich bereits die Debatten an, die in der Nachkriegszeit zwischen Verfechtern einer strukturellen Lösung der archivischen Massenprobleme durch Provenienz und Funktionalität und den Anhängern inhaltsorientierter Ansätze geführt wurden. Auf Meinerts Leitsätze sei hier nochmals eingegangen. Sie nahmen zu „Herkunft“, „Gehalt“ und „Bestimmung“ der Akten Stellung. Die „Herkunft“ enthielt sehr wohl das Bekenntnis zur Provenienz, unter Berücksichtigung des Platzes der aktenbildenden Stelle im Stufenaufbau der Behörden. Das Kernstück von Meinerts Ausführungen findet sich allerdings im „Gehalt“. Tätigkeit mit Archivalien sei „stets auf das Einmalige, Einzigartige, Besondere gerichtet, niemals auf das selbstverständlich, weil naturhaft Gleiche, Exemplarische und in diesem Sinne Allgemeine.“ Der Wert des Aktenstücks ergebe sich also aus der Erkenntnis, welches Gewicht an historischer Besonderheit“ in ihm enthalten sei. Diese Besonderheiten stellte er in einen weltanschaulichen Bezugsrahmen: „Die maßstäblich anzulegenden Werte sind ausnahmslos solche, die sich aus dem Wesen menschlicher Gemeinschaft ergeben. Sie lassen sich den drei großen Gebieten Volk, Staat und Kultur zuordnen.“ Und: „Die Erkenntnis der durch natürliche und historische Faktoren bedingten Besonderheiten einer Sippe, einer Rasse, eines Stammes, eines Volksganzen gibt den Maßstab der Wertung“. Das Besondere des Individuums fand hier seine Grenze. Zu den herkömmlichen Familienforschern und Lebensbeschreibern zog Meinert die Scheidelinie: „Personengeschichtliche Maßstäbe können […] auch nur Heinrich Otto Meisner, Schutz und Pflege des staatlichen Archivgutes mit besonderer Berücksichtigung des Kassationsproblems. In: AZ 45 (1939) S. 34–51, hier S. 48. 47 Kretzschmar, Überlieferungsbildung (wie Anm. 9), S. 41 f. Abgedruckt als Anlage A zu den „Richtlinien für Aktenwertung und Kassationsverfahren“, die bei der Direktorenbesprechung vom 13.3.1939 zusammengestellt worden waren, in Nr. 5/1939 des Mitteilungsblattes der preußischen Archivverwaltung (S. 103–110). Die Anlage B enthielt, gleichsam als Gegengewicht, einen Auszug aus dem bereits zitierten Aufsatz von Meisner in der AZ 45 (wie Anm. 46). 46

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in Beziehung auf die menschliche Gemeinschaft Geltung beanspruchen […]. Die einzelne Person interessiert niemals für sich allein, sondern nur in ihrer Beziehung zu anderen in der Gemeinschaft […].“ Der Bezug auf das Individuum in der Bewertung, wie er sich zum Beispiel im Interesse für die Personalakten äußerte, und die von Meinert artikulierten Grundsätze ergaben somit keinen Widerspruch. Diese Gemeinschaften waren organisch und nicht mechanistisch gedacht. Der Stellenwert des Einzelnen bestimmte sich im Verhältnis zur Gemeinschaft. Diesen Einzelnen zu erfassen, war notwendig, um dessen Beitrag für die Volksgemeinschaft beurteilen zu können. Konsequent weitergedacht konnten sich Archivalien damit auch von ihrem Entstehungsort lösen. Sie konnten wandern, eben dorthin, wohin die Gemeinschaft wanderte, in deren Bezugsrahmen sie entstanden waren. Bei der „Bestimmung“ der Akten, nämlich deren Wert und Aussagekraft in der Zukunft, ob nun für Zwecke der Verwaltung („Gemeinschaftsgestaltung“) oder für die Bedürfnisse der Wissenschaft, zeigte sich Meinert durchaus im Einklang mit der Aktenkunde Brennekes und Meisners. Er unterstrich die Aufgabe der Archivare, mit ihren Kenntnissen von den historischen Zusammenhängen die im Zuge der Büroreform entstandenen Defizite auszugleichen, nämlich die Auflösung der zentralen Registraturen und den durch das Ausscheiden der alten Registratoren eintretenden Verlust an Wissen. Mit sozialwissenschaftlich orientierten Methoden und Richtungen der Geschichtsschreibung konnte Meinert nicht viel anfangen. Wohl könne man sich einer Überlieferung auch via Stichprobe oder zeitlich definierter Auswahl nähern. Auf der Skala zwischen dem Einzigartigen und dem Typischen sah er das Interesse der Geschichtswissenschaften freilich in der Nähe des Ersteren. „Bedeutung“ – die geschichtswissenschaftlich ermittelt werde (der Verf.) – müsse „dem Wesen aller historischen Begriffsbildung gemäß, immer eine Bedeutung des Besonderen und Einmaligen sein.“ Im Februar 1940 übernahm Meinert die Leitung des neu errichteten Reichsarchivs Reichenberg. Seine dortige Tätigkeit endete im Wesentlichen zwei Jahre später mit seiner Einberufung zum Wehrdienst und war zudem von einem mehrmonatigen Einsatz bei der Gruppe Archivschutz beim Militärbefehlshaber Paris unterbrochen. Aus seiner Reichenberger Praxis stammen ein Bericht über die Aussonderung beim örtlichen Finanzamt

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mit Kassationsvorschlägen und einer Positivliste für Archivsachen48 sowie Richtlinien für die Schriftgutpflege bei den Gerichten im Reichsgau Sudetenland. Diese gingen in Rundverfügungen des Präsidenten und des Generalstaatsanwalts beim Oberlandesgericht Leitmeritz ein, die von Zipfel als nach preußischem Vorbild gestaltet und „in ihrer Formulierung ausgezeichnet“ gelobt wurden. Eingeführt wurde damit: „Im nationalsozialistischen Staat hat die Pflege der geschichtlichen Überlieferung zum Besten der vielgestaltigen Aufgaben der Volkstums- und Heimatforschung besondere Vertiefung und Förderung erfahren. Der bedeutendste Teil dieser Überlieferung ist in dem bei den Dienststellen der öffentlichen Verwaltung entstandenen und fortwährend neu erwachsenden Schriftgut enthalten.“ Den Archivpflegern wurde eine Zusammenstellung für die positive Bewertung an die Hand gegeben, die bis auf einige, regional bedingte Ergänzungen derjenigen Liste entsprach, die in der Weisung des Reichsjustizministers vom 20. Juni 1939 über die Behandlung geschichtlich wertvoller Akten enthalten war. In zweiter Linie kam das Schriftgut zur Sprache, „welches vom Standpunkt der Rechtsprechung und der Justizverwaltung als dauernd aufzubewahren“ sei.49 Die Rezeption der „Aktenwertung“ Meinerts mutet auf den ersten Blick eigenartig an, nachdem ihr im März 1939 die Rolle eines Schlüsseltextes zugekommen war. Am Schluss des Beitrages hatte Meinert seine Ausführungen freilich „nicht am Ende, sondern am Anfang umfassender Untersuchungen“ zum Thema gesehen. Als er die Kassationskommission verlassen hatte, wurde seine dortige Tätigkeit offenbar an die Seite gerückt. Die Präsentation der bisherigen Arbeitsergebnisse durch Johannes Frederichs, den Nachfolger Meinerts, führte die „Aktenwertung“ mit falschem Titel und unrichtiger Belegstelle auf.50 Bei den Zwistigkeiten unter

Auszugsweise abgedruckt im Mitteilungsblatt der preußischen Archivverwaltung 1941, S. 83–89. Siehe auch Kretzschmar, Kassationsgrundsätze (wie Anm. 38), S. 393, Anm. 37. 49 Die Leitmeritzer Rundverfügung im Mitteilungsblatt der preußischen Archivverwaltung 1940, S. 121–124. 50 Veröffentlicht als Zusammenfassung seines Referats auf der Tagung der preußischen Staatsarchive in Marburg im Oktober 1941 im Mitteilungsblatt der preußischen Archivverwaltung 1941, S. 139–146. Übrigens gibt auch die von Wolfgang Leesch aus dem Nachlass von Adolf Brenneke herausgegebene Archivkunde in ihrer ersten Auflage von 1953 den Titel unrichtig wieder (S. 447), was in der Neubearbeitung der Archivbibliographie von 1993 korrigiert wurde. Die von Frederichs 1941 erwähnten „Grundsätze und Tabellen für die Kassation von Akten allgemeinen Inhalts“ aus der Feder Meinerts sind offenbar nicht publiziert worden. 48

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den Mitgliedern der Kommission fehlte nicht die politische Dimension.51 Alt-Parteigenossen trafen auf Neuankömmlinge, die bestrebt waren, ihre Gesinnungstüchtigkeit darzulegen, nach 1945 allerdings auch leichteren Zugang zu den neuen Verhältnissen finden sollten. Als Archivare nach 1945 wieder zu ersten Treffen zusammenkamen, gehörte die „Aktenwertung“ erneut zu den wichtigeren Schriften zur Bewertungsfrage, die zum Beispiel Adolf Diestelkamp in der Druckfassung seines Vortrages empfahl, den er im September 1947 in Detmold auf der Archivarstagung der britischen Zone gehalten hatte. Seine Ausführungen widmeten sich der künftigen Verfahrensweise bei Aktengruppen, denen seit 1933 politisch motiviertes Augenmerk gegolten hatte, nämlich den Personalakten und den personenbezogenen Unterlagen der Justiz. Korreferate zu Diestelkamp hielten Hermann Meinert und Fridolin Solleder, seit 1940 Leiter des Staatsarchivs Nürnberg.52 Meinert stellte nun fest, der NS-Staat habe bei den in Rede stehenden Unterlagen den Archiven „Auslesegesichtspunkte“ auferlegt, die deren „eigentliche[m] Wesen zuwider“ gelaufen seien. Er bejahte allerdings eine positive Auswahl als Mittel gegen die Aktenflut, dafür, dass dem Archiv „wirkliches Auslesegut und nur Auslesegut“ zugeführt werde. Bei den Übernahmen und Verkartungen nach 1933 wünschte er zwischen „Auswüchsen“ und dem zu unterscheiden, was „von dauerhafter Bedeutung war und deshalb einen Gewinn für die archivalische Theorie und Praxis“ darstelle. Und er sprach weiterhin gegen „die Anhäufung statistischen Materials“ zum Zwecke einer „vergleichende[n] und verallgemeinernde[n]“ Herangehensweise.53 Dieser Linie, nämlich durch Auswahl unter inhaltlichen Gesichtspunkten historisch gesichert „an das Wesen der Dinge“ heranzukommen, blieb er in späteren Äußerungen treu. Gegenüber dem Erhalt von Unterlagen für quantifizierende Forschung, dem Material für die „materialistische Methode und Statistik“ als „Symptome der Vermas-

Zu Meinerts Lebenslauf siehe Gerhard Menk, Vom preußischen und Reichsarchivar zum Frankfurter Stadtarchivdirektor: Hermann Meinert. In: Archivnachrichten aus Hessen 9/1 (2009) S. 41–45. Der im Institut für Stadtgeschichte – Stadtarchiv Frankfurt a. Main aufbewahrte Nachlass Meinerts (Bestand: S 1/70) enthält keine Unterlagen aus dessen Tätigkeit bei der Kassationskommission. Frdl. Mitteilung vom 25.5.2018. 52 Die künftige Behandlung der Personalakten und der bei den Gerichten erwachsenen Akten personengeschichtlichen und erbbiologischen Inhalts. Referat in: Der Archivar 1 (1947/48) Sp. 79–91, hier Sp. 89; Korreferate in: Der Archivar 2 (1949) Sp. 57–66. 53 Die Ausführungen Meinerts in: Der Archivar 2 (1949) Sp. 57–60. 51

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sung“ forderte er die „Bedeutung des Individuellen und des Irrationalen in der Geschichte“ ein.54 Natürlich interessiert hier auch die Stellungnahme Fridolin Solleders zu Adolf Diestelkamps Detmolder Vortrag. Seit seinen Verzeichnungsprojekten im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, die etwa zeitgleich zu den Erschließungsarbeiten Ernst Zipfels im Reichsarchiv gelaufen waren, hatte Solleder als Vertreter einer breiten Überlieferungsbildung gegolten, bei der moderne Massenakten ebenso berücksichtigt wurden wie Dokumentationen, die das herkömmliche Verwaltungsschriftgut begleiteten.55 Jetzt, wenige Jahre nach Kriegsende, warb er in eher rhapsodischen Ausführungen vor allem für Quellen zur herkömmlichen Familienforschung und würdigte bayerische Bewertungstraditionen, zumal in deren Unterschieden zu den preußischen. Zur Aktenaussonderung bei der Justiz befand er: „Alles, was vor dem Dritten Reich erlassen war, hat sich bewährt.“56 K r i e g s - u n d N a ch k r i e g s z e i t e n – Au s n a h m e z u s t ä n d e u n d S i ch e r h e i t e n Am 28. August 1939 war ein Führer-Erlass über die Vereinfachung der Verwaltung erfolgt, der bei der Aktenaussonderung Zeitdruck aufbauen konnte. Eine Woche nach Kriegsbeginn empfahl Josef Franz Knöpfler den bayerischen Staatsarchiven, im Falle des Drängens von Abgabebehörden mit dem Verweis auf Personalmangel Zeit zu gewinnen. Man solle sich aber grundsätzlich entgegenkommend zu zeigen und nicht buchstabengetreu auf den Vorgaben der Aussonderungsbekanntmachung von 1932 zu beharren, um Aktenverluste zu vermeiden.57 Einschneidend für das in der Bekanntmachung vorgesehene Anbietungsverfahren wirkte dann die Entschließung der bayerischen Staatsministerien des Innern und für Unterricht und Kultus vom 21. September 1940. Sie legte nämlich für 54 Hermann Meinert, Zur Problematik des modernen Archivwesens aus der Sicht eines Stadtarchivars. In: AZ 54 (1958) S. 97–102, hier S. 99 f. 55 Hierzu Solleders Beiträge zu den Kriegsstellen und Kriegswirtschaftsstellen sowie zur Reichswirtschaftskarte in der AZ 40 (1931) S. 153–188 und 42/43 (1934) S. 230–241. 56 Die Gefährdung der Personalakten durch die Kassation der Behörden. In: Der Archivar 2 (1949) Sp. 59–64. Zu den Korreferaten Meinerts und Solleders siehe auch Matthias Buchholz, Archivische Überlieferungsbildung im Spiegel von Bewertungsdiskussion und Repräsentativität (Archivhefte des Landschaftsverbandes Rheinland/Archivberatungsstelle 35), 2. Aufl. Köln 2011, S. 104 f. 57 StAAu, VA 50, Generaldirektor der Staatlichen Archive an die Staatsarchive (6.9.1939).

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die Dauer des Krieges die Entscheidung darüber, welches Schriftgut dem Altpapier zuzuführen oder aber an das zuständige Staatsarchiv abzugeben sei, in die Verantwortung des Vorstandes der jeweiligen Abgabebehörde, wenn auch „nach gewissenhafter Prüfung.“ Beigefügt waren zwei verhältnismäßig detaillierte Beispiellisten, nämlich über Stampfgut und über aufzubewahrende Unterlagen, die sich inhaltlich an dem bei den Landräten erwachsenden Schriftgut orientierten, also der staatlichen Verwaltungsbehörde vor Ort. Akten, „die Rechte und Verbindlichkeiten des Staates betreffen“, „die das politische Geschehen seit Mitte 1914 widerspiegeln (Krieg, Revolution, Inflation, Deflation, Kampf der Parteien, Sieg der NSDAP, Wirken der NSDAP)“ oder „die sonst geschichtlichen Wert haben oder die für die Sippenkunde, die Rasseforschung und die Feststellung der Abstammung oder der Erbanlage eines Menschen von Bedeutung“ seien, waren allgemein von einer Vernichtung auszunehmen.58 Ein Entwurf des Kultusministeriums für eine gemeinsame Bekanntmachung der im Lande Bayern noch verbliebenen Staatsministerien (Inneres, Unterricht und Kultus, Finanzen, Wirtschaft) und der Landesforstverwaltung war beim Umlaufverfahren im Sommer 1940 auf erhebliche Bedenken des Finanzministeriums gestoßen, und zwar aus Gründen der Haushaltsordnung59, und kam nicht zustande. Erst drei Jahre später, im Sommer 1943, erließen sämtliche Staatsministerien eine Bekanntmachung über die Aufbewahrungsfristen von Kassenbüchern, Belegen und Kassenrechnungen.60 Diese ging auf einen Runderlass des Reichsinnenministeriums zurück, der den Einstampf dieser Unterlagen erleichterte, falls von Archivseite keine Einwände erhoben würden. Bei den Personalakten wurde die Bewältigung des Aktenbergs durch den Raummangel bei den Abgabebehörden wie in den Archiven noch schwieriger.61 Wenn hinter dem Interesse an diesen Unterlagen ein weltanschaulich begründeter Personalismus gestanden hatte, der eben nicht mit Gesundheitszeugnissen und Gutachten zufrieden war, sondern sich StAAu, VA 50, Abdruck der Entschließung für das Staatsarchiv Neuburg a.d. Donau. Die entsprechenden Vorgänge vom Juli und August 1940 in BayHStA, Ministerium für Handel, Industrie und Gewerbe 41. 60 Bekanntmachung vom 18.8.1943. Regierungsanzeiger Nr. 232/236. 61 Für das Staatsarchiv Hamburg und zum Vorschlag des dortigen Leiters vom Januar 1943, bereits bei Schließung von ansonsten kassablen Personalakten nur die „sippenkundlich“ relevanten Unterlagen zu entnehmen und getrennt zu verwahren, siehe Sarah Schmidt, Das Staatsarchiv Hamburg im Nationalsozialismus (Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg 24), Hamburg 2016, S. 94 f. 58 59

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für das Wirken der Einzelperson und nicht der Strukturen interessierte, so scheiterte dies jetzt an Vorschriften und Maßnahmen des Luftschutzes. Im Oktober 1940 gab Knöpfler Akten einer Mittelbehörde über allgemeine Personalverhältnisse – Besetzungen, Versetzungen – zum Einstampf frei, falls sich „keinerlei Anhaltspunkte für den Nachweis der Abstammung“, wie Zeugnisse oder Lebensläufe, finden ließen.62 Im August 1943 setzte ein Runderlass des Reichsinnenministers zeitliche Schnitte bei den künftig von den Gausippenämtern zu bearbeitenden Personalakten und gab einen großen Teil der rückgestauten Akten zur Kassation frei. Ab 1945 ging es auch in der Aktenaussonderung gleichsam um eine Bergungsaktion von Gebäudeteilen in einer Trümmerlandschaft. Dazu zählte die ungeteilte Zuständigkeit der Archive für die Akten der Justizverwaltung, die mit den „Vorläufigen Vorschriften“ vom April 1937 ins Wanken gekommen war. 1948 sah Staatsarchivdirektor Ignaz Hösl, bis zum Vorjahr kommissarischer Leiter der bayerischen Archivverwaltung, sich nun als denjenigen, der schon im Juni 1937 bei den OLG-Präsidenten gegen die „Zerreißung“ der Überlieferung argumentiert habe. Eine Entschließung des Justizministeriums vom Januar 1947, die eine weitere Abgabe von Akten der Justizbehörden an die Gesundheitsämter ablehnte, führte er auf seinen Antrag vom März 1946 zurück, die staatlichen Archive als diejenigen Stellen zu bezeichnen, an die alles entbehrliche, aber dauernd aufzubewahrende Aktengut gelangen solle. Da die geplant gewesenen Sippenämter in Wegfall gekommen seien, drohe auch von dort keine Gefahr mehr.63 Dies betraf auch die Wortwahl und die Optik: Da in manchen Gerichten der Stempelaufdruck „Abzuliefernde Forschungssache“ verwendet wurde, wenn man eine Archivsache kennzeichnen wollte, so sollte der weichen, da es eben keine Ablieferung an andere Stellen mehr gebe.64 Anlässlich der Wiedereinführung der seit Kriegsende ruhenden gerichtlichen Archivpflege im März 1951 regte der seit 1947 amtierende Generaldirektor Wilhelm Winkler eine Überarbeitung oder Neufassung der „Erläuterungen“ an, auch wenn seiner persönlichen Meinung nach die Grundsätze von 1938 weiterhin „zum überwiegenden Teil als gute Basis“

StAAu, VA 116 f, Generaldirektor der Staatlichen Archive an Regierungsforstamt Schwaben (11.10.1940). 63 BayHStA, GDion Archive 2554, Generaldirektion der Staatlichen Archive (i.V. Hösl) an Staatsarchiv Bamberg (1.4.1948). 64 StAM, Verwaltungsakten, AR II/4 (Generalakt 26), Abt. Kreisarchiv an Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (10.11.1951). 62

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dienen könnten.65 Die Vorschläge aus den Staatsarchiven gingen ebenfalls in die Richtung, im Wesentlichen dabei zu bleiben und lediglich auf einige „zeitbedingte Formulierungen“ sowie auf die Bezüge zum Ariernachweis und zum Vierjahresplan zu verzichten. Für die Bewertungsdiskussion der Nachkriegszeit ist beobachtet worden, dass die in der Zeit des Nationalsozialismus entwickelten theoretischen Modelle und fachbezogenen Instrumente überleben konnten, „freilich unter Ausblendung, ja Verdrängung ihres historischen Hintergrunds“.66 Dies lässt sich an der Haltung von Hermann Meinert bestätigen. Er sprach in den 1950er Jahren gelegentlich an, dass er einst selbst den Versuch einer „Aktenwertung“ unternommen habe. Dabei ging er freilich auf die Fixpunkte seiner damaligen Werteempfehlungen nicht mehr ein.67 War dies nur ein Beispiel, so entsprach es doch einer allgemeineren Gefühlslage bei denjenigen, die zwischen 1920 und 1945 aktiv am öffentlichen Leben teilgenommen hatten. Kennzeichnend war eine Scheu, sich mit den Auswirkungen des Nationalsozialismus im beruflichen und örtlichen Umfeld oder in der eigenen Biographie zu beschäftigen. Im August 1948 konnte Generaldirektor Winkler den Staatsarchiven von der Vereinbarung zwischen den Staatsministerien für Sonderaufgaben und der Justiz Kenntnis geben, wonach die Akten der Spruchkammern nach deren Abschluss künftig bei den Amtsgerichten verwahrt werden sollten. Somit erübrige sich für die Archivverwaltung auch die Übernahme dieses Schriftgutes.68 Die Distanz galt auch dem Schriftgut, das direkt „zeitgebunden“ war und nicht von den traditionellen Einrichtungen stammte, bei denen man nun Zuflucht fand. So wurde die seit 1939 bei Städten und Gemeinden nach Geburtsjahrgängen angelegte Volkskartei in der frühen Nachkriegszeit bis auf Reste vernichtet.69 Was von den Akten und Karteien des ReichsarEbd., Generaldirektor der Staatlichen Archive an Staatsarchive (13.4.1951). Kretzschmar, Überlieferungsbildung (wie Anm. 9), S. 43. 67 Hermann Meinert, Von archivarischer Kunst und Verantwortung. In: Der Archivar 9 (1956) Sp. 281–286, hier Sp. 284. – Ders., Problematik des modernen Archivwesens (wie Anm. 54), S. 100. 68 StAAu, VA 51 I, Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns an die Staatsarchive (12.8.1948). 69 Dazu ergingen offenbar auf Anfrage Einzelentschließungen des bayerischen Innenministeriums, so im September 1948 an die Stadt Neuburg a.d. Donau. – Bemühungen im Jahre 1951, verbliebene Karteien auf dem Wege der landschaftlichen Archivpflege zu erhalten, in StAAu, VA 160 c; hierzu W[alther] Lampe, Die Volkskartei als genealogisch und soziologisch wertvolles Schriftgut. In: Der Archivar 3 (1950) Sp. 199. Zur Anlage der Kartei die Broschüre „Einrichtung von Melderegister und Volkskartei – Eine Anleitung 65 66

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beitsdienstes, der ein eigenes Archivwesen aufgebaut hatte, den Krieg und die unmittelbare Nachkriegszeit überdauert hatte, war verstreut.70 Als im Frühjahr 1946 über den Inhalt von zwei Eisenbahnwaggons an Personalunterlagen bayerischer und rheinischer RAD-Gliederungen zu befinden war, der im Schloss Wörth bei Regensburg aufgetaucht war, zeigten weder die Generaldirektion noch das Staatsarchiv Amberg Neigung, sich dieses Strandgutes anzunehmen71, auf dem zugleich die Beschlagnahme des Alliierten Kontrollrates lag. Es blieb dem altgedienten Archivar Hans Pregler vorbehalten, im Herbst 1946 die Staatsarchive darauf hinzuweisen, dass das im September 1940 „für die Dauer des gegenwärtigen Krieges“ vereinfachte Aussonderungsverfahren sein Ende haben solle. Nachdem der Krieg jetzt längst vorbei sei, habe vielmehr wieder uneingeschränkt die Bekanntmachung vom März 1932 zu gelten. Mit den Positivlisten von 1940 könne man ja als „Bewertungsmesser“ weiterarbeiten.72 Pregler hatte 1944 die Altersgrenze erreicht, er war aber im Amte geblieben, um über den Personalmangel der Kriegszeit hinwegzuhelfen. Jetzt besaß er eine vorläufige Beschäftigungserlaubnis der amerikanischen Militärregierung. In den Ruhestand trat er im April 1948, ein halbes Jahr bevor die Bemühungen der Archivverwaltung bei der Staatsregierung Erfolg hatten, die Regelungen von 1940 und 1943 außer Kraft zu setzen und die erneute Gültigkeit der Bekanntmachung von 1932 feststellen zu lassen. Die dort verankerte Kompetenz der staatlichen Archive wurde sogar gestärkt. Ohne deren Zustimmung durften keine Akten und Bücher von Gemeinden sowie von Körperschaften, Anstalten und Stiftungen öffentlichen Rechts dem Einstampf zugeführt werden. Vorkehrungen dazu konnten von der Archivverwaltung verboten werden, bis festgestellt war, ob sich darunter nicht Archivgut im Sinne der Bekanntmachung von 1932 befand.73 Der Archivschutzgedanke war weiter lebendig, und dazu gehörte die Kuratel über die nicht-staatlichen für den Bürgermeister“, Stuttgart 1940. – Jutta Wietog, Volkszählungen unter dem Nationalsozialismus. Eine Dokumentation zur Bevölkerungsstatistik im Dritten Reich (Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte 66), Berlin 2001, S. 158–160, 279 und passim. 70 Helmuth Croon, Aktenhaltung und Archivgutpflege im Reichsarbeitsdienst. In: Der Archivar 3 (1950) Sp. 175–177. 71 Vorgang in BayHStA, GDion Archive 548. 72 StAAu, VA 50, Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns (i.V. Pregler) an die Staatsarchive (1.10.1946). 73 Bekanntmachung sämtlicher Staatsministerien über Aktenaussonderung [o.D., unterzeichnet vom Ministerialdirigenten im Innenministerium]. Bayerischer Staatsanzeiger Nr. 41, vom 9.10.1948.

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Archive. Auch dies war ein Teil der Wirkungsgeschichte der Aussonderungsbekanntmachung von 1932. Bei den Verantwortlichen in den staatlichen Abgabebehörden blieb sie freilich wenig präsent, und je mehr die Zeit verstrich, desto öfter waren die Archive gehalten, dort an die Vorschrift zu erinnern. Für die staatliche Archivverwaltung in Bayern war die Bekanntmachung aber ein Haltegriff, der mithalf, ab 1945 zur Normalität des Aussonderungsgeschäfts zurückzukommen.

Die „Landschaftliche Archivpflege“ in der NS-Zeit in Bayern Von Klaus Rupprecht Bei der Archivpflege handelt es sich um eine Fachaufgabe, die spätestens seit um 1900 zum Selbstverständnis der staatlichen Archive in Bayern gehörte. Im Kanon der Fachaufgaben wurde und wird sie stets als ein die Kernaufgaben des staatlichen Archivars ergänzendes Tätigkeitsfeld angesehen. Definieren kann man die Archivpflege ganz grundsätzlich als „Fürsorge der staatlichen Archive für alle Archive, die nicht ihrer unmittelbaren Verfügungsgewalt unterworfen sind“.1 Im Kern handelt es sich dabei heute um die freiwillige fachliche Beratung und Unterstützung nichtstaatlicher Archiveigentümer, die selbst keine Facharchivare beschäftigen, bei der Betreuung ihrer Archive. Primär im Blick hatte und hat man dabei die mittleren und kleinen Kommunen und die privaten Archivbesitzer (v.a. Adel). Vor 1945 standen durchaus auch Religionsgemeinschaften, berufsständische Genossenschaften, Vereine und Wirtschaftsbetriebe im Blickfeld staatlicher Archivare. Es wandelten sich aber nicht nur die Ziele der Archivpflege je nach den Zeitumständen sondern auch deren Verständnis und die damit verbundenen Strategien.2 A r ch iv p f l e g e vo r d e m E r s t e n We l t k r i e g Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts äußerte sich die staatliche Sorge um kommunales Archivgut v.a. in Form von obrigkeitlichen Vorschriften und fachlichen Ermahnungen. Diese erfolgten nicht direkt durch die Archivverwaltung sondern auf dem Umweg über die Bezirksämter als Aufsichtsbehörden. Dazu kam stets der grundsätzliche Verweis auf die in der 1 Zitiert nach Bodo Uhl, Die Archivpflege in Bayern. In: Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern 29/30 (1983/84) S. 48–59, hier S. 48. 2 Vgl. Maria Rita Sagstetter, Die kommunale Archivpflege in Bayern – Grundlagen, Konzeption und Praxis. In: Dorit Maria Krenn – Michael Stephan – Ulrich Wagner (Hrsg.), Kommunalarchive – Häuser der Geschichte. Quellenvielfalt und Aufgabenspektrum, Würzburg 2015, S. 521–558. – Fritz Zimmermann, Die Archivpflege in Bayern. Eine Anleitung für Behörden und Archivpfleger (Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern, Sonderheft 6), München 1969.

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Gemeindeordnung enthaltene Pflicht zur Unterhaltung eines Gemeindearchivs und den sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Lagerung und Ordnung des Archivguts.3 All das schließt natürlich nicht aus, dass auf konkrete Anfragen von Gemeinden oder Privatarchivbesitzern auch konkrete Hilfen durch Staatsarchive geleistet wurden. Seit der Jahrhundertwende änderte sich diese Haltung grundlegend. Zu der Staatsaufsicht kam nun die Staatshilfe. Gerade in Bezug auf die Kommunen entschloss sich die staatliche Archivverwaltung zu einer aktiveren Rolle. Wie weitgehend die Fürsorge nun interpretiert wurde, zeigt eine Entschließung des Innenministeriums vom 8. August 1906. Die Pflicht zur Ordnung der Gemeindearchive wurde den Gemeinden dadurch schmackhaft gemacht, dass ein staatlicher Archivar dabei vor Ort mithelfen könne bzw. dass man das Archiv sogar zeitweilig in ein Staatsarchiv geben und dort verzeichnen lassen könne. Darüber hinaus wurde den Gemeinden – einer bereits begonnenen Praxis folgend – sogar die dauerhafte Deponierung in einem Staatsarchiv angedient. So heißt es: „Die Übergabe der gemeindlichen Archivalien an die Kreisarchive bietet die sicherste Gewähr für ihre ordnungsgemäße Verwahrung und Erhaltung und enthebt die Gemeindeverwaltungen der Fürsorge und Verantwortung. Dieser Weg kann insbesondere kleineren Gemeinden, denen geeignete Aufbewahrungsräume nicht zur Verfügung stehen, angelegentlichst empfohlen werden.“4 1908 stellte die bayerische staatliche Archivverwaltung sogar zwei staatliche Archivare zusätzlich ein, die sich insbesondere dieser Aufgabe widmen sollten. Sie waren institutionell beim Allgemeinen Reichsarchiv in München angesiedelt, die meiste Zeit des Jahres jedoch als Wanderarchivare unterwegs.5 Der Königsweg hieß nun also Inventarisieren und Deponieren unter maßgeblicher staatlicher Beteiligung. Die Gemeinden machten regen Gebrauch von diesen Angeboten mit massiven Auswirkungen für die Staatsarchive in Bayern bis heute, denkt man an die dort immer noch zahlreich hinterlegten Gemeindearchivdepots. Uhl (wie Anm. 1) S. 48. Als Beispiel sei verwiesen auf eine ministerielle Entschließung vom 18.5.1888 (Amtsblatt der Staatsministerien des königlichen Hauses, des Äußeren und des Inneren 1888, S. 199). 4 Amtsblatt der Staatsministerien des königlichen Hauses, des Äußeren und des Inneren 1906, S. 325. 5 Sagstetter (wie Anm. 2) S. 523. Einer der beiden Wanderarchivare war der spätere Generaldirektor Otto Riedner, der 1914 Bilanz zog: Otto Riedner, Das bayer. Gemeindearchivwesen Ende 1913. In: Archivalische Zeitschaft (AZ) NF 20 (1914) S. 231–270. 3

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A r ch iv p f l e g e i n d e r We i m a r e r Z e i t Grundsätzlich galt die Ministerialentschließung von 1906 auch nach dem Ersten Weltkrieg als Leitlinie. Allerdings waren die finanziellen und personellen Möglichkeiten und auch Ressourcen sowohl bei den staatlichen Archiven wie bei den Kommunen in der Nachkriegszeit viel schlechter als vor dem Krieg. Zunächst ging es 1919 darum, durch eine Umfrage den Stand der Gemeindearchive zu ermitteln bzw. sich einen Überblick über die Verluste zu verschaffen. Dass man z.B. im Staatsarchiv Bamberg wegen der fehlenden Berichte aus den Gemeinden knapp sechs Jahre brauchte, um auf diese Umfrage und deren Ergebnisse angemessen zu reagieren, spricht für sich schon Bände.6 1921 veröffentlichte die Generaldirektion erstmals „Winke für die bayerischen Gemeindebehörden zum Ordnen ihrer Gemeindearchive“, die 1922 wieder aufgelegt und 1926 erweitertet herausgegeben wurden.7 Aus den genannten finanziellen wie personellen Nöten heraus setzte man nun stärker auf die Eigenbeteiligung der Kommunen, die mit diesen „Winken“ selbständig arbeiten sollten. Zugleich hatte man aber auch erkannt, dass man den Gemeinden zwar Arbeit abgenommen, sie aber nicht vom aktuellen Nutzen des Archivs für die gemeindliche Verwaltung und die interessierte Öffentlichkeit überzeugt hatte. Für viele Gemeinden war mit der einmaligen Ordnung des Archivs das Thema erledigt; die Ergebnisse der Rundfrage von 1919 zeigten ein oft ernüchterndes Bild. Dennoch bot die staatliche bayerische Archivverwaltung weiterhin – zumindest für Unterlagen, die älter als 1820 waren – ihre umfassende Hilfe an. Diese umfasste neben der Beratung in Einzelfragen auch die Ordnung der Gemeindearchive durch einen staatlichen Archivar im Staatsarchiv – wenn damit nicht mehr als ein oder zwei Tage Aufwand verbunden war – mit anschließender Wiederherausgabe der Unterlagen oder deren Deponierung.8 Viel stärker als zuvor rückten in der Weimarer Zeit die Adelsarchive in den Fokus der Archivpflege. Durch den Verlust jeglicher herrschaftlicher Rechte, jeglicher Standesprivilegien und die in der Weimarer VerfasStaatsarchiv Bamberg (StABa), Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1150. Zur Rundfrage und deren Ergebnissen vgl. Ludwig Friedrich Barthel, Die Lage des bayerischen Gemeindearchivwesens. In: AZ 42/43 (1934) S. 212–229, S. 213 f. 7 Barthel (wie Anm. 6) S. 222. – Druck-Exemplar z.B. in StABa, Bezirksamt/Landrats­amt Hof (K 11) Nr. 5712. 8 Die beeindruckende Liste der bis 1933 geordneten Gemeindearchive bei Barthel (wie Anm. 6) S. 228–229. 6

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sung verkündete Auflösung der Fideikommisse verloren die Archive für den Adel nun ihre rechtliche Bedeutsamkeit. Sie bekamen für die Familie eine neue Qualität, was auch bedeuten konnte, dass man sich leichter davon trennen konnte – wie etliche Deponierungen von Adelsarchiven im Staatsarchiv Bamberg in den 1920er Jahren belegen.9 Zeitgleich rührte sich aber auch der historische Geist in etlichen Familien und es kam zu dem Versuch – nach dem Modell Westfalens – die „Vereinigten Adelsarchive Bayerns“ ins Leben zu rufen. Man wollte, „die wertvollen Schätze der Adelsarchive durch eigene Kräfte des Adels vor dem Verfall bewahren und der wissenschaftlichen Forschung nutzbar machen“10. Im Unterschied zu Westfalen war dem Projekt in Bayern kein Erfolg beschieden. Die Bestrebungen im Adel wie auch die Unruhe bei anderen nichtstaatlichen Archiveigentümern wie z.B. den Religionsgemeinschaften lassen sich mit den von Preußen aus gestarteten Bemühungen um ein Archivalienschutzgesetz erklären. Anfang 1922 hatte man in Preußen einen ersten Entwurf gefertigt, der eine umfassende Kontrolle des Staates über alle kommunalen, kirchlichen und privaten Archive vorsah.11 Die Diskussionen auf dem Archivtag in Gotha 1925 zeigen, dass dieser durchaus auch von anderen Ländern mitgetragen wurde. Als nach Jahren des Kompetenzgerangels zwischen dem Reich und den Ländern um die gesetzgeberische Hoheit klar war, dass das Reich diesbezüglich nicht aktiv werden würde, legte Preußen 1929 und 1932 zwei weitere Entwürfe vor. Diese ernteten aufgrund weitgehender Regelungen eines „ständigen staatlichen Aufsichts- und Fürsorgerechts“ starke Kritik v.a. von den Kirchen und den größeren Kommunen, aber auch von den Vereinigten Westfälischen Adelsarchiven. Ein Archivalienschutzgesetz, auf welches auch die staatliche bayerische Archivverwaltung gehofft hatte, kam so nicht zustande. Dennoch war die Besorgnis unter den Besitzern nichtstaatlicher Archive groß.

Als Beispiel mag hier das Archiv der Freiherren von Gebsattel genügen. – Der Beitrag beruht zusätzlich zu den Quellen des Kultusministeriums und der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns im Bayerischen Hauptstaatsarchiv auf der Archivpflegeüberlieferung in der Altregistratur des Staatsarchivs Bamberg. 10 Bernhard Grau, Adelsarchivpflege in Bayern. In: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 56 (2011) S. 703–737, hier S. 717. 11 Norbert Reimann, Kulturgutschutz und Hegemonie. Die Bemühungen der staatlichen Archive um ein Archivalienschutzgesetz in Deutschland 1921 bis 1972, Münster, Westfälisches Archivamt 2003, S. 5 f. 9

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Im Vergleich zu anderen Ländern des Reiches hielten sich die Initiativen und Wirkkräfte der nichtstaatlichen Archivpflege in Bayern – sieht man einmal von den erwähnten Ordnungsarbeiten ab – in der Weimarer Zeit sehr in Grenzen. Während in anderen Ländern nichtstaatliche Archivträger in Eigeninitiative die Betreuung nichtstaatlicher Archive organisierten – man denke nur an die Vereinigten Westfälischen Adelsarchive e.V. oder die in den preußischen Provinzen und zum Teil von den Historischen Kommissionen getragenen Archivberatungsstellen bzw. das dort initiierte Archivpflegersystem12 – und damit eigenverantwortliches Handeln demonstriert wurde, blieben ähnliche Versuche in Bayern, abgesehen von der gescheiterten Adelsvereinigung, aus. Dies gilt neben dem Privatarchivbereich insbesondere für die Kommunen bzw. deren Selbstverwaltungskörperschaft, den Distrikten bzw. Kreisen, die hier offenbar keinen Handlungsbedarf sahen. Die Kirchengemeinschaften antworteten auf die angedeuteten Begehrlichkeiten des Staates mit dem Auf- und Ausbau einer eigenen Archivorganisation.13 Dies bedeutet jedoch nicht, dass man in Bayern nicht mit großem Interesse die Vorgänge in anderen Ländern wahrgenommen und bewertet hätte. Zudem merkte man nun durch Mitteilungen aus den Bezirksämtern und aus eigener Anschauung, dass man mit dem beschrittenen Verfahren (Inventarisieren und Deponieren) im Grunde falsche bzw. einseitige archivpolitische Signale gesetzt hatte, indem man den Gemeinden Arbeit und damit auch Verantwortung abgenommen hatte. Hatte man von staatlicher Seite gemeint, man leiste mit den Inventarisierungen Hilfe zur Selbsthilfe, so sahen viele der kleinen Gemeinden die Archivpflege nun als erledigte Aufgabe an. Dies galt noch einmal mehr für jene Gemeinden, die ihr Archivgut in einem Staatsarchiv deponiert hatten. Recht plastisch schilderte Barthel 1934 seine auf diversen Dienstreisen zu kleineren Gemeinden gewonnenen negativen Erfahrungen zum Umgang mit ehemals von staatlichen Archivaren geordneten Gemeindearchiven.14 Norbert Reimann, Kommunales Engagement und Privatinitiative – 75 Jahre nichtstaatliche Archivpflege in Westfalen. In: Archivpflege in Westfalen und Lippe 57 (2002) S. 8–16. 13 Andrea Schwarz, Die Entstehung des Landeskirchlichen Archivs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und seine weitere Entwicklung. In: Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte 76 (2007) S. 22–36. 14 Barthel (wie Anm. 6) S. 214 f. Er schildert die Unkenntnis über den Verwahrort des Archivs sowie über den Lagerort der Schlüssel für die entsprechenden Räume und Schränke, die Überbelegung der Räume mit anderen Gegenständen z.B. von Vereinen oder der Feuerwehr, die Suche nach den einstmals gefertigten Repertorien etc., um zu schließen: 12

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Eine erste Reaktion auf diese Erkenntnis – und wohl auch auf die positiven Erfahrungen in anderen Ländern des Reichs – war 1932 das Angebot und die Durchführung „archivarischer Einführungskurse“ für alle Kommunen sowie für interessierte Kreise. Der damals zuständige Referent Ludwig Friedrich Barthel urteilte, „es dürften aber die Kurse dieser Art der geeignete, vielleicht der einzige Weg sein, um ein dauerndes und tatbereites Verständnis für Archive in den weitesten hierfür zuständigen Kreisen zu erwecken. Dann müsste es auch einmal möglich werden, jene Aufgaben der Archivpflege, die durch bloße staatliche „Fürsorge“ schon bisher nicht mit der wünschenswerten Beschleunigung und Eindringlichkeit geleistet werden konnten und in der Zukunft noch viel weniger geleistet werden können, zu „dezentralisieren“.15 Damit meinte er offenbar eine Art Archivpflegersystem, das er im gleichen Beitrag für wünschenswert, aber finanziell nicht realisierbar erachtete.16 Ein solches Archivpflegersystem hatte schon 1927 der Bamberger Staatsarchivar Paul Glück ins Spiel gebracht.17 Auf seine explizit als Neuerung bezeichnete Anregung, in den Bezirksämtern Bamberg I und II ehrenamtliche Archivpfleger zu installieren, reagierte die Generaldirektion skeptisch, aber nicht ablehnend. Sie werde das Vorhaben interessiert beobachten, der Erfolg des Modells sei aber wohl von der Lösung wichtiger Fragen wie des Findens geeigneter und beständiger Kandidaten wie des Aufbringens der nicht von staatlicher Seite zu leistenden Aufwandsentschädigung abhängig. Da in den folgenden Jahren in den einschlägigen Akten keine weitere Notiz davon zu finden ist, wird es bei der Idee geblieben sein.

„Es ist die bitterste Erfahrung aller staatlichen Archivbeamten, die im Laufe der letzten Jahrzehnte Gemeindearchive zu besichtigen hatten, dass selbst gegenüber geordneten Archiven das Verständnis der Gemeindeverwaltungen oft völlig versagt, dass diese vor allem keine Ahnung haben, wozu Archive nutzbar gemacht werden können. Auch geordnete Archive sind so nichts als eine Last; wie Mehlsäcke stehen oder liegen sie herum, weshalb die Pflege des gemeindlichen Archivwesens viel tiefer an die Wurzel des Übels greifen muss.“ 15 Barthel (wie Anm. 6) S. 221. 16 Barthel (wie Anm. 6) S. 222. „Solche Kurse haben geradezu das Pflegersystem zu ersetzen, dessen Einführung heute, auch wenn man es für den besten Weg zur Hebung des gemeindlichen Archivwesens hielte, an der Geldfrage scheitern müsste.“ 17 StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1150.

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A r ch iv p f l e g e i n d e r N S - Z e i t Der totalitäre Anspruch des „Dritten Reichs“ erfasste umgehend auch die Archive. Sie und mit ihnen die meisten Archivare wurden zu wichtigen und willigen Herrschaftsinstrumenten des NS-Staates.18 Erbhof- und Rassegesetzgebung rückten staatliche und nichtstaatliche Archive, die Informationen zur Hofgeschichte oder zur Familiengeschichte („volks- und sippenkundliche Quellen“) bereit hielten, gleichermaßen in den Fokus. Auch vor diesem Hintergrund wurde nun der Archivgutschutz als übergeordnetes archivpolitisches Ziel ausgegeben. Dahinter stand der allumfassende Anspruch des NS-Staates auf die Sicherung und Nutzbarmachung von Archivgut jedweder Provenienzstelle, beim Staat, bei den Gemeinden, in der Wirtschaft, in den Kirchen, beim Adel und vielen weiteren Registra­ turbildnern.19 Besonders in den Blick genommen wurden die Adelsarchive wegen ihrer umfassenden Überlieferung zu Grundherrschaft und freiwilliger wie streitiger Gerichtsherrschaft sowie die Kirchenarchive wegen der für die Familienforschung hoch relevanten Geburts-, Heirats- und Sterbematrikel. Bezüglich der Adelsarchive wurde die staatliche Archivverwaltung Bayerns nun erstmals von sich aus aktiv. Am 5. Dezember 1933 forderte die Generaldirektion mit dem Betreff „Sicherstellung familiengeschichtlicher Quellen“ alle Staatsarchive auf, bis zum Jahresende einen Überblick über die im jeweiligen Sprengel vorhandenen herrschaftlichen bzw. gutsherrschaftlichen Archive zu liefern sowie, wo nötig, geeignete Schutzmaßnahmen vorzuschlagen. In dem Schreiben heißt es: „Zur Sicherstellung eines nicht unerheblichen familiengeschichtlichen Quellenstoffes, der als amtlich und halbamtlich bei den ehemaligen Hofmarks-, Stadt- und Dorfgerichten angefallen ist, und sich heute teils im Besitz von adeligen und bürgerlichen Familien, teils im Besitz von Städten, Märkten, Gemeinden und Stiftungen befindet, beabsichtige ich der Staatsregierung eine Reihe von Schutzmaßnahmen vorzuschlagen. In erster Linie denke ich an ein staatliches Aufsichtsrecht und bei mangelnder Betreuung an zwangsweise 18 Astrid M. Eckert, Zur Einführung: Archive und Archivare im Nationalsozialismus. In: Robert Kretzschmar u.a. (Red.), Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart (Tagungsdokumentationen zum Deutschen Archivtag 10), Essen 2007, S. 11–21, hier S. 12. 19 Robert Kretzschmar, Überlieferungsbildung im Nationalsozialismus und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. In: Ders. u.a. (Red.), Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus (wie Anm. 18), S. 34–44, hier S. 36.

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Hinterlegung bzw. an Einzug solcher Archive. Ich hoffe die Zustimmung der Staatsregierung zu den geplanten Maßnahmen umso eher zu gewinnen, als es sich doch besonders auch um den schriftlichen Niederschlag freiwilliger Gerichtsbarkeit handelt, also z.B. um Vertragsprotokolle, die ja für die Geschichte einzelner Familien und Anwesen von ausschlaggebender Bedeutung sind.“ 20 Die Antworten zeigten die reichhaltige, noch in Privathand befindliche Überlieferung v.a. in Franken mit 95 von insgesamt 150 in Bayern gemeldeten Archiven. Sie legen aber auch Zeugnis ab von der unterschiedlichen Herangehensweise der Archivare. Der Bamberger Staatsarchivar Paul Glück reagierte eher moderat, während im Gegensatz dazu der Coburger Archivverwalter Walter Heins mit Blick auf ein bestimmtes, ihm bisher offenbar unzugängliches, Archiv äußerte. „Gerade in Anbetracht des letztgenannten Falles kann man nur auf das Lebhafteste bedauern, dass ein Archivalienschutzgesetz bzw. ein staatliches Aufsichtsrecht über gefährdete Privatarchive noch nicht besteht. Hier hat gerade der nationalsozialistische Staat noch eine fühlbare Lücke zu schließen. […] Die Ergreifung von Schutzmaßnahmen seitens des Staates, insbesondere die Einführung eines staatlichen Aufsichtsrechtes über die einst amtlich geführten Archivalien, dessen Fehlen bisher schon manchen beklagenswerten Verlust herbeigeführt hat, erscheint nur begrüßenswert. Den Besitzern derartiger Archivalien müsste deren Pflege und Erhaltung zur Pflicht gemacht werden. Zunächst wären sie, um überhaupt die einzelnen Archivbestandteile ermitteln zu können, zur Verzeichnung ihrer Archive und Einsendung der Verzeichnisse an das zuständige Staatsarchiv zu veranlassen.“ 21 Wenn sie das nicht tun würden, müsse der zuständige Staatsarchivar Zugang bekommen, um geeignete Maßnahmen zur Erhaltung und Sicherung des Archivs vorzuschlagen. Den eingesandten Berichten folgten allerdings keine Taten.22 Es kam zu keinen vom Ministerium oder der Archivverwaltung  Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 374. – StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1262. – Grau (wie Anm. 10) S. 718. 21 Die Stellungnahmen von Glück und Heins in StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1262. – Für die anderen Staatsarchive vgl. BayHStA, GDion Archive 374. 22  Zumindest erwähnenswert scheint jedoch die mit Bezug zu Archivalien im Besitz der Grafen Montgelas an das bayerische Justizministerium herangetragene und dort auch beantwortete Prüfung der Frage, wie Urkunden von höchster Bedeutung, die sich im Besitz von Privatpersonen befinden, in staatliches Eigentum überführt und der wissenschaftlichen Forschung allgemein zugänglich gemacht werden können. Das Justizministerium verwies auf die Möglichkeit der Schaffung neuer landesrechtlicher Regelungen zum Ent20

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verordneten Maßnahmen oder gar gesetzlichen Regelungen in Bayern, was wohl in Teilen den wiederaufflammenden Bemühungen um ein umfassendes Archivgutschutzgesetz im Reich geschuldet war, wie noch zu zeigen sein wird. Die Lage im Bereich der Gemeindearchive und der Fürsorge um diese fasste Ludwig Friedrich Barthel 1934 zusammen.23 Er malte zunächst ein äußerst düsteres Bild von deren Zustand, trotz der bisherigen Bemühungen in Bayern und schreibt dann, man müsse tiefer an die Wurzel des Übels greifen. Barthel24, obwohl als NS-freundlicher Schriftsteller und Lyriker eignungswesen und -verfahren und die dabei zu erfüllenden Bedingungen (undat., vor Juli 1935), BayHStA, MJu 11416. Herrn Dr. Bernhard Grau sei für diesen Quellenhinweis herzlich gedankt. 23 Barthel (wie Anm. 6) S. 215–218. 24 Zur Person vgl. die beiden Personalakten BayHStA, GDion Archive 2747 und Kultusministerium (MK) 45418 (nur: 1922–1941), dann Fritz Zimmermann, Nachruf Staatsarchivrat a.D. Dr. Ludwig Friedrich Barthel. In: Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern 8 (1962) S. 35–36, Annemarie Barthel, Ludwig Friedrich Barthel. In: Im Bannkreis des Schwanbergs. Heimat-Jahrbuch für den Landkreis Kitzingen 1968, zuletzt Sybille Wallner – Hans Michael Hensel (Bearb.), Ludwig Friedrich Barthel 1898–1962. Der Nachlass im Monacensia Literaturarchiv mit einem Verzeichnis wichtiger im Druck erschienener Werke, 2. verb. u. erg. Aufl., Segnitz 2016. – Parallele Neuerscheinung: Klaus Rupprecht, Ludwig Friedrich Barthel (1898–1962) und die Einführung der „Landschaftlichen Archivpflege“ in Bayern. In: Peter Fleischmann – Georg Seiderer (Hrsg.), Archive und Archivare in Franken im Nationalsozialismus (Referate der Tagung vom 13.–14.10.2017) (Franconia. Beihefte zum Jahrbuch für fränkische Landesforschung 10), Erlangen 2019, S. 153–184. Barthels erste Dienststelle von 1925 bis 1930 war das Staatsarchiv Würzburg. Seine Tätigkeit als Theaterkritiker und Literat in Würzburg brachte ihn in Konflikt mit Teilen des Würzburger öffentlichen Lebens. Dem Vorwurf, er sei Kommunistenfreund, begegnete er mit dem Argument, er sei politisch nicht gebunden, er schreibe sowohl für rechte wie linke Zeitschriften. Zum 1. April an das Bayerische Hauptstaatsarchiv versetzt, wurde er sukzessive an das Referat (kommunale) Archivpflege herangeführt. Sein dichterisches Wirken konnte er dank Stundenreduzierung (mit Gehaltsverzicht) fortsetzen. Der neue Staat, die NS-Bewegung, begeisterte ihn in ihrer Wirkmächtigkeit. Dies brachte er z.B. in dem Gesang „Von der Schönheit des neuen Vaterlandes“ (März/Mai 1933) und dem Aufsatz „Geist und Reich“ in den Münchner Neuesten Nachrichten vom 12.7.1933 zum Ausdruck. 1934 wurde er durch die Reichsschrifttumskammer in das deutsch-nordische Schriftstellerhaus nach Travemünde eingeladen; im Reichsverband Deutscher Schriftsteller München-Oberbayern leitete er die Fachschaft Lyrik. Die Versbände „Dem inneren Vaterlande“ sowie „Tannenberg. Ruf und Requiem“ festigten seinen frühen Ruhm. 1936 holte ihn seine Würzburger Vergangenheit ein. Man zweifelte an seiner Gesinnung wegen in Würzburg angeblich gezeigter „Juden- und Kommunistenfreundlichkeit“. Die politische Polizei Würzburg berichtete am 26.8.1936, „dass Dr. Barthel vor dem nationalen Umschwung politisch keineswegs in der Weise eingestellt war, in der er sich heute betätigt“ (BayHStA, MK 45418). Seine Karriere als Lyriker geriet kurzzeitig ins Stocken, doch seine

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Dr. Ludwig Friedrich Barthel (1898–1962), um 1960 (Foto: Hilde Zemann (1922–2011), Heidelberg, veröffentlicht in: Rudolf Ibel, Geheimnis der Flöte. Gedenkrede für Ludwig Friedrich Barthel, Hamburg 1963. Archivsignatur: Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Bildersammlung).

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bekannt, argumentierte in seinem Beitrag im Wesentlichen archivfachlich, wenn auch sehr blumig, ohne seine Argumente mit der NS-Doktrin zu hinterlegen. Lösungsansätze wie der Einsatz neuartiger Findmittel (Karteien), die Intensivierung von Schulungen und die Ausstattung der Beamten des mittleren Diensts auch mit Fachwissen in Bezug auf Registraturund Archivwesen, werden kombiniert mit Ausführungen zur Stärkung des Bewusstseins von den Archiven als Hilfsinstrumenten der Verwaltung wie dem Willen das ungeschichtliche Denken in den Gemeinden zu beseitigen. Barthel setzte auf das Modell der Dezentralisation, worunter er verstand, die Verantwortlichkeiten wieder auf der gemeindlichen Ebene zu verankern und möglicherweise ein Pflegersystem zu etablieren. Gegen verantwortungslos agierende Gemeinden forderte er jedoch andererseits ein härteres Vorgehen. So argumentierte er mit Bezug auf die Deponierungen von Gemeindearchiven in Staatsarchiven, dass aus der Kann-Bestimmung von 1906 eine Muss-Bestimmung zu machen sei: „Trotz meiner grundsätzlichen Einstellung, die gemeindlichen Archive an Ort und Stelle zu belassen, gehe ich darum bis zur „Stabilisierung“ der gemeindlichen Archivverhältnisse so weit zu behaupten, dass die Kann-Bestimmung der oft erwähnten Ministerialentschließung nicht ausreicht gegenüber Zuständen, die zuweilen ans Lächerliche grenzen. […] Bei einer künftigen Regelung wäre deshalb die Bestimmung angezeigt, dass gemeindliche Archive an das zuständige Staatsarchiv zur Verwahrung übergeben werden müssen, wenn die Archivverwaltung durch Augenscheinnahme festgestellt hat, dass die Aufbewahrung oder die Verwaltung eines gemeindlichen Archivs billigen Ansprüchen nicht genügt. […] Gemeinnutz geht vor Eigennutz.“25 Konkrete Schritte der Staatlichen Archivverwaltung Bayerns folgten allerdings auch hier erst einmal nicht. Die Versuche des NS-Staates auf die Kirchenarchive, v.a. auf die Pfarrmatrikel, zuzugreifen, hat für die katholische Seite in Bayern Peter Pfister26 43seitige Rechtfertigungsschrift und das Gutachten des Generaldirektors Dr. Riedner bewirkten, dass sich die Wogen bald wieder glätteten. Gesundheitlich war Barthel jedoch nun angegriffen. Als Dichter erarbeitete er sich bis zum Kriegsende Anerkennung, erhielt Auszeichnungen und wurde stets zu Dichterlesungen im Inland wie im von deutschen Truppen besetzten Ausland eingeladen. Ludwig Friedrich Barthel gehörte auch dem NS-nahen „Bamberger Dichterkreis“ an, vgl. Wulf Segebrecht (Hrsg.), Der Bamberger Dichterkreis 1936–1943. Eine Ausstellung in der Staatsbibliothek Bamberg 1985 (Helicon. Beiträge zur deutschen Literatur 6), Frankfurt am Main u.a. 1987, S. 93–101. 25 Barthel (wie Anm. 6) S. 224 f. 26 Peter Pfister, Selbstbehauptung, Kooperation und Verweigerung. „Ariernachweise“ und katholische Pfarrarchive in Bayern. In: Das deutsche Archivwesen im Nationalsozialismus

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anschaulich beschrieben. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, die Nürnberger Gesetze u.a.m. verlangte den Nachweis „rein arischer Abkunft“ von fast allen Deutschen. Damit wurden die kirchlichen Tauf-, Trau- und Sterbematrikel für die Nationalsozialisten zu einem Objekt der ständigen Begierde. Die katholische Kirche wehrte sich entschieden gegen das Anliegen des Reichsinnenministeriums und dann auch des bayerischen Kultusministeriums zur „Sicherung und Auswertung alter Kirchenbücher für die rassenkundlichen Untersuchungen“. Den Eingriff in das kirchliche Eigentumsrecht konnte man zwar verhindern, nicht aber die Auskunftspflicht bei entsprechenden Anfragen. 1935 forderte die Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns alle Diözesen auf, ein Verzeichnis der vorhandenen Kirchenmatrikel der Pfarreien einzusenden, da man ein Matrikelverzeichnis im Druck erscheinen lassen wollte. Dieses verfolgte „den Zweck, den familien- und rassekundlichen Forscher mit möglichster Beschleunigung einen billigen handlichen Führer durch die Matrikelbestände der Pfarrarchive zu geben“.27 Ferner würde ein solches Verzeichnis die Matrikel in ihrem Bestand sichern, es sei daher ein vorzügliches Mittel, Auswirkungen eines möglichen Archivalienschutzgesetzes im Sinne der Kirche zu gestalten. Die katholische Kirche gewährte staatlichen Archivaren kein Zugangsrecht zu ihren Beständen, aber man erklärte sich bereit, das von staatlicher Seite ausgearbeitete Formblatt den eigenen Recherchen und dann folgenden Mitteilungen zugrunde zu legen. Die Datenerhebung in und durch die Kirchenarchive sowie die fälligen Nachrecherchen von staatlicher Seite dauerten viel länger als gedacht, auch weil die Generaldirektion dem Vorgang nicht unbedingt die Priorität zuordnete, wie es z.B. das Reichssippenamt wünschte. 1938 erschien als erstes Exemplar das „Pfarrbücherverzeichnis für das Erzbistum München-Freising“. Darin schreibt Generaldirektor Otto Riedner: „Der neue Staat gründet sich auf die Reinheit von Familie und Rasse, für ihn sind die Erschließung und Schutz aller familien- und rassekundlichen Quellen selbstverständliche Aufgaben

(wie Anm. 18), S. 116–138. – In erweiterter Fassung: Peter Pfister, Der Kampf um die Pfarrmatrikeln in der Zeit des Nationalsozialismus. Die bayerischen Bischöfe zwischen Selbstbehauptung, Kooperation und Verweigerung. In: Peter Pfister (Hrsg.), Pfarrmatrikeln im Erzbistum München und Freising. Geschichte – Archivierung – Auswertung (Schriften des Archivs des Erzbistums München und Freising 19), Regensburg 2015, S. 37–68. 27 Pfister, Selbstbehauptung (wie Anm. 26), S. 132.

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geworden“28, um dann aber einschränken zu müssen, dass eine Benützung der Matrikel in den Pfarrarchiven nur in Anwesenheit des Pfarrers oder einer anderen geeigneten Aufsichtsperson stattfinden könne. Der Verweis auf die Bestrebungen des Reichssippenamts macht ein weiteres wichtiges Motiv in Bezug auf die archivpflegerische Tätigkeit der staatlichen Archive deutlich, und zwar deren Rivalität mit den neu gegründeten NS-Ämtern und Organisationen um die Überlieferungsbildung. Es war vor allem das Reichssippenamt (mit seiner Abteilung Schriftdenkmalschutz), das eine rege, die Sicherung und Bereitstellung sippenkundlicher Überlieferung betreffende Tätigkeit entfaltete.29 Das Beispiel der Pfarrmatrikel macht dies gut deutlich. Im Gegensatz zu den eher zögerlichen staatlichen Stellen vertrat dieses dezidiert die Auffassung, die Pfarrarchive direkt unter die Aufsicht des Staates zu stellen und diese durch staatliche Archivpfleger kontrollieren zu lassen. Der Leiter des Reichssippenamtes ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er betonte, eigentlich sei sein Amt die rechtmäßige Institution für die Aufbewahrung der Pfarrmatrikel.30 Schon allein aus diesem Beispiel kann man ersehen, unter welchen Josef Klemens Stadler (Bearb.), Pfarrbücherverzeichnis für das Erzbistum München und Freising (Pfarrbücherverzeichnisse für das rechtsrheinische Bayern 1), München 1938, Vorwort. 29 Diana Schulle, Das Reichssippenamt. Eine Institution nationalsozialistischer Rassepolitik, Berlin 2001. 30 Pfister, Selbstbehauptung (wie Anm. 26), S. 134. – Allgemein zum Thema des konkurrierenden Zugriffs von Staat und Partei auf Archivgut: Mathis Leibetseder, Konkurrenz als handlungsleitendes Moment. Zur Politik der Preußischen Archivverwaltung auf dem Gebiet der Archivpflege vor und nach 1933. In: Sven Kriese (Hrsg.), Archivarbeit im und für den Nationalsozialismus. Die preußischen Staatsarchive vor und nach dem Machtwechsel von 1933 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Forschungen 12), Berlin 2015, S. 371–406, dann Kretzschmar (wie Anm. 19) S. 38–40. – Neben dem Reichssippenamt gab es weitere NS-Organisationen, die in Konkurrenz zu den staatlichen Archiven traten, etwa das NS-Hauptarchiv in München, der Reichsbauernführer (Dokumentensammlung) oder, um ein konkretes Beispiel zu benennen, das Sippenarchiv der Reichsleitung des NS-Lehrerbundes in Bayreuth, in dem sich Unterlagen der Adelsarchive Rudolphstein, Gottsmannsgrün und Gattendorf befunden haben, die im „Haus der Erziehung“ in Bayreuth lagerten und dort zum größeren Teil zum Ende des Kriegs vernichtet wurden. Im Staatsarchiv Bamberg findet sich heute noch der Rest des Gattendorfer Archivs (StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1262). – In Schwaben kam es ab Februar 1938 zu einem Konflikt zwischen dem Gauheimatpfleger Dr. B. Eberl, dessen Assistent Dr. Dr. Alfred Weitnauer und der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns. Eberl und Weitnauer hatten sich zu sehr dem Feld der Archivpflege angenommen, Eberl strebte gar ein unter der Leitung der Gauheimatpflege stehendes „schwäbisches Heimatarchiv“ an, die Generaldirektion verwies auf die Fachhoheit 28

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Druck von außen die staatlichen Archive nun gerieten. Die katholische Kirche reagierte mit der Einführung eigener kirchlicher Archivpfleger sowie einer weiteren Professionalisierung ihres kirchlichen Archivwesens. Noch deutlicher und vor allem drängender wurde der Konkurrenzdruck der staatlichen bayerischen Archivverwaltung mit NS-Organisationen und der Zugzwang, unter welchen sie geriet, in der Frage des Umgangs mit dem Schriftgut anderer nichtstaatlicher Organisationen, die im Zuge der totalitären Revolution zunehmend zerschlagen, aufgelöst und verboten wurden, wie etwa von Gewerkschaften, Parteien, Innungen oder der jüdischen Glaubensgemeinschaft. Wo möglich, reklamierte die staatliche bayerische Archivverwaltung das Schriftgut für sich und wirkte so an der Auflösung der pluralistischen Gesellschaft mit. Die Federführung bei der Auflösung solcher Institutionen und der Einziehung deren Schriftguts kam in der Regel der Geheimen Staatspolizei zu. In deren Schlepptau versuchte die Archivverwaltung das entsprechende Archivgut zu sichern, so u.a. bei der Sicherstellung der Archive der jüdischen Gemeinden 1938.31 Hier konnte die staatliche bayerische Archivverwaltung mit dem Reichssicherheitsdienst eine Vereinbarung schließen, wonach die in Bayern beschlagnahmten „Judenakten“ an die zuständigen Staatsarchive abzugeben wären. Der SD verteidigte diese Position auch gegen das Bestreben der Reichsstelle für Sippenforschung, welche zumindest die jüdischen Matri­ kel des ganzen Reichs an sich ziehen wollte. Argumentiert wurde, dass man eine Zerreißung der Bestände als sehr unglücklich ansehen würde. Als der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns die Nachricht von der möglichen Aufhebung von Klöstern (u.a. St. Ottilien) zu Ohren kam, wandte diese sich umgehend an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus. Der kommissarische Generaldirektor Dr. Josef Franz Knöpfler schrieb am 19. Mai 1941: „Ich möchte unmaßgeblich den Vorschlag unterbreiten, dass ähnlich wie bei der Beschlagnahme des jüdischen Schriftguts der Generaldirektor der Staatsarchive bzw. die zuständer staatlichen Archivverwaltung, die Gültigkeit des Registratur- bzw. Provenienzprinzips, das die Zersplitterung von Beständen verhindern solle, und das in Planung befindliche Archivpflegersystem (BayHStA, GDion Archive 2611). 31 StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1098, Protokoll vom 3.4.1939 über Archivpflegebesprechung bei der Generaldirektion. Vgl. auch Herbert Schott, Die Beschlagnahme jüdischen Archiv- und Registraturgutes sowie jüdischer Standesregister in Bayern im Dritten Reich. In: Stadtarchiv – Wissenschaftliche Stadtbibliothek – Stadtmuseum Ingolstadt (Hrsg.), Ingolstadt im Nationalsozialismus. Eine Studie (Dokumentation zur Zeitgeschichte 1), Ingolstadt 1995, S. 473–487.

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digen Staatsarchive zu Treuhändern für die Klosterarchive bestellt, diese in die Archive überführt werden, dort aber vorerst zur Verfügung des SD stehen.“32 Knöpfler wurde, wie er dem Generaldirektor der Staatsarchive und Direktor des Reichsarchivs Potsdam im August 1942 berichtete, auch persönlich tätig: „Als mir bekannt wurde, dass Altötting aufgehoben werden solle, habe ich mich in meiner Eigenschaft als SS-Sturmbannführer im S.D. eingeschaltet, um zu verhüten, dass etwa Klosterarchive ohne Not aus dem Lande kämen. Denn ich stehe auf dem Standpunkt, dass das oft hochwertige Archivgut der Klöster als mit der Gegend oder Provinz verwachsen, im Lande bleiben und der landesgeschichtlichen Forschung erhalten bleiben sollte. Es ist denn auch gelungen, dass mich das S.D.Hauptamt in Berlin persönlich als Treuhänder für das in Bayern sichergestellte Klosterarchivgut bestellt hat und die bei der Geh. Staatspolizei in Verwahrung befindlichen Kisten mit dem Altöttinger Archiv zur weiteren Sicherstellung an das Hauptstaatsarchiv übergeben wurden.“33 Der totalitäre Staat wäre im Grunde der ideale Nährboden für ein umfassendes Archivalienschutzgesetz gewesen. Die Archivverwaltungen hofften darauf, um ihrem archivpflegerischen Tun eine rechtliche Grundlage zu geben und um einen größeren Handlungsspielraum zu bekommen. Sie forcierten die Bemühungen um das Archivalienschutzgesetz aber gerade auch vor dem Hintergrund der Stärkung der eigenen Stellung als archivische Fachbehörde im Vergleich zu den anderen nach nichtstaatlichem Schriftgut strebenden NS-Organisationen. Unter Federführung der preußischen Archivverwaltung, und sicherlich mit Billigung der anderen Archivverwaltungen, wurde 1934 ein neuer umfassender Gesetzesentwurf ausgearbeitet, der bis 1936 auf Druck von außen immer wieder modifiziert wurde.34 Die Aufsichts- und Zugriffsrechte des Staates über kommunales und privates Schriftgut waren darin dennoch so umfassend geregelt wie nie zuvor. Der Entwurf war im Reichsinnenministerium verabschiedet, alle Minister hatten dem Gesetz zugestimmt, der Reichskanzler auch. Man hatte sogar schon entsprechende Ausführungsverordnungen vorbereitet; an die Gestapo war der Auftrag ergangen, im Voraus unzuverlässige Archivgutbesitzer zu erfassen, damit deren Archive unmittelbar nach Verkündigung des Gesetzes sichergestellt werden konnten. Es fehlte nur BayHStA, GDion Archive 76. Herrn Dr. Bernhard Grau sei herzlichst für diesen Quellenhinweis gedankt. 33 Ebd. 34 Zum Folgenden Reimann (wie Anm. 11) S. 10–24. 32

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noch die Unterschrift Hitlers unter der Ausfertigung des Gesetzes. Als es dazu kommen sollte, verweigerte sich dieser unter dem Vorwand, er hätte zu große Sorge, dass in allzu großem Umfang in die private Sphäre der Familien eingegriffen werde. Dieses Procedere wiederholte sich mit Bezug zu weiteren deutlich abgeschwächten Gesetzesentwürfen sowohl 1937 wie auch 1938, obwohl immer wieder betont wurde, dass die gesamte Staatsund Parteiführung, das Innenministerium in Übereinstimmung mit dem preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring, sämtliche deutsche Archivfachleute sowie alle Funktionsträger in Kultur und Wissenschaft eine gewisse Überwachung des in privaten Besitz befindlichen Archivgutes für unerlässlich hielten. Es blieb dabei, das Gesetz trat nicht in Kraft.35 Das endgültige Scheitern des Archivgutschutzgesetzes nahmen die Archivverwaltungen nun zum Anlass, sich auf andere Möglichkeiten zu besinnen. Dazu gehörte ein aktiver Archivgutschutz mittels eines von den Provinzen (oder Kreisen) getragenen und von den Staatsarchiven fachlich unterstützten Systems von Archivberatungsstellen oder durch ehrenamtlich tätige Archivpfleger. In manchen preußischen Provinzen gab es solche Einrichtungen schon seit der Weimarer Zeit, die flächendeckende Einführung erfolgte 1937. In Württemberg und Baden hatte man Mitte der 30er Jahre ein Archivpflegersystem installiert. In Bayern etablierte man das System der ehrenamtlichen landschaftlichen Archivpflege erst Mitte 1938, ausdrücklich nach und unter dem Druck der Vorbilder in Preußen bzw. in Württemberg, mit dem gezielten Verweis auf das Scheitern des Archivgutschutzgesetzes sowie verbunden mit dem Hinweis, dass die nicht geringe Gefahr bestehe, dass bei noch längerem Zuwarten „diese zeitverbundene Aufgabe von verschiedenen Stellen zu lösen versucht wird“.36 Reimann (wie Anm. 11) S. 25–26, schreibt dies dem persönlichen Einfluss Heinrich Glasmeiers, früherer Direktor der Vereinigten Westfälischen Archive e.V. und seit den Wochen des Wahlkampfs in Westfalen-Lippe im Januar 1933 ein Vertrauter Hitlers, zu. „Nicht ohne Stolz hatte er mehrfach auf den Deutschen Archivtagen sein Werk vorgestellt und diesen Weg einer eigenverantwortlichen Betreuung im Auftrage der Eigentümer, ohne Aufsicht staatlicher Stellen, als vorbildlich dargestellt“. (S. 26) 36 BayHStA, MK 41343 (Schreiben der Generaldirektion an das Kultusministerium 14.5.1938). – StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1098, aus Protokoll vom 3.4.1939: „Die landschaftliche Archivpflege wäre wohl in Bayern längst eingeführt worden, hätte man nicht lange Zeit und vorzüglich der Adelsarchive wegen auf den Erlass eines Archivschutzgesetzes gehofft. Man wird sich nun ohne eine solche gesetzliche Handhabe behelfen müssen und behelfen können.“ Generaldirektor Dr. Riedner hatte L.F. Barthel wohl spätestens im Sommer 1937 mit der Organisation der „neuen Archivpflege“ beauftragt. Dieser war jedoch – bei reduzierter Stundenzahl – stark mit der drän35

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Als Startschuss der Archivpflege in Bayern sind zwei von Ludwig Friedrich Barthel formulierte Schreiben der Generaldirektion der Staatlichen Archive vom 14. Mai 1938 an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus anzusehen, in welchen einerseits zukünftige „Richtlinien für die Archivpflege“ zur Billigung vorgelegt wurden und andererseits für eine Anschubfinanzierung geworben wurde. Die erwähnten Richtlinien setzte das bayerische Kultusministerium dann mit Schreiben vom 29. Juli bzw. 15. August 1938 an die Regierungen und die Archivverwaltung in Kraft.37 Zur Begründung wird darin angegeben: „Die Ermittlung, der Schutz, die Ordnung und Erschließung des nichtstaatlichen Archivguts ist eine vordringliche Gegenwartsaufgabe. Diese als ‚Archivpflege‘ bezeichnete Tätigkeit bezweckt, der allgemeinen und örtlichen, der volks- und sippenkundlichen Forschung den ursprünglichen archivalischen Quellenstoff zu erhalten und zugänglich zu machen und im Zusammenhang damit das Geschichtsbewusstsein in breiteren Volkskreisen zu erwecken und zu vertiefen.“ Und weiter heißt es: „Die gesteigerte Bedeutung, die heute allen Quellen der örtlichen Geschichtsschreibung, der Volks- und Sippenkunde von Partei und Staat zugemessen wird, lässt es aber dringend angezeigt erscheinen, die pflegerischen Maßnahmen auf Archivgut jeder Art zu erstrecken, also auch die Archivalien im Besitz der Körperschaften und Privatpersonen festzustellen, vor irgendwelcher Gefährdung zu bewahren und nach Möglichkeit die Ordnung durch fachkundige Personen in die Wege zu leiten.“ Nicht umsonst wählte man für das ganze Unterfangen nach preußischem Vorbild den Begriff der „Landschaftlichen Archivpflege“. Damit sollte zum einen der Unterschied zur gerichtlichen und behördlichen Archivpflege ausgedrückt werden. Zum anderen sollte die Bindung der Archivpflege an einen bestimmten regionalen („heimatlichen“) Wirkungskreis mit allen darin vorhandenen nichtstaatlichen Archiven zum Ausdruck kommen. Im Gegensatz zu Preußen sollten in Bayern einfachere Strukturen greifen, d.h. die Archivpfleger sollten nur der Archivverwaltung unterstehen, die Staatsarchive das operative Geschäft leiten und die

genden Fertigstellung der Publikation zum Pfarrbücherverzeichnis im Bistum Würzburg beschäftigt. Am 1. November 1937 bedauert Riedner dann die eingetretene Krankheit des Referenten (Nervenzusammenbruch!), „dem ich die Vorarbeiten über die notwendig gewordene neue Archivpflege für nichtstaatliche Archive übertrug“ (BayHStA, MK 45418). Barthel trat den Dienst erst wieder zum 1. März 1938 an. 37 StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1098. – GDion Archive, Registratur, Akten 350-0/I und 351-0/I. – BayHStA, MK 41343.

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Generaldirektion allein für den Vollzug der Richtlinien, die Sammlung der Berichte und die Schulungsmaßnahmen verantwortlich sein. In jedem Staatsarchiv sollte eine „Abteilung für Archivpflege“ eingerichtet werden – allerdings ohne eine neue Planstelle zu schaffen – als Mittelstelle zwischen dem Staatsarchiv und dem Bezirksarchivpfleger, besetzt mit einem Beamten des höheren Dienstes (wegen der Dienstreisen), der in seinem Schriftverkehr mit den Archivpflegern und weiteren verantwortlichen Stellen einen eigenen Briefkopf nutzen und die Schreiben auch selbst unterzeichnen sollte. Es galt, in den Bezirken (später: Landkreisen) eine (höchstens zwei) heimatgeschichtlich interessierte Personen für das Ehrenamt des Archivpflegers zu gewinnen. Diese sollten nach Fühlungnahme mit dem Regierungspräsidenten durch die Generaldirektion bestellt werden. Was die Richtlinien zunächst einmal nicht vorsahen, sich aber sogleich herausstellte, war die Notwendigkeit des Einverständnisses der Bezirksamtmänner (später: Landräte) und die Prüfung der politischen Zuverlässigkeit durch die Kreisleiter. Den Archivpflegern sprach man eine Aufwandsentschädigung für Dienstreisen zu sowie die Ersetzung der Porto- und Fahrtkosten, ohne jedoch festzulegen, wer bezahlen sollte. Bald wurde jedoch klar, dass die Mittel durch die Landkreise aufgebracht werden sollten. Für die fachliche Ausbildung erklärte sich die staatliche Archivverwaltung zuständig, auch wollte man eine genaue Anweisung über Ziel und Weg der landschaftlichen Archivpflege erstellen. Die gewünschten und sicherlich sinnvollen einheitlichen Berichtsformulare für die Archivpfleger wurden aus Kostengründen zurückgestellt. Hauptamtlich oder fachlich verwaltete Gemeindearchive sollten von der landschaftlichen Archivpflege ausgenommen sein. Wie man sich die Tätigkeit der Archivpfleger konkret vorstellte, kann man dem Protokoll einer Zusammenkunft der in den Staatsarchiven verantwortlichen Archivare in der Generaldirektion vom 3. April 1939 entnehmen. Recht aussagekräftig ist aber auch schon der Vermerk über die Unterredung des Archivpflegereferenten in der Generaldirektion Ludwig Friedrich Barthel mit Michel Hofmann vom Staatsarchiv Bamberg anlässlich einer Dienstreise nach Bamberg am 28. Oktober 1938.38 Die Hauptaufgabe des Archivpflegers sollte zunächst sein, sich einen Überblick über die vorhandenen Archive und deren Zustand zu verschaffen und geeignete Sicherheitsmaßnahmen zu veranlassen. Der Archivpfleger müsse gewissermaßen das historische Gewissen seiner Heimat sein. Die 38

Beide Quellen in StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1098.

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Ordnung und Erschließung von Gemeindearchiven gehörte nicht zu seinen Aufgaben; diese sollte nur nach besonderer Vereinbarung z.B. durch einen Referendar erfolgen, ohne dass dafür Mittel der Archivpflege verwendet werden. In die Zuständigkeit der Archivpfleger in ihrem Sprengel sollten die Gemeindearchive, die Adelsarchive, sonstige Privatarchive (v.a. bäuerliche Urkunden), Wirtschaftsarchive, Zunftarchive und Vereinsarchive (v.a. historische Vereine) gehören. Die Pfarrarchive sollten die Archivpfleger nicht beachten, diesen wurde ein eigenes Archivpflegersystem empfohlen. Michel Hofmann drängte im Herbst 1938 besonders darauf, dass es ein vordringliches Ziel der landschaftlichen Archivpflege sein müsse, sämtliche Adelsarchive in Bayern zu ermitteln und für deren geeignete Aufbewahrung, Verwaltung und Erschließung zu sorgen. Vorausgehende Erhebungen über Adelsarchive in Bayern in Privathand hätten eine viel höhere Zahl als erwartet ergeben sowie einen erheblichen Bedarf an Maßnahmen zu deren Schutz und Erschließung. Doch setzte in Bezug auf den Umgang mit den Wirtschaftsarchiven und gerade den Adelsarchiven bald ein Umdenken ein. Den Archivpflegern war zuvor ein taktvolles Vorgehen gegenüber dem Adel angeraten worden. Als Minimalforderung hatte man sich auf eine geeignete Unterbringung der Privatarchive festgelegt. Im Gegensatz dazu trat jedoch so mancher Archivpfleger recht fordernd bei den Besitzern von Adelsarchiven auf und machte gar Eigentumsansprüche des Staates auf die Patrimonialgerichtsunterlagen in den Adelsarchiven geltend.39 Mit Runderlass vom 13. Oktober 193940 zog die staatliche bayerische Archivverwaltung die Reißleine und erklärte, die Adels- und auch die Wirtschaftsarchive sollten zukünftig allein Aufgabe der staatlichen Archivare sein. Bei den „bäuerlichen Urkunden“ bestand der Reichsnährstand darauf, dass diese – anders als in Preußen – bei den Erbhöfen vor Ort bleiben sollten. Die staatliche Archivverwaltung Bayerns stützte diese Position und wollte 39 Als ein Beispiel für einen „eifrigen“ Kreisarchivpfleger mag der Hofer Stadtarchivar Fritz Lein dienen, der dadurch, dass ein Gutsarchiv beinahe vernichtet worden war, aufgebracht alle Adelsarchivbesitzer in seinem Sprengel anschreiben wollte, um darin die Trennung der Patrimonialgerichts- von den Familienunterlagen zu fordern, denn erstere seien kein Privateigentum. Lein wurde sowohl von Michel Hofmann wie von der Generaldirektion in die Schranken gewiesen: „Solange kein Gesetz über die Adelsarchive bzw. das Recht auf die Archivalien der Patrimonialgerichtszeit vorliegt, ist es dringend geboten, dass die Archivpfleger von sich aus auf keine irgendwie geartete Lösung dieser wichtigen und delikaten Probleme dringen.“ (StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg [K 515] Nr. 1262 [Schreiben vom 29.9.1939]). 40 StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1098.

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auch in jedem Fall deren Zentralisierung vermeiden. Sollte es gar nicht anders gehen, sollten dafür Heimatarchive geschaffen werden, die jeweils einem Gemeindearchiv pro Sprengel anzugliedern waren. Die organisatorische Etablierung des Archivpflegersystems zog sich viel länger hin als gedacht. Zum einen hielt sich die Bereitschaft der Bezirks- bzw. Landratsämter, sowohl noch für 1938 als auch für 1939 einen gewissen Betrag in die Haushalte einzustellen, sehr in Grenzen und bedurfte ständiger Nachverhandlungen.41 Zum anderen war die Suche nach geeigneten Personen schwierig. Hatte man dann jemanden gefunden, zog sich dessen politische Beurteilung durch die Parteigremien (Kreisleiter, Gauleiter) in die Länge. All das hatte zur Folge, dass die als Startsignal für das ganze Archivpflegersystem gedachte dreitägige Schulung in München, auf welche eine eintägige Schulung in den Heimatarchiven folgen sollte, ständig verschoben wurde. Ursprünglich für den August 1938 vorgesehen, dann auf April 1939 verschoben, fand sie schließlich im Juli 1939 statt und wurde mit insgesamt 166 Teilnehmern als voller Erfolg gewertet. In einer bilanzierenden Pressemeldung im Völkischen Beobachter vom 11. Juli 1939 wird nicht nur die Begründung für die Archivpflege gegeben, sondern auch das Vorgehen der Archivpfleger beschrieben. „Der neue Staat hat neben dem politischen auch das völkische Bewusstsein erweckt, das (…) ebenso das namenlose Kommen und Sterben der Geschlechter oder Gedeihen und Verderben heimatgebundener Gemeinschaften, wie etwa eines Dorfes oder zurückblickend einer ehemaligen Herrschaft [meint]. Damit gewinnen bislang übersehene Quellen in Stadt- und Marktund Dorfarchiven, in den Archiven des Adels, der Bürger und Bauern, in Handelshäusern und Zünften eine neue fruchtbare Bedeutung. Leider sind solche Zeugnisse unserer völkischen Vergangenheit, wie man sich denken mag, nicht überall mit der gleichen Liebe bewahrt und für die Heimats- und Ortsgeschichte, Familien- und Sippenkunde erschlossen worden. (…) Diese ehrenamtlichen Archivpfleger (…) sollen nicht als barsche Die Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Dr. Knöpfler, meinte, es sei, auch wenn die Genehmigung für einzelne Archivpfleger noch ausstehe, kaum mehr vermittelbar, weiter mit der Einführung der landschaftlichen Archivpflege zu warten. Die Staatsarchive sollten doch bei den Landräten dafür werben, zumindest 300 Reichsmark im Jahr für die Archivpflege bereitzustellen. Für Knöpfler zählte auch der Druck von außen: „Um hinter Preußen, das seine landschaftliche Archivpflege bereits ausgebaut hat, nicht allzu sehr zurückzustehen, muss ich auf möglichst baldige und wirksame Durchführung aller einschlägigen Maßnahmen drängen“. (StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg [K 515] Nr. 1098, Schreiben vom 1.2.1939). 41

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Artikel zum ersten Schulungslehrgang der bayerischen Archivpfleger im Völkischen Beobachter vom 11.7.1939 (Staatsarchiv Bamberg, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg, K 515 Nr. 1098, Foto: Reinhold Schäffer).

Ordnungswächter den Archivbesitzern ärgerlich werden, sie sollen deren volles Vertrauen erringen und gern gesehene Berater und Helfer in allen archivalischen Fragen sein. Dass man sie als heimatbürtige Leute kennt, mag ihnen dabei zugute kommen, wie auch der Umstand, dass die staatliche Archivverwaltung hohen Wert darauf legt, kein Schriftgut unnötig von seinem Platz zu rücken, davon überzeugt, dass diese Urkunden und Akten Denkmäler [sind], die ihren eigentlichen Glanz nur in der ursprünglichen Umwelt zu entfalten mögen.“42 Als dann das System der ehrenamtlichen landschaftlichen Archivpflege in Bayern endlich etabliert, als alle geschult waren, begann mit dem ÜberBayHStA, MK 41343 (Bericht vom 5.8.1939). – StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1098, auch für das Folgende.

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fall der deutschen Truppen auf Polen der Zweite Weltkrieg. Die benannten Archivpfleger wurden nach und nach zum Heeresdienst eingezogen, jene, die bereits pensioniert waren, wieder in ihre alte berufliche Stellung gerufen, andere mit zusätzlichen Dienstaufgaben betraut. Zugleich befanden sich nun auch die für die Archivpflege in den Staatsarchiven zuständigen Staatsarchivare wie auch der Referent in der Generaldirektion im Heeresdienst.43 1941 berichtete z.B. das Staatsarchiv Bamberg, dass nur noch in wenigen Landkreisen die Archivpflege überhaupt aktiv betrieben werden könne. Wo dies noch der Fall sein konnte, hatten sich die Themen vollkommen verschoben. Als vordringliche Aufgabe galt nun der Schutz vor Archivalienverlusten. Insbesondere häuften sich schon 1940 Klagen über Archivgutverluste aufgrund der von den NS-Organisationen angeordneten Altpapiersammlungen, die manche Gemeinden gerne „zum Aufräumen“ nutzten. Nach und nach stellten sich auch die Fragen des Luftschutzes sowie jene nach den Möglichkeiten von Archivalienverlagerungen. Die Archivpflegeakten der Kriegsjahre44 zeigen allenfalls den punktuellen Einsatz der Archivpfleger, dann deren ständigen Kampf um die Aufwandsentschädigungen, die Beschwerden wegen der schon für 1938 versprochenen, von der Archivverwaltung nicht erfüllten Fertigung einer genauen Dienstanweisung für die Archivpflege sowie den ewigen Kampf um die von den Staatsarchiven geforderten, von den Archivpflegern aber kaum gelieferten Tätigkeitsberichte, und immer und immer wieder das Thema Altpapiersammlungen. Letzteres brachte sowohl Archivpfleger wie staatliche Archivare in Konkurrenz zu Parteistellen, wie etwa den dem Kreisleiter unterstellten „Kreisbeauftragten für die Altmaterialerfassung“.45 43 Gerade mit Bezug zur Etablierung des Systems der Archivpflege und dem kurz darauf begonnenen Zweiten Weltkrieg schrieb Ludwig Friedrich Barthel 1950 in der Rückschau: „Allein die Geschichte der landschaftlichen Archivpflege in Bayern ist die Geschichte eines Schiffbruches, wobei immer dann, wenn die Rettung nahe schien, das unsichere Fahrzeug von neuem ergriffen und auf die hohe See zurückgeschleudert wurde.“ (Ludwig Friedrich Barthel, Die landschaftliche Archivpflege in Bayern. In: AZ 46 [1950] S. 77–92, hier S. 77). Die gewählte Metapher scheint zwar sehr anschaulich, Barthel übergeht dabei jedoch nicht nur die eigentlichen Ursachen des „Schiffbruchs“, sondern erwähnt auch nicht die im Vergleich zu anderen Länderarchivverwaltungen eher beobachtende Haltung in Bayern im Vorfeld der Einführung der Archivpflege. 44 BayHStA, GDion Archive 2608–2618. – Als Gegenüberlieferung für ein Staatsarchiv konkret, StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1098. 45 BayHStA, MK 41343: „Trotz eindringlicher Aufklärungsarbeit der Archivverwaltung und der Staatsarchive, die hierin von den Landräten vielfach unterstützt werden, sind die

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Vor dem Hintergrund von Archivalienvernichtungen in den Gemeinden konnte das Staatsarchiv Würzburg über die Regierung von Unterfranken und das Staatsministerium erreichen, dass der Regierungspräsident über die Landratsämter eine Weisung an alle Bürgermeister ergehen ließ, dass bei beabsichtigten Aktenausscheidungen bei Kommunen zukünftig stets die Archivpfleger und, falls diese nicht zu erreichen sind, das Staatsarchiv eingebunden werden müssten.46 Der Unsicherheit im Umgang mit den Amtsblättern und den Drucksachen suchte man im Regierungsbezirk Oberbayern dadurch zu begegnen, dass man „in jedem Landkreis eine Art Mittelpunkt für die heimatkundliche Forschung“ schaffen wollte. Diese sollte „an einer bestimmten Stelle und zwar am besten in Verbindung mit dem Landrat dauernd niedergelegt und durch den Archivpfleger verwaltet werden“. Damit sollte pro Landkreis durch Aktenausscheidung bei den Gemeinden zumindest eine Serie zentraler Intelligenzblätter, Gesetz- und Verordnungsblätter, Adressbücher etc. gesichert werden.47 Ende August 1941 brachte die Generaldirektion die erste Ausgabe der „Mitteilungen für die landschaftliche Archivpflege“ heraus. Dabei sollte es sich nach eigener Aussage um eine in unregelmäßigen Abständen erscheinende Publikation handeln, die eine engere Verbindung zwischen der Archivverwaltung und den Archivpflegern, aber auch zwischen den Verluste an wertvollem Archiv- und Registraturgut durch die Altpapiersammlungen, wie die Berichte der Archivpfleger zeigen, verhältnismäßig hoch.“ (Schreiben der GDion an das Kultusministerium vom 10.12.1941, so auch am 27.1. und 16.9.1942). Zu Verlusten von Gemeindearchivalien durch Altpapiersammlungen ab 1943 vgl. BayHStA, MK 66849, z.B. Weisung des Landrats von Lauf a.d. Pegnitz an seine Bürgermeister, bei Altpapiersammelaktionen großzügig zu verfahren. So bräuchten Gemeinderechnungen nur 10 bis 15 Jahre aufgehoben zu werden und hätten dann ihren Zweck vollkommen erfüllt. Dazu passt der Bericht des Staatsarchivs Nürnberg an die Generaldirektion vom 4.3.1943 über den Wiederankauf von Gemeindearchivteilen durch aufmerksame Archivpfleger bei einem Lumpensammler in Lauf a.d. Pegnitz sowie die Beschlagnahme von größeren Aktenmengen in einer Scheune in Schnaittach. 46 BayHStA, MK 41343: „Trotz entgegenstehender Verfügungen machen in zunehmendem Maße sich Gemeinden spezielle Anordnungen der Landräte (z.B. über Ausscheidung entbehrlicher Amtsblätter oder Wahlakten) zunutze, um das gesamte noch vorhandene ältere gemeindliche Schriftgut der Altstoffsammlung zuzuführen und damit der Vernichtung auszuliefern. Die Gründe hierfür sind verschieden. Jedenfalls wird dadurch jede Voraussetzung für die Entstehung eines Gemeindearchivs und jeder Zusammenhang seiner Entwicklung zerstört.“ (Weisung der Regierung von Unterfranken an die Landräte vom 12.10.1942). 47 BayHStA, MK 66849, Mitteilung des BayHStA, Abteilung Kreisarchiv München, Abteilung für Archivpflege, Dr. Lieberich, an die Landräte, Amtsgerichte, Archivpfleger etc., vom 11.6.1942.

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Archivpflegern selbst schaffen sollte. Ferner war die Zeitschrift für den Erfahrungsaustausch der Archivpfleger untereinander und zu deren sachlich-inhaltlicher Information gedacht. Archivpfleger wie Archivare wurden aufgefordert, darin zu publizieren. Der kommissarische Generaldirektor Dr. Knöpfler setzte folgenden Satz an den Schluss seines Geleitworts, in welchem er das bedauerliche Schicksal der archivpflegerischen Bemühungen der Archivverwaltung zwischen 1939 und 1941 schildert: „Archivpflege tut also not und im Kriege mehr denn je.“48 Dass das etablierte System der ehrenamtlich geführten landschaftlichen Archivpflege nicht unkritisch gesehen wurde, zeigt die Tätigkeit des Dr. Stengel im Staatsarchiv Amberg. Dieser pflegte offenbar einen sehr engen Kontakt zu seinen Archivpflegern und legte diesen einen genauen Arbeitsplan mit ausführlichen Arbeitsanweisungen unter Beteiligung des Staatsarchivs vor. Die Generaldirektion bejahte diesen zwar grundsätzlich, kritisierte aber auch, dass zu wenig deutlich würde, dass in erster Linie die Gemeinden selbst für die Erhaltung und Verzeichnung ihrer Archive sorgen müssten. Die Archivpflege sollte als eher beratende Tätigkeit verstanden werden. Dr. Stengel antwortete Anfang 1942 darauf: „Dieser Grundsatz hat alle bisherigen Bemühungen des Staates um die Pflege nichtstaatlicher Archive getragen, im Krieg und im Frieden, und hat seinen Weg sogar bis in die Gesetzgebung gefunden. Bei kleineren Gemeinden – und um solche handelt es sich zumindest in der gemeindlichen Struktur der Oberpfalz – hat er vollständig versagt und das unbestreitbare schmerzliche Ergebnis seiner Anwendung waren und sind Misserfolge über Misserfolge, Verluste über Verluste, mitunter schauerliche Verluste. Nichts berechtigt zu der Annahme, dass dies nach dem Krieg anders sein werde.“49

48 Mitteilungen für die landschaftliche Archivpflege in Bayern 1 (1941) S. 2. – Die „Mitteilungen für die landschaftliche Archivpflege“ erschienen als hektographierte Hefte im Format DIN A 4, während des Krieges noch bis zur Ausgabe 4 (1943). Durch Vorträge und Veröffentlichungen suchte der Referent für die Archivpflege in Bayern Ludwig Friedrich Barthel der Archivpflege in Bayern in interessierten und in Parteikreisen Gehör zu verschaffen. Sein Beitrag „Der Wert der landschaftlichen Archivpflege“ erschien in „Bayerische Heimat. Kulturbeiträge aus Bayerns Gauen Nr. 68 (16.6.1941)“ und wurde an alle bayerischen Zeitungen weitergegeben. Darin heißt es, „der nationalsozialistische Staat denkt aber auch hier voraus und sorgt für die Zukunft.“ Sein Vortrag „Vom geschichtlichen Bewusstsein unserer Heimat“, in welchem er um Verständnis für die Archivpflege warb, wurde z.B. in den Zeitschriften „Der Bürgermeister“, „Die NS-Gemeinde“ oder im „Gauamt für Kommunalpolitik“ gedruckt, vgl. BayHStA, GDion Archive 2607. 49 BayHStA, GDion Archive 2608.

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Die wachsende Ungeduld und die Missstimmung in Bezug auf die Gesamtsituation der „Landschaftliche Archivpflege“ zeigt auch ein Bericht über den nichtstaatlichen Archivgutschutz, den der kommissarische Leiter des Staatsarchivs Bamberg Michel Hoffmann50 der politischen Polizei im Oktober 1941 liefern musste. Er tat dies, ohne die Generaldirektion zu benachrichtigen, was im Nachhinein auch wegen des Inhalts für Ärger sorgte. Er berichtete ausführlich und mit Bezug zu den einzelnen Archivsparten von den technischen und rechtlichen Schwierigkeiten in der Archivpflege und forderte „Radikalmittel“51, insbesondere forderte er ein unbeschränktes Zugangsrecht zu Archivgut, in wessen Besitz auch immer es sich befinde, „um dieses auf seine Bedeutung für die Interessen der Volksgemeinschaft zu prüfen“ und um das als archivwürdig erkannte Schriftgut – entweder an Ort und Stelle oder unter Eigentumsvorbehalt im öffentlichen Archiv hinterlegt – vor der Vernichtung oder Verschleuderung zu bewahren und zu erschließen. Er schloss mit dem Satz „Eigentum verpflichtet. Gemeinnutz vor Eigennutz!“ Um insbesondere bei den Privatarchiven einen Schritt voranzukommen, setzte Michel Hofmann, der bei der Generaldirektion immer wieder die offene Frage des Umgangs mit den Adelsarchiven angemahnt hatte, nun besonders auf die Möglichkeiten der Fideikommissgesetzgebung, mit welcher Adelsarchive, die ehedem zu den Vermögensbestandteilen eines Fideikommisses gehört hatten, im Zuge der gerichtlichen Verfahren über die Aufhebung der Fideikommisse gemäß Gesetz vom 6. Juli 1938 unter gewisse staatliche Aufsicht gestellt werden konnten, wodurch Sicherungsmaßnahmen ermöglicht würden.52 Er vertrat die Ansicht, dass die Gerichte – hier meinte er insbesondere den Familienfideikommisssenat des Oberlandesgerichts Bamberg – diese Möglichkeit zu wenig nutzen würden und mehr oder weniger sorglos den Angaben der Besitzer vertrauen Zu Michel Hofmann vgl. den Beitrag von Stefan Nöth in diesem Band S. 219–234. StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1098 (Stellungnahme vom 13.11.1941). „Diese Aufgabe kann aber nur unzureichend erfüllt werden, da einerseits technische Schwierigkeiten bestehen, andererseits gegen widerspenstige nichtstaatliche Archivbesitzer – von den Gemeinden abgesehen – nicht die geringste rechtliche Handhabe gegeben ist.“ Zu den technischen Schwierigkeiten zählte er den Mangel an Geldmitteln, die unzureichende Benzinzuweisung und die Unterbesetzung der Staatsarchive. 52 Grau (wie Anm. 10) S. 734–735. – Jörn Eckert, Der Kampf um die Familienfideikommisse in Deutschland. Studien zum Absterben eines Rechtsinstituts (Rechtshistorische Reihe 104), Frankfurt a. M. 1992. – Hartmut Fischer, Die Auflösung der Fideikommisse und anderer gebundener Vermögen in Bayern nach 1918 (Nomos-Universitätsschriften 800), Baden-Baden 2013. 50 51

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würden.53 Er mahnte dies bei Gericht an und regte zudem bei der Generaldirektion an, von höherer Stelle aus auf die Zugehörigkeit von Gutsarchiven zum Fideikommiss hinzuwirken. Diese wandte sich anschließend sowohl an die Oberlandesgerichte wie auch an die anderen Staatsarchive. Letzteren gegenüber heißt es, es wäre dabei die Auffassung des Staatsarchivs Bamberg zugrunde zu legen, „dass nach altem Recht, das ja gerade auf diesem Gebiet weit nachwirke, unstreitbar auch die auf das liegende Fideikommissgut bezüglichen Urkunden und Verwaltungsniederschriften als Rechtsbestandteil des Fideikommisses zu betrachten seien.“ Bei dieser Rechtsauffassung spreche die Vermutung für die Zugehörigkeit des Archivs zum Fideikommiss und die Nichtzugehörigkeit müsste eigens durch den Besitzer nachgewiesen werden. Nicht alle Fideikommisssenate teilten diese Auffassung. Nach Unterredungen unter Beteiligung der Generaldirektion, der Staatsarchive Bamberg und Würzburg sowie von Richtern des Familienfideikommisssenats des Oberlandesgerichts Bamberg im September 1942 wurde schließlich intern folgende, eher vorsichtige Grundeinstellung der staatlichen Archivverwaltung festgelegt: „Die Archivverwaltung legt größten Wert darauf, dass ein Vertrauensverhältnis zustande kommt, weil nur dann die Interessen der Forschung richtig gefördert werden. Die Staatsaufsicht darf nicht als eine lästige Fessel, sondern als eine ebenso sehr auch zum Besten der Familie und ihrer Traditionen gewährte Fürsorge und Beratung in allen technischen Fragen empfunden werden.“54 Deshalb sollten den Eignern aufzulastende Kosten möglichst vermieden werden, bei der Formulierung der Sicherungsmaßnahmen sollte man mit Takt vorgehen und stets eine persönliche Fühlungnahme mit den Archiveigentümern anstreben. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, man wolle mit Macht und Gewalt auf sein Recht pochen. Die folgenden Monate und Jahre gingen dahin mit Gutachten und Stellungnahmen, mit Versuchen, bestimmte Adelsarchive als Fideikommiss­ archive bestätigt zu bekommen, um somit Sicherungsmaßnahmen einleiten zu können. Letztlich gelang dies nur in wenigen Fällen55, nicht nur StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1268. „Ich habe den Eindruck, dass viele Adelsarchive als freies Eigentum behandelt werden, obwohl sie zu Fideikommissen gehören und deshalb Sicherungsmaßnahmen rechtlich möglich wären“ (Schreiben an die Generaldirektion vom 2. April 1942). 54 StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1268 (Bericht über Besprechung am OLG Bamberg Fideikommisssenat vom 7.9.1942 an die Generaldirektion). 55 In ganz Bayern konnten 23 Adelsarchive unter Fideikommissaufsicht gestellt werden, Grau (wie Anm. 10) S. 734; davon z.B. in Unterfranken nur drei und in Oberfranken (in 53

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weil die Justiz den archivischen Grundsätzen nur bedingt folgte und mit Informationen über laufende Auflösungsverfahren bei den Fideikommisssenaten sparte, sondern weil die Zeitumstände ganz andere Aktivitäten forderten, etwa die Mithilfe bei der Bergung und Verlagerung von Adelsarchiven selbst oder auch den in vielen Fällen an den Adel herangetragenen Wunsch der staatlichen Archivverwaltung, staatliches Archivgut im Adelsschloss einlagern zu dürfen. Abschließend sei noch der Sonderfall des Archivs der Fürsten von Schwarzenberg erwähnt, da hier nicht nur die Mittel des Fideikommissrechts Anwendung fanden, sondern ein Beispiel dafür vorliegt, dass nicht nur rassisch oder religiös Verfolgten, sondern auch politisch Verfolgten die Einziehung des Archivguts drohte.56 1940 wollte die Familie das gemäß Fideikommissrecht unter staatlicher Aufsicht stehende Archiv von Schloss Schwarzenberg (Scheinfeld) nach Krumau in Böhmen verlagern, um dort ein neues zentrales Haus- und Familienarchiv zu schaffen. Das Staatsarchiv Nürnberg als zuständiges staatliches Archiv verweigerte diesem Vorhaben die Zustimmung. Als noch im selben Jahr Fürst Adolph zu Schwarzenberg zum Staatsfeind erklärt und sein ganzes Vermögen beschlagnahmt wurde, stand sogar eine zwangsweise Überführung des Gesamtarchivs in das Staatsarchiv Nürnberg im Raum. Dagegen standen aber die Raumverhältnisse im Staatsarchiv selbst. Unter dem Eindruck alliierter Bombenangriffe auf den Großraum Nürnberg 1944 erlaubte man schließlich doch die Verlagerung, allerdings unter der Bedingung der Rückführung nach Scheinfeld nach Kriegsende. Dazu kam es aufgrund der neuen Staatenordnung nach dem Zweiten Weltkrieg und der Enteignung der Fürsten von Schwarzenberg in der Tschechischen Republik nicht. den Grenzen von vor 1972), trotz der Bemühungen von Michel Hofmann, nur das Archiv der von Seckendorff zu Weingartsgreuth. Zum Teil wurden offenbar Anträge der Staatsarchive auf Sicherung von zum Familienfideikommiss gehörenden Archiven gar nicht mehr vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs bei den Fideikommisssenaten behandelt oder entschieden, etwa jener des Staatsarchivs Bamberg über das Archiv Ebneth der Freiherren von Seckendorff-Aberdar von 1942. 1947 stellte sich dann auf Nachfrage des Staatsarchivs Bamberg und der Generaldirektion das Oberlandesgericht Nürnberg wie schließlich auch das neue bayerische Justizministerium auf den Standpunkt, dass, nachdem die Sicherung nicht schon verfügt sei, nach den bayerischen Bestimmungen kein Anlass mehr bestehe, Sicherungsmaßnahmen hinsichtlich des Archivs anzuordnen. Als Rechtsgrundlage wird auf § 47 der Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zur Beschaffung von Siedlungsland und zur Bodenreform (GSB) vom 26.2.1947 verwiesen (GVBl 1947, S. 92). StABa, Altregistratur Staatsarchiv Bamberg (K 515) Nr. 1262. 56 Grau (wie Anm. 10) S. 735–737.

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Erst Dank einer veränderten weltpolitischen Lage und Dank langer und schwieriger Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland, dem Freistaat Bayern und Tschechien sowie dem Hause Schwarzenberg konnte das Archiv 2011 wieder nach Mittelfranken, in das Staatsarchiv Nürnberg, heimkehren.57 Au s b l i ck „Der Wiederaufbau unserer bayerischen Archivpflege begann im Jahre 1946, wobei das gleiche Verfahren wie 1938/39 angewandt, also der ehrenamtliche Archivpfleger auf Vorschlag von Staatsarchiv und Landratsamt durch die Archivverwaltung nach Fühlungnahme mit der zuständigen Regierung bestellt wurde“, schrieb Ludwig Friedrich Barthel 195058, der auch im Nachkriegsbayern das Referat der Archivpflege bei der Generaldirektion der Staatlichen Archive ausfüllte.59 Tatsächlich wurde nun das System der ehrenamtlichen Archivpflege genauso installiert, wie es 1938 vorgesehen gewesen war, auch wenn sich die Bestellung der Archivpfleger aufgrund der unsicheren Situation zuweilen bis in die frühen 1950er Jahre hinzog. Man blieb zunächst auch bei dem Begriff der „Landschaftlichen Archivpflege“, wie die von den Archivpflegern schon vor 1945 sehnlichst erhofften und 1947 endlich von Wilhelm Biebinger erstellten „Richtlinien für die landschaftliche Archivpflege“ zeigen. Die bayerische Gemeindeordnung von 1952 verpflichtete die Kommunen im eigenen Wirkungskreis zur Sorge um ihr Kultur- und Archivgut. Daniel Burger – Bernhard Grau, Habent sua fata archivi. Das Schwarzenberg-Archiv kehrt nach Franken zurück. In: aviso 1/2012, S. 34–37. 58 Barthel, Landschaftliche Archivpflege (wie Anm. 43) S. 79. 59 Ludwig Friedrich Barthel war zum 18.12.1945 durch die Militärregierung seines Dienstes enthoben worden. Der Spruchkammerbescheid vom 18.7.1947 stufte ihn als „nicht betroffen“ ein (Grund: „Versehrtenamnestie“). Zwei Monate später stellte Barthel ein Gesuch um Wiedereinstellung. Der neue Generaldirektor Dr. Wilhelm Winkler betonte in seinem Gutachten dessen Tätigkeit als Dichter im und für den NS-Staat. Er wolle einer Wiedereinstellung nicht im Wege stehen, äußerte auch die Ansicht, dass Barthel im Grunde seines Herzens wohl kein Nationalsozialist gewesen sei und seine Vortragstätigkeit in NS-Kreisen wohl eher seinem dichterischen Ehrgeiz zuzuschreiben sei. Sehr verwundert äußerte er sich jedoch über dessen Einstufung als „entlastet“ trotz seiner umfangreichen Betätigung in Parteikreisen, gerade im Vergleich zu anderen Beamten, die als „Mitläufer“ eingestuft worden waren, ohne je aktiv für die Partei eingetreten zu sein. Zum 1.8.1948 wurde Barthel wieder als wissenschaftlicher Mitarbeiter angestellt; 1949 dann auch wieder in den Beamtenstatus überführt (vgl. BayHStA, GDion Archive 2747). 57

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Die Diskussion um ein Archivgutschutzgesetz geisterte auch in der Bundesrepublik in den 1950er und 1960er Jahren umher. Es war aber politisch wegen des hohen Schutzwertes des Eigentumsrechts und des Werts der kommunalen Hoheiten nicht durchsetzbar. Hatte man in der unmittelbaren Nachkriegszeit einen wichtigen Fokus auf den Zustand der in Privathand verbliebenen Adelsarchive gelegt und dazu auf die Hilfe der Archivpfleger zurückgegriffen, so engte man die Archivpflege ab den 1950er Jahren zunehmend auf die Kommunen, die kommunale Archivpflege, ein und gab dieser Tendenz auch in den neuen rechtlichen Rahmenbedingungen von 1960 sowie dem Lehrbuch „Die Archivpflege in Bayern“ von Fritz Zimmermann ein Fundament.60 Auch in Bezug auf die Deponierung von Gemeindearchiven fand konsequenterweise ein Umdenken statt. Deren Hinterlegung wollte man nur noch in besonderen Gefahrensituationen und dann zeitlich befristet erlauben. Das Neue an dem Bayerischen Archivgesetz von 1989 war dann, dass nicht nur die kommunale Archivpflege eine gesetzliche Grundlage erhielt, sondern auch die Adelsarchivpflege, wenngleich diese auch weiterhin nicht zum Aufgabenkomplex der ehrenamtlichen Archivpflege gehört. In Art. 4 Abs. 5 Satz 3 heißt es: „Sie [Die staatlichen Archive Bayerns] beraten und unterstützen außerdem nichtstaatliche Archiveigentümer bei der Sicherung und Nutzbarmachung ihres Archivguts, soweit daran ein öffentliches Interesse besteht (Archivpflege).“ Dieser Satz wird ergänzt durch Art. 5 Abs. 1, in welchem es heißt, dass sie bei der Erfüllung ihres Beratungsauftrags durch ehrenamtliche Archivpfleger unterstützt werden.“61

Kommunale Archivpflege. Entschließung des Staatsministeriums des Innern vom 2.5.1960, Ministerialamtsblatt der bayerischen inneren Verwaltung 1960, S. 376 f., in der Fassung der Entschließung vom 1.2.1962, ebd. 1962, S. 86. – Zimmermann (wie Anm. 2). 61 Bodo Uhl, Das neue bayerische Archivgesetz und seine Auswirkungen auf die Kommunen. In: Kommunalpraxis 1/1990, S. 2–7. – Sagstetter (wie Anm. 1) S. 527 ff. 60

Archivnutzung im NS-Staat. Familien- und Sippenforschung bei den Staatlichen Archiven Bayerns 1933–1945 Von Markus Schmalzl Die Archive im Deutschen Reich erlebten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 einen enormen Anstieg der Benutzerzahlen.1 Das galt auch für die Staatlichen Archive Bayerns. Hatten im Jahr 1929 noch 4823 Personen Benutzungsgesuche an die bayerischen Staatsarchive und das Hauptstaatsarchiv gestellt, waren es 1933 bereits 6224, 1935 dann 11584 und 1937, im letzten Jahr, für das eine Nutzerstatistik ermittelt werden konnte, schließlich insgesamt 15165 Archivnutzer.2 Innerhalb von acht Jahren hatten sich die Benutzerzahlen also verdreifacht. Dabei waren durchaus nicht alle Benutzungssparten von dem rasanten Anstieg betroffen, wie sich anhand der zeitgenössischen Archivstatistik nachweisen lässt. Damals wie heute wurden nämlich die Beweggründe für die Archivnutzung in wissenschaftliche, heimatkundliche, rechtliche und familiengeschichtliche Forschungsinteressen unterschieden und auch statistisch erfasst. Im Bereich der wissenschaftlichen Forschungen stagnierten die Zahlen oder waren sogar rückläufig. Dagegen wuchs die Zahl der familiengeschichtlichen Forschungen enorm an. In diesem Bereich verelffachten sich die Nutzerzahlen von 1104 im Jahr 1929 auf 12696 im Jahr 1937.3 Für diese starke Zunahme sind sowohl externe als auch archivinterne Faktoren verantwortlich zu machen. Zunächst ist hier das bereits seit Ende des Ersten Weltkriegs gestiegene Interesse an der Erforschung der Vgl. Sarah Schmidt, Das Staatsarchiv Hamburg im Nationalsozialismus (Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg 24), Hamburg 2016, S. 48. – Annette Hennings, Das Staatsarchiv Münster zwischen Ariernachweisen, Sippenforschung und Rassenforschung. In: Sven Kriese (Hrsg.), Archivarbeit im und für den Nationalsozialismus. Die preußischen Staatsarchive vor und nach dem Machtwechsel von 1933 (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Forschungen 12), Berlin 2015, S. 295–306, hier S. 296 f. 2 Vgl. Statistisches Jahrbuch für Bayern (1930) S. 466. – Statistisches Jahrbuch für Bayern (1936) S. 361 f. – Statistisches Jahrbuch für Bayern (1938) S. 391 f. 3 Vgl. Statistisches Jahrbuch für Bayern (1930) S. 466. – Statistisches Jahrbuch für Bayern (1938) S. 391 f. 1

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eigenen Familiengeschichte zu nennen.4 Reichsweit hatten sich an verschiedenen Orten bereits um die Jahrhundertwende genealogische Vereine gebildet, die nicht selten völkischem und rechtsnationalem Gedankengut anhingen.5 Teils wurden hier auch bereits Forderungen nach einer Verbindung naturwissenschaftlicher und historischer Ansätze – also von archivalischen und erbbiologischen Forschungen – laut.6 Nach Ende des Ersten Weltkriegs erhielten diese Vereine nun starken Zulauf. Gleichzeitig machten die seit der Jahrhundertwende spürbar zunehmenden antisemitischen Ausgrenzungsbemühungen anderer Vereine und gesellschaftlicher Zusammenschlüsse wie etwa der Turner, der Burschenschaften, der Deutschen Adelsgenossenschaft oder des Wandervogels genealogische Forschungen für ihre Mitglieder notwendig.7 Dementsprechend waren die Benutzerzahlen der staatlichen Archive in Bayern seit der Jahrhundertwende bis 1929 bereits deutlich angestiegen und hatten sich etwa im Bereich der privaten Benutzungsgesuche im Vergleich zum Vorkriegsniveau mehr als verdoppelt.8 Für den späteren Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Dr. Josef Franz Knöpfler, war die Familienforschung damit zum „Allgemeingut“ und zu einer „großen nationalen Aufgabe“ 9 geworden, die die Archive zu fördern hätten, wie er auf dem Tiroler Heimattag bereits im Juli 1923 konstatierte. Dass sich in den 1930er Jahren immer mehr Menschen aufmachten, anhand archivischer Quellen ihre eigene Herkunft und die ihrer Ahnen zu erforschen, war also durchaus Teil eines längeren Trends, der sich freilich im Zuge der Machtübernahme der Nationalsozialisten enorm verstärkte. Vgl. Eric Ehrenreich, The Nazi Ancestral Proof. Genealogy, Racial Science and the Final Solution, Bloomington 2007, S. 33–36. – Martin Richau, Familienforschung und Ariernachweis im Dritten Reich. In: Herold-Jahrbuch (2012) S. 89–118, hier S. 91. 5 Der Bayerische Landesverein für Familienforschung bestand bereits seit 1922. 1926 hatte sich in Augsburg eine erste Ortsgruppe des Vereins gebildet, der an verschiedenen Orten Bayerns rasch weitere folgten. Die Gesellschaft für Familienforschung in Franken war schon 1921 gegründet worden. 6 Vgl. Diana Schulle, Das Reichssippenamt. Eine Institution nationalsozialistischer Rassepolitik, Berlin 2001, S. 23–29. 7 Vgl. Richau (wie Anm. 4) S. 97. 8 Vgl. Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Kultusministerium (MK) 41351, Schreiben Generaldirektor Riedners an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 10.7.1933. 9 Josef Franz Knöpfler, Familienforschung und Heimatkunde. Vortrag, gehalten auf dem Heimattag in Innsbruck im Juli 1923. In: Vierteljahrsschrift für Geschichte und Landeskunde Vorarlbergs 7 (1923) S. 77–93, hier S. 79.

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„Die Frage nach der Abstammung und den Familienzusammenhängen“ galt nun als „Kernfrage des deutschen Volkes“, die nur aus der „Erkenntnis der rassischen Herkunft“ beantwortet werden könne, wie Achim Gercke, der Sachverständige für Rasseforschung im Reichsinnenministerium, betonte.10 Die bislang lediglich theoretischen Überlegungen völkisch gesinnter Denker zur vermeintlichen „Gesundung des deutschen Volkes“ wurden 1933 mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und 1935 durch die Nürnberger Rassegesetze praktisch umgesetzt. Damit sollten der vermeintlich arische vom nichtarischen Bevölkerungsteil getrennt werden. In der Praxis bedeutete dies, dass es ab 1935 für die meisten Deutschen spätestens mit dem Einstieg ins Berufsleben notwendig wurde, Nachweise über die Herkunft mindestens ihrer Eltern und Großeltern zu erbringen, die dann im sogenannten Ariernachweis festgehalten wurden. Aber nicht nur für die Berufsausübung, sondern auch für die Mitgliedschaft in vielen Vereinen sowie v.a. in NS-Organisationen und mithin für die Teilhabe in vielen gesellschaftlichen Bereichen wurde der Abstammungsnachweis obligatorisch. Während es für die meisten Zwecke ausreichte, die eigene arische Herkunft bis zu den Großeltern nachzuweisen, waren etwa im Zeitungsverlagswesen und für die Studenten der Reichsschaft der Studierenden sowie zunächst auch für die Aufnahme in die NSDAP Abstammungsbelege bis zum 1. Januar 1800 zu erbringen. Mitglieder der SS hatten entsprechende urkundliche Nachweise mindestens bis ins Jahr 1800, bestimmte Führungskader sogar mindestens bis 1750 vorzulegen. Auch wenn diese Vorgaben vielfach lax gehandhabt und insbesondere mit Kriegsbeginn auch offiziell gelockert wurden, sorgten sie für eine enorme Steigerung der Nachfrage nach archivischen Dienstleistungen.11 Schließlich sollte nach den Vorstellungen Gerckes auf diese Weise möglichst die gesamte Bevölkerung im Reich rassisch erfasst und verkartet werden. Das erstarkende Interesse an der Familienforschung und damit auch an den in den Archiven verwahrten Quellen lag also durchaus im Interesse der neuen Machthaber.

Klaus Wisotzky, Die rheinischen und westfälischen Stadtarchive im Nationalsozialismus. In: Robert Kretzschmar u.a. (Red.), Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart (Tagungsdokumentationen zum Deutschen Archivtag 10), Essen 2007, S. 354–372, hier S. 355. 11 Vgl. Richau (wie Anm. 4) S. 94 f. 10

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E r s ch l i e ß u n g vo n A r ch iva l i e n u n d B e nu t z e r b e r a t u n g u n t e r e r s ch we r t e n B e d i n g u n g e n Der erste Zugriff betraf dabei auch in Bayern weniger die staatlichen Archive als vielmehr die Pfarrämter und kirchlichen Archive, wo die teilweise bis ins 16. Jahrhundert zurückreichenden Tauf-, Trau- und Sterberegister verwahrt wurden, deren Benutzung und Beauskunftung von den kirchlichen Stellen zumindest in den katholischen Landesteilen Bayerns aber teils behindert wurde.12 Die Zentralisierung der Kirchenbücher in staatlicher Hand, die von Vertretern der Sippenforschung verschiedentlich gefordert und auch von Dr. Josef Franz Knöpfler 1934 befürwortet wurde, scheiterte zudem am Widerstand der bayerischen Bischöfe.13 Daneben kamen die Standesämter in Betracht, wo die Personenstandsunterlagen im rechtsrheinischen Bayern ab 1876 verwaltet wurden. Aus diesen konnten in den meisten Fällen zumindest für die Herkunft der Eltern die benötigten Informationen bezogen werden. Weiter zurückreichende Recherchen – getrieben von staatlichen Vorgaben oder aus ureigenem Interesse – mussten aber weitgehend unter Zuhilfenahme von Quellen aus weiteren Archiven durchgeführt werden. Einige einschlägige Bestände wurden hierfür in den staatlichen Archiven Bayerns eigens erschlossen. Dies betraf zunächst alle ermittelbaren Quellen zur Geschichte der Juden in Bayern, die bald nach der Machtübernahme ins Interesse des neuen Regimes rückten. Bereits im Mai 1933 war der Staatsbibliothekar Dr. Rudolf Kummer in seiner Eigenschaft als Mitglied des Rasseamtes an Generaldirektor Dr. Otto Riedner herangetreten und hatte die bevorzugte Erschließung der Quellen zur jüdischen Geschichte in den bayerischen Staatsarchiven gefordert und in den folgenden Wochen auch entsprechende Zusicherungen erhalten. Folglich wurden, auf Anordnung Generaldirektor Riedners vom 11. Juli 1933, die entsprechenden Archivalien im Bayerischen Hauptstaatsarchiv und in allen bayerischen Staatsar-

Vgl. Peter Pfister, Der Kampf um die Pfarrmatrikeln in der Zeit des Nationalsozialismus. Die bayerischen Bischöfe zwischen Selbstbehauptung, Kooperation und Verweigerung. In: Peter Pfister (Hrsg.), Pfarrmatrikeln im Erzbistum München und Freising. Geschichte – Archivierung – Auswertung (Schriften des Archivs des Erzbistums München und Freising 19), Regensburg 2015, S. 37–68, hier S. 56 f. 13 Vgl. Josef Franz Knöpfler, Familienforschung in der Anwendung. In: Süddeutsche Monatshefte 3 (1934) S. 125–133, hier S. 128. 12

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chiven bis 1935 in eigenen Pertinenzbeständen als sogenannte Judenselekte zusammengefügt und in eigenen Findbüchern erfasst.14 Eine gewisse Kompensation für die weiter in kirchlicher Hand verbleibende Pfarrbuchüberlieferung sollte außerdem die Sicherung und Erschließung der Pfarrbuchzweitschriften erbringen. Diese mussten in den ehemals kurbayerischen Landesteilen ab 1803 bzw. 1807, in den ehemals preußischen Landesteilen schon einige Jahre früher, von den Geistlichen erstellt und an die Landgerichte bzw. Bezirksämter abgegeben werden. Die Zweitschriften sollten nun bevorzugt, soweit noch nicht geschehen, von den Staatsarchiven übernommen und für die Anforderungen des NSStaates zugänglich gemacht werden, zumal auch das SS-Rasse- und Siedlungshauptamt „großes Interesse“ an diesen Quellen anmeldete.15 Es gelang allerdings lediglich für den Regierungsbezirk Unterfranken im Staatsarchiv Würzburg eine weitgehend geschlossene Überlieferung zu sichern und zu erschließen. Für alle anderen bayerischen Regierungsbezirke ließen sich die Pfarrbuchzweitschriften für viele Gemeinden und teils für ganze Bezirksämter nicht oder nur mehr lückenhaft ermitteln und archivieren.16 Darüber hinaus sollten weitere für genealogische Forschungen interessante Quellenbestände bevorzugt bearbeitet werden. Aufgrund der zunächst anhaltend hohen Benutzerfrequentierung ab 1933 und der damit verbundenen Arbeitsbelastung konnten die entsprechend langwierigen Erschließungsarbeiten allerdings häufig erst in den 1940er Jahren abgeschlossen werden. So etwa die Arbeiten an einem Ortsverzeichnis der Rentämter Landshut, Burghausen und München in der Abteilung Kreisarchiv München des Bayerischen Hauptstaatsarchivs17 oder an den seit 1866 im Staatsarchiv Landshut ruhenden Ein- und Auswanderungsakten für

14 Vgl. BayHStA, Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 1343, Protokoll der Jahressitzung der planmäßigen akademischen Beamten des Hauptstaatsarchivs und seiner Beamten am 3.6.1933. Die im Zuge der Anordnung erarbeiteten Findbücher liegen in Einzelbänden für das Bayerische Hauptstaatsarchiv sowie jeweils für die bayerischen Staatsarchive einschließlich des ehemaligen Staatsarchivs in Speyer bis heute im Bayerischen Hauptstaatsarchiv vor. 15 BayHStA, GDion Archive 2597, Schreiben des SS-Rasse- und Siedlungs-Hauptamtes an den Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns vom 20.2.1936 und 20.3.1936. 16 Vgl. BayHStA, GDion Archive 2597, Schreiben Generaldirektor Riedners an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 13.12.1933 sowie die nach dem Entwurf Riedners verfasste Bekanntmachung des Staatsministeriums des Innern vom 12.11.1935. 17 Vgl. BayHStA, GDion Archive 1556 Schreiben vom Leiter der Abt. Kreisarchiv München Mitterwieser an den Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns vom 17.9.1942.

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den Regierungsbezirk Niederbayern, die im September 1941 bzw. erst im darauffolgenden Jahr zum Abschluss gebracht werden konnten.18 Als Spezialfall galt die Pfalz, wo bereits mit der napoleonischen Besatzung 1798 zivile Standesämter eingerichtet worden waren, deren Überlieferung bis ins Jahr 1876 zumindest teilweise bereits im Staatsarchiv Speyer vorlag. Daneben waren hier weitere einschlägige Quellenbestände vorhanden, wie die seit 1808 geführten Register über die Annahme von Familienund Vornamen durch Juden, Testamente, Teilungsakten und Inventare sowie Auswanderungslisten.19 Die im Vergleich zu den anderen bayerischen staatlichen Archiven besonders günstige genealogische Überlieferungslage fasste der Speyerer Amtsvorstand, Dr. Hans Ring, 1937 folgendermaßen zusammen: „Allein die Tatsache, dass in den hiesigen Beständen, wie wohl in keinem anderen bayerischen Archive, die katholischen, lutherischen und reformierten Kirchenbücher vor 1798 für mehr als 100 Orte, darunter die Stadt Speyer, ausserdem die Standesamtsakten für etwa 40 Gemeinden, sodann die Verehelichungsbelege von 1798 bis 1875 für über 500 pfälzische Standesämter verwahrt werden, kennzeichnet hinlänglich die Sonderlage und ungewöhnliche Inanspruchnahme des Amtes.“20 In Speyer schnellten die Benützungszahlen ab 1933 im Vergleich zu den anderen bayerischen Staatsarchiven deshalb besonders stark in die Höhe und stiegen im Bereich der Familienforschung von nur 62 im Jahr 1929 auf über 3460 im Jahr 1937 an.21 Für die vier Beschäftigten im Staatsarchiv Speyer, die diese Anfragen bearbeiten sollten, bedeutete dies einen enormen Arbeitszuwachs, der kaum bewältigt werden konnte, wie etwa die Nutzung der seit 1798 erwachsenen standesamtlichen Belege zu den Heiratsakten zeigt. Diese wurden von Familienforschern besonders stark nachgefragt, da sie meist nicht nur die Geburtsurkunden von Braut und Bräutigam, sondern in vielen Fällen auch die Geburts- und Sterbeurkunden der Großeltern, Zeugenbekundungen über die Geburt, Militärpapiere, Bürgereidscheine und Urteile über NaVgl. BayHStA, GDion Archive 1778, Schreiben des Staatsarchivs Landshut an den Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns vom 5.9.1941. 19 Vgl. Josef Franz Knöpfler, Die deutschen Archive und die Familienforschung im neuen Reich. Vortrag gehalten auf dem 26. Deutschen Archivtag in Karlsruhe am 19.9.1936. In: Blätter für deutsche Landesgeschichte 83 (1936) S. 180–195, hier S. 184. 20  BayHStA, GDion Archive 1558, Schreiben von Dr. Ring an den Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns vom 14.5.1937. 21  Vgl. Statistisches Jahrbuch für Bayern (1930) S. 466 f. sowie Statistisches Jahrbuch für Bayern (1938) S. 391 f. 18

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mensänderungen enthielten.22 Die Belege lagen im Staatsarchiv Speyer in 4137 Faszikeln mit je 500 bis 1000 Urkunden vor, die nach Landgerichten, Gemeinden und Jahrgängen geordnet waren und mit einem enormen Arbeitsaufwand für jede Anfrage jahrgangsweise Blatt für Blatt durchgesehen werden mussten. Vielfach waren den Anfragenden Ort und Datum der Verehelichung ihrer Eltern nicht bekannt, was die Recherche noch erschwerte. Dennoch gelang es den stark serviceorientierten Beschäftigten alleine aus diesem Bestand zwischen April 1933 und August 1935 über 30.000 Urkundenauszüge für Benützeranfragen zu erstellen.23 Es liegt nahe, dass damit im Staatsarchiv Speyer keine Zeit mehr für die Erledigung weiterer archivischer Kernaufgaben blieb. An die Erarbeitung von wissenschaftlichen Beiträgen war hier offenbar auch in den folgenden Jahren erst gar nicht zu denken, wie noch im Mai 1942 ein Speyerer Archivar betonte: „Ich gestehe, dass ich immer einen gewissen Neid empfinde, dass im Kreisarchiv München Zeit bleibt für solche Arbeiten von dauerndem Wert, während hier die Beamten in Verwaltungsgeschäften und familiengeschichtlichen Forschungen zu ertrinken drohen.“24 Dies galt, freilich in geringerem Umfang, auch für die anderen staatlichen Archive Bayerns. Auch hier musste die Bewertung von Behördenschriftgut oder „die für die Archive lebensnotwendigen Ordnungsarbeiten, namentlich neuer Zugänge“25 zugunsten der Beantwortung von Anfragen und der Benutzerberatung hintangestellt werden oder unterblieben ganz.26 Mehrmals wandten sich deshalb Generaldirektor Riedner, wie später auch Knöpfler, mit Ermahnungen an die Staatsarchive, den Zeitaufwand für die Bearbeitung familiengeschichtlicher Anfragen möglichst zu begrenzen, um mehr Zeit auf Ordnungsarbeiten verwenden zu können. Schließlich sei die „Flut der Neuzugänge“, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs einsetzte, noch nicht abgeflaut: „In solchen Zeiten wächst die Gefahr, daß ein Archiv in der Masse des ungeordneten Stoffes erstickt.“27 Es solle deshalb keine

Vgl. Knöpfler (wie Anm. 19) S. 184 f. Vgl. Knöpfler (wie Anm. 19) S. 185. 24 Staatsarchiv München (StAM), Generalakten (GA) 15 a–i, Schreiben des Staatsarchivs Speyer an das Kreisarchiv München vom 9.5.1942. 25 BayHStA, GDion Archive 1558, Schreiben des Vorstands des Staatsarchivs Amberg, Dr. Eberl, an den Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns vom 13.4.1937. 26 Vgl. Knöpfler (wie Anm. 19) S. 189. 27 StAM, GA 16, Schreiben Generaldirektor Riedners an sämtliche Staatsarchive vom 12.2.1934. 22 23

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„tagelange Arbeit“28 auf einzelne Recherchen nach Archivalien verwendet werden, „die dann später entweder gar nicht oder nur unvollständig benützt werden“29 Vielmehr sei mehr Gewicht auf eine intensive Beratung der Anfragenden zu richten, um unnötige Arbeit zu ersparen. Allerdings ließ sich der Zeitaufwand für die zunächst weiter zunehmenden Nutzeranfragen nicht beliebig einschränken, wie die Archivare in den Staatsarchiven immer wieder klarstellten: So könne die gebotene Kürze „wegen des Zustandes vieler Repertorien und des Fehlens von Registern nicht Platz greifen.“30 Die deutlich gewachsenen Anforderungen im Bereich der Benutzerbetreuung blieben deshalb auch in den folgenden Jahren eine starke Belastung. D i e S t a a t l i ch e n A r ch ive B ay e r n s i m D i e n s t d e s N S - Re g i m e s Trotz der enormen Herausforderungen, denen sich die Archive mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten gegenüber sahen, erkannten, wie die Archive im ganzen Reich, gerade auch Vertreter der Staatlichen Archive Bayerns das so gestiegene öffentliche Interesse an den eigenen Quellen und die eigene Kompetenzen in der Quellenkunde auch als Chance, im neuen Staat an Bedeutung zu gewinnen. Auf dem Deutschen Archivtag 1936 formulierte Josef Franz Knöpfler die bereits vielzitierte Zielformel: „es gibt keine Rassepolitik, es gibt auch keine Erbbiologie ohne Archive, ohne Archivare.“31 Dabei mussten auch Kompetenzbeschneidungen und der Zugriff anderer Stellen abgewehrt werden. Verschiedene bayerische Kommunen, allen voran Nürnberg, die „Stadt der Reichsparteitage“, hatten seit der Machtübernahme Ansprüche zur Herausgabe der staatlichen Quellenbestände zur eigenen Stadtgeschichte erhoben, die Generaldirektor Riedner unter Verweis auf das Provenienzprinzip und die eigenen Fachkompeten-

BayHStA, GDion Archive 1343, Protokoll der Jahressitzung der planmäßigen akademischen Beamten des Hauptstaatsarchivs und seiner Beamten am 4.4.1936. 29  StAM, GA 16, Schreiben Generaldirektor Riedners an sämtliche Staatsarchive vom 12.2.1934. 30 StAM, GA 16, Schreiben des Leiters des Staatsarchivs München, Mitterwieser, an Generaldirektor Riedner vom 17.10.1935. 31 Knöpfler (wie Anm. 19) S. 180. 28

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zen strikt ablehnte.32 Von den Sippenämtern als geplanten neuen Fachbehörden für genealogische Forschungen und die Ausstellung von Abstammungsnachweisen, deren baldige Einrichtung der Generaldirektor spätestens ab Juli 1934 erwartete, konnte den Archiven zudem ungeliebte fachliche Konkurrenz erwachsen.33 Zur Selbstbehauptung galt es deshalb, vor allem die eigenen Leistungen auf dem Gebiet der Familienforschung und Heimatkunde zu betonen. Bereits 1923 und 1927 hatte Riedner Broschüren mit Ratschlägen für Familien- und Ortsgeschichtsforscher herausgegeben, freilich zunächst nur, um den Beratungsaufwand für schlecht vorbereitete Archivnutzer minimieren zu können.34 Seit 1928 hatten die Staatlichen Archive Bayerns sich außerdem für die sogenannten Altbauernehrungen engagiert und die ursprünglich vom Bayerischen Landwirtschaftsrat, dann vom Christlichen Bauernverein ausgehenden Recherchen für die Auszeichnung alteingesessener Bauersfamilien unterstützt.35 Dies alles stellte Riedner im Juni 1933 in einen größeren Zusammenhang, indem er in einer eigenen Denkschrift an den bayerischen Ministerpräsidenten, Ludwig Siebert, die „Kleinarbeit der Archive auf dem Gebiet der nationalen Geschichtspflege“ betonte.36 Auch finanziell sollten die Ahnenforscher in Bayern möglichst entlastet werden. So wurde für bäuerliche Sippenforschungen und „ernstliche wissenschaftlich betriebene“ Familienforschungen fortan nur mehr der Mindestsatz an Nutzungsgebühren erhoben.37 1934 wurde am Bayerischen Hauptstaatsarchiv außerdem ein einwöchiger und stark nachgefragter Vgl. BayHStA, GDion Archive 330, Schreiben Generaldirektor Riedners an das Staatsarchiv Nürnberg vom 12.11.1934. – BayHStA, GDion Archive 776, Schreiben des Bürgermeisters der Stadt Füssen vom 10.6.1938 und Antwortschreiben Generaldirektor Riedners vom 4.8.1938. 33 Vgl. BayHStA, GDion Archive 1142, Fragment eines Schreibens von Joseph Friedrich Abert an Generaldirektor Riedner mit handschriftlichem Vermerk Riedners vom 27.7.1934 sowie Korrespondenz Pius Dirrs mit Generaldirektor Riedner vom 23.10.1934 und 8.11.1934. 34 BayHStA, MK 66782, Schreiben Generaldirektor Riedners an das Ministerium des Äußern vom 12.1.1927. 35 Vgl. BayHStA, GDion Archive 1146, Schreiben der Landesbauernschaft Bayern des Reichsnährstandes an Generaldirektor Riedner vom 10.10.1933. – BayHStA, MK 66782, Denkschrift Generaldirektor Riedners, Die Kleinarbeit der bayerischen Archive auf dem Gebiete der nationalen Geschichtspflege, S. 9 f. 36 Vgl. Riedner (wie Anm. 35) S. 1. 37 BayHStA, Finanzministerium (MF) 72612, Schreiben des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an das Staatsministerium der Finanzen vom 25.4.1935. Riedner hatte dies in seiner Denkschrift empfohlen, vgl. Riedner (wie Anm. 35) S. 9. 32

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Einführungskurs für Heimat- und Familienforschung mit eigens erarbeiteten Materialien abgehalten, an denen genealogisch Interessierte, aber v.a. Multiplikatoren wie Geistliche, Lehrer sowie höhere Verwaltungsbeamte teilnahmen.38 B e r a t u n g s s t e l l e n f ü r Fa m i l i e n f o r s ch u n g Bereits in den Sommermonaten 1933 entschloss sich der Generaldirektor auf Betreiben Knöpflers außerdem, eine Beratungsstelle für Familienforschung am Bayerischen Hauptstaatsarchiv einzurichten, die mit Anordnung Riedners vom 9. Oktober 1933 in ähnlicher Form auch bei allen anderen Staatsarchiven realisiert wurde. Hier konnten „in bestimmten Sprechstunden breitere Kreise unentgeltlich ersten Rat und Beistand in Angelegenheiten der Familienforschung, des Adelswesens, der Wappenkunde, der Archivalienentzifferung, der Archivalienvermittlung, des Schrifttums und der etwaigen Gebührenpflicht erhalten.“39 Für die Einrichtung der Beratungsstellen spielten verschiedene Beweggründe eine Rolle. Zum einen sollte so der stark steigende Beratungsaufwand im Bereich der Familienforschung kanalisiert werden. Zweitens hatte gerade Knöpfler bereits in den 1920er Jahren die Bedeutung der Familienforschung wegen ihrer „großen nationalen Aufgabe“40 nicht zuletzt zur Ermittlung der „rassefremden Elemente“41 betont. Nach 1933 meldeten sich auch andere bayerische Archivare in diesem Sinne zu Wort und hoben die Bedeutung der Familienforschung für den neuen Staat hervor.42 Exemplarisch sei hier nochmals Dr. Hans Ring erwähnt, der im Juli 1933 für den Informationsdienst für Volksgesundheit unter dem Titel „Die neuen Aufgaben der Ahnenforschung“ ausführte: „Ist es nicht seltsam in einer Zeit, da Hunde und Pferde weitreichende Stammtafeln aufweisen, daß der moderne Mensch nicht imstande ist, über seine Groß-

38 Vgl. Riedner (wie Anm. 35) S. 6 sowie MK 41348, Bekanntmachung des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 8.2.1934. – Materialien und eine Teilnehmerliste zu den Einführungskursen sind ebenfalls überliefert, vgl. BayHStA, MK 41348. 39 BayHStA, MK 41348, Schreiben Generaldirektor Riedners an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 21.10.1933; vgl. dazu auch Knöpfler (wie Anm. 19) S. 181. 40 Knöpfler (wie Anm. 9) S. 85. 41 Ebd. S. 87. 42 Vgl. hierzu auch die antisemitischen Ausführungen und Forderungen Dr. Karl Puchners in: Karl Puchner, Familiennamen als Rassemerkmal, München 1934.

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eltern hinauszudenken.“43 Schließlich habe die Machtübernahme der Nationalsozialisten die scheinbar überkommenen Standesunterschiede aufgehoben: „Nicht mehr um Geld, Gunst und Liegenschaften geht heute die Frage, sondern nur darum: Bist du ein Deutscher? Hat dein Geschlecht die Reinheit des deutschen Namens und Blutes bewahrt oder verfiel es der Rassenschande infolge verwerflicher Mischung mit artfremden Blute?“44 Daher sei „Die vertiefte Familien- und Heimatgeschichte berufen, alle vom volkszersetzenden Marxismus bewußt geleugneten und verlästerten Zusammenhänge des Blutes im Volkskörper wieder herzustellen.“45 Die Förderung der Familienforschung zum Zwecke rassepolitischer Ziele entsprach also durchaus den ideologischen Überzeugungen einiger Archivare – auch in Bayern. Schließlich muss die Einrichtung der Beratungsstellen aber auch als die Verteidigung von Zuständigkeiten verstanden werden. Denn Riedner kam damit einer Initiative des Kampfbundes für deutsche Kultur zuvor, der sich auch selbst für die Umsetzung empfohlen hatte, und konnte noch dazu mit Knöpfler einen verdienten Parteigenossen als Vertrauensmann zwischen Kampfbund und Archiven präsentieren.46 Dies war umso bedeutsamer, da die staatliche Archivverwaltung in Bayern nicht zuletzt wegen der mutigen Publikationen Fritz Gerlichs in den Verdacht der Unzuverlässigkeit gegenüber dem neuen Regime geraten war. So hatte der Kampfbund für deutsche Kultur ins Feld geführt, dass bei den Archiven für die Beratungsstellen Beamte eingesetzt würden, „die nicht nur keine Gewähr dafür bieten, die ihnen gestellten Aufgaben im nationalsozialistischen Sinne zu erfüllen, sondern die sogar bis in die jüngste Zeit aus ihrer persönlichen Ablehnung der nationalsozialistischen Weltanschauung kein Hehl machten.“47 Der Einrichtung der Beratungsstelle im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, die unter der Ägide Knöpflers mit eigenen Referenten für die Pfalz, Franken, Schwaben und Altbayern ausgestattet war, folgte „ein förmli43 BayHStA, GDion Archive 1142, Flugblatt des Informationsdienstes Volksgesundheit Nr. 247. 44 Ebd. 45 Ebd. 46 Vgl. BayHStA, MK 41348, Schreiben Generaldirektor Riedners an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 21.10.1933 sowie Schreiben des Kampfbundes für deutsche Kultur an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 24.11.1933. 47 BayHStA, MK 41348, Schreiben des Kampfbundes für deutsche Kultur an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 20.10.1933.

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cher Sturm“48 der Interessierten, den die Archive durch Formblätter und Richtlinien für Anfänger auf dem Gebiet der Familienforschung in den Griff zu bekommen versuchten.49 Täglich erreichten die Beratungsstelle schriftliche Anfragen und die wöchentliche Sprechstunde war meist völlig überfüllt.50 Vor allem die Auskünfte zur Erstellung von Ariernachweisen gingen spätestens ab 1935, nach Erlass der Nürnberger Rassegesetze, jährlich in die Tausende. Auch wenn die Nutzerzahlen bei den Beratungsstellen der Staatsarchive weit weniger hoch waren,51 resümierte Riedner seine Erfahrungen im Dezember 1935 äußerst positiv: „Die Einrichtung wird von der Öffentlichkeit in ihrer Tätigkeit restlos anerkannt. Daß man dabei natürlich auch sein liebes Kreuz mit so manchem familiengeschichtlichen Analphabeten hat, darf einem die Sache nicht verleiden. Man erntet doch auch viel Dank, und das Bewußtsein, hier dem deutschen Volke in wichtiger Sache zu dienen, muß von selbst Befriedigung geben.“52 Noch sehr viel deutlicher hatte sich zu diesem Zeitpunkt freilich bereits das Staatsarchiv Würzburg in den Dienst der Rassepolitik des NS-Regimes gestellt. Auf persönliche Initiative des altgedienten Freikorpsführers und Archivleiters, Joseph Friedrich Abert53, war hier bereits im Mai 1933 eine familienkundliche und erbbiologische Forschungsstelle eingerichtet worden. Hier sollten in einer Arbeitsgemeinschaft mit der Universität WürzAbendblatt Nr. 61 vom 14.3.1934 „Die Jagd nach Wappen und Adelstiteln“. Vgl. BayHStA, GDion Archive 1142, Schreiben Knöpflers an den Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns vom 28.8.1935. 50 Vgl. Abendblatt Nr. 61 vom 14.3.1934 „Die Jagd nach Wappen und Adelstiteln“ sowie BayHStA, GDion Archive 1142, Schreiben Generaldirektor Riedners an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 12.12.1935. 51 So verzeichnete die Beratungsstelle im Staatsarchiv Neuburg a.d. Donau bis April 1934 nur 10 persönliche Benutzer und immerhin 100 schriftliche Anfragen; im Staatsarchiv Amberg waren bis dahin 46 Personen beraten worden, vgl. BayHStA, GDion Archive 1142, Schreiben der Leiter der Staatsarchive Neuburg a.d. Donau und Amberg an Generaldirektor Riedner vom 28.4.1934 sowie 26.4.1934. 52 BayHStA, GDion Archive 1142, Schreiben Generaldirektor Riedners an die Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde vom 11.12.1935. 53 Joseph Friedrich Abert, geb. 11.6.1879, gest. 25.10.1959, April–Juni 1919 Mitglied des Freikorps Würzburg, Juni 1919–1923 Anführer der mobilen Kompanie bzw. der Sturmkompanie Abert sowie später Mitglied der Reichsflagge Oberland; seit 1.5.1933 Mitglied der NSDAP; ab August 1933 Leiter der Fachschaft Heimatdienst und Heimatforschung bei der Kreisleitung für Unterfranken und der Ortsgruppe Würzburg des Kampfbundes für deutsche Kultur; ab November 1933 Leiter der Abteilung Volksbildung in der Gauleitung Mainfranken; am 2.1.1935 wegen Verstoßes gegen §175 Strafgesetzbuch verhaftet und am 29.2.1936 aus dem Archivdienst entlassen; vgl. BayHStA, MK 17585 sowie MK 36235. 48 49

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burg die Archivalien direkt für die Zwecke der Eugenik nutzbar gemacht und möglichst umfassend das Erbgut der Bevölkerung erfasst werden. Dafür wurden verschiedene genalogische Quellen wie etwa Zweitschriften der Pfarrmatrikel, die Würzburger Adressbücher, Schuljahresberichte und Schematismen zusammengetragen. Den Zweck, den die Forschungsstelle im Dienste des NS-Regimes erbringen sollte, hatte der dort tätige Erbbiologe, Prof. Ludwig Schmidt, am 23. Mai 1933, bei der feierlichen Eröffnung, eindeutig klargestellt: „Eine Forschungsstelle wie die heute ins Leben gerufene, vermag bei der Lösung der Aufgaben der Eugenik wertvollste Dienste zu leisten. Es gilt das Erbgut, das im Volke steckt, zu erfassen.“ Denn wer den Führergedanken durchführe, leugne die Gleichheit der Menschen und könne nicht wollen, „daß unser Aufstieg durch den Ballast menschlicher Minderwertigkeit gehemmt wird. Wir greifen ihn noch täglich mit Händen, den Jammer von Millionen Familien, die infolge von vererbter Minderwertigkeit dahinvegetieren und der Allgemeinheit zur Last fallen.“ Die Beratungsstelle in Würzburg wolle deshalb „mithelfen bei der Beschaffung der Unterlagen für die notwendige Ausjätung des Minderwertigen und wir wollen junge Menschen mit Erbgesundheitsgewissen beraten, bevor sie den folgeschweren Schritt der Ehewahl tun.“54 Abert, der neben der Leitung des Staatsarchivs Würzburg ab Mai 1933 zunehmend für den Kampfbund für deutsche Kultur und die Gauleitung Mainfranken der NSDAP tätig wurde, mühte sich in den folgenden Monaten, weitere Projekte im Sinne der nationalsozialistischen Rassepolitik umzusetzen. So bildete sich etwa im November 1934 an der Universität Würzburg eine Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung, deren Geschäftsführung Abert übernahm. Hier sollte mit Fördermitteln der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft die Bevölkerung des Rhöngebietes rassemäßig und erbbiologisch erfasst, die bäuerlichen Erbteilungsverhältnisse in Mainfranken geklärt und eine agrarwissenschaftliche Agrarstatistik für den Spessart erarbeitet werden.55 Erst das abrupte Ende von Aberts Karriere im NS-Regime im Dezember 1935 verhinderte weitere Projekte des Staatsarchivs Würzburg im Dienste der NS-Rassepolitik. Auch wenn damit keinesfalls zu leugnen ist, dass sich die Staatlichen Archive Bayerns bewusst für die menschenverachtenden Ziele des NSWürzburger Generalanzeiger Nr. 119 vom 24.5.1933 „Familienkundliche und erbbiologische Forschungsstätte in Würzburg“. 55 Vgl. BayHStA, GDion Archive 1142, Schreiben Aberts an Generaldirektor Riedner vom 29.11.1934. 54

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Regimes einspannen ließen, ja hierfür selbst Initiativen entwickelten, lässt sich dies für den praktischen Umgang und die Bereitstellung des Zugangs zu den Archivalien nicht unbedingt bestätigen. N u t z u n g s b e s ch r ä n k u n g e n u n d N u t z u n g s p r a x i s i n d e n S t a a t l i ch e n A r ch ive n B ay e r n s Trotz einer deutlich zunehmenden Verschärfung der rechtlichen Nutzungsvorgaben, v.a. für sogenannte Nichtarier, bemühten sich die Archivare in Bayern im Einzelfall nämlich zunächst durchaus darum, auch jüdischen Benützern Einsicht in die gewünschten Quellen zu ermöglichen. Nach den seit 1899 geltenden Bestimmungen war die Benützung älterer Unterlagen – aus dem Zeitraum vor 1800 – nämlich „vertrauenswürdigen Personen“ nur zu versagen, wenn die „Veröffentlichung des Forschungsergebnisses das Staatswohl oder den religiösen Frieden oder die gute Sitte verletzen würde.“56 Bei jüngeren Quellen war außerdem zu prüfen, ob die Rücksichtnahme auf noch lebende Personen oder Familien eine Einsichtnahme angemessen erscheinen ließ. Nur in Zweifelsfällen sowie grundsätzlich bei Archivalien der Abteilung Geheimes Staatsarchiv wurde das Kultusministerium in die Entscheidung mit einbezogen. In den folgenden Jahren wurden die Nutzungsbedingungen entsprechend der Vorgaben des Reichsinnenministeriums deutlich verschärft. Ab Juli 1936 durften jüngere Akten − ab dem Jahr 1867 − nur mehr mit Zustimmung des für den Geschäftsbereich zuständigen Ministeriums vorgelegt werden, sofern die von den Benützern gewählten Themen politische Interessen berühren könnten.57 Nichtopportune wissenschaftliche Forschungen etwa zum Kulturkampf oder zur Biographie Kurt Eisners wurden auf dieser Grundlage untersagt und sollten „mit Rücksicht auf die politische Bedeutung des einschlägigen Schriftenmaterials“ den amtlichen Stellen „oder einem von diesen beauftragten bewährten und besonders zuverlässigen Historiker“ vorbehalten bleiben.58 Bekanntmachung, die Benützung der Landesarchive betreffend vom 28.2.1899. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Königreich Bayern, S. 65–70. 57 Vgl. BayHStA, MK 15680, Schreiben der Staatskanzlei an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 16.5.1936 und Schreiben des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns vom 29.6.1936. 58 BayHStA, MK 66790, Schreiben des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns vom 7.1.1938. Zur abgelehnten Forschung zum Thema Bismarck und Falk vgl. BayHStA, MK 66791, Schreiben des Staats56

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Auf streng vertrauliche Anordnung Knöpflers waren ab 6. Juli 1938 zudem alle Archivbenützungsgesuche von Ausländern dem Generaldirektor zur Entscheidung vorzulegen. Denn bislang sei, wie Knöpfler ausführte, bei der Vorlage von Archivalien an ausländische Benützer eine allzu große „Vertrauensseligkeit“ geübt worden, weshalb südslawische Forscher ihre Erkenntnisse aus den Quellen der Hochstifte Freising und Brixen zu politischen und kulturpolitischen Spitzen gegen das Deutschtum hätten nutzen können.59 Materialien zur Geschichte des Judentums im 19. und 20. Jahrhundert konnten bereits seit August 1935 nur mehr mit Genehmigung des Kultusministeriums eingesehen werden, wobei etwaige Abschriften zusätzlich vorgelegt werden mussten. Dies hatte nicht zuletzt zur Folge, dass im Bayerischen Hauptstaatsarchiv das Findbuch zum bereits genannten Judenselekt grundsätzlich von der Benutzung ausgeschlossen, mit einem roten Streifen versehen und fortan im Giftschrank des Repertorienzimmers verwahrt wurde.60 Auf einzelne jüdische Benützer hatten diese Einschränkungen, soweit nachvollziehbar, aber zunächst keine größeren Auswirkungen. Die in den Archivalien überlieferten Anträge von Juden, u.a. etwa des Bezirksrabbiners in Regensburg, Dr. Magnus Weinberg, vom Dezember 1935 wurden von den zuständigen Archiven und insbesondere durch Generaldirektor Riedner stets befürwortet, wobei meist auf die unverfänglichen Archivalien, die thematisch begrenzten Forschungen oder sogar den guten Leumund der Anfragenden verwiesen wurde.61 Im Falle Weinbergs, der als etablierter Forscher zur jüdischen Geschichte der Oberpfalz galt, betonte Riedner etwa, dass „an dem guten Willen des Gesuchstellers, die Archivalien wissenschaftlich zu bearbeiten“ nicht zu zweifeln sei und entkräftete die zunächst vom Staatsarchiv Amberg geäußerten Befürchtungen, die

ministeriums für Unterricht und Kultus an den Generaldirektor der staatlichen Archive Bayerns vom 6.2.1940. 59 StAM, GA 16, Streng vertraulicher Umlauf im Hause mit Anordnung Knöpflers vom 6.7.1938. 60 Vgl. BayHStA, MK 15680 Schreiben des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an Generaldirektor Riedner vom 7.8.1935 sowie Vermerk Knöpflers mit seiner und Riedners Unterschrift vom 6.8.1935 und Genehmigung Riedners vom 31.8.1935. 61 Vgl. die zahlreichen Gutachten zu Benutzeranfragen in BayHStA, MK 15680, MK 66790 sowie MK 66791.

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von Weinberg aus den Quellen gewonnenen Erkenntnisse könnten zur „Hetze gegen Deutschland“ verwendet werden.62 Erst der Runderlass des Reichsinnenministers vom 24. März 1938 machte dieser liberalen Handhabung ein Ende. Demnach war Juden die Archivbenutzung nur mehr zu familiengeschichtlichen Zwecken oder zur Erforschung des jüdischen Volkstums zu gestatten. Auf Anordnung Knöpflers, der seine antisemitische Haltung auch in den archivischen Gutachten zu Nutzeranfragen deutlich zum Ausdruck brachte, sollte deshalb, „wenn wegen des Aussehens, Namens oder der Aufführung begründete Zweifel an der arischen Abstammung bestehen, überdies der arische Nachweis eingefordert“ werden.63 Die gewünschte Ausgrenzung jüdischer Benützer wurde paradoxerweise noch im November 1938 durch die Vorgänge der Reichspogromnacht konterkariert. Waren bis zum Herbst 1938 kaum mehr Archivbenützungen durch Juden registriert worden, führten die gezielten antisemitischen Gewaltmaßnahmen und Plünderungen der Synagogen in Bayern nämlich zur Übernahme der jüdischen Standesmatrikel in die Staatsarchive.64 Vor allem in Franken, wo im innerbayerischen Vergleich viele Juden lebten, wandten sich nun erneut einige Benutzer an die Staatsarchive, um Auskunft aus den Matrikeln ihrer Kultusgemeinden zu erhalten oder etwa die ab Januar 1939 verpflichtenden zusätzlichen Vornamen Sara und Israel nachtragen zu lassen.65 Zwar blieben diese Archivnutzungen zahlenmäßig sehr begrenzt, sie wurden aber von den Staatsarchiven in Bayern, wohl aufgrund ihrer möglichen politischen Implikationen, als nicht unproblematisch beurteilt und als „eine Welle schriftlicher und persönlicher Benützung“ beschrieben.66 Im Ausnahmefall wurden diese Quellen auch zu weitergehenden Forschungen genutzt, wie im Falle eines jüdischen Benützers, 62 BayHStA, MK 15680, Schreiben Generaldirektor Riedners an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 21.12.1935. 63 BayHStA, GDion Archive 1227, Schreiben Knöpflers an das Staatsarchiv Amberg vom 9.5.1938. 64 Vgl. BayHStA, GDion Archive 1227, Schreiben Knöpflers an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 26.9.1938. 65 Vgl. BayHStA, MK 66790, Schreiben Knöpflers an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 20.6.1939. 66 Das Staatsarchiv Bamberg verzeichnete 93 Benutzungen durch Juden; im Staatsarchiv Nürnberg waren es 38, in Würzburg 33 Archivnutzungen; die anderen staatlichen Archive meldeten auch jetzt keine oder lediglich 2–3 jüdische Benützer, vgl. BayHStA, GDion Archive 1227, Schreiben Knöpflers an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 9.6.1938.

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der noch im April 1940 für ausgedehnte genealogische Untersuchungen Einsichtnahme in die Matrikel verschiedener Gemeinden in den Staatsarchiven Nürnberg und Bamberg erhielt.67 Rü ck g a n g d e r A r ch iv nu t z u n g e n u n d E i n s ch r ä n k u n g e n n a ch K r i e g s b e g i n n Nach einem sprunghaftem Anstieg der Archivnutzungen in den Jahren 1933 bis 1937 nahm die Zahl der Benutzer im Jahr 1938 offenbar bereits deutlich und spätestens mit Kriegsbeginn im Herbst 1939 ganz erheblich ab. Zwar fehlen statistische Aufstellungen für die Jahre 1938 bis 1945, die überlieferte Korrespondenz der Staatsarchive mit dem Generaldirektor und die ab Mitte 1938 nur mehr selten vom bayerischen Kultusministerium erteilten Genehmigungen zur Archivbenützung zeigen dies aber deutlich. Bereits im Juni 1937 stellte ausgerechnet die Beratungsstelle im Staatsarchiv Würzburg als erste in Bayern ihre Tätigkeit ein, da seit Monaten niemand mehr die dort eingerichtete Sprechstunde aufgesucht hatte.68 Mit Kriegsbeginn wurde der Nachweis der arischen Abstammung deutlich erleichtert, weshalb auch die Nachfrage nach archivischen Dienstleistungen stark zurückging. In der Regel reichte nun eine entsprechende Versicherung der Verpflichteten aus, dass Hinweise auf jüdische Eltern oder Großeltern nicht bestanden.69 Auch die Beratungsstellen für Familienforschung in den anderen Staatsarchiven wurden deshalb kaum mehr nachgefragt.70 Die andernorts festzustellende Wiederzunahme der Anfragen in den ersten beiden Kriegsjahren für die Ausstellung entsprechender Abstammungsnachweise bei militärischen Beförderungen lässt sich für die staatlichen Archive in Bayern nicht belegen.71 Seit Kriegsbeginn waren die Staatsarchive nun zudem von anderen Nutzungseinschränkungen betroffen. Personalmangel aufgrund von RekruVgl. BayHStA, MK 66791, Gesuch Joseph Kleins vom 3.4.1940; Schreiben des Staatsarchivs Nürnberg an den kommissarischen Generaldirektor Knöpfler vom 5.4.1940; Korrespondenz Knöpflers mit dem Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 9. und 16.4.1940. 68 Vgl. BayHStA, GDion Archive 1142, Korrespondenz des Staatsarchivs Würzburg mit Generaldirektor Riedner vom 8.6. und 14.6.1937. 69 Vgl. Richau (wie Anm. 4) S. 94 und Dritte Verordnung zur Durchführung des Deutschen Beamtengesetzes vom 27.9.1939, Reichsgesetzblatt I, S. 1982. 70 Vgl. BayHStA, GDion Archive 2639, Jahresbericht für 1941/42 von Staatsarchivrat Dr. Anton Schmid vom 15.4.1942. 71 Vgl. Schmidt (wie Anm. 1) S. 54 f. 67

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tierungen setzte ein. Schließlich war ab 1939 bzw. in größerem Umfang ab April 1941 die Einsichtnahme in Archivalien auch durch die beginnenden Auslagerungen erschwert. Teilweise konnte deshalb nur mehr Auskunft aus den Repertorien erteilt werden.72 Über persönliche Beziehungen und für verdiente Parteigenossen wurden einzelne Archivalien nun wieder versandt, was seit November 1938 nur mehr in äußersten Ausnahmefällen gestattet worden war.73 Teils wurde für diese Benützer auch die Einsichtnahme am Evakuierungsort ermöglicht.74 Die Anweisung des bayerischen Kultusministeriums, wonach auf Grundlage eines Erlasses des Reichsinnenministeriums ab 21. Oktober 1941 keine Archivalien der Staatsarchive in Bayern mehr für Ausstellungszwecke verliehen werden durften, hatte dagegen weitgehend nur mehr nominellen Charakter.75 Fa z i t Seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten rückten auch die bayerischen staatlichen Archive stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit und verzeichneten ein Nutzeraufkommen, das sie an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit brachte. Mit den von ihnen verwahrten Archivalien zur Familiengeschichte und den nötigen Fachkenntnissen zur Interpretation dieser Quellen waren sie systemrelevante Bausteine der NS-Rassepolitik. Zwar lässt sich im direkten Nutzerverkehr bis 1938 kaum nachweisen, dass bestimmte Gruppen und insbesondere jüdische Benützer von der Archivnutzung ausgeschlossen wurden. Nach der Reichspogromnacht 1938 72 Vgl. BayHStA, MK 66791, Schreiben Knöpflers an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 7.10.1942. – Zu den Auslagerungen vgl. Anton Schmid, Die bayerischen Archive im zweiten Weltkrieg. In: Archivalische Zeitschrift (AZ) 46 (1950) S. 41–76, hier insbesondere S. 67. – Bernhard Grau, Katastrophenfall. Die Stammabteilung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs im Zweiten Weltkrieg. In: AZ 94 (2015) S. 177–228, hier S. 208. 73 Vgl. BayHStA, GDion Archive 1218, Schreiben Knöpflers an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 23.11.1938. 74 So für den ehem. Kanonikus bei St. Cajetan und Oberregierungsrat im Reichspropagandaministerium in Berlin, Sturmbannführer Dr. Patin. Dieser durfte ab 1943 für den zweiten Band seiner Arbeit über den Politischen Katholizismus während des Weltkrieges 1914/18 die im Münchner Geheimen Staatsarchiv verwahrten Akten der Bayerischen Gesandtschaft beim Vatikan aus den genannten Jahren bei der Archivalienbergungsstelle in Kloster Reisach benutzen und von Knöpfler hatte er die besondere Erlaubnis erhalten, die Akten auch in seiner Wohnung in Reisach einzusehen. Vgl. BayHStA, MK 66791 Schreiben Hösls an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 20.6.1945. 75 Vgl. BayHStA, MK 66791, Schreiben des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus an Knöpfler vom 21.10.1941.

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und der zunehmenden Verdrängung aus dem öffentlichen Leben, wurde die Archivbenutzung für Juden aber auch in den Staatlichen Archiven Bayerns nur mehr, wenn unbedingt notwendig, gestattet und sollte nicht zuletzt aus archivpolitischen Gründen möglichst unterbleiben. Vor allem aber wurden auch die bayerischen Archive durch die persönlichen Initiativen einzelner ideologisch überzeugter Archivare oder wegen vermeintlich notwendiger Selbstbehauptungsmaßnahmen im Kompetenzgerangel des NS-Staates zu aktiven Partnern des Unterdrückungsapparates bei der Ermittlung rassisch Ausgegrenzter. Dass die staatliche Archivverwaltung in Bayern wegen der verbreitet christlich-konservativen Weltanschauung in den 1920er Jahren und noch 1933 als besonders „schwarz“ galt, wirkte hier offenbar nicht hemmend. Vielmehr beförderte wohl gerade der Verdacht der politischen Unzuverlässigkeit das Bemühen, die archivische Fachkompetenz auf dem für das NS-Regime essentiellen Feld der Rassepolitik zu beweisen. Gerade die Förderung der Familienforschung bei den Staatlichen Archiven Bayerns ist damit auch ein gutes Beispiel für die Funktionsmechanismen des NS-Staates.

Zwischen Routine und Raub: Archivalienerwerb im Nationalsozialismus Von Michael Unger Die Schlagworte „Raubkunst“ bzw. „Kunstraub“ stehen für das in den 1990er Jahren erwachte Interesse an der Erwerbungspolitik deutscher Kultureinrichtungen in der Zeit des Nationalsozialismus. Gegenüber Museen, Sammlungen und Bibliotheken stehen die Archive, zumal die staatlichen, dabei im Schatten1. Mit Blick auf den Umstand, dass Archive in einem weitgehend zuständigkeitsgebundenen Rahmen ihre Bestände hauptsächlich auf dem Wege der Aussonderung – einem verwaltungsinternen, in Bayern seit 1932 und damit besonders früh normierten Vorgang2 – ergänzen, ist dies verständlich3. So wirft Torsten Musial in seiner Studie über die Staatsarchive im Dritten Reich ein Schlaglicht auf die Erfassung staat-

Vgl. u.a. Andrea Christine Bambi, Restitution von NS-Raub- und Beutekunst. In: Historisches Lexikon Bayerns http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Restitution von NSRaub- und Beutekunst (aufgerufen am 11.3.2017). – Jan Schleusener, Raub von Kulturgut. Der Zugriff des NS-Staats auf jüdischen Kunstbesitz in München und seine Nachgeschichte (Bayerische Studien zur Museumsgeschichte 3), München 2016. – Cornelia Briel, Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet. NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek zwischen 1933 und 1945, Berlin 2013. 2 Bodo Uhl, Aktenaussonderung und Verwaltungsvereinfachung. Zur Entstehung der bayerischen Aussonderungsbekanntmachung von 1932. In: Gerhard Hetzer – Bodo Uhl (Hrsg.), Festschrift Hermann Rumschöttel zum 65. Geburtstag (= Archivalische Zeitschrift 88 [2006]), 2. Teilband, S. 995–1024. 3 Zu den wenigen diesbezüglichen Untersuchungen zählen Massimiliano Livi, Gestohlen, verschwunden, wieder gefunden. Der Fall des „Internationaal Archief voor de Vrouwenbeweging (IAV) in Amsterdam. In: Robert Kretzschmar u.a. (Red.), Das deutsche Archivwesen und der Nationalsozialismus. 75. Deutscher Archivtag 2005 in Stuttgart (Tagungsdokumentationen zum Deutschen Archivtag 10), Essen 2007, S. 82–89. – Mario Bungert, Flucht, Verkauf und Verschleppung. Die Bestände des SPD-Parteiarchivs 1933–1945. In: Ebd. S. 90–100. – Gerold Bönnen, Beschlagnahmt, geborgen, ausgeliefert. Zum Schicksal des Wormser jüdischen Gemeindearchivs 1938–1957. In: Ebd. S. 101–115. – Michael Unger, Aneignung und Restitution NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts durch die Staatlichen Archive Bayerns – ein Überblick. In: Die Verantwortung dauert an. Beiträge deutscher Institutionen zum Umgang mit NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut, bearb. von Andrea Baresel-Brand (Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle Magdeburg 8), Magdeburg 2010, S. 299–311. 1

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lichen Archivguts4. Weitgehend unbeachtet blieb bisher der Archivalienerwerb, also die Ergänzung der Archivbestände auf privatrechtlichem Weg durch Schenkung, Kauf oder Tausch. In diesem, gegenüber der Aussonderung quantitativ deutlich geringeren Bereich, kommt den Archiven a priori keine andere Rolle zu als den übrigen Kultureinrichtungen, die sich von vornherein des Marktes bedienen müssen, um Kulturgut zu erwerben. Eine Untersuchung des Archivalienerwerbs der Staatlichen Archive Bayerns muss daher der Frage nachgehen, inwieweit dieser den aus der Forschung zu Museen, Bibliotheken und zum Kunsthandel bekannten, unter dem Begriff „Kunstraub“ zusammengefassten Mustern folgte. Der Blickwinkel sollte dabei jedoch nicht auf Aspekte der sogenannten Provenienzforschung beschränkt bleiben, sondern ganz allgemein nationalsozialistische Einflüsse, etwa bei der Auswahl der zu erwerbenden Stücke, erfassen. Schließlich ist gerade beim Archivalienerwerb der Ermessensspielraum der Archivare grundsätzlich hoch zu veranschlagen, auch wenn diesem durch die dafür zur Verfügung stehenden, geringen Mittel in der Praxis enge Grenzen gesetzt waren. O r g a n i s a t o r i s ch e u n d f i n a n z i e l l e G r u n d l a g e n Die Frage nach den finanziellen Grundlagen für den Archivalienerwerb im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 lässt sich nur näherungsweise beantworten. Im Haushalt der Staatlichen Archive Bayerns waren obligatorisch Mittel für Geschäftsbedürfnisse vorgesehen, 1934 im Umfang von 14.730 RM5, 1935 und 1936 in Höhe von jeweils 13.878 RM6. Davon sollten jeweils 4000 RM für verschiedene Zwecke zur Verfügung stehen, wobei der Archivalienankauf ausdrücklich dazugehörte. Unter Berücksichtigung der ebenfalls von dieser Summe zu finanzierenden „sonstigen“ Geschäftsbedürfnissen, der Beschaffung von Aktengestellen, der Instandsetzung von Archivalien, und dem Ausgleich eines etwaigen Mehrbedarfes bei den Geschäftsbedürfnissen einzelner Archive, wird man die tatsächlich für Zwecke des Archivalienankaufs zur Verfügung stehenden Mittel nicht Torsten Musial, Staatsarchive im Dritten Reich. Zur Geschichte des staatlichen Archivwesens in Deutschland 1933–1945 (Potsdamer Studien 2), Potsdam 1996, S. 61–63. 5 Kultusministerium an Generaldirektor betr. Vollzug des Staatshaushalts für 1934 vom 20.7.1934, Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Finanzministerium (MF) 66882. 6 Kultusministerium an Generaldirektor betr. Vollzug des Staatshaushalts für 1935 vom 11.11.1935. – Kultusministerium an Generaldirektor betr. Haushalt der staatlichen Archive für das Rechnungsjahr 1936 vom 27.8.1936, BayHStA, MF 66882. 4

Archivalienerwerb im Nationalsozialismus

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allzu hoch veranschlagen dürfen. Exakte Angaben sind ohne die nicht überlieferten Unterlagen über den Haushaltsvollzug allerdings nicht mehr möglich. Ausdrücklich als eine Fachaufgabe ausgeworfen war der Archivalien­ erwerb auch in der Geschäftsverteilung. Nach einem Geschäftsverteilungsplan des Jahres 1932, der bis weit in die NS-Zeit hinein gültig blieb, war der organisatorisch im Bayerischen Hauptstaatsarchiv angesiedelte Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns durch seine zentrale Zuständigkeit für den Archivhaushalt wenigstens mittelbar mit jedem Archivalienerwerb, auch durch ein Staatsarchiv außerhalb Münchens, befasst. Unmittelbar blieb ihm zudem die Erwerbung „politischer Archivalien“ ausdrücklich vorbehalten. Im Bayerischen Hauptstaatsarchiv fiel der Erwerb sonstiger Archivalien in die Zuständigkeit des Leiters der Archivalienzuwachsabteilung. Sachliche Berührungspunkte ergaben sich dabei mit dem Referat X, das für die Betreuung nichtstaatlicher Archive (Archivpflege) zuständig war und von Staatsarchivrat Dr. Barthel geführt wurde7. In einer neuen Geschäftsverteilung, die zum 1. Januar 1939 in Kraft trat, bildete der Archivalienankauf gemeinsam mit Bauangelegenheiten und Beständefragen ein eigenes Referat (A XIII) unter der Leitung von Dr. Vock, das mit Barthels Archivpflegereferat dem nun bereits „Generaldirektion“ genannten Geschäftsbereich des Generaldirektors zugeordnet war8. Sowohl im Hinblick auf die haushaltsmäßige Zuständigkeit als auch in fachlicher Hinsicht gehörte der Archivalienerwerb damit zu organisatorisch hoch angesiedelten Aufgaben. Er fand seinen Niederschlag in einer bereits seit dem 19. Jahrhundert bis zum Ende der NS-Zeit alphabetisch nach den Korrespondenzpartnern – Privatpersonen, Nachlassgebern, Antiquariaten – geführten Aktengruppe, die Erwerbungsfälle in sämtlichen staatlichen Archiven Bayerns dokumentiert9. E r we r b vo n E i n z e l s t ü cke n Ein Großteil der im Untersuchungszeitraum dokumentierten Fälle von Archivalienerwerb betrifft Einzelstücke. Solche wurden den einzelnen Archiven oder direkt dem Generaldirektor angeboten, zwischen beiden Geschäftsverteilungsliste für das Hauptstaatsarchiv (1.5.1932), BayHStA, Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (GDion Archive) 1328. 8 Referatseinteilung ab 1.1.1939 vom 31.12.1938, BayHStA, GDion Archive 1328. 9 Die Aktengruppe ist archiviert unter den Signaturen BayHStA, GDion Archive 565–698. 7

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Michael Unger

Instanzen galt es jedenfalls, die Relevanz des Stückes und die Preisvorstellung zu klären, ehe es gegebenenfalls zum Ankauf kam. Auch ohne eine lückenlose Statistik der Erwerbungsfälle muss anhand einer Auswertung der zentralen Aktengruppe der