Zwei Predigten am acht und zwanzigsten März 1813 und am zwei und zwanzigsten October 1815 in der Dreifaltigkeitskirche zu Berlin 9783111477510, 9783111110486

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Zwei Predigten am acht und zwanzigsten März 1813 und am zwei und zwanzigsten October 1815 in der Dreifaltigkeitskirche zu Berlin
 9783111477510, 9783111110486

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Am acht und zwanzigsten März 1813
Am zwei und zwanzigsten Oktober 1815

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Zwei Predigten am

acht und zwanzigsten März äst 3 und am

zwei und zwanzigsten Oktober 1815 in der

Dreifaltigkeitskirche zu Berlin gesprochen

K. Schleiermacher.

Berlin, 1863. Timt mir Berlag vcit

s)u'imvi

Am acht und zwanzigsten März 1813

«vleine andächtigen Zuhörer! Durch ein außerordentliches Ereig­ niß finden wir die Reihe unserer Vorträge über den leidenden Erlöser unterbrochen, und unsere heutige Zusammenkunft einem ganz andern Gegenstände gewidmet.

Wie waren wir schon Alle durch die Begeben­

heiten der letzten Wochen auf das innigste bewegt! Ausziehn sahn wir aus unsern Mauern das Heer eines dem Namen nach uns verbündeten Volkes: aber nicht, als ob Freunde von uns schieden, war uns zu Muthe; sondern mit dankbarer Freude fühlten wir den langen schweren Druck endlich von uns genommen.

Jenem folgten auf dem Fuße die

Schaaren eines andern Volkes, dein Nanien nach mit uns im Kriege: aber mit der fröhlichsten Begeisterung wurden sie aufgenommen, wie sie sich auch zu erkennen gaben, als des Königes und des Volkes Freunde. Und als wir nicht lange nach ihnen auch unsere eignen Krieger zurück­ kehren sahen, da durfte keiner mehr zweifeln; sondern froh ging die Rede von Mund zu Munde, Dank dem himmlischen unverkennbaren Zeichen, welches Gott der Herr durch die schrecklichen Zerstörungen des Krieges int Norden gegeben. Dank den edlen und tapfern Heerführern, die selbst den Schein des Ungehorsams und die Verletzung des Buch­ staben nicht achtend,

es wagten,

wahrhaft im Sinn und Geist des

Königs handelnd den ersten entscheidenden Schritt zu thun, um uns von den unerträglichen Banden, die uns so lange gefesselt hielten, zu befreien, Dank dem Könige, der in diesem dargebotenen günstigen Augen-

4 blick nichts anderes, als seinen, dem unsrigen ganz gleichen Sinn konnte walten lassen, Dank dem allen, die große Veränderung, der Uebergang von der Knechtschaft zur Freiheit bereitet sich.

Aber wie unverholen

wir auch unter uns Gott freudig dankten: es war noch nicht Zeit es öffentlich zu thun; denn

der König hatte noch nicht geredet.

Endlich

erscholl es uns, das lange und ungeduldig erwartete Königliche Wort, welches, wiewol es gewiß uns allen aus den öffentlichen Blättern tief eingeprägt ist, wir, da es auf des Königs Befehl heute von allen Kan­ zeln der Stadt soll verlesen werden, auch gewiß alle mit Freuden und Rührung nochmals hören werden.

Also lautet es:

„An Mein Volk! „So wenig wie für Mein treues Volk, als für Deutsche bedarf es einer Rechenschaft über die Ursachen des Krieges, welcher jetzt beginnt. Klar liegen sie dem unverblendeten Europa vor Augen. „Wir erlagen unter der Uebermacht Frankreichs.

Der Frieden, der

die Hälfte Meiner Unterthanen Mir entriß, gab uns seine Segnungen nicht, denn er schlug uns liefere Wunden als selbst der Krieg. Mark des Landes ward ausgesogen.

Das

Die Hauptfestungen blieben vom

Feinde besetzt, der Ackerbau war gelähmt, so wie der sonst so hochge­ brachte Kunstfleiß

unserer Städte.

Die Freiheit des Handels ward

gehemmt und dadurch die Quelle des Erwerbes und Wohlstandes ver­ stopft. Das Land ward ein Raub der Verarmung.

Durch die strengste

Erfüllung eingegangener Verbindlichkeiten hoffte ich Meinem Volke Er­ leichterung zu bereiten und den französischen Kaiser endlich zu überzeu­ gen, daß es sein eigner Vortheil sei, Preußen seine Unabhängigkeit zu lassen.

Aber Meine reinsten Ansichten wurden durch Uebermuth und

Treulosigkeit vereitelt und nur zu deutlich sahen wir, daß des Kaisers Verträge, mehr noch als seine Kriege, uns langsam verderben mußten; jetzt ist der Augenblick gekommen, wo alle Täuschung aufhört. denburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Lithauer!

Bran­

Ihr wißt, was

Ihr seit sieben Jahren erduldet habt, Ihr wißt, was Euer trauriges Loos ist, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden. Erin­ nert Euch an die Vorzeit, an den großen Kurfürsten, an den großen Friedrich.

Bleibet eingedenk der Güter, die unsere Vorfahren blutig

erkämpften: Gewissensfreiheit, Ehre, Unabhängigkeit, Handel, Kunstfleiß

5 und Wissenschaft.

Gedenkt des großen Beispiels unserer mächtigen Ver­

bündeten, gedenkt der Spanier und Portugiesen; selbst kleinere Völker sind für gleiche Güter gegen mächtigere Feinde in den Kampf gezogen und haben den Sieg errungen. Schweizer und Niederländer.

Erinnert Euch an die heldenmütigen

Große Opfer werden von allen Ständen

gefordert werden, denn unser Beginnen ist groß und nicht gering die Zahl und Mittel unserer Feinde.

Ihr werdet jene lieber bringen für

das Vaterland, für Euren angebornen König, als für einen fremden Herrscher, der so, wie viele Beispiele lehren, Eure Söhne und Eure letzten Kräfte Zwecken widmen würde, die Euch ganz fremd sind.

Ver­

trauen auf Gott, Muth, Ausdauer und der Beistand unserer Bundes­ genossen, werden unseren redlichen Anstrengungen siegreichen Lohn ge­ währen.

Aber welche Opfer auch gefordert werden, sie wiegen die heiligen

Güter nicht auf, für die wir sie hingeben, für die wir streiten und siegen müssen, wenn wir nicht aufhören wollen Preußen und Deutsche zu sein. Es ist der letzte entscheidende Kampf, den wir bestehen für unsere Existenz, unsere Unabhängigkeit, unseren Wohlstand.

Keinen andern Ausweg

giebt es als einen ehrenvollen Frieden, oder einen ruhmvollen Unter­ gang.

Auch diesem würdet Ihr getrost entgegen gehen, um der Ehre

Willen, weil ehrlos der Preuße und der Deutsche nicht zu leben vermag. Allein wir dürfen mit Zuversicht vertrauen.

Gott und unser fester

Wille werden unserer gerechten Sache den Sieg verleihen, mit ihm einen sicheren, glorreichen Frieden und die Wiederkehr einer glücklichen Zeit!"

So der König; und ich enthalte mich billig lobpreisend über dies Königliche Wort zu reden.

Sie ist noch frisch in uns Allen, die Freude

über die Gewißheit des Kampfes, die uns dieses Wort giebt, über den edlen und hohen Geist, in dem hier ausgesprochen worden, was lange jeder Beste im Volke gefühlt und gedacht hatte.

Und nun, kaum hatten

wir diesen herrlichen Ruf vernommen, so schlug an unser Ohr der Jubel einer allen Deutschen theuern und ehrwürdigen Stadt, die zuerst von dem unmittelbaren feindlichen Joche befreit ward; und — die Krone von allem — wir sahen unsern theuren König selbst unter uns treten, mit einem Gefühl, ja wir dürfen es uns gestehen, wie es noch nie sein Herz kann gehoben haben, weil er noch nie Veranlassung hatte, so innig und wahr zu empfinden, was doch für einen Herrscher das beglückendste

6 und erhebendste ist, die reinste Uebereinstiinnmng zwischen seinem Willen und seiner Völker Wunsch; wir sahen ihn das Heer, auf seinen Befehl znm Kampf geweiht und gesegnet durch Gebet, hinaus geleiten den Weg, der eh dem Feinde entgegen führt.

Dieses nun, der Durchzug

unsers Heeres zum Kampf, zum entscheidenden Kampf um das höchste und edelste, ist der Gegenstand, der, wie er gewiß uns Alle erfüllt und bewegt, uns besonders in dieser Stunde beschäftigen soll, damit auch für uns dieser heilige Krieg beginne mit demüthigend erhebenden Ge­ danken an Gott, damit ihm unsere Hoffnung und unsere Freude geheiliget werde. Text.

Jerem. 17, 5 — 8.

So spricht der Herr:

Verflucht ist der Mann, der sich

aus Menschen verläßt, und hält Fleisch für seinen Arm, und mit seinem Herzen vom Herrn weicht!

Der wird sein

wie die Heide in der Wüste, und wird nicht sehen den zu­ künftigen Trost; sondern wird bleiben in der Dürre in der Wüste, wohnet.

in

einem unfruchtbaren Lande, da niemand

Gesegnet aber ist der Mann, der sich auf den

Herrn verläßt, deß der Herr seine Zuversicht ist.

Der

ist wie ein Baum am Wasser gepflanzet ititb am Bach ge­ wurzelt.

Denn obgleich eine Hitze kommt, fürchtet er sich

doch nicht, und sorget nicht, wenn ein dürres Jahr kommt; sondern er bringt ohne Aufhören Früchte. und Jerem. 18, 7—10. Plötzlich rede ich wider ein Volk uild Königreich, daß ich es ausrotten, zerbrechen und verderben wolle; wo sich es aber bekehret von seiner Bosheit, dawider ich rede, so soll mich auch reuen das Unglück, das ich ihm gedachte zu thun.

Und plötzlich rede ich von einem Volk und König-

7 reich,

daß

ich

böses

thut

vor

nicht gehorcht,

es

bauen

und pflanzen wolle:

meinen Angen,

daß

so eS aber

es meiner Stimme

so soll mich auch reuen das Gute, das ich

ihm verheißen hatte zil thun. Nicht etwa, wie cs wol scheinen könnte, um eine Vergleichung an­ zustellen zwischen uns und dem Volke,

gegen welches wir zu Felde

ziehn, habe ich diese Worte des Propheten unserer Betrachtung zum Grunde gelegt: sondern

nur um

in unserer eigenen Geschichte das

entgegengesetzte recht zu unterscheiden, um uns auf das wesentliche der großen Veränderung hinzuführen, deren wir uns erfreuen.

Denn m.

Fr. an dieser Stätte geziemt uns nicht die Freude nur darüber, daß Druck und Leiden, unter denen wir lange geseufzt haben, nun aufhören, nicht die Freude, welche

uns heitere Bilder künftigen Wohlergehens

vormalt, das wir zu gewinnen hoffen: sondern dieses darf uns hier nur das zweite sein und letzte.

Und tritt uns dennoch dieser Gegen­

satz immer vor Angen: so laßt ihn uns so wenden, daß wir fühlen, wie der Prophet es uns vorhält, daß im Einzelnen, noch mehr aber im Großen, der Wechsel der Schicksale abhängt von dem Steigen und Sinken des inneren Werthes.

Ja ganz von dieser Seite unserer

Würdigkeit vor Gott laßt uns die große Veränderung hier betrachten.

Ueber beides dazu gehörige, nemlich Erstlich welches

denn in dieser Hinsicht ihr eigentlicher Inhalt und ihr wahres Wesen sei, und Zweitens, wozu wir uns deshalb müssen aufgefordert fühlen, können uns diese Worte richtig leiten. I.

Um richtig aufzufassen, was die Hauptsache sei in der

großen Veränderung unseres bürgerlichen Zustandes, welche durch die Erklärung dieses Krieges beginnt, müssen wir zurückgehen auf

eine ältere

uns

Allen

wol

bekannte,

und von einem großen

Theile von uns noch selbst erlebte Zeit, als wir nach einem tiefen Ver­ fall und nach schrecklicher Verheerung, welche diese Länder betroffen, durch die Anstrengungen mehrerer weiser und strenger Regenten, durch zweckmäßige Benutzung der Ereignisse, durch glücklich geführte Kriege, am meiste» aber durch einen in dem Volke selbst sich bildenden edlen

8 und freien Geist des Aufstrebens, ein Volk und Königreich wurden, von weichern die ganze Welt sah, der Herr wolle es bauen und pflanzen, und habe verheißen ihm Gutes zu thun.

Und plötzlich genug für alle

die, welchen das allmähliche Wachsen weniger bemerklich wird, fanden wir uns auf diesem Gipfel.

Aber auch allmählich und indem wir noch

lange höher zu steigen wähnten, glitten wir abwärts, und stürzten dann eben so plötzlich hinunter.

Denn wir begannen auf unsere Stärke zu

pochen, auf die Furcht uns zu verlassen, welche wir andern Völkern einflößen könnten, und so sollte uns ohne Anstrengung der eignen Kraft, ohne eigne gottgefällige Werke die Nachwirkung des alten Ruhmes im­ mer höher tragen; wir wurden der Mann, der Fleisch für seinen Arm hält und dessen Herz von dem Herrn

weicht.

Unredlicher Gewinn

vergrößerte unser Gebiet auf eine mehr scheinbare als gedeihliche Weise, denn wir gewannen nur wenig wahre Brüder, die gern denselben Ge­ setzen folgten und auf dasselbe Ziel arbeiteten; indem andere Staaten sich anstrengten und aufrieben in immer

wiederholten Kriegen zum

Theil um dieselbigen hohen Güter, für die wir jetzt kämpfen wollen, meinten wir durch die Ruhe immer mächtiger zu werden und furchtba­ rer.

So folgte allmählich auf die trotzige Klugheit eine verzagte, und

wir wurden noch auf eine andere Weise der Mann, der sich auf Men­ schen verläßt;

denn auch wer Menschen schmeichelt und sie fürchtet,

verläßt sich auf Menschen.

Mit unserm Ruhm selbst ward auch unser

Ehrgefühl je länger je mehr ein Schattenbild. unser Herz von dem Herrn; in

Und immer mehr wich

einem aufgeblasenen unnatürlichen

Wohlstand verloren sich immer mehr die alten Tugenden, eine Fluch von Eitelkeit und Verschwendung verheerte die mühsamen Werke langer besserer Jahre; und wie deutlich sich auch die Stimme des Herrn ver­ nehmen ließ und uns ermahnte zur Buße, wir gehorchten ihm nicht, wir thaten Böses vor seinen Augen, und darum rettete ihn das Gute, das er verheißen hatte, uns zu thun.

Und plötzlich, als es eben schien,

wir wollten uns aufraffen aus der langen Verblendung und Betäubung, in der aber die Meisten nur noch ärger als je befangen waren, plötz­ lich redete der Herr wider uns als wider ein Volt und Königreich, das er ausrotten, zerbrechen und verderben wolle.

Da überfiel uns jenes

9 schwere zermalmende Kriegesunglück, und auf diesen plötzlichen Sturz von der Höhe in den Abgrund folgte das immer tiefer und schmerzlicher sich eingrabende Verderben des Friedens.

Ich rede nicht von den Ent­

behrungen, von der Noth, von der Verarmung, von der immer steigen­ den Verwirrung in allen äußeren Lebensverhältnissen, sondern nur von dem innern geistigen Verderben, das durch diesen Zustand, man weiß nicht, ob man sagen soll nur aus Licht gebracht oder auch wirklich er« zeugt und gebildet worden ist. — Die traurige Gewöhnung Unwürdiges fortwährend zu erdulden, wie wir sie öffentlich und einzeln in diesen sieben düstern Jahren geübt haben, mit dem Gefühl, daß dem gerechten Unwillen freien Lauf lassen, das Uebel nur mehren könne, ohne irgend einen heil­ samen Erfolg, diese Gewöhnung und dieses Gefühl sind die Frucht der Schlaffheit, der Entnervung, der Fcigherzigkeit: aber wie wurden nicht Feigherzigkeit, Schlaffheit und Entnervung durch sie vermehrt und verbreitet, bis jede Zuversicht zu sich selbst, bis jede Hoffnung — mit Ausnahme der thörichten auf eine Hülfe, die bloß von außen käme — bis selbst der Wunsch sich helfen zu können, ja bis das Gefühl eines besseren Zustandes wür­ dig zu sein verschwand, und die trostlose Vorstellung sich der Gemüther bemächtigte, die lebendige geistige Kraft des Volkes sei ganz erschöpft, und die Stunde des völligen Untergangs da, wie diese Besorgniß denn in nicht wenigen unter uns gewaltet hat, die von einem Tage zum an­ dern die gänzliche Auflösung unsers eigenthümlichen Daseins erwartend, und nicht mehr hoffend den Trost der Zukunft zu sehen, nur sannen, wie man sich am bequemsten fügen könne dem fremden Joch. — Die Unmöglichkeit, in der wir uns so oft befanden, ohne Lug und Trug der augenblicklichen Gefahr zu entgehen, die Nothwendigkeit Lob und Billigung, ja Uebereinstimmung und Freundschaft zu heucheln, da wo wir nur verachten und verabscheuen konnten, dies alles war schon die Frucht der Schamlosigkeit, welche um des Lebens willen jeden edleren Zweck des Lebens hintansetzt: aber wie ist nicht diese Schamlosigkeit durch jenen Zustand furchtbar ausgebildet worden, und welches Maaß von Erniedrigung gehörte schon dazu, um nur den öffentlichen Unwillen zu reizen! — Die Unsicherheit alles Besitzes und aller Reckte, sie war großentheils schon eine Folge des Leichtsinns, mit dem man so oft in

10 Zeiten der Drangsale nur die Noth des Augenblicks abzuschütteln oder die flüchtige Lust desselben zu genießen sucht, ohne zn bedenken, was man ans lange hinaus zerstört oder auf das Spiel setzt: aber bis zu wel­ chem Grade hat jener unsichere Zustand diesen Leichtsinn gesteigert! Wie sahen wir Ueppigkeit und Aufwand es den glücklichsten Zeiten gleich thun, wie sahen wir Wucher und leichtsinnigen Frevel an frenidein Ei­ genthum saugen und das eigne vergeuden, als sei alles doch nur schnellern Untergange geweiht! Das ist das tiefe Verderben, in welches wir auf der einen «Leite gerathen waren, rind wenn auf der andern unser Fall und diese seine Wirkungen Vielen zuerst die Augen öffneten. Andere deutlicher als vorher erblicken ließen, wo es uns fehlte; wenn sich in Vielen ein schöner Eifer entzündete, was uns außen unwürdiges drückte, abzuwerfen, was uns innen verunreinigte, zu verbannen: so konnten selbst diese edlen Keiine des Besseren ohne Haltung und Zusammenhang tun* Besorgnisse vor einem ungeregelten Ausbruch erregen, hinter denen sich dann die Feigherzigkeit und Niederträchtigkeit Anderer nur desto unüberwindlicher verschanzte und befestigte. So war unser Zustand, m. Fr.! und Niemand konnte sich ver­ hehlen, daß, wenn wir in denselben Verbündungen und derselben Abhän­ gigkeit blieben, wir immer mehr werden müßten wie die Heide auf der Wüste. Wenn ich nun die Lossagung von dieser Gemeinschaft, und den Kriegsstand, in den wir dagegen getreten sind uitd dessen Begiitn wir feiern, auch für uns Alle als den Beginn ansehe zur Erhebung von diesem tiefen Falle; wenn ich hoffe, es werde nun Gott reuen des Unglücks, das er uns gedachte zu thun: so beruht dies vornemlich auf folgendem. Zuerst und dantit ich bei dem anfange, tvas jeder augenblicklich muß auf das innigste gefühlt haben, diese Veränderung ist an sich die Rückkehr zur Wahrheit, die Befreiung von der erniedrigenden Heuchelei, die warlich voit jedem, je mehr er glaubte in seinen Reden nicht sich selbst, sondern den Staat darstellen zu müssen, zu einer schau­ derhaften Vollendung getrieben war. Nun, Gott sei Dank, sagen wir wieder, wo wir verabscheuen und wo wir lieben imt verehren, und wie jeder Ehrenmann mit der That stehen muß zn seinem Wort, so müssen

11 wir schon darin uns frei fühlen und stark, müssen fühlen, daß wir hoffen dürfen; denn wer sich der Wahrheit ohne Rückhalt ergiebt, der verläßt sich auf den Herrn.

Aber eben weil das Wort allein nichts

ist, und dieses Wort mehr als jedes andre die That fordert: so ist diese Veränderung die Rückkehr zum Selbstständigkeit. keinen

freien Handeln

Wie lange, meine Freunde,

Willen mehr gehabt in

haben

und zur

wir eigentlich

unsern allgemeinen Angelegenheiten,

immer den Umständen uns gefügt, immer der drückenden fremden Ge­ walt, so weit diese nur reichen wollte!

Nun haben wir wieder einen

Willen, nun hat der König im Vertrauen auf sein Volk einen Ent­ schluß ausgesprochen, in welchem, weil nach diesein Wort und dieser That keine Versöhnung zu hoffen ist, der Entschluß liegt zu einer Reihe muthvoller Thaten, die nur enden können, tote auch das Königliche Wort es sagt, mit rühmlichem Untergang oder mit Sicherstellung dieses köstlichen Gutes der Freiheit.

Und eben deshalb ruht auch ans dieser

Veränderung die Hoffnung, daß wir uns erhalten werden unsere eigen­ thümliche Art, Gesetz, Verfassung und Bildung.

Jedes Volk, m. Fr.,

das sich zu einer gewissen Höhe entwickelt hat, wirb entehrt, wenn es fremdes in sich aufnimmt, sei dieses auch an sich gut; denn seine eigne Art hat Gott jedem zugetheilt, und darnnl abgesteckt Grenze und Ziel, wie weit die verschiedenen Geschlechte der Menschen wohnen sollten auf dem Erdboden.

Wie drängte sich uns aber vorher aus das fremde, wie

drohte es je länger je mehr die gute eigne Sitte und Art überall zu verdrängen!

und welch ein fremdes! halb der zügellosen Wildheit jener

schaudervollen inneren Verwirrungen entsprossen, halb für die spätere Tirannei erdacht.

Indem wir aufstehn um dieses ganz von uns ab­

zuwerfen und für die Zukunft abzuhalten, werden wir wieder ein Kö­ nigreich das sich auf den Herrn verläßt; denn auf den verläßt sich ein Volk, das beschützen will um jeden Preis den eigenthümlichen Sinn und Geist den Gott der Herr ihm anerschaffen hat, das also kämpft mit Gottes Werk; und nur in dem Maaß, als uns dieses gelingt, können wir werden wie ein Baum am Wasser gepflanzt, der sich nicht fürchtet wenn eine Hitze kommt und der seine eignen Früchte bringt ohne Aufhören.

12 Vorzüglich aber erwächst uns eine freudige Hoffnung des ErstehenS aus der Art und Weise, wie das große Werk dessen Beginn wir feiern, sich entwickelt. Lasst uns zuvörderst nicht unerwähnt vorüber­ gehen an den Gaben, die wir von Reichen und Armen groß und klein dargebracht sehen auf dem Altare des Vaterlandes. Wir wollen sie nicht betrachten nach ihrer Zulänglichkeit zu dem Zweck, dem sie gewid­ met sind, — denn wie willig und wie reichlich gespendet, tilgen sie doch nur einen kleinen Theil des Bedürfnisses — sondern nach ihrer innern Bedeutung und nach dem Geist dessen Aeußerungen sie sind. Indem wir sie darbrachten, warteten wir nicht bis gefordert ward und geboten, sondern so wie wir das Bedürfniß kannten, eilten wir herbei. Wie es der Tod jedes gemeinen Wesens ist, wenn nur der Buchstabe des Gesetzes waltet, und niemand durch That und Gefühl weiter Theil nimmt, als dieser ihn anweiset, wie dies ein sicheres Zeichen davon ist, daß die höhern Güter des Lebens durch die bestehende Ordnung nicht hervorgebracht werden, und der Durst nach ihnen nicht geweckt wird: so ist dieser treue lebendige Geist für das, was dem gemeinen Wesen Noth thut, ein sicheres Zeichen davon, daß der belebende Saft wahrer Liebe eingetreten ist in den Staat, und daß die Blätter dieses geistigen Baumes grün bleiben werden auch in der Hitze und im dürren Jahre. Und wenn mancher alles, was ihm von irdischen Kleinoden und Ju­ welen geblieben war, hingegeben hat: so laßt uns dies ansehn als das nothwendige Anerkenntniß, daß es in diesem Kampf nicht geht um ir­ dische Güter, sondern um geistige, und daß wir bereit sind und bis zuletzt auch bleiben werden zu allen Entbehrungen und Aufopferungen jener um diese zu gewinnen, und zufrieden, wenn wir nach glücklich entschiedenem Kampf das Gebäude unseres irdischen Wohlstandes auch ganz von Grund auf anfangen müssen zu errichten. Das heißt sich auf den Herrn verlassen und nur nach seinem Reiche trachten. — Laßt uns aber besonders sehen auf die Art wie die Vertheidigung des Vaterlandes soll gestaltet werden. Unter allen Spaltun­ gen, die unsere Kräfte lähmten und unsere Fortschritte hemmten, war keine unseliger, als die zwischen dem Soldaten und dem Bürger, ruhend auf der eingewurzelten Meinung als ob derjenige, der sich mit den Ge-

13 werben des Friedens beschäftigt, weder Sinn noch Geschick haben könne, in den Zeiten der Gefahr sein Eigenthum und das gemeinsame Vater­ land zu vertheidigen.

Daher die Vorzüge, die denen eingeräumt wurden

auf denen die Sicherheit des Staates allein beruhte, und

noch mehr

denen, die ausschließend berufen waren, jenen zu befehlen, daher der Uebermuth des Soldaten, der den Muth für eine ihm ausschließend eigne Tugend hielt, daher die Eifersucht des Bürgers auf jene Vorzüge, und die allgemeine Abneigung gegen einen Stand, der im Frieden nur als eine Last für alle andere erschien.

Manche löbliche Versuche waren

schon gemacht, dieses Uebel zu vermindern, aber ohne bedeutenden Er­ folg.

Jetzt soll diese Trennung aufgehoben werden; nur der Unter­

schied soll bestehn zwischen solchen, welche sich mit den eigentlichen Kün­ sten des Krieges fortwährend beschäftigen und in der Genauigkeit aller Uebungen und Fertigkeiten das Vorbild aller andern sind und der Kern an den sie sich anschließen, und solchen, die nicht eher als bis es Noth thut, und nothdürftig unterwiesen und geübt die Waffen ergreifen: aber Muth soll allen zugemuthet werden, den Gebrauch der Waffen sollen Alle kennen, steigt.

die Gefahr sollen Alle um so mehr theilen, je höher sie

Stufenweise

sind

wir

sehr

weislich

hieher geführt worden.

Man kannte den muthigen Eifer unserer Jugend, wenn es je diesen Kampf gelten sollte; er ward aufgefordert, und wir sahen sie auf den ersten Ruf aus allen Ständen, von allen edleren Beschäftigungen her zu den Waffen strömen.

Wo neues Gute schnell verbreitet werden soll,

da müssen oft die Väter belehrt werden durch die Kinder; man hofft mit Recht auch jetzt werde es so sein, und nach jenem Beispiel der Jugend, für die mehr wir alles wagen sollten, als sie für uns, werde nun jeder bereit sein, an der Vertheidigung des Vaterlandes Theil zu nehmen, nach der ihm angewiesenen Ordnung. der König die Landwehr.

Darum errichtet nun

Und da auch dies heute besonders kund ge­

macht werden soll, so höret, wie Er darüber redet: „Ein vor Augen liegendes Beispiel hat gezeigt, daß Gott die Völ­ ker in seinen besonderen Schutz nimmt, die ihr Vaterland in unbeding­ tem Vertrauen zu ihrem Beherrscher mit Standhaftigkeit und Kraft gegen fremde Unterdr ückuug vertheidigen.

14 „Preußen, würdig des Namens, theilt Ihr dies Gefühl! Auch Ihr hegt den Wunsch vom fremden Druck Euch zu befreien. Mit Rührung werde ich die Beweise davon gewahr, in dem Eifer, mit welchem die Jünglinge aus allen Ständen zu den Waffen greifen und unter die Fahnen Meines Heeres sich stellen; in der Bereitwilligkeit, mit welcher gereifte Männer voll Verachtung der Gefahr, sich zum Kriegsdienst er­ bieten und in den Opfern, mit welchen alle Stände, Alter und Ge­ schlechter wetteifern, ihre Vaterlandsliebe an den Tag zu legen. Ein mit Muth erfülltes Heer steht mit siegreichen und mächtigen Bundesge­ nossen bereit, solche Anstrengungen zu unterstützen. Diese Krieger werden kämpfen für unsere Unabhängigkeit und für die Ehre des Volkes; ge­ sichert aber werden beide nur werden, wenn jeder Sohn des Vater­ landes diesen Kampf für Freiheit und Ehre theilt! „Preußen! zu diesem Zweck ist es nothwendig, daß eine allgemeine Landwehr auf das Schleunigste errichtet und ein Landsturm einge­ leitet werde. Ich befehle hiermit die Erste und werde den letzteren an­ ordnen lassen. Die Zeit erlaubt nicht mit Meinen getreuen Stän­ den darüber in Berathung zu treten, aber die Errichtung der Landwehr ist nach den Kräften der Provinzen entworfen, die Regierungen werden selbige den Ständen mittheilen. Eile ist nöthig, der gute Wille jedes Einzelnen kann sich hier zeigen. Mit Recht vertraue ich auf ihn. „Mein getreues Volk wird in dem letzten entscheidenden Kampf für Vaterland, Unabhängigkeit, Ehre und eignen Heerd Alles anwenden, den alten Namen treu zu bewahren, den unsere Vorfahren uns mit ihren: Blute erkämpften. „Wer aber aus nichtigen Vorwänden und ohne Mangel körperlicher Kraft sich Meinen Anordnungen zu entziehen suchen sollte, den treffe nicht nur die Strafe des Gesetzes, sondern die Verachtung Aller, die für das, was dem Menschen ehrwürdig und heilig ist, das Leben freudig zun: Opfer bringen. „Meine Sache ist die Sache Nieines Volkes und aller Gutgesinnten in Europa! Welches hohe Gefühl muß dieser Beruf in Allen erwecken! welche feste Zuversicht zu der so vereinten Kraft! welches glückliche Vorgefühl von der Eintracht und Liebe, zu der alle Stände fest werden mit ein­ ander verbunden sein, wenn sie alle neben einander werden gestanden

15 haben dem Tode entgegen für das Vaterland! Welche glückliche Ahn­ dung von dem gemeinsamen Bestreben hierdurch ein Leben zu grün­ den, das solcher Anstrengungen werth sey, und an dem eben so viel Kraft und Einheit sich verkünde! So m. th. Fr. sehen wir überall in dieser herrlichen und kräf­ tigen Veränderung unseres Zustandes, die ersten Anfänge eines glück­ lichen Erstehens von einem tiefen Fall, die wieder lächelnde Huld des Höchsten, der aufs neue verheißt uns Gutes zu thun. Laßt uns nun auch denken wie wir seiner Stimme gehorchen, laßt uns noch mit we­ nigen Worten betrachten, wozu wir uns durch diese Verände­ rung der Dinge müssen aufgefordert fühlen. Ich werde da­ bei um so kürzer sein können, als schon durch das vorige Euer Sinn auf das muß gerichtet sein, was ich zu sagen habe. II. Ich rede zuerst von venen, die unmittelbar zur Ver­ theidigung des Vaterlandes berufen sind. mögen sie nun zu den Heeren gehören die schon in Bewegung sind, oder mögen sie durch den eigenen Geist, oder das Recht des Looses jener großen Vormauer einverleibt werden, welche sich erst bilden soll. Nicht das überflüßige will ich thun, sie znm Muth und zur Tapferkeit zu ermahnen. Der Muth kann demjenigen niemals fehlen, der ganz von dem großen ge­ meinsamen Zweck durchdrungen ist, und ihn ganz zu dem seinigen gemacht hat. Denn findet er sich dann in der großen, zu einem schö­ nen Ganzen geordneten Masse von streitenden Kräften, kann er sich unmöglich vereinzeln sondern muß sich nur als einen kleinen Theil jenes Ganzen betrachten: so kann auch seine Aufmerksamkeit und sein Verlangen nur ans die Bewegungen des Ganzen gerichtet sein. Und dap diese jedesmal den vorgesteckten Zweck erreichen, das allein ist es, wozu er aus allen Kräften mitwirkt; und so muß ihm dasjenige, was ihm selbst hiebei begegnen kaun, und wäre es auch das letzte mensch­ liche, nur als ein ganz unbedeutender Anfall erscheinen, auf den er selbst so wenig achtet als im Ganzen darauf geachtet werden kann. Das ist der natürliche Muth dessen, der die Sache liebt, für die er kämpft. Aber dazu möchte ich ermahnen, daß nicht persönlicher Ehr­ geiz den hohen Adel und die wahre Wirksamkeit dieses Muthes schwäche.

16 Mögen sie nie wetteifern um das was jeder ausrichtet, sondern um den Sinn den jeder beweiset, um die Tugend die er ausübt.

Wer

dies und jenes zu thun strebt, und nicht grade das was an seinem Ort ihm jedesmal zukommt, der entreißt sich der natürlichen Ordnung gemeinsamer Thätigkeit zum Schaden des Ganzen.

Wenn öffentliche

Auszeichnungen sich allerdings an einen Erfolg halten müssen: so möge jeder streben nicht sie zu erwerben

sondern sie zu verdienen, möge

jeder bedenken, daß Alle, die treu ihre Pflicht thaten diejenigen mit erwerben halfen die Andern geworden sind, und daß das Bewußtsein alles, das mit Eifer und Lust möglich war, gethan zu haben und die Anerkennung derer die dieses wissen, jede andere Auszeichnung auf­ wiegt. — Dazu möchte ich ermahnen, daß nicht Leichtsinn jenen na­ türlichen Muth dämpfe. Nicht wenige scheinen zu glauben, es sei schon alles gethan, es bedürfe kaum der Heere die bereits ausgezogen und zum Nachrücken schon fertig sind, um die zerstreuten erschreckten Trüm­ mer des aufgeriebenen Feindes bis an die letzten Grenzen des deutschen Vaterlandes zu treiben; und wenn nun noch die waffenfähigen Männer aufgeboten würden, so könnte dies weniger sein für die unmittelbare Noth, als nur damit bei dieser herrlichen Gelegenheit für die Zukunft eine bessere und kräftigere Gestalt der Vertheidigung gebildet werde. Diese mögen sich hüten, damit nicht das unerwartete, welches am mei­ sten den Menschen niederschlägt, sie mit seiner furchtbaren Gewalt treffe, und sie denn doch sich fürchten wenn die Hitze kommt.

Des Königes

Wort ist weit entfernt diese leichte Ansicht zu begünstigen, es verhehlt uns nicht die Macht des Feindes, die Größe seiner Mittel; und die Erbitterung, die er gegen uns fühlen muß, ahnden wir selbst.

Laßt

uns um unsern Muth zu sichern auf alles gefaßt sein, auch darauf un­ mittelbar alle Haus und Heerd zu vertheidigen oder zu rächen. Ich rede demnächst von uns Andern in Beziehung auf jene, die Vertheidiger der gemeinen Sache, von uns als ihren Angehörigen und Befreundeten.

Das Gefühl, welches sonst, wenn der Staat

in Krieg verwickelt war, nur das Antheil von Wenigen blieb, und um welches sie von den Andern bald bedauert wurden, bald beneidet, nemlich die Geliebtesten der Gefahr des Todes in der Schlacht und den

17 mancherlei Unfällen des Krieges ausgesetzt zu sehn, dieses Gefühl will jetzt allgemein werden. Denn wer sollte nun nicht unter den Schaaren des Heeres oder der Landwehr wenn nicht Vater, Gatten, Bruder und Sohn, doch Verwandte, Wohlthäter, Zöglinge, Befreundete des Herzens eben jenen Gefahren entgegen gehen sehn? So laßt uns denn fühlen, daß wir deshalb nicht zu bedauern sind, sondern glücklich zu preisen, daß je werther uns die Unsrigen sind, um desto mehr wir auch alles große und ruhmvolle ihres Berufes mit empfinden und uns aneignen sollen! Laßt uns, je mehr wir sie lieben als uns selbst, um desto mehr, eben wie wir uns selbst dem Vaterlande mit Leib und Leben hingeben würden, wenn es uns riefe, so auch sie demselben von gan­ zem Herzen darbringen und weihen! Manches theure Blut wird fließen, manches geliebte Haupt wird fallen: Laßt uns nicht durch zaghafte Trauer, durch weichlichen Schmerz das ruhmvolle LooS verkümmern, sondern dahin sehen, daß wir, der großen Sache würdig, grün bleiben und frisch. Laßt uns bedenken, wie viel glücklicher es ist, das Leben zum Opfer darbringen in dem edlen Kampf gegen diese zerstörenden Gewalten, als im ohnmächtigen Kampf ärztlicher Kunst gegen die uner­ kannte Gewalt der Natur. Und die liebende Sorge, die wir Alle gern, wenn wir könnten, den Unsrigen reichen würden in Krankheiten und Verwundungen, laßt sie uns ganz gemeinschaftlich machen, wie die Sache gemeinsam ist; laßt uns sorgen und dienen, wo wir können, des festen Vertrauens, daß es eben so den Unsrigen an zärtlicher Pflege und Behandlung von ähnlich gesinnten nicht fehlen wird! Vor allem aber laßt uns sorgen, daß die wohlverdiente Ehre derer nicht untergehe, die sich diesem heiligen Kampfe weihen. Die Noth und Entwürdigung der vergangenen Jahre und das herrliche geistige Erstehen des Vater­ landes in diesen Tagen laßt uns, wie wir selbst ganz davon ergriffen sind, auch den Gemüthern des unter uns aufwachsenden Geschlechtes auf das tiefste einprägen, daß dieser ewig denkwürdigen Zeit auch wirk­ lich gedacht werde, wie sie es verdient, und jeder Nachkomme, den es trifft, mit würdigem Stolz sagen möge, da kämpfte oder da fiel auch einer von den Meinigen. Ich rede weiter im Gegensatz zu denen, die das Vaterland draußen

18 vertheidigen, von denen,

die es innen ordnen, leiten und die

mancherlei Dienste, die es fordert, versehen sollen.

Möge diese große

entscheidende Zeit sie alle zu verdoppelter Treue und Sorgfalt erwecken, zu verdoppeltem Abscheu vor jeder innern Verwahrlosung durch Träg­ heit und Unordnung — denn ich will nicht sagen durch Eigennutz und Untreue — während draußen Blut und Leben der Bürger dargeboten wird, als vor dem schändlichsten Verrath an eben diesem Blut und an all den Tausenden, die es opfern.

Mögen sie bedenken, daß alle Kräfte

gewissenhaft müssen

alle Zweige

angewendet,

des gemeinen

treu verwaltet werden, wenn das große Werk gelingen soll.

Wesens

Vor allem

mögen sie bedenken, daß die Kämpfenden, wenn ihr Muth ausharren soll, in der Kraft und Weisbeit der Verfassung und Verwaltung

die

Gewährleistung sehen wollen für die höheren Güter, um derentwillen sie kämpfen.

Darum wolle ja niemand unter uns sich für weise halten,

wo er es nicht ist, niemand sich zum größten Nachtheil des gemeinen Wesens an einen Platz drängen, den er nicht auszufüllen vermag, nie­ mand sich durch Borurtheile

der Freundschaft verblenden lassen, die

Unternehmungen eines solchen Dünkels zu begünstigen.

Wo aber einer

weise ist, da strebe er zu wirken und wirke kräftig und treu. Gerechtigkeit pflegen mögen bedenken,

Die der

daß der heilige Sinn für das

Recht der Völker und Staaten, der diesem ganzen Kampfe zum Grunde liegt, nur da gedeihen kann, wo das Recht der Bürger treu verwaltet wird; die auf Ordnung und Sicherheit halten sollen, mögen bedenken, daß überall in der Verwaltung ihres Geschäftes sich am glorreichsten zeigen soll jene edle und schöne Verbindung der Freiheit und des Ge­ horsams, deren wir uns lange schon rühmen und durch die wir uns in Tagen der Ruhe wie in Zeiten des Krieges am meisten unterschei­ den

müssen

von

der früheren Zügellosigkeit

und

Knechtschaft des Volkes, gegen welches wir streiten.

von

der

späteren

Die die Gesinnun­

gen des Volkes erheben und den Geist der Jugend bilden sollen, mögen bedenken, daß sie in ihrer stillen Wirksamkeit die Pfleger und Verwah­ rer der heiligsten Güter sind, daß es von der Treue in ihrem Beruf und von dem Segen der darauf ruhet, abhängt, daß Kräfte da seien, womit, und daß überall etwas da sei, wofür wir kämpfen, ein Glauben,

19 eine Hoffnung, eine Viebc.

Die endlich die öffentlichen Abgaben ver­

walten, mögen bedenken, daß unter der dürftigen irdischen Gestalt des Geldes und der Dinge ihnen der Tribut der Anstrengungen aller edlen und geistigen Kräfte dargebracht wird, welche die Herrschaft des Men­ schen über die Natur begründen, daß es nicht der Ueberfluß, nicht das Ersparte, sondern das Abgedarbte deS Volkes ist, worüber sie schalten. Mögen Alle tue durch Zeiten wie diese so sehr gesteigerte Wichtigkeit ihres Berufs bedenken, damit zuerst sie selbst, denen gehorcht wird, in ihrem großen Beruf der Stimme des Herrn gehorchen. Ich rede endlich im Gegensatz derer, welche ailßen oder innen un­ mittelbar für das Vaterland thätig sind, mit denen, welchen dieses nicht vergönnt ist, »nd welche nicht einmal wünschen dürfen, daß die Nothwendigkeit einträte, tue auch sie zu den Waffen rufen würde. Wolan, wenn es ihnen leid thut, diese große Zeit ganz einer stillen Thätigkeit zu weihen, wenn sie auch gern Krieg führten: so mögen sie darauf achten, daß wir einen innern Krieg zu führen haben, der von gleicher entscheidender Wichtigkeit ist.

Wenn unser wahrer Verfall in Schlech­

tigkeit mancher Art besteht, so fangen wir erst an uns von demselben zu erheben; viel ist noch zu vertilgen, viel zu bekämpfen,

iiaßt uns in

diesem Kriege tapfer sein, er bedarf auch des Muthes, er hat-auch seine Gefahren.

Keiner erfreue sich eines ungestörten Ansehns in der

Gesellschaft, der noch Muthlosigkett oder Gleichgültigkeit durch Wort oder That predigt, und genei'gt scheint den vorigen Zustand mit Ruhe den Kämpfen mit einen bessern vorzuziehn!

Keiner bleibe unbeobachtet

und unentlarvt, welcher meint, je mehr aller Augen nach außen ge­ wendet wären, um desto sicherer und verborgener könne er einer jetzt mehr als je frevelhaften und verrätherischen Selbstsucht fröhnen. Kei­ ner bleibe ungezüchtlgt, der etwa in dem thörichten Wahn, für den Fall eines unglücklichen Ausganges sich selbst ein leidlicheres Schicksal zu bereiten, irgend die kräftigen Maaßregeln hemmen, oder sich von ihnen ausschließen wollte, tue unumgänglich nothwendig sind, um einen glück­ lichen Ausgang herbeizuführen.

Ja sollte sich Engherzigkeit und Ver

worfenheit dieser Art gar an großen oder kleinen in tue öffentliche Ver­ waltung emschleichen wollen: dann laßt uns, weil die Gefahr doppelt 9*

20 ist, auch doppelt ankämpfen und nicht ruhen, bis wir siegen.

So wer­

den auch wir das unfrige zu bestehen haben, wir werden denfelbigen Krieg führen wie jene, nur auf andere Art; und wenn diejenigen, die hinter zweideutigen Truppen aufgestellt sind, um die zn schrecken, welche unzeitig weichen wollten, doch auch

ohne gefochten zu haben,

Theil des Sieges sich zuschreiben können:

einen

so werden auch wir das­

selbe dürfen. Dies nt. Fr. sind die Aufforderungen, welche die gegenwärtige Zeit an uns macht.

So stehe jeder auf seinem Posten und weiche nicht!

so halte sich jeder frisch und grün im Gefühl der großen heiligen Kräfte, die ihn beleben! so vertraue jeder Gott und rufe ihn an, wie wir es jetzt gemeinschaftlich thun wollen.

Barmherziger Gott und Herr!

Dn hast großes an uns gethan

daß du unser Vaterland berufst, um ein freies und würdiges Dasein, in welchem wir dein Werk fördern könnten, zu kämpfen. weiter Heil und Gnade.

Verleihe nun

Der Sieg kommt von dir, und wir wissen

wol, daß wir nicht immer wissen, was wir thun, wenn wir von dir bitten, was uns gut dünkt.

Aber mit größerem Vertrauen als je, ja

mit einem starken Glauben flehen wir von dir Heil und Segen für die Waffen unsers Königs und seiner Bundesgenossen, weil uns fast dein Reich in Gefahr zu schweben scheint und die edelsten Gaben, die uns vergangene Jahrhunderte erworben haben, wenn diese Anstrengun­ gen vergeblich wären.

Schütze unseres Königes theures Haupt und alle

Prinzen seines Hauses,

die beim Heere gegenwärtig sind.

Verleihe

Weisheit und Kraft den Heerführern, Muth den Kriegern, treue Aus­ dauer allen!

Und wie du auch das Glück des Krieges magst wechseln

und sich wenden lassen, daß uns nur seine Segnungen nicht entgehen! daß jeder geläutert werde und gefördert am inwendigen Menschen! daß jeder wie viel oder wenig es sei, thue was er kann! daß wir alle ge­ stärkt werden in der Zuversicht zu dir, und in dem Gehorsam gegen deinen Willen, der bis in den Tod geht, wie der Gehorsam deines Sohnes.

Amen.

Am zwei und zwanzigsten Oktober 1815.

>£m Fest des Friedens zu feiern, danach sehnen wir uns Alle, schon seitdem dieser unerwartet erneuerte blutige Krieg zum andernmal siegreich beendet ist, der mit den früheren Jahren des Unglücks und der Unsicherheit einen Zeitrauin bildet, welchen wir, wenn er gleich nie aus

unserm

und unserer Nachkommen Gedächtniß

verschwinden

darf, doch gern einmal abschließen möchten um, ihn als etwas ver­ gangenes hinter uns stellend, uns dem neu und schöner beginnenden friedlichen Leben gemeinsam zu widmen! Ein Fest des Friedens sehnten neue Zeit zu begehen,

wir uns zum Eintritt in diese

an dem wir mit vollen frommen Zügen

die

Freude über die herrlichen Thaten unseres Voltes und das wohlerwor­ bene Vertrauen auf die Zukunft stärkend und erbaulich genössen.

Ehe

uns aber noch dieser Wunsch gewährt wird, da das große Werk nur langsam reift, erscheint uns der heutige Tag durch eine zwiefache Feier ausgezeichnet.

Die Eine ein allgemeines Fest unseres gesammten deut­

schen Volkes, das frische Andenken an die blutigen und verhängnißschweren aber auch entscheidenden und ruhmvollen Tage von Leipzig, an jene Kette von Schlachten, welche zuerst dem Kampf, wo alles was dem Menschen theuer ist zum letztenmal, wie es schien, auf dem Spiele stand, die entscheidende Wendung gab, durch welche nicht nur diejeni­ gen Staaten Deutschlands sich gesichert fühlten, welche so glücklich ge­ wesen waren kühn vorangehn zu dürfen, sondern auch die andern ent-

22 ledigt wurden und ihrer Kräfte mächtig, so daß nicht länger zweifelhaft bleiben konnte, ob Deutschland ein Land der Dienstbarkeit sein werde oder der Selbständigkeit.

Die andere Feier dieses Tages ist eine beson­

dere schon alterthümliche, für das ganze Reich unseres Königes.

Denn

wie sollten nicht auch alle dem Zepter seines Hauses später unterwor­ fenen Provinzen den herzlichsten Antheil nehmen an dem zum viertenmal sich wiederholenden

hundertjährigen

Gedächtniß des

Tages, an

welchem der erste Hohenzollern als Beherrscher dieser brandenburgischen Mark, die Gelübde der Treue von den Eingesessenen empfing. Willkommen vereinigen sich uns heute diese beiden hochwichtigen Begebenheiten zu Einem Feste.

Denn fragen wir uns, was uns am

tiefsten und heftigsten bewegte in den traurigen Zeiten, die diesem blu­ tigen Kriege vorangingen? Es war die Besorgniß, daß die freie Herr­ schermacht unseres Königes

noch mehr möchte gebeugt werden unter

fremde Gewalt, oder daß diese frevelnde Gewalt, welche schon so vieles gewagt hatte, zuletzt auch noch ihre zerstörende Hand legen möchte an das geheiligte Band zwischen diesen Ländern und ihren angestammten Beherrschern.

Und fragen

wir uns weiter, was hat wohl jetzt mög­

lich gemacht, daß unser preußischer Staat ungünstig gelegen, aus ver­ schiedenen Theilen zusammengesetzt, durch lange Leiden entkräftet, den­ noch so vieles hat beitragen können zur Befreiung Deutschlands, zur Sicherung Europens? Wir werden

alle

zuerst darauf zurükkommen,

es war der mächtige Einfluß jener das innerste Leben durchdringen­ den Liebe und Ergebenheit, womit alle Provinzen des Staates und alle Stände aller Provinzen dem Könige und seinem erhabenen Hause zugethan sind, das geistigste Werk der Jahrhunderte, das sich still für diese

großen entscheidenden Wirkungen gesammelt hielt. — Und auch

zu einem frommen Feste vereinigt sich beiderlei

Angedenken.

Denn

frommer sich hingebender Muth war es, der an jenen blutigen Tagen das Vaterland rettete, und fromme Treue hat Jahrhunderte hindurch das Band zwischen unsern Fürsten und ihren Völkern fester geknüpft und geheiliget.

Beides also will auch fromm gefeiert sein, nicht nur still im

einsamen Nachdenken und tm engern Kreise, nicht nur in lauter überströ­ mender Freude; sondern zuerst wollen wir im Hause des Herrn in

23 gemeinsamer Andacht dies zwiefache Fest begehen, für beides unsern Dank und unsere Gelübde vor Gott zusammenführend.

Laßt uns dazu

den Herrn um seinen Segen anrufen im Gebet des Erlösers.

Text.

1. Kön. 8,56 —58.

Gelobet sei der Herr, der seinem Volke Ruhe gege­ ben hat! der Herr unser Gott sei mit uns, wie er gewe­ sen ist mit unsern Vätern! Er verlasse uns nicht und ziehe die Hand nicht ab von uns zu neigen unser Herz zu ihm, daß wir wandeln in allen seinen Wegen und hal­ ten seine Gebote. Dies, m. a. Fr. sind Worte eines Königes an sein Volk, eines Königes, der den Frieden seines Landes gesichert, die Grenzen seines Gebietes erweitert, sein Volk durch

vortheilhafte Verbindungen und

durch ausgedehnteren Verkehr mit andern Völkern zu größerem Wohl­ stände erhoben, und indem er Weisheit und Kunst unter seinen Unter­ thanen verbreitete, sic dieses Wohlstandes werth gemacht hatte, so daß Macht und Ansehen seines Staates unter seiner Regierung den höch­ sten Gipfel erreichte.

Und

Worte eines frommen Königes sind es,

der für alles dieses nur den Namen des Herrn erhöhte,

und dem

nichts so am Herzen lag, als in treuer Anhänglichkeit an dem gött­ lichen Geseze sein Volk zusammenzuhalten.

Worte demnach, ihrer Ver­

anlassung und ihres Inhaltes wegen gleich geeignet, daß wir sie un­ serer heutigen Betrachtung zum Grunde legen, um diesen Tag würdig zu feiern.

Sie werden uns darauf fuhren, wofür wir heute Gott

danken, und was für Wünsche und Gelübde wir vor ihn brin­ gen sollen. I.

Gelobet sei der Herr, sagt Salomon, der seinem Volke Ruhe

gegeben hat.

Das kann vielleicht manchem theils wenig scheinen, wenig

für die hochfliegenden Wünsche der Menschen,

zumal

wenn sich an

einem feierlichen Tage ihr Blick über einen weiten Zeitraum verbreitet, wenig auch, und vielleicht nur ein mildernd bescheidener Ausdruck in dem eigenen Munde, für die großen Thaten jenes Königes, theils auch

24 scheint es manchem vielleicht heute noch unpassend für uns, die wir immer noch nicht gänzlich beruhiget sind durch die sichere Kundmachung eine« wirklich gestifteten Friedens.

Aber, meine theuren Freunde, Ruhe

ist nicht einerlei mit dem Frieden von außen.

Denn wie mitten im

äußeren Frieden Unruhe sein kann und Angst, das wissen wir aus unserm eigenen traurigen Beispiel, und wir sehen es auf eine andere Art an schauderhaften Beispielen in der Ferne.

Und wie auch mitten

im Kämpfe nach außen die glückseligste Ruhe vorhanden sein kann im Innern, wie lebhaft muß uns das heute vorschweben im Andenken an jene glorreichen Tage, nach denen der Kampf noch lange fortgedauert hat, und nicht mit immer gleichem Erfolge, ohne daß doch im mindesten unsere Ruhe wäre gestört worden.

Diese Ruhe ist also vielmehr ein

innerer Zustand; sie ist die Selbstgenügsamkeit des Menschen im Ver­ trauen auf die göttliche Obhut und auf das hinreichende Maaß seiner Kräfte; sie ist die Sicherheit, daß was ihm auch begegnen könne, ihm sein Ziel nicht aus den Augen rücken, und das wesentliche seines Da­ seins nicht verändern werde.

Sie ist also etwas weit höheres als der

äußere Friede; und für ein ganzes Volk wie für einen einzelnen Men­ schen wird um sie zu haben vorzüglich nur erfordert, daß der köstliche innere Friede da sei, das Gefühl von der Uebereinstimmung des eige­ nen Willens mit dem göttlichen, und daß eine tröstliche Erfahrung ge­ macht worden fei von dem was die Kräfte verinögen. In der letzten Hinsicht nun können wir mit unserm gesammten Volke sagen, wenn wir jener errettenden Schlacht gedenken und ihrer unmittelbaren herrlichen Folgen, Gelobet sei der Herr, der seinem Volk Ruhe gegeben hat.

Denn damals fing an überall der Sinn und Wille

laut zu werden, daß kein Zweig des Volkes dürfe nach Vergrößerung streben oder nach Macht über die andern durch verkehrte und vergäng­ liche Freundschaft mit dem Feinde des Volkes, sondern daß wir stark sein wollten, wie es nach dem Willen Gottes Brüdern geziemt, zu­ sammenwohnend in Liebe und Eintracht.

Damals machten wir nach

mehreren auch erhebenden und glorreichen aber doch noch wechselnden Begebenheiten, eine solche Erfahrung von unsern Kräften, die uns be­ rechtigt zu der Ueberzeugung daß sie immer hinreichend sein werden zu

25 dem

redlichen

gottgefälligen Zweck

der Selbstbeschützung.

Wie viel

schönes und kräftiges ist nicht schon hervorgegangen aus dieser gottver­ liehenen Ruhe! und wieviel dürfen wir nicht noch erwarten auch für die- bevorstehende Gott gebe recht lange Zeit friedlichen und ungestörten Wirkens! Wieviel Ursache also Gott zu danken an dem Gedächtnißtage der schauerlichen blutigen Gründung dieser Ruhe! Sehen wir aber, meine Freunde und Brüder, auf unsern engeren Verband unter dem Schirm unsers theuren Königes und seines erha­ benen Hauses: dürften wir dann wol auch von uns ohne alle Beschä­ mung sagen, unsere Ruhe sei erst gegründet an jenem Tage der Schlacht? Fühlen wir nicht, daß dieser Tag nicht möglich gewesen wäre nach den anfänglich zweideutigen ja dem ersten Anscheine nach niederschlagenden und lähmenden Kriegsereignissen, wenn nicht mitten unter diesen eine festbegründete Ruhe Volk und Krieger, König und Heerführer auftecht erhalten hätte? Müssen wir nicht wohlüberlegt gestehen, diese Ruhe sei ein altes ererbtes Gut, das schon seit langer Zeit immer nur vor­ übergehend und oberflächlich hätte können getrübt werden? Müssen wir nicht dankbar gestehen, sie beruhe auf eben diesem Bande, welches uns mit dem erhabenen Herrscherstamme vereinigt, der nun vier hundert Jahre glücklich und gesegnet in diesen Landen regiert hat, und sie sei, seitdem so viele göttliche Wohlthaten und Segnungen uns durch dieses Königshaus zugeflossen,

nur dann

wesentlich

gestört

worden, wenn

diesem geheiligten Bande selbst Gefahr drohte, so lange wir aber dieses ungelockert und kräftig fühlten, sei auch aus dem Gemüthe jedes kun­ digen und besonnenen so wie jedes einfältigen getreuen Unterthanen die Ruhe nicht gewichen. Welchem Verständigen gilt das nicht für den ersten Grundpfeiler und die sicherste Bürgschaft des gemeinen Wohls und Gedeihens unter jeder größeren Vereinigung von Menschen, daß ihr an die Spitze ge­ geben sei ein in ungestörter Folge gesetzmäßig regierendes Herrscherhaus. Denn welche Verwirrungen sind gefährlicher und auflösender als die mit dem Wechsel der Herrschaft verbundenen, schon wenn er natürlich herbeigeführt wird durch das Aussterben eines Stammes, noch weit mehr aber wenn bürgerliche Unruhen wenn

im Innern

des Volkes

26 wüthende Zwietracht die Veranlassung gab.

Wohl keiner von

den

größern Staaten Europa's, die mit dem unsrigen könnten verglichen werden, keiner darf sich rühmen der Wohlthat, welche der Herr uns erzeigt hat, durch vier Jahrhunderte schon beherrscht worden zu sein in ununterbrochener männlicher Erbfolge von demselben Geschlecht, ohne daß je die Hand des Fürsten in Gewaltthätigkeit gewesen wäre wider sein Volk, noch eine frevelnde Hand aus dem Volk sich erhoben hätte wider den Herrscher.

Zur glücklichen von Gott gesegneten Stunde ward

diesem deutschen Grenzlande, das durch Kriege und durch die Unord­ nungen wechselnder Befehlshaber im innersten zerrüttet war und er­ schöpft, Friedrich von Hohenzollcrn von einem der edelsten Geschlechter aus dem innersten Herzen Deutschlands entsprossen, ein tapferer Krie­ gesmann, ein weises und mildes Oberhaupt, zum Herrscher gegeben, um die tiefen Wunden des Landes zu heilen, und es inniger und fester dem Mutterlande zu verbinden.

Das war der Anfang des preußischen

Staates, und alle Größe zu der er sich erhoben hat, ist ihm durch das­ selbe Herrscherhaus geworden.

Gott der Herr hat nicht aufgehört die

Abkömmlinge dieses trefflichen Ahnherrn, in verschiedenein Maaße frei­ lich wie das Loos der Menschen es mit sich bringt, auszurüsten mit männlicher Tugend und kräftigem Geist.

Und zwar so, daß je größer

die Noth geworden war, sei es durch Fahrlässigkeit und Schwäche eines einzelnen entarteten, sei es durch Schuld der Zeiten oder durch fremden Neid, um desto größer war der Geist, welcher zur Rettung von Gott gesendet wurde.

Und so haben wir öfter gesehen aus ähnlichem Elend

worin der Ahnherr des Hauses diese Länder fand, seine Nachkommen sie zu schönerer Blüthe wieder erheben.

So daß der Ruhm und Glanz

des Hauses, die Ausdehnung und der Reichthum des Landes, der innere Werth und die geistige Entwickelung des Volkes fortgeschritten ist, nicht zwar in ununterbrochenem gleichförmigen Wachsen, denn das wäre mehr als menschlich, aber zwischen bedrängenden Prüfungen bald in stiller Vorbereitung, bald in bedeutenden und glänzenden Erscheinungen, in­ dem die Herrscher jezt dem im Volke waltenden guten Geist liebevoll nachgingen, jezt ihn weise und schirmend begleiteten, jezt ihm, wie es auserwählten Riistzeugcn Gottes geziemt, nt kraftvollem heidenmäßigen

27 Schritte voraneilten.

Und in so immer inniger sich verwebendem ge­

meinsamen Leben ist auch Huld und Wohlgeneigtheit der Herrscher, Treue und Anhänglichkeit der Unterthanen immer gewachsen, bis nun in den ewig denkwürdigen Zeiten die jezt König und Volk mit einander durchlebt haben, die gegenseitige Liebe auf Noth und Tod zu den hell­ sten und reinsten Flammen aufgeschlagen ist! Haben wir nicht in diesem Gefühl wachsender sich verklärender Liebe schon lange jene herrliche Sicherheit genossen, und Alle gewußt, daß sie uns nie verloren gehen könnte, wenn auch die Freude dann und wann getrübt worden, wie denn auch selbst in denen die Zuversicht nicht erstorben war, die wirk­ lich auf eine Zeit von unserm Herrscherhause getrennt wurden?

Haben

wir nicht lvohl gewußt, daß mit unserm königlichen Herrn vereint Gott uns zwar züchtigen könne aber nicht verderben, weil dies Volk und dies Königshaus, an dem sich Gottes Gnade schon so sehr verherrlicht, auch noch müsse zu großem aufgespart sein. Gelobet also sei Gott der seinem Volk diese Ruhe gegeben hat. Das rufen wir, die Bewohner dieser Marken, welche zuerst unter den jetzigen Unterthanen des Königs seinem heilbringenden Herrscherstamme gehorchten! Das rufen wir, die Bewohner dieser Hauptstadt, die sich seit jenem glücklichen Zeitpunkt von einem fast unscheinbaren Anfange allmählig zu einer der Zierden Europas erhoben hat! Und uns rufen es dankbar mitempfindend nach alle die Genossen deutscher Zunge, die allmählig unter derselben beglückenden Herrschaft mit uns sind vereiniget worden. II.

Aber nun laßt uns auch sehen, welches sind denn die Wünsche

die wir an diesem feierlichen Tage billig vor Gott bringen, Wünsche die, weil sie nicht auf etwas nur äußerliches gehen, sich in unsern Her­ zen und auf unsern Lippen zu heiligen Gelübden gestalten müssen. Der Herr sei mit uns wie er gewesen ist mit unsern Vätern! er erhalte uns und unsern Kindern das erhabene Königshaus, durch wel­ ches er unsere Väter und uns so reichlich gesegnet hat!

Aber dieser

Wunsch, ist er nicht das heilige Gelübde, fctcö theure Band auch in treuer Dankbarkeit zu hegen und zu verschönern ümnerdar?

Er verlasse

uns nicht zu neigen unser Her; zu ihm, daß wir wandeln auf seinen

28 Wegen! Er befestige und nähre unter uns alle die Tugenden und guten Werke, durch welche wir uns auch in dieser schweren Zeit ihm so wohlgefällig bewährt haben!

Aber ist dieser Wunsch nicht das hei­

lige Gelübde, der Stimme seines Wortes immer zu gehorchen, und immer reiner und vollkommner seinem Willen und Gesetz unser Leben zu weihen! Dies beides laßt uns noch erwägen. Wenn wir uns an diesem feierlichen Tage hier vor Gott das Wort geben, das Band der Liebe und des Gehorsams, das uns mit unserm Herrscherhause vereint, unter allen Umständen unverbrüch­ lich festzuhalten und zu dessen Veredlung aus allen unsern.Kräf­ ten beizutragen: erste sei so gemeint,

so wird schon von selbst Niemand glauben, das als wollten wir uns

gegenseitig warnen, nicht

etwa auch in den Frevel der Empörung zu gerathen, wovon freilich in dem langen Zeitraume, der bei uns durch unentheiligte Treue gesegnet war, leider die Geschichte anderer Völker schreckliche Beispiele zeigt, welche nur der schauderhafteste Leichtsinn als unbedeutende Flecken an­ sieht, welche aber ernstere Völker theils austilgen möchten aus ihrem und ihrer Nachkommen Gedächtniß, theils noch vor Gott Opfer der Buße darbringen für die Schulden ihrer Vorfahren. nung wäre unnöthig!

Nein solche War­

So wenig Spuren eines solchen Frevels giebt

es in unserer Geschichte, daß sie sich in dem unbeachteten Gebiet un­ sicherer Vermuthungen verlieren, und daß jeder Argwohn als ob hie und da etwas gebrütet würde woraus sich Zwietracht entspinnen könnte, wenn er nicht sollte absichtlich das gegenseitige Vertrauen untergraben wollen, nur mitleidig würde verlacht werden.

Ja da jeder wohlmei­

nende und aufmerksame unter uns nicht nur ein Gewissen in sich trägt für sich selbst, sondern auch für den gemeinsamen sittlichen Zustand: so können wir jeden, der dies Gefühl unverfälscht von unreinen Leiden­ schaften bewahrt hat, dreist auffordern es in seinem Innersten zu prü­ fen, ob er nicht gestehen muß, daß zu solchem Frevel keine Anlage ist in unsern Mitbürgern, und daß wir erst müßten wunderbar verderbt und fast nmgeschaffen worden sein, wenn sie uns sollte können einge­ pflanzt werden.

Sondern nur wie im krankhaften Zustande bisweilen

jemand sich selbst Schuld giebt, was er nie begangen hat, indem er

29 unbedeutende Handlungen zu Verbrechen hinaufdeutet, so nur könnten ängstliche

Gemüther,

verschüchtert durch

die

schweren Kämpfe

und

Leiden dieser letzten Zeit, und gepeiniget von den Schreckbildern aus­ ländischer Thaten, in krankem Wahne glauben ähnliches zu sehen, und sich nnd Andere mit Besorgnissen quälen, die ihnen ganz verschwinden würden, wenn wie jenem Profeten, welcher klagte es sei kein Verehrer Jehovahs mehr in Israel,

Gott in einem Augenblick der Entzückung

die Augen öffnete, daß er eine Schaar vieler Tausende sah: so Gott ihnen, welche, wähnen, wenige oder viele wären da, die übles wollten und Empörung brüteten, in einem Augenblicke heiterer unbefangener Besonnenheit die Augen öffnete, denn sie würden sehen daß kein solcher da ist, und daß sie sich vor Schatten gefürchtet.

Also dieses meine ich

nicht: aber ich meine, daß wir uns dieses heiligen Bandes immer sollen recht freudig bewußt sein, und um in solche Mißverständnisse nicht zu gerathen, uns wo wir auseinander gegangen sind immer wieder unter diesem Panier vereinigen.

Denn es kann nicht anders sein in einem

so großen Staat bei so vielseitigem Verkehr mit andern Völkern und so mannigfaltiger vor uns liegender Geschichte anderer Staaten, wo durch seinen Standpunkt und seine Kenntniß jeder auch der am wenig­ sten selbstsüchtige etwas bestochen wird,

muß sich eine große Menge

verschiedener Meinungen über das, was dem gemeinen Wohl förderlich ist, erzeugen. zu verschaffen,

Daß jeder die seinige äußere um seiner Einsicht Raum dieser Freiheit verdanken wir zuviel, als daß irgend

jemand sogar seinen Gegnern sie sollte beschränken wollen.

Aber diese

Meinungen reiben sich, und je wichtiger jedem die Sache ist um desto leichter entsteht Streit.

Wohl denn mein Bruder!

wenn in diesem

Streit sich in dir eine Gemüthsbewegung entwickelt, die du nicht mehr als Liebe fühlst, und die also auch nicht mehr geschickt ist die Wahr­ heit ans Licht zu bringen, die nur in Liebe gefördert wird; wenn du in Versuchung kommst deinen Mitbürger, seiner entgegengesetzten Mei­ nungen wegen, böser Absichten zu beschuldigen: dann rühre ja die Bit­ terkeit nicht in dir auf; sondern frage dich in deines Gegners Seele, ob er wohl sollte etwas anderes begehren, als daß es der König sei der das beste gebiete und ausführe'? etwas anderes, als daß dessen

30 Herrschaft herrlich sei und preiswürdlg, und daß Volk und König einander gegenseitig immer mehr verherrlichen mögen? und wenn du ihm das gewiß nicht zutrauen wirst, er wäre denn einer, mit dem schon nicht würdig wäre zu reden: so hast du ja mit ihm eine Uebereinstim­ mung die größer ist als eure Verschiedenheit, so steht ihr ja beide auf demselben Boden Einer gemeinsamen Viebe und Treue, und könnt auch im Streit euch nur lieben und wohlwollen.

Seht das nenne ich, dieses

heilige Band fest im Sinne halten. Wenn ich aber weiter sage, unser heutiges Gelübde müsse auch sein diese Verbindung noch immer mehr zu veredlen: so brauche ich wol darüber nicht viel Worte zu machen.

Auch dem stumpffinnigen

Knecht des Despoten wird man im gewöhnlichen Lauf der Dinge oft das Verdienst nachrühmen müssen, daß er keine Neuerung begehrt: aber wir werden seine Treue nicht vergleichen wollen mit der unsrigeu. Auch der Selbstsüchtige, der zu gutmüthig ist oder zu träge um sich durch gefährliche Ränke emporschwingen zu wollen, und zu flüchtig um sich auf einen Gewinnst zu vertrösten, der erst spät auf den Erwerb folgen könnte, auch der wird, so wie er nichts sehnlicher wünscht als Ruhe und Friede nach außen, auch um einen Preis der uns Andern zu theuer wäre, so auch, in welchem Staat er immer lebe, nach innen nichts anderes begehren als den gleichmäßigen Fortgang derselben Ord­ nung der Dinge: aber wenn er seine Wünsche und Bestrebungen den unseren für unsern König und unser Vaterland gleich setzen wollte, würden wir uns dessen weigern.

Ist nun unsere Treue und unser

Gehorsam, ist unser liebendes und ehrfurchtsvolles Gefühl gegen unsern Beherrscher reiner und edler als jenes; wollten wir deshalb so aufge­ blasen sein uns anzumaßen oder so thöricht uns zu schmeicheln, wir hätten das höchste schon erreicht? Giebt es nicht noch viele, die den König und sein Haus mehr deßhalb lieben und ehren, weil sie und die ihrigen so gestellt sind, daß vorzügliche Huld von ihm auf sie herab­ fließen kann, als deshalb weil er der Vater ist des Vaterlandes? Nicht viele, deren Eifer noch viel zn sehr dadurch gehoben wird, daß ihr Stand oder ihre nähere Geburtsgegend sich nicht besser befinden könnte als unter diesem Schirm und m dieser Ordnung, und die sich nur m

31 sofern die Verbindung mit den übrigen Theilen des Ganzen gefallen lassen, mit denen doch des Königes Herz gleichmäßig erfüllt ist und be­ schäftiget? Nicht auch solche, die in unserm gebietenden Herrn die nach außen schützende Macht gern erkennen und verehren, dabei aber wün­ schen, daß nach innen zu jeder mit seinen Kräften ganz nach eigener Willkühr und nnr zu eigenem Vortheil, der eine so der andere anders, schalten dürfe, als ob es nichts gemeinsames gäbe? Und diese Verun­ einigungen, die sich freilich mir in Wenigen stark und bestimmt aus­ sprechen, sind sie nicht in geringerem Maaß weit genug durch das Ganze verbreitet? Und haben nicht Alle so denkende eigentlich ein an­ deres Vaterland als der König, und sind gleichgültig gegen den größten Theil seines Thuns und seines Berufs? Wolan, so giebt es doch noch ein edleres und höheres Verhältniß, dem wir uns müssen zu nähern suchen! Daß, wie der König jeden Zweig des Ganzen gleich liebt um des Ganzen willen, dessen Theil er ist, so auch jeder Unterthan sich selbst und das, was ihn zunächst berührt, nnr liebe um des Ganzen willen, und auch keine andere triebe und Pflege dafür von oben begehre! daß keine Kraft im Volke dem Könige sich entziehe, sondern von jeder eine bald mehr bald minder deutliche Ahndung dem Herrscher einwoh­ nend ihn treibe sie zu ergreifen und zu leiten, damit er getrost und kräftig schalten möge, und auf alles rechnen könne, auch auf das was sich selbst noch nicht kennt; daß jedem Befehle des Herrschers ein gleich freudiger Wille in allen Theilen des Volkes entspreche, und Alle darin erkennen das nemliche oder besseres als sie selbst gesucht haben, und daß auf diese Weise alle Ordnungen und Gesetze nichts anderes seien, als die Frucht und der Beweis der gemeinsamen Weisheit und Liebe, worin was vom König und was von seinen Unterthanen ursprünglich ausgegangen sei, nicht abgesondert werden kann und unterschieden, son­ dern immer eines ist und dasselbe; dieses offenbar ist die höchste Ver­ klärung und Veredelung in dem Verhältniß zwischen Fürsten und Volk, und gewiß ein wesentliches würde unserm frommen Dank an diesem feierlichen Tage fehlen, wenn wir Gott nicht das Gelübde darbrächten, auch hierin dem vollkommenen nachzustreben. Das letzte endlich ans den Worten unsers Textes war der Wunsch,

32 daß der Herr unsere Herzen möge zu Ihm neigen, zu wandeln auf seinen Wegen und zu halten seine Sitten und Gebote.

Zu diesem Wunsch, wie

zu dem Gelübde seinem Zuge zu folgen bedürfen wir m. a. Fr. freilich keine äußere Veranlassung.

Was anders als dieses erfüllt uns, so oft

wir uns im Hause des Herrn versammeln,

was anders als dieses

ist der Inhalt aller unserer Gebete und Gesänge und aller Worte der Ermahnung die hier gehört werden.

Aber wer fühlt nicht diesen rein­

sten aller Triebe des menschlichen Herzens mit einem besonders schauer­ lichen Ernst bei der Erinnerung an jene blutigen Tage, an die tau­ sende, die den Tod für das Wohl des Volles gestorben sind, an die Aufopferung und den Muth aller Streiter, deren nur ein Volk das auf den Wegen des Herrn wandelt würdig ist sich zu rühmen, an den Kampf

dessen

höchster und heiligster Gegenstand war deutsche Treue

und Weisheit und Frömmigkeit zu erretten aus den Gefahren womit fremde Gewalt auf der einen, einschmeichelndes Verderben auf der an­ dern Seite sie bedrohten.

Was können wir jenen Gefallenen und Ver-

ftüminetten so wie den glücklicher wiedergekehrten lieberes darbringen, als das Gelübde die heiligen Güter in uns zu pflegen, die ihnen am meisten am Herzen liegen.

Und wenn wir Gott für alle Wohlfahrt

danken, die seine Güte über uns verbreitet hat im treuen ungestörten Verein mit unserm Herrscherhäuser so mögen wir wol dieses besonders bedenken, wie sehr diese Wohlfahrt diese Ruhe im Großen immer ab­ gehangen hat vom treuen rechtschaffenen Gehorsam gegen das göttliche Gesetz, und wie laut und überzeugend zumal die gegenwärtige Zeit uns lehrt, daß die Erhaltung derselben vorzüglich abhänge von der fest be­ gründeten ungeteilten Herrschaft frommer Gesinnung. müssen

wir

es

empfinden,

wie

die

Tiefer als sonst

überhandnehmende

Sünde alle

menschlichen Bande löset und die heiligsten am meisten, weil diese am wenigsten sich dem Dienste sinnlicher Lüste und wilder Leidenschaften hingeben, und wie auch der menschliche Verstand,

wenn er von der

Scheu vor dem heiligen verlassen in der Irre geht nur verführerische Klügeleien ausbrütet!

Ernster und dringender muß unser Wunsch sein

und unser Gelübde, da auch unser Volk, wiewol noch gnädig behütet vor größerem Verderben, eine Zeit gehabt hat, wo zu viele diesen Weg

33 gewandelt sind, als daß das gemeine Wohl nicht sollte darunter gelit­ ten haben, eine Zeit deren Spuren noch nicht ganz ausgetilgt sind. Sehen wir dagegen weiter zurück auf die Geschichten unserer Fürsten und ihrer Länder, was hat wol am meisten diesen unerschütterlichen Bund der Liebe und Treue zwischen Fürst und Volk in der Stille be­ festiget als die gleiche Lebendigkeit und der gleiche Gang der frommen Gesinnung und Denkart in beiden, und die Einwirkung des einen Theils auf den andern in dieser größten menschlichen Angelegenheit. Wie über­ einstimmend und gleichen Schrittes wendeten sich Volk und Fürst auf die Seite des neuen Lichtes zur Zeit der Kirche!

jener großen Verbesserung in

Wie hat seitdem immer jede neue Ansicht von den gött­

lichen Dingen nirgend mehr Aufmerksamkeit und Theilnahme gefunden als unter uns!

wie freudig hat immer das Volk alle Veranstaltungen

der Herrscher aufgenommen, die ans gründlicheres Verständniß auf rei­ nere freiere Wirksamkeit unsers christlichen Glaubens abzweckten! welcher heiligen Scheu haben unsere Fürsten stets,

Mit

ohne ihre eigene

Meinung aufzudringen, das Gewissen walten lassen und den mit den heiligen Gegenständen beschäftigten Verstand, mit einer Scheu die kaum ein und das andere Mal durch das gereizte Gefühl von bedenklichem Mißbrauch überwunden ward! wie haben sie immer prüfend zu Herzen genommen, was ungestörte Forschung was freier Trieb im Volk erweckt hatte!

Und welcher ausgezeichneten Theilnahme unsers Königes erfreuen

sich nicht jetzt besonders die Angelegenheiten unseres Glaubens und unserer Kirche! Salomon m. a. Fr. redete die Worte unseres Textes als er jenen Tempel einweihete, den schon sein Vater zu bauen gewünscht hatte, wel­ chem es aber von Gott nicht beschieden war, jenen Tempel dessen Bau vas glänzendste und gefeiertste Werk seiner Regierung ward, in dem seine Weisheit und Kunst sich am meisten verherrlichte, und für den sein Volk viele Jahre lang alle seine Kräfte angestrengt hatte.

Mit

welcher Empfindung müssen wir diese Worte vernehmen, wie müssen sie uns ans Herz gehn, deren königlicher Herr unter den größten Bevrängnissen und unter den herrlichsten Siegen nie den Lieblingsgedan­ ken seines frommen Herzens vergessen hat, den sichtbaren Tempel des Herrn alle Einrichtungen nnd Verfassungen der Kirche Ehristi fester zu

34 gründen und herrlicher auszubauen, und keinen größeren Ruhm ken­ nen würde, als wenn ihm Gott verliehe dieses große Werk zu vollen­ den. Aber wie dem Salomon, als nun das Haus des Herrn in Pracht und Herrlichkeit ans Jahrhunderte dastand, der Wunsch seines Herzens dadurch nicht erfüllt war, sondern er nun bei dessen Weihe dem Volk verkündete, wozu der herrliche Bau da sei, nemlich das zu begünstigen und zu erleichtern, daß das Volk nun auch eingedenk sei des Gottes der dort im dunkeln Heiligthum thronte, um auf seinen Wegen zu wan­ deln; und wie es eine Thorheit gewesen sein würde dieses große Werk mit solcher Beharrlichkeit und Anstrengung auszuführen, wenn er ge­ glaubt hätte es zu thun für ein Volk, welches hernach nur an dem herrlichen Tempel vorbeigehen würde um den güldenen Kälbern zu die­ nen, die ehedem seine Väter gemacht hatten, oder für ein Volk das zwar mit Lippen und Händen dem Herrn diente, mit dem Herzen ihm aber fern bliebe; eben so wäre es für uns ein geringer Gewinn, wenn wir alle Kräfte noch so willig daran setzten nm die Verfassung der Kirche neu zu beleben und ihre Einrichtungen fest zu stellen, aber der Sinn fehlte, für den und durch den allein dies alles einen Werth hat, aber Glauben und Liebe, Frieden und Freude und alle Früchte des Geistes gediehen nicht schöner und vollständiger unter uns. Wolan denn, hat der Herr uns gnädig gezüchtiget weil er uns liebte, hat er schlum­ mernde Kräfte geweckt in schweren Zeiten, hat er fröhliche wenn gleich theure Errettung verliehen von drückenden Uebeln, hat er mit unver­ gänglichem wenn gleich theuer erkauften Ruhme gekrönt das gesammte deutsche Volk und vornemlich unsern König und sein Land, läßt er uns heute in blühender jugendlicher Kraft und mit schöneren Hoffnungen als je das fünfte Jahrhundert reicher vaterländischer Segnungen beginnen: o so mögen von so viel Gnade besiegt jedem fremden Zuge sich wei­ gernd alle Herzen sich zu Ihm neigen und alles Volk in Seinen We­ gen wandeln. Dazu laßt uns itzt vor Ihn treten mit Gebet. Barmherziger gnädiger Gott! Für wie große und unzählige Wohl­ thaten treten wir heute aufgefordert von deinem Knecht unserm Könige rankend vor keinen Thron als ein wunderbar errettetes eng vcrbrü-

35 bette« hochbegnadigtes fest auf bich hoffenbe« Volk! Dank zunächst btt zu sagen, daß bu dem Könige uns, und uns Ihn unb sein Haus er­ halten hast, unb bich anzurufen baß du ben Bund der Liebe und Treue der zwischen Ihm und uns besteht dir ferner wollest Wohlgefallen las­ sen. Dazu laß deine Gnade groß sein über deinem Knecht unserm Könige und über dem Kronprinzen dieser schön aufblühenden Hoffnung des Landes, über seinen und des Königes Brüdern und dem ganzen königlichen Geschlecht! Dazu segne Zucht und Unterweisung der Ju­ gend im königlichen Hause und im ganzen Lande, dazu die Verkündigung deines heiligen Wortes, damit du ausführen könnest, was dein gnädiger Rath, wir hoffen es mit Zuversicht, noch großes und gutes über uns beschlossen hat! damit so wie unser Herr und König über uns herrscht, so es auch unsern Enkeln und den Enkeln unserer Enkel nicht fehle an einem Herrscher aus seinem Stamme, der da sei fromm und weise, mild und tapfer, und dem Herrscher nicht an einem Volke das ihm sei treu und gewärtig! damit König und Volk immer recht thun vor dir und wandeln auf deinen Wegen. Laß deinen Geist in uns wohnen als in einem wohlgeschmückten Tempel, daß wir mehr und mehr gestaltet werden in das Bild deines Sohnes, deß Jünger wir Alle zu sein begehren, vor dem unser aller Knie sich beugen mögen itzt und immerdar. Amen.