Zeitungswissenschaft in Köln: Ein Beitrag zur Professionalisierung der deutschen Zeitungswissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 9783111332871, 9783598213021

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Zeitungswissenschaft in Köln: Ein Beitrag zur Professionalisierung der deutschen Zeitungswissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
 9783111332871, 9783598213021

Table of contents :
VORWORT
INHALT
DANKSAGUNG
ABKÜRZUNGEN
EINLEITUNG
I. DIE KÖLNER HOCHSCHULEN
II. DIE UNIVERSITÄT
III. WISSENSCHAFTLICHER NEUBEGINN
IV. ZEITUNGSKUNDLICHE VORLESUNGEN UND ÜBUNGEN AN DER KÖLNER HANDELSHOCHSCHULE UND DER HOCHSCHULE FÜR KOMMUNALE UND SOZIALE VERWALTUNG 1903 -1919
V. VORLESUNGEN, ÜBUNGEN UND EINZELVORTRÄGE AM FORSCHUNGSINSTITU
VI. ZEITUNGSWISSENSCHAFTLICHE DISSERTATIONEN
VII. ZEITUNGSWISSENSCHAFTLICHE PUBLIKATIONEN
VIII.

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saur

Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung Band 45 Herausgegeben von Hans Bohrmann Institut für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund

Hans-Georg Klose

Zeitungswissenschaft in Köln Ein Beitrag zur Professionalisierung der deutschen Zeitungswissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

K G - Saur München • New York • London • Paris 1989

Diese Publikation erfolgte mit freundlicher Unterstützung des Landschaftsverbandes Rheinland

CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek Klose, Hans-Georg: Zeitungswissenschaft in Köln : ein Beitrag zur Professionalisierung der deutschen Zeitungswissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts / Hans-Georg Klose. München ; New York ; London ; Paris : Saur, 1989 (Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung ;45) Zugl.: München, Univ., Diss., 1986 ISBN 3-598-21302-6 NE: GT

Alle Rechte vorbehalten / All Rights Strictly Reserved K. G. Saur Verlag GmbH & Co. KG, München 1989 (Mitglied der internationalen Butterworth-Gruppe, London) Printed in the Federal Republic of Germany Jede Art der Vervielfältigung ohne Erlaubnis des Verlags ist unzulässig Druck/Binden: Strauß-Offsetdruck GmbH, Hirschberg ISBN 3-598-21302-6

"Die Errichtung von Lehrstühlen für Journalistik bedeutet, daß die Journalistik als Wissenschaft, oder wenn man lieber will, als Kunst anerkannt ist; den richtigen Instinkt kann keine Schule, auch keine Hochschule lehren man muß es in den Fingerspitzen haben." Julius Bachem (Chefredakteur der Kölnischen Volkszeitung): Allerlei Gedanken über Journalistik. Leipzig 1906, S. 11

VORWORT

Hans Bohrmann hat schon in seinem Vorwort zu Bettina Maoros Band "Die Zeitungswissenschaft in Westfalen 1914-1945", der als Nr. 43 dieser Reihe erschien, auf die hier vorliegende Dissertation von Hans-Georg Klose aufmerksam gemacht und das baldige Erscheinen im Druck angekündigt. Seinen Ausführungen über das besondere Interesse, das den Bemühungen um einen Beitrag der akademischen Lehre zur Aus- und Weiterbildung von Journalisten in der rheinischen Metropole zukommt, ist nicht viel hinzuzufügen, auch wenn manch einer den Verzicht von Universität und Stadt Köln, das Fach Zeitungswissenschaft (Publizistik, Journalistik) nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf neuer Grundlage wiedererstehen zu lassen, nicht nur konsequent, sondern auch und vor allem bedauerlich finden mag. Jedenfalls liegt hier der wichtigste Unterschied zwischen der Kölner und der Münsteraner Situation; hier liegt auch die Rechtfertigung dafür, daß HansGeorg Klose sein Thema als ein Stück abgeschlossener Wissenschaftsgeschichte behandeln konnte. Wer Konrad Adenauer als Bundeskanzler kennenlernte und, vielleicht sogar als Journalist, den Umgang des "Alten" mit den Angehörigen dieser Berufsgmppe aus der Nähe erlebte, kann über das Tatsächliche und Anekdotische hinaus auch den persönlichen Eindruck, den solche Begegnungen hinterließen, nicht ganz außer Betracht lassen. Was Adenauer vom Journalismus und von Journalisten hielt, ist wohl hauptsächlich durch seine Erfahrungen als Kommunalpolitiker in Köln bestimmt worden. Ekkhard Häussermann hat dieses Thema schon 1976 behandelt*. Vor Wilhelm Sollmann empfand Adenauer Respekt in mehr als einer Hinsicht: vor dem unerbittlichen politischen Gegner, vor dem man immer auf der Hut sein mußte, vor dem kampferprobten Redakteur und vor dem Demokraten, der sich als Notpartner in der Wirrnis der Arbeiter- und Soldatenratszeit erwiesen hatte. Von vielen anderen Journalisten hielt Adenauer nicht besonders viel, und dabei spielte die Zugehörigkeit zur eigenen Partei nicht die Rolle eines mildernden Umstands. So erscheint es nur folgerichtig, daß der Oberbürgermeister Adenauer seiner Erkenntnis, die journalistische Praxis bedürfe der mXeÄeVXüÄen und

charakterlichen Aufbesserung, die entsprechenden Taten folgen ließ und den

Bemühungen um akademische Kurse und Studienmöglichkeiten seine Unterstützung lieh, ja sie geradezu antrieb. Ein Kapitel der Arbeit ist der "Pressa" gewidmet, jener großen Ausstellung im Jahre 1928, mit der Köln auf seinen durch Krieg und Besatzungszeit nicht "Konrad Adenauer und die Presse vor 1933" in: Hugo Stehkämper "Konrad Adenauer Oberbürgermeister von Köln", Köln 1976, S. 207-247

VII

zu brechenden Lebenswillen hinweisen wollte. So viele Motive flössen in diesem Unternehmen zusammen, politische und kulturelle, wirtschaftliche und administrative Ambitionen. Die Fachvertreter der jungen akademischen Disziplin Zeitungswissenschaft haben die "Pressa" und ihren eigenen Beitrag dazu stets als eine große - und glücklich wahrgenommene - Chance betrachtet, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren und die Bedeutung ihres wissenschaflichen Gegenstandes zu demonstrieren. Es ist Hans-Georg Klose gelungen, die Bedingungen klarzulegen, unter denen dieses Gelingen möglich war, und die Anteile der Mitwirkenden zu benennen. So schließt die Arbeit nicht nur eine Lücke in der Geschichte der wissenschaftlichen Disziplin, die sich aus der "Zeitimgskunde" zur Wissenschaft von der gesellschaftlichen Kommunikation entwickelt hat, sie leistet auch einen Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Universität Köln und zur Biographie des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland.

Otto B. Roegele

VIII

INHALT

DANKSAGUNG ABKÜRZUNGEN EINLEITUNG I.

DIE KÖLNER HOCHSCHULEN

1. 1.1. 1.1.1. 1.1.2. 1.2. 1.2.1. 1.2.2. 1.2.3. 1.3. 1.3.1. 1.3.2. 1.3.3. 1.3.4. 1.3.5. 1.3.6.

Städtische Handelshochschule Aufbau und Organisation Die Gründung Studiendirektor Christian Eckert Erste Vorlesungen über Pressewesen Presse und öffentliche Meinung Adolf Koch und die Kölner Presse Robert Brunhuber Zeitungsredakteure als Hochschullehrer Wilhelm Jutzi Anton Traub Arthur Jung Otto Dresemann Friedrich Runkel Karl Hoeber

2. 2.1. 2.1.1. 2.1.2. 2.2.

XIII XV XVII 1 1 1 1 2 3 3 5 7 15 17 18 21 24 27 30

Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung Aufbau und Organisation Die Gründung der dritten Kölner Hochschule Abteilungsdirektor Adolf Weber Das moderne Zeitungswesen Ein Fortbildungskursus für Journalisten 2.2.1. Weiterbildung statt Vorbildung 2.2.2. Themen und Teilnehmer 2.2.3. Kritik

33 33 33 34

3. 3.1. 3.2. 3.3.

52 52 54 63

Kölner Lehrstuhl für Journalistik Journalistische Aus- und Fortbildung Stellungnahmen der Dozenten und Redakteure Zwischenbilanz

35 35 36 49

IX

II.

DIE UNIVERSITÄT

65

1. 1.1. 1.2. 1.2.1. 1.2.2. 1.2.3. 1.2.4. 1.2.5. 1.2.6.

Von der Hochschule zur Universität Wiedereröffnung Dozenten und Förderer Eugen Schmalenbach Ernst Walb Fritz Stier-Somlo Friedrich von der Leyen Karl Thiess Leopold von Wiese

65 65 66 67 69 70 74 76 77

2. 2.1. 2.2. 2.2.1. 2.2.2. 2.2.3. 2.2.4. 2.3. 2.3.1. 2.3.2. 2.3.3. 2.3.4. 2.3.5. 2.3.6. 2.3.7. 2.4. 2.4.1. 2.4.2.

Martin Spahn Jugend und Studium Spahn an der Universität Straßburg Der Fall Spahn Die Zeitung als Quelle Zeitungswissenschaft in Straßburg Die Leipziger Bugra Spahn an der Universität Köln Flucht aus Straßburg Ruf an die Universität Köln Politische Verflechtungen in Berlin Institut für Zeitungswesen Ordinarius oder Lehrbeauftragter? Zeitungswissenschaftliche Promotionen Historisches Seminar Prozesse und Proteste Spahn contra Köln Eine Denkschrift setzt Maßstäbe

79 79 82 83 85 91 95 97 97 99 102 104 109 112 117 119 119 123

III.

WISSENSCHAFTLICHER NEUBEGINN

131

1. 1.1. 1.1.1. 1.1.2. 1.1.3. 1.1.4. 1.1.5. 1.2. 1.2.1. 1.2.2.

Die Kölner Pressa Zeitungsausstellung als Neubeginn Die Politik Adenauers Ausstellungsstadt Köln Die Organisation der Pressa Kritiker und Mahner Kulturhistorische Abteilung Zeitungswissenschaftlicher Kongress Ideen und Initiativen Themen und Teilnehmer

131 131 131 135 136 138 142 145 145 148

X

2. 2.1. 2.2. 2.3. 2.4. 2.5. 2.6.

Forschungsinstitut für Internationales Pressewesen Die Frage der Institutsleitung Aufbau und Organisation Vorlesungen und Tagungen Personalpolitik Wohlers im Dritten Reich Eine Epoche geht zu Ende

IV.

ZEITUNGSKUNDLICHE VORLESUNGEN UND ÜBUNGEN AN DER KÖLNER HANDELSHOCHSCHULE UND DER HOCHSCHULE FÜR KOMMUNALE UND SOZIALE VERWALTUNG 1903 - 1919 183

V.

VORLESUNGEN, ÜBUNGEN UND EINZELVORTRÄGE AM FORSCHUNGSINSTITUT FÜR INTERNATIONALES PRESSEWESEN 1929 -1933

187

VI.

ZEITUNGSWISSENSCHAFTLICHE DISSERTATIONEN

191

1.

Universität Straßburg

191

2.

Universität Köln

192

VII.

ZEITUNGSWISSENSCHAFTUCHE PUBLIKATIONEN

201

1.

Forschungsinstitut für Internationales Pressewesen

201

2.

Institut für Zeitungswissenschaft an der Universität Köln

202

vm

153 153 155 158 162 168 173

203

1.

Quellen

203

2.

Literatur

207

3.

Personenregister

228

4.

Ortsregister

236

5.

Zeitungen und Zeitschriften

238

XI

DANKSAGUNG

Die vorliegende Untersuchung der Kölner Zeitungswissenschaft basiert auf umfangreichem Archivmaterial in verschiedenen Bundes-, Landes-, Universitäts- und Stadtarchiven. Nur durch die Erschließung aller zur Verfügung stehender Informationsquellen war es möglich, den Werdegang einer jungen Disziplin darzustellen, die in den letzten Jahren zunehmend Gegenstand wissenschaftshistorischer Forschung wurde. Besonders hervorgehoben sei hier das Archiv der Universität Köln, das dem Verfasser alle Bestände uneingeschränkt zur Verfügung stellte und so eine lückenlose Auswertung des Materials möglich machte. Bei der biographischen Recherche war es in erster Linie das Archiv des Kölner StadtAnzeigers, dessen Verzeichnisse zu einer objektiven Einschätzung der Personalpolitik an den verschiedenen Hochschulen beitrugen. Gleichrangig sei auch auf die Unterstützung von Prof. Dr. Dr. Otto B. Roegele, Dr. Rüdiger vom Bruch und Dr. Hans Bohrmann hingewiesen, die seit dem Beginn der Recherche (1981) jederzeit mit kompetentem Rat dem Verfasser zur Seite standen. In Seminaren und persönlichen Gesprächen gaben sie nicht nur die Anregung zu dieser Arbeit, sie unterstützten ebenso die laufende Recherche und vervollständigten viele Kapitel durch wertvolle Details. Besonderer Dank gilt den vielen Zeitzeugen, die in Briefen und Gesprächen lebendige Fachgeschichte vermittelten, deren Informationsgehalt eine Reihe von offenen Fragen beantwortete. Ihre persönlichen Erfahrungen und die in ihrem Besitz befindlichen Unterlagen verhalfen dem Verfasser zu einem besseren Verständnis der weit zurückreichenden Ereignisse. Der ausführliche Anhang dieser Untersuchung versucht ein Bild der Vielfältigkeit der Kölner Zeitungswissenschaft aufzuzeigen. Die ungewöhnlich große Anzahl nachweisbarer Dissertationen steht dabei ebenso im Vordergrund wie die breitgefächerte Themenpalette der einzelnen Institute, von denen in der Auflistung exemplarisch die Handelshochschule und das spätere Forschungsinstitut herausgegriffen wurden. Ein biographischer Anhang rundet den tabellarischen Teil dieser Arbeit ab.

Hans-Georg Klose

ABKÜRZUNGEN

AAPA ADS AIKM

-

AIPM AIZD AKZ AUF AUK AUM AUMü BÄK BHSA BNU BUGRA

-

DAF DIZ DP dpa DNVP DZV FAZ FZ HASK HH HHSA HJ HN HSA NRW -KUZ KV KZ LHAK MdR NSDAP OB PRESSA RDP RMVP SA SAM SBAH -

Auswärtigs Amt, Politisches Archiv, Bonn Archives Départementales du Bas Rhin, Straßburg Archiv des Instituts für Kommunikationswissenschaft, München Archiv des Instituts für Publizistik, Münster Archiv des Instituts für Zeitungsforschung, Dortmund Archiv der Kölnischen Zeitung Archiv der Universität Freiburg Archiv der Universität Köln Archiv der Universität Münster Archiv der Universität München Bundesarchiv Koblenz Bayerisches Hauptstaatsarchiv, München Bibliothèque Nationale et Universitaire, Straßburg Ausstellung für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik, Leipzig Deutsche Arbeiter Front Deutsches Institut für Zeitungskunde, Berlin Deutsche Presse Deutsche Presse-Agentur Deutschnationale Volkspartei Deutscher Zeitungswissenschaftlicher Verband Frankfurter Allgemeine Zeitung Frankfurter Zeitung Historisches Archiv der Stadt Köln Handelshochschule Hessisches Hauptstaatsarchiv, Wiesbaden Hitler-Jugend Hochschul-Nachrichten Hauptstaatsarchiv Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf Kölner Universitäts-Zeitung Kölnische Volkszeitung Kölnische Zeitung Landeshauptarchiv Koblenz Mitglied des Reichstages Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Oberbürgermeister Internationale Presseausstellung, Köln Reichsverband der Deutschen Presse Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda Sturmabteilung Stadtarchiv Mainz Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, Rhöndorf XV

StA SZ TH VDZV VZR WB WTB ZV ZW ZWV

-

Kölner Stadt-Anzeiger Süddeutsche Zeitung Technische Hochschule Verein Deutscher Zeitungs-Verleger Verein Rheinischer Zeitungsverleger Westdeutscher Beobachter WolfFs Telegrahisches Büro Zeitungs-Verlag Zeitungswissenschaft Zeitungswissenschaftliche Vereinigung

EINLEITUNG Zeitungswissenschaft als Gegenstand historischer Forschungen umfaßt mittlerweile einen nahezu unübersehbaren Zeitraum, da eindeutige Grenzziehungen kaum vorgenommen werden können. War es zunächst Kaspar STTELER, der sich 1695 mit der "Zeitungs Lust und Nutz" beschäftigt hatte, folgte 1784 das "Ideal einer vollkommenen Zeitung" von Karl Philipp MORITZ und 1795 die Schrift "Über die Zeitungen" von Joachim von SCHWARZKOPF. Ihnen folgten wiederum Redakteure und Schriftsteller wie Robert PRUTZ undLudwig SALOMON oder Nationalökonomen wie Karl KNIES und Albert SCHÄFFLE, "eines der originellsten Talente, die aus der deutschen Journalistik des neunzehnten Jahrhunderts aufgestiegen sind", i Die Tatsache, daß sich mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bereits Universitätsprofessoren mit der "Wissenschaft von der Zeitung" beschäftigten, garantierte aber noch lange keine breite Anerkennung, zumal die eigentlichen Gründungsväter "aus sehr verschiedenen Wissenschaften gekommen sind und ihre Werkzeuge auf das neu zu bestellende Feld mitgebracht haben". 2 Auf der anderen Seite standen die Männer der Praxis, die Journalisten,die ihr Handwerk zunächst als Nebenberuf der Drucker oder Hochschullehrer ausgeübt hatten. 3 Da sie über keinerlei Vor- oder Ausbildung verfügten, soll beispielsweise BISMARCK geäußert haben, der Journalist sei ein Mensch, der seinen Beruf verfehlt habe. Der Kölner Schriftleiter Julius BACHEM warnte dagegen vor jenen Leuten, "die in jedem Redakteur eine verfehlte Existenz sehen", 4 riet jedoch zugleich davon ab, in der journalistischen Tätigkeit einen angenehmen Zeitvertreib zu sehen: "Man lustwandelt nicht in der Presse." 5 Wo sollte aber eine journalistische Ausbildung ansetzen, welche Voraussetzungen mußte ein angehender Redakteur mitbringen und welche Ausbildungsziele sollten konkret verfolgt werden? Beinhaltete die Zeitungskunde (oder auch Journalistik) wirklich nur Fragen der Aus- und Fortbildung, oder 1 2 3

4

5

Roegele, Otto B.: Nationalökonomie, Kommunikationswissenschaft und neue Medien. In: Bortis, Heinrich/Bosshart, Louis (Hrg.): Technologischer Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft. Freiburg, Schweiz 1985, S. 209-219, bes. S. 211 Ebd., S. 210 Bohrmann, Hans: Journalistenausbildung und Presseforschung. Zur Entwicklung der Zeitungswissenschaft in Deutschland vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die fünfziger Jahre. Dortmund 1984, S. 3 Bachem, Julius: Allerlei Gedanken über Journalistik. Leipzig 1906, S. 19 Ebd., S. 10 XVII

mußte nicht viel eher von einer Zeitungswissenschaft (oder auch Publizistik) gesprochen werden, 6 die eine rein wissenschaftliche Komponente als gleichrangigen Zweig anerkannte? Diese neue Disziplin verfügte nicht über einen scharf begrenzten Forschungsgegenstand,sie besaß auch kein von ihr selbst erarbeitetes, nur ihr gehöriges Instrumentarium an Methoden. 7 Der Soziologe Ferdinand TÖNNIES sprach noch 1930 abwertend von einer "Entenwissenschaft", da die Zeitungswissenschaft innerhalb der Geisteswissenschaften ebensowenig ein selbständiges Fach werden könne wie die Hühner- und Entenwissenschaft innerhalb der Zoologie. 8 Kultur- und Wirtschaftsgeschichte waren ebenso Grundpfeiler wie die Soziologie und die Nationalökonomie, Juristen und Pädagogen nahmen sich ebenso des neuen Faches an wie Theologen und Kaufleute. Trotz des Fehlens einer einheitlichen Nomenklatur hielt die Zeitungswissenschaft dank der Professoren KOCH (Heidelberg) und BÜCHER (Leipzig) Einzug in die Universität, wobei man von einer akademisch etablierten Disziplin aber noch weit entfernt war. BÜCHERs "Institut für Zeitungskunde" (1916), das sich neben der Ausbildungkomponente auch nationalökonomischen Studien öffnete, folgten, wenn auch erst drei Jahre später, die Institute in Münster und Köln. Der Gründung dieser Institutionen im Jahre 1919 - direkt nach Beendigung des ersten Weltkrieges - lag die Erkenntnis zu Grunde, daß die Propaganda als politischer Machtfaktor anerkannt werden mußte, eine Tatsache, die in erster Linie von dem Kriegsgegner Frankreich überaus deutlich veranschaulicht worden war. Die drei ersten deutschen Zeitungsinstitute - sieht man von KOCH in Heidelberg zunächst ab - waren zugleich mit den Namen dreier Wissenschaftler verbunden, die in den kommenden Jahren maßgebend auf regionale und nationale Fachentwicklungen Einfluß nehmen konnten. In Leipzig lehrte Karl BÜCHER, ehemaliger Redakteur der Frankfurter Zeitung, Nationalökonom, langjähriger Ordinarius an den Universitäten in Basel, Dorpat und Leipzig und seit 1884 mit zeitungskundlichen Problemen vertraut. In Münster war es der Historiker Aloys MEISTER, der zunächst mit der Errichtung einer Kriegsnachrichten-Sammelstelle, und später durch die Heranführung der in der Frühphase der deutschen Zeitungswissenschaft so 6

7 8

Bohrmann, Hans: Grenzüberschreitung? Zur Beziehung von Soziologie und Zeitungswissenschaft 1900-1960. Vortrag auf dem AIERI-Kongreß, Prag 1984, S.2 Roegele, O.B.: Nationalökonomie, Kommunikationswissenschaft und neue Medien, a.a.O., S. 209 Bruch, Rüdiger vom: Zeitungskunde und Soziologie. Zur Entwicklungsgeschichte der beiden Disziplinen. In: Langenbucher, Wolfgang (Hrg.): Tagungsband des internationalen Symposiums "Wege zur Kommunikationsgeschichte" in Wien, Mai 1986; angekündigt für Herbst 1986, S. 9

XVIII

bedeutenden Persönlichkeiten wie d'ESTER und HEIDE an zeitungskundliche Themen hervortrat. In Köln nahm sich mit Martin SPAHN ein Historiker der neuen Disziplin an, der auf einschlägige zeitungswissenschaftliche Erfahrungen zurückblicken konnte. Doch war SPAHN weder langjähriger Dozent der Universität Köln noch Initiator einer zeitungswissenschaftlichen Einrichtung, wie dies in Leipzig und Münster als Ausgangsbasis zur Verfügung stand. In Köln hatte es zuvor weder eine Universität noch eine wissenschaftliche Zeitungskunde gegeben, dennoch profitierte SPAHN von den Vorarbeiten einer fachinteressierten Gruppe von Verlegern und Redakteuren, die er nie kennengelernt hatte und deren institutionelle Zielsetzungen er in keiner Weise unterstützte. Aber gerade in diesem Punkt zeichnen sich die Eigentümlichkeiten der Kölner Zeitungswissenschaft aus, deren einzige Parallele in KOCHs "Journalistischem Seminar" an der Universität Heidelberg zu sehen ist. Die im Fortgang einer ersten Institutionalisierungsphase der deutschen Zeitungswissenschaft gegründeten Einrichtungen in Nürnberg, München, Berlin und anderen Universitätsstädten können heute auf eine Entwicklungsgeschichte zurückblicken, die bis ins Dritte Reich und teilweise noch darüber hinaus personelle oder methodische Kontinuität nachweisen kann. Gerade diesem Umstand ist es wohl zu verdanken, daß sich die Kommunikationswissenschaft seit Ende der siebziger Jahre auch verstärkt mit der Geschichte einzelner Zeitungs-, Publizistik-, Journalistik- oder kommunikationswissenschaftlicher Institute auseinandersetzt, ihre Lehrinhalte verfolgt und die Vita der einzelnen Institutsleiter oder -direktoren beleuchtet. Eine Reihe biographischer und institutioneller Studien belegen heute die Fachgeschichte in Berlin, Münster und Heidelberg, auch die Institute in Leipzig, München und Nürnberg sind weitgehend erforscht. Wie steht es dagegen in Freiburg, Königsberg, Halle oder den deutschsprachigen Einrichtungen in Wien, Zürich und Straßburg? Waren Institutsleiter wie Wilhelm KAPP (Freiburg/Br.), Max FLEISCHMANN (Halle) und Oskar WETTSTEIN (Zürich) weniger erfolgreich, gab es nicht auch dort innovative Anstöße zur disziplingeschichtlichen Frühphase? Otto GROTHs "Geschichte der deutschen Zeitungswissenschaft" endet an der Schwelle der Institutionalisierung der deutschen Zeitungswissenschaft. Doch seine Darstellung ist eher als persönliches Zeugnis anzusehen, das nicht der historiographischen Genauigkeit und Systematik unterliegt, die für den Autor typisch ist. "Eine Fortsetzung des Grothschen Werkes ist daher ein Desiderat, das schon seit Jahrzehnten immer wieder ausgesprochen wird. Wer ein wenig Einblick in die Fakten und die Quellensituation hat, weiß nur zu gut, daß es nicht (oder zumindest noch nicht) erfüllt werden kann. Zu unterschiedlich sind die Entwicklungen an den verschiedenen Instituten des Faches im deutschen Sprachgebiet verlaufen, zu diskontinuierlich war der

XIX

Prozeß der Theoriebildung, zu wenig Einzeluntersuchungen liegen vor, als daß es heute schon möglich wäre, eine Gesamtdarstellung, ja auch nur einen Überblick mit einigermaßen stimmigen Proportionen zu schreiben." 9 Versuche dieser Art gab es immer wieder, doch mußten sie zwangsläufig an einer mangelnden Grundlagenforschung scheitern. 10 Für eine umfassende Geschichtsschreibung der deutschen Zeitungswissenschaft müssen a l l e Institute untersucht werden. Zu den bisher ausgesparten Einrichtungen zählt zweifellos auch Köln. Köln hat für den wissenschaftshistorisch Interessierten unschätzbare Vorteile. So kann der Beginn der Kölner Zeitungswissenschaft eindeutig auf das Jahr 1903 festgelegt werden, ein Punkt, der nicht bei allen Instituten zweifelsfrei zu klären ist. Die gute Quellenlage eröffnet umfangreichen Recherchen einweites Feld. Mangelnde Kontinuität kann daher gerade in Köln nicht gleichgesetzt werden mit wissenschaftlicher Unzulänglichkeit, was besonders die umfangreichen Archivbestände der Universität deutlich machen. Bis hin zum Zweiten Weltkrieg rangierteKölnimmer unter den führenden zeitungswissenschaftlichen Einrichtungen, wobei die Lehrinhalte der frühen Handelshochschule ebensowenig mit denen des Universitätsinstituts zu vergleichen sind, wie das 1929 gegründete "Forschungsinstitut" mit dem späteren "Institut für Zeitungswissenschaft". Die vier Abschnitte folgten grundverschiedenen methodischen Ansätzen, die in dieser Vielfalt an keiner anderen deutschen Hochschule vorkamen. Die Untersuchung der Zeitungswissenschaft in Köln in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schließt daher eine Lücke in der geplanten Gesamtdarstellung der deutschen Zeitungswissenschaft, die in Anknüpfung an GROTHs Werk in naher Zukunft geschrieben werden muß.

9

10

XX

Roegele, O.B.: Vorwort zu dem Band:Von der Zeitungskunde zur Publizistik. Biographisch-institutionelle Stationen der deutschen Zeitungswissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Frankfurt 1986 Vgl. z.B.: Mohm, Siegfried: Die Ausbildung des Journalistennachwuchses in Deutschland. Dissertation Erlangen/Nürnberg 1962/63

I.

DIE KÖLNER HOCHSCHULEN

1.

Städtische Handelshochschule

1.1.

Aufbau und Organisation

1.1.1. Die Gründung Die Eröffnung der Kölner Handelshochschule fand am 1. Mai 1901 in der Aula der Handelsschule am Hansaring statt. Aufbau und Organisation der neuen Lehreinrichtung folgten einer Denkschrift Gustav von MEVISSENs 1 von 1879 und orientierten sich an den bis dahin gemachten Erfahrungen der vier Jahre älteren Handels-Hochschule in Leipzig. Eine Anlehnung an die Universität Bonn wurde in der Zusammensetzung des Dozentenkollegiums deutlich: Sechs Professoren wurden hauptamtlich eingestellt, elf weitere Dozenten der Universität Bonn waren nebenamtlich in Köln tätig. Außerdem wurden zwölf Praktiker aus der Kölner Wirtschaft verpflichtet, zu denen im Laufe der Jahre immer mehr Verleger und Redakteure aus dem Kölner Zeitungswesen stießen. Ein Schwerpunkt lag auf der Ausbildung akademisch gebildeter Handelslehrer für den kaufmännischen Unterricht. Neben diesen reinen Ausbildungszielen setzte sich - immer der Denkschrift MEVISSENs folgend - die neue Hochschule verstärkt Fortbildungsaufgaben, die sie in Form von öffentlichen Vorlesungen wahrnahm. 2 Der Erfolg dieser ersten selbständigen Handelshochschule war deutlich an den steigenden Studentenzahlen abzulesen: Im Sommersemester 1901 fanden sich 68 Lernwillige in den Räumen am Hansaring ein, im Sommer 1914 waren es schon über 600. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde der Hochschulbetrieb zwar 1

2

Weber, Matthias: Die Alte Universität zu Köln, Heft 269 der "Rheinischen Kunstschätze", Köln 1982, S. 10. Vgl. auch Eckert, Willehad Paul (Sohn von Christian Eckert): Kleine Geschichte der Universität Köln, Köln 1961 Gustav von Mevissen (1815-1899), Präsident der rheinischen Eisenbahngesellschaft, 1856-1860 Präsident der Kölner Handelskammer, Gründer mehrerer Industrieunternehmen. 1884 von Kaiser Wilhelm I. in den Adelsstand erhoben. Zu Mevissen vgl. Hansen, J.: Gustav von Mevissen. Ein rheinisches Lebensbild 1815-1899. 2 Bände, Berlin 1906. Ein enger Mitarbeiter Mevissens zu dieser Zeit war der Historiker Karl Lamprecht, der sich später intensiv mit Zeitungskunde beschäftigte. Vgl.: Schönbaum, H.: Gustav Mevissen und Karl Lamprecht. Zur rheinischen Kulturpolitik von 1880-1890. In: Rheinische Vierteljahresblätter, 17,1952, S. 180 ff Eckert, Christian: Die Cölner Hochschulen. In: Die Stadt Cöln im ersten Jahrhundert unter Preußischer Herrschaft, 1815-1915. Band 2, Cöln 1915, S. 6

1

fortgesetzt, doch lichteten sich die Reihen sehr schnell. Durch die Scharen der zum Kriegsdienst eingezogenen Studenten und Dozenten besuchten 1915 nur noch 250 Studenten die Vorlesungen. Diese Zahl erhöhte sich zwar bis 1919 auf fast 500, die Wiedereröffnung der alten Universität Köln (1919) bewirkte jedoch die Schließung der Handelshochschule. 3 1.1.2. Studiendirektor Christian Eckert Basierend auf den Denkschriften von MEVISSEN und GOTHEIN fertigte der erste Studiendirektor der Handelshochschule, Prof. Hermann SCHUMACHER 4 , die Studienpläne an. Sein Nachfolger wurde Prof. Christian ECKERT, 5 der von 1904 bis 1919 Studiendirektor der Handelshochschule und nach Gründung der Universität erster Rektor der Universität Köln war (1919/20). Bis zu seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten (1933) fungierte er auch als Geschäftsführender Vorsitzender des Universitätskuratoriums. ECKERT hatte während dieser Zeit maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der journalistischen Aus- und Fortbildung und der wissenschaftlichen Zeitungskunde an den Kölner Hochschulen. 1911 hätte ein Plagiatstreit der Karriere des Förderers des Kölner Hochschulwesens fast ein Ende bereitet. ECKERTS oftmals sehr schnell und in der Zitierweise etwas flüchtig verfaßte Publikationen hatten die renommierte Kölnische Zeitung zu einer Anzeige beim Kölner Oberbürgermeister und beim Rektor der Universität Bonn veranlaßt. Nur dem Eingreifen seines Lehrers Gustav SCHMOLLER 6 verdankte er einen glimpflichen Verlauf dieser äußerst peinlichen Angelegenheit.

3

4

5

6

2

Zu den Studentenzahlen siehe Hayashima, Akira: Der Kölner Weg zum Promotionsrecht, Nishinomiya, Japan 1982, S. 86-87. Zur Geschichte der Kölner Handelshochschule vgl. auch Eckert, Chr.: Zur Eröffnung des Neubaues der Handelshochschule Cöln am 26.10.1907, S. 5-15: Bericht über die Gründung und Entwicklung der Handelshochschule zu Cöln am Rhein. Köln 1907 Hermann Schumacher (1868-1952), Nationalökonom, folgte 1904 einem Ruf nach Bonn als Nachfolger Gotheins. Vgl. HN, Jg. 13, Heft 165, Nr. 9, Juni 1904, S. 243 Christian Laurenz Maria Eckert (1874-1952) hatte in München, Berlin und Gießen Nationalökonomie und Jura studiert. 1901 wurde er nach Köln berufen. Zu Eckert vgl.: Kultur und Wirtschaft im rheinischen Raum, Festschrift zu Ehren des Geheimen Regierungsrates Christian Eckert anläßlich der Vollendung seines 75. Lebensjahres, Mainz 1949. Eckert war Ehrensenator der Universitäten Mainz und Köln und 1946-49 Oberbürgermeister von Worms. Gustav von Schmoller (1838-1917), Volkswirtschaftler, war Professor in Halle, Straßburg und ab 1881 in Berlin. Eckert hatte sich bei ihm 1901 für Staatswissenschaften habilitiert.

"In der Tat hatte Schmoller ihn wohl vor einem unrühmlichen Ende seiner Laufbahn bewahrt und damit indirekt seine später bedeutsame Wirksamkeit gesichert." 7 In einem Gutachten 8 wies SCHMOLLER u.a. nach, daß selbst bekannte Wissenschaftler wie Karl BÜCHER und Karl LAMPRECHT von der Plagiatgefahr nicht verschont blieben. ECKERT war sich der Nähe des Abgrundes sicher bewußt, als er am 30.-März 1911 an seinen Lehrer schrieb: "Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, daß ich ohne Ihren Rat und Ihre väterliche Freundschaft psychisch die Sache kaum ausgehalten hätte und wohl zusammengebrochen wäre. Ich kann Ihnen zunächst nur in der Weise danken, daß ich Ihnen verspreche, auch künftig so zu arbeiten, daß ich als Ihr Schüler Ihnen nie Unehre mache." 9 1.2.

Erste Vorlesungen über Pressewesen

1.2.1. Presse und öffentliche Meinung Neben den reinen Ausbildungszielen hatte sich die neugegründete Handelshochschule auch die berufliche Weiterbildung der Kaufleute zum Ziel gesetzt. Hierfür wurden öffentliche Vorlesungen abgehalten, zu denen immer wieder Dozenten anderer Hochschulen eingeladen wurden. Die erste zeitungskundliche Vorlesung fand im Wintersemester 1903/04 statt. Die Kölner Hochschulverwaltung hatte hierfür den evangelischen Historiker Adolf KOCH 10 eingeladen, der sich seit 1895 in Heidelberg mit der Geschichte des Pressewesens beschäftigt hatte. Bei seinen Vorlesungen in Heidelberg hatte er sich zunächst auf die "Geschichte der Presse und des Journalismus in Deutschland" bezogen, wobei er in seinem Seminar nicht auf die journalistische Ausbildung abzielte, sondern ein "Zusatzangebot für interessierte Studenten in anderen Fachrichtungen" bezweckte. 1 1 Mit der Geschichte der öffentlichen Meinung beschäftigte er sich erstmals 1902, womit er sich in bis dahin unerforschtes wissenschaftliches Neuland begab. 1 2 7

Bruch, Rüdiger vom: Plagiat-Streit Eckert-Wiedenfeld im Jahre 1911. In: Mitteilungen des Hochschulverbandes, Jg. 29,1981, S. 223 ff 8 Gutachten vom 30.3.1911. In: Hessisches Hauptstaatsarchiv, Wiesbaden, Abt. 1088 9 Brief vom 30.3.1911, Eckert an Schmoller, ebd. 10 Adolf Koch (1855-1922) las seit 1895 über Pressegeschichte an der Universität Heidelberg. 1897 gründete er das "Journalistische Seminar Heidelberg". Zu Koch vgl.: Obst, Bernhard: Kochs Beitrag zur akademischen Journalistenausbildung. Dissertation München 1986 11 Ebd., S. 46 12 Ebd., S. 50

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Ab dem 23. Oktober 1903 las KOCH jeden Freitag vormittag über die "Geschichte der öffentlichen Meinung, der Presse und des Journalismus in Deutschland". Da er selbst auf eine 25jährige Journalistenlaufbahn zurückblicken konnte, 13 widersprach er der allgemein vorherrschenden Meinung, daß die vielstrapazierte öffentliche Meinung als eine neue Macht angesehen werden müsse: "Zahlreiche Staatsrechtslehrer und Politiker haben die enge Verbindung, die zwischen der Presse und der öffentlichen Meinung besteht, so scharf betont, daß man wohl gesagt hat, ohne die Presse sei eine öffentliche Meinung gar nicht möglich. Dennoch aber hat es lange vor der modernen Presse eine öffentliche Meinung gegeben." 14 Im Laufe seiner zweistündigen Vorlesung griff er immer wieder historische Beispiele zum Verständnis der öffentlichen Meinung auf, wobei er sich vom klassischen Altertum über das Mittelalter bis hin zur Neuzeit bewegte. Die Frage nach der wirklichen Bedeutung des Begriffes sei außerordentlich schwierig zu beantworten, "eine klare, erschöpfende Definition scheint kaum möglich".14 Fachkenntnis und Rhetorik des Heidelberger Gelehrten waren an der Handelshochschule schon in kürzester Zeit bekannt, wobei die Mehrzahl seiner Hörer Damen waren. "Ein ansehnliches Auditorium lauschte an jedem Freitag dem eineinhalbstündigen ausserordentlich fesselnden Vortrag, der von der ältesten Geschichte des Zeitungswesens bis in die Gegenwart alles umfasste, was über die Entwicklung und Bedeutung der Presse zu sagen war. Sowohl den Studierenden wie den Laien bot der hochgeschätzte Gelehrte eine reiche Fundgrube genialen Forscherfleisses, und der Praktiker, der vielleicht vermutete, kaum etwas neues für sich geboten bekommen zu können, musste auf das angenehmste überrascht sein, sich vor ein Material gestellt zu sehen, das auch ihm noch wesentlich zur Erweiterung seines Gesichtskreises zu dienen vermochte. Leider war festzustellen, daß nur wenige Angehörige der Kölner Lokal- und Fachpresse die Vorlesung besuchten." 15 Die Journalisten, deren Fortbildung diese Vorlesung auch gegolten hätte, waren also kaum vertreten. Sie waren offensichtlich wenig interessiert an der Historie ihres Faches. Vielleicht hätte KOCH mehr Aufmerksamkeit bei den Zeitungskollegen erringen können, wenn er nicht nur einige Monate, sondern mehrere Semester an der Kölner Handelshochschule gelesen hätte. 13 ZV, Nr. 5,4.2.1904, Sp. 126 14 KZ, Nr. 8, 4.1.1904: Artikel von Koch über "Presse und öffentliche Meinung". Aufgrund der Überschrift und des Datums kann davon ausgegangen werden, daß hier der Inhalt der Koch'schen Vorlesung wiedergegeben wird. 15 Die Redaktion, Nr. 14/15, 10.4.1904, S. 118: "Prof. Dr. Koch in Köln am Rhein" 4

Möglicherweise waren solche Überlegungen auch im Gespräch, da das "Amtliche Personenverzeichnis der Städtischen Handelshochschule in Köln" KOCH auch im Sommersemester 1904 und im darauffolgenden Wintersemester 1904/05 als "Professor im Nebenamte ohne Ernennungsurkunde" führt. 16 Auch die Überschrift des Artikels in der Kölnischen Zeitung vom 4. Januar 1904 17 läßt vermuten, daß weitere Artikel zu demselben Thema geplant waren, jedoch nie veröffentlicht wurden. KOCH las mit Sicherheit nur im Wintersemester 1903/04 in Köln. 18 Einer seiner Hörer war möglicherweise Otto JÖHLINGER, » der von 1900 bis 1907 an der Handelshochschule studierte. JÖHLINGER bezeichnete sich selbst als Schüler Robert BRUNHUBERs, 20 des direkten Nachfolgers KOCHs auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Presseforschung an der Kölner Hochschule. Während seiner Studienzeit knüpfte JÖHLINGER auch "Beziehungen zur Presse an und wurde Mitarbeiter der Kölnischen Zeitung", 21 an der auch BRUNHUBER und KOCH beschäftigt waren. 1.2.2. Adolf Koch und die Kölner Presse Schon vor seiner akademischen Tätigkeit in Köln hatte KOCH Verbindung zur Kölner Presse. Als Korrespondent der Kölnischen Zeitung für den gesamten badischen Raum verwendete er meist ein Kürzel zur Kenntlichmachimg seiner Artikel, 2 2 was zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Tagesjournalismus keinesfalls üblich war. 23 Wesentlich intensiveren Kontakt als zum Verlag DuMont-Schauberg hatte KOCH zur Bachemschen Verlagsanstalt, in der die Kölnische Volkszeitung, das Zentrumsblatt der Kölner Presselandschaft, erschien. 24 Chefredakteur des Blattes war Dr. Julius

16 UAK, Zugang K 3.2: Vorläufer der Universität 17 A.a.O., "Presse und öffentliche Meinung. I." 18 Außer der genannten Fundstelle wird Koch in allen Vorlesungs- und Personenverzeichnissen der Handelshochschule nur für dieses Semester genannt. Vgl. UAK, Zug. K 9.1 und Zug. 9/333. Im ZV, Nr. 40, 6.10.1904, Sp. 978 heißt es: "Die vorjährigen Vorlesungen Kochs an der jungen Handelshochschule sind eingestellt." 19 Otto Jöhlinger (1883-1924), Nationalökonom und Publizist 20 Jöhlinger, O.: Zeitungswesen und Hochschulstudium, Jena 1919, S. 57 21 Jöhr, Walter Adolf, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 10, Berlin 1974, S. 453 22 Obst, B.: a.a.O., S. 37 und 38 23 In den folgenden Jahren kam es zu einer regen Debatte um die Anonymität des Redakteurs; vgl. Hinweise im ZV 24 Zur Kölnischen Volkszeitung siehe: Koszyk, Kurt: Deutsche Presse 1914-1945, Geschichte der deutschen Presse, Teil III, Berlin 1972, S. 290 ff. Siehe auch ZV, Nr. 13,1.4.1910, Sp. 233 ff: Jubiläum der KV

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B A C H E M , 2 5 der schon 1869 die Schriftleitung der Kölnischen Volkszeitung übernommen hatte. Julius B A C H E M setzte sich schon früh mit journalistischen Problemen auseinander und machte sich auch Gedanken über die Ausbildung seiner künftigen Kollegen. "Die Errichtung von Lehrstühlen für Journalistik bedeutet, daß die Journalistik als Wissenschaft anerkannt, oder wenn man lieber will, als Kunst anerkannt ist; den richtigen Instinkt kann keine Schule, auch keine Hochschule lehren - man muß es in den Fingerspitzen haben. (...) Auch dem Journalisten flicht die Hochschule keine Kränze. Aber zuweilen hat doch einer mit ehernem Griffel seinen Namen in die Geschichte eingegraben: vergleiche Josef von Görres und seinen Rheinischen Merkur, "die fünfte Großmacht"!" 26 Zwar stand er der akademischen Journalistenausbildung zunächst noch skeptisch gegenüber, war aber zur Unterstützung dieser Bestrebungen jederzeit bereit. In Heidelberg hatte die erste Einrichtung dieser Art sein Interesse geweckt. W i e auch später in Köln setzte er immer wieder seine Verbindungen zum Nutzen dieser neuen Lehreinrichtung ein. In den Berichten über die "Journalistische Bibliothek" Heidelberg wurde er als einer der wichtigsten Gönner hervorgehoben: "Für manche freundliche Gabe, und nicht nur von Jubiläumsblättern und -bänden, hat die junge Bücherei schon zu danken, keinem aber ist sie mehr verpflichtet als dem Verlag und der Redaktion der "Kölnischen Volkszeitung" und innerhalb der letztern wieder besonders Herrn Justizrat Dr. Julius Bachem, der die Bibliothek selbst besucht und ihr eine Reihe wertvoller Bände zugewandt, auch die kostenfreie Überlassung des Augustinus-Blattes angeregt hat." 27 Redaktion und Druckerei der Kölnischen Volkszeitung waren auch bei den Seminarreisen von K O C H wichtige Anlaufstellen. Diese Studienfahrten, "die er fast alljährlich mit seinen Schülern unternimmt, gehören mit zu dem Besten, was an journalistischer Schulung und Erziehung geleistet werden kann", schrieb 1911 ein begeisterter Teilnehmer. 28 25

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Julius Bachem (1845-1918), Redakteur und Politiker, 1869-1915 Chefredakteur, 1876-1891 preußischer Zentrumsabgeordneter; zu Bachem siehe ZV, Nr. 50,11.12.1914, Sp. 1180 und Nr. 26,25.6.1915, Sp. 565 ff. Spahn, Martin: Julius Bachem, in: Hochland, Jg. 15, Bd. 2, 1918; Cardauns, Hermann: Julius Bachem und die Görres-Gesellschaft, 1919 Bachem, J.: Allerlei Gedanken über Journalistik, Leipzig 1906, S. 11 und 19. 1916 erschien eine Zweitauflage (M.-Gladbach) mit leichten Änderungen und dem Untertitel "Ein journalistisches Testament". Zu Bachem vgl. auch: Bachem, J.: Erinnerungen eines alten Publizisten und Politikers, Köln 1913 ZV, Nr. 47, 26.11.1909, Sp. 900; vgl. auch ZV, Nr. 50, 16.12.1910, Sp. 980 und Nr. 49, 8.12.1911, Sp. 1068 ff ZV, Nr. 36, 8.9.1911, Sp. 786; vgl. auch ZV, Nr. 32,12.8.1910, Sp. 626

Wie bekannt und zugleich umstritten die Heidelberger Journalistenausbildung war, zeigte sich in dem Artikel eines "hochgeschätzten Mitarbeiters" des "Zeitungs-Verlages". Unter der Überschrift "Die Bildungsfrage des Redakteurs" bestritt er die Möglichkeit einer akademischen Ausbildung für Redakteure, wobei alte Argumente ("Begabung", "unlernbar") und Vorurteile ("Akademiker") zum Vorschein kommen: "Und ich stelle da ohne jedes Bedenken die These auf, daß gerade der akademische und wissenschaftliche Drill dem praktischen Journalisten mehr von Schaden als von Nutzen ist. (...) Wir können es nur als ein Glück bezeichnen, daß sich, mit Ausnahme Heidelbergs und seines Dozenten Koch, noch keine deutsche Hochschule dazu verstanden hat, einen Lehrstuhl für Journalistik in ihr Programm aufzunehmen. Denn die Frage, was von einem solchen Katheder herunter gelehrt werden soll, erscheint mir kaum antwortfähig." 29 Eine andere Meinung vertrat der "Verein Deutscher Zeitungs-Verleger" (VDZV), in dessen Vorstand Robert BACHEM, der Verleger der Kölnischen Volkszeitung, saß. 3 0 Der VDZV war sehr an einer geregelten Journalistenausbildung interessiert und unterstützte das Heidelberger Seminar mit Geld- und Sachmitteln. 31 Auf der 1912 in Magdeburg abgehaltenen Hauptversammlung des Vereins erhielt KOCH auch die Gelegenheit, ein Referat über den "Journalismus als Gegenstand des akademischen Unterrichts" zu halten. 3 2 1.2.3. Robert Brunhuber Der wichtigste und zeitungswissenschaftlich vielseitigste Dozent der frühen Kölner Fachgeschichte war ohne Zweifel Robert BRUNHUBER. 33 Seiner Neugier, seinem Forscherdrang verdankte die Wissenschaft, und nicht nur die Zeitungswissenschaft, neue Erkenntnisse, die Kölner Handelshochschule wissenschaftliche Anerkennung. Sechs Semester las er über das Zeitungswesen, bevor er im Herbst 1908 zu einer Expedition nach Südostasien aufbrach, in deren Verlauf er und sein Begleiter ermordet wurden. 29 30 31 32 33

ZV, Nr. 8, 23.3.1912. Sp. 158. Gemeinsam mit Meißner und Wettstein hatte Koch bereits 1909 einen "Lehrplan für Studierende der Journalistik" ausgearbeitet. Robert Bachem (1863-1942), Verleger, 1894 Mitbegründer des VDZV und 1911 Mitbegründer des Vereins rheinischer Zeitungsverleger. Zu R. Bachem vgl auch KZ, Nr. 675,17.10.1927 Obst, B.: a.a.O., S. 60 ff ZV, Nr. 21, 24.5.1912, Sp. 467 ff. Ein für das Vorjahr geplantes Referat über "Akademische Ausbildung der Journalisten" mußte ausfallen; vgl. ZV, Nr. 25, 23.6.1911, Sp. 544 Robert Brunhuber (1878-1909), Redakteur, Zeitungswissenschaftler und Asienforscher

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BRUNHUBER hatte Sozialwissenschaft und Politik studiert. Nach der Promotion trat er als Wirtschaftsfachmann in den Redaktionsverband der Kölnischen Zeitung ein, die er aber zwei Jahre später wieder verließ, um sich ganz seinen volkswirtschaftlichen Arbeiten widmen zu können. 3 4 1905 folgte der gebürtige Kölner einem Ruf an die Kölner Handelshochschule, "um über "Das heutige Pressewesen" zu lesen. Es ist dies das erste Mal, daß ein praktischer Journalist an einer deutschen Hochschule über das Zeitungswesen vortragen wird". 3 5 Ab dem Wintersemester 1905/06, also nur eineinhalb Jahre nach KOCH, hielt BRUNHUBER 'Vor weit über 100 Hörern" öffentliche Vorlesungen über "Das heutige Zeitungswesen", ein Titel, der schon bald abgeändert wurde in "Das moderne Zeitungswesen" und damit dem Titel seines ersten Buches entsprach. 36 Sein einzig nachweisbarer Schüler war Otto JÖHLINGER. Über seinen Lehrer, "dessen Vorlesungen zu hören stets ein besonderer Genuß war", schrieb er zehn Jahre nach dessen Tod: "Mit ihm verlor die deutsche Presse eine ihrer edelsten, tüchtigsten und fähigsten Gestalten, einen Mann, der in erheblichem Umfange bestrebt war, die im deutschen Zeitungswesen vorhandenen Schäden zu bessern und das Ansehen der deutschen Journalisten zu heben. Die deutsche Wissenschaft verliert mit ihm einen jungen erfolgreichen Lehrer, dessen bisherige Tätigkeit ihm große Aussichten eröffnete." 3 7 Nahezu alle Zeitungswissenschaftler dieser Zeit setzten sich mit BRUNHUBERs Thesen auseinander und betrachteten seine beiden GöschenBändchen als Grundliteratur ihrer eigenen Studien. 3 8 Er wurde zitiert und kritisiert, emporgehoben und fallengelassen. Seine Analysen zu Begriffen wie "Zeitung" und "Öffentliche Meinung" standen oft im krassen Gegensatz zu denen seiner Kollegen, die seine Werke fein säuberlich sezierten. Diese penible Bearbeitung seiner Bücher ist sicher auch mangels Masse zustande gekommen, da die zeitungswissenschaftliche Literatur um die Jahrhundertwende noch recht gut zu überblicken war. 34 35

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Lebenslauf siehe ZV, Nr. 19,14.5.1909, Sp. 379 Die Redaktion, Nr. 23, 4.6.1905, S. 157. Brunhuber und Jöhlinger wiederholen diese Behauptung später immer wieder, doch ist sie sicher anfechtbar, erinnert man sich nur an Kochs 25jähriges Journalistenjubiläum 1904. Vgl.: Verzeichnis der Dozenten (Zugang 10/12) und der öffentlichen Vorlesungen (Zugang K 13) im UAK. Brunhuber, R.: Das moderne Zeitungswesen (System der Zeitungslehre), Sammlung Göschen Nr. 320, Leipzig 1907; Das deutsche Zeitungswesen, Sammlung Göschen Nr. 400, Leipzig 1908. Zu seinen sonstigen Veröffentlichungen siehe Jöhlinger, O.: Zeitungswesen und Hochschulstudium, a.a.O., S. 41 Jöhlinger, O.: Zeitungswesen und Hochschulstudium, a.a.O., S. 41 Karl d'Ester hätte ihn wohl fast übersehen. In seiner chronologischen Darstellung "Zeitungswissenschaft in Deutschland" erwähnt er Brunhuber nur 1907/08.

1.2.4. Das moderne/deutsche Zeitungswesen Die zeitgenössische Diskussion um BRUNHUBERs Werk sei hier anhand von Zitaten aus Veröffentlichungen verschiedener Wissenschaftler dargelegt. BRUNHUBERs Vorlesungen über das Zeitungswesen dürften weitestgehend mit dem Inhalt seiner beiden Werke übereinstimmen. Er selbst betonte, daß "die praktischen Erfahrungen einer mehljährigen Tätigkeit als Redakteur der Kölnischen Zeitung und die theoretischen Studien zu Vorlesungen, die ich an der Kölner Handelshochschule über das heutige Zeitungswesen und über Kultur und Presse gehalten habe", ihm dabei zur Seite gestanden hätten. 39 "So klein die beiden Büchlein, die er geschrieben hat, auch sind, so sind sie doch in ihrer Anlage und in der Form der Darstellung ausgezeichnet geraten, und als erste Einführung kann ich Ihnen, meine Damen und Herren, die Lektüre der beiden Schriften Brunhubers nur empfehlen." 40 Diesen Tip gab JÖHLINGER den Berliner Studenten, die 1919 in seiner Vorlesung über das "Zeitungswesen in Deutschland und im Ausland" saßen. 41 Noch positiver bewertete Paul STOKLOSSA das Wirken BRUNHUBERs, als er 1910 schrieb: "Die verschiedenen Bändchen über das Zeitimgswesen von Waither, Brunhuber, Kellen, Diez usw. sind gewiß recht beachtenswert, aber sie dienen doch nur der Aufgabe, dem Laienpublikum die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung in gemeinverständlicher Form zu übermitteln, und beschränken sich daher auf die gefällige Wiedergabe feststehender Tatsachen. Die Arbeiten von Brunhuber bilden wohl doch eine Ausnahme. Wir finden bei ihm eine Vertiefung in den Stoff, eine Begeisterung für die Sache, dabei wissenschaftlich-kritische Auffassimg, daß zweifellos das Zeitungswesen noch viel von ihm zu erwarten gehabt hätte, wenn ihn nicht ein grausames Forscherschicksal frühzeitig dahingerafft hätte. Brunhuber hat richtig erkannt, daß die Presse auch in anderen als den erwähnten Beziehungen wissenschaftlicher Betrachtungen wert ist: Die Zeitung an sich, in ihrer literarischen und technischen Eigenart, und das Zeitungswesen in seiner Beziehung zu Gesellschaft und Kultur." 42 STOKLOSSA bemerkte in diesem Artikel aber auch, daß das Verdienst, auf diesem Gebiet schon zuvor ein Werk von bleibendem Wert geschaffen zu haben, Emil LÖBL 4 3 gebührt. Noch immer habe sich niemand gefunden, 39 Brunhuber, R.: Das moderne Zeitungswesen, S. 8 Jöhlinger, O.: Zeitungswesen und Hochschulstudium, a.a.O., S. 41 41 Jöhlinger erhielt 1919 einen Lehrauftrag für Zeitungswesen am Orientalischen Seminar in Berlin 4 2 Stoklossa, P.: Wissenschaft und Presse. In: ZV, Nr. 49, 9.12.1910, Sp. 962-964, bes. Sp. 963 43 Emü Löbl (1863-1942), Journalist und Zeitungskundler an der Universität Wien 40

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der dieses Werk fortsetzen könnte. Auch Otto GROTH 4 4 schätzte die Arbeit LÖBLs 4 5 höher ein: 'Trotz wissenschaftlicher, populärwissenschaftlicher Zielsetzung schlägt bei Brunhuber stark das Journalistische durch. Nicht bloß in der Stilisierung und Pointierung, sondern auch in der Auswahl der Probleme, ihrer Behandlung und Entscheidung. Dagegen hat es Emil Löbl, obwohl auch Praktiker (...), verstanden, den Journalisten zurückzudrängen und diesem nur soweit das Wort zu verstatten, als es für seine wissenschaftlichen Absichten von Vorteil sein konnte." 46 Daß GROTH vierzig Jahre nach den Veröffentlichungen BRUNHUBERS eine bessere Übersicht über die angesprochene Problematik hatte, ließ er seine Leser deutlich spüren: "Brunhuber orientiert sich zwar im allgemeinen an seinen Vorgängern, besonders an Neukamp und Löbl, sucht sie aber durch eigene Urteile, insbesondere auch in theoretischer Hinsicht, zu ergänzen oder auch zu korrigieren. Löbl folgt er in dessen Grundfehler, nämlich in der Unterscheidung eines "weiteren" und eines "engeren" Zeitimgsbegriffes, d.h. auch er geht von einem Genus und einer Spezies "Zeitung" aus. Da ich im systematischen Teile nachweisen werde, daß das falsch ist und auf diesem Wege niemals die Unterscheidung von Zeitung und Zeitschrift gewonnen werden kann, will ich, wie bisher, so auch auf die spezielle Kritik der Brunhuberschen Analyse verzichten, die übrigens außer diesem Fundamentalirrtum auch sonst beanstandet werden kann." 47 GROTH sprach hier die von LÖBL übernommene Methode an, Zeitungen in zwei Kategorien einzuteilen. BRUNHUBER sagte: Eine Zeitung im weiteren Sinne ist jede in gewissen Zeitabständen erscheinende, einem individuell nicht bestimmten Personenkreis zugängliche Veröffentlichung mit zeitgemäßem Inhalt. Eine Zeitung im engeren Sinne ist jede in gewissen Zeitabständen erscheinende, einem individuell nicht bestimmten Personenkreis zugängliche Veröffentlichung mit vielseitigem, zeitgemäßem, allgemein interessierendem Inhalt. "Im Gegensatz zu Löbl steht Brunhuber auf dem Standpunkt, daß Vervielfältigung durch den Druck kein wesentliches Merkmal einer Zeitung ist, eine Auffassung, der nicht zuzustimmen ist. Von der Zeitung im heutigen Sinne ist der Begriff der Vervielfältigung nicht mehr zu trennen. Eine gesprochene 44 45 46 47

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Otto Groth (1875-1965) , Journalist und Zeitungswissenschaftler, schrieb ab 1960 an dem mehrbändigen Werk "Die unerkannte Kulturmacht" Löbl, Emil: Kultur und Presse, Leipzig 1903 Groth, O.: Die Geschichte der deutschen Zeitungswissenschaft. Probleme und Methoden, München 1948, S. 314 Ebd., S. 311

Zeitung gibt es nicht, ebensowenig kann man heute noch von geschriebenen Zeitungen sprechen." 48 Zum Verständnis der BRUNHUBERschen Werke ist die genaue Eingliederung in die zeitungswissenschaftliche Literatur der damaligen Zeit wichtig. Die bekanntesten Abhandlungen waren zweifellos SALOMONs "Geschichte des Deutschen Zeitungswesens" 4 9 und LÖBLs "Kultur und Presse". 50 BRUNHUBER ging in seinen beiden Bänden auch immer wieder auf diese Grundliteratur ein, würdigte ihre Rolle als Vorreiter und kritisierte einzelne Passagen ihrer Darstellung. Wie hoch er seinen eigenen wissenschaftlichen Stellenwert einschätzte, ist an zwei Textstellen nachzuweisen. Zunächst sei hier der "Waschzettel" erwähnt, der seinem ersten Band "Das moderne Zeitungswesen" beilag. Inhalt und Stil dieses Textes lassen darauf schließen, daß der Buchautor selbst dafür verantwortlich ist: "Während wir auf dem Gebiet der Geschichte des Zeitungswesens und der monographischen Bearbeitung einzelner Teile (Pressrecht, Inseratenwesen u.a.) anerkennenswerte Arbeiten besitzen, fehlte bisher eine zusammenfassende systematische Übersicht über das ganze Gebiet des Zeitungswesens. Es ist geradezu merkwürdig, daß bei einem so populären Gebilde wie dem Zeitungswesen solche Unklarheiten über seine Grundbedingungen und Wesensmerkmale in weiten Kreisen herrschen. Das vorliegende Bändchen, das den ersten Teil einer Reihe von Studien über das Zeitungswesen bildet, versucht diesem Mangel abzuhelfen: es sucht Klarheit zu geben über die Prinzipien des modernen Zeitungswesens, über die Zeitung und ihre Begriffsmerkmale, über den Journalisten und das Verhältnis zur Aussenwelt. Damit will es einen Beitrag zu einem System der Zeitungslehre liefern. Aber über diesen allgemeinen und weitesten Personenkreis hinaus wendet die Darstellung sich auch an die Fachmänner, insofern sie gewisse Normen aufstellt, die nicht Produkte der objektiven Erkenntnis, sondern der persönlichen Anschauungsweise sind. Mit dem objektiven System hat der Verfasser außenstehenden Kreisen genützt, mit den Grundformen über die Zeitungspraxis dem Zeitungswesen selbst einen Dienst erwiesen." 51

Jöhlinger, O.: Zeitungswesen und Hochschulstudium, a.a.O., S. 59. Die Münchner Schule der Zeitungswissenschaft spricht noch heute von geprochener und geschriebener Zeitung. 49 Salomon, Ludwig: 3 Bände, Oldenburg und Leipzig 1900-06 50 Daneben führt Brunhuber im Literaturverzeichnis von "Das moderne Zeitungswesen" auf: Graßhoff: Die briefliche Zeitung des 16. Jahrhunderts, Dissertation, Leipzig 1877; Opel, Julius Otto: Die Anfänge der Deutschen Zeitungspresse 1609-1650, Leipzig 1879; Bôlsche, Wilhelm: Hinter der Weltstadt, Leipzig 1901; Jentsch, Carl: Wandlungen (Lebenserinnerungen), Leipzig 1905 51 Wrede, R.: Rezension "Das moderne Zeitungswesen". In: Die Redaktion, Nr. 15/16,1.8.1907, S. 62-63

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Ohne Interpretation aus heutiger Sicht soll hier gleich die zeitgenössische Kritik zu Wort kommen, die von Richard WREDE 5 2 sofort nach Erscheinen des Buches formuliert wurde: "Die Behauptungen, die da, jedenfalls mit Wissen und Willen des Verfassers aufgestellt werden, sind zum grossen Teil unrichtig. Es gibt wohl systematische Übersichten über das ganze Gebiet des Zeitungswesens, Herr Brunhuber scheint sie nur nicht zu kennen; seine Literaturangaben lassen darauf schliessen. Die Systematisierung oder Disposition im Büchlein erinnert an Primaneraufsätze, die Darstellung an die üblen Seiten des Journalistenberufes. Dem Verfasser sei zur geneigten Kenntnisnahme und Lektüre hier nur das Werk Jakobis: Der Journalist, empfohlen." 53 Wie intensiv sich BRUNHUBER daraufhin mit der Materie beschäftigte, geht auch aus dem Literaturverzeichnis des 1908 erschienenen Buches über "Das deutsche Zeitungswesen" hervor, in dem er von "reicher Literatur" sprach, die er für sein vorliegendes Buch benutzt hätte. 5 4 Im zweiten Band ging BRUNHUBER dann auch wesentlich vorsichtiger mit der eigenen Werteinschätzung um. Am Schluß der vorgelegten Blätter fühlte er "mit gesteigerter Deutlichkeit das Unzulängliche eines solchen Versuchs". 55 Seine Hoffnungen beruhten auf dringend benötigten Einzeluntersuchungen, zu deren Koordinierung er ein "Archiv für Zeitungskunde" vorschlug, das als Sammelstelle aller wissenschaftlichen Forschungen auf dem Gebiet des Zeitungswesens dienen sollte. 56 Dank der weitgesteckten Ziele BRUNHUBERs beinhalten beide Bände eine Vielzahl von Einzelthemen, die hier nur auszugsweise dargestellt werden können. So schildert er die journalistische Arbeit und behandelt Fragen der akademischen Ausbildung. 57 Er bespricht die niedrige soziale Stellung des Journalisten und dessen Verhältnis zum Verleger und versucht Definitionen der Begriffe "Zeitung" und "Öffentliche Meinung". In diesem 52 53 54

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Richard Wrede (1869-1933), Leiter der privaten Berliner JournalistenHochschule Wrede, R.: Rezension, S. 63 Außer den genannten: Jacobi: Der Journalist; Neukamp: Artikel "Zeitungen" im Handbuch d. Staatswissenschaften; David: Die Zeitung; Wuttke: Die deutschen Zeitschriften und die Entstehung der öffentlichen Meinung; Munzinger: Die Entwicklung des Inseratenwesens in den deutschen Zeitungen; Neubauer: Der Arbeitsmarkt in der Presse zu Frankfurt a.M.; Auslanddeutscher: Die Presse und die deutsche Weltpolitik; Rhenanus: Allerlei Gedanken über Journalistik Brunhuber, R.: Das deutsche Zeitungswesen, a.a.O., S. 166-167 Frankfurter Zeitung, Nr. 283, 12.10.1907 (Abendblatt). Der Historiker Theodor Mainroth (1871-1907) machte schon 1893 denselben Vorschlag in der Frankfurter Zeitung. Die Äußerungen der Kölner Dozenten zum Thema "Aus- und Fortbildung" werden im weiteren Verlauf der Arbeit noch erörtert.

Zusammenhang interpretiert er von SALOMON und SCHÄFFLE, MUNZINGER, LÖBL, NEUKAMP und KOCH fast alles, was Rang und Namen hat. 5 8 Besonders mit der Definiton Karl BÜCHERs 5 9 zu dem Thema "Öffentliche Meinung" setzt er sich intensiv auseinander. Auch JÖHLINGER befaßt sich immer wieder mit den Thesen seines Lehrers, wobei er neben Anerkennung auch Kritik laut werden läßt. 6 0 Ebenso würdigt Karl BÖMER die Arbeit BRUNHUBERs, auch wenn wissenschaftlich daran auszusetzen sei, "daß er zu stark vom persönlichen Erlebnis beeinflußt war und der Boden der Sachlichkeit hier und da verlassen wurde". 6 1 Erstaunlicherweise findet sich in dem 1910 von Hermann DIEZ veröffentlichten "Zeitungswesen" keinerlei Hinweis auf BRUNHUBER. Auch im Literaturverzeichnis ist keine der beiden Schriften angegeben. Ob dies als pures Versäumnis oder als Folge des frühen Todes von BRUNHUBER zu betrachten ist, bleibt unbeantwortet.62 Im Verlauf des Sommersemesters 1908 bereitete sich BRUNHUBER intensiv auf eine von ihm geplante Südost-Asienreise vor, nachdem er schon China und Japan durchquert hatte. Auf den Spuren des schwedischen Forschungsreisenden Sven HEDIN 6 3 wollte er den Mittellauf der Flüsse Salwin und Mekong erkunden. 64 im Spätherbst 1908 verließ BRUNHUBER mit seiner Expedition Burma, um im chinesischen Grenzgebiet dem unbekannten Lauf des Salwin zu folgen. Im Dezember des Jahres gelang es ihm, seine Landkarten zu vervollständigen und den Verlauf des Flusses genau zu verzeichnen. Auf dem Weg zum Mekong enden seine Tagebuchaufzeichnungen

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Vgl. Kapitel "Öffentliche Meinung und Presse" im Band "Das moderne Zeitungswesen", S. 85-88. Interpretationen dieser Untersuchung finden sich bei: Jung, Arthur: Die 7. Großmacht im Kriege, Berlin 1916, S. 3 und 6; Jöhlinger, O.: Zeitungswesen und Hochschulstudium, a.a.O.,S.39 ff, 57 ff und 122; Groth, 0 . : D i e Geschichte..., a.a.O., S. 311 ff; Merten, Hugo: Wissenschaft und Presse, in: ZV, Nr. 46,18.11.1910, Sp. 898 ff Karl Bücher (1847-1930), Nationalökonom und Zeitungswissenschaftler, hält ab 1884 Vorlesungen über Zeitungswesen in Basel und gründet in Leipzig 1916 das erste "Institut für Zeitungskunde". Jöhlinger, O.: Zeitungswesen und Hochschulstudium, a.a.O., S. 59 und 67 Börner, Karl: Bibliographisches Handbuch der Zeitungswissenschaft. Kritische und systematische Einführung in den Stand der deutschen Zeitungsforschung, Leipzig 1929, S. 297 Diez, Hermann: Das Zeitungswesen, Leipzig 1910 Sven Anders Hedin (1865-1952), Asienforscher. Hedin war 1902 von seiner letzten Reise durch Innerasien zurückgekehrt, an deren Erkenntnisse sich Brunhubers Pläne orientierten. Vgl. HN, Nr. 8, Mai 1903, S. 191 Der Salwin, Burmas mächtiger Gebirgsstrom, rückte im Zweiten Weltkrieg durch den Vormarsch der Japaner in das Interesse der Weltöffentlichkeit.

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am 17. Dezember. Späteren Berichten zufolge wurden er und seine Kölner Begleiter am 5. Januar 1909 von Eingeborenen ermordet. 65 BRUNHUBER war nicht nur "ein ausgezeichneter Journalist, sondern zugleich eine jener typischen Forschernaturen, die, wenn sie ein Ziel ins Auge gefaßt, es nicht mehr loslassen". 66 Ins Auge gefaßt hatte er sicher auch das Zeitungswesen, mit dem er sich aber nur drei Jahre lang beschäftigen konnte. Seine völkerkundliche Neugier war stärker, dennoch gibt es auch hier eine Verbindung zur wissenschaftlichen Zeitungskunde. Unter dem Titel "An Hinterindiens Riesenströmen" erschienen 1912 die geretteten Tagebuchaufzeichnungen BRUNHUBERs, denen der Schwede HEDIN ein ausführliches Vorwort widmete. 6 7 Seinen Äußerungen ist eindeutig zu entnehmen, daß er BRUNHUBER gekannt und in den ersten Jahren des jungen Jahrhunderts persönlich getroffen hatte. Da HEDIN 1899 bis 1902 selbst auf Expedition war, muß ein solches Zusammentreffen entweder in BRUNHUBERs Zeit bei der Kölnischen Zeitung oder aber in seine akademische Lehrzeit (1905-1908) gefallen sein. Wahrscheinlich ist auch, daß eine solche Begegnung in Köln stattgefunden hat, da HEDINs Unternehmungen von Kölner Seite mit großem Interesse verfolgt wurden. Der damalige Chefredakteur der Kölnischen Volkszeitung, Hermann CARDAUNS, schrieb 1904 über HEDIN im "Hochland" und rezensierte jahrelang dessen Buchund Zeitschriftenveröffentlichungen. 1914 hatte auch CARDAUNS Verbindung zur wissenschaftlichen Journalistenausbildung in Köln. Für HEDIN blieb auch dies nicht die einzige Nahtstelle zur deutschen Zeitungskunde. Als 1912 - im Erscheinungsjahr der Tagebücher - der Heidelberger Gelehrte KOCH zusammen mit seinen Studenten eine journalistische Studienreise durch Schweden unternahm, wurden sie von HEDIN persönlich durch das schwedische Nationalmuseum geführt. 6 8 Die Hintergründe dieser Kontakte des Asienforschers zum deutschen Zeitungswesen können an dieser Stelle leider nicht untersucht werden. Eine genaue Analyse der Verzweigungen erscheint für die Zukunft aber empfehlenswert.

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Genaue Schilderungen der Ereignisse finden sich in der KZ vom 5.-7. Mai, 7. Oktober und 8. Dezember 1909. 66 Jöhlinger, O.: Zeitungswesen und Hochschulstudium, a.a.O., S. 41 67 Auszüge aus dem Vorwort in Jöhlinger, O.: Zeitungswesen und Hochschulstudium, a.a. O., S. 41 68 Zu Hedin/Cardauns vgl. Bierganz, Manfred: Hermann Cardauns (1847-1925). Politiker, Publizist und Wissenschaftler in den Spannungen des politischen und religiösen Katholizismus seiner Zeit. Diss., Aachen 1977, S. 488 und 496 ff. Zu Hedin/Koch vgl.: Obst, B., a.a.O., S. 57

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1.3.

Zeitungsredakteure als Hochschullehrer

Durch den Tod BRUNHUBERs wurde der wissenschaftlichen Zeitungskunde an der Kölner Handelshochschule zunächst ein Ende gesetzt. Nur fünf Jahre nach der ersten Vorlesung verschwand das Fach aus den Semesterankündigungen. KOCH hatte nur einen Anstoß geben können, dem Praktiker BRUNHUBER verdankte man eine frühe Anerkennung. Von einer systematischen Wissenschaft war man jedoch weit entfernt. Bezogen auf die Veranstaltungen von KOCH und BRUNHUBER sprach WREDE 69 von "Stückwerk", womit er zum einen die bald darauf einsetzende Entwicklung an Hochschulen und Universitäten unterschätzte, zum anderen aber seine eigenen Bestrebungen in Berlin hervorheben wollte.70 Wie wenig die ersten zeitungswissenschaftlichen Ansätze in Köln erkannt und anerkannt wurden, zeigt eine Äußerung ECKERTS, die 1918 in der "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht wurde. Die Vorreiterrolle Kölns unterstreichend, betonte er darin, daß an der Handelshochschule "bereits seit einem Jahrzehnt journalistische Vorlesungen" gehalten würden. Die Veranstaltungen von KOCH und BRUNHUBER hatte der Studiendirektor also nie bemerkt, seine Zeitrechnung begann erst nach dieser Ära. Trotz dieser zweifelhaften Deutung wußte ECKERT schon bald die ganze Bedeutung der jungen Wissenschaft richtig einzuschätzen. Nicht zuletzt seinem Einsatz war es schließlich zu verdanken, daß die wissenschaftliche Zeitungskunde in der Domstadt Fuß fassen konnte. In dem erwähnten Artikel betonte ECKERT die Bedeutung einer Einbettung der Zeitungskunde in den Studienbetrieb der Handelshochschule: "Diese Darbietungen bezweckten einmal, dem künftigen Kaufmann und den übrigen Hochschulbesuchern ein Bild der vielseitigen und großen Aufgaben auf dem Gebiet des Zeitungswesens zu geben. Sie wollten aber auch zugleich denjenigen, denen später eine journalistische Tätigkeit Lebensmöglichkeiten bieten konnte, eine Einführung in künftiges Schaffen geben, die neben der praktischen Einschulung wichtige Ausbildungselemente vermitteln konnte.

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Richard Wrede war Leiter der Berliner "Journalisten-Hochschule", deren Lehrmethoden immer wieder von Wissenschaftlern und Praktikern angefochten wurden. Vgl z.B. die Kritik Büchers in dem Aufsatz über die Vorbildung für den Journalistenberuf an Universitäten. In: Bücher, K.: Hochschulfragen. Leipzig 1912, S.83 Wrede, R.: Journalismus und Universität. In: Die Redaktion, Nr. 45/48, 1.11.1905, S. 210. Gleichlautende Vorwürfe gab es immer wieder: "Wo nicht Dozenten aus eigener Initiative sich mit der Journalistik befassten, ist so viel wie nichts geschehen." In: HN, Nr. 2, November 1910, S. 37

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Die journalistischen Vorlesungen und Übungen werden durchweg von Praktikern der Kölner Presse abgehalten." 71 Mit der letzten Bemerkung hatte E C K E R T einen der wichtigsten Punkte der Kölner Journalistenausbildung angesprochen. In zeitungskundlichen Diskussionen war immer wieder die Frage nach der Trennung zwischen Wissenschaft und Ausbildung zutage getreten. Wollte man die soziologischen und historischen Grundlagen erforschen oder eine journalistische Aus- bzw. Fortbildung anbieten? Im ersten Fall wäre man auf die Unterstützung von Soziologen (wie z.B. Max Weber 7 2 ), Nationalökonomen (Karl Bücher) oder Historikern (Karl d'Ester 73) angewiesen gewesen. Das Ziel der Handelshochschule war es jedoch, dem angehenden Journalisten das nötige Rüstzeug an die Hand zu geben. Eine daran anschließende redaktionelle Ausbildung hätte die Vorlesungen ergänzt. Die Lehrveranstaltungen sollten also nicht von Wissenschaftlern, sondern von "Männern der Praxis" abgehalten werden, von Redakteuren und Verlegern der Kölner Presse. Unterstützung erhielten diese Pläne auch von seiten der Fachverbände, die sich mehr und mehr mit der Problematik der journalistischen Vor-, Aus- und Fortbildung auseinandersetzten. So unterstrich ein Beschluß des Reichsverbandes der deutschen Presse ausdrücklich die wichtigen "Erfahrungen aus der Praxis", durch die der "Nachwuchs in der publizistischen, rechtlichen, technischen und geschäftlichen Seite der künftigen Berufstätigkeit eingeführt" werden sollte. 7 4 Doch auch die Bedeutung der Kölner Presse selbst war ein entscheidender Faktor. Die "Kölnische Zeitung" war 1911 mit 25 Ausgaben pro Woche die am häufigsten erscheinende Zeitung der Welt, 7 5 und auch die "Kölnische Volkszeitung" hatte maßgeblichen Einfluß auf Politik und Wirtschaft nicht nur der Rheinlande. Die Verleger der beiden Blätter, Joseph NEVEN DUMONT 76

Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Nr. 77, 11.2.1918. Besonders Jöhlinger und Mohr wiederholten Eckerts Äußerungen in den folgenden Jahren immer wieder. 72 Max Weber (1864-1920), Soziologe, plante 1910 eine in dieser Form nie verwirklichte Presse- Enquete 73 Karl d'Ester (1881-1960), Historiker und Zeitungswissenschaftler, gründete 1924 das Münchner Institut für Zeitungskunde 74 Mohr/Kastan: Die Vorbildung der Journalisten. Zwei Vorträge gehalten auf der Delegiertenversammlung des Reichsverbandes der deutschen Presse in Düsseldorf vom 1. bis 3. Juni 1913. Berlin 1913 75 Rieger, Isolde: Die wilhelminische Presse im Überblick. Diss. München 1954, S. 19 76 Joseph Neven DuMont (1857-1915), Verleger, leitete zusammen mit seinem Bruder Alfred (1868-1940) die "Kölnische Zeitung", den "Stadtanzeiger" und die "Straßburger Post". Zur Familien- und Zeitungsgeschichte vgl. Weinhold, Kurt: Die Geschichte eines Zeitungshauses 1620-1970, Köln 1969; ders.: Das Haus M. DuMont Schauberg, Geschichte in Bildern, Köln 1962; Buchheim, 71

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und Robert BACHEM, wurden 1911 zu den ersten Vorsitzenden des Vereins Rheinischer Zeitungsverleger gewählt, 7 7 womit ihr Einfluß auch in Fragen der Ausbildung anerkannt war. 1.3.1. Wilhelm Jutzi Für das Wintersemester 1908/09, als BRUNHUBER auf Forschungsreise in Asien war, kündigte ein Redakteur der Kölnischen Zeitung Vorlesungen über "Presse und Wirtschaftsleben" an. Wilhelm JUTZI 7 8 hatte zunächst sechs Semester Nationalökonomie an der Technischen Hochschule in Darmstadt studiert. Nach vierjähriger Tätigkeit für die Hessische Handelskammer in Mainz trat er am 1. Juni 1889 in den Redaktionsstab der "Concordia" 7 9 ein, schrieb als volkswirtschaftlicher Mitarbeiter aber auch für andere Zeitungen und Zeitschriften. Im Mai 1898 wurde er Leitender Handelsredakteur der Kölnischen Zeitung, für die er bis 1920 tätig war. 80 JUTZI las in den ersten Jahren nur in den Wintersemestern über die Themen "Presse und Wirtschaftsleben" und "Presse und Volkswirtschaft mit besonderer Berücksichtigung der Handelsjournalistik". Abgesehen von zwei Veranstaltungen mit dem allumfassenden Titel "Kultur und Presse" (WS 1910/11 und WS 1911/12), beschränkte er sich auf Themen der Presse- und Volkswirtschaft. Als Zeitungsredakteur legte er natürlich auch besonderen Wert auf "wirtschaftliche Berichterstattung in der Tagespresse", worüber er ab 1913 in jedem Semester las. Eine Ausweitung seiner Lehrtätigkeit an der Handelshochschule war offensichtlich im Sommer 1919 geplant, da er erstmals zwei Veranstaltungen anbot. Die Gründung seines Handelsjournalistischen Seminars wurde jedoch überschattet von der Neugründung der Universität Köln, in deren Vorlesungsverzeichnis das Seminar nicht mehr auftauchte. 8 1 Erst zwei Jahre später und nach Aufforderung des Dekans der philosophischen Fakultät 82 jas er unter der Rubrik "Allgemeine Vorlesungen" ab und zu über altbekannte Themen aus der Wirtschaftsredaktion. Im

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80 81 82

Karl und Nahmer, Ernst von der: Beiträge zur Geschichte der Kölnischen Zeitung, ihre Besitzer und Mitarbeiter, Band 1-4, Köln 1920 - 1979 ZV, Nr. 15,14.4.1911, Sp. 319 Wilhelm Jutzi, Handelsredakteur der Kölnischen Zeitung. Die Kölner Universitätsakten geben keinerlei Hinweis auf das Zustandekommen der Kontakte zwischen Hochschule und Redakteuren. Sozialpolitische Zeitschrift des Vereins Concordia Später wurde er Pressechef der IG Farben. Vgl. Rheinische Zeitung, Nr. 85, 10.4.1920,und Kölner Stadtanzeiger, Nr. 69,7.2.1932 Vgl UAK, Zug. K 1, K 13 und 10/21 (Handelshochschule) Bruno Kuske (1876-1964), Wirtschaftshistoriker, zweimal Dekan der Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät und 1931/32 Rektor der Universität Köln

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Januar 1925 beendete er endgültig seine Lehrtätigkeit, da er sich - wohl aus Altersgründen - nicht mehr in der Lage sah, "die von mir für das kommende Sommersemester in Aussicht gestellte Vorlesung über Presse und Wirtschaft zu halten". 8 3 Im selben Jahr versuchte der Leiter des zeitungswissenschaftlichen Instituts, Martin SPAHN, 8 4 ihn zur Mitarbeit an einem geplanten Ferienlehrgang für Journalisten zu gewinnen, was JUTZI jedoch ablehnte. 85 Obwohl er fast fünfzehn Jahre lang zeitungskundliche Lehrveranstaltungen abhielt, ist fast nichts über seine Veranstaltungen bekannt. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen veröffentlichte JUTZI nie einen Buch- oder Zeitschriftenartikel über seine Tätigkeit an den Kölner Hochschulen, wodurch selbst Fachwissenschaftlern seiner Zeit keine Möglichkeit zu einer Wertung gegeben war. 1.3.2. Anton Traub Fast gleichzeitig mit Wilhelm JUTZI begann auch Anton TRAUB 8 6 seine wissenschaftliche Lehrtätigkeit. Nach Studium und kaufmännischer Ausbildung war er in die Redaktion eines Frankfurter Handelsblattes eingetreten. Im Jahr 1887 wurde er Leitender Handelsredakteur der Kölnischen Volkszeitung, in deren Redaktion er bis zu seinem Tod 1915 arbeitete. Studium, Lehre, erste redaktionelle Tätigkeit und Eintritt in die Kölner Presse waren nahezu identisch mit dem Werdegang JUTZIs. Nur ein Semester nach dessen Vorlesungsbeginn hielt auch TRAUB unter dem Titel "Aufgaben der Handelspresse" seine erste Vorlesung an der Handelshochschule Köln. Die Lehrinhalte beider Handelsredakteure waren anfänglich dieselben, TRAUB änderte aber bald darauf die Thematik: SS 1909 Aufgaben der Handelspresse WS 1909/10 - Keine Vorlesung SS 1910 Die Presse und das Erwerbsleben WS 1910/11 Organisation des Zeitungswesens SS 1911 Wechselbeziehungen zwischen Kaufmann und Presse WS 1911/12 Wirtschaftliche Tagesgeschichte SS 1912 Aufgaben der Handelspresse WS 1912/13 Die Handelspresse und das Erwerbsleben SS 1913 (Organisation des Zeitungswesens) 83 UAK, Zug. 70/48: Personalakte Jutzi Martin Spahn (1875-1945), Historiker und Zeitungswissenschaftler, gründete 1920 das Kölner Institut. Vgl. Kapitel Martin Spahn 85 UAK, Zug. 44/77: Personalakte Spahn. Brief vom 25.6.1925 an den Dekan der Philosophischen Fakultät 86 Anton Traub (1854-1915), Leitender Handelsredakteur der Kölnischen Volkszeitung 84

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WS 1913/14 SS 1914 WS 1914/15 SS 1915 WS 1915/16

Organisation des Zeitungswesens Unterstützung und Behinderung der Presse Wer hilft in der Geisteswerkstatt der Presse mit? Steine auf dem Weg der Presse (Was erwartet die Presse nach dem Kriege?) 8 ?

Besonders interessant erscheinen bei dieser Aufstellung die letzten vier Semester, in denen vollkommen neue Themenbereiche bearbeitet werden. Wegen TRAUBs Tod am 29. November fand die für das Wintersemester 1915/16 angekündigte Vorlesung nicht mehr statt. 8 8 Eine für das Sommersemester 1913 angekündigte Veranstaltung über die "Organisation des Zeitungswesens" mußte bereits im Frühjahr wegen Erkrankung TRAUBs abgesagt werden, 8 9 was wiederum Auswirkungen auf die Zeitungskunde an der Kölner Handelshochschule hatte. ECKERT war mittlerweile von der Zweckmäßigkeit der Veranstaltungen von TRAUB und JUTZI so überzeugt, daß er eine einschneidende Lücke im Lehrplan nicht hinnehmen wollte, zumal JUTZI bis dahin nur sehr unregelmäßig gelesen hatte. Nach Rücksprache mit Otto DRESEMANN 90 forderte er Clemens KLEIN, den Chefredakteur der Düsseldorfer Zeitung, auf, sich "an den journalistischen Vorlesungen und Übungen unserer Cölner Hochschulen zu beteiligen". 9 1 Mit DRESEMANN hatte er mittlerweile vereinbart, daß dieser in den kommenden Semestern ein journalistisches Seminar an der Handelshochschule abhalten sollte. KLEIN hätte dann in Verbindung mit DRESEMANN dieses Seminar vervollständigt. Mit einstündigen Vorlesungen erklärte sich KLEIN zunächst auch einverstanden, die Idee eines journalistischen Seminars schien ihm dagegen nicht zu gefallen. "Von meiner Heranziehung zu eigentlichen Seminarübungen bitte ich Abstand zu nehmen. Ich habe mich Herrn Dr. Dresemann gegenüber zu einer Vorlesung über das Gesamtgebiet oder einen wesentlichen Teil der

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Die in Klammern genannten Veranstaltungen fanden entgegen den Ankündigungen nicht statt. Der hier veröffentlichte Lehrplan der Kölner Dozenten basiert auf Vorlesungsverzeichnissen, auf Mitteilungen in ZV, DP und HN und auf Hinweisen in den UAK-Akten. Da nachweislich keine dieser Quellen lückenlos ist, konnte nur der direkte Vergleich einen nahezu geschlossenen Veranstaltungskalender erbringen. Dies gilt für alle in dieser Untersuchung erwähnten Veranstaltungen. 88 ZV, Nr. 49,3.12.1915, Sp. 1084 89 Vgl. UAK, Zugang 10/21 90 Otto Dresemann war Vorsitzender des Vereins der Rheinisch-Westfälischen Presse; vgl. Kapitel I.I.3.4., S. 24 ff 9 1 Briefe vom 5. und 20. Februar 1913, Klein an Eckert; UAK, Zug. 10c/0053: Schaffung von Einrichtungen zur journalistischen Ausbildung. Band 1:1913 19

Journalistik bereit erklärt; zu anderem konnte ich mich bei der Kürze der Zeit nicht mehr verstehen." 92 Gleichzeitig mit diesem Schreiben erreichte ECKERT die Nachricht, daß DRESEMANN aus "gesundheitlichen und beruflichen Gründen" die für das Sommersemester übernommene Leitung des journalistischen Seminars nicht durchführen könnte und daher KLEIN als Leiter vorschlage. 9 3 Bis zu diesem Zeitpunkt schienen die Vorgänge klar und durchschaubar. Erst das Antwortschreiben KLEINs vom 27. Februar läßt Unstimmigkeiten hinter den Kulissen erkennen: "Ich bin daher zu dem Schluß gekommen, daß die Gründe, die für Herrn Dr. D. maßgebend waren, auch mich verhindern müssen, jetzt in der einen oder anderen Form an seine Stelle zu treten. Ich bitte mir diesen erst durch Herrn Dresemanns Rücktritt bewirkten Entschluß nicht zu verübeln. Sobald eine Klärung der jetzt vorliegenden Schwierigkeiten erfolgt sein wird, bin ich gern bereit, mich Ihnen aufs neue zur Verfügung zu stellen." 94 Welche Vorkommnisse zu den Unstimmigkeiten geführt hatten, läßt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit klären. Sicher ist nur, daß diese Ereignisse mit einer "Denkschrift über die Ausbildung der Journalisten" zu tun hatten, in der neben ECKERT auch drei Redakteure des Verlagshauses DuMont-Schauberg Stellung zu Ausbildungsfragen bezogen. 9 5 Ohne genau auf die nicht mehr bekannten Vorwürfe einzugehen, betonte ECKERT in einem Schreiben an den Kölner Oberbürgermeister, man solle aufgrund der neuesten Entwicklungen von einer Veröffentlichung der Denkschrift vorläufig absehen, obwohl diese "keinerlei Angriffe" enthielte. 96 Der Zeitpunkt für eine Veröffentlichung schien auch aus anderen Gründen nicht ratsam. TRAUB hatte für das Sommersemester 1913 wegen Krankheit seine Vorlesung gestrichen, DRESEMANN und KLEIN hatten abgesagt, und lediglich JUTZI las einstündig über wirtschaftliche Berichterstattung in der Tagespresse. Die Denkschrift über eine planmäßige Journalistenausbildung an den Kölner Hochschulen wäre also zwangsläufig ins Leere gelaufen, zumal den Forderungen und Plänen keinerlei Taten gegenüberstanden. Den eigentlichen Durchbruch erreichte man erst ein bis zwei Jahre später, als insgesamt fünf Dozenten Vorlesungen und Übungen über Pressewesen anboten. 92

Brief vom 26.2.1913, Klein an Eckert; ebd.; Unterstreichung im Original 93 Brief vom 27.3.1913, Eckert an Klein; ebd. 94 Brief vom 4.3.1913, Klein an Eckert; ebd. 95 Die Bildung des Journalisten. Drei Beiträge zur Frage der journalistischen Vorbildung und Ausbüdung. Köln 1913. Die drei Autoren lehnen die Einrichtung eines journalistischen Lehrstuhls ab. Die Denkschrift wird in Kapitel 1.3. (Kölner Lehrstuhl für Journalistik) ab Seite 52 behandelt. Eine Klärung der hier genannten Vorkommnisse ergibt sich aus ihr allerdings nicht. 96 Brief vom 5.3.1913, Eckert an OB; UAK, Zug. 10c/0053

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1.3.3. Arthur Jung Nach der Absage KLEINs bemühte sich ECKERT um Arthur JUNG, den Chefredakteur des Kölner Stadtanzeigers. 9 7 Nach einem Universitätsstudium hatte sich JUNG für die journalistische Laufbahn entschieden und arbeitete zunächst für die Kölnische Zeitung. Als im selben Verlagshaus 1909 der Posten eines Chefredakteurs beim Kölner Stadtanzeiger frei wurde, wechselte JUNG zu der Zeitung, die eine tägliche Auflage von 100.000 Exemplaren aufzuweisen hatte. 98 An der Handelshochschule las er zunächst in Verbindung mit TRAUBs "Organisation des Zeitungswesens" über das "Deutsche Zeitungswesen" (SS 1913). Der Schwerpunkt seiner Arbeit verlagerte sich aber bald auf den Themenkomplex "Reklame", ein Thema, das er erstmals im Winter 1914/15 seinen Studenten anbot. In der Einführungsstunde betonte er die Dringlichkeit eines "Feldzuges" der Reklame, wobei er zwischen der Reklame nach außen und der nach innen zu unterscheiden wußte. JUNG verstand unter Reklame nicht die "Werbung" im heutigen Sinne, sondern interpretierte sie als "Propaganda", wie sie später von den Nationalsozialisten gebraucht wurde. Bei der "Reklame nach außen" sei gerade nach dem Kriege der größte Wert darauf zu legen, "daß in ganz anderer Art als bisher die Öffentlichkeit sowohl der europäischen als der außereuropäischen Staaten für das Deutschtum bearbeitet werden muß". 9 9 Für Fachleute waren diese Forderungen keineswegs neu, Presse- und Verlegervereinigungen hatten immer wieder auf diese Problematik hingewiesen. JUNG betonte vor allem die Abhängigkeit des deutschen Nachrichtendienstes vom Ausland. Die gewaltige Macht der deutschen Presse müsse das Ausland im deutschfreundlichen Sinne beeinflussen. Natürlich könnten diese Aufgaben "nicht von Dilettanten erfüllt werden, sondern sie erfordern neben dem geschickten Journalisten den geschickten Reklamefachmann, will sagen, den Mann mit großer Organisationsgabe und großer Geschäftskenntnis". 100 Nach dem Krieg würde sich auch das Bedürfnis nach einer "Reklame nach innen" bedeutend steigern, wovon in erster Linie die Tagespresse betroffen wäre. Engländer und Franzosen hätten mit der Presse eine Unmenge erreicht. Auch den Deutschen müsse es möglich sein, sich dieses wichtigen Apparates zu bedienen, wovon nicht nur die Arbeit der Presse im Äußeren, sondern auch die Wirksamkeit im Inneren berührt würde. Gerade der Krieg

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Arthur Jung (1876-1965), Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers Der Kölner Stadt-Anzeiger entstand 1876 zunächst als Beilage der Kölnischen Zeitung. Zur Geschichte des Blattes vgl.: Zeitungen in Deutschland, 56 Porträts von deutschen Tageszeitungen. In: FAZ, 30.3.1968. Weinhold, K: Geschichte ..., a.a.O., S. 238 ff und 272 ff 99 Jung, A.: Moderne Reklame. In: ZV, Nr. 14,2.4.1915, Sp. 285 ff 100 Ebd., Sp. 287 98

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würde daher einen großen Aufschwung der Reklame in der Tagespresse bedeuten. "In meiner Vorlesung habe ich einen Überblick über die Organisation der Reklame gegeben. Selbstverständlich mußte ich der Bedeutung der Tagespresse den größeren Raum widmen. Die Teilnehmer an der Vorlesung dieses Semesters setzten sich, mehr noch als bei früheren Vorlesungen, aus Praktikern zusammen, eine Anzahl Fachleute und selbständiger Geschäftsleute nahm an den Vorlesungen teil, und das Ergebnis meiner Unterhaltungen mit ihnen ist, daß ich dem Studiendirektor der Hochschule für das Wintersemester 1915/16die E i n r i c h t u n g s e m i n a r i s t i s c h e r Ü b u n g e n f ü r R e k l a m e vorgeschlagen habe." 101 JUNGs "Seminar für Reklame und Organisationskunde" war bis dahin einmalig an deutschen Hochschulen. Um seine hochgesteckten Ziele zu erreichen, forderte er die Kölner Kaufleute zur Unterstützung auf, da das Seminar auch dem Wirtschaftsleben wertvolle Dienste leisten könnte. 1 0 2 Nach Beendigung des Krieges müßten die zerrissenen wirtschaftlichen Fäden zum Ausland wieder geknüpft werden, was man nur durch die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis erreichen würde. Das Kölner Seminar wolle zur Vertiefung der Kenntnisse über das ausländische Wirtschaftsleben beitragen, wobei zunächst nach Möglichkeiten der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Balkan, Südamerika, Rußland, Frankreich und Italien gesucht werden müsse. Von den Seminarteilnehmern wurden zu diesem Zweck verschiedene Teilaspekte bearbeitet: Die allgemeine Bedeutung der Reklame und die Wechselwirkung zwischen der auswärtigen Politik des Deutschen Reiches und den wirtschaftlichen Erfolgen des deutschen Kaufmanns Die Presse Nordamerikas und ihr Wert für die deutsche Reklame Die Reklame in der Türkei 1 0 3 Bis 1918 existierten diese Seminarübungen, wobei u.a. folgende Themenbereiche untersucht wurden: Für ein Anzeigenmonopol Die Moral der Zeitungsreklame Die Reklame in Argentinien und Südamerika Die innerpolitischen Verhältnisse Österreichs und das Reklamewesen Züge der englischen Reklamepolitik vor und im Weltkriege Soll eine Reklame halten, was sie verspricht, oder soll sie versprechen, was sie hält? Allgemeine Grundsätze einer modernen Reklame 101 Ebd., Sperrschrift im Original 102 ZV, Nr. 47,19.11.1915, Sp. 1033ff:Ein Seminar für Reklame. Bes. Sp. 1034 103 Ebd., Sp. 1033

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Das Inserat in der Fachzeitschrift Die Bereicherung der Reklame durch psychologische und rhetorische Schulung Die Gründe des Erfolgs der Reklame und die Kontrolle ihrer Wirksamkeit 104 Zunächst hatte sich JUNG die Untersuchung der propagandistischen Möglichkeiten der Reklame zum Ziel gesetzt, im Verlauf seiner Tätigkeit an der Handelshochschule kam aber immer mehr die Reklame als verkaufsförderndes Moment in der Wirtschaft zum Tragen. Die Presse sollte eine Mittlerrolle zwischen in- und ausländischer Wirtschaft spielen, wobei schon während des Krieges mit diesen Arbeiten begonnen werden müßte, um so die "Vorbereitung zur Umschaltung der Kriegswirtschaft in die Friedenswirtschaft" zu beschleunigen. 105 Unter dem Titel "Die 7. Großmacht im Kriege" faßt JUNG seine gesammelten Erfahrungen zusammen. Ausgehend von seiner allerersten Fragestellung (Warum ist die öffentliche Meinung im Ausland nicht deutschfreundlich?) untersucht er zunächst "Das Wesen der deutschen Zeitung" und die in- und ausländischen Nachrichtendienste. Sehr intensiv bearbeitet er die Presse Rußlands, Italiens, Frankreichs, Englands und Amerikas, wobei er auch auf die Frage der Journalistenausbildung in den erwähnten Ländern eingeht. Besonders mit dem englischen "Institute of Journalists" setzt er sich kritisch auseinander, i 0 6 Bei der Behandlung der deutschen Presse und der Frage nach einer Definition von "Öffentlicher Meinung" greift JUNG immer wieder auf Thesen von BRUNHUBER zurück. Eine im "Zeitungs-Verlag" veröffentlichte Rezension bescheinigt JUNG eine gewissenhafte Quellenrecherche: "Dem Zeitungsmann wird die Schrift auch darum willkommen sein, weil sie handlich fast alle wichtigen Abhandlungen über das Zeitimgswesen zusammenfaßt, die tüchtige Berufsgenossen vor dem Krieg und bis in den Krieg hinein veröffentlicht haben." 107 Arthur JUNG las bis Kriegsende an der Kölner Handelshochschule, womit der "Wert der Vorlesungen über Zeitungswesen erheblich gesteigert" werden konnte, i 0 8 Am 1. Dezember 1918 wechselte er zu der neuerrichteten Abteilung für "Presse- und Werbewesen" der Fürst-Leopold-Akademie in Detmold, für die er schon länger als nebenamtlicher Dozent tätig war. Schon im September hatte ihn die Akademie als ordentlichen Dozenten und Leiter 104 Mohr, Martin: Zeitung und neue Zeit. München und Leipzig 1919, S. 53 105 Jung, A.: Die 7. Großmacht im Kriege, Berlin 1916, S. 107 106 Ebd., S. 68-73; zu diesem Institut vgl. auch KZ, Oktober 1907 und Obst, B., a.a.O., S. 93 ff 107 ZV, Nr. 7,18.2.1916, Sp. 171-172 108 Jöhlinger, O.: Zeitungswesen und Hochschulstudium, a.a.O., S. 40

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der neuen Abteilung berufen. Mit seiner Kündigung beim Stadt-Anzeiger brach er im Februar 1919 alle Brücken nach Köln a b . 1 0 9 Schon Anfang der zwanziger Jahre stellte die Akademie jedoch ihren Lehrbetrieb ein, 110 wodurch JUNGs akademischer Tätigkeit ein Ende gesetzt wurde. Zwischenzeitlich hatte er sich allerdings anderen Gebieten zugewandt. 1920 geriet er als Leiter der "Internationalen Telegraphenagentur" in Verdacht, "in englisches, vielleicht sogar französisches Fahrwasser" geraten zu sein. 1 1 1 Mitte der zwanziger Jahre gründete er den "Rheinischen Reklame-Rat", der sich vor allem mit der Herstellung von Werbefilmen beschäftigte. Auch bei dieser Tätigkeit kam JUNG sehr bald in Verruf. Mit Hilfe seines "höchst seltsamen Filmreklamegeschäfts" benutzte er die Pressestelle der Stadt Düsseldorf dazu, "unter falschen Angaben zehn rheinische Großstädte zur Hergabe eines Gesamtdarlehns von 50.000 M zur Herstellung von Werbefilmen zu veranlassen, um zu Werbezwecken eine Westdeutsche Filmwoche einzurichten". Im Frühjahr des Jahres 1927 kam es in dieser Angelegenheit zum Prozeß, wobei sich bald herausstellte, daß neben den obengenannten Firmen auch noch eine "Anstreicherfirma André & Co" unter der gleichen Adresse logierte. Alle drei Unternehmungen waren auf Arthur JUNG eingetragen. Dieser wurde zwar verurteilt, ein Konkursantrag mußte allerdings mangels Masse abgelehnt werden. Er selbst bezeichnete sich während des Prozesses als "untadeligen Ehrenmann" und ein "Opfer des Ruhrkampfes". 112 JUNG siedelte schließlich nach Berlin über, wo er als freier Schriftsteller noch mehrere Jahre tätig war. 1 1 3 1.3.4. Otto Dresemann Anton TRAUB war 1887 in die Redaktion der Kölnischen Volkszeitung eingetreten. Im selben Jahr entschloß sich auch Otto DRESEMANN, 1 1 4 der zunächst eine Verwaltungslaufbahn eingeschlagen hatte, für den Journalismus. Bereits ein Jahr später wechselte DRESEMANN von Aachen nach Köln, wo er bis 1915 als Auslandsredakteur der Kölnischen Volkszeitung arbeitete. Während seiner 27jährigen Tätigkeit als Journalist wurde er zum zweiten stellvertretenden Vorsitzenden des Reichsverbandes der deutschen 109 vgl. DP, Nr. 22, 1918, S. 97; StA, Nr. 36, 12.2.1955. Zur Fürst Leopold-Akademie vgl. auch Jöhlinger, S. 49 110 Jaeger, Karl: Von der Zeitungskunde zur publizistischen Wissenschaft. Jena 1926, S. 59 Hl Koszyk, K.: Deutsche Presse, a.a.O., S. 100-101 112 Rheinische Zeitung, Nr. 110, 11.5.1927: Der Zusammenbruch Arthur Jungs. Eine Gerichtsverhandlung in Düsseldorf 113 StA, Nr. 36,12.2.1955 114 Otto Dresemann (1860-1950), Auslandsredakteur der Kölnischen Volkszeitung

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Presse gewählt 115 und 1912 zum Vorsitzenden des Vereins der RheinischWestfälischen Presse, wobei er die Nachfolge des Düsseldorfer Chefredakteurs STOFFERS antrat. 116 Wie die meisten seiner Kollegen war auch er Mitglied des Vereins Kölner Presse. Zusammen mit dem Verleger Robert BACHEM, 117 der 45 Jahre lang für das Haus gearbeitet hatte, schied er im März 1915 aus der Redaktion der Kölnischen Volkszeitung aus. 118 Zur gleichen Zeit begann er mit Vorlesungen an der Handelshochschule, in denen er die unterschiedlichsten Problemfelder der Zeitungskunde behandelte: WS 1914/15 Aufgaben des Journalismus SS 1915 - Keine Vorlesung WS 1915/16 Alldeutschlands gemeinbürgerschaftliche Pressetätigkeit im großen Kriege SS 1916 Aus der Entwicklung der deutschen Presse zwischen beiden Kriegen WS 1916/17 Das auswärtige Nachrichtenwesen Deutschlands SS 1917 Die Gliederung der deutschen Presse, besonders die Großpresse, nach den Gesichtspunkten ihrer Entwicklung WS 1917/18 (Geschichte des deutschen Zeitungswesens in Einzelbildern) SS 1918 Das Zeitungswesen des Auslandsdeutschtums WS 1918/19 Zeitfragen der Presse SS 1919 Zeitfragen der Presse; Aufbau und Getriebe der Presse Neben Struktur und Geschichte der Presse beschäftigte er sich in erster Linie mit der deutschen Kriegs- und Auslandspresse. Wie alle Zeitungswissenschaftler der Handelshochschule hielt auch DRESEMANN ab dem WS 1916/17 Vorlesungen im Rahmen des Frauenstudiums an den Kölner Hochschulen. Das Frauenstudium war in Köln 1907 eingeführt worden, gab jedoch immer wieder Anlaß zu lebhaften Diskussionen.119 Noch vor einigen Jahren warf Otto GROTH erneut die Frage nach "der Eignung der Frau für den journalistischen Beruf auf, wobei er als Resümee den "Journalismus im ganzen als einen "männlichen" Beruf' darstellte. 120

115 DP, Nr. 8, 24.11.1913, S. 5 116 ZV, Nr. 17, 26.4.1912, Sp. 362 117 Zu Stoffers' und Bachems Aktivitäten bezüglich Journalistenausbildung vgl.Kapitel 1.2.2. (Fortbildungskurs) ab Seite 35 118 ZV, Nr. 13,26.3.1915, Sp. 272 119 Die Meinungsverschiedenheiten zum Thema Frauenstudium spiegeln sich deutlich in den diversen Artikeln der HN; zu Köln vgl. Nr. 5, Februar 1907, S. 132 12° Groth, Otto: Die unerkannte Kulturmacht. Grundlegung der Zeitungswissenschaft. Band IV, Berlin 1962, S. 479 ff

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Ende November 1917 mußte DRESEMANN seine für das Wintersemester angesetzte Vorlesung abbrechen, da er "zu einer zeitweiligen hülfsdienstlichen Arbeit in die Nachrichtenstelle des Reichsamtes des Inneren berufen" worden war. 1 2 1 Im gleichen Schreiben an ADENAUER 122 betonte er sein starkes Interesse an der "liebgewordenen Lehrtätigkeit", die er gerne auch im kommenden Sommersemester 1918 in "erweitertem Umfange" fortsetzen würde. Die vorbereitenden Verhandlungen über systematische Ausbildungsveranstaltungen für Journalistik 1 2 3 wären ADENAUER ja bekannt, da es schon länger Kristallisationsansätze an den Kölner Hochschulen gegeben hätte. DRESEMANN betonte hierbei seine "Bereitschaft zur Übernahme eines Teils der in einer hoffentlich bald besseren Zukunft von Stadt und Vaterland erwachsenen Lehraufgabe". 124 ADENAUER leitete dieses Schreiben an Studiendirektor ECKERT weiter, der DRESEMANNs Äußerungen recht deutlich interpretierte: "Darüber wie er sich seine erweiterte Tätigkeit an der Hochschule denkt, hat er sich auch bei mir noch nicht näher ausgesprochen.- Es ist möglich, daß er nur an die Ausgestaltung des journalistischen Seminars denkt, möglich aber auch, daß er darauf hofft, als erster Professor auf den Lehrstuhl für Zeitungskunde (...) berufen zu werden." 125 ECKERT lag mit seinen Vermutungen sicher nicht falsch. Schon allein die Tatsache, daß DRESEMANN seine Wünsche an den Oberbürgermeister adressiert hatte, läßt Rückschlüsse auf mögliche Hintergedanken zu. Kurz nach Wiedereröffnung der Universität erkundigte er sich erneut nach dem Stand der wissenschaftlichen Zeitungskunde und einer diesbezüglichen Berufung. 126 Im Zyklus der "Allgemeinen Vorlesungen" hielt er noch jahrelang Veranstaltungen zu allgemeinen Pressefragen ab. 127 Seine Hoffnungen auf eine Professur erfüllten sich allerdings nicht, und so stellte er - wohl auch aus Altersgründen - 1926 seine Lehrtätigkeit ein.

121 Brief vom 29.11.1917, Dresemann an Adenauer; UAK, Zugang 10/12: Handelshochschule, Lehrstuhl für Zeitungswesen, Korrespondenz Eckert 122 Konrad Adenauer (1876-1967), 1906-17 Beigeordneter und 1917-33 Oberbürgermeister der Stadt Köln. In den zwanziger Jahren hatte er maßgeblichen Einfluß auf die Ausgestaltung der Zeitungswissenschaft in Köln. 123 Vgl. hierzu Kapitel 1.3. (Lehrstuhl für Journalistik), ab Seite 52 124 Brief vom 29.11.1917, vgl. FN 53 125 Brief vom 14.12.1917, Eckert an Adenauer; ebd. 126 Brief vom 9.9.1919, Dresemann an Eckert; ebd. 127 WS 1919/20: Die Presse nach dem Kriege; WS 1920/21: Die Presse im nationalen und internationalen Leben; 1925/26: Die deutsche Presse

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1.3.5. Friedrich Runkel Im Wechselspiel der beiden lokalen Blätter war nun wieder die Kölnische Zeitung berufen, einen wissenschaftlichen Zeitungsforscher auf das Katheder der Handelshochschule zu entsenden. Nach der Reifeprüfung im Jahre 1889 hatte sich Friedrich RUNKEL 128 für die höhere Postlaufbahn entschieden. 1894 trat er in den Verwaltungsdienst der Kölnischen Zeitung ein, deren Redaktion er allerdings nie angehörte. Im Alter von fast vierzig Jahren beendete er diese Tätigkeit und begann 1910 ein Studium an der Handelshochschule, das er 1914 mit der kaufmännischen Diplomprüfung abschloß. 129 Als freier Wirtschaftsschriftsteller arbeitete er von nun an für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Ab 1915 las er an der Handelshochschule über die 'Technik des Nachrichtenverkehrs", wobei er "die technischen und organisatorischen Fragen des gesamten Nachrichtendienstes, insbesondere diejenigen des Nachrichtendienstes für den Außenhandel" untersuchte. 130 Die Tatsache, daß RUNKEL nie in einer Zeitungsredaktion gearbeitet hatte, also nie dem alltäglichen Druck der Ereignisse ausgesetzt war, führte Jahre später zu einer klaren Fehleinschätzung der wissenschaftlichen Zeitungskunde an den deutschen Universitäten. In einem 1928 veröffentlichten Artikel behauptete er, daß von einer wissenschaftlichen Behandlung der Journalistik erst seit etwa zehn Jahren die Rede sei. 131 Fern jeder Kenntnis der Kölner Lehreinrichtung betonte er, "daß die Angehörigen der Zeitungspraxis selbst keinen allzu großen Wert auf eine Vorbildung" gelegt hätten. Hatte er nie etwas von BRUNHUBER, TRAUB oder JUTZI gehört, kannte er nicht JUNG oder DRESEMANN, die parallel zu seinen Übungen an der Handelshochschule unterrichteten? Der Name KOCH schien ihm gänzlich entfallen zu sein, da er die Heidelberger Zeitungskunde vor der Institutsgründung 1927 vollkommen ignorierte. 132 JÖHLINGER war für ihn von großer Bedeutung, BÜCHER und EVERTH 133 zitierte er ausführlich. Zur genaueren Unterscheidung zwischen Zeitungswissenschaft und Journalistenausbildung beleuchtete er die Institute in Berlin und Leipzig, die für ihn exemplarischen 128 Friedrich Runkel (1870-1934), freier Wirtschaftsschriftsteller, Redakteur der Frankfurter Zeitung 129 1924 promovierte er an der Universität zum Dr. rer. pol. 130 HSA NRW, Bestand NW 5/843: Universität Köln, Dozenten der Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät, 1920-1934 131 Runkel, F.: Die wissenschaftliche Vorbildung des Journalisten. In: Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik, Pressa-Sonderheft, Nr. 4, Leipzig 1928, S. 193 ff 132 Ebd., S. 202. Er selbst bezeichnete sich als "Anhänger einer Fachausbildung für Journalisten"; vgl. Brief vom 17.9.1919, Runkel an Eckert; UAK, Zug. 10/12 133 Erich Everth (1878-1934), Wiener Korrespondent des Berliner Tageblatts, ab 1926 Zeitungswissenschaftler in Leipzig

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Charakter besaßen. Im Gegensatz zu seiner erwähnten Behauptung über das mangelnde Interesse der Praktiker an wissenschaftlicher Ausbildung sagte er später: "Man liebt es gerade im Rahmen zeitungswissenschaftlicher Einrichtungen an den Hochschulen, daß man Zeitungspraktiker Vorlesungen und Übungen aus ihrem Spezialgebiet vornehmen läßt, und solche Einrichtungen sind für diejenigen, die sich von vornherein dem journalistischen Beruf widmen wollen, natürlich von ganz besonderem Werte." 134 Selbst vor einer Prognose über den weiteren Ausbau der Zeitungswissenschaft schreckte RUNKEL nicht zurück: "Man gewinnt den Eindruck, daß wenigstens nach dem heutigen Stande das Interesse der Hochschulen an der Einführung andrer Berufe in die Zeitungskunde vorwiegt, und man wird ja auch erkennen müssen, daß die verhältnismäßig geringe Zahl von Anwärtern der praktischen Journalistik wohl kaum einen solch großen Aufwand an Einrichtungen verlohnen dürfte, wie sie an sich notwendig sind, um einen leistungsfähigen, wissenschaftlichen Betrieb durchzuführen." 135 Der gesamte Artikel liest sich wie eine Art Ferndiagnose, bei der dem Patienten trotz relativer Gesundheit eine tödliche Krankheit angedichtet wird. Eine weitere von RUNKEL veröffentlichte Schrift beschäftigte sich mit speziellen Problemen der Handelspresse. 136 Sehr interessant sind dabei die Literaturangaben, die eine differenzierte Übersicht über die wissenschaftlichen Pressepublikationen zu Beginn dieses Jahrhunderts geben. Bis zum Sommer 1919 las RUNKEL an der Handelshochschule, ab dem Wintersemester 1923/24 erhielt er einen Lehrauftrag für Nachrichtenwesen an der Universität. Seine Bezahlung erfolgte nach den Sätzen für nebenamtliche Lehrkräfte, 137 was nach eigenen Aussagen nicht einmal zur Deckung seiner Unkosten reichte. Sein "Vermögen" hatte er durch den Krieg verloren, weshalb er neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit weitere Einnahmequellen benötigte. 138 Im Oktober 1923 schrieb er an ECKERT: "Der Aufbau meiner Vorlesungen erfordert besonders umfangreiche Vorarbeiten, da einmal gerade im Nachrichtenwesen schon seit Jahren die Entwicklung in einem Fluss begriffen ist, wie man es auf wenigen anderen Gebieten beobachtet, und ich auch nicht in nennenswertem Umfang auf die Arbeiten anderer Forscher zurückgreifen kann, weil gerade das Nachrichtenwesen in zusammenfassender Orientierung, wie ich es als meine Aufgabe betrachte, kaum irgendwo sonst an einer Hochschule oder an einer anderen 154 Ebd,S. 199 155 Ebd., S. 201 136 Runkel, F.: Der Kaufmann und die Handelspresse, Leipzig 1925 137 Brief vom 1.8.1923, Der Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung an Runkel, UAK, Zugang 17/4820: Personalakte Runkel 138 Brief vom 8.11.1929, Runkel an Eckert; ebd. 28

Stelle gepflegt wird. So darf ich denn auch wohl den Umstand zur Unterstützung meiner ausgesprochenen Bitte (Aufbesserung meiner Bezüge. Der Verfasser) heranziehen, daß ich an der Universität Köln der einzige Vertreter des Nachrichtenwesens in der zusammenfassenden Art bin." 139 Er müsse daher auf einer "wenigstens einigermassen ausreichenden Vergütung für die Hergabe seiner Spezialkenntnisse" bestehen. ECKERT kannte die Probleme seiner Dozenten ebenso gut wie die Macht der allgegegenwärtigen Inflation. In seinem Antwortschreiben versicherte er RUNKEL, daß er die große Bedeutung des Nachrichtenwesens für die Universität in keiner Weise verkenne. Der Lehrauftrag bedeute für RUNKEL aber eine außerordentliche Ehrung, die allerdings keinerlei Ansprüche auf besondere Bezüge enthalte. Im übrigen solle er bedenken, daß eine "Fülle nicht minder wichtiger Gebiete derzeit aus Mangel an Mitteln" total hätte zurückgestellt werden müssen. 140 Während der folgenden sechs Jahre hielt RUNKEL Vorlesungen und Übungen innerhalb der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und der "Allgemeinen Vorlesungen". Seine primäre Einnahmequelle war nach wie vor die Schriftstellerei, was ihn 1929 zur Aufgabe seiner Lehrverpflichtungen bewog: "Es kommt hinzu, daß ich bei jeder Vorlesung Gefahr laufe, kein Honorar zu beziehen, da es bei meiner Konzentration auf Spezialgebiete, mit denen ich dazu an keiner Prüfungsveranstaltung beteiligt bin, nicht möglich ist, eine größere Zahl von Hörern zu sammeln, sondern - im Wintersemester 1928/29 hatte ich allerdings noch 23 und 28 Hörer erreicht - ich immerhin damit rechnen muß, unter der Mindestzahl von 20 Vorlesungsteilnehmern zu bleiben, was frühestens um die Mitte des Semesters zu übersehen ist, so daß ich eventuell umsonst gearbeitet habe." 1 4 1 Beeinflußt wurde dieser Entschluß sicher auch durch massive Angriffe eines Kölner Professors gegen RUNKEL. Es ging dabei um die Zweitschrift eines Aufsatzes von RUNKEL, die er einer wissenschaftlichen Zeitung zur erneuten Veröffentlichung zugesandt hatte. Ein solches Verhalten wurde "als mit akademischen Gepflogenheiten unvereinbar" bezeichnet, für RUNKEL war es dagegen eine finanzielle Frage. 1 4 2 Ende Dezember 1929 wurde der Lehrauftrag zurückgezogen, 143 womit auch für den Diplom-Kaufmann Friedrich RUNKEL die wissenschaftliche Lehrtätigkeit beendet war. Auf die Entwicklung der Zeitungswissenschaft an der Universität Köln hatten seine 139 Brief vom 21.10.1923, Runkel an Eckert; ebd. 140 Brief vom 27.10.1923, Eckert an Runkel; ebd. 141 Brief vom 8.11.1929, Runkel an Eckert; ebd. 142 Ebd. 143 Brief vom 18.12.1929, Preußischer Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung an Runkel; ebd.

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Vorlesungen keinen maßgeblichen Einfluß nehmen können, zumal diese Entwicklung von anderen Ereignissen überschattet wurde. 1 4 4 1.3.6. Karl Hoeber Probleme mit Zweitschriften bzw. Sonderdrucken gab es auch für den letzten Pressedozenten an der Handelshochschule, Karl HOEBER. 145 Im Gegensatz zu RUNKEL hatte HOEBER, "selbst ein bedeutender akademisch gebildeter Publizist", 146 die Verdienste KOCHs um die wissenschaftliche Journalistenausbildung sehr wohl erkannt und auch gewürdigt. 147 HOEBER war zunächst als Redakteur für die "Akademischen Monatsblätter", 148 später dann als Hauptredakteur der Kölnischen Volkszeitung tätig. An der Handelshochschule las er nur zwei Semester über "Presse und öffentliche Meinung" (WS 1918/19) und über "Probleme des Zeitungswesens" (SS 1919). Dieselbe Thematik behandelte er auch in den drei darauffolgenden Semestern an der Universität Köln (Allgemeine Vorlesungen). Ein Interesse an Veranstaltungen innerhalb des zeitungswissenschaftlichen Instituts dürfte er sicher nicht gehabt haben, da der Gründer und Leiter des Institutes Martin SPAHN 149 war. 1899 war HOEBER in Streitigkeiten hineingezogen worden, die sich zwischen PASTOR 150 und dessen Schüler SPAHN entwikkelt hatten. Anlaß war ein Artikel SPAHNs in den Akademischen Monatsblättern, dessen - allerdings abgewandelten - Text SPAHN als Sonderabzüge verschickt hatte. 1 5 1 Schon seit 1897 hatte der "ehemalige Vorzugsstudent" gegen die Berufung PASTORs nach Freiburg intrigiert, 152 worauf dieser jede weitere Korrespondenz mit ihm eingestellt hatte. Einem erneuten Angriff SPAHNs gegen PASTOR mittels der Akademischen Monatsblätter mußte HOEBER als deren Herausgeber entschieden entgegentreten. 144

*45 146 147

148 150 151 152

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Runkels Veranstaltungen wurden nie in den zeitungswissenschaftlichen Vorlesungsbetrieb der Philosophischen Fakultät eingegliedert. Karl Hoeber (1867-1942), Redakteur der Akademischen Monatsblätter und der Kölnischen Volkszeitung Bruch, Rüdiger vom: Zeitungswissenschaft zwischen Historie und Nationalökonomie. In: Publizistik, Heft 4, 1980, S. 579-607, bes. S. 597 Vgl. Hoeber, K.: Hochschule und Journalistik. In: Akademische Monatsblätter, 1911, S. 141; ders.: Journalistische Universitätskurse. In: Akademische Monatsblätter, 1907, S. 15 Organ des Verbandes der katholischen Studentenvereine Deutschlands Vgl. Kapitel Martin Spahn, Seite 79 ff Ludwig (von) Pastor (1854-1928), Historiker; seit 1887 Professor in Innsbruck, wo Spahn bei ihm studierte. Weber, Christoph: Der "Fall Spahn" (1901). Ein Beitrag zur Wissenschaftsund Kulturdiskussion im ausgehenden 19. Jahrhundert. Rom 1980, S. 83 Vgl. Artikel in der "Germania"

HOEBER hatte große Mühe zu erklären, warum in den ausgelieferten Heften die Kritik an PASTOR gestrichen, aber in den Sonderabdrucken, die SPAHN für sich erhielt, zu lesen war. 153 Durch diese Ereignisse sah er sich selbst dem Verdacht ausgesetzt, absichtlich gegen PASTOR gearbeitet zu haben. 154 "HOEBER war die Angelegenheit furchtbar peinlich. Er war von Spahn völlig überfahren worden." 155 35 Jahre nach diesen Vorfällen hatte sich seine Abneigung gegenüber SPAHN offensichtlich in das Gegenteil gewandelt. Zum 60. Geburtstag SPAHNs widmete ihm HOEBER einen Artikel in den Akademischen Monatsblättern, in dem er Werdegang und Wirken des katholischen Historikers sehr wohlwollend darstellte, ohne auf die Streitigkeiten mit PASTOR einzugehen. 156 HOEBER war auch der Herausgeber einer Festschrift aus Anlaß des 150. Geburtstages von Joseph GÖRRES, 157 die er im Auftrag der 1876 gegründeten "Görres-Gesellschaft" zusammengestellt hatte. 158 Viele der Kölner Dozenten waren Mitglieder dieser Gesellschaft, die sich neben historischen auch immer wieder zeitungsrelevanten Themen widmete. Einer der bekanntesten GÖRRES-Forscher in den Reihen der Zeitungswissenschaftler war Karl d'ESTER, 159 der auch in der von HOEBER herausgegebenen Festschrift einen Aufsatz über "Görres' journalistische Sendung" veröffentlichte. Zu den Autoren zählten auch Martin SPAHN, besonders aber der Koblenzer Bibliothekar und spätere Zeitungsforscher Günther WOHLERS und der Münchner Historiker Karl Alexander von MÜLLER, die zwischenzeitlich beide als Leiter zeitungswissenschaftlicher Institutionen in Köln im Gespräch waren. 160 Alle diese Kontakte belegen ebenso wie HOEBERs Eingehen auf allgemeine Hochschulprobleme 1 6 1 das grundsätzliche Interesse dieses Journalisten an einer Fortsetzung seiner Lehrtätigkeit. Möglicherweise kann schon hier ein erstes Indiz für die mangelnde Einsatzbereitschaft des Historikers SPAHN bezüglich der wissenschaftlichen Zeitungskunde gesehen 153 Als Begründung gab er an, daß die Sonderdrucke früher hergestellt worden seien als die von Hoeber redigierte Ausgabe. 154 Weber, Chr.: Der Fall Spahn, a.a.O., S. 87-88 155 Ebd., S. 84-85 156 Hoeber, K.: Martin Spahn zu seinem 60. Geburtstag (7. März 1935). In: Akademische Montsblätter, Nr. 47,1935, S. 122-126 157 Joseph (von) Görres (1776-1848), Publizist, Gründer des "Rheinischen Merkur" 158 Hoeber, K. (Hrg.): Görres-Festschrift. Aufsätze und Abhandlungen zum 150. Geburtstag von Joseph Görres, Köln 1926 159 d'ESTER war ebenso wie Görres und Wohlers bei Koblenz geboren. 160 Zu Wohlers vgl. Kapitel "Pressa" (S. 131 ff) und "Forschungsinstitut für internationales Pressewesen" (S. 153 ff); zu Müller vgl. Kapitel "Martin Spahn" (S. 79 ff) 161 Vgl. z.B.: Hoeber, K : Das deutsche Universitäts- und Hochschulwesen. Kempten und München 1912

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werden, was im Laufe der Jahre zu heftigen Kontroversen in Köln, aber auch in Berlin führte. Acht Praktiker hatten zwischen 1903 und 1919 Vorlesungen und Übungen über Pressewesen an der Handelshochschule gehalten. Da Adolf KOCH nur eine zeitlich begrenzte Gastdozentur hatte, konnte er lediglich Anstöße geben, nicht aber richtungweisende Fundamente legen. Robert BRUNHUBER und Anton TRAUB konnten der neuen Wissenschaft dagegen eine Basis bereiten, wobei ihr früher Tod weitreichende Auswirkungen leider verhinderte. Dennoch hatten die Redakteure der Kölnischen Zeitung und der Kölnischen Volkszeitung maßgeblichen Einfluß auf den Ausbau des wissenschaftlichen Zeitungswesens in Köln. Ihrem Wirken war es zu verdanken, daß bereits während des Krieges eine Diskussion um die Institutionalisierung der Zeitungswissenschaft einsetzte, deren Ergebnis schließlich das Universitäts-"Institut für Zeitungskunde" war. Obwohl sich einige dieser Journalisten auch nach 1920 mit dem Pressewesen an der Universität beschäftigten, wurde keiner von ihnen zur Mitarbeit an SPAHNs Institut aufgefordert. Ihre Veranstaltungen blieben isoliert und wurden meist Mitte der zwanziger Jahre eingestellt. Auch die Universität selbst machte keinerlei Versuche, die Praktiker in den regulären Vorlesungsbetrieb einzubinden. Profitieren konnten davon Zeitungsinteressierte - Verleger, Redakteure oder Kaufleute - , die ohne Einschreibung diese öffentlichen Vorlesungen besuchen konnten.

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2.

Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung

2.1.

Aufbau und Organisation

2.1.1. Die Gründung der dritten Kölner Hochschule Die umfangreiche Behandlung von Pressefragen an der Handelshochschule blieb nicht der einzige Motor eines zügigen Ausbaues der Kölner Zeitungswissenschaft. Nachdem 1904 die erste "Akademie für praktische Medizin" eröffnet und 1906 die "Vereinigung für rechts- und staatswissenschaftliche Fortbildung" gegründet worden war, 1 kam es 1912 zu einer weiteren Neugründung einer Bildungseinrichtung in Köln, deren Studieninhalte auch für die Kölner Journalistenausbildung richtungweisend werden sollten. In Vorlesungen und Übungen der Handelshochschule waren schon seit Jahren Fragen der Kommunalpolitik und des Kommunalrechts behandelt worden, womit den städtischen Beamten eine Weiterbildungsmöglichkeit angeboten wurde. Zu einer intensiven Diskussion um die Ausbildung der Kommunalbeamten kam es im Sommer 1911, als Prof. STTER-SOMLO 2 diese Frage in Fachkreisen erörterte. Die Stadt Düsseldorf folgte seinen Anregungen durch die Errichtung einer Akademie, deren Studiengang zwei Kurzsemester zur Ausbildung der Kommunalbeamten vorsah. STIERSOMLO, der schon seit 1909 als Gastdozent an der Handelshochschule Köln nebenamtlich gewirkt hatte, wurde zum Leiter der neuen Institution bestimmt, wechselte aber bereits 1912 nach Köln. 3 Köln, immer die Konkurrenz des rheinischen Nachbarn Düsseldorf fürchtend, zweigte daraufhin eine neue Abteilung von der Handelshochschule ab und gründete im Frühjahr 1912 die "Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung". 4 Studiendirektor dieser "Abteilung II der Cölner Hochschulen" wurde wiederum ECKERT, zum Abteilungsleiter wurde der Nationalökonom Adolf WEBER berufen. 5

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Eckert, Chr.: Die Cölner Hochschulen, a.a.O., S.7 Fritz Stier-Somlo (1873-1932), Jurist, ab 1914 Leiter der Kölner Verwaltungshochschule, siehe Kapitel II. 1.2.3. (S. 114 ff) Weber, Adolf: Die Cölner Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung. Ihre Notwendigkeit, ihr Aufbau, ihre Lehrziele. Köln 1912, S. 12 ff Die Gründung erfolgte u.a. aufgrund eines Gutachtens von Eckert (23.1.1912). Wenige Monate später folgte München mit einer Hochschule für kommunale Verwaltung. Vgl. auch HN, Nr. 6, März 1912, S.265 und 278 Adolf Weber (1876-1963), Nationalökonom, 1912-14 Abteilungsdirektor der Kölner Verwaltungshochschule 33

2.1.2. Abteilungsdirektor Adolf Weber Ab 1897 hatte WEBER in Bonn, Berlin und Leipzig studiert. 6 1900 promovierte er in Freiburg zum Dr. jur. und 1902 in Bonn zum Dr. phil., wo er sich ein Jahr später für Nationalökonomie, Finanzwissenschaft und Statistik habilitierte. Im Jahr 1904 wurde er Privatdozent für Nationalökonomie an der "Landwirtschaftlichen Akademie" in Bonn und 1908 Professor für Staatswissenschaften an der Handelshochschule in Köln. 7 Nach seiner zweijährigen Tätigkeit als Leiter der neuen Verwaltungshochschule folgte er 1914 einem Ruf an die Universität in Breslau. 8 Nach dem Krieg ging er als ordentlicher Professor an die Universität München, wo er bis zu seiner Emeritierung 1946 (1948) wirkte. 9 Die Kölner Verwaltungshochschule war für ihn sicher kein bloßes Intermezzo seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Das Arbeitsfeld stellte für ihn eine neue Aufgabe dar, die er mit Hilfe von ECKERT bestens bewältigen konnte. Gerade die Anlehnung an die Handelshochschule bei gleichzeitiger Eigenständigkeit der Verwaltungshochschule war ein unübersehbarer Vorteil. "Beide Hochschulen benutzen für ihre Unterrichtszwecke dieselben Gebräuchlichkeiten, eine einheitlich organisierte große Bibliothek mit Lesesaal usw. Auch ist ein Hand-in-Hand-Arbeiten der Dozenten der beiden Hochschulen nach manchen Richtungen ermöglicht und durchgeführt." 10 Diese Zusammenarbeit zeigte sich sehr deutlich auf dem Gebiet der Zeitungskunde. Als erster Journalist las TRAUB im Sommersemester 1912 über die "Aufgaben der Handelspresse" an der Verwaltungshochschule. Ihm folgten JUTZI, JUNG, RUNKEL und DRESEMANN, im letzten Semester (WS 1918/19) schließlich auch HOEBER. Alle sechs Zeitungsleute hielten ihre Vorlesungen an beiden Hochschulen ab, wodurch schon bald das Interesse WEBERs an der akademischen Journalistenausbildung und der wissenschaftlichen Zeitungskunde geweckt wurde. 1 1

6

Weber war u.a. Schüler von Eberhard Gothein. UAK, Zug. 17/6102: Personalakte Weber; vgL auch Hayashima, A.: Der Kölner Weg zum Promotionsrecht, a.a.O., S. 81 8 KV, Nr. 643,25.7.1913 9 Kölnische Rundschau, Nr. 208, 22.12.1951: Adolf Weber: Lebenserinnerungen eines Hochschullehrers 10 Weber, A.: Die Cölner Hochschule..., a.a.O., S. 15 11 HSA NRW, Bestand NW 5, Nr. 902: Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung in Cöln, 1912-1918, Vorlesungsverzeichnisse 7

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22.

Das moderne Zeitungswesen Ein Fortbildungskursus für Journalisten

2.2.1. Weiterbildung statt Vorbildung Die Idee eines Journalistenkurses an der Verwaltungshochschule war im Herbst 1913 auf der Jahrestagung des Rheinisch-Westfälischen Presseverbandes geboren worden. "Und da wurde um die Ausbildung zum und im Redakteurberuf gekämpft. Wie ein halbes Jahr vorher in Düsseldorf. Schließlich kam zwischen den Anhängern der Meinung, daß der Redakteurberuf nun einmal ein freier Beruf sei und bleiben müsse, und denen, die auf eine akademische Bildung Wert legen, durch die Abstimmung so etwas wie ein Zwang zur Mittellinie zur Geltung: es sollte der Versuch, wenn auch nicht mit der Erziehung zum Journalisten, so doch mit der Fortbildung des Redakteurs gemacht werden. Das heißt: man wollte nicht dem werdenden, sondern dem schon gewordenen Kollegen Bildungsmöglichkeiten verschaffen."12 Anders thematisierte Fortbildungkurse hatte es auch schon zuvor an den Kölner Hochschulen gegeben. Das Thema "Presse" war allerdings nur innerhalb einer Vortragsreihe über "Recht und Verwaltung" von den Redakteuren JUNG und TRAUB angesprochen worden. 13 Journalistische Kurse dieser Art waren keineswegs neu. Erst eineinhalb Jahre zuvor hatte die "Vereinigung für staatswissenschaftliche Fortbildung" in Berlin einen Kursus über das Zeitungswesen abgehalten. 14 Auch KOCH hatte 1914 "Journalistische Ferienkurse" für den Fall seiner Berufung an die Universität München geplant, 15 und auch GROTH verweist nachdrücklich auf die Notwendigkeit dieser Art der journalistischen Weiterbildung.16 Unter dem Thema "Das moderne Zeitungswesen" (als Erinnerung an die Vorlesungen von BRUNHUBER?) fand der Kurs vom 25. Februar bis 3. März 1914 in den Räumen der Verwaltungshochschule statt, was "besonders in Kreisen der Berufsgenossen die größte Aufmerksamkeit" erregte. 11 Die organisatorische Arbeit lag in WEBERs Hand, die inhaltlichen Gesichts-

12 DP, Nr. 11,14.3.1914, S. 66: Leserbrief eines Teilnehmers am Fortbildungskurs (Dr. Karl Mehrmann) 13 Jung: "Die Presse im modernen Kultur- und Wirtschaftsleben"; Traub: "Unterstützung und Behinderung der Presse". Vgl. UAK, Zug. 10c/0047: Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung. Fortbildungskurse 14 ZV, Nr. 37,13.9.1912, Sp. 827 15 Vgl. Obst, B.: a.a.O., S. 168 16 Groth, O.: Die unerkannte Kulturmacht, a.a.O., S. 537 17 DP, Nr. 11,14.3.1914, S. 65: G. Stoffers über den Fortbüdungskursus

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punkte wurden von den Chefredakteuren Arthur JUNG und Ernst POSSE übernommen. 18 Das Interesse bei Fachleuten und Laien war ungeheuer groß. Insgesamt nahmen 348 Hörer an den Vorlesungen teil, wovon ca. 200 Studenten der Kölner Hochschulen, der Rest Teilnehmer aus dem ganzen Reichsgebiet waren. 1 9 20 Verleger und 43 Redakteure vertauschten für eine Woche ihre Schreibtische mit den Bänken der Hörsäle in Köln. "Ein derartiger Besuch war wohl von keiner Seite vorausgesehen worden; denn besonders wir Kollegen hatten die Veranstaltung zum größten Teil recht pessimistisch beurteilt, weil wir der Meinung waren, daß nur wenige aktiv tätige Journalisten oder gar Verleger die Zeit finden würden, sich zu Fortbildungszwecken eine volle Woche abzusparen, wenn auch eine genügende Anzahl von Berufsgenossen in sich die Überzeugung trüge, daß ein solcher Kursus für sie von Nutzen sein könnte. Der Erfolg hat gegen diese pessimistische Auffassung entschieden, und wie man hört, will man in Köln auf der so gewonnenen Grundlage weiter arbeiten. Eins ist jedenfalls durch diesen Kursus klargestellt worden: es gibt eine ganze Menge von Journalisten, die an der beruflichen Bildungsfrage ein sehr großes praktisches Interesse haben." 20 An insgesamt sechs Arbeitstagen wurden achtzehn Vorträge von Verlegern und Redakteuren gehalten. Zum besseren Verständnis der Tragweite dieses Fortbildungskurses werden die Redner hier im einzelnen vorgestellt. 2.2.2. Themen und Teilnehmer Lediglich zwei der angesagten Veranstaltungen mußten kurzfristig abgesagt werden. Es handelte sich hierbei um den geplanten Vortrag des Oberbürgermeisters WALLRAF, 2 1 der über das Thema "Presse und Verwaltung" referieren wollte. Auch der aus Magdeburg stammende Verleger FABER 2 2 mußte aus Krankheitsgründen absagen, wodurch sein an zwei Nachmittagen angesetzter Vortrag über die "Zeitung als kapitalistisches Unternehmen" ersatzlos gestrichen wurde. FABER war von 1912-21 Vorsitzender des "Vereins Deutscher Zeitungsverleger". Nach dem Krieg bemühte er sich intensiv um die Schaffung einer Reichsarbeitsgemeinschaft der deutschen Presse als einer ZusamErnst Posse, Chefredakteur der Kölnischen Zeitung UAK, Zug. 10c/0040: Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung, Bericht für die Studienjahre 1912 und 1913 20 DP, Nr. 11,14.3.1914, S. 65 (Stoffers) 21 Max Wallraf (1859-1941), Oberbürgermeister der Stadt Köln von 1907 bis 1917. Zu Wallraf vgl.: KZ, Nr.455,7.9.1941 und StA, Nr. 216,18.9.1959 22 Robert Friedrich Faber (1869-1924), seit 1908 Verleger der Magdeburger Zeitung. Zu Faber vgl.: ZV, Nr. 15,11.4.1919, Sp. 589-92 19

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menfassung von Verlegern und Journalisten zum Austausch der beiderseitigen Interessen. Diese Idee wurde allerdings erst zwei Jahre nach seinem Tod verwirklicht. 2 3 Gerade seine Interessen wurden in Köln bestens vertreten, da das gesamte Programm des Fortbildungskurses in zwei Themenbereiche unterteilt wurde, wovon der eine mit "Verleger und Journalist" überschrieben war. Der wesentlich umfangreichere Hauptteil beleuchtete "Die Stellung der Presse im wirtschaftlichen und öffentlichen Leben". 24 Abgesehen von dieser Unterteilung wurden keinerlei thematischen oder zeitlichen Zuordnungen gemacht, wodurch den Teilnehmern die Orientierung innerhalb des dichtgedrängten Stundenplanes wesentlich erschwert wurde. Die differenzierte Themenpalette soll hier anhand verschiedener Gesichtspunkte unterteilt und somit verständlicher gemacht werden. Ein wesentlicher Schwerpunkt war das Verhältnis des Verlegers zum Redakteur. Das wohl bedeutendste Referat in dieser Abteilung hielt der Geheime Kommerzienrat Joseph NEVEN DUMONT, Verleger der Kölnischen Zeitung und Kuratoriumsmitglied der Handelshochschule. "Der Verleger der modernen Tageszeitung" - so sein Thema - habe im wesentlichen drei Aufgabenbereiche: 1. Die Bestellung der Redaktion, 2. Die Beschaffung der Anzeigen und 3. Den Verschleiß der Zeitung. Die wichtigste Voraussetzung für eine gute Zeitung seien tüchtige Redakteure, Persönlichkeiten mit "deutschem Auge" und "Nationalgefühl", "die nach gründlichen Studien sich auch im Leben praktisch bestätigt haben. Nur sie werden gutes leisten, weil nur sie imstande sind, ihre Wissenschaft dem im praktischen Leben stehenden Lesepublikum verständlich zu machen." 25 Die Haupteinnahmequelle einer Zeitung sei der Anzeigenteil, der dem Verleger die Eigenschaften eines tüchtigen Kaufmannes abverlange. Schließlich müsse er sich auch noch um den "Verschleiß", sprich Vertrieb seiner Zeitung kümmern. 26 Auch der ehemalige Berliner Chefredakteur JACOBI 2 7 hatte sich das Verhältnis zwischen "Verleger und Redakteur" zum Thema gewählt. Im übrigen war er der einzige Redner, der auch ein zweites Referat ("Das Prinzip politischer Bildung") abhielt. Schließlich beschäftigte sich noch der Kölner Justizrat Julius BACHEM mit den vielfältigen Aufgaben eines "Zeitungsredakteurs", wobei er auch auf 23 Zu Faber vgl.: Neue Deutsche Biographie, Band 4, Berlin 1959, S. 723/4 24 Zum Stundenplan des Kurses vgl.: DP, Nr. 3, 17.1.1914, S. 17 und ZV, Nr. 3, 16.1.1914, Sp. 100 25 DP, Nr. 15,10.4.1914, S. 94 26 Der vollständige Vortrag von Joseph Neven DuMont ist in vier Teilen abgedruckt in DP, Nr. 15,16,17 und 18, April und Mai 1914. Auszüge wurden auch in der KZ abgedruckt. 27 Richard Jacobi (geb.1850) war zunächst Chefredakteur des Hannoverschen Couriers gewesen. Sein bedeutendstes Werk "Der Journalist" erschien als Band 8 in der Reihe "Buch der Berufe", Hannover 1902 37

historische Aspekte einging und besonders den "Rheinischen Merkur" von GÖRRES hervorhob. 28 BACHEM hatte sich die Schriftleitung der Kölnischen Volkszeitung jahrzehntelang mit dem Publizisten Hermann CARDAUNS 2 9 geteilt, der nach seinen historischen Studien zunächst als Privatdozent für Geschichte in Bonn gelehrt hatte (1872-76). 3 0 Er trat 1876 in die Chefredaktion der Kölnischen Volkszeitung ein, im gleichen Jahr wurde BACHEM ins preußische Abgeordnetenhaus (Zentrum) gewählt. An dieser Stelle sollte kurz auf die Bedeutung der "Görres-Gesellschaft" hingewiesen werden. Am 25. Januar 1876, dem 100. Geburtstag von Joseph von GÖRRES, fand in Koblenz die konstituierende Sitzung der "GörresGesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland" statt. Neben dem späteren Vorsitzenden Freiherr von HERTLING 3 1 waren auch Julius BACHEM und Hermann CARDAUNS Gründungsmitglieder. 1891 bis 1913 war CARDAUNS Generalsekretär der Gesellschaft und lange Jahre auch Herausgeber des "Staatslexikons" und anderer Vereinsschriften. Sein Nachfolger im Amte des Herausgebers wurde Karl HOEBER. Auch in späteren Jahren gab es Verbindungen zur wissenschaftlichen Zeitungskunde. Als im September 1933 die "Gleichschaltung" der Görres-Gesellschaft diskutiert wurde, gab es auch im inneren Gefüge Kräfte, die die Gesellschaft "nach dem Führerprinzip umgestalten" wollten. Es mußte "ein junger tatkräftiger Gelehrter, der möglichst auch der Partei nahesteht, gewonnen werden, dieses Führeramt zu übernehmen." 3 2 Martin SPAHN wurde daraufhin für das Präsidentenamt vorgeschlagen, konnte sich schließlich aber nicht gegen den amtierenden Präsidenten Heinrich FINKE 3 3 durchsetzen. Auf dieser Grundlage basierend, hatte sich BACHEM sehr stark mit dem Rheinischen Merkur beschäftigt, und auch CARDAUNS las über "Das Zeitimgswesen einst und jetzt. Zur Geschichte der Kölner Presse". Die bei CARDAUNS so augenfällige Verbindung von Geschichte und Journalismus wäre wohl die beste Voraussetzung für eine Lehrtätigkeit an den Kölner Hochschulen gewesen. Neben der Nationalökonomie kamen die meisten Zeitungswissenschaftler aus der Geschichte, was sich bei verschiedenen Insti28 Der Vortrag ist abgedruckt in ZV, Nr. 20,15.5.1914, Sp. 951-956 29 Bernhard Hermann Cardauns (1847-1925), Historiker, Schriftsteller und von 1876-1907 Chefredakteur der Kölnischen Volkszeitung 30 Studium in Bonn, München und Göttingen. Wurde 1869 Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; 187276 Privatdozent in Bonn, wo er sich auch habilitiert hatte. 31 Georg Freiherr von Heuling (1843-1919), Philosophieprofessor in Bonn und München, ab 1917 bayerischer Ministerpräsident und 1917/18 Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident 32 Zitat von Bachem, zitiert nach einem Schreiben vom 24.4.1986 der GörresGesellschaft an den Verfasser 33 Heinrich Finke (1855-1938), Historiker, Universität Freiburg, 1924-38 Präsident der Görres-Gesellschaft

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tutsgründungen und -fährungen auch immer wieder auswirkte. Ebenso seine (wie bei J. BACHEM) nachweisbare Verbindung zum Zentrum hätte eine ideale Grundlage sein können, da die Kölner Zeitungswissenschaft in ihren Anfängen katholisch orientiert war. CARDAUNS setzte sich sehr stark mit dem historischen Zeitungswesen auseinander und veröffentlichte mehrere, für die spätere Wissenschaft von der Publizistik maßgebende W e r k e . 3 4 Als Historiker war CARDAUNS allerdings nicht der einzige Wissenschaftler, der sich neben den Praktikern in Köln mit dem Zeitungswesen beschäftigte. Einige sehr bekannte Namen tauchten in den Rednerlisten des Tagungsprogrammes auf, darunter auch der Schweizer Zeitungswissenschaftler Oskar WETTSTEIN. 35 An der Universität Zürich hatte er sich 1903 als Privatdozent für Journalistik habilitiert und kann somit neben KOCH als einer der Gründungsväter des Faches angesehen werden. 1909 stellte er zusammen mit KOCH und MEISSNER 3 6 einen "Lehrplan für Studierende der Journalistik" auf, der richtungweisend für viele nachfolgende Überlegungen war. 3 7 Für den journalistischen Fortbildungskursus ließ sich WETTSTEIN extra von der Universität Zürich beurlauben. 3 8 Gemäß seiner bisherigen Schwerpunkte las er in Köln über "Zeitungskunde als wissenschaftliches Fach". Zur besseren Darstellung der historischen Tragweite skizzierte er zunächst die Ausbildungsbemühungen des 18. Jahrhunderts (z.B. das "Zeitungskollegium" von August Ludwig S C H L Ö Z E R in Göttingen) und späten 19. Jahrhunderts ( B Ü C H E R in Basel und KOCH in Heidelberg). Danach erklärte er nochmals die Beschlüsse der Düsseldorfer Tagung des Reichsverbandes der deutschen Presse (1913) zur "Errichtung von Lehrstühlen der Zeitungskunde", streifte SPAHNs Forderungen nach einem "Reichszeitungsmuseum" 3 9 und Max W E B E R s soziologische "Presse-Enquete". Für WETTSTEIN war die Eingliederung der Zeitungskunde in die Hochschule ein wichtiger Schritt zur besseren Vorbildung der Journalisten. 34

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Z.B.: Die Görres-Gesellschaft 1876-1901, Köln 1901; Fünfzig Jahre Kölnische Volkszeitung, Köln 1910; Aus dem Leben eines deutschen Redakteurs, Köln 1912; zu Cardauns vgl.: KZ, Nr. 433, 15.6.1925 und Karl Hoeber in Akademische Monatsblätter, Nr. 37,1924 Oskar Wettstein (1866-1952), Journalist (Nachfolger von Theodor Curti an der Züricher Post) und Zeitungswissenschaftler (Universität Zürich) Jakob Friedrich Meißner (1874-1920), Zeitungswissenschaftler, seit 1907 Lehrauftrag für Zeitungskunde und Drucktechnik an der TH Darmstadt; vgl.: ZV, Nr. 35, 3.9.1909, Sp. 688 Zu Wettsteins Lehrinhalten vgl.: Wettstein, O.: Das jüngste Kind der Alma Mater. In: Meißner, F.: Studien über das Zeitungswesen. Frankfurt 1907, S. 311 Vgl.: Ernfried Eduard Kluge: Ständerat Dr. O. Wettstein als Journalist und Zeitungswissenschaftler, Bauma 1936. Kluge war zunächst Assistent, später Dozent in Zürich Vgl. Kapitel Ü.2.2.2.: Die Zeitung als Quelle (S. 85 ff)

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Gegenüber der rein praktischen Ausbildung in den Redaktionsstuben verwies er auf mehrere Vorteile der journalistischen Seminare, wo "an Hand von Übungen die Besonderheiten und Schwierigkeiten des journalistischen Arbeitens, vom einfachen Bericht bis zum Leitartikel und künstlerisch abgerundeten Feuilleton" herausgearbeitet werden könnten. 4 0 WETTSTEINs Vortrag wurde auch in späteren Publikationen immer wieder als wertvolle Zusammenfassung der damaligen Diskussion um die Aus- und Fortbildungsfrage gewertet. Mit Martin MOHR 4 1 beteiligte sich ein künftiger Zeitungswissenschaftler an der Kölner Vortragsreihe. MOHR hatte bereits auf den Tagungen des Reichsverbandes der deutschen Presse in München und Düsseldorf (1912 und 1913) verstärkt auf die Ausbildungsfrage hingewiesen. In einer eigenen Veröffentlichung 4 2 nahm er hierzu auch später genau Stellung. In Köln hielt er "anhand zahlreicher Modelle und Zeichnungen" einen Vortrag über die "Technik der modernen Zeitung". 4 3 Über das Thema "Kaufmannschaft und Presse" las der Leitende Handelsredakteur des Berliner Tageblatts, Arthur NORDEN. 4 4 An der Berliner Handelshochschule hatte NORDEN bereits 1907 mit regelmäßigen Vorlesungen über Handelsjournalistik begonnen und 1910 einen Lehrauftrag über "Volkswirtschaft und Presse" erhalten.1918 wurde er ins Reichswirtschaftsministerium berufen und im selben Jahr zum Pressechef des Reichsschatzamtes in Berlin ernannt. 4 5 Neben WETTSTEIN und MOHR war er einer der wenigen Referenten des Fortbildungskurses, der sich wissenschaftlich mit dem Phänomen "Presse" auseinandersetzte. Ein wichtiger Bereich des einwöchigen Kurses war die Behandlung des Anzeigenbereichs einer Tageszeitung. Für diese Abteilung waren Referate der Verleger FABER und R. BACHEM und des Chefredakteurs JUNG vorgesehen. Wie erwähnt mußte FABERs Vortrag über "Die Zeitung als kapitalistisches Unternehmen" kurzfristig abgesagt werden. Arthur JUNG las über "Die Aufmachung der Tageszeitung" und "verurteilte besonders scharf die Durchsetzung des redaktionellen Textes mit Anzeigen und betonte 40 Der Vortrag ist abgedruckt in ZV, Nr. 20,15.5.1914, Sp. 943-952 4 1 Martin Mohr (1867-1927), Chefredakteur in München, ab 1925 Leiter des Deutschen Instituts für Zeitungskunde, Berlin 42 Gemeint ist: Zeitung und Neue Zeit, a.a.O.; vgl. hierzu Rezensionen in: DP, Nr. 17,6.9.1919, S. 77-78 und ZV Nr. 17,25.4.1919, Sp. 679 « ZV, Nr. 11, 13.3.1914, Sp. 512-514: Der Kölner journalistische Fortbildungskursus; bes. Sp.514. Zu Mohr vgl. auch: Mohr, M.: Zeitung und Hochschule, in: ZV, Nr. 22,2.6.1916, Sp. 572-575 44 Arthur Norden, Chefredakteur der Handelszeitung des Berliner Tageblatts. Vgl.: Norden, A.: Berichterstattung und Welthandelsartikel, Leipzig 1910 45 Jöhlinger, O.: Zeitungswesen und Hochschulstudium, a.a.O., S. 44, ZV, Nr. 5, 1.2.1918, Sp.122 und ZV, Nr. 51/52,20.12.1918, Sp. 1464 40

ferner, daß die Trennung des redaktionellen Teiles vom Anzeigenteil jedem Leser in die Augen fallen müsse". 46

Auch Robert BACHEM, Verleger der Kölnischen Volkszeitung, referierte über den "Anzeigenteil und sein Verhältnis zum allgemeinen Teil unter wirtschaftlichen und moralischen Gesichtspunkten": "Auf keinen Fall darf dem Interesse des Verlegers am Anzeigenteil ein Einfluß auf den redaktionellen Teil eingeräumt werden. Alle bezahlten Mitteilungen an das Publikum werden in Deutschland in den Anzeigenteil oder an den Reklameplatz verwiesen. Dabei verschlägt es nichts, daß zuweilen mitten im redaktionellen Text eine Ecke oder am Schlüsse einer redaktionellen Seite eine Stelle den Reklamen eingeräumt wird. Das Ausschlaggebende hierbei ist, daß die betr. Stelle als Reklameplatz für den Durchschnittsleser leicht erkennbar ist. (...) Wir in Deutschland betrachten es als durchaus ungehörig, bezahlte Reklamen im redaktionellen Teile überhaupt unterzubringen. Wo im Auslande eine andere Übung im Schwünge ist, bleiben sich Redaktion und Verlag nicht mehr der schweren Verantwortung genügend bewußt, die sie gegenüber Mitteilungen im redaktionellen Teile tragen."47 Die Presse im Ausland wurde nicht allein in diesem Zusammenhang von den Vortragenden untersucht. Der Auslandsredakteur der Kölnischen Volkszeitung, Otto DRESEMANN, sprach als Vorsitzender des Vereins der Rheinisch-Westfälischen Presse über "Die deutsche Presse im Ausland". Er betonte, daß es alleine in Amerika 600 deutsche Preßorgane gäbe, in Rußland existierten immerhin 37. Deutsche Zeitungen könne man außerdem in Südafrika und Asien ebensogut kaufen wie in Japan und Mexiko.48 Noch spezifischer wurde die internationale Presse in zwei Referaten von Wilhelm COHNSTAEDT und Gottfried STOFFERS behandelt. COHNSTAEDT 49 las über die amerikanische Presse, wobei er auch auf die Aufgaben der Presse für Staat und Politik aufmerksam machte. Diesbezüglich sei hier sein Vortrag über "Presse und Volksbildung" erwähnt, den er 1918 auf der Jahresversammlung des Rhein-Mainischen Verbandes für Volksbildung hielt 50 Er stellte dabei die Frage nach Sinn und Ziel der Zeitung, wobei er den Verlegern die Jagd nach Rentabilität zum Vorwurf machte. Mit Hilfe ZV, Nr. 11,13.3.1914, Sp. 514 Auszug aus seinem Vortrag. Das ganze Referat ist abgedruckt in ZV, Nr. 20, 15.5.1914, Sp. 957-965