Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg [38]

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Zeitschrift des

Historischen Vereins für

Schwaben und Meuburg.

1912. =====—= 38. Band.

Augsburg. J. fl. Schlosser'sche Buchhandlung (P. Schott).

Die Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg erscheint jährlich in einem Band. Die Mitglieder des Vereins (Jahresbeitrag Mk. 4.—) erhalten die Zeitschrift unent­ geltlich. Zuschriften, die sich auf den Inhalt der Zeitschrift beziehen sowie literarische Beiträge sende man an den Ausschuß des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg in Augsburg unter Adresse: Stadtarchivar Dr. P. Dirr.

Inhalt. Seite

Der Augsburger Jurist Dr. Hieronymus Fröschel und seine Hauschronik von 1528—1600. Von Dr. Fr. Roth . . Die Meistersinger zu Memmingen.

Von Dr. Fr. Behrend

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Mit 2 Abbildungen am Schlüsse des Heftes.

Römische Funde in Augsburg.

Von Dr. 0. Roger .

Mit 2 Abbildungen am Schlüsse des Heftes.

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Der Augsburger Jurist Dr. Hieronymus Fröschel und seine Hauschronik von 1528—1600. Von Dr. Friedrich Roth. I.

Froscheis Jugend- und Lehrjahre in Augsburg, Ingolstadt, Speier, Bologna, Ferrara und Nürnberg 1528—1557. Fröschels Chronik gehört zu der Sammlung1) des bekannten kurmainzischen Professors Dr. jur. Franz Josef Bodmann (f 1820), welche 1830 von dem nassauischen Archivar Friedrich Habel (f 1867) erworben und später auf dem Schlosse Miltenberg auf­ bewahrt wurde. Ihr nächster Besitzer, der Kreisrichter Wilhelm Konrady, übergab sie unter Wahrung des Eigentumsrechtes dem kgl. Reichsarchiv in München zur Aufstellung, und hier hatte der Verfasser dieser Blätter Gelegenheit, die Chronik kennen zu lernen, zu exzerpieren und teilweise abzuschreiben. Im Herbste 1907 wurde die Sammlung von den Erben Konradys zurück­ gefordert und wanderte nun — mit ihr auch die Chronik — in das kgl. Staatsarchiv zu Marburg in Hessen-Nassau. Fröschels Chronik, ein dickleibiger Papierfoliant, ist in Pappendeckel gebunden, mit rotem Schnitt versehen und trägt den von dem ersten der genannten Besitzer eingeschriebenen Vermerk: „Comp. Fr. Bodmann, Prof. Mogunt. 1800,“ ist also wohl in diesem Jahre in seine Sammlung übergegangen. Die Handschrift ist ein Autograph Fröschels, aber leider sehr schlecht ‘) „Uebersicht des Inhalts des Bodmann - Habel’schen Archivs“ von Sch neiderwirt h und Bauch im Bd. XIII der Archivalischen Zeitschr. (1888), wo die Fröschel’sche Chron. S. 246 aufgeführt ist. Die Geschichte dieses Archivs von Götze findet sich ebenda, Bd. II (1877); die Chronik ist dort S. 167 unter Nr. 14 und 8. 171 unter Nr. 17 erwähnt. 1

2 erhalten. Viele der Blätter, die von der Hand des Autors — das letzte mit 716 — numeriert sind, fehlen, andere, die durch Bisse stark verletzt sind, wurden durch die Flickarbeit eines Buchbinders zwar vor weiteren Beschädigungen bewahrt, aber auch arg verunstaltet. Der Anfang der Handschrift ist gänzlich verloren gegangen, das sechste der noch erhaltenen Blätter trägt schon die Zahl 51.1) Die unseres Wissens bisher gänzlich unbeachtet gebliebene Chronik verdient wegen ihres Inhalts wie wegen ihres Verfassers, daß weitere Kreise von ihr Kenntnis erhalten, denn Fröschel war ein seiner Zeit infolge seiner trefflichen Charaktereigenschaften und seiner ausgedehnten Berufstätigkeit weithin bekannter und geschätzter Mann, und seine Aufzeichnungen bieten ein so an­ sprechendes Bild von dem Entwicklungsgang wie den Freuden und Leiden eines in der Praxis stehenden Juristen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, daß sie sich dem Besten anreihen dürften, was an derartiger Literatur aus dieser Zeit auf uns ge­ kommen ist. Und was den Wert der Chronik noch erhöht, ist der Umstand, daß die meisten der Menschen, von denen sie be­ richtet, geschichtlich mehr oder weniger wohl bekannte Persön­ lichkeiten sind, auf deren Lebensverhältnisse und Denkart oft recht interessante Streiflichter fallen. Hieronymus Fröschel war ein Sohn des Arztes Benedikt Fröschel, der aus Faenza in der Romania stammte, dort seine „Kunst“ erlernte und sich namentlich eine große Geschicklichkeit im Harnsteinschneiden aneignete. Er kam in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts nach Deutschland heraus und wurde 1508 Stadtarzt in Augsburg,2) in welcher Stellung er eine umfassende Tätigkeit entfaltete. Auch mit den Fuggern stand er in Ver­ bindung; so behandelte er von etwa 1540 an „in etlichen Zufällen“ den damals „berühmtesten Bürger“ der Stadt, Anton Fugger, wofür er außer seinem Honorar noch alljährlich in der Fastenzeit ein „Lägel Eeinfal“ sowie eine „Wanne“ mit Feigen, Mandeln, Zibeben, Weinbeeren und andern Süßigkeiten erhielt. Er hatte das fünfzigste Lebensjahr schon überschritten, als er sich, 1515, in zweiter Ehe mit der erst siebzehnjährigen Anna Schober, der Tochter des hoch­ angesehenen Bürgermeisters Georg Schober (des Aelteren) von *) Dieser Mängel wegen ist es nicht möglich, die Chronik t zu ver­ öffentlichen. *) S. über ihn Roth, „Benedikt Fröschel der Aeltere und der Jüngere, der Alchymist, zwei Augsburger Stadtärzte im 16. Jahrh.“ in dieser Zeit­ schrift, Jahrg. XXXIV (Augsburg 1908), S. 149 ff.

3 Ingolstadt,1) vermählte und so in eine altbayerische Bürgerfamilie eintrat, aus der im 16. Jahrhundert mehrere recht tüchtige Ge­ lehrte und Beamte von Ruf hervorgegangen sind. Anna schenkte ihrem Manne, mit dem sie in glücklichster Ehe lebte, fünf Töchter und fünf Söhne,2)*als vorletzten am 15. September 1527 Hieronymus, den Chronisten; von seinen Brüdern erwähnen wir hier Benedikt, den ältesten, der ein viel gesuchter Arzt wurde,8) und den Zweit­ ältesten, Stephan, der die kaufmännische Laufbahn einschlug, in Venedig lernte und im Jahre 1535 auf neun Jahre in die Dienste des bekannten Augsburger Kaufmanns und Bürgermeisters Jakob Herbrot4) trat. Die Blätter, auf denen Hieronymus von seiner frühesten Jugend erzählt, gehören zu denen, die fehlen, und aus einer späteren, gelegentlichen Bemerkung erfahren wir nur, daß er bis zum Jahre 1538 im Hause seines Großvaters Schober in Ingol­ stadt erzogen worden ist, und zwar in Gemeinschaft mit dessen fast zehn Jahre älterem Sohne Thomas Schober,5) der später als Rat der Kaiser Ferdinand I. und Maximilian II. eine einflußreiche Rolle spielte, und mit seinem Vetter Ladislaus Behem, genannt Spieß,6) der als Stadtschreiber von Ansbach bekannt ist und dort im Jahre 1568 starb. Kurz bevor Hieronymus Ingolstadt verließ, um nach Augsburg in das Haus seiner Eltern überzusiedeln, wurde er, ein Elfjähriger, an der Universität (1538) immatrikuliert,7) besuchte aber jedenfalls nur das Pädagogium, das im Jahre 1526 begründet worden und mit der Hochschule verbunden war. Dann nahmen ihn die Eltern zu sich nach Augsburg, in deren behaglichem Heim am Roßmarkt er schöne Tage verlebte. Noch besser aber gefiel es ihm in Stockensau, einem in der Nähe von Schrobenhausen gelegenen Gütchen, das sein Vater im Jahre 1535 von Christoph Vetter zu Winden an sich gebracht hatte8) und später durch *) Anhang A, Kopf. s) Anhang B, Kopf. s) S. oben S. 2, Anna. 2. *) Siehe über ihn den Artikel in der Allg. D. Biogr., Bd. XII, S. 45 von Georg Mezger, die Abhandlung Heckers, „Der Augsburger Bürger­ meister Jacob Herbrot und der Sturz des zünftiseben Regiments in Augsburg“ in dieser Zeitschrift, I. Jahrg. (Augsburg 1874), S. 34 ff. und Roth, Augsburgs Reformationsgeschichte, Bd. III und IV (München 1907, 1911), Register. 6) Anhang A, 15. *) Anhang A, 1. ’) Ingolstädter Matrikel unter 1538 (Juni): Hieronymus Fröshlin, Augustanus, dedit 48 d. 8) Der Kaufpreis betrug 1272 Gulden; mit den Weihern kam er auf 1722 Gulden.

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4 Zukauf zweier fischreicher Weiher, „Verbesserung“ und Er­ weiterung des Wohnhauses und Anlage eines Maienbades zu einer stattlichen Besitzung ausgestaltete.1) Fröschels Jugendjahre fallen in die Zeit, in der der Pro­ testantismus fast überall unaufhaltsam vordrang und in Augsburg (seit 1537) zur Alleinherrschaft gelangte. Seine Mutter hatte sich infolge fleißigen Lesens in der Bibel, wozu sie durch ihren Bruder, den Reichskammergerichts-Assessor Caspar Schober,2)* veranlaßt worden, allmählich mehr und mehr der „neuen Lehre“ zugewandt und auch ihren Mann dahin gebracht, daß er die kraftvollen Predigten des Prädikanten Wolfgang Musculus*) besuchte und sich „bekehrte“. Natürlich wurden nun auch die Kinder im „Evangelium“ erzogen, und unser Hieronymus mußte Mitte Juli 1541 bei dem eifrig evangelischen Rektor von St. Anna, Sixtus Birk,4) „einziehen, fürter bei ihm in der Cost zu bleiben. Gab mir die Mutter,“ hat Fröschel notiert, „aus ihrem Sparhafen 30 Kreuzer, der Magistrin zu verehren; ihm jährlich für alles bezahlt fl. 24. Der hat mich lieb und schön gehalten, daneben der väterlichen Strafe nicht vergessen.“ Da Birk sah, daß Hieronymus dem Unterricht im Griechischen, auf den bei St. Anna im Geiste Melanchthons ein besonderes Gewicht gelegt wurde,6) mit größerer Aufmerksamkeit als die andern folgte, verfaßte er, um ihn hiefür zu belohnen, die Deklamation „Quod absque graecarum literarum cognitione nulla ex liberalibus artibus majorumve gentium disciplinis recte addisci possit,“ die bei Philipp Ulhardt unter Fröschels Namen gedruckt und von diesem im September 1542 öffentlich „vor viel gelehrten Theologen, auch andern Herrn und Bürgern“ vorgetragen wurde,6) was fast eine Stunde in Anspruch *) Philipp Apians Topographie von Bayern (herausgegeben vom Hist. Ver. von Oberbayern, München 1880), S. 144, 30: „Stockschaw villae et domus nob. splsndida ad lacum piscuientum sita. ad septentrionem et ortum sylvam habet“. Siehe auch Steichele, Das Bistum Augsburg, ßd. II, S. 293. 8) Siehe den Anhang A, 6. 8) Siehe über ihn die Artikel in der Beal-Encycl. f. prot. Theol.5, Bd. XIII, 8. 581 ff. und in der Allg. D. Biogr., Bd. XXIII, S. 95 ff, wo auch die frühere Litt, angegeben ist. 4) Siehe über ihn die bei Radlkofer, „B. Heupold, Präceptor an der Studienanstalt St. Anna zu Augsburg, und sein Verzeichnis der daselbst wirkenden Lehrer“ in dieser Zeitschrift, Bd. XX, S. 128, Nr. 9 aufgeführte Literatur. 6) S. über den damaligen Stand der Schule Hans, „Beiträge zur Gesch. des Augsb. Schulwesens“ in dieser Zeitschrift, Bd. IV (Augsburg 1878), S. 26 ff. 6) Das Büchlein hat sich in der Augsburger Stadtbibliotbek erhalten: ORATIO / ABSQVE GRAECARVM / LITERARVM COGNI­ TIONE / nullam ex liberalibus artibus maio- / rumue Gentium

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nahm. Auch beteiligte er sich an der Aufführung der von Birk, dem Dichter vieler Schuldramen,l) alljährlich veranstalteten Komödien und „agierte“ die Dina in dem von Johann Lorichius,2)* einem seiner damaligen Lehrer, verfaßten „Hiob“,8) sowie die Thais in den „Eunuchen des Terenz“. Durch die geschickte Durchführung der Thaisrolle zog er die Aufmerksamkeit Anton Fuggers auf sich, in dessen Hause die Vorstellung stattfand. „Als nun die Komödie ein Ende gehabt,“ erzählt Fröschel, „ruft mich die Frau Fuggerin4) zu sich unter das Frauenzimmer, fragt mich: Mein Jungfrau, wie heißt Ihr? Ich schämet mich fast und dachte nicht an meinen lateinischen Namen Thais, sondern sagt einfältig heraus: Hieronymus. Das gab ein groß Gelächter unter dem ganzen Frauenzimmer, und sagt’ die Frau zu ihrem Herrn Antoni Fugger: Ach, mein Herr, ich hab mein Leben lang keine Jungfrau gesehen, die Hieronymus geheißen hat. Lachet Seine disciplinis re- / cte addisci posse, in schola / Augustana habita. Per H1ERONIMVM /Batrachium, Augusta- / num Ephebum / etiamnum. / MDXLII. Darunter von Birks Hand: Suo Lucae Stengellio DD. Xystus Betuleius. Auf der Rückseite des Blattes die Widmung: Ornatissimo viro Joanni Fabricio, affini suo charissimo, Hieronymus Batracbius Augustanus. Anno salutis M. D. XL. II. Am Schlüsse des Büchleins: Dixi. Augustae Yindelicorum excudebat Philippus Vlhardus. — Fröschel verspricht in der Widmung: „Polliceor me omnia mea studia ad D. Maiestatis laudem, ad proximi utilitatem institurum neccessaturum,donecet parentum charissimorum et vestrum omnium expectationi satisfaciam.“ — Auf die Widmung folgt ein die Nützlichkeit solcher Deklamationen rühmendes Gedichtchen Birks, dann — auf der Rückseite des zweiten Blattes: „Ad Joannem Fabricium, virum inte­ ger rimum, Hieronimi Ziegleri carmen“ gleichen Inhalts, darin die Verse : „Miramur vocem pueri, miramur et artem Et memori mente posse referre sua.“ Blatt 3 beginnt die Rede, in deren Einleitung Fröschel sagt: „Turpe namque mihi fore duco, si videam commilitones meos non sine gloriola suggestum hoc conscendere, me, qui in melioris monetae pueris non postremus hactenus habeor, tanta cum inertia tacere.“ Das ganze Schriftchen umfaßt 15 Blätter. Die Druckkosten, die natürlich Fröschels Vater trug, beliefen sich auf 21/2 Gulden. — Zu Fabricius, dem das Schriftchen gewidmet ist, siehe den Anhang A, 16. *) Radlkofer, „Die dramatische Tätigkeit des Xistus Betulejus“ in der Beil, zur Allg. Ztg., 1896, Nr. 299 u. 300; Holstein, „Die Reformation im Spiegelbilde der dramatischen Literatur. Schriften des Vereins f. Ref-Gesch. (Halle 1886), S. 41, 65, 95, 99, 104, 105, 110, 116, 119, 126. 2) Siehe über ihn Paulus: „Gerhard Lorichius, ein Convertit des 16. Jahrh.“, im Katholik, Band LXXIV, I (1894), S. 624 ff.; Roth, A. R.-G., III, S. 153, 185, Nr. 142, 549; Prantl, Geschichte der Ludwig-MaximiliansUniversität in Ingolstadt, Landshut, München (München 1872), II, S. 494, Nr. 77. 8) Jobus, / Patien- / tiae Spectacv- / lvm In Comediam Et / Actum Comicum nuper j redactus ä Joanne Lorichio Ha- / damario. Marpurgi, Ohr. Aegenolph, Mense Augusto anno 1543. Vgl. Goedeke, Grundriss zur Gesch. d. D. Dichtung, II (Dresden 1886), S 137, Nr. 20. 4) Anna Fugger; sie war eine Tochter des Patriziers Hans Rehlinger.

6 Herrlichkeit auch mit, boten mir die Hand und ließen mich ziehen, nachdem gleichwol mein Praeceptor anzeiget, weß Sohn ich wäre.“ Dieser Vorfall hatte für Hieronymus die erfreulichsten Folgen, indem Anton Fugger, dem natürlich die oben erwähnte lateinische Oration auch „praesentiert“ worden war, auf Zureden seines alten Freundes und Verwandten Georg Hermann1) sich herbeiließ, ihn zum Studium zu „verlegen“ und zunächst auf die Universität nach Ingolstadt, wo er ja schon immatrikuliert war, zu schicken. Es war im April 1543, als sich der nun im sechszehnten Jahre stehende Jüngling frohen Mutes auf den Weg nach der alten Donaustadt machte, in der er sich bald so heimisch fühlte, als wäre er ein Eingeborener. Er hatte hier an seinem Groß­ vater, dem Bürgermeister, einen festen äußern Halt, zwei der bedeutendsten der an der Universität wirkenden Professoren, Nikolaus Everhard8) und Wolfgang Hunger,8) hatten in die Schobersche Familie eingeheiratet, ein dritter, Fabius Areas von Narnia,4) der eben jetzt das Rektorat führte, war ein guter Freund des alten Benedikt Fröschel. Auch lebte hier der frühere Sekretär der Kaiser Maximilian I. und Karl V., Wolfgang Kösinger, der eine Schwester von Hieronymus Mutter Anna zur Frau hatte,5) ein ihm sehr zugetaner Herr, und Johann Lorichius, der noch im Sommer 1542 Augsburg verlassen hatte, um eine Stelle an dem Ingolstädter Pädagogium zu übernehmen.6)* Zunächst wurde Hieronymus diesem Lorichius „in die Disziplin gegeben“, um sich die ihm noch fehlenden „philosophischen“ Kenntnisse anzueignen, dann kam er in das Haus Everhards, der nebenbei Fuggerscher Advokat war und von Anton Fugger „sonderlich ersucht worden“, sich den jungen Hieronymus befohlen sein zu lassen. Dieser begann nun Medizin zu studieren, um einst den Beruf seines Vaters und ältesten Bruders zu ergreifen, was er diesen in einem ausführlichen Briefe mitteilte. Kaum aber war das Schreiben f ort, als er, wie es scheint, von Everhard und Hunger „beredet“ *) SieheüberihnSchelhorn, „Amoenitates Hist, eccles. et litt.,“ Bd. I S. 693; Köhler, Hist. Mttnzbelustigungen, 1745, S. 281; Brunner in dieser Zeitschrift, Bd. I (Augsb. 1874), S. 140 ff. s) Zu Everhard siehe den Artikel in der Allg. D. Biogr., Bd. VI, S. 433 ff. *) Siehe über ihn den Art. in der Allg. D. Biogr., Bd. XIII, S. 414; W. H. Bubensohn, „Ein antiklerikaler Freisinger Kanzler“ in der Beil, zur Allg. Zeitung, 1898, Nr. 243; Derselbe, „Griechische Epigramme und andere kleinere Dichtungen in deutschen Uebersetzungen des 16. u. 17. Jahrhdrts.“. 1897. — Siehe auch Anhang A, 1. *) Zu Arkas: Prantl, I, S. 194, II, S. 487, Nr. 28. *) Anhang A, 11. 6) Prantl, I, S. 212; Matrikel, 1542 (August): „Magister Johannes, Lorichius Hadamarius Marpurgensis laureatus poeta“.

7 plötzlich den Entschluß faßte, die Medizin fahren zu lassen und in das Lager der Juristen zu marschieren, zumal da er bemerkt zu haben glaubte, „daß die Studiosi juris“ mehr als die andern „tapfere Gesellen und Nobilisten waren“. Sofort ließ er nun seinen Brief von dem Fuhrmann, der ihn zur Bestellung mit­ genommen, durch einen eigenen Boten zurückholen und ersetzte ihn durch einen andern, in welchem er die Seinigen von seinen neuen Absichten in Kenntnis setzte. Dieses Umsatteln wurde von ihm später oft bereut, wenn er sich vor Augen führte, daß er „neben der Medizin und Physica“ von seinem Vater leicht das einträgliche Harnsteinschneiden hätte lernen können und so viel früher zum Brot gekommen wäre als auf dem fast endlos lang sich hinziehenden Wege des Juristen. Seine Hauptlehrer waren fortan Everhard im kanonischen Recht, Hunger in den Institutiones und Fabius de Narnia im Strafrecht. Hieronymus, der zu Augsburg im Hause seiner Eltern und Magister Birks von allem, was schlimme Eindrücke auf ihn hätte machen können, sorgfältig zurückgehalten worden war, mag von dem ausgelassenen, rohen, „bacchantischen“ Leben der Studenten, das in Ingolstadt nicht minder als auf anderen Universitäten im Schwang war,1) zuerst etwas abgestoßen worden sein, aber die Luft, die er nun einmal hier atmete, blieb auf die Länge doch auch auf ihn nicht ganz ohne Wirkung. Er verschaffte sich einen mit Silber verzierten Dolch, ließ sich von einem berühmten „Federfechter“ im Fechten mit dem Schwert und dem Duseggen2) ausbilden, lernte das Blasen auf der Pfeife von Meister Georg Tholman aus Nürnberg und begann auch mit dem Lautenschlagen, dessen man, um richtig „hofieren“ zu können, unbedingt kundig sein mußte. Später (1549) brachte er es auch zu einem von ihm mutwillig provozierten Raufhandel, und zwar mit Adam von Sandizell, der ihm eine schmerzhafte Wunde an der rechten Hand beibrachte. Selbst der Unsitte unmäßigen Trinkens scheint er manchmal gehuldigt zu haben; wenigstens fand es seine Mutter, als sie ihm einmal einen als Halsschmuck zu tragenden „Hyazinthen“ sandte, für angezeigt, ihn bei dieser Gelegenheit dringend zu warnen, „daß er nit mehr zeche als ihn dürste“. Um sich in solcher Art freier bewegen zu können, suchte er sich der wohlgemeinten aber ihm lästig werdenden Bevormundung seiner Verwandten nach und nach zu entziehen. Zweimal verließ er das Haus Everhards, um eine eigene „Habitation“ zu mieten, x) Siehe hierzu Karl Trautmann: „Aua altbayerischen Stammbüchern“ in der Altbayerischen Monatschrift, Jahrg. III (1901—1902), S. 133 ff. a) Grimm W. B., II, S. 1756.

8 aber seine Eltern trugen Sorge, daß er dabei nicht zu weit vom Wege abkam und immer wieder bei „Respektpersonen“ unter­ gebracht wurde; so bei dem Professor Johann Salicetus1) und bei Magister Caspar Hermann,2) die auf ihn aufsehen sollten, daß er „die Lektiones publicas fleißig besuche und bei der Nacht nicht ausgehe“. Später wohnte er eine Zeitlang bei Dr. Hunger, der ihm als Artist, Historiker, Poeta und Jurist die höchste Achtung einflößte, und ging bei dem Mediziner Hieronymus Leicht3) zu Tische. Als Freunde, mit denen er während dieser Zeit mehr oder weniger vertrauten Umgang gepflogen, nennt er außer Anderen seinen Vetter Johann Baptist Spieß,4) Marquart von Berg — den nachmaligen Bischof von Augsburg5) —, Georg Haslang von Haslangkreuth, der 1565 als Statthalter von Ingolstadt starb,6) Philipp Apian, den Mathematiker und Geographen,7) Martin Gruber, später Stadtschreiber in München,8) Johann Baptist Weber, seinen „Präceptor“,9) der in der Folge kaiserlicher Vizekanzler wurde, Albrecht Reiffenstein, den begabten und strebsamen Sprößling einer zum Christentum bekehrten Judenfamilie aus Stolberg im Harz,10) und Johann Mülstetter von Bruneck, einen tyrolischen Edelmann.11) *) *) 8) 4)

Erwähnt bei Prantl, I, S. 164. Ebenda, I, S. 331. (t«1552.) Ebenda, I, S. 197 u. 280. Anhang A, 1. 6) In der Matrikel unter 1541. Er regierte von 1576 — 1591. Der Bischof verehrte Fröschel nicht lange vor seinem Tode die Opera Augustini. 6) Ferchl, „Bayerische Behörden und Beamte (1550—1804)“ im Oberb. Archiv, Bd. LIII, S. 265, 321, 340, 399. *) Siehe über ihn hauptsächlich S. Günther, „Peter u. Philipp Apian, zwei deutsche Mathematiker und Kartographen“ (Abhdlg. der k. böhm. Gesellsch. d. W., VI. Folge, XI. Bd. 1882) und Riezler, Gesch. Baierns, Bd. VI (Gotha 1903), S. 456 fl. — Matrikelbuch, 1542: „Philipp Appian, successor patris in lectorem matheseos.“ 8) Immatrikuliert 1541. Zusatz im Matrikelbuch: „Martinus Gruber ex Lantzhutt pauper, postea ludi poetici in patria moderator et ibidem illustrissimi principis secretarius et archigrammateus Monacensis, cui officio magna cum laude jam fere ad 18 annos praeest. Albertus Hungerus annotavit anno 74.“ — Er war seit 1547 verheiratet mit Fröschels Base Katharina Behemin (Spießin), starb am 6. Febr. 1576. — Siehe auch Anhang A, 1. 9) Siehe über ihn Götz, Briefe und Akten zur Gesch. des 16. Jahrhunderts, Bd. V, S. 156, Anm.2. 10) Albrecht Reiffenstein, der Bruder des bekannteren Johann Wilhelm R., ein Schüler Melanchthons, 1541 auf der Universität Ingolstadt immatrikuliert, 1548 mit einer Base Fröschels verheiratet, wirkte eine Reihe von Jahren als Rat des Herzogs Wilhelm IV. und Albrecht V. von Bayern. Er war der Heraus­ geber der von Wolfgang Hunger überarbeiteten und mit Annotationen ver­ sehenen Kaisergeschichte Cuspinians und siedelte im Jahre 1570 nach Augsburg über, wo er am 22. Aug. 1583 starb. — Siehe auch den Anhang A, 11. n) Joannes Mülstotter a Braunöck, nobilis, immatr. 1541.

9 Im Oktober 1545 war Fröschel unter den Studenten, die mit Everhard, Hunger und anderen Professoren, vor der Pest fliehend, nach Kelheim übersiedelten, um dort das Erlöschen der Seuche abzuwarten.1) Und noch war man im nächsten Jahre nicht völlig ins alte Geleise gekommen, da führte der im Juli erfolgende Aus­ bruch des schmalkaldischen Krieges neue empfindliche Störungen im Betriebe der Hochschule herbei. Als die Unsicherheit auf dem platten Lande immer mehr zunahm, veranlaßte der alte Schober den damals eben in Stockensau weilenden Vater Fröschels, mit seinen unverheirateten Kindern in das feste Ingolstadt zu ziehen; aber kaum waren sie drinnen, als die Heere des Kaisers und der Schmalkaldner vor der Stadt Lager schlugen und sich gegenseitig beschossen. Hieronymus bestieg während der Kanonade vom 1. September einen Turm an der Stadtmauer, von dem aus er einen weiten, freien Ueberblick über die Walstatt hatte, schrieb das, was er sah und von andern vernahm, mit der ihm eigenen Genauigkeit auf und lieferte so einen Bericht über jene denk­ würdigen Ereignisse, der sich durch große Anschaulichkeit aus­ zeichnet und den andern gleichzeitigen „Beschreibungen“ derselben wohl zur Seite gestellt werden kann. Auf den Kriegslärm folgte in Ingolstadt neuerdings ein Sterben und der alte Fröschel begab sich nun mit den Seinen wieder nach Stockensau und von da nach Augsburg, wo sie in dem Augenblick eintrafen, als die von der Bürgerschaft schon seit Anfang des Krieges gehegte Be­ fürchtung, der Kaiser möchte die Stadt belagern, aufs höchste gestiegen war und im Kat wie in der Gemeinde die größte Be­ stürzung hervorbrachte.2) Zu den Trübsalen, die dann zu Ende des Jahres und im Januar des nächsten (1547) infolge der unglück­ lichen Kriegsereignisse und der Uebergabe der Stadt an den Kaiser über Alle hereinbrachen, gesellte sich für den alten Fröschel und die Seinen noch das Mißgeschick, daß sein Sohn Stephan, der sich im Aufträge des Bürgermeisters Herbrot zur Erledigung kaufmännischer Geschäfte nach Ingolstadt hineingewagt hatte, hier im Dezember 1546 als Spion gefangen genommen worden war und nach vielen Weiterungen erst im März 1547 wieder los­ kommen konnte.*8) * Und unmittelbar darauf wurde die Familie von ') Ausführlicher Eintrag hierüber im Ingolstädter Matrikelbuch ad a. 1545. Vgl. Prantl, 1, 8.164. 8) Siehe hierzu Both, Augsb. Bef.-Gesch., III, 8. 455 ff. ®) Druffel, „Beiträge zur Beichsgesch. 1546—1555“, Bd. I (München 1873), 8. 30 Nr. 72; Friedensburg, „Ambr. von Gumppenberg als päpstlicher Berichterstatter in Süddeutschland in den Forschungen zur Geschichte Bayerns“, Bd. X, 8.159.

10 zwei sie schwer treffenden Todesfällen heimgesucht: am 19. März starb infolge eines Schlaganfalles der Bürgermeister Schober und schon einige Wochen später, am 8. April, dem Karfreitag, der etwa im 83. Lebensjahre stehende Vater Fröschel, an dessen Todbett der Prädikant Musculus stand. Die in der Handschrift leider nur unvollständig erhaltene längere Stelle, in der Fröschel die Berufstätigkeit, den Charakter und die letzte Leidenszeit des Entschlafenen schildert, ehrt ebenso den Vater wie den Sohn. Im Januar des Jahres 1547 war Anton Fugger auf einige Tage in wichtigen politischen Geschäften nach Augsburg ge­ kommen, und Fröschel hatte die Gelegenheit benützt, sich seinem Patron wieder einmal vorzustellen und in Erinnerung zu bringen, worauf er von dem Fugger’schen Advokaten Dr. Johann Tonner — freilich mehr freundlich als rigorose — geprüft worden war und dabei befriedigt hatte. Nach Ingolstadt zurückgekehrt, verlor er im Juni einen seiner Gönner unter den dortigen Professoren, indem Fabius de Narnia im Juni seinen bisherigen Wirkungskreis aufgab, um einem an ihn ergangenen Rufe an die Universität Coimbra Folge zu leisten.1) Von dem Gang und Stand seiner Studien, die nun schon vier Jahre in Anspruch genommen hatten, berichtet Fröschel nichts, doch dürfen wir allem nach annehmen, daß er sie nicht allzusehr vernachlässigte, wenn er sich auch gestattete, sie ziemlich oft durch kleinere und größere Ausflüge und Reisen zu unter­ brechen. So ließ er sich Ende März 1549 von Albrecht Reiffenstein, der am 15. September des vorigen Jahres Margareta, eine Tochter Wolfgang Kösingers, geheiratet hatte und nun mit seiner jungen Frau den Seinen in der Heimat einen Besuch machen wollte, 1) Eintrag in dem Ingolstädter Matrikelbuch ad a. 1547: Areas war wieder zum Rektor gewählt worden, blieb dies aber nur ganz kurze Zeit, denn : „A potentissimo Joanne, Portugalliae rege etc., amplissimo stipendio ad Calumbri universitatem suam conductus est ad legendum ordinarie ibidem et cum comitatu illuc ductus est. et ita decimo tertio die mensis junii.ante prandium idem ipse resignavit officium rectoratus, post prandium vero recepit iter ad Portugalliam.“ — Fröschel bemerkt hierzu: „Er were in seinem alter lieber heraußen hüben, sed cardinalis Portugaliae (Infant Heinrich) hat ine dem König von Portugal unwissend versprochen, das er nit abschlagen derfen, quia desselben cardinals und sein, Fabii, befreundten als parti haben einander vor vil jaren amazzirt, wie sie kindt und vermocht, er, cardinalis, und Fabius seien aber knabenweis miteinander Romae in die schul gangen, einander gar lieb gewonnen, dadurch die erbfeindschaft zwischen inen aufgehört, solte er im nun jetzt sein promessa gegen dem könig, primarius professor zu Colimbria zu sein, ab­ geschlagen haben, möchte das alte vulnus.... leichtlich recrudescirt sein, profecturum igitur se in nomine et adjutorio Christi statuit.“

11 verleiten, mit ihm nach Stolberg im Harz zu fahren, ohne zuvor seine Mutter und seine älteren Brüder um Erlaubnis zu fragen. In Nürnberg, wo sie zuerst längere Rast hielten, erreichte ihn eine so kategorische Aufforderung der Seinigen, sofort wieder „gen Ingolstadt zu wenden“, daß er meinte, wohl oder übel ge­ horchen zu müssen, und seine Reisegefährten allein wegfahren ließ. Dann aber änderte er, ergrimmt über den groben Ton seiner Heimberufung, jählings den Sinn, mietete ein Roß, ritt ihnen nach und holte sie nach kurzer Zeit ein. In Jena besuchten sie einige der jetzt dort lebenden Wittenberger, die Reiffenstein bekannt waren, so den „trefflichen Poeten“ Johann Stiegel1) und den später als einen der Vorkämpfer des Synergismus bekannt ge­ wordenen Victorinus Striegel.2) In Stolberg wurde Hieronymus von der Mutter Reiffensteins auf das freundlichste aufgenommen, ebenso in Wernigerode von Albrechts älterem Bruder Curio. Bei einem Ritte nach Nordhausen hörte er den samt seinem Vater damals dort weilenden Cyriacus Spangenberg predigen und schloß mit ihm einen später sich immer inniger und bedeutungsvoller gestaltenden Freundschaftsbund. Auch nach Eisleben, „Lutheri selig Vatterland“, machte er einen Abstecher, um die durch so viele Erinnerungen an den großen Mann geweihte Stätte mit eigenen Augen zu sehen. Das letzte merkwürdige Erlebnis F röscheis auf dieser Harzreise war der Anblick einer am 12. Mai in Elbingerode stattfindenden Hexenverbrennung,3)* zu * * der * er mit *) Siehe über ihn den Artikel in der R E.8, Bd. XIX, S. 42 ff. 2) Ebenda S. 97 ff. — Fröschel: Ich bat den Strigel, „daß er ein getreuer discipulus Lutheri bleiben wolte. respondebat: er were noch zu jung; wan er vil schreiben solte, wurde es kein ansehen haben, doch temperiret er an einer feder; wan dieselb fertig, wolt er damit erzeigen, daß er fidelis discipulus Lutheri were. aber sein große kunst und hoffertige weis, Synergismus und accidentzerei haben ine darzu nit kommen lassen.“ s) Chronik: „Am 12. mai seind wir von Werniger Rod aus — Schwager Albrecht, Hans Wilhelm Reiffenstein und ich — gen Elbinger Rod, ein lange meil wegs, gangen, daselbst zwo hexen sehen verbrennen, ist die bethört paurschaft under dem freien himel gestanden, die hexen in ring hinein geliert worden auf eim karren, der schultheis vor dem ring gehalten, inen ire urgichten vorgtlesen, die sie von artikel zu artikel bekannt, sie nenneten auch ire drei buhler, mit denen sie ire Schelmereien getriben, die ich hierein (in diese Chronik) nit mag losieren. sollen alle donerstag zu inen in menschengestalt körnen sein, die eine derselben sich auf fünf, die ander auf zwei jar ergeben haben, so schantliche, langnasete weiber, daß sie auch nit vil hibscher als ire verfluchte buler gewest, dieselben Spiritus sollen gessen haben, was inen furgesetzt, allein kein keß nit, ob sie iuen wol dise milch, daraus die keß gemacht, helfen stelen .... Diese weiber haben menner und kinder gehabt und solche abgötterei getriben. sie hetten ein arms weiblein der hexerei auch beschuldigt, die bracht man in ring, sprach inen der Schultheiß hart zu, sie solten ire

12 Albrecht und dessen Bruder Hans Wilhelm herbeigeeilt war. Noch am gleichen Tage überbrachte man ihm eine zweite Auf­ forderung zur Heimkehr, und diesmal ließ er sich dazu herbei, Folge zu leisten. Ende Mai war er wieder in Augsburg bei seiner Mutter, die allen Grund hatte, auf ihn böse zu sein; „aber es ging die Sach Zorns halb gnädig ab, weil er dennoch pariert.“ Erst nach Mitte Juni machte er sich wieder auf den Weg nach Ingolstadt, kehrte aber schon in den ersten Tagen des nächsten Monats zurück, um sich an den Feierlichkeiten bei der Hochzeit seines Oheims Thomas Schober mit Veronika Ehern1) als Braut­ führer zu beteiligen. Als Schober unmittelbar darnach nach Speier reiste, um dort das ihm übertragene Amt eines Reichs­ kammergerichtsassessors anzutreten, gab man ihm das Geleit bis nach Zusmarshausen, und auf dem Rückwege von dort nach Augsburg fügte es sich, daß unser Hieronymus die Schwester der jungen Frau Veronika, Ursula Ehern,2) hinter sich aufs Roß nehmen mußte, „unwissend, daß solcher Ehrenschatz künftig sein sollte werden“. Er hatte später oftmals Anlaß, an diesen Ritt „mit Freuden“ zurückzudenken. Minder angenehme Erinnerungen ließ ein Vorfall gelegentlich der Hochzeit seiner Schwester Anna mit dem Nürnberger Gold­ schmied Jakob Hofmann (April 1551) in ihm zurück. Um sich hierzu einzufinden, nahm er Platz auf einem schweren, von Ingol­ stadt nach Augsburg fahrenden Frachtwagen, der eine Ladung von etwa 40 Zentnern hatte und zwischen Dasing und Friedberg3) so unglücklich umfiel, „daß die vier Räder gegen den Himmel stunden“ und sich der Leiterbaum „zwerchs über den Rücken“ des zwischen mehreren Bierfässern liegenden Hieronymus legte. Wie ein Wunder mußte es erscheinen, daß er dabei keine schwereren Verletzungen erlitt und mit einem tüchtigen Schüttel­ frost davonkam. „Es ist mir mein Leben lang sterben nit näher gewest,“ schreibt er am Schlüsse seiner Erzählung; „Gott sei immer Lob, Ehr, Dank und Preis gesagt per Christum filium, amen!“ Etwa vierzehn Tage nachher und dann noch einmal im August ritt Hieronymus auf das kaiserliche Landgericht nach

straff gegen Got nit größer noch schwerer machen, weil es ja an dem, daß sie jetzt ire straffen solten aussteen. da bekannten sie, daß sie das weiblein aus neid und feindschaft angeben, sie were unschuldig, also ging das weiblein wider heraus, und wurden sie lebendig verbrandt.“ *) Sie war am 3. Juli 1649. — Anhang D, 5. 2) Anhang i>, 5 u. 7. y) Friedberg bei Augsburg, Dasing nördlich davon.

13 Hirschberg,1) bei dem ein von seinem Vater begonnener, für die Fröschelschen glücklich endender Prozeß anhängig war, und beob­ achtete als angehender Jurist mit einer gewissen Neugier die dort herrschenden „Bräuche“. Unterdessen hatten sich, seit Ende 1549, in Ingolstadt die Jesuiten festgesetzt,2)* die er als „Unglücksvögel und Teufels­ botschaften“ betrachtete, und es kam ihm daher sehr gelegen, daß ihn im kommenden Herbst seine Patrone, die Fugger, nach Speier sandten, damit er dort am Kammergericht „die Praxis sehe“. Er fand dort gute Anleitung hierin durch Thomas Schober, doch versenkte er sich auch in Speier nicht so tief in das Studium,8) daß er sich nicht (im November) die Zeit genommen hätte, mit einem der ihm befreundeten „Praktikanten“, dem pommerschen Edelmann Matthias Zitzewitz, der schon auf dem Wege von Augsburg nach Speier sein Reisegefährte gewesen, sich für neun Tage „auf der Roll“ nach Heidelberg zu begeben und sich dort die von nah und fern eine Menge von Fremden anziehenden Ritterspiele bei der von dem Kurfürsten Friedrich II. „ausgerichteten“ Doppelhochzeit eines Grafen von Westerburg und eines Grafen von Hanau anzusehen.4)* *Im * Mai des nächsten Jahres (1552) fand die Speirer „Praxis“ Fröschels ein unerwartet rasches Ende, als König Franz von Frankreich nach der Ein­ nahme von Metz (10. April) die Absicht kundgab, das Kammer-

J) Ueber dieses Gericht: Ickstatt, „Geschichts- und aktenmäßiger Unter­ richt von dem Landgerichte und der Grafschaft Hirschberg“. Ohne Ort, 1751. *) Biezler, Geschichte Baierns, Bd. IV (Gotha 1899), S. 412; Prantl, 1, S. 221 ff. — Die drei ersten Jesuiten — Salmeron, Canisius, Jajus — stiegen am 23. Nov. 1549 in dem Gasthause ab, das sich in dem Hause von Fröschels Großvater Georg Schober (+ 1547) befand (Theresienstr. Nr. 321—322). Siehe den Aufsatz „Das Scboberhaus zu Ingoist.“ im Ing. 8.-B1., 1890, S. 75. *) Er betätigte sich damals auch als Fischer in „verbotener Weis“. Chronik: „Hab die kunst mit den vischkuglen im Bein versucht, daß die visch doll worden und jechling ans gstat geschossen, daß ich etlich ziemlich grosse bachvisch mit der heraus genomen.“ 4) Hochzeit am 22. November 1551 des Grafen Philipp I. von LeiningenWesterburg mit Amalia, der Tochter des Grafen Symon Wecker V., Grafen von Zweibrücken-Bitsch, und des Grafen Philipp III. von Hanau-Münzenberg mit Helene, einer Tochter des Pfalzgrafen Johann II. von Simmern-Sponheim. Zugleich wurde auch der 70. Geburtstag des Kurfürsten Friedrich II. gefeiert. Die Feierlichkeiten sind besungen und beschrieben in Nik. Cisneri Opusculis (Frankf. a. M. 1658), 8. 345 ff.: Epithalamium ad nuptias illustr. et gener. comitum Phil, ab Hanaw, Helenae Palatinae — et Phil. com. a Leiningen et domini in Westerburg, Amaliae Bipontinae, decantatum etc. (Siehe auch Goedeke, Grundriß, II*, 8.110, Nr. 163.)

14 gericht zu „visitieren“,1) was natürlich die „Gerichtspersonen und jungen Advokaten“ veranlaßte, schleunigst abzuziehen. Auch Hieronymus machte sich davon und „retirierte“ in Gesellschaft zweier Bekannter über Wimpfen, Hall, Dinkelsbühl und Eichstett nach Ingolstadt. Da sie den Weg zu Fuß zurücklegen mußten, nahm jeder von ihnen „zur Kurzweil“ einen Gefährten zu sich: der eine einen Hirschschröter, den er an seinem Hut befestigte, der andere einen Goldkäfer, den er auf dem weiten Marsche mit feuchtem Gras ernährte, und Hieronymus ein Laubfröschlein, das bei der herrschenden Hitze bald schwach und gelb wurde und so oft als möglich im Wasser wieder aufgefrischt werden mußte. Damit gaben sie natürlich, namentlich bei der Einkehr in den Wirtshäusern, Anlaß zu manch lustigen Szenen. Anfangs Oktober des Jahres erhielt Hieronymus von Hans Jakob Fugger, zugleich im Namen Anton Fuggers, eine Zehrung von zweihundert Gulden, um die altberühmte, von so vielen Deutschen besuchte Universität Bologna zu beziehen und seinen Studien den letzten Schliff zu geben, wogegen er sich zu „künftigen fuggerischen Diensten verobligieren“ mußte. Er kommunizierte zum Abschied in der Hl. Kreuzkirche, hielt im Kreise der Mutter, der Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen noch eine feier­ liche „Letze“ und ritt am 23. Oktober „im Namen der Hl. Drei­ faltigkeit“ zum Roten Tore hinaus auf die Münchener Straße „Italien zu“. In Friedberg fand er eine auf ihn wartende Reisegesellschaft, nämlich den bekannten Kaufmann Hieronymus Craffter,2) den seine Geschäfte nach Welschland führten, und zwei Märker, Otto von Arnsperg und Heinrich Goldbeck, „zwen gelehrte Gesellen, so ebenfalls Studierens halb nach Bologna begehrten“. Sie übernachteten in München, und nachdem sie hier am folgenden Tage „die neue Veste und allerlei hin und wider“ besichtigt, ging es weiter am Tegern- und Achensee vorbei über Schwaz und Hall, wo Fröschel die Höchstetter’sche Glashütte interessierte,

*) Chronik: „Am 10. april ist die stat Metz vom König von Franckreich eingeoomen worden ohn Schwertstreich, hab ich unlang davor in convivio von einem metzischen burgermeister gehert, daß dise stat nun lange weil bei der kais. mt. und reichsstenden heftig umb hilf angesucht aber nichts ervolgt. darumb werde sie letzlich der sach anderst nit wissen zu raten, dann ire statthor mit nestlen zuzuknipfen; wer ehe kom, der hab sie............. Were aber solche red wol einer straff wert gewesen.“ s) Er war ein Schwager des Bürgermeisters Jakob Herbrot und einer der Bekanntesten unter den Augsburger Geldleuten. Siehe über die Firma Craffter: Strieder J., „Zur Genesis des modernen Kapitalismus“ (Leipzig 1904), S. 208 ff.

15 dem Brenner zu. Zwei Meilen vor Innsbruck machten sie Halt und bewunderten hier „auf der Werkstätte“ „die einunddreißig gewaltigen, großen Bilder von Erz gegossen“, die für das Grabmal Kaiser Maximilians bestimmt waren; das Trinkgeld für den Zutritt betrug acht Kreuzer pro Mann. In den nächsten Tagen passierten sie Matray, Sterzing, die „eherne Columna“, die an der Straße zum Gedächtnis an das am 3. Mai 1530 hier erfolgte Zusammen­ treffen Karls V. und seines Bruders Ferdinand errichtet worden war,1) Brixen und Bozen, erreichten am 31. Oktober Neumarkt nnd Trient, am 2. November Yerona, wo sich die Studenten von Craffter trennten und ein paar Tage „still lagen“, um die Festung, das Amphitheater — des Berners Haus genannt — „so noch das schönste und ganzest sein soll in ganz Italien,“ und die übrigen Merkwürdigkeiten der Stadt in Augenschein zu nehmen. Am 4. November setzten sie die Reise fort, kamen bei sinkender Nacht an den Po und mieteten, da sie so bald wie möglich in Bologna sein wollten, ein Schiff, das sie nach Pontelecosgura, der nächsten Station jenseits des Stromes, bringen sollte. Aber diese Fahrt wäre ihnen beinahe verhängnisvoll geworden, da ihre ermüdeten Rosse fortwährend Versuche machten, sich in dem kleinen Fahrzeug niederzulegen, und es dadurch ins Schwanken brachten; dazu erlosch auch noch das einzige Licht des Schiffes, so daß man auf Sand geriet. Nur dem Umstand, daß Hieronymus ein Feuerzeug bei sich hatte, mit dem er Licht schlug, hatten es die Reisenden zu danken, daß sie trotz aller Fährlichkeiten am nächsten Morgen glücklich landeten. Am 7. November ritten sie, nachdem dem Goldbeck noch Tags zuvor sein Mantelsack ge­ stohlen worden war, in Bologna ein. Fröschel, der sich anfangs des nächsten Jahres (1553) an der Universität immatrikulieren ließ,2) mußte nun dem Wunsche der Fugger gemäß rasch italienisch lernen und darnach trachten, durch Erwerbung der juristischen Doktorwürde endlich zum Ziel zu kommen. Daneben wollte er aber seine Anwesenheit in Italien auch dazu benützen, von dem, was das Land an Naturschönheiten und Kunstschätzen birgt, das Wichtigste kennen zu lernen, und l) Hormayr, „Die goldene Chronik von Hohenschwangau“ (München 1842), S. 188. s) Friedländer und Malagola, „Acta Nationis Germ. Universitatis Bononiae“, S. 383 unter 1553: Dominus Fröschel Augustensis libras duas. — Knod, „Eine Bologneser Juristen-Matrikel auf der Bibliotheca Estense in Modena“ — Zeitschr. für Kirchengo»ch., ed. Brieger u. Bess, Bd. XVIII (Gotha 1898), S. 135; Derselbe: „Deutsche Studenten in Bologna“ (Berlin 1898), S. 141.

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so setzte er sich, nachdem er anderthalb Jahre in seinem Fach fleißig studiert und sich in den Mußestunden in der Descriptio Italiae von Leander Alberti1) gründlich „ersehen“ hatte, im Mai 1554 wieder aufs Roß, um zunächst die ewige Stadt aufzusuchen. Der auf ihr ruhende Zauber, der jeden Gebildeten gefangen nimmt, verfehlte auch auf Hieronymus seine Wirkung nicht, aber doch kam er zu keinem reinen Genuß der sich ihm mächtig auf­ drängenden geschichtlichen Reminiszenzen, da ihn, einen so gut lutherischen Deutschen, Vieles, was er in dem päpstlichen Rom sah, mit Ekel erfüllte und erst recht überzeugte, daß die Stadt „ein Mittelpunkt aller Laster und der Sitz des Antichrists sei“. Als man am Fronleichnamstag bei der Prozession den Papst (Julius III.) „auf einem Stuhl in Lüften“ einhertrug, hielt er es für seine Pflicht, so lange an die Wand zu sehen, bis dieser Teil des Zuges an ihm vorbei gegangen war. Da ihn nun einmal das Reisefieber gepackt hatte, wagte er sich noch weiter nach Süden hinab bis ins Neapolitanische, dessen bedeutendste historische Stätten er gierigen Auges — freilich nur im Fluge — besichtigte und sich dabei, um ja nichts zu übersehen, trotz der damit ver­ bundenen Kosten von Lohnführern geleiten ließ. Mitte Juni kehrte er nach Rom zurück, von wo aus er noch einen Ausflug nach Tivoli machte; am 23. Juni saß er wieder in seinem Stübchen zu Bologna. Auch im Mai des nächsten Jahres gönnte er sich wieder eine Reise, allerdings nur eine kleine, indem er, um das Prunkfest der Vermählung des Dogen mit dem Meere zu sehen, nach Venedig ritt, wo damals jeder echte Augsburger wenigstens einmal in seinem Leben gewesen sein mußte wie der Mohamedaner in Mekka. Unterdessen hatte Fröschel auch Vorkehrungen zu seinem Doktorexamen getroffen, dem er sich jedoch mit Einwilligung der Fugger nicht in Bologna, sondern in Ferrara unterziehen wollte, da hier die mit dem Promotionsakt verbundene Messe und die Ablegung des Treueides gegen den Papst, die in Bologna für die Doktoranden vorgeschrieben waren, in Wegfall kamen. Außerdem fiel bei dieser Wahl vielleicht auch noch ins Gewicht, daß die Graduierungskosten in Ferrara billiger waren als an irgend einer anderen Universität, und daß die große Milde im Examen, die dort üblich war und der Hochschule den Ruf eines „Refugiums Miserorum“ verschafft hatte, auch dem in seiner Wissenschaft 1) Zuerst in italienischer Sprache erschienen 1550. Später ins Lateinische übersetzt von Guliehnus Kyriander: F. Leandri Alberti Bononiensis Descriptio totius Italiae. Coloniae MDLXVII.

17 nicht ganz Festen ziemlich sicheren Erfolg versprach.1) Fröschels Promotion erfolgte am 31. Juli 1555 durch den bekannten Juristen Johannes Ronchegallus Gioldus, der ihm privatim zwar scharf auf den Zahn fühlte, ihn aber „publice“ nachsichtig „traktierte“, so daß alles „wol erging“. Die Kosten für das Doktorat beliefen sich im ganzen nur auf 21 Kronen. Bezeichnend ist es für Fröschel, daß ihn der Gedanke, als Doctor utriusque juris auch Doctor des kanonischen Rechts zu sein, etwas beängstigte; denn wenn er auch anerkennen mußte, daß „in denselben Büchern viel Gutes begriffen“, so enthielten sie nach seiner Meinung doch noch weit mehr bedenkliche, ja geradezu „gottlose Stellen“, wie es denn „des Teufels fürnehmste Techna ist, Mäusedreck unter den Pfeffer zu mengen.“ Er legte sich das feierliche Gelöbnis ab, die im kanonischen Recht sich breit machenden „Lügen und Lehren des Teufels niemals wissentlich zu defendieren und appro­ bieren“, und schrieb in sein Exemplar der Dekretalen das Distichon: Non credo, quod Roma docet Romaeve sacerdos, Sed quod Tarsensis Paulus ibi docuit. Im ganzen aber war Fröschel, als er am 16. August Bologna verließ, wohl zufrieden. Er spendete sich selbst das Lob, daß er in Italien seine Studien mit Ernst betrieben und sich, ein­ gedenk der Mahnungen seiner Mutter, „vor böser Gesellschaft und leichtsinnigen Weibern“ sorgfältig gehütet habe, so daß er „der welchen Franzosen und Manester“,2) mit denen so viele aus Italien zurückkehrten, „überhebt geblieben“. Dagegen hatte er mehr Geld verbraucht, als den Fuggern, mit denen er nach seiner Ankunft in Augsburg (30. August) abrechnen mußte, billig erschien. Sie hatten ihn „zwölf ganze Jahr, vier Monat, dreizehn Tage — vom 17. April 1543 bis 30. August 1555 — mit Geld, Kleidern, Büchern und aller andern Notdurft“ verlegt, was mehr als 1000 Gulden gekostet,*8) *wollten ** aber 93 Gulden 14 Kreuzer, die er in Italien über sein Deputat hinaus auf seinen Reisen ver­ ausgabt, „nicht passieren lassen“. Als Fröschel den mit ihm verhandelnden Hans Jakob Fugger bat, „so nahe nicht zu rechnen“, 1) A. Luschin von Ebengreuth (Vorläufige Mitteilungen über die Gesch. Deutscher Eechtahörer in Italien) in den Sitz.-Ber. der Wiener Akad., Bd. 127 (Wien 1893), S. 22, 81 ff. *) Manester: Grimm W. B., VI, S. 1538. 8) Fröschel rechnet: „Meine Studia in Teutschland (in Augsburg, Ingol­ stadt und Speier) baben ungefähr costet fl. 616; in Italien mitsambt dem rest.. . fl. 400, kr. 8; zu Nürnberg fl. 502, kr. 20 — suma totius fl. 1518, kr. 28. Got, meinem himlischen vater sei lob und danck in ewigkeit per Christum filium und vergelte es Iren gnaden — den Fuggern — tausentfeltig!“

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18 da man doch auf „solchen fürnehmen Reisen auch zu studieren pflege“, erhielt er die Vertröstung, es werde mit diesem „Rest“ keine Not haben, wenn er sich in den Geschäften, in denen er nun verwendet werden würde, „fleißig und recht“ verhalte. Er sollte nämlich in einem großen Prozeß, den die Fugger gegen einen ungetreuen „Diener“ Namens Georg Hofmann führten, den Advokaten Dr. Hieronymus Hofmann und Dr. Johann Fock zur Hand gehen und sich zu diesem Zweck auf einige Zeit in Nürn­ berg niederlassen. Im November 1555 war Fröschel dort und erhielt bei dem Fugger’schen Diener Dietrich Häufler, der in einem seinem Herrn gehörenden Hause wohnte, freie „Habitation“. Wie in Ingolstadt hatte er auch in Nürnberg Verwandte, die sich seiner annahmen und ihm zu den geselligen Kreisen, in denen sie verkehrten, Zutritt verschafften; es waren dies namentlich sein schon erwähnter Schwager Hofmann, der Juwelier, und dessen berühmter Kunstgenosse Wenzel Jamnitzer, bei dem er Unterricht in der Perspektive nahm. Bald fühlte sich Fröschel in der Stadt, in der er rasch Freunde und Gönner gewann, so völlig heimisch, daß er sich wohl mit dem Gedanken hätte vertraut machen können, hier für immer zu bleiben. Mit dem Fleiß aber, den er der Er­ ledigung seiner Obliegenheiten widmete, war er selbst nicht recht zufrieden; doch scheinen seine Auftraggeber, die Fugger, keinen Mangel daran befunden zu haben, denn sie bewilligten ihm, als sie ihn nach zwei Jahren abriefen, nicht nur 395 fl. 40 kr., die er „außerhalb der Wohnung, Essen und Trinken“ in Nürnberg „für Kleider und Bücher verzehrt“, sondern ließen ihm auch den „italienischen Rest“ samt dem Erlös für das aus Italien mit­ gebrachte Roß — 13 fl. 36 kr. — in Gnaden nach. Und als er noch zu bitten wagte, man möge ihn von der „Obligation“, solche „Beneficia bei ihnen abzuverdienen“, lossprechen, wurde ihm auch dies gewährt. Das war weit mehr, als er hatte erwarten dürfen, und erfüllte ihn mit dauernder Dankbarkeit gegen das Fugger’sche Haus, das in solchen Dingen jeden Fürsten in den Schatten stellte. II. Fröschel als „freier Advokat“, dann als städtischer Advokat und Gerichtsschreiber in Augsburg. 1557—1573. Mit der Rückkehr von Nürnberg nach Augsburg (November 1557) hatte Fröschel seine Lehr- und Wanderjahre beendigt; äußerlich und auch innerlich, denn er stebt um diese Zeit — eben 30 Jahre alt geworden — schon als eine völlig ausgereifte

19 und fertige Persönlichkeit vor uns. Der bei ihm am schärfsten hervortretende Charakterzug ist tiefe, sein ganzes Wesen aus­ füllende Religiosität, die sich bei ihm, einem Schüler und Haus­ genossen Sixt Birks, vom Anfang an im strengen Banne des Evangeliums entwickelt hatte und auf der Hochschule in Ingol­ stadt durch den Umgang mit Philipp Apian, Albreoht Reiffenstein und andern Männern dieser Richtung gefestigt worden war. Die Kämpfe, die nach Luthers Tod und der Beseitigung des Interims innerhalb des Protestantismus ausbrachen, verfolgte er mit größter Aufmerksamkeit, und er war auf das eifrigste bemüht, in dem Gewirre der philippistischen, majoristischen, synergistischen, kryptokalvinistischen und anderer nun ans Licht tretender Lehrmeinungen einen festen Standpunkt zu gewinnen, indem er alles für ihn Er­ reichbare, das die verschiedenen Parteien an Offensiv- und Defensiv­ schriften „ausgehen“ ließen, ernstlich durchstudierte und unter Zugrundlegung der heiligen Schrift gewissenhaft prüfte; und um sich den Inhalt der letzteren so recht zu eigen zu machen, scheute er nicht die Mühe, sie von der ersten bis zur letzten Seite ab­ zuschreiben, womit er in drei Jahren fertig war. Das Ergebnis, zu dem er dadurch kam, war ein unbedingtes, steifes Festhalten an der „reinen, unverfälschten“ Lehre Luthers und eine schroffe Verurteilung des Philippismus,x) Schwenkfeldertums, Kalvinismus und aller anderen gegnerischen Richtungen, ganz im Geiste der Grimmigsten der damaligen Ultralutheraner, des Flacius Illyricus, des Irenäus und Cyriacus Spangenberg,2) deren Verdienste um die Erhaltung des „wahren evangelischen Glaubens“ er an ver­ schiedenen Stellen seiner Chronik rühmt. Im Laufe der Jahre steigerte sich dieser Eifer für die Religion wie bei vielen Anderen der Besten dieser Zeit zu heftigstem Fanatismus, der über alle *) Als Fröschet den Tod Melanchthons in seine Chronik eintrug, fügte er bei: „Dem wöll Gott seine sind verzeihen; dann, nachdem er den wagen und reuter Israelis, den herrn doctor Luther seligen, in spiritu Ultimi Heliae verloren, ist er mit eignem wagen und rossen übel gefahren, mit seinen träumen, astrologia, philosophia und conciliationes auf böse irrweg geraten, wie Lutherus im oft gesagt: Philippe, Philippe, Eure philosophia wirt Euch verfieren! der hat auch seine selbst eigne sententiam hart erfarn: neminem ex hoc saeculo migrare sine acri et acerbo morsu serpentis. Illyricus und andre reine, recht lutherische theologen haben ine treulich gewarnet, aber praeceptor bei dem merern theil furgezogen, daß auch seine discipuli wittenbergenses mit lugen und schandgetichten die reine, treue theologos übel aus­ gemacht, auch [diese] darüber von den wittenbergischen ins elend vertriben und unbillich irer kirchendienst entsetzt, darzu auch allerlai falsche lehre eingefiert samt dem schandtlichen concordibuch.“ s) Siehe über diese Männer die BE.8, Bd. VI, S. 82 ff.; Bd. IX, S. 411 flf.; Bd. XVIII, S. 567 ff.

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20 anderen Regungen des Gemütes die Oberhand gewann und zu der verständigen Lebensauffassung, die Fröschel sonst eigen war, in seltsamem Gegensätze steht. Als Fröschel die verschiedenen Wege, auf denen er sich nun eine Existenz begründen könnte, erwog, kam er zu dem Entschluß, als „freier Advokat“ sein Glück zu versuchen, und zwar in seiner Vaterstadt Augsburg, obwohl hier die Advokaten nicht so gut „als zu Nürnberg und anderswo remuneriert“ wurden und „junge Doktores aus Italien“ die geschäftliche Konkurrenz manchmal erschwerten. Nur eines wollte ihm an Augsburg nicht gefallen: daß hier dem „schändlichen Religionsfrieden“ gemäß „zwei Religionen“ herrschten oder, wie er sich ausdrückte, „ein Teil der Bürgerschaft Christo, ein anderer Belial diente“. Er erwarb sich das Bürgerrecht, und da ein Junggeselle nicht als richtiger Bürger galt, ließ er sich nach einigem Zögern gern dazu herbei, eine Braut, die nach der Sitte der Zeit seine An­ gehörigen für ihn auserkoren, „anzunehmen“. Es war dies die einer hoch angesehenen Patrizierfamilie angehörende Ursula Ehern, die Tochter Christoph Ehems (f 1538), der ebenso bekannt war als ausgezeichneter Stecher und Turnierer wie als Kenner und Liebhaber edler Musik, die Schwester des gleichnamigen mächtigen pfälzischen Kanzlers.1) Sie hatte sich als achtzehnjähriges Mädchen auf „Zurichtung“ ihrer Verwandten mit dem Handelsmann Marx Miller verheiratet,2) war nach fünf Jahren Witwe geworden und hatte sich in einem zum Hause von Fröschels Mutter gehörenden „Nebenhäuslein“ eingemietet. Hieronymus, dessen Bruder Stephan eine Schwester Ursulas zur Frau hatte,*8) * kannte sie seit ihren Kinderjahren, war mit ihr oft bei Familienfestlichkeiten — so bei der oben erwähnten Hochzeit seines Oheims Schober — mit ihr zusammengekommen und hatte auch noch nach ihrer Ver­ heiratung mit ihr in freundschaftlichem Verkehr gestanden. Am 18. August 1557 wurde nach den üblichen Verhandlungen, bei denen auch Anton Fugger mitwirkte, der Heiratsbrief aufgesetzt, am 9. Oktober fand das „Hinschwören“ statt, am 16. November die Hochzeit.4) „An diesem Tage,“ schreibt Hieronymus, „hab ich im Namen des Herrn, der Himmel und Erden erschaffen hat, meine herzliebe Ursula Ehern ehlich und ehrlich zur Kirchen *) Anhang D, 4. *) Am 29. Juli 1551. — Anhang D, 7. 8) Sibilla Ehern vermählt am 20. August 1544 mit Stephan Fröschel (Hochzeitsbuch der Geschlechter). — Anhang D, 2. *) Die Hochzeit eingetragen im Hochzeitsbuch der Geschlechter. — Siehe auch Anhang D, 7.

21 geführt, vor Gott und der christlichen Gemeinde vermählet zu St. Anna; gab ihr zwen King: einen Diamanten, r. fl. 20, und einen Kubin, fl. 25, so mir Bruder Stephan zum wolfeilsten ver­ kauft, Sie ist mir aber doch der rechte tugendreiche Diamant und Karfunkelstein gewesen.“ Und an den Rand dieser Bemerkung zeichnete er drei Sterne, um anzudeuten, wie hell und freundlich es nun auf seinem Lebenswege geworden. In der Tat konnte er mit seiner Heirat wohl zufrieden sein. Die Mitgift seiner Frau betrug die verhältnismäßig stattliche Summe von 5000 Gulden, und ihre Zugehörigkeit zum Patriziat verschaffte ihm Zutritt zur Herrenstube als „Mehrer der Gesell­ schaft“1) und brachte ihn in engere Beziehungen zu den vor­ nehmsten Geschlechtern der Stadt. Die Hauptsache aber war, daß Ursula alle die Eigenschaften besaß, die einen Mann von der Art Fröschels besonders einnahmen. Sie war einfach und ein­ gezogen, eine unermüdliche Bibelleserin,2) eine wohlgeschulte Sängerin, die sich und die Ihrigen gern durch den Vortrag geist­ licher Lieder erbaute und dazu geschickt auf der Laute spielte. Und auch die Tugenden der schaffenden und ordnenden Hausfrau fehlten ihr nicht; sie war in allen weiblichen Handarbeiten wohl bewandert, saß als fleißige „Lanifica“ gern am schnurrenden Rädchen, verstand es trefflich, das ganze Hauswesen behaglich zu gestalten, und lebte mit der Mutter ihres Mannes, in deren Hause sie wohnten,3) in so herzlichem Einvernehmen, als wäre sie ihre leibliche Tochter gewesen. Hieronymus seinerseits war darauf bedacht, seinem Heim ein stattliches Aussehen zu geben, indem er es im Laufe der Zeit mit allerlei mehr oder weniger kostbaren Antiquitäten und Raritäten von der Art, wie man sie damals in sogenannten Kunst­ kammern zu sammeln begann, ausstattete. Besondere Freude aber hatte er an schönen Gemälden und an Bildnissen von Familien­ gliedern. Sein eigenes Porträt ließ er von dem ihm befreundeten Christoph Amberger fertigen, das seiner Frau von dem in Augs­ burg ansässigen Niederländer Abraham del Hele, die Contrafetts seiner Kinder von einem anderen Niederländer, den er Friedrich *) Diese Gesellschaft wurde gebildet aus den nichtpatrizischen Schwieger­ söhnen der Geschlechterfamilien. Ein Epigramm Fröschels auf Ursula, die Bibelleserin, in der Chronik 8. 348. 8) Fröschel wurde 1559 selbst Hausbesitzer, indem er dem Nestler Christoph Huber auf dem Boßmarkt ein kleines Haus um 1200 Gulden ab­ kaufte. Er veräußerte es wieder im Jahre 1588 um 700 Gulden, also mit Schaden.

22 nennt.1) Auch er selbst zeichnete und malte in dieser Zeit manch hübsches Blättchen, das er später im Original oder in Kopie in seine Chronik einklebte. Daneben diente er in guten Stunden auch gerne den Musen, und was sich davon erhalten hat, verrät ungewöhnliche Gewandtheit im Ausdruck und einen gut aus­ gebildeten Formsinn. Am besten glückten ihm lateinische Epi­ gramme auf merkwürdige Personen und Begebenheiten, aber auch einige größere in lateinischen Distichen oder in Hexametern abgefaßte Dichtungen verdienen Beachtung. Wir heben aus diesen Arbeiten hervor eine Paraphrase des Vaterunsers, verschiedene Psalmendichtungen und eine Klage über die Veränderung des Augsburger Stadtwappens, in welches das Kopfbildnis der heid­ nischen Göttin Cisa aufgenommen worden war, — ein Gedicht, das auch insofern für Fröschels Denkart charakteristisch ist, als es zeigt, daß er dem „ Heidnischen“ nicht einmal im Reiche der Phantasie Raum gönnen wollte und dem „Götzendienst“ in der Kunst so feindselig gegenüberstand wie dem in der Religion.2)* An Klienten, sowohl an solchen, die sich wegen einzelner Prozesse an ihn wandten, als auch solchen, die ihn gegen eine jährliche Bestallung zu ihrem Anwalt machten, mangelte es dem neuen Advokaten nicht. Den Grundstock derselben bildeten Augsburger Patrizier und Kaufleute — unter ihnen die Firma Manlich und Gesellschaft8) — sowie Herren des bayerischen und schwäbischen Adels. Die sich zum Teil weithin verzweigenden Händel derselben, die er auszufechten hatte, nötigten ihn zu fort­ währendem Hin- und Herreiten und auch zu größeren Reisen, die seinem immer noch lebhaften Geist zwar nach verschiedenen Richtungen hin fruchtbare Anregungen zuführten, aber mit der Zeit, namentlich wenn sie zu lange dauerten, dem über die Jugendjahre hinaus Rückenden wegen der damit verbundenen Mühseligkeiten und Gefahren doch etwas lästig wurden. Im Jahre 1560 ritt er in Sachen des Kaufmanns Hieronymus Craffter4)* * * nach Aschaffenburg zum Kurfürsten von Mainz, nach Koblenz ’) Siebe hierzu die auf Einträgen in der Fröschel’schen Chronik fußenden Notizen von W. Schmidt im Repertorium für Kunstwissenschaft, Bd. XXXI, S. 244 ff. *) Siehe hierzu Roth, „Das Aufkommen der neuen Augsburger Stadtpir mit dem Capital und dem Cisa- oder Cybelekopf um 1540“, in dieser Zeit­ schrift, Bd. XXXV (1909), S. 124 ff. 8) Zu dieser Gesellschaft geh5rten damals (1564): Melchior und Simon Manlich, Philipp Welser, Carl Neithart, Melchior Manlich jun. Die Bestallung Fröschels betrug 200 Gulden. 4) Siehe über ihn oben S. 14 Anm. 2. Den Gegenstand des Prozesses, um den es sich handelte, gibt Fröschel hier wie auch sonst nicht an.

23 zum Kurfürsten von Trier, nach Heidelberg zu dem Pfälzer und nach Mergentheim zu dem Deutschordensmeister; und noch im gleichen Jahre mußte er in dem Prozeß, den Sebastian Schertlin gegen Ludwig von Grafeneck, den Grafen Ludwig von Oettingen, Hans Christoph Vöhlin und den bekannten Augsburger Stadtarzt Gereon Sailer führte,1) zum Kaiser nach Wien. 1563 und 1564 reiste er im Dienste des Augsburger Postmeisters Seraphim von Taxis2)* zweimal nach Wien, auch nach Preßburg mitten durch die streifenden Rotten der Türken hindurch, dann nach Mecheln, Antwerpen und Brüssel. Besondere Unruhe verursachte ihm die zusammen mit Anderen übernommene Verteidigung des in die Grumbach’schen Händel verwickelten Ritters Albrecht von Rosen­ berg,8) und die ihm dadurch erwachsene Arbeitslast war so groß, daß er darüber nicht unbedenklich erkrankte. Diese Krankheit war nicht das einzige, aber das ausschlag­ gebende Motiv, daß ihm die Beschwerden seines Berufes so recht zum Bewußtsein kamen und in ihm die Sehnsucht nach einer etwas gemächlicheren Stellung rege wurde. Er vertraute sich seinem Arzt, Freund, Verwandten und religiösen Gesinnungs­ genossen Achilles Gasser, dem bekannten Verfasser der Annales Augustenses an4) und bewirkte durch dessen Verwendung bei dem Stadtpfleger Heinrich Rehlinger,5) daß ihm das eben erledigte Amt eines städtischen Gerichtsschreibers und Advokaten, neben dem innerhalb gewisser Schranken auch private Advokatur aus­ geübt werden durfte,6) übertragen wurde.7) Da sich die mit dieser ') Siehe hierzu Stetten, Geschichte Augsburgs, I, S. 540, 544, 572; Herberger, „Seb. Schertlin von Burtenbach und seine an die Stadt Augsburg geschriebenen Briefe“ (Augsburg 1852), S. CXIX. *) Zu dem Prozeß siehe Stetten, I, S. 557, 560, 562; Ober die Persön­ lichkeit Seraphims von Taxis: A. Werner im Sammler (der Augsburger Abendzeitung), 1908, Nr. 68. — Bei den von Fröschel in dieser Sache zu Brüssel geführten Verhandlungen präsidierte der bekannte frühere Ingolstädter Professor Viglius von Zwichem, der während derselben am 30. Dezember 1564 vom Schlage gerührt wurde. •) Sehr ausführlich verbreitet sich über diesen Prozeß Ortloff, Gosch, der Grumbach’schen Händel, Bd. III (Jena 1869), § 12 S. 58 ff, § 49 S. 291 ff., § 60 S. 302 ff. und Bd. IV, § 51. 4) Siehe über ihn die Allg. D. Biogr., Bd. VIII, S. 398 ff.; Frensdorf f in der Einleitung zu dem IV. Band der Chron. d. d. Städte (Leipzig 1865), 8. XLIV ff. — Sein Verwandtschaftsverbältnis zu Fröschel ist aus Anhang D zu ersehen. *) Er war Stadtpfleger von 1549—1575. e) Er mußte die „Pensionen“, die er von Privatpersonen hatte, nach Ablauf der Bestallunggfrist aufgeben, durfte aber „Fremden contra Fremd sowie Bürgern contra Fremd“ dienen und advocieren. ’) Der Bestallungsbrief hat sich im Augsburger Stadtarchiv erhalten.

24 Stelle verbundenen Bezüge, die 150 bis 250 Gulden betragenden Nebeneinnahmen eingerechnet, nur auf etwa 500 bis 600 Gulden beliefen,1)2 konnte er sich im Hinblick auf die Höhe seines bis­ herigen Verdienstes allerdings die Frage vorlegen, ob er bei dieser „Änderung“ nicht „ab equis ad asinos absteige“; aber nach nochmaliger Erwägung aller Umstände und eingehender Be­ ratung mit den Seinigen entschloß er sich dennoch zuzugreifen, trat im März 1567 das Amt an und zog im Mai aus dem Haus seiner Mutter in eine Dienstwohnung bei St. Anton. Das Glück, das ihm bis dahin im allgemeinen ziemlich hold gewesen, machte diesen Umzug nicht mit, denn schon einige Monate nachher brachen schwere Schicksalsschläge über Fröschel herein, als sollte wenigstens für ihn die auf das Jahr 1567 ver­ kündete Prophezeiung von großem Unheil?) in Erfüllung gehen. Das erste Unglück war der Tod seiner Gattin, „sein größtes Herzeleid auf dieser Welt“. Sie starb, nachdem sie ihm vier Söhnchen und zwei Töchterchen geschenkt,3) der Geburt eines siebten Kindes entgegensehend, am 1. September 1567, erst 35 Jahre alt. Fröschel ließ ihr von dem Pfarrer bei den Bar­ füßern, Johann Rem,4) eine Leichenrede halten, was in Augsburg erst seit zwei Jahren üblich war,5)6 und ihr Andenken wurde von Albrecht Reiffenstein und — später — von dem „kaiserlichen *) Fröschel hat die Menge der Posten, aus denen sich dieser Betrag zu­ sammensetzte, auf S. 221 seiner Chronik genau aufgezählt. 2) Auf S. 253 seiner Chronik berichtet Fröschel: „In disem jar hat im auch ain gelerter man imaginiert, wie zun Zeiten Noeh die sündflut über die gantze ungleubige weit gangen ist, also wird in disem 1567. die weit mit feur undergen und verzeret werden, das hat er genomen aus dem wort diluvium, welch wort hat 8 buchstaben, wie nur 8 menschen in der archen Noeh erhalten worden, darnach seind alle 8 buchstaben numerales und geben just die zal gegenwertigen 1567. jars: 500 D 1 2 I 1 50 3 L 4 V 5 5 5 y 1 I 6 7 V 5 M 8 1000' 8 1567. 8) Anhang C. 4) Magister Johann Kern war Pfarrer bei den Barfüßern von 1560 bis 4. August 1571. (Gestorben „an der neuen ungrischen Sucht“.) — Bestattet wurde Ursula auf dem Friedhof bei St. Stephan. 6) Siehe die Chronik von Gasser-Werlich (Frensdorff, 1. c. S. XLV), III, S. 114.

25 Poeten“ Johann Fraxineus in prunkvollen lateinischen Versen1) verherrlicht. Ein zweiter, fast gleichzeitig eintretender Unglücks­ fall war der Bankerott von Fröschels Bruder Stephan, der sich nach Lösung des mit Bürgermeister Herbrot abgeschlossenen Dienstvertrages selbständig gemacht und zuletzt einen aus­ gedehnten Handel mit Goldwaren, Juwelen und anderen Luxus­ gegenständen betrieben hatte; er mußte als Gantner in die Freiung von St. Ulrich fliehen, die er erst im nächsten Sommer verlassen konnte, nachdem er sich mit seinen Gläubigern ver­ glichen. Abgesehen von dem Verdruß wegen der „Schmach“, die dieser Vorfall über die ganze Fröschel’sche Familie brachte, wurde Hieronymus auch noch finanziell schwer in Mitleidenschaft gezogen, da seine Frau vor mehreren Jahren von ihrer Mitgift einige tausend Gulden in das Geschäft ihres Schwagers gesteckt und er selbst mit seinem Bruder Benedikt und einem anderen Verwandten für 10000 Gulden, die Stephan von den Fuggern aufgenommen, hatte bürgen müssen. Das war nun alles verloren,2) und Fröschel mußte sehr froh sein, daß sich die Fugger in diesem Handel ihm gegenüber als außerordentlich nachsichtige, ja groß­ mütige Gläubiger erwiesen und ihn dadurch vor großen Verlegen­ heiten bewahrten. Es wird ihm deshalb nicht angenehm gewesen sein, daß er im Dezember 1569 vom Kate beauftragt wurde, den in der Augs­ burger Stadtgeschichte rühmlich bekannten Geheimen Rat Hans Bapt. Hainzel und den Ratsherrn Job. Matthäus Ständer3) nach Prag an den kaiserlichen Hof zu begleiten, um dort die Ein­ stellung eines in einem Familienstreit der Fugger von Hans Jakob Fugger durchgesetzten Rechts Verfahrens, das eine Verletzung der Augsburger Gerichtsprivilegien in sich schloß, zu erlangen.4) Daneben sollten die Gesandten auch darauf hinwirken, daß die 1) Das mehr als zehn Seiten lange Epicedium Reiffensteins in der Chronik S. 242 ff., das Gedicht des Fraxineus (U. Fröschelianae, piae conjugi imcomparabili), S. 310 ff. Siehe über Fraxineus Wibel, „ Hohen lohische Kyrchen- und Reformationsgesch.“, Bd. I (Onolzbach 1752), S. 599. Anm. d. 2) Wie schwer Fröschel von diesem Bankerott betroffen wurde, zeigen die Steuerbücher. Er bezahlte bis 1567 jährlich 30 d. 25 fl. 6 d., dann nur noch 30 d. 6 d. Er war also fast ein „Nichtshäbiger“ geworden und stand nun als Steuerzahler auf der Stufe eines armen Taglöhners. 8) Ueber Hans Bapt. Hainzel siehe Stetten d. J. Lebensbeschreibungen zur Erweckung u. Unterhaltung bürgerlicher Tugend, I (Augsb. 1778), Nr. 6. — Johann Matthäus Stamler trat 1566 in den Rat, wurde später Geheimer Rat, resignierte 1584 und starb am 2. Mai 1588 zu Schwabmünchen im BaumgartnerSchlößchen. 4) Stetten, Gesch. Augsburgs I, S. 588.

26 Absichten derer, die den nächsten Reichstag nach Augsburg bringen wollten, vereitelt würden. Am 20. Dezember fand die Audienz vor dem Kaiser, bei der Fröschel die Werbung vor­ zubringen hatte, statt, und es wurde in beiden Angelegenheiten ein günstiger Bescheid erzielt. Im Uebrigen war der Dienst, dem Fröschel zu obliegen hatte, zwar ziemlich arbeitsreich, aber — und darauf kam es ihm damals an — ruhig und wenig aufregend, da er sich zumeist auf Kanzleisachen beschränkte. Die Mußestunden verbrachte er jetzt am liebsten in dem hinter dem Hause liegenden Gärtchen, wo er außer den heimischen Pflanzen auch fremde, aus fernen Ländern stammende, die eben damals in Augsburg Eingang fanden, hegte und pflegte.1) Diese kleinen aber reinen Freuden wurden ihm von Tag zu Tag mehr zum Bedürfnis. Bei den Stadtpflegern und den Geheimen war Fröschel eine wohlgelittene Persönlichkeit, und er hatte keinen Grund, eine neue Aenderung in seinen beruflichen Verhältnissen zu wünschen — da traten plötzlich Umstände ein, die ihn nötigten, den ihm lieb gewordenen Wirkungskreis aufzugeben. Er hatte seit dem Tode seiner Frau die Führung des Haushaltes einer Nichte derselben, der gleichfalls einer Patrizierfamilie entstammenden Regina Pfister übertragen,2) die schon als kleines Mädchen in seinem Hause Auf­ nahme gefunden und hier gewissermaßen ihre Erziehung erhalten hatte. Diese nun gedachte Fröschel auf Betreiben Gassers zu ehlichen, fand aber, als er im Sommer 1572 seine Absicht laut werden ließ, wegen der zu nahen Verwandtschaft,2) die zwischen ihm und Regina bestand, beim Rate entschiedenen Widerstand. Sein Hinweis auf mehrere ähnlich gelagerte Präzedenzfälle3) wollte nicht ziehen; man bedeutete ihm, daß das, was früher geschehen konnte, da die Stadt noch ihr eigenes Ehegericht besaß,4) jetzt, nachdem in derartigen Händeln das bischöfliche Chorgericht wieder zuständig sei, nicht mehr anginge und jedenl) Chronik, S. 272 (1570): „Am 3. april seet ich die lang, groß, hoch blumen rosam solis, ist mir 16 schuch hoch gewachsen, der samen soll erstlich aus Peru komen sein, die blumen in der grös wie ain ziemlich mansparet. de viribus non constat. wo man die stamm verwundt, da lauft ein gummin heraus “ — S. 279 (1672): „Seind die doppelpeonien in Augspurg noch gar frembd und seltzam gewest; ist mir eine in meinem gertlein bei s. Anthoni ausgeschloffen, das wfirtzlein der fromm herr Hans Stöcklin mir gegeben, das hab ich meiner krancken mutcr gebracht, hat sich darob hoch erfreut.* ’) Anhang D, 3. 3) Vgl. Gasser-Werlich, III, S. 54. *) In der Zeit, in der die Stadt eine rein evangelische war: 1537—1548-

27 falls eine päpstliche Dispens erholt werden müsse. Von einer solchen aber wollte Fröschel durchaus nichts wissen: der Gedanke, dem Papste etwas verdanken zu sollen und sich von ihm, wie dies Usus war, in der Dispensationsurkunde als „dilectus filius“ ansprechen zu lassen, war ihm unerträglich. Und auch mit dem Vorschlag Hainzeis, auf kurze Zeit aus der Stadt auszutreten, sich auswärts trauen zu lassen und dann zurückzukehren, konnte er sich nicht befreunden, denn eine auf diesem Wege zustande­ gekommene eheliche Verbindung, meinte er, würde nachher doch bei vielen Augsburgern den Schein einer Winkelheirat an sich tragen. Er mußte also fort; und indem er sich nach einer neuen Stellung umsah, wurde sein Blick nach dem mit Augsburg so eng verbundenen Donauwörth gelenkt, das soeben seinen Advokaten Dr. Johann Hektor Mayr1) verloren hatte und Ersatz suchte.2) Nach einigen Besprechungen mit dem Bürgermeister des Städtchens Hans Galgenmayr und dem Stadtschreiber Wolf Tischinger brachte es Fröschel dahin, daß ihm der Dienst zugesagt wurde, worauf er seinen Augsburger Herren kündigte. An Besoldung erhielt er zwar neben dem Bezug von zehn Fudern Holz, einer schönen Wohnung, Steuer- und Ungeldfreiheit nur 200 Gulden, dafür wurde ihm aber die volle Ausübung der Advokatur zugestanden, nur daß er, wenn er Fürsten und fürstenmäßigen Herren dienen wollte, zuvor die Genehmigung des Donauwörther Kates ein­ zuholen hatte. Die Bestallung galt für drei Jahre, das Aufzugs­ geld betrug 20 Gulden. Indem er bei seinem Abzug aus Augs­ burg das Bürgerrecht der Stadt beibehielt, zeigte er, daß er nicht für immer von ihr Abschied zu nehmen gedachte.

m. Fröschel als städtischer Advokat in Donauwörth 1573—1577. So hatte sich Fröschel aus der Vaterstadt, in der er seine Jugend verbracht und so viele freud- und leidvolle Jahre verlebt, selbst verbannt, aber er hatte niemals zu klagen, daß er sich in einem Tomi befinde. Er wußte sich auch an dem neuen Wohnsitz ein warmes Nest zu bereiten und fand auch hier bald viele Freunde, unter denen wir den sich ihm als Dichter nahenden Georg ') Er war ein Sohn des Augsburger Ratsdieners Paul Hektor Mayr. *) Siehe über die Aufstellung von Advokaten in Donauwörth Stenger, »Verfassung und Verwaltung der Reichsstadt Donauwörth 1193—1607“ (Donau­ wörth 1909), S. 50. — S. 160 ist dort der Bestallungsbrief abgedruckt, der für den 1569 als Advokat aufgenommenen Dr. Peter Fewrer ausgestellt wurde. Er galt, vielleicht mit kleinen Abweichungen, wohl auch für Fröschel.

28 Cleminius hervorheben.1) Eine Woche nach seinem Aufzug in Donauwörth feierte er mit Regina Pfister in Gegenwart vieler ansehnlicher Gäste aus Augsburg und seiner neuen „Herren“ eine stattliche Hochzeit,2) die er sich 100 Gulden kosten ließ. Wenn auch diese zweite Ehe auf Fröschels Seite keine eigentliche Liebesheirat war, so gestaltete sie sich doch wie die erste auf das glücklichste, denn Regina erwies sich ihm, wie er in seiner Chronik öfter rühmt, als eine aufmerksame, verständige Gefährtin in allen Lebenslagen, war eine vortreffliche Christin und seinen Kindern von Ursula eine sorgsame Stiefmutter, die keinerlei Unter­ scheidung zwischen diesen und den eigenen, die sie ihrem Mann im Gang der Jahre gebar, erkennen ließ. Zudem zeichnete sie sich durch feine Manieren und gesellschaftliche Talente aus, die ihr überall, wo sie hinkam, auch in den höchsten Kreisen, Geltung und Beliebtheit verschafften. Auch von ihr existierte ein Porträt, eine Kohlenzeichnung Wilhelm Reiffensteins, eines Bruders des von uns schon genannten Juristen Albrecht Reiffenstein,3) aber es ist gleich allen andern Familienbildnissen der Fröschel, wie es scheint, leider verloren gegangen oder doch verschollen. Die dienstlichen Aufgaben Fröschels in dem kleinen, damals nur etwa 4000 Einwohner zählenden Donauwörth4) waren natur­ gemäß sehr eng und meist „wenig erheblich“. Aber er tat mehr, als seine Pflicht gewesen wäre, und verstand es, der Stadt schon bald nach Beginn seiner Wirksamkeit einen großen Dienst zu leisten, indem er seine freundschaftlichen Beziehungen zu dem neuburgischen Kanzler Walther Drechsel5)6 und dem Statthalter *) Georgius Cleminius Donauwerdanus ist in weiteren Kreisen bekannt als Verfasser einer Gedenkrede auf den Pfalzgrafen Philipp Ludwig (Schmidt, Gesch. der Erziehung der pfälz. Wittelsbacher, Berlin 1899, S. LXXXIV, Anm. 3) und anderer Schriften dieser Art. Er ließ sich im Jahre 1578 in Heidelberg immatrikulieren, studierte die Rechtswissenschaften, wurde auf Empfehlung Fröschels 1580 Präceptor der Sohne des Schenken Friedrich von Limburg — Eberhard und Georg —, wirkte an der Universität später als Professor und wurde 1593 Rektor der pfalzgräflichen Landesschule in Lauingen, wo er juristische Fächer lehrte. (Clesca, Das Gymnasium illustre .... zu Lauingen, 1561—1616, Progr. des Gymnasiums in Neuburg, 1848.) 2) Ebenfalls eingetragen im Hochzeitsbuch der Augsb. Geschlechter. 8) Siehe oben S. 8, Anm 10. — Ueber Wilhelm ReifFenstein siehe den Aufsatz von Jacobs in der Zeitschr. des Ver. für sächs. Kirchen-Gesch. der Provinz Sachsen, Bd. III, S. 48 ff. — Sein Lob als Maler in Fröschels Chron. unter 1575. 4) Einen Einblick in den damaligen Stand des Donauwörther Gemein­ wesens gewährt neben dem oben (S. 27, Anm. 2) zitierten Buch Stengers; Stieve, „Der Ursprung des dreißigjährigen Krieges“, Bd. I (München 1875), S. 9 ff. 6) Walther Drechsel von Dinkelsbühl, der seine Studien in Heidelberg gemacht hatte (Matrikel: 29. Januar 1549).

29 Andreas Fuchsx) dazu benützte, die schon seit langer Zeit zwischen den Neuburger Herzogen und Donauwörth bestehenden Zwistig­ keiten zu vergleichen (Dezember 1573), was bisher niemals hatte gelingen wollen. Als im nächsten Jahre Herzog Ludwig Philipp mit Anna von Cleve seine Hochzeit feierte,*2) waren Fröschel und Bürgermeister Galgenmayr als Vertreter der hierzu eingeladenen Stadt in Neuburg als Gäste anwesend und kehrten mit Geschenken, wie sie bei solchen Gelegenheiten üblich waren, nach Hause. Die dankbaren Reichsstädter erhöhten ihrem Advokaten daraufhin (1575) nicht nur seine Besoldung um 80 Gulden, sondern ge­ statteten ihm auch, dem Neuburger Herzog, der dies wünschte, in einer Streitsache gegen die Nothaft (mit einer Bestallung von 50 Gulden) „von Haus aus“ zu dienen. Auch sonst hatte Fröschel viel zu „advozieren“, obwohl er nicht für Jedermann, der sich an ihn wandte, zu haben war. Er gewöhnte sich nämlich mehr und mehr daran, seinen Beruf von der idealen Seite aufzufassen und vor allem nach dem Ausspruch bei Sirach (4, 32, 33) zu handeln: „Diene einem Narren zu seiner Sache nicht und siehe seine Gewalt nicht an, sondern verteidige die Wahrheit bis in den Tod!“ Von einer Beteiligung an kaufmännischen Geschäften seiner Kunden hielt er sich im Gegensätze zu manchen anderen Advokaten mit Ausnahme eines einzigen Falles fern. Es handelte sich dabei um den unsers Wissens ersten Versuch, den Torfstich in Bayern — bei den in der Nähe Augsburgs liegenden Dörfern Stätzling und Mühlhausen — einzuführen. Der Plan ging von der Augsburger Gesellschaft Matthäus Stamler und Daniel Höchstetter aus, die Fröschel (1573) für dieses Unternehmen als Mitglied aufzunehmen versprach, wenn er ihr hierfür von dem bayerischen Kanzler, dem er einen Teil des erhofften Gewinnes in Aussicht stellen sollte, ein Privilegium erwirke.3) Fröschel erlangte zwar ein solches und das Geschäft kam in Gang, aber der Torf fand bei den Augsburgern, die zunächst als Abnehmer in Betracht kamen, wenig Eingang, und als auch noch Beschwerden der Landleute einliefen, daß in den in den Torfgründen gezogenen Gräben, die sich mit Wasser füllten, das Vieh ertrinke, kam das so verheißungsvolle Unternehmen schon nach einigen Jahren zum Stillstand. “) Andreas Fuchs, Statthalter in Neuburg, Landrichter zu Graißpach, Pfleger zu Monheim. 2) Sie fand statt am 27. Sept. 1574. (Beschreibung im Neuburger Wochenblatt, 1824. S. 55.) “) Siehe hierzu meine Notiz im Sammler der Augsb. Abendzeitung, 1907, Nr. 142; Gasser-Werlich, III, S. 139.

30 Auswärts hatte Fröschet die Stadt nur einmal, auf einem Städtetage in Speier (1574), zu vertreten. Von den einheimischen Händeln drehten sich die meisten um die Beschwerden, welche von den wenigen in der Stadt ansässigen „papistischen“ Bürgern und von den Mönchen des noch aus der katholischen Zeit her bestehenden Klosters zum Hl. Kreuz gegen das sie in der Aus­ übung ihrer Rechte und ihrer altkirchlichen Zeremonien immer mehr einschränkende evangelische Stadtregiment erhoben wurden.1) Natürlich war Fröschel vollständig mit diesen Maßnahmen seiner Herren einverstanden; er warnte zwar vor offener Verletzung des Augsburger Religionsfriedens, war aber im übrigen doch der Meinung, daß es das Beste wäre, mit den Papisten, „des Teufels Ungeziefer“, in dem Städtchen völlig aufzuräumen, da es un­ möglich sei, mit ihnen auszukommen.2) Aber nicht nur auf diesem Wege suchte er dem „Antichrist“ Abbruch zu tun, sondern auch dadurch, daß er nach dem Beispiel der Jesuiten eifrigst auf Seelenfang ausging. So hielt er es für seine Pflicht, seine katholisch gebliebenen Verwandten aus der Familie Schober, namentlich seinen Schwager, den Ingolstädter Bürgermeister Georg Schober den Jüngern,3) zum Uebertritt zu „adhortieren“ und seine im bayerischen Dienst stehenden Freunde — unter ihnen den Hofsekretär Johann Neuhofer —, als sie wegen ihrer evangelischen Gesinnung in Bedrängnis gerieten, mit ernsten Worten zur Standhaftigkeit zu mahnen. Da war es ihm denn eine große Genugtuung, als es ihm (1573) gelang, einen seiner adeligen Klienten, den Junker Wilhelm von Rietheim, für die Augsburger Konfession zu gewinnen und ihn zur Einführung der Reformation in seiner Herrschaft Angelberg zu bewegen. Und als Rietheim dabei auf heftigen Widerspruch des Bischofs von Augsburg und seines Lehensherrn, des Abtes von Kempten, stieß, gingen ihm Fröschel und dessen Freund und Verwandter Dr. David Bürkel4) mit Rat und Tat erfolgreich zur Hand und verschafften J) Stieve, 1. c. S. 17 ff.; Königsdorfer, „Geschichte des Klosters zum Heiligen Kreuz in Donauwörth“, Bd. II, S. 180 ff., 200 ff. *) Stieve, 1. c. Anm. 7 zu S. 21. 8) Siehe über ihn Anhang A, 13. Er blieb katholisch, wie außer andern aus den von ihm gemachten Aeußerungen bei Hartmann, „Der Prozeß gegen die prot. Landstände in Bayern“ (München 1904), S. 16 ff. zu sehen ist. *) Geboren am 14. Juni 1528, gestorben am 28. Juli 1590, nachdem er infolge Einatmens von vergifteten Dämpfen gelegentlich alchimistischer Ver­ suche „ganz kindisch“ geworden. Seine Hauschronik mit Daten zu seiner Biographie hat sich in der Augsb. Stadtbibi, erhalten. Die Handschrift ist erwähnt bei Zapf, Augsb. Bibliothek, II (Augsb. 1795), S. 752.

31 ihm den wirksamen Beistand des Pfalzgrafen Philipp Ludwig von Neuburg und des Herzogs Ludwig von Württemberg.1) Unterdessen hatte sich zu den früheren theologischen Streit­ fragen auch noch die über das Wesen der Erbsünde gesellt, die die Kampfwut der Theologen zum Aeußersten aufstachelte und selbst in die breiteren Volksschichten leidenschaftliche Erregung trug. Einer der heftigsten Vorkämpfer auf Seite der altlutherischen Partei war auch in dieser Sache Cyriacus Spangenberg, der deshalb Ende 1574 aus Mansfeld hatte weichen müssen und nun als „Exul Christi“ mit seinen Leidensgenossen Peter Treuer und Mag. Joh. Rosa von Augsburg her im Juni 1575 nach Donauwörth kam, um von da nach Nürnberg weiter zu reisen. Er weilte einige Tage bei Fröschel, mit dem er sich über die alle Welt bewegenden theologischen Händel, besonders eifrig über die Erbsünde und das im Mittelpunkt des Interesses stehende Konkordienbuch, besprach, das sie in der soeben zu Torgau festgestellten Form kannten. Beide waren einig in der Verwerfung desselben, schon weil es in der Lehre von der Erbsünde „irrig“ war, und der Widerwille, den sie dagegen hattön, übertrug sich auch auf den „Vater“ des Werkes, Dr. Andreae, in dem sie nichts Anderes als ein vom Teufel zum Verderbnis der Seelen auserkorenes Werkzeug erblicken konnten. Fröschel legte Wert darauf, sich gleich seinem Verwandten Gasser öffentlich als Anhänger und Parteimann Spangenbergs zu bekennen, und ging am 5. Juni nebst seiner Frau und einem Diener in Gemeinschaft mit Spangenberg zum heiligen Nachtmahl. Letzterer bemühte sich, die ihm von Fröschel damals erwiesene Gastfreundschaft zu vergelten, indem er ihn, den er schon früher gelegentlich durch dichterische Gaben erfreut hatte,2) durch ein hübsches Akrostichon zur Geburt eines

') Siehe hierzu ßoth, „Die Reformation der Herrschaft Augelberg durch Konrad von Rietheim am 6. und 13. Mai 1576“ in den Beitr. z. bayr. Kirchen­ geschichte, Bd. XIII, S. 253 ff. 8) Bereits im Jahre 1575 hatte Spangenberg seinem Freunde zur Geburt seines Töchterchens Victoria (9. Nov.) drei Gedichtchen gesandt, eines an ihn, das zweite an seine Frau Regina, das dritte an das Kind. Das an Fröschel lautete: Fides subter cruce vincit Namque illa donum Dei est. Regina, stans a dexteris, Mater virtutum omnium, Veram victoriam parit Sacratis spiritu viris, Cruci subjectis asperae In hisce mundi fecibus, Ad Deum anhelantibus Christum desiderantibus, Pacem exoptantibus.

32 Töchterchens beglückwünschte,x) dem der Vater, um seiner Sehnsucht nach einem wahren Frieden in der Religion Ausdruck zu verleihen, den Namen Konkordia gegeben hatte. Später (1583) widmete Spangenberg dem Freunde neben Andern einen Teil des von ihm herausgegebenen Psalters.*2) Fröschel war durch den Besuch Spangenbergs in seinen theologischen Meinungen noch bestärkt worden und fester als je entschlossen, unter keinen Umständen davon zu weichen, sondern ihretwegen lieber, wenn es sein müßte, das Schwerste zu erdulden. Damit hatte es aber in dem stillen Donauwörth nach menschlichem Ermessen damals freilich keine große Gefahr, aber es riß ihn sein Schicksal, das ihn prüfen wollte, aus dem sichern Winkel, in den es ihn gestellt, hinweg und versetzte ihn auf einen Schauplatz, wo er für seinen Glauben wirklich kämpfen konnte — nach der alten Markgrafenstadt Ansbach.

An die Mutter (Regina) zwei Strophen; davon die erste: Reichlich hast du, herr treuer Got, Erhöret uns und unser not Gewendt zu lob des namens dein; In Deiner hand stunds auch allain. Nun hast du uns erfreuet sehr, Ach herr, verlaß uns nimmermer. An das Töchterchen drei Strophen, von denen wieder die erste hier Platz finden mag: Tatter unser, geheiliget werd Im himel dein name und auf erd. Christi reich khom . dein will geschech . Täglich gib brot . laß uns wol geh . 0 Got, mit uns hab du geduld, Rechne nit unser alte schuld . In Versuchung wend ab das bös, Aus allem iebel uns erlöß . *) Das Gedicht zur Geburt der Konkordia in den Beitr. zur Bayer. Kirchengesch., Bd. XVII, S. 54, Anm. 2. 2) Chronik S. 500: *1583, am 6. Januar dedicirt mir herr m. Cyriacus Spangenbergius neben andern dreien doctorn, ut docet praefationis inscriptio, den dritten Theil der biblischen gebete, nemlich den psalter Davids bethweis gestaltet, ein fein christlich werk. Got sei lob. tempus dedicationis wirt in praefatione gemeldet, ist mir doch erst 11. mai hernach praesentirt worden, dagegen ime ain honorarium geschickt.“ — S. 507: „11. Mai ist mir vom herrn Cyr. Spangenberg der didicirt psalter betweis gedoppelt für mich und mein hausirau mit clausurn, in weiß leder gebunden, auf dem schnit vergoldt, praesentirt worden, verehrt ime an 2 stücken acht goldkronen.* — Ich konnte diesen Psalter nicht zu Gesicht bekommen; er ist wohl identisch mit dem bei Ph. Wackernagel, „Bibi, zur Gesch. d. deutschen Kirchenlieder im XVI. Jahr­ hundert“ S. 402 beschriebenen.

83 IV. Fröschel als markgrällicher Kanzler in Ansbach und seine Kämpfe gegen die Konkordie und die Ansbacher Konkordisten 1577 und 1578. ^ Schon längst war man am Hofe zu Ansbach auf Fröschel aufmerksam gemacht worden, und schon bevor er Augsburg ver­ lassen, hatte man ihn für den Dienst des Markgrafen Georg Friedrich zu gewinnen versucht. Jetzt ergingen neue Anträge an ihn, und im Juni 1576 suchte ihn Levin Bülow, einer der vertrauten Räte des Markgrafen, auf, um ihn für das ansbachische Kanzleramt anzuwerben. Fröschel zeigte anfänglich wenig Lust, diesem Rufe zu folgen, und wies unter anderem darauf hin, daß er, wenn es ihm um Fürstendienst zu tun wäre, schon längst am neuburgischen Hofe oder mit Hilfe seines Oheims Thomas Schober und seines ehemaligen „Präceptors“, des kaiserlichen Vizekanzlers Weber,*2) sogar im Hofrat des Kaisers hätte Anstellung finden können; auch habe er sich in letzter Zeit mehr mit theologischen Dingen als anderen beschäftigt und empfinde wenig Drang, sich in das ihm ungewohnte Getriebe einer großen Verwaltung zu stürzen. Nach öfterem Zureden aber gab er seinen Widerstand schließlich auf, hauptsächlich, wie er selbst sagt, weil er von der neuen Stellung verschiedene Vorteile für seine Kinder — Stipendien und Anderes — erwartete. Eine Verbesserung seines Einkommens hatte sie, da er fast allen Privatklienten aufsagen mußte, kaum zur Folge. Er bezog laut seiner Bestallung, die am 5. Januar 1577 in Kraft trat und von beiden Teilen halbjährig gekündigt werden konnte, 450 Gulden Gehalt, „zwei Deputate Geld“, statt der Speisung am Hofe 90 Gulden, zwei Fuder Wein, acht Simra Korn, ferner 10 Gulden für einen Diener, Sommerröcke und Kappen für zwei Personen, Wildbret und verschiedene Leistungen von Klöstern; auch sollte er Steuer- und ungeldfrei sein und ein ent­ sprechendes Aufzugsgeld erhalten, dagegen aber auf die mit dem Kanzlereinkommen verbundenen Kanzlei- und Lehensgefälle, die dem bisherigen Kanzler Dr. Christoph Tettelbach3) verschrieben *) Der Inhalt dieses Abschnittes wurde, jedoch größtenteils in anderer — ausführlicherer — Fassung, bereits von mir in den Beiträgen zur bayer. Kirchen­ geschichte, Bd. XVII, S. 49 ff. und S. 105 ff. veröffentlicht unter dem Titel: Der markgr. Kanzler Dr. H. Fröschel u. sein Bericht über seine Kämpfe gegen die Konk. u. die Ansb. Konkordisten. 2) Siehe zu den Beiden oben S. 3, 12, 13; 8. 8) Siehe über ihn {Schornbaum in der Zeitschr. f. bayer. Kirchengesch., Bd. XII, S. 36, Anm. 3.

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34 waren, Verzicht leisten. Daß die Schlußabmachungen über all’ diese und andere Dinge auf den Dreifaltigkeitstag (17. Juni) fielen, betrachtete Fröschel als glückverheißendes Omen. Am 13. Januar 1577 zog er mit seiner Familie in Ansbach auf, am 18. erhielt ei­ serne Bestallung, am 26. wurde er dem Markgrafen vorgestellt. Das gute Omen, das sich Fröschel konstruiert hatte, erwies sich als sehr trügerisch, denn es brach statt des erhofften Glückes eine neue Periode von Unheil, wie vor zehn Jahren, über ihn herein. Sie begann mit zwei am Ende des Jahres sich ereignenden Todesfällen, die ihn tief erschütterten und lange niederdrückten. Am 4. Dezember starb nämlich zwischen 10 und 11 Uhr Doktor Achilles Pirminius Gasser, dem Fröschel in seiner Chronik folgenden Nachruf widmet: Er war „patriaLindensis, ein fürtrefflicherMedicus, dessen andere Hausfrau Anna Maria Ehemin meiner ersten Haus­ frauen Ursula Ehemin .. . eheleibliche Schwester gewest,1) affinis et patris loco mihi carissimus.“ Er ist „im rechten, reinen, christlichen Glauben seines Alters im 72. Jahr als bestellter ältester Physicus der Stadt Augsburg daselbst christlich ver­ schieden,“ ein Mann, „den alle gelehrte Leut lieb gehabt, so daß selten ein Gelehrter aus fremden Landen gen Augsburg kommen, der ihn nicht heimgesucht und in Ehren gehabt; der auch viel Bücher geschrieben, sonderlich die augsburgischen Annales, einem ehrsamen Kat daselbst dediciert, dafür ihm meines Enthalts fl. 300 verehrt worden; doch ist dies Buch etlicher Punkte halben nit gedruckt;2) usus est enim magna dicendi libertate, doch wahrhaft und aufrichtig, wiewohl es, sonderlich in Religionssachen, den Pontificiis romanis nit gefallen. Ich hab ihn viel Jahre meinen Vater genannt, und er hat mich auch sehr lieb gehabt und mir meine andere Hausfrau gegeben,3) weshalb ich billig seiner im besten gedenk. Der allmächtige Gott verleihe ihm eine selige, fröhliche Auferstehung. Sechs Tage vor seinem Ende hat ihn sein christlich Gewissen gegen Gott und Menschen erinnert, daß er von seinem Todbett aufgestanden und mit eigener Hand also geschrieben hat: Ego Achilles Pirminius Gasserus Lindaviensis, jamjam moribundus Heshusium, Wigandum, Jacobum Andree, accidentis assertores,4) cum sociis odi et execror. Cyriacum ’) Anhang D, 1. *) Vgl. Frensdorff, 1. c. S. XLV; die Vorrede zur Chronik von Gasser-Werlich. *) Regina Pfister. 4) Siehe über Tilmann Heßhusen, Johann Wigand und Dr. Jakob Andreä Schmidleio, gewöhnlich Dr. Andreä genannt, die Artikel in der R.-E.*, Bd. VIII, S. 8 ff., Bd. XXI, 8. 270 ff, Bd. I, 8. 601 ff

35 Spangenbergium et Illyricum cum sancto Luthero conplector in fide et discipulos Christi profiteor et amplector. Anno 1577 die 28. Novembris.“ l) Und ein paar Wochen später, um die Weihnachtszeit, erhielt Fröschel die Kunde, daß seine von ihm noch mit der alten Kind­ lichkeit geliebte Mutter, die von allen ihr näher Stehenden wie eine Patriarchin verehrt worden war, am 21. Dezember, 79 Jahre alt, das Zeitliche gesegnet habe. Sie war während ihres langen Lebens und namentlich in ihrer 30 Jahre dauernden Witwenzeit von viel Leid heimgesucht worden, hatte ihre 15 Geschwister und von ihren zehn Kindern sieben in das Grab sinken sehen und zuletzt auch noch die empfindlichsten Vermögensverluste erlitten, da ihr Sohn Stephan, dem sie durch hohe Bürgschaften hatte aufhelfen wollen, im Jahre 1575 zum zweiten Male falliert war. Ihr Gut Stockensau, an dessen Vergrößerung und Ver­ schönerung sie fleißig mitgearbeitet hatte, wurde von ihren Erben, „dieweil es auch vor Jahren ein geistlicher Sitz gewesen war“, am 17. Juli 1578 an den Abt von St. Ulrich, Jakob Keppler, verkauft, und zwar um die verhältnismäßig hohe Summe von 7300 Gulden.2) Die Verwaltung desselben, die nach dem Tode der Mutter von den Erben Stephan überlassen worden war, sollte diesem verbleiben, doch wurde er von Herzog Albrechts Nachfolger Wilhelm V. Ende 1580 als „lutherisch“ ausgewiesen, worauf er sich zu seinem Schwiegersöhne, dem Pfarrvikar M. Johann Neuberger, nach Donauwörth begab. Inzwischen hatte Fröschel auch in seinem dienstlichen Leben unangenehme Erfahrungen gemacht. Er mußte nämlich, nachdem er von einer im Sommer nach Naumburg unternommenen Dienstreise zurückgekehrt war, bald wahrnehmen, daß in Ansbach die amtlichen Befugnisse der hohen Regierungsämter nicht scharf genug gegen einander abgegrenzt waren, so daß es häufig zu ärgerlichen Kollisionen kam, die jedem der Beteiligten seine Stellung entleideten.3) Die Folge war, daß der Statthalter Heinrich von Castell, der Land- und Hofrichter Schenk Friedrich von Limburg4)* *—* 8 9 ‘) Sein Epitaph bei Prasch, Epitapbia Augustana I, (1704), S. 213. 2) Monumenta Boica, Bd. XXII, 8. 715, Nr. 255: Venditio Hofmarchae Stockensau anno 1578, 17. Juli. Steichele, 1. c. S. 293. *) Was Fröschel über diese Dinge berichtet, Btimmt schlecht zu dem Lob, das Isaaksohn in seiner Gesch. des preußischen Beamtentums, II (Berlin 1875), 8. 13 ff. der von Markgraf Friedrich vorgenommenen Beamtenorganisation zollt. *) Schenk Friedrich von Limburg, geb. am 6. August 1536, gest. am 9. Januar 1596, Herr zu Sontheim und seit 1581 auch zu Speckfeld. Siehe über ihn Prescher, Gesch. und Beschreibung der Reichsgrafschaft Limpurg, Bd. I (Stuttgart 1890), S. 201.

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ein Freund Fröschels von Bologna her —, der Hofmeister und Kammerrat Asmus von Eyb, der „edle Hofrat“ Erasmus von Minckwitz, die alle noch nicht lange im Dienst des Markgrafen gestanden, schon vor Fröschels Ankunft in Ansbach ihre Be­ stallungen gekündigt hatten und nach Ablauf derselben aus ihren Aemtern ausschieden. Auch der neue Kanzler hatte unter der allgemeinen „Unordnung“ zu leiden, indem man ihm auch noch die Funktion eines obersten Advokaten aufzubürden versuchte, der die mit den überaus zahlreichen Rechtshändöln des Mark­ grafen betrauten Sachwalter abhören und instruieren sollte. Die eigentlichen Regenten am Hofe waren der tüchtige, aber rück­ sichtslos und barsch zugreifende Kammerrat Ernst von Crailsheim1) und der zu allerlei Ränken geneigte Kammerschreiber Andreas Mußmann,2)* *der * * *durch seine Rolle als Geldzubringer des Mark­ grafen dessen Intimus geworden war und wegen des bedeutenden Einflusses, den er übte, Markgraf Enderle genannt wurde. Diesen beiden hauptsächlich maß man die Schuld bei, daß es in den Aemtern nicht klappen wollte, weil sie bald diesen bald jenen Handel, der ihnen wichtig erschien, der rechtmäßigen Kompetenz entzogen, um ihn selbst zu erledigen oder Solchen zuzuschieben, die, wie sie erwarten durften, ihren Wünschen gemäß handeln würden. Kein Wunder, daß Fröschel, der stets auf geraden Wegen gegangen war, sich von diesem, wie er sich ausdrückte, „unehrbaren Treiben“ abgestoßen fühlte; und da er dies nicht verbarg, machte er sich diese Männer zu unversöhnlichen Feinden, die, so wenig sie sonst einer Meinung waren, gemeinsam darauf ausgingen, den Kanzler so bald als möglich von seinem Posten zu vertreiben. Dabei kam ihnen die Stellung, die Fröschel der Konkordie gegenüber einnahm, wohl zustatten, denn sie stand im schärfsten Widerspruch zu den Wünschen des Markgrafen, der von ihr, nachdem sie in Bergen noch einmal „geändert“ worden war,8) alles Heil erwartete und sie nun von seinen Geistlichen so bald als möglich unterzeichnen lassen wollte. Dabei sollte auch Fröschel, soweit dies sein Amt mit sich brachte, mitwirken. Er war vom J) Siehe über ihn die Beitr. zur bayer. Kirchen-Gesch., Bd. XVII, S. 56, Anm. 1. 2) Andreas Mußmann, eingetragen in der Wittenberger Matrikel (ed. Förstemann), I, S. 152 b unter dem Jahre 1534/35. Siehe über ihn die von Scho rnbaum in den Beitr. zur bayer. Kirchen-Gesch., ßd. XII, S. 31, Anm. 1 aufgeführte Literatur. *) Siehe hierzu etwa Droysen, Gesch. der Gegenreformation (Berlin 1893), S. 118 ff.

37 Anfang an entschlossen, es nicht zu tun, denn er vermochte nicht wie viele Andere sich einzureden, daß es keine Sünde sei, eine Sache, die man als Privatperson für Unrecht erkannt, von Amts wegen — weil es so befohlen würde — zu fördern. So gab er gleich bei der ersten sich ihm darbietenden Gelegenheit — als im geheimen Rat unter dem Vorsitze des Statthalters erwogen wurde, wie und wann man den Geistlichen das „Bergische Buch“ vorlegen wolle — klar und rund zu erkennen, was er von dieser Konkordie halte, und riet nachdrücklich davon ab, die „Sub­ scription“ jetzt in die Wege zu leiten. Bei der Begründung seines Votums gab er sich den Anschein, daß er den Inhalt des Buches nicht kenne, und erklärte, deshalb auf die darin nieder­ gelegte Lehre nicht eingehen zu wollen. Aber man solle sich doch vor Augen halten, wie bedenklich es sei, die Gewissen der Widerstrebenden durch das Buch zu drücken und zu binden, und sich darüber klar werden, daß man auf diesem Wege die be­ stehenden Zwistigkeiten nicht beseitigen sondern erst recht an­ fachen werde. Was das für Folgen in der Politik nach sich ziehen müßte, sei leicht einzusehen; man denke nur etwa an den Fall, daß der Kurfürst Ludwig von der Pfalz die Konkordie annehme, sein Vetter Kasimir aber verwerfe. Ferner würde man den Papisten „mit diesem Buche mehr einräumen, als sie jemals gehabt und gewußt, denn man sei ihnen nie geständig gewesen, daß unter den Augsburger Konfessionsverwandten so viele Sekten und Irrtümer eingerissen, als dieses Buch zu erkennen gebe“. Und da der Religionsfrieden „eigentlich“ auf die Augsburger Konfession und keine andere Religion bewilligt worden, werde man den Papisten Anlaß bieten, den Frieden künftig nicht zu halten, „sonderlich denen, so etwa nit der Religion sondern anderer Dinge halber nit subscribieren“. Das wären Gründe genug, die den Markgrafen bestimmen sollten, mit dem Buch noch derzeit zurückzuhalten, zumal da in seinen Landen „eine alte christliche Kirchenordnung und eine mit der Stadt Nürnberg verglichene Religion bestehe“. Diese Einwendungen Fröschels vermochten den Gang der Dinge natürlich nicht aufzuhalten. Der Statthalter ging darüber hinweg, indem er betonte, daß man jetzt nicht beisammen sei, um über die Folgen, die die Annahme des Buches allenfalls nach sich ziehen könnte, zu disputieren, sondern um schlüssig zu werden, wie man den Absichten des Markgrafen entspreche. Er beantrage, die Geistlichen der beiden fürstlichen Gebiete — ob und unter dem Gebirge — hieher zu berufen und ihnen die Konkordie vor­ zulegen. Würde sie von ihnen angenommen, so habe es seinen

38 Weg; wenn nicht, so sei es noch immer Zeit, sich auf den Inhalt derselben und Anderes, das damit Zusammenhänge, einzulassen. Dabei blieb es, trotzdem Fröschel seinen Standpunkt noch weiter begründete und in den nächsten Tagen auch den Versuch machte, den Markgrafen selbst umzustimmen. Um mit den Geistlichen aber leichter fertig zu werden, lud man nicht alle nach Ansbach, sondern nur die Superintendenten und Dekane, von denen die der Konkordie weniger Geneigten von Dr. Andreä zuvor noch einmal eifrig bearbeitet wurden.1) Gewinne man ihre Unterschrift, meinte man, so würden die „Inferiores“ von selbst nachfolgen oder doch dem auf sie geübten Druck nicht allzulange Widerstand entgegensetzen. Am 30. Juni mußte Fröschel den Erschienenen das Buch überreichen, wobei er sie ermahnte, „in rechter Gottesfurcht zu ergründen,“ ob sie es „mit gutem Gewissen könnten approbieren und subscribieren oder nicht“. Während nun die Herren, von denen wir den General­ superintendenten von Kulmbach, Dr. Johann Streitberger,2) einen der eifrigsten Parteigänger Dr. Andreäs, den Ansbacher Super­ intendenten Mag. Adam Franz3) und den Hofprediger Johann Unfug hervorheben, über dem Buche saßen, erschien plötzlich, am 7. August, Spangenberg mit seinen zwei uns schon bekannten Gefährten in Ansbach und stieg bei seinem Freunde Fröschel ab. Sie kamen ihm in diesem Augenblicke sehr ungelegen, denn seine Gegner mußten den Verdacht schöpfen, daß er sie herbeigerufen, um durch sie den Gang der Verhandlungen zu stören und unter den Geist­ lichen Zwietracht zu stiften.4) Er hielt es deshalb für das Beste, jeden Schein von Heimlichkeit zu vermeiden, indem er Streitberger, Franz und Unfug mit den Exulanten zusammen zu einem Mahle lud, und da beide „Parteien“ sich hier bemühten, mit einander gut J) Siehe hierzu Löhe, „Erinnerungen aus der Reformationsgesch. von Franken" (Nürnberg 1847), S. 176 ff. ’) Siehe über ihn den Artikel in der Allg. D. Biogr. (Bd. XXXVI, S. 567) und die dort angegebene Literatur. ") Beitr. zur bayer. Kirchen-Gesch., Bd. XVII, S. 62, Anm. 2; Almanach Ansbacher Gelehrter usw., II, S. 44. 4) Wie die „Exules“ gerade in diesem Augenblick nach Ansbach kamen, erklärt Fröschel in seiner Chronik S. 379 mit folgenden Worten: „Am 5. august kamen m. Cyriacus Spangenberg, m. Petrus Trewer, sein perpetuus comes, auch sein gener m. Joannes Rosa unversehens gen Anspach, expensis meines herrn dahin gefiert, dann graf Volrad von Mansfeld ward von Ir f. gn auf die jacht beschriben, im willen, im das stathalter-ambt aufzutragen; der bracht dise drei reine, recht christliche . .. theologen und exules Christi mit sich; die begerten mich vollet heimzusuochen.“

39 auszukommen, schien der Zwischenfall erledigt zu sein. Ueberdies bewog er Spangenberg durch offenen Hinweis auf die Verlegenheit, in der er sich befand, nach ein paar Tagen, am 12. August, mit den Seinen abzuziehen. Gleich darauf, am 16. August, nahmen die oberländischen Geistlichen, wie Fröschel befürchtet hatte, „das Jakobitische Buch pure et simpliciter ohne allen Anhang oder Ausnahme an“, und am 19. August folgten die Unterländer, nachdem sie sich noch etwas gesperrt hatten, nach. Sobald Fröschel gemerkt, wie die Tagung enden würde, bat er — schon am 17. August — ihn von jetzt an von der Teilnahme an den Beratungen der Religions­ sachen zu befreien, da er auch fernerhin Dissident sein müßte und, wie er sehe, als solcher allein stehe. Crailsheim und Mußmann waren damit wohl zufrieden und sorgten dafür, daß ihm hierin unverzüglich willfahrt wurde, und es ist kein Zweifel, daß sie diese Gelegenheit benützten, um Fröschel bei dem Markgrafen neuerdings „schwer zu versagen“. Der Kanzler bekam dies wiederholt zu fühlen, aber er wollte sich vor allem ein gutes Gewissen bewahren und pries sich trotz der Ungnade seines Herrn glücklich, so gehandelt zu haben, wie er getan, denn er hätte um keinen Preis die Mitschuld an den mancherlei Bedrückungen und Vergewaltigungen, mit denen man nun von den Geistlichen in den Dörfern und Märkten der Mark­ grafschaft „die Subscription des Buches eintrieb“, auf sich laden mögen. Er sprach dies auch öfter aus und steigerte dadurch den Unwillen Andreäs, des Superintendenten Franz, Unfugs und anderer Konkordisten zu solcher Höhe, daß sie sich mit den Feinden, die er am Hofe hatte, zu seiner „Abschaffung“ verschworen. Als am Schlüsse des Jahres (1577) der Markgraf, der an Stelle seines an Geistesschwäche leidenden Vetters Albrecht Friedrich die Verwaltung des Herzogtums Preußen übernehmen und die Belehnung von dem König von Polen erholen mußte, seine Reise nach dem fernen Osten vorbereitete, gab er seinen Räten und Dienern eine „Letze“, bei der Fröschel dem damals in Ansbach weilenden Andreä seine Geringschätzung in ostentativer Weise zu erkennen gab. Der schwer Beleidigte, den Fröschel schon von Donauwörth aus einmal schriftlich herausgefordert hatte, beklagte sich hierüber am Neujahrstage beim Markgrafen, als dieser eben im Begriffe war, sich zur Kommunion zu begeben, und machte ihn darauf aufmerksam, daß sich der Kanzler beigehen'lassen könnte, in Abwesenheit des Herren allerlei Unrat zu stiften; es wäre wohl angezeigt, dagegen Maßnahmen zu treffen. Das Wort fiel auf fruchtbaren Boden. Schon ein paar Stunden nach dieser Unter-

40 redung wurde Fröschel in den Geheimen Rat gerufen, wo ihm Mußmann in Gegenwart Andreas, Franz’s und Anderer im Namen Georg Friedrichs folgenden „Vortrag“ hielt: Der Markgraf möchte vor seiner Abreise versichert sein, daß, während er außer Landes sei, „Ruhe und Frieden bei der Regierung, auch in Kirchen und Schulen herrsche“. Nun habe er aber hören müssen, daß Fröschel nicht nur die Subscription der Konkordie habe hintertreiben wollen, sondern sich auch dem Spangenberg’schen Irrtum anhängig gezeigt und etlich Bücher dieses Mannes verbreitet, ja sogar heimlich in „das Frauenzimmer“ eingeschleppt habe. Man wolle deshalb von ihm hören, was er darauf zu sagen habe, und wie er sich weiterhin zu verhalten gedenke. Fröschel war über die seltsame „Neujahrs­ verehrung“, die man ihm so zuteil werden ließ, nicht wenig über­ rascht. Er fand es sonderbar, daß der Markgraf, dem er doch täglich zu referieren gehabt, ihn nicht selbst zu Rede gestellt, sondern — er blickte dabei auf Andreä und Franz — vor einen so eigenartig zusammengesetzten Gerichtshof verwiesen habe. Was aber die Sache selbst anbelange, so sei es sein gutes Recht ge­ wesen, im Geheimen Rat über die Konkordie so zu votieren, wie es ihm sein Gewissen und sein Verstand eingegeben; auch jetzt noch sei er überzeugt, daß er damit auf dem rechten Weg ge­ wesen, zumal da ihm mitgeteilt worden, daß verschiedene Kur­ fürsten, Fürsten, Stände und Städte „nicht allein noch nicht unterschrieben sondern auch die Subscription ihrer Theologen abgestellt“. Somit habe er von seinem Votum nichts zurück­ zunehmen. Was dann Spangenbergs Lehre und Schriften betreffe, so möge man sich vor Augen halten, daß diese „noch nie ordent­ licher Weise condemniert worden seien“, und also jeder sich offen dazu bekennen dürfe. Deshalb habe er sich auch für berechtigt gehalten, Spangenberg’sche Schriften einigen befreundeten Räten, die doch keine Kinder seien und ein eigenes Urteil besäßen, gewissermaßen als „neue Zeitungen“, wie es üblich, zu leihen. Heimlich habe er nichts, weder Geschriebenes noch Gedrucktes herumgegeben, noch weniger „in das Frauenzimmer eingeschleicht“; wenn man dort Spangenbergisches gefunden, sei es von Anderen hineingebracht worden, die man wohl zu erkunden vermöchte. Soviel über das, was vergangen sei. Bezüglich seines künftigen Verhaltens erkläre er, daß er sich zwar zu keiner Amtshandlung, die sein Gewissen beschweren könnte, herbeilassen werde, ander­ seits aber auch niemanden zu hindern gedenke, daß er das Seine schaffe. Die Befürchtung, daß er in der Kirche oder Schule irgendwie Zerrüttung anzurichten im Sinne habe, sei also gänzlich unnötig. Das möge man dem Markgrafen melden. Nachdem sich

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die übrigen Herren, die diesem Akte beigewohnt, zurückgezogen hatten, ließen sich Andrea und Franz mit Fröschel in ein Privat­ gespräch ein, das aber bald in heftiges Hin- und Herreden aus­ artete, als sie ihm die Spangenberg erwiesene Gastfreundschaft, gegen die sie doch früher nichts einzuwenden gewagt, als ver­ dächtiges Gebaren vorhielten und den Versuch machten, den ihnen so verhaßten Theologen herabzusetzen und als längst über­ wundenen Irrlehrer hinzustellen. Um endlich auseinander zu kommen, machte Andreä den Vorschlag, daß Fröschel und Franz zu gelegenerer Zeit über diese Materien „konferieren“ sollten. Am nächsten Tage (2. Januar) wurde den in einem Saale des Schlosses versammelten Bäten und Beamten eine lange In­ struktion vorgelesen, wie es bis zur Rückkehr des Markgrafen mit der Regierung, Kirche und Anderem gehalten werden sollte,1) und Fröschel erfuhr nun, daß er von den die Regierung der beiden Fürstentümer berührenden Geschäften fast ganz aus­ geschlossen worden war und sich, abgesehen von den gewöhn­ lichen Hofratshändeln, nur mit den allerdings sehr wichtigen „preußischen Sachen“ zu befassen hätte. Unmittelbar nach der Bekanntgabe des Schriftstückes verabschiedete sich der Markgraf von den Versammelten, indem er jedem, auch dem Kanzler, die Hand reichte, und fuhr dann, begleitet von seiner schwindsüchtigen Gemahlin,2) die ihr Heim nicht mehr sehen sollte, in die Weite. Bald, nachdem Georg Friedrich fort war, begannen die Geistlichen der Stadt, die keine Opposition gegen die Konkordie aufkommen lassen wollten, zu erwägen, ob es nicht ihre Pflicht gegen den abwesenden Herren erfordere, den „aufsässigen“ Kanzler zu exkommunizieren. Als dieser davon hörte, ließ er sich am 20. Januar mit dem Superintendenten Franz in die von Andreä angeregte Disputation ein, um die Gegner von der Schriftmäßig­ keit seines Glaubens zu überzeugen. Es handelte sich dabei vor allem um das Wesen und die Wirkung der Erbsünde, die Fröschel im Gegensatz zu der in der Konkordie aufgestellten Lehre ganz im Sinne Spangenbergs definierte, wobei er sich noch mehr als bisher schon als dessen eifriger Anhänger und „Discipel“ bekannte. Die Folge davon war, daß man Fröschel nach einigen Wochen wirklich vom Abendmahl ausschloß und seine Frau wie auch die Kinder nur deshalb mit dieser Strafe verschonte, weil sie, wie anzunehmen sei, von der Sache nichts verstünden. *) Bang, Neuere Gesell, von Bayreuth, III (Nürnberg 1811), S. 25. 2) Elisabeth, Tochter des Markgrafen Johann von Eüstrin. Sie starb während der Reise am 8. März 1578 auf einer Mühle bei Warschau.

42 Fröschel fühlte, daß er als ein von der Kirche „Abgesonderter“ sich unmöglich mehr lange in der Stadt würde halten können, zumal da er ja wußte, daß er auch das Vertrauen seines fürst­ lichen Herren verloren hatte. So schrieb er denn am 23. Mai an den Markgrafen, daß ihm sein Kanzleramt völlig entleidet sei wegen der Unordnung in der Geschäftsverteilung, wegen des ihm am Neujahrstag in Gegenwart Andreas erteilten Verweises und der von den Ansbacher Geistlichen über ihn verhängten Ex­ kommunikation. Das könne er nicht hinnehmen, denn er sei sich nicht bewußt, zu solchen Kränkungen gerechten Anlaß gegeben zu haben, und sei von Jugend auf eines solchen Wandels beflissen gewesen, daß er bei hohen und niedern, geistlichen und weltlichen Standespersonen allzeit lieb und wert gehalten worden. Daher bitte er den Markgrafen, ihn nach Ablauf der Bestallung — Dreikönig 1579 — gnädig zu entlassen. Von diesem Schritte benachrichtigte Fröschel noch am gleichen Tage den bei Georg Friedrich in Preußen weilenden Rat Biilow und nahm diese Ge­ legenheit wahr, um seine ganze Amtsführung, hauptsächlich aber sein Verhalten „in der Religion“, in ausführlichen Darlegungen zu rechtfertigen. Von jetzt an betrachtete sich Fröschel als freien Mann, der keine Rücksichten auf den Hof und auf die Geistlichen der Stadt mehr zu nehmen habe, und gab der Erbitterung, die er gegen die letzteren hegte, so oft es sich fügen wollte, drastischen Aus­ druck. Und um ihnen auch in der Tat zu zeigen, wie wenig er auf ihre Exkommunikation achte, meldete er sich am Himmel­ fahrtstage (8. Mai) mit seinem ältesten Sohne Christoph in Donau­ wörth zum Abendmahle an und hatte die Genugtuung, daß ihn der dortige, ihm von früher her befreundete Pfarrer nicht nur nicht zurückwies, sondern sich sogar, als Fröschel das Gespräch auf die Konkordie brachte, wegen der von ihm vollzogenen Sub­ scription des Buches gewissermaßen entschuldigte.1) Da die Ans­ bacher Prediger, sobald sie hiervon hörten, von der Kanzel herab auf Fröschel zu sticheln begannen, verbot er am 20. Juli allen seinen Angehörigen, die Predigten der „irrigen Pfaffen“ noch länger zu besuchen und stellte dem Superintendenten Franz eine Abschrift des an Biilow gesandten Briefes zu, dessen Inhalt als eine Art Glaubensbekenntnis gelten sollte. Das führte zu einer weiteren Verschärfung der zwischen den Parteien bestehenden *) Siehe zu dem Verhalten der Donauwörther in der Konkordiensache, in der sie von Fröschel beraten worden, Stieve, „Zur Gesch. der Konkordienformel“ in den Beitr. zur Bayer. Kirchen-Gesch., Bd. I, S. 25 ff.

43 Feindschaft, da Magister Franz am 14. August den theologischen Kern des Briefes in sehr verletzendem, schulmeisterlichem und ketzerrichterlichem Tone als längst widerlegtes haltloses Gerede bezeichnete und Fröschel sich hierfür mit einem beißenden Epi­ gramm, das er in Umlauf setzte, zu rächen suchte. Wer weiß, zu welchem Ende dieser Handel noch gediehen wäre, wenn Fröschel neben seinen vielen grimmigen Feinden nicht auch etliche mächtige treue Freunde gehabt hätte, die in der Stille das Aergste, das ihn bedrohte, von ihm abwendeten; so der Hofrat Konrad von Hechenberg,1) der Landrichter Schenk Friedrich und vor allen die Mutter des Markgrafen, Emilie, eine Schwester der Kurfürsten Moritz und August von Sachsen, der ihr Sohn bei der Abreise „Land und Leute befohlen“ hatte. Sie fand an der weltgewandten, liebenswürdigen Frau des Kanzlers großes Gefallen, trat zu ihr in ein fast freundschaftliches Ver­ hältnis und erbot sich zur Patin für ein eben damals (Frühling 1578) zur Welt gekommenes „Fröschlin“,2) das sie durch ihre „Kammerjungfrau“ Anna Maria von Crailsheim aus der Taufe heben ließ. Dadurch wurde sie auch mit Fröschel selbst näher bekannt und forderte ihn öfter auf, sie über den Stand „der Religion und Politik“ zu unterrichten. Da konnte dieser sein Herz ausschütten, sich über seine Verfolger beklagen, seine Meinung über die Konkordie und die Erbsünde in longum et latum auseinandersetzen, Spangenbei’gs Lehre „in den Himmel heben“, Dr. Andreä als tückischen Intrikanten und „bösen Buben“ hinstellen, kurz, sie allmählich so für sich einnehmen, daß sie ihm in allem glaubte und sich daran gewöhnte, seine Feinde mit schelen Blicken anzusehen. Das Ergebnis dieser Unterhaltungen war, daß sich die alte Dame, die sich von der Fröschlin halbe Tage lang die Schriften Spangenbergs vorlesen ließ, dessen „Meinung“ ganz und gar zu eigen machte und offen bekannte, sie habe die Erbsünde nie „für etwas Besonderes in des Menschen verderbter Natur sondern den Menschen selbst für den bösen Baum und Sündentäter gehalten, also auch allzeit Luthers Lehre verstanden.“ Sie glaubte es sich schuldig zu sein, die Dienste eines Mannes wie Fröschel ihrem Sohne zu erhalten, und wollte diesen bestimmen, das Entlassungsgesuch des Kanzlers nicht an­ zunehmen. Diese Bemühungen waren nicht aussichtslos; denn wenn der Markgraf auch, wie die Sachen nun lagen, an und für sich nur wünschen konnte, den „ungehorsamen“ Mann auf gute *) Siehe über ihn unten S. 50, Anm. 1. 5) Anhang C, II.

44 Art los zu werden, so war es ihm doch peinlich, daß in den hohen Aemtern der Anshach’schen Regierung keine Stabilität eintreten wollte und die unter seinen Räten einreißende Desertion den markgräflichen Dienst mehr und mehr in Verruf brachte. Er gab daher den Befehl, mit Fröschel zu verhandeln, was auch, trotzdem Crailsheim und Mußmann dies zu verhindern suchten, am 21. Juli geschah. Aber Fröschel hielt sein Gesuch aufrecht, und das um so mehr, da er annahm, daß er inzwischen von seinen Gegnern bei Georg Friedrich neuerdings angeschwärzt worden sei, so daß dieser ihn nunmehr nicht mehr würde behalten wollen. Und so war es in der Tat. In einem Briefe, den der Markgraf am 2. August an seine Mutter schrieb, war keine Rede mehr vom Zurückhalten des Kanzlers, sondern es wurden darin im Gegenteil vier Gründe aufgeführt, warum man ihn nicht mehr gebrauchen könne. Die Fürstin ließ Fröschel dieses Schreiben lesen, worauf sie von ihm — wie früher Biilow — eine umfangreiche schrift­ liche Rechtfertigung erhielt, in der er noch einmal seinen religiösen Standpunkt und seine Streitigkeiten mit den Ansbacher Geistlichen erörterte. Dieses Schriftstück machte auf sie einen tiefen Ein­ druck, und sie schickte es unter Umgehung der Räte mit einem Begleitschreiben, in dem sie die von den Predigern gegen Fröschel an den Tag gelegte Schärfe bedauerte und sich in abfälligen Worten über Andreä aussprach, an den Sohn. Wenn er den Kanzler, dem niemand mit Fug etwas Unrechtes nachsageu könne, wirklich entlassen wolle, so möge dies wenigstens in Gnaden geschehen. Damals verlor Fröschel seinen Freund und Gönner, den Schenk von Limburg, der, nachdem er ihm noch eine vier Kronen schwere goldene Medaille mit seinem Bildnis verehrt, am 28. Juli Ansbach verließ, um sich nach Heidelberg zum Antritt des ihm übertragenen churfürstlichen Großhofmeisteramtes zu begeben. Die Gegner des Kanzlers hatten nun freiere Bahn; Mußmann versäumte nicht, seinem Herren über die neuen „Umtriebe“ des ihm so widerwärtigen Mannes zu berichten und wider ihn Klage zu führen, daß er nun auch noch die alte Fürstin, wie offen er­ sichtlich, zur Flacianerin gemacht habe. Weiter, meinten er und Crailsheim, dürfe nicht zugesehen werden, und so beschlossen sie, angestachelt durch den Superintendenten Franz, Fröschel noch einmal zu einer „Coramierung“ vorzurufen, und wählten hierzu den 15. September, seinen Geburtstag. Das Wort führte auch diesmal Mußmann, neben dem außer Andern wieder Dr. Andreä, Dr. Streitberger und Ernst von Crailsheim, die Hauptfeinde Fröschels, saßen. Der Markgraf,

45 führte Mußmann aus, habe bei seinem Weggang ihm, Fröschel, die Weisung gegeben, keinen „Unrat“ anzurichten. Dem sei er nicht nachgekommen, sondern habe die Geistlichen öfter beleidigt und sie mit Disputationen und Uebersendung von Schriftstücken belästigt. Wenn man das, wie kaum zu umgehen sei, den Mark­ grafen wissen lasse, werde dieser zu großem Unwillen darüber bewegt werden; immerhin aber wolle man den Kanzler vorher noch hören. Der so Ueberfallene, weit entfernt, sich durch diese scharfe Anrede einschüchtern zu lassen, warf sich stolz in die Brust und entgegnete mit lauter, fast drohender Stimme: Daran, daß es zwischen mir und den Geistlichen zu Konflikten gekommen, trage ich keine Schuld, denn nicht ich war der Angreifer, sondern sie. Daß ich mit dem Superintendenten disputiert und ihm Schrift­ stücke übermittelt, war ein Gebot der Notwehr gegen die auf mich gemachten Angriffe und die Exkommunikation. Dann wandte er sich gegen Andrea, der ihn unterbrochen hatte und wieder auf die Ketzereien Spangenbergs zu sprechen gekommen war: Ich will es nun offen sagen, daß in meinen Augen nicht Spangenberg es ist, der eine „verdammte Lehr“ führt, sondern Ihr, die Ihr es trotz Eurer ruhmredigen Worte niemals dahin gebracht, den Gegner zu widerlegen. Da griff Mußmann ein, um Fröschel wegen seiner Heftigkeit zu rügen und Andreä in Schutz zu nehmen; er solle doch bedenken, daß dieser nicht etwa eigen­ mächtig hier sitze, sondern von der Regierung beigezogen worden sei und dementsprechend respektiert werden müsse. Aber man sehe schon, daß Fröschel keine Obrigkeit mehr kennen wolle und sowohl der Regierung wie ihren Theologen die gebührende Achtung versage. Auch dies werde man an den Markgrafen gelangen lassen. Weiter ließ ihn Fröschel nicht kommen. Man möge be­ richten, was man wolle, rief er zornig aus. Er sei ebensowohl Rat des Fürsten wie die hier Anwesenden und lasse sich in der Weise, wie man es jetzt versuche, nicht Ordnung geben. Am wenigsten von Dr. Andreä, der nicht einmal zu den Räten gehöre; sonst könnte es noch dahin gedeihen, daß er sich jedesmal, wenn dieser in die Stadt komme, vexieren und inquirieren lassen müßte. Dazu aber sei er um so weniger geneigt, als er schon längst um seine Entlassung gebeten habe und die Genehmigung seines Ge­ suches stündlich erwarte. Mit diesen Worten stand Fröschel auf, ging zur Türe hinaus und überließ die über diese Keckheit nicht wenig erstaunten Räte ihren Betrachtungen. Fröschel mochte nachträglich einsehen, daß er doch etwas gar zu brüsk vorgegangen, und ließ die alte Fürstin durch seine Frau von dem Vorgefallenen unterrichten. Sie wurde nicht nur

46 freundlich angehört, sondern die Fürstin erklärte sogar, daß der Kanzler ganz recht getan, ja den Dr. Andrea und die Anderen eigentlich noch mehr hätte „putzen“ sollen. Auch schrieb sie den ganzen Handel sofort ihrem Sohn und bat ihn, wenn er etwas darüber vernehme, auch Fröschel hören zu wollen. Dieses Schreiben hatte, wie es scheint, die Wirkung, daß der Markgraf seine Räte anwies, den Kanzler nicht weiter an­ zutasten, und so konnte dieser den Rest seiner Dienstzeit ohne weitere Kämpfe in äußerlicher Ruhe verbringen. Seinen Abschied erhielt er erst am 15. Dezember (1578). Der Markgraf zeigte in diesem Schriftstück zwar keine Ungnade und ließ dem Ent­ lassenen sogar am Schlüsse für seine weitere Laufbahn „Glück und Heil“ wünschen, aber es wurden ihm doch auch verschiedene Dinge, so „Irrtum in der Religion“ und sein Verhalten zur Konkordie, „verwiesen“. Da Fröschel dies nicht auf sich sitzen lassen wollte, sandte er an Bülow noch einmal eine Verteidigungs­ schrift. Er nahm in dieser nicht nur nichts zurück, sondern gab der Hoffnung Ausdruck, daß Gott dem Fürsten, der in allem nur auf seine Räte gehört, noch die Augen öffnen werde; dann werde er sehen, wer Recht und wer Unrecht gehabt habe. Daß er von der Subscription der Konkordie abgeraten, sei ihm, wie er jetzt erst recht erkenne, von Gott selbst eingegeben worden; denn wie weit man mit dem „Buch“ kommen werde, müßte sich ja nur zu bald zeigen. Diese Zeilen möge Bülow, wenn es sich füge, den Markgrafen lesen lassen und ihm zugleich in seinem Namen für den gnädigen Urlaub Dank sagen. Der alten Fürstin suchte er seinen Dank dadurch abzustatten, daß er sie während der letzten Monate seines Aufenthaltes in Ansbach immer tiefer in die heilige Schrift und die Lehre Spangenbergs einführte, wobei es sich ganz von selbst ergab, daß er ihr auch einen guten Teil seines Hasses gegen Dr. Andreä und dessen „Gesellen“ beibrachte, zu deren Verunglimpfung er alles, was über sie an Schmachbildern und polemischen Schriften in Umlauf kam, fleißig zusammentrug; auch steuerte er, wie es scheint, selbst manches auf sie gespitzte boshafte Verslein bei. Unterdessen hatte Fröschel natürlich schon längst nach einem neuen, für ihn geeigneten Dienst Umschau gehalten und unter anderem auch mit Donauwörth unterhandelt, um die früher dort versehene Stelle wieder antreten zu können. Doch sollte dies nur für den Notfall gelten. Auf das Angebot eines Dienstes von Nürnberg, das er gleich darauf erhielt, ging er nicht ein, weil sich hier Rat und Geistlichkeit nach seiner Meinung zu sehr zum Calvinismus hinneigten. Dagegen betrachtete er es als eine

47 freundliche Fügung Gottes, daß ihm — am 12. Oktober — der Bitter Hans von Crailsheim von Morstein und Herkymrechtsbausen die Stelle eines Syndikus und Advokaten bei der fränkischen Reichsritterschaft Orts Odenwald antrug. Als er erfuhr, daß dieser Herr „wahrer, reiner, christlicher, lutherischer Lehr de Peccato originali anhängig“,1) griff er freudig zu, und nach einigem Hin- und Herschreiben kam bald ein beide Teile zu­ friedenstellender Pakt zustande. Seinen Wohnsitz sollte er zu Hall am Kocher nehmen, seine Besoldung wurde gleich der seines Vorgängers, des Dr. Georg Eudolf Widmann,2) auf 400 Gulden und eine Zulage von 30 Gulden für einen Diener festgesetzt. Der Dienst begann auf Misericordia (3. Mai) 1579 und war beider­ seits halbjährig kündbar. Die Zwischenzeit bis zum Mai verbrachte Fröschel ruhig in Ansbach, auch jetzt noch in lebhaftem Verkehr mit der alten Fürstin. Seine beiden ältesten Söhne, Christoph und Friedrich, durften vor ihr in ihrem Zimmer im Verein mit vielen anderen „guten Gesellen und Skribenten“ eine „Komödie vom Eulenspiegel und den dreien Blinden“ aufführen,3) womit sie ihr eine große Freude bereiteten. Die nächsten Wochen waren für Fröschel mit Zurüstungen zum Abzug ausgefüllt, der bald nach Ostern vor sich gehen sollte. Am 25. April legte er noch mit Vorwissen seiner fürstlichen Gönnerin bei dem Hofrate einen scharfen Protest gegen das ihm von Mag. Franz am 14. August übersandte Schreiben ein, weil er fürchtete, daß dieses ihm sonst bei Solchen, die von dem Streithandel aus keiner anderen Quelle wüßten, an der Ehre schaden könnte. Die Räte ließen ihm nach einigen Tagen durch eine Deputation den Empfang des Schreibens bestätigen und ihm dabei sagen, wie angenehm es ihnen gewesen wäre, wenn er noch länger neben ihnen im markgräflichen Dienste hätte bleiben mögen. Sollte er aber verlangen, daß man den Protest dem Superintendenten übergebe, so müßte man ihn doch daran er­ innern, daß die Sache vielleicht „weitläufiger“ werden könnte, als jetzt zu übersehen sei. Deshalb würde man sich, wenn es *) Hans von Crailsheim, der Bruder des Albrecht und Sebastian von Crailsheim, in Spangenbergs Adelsspiegel (II, S. 68) wegen seiner Tugenden gerühmt. Ueber seine Hinneigung zur flacianischen Richtung, die überhaupt unter dem fränkischen Adel so manche Anhänger gefunden, siehe Bossert in den Beiträgen zur Gesch der Reformation in Franken in den Theologischen Studien aus Württemberg, Bd. I, S. 270. *) Wohl jener Dr. Georg Rudolf, der als Vater des gleichnamigen Heraus­ gebers des Faustbuches (1587) bekannt ist. *) Beitr. zur Bayer. Kirchen-Gesch., Bd. XVII, S. 121.

48 ihm recht sei, darauf beschränken, das Schriftstück „zu seiner Entschuldigung in der Kanzlei neben anderen Akten auflegen zu lassen“. Fröschel erklärte, daß ihm dies völlig genüge, denn was der Superintendent dazu sagen könnte, sei ihm ganz und gar gleichgültig. So schied man in freundlicher Form auseinander, und Fröschel behielt hiermit wie früher gegen den Markgrafen, so jetzt auch gegen den Superintendenten das letzte Wort. Am gleichen Tage noch machte er bei der alten Markgräfin seinen Abschiedsbesuch und hatte die große Freude, daß sie in letzter Stunde noch einmal zu erkennen gab, „was sie von ihm gelernt“, indem sie ihm zur Verteilung unter die wegen der „reinen, christlichen, lutherischen Lehre“ vertriebenen Prädikanten 100 Gulden übergeben ließ. Sie wurden von ihm an Spangenberg gesandt, der sie ihrer Bestimmung zuführen und „dabei auch seiner selbst nicht vergessen sollte“. So zog Fröschel trotz allem, „was in Ansbach über ihn gekommen“, fast mit einer Art Befriedigung ab, indem er sich sagte: „Gott hat mich in die Kreuzschul führen wollen, meine Lektion — was ich in seinem heiligen Wort nun viele Jahre her studiert hab — einmal aufzusagen. Das ist mit seiner gnädigen Hilf und Beistand Spiritus sancti also geschehen, daß ich meinen Abschied mit gutem Gewissen genommen“ — und das war ihm die Hauptsache. V. Fröschel als Advokat der Reichsritterschaft in Franken, Orts Odenwald, und des Schenken Friedrich von Limburg in Hall, dann in Obersontheim. 1579—1587. Fröschel kam am 5. Mai 1579 „mit Weib, Kind und Gesind, Schiff und Geschirr“, zwei Kammerwagen, zwei Güterwagen und einem langen Karren „frisch, gesund und allenthalben aufrecht“ in der alten Salinenstadt Hall an und wurde dort gegen eine jährliche Gebühr von sechs Gulden „Inwohner“.1) Er war froh, mit heiler Haut und unbeschadet seines Gewissens und seiner Ehre den Nachstellungen der höfischen Ränkeschmiede entronnen zu sein und sich wieder in einfache Verhältnisse versetzt zu sehen. Der neue Dienst legte ihm im allgemeinen keine allzu großen Beschwerlichkeiten auf; die Reisen, die er zu machen hatte, *) Ueber die Zustande in der damaligen Reichsstadt Hall unterrichtet eingehend eine Abhandlung J. Gmelins in der Zeitschr. Württembergisch Franken, Neue Folge, VIII (Schw. Hall 1903), S. 141 ff.: „Hali in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.“

49 waren, abgesehen von einer einzigen, die wir noch erwähnen werden, nur sehr klein, von Edelhof zu Edelhof, wo er stets als lieber und angesehener Gast willkommen war. In ein besonders freundschaftliches Verhältnis trat er zu seinem alten Bekannten, dem Schenken Friedrich von Limburg, zu dessen Vetter Heinrich von Limburg-Schmiedelfeld,1) zu Hans von Crailsheim zu Morstein, der seine Berufung nach Hall vermittelt hatte, und zu Eberhard von Stetten.2) Alle vier waren „gut evangelische“ Herren im Sinne Fröschels, besonders die beiden letzteren, von denen der eine dem Weimarer Prädikanten Eeinecker, der andere dem ehe­ maligen Weimarer Hofprediger Christoph Irenäus und dem Johann Fraxineus — beide bekannt als Kampfgenossen Spangenbergs und Gegner des Konkordienwerkes — ein Asyl gewährte.3) Irenäus besuchte Fröschel später (am 9. Juni 1584), widmete ihm (am 24. Februar 1589) „neben andern“ den ersten Teil seiner Postille4) und übersandte ihm im Jahre 1590 ein Exemplar der­ selben, wofür er eine „Verehrung“ von zehn Gulden erhielt. Dadurch, daß Fröschel offen als Parteimann dieser „Verfolgten“ auftrat, zog er sich auch in Hall, wo die Konkordie auf Betreiben des Pfarrers Johann Rösler trotz des Widerstandes einiger seiner flacianisch gesinnten Kollegen im Jahre 1579 angenommen wurde,5) manche Feindschaften zu, die er sich bei etwas größerer Zurück­ haltung hätte ersparen können. Aber das war eben seine Art nicht; denn nach seiner Meinung durfte man „in Sachen, Gottes Ehr betreffend“, wo man Verkehrtes sah, nicht schweigen, sondern mußte frei und aufrichtig Farbe bekennen, „wie wir begehren, daß uns unser lieber Herr Christus vor seinem himmlischen Vater auch soll bekennen“. Im übrigen mußte er zugeben, daß die Kirche Halls „eine christliche, feine Ordnung“ hatte, nur daß Rösler,6) ein geborener Meißner, die seiner Seelsorge Befohlenen häufiger als nötig gewesen wäre, „strafte“. So stellte er auch

*) Heinrich von Limburg war das Haupt der Familie und Inhaber des Schenken amtes. Er starb am 31. Januar 1585. Ein lat. Gedicht Fröschel« auf des Schenken Tod in der Chronik S. 531. 2) Auch er fand sein Lob in Spangenbergs Adelsspiegel (II, Bl. 68). 8) Siehe hierzu Bossert, 1. c. 1, 8. 270 ff.; Wibel, I, S. 599. 4) Postilla, d. i. Auslegung der Evangelien aller Sonntage und furnemsten Festen etc. für die einfeltigen Pfarrherrn und albere Christen, so entweder Gottes Wort gar nicht oder allerding nicht rein auf der Cantzel haben und hören können. Ursel 1590. 6) Zur Einführung der Konkordie in Hall: Bossert, 1. c. II, S. 225. 6) Ueber ihn: „Fortgesetzte Sammlung von alten und neuen theol. Sachen“ (Leipzig 1740), S. 528. 4

50 einmal (Frühling 1583) den Kitter Albrecht von Crailsheim in Braunsbach auf der Kanzel als Bauernschinder hin, mußte aber, da sich der Vorwurf als ungerechtfertigt erwies, dem Beleidigten, dem Fröschel zur Seite stand, öffentlich Abbitte leisten. Im Sommer und Herbst 1582 war es Fröschel vergönnt, nach langer Zeit — auf ein Vierteljahr — wieder ein Augsburger zu werden, da er in Gemeinschaft mit dem Ritterschaftshauptmann Sebastian von Crailsheim und einigen Kitterschaftsräten auf dem Reichstag die Interessen seiner „Herren4* zu vertreten hatte. Wohin er kam, fand er alte Freunde und Bekannte, mit denen er die Erinnerung an vergangene Tage auffrischte und über den Gang der Reichstagshändel disputierte. Besonders erfreut war er über das Zusammentreffen mit seinem Ansbacher Kollegen Konrad von Rechenberg, der wie er in dienstlichen Geschäften jetzt in Augsburg weilte. Er sah den wackern Mann damals zum letzten Male, denn dieser starb, als er bei der Heimkehr seine Braut — es war dies die von uns oben erwähnte Anna Maria von Crailsheim — einer „unerhörten, unnatürlichen“ Krankheit erliegen sehen mußte, schon im Frühling des nächsten Jahres (am 15. März) an ge­ brochenem Herzen, „der letzte seines Namens und Stammens“.1) — *) Chronik S. 501: „Konrad von Rechenberg, markgravischer edler rat, Franco, ein frommer, redlicher und dapferer vom adel, ist den 15. März zu Onspach tods verschiden, den 17. oder 18. in seinem schloß Rechenberg mit schild und heim begraben worden als der letzt seines namen und stammens (seiner Linie), sein tödlicher abschied ist mit großem hertzenleid geschehen .... Dieser fromme edelman hat 2 brüder gehabt, den eitern, Erkinger von Rechenberg, markgravischen ambtman zu Guntzenhausen, den jüngsten, N., bei pfaltzgraf Philips Ludwigen am neuburgischen hof; er selb, der mittler bruder, hat nit wenig jar am marggravischen hof als edler rat gedient, wie auch weiland ir 3 gebrüder vatter seligen (Balthasar) bei lebzeiten marggraf Georgen und marggraf Georg Fridrichen den gantzen anspachischen hof regiert, den auch mein herr nit anderst zu nennen gepflegt als seinen vatter. desto mer diser Conrad verhofft, ein mal ein ambt zu erdienen, darnach erst hochzeit zu halten, aber aller adeliger ehern und tugenten ungeachtet nichts erlangen mögen, da doch Ir f. gn. wol unverdinten personen im schlafdrunck ein ambt zudrincken derfen. hieentzwischen der eltist und auch der jünger bruder beide oue erben tods abgangen, da jetzt billich das ambt Guntzenhausen dem überlebenden bruder hett sollen gedeihen, ob er wol dessen nit notdürftig, dieweil im von beiden brüdern über 100m fl werth angestorben, so hett im doch der danck und die ehr sanft getan, es ist aber gangen, wie es heißt: promittis multum, das nihil, aula vale!“ Unterdessen fiel seine Braut, die Crailsheimin, die schon mit Vor­ bereitungen zur Hochzeit beschäftigt war, in die im Text erwähnte „unerhörte“ Krankheit. „Kein natürliche krankheit kan es gewest sein, und gleichwol war, daß die alte fürstin im neuen bau vil alte weiber (Anspielung auf Hexen!) umb Gottes willen erhalten. Ir breutigam, der von Rechenberg, als er vom

51 Ueber die wichtigsten äußeren Vorgänge auf dem Reichstag, auf dem bekanntlich der Kampf um den geistlichen Vorbehalt ent­ brannte und die Reichsstädte wegen der in Aachen vorgekommenen Bedrückungen der evangelischen Bürgerschaft die heftigsten Be­ schwerden erhoben, findet sich in Fröschels Chronik eine Reihe interessanter Notizen und Wahrnehmungen, in denen sich die zwischen den Religionsparteien herrschende schwüle Spannung trefflich spiegelt.1) Die Deputationsherren der Ritterschaft und

reichstag heimkomen, hat mit großen schmertzen und hertzenlaid disen un­ aussprechlichen jamer erfaren, sehen und gedulden miessen, aber so wenig als andere helfen können, und wiewol er ein dapfere, lustige und starcke mannsperson, ist er doch von disem schweren kreitz hart bedruckt worden, deshalben die ärzt rat gepflegt, die in getröstet, er soll den schweren fall tödlichen abgangs seiner eherngelibten jungkfrau braut Gott dem herrn haimbstellen; dann natürlich sei er anderst nit kranck. darumb ime anderst keine medicamenta als confortativa cordis gegeben, aber zu inen letzstlich gesagt: ir medici wölt nit, daß ich kranck sei, muß ich dann mit gesundem hertzen sterben! das auch in wenig tagen geschehen. Got tröste sie beide in ewigkeit.“ — Ein von der Crailsheimin Fröschel mitgeteiltes geistliches Lied, das sie gedichtet, findet sich in der Chronik S. 502. ') Wir werden dies Stück der Chronik, das ein abgeschlossenes Ganzes bildet, an anderem Orte veröffentlichen. Hier sei nur eine in dieses eingefloehtene Notiz über verschiedene einst Kaiser Maximilian I. gehörende Kleinodien und Kostbarkeiten mitgeteilt, die für Kunsthistoriker interessant sein dürfte. Am 25. September „hat Caspar Schenck von Schweinsperg, erb­ schenk in Hessen, mit den gesandten der ritterschaft orts Odenwald zu mittag gessen, volgends den hauptmann (Sebastian von Crailsheim), den alten juncker Valentin von Berlichingen, unsern hauspatron (Quartiergeber) Lorentzen von Kuedorf und mich in sein losament zu Tobias Stern, goldschmid neben dem Berlenturm, gefiert, uns etliche kleinoter gezeigt, so weiland Maximilian der I. vor jahren seinem (des Schenken) vatter, auch andern mehr vom adel in kriegsbestallungen umb etlich tausent krönen pfandtweis eingesetzt, die nachkommen aber ungeachtet vilfeltiger erinnerung versteen (= verfallen) lassen, darunder ein kurtz schwert, dessen knöpf und kreitz von lauter arabischem gold, der knöpf auch mit etlichen köstlich perlen geziert; die schaid von ainem ainhorn, auch mit arabischem gold, mit lauter durchsichtigen zügen ineinander geflochten, überzogen, so uff 24000 fl geschetzt worden. — Darnach ain orientalischen gewaltig grossen smaragden, geformbt wie ain hertz, . . . auch in arabisch gold gefaßt, am vordem theil hoblechtig wie ein hertz, hinden glat und drei königliche personen von geschlagnen goldpletlen darauf getragen und gradiert, dann auch andere Sachen, vil orientische perlen an schnieren, ledige diamanten und rubin. vil derselben stain, in goldkästen versetzt, welchs alles die herrn von Österreich bis daher nit lösen wollen, darumb jetz offenlich feilgeboten, weil denen vom adel etzlich mal mehr, als das Capital leuft, daran verlegen, die drei könig in gold, auf das smaragd hertz getragen, sollen sein: in der mitte Godefridus Bulioneus, dux Lotharingiae, so anno 1096 mit zweien brüdern, Balduino et Eustathio, und andern christ­ lichen fürsten und herrn wider die ungleubige gezogen, das heilig land ein4*

52 Fröschel wurden bereits am 28. Juli beim Kaiser vorgelassen und erzielten wenigstens insoweit Erfolg, als ihnen von diesem „aller­ gnädigste Vertröstung“ zuteil wurde, daß „ihre Beschwerden, so viel immer möglich, mit sondern kaiserlichen Gnaden abgeschafft werden würden“. Den Herren gefiel es aber so gut in Augsburg, daß sie auch nach der Erledigung ihrer Sache noch in der Stadt blieben und die Verlesung des Keichstagsabschiedes am 30. Sep­ tember1) sowie die Abreise des Kaisers am 1. Oktober abwarteten. Erst dann machten auch sie sich „im Namen Gottes des All­ mächtigen“ auf den Weg nach Hause. Im nächsten Jahre (1583) erfuhren die äußeren Verhältnisse Fröschels eine wesentliche Besserung, indem ihm Schenk Friedrich von Limburg bei der Ritterschaft die Bewilligung erwirkte, daß er nicht nur zu seinem bisherigen Dienste auch noch eine Be­ stallung bei ihm annehmen sondern auch seinen Sitz von Hall naöh Obersontheim, dem Hauptort seines Gebietsteiles, verlegen durfte. Und im darauffolgenden Sommer hatte Fröschel die Freude, daß der Schenk, nachdem er aus Abneigung gegen den nach dem Tode des Churfürsten Ludwig VI. wieder vordringenden Calvinismus sein Großhofmeisteramt in Heidelberg aufgegeben, nun selbst nach Obersontheim übersiedelte, um dort ständig zu residieren. Die beiden Männer hatten nun im täglichen Umgang Gelegenheit, sich noch näher kennen zu lernen, als dies bisher schon der Fall gewesen, und schlossen sich immer enger aneinander. Fröschel setzte seinen Ehrgeiz darein, seinem freundlichen „Herren“ mit ganz besonderem Eifer zu dienen, und dieser ließ keine Gelegenheit vorübergehen, seinem Advokaten

zunemen, wie er dann anno 1099 die h. stat Jerusalem eingenommen, darinnen er, Godefridus, zum konig gekronet, aber nit mit ainer gülden sonder, wie sein herr Christus an disem ort, mit ainer dörnin krön. Balduinus, der ander bruder, soll Ciliciam, Comagenam und Mesopotamiam erobert und sich dahero comitem Edessanum geschriben haben, so nach des Godefridi tod anno 1100 könig zu Jerusalem worden der dritte mann auf dem smaragden kan nit Eustathius gewest sein, dann er hat auch a in krön auf dem haubt, da Eustathius weder regierung noch königreich gehabt, sonder anno 1118 nach seines bruders Balduini tod wider heimgezogen dürft aber wol Boemundus, Tarentinorum princeps, sein, der Syriam und Antiochiam einbekommen, davon lise an seinem ort die gantz histori. ist aber groß wunder, daß dise königliche, ja kaiserliche clainoter nur umb 60000 krönen versteen sollen.......... Sed sic mundana omnia transitoria sunt.“ *) „Am 30. septembris ist der reichsabschied im kais. palatio hinden in herrn Hans Fuggers grossem saal publicirt worden, welches bei vorigen imperatoribus alzeit in curia civitatis geschehen, haben populus solichs für ein neue spanische weis gehalten.“

53 größere und kleinere Aufmerksamkeiten zu erweisen und ihm zu zeigen, wie wert er ihm sei. Ein in Obersontheim geborenes Söhnchen Fröschels wurde von Schenk Friedrich, ein anderes von dem jungen Schenken Eberhard1) aus der Taufe gehoben; zwei seiner Töchter fanden Versorgung im „Frauenzimmer“ der „Frau Martha“, der Gemahlin des Schenken Heinrich,2) und eine von ihnen verheiratete sich später mit einem Limburgischen Beamten.3) Und auch die Söhne der befreundeten Väter hielten unter sich „gute Kundschaft“, womit sie wohl schon in Ansbach begonnen hatten; wenigstens nennt ein Zettel vom Jahre 1578, auf dem die bei einer dort stattfindenden Aufführung der Hans Sächsischen Tragödie Mucius Skävola „agierenden“ Personen ver­ zeichnet sind, neben den jungen Schenken Eberhard und Georg4) auch die zwei ältesten Söhne Fröschels. So kommt Fröschel in seiner Chronik, wenn er von sich und den Seinen erzählt, ganz von selbst immer wieder auf die Schenken zu sprechen, deren Persönlichkeiten wir dadurch genauer als aus irgend einer anderen gleichzeitigen Quelle kennen lernen; und auch für die Geschichte Obersontheims fällt Manches ab.5) Nicht ganz drei Jahre hatte Fröschel hier in ziemlicher Buhe und Gemächlichkeit verbracht, da begann das Eis, auf dem er stand, wieder zu krachen. Es brach nämlich unter der Bitter­ schaft, deren Syndikus er war, (1586) eine hauptsächlich von Kunz von Felberg und Hans Georg von Berlichingen angestiftete „Meuterei“ aus, die dazu führte, daß die Oppositionspartei schließlich neue Vorstandsräte wählte, Fröschel im August den Dienst aufkündete und einen anderen Syndikus aufstellte. Obwohl die Berechtigung hierzu auf sehr schwachen Füßen stand und die Bumpfpartei Fröschel zum Bleiben ermutigte, hielt es dieser, um sich nicht noch am Ende Gewalttätigkeiten ausgesetzt zu sehen, doch für das beste zu weichen und sich, da ihm die Lim­ burger Bestallung allein kein ausreichendes Einkommen bot, ein anderes Feld seiner Tätigkeit zu suchen. Er richtete dabei seinen Blick vor allem auf Augsburg, wohin es ihn, dem in der Fremde keine dauernde Stätte beschieden zu sein schien, mehr und mehr mit aller Macht zog. Und das, trotzdem er wußte, daß sich seine *) Eberhard, der Sohn des Schenken Friedrich, geb. 1560, gest. 1622. 2) Eine geborene Gräfin von Castell, vermählt 1563, gest. 1607. 8) Anhang C, 5 u. 7. 4) Georg, geb. 1564, gest. 1625. 6) So berichtet Fröschel einiges über den Bau der im Jahre 1585 be­ gonnenen und im nächsten Jahre fertiggestellten neuen Kirche in Obersontheim und über den damaligen Pfarrer Johann Pedianus. Vgl. Prescher, II, S. 300 fF.

54 Vaterstadt während der zwanzig Jahre, seitdem er dort sein Zelt abgebrochen, in mehr als einer Hinsicht gewaltig zu ihrem Nachteil geändert hatte. War die Stadt früher als Sitz der mächtigsten Geldleute sprichwörtlich als die „reiche“ gerühmt worden, so war sie jetzt fast berüchtigt wegen ihrer häufigen und großen Bankerotte, die auch eine Menge kleinerer Existenzen in den Wirbel des Verderbens zogen.1) Und die kirchlichen Verhältnisse, die Fröschel so sehr am Herzen lagen, hatten sich, von seinem Standpunkt aus gesehen, geradezu trostlos gestaltet. Die Konkordie war vom Augsburger Ministerium schon im Jahre 1578 unterschrieben worden. Im Jahre 1580 hatten nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten die Jesuiten in der Stadt ein Kollegium, gleich darauf eine Schule errichtet;2) dann war der die ganze Bürgerschaft in leidenschaftlichste Erregung versetzende Kalender­ streit und der mit nicht geringerer Wut geführte Kampf um das Hecht, die Prediger zu berufen, zwischen der Gemeinde und dem Rate ausgebrochen, wodurch die Bevölkerung in zwei einander mit tötlichem Haß gegenüberstehende Parteien zerrissen worden. Aber die Sehnsucht nach der Heimat war in Fröschel so stark, daß alle Bedenken dahinter zurücktraten, und da er hörte, daß der Augsburger Hat eben daran sei, eine Advokatenstelle zu be­ setzen, wandte er sich an einige der alten Gönner, die er in der Stadt noch besaß, und bat sie, ihm zur Erlangung derselben be­ hilflich zu sein. Sie willfahrten ihm gerne und drangen mit ihrem Einfluß durch, trotzdem die Konkurrenz von nicht weniger als sechs angesehenen Doktoren zu besiegen war. Schwer war der Abschied, den Fröschel von Schenk Friedrich nahm — für immer, wie sie beide fühlten —, schwer das Sichlosreißen von dem liebgewonnenen Obersontheim und den vielen Freunden und Bekannten im kleineren und größeren Kreise der Nachbarschaft, mit denen er während der letzten Jahre in ver­ trauteren Verkehr getreten. Er wußte wohl, wie viel er mit seinem Weggang von Obersontheim verlor, und daß er Manches davon künftig mit Schmerzen vermissen werde.

*) Daß aber Augsburg für Manche auch damals noch „Amoenitates“ in Fülle bot, zeigt der „Lobspruch“, den „Salomon Frenzelius von Breßlaw, keyserl. gecrönter Poet“, lateinisch im Jahr 1585 dichtete und der Herausgeber der Gasser-Werlich’schen Chronik in deutscher Uebersetzung (von Teuc. Annaeus) hinter der Vorrede in dieses Werk einrückte. In diesem Gedicht findet sich auch eine längere, die Augsburger Juristen lobpreisende Stelle. 2) Dirr, „Anfänge des Jesuitenordens im Hochstift Augsburg“ in dieser Zeitschrift, Bd. XXXIII, S. 85 ff.

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VI. Fröschel wieder in Augsburg als städtischer Advokat 1587 bis zu seinem Tode 1602. Seine Söhne und Brüder. Als Fröschel im Sommer des Jahres 1587 nach Augsburg kam, war er 60 Jahre alt, stand also, obwohl er noch ein recht rüstiger Mann war, bereits an der Schwelle des Alters. Er war fest entschlossen, wenn es nur einigermaßen angienge, in dem ihm nun von Gott bescherten Amt auszuharren bis zum Tode, denn er hatte das Hin- und Herwandern jetzt herzlich satt und wollte endlich in „einen dauernden Stand“ gelangen. Die äußeren Konditionen, in die er eintrat, waren nicht schlecht. Er erhielt ein Aufzuggeld von 225 Gulden, einen Gehalt von 500 Gulden jährlich und ein Bestandgeld von 60 Gulden,1) das ihm erlaubte, eine schöne Wohnung im Schertlinhaus zu beziehen. Außerdem durfte er noch Privatbestallungen annehmen, eine von Georg Fugger, die jährlich 200 Gulden, eine von dem Stadtpfleger Anton Christoph Eehlinger, die jährlich 50 Gulden eintrug. Manche nahmen es Fröschel sehr übel, daß er dem Hat, der gegen die Evangelischen so feindselig aufgetreten sei und iu diesem Verhalten noch beharre, dienen möge, und einer seiner ältesten Bekannten, Dr. Adolf Occo,2)* verweigerte *** ihm bei einer zufälligen Begegnung auf der Straße deshalb den üblichen Hand­ schlag. Er ließ sich aber das nicht anfechten, indem er sich sagte, daß gerade er, in seiner Stellung als städtischer Advokat, den Glaubensgenossen in manchen Dingen werde nützen können. Seine Freunde im Rat wußten durchzusetzen, daß er am 17. April 1588 den drei evangelischen Kirchenpflegern als juristischer Beiständer zugewiesen wurde, wodurch er auch Gelegenheit erhielt, für das im Jahre 1582 eröffnete St. Anna Kollegium8), das ein evangelisches Bollwerk gegen die Jesuitenschule werden sollte, tätig zu sein. Wenn er sehen mußte, daß das „Papsttum“ in Augsburg unaufhaltsam vordrang und immer mehr *) Die Bestallung Frösehels, dd. 18. August 1587 im Augsburger Stadt­ archiv. 2) Siehe über Occo (III.) Radelkofer, „Die humanistischen Bestrebungen der Augsburger Aerzte im 16. Jahrh.“ in dieser Zeitschr., Bd. XX. S. 28 ff. ä) Zuletzt schrieb darüber Bauer: „Die Errichtung des Kollegiums bei St. Anna in Augsburg.“ Programm zu dem Jahresbericht des St. Annagymnasiums in Augsburg (Augsburg 1908).

56 „das prae gewann“,1) so wirkte das auf ihn nicht entmutigend, sondern war ihm ein Sporn, seinerseits desto größeren Eifer zu entfalten und die im Rate sitzenden Gesinnungsgenossen uner­ müdlich zur Wachsamkeit und Tapferkeit zu mahnen. Und konnte er über die Mauern der Stadt hinaus etwas für das Evangelium und dessen „echte“ Bekenner tun, so war er auch jetzt noch wie früher gerne dazu bereit. Als Spangenberg, der im Jahre 1580 endlich wieder seßhaft geworden war und in dem hessischen Städtchen Schlitz eine Pfarrstelle erhalten hatte, im Jahre 1586 mit einem seiner dortigen Gerichtsherrn, dem Junker Georg von Schachten, in einen schweren, gefährlichen Prozeß geriet, trat ihm Fröschel als freiwilliger Sachwalter zur Seite, und zwar mit wahrhaft jugendlicher Begeisterung, denn er erblickte in diesem „Handel“ den Kampf eines von Gott erleuchteten „Propheten“ und „Dieners des Wortes“ gegen „die dem Reiche Gottes widerstrebende Bosheit der Welt“.2) Auf Menschen, die ihm in ihrer Religion lässig zu sein schienen oder gar, was ihm fast unfaßlich war, vom Evangelium abfielen und im Papsttum ihr Heil suchten, blickte dieser glaubensstarke Mann mit Grimm und Ver­ achtung herab, und es gehörte zu seinen bittersten Erlebnissen, daß sich selbst einer seiner Verwandten, Dr. Philipp Tradel, der Sohn des bekannten Augsburger Advokaten Dr. Georg Tradel,3) von den „Päpstlichen“ verführen ließ (1594).4) Er suchte ihn unter ernstem Hinweis auf die Rechenschaft, die er einst bei dem jüngsten Gericht über diesen Schritt werde geben müssen,5) mit guten und bösen *) Damals (1581) lief unter den Evangelischen in Augsburg das Verslein um : „Die Rehlinger regieren, Die Fugger triumphieren, Die Heinzei lavieren, Jesuiter die Gemeind verführen, Wenn einst der Teutel Abt wird, wollen wir auch jubilieren.“ 2) Siehe zu diesem Prozeß Hotz: „Cyriacus Spangenbergs Leben und Schicksale als Pfarrer in Schlitz von 1580—1590“ in den Beitr. zur Hessischen Kirchengeschichte, Bd. III (Darmstadt 1908) S. 207 ff. und S. 267 ff. und meine Mitteilungen über diese Sache im VII. Bande. 8) Siehe über Dr. Georg Tradel Stetten, Lebensbeschreibungen, Bd. I S. 195 ff., das oben (S. 54 Anm 1) angezogene Lobgedicht auf Augsburg, Col. 7 und das dritte diesem angehängte Gedicht 4) Chron. S. 618: „Am 29. Junii 1594 hat doctor Philips Tradel, eines e. rats allhie bestellter advocat, zu Regenspurg auf dem reichstag offenlich revociert und die catholisch papistisch religion angenommen, damit er mich als affinis hart betriebt; doch sagt ein vertraute, liebe person zu mir: lieber herr, Ir dürft nit traurig sein: er ist vor schwenckfeldisch gewest, jetzt catholisch worden, dardurch sein condition nit erger sondern besser gemacht, denn vor hat er kein sacrament gehabt, jetzt hat er sieben.“ 5) Siehe den ergreifenden Warnungsbrief,dd. 22. Märzl596i. d. Chronik S. 635*

57 Worten zur Umkehr zu bewegen und betrachtete es als ein Urteil des Gottesgerichtes, als Philipp und dessen Vater, „der es mit der Religion auch nicht ernst genug nahm“, im Jahre 1598 rasch nach einander vom Tode abberufen wurden.1) Außerhalb seines engeren Geschäftsbereiches wurde Fröschel im April 1596 „gebraucht“, als der Stadt wieder einmal von bayerischer Seite der „Lech abgewendet“ wurde und ihn der Rat der an den bayerischen Hof abgeordneten Deputation zugesellte, die eine „Vergleichung“ des daraus entstandenen Streithandels herbeiführen sollte.2) Fröschel war natürlich schon oft in München gewesen, aber er hatte noch nie Muße gehabt, die Stadt so gründlich wie diesmal zu besehen, und die Beschreibung dessen, was man ihm gezeigt, enthält, nament­ lich für den Kunsthistoriker, beachtenswerte Stellen.3) Das Privatleben Fröschels gestaltete sich wie das der meisten Menschen, denen ein höheres Lebensalter beschieden ist, *) Chron. S. 669: „Am 26. Januar 1598 ist doctor Philipp Tradel, der jung, unbedechtig mann, in disgratia patris . . ., wollte Gott, nit auch in gött­ lichen Ungnaden alhie zu Augspurg verschieden . . . Seine Verlierer, die ich könnte nennen — und Gott kennt sie wol — werden schwere rechenschaft geben müssen; will einer zum teufel faren, so thue er es für sich selbst und laß andere unverworren.tt — Am 13. März starb dann der alte Tradel in Regensburg. (Stetten, Gesch. von Augsburg, I, S. 748; Epitaph bei Prasch, I, S. 159.) 2) Chronik Seite 630: „31. Jännar (10. Febr.) hat Wilhelmus, dux Bavariae, der stat Augspurg den Lech abzuwenden, allbereit ein schacht und ein wurst ins wasser machen lassen, meine herren aber, als die Bayrische sich gütlich nit abtreiben lassen, hundert kriegsleut — muskatiere — hinaus ge­ schickt, darauf man erst abgestanden.“ Die nun eingeleiteten Verhandlungen führten dazu, dass am 19. März von beiden Parteien gemeinsam „augenschein genommen wurde“, worauf der Augsburger Rat am 17. April den Bürgermeister Albrecbt von Stetten, den Geheimen Rat Hans Jakob Rembold, den Ratsherrn Bernhard Rehlinger, den Lechmeister Hans Jakob Schwartz und die beiden Advokaten Dr. Augustin Mayer und Fröschel zur „Vergleichung“ der Sache nach München sandte. Sie nahmen dort ihre Herberge in der „goldnen Gans bei Hans Vallbühler“. Am 6. Mai wurde ein die beiden Streitteile befriedig­ ender Vertrag abgeschlossen, der sich im K. Reichsarchiv zu München (Hoch­ stift Augsburg, II, 2, Num. 23^ erhalten hat. 3j Er berichtet unter Anderem: „Am 21. April haben herzog Maximilianus, Jr. f. Dht. uns (die Augsburger) zur tafel berufen lassen, darauf drei­ zehn rennroß zum roß lauf sehen siglen. darauf in das Belveder, h. Maximi­ lians lustgarten, gangen, mit vil schönen und wunderbarlichen antiquitäten gezieret, auch ein schöner rörcasten. in diesem Belveder stunde diß distichum: Pulchra vides, sed vana vides hic multa, viator, Haec ita fac capias, ne tu capiaris ab illis. Nit weit davon seind wir in ein alt, gros gewelb gefiert worden, darin unzelich vil alte römische bild und antiquiteten, vil tausend cronen werth, noch nit alle in ordinem disponiert.“ „Am 24. April hat m. Ruprecht (soll heissen Hubertus) Gerhardi, statuarius, ein Niederländer, mit uns gen mittag gessen, welcher hie auf dem Perlach den götzen-rörkasten (Augustusbrunnen) formirt und gossen und jetzt zu

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zuletzt zu einem nebligen, nur dann und wann von Sonnentagen unterbrochenen Herbst. Die heiteren Tage wurden ihm bereitet von seinen erwachsenen Kindern, die sich daheim und draußen als gut erzogene, brauchbare Menschen bewährten und dem väter­ lichen Hause Ehre machten. Die Ehen, die die ältesten von ihnen schlossen, fanden des Vaters „herzlichen“ Beifall und wuchsen sich alle bis auf die einer Tochter,1) deren Mann sich nicht mit ihr vertragen konnte, gut aus. Der Anblick der Enkelchen, die er an festlichen Tagen um sich hatte, entlockte ihm frommen Dank gegen Gott für den „Samen“, der die Fort­ dauer seines Geschlechtes für lange Zeit zu sichern schien. Aber die meisten Tage waren trüb. Infolge der vielen Ausgaben, die ihm die Ausbildung seiner jüngsten Söhne, die Ausstattung der in die Ehe tretenden Töchter und verschiedene mißliche „Zufälle“ verursachten, geriet er, der es von jeher ver­ schmäht hatte, seinen Beruf zu „unchristlicher“ Bereicherung zu mißbrauchen, wie es scheint, zuletzt noch in ziemlich knappe Vermögensverhältnisse.2) Auch stellten sich mehr und mehr die Beschwerden des Alters ein, körperliche Hemmungen, Abnahme des Gedächtnisses und Minderung der Arbeitskräfte. Und wie im Herbste, wenn einmal die Zeit dazu gekommen, Blatt für Mönchen in die neue Jesuiterkirchen ein gantzen häufen götzen, deßgleichen h. Wilhelmen begrebnus gar künstlich mit gegoßnen bildern zugericht.“ „Am 25. April hat uns obengenannter m. Ruprecht vormittags in der Jesuiter noch unausgebaute Kirchen gefuert, davor in einem gemach beisam­ men gesehen 25 grosse heilgen bilder, so in gedachte kirchen kommen sollen, größer als menschengröße. er fiert uns auch in sein werckstatt; darnach abends an andre ort, alda wir gesehen etliche schöne stuck capitel und gesimps von schwartzem marmelstein, item ein großes crucifix, mannsgröß, von metall gossen, so der treflich künstler Joann de Bologna, jetziger zeit zu Florentz, soll gemacht haben, item ein grossen engel, 2 grosse Weibsbilder, 4 helden oder ritter, vier lewen, alle zu dem fürstlichen epitaphio gehörig, gar künstlich von ime, m. Ruprechten, gemacht.“ „Am 30. April vesperi sahen wir den lebendigen lewen und lewin, den muß man täglich 9 pfund kalbfleisch geben.“ „Am 2. Mai morgens frue nach 4 uhrn furn herr von Stetten, herr Rechlinger, Dr. Mayer und ich und mein (son) Christianus nach Starnberg am Wirmsee, 3. meil. daselbst fiert man uns auf des hertzogen schiff (auf dem see, so ein meil breit, 3 lang, und da er am diefisten, 130 klafter tief ist, darin man grundfarhenen, auch die besten renken facht) ein meil wegs gen Possen­ hofen, so Hans Conrad Herwarth, des obersten cantzlers Hans Georgen bruder, zugehörig, nechst am see gelegen, mit einer feinen behausung und einem gar gewaltigen baumgarten; . . . kamen umb 5 uhr abends wider gen München“. *) Anhang C, 6. 2) Er versteuerte 1587: 30 d, 37 kr., 6 d.; von 1590 an zwar 30 d, 1 fl, 6 d, schuldete aber im Jahre 1600 dem Rate 600 fl, die ihm nach und nach an der Besoldung abgezogen werden sollten.

59 Blatt von den Aesten und Zweigen fällt, so wurden ihm in nah und fern in immer rascherer Folge die Verwandten und Freunde entrissen, mit denen er in seinen guten Jahren längere oder kür­ zere Strecken seines Lebens gegangen war. So schied im Jahre 1589 sein Gönner und Freund, der Stadtpfleger Anton Christoph Rehlinger, ab, dessen Grabschrift er die Gestalt gab, in der sie sich erhalten hat;*1)11 im gleichem Jahre der Geograph Philipp Apian, der ihn zum Vertrauten seiner häuslichen Kümmernisse gemacht,2) am 11. August 1595 der neuburgische Kanzler Dr. Walter Drechsel, mit dem er namentlich in seiner Donauwörther Zeit auf vertrau­ tem Fuß gestanden war, und im nächsten Jahre folgte ihnen sein *) Prasch, Epitaphia, I, S. 96. 2) Fröschel schreibt unter dem 15./25. Nov. 1589: „In der nacht, so vor disem tag hergehet, ist mein alter, vertrauter herr und bruder Philippus Apianus, medicinae doctor et professor mathematum, zu Tübingen zwischen 8 und 4 uhrn apoplexia christlich verschiden, a pharasaica Jacobi Schmidlini persecutione liberatus, darum daß er das concordibuch nit subscribiern wollen. Got ver­ leihe im ein selige, fröliche auferstehung. — Hat in der undanckbaren weit vil betrubnis ausgestanden, auf die nativiteten nit vil gehalten, auch, sovil mir bewußt, den leuten keine gemacht, sonder bei der astronomia gebliben. sein bruder, Schwester und schwestermenner, dern einer heißt doctor Mörder (?), assessor camerae, haben ine bis auf die seel unaufhörlich geplagt, daß er seine eigne, auch seines lieben vatters seligen schöne, herrliche werck nit hat publicirn können, das immer nur schad und gegen Gott nit verantwortlich, da ich ine selb oft gebeten hab (es zu tun), aber nit sein können, daß ich gleich seiner göttlichen erlösung von liertzen froh bin. — Volgen aber doch die namen der schönen werck, die er und sein vatter seliger, Petrus Apianus, under handen gehabt: 1) De triente aliisque instrumentis novis lib. IIII, 2) De astrolabii nova compositione et multiplici ejus usu, 3) De planispherio lib. IIII, 4) Liber cosmographiae Petri Apiani per Philippum auctus et emendatus, 5) De umbris hoc est gnomonicis libri X, 6) Arithmetica aucta, 7) De perspectiva lib. II, 8) De dimensionibus linearum in longum, latum et altum lib. II, 9) De vasorum mensuratione über, 10) De meteoroscopiis über, 11) De magneta Übellus, 12) De cometis, 13) De globo caelesti, 14) De globo geographico, 15) Universi orbis terrarum descriptio, 16) und 17) Ducatus Bavariae descriptiones duae, summo studio ac labore magnisque expensis confectae, 18) Ejusdem tabulae descriptio. Warlich Got wirt die grosse untreue uud Verhinderung der publication so trefflicher werk vatter und sons ungestrafft nit lassen, der Mörder sehe auf!“ — Siehe hierzu die oben (S. 8 Anm. 7) zitierte Abhandlung Günthers passim.

60 „lieber Herr“, der Schenk Friedrich von Limburg.1) Bis zum Ende des Jahrhunderts konnte Fröschel die Zahl seiner noch lebenden alten Freunde und Bekannten an den Fingern zählen. Von seinen Geschwistern war im Jahre 1587 nur mehr sein Bruder Stephan am Leben, der aber schon im nächsten Jahre starb,2)* und eine Schwester, die in ziemlich misslichen Verhält­ nissen im Jahre 1594 in Windsheim ablebte.8) In seiner engeren Familie wurde ihm im Jahre 1588 ein Söhnchen durch den Tod entrissen, 1596 eine vierzehnjährige, von ihm sehr geliebte Toch­ ter,4) 1597 ein einunddreißigjähriger Sohn, Namens Christian, von dem wir noch kurz sprechen werden.5) Zwei Jahre später, am 12. November 1599, traf ihn der schwerste Schlag: er verlor seine zweite Frau Regina, die allmählich in seinem Wesen und seinen Anschauungen so aufgegangen war, daß er sie als sein zweites Selbst betrachtete. Sie wurde am untern Friedhof be­ erdigt, und Pfarrer Caspar Sauter von St. Anna hielt die Grabrede.6)* Von dieser Zeit an war Fröschel ein gebrochener Mann. Sein Blick war jetzt nur mehr auf das Grab gerichtet, und im Gefühl, daß nun auch sein Stündlein bald schlagen werde, beeilte er sich, mit immer schwerer werdenden Hand seine Hauschronik, in der er seine ganze, von so viel Wechselfällen bewegte Vergangenheit gewissermaßen noch einmal durchlebte, zu beenden. Die Feder entsank ihm erst, als ihn eine schwere, sich in die Länge zie­ hende Krankheit, während der er in immer innigere Vereinigung mit Gott zu kommen trachtete, auf das Lager warf. So begrüßte er den Tod, der ihn am ersten Adventsonntag 1602 (28. Novem­ ber alten Stiles) nach vollendetem fünfundsiebzigsten Lebensjahr *) Er starb am 9. Januar 1596. 2) Anhang B, 2. 8) Anhang B, 6. 4) Die Leichenrede auf sie in: Concionvm Fvnebrivm / Decas secunda. / Gehalten in der Euangelischen Kirchen zu Aug- / spurg bey St. Anna, / Durch / M. Casparum Sauterium, Pfarrern vnd Seniorem daselbsten. / Lauingen Durch Leonhart Reinmichel. MDXCIX: 9. Predigt zu Ehrengedächtnuß Junckfrau Annae Theodorae Fröschlerin, als sie zuuor den 27. julii in Gott verschieden / vnd den 29. ejusdem Christlich zur Erden bestattet worden, Anno etc. 96. 6) Die Leichenrede in derselben Sammlung: / Decas secunda (Lauingen MDCIX): 2. Predigt zu Christlichem Gedächtnuß des Frommen vnd Gottseli­ gen junglings Christiani FrÖschels, welcher den 18. Decembris Christlich verschiden vnd hernach den 20. tag eiusdem Christlich zur Erden bestattet wor­ den. Anno 97. 6) Sie findet sich ebenda: / Dekas tertia (Lauingen M. D. C.): 10. Pre­ digt zu Christlicher Gedächtnuß der Ehrenreichen vnd Tugentsamen Frawen Reginae Fröschlerin etc., geborner Pfisterin, welche Montags den 12. Novemb. abends selig in Christo entschlafen vnd hernacher den 15. gemelts Monats Christlich zur Erden bestattet worden. Anno 99.

61 abrief, als Freund und Erlöser. Pfarrer Sauter bestattete auch ihn zur ewigen Ruhe und legte der Leichenpredigtx) „den schönen Lobgesang Siraeonis (Luc. 2) zu gründe“, den Fröschel in seiner Leidenszeit „oft und herzlich gebraucht“. Er wurde von den Vielen, die ihm näher gestanden, und von den Besten seiner Vaterstadt tief betrauert als ein durch und durch rechtschaffener, „aufrechter“ Mann, als opferwilliger, treuer Freund und guter Bürger. Vor allem aber wegen seiner Haltung als Advokat, durch die er das böse Sprüchlein „Juristen schlechte Christen“ für seine Person völlig zu Schanden gemacht. Zu beklagen war, wenn man auf sein Leben zurückblickte, nur, daß er — was freilich ein weit verbreitetes „Laster“ der‘Zeit war — gern Religion und Theologie miteinander verwechselt und sich dabei in leidenschaftliche Kämpfe eingelassen, durch die er sich, oft recht unnötig, das Leben verbittert hatte. *

* *

Aus seinen zwei Ehen hatte Fröschel neunzehn Kinder, von denen zwölf über die Kinderjahre hinauskamen.*2) Er ließ ihnen alle eine vortreffliche Erziehung angedeihen, die ebenso sehr auf Ausbildung des Geistes wie auf Stärkung des Charakters und Veredlung des Gemütes abzielte. Keine Stunde des Tages durfte ungenutzt verstreichen, auch nicht die Zeit des Mittagsmahles, während dessen er nach alter, damals noch weit verbreiteter Sitte lehrreiche Werke, meist historischen Inhalts, vorlesen ließ, etwa das Geschichtswerk Sleidans, die beliebte „Chronica“ Carions oder das Martyrologium des Rabus. Und abends, wenn die Mädchen am Spinnrad saßen, belehrte Fröschels Frau Regina, die sich unter Anleitung ihres Mannes eine erstaunliche Belesenheit in der heiligen Schrift und in der populären religiösen Literatur ange­ eignet hatte, die heranwachsenden Kinder wie auch das Gesinde über die Grundlehren des evangelischen Glaubens, wobei sie den kleinen Katechismus des einstigen Augsburger Prädikanten Caspar Huber oder den Spangenbergs und das Gebetbuch von Dr. Ludwig Rabus benützte. Auch die Musik wurde fleißig in seinem Hause gepflegt; er scheute keine Kosten, diejenigen seiner Söhne, die hierzu Begabung zeigten, in dem einen oder dem andern Instru­ ment ausbilden zu lassen, denn er wußte gar wohl, daß es für *) Ebenda: Decas quarta (Lauingen M. D. IV): 9. Predigt: Dem Ehrnnuesten vnd Hochgelehrten Herrn N. Fröschlin, beider Rechten Doctorn etc., welcher den 8. Dezembris abends zwischen 6. vnd 7. Vhr im HERren ent­ schlafen vnd hernach den 11. Dito ehrlich zur Erden bestattet worden, Anno 1602. 2) Siehe Anhang C.

62 junge Leute, die, wie seine Söhne, ihr Unterkommen im Herren­ dienst suchen mußten, neben einer schönen Handschrift keine bessere Empfehlung gab als musikalische Fertigkeiten. Auf die Hochschule sandte er zwar keinen, doch sorgte er dafür, daß sie sich alle jenes Maß wissenschaftlicher Bildung aneigneten, das damals auf den sogenannten Gelehrtenschulen oder Gymnasien zu holen war. Auch mit der Praxis des Kanzleidienstes suchte er sie so bald als möglich vertraut zu machen, indem er sie, sobald sie hierzu tauglich erschienen, in seiner Schreibstube mit allerlei „Konzipierungen“ beschäftigte. Fröschels ältester Sohn war Christoph, geboren am 24. Juli 1558. Er verriet eine gute Begabung, „ein rundes, fähiges Inge­ nium“, wie sich der Vater ausdrückte, besuchte seit 1566 die St. Annaschule zu Augsburg, die damals unter dem Rektorate des berühmten Philologen Hieronymus Wolf1) in schöner Blüte stand, trat, nachdem er sich in der Kanzlei Fröschels die nötige Gewandtheit erworben, im Januar 1581 zu Heidelberg in den Dienst des Schenken Friedrich von Limburg, der damals noch kurpfälzischer Oberhofmeister war, siedelte mit diesem 1584 nach Obersontheim über und vermählte sich am 16. Mai 1588 mit Agnes Hautsch, der Tochter des dortigen Limburger Vogtes. Dieser Christoph Fröschel, der Neigung und Verständnis zu geschichtlichen Studien von Haus aus mitbrachte, ist der Ver­ fasser der ältesten Limburger Hauschronik, die den Titel führt: Das uralte Herkommen, Stammen und Geschlecht der Herren zu Limburg, des h. Römischen Reichs Erbschenken und Semperfreien. Sie wurde von ihm dem Schenken Friedrich zum neuen Jahre 1593 überreicht und gilt als ein für die damalige Zeit tüchtiges Geschichtswerk, das, abge­ sehen von der auf meist unhaltbaren Traditionen fußenden Ein­ leitung, größtenteils aus gutem, urkundlichem Material geschöpft ist.2) *) Siehe über ihn den Artikel in der Allg D. Biogr., Bd. XLIII, S. 755. — Wolfs Tod trug Fröschel in seiner Chronik ein mit folgenden Worten: „Am 8. Okt. 1580 ist Hieronymus Wolfius, graecae linguae peritissimus, zu Augspurg post incisionem lapidis vesicalis tods verschiden. Gott gnade im. ist seiner philosophia halben in sacris schwach gewest, daß er ob indignitatem suam lang nit zum nachtmal des herren gangen“. Wolfs Epitaph bei Pra sch, I, S. 146. 2) S. über diese Arbeit das Urteil Preschers, 1. c., II (Stuttg. 1790), S. 427: „Das Ganze ist in 5 Bücher geteilt. Das erste fängt mit dem Jahre Christi 372 an und erzählt viele alte Traditionen, unter andern die von der Verwandtschaft des Hauses mit Karl dem Grossen im 14. Grade und mit Kaiser Konrad II.; . . . . das zweite und die folgenden Bücher sind fast durchgehends aus den vorhandenen Diplomen geschöpft und sehr achtungswürdig“. Die Handschrift hat sich erhalten im Limb. -Gaildorfschen Archiv (Heyd, Bibi, der württemb. Gesch., II, [1895] Num. 7766).

63 Der zweite Sohn, Friedrich, geboren 1560, war ebenfalls ein Schüler Wolfs, mußte aber, da er sehr frühzeitig „ziemlich gute Frakturbuchstaben von sich selbst zu machen angefangen“, schon im Alter von 10 Jahren bei dem von Nürnberg nach Augs­ burg eingewanderten berühmten Schreibmeister Caspar Brinner1) die Kalligraphie, im Jahre 1582 bei Friedrich Brechtei von Nürn­ berg die Feldmesserei erlernen und seinem Vater häufig als Schreiber dienen. Zwei Jahre später fand auch er Anstellung in Heidelberg, und zwar als Kammersekretär bei dem Herzog Karl von Zweibrücken-Birkenfeld, dem Begründer derjenigen Linie des Hauses Wittelsbach, von der das jetzige bayerische Herrscher­ haus abstammt. Am 17. März 1598 heiratete er Margareta Sprenger, die Tochter des angesehenen Hans Sprenger und dessen Gattin Margareta Helfenstein. Friedrich Fröschel, der nach dem Tode des Vaters dessen Hauschronik in Händen hatte, bereicherte diese auf den frei gebliebenen Halbseiten durch eine Menge von Zusätzen, die größtenteils ihn selbst betreffen. Von größerer Wichtigkeit aber sind die von ihm in derselben Weise eingetragenen Ephemerid es, die auf S. 521 des Codex unter dem Jahre 1584 beginnen. Er hat in diesen alle Kitte und Reisen verzeichnet, die er währ­ end seines Dienstes bei Herzog Karl — meist in dessen Gefolge — zu machen hatte, und hat damit, trotz der Zurückhaltung, die er sich in den eingestreuten Bemerkungen und Erzählungen auf­ erlegt, die nicht allzu zahlreichen Quellen, auf die wir zur Er­ kenntnis der Persönlichkeit dieses Fürsten angewiesen sind, in willkommener Weise vermehrt.2) Da wir das Wesentliche dieser Aufzeichnungen in geeigneter Form zu veröffentlichen gedenken, können wir uns hier auf diese Andeutung beschränken. Ueber den Lebensgang des dritten Sohnes, Christian, geb. im Jahre 1561, der zuletzt Buchhalter in der Paller’schen Firma war, wird uns nur wenig berichtet. Er scheint aber ein überaus ') S. über diesen Schreibkünstler Christell, „Nachrichten von der ev. Barfüsser- und St. Jacobs-Kirchen in Augspurg“, (Augspurg 1733) S. 64; Radlkofer, Die schriftstellerische Tätigkeit der Augsburger Volksschullehrer im Jahrhundert der Beformation(Augsburg 1903) S.44. Sein Epitaph: Prasch,I, S.80. 2) Friedrich Fröschel hat das Andenken des Herzogs auch noch in einem Nachruf auf diesen geehrt. Er findet sich in dem Schriftchen: „Sechs Christ­ liche Trost- und Leichpredigten über den tötlichen Abgang des weilund . . . Herrn Carls, Pfaltzgravens bey Rhein“ und ist angehängt der sechsten dieser „Leichpredigten“, die am 18., 21., 28. Dez. 1600 von Joh. Heygenfeld zu Enkirch an der Mosel gehalten worden. Die „Klagschrift“ Fröschels besteht aus deutschen Reimen, „darinnen J. F. Gn. gantzes Leben beschrieben“. Getruckt zu Lauingen durch M. Jacobum Winter a. Christi 1601. (Zwei­ brückener Gymnasial-Bibl.)

64 liebenswürdiger und trefflicher Mensch gewesen zu sein, dessen frühen Tod — am 18. Dezember 1597 — seine vielen Freunde aufrichtig betrauerten. Drei Nachrufe in lateinischen Versen — von Cleminius, von Konrad Geer und von dem Advokaten Dr. Aug. Mayer — stehen in Fröschels Chronik,1) ebenso ein an diesen gerichtetes Trostschreiben Spangenbergs; der schon erwähnte Pfarrer Sauter von St. Anna hielt die Leichenrede.2) Auch Christian war Ver­ fasser von Ephemeren, die, wie die von seinem Vater daraus zitierten Stellen erkennen lassen, hauptsächlich Vorgänge in der Fröschelschen Familie und im Getriebe des städtischen Alltags­ lebens zum Inhalt' hatten. Sie scheinen verloren gegangen zu sein, wenigstens konnte bisher keine Spur von ihnen aufgefunden werden. Der vierte Sohn, Daniel, geboren am 7. Mai 1563, verriet schon sehr bald künstlerische Anlagen und wurde, ein Zwanziger, auf ein Jahr zu Wenzel Jamnitzer nach Nürnberg gesandt, wo er, wie einst sein Vater, in die Perspektive eingeführt wurde und noch „viele andere schöne Künste“ erlernte. Nach seiner Rückkehr sollte aber auch er sein Glück in Heidelberg versuchen und fand, infolge der Bemühungen seines Oheims, des Kanzlers Christoph Ehern, Ende Januar 1586 wirklich Aufnahme in die Kanzlei des Pfalzgrafen Casimir, freilich mit ziemlich mageren Konditionen: Jährliche Besoldung zwölf Gulden, zwei Hofkleider, fünfzig bis sechzig Gulden für die Kost. Aber er hielt es nicht allzu lange in der Schreibstube aus; schon 1589 scheint er wieder zuhause gewesen zu sein, fest entschlossen, sich eine Existenz als Maler zu begründen. Seine Spezialität war das „Abkonterfeien“ von lebenden Tieren, hauptsächlich von Vögeln, Amphibien und In­ sekten, aber auch die Nachbildung von Blumen, Schlangen und anderen für die Miniaturmalerei geeigneten Gegenständen. An­ fangs 1591 trat er in die Dienste der Fugger, scheint aber nicht entsprochen zu haben, denn er wurde schon nach einigen Wochen entlassen und zur weiteren Ausbildung mit einem Stipendium nach Italien gesandt. Er ging nach Venedig, dann nach Florenz, und war hier eifrig bemüht, die Aufmerksamkeit des kunstsinnigen Großherzogs Ferdinand I. auf sich zu ziehen, um von ihm Aufträge oder eine feste Anstellung zu erhalten.3) Ob er sein Ziel erreicht hat, wissen wir nicht. Wir hören von ihm erst wieder im Jahre 1604, >) S. 660 und 661. 3) S oben S. 60 Anm. 5. 8) Ueber seine Erlebnisse in Italien berichtete er in mehreren Briefen an seinen Vater, die bruchstückweise oder in kurzen Auszügen dessen Chronik ein verleibt sind.

65 in dem er sich (am 9. Februar) mit Katharina Rumlerin in Augs­ burg verheiratete.1) Drei Jahre später, 1607 (1. Mai), wurde er als Nachfolger der berühmten Kunstkenner und Kunstschrift­ steller Jakob und Octavio Strada zum Antiquar oder technischen Direktor der kaiserlichen Kunstkammer in Prag ernannt.2)3 Wieder fünf Jahre später, 1612, begegnet er uns unter den Persönlich­ keiten, die nach dem Tode Kaiser Eudolfs II. wegen Veruntreuung von Gegenständen der Prager Kunstkammer in Untersuchung gezogen wurden.8) Wie er daraus hervorging, wissen wir nicht. Der bekannte Kunstagent Philipp Hainhofer erwähnt Fröschel als einen der Künstler, die Beiträge zu seinem berühmten Stammbuch geliefert, und ein von ihm gefertigtes „Täfelein“, das sich im Besitz des sammeleifrigen Eichstetter Bischofs Konrad von Gemmingen befand.4) 1625 soll er gestorben sein.5) Diese vier Söhne stammten aus Dr. Fröschels erster Ehe. Von denen aus der zweiten seien nur zwei genannt: Herkymbald, geb, 1574, und Eberhard, geb. 1584. Der erstere wurde 1590 „im Verlag“ des Grafen Gottfried von Oettingen nach Italien gesandt, um dort Musik, die welsche Sprache und die Feldmesserei zu erlernen, genoß, nachdem er zurückgekehrt, gründlichen Unterricht bei dem „namhaften“ Komponisten Hans Leo Häßler6)* und wurde dann im Oettingschen Kanzleidienst untergebracht. Eberhard trat schon im Alter von fünfzehn Jahren (1599) in die Kanzlei seines Tauf­ paten, des Schenk Eberhard von Limburg, der württembergischer Landhofmeister war, und wurde im nächsten Jahre Küchenschreiber in Stuttgart. Von seinen Geschwistern standen unserm Fröschel zwei Brüder, Georg und der schon erwähnte Benedikt, am nächsten, und wir müssen, um die Verhältnisse, in denen er lebte, vollstän­ dig kennen zu lernen, auch bei ihnen noch einen Augenblick verweilen. Georg, der jüngste der Brüder, hatte sich unter Anleitung des Vaters zum Wundarzt ausgebildet, befaßte sich aber auch *) Hochzeitsbuch der Kaufleute im Augsb. Stadtarchiv. *) Svatek, „Kulturhistorische Bilder aus Böhmen“ S. 245. — Fröschels Gehalt betrug monatlich 25 Gulden. 3) Ebenda S. 251. 4) Häutle, „Die Reisen des Augsb. Philipp Hainhofer“ etc. in der Zeit­ schrift des Histor. Ver. f. Schwaben und Neuburg, Bd. VIII (Augsb. 1881) S. 115 und 30. 6) Vermerk in dem oben (Anm. 1) erwähnten Hochzeitsbuch. 6) In den Jahren 1594 und 1595. Das Honorar betrug monatlich zwei Gulden. — Siehe über Hans Leo Häßler (in Augsburg seit 1586;: Sandberger in den Denkmälern deutlicher Tonkunst, Bd. V, 1 (Leipzig 1904) S. LXIV ff.

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66 mit kaufmännischen Dingen, und machte in seiner Jugend (1555 und 1556) zweimal gefahrvolle Geschäftsreisen nach Livland. Später führte er zeitweise die Oekonomie seiner Mutter in Stockensau, verpflasterte die bei den sonntäglichen Raufereien beschädigten Köpfe der „nachbarlichen“ Bauern, assistierte gele­ gentlich seinem Bruder Benedikt bei Operationen und führte im übrigen ein fröhliches Leben als Jäger und Fischer. Zu seinem Unglück ließ er sich in eine Liebschaft ein mit einem ebenso schönen wie leichtfertigen Mädchen, Namens Barbara Agnes, aus der bekannten Augsburger Familie Schwarz,1) deren Verwandte aber von einer Heirat mit Georg nichts wissen wollten. Sie selbst nahm ihrem Liebhaber gegenüber eine äußerst schwankende Haltung ein, indem sie sich ihm bald leidenschaftlich an den Hals warf, bald wieder versagte und schließlich die „heimliche Ehe“, als welche Georg sein Verhältnis zu ihr betrachtete, nicht anerkennen wollte. Darüber kam es zwischen ihnen zu einem Prozeß vor dem Chorgericht, der beiden Teilen wenig Ehre einbrachte und/ damit endete, daß Barbara als „frei“ erklärt wurde aber — nach einem Tädigungsspruch Hans Fuggers — die sie stark kompro­ mittierenden Liebesbriefe, die sie an Georg geschrieben, diesem mit einer ziemlich hohen Geldsumme abkaufen mußte. Der so abge­ fertigte „Bräutigam“ wollte die Sache aber noch immer nicht als endgültig erledigt ansehen und blieb in der Hoffnung, sich mit der Ungetreuen doch noch vereinigen zu können, ledig. Schließlich aber sah er ein, daß er sich in sein Schicksal ergeben müsse, und verfiel nun mehr und mehr in eine verzweiflungsvolle Stimmung, die er im Trünke zu verscheuchen versuchte. Das wurde ihm verhängnisvoll. Als er am 13. Februar 1573 nach einer wundärztlichen Operation, die er an einem Bauern in Ingstetten (bei Aichach) vorgenommen, sich an starkem Dinkelsbühler Meth etwas reichlich gestärkt hatte und sich dann zu Rosse auf den Heimweg nach Stockensau machte, kam er, trotzdem er einen Fischer als Wegweiser mitgenommen, vom Wege ab, geriet bei ') Drei Glieder dieser Familie sind ganz besonders bekannt: Der Bürger­ meister Ulrich Schwarz, der im Jahre 1478 gehenkt wurde, Hans Schwarz, der treffliche Medailleur und ein Vetter desselben, Matthäus Schwarz, der das schon oft besprochene in der Wolfenbüttler Bibliothek verwahrte Trachtenbuch und ein in dem niederösterreichischen Stift Schlägel erhaltenes Gebetbuch an­ fertigen lassen hat. (Ueber letzteres s. Habich in den Sitz.-Ber. d. k. b. Akad. d. W., phUos.-philol. u. hist. CI., Jahrgang 1910, 8. Abhdlg.) Die „Braut“ Georg Fröschels war allem nach die im Jahre 1548 geborene Barbara Agnes Schwarz, eine Tochter des Matthäus Schwarz und der Barbara Mangoitin, die nach Georgs Tod am 12. AugiAt 1573 den Witwer Dr. Joachim Menhart heiratete.

67 dem Orte Pörnbach**) in die Paar, die infolge der Schneescbmelze ihre Ufer weithin überschwemmt hatte, und ertrank. Die Leiche wurde trotz eifrigen Suchens erst nach mehreren Tagen gefunden und von Bruder Hieronymus, der während dieser Zeit kaum ein Auge geschlossen, nach Augsburg gebracht, wo er sie im Grabe seiner Frau bestatten ließ. Als bei dieser Gelegenheit der Schädel derselben emporgewühlt wurde, nahm er ihn an sich und bewahrte ihn in einem hölzernen Kästchen*) auf, damit dieser einst, wo es immer auch sei, mit ihm in die Erde gesenkt werde, denn „nach Sag der Recht“ gilt die Stelle, „wo der Kopf ruht“, als die, „wo die Person und ihr Namen begraben ist“. So wollte er sich eine gemeinsame Ruhestätte mit ihr sichern. Wie Georg, so fand auch Benedikt, der zehn Jahre älter war als Hieronymus, ein tragisches Ende.8) Er erlernte bei seinem Vater und einem Arzte in Faenza die Medizin, wurde schon früh vom Augsburger Rate und im Nebendienst auch von dem in Nürnberg als Stadtarzt angestellt und erwarb sich rasch durch glückliche Kuren weit über die Mauern der Stadt hinaus bei arm und reich einen geachteten Namen. In der Kunst des Harnsteinschneidens war er so berühmt, daß dem Erzbischof Ernst von Salzburg — bekanntlich ein Bruder der Herzoge Wilhelm und Ludwig von Bayern —, als er sich dem „Schnitt“ unter­ ziehen mußte, kein besserer Arzt empfohlen werden konnte als Benedikt Fröschel, der dann auch wirklich zur Vornahme der Operation berufen wurde. Auch sonst hatte er eine überaus glückliche Hand und wurde deshalb später von den Fuggern als „Schnittarzt“ für ihre „armen Leute“ erkoren. Aber Benedikt fühlte sich in der Enge der damals die medizinische Wissenschaft noch umschließenden Schranken nicht wohl und suchte, von brennendem Wissensdurst getrieben, durch eifriges Privatstudium tiefer in die Geheimnisse der Natur einzudringen, womit er ganz von selbst in die Strömung alchymistischer Bestrebungen getrieben wurde. Er versäumte, indem er sich fortan mit steigender Leiden­ schaft der Goldmacherei widmete, mehr und mehr seine Berufs­ pflichten, sodaß ihm die Nürnberger den Dienst kündigten und

’) Zwischen Schrobenhausen und Jngolstadt. — Fröschel hat da, wo er die Katastrophe erzählt, ein von ihm gezeichnetes und koloriertes Bild ein­ geklebt, das den unglücklichen Beiter auf seinem letzten Bitte darstellt und die Stätte, an der er zu gründe gegangen, sehr anschaulich vor Augen führt. *) Ein Gedicht auf dieses Kästchen von Fraxineus in der Chronik S. 310. *) Siehe über ihn den oben S. 2 Anm. 2 zitierten Aufsatz; GasserWerlich, III S. 129.

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68 auch manche alte Privatkundschaft von ihm abfiel. Bald geriet er nun infolge der Verminderung seiner Einnahmen und der hohen Kosten, die ihm seine Experimente verursachten, in drückende Schulden, gegen die er vergeblich ankämpfte. Im Augenblick der höchsten Not schien sich ihm aber doch noch ein Ausweg darzubieten, als ihm die Hauptmitglieder der Schorerschen und Manlichschen Handelsgesellschaft den Antrag machten, auf ihre Kosten nach Venedig zu reisen, um dort bei einem der Gold­ macherei besonders kundigen „Pfaffen“, der sein Geheimnis gegen Entgelt preisgeben wollte, in die Lehre zu gehen und so für sich und sie die ersehnten Goldschätze zu beschaffen. Der betörte Mann konnte dieser Lockung trotz der Warnungen seines Bruders Hieronymus und wohlmeinender Freunde nicht widerstehen und ritt im Dezember 1573 mit einem Diener nach* der gleißenden Lagunenstadt, wo er am letzten des Monats ankam. Schon nach wenigen Tagen aber befiel ihn ein heftiges Fieber, das rasch seine Kräfte aufzehrte und am 19. Januar 1574 seinen Tod herbeiführte. Hieronymus war über das traurige Schicksal des geliebten Bruders tief betrübt, aber es war ihm ein Trost zu hören, daß dieser wenigstens in echt „christlicher Fassung“ dahingegangen und den evangelischen Glauben, in dem er gelebt, auch im Sterben nicht verleugnet hatte. Und noch ein Nachspiel. Einer der Schorer, der in Venedig lebte, bemächtigte sich dort der Hinterlassenschaft Benedikts, nahm, bevor Zeugen kamen, aus dem Koffer desselben dessen kostbare chirurgischen Instrumente samt dem sich vorfindenden Bargeld an sich, verkaufte die beiden Rosse, die jener mit sich gebracht und suchte überdies noch das Andenken des Toten durch allerlei Nachreden zu beflecken. Und nun zeigte sich auch, daß die Mission, die die beiden Firmen Benedikt übertragen hatten, der letzte verzweiflungsvolle Versuch gewesen, sich zu retten. Als er mißlungen war, erfolgte sofort der Zusammenbruch. Zuerst fallierten die Manlich, dann — fast unmittelbar darauf — die Schorer. Hieronymus, der, wie wir wissen, der Sachwalter der Manlich war, wurde dadurch schwer geschädigt, indem er nicht nur die zweihundert Gulden betragende Bestallung der Firma verlor, sondern auch noch mit allerlei aus dem Gantprozeß sich ergebenden „Mißhelligkeiten“ beladen wurde. Von den Verlusten, die er durch die Bankerotte seines Bruders Stephan erlitten, war schon die Rede; aber auch sonst erprobte Fröschel an sich die alte Erfahrung, daß der Besitz von Geschwistern ein hohes Gut und ein herrlicher Trost sein kann, aber auch beim Eintritt mißlicher Umstände mancherlei

69 Verdrießlichkeiten und schweres Herzeleid im Gefolge hat, nament­ lich wenn es der Häupter so viele sind wie in der Fröschelschen Familie. VII.

Die Anlage und Art der Fröschelschen Chronik. Und nun zum Schluß, nachdem wir die Hauptpersonen, von denen die Fröschelsche Chronik handelt, an uns vorbeiziehen lassen, noch ein Blick auf diese selbst. Sie macht keinerlei An­ spruch, als literarisches Produkt zu gelten, sondern soll nur ein Gedenkbuch sein, aus dem die Kinder die Geschichte ihrer Eltern und Verwandten sowie auch die wichtigsten Daten ihres eigenen Wachsens und Werdens ersehen könnten. Die Sprache, in der sie abgefaßt ist, ist schlicht und schmucklos, häufig mit lateinischen Brocken durchsetzt, und erinnert zuweilen, namentlich in den längeren erzählenden Abschnitten, an den trockenen Aktenstil des Juristen. In ihrem frühesten Teil, der unter 1528 mit genealogischen Familiennotizen und mit Nachrichten über einige heftige Wetter­ katastrophen beginnt, beruht die Chronik auf Familienaufzeich­ nungen und Erzählungen der Eltern,’ in den späteren Partien auf der eigenen Erinnerung des Autors, auf den von ihm geführten Tagebüchern, Kalendereinträgen, Rechnungen, Akten- und Brief­ sammlungen, die ihm bei der Niederschrift des Buches — wohl geordnet — Vorgelegen hatten und im Texte öfter zitiert werden. Die einzelnen Einträge bewegen sich in streng chronologischer Folge und berichten von Tag zu Tag, ihrem Zweck entsprechend, zunächst über Vorkommnisse im häuslichen Kreise, über eigene Erlebnisse, über die Geburt, die Taufe, den Schulbesuch und die weiteren Schicksale der Kinder, über den Tod seiner Eltern und Geschwisterte, über Geburt- und Sterbefälle im weitesten Kreise der Familienangehörigen und der Freunde.1) Außerdem werden alle größeren und kleineren Reisen, die Fröschel machte, zumeist mit genauer Angabe der täglich zurückgelegten Meilen, der Nacht­ quartiere und auch der Zehrungskosten aufgeführt, wie er über­ haupt selten vergißt, die ihm in irgend einer Sache, sei es bei einer Kindstaufe, einer Hochzeit, einem Begräbnis oder einem

‘) Wo Fröschel von dem Abscheiden seiner Eltern, der beiden Ehefrauen, der Geschwister und Kinder spricht, fügt er ausführliche Rückblicke auf ihr Leben und eine genaue Schilderung ihrer letzten Leidenszeit und ihres Todes bei.

70 Wohnungsumzug erwachsenen Kosten gewissenhaft vorzumerken. Aber auch über seine Einnahmen, insbesonders über die neben seinem Haupteinkommen eingehenden kleinen Bestallungsgelder und Honorare, führte er genau Buch, ebenso über alle Geschenke, die er und die Seinigen erhielten oder gaben: „Dotenpfennige“, kostbare Hinge, goldene Ketten, kunstreiche Trinkgefäße und Anderes. Zwischen diesen meist kurzen Notizen finden sich aber auch solche, die sich ziemlich ausführlich mit den Lebensumständen von Freunden und Bekannten des Autors befassen und von be­ deutenden politischen Begebenheiten, von Aufsehen erregenden Naturereignissen oder — meist im Anschluß an die eben eingelaufene Todesnachricht — von zeitgeschichtlichen Persönlichkeiten be­ richten. Den Schluß der Eintragungen bildet in jedem Jahre eine zifiermäßige Zusammenstellung der in Augsburg vorgekommenen Geburten, Todesfälle und Heiraten sowie die Konstatierung, ob dies Mal ein Reichstag oder eine Sonnen- oder Mondfinsternis statt­ gefunden habe oder nicht. Indem wir Fröschels Interesse für derartige Himmels­ erscheinungen erwähnen, wird unsere Aufmerksamkeit auf eine weitere Gruppe von Notizen gelenkt, die uns einen tiefen Einblick in das Fühlen und Denken unseres Chronisten gestatten. Obwohl er nicht „abergläubisch“ sein wollte und sich berechtigt glaubte, über die philosophisch-astronomischen „Phantasien“ einesMelanchthon zu spotten, war er in Wirklichkeit doch äußerst wunder­ süchtig und allezeit geneigt, in irgend einem ihm auffallenden Naturvorgang, in einerSonnen- und Mondfinsternis, dem Auftauchen eines Kometen oder seltsam gefärbten Regenbogens, in dem An­ blick eines ihm fremden Vogels, in einem unheimlichen Geräusche der Luft und ähnlichen Dingen eine Hindeutung auf schlimme, unheilvolle Ereignisse zu erkennen. Sein tief religiöses Empfinden steigerte in, ihm die Vorstellung von einem ununterbrochen selbst auf die kleinsten Alltäglichkeiten des Lebens sich erstreckenden Einwirken der göttlichen Vorsehung zur unerschütterlichen Ueberzeugung, erfüllte ihn im Schlafe mit prophezeienden Träumen und, wo er ging und stand, mit Ahnungen und „wunderlichem“ Fürchten und Hoffen. Er glaubte an die Macht der Dämonen über hilflose Kindlein wie über Erwachsene, die sich Gott ent­ fremdet, und zweifelte nicht, daß die Nekromontiker imstande seien, durch ihre Künste die Gestalten von noch lebenden oder bereits verstorbenen Menschen zu beschwören. Und wenn sich Fröschel dem landläufigen Hexenwahn gegenüber manchmal etwas skeptisch zu zeigen versucht, so sind doch die Argumente, durch welche er sich die bei den Hexenprozessen zu Tage tretenden

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„Tatsachen“ zu erklären sucht, nicht minder abenteuerlich als die Anschauungen, die er bekämpfen möchte.1) *) Aehnlich wie z. B. der erste Herausgeber Aventins, der gelehrte'Hieronymus Ziegler. (Riezler, VI S. 221.) Als Fröschel einst erzählt wurde, dass zwei Weiber von einer glaubwürdigen Person an einem bestimmten Ort und zu bestimmter Zeit in Gesellschaft teuflicher Buhler gesehen worden seien, aber durch ihre Männer den Nachweis erbracht, dass sie zu der genannten Zeit daheim in ihren Betten gelegen, suchte er sich die Sache in folgender Weise zu erklären : „Erstlich hab ich mein leben lang nit gehört, dass betagte oder gestandene unschuldige personen durch hexenwerk oder böse geister unwissend oder wider iren willen aus iren heusern oder stantzien verrückt oder transferiert worden, doch kan Got wol etwas verhengen über solche personen, so wie das vihe da­ hin gehen, nicht beten noch im namen Christi sich segnen, aber von kindero in der wiegen hab ich wol gehört, wie fleißig man sie auch eingefetscht, dass doch etwas kommen, wann kellerin und kindbetterin geschlafen, sie wieder ausgefetscht und etwa under ein bett oder under ein truhen getragen, im staub ligen lassen, das ist meines bruders Benedikten hausfrauen seligen selb begegnet, auch herrn m. Cyriaco Spangenbergio, ut in historia sua ipsement scripsit. darnach kan wol sein, daß die von Got abgewichne und dem verfluchten geist ergebne seel aus dem leib gelockt, anstatt derselben ein succubus, ein teufel, der mit dem man bult, hineingebracht werd, entzwischen er mit der verlornen seien sein Schelmerei treibt, sie ausser dem leib hin und wider führt, also wird auch in des Fausti historia gemeldet von der Helena, die im als ein succuba gedient, bis er ine erwirgt; de ist auch die Helena und ihr kind ver­ schwunden. drittens kan wol sein, dass dise gestalten der zweier weiber weder von leib noch seel gegenwertig gewest, sonder der verfluchte Morpheus sonst abwesende, unschuldige personengestalten representiert hab, wie er sich auch wol in ein engel des lichts formieren kan, dahero kumbt, dass die hexen vil unschuldiger frauen angeben, die sie bei dem teufel dantzen gesehen haben und gar wol kennt, deren nie keine dahin kommen“. Die Historia von Faust machte auf Fröschel offenbar einen tiefen Ein­ druck, wenn er sich dies auch nicht gestehen wollte. Ich war, erzählt er unter dem Jahre 1583 (also vier Jahre vor dem ersten Druck des Faustbuchs) auf einer meiner dienstlichen Reisen im Berlichingschen Schlosse zu Dörtzbach mit dem Rothenburger Syndicus Dr. Regner zusammen. „Als wir zu nacht in unser losament gingen, läse er noch ein weil in einem buch, spricht jehling zu mir: ich bin froh, dass dise Unfläterei ausgelesen ist. ich frag, was es denn sei. spricht er: die histori von Fausto, dem zauberer; es graust mir gleich dafor. darüber ein wenig discurriert: es könne ja nit schaden, dass man wisse» wie der böse geist seinen diener lohne, gehn damit beide zu beth in ein kammer. ligt mein son Fridrich bei mir, tut etwas umb miternacht ein greu­ lichen fall an meiner seiten, wie ieh gelegen auf der druchen. ich schilt mein son, dass er die kachel oder mein wöhr nicht recht gesetzt und angelaint. spricht er: ja, vatter, ich hab gewislich beide mit fleiß gesetzt, damit wieder eingeschlafen, morgens siehe ich wol, dass beide, die wöhr und die kachel» recht steen. gehe für Dr. Regners beth der stubenthür zu, beut ihm ain guten morgen, frag, ob bei im etwas in der nacht gefallen sei. antwort er: nain, er hab doch den fall wol gehört, auch mich und mein son miteinander, treden hören, hett uns gern umb hilf geschrieen, so hab er weder reden noch schreien können, dann ine etwas getruckt und das döckbett mit gewalt abziehen wollen, sprich ich schertzweis: herr, es ist Euer doctor Faustus gewest, den Ir so

72 Hand in Hand mit Fröschels religiösen Grübeleien geht ein eigenartig ausgeprägter Hang zum Mystischen, der ihn dazu führte, allen Dingen der Erscheinungswelt einen tieferen Sinn unter­ zulegen, wodurch er zu oft recht gesuchten und spitzfindigen Symbolisierungen kam. So hielt er das Andenken an seine erste Frau, Ursula, die ihm, ehe sie ihrem siebenten Kind das Leben geben konnte, vom Tode entrissen wurde, in dem aus sieben Sternen bestehenden Sternbild des großen Bären (Ursus) fest oder in dem Bild der Semperviva (Hauswurz = Hausmutter), welche mit ihren Hauptstengeln ein V (Vrsula) vorstellt und sechs Blumen trägt, in deren Mitte ein siebentes Blümloin empor­ strebt. Seinem Bruder Benedikt „komponierte“ er auf dessen Ersuchen als Symbolum, „so er zu seinem Wappen oder Conterfett möcht malen,“ zwei übereinanderstehende „zierliche Täfelein.“ Auf dem einen erblickt man einen Frosch mit der auf die Amphibiennnatur des Tieres hindeutenden Beischrift: „Terram nunc et aquas, das ist Noli altum sapere;“ das zweite zeigt die Worte: Aethereas olim lustrati habitabimus auras. Das Ganze zu deutsch: „Im Himmel, wann wir sind erklert, Jetzund im Wasser und auf Erd.“ Mögen uns solche Sinnbilder als Spielerei erscheinen, unserm Chronisten waren sie heiliger Ernst. Das zeigt die Erläuterung, die er diesem Yerslein widmet: „Also — wie es diese Worte verheißen — hoff ich Hieronymus Fröschel, wenn wir in dieser Zeit mit christlicher Einfalt und Demut leben, werden uns und unseren jungen Fröscheln Flügel wachsen, damit wir aus Wasser und Erden dieser Welt uns zu unserm lieben Herrn Christo gar in Himmel über sich schwingen mögen, wie dort im Propheten Jesaia XL v. 31 steet: Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie die Adler, daß sie laufen und nit matt werden, daß sie wandeln und nit müd werden.“ Wie weit er in diesen Dingen — schon als ganz junger Mann — ging, mag man daraus ersehen, daß er (1556) seine „Fazilettlein“ mit einem Stern „merken“ ließ, aus dem eine mit drei Quer­ streifen gekreuzte gerade Linie herauswuchs — ein Sinnbild der Dreifaltigkeit, deren unergründliches Geheimnis er sich immer fleißig gelesen, er wider: ich glaubs dannoch; deß hernach der juncker [Valentin] von Berlichingen von hertzen wol lachen mögen und in mit seinem Fauste wol vexiert, wie er ein verstendiger, geschwenckliger, feiner vom adel ist. im doch daneben gesagt, daß vil statliche vom adel in diser kammer gelegen, aber nie nichts geclagt, wie dann wahr, daß ich, doctor Fröschel, mit meinem son auch etlich mal darin gelegen aber außer diß das wenigste nit gehört haben“.

73 vor Augen halten wollte. Daß ein Mann solcher Art auch an den gerade damals in Aufnahme kommenden Chronogrammen und Chronostichen seine Freude hatte, versteht sich von selbst, und er hat mehrere, die ihm der Aufbewahrung wert erschienen, in seiner Chronik mitgeteilt. Seinen Kindern gab er fast durchaus „Nomina significantia,“ und die vielen lieben Toten, die er zu beklagen hatte, ehrte er durch sinnreiche Grabschriften. Und endlich noch ein Umstand, der Fröschels Werk von den meisten ähnlichen Arbeiten unterscheidet: Er hat seine Chronik eigenhändig mit bildlichem Schmucke ausgestattet. Er besaß von Natur aus ein ausgeprägtes künstlerisches Formgefühl, und es ist kein Zweifel, daß er bei sachkundiger Ausbildung seiner Begabung und bei entsprechender Uebung ein schätzenswerter „Illuminist“ geworden wäre. In dem, was er bietet, kann sich freilich der Dilettant nicht verbergen, aber man ist doch stets erfreut zu sehen, wie er es als Zeichner und Kolorist fertig bringt, seinen Gegenstand — auch Köpfe, Tiere, namentlich Vögel — mit den einfachsten Mitteln charakteristisch darzustellen. Da er die zu seiner Chronik verwendeten Bögen nur halbseitig be­ schrieb, bekam er auf der frei gebliebenen Hälfte Baum, den Inhalt des Textes in zeichnerischen Marginalien anzudeuten, so daß er z. B. eine Flöte, eine schwarze. Kugel, einen Kelch, heraldische Lilien, einen Bogen Papier, einen Wind schnaubenden Kopf an den Band setzt, wenn vom Flötenspiel, von einer Mond­ finsternis, vom heiligen Abendmahl, von der Familie der Fugger, von einem Bild, von einem Unwetter die Bede ist. Und da er für dieselbe Sache immer dasselbe Bild gibt, gewinnen diese Zeich­ nungen gewissermaßen die Bedeutung von Sigeln, durch die schon beim bloßen Durcbblättern des Codex ein flüchtiger Ueberblick über den Inhalt der einzelnen Stellen ermöglicht wird. Spricht Fröschel von sich oder seinen Geschwistern, so zeigt er dies durch eine Art Säule (wahrscheinlich einen Stamm bedeutend) an, spricht er von seinen Kindern oder denen seiner Ge­ schwister, so markiert er dies durch ein Z (wahrscheinlich Zweig bedeutend); und um die Sache noch übersichtlicher su machen, wählt er für sich und jedes der Geschwister eine besondere Farbe, sodaß z. B. die Säule oder das Z rot koloriert ist, wo es sich um Bruder Benedikt und dessen Familie, grau, wo es sich um Schwester Elisabet und die Ihren handelt. Für sich selbst und seine Kinder hat er blau gewählt. Die Geburt eines Familiengliedes ist stets durch ein Blümlein in der entsprechenden Farbe, der Tod eines solchen durch ein schwarz- und weißes Kreuz mit einem Totenkopf im Scheitelpunkte angedeutet. Auch

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hat er es sich zur Aufgabe gemacht, so weit es ihm möglich war, die Wappen der von ihm besprochenen Personen, im besonderen der in die Familie Einheiratenden, abzubilden, sodaß seine Chronik auch in heraldischer Beziehung viel Interessantes enthält. Die ziemlich zahlreichen in den Codex eingeklebten Holzschnitte und Kupferstiche, die meist zeitgeschichtliche Begebenheiten zum Gegenstand haben, stehen in keinem oder nur ganz äußerlichem Zusammenhang zu dem Inhalt der Chronik. Auf weitere Einzelheiten können wir innerhalb der Grenzen, die wir uns gezogen, nicht eingehen. Wer die Chronik, von deren reichen Inhalt wir gewissermaßen nur das Gerüstwerk zeichnen konnten, selbst zur Hand nimmt, wird, wenn er nicht mehr darin sucht, als sie nach ihrer Anlage und Art bieten kann, sicher auf seine Rechnung kommen. Schließlich möchten wir noch einen Wunsch aussprechen, nämlich den, daß diese Zeilen Anregung gäben, dem sonstigen schriftlichen Nachlaß Fröschels, der allem nach ungemein wertvoll sein dürfte und namentlich viele Spangenbergiana enthalten müßte, nachzuspüren. Am aussichts­ vollsten wäre die Sache wohl an den Stätten, an denen die ältesten Söhne Fröschels, Christoph und Friedrich, gewirkt, also im Limburgischen oder im Zweibrückener Gebiet.

Anhang.

Genealogisches und Biographisches. Da die Frösche Ische Chronik eine Haus- nnd Familienchronik ist, so stehen in ihr, wie schon erwähnt, naturgemäß die sehr zahlreichen Familien­ glieder im Vordergründe. Es erschien uns daher zweckmäßig, diese für die Leser unseres Aufsatzes und die Benützer der Chronik in Gruppen zusammen­ zustellen und die für sie beizubringenden Notizen hier anzufugen. Dabei ergaben sich von selbst vier Tafeln: A) Die Familie des Bürgermeisters Georg Schober des Aelteren von Ingolstadt, aus der Fröschels Mutter stammte, B) die Familie des Arztes Benedikt Fröschel des Aelteren, der des Chronisten Vater war, C) die Familie des Hieronymus Fröschel selbst, D) die Familie des Christoph Ehern, mit der die Schober und die Fröschel verschwägert waren. A. Die Familie des Bürger m e ist er s Georg Schober des Aelteren von Ingolstadt. Georg Schober, der aus einer angesehenen Ingolstädter Familie her­ vorgegangen, vermählte sich 1497 mit Elisabeth Schramin, war 1503 Vertreter „der Gemein“, 1504 Mitglied des Inneren Rates und blieb dies

75 bis zu seinem Tode. Das Bürgermeisteramt versah er, so weit dies aus den uns vorliegenden Listen (im Sammelblatt des hist. Ver. in Ingoist., 1889, 14. Heft, S. 156 ff.) zu ersehen ist, 1507, 1508, 1515, 1520,1523, 1525, 1526, 1528; daneben war er auch Landschaftskoramissär. Er starb am 19. März 1547, nachdem ihn am 10. des Monats der Schlag gerührt, 72 Jahre alt. Begraben ist er zu Unser Lieben Frau in Ingolstadt „neben dem alten Altar auf der rechten Hand, da man pflegt zu opfern, in einer Capellen. Sonst haben ihm seine Kinder eine schöne Tafel von Oelfarben, nemlich dio Auferstehung Christi, malen und neben der Eingangsthür in der Höhe aufmachen lassen. Er ist bei seinem Landesfürsten, Herzog Wil­ helm, einem ernstlichen Herrn, in trefflichem Ansehen gewest, ein weiser, vernünftiger, schöner bürgerlicher Mann.“ (Fröschels Chron. ad 1547). — Als Wappen führten die Schober (von Tachenstein) einen in Blau, Silber und Rot sparrenweise geteilten Schild, auf jeder Teilungslinie vier Lilien mit verwechselten Tinkturen. — Ueber das Schoberhaus siehe den Aufsatz im Ingolstädter Sammelblatt 1890, 2. Heft, S. 74 ff. Kinder: 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16.

Elisabeth, geb. am 30. September 1497, gest. am 13. Mai 1535. Anna, geb. am 20. August 1498, gest. am 19. Dezember 1577. Wolfgang, geb. am 26. Oktober 1499, gest. 17 Wochen alt. Walburga, geb. 1500 (?), ledig gestorben. Georg I., geb. 1502, gest. 24 Wochen alt. Dr. Caspar, geb. am 6. Januar 1504, gest. 1532. Andreas, geb. 1505, gest. 5 Wochen alt. Barbara, geb. 1506, seit 1519 Klosterfrau in Niederschönenfeld, gest. am 22. November 1546. Gregorius, geb. 1508, ledig gestorben. Johann, geb. 1509, gest. 8 Tage alt. Margäreta, geb. am 4. Juni 1511, gest. am 3. Juni 1554. Katharina, geb. am 27. Mai 1513, gest. am 11. März 1546. Georg II., geb. am 4. Dezember 1514, gest. am 10. März 1573. Benigna, geb. am 23. Juni 1516, gest. 7 Wochen, 1 Tag alt. Dr. Thomas, geb. am 29. September 1518, gest. am 26. März 1572. Magdalena, geb. am 31. August 1520, gest. am 25. Mai 1565.

Zu 1. Elisabeth verheiratete sich mit Georg Spieß (genannt Behem) von Weiden, der eine Zeit lang Professor an der juristischen Fakultät in Ingol­ stadt war, später bischöflicher Kanzler in Freising und in Passau wurde. (Prantl, II., S. 487, Wiedemann, Job. Turmair, gen. Aventinus, Freis. 1858, S. 28). Elisabeth ist bestattet zu Passau im Kreuzgang der Dom­ kirche. Als Söhne der beiden kennen wir: 1. Ladislaus, der am 3. Januar 1568 zu Ansbach als Stadtschreiber starb, und 2. Johann Baptist (in der Ingoist. Matr. unter 1542), der am 23. Juni 1557 an den Folgen einer an ihm vorgenommenen Harnsteinoperation in Paris, 31 Jahre alt, starb. Von den Töchtern verheiratete sich die eine, Katharina, am 24. Oktober 1548 mit Martin Gruber (s. oben S. 8 Anm. 8), der am 6. Februar 1576 als

76 Stadtschreiber in Mönchen starb, eine andere, Anna, im Jahre 1542 an den Juristen Wolfgang Hunger (s. oben S. 6 Anm. 3). Sie starb am 8. August 1568 (J. S. Bl. 1879, S. 100), er am 26. Juli 1555. Von seinen zwei Söhnen war der bedeutendere Albrecht Hunger, geb. in Kelheim am 15. November 1545, gest. am 11. Februar 1604. Zu 2 siehe unter B, Kopf. Zu 6. Dr. Caspar Schober, immatrikuliert in Ingolstadt im Jahre 1515. Angefügt ist hier die Bemerkung: Angilopolitanus minorennis. Extat in hujus laudem oratio Celii Calcagnini Ferrarensis, ut videre est in operibus istius aut scriptis, fol. 550. Promotus hic Caspar Schoberus in juris utriusque doctorem Ferrariae, Ingolstadium reversus est, ubi, ut olim Graeca fuerat professus, ita deinceps jurisprudentiam docuit (Prantl, I., S. 209), non ita autem multo post (21. April 1529) assessor Spirae factus, ex febre, quam in legatione ad Carolum V. Bruxellis tune morantem contraxerat, Spirae obiit anno aetatis suae vixdum vigesimo nono (10. Cal. Marcii 1532). Albertus Hungerus, filius ex sorore pronepos (s. unter 1). — Epitaph bei Fröschel. Zu 11. Margareta, verheiratet mit Wolfgang Kösinger, kaiserlichem Sekretär, der am 12. November 1548 zu Ingolstadt starb. Fröschels Chronik: „Er liegt begraben in dem kleinen Kirchlein, so auf sant Moritzen Kirchhof stehet, dahin seine Hausfrau einen schönen Stein in die Mauer setzen lassen. Die Literas romanas hab ich dem Steinmetzen darauf entworfen und sein Wappen unter sich gekehrt, dieweil er der letzt seines Namens gewest, welches doch jetzt der herr Marquart Freher neben dem seinen führt, weil sein Ehefrau seligen (Felicitas Menhart) eine Kösingerin gewest ist: licentia aut dono imperatoris und, wie er mir berichtet, daß er, Kösinger, in Lebzeiten darurab ersucht, gar wol zufrieden gewest. Ist ihm besser und freundlicher, als wenn es mit ihm gar abgestorben.“ — Die Tochter der Beiden, Margareta, vermählte sich am 25. September 1548 mit dem Juristen Albrecht Reiffenstein (S. oben S. 8 Anm. 10), dem sie am 18. De­ zember 1549 ein (schon im nächsten Jahre gestorbenes) Söhnchen, Albrecht, gebar. Sie starb am 2. März 1553. Ihr Mann schloß eine zweite Ehe am 19. November 1555 mit Magdalena Siemetshauser und starb am 22. August 1583. Zu 12. Katharina reichte ihre Hand am 25. Oktober 1536 dem bekannten Juristen Nikolaus Everhard dem Aelteren (Phrysius), der im Jahre 1495 zu Amsterdam geboren war, 1529 bis 1535 als Professor in Ingolstadt, 1535 (16. August) bis 1542 als Assessor am Reichskammergericht in Speier wirkte. Von 1542 an war er wieder in der juristischen Fakultät der Ingolstädter Hochschule tätig und blieb in seiner Stellung als Professor bis zu seinem Tode im Juli 1570. Nachdem er seine Frau am 11. März 1546 verloren, vermählte er sich zum zweiten Male am 6. Juni 1547 mit Veronika Voitin (Tochter des Dr. Johann Voit), der „schönsten Jungfrau

77 damals in Augsburg“, die ibm jedoch auch schon nach zehn Jahren, am 5. Juli 1557 durch den Tod entrissen wurde. — Eine Tafel zum Gedächtnis an ihn im J. S. Bl., 1891, Heft 17, S. 14. — Söhne: Dr. Nikolaus der Jüngere, Professor in Ingolstadt (Prantl, II, Num. 65), geh. 1537, im­ matrikuliert 1547, verheiratet mit einer Urmillerin von Landshut 1560, gestorben 1586; Caspar, immatrikuliert 1547, gestorben in Speier am 25. September 1573, begraben bei St. German; Georg, Professor in Ing. (Prantl, II, Num. 69), geb. 1543, verheiratet 1575 mit Katharina Paumfelder, gestorben am 18. November 1585, 42 Jahre alt; Wilhelm, Pro­ fessor in lug. (Prantl, I, 311), geb. 1551, verheiratet mit Katharina Fend von München 1587, gestorben am 25. Januar 1590, 39 Jahre alt. Ob auch jener Johann Everhard hierher gehört, der als Kaplan bei St Moritz gestorben ist, (Ing. S. Bl. 1877, Heft 2, S. 13), müssen wir dahingestellt lassen. Zu 13. Georg Schober (der Jüngere) kam 1547 nach dem Tode seines Vaters in den Innern Rat der Stadt und blieb wie dieser Mitglied desselben bis an sein Ende. 1558 wurde er zum ersten Male Bürgermeister, später Landschaftskommissär. Als Bürgermeister finden wir ihn noch in den Jahren 1560, 1562 bis 1567, 1569, 1570, 1572. Er verheiratete sich in erster Ehe am 21. November 1537 mit Anna, Tochter des verstorbenen Sebastian Schölhamer, die am 22. Januar 1554 starb. Seine zweite Frau war Anna Seefriedin. Sein Bildnis findet sich im Ingolstädter Privilegien­ buch unter 1564. — Zu seinem Grabmal in der Fiauenkirche siehe das J. S. Bl., 1911, 2. Heft S. 50. Von seinen Söhnen ist der Bekannteste Dr. Veit Schober (gest. 26. Juni 1620), der sich hauptsächlich als Kämmerer der Ingolstädter Universität Verdienste erwarb. Von seinen Töchtern nennen wir Elisabeth, die sich am 9. Februar 1554 mit Balthasar Eberlin ver­ heiratete (dem Sohn eines in Rom reich gewordenen Bäckers), der zuerst in landgräflich Leuchtenbergische Dienste trat, dann Hofrat der Herzoge Albrecht und Wilhelm von Bayern wurde. Zu 15. Thomas Schober, immatrikuliert in Ingolstadt 1530, Kammer­ gerichtsassessor in Speier von 1549 bis 1551, vermählte sich am 3. Juli 1549 mit Veronika Ehern (s. unten unter D, 5), die am 18. November 1553 starb. Nachdem er seine Assessorstelle aufgegeben, trat er 1552 in die Dienste der Stadt Ulm, dann (1559) in die des Kaisers Ferdinand und dann Maximilians II., wurde Geheimer Hofrat und erlangte in dieser Stellung großen Einfluß. Im September 1561 schloß er eine zweite Ehe mit Margareta Gillissin, der Tochter eines kaiserlichen Kämmerlings, der Witwe des kaiserlichen Vizekanzlers Dr. Jonas. Er starb am 26. März 1572 in Wien, 53 Jahre, 2 Monate, 27 Tage alt, und ist begraben daselbst bei St. Michael. Sein Epitaph in Fröschels Chronik; ebenda auch ein an­ sprechendes deutsches Gedicht auf Schobers Tod von einem seiner Freunde. Zu 16. Magdalena vermählte sich am 29. Dezember 1540 mit Johann Fabricius. Dieser wurde im Jahre 1530 in Ingolstadt immatrikuliert, im

78 Oktober 1544 zum Dr. juris promoviert, fand Anstellung als Rat des Bischofs Otto von Augsburg (in Dillingen), starb am 1. Januar 1547 im Alter von 34 Jahren und wurde in Dillingen bei St. Peter bestattet. Sein Epitaph in der Fröschel’schen Chronik. — In zweiter Ehe verheiratete sich (1550) Magdalena mit Sebastian Widmannsstetter, dem Bruder des berühmten Orientalisten und bischöfl. augsburgischen Kanzlers Lucretius W., dem sie sechs Kinder gebar: David (1550), Lucius Maximus (1551), Hieronymus I. (1553), Jonas (1556), Hieronymus II. (1558), Maria Magdalena (1559). Nach dem Tode Widmannstetters schloß sie noch eine dritte Ehe mit einem steyermärkischen Adeligen namens Westendorfer und starb in der Steyermark. B. Die Familie des Arztes Benedikt Fröschel des Aelteren von Faenza-Augsburg. Benedikt Fröschel stammte aus Faenza in Oberitalien, siedelte nach Augsburg über, wo er sich als Arzt und Harnsteinschneider einen gewissen Ruf erwarb, verheiratete sich im Jahre 1515 in zweiter Ehe mit Anna Schober (A, 2), erwarb das Gut Stockensau bei Schrobenhausen und starb am Karfreitag, am 8. April, 1547. Seine Frau starb am 19. Dezember 1577. Als Wappen führten die Fröschel einen siebenmal blau und silbern schräg geteilten Schild, darüber im gelben Schildeshaupt drei blaue Sterne. Kinder: 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10.

Benedikt, gestorben 1574. Stephan, gestorben 1588. Georg I., jung gestorben. Barbara, jung gestorben. Euphrosine, gestorben 1557. Anna, gestorben 1594. Regina, jung gestorben. Hieronymus, der Chronist, gestorben 1602. Georg II., gestorben 1573. Elisabeth, gestorben 1550.

Zu 1, Benedikt (s. oben S. 2 Anm. 2), geboren 1517, Augsburger Stadt­ arzt, im Nebenamt auch eine Zeitlang in Nürnberg bestallt, ergab sich später der Alchymie und starb am 19. Januar 1574 in Venedig. Am 27. April 1545 vermählte er sich mit Regina Mayr (Tochter des Fugger’schen Handels­ dieners Leonhard Mayr und der Anna Tegernseerin), die am 30. Dezember 1567 starb. Am 19. Februar 1571 verheiratete er sich zum zweiten Male mit Anna Westernacher (Tochter des Sebastian Westernacher — Pflegers der Fngger’schen Grafschaft Kirchberg — und der Katharina Fugger vom Reh). Diese schloß nach Fröschels Tode ihrerseits eine zweite Ehe am 29. Oktober 1576 mit dem Livländer Hermann Renz, Sekretär „in der lateinischen kais. Hofkanzlei“. Von Benedikts Kindern aus erster Ehe kamen über die Jugencjjahre hinaus: Anna (geb. 1547), verheiratet mit Sebastian Westernacher, kais. Sekretär, Elisabeth (geb. 1555), verheiratet

79 mit Veith Oth, Hauptmann zu Totis (Tata) in Ungarn, Benedikt (geb. 1550), Hans Jakob (geb. 1556), Karl (geb. 1563). Von seiner zweiten Frau hatte er einen Sohn Hieronymus (geb. 1571) und eine Tochter Katharina (geb. 1573). Zu 2. Stephan, geboren 1518, lernte in Venedig die Kaufmannschaft, wurde Diener des Kaufmanns und Augsburger Bürgermeisters Jakob Herbrot, machte sich später selbständig und trieb hauptsächlich Handel mit Juwelen, Gold waren und andern Luxusgegenständen; 1549 wuide er in den großen, vom Kaiser aufgestellten Rat aufgenommen. Am 20. August 1544 heiratete er Sibilla Ehern (siehe D, 2) und nach deren Tod am 28. November 1554 Rosina Wild. Nachdem er im Jahre 1575 (zum zweiten Male) falliert, brachte er sich fort als Verwalter des seiner Mutter gehörenden Gutes Stockensau. Er blieb in dieser Stellung auch, als das Gut im Jahre 1578 an das Kloster St. Ulrich in Augsburg verkauft worden war, mußte aber schon im nächsten Jahre auf Befehl des Herzogs Wilhelm von Bayern das Land verlassen, worauf er sich nach Donauwörth begab. Dort starb er am 2. Februar 1588, 69 Jahre, 7 Monate, 2 Tage alt. Von seinen Kindern erwähnen wir einen Sohn, Wolfgang, „medicinae addictus“, der in Wien am 24. Januar 1577 starb, und eine Tochter, die an Joh. Christoph Neuberger, Pfarrhelfer in Donauwörth, verheiratet war. Zu 5. Euphrosine heiratete am 1. Juni 1545 den verwitweten, aus Köln gebürtigen Goldschmied und Juwelier Bartholomäus Kepler in Augsburg, der im Jahre 1571 starb. Von seinen Söhnen ist hervorzuheben der am 15. November 1579 in Nürnberg ledig verstorbene Benedikt, ein aus­ gezeichneter Künstler „im Bossieren mit Wachs für die Goldschmied“. Eine Tochter, Elisabeth, war verheiratet mit dem Augsburger Stadtsekretär Caspar Spindelmayr, der sich nach ihrem Tode mit Anna Eblingerin (13. Mai 1592) veimählte und am 13. Februar 1593 wegen großer in seinem Amt voll­ führ ter Betrügereien enthauptet wurde. Zu 6. Anna vermählte sich 1551 mit dem verwitweten Goldschmied Jakob Hofmann in Nürnberg, der im März 1564 starb. In zweiter Ehe war sie verheiratet mit dem Kaufmann Franz Borneck in Nürnberg. Sie starb zu Windsheim im Jahre 1594. Zu 9. Siehe über ihn oben S. 65 ff. C. Die Familie des Dr. Hieronymus Fröschel. Hieronymus Fröschel, Sohn des Arztes Benedikt Fröschel (Anhang B, 8), wurde geboren am 15. September 1527; er verheiratete sich zum ersten Male am 16. November 1557 mit Ursula Ehern (Anhang D, 7) und nach ihrem Tode (am 1. September 1567) zum zweiten Male am 11. März 1573 mit Regina Pfister (Anhang D, 3). Er starb am 28. November (alten Stiles) 1602.

80 Seine Kinder mit Ursula Ehern: 1. Christoph, geh. am 24. Juli 1558, trat in Limburg’sche Dienste, verheiratete sich im Jahre 1588 mit Agnes Hautschin. 2. Friedrich, geh. am 7. Februar 1560, trat in pfälz. Dienste, ver­ heiratete sich am 7. Februar 1598 mit Margareta Sprengerin. 3. Christian, geh. am 25. November 1561, Buchhalter, gest. am 18. Dezember 1597. 4. Daniel, geb. am 7. Mai 1563, wurde Maler und „Antiquar“ an der kais. Kunstkammer in Trag, verheiratete sich 1604 mit Katharina Rumler und soll 1622 gestorben sein. 5. Johanna, geb. am 16. August 1564, verheiratete sich 1599 mit dem Limb. Diener Christian Graheimer. 6. Maria, geb. am 20. Mai 1566, verheiratete sich 1595 mit dem Buchhalter David Hag. Seine Kinder mit Regina Pfister: 7. Ursula, geb. am 4. Dezember 1573, wurde Karamerdienerin in Limb. Diensten. 8. Herkymbald, geb. am 29. November 1574, trat in Oettingen’sche Dienste. 9. Victoria, geb. am 7. November 1575, gest. am 6. Februar 1576. 10. Konkordia, geb. am 18. Oktober 1576, gest. am 12. Mai 1584. 11. Emilia, geb. am 24. April 1578, verheiratete sich 1597 mit dem Arzt N. Neuberger. 12. Regina, geb. am 21. Mai 1579, bald gestorben. 13. Anna Theodora, geb. am 27. November 1582, gest. am 27. Juli 1596. 14. Eberhard, geb. am 19. März 1584, trat in Limb. Dienste. 15. Friedrich II., geb. am 4. Dezember 1586, früh gestorben. 16. Gottfried, geb. am 6. Januar 1588, gest. am 4. August 1588. 17. Veronika, geb. am 2. April 1589. 18. und 19. Totgeborene Kinder in den Jahren 1580 und 1581. Zu 1, 2, 3, 4 siehe oben S. 61 ff. Zu 8 und 14 siehe oben S. 65.

D. Die Familie des Christoph Ehern. Christoph Ehern (dessen Familie 1538 in das Patriziat erhoben wurde), ein Sohn des Thomas Ehern und der Scholastica Köntzelman, ver­ mählte sich mit Anna Rehlinger, einer Tochter des im Jahre 1547 ver­ storbenen Bürgermeisters Ulrich Rehlinger und der Ursula Gossenbrot, die als die letzte ihres Geschlechtes im Jahre 1560 abschied. Er war ein großer Freund von Jagden und Turnieren, aber auch ein guter Musikus, der mit den musikalischen Kreisen der Stadt in Berührung stand. An der Kirchenreformation nahm er regen Anteil, wie eine von ihm verfaßte

81 Schrift, die davon handelt, erkennen läßt. (W. Hans, Gutachten und Streitfragen über das Jus roformandi des Rates vor und während der Ein­ führung der offiziellen Kirchenreformation in Augsburg, Diss. Augsburg 1901, S. 37 ff.) Gestorben ist er am 26. Oktober 1538 in Ueberkingen, bestattet zu Geißlingen „in einer Kirchen vor dem Tor“. Seinen Tod beklagt ein Gedicht Pinicians (Fröschels Chron. S. 54). Seine Frau war schon vor ihm gestorben 1535. Auf ihren Tod dichtete Dr. Johann Köhler ein Epicedion (ebenfalls in der Chronik erhalten) das von Ludwig Senfl vier­ stimmig komponiert wurde.1) Kinder: 1. Anna Maria, verheiratet zum ersten Male am 22. Februar 1539 mit Hieronymus Tücher von Nürnberg (lebend in Antwerpen, gest. am 3. Oktober 1540); zum zweiten Male am 12. Mai 1546 mit Achilles Pirminius Gasser, dem bekannten Arzt und Geschicht­ schreiber (gest. am 4. Dezember 1577). Sie starb 1551. 2. Sibylla, verheiratet am 20. August 1544 mit Stephan Fröschel,2) gest. am 20. Juli 1553. 3. Eegina, verheiratet zum ersten Male am 9. Dezember 1541 mit Andreas Rom;3) zum zweiten Male am 21. Juni 1546 mit dem Hauptmann Christoph Pfister,4) der der Vater von Fröschels zweiter Frau Regina wurde;5)6 zum dritten Male am 21. Dezember 1556 mit Melchior Lombard (Lamparter). Sie starb am 24. Februar 1573. 4. Christoph, geb. am 24. März 1528, Dr. juris, der bekannte kur­ pfälzische Kanzler, dann Kanzler Job. Kasimirs und Geheimer Rat des Kurfürsten Friedrich IV., verheiratete sich am 24. Oktober 1552 mit Maria Wirsung, Tochter Christoph Wirsungs, zum zweiten Male am 3. September 1571 mit Susanna Ketzer, Tochter Georg Ketzers. Er starb am 1. Juni 1592. *) In Sigmund Salmingers (des bekannten Wiedertäufers) Sammlung: Concentus octo, sex, quinque et quatuor vocum omnium jucundissimi, nuspiam antea sic aediti. Cum gratia et privilegio caesareae et regiae majestatis. Augustae Vindelicorum. Philippus Vlhardus excudebat. Anno M. D. XLV. (Radlkofer, Jacob Dachser und Sigmund Salminger in den Beitr. zur bayer. Kirchen-Gesch., Bd. VI, S. 24 ff.) Ebenda die Nänie auf Christoph Ehern, die von Leonhard Zinsmeister komponiert ist. — Eine Medaille mit dem Bildnis des Leonhard Zinsmeister in dem Jahrb. der k. preuß. Kunstsammlungen, 1907, Heft 4, S. 16. *) Anhang B, 2. 8) Dieser Andreas Rem hatte sich am 9. August 1536 mit Veronika Rehlinger vermählt, die am 28. Dezember 1538 starb. Aus dieser Ehe stammte eine Tochter Veronika, die sich am 26. Juni 1559 mit Georg Schottel (Schöttle) aus München verheiratete. Nach ihrem Tode (24. Februar 1573) schritt Schottel am 21. Oktober 1576 zu einer zweiten Ehe mit Clara Lungin und starb am 1. Februar 1595. 4) Christoph Pfister, geb. am 24. Dezember 1516 („der jung“), hatte sich schon früh berufsmäßig dem Kriegsdienst gewidmet und war in erster Ehe mit Maria, geb. Gräfin von Oettingen, Witwe des Truchsessen Georg von Waldburg, verheiratet gewesen. Aus der Ehe mit Regina hatte er außer seiner Tochter Regina (geb. am 16. April 1548) noch einen Sohn Christoph Philipp und eine Tochter Johanna (Pfister’sches Stammenbuch im Augsburger Stadt-Archiv). 6) Anhang C, Kopf.

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82 5. Veronika, verheiratet am 3. Juli 1549 mit Dr. Thomas Schober,1) gest. am 18. November 1553. 6. Thomas, verheiratet am 29. Januar 1554 mit Katharina Tischinger, gest. am 30. Juli 1560; in zweiter Ehe verheiratete sie sich mit Matthäus Kegel in Donauwörth. 7. Ursula, geh. am 13. März 1533, verheiratet zum ersten Male am 29. Juli 1551 mit Marx Miller (gest. am 28. November 1556), zum zweiten Male am 16. November 1557 mit Dr. Hieronymus Fröschel; sie starb am 1. September 1567.2) 8. Sigmund, churfürstlicher Stallmeister, dann Schultheiß in Heidel­ berg, verheiratet zum ersten Male am 7. September 1556 mit Maria Kreier, zum zweiten Male am 28. August 1559 mit Anna Maria Zangmeister, Hans Zangmeisters Tochter.

x) Anhang A, 15. 2) Anhang C, Kopf.

Die Meistersinger zu Memmingen.1) Von Dr. Fritz Behrend. Als das deutsche Kaiserreich wiedererstand und zum Symhol, daß Altes und Neues verwandt sei, der uralte steinerne Herrscher­ sitz der großen Sachsenkönige in feierlicher Stunde wieder seinen Dienst tat, da mochten wenige dessen gedenk sein, daß noch in Deutschland ganz im Verborgenen eine Gesellschaft das Leben fristete, die den Anspruch erhob, in ihren Vorfahren von dem Gewaltigsten der Sachsenherrscher, Otto dem Großen, Huld und Gnade empfangen zu haben: Die Meistersinger zu Memmingen. War es auch nur eine Sage, daß 962, also beinahe ein Jahr­ tausend zurück, Meister der Sängerkunst, wegen ketzerischer Meinungen arg verleumdet, zu Pavia, nach anderer späterer Fassung zu Paris ihren reinen Glauben und ihre lautere Kunst vor Kaiser und Papst bewährt hatten, sie war nicht unhistorischer als jene der großen Wähler des Reichs, der Kurfürsten, die ja auch schon damals Amt und Würde empfangen haben wollten. Ja als eigentlichen Ahnherrn betrachteten die Meistersänger, als deren letzten Abkömmlinge einen wir die zu Memmingen kennen lernen werden, den königlichen Sänger David, aus dessen Psalter ihnen in Freud und Leid von Jahrhundert zu Jahrhundert neuer Segen zuströmte. Und nannten nicht die Schneider — ein Hand­ werkslied des 15. Jahrhunderts singt davon — den Herrgott selbst, der die Eva so sauber zurecht geschnitten, den Urheber ihrer Kunst, und die Wagenmacher den Propheten Elias, der im Wagen gen Himmel fuhr, einen Kenner und Gönner! — Ist es auch kein Jahrtausend, so doch mehr als ein Viertel­ jahrtausend Lebensdauer, auf das unsere Memminger zurück­ schauen durften, als sich 1875 ihre letzte Vereinigung auf obrig­ keitlichen Druck auflöste. Denn erst 1600 hatten sie sich zu l) Nach einem Vortrage zu Berlin im Verein für deutsche Volkskunde.

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84 dauernder Pflege der „holdseligen Kunst“ zusammengetan; eigent­ lich also erst nach dem Tode des übrigen Meistergesangs, wenn wir wenigstens unsern Litteraturgeschichten Glauben schenken wollen, die diese Erscheinung etwa 1300—1600 ansetzen. Wir werden sehen, daß diese Meinung irrig ist. Je mehr unsere Kenntnis des 17. Jahrhunderts wächst, desto deutlicher wird es, daß nicht der dreißigjährige Krieg alle die alten Fäden zerriß, daß vielmehr neben den starken Strömen kultureller und litte rarischer Art, die vom Ausland zuflossen, ein heimatlicher Unter­ strom weiterzieht, vom 16. zum 18. Jahrhundert. Gerade der Memminger Meistergesang — und deswegen bedarf er der Einzel­ betrachtung — stützt diese Auffassung. Wir werden deu Mem­ minger Meistergesang nicht richtig werten, wenn wir ihn nicht im Zusammenhang mit der ganzen Entwicklung betrachten, und so möchte ich den Gesamtverlauf skizzieren, in ihm Zeitabschnitte gegeneinander abgrenzen, wie das für die ältere Zeit der noch nicht lange verstorbene Straßburger Germanist Martin getan hat. Aus dem ritterlichen Minnegesang des Mittelalters ist der bürgerliche Meistergesang in der Hauptsache erwachsen; wäre er im 14. und 15. Jahrhundert als etwas selbsteigenes erstanden, er wäre, wie der junge Jakob Grimm seinen Widersachern schon entgegenhielt, „ein Kind ohne Jugend“, also ein Widerspruch in sich. Es war nicht bloß Ruhmrednerei, wenn die Meister unter ihren wahren Vorbildern die größten Dichter der ritterlichen Zeit — Walter von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach immer wieder nennen — oft in verstümmelter Form; unsere Memminger sprechen von einem Wolf Rahm. Freilich spazierten diese Großen mit zehn andern minderen Genossen selbstzwölf in dem Garten der Kunst — Zahl und Lokal sind dem weitbeliebten mhd. Gedicht: Dem Rosengarten entlehnt — und die Führung hat bereits der bürgerliche, doch gelehrte Heinrich von Meißen, ge­ nannt Frauenlob, der 1318 zu Mainz starb. Doch da die Zeiten sich nicht, nach einem trefflichen Vergleich Erich Schmidts, wie Schildwachen einander ablösen, so geht noch lange Ritterliches und Bürgerliches nebeneinander. Wir beobachten, wie mit dem sozialen und politischen Niedergang des Rittertums auch die ritterliche Poesie dahinwelkt. Statt des vielumgetriebenen ritter­ lichen Dichters, der die hehre Himmelskönigin und die Dame seines Herzens besang, auch wohl, wie Walter von der Vogel weide zu den Ausgestossenen, zur Boheme hinabstieg und seinen Sinn erfrischte an dem flutenden, echten Leben, tritt mehr und mehr der bürgerliche Dichter, der aus seinem Schulsack Weisheit und Redeblumen hervorholt. Statt ruhelosen Vagierens finden wir

85 allmählich Seßhaftigkeit. Der geniale Sinn fügt sich in die Ord­ nung und wird ehrbar. Nicht gibt mehr der flinke Anritt auf dem Streitroß und das Schlagen der Schwerter den Rhythmus, sondern das Schnurren der Weberschifflein und am Schmiedefeuer das Klopfen der Hämmer wehrbarer Bürger. Die ritterliche Welt ist verbürgerlicht auf der einen, scholastisiert auf der andern Seite. ,Hän ich kunst, din git mir sin‘, bin ich ein Dichter, ich bin es von Gottes Gnaden, nicht durch Schulweisheit, rief Wolfram von Eschenbach. Die nach ihm kamen waren stolz, wenn sie als gelehrte Meister, ja als Magistri der sieben weisen Künste gepriesen wurden. Dieses Auf- und Abwogen der Bildung ist trefflich festgehalten in dem alten Gedicht vom Sängerkrieg in der Wartburg — durch Wagners „Tannhäuser“ allbekannt —; seine nur äußerlich verbundenen, zeitlich zu scheidenden Bestand­ teile mit ihren Dichter- und Rätselkämpfen sind für den Meister­ gesang höchst bedeutsam. Solche Wettkämpfe im Dichten und Singen, denen in der Wirklichkeit viele begegnen, auch scholastische Kämpfe der Ge­ lehrten in ihren Schulen, sind die Grundlagen der meistersingerischen Schulen. Schon um 1300 können wir Ansätze solcher Schulen be­ obachten, wie denn Heinrich von Meißen in der Heidelberger Liederhandschrift auf einem Sessel thronend, umgeben von Musikern (?) und Dichtern, dargestellt wird. Vornehmlich kommen Städte am Mittelrhein in Betracht: Mainz und Worms. Doch auch in Kolmar und Straßburg regt es sich. Aus dieser Epoche, die wir bis 1450 setzen, sei noch hervorgehoben, daß Kaiser Karl IV. den Meistersingern ein Wappen erteilt, wo nicht gar, wie der Terminus lautet, verbessert. Um'1450 bemerken wir Wandlungen. Je mehr die Schulen sich konsolidiert haben, desto drückender sind die Normen ge­ worden. So erhoben die Mainzer, die eine Art Vorherrschaft beanspruchten, zum Gesetz, daß nur in den Tönen der alten 12 Meister gesungen werden dürfte. Nestler aus Speier, der die wichtige Kolmarer Liederhandschrift schrieb, versuchte einen neuen Ton und erfuhr Widerspruch. Für ihn trat Hans Folz in Worms ein, doch ohne sich am Rhein durchsetzen zu können. Er wandte sich nach Nürnberg, wo schon Rosenplüt gewirkt hatte und brachte dort die Schule in Ansehen, die in Hans Sachs ihren Höhepunkt erreichte. Wie ein leiser Nachklang jener sozialen und politischen Kämpfe, die unsere Städte im 13. und 14. Jahrhundert durchzittert hatten, wirkt dieser revolutionäre

86 Akt auf uns. In dieser Epoche, die wir von 1450 — 1550 etwa rechnen mögen, ist nun der Handwerkerstand unbestritten Führer der Bewegung, gleichviel ob im Regiment der Stadt die alten Geschlechter oder die Zünfte entscheiden. Um der Rohheit und Ungeschliffenheit entgegenzuwirken, wie sie in erschreckender Form uns in den älteren Fastnachtspielen begegnen, formuliert der Meistergesang seine Forderungen nach zwei Richtungen; er verlangt richtigen und künstlichen Vers- und Strophenbau und religiös-gelehrten Inhalt. Freilich ist das ausgehende 15. Jahr­ hundert, auch ein gut Teil des 16. Jahrhunderts, noch die rechte Zeit für Zechlieder, erotische Liedlein, Gedichte, in denen an­ rüchige Novellen- und Schwankstoffe behandelt werden, daneben aber grübeln doch schon die Meister über theologisch-scholastische Fragen: wo Gott vor der Erschaffung der Welt gewesen, wie sich das Wunder der Dreieinigkeit mit unsern Sinnen ergreifen lasse. Von diesen Handwerkern wird die religiöse Gährung weiter getragen, bis die Reformation das entscheidende und trennende Wort spricht. Neben den Fürsten werden diese bürgerlichen Schichten die festeste Stütze der Reformation, das vermögen wir deutlich an der Geschichte der einzelnen Reichsstädte Ober­ deutschlands zu verfolgen, Magdeburgs im Sächsischen ganz zu geschweigen. Wenn aber Karl V. nach seinem Siege im Schmalkaldischen Kriege überall dort, wo die Zünfte, wie in Memmingen, die Herrschaft gewonnen haben, ihre Macht zugunsten der alten Geschlechter bricht, da ist es in dem klaren Bestreben die Feinde der Reformation zu treffen. Und in Mitten dieser Bewegung der Frischeste und Vielseitigste, den der Meistersang hervor­ brachte, Hans Sachs zu Nürnberg, der das Größte und das Kleinste, was auf Erden lebt und gelebt hat, mit seinen wohl­ wollenden Augen als Seinesgleichen beschaut und in seine Verse, sei es Liedweis, sei es Komödienweis zu zwingen vermag. Hans Sachs, der Luther „als wittenbergische Nachtigall“ besang: Wacht auf, es nahent gen dem tag! ich hör singen im grünen Hag ein wunnikliche Nachtigall ir Stimm durchklinget Berg und Tal die Nacht neigt sich gen Occident der tag get auf von Orient die rotbrünstige Morgenröt Her durch die trüben Wolken get. Die Befestigung der Reformation um 1550 bedeutet auch innerhalb des Meistergesangs eine Epoche; schon deswegen weil die katholischen Schulen absterben; besonders deutlich tritt das

87 in Mahren in die Erscheinung, wo die Gegenreformation im Anfang des 17. Jahrhunderts auch den Meistergesang vernichtet — und weil die Reformation in ihrem Verlauf wohl sittigend, aber auch einengend auf die Stoffwahl wirkt. Wird finden jetzt häufig protestantische Geistliche in enger Fühlung mit den Meistern, die sich in den Zeiten der Not zu einer Schutztruppe ihrer Prediger entwickelt hatten. Aus diesem Bunde entsteht der groß gedachte Versuch, allen Schichten unseres Volkes eine gemeinsame Litteratur zu geben; ich erinnere nur an die zahl­ reichen Eindeutschungen antiker Werke; an Johannes Sprengs Homer, an Wolfhart Spangenbergs Sophokles und Euripides. Daß die andere, die humanistische und ausländische Strömung stärker war, mindert nicht den Wert dieser wichtigen Bewegung. Dieses feste Bündnis gab sittlichen Halt, aber es beengte auch. Wie aus dem protestantischen Gemeindegesang nicht mehr die einzelne Stimme vorschallen darf, so gilt auch im Meistergesang das religiöse Gesetz, das alle bindet. Was früher keck, vielleicht frech klang, verstummt allmählich. Wenn der Meistergesang sich fortan so schwer neuen Einwirkungen zugänglich zeigt, so ist es im wesentlichen aus dem konservativen Sinn der Kirche zu erklären — und, wo sich Keckheit etwa im Schauspiel Luft macht, da gießt der Geistliche schnell Oel auf das aufgeregte Gewässer. In dieser Epoche, die wir bis 1650 setzen können, ist auch in Memmingen der Zusammenschluß zu einer Schule erfolgt. Ob Johannes Schuppius, Lehrer an der deutschen Knabenschule, ein geborener Nürnberger, der jedoch seine Meisterschaft erst in Mem­ mingen bewährte, oder Jakob Eiselin oder Michael Schuster als treibende Kraft anzusehen ist, wird sich nicht entscheiden lassen. Daß auch hier schon im 15. und 16. Jahrhundert Ansätze vor­ handen waren, läßt sich aus theatralischen Vorführungen vermuten. Die meisten Reichsstädte haben nun mit ihren Schulen keine weitere Entwicklung durchgemacht, ja sie energisch, wie die zu Nürnberg, abgewehrt. Nicht so die von Memmingen und die von Ulm. Daß um 1650 eine neue Bewegung einsetzt, zeigen die erneuerten Tabulaturen. Die Ulmer von 1644 und vor allem die Memminger von 1660; sie erschien sogar im Druck. In ihr haben, wir werden das noch näher sehen, die neuen metrischen Grund­ sätze der opitzischen Reform ihren Niederschlag gefunden. Auch die Theateraufführungen zeigen, daß die Meister mit der Zeit fortschreiten. Es ist die letzte wesentliche Wandlung. Die Zeit von 1750—1780 bringt dann den meisten Schulen das Ende; und, was die französische Revolution überlebt, siecht dahin. 1839 singen die Ulmer zum letzten Mal am Schillerdenkmal;

88 1874 werden die Memminger, bezeichnend genug durch eine neue Leichenordnung aufgehoben. Kurz will ich noch die wichtigsten Schulbildungen nennen: ins 14. Jahrhundert fallen Mainz, Worms, Frankfurt a. M. (?), Würzburg, vielleicht Kolmar und Straßburg, Zwickau und Prag, ins 15. Nürnberg, Augsburg, Eßlingen, Freiburg i. B. (?); ins 16. Regensburg, Colmar, Ulm, München, Iglau, Steyr, Breslau, Görlitz, Nördlingen, Magdeburg, Danzig, ins 17. Memmingen, Basel (?), Dinkelsbühl. Doch sind dies nur die wichtigsten. Soviel zur geschichtlichen Orientierung. Nach zwei Richtungen sind die Meistersinger litterarisch interessant: als Singer und Dichter von Meisterliedern und als Schauspieldichter und Schauspieler; auf beiden Gebieten wollen wir unsern Memmingern nachgehen. Ueber ihren Meistergesang unterrichten uns zwei Sammel­ handschriften; die umfänglichere, reiche in 4° Format will ich mit A, die kleinere, die bis ins 19. Jahrhundert reicht, mit B bezeichnen. Beide werden durch eine historische Einleitung in Versen eröffnet, denen sich in langer Reihe Meisterlieder an­ schließen. B hat hinter dem Verseingang eine Tabulatur, eine Zusammenfassung aller Regeln, die einen Vergleich mit der gedruckten von 1660 gestattet. Beide Hdss. sind in dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts, wo nicht gleich bei der Begründung der Schulen angelegt worden. Besonders wertvoll ist uns die Handschr. A mit ihren Notierungen einiger Melodien, deren verschiedene Systeme den Wechsel der Zeiten zeigen. Am fesselndsten ist die Geschmackswandlung der Bilder, von denen manche einen Adel der Auffassung und Darstellung zeigen, der beweist, daß hier Künstler am Werk gewesen sind. Einige Bilder habe ich photographieren lassen. Den König David, der fast in keiner bildlichen Darstellung der Meistersinger fehlt, nur als typisches Bild. Aber schön in Haltung und Farbengebung wirkt das Gruppenbild: Christus am Kreuz, umgeben von Maria und Johannes. Ein anderes, das eine Kirchenszene, eine Trauung darstellt, hat nur kulturgeschichtlichen Wert. Zwar ist es gewiß, daß bei der Renovierung der Handschrift 1788 auch die Bilder aufgefrischt worden sind, aber gerade die wertvollsten — die Farben sprechen dafür — scheinen unberührt geblieben zu sein. Besonders fesselt es, wenn das gleiche Thema vom Maler zu verschiedenen Zeiten festgehalten wurde: so der biblische Vor­ wurf, der junge Tobias mit dem Engel und dem Irisch. 1657 tritt Tobias als rotbäckiger, draller Naturbursche auf und walkert sich mit dem Fisch tüchtig ab; da die Bibel sagt, der Fisch wolle

89 ihn verschlingen, so ist — rein realistisch — das Fischmaul von bedenklicher Größe. Und der gleiche Vorwurf etwa 100 Jahre später um 1750; da ist alles zierlich; es ist die Zeit des Roccoco; aus dem Engel ist natürlich eine Dame geworden mit schön drapiertem Gewand, feinen, wohlgeschwungenen Augenbrauen und verführerischem Lächeln; sie geht dem jungen Tobias tänzelnd entgegen, der in seinen roten Saffianstiefeln ebenfalls fertig zu einem Pas de deux ist; selbst das Fischlein auf der Schulter hat ein Lächeln. Das Ganze wie ein Entwurf für Meißner Porzellan. — Am wertvollsten ist eine Darstellung einer Memminger Sing­ schule von 1615, deren prachtvolle Charakterköpfe einen höchst respektablen Meister voraussetzen. Da sehen wir zur Linken auf erhöhter Estrade die vier Merker Hans Martin Veit, Kaspar Schmeltz, Jakob Eiselin und Johann Schuppius; das Buch auf dem Tisch die Lutherbibel; der Vorhang, der sonst die Merker von der Umgebung scheidet, ist kunstvoll in die Höhe gerafft; an den Füßen der Estrade steht Daniel von Hoff; auf der Kanzel mit einer feierlichen Handbewegung singt Hans Ludwig Holtzwart, ein Liebhaber des deutschen Meistergesangs. Alle, auch die Umsitzenden sind in Festtracht, in Kniehosen, schwarzen Mänteln, weisen Halskrausen, in der Hand die schwarzen Spitzhüte. Es ist eine feierliche Stunde dort in der Kirche für Hans Ludwig Holtzwart; so mögen wir wohl erlauschen, wie er sich für sie vorbereitet hat. Wir dürfen glauben, daß er, wie dies Wagenseil, der alte Historiographus und Freund der Meistersinger gelegentlich be­ schreibt, „das Hirn schier ausgesonnen, der Speise und dem Schlaf abgebrochen, den Kopf weidlich gekratzt und sich die Nägel fast abgenagt“. Er ist kein junger Springinsfeld, hat keine Lust mehr zu Schamperliedlein, wie sie die jungen Burschen wohl singen; auch ist sein Sinn nicht auf die streng verpönten Reizliedlein gerichtet, mit denen man dem lieben Nächsten etwas anhängt. Schon mehr denn ein Jahr hat er all die vielen Vorschriften bei seinem Kunstmeister David Schmeltz erlernt; er ist Sonntags nach der Predigt in Züchten über der Tabulatur gesessen. Er weiß am Schnürchen: ein jeder Meister-Gesang hat sein ordentlich gemäß in Reimen und Silben, durch des Meisters Mund ordiniert und bewährt / diß sollen alle Singer / Tichter und Merker auf den Fingern auszumessen und zu zählen wissen. Ein Bar hat mehrerteils unterschiedliche Stück / also weil deren der Tichter tichten mag. Ein Gesätz bestehet meistenteils aus zwei Stollen / die gleiche Melodey haben. Ein Stoll bestehet aus etlichen Versen, darauf folgt der Abgesang / so auch etliche Vers begreifft, welcher

90 aber eine besondere und andere Melodie hat.“ Er kennt alle jene Klippen, Scyllen und Charybden seiner Kunst. Falsche Meinungen, Meinungen gegen den Wortlaut und Sinn der Bibel, mit der er aufgewachsen ist, werden ihm, der kein Schwarmgeist ist, schwerlich widerfahren. Aber da sind so viele andere Fall­ stricke, die der böse Erbfeind, der Teufel, nicht schlimmer hätte ersinnen können: Falsch Latein, blinde Meinungen, blinde Worte, Laster, Klebsilben, Differenzen, Aequivoca, halbe Aequivoca, falsche Gebände, bloße Reime, Milben, falsche Melodeien, falsche Blumen usw. usw. Die Uebertretung der Regeln werden mit so und so vielen Silben von den Merkern gestraft. Wer mag da bestehen! Doch hat er nicht schon, da er zum Singer aufrückte, sich in den vier gekrönten Tönen ausgewiesen! Heut will er Meister werden, einen eigenen Ton vortragen. „Nun fanget an“, ruft der Kronmeister, und er singt feierlich und getragen, ohne zu zucken: „Herr gott und Yatter mein! Dein liebs Künd laß mich sein, thu mich gnedig erheren: So will ich alle stund dich auß meins hertzengrund loben preisen und ehren. Vnd will mit freuden Stingen. Hilf das ichs mög Volbringen Itz und zu allen Zeiten; dadurch so wirt mein hertz in tribsahl angst und schmertz ritterlich künden streiten.“ Und als er sein gedritt Lied in der „Linden Holtzweiß“ beendet, werden ihm die Meister den Preis nicht versagt haben, sonst hätte er es sicher nicht in das Liederbuch eintragen dürfen. Man hat wohl häufig gelacht über die wunderbaren Tonbenen­ nungen, wie die „überkurze Abendrotweis“, die „spitzige Pfeilweise“, ja eine „abgeschiedene Vielfraß weise“; den Meistern erschien das nicht lächerlich, ja spöttische Tonbezeichnungen waren verpönt, und wenn wir die wunderlichen Blumen- und Pflanzennamen zur Seite halten, mit denen die hochgeborenen Mitglieder der Frucht­ bringenden Gesellschaft von ihrem fürstlichen Stifter geziert wurden, so wissen wir, daß sie nur dem Zeitgeschmack huldigten. Es gab verschiedene Grade, welche unsere Memminger Tabu­ latur von 1660 also zusammenfaßt: „Welcher die Tabulatur noch nicht recht versteht, wird ein Schüler; der alles in derselben weiß, ein Schulfreund; der etliche Tön 4 oder 6 vorsingt, ein Singer; der nach anderen Tönen Lieder macht, ein Tichter; der

91 aber einen Ton erflndt, ein Meister; alle aber, so in der Gesell­ schaft eingeschrieben seyn, werden Gesellschafter genannt.“ Wer besonderes Ansehen genoß, kam ins Gemerk, das vierteljährlich wechseln sollte. Auch Frauen konnten in die Gesellschaft gegen das übliche Entgelt aufgenommen werden. Die Freiburger Schule, die nachweislich ähnlich den Schulen der Rederykers in Holland, aus einer frommen Genossenschaft hervorwuchs, bestand aus Singern und solchen Brüdern oder Schwestern, die nicht sangen, aber Mitgliedsgeld zahlten. Auch die Straßburger Renovations­ urkunde von 1596 spricht von „Personen beiderlei Geschlechts aus allerlei Ständen.“ Ja Wolfhart Spangenberg zu Straßburg um 1600 besingt in seinen „Anbind- und Fangbriefen“ eine Matrone Susanna Granerin also: „Ihr seid die schöne Rose fein die unsern Garten ziret des Meistergsanges pur und fein, da Singekunst florieret“, und wirklich begegnet uns in einer Meisterliederhandschrift ein Gedicht dieser Matrone — ein Zeichen, daß die Meister das taceat femina in ecclesia nicht mehr für die Kunst gelten lassen wollten. Man unterschied öffentliche und private Aufführungen: jene hießen Singschulen oder Hauptsingen, wohl auch Kronschulen, weil als Preis eine Krone erteilt wurde; sie fanden gewöhnlich alle vier Wochen statt. An den großen Kirchenfesten war das „Festsingen“, das sich noch durch Feierlichkeit vor dem „ge­ meinen Hauptsingen“ auszeichnete. Dem Schulhalter, dem Kronsinger, stand es zu, vor dem Hauptsingen ein „Freisingen“ ab­ zuhalten; den Namen trug es daher, daß es jedem freistand, zu singen, sogar auch nicht geistliche Lieder. An das Freisingen schloß sich ein gemeinsames Lied der Meister an, in der Lieder­ sammlung des Benedikt von Watt wird es als „lied zum zsamsingen“ bezeichnet —, „so daß einer vorsingt und die andern folglich mit einstimmen.“ Unterschieden die ritterlichen Minnesinger Gesang ,umbe ere‘ und ,umbe gnot‘, so hat auch das bei ihren bürgerlichen Nach­ kommen seinen Niederschlag gefunden. Man hatte sogenannte „Gabsingen“, wo Geldpreise ausgesetzt waren, und bei dieser Gelegenheit hatten die Merker „in die schärf“ d. h. nach den verschärften Bestimmungen den Gewinner oder „Uebersinger“ festzustellen. Daneben gab es Singen, wo nur Ehrenpreise ver­ teilt wurden: eine „Krone“ — in Nürnberg hieß es „König-DavidHarfen-Preis“ — und als zweites Kränze. Wer die Krone

92 gewann, hieß Kronmeister; doch verblieb das Kleinod der Schule und wanderte von Gewinner zu Gewinner. In einfacheren, aber immer noch gemessenen Formen vollzog sich das Zechsingen auf den Stuben oder Zechen der Meistersinger. An allen diesen Veranstaltungen, natürlich nach vorgeschriebenen Formen, durften fremde Meistersinger teilnehmen. Und wie der Meistergesang innerhalb der Stadt durch seine verschiedenen Mitglieder die sonst getrennten Zünfte miteinander verband, so wob auch die „hold­ selige Kunst“ ein ideales Band von Reichsstadt zu Reichsstadt, von denen jede als abgeschlossene Interessengemeinschaft sonst allein stand, solange nicht gemeinsame Not zur Einigkeit zwang. Sollte eine Singschule gehalten werden, so ging der jüngste Meister als Umsager umher; außerdem wurden Anschlagzettel einer oder mehrere ausgehängt; als Beispiel möge die Tafel der Singer zu Iglau dienen, die in hübscher Weise alle Ansprüche der Meister bildlich darstellt bis auf den Tiger, der den Garten bedroht, und die göttlichen Vertreterinnen der sieben freien Künste, die die Mauer umsäumen. Den Wortlaut solcher Tafeln hat Wagenseil festgehalten, bei dem sich ja noch Richard Wagner für seine Oper Rats holte. Aus der Zahl der ersten Memminger Meister hebt sich als Persönlichkeit greifbarer ab Michael Schuster, Steuerschreiber in und von Memmingen. Im Verzeichnis der Meistersinger, das das städtische Museum bewahrt, finden wir, daß er in einem Wett­ singen in der Dreikönigskapelle unter sieben Meistern die Krone gewann; auch der pekuniäre Ertrag war für den Meistergesang günstig: „Haben darauff, heißt es, 1 11. 32 kr. aufgehebt, und doch vil Volk, so nichts geben, hineinkommen, also daß das gantzc Kirchlein voll gewesen von Zuhörern!“ Als ein nicht gewöhn­ licher Mann erscheint er, der 50 Jahre lang unter den Genossen eine führende Rolle hatte. Wie das Ulmer Meisterliederbuch zeigt, wurden auch dort seine zahlreiche Töne nachgeahmt. Während der schweren Zeit des dreißigjährigen Krieges, dessen Not uns zahlreiche, meist noch ungedruckte Chroniken von Tag zu Tag verfolgen lassen, hat dieser Mann mit seinen Genossen aus­ geharrt, singend, dichtend und als Schauspieler tätig neben dem schweren Waffendienst und der Tagesarbeit. Es ist etwas er­ greifendes um diese zähe Ausdauer und tief innerliche Kraft, die wohl gebeugt, aber nicht gebrochen werden konnte. Und nicht klein oder eng war das Interesse des Mannes. 1656 lieh er, um dem Kirchengesang aufzuhelfen, der Frauenkirche seine kleine Hausorgel und er nahm persönlichen regen Anteil an dem Collegium Musicum, das der Stadtmedicus Dr. Schorer zur Pflege der In-

93 strumental- und Vokalmusik begründete. Während in dem neuen Verein der cantus figuratus und der vielstimmige Gesang, wie er in Italien von Giovanni Gabrieli (f 1612) und Claudio Verulo zur Blüte gebracht worden war, begünstigt wurde, sangen unsere Meister ihre Lieder wie die Kirchenlieder nicht sehr verschieden von dem frühmittelalterlichen Greorgianischen Gesang streng ge­ halten, einstimmig und ohne Instrumentalbegleitung. Noch einige wenige Worte über die musikalische Seite des Meistergesangs! Ein Kenner wie Jakobsthal bekräftigt, daß es unserem modernen Ohr, wenn es nicht historisch geschult sei, äußerst schwierig werde, sich einen richtigen Eindruck zu ver­ schaffen. Unser Gefühl für Rhythmus und für Akkordbildung ist ein anderes geworden. Unsere modernen Tonarten, die sich auf Dur und Moll zurückführen lassen, sind von den alten unter­ schieden. Wenn man die alten Weisen transponiert, wohl gar, wie das öfter geschehen ist, mit gefälliger moderner Begleitung versieht, um ein angenehmes Tonbild zu erzeugen, so sind wir der mehr oder minder bewußten Fälschung nah. Es ist das der­ selbe Fehler, der nicht selten bei der phonographischen Aufnahme der Lieder exotischer Völker gemacht wird. Da werden einem dann etwa Lieder der Indianer in anmutiger europäischer Musik­ begleitung vorgeführt: Rythmik und Melodik, die wir hören wollen in ihrer Eigenart, sind völlig verwischt.1) Eine hervorragende Persönlichkeit zu Memmingen um 1650 möchte ich noch herausheben, eben jenen Dr. Christoph Schorer, und, wer sich mit älterer Städtegeschichte beschäftigt hat, weiß, wie solch eine überragende Persönlichkeit nach allen Seiten be­ lebend wirkt; etwa in früherer Zeit und in größeren Verhält­ nissen ein Wilibald Pirkheimer in Nürnberg oder ein Jakob Sturm zu Sturmeck in Straßburg. Als Arzt erfreute sich Schorer eines außerordentlichen Rufes; der Herzog von Württemberg hatte alle Mittel aufgewandt, um ihn als Leibmedikus nach Mömpelgard und Stuttgart zu ziehen; er hielt seiner Vaterstadt die Treue, nach­ dem er in Italien seine Studien mit Ruhm absolviert hatte, und ward der Stadt angestellter Medikus. Leidenschaft und Schlicht­ heit, Einsicht und Umsicht sind dem ungewöhnlichen Manne eigen. Er wird ein leidenschaftlicher Förderer der Kunst; er schart fähige, junge Männer um sich zur Pflege erstgemeinter Astro­ nomie; er schreibt außer zahlreichen medizinischen Fachschriften vortrefflich die Chronik seiner Stadt; und aus Fürsorge für seine M Professor Johannes Wolf an der Berliner Universität hat zugesagt, unverfälschte Weisen der holdseligen Kunst zu Gehör bringen zu lassen.

94 Kinder ein feines Büchlein über die Erziehung mit weittragenden Gedanken und herzlicher Wärme. Viele edle Kräfte sind in diesem Manne vereint, dem nur die Genialität gebricht. Und gern ge­ denken wir in diesem Zusammenhang eines Ausspruchs des Ge­ alterten : „Die edle Musika ist ein Vorgeschmack des ewigen Lebens im Himmel. Eya! wären wir da!“ — Während wir gewohnt sind, uns das Leben nach dem dreißigjährigen Kriege öd und kahl oder unnatürlich zu denken, in jenen süddeutschen Reichsstädten ist noch frisches Leben. Da werden in Memmingen, sobald die letzten Truppen weggezogen, wieder die alten öffentlichen Schulprüfungen mit Prämien, damals eine wirklich öffentliche Angelegenheit, aufgenommen; in den deutschen Knaben- und Maidlinschulen werden wieder wie ehedem König und Königin gewählt; die Handwerker veranstalten wieder bunte Umzüge. Wahrlich nicht arm erscheint das Leben der schwer verschuldeten Stadt. Auch unsere Meister rühren sich. „Weilen der Mensch“, heißt es in der Memminger Tabulatur von 1660, „zu Zeiten auch eine gelassene Frewde und ehrliche unverbottene Ergötzung zu haben pfleget, als haben auch wir neben unsern Ampts und Berufs Geschafften vor und neben anderen Ergötzlichkeiten uns jederzeit das Reimen und Meistergesang, wie man es nennet gefallen lassen.“ Dieser Einleitung, die ein Muster kurioser Gelehrsamkeit ist, folgt eine Geschichte des Meistergesangs in Versen, wo neben den alten Barden Ronsard erwähnt wird. Sie ist gezeichnet von Magister Michael Schuster, Bürger zu Memmingen, derzeit Pfarrer zu Haupersbronn, also von einemVerwandten des trefflichen Steuerschreibers, wie denn auch noch 1651 ein andererverwandter, ein Student Hans Jacob Schuster seinen Ton bewährt. Auf die Verse folgt dann die Tabulatur, die wohl auch von der Hand des Pfarrers herrührt. In zwei Punkten zeigt sie eine Verjüngung, die uns berechtigt, mit ihr und der verwandten Ulmer von 1644 eine neue Epoche des Meistergesangs anzusetzen. Es wird einmal — prinzipiell — mit der alten Silbenzählung, die Wort und Versakzent nicht in Einklang zu bringen weiß, gebrochen, auf der andern sprachlichen Seite wird der Anschluß an ein reines, dialektfreies Neuhochdeutsch gesucht. Daß es sich hier um wichtige, einschneidende Neuerungen handelt, geht aus dem Widerspruch hervor, den die Nürnberger, wie Wagenseil berichtet, erhoben. Der Verfasser der Tabulatur nennt Opitz nicht direkt, aber es sind die Opitzischen Reformen, die er vertritt. Seine mühsame Unterscheidung von springenden und gehenden Reimen hat sein unmittelbares Vorbild in Enoch Hanmann, der Opitzens „Büchlein von der deutschen Portorey“ mit

95 Anmerkungen 1645 (Frankfurt a. M.) herausgegeben und sein Interesse für Meistergesang bekundet hatte. Hieß es im Anfang des 17. Jahrhunderts im Memminger Liederbuch A — ich setze absichtlich die Akzente: „Bin älso dör Hoffnung allhle als wörde auch anderen die der gleichen löst Lieb Und auch Freid darän habön zu ällerzeit nit mißfallen“, so werden jetzt 1660 reine Verse gebaut, die im Eingangsgedicht zu Alexandrinern geworden sind: „Wann wir das Teutsche Land Durchgehen / werden wir manch Vers gelehrte Hand Antreffen / ja es gleicht eim reichen Blumen Garten und Himmel vollen Stern“. Wie die Opitzische Reform schon von anderer Seite in Deutschlands Südwest-Ecke unter dem Vorbild der Franzosen vorbereitet war, wie sie sich durchsetzte, ist hier picht die Gelegenheit zu untersuchen. Die sprachliche Neuerung geht Hand in Hand mit puristi­ schen und patriotischen Bestrebungen. Der Verfasser beruft sich auf die „Teutsche Fruchtbringende Gesellschaft“; also die Be­ strebungen deutsch gesinnter Herrn des Adels, denen Gelehrte von Ruf wie Gueintz und Schottel, Dichter wie Opitz Rückhalt geben, schließen sich mit denen süddeutscher Handwerker unter Führung studierter Leute zu einem Ring zusammen. Sehr sorg­ sam ist unsere Tabulatur im Vermeiden lateinischer oder fran­ zösischer Worte, doch phne gegen eingebürgerte Lehnworte, deren Liste interessiert, intolerant zu werden. Die Dialektworte werden nach der Vorschrift gemieden, doch sollen fremde Singer wegen ihrer Dialektreime milde behandelt werden. Und in den Memminger Gedichten dieser Zeit werden tatsächlich diese Regeln ebenso wie in Ulm befolgt. Wie groß der Fortschritt gegen­ über dem herrschenden Memminger Deutsch war, möge ein Satz aus der handschriftlichen Chronik Dochtermanns (abgeschlossen gegen 1660) illustrieren. Zum Jahre 1650 schreibt er: „Den 17 tag Junius habent die Teischen buoben schuolmeister die buoben ihre schuolknaben In Berger Bad geliert vnnd haben Einig vnder ihne gemacht, welcher zum besten hat schreiben und lehßen kinden; die Medlin Schulmeister haben auch ihre schuolmedlin hinauß gelirt vnd auf dißentag send vil Kind auch alte Leit in daß berger Bad hinauß gangen.“

96 Da wechseln mittelhochdeutsche mit neuhochdeutschen Lauten: neben uf steht auf, neben der Schuole Schule, und allenthalben zeigt sich der schwäbische Dialekt, der die Leit und Medlin kennt. Ueber die folgenden Zeiten kann ich schnell hinweg gehen; da ist wenig Erfreuliches, was auch die zahlreichen Mitglieder der Familie Hügel durch lange Jahrzehnte vortragen mögen; nur einmal 1749 zur hundertjährigen Erinnerung an die Befreiung der Stadt wird ein frischerer Ton angeschlagen und als Gottes­ streiter Gustav Adolf gepriesen. Kümmerlich rinnt das Gefälle während des späteren 18. und gar während des 19. Jahrhunderts. Zwar wurde bis in die 40 er Jahre des 19. keiner aufgenommen, der nicht seinen eigenen Ton bewährt hatte, in der Hauptsache handelte es sich doch nur noch um den amtlich geregelten Leichengesang. Bei „großen Leichen“, wo der ganze Chor, der 18 Mitglieder nicht überschreiten durfte, auftrat, durften sie 4 Gulden, bei „schlechten Leichen“ d. h. bei gewöhnlichen Begräbnissen erhielt der halbe Chor 2 Gulden; 1875 hörte auch das auf.1) Wie diese Reimereien in der ausgehenden Zeit lauteten, dafür eine kleine Probe. Dem Ratsdiener und Singer Johannes Leeb ist es 1800 geglückt, einen armen Wilddieb zu erwischen, und er trägt stolz ins Meisterbuch ein: . . . „Gerecht ist Gott, der unbestraft nichts läßt Sein Arm ereilt des Lasters schnelle Tritte Das Rache-Schwert dem Letztem endlich lohnt. Es sorgt die Obrigkeit, daß in Pallast und Hütte Der gute Erdenbürger sicher wohnt“. — Was unsere Meistersinger als Schauspieler leisteten, darüber noch eine rasche Uebersicht. Wir wissen, wie es Hans Sachs war, der das früher unglaublich rohe Fastnachtspiel reinigte und aus reichen Stoffquellen des Altertums und der Renaissance schöpfend erfrischte. Diese Kunst ist nicht mit ihm zu Grabe gegangen, ja man darf sagen, was klare Linienführung, dramatische Spannung und sichere Charakterzeichnung anlangt, daß seine Kunst durch einen Straßburger Magister und Meister Wolfhart Spangenberg übertroffen wurde. Dessen „Mammons Sold“, „Glücks­ wechsel“ und „Wie gewonnen, so zerronnen“ wurden von den Straßburgern, für die sie geschrieben waren, wiederholt auf­ geführt. Zur Charakteristik dieser Meistersingerstücke, die noch nicht den Einfluß der englischen Komödianten zeigen, greife ich *) lieber den Ausgang vergl. Dr. Miedel, Schwäbischer Erzähler, 1912, Nr. 18 und 23.

97 die fiinfaktige Komödie „Wie gewunnen, so zerrannen“, so heißt es im alemannischen, heraus. Ihr Inhalt ist kurz dieser: der Wüstling und Scharrhans Spielkuntz weiß in der Verkleidung eines Edelmannes, dem Geizhals in der Stadt Reich-Art 200 Kronen abzuschwindeln; beim nächsten Rausch verliert er sie. Der dumme gute Bauer Frommann, der vergebens Reichart um Unterstützung gebeten hat, findet das Geld und darf es als Lohn seiner Bravheit behalten, da das Ungestüm Spielkuntzens in der Gerichtsszene vor dem Schulzen den wahren Sachverhalt nicht zu Worte kommen läßt. Höchst lebensvoll, ohne jede Pedanterie steht der Dorf­ schulz da, ein rechter Richter, während die ganze Zeit diese Figur ins Spöttische zu ziehen liebt. Und wie neckisch wirkt es, wenn der alte Knabe Frommann, den sein Hauskreuz, ein echter Sie-Mann, noch in die A-B-C-Schule schickt, nach einer hanebüchenen Standpauke seiner Murrgret sich wundert, daß seine Frau heute so gut anfgelegt sei. Wahrlich eine Szene voll Rosegger’schem Humor, unh wir mögen da wünschen, daß die Fürsprecher und Förderer eines modernen Volksschauspiels sich an diesen alten Schätzen bereichern möchten. Namen von Schauspieldichtern vermag ich unter den Memmingem des 17. Jahrhunderts nicht anzugeben, wenigstens nicht, soweit mit Sicherheit das Meistersingerdrama in Frage kommt. Umsomehr Belege über ihre Aufführungen, die selbst der Krieg nicht völlig aufhob. Hören wir im 15. Jahrhundert von einer Aufführung der „Leiden Christi“, im 16. Jahrhundert von geistlichen Spielen, dem „großen Abendmahl“ und den „klugen und törichten Jungfrauen“, so können wir nur vermuten, daß hier schon Hand­ werker beteiligt waren. Von 1600 ab haben wir klare Zeugnisse in den Ratseingaben und in den Chroniken, daß unsere Meister und zwar auf dem Salzstadel, der noch heute steht, aber längst anderen Zwecken dient und im Innern verändert ist, jahraus jahrein spielten. Und zwar vorwiegend geistliche Stücke: „Opferung Isaaks“, „der Prophet Jesajas“, „Esther“, „Judith“, „das jüngste Gericht“, „der christlich streitende Ritter“ (1625), doch fehlen auch weltliche Stoße nicht: (1682) „tragödie vom Herzog Nerone auß Burgund“ (1625), „von den sechs Kämpfern und der Stadt Alba“ (1625); „von dem Kaiser Tito zu Rom“ (1619) und andere. Gewöhn­ lich reichten sie zur Bewilligung zwei Spiele, ein geistliches und ein weltliches, bei der Obrigkeit ein. Und bei diesen Eingaben an „meine Herrn“ unterlassen die Meister nie den sittlichen Nutzen zu unter­ streichen. Doch die nicht seltenen Rügen der Oberen zeigen, daß diese Vertreter der Bühne als moralischer Anstalt doch anfechtbar waren; wenn ihnen das Stück und Eintrittsgeld — für die Person 7

98 etwa 2 Pfennige — bewilligt wird, so wird dazu bemerkt: „doch sollen Sie sich bescheidenheit gebrauchen vnd kein fewr noch Pulver zur Verhütung gefahr und Schadens dabey haben“. Nicht selten hören wir auch, daß die Prediger von der Kanzel gegen ihr Spielwesen schelten; denn dieselben Meister, die so ehrbar den Gemeindegesang üben, werden bei Gelegenheit recht bedenk­ lich ausfällig, sobald sie die Bretter betreten. War es die alte Schauspieltradition der Fastnachtspiele? Waren es die fremden Elemente, die für die Aufführungen zugezogen wurden ? Wir wissen, wie vereinzelt Studenten halfen. War es das böse Vorbild der „englischen Komödianten“, die auch gegen 1620 in Memmingen spielten? Oder war es die natürliche Reaktion gegen das ver­ steifte Treiben der Meister in ihren Festschulen ? — Als sie einst einen „Pickelhäring“ — 1687 — also nach englischem Muster gaben, erregten sie bei einigen hohen Herrschaften einen solchen Anstoß, daß sie schließlich froh sein mußten, mit einem Bußgeld von 1000 fl. die Sache beizulegen. Daß ihre Aufführungen neben denen der lateinischen Schüler und der fremden Truppen Anklang fanden, dafür darf wohl Dr. Schorer vollgültig Zeugnis ablegen. Er schreibt (1660): „Ob sie nun wol (die Meistersinger) einen ge­ ringen Anfang gehabt vnd vor Jahren mit Bewilligung einer löblichen Obrigkeit / jährlich etliche mal vnderschiedliche Komödien gehalten / ist doch solche Gesellschaft diser Zeit in ein solch Auffnehmen gekommen / daß nicht nur hisige / sondern auch frembde vornehme Personen ob ihren Comödien sich billich verwundern. Ich will zwar nicht viel von jhrem schönen Theatro vnd jetziger newen Art anmutiger Comoedianten-Kleidung sagen / dieses aber kann ich onberührt nicht lassen / daß sie eine Zeit her sich be­ flissen / die schönsten Actiones nicht allein in reiner Reimenart / sondern auch schon etlich mal in prosa / das ist Redweise oder vngebundener Rede mit Erfindungen vnd wol geschickten Geberden auff den Schauplatz zu bringen / welches auch desto anmutiger zu sehen / weil alles bey Lichtern vnd desto ehender sich darob zu verwundern / weil es fast von lauter Handwerksleuten ge­ halten wird.“ Wir sehen, die Memminger schritten auch hier mit der Zeit fort und waren lernbegierig, wenn etwa die fürstlich Eggenbergischen Schauspieler 1696 bei ihnen gastierten. 1715 brachte ihnen die Aufführung der „Tomiris“ großen Erfolg, zugleich aber die Mahnung des Rats, sie sollten von solch heidnischen Stücken ablassen. Hatte es Erfolg? — 1739 ist die „Maria Stuarda“ auf dem Spielplan verzeichnet. Und waren sie gehorsam, so war es gewiß nur für einige Zeit. Der Zeitwind war für solche

99 obrigkeitlichen Mandate nicht mehr günstig, und modern wollten die Meister sein, spielen sie doch in den 90er Jahren neben einem „Freimaurer“ Schillers „Räuber“. Die „Räuber“, die ganz aus Sturm und Drang herausgeboren waren und diese ehrbaren Meister! „Ein freies Leben führen wir“ und diese im Grunde urkonservativen Männer! Es sieht wie Sensationslust und er­ zwungene Jugendlichkeit aus. Und so erfüllen sie auch nicht mehr die Ansprüche der höheren Gesellschaftsschichten der Stadt. Aus Assessoren und Referendaren bildete sich um 1800 eine dramatische Liebhabergesellschaft, um ihrerseits den herrlichen Kotzebue und Iflland zu pflegen, und erbaute ein neues Theater. Die Meistersinger, die ihr schweres Geschütz auffuhren, aber nie, wie wohl behauptet wurde, ein Theatermonopol, sondern nur Gewohnheitsrechte besaßen, erreichten wenigstens soviel beim Stadtregiment, daß sie mehrmals in dem neuen Theater ohne wesentliche Entschädigung an die Gesellschaft agieren durften. Die Urkunde hierüber von 1802 — war eins der letzten Lebens­ zeichen der alten Reichsstadt; noch im selben Jahre wurde sie ihrer Freiheit beraubt und Bayern ein verleibt. Während des 19. Jahrhunderts haben unsere Meister noch etwa 20 mal gespielt, bis sie den Aufwand an Geld und Mühe zu hoch fanden. Ueberblicken wir noch einmal den langen Weg! Es ist ein eigenes Gebilde deutschen Bürgergeistes, dieser Meistergesang. Zahllosen hat er ohne Zweifel den Sinn erhöht und das Leben verschönt. Dauerbarkeit, Zucht und Ehrbarkeit, Selbstbe­ schränkung, deutsche Gesinnung und auch schließlich Sinn für reine Sprache treten hervor. Der Meistergesang ist uns ein Ausdruck des deutschen Handwerks in der Zeit seiner Blüte: frisch, religiös, aber auch geistig und sozial gebunden; fanden wir doch keinen Nachhall bei ihnen von jenen großen Kämpfen unserer Königlichen Kaufleute im 15. und 16. Jahrhundert. Vor allem aber: die Regel und die Gemeinde, welche sie stützte, ließ dem freien Spiel der Kräfte des Einzelnen wenig Raum. Was aus dem Borne unverfälschter Antike geschöpft und in sich das Ideal der Persönlichkeit aufgerichtet hatte, mußte sie bestreiten. Und doch, wenn wir sehen, wie unsere Aufklärung im 18. Jahr­ hundert so ganz anders als in Frankreich und England verläuft, so lag das nicht zum wenigsten an dem religiösen Sinn, den die Meister als getreue Eckarde durch die Zeiten gepflegt hatten. Was sie waren und was sie schufen, wirkte fort: denn nicht ist, das verginge.

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Anhang. Urkunden-Regesten. (Die Urkunden befinden sich sämtliche im Archiv der Stadt Memmingen). 1616. 20. März. Supplikation „einer ehrlichen Gesellschaft der Meystersinger“ an den Eat zu Memmingen. Die Gesellschaft bittet den Rat, die Tragödie von dem bitteren Leiden und Sterben unseres Herrn und Heilandes und eine Komödie von dem Kaiser Vespasian und seinem Sohne 14 Tage nach Ostern, und zwar jedes Spiel zweimal, aufführen zu dürfen. 1619, 26. Februar. Supplikation der Meistersinger an den Rat von Memmingen. Sie bitten, acht Tage nach Ostern zwei Stücke von der Zerstörung der Stadt Jerusalem durch den römischen Kaiser Titus aufführen zu dürfen. 1619, 26. Februar. Memminger Ratsdekret „die Meistersinger betreffend“. Den hiesigen Komödianten und Meistersingern wird auf ihre Suppli­ kation vergönnt, die genannten Spiele auf dem Salzstadel aufführen zu dürfen, unter der Bedingung, sich bescheiden zu betragen und weder Feuer noch Pulver zu gebrauchen. 1625. 28. Januar. Supplikation der „gemeinen Gesellschaft der Meistersinger und Komödianten“ allhier. Die Gesellschaft der Meistersinger und Komödianten hat sich „schöne trost- und lehrreiche Historien“, eine dem Christlichen streitenden Ritter, die andere von den Sechs Kämpfern und Belagerung der Stadt Alba „zu agieren verfasset“. Ersuchen an den Rat, diese zwei Stücke an einem beliebigen Sonntag spielen zu dürfen. 1630. 1. März. Supplikation der Meistersinger und Komödianten dahier. Nachdem sie von „christlichen guttätigen Leuten“ ermahnt worden sind, bei diesen betrübten Zeiten sich mit „einer schönen Christlichen Tragödie oder Komödie hören zu lassen“, haben sie sich im Vertrauen auf eine bessere Zukunft mit einer Tragödie „Kain und Abelw und einer Komödie „König Theodosius“ versehen. Bitte an den Rat, diese zwei Stücke am nächsten Sonntag oder an einem sonst beliebigen Tage spielen zu dürfen.

101 1632. 14. März. Eingabe der Meistersinger an den Rat um Genehmigung zur Aufführung einer Tragödie „Nero, Herzog von Burgund“ am Ostermontag oder an einem sonst bequemen Tag. (Folgen vier Unterschriften.) 1644. 6. Dezember. Eingabe der Meistersinger an den Rat um die Erlaubnis zur Aufführung eines neuen Stückes „Erzvater Isack und seine beiden Söhne Esau und Jacob“, verfaßt und in deutscho Reime gebracht von Johann Seifert von Ulm, am St. Stefans- oder St. Johannistag. 1645. 21. Februar. Eingabe der Meistersinger an den Rat der Stadt. Der Rat der Stadt hat den hiesigen Meistersingern und Bürgern bewilligt, die züchtige Komödie von den beiden Königinnen in England und Schottland, verfaßt von Mag. Johann Erhard, evangel. Prediger von hior, aufführen zu dürfen, Da aber zu gleicher Zeit sich hier eine Seiltänzer­ und Gauklergesellschaft aufhäit, welche sehr viel Volk und Geld an sich zieht, ersuchen sie den Rat um Genehmigung, ein anderes Stück, nämlich „Die geistliche Komödie von dem Leiden Jacobs“ am nächsten St. Matthias tag, um ihre Schulden tilgen zu können, aufführen zu dürfen. 1647. 8. Juni. Eingabe der Meistersinger an den Rat der Stadt. Bitte, eine Parabel unseres Herrn und Heilandes von dem verlorenen Sohn, welche eiu hiesiger bekannter Theologe in deutsche Reime verfaßt hat, aufführen zu dürfen, am St. Johannis- und Jakobi- und am St. Petri- und Paulstag. 1667. 2. Juni. (Babenhausen.) Empfehlung einer Schauspielertruppe durch den Grafen Franz Fugger. Graf Franz Fugger von Babenhausen empfiehlt dem Rat der Stadt Memmingen eine in Babenhausen anwesende Komödiantentruppe auf deren Ersuchen. Sie will in Memmingen drei oder vier Tage spielen, nachdem sie bereits die Genehmigung erhalten hat, in der nächstkünftigen Woche in der Reichsstadt Ulm auftreten zu dürfen. 1699. 18. Juli. Supplikation des Melchior Hagg um Genehmigung zur Auf­ führung einer Komödie. Er durfte seit vielen Jahren geistliche Komödien und Tragödien für das Volk und namentlich für die Jugend aufführen und bittet um die Er­ laubnis zur Aufführung zweier neuer Komödien, nämlich vom alten Tobias und von dem verlorenen Sohne.

102 1708.

9. März.

Ratsdekret zur Publikation im Komödienhaus gegen den von dem gemeinen Pöbel bei den Aufführungen verübten Unfug. Einige unterstünden sich, während der Handlung Tabak zu rauchen und dadurch andern Personen lästig zu fallen. Es wird das Tabakrauchen und Trinken während der Spielzeit verboten und jede Uebertretung mit 80 Kreuzer Strafe bedroht. 1796.

10. August.

Supplikation der Meistersinger an den Rat der Stadt. Die Meistersinger bitten, nachdem sie zweimal abschlägig beschieden worden sind, nun zum drittenmal um die Erlaubnis, am Schwörtage eine Komödie, wie dies seit mehr als zweihundert Jahren der Pall war, spielen zu dürfen. Sie hätten von altersher achtmal im Jahre spielen dürfen. Wegen eines blinden Feuerlärms im Salzstadel, der gelegentlich des Spieles einer fremden Gesellschaft entstand, ist diese Freiheit der Meister­ singer auf zweimaliges jährliches Spiel reduziert worden. Von einer Feuer­ gefährlichkeit des Salzstadels sei ihnen nichts bekannt, übrigens sind Maß­ nahmen und eine Wache gegen Feuersgefahr bei den Aufführungen üblich.

1801.

6. November.

Errichtung eines Liebhabertheaters. Die Direktoren und zahlreiche Mitglieder der dramatischen Ge­ sellschaft haben im Sinne, ein Liebhabertheater zu errichten und ersuchen den Magistrat um Consens. Es fehle hier offenbar an öffentlichen Ver­ gnügungen dieser Art, namentlich seitdem Wegzuge der Wochinger’schen Gesellschaft. Jetzt lebe man nach schweren Kriegszeiten wieder in Ruhe und Frieden. Sie rechnen mit dem Beifall Vieler, ,,die der Muse gewogen sind, und einen Iffland, Kotzebue und andere rühmlichst bekannte Schau­ spieldichter unter ihre Lieblinge zählen“. Zweck sei Hebung des gesell­ schaftlichen Lebens, Bildung des Geistes, Verschönerung des Theaters und Unterstützung armer Familien. Es sollen nur ausgesuchte moralische Stücke gegeben werden. Viele Bürger bezeigen lebhaftes Interesse. Unter solchen glücklichen Aussichten richten sie an den Magistrat die Bitte, ihnen das auf dem großen Salzstadel eingerichtete Theater zu überlassen. Hin­ sichtlich der Feuersgefahr würden sie alle Anstalten zur Verhütung jeglichen Unglückes treffen. Unterschriften: Frhr. v. Uchtritz; S. J. Cauß jun.; J. S. v. Schelborn, Stadtgerichtsreferendar, als Direktoren der Gesellschaft; dann zahlreiche Namen von Mitgliedern.

103 1802. 15. Januar. Verkauf des Zeughauses an die dramatische Liebhaber* gesellschaft. Bürgermeister und der Rat der Stadt Memmingen beurkunden, an die hiesige dramatische Liebhabergesellschaft das bisher der Stadt zugehörige Zeughaus samt Zubehör unter gewissen Bedingungen mit allen Rechten verkauft zu haben. Pergamenturkunde mit anhängendem Siegel in Holzkapsel. 1802. 22. Januar. Bitte der Meistersingergesellschaft um Ueberlassung der Einrichtungen des alten Theaters. Die Meistersingergesellschaft hat vernommen, daß der Rat der dramatischen Liebhabergesellschaft das Zeughaus zur Errichtung eines neuen Theaters käuflich überlassen und das bisherige auf dem Salzstadel bestandene Stadttheater aufgehoben habe. Durch diese Veränderungen würden aber nicht nur ihre bisherigen Rechte illusorisch, sondern es erwachse ihnen auch großer Schaden, weil sie ihre Dekorationen und Requisiten nicht mehr benützen könnten. Sie erkennen dankbarst an, daß ihnen ihre Gesellschafts­ stube auf dem Salzstadel belassen werde und bitten, ihnen das alte Theater mit seinen Einrichtungen auch fernerhin zu belassen. 1802. 29. Januar. Bitte und Beschwerde der Meistersingergesellschaft wegen des ferneren Bestandes ihrer Gesellschaftsstube. Wenngleich der Rat der Stadt Memmingen die Bitte der Meister­ singergesellschaft um Ueberlassung des Stadttheaters unerfüllt gelassen, ja beschlossen habe, nach Errichtung des neuen Theaters im Zeughaus ihre Gesellschaftsstube aufzuheben, hoffen sie doch, daß ihre alten Privilegien, die von Kaiser Carl V. erteilt seien, ihnen gewahrt bleiben. Sollte es bei dem Ratsbeschlusse verbleiben, so müßte ihnen doch eine Gesellschaftsstube eingeräumt werden, woiauf sie ein urkundliches Recht hätten und die sie für ihre Singübungen brauchten. Sie bitten daher, ihnen die seit 250 Jahren innegehabte Gesellschaftsstube zu belassen. Sie schildern weiter den ihnen erwachsenden Schaden und beschweren sich, daß die dramatische Gesellschaft darauf ausgehe, ihre schon so lange bestehende Gesellschaft zu vertilgen. 1834. 16. Juli. Verkauf des Theaters seitens der dramatischen Liebhaber­ gesellschaft an den Stadtmagistrat Memmingen. Die dramatische Liebhabergesellschaft Memmingen verkauft an den dortigen Stadtmagistrat das ihr eigentümliche Theatergebäude Nr. 679 samt Zubehör und Einrichtung mit allen Rechten um 3500 Gulden. Siegel des Stadtgerichts Memmingen. *

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104 1655. 5. Januar. Geheimes Ratsdecret. Die Ordnung des Collegium Musicum wird bestätigt. Bürgermeister und Rat der Reichsstadt Memmingen nehmen Kenntnis von der Errichtung des Collegium Musicum und der Ordnung und Gesetze dieser Gesellschaft. Die Ordnung wird bestätigt mit der Einschränkung, daß die allgemeine „Anlage“ oder die Strafen nicht über 1 Gulden hinaus­ gehen sollen und der Rat sich jede weitergehende Jurisdiktion vorbehält. 1655. 15. Januar. Der Rat an das Collegium Musicum wegen Auslegung des vorigen Decrets. Die Beschwerde des Collegiums wegen der im vorigen Dekret vom Rate gemachten Vorbehalte wird abgewiesen.

Von dem Collegio Musico vnd dessen Bestellung« Demnach löblicher weise, ein Collegium Musicum alhier angestelt worden, also wird wie bey allen anderen dingen dass vornembste die Ordnung sein. Solle aber eine Ordnung gehalten vnd solcher nachgekommen werden, muss ein Haupt vnd etliche sein, welche demselben in Verwaltung dises Collegii beistehn.

Von den Beampten dieses Collegii. Es solle ein Praeses, vier Adjuncten, ein Oeconomus, ein Schreiber, und ein Diener oder Knecht sein. Von der Wahl dieser Beampten. Es sollen alle Beampte durch einhellige oder mehrere stimmen des Collegii erwehlet weiden. Der Praeses solle ein Litteratus vnd Musicus sein. Seine Adjuncten kennen zwey von den Musicis vnd zwey von den Auditoribus, der Oeconomus vnd Schreiber aber ohne vnderschied auss allen Collegiatis genommen werden. Der Diener kan einer aus den Knaben sein. Von der Wahl. Die Wahl des Praesidis wie auch seiner Adjuncten vnd des Schreibers solle jedes mal den ersten donnerstag nach dem drey Königtag, des Oeconimi aber alle 3 quatember monath vorgenommen werden. Von dem Ampt des Praesidis. 1. Der Praeses solle im votieren neben seiner Stirn die Vmbfrag haben, vnd als dan nach dem mehrerem die sach ausprechen. 2. Ihme solle die cassa anvertrawet sein, auss welcher er gleich anfangs vnd hernacher monatlich oder öfter, nach erheischender notturft

105 dem Oeconomo ein stuckh gelt liffern von Ihme monatliche rechnung deswegen einnemen, er selbes aber bey Abtritt dess Oeconomj seiner Einnamb vnd Ausgab dem gesampten Collegio liquitation zu übergeben schuldig sein. 3. Wer was bey dem Collegio anzubringen, kan sich bey ihme Praeside anmelden, deme er auch dess wegen beschaid zu ert heilen, oder, so die sach zu schwer, seine Adjuncten zu erfordern oder solches gar dem Collegio vorzubringen. 4. Wer willens, sich in dises Collegium zu begeben vnd in dasselbige einschreiben zu lassen, der solle bey ihme sich anmelden, der es alsdan dem gesampten Collegio vortragen vnd ihre Stimm darüber anhören vnd nach dem mehreren sprechen solle. 5. Wann jemanden vnder den Collegiatis oder Anderem ein gueter Freind körne, deme er zu ehren ausser der ordinari Zeit eine versamblung des Collegii vnd eine Music begehrete, hat er sich auch bey ihme anzageben, zu dessen discretion es stehet, dem Collegio ansagen zu lassen, doch daß niemand hinzukommen verbunden, sondern ein freiwilliges sein solle. 6. In abwesenheit seiner, kan er den ersten vnd seinen Adjuncten oder in Abwesenheit dessen den anderen, vnd so fortan, seine stelle vnd Autorität zu vertretten erbitten. 7. Nachdem er auch sein Ampt ein Jahr lang versehen, vnd ein anderer an sein statt erwehlt worden, solle er solches neben gebührlicher rechnung vnd Übergebung der Cassa sambt anderen Ihme anuertrawten Sachen, seinem successori einhändigen vnd solchen dem Collegio vorstellen. Von dem Ampt des Adjuncten. 1. Die Adjuncten sollen neben dem Praeside alle Sachen zuvorderst zur Ehre Gottes, vnd dann zu Auffnemmung des Collegii bestellen. 2. So der Praeses selbige zu samenfordert, willig erscheinen vnd strittige oder andere daß Collegium betref. vnd darzu gehörige fäll anhören vnd entscheiden, so sie aber von Wichtigkeit, dem gesampten Collegio solche anzaigen vnd Ihre Meinungen darüber anhören. 3. Vnd sollen die Adjuncten sampt dem Praeside nach einer Jahrsfrist nach dem anderen erwehlet worden, Ihre steilen abtretten. Von dem Oeconomo. 1. Es solle der Oeconomus monathlich ein stuckh gelt zur nötigl. ausgab bey dem Praeside erheben, vnd Ihme deswegen monatliche rechnung geben. 2. Ohne des Praesidis vorwissen vnd bewilligen nichts einkauffen. 3. Bey den Zusamenkünften jedem sein gebührenden wein vnd brot geben. 4. Alles was bey dem Collegio erfordert, vnd von dem Praeside guet geheissen worden auszahln. 5. Bey Abtretung des Ampts dem gesampten Collegio völlige rechnung thuen.

106 6. So er mit geschöften beladen, würdt Ihme erlaubet, einen anderen aus dem Collegio an seiner stell zu erbitten, doch solle die rechnung von Ihme erfordert werden. Von des Schreibers Verrichtung. 1. Wann in dem Collegio ein wähl vorgenommen würdt, solle er die stimmen aufschreiben. 2. Die musicalische büecher, Instrumenta, vnd wass sonsten dem Collegio zuständig, ordenlich verzaichnen vnd in obacht nemmen, auch niemanden nichts daruon ohne vorwissen vnd erlaubtnuss des Praesidis aussleihen ausser Kirchen vnd Schulen. 3. Wafern aber Jemanden etwas mit erlaubnus des Praesidis gelihen worden, eine handscbrifft forderen vnd selbige bis zu widerliferung behalten. 4. Solle er ein Prothocoll haben vnd demselben einueileiben was etwan bey zusamcnkünfften vnd der wähl vorgegangen, nemblich wer zu einem vnd anderem Ampt erwehlt wordten. 5. Diejenige im buch einschreiben, welche dem Collegio einuerleibt, vnd demselben etwas verehrt vnd legiert haben. 6.

Solle er die Ordnung dess Collegii jährlich verlesen.

7. Vnd bey Abtrettung seines Amptes, so jährlich geschehen soll, seinem Successori alles ordenlich überliffern. Von der Verrichtung des dieners des Collegii.

1. Solle er auff erforderen des Praesidis erscheinen, seinen befelch ausrichten, vnd was er ihme befihlet, fleissig bestellen. 2. Sich allezeit beym Collegio einfinden vnd in deme, was der Praeses oder dass gesanipte Collegium Ihme befehlen würdt, willig erzeigen. 3. Sich auch bey einem extraordinari Collegio nicht weniger auffzuwartten. Vom einkommen des Collegii. 1. Damit aber dieses Collegium ein gewisses einkommen habe, vnd man sich nach gehaltner rausic neben andern nothWendigkeiten auch mit einein gebührlichen trunckh erquickhen kenne, solle ein Jeder hiufiro, welcher seine gebühr noch nicht erlegt, alsbalden dem Praesidi einen Reichsthaler in die Cassen lifern, oder das Collegium vnbesuecht lassen. 2. So auch hinfiro Jemand dem Collegio einuerleibt zu werden ge­ dächte, solle er neben dem ordinari Reichsthaler noch einen Thaler vor die Einschreibung dem Praesidi bezahln: er were dan ein Minister Ecclaesiae Graduiste oder derjenigen Personen eine, welche an dem Positiv bezahlt, solche sollen dess einschreibgeltes befrewet sein. 3. So werden sich auch wol vermögenliche Eiteren, deren Kinder bey diesem Collegio sich befinden, nicht beschweren Ihrentwegen dem Collegio mit einer tiscretion zu begegnen: In betrachtung dass der gröste Nutz ihrer Kinder seye: In deme sie hierdurch sowol in der Instrumental als vocal Music zu besserer volkommenheit gelangen.

107 4. Fals auch etuan eine geehrte Obrigkeit oder sonsten gute Freunden dem Coliegio etwass verehrten vnd Legierten, solle es auch in die Cassa geliffert werden. 5. Wofern auch zu erheischender Notturfft durch einhelliges Collegium eine gemeine anlag geschlossen wurde, solle sich kein Collegiat desselben weigeren er wolle dan dass Collegium verlassen. Wer in das Collegium anzunehmen. 1. Es solle niemandt in dass Collegium aufgenommen noch eingeschriben werden, er seye dann ein Musicus, ein Liebhaber derselben oder sunsten von guten qualitäten vnd fridlichen gemuets. 2. Weiln man junge Knaben auch bedörfftig, sollen nicht alle ohne vnderscheid, sondern die jenige welche schon in der Music geüebet, ond darbey was nutzen kennen, auffgenommen werden. 3. Diese aber welche auss vnerheblichen, oder liederlichen vrsachen das Collegium verlassen, wie auch welche einmal vmb wichtige vrsachen vnd ihres Verbrechens willen einhöllig oder durch die mehrere stimmen vom Coliegio aussgescblossen worden, sollen nimmer keinen Zutritt haben, sondern Ihr nam aus dem Catalogo gethan werden. Von der Zusammenkunft. 1. Alle 14 Tag am Donnerstag solle man ordinari vmb 1 vhr zusamen kommen, vnd vmb 6 vhr von einand gehen. 2. Füeie aber vf solchen Donnerstag ein feyrtag oder vornehme Leichen, kan es noch belieben dess Praesidis acht tag vor oder hernacher gehalten werden. 3. Sollen sonderlich die jenige, so musici sein, sich fleissig einstellen, oder Ihr ausbleiben den vormittag zuuor dem Praesidi anzaigen, damit man sich der music halber, darnach zurichten habe, vnd nicht auff Jeden warten müesse. 4. Solte aber einem von dem Praeside eine extraordinari Zusamenkunfft bewilligt werden, würdt ein Jeder sich wissen darnach zuhalten, vnd so Ihme angesagt worden, erscheinen, oder sein ausbleiben anzaigen, worzu zwar keiner gebunden, jedoch seiner discretion erinnert sein solle. Von der music selbsten. 1. Der anfang wie auch das ende der music solle mit einem geist­ lichen Psalmen gemacht werden. 2. Weiln nicht jeder musicus des Tactierens gewöhnet so kan das Capell oder Tactmaister ampt nach gelegenheit der anwesenden von dem Praeside dem jenigen auffgetragen werden, der sich etwan bishero darin geübet. 3. Sollen nach des Collegii belieben, vnd wie man sich deswegen vergleichen würdt, gewise authores vorgenommen vnd durchgesungen werden, alle zeit Einer mit concerten, der ander aber mit völligen stimmen, damit ein jeder zu dem exercitio gelangen möge.

108 4. Sollen sich die ordinari music bis 3 vhr erstreckhen, wurden es aber hernacher Einem oder dem andern belieben, etwas ausser den ordinari Authoribus zusingen, solches niemandt gewehrt sein, doch das es ordenlich, vnd mit dess Praesidis vnd seiner Adjuncten bewilligung beschehe. 5. Beym extraordinari Collegio aber würdt die anstellung der music des Praesidis vnd dessen belieben der das Collegium angestelt, vberlassen. 6. Ynder wehrender music wirdt alles schwetzen vnd lachen hiemit ernstlich verbotten, wie man sich dan ohne das zu den Collegiaten versiehet, sie werden sich als liebhaber der music gebühr ent dabey zu verhalten wissen. 7. Nach vollendeter music aber, so der Trunckh aufgesetzt worden, solle keinem gewehret sein, eine erbawlicbe Prag in Teutscher Sprach vorzubringe, damit so wol die anwesende Jugent alss andere angereitzet werden desto fleissiger die büecher auffzuschlagen, vnd so sie andere nichts lernen kennen, doch selber etwas lernen mögen, es solle aber ohne Verdruss geschehen, in gueter Ordnung vnd mit sanftmueth, damit es nicht eher einem gezänckh als freindtlichen vnderredung gleich sehe. Solte nun wider verhoffen was unerbawliches, verdriessliches oder zanckhsichtiges Vorkommen, solle der Praeses oder Yicepraeses macht haben, das Still­ schweigen zu gebietten. Von dem Trunckh. 1. Damit aber auch die Collegiaten neben der music vnd geraüets erholung, eine erquickhung des Leibes haben, solle nach drey vhren ein gebührlicher Trunckh neben Käs vnd Broth auffgetragen werden. 2. Doch zu uerhüetung aller Ynordnung vnd saufferey, solle jedem aus der gemeinen Cassa ein halbe mass Seewein, vor 2 pfennig broth vnd in ein oder 2 schalen Käs vor alle offgetragen werden, einem Knaben Vs wein, 1 dl broth. 3. Zu diesem ende solle ein jeder sein eigen gezeichnetes Trunckhgeschürr zünteller vnd stuel haben, welch nach absterben des Collegiaten dem Collegio verbleiben solle. 4. Es solle auch dem Oeconomo für sich allein bey iedem Collegio vber sein ordinarj halbo mass wein noch x/2 mass wegen abgangs weiters zuuerrechnen erlaubt sein. 5. Könte sich aber ein oder der andere mit einer halben mass wein nicht begehen, kan er ihme vmb bare bezahlung noch eine halbe mass vnd weiter nichts einschenckhen lassen, damit nicht aus dem sing Collegio ein sauff Collegio werde. 6. So einer einen guten freundt, der dem Collegio nicht zugethan, mit sich in das ordinari Collegium brächte, solle er schuldig sein vor ihne paar zu bezahlen, vnd noch nicht mehr freyheit haben als ihme aufs höchst eine mass wein einschenckhen zu lassen. 7. Bey extraordinari Collegiis solle derjenige, welchem es von dem Praeside zuhalten erlaubet worden, vor jeden anwesenden Collegiaten Y2 mass wein, ordinari broth vnd käss auff seinen Costen auffsetzen lassen. Könte sich aber einer oder der ander Collegiat damit nicht betragen, mag man ihme vmb sein bares gelt noch */2 mass geben. 8. Solle auch dem diener wegen der extra ordinari vmbsag 4 hl. bezahlen.

109 Von andern Ausgaben. Andere nöthige Ausgaben, wie die nahmen haben mögen, sollen von dem Oeconomo abgemelter massen auch entrichtet werden, doch dass man darmit, bey so schlechtem einkommen gesparsam vmbgehe, beuorab in erkauffung biichl vnd Instrumenten. Aldiweil man ohne das bester Hoffnung gelebet, es werde eine geehrte Obrigkeit, oder die jenige, welche der Kirch vnd Schulwesen vorgesetzt, oder auch andere Gott vnd music liebende freunde, von Selbsten sich miltreich erzeigen vnd diesem Collegio, als welches zur ehre Gottes, erbawung der christlichen gemaindt, vnd schulen angesehen, mit freygebigkeit wolgewogen sein, welches von hertzen zu wünschen, vnd dass Gott solche nicht unhelohnt lassen wolle ernstlich zu bitten ist. Von andern nothwendigen dingen. 1. Es solle auch ein Tafel gemacht, vnd jeder Collegiat nach dem er in das Collegium kommen, der Ordnung nach angeschriben werden. 2. Wie dan ihre nahmen gleichfals in ein buch verzeichnet, in welches sowol die guthäter die dem Collegio etwass verehrt, geschriben, vnd ihrer darin zum danckh, anderen aber zur nachfolg rühmlich gedacht werden solle. 3. So einer aus den Collegiatis Todtes verbliche, sollen die vbrige Collegiaten alle wamöglich bey seiner Leichbegängnuss erscheinen, vnd solle ihme eine music so wol bey dem leichgang als in der Kirchen vmbsonst gehalten werden. 4. Diese Ordnung solle jederzeith bey praesentierung eines newen Praesidis vorgelesen, vnd die Collegiaten zu fösthaltung ermahnet werden. 5. Es solle sich auch schliesslich ein jeder Collegiat also verhalten, dass er niemandt ärgere aller stich vnd schmäehwort im Conversieren, auch alles gezänckhs gäntzlich enthalte, oder in des Collegii wort straff vnd nachgestalter Sachen gäntzlich Ausschaffung gefallen sein; wie dan jeder ermahnt sein solle, alle widrige affecten ausser dem Collegio zulassen, vnd sich im gegentheil dess fridens sittsammen gesprächs vnd der Verträglichkeit zu befleissen. Darzu Gott Gnad gebe.

Römische Funde in Augsburg. Von Dr. 0. Roger. (Hiezu zwei Tafeln.)

In Fortsetzung der im letzten Jahrgang dieser Zeitschrift (S. 141) gegebenen Mitteilungen kann auch für das vergangene Jahr von einigen Funden berichtet werden; allerdings aber nur in bescheidenem Maßstab. A. Steindenkmäler. Am östlichen Ende der Ortschaft Steppach kam bei Erdarbeiten behufs Legung einer Wasserleitung ein kleines Grabdenkmal zum Vorschein. Dasselbe besteht, wie fast alle römischen Steindenkmäler unserer Gegend, aus hartem Jurakalk und ist leider nicht mehr ganz erhalten, da es — offenbar zum Zwecke baulicher Verwendung — früher schon einmal in der Art zubehauen wurde, daß an seiner unteren Hälfte jederseits ein Kreisstück weggeschlagen, und dadurch die hier angebrachte Inschrift arg verstümmelt wurde; auch die obere Kante, die durch das dachfirstähnlich zusammenlaufende obere Drittel des Steines gebildet wurde, ist weggeschlagen. In dieser Gestalt ist der Stein jetzt noch 72 cm hoch und 60 cm breit. Seine obere Hälfte zeigt in einer Nische die Brustbilder eines Mannes und einer Frau; vor ihnen das eines Kindes. Der Mann hält eine Rolle in der Linken. Der Rest der Inschrift auf der unteren Hälfte besteht aus 4 Zeilen: GEMELL TORIG RL RO B. An kleineren Figuren ergeben sich 4 interessante Zugänge, davon 3 in Bronzeguß: 1. Die 45cm hohe Figur eines Genius mit nacktem Oberkörper; die rechte Hand ist emporgehoben, der linke Vorderarm

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trägt das zipfelartige Ende des den Unterleib umhüllenden, faltenreichen Gewandes; die linke Hand ist mit gestrecktem Zeigefinger nach unten gerichtet. Der ganzen Geste könnte vielleicht eine symbolische Bedeutung zuzumessen sein. Das Gesicht, bartlos aber doch von entschieden männlicher Bildung, ist von klassischer Schönheit; alles Uebrige weniger sorg­ fältig gehalten. Die Figur, welcher leider die Füße von den Knien abwärts fehlen, ist nicht voll gearbeitet, sondern stellt nur die vordere Körperhälfte dar, so daß kein Zweifel darüber bestehen kann, daß sie bestimmt war, an einer Wand angebracht zu werden, was übrigens auch durch eine Oese im Nacken erwiesen wird. Von starker Vergoldung sind noch reichliche Spuren vorhanden. Eine eingehendere Beschreibung dieses interessanten Objektes aus berufener Feder bleibt Vorbehalten. Hier sei nur bemerkt, daß dasselbe beiWasserbauten im Lech gefunden und von der Stadt Augsburg er­ worben wurde. 2. Aeußerst zierlich gearbeitetes, 5,5 cm hohes, ithyphallisches Bronzefigürchen eines Priapus, der eine Last Früchte auf den Armen trägt. Bart und Gewandung sind sehr eigen­ tümlich , eher orientalisch als römisch. Die Eigenart der Darstellung läßt leider eine bildliche Wiedergabe ausgeschlossen erscheinen. Gefunden bei Grundgrabungen im sog. „Pfärrle“. 3. Bein einer männlichen Bronzefigur in Vollguß, welche etwa 25 cm hoch gewesen sein dürfte. Die Haltung des Beines deutet auf einen die Keule schwingenden Herkules oder einen anderen in Angriffsbewegung dargestellten Heroen. Gefunden im Lech bei Behling. 4. 14 cm hoher Torso einer nackten, männlichen Figur in feinem, weißem Marmor, deren Deutung durch den Mangel des Kopfes erschwert ist. Die künstlerische Ausführung ist gut zu nennen. Die Haltung des Bumpfes erinnert einigermaßen an den Hermes des Praxiteles. Gefunden bei Kanalarbeiten in der Nähe der Papierfabrik von Haindl. C. Von sonstigen Kleinfunden in Eisen und Bronze wurden durch die Aufmerksamkeit des Herrn Oberingenieur Gros bei Grabungen allerhand Gegenstände gesammelt und aufbewahrt: Phallusamulete in Bronze, Fingerringe, darunter einer mit einer ovalen Platte, auf welcher ein Kopf eingraviert ist, Schreibgriffel, große und kleine Schlüssel, Messer, Pilum-, Lanzen- und Pfeil­ spitzen, Beschläge u. dgl. D. Münzen wurden auf dem Pfannenstiel nicht selten gefunden, größtenteils in sehr schlechtem Erhaltungszustand. Die

112 meisten gingen in Privatbesitz über. Von Herrn Obersekretär Fischer erhielt die Sammlung 8 Stück, welche im Pfärrle ge­ funden worden waren. E. Von keramischen Gegenständen kam bei den Häuserbauten auf dem Pfannenstiel wieder eine große Menge von Ziegelresten und Geschirrfragmenten zum Vorschein, darunter auch manches interessante Bruchstück verzierter Gefäße und Namenstempel von Töpfern. Vieles wurde verschleudert und ging in unberufene Hände über, aber so manches gute Stück wurde auch von Mitgliedern und Freunden des Vereins unserer Sammlung zugeführt. Wir möchten nicht unterlassen hiefür an dieser Stelle Herrn Abt Dr. Th. Labhardt von St. Stephan, Herrn Justizrat Fischer, Herrn Oberingenieur Gros und Herrn Bauführer Sauter für ihre Aufmerksamkeit und Liebenswürdigkeit unseren Dank auszudrücken. Besonderen Dank aber schulden wir auch heuer wieder Herrn Prof. Le her, der mit unermüd­ lichem Eifer und erfreulichem Erfolge bestrebt blieb, unsere Sigillatensammlung zu bereichern. Der Zugang zu derselben belief sich auf ungefähr 135 Nummern verzierter Gefäßreste, davon 68 südgallischen Ursprungs, 8 Stück von Lezoux und 59 aus obergermanischen Werkstätten. Von diesen Gefäßen hatten 8 die Form Drag. 29, 3 die Drag. 30, alles übrige ist Drag. 37. Nach Zeit der Entstehung und Herkunft zeigten die Funde ganz den gleichen Charakter wie auch die früheren. Auch bis heute noch besitzen wir aus Augsburgs Boden keinen Scherben, noch keinen Stempel, der auf die augusteische Zeit hindeuten würde. — Auf die neuerworbenen Stücke im Einzelnen einzugehen, bleibt natürlich ausgeschlossen. Nur einige kurze Mitteilungen und Bemerkungen mögen mir gestattet sein, da sie vielleicht für Sigillatenforscher von Interesse sein dürften. 1. Zunächst möchte ich 3 Fragmente eines sehr schönen Bechers (Drag. 30) hervorheben. Es sind leider nur 3 kleine Scherben; dieselben sind von hellroter Farbe und schönem Glanz der Oberfläche. Letztere ist in schmale Arkaden geteilt, in welcher die Figur der Penelope (D 539) mit laufenden Hasen (D 942) und Hunden abwechseln. Das Stück erinnert sehr an den von Curie in seinem prächtigen Werke A Roman frontier Post and its People. Glasgow 1911 auf PI. XLII abgebildeten Becher von ungefähr gleicher Größe. Das Stück dürfte vielleicht auf Masclus zu beziehen sein. 2. Ein anderes Fragment eines steilwandigen Bechers (Drag. 30) zeigt die Figur der Sphinx (Ludov. T 27) und die Pansmaske D 675. Der bellrote Ton und schwache Brand deuten

113 nicht auf gallischen, sondern eher auf obergermanischen Ur­ sprung, somit auf eine relativ späte Herstellungszeit. Die Reste von Gefäßen Drag. 29 zeigen nichts be­ sonders Hervorzuhebendes; hingegen bieten die von solchen der Form Drag. 37 wohl manches Interessante. I. Südgallische Ware: Zwei Scherben mit senk­ rechter Feldereinteilung (Metopen) in der Weise, daß immer ein größeres Feld mit einer Götterfigur mit einem quer­ geteilten Felde abwechselt, das in der oberen Hälfte ein Tier, in der untern eine kleinere menschliche Figur enthält. Der eine Scherben 3. zeigt im größeren Felde den Merkur D 299, der sich auch auf der von Knorr (Rottweil 1907) Taf. IX Fig. 1 ab­ gebildeten Schüssel des Crucuro findet; in den Teilfeldern sind oben ein nach rechts laufender Löwe (?) und unten je ein paar der bekannten, traubentragenden Silene D 323 ein­ gesetzt, die aber fast um 1 cm kleiner sind als bei besseren Graufesenqueprodukten und an deren linkem Bein der Vorfuß fehlt. Unter der Bilderfolge ist auf dem glatten Fußteil der Schüssel — wie es scheint als Töpfermarke — die gleiche achtstrahlige Rosette angebracht, die z. B. bei Knorr (Rott­ weil 1912) Taf. XXVII, 2 zu sehen ist. — Auf dem zweiten Scherben 4. ist in dem einen größeren Felde die nach rechts gerichtete männliche Figur D 391, im zweiten die sitzende Venus D 189 zu sehen, in den Teilfeldern sind oben höchst barbarisch und roh gezeichnete Löwen und Hasen, in den unteren ein kleiner, nach links schreitender, geflügelter Genius angebracht. Die die Felder abteilenden Perlstäbe sind höchst nachlässig ausgeführt. Es dürften diese beiden Produkte wohl der Werkstätte zuzuweisen sein, in der Crucuro tätig war. Die Arbeiten dieses Töpfers lehnen sich an die besseren Fabrikate der Graufesenque, wie z. B. unsere „Götterschalen“ darin an, daß sie in Metopenstyl gehalten sind und zum Teil Götter- und Heroenfiguren von guter Zeichnung enthalten; sie unter­ scheiden sich von ihnen aber durch die gleichzeitige An­ bringung roh und barbarisch gezeichneter Figuren, durch die Verwendung abgeformter, also kleinerer und zum Teil defekter Stempel, durch häufige Anbringung von Diagonalmotiven und durch die meist höchst nachlässige Behandlung der Perl- und Eierstäbe. Die, wie es scheint, gleichzeitigen Arbeiten der Werkstätte des Biracil charakterisieren sich durch die An-

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114 Wendung eines meist »freien“ Styles unter zeitweiliger, ganz willkürlicher Einsetzung freier Felder, die manchmal wieder Unterabteilungen zeigen, und durch häufige Verwendung zahlreicher, höchst roher Tierfiguren. Diesen barbarischen Epigonen der Germanuswerkstätte stehen als verhältnismäßig klassische Arbeiten die Erzeug­ nisse entgegen, welche aus der gleichen Werkstätte hervor­ gingen wie unsere beiden, zum öfteren schon angeführte »Götterschalen“, die einen Töpfer von besserem Geschmack in der Auswahl und Anordnung seiner Figuren bekunden. Seine Arbeiten sind erheblich seltener als die seiner Kon­ kurrenten (Biracil, Crucuro etc. etc.) aber sie finden sich im Dekumatenland nicht minder wie am Limes und sind auch bis nach England gelangt. Die auffälligste Uebereinstimmung mit unseren „Götterschalen“ zeigt der Inhalt von Taf. XXVÜI zu Knorr’s Rottweil 1912. Fig. 5 zeigt die gleiche Venus mit den Waffen des Mars (von Döchelette unter 83 als Minerva bezeichnet), Fig. 3 den gleichen Merkur, Fig. 2 die beiden Philosophen wie unsere Schüsseln; Eier­ stab, Metopeneinteilung, Grasbüschel sind die gleichen wie hier, nur finden sich dort noch einige Figuren mehr. — Ferner dürften hierher gehören Taf. I Fig. 8—12 in Knorr’s Rottenburg-Sumelocenna 1910. Hier findet sich in Fig. 11 die bei uns als Trennungsmarke zwischen der Venus (D 83) und dem Jüngling mit dem kurzen Umhang (D 517) an­ gebrachte Guirlande als Fußleiste verwendet; überein­ stimmend ist ferner das Blatt in der oberen Ecke der Metopen, der Altar (D 1089) etc., während auch hier wieder mehrere neue Figuren zu beobachten sind. Auch Fig. 2 und 3 auf Taf. V der gleichen Arbeit von Knorr (1910) möchte ich hierher beziehen. Weiter möchte ich aus Knorr’s Arbeiten namhaft machen: Fig. 8 und 9 auf Seite 465 in den Württemb. Vierteljahresheften für Landesgeschichte, XIII, 1908 (vielleicht ist auch Fig. 7 noch beizuziehen), sowie endlich Taf. XI Fig. 1, 3, 4 und XIV, 1—4 in seiner Arbeit über Cannstatt und Köngen-Grinario, 1905, von denen für uns insbesondere XI, 1 dadurch wichtig ist, daß wir daraus durch den neben dem Pan mit dem Thyrsusstab an­ gebrachten Stempel den Namea unseres Meisters kennen lernen: Masclus. — Ich möchte betonen, daß bereits Knorr mehrfach (z. B. S. 33 seiner Arbeit über Rottweil, 1912) darauf aufmerksam gemacht hat, daß dieser „Masciüus der Zeit Domitians nicht verwechselt werden darf mit dem

115 Masclus der Mitte des I. Jahrhunderts“, von dem bekannt­ lich der Becher mit dem Trauben naschenden Panther her­ rührt, der sich in Wien befindet und von dem ein Duplikat auch in London gefunden wurde (Knorr, Rottweil, 1907, Taf. XYII und Walters Catalogue of Roman Pottery 1908 pag. 404). Unser Masclus oder Masculus dürfte vielmehr identisch sein mit dem von Ddchelette (Band I) in der Fuß­ note auf Seite 118 erwähnten Töpfer, der auch in Banaßac arbeitete, und dem vielleicht auch die von Walters (1. c.) aufgeführten Nummern M 605, 611, 666—669 und 816—818 zuzuweisen sein dürften. — Auf diesen, unsern Masculus dürften dann weiterhin zu beziehen sein Scherben aus den Limeskastellen Okarben und Stockstadt, sowie aus Heddern­ heim. Aus Okarben Taf. V Fig. 6, vielleicht auch Y, 10 und 11 der Kastellbeschreibung (1902), von Stockstadt (1910) XVIH, 10 und 11, von Heddernheim 1911 Taf. V, 7. Von englischen Funden möchte ich für Masculus namhaft machen die von Walters (Catalogue, 1908) PI. XXIY abgebildete Schüssel Drag. 37 und den Scherben M 542 (Fig. 145 auf Seite 144), endlich vielleicht auch noch die Schüssel auf Pl. XLIII des oben schon angeführten Werkes von Curie (1911). Der Typenschatz unseres Meisters würde sich damit als sehr reichhaltig erweisen und vor allem durch sein Ueberwiegen der menschlichen Gestalten über Tierbilder und Ornamente (Diagonalmotive) charakterisieren. Zahlreiche seiner, meist bei Döchelette aufgeführten Typen finden sich auch anderweitig benützt; ausschließlich von Masculus an­ gewendet und darum für ihn von diagnostischem Wert er­ scheinen mir aber bis auf weiteres: 1) Venus mit den Waffen des Mars (D 83), 2) Zwei Philosophen (D 341 und 512), 3) Merkur (Knorr, Rottweil, 1912, XXVIII, 3), 4) Perseus (Herkules?) und Andromeda (diese Zeit­ schrift 33, 1907, Taf. I). Nach dieser, durch das Interesse des Gegenstandes entschuldbaren Abschweifung kehren wir wieder zu unseren Berichtsobjekten zurück. Von weiteren Scherben südgallischer Provenienz ist nicht viel zu sagen. Nur eines Fragmentes von Banaßac sei noch Erwähnung getan, weil es die 5. Eigentümlichkeit zeigt, daß ein sechsfaches Blatt mehrmals nicht bloß in der oberen Metopenecke, sondern auch in dem weiteren Verlaufe des dünnen, schnurartigen Perlstabes mehrfach angebracht ist. In den Feldern finden sich in ver8*

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kleinertem Maßstab und zum Teil stark barbarisiert die männlichen Figuren D 391 und 399, unter denselben in einem weiter nicht abgeteilten Streifen nach rechts laufende Tiere von schlechter Zeichnung. — Von Fabrikaten von II. Lezoux mögen 2 Stöcke namhaft gemacht werden: Das eine zeigt in Berg und Tal einer großen, fortlaufenden Ranke wiederholt je ein großes, 7teiliges, gezacktes Blatt und neben jedem derselben zwei Steilige Rosetten; das andere größere Bruchstück zeigt ähnliche, große Ranken­ zeichnung mit einem ähnlichen Blatte im Tal der Ranke, daneben jederseits einen kleinen Pfau; im Berg der Ranke ist aber ein großes Medaillon angebracht mit einem Genius mit 2 Fackeln (D 265). III. Heiligenberg, Rheinzabern etc.: Ein kleines Fragment zeigt die linke Hälfte der von Knorr (Cannstatt, 1905, XXXIX, 3.) schon abgebildeten Kampfszene ; unter dem Herkules befinden sich 2 einander zugewendete Delphine, links davon die bisher noch nicht abgebildete große Figur einer Tänzerin, von der aber nur ein Teil des Ober­ körpers und der linke Arm erhalten ist, um den sich ein von der Schulter herabfallender Schleier schlingt; unten eine Fußleiste aus ahornfruchtähnlichen Blättern. Auf einem kleinen Scherben mit Eierstab ohne Beistriche (hastae) in einem rechteckigen Feld der schön gezeichnete Adler mit dem Hasen (Lud. II T. 129), hinter ihm ein kleiner Genius auf einen Stab gestützt; im nächsten Feld eine Vase und darüber ein Ornament mit herabhängenden Quasten (Lud. 0 5 u. 88). Vielleicht dem Reginus in Heiligenberg zuzuweisen, wofür auch das Material sprechen würde. Fragment mit einer sitzenden Hirschkuh (oder Reh) im Doppel­ kreis. Die gleiche Darstellung besitzen wir schon länger auf einem anderen Scherben, der neben dem Bild noch einen Namenstempel trägt, den ich früher als CVMA ... las (Zeitschr. 33.1907. S. 30). Wiederholte Prüfung dieses Stempels ließ ihn nunmehr mit Sicherheit als CASTVS.F (rückläufig) entziffern. Ein kleiner Scherben mit dem Stempel L V C A N V S (rückläufig) zeigt eine sehr schlecht ausgedrückte Figur eiuer sitzenden Löwin nach links (Lud. T. 17), hinter und über ihr ist noch etwas sichtbar, was als Schnabel eines Storches gedeutet werden könnte. Eine Vergleichung des Namenstempels mit dem im letzten Bericht (S. 156) erwähnten auf einem Scherben

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mit 2 cm hohem Eierstab und der Figur mit Schlangenfüßen (D 15) zeigt, daß nicht. . . VANVSF sondern . . .VCANVSF zu lesen und der Stempel somit nicht als Silvanus sondern Lucanus zu deuten ist. Ein weiterer kleiner Scherben mit Pan und Venus ist offen­ sichtlich ein Duplikat der von Forrer (Die römischen Sigillatatöpfereien in Heiligenberg etc. 1911) gegebenen Abbildung Taf. XXX Fig. 4. Auf einem kleinen Scherben sieht man zwischen Hasen und laufenden Hunden die Figur des „Anubis“ (Lud. T. 41). Ob aber die Deutung derselben als Anubis richtig ist, möchte ich sehr bezweifeln; der Kopf und die Nackenmähne erinnern eher an Pferd als an einen Schakal. Unter großen Bögen, die von Pfeilern (0 22) getragen werden, ist auf einem anderen Fragment die Karyatide M 176 an­ gebracht; wie es scheint in 6 maliger Wiederholung rings um die ganze Schüssel laufend; das Bild ist aber merklich kleiner als die von Ludowici (III S. 226) gegebene Zeichnung. Interessant ist ein weiterer Scherben, der in der Hauptsache das von Knorr auf S. 29 seiner Arbeit über Bottenburg (1910) gegebene Bild der 3 Wegegöttinnen zeigt. Beachtenswert erscheint, daß quer und diagonal über die Gruppe der Göttinnen gezogene Linien eine Art Umzäunung darstellen, wobei auf dem Schnittpunkt der beiden Diagonallatten etwas angebracht ist, das vielleicht einen Baum darstellen soll. In dem Felde vor den Göttinnen sieht man ein Ichneumon und eine Schlange, darüber die letzten 3 Buchstaben des Wortes Trivie: VIE. Ein weiterer kleiner Scherben zeigt unter 2 Gladiatoren einen Stempel mit verwischtem Namen, der vielleicht als Beginus zu lesen ist; im nächsten Feld steht die gut ge­ zeichnete Gestalt eines nackten Faustkämpfers — ähnlich M 53 bei Ludowici, dessen rechte Hand durch eine kugel­ förmige Umhüllung geschützt ist. Wohl Beginus? Vier Scherben einer größeren Schüssel enthalten in großen Medaillons die Bilder der trojanischen Helden (M 194), ferner eines Bären (T 208) und eines Ebers (T 200), zwischen den Medaillons das Ornament 0 75 und unter der Kampfszene wieder den Bären. Die ganze Arbeit dieser Bilder erinnert ungemein an die im 33. Jahrg. dieser Zeitschrift S. 29 be­ schriebene Schüsselhälfte, mit dem Stempel FIBMVS (a), deren verloren gegangener Teil vor 2 Jahren wieder zurück­ gewonnen wurde. Diese Schüssel zeigt in der Mitte ein großes Medaillon mit der Adler- und Hasengruppe T 229,

118 links davon den 4,5 langen Namenstempel des Firmus und vor ihm einen Löwen (T 1) über einem Eber (T 200); nach dem Medaillon folgt ein galoppierendes Pferd (T 58) und darunter ein Bär (T 208). Es ist dies eine der schönsten Zeichnungen, die ich von Rheinzabern kenne, und der Künstler, welcher dem Firmus diese Stempel geliefert hat, war sicher einer der hervorragendsten seiner Zeit. Es wäre wohl sehr wünschenswert, daß von seinen Arbeiten noch mehr bekannt würde. Reubel (Römische Töpfer in Rheinzabern, 1912) führt den Löwen, den Eber und das Pferd nicht an; den Adler mit dem Hasen erwähnt er bei B. F. Attoni; der Bär hingegen ist eine häufig anzutreffende Figur. — Es ist schade, daß Reubel vor Abschluß seiner Arbeit nicht Anlaß nahm, auch die Sammlungen in Augsburg, Dillingen, Günzburg und Kempten zu besuchen, ihr Material hätte ihm manchen guten Beitrag geliefert; namentlich hätten die Export­ bilder, S. 114 u. 115, sicher an Vollständigkeit gewonnen. Augsburg wäre in allen 6 Kärtchen einzutragen gewesen. 18. Schließlich seien noch 2 Fragmente einer Schüssel mit dem Stempel EL ENI VS angeführt, die die erste und bis jetzt einzige auf Westerndorf weisende Spur bieten. An Figuren zeigen sie einen Mann im Kapuzmantel, einen nackten Mann mit einer Strickschlinge in der Rechten und einen galop­ pierenden Reiter, von dem aber nur mehr die Füße des Pferdes sichtbar sind. Die Bilder entsprechen den Figuren 27, 33 u. 37 in Hefners Abhandlung über Westerndorf (Oberbayrisches Archiv XXII. 1863). Am Fuße des Bilderfeldes ist eine Reihe 6strabliger Sternblumen angebracht. Die ganze Arbeit ist ziemlich roh. Helenius hat nun zuerst wohl in Rheinzabern gearbeitet (Reubel 1. c. S. 35), und da bei uns bisher gar nichts von Westerndorf gefunden wurde, könnte man vielleicht daran denken, dieses Fragment als Rheinzaberner Fabrikat anzusprechen. Da aber die Stempel­ bilder aus Westerndorf bekannt und in Rheinzabern bisher noch nicht nachgewiesen sind, dürfte letzterer Ursprungsort doch auszuschließen sein. Außerdem ist es auch noch gar nicht sicher, ob der Helenius von Rheinzabern und der Westerndorfer Elenius überhaupt zu identifizieren sind.

J« Fi Himmer’ache Buchdrucker«!, Augsburg'

Zu: Die Meistersinger zu Memmingen. (S. 97.)

Der „Salzstadel“ in Memmingen.

'Au: Die Meistersinger zu Memmingen. (S. 89.)

In

der Singschuie. 1615.

Römische Bronze-Figur. Gefunden in Augsburg. (S. 111.)

Römische Figur von weißem Marmor. Gefunden in Augsburg 1912.

(Stil.)