You und thou: Studien zur Anrede im Englischen. (Mit einem Exkurs über die Anrede im Deutschen) 9783110822588, 9783110002010

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You und thou: Studien zur Anrede im Englischen. (Mit einem Exkurs über die Anrede im Deutschen)
 9783110822588, 9783110002010

Table of contents :
Vorwort
I. EINLEITUNG
§ 1. Sprachsoziologie
§ 2. Die Anrede als Gegenstand sprachsoziologischer Untersuchung
§ 3. Zur Methode der Untersuchung
II. VORGESCHICHTE
§ 4. Der modeste und soziative Plural
§ 5. Der Plural in Griechenland und Rom
§ 6. Pluralis majestatis, Pluralis reverentiae, Standesplural
III. ALTENGLISCHE ZEIT
§ 7. Allgemeines
§ 8. Altenglische Dichtung und Prosa
§ 9. Lateinische Belege
§ 10. Vergleich mit anderen Sprachen; Zusammenfassung
IV. MITTELENGLISCHE ZEIT
§ 11. Allgemeines. Erstes Auftreten des Anredeplurals
§ 12. Exkurs: Engländer und Franzosen nach 1066
§ 13. Latein in der mittelenglischen Zeit
§ 14. Das Französische in der mittelenglischen Zeit
§ 15. Rechtssprache
§ 16. Die Ausbreitung der Plural-Anrede
§ 17. Das Pronomen bei Chaucer
§ 18. Die Äußerungen über die Anrede im Mittelenglischen; Schlußbemerkungen
V. DAS 16. UND 17. JAHRHUNDERT
§ 19. Allgemeines
§ 20. Exkurs: Stand, Kleidung, Anrede
§ 21. Lateinisches
§ 22. You and thou in den Briefen des 16. und 17. Jahrhunderts
§ 23. Umgangssprache
§ 24. Das Pronomen in der Ehe
§ 25. Der verächtliche Singular
§ 26. Das Gerichtspronomen
§ 27. Morus — Raleigh — Cromwell — Charles I
§ 28. Einzelbeobachtungen zur Singularverwendung
§29. Zum literarischen Anredepronomen
§ 30. Schlußbemerkung zum 16. und 17. Jahrhundert
VI. DAS QUÄKER-THOU
§ 31. Die Voraussetzungen
§ 32. Entstehung und Ausbreitung des Quäker-thou
§ 33. Hat Honour, Eid, Titel und Anrede bei den Quäkern
§ 34. Der Angriff auf das Quäker-thou
§ 35. Apologie und Wesen des Quäker-thou
§ 36. Die spätere Entwicklung des Quäker-thou
VII. DAS VERKÜMMERN DES SINGULARS
§ 37. Änderungen des Sprachkörpers
§ 38. Die Gründe für das Aufgeben des Singulars
§ 39. Das Fortleben des thou
VIII. EXKURS: ÜBER DIE ANREDE IM DEUTSCHEN
§ 40. Das Freundes-Du
§ 41. Die Diskussion über die Anrede
IX. SCHLUSS
§ 42. Allgemeines
§43. Die Wertung der Anrede
§44. Gesellschaft und Anrede
§ 45. Die Macht des Wortes
Namenregister
Schlagwortregister
Abkürzungen
Bibliographie

Citation preview

FINKENSTAEDT, YOU UND THOU

QUELLEN UND FORSCHUNGEN ZUR SPRACH- UND KULTURGESCHICHTE DER GERMANISCHEN VÖLKER

BEGRÜNDET

VON

B E R N H A R D TEN BRINK U N D WILHELM

NEUE

SCHERER

FOLGE

HERAUSGEGEBEN VON H E R M A N N

KUNISCH

10(134)

THOMAS FINKENSTAEDT YOU UND THOU STUDIEN ZUR ANREDE IM ENGLISCHEN ( M I T E I N E M E X K U R S ÜBER DIE A N R E D E I M

DEUTSCHEN)

WALTER DE GRUYTER & CO., BERLIN VORMALS G . J . GÖSCHEN'SCHE VERLAGSHANDLUNG — J . GUTTENTAG, VERLAGSBUCHHANDLUNG — GEORG REIMER — KARL J . TRÜBNER — VEIT & COMP.

YOU UND THOU STUDIEN ZUR ANREDE IM ENGLISCHEN (MIT

EINEM

EXKURS

ÜBER

DIE

A N R E D E

IM

DEUTSCHEN)

V O N

THOMAS FINKENSTAEDT

WALTER DE GRUYTER & CO., BERLIN VORMALS G . J. GÖSCHEN'SCHE VERLAGSHANDLUNG J. GUTTENTAG,

VERLAGSBUCHHANDLUNG

K A R L J. TRÜBNER —





GEORG REIMER

V E I T SC C O M P .



Gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft

ArchiY-Nr. 4 3 3 0 6 3 / 1 ©

Copyright 1963 by Walter de Gruyter Sc Co., vormals G . J . Göschen'sche Verlagshandluag — J . Guttentag, Verlagsbuchhandlung



G e o r g Reimer — K a r l J . T r ü b n e r — Veit & Comp. —

Printed in G e r m a n y .

Alle R e c h t e des N a c h d r u c k s , der photomechanischen Wiedergabe, der Herstellung von M i k r o f i l m e n , auch auszugsweise,

vorbehalten

Satz und D r u c k : Walter de G r u y t e r & C o . , Berlin 30

L. L. S C H Ü C K I N G I N V E R E H R U N G

GEWIDMET

Mistake me not: I know words are nothing, but as men give them a value or force by use. W. Penn, No Cross, no Crown And all Languages upon the earth is but Natural, and makes none divine, but that which makes divine is the Word, which was before Languages, and Tongues were. G. Fox, Battle-Door

VORWORT „How can I stop the Du between him and me again ? " fragte mich eine amerikanische Studentin des „Junior Year in Munich" als der Fasching 1954 vorbei war. Als nächstes Aufsatzthema stellte ich den Studenten des Junior Year: „Du oder Sie? Was sagen Sie dazu?" Eine erregte Diskussion folgte: Du und Sie fanden hitzige Verteidiger, andere hielten nur you für eine sinnvolle Anrede. Frage und Diskussion regten mich zu der vorliegenden Untersuchung an. Frühere Arbeiten über die Anrede sind in der Regel literarisch orientiert, während hier versucht werden soll, die Entwicklung der pronominalen Anrede im Englischen unter Berücksichtigung soziologischer Gesichtspunkte darzustellen. Ich danke allen, die mich bei meiner Arbeit durch kritische Hinweise und durch Mitteilung von Belegen und bibliographischen Nachweisen unterstützt haben. Die Bayerische Staatsbibliothek, die Bibliothek des British Museum und die der Society of Friends haben meine Bücherwünsche erfüllt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat mir durch ihr großzügiges Stipendium zwei ungestörte Arbeitsjahre gegeben und außerdem durch einen Zuschuß den Druck der Arbeit ermöglicht. Besonders danke ich Herrn Professor Kunisch für die Aufnahme dieser Untersuchung in die Reihe der Quellen und Forschungen. Das Manuskript wurde im wesentlichen Weihnachten 1958 abgeschlossen; spätere Veröffentlichungen sind nicht mehr systematisch eingearbeitet worden. Saarbrücken, Dezember i960

INHALT Vorwort I . EINLEITUNG

§ i . Sprachsoziologie § 2. Die Anrede als Gegenstand sprachsoziologischer Untersuchung . . . § 3. Zur Methode der Untersuchung I I . VORGESCHICHTE

§ 4. Der modeste und soziative Plural § 5. Der Plural in Griechenland und Rom § 6. Pluralis majestatis, Pluralis reverentiae, Standesplural

1j 19 23

I I I . ALTENGLISCHE Z E I T

§ § § §

7. 8. 9. 10.

Allgemeines Altenglische Dichtung und Prosa Lateinische Belege Vergleich mit anderen Sprachen; Zusammenfassung

28 30 40 43

I V . MITTELENGLISCHE Z E I T

§ 11. § 12. § 13. § 14. § 15. § 16. § 17. § 18.

Allgemeines. Erstes Auftreten des Anredeplurals 48 Exkurs: Engländer und Franzosen nach 1066 52 Latein in der mittelenglischen Zeit 55 Das Französische in der mittelenglischen Zeit 59 Rechtssprache 62 Die Ausbreitung der Plural-Anrede 69 Das Pronomen bei Chaucer 74 Die Äußerungen über die Anrede im Mittelenglischen; Schlußbemerkungen 87

V . D A S 1 6 . UND 1 7 . J A H R H U N D E R T

§ 19. § 20. § 21. § 22. §23. § 24. § 25. § 26. § 27. §28. §29. § 30.

Allgemeines Exkurs: Stand, Kleidung, Anrede Lateinisches You and thou in den Briefen des 16. und 17. Jahrhunderts Umgangssprache Das Pronomen in der Ehe Der verächtliche Singular Das Gerichtspronomen Morus — Raleigh — Cromwell — Charles I Einzelbeobachtungen zur Singularverwendung Zum literarischen Anredepronomen Schlußbemerkung zum 16. und 17. Jahrhundert

91 95 98 102 112 120 128 138 144 154 159 172

Inhalt VI. DAS

§31. §32. § 33. § 34. § 35. § 36.

XI

QUÄKER-THOU

D i e Voraussetzungen Entstehung und Ausbreitung des Quäker-Zio« Hat Honour, Eid, Titel und Anrede bei den Quäkern D e r Angriff auf das Quäker-/^?« Apologie und Wesen des Quäker-fio» Die spätere Entwicklung des Quakei-thou

174 176 181 189 195 209

V I I . D A S V E R K Ü M M E R N DES SINGULARS

§ 37. Änderungen des Sprachkörpers § 38. D i e Gründe für das Aufgeben des Singulars § 39. Das Fortleben des thou

215 220 225

V I I I . E X K U R S : Ü B E R D I E A N R E D E IM D E U T S C H E N

§ 40. Das Freundes-Du § 41. Die Diskussion über die Anrede IX.

232 240

SCHLUSS

§ 42. §43. §44. §45.

Allgemeines Die Wertung der Anrede Gesellschaft und Anrede Die Macht des Wortes

Namenregister

249 2ji 255 262 266

Schlagwortregister

274

Abkürzungen

277

Bibliographie

278

I. EINLEITUNG Denken und Reden sind Bedingungen des Menschengeschlechts, Ursache seiner Freiheit, Quelle aller Sprachen. Der Mensch redet weil er denkt, und denkt auch wenn er schweigt. Das Geredete drang aus seiner Seele, er würde stumm geblieben sein, hätte er sich nicht an einen anderen richten können, dem er es anheim gäbe, teilnehmender Antwort gewärtig. Rede setzt immer Anrede, Sprechen setzt Erwidern, Sprache also menschliche Geselligkeit voraus. J . Grimm, Über den Personenwechsel in der Rede (533. 236)

§ i.

Sprachsoziologie

Sprache setzt immer menschliche Geselligkeit voraus, doch das Menschsein, das heißt Existenz als „geselliges Wesen", hat seinerseits wieder Sprache zur Voraussetzung. Diese eindeutige und doch so unendlich rätselhafte Tatsache gibt auch der Sprachwissenschaft ihre besondere Stellung; früher oder später führen sprachwissenschaftliche Untersuchungen zu der Frage nach der gesellschaftlichen Bezogenheit des jeweiligen Phänomens. Allein, die Beziehungen zwischen den Menschen als geselligen Wesen und ihrer Sprache sind zugleich so innig und selbstverständlich, deshalb auch meist so ganz unbewußt, daß man kaum einen Einzelaspekt herauslösen zu können meint; zugleich aber sind sie so vielfältig differenziert, daß man zu zweifeln beginnt, ob man über die Behandlung auch noch so vieler einzelner Beziehungen zu einem Verständnis des Bezuges selbst kommt, ob man aus Einzelbeobachtungen, seien sie stofflich auch noch so reizvoll, vorstoßen kann zum Grundphänomen dieser wechselseitigen Abhängigkeit von Mensch und Gesellschaft und Sprache. Dies Grundphänomen wird von den verschiedensten Richtungen der Sprachwissenschaft anerkannt und hervorgehoben, aber man sucht vergebens nach einem Corpus gesicherter Ergebnisse oder gar anerkannter Methodik und Systematik sprachsoziologischer Untersuchungen.1 Die Aussagen der Sprachwissenschaftler über die Rolle der Sprache in der Gesellschaft bleiben in den meisten Fällen allzu allgemein und vage, und wo versucht wurde, vom soziologischen Gesichtspunkt her eine Gesamtbetrachtung einer Sprache zu versuchen, erhoben sich nicht unbedeutende methodologische und sachliche Bedenken1. 1 Die Ansichten der einzelnen Forscher hier zu besprechen würde keine Einleitung, sondern einen umfangreichen Forschungsbericht ergeben, der doch am

1

Finkenstaedt, You

2

Einleitung

Wenn die heutige Sprachwissenschaft auch noch keine eigentliche Sprachsoziologie ausgebildet hat, sie vielleicht auch nie ausbilden kann, so kann man doch aus den Arbeiten von Forschern der verschiedensten Richtungen vielfach Anregung schöpfen 2 . Die Soziologie selbst dagegen hat der Sprache bisher kaum die gebotene Aufmerksamkeit geschenkt. In soziologischen Werken wird die Sprache, wenn überhaupt, recht stiefmütterlich behandelt, selbst als bloßes Stichwort taucht „Sprache" in Text und Register nur sehr selten auf 3 . Man hat Soziologien ζ. B. des Rechts, der Kunst, der Religion gefordert (46. 9), doch keine Soziologie der Sprache. Und gerade sie wäre für den Soziologen von großem Wert, ist er doch selbst auf die Sprache angewiesen, und es wäre wünschenswert, daß unter den Soziologen größere Klarheit bestünde, in welchem Umfange sie sogar von der jeweiligen Sprache abhängig sind, weil eben die Sprache eine gesellschaftliche und nicht eine individuelle Erscheinung ist, und deshalb auch nicht nur Bindungen zwischen Sprache und Gesellschaft bestehen, sondern auch solche zwischen der Sprache und der Wissenschaft von der Gesellschaft 4 . Die Sprachwissenschaft bietet demnach heute ohne Zweifel mehr Anknüpfungspunkte für sprachsoziologische Untersuchungen als die Soziologie selbst. Für einen Philologen hat es überdies auch wenig Sinn, sich irgendeinem der heute herrschenden Systeme der Soziologie anzuschließen und seine Ergebnisse in der Terminologie dieses Systems auszudrücken. Erstens sind die Systeme dafür noch lange nicht endgültig genug, und zweitens kann ein Philologe nur in den seltensten Fällen seine Ergebnisse soziologisch richtig eingliedern. Aufgabe des Philologen ist es vielmehr, seine Untersuchung so anzulegen und durchzuführen, daß die Soziologie die Möglichkeit erhält, die sprachwissenschaftlich gewonnenen Ergebnisse zu verwerten. Es gilt also bei der Arbeit die s o z i o l o g i s c h e D i m e n s i o n der eigenen Wissenschaft im Auge zu behalten (Brinkmann 41.); der Philologe soll nicht von seinem Einzelaspekt her den Anspruch einer allgemeinen Gesellschaftserklärung erheben, sondern er muß versuchen, „innerhalb seiner Wissen-

Schluß nur die oben getroffene Feststellung wiederholen müßte. Die Bibliographie führt, so hoffe ich, repräsentative Vertreter der verschiedenen Richtungen der Sprachwissenschaft und Soziologie an. 2 Mich persönlich beeindruckten — v o n J. Grimm abgesehen — vor allem die Schriften von Sapir und Vossler. 3 Die Artikel über Sprache in den Lexika der Soziologie stammen (natürlich ?) v o n Sprachwissenschaftlern (Sapir 25., Weisgerber 71a.). 4 Wir brauchen also nicht nur Untersuchungen über die Soziologie der Sprache, sondern dringend auch solche über die Sprache der Soziologen. Ich weise als Beispiel nur auf die den Verfassern anscheinend unbewußte und teilweise ausgesprochen falsche Sprachauffassung hin, die im Fischer-Lexikon (611.) nachweisbar ist.

Einleitung

3

schaft zu demonstrieren, wie jeweils in der Tatsächlichkeit der Sprache ihr soziologischer Aspekt erscheint — und wo er erscheint" 5 . § 2. Die Anrede als Gegenstand sprachsoyiologischer Untersuchung Drei Gebiete sind vor allem als Beispiele der wechselseitigen Abhängigkeit von Sprache, Sprecher und Sprachgemeinschaft untersucht worden: Die V e r w a n d t s c h a f t s n a m e n lassen deutlich Eigentümlichkeiten der allgemeinen Sozialstruktur erkennen; bei der Untersuchung der F a r b w ö r t e r begegnen sich Sprachwissenschaft und Psychologie; bei der F e l d g l i e d e r u n g des Wortschatzes, und besonders beim Wortschatz im S i n n b e z i r k des V e r s t a n d e s zeigt sich am deutlichsten das „Weltbild" einer Sprache 6 . Bei der Feldforschung besteht allerdings die Gefahr einer ausschließlich innersprachlichen Erhellung, oder es tritt beim Vergleich mit anderen Sprachen das Ubersetzungsproblem auf, und zu leicht werden Wortschatzlücken („morphemic absences") falsch eingeschätzt 7 . Zu diesen drei Gebieten tritt als viertes, bisher noch nicht genügend erforschtes, die A n r e d e 8 . Hier bieten sich besonders günstige Untersuchungsbedingungen. Wie bei den Verwandtschaftsnamen ist von vornherein die „soziologische Dimension" gegeben; nirgends erscheint der soziale Charakter der Sprache deutlicher als in Anredepronomen und Titeln, in denen sich die verschiedene „Ansprechbarkeit" des Menschen kristalliert: vom gebrüllten militärischen Befehl bis zum Kosenamen der Liebenden reicht die Skala der Möglichkeiten. Dem Sprachwissenschaftler bieten die Formen der Anrede eine Fülle anregenden Materials. Ähnlich wie bei den Farbwörtern kann eine Untersuchung der Anrede sprachpsychologische Aufschlüsse geben, besteht doch eine enge Beziehung zwischen der Anrede und dem allgemeinen Verhalten des Menschen. Es ist zwar nicht — wie bei den Farbwörtern — die Möglichkeit des Experiments gegeben, doch wird der Mangel experimenteller Exaktheit leicht aufgewogen durch die große Zahl von Belegen aus verschiedenen Jahrhunderten. Experimente können die Sprachen nur synchronisch erfassen, die historische Dimension entgeht ihnen. Gerade die historische Entwicklung der Anrede läßt aber das Wechselspiel von Sprache und Sprachgemeinschaft deutlich werden, und in diesem Wechselspiel wird Geistiges erkennbar: 6 Leicht abgewandelt übernommen aus Hugo Kuhn, „Soziale Realität und dichterische Fiktion". (47. 200.) β Bibliographische Hinweise bei Weisgerber 36. und Trier 30. 7 Einzelheiten darüber im Bericht des Seminars der „Linguists und Anthropologists" (61. 23 ff.)· 8 Erst nach Abschluß der vorliegenden Untersuchung erschien Svennung, Anredeformen . . . (99a.). 1*

4

Einleitung

Das menschliche Verhalten, wie es in der Anrede faßbar wird, ist ein Phänomen, an dem stets der ganze M e n s c h teilhat, ist mehr als mechanische Reaktion auf Stimulus, — gleich ob es sich um das „waes J)u, Hropgar, hal" des Beowulf, das „syn I am thyn al hol" der Criseyde oder das „thou Viper, for I thou thee, thou Traitor" handelt, mit dem Attorney Coke Sir Walter Raleigh anschreit. In der Anrede an Gott wird die soziologische Dimension sogar überschritten und die des Religiösen betreten9. Eine Untersuchung des Anredepronomens im Englischen 10 bietet ganz besondere Vorteile: Von dem einen Pronomen pu des Altenglischen geht die Entwicklung über ein D o p p e l system — y o u neben thou — weiter zu dem einen Pronomen you, das allerdings kein echter Sg. ist, solange das religiöse und dichterische thou noch existiert. Während die Sprachwissenschaft sonst in erster Linie das Auftreten neuer Formen und Wörter betrachtet, bietet sich hier die Gelegenheit, das Aussterben eines wichtigen Wortes zu verfolgen, und zwar in neuerer Zeit, so daß es kaum Zufälligkeiten der Belege gibt, und sich die Gründe für das Verschwinden des Sg. aus dem Belegmaterial mit ziemlicher Sicherheit nachweisen lassen11. Eine Gegenüberstellung der englischen und deutschen Entwicklung der Anrede hilft die Gefahren der „innersprachlichen Erhellung" vermeiden: Das Deutsche differenziert ja die Anrede über das Doppelsystem hinaus, und läßt so Licht auf die englische Entwicklung fallen, die ihrerseits hilft, die deutsche zu verstehen. Was die Anredepronomen und ihre unterschiedlichen Verwendungsarten „bedeuten", ist den meisten Menschen nicht bewußt. Die einen meinen ζ. B., in England sage man zu allen Leuten Du, die anderen glauben, man sage zu allen Sie·, etymologisch entspricht das you dem deutschen Ihr. Was sagen aber die Engländer nun wirklich zueinander? Und was bedeutete ihre Anrede früher 12 ? 0 Vgl. bes. Kap. VI. Eine Gesamtgeschichte der Anrede zu schreiben, ist noch nicht möglich. In der vorliegenden Arbeit wird mehrfach auf die Bedeutung von Titeln und Grußformeln hingewiesen, doch geht es in erster Linie um die pronominale Anrede. 11 Über das Aussterben von Wörtern vgl. bes. Visser, Some Causes of Verbal Obsolescence (32.) und die dort angegebene Literatur. A. Noreen spricht von „Todesfällen durch Unfälle" und von „vorsätzlichem Mord" beim Verschwinden von Wörtern (zitiert in Deutschunterricht für Ausländer, 7 [1957], 103). Beim Verschwinden des thou handelt es sich m. E. um „fahrlässige Tötung"! 12 Sogar in einer anglistischen Dissertation heißt es bei der Besprechung der Anrede am Hof mit „your worship" usw.: „Bei großer Freundschaft fließt zuweilen ein Du mit unter. So sagt Horatio zu Hamlet neben ,my lord' auch „you' " (127.18). Amerikanische Studenten verwenden untereinander, wenn sie Deutsch sprechen, oft Du; darf man daraus schließen, daß sie ibzyou dem deutschen Du eher verwandt empfinden als dem Sie, oder ist die Ähnlichkeit des Lautbildes entscheidend ? 10

Einleitung

5

Die Verwendung der Anredepronomen sei ganz natürlich — meint man; aber das Natürliche ist gesellschaftliche Konvention, und Konventionen sind historisch geworden aus Besonderem. Als Konventionen bezeichnen wir Handlungen ja erst, wenn ihr ursprünglicher Sinn aus dem Bewußtsein geschwunden ist, wenn die Handlung usuell geworden ist. Erst ihr Fehlen oder ihr Gegenbild läßt plötzlich erkennen, daß es sich nicht um etwas Natürliches wie Hunger und Durst handelt: Es ist im Deutschen natürlich, daß man sich die Hand gibt; für Engländer ist der häufige Händedruck typisches Zeichen des Deutschen, usw. 1 3 . Blitzartig und zufällig taucht zuweilen die Bedeutsamkeit, ja die Macht der Konvention der Anrede auf. So berichtet ζ. B. J . Grimm über einen seiner Lehrer: „hingezogen fühlte ich mich doch nie zu seinem Unterricht.. . welches vielleicht mit davon herrührte, daß er mich nach alter Sitte Er anredete, während alle meine Schulkameraden aus der Stadt ein Sie bekamen, vermutlich weil ich vom Lande her in die Stadtschule aufgenommen worden war. Solche Ungleichheit, die auch seitdem gewiß lange abgestellt worden ist, sollte sich ein Lehrer nie erlauben,.. . " (613. i. 3) Weit über das Individuelle hinaus geht es, wenn in Afrika die Anrede tu bzw. vous eine politische Bedeutung erlangte. Ein amerikanischer Berichterstatter schreibt darüber: The French pronouns tu and vous have become a live issue in a large part of Africa. Wherever I stopped in the French colonies I found people vigorously arguing its use with reference to Africans.

Der Berichterstatter unterhält sich mit einem afrikanischen Senator über diese Frage, und verwendet im Gespräch selbstverständlich vous. Am Nachbartisch hört man das: 13 Im Jahre 1842 schreibt dagegen Howitt, Rural and Domestic Life of Germany : „Shaking hands is a custom considered entirely English, especially with ladies. The Germans rush into each other's arms: . . . But they do not shake hands: and we advise all English gentlemen, on first going to Germany to be careful not to shock the feelings of ladies, arid especially the young, with offering their hands. The great German salutation is that of lifting the hat to one another, . . . (583. 213). Mahr, Formen und Formeln der Begrüßung . . . bis %um 1 j. Jahrhundert, sagt; „Den Handschlag konnte ich als Grußbrauch nirgends nachweisen. In seiner alten Bedeutung als Besiegelung von Verträgen und als Versicherung freundschaftlicher Gesinnung war er im Mittelalter überall gebräuchlich und auch den Engländern geläufig" (240. 41). Die Abbildungen bei Strutt, Worda Angelcynna (201.) zeigen den Händedruck wohl doch schon als konventionellen Gruß der mittelenglischen Zeit (2. B. Plate II. xxii „earle Richard worthily received by the Patriarks deputy at Jerusalem"). Für das 16. Jahrhundert lassen sich zahlreiche Belege für den Händedruck als Gruß beibringen; ζ. B. 356. 1148b; 356. 1392b; 418. 78. Ein interessanter Sonderfall ist die bewußte Pflege von Konventionen. Hierher gehört ζ. T. das thou der Quäker.

6

Einleitung Isn't that terrible? one of them whispered loudly in French, the reproof of disdain bristling in his voice. Just listen to him ( = Berichterstatter) refer to the native ( = Senator) as Monsieur.

Dieser sagt zu dem Amerikaner „ W e l l , at least they referred to me as a .native' and not as a .savage',. . . " Die französische Regierung habe kurz zuvor ( 1 9 5 7 ) eine Verfügung erlassen, nach der alle Weißen ihre farbigen Angestellten mit vous ansprechen müssen. Tu, so erklärte der Senator „had become a symbol for all that was distasteful in the relations between European and African. It represented the social and psychological gulf between black and white. It became synonymous with inferior position". Als der Amerikaner darauf hinweist, daß tu ja auch das Pronomen der Freundschaft und Familie sei, und die A f r i kaner es ja auch so auffassen könnten, erwidert der Senator: The tone of voice and the history behind it make it clear that tu is the command by which one man asserts his dominance over the other. Wenn die Weißen nun gezwungen sind, nur vous als Anrede zu verwenden, so ist das — beim gleichen T o n der Stimme — doch ein Sieg der Schwarzen „in this battle for respect" 1 4 . Eine besondere Rolle spielen die Personalpronomen auch im kirchlichen Leben Frankreichs. Es gilt i. a. als typisches Kennzeichen der Katholiken, daß sie im Vaterunser vous verwenden, während der Protestant tu sagt. E s geht dabei aber nicht einfach um eine beliebige Äußerlichkeit des Sprachgebrauchs. In unserer Zeit beginnt sich auch in der katholischen Kirche tu langsam durchzusetzen; dazu äußert sich ein französischer Maristenfrater folgendermaßen: In den neuesten katholischen Übersetzungen der Bibel (Bible de Jerusalem, Bible du Cardinal) findet man das tu anstatt des vous. Ich glaube, es ist ziemlich leicht zu erklären; erstens: Richtigkeit oder Genauigkeit der Übersetzung; zweitens: eine Neigung unter den französischen Katholiken, lieber die Immanenz Gottes als seine Transzendenz zu betrachten (Menschwerdung Gottes); drittens vielleicht, dem wirklichen Leben und den Menschen näher zu sein 15 . Welche Rolle die Verwendung der Pronomen im religiösen Leben Englands gespielt hat und noch spielt, soll in dem Kapitel über die Quäker gezeigt werden. 14

1 1 4 . 74; den Hinweis auf diesen Artikel verdanke ich Herrn Prof. Wölcken. Dazu teilt das „Ministere de la France d'Outre-Mer" mit, daß keine schriftliche Dienstanweisung oder Verordnung ergangen sei: „Während früher die Anrede mit ,tu", und zwar vielfach auch beiderseits, üblich war und die älteren französischen Beamten sie vielleicht auch jetzt noch gelegentlich gebrauchen, ist nach Auskunft des Ministeriums das ,vous' üblich. In Anbetracht der Ausdehnung der Volksbildung, der wachsenden Zusammenarbeit zwischen Weißen und Afrikanern und vor allem des erhöhten Selbstbewußtseins der früheren Kolonialvölker, dürfte diese Erklärung zutreffend sein" (Auskunft der Botschaft der Bundesrepublik in Paris auf eine entsprechende Anfrage des Verf.) 15 Brief von Herrn Frater M. Warlop, Roubaix, an den Verf.

Einleitung

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Besonders deutlich tritt die unterschiedliche Verwendung der Anredepronomen in den einzelnen Sprachen bei Übersetzungen in Erscheinung: Irgendwann muß das Liebespaar eines' englischen Romans in der deutschen Fassung anfangen sich zu duzen: hier wird Übersetzen wahrlich zur Interpretation 16 ! Ist einem durch solche Unterschiede die Bedeutung der pronominalen Anrede bewußt geworden, so erkennt man bald, wie wichtig das Personalpronomen auch außerhalb der eigentlichen Anrede ist. Hier ist besonders auf die häufige Verwendung des Wortes Du im deutschen theologischen, philosophischen und psychologischen Schrifttum hinzuweisen. Mit vielen Bedeutungsnuancen taucht es in den verschiedensten Zusammenhängen auf, als Du-Erlebnis, als Hinwendung zum Du, als ewiges Du, oder als Du des dialogischen Prinzips. Es kann hier nicht versucht werden, den Bedeutungen dieses „philosophischen Du" im Deutschen nachzugehen. Seine Verwendung ist durchaus nicht „natürlich" und voraussetzungslos: die Philosophie baut hier — oft unbewußt — auf den Beständen der deutschen Sprache weiter, macht sich beim Du den besonderen Gefühlswert des Wortes zunutze, ihn gleichzeitig weiter vertiefend. Wie hoch die sprachlichen Trennwände zwischen den Völkern sein können, wird deutlich, wenn man etwa versucht, die Grundanschauungen Martin Bubers, bei dem das Du ja im Mittelpunkt des ganzen Philosophierens steht, in englischer Sprache auszudrücken. Eine Uminterpretation ist dabei unvermeidlich: Eine „I-Thou -Relationship" ist abstrakter, theologischer, auch dichterischer; sie verliert ihr diesseitiges Element, da sie nicht an ein Duzen der Menschen anknüpfen kann. Wie soll es auch im Englischen ausgedrückt werden, daß man das Grundwort Ich^Du nur mit dem ganzen Wesen sprechen kann, wenn man in England zu einem anderen Menschen nur you sagt 17 ? 10 „Albert Camus' remark, in his novel La Peste, that one of the characters ,dit vous Ά sa femme' has had to be omitted in the German translation and transposed into another key in Swedish since all three languages have a different system of forms of address, the value and tone of each element depending on its position in the hierarchy". (Arch. Ling., 4 [1952], 172; Besprechung von öhmann, Wortinhalt und Weltbild 20.) 17 Bei Buber, Litt und Löwith finden sich Hinweise auf weitere Literatur zum Du-Problem. Buber verfolgt die Entdeckung des Du in der deutschen Philosophie von dem Vorahnen bei F. H. Jacobi bis zu Heidegger (vgl. u. a. 44. Nachwort). Vgl. auch z.B. ODCC über Gogarten; „Real historical happenings take place only in the obedience of faith when the Ego accepts the unconditional claims of a concrete ,Thou'". F. Berry spricht (125. 86, 88 u. ö.) von ,thou'-ness und ,we two'-ness, ,x>it' (ae. Dualform) bei Donne, doch handelt es sich dabei um ad hoc - Prägungen. (Von der Problematik der Anwendung des ae. mit auf die Sprache Donnes sei hier abgesehen.)

8

Einleitung

§ β. Zur Methode der Untersuchung a) BISHERIGE ARBEITEN

Jacob Grimm hat in seiner klassischen Abhandlung über den Personenwechsel in der Rede (533.) als erster das Problem der Anrede sprachwissenschaftlich aufgegriffen, vielleicht angeregt durch persönliche Erfahrungen und die Schriften über die deutsche Anrede, die um die Wende zum 19. Jh. erschienen 18 . Im 19. Jh. wurden eine Reihe kleinerer Beiträge über die Anrede veröffentlicht; Ehrismann untersuchte dann (1901fr.) eingehend die Verwendung der Anredepronomen im Lateinischen und im deutschen Mittelalter (527.) und ließ später in zahlreichen Dissertationen seine Darstellung erweitern. Die neuhochdeutsche Anrede bis 1800 verfolgte in einer umfangreichen Studie G . Metcalf (546.) Durch die Forschungen Ehrismanns angeregt, entstanden in Amerika v o r dem ersten Weltkrieg Untersuchungen über die Anrede im Mittelenglischen (Kennedy 147., Stidston 171.). Die Verwendung der Anredepronomen bei Shakespeare wurde 1936 in einer eingehenden Studie durch S. G . Byrne untersucht (130.); wenig später stellte M . Bock in seiner Dissertation (128.) reiches Belegmaterial über die Pronomenverwendung im englischen Drama des 17. und 18. Jh. zusammen 1 9 . Die genannten Untersuchungen beschäftigen sich in erster Linie mit dem l i t e r a r i s c h e n Pronomen, und zwar in doppeltem Sinne: Erstens ist ihr Stoff vorwiegend der (schönen) Literatur entnommen, und zweitens untersuchen sie das Anredepronomen in erster Linie als Stilphänomen. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange eine Stilinterpretation nicht Folgerungen für die allgemeine Sprachgeschichte oder gar die Geschichte der Gesellschaft zieht, ohne die Frage zu stellen, ob der Gebrauch der Dichter überhaupt dem der Umgangssprache entspricht. Neben der stilistischen Betrachtung herrscht bis heute die rein grammatische, die sich ausschließlich dafür interessiert, ob in den Texten je oder je«, thou oder thee auftritt usw. Die Ergebnisse dieser Forschung werden hier dankbar verwertet, doch muß betont werden, daß beim Pronomen die Fragen der B e d e u t u n g wichtiger und interessanter sind als die der F o r m : Spreche ich mit einem Mädchen, so ist das Lautbild der Pronomen nicht entfernt so wichtig wie die Frage, ob ich mich mit dem Mädchen duze oder nicht 20 . 1 8 V g l . § 41a.; die ersten Sätze der Abhandlung Grimms wurden am Kapitelanfang zitiert. 1 8 Die große Zahl kleiner Einzeluntersuchungen ist in der Bibliographie und bei den oben genannten Autoren nachgewiesen. D i e Grammatiken steuern in den seltensten Fällen eigenes Material bei. 2 0 Dagegen wendet sich natürlich die Strukturalistik: „ O f course the meaning of the pronouns must be discussed, but it should not be used as a basis for classi-

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Von literarischer und grammatischer Interpretation wandte sich vor kurzem H. Zilliakus entschieden ab, als er die Geschichte der Anrede im Griechischen und Lateinischen schrieb. Schon der Titel „Selbstgefühl und Servilität" zeigt die veränderte Blickrichtung. Bei Zilliakus kommt es zur Berücksichtigung von kulturgeschichtlichen Aspekten, und zwar besonders „von denjenigen Gesichtspunkten, die sich unter der gemeinsamen Bezeichnung .sozialer Triebkreis' zusammenstellen lassen" 21 . b ) LITERARISCHE UND NICHT-LITERARISCHE QUELLEN

Sprachsoziologische Untersuchungen müssen sorgfältig feststellen, ob und wie weit das herangezogene Material der Wirklichkeit entspricht, d. h. der Umgangssprache, der täglichen Rede 22 . Gewiß wird die Sprache der Literatur oft weitgehend der Umgangssprache entsprechen, doch braucht es keineswegs so zu sein, und ob es der Fall ist, läßt sich nicht aus dem literarischen Werk selbst erkennen. Selbst in einem so „realistischen" Stück wie Brechts „Herr Puntila und sein Knecht" kann eine ausgesprochen „literarische" Anwendung der Anrede vorkommen 23 . Gelingt es aber die Umgangssprache zu erfassen, so können sich neue Möglichkeiten ergeben, die Sprache der Literatur richtig zu bewerten. Was bleibt, schaffen die Dichter — doch was für die Gesellschaft einer bestimmten Zeit gilt, wie man geliebt und geredet, wie man lebte und starb, das geht oft aus drittrangigen Pamphleten, Witzbüchern und Gerichtsakten deutlicher hervor als aus den großen Werken der Dichtung. Eine sprachsoziologische Untersuchung muß also zunächst vom nicht-literarischen Text ausgehen, um einen archimedischen Punkt zu finden; zu dem die literarischen Belege in Beziehung gesetzt werden können. Die Hoffnung, diesen Punkt durch die Äußerungen der Zeitgenossen, besonders der Grammatiker, zu finden, hat sich bei der vorliegenden Untersuchung nur zum kleinen Teil erfüllt: Sprachliches Geschehen ist den meisten Menschen viel zu wenig bewußt, und die Grammatiker arbeiteten in der Regel mehr fication — at least not until we know more about meaning in general" Lg., 31 (1955) 301. Ist wirklich die formale Klassifizierung entscheidend? Die Strukturalistik könnte übrigens im Englischen des 17. Jahrhunderts nur das Nebeneinander von you und thou feststellen: warum die beiden Pronomen wechseln, kann nur durch eine Untersuchung ihrer Bedeutung festgestellt werden. 21 108. 5; Ansätze zur soziologischen Betrachtungsweise finden sich auch bei Ehrismann, dem aber nicht-literarische Quellen nur zur Stützung der literarischen dienen, nicht umgekehrt. Zilliakus zieht „literarische Erscheinungen nur in Ermangelung lebendiger Zeugnisse" heran (108. 35). 22 Umgangssprache im Gegensatz zur Literatursprache, nicht im Gegensatz zur Hochsprache. 23 s. u. S. 164 1 1 .

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präskriptiv als deskriptiv 24 . Immerhin können eine Reihe von Aussagen über die Anrede angeführt werden. Die Mehrzahl ist schon seit geraumer Zeit bekannt, einige können neu beigebracht, zwei als nicht beweiskräftig erwiesen werden. Ergiebiger ist es, den sprachlichen K o n t e x t der Pronomenverwendung und die S p r e c h s i t u a t i o n zu untersuchen; an ihnen lassen sich bestimmte Bedeutungen erkennen, und Konventionen der Verwendung wie „Gerichtspronomen" oder „verächtlicher Singular" können abgeleitet werden 25 . Die Auswahl der Quellen muß also danach erfolgen, wie eng ihre Beziehung zur Umgangssprache ist. Für die einzelnen Epochen stehen natürlich „realistische" Aufzeichnungen in ganz verschiedenem Umfang zur Verfügung. Für das Altenglische kann der Usus der Umgangssprache nur indirekt erschlossen werden; glücklicherweise kann für diese Zeit auch so ein sicheres Ergebnis erzielt werden. In der mittelenglischen Zeit stehen außer den Uterarischen Denkmälern auch zahlreiche Geschichtsquellen zur Verfügung, die hin und wieder einen Blick in die Umgangssprache tun lassen. Vor allem sind die Gerichtsprotokolle, die Year Books, eine hervorragende Quelle 26 . V o m 16. Jahrhundert an stehen Tagebücher und Briefe, zeitgenössische Geschichtswerke und Lebensbeschreibungen zur Verfügung, in denen sich kurze Abschnitte in direkter Rede finden 27 . Es sind meist Anekdoten, deren Realismus kaum angezweifelt werden kann. Absolut sicher scheinen mir die Protokolle und Berichte über Gerichtsverhandlungen zu sein, wie sie in Cobbets State Trials (282.) und Pitcairns Criminal Trials (277.) gesammelt sind. Hier bietet nicht nur die Anrede der Richter, Anwälte, Zeugen und Angeklagten eine Fülle von Belegen, sondern in die Zeugenaussagen sind wiederum Reden eingefügt, die aus allen Schichten der Bevölkerung stammen. Den so gewonnenen „reinen" Belegen schließen sich als „halbliterarische" solche aus Schwankbüchern und Satiren an. Hier muß von Fall zu Fall entschieden werden, wie weit man damit rechnen darf, daß die Umgangssprache getreu gespiegelt wird. Schließlich kann zur Bekräftigung das Material des Dramas herangezogen werden, und als weitere in manchen Fällen sehr aufschlußreiche Quelle, Übersetzungen ins Englische, deren Änderungen Rückschlüsse auf den Gebrauch der Anredepronomen zulassen können. 24 Das gilt auch noch von ihren heutigen Nachfahren; Die Sprache der „Bildzeitung" entspricht nicht dem Deutsch der Grammatiken und Wörterbücher — was nicht als Wertung, sondern zur Verdeutlichung angeführt sei. 25 D a ß dabei die Häufigkeit der jeweiligen Belege eine große Rolle spielt, ist selbstverständlich. 28 Sie werden hier meines Wissens zum erstenmal für die Sprachgeschichte herangezogen. 27 In erster Linie werden die Veröffentlichungen der Camden Society herangezogen.

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Da es außerordentlich gefährlich ist, isoliert stehende Belege (etwa aus neueren Grammatiken) zu verwenden, erfolgte die Sammlung der Beispiele für die vorliegende Untersuchung ohne Rücksicht auf das bereits an anderen Stellen veröffentlichte Belegmaterial. Die sprachwissenschaftliche Literatur über die Anrede wurde erst systematisch durchgearbeitet, nachdem die Belege im wesentlichen gesammelt und geordnet waren; nur in seltenen Fällen wurden Belege aus der Sekundärliteratur übernommen, und diese sind — mit einigen bibliotheksbedingten Ausnahmen — im Original nachgeprüft worden. c ) VOLLSTÄNDIGKEIT DES M A T E R I A L S ? 2 8

Eine sprachgeschichtliche Untersuchung, die ein Jahrtausend der Entwicklung verfolgt, muß auf einer breiten Basis von Belegstellen aufbauen können, mit impressionistischer Deutung von Einzelstellen läßt sich nichts ausrichten. Es ist aber ausgeschlossen, eine Vollständigkeit des Belegmaterials zu erreichen, — sie ist nicht einmal wünschenswert; weder als Sammlung, geschweige denn im Druck! Das Prinzip der Vollständigkeit ist im Grunde ein mathematisches; wer von ihm überzeugt ist, kann nur mathematisch widerlegt werden, weshalb die folgende „Wahrscheinlichkeitsrechnung" versucht sei: Die uns erhaltene Literatur etwa der altenglischen Zeit ist vielleicht völlig zufällig überliefert 29 , oder aber — als anderes Extrem — das heute noch Vorhandene mag in seiner Zusammensetzung prozentual genau aller ursprünglich vorhandenen Literatur (gleich ob mündlich oder schriftlich) entsprechen. Ist die Literatur gleichmäßig überliefert, so ist es unnötig, zum Beweis einer These das Material vollständig darzubieten30. Waltet aber bei der Überlieferung der reine Zufall, so ist auch das Ergebnis um so zufälliger, je mehr es auf vollständigem Material beruht, d. h. es ist schließlich überhaupt kein Ergebnis mehr. Diese Extremfälle kommen natürlich kaum vor (man bedenke aber in diesem Zusammenhang die Problematik der Hapaxlegomena!); ist das Material aber teils zufällig, teils gleichmäßig überliefert, so wird die Auswahl, d. h. die Wertung der einzelnen Belege nur noch wichtiger. So kann nie die 28 Vgl. hierzu die immer noch beherzigenswerte Studie „Vollständigkeit" von R. M. Meyer ( E u p . o r i o n , 14 (1907), 1-17) 29 „ F ü r eine bedeutungsvollere Stellung des Erhaltenen (zumal des Beowulf) im angelsächsischen Kulturleben läßt sich außer beim Gedicht vom hl. Kreuz kein stichhaltiges Zeugnis beibringen." (Schücking, Engl. Lit. d. MA.y Walzels Handbuch, S. 1.) „Bede's work and the chronicle have come down in several manuscripts, because they were much read: but many documents have survived in one M S alone — or even only in an early printed text — and often the survival is not to be ascribed to theif intrinsic value, but to a fortunate chance, or series of chances." (Whitelock, 204. 5.) 30 Etwas anderes ist es natürlich, das vorhandene Material nur nach bestimmten Gesichtspunkten zusammenzustellen, ohne nach Sinn und Zweck einer solchen Zusammenstellung zu fragen. Aber selbst solch reines Sammeln ist selten objektiv.

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Quantität in einer philologischen Beweisführung zum entscheidenden Faktor werden. Mathematisch ausgedrückt: je mehr sich der Faktor „Forscher" der Null nähert, um so wertloser wird auch das Ergebnis. Gewiß ist die Gleichung mit den Gliedern „Belege — Zufall — Forscher" für die einzelnen Fragen der philologischen Forschung von unterschiedlicher Bedeutung, grundsätzlich gilt sie immer. Man mag für die folgende Untersuchung darauf hinweisen, daß eine vollständige Durcharbeitung des Materials (wäre sie möglich) wenigstens alle Äußerungen über die Anrede ans Licht bringen würde. Aber kann nicht — bei ungleichmäßiger Überlieferung — gerade die Äußerung verloren sein, die den vorhandenen Belegen diametral entgegensetzt wäre ? Wer mit dem Auto durch Deutschland fährt, nimmt zur Orientierung keine Karte im Maßstab 1:25 000, und wer eine Bergtour macht, orientiert sich nicht mit einer Deutschlandkarte. Es kommt wahrlich auf den rechten Maßstab an, und der ist im vorliegenden Falle der unterschiedliche Abstand der Belege von der Umgangssprache. Durch einen sicher einzuordnenden Beleg aus den Year Books verliert die vollständigste Sammlung der Anredepronomen in zweitrangigen mittelenglischen Verserzählungen weitgehend ihren Wert für die Geschichte der englische Anrede, und dieser Beleg gibt vielleicht sogar die Möglichkeit zu einer richtigeren Einschätzung der Verwendung der Pronomen in diesen Werken 31 . d ) D I E D A R B I E T U N G DES STOFFES

Sie ist ζ. T. durch bereits vorliegende Untersuchungen bestimmt. Es soll nicht überall das gleiche Postkutschentempo gelten, wie Fielding es ausdrückte. Weite Strecken können rasch durcheilt werden, und wo auf die Sammlungen anderer Forscher verwiesen werden kann, wird das Material nicht nochmals angeführt; aber „when any extraordinary scene presents itself (as we trust will often be the case), we shall spare no pains nor paper to open it at large to our reader, but if whole years should pass without producing any thing worthy of his notice, we shall not be afraid of a chasm in our history; but shall hasten on to matters of consequence, and leave such periods of time totally unobserved" 32 . Die wesentlichen Belegstellen werden ausführlich zitiert; ein bloßer Verweis nützt wenig, da es auf den Kontext ankommt, in dem die Anrede erscheint (abgesehen davon, daß viele Stellen nur im British Museum nachgeschlagen werden können). Es gilt dies ganz besonders vom Kapitel über das thou der Quäker. Ebenso werden für das 16. und 31

Vgl. § 1 5 — 1 8 . Tom Jones, ii. 1 ; insbesondere wird das Material über die Anrede im englischen Drama vom 16. bis zum 18. Jahrhundert nicht noch einmal behandelt. 32

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17. Jh. die wesentlichen Stellen ausführlich zitiert 33 . Die angeführten Belege sind stets nur eine Auswahl aus den gesammelten; eine Zählung der Belegstellen wurde nur in den sehr wenigen Fällen versucht, in denen eine Statistik sinnvoll erschien 34 . Im Zusammenhang mit der Darbietung des Stoffes ist auch die Textgestalt zu erwähnen. Da es sich nicht um eine Lautuntersuchung handelt, war sachlich keine Veranlassung zur buchstabengetreuen Übernahme der Zitate gegeben. Hier Buchstabentreue fordern, hieße vom Verfasser nur den Nachweis verlangen, daß er — abschreiben kann. Sehr viel wichtiger ist es bei der vorliegenden Arbeit, den Zusammenhang deutlich zu machen, aus dem die entsprechenden Zitate stammen. Es werden also die Texte — auch etwaigen fachfremden Lesern zuliebe — weitgehend normalisiert, die Abkürzungen aufgelöst. Beibehalten wurde stets der Formenbau (you shouldst usw.) und die alte Interpunktion, in den meisten Fällen auch die alte Großschreibung. Eine Nachahmung der alten Sperrungen und Unterstreichungen wurde nur selten versucht, aber in vielen Fällen wurde durch Sperrung und Kursive Wesentliches hervorgehoben, denn — wie John Seiden einmal sagt — „ T h e Varying of Letter in the Print, is only to lead the Reader's Eye the sooner to what he may look after" 35 . e ) TERMINOLOGIE UND ZIELSETZUNG

Es ist das Verhängnis des Philologen, daß er mit Sprache über Sprache reden muß. Der Versuch (etwa der Strukturalisten) eine mathematisierende „Meta-Sprache" zu verwenden (mit Statistiken, Formeln usw.) bringt keine Lösung. Dieser Versuch, der Wertung sprachlicher Erscheinungen zu entgehen, geht am wesentlichen der Sprache — der Wertung — vorbei. Ähnlich versuchen manche Soziologen Wertungen zu vermeiden durch streng definierte Begriffe, die nur die formale Struktur der menschlichen Gesellschaft erfassen. Man kann aber der Wertung nicht ausweichen, und so kommt es eben darauf an, daß sie bewußt und an der richtigen Stelle geschieht, und sich nicht unbemerkt einschleicht. Es wird deshalb ζ. B. vermieden, im Englischen vom Du^en zu sprechen, damit nicht falsche Konsoziationen erweckt werden, und es steht Singular, w o Du auf den ersten Blick 83 Vgl. bes. die Gowrie-Conspiracy als Hintergrund für die literarische Pronomcnverwendung. 34 Ich weiß, daß die einen das abgedruckte Material unzureichend finden werden, aber ich tröste mich damit, daß es den andern schon zu viel sein wird. 35 270. ii; eine ganz konsequente Normalisierung ist leider unmöglich; so mußten ζ. B. die schottischen Gowrie-Texte weitgehend unverändert bleiben. Tbou und you, Du und Sie werden meistens, aber nicht immer kursiv gesetzt. Besonders im Kapitel VIII. hätte ständige Kursive störend wirken müssen. So weit möglich, war Lesbarkeit das oberste Ziel der Textgestaltung.

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natürlicher erscheinen möchte. Was die so2iologische Terminologie anbetriffi, so kann auf die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft nicht verzichtet werden, obwohl man sie oft verworfen hat. Daß weder Gesellschaft noch Gemeinschaft in reiner Form auftreten, ist selbstverständlich, doch es läßt sich nicht leugnen, daß ζ. B. Sprachg«»«'»schaft ein prinzipiell richtig wertendes Wort ist, und die Soziologie sollte diese Wertung als ein soziologisches Faktum anerkennen, und nicht durch die Verwendung von Ausdrücken wie „sozietäre Verhältnisse" einer Wertung auszuweichen suchen 36 . Je einfacher und selbst-verständlicher die Terminologie ist, um so besser; Jacob Grimm kam mit einem Minimum an Fachsprache aus, und doch (deshalb?) sind seine Schriften klassisch wie vor hundert Jahren; Karl Vossler brauchte keine „Meta-Sprache", um vom Geist der Sprachentwicklung zu sprechen. Es kommt darauf an, durch rechtes Ordnen der Belege die Entwicklung so weit wie möglich sich selbst erklären zu lassen, und bei der nötigen Interpretation mit möglichst einfachen Grundannahmen zu arbeiten: Es gibt keine Synonyme in der Sprache; die Auswahl der Worte beim Sprechen ist kein Lotteriespiel; die Wahl der Personalpronomen darf mit großer Sicherheit als Ausdruck menschlicher Beziehungen gewertet werden; konventionelle Verwendung zeigt sich in der Bindung an immer wiederkehrende Situationen. Die Beschränkung auf eine Entwicklungsgeschichte der pronominalen Anrede nur des Englischen (allerdings unter ständiger Berücksichtigung des Deutschen) wird natürlich nur begrenzte Schlußfolgerungen über die Soziologie der menschlichen Anrede überhaupt zulassen. Andererseits wird durch den langen Zeitraum, der untersucht wird, die synchronische Beschränkung diachronisch ausgeglichen. Es ist das Ziel der Arbeit, die wechselseitigen Beziehungen von einzelnem Sprecher, Sprachgemeinschaft und Sprachstruktur an einem Einzelbeispiel entwicklungsgeschichtlich zu verdeutlichen. Daß die Berücksichtigung der soziologischen Dimension der Sprachwissenschaft Zugänge zur Geschichte von Sprache und Gesellschaft eröffnen kann, wird wohl niemand bezweifeln. Wie weit solche Wege führen, kann nur durch den Versuch, sie zu gehen, festgestellt werden. 38 So 6 h . 84; Die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft scheinen übrigens wieder an Bedeutung zu gewinnen. Problematisch scheint mir Porzigs Formulierung (22. 220), daß die Sprachgemeinschaft eine „Gemeinschaft aus Gemeinschaften" ist. Die Sprecher von Sondersprachen bilden nicht unbedingt Sprachgemeinschaften. 611. 91 heißt es von der philosophischen Soziologie, daß sie sich „durch eine ungewöhnliche Armseligkeit in der Formulierung brauchbarer theoretischer Hypothesen auszeichnete".,Hoffentlich wird man nicht später einen „ungewöhnlichen Reichtum in der Formulierung unbrauchbarer theoretischer Hypothesen" bei der formalen Soziologie feststellen.

II.

VORGESCHICHTE

Who was the first that brought up this evil custom, to put you for thou, or to say we when you should say I; and they when you should say he ; our when you should say mine; us when you should say me ; your when you should say thy ? Answer ye learned men; who hath brought this evil custom to put Plural for Singular? Come ye Doctors and School-masters, and Teachers, and Professors, and Magistrates; come ye peevish Professors, and Teachers, answer me, . . . G . Fox, Battle-Door (483. 5) §

Der modeste und so^iative Plural

Die Philologen sind inzwischen an der Arbeit gewesen, und sie haben die Frage des Quäkervaters George F o x nach dem Ursprung des PI. Gebrauchs in der Anrede beantworten können. Die Ergebnisse der Untersuchungen seien hier kurz dargestellt, denn sie bilden den Hintergrund, von dem sich die besondere Entwicklung der Anrede im E n g lischen abhebt 1 . Schon früh finden sich Einzelhinweise auf die „vossitores", auf duzen und ihrzen, thou und y o u ; nur einmal aber wird, soviel ich sehe, das Problem in größerem Umfang behandelt, nämlich in John Seidens Titles of Honor (280.; 1 i 6 i 4 , 2 I6J 1). Der gelehrteste Mann des Englands seiner Zeit bringt in seinem Kapitel V I I zahlreiche Belege für den PI. Gebrauch aus alten und modernen Sprachen (zum Teil auf Erasmus fußend? 2 ), ganz besonders einige wertvolle Hinweise auf die Ver1 Die Frage war von G. Fox übrigens nur rhetorisch gestellt, denn er war überzeugt, daß die verdammenswerte PI. Anrede „came first from the Pope", wie es auf dem Titelblatt heißt. Auf der letzten Seite ist nachträglich ein Streifen mit folgendem Text eingeklebt (in allen Exemplaren der Libr. of Friends; nicht in B M 66. c. 4): The Pope set up you to one in his pride, and it is the pride which cannot bear thou and thee to one but must have, and would have you from the Author their Father in their pride, which must not but have the word thou, which was before their Father the Pope, which was God's language, and will stand when the Pope is ended. G . F. Finis. Woher dieser Gedanke letztlich stammt, konnte ich nicht feststellen. Im Text heißt es einmal, daß „the word you came first from the Roman Empire" (Fox beruft sich dabei auf Howells Epistle to the Nobility 145.) und „the Pope was the first that used the word 70» or us, . . . and so from him, to the Kings, and Lords, and all their Officers, . . ." (483. I94f.). Übrigens sei darauf hingewiesen, daß der Papst hier als der InbegrifT der „organisierten" und damit verderbten Kirche überhaupt steht, also auch die ebenso verderbte anglikanische Kirche gemeint ist. 2 Die polemischen Ausführungen des Erasmus werden im Abschnitt über die Humanisten behandelt.

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Wendung der PI. Anrede in der frühen englischen Rechtssprache, die ihn als Juristen, der in Titles of Honor die international gültige Staatsetikette seiner Zeit sammelt und erläutert, verständlicherweise besonders interessiert. Das Philologische war ihm dabei nur Mittel zur Behandlung juristischer Fragen. Erst die neuere Zeit hat sich dann der Frage nach der Entstehung der PI. Anrede eingehender zugewendet und ihre verschiedenen Seiten philologisch genauer beleuchtet. Vor allem erfolgte eine Klärung der Begriffe. Man hatte von Anfang an ganz richtig erkannt, daß die PL Anrede eine Entsprechung des PI. Gebrauchs der i. Person („Wir, König von Gottes Gnaden, . . . " ) ist. Dieser, so meinte man aber fälschlich, sei Ausdruck des Machtgefühls eines Herrschers (PI. maiestatis), die Anrede sei als sein Gegenstück sprachliches Zeichen der Unterwerfung unter diese Macht (PI. reverentiae). Sinnfälliger Ausdruck für die Auffassung, daß die PI. Anrede die Macht des Herrschers betone, ist die Meinung des Mittelalters, daß Caesar der erste war, den man mit dem PL anredete: Romfite,duo sin infiengin einin nuwin sidde ancviengin: si begondin igizin den heirrin — daz vundin simi cerin, wanter eini duo habite allin gewalt, der έ gideilit was in manigvalt. den sidde hiz er duo cfirin Diutischiu liute lärin3

„Die Quelle für die Zurückführung des Ihrzens auf Caesar ist bis jetzt nicht aufgefunden, doch sind zwei weitere Belege nachgewiesen bei Fazio degli Uberti im Dittamondo und in den provenzalischen Leys d'Amors" (Ehrismann 527. ii 118) 4 . Caesar ist für den Verfasser des Annoliedes der Begründer eines Weltkaisertums (De Boor, Lit. Gesch., I, 152) und dazu paßt auch der PL Gebrauch, der hier geradezu als durch einmaligen Beschluß eingeführt erscheint. Hier taucht schon, wenn auch nicht direkt ausgesprochen, die Auffassung des Pl. als der „mächtigeren" Sprachform auf; der Herrscher ist mehr als ein einzelner. Diese Ansicht vom Wesen des Pl. hat lange Zeit Gültigkeit gehabt, besonders, da sie mit der Auffassung verbunden wurde, entsprechende Pl. Verwendung im 3 Annolied, ed. M. Roedinger (MGH), 467—474. Vom Annolied gelangte diese Ansicht in die Kaiserchronik. 4 Sollte die Beobachtung des PI. Gebrauchs in Caesars Werken der Anlaß gewesen sein? Es finden sich bei ihm 55 Fälle vom Typ ,ut. . . demonstravimus', doch konnte Slotty feststellen, „daß Caesar die Verba der Reflexion und subjektiven Ansicht, wenn diese nur ihm zukommen, stets in den Singular setzt: der PI. bezeichnet überall eine Vielheit". 106. 269.

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Orient sei als Vorbild für den abendländischen Majestätspl. anzusprechen. Ein genaues Nachprüfen der alten Belege für den PI. Gebrauch zeigt aber einerseits, daß ein solches Vorbild kaum in Anspruch genommen werden darf 5 ; andererseits ergab es sich, daß von einem Majestätspl. erst mehr als zwei Jahrhunderte nach Caesar gesprochen werden darf, die Anfänge einer Verwendung der ι. P. PI. jedoch weit vor die Zeit Caesars zurückreichen. Allerdings ist dieser frühe PI. Gebrauch n i c h t Ausdruck von Macht und Herrschaftsanspruch, sondern eher das Gegenteil: Zurücktreten der Einzelpersönlichkeit in einer Mehrheit®. Dementsprechend wurde solche Verwendung von den Grammatikern meist als PI. modestiae bezeichnet. Fr. Slotty hat in eingehender Untersuchung (Der sogenannte PI. modestiae 105.) gezeigt, 5 „Nebenbei ist ab und zu auch der Einfluß orientalischer Vorbilder und Ideologien erwähnt worden, wobei es sich aber nur zu oft um unbeweisbare Redensarten gehandelt hat." 108. 6. Die Ausführungen Seidens verdienen in diesem Zusammenhang wenigstens anmerkungsweise genannt zu werden: (For that of speaking in the Plural Number;) it is frequent that at command, we ordain, our pleasure, and the like (both in the second and first person) are attributed to the person of One alone being a Monarch. Not either out of any figurative speech in Grammar, which allows that the plural adjective or participle be joined with a singular name, as in Insperanti nobis in Catullus, and in that of Tibullus to his Mistress, Perfida nec merito nobis inimica merenti, Nor from the promiscuous use of ordinary persons expressing themselves by verbs and pronouns plural of the first person, but from a singularity or special form belonging to Greatness. Indeed the Persian and Greek Emperors in Esther, Esja, the Maccbabees, Hippocrates Epistles, and such more, often use the singular as well as the plural: as other Emperors and Kings also, in the more ancient times. But in the later ages it is otherwise: and nothing is more common than our Princely favour, our Royal care ; and in the second person Vobis, Vester, and the like expressions of or to supreme Princes, and from them, as other matters of honour, some inferiors often take it by communication. And to this purpose that of the Jews is especially observable. They say that in their language, by reason of the plurality of Vertues or Power (being the true roots of dignity) which are supposed in a Superior, they use the plural number to or of one man. Their Adtmim is plural, yet often used as singular. Every tongue (saith Abenezra Ad Genes. I.) hath its property. As it is honourable in the tongues of Europe for an inferior to speak to a great man by the plural number so in the Arabique . . . it is honorable for a Great man, as a King, to speak in the plural. . . . So likewise (saith he) in the holy Tongue it is honourable to speak of a Potentate plurally, as Adonim and Baalim. For they say Adtmim Kasha, that is, Domini durus, and also Lacbach Baalim, that is, Accepit Domini eius. And upon this conceit do they interpret the plural of Elohim joined with a singular verb, which, with us Christians, is taken by many for a mystical expressing the holy Trinity. But their Grammarians make it an Ennalage of Number, chiefly to express excellency in the Persons, to whom it is referred. (280. i2of.). Orientalischen Einfluß nimmt auch Dornseiff (3. 60) an. • Bes. Sasse, De numero plurali qui vocatur maiestatis 103.; Chätelain, Du pluriel dt Respect en Latin 100.; Slotty, Der sog. Pluralis modestiae 105. und Der so^iatice und der affektische Plural der ersten Person im Lateinischen 106.; zuletzt, die Forschung zusammenfassend und wohl im wesentlichen abschließend: Zilliakus, Selbstgefühl und Servilität 108., wo sich bereits im Titel die Hinwendung zu inhaltlicher und soziologischer Fragestellung zeigt. In den hier genannten Schriften finden sich weitere Literaturhinweise.

2

Finkcnstacdt, You

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daß diese Bezeichnung wenig glücklich gewählt ist, da sie eine unzutreffende Erklärung des PL andeutet. Falsch ist es, in ihm „ e i n a b s i c h t l i c h e s Zurückstellen des I c h s " zu sehen, „das in dem ethischen B e w e g g r u n d der Bescheidenheit seinen Ursprung habe" (105. 157). A n Beispielen aus den alten und neuen Sprachen zeigt Slotty auf, daß der Ursprung des Majestätspl. ein s o z i a t i v e r ist, d. h. die sprechende Person fühlt sich als Glied einer Gruppe und spricht für die Gruppe. Slotty weist ζ. B . auf das „ V o r l e s u n g s - W i r " hin (In der letzten Stunde sahen w i r . . . ) oder auf den PI. Gebrauch der Dienstboten (Unser junger H e r r . . . ) und sagt „ D i e Redensweise b e w e i s t . . . , daß der PL ein A u s d r u c k des Gemeinschaftsgefühles ist und nichts mit Bescheidenheit z u tun h a t " (105. 1 6 5 ) S l o t t y betont auch, daß sich der Sprecher über den Ursprung dieses Pl. Gebrauchs meist nicht i m klaren ist: „ E s soll hier ohne weiteres zugegeben werden, daß viele, ja die meisten, welche diese Redeform (nämlich: „ w i r haben gezeigt . . . u s w . " ) gebrauchen, sich ihrer Bedeutung nicht b e w u ß t sind; aber das ändert nichts an der Tatsache, daß die Wir- Sätze sich unter ganz bestimmten Voraussetzungen einstellen oder unterbleiben" (105. 175).

Neben dem Soziativen als Wurzel ist jedoch das bescheidene Zurücktretenlassen der eigenen Person als Anlaß für den Pl. Gebrauch nicht auszuschließen, wenn sich auch beide Ursachen nicht klar v o n einander trennen lassen; Zilliakus spricht deshalb v o n „soziativmodester" A n w e n d u n g . (108. 15) 8 . Bisher mußte fast ausschließlich v o m Pl. der e r s t e n Person gesprochen werden, denn der A n r e d e pl. ist jünger als jener, setzt ihn historisch voraus: „ ,Wir K ö n i g v o n Gottes Gnaden* hat ohne Z w e i f e l ältere A h n e n als ,Eure Majestät'. D a s letzterwähnte läßt sich als eine A r t Reflex des erstgenannten auffassen". (108. 7) 7 Interessant ist es, das Wechseln v o n PI. und Sg. zu beobachten; „In der letzten Stunde sahen wir . . . dabei versuchte ich zu z e i g e n . . . " A u s glaubwürdiger Quelle wird mir auch folgender A n f a n g einer Vorlesung berichtet; „Heute wollen 1vir einmal v o n mir sprechen . . . " E i n besonders schönes Beispiel für die Verwendung des soziativen PI. findet Slotty in Minna t>. Barnhelm, III. iv: D e r Wirt sagt „unser M a j o r " , Werner aber distanziert sich und Teilheim v o m Wirt mit seinem „mein M a j o r " (105. 172t.). Z w e i besonders häufige T y p e n des soziativen PI. kann man übrigens täglich im Gasthaus hören; die Kellnerin fragt: „Was essen wir denn heute?" (Sie nimmt an der E n t scheidung des Gastes teil als ob sie mitäße) und „ E i n schönes Schnitzel hätten wir. . ." (Hier deutet das wir auf Wirt und Köchin). Wie „natürlich" der soziative PI. der 1. Person ist, zeigt auch folgendes Beispiel; Prof. A . hatte einen Ruf nach B. bekommen; seine 8 jährige Tochter hört davon und ist traurig und böse, weil sie ihre Freundinnen verliert: „ W a s ! haben wir schon wieder einen R u f ? " Über die Verwendung des S g . und PI. in Fieldings T o m Jones s. u. S. 227. 8 V g l . unten S. 51, über Beowulf 958, 1652, und Servius ad Aen II 89f.: ,nos' pluralis numerus pro singular! ad evitandam iactantiam (zit. bei Slotty 105. 156).

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Die Schritte von den Anfängen des soziativen zum eigentlichen Majestätspl. und die entsprechende Entwicklung der PI. Anrede von einem „inversen Pluralis sociativus" (108. 52) zum eigentlichen PI. reverentiae — von diesem kann man erst sprechen, wenn der PI. der ersten Person tatsächlich als Majestäts pl. empfunden wird — seien nun kurz angedeutet. § /. Der Plural in Griechenland und Rom Dem Griechischen fehlt eine PI. Anrede fast völlig, von einem Majestätspl. kann bei den vorkommenden Fällen jedenfalls noch keine Rede sein; die 24 Fälle eines „unregelmäßigen" PI. Gebrauchs bei Homer (15 pronominal, 9 verbal) können auf „soziativ-modeste Anwendung zurückgeführt werden"9. Im attischen Drama findet sich der PI. in zunehmendem Maße, und es läßt sich von Äschylus über Sophokles zu Euripides eine eindeutig wachsende Verwendung aufzeigen (Verhältnis 1:4:8 bei insgesamt ungefähr 500 Fällen; vgl. 108. 21), keineswegs handelt es sich dabei aber um einen Majestäts- oder gar Standes pl. (über diesen Begriff s. u.), sondern auch hier liegt in erster Linie soziativer Gebrauch vor. Die Dichtung der hellenistischen Zeit bietet für unseren Zweck wenig Brauchbares, da sie den klassischen Sprachgebrauch einfach übernimmt, also nicht die Umgangssprache spiegelt (108. 34fF.). Es wird aber in dieser Zeit deutlich, wie der eigentliche Majestätspl. aus dem soziativen PI. herauswächst: In der Briefliteratur der Zeit findet sich ein PI. Gebrauch, der dem Majestätspl. schon sehr nahe kommt, etwa bei Antigonos Monophthalmos (gest. 301). Der PI. wird von ihm verwendet, wenn die Autorität der königlichen Stellung, d. h. das Überpersönliche, betont wird, wenn sich — wie Zilliakus (108. 38) ausführt — der Schreiber oder Sprecher mit einem großen Machtkomplex identifiziert. Bemerkenswert ist schließlich noch, daß sich der PI. Gebrauch der 1. P. nicht wie später in Rom rasch ausbreitet, und daß der PI. damals als PI. modestiae und nicht als Majestätspl. aufgefaßt wurde (108. 44ff.). Im lateinischen Sprachgebiet liegen die Anfänge des PI. sowohl der 1. P. als auch der 2. P. wie im Griechischen Jahrhunderte vor dem Auftreten des eigentlichen Majestätspl. Ein frühes Beispiel für einen Majestätspl. hat man bei Tacitus Ann. 14. 56. 1 gesehen: Nero schreibt an Seneca „nos prima imperii spatia ingredimur" 10 . Als erstes Beispiel einer PI. Anrede hat man eine Pliniusstelle (epist. 3) angeführt: „Ut 9

Vgl. Zilliakus 108. 15; 15; und Wackernagel, Vorl. über Syntax 33.1. 98—101. Slotty 106. 280; Zilliakus 108. 49; Slotty 106. 281: „So bleibt nur übrig, an einen PI. affectus zu denken, der mir an dieser Stelle gut begründet zu sein scheint: der Stilkünstler Tacitus läßt Nero in dem affektvollen PI. vor seinem Lehrer seinen Stolz als machtbewußter Herrscher blitzartig aufleuchten. . . ." 10



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primum me, domine, indulgentia vestra promovit." Schon Sasse hat darauf hingewiesen, daß Plinius sich mit vestra indulgentia an Traian und Nerva wendet (103. 4.). Die Pliniusstelle zeigt damit auch einen Grund für das häufigere Vorkommen des PI. in Rom, zugleich einen Grund für die Ausbildung des eigentlichen Majestätspl. aus dem soziativen PL, nämlich das Doppelkaisertum. Als Bestandteil der Kaisertitulatur erhalten also der PI. der 1. P. und der Anredepl. ihre neue Bedeutung: das soziative Element tritt immer mehr zurück, die neue Auffassung, daß der PI. tatsächlich Macht bedeute, gewinnt an Boden. Diese Entwicklung verläuft geradezu parallel mit dem Niedergang der äußeren Macht Roms, und dieser Niedergang spiegelt sich in einer weiteren Entwicklung des Sprachgebrauchs, der sich analog zur Entwicklung der Anrede vollzieht, nämlich im Ausbau des Titelwesens. Während in den Anfängen des Kaiserreiches der einfache Titel Imperator, Caesar, Augustus genügte, werden später die Titel durch Adjektive gestützt, um die Größe und Güte der Kaiser hervorzuheben, und je tiefer die äußere Macht des Römerreiches sinkt, um so häufiger finden sich die Adjektive im Superlativ; der Kaiser ist invictissimus, sacratissimus, fortunatissimus, religiosissimus, usw. (zusammengefaßt nach Schoener, Titulaturen d. röm. Kaiser, 104. 450—59); ja, der Superlativ war schließlich so entwertet, daß wieder der Positiv an seine Stelle trat — ein frühes Beispiel sprachlicher Inflation mit nachfolgender „sprachlicher Währungsreform" u . Ein Beispiel dafür, wie der Titel fehlende Macht ersetzen sollte, sei noch besonders erwähnt: Vitellius (A. D. 69) wei st den Titel Caesar zurück (1Caesar war bis zu Nero das Cogtiomen des Juliergeschlechts, wurde von Galba und Otho angenommen und damit zum Titel). „Als es freilich mit seiner Macht zu Ende ging, nahm er den Titel Caesar an, superstitione nominis, wie Tac. h. 5, 58 sagt" (Schoener 104. 465). Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch noch das Absinken des Wortes dominus, das zur gewöhnlichen Anrede wurde, wie Mart. 5,57 beweist: Cum voco te dominum, noli tibi, Cinna, placere: Saepe etiam servum sie resaluto tuum.

Ein echter Majestätspl. läßt sich zuerst bei Gordianus III, der 238—44 regierte, erkennen, wenn auch der Gebrauch des Pronomens noch zwischen Sg. und PL schwankt12. 11 Man vergleiche die späteren Titelungetüme und superlativischen Bezeichnungen in den deutschen Kleinstaaten. Noch im 19. Jahrhundert berichtet ein englischer Reisender seinen Landsleuten reichlich bitter davon und zitiert als Beispiel; „Die Allerhöchsten Herrschaften bestiegen den höchsten Gipfel des Berges, knieten nieder und flehten zum Höchsten" (Howitt 582. i68f. Anm.). 12 „Is, qui pluralem maiestatis introduxisse mihi videtur, est Gordianus III, . . . Gordianus igitur modo singiilari, modo plurali numero utitur. Quam varietatem

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Die Anrede mit dem PL r e v e r e n t i a e läßt sich eindeutig erst im 5. Jahrhundert nachweisen, etwa in Briefen Valentinians an seinen Vater Theodosius und besonders in Briefen des Sidonius Appolinaris (430-85)". In den Relationen des Symmachus (345—405) finden sich frühe Beispiele für eine Verwendung des PL in der Anrede. Auch wenn sie nur an einen Empfänger gerichtet sind (Rel. I nur an Valentinianus, Rel. II und III nur an Theodosius) findet sich im Text „domini imperatores": „Daraus ergibt sich, daß er, auch wenn er sich nur an e i n e n Kaiser wendet, doch die zwei andern zugleich meint. Diese Beispiele sprechen dafür, daß bei der Entstehung des Pl. reverentiae jene Regierungsverhältnisse tatsächlich mitgewirkt haben, und dasselbe wird also auch beim Pl. maiestatis der Fall gewesen sein" 1 4 . Eine Zwischenform der Anrede zeigt sich, wenn nur ein Kaiser die Herrschaft ausübte: sprach man den Kaiser persönlich an, so galt maiestas, oder aeternitas tua, sprach man vom Reich, so hieß es imperium vestrumxh. Für die ganze Zeit der Ausbreitung der PI. Anrede aber gilt: „on n'a employd vos pour tu avec autant de liberte que nos pour ego"19. E s liegt natürlich an der Lückenhaftigkeit der Überlieferung, wenn für das erste Auftreten des Majestätspl. und der Pl. Anrede nur inconstantiamque non nisi ea re interpretari possumus, quod imperatori licitum erat, ,ego' aut ,nos' dicere, prout magis de sua ipsius persona cogitabat aut publice dicens eos qui ei aderant, in animo habebat." Sasse 103. 7f. Sasses gründliche Materialsammlung und vorsichtig-bestimmte Interpretation ist von der späteren Forschung allgemein anerkannt worden. 13 Chätelain Du Pluriel dt Respect en Latin (roo. ΐ}ζί.): „Enfin, c'est au V c si£cle qu'il faut descendre pour trouver des exemples irrdcusables du pluriel employd pour parier respectueusement ä une seule et meme personne" (und selbst zu dieser Zeit müssen noch gewisse Einschränkungen gemacht werden, wie Chätelain selbst betont). 14 Ehrismann (527. i, 120); ich glaube allerdings, daß auch hier die Anrede nur eine bereits vorhandene Verwendung des Plurals der 1. iPerson spiegelt, d. h. daß die Entwicklung auf alle Fälle vom Majestätsplural ausgeht. 15 Chätelain (100. 159) und Zilliakus (108. 51); ähnlich hieß es in einem Schreiben an einen Bischof: consilium vestrum et sanctitas tua. 16 a) Hare gibt in den Guesses at Trutb eine Interpretation der Anrede unter den Römern, die sicherlich „a good guess" ist: „the bent of their spirit leading them to merge their own individual, more than any other people has ever done, in their social character, as members, whether of their family, or of their order, or of the Roman nation. In this too they shewed that they were a nation of kings. For a sovereign's duty is to forget his own personality, and to regard himself as the impersonation of the State. He should exactly reverse Louis the Fourteenth's hateful and fearful speech: La Frame c'est moi... Hence nos, nous, mir, we, is the fitting style for princes in their public capacity; as it is for all who are speaking and acting, not in their own persons, but as officers of the State." (95.1 i8f.). b) Vossler weist (gegen Spitzer) nachdrücklich darauf hin, daß der PI. maj. kein „stilistischer Trick" ist, sondern daß ihm ,antiqui juris fabulae' zugrunde liegen. (Lit. Bl. gtrm. rom. Pbil., 1919, S. 245).

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einzelne Beispiele gegeben werden können, an denen zwar allgemeine Tendenzen deutlich werden, die jedoch nicht erkennen lassen, ob und wie weit der PI. allgemein üblich war, und ganz besonders, ob er auch im mündlichen Sprachgebrauch bereits auftrat. Es liegt auch in der Natur des Materials begründet, daß viele Belege keine eindeutige Interpretation zulassen. In Privatbriefen ist es ζ. B. oft nicht sicher, ob eine PI. Anrede als PI. reverentiae aufzufassen ist, oder ob sie die Familie des Empfängers einschließen soll, d. h. als soziativer PI. anzusprechen ist 1 7 . Es ist aber sicherlich kein Zufall der Überlieferung, daß sich auf zwei Gebieten das Material reichlicher findet als anderswo; auf beiden Gebieten ist die sachliche Voraussetzung gegeben, daß der soziative PI. häufig verwendet wird, und bei beiden ist die Tendenz zur Umformung zum Majestätspl. gegeben, wenn sie auch weitgehend unabhängig voneinander erfolgt. Das erste Verwendungsgebiet, der Gebrauch der römischen Herrscher wurde eben kurz umschrieben 18 , das zweite ist der Gebrauch der K i r c h e 1 9 . Der PI. der Anrede tritt bei christlichen Schreibern häufiger auf als bei heidnischen; der Leiter der Gemeinde wird mit seiner Herde identifiziert und so wird die PI. Anrede unter Amtsbrüdern die Regel (108.5 7ff.). Daß tatsächlich die Vorstellung der Pluralität der Gemeinde, im Gemeindehirten verkörpert, wirksam ist — also ein soziativer PI. vorliegt — ergibt sich daraus, daß der PI. in Schreiben an weltliche Obere weitgehend fehlt, wie sich besonders an den Briefen des Chrysostomos (347—407) zeigen läßt (108. 61). Die Hierarchie der katholischen Kirche mit ihren verschiedenen „Rangklassen" war verständlicherweise eine günstige Voraussetzung für eine Verbreitung des P L ; die Diener der Kirche hatten das Bestreben, „Demut zu üben und dem Höherstehenden die gebührende Ehrerbietung zu bezeugen" (Engelbrecht 102. 48). Daß tatsächlich Demut und Ehrerbietung die treibenden Kräfte waren, dürfte sich aus der Tatsache erschließen lassen, daß im Gegensatz zum weltlichen Gebrauch der Pronomen im geistlichen Bereich die 2. P. PI. häufiger verwendet wird als die 1. P. PI. Wo der PI. der 1. P. auftritt, bezieht er sich auf das Amt und nicht so sehr auf den Träger des Amtes. So schriebt ζ. B. Julius I. (Papst von 337—352): „Legi litteras a presbyteris meis . .. mihi allatas miratusque sum, cum nos ex dilectione et veritatis conscientia scripserimus, a vobis contentiose 17

Vgl. im Nhd.: „Grüß Dich . . . Wie geht's Euch . . In Byzanz geht die Entwicklung unabhängig, wobei besonders zu betonen ist, daß die oströmischen Kaiser im 10. Jahrhundert wieder zum Singular zurückkehren. (Zilliakus 108. 50). 19 NB.: Sidonius gehört als Schwiegersohn des Kaisers Avitus und Bischof von Auvergne beiden Bereichen an. 18

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nec u t decebat rescriptum e s s e " (Sasse 103. 56). E s findet sich j e d o c h s c h o n bei Siricius (Papst v o n 384—399) a u c h der eigentliche Majestätspl., u n d das dürfte m e h r als Z u f a l l sein, ist d o c h sein Pontifikat f ü r die Entwicklung

der Papstidee

B r i e f e n des Marcianus findet

von

großer

Bedeutung20.

In den

(Kaiser v o n 4 5 0 — 4 5 7 ) an L e o d e n

drei

Großen

sich kein S g . in der A n r e d e mehr (103. 18); u n d G r e g o r d e r

G r o ß e (540—604) schreibt a n E r z b i s c h ö f e meist vos, fraternitas vestra, a n B i s c h ö f e meist fraternitas tua. H i e r bahnt sich bereits eine n e u e E n t w i c k l u n g an, die schließlich d a z u f ü h r t , d a ß der S t a n d des E m p f ä n g e r s f ü r die W a h l des N u m e r u s entscheidend w i r d . D i e E n t w i c k l u n g der A n r e d e i m kirchlichen B e r e i c h w ä h r e n d des f r ü h e n Mittelalters i m einzelnen z u v e r f o l g e n , g e h t ü b e r den R a h m e n dieses K a p i t e l s w e i t h i n a u s ; die F r a g e verdiente aber eine eigene Studie, da sich aus d e n bisherigen, an den verschiedenen Stellen verstreuten B e m e r k u n g e n z u d e m T h e m a kein einheitliches B i l d e r g i b t 2 1 . § 6. Pluralis majestatis, Pluralis reverentiae, Standesplural E s w u r d e v e r s u c h t , in einer k u r z e n S k i z z e a u f z u z e i g e n , w i e aus unscheinbaren A n f ä n g e n bis z u d e r Z e i t , da die germanischen V ö l k e r 20 „His pontificate is of importance as marking a new stage in the development of Papal authority. His epistle to Himerus, BP. of Tarragona, . . . is the first of the Papal decretals . . ." ODCC. Sasse sagt über ihn: „Cur Siricius singulis locis unum vel alteram numerum elegerit, saepe non intellexi. Permulta autem exempla pluralis talia esse, ut maiestatis magis quam societatis habenda sint, negari non potest, . . . " (103. 58). 21 Engelbrecht (102.) hat den Gebrauch der verschiedenen Titel und Anreden in den Briefen des Ruricius untersucht. Die Verbindungen mit dem PI. überwiegen weit die Sg. Anrede. Es findet sich ζ. B. Sanctitas vestra, Beatitudo vestra an Geistliche (75). Von Weltlichen erhalten nur sehr Vornehme den PI. (75). Bei freundschaftlichem Verhältnis (mit Klerikern und Verwandten) findet sich der PI. neben dem Sg., wenn auch der W e c h s e l nicht gerade häufig ist. Fraternitas vestra, tua; Bonitas tua; Unanimitas tua; Dulcedo vestra, tua (an nahe Verwandte); Caritas vestra (an Laien); Veneratio tua, vestra (an alte Menschen). Ob dem Wechsel eine bestimmte Bedeutung zugrunde liegt, wird von Engelbrecht nicht untersucht. In den Papsturkunden steht Sg. und PI. Von Eugenius III. ab setzt sich der Sg. durch: der Papst wurde stets mit dem PI. angesprochen (Poole 605. 222; 158f.). Vgl. aber W. Michael (604 a. 82) über den Briefwechsel zwischen Heinrich IV. Gregor: „In den beiden an Hildebrand gerichteten Briefen findet sich abwechselnd ego und ms, aber durchgehend tu, natürlich auch nicht die bekannten Umschreibungen paternitas, sanctitas vestra usw." (vgl. auch den Index bei Michael s. v. Numerus). Zilliakus (109. 51) sagt über die Bedeutung der Kirche für die Entwicklung der Anrede: „Nirgendwo wird man aber eine solche Fülle verschiedener Anredeformen und Höflichkeitstitel finden wie im Briefstil der kirchlichen Schriftsteller von der Mitte des 4. Jh. an. Schon dieser Umstand deutet darauf hin, daß der bis in unsere Tage überlieferte .Byzantinismus' in brieflichem und höflichem Verkehr zwischen Leuten gleicher oder verschiedener sozialer Zugehörigkeit vielleicht noch mehr in kirchlich-hierarchischem als in höfisch-bürokratischem Usus wurzelt." H. U. Instinskys Studie über die gegenseitige Beeinflussung von kaiserlichen und bischöflichen Ehrenrechten Bischofsstuhl und Kaiserthron (601.) bietet ausgezeichnete Parallelen zur sprachlichen Entwicklung.

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in nähere Berührung mit R o m traten, sich ein fester und recht häufiger Gebrauch des PL ausgebildet hat. B e v o r nun das Auftreten des Pl. der i . und 2. Person bei den germanischen Völkern, und besonders bei den Angelsachsen betrachtet wird, sollen noch einmal die wesentlichen Punkte zusammengefaßt und in mancher Hinsicht ergänzt werden. D i e A n f ä n g e des Pl. Gebrauchs an Stellen, w o man eigentlich den Sg. erwarten würde, liegen „ i n der Sprache"; besser wäre es freilich zu sagen, sie wurzeln im Wesen des (indogermanischen) Menschen, seiner Eigenheit, sich unter bestimmten Voraussetzungen, in bestimmten Situationen, mehr als Glied einer Gemeinschaft denn als Individuum zu fühlen, wobei dieses Gefühl zu einer dem Sprecher unbewußten Verwendung des Pl. führen kann. Dieser s o z i a t i v e PL ist in verschiedenen Sprachen autochthon entstanden, ja er entsteht täglich neu, er ist f ü r bestimmte Situationen der „natürliche" Numerus 2 2 . Das erste Auftreten des soziativen Pl. geht also nicht auf bestimmte Kulturoder Sozialverhältnisse zurück, und es ist schon gar nicht durch Gesetz v e r f ü g t (wie etwa die A u f f a s s u n g , der Pl. sei durch Caesar eingeführt worden, itnplizieren würde). D i e Weiterentwicklung des Pl. Gebrauchs im Lateinischen — das Griechische interessiert hier nicht — ist durch die besonderen Verhältnisse des spätrömischen Imperiums bestimmt worden, nämlich durch das Doppelkaisertum und den allgemeinen Machtrückgang, als innere Leere mehr und mehr äußerlich, unter anderem durch immer großartigere Titel, überdeckt werden soll. I m Zusammenhang damit gewinnt auch der Pl. Gebrauch an Boden, wobei sich langsam der soziative in einen Majestätspl. wandelt, so daß man nicht immer sagen kann, welcher der beiden im einzelnen Fall vorliegt. D e r Majestätspl. zieht dann die höfliche PL Anrede nach sich. D e r zweite Bereich, in dem sich die Pl. Anrede ausbildet, ist dem Griechischen und Lateinischen gemeinsam: die Kirche. Hier ist es die sich immer strenger ausbildende Hierarchie, die den Pl. verbreitet, und zwar besonders den der Anrede; auch hier kommt es, mit allmählicher Ausbildung des Papsttums, zu dem Wandel v o m soziativen zum Majestätspl. I m kirchlichen Bereich scheint es auch früher als im weltlichen Bereich zu einer weiteren Differenzierung der Pl. Verwendung gekommen zu sein. E s wird nämlich nicht nur der höchsten Spitze gegenüber das vos gebraucht, sondern das ursprünglich j e d e m Gemeindehirten soziativ zukommende vos wird nur noch dem übergeordneten und älteren Gleichrangigen 22 Vgl. ζ. B. den Kellner-Plural: oder will man das völlig unbewußt ausgesprochene „Ein schönes Schnitzel hätten wir heute" etwa als „unnatürliche" Sprachform bezeichnen, oder gar behaupten, daß es aus Nachahmung früheren Sprachgebrauchs entstanden und durch die Generation hin tradiert worden sei ?

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zuteil, während nach unten der Sg. verwendet wird, ebenso wie das später im weltlichen Bereich des Lehnswesens geschieht. (Die Anfänge zu dieser Entwicklung lassen sich etwa in den oben erwähnten Briefen Gregors erkennen, wo in der Anrede zwischen Erzbischöfen (pos) und Bischöfen (tu) unterschieden wird.) Damit ist aber der Weg zu einem Bedeutungswandel beschritten: Aus dem soziativen PI. wird zunächst der Majestätspl. und von ihm aus entsteht allmählich der S t a n d e s p l . D e r Majestätspl. kam — im weltlichen Bereich — ursprünglich tatsächlich nur dem Herrscher zu. Als auch andere sich allmählich des PL der i. Person bemächtigen, kommt es dazu, daß der Bischof oder Herzog nicht mehr geihrzt wird, weil er als Bischof Hirt seiner Diözese ist, oder weil er als Herzog die Herrschaft seines Gebietes repräsentiert (vestrum imperium, maiestas t u a . . . ) , sondern weil er B i s c h o f ist, weil er H e r z o g ist. Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis sich Abt und Prior, Pater und Weltgeistlicher, bis sich Markgraf und Graf, Ritter und schließlich auch Bürger des PI. bemächtigen, die PI. Anrede verlangen. Diese „ E r o b e r u n g " des PI. durch sozial immer niedrigere Schichten erfolgt in den einzelnen Ländern ganz verschieden schnell, und das unterschiedliche Tempo ist bedingt durch die verschiedenen sprachlichen und sozialen Verhältnisse, ζ. T . auch durch die äußere Geschichte der Länder 2 3 . Daß es besser ist, vom S t a n d e s p l . zu sprechen, als den Ausdruck M a j e s t ä t s p l . ganz allgemein beizubehalten, ergibt sich daraus, daß tatsächlich eine Bedeutungsverschiebung eingetreten ist, die durch fehlende Differenzierung der philologischen Bezeichnung verdeckt würde. Im Majestätspl. steckt noch immer ein Element des Soziativen, der König usw. repräsentiert etwas Größeres als er selbst ist. Der Standespl. drückt dagegen nur den Anspruch aus, als Angehöriger einer bestimmten Klasse anerkannt zu werden: es ist bezeichnend, daß sich der PI. ι. P. lange nicht in dem Maße ausdehnt, wie der PI. der Anrede, ja im späten Mittelalter geht die Verwendung des PI. ι . P. sogar zurück, während bei der Anrede nie ein Rückgang der PI. Verwendung festzustellen ist (außer im Mittellatein unter humanistischem Einfluß — 28

Die Sprache verleitet dazu von „Ausbreitung" oder „Absinken" usw. zu sprechen. Es sinkt der Wert des Titels, weil immer mehr Menschen zu dem Recht ihn zu verwenden aufsteigen. Die Ausdrucksweise H. Pauls (21. 102) ist deshalb nicht ganz glücklich, wenn er sagt: „So ist die Geschichte der Titulatur überhaupt nichts anderes als eine Geschichte ihrer allmählichen Herabdrückung." Vgl. auch Lichtenbergs Formulierung (566. iii. 29f.): „Es ist der menschlichen Natur nichts so gemäß als wie dieses beständige Streben zum Höheren, und ein Hauptargument gegen die Vernunft der Tiere, daß sie sich jetzo noch immer einander so rufen, wie sie sich medio aevo und lange vorher schon gerufen haben."

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was aber für die Landessprachen ohne Rückwirkung blieb!); der ursprüngliche Vorgang, bei dem der PI. ι. P. die PI. Anrede nach sich zog, ist nun beendet, der Anredepl. hat eine eigene Bedeutung erhalten und wirkt deshalb selbständig weiter 24 . Die Entstehung des Standespl. ruft ihrerseits eine neue Bedeutung der Sg. Anrede hervor: Während in alter Zeit, d. h. im klassischen Griechisch und Latein und in den altgermanischen Dialekten die Anrede mit dem Sg. emotional indifferent war, da sie unterschiedslos für alle Stände verwendet wurde, kommt es nun zu einer Emotionalisierung des Sg. Je weiter sich nämlich der Standespl. ausbreitet und das Sg. Gebiet einengt, um so bedeutsamer wird die Verwendung des Sg. an Stellen, wo — vom Stand her gesehen — der PI. zu erwarten wäre und umgekehrt. Zwei Grundgefühle sind es, die sich allmählich ausbilden, ein negatives (Haß, Beleidigung, Verachtung), wenn der Sg. einem Menschen gegenüber verwendet wird, dem der PI. standesgemäß zusteht, und ein positives (Liebe, Freundschaft), wo der Standespl. den Sg. nicht verdrängt hat (etwa in der Familie). Diesen Sg. bezeichnen wir als a f f e k t i s c h e n oder s y m p t o m a t i s c h e n Sg. Er ist psychisch bedingt. Umgekehrt entsteht auch ein psychisch bedingter PI. Gebrauch, wenn etwa ein Mensch niederen Standes, dem der PL nicht als Standesanrede zusteht, aus Berechnung oder Schmeichelei mit dem PI. angesprochen wird 2δ. Dieses Ineinander verschiedener Kräfte bedingt auch die scheinbare — oft tatsächliche — Wirrnis der Verwendung der Pronomia und den häufigen Wechsel zwischen Sg. und PI. innerhalb einer Rede, oft innerhalb eines Satzes. Die Verhältnisse werden noch weiter kompliziert durch das Fortbestehen und das Entstehen bestimmter formelhafter und traditioneller PL- bzw. Sg.-Verwendung. Von solchen feststehenden Arten der Verwendung ist noch am einfachsten die „natürliche" Anrede Gottes mit dem Sg. zu verstehen, schwieriger ist es schon, manchen dichterischen und juristischen Gebrauch richtig als solchen zu erkennen und der Gefahr einer Fehlinterpretation zu entgehen 28 . Andererseits aber läßt dies Ineinanderwirken der verschiedenen 24 Von dem Zeitpunkt an, da der Standespl. den Majestätspl. ablöst, genügt es in unserer Arbeit, nur noch die Entwicklung der Anrede zu verfolgen, außer in Fällen, w o der PI. ι. P. eine genauere Interpretation des PI. 2. P. ermöglicht. Für die ae. Zeit ist der PI. 1. P. noch weitgehend das einzige Material, an dem eine Entwicklung aufgezeigt werden kann. 25 1787 wird im Journal der Mode berichtet: „Polizei-Diener und Amts-Knechte heißen in der Ordnung Er. Wenn aber der Bürger ihrer bedarf, wenn er in ExekutionsNöten ist, oder um eine Gunstbezeugung wirbt, oder um ein Ämtchen ambirt, so grüßt er in aufrichtiger Herzensangst den Nachtreter des ersten Rats bis zum untersten Schergen und Büttel mit Sie." (519. 368). 28 Über andere Gründe, die zur Vermischung von Sg. und PL führen s. u. Ein eklatantes Beispiel einer Fehlinterpretation in Ulherrs sonst sehr guten Diskussion des Quäker-Thou (vgl. S. 142 66 ).

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sozialen, historischen, stilistischen und psychologischen Kräfte das Verfolgen der Entwicklung der Anrede zu einer besonders reizvollen philologischen Aufgabe werden27. 27 Ehrismann verwendet den Ausdruck symptomatisch (527. iv, 225), im Anschluß an ihn auch Metcalf (546. 23). Slotty verwendet affektisch (106.). Kennedy spricht vom formal plural (147. 21). Stidstons Diss, trägt den Titel „ You in the Function of Thou . . . " (171.). Wie allgemein dargelegt wurde, handelt es sich nicht darum, daß der Plural die Funktion des Sg. übernimmt, sondern das engl, you übt eine neue, vorher nicht dagewesene Funktion aus, bzw. durch sein Auftreten wirkt es an der Ausbildung dieser neuen Funktion selbst mit und ändert damit die Funktion (d. h. Bedeutung) des bisherig allein gebräuchlichen thou. Ein Vergleich mit einer Entwicklung im engl. Wortschatz mag das verdeutlichen (ohne auf Feinheiten der Entwicklung einzugehen): das vom A N beeinflußte dream steht im M E neben dem altüberlieferten saeven, ae. swefn und verdrängt es schließlich; dgg. tritt das Wort chair neu auf und schränkt den Verwendungsbereich des alten stool ein: stool1 (ae. mit der Bedeutung Sitzgelegenheit, Thron usw.) — chair (bequemer Sitz) = stool2 (Hocker, Sitzgelegenheit, die nicht sehr bequem ist). Diesem Vorgang entspricht das Auftreten des PI. in der Anrede. Natürlich könnte man den Ausdruck Funktion verteidigen, wenn man ihn rein formal auffaßt: das neuere» nimmt in Sätzen die Stelle des Sg. Pronomens ein. Aber eine formale Betrachtung wird nur sagen können, daß thou und you an bestimmten Stellen eines Satzes stehen können. Unter welchen Bedingungen sie eintreten — geradezu eintreten m ü s s e n —, kann eine formale Sprachbetrachtung nicht sagen; das aber ist unserem Fall gerade das interessante (übrigens auch das von Stidston bearbeitete) Problem.

III. ALTENGLISCHE ZEIT Numerus accidit verbis uterque, singularis et pluralis . . . getel gelimpd wotdum scgder ge anfeald ge menigfeald. anfeald getel byd on anum: lego ic rxde, and menigfeald to manegum: legimus we rsedad, Et cetera Aelfric, Grammatik 207. 129

§ 7. Allgemeines Sehr viel mehr als Aelfric kann der Philologe über die Verwenndng von Sg. und PI. in der ae. Zeit auch nicht sagen; in den ae. Denkmälern findet sich tatsächlich in der Anrede ausnahmslos „anfeald getel on anum" und wo man glaubt, eine PI. Anrede feststellen zu können, wird man bei näherem Zusehen doch erkennen, daß es sich um einen Fall von „menigfeald to manegum" handelt. Es wird also — wie im letzten Kapitel bereits angedeutet wurde — nötig sein, die Verwendung des PI. der 1. Person im AE. zu untersuchen, damit festgestellt werden kann, ob sich wenigstens Ansätze zu einem allgemeineren PI. Gebrauch aufzeigen lassen; außerdem sollen die lateinischen Quellen der Zeit herangezogen werden: Ein Vergleich der lateinischen PI. Verwendung mit der ae. kann erweisen, ob und wie weit überhaupt ein Vorbild für einen volkssprachigen Gebrauch eines Majestäts- oder gar Standespl. gegeben war 1 . Es dürften kaum Zweifel darüber bestehen, daß sich ein soziativer PI. auch in den germanischen Einzelsprachen entwickelt haben kann. Ja, die germanischen Gesellschaftsformen begünstigten das Entstehen eines soziativen PI. sicher ebensosehr wie die römische Staatsidee (Identifizierung mit dem Staat) oder die Idee der Gemeinde innerhalb der Kirche. Germanische Sippe und germanischer Volksverband sind wirklich Gemeinschaften, sind ebenso wie die christliche Gemeinde letztlich r e l i g i ö s gebunden und nicht durch einen „Gesellschaftsvertrag" rein äußerlich zusammengegüft, ebenso wie die Bindung des Civis Romanus an die Patria eine religiöse ist 2 . 1 Ein Sonderfall des soziativen PI., der Autorenpl., wird allerdings schon früh übernommen, und zwar sicherlich aus lateinischen Vorbildern. Der Autorenpl. ist aber kein PI. der Rede, sondern stammt aus der literarischen Tradition. Über sein Vorkommen im A E vgl. S. 43. 2 Über diese Frage der Gemeinschaftsbildungen finden sich wesentliche Gedanken besonders in den Schriften von Martin Buber, ζ. B. Dialogisches Leben passim; bes. S. 381 über die „alten organischen Formen direkten menschlichen Zusammenlebens. Darunter sind Gemeinschaften zu verstehen, die quantitativ nicht größer sein dürfen, als daß die durch sie verbundenen Menschen immer wieder zusammen-

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In einer solchen Gesellschaft ist es nun unwahrscheinlich, daß sich der soziative PL ohne ein fremdes Vorbild zum Majestätspl. entwickelt. W o etwa in den ae. Gesetzen der Pl. der ι. P. auftritt, bezieht er sich eindeutig stets auf die ganze „gesetzgebende Versammlung", bei der hier behandelten Zeit natürlich nicht mehr auf die Volksversammlung, sondern auf das „Witena gemot" 3 . W o also in den germanischen Einzelsprachen der Majestätspl. und der Pl. reverentiae auftreten, ist von vorneherein eine gewisse Wahrgeführt und in unmittelbare Beziehung zueinander gesetzt werden, und die qualitativ so beschaffen sind, daß immer wieder Menschen in sie hineingeboren werden oder hineinwachsen, die eigene Zugehörigkeit zu ihnen also nicht als das Ergebnis einer freien Vereinbarung mit anderen, sondern als Schicksal und vitale Überlieferung verstehen". Im Quantitativen wie im Qualitativen entsprechen die oben genannten Gemeinschaften der Begriffsbestimmung Bubers, die natürlich auch letztlich auf Tönnies (51.) zurückgeht. Man denke an den Gottesdienst der Gemeinde, an das Hineingeborenwerden in die Gemeinde (Taufei), man denke an die Volksversammlung der Germanen und den Ahnenkult, der die Sippe bindet. Entsprechend findet sich in Rom die Macht der Familienbindung (Aufheben des Neugeborenen, durch den Vater, Ahnenkult) und Volksversammlung. 3 So schon Koch 88. § 299. Beispiele dafür bei Bosworth-Toller s. v. we I (2 a): „used by a king in reference to himself and his counsellors: — We (Ine and the witan) bebeodaj); We (Alfred) la:raj), etc. . . ." Zur Einrichtung des Witenagemot vgl. Stenton, Ags. England, 227. Index s. v. Council; er sagt u. a. (544f.): „In official documents Old English kings repeatedly use phrases which imply that the witan shared in the responsibility for their public acts. There are very few matters of importance to the state on which an Anglo-Saxon king cannot be shown to have consulted his council... Historically the wittna gemot is important because it kept alive the principle that the king must govern under advice." Es sei schon hier darauf hingewiesen, daß es besser ist, den Begriff „Demokratie" aus dem Spiel zu lassen, und die Sg.-Anrede nicht „demokratisch" zu nennen. (Vgl. auch Stenton a. a. O. über Versuche, das Witenagemot als demokratische Versammlung aufzufassen.) Wie bei der Behandlung des Quäker-Thou noch auszuführen sein wird, verzeichnet dieser Ausdruck das Bild. Die demokratische Form des Zusammenlebens bedeutet — wenigstens nach dem gängigen Wortgebrauch — eine säkularisierte Gesellschaft, nicht eine religiös gebundene Gemeinschaft. 4 Vgl. dazu auch Tac. Germania c. 11 über die Volksversammlung, und Aeschere, Wulfgar und Unferth im Beowulf. Allerdings sind die Bande zwischen Herrn und Gefolgsmann immer noch eng, ja in der Kriegerschar, die in der Schlacht von Maldon geschildert wird, tritt uns echt altgermanischer Geist entgegen: „Though already in Bede's time noble status could be recognized by distinction of appearance, speech and bearing, the incident of the avenging of King Sigeberht by his swine-herd (Ags. Chronicle 757), and the speech of the old ceorl in the Battle of Maldon should prevent our assuming that the exacting obligations of loyalty to a lord were not recognized by the lower as well as the higher orders of society . . . Both The Wanderer and a passage in Alfred's translation of the Soliloquies illustrate the closeness of the tie between a man and his lord." (204. 5 5 f.). 6 „Unschwer läßt sich . . . feststellen, daß der moderne Usus hauptsächlich eben durch die Vermittlung des Lat. beeinflußt worden ist." (Zilliakus 108. 7). „Die gesellschaftliche Manierlichkeit späterer Zeiten wurzelt zwar im Griechischen; über Rom jedoch, und nicht über Byzanz, hat dieses Erbe das europäische Kulturgebiet wesentlich beeinflußt." (108. 76) — Das Englische hat den Anrede-Pl. allerdings erst auf dem Umweg über das Französische erhalten.

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scheinlichkeit gegeben, daß sie sich lateinischem Vorbild anschließen. Es ist dabei sicher von Bedeutung, daß die germanischen Völker zur Zeit der Übernahme viel größer waren als zur Zeit der Wanderungen; oft waren sie schon zu groß „als daß die durch sie verbundenen Menschen immer wieder zusammengeführt und in unmittelbare Beziehung zueinander" (Buber) hätten gesetzt werden können. So entsteht allmählich ein Sozialgefälle, das ein Vordringen des Majestäts- und später des Standespl. begünstigt. Es herrscht im 9. und 10. Jahrhundert auf deutschem und zum Teil auf englischem Boden (dgg. Skandinavien?) nicht mehr das alte Verhältnis, bei dem jeder Gefolgsmann in direkter Beziehung zum König stand, und bei dem nur durch Ahnenreihe, Alter, Kriegsruhm oder Beredsamkeit der eine oder andere hervorgehoben wurde 4 . Es entstehen Zwischenglieder und Rangstufen, die zwar noch nicht fest sind wie im Feudalsystem, aber doch dem alten Germanentum einen wesentlichen Zug rauben. Diese allmähliche Umschichtung in der Gesellschaft macht sich freilich nicht gleich in der Sprache bemerkbar, und wir können nur aus lateinischen Belegen vermuten 6 , daß im Englischen die Entwicklung ähnlich erfolgt wäre wie im Deutschen — wenn nicht mit dem Eingreifen Wilhelm des Eroberers die politischen Geschicke und in ihrem Gefolge das sprachliche Schicksal eine neue Richtung erhalten hätten. Die folgenden Belege sollen zeigen, daß zwischen den verschiedenen Redepartnern im Gespräch nur die Sg. Anrede üblich ist. Es genügt, ausgewählte Beispiele zu geben; die Forschung hat bisher noch keinen einzigen Fall eines PI. reverentiae oder gar Standespl. im ae. Schrifttum entdecken können®. § g. Altenglische Dichtung und Prosa Das Vorkommen von /», ge, we usw. in der altenglischen Dichtung läßt sich mit Hilfe des Greinschen Sprachschatzes leicht verfolgen; wir können uns deshalb hier darauf beschränken, einzelne Beispiele (vor allem aus dem Beowulf) zu geben. Die Prosa wurde für unsere Arbeit nur in Auswahl herangezogen, wobei besonders die Werke Alfreds und Aelfrics, sowie die Bedas berücksichtigt wurden. Außerdem wurden im Anschluß an die English Historical Documents I (204.) altenglische und lateinische Urkunden und Briefe untersucht. Dazu kommt noch das lateinische Material aus der altenglischen Zeit, das von Sasse (103.) verarbeitet worden ist. 6 Vgl. Kennedy 147. 22. „As far as I have been able to discover the Ο. E . vernacular literature shows no instances of such usage, . . . " In den meisten Grammatiken und Einzelabhandlungen wird die Frage der Anrede — da der Sg. als selbstverständlich und natürlich angenommen wird — gar nicht erwähnt.

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Α. Poetische Denkmäler Beowulf: HroJjgar zu Beowulf

For gewyrhtum pu, wine min Beowulf, ond for arstafum usic sohtest. HroJ>gar zu Wulfgar Beo du on ofeste, hat in gan seon sibbegedriht samod setgasdere; Wealhjjeow zu Beowulf Beo pu suna minum Daedum gedefe, dreamhealdende I Beowulf zu Hro|>gar Wies pu, HroJjgar, hal! Beowulf zu Wulfgar Beowulf is min nama. Wille ic asecgan sunu Healfdenes, Masrum Jpeodne min aerende, aldre pinum, . . . Beowulf zu Unferd Hwaet, pu worn fela, wine min Unferd, beore druncen ymb Brecan spra:ce, sa:gdest from his side I Unferd zu Beowulf Eart pu se Beowulf, se wid Brecan wunne,

45 7 f. 386f. τζζβί. 407

343 ff. 5 30 if. 506

Man hat an einigen Stellen des Beowulf einen Majestätspl. entdecken wollen: „Die ganz vereinzelten Majestätspl., die March {Comp. Gramm. Ag. Sax. L. 1 8 7 0 , 1 7 4 ) nachweist, sind ohne jeden Einfluß geblieben" (Pfeffer 166.4). Als Beispiele wurden angeführt 958 und 1652: Η π φ gar kommt am Morgen in die Halle und sieht an der Hand Grendels, die hoch oben prangt, daß Beowulf Sieger des nächtlichen Kampfes geblieben ist. E r hält eine Lob- und Dankrede an Beowulf (928—56) f e seif hafast Dsedum gefremed, pa;t J>in dom lyfaj) awa to aldre. Alwalda J)ec gode forgylde, swa he nu gyt dydel

95? ff·

Beowulf antwortet darauf: We J>a;t ellenweorc estum miclum, feohtan fremedon, . . .

Ähnlich sagt er in Vers 16 5 2 ff. nach seinem Kampfe mit Grendels Mutter : Hwaet, we J>e J>as saelac, sunu Healfdenes, leod Scyldinga, lustum brohton tires to tacne, J>e J>u her to locast.

Auf den ersten Blick scheint hier wirklich der PI. als Ausdruck der Stärke und des Stolzes von Beowulf verwendet zu werden. Sieht man die genannten Stellen aber in ihrem Zusammenhang, so ergibt sich doch recht eindeutig, daß es sich jeweils um einen soziativen PI. handelt (Beowulf fährt übrigens in beiden Reden mit dem Sg. fort). Klaeber sagt mit Recht: „Beowulf generously includes his men" 7 . 7 Klaeber (216.) Anm. zu Vers 958, wo auch verwiesen wird auf 431 f. JasEt ic mote ana ond minra eorla gedryht, J)es hearda heap, Heorot ficlsian. und 1987, wo Hygelac zu Beowulf sagt:

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Altenglische Zeit

In dem Gedicht auf die Schlacht von Maldon findet sich mehrmals ein Wechsel zwischen Sg. und PL in der Anrede; als der Bote der Wikinger Byrhtnoth anspricht ( 2 9 f f ) : Me sendon to J>e ssemen snelle, heton de secgan ]pset most sendan rade beagas wid gebeorge, and eow betete is J)xt ge Jjisne garrxs mid gafole forgyldon |>onne we swa heatde hilde chelon. Ne Jrnrfe we us spillan, gif ge spedaj) to J>am; we willad wid ]Dam golde grid fiestnian. Gif J)u J)xt gerxdest })e her ricost eart, J>u J)ine leoda lysan wille, syllan sxmannum on hyra sylfra dom feoh wid freode and niman frid xt us, we willaj) mid J)am sceattum us to scype gangan, on flot feran and eow frizes healdan. Gordon bemerkt in seiner Ausgabe zu dieser Stelle ( 2 2 5 . 44): „ I n this speech the sg. pronoun of the second person alternates with the pi. There seems to be no difficulty in taking the sg. as applying specifically to Byrhtnod and the pi. to the English generally. In 34 the pi. is used because Byrhtnod alone would not be expected to make the payment; usually the money for paying off the Danes was raised in the form of a tax on the various landholders. In 36 the sg. is used because Byrhtnod alone is assumed to have the decision in his hands." Ebenso •wechselt der Sg. mit dem PI. in Byrhtnoths Antwort. Selbst in einem so späten Denkmal wie der Schlacht v o n Maldon (um 1000) sind also die PI. Formen in der Anrede soziativ zu erklären, ja es kann ganz allgemein mit Sicherheit gesagt werden, daß in der ae. Poesie außer dem soziativen keine PI. Formen in der Anrede vorkommen. Hu lomp eow on lade, leofa Biowulf, J)a du fäeringa feorr gehogodest... So auch Hoops, Komm.; Bosworth-Toller (s. v. we II (2) (used of one person, by a prince)) faßt die oben zitierten Stellen als Majestätspl. auf; ebenso Grein-Köhler. Es ist aber doch etwas auffällig, daß sonst keine einzige Belegstelle (auch nicht aus der Prosa) gegeben wird. Mir scheint ein Majestätspl. nicht zum Charakter des Beowulf zu passen, und schon gar nicht zur vielberufenen archaischen Dichtersprache. Curme (79. § 4. II. F.) sagt über den Majestätspl.: „This usage spread to the different European courts and was common in the Old English Period." Das ist — falls Curme sich nicht nur auf lateinischen Usus bezieht — eine Aussage, die in den Texten keine Bestätigung findet; selbst für die lateinischen Quellen der ae. Zeit ist die Aussage übertrieben. Man vergleiche auch die im Nhd. häufige Wendung, mit der ein einzelner das Ende seiner Arbeit kommentiert: „So, das hätten wir wieder einmal geschafft" u. ä. Das ist sicher kein Majestätspl., sondern entweder soziativ oder modest.

Altenglische Zeit

33

Β. Prosa In den Werken Aelfrics (955—1020) sollte man — wenn irgendwo im A E . — am ehesten erwarten, eine Verwendung des Majestäts- oder Standespl. zu finden. Er schreibt gegen das Ende der ae. Zeit, ist mit lateinischem Sprachgebrauch aufs beste vertraut, und überdies finden sich in seinen Werken immer wieder kleine Geschichtchen zur Verlebendigung einer Homilie oder einer Heiligen-Vita eingestreut, so daß der Bestandteil an direkter Rede in seinen Werken größer ist als man es sonst bei den Texten der Zeit gewöhnt ist. Eine gewisse Sicherheit, daß aus seiner Sprache auf den Sprachgebrauch seiner Zeit geschlossen werden darf, daß er also nicht einfach von seinen Vorlagen und der Tradition der Schriftsprache abhängig ist, erhält man aus seinem Vorwort zu den Lives of Saints (209.1, ι f.), wo er darlegt, daß er sich beim Übersetzen nicht sklavisch an den lateinischen Text halten werde: Unum cupio sciri hoc volumen legentibus, quod nollem alicubi ponere d u o s i m p e r a t o r e s sive cesaies in hac narratione simul, sicut in latinitate legimus: sed unum imperatorem in persecutione martyrum ponimus ubique; Sicut gens nostra uni tegi subditur, et usitata est de uno rege non de duobus loqui. Nec potuimus in ista translatione semper verbum ex verbo ttansferre, sed tarnen sensum ex sensu . . A a) BEISPIELE AUS DEN LIVES OF SAINTS

9

Eugenia zu ihrem Vater: J)u eart min fsder and J)in gebxdda Claudia, gebser me to mannum

(ii. 23; f.)

Der Teufel zu einem Jüngling: Ge synd swide ungetreowa, Jionne ge min be-hofiad. Jionne ic helpe eow. ac wryt me nu sylf wylles. J)£et ]pu wid-saca Criste.

(iii. 375 ff.)

Hier handelt es sich um einen soziativen PI.; der Teufel spricht ganz allgemein: Ihr Menschen . . . S. Julian zu Martinus „the wicked tormentor": Julianus him sxde. pu eart sodlice ablend mid Pinre yfelnysse. and for-J>i me J) us onliecst. Ge habbad manega godas. and manega gydena. We sodlice wutdian asnne sodne god.

(iv. i j z f f . )

Hier werden mit dem soziativen PI. Heiden und Christen einander gegenübergestellt. S. Sebastian zum Kaiser Diocletian: 8 9

3

209.1, i f . ; von mit hervorgehoben. 209. zitiert nach Legende und Verszahl.

Fiokenstaedt, You

34

Altenglische Zeit Eowrt hzden-gyldan J)e healdad towrt templa cwydaj) fela leasunga tow be pam cristenan. ac tower kynedom godad J)urh heora godan ge-earnunga. Sebastianus c w z d . Crist me arzrde xft. to pi part ic cyde tow. artforan eallum folce. towtr unriht-wisan ehtnysse ofer da cristenan.

(v. 440—53)

A u c h hier bezieht sich der soz. PI. jeweils auf das Königreich bzw. auf das V o l k ; der Sg. auf den Kaiser. Agnes zum Präfekt: Ic for-seah pinne sunu . . .

(vii. 103)

Aphrodosia, „a shameful woman", zum Kaiser Quintianus: Ic and mine dohtra . daeges . and nihtes naht elles ne drugon . buton hi aefre tihton to pinre gepafunga

(viii. 32 fr.)

Agatha zum Kaiser Quintianus: N e cwa:d pu na goda. ac gtam-licra deofla.

(ebd. 59)

Athanasius, der Zauberer, zum Kaiser Dacian: hwi hete du me feccan pus fcerlice to ßt?

(xiv. 52)

Ein Richter zu S. Alban: Hwylcere mxgde eart pu — odde hwylcere manna.

(xix. 54)

Life of St. Mary: H w x t dedst pu abbud. wite p x t pu eart godes sacerd.

(xxiii. B. 688)

A b d o n und Sennes: Hwies abitst pu casere cyd hwa:t pu wylle. St. Martin: pa wid an dscra hxpenia to pam halgan bisceope. Gifcpu scnigne truwan hscbbe on pinum gode. Eft pa öa he ut-eode pa axode Sulpicius. .... pa wandode he (d. h. Martin) lange him part to secgenne. ac he sxde swa-peah. ic halsige tow nu. pact gt hit nanum ne Seegan.

(xxiv. 23) (xxxi. 400)

(696 ff.)

Hier scheint eine PI. Anrede vorzuliegen. A u c h die neuenglische Ubersetzung faßt die Stelle so auf, als ob nur zu einem gesprochen wird. Es ist aber das him als Dat. PI. zu nehmen: in Z . 691 heißt es: Se ylea Sulpicius and sum oder bro&or sxton sume daeg . . . . Martin spricht also zu beiden. St. Edmund zum Bischof:

35

Altenglische Z e i t Eala pu bisceop t o bysmore synd getawode ]jas earman land-leoda and se bisceop cwseji. Eala pu leofa cyning pin folc lid ofslagen.

(xxxii. 64fr.)

b ) BEISPIELE AUS DEN CATHOLIC HOMILIES

(210.)

Kaiser Julian spricht mit Basilius: Eala, du Basiii, nu ic hacbbe de oferdogen on udgewitunge. Se biscop hym andwyrde, „ G o d forgeafe J»atf du udwitegunge beeodest;"

(i. 448 t.)

Die Leute aus dem Haushalt des Valerian zum Kaiser: (?) W e wilniad mid urum hlaforde ctenlice sweltan, swidor donne uncbcnlice mid eow libban."

(i. 4} 2)

Auch hier handelt es sich um einen soziativen PI.; eow bezieht sich auf alle Nichtchristen. Kaiser Decius zu Sixtus: Witodlice w e beorgad dittre ylde: . . . Se eadige biscop him andwyrde, „pu earming, beorh de sylfum, . . . "

(i. 418)

Hier scheint ein Majestätspl. vorzuliegen. Das m ist aber m. E. besser als soziativer PI. aufzufassen; außer Decius sind noch andere Personen anwesend (vor allem Valerian). Erzengel Michael spricht zu einem Bischof: J)a on daere driddan nihte ]D2es fsstenes x t e o w d e se heahengel Michahel hine sylfne J>am biscope on gastlicere gesihde, J>us cwedende, „Wislice ge dydon, Jjxt ge to G o d e sohton Jijet J)£et mannum digle wies. Wite du gewislice, J)xt . . . . (i. 502)

Auch hier liegt ein soziativer PI. vor: zuerst geht es um die Gemeinde, dann wird der Bischof persönlich angesprochen. In der gleichen Homilie findet sich der gleiche Wechsel wenig später noch einmal. (Wieder spricht der Erzengel). Nis eow nan neod ]pa:t ge da cyrcan halgion ]De ic getimbrode . . . A c gad eow into daere cyrcan unforhtlice, and me setstandendum geneosiad da stowe sefter gewunan mid gebedum; andpu\>xt tomerigen msessan gesing . . . (i. 506f.)

Hier zeigt sich noch deutlicher, daß der PI. sich auf die ganze Gemeinde bezieht, die in die Kirche gehen soll, während die Messe nur vom Bischof gelesen wird. c ) BEISPIELE AUS DEN AGS. HOMILIEN UND HEILIGENLEBEN

viii. Hester: J)a cwiej) se cyning t o A m a n e : Ic cwede, J)«et ic wille, J)a:t du genime Mardocheum . . . 3»

("30 (z. 237)

36

Altenglische Zeit Asverus zu Hester: Hwies bytst pu, la Hester, J)a:t ic pe forgife?

(z. 250)

Hester zu Asverus: Ic bidde pt, la leof, . . .

(z. 252)

x v . Passio Margaretae Margarete zu einem Teufel: And seo eadige fzmna him to cwxd; Hwanan weard eow, Jjjct fjt mihton ahan ( = agan) godes Jjeowes to beswicenne

(z. 2 J l f . )

A u c h diese Stelle muß als soziativer Pl. angesprochen werden. Margarete meint alle Teufel; wenn sie sich an den einen Teufel direkt wendet, verwendet sie pu. Übrigens spricht auch der Teufel im soziativen Pl. „Sathana urne cyning . . ( e b d . 259). Hier kann auch noch auf den Wechsel zwischen Sg. und PI. hingewiesen werden, der in der Anrede an die Zuhörer in Aelfrics Predigten öfters zu finden ist 10 . Diesen Wechsel in der 2. P. bespricht Kennedy ( 1 4 7 . 80 f.) für die frühmittelenglische Zeit. Was er ausführt, dürfte auch für eine frühere Zeit (und später) Gültigkeit haben: To anyone reading the literature of the period under consideration it must soon become apparent that the writers of the thirteenth century, most of whom seem to have been by nature or profession preachers, had two quite distinct attitudes towards their readers or hearers. The one was decidedly informal and is best displayed in the homiletic passages where the preacher warns or exhorts the individual, using an informal singular which might be termed the homiletic or confessional singular because it occurs so often in passages where the poet treats the hearer or reader as a penitent come to confessional. The other attitude was more general, more formal, and appears most often — in the narrative passages where the preacher or writer speaks either with a consciousness that he is in the pulpit or else with an ambition, seemingly, to imitate the minstrel in the hall or castle 11 . 10 Vgl. ζ. Β. Sermo in Natale. . . (213. No. iv); Der PI. der 1. P. ist dabei ähnlich aufzufassen wie der Autorenpl.: ,Jc cwe]pe to sodan ... we eac w y l l a j ) . . . " (z. 20 ff.). 11 Vgl. auch Ehrismann [Gesch. I 199): „Otfried denkt sich selbst in der Rolle des Verf., der unmittelbar sich an sein Publikum wendet. Er redet es mit Du oder Ihr an oder er faßt sich mit den Hörern zusammen in der 1. P. PI." Kennedy bespricht besonders die Verwendung der Sg. und PI. Anrede in Ancren Riwle, wo der Verf. am Schluß unsicher wird: „Toward the end the writer himself seems to become slightly bewildered for he says, in speaking of atonement for sins, „And Jpeonne sum lutel hwat mei leggen on ]pe oder on ou". Evidently he was conscious of his illogical use of the sing, pronoun in writing for the sisters" (147. 81). Die Ausdrücke „formal" und „informal" scheinen mir nicht ganz glücklich. Warum soll die zweite Haltung „more formal" sein ? Der Verf. oder Prediger wendet sich einfach an alle Zuhörer zusammen, und muß dann natürlich einen PI. verwenden. Der „informal sg." würde besser als „persönliche" Anrede charakterisiert: Einer aus der Zuhörerschaft wird durch den Sg. herausgegriffen. Natürlich kann jeder einzelne sich als dieser eine fühlen; darauf beruht ja gerade die Wirkung der Sg. Anrede. Auch

Altenglische Zeit

37

d) B E I S P I E L E AUS DEN A N G L O - S A X O N W I L L S ,

(228.)

UND DEN S E L E C T E D E N G L I S H HISTORICAL DOCUMENTS

Testament des Bischofs Theodred ( 9 4 2 — 9 5 1 )

(221.)

12

Ic J)eodied Lundeneware Biscop wille biquethen . . .

(228. 2)

Testament des Bischof iElfsige (95 5—958) Jjonne bidde ic minnan leofan freond jElfheah . . . and J)£et pu ne gejiafige ]Met man ]pis on aenig ojier w:ende.

(228. 16)

iElfgifu zum König (966—975) J>onnse cyd heo pa leof bse pinre gejiafiunga hwset heo for pis and for pym sawlie to godses ciricean don wyla:.

(228. 20)

iElfhelm Nu bydde Ic(975—1016) pe leof hlaford jpset min cwyde standan mote

(228. 32)

iElf laed (Gattin des Ealdorman Brithnoth; a. 1002) And pa leof aeadmodlice bidde for godes luuan . . . . . . J)£et pu amundie ]pa halgan stowae et Stoca: J)£e mine yldran on restaj).

(228. 3 8)

Bischof yEthelmaer (1047—1070) . . . ic Ailmer biscop . . .

(228. 92)

König Alfreds (p. 873) Ic jElfred cingc . .Testament .

(221. 1 j)

iEdelreds Vertrag mit Berkeley Abbey (883) . . . ic iEdelried ealdorman . . . Aber später heißt es: Ond we beodad J)£et nsenig mon on Ceoluhte gesib odde fremde hit gereafige in senigum dingum . . . Ond nu we beodad in Godes almihtiges naman . . .

(221. 20 f.)

E s scheint mir auch hier ein soziativer PI. vorzuliegen, der ähnlich zu erklären ist wie in den ae. Gesetzen: we, das sind alle Unterzeichneten (u. a. König Alfred selbst), die zusammen den Vertrag bezeugen heute noch wechselt in der Predigt der Sg. mit dem PI. (meist Ihr). — Das Herausgreifen eines einzelnen findet sich in besonders kunstvoller Verwendung bei Chaucer (vgl. § 17b). Auf dem Theater wird der „persönliche" Sg. verwendet, wenn sich ein Spieler plötzlich an das Publikum, und zwar an einen einzelnen Zuschauer wendet. Auch hier scheint mir wieder ein sehr „natürlicher" — wenn auch „illogical" — Gebrauch der verschiedenen Anredeformen vorzuliegen. Man kann ihn übrigens auch vorzüglich auf Jahrmärkten studieren. 12 Hinter dem Namen steht jeweils das Datum der Urkunde.

38

Altenglische Zeit

und garantieren. Es ist bezeichnend, daß sich das we nur in dem Teil des Vertragesfindet,der sozusagen die „Ausführungsbestimmungen" enthält. In der Sammlung der Anglo-Saxon Writs, sind alle PI. der 2. Person sofort als echte, d. h. an mehrere Empfänger gerichtete PI. zu erkennen. Der Majestätspl. kommt nicht vor. Der Dänenkönig Cnut verwendet ebenso wie die englischen Könige den Sg. Cnut cyncg gret ealle mine bisceopas and mine eorlas . . .

(222. 18;)

Es ist aber bezeichnend, daß der ae. Sg. in lateinischen Fassungen der Writs mehrmals mit dem Majestätspl. wiedergegeben wird: And it bidde eou alle ]aat ge him beon . . . Rogamus etiam vos ut . .. ·13 e ) D I E ALTENGLISCHEN G E S E T Z E

Auch in den ae. Gesetzen tritt der Majestätspl. nicht auf. Die PI. Formen der 1. Person beziehen sich stets auf den gemeinsamen Willen des Königs und seiner Witan. Ines Lage (688—695) beginnt: Ic Ine, mid Godes gyfe Wessexena cyning . . . fürest ae bebeodad .. . (224. i. 89) Ganz klar tritt die Mitwirkung des Rates im Gesetzbuch König Alfreds hervor (890) Ic da Alfred cyning, J)as toga:dere gegadeiode, and awriten het... Ic da Alfred Westseaxena cyning eallum minum witum J>as geeowde, and hie da cwaedon, Jwet him J>a:t licode eallum to healdanne. Mt xrestan we lierad, J>aet rmest dearf is, zghwelc mon his ad and his wed wxrlice healde. (224. i. 46a) Die Gesetze Eadwerds (901—24), Aethelstans (925—36) oder Eadmunds (943—46) zeigen die gleiche Form: Am Anfang steht der Name des Königs mit dem Sg., bei den Einzelbestimmungen wird der PL verwendet, der auf die Mitwirkung des Rats hindeutet. Cnut schließt sich auch hier der Tradition an (1020): . . . and ic cyde cow, Jwct ic wylle beon hold hlaford . . . . Nu wyJle ic, ]?a:t we ealle (Volk und König) eadmodlice Gode admihtigum J)ancian J>aere mildheortnesse, J>e he us to fultume gedon hxfd. (224. i. 273) Auch Wilhelm der Eroberer verwendet den Sg. (vgl. S. 5 5) f ) D I E ALTENGLISCHEN B R I E F E

Beschwerdebrief des Bischofs AeJ>elric v. Sherborne (1006—1012) 13

222. 278f.: vgl. auch 222. No. 64, 69, 71.

Altenglische Zeit

39

iEfeLric biscop gret ,/EJ>elmser freondlice. And ic cyjje, J)aet... And gif hyt Pin willa waare, pu mihtest eade gedon, J)2t ic hyt eal-swa haefde.14. Aus dem Fragment eines Briefes: Ic secge eac de, brodor Eadweard, nu du me J>yses baede, jpart ge dod unrihtlice, . . . ic bidde eac J>e, brodor, . . . Ein Brief über einen Rechtsstreit (J>. 900): Leof, ic de cyde hu hit wses ymb da;t lond act Funtial da fif hida de iEdelm Higa ymb spycd . . . . Briefe aus Aelfrics Werken: jElfric gret eadmodlice iiEdelwerd ealdorman and ic secge pe leof, Jsaet ic hxbbe nu gegaderod on J)yssere bec Jpsra halgena J>rowunga . . . jElfric abbod gret Sigefyrd freondlice! Me is gessed, ]?act pu ssedest be me, . . .

(223. 62) (221. 30)

(209.1. 4) (213. 13)

„Literarische" Briefe: Basilius schreibt an einen „ealdorman": Gif Pu woldest myltsian. and swa Jieah ne mihtest. . . .

(209. iii, 184)

Basilius an den Kaiser: We budon pe casere, £es ])e we sylfa brucad. and Pu sealdest us to-geanas. J)a:t J)a:t de unge-sceadwyse nytena habbad him to hig-leofan. gebysmriende us. (ebd. 2i9ff.) 15 . g ) T I T E L I N ALTENGLISCHER Z E I T

Z u dem Fehlen des Majestätspl. und des PI. reverentiae im A E . paßt gut das Fehlen eines ausgeprägten Titelwesens, genau so wie von der me. Zeit an mit der Pronomendifferenzierung eine immer stärkere Titelaufspaltung sich entwickelt. E s ist zweifellos schwierig und manchmal gefährlich, aus etymologischen Untersuchungen einer Sprache Rückschlüsse auf Kulturstufe, Gesellschaftstruktur und Geist des Volkes zu ziehen, dem diese Sprache eigen ist. Man wird aber doch nicht leugnen können, daß leof („Lieber", zu germ. *kuba-), das im A E . als Anrede verwendet wird 1 6 , auf eine ursprünglich andere Beziehung zum Mitmenschen hinweist als Sir. 14

AeJ)elmar ist Ealdorman; vgl. Förster, Themse (219. 776—788; Zitat S. 781). Der Brief Wynfrith's an Eadburga ist „curtailed at the beginning and the end": es fehlen deshalb „the personal touches and the exact notes of time and place . . Im Brief, der eine Art Homilie ist, wird das lateinische tu natürlich stets mit Pu wiedergegeben (226. 206). 16 Material bei Bosworth-Toller, und Stroebe (172.). Vgl. auch die Titel im Althochdeutschen (527. i. 155). 16

40

Altenglische Zeit

§ f. Lateinische Belege17 Im Anschluß an die ae. Belege sei nun noch eine Reihe von lateinischen Stellen angeführt; besonders bei Beda finden sich zahlreiche Briefe zwischen geistlichen und weltlichen Würdenträgern, und gelegentlich gibt er auch ein Gespräch wieder. Bedauerlich für uns ist, daß die lateinischen Briefe in der ae. Ubersetzung vollständig fehlen, oder aber in indirekter Rede gebracht werden. Brief Gregors an Bischof Etherius: nos . . . sanctitas vestra

(214· i. 106)

König Ethelbert zu Augustinus: nos . . .vos (ae.: Fxgere word J)is syndon and gehat de ge brohton and us secga]}; . . . ) (i. 110 und 215. 54)

Das sind zweifellos soziative PL; auf beiden Seiten werden die Gefolgsleute eingeschlossen; wo der König nur von sich spricht, steht ego. Papst Gregor an Augustinus: tu

(i. 120)

3. Interrogatio des Augustinus: Obsecro quid pati debeat, . . . Ic de halsige, hwilc wite sceal J>rowian, . . .

(215· 65)

Gregor an den Bischof von Arles: E t ideo si communem fratrem Augustinum episcopum ad vos venire contigerit, ita illum dilectio vestra, sicut decet, affectuose dulciterque suscipiat, ut . . . . Deus te incolumen custodiat, reverentissime frater. (i. 154, 156)

Gregor an Augustinus: A d Eburacam vero civitatem te volumus episcopum mittere . . .

(i. 1 j 8)

Gregor an König Ethelbert: nos: vestra gloria ; (einmal tu)

(i. 168 ff.)

Papst Bonifaz an Bischof Justus: nos ...

vestra fraternitas . . . . (daneben Sg.)

(i. 240 ft)

Papst Bonifaz an König Edwin: nos ...

vos (wechselt mit tu)

(i. 254ft)

Bonifaz an Ethelberga, Gattin Edwins: nos ...

vestra gloria (wechselt mit tu)

(i. 262 ft)

Ein Freund zu König Edwin: 17 Da die Zahl der Belege mit der 2. P. recht gering ist, werden zur Ergänzung auch Beispiele mit dem Pronomen der 1. P. (Sg. und PI.) angeführt.

41

Altenglische Zeit Si ergo vis, hac ipsa hota educam te de hac provincia Gif pu wilt on ]Das seolfan tid, ic de alzde of Jjisse mieg]De in J)a stowe, . . .

(i. ζηζί. u. 2x5. 154)

Bischof Paulinus zum König: (familiari voce) Ecce hostium manus quos timuLrt/, Domino donante, evasisti ;

(i. 280 u. 215. 162)

Hwset du nu hafast |>urh Godes gyfe pinra feonda hand beswicene, J)a pu pe ondrede;

Papst Honorius: Bischof Honorius (dem er das pallium schickt): POS . . .

Deus te incolumen custodiat, dilectissime frater.

(i. 308)

König Oswin zum Bischof Aidan: Quid voluix//, domine antistes, equum regium, quem te conveniebat proprium habere, pauperi dare? Hwact woldest pu min domne bisceope, J)a:t cynelice hors J)am J)earfan syllan, J)e ]je gedafenade agan to habbanne?

Der Bischof antwortet dem König: Quid loquer/'x, rex ? Hwset spricest pu cyning?

(i. 396 u. 215. 257f.)

Papst Vitalian an König Oswin: nos ... excellentia vestra Der Einsiedler Herbert zum Bischof Cuthbert:

(i. 494fr.)

Obsecro per Dominum, ne me desera/, sed tut memor sis fidissimi sodalis . . . Ic pe healsige Jiurh Jjone lifigendan Dryhten, J>a:t pu me ne fordete . . .

(ii. 180ff. u. 2x5. $29)

Bischof Chad zum Erzbischof Theodor: (voce humillima!) Si me aosti episcopatum non rite suscepisse, libenter ab officio discedo: . . . Gif pu J>aet wast, J>aet ic unrihtlice bisceophade onfenge, ic lustlice fram Jjacre denunge gewite . . .

(ii. 12 u. 215. 346)

Eine einzige Stelle bei Beda zeigt eine eindeutige PI. Anrede im Gespräch mit einer Person: Die Geschichte von der Heilung Herebalds durch den Bischof Johann. Herebald berichtet, daß der Bischof wegen seines Gesundheitszustandes besorgt, die ganze Nacht „solus in oratione persistens" am nächsten Morgen zu ihm kam „vocavit me nomine meo, et quasi de somno gravi excitatum interrogavit si nossem quis esset qui loqueretur ad me. At ego aperiens oculis, aio, ,Etiam: tu es antistes meus amatus'. ,Potes', inquit, ,vivere'P Et ego; .Possum1, inquam, ,per orationes vestras, si voluerit Dominus. Qui imponens capiti meo manum, cum verbis benedictionis, rediit ad orandum . . (ii. 220L).

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Der ae. Text folgt dem Lateinischen genau: „Ic wat geare past pu eart min se leofa bysceop. Cwaed he: Jjinced j)e maege pu libban? Cwsed ic: Ic maeg Jjurh eower gebedo, gif Dryhten wile . . ." (215. 579). Die einfachste Erklärung ist es, auch hier einen soziativen PL anzunehmen; Herebald bittet um das Gebet aller Mönche des Klosters. Es wird zwar darauf hingewiesen, daß der Bischof allein betet, aber das weiß Herebald natürlich nicht. Es kann darauf hingewiesen werden, daß die erste Anrede an den Bischof ja im Sg. ist, und das spricht auch für die Auffassung des folgenden Pl. als soziativ. Auf ae. Sprachgebrauch kann man natürlich nicht schließen, da die Übersetzung völlig vom Urtext abhängt. Zwei Beispiele aus Assers Leben König Alfreds zeigen den Sg. als normale Anredeform: Als Knabe sagt Alfred zu seiner Mutter: Verene Aabis istum librum uni ex nobis (d. h. von den Geschwistern), scilicet illi, qui citissime intelligere et recitare eum ante te possit? Ad haec illa, arridens et gaudens atque affirmans: .Dabo', infit, ,illi'. (212. 20)

König Alfred spricht zu Asser: Si nec tibi hoc suppetat subire, saltern dimidiam partem servitii tut mihi accomoda, ita ut per sex menses mecum fueris et tantundem in Britannia.

(212. 64)

Asser zu König Alfred: placetne tibi, quod illud testimonium in aliqua foliuncula segregatim scribam?

(212. 74)

Alcuin schreibt an Karl d. Großen zwar überwiegend mit dem PL, doch kommt auch der Sg. sehr häufig vor (103. 35; mit Stellenangaben der MGH). Bonifaz verwendet von sich (mit einer Ausnahme: nostrae mediocritatis, Migne epist. 87) nur den Sg., wenn er von sich spricht (103. 68). Aelfwald, König von East Anglia (gest. 749) verwendet den PL, wenn er von sich spricht (scire . . . volumus . . . Jaffe man. Mogunt, 210; 103. 35). Aethelberht, König von Kent (748—5 5) verwendet Sg. und Pl. (103. 35). Schließlich seien noch die Hirtenbriefe Aelfrics zitiert. Im Brief I schreibt er: Aelfricus humilis frater venerabili episcopo Wulfsino salutem in domino. Obtemperaviwai iussioni tua libenti animo. Sed non ausi iuimus aliquid scribere de episcopal! gradu, quia nstrum est scire quomodo vos oporteat optimis moribus exemplum omnibus fieri et continuis ammonitionibus subditos exhortari ad salutem . . . Dia> tarnen quod sepius debere/«· vestris clericis alloqui . . . Ideoque libera animam tuam et die eis qu? tenenda sunt . . . Nos vero scriptita/rar hanc epistolam, qu§ anglice sequitur, quasi ex tuo ore dictata sit et locutus esses ad clericos tibi subditos, hoc modo ineipiens: Ic seege eow preostum . . . . (208. 1)

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Als B r u d e r Aelfric (d. h. als er noch nicht Abt war) schreibt er an Erzbischof Wulfstan (1002—1003) Ftater Äilfricus salutem exoptat Wulfstano, venerabili archiepiscopol Percunctatus es nostram parvitatim de questionibus quibusdam et responded ut possim, ne forte estimej not dedignari alloqui tibi. Vale feliciter in Christo, venerande presul! (208. 222: 227)

Und im Brief II an Wulfstan heißt es: Ecce parvimut vtstra almitatis iussionibus, transferentes anglice duas epistolas . . . Vale feliciter in Christo. (208. 68 f.)

Die meisten PI. der 1. P. in diesen Briefen Aelfrics lassen sich als Autorenpl. erklären 18 . Daß die Schlußformel im Sg. steht, auch wenn vorher der PI. verwendet wird, ist ganz gewöhnlich 19 . Es bleibt aber auffällig, daß Aelfric, wenn er an Wulfstan schreibt, ihn mit dem Sg. anspricht, von sich aber als nostra parvitas spricht und sagt „ne estimes nos dedignari alloqui tibi". War er sich seines Wertes als christlicher Schriftsteller so bewußt? § 10. Vergleich mit anderen Sprachen; Zusammenfassung Welche Schlüsse sind aus dem vorgelegten Material zu ziehen ? Die angeführten Belege sind wohl zahlreich genug für einen Rückschluß auf den Sprachgebrauch der ae. Zeit, und zwar vor allem deshalb, weil sie alle in eine Richtung weisen, nämlich darauf, daß im A E . ausschließlich der Sg. verwendet wurde. Dafür sind nicht so sehr die Belegstellen der Dichtung Zeugnis; in ihnen könnte sich ja traditioneller Sprachgebrauch fortgesetzt haben. Die Reden in dem Gedicht auf die Schlacht von Maldon vermitteln freilich weit eher den Eindruck, daß es sich um „realistische" Darstellung handelt (das Gedicht ist ja kurze Zeit nach der Schlacht entstanden): Offa getnadde, acscholt asceoc: „Hwact, J)u, vElfwine, hafast eaile gemanode J>egenas to J>earfe. N u ure J>eoden lid eorl on eordan, . . .

(231 ff.)

Viel wesentlicher ist das Zeugnis der wenigen überlieferten ae. Briefe und der immerhin recht häufigen „Wills", in denen sich nur die Sg. Anrede findet, und in denen der PL der 1. P. — in den wenigen Fällen 18 Weitere Beispiele für Autorenpl.; Aelfric, Sermo in Natale Unius Confessoris : Hunc sermonem nuper rogatu venerandi episcopi Athelwoldi, scilicet Junioris, Anglice transtuli»»/. . . 2 1 3 . iv); Beda: e quibus unum quod inter alia retulit miraculum, praesenti nostrae Historiae inserendum credidiwwx (214. i. 388); Orosius (vgl. 1 5 1 . 52); vgl. Bosworth-Tolhr s. v. wt II 1. 19 Zwei Beispiele aus Beda sind bereits zitiert worden (s. o. S. 40 f.). Ähnlich bleibt im 17. Jahrhundert in der Schlußformel oft noch thy erhalten, wenn es im Brief selbst nicht mehr verwendet wird.

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wo er überhaupt auftritt — als soziativer PI. anzusprechen ist. Es ist dabei von besonderer Bedeutung, daß die Dokumente von hochgestellten Persönlichkeiten (bis hinauf zu König Alfred) stammen. Von irgendeiner Entwicklung zum PI. reverentiae in der Volkssprache — sei sie autochthon oder von außen her in Gang gebracht — ist also nichts zu bemerken. Die lateinischen Belege zeigen, daß in den Briefen des Papstes und zum Teil auch in denen der Könige, sich der Majestätspl. und zum Teil der PI. reverentiae mit einer gewissen Regelmäßigkeit findet. Von Kurie und königlicher Kanzlei abgesehen, scheint aber auch im Lateinischen der PI. ι. P. wie der PI. 2. P. ziemlich selten zu sein, mit der möglichen Ausnahme Aelfrics am Ende der ae. Zeit. Ein kurzer Blick auf die Verhältnisse im Althochdeutschen und in anderen germanischen Sprachen mag Entsprechungen und Abweichungen erkennen lassen, aus denen sich Folgerungen allgemeiner Art ergeben können. In erster Linie muß es freilich bei einem Vergleich des lateinischen Gebrauchs bleiben, denn außer für das Althochdeutsche fehlen in der hier behandelten Zeit die volkssprachigen Belege. Aus Jordanes wie aus Cassiodors Variae geht hervor, daß am gotischen Königshof der PI. maiestatis üblich war. So schreibt Theoderich an Kaiser Zeno (Jordanes § 290): Quamvis nihil deest nobis imperio vestro famulantibus, tarnen, si dignum ducit pietas vestra, desiderium met cordis libenter exaudiat.

Aus dem Edictum Theoderici: Quaerelae ad nos plurimae pervenerunt . . . usw.

(103. 23)

Aus den Variae geht hervor, daß in Briefen an Fürsten der PL mit dem Sg. wechselte, dagegen in Schreiben an Beamte der PL maiestatis herrschend war (527. i. 121). Auch die späteren Ostgotenkönige verwenden weitgehend den Pl. (103. 23). In der Lex Romana Visigothorum „singularis non invenitur" (103. 25). Bei dem Burgunderkönig Gundebald findet sich ebenfalls nur der Pl. (103. 24). Bei dem Vandalen Gelimer dagegen findet sich nur der Sg. Ehrismann (527. i. 123) zeigt aber, daß Procop (aus dem die Beispiele stammen) klassischem Vorbild folgt, und nie den PL verwendet. Bei den Merowingern ist ab Chlodwig (481—511) der Pl. maiestatis die Regel, und „appelatur generaliter Chlodoveus ,vos'" (103. 26)! Die Karolinger haben das Formelwesen der Merowinger übernommen: Karl d. Große zeigt in seinen Schreiben fast nur den Pl. maiestatis (527. i. 127) 20 . 20 „Exempla singularis numeris tarn rara sunt, ut vix operae pretium sit, de singulis disserere" (103. 33).

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50 bleibt es auch bei den N a c h f o l g e r n Karls. I n den Schreiben L u d w i g des F r o m m e n findet sich überhaupt kein S g . mehr, und in die Z e i t L u d w i g des Deutschen fällt der erste Beleg eines eindeutigen PI. reverentiae in einer germanischen Sprache: E s ist der berühmte — und o f t verwünschte — „ F l e c k i m G e w ä n d e der deutschen S p r a c h e " 2 1 , das ir in Otfrieds Widmungsschreiben an den Bischof Salomo v o n K o n s t a n z . 51 salida gimüati Salomones güati, ther bfscof ist nu ddiles Köstinzero s6dale Alio guati gidüe, thio sin, thio biscofa er thar häbetin, ther inan zi thiu gilädota, in höubit sinaz zuiualt Ldkza ih therera büachi in sentu in Süabo rihi, thaz ir irklaset ubaräl, oba siu früma uuesan sea Oba ir hiar findet iauuiht th6s thaz uuirdig ist thes Idsannes: . . .

S! AI L.

Für die althochdeutsche Zeit ist das Belegmaterial z w a r reicher als f ü r das A E . , allerdings auch nicht sehr umfangreich. Beachtlich ist aber d o c h der lateinische PI. G e b r a u c h e t w a i m Waltharius, w o am H o f e Etzels die Etikette streng beobachtet w i r d , w ä h r e n d sich am H o f e Gunthers alles duzt (527. i. 13 5 ff.), und vielleicht ist es auch schon ein Zeichen einer sich neu anbahnenden Z e i t , daß zwischen Walther und Hiltgunt das Du nicht mehr ausnahmslos herrscht, sondern daß sie ihn bisweilen mit einem vos anspricht (vgl. S. 85). D i e Quellen der althochdeutschen Zeit sind in ihrer teilweisen A b h ä n g i g k e i t v o n klassischen V o r b i l d e r n natürlich v o n unterschiedlichem W e r t f ü r eine Erkenntnis des Sprachgebrauchs der Z e i t 2 2 . Ehrismann k o m m t aber auf G r u n d seiner Untersuchungen d o c h z u f o l g e n d e m Schluß: „ E s läßt sich also aus den Geschichtswerken nur das allgemeine Urteil gewinnen, daß seit d e m 9. Jahrhundert der PL reverentiae auch in der mündlichen R e d e gebraucht w u r d e . . ( 5 2 7 . i. 134). D a s aber ist ein klarer Unterschied zwischen deutschen und englischen Verhältnissen. A l s O t f r i d seine W i d m u n g mit dem h ö f l i c h e n PI. ir abfaßte (863—71), beginnt K ö n i g A l f r e d ( p . 873) sein Testament i m S g . mit den W o r t e n : Ic Melfred cjngc . . .23. 21 Der Ausdruck „Fleck im Gewände der deutschen Sprache" stammt von J. Grimm. 22 Einzelheiten bei Ehrismann (527.1155 ff.). Den Quellenwert der Altdeutschen Gespräche würde ich nicht zu hoch veranschlagen; Übersetzungen können nur mit großer Vorsicht als Zeugnisse gewertet werden. Über ein Beispiel, wo ein scheinbar „echtes" Zeugnis sich als wortwörtliche Übersetzung einer französischen Quelle herausstellt, vgl. S. 94'. 23 Die Fortsetzung des Textes zeigt, daß es sich nicht um das formelhafte Ego vor dem Königsnamen handelt, das in den Urkunden der Frankenkönige auftritt (MGHdipl. I; 527. i. 121).

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Im Althochdeutschen ist es nun nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der PL reverentiae allgemein durchsetzt und zum Standesp). wird (oder ist er es schon bei Otfrid?), im A E ist der ursprüngliche germanische Zustand noch bewahrt. Aber auch die lateinischen Quellen in den einzelnen Ländern zeigen Unterschiede, die schon Sasse aufgefallen sind: Einmal ist darauf hinzuweisen, daß der englische Sprachraum unter seinen Belegen überhaupt nicht sehr häufig vertreten ist, dann aber fällt auf, daß er zwei seiner Belege im Sg. besonders charakterisiert. So meint er, der häufige Sg. in den Schreiben Alcuins erkläre sich „familiaritate" (103. 35) und noch in einer späteren Zeit wird die Sg. Verwendung so erklärt, wenn Wilhelm II. an Kaiser Heinrich IV. im Sg. schreibt: „fortasse familiaritate cum Heinrico coniunctus" (103. 40). Nimmt man die übrigen Beispiele für fehlenden oder seltenen PL Gebrauch (Augustinus, Bonifaz, Wechsel zwischen Sg. und Pl. bei den englischen Königen), so ist vielleicht eine andere Erklärung wahrscheinlicher: Das unterschiedliche Vorkommen des Pl. erklärt sich aus dem verschiedenen Abstand von und der verschieden starken Bindung an Rom; es spricht damit zugleich dafür, daß Rom direktes Vorbild für die Pl. Verwendung in den germanischen Einzelsprachen war. Die Karolinger können bereits festgewordenen Kanzleigebrauch weiterführen, und durch die Zentralisierung des Reiches — und durch die Tatsache, daß ein Kaiser an der Spitze des Reiches stand (dem Caesar, d. h. Kaiser, „zu Ehren" soll ja der Pl. eingeführt worden sein), die Ausbreitung fördern. England dagegen lag abseits. Vor allem aber fehlte ihm die Zentralisierung. Mag auch der PI. im Britannien des 5. Jahrhunderts vor der Ankunft der Germanen üblich gewesen sein, Hengest und seine Mannen kannten ihn kaum auf dem Kontinent, und von den Kelten und Römern in ihrer neuen Heimat übernahmen sie ihn sicher nicht. Die Gemeinschaften der Eroberer waren zunächst klein, in Verbindung sind sie zwar mit der alten Heimat auf dem Kontinent, aber untereinander kommt es nicht zu größerer Reichsbildung; vor allem ist nicht an Schriftverkehr und Kanzlei zu denken. Die ersten Einflüsse, die zu einem Pl. Gebrauch führten, sind sicher von der Kirche, von den Papstbriefen ausgegangen; in der Kirche aber war der Majestätspl. nicht so ausgeprägt wie im weltlichen Bereich. Als es zur Ausbildung größerer Staatsgebilde kam (East Anglia, Wessex usw.), fehlte weiterhin eine wesentliche Voraussetzung für den Übergang vom Pl. aus den Formeln der Kanzleien in die Umgangssprache: Am fränkischen Hof war Latein Verkehrssprache — das war ja allein durch die Verbindung des germanischen und romanischen Bevölkerungsteils schon gegeben (von der karlischen Renaissance ganz zu schweigen), in England blieb Latein vorläufig Hilfssprache und der größte König

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der ae. Periode, Alfred, übersetzte selbst lateinische Werke in die Volkssprache. Verglichen damit wirken die volkssprachigen Bestrebungen Karls des Großen „akademisch"24. Wesentlich ist bei allen Bestrebungen Karls die bewußte Hinwendung zur Antike bzw. die bewußte Pflege des Deutschen neben dem Latein: „Nur aus dem Bewußtsein, daß seine Franken Erben der römischen Reichsidee geworden waren, konnte er auch ihre Leistungen welthistorisch wichtig nehmen, ihre Lieder neben Virgils Aeneis stellen" (De Boor Lit. Gesch., I. 39). „Antike und Christentum an der Wiege der deutschen Sprache" heißt es schlagwortartig26. Ebenso stehen beide Kräfte an der Wiege der englischen Sprache, allerdings werden sie auf andere Weise wirksam. Das vos der Antike (Kaiserreich) und des Christentums (Kurie) war ursprünglich eine zufällige, fast belanglose Dreingabe zu all den Patengeschenken an die germanischen Sprachen. Es wurde übernommen, ohne daß man seine innere Bedeutung erkannte; daß man es ä u ß e r l i c h nachahmte, ist wohlverständlich, war es doch Bestandteil des Kanzleiformulars, und die rechte Verwendung der Formeln, das war von der ältesten bis zur neuesten Zeit für jeden von Bedeutung: auch in der Zeit Karls des Großen gab es ein „Protokoll", das es einzuhalten galt, und man sollte deshalb nicht von vornherein sagen, daß der Anredepl. „von knechtischer Gesinnung" zeuge (533. 248.) Einmal übernommen, begann der PI. aber wirksam zu werden, und er konnte wirksam werden, weil er der Gesellschaftsgliederung entsprach, die sich langsam ausbildete, nachdem die Hinwendung zu Rom eine (unbewußte) Aufgabe bestimmter germanischer Gesellschaftsideale bedeutete. Aber die Geschichte der PL Anrede folgt nicht einfach der Geschichte der Gesellschaft, sondern die neugeschaffene Entsprechung von Sprache und Gesellschaft, nämlich das Prinzip der Abstufung, wirkt nun auch umgekehrt auf die Gesellschaft zurück, wird zu einer — wie mir scheint oft recht wesentlichen — Kraft in der ständigen Auseinandersetzung um diese Abstufung, die bis zum heutigen Tage weitergeht. 84 De Boor {Lit. Gescb., I. 37) spricht von „aufklärerisch anmutendem Bildungsoptimismus". 24 Frings, Grundlegung, S. 44fr. Für England ist natürlich auch mit irisch-keltischem Einfluß zu rechnen; für die Anrede ist er wohl nicht von Bedeutung.

IV. MITTELENGLISCHE ZEIT Kultur führt zu allerlei Zwietracht; Sittenverfeinerung veranlaßt die wundersamsten Anomalien. Die Verhandlung in Schriften darüber geht oft nur allzufrüh, aber auch manchmal sonderbar spät vor. . . . Die Römer und Griechen, die gescheutesten und kultiviertesten Völker der Erde wußten nichts von diesem SchnickSchnack, ließen sich auch (in ihren glücklichen Zeitaltern) von keinem Sprach-Verderb ähnlichen Schlags nur träumen . . . Sie Uber Du (1786) (518. 1; 5) And Frenssh she spak ful faire and fetisly, After the scole of Stratford atte Bowe, For Frenssh of Paris was to hir unknowe. . . . And peyned hir to countrefete cheere Of court and been estatlich of manere, And to ben holden digne of reverence. Chaucers Prioresse, C. T., Pro/., 124fr.

§ Ii. Allgemeines. Erstes Auftreten des Anredeplurals Welch ein Abstand zwischen der neuen Zeit mit ihrem SchnickSchnack des Komplimentierens in der Sprache und Gebärde und der „guten alten Zeit" eines Beowulf, als jeder den anderen mit dem einfachen Gruß „wies £>u hal" ansprach I Zu Chaucers Zeit ist man auf sein und des anderen Benehmen genau bedacht, am Benehmen und an der Sprache erkennt man den Stand und berücksichtigt ihn mit entsprechender Sprache und Gebärde; auch Chaucers Wirt, Harry Bailly, weiß, was sich gehört; er ist mit der Etikette seiner Zeit vertraut und so würdigt er die Prioresse, die ja darauf bedacht ist, „digne of reverence" gehalten zu werden, einer entsprechenden Anrede, als er sie auffordert, eine Geschichte zu erzählen: But now passe over, and lat us seke aboute, Who shal now telle first of al this route Another tale; and with that word he sayde, As curteisly as it had been a mayde, „My lady Prioresse, by your leve, So that I wiste I sholde yow nat greve, I wolde demen that ye teilen sholde

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A tale next, if so were that ye wolde. N o w w o l ye vouche sauf, my lady deere ?" „ G l a d l y " , quod she, and seyde as ye shal heere 1 . C. T., v n 422ff ( B i 6 } j f f . )

Chaucer zeigt in all seinen Werken eine äußerst kunstvolle Verwendung der Personalpronomina, und zwar sowohl des Standespl. und Sg. als auch des affektischen Pronomengebrauchs, und es dürfte kaum zweifelhaft sein, daß seine Verwendung der Umgangssprache entspricht und nicht eine literarische Eigentümlichkeit etwa im Anschluß an französische Vorbilder ist (Näheres vgl. § 17). Eine so feine Abstufung entsteht natürlich nicht von einem Tag auf den anderen. Es muß deshalb zunächst nach den Anfängen der PI. Verwendung gefragt werden. Dabei stößt man aber auf eine Reihe weiterer Fragen, die — wenigstens ungefähr — zuerst beantwortet werden müssen. Die ersten eindeutigen Belege eines PI. reverentiae findet Kennedy in der zweiten Hälfte des i}. Jahrhunderts, also erst 200 Jahre nach der normannischen Eroberung (147. 85). Es finden sich zwar eine Reihe von Vorformen, die sich aber alle leichter und natürlicher als soziative PI. in verschiedener Ausformung erklären lassen: Auf die Verwendung von Sg. und PI. in der Predigt und der Anrede an den Leser ist bereits 1 a) In unserem Zusammenhang ist es kaum von Bedeutung, ob die Charakterisierung der Prioresse durch Chaucer ironisch (oder sogar satirisch) gemeint ist oder nicht, und o b besonders das Französisch aus Stratford atte B o w e eine besondere Bedeutung hat. Allmählich hat sich darüber eine recht umfangreiche Literatur entwickelt, auf die hier nicht eingegangen werden soll. (Vgl. bes. W . Fischer, Die französischen Sprachkenntnisse von Chaucers Priorin, FS. Hoops, Heidelberg 1925; und die Anmerkung Robinsons zu Prot. n8ff.). b) Das angeführte Zitat scheint mir (von allen Unterschieden möglicher Interpretationen abgesehen) die Hauptpunkte der mittelenglischen Entwicklung der Anrede zu enthalten: (a) Französisch ist die beeinflussende Sprache; (b) Betonung der gesellschaftlichen Stellung (digne of reverence): Feudalsystem; (c) countrefete cheere of courte (NB.: countrefete — ne. imitate, nicht counterfeit): Die Entwicklung vollzieht sich durch Nachahmung der Hofsprache. c) Die Kapitelüberschrift „Bihoold the murie Wördes of the Hoost to the Shipman and to the lady Prioresse" weist wohl auch darauf hin, daß man Harry Baillys Worte als für die jeweils angesprochene Person sehr passend empfand. Die Worte an die Prioresse werden gerade durch den Gegensatz zum Vorhergehenden so wirksam und charakterisierend: Wei seyd, by corpus dominus, quod oure Hoost, „ N o w lange moot thou saille by the cost, Sir gentil maister, gentil maryneerl G o d yeve the monk a thousand last quade yeer! A ha I felawes, beth war of swich a jape! The monk putte in the mannes hood an ape, A n d in his wyves'eek, by Seint Austyn! Draweth no monkes moore unto youre in. . . . V I I 43 5 ff. (B 1625 ff.)

4 Finkenitacdt, You

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hingewiesen worden (vgl. S. 3 6 ; Kennedy 1 4 7 . 8of.; Pronoun of Confessional and Pulpit). Wie gezeigt wurde, hat diese Verwendung mit einem Höflichkeitspl. nichts zu tun, mit einem Standespl. schon gar nichts. Eine zweite Gruppe, aus der Vorgeschichte der Pl. Anrede im Griechischen und Lateinischen bereits wohlbekannt, stellen jene Belege dar, in denen ein einzelner als Repräsentant des Staates oder der religiösen Gemeinde usw. angesprochen wird, also Anreden an Kaiser und K ö n i g , Papst und Bischof. Kennedy kann sogar an einem instruktiven Beispiel aufzeigen, daß im Alliterative Life of St. Katherine ( E E T S os. 80) der Wechsel zwischen Sg. und Pl. in der Anrede des Kaisers an Katherine dem Wechsel in der lateinischen Fassung genau entspricht; man also nicht auf den englischen Sprachgebrauch der Zeit schließen darf 2 . In der dritten Gruppe wechseln Sg. und Pl. in Formeln, so daß wiederum keine Schlüsse auf die Umgangssprache gezogen werden können 3 . E s bleiben aber in den Texten des 13. Jahrhunderts eine Reihe v o n Stellen, in denen sich die Verwendung des Pl. tatsächlich nur als Pl. reverentiae oder Standespl. erklären läßt. Die ersten Belege findet Kennedy in Genesis and Exodus, das um 1 2 5 0 entstanden ist 4 , und wenig später treten die Belege recht häufig im South English Legendary und im Cursor Mundi auf. Bei dieser rein faktischen Feststellung hat man es meist belassen: „Der Gebrauch der PI. Form als höfliche Anrede beginnt in England gleichzeitig wie in Frankreich im 13. Jahrhundert. Bis zum Ende der me. Zeit hat sie sich so verbreitet, daß — nach Ausweis der Literatur — die höheren gebildeten Gesellschaftsschichten in formeller Rede unter sich stets den PI. gebrauchten; . . . " Brunner, Englische Sprache ; ii. 96 s E s muß zunächst die Frage gestellt werden, ob das erste A u f treten in den literarischen Denkmälern mit dem tatsächlichen A u f 2 Der Kaiser „doubtless thinks of Katherine as a representative of her sect when he addresses her with the plural pronoun" (147. 82). 3 Kennedy (147. 84) weist als Beispiel hin auf das Orrmulum: „]pat witt tu wel to sojpe . . . . her haebbe icc shaewedd )un> summ del" (1124—30; 4980—82; 5620— 24; 8714—20 usw.). Formelhafte Verwendung fand sich ja schon im Lateinischen (Sg. am Schluß von Papstbriefen), und wird uns noch mehrmals begegnen. Uber die Formel als Zwischenglied von Wort und Satz vgl. die Diss, von Leutz (545.). 4 E E T S os 7: auch vom M E D wird das Werk um 1250 datiert. 5 Diese Formulierung beschränkt sich auf das rein Deskriptive, berührt mit keinem Wort die viel wichtigere Frage, w a r u m die Entwicklung so erfolgt, abgesehen davon, daß die Entwicklung in Frankreich in Wirklichkeit bedeutend früher einsetzt. Es muß betont werden, daß Kennedy in seiner Arbeit ausdrücklich darauf hingewiesen hat, daß der semantische Aspekt der Frage Sg. und PI. der wesentliche sei; er glaubte allerdings (vor dem ersten Weltkrieg) daß für eine historische und semantische Arbeit das Material nicht genüge. Trotzdem gibt er am Schluß einige

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treten der PL Anrede in der Umgangssprache mehr oder weniger zusammenfällt. Die Beantwortung wäre leicht, könnte man Belege der Umgangssprache als Beweis eines früheren Auftretens des PI. heranziehen. Solche Belege sind bisher nicht gefunden worden; die recht zahlreichen kurzen englischen Brocken, die sich in historischen Quellen zufällig erhalten haben, enthalten unglücklicherweise keine verwertbare pronominale Anrede®. Der erste Beleg aus der Umgangssprache, den wir beibringen können, stammt aus den ersten Jahren des 14. Jahrhunderts (vgl. § 15), wobei allerdings zu bemerken ist, daß noch keineswegs alle Quellen durchforscht bzw. zugänglich sind. Die allgemeine Wahrscheinlichkeit spricht dagegen, daß sich der PI. reverentiae sehr viel früher in der englischen Umgangssprache ausgebildet hat. Es fällt auf, daß vom ersten Auftreten an der PI. reverentiae so beständig um sich greift, daß — stellt man sich die Verwendung als Kurve eines Diagramms vor — der O-Punkt nicht lange vor dem ersten Auftreten in den Texten liegen wird. Natürlich ist dies nur die bildhafte Verdeutlichung einer Hypothese, kein Beweis. Es ist aber doch sehr unwahrscheinlich, daß der Anredepl. lange vor 1250 in England üblich war: die überlieferten Texte enthalten nicht die geringste Spur davon; isolierte Vorläufer fehlen völlig. Allgemeine Erwägungen über die Geschichte und Sprachgeschichte nach 1066 können die Wahrscheinlichkeit unserer Hypothese sehr erhöhen, so daß eine weit festere Basis gewonnen wird, als es zunächst scheint. Auffällig ist natürlich, daß der PI. reverentiae in England so spät auftritt. In Frankreich wie in Deutschland hat er sich sehr viel früher durchgesetzt. Ist man der Ansicht, daß lateinisches Hinweise, wie er sich das Eindringen der PI. Anrede vorstelle, und betont dabei mit Recht, daß es sich um eine Erscheinung der Umgangssprache handelt, nicht um einen literarischen Einfluß (147. 90 f.). β Ein berühmtes Beispiel stammt aus Erzählungen über die Vorgeschichte der Ermordung Beckets. Eine Frau ruft ihrem Gatten zu: „Huge de Morevile, ware, ware, ware, Lithulf heth his swerd adrage" {Rolls Series 67, i. 128), zitiert u. a. von R. M. Wilson 247. 5 5). Imperative des Sg. und PI. werden schon früh vereinheitlicht und lassen deshalb keinen Numerus mehr erkennen, man hätte sonst einen Beleg a 1200. Bei seiner Rückkehr von Irland (1172) wird König Heinrich II. mit den Worten „ G o d holdere, cuning" angesprochen; auch dieser Beleg scheidet aus. Der Sprecher war „ a man of wild appearance who claimed to be the bearer of a message to the king from Christ himself on the proper observance of Sunday" (247. 45 nach Giraldus Cambrensis). Entweder war der Mann „of wild appearance" aus den unteren Schichten, dann kann sein Sg. nicht verwundern (der PL wäre interessant gewesen!), wahrscheinlicher aber ist, daß es sich bei diesem merkwürdigen Propheten um den formelhaften Sg. der Kanzel, Prophezeiung und des Grußes handelt. Daß der König am Ende des 12. Jahrhunderts gewöhnlich mit dem Sg. angesprochen wurde, halte ich für wahrscheinlich. Auch das „wessail", das zur gleichen Zeit als Trinkspruch der englischen Studenten in Paris belegt ist (zit. bei 247. 43 f.), besagt als Formel natürlich nichts über den Gebrauch in der gewöhnlichen Rede. 4«

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Vorbild wirksam war, so kann doch eine Verzögerung von 400 Jahren gegenüber Deutschland nicht durch eine alle Spracheinflüsse hemmende Wirkung des Ärmelkanals erklärt werden 7 , und glaubt man französischen Einfluß am Werk, müßte man eigentlich erwarten, daß sich nach der normannischen Eroberung solche Wirkung der Eroberersprache rascher fände. Das späte Auftreten der PI. Anrede wird aber verständlich, wenn man die besonderen Verhältnisse Englands nach der normannischen Eroberung berücksichtigt. § 12. Exkurs:

Engländer und Franzosen nach 1066

Um den größeren Rahmen zu zeigen, in den die Entwicklung der PL Anrede in England zu stellen ist, soll hier kurz auf die Sprachsituation nach der Eroberung hingewiesen werden. Es wird damit allerdings ein umstrittenes Gebiet betreten, und man findet noch immer eine „englische" und eine „französische" Partei. Diese vertritt die Ansicht, die englische Sprache sei zunächst sehr unterdrückt worden, jene warnt vor der Überschätzung französischer Einflüsse8. Beide Seiten können zahlreiche Zitate aus Literatur und Geschichtsquellen für sich ins Feld führen, übersehen dabei aber manches, was gegen sie spricht. Es ist bezeichnend, daß die letzten Vertreter der „Parteien" ausdrücklich darauf hinweisen, daß die Belege meist nicht eindeutig interpretiert werden können®. Die Frage darf nicht in der allgemeinen Form gestellt werden, „Sprach man Englisch oder Französisch?", sondern sie muß soziologisch und nach Sachgebieten differenziert werden. Daß der einfache Mann auf dem Lande im Norden Englands sich nicht um französischen Wortschatz bekümmerte, ist selbstverständlich. Was interessiert ist, ob und wo Zweisprachigkeit zustande kam, aus der erst die neue Sprache hervorgehen konnte, von der J. Grimm sagt; „Ihre ganze überaus geistige, wunderbar geglückte Anlage und Durchbildung war hervorgegangen aus einer überraschenden Vermählung der beiden edelsten Sprachen des späteren Europas". {Über den Ursprung d. Sprache, 613. I. 29}). Die Lage wird aber noch weiter kompliziert durch das Latein, das als dritte Sprache wirksam war. Es soll an einigen Beispielen gezeigt werden, wie die drei Sprachen in der me., vor allem der frühme. Zeit verwendet wurden. Daß die normannische Eroberung keinen vollständigen Bruch mit der Vergangenheit bedeutete, ist heute allgemeine Ansicht. Einerseits war bereits durch enge Bindung an Frankreich unter Eduard dem Bekenner der Boden bereitet, andererseits wahrte Wilhelm der Eroberer bei aller Konsequenz der Normannisierung der Staats- und Kirchenführung die Kontinuität der angelsächsischen Entwicklung, wo er konnte. Besonders deutlich Eine solche Hemmung besteht in Wirklichkeit gar nicht. Für die französische Partei vgl. Vising (255.), für die englische Baugh (76.). Eine gewisse Zusammenfassung bringt R. M. Wilson (247.); für die französische Partei Legge (239.). Es ist bezeichnend, daß sich der Gegensatz der Parteien auch auf die literarische Interpretation erstreckt; vgl. R. W. Chambers, The Continuity of English Prose, R. Μ. Wilson The Lost Literature of Mediaeval England; dgg. A. A . Prins: French Influence on English Phrasing. 9 Bei R. M. Wilson heißt es: „ A good deal of the evidence given above is, to say the least, somewhat ambiguous" (247. 60), und Miss Legge sagt (über die Sprache der Kirche): „The evidence, as so often in the Middle Ages, is conflicting, and all depends upon the interpretation" (238. 90) und „The whole position regarding everyday intercourse is confusing" (239. 166). 7

8

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zeigt sich das auf dem Gebiet der Rechtspflege, wo die „guten alten Gesetze" König Eduards weiterhin — wenigstens theoretisch — die Rechts vorstellungen bestimmten10. Es ist bezeichnend für Wilhelms Politik, daß seine ersten Verfügungen nicht in französischer, sondern in lateinischer und altenglischer Sprache erlassen wurden. So heißt die älteste, erste Urkunde Londons: „Willelm kyng gret Willelm bisceop and Gosfregd portirefan and ealle J>a burhwaru binnan Londone, Frencisce and Englisce, freondlice. And ic cyde eow, J)art ic wylle, J>a:t get beon eallra J)a:ra laga weorde, J>e gyt waaan on Eadwerdes dxge kynges. And ic wylle, J)xt selc cyld beo his fa:der yrfnume sefter his fieder dsge. And ic nelle gejjolian, ]pa:t aaiig man eow aenig wrang beode. God eow gehealde!" 11 Die altenglische Sprache wurde aber auch sonst weiterhin verwendet; man führte die Anglo-Saxon Chronicle weiter, und aus Anspielungen läßt sich manches erschließen, was auf das Fortbestehen einer literarischen Tradition hinweist; Denkmäler wie Owl and Nightingale oder Lagamons Brut zeigen, daß es ein Publikum für Literatur in englischer Sprache gab. (Einzelheiten bei R. M. Wilson 247.). Trotzdem folgt aus diesen Tatsachen noch keine enge Beziehung zwischen englischer und französischer Sprache, die ja in unserem Zusammenhang ausschließlich von Bedeutung ist. Man bedenke, daß im Lagamon A (c 1200) nur 80 französische Wörter vorkommen (in 32241 Kurzzeilen!), und daß sie überdies „often paticular terms" sind, die nur je einmal vorkommen12. Es kann m. E. durchaus eine Kontinuität der angelsächsischen Tradition neben einer entstehenden französischen bestehen, und es können auch Lehnwörter hinüber (und herüber I) wechseln, ohne daß der vorwiegend germanisch-englische beziehungsweise romanisch-normannische Geist verschwindet. Es ist doch bezeichnend, daß in den wenigen frühmittelenglischen Texten 13 sich der PI. reverentiae nicht findet. Er dringt erst ein, als die politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine wirkliche Vermischung der beiden Nationen und Sprachen gegeben waren. Die Urkunde Wilhelm des Eroberers für London war zwar auf AE. abgefaßt, doch die neue Herrschaft war in der getrennten Nennung von französischen und englischen Bewohnern der Stadt {ealle pa burhwaru binnan Londone, Frencisce and Engliste) klar ersichtlich. „The kings of the twelfth century in their writs address their 10 „The Normans were anxious not to emphasize the break with the past, and when they introduced some obvious innovation, such as trial by battle, they were careful not to enforce its use upon the conquered race" (243. 386). 11 Liebermann (224. i. 486). Von den fast 500 Charters aus der Zeit von 1066—1100 sind 19 in englischer, 9 in englischer und lateinischer, alle übrigen nur in lateinischer Sprache abgefaßt: es findet sich keine französische Charter. (Vgl. Woodbine 282 a. 405: der Aufsatz Woodbines bringt reiches Material zu den hier behandelten Fragen.) 12 Vgl. K. F. Sundin, Notes on the Vocabulary of Layamon's Brut, F. S. Ekwall (Uppsala 1942), S. 281—300; dort wird weitere Literatur zitiert. Solche „particular terms" deuten in erster Linie auf Sacheinflüsse. Lagamon Β fügt weitere 65 französische Wörter ein (obwohl er nur 23590 Verse umfaßt) und streicht zahlreiche „archaische" englische Wörter und Ausdrücke. 13 R. M. Wilson (247.) macht mit Recht darauf aufmerksam, daß aus dem gleichen Zeitraum auch nicht mehr französische Texte überliefert sind.

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subjects as .French and English'. The Great Charter (i. e. Magna Carta 1215) has nothing to say of French or Normans; the English alone are the recipients of John's concessions" (243. 1). Politische Voraussetzung dafür war die — wenigstens vorübergehende — Abwendung von der kontinentalen Politik (Schlacht bei Bouvines!), die auch bei den Normannen in England das Gefühl stärkte, daß England ihr Heimatland sei. Dadurch konnten sich auch die Gegensätze zwischen Engländern und Franzosen i m Land allmählich abschwächen 14 . Individuell war die Vorbereitung eines Ausgleichs schon gegeben, nämlich durch eheliche Verbindungen zwischen Normannen und Engländern. Wilhelm der Eroberer war mit Leuten gekommen, die sich eine neue Heimat suchten. Es ist zumindest wahrscheinlich, daß viele von ihnen Engländerinnen heirateten, während die Angehörigen der Oberschicht zunächst keine angelsächsischen Gattinnen nahmen, bis Henry I einen ersten Schritt zur Uberbrückung der Kluft zwischen normannischem und angelsächsischem Adel tat, als er die „Engländerin Edith" heiratete (243. 2). Gegen Ende des 12. Jahrhunderts berichtet der Dialogus de Scaccario (c 1179) davon, daß man — außer unter den Leibeigenen — Franzosen und Engländer kaum mehr scheiden könne, da es so viele „Mischehen" gebe. An einem bekannten Einzelfall zeigt sich, daß auch für die mittelenglische Zeit die Regel gilt, daß die Kinder die Sprache der Mütter annehmen: Ordericus Vitalis (1075—1143) war der Sohn eines Anglo-Normannen und einer Engländerin; daheim wurde E n g l i s c h gesprochen. (247· 47) 1 5 · Gleichzeitig werden solche Kinder sich auch Französisch als zweite Sprache vollkommen aneignen, da die normannischen Väter darauf bedacht sein werden, zumindest den Söhnen den Weg in die Gesellschaft zu öffnen, in der Französisch ja die offizielle Sprache ist. In den Kreisen der Oberschicht werden sie mit den feinen Sitten des französischen Lebens vertraut gemacht 16 , und auch die Bedeutung der PI. Anrede erfassen und sie analog in der englischen Sprache verwenden. Wer Französisch als Muttersprache hatte, wird — wenn er Englisch spricht — sowieso leicht you verwenden. Der Gedanke, daß dies you falsch sein könnte, wird ihm gar nicht kommen 17 . 14 Legge nennt die Abneigung gegen die kontinentale Politik von Henry II und die Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts als weitere wichtige Faktoren, die einen Ausgleich förderten, das Französisch zurückdrängten (239. 172). 15 Erfahrungen bei den Deutschkursen für Ausländer der Universität München haben mir gezeigt, daß die Männer sich bemühen, die Sprache ihrer Frauen zu lernen, umgekehrt aber die Frauen dazu neigen, bei ihrer Sprache zu beharren. Zugrunde liegt dieser Erscheinung wohl das tiefeingeborene Gefühl, daß man die Wiegenlieder nur in der „Mutter"-Sprache singen kann. 18 Vgl. die — allerdings aus späterer Zeit stammenden — Anstandsbücher, die Furnival in seinen „Manners and Meals" gesammelt hat (359·)· 17 Zu dieser analogen Übertragung lassen sich auch moderne Parallelen aufzeigen, freilich nur individuelle, nicht eine ganze Nationalsprache beeinflussende. Deutsche in England (etwa Anglistikstudenten) gehen unter dem Einfluß des englischen you schneller zur Anrede mit dem Vornamen und Du auch im Deutschen über als ohne diesen Einfluß. Ich habe mehrmals erlebt, daß ein Engländer oder Amerikaner, der mit zwei Deutschen, die sich untereinander siezten und mit dem Familiennamen ansprachen, „per Vornamen" verkehrte (was ja ganz gewöhnlich ist), dabei sozusagen als „Katalysator" wirkte. Umgekehrt stellen sich englische und vor allem amerikanische Studenten in Deutschland ganz auf Du, dann ganz auf Sie ein (oder umgekehrt), und lernen allmählich im Deutschen neue Möglichkeiten sprachlicher Distanz zwischen den Menschen, die sie freilich wegen der Struktur der englischen Sprache nicht in die Muttersprache übernehmen können.

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Die Übernahme einer neuen Bedeutung setzt im Gegensatz zur bloßen Übernahme eines (sachbezogenen) Fremdwortes (wie ζ. B. tower oder petticoat) eine genaue Kenntnis der belehnenden Sprache voraus. In den in die höhere Gesellschaft hineinwachsenden Kindern aus „Mischehen" kam es zu dem großen und natürlichen Einfluß des Französischen auf das Englische, zu der „überraschenden Vermälung der beiden edelsten Sprachen des späteren Europas": Voraussetzung dafür war die tatsächliche Vermählung von Angehörigen beider Nationen. Es dürfte kein Zweifel bestehen, daß eheliche Bindungen in erster Linie zwischen normannischen Männern und englischen Frauen geschlossen wurden, während umgekehrt natürlich nicht so viele Engländer Normanninnen heiraten konnten. Entscheidend war aber, daß durch die politische Entwicklung die Schranken zwischen beiden Volksteilen fielen. Solange innere Gegensätze das Land beherrschten, solange es — modern ausgedrückt —, Ressentiments gegen die Normannen gab, blieb der Einfluß trotz individueller ehelicher Verbindung zwischen den Nationen recht beschränkt. In diesem Zusammenhang kann auch darauf verwiesen werden, daß zahlreiche Äußerungen über die Sprachsituation der mittelenglischen Zeit deshalb nicht objektiv gewertet werden können, weil sie politisch beeinflußte Äußerungen sind, aus Ressentiments geboren oder aus Stolz; es handelt sich manchmal geradezu um Sprachpropaganda. Unsere Bemerkungen können wohl beitragen, das Prinzip der Übernahme des Anrede-Pl. zu erklären; eine vorliterarische Geschichte seiner Ausbreitung zu schreiben, erlauben sie nicht. Man kann nur aus einem sorgfältigen Vergleich der lateinischen, französischen und mittelenglischen Belege die allgemeine Tendenz der umgangssprachigen Entwicklung erschließen. Nur auf ein Gebiet läßt sich hinweisen, auf dem die Verwendung des PI. besonders deutlich erscheint, ja amtlich geregelt ist. Aus diesem Gebiet stammt auch unser erster Beleg für die Verwendung eines Standespl. in der Umgangssprache, nämlich aus dem Rechtswesen. § iß. Latein in der mittelenglischen Zeit Im Kanzleigebrauch verschwand das A E . bald; es wurde immer mehr durch das L a t e i n ersetzt, das lange Zeit die offizielle Sprache des Landes blieb, zumindest für die wichtigsten Rechtsgeschäfte des Staates, selbst als das Französische sich zu einem starken Konkurrenten entwickelt hatte: „ T h e rough rule was, Latin for the Great Seal and French for the lesser Seals" (239. 167). Wenn sich irgendeine Entwicklung der Pronomenverwendung feststellen läßt, dann ist es zunächst eine rückläufige: D e r unter den angelsächsischen Königen in den Verfügungen gebräuchliche soziative P L der 1. P. „volumus . . (vgl. § 8) tritt gegenüber dem Sg. zurück. Man darf darin wohl ein Anzeichen stärkerer königlicher Macht bzw. den Anspruch auf solche Macht sehen 1 8 . Dafür seien einige Beispiele gegeben: Wilhelm d. Eroberer: Willelmus . . . . Mando et praecipio . . . Willielmus rex Angliae (I) abbati de Burgo, salutern. Mando tibi et praecipio, ut permitto abbatem Sancti Edmundi . . . 18

(267. 13) (267. 32)

In der privaten Lets Willelmi, die 1100—1135 aufgezeichnet wurden, findet sich der PI.: Inhibemus etiam . . . franz. Text: Et nous defendun que . . . (276. 27).

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Mittelenglische Zeit 1087 Wilhelm II.: Willielmus, rex Angliae, . . . Praecipio ut tota terra abbatiae . . .

(267. 68)

1100 Heinrich I.: praecipio . . . (267. 7}) 1135 Stephan: Stephanus, lex Angliae, . . . Praecipio quod abbas et monachi Abbendoniae teneant et habeant omnes terras, . . .

(267. 143)

Auch Henry II verwendet den Sg. (267. 205) und Thomas Becket schreibt an Henry II im Sg. (267. 214) und ebenso an Robert, Earl of Gloucester (282. i. 11). Die Verwendung des Pronomens in der A n r e d e sei an dem Briefwechsel Lanfrancs, des ersten Erzbischofs von Canterbury nach der Eroberung aufgezeigt (260.): Fratri Lanfranco Berengarius. Pervenit ad me, frater Lanfrance, quiddam auditum ab Ingelcanno Carnotensi, in quo dissimulate non debui admonere diltctionem iuam. Id autem est, displicere tibi . . . (260. 17) Lanfranc an den Papst: Summo sanctae Ecclesiae pastori Alexandra Papae Lanfrancus indignus antistes canonicam obedientiam. — Nescio cui aptius calamitates meas cxplicem, quam tibi, Pater, qui ipsarum mihi calamitatum causa existis: . . . Caeterum quando Romae fui, vestramque faciem videre, pes/roqae colloquio frui, divina gratia concedente, promerui, rogastis me . . . (s. 19; z i ) Papst Alexander an Lanfranc: rtos — vos

(S.

ζηΐ.)

Lanfranc an Bischof Hildebrand: ego — vos

(S. 29)

Bischof Hildebrand an Lanfranc: nos — vos

(S. 29f.)

Papst Alexander an Wilhelm d. Eroberer: Rogamus etiam dilectionem vestram, ut ecclesiasticas personas ab injuria defendatis, yiduas et orphanos, . . . (S. 30 f.) Wilhelm d. E. an Papst Gregorius: Excellentissimo sanctae Ecclesiae pastori Gregorio, gloriosus gratia Dei Anglorum rex- et dux Normannorum Willelmus, salutem cum amicitia. Hubertus legatus trns (religiose pater) ad me veniens ex tua parte, me admonuit, . . . et quod reliquum est, per legatos Lanfranci archiepiscopi fidelis nostri, cum opportunum fuerit, transmittetur. Ora/f pro nobis, et pro statu regni nostri, quia antecessores vestros dileximus, et vos prae omnibus sincere diligere, et obedienter audire desidera/K»;. (S. 32) Lanfranc an Gregor: meist ego — vos. Litteras excellentiae vestrae . .. Et quidem (venerande Pater) verbis tuis calumniam ingerere nec volo, nec debeo . . . (S. 32)

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Thomas an Lanfranc: Ecce (Pater sanctissime) filius tuus ad it clamat, sed magis filia, Eboracensis videlicet Hcclesia, ad earn cui dispositione divine praesides, Ecclesiam,... postulat. . . Praecamur ergo, ut nobis duos episcopos dirigat paternitas vesira . . . Si placet igitur sanctitati veitrae ut juxta petitionem nostram nobis facere dignemini . . . Etgo viva/, et v a l e a r . . . (S. 55)

Lanfranc an Margareta, Königin von Schottland: ego — tu, am Schluß vos ; ab: Mitto glorioso viro tuo et tibi (I)

Lanfranc an Erzbischof Johan: ego — vos, celsitudo pestra

(S. 59f.)

(S. }6ff.)

Lanfranc an Roger: Lanfrancus Dei gtatia archiepiscopus dilectissimo filio et amico Rogerio comiti, salutem et benedictionem. Propterea rogo te, dulcissime fill, et carissime amice (S. 65)

Freundschaftliche Briefe mit tu auch an Gondulf und Anselm: (No. Ii, xlix,). Tadelnd findet sich ein Sg. im Brief lxiii: Lanfranc archiepiscopus Ο . . . abbati salutem . . . Fratrem Gregorium, monachum ttmm, volentem mare transire prohibuimus; et ad monasterium suum redire praecipimus, et praecipiendo compulimus. Tu non bene egisti, quod ipsi vagandi extra patriam licentiam concessisti . . . (S. 79)

Ähnlich auch im Brief lxv: Lanfrancus Hug . . . Litteras tuas, quas mihi per portitorem mearum misisti, suscepi, et legi, et displicuerunt mihi quaedam, quae in eis inveni. Non probo quod Papam Gregorium vituperas, quod legatos ejus spinosulos nominal, quod Qementem tot, et tantis praeconiis tarn propere exaltax . . . (S. 80 f.)

Die Briefe zeigen keine auffälligen Eigentümlichkeiten des Pronomengebrauchs: Sg. und PI. stehen nebeneinander, der PI. tritt in den Briefen an Papst und König und an die hohe Geistlichkeit auf, besonders wenn es sich nicht um persönliche Dinge handelt. In den freundschaftlichen, und den tadelnden Briefen herrscht ausschließlich tu. Es steht also Standespl. neben Affekt-Sg. Eine Abweichung vom allgemeinen europäischen Usus läßt sich kaum feststellen, und so bleibt es auch bis zum Ende des Mittelalters; das Lateinische zeigt mehr und mehr einfach eine Verwendung des Sg. und PI. wie die Volkssprachen: Richard II. sagt zum Earl of Arundel, über dessen Rede im Parlament er sich geärgert hatte: vador ad diaboluml

„Contemporaries were shocked." {History, 26 (1941), 229)

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(1402) Ein Ordensbruder zu Henry I V : E t est in illo conventu unus Magister in Theologia senex qui male loquitur de vobis, et dixit quod Ricardus bellabit contra vos, et dicit quod hoc est prophetatum (256. 391)

Henry Percy zu Henry I V : Debet homo sic exponere se periculo pro vobis et regno vestro, et non succuretis sibi periculo suo? E t iratus dixit sibi Rex: Tu es proditor.

Das erinnert schon an die später geradezu formelhafte Verbindung: „Thou art a traitor!" Daß die lateinische Sprache bei der Ausbreitung des PL nicht führend war, sondern ihrerseits beeinflußt, scheinen Stellen zu zeigen, in denen die lateinische Fassung im Pronomengebrauch der volkssprachigen deutlich „nachhinkt", wie in den folgenden Beispielen: König Edward I zu Robert de Bruce: N e avonis ren autres choses a fer, que a vous reanis a genere ? Quod est dicere: Nunquid non aliud habemus facere, quam tibi regna lucrari. (239· 168)

Edward I schreit Anthony Bek an: Quasi caput concutiens, „Par le sank Dieu, vous aves bun chanti, quod est dicere, Per sanguinem Christi, tu bene cantasti . . . ibd.

Die beiden letzten Beispiele zeigen zugleich auch eine typische Erscheinung der Geschichtsquellen aus der mittelenglischen Epoche: immer wieder werden französische und englische Brocken in den Text eingestreut. All diese Stellen weisen natürlich darauf hin, daß nicht das Lateinische die Sprache des täglichen Lebens war, sondern eben Französisch oder Englisch. Ein weiterer Hinweis darauf, daß die lateinische Sprache traditionsgebundener war (oder sein sollte), zeigt sich bei einem wichtigen Rechtsstreit, in dem eine PL Anrede im lateinischen Text als „faux Latin" bezeichnet wird (vgl. § 15) 1 9 . Gesprochen wurde Latein sicher im kirchlichen Bereich. Man denke nur an das berühmte Beispiel der lateinischen Predigten des Giraldus Cambrensis, die alle begeisterten, auch wenn niemand sie verstand. Die Kirche ist ja auch deshalb Pflegestätte des Lateins, weil die theologischen Auseinandersetzungen in dieser Sprache geführt werden, und weder das Englische noch das Französische der Zeit die Möglichkeit bot, die feinen Unterscheidungen der Scholastik auszudrücken (vgl. Legge 238. 88). Aber, wie Miss Legge gezeigt hat (239. 19 Über lateinische Protokolle, zurückgehen vgl. § 15.

die auf

englische

Gerichtsverhandlungen

Mittelenglische Zeit

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165), drang auch in den kirchlichen Bereich das Französische ein. Am Hof schließlich war — wie allgemein bekannt — Französisch die herrschende Sprache; zunächst einfach deshalb, weil der Adel aus Frankreich stammte. §14.

Das Französische in der mittelenglischen Zeit

Was bei der Entwicklung der PL Anrede im F r a n z ö s i s c h e n auf dem Kontinent am meisten auffällt, ist das große Tempo, mit dem sie sich ausbreitet, wenn auch über die Einzelheiten des Vorgangs keine Klarheit zu gewinnen ist, weil eben literarische Denkmäler nie endgültigen Aufschluß über Sprachentwicklung geben können. Schon a. 1350 ist vous auch in der Anrede an Untergebene und die niederen Stände weit verbreitet (115. 16); vous hat sich bereits so sehr ausgebreitet, daß sogar Tiere häufiger im PI. als im Sg angeredet werden (115. 20) 20 , und bekanntlich wird im Altfranzösischen vous sogar in der Anrede an Gott gebraucht (115. 43). In den Schriften der Geschichtsschreiber ist es fast ausschließliches Anredepronomen (115. 84f.; 119. 23); zwischen 1350 und 1500 begegnet man in der Prosa einem tu nur noch sehr selten (118. 52). Diese Feststellungen gelten nicht nur für das Französische auf dem Kontinent, sondern genau so für das Anglonormannische; für die direkte Rede ebenso wie für Brief und literarische Denkmäler 21 . Aus zwei Brief- und Formularsammlungen läßt sich die Verwendung der Pronomina im Anglo-Normannischen gut entnehmen. Tanquerey (254.) zeigt, wie die Anglonormannischen Briefe im Laufe des 13. Jahrhunderts zunehmen. Seine Einleitung verdient ausführlich zitiert zu werden, da sie auch behandelt, w e r französisch oder lateinisch schrieb: „ L e clcrge rigulier ou seculier emploie le latin ou le frangais; le latin pour les affaires strictement officielles ou pour la correspondence entre clercs. On remarque cependant ä partir de 1280 un certain nombre de lettres de cette seconde categorie Perkes en frangais, et leur nombre nous a paru considerable surtout vers 1530. II arrive aussi, mais plus rarement, que le franjais est emρίογέ pour des lettres officielles ; mais il nous a semble que le franjais n'a jamais sirieusement menace l'existence du latin sur ce point; c'est du moins l'impression que nous a laisse la lecture de l'Ancient Correspondence (in der Public 20 Das ist ein Zeichen, daß vous kaum mehr Standespl. war; es war auf dem besten Weg, alleiniges Anredepronomen zu werden. Etwas ganz anderes ist die PI. Anrede von „Hunden großer Herren" durch die Lakaien im Deutschland des 18. Jahrhunderts (525. 328). 21 Ein besonderes Problem stellt der häufige Wechsel von Sg. und PI. in der Rede, oft im Satz, dar. Darüber vgl. Nyrop (117. v. 223), Suchier (120. 8 f.), Menger (251. 115), Vising (255. 30), Ganter (IIJ. 26).

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Mittelenglische Zeit Record Office). Quant aus barons, leur langue habituelle est le fran^ais; on trouve, il est vrai, un certain nombre de lettres en latin, mais il est relativement peu considirable et cette langue n'est employee que pour les affaires of ficielles les plus graves. Nous croyons que sur ce point, l'usage des maires, municip a l s , corporations, etc. se rapproche plus de celui des eccldsiastiques que de celui des barons: . . . " (254. vi). Beispiele aus der Sammlung Tanquereys: William de Valence an seine Frau (1267): William de Valence, seignor de Penbroc, a sa chere compaigne et amie, saluz. Sachez que nus vus enveoms Sir Robert de Inmer a garnir le chastel de Wyncestre de blez et de vivres, . . . (No. 2, S. 3) Sheriff Richard de Creppinges an Walter de Merton: Sachet, eher sire, ke plusurs larcins, roberies et homicides furent fet en le comte de Cumberland . . . Ke Deu vus gard, eher sire; vostre volunte a mey vostre si vus plet, voliez mander. (No! 9, S. 9 f.) Aline la Despencere an Walter de Merton: Sachet, eher sire, ke mun seignur le conte ad maunde a ces bailifs ke eus facent carier . . . (No. 10, S. 10) Richard, Bishop of Hereford, an Geffrey de Geynville (1283): Cher sire, joe vus prie ke vus ne en vueilliez mie tut ne aye jeo pas encore done a Nicholas, votre fiz, benefice de Seinte Eglise, kar il est encore de si tendre age, cum vus bien savez, ke joe ne Je purrai ( = purreie) mie encore fere aveke saine conscience; . . . (No. 33, S. 33)

Diese Beispiele dürften genügen, besonders wenn man hinzufügt, daß in Tanquereys Aufstellung der Konjugation die 2. P. Sg. n i c h t vorkommt. Die zweite Sammlung — Anglo-Norman betters and Petitions from All Souls MS 182 ist von Miss Legge als „happy hunting ground for everybody" herausgegeben worden (250. xviii): Petition (um 1400) W. R. und R. N . an den Chancellor: . . . que please a vostre gracieuse seigneurie . . .

(S. 2)

Henry I V an H., Bishop of Norwich (1404): Reverent pere en Dieu. Nous avons grande cause de nous merveiller de ce que vous n'avez rien volu faire par consideracioun de noz lettre ja tarde a vous adrecees, . . . (S. 4;) Richard II an Philipp, Duke of Burgundy:

(S. 47 f.)

nous . . . vous Henry (V) Prince of Wales an Alexander, Bishop of Norwich (1408): nous vous saluons tressouvent...

(S. 49)

Mittelenglische Zeit Richard II an den Treasurer Roger Waiden (1395): nous . . . vous

61 (S. 51)

Charles V I von Frankreich an Richard II (1392): Treschiere cousin, nous ... vous

(S. 53)

Robert Selby, Treasurer of Calais an Roger Waiden, Secretary

(i395) Mon treschiere et treshonuri sire et maistre, treshumblement de euer me recomande a vostre tresnoble et tresgracieux seignurie . . . (S. 54) Walter, Bischof v. Durham an Roger Waiden (1394): Treschier sir et tresfiable amy, nous escrisons a Roy nostre sovereign seignur par maner que s'ensuist: Mon tresredoubte et souverein seignur, je me recommande a vostre hault roiale magestee si avant et si humblement comme je scay et puisse . . . Sur quoy, nostre tresfiable amy, nous vous supplions si tresentierment de euer come plus pouons que pour le bon et hastif exploit des dites lettres . . . (S. 56) Roger Mortimer an Roger Waiden (1396): Treschier et tresamd sir,_/e vous mercie de trestout mon euer del grande tendresce et entier bien vuillance que vous aviz fait moustrt a moy . . . (S. 59) John of Gaunt an Richard II (1394): Mon treshonuri, tresredoubti et tressouverein seignur, je me recommandz . . . a vostre treshaute seignurie . . . (S. 63) John of Gaunt an Roger Waiden: Treschier et tresentierment bien ami nous vous saluons tressovent de tresentier euer, tresgrandement vous esmerciant de toute bone amistee quelle vous nous moustrdz en noz affaires devers vous . . . (S. 134) Henry (V) Prince of Wales an Henry I V : Mon tresredoubtd et souverain seignur et pere, je me recommande a vous si treshumblement et tresentierement de euer come je sai ou plus puisse, humblement requirant vostre gracieux benison. (S. 305) A n Gleichgestellte und Untergebene schreibt er nous . . . vous. Henry I V schreibt an seinen Sohn ebenfalls nous . . . vous (S. 299 ff.) Auch in dieser Sammlung findet sich nur die 2. P. PL Unterschiede in der sozialen Stellung werden durch den Wechsel zwischen Sg. und PI. d. 1. P. ausgedrückt, wie sich etwa in den Briefen des Prince of Wales Henry und ganz besonders deutlich im Brief des Bischofs von Durham zeigt, in den der Brief an den König eingefügt ist. Sehr schön zeigt sich in dieser Sammlung auch das Wuchern der Komplimente, das lateinischer Korrespondenz fehlt.

62

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Die Verwendung des Französischen als Umgangssprache, bes. des Hofes, ist bekanntlich gut belegt 22 . Es gilt nun zu prüfen, wann und wo die Voraussetzungen gegeben waren, daß Franzosen und Engländer sich so begegneten, daß Zweisprachigkeit entstand, und die Übernahme der PI. Anrede erfolgen konnte. Diese Übernahme ist ja viel tiefgreifender als bloße Aufnahme eines Lehnwortes. § //. Rechtssprache „ . . . no period of English history has witnessed more far-reaching changes or marked a more steady growth in the sphere of administration of justice than the twelfth century . . . nothing short of a revolution has taken place . . . " (243. 386). Das Jury-System, die Assizes, die Grundlegung des Common Law, die regelmäßigen Reisen der königlichen Richter, um in den Shires nach bestimmter Gerichtsordnung Recht zu sprechen, das sind die Hauptpunkte der Entwicklung. England besitzt wie kein zweites Land eine ununterbrochene Tradition nicht nur des Rechtes, sondern auch eine unvergleichlich vollständige Kette von Rechtsdenkmälern. Das Besondere dabei ist, daß es sich nicht um theoretische Abhandlungen handelt, sondern um die direkte Wiedergabe der Rechtssprechung selbst. Schon Bracton hatte um die Mitte des 12. Jahrhunderts eine Sammlung von „cases" angelegt und „as early as 1285 an ever memorable step was taken. Some one was endeavouring to report in the vernacular — that is, in French — the oral debates that he heard in court [Für ein caselaw ist ja die genaue Kenntnis der früheren Verhandlungen dringend erforderlich]. In 1293 a fairly continuous stream began to flow . . . What they [i. e. the reporters] desired was the debate with the life-blood in it: the twists and turns of advocacy, the quip courteous and the countercheck quarrelsome" (284. xivf.). Der große Rechtshistoriker F. W. Maitland sagt über diese sogenannten Year Books: „We fancy that learned men who explore the history of the French of Paris would sacrifice many a chanson de geste for a few reports of conversation that were as true to nature, as true to sound, as are our Year Books" (284. xvii). Der erste moderne Herausgeber der Year Books in der Rolls Series sagte 1885 über sie: „This field of philological research might almost be described as virgin soil. The Year Books are little if at all 22 Einzelheiten bei Legge (239.); „über Anglo-Norman in the cloisters" vgl. 238. Das beste Beispiel bietet Matthäus von Westminster (sub anno 1 3 0 1 ) : Der Erzbischof v o n Canterbury berichtet dem Papst, daß seine Briefe an Edward I vor versammeltem H o f e ausgehändigt wurden, „quas ipsas dominus rex reverenter recipiens eas publice legi coram omnibus et in Gallica lingua fecerat patenter exponi" (268. i. xlvi, note i).

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known to the philologists of the continent" (283. 1 ζ & ι 3 E d . III. xiv), und so scheint es auch heute noch weitgehend zu sein. Wenn auch die Reports der Verhandlungssprache entsprechend fast ausschließlich französischen Text bieten (über die Ausnahmen s. u.), so können wir aus ihnen doch allgemeinen und sogar für das Problem der Anrede besonderen Einblick in das sprachliche Leben auch des Englischen der Zeit gewinnen. F . W . Maitland hat den für uns entscheidenden Punkt herausgearbeitet — ohne natürlich seine besondere Bedeutung erkennen zu können. Niemand hat seine Feststellung bisher verwertet, obwohl sie bereits 1903 veröffentlicht wurde: „ A s may be supposed, some parts of the verb are commoner than others. Of a s e c o n d p e r s o n s i n g u l a r we can give no one example. Our lawyers sometimes called each other by their Christian names — for instance Toudeby might be addressed as Gilbert — but apparently the f a m i l i a r / « w a s n e v e r heard in court 2 3 . E s seien einige Beispiele aus dem Jahre 1 3 1 7 gegeben. Counsel Denham zu Counsel Passeley: Edmund jeo vus respoundrai

(284. 10 Ed. II., S. 16 f.)

Chief Justice Bereford sagt von Counsel Scrope: Geffray volet autre chose dire pur le Roy Darauf sagt Counsel Scrope: II nus semble que nus dioms asset24

(S. 45)

C. J . Bereford zu Counsel Denham: Johan.y« vus demande . . . etc.

(S. 69)

A b e r nicht nur die mündliche Rede zeigt einheitliche Verwendung der Anrede; für den schriftlichen Gebrauch gelten strenge Regeln, über die Seiden berichtet: E r spricht allgemein darüber, wie die PI. Anrede „is communicated to divers others which are not supreme" (280. 1 2 1 ) , und sagt: This is especially seen in the Writs of Parliamentary summons directed to such as are in England Lords of the Parliament, or called to sit, with the King and Lords, as Counsellors in Parliament (as the Judges of both Benches, 23

275. liii; von mir hervorgehoben. Noch am Ende des 17. Jh. reden sich die Richter mit Brother an (ζ. B. 282. x. 214), und auch heute noch heißt es „The Lord Chief Justice with his brothers Hilberry and Donovan, . . ." (New Statesman, 25. 6. i960, S. 930). 24 Der Vertreter des Königs (in den Year Books oft einfach als King bezeichnet) scheint stets nous zu verwenden; er überträgt also den Maj. PI. auf sich, da er tatsächlich für den König und das Reich vor Gericht spricht). Ebenso spricht der Justice oft nous, er spricht ja auch tatsächlich für die Richter. Der PI. des Richters hat sich in der französischen Gerichtssprache bis heute gehalten: „Nous Jean Dupont, juge d'instruction . . ." {Leb. Spr., 2 (1957), 172b).

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Mittelenglische Zeit Barons of the Exchequer, the King's Sergeants or other of his learned Counsel) as likewise in the Writs of calling Sergeants. Neither, as it seems, may that kind of expression (seil, der PI.) be legally, and by the style of the Chancery, used in Writs to any that is inferior to them. For in our yearbooks, it was adjudged naught, being used to the Sheriff of a County. The case was that a Quart impedit being brought by the King for the Prebend of Oxgate, in the Diocese of London, the Writ to the Sheriff was, Praecipite Michaeli de Nortbumbergam, against which the Sergeants except, as against false Latin. „But", says Thorp, „False Latin it is not, for it is a word of the plural number, and therefore is of greater reverence; (!) and this is a common fashion (I) for the King to send to a man by the word, Vobis". „But, says the Counsel on the other side, „a man hath not seen such reverence made to a sheriff." (!) And afterwards, the Writ was looked on by the Judges, and they saw it was Praecipite, and that it concluded with Habeatis ibi nomina Summonitorum etc. Whereupon it was adjudged that the Writ should abate25. But even at that time, and before, as also at this day, by the style of Chancery, every summons of Parliament to the Lords as well Spiritual as Temporal, who have voice and place in the Upper House, is, Vobis subfideet tigeantia quibus nobis teneminifirmiterinjungendo mandamus, quod etc. dictis die et loco personaliter intersitis, in the plural number; and the like and is common in the Writs directed to the Judges and others that are called into the Upper House to sit as Counsellors (280. 121 f.).

Der erwähnte Prozeß stammt aus dem Jahre 13 5 6; er zeigt deutlich, wie sehr man sich der Bedeutung der PI. Anrede bewußt war, wie sie nun tatsächlich zum S t a n d e s p l . geworden war. Daß man wegen eines falschen Numerus einen Writ für ungültig erklärt, ist verständlich: V o r Gericht ist nur gültig, was den Geist u n d den Buchstaben des Gesetzes erfüllt 26 . Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, daß der PI. Gebrauch im Rechtswesen eine mögliche Stelle der Einwirkung auf englischen Sprachgebrauch gewesen sein kann, aber ein direktes Uberspringen von französischer zu englischer Verwendung ist damit noch nicht bewiesen. Eine solche englische PI. Anrede bei der Gerichtsverhandlung kann jedoch nachgewiesen werden. Die erwähnte Stelle lautet: Thorp: Faux latin nest ceo pas: quar cest un parole de plurel nombre et par tant est ceo de greindre reverence, et cest comen maner pur le roy mander a un home par parole de vobis. Fyff. Mes home nad pas viewe tiel reuerence estre fait a viscounte. Et puis le bref fuit view et voille Precipite ut supra et apres babeatis ibi nomina etc. (285. Anno X I X . Ε tercii fol. 57; vgl. auch fol. 4jr). (Abkürzungen aufgelöst). 26 Ursprünglich waren es mehr die Formen der Handlung, die das äußere Geschehen des Gerichtsverfahrens bestimmten, später werden es immer mehr sprachliche Formeln; es kommt zu einer Art „Verbal-Ritus". Andere Beispiele aus den Year Books, wo „faux Latin" einen Writ annullierte: „quod breue illud est minus sufficientis intellectus ac eciam in eodem sit latinum incongruum . . . " (284. 10 Ed II. 88), 284. 10 Ed II. 186, und 283. 14 Ed III. Ixii.

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Allgemein ist zu betonen, daß zwar die Year Books fast nur französische Prozeßberichte bieten, und Französisch auch in den allermeisten Fällen Prozeßsprache war; allein es finden sich eine Reihe von Ausnahmen. Aus dem Jahre 1 1 1 6 berichtet Ordericus Vitalis einen Prozeß, der noch in Englisch verhandelt wurde. Der Beklagte beteuerte: „That wat min lauert god almightin that ic sege soth", respondebat. Quod nos Latine dicimus: Mi domine, seit deus omnipotens quia veritatem dici", (239. 165), und im Norden Englands „magnates . . . addressed their vassals, their ,thegns and drengs', in Anglo-Saxon at least till the end of the eleventh century"27. Aber nicht nur solche Reste des angelsächsischen Gebrauchs finden sich, die Richter der späteren Zeit selbst sprechen in den Verhandlungen auch Englisch. Die von Maitland zitierten „quips courteous and retorts quarrelsome" sind oft englisch. Miss Legge, wohl die derzeit beste Kennerin des Law French, sagt: The judges of Edward I's reign were in the habit of disconcerting Counsel with salty English sayings delivered with pungent force from the Bench (238.89). Another fact which proves the growing familiarity with English of the ruling classes is the great Hengham's habit of quoting English proverbs from the Bench. It is not only the language of these proverbs which is surprising, and it would be a breach of propriety to quote one here (239. i68f.).

Weiterhin muß darauf hingewiesen werden, daß zwar Counsel und Justice untereinander französisch sprachen, daß aber doch dauernd Englisch verwendet werden mußte, nämlich wenn ein Counsel seinen Mandanten etwas fragte, oder der Richter ihn fragen ließ: Estes vus le vileyn le Deen etc. ou nun?

fragt der Richter; der vileyn muß natürlich auf Englisch gefragt werden, und der Counsel gibt die Antwort: Y1 dyst ke oyl 28 .

Aus den handschriftlichen Anmerkungen des Anwalts Johan de Longeville of Northampton in seinem Exemplar von Britton (a. 1325) geht ebenfalls hervor, daß die englische Sprache bei Gericht verwendet wurde; im Kap. III, 6 heißt es über das Verfahren bei der Berufung der Jury: Et puis lour soint les chapitres luz, et a chescune dozeyne soint les chapitres severaument liverez (268. 25). 27 Poole (243. 252) verweist auf Liebermann, „Drei nordhumbrische Urkunden um I . I O " , Archiv, i n (1905), 283. 28 283. 20 Ed. I. 41 (1292); vgl. auch ζ. B. 283. 30 & Ed I. xxix.

5

Finkenstacdt, Y o u

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Mittelenglische Zeit Johan de Longeville merkt dazu an: He (seil, the Justice) shall then read the articles distinctly in E n g l i s h . . .*· (ibd., note h)

A n e i n e r Stelle läßt sich nachweisen, daß eine ganze Gerichtsverhandlung in englischer Sprache stattgefunden hat, und daß dabei für die Anrede der PI. verwendet wurde. Die Verhandlung fand a. 1326 statt; der Report ist allerdings in lateinischer Sprache 30 : Here arises the question: What language was actually employed in Court? Certainly not Latin, though this is the language of the report, because the accused was unable even to read. It must then have been either French or English. Had it been French there is no conceivable reason why the report should not have been, like other reports, in French also. We are thus forced to the conclusion that it must have been E n g l i s h 3 1 . Der Prozeß ist von großer Bedeutung, weil der Angeklagte, ein Ritter Hugo, verlangt, daß die Jury „his peers" sein müsse. E s handelt sich um einen Casus de raptu cujusdam mulieris, und es sei der historischen Gerechtigkeit willen betont, daß Hugo unschuldig war. Ritter Hugo wird von zwei Verwandten in den Gerichtsraum begleitet: H. deducebatur ad barram per Brianum et Nicholaum de N. ßJSTICIARIUS. Briatu,.... sed quia est cognatus tuas, nos volumus patresces juxta eum, sed non quod consules eum. (a. a. O., S. 529t.) Dann spricht der Richter zu Hugo: Hugo, presentatum est nobis quod cos rapuistis etc. ut supponit; qualiter vultis vos acquietare ? 29

lxiii).

Die Anmerkungen Longevilles sind (natürlich) französisch abgefaßt (268.

Das vielberufene Statue of Pleading aus dem Jahre 1365 (36 Ed ΠΙ i j ) hat zunächst keinen grundsätzlichen Wandel gebracht. Fortescue sagt in seinem De Laudibus (1471) darüber: „In the Courts of Justice they formerly used to plead in French till in Pursuance of a Law to that Purpose that Custom was somewhat restrained, but not hitherto quite disused; first by reason of certain Law Terms, which the Pleaders express more aptly in French than in English: In the next Place, because Declarations upon Original Writs can't be formed so properly and agreeably to the Nature of those Writs as in French, in which Language the Forms of such Declarations are learned and practised. Again all Pleadings, Arguments and Resolutions, which pass in the King's Courts are digested into Books for the Information of Young Students, and are reported in the French Tongue . . . " (cap. xlviii; 270. 107t.; vgl. 273. ii. 597fr.). 30 Abgedruckt in Year Book 30 & 31 Ed I; S. 529—532. Es fehlt leider die Angabe der Jahreszahl und der Name des Richters, so daß eine genauere Datierung nicht möglich ist. Die Handschrift stammt aus der Zeit Edward II. (283. Y B 30 & 31 Ed I. xlviii-l) d. h. 1307—1326, enthält aber vorwiegend Fälle aus der Zeit Edward I, so daß auch der besprochene Fall noch dem 13. Jahrhundert angehören kann, oder aus der Zeit der Jahrhundertwende stammen mag. 31 283. 20. 1 Ed III, lxii; von mir hervorgehoben.

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Hugo plädiert zunächst auf „benefit of clergy", doch gelingt ihm dafür nicht der Beweis. Dann verlangt er „pares": Domine, per illos sum accusatus; ideo in eis non consentiam. Item, domine, ego sum miles, et non debeo judicari nisi per meos pares . . ,32 (a. a. O., S. 531) Der Richter geht auf diese Forderung ein; es ist aber bezeichnend, daß er Hugo jetzt nicht mehr mit dem einfachen Namen anspricht, sondern Dominus Hugo, d. h. Sir Hugh, sagt. Als Hugo dann die Namen der Jury vorlesen soll, die er ablehnt, da stellt sich heraus, daß er nicht lesen kann und „ H u g o stetit in pace quasi confusus". Schließlich ergibt sich seine Unschuld und er wird freigesprochen: Domine Hugo, quiaipsivosacquietant, nos vosacquietamus33. (a. a. O..S. 552) Daß hier ein S t a n d e s p l . vorliegt, geht schon aus der Sg. Anrede an Brian hervor, wird aber durch eine Reihe weiterer Belege in dem gleichen Report gestützt, die alle lateinisch abgefaßt sind, und nur den Sg. enthalten — allerdings auch keine hochgestellten Personen betreffen : Mulier venit ad ballivum . . . et rogavit ipsum ballivum de justicia, qui dixit ei: „Veni ad Wapentachium, et attackia ibi querelam tuam, et tibi fiet omnis justicia". (a. a. O., S. 534) Just, zu einem Bailiff: Et quia parcae voluntatis in curia, et extra formam legis, tu ballivus in misericordia sis. (a. a. Ο., S. 535) Capellanus zum Just.: Domine, ego sum clericus . . . Just.: Ullus Ordinarius petit te ut clericum34?

(a. a. O., S. 542)

Das hier gegebene Beispiel ist aus mehreren Gründen von Bedeutung: Einmal zeigen sich die Englischkenntnisse der Richter, dann auch der vollzogene Übergang des Standespl. in die Umgangssprache und schließlich ist noch von Interesse, daß die Verhandlung im Norden 32 Die Antwort des Richters zeigt, daß ein soziativer PI. ausgeschlossen ist: „Quia vos estis miles, volumus . . . " 33 Einmal kommt in den Anreden an Hugo ein Sg. vor; es ist bezeichnenderweise ein Imperativ „Hugo, responde; . . ." (a. a. O., S. 530). Bei der Treue, mit der die Verhandlungen im Report wiedergegeben sind, dürfen wir wohl auch darin noch ein Zeichen sehen, daß die Verhandlungssprache Englisch war, wo Imp. Sg. und PI. nicht mehr unterschieden wurde. 34 Die Year Books können natürlich noch weitere ähnliche Beispiele enthalten; sie liegen ja erst zu kleinem Teil in neu edierten Ausgaben vor; die alten Fassungen sind für den Nichtfachmann wegen des Law-French, der Abkürzungen und auch wegen des Black-Letter Druckes eine Qual zu lesen.



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Englands stattfand. Das Yoncres, das in dem Report genannt wird, steht für ein Youcres, und dies bezieht sich auf Ewcross in Yorkshire (283.

20. ι . Ed. III. lxiif.). Kennedy hatte die Frage nach dem Weg der Ausbreitung des PI. reverentiae angeschnitten: The first occurrences are probably those in Gen. and Ex., approximately 1250 A . D., and the climax is reached for the century in Southern Legends and Curs. Mundi. In other words an East Midland monument furnishes the first timid examples of it, while the two monuments that display the freest use of it for the century represent the Northern and Southern dialect respectively. But these facts must not be taken as conclusive evidence that the use of the formal sing, began in East Midland English, nor that it spread most rapidly in the far North or the Southern part represented by MS Laud 108, for literature to which we have access is by no means uniformly representative of all sections or dialects (147. 85).

Auch Stidston äußert sich zu dieser Frage: Not only is it impossible to trace from the literature at hand the various steps in the introduction of the formal pronoun into England because of the uncertainty still remaining concerning the age of some of the MSS. and the date of composition of their contents, but it is equally hopeless to try to locate the section of the country in which the practice first took root. We might reasonably conjecture that it spread from the court to the East Midland country or that it came to southeastern England from the continent, but a glance at the MSS. which we have studied will show that north, south and east and west are all represented. It is extensively found where it might be least expected, in the conservative South and in the isolated Northwest (171. 81).

Es ist überaus gefährlich, aus dem Befund der l i t e r a r i s c h e n Denkmäler auf Ursachen und Wege der PL Ausbreitung zu schließen. In diesem Zusammenhang kann noch darauf hingewiesen werden, daß der oben zitierte PI. Beleg aus der mündlichen Verhandlung aus dem Norden stammt (und zwar aus dem Anfang des von Stidston untersuchten Jahrhunderts) und daß aus diesem Beleg gefolgert werden darf, daß der Standespl. in der Anrede in a l l e n Teilen des Landes gleichmäßig gebräuchlich war, denn die Richter verwendeten den PL sicher nicht ausgerechnet nur „in the isolated Northeast". Wenn es auch berechtigt ist, bei der Neubildung von Wörtern an Monogenese i. a. nicht zu zweifeln, so liegen die Verhältnisse bei Lehnwörtern schon anders, und die Übernahme der Pl. Anrede gar konnte an zahlreichen Stellen des Landes zugleich erfolgen, überall dort nämlich, w o die skizzierten Voraussetzungen gegeben waren. Auch wenn man den Richtern und dem Gerichtswesen nicht die entscheidende Mitwirkung bei der Ausbreitung der PI. Anrede zubilligt, so sprechen doch die Gesellschaftsentwicklung und auch die Belege in den literarischen Denkmälern auf alle Fälle gegen eine Mono-

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genese, und eine Untersuchung der Ausbreitung durch das ganze Land im Sinne der Wellentheorie kann entfallen. Bei sprachgeschichtlichen Untersuchungen älterer Sprachstufen kommt man unwillkürlich zur Überbewertung des geschriebenen Wortes: Laut und Wort wandern aber — wenn sie wandern — nicht von Handschrift zu Handschrift, sondern von Mund zu Mund.

§ιό.

Die Ausbreitung der Plural-Anrede

E s wurde versucht, die Entstehung der PI. Anrede im Englischen aus der Begegnung von Engländern und Franzosen in höfischen Kreisen (nicht nur am Hof I) und aus dem amtlichen Gebrauch, jedenfalls aus der mündlichen Rede, wahrscheinlich zu machen 35 . Die Wahrscheinlichkeit mündlicher Entstehung wird noch größer, wenn man den negativen Beweis heranzieht, daß der englische Gebrauch des Anredepl. nicht mit dem in französischen Denkmälern übereinstimmt, ja daß Texte, die aus dem Französischen übersetzt sind, in der Verwendung von Sg. und PI. eindeutig von ihren Vorlagen abweichen. Für die Werke vor Chaucer ist ein solcher Vergleich in der Dissertation von Stidston im Zusammenhang mit seiner Untersuchung der Haupthandschriften der Dichtung des 14. Jahrhunderts aufs beste durchgeführt worden: Perhaps such summaries, by shifting the point of view for the time being from the historical outlook to that of the individual manuscript, will throw 35 Es ist noch darauf hinzuweisen, daß bei den Richtern und königlichen Beamten besonders günstige Voraussetzungen für eine Begegnung von Englisch und Französisch vorlagen. Die Krone hatte im 12. Jahrhundert schlechte Erfahrungen mit den Baronen als Vertretern der königlichen Interessen gemacht; sie wirtschafteten nur zu oft in die eigene Tasche. Henry I begann deshalb Leute niederen Standes als Verwaltungsbeamte heranzuziehen (243. 3 87 f.) d. h. also Leute, die dem englischen Teil der Bevölkerung sehr nahestanden, ihm vielleicht sogar angehörten. Über diesen Personenkreis müßten genealogische Einzeluntersuchungen angestellt werden. Auch unter den eigentlichen Richtern befanden sich Engländer, wie aus den Namen hervorgeht (Thorpe, Bereford). In diesem Zusammenhang kann auch darauf verwiesen werden, daß sich im 12. Jahrhundert englisch-französische Mischformen finden: Galfridus Vis de Cat (Catface), Joannes Wudecoc, {Pipe Rolls 32 & 33 Η. II. 1186. 87; zitiert bei 243. 251). Vorläufig nicht zu beantworten ist die Frage, wie weit man den regelmäßigen PI. Gebrauch der Richter zurückdatieren darf. Die Year Books beginnen 1285, als der PI. Gebrauch bereits feststeht. Um 1150 finden wir umfangreiche Verbindungen von Engländern und Normannen und gleichzeitig fällt in diese Zeit der Anfang des neuen Rechtswesens (einschl. seiner besonderen sozialen Struktur): nach 1200 fallen die politischen Hemmnisse gegen eine Ausbreitung des PI. Ich neige deshalb dazu, die Anfänge des allgemeinen PI. im Englischen unter der Oberschicht in die Zeit zwischen 1150—1200 zu setzen. Ab 1200 kann er in größerem Umfang auftreten. (NB.: drei Generationen: der Großvater war Normanne, die Großmutter'Engländerin, ihre Kinder lernten den PI. und für die Großkinder war er die natürliche Form.

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more light on the relative frequency of usage in various times and places, and suggest possible influences working to spread the practice in medieval England ( 1 7 1 . 82). D i e Ergebnisse v o n Stidstons Untersuchung sind tatsächlich geeignet, Folgerungen anzuregen. E r selbst hat sie nicht gezogen.

Es

genügt hier einige Hauptbeispiele herauszugreifen und f ü r Einzelheiten auf Stidstons Arbeit zu verweisen. A n William of Palerne (246. Introd.) ist bereits v o n Skeat demonstriert worden, daß PI. und S g . mit großer Regelmäßigkeit verwendet werden. D i e Bedeutung der Regelmäßigkeit, die allerdings nicht absolut ist ( 1 7 1 . 88 note 77), wird noch augenfälliger, wenn man die Änderungen gegenüber der Quelle betrachtet: For address between parents and children the same rule holds in the French as we have observed in the English, there being but two points of difference worthy of note, namely that the emperor uses the plural instead of the singular to his foster father, the cowherd, and that an emperor uses the plural to his daughter. . . . In these two cases and in two others the English translator has shown his independence in substituting singulars for plurals . . . V o n anderen Änderungen heißt es: There are five really important cases; the sg. is changed to the pi. in the speech of ambassadors on two occasions: and the pi. is changed to the sg. in the addresses from an emperor to his equal, in the address from a hostile knight to a king, and in address from a knight to a queen who is practically a c a p t i v e . . . C171· 87). . . . the French employs the plural between foes which the English twice changes to the sg. In the address to William the change by the translator from pi. in the part of the maid Alexandrine to sg. is very striking in its strict consistency. In the address from William's lemman the English shows a persistent fluctuation between sg. and pi. while the French appears to drop the sg. very early in their acquaintance. . . . In address to the lower classes the pi. in the French seems to be supplanting the sg.; in the English the difference is very marked ( 1 7 1 . Syf.). Stidston folgert: It would be absurd to suppose that the French had no influence on the forms used, but it is unneccary to suppose that its influence carried the translator beyond the colloquial English custom ( 1 7 1 . 88). D i e folgende Bemerkung scheint mir dagegen nicht gerechtfertigt: One might note, in passing, the influence on the popular use of the pi. pronoun which must have been exercised by the fair consistency of such a monument of this, even though it does not come in the first class with respect to popularity (ibd.). U m 1 2 5 0 dürfte es unnötig sein, einen Einfluß der Literatur auf die A n r e d e in der Umgangssprache anzunehmen; abgesehen

davon

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liegt in den beiden Äußerungen Stidstons ein gewisser Widerspruch: Der Übersetzer folgt dem colloquialen Gebrauch des Mittelenglischen, den er aber seinerseits beeinflussen soll. Man geht besser von der Umgangssprache aus, in der die PI. Anrede „by communication" von oben nach unten wandert 36 . V o n Handlyng Synne (1303) sagt Stidston: Just how fat the Handlyng Synne has been influenced in this matter by the Manuel des Pecbiez is hard to say. The Manuel has the pi. in many passages where the English version adopts the sg. (171. 90). Besonders gute Vergleichsmöglichkeiten bietet auch Sir Firumbras und seine französische Entsprechung Fierabras. In der französischen Fassung findet sich fast ausnahmslos der PL: In the use of it there is no evidence of a desire to be polite, and it is even used in moments of anger . . . (171. 91). In der englischen Fassung ist von den PI. Formen nicht viel übrig geblieben: those preserved in the English version can be counted on one hand. One might say that the great preponderance of pi. forms has been swept away, except for a few trilling vestiges. Yet these are not chance vestiges, for one could scarcely look for them in more significant places: the peers protesting to Charles for one of their number, the peers demanding of Charles the protection of more men, and a captured peer protesting to the amiral that he is but a poor knight . . . (171. 91). The basic principle of the English translator of Fierabras . .. ought to be definitely stated in contrast to the principle observed in the original. In our Middle English version the sg. is the normal and regular form, to be used in a large majority of cases. So far from there being any scorn implied in the use of it, it is certain that it is perfectly respectful, not only between equals, but also to superiors. It is the pi. pronoun that has to be accounted for in the translation37. A n zwei Ubersetzungsbeispielen aus dem 15. Jahrhundert sei noch gezeigt, daß auch in späterer Zeit die englische Verwendung der Pronomina der französischen nicht entspricht. Charles d'Orldans (1390—1465) war 25 Jahre lang in England gefangen. Aus dieser Zeit stammen die meisten seiner Gedichte; sie sind von einem Anonymus ins Englische übersetzt worden (235. 214—232): Fortune vueillez moy laissier: Ο ffortune dost thou . . . 36

(xiii. 1)

Die Entwicklung im Deutschen würde eine erneute Betrachtung unter dem Gesichtspunkt der Einflüsse aus der Umgangssprache verdienen. 37 171. 93. Mir scheint Sir Firumbras (1380) gegenüber der tatsächlichen Umgangssprache zurückgeblieben. Das ändert natürlich nichts an seiner Bedeutung für unsere besondere Frage.

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Mittelenglische Zeit T r o p long temps vous v o y sommeillier M o n cueur en dueil et desplaisir T o longe for shame and all to longe trewly M y n hert y se thee slepe in displesere

(xiv. ι f.)

Dieu sut tout souuerain seigneur Ordonnez par grace et douceur Ο god that lordist euery creature Graunt of thi grace . . .

(xv. z8f.)

Prenez tost ce baiser mon euer Que ma maistresse vous presente Take this cosse atonys atonys my herte That thee presentid is of thi maystres

(xx. ι f.)

G e w i ß ist i n s e h r v i e l e n F ä l l e n d e r Ü b e r s e t 2 e r a u c h d e u t l i c h v o n seinem V o r b i l d a b h ä n g i g ; gerade deshalb sind aber Ä n d e r u n g e n

be-

zeichnend. A u f s c h l u ß r e i c h e r als C h a r l e s d ' O r l e a n s i s t L y d g a t e s d e s Danse

Macabre

(235. 1 3 1 ff. u n d 4 2 6 fr.), d a d i e

Bearbeitung

verschiedensten

Stände auftreten, u n d m a n direkt die V e r w e n d u n g des Standespl. abl e s e n k a n n . I n d e n h ö h e r e n S t ä n d e n (bis h e r u n t e r z u m B u r g e y s ,

zum

r i c h e M e r c h a n t u n d z u m Sir M o n k ) ist a u c h i m E n g l i s c h e n a u s s c h l i e ß l i c h d e r P I . z u finden. G e ä n d e r t w i r d a b e r e i n vous i n e i n thou i n f o l g e n d e n Fällen: Maister Jurrour / which J)at at assise . . . like to J)i deuise . . . ffor gold J)ou cowdest I folkes disherite (Str. 6i) 3 8 Ο thou mynstral . . . frz. vous (63) D e r T r e g e t o u r (Juggler) w i r d angesprochen: Maister John Rikele . . . Thou must come ner . . . (6j) 3 9 Thou usurer / loke up and biholde . . . frz. vous (50) Thou laborer . . . T h o u moste eke daunce . . . frz. vous (69) L y d g a t e hat selbst v o n seinem T o t e n t a n z g e s a g t : Out of J>e frensshe / 1 drewe it of entente Not worde by worde / but folwynge J>e substaunce (84) u n d d i e Ä n d e r u n g e n s i n d b e z e i c h n e n d , d e n n es i s t k a u m a n z u n e h m e n , · daß in der F r a g e des A n r e d e p r o n o m e n s L y d g a t e einfach d e m „ l o d e s t e r r e " 38 Man beachte die Anrede Maister . . . thou gegen Sir . . . you . . . Sir bezieht sich zu Chaucers Zeit schon nicht mehr ausschließlich auf den Adeligen (und den Amtsadel des Richters), wie zu Beginn des 14. Jahrhunderts, ist aber noch nicht allgemein geworden. Eine Ausnahme ist mayster of physic . . .you (55). 3 9 N B . Hier wird sogar eine bestimmte Person angesprochen; nicht im Französischen!

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Chaucer folgte (die Entwicklung der Anrede scheint übrigens zum Ende des 14. Jahrhunderts vorübergehend einen Stillstand erreicht zu haben). Aus französischen Vorbildern kann man, wie gezeigt werden konnte, den englischen Pronomengebrauch nicht ableiten; aus den literarischen Einflüssen englischer Werke aber auch nicht — sonst ließe sich ja nicht die beständige Entwicklung erklären, die durch die Forschung von Kennedy und Stidston eindeutig bewiesen worden ist, und die bei Chaucer einen vorläufigen Endpunkt findet. Aus dem bei Kennedy und Stidston vorgelegten Material lassen sich auch für die Geschichte dieser Entwicklung noch Schlüsse ziehen, die von den beiden Forschern nicht gezogen worden sind. Es spiegelt sich nämlich in den Beispielen recht genau der Anfang des PI. Gebrauchs am königlichen Hof, seine Ausbreitung auf den Adel und schließlich auch auf das gehobene Bürgertum. Für die Einzelheiten kann auf Kennedy und Stidston verwiesen werden, einige bezeichnende Stellen seien aber zitiert 40 : A s would be expected the most common, though not the earliest occurrences of formal pronouns of address are in speeches to kings and other rulers (147. 85).

Daß die ersten Belege nicht in der Anrede an Könige zu finden sind, ist bei der Abhängigkeit von Gen. & Ex. vom biblischen Vorbild nicht überraschend. Bei der Anrede an Höhergestellte überhaupt herrscht in den frühen Texten noch ein starkes Schwanken (147. 86). Fast ebenso beständig wie die PL Anrede an Könige tritt sie an den Papst und die Bischöfe auf (147. 87). Für das 14. Jahrhundert ergibt sich folgendes: A t its best the use of the more formal pronoun can only be said to be in its experimental stage. Persons of all ranks naturally use the sg. still and it is only when a speaker — usually one of the h i g h e r c l a s s e s who knows the f a s h i o n s of the d a y , linguistic as well as otherwise — desires to make a good impression upon some superior that he employs the pi. The common people do not show any very strong tendency to use the pi. . . , 4 1 .

Unter Gleichrangigen wird normalerweise der Sg. verwendet ( 1 7 1 . 70); dabei ist aber zu betonen, daß sich in dieser Gruppe recht häufig ein allem Anschein nach willkürliches Nebeneinander von Sg. und PI. findet. In der dritten Gruppe — bei der Anrede an Untergebene— 40 In den beiden Dissertationen sind die entsprechenden Hinweise ganz verstreut zu finden, da beide ja nicht den Gesichtspunkt einer mündlichen Ausbreitung von oben nach unten verfolgt haben. 41 1 7 1 . 49; von mir hervorgehoben. Der Ausdruck „experimental stage" scheint mir recht unglücklich gewählt zu sein; die Feststellung gilt übrigens nur für die 1. Hälfte des 14. Jh.

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findet sich schließlich in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle der Sg. und Stidston meint, man könne zwar manchmal einen H ö f l i c h keit spl., doch niemals einen Stan de spl. feststellen „unless the few unexplained cases noted be accepted as evidence of such a growing tendency" ( 1 7 1 . 77). Diese Tendenz wird man aber bejahen müssen, wenn man einerseits bedenkt, daß schon Anfang des Jahrhunderts wenigstens ein sicheres Beispiel für einen Standespl. bei Adel und Richtern vorliegt, und wenn man andererseits die große Regelmäßigkeit des PI. Gebrauchs bei Chaucer und in einigen anderen Denkmälern feststellt. § 77. Das Pronomen bei Chaucer a ) ALLGEMEINES

Die Regelmäßigkeit in Chaucers Verwendung von Sg. und PL hat schon Skeat kurz zusammenfassend charakterisiert: Jbou is the language of a lord to a servant, of an equal to an equal, and expresses also companionship, love, permission, defiance, scorn, threatening, whilst ye is the language of a servant to a lord, and of compliment, and further expresses honour, submission or entreaty42.

In dieser Aufstellung lassen sich unschwer die beiden Haupttypen der Anrede erkennen: Der PL reverentiae dem gesellschaftlich Höheren gegenüber, und zwar sowohl als Standespl. wie auch als Höflichkeitspl. (d. h. als absolutes Verhältnis: der Knight wird immer mit dem Pl. angesprochen; und als relatives Verhältnis: der niedriger Stehende spricht zum Höheren im Pl.): Der Host spricht den Knight, die Prioresse, den Man of Law und den Sir Monk mit dem Pl. an. Beim Mönch allerdings kann der Pl. bereits durchbrochen werden, wenn der Host ihn wegen seines wenig mönchischen Aussehens etwas anpflaumt. Den Handwerkern steht der PI. dagegen noch nicht zu; so wird etwa der Miller mit thou angesprochen, der Sailor verwendet dem Host gegenüber den Sg. (Β. 1184) und ebenso sagen Host und Pardoner zueinander tboua. Die Untergruppen Skeats wie companionship, love, defiance gehören alle zusammen zu der zweiten Gruppe des Affektpronomens und aus 43

246. xliii; Chaucer ed. Skeat, v. 175 (Anm. zu Β 1677). Die Einzelnachweise für die Verwendung des Numerus finden sich bei Karpf (146.), Koziol (150.), dazu Funke (74. 145); N. Nathan hat eine genaue Untersuchung der C. T. angestellt, die noch nicht veröffentlicht ist (vgl. vorläufig 160.). 44 Einen ersten Wechsel hat Nathan versehentlich in III 1592 gesehen. Das .Artow a bailly ?* spricht aber auch der Yeoman. A n dem Ergebnis Nathans ändert sich dadurch nichts; es kommt nur noch deutlicher zum Ausdruck, daß dem Somonour der Standespl. nicht zusteht. 43

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dem Ineinander der beiden Hauptgruppen erklärt sich der Wechsel zwischen Sg. und PI., der auch bei Chaucer häufig, allerdings nicht zufällig vorkommt. Seine Verwendung in den Canterbury Tales ist in neuester Zeit von Norman Nathan untersucht worden. Nathan hat als erster die Lesarten der Ausgabe von Manly-Rickert herangezogen und konnte mit ihrer Hilfe eine Reihe scheinbar falscher Verwendungen von Sg. und PL aufklären. Er hat zunächst die Friar's Tale untersucht, und konnte dabei zeigen, wie sorgfälltig Chaucer den Wechsel für die Charakterisierung verwendet: Bei der ersten Begegnung spricht der Summoner den vermeintlichen Yeoman mit dem höflichen PL an: Sire, „quod this somnour," „hayl, and wel atakel" 44 III (D) 1384

Als er aber hört, daß der Yeoman auch nur ein armer Kerl ist („My wages been ful streite and ful smale" 1416), wechselt er zum Sg. und sagt: „Wel be we met, by God and by Seint Jame I But, leeve brother, tel me thanne thy name," Quod this somonour. In this meene while This yeman gan a litel for to smyle. „Brother," quod he, „wiltow that I thee telle? I am a feend: my dwellyng is in helle, . . . "

I

44?ff.

Daraufhin wechselt der Summoner sofort wieder zum PI. zurück: „ A l " quod this somonour, „benedicitel what s e y j e ? I wenden« were a yeman trewely."

1465 f.

Auch der Rest der Geschichte verwendet geschickt Sg. und PL Nathan weist nach, daß von neunzig Stellen nur zwei in der Friar's Tale aus dem Rahmen fallen: 1567 scheint tatsächlich einen falschen PL zu haben; 1399 steht der Pl. zwar in den Ausgaben von Skeat, Robinson und Manly-Rickert, er sollte aber nach Ausweis der Handschriften — sowohl was deren Alter als auch deren Güte anbetrifft — in den Sg. geändert werden (160. 39—42). Das erstaunliche Verhältnis von einem falschen gegen neunundachtzig richtige Fälle des Pronomengebrauchs ist ohne Beugung des Textes oder überspitzt raffinierte Deutungen zustande gekommen, und es erweist sich auch für die übrigen C. T. als gültig. Nathan hat inzwischen eine Untersuchung aller Tales angestellt und kommt zu dem folgenden noch unveröffentlichten Ergebnis, das er mir brieflich mitteilte, und das ich auf Grund seiner freundlichen Erlaubnis hier anführen kann: „ I counted 2234 correct and 47 incorrect uses of the pronoun of address in the Tales, excluding the prose tales. Melibee has close to twenty-five percent of incorrect uses, while the Parson's Tale may show errors (I say may, since homiletic writings appear to have leeway in that the writer may alternatively

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Mittelenglische Zeit address a group either in the plural or in the singular as if he were speaking to one individual). My conjecture about Melibee is that it is early work, but this is sheer conjecture 442 ."

Ein günstigeres Ergebnis läßt sich kaum vorstellen. Die Unterschiede zwischen Canterbury Tales, Troilus and Crisejde, und Werken wie GawainK oder William of Palerne einerseits, und zahlreichen Werken, in denen häufig Mischformen (ζ. T. sogar ein Wechsel von Sg. und PI. in einem Satz) vorkommen andererseits, verlangen eine Erläuterung48. Es dürfte wohl besser sein, die Unterschiede nicht auf eine bestehende Unsicherheit der Umgangssprache zurückführen, sondern auf die mangelnden Kenntnisse mancher Verfasser, die aus den unteren Schichten stammten, und das Leben der vornehmen Kreise nicht aus eigener Anschauung kennengelernt hatten. Sie besaßen also nicht das, was Fielding in Tom Jones (Bk. I Ch. i) als eine wichtige Voraussetzung für den Schriftsteller anführt, nämlich „conversation": N o w this conversation in our historian must be universal, that is with all ranks and degrees of men: for the knowledge of what is called high-life, will not instruct him in low, nor e converso, will his being acquainted with the inferior part of mankind, teach him the manners of the superior.

Wenn irgendein Dichter diese „universal conversation" je besessen hat, dann ist es Chaucer: Herkunft, Erziehung, Dienst und Beruf brachten ihn mit dem Hof ebenso in Berührung wie mit dem einfachen Leben in London, und so wird sein Werk wie kein zweites zum Spiegel der Zeit (freilich auch weit mehr als das!). Uber die Verbindung des GWö/»-Dichters mit höfischen Kreisen dürfte kein Zweifel bestehen, und so ist die genaue Durchführung des Standespl., die Stidston so überrascht hat, gar nicht verwunderlich47. 44a Herr Prof. Funke hat in einem Chaucer-Seminar die Frage der Anrede in Melibee nochmals unabhängig prüfen lassen; dabei wurde eine größere Regelmäßigkeit festgestellt, als Nathan sie annimmt. 45 „ . . . In diesem ritterlichen Gedicht ist der Verwendungsbereich der Höflichkeitsform also ganz klar begrenzt" (Koziol 1 5 1 . 56). Die Lady verwendet Gawayn gegenüber 5mal den Sg., nämlich in den drei „Schlafzimmerszenen": 1252; 1272; 1485; 1746; 1798—1800. Gawayns einziger Sg. kommt in der Antwort auf die Bitte der Lady (1798—1800 Sg. I), er möge ihr ein Andenken zurücklassen: „ N o w iwysse," quoj) J>at wy3e, „ I wolde I hade here Jie leuest j)ing for f)y luf Jrat I in londe weide. For 3« haf deserued, for sobe, . . . " (1801 ff.) 46 Vgl. Stidston (171.) über die Verhältnisse in den einzelnen Werken. 47 Diese Erklärung, die natürlich nur als vorläufige Hypothese gelten kann, solange Einzeluntersuchungen über die Herkunft der Mss (nicht geographisch, sondern soziologisch und nach dem Publikumsgeschmack) fast völlig fehlen, dürfte einleuchtender sein, als die Versuche, das allem Anschein nach willkürliche Nebeneinander von you und ibou durch überspitzte Interpretationen als sinnvoll zu erklären. Die Auffassung, daß auch in der Umgangssprache you und thou häufig (nicht nur gelegentlich) verwechselt wurden, dürfte nicht sehr viel für sich haben: selbst für das Französische und Anglo-Normannische, wo ein Durcheinander von Sg. und

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b ) T R O I L U S AND CRISEYDE

Da die Verwendung des Anredepronomens bei Chaucer schon an mehreren Stellen behandelt ist, und Nathan das gesamte Material der C. T. vorlegen wird, ist es unnötig, auch hier den gesamten Stoff auszubreiten; es sollen vielmehr einige Einzelpunkte herausgegriffen werden, die nähere Behandlung verdienen, oder Punkte, bei denen — wie in Tr. & Cr. — die bisherige Auffassung einer Überprüfung bedarf. Zunächst die Anrede an den Leser: Auch bei Chaucer wechselt sie, wie in früheren Werken, zwischen Sg. und PI. hin und her. In Tr. & Cr. lassen sich aber einige besondere Züge beobachten. Die normale Anrede ist auch hier der PL „Ye knowe ek that in forme of speche is chaunge/Withinne a thousand yeer . . i i . 22 f. und es braucht über diesen PL nichts weiter gesagt zu werden. Mehrmals kommt der Sg. vor, mit dem Chaucer ein wirklich persönliches Verhältnis zu dem Angesprochenen erreichen will: Thow, redete, maist thiself ful wcl devyne That swich a wo my wit kan nat diffyne.

y. 2 70 f.

Es wird ein Vertrauensverhältnis geschaffen, indem der Erzähler dem Leser einiges zutraut, so daß er ihm nicht alles zu erzählen braucht48. Interessant ist iii. 8 3 f. And sire his lessoun, that he wende könne T o preyen hire, is thorugh his wit ironne.

Hier ist nicht klar, ob Chaucer sich an einen Leser oder an einen Hörer wendet. An mehreren Stellen ist deutlich die Vorstellung zu spüren, daß Tr. & Cr. von einem Erzähler vorgelesen wird 49 . Dabei läßt Chaucer auch ein persönliches Element einfließen, indem er nicht einfach alle Zuhörer, sondern einzelne anspricht, die sogar mit dem Geschehen der Dichtung in Beziehung setzt; so heißt es But now to yow, ye loveres that ben here, . . . Ful ofte tbi lady wol it mysconstruwe . . .

ii. 1751 i. 346

und ganz deutlich in ii. 43 ff. PI. in den Texten besonders deutlich wird, sollte man nicht auf ein gleiches Durcheinander von Sg. und PI. in der Umgangssprache schließen. Sind wirkliche Synonyma schon bei den „Ding-Wörtern" fraglich, so muß eine unterschiedslose Verwendung von Sg. und Pl.-Pronomen noch unwahrscheinlicher sein. Sie würde überdies bedeuten, daß die Entwicklung von einer genauen Unterscheidung am Anfang des 14. Jahrhunderts über ein Durcheinander der Verwendung wieder zu einer entsprechenden und festgelegten Unterscheidung am Ende des 15. Jahrhunderts führte I 48 Ähnlich ist Fieldings Methode im Tom Jones. 48 Dazu das Bild in M S cccc. 61, wo Chaucer seine Werke einer vornehmen Gesellschaft vorliest: oder Tr. ne no vice, Hire to witholden that_yf love moost. Peraunter, she myghte holde the for nyce, T o late hire go thus to the Grekis oost . . .

Vorher und nachher findet sich in der Rede des Pandarus nur der Sg. Ein Bück auf die Lesarten der Rootschen Ausgabe zeigt, daß die ursprüngliche Fassung α den Sg. auch an dieser Stelle durchgeführt hatte: 61 Das „patronizing und importunate" ist aus der Charakterisierung der Pronomenverwendung durch Walcutt also zu streichen. Amerikaner, die mit ihrer Sprache sozusagen allen Mitmenschen „auf die Schulter klopfen", nehmen vielleicht den Standespl. nicht ganz so wichtig wie er tatsächlich ist, bewerten andererseits die affektische Verwendung der Pronomina zu hoch.

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Mittelenglische Zeit It is no tape in my dome ne no vice Hire to witholden that the loveth moost M .

Ä h n l i c h d ü r f t e nach Ausweis der Handschriften der PI. in v . 495 ff. z u bessern sein: Lat us holde forth oure purpos fermely. And syn that_y« bihighten hym to bide, Holde forward now, and after lat us ride.

H i e r z e i g t ζ . Β . die Handschrift J „ a n authority of primary importance t o a in the last t w o b o o k s " ( R o o t 232. lviii) we statt je, w a s auch viel besser z u d e m soziativen we u n d us der vorhergehenden u n d folgenden Zeile paßt. D i e genaue U n t e r s u c h u n g der Situationen u n d die B e r ü c k s i c h t i g u n g der Handschriften (nämlich das Fehlen v o n Lesarten in den zuerst behandelten und das Vorhandensein „ r i c h t i g e r " Lesarten in den zuletzt behandelten Fällen) zeigt also, d a ß die F o r m u l i e r u n g „ P a n d a r u s . . . uses the ,formal singular' t o T r o i l u s in a f e w speeches w h e r e he is especially serious and is attempting to g i v e his w o r d s unusual force and dignity", nicht zutrifft 5 3 . E s bleibt allerdings e i n e a u f f ä l l i g e V e r w e n d u n g des PI. bei Pandarus, nämlich i. 680 ff. w o mehrmals der PL v o r k o m m t u n d auch ein Imperativ PI. verwendet w i r d (witteth wel). Hier gibt es keine S g . Lesarten, u n d es bleibt höchstens eine E r k l ä r u n g als „ K a n z e l p l . " — eine P r e d i g t ist es ja, die Pandarus seinem Freunde hält. E r w ä h n e n s w e r t ist, d a ß den Abschreibern der Ü b e r g a n g in den PI. auffiel, so d a ß mehrmals in dem „ t h e mene of i t " der Zeile 689 das the als P r o n o m e n aufgefaßt u n d in je geändert w i r d 6 4 . Pandarus v e r w e n d e t , wenn er Criseyde anspricht, in der R e g e l den PL (176. 284); w o der Sg. v e r w e n d e t w i r d , zeigt sich deutlich die W i r k u n g starken Gefühls (oder g e k o n n t e r Ü b e r r e d u n g s k u n s t ? ) ; so ζ. B. i v . 848: 52 D i e weiteren Lesarten love, lovyn, lovest scheinen mir auf eine mögliche Entstehung des PI. hinzuweisen: the und j e werden sehr leicht verwechselt. Steht also in der 2. Zeile bereits ein falsches so wird bei der Ä n d e r u n g der 1. Zeile natürlich e i n y o w gesetzt. — Chaucer ändert zahlreiche Einzelzeilen aus meist undurchsichtigen Gründen, und es ist nicht weiter verwunderlich, daß bei einer solchen Ä n d e r u n g der PI. sich einschleicht. Allgemeines über die Änderungen bei R o o t 232. bcxff. Sollte an dieser Stelle das W o r t rape vermieden werden ? 6 3 Walcutt (176. 284), wo die beiden zuletzt genannten Beispiele zitiert werden. Walcutt weist zwar an anderer Stelle selbst auf die Möglichkeit hin, in Lesarten andere Pronomen z u finden, aber er betrachtet die Lesarten allem Anschein nach nur quantitativ, nicht qualitativ. 6 4 E s m u ß natürlich stets die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, daß Sg. oder PI. aus metrischen oder euphonischen Gründen gesetzt wird. Diese M ö g lichkeit ist bei der Stelle i. 680 durchaus zu erwägen. Im allgemeinen wird man'aber gut daran tun, bei Chaucer nicht zu viele Fälle eines Verszwanges zu entdecken, (außer w o gleichbedeutende Doppelformen wie love, loven, etc. zur Wahl stehen).

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„And thoi», my suster, ful of discomfort," Quod Pandarus, „what thynkestow to do? . . .

Man beachte das suster 1 Ein gutes Beispiel bietet auch ii. 352: For me were levere thow and I and he Where hanged . . .

Schließlich sei noch auf einen .kleinen Z u g hingewiesen, an dem sich der Humor des Pandarus zeigt: Sire, my nece wol do wel by the . . .

ii. 957

Pandarus spricht hier halb pathetisch, halb ernst. Ein Sir zieht sonst automatisch den PL nach sich — ebenso wie froum und herre im Mittelhochdeutschen — und es entsteht ein amüsanter Kontrast, für den man auch in den C. Τ. (B 4000, VII 2810) eine Parallele finden kann: Com neer, thou preest, come hyder, thou sir John™\

Die genaue Untersuchung der Anredepronomen des Pandarus konnte in einer Reihe von Fällen bisher übersehene Regelmäßigkeit der Verwendung feststellen, und es lohnt sich, auch die Verwendung in den Reden des Troilus und der Criseyde zu überprüfen: In the whole of Tr. & Cr. there are only few instances in which either Troilus or Criseyde uses the familiar pronoun in addressing the other, whether in direct conversation or in soliloquy (176. 285).

Es ist aber nicht richtig, die bloß gedachte der wirklichen Anrede gleichzusetzen. In der Anrede an eine nicht wirklich gegenwärtige Person steht in alter wie in neuer, ζ. T . noch neuester Zeit, fast immer der Sg., ganz gleich ob man die betreffende Person „in Wirklichkeit" mit dem Sg. oder dem PI. ansprechen würde. Betrachtet man die von Walcutt angeführten Beispiele des Sg., so ergibt sich folgendes: iv. 1209 ist ein besonders interessantes Beispiel eines solchen „poetischen" Sg.: Criseyde war in Ohnmacht gefallen, und Troilus will sich voller Verzweiflung das Leben nehmen; in großer Apostrophe nimmt er Abschied von der Welt. Er glaubt Criseyde tot und bittet sie, ihn im Jenseits (wo es keinen PI. gibt 1) zu empfangen se . „And thow, cite, which that I leve in wo, And thaw, Priam, and bretheren al yfeere, And thou, my moder, farwell for I go; And Atropos, make redy thorn my beere. 66 Vgl. Robinsons Anm.; „sir John — a common nickname": vgl. auch C. Τ. ΠΙ (D) 235ff. und IX (Η) 26; s. u. S. 137 f. 68 „Gegen Tote wird nur Du gebraucht" (Ehrismann $27. iv. 221). Siegfried spricht zur abwesenden Kriemhild im Sg. (ibd.). Anders im Afrz., wo auch Toten gegenüber der PI. vorkommt (115. 18).

6 Finkenstacdt, You

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Mittelenglische Zeit And tbow, Criseyde, ο swete hette deere, Receyve now my spirit" I wolde he seye, With swcrd at herte, al redy for to deye.

iv 1205 ff. (keine Lesarten)

In diesem höchst dramatischen Moment erwacht Criseyde aus ihrer Ohnmacht, und Troilus spricht sie — wie es sich für den vollkommenen Liebhaber gehört — mit dem PI. an: But, as God wolde, of swough therwith sh'abreyde, And gan to sike, and „Troilus" she cride: And he answerde, „Lady myn, Criseyde, "Lyveye yet?" and leet his swerd down glide.

I2i2ff.

E s ist also falsch, wenn Walcutt sagt, „Obviously Chaucer did not care to disturb the series of tbou's"

( 1 7 6 . 285). In Wirklichkeit ver-

wendet Chaucer auch hier den Wechsel für feine Kontrastwirkung. Ganz klar ist auch v. 7 3 4 f . , w o Criseyde den abwesenden Troilus „ d u z t " : „ O Troilus, what dostow now?" she seyde. „Lord! wheyther thoa yet thenke upon Criseyde?" 57 Allerdings wird diese Rede der Criseyde im PI. fortgesetzt (und es finden sich keine Lesarten, die das Pronomen wechseln). In diesem Zusammenhang kann noch auf eine weitere konventionelle S g . Verwendung hingewiesen werden, bei der die angesprochene Person ebenfalls eine „vorgestellte" ist. In der großen Rede des Troilus über die Vorsehung Gottes und den freien Willen wird wiederholt die Sg. Anrede verwendet: I sey, that if the opynyoun of the Be soth, . . . But thow mayst seyn, . . .

iv. 1030fr.

Troilus aber spricht hier nicht etwa mit Pandarus; er ist ja „ i n a temple al allone" (947), sondern . . . whil he was in al this hevynesse, Disputyng with hymself in this matere, . . . 1083 f. In Selbstgesprächen ist der Sg. die natürliche Form, man ist ja mit sich „per D u " 5 8 . 57 Das Lord bezieht sich natürlich nicht auf Troilus; Walcutt faßt die Stelle so auf: „The thow here may perhaps be applied to ,Lord' who is always addressed in the singular" (176. 285). 68 J . Grimm sagt über die Selbstanrede: „Der eigentliche Ursprung der Sitte, die Rede an sich selbst zu richten, muß der lebendigen Art und Weise des Volks nahe gelegen haben, das in solcher Lage auch die zweite Person der ersten vorzieht"; statt ,was hab' ich getan' sagt man „was hast du getan" (533. 294). Es kommt die Selbstanrede heute auch in einer etwas abgewandelten Form vor, daß nämlich der Vorname bzw. der Familienname des Sprechers genannt wird. Herr Müller sagt also „Na Müller, wie wär's mit noch einem Bier". Mir scheint, daß bei unangenehmen Dingen der Familienname häufiger auftritt als der Vorname; „Müller, du bist ein Dummkopf" — aber: „Hans, das hast du fein gemacht". Das Sie wird aber auf alle Fälle vermieden.

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Die beiden noch nicht behandelten Fälle eines Sg. zwischen Troilus und Criseyde sind nicht einfach zu erklären: Troilus ist verzweifelt, als Criseyde nicht nach den versprochenen zehn Tagen zu ihm zurückgekehrt ist. Eines Nachts hat er einen bösen Traum, der ihm die Untreue von Criseyde vor Augen führt (v. I2j2ff.). Er fährt aus dem Schlaf hoch, weckt Pandarus und erzählt ihm alles. Dann folgt eine Apostrophe an Criseyde: Ο my Criseyde, alias! what subtilte, What newe lust, what beaute, what science, What wratthe of juste cause haveje to me? What gilt of me, what fel experience, Hath fro me raft, alias I thyn advertence?

1254fr.

An dieser Stelle ist im Grunde nicht der Sg., sondern der PI. auffällig. Es ist darauf hinzuweisen, daß an noch einer Stelle des fünften Buches sich eine Apostrophe des Troilus im PI. findet (225—245). Will man die beiden Stellen nicht als bloße Versehen bezeichnen (Walcutt neigt umgekehrt dazu, den Sg. als Versehen zu erklären 176. 286), so gäbe es zwei Erklärungen: a) Bei der Apostrophe an Gottheiten und auch an die Jungfrau Maria findet sich bei Chaucer mehrmals ein Wechsel von Sg. und PI. und von hier aus ist der Wechsel auch in andere Apostrophen gedrungen 59 , b) Chaucer läßt Troilus den PI. verwenden, um auszudrücken, wie sehr Criseyde ihm gegenwärtig ist (oder, daß er auch in der Ferne noch den feinen Ton beachtet, der die PI. Anrede vorschreibt ?). Es kann auch darauf hingewiesen werden, daß Troilus zweimal Criseyde als lady myn anspricht (229, 1264), und lady zieht ja den PI. nach sich. Die Verbesserung der einzigen Sg. Form dieser Apostrophe (thyn ν. 12 5 8) in mehreren Handschriften würde auch dafür sprechen, daß der PI. bewußt angewendet wird (daß die Verbesserung von Chaucer stammt, ist zumindest wahrscheinlich), und daß die Pronomenmischung anderer Apostrophen (in iii. iff. finden sich ζ. B. keine Lesarten) vermieden werden sollte80. Der letzte Fall bringt einen Sg. in direkter Anrede. Das Ende des vierten Buches schildert das Scheiden des Troilus von Criseyde; in einem langen Dialog schwört Criseyde dem Troilus absolute Treue 69 Vgl. C. Τ. VII 475 ff. (Maria); Tr. & Cr. iii. iff. (Göttin der Liebe; NB.: Der Wechsel zum PI. nach dem Wort lady). Gründe für diesen bei Chaucer auffallenden Wechsel vermag ich nicht anzugeben. Am ehesten angebracht scheint mir ein Hinweis auf — französische — literarische Vorbilder. Es ist bezeichnend, daß bei der Anrede von „wirklichen" Personen bei Chaucer die Ausnahmen von der regelmäßigen Pronomenverwendung verschwindend gering sind. 60 v. 1395 kommt im Brief des Tr. ein vereinzelter Sg. vor (bei 176. nicht besonders erwähnt), der mir trotz der Tatsache, daß keine Lesarten vorliegen, ein Versehen zu sein scheint.



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(mit merkwürdigen Beteuerungen, in denen die antiken Gottheiten eine bei Chaucer ungewöhnlich große Rolle spielen). In einer ihrer Versicherungen kommt auch ein Sg. vor: Myn owene hertes sothfast suffisaunce, Syn I am thyn al h o l . . · β 1

iv. 1640 f.

Die Lesarten bieten kaum einen Ansatzpunkt für einen Erklärungsversuch: Nur Η 2 und Η 3 ändern in joure und jowres. Η 2 ist ein /3-Text, Η 3 für diesen Abschnitt ein α-Text, überdies „extremely corrupt" (Root 232. Ivf.). Will man nicht ein Versehen annehmen, — und dagegen scheint zu sprechen, daß nur zwei Handschriften verschiedener Gruppen, und nicht eine ganze Gruppe, die Stelle bessern — so muß der Sg. bedeuten, daß Criseyde einen Moment die sprachliche Distanz aufgibt, die sie sonst fast das ganze Epos hindurch beibehält e l \ c) HÖFISCHE LIEBE

Es ist für unsere Zeit nicht leicht, Zugang zu dem Wesen der höfischen Liebe des Mittelalters zu finden. Daß zur Sprache der Liebe die Anrede mit dem Du gehört, erscheint uns selbstverständlich, ist es aber keineswegs. Auch unser Du der Liebe ist nur e i n besonderer sprachlicher Ausdruck für das Verhältnis zwischen den Liebenden, und wird eines Tages vergangen und nur noch Gegenstand philologischen Interesses sein. Der Minnedienst ist — das Wort zeigt es ja — Minne und Dienst; er ist sublimierteste Form eines dem Feudalsystem entsprechenden Dienstverhältnisses 92 . In diesem Dienstverhältnis ist der Mann Vasall, die Frau Herrin, und das höfische Epos in Frankreich, Deutschland und England spiegelt das Verhältnis sprachlich in der Anrede: überall wird die dame, frouwe, lady mit dem PI. angesprochen, der in seiner Wurzel Standespl. ist, individuell der einen Frau als Herrin zukommt. Aus Höflichkeit wurde der PI. jeder Frau gewährt, denn die Frauen gaben den hohen muot, brachten das Ideal ins irdische Leben. Als Höhergestellte durften sie auch ihrem Liebhaber mit dem Sg. antworten, aber es blieb ihnen überlassen, ob sie ihm das Du schenken wollten e s . e l „But from line 1610 to 1680 there are 28 uses of the formal singular by Criseyde" (176. 285). e l a III, 1512frsagt Criseyde beim Abschied nach der ersten Liebesnacht: „ F o r I am thyn, by G o d and by my trouthe I . . . Thus seyde I nevere er this, ne shal to mo;..." 62 Die Frage, ob das Feudalsystem seine Wurzel ist, spielt in unserem Zusammenhang keine Rolle. 63 Die Lady in Gawain and the Grene Knight spricht Gawain 5 mal mit dem Sg. an, sonst verwendet sie den PI. (151. 55). Vgl. auch Nyrop 117. 233 über Corneille und Racine: „II faut noter que les hiros disent gdndralement vous aux hdroines, tandis que celles-ci tutoient les hdros. Ce tutoiment non reciproque provient d'une thiorie

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Anders als im Epos wird die Dame im Minnelied mit dem Sg. angesprochen. Der Unterschied ist im Mittelhochdeutschen besonders deutlich zu erkennen84. Z u dieser doppelten Verwendung des Personalpronomens tritt noch eine dritte, weniger deutlich erkennbare, doch nicht minder interessante Anrede: Im ehelichen Leben kehrt sich das Verhältnis des Minnedienstes um; hier erhält der Gatte den PI. und gibt der Gattin den Sg. zurück. Diesem Pronomengebrauch liegt wohl die Auffassung der Theologen zugrunde, daß die Frau sich dem Manne unterzuordnen habe 65 . Vielleicht kann man ein frühes Beispiel für die PI. Anrede des Mannes schon im Waltbarius entdecken, wo Hiltgunt mehrmals vos verwendet, z.B.

256fr.

Addidit has imo virguncula corde loquelas: Vestrum velle meum, solis his aestuo rebus, Praecipiat dominus, seu prospeia sive sinistra Eius amore pati toto sum pectore praesto".

A n Chaucers Erzählung des Wife of Bath kann man dieses „Ehepronomen" besonders schön aufzeigen: Ein Ritter zieht aus, um die Antwort auf die ihm gestellte Frage zu suchen, „what thyng is it that Wommen moost desiren" (III (D) 905). E r trifft eine häßliche Alte (ein Feenmädchen, wie sich herausstellen wird) und nach einem höflichen Gruß auf beiden Seiten (Sir knjght . . . je .. leeve mooder . . . je . . . 1001 ff.) redet die Alte — als Fee — den Ritter mit dem Sg. an (1014fr.). So bleibt es auch am Hof (Reden des Ritters fehlen). Der Ritter muß die Alte heiraten, — er hatte bei seiner Ehre versprochen, ihren ersten Wunsch zu erfüllen; ko hilft alles nichts: the ende is this, that he Constreyned was, he nedes moste hir wedde; And taketh his olde wyf, and gooth to bedde.

IOJOS.

Es ist ihm gar nicht wohl; er wirft sich im Bett hin und her. bizarre du ä la galanterie du temps et qui enseigne que la femme est sup6rieure i l'homme, qu'une femme, des qu'elle se croit aimee, a le droit de traiter celui qui l'aime avec une familiaritö protectrice, sans que celui-ci ait le droit de lui rendre la pareille; eile devient sa suzeraine, il devient son vassal." 64 Vgl. Ehrismann 527. ν 187fr. und Bernhardt 520. 369: Wolframs und Hartmanns Lyrik kennen kein ir. 65 Man vergleiche die Diskussionen der Puritaner im 17. Jahrhundert (s. u. 66 Vgl. auch für das Altfranzösische 115. 12: „Parallel mit dem Anredepronomen geht i. a. die Betitelung. Der Gatte (auch in der Bauersfamilie) bekommt mehr ,Sire' als er ,Dame' zurückgibt."

86

Mittelenglische Zeit His olde wyf lay smylynge everemo, A n d seyde, „ O deere bousbonde, benediciteel Fareth every knyght thus with his w y f as j e ?

E r aber redet seine Frau nun mit dem Sg. an: Tbou art so loothly . . .

1100

Sie bleibt beim PI. Die drei Sg. Formen ι i6off. stehen eindeutig für ein unpersönliches man, d. h. sie sind nicht Anrede. Als sie ihren Gatten wieder anspricht, wechselt sie sofort zum PI. (sogar in den Verbformen: thenketh, reedeth . . . ) und spricht ihn auch mit sir an (120; ff.). Es kommt bis zum Schluß kein einziger Sg. mehr vor! Der Theorie des Wife of Bath entsprechend, daß „maistrie" höchster Wunsch der Frauen sei, und daß der Mann „meeke" sein müsse, überläßt der Ritter am Schluß seiner Frau die Entscheidung, und in dieser Unterwerfung findet sich natürlich der PI.: M y lady and m y love, and wyf so deere, I put me in youre wise governance;

1 2 3 0 t.

Das Feenmädchen aber nützt ihre Herrschaft nicht aus, sondern bleibt ihrerseits beim you und verspricht „bothe fair and good" (1241) zu sein, und sie lebten glücklich . . . 67 . Ein reizendes Märchen, das uns wohl zugleich einen Blick tun läßt durch die dichterische Fiktion hindurch auf die soziale Realität, die doppelte Stellung der Frau im Mittelalter: als untergeordnete Gattin (und Gegenstand wüster Frauensatire) und als „lady bright", der man dienen muß. In Chaucers Erzählung des Wife of Bath zeigt sich die Zeit, da die beiden Bereiche ineinander übergehen, und — wenigstens als Wunschbild — die glückliche bürgerliche Ehe erscheint, in der sich geistige und sinnliche Liebe harmonisch vereinen können 68 . Die Verwendung des PI. durch Troilus hat Walcutt (176. 286) wie folgt charakterisiert: T h e attitude of abject, patient adoration demanded of the courtly lover explains why Troilus consistently addresses Criseyde as ye and you ; and there does not appear to be any other explanation, for familiar address is invariably connected with the language of passion in the love poetry of other periods and countries. 67 Wenn D . Everett in „Chaucer's G o o d E a r " (Essays on Middle English Lit., S. 1 4 5 2 ) sagt: „ I n the Wife of Bath's Tale, the knight addresses ,his olde w y f ' as , T h o u ' until he has been subdued to the point of saying ,1 put me in youre governance' " , so berücksichtigt sie damit nur die eine Seite. 68 Z u untersuchen wäre, ob aus der unterschiedlichen Verwendung v o n Sg. und PI. in den deutschen Minneliedern Rückschlüsse auf die Realität des dahinterstehenden Erlebnisses gezogen werden können. V g l . auch K a p . V I I I über das 18. Jahrhundert in Deutschland.

Mittelenglische Zeit

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Daß die Sg. Verwendung der Lyrik nicht mit der Pronomenverwendung des Epos gleichgesetzt werden darf, wurde oben gezeigt. Es enthält aber auch der Ausdruck „abject and patient adoration" eine ungerechte Abwertung. Der mittelalterliche Minnedienst mag der heutigen Zeit fremd erscheinen (wie eng sie ihm verbunden ist, hat C. S. Lewis in seiner Allegory of Love auf klassische Weise gezeigt); vor einer Wertung (oder gar Abwertung) muß der vorsichtige Versuch des Verstehens gemacht werden. Vielleicht kann man von dem hier behandelten Einzelaspekt ein klein wenig zum Verständnis von TV. & Cr. beitragen: Die überaus große Regelmäßigkeit der Verwendung des PI. dürfte die These von C. S. Lewis stützen, daß es Chaucer darauf ankam, bei der Bearbeitung von Boccaccios Filostrato das Mittelalterliche, den Gedanken der höfischen Liebe, stärker zu betonen. Troilus wagt es nicht, die Grenzen, die der Sittenkodex seiner Zeit ihm setzt, von sich aus zu überspringen, und Criseyde bringt es nicht fertig, — wenn man von den zwei Stellen III, 1512 und IV, 1641 absieht — sich Troilus wirklich ganz zu geben. Am amor mixtus aber scheitert die mittelalterliche Theorie des Minnedienstesββ. § iif. Die Äußerungen über die Anrede im Mittelenglischen Schlußbemerkungen Schon in der ae. Zeit ließen sich — freilich meist negative — Besonderheiten der Entwicklung der Anrede und des PI. maiestatis auf englischem Boden feststellen, und in der mittelenglischen Periode treten die Unterschiede zur französischen und deutschen Entwicklung des Anredepronomens klar hervor. In Frankreich hatte sich der PI. schnell ausgebreitet, da er ja unmerklich aus dem Lateinischen über das Vulgärlatein in die Volkssprache eindringen konnte; er entstammte dort nicht in dem gleichen Sinn wie im Deutschen und Englischen einer Fremdsprache. So erklärt es sich auch, daß der PI. viel schneller die unteren Schichten des Volkes erreichen konnte, ja, daß es fast zu einer völligen Beseitigung des Sg. in der Umgangssprache kam. Die Entwicklung im Deutschen begann zwar früh unter dem Einfluß des kirchlichen und höfischen Lateins, der PI. bereitete sich aber nur sehr langsam aus. Die Wege des 68 Die Anrede der Ehegatten ist lange Zeit — wenigstens in Deutschland — nicht das Du gewesen. 1786 erschien eine Schrift Sie über Du, oder Erörterung der Frage : in tvie weit die Sprache des gefälligen Umgangs auch in der Ehe bei^uhehalten seyt (518.). In österreichischen Adelskreisen kommt heute noch die Anrede in der 3. P. Sg. vor: „Wie hat Sie sich erholt?" usw. Über diese Anrede berichtet das Journal des Luxus im Jahre 1787: „Eben dieses Ausdrucks der Vertraulichkeit (d. h. des Er) bedienen sich auch Gattinnen gegen ihre Eheherrn gar häufig . . . Mehrenteils liegt bei dem Gebrauche dieser Sprach-Wendung eine gewisse Ironie oder Laune versteckt, die aber durchaus nichts beleidigendes an sich hat, . . . " ($19. 370f.).

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Mittelenglische Z e i t

PL lassen sich schwer verfolgen, es dürfte sich aber -weitgehend um eine umgangssprachige Entwicklung handeln, die sich in der Literatur spiegelt, nicht umgekehrt. Bezeichnend für den deutschen Raum ist es, daß sich eine Reihe von Aussagen über den PL Gebrauch finden (vgl. Ehrismann 527. passim). Von der Erklärung der Entstehung des PI. im Annolied an weisen sie auf seine Bedeutung in der feudalen Gesellschaft hin. Im Seifrid Helbling heißt es sogar „Es sind in meiner Zeit mehr als drei erschlagen worden, weil sie Ihresgleichen duzten" (527. v. 183.) Am Ende des 15. Jahrhunderts gibt es dann genaue Vorschriften über die Verwendung von Pl. und Sg. (ζ. B. Formulare und teutsch Rhetorica; 527. v. 206 ff.). Aus der strengen feudalen Ordnung in Deutschland ergibt sich die besondere Bedeutung der Anrede. Immer mehr Stände erheben den Anspruch auf den PI. von Ihresgleichen, von niederer Stehenden ganz zu schweigen. In England tritt die Pl. Anrede erst auf, als die politischen Gegensätze zwischen Angelsachsen und Franzosen schwinden (p. 1200). Dann allerdings vollzieht sich die Entwicklung sehr rasch, so daß eine dem Deutschen entsprechende Verbreitung des PI. am Ende des 14. Jahrhunderts erreicht wird. Das Tempo der Ausbreitung erklärt sich aus der häufigen Zweisprachigkeit der Inselbewohner. Daß der Pl. in allen Landesteilen praktisch zugleich auftritt, ergibt sich aus der Verteilung französischer Adeliger über fast alle Gebiete Englands und wohl auch durch den Einfluß der Rechtssprache, die mit den reisenden Richtern alle Grafschaften gleichmäßig erreicht. Das unterschiedliche Auftreten von Sg. in den literarischen Denkmälern dürfte mehr auf die Herkunft der Werke (oder wenigstens der Handschriften) aus verschiedenen sozialen Schichten als auf Unterschiede der Umgangssprache zurückzuführen sein70. Bezeichnend für die mittelenglische Epoche ist auch das fast völlige Fehlen von Äußerungen über die Verwendung von Sg. und Pl. Bisher sind drei entsprechende Stellen aufgefunden worden; alle erst aus dem 15. Jahrhundert. Die erste findet sich im Crowned King (EETS 54 (1873), 526; um 1415; vgl. Koziol 151. 55): 7 0 Wechsel, der durch Abschreiber bedingt ist: K o z i o l 1 5 1 . 64. M a n beachte auch, daß im Anglonormannischen Engländer durch V e r m e n g u n g v o n S g . und PI. charakterisiert werden: „ Q u e volez tu . . ( 1 1 5 . 34). Ähnlich ist w o h l die Unregelmäßigkeit etwa in der mhdt. Kudrun aufzufassen. D i e Sicherheit des Stilgefühls ist auch in der Anrede verlorengegangen (im G e g e n satz z u m Nibelungenlied) (527. iv. 227). D i e Herkunft des Nibelungenliedes aus höfischen Kreisen, der U m g e b u n g Bischof Wolfgers v o n Passau, ist w o h l endgültig gesichert: die Kudrun dagegen ist nur in der Ambraser H S . überliefert, so daß eine Beurteilung schwer wird.

Mittelenglische Zeit With that a Clerke kneled adoun: and carped these wordes; „Liege lord, yif it you like: to listen a while, Sum sawes of Salomon: y shall you shew sone, Besechyngjo« oiyour souerainte. that y myght be suffred To shewcyou my sentence, in singuler noumbre; To peynte it with pluralitee. my prose wolde faile, T o pike a thonke with plesaunce. my profit were but simple". Than the kyng of his curtesie. comaunded hym to ryse, To stonde and sey what hym semed. and knele no lenger. Than he seid, „sir crowned kyng. thou knowest well Jiyself, Thyself hast lyfe, lyme. and lawes for to keep . . . "

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42ff.

Sehr viel sagt dieser Beleg freilich nicht. Daß der König um 1415 normalerweise mit dem PI. angesprochen wird, ist selbstverständlich. Der Sg. erklärt sich aus der Art des Stoffes: in einer Traumerzählung werden Sprüche Salomonis erzählt, und der Sg. ist hierbei das Natürliche (und Überlieferte) 71 . Der zweite Beleg stammt aus der Legende von der Hl. Elisabeth (1207—31): And so wele she groundyd was in loulynesse That she nolde suffryn in no maner wyse Hyr maydyns hyr clepyn ,lady' nere .maystresse', Nere, whan she cam, ageyn hyr for to ryse, As among ientelys yt ys J)e guyse, Nere in {>e plurere noumbyr spekyn hyr to But oonly in ße syngulere, she hem dede deuyse, As souereyns to subiectys be won to do 72 . Hier liegt aber kein Originalbeleg vor. Die englische Fassung geht auf einen ursprünglich lateinischen Bericht zurück, der das gleiche berichtet: Item noluit se vocari Dominam ab ancillis ejus, quae omnino pauperes et ignobiles erant, sed tantum numero singular!: Tu Elyzabeth73. Der Beleg ist also den bei Ehrismann angeführten Aussagen über den PL im Mittelhochdeutschen hinzuzufügen. Der dritte Beleg stammt aus der Brigittinnenregel: 71 Jacob Grimm spricht vom „Pronomen der Lehre und des Gesetzes": „Sprüche, die eine Lehre enthalten, werden am wärmsten in der zweiten Person (Sg.) vorgetragen, vor dem Vater steht das Kind, vor dem Meister der Jünger, die den Spruch vernehmen und sich einprägen" (533. 275). 72 Zitiert bei Stidston (171. 20) nach Horstmann AE BibLAztzt neu ed. M. S. Serjeantson, Legendys of Hooly Wumrnen by Osbern Bokenham, IiETS os 206 (1938), Vers 10345—10352. Bokenham (c. 1392—1447) übersetzt aus der Legenda Aurea ; dort heißt es von Elisabeth: „Sie erniedrigte sich in Demut so sehr, daß sie nicht litt, daß ihre Mägde sie Herrin nannten, sondern sie durften allein zu ihr reden in der Form Singularis, als wir den Unteren pflegen zu rufen" (Ubers. Richard Benz, Heidelberg o. J., s. 884). 73 „ D e dictis IV ancillarum. Testim. Irmengardis" zitiert bei A. Schulz, Das höfische Leben z- Zeit d. Minnesinger2 1889 i. 210 2 .

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Mittelenglische Zeit None of you schall „Tbou" another in spekynge, but eche schal speke reuerently to other, the younger namely to the elder74.

Es handelt sich um eine Bestimmung der sog. Additions, die zuerst von Prior Peter Olafsson nach dem Tod der Hl. Birgit (1373) zusammengestellt wurde, und die von jedem einzelnen Brigittinnenkloster den besonderen Verhältnissen entsprechend leicht abgewandelt übernommen wurden. Die englische Fassung wurde nach der Gründung von Syon Abbey durch Henry V . im Jahre 1415 aufgezeichnet76. Nichts deutet darauf hin, daß in der mittelenglischen Epoche „mehr als drei erschlagen wurden", weil sie Ihresgleichen duzten78. Das wird verständlich, wenn man bedenkt, daß das feudale Ordnungsprinzip in England nie so streng durchgeführt wurde wie in Deutschland. Die Grenzen zwischen den Ständen waren fließend, nach unten offen. Die Rosenkriege bringen die Gesellschaft und die Regelung der Anrede, die in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine gewisse Festigkeit erreicht hatte, wieder in Bewegung, und lassen die unteren Schichten nach oben drängen, was sich auch in einer Ausbreitung der PI. Anrede unter den Bürgerlichen sprachlich ausdrückt. Die Voraussetzungen für die spätere völlige Beseitigung des Sg. werden in der elisabethanischen Zeit geschaffen. 74 Der Beleg wurde 1926 in Notes and Queries ohne Quellenangabe zitiert (506. 197). Ich verdanke die näheren Einzelheiten über seine Herkunft dem gütigen Entgegenkommen der Lady Abbess des Brigittinnenklosters Syon Abbey, South Brent, Dev.; Sister Mary Dominic erteilte mir freundlicherweise alle gewünschten Auskünfte. 75 Das MS., dem der Beleg entstammt, befindet sich im British Museum (MS. Arundel 146), eine Abschrift ist in der Bibliothek von St. Paul's; Syon Abbey besitzt eine Photokopie. Einen 4. Beleg hat man in Lydgates Merita Missae (in: Lay Folks Mass Book, E E T S os 71 (1879), T 53) sehen wollen. Es heißt dort: And, thou I klype the, prowde knapys, That make in holy chirche Japis, For he that wyll with Enemyes Fyght, Wyll worshyp god with all hys myght (190fr.). E s handelt sich hier lediglich um das „Pronoun of confessional and pulpit"; Sg. und PI. wechselt mehrmals bei der Anrede an die Leser (Hörer); bes. deutlich ist uff.: And therefore, and it be youre wylle, Whan I speke, hould youne styll. At ewyn whane thoue to bedde shall gone To thi fader thou make mone, . . . (Ähnlich 79fr., 136fr., 154fr.). Der Herausgeber hat am Rand übersetzt: „ A s to the jester, he thous him", während es sich wohl nur um eine Flickformel handelt: „Und Du, mein Bursch, hör zu, . . . " 76 S. o. und vgl. Petzsch (549. 29), der über die Honoratioren des deutschen Mittelalters sagt: „Sie streiten in erregten Worten über den Vorrang vor einander, werfen sich unberechtigtes und damit ungehöriges Duzen vor und feinden sich überhaupt an."

V . D A S 16. U N D 1 7 . J A H R H U N D E R T Vah, homo Germanus tuissas Anglum! Erasmus 1 § 19.

Allgemeines

Iii den bisherigen Kapiteln wurde in erster Linie das Auftreten des P L verfolgt; der PI. war das Besondere, und es galt zu zeigen, wie aus okkasionellem ein usueller Gebrauch d. h. der Standespl. entstand. V o n nun an wird das Hauptaugenmerk dem Vorkommen des Sg. gelten. J e mehr sich nämlich der Standespl. durchsetzt, um so bedeutsamer werden die Abweichungen; der Standespl. ist Voraussetzung für die eigentliche Ausbildung des affektischen Sg., im freundlichen wie im feindlichen Sinn. In der Zeit Chaucers war der PI. innerhalb der Oberschicht schon vollkommen selbstverständlich, und die wenigen Privatbriefe der E p o c h e zeigen stets den PI.: Ryght wel by loved frend I Grete yoa> wel and do yow to witene . . A Eine einzige sehr charakteristische Ausnahme findet sich: L o r d G r e y de Ruthyn schreibt im Jahre 1400 an Griffith ap D a v i d ap Griffith (259. 35ff.): We send the greting welle, but no thyng with goode hert. And we have welle understande thy lettre to us sent by Deykus Vaghan, our tenant, which maken mention and seist that the fals John Weele hath disseyved the. But we hoope a>e shall do the a pryve thyng; a roope, a ladder, and a ring, heigh on gallowes for to henge . . A 1 Dieses Zitat wird in Notes and Queries (164. 45 6) mit dem Vermerk Erasmus I. 796 gebracht, doch konnte ich es leider nicht auffinden. 2 Rickert, Some Personal Letters (244. 259). Vgl. auch Letters and Papers Illustrative of the Reigns of Richard III and Henry Vll (257.), etc. Bei Ellis, Letters (431.) kommt kein Sg. vor (95. 122). Die Zahl der englischen Briefe vor 1500 ist nicht sehr groß; die offizielle Korrespondenz wurde lateinisch und französisch abgewickelt. (Vgl. ζ. B. The Diplomatie Correspondence of Richard II. 242.). Eine bezeichnende Aussage darüber findet sich in einem Brief von George Dunbar, 11 th Earl of March, an Henry I V : „And, noble Prince, mervaile yhe nocht that I write my lettres in Englishe, fore that ys mare clere to myne understandyng than Latyne or Fraunche" (259. 24). 3 Man beachte den formelhaften Anfang „we send the greting welle, . . ." dessen positive Bedeutung im Nachsatz sofort negiert wird. Es ist ja bis heute — wenigstens im Deutschen — ein Problem des Briefstils, daß nur positive Grußformeln vorhanden sind, die in manchen Briefen lächerlich klingen, sogar schon in

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Das 16. und 17. Jahrhundert

In Chaucers Zeit beginnen auch die bürgerlichen Kreise Anspruch auf den PL zu erheben: So wollte z. B. die Frau des Millers Symkyn stets als „dame" angesprochen werden (C. Τ. I (A) 3956). Im 15. Jahrhundert breitete sich der PI. unter den bürgerlichen Schichten aus, wenn auch die geringe Zahl der Quellen es nicht erlaubt, die Entwicklung im einzelnen zu verfolgen. Die berühmteste Quelle der Zeit, die Paston Letters, zeigen fast durchweg den PI. N. Davis — der eine Neuausgabe der Briefe vorbereitet — kann feststellen: „Where the singular occurs, in the Paston Letters it always implies anger, contempt, or hostility"4. Die Gründe dafür, daß der PI. in so weiten Kreisen selbstverständlich wird, sind in der politischen Entwicklung zu suchen. Das 15. Jahrhundert sieht das Erstarken des Bürgertums, das die Hauptstütze der Tudors sein wird. Die Rosenkriege und die Kämpfe der Tudorzeit vernichten gleichzeitig einen Großteil des alten Adels; aus dem Bürgertum wächst ein neuer Adel heraus, und die ganze Epoche ist durch ein Drängen nach oben gekennzeichnet, das auch den Zeitgenossen schon bewußt wurde. Anspielungen auf das Überschreiten der Klassengrenzen finden sich an den verschiedensten Stellen, oft beiläufig erwähnt, oft in kritisch-tadelnder Form. Ganz besonders fiel den Engländern und den ausländischen Besuchern der Insel auf, daß auch in den unteren Schichten Komplimentiersucht und Kleiderluxus immer mehr zunahmen. Daß sich alle prächtig kleideten, war keineswegs einfach der Ausdruck elisabethanischer Lebensfreude, sondern spiegelte zugleich das Bestreben der Bürger (und besonders ihrer Ehefrauen), es dem Adel gleichzutun, auf höhere gesellschaftliche Stufen zu gelangen — wenn auch nur in der äußeren Erscheinung — und auf diese Weise „gleichberechtigt" zu Geschäftsbriefen unangenehm sein können, sobald man sich der ursprünglichen Bedeutung der Überschrift auch nur im geringsten erinnert. Das Deutsche kennt keine weniger höfliche, einfache und emotional indifferente Form als „Sehr geehrter Herri", das Englische verfügt über das ,Sir' (in Briefen an den Herausgeber einer Zeitung usw.). Das Deutsche bietet andererseits die Möglichkeit, sehr genau zu differenzieren: Sehr geehrter . . ., Sehr verehrter . . . Hochverehrter . . . usw. Eine genaue Untersuchung des deutschen Gebrauchs im 20. Jahrhundert wäre lohnend. Eine ausgezeichnete Quelle dafür (gleichzeitig eine interessante Quelle für Kultur- und Sozialgeschichte) sind die Briefsteller, deren bibliographische Erfassung f ü r das 19. und 20. Jahrhundert ein Desiderat ist (bis zum 18. Jahrhundert sind die deutschen Briefsteller v o n französischen und englischen Vorbildern abhängig. Vgl. 456.). Die Schlußformel bietet i. a. weniger Probleme. Im schlimmsten Falle kann man im Deutschen ja setzen: „Mit der Ihnen zukommenden Hochachtung . . . " 4 233. 1 3 1 ; Davis weist a . a . O . darauf hin, daß die Briefe der Cely-Papers manchmal den Sg. zeigen. Richard Cely the elder schreibt gelegentlich an seinen Sohn mit dem Sg., und dieset verwendet den Sg. seinem Diener gegenüber. Das sind aber zwei Arten der Sg. Verwendung, die sich bis ins 17. Jahrhundert hinein erhalten. Die Dienerschaft erreicht erst im 18. Jahrhundert ihre „^«-Berechtigung" — und damit ist das thou endgültig zum Aussterben verurteilt; s. u. und vgl. Schücking, Familie 419. 130fr. mit Lit. Hinweisen.

D a s 16. und 17. Jahrhundert

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werden. Stand, Kleidung, Titel und Anrede dürfen deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Zwar, — so sagt F. Gedike 1794 bei der Besprechung der deutschen Anrede — „ist es nicht eben vernünftig!, aber doch sehr gewöhnlich, daß die Anrede einer unbekannten Person sich nach der Kleidung richtet" (529. 20f.). Ohne Zweifel darf man die zahlreichen Anspielungen auf die Vermischung der Stände, die Beschreibung der Putzsucht und die vielen Kleiderordnungen der Zeit als Ausdruck der besonders raschen und auffälligen Umschichtung der Gesellschaft werten, und in ihnen eine Parallele zu der aus den Belegen zu erschließenden Entwicklung des Anredepronomens sehen6. Direkte Äußerungen über die Anrede sind auch im 16. Jahrhundert selten; immerhin lassen sich einige Stellen anführen, aus denen die Bedeutung der Anrede hervorgeht: In der Examination of Richard Woodman (1557) sagt der Bischof v. Winchester: What a naughty fellow is this ? This is such a perverse villain as I never talked withal, in all my life . . .

Woodman: Call you me a fellow? I am such a fellow I tell you, that will drive you all to hell if you consent to the shedding of my blood . . . (356. 1601a.).

Auch der Ausdruck sirrah tritt schon früh abschätzig auf (356. 1621b) 15 5 7. Im 17. Jahrhundert wird er als ausgesprochen beleidigend zurückgewiesen: Richter : Therefore, Sirrah you are too bold

John Crook : Sirrah is not a word becoming a fudge ; for I am no Felon. . . . (281. ii. 45 9 b) 1662

oder: Richter: Sirrah will you take the oath?

G.

Fox:

I am none of thy Sirrah, I am no Sirrah, I am a Christian, art thou a Judge and sits there, and gives names to prisoners; thou ought not to give names to prisoners (485. ii. 58) 1664.

Schließlich sei noch eine empörte Zurückweisung von woman angeführt : Im Streit mit seiner Mutter, Lady Waller, die ihm vorwirft, daß er Quäker geworden sei, sagt der Sohn: 5

Beispiele s. u.

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Das 16. und 17. Jahrhundert Woman, shew thyself a sober woman. — She fell to beating him about the head and pulling his hair, saying that she was never called Woman before (494. 488) 1 6 5 7 .

Einige Belege spielen auch direkt auf die Sg. Anrede an. Vom Beginn des 16. Jahrhunderts stammt der deutlichste Hinweis, daß der PI. die gewöhnliche Anrede war: Erasmus erzählt von einem deutschen Arzt, der die Frau eines Londoner Bürgers erfolgreich behandelt hatte, und nun sein Honorar forderte. Der Londoner behauptete, seine Frau habe bereits bezahlt; der Arzt verneinte und sprach dabei — das Gespräch wurde lateinisch geführt — den Engländer mit dem Sg. an. Dieser rief empört: „Vah, homo Germanus tuissas Anglum!" und lief ohne zu zahlen davon (164. 456). Ph. Stubbes berichtet 15 91 in Christal Glasse von seiner verstorbenen Frau: „she was never heard to give any the lie, nor so much as to thou any in anger"®. Hierher gehört auch die oft zitierte Stelle aus Twelfth Night III. ii., wo Shakespeare in der Person von Sir Andrew Aguecheek auf lachende Weise Gesellschaftsund Zeitkritik übt. Sir Andrew möchte sich gerne richtig benehmen, aber es gelingt eben nie. Sir Toby macht sich ein Vergnügen daraus, ihn zu foppen, und so arrangiert er einen Zweikampf zwischen Sir Andrew und Viola. Die beleidigende Herausforderung aber muß im Sg. abgefaßt sein: Go, write it in a martial hand; be curst and brief; it is no matter how witty, so it be eloquent and full of invention. Taunt him with the license of ink; if thou thou'st htm thrice, it shall not be amiss ; . . . III. ii. 39ff.7. Zitiert in der Variorum Edition, Twelfth Night, III .ii. 39 Anm. In dieser Stelle hat man eine Anspielung auf den Prozeß gegen Raleigh gesehen. Vgl. die mit Recht skeptische Anmerkung in J. D. Wilsons New Shakespeare Ausgabe. Eine weitere Anspielung auf den Numerus des Pers. Pronomens bezieht sich nicht auf seine gesellschaftliche Bedeutung, sondern auf die konventionelle Verwendung des Sg. im Gebet und in der Bibelsprache. W. Bullein, Dialogue (338. 5): Civis: Me think I do hear a good mannerly Beggar at the door, and well brought up. How reverently he saith his Pater noster I he thous not God, but you (sic!) him. God's blessing on his heart! I pray you wife, give the poor man something to his dinner. Uxor: Sir, I will hear him say the Lord's prayer better before I give him any thing. Civis : What a reckoning is this! Dame, do as I command you; . . . Hier werden die katholischen Mönche verspottet (NB. Uxor spricht den Mendicus mit thou an). Wenn man will, hat man hier einen „spiegelverkehrten" Vorläufer der Verspottung des Sg. der Quäker. In dem einen Fall tritt der PI. der Umgangssprache in der religiösen Sphäre auf, im anderen soll die Sprache der Bibel auch für den Alltag gelten. Die ausführlichste Anspielung auf die pronominale Anrede findet sich in Fulwoods Enimie of Idleness (453. 4): „If we speak to our inferior, we must use a certain kind of modest and civil authority, in giving them plainly to understand our intent and purpose. A Merchant having many servants, to his chiefest may speak or write by this β

7

Das 16. und 17. Jahrhundert

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Frühere Arbeiten über die Anrede stützten sich für das 16. Jahrhundert in erster Linie auf die dramatische Literatur. In den folgenden Abschnitten sollen dagegen vorwiegend Beispiele aus der Umgangssprache und der „niederen" Prosaliteratur angeführt werden. Die Gliederung erfolgt nicht rein chronologisch, sondern vorwiegend nach Gesichtspunkten der Bedeutung.

§20. Exkurs: Stand, Kleidung, Anrede In diesem Abschnitt werden einige Äußerungen von Zeitgenossen über Komplimentiersucht, Kleidung und Stand zusammengestellt. Die meisten stammen aus der elisabethanischen Zeit. Um 1450 schreibt Thomas Gascoigne in seinem Liber Veritatum (258. 144t.) unter dem Stichwort Ornatus: Iste enim ornatus preciosus et superfluus, et aptus, nudans pectora mulieris . . . et ornatus virorum, jam nuper inductus, citra annum 1429, plura mala causavit, . . . ut notum est pluribus . . . Ornatus et vestes institutae erant ad servandum naturam a nocivis et malis, et ut per talia signa cognoscatur unum officium ab alio, et eciam ut per ilia ornamenta visa, reducat memoriae onera suae curae, officii, seu gradus (meine Hervorhebung). Roger Ascham schlägt vor, die Kleiderwut durch Gesetze zu bekämpfen: . . . If three or four great ones in Court will needs outrage in apparel, in huge hose, in monstrous hats, in garish colours, let the Prince proclaim, make Lawes, order, punish, command every gate in London daily to be watched, . . . (Schoolmaster 327. 22of.) 8 . Bei Florio heißt es in den First Fruits (1578): G o the people well apparelled ? Very well, and with great pomp. A handycraftsman will be a merchant, a merchant will be a gentleman, a gentleman will be a Lord, a Lord a Duke, a Duke a King: so that every one seeks to overcome another in pride9. Eine Stelle aus dem Jahr 1597 weist ebenfalls auf die Vermischung der „degrees" hin: The confusion also of all degrees in all places being great where the meanest are as richly apparelled as their betters, and the pride that such interm, you: but to them whom he less esteemeth, and are more subject to correction, he may use this term, thou, or otherwise at his discretion: Also a Father to his son may do the like." Es handelt sich aber um Übersetzung einer entsprechenden Stelle in Fullwoods Vorbild, Stile et Mattiere von Le Moyne (458. 8): „Si le pere parle & son fils, il peut dire, tel je me recommande & toi, un marchant, ou autre ayant plusieurs serviteurs, i ses mieux aimez peut dire, parier, et escrire par vorn, mais έ ceux, qui lui sont moins estimez coulpables, et plus subjez 4 correction il parle» par toi, ou autrement ä sa discretion." Eine Äußerung von Ch. Hoole (1659) über die Anrede wird auf S. 101 zitiert. 8 Für Kleiderordnungen der Zeit vgl. u. a. Traill iii. 5 53 f. (202.) und Strutt iii. 81 f. (201.). 9 Die Fortsetzung der Stelle ist typisch für die dauernde Lobpreisung der Königin: „It is marvel that the queen findeth not some remedy for it. — She is so pitiful, that she letteth every one to do what he pleaseth most: lust and covetousness are practised very much" (299. 17).

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Das 16. und 17. Jahrhundert ferior persons take in their garments driving many, for their maintenance, to robbing and stealing by the highways (343. 247)10.

Eine ausgesprochene Tendenzschrift stammt von J . Μ. Λ Health to the Gentlemanly profession of Servingmen : or, The Servingmaris Comfort (1598). Noch glaubt man durch das vorgesetzte Adjektiv Gentlemanly den Servingmen Comfort geben zu können, um ihnen so ihre Stellung schmackhafter zu machen: If then without every of these professions there can be no well-governed Common wealth: (For if all men should be Kings, then cunning Cobblers should lose their craft: if all Cobblers, Princes' sovereignty would quickly surcease:) How then cometh it to pass that so many Heresies are crept into one religion, so many diseases into one body, and so many aspiring minds into this Commonwealth of England? For the Cobbler would be a Shoemaker, the Shoemaker a Tanner, the Tanner a Grazier: so that no man resteth contented with his vocation (326. 103). J . Rathgeb, der als Sekretär des Herzogs Friedrich von Württemberg am Ende des 16. Jahrhunderts England besuchte, weiß zu berichten, daß die Bewohner prächtig gekleidet, stolz und anmaßend seien. Er erfuhr aber auch, daß mancher Samt trug, der daheim nichts zu beißen hatte (418. 7 f.). Es war dies ein offenes Geheimnis : Trust me, I hold this excessive costly Apparel a great cause why gentlemen cannot maintain their wonted and accustomed bounty and liberality in Hospitality and housekeeping . . . lautet die Klage im Jahr 1598 (326. 154). W. Bullein charakterisiert und kritisiert die Zustände in seinem Dialogue against the Fever Pestilence (1564) durch das Aufzeigen des Gegenbildes; ein utopisches Land wird durch Mendax (!) beschrieben: Civis : How are the people apparelled? Mendax: Very plain, saving the nobles, which are rich, in fair attire like angels. There the women are very houswifely, the men homely, great labour, little silk is worn, no jewels, no light colours, no great hose, no long daggers, no coxcomb feathers, no double ruffs, not many servingmen, no dicing nor unlawful games; neither cogging, foisting, or cozening. Plain, plain; plain both in word and deed (338. nof.). Besonders auffällig war die affektierte Komplimentiersucht. Emanuel von Meteren, der 1599 England besuchte, berichtet über die Bewohner der Insel: The people are bold, courageous, ardent, and cruel in war, fiery in attack, and having little fear of death;.. . They are full of courtly and affected manners and words, which they take for gentility, civility and wisdom (418. 70). In Erziehungsschriften wendet man sich an die Adeligen, um vor übertriebener Höflichkeit zu warnen; so schreibt ζ. B. Cleland in Pro-Paideia, or The Institution of a Young Noble Man (1607): Salutation is the first point of courtesy in our private conversation, which now is become so full of ceremony and vanity, it is very difficult to give any advice herein, the world is so blinded with these compliments, false offers, and 10

Man erinnere sich an Shakespeares Aussagen über degree in Tr. & Cr.

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promises of service, with hyperbolical and hypocritical praises to every man's knowledge, as well as his that heareth and receiveth them, as his that presents them. It is like an agreement made between them, every one to mock and scoff at an other, and yet to say, I thank you Sir for your courtesy, when he never believeth one word of all, more than the other thinks he doeth . . . (342. 176 f.). For my part I think that an handful of our old friendship, is worth a whole armful now, as we use to embrace in our common salutations: whereof I can render no other reason but custom (342. 178). Oft wird die Kritik in die beliebte Form des Dialogs gekleidet; Courtier und Country-Gentleman unterhalten sich (1618): Doth it please you to command me any further service ? Vincent: You will never leave your Ceremonies (Master Vallentine). I know you are more wiser and more expert than I am: but your natural courtesy and modesty, doth move you to yield more respect than is due unto m e : . . . (322. 30) oder ein Countryman sagt zum Courtier: And for your Gentlemen, we have good Yeoman that use more courtesy or at least kindness than curiosity, more friendship than compliments, and more truth than eloquence: . . . (334. 180). Die Ehefrauen haben die Entwicklung stets sehr gefördert: Während der Mann bei der Übernahme eines Amtes Titel und Rang als selbstverständliche Beigabe erhält, muß sich die Ehefrau die Anerkennung als „etwas Besseres" oft erst erkämpfen11. Schon in Chaucers Reeve's Tale heißt es vom Müller Symkyn: A wyf he hadde, yeomen of noble kyn ; The person oj the torn hir fader was. . . . Ther dorste no wight clepen hire but „dame" . . . (C. Τ. I (A) 3942f., 3956) Im Prolog heiß es von den Bürgerfrauen: It is ful fair to been ycleped „madame" (I (A) 376) Die Anrede „madame" und „dame" zog natürlich den Standespl. nach sich 12 . Natürlich spielt die Eitelkeit eine große Rolle; eine jede will die Schönste sein. In einer Verfügung aus dem Jahre 1584 (26 Eliz I) zeigt sich, wie groß die Bedeutung der Kleidung der Ehefrauen war; über die Gestellung von Pferden heiß es: If any person should be thought of ability to be charged by reason of lands or goods, or by their wives' apparels, they were to be so charged (418. 7 Anm. 14). Ein besonders hübsches Beispiel wird von Beaumont und Fletcher auf der Bühne präsentiert: die Frau Meisterin vom Lande fällt in Ohnmacht, um ihren Mann zu zwingen, ein neues Kleid für sie zu kaufen, — damit sie ebenso vornehm sei, wie die Bürgersfrauen aus London {Scornful Lady, iv. i. 25 5 ff.)13. I I Der deutsche Zustand, daß die Ehefrauen fast automatisch den Titel des Mannes erhalten, ist erst neueren Datums; auch heute noch gibt es stille doch zähe Kämpfe um die Anrede — wie man bei jeder Milchfrau erfahren kann. 12 Chaucers Wife of Bath hatte übrigens an Sonntagen „zehn Pfund Kopfzeug" auf (C. T. Prol. 454). 13 Der Quäker Davies berichtet, daß wohl sein Meister die Anrede mit tbou duldete, Frau Meisterin ihn aber deswegen prügelte (s. u. S. 181).

7 Finkenstaedt, You

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Auch in Deutschland waren die Frauen in der Entwicklung „führend"; Gedike berichtet 1794 darüber: Noch sichtbarer ist dies Hinaufdrängen der niedern Klassen bei dem weiblichen Geschlecht, welches unter andern schon aus dem itzt weit häufigem Gebrauch der Französischen Anredeform Madame und Mademoiselle oder wenigstens Mamsell (denn nach dem Sprachgebrauch scheint in der Tat diese verstümmelte Form um einen Grad tiefer zu stehen als die reine Französische) erhellt. Die Zahl der weiblichen Prätendenten auf diese Anrede hat sich seit kurzer Zeit unglaublich vermehrt. Die Frauen und Töchter jedes nur einigermaßen bemittelten oder bemittelt scheinenden Handwerksmanns machen auf diese Benennung Ansprüche, und erhalten sie wenigstens in dem engern Zirkel ihrer häuslichen Verhältnisse, vornehmlich, sobald es ihnen beliebt hat, die Haube und Mütze mit einem sogenannten Kopfzeug zu vertauschen, welches letztere nun einmal ein konventionelles Dokument für die Rechtmäßigkeit der Ansprüche auf die Anreden mit Sie, Mamsell und Madam ist, . . . (529. ijf.). §21.

Lateinisches

Erasmus erzählt die Geschichte des „Vah, homo Germanus tuissas Anglum" nicht aus soziologischem Interesse oder um die Eitelkeit der Engländer anzuprangern, sondern er verspottet die Verwendung des lateinischen Plurals in der Anrede als Humanist, der auf die Reinheit des lateinischen Stils bedacht ist. Der PI. ist für ihn ein Verstoß gegen die Logik der Grammatik des klassischen Lateins, und deshalb muß er beseitigt werden. Was der Anredepl. bedeutet, und wie er entstand, das war einem Humanisten recht gleichgültig. In ganz Europa wurde für das reine Latein gefochten, und die Sg. Anrede wieder einzuführen, war dabei ein Hauptziel der Humanisten: „bei der Wichtigkeit der Epistolographie wurde das ,Du' (Anm. d. Verf.: besser wäre es zu sagen, das tu) förmlich zu einem humanistischen Bundeszeichen" ( i n . 38). Petrarca hatte auch hier den Anstoß gegeben und das „tullianische D u " erneuert, und er war stolz, auch Kaiser und Papst im Sg. anzureden, zumindest anzuschreiben ( 1 1 2 . ii. 419). Zuerst spottete man über seine Neuerung, bald übernahm man sie, wie Petrarca selbst berichtet: „Styli huius per Italiam non auctor quidem, sed instaurator ipse mihi videor, quo cum uti inciperem, adolescens a coetaneis irridebar, qui in hoc ipso certatim me postea sunt secuti" ( E p t s t . vor. 32; zitiert bei 1 1 2 . ii. 419 Anm. 2). Enea Piccolomini wirft es den Deutschen als barbarische Sitte vor, daß sie den PI. in der Anrede verwendeten (ibd.). Tatsächlich gelang es den Humanisten in recht kurzer Zeit, den Sg. in der lateinischen Anrede wieder einzuführen (vgl. darüber ζ. B. i n . 38fr.); die Autorität des Erasmus war dabei von entscheidender Bedeutung. Dazu kam, daß auch Luther und Lipsius für den Sg. eintraten (491. 161). Im 17. Jahrhundert ist der Sieg des tu praktisch vollständig. Dieser Sieg hat jedoch kaum einen Einfluß auf die Volks-

Das 16. und 17. Jahrhundert

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sprachen; hier wird weiterhin uneingeschränkt der PI. verwendet. Sobald man aber einen lateinischen Brief schreibt, oder auch nur einige lateinische Sätze einstreut, wechselt man zum Sg. Unter den Gebildeten setzt sich auch in England der Sg. schnell und gründlich durch. Ein Mann wie Thomas Morus verwendet den S'g. natürlich in allen seinen lateinischen Privatbriefen (438.). Es ist aber zu beachten, daß in das Latein als Amtssprache der Sg. nicht übernommen wurde. J . Breuning berichtet (1595) über eine Audienz, bei der ihn die Königin Elisabeth „begunte mich volgenter gestallt in Lateinischer sprach anzureden: Quae nuper coram me Italico Idiomate nomine Illustrissimi tui Principis protulisti . . . " Breuning verwendet in seiner Antwort nur den PI. (335. 38f.) 14 . George Herbert (1620) verwendet in seinen lateinischen Briefen den Sg.; nur „ad Jacobem Regem" heißt es Maiestas vestra (373. 46ο) 15 . Es ist bezeichnend für die Humanisten, daß sie nicht daran dachten, den PI. in den Volkssprachen anzugreifen. Sie erkannten anscheinend nicht die gesellschaftliche Funktion der PI. Anrede, sondern betrachteten sie ausschließlich als Literaten, die eine entschwundene Welt neu beleben und leben wollten. Sie waren Verehrer des klassischen Lateins und für sie war der PI. eine Entartung. Die Ausführungen des Erasmus in De Conscribendis epistolis zeigen am besten die Einstellung der Humanisten. Die im Abschnitt De Consuetudine unum multitudinis numero compellandi angeführten Argumente und Beispiele (110. 314—317) wiederholt noch nach anderthalb Jahrhunderten der Deutsche Balthasar Schupp fast unverändert, wenn er gegen den PI. wettert 16 . Erasmus führt aus:

Quamquam supersunt et hodie non pauci vossissatores, . . . Inexpiabili contumelia se putant affici, si quis unum singulari numero salutet: ac plane rem putant iniuriarum actione dignam, ac legibus vindicandam . . . Quid tu, inquit, me tuissas ? tuissa famulos tuos. Ego sum et te, et tuis omnibus melior.

Daraufhin macht er sich über den PI. Gebrauch lustig: Den Athos nennen wir einen Berg, nicht Berge, und wenn er auch noch so groß ist; ist das Meer etwa nicht riesig, weil es nur Sg. ist? Entsetzliche Sprachverwirrung ! 14 Es ist zu beachten, daß Elisabeth hier nicht den Maj. PI. verwendet, der in ihren Briefen normal ist. Sie sagt übrigens selbst zu Breuning: „Familiariter enim nunc tecum loqui volo . . . " (335. 39). (Oder widerstrebt ihr — als guter Schülerin von Ascham — der PI. ? In den Briefen ist sie ja durch Kanzleiusus gebunden.) Den Grafen Essex spricht Breuning mit Excellentia vestra an (335. 9f.). 1 6 Lateinische Briefe aus England finden sich ζ. B. in den Original Litters of Eminent Literary Men (432.). 16 Obwohl Schupp selbst sagt, er wolle „mit dem Erasmus philosophieren, hat man seine Ansichten als originale Äußerungen über die d e u t s c h e Sprache gewertet (113. 758). So viel ich sehe, hat bisher niemand die hier angeführten ErasmusStellen herangezogen.



100

Das 16. und 17. Jahrhundert Hoc fortassis in muliere gravida sit tolerabilius, aut etiam, si mavis, in scropha. N u n wird die rein grammatische Einstellung z u r Sprache deutlich: An aequum putatis, ut honoris vestri gratia, praeter veterum consuetudinem barbare (I) loquantur homines — Cur hic honos tantum in pronominibus situs est? — Honorificum est, saluto vos domine episcope: qui minus saluto vos domini episcopi? honorificum est, vidi vos ambulantem: cur non vidi vos ambulantes, si uni, sed honorato loquaris? Nimirwn aucta pluralitate, crescit bonos?17 Scheinbar genau wie der Quäkervater F o x beginnt E r a s m u s nun

die Sg. A n r e d e an G o t t im Gebet als A r g u m e n t heranzuziehen: Cur nos homunculi non veremur illi dicere: remitte nobis debita: et, ne nos inducas, si tantum honoris est in abusu numeri? Certe primus honos debetur deo. Cur hunc tanto fraudamus honore, cur huic praeferimus homuncionem? E r a s m u s zitiert dann die G r ü n d e , die für einen PI. Gebrauch angeführt werden. Die i . Person PL w i r d v e r w e n d e t : vel modestiae, vel festivitatis, vel euphoniae gratia; in der 2. Person genus significamus, n o n p e r s o n a m ; und er fährt f o r t : Unde quod olim modestiae erat, aut invidiosum, nunc repente honorificum esse coepit ? Ο imitatores servum pecus, ut mihi saepe Risum, saepe iocum vestri movere tumultus. Istos fefellit, opinor, quod veterum quispiam magistrate fungens, hunc in modum scripserit, Consideramus, retulimus, statuimus, nimirum munus publicum cum suis collegis communicans, et potestatis invidiam declinare volens. Hoc, ni fallor, exemplo reges et episcopi coeperunt et ipsi scribere: Nos Joannes episcopus Cameracensis, Nos Carolus rex Gallorum. Nec dubium quin et hoc qui primi coeperunt, modestiae causa fecerint, videlicet quo tyrannidis speciem fugerent. A n einem Beispiel führt E r a s m u s die konsequente V e r w e n d u n g der U m s c h r e i b u n g ad absurdum. E r zitiert die Demutsformel der Papstbriefe „ P e t r i sedem, quam indigni t e n e m u s " , und sagt: „ Q u i s ferat, si quis idem dicat illi: Confugimus ad istam Petri sedem, quam indignus tenes". Alle F o l g e r u n g e n , die E r a s m u s zieht, sind rein grammatisch: Quod si hanc sermonis ineptiam idiotarum stulta ambitio commenta est, qui dedignentur orationem habere cum aliis communem, cur eruditi (I) hanc ineptam ac muliebrem inanitatem assentando alunt? scio deberi honorem, magistratibus, parentibus, praeceptoribus. Sed hic ridiculus est honos, quempraestat soloecismus'1*. 110. 315f.; von mir hervorgehoben. (ixo. 515) Von der Verwendung der 3. Person in der Rede („sua potestas") heißt es: „Huius sermonis ineptiam si quis non videt illiteratissimus sit opportet" (110. 316). 17

18

Das 16. und 17. Jahrhundert

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Am Schluß des ganzen Abschnittes gibt er das Ziel seiner Bemühungen um den Sg. an: aliquando placebit omnibus, quod nunc placet eruditis ( n o . 317).

Die Schulbücher für den Lateinunterricht zeigen am ehesten einen Einfluß der Humanisten. Überall wird das „tulüanische D u " verwendet, und in der Formenlehre und Syntax entsprechend darauf hingewiesen. Dabei wird — verständlicherweise — stets thou für tu, und ye/you für vos gesetzt. In den Übungsstücken dagegen findet sich fast ausschließlich you in den englischen Übersetzungen. Manchmal rutscht freilich unter dem Einfluß des Lateinischen ein thou in den Text. Auch in den sorgfältiger gearbeiteten Schulbüchern tritt gelegentlich das thou auf, jedoch nur an Stellen, wo es in der Umgangssprache üblich ist: im Streit, zwischen Schuljungen, und wenn der Lehrer die Schüler anspricht. In der Bearbeitung des Corderius durch Charles Hoole ( 2 16 5 7) heißt es ζ. B. auf der ersten Seite: B. God s a v e C l a u d i u s C. And God savcyou too, Bernard B. Fie! thou art overwise

Salve Claudi Tu quoque salvus sis Bernarde Vah! tu nimium sapis (309. 1).

Ähnlich verwendet Hoole in seinem Übungsbuch Confabulatiunculae (1659;)you; fast nur beim Streit zwischen den Schülern steht der Sg. und in der Formel „ I pray thee" (307. 1 1 ; 16; etc.). John Clarke bringt in The Second Praxis (1633; 294.) im laufenden Text meist you (er arbeitet nicht sehr sorgfältig), am Rand — er weist selbst darauf hin — stehen wörtliche Übersetzungen, um dem Anfänger zu helfen, und in diesen steht oft thou. Die unterschiedliche Verwendung der Pronomen war den Schulmeistern selbst bewußt; Ch. Hoole sagt in der Vorrede seiner Disticha Catonis (1659) über seine Technik: I have commonly rendered you for thou, or thee, because our children are generally now taught to say so (especially in common discourse) for manners sake. For, quid me tuissas? is every bodies reply nowadays, to whom we say thou, except he be much our inferior; though Erasmus was very angry with all such in his time as would not endure to be tbou'dw (308. A 8 v).

Gegen eine inkonsequente Verwendung der Pronomina wettert George Fox im Anhang zu seinem Battle Door, wo eine lange Reihe von 19

Vgl. auch Geliert 0*1776; 1 i70j) bei der Ubersetzung eines Pliniusbriefs: „Ich habe sowohl in diesem als in dem bald folgenden Brief des Cicero das lateinische Du durch unser Sie ausgedrückt. In einer ganzen Übersetzung würde ich's schwerlich wagen; allein bei einem einzelnen Briefe, den ich aus beiden, als ein Exempel anführte, schien mir das Sie nötig zu seyn, um die Ähnlichkeit der alten und unserer Briefe fühlbar zu machen, und den Leser geschwinder zu überzeugen, daß die Regeln eines guten Briefes allezeit eben dieselben gewesen sind" (577.41 Anm.).

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Schulbüchern angeführt wird, die den lat. Sg. durch den PI. wiedergeben. Am Schluß seiner Aufzählung heißt es: Scholars and Doctors have you forgot Erasmus his Epistles, and Tully his Books of Orations, and his Epistles, did not they use the singular words to the singular, . . . (438. 180).

Fox verwendet die Argumente der Grammatiker für sich in einer Weise, die sie nie gebilligt hätten, denn eine tiefe Kluft trennt ihre grammatische und Foxens religiöse Einstellung zur Sprache (vgl. Kap. VI). Einen Einfluß der Humanisten kann man außer in den Schulbüchern vielleicht auch in einigen Formeln englischer Briefe des 16. und 17. Jahrhunderts entdecken, die im nächsten Abschnitt besprochen werden. § ζ2. You and thou in den Briefen des 16. und ιγ. Jahrhunderts a) AUSGEWÄHLTE BEISPIELE

Die folgende Auswahl aus den gesammelten Belegen gibt nicht einen gleichmäßigen Querschnitt durch die gesamte Briefliteratur. Die Briefe, in denen eine Sg. Anrede vorkommt, werden — besonders im 17. Jahrhundert — im stärkeren Maße berücksichtigt als die PI. Briefe. Es wurde kein Versuch gemacht, das Verhältnis von Sg. und PL in den Briefen statistisch darzustellen. Die Anordnung erfolgt im wesentlichen chronologisch; eine Zusammenfassung wird am Schluß des Abschnittes die Hauptpunkte hervorheben. Henry VIII / Anne Boleyn: you, darling . . . your loyal and most assured servant; (422. i. 6); My Sweetheart and Friend . . .you . . . For wheresoever I am, I am yours . . . (424 2.)

Queen Elizabeth / Queen Mary (1586): Madam, . . . Nevertheless, both in friendship, nature, and justice, we are moved to cover these matters, and stay our judgement, . . . Your good Sister and Cousin, Elizabeth R. (444· 302 fr.).

Die Briefe von Adeligen, die in den Egerton-Papers enthalten sind (ab 1550), enthalten nur you (343.)· Der Duke of Norfolk schreibt einen Abschiedsbrief an seine Kinder; er spricht die Kinder einzeln mit Vornamen an, (Tom, Will, Megg usw.) verwendet aber nut you (444. 402—412) (1572). Die Briefe von und an William Cecil (später Lord Burghley) enthalten nur den PI.; die Schlußformel ist meist your assured . . . (444. passim).

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Privatbriefe des Nicolas Shetterden an seine Mutter, seine Frau und seinen Bruder (1555) enthalten nur den PI. (356. 1235—1238). Roger Ascham schreibt an seinen Schwager: you . . . Your ever loving and affectionate brother-in-law R. Ascham (1559). An seine Frau: Mine own good Margaret, The more I think upon your sweet babe,. . .your dearly loving husband Roger Askam (607. 3 5 ff.). Sir Thomas Wyatt schreibt an seinen 17-jährigen Sohn (1537) im PL; ebenso Sir H. Sydney an seinen Sohn Philip (1566) (424. 5; 8). Master Ridley schreibt (1554) an Mitgefangene ζ. B . : „Dearly beloved, I wish you grace, mercy and peace . . .your . .." oder „Oh dear brother, seeing the time is now come, wherein it pleaseth the heavenly father, for Christ our Saviour his sake, to call upon you",.. . oder „Brother Bradford, then happy and holy shall be that place wherein thou shalt suffer, and shall be with thy ashes in Christ's cause sprinkled over withal. All thy country may rejoice of thee, . . . Your brother in Christ" (356. 1295 bff.). Robert Smith schreibt (1555) aus dem Gefängnis an seine Frau mit dem P L ; an seinen Freund ebenfalls mit you ; der Schluß dieses Briefes lautet: I have sent thee an epistle in metre which is not to be laid up in thy coffer> but in thy heart. Seek peace and ensue it. Feare God, love God with all thy heart, with all thy soul, and with all thy strength. Thy friend . . . (356. I266f.). In einem anderen Brief an seine Frau steht: The God and Father eternal, which brought again from death our Lord Jesus Christ, keep thee dear wife now and ever, amen, . . . Der Rest des Briefes m i t d e m PI. (356. 1267a.).

Chidiock Tichborne schreibt aus dem Tower einen Abschiedsbrief an seine Frau. E r beginnt mit dem PL, schließt aber: Now, Sweet-cheek, what is left to bestow on thee, a small jointure, a small recompense for thy deserving . .. thy most faithful loving husband (607. 5 8 f.). Sir J . Harington schreibt (1599) an Master Thomas Combe: Good Thomas, I have received sundry letters from you, . . . So resteth tby loving Master, John Harington (370. 71 ff.). Die folgenden Beispiele stammen aus dem 17. Jahrhundert. Sir Simon D'Ewes schreibt (1626) in seinem einzigen uns bekannten Liebesbrief: Fairest, . . . your humblest servant An seine Frau (1631):

( 3 5 1 . 1 . 316).

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Das 16. und 17.»Jahrhundert My dearest, Knowing desire . . . I prithee, dear heart, . . . So rests, Your faithfully affectioned husband, Simon d'Ewes (351. ii. ίΐηΐ., u. ö.). Seine Frau antwortet: My dear love, . . . desiring ever to approve myself Your affectionate and faithful wife Anne D'Ewes (351. ii. 240f.).

A n seinen Bruder schreibt Sir Simon ebenfalls im PI. (432. 168 ff.). Die folgenden Beispiele stammen aus den Oxinden Letters (1607— 42) (440.)· Richard O. an seinen Bruder James O.: Loving Brother, . . . I kindly recommend my love unto you. . . . Your loving brother. (S. 5) James antwortet ihm mit dem PL, unterschreibt aber: Thy loving brother James Oxinden. (S. 6) Katherine O. an ihren Sohn Henry: Harry, I would have you come to me to-night or to-morrow betimes . . . This with my love to yourself and my daughter. I rest your loving mother Katherine Oxinden (S. 92). Henry Oxinden an seine Frau: Sweet Love, Having a convenient messenger I could not let slip the opportunity of sendingjw» word of my health, knowing that you will be joyful at hearing thereof. . . . Your ever truly loving husband till death us part H. Oxinden (S. 129 f.). Seine Frau antwortet ihm: Dear Heart, I never was more joyful of any thing than I was of your letter in which I heard olyour health, which I much doubted of by reason of your silence so long; . . . Your truly loving and faithful wife Anne Oxinden (S. ijof.). Nach dem Tode von Anne wirbt Henry um Katherine Cullinge: Dear H e a r t , . . . Dear Heart, I im your most affectionate, most faithful and most humble servant to command Henry Oxinden (S. 270 f.) In Lines addressed to K. C. by H. O. heißt es dagegen im Sg.: Kate, my dear Kate, thou art so fair and wise As only thee I love, and highly prize (S. 193). James Holt schreibt 1626 im Alter von 20 Jahren an seinen Studienkameraden Henry Oxinden, der 18 Jahre alt ist: . . . . But before I proceed any further give me leave to tell thee the last night's dream . . . thou ... But what, Harry, art thou extant and so long silent: why this is to entombe our Love before it is dead, . . . You .. . Your faithful and loving Friend James Holt (S. 27 f.).

Das 16. und 17. Jahrhundert

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1627 schreibt er: Accuse thy Friend's occasions excuse for not writing hitherto, I am not myself at this present: . . . thou . . . Your ever loving Friend . . . (S. 35 f.) 1629 schreibt er: Harry Oxinden, I desire thee to excuse me for not writing unto thee since our parting: . . . thou . . . Thus in haste I commit thee to the protection of the Almighty and rest Your ever loving and true James Holt (S. 52). Andere Briefe von James Holt sind im PI. abgefaßt. Aus den Jahren zwischen 1650 und 1670 stammen eine Reihe von Briefen an Christopher, Second Viscount of Hatton (seit 1670) (435. i-ii). Charles Lyttelton schreibt: Dearest Kytt,you . . .yours (i. 11 f.). Richard Lane an Chr. Hatton: My dear Kitt, you . . . Dear Kitt, I am at present a little strained in time, therefore ^a« must excuse me if I say no more now. If my heels and hands be at liberty, my next shall be longer; so, dear rogue, adieu and love Thine own R. L. (i. 13. f.). Richard Lane schreibt sehr oft an Hatton; das Verhältnis muß ein sehr persönliches gewesen sein. Alle Themen werden sehr offen behandelt: Well, Kitt, do any thing but marry her, add that too if she have money enough . . . you . . . Thou canst not be more desirous of my company than I am of thine, but I know not yet how to come to thee ; . . . but keep thy own share, which, believe me, is the best and shall be so whilst I am R. L. (i. 16). Ch. Lyttelton an Hatton: Dearest Kytt, . . . you . . . I am now so weary I can scarce tell what I write, and therefore desire you will satisfy yourself in other matters concerning me out of my brother's letters. Dearest Kytt, continue to love thine own C. L. (i. 31 ff.). Auch i. 40: Farewell, dear Kytt, I am eternally thine C. L. Daneben finden sich Briefe, in denen — auch in der Schlußformel — nur der PI. vorkommt. Eine einzige Stelle mischt Sg. und PI. in einem Satz: I hear Dick Lane is come over, and that it is an avowed matter his being to marry Mrs. Jones. Pray say, and let me hear from thee as often and as much as you can spare time (i. 51) 20 . Lady Hatton schreibt an ihren Sohn: My dearest Dear, . . .your most truly affectionate mother, the afflicted E. Hatton (i. 50). 20

Uber Mischformen vgl. § 37 c.

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Das 16. und 17. Jahrhundert

Christopher Love erhält vor seiner Frau einen Brief:

seiner Hinrichtung

(1651)

von

My heavenly dear, I call thee so, because God hath put heaven into tbn before he hath taken thee to heaven . . . und Chr. Love schreibt in seinem Antwortbrief: My most gracious beloved, . . . Thy dying, Yet most affectionate friend till death. Chr. Love (336. iii. 129—132). Kimpton Hilliard schreibt an seinen Schwager (einen Offizier der Puritaner 1 6 5 1 ) : Dear B r o t h e r . . . This day I received one from you, I am glad you are well, my true love to you and my dear sister. I am well blessed by the Lord, only a little lousy. I am thine while Kympton Hilliard (354. ii. 232). Thomas Margetts schreibt an William Clarke (1648): My dearest f r i e n d , y o u . . . 'Tis time to end, I am Thine own Τ. M. (354. ii. 249; 253)· J . Lilburne an seine Frau (1653): My dear Love; I have been and yet am in a longing condition to hear from thee . . . thy faithful and loving husband, J . L. (282. v. 457t.). In den Briefen von Sir Thomas Browne und seiner Familie finden sich einige Sg. Stellen: Mrs. Brown schreibt an ihren Sohn nur mit dem PL; der Vater (Sir Thomas) schreibt 1661: Honest Tom, I hope by this time thou art got some what beyond plaist il, and ouy Monsieur, and durst ask a question and give an Answer in French . . . you . . . (337. 8); Honest Tom, . . .jou . . . Darunter folgt ein PS.: God bless thee. You may learn . . . (S. 18); 1664: Honest Tom, God bless and protect thee and mercifully lead you through the ways of his providence . . . (S. 21); Seiner Tochter schreibt er: Dearest Betty, Thy letters are still our best diversion, to hear you and all that belong to you got so well to Portsmouth . . . (S. 223); Dear Betty, Thou didst use to pass away much of thy time alone and by thyself in sober ways and good actions, so that no Place how solitary soever can be strange to thee, not indeed solitary, since God whom thou servest is everywhere with thee, and tig thoughts on him, and no place should be tedious wherein we may serve God, lay up a stock and treasure for our happiness in another world. I am glad you carried . . . (S. 231); Ned and Tom God blesses«, I am glad thou hast performed thy exercises . . . (der Sg. bezieht sich nur auf Edward) (S. 19). Diese Stellen sind sämtliche Sg. Belege aus 166 Briefen an seine Kinder; es sind stets die ersten Sätze, oft Segensformeln. Farquhar schreibt an seinen Freund Wilks (/>. 1 7 0 0 ) : Dear Bob, I have nothing to leave thee to perpetuate my memory but two helpless girls . . . (353. i. xii).

Das 16. und 17. Jahrhundert

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b ) BRIEFSTELLER

Als Ergänzung seien nun noch Beispiele aus Briefstellern der Zeit angeführt. Ihren Einfluß wird man nicht unterschätzen dürfen: Man kann ihn literarhistorisch nachweisen (vgl. Hornbeak 456.; 457.), und an der hohen Auf lagenzahl und den Gebrauchsspuren und Unterstreichungen der alten Büchlein erkennen. Angel Day, The English Secretory (1586). Seine „Variety of greetings and farewells" enthält nur you (451. 24fr.) 28 f. gibt er eine Reihe von Subscriptions von „Your Lordship's"... abwärts. In diesen Subscriptions sind die Liebeserklärungen im Sg.: „Who once wished to love but could never hate thee." Dagegen wird das Ende der Liebe im PI. besiegelt: „In whose accomptyou once were, but now abandoned21. Whom thy deserts have made an enemy. Whose heart shall fail in any thing sooner than in conceit towards thee . .." (S. 29). Einige Auszüge aus Musterbriefen: I doubt not Ν. but that tby heart longeth, and mind is yet unquieted, because of my sudden departure from thee, . . . (S. 48).

An example of an Epistle Exhortatory: I have many times desired with my self (good cousin) to obtain some necessary means, whereby to manifest the great good will I do owe untojw»,. . . (S. 87). In der Antwort heißt es: my very good cousin,you . . . (S. 92).

An example of an Epistle Dehortatory: My good G. my faithful loving countryman and dearest of accompt . . . what shall I write unto thee, or by what terms may I now salute thee . . . Alas my G. what fury hath led thee, what madness hath bewitched thee, . . . Fare well if thou doest well (S. H4f.; 121). I have good brother, received your letters, . . . (S. 151).

An Example Consolatory, pleasantly written to one, who had buried his old wife: you ... Believe me Τ. I am sorry that mine ague had not left me, and that I were not now in L. with thee,... (S. 219).

Epistle Amatory: Madonna, . . .you . . . To decipher you as a friend I can not . ... (S. 233; NB. eine Reihe von conceits sind in dem Exemplar unterstrichen).

In einem Brief, in dem die angesprochene Dame mit antiken Heldinnen verglichen wird, heiß es: 21 Diesem Wechsel entspricht der deutsche Wechsel von Du zum Sie in den Trennungsbriefen Verlobter — wenigstens in den Briefstellern des 19. und 20. Jahrhunderts.

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Das 16. und 17. Jahrhundert . . . nor wise Cornelia found so famous, as thou art be honoured for thy virtue, esteemed for tby quality, advanced for tby dignity, and renowned for thy excellency, . . .you . . . (S. 236).

A . Day kommentiert diesen Brief: „ I have heard the party much discommended for the application of these immoderate and superlative terms, . . . love so wrought, and therefore the less was he to be accused" (S. 237). Alle übrigen Briefe bei Day sind im PL Nicolas Breton A Post with α Packet of Mad Letters (1602) Über diesen Briefsteller sagt Hornbeak (456. 57): „In fact, A Post gives a cross-section of contemporary society". Letter to a Friend: Honest Alexander, I hear thou art of late fallen into an extreme melancholy, . . . Thine as his own, D. F. Antwort: Kind Frank, I have received thy friendly letter, and note tby careful l o v e : . . . I rest Thine as thou knowest, D. E. (450. A 4 ν f.). A letter of advice to a young Courtier: My good cousin, I hear you are of late grown a great courtier . . . you . . . but make not love to many, lest thou be beloved of none: if thou hast a favour, be not proud of tby fortune, . . . and therefore as I live, let it suffice I love thee. And . . . I rest, in affectionate good will, Thine ever assured, HL. (S. B. ir). The answer: Sweet Cousin, I think you . . . in thankful kindness for thy careful Letter, and faithful affection to thy worthy self, wishing thee so near me, that I might never be from thee, I rest, Thine, what mine own, Ν. B. (S. Β ι v). A mournful Letter to a Brother hat nur den PI.; in der Antwort heißt es: . . . but, good brother, have patience with thy crosses . . . make then thy way towards heaven, that God . . . may bless thee, . . . Thy loving brother, D. S. (S. Β 2). Brief eines Jealous Husband im PI., die „cunning answer" seiner Frau ebenfalls (S. Β 2, Β 3): Letter of Love to a Gentlewoman im PI.; Antwort desgl. etc. . . . ( S . B 4). A Letter of counsel to a friend: My best approved, and worthiest beloved, Philo, I hear by some of late come from Venice, that seem to be somewhat inward in thy acquaintance, that thou art of late fallen into an amorous humour, . . . And so till I hear from thee, which I daily long for: I rest Thine as his own, N. B. (S. C 2). Die Antwort auf diesen Brief ebenfalls im Sg.

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Briefe zwischen Schwestern im PL, ein Liebesbrief im PL; Brief eines „Kind Father" an seinen Sohn: My dear son ,you must not from your father look for a flattering l o v e , . . . ( S . D iv). Es folgen eine Reihe von Ermahnungen; der Wechsel zum Sg. erfolgt ausgerechnet an folgender Stelle: Make much of thy money, and abuse not thy friend: be careful of t h y s e l f , and forget not thy Father, . . . I will pray for thee, that God will so bless thee, that I may have joy in thee. Your loving Father, H. W. (D 2). „Merry Letter" an einen Schulfreund im Sg. (S. D 4), die Antwort ebenfalls. In einer Dissuasion from Marriage an einen Sweet Cousin ist die Schlußformel Thine ever as his own, T. W. Die Antwort ebenfalls bis auf den Schluß im PL (S. Ε 2). In einer Persuasion to Marriage ist ebenfalls der emphatische Schluß im Sg. (S. Ε 4). Roger to Margery his sweetheart: Margery, I have received your snappish letter, . . . sending thee twenty kisses . . . Yours from all the world. Margery antwortet: Oh Roger, the world is well amended: I thought you were misused, . . .

yours isyou know (S. G 2). Yeoman to his Son:

Son, you know . . . I hope I shall not need to be too earnest in advising thee for thy welfare, God who hath created thee, I hope will so bless thee, . . . I rest your loving father F. N. (S. G 2). T o a wife in the country: Good wife, in all kindness I commend me to thy self, assuring thee that I think it long, till I have dispatched my business,. . . Your loving husband, W. T. Die Antwort: Sweet heart, your messenger's haste makes me briefer than otherwise I would be: . . . Your loving wife, M. W. (S. 6. 3). T o his dear and only beloved mistress Susan Pearl: Sweetest of my thoughts, and dearest of my love, if reason had the power to express the nature of my passion, I am persuaded that the eye of thy beauty would vouchsafe a kind look upon the heart of my love . . . you . . . I have bequeathed my life to your love. Yours . . . (S. Η 4). George Markham, Conceited

Letters

(1618).

Der Sg. findet sich an folgenden Stellen: T o a Kinsman (460. A 4) am Schluß; ein Brief des Onkels an seinen Neffen ist im Sg. Religiöse

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Ermahnungen in einem Brief an den Bruder führen zum Sg. (S. Β 4). Universitätsfreunde schreiben im Sg. (S. D i). Ein O l d Gentleman schreibt an einen Y o u n g Gentleman und verwendet in seinen Ermahnungen den Sg. (S. D 4). Ein Letter of Reconciliation ist ganz im Sg. gehalten; in der Antwort ist nur die Schlußformel Sg. (S. Ε 2). Ein alter Vater schreibt an seinen Sohn im Sg. (S. Ε 3; ähnlich F 1). Briefe zwischen Freunden sind im Sg. (S. F 3; F 4). M. R. Α President for Young Pen-Men (1615). Vater an den Sohn: I love thee dearly . . . Thy most loving father W. R. Antwort: My dear Father, I most humbly thank you for your kind letter, . . . your obedient Son. N. P. (448. Β Ein Liebesbrief ist im Sg. (S. Β 3); eine Mutter schreibt an ihre Tochter im Sg. (S. C 1 ) ; Freunde schreiben untereinander im Sg. (S. D 1; D 2); auch ein Bruder schreibt an seine Schwester im Sg. (S. E i ) , sie an ihn aber im PI. (S. Ε ζ) I Die Academy of Complements (1640) enthält einen Anhang mit Schlußformeln, unter denen sich auch eine Reihe von Sg. Formeln finden, wie Ever thine, Thine or not his self, Thine own from all the world .. . (386. 252—255); die weitaus überwiegende Zahl der Schlußformeln ist aber im PI. Im Jahre 1687 erschien der Young Secretary's Guide v o n J. Hill. Er enthält Choice Letters on Sundry Occasions, After the Newest and most Modish way of Compiling or Indicting, . . . (454. 14). Dieser Briefsteller enthält keine Sg. Anrede mehrl Bedenkt man, daß in dem angeführten Material die PI. Beispiele nur in kleiner Auswahl, die Sg. Beispiele dagegen — wenigstens aus den untersuchten Briefstellern — fast vollständig angeführt wurden (mehrfaches V o r kommen des gleichen Typs wurde i. a. nicht zitiert), so wird deutlich, wie sehr die Sg. Anrede bereits im 16. Jahrhundert das Besondere ist. Gewiß, es fehlen Briefe aus den untersten Schichten, doch die Briefsteller repräsentieren zumindest das Bürgertum. Eine Reihe bestimmter Sg. Verwendungen lassen sich deutlich erkennen, und die gleichen Gruppen werden sich zum Teil auch in der Umgangssprache wiederfinden : a) Am häufigsten ist der Sg. in Briefen vom Vater an seinen Sohn; weniger ausgeprägt dagegen ist der Sg. in den Briefen der Mütter. Diese Beobachtung wird durch die Verwendung des thou in der Umgangssprache von 22 Daß die Initials des Sohnes (wie so oft in den Briefstellern) keine Beziehung zu denen des Vaters haben, darf nicht zu dem Schluß verleiten, daß es sich um ein uneheliches Kind handelt.

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Cheshire bestätigt, die Wright in seiner Dialect Grammar aufgezeichnet hat: das thou wird dort „less frequently used to the daughters than to the sons" (s. v. II. i). Der Grund für diesen Unterschied ist die unterschiedliche Abhängigkeit von den Eltern: Die Töchter verlassen früh das Haus, der Sohn bleibt lange vom Vater abhängig 23 . b) Nicht einheitlich ist die PI. Verwendung zwischen Mann und Frau. Schiicking hat bei der Besprechung der puritanischen Ehe darauf hingewiesen, daß Cromwell an seine Frau im Sg. schreibe, sie an ihn aber im PI. (419. 68): Die Frau ist dem Manne untergeordnet. Auch unser Material enthält einige Beispiele solchen Sprachgebrauchs. Sehr klar tritt aber eine Tendenz zum Sg. des Mannes in den Briefen nicht auf, während sie in der Umgangssprache deutlicher zu erkennen ist (vgl. § 24). Auffallend ist, daß in den Liebesbriefen fast nie der Sg. steht. Ob es sich hier um eine unbewußte Tradition mittelalterlicher Courtoisie-Formen (und Formeln) handelt? Man beachte aber das in einem PI.- Brief eingeschobene „sending thee twenty kisses 24 ". c) Während also in Liebesbriefen der Sg. fast fehlt, gibt es eine dritte Gruppe mit häufigem Sg., nämlich die Freundesbriefe, besonders die Briefe zwischen Schulfreunden. Hier stimmen echte Briefe und Briefsteller genau überein. d) Nicht durch verwandtschaftliche Bindung bestimmt ist die große Gruppe der Belege im Brief text, die ich als r e l i g i ö s e Sg. Verwendung zusammenfassen möchte. Diese zeigt sich deutlich in Abschiedsbriefen von zum Tode Verurteilten und in Briefen, die Ermahnungen enthalten. Der Sg. ist hier eine Fortsetzung des alten Pronoun of the Pulpit (s. ο. S. 56) und häufig beginnt die Sg. Verwendung mit „God bless thee. .." oder ähnlichen Ausdrücken. Man kann die allermeisten Fälle von Numeruswechsel in den angeführten Beispielen (und ich habe mich bemüht, diese Beispiele möglichst vollzählig anzuführen) auf solche Weise ungezwungen erklären. Fraglich bleiben nur ein paar Stellen in den Briefen von Sir Thomas Browne, ein Brief in der Hatton-Correspondence und das sprichwörtliche(?) „Make much of thy money . . . " Vielleicht ist es von Breton bewußt gesetzt worden ? Der religiöse Sg. tritt im 17. Jahrhundert häufiger auf als im 16., und darin spiegelt sich zweifellos das Umsichgreifen des Puritanismus. e) Schließlich ist noch zu beachten, daß die Schlußformel oft vom Numerusgebrauch des Brieftextes abweicht. Es kommt sogar PI. nach einem Sg. Brief vor; in den meisten Fällen handelt es sich aber um eine Sg. Formel nach einem PI. Brief. Der Wechsel zum PI. ist in den meisten Fällen Rückkehr zum Normalstil nach den Ermahnungen im „Kanzleistil". Die recht häufigen Sg. Formeln, die ja auch in relativ später Zeit auftreten (Academy of Compliments 1640) scheinen mir auf einen Einfluß des humanistischen Sg. in lateinischen Briefen hinzuweisen. Man kann dafür als Beweis Belege bringen, die noch am Schluß eines 23 Meine Beispielsammlungen lassen übrigens eine gewisse Tendenz erkennen, daß Väter an ihre Töchter öfter im PI. schreiben als an ihre Söhne; bei den Müttern ist es umgekehrt. Die gesamten Fälle sind aber nicht zahlreich genug, um daraus eine — übrigens verständliche — Regel ableiten zu können. Die Beispiele aus der Umgangssprache entsprechen den Briefbelegen. Hierher gehören auch die Briefe eines Onkels an seinen Neffen. 24 Vom heutigen Deutschen aus gesehen ist das Fehlen des Sg. natürlich überraschend, doch muß man sich hüten, unser Gefühl, — das durch den Sturm und Drang geprägt worden ist — als Maßstab zu nehmen (vgl. Kap. VIII).

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Das 16. und 17. Jahrhundert englischen PI. Briefes als Schlußformel einen lateinischen Sg. bringen: Archbishop Usher schreibt (1628) an Sir Robert Cotton: Dear Sir, . . . you ... Totus turn ... (432. 138t) und Τ. Shepard unterschreibt an seinen Sohn (um 1672): pater tum (174. i6f.). Bezeichnenderweise sind es späte Beispiele, in denen wohl das aussterbende thy umgangen werden soll25. f) Zur Chronologie des Aussterbens der Sg. Anrede ist bemerkenswert, daß in dem Briefsteller von 1687 der Sg. nicht mehr vorkommt. Auch die wirklichen Briefe zeigen am Ende des 17. Jahrhunderts fast nie mehr den Sg. § 2ß. Umgangssprache

E s werden zunächst eine Reihe von Belegstellen aus frühen JestBooks gegeben. In den vielen kleinen Anekdoten und Geschichten tritt häufig und klar der affektlose Sg. bzw. PI. auf, der nur durch den Stand bedingt ist. Gleichzeitig bringen die Jest-Books Beispiele aus verschiedenen Bevölkerungsschichten26. Die folgenden Beispiele stammen — wenn nicht anders vermerkt — aus dem Jahre 1525 (372a.). Bishop/dummer Theologiestudent: thou\your iordship. (S. 98); Vater/der Theologiestudent: thoujyou (99); Bishop/priest: lateinisch//»/ ( 1 1 2 ) ; curate/woman (in der Beichte): thou ( 1 1 3 ) ; priest/boy: thoujyou (108); a fellow/priest: sir, you (116); a young miller/parson: master parson,you ( 1 1 ) ; franklin/friar: thou (54); a maid/friar:you (42); friar/ poor man: sit,you (55); friar/gentleman:you (56); conceited fellow of small devotion/friar: mayster doctor . . . thou (101); friar/woman talking during his sermon: thou woman . . . (85); Judge Vavesour/the wife of his servant Turpyn: thou drab . . ./O sir . . . (39); squire/King Edward: your grace (91); merry gentleman of Essex/an Μ. A . Oxon. \ you·, ders./ priest: you; priest/the Μ. Α.: you (61); scholar/cobbler: thoujyou (20); 26 Auch Lichtenberg kennt diesen Sg. am Briefschluß. An Amelung schreibt er ζ. B. „Liebster Herzensfreund . . . Sie . . . Totus tum" (566. vii. 6) und es kommt sogar ein Tuissimo vor (a. a. O. S. 9). Als ein ausgesprochenes Stilmittel — wie Kellner den Wechsel von Sg. und PI. im Alt- und Mittelenglischen auffaßt — würde ich den Wechsel in den Briefen nicht auffassen (237. 2—4). 28 Es werden nur die beiden von Hazlitt 1881 herausgegebenen Sammlungen Α Century of mery Talys (1525) und Tales, and quicke answers (1567) (372.) angeführt. Diese beiden Sammlungen bringen zum größten Teil original englische Geschichten. — Spätere Sammlungen schreiben meist einfach ab oder bringen viel übersetzte Geschichten, die natürlich in unserem Zusammenhang weniger brauchbar sind. Vgl. auch die Einleitung zu Dobsons Drie Bobbes (375). Die Zitate werden i. a. in stark gekürzter Form gebracht, um schnell das Wesentliche hervorzuheben. Folgende Typen von abgekürzter Schreibung werden verwendet; Α sagt zu Β thou = A/B: thou Α und Β verwenden.you — Α/Β : jyouj Α sagt zu Β thou; Β sagt zu A you = Α/Β : thoujyou Wo erforderlich werden ergänzende Zusätze angebracht, die besten Beispiele werden selbstverständlich ausführlich zitiert.

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two gentlemen/another g.'.you (19); wife/husband:you (12, 72, 84, 93, 103) husband/wife: thou (55); gentleman/gentlewoman: jyouj{52); gentlewoman/gentleman: you (48f.); master/servant: thou/you (als der servant einen Vers auf den Meister macht: and many a man lieth by other men's wives, And so do I by thine) (69); a rich franklin/his son: thou (95 f.); father/son: thou (118); rich man/his son: thoujyou (18); wife/ her maid: thoujyou (119); merchant's wife/her maid: thou (48). Eine interessante Gruppe stellen die folgenden Beispiele dar, in denen jeweils ein Scotsman, Welshman oder Irishman auftreten, und in denen nur der Sg. verwendet wird: Scotsman/Welshman: thou (86); Welshman/curate: thou (49); curate/Welshman: thou• (29); Irish horseman/Oconer an Irish Lord: Oconer, thou seest well . . . (25); Welshman/Englishman: thou (115); gentleman of the Temple/a half a Welshman from the country: thou (372b. 25); John Adroyns (als Teufel verkleidet)/servant: tell thy master . . . (16); servant/master:you (17); parson/Teufel (Beschwörung): I command and charge thee (17); merchant/miller: thoujsir . . . you (23); sexton/ cripple: thou (33); executors of a will/poor man: thou ( n o ) ; friar/children: thou; friar/mother:you (73f.); a young man of twenty, rude and unlearned/his fellow: therefore I pray thee teach me my Paternoster, and by my troth I shall therefore teach thee a song of Robyn Hood that shall be worth 20 of it (78); three gentlemen making merry: j thouj {57); a man/his neighbour: thou (42); a woman/another woman: Iwis, good gossip, ...you (22); Die irdische Anredeordnung spiegelt sich im Dienstverhältnis von St. Peter als Untergebener einerseits und Chef andererseits: St. Peter/God: Good Lord, I warrant you, that shall be done (104); St. Peter/a man with two wives: come in for thou art worthy to have a double crown of glory . . . (40); Die folgenden Beispiele stammen aus dem Jahre 1567 (372b.) The good Judge Vavasour/an honest husbandman: take thou this money . . . ; the Judge/a certain merchant: Ye speak now too late (27); a Lord/his chaplain: /you/(2.4); Abbess/nun: thou (129); a Canon/his man: thoujyou (140); curate/his clctkjthoujyou (17); husband/wife: thouj Sir . . .you (mehrmals!) (28); husband/wife: jyouj; (133); husband/wife (in the country): thou liest, whore . . ./out upon thee, whoreson . . . (109); wife/young man of Bruge: you (93); father/married daughter: jyouj·, (21); father/son: thoujyou (19; 121); servant/master:you (15; 20); a young gentleman of France/a lady: jyouj (73); a babbling gentleman/a maid: how should I kiss you . ../you (21 f.); a scoffing fellow/a man: j thou/ (107); man of law/a man: What wilt thou give me/ye shall have 8

Finkenstaedt, You

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it . . . ; Justice/the man: thou (6of.); man of law/poor man: thoujj/ou (33); maister Skelton the poet/a poor beggar: thou\you (24); Das folgende Beispiel zeigt deutlich den Wechsel von PI. zu Sg. im Affekt: gentleman/priest: Sir, I ρ ray j e « tell me how many sons had God Allmighty? Quod the priest: „Why ask you that?" „Marry, sir, quod the gentleman, „ I suppose he had twenty sons: for ye said right now: Deus qui viginti filii tui". The priest, perceiving how that he derided him, answered him shortly and said thus: „How many sons soever God Allmighty had, I am sure that thou art none of them: for thou scornest the word of God . . . " (372 a. 79). In den beiden Jest-Books sind einige wenige Stellen, die sich deutlich in der Pronomenverwendung von den bisher zitierten abheben: es steht der PL, wo man den Sg. erwarten möchte und umgekehrt. Scholar from Oxenford/herdman: What makethye say so? (372a. 109); a man/friar preaching:you (372a. 117). Beide PI. Stellen sind aber Konjekturen für fehlende Zeilen; die erste setzt überdies ein falsches je für den erforderlichen Dat. Akk. you. Eine dritte Stelle ist ebenfalls auffällig: a maiden/abbot: much good do it thee, my lord! (372b. 1 1 1 ) . Hier handelt es sich vielleicht um eine Formel. Die vierte „falsche" Verwendung ist tatsächlich unerklärbar falsch: mery gentleman/his cook Thomas: here is a medicin for your toothhache . . . (372 a. 58). Bei der Gesamtbetrachtung der beiden Jest-Books kann man aber tatsächlich eine große Regelmäßigkeit feststellen: alle Diener, die Friars und die Kinder werden mit dem Sg. angeredet. Der Sg. überwiegt sehr stark in der Anrede an die Ehefrau, die ihrerseits meist den PI. zurückgibt. In den — meist unanständigen — Liebesgeschichten kommt dagegen nur der Pl. vor. Höchstens zwei Stellen (von etwa 200) weichen auffällig vom Erwarteten ab. Die Belege der Jest-Books und die folgenden fast ausschließlich tatsächlicher Rede entnommenen Beispiele ergänzen und bestätigen einander: 1590: Elizabeth I/Dr. Dee: where she graciously, putting down her mask, did say with merry cheer, „ I thank thee, Dee; there was never promise made but it was broken or kept". (349. 37); 1602: Elizabeth I/Dr. Parry: „ O , Sir", said she, „we hear you are an honest man! you are an honest man, etc." Hir majesty merrily told Dr. Parry that she would not hear him on Good Friday; „Thou wilt speak against me, I am sure", quoth she; yet she heard him (379. 51); 1536: Anne Boleyn/Keeper of the Tower: Mr. Kyngston, do you know wherefore I am here ? . . . Anrede an Abwesende: 0 1 Norris hast thou accused me ? . . . Ο! my mother, thou wilt die with sorrow (282. i. 429);

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1536: Then spake the King to Mrs. Anne Boleyn, „Good Sweet Heart as you love me, send the Cardinal a Token at my Request, and in so doing you shall deserve our Thanks . . . " (399. 158); 1602: Elizabeth I/Sir John Harington (her godson): thou (370. 97) (vorher einmal je»); 15 2 1 : The King's Fool/Henry VIII: „my good Harry, let thee and me defend each other, and let the faith alone to defend itself". (336. i. 2 note) 27 ; c. 1530 The Earl of Northumberland (whose son was in love with Anne Boleyn; — in Gegenwart der Bediensteten)/his Son: „Son. even as thou art, and ever hast been a proud, disdainful and very unthrifty Master, so thou hast now declar'd thyself . . . And so I take my leave of you (wohl alle zusammen): And, Son, go your ways unto my Lordjw/;· Master, and serve him diligently". (399. 37 und 39); The Earl of Northumberland/Wolsey: I arrest you of High Treason/What authority havejw» to arrest me ? . . . Even as they were debating the matter in the Chamber, so likewise was Mr. Welch busy in arresting Dr. Austin at the Door, saying, G o in thou Traitor, or I shall make thee. (Ein frühes Beispiel für Thou traitor! auf ein Mitglied der Privy-Chamber angewendet!) Wolsey/Mr. Welch: you; (es handelt sich um einen Augenzeugenbericht; 399. 178f.); 1586: Mary Stuart/her Servant Melvin: Lament not, but rather rejoice, thou shalt by and by see Μ. St. free from all her cares. (281. i. 155b); 1535: Cardinal Fisher . . . called the Lord Percie before him and there in presence of diverse of his servants demanded of him with many words what he had done, and how far he had proceeded in this matter . . . Then (said the Cardinal) hast thou done like a lewd boy (!), to attempt any such thing without the knowledge either of the king's Majesty, thy father or me, and therefore I command thee that thou come no more in her ( = Anne Boleyn's) company.. . Then the Lord Percy in most lamentable and pitiful manner said unto the-Cardinal (still kneeling), I most humbly desire your grace's favour herein, . . . Why (said the Cardinal) dost thou harp still upon that string? . . . (355. 92); 1535: Cardinal Fisher/Cook: thou; zum Lieutenant of the Tower: you; zum Executioner: thou (393. 20ff.); Cardinal Fisher's Cook/Fisher: „Sir, it was commonly talked all the town over that you should have died that day, and therefore I thought it but vain to dress any thing lot you". „Well", said he merrily to him again, „for all that report thou seest me yet alive, and therefore whatsoever news thou shalt hear of me hereafter, let me no more lack my dinner, but make it ready as thou art wont to do . . . (355. 121); the Cardinal's man/the Cardinal: Alas (my Lord) why should you stick with the king more than the rest of the bishops have done, . . . The bishop 27 Die Narrenfreiheit, alle Menschen mit dem Sg. anzureden, galt auch in Deutschland: 540. 134. 8*

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perceiving his simplicity and knowing he spake of good will and love towards him, said unto him again in the way of talk: „Tush, tush, thou art but a fool, and knowest little what this matter meaneth, . . (355. n o ) ; 1580—90: John Ireton: Young Arthur Hildersham (then at Cambridge): Arthur, why art thou so long from thy books, losing so much timeP/Alas, sir, . . . (336.11. 377); c. 1560: one rogue/another: thou seest that this house is stone-walled about, . . . parson/the rogue: Where dwellest thou . . ./Alas! s i r , . . .you .. .good wife/the parson: \you\ (360. 39f.); a. 1539 Bishop/Mr. Philpot (knight): Canst thou dispense £10 by year }jyou; Bishop/Henry Frances (tenant of Mr. Philpot)/^«?» (383. 48); 1579: Doct. Williams examines the blind boy of Gloucester Tom: Williams: Doest you not believe . . . Then you art an heretic, and shalt be burnt. Who taught thee this heresy? Tom: You, Mr. Chancellor. Williams: Where, I pray thee} (383. 19) 28 .

1586: Zwei Verbrecher. Then Babington went to Smithfield and there walked with Tichborne and there said unto him, I had rather than £500 thy leg were whole, . . . (281. i. 125); 1518: Peter Edward/a Servant of the Abbot of Peterborough: But and ( = if) thou think it not well said, come thou forth and amend it, or the proudest of you all (393. n ) ; 1550: Bailiff/a witness: What treason have you known by this honest gentleman since? For I promise you he looks like an honest man. (336. i. 106); 1564: Citizen/Wife: wife,jo# . . . Sir,you .. . Citizen/ Roger, his man: thou . . . ; wife/Roger:you . . . (393. 49fr.); Die folgenden Belege stammen aus dem 17. Jahrhundert: Bishop of Salisbury/his tenant: Go, go, I hear ill report of thy living, and thou canst not crave mercy, thou comest not to churchservice, . . ./I crave your lordship's forgiveness, . . . (370. 98) c. 1600: a boy/Samuel Fairclough when still a boy: Thou talkest like a fool, Sam, God will forgive us ten times; sooner than old Jude will forgive us once. (409. i i i ) ; 1600: Harry Ruthven/Andrew Henderson: gave him „a grite touke ( = great blow) and almost put him over the bridge, saying unto him, You may hald out of my gait". (Sc. „best part of the road"). (277. ii. 326). Alexander Blair/Andrew Henderson: You might have given us the gait (277. ii. 327); Alex. Blair/Harry Rattray: Can I not be quite of your good-brother? (277. ii. 328); 1628: one Gentleman/another: \thou\ (282. iii. 359); 1618: the mother of Sir Simon D'Ewes (then 16 years old): „ A h , child", said she, „thou hast a sick mother" (351. i. n o ) ; 28

Über Mischformen wie Doest you usw. vgl. § 37 c.

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1 6 3 1 : surgeon/Old Sir Simon D'Ewes: „ I am afraid to take too much blood from you".j„Thou needest not, „said he, „for what thou leavest will shortly be in the grave" (351. ii. 8). 1634: John Carter, a puritan minister/a poor man: jjouj; /a very vain man:you (336. ii. 4 1 1 ) ; 1640: Strafford/his brother George Wentworth: Brother, What do you see in me to deserve these Tears? (281. i. 741 f.); 1638: John Hawes/Mr. Lilburne: Mr. Lilburne, I am very sorry ioryour punishment, you are now to undergo, . . . (369. ii. 6); a young man of Lilburne's acquaintance/Lilburne: you (369. ii. 7); 1649: John Lilburne/his brother:you (281. ii. 68b); p. 1640: Edward Montague, Earl Manchester/Lilburne: You think it is nothing to summon a castle and take it, . . . Als Lilburne in ihn dringt: Get thee gone, thou art a mad fellow . . . (408. 98); 1638: Interessant ist auch ein Gespräch Lilburnes mit dem Warden of the Fleet, der beauftragt ist, Lilburne auszuhorchen und sich anbiedert: Zunächst wird auf beiden Seiten der PI. verwendet. Lilburne: „ I would speak twice as much as I did, if I could have liberty, though I were immediately to lose my life after it". „Wouldst thou so, said he ? . . . Warden: „But hast thou any more Books", said he? „Sir", said I, „if I had 20 of them more, they should all have gone yesterday". „But hast thou any more of them now", said he? (Der Warden tat so, als interessiere er sich sehr für das Buch, aus dem Lilburne am Pranger vorgelesen hatte . . . dann ließ er den Raum durchsuchen, in dem Lilburne gefangen saß . . . 369. ii. 27ff.); 1648: Duke of Hamilton to every one of his servants: You have been very faithful to me, the Lord bless jo» (281. ii. 19a); 1648: Sir John Rayney/a soldier: „Thou needst not follow me", zu einem anderen Soldaten — nachdem er gehört hatte, daß die Stadt in den Händen der Feinde sei:you need not . . . (354. ii. 13); c. 1657: Thomas Ellwood/a rude fellow: Sirrah, deliver your weapon. (479. 349t.; Ellwood war damals noch nicht Quäker); 1655: Captain Pitway/Keeper of the Prison: Robert Martin, the Prisoners shall not go forth this night, if thou hast any Thing to do with them, thou mayst do it in the Morning . . . (473. ii. 51); 1 6 3 1 : Lord Audley/his Servant Broadway: B., thou art young, lusty and wellfavoured, and therefore canst not but prevail with any Woman thou attemptest (281. i. 376a); 1621: Three 'prentices standing before their master's door in Fenchurch Street, it chanced the Spanish ambassador came by in his litter, whereupon one of the 'prentices said to the other, „Sirrah, knowest thou what goes there?'' . . . Quoth the first, „There goeth the devil in a dung-cart"; which being repeated, and a laugh rising thereupon amongst them, one of the ambassador's company perceiving it, said to the second 'prentice, „Sir, you shall see Bridewell ere long lor your mirth". „What!" quoth the third, „shall we

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we go to Bridewell for such a dog as thou?" and therewith gave him a box on the ear, and struck up his heels (443. ii. 247); 1668 Jailer/Henry Adam (a Quaker): Harry, thee art for Transportation: . . . (473. i. 28); 1654: Thomas Gataker (dying)/his son: Son,you have a great charge, look to it. ;/his sister: Sister, I thought you might have gone before me, but God calls me first (336. iii. 221); 1657: Mr. Janeway (dying)/his brother James: I thank thee, dear brother, for thy love . . . Brother James, I hope God hath given thee a goodly heritage . . .; / his sister: poor sister Mary, thy body is weak . . . (Die ganze Familie hat Scripture-names und erhält entsprechende Ermahnungen; 336. ii. 287^); 1650: Die Autobiographie der Anne Lady Halkett enthält nur den PI. bis auf folgende Stelle: Doctor/a wounded soldier: „Lord have mercy upon thee\ for thou art but a dead man" (368. 63); 1663: a Mercer's wife/her sister:you (281· ii. 544b); 1666: Examination concerning the fire of London: alle Handwerker, Bürger usw. werden im PI. angesprochen; auch Gesprächsfetzen wie der folgende im PL: You rogue, d ο you come to rob me? Sirrah, what have you here? (282. vi. 807 ff.; 849)·

Einige weitere Beispiele von Sg. Verwendung verdienen eine Erläuterung. Es sind dies zum Teil Grenzfälle, die zum einen oder anderen der folgenden Abschnitte hinüberweisen. Nach 1582 wird ein puritanischer Geistlicher, Ezechias Morley, angeklagt, weil er in der Tauf formel j e « statt thou sagte. Er berichtet darüber: „ A t the assizes, I was indicted for having deviated from the order of baptism, in baptizing a child a long time before I left Walsham. In this indictment I was charged with having said, ,do you forsake the devil ?' instead of saying ,doest thou forsake the devil ?' and willyou have this child baptized in this faith'? for ,mlt thou be baptized in this faith?' (336. ii. i74f.). Die'Erklärung, daß die Frage an mehrere Taufpaten gerichtet wird, daß es sich also um einen natürlichen Numerusverstoß handelte, genügt wohl nicht. Wie aus Äußerungen über die Taufzeremonie hervorgeht, handelt es sich um einen Taufpaten: The interrogatories proposed in baptism, and another person's saying for the child, I believe, being a thing which the child cannot do, is extremely repugnant to scripture, . . . because the sponsor professeth, in the name of the child, that the child believeth, . . . (336. ii. 321 f.). The child . . . is to be presented by the father, or . . . by some Christian friend in his place (414. v. App. lxxvii).

Ezechias Morley wählt also die indirekte Form der Frage, die den Puritanern angemessener erschien, und die sie auch im 17. Jahrhundert einzuführen versuchen. Mr. Baxter's proposals (1667; 414. iv. 383) schlagen u. a. vor:

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Not to enjoin godfathers and godmothers, when either of the parents are ready to answer for the child in baptism. To omit that expression in the prayer, „By spiritual regeneration". To change the question, ,Wilt thou be baptized?' into ,Wilt thou have this child baptized?' In merkwürdigem Gegensatz zum sonstigen Usus der Kirche, dem ja auch Baxter folgt', setzt Morley den P L ; der Grund dafür kann eigentlich nur sein, daß er sich nicht an ein Kind, sondern an einen Erwachsenen wendet. Die folgenden Beispiele zeigen den A f f e k t als Ursache der Sg. Verwendung: Ein ä r g e r l i c h e r Affekt-Sg. findet sich ζ. B. 1606 in einer Rede der Königin Anne, die ganz dagegen ist, daß ihre Hofdamen heiraten: Queen/Sir Matthew Arundel's fair cousin: „You seem honest, i ' faith, I will sue lot you to your father". „ T h e n " , replied the lady, „ I shall be happy and please your Grace". „ S o thou shalt; but not be a fool and marry. I have this consent given to me, and I vow thou shalt never get it into thy possession: so go to thy business, I see thou art a bold one, to own thy foolishness so readily" (370. 124); ein andermal heißt es bei einem thou der Königin: „This sharp rebuke abashed the lady" (370.125). Ein Beispiel für einen z ä r t l i c h e n Sg. kommt mehrmals in der Gerichtsverhandlung gegen Colonel Turner vor (1663). Turner erzählt endlos lang seine Geschichte, um sich herauszureden. In dieser Erzählung werden fast alle Gespräche im PI. wiedergegeben; es kommen nur einige Sg. vor, wenn verschiedene Komplizen etwas sagen: Wild zu seinem Einbrecherkollegen: „ A r t thou come T o m ? " I think he called him White. „ A y " , saith he. . . . (393. 155) . . . „Mr. Tryon" ,said I, „ I have good news iotyou." Saith he, „Hast thou? I am glad of it with all my soul". „ S i r , " said I, „ I am informed you will not lose any oiyour goods or money . . . " (393. 136). In den Gesprächen mit seiner Frau, die er vor Gericht erzählt, kommt nur der PL vor. Die tatsächliche Anrede an seine Gattin, die im Gerichtssaal anwesend ist, und stets selbst erzählen will — Turner muß fürchten, daß sie dabei die Wahrheit sagt! — ist deshalb besonders amüsant. Zweimal versucht er sie zum Schweigen zu bringen: Turner: Mrs. T.: Turner:

My wife came to me publicly, I did not whisper with her — Ny, look you, husband — Prithee, Mall, sit down: you see, my Lord, my wife will interrupt me with nonsense. Prithee sit tbet down quickly, and do not put me out: I cannot hold women's tongues, nor your Lordship neither. L. Ch. J.: This is not a May-game. Turner: My Lord, it is a serious business, and I hope God will bless it. — „Pray", said I, „Mall, go: as you love and honour my life and credit. · · ·" (393· 137)·

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Das 16. und 17. Jahrhundert Mrs. Τ.: Turner:

Let me give that relation. You cannot, it is as well: prithee sit down, dear Mall, sit tbee down, good child, all will be well . . . (393. 138 und 281. ii. 516b; vgl. auch 510a).

Das letzte Beispiel wird deutlich zeigen, wie schon 1591 der Sg. etwas Auffälliges ist, das den Angesprochenen aufhorchen läßt: Lord Angus plant einen Überfall auf Lord Maclean. Die beiden unterhalten sich normalerweise im PI. Als der Überfall stattfindet, kommt Lord Angus in das Zimmer zu Maclean und sagt: „ , . . . it is my will that thou arise . . T h e n began Maclean to suspect the falsehood". (!) (277· i. 225). Dieses Beispiel zeigt ganz deutlich wie der Sg. durch seltene Verwendung eine große Bedeutungsintensität hat. Ein Parallelbeispiel zu diesem Fall wird in anderem Zusammenhang noch behandelt (vgl.S. i6off.). Die angeführten Beispiele zeigen, daß die Sg. Anrede in der Umgangssprache nur noch einen kleinen Bereich umfaßt, und daß die Zahl der Belege im 17. Jahrhundert sehr schnell absinkt. Dabei wurden für das 17. Jahrhundert die Sg. Beispiele aus dem gesamten Belegmaterial viel häufiger zitiert als dem mathematischen Verhältnis zu den PI. Belegen entspricht; eine proportionale Aufstellung ließe also den Unterschied noch viel deutlicher hervortreten. Nach 1650 finden sich überhaupt nur noch wenig Sg. Beispiele — von Quäker- und Rechtssprache usw. natürlich abgesehen. Mit der verringerten Zahl der Belege wächst die Tendenz zum affektischen Sg., d. h. die wenigen thou erhalten eine immer größere Bedeutung in dem Augenblick und der Situation ihrer Verwendung. Eine klare Grenze zwischen dem „reinen" Standes-Sg. etwa des Herrn zum Diener und einem affektischen „thou art a fool", das der Herr seinem Diener zuruft, läßt sich nicht ziehen. Die obigen Beispiele zeigen aber verhältnismäßig wenig affektischen Gebrauch, während in den folgenden Abschnitten der Gebrauch des Sg. im Affekt einerseits und konventionell andererseits dargestellt werden soll. § 24. Das Pronomen in der Ehe Mehrmals wurde bereits darauf hingewiesen, daß bei der Anrede in der Ehe der Mann die Frau häufig mit dem Sg., sie ihn dagegen mit dem PI. anspricht. Diese Erscheinung ist im 16. und 17. Jahrhundert so häufig zu belegen, daß man geradezu von einem E h e p r o n o m e n sprechen kann. Der Ursprung der Sg. Anrede der Frau ist — wie bereits erwähnt — in der alten Ansicht begründet, daß die Frau dem Manne untergeordnet ist, oder es sein sollte . . . , eine Ansicht, die am Ende des 16. Und im 17. Jahrhundert von den Puritanern laut ver-

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kündet wird. Ursprünglich kann man im Ehepronomen eine besondere Form des Standespl. beziehungsweise des Standessg. sehen. Der Sg. erhält aber auch die Nebenbedeutung des Zärtlichen, wie sich in dem Prithee sit thee down ... Mall... chick ... des Colonel Turner deutlich zeigt (s. ο.); gleichzeitig mit dem Sg. tritt hier auch die von den Puritanern so angefeindete Anrede mit der Kurzform des Vornamens auf und dazu die Anrede mit einem Kosewort, die seit dem Ende des i6. Jahrhunderts auftritt und rasch um sich greift. Eine Reihe von Gesprächen zwischen Mann und Frau soll die Verwendung des Ehepronomens beleuchten; die Beispiele stammen zwar meist nicht aus der direkten Umgangssprache (wie das von Colonel Turner angeführte), doch sie dürften der Umgangssprache recht genau entsprechen — zumindest der Vorstellung von ehelichen Unterhaltungen. Robert Snawsell, A Looking Glass for Married Folks (1610): . . . her husband went into that room, and finding his wife woefully weeping, says to her: Why sittest thou here sighing and sobbing, and crying, like a child? She then thus prudently and patiently answered: Husband, said she, is it not better to do thus, . . . than . . . to exclaim on you, as others do on their husbands? (392. D 8f.; ebenso F 2 und Η 3).

Batchelor's Banquet (c. 1603): I prayjo» husband let me alone, trouble me not, for I am not well at ease: which he hearing presendy makes this reply. Why my sweet heart what ailes you, ate you not well? I pray thee wife tell me, where lies thy grief? or what is the cause oiyour d i s c o n t e n t . . . (397. 5).

Diese Stelle ist besonders bezeichnend, da sie aus dem Französischen übersetzt ist, und sich in der Quelle nur der PI. findet (398. 9). Die Mischformen lassen eine Abhängigkeit des Verfassers von seiner Quelle vermuten; die Änderung wenigstens eines Teils der PI. Formen in den Sg. zeigt, daß der Sg. die normale Anrede der Frau war 29 . Das nächste Beispiel entstammt der Umgangssprache (c. 1615) Mr. Forman / his wife: . . . she being pleasant. Whether shall I, quoth she, buryj e « or no ?" „ O h Trunco," for so he called her, „thou wilt bury me, but thou wilt much repent it" (351. i. 67 note). Die reichhaltigste Quelle ist die Sammlung von Schlafzimmergesprächen, die Richard Brathwait in Art Asleep Husband? A Bolster 29 Änderungen des Pronomens können anzeigen, daß sich der Übersetzer der „Regelung" der Anrede bewußt ist. Vgl. ζ. B. 347. Β 2 gegenüber 348. 6: in der französischen Fassung steht der Sg., in der englischen (aus dem Lateinischen übertragenen) der PI. Schlechte Obereetzungen zeichnen sich u. a. dadurch aus, daß sie die Pronomina einfach übernehmen; ein Beispiel, wo sogar eine Äußerung über die Anrede übernommen wird, bei Fulwood (s. o. S. 947).

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Lecture (1640) gibt. Dem Titel nach möchte man meinen, daß die Gattinnen hier den Mann im Sg. ansprechen; im Text aber wissen selbst die schlimmsten Shrews, daß ihren Ehemännern der PL, und meist auch die Anrede Sir zusteht. Ein Ehemann macht der Frau Vorhaltungen, weil sie mit einem anderen geschlafen hat: Ο thou insatiate One, quoth he, if indifferent benevolence would have served thee, I am sure it was never awanting thee 1 It is true, Husband, said she, but the body may be sooner wearied than the desire satisfied, or the sense sated, The appetite is best pleased with variety . . . But be advised by me, Husband, and all shall be amended: For your horns, Sir, it is far better for you to shroud them, than to blow them: . . . Sure I believe, said he, the Miller has done thee: yes, I warrant you, Husband, quoth she, and would have done you too, iiyou had been there (333. 51 f.). Ein Mann spricht mit seiner Frau, demanding of her, if ever she knew any man but himself? Who I, Husband, quoth She? I hope you have no such opinion of me. No, Duck, said he; but I desired to be resolved: I may set my rest on this, thou never wrong'd me . . . Well, Chick, said he, thou never then offendest in this kind but once; etc. (333· 53)· Brathwait bringt auch ein Piece of Country-Love-Compliment: Ο Jug, how do I love thee 1 Nay you know best, said J u g ; but sure am I, I shall never die with loving you: No, Jug, said he 1 But I warrant it, thou wouldst, if thou hadst a handful of me. A proper handful, quoth she. I should be much better for a bit and a buffet with't. Nay, faith, wench, I would never buffet thee, but as my Neighbour Grisedale did Guddy Tringles. Nay, Oswold, quoth she,you are cozen'd, I'le warrant you . . . (333. 129 f.). In der Bridal-night's Curtain Lecture verwendet auch die Frau einen Sg. (zusammen mit einem Kosewort): Sweetheart, why turne you so soon from me? arζ you so soon weary of me? Pray thee chick, what art' doing? — Praying, Coney, said he. For what, Pigsny, said she ? For his well-fare, replied he, who made so good way, What other answer she made to this frump, I have not heard, saving only this: „ G o to, husband, it seems you are cunning" (333. 47). Der Sg. kommt an ganz wenig Stellen vor, dann nämlich wenn die Frauen besonders zärtlich werden. Brathwait stellt eine Reihe von Ausdrücken in seinem Abschnitt „Gentleness of Speech' zusammen und erzählt auch etwas über die Redeweise der Damen in der Stadt: „ I have noted a kind of pleasing Dialect used by our City Dames to their Husbands: and delivered in that loving familiar way, as it infinitely became them: a kind of fondling speech, (as I may properly

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term it) or apish toying, neither unpleasing to their Husbands, nor unuseful to themselves (I): as thus: — trust me, Chick, thou shalt not. — N o w , pray thee, Prick, do not. — i'faith, you're a sleek youth. — y o u playd the wag with me last night . . . well, God forgive thee, — willst buy me this toy, my Pigsny ?" (333. 117). In Wit's Interpreter (1655) wird ein Heiratsantrag geschildert: He: Thou art a brave wench. She: j o « are grown bold of late . . . Der „Normalton" ist hier allerdings das you (man ist ja noch nicht verheiratet): She: I cannot lovcyou . . . He: Though you cannot love me, it shall be lot your advantage to marry me (393. i2off.). Das Ehepronomen findet sich sogar in metrischen Eheauseinandersetzungen (c. 1600): Of swearing between a wife and her husband Gs, by this Candle, in my sleep, I thought, One told me of thy body thou wert nought: Good husband, he that told you, lied, she said, And swearing laid her hand upon the bread. Then eat the bread (quoth he) that I may deem That fancy false, that true to me did seem. Nay Sir, said she, the matter well to handle, Sith_yo« sworefirst,you first must eat the Candle30. Ergänzend seien noch einige kürzere Beispiele angeführt: Deloney, Thomas of Reading, (1598): Simon of Southampton/ his wife: „ G o o d woman be content . . . if I should prank thee up like a peacock . . . " Simon verwendet auch den PI., jedesmal wenn er energisch wird, wechselt er zum Sg.; die Frau spricht immer im PL, nur einmal, als sie in Ohnmacht fällt, um ihn zu zwingen, neue Kleider zu kaufen, ruft sie: „ A w a y dissembler, how can I believe thee . . .; it is thy churlishness that hath killed my h e a r t . . S i e kehrt später zum PL, er zum Sg. zurück (393. 73 ff.). 1603: Samuel/ his Wife: Wife, I have brought an old friend of mine, I pray thee bid him welcome. I you (Dialogue of Witchcraft 363. 12). Sg. Anrede an die Ehefrau ist häufig zu belegen, ohne daß gleichzeitig eine Antwort der Frau vorkommt; es ist aber bezeichnend, daß umgekehrt die Stellen, bei denen nur die Rede der Frau vorliegt, in der Mehrzahl der Fälle den PL bieten: 1602: Host/his Wife: Thou carest not for me, thou scornest and spurnest me, but yet, like those which play at football, spurn that which they run after (379. 74); 1557: Sir Richard Yeoman/his wife: Wife, rise and put on thy clothes (356. 1 6 6 1 b ) ; 1602: Lady Simonds 30 370. 218; No. 176. Die Verse sind die Bearbeitung einer alten Anekdote, die in sehr viel gröberer Form (und im Sg.) die gleiche Geschichte bringt: vgl. 372a. I27f.. wo auch die Versfassung gebracht wird (aus einer Sammlung von 1662).

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jokingly / her husband: „ A y , indeed," quoth she, „ I am with child; but this is none oijours" (351. i. 4). 1579: Mrs. Petite / her husband: come, come, husband, my Lord Chancellor is at the door, and would speak with you (383. 26); 1560: the wanton woman / her husband: Why, husband, an you suffer this wretch to slander your wife? (360. 64). Es gibt selbstverständlich auch Fälle, in denen sich Mann und Frau nur im PI. ansprechen, doch ist ihre Zahl — gemessen an der Häufigkeit des reinen Ehepronomen in unserer Materialsammlung — verschwindend gering. Umgekehrt führte die Emotionalisierung des Sg. dazu, daß auch die Frau den Sg. verwendete, so daß damit das Sg.pronomen zum Ausdruck der Liebe werden konnte, (und auch außerhalb der Ehe verwendet wurde). Mrs. Warrier berichtet 1678 vor Gericht: . . . my Husband came in, and called to me, Pry'thee Sweetheart, what hast thou got for my Supper? Pry'thee, said I, Sweetheart, thou art always calling for thy Victuals when thou comest in (281. ii. 778 a). Das 16. und 17. Jahrhundert ist voll von Hinweisen darauf, daß der Mann über die Frau zu stellen ist. 15 80 predigt ζ. B. Bischof Aylmer — ausgerechnet vor Königin Elisabeth: Women are of two sorts, some of them are wiser, better learned, discreeter, and more constant than a number of men; but another and a worse sort of them, and the most part, are fond, foolish, wanton flibbergibs, tatlers, triflers, wavering, witless, without council, feeble, careless, rash, proud, dainty, nice, talebearers, eavesdroppers, rumour-raisers, evil-tongued, worseminded, and in every way doltified with the dregs of the devil's dunghill (zitiert bei 4x6. 147 und 414. 478).

Solche Geschöpfe können natürlich nicht dem Manne gleichgestellt werden: What a horrible sin is it, that the women should usurp the man's authority, and the poor man dares not do any thing, but what his wife will? (1610; 392.

D3r).

Im Inhaltsverzeichnis von Daniel Rogers Matrimonial Honour (15 60) heißt es s. v. Bad kurz und bündig: In Couples where both are Bad, the Woman commonly is the worst (389. 390).

Es kann keinen Zweifel geben: „The husband is the head of the wife" (Th. Becon, 1564; 330. i. 666). Bunyan meint sogar von den Frauen: „They are not the image and glory of God, as the men are". (Works 1862, S. 658; zitiert bei 502. 119 Anm. 11). Die Conduct Books legen im einzelnen fest, was sich für das praktische Leben in der Ehe aus einer solchen Einstellung ergibt (vgl. Schücking, Familie 419.), und man vergißt dabei auch nicht, über die Mann und Frau geziemende Sprache zu handeln, denn zärtliche Reden zwischen den Gatten mußten püritanischen Ohren ein Greuel sein;

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Yea, the speech of each other, should be (without flattery) as the glass, to behold each other in (389. 189). Sara, called her husband Lord, meaning usually, it was not her holiday livery, but her workday phrase. Not he called her his Lady, . . . but she him Lord: This Reverence and subjection causeth the wife to behold her duty, . . . (389. 276). A m ausführlichsten hat sich W . Gouge in seinen Of Domestical Duties, Eight Treatises (1626) geäußert. A m Anfang seines Werkes steht eine systematische Gegenüberstellung der „Particular Duties" des Mannes und der Frau; über die Sprache heißt es dort: Reverend speech to and of her Husband Mild and loving speech to and of his Wife. Die entsprechenden „Aberrations" sind: Unreverend speech to and of her Husband Harsh, proud, and bitter speeches, to and of his Wife 31 . In den Paragraphen 1 3 — 1 6 und 24—26 werden dann die näheren Einzelheiten angeführt. So heißt es ζ. B. im § 1 3 „her words must be few, reverend and meek" (364. 165 b), und der § 14 handelt „Of the titles and names that wives give their husbands". Dieser Abschnitt verdient ausführliche Erwähnung: Among all other titles the name busband, as it is the most usual, so it is the fittest and meetest title. It intimateth reverence, and savoureth not of niceness and singularity, as these titles, Head, Guide, Master, Man and the like do: . . . Contrary are those compilations which argue equality or inferiority, rather than superiority, as Brother, Cousin, Friend, Man, etc. 32 ; if a stranger be in presence, how can he tell by this manner of compellation, that he whom thou speakest unto is thy husband ? . . . Not unlike those are such as these, Sweet, Sweeting, Heart, Sweet-heart, Love, Joy, Dear, etc. and such as these, Duck, Chick, Pigsnie, etc. and husband's Christian names, as John, Thomas, William, Henry etc. which if they be contracted (as many use to contract them thus, Jack, Tom, Will, Hall) they are much more unseemly: servants are usually so called. But what may we say of those titles given to an husband by his wife, not seldom in passion, but usually in ordinary speech, which are not fit to be given to the basest men that be, as Grub, Rogue, and the like, which I am even ashamed to name, but that the sins of women are to be cast as dirt on their faces, that they may be the more ashamed ? Punkt 5. der Aufstellung; Punkt 1. bringt die Grundanschauung: Acknowledgement of an Husband's superiority. Acknowledgement of a wive's conjunction, and fellowship with her husband. Hier sind die aberrations : A conceit that Wives are their Husband's equals. Too mean account of Wives. 32 Die Ausdrücke Brother, Sister und Cousin wurden weit weniger genau verwendet als heute; an einer Stelle hat sich — theoretisch — auch heute noch Cousin in einer alten juristischen Verwendung erhalten: „All peers, except barons, are officially styled .Cousin' by the Queen; as regards most dukes and earls this is not so much a fiction as a distant truth" (511. 47). Königin Henrietta Maria schreibt an Charles I: „Write to the Queen Regent and Cardinal Mazarin, as I sent you word by other letters; but I repeat it, in case that they are not arrived. You must call him jny cousin', and at the bottom, ,your affectionate cousin' ..." (436. 296). 31

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Gouge beantwortet in seinen Domestical Duties auch bei jedem Punkt die möglichen Einwände gegen seine Auffassung: Objection. Many of these forenamed titles are titles of amity and familiarity. Answer. Subjection is that mark which wives are directed to aim at in their thoughts, words, deeds, and whole conversation towards their husband. Such tokens of familiarity as are not withal tokens of subjection and reverence, are unbeseeming a wife, because they swerve from that mark (364. 166).

Zu den verdammenswerten Anreden des Mannes lassen sich entsprechend in den Reden der Männer ebenso unziemliche Bezeichnungen für die Gattin finden: . . . the most ordinary and usual tide {wife) is a mild and kind title, and least offensive of all other: . . .

Erlaubt sind auch Spouse, Love, Dove (denn so nannte Christus die Kirche); Ladj, Mistress, Dame, Mother sind dagegen zu hohe Titel, die nicht verwendet werden dürfen. Nicht verwenden sollen die Männer auch woman, und rnnch, die beide zu niedrig sind. Wie beim Mann ist auch bei der Frau der Vorname nicht statthaft; besonders in den Kurzforrhen „as Sal, Mal, Besse, Nan, etc. and names of kindred as Sister and Cousin: and opprobious names, as slut, drab, queane; and names more befitting beasts than wives, as Cole, Brown, Muggle etc." (364. 214). Objection. These are titles of mildness, kindness, and much familiarity: for husbands call their wives by these names, not when they are angry with them and displeased, but ordinarily, and usually, even when they are best pleased.

In seiner Beantwortung des Einwandes vertritt aber Gouge die Ansicht, daß der Ehemann nicht so tief sinken darf, denn „Christians must take heed that by their practice they justify not corrupt customs" (364. 215). Direkte Äußerungen über den Sg. finden sich bei W. Gouge und anderen Puritanern nicht. Aus ihrer allgemeinen Einstellung heraus, und besonders durch die Hinweise auf die Kosenamen ergibt sich aber, daß ihr Ideal das alte Ehepronomen (husband/wife: thoujyou) ist, das die Unterordnung der Frau zum Ausdruck bringt, nicht aber der neue „zärtliche Sg.," der mit Kosenamen verbunden wird. Die oben angeführten Beispiele zeigen beide Typen: die vorherrschende Anrede des Mannes ist tatsächlich Husband oder gar Sir, wie sie seit dem Mittelalter üblich war: Die Briefe der Agnes oder Margaret Paston sind Musterbeispiele für solch eine gehorsame Liebe: T o my ryth worchepfull hosbond, John Paston, be thys deliverid in hast. Right worchepful hosbond, I recommand me to yow. Please yow to wete . . . . God for hys merci send us a good world, and send yow helthe in body and 33 „Deere suster Alisoun" nennt ihr fünfter Gatte das Wife of Bath (C. Τ. III (D) 804.).

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sowie, and good speed in all your maters. Wreten in hast the Thursday next after Seynt Thomas. By your, M. P.34. Warum am Ende des i6. Jahrhunderts die Kosenamen plötzlich eine solche Rolle zu spielen beginnen, läßt sich — solange Einzeluntersuchungen fehlen — nur vermuten. Die Belege scheinen darauf hinzuweisen, daß es sich um eine Entwicklung handelte, die sich besonders im Kleinbürgertum und dem Handwerkerstand vollzog. Es sind die gleichen Kreise, in denen sich auch die Entwicklung des „Ehepronomens" zum „zärtlichen S g . " findet36. Das späte i6. Jahrhundert sieht aber außer der Entstehung der Kosenamen noch eine andere entgegengesetzte (puritanische) Neuerung der Namengebung, nämlich die „names of melancholy": It is really hard to say why names of melancholy import became so common. Perhaps it was a spirit morbidly brooding on the religious oppressions of the times; perhaps it was bile. Anyway, Camden says „Dust" and „Ashes" were names in use in the days of Elizabeth and James.. . . „Lamentations Chapman 36 " appeared as a defendant in a suit in Chancery about 1590 (404. 63). Besteht zwischen beiden Erscheinungen ein Zusammenhang, entspringen sie der gleichen Wurzel, der Renaissance und Reformation, die den Menschen aus der mittelalterlichen Ordnung lösen, sein Gefühl befreien, aber auch die Religion zu einem Gegenstand werden lassen, der in Frage gestellt werden kann, so daß die innere Sicherheit der Menschen verlorenging ? Ganz gleich, welche Gründe die rasche Ausbreitung der Kosenamen bedingten; die strengen Puritaner, die Leute, die ihre Kinder

Dust

und Lamentations

nannten, aber auch Fear-not

und Stn-deny

(404. 122 und passim), mußten an der Sprache der Zärtlichkeit, an Honey, Chick und Chuck Anstoß nehmen. Die Verbreitung der Kosenamen trug sicher dazu bei, die puritanischen Sprachpfleger in ihren Bestrebungen zu verstärken37. 34 241. ii. 25f.: „There are no conventional expressions of tenderness — the conventionality of the age seems to have required not tenderness but humility on the part of women towards the head of a family" (241. i. xxix). 35 Zu trennen von den Kosenamen des 16. und 17. Jahrhunderts sind die der me. Zeit. Damals brauchte man unterscheidende Zusätze und Ableitungen, denn „In every community of one hundred Englishmen about the year 1300, there would be an average of twenty Johns and fifteen Williams; . . ." (404. 3). Besonders häufig finden sich Kosenamen bei Beaumont, Knight, und in den Schlafzimmergesprächen Brathwaits (333.). 33 Lichtenberg erwähnt (566. v. 252) als Puritanernamen: „Wäre Christus nicht für mich gestorben, so wäre ich verdammt Barebone!" Der Mann wurde natürlich nur „Damn'd Barebone" genannt. 37 Diese Richtung des Einflusses ist weit wahrscheinlicher als die umgekehrte, daß man sich aus Opposition gegen die Sittenstrenge immer mehr gehen ließ. Daß die Puritaner die Angreifer waren, ergibt sich auch aus den literarischen Satiren gegen sie. Vgl. W. P. Holden, Anti-Puritan Satire (410.).

128

Das 16. und 17. Jahrhundert

Die Puritaner konnten ihre theoretischen Anschauungen auf vielen Gebieten des täglichen Lebens in die Praxis umsetzen, und die „Puritan Tradition"38 dauert bis zum heutigen Tag. Die Entwicklung der Anrede haben die Puritaner nicht beeinflussen können. In England ist auch heute noch die Anrede mit Kurzformen des Vornamens und Kosenamen weit verbreitet, und ihre Bedeutung ist vielleicht heute größer als früher 39 . Die Entwicklung der Sprache läßt sich nur schwer steuern, und der Versuch, die „gute alte Anrede" wieder einzuführen, scheiterte, weil stärkere Gegenkräfte bereits am Werk waren, die den Sg. in der Umgangssprache völlig vernichten sollten: Die häufige Verwendung des Sg. als abwertendes Pronomen beschleunigte sein Aussterben als Standes-Sg. bei der Anrede von Dienstboten (und wohl auch der Ehefrau) und schließlich besiegelte die Antipathie gegen die Sg. Verwendung durch die Quäker sein Schicksal40.

§ 2j. Der verächtliche Singular Im letzten Abschnitt wurde gezeigt, wie sich der Sg. an einer bestimmten Stelle, nämlich in der Ehe, besonders gut behauptet, und es wurde darauf hingewiesen, daß er allmählich emotionalisiert, zum „zärtlichen Sg." wurde. In einer anderen Situation vollzog sich die entgegengesetzte Entwicklung: in kirchlichen „examinations" und J. Marlowe, The Puritan Tradition in English Life, London 1956. In England fehlt ja die Möglichkeit, den Freund oder die Familienangehörigen durch ein Du auszuzeichnen. Die Anrede mit dem Vornamen ist so allgemein, daß sie nicht als Besonderes wirkt (vgl. Kap. IX); damit gewinnen die Kosenamen zusätzliche Bedeutung auch in der Öffentlichkeit. Auch solche Anreden werden aber verallgemeinert, bes. im Norden, wo die Busschaffner jeden mit Deary, Honey und Love [luv] anreden. Wenigstens für deutsche Ohren ist es aber ungewöhnlich, wenn ein vornehmer Herr seiner Gattin in der Festival Hall zuruft: „Creature, somebody is waiting" (1958). Die Neigung der englischen Sprache zu Kurzformen wirkt auch bei den Kosenamen; Aus Patricia wird Pat, Patty, Trish; alle Formen kommen nebeneinander vor, daneben als Anrede in der Familie Chick. Selbst auf die offizielle Einladung zur Coming-of-Age Party wurde Pat geschrieben. Die Vollform Patricia hörte ich nie (1958). Voller Stolz wird im Manchester Guardian Weekly (23.4. 1959) darauf hingewiesen, daß die Engländer es hinrichtlich der Kosenamen mit den Franzosen durchaus aufnehmen können. Es werden u. a. die folgenden Namen erwähnt: „Button Nose", „Diddles", „Dozey", „Kipper", „Hag", „Hippy", „Scrubbles", „JellyBelly", „Nig-Nog", „Porky-Pie". „A wife at Hillingdon, Middlesex, confessed that in eleven years of marriage her husband had used her Christian name only four times, . . . " 40 Noch im 19. Jahrhundert (vor 1850) findet sich in Lancashire das Ehepronomen wie in der „guten alten Zeit": „The husband and father ,thou'd* his wife and children, but the wife always addressed the husband in the second person plural; children did the same to both parents and all seniors" (164. 497). 38

39

Das 16. und 17. Jahrhundert

129

vor weltlichen Gerichten wurde aus dem ursprünglichen Standes-Sg. eine abschätzige und beleidigende Anrede. Im 14. Jahrhundert verwendete der Richter als Lord fast allen Angeklagten gegenüber den Sg., seit dem 16. Jahrhundert war der PL die normale Form der Anrede. Es ist die Häufigkeit der Verwendung eines Wortes in einer bestimmten Situation (und im Satzzusammenhang), die einen bestimmten Nebensinn und Gefühlswert entstehen läßt 41 . Daß das „Ehepronomen" häufig genug in der rechten Situation verwendet wird, um den Gefühlswert des Zärtlichen entstehen lassen zu können, liegt auf der Hand 42 . Die Voraussetzung für die Entstehung eines bestimmten negativen Gefühlswertes („Thou traitor") ist in der Geschichte des 16. Jahrhunderts zu suchen: die politischen und religiösen Kämpfe reißen nicht ab; Ketzer- und Hochverratsprozesse jagen einander, und alle Prozesse (und Hinrichtungen) werden sorgfältig aufgezeichnet. Die fortlaufende Lektüre der State Trials (281. und 282.) und der Acts and Monuments von J . Foxe (356.) ist selbst für starke Nerven eine nicht geringe Anstrengung; ihr Wert für den Erforscher der Zeit ist aber so außerordentlich wie ihr Inhalt43. In unserem Zusammenhang verdienen beide Quellen besondere Beachtung, weil in ihnen der Philologe mehr als irgend anderswo das gesprochene Wort der Zeit vernehmen kann. Die folgenden Beispiele brauchen nur mit einem knappen Kommentar versehen werden, um das Wesentliche zu zeigen. Auch hier handelt es sich um eine Auswahl aus dem gesammelten Material. Eine der ersten Gerichtsverhandlungen, die in den State Trials wiedergegeben wird, ist das Verhör des William Thorpe durch Erzbischof Arundel im Jahre 1407. Thorpe wird vorgeworfen, ein Lollarde zu sein. Die Reden zeigen ganz deutlich das Standespronomen der ausgehenden mittelenglischen Zeit. Der Erzbischof verwendet nur den Sg., wenn er Thorpe anspricht (ebenso der Clerk), während Thorpe stets im PL antwortet. Thorpe hat den Prozeß selbst aufgezeichnet: Arundel: William, I know well thou hast this twenty Winter and more travelled about busily in the North Country. Thorpe: Sir . . .ye . . . (281. i. i6ff.). 41 Vgl. Sperber 28. bes. S. 23; und S. 32, wo vom „fixierenden Moment" einer Bedeutungsentwicklung gesprochen wird. Bei Sperber auch Hinweise auf ältere Lit. 42 Vgl. auch die Entwicklung im Deutschen am Ende des 18. Jahrhunderts (s. u. Kap. VIII). 43 Vgl. Verf., Galgenliteratur. Zur Auffassung des Todes im England des 16. und 17. Jahrhunderts, Dt. VJs, 34 (i960), 527—553. 44 Lateinischer und englischer Text entsprechen sich genau. Der lateinische Text ist bei Fox (357. 80—96) abgedruckt. Interessanterweise ist in späteren Prozessen, bei denen es sich um englische Aufzeichnungen handelt, die im 16. Jahrhundert für die lateinische Ausgabe der Acts and Monuments übersetzt wurden, die Verwendung der Pronomen im Sinn der Humanisten normalisiert, so daß der Ton der Verhandlungen völlig verändert, nämlich gedämpft, wird.

9 Finkeastaedt, You

130

Das 16. und 17. Jahrhundert A n keiner Stelle ist ein beleidigender Nebenton des Sg. zu bemer-

ken 4 4 . G a n z anders ist es bei den Verhandlungen im 16. Jahrhundert. Bezeichnenderweise beginnt hier fast keine Verhandlung mit dem S g . ; am A n f a n g steht immer die höfliche Anrede im PL, und erst, wenn es hart auf hart geht, wechselt der Bischof, oder wer eben der höchste Examiner ist 4 6 , zum Sg. über. D a s erste Beispiel ist „ T h e Examination of Thomas Hawkes, before E d m u n d Bonner, Bishop of London, w o r d for word, as it was between the Bishop and diverse others and him". D i e Verhandlung fand 1554 statt, und Thomas Hawkes hat sie selbst aufgezeichnet 4 6 . D e r A n f a n g steht ganz im P L ; auch als Bonner ärgerlich wird, bleibt er noch beim Pl.: Ye seem to be a very proud man and a stubborn (356. 1148b). D e r eine Angeklagte, Baget, antwortet dem Bischof ziemlich frech, und nun wechselt Bonner zum Sg.: A sir knave, are ye at that point with me? g o call me the porter, (said he to one of his men) thou shalt sit in the stocks, and have nothing but bread and water (1149a). PL und Sg. wechseln einige M a l e ; der Sg. tritt immer auf, wenn sich der Bischof

ärgert, der PL überwiegt jedoch. A m

Schluß sagt

Bonner zu H a w k e s : Well,>« are a stubborn young man. I perceive I must work another way •with you. Hawkes: Ye are in the hands of G o d , and so am I. Bishop: Whatsoever you think, I would not have you speak such words unto me. And so we departed till Evensong time (1150a) 4 7 . 45 Es ist interessant zu beobachten, daß allem Anschein nach i. a. nur dem Höchsten unter den Anwesenden der Gebrauch des verächtlichen Sg. zusteht. 46 Der englische Text steht 356. 1148 ff., der lateinische 357. 446 fr. 47 Der „other w a y " des Bischofs war nun interessanterweise nicht die Gewalt. Bonner versuchte mit gutem Zureden eine Umstimmung Hawkes' zu erreichen, und er spricht wie ein Vater zum Sohn, mit freundlicher Autorität, im „väterlichen" Sg. (vgl. § 22 für entsprechende Pronomenverwendung in Briefen): . . . and ere Evensong was begun, my Lord called for me, to come to him into the Chapel, and said: Hawkes, thou art a proper young man, and G o d hath done his part unto thee. I would be glad to do thee g o o d : thou knowest that I am thy Pastor, and one that should answer for thee. If I would not teach thee well, I should answer for thy soul. Hawkes: That that I have said, I will stand to it, G o d willing: there is no way to remove it. Bonner: Nay, nay, Hawkes, thou shalt not be so w i l f u l . . . Hawkes: Yea, I must needs believe the scriptures. Bonner: (der nun merkt, daß die Ermahnungen eines Beichtvaters nichts fruchten, gibt den väterlichen Sg. auf): W h y ? then I trust ye be sound in the blessed sacrament? Hawkes: I beseech your Lordship to feel my conscience no farther than in that, that I was accused in unto you. Bonner: Well, well, let us go unto Evensong (S. 1150a).

Das 16. und 17. Jahrhundert

131

Bei den nächsten beiden Unterhaltungen versucht der Bischof, Hawkes mit friedlichen Worten zu überzeugen, daß er falsch gehandelt habe (Hawkes hatte nämlich sein eigenes Kind nicht sofort getauft), doch als gutes Zureden nichts fruchtet, wird der Ton der Examination immer heftiger: Hawkes: I deny not Baptism. Bonner: Thou art a fool, thou canst not tell what thou wouldst have, and that he spake with much anger. Hawkes: A bishop must be blameless or faultless, sober, discreet, no chider, not given to anger. Bonner: Thou judgest me to be angry: no by my faith am I not, and struck himself upon the breast. Darauf sprach „the old Bishop", der bei dem Gespräch anwesend war, beruhigend zu Hawkes: Alas good young man, ye must be taught by the church, and by your ancients, and do as your fathers have done before you . . . (1152a). Man beruhigt sich also wieder, und das Gespräch wird mit dem PI. fortgesetzt, bis wieder eine Auseinandersetzung entsteht: Bonner: How say ye to holy bread ? . . . Nowje shew your self to be a right heretic . . . Thou art one, and thou shalt be burned, if thou stand and continue in this opinion. Ye think we are afraid to put one of you to death 48 : yes, yes, there is a brotherhead of you, but I will break it, I warrant you ...(1152b). Noch mehrmals verliert Bonner seine Selbstbeherrschung; er verwendet dann stets den Sg., kehrt aber immer wieder zum PI. zurück. Hawkes soll eine Declaration unterschreiben, weigert sich aber: Bonner: Wilt thou not set to thy hand? It shall be to thy shame for the denying of it, . . .you . . . If I do thee any wrong, take the law of me. Hawkes: Salomon saith: go not to law with a Judge. For he will judge according to his own honour. Bonner: Salomon saith he, give not a fool an answer. Hawkes: What do you count me a fool ? Bonner: Ye by my truth do I, and so doest thou me too: but God forgive thee, and so do I. Hawkes: Thought is free my Lorde (1158). Bischof Bonner muß ein ausgesprochener Sanguiniker gewesen sein; jedesmal, wenn er sich aufregt, wechselt er v o m PI. zum Sg. Die „Examinations of John Philpot" (von ihm selbst aufgezeichnet) beginnen selbstverständlich auch im ruhigen, höflichen Ton: Bonner: Maister Philpot, you are welcome. Give me your hand. With that, because he so gently put forth his hand, I to render courtesy for courtesy, kissed my hand, and gave him the same (1592 b). 48



Ein klarer Fall von soziativem j e ; Ihr Ketzer . . .

132

Das 16. und 17. Jahrhundert

Die ersten Gespräche weichen nie von diesem höflichen Ton ab; Bishop Bonner versucht es immer zuerst durch freundliche Überredung zum Ziel zu kommen. Erst in der fünften Examination wird er aufgeregt: Bonner: Why? I have never asked thee of this before now. Pbilpot; Yes, that you did . . . Bonner: Thou lyest, it is not so.

Als Philpot widerspricht, schreit Bonner: Thou art the veriest beast that ever I heard. I must needs speak it, tbou compellest me thereunto . . . (i399f.)

und nun bleibt es lange Zeit beim thou. Bei einem späteren Gespräch geraten Philpot und Dr. Morgan of Oxford hart aneinander. Diesmal beginnt Philpot den Sg. zu verwenden: zuerst ist es ein religiös-biblischer Sg. 49 , Verkündigung des Göttlichen und Anklage des Bösen, aber bald — den religiösen Streitern des 16. Jahrhunderts war auch „nihil humanum alienum" — wird der Sg. auf beiden Seiten beleidigend: Philpot: . . . it appeareth by your communication that you are better acquainted with the spirit of the buttery 50 than with the spirit of God. Wherefore I must now tell thee (thou painted vail and hypocrite) in the name of the living Lord, whose truth I have told thee, that God shall rain fire and brimstone upon such scorners of his word and blasphemers of his people as thou art51. Morgan : What, you rage now. Philpot: Thy foolish blasphemies have compelled the spirit of God which is in me, to speak which I have said unto thee, thou enemy of all righteousness. Morgan: Why do you judge me so? Pbilpot: By thine own wicked words I judge of thee, tbou blind and blasphemous doctor: for as it is written, by thy words thou shalt be justified, and by thy words thou shalt be condemned. I have spoken on God's behalf and now I have done with thee. Morgan : Why then I tell thee Philpot, that thou art an heretic, and shalt be burnt for thy heresy and afterwards go to hell fire. Philpot: I tell thee, thou hypocrite, that I pass not this for thy fire and faggots, neither (I thank God my Lord) stand I in fear of the same: my faith in Christ shall overcome them. But the hell-fire which thou threatenest me is thy portion, and is prepared for thee, (unless thou speedily repent) and for such hypocrites as thou art. Märgan: What, thou speakest upon wine: thou hast tippled well to-day by likelihood 52 . Philpot: So said the cursed generation to the apostles being replenished with the Holy Ghost, and speaking the wonderous works of God . . . Uber den religiösen Sg. vgl. § 28. OED s. v. 1. c.: a. 16th c. phrase for ,the spirit of wine'. 51 Eine Randbemerkung lobt diese Äußerung: „Note the fervent zeal of Philpot". 52 Das ist eine ausgesprochene Gemeinheit: Philpot war die ganze Zeit im Kohlenkeller eingesperrt gewesen I 49 50

Das 16. und 17. Jahrhundert

133

Tbou art but an Ass in the true understanding of things pertaining unto God: I call thee Ass, not in respect of malice, but in that thou kickest against the truth and art void of all godly understanding, not able to answer to that thou braggest in f 143 2 f.). Hier flaut der Streit ab, die anderen mischen sich ein, und man kehrt zum PI. zurück 83 . Nach diesen beiden ausführlichen Beispielen für die Sprache der Examinations einige kürzere: Bishop Bonner examines Robert Smith; die erste Frage lautet: How long is it ago, since the time that ye were confessed to any priest? Smith: Never since I had years of discretion. For I never saw it needful, neither commanded of God to come to shew my faults to any of that sinful number w h o m j e call priests. Bonner: Thou shewest thyself even at the first chop to be a rank heretic . . . Then after many raging words, and vain objections, he said there was no remedy but I must be burned (1252b f.) . . . usw. Darbishire, Bishop Bonner's Chancellor, ahmt seinen Herrn würdig nach; interessant ist folgende Stelle: „Well Cluny (sein Büttel), take him ( = William Living) with thee to the Coalhouse." Then said Cluny: „Wilt thou not come?" so plucked me away violently." Sobald Cluny aber mit William Living allein ist, wagt er es nicht mehr, ihn mit dem Sg. anzusprechen, sondern geht sofort zum PI. über (1674). Bonner ist keineswegs der einzige Bischof, der den verächtlichen Sg. verwendet, und der Sg. findet sich ebenso in der Regierungszeit Elisabeths wie in der von Mary: Bishop Aylmer examines Francis Merbury, a Puritan: Bishop:

Merbury, where have you been since your last enlargement?

Die Verhandlung wird lange Zeit nur im PI. geführt, bis Merbury theologische Einwendungen vorbringt. Darauf wird Aylmer ungeduldig: Bishop: Distinguish! thou knowest not a distinction. What is a distinction? . . . Merbury: . . . Why do you ask me questions so impertinent? . . . The last time you spoke of good behaviour; but this is something else. ( ! ) . . . Recorder: Merbury, use my lord more reverently. He is a peer of the realm. I perceive your words are puffed up with pride. Merbury : I speak only the truth Bishop: Thou art a very ass; thou art mad, thou art courageous; nay thou art impudent. By my troth, I think he is mad: he careth for nobody. Merbury : Sir, I take exception against swearing judges. I praise God I am not mad, but I am sorry to see jok so much out of temper 53

Ähnlich in den übrigen Examinations (S. 1434^).

134

Das 16. und 17. Jahrhundert Bishop : Thou takest upon thee to be a preacher, but there is nothing in thee. Thou art a very ass, an idiot and a fool (336. i. 224 ft)54. Bishop Gardiner zu Doctor Taylor (15 5 3—1555): art thou come, thou villain: How darest thou look me in the face for shame ? Knowest thou not who I am? I see (quoth the Bishop) thou art an arrogant knave, and a very fool. My Lord (quoth Doctor Taylor) leave your unseemly railing at me, . . . . and_yo« know that he that sayeth thou fool, is in danger of hellfire (356. 1068).

Archbishop Whitgift zu Henry Barrow (1586; auch hier beginnt die Examination mit dem PI.): Barr.: I will swear by no Bible. Dr. Cosins: Schismatics are always clamorous. It is a perpetual note to know them by. Λrchb.: Dr. Cosins says true. Such were the Donatists of old. And such art thou, and all other schismatics, such as thou art. Barr.: Say jour pleasure. God forgive you (336. ii. 26 ff.). Der Rest der Verhandlung wird im PI. geführt Bei einer späteren Verhandlung gegen Barrow (1587) ist es ähnlich: Lord Treasurer: Why ate.you in prison, Barrow? Barr.: I am in prison my lord, upon the statute made for recusants. Treas. : Why will you not come to church? Barr.: My whole desire is to come to the church of God. Treas.: I see thou art a fantastical fellow . . . . (336. ii. 31). Archbishop Whitgift scheint ein ähnliches Temperament gehabt zu haben wie Bishop Bonner. In einer Verhandlung gegen den Rev. Mr. Settie (1586) wird das Gespräch sehr aufgeregt. Settie widerspricht dem Archbishop: This put the Archbishop into so violent a passion that he called him ass, dolt, fool, — Settle: „You ought not to rail at me, being a minister of the gospel". „What", replied his lordship, „doest thou think it much to be called ass, and dolt? I have called many of thy betters so". „True", observed Mr. Settle; „But the question is, how lawfully you have done so" (336. ii. 46; 414. i. 388). 1587: Bishop Cooper / John Penry: thou shalt recant it as a heresy . . . (336. ii. im PL 1587: Archbishop of York examines handlung bringt nur den PL, die zweite heißt:

I tell thee, it is a heresy; and 49). Die übrige Verhandlung John Wilson: Die erste Verbeginnt mit dem PL, bis es

54 „There is a great deal more of the same language in this examination" (414. i. 352). „Such was the language from a Lord Bishop" heißt es am Schluß des Berichtes, und an einer anderen Stelle wird über Aylmer gesagt: „This prelate was much accustomed to use foul language" (336. i. 228 note); seine Predigt vor Königin Elisabeth war ja auch nicht durch sehr feinen Wortschatz ausgezeichnet (s. o.).

Das 16. und 17. Jahrhundert Archb.:

Thou art an arrogant puritan

135 Thou art a rebel, an enemy

to her majesty, and an underminer of the state. Wilson: These speeches savour not of the spirit of God

Der Archbishop verwendet in den drei folgenden Reden den Sg., der Rest der Examination steht wieder im PI. Ähnlich ist es in der dritten Examination (336. i. 339—355; das Zitat 346). John Lawder, the Accuser, sagt zu Dean Thomas Forret, Vicar of Dollow: „False Heretic! Thou says . . . / Brother, said the Vicar, God forgive you! . . . (1538) (277. i. 214*). 1550: Mr. Griffyn, the Queen's solicitor / zu Thomas Mowntayne: Thou art both a traitor and heretic . . . (sonstyou; 383. 206). 1573: Verhandlung eines geistlichen Gerichts gegen Mr. White, a substantial citizen of London. Die Verhandlung beginnt im PL, dann aber heißt es: Lord Chief Just.: Tbou art a contemptuous fellow, and wilt obey no l a w s . . .

darauf wieder PI. bis: L. Ch. J . : This is one of Shaw's darlings: I tell thee what, I will not say any thing of affection, for I know thee not, saving by this occasion; thou art the wickedest and most contemptuous person that has come before me, since I sat in this commission . . . wieder PI. L . Ch. J . : Thou art a rebel.

White: Not so, my lord, a true subject. L . Ch. J . : Y e a , I swear by G o d , thou art a very rebel; f o r thou w o u l d s t

draw thy sword, and lift up thy hand against thy prince, if time served. Der Rest im PI. (414. i. ζ$ηΙ.).

c. 1550: Manchmal liefen die Verhandlungen harmlos ab; das thou in dem folgenden Beispiel klingt geradezu gutmütig: Thomas Lawney sagt zum Duke of Norfolk: „If it pleaseyour grace, I cannot well tell whether priests may have wives or n o ; but I well wot, and I am sure of it, for all your act, that wives will have priests". „Hearken, maisters, (sagte darauf der Herzog) how this knave scorneth our act, and maketh it not worth a fly! Well, 1 see by it that thou wilt never forget thine old tricks. . . . and he went away merely laughing . . . (383. 276).

Das verächtliche thou ist aber nicht nur der hohen Geistlichkeit eigen, wenn es auch auf Grund der Quellen bei ihr besonders häufig anzutreffen ist. Einige andere Beispiele sollen zur Ergänzung noch angefügt werden: 1 5 7 1 : Robert Hickford / his master (Bishop of Rosse?) My Lord, I marvel at your doings. / Tush, Fool, thou art a Fool, thou understandest not the Matter (281. i. 120).

136

Das 16. und 1 7 . Jahrhundert

1532: Master Pave, the Town Clerk / Master James Bainham: thou lyest, thou heretic thou deniest the blessed sacrament of Christ's body and blood . . .®6. 1547: Keeper of the prison / John Davis: Thou whoreson, how wilt thou do? they will burn thee . . . others would come and say „Thou shalt be burned, thou heretic . . . " (383. 65; 67). 1592: Sir John Perrot (vor Gericht) / Sir Dennis Orougham: A mischief on thee, I pray God! Woe be to the time that ever thou wert born, or that ever I saw thee! (281. i. 185 b; Grenze zum formelhaften Sg. des Fluches). 1637: „Let us read the Collect of the D a y " said the Pretended Bishop from amid his tippets; „De'il colic the wame of thee"I answered Jenny, hurling her stool at his head. „Thou foul thief wilt thou say mass at my lug?" (346. i. 123). 1628: The Murder of George Villiers, Duke of Buckingham: The duke, pulling the knife himself out, cried with a great oath, „Traitor, thou hast killed me", and drew his sword half out, and so fell down and never spake word more (391. 28). 1666: Eine Zeugenaussage:.. . that when he had run Mr. Hastings through the head, he swore, „Goddamme, I promised thee this, and now I have given it thee" (282. vi. 776). Als Gegenstück zum abschätzigen Sg. tritt die ironische Verwendung der höflichen Anrede auf. Sprachpsychologisch gesehen, handelt es sich um eine ähnliche Erscheinung wie die Schimpf kosenamen. In den Texten sind solche Anreden natürlich nicht häufig, überdies nicht immer sicher zu erkennen, denn die Ironie wird ja in erster Linie durch den Tonfall angedeutet. Mit Sicherheit als ironisch erkennen läßt sich eine Stelle, in der das höfliche Sir mit einem abwertenden Wort verknüpft wird. 1550: Verhandlung gegen Thomas Mowntayne: Nach dem üblichen PI. Anfang sagt der Bishop: Thou heretic! how darest thou be so bold to use that schismatical service still . . . (383. 179); nach einigen weiteren Sg. Reden beruhigt man sich wieder, und es bleibt lange beim PI. Noch einmal kommt es zu einer ärgerlichen Sg. Rede des Bischofs (S. 181); „Then the bishop said unto me in mockage: Sir, you have made a great speech; you ,. . Well, to be short with thee, what sayst thou to the blessed sacrament of the altar ? How believest thou in that ? . . . What sayst thou now, thou shameless heretic, unto the holy blessed mass? . . . und darauf folgt nochmals ein ironischer PI.: I cry your mercy, sir, (said the bishop), how holy you are now!" (383. i82f.). 65 Die Antwort zeigt das b i b l i s c h e thou: God forgive thee and shew thee more mercy than thou shewest to me,. . . (356. 493 a).

Das 16. und 17. Jahrhundert

137

Bishop Bonner verdanken wir außer den schönsten Stellen mit dem verächtlichen Sg. auch zwei Beispiele für den ironischen PI. Eines wurde bereits zitiert: „ A sir knave are ye at that point with me? . . . thou shalt sit in the stocks . . (vgl. S. 130) und ein andermal sagt er spöttisch zu Robert Smith (der eine College-Clerkship in Winchester hatte): „Well maister Controller,^ are faultless". Ähnlich wie in der Umgangssprache und den Briefen läßt sich der verächtliche Sg. in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nur noch selten auffinden. Eine bezeichnende Ausnahme aber gibt es: George Jeffreys, der 1682 Lord Chief Justice wurde. „He . . .is chiefly notorious for his brutality and as the judge who held the ,Bloody Assizes'" (Oxf. Comp. Engl. Lit.). Beim geringsten Anlaß wechselt Jeffreys in den Sg. hinüber, und zwar ist bei ihm der Sg. so häufig, daß er etwas an Nachdruck verliert. Andererseits ist es beachtenswert, daß Jeffreys nicht davor zurückschreckt, einen Counsel mit dem Sg. anzureden, wenn er sich über ihn ärgert: Here is the original, man, and that is right, what dost tell us of thy copy ? If thy copy be wrong, how can we help that? (282. ix. 1366).

Man kann nicht leugnen, daß seine beißenden Bemerkungen eine oft sehr amüsante Lektüre bieten. 30 Spalten lang zieht sich ein Streit über die lateinische Fassung eines Writs hin. Da platzt Jeffreys dazwischen: Prithee, man, I care not how thou wentest on . . . Pish, that is nothing, . . . (282. x. 178L). Thomas Rosewell: Then, my lord, it is said „in eorum conspectu": is that right, my lord? L. Ch. J.: Yes, Anglice, under their noses ? Rat.: That is in their sight. L. Ch. J.: Pray, how would put that into Latin, under their noses ? . . . (S. 181). I tell thee, I care not a farthing what thy text was (Rosewell ist ein dissenting minister; es geht über den Text seiner Predigt) nor thy doctrine; I wish you had been at church though, and been conformable to the laws (S. 186).

Zu einem Zeugen sagt er einmal: Prithee then do it again, it will never be the worse for thee, I dare say (S. 206) usw.

Meistens kommt der Sg. wenn er eine Frage nachdrücklich wiederholt: Did you ever see a coach there? Lloyd: Not to stand at the door at all. L. Ch.J.: Didst thou see ever a coach in captain Hawley's backyard? (282. ix. 1202).

138

Das 16. und 17. Jahrhundert

Auch der berühmte Puritaner Richard Baxter wurde sehr unhöflich angefahren: Jeffreys nannte ihn einen „snivelling, canting Presbyterian" und sagte: Richard, Richard, don't thou think we will hear thee poison the court. Richard, thou art an old fellow, and an old knave; thou hast written books enough to load a cart; . . . (414. v. 5 f.) 58 . Ein weiteres sehr hübsches Beispiel findet sich in Dobson's Drie Bobbes (1607). Der junge Dobson hatte ein Schulbuch auf dem Kopf eines Mitschülers in Fetzen geschlagen. Sein Onkel, der ihn aufzog, hörte davon vor der Heimkehr seines Neffen, und er empfängt ihn, die Rohrstöckchen griffbereit: His uncle taking one of them into his hand, said: Now, good sir, where have you bestowed yourself this day, that you stay so late abroad? Good uncle, replied Dobson, with a sober and demure countenance, casting his eyes upon the ground, I have been at school. Have you so, saith sir Thomas, I pray then let's s es. your book, and how much you have learned all this day ? With that poor Dobson breathed forth a piteous sigh, . . . und zeigt das zerfetzte Buch. Darauf sagt der Onkel: My hoy, said he, I pray thee, who hath made thee a Joiner? methinks thou hast taken thy book in sunder, . . . (375. 11) 5 '.

§ 26. Das

Gerichtspronomen

Im Jahre 1356 war bei einer Gerichtsverhandlung ein Writ für ungültig erklärt worden, weil in ihm der Vicecomes mit vos anstatt mit tu58 angesprochen wurde; die Umgangssprache war — versehentlich ? — in die archaische Formelsprache des Gerichts gedrungen. Die Formeln der Rechtssprache gehören in allen Sprachen zu den zähesten und am wenigsten veränderlichen Bestandteilen, und sie werden oft weiter 56 Ein weiteres Beispiel für einen ironischen Sg. Jeffreys im Oxf. Book of Engl. Talk (393. 157—6a). 57 a) Im Tom Jones (I. 9) heißt es spöttisch über die arme Jenny Jones; „I'll assure you, madam hath had good luck" Vgl. auch S. 81 für Beispiele bei Chaucer. b) Ein interessanter Fall einer ironischen Anrede im Deutschen ist das Wort Herr. Einerseits ist es zwar immer noch die höfliche Anrede, andererseits wird es als ironisch empfunden, wenn es vor Namen gesetzt wird, die sonst ohne Herr gebraucht werden, da sie entweder (ganz vornehm) allein stehen (mit dem Vornamen: Konrad Adenauer) oder mit einem Titel verbunden werden (Bundeswirtschaftsminister Erhard). Zwei Beispiele für viele: Aus Westdeutschland: „Wie hoch auch die Strafe ausfällt, eines wird immer ungesühnt bleiben: das Verbrechen an den 13—14-jährigen Schulbuben, denen der Herr SS-Sturmbannführer X. Y. einen Anschauungsunterricht erteilte, den sie in ihrem Leben nicht vergessen werden" {Siidd. Zeitung 15./16. 3. 58.); aus Ostdeutschland: „. . . nur auf dem rosafarbenen Papier des Herrn Lübke" (Radio DDR 16. 11. 1957), und entsprechend heißt es in Westdeutschland „Die Herren Ulbricht und Grotewohl". Dieses ironische Herr gab es auch in der wissenschaftlichen Polemik des 19. Jahrhunderts: „Herr Bartsch" im Munde MüllenhofTs. (Frdl. Hinweis von Herrn Prof. Wissmann). 58 Vgl. S. 64.

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tradiert, wenn ihr ursprünglicher Sinn geschwunden ist 69 . So hat sich auch die Sg. Anrede des Sheriffs über Jahrhunderte hin behauptet. Sie geht sicher in sehr frühe Zeit zurück, was man etwa daran sieht, daß der König nicht den PI. verwendet, wenn er von sich spricht. Ein Beispiel vom Ende des iz. Jahrhunderts unterscheidet sich nicht wesentlich von späteren: Rex vicecomiti salutem. Questum est mihi N. quod R. injuste et sine judicio disseisivit eum de Iibero tenemento suo in ilia villa, post ultimam tranfretationem meam in Normaniam. Et ideo tibi praecipio . . . eo .

In späteren Jahrhunderten wird lediglich der Sg. der i. Person in den Majestätspl. geändert: Carolus secundus etc. Vic' E. salutem. Praecipimus tibi sicut alias tibi praecipimus quod capias (Defend') si invent' fuisset in Balliva tua et eum salvo custod' Ita quod habeas Corpus ejus coram nobis apud Westm' die etc. . . . el .

Solche Sg. Formeln haben natürlich nichts Verächtliches an sich; in der Rechtssprache handelt es sich um einen ausgesprochen konventionellen Sg.; er ist eine der zahllosen „Konventionen", die sich in jedem Recht finden müssen. Das englische Gerichtsverfahren ist besonders reich an Formeln und Formen. Die Sg. Anrede hält sich innerhalb des Gerichtswesens besonders lange. Der Gang einer Verhandlung braucht hier nicht im einzelnen geschildert zu werden; es genügt, für die verschiedenen Formeln einige Beispiele zu geben. Am Anfang der Verhandlung wird der Angeklagte aufgerufen: Nicholas Throckmorton, Knight, bold up thy band. . . . (281. i. 64; 1554)

Dann folgt die eigentliche Anklage mit dem formelhaften Beginn: Thou art indicted of High Treason . . . und am Schluß der Anklage heißt es: How wilt thou be tried? worauf der Angeklagte antworten muß: By God and by my country (und ein Peer: by my peers). Der Clerk of the Crown sagt darauf: God send thee a good deliverance. Manche Angeklagten versuchten, einen Prozeß möglichst in die Länge zu ziehen. Das berühmteste Beispiel dafür ist der „Leveller" John Lilburne (1640): Nach dem „John Lilburne hold up thy hand . . . " (281. ii. 19b) macht der Angeklagte sofort Einwendungen gegen das Verfahren, und die nun folgenden Auseinandersetzungen ziehen sich im Protokoll über mehrere 59 Vgl. ζ. B. Münchner Studien Sprachwiss10 (1957) 25—33 mit Hinweisen auf weitere Lit. β0 Glanville Tractatus de Legibus. . . xiii. 33; zitiert bei 273. i. 423f., wo auch weitere Beispiele angegeben werden. el 1678 als Muster zitiert (263. 3). Die mündliche Anrede ist dagegen der PI.; The oath of a High Constable; „You shall well and truly exercise your office . . ." (265. 182), 1589; vgl. auch 383. 59; 371. 123.

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Folioseiten hin (281. ii. 19 ff.). Lord Justice Keble, der Richter, bringt es endlich so weit, daß die Anklageschrift verlesen werden kann. E r sagt zum Clerk, Mr. Broughton: „Come willjo» read .the Indictment?" Während der Verlesung muß Lilburne die Hand heben. Die formelhafte (Sg.-)Aufforderung war an ihn schon ergangen; jetzt wird Lilburne erneut aufgefordert, seinen Arm zu heben — im PI. (die Sg. Formel war sozusagen bereits „verbraucht")! Mr. Broughton: Hold up your hand, John Lilburne, and hearken to your charge, . . . (und nun beginnt der Text) Thou standest indicted of High Treason . . . What sayst thou, J . L., art thou guilty,. . . (281. ii. 29).

Bei der Frage „ B y whom wilt thou be tried ? " gibt Lilburne zweimal eine falsche Antwort. Einer der Clerks sagt daraufhin: „You must say, by G o d and by jour Country: that's the form of the L a w " . Der raffinierte Lilburne stellt sich, um Zeit zu gewinnen, ganz dumm, und fragt entwaffnend naiv: „Why must I say so ?" (281. ii. 30) usw. Die eigentliche Verhandlung wird zumindest im 17. Jahrhundert im PI. geführt. Es kommen natürlich — besonders im 16. Jahrhundert — Fälle von Standes-Sg. vor, wenn ganz einfache Leute als Zeugen auftreten und befragt werden, und es kommt ab und zu ein verächtlicher Sg. vor. A m Schluß jeder Verhandlung kommen wieder mehrere Sg. Formeln vor 6 2 : Nach dem Urteilsspruch (Verdikt),, . . . thou hast been foundgutltj" ... heißt es: „ J o h n Udall, hold up thy hand. What canst thou alledge for thyself, why thou shouldst not receive Judgment to die ? " (281. i. 169; 1590) oder „Lionel Anderson, alias Munson, thou standest convicted of high-treason: What canst thou say for thyself, why judgment should not pass upon thee to die according to the l a w ? " (282. vii. 872; 1680). Auch die Verkündigung des Strafmaßes war im Sg. formuliert (1584): the Court doth award, that thou shalt be had from hence to the Place whence thou didst come, and so drawn thro' the open City of London, upon a Hurdle, to the Place of Execution, and there to be hang'd and let down alive, and thy Privy Parts cut off, and thy Entrails taken out and burnt in thy sight; then thy Head to be cut off, and thy Body to be divided in four Parts and to be dispos'd of at her Majesty's Pleasure: and God have Mercy on thy Soul"3 (281. i. 128 b). 02 Vgl. S. 149 über L. Ch. J. Jeffreys und S. 137 über Raleigh. Spies, der (170. 117) sagt, daß der Angeklagte stets mit you angesprochen wird, hat also nicht ganz recht. 83 1402 heißt ein Todesurteil; „Tu traheris per medium Londoniae super claiam ( = cletam = upon a hurdle) usque ad Tyburn', et ibidem suspenderis, ibique decollerabis, et caput tuum ponetur super Pontem London'" (256. iii. 390f.). Die moderne Fassung (1950) lautet; „John Blank, you have been convicted of murder. I therefore pass upon you the sentence of the law. That sentence is that you be taken

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E s ist beachtenswert, daß auch Adelige mit den Sg. Formeln angesprochen werden: Thomas Duke of Norfolk, thou hast heretofore been indicted of High Treason, . . . and the Lords thy Peers have found thee guilty: . . . and the Lord have mercy upon thee" (281. i. 116; 1571). Auch Anne Boleyn wird mit einer Sg. Formel zum Tode verurteilt: And then the Duke of Norfolk gave this sentence on her, saying: Because thou hast offended our Sovereign the King's Grace . . . And thy judgment is this: That thou shalt be brent ( = burned) here within the Tower of London on the Green, else to have thy head smitten off as the King's pleasure shall be further known of the same;. . . (401. i. j8) M . Wie sehr die Formelhaftigkeit der Gerichtsverfahren den Engländern geläufig war, zeigt sich an der getreuen Übernahme der Sg. Formeln etwa in einer puritanischen Flugschrift, in der eine allegorische Gerichtsverhandlung dargestellt wird: R. Overton, The Arraignment of Mr. Persecution. In der Verhandlung wird wie in Wirklichkeit der PI. verwendet, die Formeln aber sind ebenfalls wirklichkeitsgetreu im Sg.: Persecution, Hold up thy Hand, and hear thy Indictment, Persecution, thou standest Indicted . . . und der Crier ruft, wie im wirklichen Gerichtssaal, sein „ O yes" ( = oye\ vgl. OED s. v.) (369. iii. 2i6) 6 5 . Daß der Gerichts-Sg. als formelhaft begriffen wurde, geht auch daraus hervor, daß kein Angeklagter, — vom einfachen Mann bis hinauf zum Duke — sich jemals gegen ihn verwahrte, während der verächtliche Sg. nicht unwidersprochen bliebββ. hence to the place whence you came, that you be there hanged by the neck until you are dead, and your body shall be buried within the precincts of the prison in which you shall have been last confined after your conviction, and may God have mercy on your soul" (515. 68). Selbstverständlich finden sich zahlreiche Varianten der einzelnen Formeln: sie bleiben aber in den Grundzügen mehrere Jahrhunderte hindurch unangetastet. 84 Auch die Anklageschriften der geistlichen Gerichte sind im Sg. abgefaßt; ζ. B. die Articles objected against Thomas Watts „First it is objected against thee, Thomas Watts, that thou. .." (356. 1163 a). 65 Vgl. auch die Sg. Formeln in Rich. II., I. iii. 5 ff. Lord Marshall: In God's name and the king's, say who thou art, And why thou comest thus knightly clad in arms; Against what man thou comest, and what thy quarrel; speak truly, on thy knighthood and thy oath: and so defend thee heaven and thy valour! W. Τ., III. ii. ι iff. „Read the indictment." First officer: „Hermione, Queen of the worthy Leontes, king of Sicilia, tbou art here accused, and arraigned of high treason. . ." Die folgenden Reden sind auch hier selbstverständlich im PI. 66 Der Gerichts-Sg. muß vom verächtlichen Sg. — der freilich oft in Gerichtsverhandlungen vorkommt — streng getrennt werden, sonst kommt es zu einer scheinbar einleuchtenden Uberinterpretation wie der folgenden (Ulherr 174. 75):

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Das 16. und 17. Jahrhundert Die Formelhaftigkeit der Sg. Verwendung geht auch daraus her-

vor, daß in Schottland — w o der Sg. in der Umgangssprache sich allem Anschein nach länger behauptete — in den Gerichtsformeln stets der PL verwendet wurde, während in den Verhandlungen noch der Sg. vorkommt. Selbst in Hexenprozessen (Hexen werden sonst fast ausschließlich mit dem Sg. angesprochen) ist wenigstens der erste Satz im PL: Bessie Roy in Fetterneir, servant to the Laird of Boijuhane". Ye are indicted . . . A n d thereafter, by thy conjurations, thou caused a great worm come first out of the said hole . . Entscheidend bei all den Formeln vor Gericht ist nicht, w e l c h e r Numerus verwendet wird, sondern daß e i n Numerus

konsequent

angewendet wird, wodurch überhaupt erst die Formelhaftigkeit entsteht. Während im i6. Jahrhundert die wenigen Abweichungen und die Varianten bedeutungslos sind, mehren sich im 17. Jahrhundert auch beim Gerichtspronomen die Anzeichen, daß der Sg. ganz allgemein rasch an Bedeutung verlor, beziehungsweise, daß er ausgesprochener Affekt-Sg. geworden war. Es ist bezeichnend, daß zuerst in Prozessen gegen Adelige der Sg. in den Formeln möglichst zurückgedrängt wird. So heißt ζ. B. 1616 das Todesurteil der Frances, Countess of Somerset: Frances Countess of Somerset, whereas thou hast been indicted, arraigned, pleaded "guilty, and that thou hast nothing to say for thy self, it is now my part to pronounce Judgment; only thus much before, Since my Lords have heard with what Humility and Grief you have confessed the Fact, I do not doubt they will signify so much to the King, and mediate for his Grace towards you: but in the meantime, according to the Law, the Sentence must be this, That thou shalt be carried from hence to the Tower of London, and from thence to the Place of Execution, where you are to be hang'd by the Neck till you be dead; and the Lord have Mercy upon your Soul (281. i. 334). Gegen Charles I wird sogar die Anklage im Pl. erhoben: „Das bereits erwähnte Protokoll über die Verurteilung Penns enthält allerdings ein Beispiel dafür, daß ein Gerichtsdiener einen der mitangeklagten Quäker mit thou anredet: offensichtlich um sich auf primitive Art dafür zu rächen, daß die Angeklagten den Mitgliedern des Gerichtshofes gegenüber laufend diese Form verwenden; „What sayest thou, William Mead, art thou guilty in manner and form as thou standest indicted, or not guilty"? [vgl. 281. ii. 607a; Änm. d. Verf.], In diesen Worten liegt eine gewisse Sensationslust; Der kleine Mann kommt sich den Richtern und der Jury nicht ganz gleichwertig vor [NB. Ein Clerk of the Crown war nicht gerade ein kleiner Mann!] und möchte nun auf seine Art dem Angeklagten eins auswischen, indem er ihn durch die Anrede thou zu beleidigen glaubt. Alle anderen Mitglieder des Gerichtshofes verwenden den angeklagten Quäkern gegenüber nut you ; auch dann, wenn sie beleidigend und ausfällig werden: . . ." Das ist leider schön klingender Unsinn. 67 „Ubersetzt" aus: B. R. . . .; servand to the Laird . . .; Ye are indytit. . . And thaireftii. be thy conjurationnes, thow causit ane grit worme cum fyrst out of the said hoil . . . (277. i. 207).

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Charles Stuart, King of England, you have been accused on the behalf of the people of England (281. i. 945a; 944b) 68 . Einmal herrscht eine Sg. und PI. V e r w i r r u n g — vielleicht nur im Protokoll — nämlich bei der Verhandlung gegen die Königsmörder (1660). Bei der großen Zahl der Angeklagten (29) wechselt Formel und gewöhnliche Anrede so oft, daß der PI. an Stellen steht, w o man den S g . erwarten möchte, und umgekehrt ( 2 8 1 . ii. 303 if.). D e r Gerichts S g . hat sich bis weit in das 18. Jahrhundert hinein gehalten (regelmäßig tritt er bis etwa 1 7 5 0 auf). W e n n auch allmählich weniger S g . Formeln verwendet werden (das Urteil wird oft im PI. verkündet), so bleibt doch die bezeichnendste Formel „ N . N . hold u p thy h a n d " und meist auch das „ G o d send thee a g o o d deliverance" erhalten 69 . Nicht nur in den Gerichtsverhandlungen hielt sich der S g . so lange, sondern auch bei anderen Rechtsgeschäften. So wurde ζ. B . 1 6 5 2 als Wortlaut für eine Verkaufsurkunde vorgeschlagen: I John Dee do, in very fact, sell to thee Richard Roe, such and such a Property, — according to the usual human meaning of the word sell; and it is hereby, let me again assure thee, indisputably S O L D to thee Richard, by me John (346. ii. 365). D i e Puritaner wollten alles Weltliche aus der Kirche verbannt wissen, Crom wells Zivilehe v o n

1 6 5 3 übernimmt aber die religiöse

Sprache in den weltlichen Bereich: I Α. B. do here in the presence of God the Searcher of all Hearts, take thee C. D. for my wedded wife, . . . (411. i. 419). und noch im Jahre 1 8 3 6 bestimmt 6 & 7 Will, IV c. 85, sec. 20 für die Trauung: Each of the parties must say: ,1 do solemnly declare, that I know not of any lawful impediment why I, A. B., may not be joined in matrimony to C. D . " . And each must say to the other: „ I call upon these witnesses here present to witness that I, A . B., do take thee, C. D. to be my lawful wedded wife (or husband)" (411. i. 472f.) ? 0 . 68 Das Urteil gegen Charles wird in indirekter Rede verkündet: ,That he the said Charles Stuart, as a Tyrant, Traitor, Murderer and a public Enemy, shall be put to Death, by the severing of his Head from his Body'. (281. i. 994b). 89 Vgl. z . B . 1722: 282. xvi. 56 (Urteil im PL); 1729: 282. xvii. 309; 1 7 4 1 : 282. xvii. 1005; 1752: 282. xviii. 1 1 1 7 . You wird im Laufe des 18. Jahrhunderts sehr schnell häufiger, 1722 bereits in King's Bench, 282. xvi, 6; 1759: Chester Assizes, 282. XXX. 847; etc. Eine genaue Darstellung des Aussterbens des Sg. lassen die State Trials nicht zu. Ein einmaliger Beschluß darüber scheint nicht gefaßt worden zu sein. 70 Auch hier liegt der Einfluß der Kirchensprache vor. Es ist ja bezeichnend, daß auch der säkularisierteste Staat glaubt, bei der Eheschließung usw. auf Rituelles nicht verzichten zu können. Auch die Jugendweihe der D D R gehört zu diesen Staatsriten. Übrigens hat sich allem Anschein nach in den englischen Kolonien der PL auch im Rechtswesen schneller durchgesetzt. Die Eheschließung in New England

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Der Sg. ist nur eines der archaischen Elemente in der englischen Rechtssprache des 17. und 18. Jahrhunderts (vom Wortschatz natürlich ganz abgesehen). So heißt es ζ. B. 1728: Oyez! Oyezl Oyezl All manner of persons, that have any thing to do at this session of Oyer and Terminer, holden for the city of London, and gaoldelivery of Newgate, . . . draw near, and give your attendance Oyez! (282. xvii. 161)

und auch die Sg. Endung -th taucht formelhaft auf (Protokoll 1744): „John Campbell, of . . . maketh oath, That . . . and believer they were (282. xviii. 29) . . . " Dazwischen immer formelhaftes and saith . . . Kleinigkeiten, ist man versucht zu sagen: Law seems to the layman, at first sight, to make much of trifles and to disregard greater matters (278. ν f.).

Aber in Wirklichkeit sind es keine „trifles". In England ist überdies das Recht im Sachlichen wie im Sprachlichen mehr als anderswo traditionsgebunden, wie sich auch darin zeigte, „daß die Bilien des Parlaments, welche dem König übergeben werden, nicht zusammengelegt, sondern nach alter Manier aufgerollt und auf deren äußerste Seite, im Fall der Approbation, geschrieben würde: Soil fait, comme il est desire ; wann aber nichts daraus werden sollte, schriebe man: Le Roi s'avisera. Der Verfasser ( = Menoza) schreibt hiebei: Ich verwunderte mich nicht wenig, daß die Engelländer, welche doch sonst so eigensinnig sind, und bei aller Gelegenheit der Franzosen spotten, sich dieser französischen Worte in ihrem Parlament bedienen. Allein man sagte mir, daß solches aus einer Hochachtung für das Altertum herrühre, inmaßen eben diese Worte in den Normandischen Gesetzen dazu bestimmt worden, und von Wilhelmi Conquestoris Zeiten an, solchergestalt im Gebrauch gewesen sind71".

§ 27. Morus — Raleigh — Cromwell — Charles I. Eine sprachgeschichdiche Arbeit ist stets ein Puzzlespiel. Aus einer Vielzahl winziger Einzelheiten soll vor dem Leser ein Bild entstehen. Ganz ist diese Aufgabe nie lösbar, denn es werden immer Teile bleiben, die sich nicht zu größerer Einheit zusammenfügen wollen — und diese zwingt man besser nicht in ein System. Die vorliegende Arbeit hat besonders mit einer Schwierigkeit zu kämpfen: bei den Geschichtsschreibern, in Briefen und Tagebüchern kommt meist nur eine einzelne Rede einer Person vor (höchstens einige wenige), so daß zwar die allgemeinen Prinzipien der Pronomenverwendung deutlich werden, aber kaum einmal ein einzelner Mensch uns in seinen Redegewohnheiten deutlich greifbar wird. wurde 1720 im PI. vollzogen. Ebenso steht die Formel der „Negro-Marriage" im PI. (411. ii. 225); In den Südstaaten wird 1666 allerdings noch der Sg. verwendet (411. ii. 2412). 71

Moser, Abhattdl. von den Europäischen Hof- und Staatssprachen, 1750, 568. 14t.

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In den ganz wenigen Fällen, in denen das Material etwas umfangreicher ist, sollen die Belege geschlossen dargeboten werden, damit sie nicht in den verschiedenen Schubladen der Systematik als je ein Beleg unter anderen verschwinden. a) THOMAS MORUS

Wir verdanken es vor allem seinem Schwiegersohn William Roper, daß Thomas More lebendig wie kaum eine zweite Gestalt des 16. Jahrhunderts vor uns steht. Roper „shares with Boswell the power of giving to reported conversation that appearance of reality which we demand of conversation in fiction" (C. S. Lewis, Engl. Lit. in the i6tb C., S. 287). Daß es sich nicht um Fiction handelt, zeigen die Entsprechungen in anderen unabhängigen Quellen. In seinen Briefen zeigt sich Morus ganz als Humanist: Der PI. kommt, wie man es bei einem Freund des Erasmus erwarten darf, überhaupt nicht vor. Selbst an Henry VIII schreibt er in den lateinischen Briefen im Sg.: in presentem coronationem tuam ... (438. 14) während in den englischen Briefen der PI. selbstverständlich ist: „Liketh it your Highness . . . " (438. 321). Im Gespräch sagt Henry VIII einmal zu More: „Ay, marry, thou sayst well. . ." (381. 159), während sonst nur der PI. vorkommt.72 Auch an Wolsey schreibt Morus im PI.: „It may like your good Grace . . ." (438. 368), und Wolsey schreibt an ihn: „Master More, I recommend me heartily unto you . . ." (438. 321). In den Gesprächen der beiden kommt mit einer Ausnahme nur der PI. vor: „Would to God", quoth the Cardinal, nyou had been at Rome, I laister More, when I made you speaker". „Your Grace not offended, so would I, my Lord," quoth he, . . . (381. 43). Ait you not ashamed, maister More, so much to esteem otyour wisdom as to think us all fools, and set here to keep geese, and you only wise, and set to govern England? Now, by my troth, thou shewest thyself a very proud man, and a more foolish Counsellor (381. 107).

Bei der Gerichtsverhandlung und auch bei der Hinrichtung wird More stets mit dem PI. angesprochen (von den Formeln natürlich abgesehen) und auch er läßt sich nie zu einem Sg. hinreißen: In good Faith, Mr. Rich, I am more concerned iotyour Perjury, than my own Danger, . . . (281. i. 61 a).

Im Familienkreise herrscht der PI. More wird nur mit dem PI. angesprochen, wie es sich in einem patriarchalischen Haushalt gehört. 7>

Vgl. den gelegentlichen Sg. von Königin Elizabeth, James I und Charles I

10 Finkcnstudt, You

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Nur gelegentlich verwendet er seiner Frau gegenüber den Sg.: Freundschaftlich, ist er doch zugleich Ausdruck der Überordnung des Mannes: „I pray thee, good Mistress Alice, tell me one thing . . ( 3 9 3 . 23f.; 380. 83). In Briefen steht nur der PI.: Maystress Alice, in my most hearty wise I recommend me unto you . . . Your loving husband Thomas More K g . (438. 422 f.).

Zu seiner Tochter Anne Cresacre sagt er einmal „Ay, marry, daughter, I have not forgotten thee . . . " (381. 129). Hier tritt der Sg. — ähnlich wie bei Henry VIII — wohl unter dem Einfluß des beteuernden ,marry' auf. Viel bezeichnender aber sind im Vergleich zu diesen wenigen Belegen die doch recht zahlreichen Fälle von Sg., wenn More mit seinem Schwiegersohn William Roper und dessen Frau, seiner Lieblingstochter Margaret spricht. Hier scheint sich der Sg. vom patriarchalischen zu einem freundschaftlichen, geradezu zärtlichen Sg. zu entwickeln73. „Wilt thou know, son Roper, why I was so merry?" „That would I gladly, Sir," quoth I (380. 69; ähnlich 380. 24) 71 . „ I thank G o d , son William, I find his Grace my very good lord and maister, and I do believe he doth as singularly favour me as he doth any subject within this realm. Howbeit, son Roper, as I shall tell thee, I have n o cause to be proud of it; for if my head would win a castle in France, it should not fail to fly from my shoulders, as fast now as it seemeth to stick" (381. 46 f.).

Interessanter aber ist die Anrede der Margaret, denn hier läßt sich feststellen, daß der Sg. mit Megge (und Marget) der liebevollen Kurzform ihres Namens (Koseform darf man bei Thomas Morus nicht sagen) gekoppelt ist76. Am klarsten tritt der Wechsel in dem großen Gespräch auf, das Morus mit seiner Tochter im Tower führt, als er ihr erklärt, warum er den eingeschlagenen Weg gehen muß: Am Anfang des Gesprächs verwendet Morus immer die Anrede „Daughter Margaret"; dann heißt es: But in this matter, Megge, to tell the truth between thee and me, my lord's Aesop's fables do not gready move me . . . (438. 518). A n d when my father had told me this tale, then said he further thus: „ I pray thee now, g o o d Marget, tell me this, Wouldest you wish thy poor father being at the leastwise somewhat learned, less to regard the peril of this soul, than did there the honest unlearned man ? I meddle not {you wote wel) with the conscience of any man . . . Übrigens kennt More den sonst so häufigen Sg. in Briefen an Söhne nicht. Daß Roper in den Vordergrund tritt, liegt nicht daran, daß er die Lebensbeschreibung verfaßt. Bei Ro. Ba.'s Life (381.) steht Roper ebenfalls im Vordergrund. 7 5 Vgl. außer den Zitaten (381. 147; 2i;l.; 249). 7> 74

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By my troth Marget, I may say to thee, in secret counsel, here between us twain (but let it go no farther I beseech thee heartily) . . . And then by God, Marget, if you think so too, . . . (S. 5 23 f.). . . . to this shall I say to tbee, Marget . . . But as concerning mine own self, for thy comfort shall I say, Daughter, to thee that mine own conscience in this matter (I damn none other man's) is such, as may well stand with mine own salvation, thereof am I, Megge, so sure, as that is, God is in heaven (S. 528). But in good faith Megge, . . . And therefore mine own good daughter, never trouble /Ay mind for any thing that ever shall hap me in this world. Nothing can come but that God will, . . ." (S. 551). In einem Brief von Morus an die Tochter heißt es: And where you write these words of your self, „But good father, I wretch am far, farthest of all other from such point of perfection, . . ." The father of heaven mote strength thy frailty my good daughter and the frailty of thy frail father too . . . Surely Megge a fainter heart than thy frail father hath, canst you not have . . .'· (S. 545 f.). Bei Morus verbindet sich also das Ehepronomen mit einem persönlichen und liebevollen Sg., der die ganze Herzlichkeit des großen gelassenen Mannes zeigt, Gelassenheit bis zum Schluß seines Lebens, als er zum Scharfrichter sagt: Pluck up thy spirits, man and be not afraid to do thine office; my neck is very short; take heed therefore thou strike not awry, for saving of thine honesty (380. 10;; auch 281. i. 63). b ) SIR WALTER RALEIGH

Der Raleighprozeß ist unter anderem deshalb berühmt geworden, weil man glaubte, zwischen dem „ F o r I thou thee thou traitor" des Anklägers Attorney-General Sir Edward Coke and Sir Tobys „If thou thou'st him thrice . . in Shakespeares Twelfth Night eine Beziehung herstellen zu können (s. o. S. 94). Aber auch ohne eine solche Beziehung ist der Prozeß in unserem Zusammenhang interessant, denn das thou gegen Raleigh ist tatsächlich der verächtliche Sg. par excellence. Sir F. Pollock spricht einmal von Cokes „usual vehemence", und im Raleighprozeß ist genug davon zu spüren. E r wird zum erstenmal aufgeregt, als Raleigh zu Coke sagt: To whom speak you this? You tell me News I never heard of. Att. Oh Sir, do I ? I will provejw« the notoriousest Traitor that ever came to the Bar . . . Rai. Your Words cannot condemn me; my Innocency is my Defence . . . Prove one of these things . . . (281. i. 207). 76

10»

Über die Mischformen thou/you s. u. § 37 c.

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D a s 16. u n d 17. Jahrhundert

Att. Nay, I will prove all. Tbou art α Monster; thou hast an English Face, but a Spanish Heart. Now_yu« must have Money; . . . Rai. L e t me answer for myself. Att. Tbou shalt not. Rai. It concerneth my Life.

Nun greift Lord Chief Justice Cecil ein: Sir W. R . , Mr. Attorney is but yet in the General; but when the K i n g ' s Counsel have given the Evidence wholly, you shall answer every Particular.

Att. O h d o I touch you? L. Ch. J . Mr. Attorney, when you have done with this General Charge, Λοyou mean t o let him answer every Particular? 7 7 Rai. Y o u tell me News, Mr. Attorney. Att. O h Sir I I am the more large, because I know with whom I deal: F o r we have to deal to-day with a M a n of Wit. Att. I would not havejfo« impatient. Rai. Methinks you fall out with yourself; I say nothing.

Att. You are the absolutest Traitor that ever was. Rai. Y o u r phrases will n o t prove it, Mr. Attorney (281. i. 208 b). Rai. I d o not hear yet that you have spoken one word against is no Treason of mine done: If my L o r d Cobham be a Traitor, what me? Att. All that he did was by tip Instigation, tbou Viper; for I tbou Traitor. Rai. It becometh not a Man of Quality and Virtue, to call me take comfort in it, it is all you can do. Att. H a v e I anger'djw«? Rai. I am in no case to b e angry.

m e ; here is that to

tbou thee, so: But I

Hier greift Chief Justice Popham ein: Sir W. R., Mr. Attorney speaketh out of the Zeal of his Duty, for the Service of the K i n g , and you for your L i f e ; be valiant on both sides (281. i. 209 a).

Nun wird Coke vorübergehend ruhiger, aber für dauernd kann er sich doch nicht zurückhalten. Att. G o to, I will lay thee upon tby Back, for the confidentest Traitor that ever came at a Bar. Why should you take 8000 Crowns for a Peace. 7 7 Schon das Eingreifen des L . Ch. J . als solches zeigt seine Sympathien f ü r Raleigh. E r sagt später zu Raleigh: „Excepting your faults (I call them no worse) by G o d I am your Friend. The Heat and Passion in you, and the Attorney's Zeal in the K i n g ' s Service, makes me speak this" (281. i. 215 b).

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Ld. Cecil: Be not so impatient, good Mr. Attorney, give him leave to speak. Note: Here Mr. Attorney sat down in a Chafe, and would speak no more, until the Commissioners urged and intreated him. After much ado, he went on, and made a long Repetition of all the Evidence, for the Direction of the Jury; and at the repeating of some things, Sir W. R. interrupted him and said, he did him wrong (281. i. 216a). Att. Tbou art the most vile and execrable Traitor that ever lived. Rai. You speak indiscreetly, barbarously and uncivilly. Att. I want words sufficient to express tby viperous Treasons. Rai. I think you want Words indeed, for you have spoken one thing half a dozen times. Att. Tbou art an odious Fellow, tby name is hateful to all the Realm of England for tby Pride. Rai. It will go near to prove a measuring Cast between you and me, Mr. Attorney. Att. Well, (Es fehlen ihm einen Moment die Worte) I will now make it appear to the World that there never lived a viler Viper upon the face of the Earth than tbou . . . (281. i. 216b).

Der Schluß des Prozesses bringt die übliche Frage des Clerk of the Crown „What canst thou say for thy self, why Judgment and Execution of Death should not pass against thee" ? und anschließend hält der L. Ch. J. eine lange Rede, in der er bedauert, daß er das Urteil gegen Raleigh sprechen muß, und er verkündet das Urteil im PI.: I thought I should never have seen this Day, to have stood in this Place to give Sentence of Death against you, . . . Now it resteth to pronounce the Judgment, which I wish_yo« had not this day received of me: . . . But since you have been found guilty of these horrible Treasons, the Judgment of this Court is, that you shall be had from hence to the Place whence you c a m e , . . . etc. (281. i. 217 f.).

Dieser PI. ist eine nicht zu überhörende Höflichkeit nach den Beschimpfungen durch Coke. Die umfangreichen Auszüge aus der Verhandlung „exactly and faithfully taken", wie es auf dem Titelblatt heißt — sprechen für sich 78 . Wenn auch in Shakespeares Twelfth Night kein Echo auf das Prozeß-thou gegen Raleigh vorliegt, so scheint es doch an anderer Stelle weiterzuwirken. Der Lord Admiral sagt 1619 zu Stukeley, dem die Schuld an Raleighs Tod gegeben wurde: 78 Übrigens mußte Coke bei einem früheren Hochverratsprozeß seinerseits einen verächtlichen Sg. einstecken; Robert Earl of Essex sagt spöttisch; Tbou swearest it, but it is not a Book; . . . Coke: Well, my Lord, we shall prove you anon what you are, which your Pride of Heart, and aspiring Mind, hath brought you unto. Essex: Ah, Mr. Att. lay your Hand upon your Heart, and pray to God to forgive us both (281. i. 194a).

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Das 16. und 17. Jahrhundert What, tbou base fellow — tbou I who art reputed the scorn and contempt of men — how darest tbou offer thyself into my presence ? Were it not in my own house, I would cudgel thee with my staff, for presuming to be so saucy". Stukeley made his complaint unto the king, whose answer was: „What wouldst tbou have me do ? Wouldst thou have me hang him ? Of my soul, if I should hang all that speak ill of thee, all the trees in the country would not suffice, so great is the number" (443. ii. 121)' 9 .

Kurz vor seiner Hinrichtung wird Raleigh von seiner Frau im Tower besucht, und wir erkennen in einer Momentaufnahme Raleighs Humor und Liebe zur Gattin: His lady had been to visit him that night, and told him that she had obtained the disposing of his body. To which he answered, smiling, „It is well, Besse, that tbou mayst dispose of the dead, that hadst not always the disposing of it when it was alive" (443. ii. 104). In seinem Abschiedsbrief heißt es: You shall now receive (my dear Wife) my last Words in these my last Lines . . . Bless my poor Boy. Pray for me, and let my good God hold you both in his Arms. Written with the dying Hand of sometimes thy Husband, but now alas overthrown. W. R. (281. i. 221)80. Auf dem Weg zum Schaffott drängt sich ein alter Mann vor und antwortet auf Raleighs Frage, was er wolle: „Nothing but to see him, and to pray to God to have mercy upon his soul." „I thank thee, good friend," replied Sir Walter; „and I am sorry to have no better thing to return thee for thy good will: but take this night-cap . . . for thou hast more need of it now than I" (443. ii. 100). Raleighs Worte zum Scharfrichter sind wie die des Morus im Sg. I prithee let me see it ( = the axe) dost thou think that I am afraid of it? (281. i. 223 b). c ) O L I V E R CROMWELL

Schücking hat als erster darauf aufmerksam gemacht, daß Cromwell an seine Frau im Sg. schreibe, sie an ihn aber im PI. (419. 68). Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß das Ehepronomen nicht nur in puritanischen Kreisen gilt. In mancher Beziehung aber dürfte die Verwendung des Sg. bei Cromwell doch typisch puritanisch sein. In der Familie Cromwells ist der PL die Normalform, wie man es um die Mitte des 17. Jahrhunderts auch erwartet. An seinen Sohn Henry schreibt er ζ. B. 7 9 James I verwendet auch Lord Carew gegenüber den Sg., als dieser für Raleigh eintritt: And when my lord yet pressed him. „Why, the most thou canst expect", said the king, „is, that I would give him the hearing" and so dismissed him (443. ii. 78). 8 0 In seinen Instructions to his Son heißt es; „Have therefore ever more care, that thou be beloved of thy Wife,. . ." (416. 176).

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Son, I have seen your letter . . . I commend you to the Lord; and rest, Your affectionate father Oliver P. ( = Protector) 346a. iv. 26f. Wie immer sind mündliche Belege kaum zu finden. Einige Ä u ßerungen in Offizierskreisen zeigen das heftige Temperament Cromwells, das sogar zu einem affektischen Sg. führen kann. So sagt er zu einem Mr. Simpson: „Well said, Simpson, thou art plain indeed; not only to tell me I have broken my vows, but that I am in plain terms A Traitor" (354. ii. xxxvi). Nicht umsonst heißt es von dieser Versammlung: „they came away very much dissatisfied with his Spirit and words" (354. ii. xxxvii). John Lilburne gegenüber heißt es einmal emphatisch: „ I principally look upon thee Lilburne and thy Lieutenant-Colonel John Bury, whose faithfulness I can rest upon, . . . " (408. 94f.). Wesentlich ist nicht so sehr, welcher A r t der Affekt ist, sondern daß der Affekt so stark sein kann, daß es zum Sg. kommt 81 : Die immerhin recht zahlreichen Fälle von Sg. in Cromwells Briefen — nicht nur an seine Frau — möchte ich zum großen Teil geradezu als religiös-affektisch bezeichnen. A n seine Frau: My dearest, . . . Pray for me; I truly do daily for tbee and the dear family; and God Almighty bless you all -with his spiritual blessings . . . Cromwell spricht im Brief von mehreren Familienmitgliedern und verwendet deshalb den PI. A m Schluß steht aber: I am wearied, and rest, Thine, Ο. C. (346a. ii. 404f.). Oder es heißt: My Dearest, I could not satisfy myself to omit this post, although I have not much to write; yet indeed I love to write to my dear, who is very much in my heart. It joys me to hear thy soul prospereth; the Lord increase His favours to thee more and more. The great good thy soul can wish is, That the Lord lift upon thee the light of His countenance, which is better than life. The Lord bless all thy good counsel and example to all those about tbee, and hear all thy prayers, and accept thee always. I am glad to hear thy son and daughter are with thee. I hope thou wilt have some good opportunity of good advice to him. Present my duty to my Mother, my love to all the family. Still pray for Thine, O. Cromwell (346a. 11.412). Oder: My Dearest, I have not leisure to write much, but I could chide thee that in many of thy letters thou writest to me, that I should not be unmindful of 8 1 Starker Affekt scheint — entgegen aller Theorie — ein Hauptmerkmal der Puritaner zu sein: oder wird die Mäßigung nur deshalb so viel gepredigt, weil sie in Wirklichkeit oft fehlte?

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Das Ιέ. und 17. Jahrhundert tbee and tby little ones. Truly, If I love tbee not too well, I think I err not on the other hand much. Thou art dearer to me than any creature; Let that suffice . . . I rest thine, .. ,82.

A l l diese Briefe zeigen eine Verbindung der religiösen Grundstimmung mit einer Zärtlichkeit, die Gouge wahrscheinlich getadelt hätte 83 . A m häufigsten tritt der Sg. in den Briefen an Robert Hammond auf. In diesen Briefen erfolgt der Wechsel vom Sg. zum PI. immer, wenn praktische Dinge zur Sprache kommen: Dearest Robin, Now (blessed be God) I can write and thou receive f r e e l y . . . . for which we praise the Lord with tbee and for tbee . . . N u n kommt „business" und damit der P L ; am Schluß heißt es: The Lord bless tbee. Pray for tby dear friend and servant, O. C. (346 a. i. 577f.)· D e r Brief v o m 6. April 1648 steht ganz im Ρ1.; er beginnt charakteristischerweise: „Dear Robin, Your business . . . your servant O. C . " (346 a. i. 594)· In einem anderen Brief heißt es: Dear Robin, I trust the same spirit that guided tbee heretofore, is still with tbee; . . . E s wird nun nur der Sg. verwendet, außer f ü r die folgende Bemerkung: This bearer is faithful,you may be very free to communicate with h i m ; . . . Tby true and faithful friend (346 a. i. 676 ff.). A m deutlichsten tritt der religiöse Sg. in dem Brief vom 25. November 1648 auf: Von Cromwells Frau liegt leider nur ein Brief vor: My Dearest, — I wonder you should blame me for writing no oftener . . . yours in all faithfulness E. C. (346. ii. 284). 83 Diese beiden Elemente finden sich auch in dem folgenden Brief an die Tochter, das eine im eigentlichen Brief, das andere in der Nachschrift: My dear Daughter, . . . you . . . (er schließt den Gatten ein) I desire you both to make it above all things your business to seek the Lord: to be frequently calling upon Him, . . . The Lord bless tbee, my dear daughter, I rest, Thy loving Father, O. Cromwell. P. S. I hear fhou didst lately miscarry. Prithee take heed of a coach by all means: borrow thy father's nag when thouintendest to go abroad (346a. ii. 103 t.). Carlyle merkt zu diesem Brief an; „Is the last phrase ironical? . . . Oliver is not given to irony; nor in a tone for it at this moment. These gentle domesticities and pities are strangely contrasted with the fiery savagery and iron grimness, stem as Doom, which meets us in the next set of Letters we have from him" (346. ii. 46 f.). Religiös ist auch die Grundstimmung seines Briefes an die Tochter Bridget Ireton; „Dear Heart, press on: let not anything cool tby affections after Christ . . . I pray for tbee and him ( = husband); do so for me. . . . I am Thy dear Father, Oliver Cromwell (346 a. i. 416). 82

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Dear Robin, No man rejoiceth more to see a line from tbee than myself. I know tbou hast long been under trial. Thou shalt be no loser by it. . . . Thou desirest to hear of my experiences. I can tell thee : I am such a one as thou didst formerly know, having a body of sin and death, but I thank God, through Jesus Christ our Lord, there is no condemnation, though much infirmity, and I wait for the redemption. And in this poor condition I obtain mercy, and sweet consolation through the Spirit, and find abundant cause every day to exalt the Lord, and abase the flesh, and herein I have some exercise.... Nach einem Absatz im Brief folgt ein Wechsel zum PL, doch kehrt Cromwell unter dem Einfluß des Inhalts bald wieder zum Sg. zurück: Dear Robin, tbou and I were never worthy to be door-keepers in this service. If tbou wilt seek, seek to know the mind of God in all that chain of Providence, whereby God brought thee thither, and that person to tbee; .. ,M. In früheren Abschnitten wurde bereits darauf hingewiesen, daß der Sg. unter dem Einfluß der Bibelsprache in Segensformeln usw. auftritt; nirgends (von den Quäkern natürlich abgesehen) erscheint er mit gleicher Häufigkeit und mit einer Intensität, die es verbietet, hier einfach vom „konventionellen" Sg. der religiösen Sprache zu reden 86 . d ) K I N G CHARLES I

Die häufige Verwendung des Sg. durch Charles I zu erklären, fällt schwer, da in den Briefen der Könige der Sg. sonst nicht vorzukommen pflegt. Sprach man sich im Hause Stuart tatsächlich mit dem Sg. an? James I schreibt an seinen — allerdings erst achtjährigen Sohn: My only sweet and dear Child, I pray tbee haste thee home to tby dear dad by sunsetting, at the furthest; . . . (607. 68)M. Die Anrede des 21-jährigen an seinen Vater Gossip" ist auf jeden Fall außergewöhnlich.

„Dear Dad and

84 An zwei Stellen verwendet Cromwell in diesem Brief noch den PI.; „You say: ,God hath appointed authorities . . . ' " Soll hier ein Gegensatz angedeutet werden ? Robin hat nicht recht, also der PI. ? Die zweite Stelle bezieht sich eindeutig auf die Tagespolitik. Der Schluß, wieder mit religiösen Ermahnungen, ist im Sg. Ähnlich, wenn auch nicht so auffallend, ist die Sg. Verwendung in einer Reihe von weiteren Briefen; An Hammond (354. ii. xxv); an Richard Norton (346a. i. 585); ein ärgerlicher Sg. im Brief vom 3. April 1648: „I know tbou art an idle fellow; . . . " (346a. i. 592). 85 Es wird nicht behauptet, daß der Sg. in den Briefen Cromwells immer auftritt, wo es das Thema erlauben würde. Wo er aber auftritt, handelt es sich nicht um das Ehepronomen oder einen Standes-Sg., sondern um affektischen Sg. in verschiedenen Spielarten: die Religion überwiegt dabei als Triebkraft alles andere bei weitem. 86 Der 7-jährige Charles schrieb einen typischen Schulbrief an seine Mutter: Most worthy Mistress; Seeing I cannot have the happiness to see your Majesty, give me leave to declare by these lines the duty and love I owe to you, which makes me long to see you . . . (405. 15).

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A u c h der T o n der Briefe Charles' an George Villiers, 1 st D u k e of Buckingham ist ungewöhnlich: 1621: Steeni (diesen Spitznamen hatte James I ihm gegeben), I defy täte in being more mine than I am, Thy constant loving friend, Charles P. (405· 59)· 1626: George, there are some that wish both these and thou might perish together. But care not for them. We will both perish together if thou doest (421. 93). Die Schlußformel des ersten Briefes fand ich sonst nur in Briefstellern 187 Und schließlich hat -wohl kein zweiter englischer K ö n i g an seine Gattin im Sg. geschrieben. Dear Heart ist regelmäßig die Anrede, und am Schluß steht „Eternally thine" oder „ G o d bless thee, sweetheart" (428/passim; 421. 274L). Henrietta Maria schreibt regelmäßig im PI. zurück: „ M y dear heart, . . . Adieu, my dear heart" (436. 249) und französisch heißt es „ M o n eher Coeur, . . ( 4 2 8 . 91 ff.). Man wird sich mit der Feststellung begnügen müssen, daß der Numerusgebrauch v o n Charles I ungewöhnlich ist 88 ; ungewöhnlich bis zum Schluß seines Lebens, als er auf dem Schafott zum Scharfrichter sagt: „ D o e s my Hair trouble you}" (281. i. 997). § 28. Ein^elbeobachtungen %ur Singularverwendung a ) D E R RELIGIÖSE S I N G U L A R

Seit der Reformation wird der Bibeltext den Menschen zunehmend in der Volkssprache vertraut 89 . D a ß bei den Übersetzungen das lat. tu stets durch das thou wiedergegeben wurde, ist geradezu selbstverständlich; allein schon die philologische Texttreue, die Vorsicht, mit der religiöse Texte nur übersetzt werden dürfen, zwang dazu. Außerdem wurde das thou bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts noch nicht in der Weise als abwertend und verächtlich empfunden, wie das ein Jahrhundert später der Fall war, als die Quäker das biblische thou verteidigten. Die Sprache der Bibel (und die des Book of Common Prayer) wirkt auf die Literatur ebenso wie auf die Umgangssprache, und so überrascht es nicht, wenn an den verschiedensten Stellen vollständige 1623 redet Prince Charles einen Gentleman an; „What motive had you? or what hast thou seen that should turn thee?" (443. ii. 406). 88 Ob schottischer Einfluß vorliegt, wird sich kaum feststellen lassen. 89 Für den Einfluß der Bibel vgl. 2. B. Jespersen, Growth (86. 224fr.); C. S. Lewis, Engl. Lit. in the it111 Cent., 204fr.; D. Bush, Engl. Lit. in the Earlier iy'h Cent., 65 ff. 87

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Zitate, Anspielungen und Anklänge an den Bibelstil zu finden sind. Da auch der Gottesdienst nun ganz auf Englisch abgehalten wird, verbindet sich die eigentliche Bibelsprache mit der Sprache der Predigt und ihr Einfluß wirkt noch stärker. Besonders hinzuweisen ist noch darauf, daß man in den theologischen Auseinandersetzungen nun mehr und mehr die Bibel zitiert, wo früher Kirchenväter und Scholastik herangezogen wurden 90 . Mit dem Erstarken der puritanischen Bewegung mehren sich die Belege für den Einfluß der Bibel auf allen Gebieten des täglichen Lebens, und an mehreren Stellen haben wir schon auf die Sg. Verwendung unter dem Einfluß der Bibelsprache hingewiesen; Beispiele solch r e l i g i ö s e n Sg. sind etwa die Segensformeln in den Briefen Sir Thomas Brownes, der Sg. in der Examination des John Philpot „By thine own wicked words I judge of thee" und der recht häufige Sg. in den Briefen Cromwells. Schließlich gehören hierher auch noch die erwähnten Trauformeln91. Die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts weist besonders viele Beispiele solchen Sg. auf, und es sollen hier nur noch einige ergänzende Belege gebracht werden: 1644: Liberty of Conscience (369. iii. 126): Might not St. Paul if he were now living say, Thou Protestant, sayest thou a man (a Calvinist) should not persecute, and doest thou the same ? 1649: John Lilburne: I have answered once for all: I am upon Christ's Terms, when Pilate asked him whether he was the Son of God, and adjured him to tell him whether he was or no; he replied, Thou saysi it: so say I, Thou Mr. Prideaux (der Attorney) sayst it, they are my Books: . . . (281. ii. 52a). 1656: James Nayler (der als King of Israel in Bristol einzog), in his Examination at Bristol, being asked whether he were the King of Israel ? answered, Thou hast said it (281. ii. 268 a). 1660: Mr. Cook, einer der Königsmörder, zu seiner Frau: I resign thee up to Jesus Christ, to be thy Husband, to whom also I am going to be married in Glory this Day. His Wife shedding Tears, he said, Why weepest thou? (281. ii. 406 a)

b) Ein negatives' Gegenstück zum religiösen Sg., wie er besonders unter dem Einfluß der Bibel auftritt, ist der Sg. der Hexen. Es handelt sich dabei um die Übernahme christlicher Formeln in einen anderen Kult 93 . Außer dem Sg. der Hexen untereinander ist noch zu erwähnen, daß die Hexen vor Gericht fast ausschließlich mit dem Sg. angesprochen werden. 90 Beispiele schon in den Actes and Monuments; besonders häufig natürlich in den Schriften der verschiedenen Sekten. Mehrere Beispiele werden im folgenden Kapitel über die Quäker zitiert. 91 s. o. S. 143. 92 Mit großer Regelmäßigkeit tritt auch im Looking Glass for Married Folks der Sg. auf, wenn von geistlichen Dingen die Rede ist (392.). 93 Daß es sich um eine kultische Erscheinung handelt, wird man nach den neueren Forschungen kaum mehr bezweifeln (Vgl. vor allem Murray, Witcbcult in Western Europe 382.): ich setze deshalb Hexe nicht in Anführungszeichen.

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Das 16. und 17. Jahrhundert 1596: The Devil whom tbou calls thy god . . . caused tbee worship him on thy knees as thy lord (382. 28). 1662: Hexen zum Teufel: We thank thee our Lord for this (277. iii, 612). 1662: Teufel zu einer neuaufgenommenen Hexe: I baptize tbee Margaret (382. 84). 1699: Formel der Aufnahme in den Hexenbund: I deny God Creator of Heaven and Earth and I adhere to tbee, and believe in tbee ( = Devil) (382. 74)M.

Ähnlich rituell oder pseudo-rituell ist die Verwendung des Sg. bei der Aufnahme unter die „Rogues and Vagabonds" durch den „Upright Man", den Bettlerkönig: c. 1560: Then doth this upright man call for a gage of bowse, which is a quart pot of drink, and pours the same upon his pelled pate, adding these words: — „I G. P. do stall tbee W. T. to the Rogue, and that from henceforth it shall be lawful for tbee to Cant" — that is to ask or beg — „for tby living in all places" (360. 34). c) Verwandt mit den beiden letzten Gruppen ist der Sg. in F l u c h und P r o p h e z e i u n g : er entstammt ebenfalls religiösen Wurzeln: 1607: After which time, she hearing her name to be slandered, and she to be named a witch, who had skill to lay on and take off sickness; she moved with rage and envy, of new again, came to the said Margaret's house, and spake to her many devilish and horrible words, saying to her: „The faggot of Hell light on tbee, and Hell's cauldron may thou seethe in . . . . . . Away thief! I shall have thy heart for reporting of me so falselyl"·* 1617: Christian Graham wurde „a rank Witch" genannt; she, in revenge thereof, came to the said William, upon High Street of Glasgow, and in great wrath said to him: „Go thy ways home, bloody butcher that tbou art, tbou shall never see the causeway again . . ," 9 6 . 1622: Die Hexe Margaret sagt zu Robert Mure: Tbou shall go home to tby house, and shall bleed at thy nose a quart of blood, but shall not die while ( = until) thou send for me and ask me forgiveness (277. iii. 520). Doch nicht nur die Hexen stoßen Verwünschungen aus; zuweilen ruft auch ein Bischof etwas Entsprechendes (1602): „Ha! the devil go with tbee, „said the Bishop of London to his bowl when himself ran after it (379. 81). d) Eine Anzahl unterschiedlicher Sg. Fälle kann man unter dem Begriff der A p o s t r o p h e im weiteren Sinn zusammenfassen. Klarer ist vielleicht die folgende Formulierung: Der Sg. wird überall dort ver9 1 Ebenso werden Hexengespräche in der Literatur im Sg. geführt; Giffard, Dialogue concerning Witches ... (363. passim). Vgl. auch die Hexen in Macbeth. Weitere Beispiele bei Murray a. a. O. 96 (277. ii. 526) Aus dem Schottischen „übersetzt". 94 (277. iii. 5 22) desgl.: es handelt sich jeweils um Gerichtsprotokolle.

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wendet, w o keine Antwort möglich ist; er gilt also bei der Anrede an Götter, an lediglich vorgestellte Personen (dazu auch die Selbstanrede), an Tiere und leblose Gegenstände. Dieser Sg. Gebrauch hat sich in der eigentlichen Apostrophe — wenn auch nur selten, und manchmal in humoristischer Absicht — bis heute gehalten. Die Anrufung an Götter braucht aus alten Texten nicht weiter belegt zu werden; Beispiele kommen in den meisten elisabethanischen Dramen vor. Ein modernes Beispiel ζ. B. in Bateson, English Poetry (1950; S. 40): . . . to encourage the analysis of verbal .texture', the repetition of and contrasts of vowels and consonants, is to open the floodgates of nonsense. Any teacher of literature who is honest with himself will confirm this. Not here, Ο Apollo I are haunts meet for thee. 1535: . . . Ο wicked Luther, great is the misery and calamity that thou hast brought into this Realm of England . . . (355. 15). 1562: Ο Zurich! Zurich I how much oftener do I now think of thee than ever I thought of England when I was at Zurich. (John Jewel, Bishop of Salisbury, Zurich Letters, 589. 39). c. 1580: He (Perkin) used to write in the title of all his books, „Thou art a Minister of the Word: Mind thy business" (336. ii. 131). 1629: The toad-eater (Für ein groat aß er zwei lebende Kröten; einmal wurde ihm schlecht dabei, und die Kröten kamen wieder nach oben) : „Nay", saith he, „I will not lose my groat", so taking that which came up last (saith he) „thou wentst in first before and shalt so do again". When both then were down his stomach held them, and he had his groat (391. 45)°'. c. 1650: Open Letter to Cromwell (by a Baptist) My Lord . . .you... But, Oliver, is this thy design? . . . And therefore, Ο Cromwell! leave off tb) wicked design of casting off the interest of the people of God; and let my counsel be acceptable to thee; ... From him who whishes your happiness so long as you do well (414. v. I 5 2ff.). 1651: Mr. Love on the scaffold: Ο London, London, God is staining the Pride of all th) Glory. Thy Glory is flying away . . . (281. ii. 181a). 1651: Earl of Derby auf dem Schafott: Then turning towards his coffin, „Thou art" (said he) „my bridal chamber in thee I shall rest without a guard, and sleep without soldiers" (282. v. 309). e) Eine große Zahl von Belegen ergibt sich für die letzte Gruppe, den Sg. bei der Anrede an den Leser. Dabei lassen sich mehrere Untergruppen erkennen. Der Zusammenhang mit dem „Pronoun of the Confessional andPulpit"und demPronomen der Lehre (vgl. S. 36,89 7 1 ) ist deutlich erkennbar: In der Anrede an den Leser wechselt der Sg. und PI. seit der mittelenglischen Zeit innerhalb eines Werkes. Vielleicht ist dies der einzige Wechsel, der (wenigstens in früher Zeit) nicht weiter erklärbar ist; er ist weder affekt- noch standesbedingt. E s gehört geradezu zur Konvention dieser Anrede, daß ein Wechsel vorkommt: " Sterne läßt seinen Uncle Toby zu einer Fliege sprechen: „I'll not hurt tbee.. (Tristram Shandy ii. 12; viii. 25).

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Das 16. und 17. Jahrhundert 1508: Book of Kervynge (Carving) Thou shalt be Butler and Panter all the first year And ye must have three pantry knives . . . And lay that one side of the towel upon thy left arm And theron lay your sovereigns napkin98.

Im 18. Jahrhundert, als thou aus der Umgangssprache bereits verschwunden ist, wird es in der Anrede an den Leser beibehalten, und bei Fielding sogar bewußt als Stilmittel im Gegensatz zu you verwendet (vgl. S. 237). Kaum ein Wechsel kommt dagegen in dem Preface to the Reader vor. Hier überwiegt der Sg. die PI. Fälle bei weitem, ja sogar in satirischen Schriften gegen die Quäker, deren thou man ja, wo man kann, verspottet, steht das thou im V o r w o r t " . Der Sg. verliert erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts an Boden, hält sich aber noch bis ins 18. Jahrhundert. Bei der Entstehung der Sg. Konvention im Vorwort mag der Einfluß der Humanisten mitgespielt haben: im 16. Jahrhundert wurde das Vorwort zuweilen lateinisch abgefaßt. Ähnlich wie in den Briefen findet sich auch im Vorwort manchmal eine Schlußformel mit dem PI. 100 . Neben dem Preface to the Reader steht oft die Dedication, und diese ist im PI. abgefaßt, da der Autor sich hier an eine konkrete (und höhergestellte) Person wendet; ζ. B. 1655 Thomas Fuller, Church History: Dedication: ... Your Graces most bounden Orator, Thomas Fuller (358. i. lviii); To the Reader:. . . Thy Servant in Jesus Christ, Thomas Fuller (i. lx). Das Ineinander von konventionellem Sg. und dem PI. der Umgangssprache 101 ist freilich häufig nicht künstlerisch verwendet, sondern ein bloßes Durcheinander; bei metrischer Dichtung schließlich wird es in vielen Fällen auch das Metrum oder der Reim gewesen sein, der zur Wahl des einen oder anderen Pronomens führte 102 . A m zähesten 359. 266ff.; vgl. auch z. B. Book of Nurture (359. 66). Meine Belege zeigen 41 Sg. Fälle gegen 12 PI., von denen nur einer aus dem 16. Jahrhundert stammt. Die Quäkersatiren mit dem Sg. Preface sind: LF. Tracts 33. 29; 34.7; BM E. 829 (1); 468.; 472.; Charles Leslie, der sich eingehender mit der Quäkersprache beschäftigt hat und ihr thou besonders angreift, vermeidet das thou in seinen Schriften konsequent (488.). 100 So ζ. B. 1599: Gentie Reader, by thy severe Censure discourage not a young beginner, . . .Your servant in our Lord Jesus, Ro. Ba. (381. i4f.). 101 Mischformen ergeben· sich auch, wo Vorwort und Widmung ineinander übergehen, wie ζ. B. bei J. Lilburne, Foundations of Freedom : Dear Countryman,... to do unto you, as we would all men should to unto u s , . . . And so at present I rest, Thy truehearted Countryman (354. ii. xvi f.). 102 Beachtenswert ist, daß auch im Französischen sich der Sg. in der Priface lange hält (oder wieder eindringt). In den Complimem de la Langue, Amsterdam 1646^ ist das te in „Cher Lecteur,... Je ne te puis dire . . . " der einzige Sg. überhaupt (449. 2). 98

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hält sich der Sg. als S t a n d e s s g . bei der Anrede des S c h a r f r i c h t e r s . Scharfrichter zu sein, hieß ein unehrliches — wenn auch einträgliches — Gewerbe treiben; wie im Französischen und im Deutschen wird der Scharfrichter im Englischen stets geduzt 1 0 3 : T h u s it has happened that we find thou in many of the noblest speeches o n record, the last words of great and g o o d men t o the executioner o n the scaffold: a n d in legal murders of the great and g o o d , notwithstanding the boasted excellence of our laws and courts of justice, the history of E n g l a n d is richer than that of any other country (95. 124).

Z u den im letzten Abschnitt angeführten Beispielen seien noch einige hinzugefügt: 1555: O h sir (said the man) I am appointed to make the fire. Therein (said maister H o o p e r ) thou doest nothing offend m e : G o d forgive thee thy sins a n d d o thine office I pray thee (356. 1061 b). i 6 } 7 : Prynne zu seinem Executioner (who is cutting off his ears) Cut me, tear me, I fear thee n o t ; I fear the fire of Hell, n o t thee I (346. i. 123). 1638: J o h n Lilburne: I spake to the executioner . . . Well my friend d o thy office (369. ii. 7). 1651: E a r l of D e r b y : T h e n he turned himself unto the Executioner, „ I have no reason to quarrel with thee, . . ." (282. v. 300).

Nach 1660 wird die Verwendung des Sg. auch in der Anrede an den Scharfrichter seltener. § 2p. Zum literarischen Anredepronomen D e m soziologischen Gesichtspunkt entsprechend, der für die vorliegende Arbeit bestimmend ist, wurde dem Pronomengebrauch in der „schönen" Literatur wenig besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Beispiele aus der Dichtung sind überdies auch schon in recht großem Umfang gesammelt worden. Den Stoff und die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen auf diesem Gebiet mit den Einsichten, die aus einer Betrachtung der Umgangssprache gewonnen werden, in allen Einzelheiten zu vergleichen, hieße die vorliegende Abhandlung unnötig aufschwellen. Es gilt dies besonders für die Untersuchung des Dramas; hier ist auf die Arbeiten von Spies (170.), Byrne (130.) und Bock (128.) zu verweisen. Im Drama bis nach Shakespeare kommen die gleichen Typen der pronominalen Anrede v o r , die hier in der Umgangssprache nachgewiesen wurden; daß manche von ihnen sehr viel häufiger auftreten, ist nicht verwunderlich, muß doch das dramatische Geschehen sprachlich viel konzentrierter gestaltet sein als die tägliche 103 V g L f ü r Französische 115. 63; für das Deutsche 540. 133. Fälle des PI. i m 16. Jahrhundert scheinen mir eher auf schlechte Textüberlieferung als auf tatsächlichen Gebrauch hinzuweisen.

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Rede es istl Die Häufigkeit des affektischen Sg. wird so verständlich. Das Restaurationsdrama zeigt immer weniger Beziehung zur Umgangssprache, das thou wird zur Darstellung des Affektes konventionell weiterverwendet, fristet im Pathos der großen Rede noch sein Dasein, hat bei größerer Realistik bald seine Rolle ausgespielt104. In dem folgenden Abschnitt wird auf das Drama nicht mehr eingegangen; es sollen beispielhaft auf einige Züge der pronominalen Anrede in Erzählung und Gedicht hingewiesen werden106. a) ZEUGENAUSSAGE UND ERZÄHLUNG

Als Lord Angus seinen Anschlag auf Lord Maclean ausführte, trat er zu ihm ins Zimmer mit den Worten „ ,1t is my will that thou arise'. Then began Maclean to suspect the falsehood" (s. o. S. 120). Der verächtliche Sg., besonders das thou traitor, war sprachliches Zeichen für drohende Gefahr, für Rache, Mord und Totschlag. Wie sehr dies verächtliche und drohende thou in den entsprechenden Situationen erwartet wurde, läßt sich an der Verschwörung des Earl of Gowrie gegen Jakob VI. von Schottland zeigen. Die Schilderung in Robert Johnstons Narrative of the Conspiracy ofJohn Earl of Gowrie, von einem Zeitgenossen mit genauer Kenntnis der Lage verfaßt, kann bis in Einzelheiten hinein mit den Zeugenaussagen des Hochverratsprozesses, der sich an den Überfall auf James im Jahre 1600 anschloß, verglichen werden. So genau auch die wichtigen Fakten gebracht werden, ist JohnstonsNarrative doch ein ausgesprochen l i t e r a r i s c h e s Produkt; man kann selten so schön die Umsetzung von „fact" in „fiction" beobachten— nicht zuletzt in der Verwendung der Anredepronomen. Die entsprechenden Stellen sollen deshalb mit einiger Ausführlichkeit zitiert werden106. Der wichtigste Zeuge des Prozesses war Andrew Henderson, der dem Haushalt des Earl of Gowrie angehörte, und der als einziger bei dem tatsächlichen Angriff auf den König im Zimmer anwesend war. Da sowohl der Earl als auch sein Bruder Maister Alexander Ruthven bei dem Anschlag getötet wurden, kam seiner Aussage natürlich das größte Gewicht zu 107 . Er war in einem Turmzimmer des Castle von Perth eingeschlossen worden. Dorthin führte Maister Alexander den König: V g l . für Einzelheiten die Tabellen Bocks. Für alle Dichter die Verwendung von you und thou nachzuprüfen, hieße eine zweite Abhandlung schreiben, die übrigens nur Addition von Einzelanalysen, keine genetische Darstellung sein würde. 106 Zeugenaussagen und Berichte sind bei Pitcairn, Criminal Trials (277. ii. (Part III und IV), 159—332) zusammengestellt. Die im folgenden angeführten Erläuterungen zum Text stammen aus Pitcairn bzw. dem OED. 107 Henderson hat seine Aussage an zwei verschiedenen Stellen gemacht; in der Verwendung der Personalpronomen finden sich keine Unterschiede (277. ii. 174 fr. und 221 ff.). 104 105

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And about the end of the half hour, Maister Alexander oppenis the dure of the round, and enterit first within the samin,. haveand the Kingis Maiestie be the arme, and puttis on his hatt on his head, drawes furth this Andro Hendersouns deponaris quhinger 1 , and sayis to the King, haveand the drawin quhinger in his hand, , S c h i r , m a n ( = must) be my prisoner I Remember on my fatheris dead! 'and as he held the quhinger to his Maiesties breist, this deponar threw 2 the samyn furth of Maister Alexanderis handis. And the tyme that the Maister held the quhinger to his Maiesties breist, the King was beginnand to speik, the Maister said, ,Haldyour towng, schir, or be Chryst, ye sail dee'. Than his Maiestie ansuerit, .Maister Alexander, ye and I was yerie great 3 togidder: And as tuicheing ( = touching) your fatheris deid, man 4 I was bot ane minor; my Counsall micht haue done ony thing they pleissit: And forder, man, albeit ye bereve me of my lyie,ye will nocht be King of Scotland, for I haue baith sonnes and dochteris: And thair is men in this towne, and freindis, that will nocht leiff it unrevangit'. Then Mr. Alexander answerit, swerand with ane great aith, That 'it was nather his lyfe nor blude that he cravit'. And the King said, ,Quhat rakis, albeit ye tak of your hat?' 5 And then Maister Alexander tuk af his hatt. And then the King said, ,Quhat is itye crave, man, and ( = if) ye crave nocht my lyfe'? Quha ansuerit, ,Schir, it is bot ane promeis'. The King ansuerit, ,Quhat promeis' ? The said Maister Alexander ansuerit, ,Schir, my lord my brother will tell yoa'. The King said, ,Fetch hither your brother'. And syne the said Maister Alexander said to the King, ,Schir, ye will nocht cry, nor oppin the window, quhill I cum agane? And the King promessit to do 108 . Der König fragt nun Henderson „ H o w cam ye in heir, man" ? und befiehlt ihm, das Fenster zu öffnen, um nicht sein Versprechen Maister Alexander gegenüber zu brechen. Henderson öffnet das Fenster als Maister Alexander wieder das Zimmer betritt und sagt: „Be God, schir, thair is na remede!' And than he leippis to the King, and gatt him be baith the handis, haveand ane gartane ( = garter) in his handis. Than the King answerit, ,1 am ane frie Prince, man, I will nocht be bundin'. Sua his Maiestie castis louse his left hand from the said Maister Alexander . . . E s ist für die Genauigkeit, mit der Henderson die einzelnen Reden wiedergibt, bezeichnend, daß sich in der Anrede an ihn ein interessanter Wechsel des Anredepronomens findet: Normalerweise wird er von Gowrie, dessen Bruder und vom König mit dem PI. angesprochen. Gowrie/Henderson: Stay that jornay,j« man ( = must) ryd to Falkland,— Ruthven/Henderson: Quhat answer h a i f y e to me? (277. ii. 175). Nachdem der Überfall mißlungen war, schreit Ruthven aber Henderson an: 108

277. ii. 177. 1) Quhinger = Hirschfänger; v. OED s. vv. whinger, whinyard. 2) threw = wrenched; zu to throw, ae. ärawan red. v. 3) to be very great — on familiar terms 4) man : equivalent to ,my lad', ,my good fellow' . . . rather than expressive of a desire to soothe one who is unreasonable. 5) rakis = recks. Reproof for appearing covered in his presence: which shows much greater firmness and presence of mind than could have been expected, even from the most resolute mind, under such circumstances. 11 Finkcniucdt, You

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Das 16. u n d 17. Jahrhundert ,Is thair na help with /bee} Woe worth thte, tbov will caus ws all die' (277· Ü· 178)·

In Johnstons Narrative wird die Szene des Überfalls sorgfälltig vorbereitet: Es wird genau geschildert, wie Maister Alexander den König in das Turmzimmer hinaufführt. Man hatte ihm von einem dort verborgenen Schatz erzählt; Maister Alexander schließt deshalb sorgfältig alle Türen hinter sich: So, going thairfra, Schir Alexander caryit him throw ane fair galrie, and than throw ane wther chalmer, still cloising everie dure fast behind him, saying, that, ,it was yit better lockit w p ' ; and than led him within the thrid chalmer and steikit ( = closed) to the dure thairof. This being done, he oppinit ane lyttil Studie dure, in the quhilk thair was ane airmed man, appointed to be his murderer 1 (So wurde der arme Henderson uminterpretiert, der doch kaum etwas von den Plänen wußte I) Thair was also in the said chalmer ane bred 1 , with the pictour of the wmqll 2 William Erll of Gowry, (with ane courting hinging befoir it) who was execut at Striviling. And shawing to the King, thair, the man, with his fatheris pictour, without all dewtifull obedience or reverence, most proudlie he pat his hat wpone his heid, and pointing till his fatheris pictour, said, .Rememberis thou* not of the Murder of my father, quhais pictur that is ? Does not now tby conscience accus tbl of his innocent blude ? I sail be revengit now upon thi\ N o w for him thow sail die'! The King, greatlie affrayit thairat, quyetlie ansuerit, ,My freind, quhat guid can my blude do to yow? I neuer deservit this at your handisl' 1 0 8

Nun erzählt der König dem Schir Alexander, wie gut er die Familie der Gowries immer behandelt habe, wie er ihnen alten Titel und Besitz wiedergegeben, die ihr Vater durch seinen Hochverrat verwirkt hatte: And lykwayis, your hous, be me, is maid now mair honorabill nor euer it was befoir! I amy our Kingl_yi ar a Christiane, and hes bene nurischit with ane quho never wald haue counsallitjw»' to have murdetit your King! Quhat can ye gaine be my death? I haue Childrene to be my airis and successouris to my Croun! My people will rwin yow and your hous for ever; so that you and your posteritie sail be quyt cutit aff; and nothing sail remaine oiyour name bot euerlasting shame and infamie! It war better to forget all bygaines, and lat ws returne quhair we com fra; and I promais to yow, be the faith of a King, nevir to think wpon any thing that is past, now, betuixtjws' and me*! All this tyme, the Tratour was so affrayit with himself, that (as God wald) he had no power to harme the King, albeit he had his drawin dager in his hand (ibd.).

Es folgt nun die Schilderung, wie der König verspricht, das Fenster nicht zu öffnen, und wie Alexander geht, um seinen Bruder zu suchen. After the Mr. of Gowrie was gone furth of the chalmer, the King, taking couradge to him selff, commandit that appointit Murtherer ( = Henderson) 109

277. ii. 295: 1) bred = board: an oil painting on oak or panel.

2) tvmqll., Abkürzung für umqubile, umwbile: deceased, late ; OED s. v.

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to Oppin the windois, for he wald nat Oppin thame him self, becaus of his aith; or wtherwayis, he sould be revendgit wpon him: Quhilk window he half oppined. This being done, presentlie the Mr. of Gowrie com in fra his brother, and said to the King, ,Now tbow most die!' And thairwith, haying a silk ribbon in his hand, and thairwith griping the King till bind his airmes: The King seing that, taking couradge till him selff, ansuerit, ,1 was borne a frie King! I have leivit a frie King and baith in bodie and mynd I sail die a frie King! And Tratour! thow sail die befoir I die!' . . . (277. ii. 296).

Die beiden Stellen sprechen für sich. Schon der erste Herausgeber bemerkte zu der Erwähnung des Bildes: „This highly graphic and dramatic circumstance is not stated by any of the Historians; nor is it adverted to in the Depositions (Zeugenaussagen), or in the Account published by authority; though it greatly heightens the force of Ruthven's language, when about to commence his treasonable attack" (277. ii. 295 Anm. 5). Die Sprache ist den Vorstellungen von Mördersprache entsprechend gestaltet und verwendet deshalb auch den Sg. der Anrede. Auch der König sagt in seiner letzten, drohenden Rede, „Tratour, thow sali die before I diel" Eine mögliche Quelle für Johnstons Narrative ist eine Predigt, die auf Veranlassung des Königs in Edinburgh gehalten wurde. Man hatte den König verdächtigt, den Überfall vorbereitet zu haben, um sich der beiden Gowries entledigen zu können, öffentlich wird nun der König als der unschuldig Angegriffene hingestellt (was er wohl auch war), und das Bild der beiden bösen, bösen Gowries wird in den schwärzesten Farben ausgemalt. War die Zeugenaussage Hendersons nüchtern und brachte nur die Tatsachen (der Kanzleistil mit seinem „the aforesaid . . . " tut ein übriges), so war Johnstons Narrative Versuch einer literarischen Gestaltung, wobei einige recht gelungene Einzelschilderungen vorkommen (Man beachte ζ. B., daß über dem Bild ein Vorhang hing, den Ruthven dann zur Seite zog; Sir W. Scott und Hollywood machen das nicht besser I). Die Predigt von Mr. Patrick Golloway, „one of the Ministers of the King's Household, delivered at the Cross of Edinburgh 1 1 August 1600", über den Psalm 124 („If it had not been the Lord, who was on our side . . .") ist eine recht rührselige Angelegenheit. Die Art der Darstellung von Gowries Überfall hat viel mit der Narrative gemeinsam, doch soll sie das Gemüt mehr als den Verstand ansprechen. Auch die Predigt läßt den bösen Ruthven den Sg. in der Anrede verwenden; das thou paßt so recht zu einer solch ruchlosen Tat. Then Alexander coweris his heid, and says, I am suir thy hairt accusis thi now! Thow was the deid of my father; and heir is ane dager to be awengit upon the for that deid I' . . . (277. ii. 249). 11·

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Alexander Ruthven wird durch die gefühlvollen Worte des Königs umgestimmt (James spricht noch viel ausführlicher als bei Johnston; von den wenigen bei Henderson überlieferten Worten ganz zu schweigen). And then considder, Master, howjw wes brocht up in the schuill, quhilk hes send mony noble and haly youth, the Coledge of Edinburgh, vnder Mr. Robert Rollok, that haly man, and maist worthy of all gud memory, quha wald have never have teichit to put hand in your Princel . ; . (277. ii. 250).

This wordis sua movit the hart of the Traitour, . . . daß er anfängt, mit dem König zu verhandeln. Geradezu amüsant ist die Schilderung, als Ruthven wieder ins Zimmer kommt, und versuchen will, dem König die Hände zu fesseln: „Tratour, thow mann diel And thairfor lay thy handis togither, that I may bind the: ..(ibd.). Als König und Ruthven miteinander ringen, heißt es: „ N o w yeit ane miracle!" — daß Ruthven den König nicht töten kann 1 1 0 . Die drei Berichte über die Gowrie-Conspiracy zeigen mit hinreichender Deutlichkeit, was für die l i t e r a r i s c h e Verwendung des Anredepronomens typisch ist: Der Situation (Emotion) entsprechend wird d e r Numerus gewählt, der aufgrund des Gebrauchs der Umgangssprache zu erwarten wäre. So entspricht tatsächlich in vielen Fällen der Gebrauch der Literatur dem der Umgangssprache. Es entstehen aber immer wieder zwei Linien der Entwicklung (eines Wortes, einer Konstruktion usw.): Die Literatur knüpft an Konventionen der Umgangssprache an und fixiert sie erneut als literarische Konventiönen, so daß ζ. B. der Anredesg. im englischen Drama noch recht häufig auftritt zu einer Zeit, da er aus der Umgangssprache weitestgehend verschwunden ist. Neben diesem z e i t l i c h e n Unterschied der Entwicklung steht ein s o z i a l e r , der ebenfalls an der Gowrie-Conspiracy deutlich wird: Der verächtliche Sg. kommt zwar um 1600 in der Umgangssprache vor (vgl. § 25), es ist aber bezeichnend, daß ein Earl ihn dem König gegenüber nicht einmal dann verwendet, wenn er ihm den Dolch ins Herz stoßen will. Die Literatur aber kennt eine solche soziale Scheidung nicht. Es ergibt sich daraus die methodologische Folgerung, daß (1) der Sprachgeschichte nur bedingt literarische Denkmäler als Quellen zugrunde gelegt werden dürfen, da in ihnen zeitliche Verschiebungen und Änderungen der gesellschaftlichen Sprachebene möglich (um nicht zu sagen normal) sind; (2) daß die Interpretation eines sprachlichen Kunstwerkes nie den nicht-literarischen Sprachgebrauch außer Acht lassen darf 1 1 1 . 110 Besonders zu beachten ist, welche Bedeutung dem Hutaufsetzen vor dem eigentlichen Überfall in allen drei Versionen zukommt. Es ist dies eines der besten Beispiele für die Bedeutung der Hat Honour (vgl. § 53). 111 Eine ausgesprochen „literarische" Verwendung der Anrede findet sich in Herr Puntila und sein Knecht (1948). Man sollte hier eigentlich eine „realistische"

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Das 16. und 17. Jahrhundert b) Z U R PRONOMENVERWENDUNG IM GEDICHT Nur einmal noch möcht ich dich sehen, Und sinken vor dir aufs Knie, Und sterbend zu dir sprechen: Madame, ich liebe Sie! 1 1 2 D e r Gegensatz zwischen Phantasiewelt und Wirklichkeit

kann

kaum brillianter formuliert werden als es hier geschehen. E s ist ein glänzender Effekt Heines, wie die Realität — das Sie der Anrede — in das Gedicht hineingenommen, und damit die Idealität des lyrischen Gedichtes halb zerstört w i r d 1 1 3 . I m Deutschen ist die V e r w e n d u n g der Pronomen in der Dichtung im allgemeinen durchsichtig. Das

Du

der Apostrophe wird auch kaum als rein äußerliche poetische K o n vention empfunden, weil es durch ein Du der Umgangssprache gestützt w i r d 1 1 4 . Natürlich lassen sich im einzelnen Unterschiede der NumerusSprache erwarten, doch in einer der stärksten Szenen des Stückes findet sich ein ausgesprochen „unrealistischer" (d. h. der Umgangssprache nicht entsprechender) Wechsel von Du und Sie, nämlich bei der Prüfung Evas durch den Chauffeur Matti {Stücke I X , Suhrkamp Verlag 1957, S. n8ff.). Während Eva den Sg. verwendet, bleibt Matti stets beim Sie, nur als Eva die dritte Prüfung, „die Heimkehr", glänzend besteht, ist Matti gewonnen und geht nun seinerseits zum Du über. Diesen Ubergang verbindet er mit einer Geste: „Eva, das ist eine schöne Leistung. Ich werd zwar gekündigt, aber wenn du das meiner Mutter vormachst, ist sie gewonnen." (Er schlägt Eva scherzhaft mit der Hand auf den Hintern) (S. 137). In diesem Moment wird Eva der Klassengegensatz zwischen Gutsbesitzerstochter und Chauffeur bewußt: Sie sagt (erst sprachlos, dann zornig): „Lassen Sie das 1" Chauffeur und Gutsbesitzerstochter können in der Welt Brechts nicht „auf Du und D u " sein. Eine merkwürdig „bewußte" Mischung von Du und Sie findet sich in Thomas Manns Erzählung Gerächt (1899): ,,. . . wenn das ,Sie', das in minder gehobenen Stunden unsere Anrede blieb, einem makellosen ,Du' wich . . . " (In: Erzählungen, S. Fischer Verlag 1958). Ob es sich hier um dichterische Fiktion handelt, die ausgesprochen wird, um die Bedeutung des Numeruswechsels am Schluß der kurzen Erzählung stärker hervortreten zu lassen, oder ob es wirklich „Realismus" ist, kann man kaum entscheiden. Ich neige dazu, bei Th. Mann das erstere anzunehmen. (Auf diese Stelle wies mich Herr W. Schmähling hin). 1 1 2 Heine, Heimkehr xxv ; zitiert im DWB s. v. sie. Die entsprechenden Artikel des DWB (519b.) enthalten reiches Material und verdeutlichen durch manche Parallele die englische Entwicklung der Pronomenverwendung im Gedicht. 1 1 3 Ähnlich war die Anrede des Troilus gestaltet (s. o. S. 81 f.): bei Chaucer ist es aber ein Erzähler, der von außen darstellt, und somit ist der Wechsel des Anredepronomens zwar ein Zeichen für die Courtoisie des Troilus, jedoch kaum ein ironischer Kommentar. 1 1 4 Im 18. Jahrhundert war das Du in Gefahr, zu einem rein poetischen Pronomen zu werden (s.u. §39); im 20. Jahrhundert kommt im „Konversationston" das Sie im lyrischen Gedicht vor. Vgl. ζ. B. G. Benn, Reisen: Meinen Sie Zürich zum Beispiel sei eine tiefere Stadt wo man Wunder und Weihen immer als Inhalt hat? . . .

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Verwendung im Gedicht feststellen; „im Gedicht" — das kann viele Arten von „Wirklichkeit" bedeuten, unterschiedliche Grade einer Mimesis, unterschiedlichen Abstand vom Angesprochenen, was oder wer auch immer es sei: von der reinen lyrischen Aussprache und Ansprache, die nur den Sg. kennt, über die mehr erzählende Dichtung bis zum extremen Konversationston mancher moderner Gedichte spannt sich ein weiter Bogen. Das Eindringen des PI. in das Gedicht geschieht über die Verserzählung, und nicht immer bleiben Wiedergabe von wirklicher Rede und bloße Gedichtanrede säuberlich getrennt, und wo — wie im Englischen — durch das Verkümmern des thou sich die Pronomen nicht mehr gleichwertig gegenüberstehen, scheinen sich auch die Grenzen besonders leicht verwischt zu haben116. Wie weit setzt sich im Englischen die alte Konvention der Sg.-Anrede im Gedicht fort, in welchem Umfang erscheint das you der täglichen Rede, und wie weit entspricht die Pronomenverwendung der Dichtung jener der Umgangssprache? Für die Sonette Shakespeares ist behauptet worden, daß eine solche Entsprechung nicht vorhanden sei: ,You' is . . . more intimate, ,thou' more formal — the opposite of what might be expected according to some imaginary Elizabethan Fowler of Correct Usage 119 .

Es soll hier versucht werden an einigen Beispielen zu untersuchen, ob diese Behauptung für andere elisabethanische Gedichte als richtig nachgewiesen werden kann117. Als Beispiele werden Haringtons Epigramme und die Gedichte Donnes gewählt 118 . Eine Untersuchung des Pronomengebrauchs im Gedicht muß zunächst jene Fälle ausscheiden, in denen sich ein you eindeutig auf eine Mehrheit von Angeredeten bezieht. Die übrigen sind einzuteilen in 1 1 5 Ein wirkliches Durcheinander von you und thou ergibt sich wohl erst vom 18. Jahrhundert an; im 16. und 17. Jahrhundert lassen sich die verschiedenen Typen i. a. noch recht gut voneinander abheben. 1 1 6 F. Berry, EiC, 8 (1958), 143. 1 1 7 a) Ich habe (EiC, 8 (195 8), 456 t.) die Meinung vertreten, daß die Pronomenverwendung im Gedicht im Zusammenhang mit der Umgangssprache gewürdigt werden müsse, und ich habe außerdem darauf hingewiesen, daß Archer (123.) versucht hat, den Wechsel zwischen you und thou in den Sonetten Shakespeares in erster Linie klanglich zu erklären. Berry hat (EiC, 9 (1959), 196 f.) auf diese Einwände sehr scharf geantwortet: It is precisely my belief that poets do or, at least, can use a language in a way other than it is used by writers or speakers of prose. Poets use language differently because they apprehend it differently, and because language includes those special instruments for defining human relations '— personal pronouns — it follows that these are, or can be, apprehended and used in a poetic way. Not that there is a single way of using personal pronouns, or any other component of language, or a single nonpoetic way. I am sorry to have to be so painfully simple, but it seems necessary to recall Dr. Finkenstaedt to the indisputable truth that ,each existence has its own idiom'.

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solche, die a) mit you, b) nur thou enthalten, und c) solche, in denen j e » mit thou wechselt. Bei a) und b) ist zu fragen, ob sich die Gedichte an den gleichen Personenkreis wenden (Anrede im strengen Sinn) und / oder ob inhaltliche Gesichtspunkte den Numerusgebrauch entscheiden (das wäre eine Entsprechung zu den Konventionen der Umgangssprache wie „religiöser S g . " usw.). Wo you und thou wechseln, ist zu fragen, ob und wie weit formale Gründe (Metrum, Reim) eine Rolle spielen, oder ob sich eindeutige (!) inhaltliche Kriterien für den Wechsel finden lassen. Für Harington ergibt sich: 257 seiner Epigramme bieten Material für die Untersuchung; von diesen enthalten 32 echte Pluralanreden119, 108 haben nur thou, 73 nur you, 44 zeigen einen Wechsel. Der Wechsel ist in den Epigrammen Haringtons recht häufig, im Verhältnis sicher häufiger als etwa bei Donne. Zu beachten ist allerdings, daß ζ. B. im Epigramm No. 141 you couldst als einzige PI. Form wohl schlechter Überlieferung zuzuschreiben ist. An anderen Stellen dürften metrische und euphonische Gründe eine Rolle spielen; so vielleicht in No. 109, 169, 204, 215, 299, Es ist hier nicht der Ort, die umfassenden sprachwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Probleme zu besprechen, die in Berrys Behauptung enthalten sind. Zu leicht kommt jedenfalls der Literaturkritiker von der Feststellung eines „individuellen Sprachgebrauchs" zu einer Humpty-Dumpty-Theorie der Dichtung überhaupt: „When I use a word", Humpty Dumpty said, in rather a scornful tone, „it means what I choose it to mean — neither more nor less" (L. Carroll, Through the Looking-Glass ; man vergleiche das ganze Gespräch zwischen Humpty Dumpty und Alice!). Man kann sich gelegentlich des Eindrucks nicht erwehren, daß ein Wort bei manchen Kritikern das bedeutet, was es bedeuten muß, damit die jeweilige Interpretation stimmt. b) Einen Vergleich der Pronomenverwendung bei anderen Dichtern würde Berry wohl für unzulässig halten; er muß aber dann seinen Beweis für die besondere Verwendung des you und thou bei Shakespeare m. E. mit besseren Mitteln führen. Wenn der „Elizabethan Fowler" des you und thou tatsächlich existiert und Shakespeare verwendet die Pronomen ihm entgegensetzt, dann muß er das seinen Lesern eindeutig mitteilen. Man wende nicht ein, die Sonette seien selbst diese Mitteilung; sie wäre zumindest arg versteckt, und bis 1958 unentschlüsselt geblieben! 118 Harington hatte ich im Zusammenhang mit der vorliegenden Arbeit durchgearbeitet, bevor Berrys Aufsatz erschien. Donne habe ich dann wegen der Behauptung Berrys in EiC, daβ you bei Donne stets eine Mehrzahl von Angeredeten bezeichne, untersucht, und zwar ohne vorher Berrys entsprechendes Kapitel in Poet's Grammar zu lesen. Ich habe natürlich auch bei.der kursorischen Lektüre anderer Dichter auf die Pronomenverwendung geachtet. Da es sich bei der ganzen Frage um ein Randproblem der vorliegenden Untersuchung handelt, beschränke ich meine Beispiele und gehe auch nicht auf alle Thesen Berrys ein. Wer sich intensiver mit dieser Frage beschäftigt, muß doch einen selbständigen Vergleich zwischen dem bei Berry und dem hier vorgelegten Material durchführen. Vielleicht greift jemand anders das Problem der Pronomenverwendung im Gedicht noch einmal unabhängig auf? Nach den scharfen Worten in EiC würde eine weitere Diskussion nur zwischen Mr. Berry und mir wohl unersprießlich bleiben. U 9 Hierzu zähle ich auch die Anrede an den Leser, bei der es meist nicht entschieden ist, ob eine Einzahl oder Mehrzahl Angesprochener gemeint ist.

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338. Der Reim entscheidet vielleicht in No. 5 you — true und 86 me — thee. Eine allgemeinere Tendenz (auch der Prosa des späten 16. und 17. Jahrhunderts) scheint es zu sein, daß bei einem your zum PI. gewechselt wird. Beispiele dieser Erscheinung bei Harington wären No. 80 und 127. Ähnlich steht plötzlich der PI. bei bestimmten — formelhaften? — Verbindungen wie you needs mil . . . (No. 101). Völlig klar ist der Wechsel in Gesprächen, die in Epigrammform wiedergegeben werden; hierher gehören u. a. No. 17 (Ehepronomen!), 1 1 6 , 1 7 6 (EhepronomenI), 276. Ebenso klar ist der Wechsel in Verbindungen wie fool seest thou not bei sonstigem j e » (No. 138, ähnlich No. 236) 120 . In der Gruppe der j