Wissenschaftsreflexion: Interdisziplinäre Perspektiven zwischen Philosophie und Praxis 3957431786, 9783957431783

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Wissenschaftsreflexion: Interdisziplinäre Perspektiven zwischen Philosophie und Praxis
 3957431786, 9783957431783

Table of contents :
Inhalt
Einleitung
Was ist und zu welchem Zweck betreibt manWissenschaftsreflexion?
Teil I Theorie der Wissenschaften
Aktiver Realismus und die Geltungsansprüche wissenschaftlicher Wahrheiten
Wissenschaftliches Nichtwissen in Text und Diskurs – linguistische Perspektiven
Vertrauen, epistemische Rechtfertigung und das Zeugnis wissenschaftlicher Experten
Informiertes Vertrauen: Eine psychologische Perspektive auf Vertrauen in Wissenschaft
Scheitern in der Wissenschaft
Teil II Geschichte und Ethik der Wissenschaften
Zur Dynamik disziplinenübergreifender Forschungsfelder
Wissenschaft – Praxis – Politik. Zum Handlungsmuster naturforschender Ärzte im 17. und 18. Jahrhundert
Implizierte Prognosen. Anmerkungen zum Verhältnis von Möglichkeits- und Wahrscheinlichkeitsraum in Science Fiction und Wissenschaft
Epistemische Intransparenz als Herausforderung für praktisches Urteilen
Patientenverfügung, Autonomie und Demenz. Reflexionen zur Interdisziplinarität in der Medizinethik
Teil III Wissenschaft und Gesellschaft
Wissenschaft und postfaktisches Denken
Wissenschaft und Pseudowissenschaft – Zur Aktualität des Demarkationsproblems im Kontext der Leugnung medizinischen Wissens
Strategischer Wissenschaftsskeptizismus
Forschung im Zweifel der Öffentlichkeit: Zur Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft
Welche Funktionen haben die Sozialwissenschaften in der liberalen Demokratie?
Wissenschaftskommunikation und Social Media: Neue Akteure, Polarisierung und Vertrauen
Autorinnen und Autoren

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Wissenschaftsreflexion

Michael Jungert, Andreas Frewer, Erasmus Mayr (Hg.)

Wissenschaftsreflexion Interdisziplinäre Perspektiven zwischen Philosophie und Praxis

BRILL | mentis

Die Drucklegung erfolgte mit freundlicher Unterstützung des Universitätsbundes Erlangen-Nürnberg und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Einbandabbildung: Netzwerk (Gerd Altmann, pixabay)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk sowie einzelne Teile desselben sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlags nicht zulässig. © 2020 mentis Verlag, ein Imprint der Brill-Gruppe (Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland) www.mentis.de Einbandgestaltung: Anna Braungart, Tübingen Herstellung: Brill Deutschland GmbH, Paderborn ISBN 978-3-95743-178-3 (hardback) ISBN 978-3-95743-737-2 (e-book)

Inhalt Einleitung 1.

Was ist und zu welchem Zweck betreibt man Wissenschaftsreflexion? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Michael Jungert, Andreas Frewer, Erasmus Mayr

Teil I Theorie der Wissenschaften 2.

Aktiver Realismus und die Geltungsansprüche wissenschaftlicher Wahrheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Miguel Ohnesorge

3.

Wissenschaftliches Nichtwissen in Text und Diskurs – linguistische Perspektiven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Nina Janich

4.

Vertrauen, epistemische Rechtfertigung und das Zeugnis wissenschaftlicher Experten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Jon Leefmann

5.

Informiertes Vertrauen: Eine psychologische Perspektive auf Vertrauen in Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Rainer Bromme

6.

Scheitern in der Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Sebastian Schuol

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Inhalt

Teil II Geschichte und Ethik der Wissenschaften 7.

Zur Dynamik disziplinenübergreifender Forschungsfelder . . . . . . 163 Kärin Nickelsen und Caterina Schürch

8.

Wissenschaft – Praxis – Politik. Zum Handlungsmuster naturforschender Ärzte im 17. und 18. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . 199 Julia Carina Böttcher

9.

Implizierte Prognosen. Anmerkungen zum Verhältnis von Möglichkeits- und Wahrscheinlichkeitsraum in Science Fiction und Wissenschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 Bernd Flessner

10. Epistemische Intransparenz als Herausforderung für praktisches Urteilen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Christoph Merdes 11.

Patientenverfügung, Autonomie und Demenz. Reflexionen zur Interdisziplinarität in der Medizinethik. . . . . . . . . 269 Martina Schmidhuber

Teil III Wissenschaft und Gesellschaft 12. Wissenschaft und postfaktisches Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291 Katrin Götz-Votteler und Simone Hespers 13. Wissenschaft und Pseudowissenschaft – Zur Aktualität des Demarkationsproblems im Kontext der Leugnung medizinischen Wissens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315 Alexander Christian 14. Strategischer Wissenschaftsskeptizismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351 Alexander Reutlinger

Inhalt

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15. Forschung im Zweifel der Öffentlichkeit: Zur Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 Martin Carrier 16. Welche Funktionen haben die Sozialwissenschaften in der liberalen Demokratie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 395 Martin Kusch 17. Wissenschaftskommunikation und Social Media: Neue Akteure, Polarisierung und Vertrauen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 Carsten Könneker Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443

Einleitung

Was ist und zu welchem Zweck betreibt man Wissenschaftsreflexion? Michael Jungert, Andreas Frewer, Erasmus Mayr 1.

Wissenschaftsreflexion: Eine neue Perspektive auf die Wissenschaft

Der Begriff der Wissenschaftsreflexion, der diesem Buch seinen Titel verleiht, muss als vergleichsweise unbekannt und noch wenig in bestehende Debatten eingeführt gelten. Wir möchten den Begriff und die mit ihm verbundenen Zugangsweisen, Themen und Perspektiven mit dem vorliegenden Band erstmals für eine breite und fachübergreifende Diskussion zugänglich machen. Dafür wollen wir in dieser Einführung zunächst eine Arbeitsdefinition des Begriffs skizzieren, seine Beziehung zu angrenzenden Begriffen beleuchten und programmatische Ideen für die Inhalte, Motive und Ziele von Wissenschaftsreflexion vorstellen. In der deutschen Wissenschaftslandschaft wird der Begriff Wissenschaftsreflexion gegenwärtig nur selten zur Beschreibung eines bestimmten Forschungsgebietes verwendet. Soweit dies jedoch geschieht (so an den Universitäten Bielefeld, Erlangen-Nürnberg, Hannover und Mainz), fällt ins Auge, dass Wissenschaftsreflexion stets als fächer- und fakultätsübergreifende Unternehmung konzipiert ist, an der – je nach Profil der Universität – Geistesund Sozialwissenschaften, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Medizin wie auch Natur- und Technikwissenschaften beteiligt sind. Dieser umfassend interfakultäre und interdisziplinäre Charakter stellt dabei ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber zwei »verwandten« Begriffen dar – der Wissenschaftstheorie und der Wissenschaftsphilosophie. Beide bezeichnen jeweils Teildisziplinen, die dem Bereich der Philosophie zugeordnet und somit disziplinär verortet sind. Die Wissenschaftstheorie (früher auch »Wissenschaftslehre« oder »Wissenschaftslogik«) befasst sich mit Grundlagenfragen zu den Methoden, den begrifflichen und logischen Strukturen und zu den Erkenntnisansprüchen der Wissenschaften. Insofern sie dies unabhängig von einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen tut, wird sie häufig auch als »Allgemeine Wissenschaftstheorie« bezeichnet. Im Gegensatz dazu nimmt die »Spezielle Wissenschaftstheorie« die spezifischen Grundlagenfragen einzelner Wissenschaftsbereiche (beispielsweise der Physik oder Biologie) in den Blick (vgl. Moulines 2008, S. 12).

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_002

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Michael Jungert, Andreas Frewer und Erasmus Mayr

Charakteristisch für die Wissenschaftstheorie ist erstens, dass ihr Interesse den methodischen und logischen Grundlagen der Wissenschaften gilt. Daher stehen etwa Fragen nach dem Wesen wissenschaftlicher Theorien und Erklärungen, nach der Validität von Bestätigungs- oder Falsifizierungsverfahren oder nach den Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Modellbildung in ihrem Zentrum (vgl. Bauberger 2016, S. 9f.; Carrier 2017, S. 9-13; Okasha 2016). Zweitens erachtet die klassische (Allgemeine) Wissenschaftstheorie in der Regel primär oder ausschließlich die empirischen Wissenschaften als ihren Untersuchungsgegenstand (vgl. Bauberger 2016, S. 9). Drittens schließlich zeichnet sich die Wissenschaftstheorie auch durch die Anwendung spezifischer Methoden der Logik, Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie aus, was sie methodisch von der Wissenschaftsphilosophie unterscheidet (vgl. Lauth/ Sareiter 2005, S. 11f.). Der Begriff der Wissenschaftsphilosophie tritt in jüngerer Zeit häufig an die Stelle des Begriffs Wissenschaftstheorie.1 Martin Carrier sieht in dieser Entwicklung vor allem »eine Parallelbildung zu Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftssoziologie« (Carrier et al. 2008, S. 30), durch die auch der philoso­ phische Teil der Wissenschaftsforschung den Namen der korrespondierenden Disziplin erhält. Darüber hinaus lassen sich jedoch auch einige inhaltliche Unterschiede zur Wissenschaftstheorie erkennen: Erstens darf Wissenschaftsphilosophie als der »weitere« der beiden Begriffe gelten. Dies betrifft zum einen die Tatsache, dass sein Gegenstandsspektrum auch die Wissenschaftsethik und zudem Fragen aus dem Bereich »Wissenschaft und Gesellschaft« umfasst. Beides ist – zumindest gemäß dem klassischen Verständnis von Wissenschaftstheorie als Teilbereich der theoretischen Philosophie – kein (integraler) Bestandteil der Wissenschaftstheorie (vgl. Wilholt 2016 zum Zusammenhang von theoretischer und praktischer Wissenschaftsphilosophie). Zweitens nimmt die Wissenschaftsphilosophie verstärkt Fragen der nichtempirischen Wissenschaften bzw. Nicht-Naturwissenschaften in den Blick und erweitert dadurch den Fokus der klassischen Wissenschaftstheorie mit ihrem Schwerpunkt auf der »Modellwissenschaft« Physik (vgl. dazu die Einführung in Lohse/Reydon 2016 und die dort versammelten Beiträge, die u.a. die Wissenschaftsphilosophie der Literatur-, Geschichts- und Politikwissenschaft behandeln; vgl. auch die thematische Breite der Beiträge in De Regt et al. 2012 sowie die Beiträge in Krause 2004). 1   Vgl. dazu das in Interviewform vorliegende Gespräch »Von der Wissenschaftstheorie zur Wissenschaftsphilosophie« zwischen Martin Carrier, Holger Lyre, Wolfgang Spohn und Manfred Stöckler aus dem Jahr 2008 (http://www.information-philosophie.de/?a= 1&t=939&n=2&y=4&c=68; zuletzt aufgerufen am 15.11.2019).

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Der Begriff der Wissenschaftsreflexion geht nun in mehrerlei Hinsicht über die beiden »verwandten« Begriffe hinaus. Er thematisiert in umfassender und disziplinübergreifender Weise die epistemischen, historischen und sozialen Bedingungen und Voraussetzungen von Wissenschaft sowie die epistemischen, praktischen und ethischen Konsequenzen ihrer Ergebnisse resp. ihrer Anwendung und Vermittlung. Als zentrale Bestandteile und Merkmale wissenschaftsreflexiven Denkens können gelten: − Die Bandbreite der Untersuchungsgegenstände: Wissenschaftsreflexion erstreckt sich auf alle Wissenschaftsbereiche und nimmt – im Gegensatz zur Wissenschaftstheorie – keine Beschränkung oder Schwerpunktsetzung auf die empirischen Wissenschaften vor. Ihr Spektrum umfasst die historischen, ethischen und sozialen Voraussetzungen und Folgen sowie die Sprache und Kommunikation von Wissenschaft und unterscheidet sich dadurch von primär auf wissenschaftliche Methoden oder Mechanismen der Erkenntnisgewinnung ausgerichteten Untersuchungen. − Die Bandbreite der beteiligten Fächer: Wissenschaftsreflexive Studien beziehen sich nicht nur auf zahlreiche Wissenschaftsbereiche, sondern integrieren diese auch in die Auswahl ihrer Fragestellungen und die Bearbeitung der Forschungsfragen. Zudem integrieren und nutzen sie – je nach Fragestellung – auch vielfältige Methoden unterschiedlicher Disziplinen. Es handelt es sich daher nicht um eine rein philosophische oder rein geisteswissenschaftliche Untersuchung anderer Wissenschaften »von außen«, sondern um interdisziplinär-kooperative Forschung. Die Bezeichnung »Wissenschaftsreflexion« bildet diese Bandbreite ab, indem sie keinen Namen einer einzelnen wissenschaftlichen Disziplin beinhaltet und durch den Begriff der »Reflexion« den zentralen Aspekt des vergleichenden Nachdenkens2 betont. − Die Vielfalt der Methoden: Im Gegensatz zum klassischen Methodenspektrum der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsphilosophie kommen in der Wissenschaftsreflexion zahlreiche Methoden unterschiedlicher disziplinärer Herkunft zum Einsatz. Dazu gehören etwa (wissenschafts-) historische, psychologische, soziologische, ökonomische und linguistische Methoden und Perspektiven. Diese verschiedenartigen Ansätze bleiben im 2  Dies bedeutet unter anderem, dass die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Begriffen bzw. ihrer Verwendung in unterschiedlichen Disziplinen eingehend analysiert und berücksichtigt werden und auch die Frage mitgedacht wird, inwiefern sich die Erkenntnisse aus dem eigenen Fach so operationalisieren lassen, dass sie für andere Fächer anwendbar und nutzbar sein können.

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Rahmen wissenschaftsreflexiver Forschung nicht nebeneinander stehen, sondern werden im interdisziplinären Dialog diskutiert, aufeinander bezogen und im Idealfall zu einem multiperspektivischen und integrativen Ansatz zusammengeführt (vgl. Jungert et al. 2013 zu den Voraussetzungen gelingender Interdisziplinarität). Durch diesen Ansatz und die Methodenvielfalt unterscheidet sich die Wissenschaftsreflexion auch von der »Wissenschaftsforschung« (»Science Studies«), die häufig einen starken Schwerpunkt auf (wissenschafts-)soziologische sowie szientometrische Methoden und Perspektiven legt (vgl. Felt et al. 1995; Biagioli 1999). − Der Praxis- und Anwendungsbezug: Wissenschaftsreflexion versteht sich zum einen als interdisziplinär ausgerichtete Grundlagenwissenschaft, zum anderen aber auch als eine Anwendungswissenschaft in dem Sinne, dass sie die Möglichkeit besonders in den Blick nimmt, aus der Wissenschaft auf aktuelle wissenschaftsbezogene Debatten und wissenschaftskritische Herausforderungen zu antworten. Dies zeigt sich zum einen im Aufgreifen aktueller Themen (vgl. dazu in diesem Band beispielsweise Leefmann und Bromme zur Frage des Vertrauens in die Wissenschaft, Carrier zur Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft und Reutlinger zum »Strategischen Wissenschaftsskeptizismus«). Zum anderen zeigt sich der Anwendungsbezug in der Betonung der Relevanz von Wissenschaftskommunikation und der Bedeutung von Wissenschaftssprache (und ihrer Analyse) für die Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse (vgl. dazu Könneker zu Wissenschaftskommunikation und Social Media sowie Janich zum Nichtwissen und zur Kommunikation von Unsicherheit in der Wissenschaft). Ein Vorgehen unter Einbeziehung dieser Aspekte ist nötig, um das zentrale Anliegen der Wissenschaftsreflexion zu verwirklichen: nämlich das Anliegen, Fragen über die Wissenschaften und über ihr Verhältnis zu Gesellschaft und Öffentlichkeit in grundsätzlicher Weise – und nicht nur im Rahmen von bereits klar definierten und eng umrissenen Themenstellungen – zu stellen und zu klären. Eine solch (relativ) abstrakte Reflexion ist für das über konkrete Fallbeispiele hinausgehende umfassende Verständnis der Grundlagen, Bedingungen und Folgen von Wissenschaft unerlässlich. Ihre Notwendigkeit zeigt sich immer wieder: Einerseits bei konkret auftretenden gesellschaftlichen Debatten, wenn z.B. die Glaubwürdigkeit bestimmter Wissenschaftszweige in Zweifel gezogen wird; solchen Zweifeln kann wirklich befriedigend nur begegnet werden, wenn man eine allgemeine und über den Kontext der aktuellen Debatte hinausgehende Klärung der Fragen erreicht, warum und in welcher Weise wissenschaftliche Ergebnisse Glaubwürdigkeit beanspruchen können

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und – auf einer Metaebene – wie die Wissenschaften mit Wissenschaftszweifeln umgehen sollen (können sie diese z.B. einfach als ›unwissenschaftlich‹ ignorieren?). Aber sie zeigt sich auch innerhalb der wissenschaftlichen Praxis selbst (z.B. bei Kooperationen zwischen verschiedenen Fachrichtun­ gen, in denen sich die Frage stellt, was sich die beteiligten Wissenschaften, gegeben ihre jeweiligen Forschungsweisen und Zielsetzungen, ›zu sagen haben‹) und beim rein theoretischen Nachdenken (z.B. über das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften und ihre jeweiligen Erkenntnisansprüche und über die Plausibilität des in einzelnen Wissenschaftsbereichen verwendeten Objektivitätsbegriffs). Diese abstrakte Reflexion kann aber nicht von einer einzelnen Wissenschaft geleistet werden. Denn sie umfasst nicht nur philosophische ›a priori‹-Reflexion über epistemologische und moralische Fragen sowie die wissenschaftsgeschichtliche Forschung. Sie setzt zugleich ein Verständnis der Methoden und erkenntnismäßigen Zielsetzungen und Ansprüche der einzelnen Wissenschaften voraus – die umgekehrt oft nur im Lichte der historischen Entwicklung der betreffenden Wissenschaft und bestimmter philosophischer Hintergrundannahmen verständlich sind. Ohne dieses Verständnis bestünde die Gefahr, dass Fragen über die Wissenschaften in allzu großer Vereinfachung und ›schablonenhaft‹ behandelt werden, da wir z.B. den Erkenntnisansprüchen und inhärenten Zielen einer bestimmten wissenschaftlichen Praxis nicht gerecht würden. Die zentrale Stellung interdisziplinärer Methodik in der Wissenschaftsreflexion ergibt sich daher zwingend aus dem sie charakterisierenden zentralen Anliegen. Ohne Interdisziplinarität hätte Wissenschaftsreflexion entweder keinen hinreichenden Bezug zu ihrem eigentlichen Gegenstand – den Einzelwissenschaften – oder ihr würde das Potenzial fehlen, grundlegende Fragen zur Natur der Wissenschaften zu beantworten. Wissenschaftsreflexion ist dabei keineswegs als Ersatz für Wissenschaftstheorie, Wissenschaftsphilosophie oder andere Formen der Wissenschaftsforschung gedacht. Vielmehr sehen wir in diesem Begriff die Chance, bestimmte Aspekte – u.a. disziplinenübergreifende Forschung und Dialog, Methodenpluralismus, Bedeutung historischer und ethischer Perspektiven und Praxisbezug – zu stärken, und plädieren dafür, Wissenschaftsreflexion als eine fruchtbare Ergänzung der etablierten wissenschaftsbezogenen Forschung, Lehre und »Outreach«-Aktivitäten (im Sinne der »third mission« von Wissenschaft) anzusehen und diese neue Perspektive im Dialog der Wissenschaften weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt kann Wissenschaftsreflexion, wie sie oben skizziert wurde, auch innerhalb der Wissenschaft dabei helfen, die unter anderem durch eine zunehmende Spezialisierung geförderten

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»Fremdheitsgefühle« gegenüber anderen Disziplinen abzubauen und das (selbst-)kritische Reflektieren über Wissenschaft zu einer gemeinsamen Aufgabe aller Wissenschaften zu machen. 2.

Aufbau und Artikel des Bandes

Die Beiträge des vorliegenden Buches sind in drei Sektionen unterteilt, die – dem disziplinübergreifenden Ansatz von Wissenschaftsreflexion folgend – nicht nach den Ursprungsdisziplinen der Autor*innen, sondern inhaltlich nach Gegenstandsbereichen und wissenschaftlichen Fragestellungen geordnet sind. Die erste Sektion zur »Theorie der Wissenschaften« umfasst fünf Beiträge, die aus linguistischer, philosophischer und psychologischer Perspektive theoretische Ansätze zu grundlegenden wissenschaftsreflexiven Fragen entwickeln. Miguel Ohnesorge greift in seinem Beitrag »Aktiver Realismus und die Geltungsansprüche wissenschaftlicher Wahrheiten« die klassische Realismusdebatte der Wissenschaftsphilosophie auf und präsentiert mit seiner Variante eines »pluralistischen aktiven Realismus« ein Lösungsangebot, das er auch hinsichtlich aktueller Diskussionen über die Wahrheits- und Geltungsansprüche von Wissenschaft als instruktiv ansieht. Nina Janich wirft in ihrem Beitrag »Wissenschaftliches Nichtwissen in Text und Diskurs – linguistische Perspektiven« einen Blick auf zentrale Aspekte der Wissenschaftssprache. Sie analysiert die Versprachlichung von Unsicherheit und Nichtwissen in Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation und zeigt auf, in welchen Konstellationen Zuschreibungen von Nichtwissen und Unsicherheit in wissenschaftlichen Kontexten erfolgen und mit welchen Absichten und Zielen solche Zuschreibungen verbunden sein können. Die beiden folgenden Beiträge von Jon Leefmann und Rainer Bromme widmen sich dem Vertrauensbegriff und seiner spezifischen Bedeutung im Kontext der Wissenschaft. Leefmann diskutiert in seinem Beitrag »Vertrauen, epistemische Rechtfertigung und das Zeugnis wissenschaftlicher Experten« relevante philosophische Vertrauensbegriffe und deren Bedeutung für Fragen der Sozialen Erkenntnistheorie und zeigt, dass sich Erkenntnisse aus diesem theoretischen Diskurs nutzen lassen, um die praktische Problematik der Experten/Laien-Kommunikation besser zu verstehen und Lösungsansätze zu entwickeln. Bromme diskutiert in seinem Beitrag »Informiertes Vertrauen: Eine psychologische Perspektive auf Vertrauen in Wissenschaft« hingegen Vertrauen als psychologisches Konzept. Er unterscheidet auf der Grundlage umfangreicher empirischer Studien zum

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Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft unterschiedliche Dimensionen und Funktionen von Vertrauen, analysiert die Einflussfaktoren, die für das Vertrauen in Wissenschaft(ler*innen) zentral sind und skizziert den Begriff des »informierten Vertrauens«, der die Voraussetzungen von Vertrauensbildung und (gelingender) Experten/Laien-Kommunikation im Kontext der Wissenschaft besser zu fassen vermag. Den Abschluss der ersten Sektion bildet der Beitrag zum »Scheitern in der Wissenschaft« von Sebastian Schuol. Er analysiert zunächst verschiedene Formen des Scheiterns in wissenschaftlichen Kontexten und schärft die Differenzierung zwischen Scheitern, Fehler und Irrtum. Auf dieser Grundlage entwickelt er im zweiten Schritt ein eigenes Modell des Scheiterns in der Wissenschaft, das sich auch als Analysewerkzeug anwenden lässt. Abschließend zeigt er auf, wie sich mit diesem Modell die unterschiedlichen Aspekte des Scheiterns besser analysieren und gleichzeitig auch produktiv nutzbar machen lassen. In der zweiten Sektion »Geschichte und Ethik der Wissenschaften« widmen sich wiederum fünf Beiträge wissenschaftshistorischen Fragen zur Entstehung und Entwicklung von Fachdisziplinen und Institutionen, dem Verhältnis von Literatur und Wissenschaft sowie ethischen Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit wissenschaftlicher Praxis oder wissenschaftlicher Erkenntnis ergeben. Kärin Nickelsen und Caterina Schürch nehmen in ihrem Beitrag »Zur Dynamik disziplinenübergreifender Forschungsfelder« aus wissenschaftshistorischer Sicht die Entstehung und Entwicklung interdisziplinärer Forschung in den Blick, wobei sich ihr Interesse auf sog. »Forschungsfelder« richtet, in denen Beteiligte aus mehreren Disziplinen an gemeinsamen wissenschaftlichen Phänomenen forschen. An Beispielen wie der Pflanzenhormonforschung untersuchen sie die Dynamik der Entstehung und Entwicklung von Forschungsfeldern und stellen verschiedene Formen der Typologisierung disziplinenübergreifender Forschung zur Diskussion. Julia Carina Böttcher untersucht in ihrem Aufsatz »Wissenschaft – Praxis – Politik. Zum Handlungsmuster naturforschender Ärzte im 17. und 18. Jahrhundert« die Institutionalisierung von Naturforschung und deren Verzahnung mit staatlichen Interessen und gesellschaftlichen Aufgaben. Am Beispiel der prominenten Ärzte Johann Laurentius Bausch, Christian Mentzel und Christoph Jacob Trew sowie der Entstehung der Academia Naturae Curiosorum (»Leopoldina«) zeigt sie, wie im 17. und 18. Jahrhundert neue Formen organisierter kollektiver Naturforschung entstehen, und präsentiert das Konzept eines Handlungsmusters, mit dessen Hilfe die systematische Analyse von Akteursgruppen und deren sozialen Rollen und Interaktionen möglich wird. Bernd Flessner stellt in seinem Beitrag »Implizierte Prognosen. Anmerkungen zum Verhältnis von

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Möglichkeits- und Wahrscheinlichkeitsraum in Science Fiction und Wissenschaft« die These auf, dass die Prognosekraft von Science Fiction-Autor*innen hinsichtlich wissenschaftlicher und technologischer Entwicklungen und Erfindungen in vielen Fällen höher ist als die von Wissenschaftlern und involvierten Expert*innen. Am Beispiel verschiedener Technik-Entwicklungen, etwa in Luft- und Raumfahrt, zeigt er, wie Unmöglichkeitsprognosen entstehen und warum Wissenschaftler*innen bzw. Experten*innen und Autor*innen in vielen Fällen zu unterschiedlichen Beurteilungen von Möglichkeits- und Wahrscheinlichkeitsräumen gelangen. Christoph Merdes analysiert in seinem Artikel »Epistemische Intransparenz als Herausforderung für praktisches Urteilen« die möglichen Zusammenhänge zwischen wissenschaftlichen Erkenntnismethoden und Theorien der normativen Ethik. Ausgehend von einer Klärung des Begriffs der epistemischen Intransparenz (»Opazität«) und der Analyse von Fallbeispielen aus den Bereichen der Computersimulation und der künstlichen neuronalen Netze argumentiert er für die These, dass eine eingehende Analyse wissenschaftlicher Erkenntnismethoden wichtige Implikationen für normative Theorien nach sich zieht. Den Abschluss der zweiten Sektion bildet Martina Schmidhubers Beitrag »Patientenverfügung, Autonomie und Demenz. Reflexionen zur Interdisziplinarität in der Medizinethik«. Sie diskutiert am Beispiel der Behandlung von Menschen mit Demenz die Frage, wie durch das Zusammenspiel verschiedener Disziplinen und durch die Zusammenführung unterschiedlicher Fachperspektiven deren umfassende und adäquate Versorgung gewährleistet werden kann und plädiert dafür, die medizinische Behandlung und Sichtweise unter anderem mit philosophischen, soziologischen und interkulturellen Perspektiven zu verknüpfen, um dem komplexen Thema Demenz auf allen Ebenen gerecht werden zu können. In der dritten Sektion »Wissenschaft und Gesellschaft« erörtern schließlich sechs Beiträge aktuelle Debatten über die Rolle der Wissenschaft(en) in der und für die Gesellschaft, über wissenschaftliche Geltungsansprüche in wissenschaftsskeptischen Kontexten und über aktuelle Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation. Katrin Götz-Votteler und Simone Hespers adressieren in ihrem Beitrag »Wissenschaft und postfaktisches Denken« ein Phänomen von größter Aktualität. Sie analysieren zunächst Begriffe und Konzepte wie Fake News, Postfaktisches Denken oder Alternative Fakten und charakterisieren die zentralen Merkmale von Verschwörungstheorien. Im Anschluss untersuchen sie das spezifische Verhältnis von Wissenschaft und Verschwörungstheorien am Beispiel des Vorwurfs eines »Klimaschwindels« und zeigen, wie die Wissenschaft und die Wissenschaftskommunikation wissenschaftskritischen und -skeptischen Vorbehalten und Vorwürfen ent-

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gegenwirken können. Alexander Christians Beitrag »Wissenschaft und Pseudowissenschaft – Zur Aktualität des Demarkationsproblems im Kontext der Leugnung medizinischen Wissens« schließt an diese Thematik an. Er diskutiert eingehend die Plausibilität von Abgrenzungskriterien zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft, skizziert eine eigene Methode zur Bewertung von Überzeugungs- und Glaubenssystemen und wendet diese abschließend auf das Fallbeispiel der HIV/AIDS-Leugnung an. Alexander Reutlinger untersucht das Phänomen der Wissenschaftsskepsis in seinem Beitrag »Strategischer Wissenschaftsskeptizismus« aus einer anderen Perspektive. Er analysiert Fälle, in denen wissenschaftsskeptische Argumente als strategisches Mittel genutzt werden, um beispielweise wirtschaftliche oder politische Interessen durchzusetzen. Er unterscheidet dafür zunächst zwischen strategischem Zweifel und strategischer Forschung und erläutert beide Varianten durch konkrete Fallbeispiele aus dem Bereich der Tabakindustrie sowie der medizinischen Forschung. Anschließend kartiert er die aktuelle wissenschaftsphilosophische Forschungslandschaft zu Fragen des strategischen Wissenschaftsskeptizismus und skizziert offene Forschungsfragen wie auch mögliche neue Ansätze. Martin Carrier adressiert in seinem Beitrag »Forschung im Zweifel der Öffentlichkeit: Zur Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft« den Umfang, die Ursachen und die Folgen eines Vertrauensverlusts der Wissenschaft. Als hauptsächliche Gründe für einen zumindest partiellen Vertrauensverlust sieht er die Zuschreibung von Einseitigkeit und Inkompetenz an Wissenschaftler*innen durch die Öffentlichkeit. Anschließend skizziert und kritisiert er existierende Ansätze zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit durch die Stärkung der Unabhängigkeit von Wissenschaft bzw. durch eine Form der »Gegenpolitisierung«. Auf der Grundlage dieser Kritik entwirft er einen Ansatz, der auf die Stärkung von Pluralität hinsichtlich wissenschaftlicher Methoden und Forschungsansätze zielt. Martin Kusch stellt im Titel seines Beitrags die Frage »Welche Funktionen haben die Sozialwissenschaften in der liberalen Demokratie?«. Seine These lautet, dass es nicht eine eindeutige Antwort auf diese Frage geben kann, sondern viele plausible Antwortmöglichkeiten, die jeweils stark von den historischen Kontexten, in denen die sozialwissenschaftliche Forschung stattfindet, und den diese Kontexte prägenden Konzeptionen liberaler Demokratie abhängen. Seine These des »politischen Kontextualismus« verteidigt er unter anderem gegen Einwände und alternative Ansätze von Philip Kitcher. Kusch verfolgt dabei das Ziel, die Debatte über die Funktionen der Sozialwissenschaften für liberale Demokratien als notwendigerweise offen und kontextabhängig zu führende Diskussion auszuweisen, die sich Idealisierungen und einseitigen Festlegungen entzieht bzw. entziehen muss. Den Abschluss der dritten Sektion bildet Carsten

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Könnekers Beitrag »Wissenschaftskommunikation und Social Media: Neue Akteure, Polarisierung und Vertrauen«. Er analysiert zunächst die Einflüsse sog. »Neuer Akteure« auf die gegenwärtige Wissenschaftskommunikation sowie die Wirkung psychologischer Mechanismen wie »Confirmation Bias« und »Gruppenpolarisierung« auf die Meinungs- und Vertrauensbildung hinsichtlich wissenschaftlicher Debatten, insbesondere in den sozialen Medien. Auf dieser Grundlage entwickelt Könneker Vorschläge dafür, wie die (externe) Wissenschaftskommunikation den neuen Herausforderungen und Akteuren angemessen begegnen und wissenschaftsskeptischen Tendenzen effektiv entgegenwirken kann. Danksagung Für die umfassende Unterstützung bei der Planung und Realisierung dieses Bandes sind die Herausgeber vielen Personen und Institutionen zu großem Dank verpflichtet. Dem interfakultären Mitgliederkreis des Zentralinstituts für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen (ZiWiS) sowie seiner kollegialen Leitung und insbesondere deren Sprecherin, Prof. Dr. Antje Kley, gebührt unser herzlicher Dank dafür, die Einrichtung des fakultätsübergreifenden Lehr- und Forschungsbereichs Wissenschaftsreflexion an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) aktiv mitgetragen und dadurch auch die Grundlage für die Entstehung dieses Bandes geschaffen zu haben. Dem Universitätsbund Erlangen-Nürnberg danken wir für die finanzielle Unterstützung bei der Drucklegung und dem mentis Verlag, insbesondere Herrn Dr. Michael Kienecker, für die umsichtige Betreuung des Buchprojekts. Frau Prof. Dr. Martina Schmidhuber gebührt unser herzlicher Dank für die Mitorganisation einer Vorlesungsreihe, aus der einige Beiträge dieses Bandes hervorgegangen sind. Für die wertvolle und umfassende Unterstützung bei der Durchsicht der Beiträge sind wir Rebecca Fleischmann zu großem Dank verpflichtet. Dr. Daniela Bernhardt danken wir für hilfreiche Anmerkungen zu mehreren Beiträgen. Zu guter Letzt gilt unser größter Dank freilich allen Autor*innen dieses Bandes. Mit ihrer besonderen Begeisterung für das Thema und durch die hervorragende Zusammenarbeit haben sie dieses Projekt ermöglicht und das Spektrum der Wissenschaftsreflexion umfassend aufgefächert.

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Literatur Bauberger, Stefan: Wissenschaftstheorie. Eine Einführung, Stuttgart 2016. Biagioli, Mario (Hg.): The Science Studies Reader, New York 1999. Carrier, Martin: Wissenschaftstheorie zur Einführung, Hamburg 42017. Carrier, Martin/Lyre, Holger/Spohn, Wolfgang/Stöckler, Manfred: Von der Wissenschaftstheorie zur Wissenschaftsphilosophie (Gespräch anlässlich der Tagung »Was ist Wissenschaft?« am 18. März 2008 in Bonn). In: Information Philosophie 4 (2008), S. 30-37 (online zugänglich unter http://www.information-philosophie. de/?a=1&t=939&n=2&y=4&c=68; zuletzt aufgerufen am 15.11.2019). De Regt, Henk W./Hartmann, Stephan/Okasha, Samir (Hg.): EPSA Philosophy of Science: Amsterdam 2009, Heidelberg 2012. Felt, Ulrike/Nowotny, Helga/Taschwer, Klaus: Wissenschaftsforschung: Eine Einführung, Frankfurt, New York 1995. Jungert, Michael/Romfeld, Elsa/Sukopp, Thomas/Voigt, Uwe (Hg.): Interdisziplinarität. Theorie, Praxis, Probleme, Darmstadt 22013. Krause, Werner (Hg.): Wissenschaftsphilosophie als interdisziplinäres Projekt. Kolloquium zum 70. Geburtstag von Herbert Hörz. In: Sitzungsberichte der LeibnizSozietät, Band 64 (2004), Berlin 2004. Lauth, Benjamin/Sareiter, Jamel (Hg.): Wissenschaftliche Erkenntnis. Eine ideengeschichtliche Einführung in die Wissenschaftstheorie, Paderborn 22005. Lohse, Simon/Reydon, Thomas (Hg.): Grundriss Wissenschaftsphilosophie. Die Philosophie der Einzelwissenschaften, Hamburg 2017. Moulines, Carlos U.: Die Entwicklung der modernen Wissenschaftstheorie (1890-2000). Eine historische Einführung, Münster 2008. Okasha, Samir: Philosophy of Science. A Very Short Introduction, Oxford 2016. Wilholt, Torsten: Wozu Wissenschaftsphilosophie? Philosophische Wissenschaftsreflexion und ihr Beitrag zur wissenschaftlichen Bildung, Wiesbaden 2017.

Teil I Theorie der Wissenschaften

Aktiver Realismus und die Geltungsansprüche wissenschaftlicher Wahrheiten Miguel Ohnesorge Die Wahrheits- und Geltungsansprüche der Wissenschaft sind in den letzten Jahren sowohl innerhalb als auch außerhalb der Universitäten zu einem kontroversen Diskussionsthema geworden. Wissenschaftler und Philosophen bemängeln dabei häufig die allgemeine Haltung gegenüber »wissenschaftlichen Fakten« in der gegenwärtigen politischen und medialen Situation, wobei sie sich auf empirische Untersuchungen zur sozialen und thematischen Variation von Vertrauen in Forschungsergebnisse stützen.1 Implizit geht solchen Diskussionsbeiträgen auf Seiten der WissenschaftlerInnen meist eine Verpflichtung gegenüber der Wahrheitsfähigkeit (»truth-aptness«) wissenschaftlichen Wissens voran, die es öffentlich zu verteidigen gilt. Werden solche normativen Annahmen allerdings nicht expliziert, bleibt es offen, (i) welche Eigenschaften bestimmte Praktiken oder Theorien überhaupt als rechtmäßige Träger des Prädikats »wissenschaftlich« qualifizieren und (ii) was wissenschaftlichen Beschreibungen der Welt ihre Wahrheitsfähigkeit und ihren Geltungsanspruch einbringt. Fragen der Form (i), typischerweise in Anlehnung an Karl Popper als »Demarkationsproblem« klassifiziert, haben in jüngster Zeit durch öffentliche Diskussionen der oben genannten Art eine kleine philosophische Renaissance erlebt.2 Seltener in diesem Kontext diskutiert werden hingegen Fragen der Form (ii), die üblicherweise in der wissenschaftlichen Realismusdebatte beheimatet sind. Folgend werde ich aufzeigen, dass sich eine zeitgemäße philosophische Positionierung als instruktiv erweisen kann, um wissenschaftliche Geltungsansprüche politisch zu diskutieren und gegebenenfalls zu verteidigen.3 Dabei 1  Unter Berufung auf eine Reihe statistischer Erhebungen unter Mitgliedern der »American Academy for the Advancement of Science« und der allgemeinen amerikanischen Bevölkerung, urteilte beispielsweise das »Pew Research Center« 2015, dass trotz eines insgesamt hohen Vertrauens in wissenschaftliche Forschungsmethoden und Errungenschaften, Wissenschaftler und Bürger viele spezifische wissenschaftliche Thematiken oftmals »through different sets of eyes« betrachten (Pew Research Center (Hg.): Public and Scientists’ Views on Science and Society). Für eine thematisch ähnliche deutsche Erhebung und Auswertung siehe: Hacker und Köcher (Hgg.), Synthetische Biologie in der öffentlichen Meinungsbildung. 2  Siehe die Aufsätze in Pigliucci und Boudry, Philosophy of Pseudoscience. 3  Es mag hier bereits von voluntaristischer/antirealistischer Seite eingewandt werden, dass die soziale Relevanz wissenschaftlicher Theorien/Praktiken lediglich eine Funktion ihrer

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_003

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grenze ich mein Vorgehen von einem lange vorherrschenden Kanon von »Verteidigern der Wissenschaft« ab, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ihr Bekenntnis zum jeweiligen zeitgenössischen »scientific image«4 an einen wissenschaftsphilosophischen Monismus knüpften. Im Kern berufen Monisten sich auf eine sprachliche/theoretische und/oder ontologische Einheit der Wissenschaft, die entweder de facto existiere oder als normatives Ideal zu dienen habe. Der besondere epistemische Status wissenschaftlicher Praktiken, Theorien oder Modelle hängt für Anhänger dieser Traditionslinie daher untrennbar mit der Einheitlichkeit ihrer Struktur beziehungsweise der Struktur ihrer Gegenstände zusammen.5 Exemplarisch sei ein 1912 in der Physikalischen Zeitschrift veröffentlichter Aufruf genannt, unterschrieben unter anderem von Ernst Mach, David Hilbert und Albert Einstein: Eine umfassende Weltanschauung auf Grund des Tatsachenstoffes, den die Einzelwissenschaften angehäuft haben, vorzubereiten, ist ein immer dringen­ deres Bedürfnis vor allem für die Wissenschaft geworden, dann aber auch für unsere Zeit überhaupt, die dadurch erst erwerben wird, was wir besitzen.6

Diese notwendige »umfassende Weltanschauung« habe auf »vereinheitli­ chenden Begriffen« zu basieren und würde schließlich »eine widerspruchsfreie Gesamtauffassung« ermöglichen.7 Was monistische Tendenzen seit jeher typischerweise verbindet, ist ihr Fokus auf (meist aus der theoretischen Physik stammende) propositionale und gegebenenfalls axiomatisierte Theorien und deren Korrespondenz zu theorieexternen Sachverhalten oder Erfahrungsdaten. Besonders die korrespondenztheoretische Komponente hat sich quicklebendig

Nützlichkeit (relativ zu unseren ethischen Positionen) darstellt und sich höchstens die Frage nach ihrer Kohärenz und ihrem Vorhersageerfolg, nicht jedoch diejenige nach ihrer Wahrheit stellt. Wie etwa in: Feyerabend, Scientific Truth, 106-114. Ich möchte nachfolgend eine Position verteidigen, in der eine Operationalisierung von »Wahrheit« selbst keinen den Wissenschaften von außen aufgedrängtem epistemologischem Ballast bedeutet. Vielmehr soll der Wahrheitsbegriff hier einen systeminternen und kohärenten Bestandteil wissenschaftlicher Praxisformen bilden. 4  Van Fraassen, The Scientific Image. 5  Für eine Zusammenfassung der wissenschaftsphilosophischen Diskussion und eine Diskussion der verschiedenen gängigen Verständnisse von »Monismus« und »Pluralismus« siehe Ruphy, Scientific Pluralism Reconsidered. 6  Baege, Aufruf, S. 735-736. Ich bedanke mich bei Sebastian Kolle für Hilfe bei der Recherche dieses Artikels. 7  Baege, Aufruf, S. 736.

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in die später so getaufte »Realismusdebatte« gerettet.8 Wissenschaftliche Realisten stützen ihre Argumente für die Wahrheitsfähigkeit der Wissenschaften dabei in der Regel ebenfalls auf eine Referenzbeziehung zwischen propositionalen Theorien und einer von ihnen mindestens annährend wahr abgebildeten Wirklichkeit. Die scheinbare globale Einheitlichkeit dieser referenziellen Wirklichkeit bietet daran anschließend eine metaphysische Begründung des globalen epistemischen Geltungsanspruches wissenschaftlicher Theorien.9 Das propositionale Verständnis von Wissenschaft(en) und die mit ihm einhergehende Vorstellung von Referenz wurden in den letzten Jahrzehnten jedoch grundlegend von verschiedenen philosophischen Ansätzen für ihren selektiven Fokus auf Theorien (zugunsten etwa von experimentellen, instrumentellen und sozialen Dimensionen) kritisiert.10 Zugleich geriet damit auch der wissenschaftliche Monismus unter scharfe Kritik, da sich wissenschaftliche Praxis typischerweise als ungeordneter und uneinheitlicher erweist als ihre propositionalen Systeme.11 Lassen sich nun ohne eine propositionale Korrespondenztheorie und eine monistische Einheitlichkeit in wissenschaftlichen Theorien und Ontologien weiterhin realistische Wahrheits- und Geltungsansprüche der Wissenschaften verteidigen? Solch eine realistische Verteidigung der Wissenschaften werde ich im Folgenden anhand einer pluralistischen Position unternehmen, welche die Wahrheit und den Geltungsanspruch der Wissenschaften auf eine unorthodoxe Variante des wissenschaftlichen Realismus stützt. Hierfür werde ich die von Hasok Chang entwickelte Position des pluralistischen Aktiven Realismus (AR) verteidigen. Anschließend lege ich AR anhand von Changs Weiterentwicklung des Operationalismus von Percy Bridgmans und in Auseinandersetzung mit den Unzulänglichkeiten der Standardargumente in der Debatte über den wissenschaftlichen Realismus dar. Hierbei zeige ich auf, dass AR alle Minimalannahmen eines wissenschaftlichen Realismus erfüllt, obwohl 8  Oft wird sie aber in Form eines semantischen Verständnisses von Theorien beziehungsweise Modellen integriert. Siehe hierfür grundlegend Suppe (Hg.), Structure of Scientific Theories; dessen Implikationen werden anschaulich diskutiert in: Van Fraassen, Scientific Representation, Appendix 1, S. 315-317. 9  Wie Abschnitt 2 zeigt, ist die tatsächliche Heterogenität realistischer Positionen weitaus größer. In der Geschichte des wissenschaftlichen Realismus war und ist eine Erklärung wissenschaftlicher Wahrheitsansprüche durch Korrespondenztheorien die dominanteste Position. Zur Entwicklung des wissenschaftlichen Realismus siehe Feyerabend, Realism, Rationalism, and Scientific Method, S. 3-16. 10  Feyerabend, Against Method, S. xxiii-xxviii; Hacking, Representing and Intervening, S. 129146; Galison, How Experiments end. 11  Nancy Cartwright (Hg.), The Dappled World; Chang, Is Water H₂O?; Galison/Stump (Hg.), The Disunity of Science; Kellert et al. (Hg.), Scientific Pluralism.

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er anti-monistisch ist.12 Abschließend verteidige ich einen aktiv-realistischen Pluralismus gegen mögliche Kritik und gegen aktuelle monistische Ansätze. Ich schließe mit der Darstellung der Optionen, die AR für das Denken über Wahrheit und die Geltungsansprüche der Wissenschaften anbietet. 1.

Von Operationen zu Systemen wissenschaftlicher Praxis

Der AR ist nicht von bestimmten wissenschaftlichen Theorien, sondern von einigen Beobachtungen über wissenschaftliche Praktiken und deren zielorientierte Anwendung motiviert. Hasok Changs Darstellung der Position lässt sich am klarsten anhand seiner kritischen Weiterentwicklung der methodischen Ideen des experimentellen Physikers Percy Bridgman erläutern. Etwas überspitzt lässt sich Bridgmans prominentes Argument in seinen eigenen Worten wie folgt wiedergeben: »[W]e mean by any concept nothing more than a set of operations.«13 Wissenschaftliche Begriffe und Theorien sind ihm zufolge nur sinnvoll, wenn sie in ein stabiles System von kardinalen14 Messoperationen eingebettet sind und ihre Bedeutung ist radikal auf die dadurch abgesteckten Anwendungsfelder beschränkt. Daher sei das philosophische Interesse an Theorien und theoretischen Begriffen fehlgeleitet, da Theorien sich in der Praxis immer auf physikalische oder mentale Operationen reduzieren lassen. Diese »operationalistische« Position hat für Bridgman restriktive Impli­ kationen für die wissenschaftliche Praxis. So kritisierte er beispielsweise, dass sich die vor-relativistische Physik nicht operationalistisch entwickelt hätte und so durch die Spezielle Relativitätstheorie »gerettet« werden musste. »Gleichzeitigkeit« war zum Zeitpunkt von Einsteins erster relativistischer Intervention im Jahr 1905 durch sich gleichförmig und mit ähnlicher Geschwindigkeit bewegende Messinstrumente operationalisiert worden. Nur eine unzulässige Überschreitung dieser Anwendungsfelder hin zur absoluten Gleichzeitigkeit 12  Diese hat Chang zuerst vollständig formuliert in: Chang, Is water H₂O?, S. 203-246. Etwas modifiziert verteidigt wird sie in: Chang, Is Realism compatible with Pluralism?, S. 176-185. 13  Bridgman, Logic of Modern Physics, S. 5. 14  In Bezug auf Messoperation (im Gegensatz zum mengentheoretischen Gebrauch des Wortes) drückt »kardinal« die Eigenschaft von Skalen aus, quantitative Transformationsregeln für ihre Werte aufzuweisen. Ordinale Skalen hingegen ermöglichen nur direktes und transitives Vergleichen verschiedener Werte. So lässt sich an einer Balkenwaage (ordinal) der Unterschied von zwei Gewichten x und y grundsätzlich lediglich als x < y oder x < z1 < zn < y angeben, wohingegen eine Dezimalwage (kardinal) x und y direkt anhand einer numerischen Skala vergleichbar macht, welche die Kenntnis mechanischer Definitionen voraussetzt.

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an jedem beliebigen Punkt im Raum habe eine Korrektur grundlegender mechanischer Begriffe (Geschwindigkeit, Masse) notwendig gemacht.15 Bridgmans Argumente lassen sich auf zweierlei Weise kritisieren. Erstens (a) gilt es spätestens seit Thomas Kuhns Arbeiten als weitgehend akzeptiert, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht nur aus der Verfeinerung und Reartikulation von Begriffen und Theorien in stabilen operationalen Anwendungsfeldern besteht.16 Eine Beschränkung der Bedeutung von Begriffen auf rigide wiederholbare Operationen scheint in bestimmten historischen Situationen gar ein epistemisches Hindernis darzustellen, da die Entwicklung reliabler Skalen nie alleine auf instrumentelle Präzision angewiesen war, sondern ebenfalls auf dezidiert unpräzise Methoden. Größere operationale Präzision ist ein Element eines komplexeren Fortschrittsprozesses, der explorative Experimente und theoretische Spekulation auf Basis nicht reliabler und/oder ordinaler Skalen beinhaltet. Der Begriff der Temperatur etwa war vor seiner Bindung an mechanische Arbeit durch das thermodynamische Modell Carnots niemals hinreichend reliabel operationalisiert, um Bridgmans Ansprüchen zu genügen – ohne unpräzise Thermometrie und Temperaturbegriffe hätte es jedoch niemals eine kinetische Theorie gegeben. Es stabilisierten sich in der Wissenschaftsgeschichte etliche operational instabile Begriffe sukzessive gegenseitig, weil sich Wissenschaftler tolerant gegenüber anfänglichen operationalen Unschärfen zeigten.17 Auch Einstein sah die Spezielle Relativitätstheorie als Erweiterung von Maxwells Elektrodynamik, nicht als wissenschaftliche Revolution oder gar Rettungsaktion.18 Zweitens (b) lässt sich »Operation« selbst nicht eindeutig definieren, womit sich Bridgmans Aufruf zu

15  Bridgman, Logic of Modern Physics, S. 24. 16  Kuhn, Structure of Scientific Revolutions, S. 92-110. 17  Chang, Inventing Temperature, S. 58. Chang gibt das Verhältnis von Ausdehnung einer Messsubstanz und Temperatur in der Thermometrie sowie die Energiemessungen in der Quantenphysik als Beispiele. Das zugrundeliegende praktische Problem formalisiert er als »Problem of Nomic Measurement« wie folgt: »1. We want to measure quantity X. 2. Quantity X is not directly observable [= not operationalized], so we infer it from another quantity Y, which is directly observable [=operationalized]. 3. For this inference we need a law that expresses X as a function of Y, as follows: X = f(Y). 4. The form of this function f cannot be discovered or tested empirically, because that would involve knowing the values of both Y and X, and X is the unknown variable that we are trying to measure.« Den gegenseitigen Stabilisierungsprozess, der das Problem in der historischen Praxis auflöste, nennt Chang »(epistemic) iterative progress«. 18  Abraham Pais, Science and the Life of Albert Einstein, S. 28-29.

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semantischer Rigorosität gewissermaßen selbst den Boden unter den Füßen wegzieht.19 Changs Variante von Bridgmans Ansatz gesteht angesichts dieser Probleme ein, dass (a) die Bedeutung wissenschaftlicher Begriffe und Theorien nie auf eine »logische Summe« von Operationen beschränkt werden kann und dass eine solche Beschränkung den Wissenschaften ihre epistemische Manövrierfähigkeit und ihren Fortschritt verbaut.20 Sein Verständnis wissenschaftlicher Praxis berücksichtigt, dass sich die verschiedenen instrumentellen, experimentellen und theoretischen Bestandteile wissenschaftlicher Praktiken angesichts der Unabsehbarkeit und Vielfalt ihrer möglichen Problemfelder nicht formal regulieren lassen.21 Auf dieser Basis lässt sich auch eine Einsicht über die philosophische Relevanz des Begriffs der Operation gewinnen, die Kritik (b) konstruktiv reflektiert. Die Betrachtung wissenschaftlicher Praxis als Summe von Operationen darf nicht den philosophischen Fokus von der theoretischen auf die experimentelle Ebene verschieben, wie es eine strenge Definition von »Operation« leisten würde, die diese auf bestimmte physikalisch-instrumentelle Vorgänge reduziert. Vielmehr hebt die operationalistische Grammatik den Handlungscharakter wissenschaftlicher Praktiken hervor und erweitert so den klassisch philosophischen Fokus um nicht-theoretische Aktivitäten. Chang bietet uns nun in Anlehnung an diese Schwierigkeiten den offeneren Begriff »epistemische Aktivitäten,« die als kohärente Elemente von übergeordneten »Praxissystemen« fungieren, als eine alternative Grundlage einer entsprechenden Grammatik wissenschaftlicher Praxis an.22 Wissenschaftliche Praxissysteme haben per definitionem lediglich zwei minimale Eigenschaften. Sie besitzen (a) implizite oder explizite normative Ziele und sind (b) in der Erreichung dieser im Sinne des späten Wittgensteins regelfolgend und

19   Für einen ausführlichen Überblick über die Kritik an Bridgman siehe: Chang, Operationalismus. 20  Ich beziehe mich hier auf: Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, §68. Der diesbezügliche Absatz spricht im gleichen Sinne von der »logischen Summe von Teilbegriffen«, die nie ein beliebiges Sprachspiel isoliert charakterisieren. Formalisten mögen Bridgmans Idee alternativ als »ein Begriff ist operationalisiert genau dann, wenn ein synonymes n-Tupel von Operationen existiert« notieren, was natürlich keines der benannten Probleme löst. 21  Interessanterweise lässt sich diese Position auch in Bezug auf mathematische Praktiken verteidigen: Priest, Mathematical Pluralism, S. 4-13. 22  Chang spricht auch wahlweise von »pragmatischer« oder »operationaler« Kohärenz, um eine Abgrenzung zur propositionalen Kohärenz zu schaffen: Chang, Operational Coherence, S. 105-106.

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unterliegen daher keiner einheitlich reduktiven oder transitiven Hierarchie.23 Praxissysteme müssen ferner nicht logisch konsistent sein, sondern (operational) kohärent. Kohärenz wird hierbei verstanden als Kompatibilität der jeweiligen epistemischen Aktivitäten in der Erreichung von epistemischen Zielen.24 Damit wird vermieden, dass wissenschaftliche Praxissysteme auf ihre sprachlich-theoretischen Aktivitäten reduziert werden, die als einzige solchen formal-logischen Kriterien unterliegen können (es de facto berechtigterweise jedoch meist nicht tun).25 Auf Basis dieser Definition rettet Chang Bridgmans Lektion wie folgt: Wissenschaftliche Praxis ist am adäquatesten beschrieben als eine zielgerichtete und kohärente Durchführung von Aktivitäten.26 2.

Die Unzulänglichkeiten realistischer Standardargumente

Um nachzuvollziehen, welche Implikationen Changs Verständnis wissenschaftlicher Praxis für die Realismusdebatte besitzt, lohnt es, eine Arbeitsdefinition des wissenschaftlichen Realismus festzuhalten. Es lässt sich mit Anjan Chakravartty ironisch anmerken, dass »scientific realism […] is characterized differently by every author who discusses it«.27 Er bietet zur Klärung dieser Situation drei Annahmen an, die ich folgend als Minimalannahmen wissenschaftlicher Realisten auffassen werde:

23  Chang, Is water H₂O?, S. 15-18. Chang, Is Pluralism compatible with Scientific Realism?, S. 176. 24  Chang, Is water H₂O?, S. 18. 25  Hierbei geht es weniger darum, dass (a) bestimmte Theorien innerhalb eines Praxissystems explizite Widersprüche aufweisen, sondern dass (b) die jeweiligen Theoriesprachen nicht notwendigerweise formaler Einheitlichkeit unterliegen. Ohne formale Einheitlichkeit ist wiederum von vornherein kein Beweis logischer Konsistenz möglich, da keine allgemeine Übereinstimmung über die Extension/Anwendung verschiedener Begriffe (und damit das Verhältnis ihrer formalen Wahrheitswerte) besteht. Dennoch ist auch (a) mit erfolgreicher wissenschaftlicher Praxis vereinbar, wie etwa im Falle des Energieerhaltungsgesetzes und der Wellenmechanik in der frühen Quantentheorie der Fall war (siehe Feyerabend, Realism, Rationalism, and Scientific Method, S. 194-195). Thomas Kuhn machte in dem Postscript seines Hauptwerks ferner eine interessante Andeutung, dass die relative Wichtigkeit von Widerspruchsfreiheit in wissenschaftlichen Krisen gegenüber anderen superempirischen Werten (etwa explanatorischer Vereinheitlichungskraft) abnimmt (siehe Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions, S. 198). 26   Siehe für Bridgmans eigene moderate Reformulierung dieser Einsicht: Bridgman, Operational Analysis, S. 16. 27  Chakravartty, Scientific Realism.

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Miguel Ohnesorge Metaphysically, realism is committed to the mind-independent existence of the world [Realität, MO] investigated by the sciences. […] Semantically, realism is committed to a literal interpretation of scientific claims about the world. […] Epistemologically, realism is committed to the idea that theoretical claims (interpreted literally as describing a mind-independent reality) constitute knowledge of the world.28

Bevor ich darlege, wie Changs Aktiver Realismus diese Minimalannahmen jeweils erfüllt, werde ich zeigen, dass die verbreiteten Argumente für den wissenschaftlichen Realismus im Lichte eines umfassenden Verständnisses wissenschaftlicher Praxis argumentativ unzulänglich sind.29 (i) Erfolgsargumente30 Die erste und vermutlich populärste Gruppe von Standardargumenten für einen wissenschaftlichen Realismus basiert auf der Anwendung des Prinzips »Inference to the Best Explanation«31 (IBE), das besagt: x ist wahr, wenn, falls x wahr ist, die gegebene Evidenz bestmöglich erklärt ist. Erfolgsargumente, wie etwa Hillary Putnams berühmtes »no-miracles argument«,32 behaupten, dass die beste Erklärung des (prädiktiven oder erklärenden)33 Erfolgs der Wissenschaft(en) in der Annahme besteht, dass die Wissenschaft(en) eine externe Welt mit ihren Theorien (annähernd) wahr beschreiben. Wird IBE akzeptiert, folgt aus dieser Behauptung logisch, dass der wissenschaftliche Realismus eine wahre Annahme darstellt. Verteidiger dieses Standardarguments stellen ihr Vorgehen dabei gerne als Anwendung einer empirischen Schlussmethode dar, die keine Notwendigkeitsbehauptungen beinhalten würde.34 Erfolgsargumente können zudem global und/oder lokal sein, indem sie sich auf den Erfolg der Wissenschaft oder der Wissenschaften beziehen. 28  Chakravartty, Scientific Realism. 29  Folgend gehe ich nicht auf Varianten des Strukturellen Realismus ein, der unter »gegenwärtige Kritik« diskutiert wird. 30  Für eine ausführliche Diskussion siehe ebenfalls: Chang, Is water H₂O?, S. 227-233. Ich werde nicht auf das ebenfalls prominente Kriterium der »Ausgereiftheit« für die Wahrheit einer wissenschaftlichen Theorie eingehen, was aus ähnlichen Gründen fehlschlägt. Siehe dafür Chang, Is water H₂O?, S. 233-236. 31  Laudan, Realism Without the Real, S. 156-162. 32  Putnam, Mathematics, Matter and Method, S. 73. Der Name des Arguments ergibt sich aus seiner Präsentation durch Putnam. In dieser behauptet er, dass nur wissenschaftlicher Realismus den Erfolg der Wissenschaft nicht als kosmisches Wunder erscheinen ließe. 33  Boyd, On the Current Status of the Issue of Scientific Realism, S. 7. 34  Putnam, Mathematics, Matter and Method, S. 73. Lipton, Is the Best Good Enough? S. 89-94.

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Folgen wir Changs Darstellung wissenschaftlicher Praxis, so erscheint als erstes weniger das IBE-Prinzip als vielmehr die schwammige Darstellung der vermeintlich zu erklärenden Evidenz problematisch. Es muss geklärt werden, worin der Erfolg der Wissenschaften besteht, um überhaupt über seine möglichen Erklärungen zu diskutieren. Wie es Bas van Fraasen prominent feststellte lässt sich dies in eine Frage nach den Zielen wissenschaftlicher Praxis(-systeme) übersetzen, da sich »Erfolg« nur sinnhaft durch die Erfüllung bestimmter Ansprüche oder Ziele verstehen lässt.35 Globale Formulierungen von Erfolgsargumenten beinhalten folglich die absurde Prämisse, dass alle wissenschaftlichen Praxissysteme die gleichen Ziele verfolgen oder es einen allgemeinen Standard für deren Vergleich gibt. Dabei scheint solch eine Behauptung irritierend, egal ob es um konkrete Ziele im Rahmen von systemabhängigen Problemfeldern geht (bspw. um die Suche nach neuronalen Korrelaten verschiedener kognitiver Prozesse in der gegenwärtigen kognitiven Neurowissenschaft versus die Erklärung der Elektrolyse von Wasser während der Chemischen Revolution) oder um abstraktere epistemische Werte (Umfang versus Widerspruchsfreiheit versus Exaktheit etc.).36 Klassischerweise versuchen Verteidiger von Erfolgsargumenten diese Schwierigkeiten zu vermeiden, die sich ergeben, wenn ihr Erfolgsbegriff auf seine Bedeutung in der wissenschaftlichen Praxis hin befragt wird. Dabei nehmen sie implizit oder explizit an, dass sich epistemische Ziele auf das globale Ziel der wahren Beschreibung einer korrespondierenden externen Realität reduzieren lassen. Wird jedoch mit Chang der Handlungscharakter wissenschaftlicher Praxis ernstgenommen, dann muss für eine solche Behauptung gezeigt werden, inwieweit dieser Wahrheitsbegriff37 operabler Bestandteil epistemischer Aktivitäten sein kann. Theorien werden und können de facto wiederum nicht auf Basis ihrer deskriptiven Wahrheit relativ zu einer externen Wirklichkeit ausgewählt werden, wenn letztere erst durch diese 35  Van Fraasen, The Scientific Image, S. 8. Van Fraasen hinterfragt wiederum nicht die These, dass es ein globales epistemisches Ziel gibt, sondern verwirft lediglich »Wahrheit« zugunsten der empiristischen Alternative »empirische Angemessenheit.« Wie Chang feststellt, wurde bisher jedoch kein überzeugendes Argument dafür geliefert, den offensichtlichen Konflikt zwischen diesem Zielreduktionismus und der faktischen Pluralität von Theorie-/Methodenbewertungskriterien in der wissenschaftlichen Praxis zu überwinden (Chang, Is Water H₂O?, S. 26-27 und S. 273). 36  Eine anschauliche Analyse zur Relevanz epistemischer Werte findet sich in: Carrier, Values and Objectivity, S. 2547-2568. 37  In einem anderen nicht-deskriptiven Sinne spielt »Wahrheit« natürlich eine Rolle in der wissenschaftlichen Praxis, jedoch eine andere als von Erfolgsargumenten angenommen wird. Siehe hierfür Abschnitt 3.

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Theorien beschrieben wird.38 Die für globale Erfolgsargumente notwendige globale Definition von Erfolg scheitert daher entweder an der Pluralität wissenschaftlicher Ziele oder muss diese auf einen Wahrheitsbegriff reduzieren, der keine operationale Verbindung zur wissenschaftlichen Praxis aufweist. Etwas interessanter sind lokale Erfolgsargumente, die keine einheitlichen epistemischen Ziele voraussetzen. Naiv formuliert, wäre in einem lokalen Erfolgsargument die Wahrheit einer Theorie t1 eine Funktion ihres Erfolgs. Wie oben gezeigt wurde, ist t1 jedoch immer in Bezug auf Ziele in den Problemfeldern ihres Praxissystems und die zugehörigen epistemischen Werte erfolgreich. Der Erfolg von t1 ist folglich eine Funktion der Werterfüllung von t1. Besser formuliert würde ein lokales Erfolgsargument demnach annehmen, dass t1 in einem Praxissystem P erfolgreich ist, weil sie zu der Erfüllung der Ziele von P beiträgt. Was würde nun aber ein IBE-Schluss auf »t1 beschreibt eine externe Welt (annährend) wahr« für die Erklärung der Werterfüllung von t1 leisten? Hier stoßen wir erneut auf die Probleme des korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriffs, der Erfolgsargumenten zugrunde liegt. Die vom IBESchluss angebotene »Erklärung« besitzt an diesem Punkt schlicht keine Relevanz mehr für die wissenschaftliche Praxis. Sie substituiert bloß operable epistemische Werte durch einen inoperablen korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriff. »Wahrheit« in diesem Sinne verrät uns daher nichts Neues über das Verhältnis von P und einer externen Realität, da sie zur Begründung des (deskriptiven) Kontaktes zur Realität ihren Bezug zur wissenschaftlichen Praxis aufgibt. Es ist daher nicht der Erfolgsbegriff, sondern die unbrauchbare Definition von Wahrheit als Korrespondenz, welche die typischen Varianten von Erfolgsargumenten ins Leere laufen lässt. (ii) Kausale Referenztheorien Ein weiteres verbreitetes Standardargument besteht in der Annahme einer kausalen Referenztheorie (KR), wie sie von Hilary Putnam und Saul Kripke entwickelt wurde.39 Diese bewahrt uns vor dem inoperablen Wahrheitsbegriff von Erfolgsargumenten, da sie nur die Referenz von Begriffen und Theorien verteidigt. Kausale Referenztheorien behaupten, dass die Bedeutung von bestimmten Begriffen (typischerweise Eigennamen), basierend auf einem ursprünglichen Benennungsakt, der »eine notwendige Beziehung über alle möglichen Welten hinweg« festsetze, durch die Geschichte hinweg kausal durch die Eigenschaften ihres Referenten bestimmt ist. Die Erweiterung dieser Theorie auf naturwissenschaftliche »Namen« motiviert für manche 38  Hierzu auch: Fine, Unnatural Attitudes, S. 149-179. 39  Kripke, Naming and Necessity.

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Philosophen einen selektiven Realismus bezüglich der benannten Referenten, sogenannte »natürliche Arten.« Einige wissenschaftliche Begriffe referieren folglich notwendigerweise auf eine externe Realität, weil ihre operationale Entwicklung durch die reale Konstitution ihrer Referenten geleitet werde.40 Das Problem liegt hier, zumindest in unserem Kontext, nicht in der kausalen Referenztheorie, sondern in ihrer Maskierung als Argument für einen wissenschaftlichen Realismus. Ebenso wie Verteidiger von Erfolgsargumenten, müssen Anhänger von KR aufweisen können, wie sich ihre Theorie aus der Praxis der Wissenschaften ergibt. Wie werden Wissenschaftler praktisch durch die angeblich notwendigen Implikationen ihrer Bezeichnungen für natürliche Arten kausal beeinflusst? Die Entwicklung einer Theorie innerhalb eines wissenschaftlichen Praxissystems wäre laut KR notwendig, weil es sich durch einen Benennungsakt in einer (notwendigen) Beziehung mit der externen Realität befindet. Ich sehe nicht, wie dies überhaupt ein Argument für eine realistische Position sein sollte. KR-Argumente beruhen im Gegenteil auf einer nahezu identischen Annahme wie andere Standardvarianten des wissenschaftlichen Realismus: Wissenschaftliche Theorien haben Zugriff auf eine korrespondierende externe Realität. In anderen Worten: KR setzt Standardrealismus bereits voraus oder reformiert ihn bestenfalls ohne zu zeigen, wie die notwendige Referenz von Theorien praktisch gewährleistet wird. Es wird folglich keine Antwort darauf gegeben, warum theoretische Begriffe von vornherein der Modallogik von KR unterliegen sollten – etwa, weil dies den wissenschaftlichen Erfolg »erklären« würde? Wir drehen uns daher im Kreis und »the burden of argument« ist, in Changs Worten zu Korrespondenztheorien, »on those who want to claim that this circle somehow latches on to reality.«41 (iii) Experimenteller Realismus Ein drittes prominentes Argument für einen wissenschaftlichen Realismus ist Ian Hackings Experimenteller Realismus (ER) bezüglich theoretischer Entitäten.42 Der Experimentelle Realismus ist motiviert durch die Annahme, dass ein angemessenes Verständnis des wissenschaftlichen »Eingreifens« eine bessere Grundlage für wissenschaftlichen Realismus als theoretisches »Darstellen« anbietet.43 David Resnik fasst den von ER angebotenen Schluss auf die Realität einer theoretischen Entität am kompaktesten zusammen: 40  Stanford/Kitcher, Refining the Causal Theory, S. 97-127. 41  Chang, Is water H₂O?, S. 248. 42  Mit theoretischen »Entitäten« meint Hacking theoretisch identifizierbare Entitäten, d.h. alle Entitäten, von denen wissenschaftliche Theorien sprechen. 43  Hacking, Representing and Intervening, S. 262-264.

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Miguel Ohnesorge (1) We are entitled to believe that a theoretical entity is real if and only if we can use that entity to do things to the world. (2) We can use some theoretical entities, e.g. electrons, to do things to the world, e.g. change the charges of nobium balls. (3) Hence, we are entitled to believe that some theoretical entities, e.g. electrons, are real.44

Die vermeintliche Stärke des Arguments besteht dabei darin, dass wissenschaftliche Experimente dank (1) ein denkbar einfaches Kriterium für die Realität theoretischer Entitäten anbieten. Empirisch motiviert ist (1) dabei durch die Beobachtung, dass Wissenschaftler oft mit einer bestimmten theoretischen Entität E zielgerichtet experimentieren können, ohne gesichertes theoretisches Wissen über E in Form einer einheitlichen Theorie t1 zu besitzen. Wenn E ohne t1 stabil ist, ließe sich folgern, dass gegebene zielgerichtete Manipulationen eine implizite Kenntnis der kausalen Struktur der externen Realität ausdrücken.45 Diese Annahme ignoriert jedoch, dass die besagte Stabilität von E ohne t1 schlicht durch die Kohärenz des zugehörigen Praxissystems P garantiert werden kann. Typischerweise schließt P eine ganze Reihe an nicht einheitlichen, aber familienähnlichen Theorien t1-n ein, die gemeinsam mit experimentellen Verfahren V1-n durch ihre Kohärenz die Stabilität von E garantieren. Solange E nicht außerhalb von P stabil ist, lässt sich E nicht allein in der (kausalen) Struktur der externen Realität verorten – genau dies drückt jedoch die materiale Implikation in (1) aus. Informeller ausgedrückt lehnt ER aufgrund der partiellen Autonomie experimenteller Interventionen richtigerweise deren epistemische Reduktion auf theoretische Beschreibungen ab. Anstatt daraus zu folgern, dass Theorien in einem nicht-reduktiven kohärenten System von Zielen, Werten, Instrumenten und Experimenten operationalisiert werden können, ersetzt ER theoretischen Reduktionismus durch experimentellen Reduktionismus. Obwohl Hackings Ansatz die problematische Suche nach einem Kontakt zu Realität in Form einer 44  Resnik, Hacking’s Experimental Realism, S. 401. Im Gegenteil zu seiner guten Zusammenfassung kann ich Resnik Kritik an ER nicht vollständig teilen. Neben einer korrekten Ablehnung von Hackings Unterschätzung der Relevanz theoretischer Behauptungen kritisiert Resnik, dass ER es unmöglich mache, die Realität von als nicht-existent angenommenen Entitäten wie Phlogiston kategorisch abzulehnen, da sie manipulierbar wären. Dieses Argument beruht auf einem unbegründeten Monismus bezüglich der Akzeptanz von Theorien. Wir sollten uns damit zufriedengeben, dass in unserer kinetischen Thermodynamik, die umfangreicher/exakter, etc. als das phlogistonische System ist, Phlogiston nicht real ist. Die Unterschiede der beiden Perspektiven auf ER sind anschaulich ebenfalls angedeutet in: Chang, Is Pluralism compatible with Scientific Realism?, S. 180. 45  Hacking, Representing and intervening, S. 160-167.

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deskriptiven Korrespondenz aufgibt, müssen wir daher ER ablehnen, weil er kein überzeugendes Argument dafür liefert, nur bezüglich experimentell manipulierbarer theoretischer Entitäten selektiv realistisch zu sein. 3.

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Chang bietet uns mit AR einen eleganten Ausweg aus diesen Dilemmata wissenschaftlicher Standardrealismen an. Die Unzulänglichkeiten von Erfolgsund Referenzargumenten scheinen vermeidbar, wenn ernstgenommen wird, dass die wissenschaftliche Praxis nicht nur aus Theorien besteht, deren externe Korrespondenz die Grundlage wissenschaftlichen Wissens ist. Wie lässt sich der Kontakt wissenschaftlichen Wissens zu einer externen Realität alternativ verteidigen? Hierzu stützt sich Chang auf Neudefinitionen von Wissen und Wahrheit in der Wissenschaft, die diesen einen operationalen Sinn innerhalb wissenschaftlicher Praxis zuweisen und in einem neuen Verständnis der epistemologischen Minimalannahme von Realisten resultieren. Wenn erfolgreiche Wissenschaft in der erfolgreichen Erfüllung von Zielen besteht, dann lässt sich wissenschaftliches Wissen analog als »Fähigkeit« zur erfolgreichen Durchführung zielgerichteter Aktivitäten definieren. Wissenschaftler sagen, dass sie etwas wissen, wenn sie innerhalb eines wissenschaftlichen Praxissystems P bestimmte (epistemische) Ziele erreichen, ohne die Regeln von P zu missachten.46 Eine analoge Neudefinition bietet Chang bezüglich des Konzepts der »Wahrheit« an, wobei er sich abwechselnd auf John L. Austin oder John Dewey stützt:47 »A statement is true in a given circumstance if (belief in) it is (necessarily) involved in a coherent epistemic activity.«48 Wahrheit, meistens jedoch eher das Urteilskorrelat »wahr«, ist für Aktive Realisten folglich eine Funktion der system- beziehungsweise zielrelativen Regeln epistemischer Aktivitäten. Wissenschaftler sind demnach im Besitz von wahrem Wissen in den Anwendungsfeldern eines Praxissystems, wenn sie ihre epistemischen Aktivitäten in diesen erfolgreich zielgerichtet durchführen können. Wie kommen wir nun von diesem pragmatischen Standpunkt zur realistischen Minimalannahme einer wie auch immer gearteten externen 46  Chang, Is water H₂O?, S. 215-217; Chang, Is Pluralism compatible with Scientific Realism?, S. 184. Nicht zuletzt wird so die prominente Debatte um »Wissen« über unbeobachtbare Entitäten gänzlich unsinnig, da optische Darstellung kein operationales Primat in Praxissystemen besitzt. 47  Für Changs Wiedergabe von Austins Essay siehe: Chang, Is water H₂O?, S. 240-241. 48  Chang, Operational Coherence, S. 114.

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Realität? Für Chang ist an dieser Stelle ein Blick auf die operationale Funktion von externen Einflüssen in wissenschaftlichen Praxissystemen notwendig. Externe Realität lässt sich operational am sinnvollsten und analog zu den meisten praktizierenden Wissenschaftlern49 durch nicht intentional kontrollierbare Determinanten unserer epistemischen Aktivitäten definieren. Externe reale Gegebenheiten zeigen sich in der wissenschaftlichen Praxis als »whatever is not subject to one‘s own will.«50 Wir müssen folglich all die externen Einflüsse als real annehmen, die sich uns durch die variablen experimentellen und theoretischen Praktiken als stabil aufzwingen: If we try to make 17 g of water by combining 1 g of hydrogen and 16 g of oxygen, we will fail. If we try this under the most favourable conditions and with all the ingenuity that we can muster and still fail, then it is prudent to conclude that we have failed because nature did not cooperate with our plans.51

Seinen Kontakt zu externer Realität erreicht wissenschaftliches Wissen jedoch nicht durch seine anwendungsrelativen Wahrheitskonditionen, sondern durch deren Anpassung an nicht intentional überbrückbare Widerstände. Wissenschaften etablieren für AR folglich Regeln zum zielorientierten (epistemischen) Handeln in stabilen externen Umwelten. Damit verabschieden wir uns endgültig von der korrespondenztheoretischen Grundannahme, dass die Realität zu kennen darin besteht, die Wahrheit über diese zu wissen: »At best, we could say that we learn from Reality, or rather, from our experience of being in contact with it.«52 Aktive Realisten sind womöglich schließlich die einzigen Realisten, die tatsächlich der dritten Minimalannahme, einer »literal interpretation of scientific claims about the world«, verpflichtet sind. Jede Theorie, die in einem beliebigen kohärenten Praxissystem P zur erfolgreichen Erfüllung seiner Ziele beiträgt, drückt (wahres) Wissen aus. AR macht Unterscheidungen wie beobachtbar/nicht-beobachtbar oder experimentell manipulierbar/nichtmanipulierbar ontologisch irrelevant. Was in P kohärent operationalisiert werden kann, darüber wissen die epistemischen Agenten in P die Wahrheit. Dabei ist die Wahrheit von Aussagen in P natürlich durch die Reichweite der kohärenten Anwendungsfelder von P beschränkt. Gleiches gilt für die metaphysischen Annahmen von Praxissystemen. Chang spricht sogenannten metaphysischen Prinzipien dabei eine zentrale 49   Bensaude-Vincent und Simon, The Impure Science, S. 201-206. 50  Chang, Is Water H2O?, S. 220. 51  Chang, Is Water H2O?, S. 215-216. 52  Chang, Is Pluralism compatible with Scientific Realism?, S. 181.

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operationale Rolle zu.53 Diese bestehen aus impliziten oder expliziten Annahmen a priori, die von epistemischen Akteuren in einem Praxissystem geteilt werden und die Durchführbarkeit epistemischer Aktivitäten gewährleisten. So etwa das »principle of single value« in jeder kardinalen Messung: We predict that the temperature here at 10am today will be 158C; our observation says it is 208C. If the temperature could be both 158C and 208C, there would be no refutation here. To put it formally: there is no logical contradiction between ‘T ¼ 158C’ and ‘T ¼ 208C’, until we also put in the principle of single value, which gives ‘If T ¼ 208C, then T =158C’.54

Ein weiteres Beispiel wäre beispielsweise die metaphysische Annahme der Existenz von Mengen (inklusive solch kontraintuitiver Implikationen wie der leeren Menge) zur Anwendung der Mengenlehre auf die Mengenalgebra oder die Definition anderer mathematischer Begriffe.55 Falls metaphysische Referenten im oben definierten systemrelativen Sinne operational sind, akzeptieren wir sie als notwendige Elemente unserer Praxissysteme. Folglich können wir beispielsweise sowohl die Newtonsche Materie als auch die Einstein’sche Materie als real verstehen. Die praktisch relevante Frage ist, ob ein Newtonsches oder relativistisches Praxissystem unseren epistemischen Zielen in den jeweiligen Anwendungsfeldern zuträglich ist – oder gegebenenfalls sogar Teilstücke beider physikalischen Systeme, wie etwa im Falle des »Global Positioning Systems« (GPS).56 Die zentrale Implikation von AR und seinem Realitätsbegriff ist für Chang dessen normativer progressiver Anspruch. Seine realistische Haltung gegenüber einer externen Realität, die sich nur durch die kontinuierliche Sichtbarmachung stabiler externer Einschränkungen von Wissenssystemen zeigen kann, verpflichtet zu einer kontinuierlichen Suche nach solchen epistemischen Einschränkungen.57 Wissenschaftlicher Fortschritt ist demnach untrennbar 53  Chang, Contingent Transcendental Arguments, S. 113-133. An anderer Stelle spricht Chang auch von »ontologischen Prinzipien.« 54  Chang, Contingent Transcendental Arguments, S. 144. 55   Man denke an die informellen logischen und mathematischen Einleitungen, die typischerweise Klassen oder Mengen kurz als selbstverständliche grundlegende Denkkategorien ausweisen, ohne dies in irgendeiner Form zu beweisen, oder explizite Argumente gegen alternative Begriffe, wie etwa die veraltete Metaphysik von Ganzem und Teil, anzuführen. Dass Mengen existieren, zeigt sich in keinem bestimmten Beweis, sondern darin, für welche (meta-)mathematischen Praktiken (Definitionen, Beweise) sie als metaphysische Annahme notwendig sind. Siehe bspw.: Quine, Set Theory, S. 1-6. 56  Hasok Chang, Realismo Pragmático, S. 112-113. 57  Chang, Is water H₂O?, S. 234.

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mit der normativen Verpflichtung verbunden, zielgerichtetes epistemisches Handeln in neuen Anwendungsfeldern zu ermöglichen. AR erfüllt nicht nur alle Minimalannahmen eines wissenschaftlichen Realismus, sondern impliziert keinerlei Bekenntnis zu einem wissenschaftsphilosophischen Monismus. Letzterer kann vielmehr eine Restriktion gegenüber wissenschaftlicher Forschung darstellen, die dem normativen Anspruch von AR entgegenläuft, da sie nützliche epistemische Strategien künstlich beschränken müsste. Nicht nur die Wissenschaftsgeschichte steckt voll von pluralistischen Entwicklungen verschiedener Disziplinen. Chang bietet ebenfalls überzeugende Argumente dafür, dass praktizierter Pluralismus oft als Forschungsstrategie angebracht ist. Ein Zwang zu einer einheitlichen theoretischen Basis würde etwa den epistemischen Fortschritt im häufig auftretenden Fall einer explorativen Forschungssituation unnötigerweise künstlich begrenzen.58 Ferner scheint die Toleranz gegenüber verschiedenen Praxissystemen zur gleichzeitigen Erfüllung verschiedener epistemischer Werte sowie zur praktischen Lösung technologischer Probleme effektiver zu sein als ein paradigmatisches Monopol im Sinne Kuhns.59 Darüber hinaus liefern verschiedene Praxissysteme einander Möglichkeiten zum produktiven Wettkampf sowie zur innovativen Integration gegenseitiger Elemente. Wie ich bereits bezüglich Changs Position zu Metaphysik in der wissenschaftlichen Praxis angedeutet habe, ist es nicht nur möglich, dass verschiedene wahre Theorien, sondern auch verschiedene Metaphysiken legitim koexistieren – unabhängig davon, ob sie miteinander übereinstimmen oder konvergieren.60 Auch hier widerstreben monistische Restriktionen dem normativen Bekenntnis von AR. Chang spricht neuerdings von durch kohärente Praxissysteme erschlossenen externen Realitäten, um einem ontologischen Monismus keine metaphysische Hintertür zu öffnen.61 Natürlich leugnet AR dabei nicht die wichtige Rolle von Einheitlichkeit als epistemischem Wert in Praxissystemen oder von Vereinheitlichungen als entsprechenden epistemischen Strategien. Besonders für die Effektivität lokaler Vereinheitlichungen sind überzeugende 58  Nordmann, Establishing Commensurability, S. 103-122. Nordmann argumentiert ironi­ scherweise für wissenschaftliche Einheit als normatives Ideal, während er deren Nutzen durch einen De facto-Pluralismus begründet. Seine »Einheit« ist daher letztlich nicht mehr als eine pluralistische Interaktion. 59  Chang, Inventing temperature, S. 270-279. 60  Dadurch unterscheidet sich AR grundsätzlich von einer »dappled-world« Metaphysik, wie sie von Nancy Cartwright verteidigt wird, da metaphysische Argument für eine globale »Dis-unity«, genau wie jede andere globale Metaphysik, als inoperabel abzulehnen sind. Siehe hierfür Cartwright, The dappled world. 61  Chang, Is Pluralism compatible with Scientific Realism?, S. 182.

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historische und probabilistische Argumente angeführt worden.62 Pluralistische Wissenschaften müssen nicht auf Vereinheitlichung, sondern auf in einer monistischen Metaphysik begründete Restriktionen gegenüber alternativen Praxissystemen verzichten. 4. Kritik Ich habe aufgezeigt, dass Changs Formulierung von AR alle realistischen Minimalannahmen erfüllt, ohne dabei in das korrespondenztheoretische Dilemma eines inoperablen externen Wahrheitsbegriffs zu geraten oder auf unbegründete Kriterien für die ontologische Bevorzugung bestimmter theoretischer Entitäten angewiesen zu sein. Ferner basiert AR weder auf einer impliziten Reduzierung von wissenschaftlicher Praxis auf propositionale Theorien, noch auf einem inoperablen theoretischen oder metaphysischen Monismus. Bevor ich die Konsequenzen meines Ansatzes für unser Verständnis von Wissenschaft und deren Verteidigung festhalte, soll AR gegen mögliche Kritikpunkte verteidigt werden. (i) Antirealistische Kritik Die beiden prominentesten anti-realistischen Argumente, die Pessimistische Metainduktion (PMI) und die Quine-Duhem-Unterbestimmtheitsthese (QDU) stellen sich bei genauerer Betrachtung als nicht tragfähig heraus. Die bekannteste Formulierung des PMI-Arguments geht auf Larry Laudan zurück und behauptet, dass sich auch die erfolgreichsten Theorien historisch als nicht wahrheitsfähig beziehungsweise nicht-referierend herausgestellt haben. Angesicht dieser Evidenz seien Realisten nicht berechtigt, die gegenwärtig erfolgreichsten Theorien bzw. ihre Referenten/Ontologien mit dem Prädikat »real« zu etikettieren.63 Genauer betrachtet ist es nur ein ganz bestimmter Bestandteil realistischer Standardargumente, der durch PMI in Frage gestellt wird: Die kategorische Unterscheidung der Wahrheitsfähigkeit und/oder Referenz von gegenwärtig und historisch erfolgreichen Theorien. Daraus wird nur ein Problem für wissenschaftliche Realisten, wenn sie von vornerein die Wahrheitsfähigkeit/Referenz historischer Theorien, die von den gegenwärtig erfolgreichen Theorien abweichen, infrage stellen.

62  Myrvold, On the Evidential Import of Unification, S. 92-114. 63  Laudan, Confutation of Convergent Realism, S. 119-149. Für eine Übersicht über verschiedene Formulierungen siehe: Wray, Pessimistic Inductions, S. 61-73.

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Dieser Kritikpunkt ist daher nicht geeignet, um den wissenschaftlichen Kontakt zur externen Realität im oben definierten Sinne in Frage zu stellen. AR spricht schlicht allen Theorien, die in einem kohärenten Praxissystem zum zielgerichteten epistemischen Handeln beitragen, den Kontakt zu externen realen Umständen in ihren Anwendungsfeldern zu. Chang geht dabei so weit, die historische Motivation der PMI als Argument für AR zu interpretieren, da Monisten nicht in der Lage seien, die Pluralität der historisch kohärenten Praxissysteme und erfolgreichen Theorien zu erklären.64 Die QDU lässt sich ebenfalls mit ein paar Modifikationen entkräften bzw. sogar als Argument für mehr Pluralismus neuformulieren. Pierre Duhem und Willard Van Orman Quine argumentieren beide, dass die Propositionen einer wissenschaftlichen Theorie nur holistisch in einem System aus Hintergrundannahmen testbar wären. Solche Hintergrundannahmen überschreiten jede beliebige testbare Annahme in ihrer Extension und entziehen sich daher einer entsprechend holistischen Testbarkeit. Quine ging gar so weit zu behaupten, dass ein entsprechender holistischer Referenzrahmen lediglich »the whole of science« sein könnte.65 Antirealisten schließen daraus, dass jede mögliche Theorie durch jede mögliche Evidenz unterbestimmt ist, da sich eine unendliche Anzahl an verschiedenen Theorien auf Basis unterschiedlicher Hintergrundannahmen als empirisch valide erweisen könnte. Folglich könnten Realisten keine wie auch immer geartete Theorie als gerechtfertigte Darstellung der externen Realität verteidigen. Die Unterbestimmtheitsthese verfehlt jedoch ihre Wirkung gegenüber AR. Die Beobachtung, dass wir auf erstaunlich vielfältige Art und Weise erfolgreiche Theorien aufstellen können, löst diese Theorien nicht von ihrem Kontakt zur Realität. Sie zeigt höchstens, dass die Evidenz von Theorien keiner Korrespondenzrelation zur Realität bedarf, sondern immer von Zielen und Anwendungsfeldern eines Praxissystems abhängig ist. Auch QDU-Verfechter können nicht bestreiten, dass wissenschaftliche Praktiken ihre epistemischen Ziele in einer erstaunlichen Vielfalt von Bereichen erreichen und dass sie dabei unter nicht willentlich kontrollierbaren Umständen zielrelativ besser werden. Übrig bleibt von QDU ein Appell für mehr Pluralismus, da wir für unsere etablierten Theorien keine meta-systemischen Evidenzkriterien besitzen und daher abweichende epistemische Strategien nicht kategorisch ablehnen können.

64  Chang, Is water H₂O?, S. 144-154. 65  Quine, Two Dogmas, S. 42.

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(ii) Kritik an der Realismusdebatte Eine wachsende Zahl von Wissenschaftsphilosophen lehnt die Realismusdebatte als grundsätzlich nutzlos ab.66 Wir wären solchen Positionen zufolge besser beraten, philosophische Fragen auf Demarkationsprobleme zu beschränken und ontologische Fragen den jeweiligen Wissenschaften zu überlassen.67 Die verbreitetste Motivation hierfür ist die Behauptung, dass sich die Frage nach der Realität von Theorien oder theoretischen Entitäten in der wissenschaftlichen Praxis nicht stellt und daher in keiner logischen Beziehung zu ihrem Erfolg steht. Das prominenteste Argument für diese Position stammt von Arthur Fine und besagt, dass sich Anti-Realismus und Realismus in ihren wesentlichen Ansprüchen auf eine sogenannte »Natürliche Ontologische Einstellung« (NOA) von Wissenschaftlern reduzieren lassen. Diese basiert auf der begründeten Akzeptanz von »homely truths« auf Grundlage gegenwärtig verfügbarer Evidenz – und nicht auf Fragen nach realer Referenz oder korrespondenztheoretischer Wahrheit.68 In Bezug auf die Relevanz von Referenz- und Wahrheitstheorien, die auf etwas zielen, was über oder hinter der wissenschaftlichen Praxis liegt, ähnelt dies dem Standpunkt von AR. Eine Reduktion von AR auf NOA, wie Fine sie für alle Realismen fordert, unterschlägt jedoch einen zentralen Unterscheid, der einen operationalen Realitätsbegriff im Sinne von AR ausmacht. »Real« sind für Aktive Realisten alle stabilen Handlungswiderstände, auf die epistemische Aktivitäten in der kohärenten wissenschaftlichen Praxis stoßen, beziehungsweise alle diesen Widerständen entsprechenden theoretischen Entitäten. Dies resultiert in der normativen Verpflichtung zur Erweiterung oder Substitution bestehender Praxissysteme, um größere Teile der potenziell offenen Realität in die Handlungsfelder kohärenter epistemischer Aktivitäten zu integrieren. Kurz gesagt: AR unternimmt es, eine grundlegende normativ-progressive Prämisse der Wissenschaften zu formulieren, die direkt durch den Kontakt zur externen Realität motiviert ist. Entgegen der These von Fine macht das Bekenntnis zu einem philosophischen Realismus so einen grundsätzlichen Unterschied für die wissenschaftliche Praxis.

66   So etwa: Stein, Yes, but? S. 47-65; Kukla, Scientific Realism, S. 955-975; Blackburn, Realism, S. 111-133. 67  Jamie Shaw hat diese Debatte im ersten Teil des folgenden Artikels gut zusammengefasst: Shaw, Why the Realism Debate Matters for Science Policy, S. 82-98. 68  Fine, Unnatural Attitudes, S. 149-179.

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(iii) Strukturelle Realismen und naturalistische Metaphysik Die gegenwärtig populärsten Alternativen zu den diskutierten realistischen Standardpositionen in der Wissenschaftsphilosophie sind Varianten eines Strukturellen Realismus (SR), die eine die PMI entkräftende historische Kontinuität in der logischen oder mathematischen Struktur wissenschaftlicher Theorien postulieren. Eine grobe Orientierungshilfe unter diesen Formulierungen, deren Implikationen und Formalismen hier nur vereinfacht diskutiert werden können,69 bietet die von James Ladyman vorgenommene Unterteilung in Epistemische (ESR) und Ontische Strukturelle Realismen (OSR).70 ESR-Varianten behaupten, dass wir entweder (a) nur indirekt durch die logischen Strukturen unserer besten wissenschaftlichen Theorien etwas über die Objekte der Realität wissen, oder (b) nur über Strukturen der Realität etwas wissen, in deren Darstellung das eigentliche Ziel wissenschaftlicher Theorien von vornherein besteht. Vertreter von (a) veranschaulichen dies beispielsweise durch sogenannte Ramsey-Sätze.71 Der Nutzen dieser formallogischen Notation durch Anhänger der (a)-Variante von ESR lässt sich auf die Behauptung herunterbrechen, dass Existenzaussagen über individuelle Objekte nur innerhalb einer epistemisch vorrangigen logischen Theoriestruktur möglich sind. Objekte könnten daher nur indirekt aufgrund ihrer »strukturellen« logischen Funktion als real oder wahrheitsfähig bezeichnet werden. Die (b)-Varianten von ESR hängen wiederum meist mit einem semantischen Theorieverständnis zusammen und identifizieren spezifische mathematische Objekte wie Gruppen-Invarianten oder Relationen als wahrheitsfähige Strukturen.72 Anhänger beider ESR-Varianten behaupten dabei, 69  Siehe dafür anschaulich: Ladyman, Structural Realism. Ioannis Votsis hat außerdem eine aktuelle, sehr übersichtliche Bibliographie zusammengestellt: . 70  Ladyman, What Is Structural Realism?, S. 409-424. 71  Ramsey, Theories, S. 101-125. Informell notiert lässt sich die Idee von Ramsey-Sätzen wie folgt zusammenfassen. Die logische Operation »()R« welche Ramsey-Sätze erzeugt, ersetzt die theoretischen Entitäten innerhalb von einer Theorie T, die auf den experimentellen Beobachtungssätze (»Basissätze«) b1-n basiert, durch Variablen einer höheren logischen Ordnung. Anstelle von einer Existenzaussage p über eine bestimmte nicht- theoretische Entität, die in T b1 erklärt, trifft eine »ramseyfizierte« Theorie daher eine Existenzaussage x über jede beliebige theoretische Entität, die logisch gleichwertig zu den von p innerhalb der logischen Struktur von T erklärten Beobachtungen ist (sinngemäß: es existiert ein x sodass b1). Frank Ramsey versuchte hiermit ursprünglich die Existenz aller theoretischen Entitäten als allein logisch abhängig von direkten Beobachtungen auszuweisen. 72  French, Looking for Structure, S. 633-655; French und Saatsi, Realism About Structure, S. 548-559. Ich werde im Folgenden mit »Theorien« immer auch semantische Modelle bezeichnen.

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dass ihre jeweiligen epistemischen Strukturen eine kumulative historische Kontinuität über Theorieentwicklungen hinweg besitzen und daher Erfolgsargumenten historische Kredibilität verleihen würden. Da »strukturelle Kontinuitäten« der Rettung von Erfolgsargumenten vor der PMI dienen, versuchen beide Strömungen des ESR den inoperablen Wahrheitsbegriff eben dieser Erfolgsargumente zu retten. ESR umgeht damit das oben ausgewiesene Kernproblem dieses Argumenttypus. Es wird nicht plausibel gemacht, wie die Erfüllung von epistemischen Zielen (Erfolg) durch einen korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriff »erklärt« werden soll, der in der wissenschaftlichen Praxis keine Rolle spielt und daher in keiner Beziehung zu dieser Werterfüllung steht. Die (b)-Argumente verschieben wiederum lediglich die Betrachtungsebene von realen Objekten zu realen mathematischen Strukturen, sind aber ebenfalls der Form nach typische Erfolgsargumente. Es bleibt offen, warum mathematische Strukturen qua mathematische Strukturen einen Realismus begründen können sollen – sind doch Strukturen abschließend einem semantischen Theorieverständnis nach nicht ontologisch identisch mit den angeblich nicht epistemisch zugänglichen Objekten?73 OSR hingegen scheint auf den ersten Blick eine zusätzliche Herausforderung für AR zu beinhalten, da er als Grundlage für naturalistische monistische Metaphysiken herangezogen wurde. OSR behauptet, dass nur mathematische Strukturen, die durch ihre historische Kontinuität die PMI entkräften, real existieren und ihrer Form nach bestimmt sind durch unsere erfolgreichsten physikalischen Theorien. James Ladyman und Don Ross, welche OSR wohl am offensivsten verteidigt haben,74 begründen ihre Position dabei mit einer naturalistischen Interpretation von Modalität. Jede Erklärung beobachtbarer Phänomene (etwa »Sokrates ist ein Mensch«) beinhalte eine modale Generalisierung über direkte Beobachtungen hinweg (etwa. Sokrates ist notwendigerweise ein Mensch, auch wenn ich ihn nicht sehe).75 Nachdem sie wissenschaftliche Erklärungen ebenfalls als modal interpretieren, schließen Ladyman und Ross, dass es keine klaren epistemischen Abgrenzungen zwischen alltäglichen beobachtungsbasierten Erklärungen und wissenschaftlichen theorielastigeren Erklärungen gebe. Entweder wird akzeptiert, dass stabile modale Relationen zwischen Phänomenen existieren oder wir müssen die epistemische Gewissheit aller induktiven Erklärungen aufgeben. Der 73  Siehe hierfür auch: Chang, Is water H₂O?, S. 264-266. 74  Die breiteste Darstellung bietet jedoch vermutlich: French, Structure of the World. 75  Ladyman et al., Every Thing Must Go, S. 101-123.

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zentrale argumentative Schritt zu OSR besteht nun darin zu behaupten, dass die von wissenschaftlichen Erklärungen vorausgesetzten modalen Strukturen der Realität durch die Gesetze der fundamentalen Physik direkt und ohne Hilfe einer Objekt-Ontologie repräsentiert werden. Anstelle individueller Objekte ist die Realität »all the way down« eine Ansammlung mathematischer Strukturen, wie etwa mathematische Gruppen oder Topologien, die sich durch die Wissenschaftsgeschichte kumulativ und kontinuierlich entwickelt hätten. Individuelle Objekte lassen sich demnach als Lokalisierungsfunktionen angeben, mit deren Hilfe situierte Beobachter in der Lage sind, Kohäsion innerhalb der sie umgebenden modalen Gesetzmäßigkeiten zu schaffen. »Natürliche Arten« oder etablierte theoretische Entitäten im klassischen Sinne sind folglich positionsrelativ besonders stabile Lokalisierungsfunktionen für menschliche Beobachter. Ladyman und Ross begründen so ihre Theorie einer »naturalistischen Metaphysik«, den Informationstheoretischen Strukturellen Realismus (ITSR), welcher durch eine Identifizierung der globalen physikalischen Modalitäten das monistische Ziel einer transitiven Geschlossenheit aller Modelle/Theorien der Wissenschaft erreichen soll. ITSR drückt daher die Hypothese aus, dass letztendlich alle Theorien der Einzelwissenschaften transitiv in einheitlichen physikalischen Gesetzen aufgehen.76 Ohne hier ITSR formal vollständig wiedergeben zu können, bietet dieser sicherlich eine interessante Metaphysik für gegenwärtig erfolgreiche Theorien in der theoretischen Physik, die eine kohärente Interpretation von Quantenverschränkungen und Raum-Zeit-Topologien ermöglicht, welche individualistische metaphysische Identitätsbegriffe an ihre Grenzen kommen lassen.77 Was aus der Perspektive von AR problematisch erscheint, ist die Abwesenheit eines Arguments für die Verallgemeinerung von lokaler objektiver Modalität zu einer globalen objektiven Modalität, die lediglich durch fundamentale physikalische Gesetze ausgedrückt wird. Hierfür beruft sich OSR/ITSR lediglich auf die nicht belegte Annahme, dass Einzelwissenschaften physikalische Gesetze als notwendige Wahrheiten in ihre Theorien 76  I TSR ist hier für das Argument nicht direkt relevant und kann nicht in seiner Fülle dargestellt werden. Etwas vereinfacht schlagen Ladyman und Ross theoretische Repräsentation in Form von informationstheoretischen Mustern als Ausdruck objektiver Modalität vor. Reale Muster sind für sie darauf aufbauend die logisch einfachsten nach den fundamentalen Gesetzen der Physik möglichen Kompressionen von Informationsanordnungen. Im Rahmen ihres philosophischen Vereinheitlichungsziels nehmen sie an, dass ein einheitliches modales Muster der physikalischen Realität existiert und die Realität sich als transitiv-geschlossen herausstellen wird. Siehe Ladyman et al., Every Thing Must Go, S. 223-226. 77  Ladyman et al., Every Thing Must Go, S. 231-247.

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integrieren.78 Der monistische globale Charakter von ITSR bleibt eine unplausible reduktionistische Hypothese. Warum sollte sich daher Ladymans und Ross’ modale Metaphysik, deren praktischer Nutzen nicht über lokale metaphysische Prinzipien für theoretische Physiker hinausgeht, anstelle eines bestimmten Anwendungsfeldes nun global auf alle wissenschaftlichen Anwendungsfelder erstrecken? 5.

Konklusion: Wissenschaftliche Wahrheit(en) und ihre Geltungsansprüche

Ich habe zu Beginn behauptet, dass die Klärung der Frage, was wissenschaftlichen Beschreibungen der Welt ihre Wahrheitsfähigkeit und ihren Geltungsanspruch einbringt, notwendig für gegenwärtige politische Debatten über Wahrheit und Geltung der Wissenschaften ist. Ferner habe ich Hasok Changs Aktiven Realismus als die beste Antwort auf Fragen dieser Art identifiziert. Nachfolgend habe ich gezeigt, warum unsere klassischen Antworten im Lichte eines angemessenen Verständnisses wissenschaftlicher Praxis als unzureichend betrachtet werden müssen: Erfolgsargumente versuchen, eine realistische Position auf eine inoperable Wahrheitstheorie zu stützen. Kausale Referenztheorien liefern ferner nicht nur kein explizites Argument für einen Realismus, sondern setzten diesen sogar implizit voraus. Ferner hat sich auch Ian Hackings Experimenteller Realismus als unbegründet selektiv realistisch herausgestellt. Im Gegensatz dazu vermeidet ein Aktiver Realismus diese Unzulänglichkeiten und ist ebenfalls in der Lage, aktuelle Kernargumente gegen wissenschaftliche Realismen zu entkräften. All dies, ohne die in der Einleitung skizzierten Traditionen des Monismus und des rein propositionalen Fokus aus der Wissenschaftsphilosophie zu importieren. Aktiver Realismus bietet daher eine robuste Grundlage, um einen klareren Blick auf politische Diskussionen über Wahrheit und Geltung wissenschaftlichen Wissens zu erlangen. Seine zentrale und wichtigste Implikation ist es, dass die Wahrheit und Geltung wissenschaftlichen Wissens konzeptionell getrennt gehalten werden sollten. Wahrheiten sind dabei am besten verstanden als Ergebnisse systemrelativer epistemischer Regeln. Was eigentlich in politischen Diskussionen um wissenschaftliche »Wahrheit« oder »Fakten« in operational kohärenten Disziplinen auf dem Spiel steht, ist nicht deren »Realität«, sondern deren Geltungsbereiche. Diese sind in den Anwendungsbereichen jeweiliger wissenschaftlicher Praxissysteme zu suchen. 78  Ladyman et al., Every Thing Must Go, S. 216 und S. 230.

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Politische Diskussionen sollten ausgehend von einem aktiv-realistischen Standpunkt daher auf die Überschneidungen mit einem sozialen/ökonomischen/ökologischen Problemfeld mit dem Anwendungsbereich eines gegebenen wissenschaftlichen Praxissystems fokussiert werden. Erscheinen uns folglich wissenschaftliche Werte wie Exaktheit oder Einheitlichkeit zur Lösung eines externen Problems (etwa die Zusammenhänge zwischen dem CO2-Anteil in der Atmosphäre und der Temperatur an der Erdoberfläche) hilfreich, finden wir die epistemischen Strategien in den wissenschaftlichen Disziplinen, deren epistemische Aktivitäten sich in besagten Anwendungsfeldern als am erfolgreichsten bei der Erreichung dieser Werte erwiesen haben. Für PolicyFragen bedeutet dies, dass wir politische Diskussionen zur wissenschaftlichen Evidenz politischer Interventionen auf Wissen stützen müssen, welches unsere epistemischen Werte im gegebenen Problemfeld am reliabelsten erfüllt. Dies bietet uns eine diskursive Verteidigungsgrundlage für die gegenwärtigen Wissenschaften, die gesellschaftlichen Akteuren Respekt für die etablierten epistemischen Praktiken abverlangt, ohne dabei ein unkritisches Verhältnis zu wissenschaftlichen Institutionen zu implizieren, das deren Wissensbestände unabhängig von den jeweiligen Anwendungsfeldern als epistemisch überlegen ausweist. Ein pluralistischer und an der wissenschaftlichen Praxis ausgerichteter wissenschaftlicher Realismus erlaubt es, die epistemischen Ansprüche wissenschaftlicher Praktiken in politischen Diskussionen differenziert zu verteidigen, indem er uns von antiquierten philosophischen Generalisierungen befreit. Literatur Baege, M. H.: Aufruf der Gesellschaft für positivistische Philosophie. In: Physikalische Zeitschrift 8, 1912, S. 735-36. Bensaude-Vincent, B./Simon, J.: Chemistry. The Impure Science, London 2008. Blackburn, S.: Realism: Deconstructing the Debate. In: Ratio 15/2, 2002, S. 111-33. Boyd, R. N.: On the Current Status of the Issue of Scientific Realism. In: Methodology, Epistemology, and Philosophy of Science: Essays in Honour of Wolfgang Stegmuller on the Occasion of His 60th Birthday, hg. von H. Putnam/C. G. Hempel/W. K. Essler. Dordrecht 1983, S. 45-90. Bridgman, P. W.: The Logic of Modern Physics, New York 1927. Bridgman, P. W.: Operational Analysis. In: Philosophy of Science 5, 1938, S. 114-31. Carrier, M.: Values and Objectivity in Science. Value-Ladenness, Pluralism and the Epistemic Attitude. In: Science & Education 22/10, 2013, S. 2547-68.

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Wissenschaftliches Nichtwissen in Text und Diskurs – linguistische Perspektiven Nina Janich 1.

Worum es geht

Immer mehr wissenschaftliche Institutionen versuchen, in ihrer Kommuni­ kation an die Öffentlichkeit deutlich zu machen, ob, wann und von welchem Grad an Unsicherheit sie sprechen, wenn sie wissenschaftliche Ergebnisse kommunizieren. So unterscheidet beispielsweise das International Panel on Climate Change (IPCC) in seinem Klimabericht des Jahres 2014 gleich auf Seite 2 folgende Grade von Unsicherheit: The following terms have been used to indicate the assessed likelihood of an outcome or a result: virtually certain 99-100% probability, very likely 90-100%, likely 66-100%, about as likely as not 33-66%, unlikely 0-33%, very unlikely 0-10%, exceptionally unlikely 0-1%.1

Die International Agency for Research on Cancer (IARC) differenziert auf ihrer Homepage verschiedene karzinogene Risikotypen und legt hier ganz ähnlich zum IPCC eine Sprachregelung fest: Group 1: »carcinogenic to humans« – Group 2A: »probably carcinogenic to humans« – Group 2B: »possibly carcinogenic to humans« – Group 3: »not classifiable as to its carcinogenicity to humans« – Group 4: »probably not carcinogenic to humans«.2 Die Klassifikationsgruppen selbst werden laut Präambel des IARC wiederum dadurch bestimmt, dass sie bewertet werden im Hinblick auf verschiedene Typen von Studien (»Human cancer study synthesis«, »Cancer bioassay study synthesis« und »Mechanistic data synthesis«). Diese wiederum werden nach Ergebnistyp weiter unter­ schieden, d.h. als wie evident die Daten bezogen auf Menschen, Tiere und mechanistische Zusammenhänge gelten können – auch hier werden wieder normalsprachliche Bewertungen für die Evidenz eines Krebsrisikos vor­ genommen: »strong«, »sufficient« oder »limited«.3

1  I PCC, Climate Change 2014, S. 2. 2  I ARC, https://monographs.iarc.fr/agents-classified-by-the-iarc/, Abrufdatum: 21.06.2019. 3  I ARC, https://monographs.iarc.fr/wp-content/uploads/2019/01/2019-SR-001-Revised_ Preamble.pdf, Abrufdatum 21.06.2019.

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_004

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Solche Beispiele sprechen dafür, dass in der Wissenschaft inzwischen durch­ aus ein Bewusstsein dafür herrscht, dass die zwangsläufigen Unsicherheiten und Wissenslücken, die zum Alltagsgeschäft der Wissenschaft gehören, für die Öffentlichkeit möglichst klar kommuniziert werden müssen – sie zeigen aber zugleich, dass genau dies schwierig ist, will man Missverständnisse wirklich vermeiden. Ein Experiment zweier Mediziner, bei dem diese 20 verschiedene (englischsprachige) Varianten des Satzes »Therapie A ist effektiver als Therapie B« von Fachkollegen nach dem (Un-)Sicherheitsgrad der jeweiligen Aussage ordnen ließen, zeigte, dass zwar viele Formulierungen in ihrem Geltungs­ grad ähnlich eingeschätzt werden, dass es dafür aber keinerlei Gewähr für die Autoren wissenschaftlicher Texte gibt: So wurden in den vorgelegten Satzbei­ spielen z.B. verschiedene Verben und feststehende Wendungen des Sagens, Meinens und Zeigens genutzt (to prove, to assume, to suggest, to speculate, to show, to indicate, to support the hypothesis that, to be not in contradiction to, to have the strong feeling that), außerdem modale Ausdrücke (z.B. could, probably, evidently, inconceivable, possibly, beyond any doubt) sowie temporale (z.B. the present results/study; is, was, has been proven) – und dies in unterschiedlichen Kombinationen. Besonders einhellig wurden von den befragten Wissenschaftlern beispiels­ weise die Sätze Beyond any doubt therapy A is more effective than therapy B (= sehr sicher) und Others have suggested that therapy A could be more effective than therapy B (= sehr unsicher) bewertet. Sätze wie Evidently therapy A is more effective than therapy B (= Rang 2-17) und Therapy A was more effective than therapy B (= Rang 1-20) bzw. We have the strong feeling that therapy A is more effective than therapy B (Rang 3-18) und The present results are not in contradiction to the hypothesis that therapy A is more effective than therapy B (= Rang 1-20) wurden dagegen von den Befragten jeweils mehr oder weniger auf das gesamte Spektrum an Rängen verteilt.4 Die Deutungsunsicherheit bei solchen Unsicherheitsmarkierungen und die daraus resultierende Ver­ unsicherung wissenschaftlicher Leser wie Autoren führt inzwischen bereits zu parodistischen Überspitzungen und ironischen Sprachempfehlungen inner­ halb einzelner Fachcommunities.5 Solche Beispiele zeigen, warum es spannend ist, sich auch linguistisch mit der Frage zu beschäftigen, wie wissenschaftliches Nichtwissen und Un­ sicherheiten tatsächlich versprachlicht werden. Dabei interessiert sich die Linguistik sowohl für die sprachlichen Formen der Benennung und Bewertung von wissenschaftlichem Wissen bzw. Nichtwissen als auch für deren 4  Vgl. Dubben/Beck-Bornholdt, Der Hund der Eier legt, S. 188-191. 5  Vgl. z.B. http://www.academiaobscura.com/still-not-significant/, Abrufdatum 16.08.2018.

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kommunikativ-argumentative Funktion in verschiedenen wissenschaftsinter­ nen und -externen Textsorten, Gesprächskonstellationen und Diskursen. Ziel einer linguistischen Analyse ist es dabei nicht, Nichtwissen bzw. Unsicher­ heiten innerhalb einzelner Fächer selbst in den Blick zu nehmen und in seinen Bezügen und seiner innerfachlichen Relevanz zu diskutieren – es geht immer (nur) darum, wer wem warum im Diskurs welche Art von Nichtwissen zu­ schreibt und welche Ziele und Zwecke mit der Verwendung bestimmter dis­ kursiver Muster von den verschiedenen Akteuren aus Wissenschaft, Medien, Politik u.a. verfolgt werden.6 Philosophie und Sozialwissenschaften (d.h. insbesondere Soziologie, Kommunikations- und Politikwissenschaft) beschäftigen sich schon lange mit dem wissenschaftlichen Nichtwissen bzw. mit unsicherem Wissen.7 Die Linguistik, die sich zwar seit Jahren für Wissenschaftssprache und Wissens­ kommunikation interessiert,8 hat erst in jüngster Zeit einen stärkeren Fokus auch auf die Kommunikation von Unsicherheit und Nichtwissen gelegt. Im Folgenden werden einige linguistische Erkenntnisse präsentiert, die zeigen, dass gerade in der heutigen Zeit, in der sich die Wissenschaft immer wieder hinsichtlich der Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen legitimieren muss9 und zentrale gesellschaftliche Problemlagen zudem auch von der Wissenschaft nur über Modellierung und Simulationen be­ arbeitet werden können (was wiederum »sichere« Prognosen als solche er­ schwert oder unmöglich macht)10 – dass gerade heute auch die Frage nach der Kommunikation von Nichtwissen und Unsicherheit eine gesellschaftspolitisch hochrelevante ist.11 6  Vgl. Überblicke bei Janich/Simmerling, Linguistics and Ignorance; Janich, Nichtwissen und Unsicherheit; Janich/Rhein/Simon, Nichtwissen und Unsicherheit in Mathematik und Naturwissenschaften. 7   Vgl. z.B. den aktuellen Überblick bei Gross/McGoey, Handbook of Ignorance Studies. 8   Vgl. aktuelle Überblicke in Janich/Kalwa, Wissenschaftskommunikation; Janich, Contribution of linguistics. 9  Vgl. Latour, Elend der Kritik; Weingart/Guenther, Science Communication. 10  Vgl. grundsätzlich Grunwald, Aus Unsicherheit lernen?, S. 232f. Als ein Beispiel sei die Klimamodellierung genannt – vgl. hierzu Oschlies, Bewertung von Modellqualität. 11  Es sei noch eine terminologische Anmerkung gemacht: Ob sinnvoller von Unsicherheit, Ungesichertheit oder von Ungewissheit zu sprechen ist, soll hier nicht abschließend ge­ klärt werden: Für den englischen Ausdruck uncertainty finden sich in deutschen Texten verschiedene lexikalische Varianten. Der Ausdruck Unsicherheit z.B. fokussiert stärker auf den ›Träger‹, dem sie zugeschrieben wird, der Ausdruck Ungewissheit dagegen eher auf die Ebene der Referenz, d.h. wie gewiss/ungewiss ein zu verhandelndes Wissen ist. Da es in diesem Beitrag um Zuschreibungspraxen auf Träger und nicht um das (Nicht-)Wissen selbst geht, wird weitgehend von Unsicherheit gesprochen.

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Wissen und Nichtwissen – begrifflich und typologisch

Schon 1989 macht der Sozialwissenschaftler und Psychologe Michael Smithson einen ersten Vorschlag zur Typisierung unterschiedlichster ignoranceZuschreibungen, wobei er unter ignorance – sehr offen und in den begriff­ lichen Abhängigkeiten nicht immer ganz klar – auch alle möglichen Formen unsicheren (vagueness, probability, ambiguity), irrtümlichen (error > confusion) bzw. ungenauen (inaccuracy) oder »irrelevanten« Wissens (taboo, untopicality, undecidability), also eben nicht nur die reine Nichtexistenz von Wissen (absence), fasst.12 Dieser Zugang ist linguistisch zwar aufgrund der verwendeten Taxonomie und der hierarchischen Bezüge zwischen den einzelnen Begriffen interessant,13 hilfreicher mit Blick auf diskurslinguistische Analysen erscheint aber der Ansatz von Anne Kerwin, die – neben Irrtum, Tabu und Ignoranz/ Leugnung – vor allem unterscheidet zwischen – dem »known unknown« (auf Wissenschaft bezogen also z.B. das For­schungsdesiderat), – dem »unknown unknown« (also z.B. das Nichtwissen, das nur zufällig – man denke an die Schädlichkeit von FCKW – oder gar nicht »entdeckt« und in Wissen überführt werden kann) sowie – dem »tacit knowing« (also dem impliziten, z.B. erfahrungsbedingten Wis­ sen, das nicht oder nur mit Mühe versprachlicht werden kann). Verwandt hierzu ist, wenn man nicht an Individuen denkt, die etwas wissen, sondern an Gemeinschaften, das unknown known, also das gesellschaftlich unbe­ wusste oder unterdrückte Wissen, das nicht dem Schulwissen entspricht und sich diskursiv (noch) nicht (breiter) etabliert hat (z.B. das erfahrungs­ basierte Hebammenwissen gegenüber dem wissenschaftlichen Wissen der Gynäkologen).14 Diese Unterscheidung zeigt, dass es bei der Analyse von Wissens-/Nicht­ wissenszuschreibungen zum Beispiel auch darum gehen muss, als wie bekannt bzw. bewusst ein Nichtwissen im Diskurs gilt und als wie intentional es jemandem zugeschrieben wird (also z.B. als absichtliche Ignoranz, als fahr­ lässiges oder als unvermeidbares Nichtwissen). Peter Wehling weist außerdem darauf hin, dass die zeitliche Dimension eine Rolle bei solchen diskurs­ relevanten Zuschreibungen spielt, d.h., seit wann bzw. wie lange/dauerhaft 12  Vgl. Smithson, Ignorance and Uncertainty, besonders S. 6. 13  Zum deutschsprachigen Wortfeld wissen und seiner inhärenten Metaphorik des (nicht) Sehens und (nicht) Begreifens vgl. die Beiträge von Schlosser, Wenn wir Wissen nur noch checken, und Janich, Nichtwissen und Unsicherheit, S. 556-557. 14  Vgl. Kerwin, None too solid, S. 178.

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etwas (noch) nicht gewusst wird oder gewusst werden kann.15 Die drei ge­ nannten Aspekte beziehen sich dabei wie gesagt nicht auf das Nichtwissen als referenzielle Größe oder auf einen tatsächlichen kognitiven Zustand Einzelner oder von Kollektiven, sondern auf diskursive Zuschreibungsprozesse vor dem Hintergrund der sozialen Konstruktion16 von Wissen. Linguistisch erscheint es sinnvoll – ohne die Ebene diskursiver Zu­ schreibungen zu verlassen! –, unter Rückgriff auf Ausführungen von Peter Janich17 noch zwei weitere Aspekte zu ergänzen, die bei der Analyse von Wissens- und Nichtwissenszuschreibungen relevant sind:18 Bei der Zu­ schreibung von Wissen/Nichtwissen spielt es erstens eine große Rolle, wer als sein »Träger« gesehen wird, d.h. wem das Wissen/Nichtwissen zugeschrieben wird. So unterscheiden sich beispielsweise Forschungsdesiderate und un­ sicheres Wissen innerhalb einer Disziplin (Nichtwissen einer Gemeinschaft) von den Unsicherheiten, die durch Kontroversen entstehen: im zweiten Fall meinen nämlich einzelne Fachvertreter durchaus etwas ganz sicher zu wissen, die Unsicherheit für die Gemeinschaft entsteht hier erst durch widersprüch­ liches Wissen und sich gegenseitig ausschließende Geltungsansprüche. Dieser Aspekt ist zwar der oben schon differenzierten Intentionalität und dem Wissen/Bewusstsein vom Nichtwissen inhärent, es spielt aber doch für die Dis­ kurslinguistik eine zentrale Rolle, ob – gerade im Konfliktfall wie z.B. bei der Verhandlung von Risiken und der dafür zu übernehmenden Verantwortung – einem direkten Gesprächspartner (z.B. einem wissenschaftlichen Kollegen) oder einer Gemeinschaft (z.B. einer wissenschaftlichen Fachcommunity oder auch der Gesellschaft als Ganzer) Wissen/Nichtwissen zugeschrieben wird. Zweitens dürfte relevant sein, worauf sich das zugeschriebene Nichtwissen be­ zieht, ob es sich also um ein fehlendes deklaratives oder prozedurales Wissen, auf fehlendes Kausal- oder Handlungsfolgenwissen, auf fehlendes historisches oder zukünftiges Wissen usw. bezieht. So spielt es in der Argumentation zum Klimawandel beispielsweise eine wichtige Rolle, dass zwar historische Wetter- und Klimadaten für eine größere Prognosesicherheit fehlen, dass aber schon die jetzigen Prognosemöglichkeiten trotz einer grundsätzlich erst ein­ mal ungewissen Zukunft immerhin so viel besagen, dass eigentlich sofort und dringend gehandelt werden muss.19 Auch ist für die innerwissenschaftliche Debatte relevant, ob mit Blick auf die Klimamodellierung von berechenbaren 15  Vgl. Wehling, Nichtwissenskulturen und Nichtwissenskommunikation, S. 80; Wehling, Verantwortung für das Unvermeidliche, S. 219-221. 16  Vgl. Knoblauch, Wissen, S. 467-477. 17  P. Janich, Vom Nichtwissen über Wissen, bes. S. 39-44. 18  Ausführlich vgl. Janich/Birkner, Text und Gespräch, S. 199-206. 19  Vgl. Oschlies, Bewertung von Modellqualität, S. 28.

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Standardabweichungen bzw. Standardfehlern, systematischen Parameter­ fehlern, fehlenden Parametern, nicht adäquat beschreibbaren Parametern, prozessualen Unsicherheiten oder unsicherem (bzw. unsicher relevantem) Prognosewissen im Hinblick auf Modellierungsergebnisse gesprochen wird.20 Diese unterschiedlichen Nichtwissens-Referenzen lassen sich z.B. mit Kerwin (s.o.) in unterschiedlicher Weise dem known unknown oder dem unknown unknown zuordnen und werden zum echten Problem in Kommunikations- und Entscheidungsprozessen, wenn sie als – fahrlässiges oder absichtliches – unknown known entlarvt werden.21 In diesen Fällen kommen dann gesellschaft­ liche und politische Verantwortungszuschreibungen zum Tragen, und es wird gefragt, ob Wissenschaftler bzw. politische Entscheidungsträger es nicht hätten besser wissen können oder müssen (man denke z.B. an wissenschaftliche Ge­ fälligkeitsgutachten für die Tabakindustrie, in denen das Gesundheitsrisiko durch Rauchen negiert, vernachlässigt oder unterschätzt wurde, oder auch an den Umgang mit dem Wissen der Klimaforschung auf der politischen Ebene, insbesondere in den USA22). Die so ausdifferenzierbaren verschiedenen Unsicherheits- und Nichtwissenstypen führen zudem zu unterschiedlichen Konventionen und Praktiken im Diskurs, wenn zum Beispiel die grundsätz­ liche Unsicherheit eines »nur« modellierten Prognosewissens in der Klima­ forschung dann als »sicher genug« gilt, wenn es konsistent in mindestens drei verschiedenen Modellen mit unterschiedlichen Parametern belegt ist. Betrachtet man Wissenschaft als »kommunikative Veranstaltung«23 oder gar als »rhetorische Unternehmung«24 und wissenschaftliche Disziplinen als Diskursgemeinschaften mit je spezifischen sozialen und kommunikativen Praktiken,25 dann lohnt sich der linguistische Blick auf den Um­ gang mit Nichtwissen und Unsicherheit in der internen und externen Wissenschaftskommunikation.

20  Genauer bei Stumpf/Janich, Verantwortung unter der Bedingung von Unsicherheit, S. 183f. Siehe auch Oschlies, Bewertung von Modellqualität. 21  Wehling, Nichtwissenskulturen und Nichtwissenskommunikation, S. 82f. 22  Vgl. Oreskes/Conway, Merchants of doubt. 23  Weinrich, Wissenschaftssprache, S. 158. 24  Nach Gross, Rhetoric of Science, S. 3. 25   Vgl. zusammengefasst mit weiterer Literatur bei Janich/Kalwa, Wissenschafts­ kommunikation, und Janich, Contribution of linguistics.

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3.

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Markieren und Benennen – Zuschreiben und Bewerten

Die linguistische Forschung zu Wissenschaftssprachen hat zwar lange Zeit keinen Fokus auf die Thematisierung, Beschreibung und Bewertung von wissenschaftlichem Nichtwissen gelegt, sie hat sich aber schon früh – u.a. aus sprach- und schreibdidaktischem Interesse heraus – mit dem Phänomen des hedgings in wissenschaftlichen Texten als einem sprachlichen Mittel mit unterschiedlichen Abschwächungsfunktionen beschäftigt:26 The use of hedges to express the writer’s perspective towards his or her propo­ sition and audience is critical in science. They represent an important means by which authors appear in their texts to adjust claims and anticipate audience response, allowing writers to make distinctions concerning the certainty they give to their propositions such that a statement without qualification is prob­ ably not a statement of new knowledge. In essence, hedges are rhetorical means for projecting due caution, modesty and humility when making statements, and their removal is a major linguistic means of conferring greater certainty on propositions. These strategies are therefore central to the whole enterprise of science […].27

Juliane Schröter unterscheidet nach Sichtung der Forschungsliteratur systematisch folgende funktionale Gruppen von Ausdrücken, die die Geltung des Gesagten abschwächen (hedges, dt.: Heckenausdrücke): Sie können 1. der Modifikation des Aussagegehalts (des Inhalts, der Proposition) die­ nen und dabei entweder a) einen Vorbehalt gegenüber der Angemessenheit des Ausdrucks oder b) einen Vorbehalt gegenüber der ausnahmslosen Gültigkeit des Aussage­ gehalts ausdrücken; 2. der Modifikation der Aussageabsicht (der Illokution) dienen und dabei entweder a) einen Vorbehalt gegenüber der Gewissheit des Sprechers mit Blick auf den Aussagegehalt oder b) einen Vorbehalt gegenüber der Objektivität bzw. Unstrittigkeit des Aussagegehalts ausdrücken.28 Mit Unterscheidungen wie diesen wird von linguistischer Seite bestätigt und kategorial geschärft, was von sozialwissenschaftlicher Seite bereits seit 26  Forschungsüberblicke z.B.  bei Hyland, Hedging, S. 56-80; jüngst in Schröter, Genau oder ungenau? 27  Hyland, Hedging, S. 79. 28  Vgl. Schröter, Genau oder ungenau?, S. 183.

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längerem postuliert wird, nämlich dass nicht nur knowledge claims, sondern auch ignorance claims in wissenschaftlichen Texten unterschiedlichen sach-, autor- und publikumsbezogenen Zwecken dienen. Nach Holly Stocking und Lisa Holstein sind dies insbesondere die Markierung von Forschungslücken (»knowledge gaps«), die Formulierung von umsichtigen Vorbehalten gegen­ über eigenen Ergebnissen, die letztlich aber vor allem die eigene Kompetenz demonstrieren sollen (»caveats«), sowie die Kritik an Erkenntnissen anderer Wissenschaftler.29 Ignorance claims lassen sich damit in gleicher Weise zum rhetorischen Arsenal des Wissenschaftsdiskurses zählen wie knowledge claims: From a social constructivist perspective, then, cognitive ignorance claims are tools in the epistemological tool kits of those who work to construct scientific knowledge. They are a part of the strategies that scientists use to persuade other scientists of their knowledge claims and their competence.30

Während Stocking und Holstein sowie Pinch zeigen, dass Akteure Nichtwissen und Wissenslücken vor allem in fremden Disziplinen und älteren Arbeiten identifizieren als in der jeweils eigenen aktuellen Forschung, konstatiert Star, dass fremden Disziplinen bevorzugt sicheres Wissen zugeschrieben wird.31 Eine Ursache für die unterschiedlichen Ergebnisse könnte in der Prestige­ hierarchie von Disziplinen,32 aber auch in unterschiedlichen disziplinären Diskursroutinen liegen. Dabei können diese – zum Beispiel im Rahmen interdisziplinärer Kommunikation – miteinander in Konflikt treten, wenn Wissens- und Kompetenzansprüche ganz unterschiedlicher Fächer, Methoden und Fragestellungen aufeinander treffen.33 Eine umfangreiche Studie von Lisa Rhein zu Diskussionen nach wissenschaftlichen Vorträgen im Rahmen interdisziplinärer Tagungen hat gezeigt, dass Nichtwissenszuschreibungen in solchen Diskussionen in ganz unterschiedlicher Form und mit ganz unter­ schiedlichen kommunikativen Effekten eingebracht werden können:34 – Vermeintlich ›sicheres Wissen‹ wird aufgrund unterschiedlicher fachlicher Perspektiven und Methoden hinterfragt, angezweifelt und damit unsicher: Was dem Diskutanten eines Faches als Pro-Argument dient und als sicheres Wissen gilt, kann von einem Diskutanten eines anderen Faches als noch 29  Stocking/Holstein, Constructing and reconstructing, S. 191-193. 30  Ebd., S. 193. 31  Ebd. sowie Pinch 1981, The Sun-Set, S. 138; Star, Scientific work and uncertainty, S. 408. 32  Vgl. Pinch, The Sun-Set, S. 142, 145; zur Disziplinenhierarchie vgl. auch Stichweh, Wissenschaft, S. 29. 33  Vgl. z.B. Janich/Zakharova, Wissensasymmetrien; Janich/Zakharova, Fiktion »gemein­ same Sprache«? 34  Rhein, Selbstdarstellung in der Wissenschaft, Kap. 7.

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unbewiesen (Postulat) oder als eine empirisch nicht abgesicherte Behaup­ tung von Normen (Setzung), also als potenziell fallibles Wissen, abgewertet werden. – Selbstzuschreibende Unsicherheitsmarkierungen können der Abschwä­ chung von Kritik dienen: Die Andeutung eines eigenen Zweifels kann einer zurückhaltenden Äußerung negativer Kritik dienen, auch wenn dies oftmals nur oberflächlich abschwächend wirkt. Auch Nichtwissens-Zuschreibungen auf die eigene Disziplin haben Entlastungsfunktion, da die Verantwortung für dieses Nichtwissen abgegeben bzw. korporativ geteilt werden kann. – In diesem Zusammenhang kann es nötig werden, auf die ›Vorläufigkeit von Erkenntnissen‹ hinzuweisen und sich oder der Fachcommunity ein ›Nochnicht-(genau-genug)-Wissen‹ zuzuschreiben in dem Sinne, dass man sich (derzeit) intensiv um Forschung und eine kritische Auseinandersetzung mit den Sachverhalten bemühe. – Fremdzuschreibungen von Nichtwissen/Unsicherheit äußern sich dagegen häufig in Form eines Vorwurfs oder zumindest als negative Kritik. Sie sind potenziell gesichtsbedrohend, weil Kompetenz und Fachwissen des Gegen­ übers angegriffen sein können. Der Kritisierte fühlt sich deshalb meist dazu angehalten, auf solche Fremdzuschreibungen von Nichtwissen kompetent und professionell zu reagieren, um sein Image als kompetenter Forscher zu stabilisieren und zu erhalten. – Die Zuschreibung von ›Nicht-wissen-Können‹ hat ebenso wie das ›Nichtwissen-Wollen‹ in wissenschaftlichen Diskussionen kaum einen Platz, da sie der wissenschaftlichen Grundhaltung von der prinzipiellen Überwind­ barkeit von Nichtwissen sowie dem Forschungs- und Erklärungsdrang widerspricht. Als Fremdzuschreibung wären sie zudem ein gravierender gesichtsverletzender Angriff, der meist aus Gründen des respektvollen Um­ gangs miteinander vermieden wird. In schriftlichen Texten sind Nichtwissens- und Unsicherheitsmarkierungen in Ansätzen bereits computerlinguistisch untersucht. György Szarvas u.a. untersuchen drei digitale Korpora mit biomedizinischen Wissenschafts­ texten, enzyklopädischen Artikeln und Zeitungstexten vergleichend auf ver­ schiedene sprachliche Mittel hin, die sie als linguistische Markierungen für verschiedene semantische Typen von Unsicherheit betrachten. Dabei spielt eine »doxastische« Unsicherheit (Glauben und Meinen) in wissenschaftlichen Texten – nicht überraschend – kaum eine Rolle. Stattdessen dominiert die »investigative« Unsicherheit (mit häufigen Schlüsselwörtern wie investigate, examine und study). Interessant sind dabei die trotzdem vorhandenen wissen­ schaftsinternen Textsortenunterschiede: Ausdrücke wie can, if, would, could

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oder will erscheinen in wissenschaftlichen Vollartikeln prozentual ungefähr sechsmal häufiger als in wissenschaftlichen Abstracts – dementsprechend lässt sich auch eine »konditionale« Unsicherheit stärker in den Aufsätzen als in den Abstracts nachweisen. »Investigative« Schlüsselwörter tauchen relativ zum Textumfang dagegen dichter in Abstracts als in Artikeln auf.35 Insgesamt zeigt sich in dieser und einer anderen computerlinguistischen Studie aus demselben Forschungskontext, dass es deutliche domänen- und textsortenspezifische Unterschiede im Umgang mit Unsicherheit gibt. Umso problematischer erscheint die mangelnde Berücksichtigung der Kontext­ sensibilität und konkreten Kontextbedeutung der ausgewählten Schlüssel­ wörter bei gleichzeitiger Beschränkung auf lexikalische Einheiten in diesen Studien.36 In vielen linguistischen Arbeiten, die sich die sprachliche Form von ignorance claims genauer ansehen, wird daher auch vor einfachen FormFunktion-Äquivalenzen gewarnt37 – schon die erwähnten Befunde von Stocking und Holstein zeigen, welch unterschiedliche Funktionen ignorance claims in wissenschaftlichen Aufsätzen haben können (von der Formulierung eines Forschungsdesiderats über Relativierung von Ergebnissen bis hin zur Demonstration von Kompetenz).38 Es sollte also nicht von der lexikalischen Bedeutung eines Ausdrucks ohne Berücksichtigung des Kontextes auf seine konkrete Äußerungsbedeutung und seine Funktion im Text geschlossen werden, denn die umstrittene Hypothese kann z.B. genau an dieser Stelle evident widerlegt sein, und mit dem Hinweis auf einen bestehenden Zweifel kann gewarnt, gedroht oder weitere Forschung begründet werden. Stattdessen sind quantitative Studien zu Wortfrequenzen und sprachlichen Mustern mit qualitativen Studien zu deren pragmatischer Funktion in Text und Diskurs unbedingt zu verbinden: So zeigt beispielsweise eine Studie zum ExperimentBegriff, dass die korpuslinguistisch und damit quantitativ nachweisbaren ambivalenten positiven wie negativen Bedeutungsspektren von Wörtern wie Experiment, experimentieren und experimentell im deutschen Sprachgebrauch in forschungspolitischen Konfliktdiskursen von verschiedenen Akteuren unterschiedlich strategisch genutzt werden können, um experimentelle Forschung als notwendige Grundlagenforschung zur Schließung von Wissens­

35  Szarvas et al., Cross-genre and cross-domain detection, bes. S. 349-351, 360. 36  Vgl. Szarvas et al., Cross-genre and cross-domain detection, S. 345f., 362f., sowie Vincze, The BioScope Corpus. 37  Vgl. z.B. Hyland, Hedging, S. 254. 38  Vgl. Stocking/Holstein, Constructing and reconstructing, S. 191-193.

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lücken einzufordern oder aber aufgrund der damit verbundenen Unsicher­ heiten als gesellschaftliches Risiko abzulehnen.39 Auch haben qualitative textlinguistische, diskurslinguistische und rhetorisch-stilistische Studien gezeigt, wie vielfältig die sprachlichen Aus­ drucksmöglichkeiten sind, mit denen Nichtwissen und Unsicherheit thema­ tisiert und zugeschrieben werden können: 1. Grammatisch-syntaktische Phänomene: a) Tempusmarkierungen zur zeitbezogenen Konzeptualisierungen eines Noch-nicht-, Bislang-nicht-, Niemals-Wissens: z.B. durch gram­ matische (Verbtempus) oder lexikalische Verweise auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (seit Jahren, niemals, zukünftig usw.). b) Modale Markierungen zur Graduierung von epistemischer Sicherheit/ Unsicherheit: z.B. durch Verwendung von Konjunktiv, von Modalver­ ben wie können, sollen, müssen und Modalitätsverben wie scheinen oder brauchen, von Modalwörtern wie vielleicht, wahrscheinlich, möglicherweise, von Fragesatzkonstruktionen u.a. c) Verwendung von Negation zur Verneinung von Sicherheit oder Wis­ sen: z.B. durch Negationsadverbien und -artikel wie nicht, kein, ohne, häufig in Kombination mit temporalen Konstruktionen wie noch nicht, niemals. 2. Wortbildungsphänomene, angesiedelt im Übergangsbereich zwischen grammatischen und lexikalischen Merkmalen, wie für das Deutsche zu­ mindest der Ausdruck von Negation (un-, -los) oder Modalität (-bar) in­ nerhalb der Wortstruktur selbst. 3. Lexikalische Phänomene: a) Ausdrücke, die über ihre Bedeutung prototypisch auf Nichtwissen und Unsicherheit referieren (wie Irrtum, Nichtwissen, Ignoranz, Zweifel, Kontroverse, Risiko, unsicher, fraglich, zweifelhaft, unbekannt). b) Ausdrücke, die kontextabhängig über gemeinsame semantische Merk­ male auf Nichtwissen und Unsicherheit referieren können (wie fehlende Daten, offene Fragen, umstritten). c) rhetorische Figuren wie Metaphern (wie weiße Flecken, Wissenslücke schließen, Neuland beschreiten), Personifikationen (Stiefkind der Forschung) oder Vergleichskonstruktionen (eine Art x), aber auch mit Hyperbeln oder Ironie. Gerade die rhetorischen Ersatzfiguren lassen sich kaum mehr rein lexikalisch beschreiben – sie sind aber für die diskursive Bewertung, die 39  Vgl. Janich/Simon, Zur öffentlichen Semantik des Experiments.

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Nichtwissenszuschreibungen oft inhärent ist, sehr wichtig, insbesondere in wissenschaftsexternen Texten beispielsweise des Wissenschaftsjour­ nalismus. Dies zeigt z.B. eine rhetorische Analyse eines kritischen Artikels in der Süddeutschen Zeitung zu einem 2009 genehmigten Feldexperiment zur Eisendüngung im Ozean (durchgeführt vom Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven unter dem Namen Lohafex). In dem SZ-Artikel finden sich zahlreiche rhetorische Strukturen, die ihn zu einem multifunktionalen wissenschaftsjournalistischen Text machen, beispielsweise:40 1. Metaphorische Wortfelder zu folgenden Bildspendebereichen: a) ›Spiel‹: Spiel ohne Grenzen, Gott spielen, an der Erde herumspielen, Rubrik Zukunftsspielchen, Gedankenspiel; b) ›Science Fiction‹: fielen derartige Experimente unter die Rubrik Zukunftsspielchen und Dr.-Seltsam-Phantasien; wie das Drehbuch zu einem jener sehr schlechten Science-Fiction-Filme aus den fünfziger Jahren; c) ›Technik‹: mittels »Techno-Fix« in den Griff zu bekommen, jeder neue Megakonstruktionsvorschlag, die Erde wie einen Computer einfach noch einmal neu starten. 2. Figuren der Übertreibung (Hyperbeln) wie z.B. dramatisch, drastische Maßnahmen, Superorganismus, für Jahrtausende oder zu den Wortfel­ dern (hier oft zugleich metaphorisch): a) ›Größenwahn‹: Hybris, Wahnvorstellung, die Erde manipulieren; b) ›Katastrophe‹: Klimakatastrophe, Desaster, neue Eiszeit, Kollaps, die alles nur noch schlimmer macht, irreversibel schädigen, Der Ozean ist ein riesiges Grab. 3. Verwendung von Ironie, sichtbar z.B. in den folgenden Zitaten: – Aber man will keinesfalls Gott spielen oder die Erde manipulieren. Es ist nur ein Versuch. Ein Back-up für den Notfall. – Und jetzt ist dieses Forschungsschiff tatsächlich unterwegs in Richtung des südlichen Eismeeres, um die Welt zu retten. Natürlich sagt man das nicht so laut. – Bis zum Sommer sollen erste Erkenntnisse über die Machbarkeit vorliegen. Umgesetzt werde das aber nur im absoluten Ernstfall, selbstverständlich.

40  Vgl. die Analyse in Simmerling/Janich, Rhetorical functions. Der analysierte Originaltext, aus dem auch die folgenden kursivierten Wort- und Satzbeispiele stammen, ist: Stein­ berger, Petra (2009): Geo-Engineering gegen den Klimawandel. Spiel ohne Grenzen. In: Süddeutsche Zeitung, 07.02.2009. http://www.sueddeutsche.de/wissen/geo-engineeringgegen-klimawandel-spiel-ohne-grenzen-1.493204. Abrufdatum 26.08.2019.

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4.

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Nutzung antithetischer Strukturen und Argumentationsmuster: a) Z.B. zur Kontrastierung von Wissen und Nichtwissen: – Man weiß, dass eine kleine Menge Eisen das Planktonwachstum stimuliert. Man weiß, dass in weiten Regionen der Weltmeere praktisch kein Eisen vorkommt. Aber man weiß noch nicht, wie viel gedüngt werden darf und welche Arten von Algen dadurch gefördert werden. Man weiß allerdings, dass Algenblüten zu jenen »Toten Zonen« führen […]. – Denn man weiß einfach zu wenig über die Erde als potentiellen Gegenstand solcher Manipulationen, über unvorhergesehene Rückkopplungseffekte. Im Gegenteil man hat viele schlechte Erfahrungen mit früheren massiven technischen Eingriffen in die Umwelt. b) Z.B. zur (so wird unterstellt) schwindenden Unterscheidbarkeit zwischen vernünftigen Wissenschaftlern und mad scientists (vgl. entsprechend verschiedene, sich abwechselnde Vokabularstränge: Wissenschaftler, Analytiker, Experiment, Expedition, Diskussion ste­ hen neben Wörtern wie Stimmung, Manipulation, Hybris, Wahnvorstellung, nach eigenem Gutdünken, wildgewordene Individuen, Techno-Positivisten, teilweise für dieselben Personen, Quellen oder Forschungszusammenhänge): – Bis vor ein paar Jahren fielen derartige Experimente unter die Rubrik Zukunftsspielchen und Dr.-Seltsam-Phantasien. […] man bekam zu schnell einen schlechten Ruf […]. – Nur sind es immer mehr vernünftige Forscher, die inzwischen leise von riesigen Sonnenspiegeln im Weltall träumen und von Flotten künstlicher Wolkenmacher, die das Sonnenlicht ins All zurückwerfen sollen. Nüchterne Forscher träumen von der Düngung der Weltmeere, um CO2 darin zu versenken, und von Wäldern aus künstlichen Bäumen, die CO2 aus der Luft nehmen sollen. Kluge Forscher denken über gewaltige Experimente nach, welche die gesamte Erde manipulieren sollten, um sie zu retten.

Das Zusammenspiel dieser sehr heterogenen sprachlichen Mittel (z.B. die Ver­ bindung der Spiel-Metaphorik mit dem Wortfeld zur wissenschaftlichen Hybris, die Verbindung von Science Fiction/Technik-Metaphern mit Hyperbeln, die auf Katastrophe und Gefahr verweisen) in einer grundsätzlich antithetisch durchkomponierten Textanlage führt dazu, dass ein sehr wissenschafts­ skeptischer Artikel herauskommt, der zwar wissenschaftliche Quellen und Autoritäten zitiert, der aber doch ironisch bis sarkastisch das wissenschaft­ liche Nichtwissen als Vorwurf mangelnder wissenschaftlicher Verantwortung nutzt. Zugleich wird die Journalistin damit aber verschiedenen klassischen

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Funktionen41 des Journalismus gerecht: Sie informiert über einzelne ClimateEngineering-Optionen und damit über die Konzeptionalität solcher Experi­ mente. Mittels Zitierung verschiedenster renommierter Wissenschaftler sowie des Verweises auf die Gegenposition von Umweltschützern klärt sie, teils in­ vestigativ, über die Kontroverse auf. Über Ironie und Metaphorik warnt sie jedoch auch ganz deutlich vor wissenschaftlicher Hybris und den Risiken solcher Feldexperimente und bezieht sie eindeutig Gegenposition. Damit ist aber bereits der Schritt von der Analyse der sprachlichen Markie­ rung und Bewertung von Nichtwissen zur Betrachtung der Funktionalisierung von Nichtwissen im Diskurs getan. 4.

Funktionalisierung von Nichtwissen und Unsicherheit im Diskurs

Genuin diskurslinguistische Studien zum aktuellen Umgang mit Nichtwissens­ zuschreibungen im Spannungsfeld von Wissenschaft und Öffentlichkeit gibt es bislang nur wenige, der Schwerpunkt zumindest der germanistischen Dis­ kurslinguisten lag bislang eher auf Fragen der Wissenszuschreibung und der Durchsetzung agonaler, d.h. miteinander im Wettstreit um Anerkennung und Durchsetzung stehender Wissensbestände in öffentlichen Debatten und Konflikten.42 Es kann aber auf Arbeiten der Wissenstransferforschung zurückgegriffen werden, die sich dem Nichtwissen indirekt über die Frage der Wissensvermittlung und Wissenstransformation genähert haben. Wolf-Andreas Liebert43 hat an Texten zum Phänomen des Ozonlochs ge­ zeigt, dass die Argumentation in naturwissenschaftlichen Texten meist komplexen Sprachhandlungsmustern folgt, und zwar einer Kombination aus EXISTENZ VON X BEHAUPTEN (= X BESCHREIBEN) indem DATEN VON X BESCHREIBEN (= X ERKLÄREN) indem DATEN VON X INTERPRETIEREN. Er beschreibt den wissenschaftsinternen Diskurs der Naturwissenschaften demnach als einen Wechsel zwischen ERKLÄREN – ÜBERPRÜFEN – 41  Vgl. Stocking/Holstein, Manufacturing doubt, S. 32, 37. Vgl. genauer in Simmerling/Janich, Rhetorical functions, und Janich/Simon, Zur öffentlichen Semantik des Experiments, S. 119-121. 42  Vgl. zum Beispiel die Bände der wissenschaftlichen Reihen »Sprache und Wissen« (hg. von Ekkehard Felder/Marcus Müller) und »Diskursmuster – Discourse Patterns« (hg. von Beatrix Busse/Ingo H. Warnke). 43  Vgl. Liebert, Wissenstransformationen.

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BESTÄTIGEN/ZURÜCKWEISEN, und zwar notwendigerweise in Kombi­ nation mit AN FACHDISKURS ANKNÜPFEN. Werden die Naturwissen­ schaften zum Gegenstand der externen Wissenschaftskommunikation (zum Beispiel mit Hilfe der Sprachhandlungsmuster BEZUGSRAHMEN EXPLIZIEREN, BEZUGSRAHMEN ERWEITERN oder BEZUG ZUM LAIENALLTAG HERSTELLEN), dann stellt sich die Frage, was aus der wissen­ schaftlichen Eristik, aus dem BESTÄTIGEN/ZURÜCKWEISEN und aus Dis­ kussionen, Kontroversen und Disputen44 im Hinblick auf Nichtwissen und Unsicherheit wird. Liebert charakterisiert die journalistische Vermittlungs­ kommunikation als komplexes Handlungsmuster FACHARGUMENTATION REKONSTRUIEREN, ausgeführt durch Sprach- bzw. Texthandlungen wie: – DARSTELLEN DER AUSGANGSFRAGESTELLUNG DES FACHDISKURSES UND DES ARGUMENTATIONSGANGS, – DARSTELLEN ALTERNATIVER DISKURSPOSITIONEN, – DIFFERENZIEREN NACH SICHEREM, UNSICHEREM UND UMSTRITTENEM WISSEN, – SPEZIFIZIEREN DER ART DES UNSICHEREN WISSENS, – ZUORDNEN VON UMSTRITTENEM WISSEN ZU EINZELNEN FACHDISKURSPOSITIONEN – DARSTELLEN DER RELEVANZ INNERHALB UND AUSSERHALB DER WISSENSCHAFT. Vor allem das letzte Handlungsmuster bietet nach Liebert dabei sehr viel Spielraum für genuin wissenschaftsjournalistische Texthandlungen und Be­ wertungen wie – GEFAHR ANDEUTEN – VOR GEFAHR WARNEN – ZUM HANDELN DRÄNGEN – VEREINFACHEN – ÜBERTREIBEN oder – KLISCHEES BEDIENEN. Damit bestätigt Liebert, was auch Stocking und Holstein aus kommunikations­ wissenschaftlicher Perspektive festgestellt haben, dass sich nämlich Autoren­ ziele und Textfunktionen der Thematisierung wissenschaftlichen Nichtwissens von der wissenschaftsinternen zur journalistischen Kommunikation ver­ ändern, dass ignorance claims dann anderen Regeln und Mustern folgen und dass die beiden Akteursgruppen, Wissenschaftler vs. Journalisten, nicht 44  Zu einem Unterscheidungsvorschlag siehe Dascal, Dialektik.

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unbedingt wahrnehmen und reflektieren, was Nichtwissenszuschreibungen für die jeweils andere Akteursgruppe bedeuten.45 In einer Fallstudie zum bereits erwähnten Meeresdüngungsexperiment Lohafex (2009) als einem Ausschnitt aus dem Klimawandeldiskurs, konnte dies im Vergleich von politischen, journalistischen und wissenschaftlichen Äußerungen und Positionen an konkreten Äußerungen und Texten nach­ gewiesen werden.46 Die für das Experiment verantwortliche wissenschaftliche Institution rechtfertigt die experimentelle Planung mit dem Bedarf an Daten und ordnet das Experiment klar der Grundlagenforschung zu: [Alfred-Wegener-Institut/AWI in einer Pressemitteilung 2009:] Das indische National Institute of Oceanography (NIO) und das deutsche Alfred-WegenerInstitut für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft haben im Vorfeld von LOHAFEX die potentiellen Umweltbelastungen bewertet. Dabei konnten sie zeigen, dass das Experiment keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt haben wird. […] Dementsprechend leistet LOHAFEX legitime und dringend benötigte Grundlagenforschung im Rahmen der kontroversen Debatte über Eisendüngung.

Argumentativ nutzt die Wissenschaft dafür eine Art »Reputationslexik«, die auf die eigene wissenschaftliche Kompetenz und Umsicht referiert: [AWI in einer Pressemitteilung 2009:] Weiterhin bestätigen sie [die externen Gut­ achten; NJ], dass die beteiligten Forscher höchste Reputation genießen und das Experiment den modernsten wissenschaftlichen Standards entspricht. Wer, wenn nicht ein renommiertes Forschungsinstitut wie wir, kann die Daten, die in den internationalen Konventionen für eine fundierte Diskussion gefordert werden, liefern?

Die Politiker wiederum berücksichtigen wissenschaftliche Unsicherheiten insofern, als sie politisch kontrovers über die Genehmigung einer solchen Forschung streiten: [Sigmar Gabriel in einer Presseerklärung des Bundesumweltministeriums/BMU 2009] Unsere Vorbehalte gegen LOHAFEX bestehen fort […]. Außerdem wies die »Risikoanalyse« aus Sicht des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) noch Lücken auf, die abzuklären gewesen wären. International ist der Ansatz der Meeresdüngung höchst umstritten, da die Wirksamkeit der Methode fraglich ist. […] Für das BMU ist es ein fataler Ansatz, den Klimawandel durch ein Herumdoktern an unseren Meeresökosystemen aufhalten zu wollen. Dieses unwissenschaftliche Denken hat unmittelbar in die Klimakrise geführt und taugt nicht zu ihrer Lösung. 45  Vgl. Stocking/Holstein, Constructing and reconstructing. Ähnlich auch Heidmann/Milde, Communication about scientific uncertainty, oder Guenther, Evidenz und Medien. 46  Vgl. Janich/Simmerling, »Nüchterne Forscher träumen …«. Dort auch detaillierter Nach­ weis aller Beispielzitate.

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Letztlich stützt sich die Politik in ihren Entscheidungen aber ganz wesentlich auf wissenschaftliche Gutachten und vertraut in ihrer Einschätzung explizit den Experten (z.B. im Blick auf Rechtmäßigkeit, Gefährdungs- und Risikograd von Feldexperimenten), womit sie die Verantwortung von sich auf die Wissen­ schaft verschiebt: [Annette Schavan in einer Presseerklärung des Bundeswissenschafts­ ministeriums/BMBF 2009:] Nach Auswertung der mir vorliegenden Gutachten bin ich davon überzeugt, dass es keine naturwissenschaftlichen und rechtlichen Bedenken gegen das deutsch-indische Meeresforschungsexperiment LOHAFEX gibt. […] Dabei habe ich mich auf die Bewertungen international anerkannter Institutionen und herausragender Wissenschaftler gestützt, die zu den ökologischen Auswirkungen und dem Verhältnis des Experiments zu den einschlägigen Konventionen Stellung genommen haben. […] Ferner hat mir das AWI nochmals versichert, dass von dem Experiment keine Gefährdung für die Meeresumwelt ausgeht.

Die Wissenschaft wiederum möchte diese Art von Verantwortung aber nicht unbedingt übernehmen, sondern sieht ihre Aufgabe vor allem in der Bereit­ stellung von Wissen, weniger im Treffen von politischen Entscheidungen.47 Journalisten und Bürger schließlich verweisen insbesondere bei einem Ver­ dacht auf gesellschaftlich relevante Risiken warnend bis besorgt auf wissen­ schaftliche Unsicherheiten und negieren in diesem Kontext die unbedingte Freiheit der Forschung – dies zeigen der bereits in Abschnitt 3 analysierte SZArtikel ebenso wie Blogeinträge besorgter Bürger: [Aus einem Commonsblog-Eintrag 2009:] Solche Experimente sind ja oft Einfallstore für das nächste und das nächste und das nächste [...] ›für die Bekämpfung des Klimawandels notwendige‹ Experiment. Mit einigen Dingen – u.a. den biologischen Prozessen der Erde – sollten aber möglichst keine Experimente gemacht werden.

Eine aktuelle Studie zum Pestiziddiskurs (konkret: zu Auswirkungen von Neonikotinoiden auf das sog. »Bienensterben«) zeigt ergänzend, dass sich auch darin, ob Nichtwissenszuschreibungen überhaupt argumentativ genutzt werden, die verschiedenen Akteursgruppen eines Diskurses sehr deutlich unterscheiden können:48 Diejenigen, die Interesse an der Genehmigung und Herstellung der Stoffgruppe der Neonikotinoide haben (z.B. Pharmaunter­ nehmen), stellen vor allem die Unsicherheit in den Vordergrund, ob und in­ wiefern experimentelle Forschung zur Schädigung von Bienen aussagekräftig 47  Vgl. Janich/Stumpf, Verantwortung unter der Bedingung von Unsicherheit, S. 193-194. 48   Vgl. Simon, Die Reduzierung epistemischer Sicherheit. Dort auch differenzierter Quellennachweis.

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im Hinblick auf tatsächliche Freilandgegebenheiten ist, und verschieben so geschickt die Beweislast in Richtung der Pestizid-Gegner: [Aus einer Informationsbroschüre eines Pharmaunternehmens 2016:] Viele der Studien, in denen behauptet wurde, Neonikotinoide hätten nachteilige Wirkungen auf Bienen, wurden im Labor oder unter anderen, unrealistischen Expositionsbedingungen durchgeführt. Häufig waren die Expositionsdosen oder -konzentrationen überhöht, und es wurden Substanzmengen verabreicht, die unter realistischen Feldbedingungen in dieser Form niemals auftreten würden. Unter solchen Bedingungen ist es natürlich nicht verwunderlich, dass Insekten wie Bienen durch ein Insektizid geschädigt werden. Dies gibt jedoch keinen Aufschluss darüber, welche Wirkung ein Produkt in einem realistischen Szenario hat, wie es im Feld unter praktischen landwirtschaftlichen Bedingungen gegeben ist.

Die Pestizid-Gegner (also zum Beispiel Umweltschutzorganisationen) argu­ mentieren eher über die Evidenzen und Übereinstimmungen verschiedener (Labor-)Befunde, um ihrer Position Nachdruck zu verleihen, und zwar interessanterweise meist ohne umgekehrt den Pestizidherstellern einen Un­ bedenklichkeitsnachweis abzuverlangen. Insgesamt fehlt es aber immer noch an genuin linguistischer Forschung, die die Funktionalisierung von naturwissenschaftlichem Nichtwissen bzw. von Unsicherheiten in wissenschaftsinternen und -externen Diskursen auch unter pragmatischer, rhetorischer und stilistischer Perspektive genauer in den Blick nehmen würde – zum Beispiel um bessere Grundlagen zu schaffen für Disziplinen-, Themen-, Kultur-, Zeit- oder Genre-Vergleiche. 5.

Ausblick: Das öffentliche Bild der Wissenschaft

Will die Wissenschaft Glaubwürdigkeitskrisen angemessen begegnen, muss sie sich mit der auch sozialen Konstruiertheit ihres Wissens, den rhetorischen Dimensionen von Wissenschaftssprache und -kommunikation und auch mit der Frage eines transparenten Umgangs mit wissenschaftlichem Nichtwissen und Unsicherheiten aktiv auseinandersetzen. Bruno Latour hat sich bereits 2007 in einem eindringlichen Text zur Krise der Wissenschaft im Hinblick auf ihren Geltungsanspruch auf ein wahres oder besseres Wissen geäußert: Verstehen Sie, warum ich beunruhigt bin? Ich habe früher selbst einige Zeit mit dem Versuch verbracht, den »Mangel an wissenschaftlicher Gewißheit« aufzu­ zeigen, der der Konstruktion von Tatsachen inhärent ist. Auch ich machte daraus ein Hauptanliegen, ein »primary issue«. Aber es ging mir doch nicht darum, durch Verdunkelung eines unbezweifelbaren Arguments die Öffentlichkeit an der Nase herumzuführen – oder doch? Schließlich bin ich genau dessen be­ schuldigt worden. Aber ich würde doch meinen, daß ich im Gegenteil versucht

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habe, die Öffentlichkeit von vorschnell naturalisierten, objektivierten Fakten zu emanzipieren. Hat man mich so mißverstanden? Haben sich die Dinge so schnell geändert? Die Gefahr läge dann nicht mehr in einem exzessiven Vertrauen auf ideologische Argumente, die sich als Tatsachen ausgeben – Argumente der Art, wie wir sie so wirksam zu bekämpfen gelernt haben – sondern in einem exzessiven Mißtrauen in solide Tatsachen, die man als ideologische Vorurteile ausgibt! Müssen wir, während wir jahrelang versucht haben, die wirklichen Vor­ urteile hinter dem Anschein von objektiven Feststellungen aufzudecken, jetzt die wirklich objektiven und unbestreitbaren Fakten aufdecken, die hinter der Illusion von Vorurteilen verborgen sind?49

Es geht also generell nicht nur um die Frage, welchen Geltungsstatus konkrete wissenschaftliche Evidenz gegenüber ideologischen Dogmen, Fake News oder fundamentaler Skepsis heute hat, sondern auch darum, wie eine offene und differenzierte Kommunikation von Unsicherheit/Ungewissheit, Nichtwissen, Zweifel und Kontroverse dazu beitragen kann, wissenschaftliche Geltungs­ ansprüche auf Wahrheit diskursiv sinnvoll zu legitimieren und zu distribuieren. Dafür lohnt es sich, ab und zu auch einen Blick auf andere Kommunikations­ wege und -formate (z.B. in den Sozialen Medien, vgl. den Beitrag von Könneker in diesem Band) sowie ungewohnte Zielgruppen zu werfen. Dies sei hier ab­ schließend im Sinne eines Ausblicks getan: Die Kinderuni ist eine Institution, die an vielen Universitäten dazu beiträgt, dem Nachwuchs (im echten Wort­ sinn) Wissenschaft vertrauter zu machen: Über Vorlesungen für Kinder sollen nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse kindgerecht und spannend vermittelt werden, sondern es geht auch darum, dem Publikum die Genese wissenschaft­ lichen Wissens und Formen wissenschaftlicher Praxis näher zu bringen. In Studien zu drei Sachbuchbänden, in denen zwei Tübinger Journalisten die Vorlesungen der ersten deutschen Kinderuni an der Universität Tübingen für Kinder und Jugendliche vertextet haben, lässt sich zeigen, dass die Bücher der Wissenschaft weitgehend gerecht werden, dass sie sich aber zugleich ver­ breiteter Stereotype über Wissenschaft und Wissenschaftler bedienen, z.B. in­ dem sie diese ironisch aufrufen und durch Ausnahmen von der Regel implizit bestätigen (z.B. bezüglich der Unterschiede zwischen Natur- und Geistes­ wissenschaften oder zwischen Männern und Frauen, der Kompliziertheit wissenschaftlicher Fachsprache oder der vermeintlichen Bequemlichkeit von Studierenden).50 Nichtwissen und Ungewissheit kommen in diesen Büchern 49  Latour, Das Elend der Kritik, S. 10f. 50  Bei den analysierten Kindersachbüchern handelt es sich um: Janßen, Ulrich/Steuer­ nagel, Ulla. Die Kinder-Uni. Forscher erklären die Rätsel der Welt. Mit Illustrationen von Klaus Ensikat. Bd. 1-3. München: Deutsche Verlagsanstalt 2003-2005. Bei den zitierten linguistischen Studien hierzu handelt es sich um: Janich, Science revisited, und Janich, Forscher erklären die Welt.

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vor allem in Form von ehemaligen oder aktuellen Wissenslücken, teilweise aber auch in Form noch ungesicherter Annahmen vor (z.B. in Formulierungen wie immer noch nicht ganz geklärt, versuchen Wissenschaftler seit Jahrhunderten herauszufinden, auch sie haben es bislang noch nicht bis in die letzten Moleküle durchschaut, auch wenn wir das wahrscheinlich nie erfahren werden). Sie begleiten Forschung ganz selbstverständlich, weil auch heute noch nicht alles sofort erklärt werden kann, was sich aus neuen Erkenntnissen an Fragen immer neu ergibt. Auch (methodische oder ethische) Grenzen des Wissens werden punktuell durchaus thematisiert (z.B. beim Thema Genetik: Damit können wir jetzt endlich eine Antwort auf unsere Frage geben, ob man Menschen klonen darf. Man darf es nicht. Das Klonen ist zu kompliziert und zu riskant, um es an uns Menschen auszuprobieren.). Was aber schon in diesen Büchern fehlt oder zumindest eine Schwierigkeit im Vermittlungsprozess zu sein scheint, ist die Einbindung von Kontroversen, widersprüchlichen Expertenmeinungen oder gar von Streit in der Wissenschaft (die extrem seltenen Hinweise darauf verbergen sich in Marginaltexten oder Nebensätzen). Stattdessen ist laut Kinderuni-Büchern neues Wissen weitgehend eindeutig und immer besser als altes, und beides unterscheidet sich in seiner Komplexität maßgeblich von dem, was wir im Alltag wissen (und teilweise sogar: verstehen) können. Wissenschaftliches Wissen wird damit als die Überwindung eines Nochnicht-Wissens rekontextualisiert, nicht aber als ein irgendwie zeitgenössisch konfligierendes oder unsicheres Zukunftswissen, und es bleibt immer ein Spezial- und Expertenwissen. Insgesamt sind die Darstellungen in den Kinderuni-Büchern also von einem optimistischen Bild eines ununterbrochenen Erkenntnisprozesses gekenn­ zeichnet, einer linearen Progression wissenschaftlichen Erfolgs und Immermehr-Wissens, die ohne größere Brüche auskommt – und genau das macht sie schnell stereotyp. Wissenschaft bleibt – in Bezug auf ihr Wissen und die zugrundeliegenden Erkenntnisprozesse und trotz der inhaltlichen Bezüge zur Alltagswelt der Kinder – sprachlich wie inhaltlich von einer großen Distanz zur Welt der Laien und damit der Kinder gekennzeichnet, selbst wenn ver­ sucht wird, die Wissenschaftler als ganz normale Menschen in Jeans und Turn­ schuhen mit alltäglichen Neigungen und Hobbies zu zeichnen. Die Kinderuni-Bücher sind (ähnlich wie Kinderuni-Vorlesungen) ein gutes Beispiel für das ehrliche und doch hürdenreiche Ringen der Wissenschaft wie auch des (Wissenschafts-)Journalismus, möglichst früh Brücken zu bauen in die (nichtakademische) Öffentlichkeit, ohne notwendigerweise gegebene Aspekte wie Spezialisierung und Komplexität zu leugnen oder zu simplifizieren. Auch hieran muss sprachlich-kommunikativ (und linguistisch) weitergearbeitet werden, soll Wissenschaft als wichtige demokratische Institution weiter­ bestehen und ihren Dienst für die Gesellschaft leisten.

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Nina Janich

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Vertrauen, epistemische Rechtfertigung und das Zeugnis wissenschaftlicher Experten Jon Leefmann 1. Einleitung Wissen und Vertrauen scheinen auf den ersten Blick Begriffe aus unterschiedlichen Sphären zu sein. Wer beansprucht etwas zu wissen, muss hinreichend gute Gründe für seine Überzeugung vorbringen können. Dann gilt diese Überzeugung als gerechtfertigt. Und auch wenn umstritten ist, was hinreichend gute Gründe sind, um eine Überzeugung als gerechtfertigt bezeichnen zu können, scheint es eine Minimalbedingung zu sein, dass diese Gründe für die Wahrheit der Überzeugung sprechen müssen. Gründe, die für die Wahrheit einer Überzeugung sprechen sind typischerweise Gründe, die in letzter Instanz auf basale Überzeugungen verweisen, welche als nicht weiter begründungsbedürftige Gewissheiten gelten.1 Um zu Wissen zu gelangen, ist es daher notwendig, nach genau solchen Gründen für die eigenen Überzeugungen zu suchen. Die dafür in den Wissenschaften bevorzugten Strategien beruhen auf Verfahren systematischer Beobachtung und logischen Schließens, die – soweit zumindest eine traditionelle Sichtweise – jede vernunftbegabte Person durchführen kann. Vertrauen scheint demgegenüber eine völlig andere und in erkenntnistheoretischer Hinsicht fragwürdige Verhaltensweise zu sein. Wer glaubt, was eine andere Person gesagt hat, weil er ihr vertraut, tut dies nicht, weil er sich an unanfechtbaren oder weithin akzeptierten Tatsachen orientiert, sondern weil er annimmt, dass die andere Person sich nicht irren oder von der Möglichkeit Gebrauch machen wird, die Unwahrheit zu sagen. Wer darauf vertraut, dass andere die Wahrheit sagen, überlässt diesen nicht nur den Inhalt, sondern auch die Gründe für seine Überzeugungen. Und das, obwohl er nicht mit Sicherheit wissen kann, ob diese Personen tatsächlich über diese Gründe verfügen. Wer den Aussagen anderer vertraut, gibt die Kontrolle über das, was er für wahr hält, bewusst aus der Hand. 1  Das gilt gleichermaßen im Rahmen kontextualistischer wie auch fundamentalistischer Rechtfertigungstheorien. Denn der grundlegende Unterschied zwischen beiden Betrachtungsweisen besteht nicht in der Frage, ob es Überzeugungen mit dem Status letzter Gewissheiten gibt, sondern darin, ob diese Gewissheiten kontextabhängig sind oder nicht.

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_005

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Obwohl es einerseits richtig ist, dass neue Forschungsprojekte immer auf bestehendem und als verlässlich geltendem Wissen aufbauen, hat andererseits Vertrauen als epistemologische Strategie in den Wissenschaften traditionell einen schlechten Ruf. Eine Überzeugung auf das Vertrauen in eine andere Person zu gründen, widerspricht ihrem aufklärerischen Selbstverständnis. Zu glauben, dass eine Proposition wahr ist, nur weil eine andere Person sie als wahr deklariert, gilt auch argumentationstheoretisch als Fehlschluss.2 Denn einer anderen Person die Autorität über die eigenen Überzeugungen zu überlassen, schließt in keiner Weise aus, dass die Person sich irrt oder absichtlich die Unwahrheit sagt. Gleichwohl gibt es sowohl bei der Kooperation von Wissenschaftler_innen unterschiedlicher Fachdisziplinen als auch bei der Kommunikation zwischen Wissenschaftler_innen und Nicht-Wissenschaftler_innen Situationen, in denen die Standards des in den Wissenschaften verbreiteten erkenntnistheoretischen Individualismus nicht einzuhalten sind. Ein wichtiger Grund dafür ist die kognitive Arbeitsteilung innerhalb von Wissensgemeinschaften. Die Spezialisierung einzelner Mitglieder auf unterschiedliche Wissensbereiche führt zu einem Anwachsen der Gesamtmenge des vorhandenen Wissens einerseits und zu einer weitläufigen Verteilung der Wissensbestände über eine Vielzahl von Akteuren andererseits. Dies erschwert die soziale Vermittelbarkeit dieses Wissens erheblich, denn im extremen Fall ist dieses Wissen der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft so unterschiedlich, dass ihnen das notwendige Hintergrundwissen oder schlicht die kognitiven und zeitlichen Ressourcen fehlen, um nach Gründen für die Glaubwürdigkeit der Aussagen anderer zu suchen. Ein solcher Extremfall sind die Aussagen von Experten zu wissenschaftlichen Spezialthemen, die für den Laien zwar von Interesse, aber gleichzeitig aufgrund mangelnden Hintergrundwissens nicht überprüfbar sind. Es stellt sich daher durchaus die Frage, ob die Rechtfertigung von Überzeugungen aus dem Zeugnis3 anderer Personen nicht auf andere Weise bewerkstelligt werden muss als durch die individuelle Suche nach Gründen und Evidenzen. Kann Vertrauen in einen Sprecher, kann die Anerkennung einer anderen Person als eine epistemische Autorität nicht auch ein hinreichend 2  Für eine differenzierte argumentationstheoretische Betrachtung des sogenannten Argu­ mentum ad verecundiam siehe Walton 1997. 3  Mit dem Ausdruck »Zeugnis« sind hier und im Folgenden alle mündlichen oder schriftlichen Äußerungen einer Person gemeint, mittels derer sie in der Absicht, anderen Personen etwas mitzuteilen, ihre Überzeugungen zum Ausdruck bringt. Für eine Diskussion des Zeugnisbegriffs siehe Gelfert 2014 und Lackey 2006a.

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guter Grund sein, eine Überzeugung zu rechtfertigen? Und wenn es diese theoretische Option gibt, ist sie im Kontext der Kommunikation zwischen wissenschaftlichen Laien und wissenschaftlichen Experten plausibel? Diesen Fragen geht der Aufsatz in drei Schritten nach. Der erste Teil dient der Klärung des Begriffes »Vertrauen« und arbeitet wesentliche Merkmale dieser mentalen Einstellung heraus. Dies geschieht in der Abgrenzung zum Begriff des Sich-Verlassens, und zwar einerseits hinsichtlich der Objekte, auf die die jeweiligen Einstellungen Bezug nehmen, andererseits hinsichtlich der Gründe, die das Einnehmen der jeweiligen Einstellung rechtfertigen. Anschließend werden etablierte Theorien der Rechtfertigung von Überzeugungen aus dem Zeugnis anderer daraufhin untersucht, welche epistemische Funktion ein so geschärfter Vertrauensbegriff in ihrem Rahmen spielen kann. Es zeigt sich, dass nur die sogenannten Zusicherungstheorien die begrifflichen Ressourcen haben, Vertrauen in eine andere Person als Rechtfertigungsgrund für testimoniale Überzeugungen zu erklären. Im letzten Teil wende ich mich schließlich der Frage zu, ob und inwiefern das Modell der Zusicherungstheorie auf die Kommunikation zwischen Experten und Laien übertragen werden kann und zeige kritisch auf, weshalb einschlägige Behandlungen der Frage in Wissenschaftsphilosophie und Sozialpsychologie von diesem Modell abweichen. 2.

Vertrauen und Sich-Verlassen

Seit langem ist die Unterscheidung zwischen Vertrauen und Sich-Verlassen ein zentraler Dreh- und Angelpunkt der philosophischen Diskussion um den Begriff des Vertrauens. Jedoch halte ich die Unterscheidung insbesondere im Zusammenhang der Diskussion um das Problem des »Vertrauens« zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit noch immer für zu wenig beachtet. Daher ist eine Auseinandersetzung mit ihr geeignet, den im Folgenden zugrunde gelegten Begriff des Vertrauens zu schärfen. Die Unterscheidung zwischen Vertrauen und Sich-Verlassen spielt in der aktuellen philosophischen Debatte in zwei Hinsichten eine Rolle. Erstens hinsichtlich der These, dass Vertrauen im Gegensatz zum Sich-Verlassen ausschließlich eine interpersonale Einstellung sei und zweitens hinsichtlich der These, dass Vertrauen im Gegensatz zum Sich-Verlassen eine kognitive mentale Einstellung sei. Während die erste dieser beiden Thesen als unkontrovers betrachtet werden kann, scheiden sich an der zweiten These die Geister. Beide Thesen seien im Folgenden kurz erläutert.

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2.1 Vertrauen als interpersonale Einstellung Mit Ausdrücken wie »ich vertraue dir« und »ich verlasse mich auf dich« beschreiben wir Einstellungen, die wir in Bezug auf Sachverhalte oder Personen einnehmen können.4 Wenn wir jemandem vertrauen oder uns auf etwas verlassen, dann erwarten wir, dass sich die Welt in einer von uns erwünschten, aber gleichzeitig nicht kontrollierten Weise verhalten wird.5 Beispielsweise kann sich ein an einem Sicherungsseil hängender Kletterer darauf verlassen, dass das Seil ihn im Fall eines Sturzes tragen wird. Er nimmt dann in Bezug auf einen bestimmten, für ihn in diesem Moment wichtigen, aber gleichzeitig ungewissen Aspekt der Welt (die Tragfähigkeit des Seils) eine bestimmte Haltung ein. Diese Haltung zeichnet sich dadurch aus, die Abhängigkeit von diesem Aspekt der Welt zu akzeptieren und sich der eigenen Verwundbarkeit bewusst zu sein. Wer sich auf etwas verlässt, überlässt den Erfolg der eigenen Handlungen oder sogar das eigene Wohlergehen willentlich dem Lauf der Dinge. Dasselbe ließe sich über die Einstellung des Vertrauens sagen. Der Kletterer vertraut seiner Kletterpartnerin, dass sie seinen Weg durch die Steilwand mithilfe des Seils absichern und das Seil im Falle eines Sturzes festhalten wird. Auch hier muss der Kletterer sich bewusst in die Abhängigkeit von einer anderen Person begeben, die ihm, sollte sie unaufmerksam oder bösartig sein, gravierenden Schaden zufügen kann. Allerdings, und darin liegt der entscheidende Unterschied, überlässt er sein Schicksal in diesem Fall nicht einfach dem Lauf der Dinge, sondern dem absichtsvollen Handeln einer anderen Person. Der entscheidende Unterschied zwischen Vertrauen und Sich-Verlassen besteht darin, dass Vertrauen betrogen und nicht nur enttäuscht werden kann. Wenn wir vertrauen, überlassen wir anderen Personen die Verantwortung für das, was uns wichtig ist. Entsprechend reagieren wir auf Vertrauensbrüche typischerweise nicht einfach nur mit einem Gefühl von Enttäuschung, sondern mit Empörung und Schuldzuweisungen (Baier 1986). Unsere emotionalen und moralischen Reaktionen sind ein guter Indikator zur Klärung der Frage, ob wir uns auf jemanden bloß verlassen oder ihm vertraut haben (Holton 1994). 4  Die Unterscheidung zwischen Vertrauen und Sich-Verlassen wird in der Alltagssprache nicht durchgängig markiert. Entsprechend werden Ausdrücke wie »ich verlasse mich auf Dich« und »ich vertraue Dir« oft austauschbar verwendet. Dennoch ist die hier gemachte Unterscheidung nicht rein technisch. Wir können auch im Alltag zwischen Fällen differenzieren, in denen die Verwendung des einen Ausdrucks eher angebracht erscheint als die anderen. Die philosophische Herausforderung besteht daher darin, Kriterien für eine trennscharfe Unterscheidung beider Ausdrücke auszuarbeiten. 5  Dies stellt schon Niklas Luhmann fest, wenn er sagt »Vertrauen ist keine Folgerung aus der Vergangenheit, sondern überzieht die Informationen, die es aus der Vergangenheit besitzt und riskiert eine Bestimmung der Zukunft. […] Der vertrauensvoll Handelnde engagiert sich so, als ob es in der Zukunft nur bestimmte Möglichkeiten gäbe« (Luhmann 1968/2014, S. 23f.).

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Wenn wir vertrauen, nehmen wir eine Haltung gegenüber dem Empfänger unseres Vertrauens ein, die diese Reaktionen rechtfertigt: Wir haben ihm einen gewissen Handlungsspielraum über unsere Interessen und Bedürfnisse eingeräumt und können deshalb von ihm eine gewisse Rücksichtnahme erwarten. Die Enttäuschung dieser Erwartung zur Rücksichtnahme sorgt dafür, dass Empörung und Schuldzuweisung als Reaktionen adäquat sind. Diese dem Vertrauen zugrundeliegende Erwartung der Rücksichtnahme impliziert, dass wir den Empfänger unseres Vertrauens als Person betrachten müssen, d.h. als ein handlungsfähiges Wesen mit eigenen Interessen. Denn nur als Person kann der Vertrauensnehmer überhaupt Rücksicht auf Andere nehmen. Wenn wir einer anderen Person vertrauen, nehmen wir ihr gegenüber einen Teilnehmerstandpunkt ein (Holton 1994). Wir betrachten ihre Handlungen als etwas, das auf unsere eigenen Interessen und Bedürfnisse reagiert. Der Vertrauensbegriff enthält eine normative Dimension, die über die Bedeutung des Sich-auf-eineandere-Person-Verlassens weit hinausgeht: Indem man einer anderen Person vertraut, signalisiert man ihr, dass man sie für vertrauenswürdig hält. Vertrauen ist auch ein Ausdruck von Respekt; Misstrauen auch ein Zeichen für Geringschätzung. Dies bedeutet jedoch umgekehrt nicht, dass nur Nicht-Personen Gegenstand der Einstellung des Sich-Verlassens sein können. Wir können darauf verzichten, von anderen Personen besondere Rücksichtnahme auf unsere Interessen und Bedürfnisse zu erwarten und ihre Handlungen auf eine nicht-teilnehmende und unpersönliche Weise betrachten. Wenn wir gegenüber einer Person diese unpersönliche Betrachtungsweise eingenommen haben, dann haben wir uns auf sie lediglich verlassen. Während wir uns auf Personen wie auf unbelebte Gegenstände gleichermaßen verlassen können, ist Vertrauen notwendig eine auf Personen bezogene, teilnehmende Einstellung. 2.2 Vertrauen als kognitive Einstellung Innerhalb der philosophischen Vertrauensdebatte hat eine große Mehrheit von Autoren dafür plädiert, die Einstellung des Vertrauens als einen Spezialfall der Einstellung des Sich-Verlassens aufzufassen (Baier 1986; Faulkner 2007; Hawley 2014; Hollis 1998; Holton 1994; Jones 1996; Lahno 2001). Vertrauen, so die gemeinsame These dieser Autoren, ist Sich-Verlassen ergänzt um ein im Detail näher zu bestimmendes Element persönlicher Bezugnahme.6 Obwohl die 6  Grob lassen sich Theorien, die von einer Kontinuität zwischen Sich-Verlassen und Vertrauen ausgehen, danach unterscheiden, ob sie die persönliche Bezugnahme des Vertrauensgebers als eine Erwartung bezüglich bestimmter Handlungsmotive (Baier 1986; Hardin 2002; Jones 1996), bestimmter Handlungsdispositionen (Kaminski 2017), bestimmter Handlungsabsichten (Hawley 2014) oder bestimmter moralischer Handlungsverpflichtungen (Hollis 1998; Nickel 2007; Wiesemann 2016) des Vertrauensnehmers explizieren.

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Bedeutung eines solchen Elementes für den Vertrauensbegriff in der aktuellen Debatte von kaum jemandem bezweifelt wird, ist von einigen Autoren bestritten worden, dass dieses Element den einzigen relevanten Unterschied zwischen beiden Einstellungen darstellt. Vielmehr unterscheiden sich beide Einstellungen viel grundlegender, weil sie jeweils verschiedenen Formen der mentalen Bezugnahme auf die Welt zuzurechnen sind. In der Philosophie des Geistes ist es üblich, propositionale Einstellungen in kognitive und konative zu unterteilen. Kognitive Einstellungen weisen eine Geist-zu-Welt-Passensrichtung, konative ein Welt-zu-Geist-Passensrichtung auf, d.h. kognitive Einstellungen sind dann angemessen, wenn sich ihr Gehalt an der Welt orientiert, konative dann, wenn sie dazu motivieren, die Welt an ihrem Gehalt auszurichten. Das Paradebeispiel für eine kognitive Einstellung ist zu glauben, dass ein bestimmter Sachverhalt besteht. Wenn der Kletterer glaubt, dass das Seil geeignet ist, sein Gewicht zu tragen, dann ist diese Einstellung nur dann angemessen, wenn er Gründe anführen kann, die dafür sprechen, dass das Seil tatsächlich geeignet ist, sein Gewicht zu tragen. Solche Gründe nenne ich im Folgenden epistemische Gründe. Das Paradebeispiel für eine konative Einstellung ist zu wünschen, dass ein bestimmter Sachverhalt besteht. Wenn der Kletterer sich wünscht, dass das Seil geeignet ist, sein Gewicht zu tragen, dann ist diese Einstellung nur dann angemessen, wenn sie dazu beiträgt, ihn zu motivieren, einen Sachverhalt in der Welt herbeizuführen, wie beispielsweise das Durchsteigen der Steilwand zu ermöglichen. Die These von Vertretern sogenannter kognitivistischer Vertrauenstheorien (Budnik 2016; Hieronymi 2008; Marušić 2017; Simpson 2017) ist nun, dass Vertrauen eine kognitive, Sich-Verlassen eine konative Einstellung sei. Was spricht für diese These? 2.2.1 Sich-Verlassen als konative Einstellung Beginnen wir beim Sich-Verlassen. Welche Anhaltspunkte gibt es, diese Einstellung als konativ zu klassifizieren? Vergleicht man die Einstellung des SichVerlassens mit dem paradigmatischen Fall einer kognitiven Einstellung, dem Glauben oder Für-wahr-halten, dann fällt auf, dass jemand, der etwas glaubt, (zumindest für den Moment) nicht an der Wahrheit des Geglaubten zweifelt. Eine ähnliche Gewissheit scheint es beim Sich-Verlassen nicht zu geben. Im Gegenteil, für das Sich-Verlassen, ist es sogar notwendig, dass Zweifel und Unsicherheiten bestehen. Absolute Gewissheit ist mit Sich-Verlassen unvereinbar. Wer gar nicht erst zum Klettern kommt, weil ihm keine Sicherheitsvorkehrung ausreichend erscheint, um alle Gefahren auszuschließen, ist nicht in der Lage die Einstellung des Sich-Verlassens einzunehmen. Dieser Aspekt spricht aber nicht nur gegen die Einordnung des Sich-Verlassens als kognitive Einstellung, er spricht sogar dafür, das Sich-Verlassen als eine konative Einstellung zu

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deuten. Wenn wir uns auf etwas verlassen, dann wünschen wir uns, Zweifel und Unsicherheit zu minimieren. Dass wir diesem Wunsch allerdings nicht nachkommen, wenn wir uns auf etwas verlassen, liegt an den Umständen, unter denen wir handeln wollen. Es gibt keine Möglichkeit, absolute Gewissheit über die Tragfähigkeit des Seils unter allen denkbaren Umständen zu erlangen. Aber wenn wir überhaupt handeln und die Felswand erklimmen wollen, dann müssen wir so tun, als hätten wir diese Gewissheit trotzdem. Gegen eine Einordnung des Sich-Verlassens als kognitive Einstellung spricht weiterhin, dass es möglich ist, sich dazu zu entscheiden, sich auf etwas oder jemanden zu verlassen (Marušić 2017). Der Kletterer kann entscheiden, unter der Annahme zu handeln, dass das Seil ihn im Zweifelsfall tragen wird. Ob er sich auf die Tragfähigkeit des Seils verlässt oder nicht, hängt entscheidend von pragmatischen Erwägungen ab; z.B. davon, wie wichtig es ihm ist, diese Felswand zu erklimmen. Das heißt nicht, dass epistemische Gründe keine Rolle für seine Entscheidung spielen. Es kann die Entscheidung beeinflussen festzustellen, dass das Seil an bestimmten Stellen stark abgenutzt ist, oder zu erfahren, dass deutlich leichtere Kletterer Zweifel an der Tragfähigkeit des Seils geäußert haben. Auch ist es möglich, aus Erfahrungen zu lernen. Wenn ich mich bei einer früheren Bergtour schon einmal auf die Tragfähigkeit des Seils verlassen habe und feststellen musste, dass das Seil in puncto Tragfähigkeit meinen Erwartungen nicht entsprach, kann diese Erfahrung es unwahrscheinlicher machen, dass ich mich erneut dazu entscheide, mich auf dieses Seil zu verlassen. Entscheidend ist: Pragmatische Erwägungen behalten beim SichVerlassen im Zweifel die Oberhand (Alonso 2014). Der Kletterer kann sich auch entgegen aller schlechten Erfahrungen mit der Tragfähigkeit des Seils dazu entschließen, sich auf das Seil zu verlassen. Wenn viel auf dem Spiel steht, dann lässt sich die Einstellung des Sich-Verlassens selbst gegen den Einfluss überwältigender entgegengesetzter Evidenzen immunisieren. Dennoch gibt es einen Aspekt am Sich-Verlassen, der sich nicht ohne weiteres in das Schema einer konativen Einstellung fügt: Die Rolle, die das Sich-Verlassen in unserem Denken spielt. Wenn wir uns auf etwas verlassen, dann beeinflusst dies, wie wir denken und handeln (Alonso 2014). Wenn der Kletterer sich darauf verlässt, dass das Seil ihn im Fall eines Sturzes trägt, dann scheint diese Einstellung die gleiche Rolle für sein Denken und Handeln zu spielen, wie die Einstellung zu glauben, dass das Seil ihn im Falle eines Sturzes trägt: Beide Einstellungen machen es für ihn möglich und vernünftig, seine Klettertour zu planen. Propositionen, auf die man sich verlässt, können für das Denken dieselbe Rolle übernehmen wie Propositionen, die man glaubt, weiß oder sich bloß vorstellt (Alonso 2016). Und Glauben, Wissen und SichVorstellen sind allesamt kognitive Einstellungen, die aus sich heraus nicht zum Handeln motivieren.

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Dem lässt sich allerdings die obige Beobachtung entgegenhalten, dass es unter bestimmten Umständen möglich ist, sich auch dann auf etwas zu verlassen, wenn man nicht glaubt, dass es der Fall ist. Wer sich auf etwas oder jemanden verlässt, handelt aufgrund von hypothetischen Annahmen über die Welt. Wer sich auf etwas oder jemanden verlässt, verhält sich so, als würde er glauben, dass das Objekt seiner Einstellung zuverlässig ist. Aber er glaubt es, weil er sich wünscht, dass es der Fall ist und nicht, weil es wirklich der Fall ist.7 Es spricht also vieles dafür, Sich-Verlassen als eine Einstellung aufzufassen, die wie konative Einstellungen primär auf pragmatische Erwägungen, d.h. auf praktische und nicht auf epistemische Gründe reagiert, anders als eine konative Einstellung aber selbst nicht handlungsmotivierend wirkt. Wie kognitive Einstellungen leitet und strukturiert die Einstellung des Sich-Verlassens unser Denken und Handeln, weil sie es uns ermöglicht, Propositionen so zu behandeln, als hielten wir sie für wahr, obwohl uns die epistemischen Gründe dafür fehlen. Wenn der Unterschied zwischen Vertrauen und Sich-Verlassen darin bestehen soll, dass sie propositionale Einstellungen verschiedener Art sind, was spricht dann dafür, Vertrauen nicht als konative, sondern als kognitive Einstellung zu klassifizieren? 2.2.2 Vertrauen als kognitive Einstellung Ob wir jemandem vertrauen oder nicht, hängt oftmals nicht davon ab, ob wir einer Person vertrauen wollen, sondern davon, ob wir glauben, dass die Person vertrauenswürdig ist (Budnik 2016; Hieronymi 2008; Keren 2007; Marušić 2017; McMyler 2017; Simpson 2017). Dass wir in vielen Situationen nicht in der Lage sind zu entscheiden, ob wir jemandem unser Vertrauen schenken oder wieder entziehen wollen, spricht eher dafür, Vertrauen als eine Art des Glaubens und damit als kognitive Einstellung zu betrachten, die nicht auf praktische, sondern auf epistemische Gründe reagiert. Um dies zu zeigen, machen kognitivistische Theorien darauf aufmerksam, dass Vertrauen in andere Personen nur dann rational angemessen ist, wenn wir glauben, dass diese Person tatsächlich vertrauenswürdig ist. Wir können zwischen mehr oder weniger vertrauenswürdigen Personen unterscheiden. Und es scheint jeglicher Vernunft zu widersprechen, unser Wohlergehen in die Hände einer Person zu legen, wenn wir davon überzeugt sind, dass diese Person unsere Abhängigkeit missbrauchen 7  Marušić macht dagegen geltend, dass Sich-Verlassen anders als Glauben oder Wissen keine mentale Einstellung, sondern eine geistige Handlung sei, was sich insbesondere daran zeige, dass es für geistige Handlungen keine »falschen Gründe« gäbe (Marušić 2017). Dass es mir wünschenswert erscheint, mich auf Dich zu verlassen, ist ein möglicher Grund mich auf Dich zu verlassen. Es ist aber kein möglicher Grund zu glauben, dass Du zuverlässig bist.

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wird. Was wir über eine Person denken, beeinflusst, ob wir in der Lage sind, ihr zu vertrauen. Wenn wir vertrauen, so meinen Kognitivisten daher, dann müssen wir auch glauben, dass die Person vertrauenswürdig ist. Entsprechend könne Vertrauen keine Einstellung sein, die wir willkürlich und unabhängig von unseren Überzeugungen einnehmen können. Wir können uns nicht einfach entscheiden, einer beliebigen Person zu vertrauen. Zudem führen Kognitivisten häufig an, dass wir einer anderen Person nur dann volles Vertrauen entgegenbringen, wenn wir nicht daran zweifeln, dass sie sich unseres Vertrauens würdig erweisen wird. Dies lässt sich vor allem an den emotionalen und moralischen Reaktionen ablesen, die im Fall von Vertrauensbrüchen angemessen erscheinen. Erzählte uns jemand, er habe sich trotz größter Zweifel an unserer Ehrlichkeit dazu durchgerungen, unsere Erzählungen und Berichte für wahr zu halten, hätten wir jeden Grund, das Vertrauen dieser Person anzuzweifeln. Wir sind nicht geneigt, Menschen, mit denen wir in einer persönlichen Beziehung stehen, Vertrauen in unsere Fähigkeiten und Absichten zuzuschreiben, wenn wir herausfinden, dass diese glauben, wir besäßen jene Absichten und Fähigkeiten möglicherweise gar nicht (Hieronymi 2008). Wenn jemand behauptet, er vertraue uns, dann erwarten wir, dass er tatsächlich glaubt, dass wir vertrauenswürdig sind. Wer einer anderen Person voll vertraut, hat keine Gründe mehr, an der Vertrauenswürdigkeit der anderen Person zu zweifeln. Sollte es sich so verhalten, wie der Kognitivismus behauptet, dann kann die Einstellung des Vertrauens nicht in der Einstellung des Sich-Verlassens gründen. Vertrauen und Sich-Verlassen wären kategorial verschiedene mentale Einstellungen, die auf unterschiedliche Arten von Gründen reagieren. Vertrauen, das notwendig die Überzeugung beinhalten würde, dass die andere Person vertrauenswürdig ist, würde auf epistemische Gründe reagieren. SichVerlassen, das eine derartige Überzeugung nicht beinhaltet oder impliziert, würde dagegen auf praktische Gründe reagieren. 2.2.3 Herausforderungen kognitivistischer Vertrauenstheorien Auch wenn diese Überlegungen tatsächlich den Schluss nahelegen, dass sich Vertrauen und Sich-Verlassen nicht nur hinsichtlich der interpersonalen Komponente, sondern auch in Bezug auf die Art der Gründe unterscheiden, auf die sie als mentale Einstellungen reagieren, halten Vertreter_innen nichtkognitivistischer Positionen diese These für zu stark. Sie führen dagegen insbesondere Fälle pädagogischen oder therapeutischen Vertrauens ins Feld, die nahe zu legen scheinen, dass man sehr wohl aufgrund einer willentlichen Entscheidung vertrauen kann: Ein Ladenbesitzer, der seinem in der Vergangenheit wegen Diebstahls verurteilten Angestellten eine zweite Chance geben möchte

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und sich daher aus der Absicht heraus, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, dazu entschließt, ihn trotz aller Bedenken mit der Ladenkasse allein zu lassen, hat praktische Gründe, sich in eine Situation zu begeben, in der er den Bruch seines Vertrauens riskiert.8 Diese Gründe orientieren sich nicht an der Vertrauenswürdigkeit des Angestellten – denn dieser ist ja in den Augen des Ladenbesitzers nicht vertrauenswürdig – sondern am praktischen Interesse des Ladenbesitzers, dem Angestellten die Möglichkeit zu geben, sich als vertrauenswürdig zu erweisen und ihn als Mitglied der moralischen Gemeinschaft zu respektieren. Vertreter_innen nicht-kognitivistischer Theorien interpretieren die Möglichkeit solcher Fälle als Beleg für ihre These, dass positive Überzeugungen bezüglich der Vertrauenswürdigkeit des Gegenübers keinen Einfluss auf die Einstellung des Vertrauens nehmen können. Um zu vertrauen, muss man nicht glauben, dass die andere Person vertrauenswürdig ist (Holton 1994). Einige vertreten sogar die stärkere These, dass auch negative Überzeugungen bezüglich der Vertrauenswürdigkeit einer Person keinen Einfluss auf die Einstellung des Vertrauens haben. Dies illustriert die nicht-kognitivistische Antwort auf einen weiteren Grenzfall: Der Fall des eines Verbrechens angeklagten Freundes, der uns bittet, trotz der überwältigenden polizeilichen Beweise gegen ihn seiner Unschuldsbehauptung zu vertrauen. Dass wir dieser Bitte nachkommen können, zeige gerade, dass die Einstellung des Vertrauens gegenüber epistemischen Gründen immun sei. Wäre Vertrauen eine kognitive Einstellung, dann könnten wir in diesem Fall das Vertrauen in unseren Freund nicht aufrechterhalten und weiterhin unter der Annahme agieren, dass er unschuldig ist. Dieser Interpretation zufolge bedarf es also nicht nur keiner positiven epistemischen Gründe, um einer Person zu vertrauen, sondern es ist für Vertrauen nicht einmal hinderlich, negative epistemische Gründe zu haben. Die Antwort des Kognitivismus auf das durch den ersten Fall aufgeworfene Problem besteht in der konsequenten Unterscheidung zwischen Vertrauen und Anvertrauen (Hieronymi 2008). Fälle, in denen es möglich zu sein scheint, sich aus freien Stücken für Vertrauen zu entscheiden, sind keine Fälle eigentlichen Vertrauens. Was geschieht, wenn wir vor der Frage stehen, ob wir einer anderen Person vertrauen sollten, lässt sich auf zwei Arten beschreiben: Erstens könnten wir überlegen, was dafür spricht, eine Person für vertrauenswürdig zu halten und so angesichts der uns zur Verfügung stehenden Gründe zu einer Überzeugung bzgl. der Vertrauenswürdigkeit der Person zu gelangen. Zwar kann diese Überzeugung später als Grundlage 8  Dieses mittlerweile berühmte Beispiel entnehme ich Holton 1994.

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einer Handlungsentscheidung fungieren, sie ist aber selbst nicht das Ergebnis einer willentlichen Entscheidung, sondern das Resultat unserer Wahrnehmung der Welt. Zweitens könnte es uns in Ermangelung hinreichender epistemischer Gründe nicht gelingen, zu einem abschließenden Urteil über die Vertrauenswürdigkeit der Person zu gelangen. Wenn wir in diesem Fall dennoch handeln wollen, müssen wir so tun als ob wir glaubten, die andere Person sei vertrauenswürdig. Wir haben dann lediglich praktische Gründe, die dafür sprechen, auf eine vertrauensvolle Weise zu handeln, d.h. uns auf die Vertrauenswürdigkeit der anderen Person zu verlassen. Insofern wir uns in diesem zweiten Fall nur an unseren Interessen und Erwartungen bezüglich des Verhaltens der anderen Person orientieren, vertrauen wir der anderen Person das Gelingen unserer Handlung an. Insofern wir aber nicht glauben (können), dass die Person tatsächlich vertrauenswürdig ist, ist unser Vertrauen in diesem Fall unvollkommen. Eine Konsequenz dieser Unterscheidung ist, dass wir nur Personen vollkommen vertrauen können, zu denen wir bereits in einer von wechselseitigen normativen Erwartungen geprägten Beziehung stehen. Situationen, in denen wir uns vollkommen Fremden gegenüber vertrauensvoll verhalten, sind aus kognitivistischer Sicht Situationen »blinden«, weil epistemisch grundlosen Anvertrauens. Auf das durch den zweiten Fall gestellte Problem der Immunität von Vertrauen gegen epistemische Gründe reagieren kognitivistische Positionen häufig, indem sie einerseits darauf hinweisen, dass die Bitte, Vertrauen zu schenken, im Fall des Freundes eine Bitte ist, ihm zu glauben. Außerdem stellen sie die Besonderheit interpersonaler Gründe heraus, die beim Vertrauen eine Rolle spielen. Mit dem ersten Punkt ist angesprochen, dass die nicht-kognitivistische Interpretation die mit der Bitte um Vertrauen ausgedrückte Erwartung verkennt. Der Freund erwartet nicht, dass wir uns wünschen, er sei unschuldig und daher annehmen, dies sei möglicherweise wahr, sondern dass wir ihm dies tatsächlich glauben. Nur wer nicht an der Vertrauenswürdigkeit des Gegenübers zweifelt, vertraut im eigentlichen Sinne. Diese Interpretation erfordert allerdings eine Erklärung, wie es in dieser Situation möglich sein kann, diese Überzeugung auszubilden. An dieser Stelle kommen zweitpersonale Gründe ins Spiel. Damit ist gemeint, dass die für Vertrauen relevanten Gründe, obwohl sie epistemischer Art sind, nicht auf unpersönlichen und objektiven Evidenzen beruhen, sondern nur im Kontext der besonderen Beziehung der Vertrauenspartner als Gründe in Erscheinung treten (Keren 2007; McMyler 2011; Zagzebski 2012). Wir können auch trotz der erdrückenden polizeilichen Beweise an der Überzeugung festhalten, dass unser seine Unschuld beteuernder Freund die Wahrheit sagt. Diese Überzeugung bezüglich seiner Unschuld lässt sich aber nicht mit Verweis auf die vorliegenden objektiven Belege rechtfertigen, denn

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diese lassen ja nur den gegenteiligen Schluss zu. Und sie lässt sich ebenso wenig mit Verweis auf die praktischen Gründe rechtfertigen, die es uns erlauben würden, unter der Annahme zu handeln, dass unser Freund unschuldig ist (das wäre ein Rückfall auf die nicht-kognitivistische Position). Praktische Erwägungen sind keine Gründe, die Überzeugungen stützen können. Damit schlagen Vertreter_innen kognitivistischer Positionen vor, die Gründe für Vertrauen auf eine Weise zu konzipieren, die die orthodoxe Dichotomie zwischen epistemischen und praktischen Gründen unterläuft. Die Rechtfertigung dafür der Aussage meines Freundes zu glauben, liegt diesen Ansätzen zufolge weder darin, dass es in meinem Interesse wäre diese Überzeugung zu haben, noch darin, dass ich unabhängige Evidenzen habe, die diese Überzeugung stützen, sondern in den wechselseitigen normativen Erwartungen, die die Beziehung zwischen mir und meinem Freund strukturieren. Meine normative Erwartung, dass mein Freund qua Freund praktische Gründe haben sollte, mir die Wahrheit zu sagen, ist ein Grund meinem Freund als Person zu glauben. Und einem Freund zu glauben impliziert zu glauben, was er sagt.9 Damit ermöglicht es das Kriterium interpersonaler Gründe auch einen weiteren wichtigen Aspekt von Vertrauen zu explizieren, den nonkognitivistische Konzeptionen über den Begriff des Sich-Verlassens erklären: Die akzeptierte Verwundbarkeit. In non-kognitivistischen Konzeptionen resultiert die Verwundbarkeit des Vertrauenden aus dem Akt, sich auf das Eintreten eines persönlich wichtigen Ereignisses zu verlassen. Der Kletterer, der sich auf die Tragfähigkeit des Seils verlässt, ist verwundbar, weil er sein Überleben wertschätzt und weil sein Überleben gleichzeitig unsicher ist. Er riskiert das Scheitern seines Wunsches. Ebenso, wenn er sich vom Teilnehmerstandpunkt aus entscheidet, sich auf seine Kletterpartnerin zu verlassen. Er ist dann verwundbar, weil er die Kontrolle über sein Leben (zumindest zum Teil) in die Hände seiner Partnerin legt, von der er eventuell nicht sicher weiß, ob sie 9  Aus erkenntnistheoretischer Perspektive liegen an diesem Punkt einige Einwände bezüglich der epistemischen Rechtfertigung auf der Hand. Warum sollte beispielsweise die Tatsache, dass mein Freund sich für die Wahrheit seiner Aussage verbürgt, bei meiner Abwägung von Gründen für oder gegen seine Unschuld stärker ins Gewicht fallen als die objektiven polizeilichen Belege? Einwände dieser Art sind vollkommen berechtigt, aber an diesem Punkt nicht relevant. Hier geht es mir lediglich um die Erläuterung eines kognitivistischen Vertrauensbegriffes: Einer anderen Person zu vertrauen, heißt aus kognitivistischer Perspektive ihr aufgrund spezifischer interpersonaler Gründe zu glauben und nicht aufgrund von Evidenzen. Ob es in einem konkreten Fall angemessen ist, eine Überzeugung durch einen interpersonalen Grund zu fundieren, d.h. ob es im Einzelfall vernünftig ist, einer anderen Person zu vertrauen, kann und soll durch diese Bestimmung des Vertrauensbegriffes gar nicht entschieden werden.

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der Aufgabe, seine Klettertour abzusichern, unter allen Umständen gewachsen sein wird. Bedeutende kognitivistische Ansätze leugnen aber genau diese hier subjektive Unsicherheit (Hieronymi 2008). Dies ist deshalb möglich, weil sie die akzeptierte Verwundbarkeit in der spezifischen Art der epistemischen Gründe für Vertrauen verorten. Dass die Kletterpartnerin anbietet, die Verantwortung für die Sicherheit des Kletterers zu übernehmen, ist für ihn ein Grund, ihr zu vertrauen. Dass sie dies anbietet, macht sie für ihn vertrauenswürdig, aber es garantiert keineswegs, dass sie objektiv vertrauenswürdig ist. Es steht ihr frei, im entscheidenden Moment das Seil loszulassen. Insofern der Grund zu vertrauen nicht die objektive Vertrauenswürdigkeit der Person garantiert, macht sich der Kletterer verwundbar, wenn er seine Überzeugung auf diese spezifische Art zweitpersonaler Gründe stützt. 2.2.4 Was für den Kognitivismus spricht Vertrauen als eine spezielle Art des Fürwahrhaltens zu konzipieren, hat zunächst den Vorteil, erklären zu können, weshalb und in welchem Sinne Vertrauen kein willkürlicher und damit grundloser Akt ist. Dies wird der Intuition besser gerecht, dass wir nicht beliebigen Personen vertrauen, sondern nur solchen, zu denen wir in einer persönlichen Beziehung stehen, die uns Anlass gibt zu glauben, dass sie vertrauenswürdig sind. Obgleich nicht-kognitivistische Theorien einen Teilnehmerstandpunkt voraussetzen, können sie diesen nicht selbst als etwas betrachten, das Gründe für die Überzeugung bereitstellt, dass das Gegenüber vertrauenswürdig ist. Vertrauen orientiert sich in nichtkognitivistischen Theorien nicht an den Eigenschaften der sozialen Welt, sondern allein an willkürlichen Annahmen darüber, wie diese soziale Welt beschaffen sein sollte. Kognitivistische Ansätze zeigen, dass man durch die Einstellung des Vertrauens unsere soziale Welt mehr oder weniger angemessen erkennen kann. Dass wir manchen Menschen vertrauen und anderen nicht, sagt uns etwas über die Welt, in der wir leben. Ein weiterer Vorteil des Kognitivismus liegt insbesondere in seiner guten Kompatibilität mit erkenntnistheoretischen Überlegungen zum Wissen aus dem Zeugnis anderer. Wenn es uns darum geht, von anderen wahre Überzeugungen zu erwerben, dann scheint ein kognitivistischer Vertrauensbegriff gegenüber einem non-kognitivistischen allein schon deshalb Vorteile zu haben, weil er Vertrauen selbst als eine Überzeugung konzipiert. Überzeugungen lassen sich durch andere Überzeugungen stützen, sodass die Überzeugung, dass Du beabsichtigst, mir die Wahrheit zu sagen, direkt meine Überzeugung stützen kann, dass Du vertrauenswürdig bist. Non-Kognitivisten haben es im Kontext vertrauensbasierten Zeugniswissens schwerer, weil sie Vertrauen als praktische Einstellung, d.h. als willentliches Sich-Verlassen konzipieren,

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das weder durch positive epistemische Gründe gestützt noch durch negative epistemische Gründe behindert werden kann. Diese Vorteile erkaufen sich kognitivistische Positionen mit einer kontroversen Konzeption interpersonaler epistemischer Gründe. Gesteht man die Möglichkeit solcher Gründe zu, dann scheinen sie im Vergleich zu non-kognitivistischen Positionen den plausibleren Ansatz darzustellen. Fairerweise sei aber angemerkt, dass auch nicht-kognitivistische Ansätze Ressourcen haben, der kognitivistischen Intuition gerecht zu werden, dass Vertrauen etwas mit der Vertrauenswürdigkeit des Vertrauensempfängers zu tun haben muss. Allerdings müssen sie dafür das dezisionistische Element des Sich-Verlassens durch eine zusätzliche Einstellung absichern, die zumindest auch ein kognitives Element enthält.10 Dafür kommen beispielsweise Emotionen in Frage. Insbesondere Ansätze, die Vertrauen von Sich-Verlassen anhand einer für Vertrauen notwendigen optimistischen Erwartung bezüglich der Motivstruktur des Vertrauensempfängers unterscheiden, sind dafür geeignet. Für Annette Baier beispielsweise muss, wer einer anderen Person vertraut, sich nicht nur auf diese verlassen, sondern auch gute Gründe haben anzunehmen, dass diese einem gegenüber wohlwollend eingestellt – und das heißt vertrauenswürdig – ist (Baier 1986, S. 235). Karen Jones schwächt diese Annahme zwar zu der affektiven Einstellung ab, hält aber gerade daran fest, dass es diese affektive Einstellung des Optimismus ist, die uns das Wohlwollen anderer Personen und damit deren Vertrauenswürdigkeit erkennen lässt (Jones 1996, S. 11). Paul Faulkner schließlich deutet die Bereitschaft, sich auf eine andere Person zu verlassen, als Ausdruck der optimistischen Annahme, dass der Vertrauensnehmer seinerseits bereit sein wird, die Tatsache, dass jemand sich auf ihn verlässt, als Grund zu betrachten, zu tun, was diese Person von ihm erwartet (Faulkner 2007, S. 888). Mit anderen Worten: Wer vertraut, nimmt nicht nur an, dass die andere Person so handeln wird, wie man es von ihr erwartet, sondern auch, dass sie dies deshalb tut, weil sie objektiv vertrauenswürdig ist. 10  Ob man sie damit auch als kognitivistische Ansätze einstufen sollte, möchte ich an dieser Stelle nicht entscheiden. Faulkner, von dem ich die Einteilung in kognitivistische und nicht-kognitivistische Theorien übernehme, rechnet Baiers, Jones und seine eigene Theorie der non-kognitivistischen Seite zu, obwohl zumindest in den beiden ersten Ansätze Vertrauen auch ein kognitives Element impliziert (Faulkner 2020). Dies ist aus seiner Perspektive insofern konsequent, als er den Begriff der kognitiven Einstellung so eng versteht, dass ausschließlich die Einstellung des Fürwahrhaltens (d.h. des Glaubens) darunter fällt. Für alternative Systematisierungsversuche vgl. auch McMyler/Ogungbure 2018, die zwischen doxastischen und non-doxastischen Theorien unterscheiden, sowie Budnik 2016, der eine Abgrenzung nicht-voluntaristischer von voluntaristischen Theorien vorschlägt.

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3.

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Wodurch ist Vertrauen in das Zeugnis anderer epistemisch gerechtfertigt?

Ausgehend vom Begriff des Vertrauens stellt sich die Frage, inwiefern diese Einstellung dazu berechtigen kann, die Aussagen einer anderen Person zu glauben. Insofern wir es hier mit der Berechtigung zu tun haben, etwas für wahr zu halten, geht es um eine Rechtfertigung durch epistemische Gründe. Auf die Frage, wodurch ein Hörer epistemisch gerechtfertigt ist, die Aussagen eines Sprechers zu glauben, hat die Erkenntnistheorie der Zeugnisse in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl von Antworten formuliert.11 Ich möchte in diesem Abschnitt argumentieren, dass nur ein Antworttyp aus dieser Debatte relevant ist, wenn man den Begriff des Vertrauens ernst nimmt, so wie er im vorangehenden Abschnitt dargelegt worden ist. 3.1 Vertrauen in Zusicherungstheorien des Zeugnisses Anderer Die Unterscheidung zwischen Vertrauen und Sich-Verlassen legt nahe, dass Vertrauen auf eine besondere Art von Gründen reagiert. Wer einer anderen Person vertraut, hat epistemische Gründe der Person zu glauben. Er glaubt der Person sogar dann, wenn er die Wahrheit ihrer Aussage für höchst unwahrscheinlich hält. Wer einer anderen Person misstraut, hat dagegen keine epistemischen Gründe der Person zu glauben, auch wenn er epistemische Gründe haben kann, seine Aussage für wahr zu halten (beispielsweise, wenn er sie aufgrund anderer Evidenzen für wahr hält). Wer sich auf eine andere Person bloß verlässt, hat keine epistemischen Gründe der Person zu glauben, aber praktische Gründe so zu handeln, als hielte er ihre Aussagen für wahr. Der Theoriestrang innerhalb der Erkenntnistheorie der Zeugnisse, der als einziger auf diese für Vertrauen spezifische Art von Gründen aufmerksam gemacht hat, ist die sogenannte Zusicherungstheorie (Hinchman 2005; Moran 2005). Zusicherungstheorien (engl. »Assurance View«) liegt die These zugrunde, dass es nicht drittpersonale Gründe sind, die unabhängig von der Art unserer Bezugnahme auf den Sprecher bestehen und die auch jeden anderen in der gleichen Situation rechtfertigen würden, dessen Zeugnis als wahr zu akzeptieren. Als Alternative führen sie spezifische zweitpersonale Gründe ins Feld, die sich aus der persönlichen Bezugnahme auf den Sprecher erst als solche ergeben. Dies ist ein gravierender Unterschied zu Reduktionis­ mus und Reliabilismus. Reduktionismus und Reliabilismus verlangen nach Gründen, die dafür sprechen, die ausgesagte Proposition p zu glauben, die 11  Gute Übersichten bieten der Band von Lackey und Sosa 2006 sowie die Monographie von Gelfert 2014.

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Zusicherungstheorien suchen nach Gründen, dem Sprecher als Person zu glauben. Der Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Gründen ist im Zusammenhang von Vertrauen insofern relevant, als dass die Akzeptanz einer Aussage aufgrund drittpersonaler statt zweitpersonaler Gründe eine objektivierende Einstellung gegenüber der Person und ihrer Aussage impliziert. Als Hörer betrachtet man die Aussage als eine Evidenz unter anderen, die für oder gegen die Wahrheit der geäußerten Proposition sprechen. Es ist dabei nicht von Belang, ob der Sprecher die Aussage mit der Absicht geäußert hat, dem Hörer zu erkennen zu geben, dass er weiß wovon er spricht und daher ein vertrauenswürdiger Informant ist. Akzeptiert man die Aussage des Sprechers dagegen aufgrund zweitpersonaler Gründe, behandelt man sie nicht als eine Evidenz unter anderen, sondern als Ausdruck der Bereitschaft des Sprechers für die Wahrheit seiner Aussage einzustehen und dafür Verantwortung zu übernehmen. Glaubt man dem Sprecher aufgrund zweitpersonaler Gründe, akzeptiert man eine geäußerte Überzeugung als wahr, weil der Sprecher sie geäußert hat. Im Sinne des dargelegten Vertrauensbegriffes könnte man auch sagen, dass der Hörer, indem er einen Teilnehmerstandpunkt einnimmt, dem Sprecher Autorität über die Wahrheit der geäußerten Proposition einräumt. Er unterlässt die Suche nach weiteren Evidenzen und überlässt sich der Aussage des Sprechers. Inwiefern diese Einstellung gegenüber dem Hörer einen epistemischen Grund konstituieren kann, bedarf allerdings einer weiteren Erläuterung. Der spezifisch zweitpersonale Charakter des Grundes wird dadurch ermöglicht, dass der Sprecher beabsichtigt, mir etwas durch seine Äußerung mitzuteilen (Moran 2005). Er beabsichtigt, mir etwas mitzuteilen, dass er für wahr hält und für das er bereit ist die Verantwortung zu übernehmen. Und indem ich diese Absicht erkenne, erwerbe ich einen Grund zu glauben, was er sagt. Aber warum sollte mein Erkennen der Absicht des Sprechers ein Grund sein, ihm zu glauben? Ganz offensichtlich beabsichtigen auch Lügner und Betrüger, uns dazu zu bringen, ihnen zu glauben. Dem begegnen Vertreter von Zusicherungstheorien mit der Bedeutung der persönlichen Ansprache. Aus sprechakttheoretischer Sicht stellt der Sprecher beim Geben eines Zeugnisses nicht einfach eine Behauptung auf. Indem er den Hörer als Person anspricht, präsentiert er sich zugleich als verantwortlich für das Gesagte. Seine Mitteilungsabsicht drückt die Entscheidung aus, Verantwortung für das Gesagte zu übernehmen. Und sofern der Hörer diese Absicht erkennt, erkennt er auch die darin zum Ausdruck gebrachte Entscheidung. Das allein reicht aber nicht aus, um den Einwand abzuwehren, dass der Hörer auch auf die vorgebliche Absicht eines Betrügers hereinfallen kann, der gerade nicht bereit ist,

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die Verantwortung für die Rechtfertigung des Gesagten zu übernehmen. Ein Hörer kann in diesem Modell offensichtlich nur dann eine gerechtfertigte Überzeugung gewinnen, wenn es sich beim Sprecher objektiv nicht um einen Lügner handelt. Aber genau diesen Fall muss eine Theorie des Wissens aus dem Zeugnis anderer ausschließen können. Die Lösung, die die Zusicherungstheorien für dieses Problem anbieten, wird erst unter Zuhilfenahme des Vertrauensbegriffes überhaupt verständlich. Es reicht nicht, dass der Sprecher die Absicht hat, den Hörer dazu zu bringen, ihm zu glauben und dass der Hörer diese Absicht erkennt. Der Hörer muss auch seinerseits bereit sein, das Erkennen der Sprecherintention zum Anlass zu nehmen, dem Sprecher zu vertrauen. Wenn einer Person zu vertrauen aber heißt, ihr zu glauben, weil man sie als vertrauenswürdig betrachtet, dann impliziert dies gerade sich nicht darum zu sorgen, dass die Sprecherintention nur vorgetäuscht sein könnte. Wer vertraut, der glaubt oder nimmt zumindest an, dass der Sprecher wirklich die Absicht hat, wahre, gerechtfertigte Überzeugungen zu vermitteln. Es ist daher die durch den besonderen Sprechakt des Zusicherns gestiftete Beziehung zwischen Sprecher und Hörer, die hier rechtfertigende Gründe für den Hörer hervorbringt. Der Hörer ist gerechtfertigt, dem Sprecher zu glauben, dass die geäußerte Proposition wahr ist, weil er die Äußerung als einen Ausdruck der Vertrauenswürdigkeit des Sprechers erkennt und weil die einzige angemessene Antwort auf die Vertrauenswürdigkeit des Sprechers Vertrauen ist. Das Erkennen bzw. die Annahme dieser Vertrauenswürdigkeit durch den Hörer (d.h. das Vertrauen des Hörers), berechtigt letzteren, die Aussage des Sprechers für wahr zu halten. In diesem, bereits oben angedeuteten Sinne, ist es also möglich, durch Vertrauen einen epistemischen Grund zu erlangen, der nicht auf Evidenzen beruht, sondern auf der Zusicherung der Vertrauenswürdigkeit des Sprechers. Ein solcher Grund hat den gleichen epistemischen Status wie evidenzbasierte Gründe. Wenn ich Peter vertraue, dass wahr ist, was Paul gesagt hat, dann hat dies in der gleichen Weise Einfluss auf meine Überzeugungsbildung, wie meine Beobachtung, dass Paul in der Vergangenheit immer die Wahrheit gesagt hat. Nicht alle Gründe, die für eine Überzeugung sprechen, müssen evidenzieller Art sein.12 12  Diese These ist eine zentrale Voraussetzung aller Zusicherungstheorien. Ob es epistemisch rational ist, eine Überzeugung auch durch nicht-evidenzbasierte Überzeugungen zu stützen, ist Gegenstand einer alten Debatte über die »Ethik des Glaubens«, auf die im Zusammenhang dieses Aufsatzes nicht weiter eingegangen werden kann (vgl. dazu die klassischen Arbeiten von Clifford 1877ff./2009 und James 1898/2010).

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»Vertrauen« und epistemische Rechtfertigung in anderen Theorien der Akzeptanz des Zeugnisses Anderer Zusicherungstheorien sind in der gegenwärtigen Debatte der einzige Theorietyp, der die Rechtfertigung der Akzeptanz eines Zeugnisses durch die Vertrauensbeziehung zwischen Sprecher und Hörer rechtfertigt. Alle anderen Theorietypen versuchen die Rechtfertigung für die Akzeptanz eines Zeugnisses in unterschiedlicher Weise auf Grundlage drittpersonaler epistemischer Gründe zu erklären. Da allerdings auch in diesen Theorien häufig vom Vertrauen des Hörers in den Sprecher die Rede ist, lohnt es sich, in aller Kürze aufzuzeigen, inwiefern die Bezugnahme auf den Vertrauensbegriff im Kontext dieser Theorien verfehlt ist. 3.2

3.2.1 Die reduktionistische Interpretation Theorien des reduktionistischen Typs behandeln die Frage nach der Rechtfertigung der Akzeptanz des Zeugnisses als Frage nach den Gründen, die dafür sprechen, das Zeugnis aufgrund anderer, nicht zeugnisbasierter Erkenntnisquellen für wahr zu halten. Die Akzeptanz des Zeugnisses kann also nur insofern gerechtfertigt werden, als unabhängige Gründe angegeben werden können, die für die Plausibilität der getätigten Aussage und für die Glaubwürdigkeit der Informationsquelle sprechen (Adler 1994; Fricker 1994, 2006; Hume 1748/2015). Liegen dem Hörer derartige Gründe vor, d.h. ist er berechtigt zu glauben, dass die Aussage plausibel und der Sprecher ehrlich und kompetent ist, dann kann er folgern, dass das Zeugnis des Sprechers wahr ist. Einer reduktionistischen Theorie zufolge wäre ein Hörer dann gerechtfertigt, den Behauptungen einer Sprecherin zu glauben, wenn er unabhängige Evidenzen hat, dass die Sprecherin ehrlich und für das fragliche Fachgebiet kompetent ist. Entscheidend ist, dass die rechtfertigenden Gründe für die Akzeptanz des Zeugnisses nicht durch die Interaktion mit der Sprecherin vermittelt, sondern unabhängig von deren Zeugnis durch empirische Untersuchungen oder bereits vorhandene Überzeugungen des Hörers ermittelt werden. Insofern in diesen Theorien also nicht das Zeugnis der Sprecherin selbst, sondern die Kombination von zeugnis-unabhängigen Überzeugungen und logischem Schließen auf Seiten des Hörers zur Erkenntnis führen, ist die Bezeichnung als reduktionistisch hier gerechtfertigt. Dass auch im Rahmen reduktionistischer Theorien häufig von »Vertrauen« in das Zeugnis anderer gesprochen wird, verwundert insofern, als die Rechtfertigung, das Zeugnis zu akzeptieren, nicht mit einer persönlichen Bezugnahme auf den Sprecher einhergeht. Man glaubt dem Sprecher nicht deshalb, weil man ihm als Person vertraut, sondern man glaubt das, was er sagt, weil man andere Gründe hat anzunehmen, dass es wahr ist. Das scheint das Gegenteil von Vertrauen zu sein.

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Wenn daher im Zusammenhang eines reduktionistischen Modells dennoch von Vertrauen die Rede ist, wird damit lediglich zum Ausdruck gebracht, dass es sich bei den Gründen des Hörers für diese Überzeugung nicht um direkte und unmittelbare Evidenzen handelt. Gerechtfertigte Überzeugungen bezüglich der Kompetenz und Glaubwürdigkeit der Sprecherin sind indirekte Evidenzen, die es erlauben, die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, dass eine Aussage wahr ist. Vertrauen heißt dann aber nicht mehr als die Zuverlässigkeit eines bekannten Mechanismus vorherzusagen. Dies ist der Sinn, indem man auch darauf »vertrauen« kann, dass die Sonne morgen aufgehen wird. Diese Art von Vertrauen kann nicht missbraucht, sondern allenfalls enttäuscht werden (Baier 1986). Sollte sich herausstellen, dass die Überzeugung des Hörers falsch ist, dass die Aussage der Sprecherin sich als wahr erweisen wird, kann er unter dieser Interpretation von »vertrauen« niemanden außer sich selbst für diese falsche Überzeugung verantwortlich machen. Es ist allein sein Fehler, die Zuverlässigkeit der Wissenschaftlerin falsch eingeschätzt zu haben. Die normative Dimension von Vertrauen fehlt hier also vollständig. Stattdessen zeigt das kalkulierende Abwägen des Hörers, dass Vertrauen hier nicht über das Erkennen der eigenen Abhängigkeit vom Wissen anderer hinausgeht. Der Hörer ist lediglich aufgefordert zu entscheiden, ob seine Gründe ausreichen, sich in diese Abhängigkeit zu begeben. Seine Grundhaltung ist eine skeptische: Die Abhängigkeit vom Wissen anderer stellt ein Risiko dar, das auf Basis vernünftiger Gründe bewertet werden muss. 3.2.2 Die reliabilistische Interpretation Reliabilistische Theorien behaupten, dass ein Hörer dann gerechtfertigt ist, die Aussage der Sprecherin zu glauben, wenn der Prozess der Überzeugungsbildung auf Grundlage des Zeugnisses der Sprecherin bei ihm verlässlich zu wahren Überzeugungen führt (Lackey 2006b). Wie bei reduktionistischen Theorien sind auch bei reliabilistischen Theorien epistemische Gründe für das Akzeptieren von Aussagen anderer Personen erforderlich. Anders als reduktionistische Theorien fordern sie aber nicht vom Hörer, auf positive Evidenzen für die Glaubwürdigkeit eines Zeugnisses verweisen zu können. Entscheidend ist allein, ob das Akzeptieren von Zeugnissen anderer als Prozess der Überzeugungsbildung objektiv zuverlässig ist. Entsprechend gibt es auch einen Wortsinn, in dem man im Rahmen reliabilistischer Theorien von »Vertrauen« sprechen kann. Aber auch dieser hat nichts mit dem gehaltvollen Vertrauensbegriff zu tun, den ich im vorangegangenen Abschnitt eingeführt habe. In reliabilistischen Theorien bezeichnet »Vertrauen« ein Mittel, durch das der Hörer auf zuverlässige Weise zu einer Überzeugung gelangt. Entsprechend ist es nicht »Vertrauen«, das hier die Akzeptanz des Zeugnisses der

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Sprecherin rechtfertigt, sondern allein die objektive Tatsache, dass der Prozess der zeugnisbasierten Überzeugungsbildung objektiv zuverlässig ist. 3.2.3 Die nicht-reduktionistische Interpretation Nicht-reduktionistische Theorien behandeln das Zeugnis anderer als eigenständige Wissensquelle. Überzeugungen, die durch das Zeugnis anderer erworben wurden, haben demnach die gleiche prima-facie Rechtfertigung wie Überzeugungen, die wir durch Wahrnehmung, Erinnerung oder logisches Schließen erwerben, und entziehen sich dadurch der Notwendigkeit, sie durch unabhängige Evidenzen absichern zu müssen. Wie bei diesen Wissensquellen ist es auch beim Zeugnis anderer nicht notwendig, die Akzeptanz der Aussage einer anderen Person zusätzlich zu rechtfertigen. Wenn eine Sprecherin einem Hörer mitteilt, dass etwas der Fall ist, ist der Hörer gerechtfertigt, das Zeugnis der Sprecherin zu akzeptieren (Burge 1993; Coady 1992; Goldberg/Henderson 2006). Dem Vorwurf der Naivität entgehen non-reduktionistische Theorien dadurch, dass sie vom Hörer ein Urteil bezüglich der (Un-)Glaubwürdigkeit einer Wissensquelle verlangen. Auch sie verlangen vom Hörer, die Behauptung der Sprecherin zurückzuweisen, wenn er Gründe anführen kann, die gegen ihre Glaubwürdigkeit oder die Kompetenz sprechen; aber anders als die reduktionistischen Theorien verlangen sie nicht auch noch das Angeben positiver Gründe für die Akzeptanz des Zeugnisses. Damit dürfte verständlich sein, dass die Rede vom »Vertrauen« des Hörers in das Zeugnis der Sprecherin auch im Rahmen nicht-reduktionistischer Theorien sinnvoll möglich ist. Allerdings spielt »Vertrauen« auch hier keine erkenntnistheoretisch bedeutsame Rolle. Der Begriff fungiert bloß als Worthülse für die These, dass für die Akzeptanz des Zeugnisses anderer keine unabhängigen rechtfertigenden Gründe notwendig sind und es daher a priori gerechtfertigt ist, Sprecher_ innen zu glauben, solange keine gegensätzlichen Evidenzen vorliegen. Gerade weil die epistemische Rechtfertigung in diesen Theorien a priori besteht, ist es gar nicht nötig, sie durch die Einführung eines Begriffes wie »Vertrauen« zu erklären. Auch hier scheint es wieder allein die eigentlich reduktionistische Intuition zu sein, dass testimoniale Überzeugungen mit Ungewissheit verbunden sind, welche die Verwendung des Wortes »Vertrauen« erklärt. Wir hatten aber bereits gesehen, dass sich epistemisches »Vertrauen« nicht einfach auf das Akzeptieren einer ungewissen Überzeugung reduzieren lässt.

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4.

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Vertrauen in das Zeugnis wissenschaftlicher Experten

Vertrauen kann also nur dann eine relevante Rolle für die Rechtfertigung testimonialer Überzeugungen spielen, wenn die normative Ebene interpersonaler Beziehungen die Basis rechtfertigender Gründe ist. In diesem Abschnitt möchte ich zeigen, dass diese normative Dimension in der Diskussion epistemischen Vertrauens von nicht-wissenschaftlichen Laien in das Zeugnis wissenschaftlicher Experten bisher meist noch eine marginale Rolle spielt und einige Gründe für diesen Befund erörtern. Die in der Wissenschaftsphilosophie diskutierten Konzepte »epistemischen Vertrauens« sowie die Konstrukte empirischer Vertrauensforscher neigen eher reduktionistischen oder reliabilistischen Rechtfertigungen für die Akzeptanz testimonialer Überzeugungen zu. Gleichwohl lassen sich aber Theorieelemente nachweisen, die der Intuition entgegenkommen, dass die normative Beziehung zwischen wissenschaftlicher Expertin und nicht-wissenschaftlichem Laien ein relevanter Bestandteil epistemischer Rechtfertigung sein sollte. Epistemisches Vertrauen in Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsforschung Im Folgenden möchte ich exemplarisch zwei Modelle diskutieren, die explizit auf den Begriff des »Vertrauens« als Prozess des Wissenserwerbs von Laien aus dem Zeugnis wissenschaftlicher Experten bezugnehmen. Dabei möchte ich aufzeigen, dass diese Modelle durch ihre reduktionistische Theoriebasis wesentliche Aspekte von Vertrauen übersehen. Zwar gehen auch sie davon aus, dass epistemisches Vertrauen dann vorliegen kann, wenn ein Hörer eine Proposition glaubt, weil eine Sprecherin sie behauptet hat. Allerdings sind die Gründe, die dieses Vertrauen rational rechtfertigen, unpersönliche, drittpersonale Gründe. Der Hörer ist nicht deshalb gerechtfertigt, der Sprecherin zu glauben, weil er ihr vertraut, sondern weil er Gründe hat zu glauben, dass die Sprecherin kompetent und ehrlich ist. »Vertrauen« bezieht sich hier nicht auf eine Einstellung gegenüber der Sprecherin, sondern darauf, dass der Hörer bereit ist, eine Aussage zu glauben, obwohl er keine Evidenzen besitzt, die direkt für die Wahrheit der Aussage sprechen. Als erstes möchte ich ein Modell besprechen, das von der Forschergruppe um den Psychologen Rainer Bromme ausgearbeitet worden ist (Hendriks et al. 2016a, 2016b) und als Grundlage für eine Vielzahl empirischer sozialpsychologischer Studien über die Beurteilung der Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Quellen durch Laien dient (Hendriks et al. 2016a). In diesem Modell ist ein Laie (L) gerechtfertigt, eine für ihn empirisch nicht überprüfbare Aussage 4.1

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(p) einer wissenschaftlichen Expertin (E) zu akzeptieren, wenn die folgenden Bedingungen erfüllt sind. 1) L glaubt p, weil E gesagt hat, dass p der Fall sei. 2) L glaubt, dass E hinsichtlich p eine kompetente und integre Wissenschaftlerin und eine wohlwollende Informandin ist. 3) L verfügt über gute Gründe zu glauben, dass (2) erfüllt ist.13 In dieser Form sieht das Modell aus wie die Beschreibung einer kognitiven Strategie des Laien, um die Wahrheit einer Aussage auf indirekte Weise einschätzen zu können. Statt sich die für ihn unbeantwortbare Frage zu stellen »Was spricht dafür, dass p der Fall ist?« fragt er »Was spricht dafür, dass E die Wahrheit sagt?«. Da er die zweite Frage aufgrund von Evidenzen beantworten kann und da er gehört hat, dass E behauptet hat, p sei der Fall, kann der Laie folgenden logischen Schluss ziehen: I. E behauptet, dass p der Fall ist. II. E ist hinsichtlich p eine kompetente und integre Wissenschaftlerin sowie eine wohlwollende Informandin. III. Also ist p der Fall. Dieser Schluss ist ein Beispiel eines argumentum ad verecundiam, eines Autoritätsarguments.14 Argumente diesen Typs sind logisch nicht zwingend, weil die Autorität, die die Wahrheit von p garantieren soll, prinzipiell fehlbar ist. Aus der Tatsache, dass ein Sprecher kompetent, aufrichtig und wohlwollend ist, folgt nicht mit logischer Notwendigkeit, dass seine Aussagen wahr sind. Dass die Konklusion nicht mit logischer Notwendigkeit aus den Prämissen folgt, scheint Anlass zu sein, diese Form des Schließens als »epistemisches Vertrauen« zu bezeichnen. Überzeugungen, die man auf diese Weise erwirbt, sind grundsätzlich mit Ungewissheit behaftet. 13  Diese Rekonstruktion basiert auf Aussagen wie dieser: »Ich vertraue jemandem in einer Angelegenheit, habe selbst keine eigene vollständige Kontrolle über diese Angelegenheit und mache mich folglich abhängig. In diesem Sinne brauchen wir also stets dort Vertrauen, wo wir nicht selbst wissen können. […] So gesehen brauchen wir also Vertrauen in Wissenschaftler, gerade weil wir nicht alles selbst wissen können. Wenn es also um kontroverse Themen geht und wenn die beste »Wahrheit« , die die Wissenschaft erreicht hat, auf solchen Modellen beruht, dann muss man als Bürger letztlich entscheiden, wem man vertraut, und kann sich nicht selbst unmittelbar ein Urteil in der Sache machen. Aber dieses Urteil kann und sollte basieren auf Wissen über die Wissenschaft und darüber, warum und wann sie vertrauenswürdig ist« (Bromme 2018). Ähnliche Aussagen finden sich in fast allen Arbeiten der Gruppe, in denen das Modell Verwendung findet, wie z.B. in Hendriks et al. (2016a, 2016b); siehe außerdem den Beitrag von Bromme in diesem Band. 14  Philosophische Behandlungen dieser Denkfigur gehen mindestens zurück bis auf Locke (1690/2017).

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Dennoch scheint die Tatsache, dass E hinsichtlich p kompetent und aufrichtig sowie eine wohlwollende Informandin ist, die Wahrheit der Konklusion wahrscheinlicher zu machen. Insofern es L darum gehen sollte, die Wahrscheinlichkeit zu reduzieren, einen Fehler zu begehen, ist es also sinnvoll, wenn er nach Gründen sucht, die dafür sprechen, dass die Sprecherin tatsächlich diese Eigenschaften aufweist. Je bessere Gründe er angeben kann, desto belastbarer wird sein Schluss und desto geringer die Wahrscheinlichkeit, etwas Falsches zu glauben. In Übereinstimmung mit der reduktionistischen Theorie ist »epistemisches Vertrauen« in diesem Modell einfach eine unvollkommene Erkenntnisstrategie. Der Laie verlässt sich auf die Wahrheit der Aussage der Expertin, aber er vertraut ihr nicht als Person. Von einem Vertrauensverhältnis zwischen Laie und Expertin kann keine Rede sein. Entsprechend hat dieses Verständnis »epistemischen Vertrauens« auch nichts mit zweitpersonalen Gründen zu tun. Der Laie ist von der Glaubwürdigkeit der Expertin nur wegen der empirischen Belege überzeugt, die für diese Hypothese sprechen, und nicht aufgrund der Tatsache, dass er in einer Beziehung zur Expertin steht, die es erforderlich macht, diese als Autorität hinsichtlich p anzuerkennen. Vertrauen, so hatten wir oben gesehen, bedeutet aber die eigene Abhängigkeit von der anderen Person zu akzeptieren und aufzuhören, nach Belegen für deren Glaubwürdigkeit zu suchen. Dass das Modell statt von einer vertrauensbasierten von einer reduktio­ nistischen Theorie testimonialer Rechtfertigung ausgeht, sieht man auch daran, dass vom Laien ein aktives Monitoring der Expertin hinsichtlich Kompetenz, Integrität und Wohlwollen eingefordert wird. Der Laie behandelt das Zeugnis der Expertin nicht als Einladung zu vertrauen, durch das die Expertin eine Verpflichtung eingeht, sich vertrauenswürdig zu erweisen, sondern lediglich als Beleg der Tatsache, dass die Expertin p für wahr hält. Da die Wahrheit von p für ihn nicht direkt überprüfbar ist, ist er angehalten, die Glaubwürdigkeit der Expertin zu überprüfen und dafür positive Gründe anzuführen. Damit liegt die Last der epistemischen Rechtfertigung allein auf der Seite des Laien. Sollte er durch die genannte Strategie zu einer falschen Überzeugung gelangen, kann er der Expertin keinen moralischen Vorwurf machen. Er ist selbst dafür verantwortlich, sein Urteil aufgrund unzureichender Belege oder falscher Gründe gefällt zu haben und hat entsprechend keinen Anlass, mit moralischer Empörung zu reagieren, sollte die Expertin absichtlich die Unwahrheit sagen. Auch wenn es in diesem Modell daher nicht um Vertrauen, sondern um eine Strategie zur Absicherung eines logisch nicht zwingenden Schlusses geht, enthält es einige aus Sicht der Vertrauenstheorie bemerkenswerte Elemente. So soll der Laie nicht nur epistemisch direkt relevante Eigenschaften der Expertin

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wie Kompetenz bewerten, sondern auch moralisch relevante Eigenschaften wie Integrität und Wohlwollen. Während eine Einschätzung der Integrität sich vor allem auf epistemische Kriterien wie die Vermeidung einseitiger und tendenziöser Forschungspraktiken oder die Unabhängigkeit von politischer Einflussnahme stützt, ist die epistemische Integrität in hohem Maße abhängig von der Bereitschaft der Expertin, sich Normen guter wissenschaftlicher Praxis zu unterwerfen und diese anzuerkennen. Eine moralische Einstellung der Expertin trägt dazu bei, die Wahrscheinlichkeit für die Wahrheit ihrer Aussage zu erhöhen. Gleichwohl ist diese moralische Einstellung keine interpersonale Einstellung. Die Expertin muss sich nicht deshalb integer verhalten, weil sie eine gute Informandin für den Laien sein will oder sich um das Wissen des Laien sorgt, sondern kann dies auch aus rein egoistischen Gründen tun. Beispielsweise weil sie sich um ihre Karriere sorgt und den Ausschluss aus der Scientific Community fürchtet, wenn sie sich nicht an Normen guter wissenschaftlicher Praxis hält. Insofern ist es besonders bemerkenswert, dass der Laie angehalten ist, auch das Wohlwollen der Expertin einzuschätzen. Denn diese Einstellung ist nicht nur moralisch relevant, sondern auch personenbezogen. Es ist vor allem die Integration dieser notwendig interpersonalen Dimension, die der Bezeichnung »epistemisches Vertrauen« Plausibilität verleiht. Dafür, wie stark sich dieses Modell dem Vertrauensbegriff annähern lässt, dürfte entscheidend sein, welcher Stellenwert dieser Dimension im Verhältnis zu den anderen beiden Dimensionen eingeräumt wird. Insofern das Modell die Dimension des Wohlwollens aber überhaupt integriert, deutet es zumindest an, dass epistemisch relevante Gründe, einer anderen Person zu glauben, nicht allein auf Evidenzen beruhen müssen, die direkt für die Wahrheit der Aussage sprechen. Andererseits geht es aber auch nicht so weit, die Rechtfertigung der Überzeugung von der tatsächlichen Vertrauenswürdigkeit des Sprechers abhängig zu machen. Das kann man insofern als problematisch ansehen, als es nach diesem Modell auch dann gerechtfertigt wäre, die Aussage der Expertin zu glauben, wenn diese objektiv gar nicht vertrauenswürdig ist. Ich mag als Laie sehr gute Gründe haben zu glauben, dass ich es mit einer glaubwürdigen Person zu tun habe. Aber auch diese Gründe sind fehlbar. Und sofern Fehlbarkeit nicht ausgeschlossen ist, schließt dieses Modell auch nicht aus, dass ich eine Person für glaubwürdig halte und mich auf deren Aussage verlasse, obwohl die Person unglaubwürdig ist.15 Unter anderem um diesem skeptischen Einwand 15  Dieser Einwand sollte nicht als Plädoyer für den Infallibilismus missverstanden werden. Bei empirischen Aussagen lässt sich niemals ausschließen, dass sie auf einem Irrtum beruhen. Dennoch kann man aus skeptischer Perspektive die Gründe des Laien für die Überzeugung, die Expertin sei glaubwürdig, noch für unzureichend halten.

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zu begegnen, nehmen andere wissenschaftsphilosophische Modelle auch die Vertrauenswürdigkeit des Experten in den Blick. Das Modell der Wissenschaftsphilosophen Gürol Irzik und Faik Kurtulmus ist ein aktuelles Beispiel für diese Strategie (Irzik/Kurtulmus 2018a, 2018b). Hinsichtlich der Rechtfertigung des Laien (L) das Zeugnis einer Expertin (E) zu akzeptieren, stimmen sie im Großen und Ganzen mit dem Modell von Bromme überein. Allerdings fordern sie zusätzlich, dass das Vertrauen des Laien nur dann gerechtfertigt ist, wenn die Expertin objektiv über für epistemische Vertrauenswürdigkeit relevante Eigenschaften verfügt bzw. wenn die Urteile des Laien hinsichtlich der Vertrauenswürdigkeit des Experten wahr sind. Das »epistemische Vertrauen« des Laien (L) in die Expertin (E) ist gerechtfertigt, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:16 Anforderungen an die Expertin: E1) E glaubt, dass p der Fall ist und teilt dies L aufrichtig mit. E2) E glaubt aufgrund zuverlässiger wissenschaftlicher Forschungsergebnisse, dass p der Fall ist. E3) Wenn durch die Forschungen Fragen des öffentlichen Wohlergehens berührt werden, trifft E ihre methodologischen Entscheidung über die Verteilung induktiver Risiken17 hinsichtlich p in Übereinstimmung mit Ls Bewertung dieser Risiken. Anforderungen an den Laien: L1) L glaubt, dass p der Fall ist, weil E dies gesagt hat.

16  Irzik und Kurtulmus entwickeln das Modell für den Fall des Vertrauens der »Öffentlichkeit« in »die Wissenschaften«. Ich habe das auf Ebene kollektiver Akteure operierende Modell hier auf den Fall des Vertrauens zwischen einem individuellen Laien und einem individuellen Experten angepasst. Dies scheint mir insofern angemessen als die Autoren selbst behaupten, Kriterien anzugeben, wann »a member of the public invest[s] warranted trust in scientists« (Irzik/Kurtulmus 2018b, S.2) und sich hinsichtlich der Eigenschaften der Gruppen »Öffentlichkeit« und »Wissenschaft« bedeckt halten. 17  Induktives Risiko bezeichnet die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Wissenschaftlerin eine getestete Hypothese fälschlicherweise akzeptiert oder fälschlicherweise ablehnt. Beide Wahrscheinlichkeiten sind voneinander abhängig. Die Verminderung des Risikos, eine Hypothese fälschlicherweise zu akzeptieren, erhöht das Risiko, sie fälschlicherweise abzulehnen und umgekehrt. Methodologische Standards in den Wissenschaften setzen jeweils eine bestimmte Verteilung dieser Fehlerwahrscheinlichkeiten voraus. Welche Verteilung vorausgesetzt wird, kann aber nur durch Abwägung der Schwere der Konsequenzen der beiden Fehler und damit aufgrund von Werturteilen entschieden werden. Für einschlägige Abhandlungen zum Thema vgl. Douglas 2013; Hempel 2013; Rudner 2013.

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L2) L verlässt sich aufgrund guter Gründe darauf, dass p das Ergebnis zuverlässiger wissenschaftlicher Forschung von E ist, und dass E ihm diese aufrichtig mitgeteilt hat. L3) L hat gute Gründe zu glauben, dass E3) erfüllt ist.18 Die Autoren unterscheiden zwischen zwei Formen epistemischen Vertrauens: Wenn durch die Forschungen der Expertin keine Fragen des öffentlichen Wohlergehens betroffen sind, handelt es sich um die Rechtfertigung basalen epistemischen Vertrauens, bei der die Bedingungen E3) und L3) entfallen können. Sind alle Bedingungen erfüllt, liegt eine Rechtfertigung für verstärktes epistemisches Vertrauen vor. Insofern der zentrale Aspekt der Rechtfertigung hier in einem Schluss von der Glaubwürdigkeit der Expertin auf die Glaubwürdigkeit ihrer Aussage besteht, gleicht dieser Ansatz der Grundstruktur des Modells von Bromme. Auch hier liegt keine Vertrauensbeziehung zwischen Laie und Expertin vor, weil die Rechtfertigung des Laien für die Annahme, dass die Expertin vertrauenswürdig sei, auf drittpersonalen Gründen beruht. Irzik und Kurtulmus beziehen sich bei diesen Gründen inhaltlich auf die Urteile des Laien bezüglich der Experteneigenschaften Expertise, Ehrlichkeit und epistemisch verantwortliches Verhalten sowie bezüglich der Existenz eines inhaltlichen Konsens der Expertin mit anderen Experten wie sie vor allem in Goldman 2001 und Anderson 2011 ausgearbeitet worden sind. Diese Kriterien sind (abgesehen vom Kriterium des Expertenkonsensus) Konkretisierungen der Dimensionen Kompetenz (hier Expertise) und Integrität (hier Ehrlichkeit und epistemisch verantwortliches Verhalten19), die sich in ähnlicher Form auch im Modell von Bromme finden. Einzig die komplementären Bedingungen E3 und L3 geben daher Anlass zur Annahme, dass das Modell zumindest in Ansätzen auch eine Eigenschaft der normativen Beziehung zwischen Laie und Experte abzubilden versucht. Dabei hängt viel an der Frage, was genau es bedeuten soll, dass die

18  Der Übersicht halber wurde die Reihenfolge der Bedingungen hier im Vergleich zum Original angepasst. Die Bedingungen E1, E2 und E3 entsprechen im Original den Bedingungen C1, C3 und C5, die Bedingungen L1, L2 und L3 den Bedingungen C2, C4 und C6; vgl. Irzik/Kurtulmus 2018a, S. 4ff. 19  Man könnte die Rede von Verantwortlichkeit hier als Anzeichen für eine Vertrauensbeziehung zwischen Laie und Experte deuten. Diese Interpretation ist aber nicht plausibel, da die Verantwortlichkeit der Expertin von den Autoren nicht gegenüber dem Laien, sondern gegenüber den Normen und methodischen Standards des Faches eingefordert wird; vgl. Irzik/Kurtulmus 2018b.

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Expertin ihr Urteil hinsichtlich der Verteilung induktiver Risiken »in Übereinstimmung mit«20 dem Laien trifft. Es wird allerdings deutlich, dass es sich bei der Übereinstimmung nicht um einen aktiv herbeigeführten Konsens zwischen Expertin und Laie handelt, sondern um eine zufällige Koinzidenz.21 Die Expertin ist für den Laien umso glaubwürdiger, je besser die ihren Forschungen zugrunde gelegte Verteilung induktiver Risiken die Werte des Laien abbildet. Es wird von ihr nicht verlangt, die Irrtumswahrscheinlichkeiten ihrer Aussagen auf Grundlage der Wertvorstellungen des Laien zu ermitteln, weil sie dies dem Laien moralisch schuldig ist, sondern ihre Annahmen über die Verteilung induktiver Risiken sind von den Wertvorstellungen des Laien unabhängig. Eine diesbezügliche Übereinstimmung ist daher zwar eine Tatsache, die aus Sicht des Laien für die Glaubwürdigkeit der Expertin spricht. Sie ist aber nicht das Resultat eines aus Rücksicht auf den Laien gefällten Urteils. Im Sinne eines gehaltvollen, die interpersonale Dimension ernst nehmenden Vertrauensbegriffes wäre es dagegen, dass die Expertin sich als vertrauenswürdig erweist, weil sie bereit ist, auf die Interessen des Laien Rücksicht zu nehmen, und der Laie der Expertin glaubt, weil er ihre Absicht erkennt, wissenschaftliche Aussagen nur dann zu kommunizieren, wenn diese einen Grad an epistemischer Zuverlässigkeit haben, der den Bedürfnissen des Laien entspricht. Auch dieses Modell macht also deutliche Abstriche auf Seiten des interpersonalen Aspekts von Vertrauen und wertet so die Bedeutung der Rationalitätsintuition auf. Die Weise wie in diesen und anderen Modellen22 versucht wird, die normativen und interpersonalen Aspekte des Vertrauensbegriffes mit der Intention auszubalancieren, dass vertrauensbasierte Überzeugungen nur dann rational sind, wenn sie auf Urteilen über die Vertrauenswürdigkeit des Sprechers beruhen, wirft die grundsätzliche Frage auf, wie gut der Vertrauensbegriff überhaupt für den Kontext erkenntnistheoretischer und wissenschaftsphilosophischer Debatten geeignet ist. Um die Adäquatheit dieser Modelle zu beurteilen, ist es daher notwendig, nicht allein auf ihre (In-)Kompatibilität mit einem philosophisch gehaltvollen Vertrauensbegriff zu schauen, sondern vor allem zu prüfen, inwiefern sie das zugrundeliegende Phänomen, den Erwerb gerechtfertigter Überzeugungen aus dem Zeugnis wissenschaftlicher Experten, kontextuell angemessen erklären. 20  »In agreement with« im Original, vgl. Irzik/Kurtulmus 2018a, S. 6. 21  Vgl. Irzik/Kurtulmus 2018b. 22  Ähnliche, aber in Details abweichende Überlegungen finden sich u.a. auch bei Fricker 2002; Hardwig 1991; Wilholt 2013. Allerdings konzentrieren diese Autoren sich stärker auf das Problem des Vertrauens zwischen Experten unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen.

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Ist eine vertrauensbasierte Rechtfertigung testimonialer Überzeugungen im Kontext der Wissenschaften möglich? Abschließend möchte ich daher untersuchen, inwiefern die Situation eines Laien, der sich fragt, ob er der Aussage einer wissenschaftlichen Expertin Glauben schenken soll oder nicht, tatsächlich mit Verweis auf eine normative Beziehung zwischen ihm und der Expertin beantwortet werden sollte. Inwiefern ist diese Beziehung, erstens, überhaupt als eine Ressource der Rechtfertigung im Fall des wissenschaftlichen Expertenzeugnisses verfügbar? Und inwiefern ist es, zweitens, für das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit wünschenswert, wenn Vertrauen im Sinne einer normativen Beziehung an die Stelle einer rationalen Abwägung drittpersonaler Gründe durch den Laien treten würde? Ob Vertrauen als eine interpersonale Beziehung zwischen Laien und Experten prinzipiell eine Ressource epistemischer Rechtfertigung sein könnte, hängt davon ab, ob sich plausibel machen lässt, dass sich Laien und Experten gegenseitig moralisch etwas schulden. Nur dann kann man überhaupt von einer Beziehung sprechen, die wie Vertrauen nicht nur enttäuscht, sondern auch betrogen werden kann. Obwohl die Beziehungen, die wir als Laien zu wissenschaftlichen Expert_innen haben, nicht mit persönlichen Nahbeziehungen zu vergleichen sind, wie wir sie etwa zu Familienmitgliedern oder Lebenspartnern haben, treten wir Expert_innen dennoch normalerweise nicht als neutrale Beobachter gegenüber. Denn dadurch, dass wir jemanden überhaupt als Experten identifizieren, schreiben wir dieser Person bereits bestimmte Eigenschaften zu, an die wir wiederum bestimmte normative Erwartungen hinsichtlich ihres Verhaltens und ihrer Handlungsabsichten knüpfen. Und insofern diese normativen Erwartungen die Funktion des Experten als epistemische Autorität beinhalten, lässt sich auch die Beziehung, die wir als Laien zu Expert_innen haben, als eine Vertrauensbeziehung interpretieren. Inwiefern impliziert die Zuschreibung des Expertenstatus an eine Person, sie als epistemische Autorität zu sehen, der man aufgrund zweitpersonaler Gründe glaubt? Wenn wir eine Person als wissenschaftlichen Experten betrachten, dann sehen wir in ihr nicht einfach eine anonyme und höchst zuverlässige Informationsquelle, sondern eine Person, von der wir in besonderem Maße Aufrichtigkeit und Urteilsfähigkeit erwarten. Wissenschaftlicher Experte zu sein, bedeutet nicht allein, eine besonders große Anzahl wahrer Überzeugungen besitzen, sondern auch den normativen Erwartungen an diese soziale Rolle gerecht zu werden. Man kann nicht Experte sein, ohne ein guter Informand für andere zu sein. Andererseits ist es aber offensichtlich nicht so, dass Laien immer in der Lage sind, wissenschaftliche Expert_innen zuverlässig zu identifizieren und 4.2

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epistemische Autorität richtig zuzuschreiben. Expertise und Autorität sind offensichtlich voneinander unabhängige Eigenschaften. Nicht jede kluge oder originelle Denkerin wird als epistemische Autorität anerkannt; nicht jede von anderen als epistemische Autorität anerkannte Person ist tatsächlich überdurchschnittlich kompetent. Aber jede Expertin, so möchte ich argumentieren, ist überdurchschnittlich kompetent und eine epistemische Autorität. Dass wir den Begriff »Experte« nur dann richtig verwenden, wenn wir damit diejenigen Personen ansprechen, die tatsächlich überdurchschnittlich kompetent in einer Sache sind, dürfte sich kaum bestreiten lassen. Aber ist daneben auch epistemische Autorität eine notwendige Eigenschaft von Experten? Offensichtlich geht die Zuschreibung von »Expertise« nicht in der Zuschreibung von »Kompetenz« auf. Insofern »Expertise« immer etwas Überdurchschnittliches zum Ausdruck bringt, hebt der Ausdruck die so angesprochene Person daher als Träger besonderer Fähigkeiten oder besonderen Wissens aus einer Gruppe heraus. Es liegt daher nahe anzunehmen, dass unsere Sprache Ausdrücke wie »Expertise« und »Experte« auch deshalb enthält, weil damit ein besonderer sozialer Status einer Person gekennzeichnet und eine besondere Wertschätzung ausgedrückt werden soll. Inwiefern sind mit diesem sozialen Status aber Verpflichtungen gegenüber anderen verbunden, die weniger kompetent sind? Diese Verpflichtungen spielen erst dann eine Rolle, wenn eine Person von anderen Personen als Experte angesprochen wird oder für sich den Status als Experte reklamiert. Eine Person, die zwar über überdurchschnittliche Kompetenz verfügt, aber deshalb niemals von anderen im Hinblick auf diese Eigenschaft angesprochen wird oder sie als Grund für den Anspruch auf besondere Wertschätzung ins Spiel bringt, tritt anderen nicht als epistemische Autorität gegenüber und unterliegt auch nicht den damit einhergehenden normativen Erwartungen. Jemand, dem in einer abgelegenen Waldhütte der Beweis der Riemann’schen Vermutung gelänge und der diesen für sich behielte, wäre sicherlich ein überdurchschnittlich kompetenter Mathematiker. Aber er würde für niemanden eine epistemische Autorität auf diesem Gebiet der Mathematik sein und wäre entsprechend auch für niemanden als Experte identifizierbar. Experte sein ist notwendig mit der Inanspruchnahme oder der Aufforderung zur Inanspruchnahme einer bestimmten sozialen Funktion – und damit mit sozialer Verantwortung – verknüpft. Wer die Riemann’sche Vermutung beweist, diesen Beweis aber absichtlich der Gemeinschaft der Mathematiker_innen vorenthält, wird nicht nur nicht als Experte erkannt, sondern verhält sich auch gegenüber allen anderen, die um eine gemeinsame Lösung dieses Problems ringen, respektlos; er verkennt die moralischen Ansprüche, die die Gemeinschaft der Mathematiker und Mathematiker_innen an

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jene anlegt, die sich an eine Lösung dieses Problems heranwagen. Als Experte ist man nicht nur Träger, sondern auch Vermittler von spezifischem Wissen. Experte sein impliziert, ein guter Informand für andere zu sein und diese soziale Funktion ist mit moralischen Verpflichtungen gegenüber jenen verbunden, die von diesem Wissen abhängig sind und deshalb danach fragen. Dies gilt umso mehr, insofern eine Person als Experte in ein umfassenderes soziales System wie die Wissenschaft eingebunden ist, an das selbst wiederum Erwartungen hinsichtlich der Produktion verlässlicher Erkenntnisse gestellt werden. Man kann die soziale Funktion des Experten und damit seine epistemische Autorität nicht von seiner objektiven Eigenschaft der Kompetenz trennen.23 Insofern sich Laie und Expertin als Teilnehmer der gemeinsame Praxis der Wahrheitssuche betrachten, scheint es also plausibel zu sein, von einer durch normative Erwartungen geprägten Beziehung und damit auch von Vertrauen zwischen beiden Seiten zu sprechen: Wissenschaftler_innen haben qua ihrer sozialen Rolle als Experten moralische Pflichten gegenüber Laien, die auch das aufrichtige Auskunftgeben über aktuelle Forschungsaktivitäten und -ergebnisse miteinschließen; zumindest solange diese Auskunftspflicht nicht mit anderen Verpflichtungen konfligiert.24 Insofern dies der Fall ist bzw. insofern Laien der Überzeugung sind, dies sei der Fall, ist es für Laien möglich, gegenüber Wissenschaftler_innen qua ihrer Funktion als Expert_innen eine Teilnehmerperspektive einzunehmen. Sie dürfen erwarten, dass Wissenschaftler_innen sie nach bestem Wissen informieren und sie sind gerechtfertigt, mit moralischer Empörung zu reagieren, wenn Wissenschaftler_innen dieser Verpflichtung nicht nachkommen. Diese Möglichkeit der Bezugnahme auf die epistemische Autorität des Experten ist die Grundlage für die Möglichkeit von Vertrauensbeziehungen zwischen Laien und Experten.

23  Diese Betonung der sozialen Funktion des Experten als notwendiger Bestandteil des Expertenbegriffes ist in der gegenwärtigen philosophischen Diskussion umstritten. Einige Autoren tendieren dazu, die herausragenden kognitiven Fähigkeiten und Kompetenzen von Experten als notwendiges und hinreichendes Kriterium für die Zuschreibung des Expertenstatus auszuzeichnen und die soziale Funktion als von wechselnden sozialen Zuschreibungen abhängige Eigenschaft zu betrachten, die vorliegen kann oder nicht; vgl. Goldman 2018; Croce 2019. Demgegenüber stehen allerdings verschiedene Ansätze, die den Begriff »Experte« und die zugrundliegende Eigenschaft der »Expertise« zu einem wesentlichen Teil als Zuschreibung einer sozialen Funktion oder eines sozialen Status verstehen; vgl. Collins 2013; Quast 2018; Watson 2018. 24  Welche Verpflichtungen dies sein könnten, ist für meine Argumentation nicht relevant und kann daher offen bleiben. Denkbar wären Fälle, in denen man beispielsweise Nichtschadenspflichten gegenüber der Auskunftspflicht höher bewertet.

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Bleibt abschließend noch die zweite Frage zu beantworten, ob es wünschenswert wäre, wenn Laien häufiger auf ihre vertrauensvollen Einstellungen gegenüber Experten verwiesen, um Überzeugungen aus dem Zeugnis wissenschaftlicher Experten zu rechtfertigen. Aus Sicht der Wissenschaften erscheint dieser Wunsch in gewisser Weise verständlich. In einer Zeit, in der Teile der Öffentlichkeit bereit sind, »Alternativen Fakten«, Verschwörungstheorien oder politisch motivierten Falschmeldungen und Propaganda eher zu glauben als wissenschaftlichen Expert_innen und nicht gewillt sind, sich von Argumenten überzeugen zu lassen, erscheint die Bitte um Vertrauen als letzter Ausweg. Wenn Laien epistemische Gründe vernachlässigen oder ignorieren, dann scheitern die reduktionistischen Modelle der Rechtfertigung von Wissen aus dem Zeugnis anderer. Alles was dann bleibt, ist die Hoffnung auf Anerkennung der epistemischen Autorität. Dennoch ist die Bitte um Anerkennung und Vertrauen insbesondere für die Wissenschaften problematisch, weil sie fordert, auf eine für die Wissenschaften selbst essenzielle Art der Rationalität zu verzichten. Es widerspricht dem Selbstverständnis der Wissenschaften als einer an Wahrheitssuche orientierten Unternehmung, mit einem Anspruch auf unbedingte Autorität aufzutreten. Zur Wissenschaft gehört notwendig die Fehlbarkeit ihrer Urteile, so dass es zu ihren eigenen Prinzipien im Widerspruch stünde, blindes Vertrauen in ihre Autorität zu erwarten. Vertrauen und Anerkennung epistemischer Autorität sind nichts, was man einfordern kann, sondern was einem aufgrund vertrauenswürdigen Verhaltens gewährt wird. Den Verlust von Respekt gegenüber den Wissenschaften, wie er sich z.B. in der Leugnung weithin geteilter Konsense wie beispielsweise im Fall des menschengemachten Klimawandels ausdrückt, mag man bedauern. Aber die Wissenschaften können ihn nicht einfordern. Denn eine Wissenschaft die auf das Vertrauen ihrer Rezipienten setzt, fördert gerade nicht die kritische Haltung, der sie selbst verpflichtet ist. Es gehört zum Selbstverständnis der Wissenschaften und ist ein wesentlicher Gesichtspunkt ihrer Integrität, dass Urteile nicht unhinterfragt akzeptiert, sondern kritisch geprüft werden müssen. Den Laien durch Verweis auf die eigene Autorität von vornherein von dieser kritischen Haltung entlasten zu wollen, erscheint wie Doppelmoral. Das führt zu der paradoxen Erkenntnis, dass die Vertrauenswürdigkeit wissenschaftlicher Expert_innen sich gerade daran zeigt, ob sie die Laien zu eigenständigem Denken motivieren und ihre intellektuelle Freiheit respektieren, selbst zu entscheiden, welche Informanten sie für glaubwürdig halten. Und das bedeutet, Laien als rationale Akteure ernst zu nehmen, die zu solchen Entscheidungen in der Lage sind. Nur wenn Wissenschaftler_innen

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dies gelingt, ist der Verweis auf Vertrauen als Mittel epistemischer Rechtfertigung wünschenswert. Denn nur dann basiert das Vertrauen der Laien in die Autorität der Wissenschaft auf der Integrität der Wissenschaften als einer Gemeinschaft von Wahrheitssuchenden.* Literatur Adler, J. E. (1994). Testimony, trust, knowing. Journal of Philosophy 91(5), S. 264-275. Alonso, F. M. (2014). What is reliance? Canadian Journal of Philosophy 44(2), S. 163-183. https://doi.org/10.1080/00455091.2014.919722 Alonso, F. M. (2016). Reasons for Reliance. Ethics 126, S. 311-338. Anderson, E. (2011). Democracy, Public Policy, and Lay Assessments of Scientific Testimony. Episteme: A Journal of Social Epistemology 8(02), S. 144-164. https://doi. org/10.3366/epi.2011.0013 Baier, A. (1986). Trust and antitrust. Ethics 96(2), S. 231-260. https://doi.org/10.1086/292745 Bromme, R. (2018). Die drei Dimensionen des Vertrauens. In: Fake oder Fakt? Wissenschaft, Wahrheit und Vertrauen hg. von C. Könneker. Berlin, Heidelberg S. 243-250. https://doi.org/10.1007/978-3-662-56316-8_21 Budnik, C. (2016). Gründe für Vertrauen, Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz. Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 64(1), 107. https://doi.org/10.1515/dzph-2016-0007 Burge, T. (1993). Content preservation. Philosophical Review 102(4), S. 457-488. https:// doi.org/10.2307/1523046 Clifford, W. K. (2009). The ethics of belief and other essays (Great books in philosophy, 2. [print.]. Introduction by Timothy J. Madigan. Amherst NY (Original erschienen 1877 ff.). Coady, C. A. J. (1992). Testimony: A Philosophical Study (Bd. 44), Oxford. Collins, H. M. (2013). Three dimensions of expertise. Phenomenology and the Cognitive Sciences 12(2), 253-273. https://doi.org/10.1007/s11097-011-9203-5 Croce, M. (2019). On what it takes to be an expert. In: The Philosophical Quarterly, 69(274), 1-21. https://doi.org/10.1093/pq/pqy044 Douglas, H. E. (2013). Induktives Risiko und Werte in den Wissenschaften. In: Werte in den Wissenschaften, hg von. G. Schurz/M. Carrier. Neue Ansätze zum Werturteilsstreit (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 2062, 1. Aufl.). Berlin, S. 143-173. Faulkner, P. (2020). Trust and Testimony. In: The Routledge Handbook on trust and philosophy hg. von J. Simon. London [u.a.].

*  Die Arbeit an diesem Aufsatz wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Projektnummer: 396775817, Förderkennzeichen: LE-4086/1-1.

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Informiertes Vertrauen: Eine psychologische Perspektive auf Vertrauen in Wissenschaft Rainer Bromme Im Januar 2019 veröffentlichte ein pensionierter Lungenfacharzt eine Erklärung, in der er die geltenden Regeln für Grenzwerte bei Stickstoffdioxid, verursacht durch Autoabgase, als wissenschaftlich nicht begründet ablehnte, weil sie Konzentrationen beträfen, in denen diese Substanz nicht toxisch sei. Die Erklärung wurde von dem zuständigen Minister begrüßt und von rund 100 weiteren Lungenfachärzten per Unterschrift unterstützt. Im Widerspruch dazu verwiesen die zuständige Fachgesellschaft, viele Wissenschaftler*innen und auch eine Kommission der deutschen Wissenschaftsakademie Leopoldina auf den anerkannten Stand der Wissenschaft zur Toxizität von Stickstoffdioxid.1 Die Öffentlichkeit konnte den Expertenstreit in den Medien verfolgen. Es wurde schnell deutlich, dass ein Urteil in der Sache nur mit hoher Fachkenntnis und nach intensivem Literaturstudium möglich ist. Folgerichtig wurde in den Medienauftritten der Protagonisten auch nicht nur über chemische, biologische und medizinische Sachverhalte gestritten, sondern um wissenschaftliche Reputation, die Frage, ob der Lungenfacharzt überhaupt zu dieser Thematik publiziert hat, und ob es verdeckte Interessen gibt. Auch die Bedeutung des wissenschaftlichen Konsenses für die Etablierung wissenschaftlicher Wahrheiten wurde thematisiert. In diesem Kapitel soll es um eine psychologische Perspektive auf Vertrauen in Wissenschaft gehen. Deshalb wird der Schwerpunkt auf der individuellen Auseinandersetzung von Bürger*innen mit wissenschaftlichen Geltungsbehauptungen liegen. Gleichwohl bedarf auch eine solche psychologische Perspektive einer Vergegenwärtigung der gesellschaftlichen und der epistemischen Funktionen des Vertrauens in Wissenschaft (siehe dazu auch den Beitrag von Jon Leefmann in diesem Band). Diese werden im ersten Abschnitt skizziert. Am Beispiel der einleitend geschilderten Kontroverse wird die epistemische Abhängigkeit von Bürger*innen von wissenschaftlicher *  Für hilfreiche Kommentare danke ich Daniela Bernhardt, Johannes Koch, Ricarda Ziegler und den Herausgebern. 1  https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/rapid-reaction/details/news/interna tionale-experten-zu-stellungnahme-von-lungenaerzten/; www.leopoldina.org/publikationen/ detailansicht/publication/saubere-luft-stickstoffoxide-und-feinstaub-in-der-atemluftgrundlagen-und-empfehlungen-2019/

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_006

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Expertise beschrieben und daraus die Notwendigkeit von Vertrauensurteilen zum Umgang mit dieser Abhängigkeit abgeleitet. Das Eingangsbeispiel beschreibt auch die prototypische Situation von Bürger*innen, die sich mit konkurrierenden Geltungsbehauptungen auseinandersetzen müssen, die im Kontext von lebensweltlichen Fragen für sie bedeutsam sind. Dies ist der Kontext von Befassung mit Wissenschaft, der im Mittelpunkt dieses Kapitels steht. Im zweiten Abschnitt werden dazu ergänzend weitere Kontexte der Auseinandersetzung von Nicht-Experten (Laien) mit Wissenschaft skizziert, in denen Wissenschaftsvertrauen ebenfalls wichtig ist. Der dritte Abschnitt bietet eine Übersicht zum aktuellen Stand des Wissenschaftsvertrauens, basierend auf Daten aus repräsentativen Befragungen (Surveys). Weiterhin wird beschrieben, was Bürger*innen überhaupt zu den Stichworten ›Wissenschaft‹ und ›Forschung‹ einfällt, die in solchen Surveys verwendet werden und es wird gezeigt, dass man zwischen allgemeinem Wissenschaftsvertrauen und dem Wissenschaftsvertrauen im Zusammenhang mit spezifischen Themen und Problemlagen unterscheiden sollte. Vor dem Hintergrund dieser exemplarischen (das Eingangsbeispiel) und empirischen Befunde zum Wissenschaftsvertrauen liefert der vierte Abschnitt eine theoretische Präzision des Wissenschaftsvertrauens. Der Begriff wird eingeordnet in die psychologische Vertrauensforschung und dann auch spezifiziert als epistemisches Vertrauen, also als Vertrauen darin, dass bestimmte Geltungsbehauptungen wahr und relevant sind. Im fünften Abschnitt werden Dimensionen von Vertrauen unterschieden und es wird erläutert, dass Vertrauensurteile und Misstrauensurteile auf diese Dimensionen in unterschiedlicher Weise Bezug nehmen. Im sechsten Abschnitt wird die Frage behandelt, warum Bürger*innen besonders aufmerksam (vigilant) gegenüber Interessenkonflikten sind. Im siebten Abschnitt werden Verzerrungen bei der Vertrauenszuschreibung behandelt, die der Abwehr von Geltungsbehauptungen dienen, die als konfligierend mit dem Wertesystem des Urteilenden empfunden werden. Solche intentional motivierte Informationsverarbeitung wird in der psychologischen Forschung zum Wissenschaftsvertrauen als wichtiger Prozess betrachtet, der zu der Verleugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse, zum Beispiel über den Klimawandel, beiträgt. Bürger*innen, die der Wissenschaft vertrauen, sollten zumindest für die strategisch motivierte Leugnung wissenschaftlicher Befunde nicht empfänglich sein. Zugleich gibt es aber viele Anlässe für eine kritische Haltung gegenüber wissenschaftlichen Geltungsbehauptungen. Das wirft die Frage auf, wie ein normatives Konzept von Wissenschaftsvertrauen aussehen könnte, das die epistemischen Leistungen der Wissenschaft anerkennt und nutzt, zugleich aber eine kritische Perspektive ermöglicht. Dazu wird im achten Abschnitt das Konzept des informierten Vertrauens eingeführt. Es

Informiertes Vertrauen

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wird dadurch erläutert, dass die Wissensbereiche umrissen werden, die das Informiertsein bei Vertrauensurteilen begründen. 1.

Funktionen des Vertrauens in Wissenschaft

Die einleitend geschilderte Episode aus dem öffentlichen Diskurs um Umweltbelastungen enthält fast alle ›Zutaten‹, um die Funktionen von Vertrauen in Wissenschaft zu erläutern: Eine gesellschaftliche Problemlage, bei der bereits die Problemdefinition (Sind Stickoxide überhaupt ein Problem? Für wen?) aber auch die Lösungen (Sind die geltenden Grenzwerte sinnvoll? Was helfen punktuelle Fahrverbote?) auf wissenschaftlich begründetem Wissen basieren. Die Problemlage ist nicht rein wissenschaftlicher Art, d.h. es geht immer auch um normative (ethische, politische) Fragen (Welches Gewicht hat die Gesundheitsvorsorge für alle Bürger gegenüber der individuellen Automobilität?). Aber eine rationale Problemlösung ist auch nicht möglich ohne eine Vergewisserung darüber, was als die – für den Moment – am besten begründete wissenschaftliche Geltungsbehauptung (umgangssprachlich: die wissenschaftliche Wahrheit) betrachtet werden kann. Diese Vergewisserung über die ›Wahrheit‹ ist für Laien (hier verstanden als: Nicht-Fachleute2) jedoch nicht einfach vorzunehmen, weil dies einen Zugang zu und ein Verständnis der zu Grunde liegenden theoretischen Annahmen, von Daten und von Methoden erfordert. Deshalb haben sich die Beteiligten in unserem Beispiel auch schnell über die wissenschaftliche Reputation und mögliche verdeckte Interessen gestritten.3 Informationen zu diesen Fragen sagen erst einmal nichts über 2  Um die Klarheit der Argumentation zu verbessern, wird in diesem Beitrag eine pointierte Unterscheidung zwischen Wissenschaftlern/Experten und Laien/Bürgern gemacht. Dabei stehen die Unterschiede im Wissen und Können und im Zugang zu den technischen und sozialen Werkzeugen der Wissensproduktion im Vordergrund. Tatsächlich gibt es aber Zwischenformen und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen gibt es wissenschaftliche Problemstellungen, zu denen Bürger*innen basierend auf ihrer lebensweltlichen Erfahrung mehr und anderes wissen als die Wissenschaftler*innen. Zum anderen können auch Laien ohne eine Ausbildung und Sozialisation im Wissenschaftssystem in einzelnen Fällen genügend themenbezogene Expertise erwerben, um zur wissenschaftlichen Wissensproduktion beizutragen. Sie wechseln dann sozusagen die Seite, das widerlegt aber nicht, dass es diese Seiten gibt. Die ›Bürgerwissenschaft‹ (Citizen Science) liefert dafür positive Beispiele. Diese Zwischenformen sind insofern Ausnahmen, als dass sie die gesellschaftliche Arbeitsteilung und die daraus resultierenden Ausdifferenzierungen von Wissen und Können, die mit der Ausdifferenzierung von sozialen Rollen einhergehen, nicht außer Kraft setzen (Collins 2014). 3  Das kann man z.B. in einer Talkshow (ARD, Anne Will, 27.01.2019) sehr anschaulich beobachten, in der der erwähnte Lungenfacharzt mit einem Epidemiologen stritt, der an

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die Toxizität von Stickstoffdioxid aus, aber sie ermöglichen ein informiertes Urteil zu der Frage, welche Wissenschaftler*innen vertrauenswürdiger sind und darüber vermittelt dann auch dazu, welche Geltungsbehauptungen glaubwürdiger sind. Wissenschaftliche Erkenntnisproduktion erfolgt in hohem Maße arbeitsteilig, sie ist kumulativ, d.h. sie hat jeweils viele Wissensvoraussetzungen. Ihre Ergebnisse sind in vieler Hinsicht unterschiedlich zum Alltagswissen (Bromme/ Gierth im Druck; Shtulman 2017). Gute Wissenschaftskommunikation und gute (naturwissenschaftliche) Grundbildung machen es zwar für Bürger*innen in vielen Fällen durchaus möglich, zu verstehen ›was der Fall ist‹. Wenn es aber um konkurrierende Geltungsbehauptungen geht, kann sie/er nicht in der Sache entscheiden, welche davon am besten begründet ist. Ein Beispiel: Man kann als Laie mit einer gewissen naturwissenschaftlichen Grundbildung verstehen, warum CO2-Emissionen langfristig zu einer Erderwärmung führen. Wenn aber Klimawandelleugner*innen (pseudo-)wissenschaftliche Contra-Argumente präsentieren, wird es schwierig, selbst zu beurteilen, wer denn nun recht hat. Die Bürger*innen sind also bei Fragen, zu denen eine ›wahre‹ Antwort für sie wichtig ist, von Wissenschaftler*innen in einem epistemischen Sinne abhängig (Kitcher 2011; Keil 2010). Sie müssen entscheiden, wem sie vertrauen können, um daraus abzuleiten, welche Geltungsbehauptung sie für gültig halten können. Das impliziert auch, dass Vertrauen vor allem da notwendig ist, wo eigenes Verstehen und damit Urteilen nur begrenzt möglich sind. Es gibt also einen funktionalen Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, der daraus resultierenden epistemischen Abhängigkeit von Wissenschaftler*innen und der Notwendigkeit von Vertrauensurteilen.4 Aus der Perspektive von Laien und wenn es um Problemlagen wie in unserem Eingangsbeispiel geht, steht Vertrauen in Wissenschaft(ler*innen) dabei aber gar nicht im Fokus. Vertrauen ist vielmehr nur eine Randbedingung für den Diskurs darüber, wie bestimmte Probleme zu lösen sind. In unserem Beispiel geht es ja um Luftreinhaltung, Gesundheit und Fahrverbote WHO-Empfehlungen zu Stickoxiden mitgearbeitet hatte (https://www.youtube.com/ watch?v=QqKjv8fhKJk). 4  Eine kognitive Arbeitsteilung zwischen Personen mit unterschiedlicher Expertise gibt es auch innerhalb der Wissenschaft, z.B. in der interdisziplinären Zusammenarbeit. Vertrauen ist deshalb auch innerhalb der Wissenschaft notwendig (Wilholt 2013). Zur Terminologie: Kitcher (2011) schlägt für diese kollegiale Abhängigkeit den Begriff der kognitiven Arbeitsteilung vor, im Unterschied zur epistemischen Arbeitsteilung, die die Abhängigkeit zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft beschreiben soll. P. Kitcher (in früheren Arbeiten), F. Keil und auch ich gebrauchen den Begriff der kognitiven Arbeitsteilung in einem weiteren Sinne, der beide Varianten umfasst.

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und damit um Problemstellungen, bei denen auch viele andere Akteure und andere Geltungsbehauptungen (z.B. politische, juristische, ethische) bedeutsam sind. Diese These von Vertrauen in Wissenschaft als Randbedingung der Auseinandersetzung mit Wissenschaft sei noch mit einem anderen Beispiel illustriert: Wenn ein Arzt seinem Patienten eine bestimmte Behandlung mit dem Verweis auf deren wissenschaftliche Erprobung empfiehlt, dann hängt zwar die Überzeugungskraft dieses Verweises auch davon ab, wieviel Vertrauen der Patient überhaupt in Wissenschaft hat, aber beiden Seiten geht es nicht darum, sich über Wissenschaft auszutauschen. Wissenschaftsvertrauen ist in diesem Sinne eine Randbedingung von Problemlösungen, die andere Bereiche der Gesellschaft betreffen als die Wissenschaft selbst. Zugleich ist es aber nicht nebensächlich. Es ist nämlich auch eine Randbedingung von Rationalität im Denken und Kommunizieren einer Gesellschaft (ausführlicher dazu Bromme/ Gierth im Druck). 2.

Exkurs: Kontexte des Wissenschaftsvertrauens

In diesem Kapitel wird Wissenschaftsvertrauen exemplarisch behandelt anhand der Auseinandersetzung von Bürger*innen mit konfligierenden wissenschaftsbasierten Geltungsbehauptungen, die für konkrete alltagsweltliche Problemstellungen relevant sind. Das Eingangsbeispiel illustriert eine dafür prototypische Situation. Bürger*innen haben von dieser Kontroverse in den Medien erfahren, darüber wurde in Zeitungen und im Fernsehen breit berichtet. Außerdem konnte man sich (und kann es noch immer) im Internet dazu informieren. Das Internet ist zugleich Archiv, Plattform für aktuelle Informationen, ein Raum für Diskurse (die man rezipieren und an denen man sich beteiligen kann) und ein Raum für jede Art von Beeinflussungs- und Überzeugungsversuchen. Im Internet finden sich gute und verständlich aufbereitete Wissenschaftsinformationen, daneben aber auch viele Varianten falscher Informationen, darunter auch strategisch platzierte Fehlinformationen (Lewandowsky et al. 2017). Außerdem ist das Informationsangebot praktisch unbegrenzt und in der Vielfalt unübersichtlich. Bürger*innen müssen also entscheiden, welche Informationsangebote aus ihrer Sicht sachlich richtig und für sie relevant sind. Das Problem der epistemischen Abhängigkeit von Experten wird dadurch verstärkt. Man muss als Laie nicht nur den zuverlässigen, sondern auch den zuständigen Experten bzw. die zuverlässige und relevante Information finden. Man muss außerdem die Vertrauenswürdigkeit der Vermittler*innen (z.B. Journalist*innen) bzw. der Quelle im Internet beurteilen. Sowohl in traditionellen Medien wie auch im Internet werden die

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wissenschaftsbezogenen Informationen nicht nur durch Akteure angeboten, die dem Wissenschaftssystem direkt zuzurechnen sind, sondern auch durch Vermittler*innen, die selbst nicht dem Wissenschaftssystem zuzurechnen sind. In Zeitungen, Nachrichten und Wissenschaftssendungen sind das z.B. Journalisten. Im Internet können dies alle Arten von Quellen sein. Insofern ist das Wissenschaftsvertrauen vermittelt durch Vertrauen in die Vermittler. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht wird deshalb von ›mediated trust in science‹5 (Schäfer 2016) gesprochen. Der exemplarische Kontext der Auseinandersetzung von Bürger*innen mit Wissenschaft, der in diesem Kapitel behandelt wird, ist also ein Szenario (wie in unserem Eingangsbeispiel), in dem Bürger*innen sich mit einer für sie relevanten Problemlage befassen, für die wissenschaftsbezogene Gültigkeitsbehauptungen bedeutsam sind und zu denen man sowohl in den traditionellen Medien als auch im Internet Informationsangebote findet. Ich beschränke mich auf diesen Kontext, um den Zusammenhang von kognitiver Arbeitsteilung, der Abhängigkeit der Nicht-Expert*innen von den Expert*innen und dem Wissenschaftsvertrauen möglichst konkret zu beschreiben. Zwei weitere Kontexte seien hier aber erwähnt, in denen diese grundlegende Konstellation ebenfalls vorliegt, die aber in diesem Kapitel aus Raumgründen nicht weiter behandelt werden können: Die wissenschaftliche Politikberatung ist ebenfalls eine Form der Kommunikation über Wissenschaft unter der Bedingung epistemischer Abhängigkeit. Auch hier sind die Nicht-Expert*innen (Politiker*innen) oft mit konfligierenden Geltungsbehauptungen konfrontiert und müssen die Frage der Gültigkeit auf dem Umweg über Vertrauenszuschreibungen lösen. Allerdings sind die Verfahren dafür selbst viel stärker institutionalisiert als die Verfahren, nach denen Bürger*innen solche Zuschreibungen vornehmen. Politiker*innen können oft auf ›ihre‹ Experten zurückgreifen, die z.B. in Ministerien arbeiten und ihnen eine informierte Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit der externen Experten ermöglichen. Der zweite Kontext6 sind Projekte der Bürgerbeteiligung an Wissenschaft (Citizen Science). Diese zielen dezidiert auf die Verringerung der Wissensdifferenz zwischen Wissenschaftler*innen und Bürger*innen. Indem man gemeinsam eine konkrete Fragestellung bearbeitet, soll wechselseitiges 5  Wissenschaftliche Berichtlegung und medialisierte Kommunikation folgen partiell unterschiedlichen Logiken, und dies kann für Wissenschaftler*innen zu dem Problem führen, dass sie sich von den Vermittler*innen nicht richtig wiedergegeben fühlen oder aber dass sie selbst bei Medienauftritten wissenschaftstypische Standards (z.B. der begrenzenden Spezifikation der Gültigkeit wissenschaftlicher Befunde) nicht einhalten (Huber 2013). 6  Eine Übersicht über weitere Kontexte der Wissenschaftskommunikation bietet Fähnrich 2017.

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Verständnis entstehen. Auch hier bleibt die wissenschaftliche Erkenntnisproduktion aber arbeitsteilig. So haben die beteiligten Bürger*innen häufig vor allem eine Rolle bei der Datensammlung (z.B. durch Naturbeobachtungen; Moczek/Köhler, eingereicht). Die Profi-Wissenschaftler*innen müssen dabei auch den Bürger-Wissenschaftlern*innen vertrauen, es geht also in diesem Kontext viel stärker um wechselseitiges Vertrauen. Die grundlegende Konstellation, dass Vertrauen dort notwendig ist, wo man arbeitsteilig aufeinander angewiesen ist, bleibt aber bestehen. Allerdings steht die empirische Untersuchung von Wissenschaftsvertrauen als Voraussetzung und als Ergebnis der Beteiligung in Projekten der Bürger-Wissenschaft noch aus. Beide Kontexte werden hier auch deshalb erwähnt, weil sie ihrerseits zu den Rahmenbedingungen der Entstehung und der Wirkung von Wissenschaftsvertrauen für alle Bürger*innen zählen. So werden Projekte der Bürger*innenbeteiligung dezidiert auch als Maßnahmen der Wissenschaftskommunikation verstanden, die die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft offener gestalten sollen (Bonn et al. 2016). Wissenschaftliche Politikberatung dient auch der Legitimierung politischer Entscheidungen durch den Verweis auf ihre wissenschaftsbasierten Begründungen (Weingart/Wagner 2015). Es ist dann eine empirische Frage, wie sich solche legitimierende Inanspruchnahme ›der Wissenschaft‹ auf das allgemeine Vertrauen in Wissenschaft auswirkt. Auch der Schwerpunkt dieses Kapitels auf den Problemlösungsleistungen von wissenschaftlichem Wissen ist nur exemplarisch zu verstehen. Die epistemische Funktion von Wissenschaft umfasst auch die Produktion von Wissen, das dem allgemeinen Verständnis der Welt dient, ohne für Anwendungen direkt relevant zu sein. Die Produktion wie auch die Nutzung von anwendungsbezogenem Wissen ist nur vor dem Hintergrund dieses allgemeinen Wissens zu betreiben und auch zu verstehen. Diese allgemeinere epistemische Funktion von Wissenschaft wird hier als ihr Beitrag zur Rationalität in einer Gesellschaft beschrieben. Zwar sind Rationalität und Wissenschaft nicht das Gleiche, aber die Gültigkeit von Verfahren rationalen Schlussfolgerns und Argumentierens basiert doch auf wissenschaftlichen Begründungen. So halten wir uns z.B. im Alltag üblicherweise an bestimmte logische Regeln (zum Beispiel können eine Sachbehauptung wie ›Sie lesen gerade diesen Satz‹ und ihre Verneinung nicht gleichzeitig zutreffen), die wir ohne Wissenschaft lernen und anwenden können. Für die Überprüfung der Gültigkeit und der Grenzen dieser Regeln benötigen wir aber die Wissenschaft. Analoges gilt auch für Regeln des statistischen Schließens und Argumentierens, z.B. nach den Regeln von Bayes. Auch erhebliche Teile einer rationalen Modellierung der natürlichen und der sozialen Welt basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, selbst

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dann, wenn sie inzwischen Teil des Alltagswissens geworden sind; zum Beispiel das Wissen, dass Bakterien und Viren Krankheiten verursachen. Wenn wesentliche Teile der Öffentlichkeit nicht mehr darauf vertrauen sollten, dass Wissenschaft die Gültigkeit dieses Wissens sicherstellen kann, dann gefährdet das die Rationalität einer Gesellschaft.7 Neben der individuellen Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher ›Wahrheit‹, die umstritten, aber für die Bürger*innen wichtig ist, gibt es auch noch andere Kontexte im Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit, in denen Vertrauen wichtig ist: So ist öffentlich finanzierte Wissenschaft in Demokratien auf die gesellschaftliche Akzeptanz von Ressourcenzuteilungen angewiesen. Außerdem setzt die Rekrutierung von Nachwuchs für Wissenschaft voraus, dass Wissenschaft als positiv und interessant wahrgenommen wird. So wird z.B. die Entscheidung von Schüler*innen für einen Studienschwerpunkt in den Naturwissenschaften durch das Bild von Wissenschaft und von Wissenschaftler*innen als Rollenmodell beeinflusst (Regan/de Witt 2015). Schließlich umfasst auch eine wissenschaftsbezogene Allgemeinbildung (Scientific Literacy) nicht nur Wissen um Sachinformationen (z.B. zum Unterschied zwischen Säuren und Basen), sondern auch subjektive Überzeugungen (Science Attitudes) über die Stärken und die Grenzen wissenschaftlicher Modelle und Methoden für ein Verständnis der Welt (Kind/Osborne 2017). Akzeptanz, Interesse und Wissenschaftsüberzeugungen sind etwas Anderes als Vertrauen, aber sie hängen doch damit zusammen, sodass auch in diesen Kontexten Wissenschaftsvertrauen als Randbedingung bezeichnet werden kann. 3.

Survey-Daten zum Vertrauen in Wissenschaft

Das ›Wissenschaftsbarometer‹, eine jährlich durchgeführte und für Deutschland bevölkerungsrepräsentative Befragung von ›Wissenschaft im Dialog‹ (einer öffentlich geförderten Initiative der großen Wissenschaftsorganisationen), liefert eine empirische Bestätigung für die These, dass Bürger*innen sich für Wissenschaft vor allem im Zusammenhang mit konkreten Problemlagen interessieren. Die befragten Personen bekommen unterschiedliche Gründe vorgelegt, warum sie sich mit Wissenschaft beschäftigen. Mit 64% ist der 7  Ein Indiz für diesen Zusammenhang von Rationalität und Wissenschaftsvertrauen ist das Post-Truth-Phänomen, bei dem die strategische Verletzung von Standards rationaler Argumentation (z.B. Widerspruchsfreiheit, Begründungspflicht für Geltungsbehauptungen) mit der Leugnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen (science denialism) einhergeht (Lewandowsky et al. 2017; Könneker 2019).

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meist präferierte Grund8 die Aussage »… weil ich Antworten zu konkreten Fragen suche, die mich beschäftigen«, gefolgt von »… weil ich Wissenschaft und Forschung faszinierend finde«, 58% der Befragten stimmen dem zu (Wissenschaftsbarometer 2018). An anderer Stelle werden Aussagen vorgelegt, die zeigen, dass von Wissenschaft und Forschung insgesamt eher Problemlösungen als Probleme erwartet werden – allerdings gibt diesbezüglich gut ein Drittel der Befragten an, unentschieden zu sein. Diese Erwartungen an die Problemlösungsfähigkeit gehen einher mit einem hohen allgemeinen Vertrauen in Wissenschaft bei etwa der Hälfte der Bevölkerung. Es wird direkt gefragt »Wie sehr vertrauen Sie in Wissenschaft und Forschung?«. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten gibt an, der Wissenschaft zu vertrauen (2018: 54%), die zweitgrößte Gruppe ist unentschieden (2018: 39%) und nur eine kleine Gruppe (2018: 7%) wählt die Antwortoptionen des Nicht-Vertrauens. Das Antwortmuster ist in Deutschland ähnlich wie in den anderen Staaten der EU (für eine detailliertere Übersicht: Hendriks/Kienhues/Bromme 2016). Diese Ähnlichkeit zwischen Deutschland und den anderen EU-Staaten zeigt auch eine weltweit (rund 140 Staaten) angelegte Studie (Wellcome Global Monitor 2019), in der nach dem Vertrauen in Wissenschaftler*innen gefragt wurde, z.B.: »How much do you trust scientists in this country?« sowie »In general how much do you trust scientists to find out accurate information about the world?«. Daraus wurde ein Trust-Index berechnet, auf dessen Grundlage die Prozentanteile von high trust, medium trust und low trust für das jeweilige Land ermittelt wurden.9 Der Anteil der Personen mit ›medium trust‹ entspricht in Deutschland mit 62% dem EU-Durchschnitt (61%), ebenso mit high trust 25% (EU: 25%) und low trust 12% (EU: 11%). Was aber verstehen die Befragten eigentlich darunter, wenn man sie zu ihrem Vertrauen in Wissenschaft und Forschung befragt? Wer oder was ist das Objekt des Wissenschaftsvertrauens? ›Wissenschaft‹ bezeichnet ein soziales System (Institutionen, die Geräte wie Mikroskope oder Elektronenbeschleuniger nutzen und dabei spezifischen sozialen Routinen, z.B. Begutachtungsverfahren 8  Dargeboten werden in der jährlichen Erhebung immer die fünf Antwortoptionen (a) Stimme voll und ganz zu, (b) stimme eher zu, (c) unentschieden, (d) stimme eher nicht zu, (e) stimme nicht zu, und es gibt außerdem die Möglichkeit, nicht zu antworten, was als (f) nicht zutreffend/weiß nicht/keine Angabe kodiert wird. Wenn nicht anders angegeben, werden in diesem Text als ›Zustimmung‹ die Prozentanteile von a und b und als Ablehnung von d und e zusammengefasst. Befragt werden rund 1000 Personen. Das Umfrageinstitut Kantar Emnid gewichtet die Angaben, um ein bevölkerungsrepräsentatives Ergebnis zu erhalten. 9  Die Ergebnisse sind mit denen des Wissenschaftsbarometers nicht direkt vergleichbar, weil die Wellcome Trust-Befragungen die Antwortoption ›unentschieden‹ nicht zuließ und weil in dem Trust Index auch Fragen nach Vertrauen in Wissenschaftler in Abhängigkeit von deren Arbeitgeber (privat versus öffentlich) aggregiert wurden, siehe dazu auch Abschnitt 6.

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zur Sicherung der Qualitätskontrolle, folgen und Personen, die in diesen Institutionen handeln) und ein epistemisches System, also Wissen über die – durch die Wissenschaft wiederum definierten – Weltausschnitte, einschließlich des Wissens um die Gründe für dessen Gültigkeit (Longino 1990). Was davon steht im Vordergrund, wenn Personen nach ihrem Wissenschaftsvertrauen gefragt werden? Das Wissenschaftsbarometer hat 2017 gefragt: »Was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an Wissenschaft bzw. an Forschung (jeweils die Hälfte der Stichprobe) denken?« Die häufigste spontane Nennung (Mehrfachnennung möglich) waren Themen und Fragestellungen der Wissenschaft, z.B. Medizin/ Gesundheit (40% der Befragten), Technik/Technologien (17%), Umwelt/Nachhaltigkeit/Biologie (15%). Nur 22% aller Befragten nannten Aspekte10, die sich auf ›Wissenschaft und Forschung im Allgemeinen‹ bezogen. Nur 9% gaben Antworten, in denen ›das wissenschaftliche System und seine strukturellen Rahmenbedingungen‹ angesprochen wurden. Themen und Fächer der Geistes- und Sozialwissenschaften wurden nur von einer kleinen Minderheit der Befragten (2%) spontan genannt (Ziegler et al. 2018). Nur knapp 12% der Befragten hatten gar keine spontane Assoziation zu dem Begriff der Wissenschaft bzw. der Forschung. Das war anders als danach gefragt wurde, was es bedeutet etwas »wissenschaftlich zu untersuchen«. Hierzu konnten über 40% keine irgendwie zutreffende Antwort geben. Diejenigen, die dazu überhaupt etwas angeben konnten, nannten am häufigsten Aspekte der Regelgeleitetheit und Systematik sowie Aspekte der Ergebnis- und Erkenntnisorientierung. Die enge Verknüpfung von alltagsweltlichen Problemstellungen und Wissenschaftsvertrauen zeigt sich auch daran, dass Befragungsergebnisse sehr unterschiedlich ausfallen, wenn man nach dem Vertrauen in Wissenschaft im Zusammenhang mit konkreten Themenbereichen fragt. Legt man Bürger*innen die Fragen vor, ob es sicher sei, gentechnisch modifizierte Lebensmittel zu verzehren, seine Kinder impfen zu lassen oder Energie in Kernkraftwerken zu gewinnen, erhält man sehr unterschiedliche Zustimmungsraten, wie z.B. die Ergebnisse von Befragungen in den USA (PEW Research Center 2015) zeigen. Diese Fragen sind aber aus forschungsmethodischer Sicht oft problematisch, weil sie mehrere Bewertungsaspekte vermischen. Die Bürger*innen werden eigentlich nach ihrer Haltung zur technologischen Umsetzungen von wissenschaftlichem Wissen gefragt und diese Umsetzung

10  W  issenschaft und Forschung im Allgemeine/seine Bedeutung umfasste u.a. Aspekte wie Fortschritt, Entwicklung, Innovation(en), Gemeinwohlorientierung/Neutralität von Wissenschaft und Forschung, Experimente, Versuche, methodisches Vorgehen.

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berührt viele Themen, bei denen es nicht nur um Vertrauen in Wissenschaft, sondern auch um persönliche und gesellschaftliche Verantwortung und Zielsetzungen geht. Dies ist aber nicht nur ein untersuchungsmethodisches Problem. Es spiegelt auch wider, was oben bereits ausführlich begründet wurde: Wissenschaftsvertrauen ist meistens im Zusammenhang mit persönlichen und gesellschaftlichen Problemstellungen relevant. Deshalb zeigen sich die Unterschiede zwischen den Themenbereichen auch dann, wenn klar nach dem Vertrauen in die Aussagen von Wissenschaftler*innen zu den jeweiligen Themen gefragt wird. So hat das Wissenschaftsbarometer 2016 nach dem Vertrauen in Aussagen von Wissenschaftlern zu den Themen erneuerbare Energien (53% gaben an, zu vertrauen) und grüne Gentechnik (17%) gefragt und nicht nach dem Vertrauen in diese Technologien per se. Sie erhielten dennoch sehr unterschiedliche Antworten, die sich in Bezug auf Gentechnik auch von den oben berichteten hohen Zustimmungswerten bei der allgemeinen Frage nach dem Wissenschaftsvertrauen unterschieden. Angesichts dieser Unterschiede ist zu fragen, ob es sich bei dem allgemeinen Wissenschaftsvertrauen um ein Artefakt handelt, das nur im Moment der Befragung entsteht? Dagegen sprechen die hohe längsschnittliche Stabilität dieser Messungen und auch die empirischen Befunde zu den Vorstellungen von ›Wissenschaft‹. Das allgemeine Wissenschaftsvertrauen bildet eher den Hintergrund, vor dem sich das themenspezifische Wissenschaftsvertrauen entwickelt. Dafür spricht auch, dass das allgemeine und das themenspezifische Vertrauen korrelieren. So finden sich z.B. in der Wellcome Global Monitor Studie (2019 S. 123) Zusammenhänge zwischen dem Index des allgemeinen Vertrauens in Wissenschaftler und dem Vertrauen in die Sicherheit und Wirksamkeit des Impfens, obwohl es bei dem letzteren auch eine sehr große Variation zwischen unterschiedlichen Ländern gibt. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass eine Mehrheit von Personen Wissenschaft und Forschung in Deutschland deutlich oder wenigstens moderat vertrauen. Es gibt außerdem eine große Gruppe, die eher unentschieden ist. Nur eine sehr kleine Gruppe positioniert sich dezidiert ablehnend. Dieses allgemeine Wissenschaftsvertrauen bildet den Hintergrund für themenbezogenes Wissenschaftsvertrauen, das je nach Thema sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Weiterhin kann man festhalten, dass die Vorstellungen über das Vertrauensobjekt ›Wissenschaft‹ eher die epistemische als die soziale Seite von ›Wissenschaft‹ betreffen und schließlich, dass das Vertrauen in Wissenschaft eng verbunden ist mit Erwartungen an die epistemischen Leistungen der Wissensproduktion in Zusammenhang mit konkreten, lebensweltlichen Fragestellungen. Zugleich fehlt es aber vielen Bürger*innen an konkreten Vorstellungen, auf welche Weise die Wissenschaft diese epistemischen Leistungen

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erbringt. Weiterhin umfasst der öffentliche (Alltags-)Begriff von Wissenschaft und Forschung offensichtlich vor allem Medizin- und Naturwissenschaften sowie neue Technologien, die Geistes- und Sozialwissenschaften jedoch nur in sehr geringem Maße. 4.

Definitionen: Wissenschaftsvertrauen ist epistemisches Vertrauen

Vertrauen ist ein Untersuchungsgegenstand unterschiedlicher Disziplinen und es gibt ganz unterschiedliche theoretische Modelle dazu.11 Dennoch lassen sich einige Kernannahmen identifizieren, die nachfolgend skizziert und dann bezüglich des Wissenschaftsvertrauens noch spezifiziert werden sollen. Vertrauen ist eine Annahme des Subjekts des Vertrauens (Vertrauensgebers) über das Vertrauensobjekt (Vertrauensnehmer). Das ist ein Akteur, dessen Handlungen für die Ziele des Subjekts bedeutsam sind. Das Vertrauenssubjekt macht sich also abhängig von dem Vertrauensobjekt. Das Subjekt (der Vertrauensgeber) kann nicht sicher vorhersagen, ob die Handlungen des Vertrauensnehmers seinen/ihren Zielen gerecht werden. Nur wo es ein Risiko gibt, ist Vertrauen überhaupt notwendig, salopp gesagt: no risk, no trust. Vertrauen wird deshalb auch als ›the willingness to be vulnerable to another person‹ beschrieben, z.B. von Mayer et al. 1995. Diese Verletzlichkeit begründet auch das Risiko. Der Vertrauensnehmer kann durch seinen Handlungen dem Vertrauensgeber nutzen, aber auch schaden.12 In der Vertrauensforschung wird ein ›Vertrauensparadox‹ beschrieben (Pytlik Zillig/Kimbrough, 2016): Vertrauen ist notwendig, wenn ein Risiko besteht. Wenn der Vertrauensgeber jedoch Anhaltspunkte dafür findet, dass der Vertrauensnehmer vorrausichtlich die Verletzlichkeit nicht ausnutzt und die Ziele des Vertrauensnehmers erfüllt, wenn er also mehr vertraut, so sinkt das – zumindest subjektiv wahrgenommene – Risiko. Damit verringert sich auch die Notwendigkeit zu vertrauen. Zugleich hat das Vertrauenssubjekt auch Freiheitsgrade, d.h. nur wenn es die Abhängigkeitsbeziehung zu diesem speziellen Akteur nicht eingehen muss, ist es sinnvoll, von Vertrauen zu sprechen. (Eine Geisel kann zwar bspw. hoffen, dass ihr kein Schaden zugefügt wird, sie kann aber nicht wählen, ob sie

11   Zur Übersicht siehe Blöbaum 2016; Pytlik Zillig/Kimbrough 2016; die nachfolgend beschriebene psychologische Variante des Vertrauensbegriffs folgt weitgehend Mayer et al. 1995. 12  Pytlik Zillig/Kimbrough 2016, S. 27f., liefern eine gute Analyse des Verhältnisses von Vulnerabilität und Risiko.

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sich dem Geiselnehmer ausliefert. Diese Hoffnung ist deshalb nicht als ›Vertrauen‹ in den Geiselnehmer zu bezeichnen). Vertrauen ist erst einmal eine einseitige Zuschreibung13 und der Vertrauensnehmer muss gar nicht wissen, dass ihm oder ihr Vertrauen geschenkt wird. Wechselseitigkeit des Vertrauens ist möglich, aber sie ist nicht notwendig, um von Vertrauen zu sprechen. Vertrauensobjekte können Personen, aber auch Gruppen und Institutionen aller Art sein, soweit sie als Akteure wahrgenommen werden, die etwas Relevantes für die Ziele des Vertrauensnehmers tun. Aus einer psychologischen Perspektive sind die Vertrauenssubjekte dagegen immer Personen, allerdings kann man auch das geteilte Vertrauen einer Gruppe oder Institution (z.B. gemessen als mittleres Vertrauen aller Gruppenmitglieder/ der Vertreter der Institution) betrachten. Man kann auch das artikulierte (das für eine Gruppe/Institution behauptete gemeinsame) Vertrauen betrachten. In diesem Sinne können dann sogar Institutionen als Vertrauenssubjekte auftreten. Vertrauensobjekte können konkrete, identifizierbare Personen oder Institutionen oder auch abstrakte Institutionen, Gruppen oder Rolleninhaber sein. Menschen können also (durchaus unterschiedliches) Vertrauen zu konkreten Wissenschaftler*innen, zu Wissenschaftler*innen allgemein, zu konkreten Forschungsinstitutionen und zur Wissenschaft allgemein haben. Es ist jeweils eine empirische Frage, in welchem Verhältnis das Vertrauen in konkrete, erlebte Vertrauensobjekte zu den allgemeinen Vertrauensobjekten (d.h. den Rollen und Institutionen) steht. Es ist deshalb durchaus sinnvoll, von Wissenschaftsvertrauen in dem allgemeinen Sinn zu sprechen, solange klar ist, dass es daneben noch diverse weitere konkrete Instanzen des allgemeinen Vertrauensobjekts ›Wissenschaft‹ geben kann. Für die empirische Forschung bedeutet das, dass den Untersuchungssubjekten, deren Vertrauen in Wissenschaft man messen will, immer erklärt werden sollte, ob der allgemeine Begriff von Wissenschaft gemeint ist oder konkrete Instanzen dieses Begriffs. Ziele (des Vertrauenssubjekts), Handlungen (des Vertrauensobjekts), und Risiken sind also die Kernstücke von Vertrauenshandlungen, in denen das Vertrauenssubjekt eine Situation bewertet, Entscheidungen trifft und schließlich handelt, in Abhängigkeit von seinem/ihrem Vertrauen in das Vertrauensobjekt. Unser Eingangsbeispiel hat bereits illustriert, wie diese Kernstücke zu spezifizieren sind, wenn es um Wissenschaftsvertrauen geht. Das Ziel der Bürger*innen ist es, ›die Wahrheit‹ über Stickoxidbelastungen zu erfahren und die Handlung der Wissenschaftler*innen besteht in der 13  In diesem Text wird nachfolgend immer von der Zuschreibung von Vertrauen gesprochen. Genaugenommen müsste es eigentlich heißen: Die Zuschreibung von Vertrauenswürdigkeit. Das ist aber sprachlich umständlicher.

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Bereitstellung dieser ›Wahrheit‹. Das Risiko der Bürger*innen besteht darin, dass sie falsche Geltungsbehauptungen erhalten. Die Abhängigkeit folgt aus der eingangs bereits beschriebenen kognitiven Arbeitsteilung. Die Handlungsfreiheit ist gegeben, weil Bürger*innen sich auch an andere (tatsächliche oder vermeintliche) Experten wenden können. Wir schlagen deshalb vor, das Wissenschaftsvertrauen als epistemisches Vertrauen zu definieren (Hendriks et al. 2016a). Natürlich ist die epistemische Frage nach der Wahrheit über die Stickoxide eingebettet in nicht-epistemische Ziele. In unserem Beispiel könnte es darum gehen zu entscheiden, welche Luftreinhaltungspolitik man unterstützen oder welches Auto man kaufen will. Oben wurde jedoch sowohl theoretisch als auch empirisch gezeigt, dass Bürger*innen an Wissenschaft vor allem in Bezug auf ihre epistemische Leistung für Problemlösungen interessiert sind. Deshalb ist es begründet, Wissenschaftsvertrauen als epistemisches Vertrauen zu spezifizieren.14 Es geht also um das Vertrauen, dass die Wissenschaft oder Wissenschaftler*innen ›wahre‹ (und das heißt auch bezogen auf die jeweilige Fragestellung relevante) Antworten liefern. Dieser Vertrauensbegriff hat einen engen Bezug zu den Begriffen Glaubwürdigkeit (credibility) und Plausibilität (plausibility). Für die Beschäftigung mit Wissenschaftsvertrauen ist deshalb eine terminologische Klärung nützlich. Es gibt insbesondere zwischen der kommunikationswissenschaftlichen und der psychologischen Forschung eine erhebliche Variabilität bei den theoretischen Definitionen dieser Begriffe. Ich schlage vor, den Begriff der Glaubwürdigkeit auf die Geltungsbehauptung selbst zu beziehen, den des Vertrauens bzw. der Vertrauenswürdigkeit auf die Personen bzw. Gruppen, deren Geltungsbehauptungen beurteilt werden. Für die Situationen, wie sie in dem Eingangsbeispiel beschrieben wurden, ist der Begriff der Plausibilität noch geeigneter als der Begriff der Glaubwürdigkeit. Plausibilität bezeichnet das ›Fürwahrhalten‹ einer Geltungsbehauptung bei gleichzeitiger Anerkennung, dass es eine tatsächliche ›Wahrheit‹ geben kann (also die Entscheidung darüber nicht eine des Glaubens ist) und dass die Unsicherheit darüber auf der Seite des Urteilenden begründet ist (siehe dazu Abschnitt 8). Lombardi, Nussbaum und Sinatra (2014 S. 46) beschreiben ›plausibility‹ als »a judgment on the relative potential truthfulness of competing explanations«, was das hier Gemeinte gut trifft. 14  Dies wird hier so ausführlich begründet, weil es im Verhältnis zwischen Bürgern und Wissenschaft auch Zielstellungen geben kann, bei denen es nicht um epistemisches Vertrauen geht, aber sehr wohl um Vertrauen. Ein Beispiel: Bürger*innen, die sich für Tierschutz engagieren, vertrauen (oder misstrauen) Wissenschaftler*innen, die Tierversuche durchführen. Da geht es aber um das Vertrauen in die Einhaltung von Tierschutznormen und das betrifft z.B. auch Landwirt*innen.

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Vertrauenszuschreibungen und Plausibilitätsbeurteilungen beeinflussen sich gegenseitig (Thomm/Bromme 2016). Eine Geltungsbehauptung wird als plausibler angenommen, wenn sie von einer Quelle stammt, die als vertrauenswürdig gilt. Umgekehrt wird eine Quelle als vertrauenswürdiger wahrgenommen, wenn sie Geltungsbehauptungen formuliert, die als plausibel beurteilt werden. Hahn et al. (2009) zeigen, dass die Vertrauenszuschreibungen und Inhaltsbeurteilungen nicht additiv, sondern multiplikativ zusammenwirken. Allerdings gibt es eine natürliche Tendenz, neue Informationen erst einmal nur auf ihre Plausibilität hin zu beurteilen, nicht aber auf die Vertrauenswürdigkeit der Quelle zu achten. Levy (2019) bezeichnet diese Präferenz für Plausibilitätsbeurteilungen als ›epistemischen Individualismus‹. Informationen zur Quelle werden erst aufgesucht und verarbeitet, wenn die vorliegenden Geltungsbehauptungen sich untereinander widersprechen (und das auch wahrgenommen wird) oder wenn sie im Widerspruch zu den Vorannahmen und Überzeugungen des Urteilenden stehen (zur Forschungslage zur Nutzung von Quelleninformationen siehe Braasch et al. 2018; Bromme et al. 2018). 5.

Dimensionen des Vertrauens – und des Misstrauens

Vertrauen ist in einem psychologischen Sinne also eine Erwartung. Diese manifestiert sich dann in Bewertungen, Entscheidungen und Handlungen. Von Pytlik Zillig/Kimbrough (2016) und anderen wird deshalb vorgeschlagen, Vertrauen als Prozess zu verstehen, um der Dynamik der Entstehung und der Wirkung von Vertrauen gerecht zu werden. Entstehung und Wirkung von Vertrauen sind dabei eng verknüpft, weil Menschen ihre Erwartungen anhand ihrer Erfahrungen auch verändern. Wie entstehen die Erwartungen, die wir als Vertrauen messen – sei es direkt durch Befragungen oder indirekt durch Erfassung des Verhaltens des Vertrauensgebers? Es ist nützlich, hier zwischen dispositionalen und situativen Bedingungen zu unterscheiden. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass dies eine analytische Unterscheidung ist, die subjektiv in den meisten Fällen nicht erlebt wird. Menschen unterscheiden sich dispositional in ihrer Vertrauensbereitschaft (propensity to trust; Mayer et al. 1995). Allerdings ist diese Vertrauensbereitschaft bereits auch innerhalb einer Person je nach Kontext unterschiedlich. Man darf sich diese personenbezogene Vertrauensbereitschaft nicht als eine rein durch individuelle Faktoren bestimmte Personeneigenschaft vorstellen. Sie ist vielmehr auch von dem allgemeinen Vertrauensklima in einer Gesellschaft abhängig. So berichtet die Wellcome Global Trust Studie (2019 S. 61) im Ländervergleich

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Zusammenhänge zwischen dem Vertrauen in wichtige andere Institutionen (Gerichtswesen, Militär, Regierung) und dem Vertrauen in Wissenschaft. Zu den wichtigsten situativen Bedingungen von Vertrauen gehören Merkmale des Vertrauensnehmers, die das Urteil über die Vertrauenswürdigkeit (also die Zuschreibung von Vertrauen) begründen. Dabei geht es um die subjektive Wahrnehmung dieser Merkmale. In dem Vertrauensmodell von Mayer et al. (1995) sind das ›expertise‹, ›benevolence‹ und ›integrity‹. Diese Merkmale konnten als Dimensionen von Vertrauenszuschreibungen zu Wissenschaftler*innen auch empirisch unterschieden werden (Hendriks et al. 2015). Expertise: Wissenschaftler*innen haben Fähigkeiten und Erfahrungen zur Erkenntnisgewinnung und Problemlösung; Integrität: Wissenschaftler*innen halten sich an begründete Regeln der Wahrheitssuche; Benevolenz: Wissenschaftler*innen haben den Nutzen für andere (die Öffentlichkeit) bei ihrer Arbeit im Blick. Wir haben dazu einen Fragebogen (METI: MünsterEpistemicTrustInventory) entwickelt, in dem kontrastierende Paare von Eigenschaften vorgelegt werden, z.B. für Expertise: kompetent-inkompetent, erfahren-unerfahren, Integrität: aufrichtig-unaufrichtig, fair-unfair, Benevolenz: verantwortungsbewusst-verantwortungslos, rücksichtsvoll-rücksichtslos. Deren Zutreffen ist auf einer siebenstufigen Antwortskala zu beurteilen. Die drei Dimensionen wurden faktorenanalytisch erst exploratorisch ermittelt und dann an einer anderen Stichprobe bestätigt. Die von uns gewählten Begriffe bezeichnen recht allgemeine Eigenschaften.15 Dennoch ist es gerechtfertigt, die Ergebnisse im Sinne der oben beschriebenen Merkmalsdimensionen von Wissenschaftler*innen zu interpretieren. Das zeigt eine weitere Studie, die wir für die Konstruktion des METI durchgeführt haben. Die Probanden bekamen einen Auszug aus einem Wissenschaftsblog vorgelegt und dazu kurze Beschreibungen desjenigen Wissenschaftlers, der der Autor dieses Beitrags war. Die experimentelle Variation der Merkmale »Expertise«, »Integrität« und »Wohlwollen« zeigt Tabelle 5.1. Die größten Unterschiede in den Urteilen traten immer bei den dazu passenden Merkmalsbeschreibungen auf. Die drei Dimensionen sind nicht unabhängig voneinander – Integrität und Benevolenz hängen dabei stärker untereinander als mit Expertise zusammen. Dennoch ist es sinnvoll, sie jeweils getrennt zu erheben, weil es durchaus Kontexte gibt, in denen Wissenschaftler*innen z.B. eher hohe Integrität, aber niedrige Expertise zugeschrieben wird. Das ist z.B. der Fall, wenn ein Wissenschaftler in einem Wissenschaftsblog nach der Veröffentlichung eines 15  Die Allgemeinheit der verwendeten Eigenschaftsbegriffe hat den Vorteil, dass auch Vertrauenszuschreibungen erfasst werden können, die eher intuitiv und ohne besonderes Detailwissen über Wissenschaft vorgenommen werden.

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Informiertes Vertrauen

Hoch

Niedrig

Expertise

Integrität

Wohlwollen

Prof. Dr. [Name]

Dr. [Name]

Dr. [Name]

Professor für Neurologie an einer Universität und international anerkannter Experte für die Neurologie bei Migränepatienten. […]

Forschender Neurologe […] aktiv in der Initiative »Offene Wissenschaft«. Hier verpflichten sich Forscher, alle Materialien und Daten ihrer Studien zu veröffentlichen, damit Ergebnisse […] überprüft werden können.

Forschender Neurologe […].

[Name]

Dr. [Name]

Dr. [Name]

Studiert Medizin im 3. Semester an einer Universität. Nebenbei arbeitet er in der Gastronomie. […]

Forschender Neurologe […].

Forschender Neurologe […].

Im Jahr 2012 berichteten Kollegen über ihn, dass er Befunde bewusst nicht veröffentlicht hatte, die seinen vorherigen Ergebnissen widersprachen. […]

Ihm wird vorgeworfen, […] verfrüht ein Medikament herausgebracht zu haben, ohne dessen Nebenwirkungen ausreichend erforscht zu haben. […]

Er engagiert sich dafür, dass die Wissenschaft Erkenntnisse liefert, die der ganzen Gesellschaft zu Gute kommen. […]

Tabelle 5.1 Merkmale von Wissenschaftlern, die zu unterschiedlichen Vertrauenszuschreibungen führen, gemessen mit dem METI

Ergebnisses selbst einen kritischen Kommentar hinzufügt und einen Fehler einräumt (Hendriks et al. 2016b). Es ist auch deshalb sinnvoll, die Dimensionen zu trennen, weil sie für Zuschreibungen von Vertrauen und von Misstrauen unterschiedlich genutzt werden. Das Wissenschaftsbarometer (2018) hat entlang dieser Dimensionen

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nach der Zustimmung zu möglichen Gründen gefragt, ›warum man Wissenschaftler*innen vertrauen kann‹. Mit 64% Zustimmung war Expertise: ›Weil Wissenschaftler Experten auf ihrem Feld sind‹ der wichtigste Aspekt, gefolgt von Integrität (48%): ›Weil Wissenschaftler nach Regeln und Standards arbeiten‹ und Benevolenz (47%): ›Weil Wissenschaftler im Interesse der Öffentlichkeit forschen‹. Außerdem wurden mögliche Gründe für Misstrauen vorgelegt. Mit 67% Zustimmung war der wichtigste ein Aspekt der BenevolenzErwartung. ›Weil Wissenschaftler stark abhängig von ihren Geldgebern sind‹. Die Verletzung von Integritäts-Erwartungen ›Weil Wissenschaftler oft Ergebnisse ihren Erwartungen anpassen‹ hatte 38% Zustimmung und von ExpertiseErwartungen nur 18%. Bei den beiden letztgenannten Gründen waren sehr viele Befragte unentschieden. Misstrauen ist also nicht einfach das Fehlen von Vertrauen und umgekehrt. Es sind vielmehr zwei unterschiedliche Arten von Erwartungen des Vertrauensgebers. 6.

Epistemische Vigilanz und die besondere Bedeutung von Interessenkonflikten für Vertrauensurteile

Mit der Möglichkeit zu rechnen, dass man von Wissenschaftler*innen getäuscht wird, schließt nicht aus, dass man ihnen im Allgemeinen vertraut. Sperber et al. (2010) haben das Verhältnis von Vertrauen und Misstrauen für das epistemische Vertrauen von Menschen in Interaktionen beschrieben. Diese Interaktionen sind uns nur möglich, wenn wir davon ausgehen, dass im Regelfall unser Gegenüber bemüht ist, die Wahrheit zu sagen. Zugleich sind wir aber wachsam gegenüber intentionalen Täuschungen, die Autoren nennen das epistemische Vigilanz. Entwicklungspsychologische Befunde zeigen, dass Menschen bereits im Kleinkindalter eine differenzierte Wahrnehmung von Täuschungsabsichten entwickeln (Harris 2012). Sie sind bereits in der Lage, zu unterscheiden, ob ihnen ihre Interaktionspartner absichtlich oder versehentlich falsche Informationen gegeben haben. Diese grundlegende psychologische Annahme eines interpersonellen Vertrauens als Standard, bei gleichzeitiger Vigilanz gegenüber intentionaler Falschinformation, ist auch eine gute Heuristik für die Analyse des Wissenschaftsvertrauens. Es ist deshalb kein Widerspruch, wenn in der WissenschaftsbarometerUmfrage von 2018 zwar eine Mehrheit der Deutschen ein allgemeines Vertrauen in Wissenschaft hat, aber zugleich 69% glauben, dass der Einfluss der Wirtschaft auf die Wissenschaft zu groß ist. Es ist ein Ausdruck der Vigilanz gegenüber Verletzungen der Erwartungen an Benevolenz und Integrität. Das Wissenschaftsbarometer 2018 hat den Befragten auch unterschiedliche Fähigkeiten vorgelegt und gefragt, was man davon mitbringen muss, um ein guter

Informiertes Vertrauen

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Wissenschaftler oder eine gute Wissenschaftlerin zu sein. Mit knapp 80% Zustimmung waren Unabhängigkeit von den Interessen Dritter und Orientierung am Gemeinwohl fast so wichtig wie Können. Eine Abhängigkeit der Wissenschaft bzw. einzelner Wissenschaftler*innen von anderen gesellschaftlichen Akteuren zählt also zu den wichtigsten Anhaltspunkten für Misstrauen. Das zeigt sich in einem sehr stabilen Ergebnis aus vielen Umfragen: Wissenschaftler*innen aus privat finanzierten (Industrie-)Einrichtungen wird signifikant weniger Vertrauen entgegengebracht als Wissenschaftler*innen, die in öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen arbeiten. Ein Beispiel aus einem Land, in dem es insgesamt ein recht hohes Wissenschaftsvertrauen gibt: In Schweden haben 84% der Bevölkerung ein hohes/sehr hohes Vertrauen in öffentlich geförderte Forschung und ›nur‹ 58% in Forschung, die von Firmen finanziert wird (Vetenskap & Allmänhet 2018). Wir finden die Vigilanz gegenüber diesem Anhaltspunkt für Vertrauen bzw. Misstrauen auch in Studien, die danach fragen, wie sich Laien eigentlich erklären, dass sich Wissenschaftler*innen zu ganz konkreten Fragestellungen widersprechen. Wir haben dafür vier recht stabile subjektive Erklärungen empirisch gefunden und in einem Fragebogen zusammengestellt (Thomm et al. 2016; ähnliche Befunde in den USA bei Dieckmann/Johnson 2019). Eine dieser Erklärungen besagt, dass die Widersprüche durch unterschiedliche Motive und Ziele der beteiligten Wissenschaftler*innen begründet seien. Wenn man nun die – eigentlich ganz neutrale – Information darüber hinzufügt, wo die beteiligten Wissenschaftler*innen arbeiten (Universität vs. Industrie) wird diese motivationsbezogene Erklärung stärker präferiert. Warum sind Bürger*innen eigentlich besonders aufmerksam gegenüber der Möglichkeit von Interessenkonflikten? Auf den ersten Blick ist die Antwort offensichtlich: Informationen über mögliche Konflikte sind bedeutsam für Vertrauenszuschreibungen, weil es um die eigenen Interessen der Bürger*innen geht. Damit wird also die Benevolenzdimension angesprochen. Aber es wird auch die Integritäts- und indirekt die Expertisedimension adressiert. So könnte das Verfolgen von außerwissenschaftlichen Interessen die Objektivität der Wissensproduktion verletzen. Wenn Wissenschaftler*innen nichtepistemische Ziele verfolgen, besteht die Gefahr einer interessenbezogenen Verzerrung ihrer Ergebnisse. Die Unabhängigkeit von nicht-epistemischen Zielen im Prozess der Sicherung der Gültigkeit wissenschaftlicher Ergebnisse ist ein Kernstück des Konzepts der Objektivität.16 Interessenkonflikte 16  Das Verhältnis dieser Dimensionen untereinander ist dabei nicht widerspruchsfrei, weil ›Benevolenz‹ auch nicht-epistemische Interessen umfassen kann. Solche Schwierigkeiten werden in der wissenschaftsphilosophischen Diskussion um die Wertfreiheit von Wissenschaft analysiert (Wilholt 2010).

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und daraus sich ergebende Gefährdungen von Objektivität gibt es auch in anderen Erfahrungsbereichen als der Wissenschaft, z.B. in der Politik oder im privaten Alltag. Es ist deshalb auch für Nicht-Experten leicht zu verstehen, dass Interessenkonflikte der Qualität der Wissensproduktion entgegenstehen können. Die Frage, ob Interessenkonflikte vorliegen, ist ein Beispiel dafür, dass es bei wissenschaftlichen Streitfragen für Laien (wegen der epistemischen Abhängigkeit) leichter möglich sein kann, sich um eine informierte Beurteilung dieser vertrauensrelevanten Aspekte zu bemühen, als zu versuchen, in der Sache selbst zu urteilen, wer eigentlich recht hat (siehe dazu auch Abschnitt 8). 7.

Wissenschaftsvertrauen und intentionale motivierte Informationsverarbeitung

Die voranstehend skizzierten Dimensionen von Vertrauensurteilen (Expertise, Benevolenz, Integrität) zeigen einige der Arten von Informationen, die Personen nutzen, wenn sie der Quelle einer Geltungsbehauptung Vertrauen zuschreiben und darüber vermittelt auch Plausibilitätszuschreibungen vornehmen. Darüber hinaus gibt es aber auch viele weitere Einflussgrößen auf die Vertrauenszuschreibung, z.B. die Aggressivität (König/Jucks 2019) und die Verständlichkeit der von den Experten verwendeten Sprache (Scharrer et al. 2016) sowie die Nutzung von technischem Jargon (Thon/Jucks 2016). Der (im statistischen Sinne) wichtigste Prädiktor von Vertrauenszuschreibungen ist die Kompatibilität der zu beurteilenden Geltungsbehauptung mit dem, was der Vertrauensgeber bereits über die jeweilige Sache denkt. Eine neue Geltungsbehauptung wird also erst einmal an dem gemessen, was man bisher in der Sache als für wahr gehalten hat. Wenn diese Geltungsbehauptung auch Wertüberzeugungen betrifft (was bei den meisten umstrittenen wissenschaftsbezogenen Sachverhalten, die Bürger*innen interessieren, der Fall ist), dann wird sie auch an der Passung zu den eigenen Werten gemessen (Landrum et al. 2017; Scharrer et al. 2019). Die Vorannahmen und die eigenen Wertüberzeugungen können auch zur Abwehr unliebsamer wissenschaftlicher Geltungsbehauptungen führen. Die Abwehr kann durch eine selektive Informationssuche, selektive Informationsbewertung oder eine selektive Intensität der Verarbeitung der neuen, unliebsamen Geltungsbehauptungen vollzogen werden. Menschen bevorzugen Informationen, die ihre Überzeugung bestärken, gegenüber denen, die sie in Frage stellen. Selektive Exposition bzw. selektive Vermeidung kann zu sogenannten »Echokammern« führen, in denen die Menschen nur das hören, was sie bereits glauben. Oder die Abwehr kann durch eine Abwertung der Quellen, hier also der Wissenschaftler, erfolgen.

Informiertes Vertrauen

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Die Abwehrstrategien betreffen also die beiden Arten von Urteilen, die in diesem Kapitel unterschieden werden: Plausibilitäts- und Vertrauensurteile. Eine Variante der Abwehr, bei der Plausibilitäts- und Vertrauensurteile zusammenfließen, ist das Abstreiten der Erkenntnismöglichkeiten der Wissenschaft zu der jeweiligen Frage (Munro 2010). Personen, die gerne gewalthaltige Computerspiele spielen, werten die Forschung zu negativen Folgen des Spielens ab. Sie verallgemeinern ihre Ablehnung der spezifischen Forschungsergebnisse auf die gesamte Forschung zu Videospielen (Nauroth et al. 2014). Diese Abwehrstrategien werden unter dem Begriff der »motivierten Informationsverarbeitung« (engl.: »motivated reasoning«17) zusammengefasst (Lewandowsky/Oberauer 2016; Rothmund et al. 2017; Rutjens et al. 2018; Sinatra et al. 2014). In der Forschung zum Wissenschaftsvertrauen wird ›motivierte Informationsverarbeitung‹ von vielen Forschern als Erklärung für die Wirkung der strategisch geplanten Leugnung wissenschaftlicher Evidenz angeführt, z.B. zum Klimawandel und seinen anthropogenen Ursachen (»science denialism«, z.B. Levy 2019). Tatsächlich beeinflussen die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder die Ausrichtung auf ein bestimmtes Wertesystem die Akzeptanz von wissenschaftlichen Geltungsbehauptungen, deren Implikationen als Bedrohung für die jeweilige eigene Gruppenidentität wahrgenommen werden. In den USA gehen z.B. die Meinungen von Republikanern und Demokraten zu sechzehn sozialwissenschaftlichen Themen auseinander, von obligatorischen Kinderschutzimpfungen über den Klimawandel bis hin zur Vermittlung der Evolutionstheorie (Blank/Shaw 2015). Das Phänomen der intentionalen motivierten Informationsverarbeitung wirft die Frage auf, wie Wissenschaftler*innen der Leugnung von wissenschaftlichen Befunden entgegentreten können? Wie kann man die Akzeptanz wissenschaftlicher Wahrheiten (z.B. zum Impfen, zum Klimawandel usw.) erhöhen, wie kann man der intentional motivierten Abwertung von Wissenschaft entgegenwirken? In der Forschung zur Wissenschaftskommunikation werden dazu Antwor­ ten zusammengetragen, die auf Erfahrungen und Forschungsergebnissen zur politischen Kommunikation basieren und es werden Kommunikationsstrategien erprobt, die darauf abzielen, den starken Einfluss von Werten und subjektiven Überzeugungen sozusagen einzuberechnen und ihm nicht direkt entgegen zu treten; Hornsey/Fielding (2017) bezeichnen das als 17  Allerdings ist jede Informationsverarbeitung motiviert und der Begriff der motivierten Informationsverarbeitung beschreibt zielbasierte Verzerrungen eigentlich ungenau. Einem Vorschlag von Druckman/Grath 2019 folgend bezeichne ich das als intentional motivierte Informationsverarbeitung. Hendriks/Kienhues 2019 unterscheiden zwischen motivated und flawed reasoning und weisen damit auf den Unterschied zwischen gezielten und unbeabsichtigten Verzerrungen hin.

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»Jiu-Jitsu-Model« der Überzeugung. Zum Beispiel wird in der Kommunikation zu umstrittenen Themen darauf geachtet, die möglichen negativen Effekte von wissenschaftlichen Geltungsbehauptungen auf die Gruppenidentität abzumildern. Um das oben aufgeführte Beispiel aufzunehmen: Bei der Vermittlung von wissenschaftlicher Evidenz zu den Gefahren des Computerspiels wird zugleich deutlich signalisiert, dass damit die Gruppe der Computerspieler nicht abgewertet werden soll (Nauroth et al. 2014). Im Framing-Ansatz wird darauf geachtet, dass durch die Wahl von Begriffen oder von Kontexten eine wissenschaftliche Geltungsbehauptung so eingekleidet werden kann, dass sie den Personen, die sie sonst ablehnen, nicht mehr so unverträglich mit ihrem Wertesystem erscheint (Nisbet 2009). 8.

Informiertes Wissenschaftsvertrauen: Ein normatives Konzept (aber mit empirischen Argumenten)

Solche Überzeugungsansätze aus der politischen Kommunikation zielen auf die politische Akzeptanz von Maßnahmen (z.B. gegen den Klimawandel) oder auf persönliche Verhaltensänderungen. Sie setzen die epistemische Qualität der Geltungsbehauptungen, die die Wissenschaft gesichert hat, zwar voraus, aber sie nutzen sie nicht als Argument. Pointiert gesagt: sie werben um Vertrauen in Wissenschaft, ohne dabei die eigentliche epistemische Leistungskraft der Wissenschaft zu nutzen. Das ist durchaus problematisch und wirft die Frage auf, welche Effekte solche Maßnahmen langfristig auf das allgemeine Vertrauen in Wissenschaft haben? Das ist erst einmal eine empirische Frage, aber sie berührt auch die normative Frage, was eigentlich ein wünschenswertes Wissenschaftsvertrauen umfassen sollte. Als eine erste Antwort auf diese normative Frage soll abschließend das Konzept des informierten Vertrauens umrissen werden. Dazu soll zuerst die Kompatibilität von Wissenschaftsvertrauen mit dem epistemischen Ideal einer rationalen evidenzbasierten Begründung von Geltungsbehauptungen erneut betrachtet werden. Zu Beginn des Kapitels wurde die kognitive Arbeitsteilung und die daraus resultierende epistemische Abhängigkeit der Bürger*innen von den Experten beschrieben und daraus abgeleitet, dass Bürger*innen auf Vertrauensurteile angewiesen sind, um zu Plausibilitätsurteilen in der Sache zu kommen. Können diese Vertrauensurteile ihrerseits rational begründet sein?18 Oben wurde bereits das Vertrauenspara18  Eine andere Variante diese Frage zu formulieren wäre: Die Begründung einer Sachbehauptung durch den Verweis auf die Autorität einer Quelle gehört zu den in der Logik

Informiertes Vertrauen

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dox erläutert: Solange der Vertrauensgeber keine vollständige Kontrolle über das Risiko der Erwartungsverletzung hat, muss er/sie vertrauen. Deshalb kann es keine Vertrauenszuschreibung geben, die in dem Sinne rational begründet ist, dass dem Vertrauensgeber alle Informationen über die Qualität des Vertrauensnehmers vorliegen. Dennoch sind informierte und insoweit rationale Vertrauenszuschreibungen möglich. Sie basieren auf drei unterschiedlichen Wissensbereichen.19 Wissen über Wissenschaft als soziales System und über die grundlegenden Prozeduren der Sicherung von ›Wahrheit‹. Rationale Vertrauenszuschreibungen sollten auf gut begründeten Informationen über den Vertrauensnehmer beruhen. Solche Informationen kann man natürlich nicht isoliert nutzen, sie müssen eingebettet sein in ein Verständnis der grundlegenden Mechanismen der Produktion von wissenschaftlicher Wahrheit.20 Diese Mechanismen sind durchaus der allgemeinen Öffentlichkeit zu vermitteln, z.B. die Bedeutung des Konsenses unter Wissenschaftler*innen als Hinweis auf die ›Wahrheit‹ ihrer Befunde. Ein Beispiel: Van der Linden et al. (2017) zeigen, dass es möglich ist, gegen die Argumente von Klimawandelleugnern zu, wie sie es nennen, ›impfen‹. Sie vermitteln Daten und Theorien zum wissenschaftlichen Konsens über den Klimawandel und ergänzen diese um Daten zu den Motiven und Interessen der Klimawandelleugner. All diese Informationen betreffen nur indirekt die naturwissenschaftliche Frage nach den Ursachen des Klimawandels. Direkt betreffen sie die Grundlagen der Sicherung von wissenschaftlichen Geltungsbehauptungen und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Klimadiskurses. Es sind also Themen, die eher für eine informierte Zuschreibung von Vertrauen als für ein unmittelbares, kausales Verständnis der chemischen und physikalischen Mechanismen des Klimawandels bedeutsam sind. Wissen über die Sachverhalte selbst. In diesem Kapitel wurde analytisch klar zwischen Plausibilitäts- und Vertrauensurteilen unterschieden, jedoch wurde in Abschnitt 4 erläutert, dass diese Urteile sich wechselseitig beeinflussen. beschriebenen klassischen Fehlschlüssen (Cummings 2014; Keren 2018). Wieso kann diese Begründung dennoch vernünftig sein? Beide Autoren liefern philosophische Argumente, die in die gleiche Richtung wie die in diesem Kapitel entwickelten Argumente zielen. 19  Diese Wissensbereiche können hier nur sehr grob beschrieben werden. Burgmann 2016, Zimring 2019, McIntyre 2019 und auch der Band, in dem dieser Beitrag enthalten ist, bieten konkrete Beispiele für das Wissen, das hier gemeint ist. 20  In modernen Konzeptionen der funktionalen wissenschaftlichen Allgemeinbildung steht deshalb ein Verständnis von Wissenschaft als soziales System im Mittelpunkt (Feinstein 2011; Tabak 2015; Kienhues et al. 2018).

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Deshalb ist informiertes Vertrauen auch auf Sachverständnis angewiesen. Selbst dann, wenn es sich um gesellschaftlich umstrittene Themen handelt, und damit die Gefahr intentional motivierter Informationsverarbeitung besteht, kann man Sachinformationen vermitteln. Sorgfältig konstruierte Argumente, die den Fokus auf kausale Mechanismen legen, können auch wertbasierte Einstellungen zum Klimawandel beeinflussen (Ranney/Clark 2016). Auch Surveydaten, die im Ländervergleich einen Zusammenhang zwischen (naturwissenschaftlicher) Allgemeinbildung und Wissenschaftsvertrauen zeigen, deuten auf den Zusammenhang von Sachwissen und Wissenschaftsvertrauen hin (Wellcome Global Monitor 2019). Individuelles und soziales Metawissen. Mit dem Begriff des (individuellen) Metawissens beschreibt die Psychologie die Annahmen, die Personen über ihr eigenes Wissen haben. Soziales Metawissen bezeichnet Annahmen über das Wissen anderer. Der rationale Umgang mit der kognitiven Arbeitsteilung macht es erforderlich, dass Bürger ihre epistemische Abhängigkeit von Experten erkennen und um die Grenzen der eigenen Urteilsfähigkeit in der Sache wissen. Umgekehrt geht eine Überschätzung des eigenen Wissens mit besonders starken Überzeugungen einher, wie Fernbach et al. (2018) bei Personen empirisch zeigen konnten, die genmodifizierte Nahrung ablehnen und Motta et al. (2019) bei Personen, die gegen das Impfen eingestellt sind. Raab et al. (2019) erklären diesen Zusammenhang dadurch, dass diese Personen nicht angemessen zwischen dem eigenen Wissen und dem Wissen anderer Personen unterscheiden. Basierend auf der Erfahrung, dass es andere Personen mit mehr Expertise zu der Frage gibt, glauben sie, dass sie selbst auch über die Wissensgrundlage ihrer Einstellungen (z.B. zum Impfen) verfügen. In die gleiche Richtung deutet auch eine Re-Analyse des Eurobarometers (eine repräsentative Befragung in Europa, in der auch Fragen zum Wissenschaftsvertrauen und zu naturwissenschaftlichem Wissen gestellt werden), die Francisco und Gonçalves-Sá (2019) vorgelegt haben. Sie zeigen, dass es einen statistischen Zusammenhang zwischen mangelndem Wissen über naturwissenschaftliche Sachverhalte und wissenschaftskritischen Einstellungen dann gibt, wenn die Probanden gleichzeitig ihr eigenes Sachwissen überschätzen. Diese Befunde werfen ein neues Licht auf die (seit langem diskutierte) Frage21 nach 21  Unsere Betonung der Grenzen des Wissens und Verstehens von Laien bei der Auseinandersetzung mit umstrittenen wissenschaftlichen Geltungsbehauptungen sollten nicht mit einer Übernahme des ›deficit model‹ der Wissenschaftskommunikation verwechselt werden. Dieses Modell geht davon aus, dass eine geringe Akzeptanz von Wissenschaft oder die dezidierte Ablehnung von wissenschaftlichen Ergebnissen (zum Beispiel zum Impfen oder zum Klimawandel) primär auf einem Mangel an naturwissenschaftlichem Sachverständnis beruht. In der ›Science of Science Communication‹ wird das ›deficit model‹ heute vehement abgelehnt; Suldovsky 2016). Ich bin allerdings der

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dem Einfluss von Sachwissen auf Wissenschaftsvertrauen. Und sie zeigen, dass die Fähigkeit, die eigenen Ziele und Werte bei der Beurteilung von neuen Informationen zurückzustellen, auch von der Qualität der individuellen und sozialen Metakognition abhängt. Deshalb gehört realistisches Wissen über das eigene Wissen und das Wissen anderer zu den Voraussetzungen informierter Vertrauensurteile. Dazu gehört auch Wissen darüber, welche Experten für welche Fragestellungen zuständig und auch vertrauenswürdig sind. Dieser Bereich der sozialen Metakognition überschneidet sich mit dem oben genannten Wissensbereich über Wissenschaft als soziales System, kann aber auf eher intuitivem Wissen aufbauen. Sowohl Kinder (Danovitch/Keil 2004) als auch Erwachsene (Bromme/Thomm 2016) haben gutes soziales Metawissen über die Zuständigkeit von Experten für bestimmte Themenbereiche. Sie können auch dann angeben, welche Experten für die Lösung einer bestimmten Problemstellung wahrscheinlich zuständig sind, wenn sie kein eigenes Sachwissen zu dem Thema, um das es geht, haben. Wenn man Erwachsene auffordert, einfache naturwissenschaftliche Kausalzusammenhänge zu erläutern, wird ihnen klar, dass sie diese weniger gut verstehen als sie vorher gedacht haben. Zugleich aber differenzieren sich ihre Vorstellungen über die Zuständigkeiten von Expert*innen zu diesen Fragestellungen weiter aus (Bromme et al. 2016). Informiertes Vertrauen ist also kritisches Vertrauen, das auf der Nutzung von drei Arten von Wissen basiert: Wissen über die Wissenschaft als soziales System, über die Sachverhalte, um die es geht und schließlich Wissen über die eigene epistemische Abhängigkeit und die soziale Verteilung (Wer weiß was?) von dem Wissen, das man selbst nicht hat, aber das man für ein Sachurteil eigentlich benötigt. In keinem dieser Wissensbereiche muss man detaillierte Fachkenntnisse haben. Es ist das Zusammenwirken dieser Wissensbereiche, das auch Bürger*innen ohne tiefe fachliche Kenntnis bei der kritischen Auseinandersetzung mit Geltungsansprüchen von Expert*innen aller Art informierte Vertrauensurteile ermöglicht. Literatur Blank, J. M./Shaw, D.: Does Partisanship Shape Attitudes toward Science and Public Policy? The Case for Ideology and Religion. In: The ANNALS of the American Academy of Political and Social Science 658(1), 2015, S. 18-35. doi:10.1177/0002716214554756 Meinung, dass weder eine empirische Rekonstruktion der Rolle von Wissenschaftsvertrauen noch die Entwicklung einer normativen Konzeption von informiertem Vertrauen möglich ist, wenn die Unterschiede zwischen Alltagswissen und Fachwissen heruntergespielt werden.

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Scheitern in der Wissenschaft Sebastian Schuol Einleitung Der vorliegende Beitrag wendet sich einem in der Wissenschaft nur wenig thematisierten Begriff zu – dem Scheitern. Während die Bedeutung dieses Themas von den Medien längst erkannt und vor allem im Kontext von Wirtschaft und Management eine Debatte über das besondere Verhältnis von Risiko, Erfolg und Scheitern losgetreten wurde (u.a. Wüstenhagen 2013; Kucklick 2013; Klemm 2015), ja sogar erste Ratgeber über das »gute« Scheitern erscheinen (u.a. Florin 2013; Adams 2014; Wecker 2016), sucht man in der Wissenschaftsphilosophie derlei vergeblich. Es scheint fast, als würde der gegenwärtige Hype um das Scheitern folgenlos an der Wissenschaft vorbeiziehen. Die wenigen wissenschaftlichen Studien wenden sich dem Thema zudem aus einer engen disziplinären Fachperspektive zu. Das Scheitern wird etwa in der Soziologie, Pädagogik und Ökonomie thematisiert, stets aber im Lichte spezifischer Fragestellungen (u.a. Junge/Lechner 2004; Koller/Rieger-Ladich 2013; Pechlaner et al. 2010). Wer sich mit dem Scheitern beschäftigt, ist also gezwungen, das Wissen aus verschiedensten Quellen zusammenzutragen und sieht sich mit der Schwierigkeit konfrontiert, mit unterschiedlichsten Debatten und Begriffen des Scheiterns umgehen zu müssen. Eine übergeordnete, d.h. wissenschaftsreflexive Beschäftigung mit dem Begriff des Scheiterns sucht man bislang vergeblich. Dieser Beitrag wendet sich dieser Leerstelle zu und möchte die grundsätzlichen Bedeutungsebenen des Scheiterns im Kontext der Wissenschaft erfassen. Es handelt sich um eine Überblicksarbeit, die freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Ihr Ziel ist es, einen systematischen Überblick über die verschiedenen Dimensionen des Scheiterns speziell in der Wissenschaft zu geben. Dies geschieht in vier Schritten: Im ersten Teil geht es um Klärungen auf begrifflicher Ebene. Hier wird das Verhältnis der Begriffe Scheitern, Fehler und Irrtum im Hinblick auf Wissenszusammenhänge herausgearbeitet. Dabei wird auch auf bisherige wissenschaftliche Arbeiten eingegangen. Auf der Basis dieser Klärung wird ein Modell des Scheiterns entwickelt, welches als Analysewerkzeug Verwendung finden kann. Im zweiten Teil werden drei wissenschaftliche Theorien vorgestellt, in welchen das Scheitern eine zentrale Stellung einnimmt. An ihnen wird der Nutzen eines solchen Analysewerkzeugs demonstriert. Im dritten Teil wird thematisiert, dass das Scheitern eine Zuschreibung darstellt. Es bedarf nämlich eines Akteurs, der

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_007

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betrachtet, interpretiert und beurteilt. Dadurch wird die Möglichkeit eröffnet, das Scheitern abzustreiten. Auch auf diese Zusammenhänge wird gesondert eingegangen. Im vierten Teil wird schließlich ein erster Versuch unternommen, das Scheitern in der Wissenschaft zu systematisieren, wobei die verschiedenen Vorkommensweisen und -orte erfasst werden. Anschließend wird das Scheitern in der Wissenschaft allgemein sowie speziell im Kontext von Forschung und Lehre thematisiert und es werden erste Lehren aus dem Scheitern gezogen. Dabei zeigt sich, dass das Scheitern nicht nur negative, sondern auch positive Aspekte hat, wobei letztere speziell der Wissenschaft von Nutzen sein können. 1.

Begriffliche Klärungen: Scheitern, Fehler, Irrtum

Im Folgenden wird der Begriff Scheitern untersucht. Als Ursachen für Scheitern kommen Fehler oder Irrtümer in Betracht. Beide beziehen sich auf defizitäre Handlungsfolgen, weichen aber in spezifischer Weise voneinander ab. Daher kann der Begriff Scheitern kontextspezifisch weiter präzisiert werden. 1.1 Systematische Unterschiede Wer über Scheitern, Fehler und Irrtum spricht, bezieht sich oft auf negative Erfahrungen und aufgrund des gemeinsamen Bezuges verschwimmen im Alltag die Begriffsgrenzen. Doch liegen systematische Unterschiede vor. Auf sprachlicher Ebene fällt auf, dass die Bezeichnungen verschiedene Synonyme haben. Thesaurus nennt für Fehler Widerspruch, Fehlurteil, Widersinn, Irrtum, für Irrtum Fehlurteil, Denkfehler, Fehleinschätzung und für Scheitern Missglücken, Versagen, Fehlschlagen, Verunglücken. Interessant ist eine systematische Abweichung. Unter Fehler wird Irrtum als Synonym genannt sowie vice versa. Bei Scheitern tritt aber weder Irrtum noch Fehler auf. Ähnliches findet sich auch in anderen Sprachen.1 Fehler und Irrtum einerseits, Scheitern andererseits gehören verschiedenen Kategorien an. Die Etymologie der Begriffe weist auf semantische Unterschiede hin. Die Bezeichnung Scheitern rührt vom (Holz-)Scheit her und meint das Zerschlagen der Einheit. Dies hat seine metaphorische Entsprechung im Bild des Schiffsbruches, was auch den endgültigen Charakter von Scheitern betont; das schützende Schiff ist unwiederbringlich verloren, und die Insassen bangen um ihr Leben; von Scheitern spricht man erst in gravierenden Situationen. Die 1  Im Englischen werden Fehler bzw. Irrtum als error, fault, mistake bezeichnet und Scheitern als fail, failure, breakdown. Ähnliches gilt für das Französische (Irrtum – méprise, erreur; Fehler – erreur; Scheitern – échec).

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Bezeichnung Fehler ist dagegen mit dem Verb fehlen verwandt. Im engeren Sinne meint Fehler ursprünglich Irrtum, Versehen oder auch Fehlschluss. Irrtum stammt von irre ab und verweist auf unsicher, zweifelnd, verwirrt, verirrt. Im engeren Sinne meint Irrtum spiegelbildlich also Fehler, Versehen. Anders als im Falle des Scheiterns sagen Fehler und Irrtum etwas über die Art und Weise des Zustandekommens eines defizitären Zustandes aus, ohne allerdings Aussagen über dessen Intensität zu treffen. Dieser Unterschied ist aufschlussreich. Irrtum oder Fehler beziehen sich jeweils auf einzelne Handlungen, wohingegen Scheitern sich auf komplexe Handlungen bezieht. Diese können demnach aufgrund von Fehlern oder Irrtum scheitern oder aufgrund einer Mischform aus beiden. Alle drei Begriffe finden sich selten in wissenschaftsphilosophischen Lexika. Die freie Enzyklopädie Wikipedia schreibt: »Unter Scheitern versteht man, wenn ein Ziel nicht erreicht wird, wenn also etwas misslingt und nicht den erwünschten, angestrebten Erfolg hat.«2 Als Ursache von Scheitern kommen Fehler oder Irrtümer in Frage. Zu Fehler heißt es hier: »Ein Fehler ist die Abweichung eines Zustands, Vorgangs oder Ergebnisses von einem Standard, den Regeln oder einem Ziel.«3 Fehler setzen also ein geschlossenes System voraus, das sich bewährt hat und in dem alle Komponenten bekannt sind. Hier liegt sicheres Wissen vor der Handlung vor. Es gibt diverse Fehlerquellen, welchen durch Übungen, Handlungsanleitungen und Wissenszugänge in der Wissenschaft vorgebeugt werden kann. Zum Irrtum dagegen heißt es: »Der Irrtum bezeichnet im engeren Sinne eine falsche Annahme oder Meinung oder einen falschen Glauben, wobei der Behauptende, Meinende oder Glaubende jeweils das Falsche für richtig hält.«4 Der Irrtum verweist auf ein offenes System, da keine Erfahrungswerte bzw. Routinen bestehen, also noch kein sicheres Wissen vorliegt. Dies erweist sich oft erst im Nachhinein als solches – im Voraus ist der prekäre Status des Wissens (sicher/unsicher) oft nicht bekannt. Ist der unsichere Status des Wissens bekannt, erfolgt in der Wissenschaft eine Prüfung mittels standardisierter Methoden (z.B. Experiment in den Naturwissenschaften). Anders als Fehlern kann man Irrtümern nicht vorbeugen. Fehler und Irrtum stellen also zwei unterschiedliche Begriffe dar, welche nicht ohne Bedeutungsverlust ausgetauscht werden können. Fehler implizieren sicheres Wissen, das zum Handlungszeitpunkt im Prinzip vorhanden ist (de facto wird aber nicht danach gehandelt), Irrtümer basieren dagegen auf unsicherem Wissen. Da wir nicht in einem System leben, dessen Wirkweise 2  https://de.wikipedia.org/wiki/Scheitern_(Misserfolg) 3  https://de.wikipedia.org/wiki/Fehler 4  https://de.wikipedia.org/wiki/Irrtum

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vollends bekannt ist, kann das Auftreten von Irrtümern prinzipiell nicht vermieden werden.5 Im Zusammenhang von Scheitern treten Fehler und Irrtümer in komplexen Handlungszusammenhängen auf. Zum Beispiel kann ein Projekt scheitern, obwohl genügend Wissen vorlag; etwa dann, wenn Planungsfehler gemacht wurden. Dies hat Folgen. Sofern die betreffende Person über entsprechendes Wissen (z.B. professionsbedingt) verfügen muss, kann ein Vorwurf erhoben und die Person kann für das Scheitern verantwortlich gemacht werden.6 Anders im Falle eines Irrtums. Ein Projekt kann auch scheitern, wenn das vorausgesetzte Wissen sich im Verlauf als falsch erweist, im Nachhinein betrachtet also als unsicher gelten musste. Wenn aber der Status des Wissens davor nicht bekannt sein konnte, kann auch kein Vorwurf erhoben werden. 1.2 Wissenschaftliche Debatte In der Wissenschaft fehlt eine übergeordnete Beschäftigung mit dem Begriff des Scheiterns. Mangels einheitlicher Diskurse beziehen sich die wenigen Diskussionen auf verschiedene Kontexte und spezifische Begriffe und sind daher zunächst wenig anschlussfähig. Exemplarisch möchte ich auf eine bereits bestehende Debatte eingehen. Im sozialwissenschaftlichen Diskurs hat sich die Definition von Mathias Junge etabliert, der in einer handlungstheoretischen Annäherung Scheitern als »temporäre oder dauerhafte Unverfügbarkeit, Handlungsunfähigkeit« versteht (Junge 2004, S. 16). John und Langhof (2014, S. 2) übernehmen diese Definition und betonen die Ausrichtung auf Erfolg. Für sie ist Scheitern nämlich »die andere, abgeschattete Seite jener Münze, mit der man – auf Erfolg hoffend – sein Glück bestimmt, um erstaunt festzustellen, dass man Pech hat.« Auch Rüdiger und Schütz (2014, S. 264) orientieren sich an Junge und stellen klar, dass zielgerichtete Handlungen aus unterschiedlichen Gründen scheitern können: »Gemeint ist jedenfalls, dass ein angestrebtes Ziel nicht mehr erreicht werden kann, da ein darauf ausgerichteter 5  Das Verwechseln dieser beiden Formen problematisierte Habermas mit seiner These der »Kolonialisierung der Lebenswelt durch das System«. Unter »System« wird ein kausaldeterministisch geschlossenes System verstanden, vgl. Habermas 1981, S. 480. 6  Die Psychologinnen Eskreis-Winkler und Fishbach 2019 untersuchten, ob Lernen eher aufgrund von Scheitern oder Erfolg gelingt. Probanden lernten bei Scheitern weniger da ihre Motivation untergraben wurde, so ihre Begründung; negatives Feedback verletze ihr Ego und führe zu geistigem »Abschalten«. Dies verwundert, da nach Zusammenhängen gefragt wurde, welche die Probanden nicht wissen konnten – Erfolg, bzw. Scheitern lag nicht an Fähigkeiten, sondern am Zufall. Es handelt sich also um eine Fehlzuschreibung. Differenziertes Wissen um die Ursachen von Scheitern (Fehler/Irrtum) könnte die Resilienz der Probanden stärken. Die Motivation von Probanden, welche um die Zufälligkeit »ihrer Fehler« (Irrtum) wissen, sollte nicht negativ beeinflusst werden.

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Handlungsvollzug durch ein bestimmtes Vorkommnis obsolet wurde.« An diesen Definitionen sind mehrere Aspekte bemerkenswert, die nachfolgend diskutiert werden. Der Begriff Scheitern wird in zwei Versionen verwendet. Im Falle temporären Scheiterns kann – anders als beim dauerhaften Scheitern – danach noch gehandelt werden.7 Eine ähnliche Unterscheidung findet sich im Rahmen der Schifffahrtsmetapher, wonach zwischen stranden (Schiff bleibt heil) und scheitern (Schiff zerschellt) unterschieden wird. Rüdiger und Schütz (2014, S. 264) unterscheiden im gleichen Sinne, nennen dies aber Scheitern (absolut) bzw. Misserfolg (temporär). Danach gehören beide Konzepte einer Kategorie an; sie betreffen die Diskrepanz zwischen Handlungsziel und Erreichtem. Im Falle des Misserfolgs handelt es sich nur um ein singuläres Ereignis, ein weiterer Versuch könnte grundsätzlich glücken. Im Falle des Scheiterns ist es, oder es scheint zumindest so, aussichtslos, das Handlungsziel überhaupt zu erreichen. Im Folgenden wird diese konzeptuelle Unterscheidung übernommen und zwischen Scheitern und Misserfolg differenziert. Bei Junge steht Scheitern für »Unverfügbarkeit«, worunter eine Handlungsunfähigkeit verstanden wird. Es ist wichtig zu sehen, dass diese ihrerseits aus einer Handlung resultiert. Der Oberbegriff Scheitern sowie seine Unterbegriffe Fehler und Irrtum entstammen nämlich allesamt einem Handlungskontext. Und Handlungen unterliegen spezifischen Bedingungen.8 Anders formuliert: Nur weil wir handeln, sind wir berechtigt, uns den Erfolg zuzuschreiben, oder müssen für Misserfolg, Fehler, Irrtümer und Scheitern geradestehen – im Gegensatz zu Widerfahrnissen (Glück, Unglück). Was sind also Handlungen? Grundvoraussetzung jeglicher Handlung ist die willentliche Absicht. Dabei gilt: »Der Fehler als Fehler ist nicht absichtlich; er besteht darin, dass man die Absicht verfehlt; verfehlen kann man eine Absicht aber nur dann, wenn man eine Absicht hat« (Ricken 2003, S. 100). Gleiches gilt für Irrtum. Bezüglich des Zieles umfassen Handlungen dessen Erreichen, aber auch sein Verfehlen. Daher ist eine Handlung eine »bewusste Tätigkeit, bei der man ein als gut befundenes Ziel verfolgt« (Fenner 2008, S. 34). Sie ist Ausdruck einer Mittel/Zweck-Rationalität (Fenner 2008, S. 37).9 Dabei ist zu unterscheiden: Bei rationalen Handlungen 7  Eine dauerhafte Handlungslosigkeit überrascht. Junge bezieht sich aber nur auf soziale Bezüge, andere sind nicht betroffen. 8  Es gibt auch »technische« Fehler, die z.B. auf Obsoleszenz beruhen. Doch ist es wichtig zu sehen, dass diese Fehler aus einem Planungszusammenhang entstammen, in den die Obsoleszenz eingebunden werden kann. 9  Darüber hinaus ist Freiwilligkeit eine Handlungsbedingung, d.h. dass das »bewegende[s] Prinzip in dem Handelnden selbst liegt, wobei er volles Wissen von den Einzelumständen hat« Aristoteles (2010), NE 111a. Da die umfassende Kenntnis aller Umstände unmöglich ist,

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sind die Zwecke und Mittel im Prinzip bekannt. Dennoch kann die Handlung fehlgehen – die Ursache dafür ist aufgrund des vorliegenden Wissens als Fehler zu klassifizieren. Fehler resultieren aus rationalen Handlungen. Wenn dagegen nur der Zweck bekannt ist, die Mittel aber unsicher sind, spricht man wegen der willentlichen Ausrichtung weiter von Handlungen, diese gelten Fenner zufolge jedoch als irrational. Da diese sich aber erst im Nachhinein als irrational erweisen, kann Scheitern als Handlungsunfähigkeit nun als nicht adäquate Mittel/Zweck-Ausrichtung verstanden werden, als ein nicht gangbarer Weg.10 Was sind die Ursachen? Im Falle von Fehlern liegt zwar eine sichere Mittel/Zweck-Rationalität vor, über sie wird aber aktuell nicht verfügt (Aufmerksamkeits-, Denk-, Gedächtnisfehler) bzw. verfügt und absichtlich dagegen gehandelt (Sabotage). Im Falle von Irrtum liegt eine prinzipiell prekäre Mittel/Zweck-Rationalität vor, d.h. die Mittel stellen sich als unpassend bzw. nicht beherrschbar heraus, oder aber das Ziel wurde verkannt. Schließlich ist der Innovationsbezug hervorzuheben. Scheitern kann aufgrund von Fehlern oder von Irrtümern stattfinden. In beiden Fällen geschieht dies aber in einem Innovationskontext – ein neuer, bisher (individuell oder prinzipiell) noch nicht erreichter Zustand wird angestrebt.11 Exemplarisch hierfür stehen Projekte (Unternehmung, Vorhaben), die wegen ihrer zielgerichteten, einmaligen und offenen Art als innovativ gelten. Hier wird auch die Komplexität der Bezüge klar. Projekte bestehen in der Regel aus einer Vielzahl von Einzelhandlungen, welche aufeinander abgestimmt und kontrolliert werden. Es sind also nicht nur unsichere Handlungen, sondern auch Fehler in einer Handlungskette, welche Scheitern bewirken können. Daran wird auch müssen allerdings nur Mittel, die aller Wahrscheinlichkeit nach zum Ziel führen, bekannt und vom Akteur voraussichtlich auch beherrschbar sein. Nur wer handelt, kann Fehler machen, Misserfolg haben oder scheitern. 10  Junge kritisiert Erklärungen, nach denen »sich Scheitern entlang der Relationen von Zielen und Mitteln beschreiben lässt. Entweder sind die Mittel unzureichend oder aber die Ziele nicht den Mitteln angepasst formuliert. Damit wird ein ökonomisches Handlungskalkül benutzt, um Handlungen zu beurteilen« (2014, S. 12). Junge selbst liefert keine Erklärung. 11  Der Übergang von Fehlern zum Scheitern scheint im Hinblick auf Innovation widersprüchlich: Fehler implizieren sicheres, d.h. bestehendes Wissen, letztere dagegen neuartiges Wissen. Doch lassen sich mehrere Handlungen, die einzeln auf bereits bestehendem Wissen basieren (also keinem neuen Wissen), so kombinieren, dass ihr Zusammenspiel neuartiges Wissen erzeugt.  Darüber hinaus gilt: Auch bei routinemäßigem Handeln können Fehler passieren, doch würde man in diesem Zusammenhang von Misserfolg sprechen, nicht von Scheitern. Da Scheitern absolut gilt, widerspricht es der Routine. Routine-Handlungen können zwar scheitern, man denke an Demenzpatienten, doch würde so die Routine beendet und ein neuer Zustand erreicht.

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der Aufwand deutlich: Projekte sind stets mit Investitionskosten (planerisch, finanziell, personell, etc.) verbunden, wobei diese einzeln oder auch gemeinsam potenzielle Ursachenquellen für das Scheitern des Projektes darstellen. Im Hinblick auf die Unterschiede zwischen Fehler und Irrtum ist auf der Basis des Gesagten auf das systematische Abweichen ihrer Gegenbegriffe hinzuweisen. Fehler entstammen einem etablierten Verfahren, das – sofern es eingehalten wird – regelmäßiges Funktionieren garantiert. Irrtum verweist auf unsichere Handlungszusammenhänge, deren Gelingen einen Wissenszugewinn darstellt. Daher kann von Erfolg gesprochen werden.12 Da Scheitern einem Innovationskontext entstammt, bezieht sich sein Gegenbegriff vor allem auf neue Erkenntnis. 1.3 Analyseschema Auf Basis dieser ersten Erkenntnisse kann jede konkrete Situation von Scheitern im Rahmen eines mehrgliedrigen Schemas dargestellt werden: Ein Akteur X scheitert am Ziel Y aufgrund der Ursache Z. Das Schema kann als Analysetool angewandt werden, um komplexe Handlungssituationen genauer zu erschließen. Es kann erweitert werden, jedoch muss es aus mindestens den genannten drei Relata bestehen. Die Gründe dafür sind folgende. Beginnen wir zunächst mit X: dieser Punkt ist erklärungsbedürftig. Zuweilen hört man, dass Vorhaben scheitern, etwa eine Konferenz. Doch entstammt Scheitern einem Handlungskontext und Ziele kommen ohne Akteur, der diese erst definieren muss, nicht zustande. Dass Konferenzen scheitern, ist also eine Verkürzung, die auslässt, dass sie von einem Akteur geplant wurden. Nun zum Ziel Y: Es ist klar, dass Scheitern erst im Hinblick auf ein Ziel (das verfehlt wird) erkannt werden kann. Dies scheint unstrittig. Schließlich zu Z: Auch dieser Punkt ist erklärungsbedürftig. Warum sollte eine gesonderte Benennung wichtig sein, wenn implizit klar ist, dass Scheitern Ursachen hat? Der Grund liegt in verschiedenen Ursachentypen, die systematisch voneinander abweichen. Wie gezeigt, gibt es im Prinzip lediglich zwei Möglichkeiten: Scheitert ein Projekt aufgrund von Fehlern, so liegt der Grund in einer Normabweichung; dabei liegt im Prinzip Wissen über die Mittel und Ziele vor. Scheitert ein Projekt allerdings aufgrund eines Irrtums, liegt eben kein sicheres Wissen vor. Im letzten Abschnitt wird gezeigt, dass im Hinblick auf Vorwürfe ein interessanter Übergang von Irrtum zu Fehler besteht.

12  Doch wird der Erfolg als solcher nur ersichtlich, wenn der prekäre Status von Wissen im Vorfeld bekannt war, anderenfalls fällt der Erfolg gar nicht erst auf. In dieser Situation aber stellt der umgekehrte Fall (Scheitern) epistemisch einen Gewinn dar.

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1.

X scheitert an Y aufgrund von Fehlern (sicheres Wissen liegt vor, Vorwurf ist daher möglich) 2. X scheitert an Y aufgrund von Irrtum (kein sicheres Wissen liegt vor, Vorwurf ist nicht möglich)13 Die Bedingungen von Scheitern sind also Handlungssubjekt (X), Handlungsobjekt (Y) und Ursache (Z). Im Folgenden wird das Schema auf drei historisch wichtige Fallbeispiele von Scheitern angewendet. 2.

Drei Fallbeispiele: Evolutionstheorie, Existenzialismus und Falsifikationismus

Im Folgenden werden drei prominente Theorien betrachtet, in denen Scheitern einen konstitutiven Status hat. In allen Fallbeispielen wird das Scheitern durch Irrtum verursacht.14 Evolutionstheorie Mit dem Buch Origin of Species stellte Charles Darwin 1859 die Weichen für eine moderne Erklärung der Evolution – dem Scheitern kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Sein Evolutionsmechanismus besteht aus den drei Elementen zufällige Variation, natürliche Selektion und Reproduktion. In jeder Population unterscheiden sich Individuen, und wenn die Ressourcen knapp sind, findet eine Selektion der besser Angepassten statt. Eine wichtige Leistung Darwins ist, in der Zucht den entscheidenden Mechanismus erkannt zu haben; gleich der Kulturtechnik (Zucht) wird in der Natur nach Merkmalen selektiert. Doch findet die Selektion eben nicht durch Menschenhand, sondern durch die natürlichen Ressourcen statt. Um den Umstand zu verdeutlichen, nennt Darwin den Prozess natürliche Selektion. Positiv selektiert werden diejenigen Merkmale, welche besonders gut an die lokalen Ressourcen angepasst sind. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese aber nicht auf diese Passung hin entwickelt wurden; im Hinblick auf die Ressourcen herrscht in der Population eine zufällige Variation. Anders als etwa beim Lamarckismus spielen Absichten 13  Auf eine Abweichung ist hinzuweisen: In gewisser Weise kann auch Irrtum schuldhaft sein; nämlich dann, wenn die Möglichkeit bestand, sicheres Wissen zu erlangen und die Bedeutung des Wissens bekannt war, man sich aber dennoch gegen dieses entschied. 14  Diese Ausrichtung ist nicht zufällig. Irrtümer sind für die Wissenschaft epistemisch »interessanter« als Fehler, da diese auf neues Wissen abzielen. Anders als im Falle von Fehlern (bereits bestehendes Wissen) gibt es im Falle von Irrtum (unsicheres Wissen) im Vorfeld zumindest die Chance auf neues Wissen. Für Handlungsensembles gilt diese Regel aber nicht (vgl. Fußnote 11).

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bei Darwin keine Rolle. Von grundsätzlicher Bedeutung in Darwins Denken ist der Mechanismus von Versuch und Irrtum, da Anpassung nun erstmals ohne planerisches Vorgehen erklärt werden kann. Scheitern spielt hier eine konstitutive Rolle. Der Evolutionsprozess wäre undenkbar, sollte die natürliche Selektion nicht greifen. Doch wie ist Scheitern hier zu verstehen? Oft wird Darwins Titelzusatz »struggle for life« als »Überlebenskampf« übersetzt – richtig ist allerdings ein Ringen im Sinne von Bemühen, ins Leben zu kommen. Dabei geht es nicht um das Überleben bzw. Sterben, sondern einzig um den Reproduktionserfolg bzw. -misserfolg. Nur vererbbare und tatsächlich vererbte Merkmale beeinflussen die Evolution. Alle übrigen scheitern also an der Reproduktion, die Individuen sterben aber nicht notwendig dabei. Da hier weder eine Absicht noch ein Ziel wirkt, wird Darwins Theorie als Deszendenztheorie bezeichnet. Es handelt sich um eine sogenannte mechanistische Vererbungstheorie, welche Evolution ausschließlich nach dem Ursache/Wirkungs-Prinzip erklärt. Existenzialismus Gemäß dem französischen Existenzialismus wird der Mensch in eine absurde Situation geboren. Zwar hat er das Bedürfnis, Sinnhaftigkeit vorzufinden aber es gibt keinen Sinn in der Welt.15 Weder gibt es eine vorgegebene Ordnung noch ein bestehendes Orientierungssystem. Gemäß dem Existenzialismus steht nämlich die Existenz vor der Essenz.16 Wohl keine andere Denkrichtung kennzeichnet das Menschenbild der Moderne so nüchtern. Dieses Denken weicht vom vorherigem ab, wonach der Mensch in Sinngefüge eigegliedert war (z.B. Ständegesellschaft, Familie und Glaubensgemeinschaft) und bestehenden Traditionen folgend sinnvoll handelte, also einen vorgegebenen Platz in der Welt hatte.17 Wer bestimmt über sein Leben, wenn alle Ordnungssysteme ihre Legitimität verlieren? Es ist der einzelne Mensch, der die Absurdität seiner Existenz erlebt und doch eine Wahl hat. Gemäß Sartre ist der Mensch »dazu verurteilt, frei zu sein« (Sartre 2002, S. 155). Als einziges Lebewesen ist er sich seiner Existenz bewusst – diese Freiheit ist absolut, weil 15  Existenzkrise, inzwischen ein geflügeltes Wort, hat hier seinen Ursprung, nämlich als Gewahrwerden der Sinnlosigkeit. 16  Dass wir aber existieren, beweist Augustinus in De civitate dei XI (cap. 26) gegen den Skeptizismus interessanterweise anhand von Irrtum/Täuschung: »Si enim fallor, sum. Nam qui non est, utique nec falli potest. Ac per hoc sum, si fallor« (dt: Wenn ich mich täusche, bin ich ja. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen; also ich bin, wenn ich mich täusche). 17  Zwar kann auch er in seiner Rolle scheitern, doch ergibt es wenig Sinn, hier von Individuen im engen Sinne zu sprechen.

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keinerlei Vorgaben bestehen. Zu ihr verurteilt ist er, insofern er seine Existenz nicht selbst geschaffen hat, aber aushalten muss. Vorgegebene Lösungswege, etwa die Sinnkrise mittels Beitritt in sinnstiftende Gemeinschaften zu beheben, gelten als Selbstbetrug. Die Absurdität ist auszuhalten, da sinnstiftende Systeme dem Menschen die Freiheit rauben würden, sein Leben zu wählen. Darum geht es schließlich im Existenzialismus. In radikaler Freiheit entwirft der Mensch sein Leben. Und nur wer selber wählt, kann auch scheitern. Es ist wichtig zu verstehen, dass Scheitern im Existenzialismus eine Schlüsselrolle einnimmt und hier einen positiv konnotierten Begriff darstellt. Schließlich zeichnet das Scheitern die Freiheit des Menschen aus und wertet die Person auf als eine, die den entscheidenden Entwicklungsschritt gemacht hat.18 Nur freie Menschen können scheitern. Und sie scheitern an ihrem Lebensentwurf; in diesem Sinne endet auch Albert Camus´ Roman Der Mythos des Sisyphos »Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen!« (Camus 2015, S. 145).19 Falsifikationismus In Poppers Philosophie des Kritischen Rationalismus bezieht sich kritisch auf die Irrtumsanfälligkeit des Menschen und Rationalismus deutet auf einen gesetzmäßigen Verlauf der Wissenschaft hin, d.h. auf eine Logik der Forschung. Seine Theorie bezieht sich auf empirische Wissenschaften und wendet sich gegen den Positivismus als Lehre und gegen die Verifikation als Methode. Deren hauptsächliche Schwierigkeit erkennt Popper im Induktionsproblem; danach ist es logisch nicht möglich, von Einzelaussagen auf Allaussagen, jene von der Wissenschaft angestrebten Gesetzmäßigkeiten, zu schließen. Weder können wir sicher sein, alle Einzelaussagen erfasst zu haben, noch, dass sich der Sachverhalt in der Zukunft ebenso wie in der Vergangenheit verhält. Das bedeutet aber nicht, dass die empirische Forschung keine Erkenntnisse ermöglicht. Dazu muss aber umgedacht werden: nicht die Verifikation, sondern die 18  Eine ähnlich elitäre Denkfigur findet sich historisch im Rahmen der Melancholie. Zu ihr ist nicht jeder fähig, sondern nur sehr sensible Menschen. Wie auch beim Scheitern weist ein vorerst negatives Erlebnis auf einen positiven Hintergrund hin. 19  Der moderne Mensch hält die absurde Ausgangssituation aus, ja akzeptiert sie und ist deswegen frei. Und da es keinen Sinn gibt, scheitert er notwendig. Das Leben, nun genauer als Lebensentwurf verstanden, ist eine Sisyphusarbeit, und jeglicher Erfolg erweist sich über kurz oder lang als vermeintlicher Erfolg, der Stein rollt wieder hinab. Es gibt keine Alternative, am nächsten Tag muss der Stein wieder angegangen und erneut hochgeschoben werden. Wenn der Mensch zum Scheitern verurteilt ist, warum ist er glücklich? Sisyphos hat durch das Scheitern einen neuen Bewusstseinszustand erreicht. Zwar scheitert er, aber dieses Schicksal ist ein selbstgemachtes, es ist sein eigenes Schicksal. Sisyphos scheitert als Souverän.

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Falsifikation ist Poppers Antwort; er findet die Lösung im logischen Schlussschema des modus tollens. Danach können von Allaussagen (Theorien) Einzelaussagen (Hypothesen) abgeleitet werden und diese wiederum können an der Empirie überprüft werden. Wird eine Einzelaussage bestätigt, können wir zwar nicht auf die Richtigkeit des Allsatzes schließen – er bewährt sich lediglich. Wird die Einzelaussage allerdings widerlegt, sind wir gezwungen, den Allsatz zu verwerfen. Der Allsatz (welcher für eine Theorie steht) muss nun als gescheitert gelten und somit verworfen werden. Da das Scheitern im Erkenntnisprozess ein entscheidendes Moment darstellt, eignet sich die Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium für wissenschaftliche Theorien. In Poppers Worten: »Ein empirisch-wissenschaftliches System muß an der Erfahrung scheitern können« (Popper 1994, S. 17).20 Dagegen werden nicht falsifizierbare Theorien von Popper als nicht wissenschaftlich bezeichnet. Er empfiehlt, Theorien mit einer möglichst hohen Aussagekraft, sogenannte kühne Theorien, aufzustellen, die entsprechend leicht zu widerlegen sind.21 Eine Theorie aber dermaßen abzusichern, dass sie nicht widerlegt werden kann, Popper spricht von Immunisierung, ist wissenschaftlich unredlich – dies wird an späterer Stelle (3.2) genauer behandelt. In allen vorgestellten Theorien stellt Scheitern ein konstitutives Moment dar, d.h. ohne dieses wären die Theorien nicht denkbar. Auch handelt es sich stets um einen Innovationskontext; im Falle der Evolutionstheorie um die Entstehung biologischer Merkmale, beim Existenzialismus um den eigenen Lebensentwurf und beim Falsifikationismus um eine Erkenntnis. Die Anwendung des Analysetools verdeutlicht die Unterschiede – nähern wir uns den Bedingungen X, Y, Z in umgekehrter Reihenfolge. Zunächst zu Z: Dass bei allen Fallbeispielen der gleiche Ursachentyp wirksam ist, wurde bereits gezeigt. In keinem der drei 20  »Nun wollen wir aber doch nur ein solches System als empirisch anerkennen, das einer Nachprüfung durch die ›Erfahrung‹ fähig ist. Diese Überlegung legt den Gedanken nahe, als Abgrenzungskriterium nicht die Verifizierbarkeit, sondern die Falsifizierbarkeit des Systems vorzuschlagen; mit anderen Worten: Wir fordern zwar nicht, dass das System auf empirisch-methodischem Wege endgültig positiv ausgezeichnet werden kann, aber wir fordern, dass es die logische Form des Systems ermöglicht, dieses auf dem Wege der methodischen Nachprüfung negativ auszuzeichnen: Ein empirisch-wissenschaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können« (Popper 1994, S. 17; Hervorhebungen im Original). 21  Da es laut Popper keine Zunahme an positivem Wissen geben kann, verwundert seine Behauptung eines Fortschrittes in der Wissenschaft. Hier ist sein Begriff der Wahrheitsnähe von entscheidender Bedeutung. Damit ist nicht der logische, sondern der informative Gehalt einer Theorie gemeint. Eine Theorie hat eine höhere Wahrheitsnähe als eine andere, wenn sie bessere Erklärungen bietet. Vorausgesetzt wird, dass die Theorien nicht falsifiziert wurden, sich also an der Empirie bewährt haben.

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Fälle liegt ein abgesichertes Mittel/Zweck-Wissen vor. Somit liegt die Ursache des Scheiterns nicht in gemachten Fehlern, sondern in Irrtümern. Soweit gibt es noch keine Abweichung. Betrachten wir allerdings Y, wonach Scheitern eines Handlungszieles bedarf, gilt dies nur für zwei Theorien, nämlich den Falsifikationismus (Ziel: Bewährung der Hypothese an der Erfahrung) und den Existenzialismus (Ziel: Entwurf eines sinnvollen Lebenskonzeptes). Im Rahmen der Evolutionstheorie sucht man vergebens nach Zielausrichtungen. Es wurde gezeigt, dass es sich um eine mechanistische Theorie handelt – neue biologische Merkmale entstehen eben nicht zielgerichtet, sondern aufgrund des Mechanismus von Versuch und Irrtum. Im engeren Sinne kann bei der Evolutionstheorie nicht von Scheitern gesprochen werden. Wenden wir uns schließlich X zu. Wenn ausschließlich Akteure scheitern können, fallen sogar zwei Theorien weg. Weder kann im Rahmen der Evolutionstheorie ein Akteur angenommen werden – es ist eine mechanistische Theorie – noch im Falle des Falsifikationismus. Wird eine Hypothese falsifiziert, so würde hier nämlich eine Theorie scheitern.22 Anhand des Analysetools wurde gezeigt, dass ausschließlich im Rahmen des Existenzialismus Scheitern im oben definierten Sinne verstanden werden kann. Im evolutionstheoretischen und falsifikationistischen Denken wird Scheitern dagegen lediglich in analoger Weise verwendet. Zudem weist der letzte Punkt darauf hin, dass stets Menschen Theorien entwerfen und interpretieren – auf diesen Punkt kommen wir nun zu sprechen. 3.

Zuschreiben und Abstreiten

Aussagen wie z.B. »Eine Theorie ist gescheitert« legen nahe, dass kein Akteur beteiligt ist. Dabei setzt Scheitern neben der Handlungs- auch Urteilsfähigkeit voraus, die wiederum abgestritten werden kann. 3.1 Zuschreiben Neben den handlungstheoretischen Bedingungen des Scheiterns ist auf weitere Aspekte hinzuweisen. Fehler, Irrtum, Scheitern und Misserfolg sind Zuschreibungen, d.h. es bedarf der Interpretation der Daten und damit eines Akteurs, welcher diese Interpretation vornimmt – Daten sprechen nicht »für sich«. Eine Zuschreibung markiert also einen Übergang von einem Datum zu einer Proposition. Ob ein bestimmtes Ergebnis als Erfolg oder Misserfolg zu 22  Damit würde der Theorie ein Akteurstatus zugeschrieben. Dies ist aber eine Verkürzung, da Theorien nicht handeln. Streng genommen gilt auch sein Abgrenzungskriterium nicht, da ein (empirisches-wissenschaftliches) System nicht scheitern kann.

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verstehen ist, ob es sich um einen einmaligen Misserfolg handelt oder um ein absolutes Scheitern – stets muss abgewogen und eine Entscheidung getroffen werden. Wie durch die drei Fallbeispiele gezeigt wurde, kann das Objekt des Scheiterns verschiedenartig sein. Es kann, wie im Fallbeispiel der natürlichen Selektion, auf phänomenaler Ebene liegen und ein biologisches Merkmal betreffen. Oder wie im Fallbeispiel des Existenzialismus auf einer personalen Ebene liegen und sich auf den Lebensentwurf beziehen. Oder schließlich im Falle des Falsifikationismus im theoretischen Bereich liegen, d.h. sich auf eine Theorie beziehen. Sind aber alle diese Objekte im gleichem Maße von Zuschreibungen abhängig? Bezieht man sich auf Scheitern im bereits dargestellten engeren Sinne (alle drei formalen Kriterien sind eingehalten), wie im Falle des existenzialistischen Selbstentwurfes, so gilt dies absolut. Die Person muss den Plan nicht nur entwerfen, sondern ihn auch einhalten, ihn somit auch verfolgen und bewerten. Zwar werden einzelne Misserfolge und sicher das Scheitern eines Lebensentwurfes unmittelbar erlebt, was nahelegt, es gäbe keinen Interpretationsspielraum. Jedoch wird sich die der Irrtumsanfälligkeit bewusste Person, gerade weil es sich um ein Ergebnis mit schwerwiegenden Folgen handelt, aktiv um einen Reflexionsabstand bemühen. Sie bezichtigt sich nicht reflexartig des Scheiterns, sondern analysiert zunächst die Situation kritisch. Erst auf Basis ihrer Erkenntnisse wird sie ihren Entschluss fassen. Interessant ist übrigens, dass selbst wenn die Person einem Irrtum unterläge, sprich der Entschluss objektiv falsch (ein subjektiver Akt) wäre, dies die nachfolgenden Handlungen in spezifischer Weise prägen würde. Entscheidend ist nicht die objektive Tatsache, sondern das Überzeugtsein von der Tatsache. Unabhängig davon, ob andere meinen Aufsatz als gelungen erleben, sofern ich dies aus bestimmten Gründen anders einschätze und den Aufsatz als misslungen erlebe, werde ich in Folge dessen weniger auf diese Fähigkeit vertrauen und entsprechend zögerlich handeln (self fullfilling prophecy). Analog gilt dies auch im theoretischen Zusammenhang der Falsifikation. Beide Objektbereiche des Scheiterns sind als Zuschreibungsakte anfällig für Fehler, und diese können auch schwerwiegende Folgen haben. Bezieht man sich allerdings auf Scheitern im weiteren Sinne (formale Kriterien sind nicht eingehalten), so zeigt sich im evolutionstheoretischen Fallbeispiel eine interessante Abweichung von der Regel der Zuschreibung. Ob nämlich ein neues biologisches Merkmal selektiert oder ausgemerzt wird, ist nicht abhängig von Zuschreibung, sondern der weitere Evolutionsverlauf macht dies deutlich. Es handelt sich um einen performativen Vorgang; Scheitern ist hier identisch mit der Tatsache der erfolglosen Reproduktion eines Merkmales in der Folgegeneration. Und dieser Misserfolg hängt nicht von

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der Interpretation eines Beobachters ab. Freilich kann eine Person das Vorhandensein eines bestimmten Merkmals in der Folgegeneration beobachten und muss dabei Daten interpretieren und entscheiden. Selbst wenn sie sich bei der Beobachtung der nachfolgenden Prozesse täuscht, hängt das biologische Ergebnis nicht von einem menschlichen Zuschreibungsakt ab, sondern wurde objektiv ohne Abstand zum Beobachter produziert. Ob das Merkmal vorhanden ist oder nicht, zeigt sich in der biologischen Funktion. Doch handelt es sich hier um einen Ausnahmefall; wie bereits festgestellt, spricht man im Evolutionsbezug nur in einer analogen Weise von Scheitern. Fänden solche performativen Vorgänge des Scheiterns aber regelmäßig statt, würde dies das Kriterium Zuschreibung ernsthaft in Frage stellen. 3.2 Abstreiten Wo Zuschreibungen stattfinden, sind wegen der notwendigen Interpretationen stets Fehler möglich. Dies eröffnet den Raum für Abstreitungen. Das zugeschriebene Scheitern kann abgestritten werden. Daher verwundert es wenig, dass sich diverse psychologische Strategien des Abstreitens entwickelt haben. Scheitern kann etwa durch diverse entlastende Kognitionen (entlastende Vergleiche, positive Nebenbedeutung, Abwertung, selbstwertdienliche Attributionen, begriffliche Umdeutungen, Kompensation und Bilanzierung) begegnet werden (Wentura 1995). In der Politik spielen derartige Strategien eine Rolle. In diesem Kontext entwickeln Laux/Schütz (1996, S. 121) ein Stufenmodell defensiver Selbstdarstellungstechniken. Dieses reicht von Leugnen, Umdeuten, Bestreiten der Urheberschaft, Rechtfertigen, Bestreiten der Kontrolle (mildernde Umstände benennen), Verhindern von Etikettierung bis zum Bitten um Verzeihung. Wobei letzteres keine Abstreitungsstrategie im engeren Sinne darstellt, sondern lediglich eine Möglichkeit, mit dem Scheitern routiniert umzugehen. So verständlich diese Techniken als psychologische Strategien zum Erhalt des Selbstwertes sind, so hinderlich sind sie in wissenschaftlichen Zusammenhängen, wo es um eine objektive Erkenntnis geht. Hier bedrohen sie die Wissenschaft. Die oben genannten Techniken ermöglichen es, mit bereits Gescheitertem umzugehen. Es ist aber auch möglich, sich im Vorfeld gegen das Scheitern zu wappnen. Um solche Immunisierungen zu verhindern, entwickelte Popper das Abgrenzungskriterium der Falsifizierbarkeit. Theorien, die sich der Falsifizierbarkeit entziehen und über deren logischen Wahrheitsgehalt daher nichts ausgesagt werden kann, haben in der Wissenschaft nichts zu suchen: »Den Satz ›Hier wird es morgen regnen oder auch nicht regnen‹ werden wir, da er nicht widerlegbar ist, nicht als empirisch bezeichnen; wohl aber den Satz: ›Hier wird es morgen regnen‹« (Popper 1994, S. 18f.). Allerdings

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räumt er ein, dass gegen sein Kriterium Einwände erhoben werden können. Die schwersten liegen im Zuschreibungsbereich: Es gibt Auswege, die Falsifikation zu umgehen, »etwa ad hoc eingeführte Hilfshypothesen oder ad hoc abgeänderte Definitionen; ist es doch sogar logisch widerspruchsfrei durchführbar, sich einfach auf den Standpunkt zu stellen, daß man falsifizierende Erfahrungen grundsätzlich nicht anerkennt« (Popper 1994, S. 18f.). Die Einwände sind ernst zu nehmen, da sie logisch nicht ausgeschlossen werden können. Popper schließt sie methodisch aus. Kennzeichen der empirischen Methode ist, »daß sie das zu überprüfende System in jeder Weise einer Falsifikation aussetzt« und: »nicht die Rettung unhaltbarer Systeme ist ihr Ziel, sondern: in möglichst strengem Wettbewerb das relativ haltbarste auszuwählen« (Popper 1994, S. 18f.). Poppers Methode ist die von Versuch und Irrtum: »Es ist die Methode, kühne Hypothesen aufzustellen und sie der schärfsten Kritik auszusetzen, um herauszufinden, wo wir uns geirrt haben« (Popper 1994, S. 18f.). Ein Forscher zeichnet sich also nicht durch das Achten auf die Fehleranfälligkeit der Zuschreibungsakte aus, sondern durch die Risikofreudigkeit, die Falsifikation auf die Spitze zu treiben, wobei die Theorie stets scheitern kann. Laut Popper ist es also die Pflicht jedes Forschers, zu eskalieren, d.h. das Scheitern aktiv zu provozieren. 4.

Scheitern in der Wissenschaft, Forschung und Lehre

Im Folgenden wird das Scheitern in der Wissenschaft im Allgemeinen und anschließend daran in den Bereichen Forschung und Lehre thematisiert. Aus diesen Einsichten werden Konsequenzen für den Wissenschaftsprozess gezogen. 4.1 Scheitern in der Wissenschaft Zunächst werden einige negative Aspekte des Scheiterns in der Wissenschaft betrachtet. Das geschieht kursorisch. In der Wissenschaft können verschiedene Objekte des Scheiterns ausgemacht werden. Das Gesamtprojekt Wissenschaft wird zuweilen als gescheitert angesehen. Etwa wenn Wissenschaft entlang der Metapher der Aufklärung verstanden wird. Danach schreitet sie aus der ›Dunkelheit‹, einem Zustand ohne objektive Erkenntnis, fort ins ›Licht‹, einem Zustand einer umfassenden Erkenntnis der Dinge an sich. Ein solches Konzept von Wissenschaft wird zu Recht als gescheitert angesehen. Zum einen zeigten Horkheimer und Adorno in ihrer 1947 publizierten Essaysammlung Dialektik der Aufklärung, dass derartige Vorwärtsbewegung stets einen »Rückschub« erzeugt, Wissen produziert gewissermaßen

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Nichtwissen. Zum anderen gilt dieses Fortschrittsverständnis als überholt. Popper glaubte z.B. sehr wohl an einen Fortschritt in der Wissenschaft, aber nicht im genannten Sinne. Nach ihm findet zwar eine Wissenszunahme statt, doch bedeutet dies nicht, dass die Objekte an sich besser erkannt werden können, sondern, dass die Theorien eine höhere Wahrheitsnähe (vgl. Fußnote 21) aufweisen. Zuweilen wird das Unternehmen Wissenschaft auch aus moralischen Gründen als gescheitert erachtet. Greifen die wissenschaftsinternen Kontrollmechanismen zu kurz, etwa im Falle von Plagiatsskandalen, oder wenn wissenschaftliche Forschung anderen Interessen in die Hände spielt und Schaden erzeugt,23 entzieht die Gesellschaft ihr das Vertrauen und die wissenschaftliche Autonomie wird angezweifelt. Hier gilt das Bild einer sich selbst regulierenden Wissenschaft also als gescheitert. Scheitern kann aber auch einen Teilbereich von Wissenschaft betreffen. So wies der Epidemiologe Ioannidis (2005) auf eine Replikationskrise hin. In Nachfolgeuntersuchungen ließen sich zahlreiche Studienergebnisse, die statistisch signifikant waren, nicht replizieren. Betraf diese Krise zunächst nur die Psychologie, wurden bald ähnliche Ergebnisse aus den Lebenswissenschaften berichtet und es ist möglich, dass sie sich auf alle empirischen Wissenschaften ausdehnt. Die Ursache wird u.a. auf methodischer Ebene gesehen und hat wahrscheinlich eine wesentliche Ursache im hohen Publikationsdruck, durch den die Grenzen des statistisch Möglichen ausgereizt werden.24 Interessant ist dabei die Art der Fehler. Überproportional oft treten nämlich falsch-positive Effekte (fälschlich positiv klassifiziert) auf (Smaldino/Mc Elreath 2016). Aufgrund der Tendenz, vor allem positive Ergebnisse zu publizieren, gibt es hier einen natürlichen Selektionsdruck. Jedoch sind nicht nur die Naturwissenschaften den Vorwürfen ausgesetzt. Wie die Sokal-Affäre zeigt, weisen auch die Sozialwissenschaften methodische Schwächen auf – zwischen wissenschaftlichen Fakten und willkürlichen Konstruktionen kann hier nicht immer klar unterschieden werden (Sokal 1996).25 Schließlich muss auch das Scheitern der Wissenschaftler selbst angesprochen werden. Helble (2000) und Kaden (2012) weisen diesbezüglich auf eine oft einseitige Berichterstattung hin. Obwohl die Wissenschaft auch eine 23  So können z.B. Erkenntnisse aus der Atomforschung sowohl für zivile als auch kriegerische Zwecke Verwendung finden. 24  Guttinger/Love 2019 liefern eine darüberhinausgehende systematische Ursachenanalyse der Replikationskrise. 25  Diese Affäre wurde durch die Veröffentlichung eines sog. Hoax-Artikels durch den Physiker Alan Sokal im sozialwissenschaftlichen Journal Social Text ausgelöst. Ziel war es, eine Auseinandersetzung über die Standards einzuleiten. Die Fronten verliefen zwischen einem wissenschaftlichen Realismus und postmodernen Theorien.

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Geschichte von Niederlagen hat, wird ihr Verlauf stets als Erfolgsgeschichte dargestellt. Gescheiterte Forscher, Projekte und – in jüngerer Zeit besonders wichtig – Projektanträge werden selten thematisiert, obwohl es sie reichlich gibt. Einige Ursachen sind systemimmanent, z.B. das starke Ungleichgewicht zwischen der Anzahl an Forschungsanwärtern und Forschungsstellen. Kaden empfindet es als umso verstörender, wenn Scheitern als Problem erkannt, aber vorschnell als Chance (Feltz 2012) gesehen wird. Angesichts der seltenen Berichterstattung kommt diesen Autoren das Sprechen darüber wie ein Tabubruch vor. 4.2 Scheitern in der Forschung Scheitern kann auch produktiv verstanden und daraus ein Nutzen gezogen werden. Wie Jungert (2017) zeigt, lassen sich diese positiven Aspekte des Scheiterns unter verschiedene Kategorien subsumieren. Verwerfen: Falsifikationismus (Popper) Scheitern wissenschaftliche Ansätze, so kann dieses Wissen hilfreich sein. Zunächst auf theoretischer Ebene: Wie Karl Popper zeigt, kann durch die Falsifikation einer Hypothese (Einzelaussage) eine Theorie (Allaussage) widerlegt werden. Das Verwerfen des Ansatzes kann auch eine praktische Entlastung sein. Wird ein Weg als nicht gangbar erkannt, können weitere Versuche unterbleiben und wertvolle Ressourcen eingespart werden. Dabei besteht die Schwierigkeit, zwischen tatsächlichem und bloß vermeintlichem Scheitern zu unterscheiden, das aufgrund von methodischen, logischen oder epistemischen Fehlern auftreten kann. Das Verwerfen letzterer Ansätze wäre fatal. Gelingt der Ausschluss derartiger Fehler, folgt daraus keineswegs unmittelbar auch eine Entlastung. Dieser Ausschluss muss nämlich den zukünftigen Wissenschaftlern zugänglich gemacht werden, er muss archiviert und gelesen werden. Auf einen häufigen Denkfehler ist dabei hinzuweisen. Zuweilen wird mittels Verwerfen ein Übergang von »negativem« (was etwas nicht ist) zu »positivem« Wissen (was etwas ist) behauptet. Danach führt jeder weitere Ausschluss näher an eine Wahrheit.26 Der epistemische Wert von gescheiterten Theorien ist aber begrenzt. Gescheiterte Ansätze enthalten ausschließlich Informationen darüber, was nicht ist. Ein Annäherungskonzept ex negativo geht irrtümlich von einer 26  Aufgrund der erfolglosen Versuche, den ontologischen Status des Gens positiv zu bestimmen, geht Kirsten Schmidt (2014) den umgekehrten Weg und fragt »Was sind Gene nicht?« Dieser Ansatz ist problematisch, da Negativbestimmungen keinen ontologischen Informationswert haben (Mahner/Bunge 2000). Sie können aber falsche Annahmen widerlegen (Moss 2003).

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feststehenden Anzahl von Ansätzen aus, die es abzuarbeiten gilt. Zwar vertritt Popper sowohl den Falsifikationismus als auch ein Fortschrittsdenken, doch basiert letzteres nicht auf einem Ausschlussverfahren (vgl. Fußnote 21). Verbessern: Forschungsprogramm (Lakatos) Eine erneute Auseinandersetzung mit einem bereits widerlegten Ansatz bzw. dessen Wiederholung kann dennoch sinnvoll sein. Wie die bereits thematisierte Replikationskrise zeigt, ist Wissenschaft nicht frei von Fehlern. So kann eine genauere Ursachenanalyse ergeben, dass ein Ansatz zu Unrecht verworfen bzw. lediglich ein Teilbereich widerlegt wurde. Wenn der Untersuchungsansatz nun eine Verbesserung erfahren hat und die vormaligen Fehlerquellen ausgeschlossen werden konnten, kann es sinnvoll sein, den Ansatz neu aufzulegen. Das Vorgehen erinnert an den wissenschaftstheoretischen Ansatz von Imre Lakatos, welcher Poppers Credo, falsifizierte Theorien müssten endgültig verworfen werden, als »naiven« Falsifikationismus brandmarkte. Ihm stellte Lakatos die eigene Theorie eines Forschungsprogrammes entgegen, das im Wesentlichen aus zwei Komponenten besteht. Nämlich aus einem harten Kern, der Grundannahme der Theorie. Dieser Kern darf nicht modifiziert werden. Und aus einem Schutzgürtel von Hilfshypothesen um den harten Kern. Sollten diese falsifiziert werden, müssen sie zwar ausgetauscht werden, doch hat dies keine Konsequenzen für den Kern selbst. Da der Schutzgürtel nur stabilisierend wirkt, können neue Hilfshypothesen zum Schutz des Kerns entwickelt werden. Eine solche Immunisierung des Kerns gegen Widerlegung widerspricht Poppers Denken. Variieren: Denktraditionen (Fleck) Doch auch endgültig widerlegte Ansätze können für die Forschung einen gewissen Wert haben. Sie können als Inspirationsquelle dienen oder Teilbereiche, etwa entwickelte Methoden, Annahmen und Daten, können anderen Forschungszusammenhängen zugeführt werden. Oder sie können im Sinne eines »Ersatzteillagers« erst einmal aufbewahrt werden und eventuell zu einem späteren Zeitpunkt Anwendung finden. Auch hierzu gibt es einen entsprechenden wissenschaftstheoretischen Ansatz. Hans Reichenbach (1938) unterschied zwischen dem Entstehungs- und Rechtfertigungskontext wissenschaftlicher Theorien. Während Popper und Lakatos sich der logischen Rechtfertigung verschrieben, ist hier der Entstehungskontext von Interesse. Ludwik Fleck wandte sich 1935 in seinem Hauptwerk Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache dem Menschen im Erkenntnisprozess zu. Tatsachen sind ihm zufolge keine objektiven Fakten. In einem allmählichen Prozess bildet sich ein Denkstil aus, der gemeinschaftsbildend wirkt, und in

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einem Denkkollektiv formieren sich die Tatsachen. Sie stellen also menschliche Artefakte dar, in ihrem Entstehungsprozess wird auf Denktraditionen zurückgegriffen. Alte, abgelegte Theorien (sog. Prä-/Urideen) dienen Forschern als Heuristik. So prägten etwa fünf inzwischen widerlegte Präideen das SyphilisVerständnis.27 Ein solches Vorgehen kommt häufig vor, man denke an Demokrits Atomtheorie, die zwar ebenfalls als historisch widerlegt gilt, dennoch aber naturwissenschaftliches Denken inspirierte. Verteidigen: Inkommensurabilität (Kuhn) Schließlich spricht ein weiterer Grund gegen das Verwerfen gescheiterter wissenschaftlicher Ansätze und für ein Beharren: Eventuell gelten sie lediglich im Denken Anderer als gescheitert bzw. werden von diesen als gefährlich erachtet oder aus sonstigen Gründen als illegitim eingestuft und dadurch verhindert, obwohl sie eigentlich stimmen. Ein historisch gut beleuchtetes Beispiel stellt der Fall Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865) dar, welcher anhand von Studien einen kausalen Zusammenhang zwischen den vorherrschenden hygienischen Zuständen in Krankenhäusern und dem Kindbettfieber herstellte. Da sich aber seine Erkenntnis nicht mit dem damaligen Selbstverständnis der Ärzteschaft vertrug und in Widerspruch zu etablierten Krankheitstheorien stand, konnte sich sein Denken erst viel später durchsetzen. Damals galt seine Theorie aber als gescheitert. Nun könnte man glauben, dass solche Fälle nur in früheren Zeiten vorkamen. Doch gibt es weiterhin Fälle, in denen nicht wissenschaftliche Argumente, sondern z.B. Ideologien ein unangemessenes Scheitern von Forschungsansätzen bewirken.28 Am Fall Semmelweis ist wissenschaftstheoretisch interessant, dass sowohl mit Flecks Theorie des Denkstils als auch mit Kuhns These erklärt werden kann, dass Wissenschaft nicht rational und kontinuierlich fortschreitet, sondern in Form von Brüchen und Revolutionen erfolgt. Da das Denken vor und nach einer solchen Revolution sich auf ganz verschiedene Bedeutungszusammenhänge bezieht, können Theorien nicht aneinander gemessen werden – sie verhalten sich inkommensurabel zueinander.

27  1) Lustseuche -> Christliche Moralvorstellung; 2) Stern-Konstellation -> Astrologische Deutung; 3) Behandelbar mit Quecksilber -> Metalltherapie; 4) Vergiftetes Blut -> Säftelehre theoretischer Ärzte; 5) Erregergedanke -> Eindringende Erreger. 28  Der Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik, Nikos Logothetis, gelangte wegen der Primatenforschung 2014 ins Visier radikaler Tierschützer und wurde angeklagt. Inzwischen wurde das Verfahren eingestellt, die Vorwürfe wurden nicht bestätigt. Dennoch zog er sich von der Primatenforschung zurück. Einen guten Einblick gibt Aisslinger 2018.

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4.3 Scheitern in der Lehre Dass Scheitern im wissenschaftlichen Bereich und darüber hinaus wenig thematisiert wird – manche sprechen gar von dem großen Tabu der Moderne (Sennett 2002, S. 159) –, ist von mehreren Seiten erkannt worden, der Ruf nach einer Wissenschaft bzw. Philosophie des Scheiterns wird laut. Die Forderung ist berechtigt. Doch geschehen solche Entwicklungen nicht plötzlich, sondern allmählich. Und eine der wesentlichen Hürden dafür ist sicherlich, eine Kultur des Scheiterns zu etablieren. Dies bedeutet nun sicher nicht, das Scheitern um des Scheiterns Willen zu kultivieren – aber was dann? Ein erster Schritt ist, das Bewusstsein in der Wissenschaft für Fehler, Irrtumsanfälligkeit und Scheitern zu schärfen. Tatsächlich herrscht vielerorts in der Wissenschaft eine Nullfehlermentalität, Wenige sprechen über ihr Scheitern bei Drittmittelanträgen, Bewerbungen oder Publikationen – fast keiner spricht über gescheiterte Forschungsprojekte. Wenn dies geschieht, so passiert es im vertrauten und abgesicherten Bereich unter Kollegen und nicht in der Öffentlichkeit. Eine interessante Ausnahme stellt der Psychologe Johannes Haushofer dar, welcher 2016 seine Misserfolge veröffentlichte.29 Dies sorgte in der Presse für Aufmerksamkeit und wurde von der Leserschaft begrüßt. Doch gilt es zu bedenken, dass der Autor bereits eine Professur innehat und nicht Gefahr läuft, als »Stümper« verurteilt zu werden – er hat seinen Erfolg schon bewiesen. Tatsächlich weiß jeder erfahrene Wissenschaftler um seine eigene Anfälligkeit und entwickelt Strategien, um damit umzugehen. Wenngleich wenig öffentlich thematisiert, kann Scheitern wegen der Allgegenwärtigkeit innerhalb der akademischen Gemeinschaft als bekanntes Thema vorausgesetzt werden. Ohne ein öffentliches Thematisieren bleibt dieses Wissen aber dieser Gemeinschaft und ihrem sozialen Umfeld vorbehalten. So gelten fehlende »Ortskenntnisse« der Wissenschaft bzw. Kenntnisse von Alternativen zur Wissenschaft als Gründe für die überproportional hohe Abbruchquote bei Studenten aus bildungsfernen Gruppen30 – sie scheitern u.a. an ihren (zu hohen) Idealen. Die Thematisierung von Scheitern wäre daher insbesondere im Lehrbereich von Bedeutung, da hier eine natürliche Wissensasymmetrie wirksam ist.31 Der Austausch wird also nicht nur durch personelle Ursachen (Distanzierungshandlungen etc.) verhindert, es bestehen auch strukturelle Hürden. Von frühzeitigen Einblicken in die reale Welt der Wissenschaft, zu der 29  https://www.princeton.edu/~joha/Johannes_Haushofer_CV_of_Failures.pdf 30  https://www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201701.pdf 31  Es ist naheliegend, den Informationsort zum Thema Scheitern in der Studienberatung zu suchen, doch wird diese von den betroffenen bildungsfernen Gruppen weit seltener als von übrigen Studierenden genutzt. Dagegen ist die Lehre verbindlich.

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das Scheitern schlicht dazugehört, würden alle Studierenden profitieren. Dabei ist nicht zu befürchten, dass ihre Motivation untergraben werden würde. Die Forschung wäre realitätsnäher und späteren Desillusionen würde vorgebeugt. Was könnte eine solche Kultur des Scheiterns konkret beinhalten? Es gibt wissenschaftliche Bereiche, in denen bereits eine Fehlerkultur betrieben wird. Dies geschieht z.B. in der medizinischen Forschung und speziell an der Schnittstelle zur Therapie, den Unikliniken. Das ist wenig verwunderlich, wiegen doch im unmittelbaren Behandlungsbereich Fehler besonders schwer, der Druck für einen reflektierten Umgang ist hier besonders groß.32 Im ersten Schritt gilt es zunächst, das negative Image von Fehlern zu beseitigen und abseits von Schuldfragen, welche zu Absicherungen und Fehlerleugnung führen, die Faktizität von Fehlern anzuerkennen. Damit soll eine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen werden, in der Fehler nicht mehr verschwiegen werden. Diese werden im Folgeschritt erfasst, systematisiert und analysiert, um ihre Entstehungsursachen zu verstehen. Der letzte Schritt und das eigentliche Ziel der Fehlerkultur in der Medizin besteht in der Entwicklung von Technologien zur Fehlervermeidung. Fehler werden so aus einem ursprünglich individuellen Entstehungskontext gehoben und auf einer strukturellen Ebene verhindert. Diese Fehlerkultur zielt also auf Fehlervermeidung (Haller et al. 2005). Kann eine solche Vermeidungsstrategie auch das Ziel einer Kultur des Scheiterns in der Wissenschaft, respektive der Lehre, sein? Die bestehenden Unterschiede sind lehrreich. Während die Übernahme des ersten Schrittes, der Normalisierung, sinnvoll ist, weil Studierende von einer vertrauensvollen Atmosphäre profitieren und auch der zweite Schritt, nämlich Wissen über das Entstehen von Scheitern zu generieren, hilfreich ist, muss der letzte Schritt anders gehandhabt werden.33 Das Ziel einer Kultur des Scheiterns in der Wissenschaft kann nicht sein, das Scheitern zu verhindern. Sie würde sich 32  Dabei wurden Methoden aus der Flugsicherheit übernommen, wo Risikomanagement früh entwickelt wurde (Haller et al. 2005). Im Hinblick auf die Konsequenzen und bestehende Hierarchien ähneln sich diese ansonsten unterschiedlichen Bereiche. Eine umfassendere Bearbeitung des Themas Fehler und Ethik in der Medizin bieten Frewer et al. 2013. 33  Scheitern wird in manchen Bereichen aktiv verhindert, mit guten und schlechten Folgen. So propagiert der Buddhismus eine Verhinderung des Scheiterns. Wird nämlich der Zustand der Strebenslosigkeit erreicht, stellt sich auch Handeln und das Streben nach Neuem ein. So gibt es kein Scheitern mehr. Auch im politischen Bereich gibt es Beispiele: In im Hinblick auf Risikominimierung reglementierten Regimen (DDR, Ostblock, etc.) werden zwar Risiken reduziert, aber dadurch Innovation verhindert, in letzter Konsequenz auch ihr Scheitern. Prinzipiell lässt sich das Schema auf alle möglichen Handlungsbereiche anwenden. Interessant ist hierbei, dass dieses Vorgehen nicht notwendig zum Erfolg führt, sondern schlicht zum Stillstand.

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ihr eigenes Grab schaufeln. Das wesentliche Geschäft von Wissenschaft ist es, neue Erkenntnisse zu generieren, eben Wissen zu schaffen. Und dabei geht sie immer ein Risiko ein. Wie dargestellt, hängt Scheitern mit Innovationen zusammen. Alle Innovationen entstammen einem grundsätzlich riskanten Prozess, der scheitern können muss, da es sich zunächst um Vorgriffe handelt. Wissenschaft stellt also einen Ort des abgesicherten Scheiterns dar. Zwar ist es möglich, Scheitern zu verhindern, doch dies hieße auch, Risiken und damit Innovationen und so auch den Erkenntnisfortschritt insgesamt zum Erliegen zu bringen. Im Gegenteil, in der Wissenschaft muss Scheitern sogar ermöglicht werden. Eine solche Kultur des Scheiterns hat natürlich nicht Fehler und Irrtümer zum Ziel, sondern einen aufgeklärten Umgang mit dem Scheitern.34 Dies insbesonders in der Lehre zu thematisieren, ist wichtig, da Risikobereitschaft – und nicht ängstliche Risikovermeidung – einen zentralen Wert der Wissenschaft darstellt. Schließlich geht es auch darum, aus Studie­ renden mutige WissenschaftlerInnen zu machen.35 4.4 Lehre aus dem Scheitern in der Wissenschaft Auch in einer anderen Hinsicht ist eine Kultur des Scheiterns für Wissenschaftler wichtig. Im Folgenden wird ein interessantes Wechselspiel zwischen Scheitern aufgrund von Irrtum und Fehler behandelt. Oben wurde auf das Verwerfen von Ideen eingegangen und dessen Voraussetzungshaftigkeit angedeutet. Es bedarf Medien, Institutionen und akademischer Aufmerksamkeit. Wenn eine Theorie zum ersten Mal falsifiziert wird, scheitert sie aufgrund eines Irrtums. Wenn die bereits falsifizierte Theorie (ohne Anlass)36 nochmals überprüft wird, scheitert sie wegen eines Fehlers, da bei der Wiederholung bereits Kenntnisse vorlagen. Es handelte sich also nicht um einen Innovationskontext. Dies erinnert an den Spruch »Irren ist menschlich, aber im Irrtum verharren teuflisch« (lat: erasse humanum est, sed in errore persevare diabolicum). Da der moralische Beiklang übertrieben scheint, wird die zugehörige Norm genauer betrachtet und 34  Dabei sind natürlich alle übrigen Standards guter wissenschaftlicher Arbeit weiterhin zu pflegen, und eben nicht allen denkbaren, sondern nur den realistischen Forschungsfragen soll nachgegangen werden. 35  Wichtig sind Anreizsysteme, die Unternehmertum und Risikobereitschaft fördern, statt sie zu sanktionieren. Auch ist der Umgang damit zu trainieren, sollte das Projekt dann doch scheitern. 36  Dieser Zusatz ist wichtig. Wie die Replikationskrise zeigt, können viele Forschungsergebnisse in der Psychologie nicht repliziert werden – dies bezieht sich vor allem auf positive Ergebnisse. Allerdings liegt dies nicht daran, dass gerade hier die Fehlerhäufigkeit höher ist, sondern schlicht nur daran, dass negative Ergebnisse nicht publiziert und somit nicht erfasst werden. Bei gerechtfertigtem Zweifel sind Wiederholungen im Sinne von Replikationsexperimenten weiterhin notwendig.

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es wird gefragt, ob in diesem Zusammenhang überhaupt eine Norm bestehen kann. Der Sinnspruch stammt aus dem Bereich der Identitätsbildung, einem Bereich, welcher sich wesentlich von wissenschaftlichen Prozessen unterscheidet. Ein Unterschied ist dabei zentral. Wenn Wiederholung in der Wissenschaft stattfindet, sind, anders als im Falle der Identitätsbildung, viele Personen beteiligt.37 Teuflisch ist der Fehler im Bereich der Identitätsbildung, da man es besser wissen konnte – dies ist gewährleistet, da wir uns an die gemachten Erfahrungen erinnern können. Teuflisch ist er, da wir im Irrtum verharren, und somit ein Bild von unserer Identität kultivieren, welches falsch ist – wir wissen es eigentlich besser. Verfügen wir im gleichen Sinne auch im wissenschaftlichen Fall über dieses Wissen? Das ist denkbar, wenn eine Forschergruppe eine von ihr bereits einmal falsifizierte Hypothese erneut testet – erwartungsgemäß wird dieser Fall aber selten auftreten.38 Wahrscheinlicher ist, dass eine anderenorts bereits falsifizierte Hypothese untersucht wird,39 von deren Scheitern man nicht wusste. Das ist realistisch, da negative Forschungserkenntnisse selten publiziert werden. Dem Akteur ist kein Fehler bewusst – ohne die Möglichkeit, den eigenen Ansatz als Wiederholung erkennen zu können, erscheint dieser als kreativer Akt, ein Scheitern also aufgrund von Irrtum – nur aus abstrakter Perspektive ist er ersichtlich. Darum ist es auch nicht verwerflich, man wusste es schlicht nicht besser. Wäre aber ein Fehler, also eine Handlung trotz besserem Wissen, im genannten Sinne verwerflich, d.h. teuflisch? Teuflisch bezieht sich im ursprünglichen Zusammenhang auf eine systematische Verhinderung der Identitätsbildung, das zugrundeliegende Potenzial wird nicht ausgeschöpft. Unausgesprochen klingt mit, dass es oft bequemer ist, im Irrtum zu verharren, als das Konzept in Frage zu stellen. Besonders verwerflich und somit teuflisch ist, dass so zur Handlungsdisposition kultiviert wird, was dauerhaft das Ziel verfehlt. Eine derartige Kultivierung ist in den Wissenschaften nicht zu befürchten, da solche Wissenschaftler von anderen Wissenschaftlern rasch als inkompetent erachtet werden. Die Gefahr, bereits falsifizierte Hypothesen immer wieder zu wiederholen, ist hier nicht realistisch – alleine schon, weil 37   Bei interdisziplinär arbeitenden Gruppen teilen die Forscher nicht einmal das Fachwissen – trotz des in der Wissenschaft üblichen Austausches ist es oft so, dass bereits der Nachbar nicht weiß, woran genau und mit welchen Mitteln man arbeitet. 38  Denkbar ist auch, dass der alte Ansatz so kaschiert wird, dass er als neue Hypothese erscheint – doch wird dieser Fall eher im Bereich positiver Erkenntnisse vorkommen, da diese als Erfolge konnotiert sind, nicht dagegen im negativen Fall. 39  Liegt ein Ansatz aufgrund des Forschungsstandes nahe, ist es wahrscheinlich, dass Mehrere sich an deren Prüfung machen.

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die akademische Gemeinschaft die Betroffenen ignorieren würde. Vielmehr besteht der Schaden in der Stagnation und einer Behinderung des Erkenntnisprozesses der Wissenschaft. In der Wissenschaft gilt das Gebot, das eigene Forschungsgebiet voran zu treiben. Vice versa ist das Verharren im Status quo zu vermeiden. Die zu Grunde liegende Norm wurde u.a. in Promotionsordnungen kodifiziert. Forschende sollen ihre Fähigkeit beweisen, neuartige Erkenntnisse zu gewinnen. Das setzt umfängliche Kenntnis des Forschungsfeldes voraus. Auch impliziert es die Prüfung, ob das Vorhaben schon durchgeführt wurde. So abstrakt formuliert erscheint es einfach, Wiederholungsfehler auszuschließen. Hält man sich die Weitläufigkeit mancher Forschungsfelder vor Augen (z.B. Genomforschung), zudem die Tatsache, dass Forschung oft in internationalen Kontexten stattfindet und Ergebnisse teils in verschiedenen Sprachen publiziert werden, wird klar, dass eine umfassende Kenntnis des Forschungsstandes schwer zu erreichen ist. Entsprechend werden solche Normverstöße aus pragmatischen Gründen selten sanktioniert – z.B. nur, wenn Täuschungsabsicht nachgewiesen wird. Veränderungen auf struktureller Ebene könnten dies aber ändern. Hierfür wären jedoch u.a. Fehlerdatenbanken notwendig, welche so aufgebaut sein müssten, dass jeder Forscher sein gescheitertes Projekt ohne Aufwand einspeisen kann. Darüber hinaus bedarf es der einheitlichen Sprache und Qualitätskontrolle, da Ergebnisse Außenstehenden vermittelt werden müssen. Tatsächlich wurde diese Idee bereits umgesetzt, sie wird aber bis dato von der akademischen Gemeinschaft wenig genutzt.40 Dies ist angesichts der Fortschritte im Bereich der Datenspeicherung und des bereits aufgezeigten Nutzens für die Wissenschaft nicht nachvollziehbar. Eine Unterstützung dieses Vorhabens etwa durch die großen Forschungsförderer wäre von Nutzen. Darüber hinaus bedarf es aber auch einer grundsätzlichen wissenschaftlichen Debatte über die Bedeutung von negativem Wissen.

40  Vgl. http://junq.info/. Die Idee entstand 2010 im Rahmen eines Retreats der Graduate School Materials Science in Mainz. Mit ähnlichem Ansinnen wurde kürzlich (2019) auch das Open-Access-Journal Experimental Results gegründet, das international wirken will und ebenfalls auf die Naturwissenschaften abzielt: https://www.cambridge.org/core/ journals/experimental-results.

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Teil II Geschichte und Ethik der Wissenschaften

Zur Dynamik disziplinenübergreifender Forschungsfelder Kärin Nickelsen und Caterina Schürch 1. Einleitung »The ubiquity of the term ›interdisciplinary‹ in current academic and educational writing suggests that it is rapidly becoming the dominant form of scholarly work«, konstatiert eine aktuelle Monographie zur Geschichte interdisziplinärer Forschung im 20. Jahrhundert.1 Tatsächlich leisten sich Universitäten Programme zur Förderung der Interdisziplinarität, und forschungspolitische Gremien honorieren disziplinenübergreifende Projekte.2 Umso erstaunlicher ist es angesichts dessen, dass weder Einigkeit darüber besteht, ob dieser Trend nun gut ist oder schlecht, noch darüber, was unter »interdisziplinär« zu verstehen ist. In der Wissenschaftsgeschichte wenig umstritten ist hingegen: Forschung, die disziplinäre Grenzen überschreitet, ist kein Phänomen der letzten Jahrzehnte.3 Vieles spricht dafür, dass diese Art der Forschung bereits existiert seit es Disziplinen gibt, also spätestens seit dem 19. Jahrhundert. Die Ausprägungen dieser Forschungsweise sind dabei sehr divers. Ein anerkanntes Standardformat der Interdisziplinarität sucht man in der Literatur – wie auch in der Realität – vergebens. In unserem Beitrag geht es daher nicht um eine neue, nun allgemeingültige Definition von Interdisziplinarität, oder um überzeitliche, gar normative Thesen zur Forschung über disziplinäre Grenzen hinweg. Wir richten den Blick auf die interne Dynamik eines bestimmten Genres interdisziplinärer Wissenschaft: problem- oder phänomenorientierte Forschungsfelder, die Akteure, Perspektiven und Methoden unterschiedlicher Disziplinen vereinen. Wir wollen den Charakter dieser Loci wissenschaftlicher Aktivität umreißen und 1  Graff, Introduction, S. 1. Siehe diese Einleitung auch für die weiteren Thesen des Absatzes. 2  Ein Beispiel für ersteres sind die »Interdisciplinary centres« der ETH Zürich, auf deren Homepage behauptet wird: »Exchange and collaboration are vital for new insights and creativity in research.« URL: https://ethz.ch/en/research/interdisciplinary-structures.html [Zugriff vom 9. Oktober 2019]. Für den European Research Council ist Interdisziplinarität immer noch wesentlich in der Beurteilung von Projekten; die Deutsche Forschungsgemeinschaft erwähnt dagegen Interdisziplinarität als Bedingung für Verbundprojekte nicht mehr ausdrücklich. 3  Vgl. z.B. Kohler, Partners, oder Frank, Interdisciplinarity.

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_008

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eine analytisch gehaltvolle Klassifizierung vorschlagen, mit der sich sowohl ihre Konstellationen als auch ihre Dynamik beschreiben lassen. Gestützt auf konkrete Beispiele aus der Geschichte der Biowissenschaften wollen wir besser verstehen, was die disziplinenübergreifende Form der Forschung auszeichnet, welche Motive ihr zugrunde liegen, und unter welchen Bedingungen sie erfolgreich ist oder scheitert. Unser Zugang ist dabei geprägt von den Annahmen und Methoden einer integrierten »History & Philosophy of Science«. Dieser Zweig der Wissenschaftsreflexion geht davon aus, dass wissenschaftsphilosophische Fragen am besten zu klären sind auf der Grundlage dicht rekonstruierter, tatsächlicher Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte; und dass andererseits philosophische Ansätze dabei helfen, wissenschaftshistorische Episoden besser zu verstehen, gerade wenn es um epistemologische Fragen geht – also darum, wie in einem bestimmten Kontext wissenschaftliches Wissen generiert wurde.4 Wir beginnen mit einer knappen Erläuterung, was wir unter Forschungsfeldern verstehen und warum diese Felder häufig interdisziplinär ausgerichtet sind. Dann betrachten wir in drei Kategorien einige Beispiele, um etwas über Inhalte, Motive und Voraussetzungen dieser Form wissenschaftlicher Forschung und ihrer Interdisziplinarität zu erfahren. Wir konzentrieren uns dabei auf die Biowissenschaften des frühen 20. Jahrhunderts, genauer: auf physiologische Forschung vor der molekularen Wende. Die disziplinenübergreifende Perspektive war für dieses Gebiet konstitutiv und im Selbstverständnis der Akteure fest verankert.5 Schließlich werden wir darauf aufbauend unsere Befunde auf einer abstrakteren Ebene zusammenfassen und einordnen. 2.

Forschungsfelder und disziplinenübergreifende Forschung

2.1 Forschungsfelder vs. Disziplinen Was ist ein Forschungsfeld? In den biologischen Wissenschaften spricht man von Forschungsfeldern oft mit Blick auf Phänomene, wie hormongesteuertes 4  Siehe u.a. die Beiträge in Mauskopf/Schmaltz, Integrating. Einen Überblick über die Entwicklung und Neubestimmung des Feldes gibt Schickore, More Thoughts; kritisch dazu: Scholl, Scenes. Ein Mission Statement des Committee for Integrated HPS, das regelmäßig internationale Konferenzen dieser Ausrichtung organisiert, findet sich hier: http://integratedhps. org/en/about/ [Zugriff am 8. Oktober 2019]. 5  So hielten es etwa Chemiker wie Fritz Kögl für »unerlässlich, über die Grenzen des eigenen Fachgebietes hinauszuschauen« (vgl. Kögl, Wege, S. 9) und in der physiologischen Forschung war das »Bestreben, Brücken zu den exakten Wissenschaften hinüber zu schlagen« omnipräsent, so der Professor für physiologische Chemie Emil Abderhalden, Lehrbuch, S. 4.

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Pflanzenwachstum, Photosynthese oder Artenvielfalt, die aus verschiedenen Perspektiven über einen Zeitraum hinweg untersucht werden – in der Hor­ monforschung, Photosyntheseforschung, Biodiversitätsforschung, etc. Solche Forschungsfelder sind oft instabil und wandelbar, zuweilen kurzlebig, und sie sind heterogen in ihren Ansätzen und Methoden. Für Fachgesellschaften sind sie oft nicht groß genug, und sie sind selten mit eigenen Studiengängen oder Lehrstühlen institutionell verankert.6 Disziplinen hingegen sind langlebige, stabile Entitäten mit einem umfassenden Gegenstandsbereich und ausgewiesener akademischer Denomination: Philosophie, Soziologie und Physik.7 Oft gibt es kanonisierte Curricula, in denen zentrale Forschungsfragen, Methoden und Theorien, aber auch Normen, Habitus und Konventionen vermittelt und eingeübt werden.8 Doch bei genauerer Betrachtung sind diese Unterschiede eher graduell als prinzipiell. Forschungsfeld und Disziplin verhalten sich ähnlich wie Art und Varietät: die Übergänge sind fließend. Dementsprechend werden sie oft synonym oder nur unscharf differenziert verwendet, mit Überschneidungen in ein und demselben Satz. So erklärte etwa 1931 ein deutscher Mineraloge: Der naturwissenschaftliche Fortschritt hängt nach meinem Dafürhalten wesentlich mit davon ab, daß die Grenzgebiete der Disziplinen mit derselben Aufmerksamkeit gepflegt werden, wie die mehr zentral gelegenen Teile der Forschungsfelder.9

In der Zwischenkriegszeit, auf die wir im Folgenden fokussieren, gab es Forschungsfelder mit eigenen Zeitschriften (ein Standardmerkmal von Disziplinen) – etwa die 1937 begründete Reihe Ergebnisse der Vitamin- und Hormonforschung. Die Bände dieser Reihe sollten die »drei großen Fachgruppen des Vitamin- und Hormongebietes, nämlich Medizin, Biologie und Chemie, zu einem gemeinsamen Arbeitsgebiet, zu gegenseitiger Annäherung und Anregung zusammenfassen«.10 6  Vgl. Bechtel, Integrating, S. 281. 7  Trotzdem können Disziplinen neu entstehen, wie etwa die Zellbiologie, oder aber verschwinden bzw. umverteilt werden, wie etwa die Nationalökonomie im Laufe des 20. Jahrhunderts. 8  Vgl. Chandler, Introduction, S. 732. 9  Rinne, Grenzfragen, S. iii. 10  W. [Autorenname unbekannt], Bücherschau, S. 59. Die Herausgeber stellten sich vor, dass führende Forscher Übersichten verfassen, die den Lesern »ein Bild des jeweiligen Standes der Erkenntnis auf Spezialgebieten vermitteln«. Aus der Zusammenstellung dieser Übersichten ergäbe sich dann »allmählich ein möglichst vollständiges Bild des ganzen Gebietes«.

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Forschungsfelder unterhielten Sektionen oder Symposien an den Treffen der großen akademischen Gesellschaften.11 Und schließlich gab es Forschungsfelder, die auch formal in den Rang einer Disziplin aufstiegen, wie etwa in den 1920/30er Jahren die Biochemie.12 Wir sehen uns zurückgeworfen auf die eingangs erwähnte Differenz von Forschungsfeldern und Disziplinen im Gegenstandsbereich. Hierauf zielt auch eine der wenigen Definitionen, die in der Wissenschaftsphilosophie vorgeschlagen wurden. Lindley Darden und Nancy Maull zufolge besteht ein Feld aus folgenden Elementen: [A] central problem, a domain consisting of items taken to be facts related to that problem, general explanatory factors and goals providing expectations as to how the problem is to be solved, techniques and methods, and, sometimes, but not always, concepts, laws and theories which are related to the problem and which attempt to realize the explanatory goals.13

Das Feld der Hormonforschung ist demnach bestimmt über das Problem, Hormone zu identifizieren, zu charakterisieren und ihre Wirkungsweise zu verstehen.14 Dabei wird unter den beteiligten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ein Konsens darüber ausgehandelt, wie diese Probleme zu lösen sind: welche Daten erhoben und interpretiert werden müssen und welche Methoden und Konzepte dafür zentral sind.15 Ein solcher Konsens schließt nicht aus, dass die Methoden, Konzepte und Lösungswege sehr unterschiedlich sein können. In der Tat ist dies häufig der Fall.16 Betrachten wir etwa das Symposium zur Photosynthese-Forschung im Rahmen des Internationalen Kongress für Botanik, 1935 in Amsterdam. Dort, so heißt es im Tagungsbericht, wurde das »Problem der Photosynthese aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet«:

11  Vgl. Bechtel, Integrating, S. 280. 12  Bechtel, Integrating, S. 283, 295, beschreibt dies für die Biochemie, die Molekularbiologie und die Zellbiologie. Vgl. auch Kay, Molecules, S. 6-25 und Kohler, Medical Chemistry. Für einen zeitgenössischen Kommentar zur Entwicklung der Biochemie, siehe z. B. Prings­ heim, Biochemistry, S. 604. 13  Darden und Maull, Interfield Theories, S. 44. 14  Für den Begriff des Problems und den damit assoziierten explanatorischen und methodologischen Standards, siehe Love, Innovations, S. 877-878. 15  Der Soziologe Elihu Gerson, Integration, S. 517, schrieb dazu: »integration requires joint commitment to common problems and approaches«. 16  Wir erheben nicht den Anspruch, dass dies für alle Forschungsfelder in gleicher Weise gilt. So gibt es z.B. in der Physik auch Forschungsfelder, die sich um Methoden gruppieren.

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Dr. H. A. Spoehr discussed some new approaches to the unsolved problems of synthesis, and Dr. D. Burk presented a paper on the kinetics of the Blackman reaction. The state of chlorophyll in the plastids was discussed by Dr. L. G. M. Baas Becking. Other features of the photosynthesis discussion were papers on the relation of the chemical structure of chlorophyll and its function in the photosynthetic process by Dr. A. Stoll; on carbon dioxide concentration as a rate determining factor by Dr. R. Emerson; and on the photosynthetic activity of the purple bacteria in relation to the general theory of photochemical reduction of carbon dioxide by Dr. C. B. Van Niel.17

Die genannten Forscher hatten sehr unterschiedliche disziplinäre Hintergründe: Herman A. Spoehr war Pflanzenphysiologe, Arthur Stoll organischer Chemiker, Robert Emerson verstand sich als Biophysiker, Cornelis B. van Niel als Mikrobiologe. Sie adressierten verschiedene Aspekte der Photosynthese und nutzten je eigene Methoden: Stoll erforschte die molekulare Konfiguration des Chlorophylls, während Emerson den Reaktionsverlauf manometrisch an Grünalgen untersuchte. Trotzdem verstanden sich alle als Teil eines Kollektivs, das sich bemühte, eine dringliche Frage zu beantworten: wie grüne Pflanzenzellen mit Hilfe von Sonnenlicht Kohlenstoffdioxid umwandeln können in Sauerstoff und Zucker. Sie kannten sich untereinander und standen auch jenseits der Konferenz in engem Austausch, gaben jedoch ihre disziplinäre Affiliation und Selbstbeschreibung nicht auf.18 Aus unserer Sicht ist dies ein paradigmatisches Beispiel für ein Forschungsfeld. 2.2 Disziplinenübergreifende Forschung Die Eigenschaften dieses Forschungsfelds ergaben sich dabei aus der Natur des Problems: Um die Vorgänge der Photosynthese zu verstehen, war zu klären, wie die Lichtstrahlen absorbiert und ihre Energie nutzbar gemacht wurde, wie die chemische Reduktion verlief, und wie all dies im lebenden Organismus der Pflanzenzelle ermöglicht wurde. Die Photosyntheseforschung verlief damit quer zu den Grenzen akademischer Disziplinen, denn sie erforderte Kenntnisse und Methoden in (unter anderem) Physik, Chemie und Biologie. Zugleich schien undenkbar, dass es Professuren eigens für Photosyntheseforschung geben würde: es blieb ein Feld an der Schnittstelle akademischer Disziplinen. Das bringt uns zur schwierigen Frage der Interdisziplinarität. Zu diesem Begriff und den damit verknüpften epistemologischen, wissenschaftspolitischen und institutionellen Fragen gibt es eine umfassende, kaum

17  Loehwing, Botanical Congress, S. 2. 18  Nickelsen, Explaining Photosynthesis, Chap. 3; Nickelsen, Physicochemical Biology.

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noch zu überblickende Literatur.19 Neben der Interdisziplinarität werden inzwischen auch Multidisziplinarität und Transdisziplinarität diskutiert, mit je eigenen Programmen und Problemen. Unser Anliegen ist es nicht, dieses Feld insgesamt zu sichten und zu bewerten; vielmehr wollen wir eine konkrete Art der Forschung analysieren. Ob diese nun im einen oder anderen strengen Sinne »interdisziplinär« ist, spielt dafür zunächst keine Rolle. Wichtig ist ihr disziplinär hybrider Charakter. Wir sprechen daher im Folgenden eher von einer »Forschung über disziplinäre Grenzen« oder »disziplinenübergreifender Forschung«. Wie die Beispiele zeigen, kann diese in verschiedenen Modi auftreten: als punktuelle, teils sogar institutionalisierte Kooperation oder als Ergebnis der Doppelexpertise einzelner Personen. In jedem Fall bedeutete diese Form der Forschung ein Abweichen von bewährten Pfaden, häufig mit dem Ziel, wissenschaftliches Neuland zu erschließen. So schwärmte etwa 1915 der amerikanische Biochemiker John J. Abel von den großartigen Perspektiven der Hormonforschung für Biologen, die über Kenntnisse der Chemie verfügten (was damals unüblich war): [T]he still unknown chemical properties and molecular structure, […] of the mysterious, correlating substances stored and formed in the many organs of internal secretion, and the equally unknown character of numerous constituents of the circulating blood, both offer a virgin field to the biologist with a chemist’s training.20

Wer das »jungfräuliche Feld« der Hormonforschung bearbeiten wollte, musste Kompetenzen aus zwei Disziplinen mitbringen: Biologie und Chemie. Dieses Erfordernis bezieht sich nicht nur auf die Methoden, sondern auch auf die Fähigkeit, Probleme und ihre Relevanz überhaupt zu erkennen – etwa molekulare Strukturen mit physiologischer Funktion in Beziehung zu setzen. In diesem Punkt sieht der Wissenschaftshistoriker Michel Morange eine Schwäche der Organisation von Wissenschaft in Disziplinen: [S]cientists are not prepared by their training to acknowledge the existence and importance of explanatory schemes they have not been taught to use. They understand neither the questions raised in other disciplines, nor the explanatory schemes used to answer them.21

19  Die Positionen gehen dabei weit auseinander. Einen Überblick bietet z.B. Jungert et al., Interdisziplinarität. Siehe auch das Oxford Handbook of Interdisciplinarity (2017), das dieses Feld umfassend aufspannt. 20  Abel, Studies, S. 40. 21  Morange, Physics, S. 111.

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Disziplinenübergreifende Forschung forderte von den Akteuren, diese Schranken zu überwinden. Sie mussten Ziele und Methoden anderer Disziplinen anerkennen und in die eigene Arbeit integrieren – und sie mussten lernen, wie man die fraglichen Forschungsprobleme operationalisiert. Oft wird diese Art der Forschung als besonders innovativ beschrieben. Es ist geradezu ein Topos akademischer Festreden und forschungspolitischer Programmatik, auf die Innovationskraft zu verweisen, die an den Grenzen traditioneller Disziplinen lauert.22 In der Wissenschaftsforschung wird dies gerne auf die »Randständigkeit« der Beteiligten zurückgeführt. Marginale Akteure seien weniger tief in den Konventionen der eigenen Disziplin verwurzelt und daher offener für Neues. Unsere Beispiele zeigen dagegen, dass es oft hochrenommierte Personen quasi aus dem Epizentrum der Disziplin waren, die für interdisziplinäre Forschung warben.23 Ein Forschungsfeld lässt sich also charakterisieren als ein Forum für eine Gruppe von Forschern, die sich für ein Phänomen interessieren, eine bestimmte Problemkonzeption teilen, und gewillt sind, zur Lösung dieses Problems beizutragen. Im Falle disziplinenübergreifender Forschungsfelder wird diese Lösung unter Anwendung von Methoden und Konzepten verschiedener Disziplinen erarbeitet. Im Folgenden wollen wir etwas genauer betrachten, unter welchen Umständen und aus welchen Gründen historische Akteure sich für diese Art Forschung entscheiden. Doch zunächst klären wir kurz, welche Aspekte wir aussparen: nämlich die Finanzgeber, die Wissenschaftsverwaltung und die Politik.24 2.3 Die Bedeutung des Umfelds und der forschungspolitischen Agenda Eine umfassende Analyse disziplinenübergreifender Forschungsfelder sollte epistemische, methodologische und technologische Grundlagen in den Blick nehmen, aber auch soziokulturelle Differenzen und gesellschaftliche sowie politische Agenden berücksichtigen. Entsprechend gilt es, auch die Motive und Überzeugungen von Personen aus Wissenschaftsverwaltung, Bildungspolitik und Förderinstitutionen zu analysieren.25 Tatsächlich liegen bereits zahlreiche Studien dazu vor, wie etwa die Rockefeller Foundation in den 1930er 22  Vgl. z.B. Desch, Discipline, oder Philip, Physical Chemistry. 23  Siehe z.B. Dogan, Marginality. Für eine kritische Perspektive zum Wert der Kategorie des »Marginal Man« oder »Marginality« siehe z.B. Gieryn/Hirsh, Marginality. 24  Zur Differenzierung von wissenschaftsinternen und -externen Motiven für Interdiszip­ linarität, vgl. Jungert, Grundsätzliche Fragen (mit weiterführenden Literaturangaben). 25  Frodeman plädiert sogar dafür, die Reflexion interdisziplinärer Wissenschaft eher in der politischen Philosophie zu verorten als in der Wissenschaftstheorie; siehe Frodeman, Introduction.

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Jahren die physico-chemisch orientierte Biologie und damit die Kooperation von Vertretern der physikalischen und biologischen Wissenschaften förderte.26 Wir wollen diese Untersuchungen nicht doppeln, sondern uns im Weiteren auf die epistemischen Ziele der Wissenschaftler (sowie vereinzelten Wissenschaftlerinnen) der Zeit konzentrieren. Damit stellen wir die Bedeutung der wissenschaftspolitischen und -soziologischen Dimension nicht in Frage. Welche Art Forschung finanziell unterstützt und in angesehenen Zeitschriften publiziert wird, spielt für die Wahl wissenschaftlicher Vorhaben eine wichtige Rolle. Doch gab es disziplinenübergreifende Forschung lange bevor finanzielle Anreize gesetzt wurden.27 Zudem sind die konkreten Forschungshandlungen der Akteure durch solche Vorgaben unterdeterminiert. Aus der Direktive, dass quantitative Experimente erwünscht sind, möglichst unter Verwendung physikalischer Präzisionstechnik, geht nicht hervor, was auf welche Weise gemessen werden soll. Offen bleibt zudem, welches Problem die Messung lösen soll. Hier setzt unser Beitrag an und schlägt ein Instrumentarium vor, mit dem sich solche Konstellationen analysieren lassen. Denn die Zusammenführung von Methoden und Problemen der biologischen und physikalischen Wissenschaften ist und war nicht trivial. Das wussten bereits diejenigen, die sich in der Zwischenkriegszeit engagiert für eine neue Biologie einsetzten – eine Biologie, die sich chemischer und physikalischer Konzepte und Methoden bediente. Es war hilfreich, aber nicht hinreichend, in diesen Methoden ausgebildet zu sein. »[A]lthough a student may have attended good courses in these sciences, he does not readily apply the knowledge [of physics and chemistry] to physiological problems«, klagte etwa 1919 der Physiologe William Bayliss.28 Ähnliches hören wir von Bayliss’ Kollegen in Chemie und Physik. So befand 1927 der renommierte Biochemiker Frederick Gowland Hopkins: »[A] regular chemist has no aptitude for biological problems and does not recognize them.«29 Der Biophysiker Detlev Bronk hielt noch 1938 fest, dass Physiker während ihrer 26  Vgl. dazu Kohler, Partners; Abir-Am, Discourse; Kay, Molecular Vision; Fuller, MilitaryIndustrial Route. Die umfangreiche Forschung zur Rockefeller Foundation erklärt sich nicht zuletzt aus der frühen und großzügigen Öffnung des Archivs der Stiftung. 27  So ging es der Rockefeller Foundation zunächst darum, die kooperative Forschung von Chemikern, Physikern und Biologen zu »unterstützen«, statt diese von Grund auf neu zu motivieren. Warren Weaver resümierte 1936: A considerable part of the support given to date admittedly has added to the quantity of research in the chosen fields but without changing, in any significant way, the nature or quality of such research […].« Vgl. Weaver, »Natural Sciences Program in Experimental Biology«, 16. Mai 1936, S. 10 und 52. In: Warren Weaver Papers, Box 13, Ordner 169, Rockefeller Archive Center, North Tarrytown. 28  Bayliss, Introduction, S. v. 29  Zitat nach Kohler, Medical Chemistry, S. 354. Diese Aussage von Hopkins referierte William G. MacCallum in einem Brief an Lewis H. Weed vom 14. April 1927.

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Ausbildung nie mit Anliegen der Biologie in Berührung kämen. Das bliebe nicht ohne Folgen: »Without that knowledge and the point of view which it [biology] engenders, even the best trained physicist will be unable to formulate, direct and interpret biophysical problems.«30 Schlichtweg allen, so die Diagnose, mangelte es an Verständnis des Terrains außerhalb der eigenen Disziplin: es fehlte die Kompetenz, disziplinenübergrei­ fende biochemische oder biophysikalische Forschungsprobleme zu definieren und vielversprechende Lösungsansätze zu entwickeln. Wenig hilfreich war zudem das hierarchische Gefälle zwischen den Disziplinen: Physik und Chemie hielten die Biologie nicht für eine ernstzunehmende Wissenschaft. Dies erfuhr etwa der später berühmte Pflanzenphysiologe James Bonner, der in den 1930er Jahren in den USA Biologie studierte. Bonner erinnerte sich an das Entsetzen seiner Freunde: »Biology? How are you ever going to make a science out of that?« Bonner zufolge war diese Skepsis weit verbreitet: »[T]hat is the way most people felt: that biology was just a bunch of facts and no science, nothing rigorous about it.«31 3.

Formen disziplinenübergreifenden Forschens

Dabei befanden sich Teile der Biologie bereits in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess mit dem Ziel einer disziplinären Annäherung an Chemie und Physik.32 Diese Annäherung wurde nicht nur von der Biologie vorangetrieben. Schon im 19. Jahrhundert betonten hochrangige Wissenschaftler 30  Bronk, Relation, S. 141. Bronk selbst hatte Physiologie und Physik studiert – letzteres auf Anraten von Jacques Loeb. So schrieb Loeb an Simon Flexner am 18. Oktober 1922: »I think the advice to give to Mr. Bronk would be to get out of the University of Michigan and into touch with some real physicists.« Box 4, Ordner »Correspondence Flexner, Simon«, Jacques Loeb Papers, Manuscript Division, Library of Congress, Washington, D.C. 31  Bonner, Interview, S. 9-10. Bonner begann sein Biologie-Aufbaustudium am Caltech im Sommer 1931. Martin Kamen beschrieb ähnliche Verhältnisse für Berkeley. Kamen arbeitete dort in den 1930er Jahren als einziger Chemiker unter Physikern in der Gruppe von E. O. Lawrence – und stand damit ganz unten in der Rangordnung. Nur wenig später kam die Herablassung der anderen Chemiker dazu, als Kamen und sein Freund und Kollege Samuel Ruben sich für biologische Fragen interessierten – konkret: für die Anwendung radioaktiver Kohlenstoffisotope als Tracer in der Stoffwechselforschung. 1940 entdeckten Kamen und Ruben dabei das Isotop C14. Siehe Kamen, Radiant Science; Gest, Ruben’s Contributions. 32  Siehe Allen, Life Science. Der Geltungsbereich von Allens These einer »Revolte gegen die Morphologie« um 1900 und einem Wechsel zur experimentellen Methode wurde kontrovers diskutiert. Siehe Maienschein et al., Introduction, für die Einleitung zu einer »Special Section« im Journal of the History of Biology 14, 1981, zu dieser Frage.

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wie der Chemiker Justus von Liebig oder der Physiker Hermann von Helmholtz den Mehrwert disziplinenübergreifender Forschung mit Blick auf Lebensprozesse.33 Und in einer Rede von 1907 prophezeite Emil Fischer, der 1902 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet worden war, eine weitgehende Zusammenarbeit der Disziplinen in der Zukunft: [Dass das Verhältnis der organischen Chemie] zur Biologie sich wieder ebenso innig gestalten wird, wie es zu Zeiten von Liebig und Dumas gewesen ist, halte ich für wahrscheinlich und sogar für wünschenswert, denn nur durch gemeinsame Arbeit ist die Aufklärung der großen chemischen Geheimnisse des Lebens möglich.34

Als »physico-chemische Biologie« bezeichneten die Akteure im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts die Erforschung von Lebensphänomenen unter Anwendung der Methoden und Konzepte von Biologie, Physik und Chemie.35 Diese Forschung organisierte sich fluide um spezifische Fragestellungen und Probleme herum – in disziplinenübergreifenden Forschungsfeldern, wie wir sie oben eingeführt haben. Im Folgenden betrachten wir unterschiedliche Ausprägungen dieser Forschung: Kooperationen zwischen Experten unterschiedlicher Disziplinen; Forschung von Einzelpersonen mit disziplinärer Doppelexpertise; und schließlich verbindliche, mitunter institutionalisierte Forschungsprogramme mit beidseitiger Interdependenz.36 3.1 Punktuelle Kooperation von Akteuren unterschiedlicher Disziplinen Bleiben wir dafür zunächst in Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wo Emil Fischer den Blick in die Zukunft gewagt hatte. Im Jahresbericht der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt (PTR), eine der vielen Forschungsstätten, die in Deutschland nach der Reichsgründung emporschossen, finden wir 1911 folgenden Eintrag: Eine wichtige Klasse von photochemischen Reaktionen, zu welcher auch der Assimilationsprozess der Pflanze gehört, geht unter Aufnahme von Energie vor sich, welche dann aus der absorbierten Strahlung entnommen wird und einen 33  Liebigs Manifest wird paraphrasiert: »[L]et chemist speak directly to physiologist and be confident that both will benefit from the meeting.« Nach Coleman, Biology, S. 13. Für Helmholtz vgl. z.B. Cranefield, Organic Physics. 34  Fischer, Synthese, S. 6. 35  Siehe auch Nickelsen, Physicochemical Biology. 36  Diese Einteilung ist zunächst phänomenologisch, anhand sozialer Konstellationen. Eine alternative Taxonomie schlagen wir weiter unten in diesem Aufsatz vor.

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gewissen Bruchteil derselben bildet. Es ist die Aufgabe in Angriff genommen, diesen Bruchteil, die ›photochemische Ausbeute‹, für eine Reihe von Fällen zu messen, und zwar für bestimmte, möglichst eng begrenzte Wellenlängengebiete.37

Die vornehmliche Aufgabe der PTR war es, physikalische Standards und Einheiten zu erforschen.38 Seit 1905 lag die Präsidentschaft bei dem Experimentalphysiker Emil Warburg, der auch die im Bericht erwähnten Messungen angestoßen hatte. Der »Assimilationsprozess der Pflanze« war dabei nichts anderes als der Prozess der Photosynthese. Photosyntheseforschung an der PTR: das klingt seltsam. Doch liest man diese Passage genau, war es kein botanisches Projekt, über das berichtet wurde, sondern ein Projekt zur photochemischen Effizienz. Untersucht werden sollte, welcher Anteil der absorbierten Lichtenergie für die chemische Reduktion von Kohlendioxid genutzt wurde. Das ist die im Text angesprochene »photochemische Ausbeute«. Die Experimente waren Teil eines Forschungsvorhabens von Emil Warburg, in dem er den Implikationen von Albert Einsteins Lichtquanten-Hypothese aus dem Jahr 1905 nachgehen wollte.39 Zu dieser Zeit ging man davon aus, es handele sich bei der Photosynthese um eine Spaltung des Kohlendioxids durch Licht. Damit schien der Prozess einer der wenigen in der Natur, an denen sich – zumindest potenziell – der chemische Effekt von Lichtquanten studieren ließ. Nicht nur Emil Warburg interessierte sich dafür, sondern auch viele seiner Kollegen, darunter Walther Nernst, Jacobus van’t Hoff, Fritz Weigert und Fritz Haber. Das Problem war indessen, dass Photosynthese nur in lebenden Pflanzenzellen abläuft. Keiner der berühmten Physiker oder Chemiker wusste damit umzugehen. Man konnte nicht einfach eine Topfblume ans Fenster stellen und dann Photonen und Zuckermoleküle zählen. Es half auch nicht, die Asche von Blättern oder einen Brei aus Zellen chemisch zu analysieren. Die Organismen mussten leben, um Photosynthese zu betreiben, und das möglichst ungestört. Wie Emil Warburg dieses Problem lösen wollte, zeigt folgender Brief an seinen Sohn, den Zellphysiologen Otto Warburg:

37   Physikalisch-Technische Reichsanstalt, Tätigkeitsbericht, S. 131. 38  Die Gründung der PTR im Jahr 1887 erfolgte unter erheblicher Lobby-Arbeit der aufstrebenden Elektroindustrie, insbesondere Firmen wie Siemens und AEG. Vgl. Cahan, Institute. 39  Siehe für weitere Erläuterungen Nickelsen, Construction.

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Kärin Nickelsen und Caterina Schürch Heute lese ich in einer Arbeit von [Fritz] Weigert […], dass von einem Engländer […] Versuche von der Art gemacht sind, wie wir sie vorhaben. Bei flüchtiger Durchsicht des Referats von Weigert sehe ich, dass der Vorgang anscheinend sehr kompliziert ist […].40

In der zitierten Arbeit geht es um die energetische Effizienz der Photosynthese, also um eben jenes Forschungsproblem aus dem Bericht der PTR. Emil Warburg wollte also seinen Sohn Otto als Kooperationspartner gewinnen und somit dessen Kompetenz im Umgang mit lebenden Zellen.41 Dies bot sich auch deswegen an, weil Otto Warburg in Kürze als Abteilungsleiter an das neu begründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie in Berlin berufen werden sollte.42 Während also Emil Warburg genau wusste, welches Problem er lösen wollte, verfügte er nicht über alle erforderlichen Kompetenzen, und die Zusammenarbeit mit einem Biologen sollte dies ausgleichen. Leider ging der Plan nicht auf: Otto Warburg zeigte sich unwillig, denn er wollte eine andere Studie zur Zellatmung abschließen (für die er 1931 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde). Dann begann der Erste Weltkrieg, für den Otto sich als Freiwilliger meldete. Aus den Photosynthesestudien an der PTR wurde also zunächst nichts. Als Otto Warburg 1918 zurückkehrte, begann er unmittelbar mit Experimenten in der von seinem Vater vorgeschlagenen Richtung. Zu einer Kooperation der beiden kam es auch dann nicht. Wohl aber nutzte Otto Warburg die physikalischen Präzisionsinstrumente der PTR für seine Forschung, etwa spezifische Manometer, also Druckmessgeräte, sowie Bolometer, Instrumente zur Messung von Strahlungsintensität. Technische Mitarbeiter der PTR unterstützten ihn dabei. Auf diese Weise versuchte sich Otto Warburg an der Lösung des von seinem Vater aufgeworfenen Problems: den Effizienzgrad und Energiebedarf der Photosynthese zu bestimmen. Otto Warburg versuchte, die Anzahl Lichtquanten zu messen, die erforderlich sind, um ein Molekül Sauerstoff zu produzieren. Die physikalische Auswertung der Resultate interessierte ihn dabei nicht. Vielmehr nutzte er diesen Wert als Schlüsselparameter für ein biologisches Phänomen: den Stoffwechsel-Pfad der Photosynthese. Es war völlig unklar, wie dieser Pfad aussah. Vorschläge für Mechanismen, die zur

40  Zitiert in Werner, Genie, S. 77 (Dok. 23). Das Original findet sich im Nachlass von Otto Warburg im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Wissenschaften (Signatur: NL Warburg 999). 41  Siehe dazu Nickelsen, Construction. 42  Dieses außeruniversitäre Forschungsinstitut befand sich ebenfalls in Berlin. Die KaiserWilhelm-Institute sind Vorläufer der heutigen Max-Planck-Institute.

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Sauerstoff-Produktion mehr Energie erforderten als der von Warburg bestimmte Wert, konnten nun aber auf empirischer Grundlage ausgeschlossen werden.43 Warburgs Wert, das stellte sich fünfzehn Jahre später heraus, war um den Faktor zwei bis drei zu niedrig. Nach 1945 entwickelte sich daraus eine erbitterte Kontroverse zwischen Otto Warburg und einigen US-amerikanischen Forschern.44 Darunter war auch ein ehemaliger Doktorand von Warburg, Robert Emerson, von dem wir später noch einmal hören. Aber halten wir zunächst fest: in diesem Fall nutzte ein Biologe physikalische Methoden und Interpretationsansätze, um ein biologisches Problem zu lösen. Kooperationspartner im engeren Sinne suchte Otto Warburg sich dafür nicht. Wohl aber griff er gerne auf die technische und physikalische Ausstattung und Expertise an der PTR zurück. Damit haben wir am Beispiel Vater und Sohn Warburg zwei komplementäre Varianten der folgenden Form von disziplinenübergreifender Forschung kennengelernt: Probleme des eigenen Bereichs wurden mit Hilfe von Methoden aus einem anderen Bereich bearbeitet. Dazu holte man sich Hilfe.45 Die Hilfe eines Physikers nahmen in den 1920er Jahren auch der Biologe Josef Gicklhorn und der Verleger sowie Laien-Biochemiker Rudolf Keller in Anspruch, und in diesem Fall kam es nun wirklich zur persönlichen Zusammenarbeit. Gicklhorn und Keller interessierten sich für die elektrischen Eigenschaften lebender Gewebe, wussten jedoch nicht, wie man die erforderlichen Messungen durchführte. Als Kooperationspartner konnten sie schließlich den jungen Physiker Reinhold Fürth gewinnen, der sich schon in der Vergangenheit bemüht hatte, physikalische Methoden für die Biologie fruchtbar zu machen.46 Fürth fand es eine »reizvolle Aufgabe, Methoden zu ersinnen, die zur Erforschung der elektrischen Struktur der lebenden Materie bis in ihre feinsten Teile anwendbar sind.« Dass solche Methoden noch kaum existierten, läge am mangelnden Kontakt zwischen Physikern und Biologen.47 Konkret entwickelte Fürth eine Methode zur Bestimmung der Dielektrizitätskonstante (DEK) von flüssigen Leitern und bestimmte mit Gicklhorn die DEK zahlreicher Farbstoffe, mit denen sie anschließend biologische Gewebeproben einfärbten.48 Aus diesen Werten sowie den Farbmustern versuchte Keller, auf 43  Nickelsen, First Approach. 44  Nickelsen/Govindjee Maximum Quantum Yield; Nickelsen, Quanten. 45  Alternativ hätte man sich die Methoden selbst aneignen können, im Sinne einer disziplinären Doppelexpertise, wie wir sie weiter unten besprechen. 46  Vgl. Fürth, Fehlerrechnung, sowie Fürth, Brownsche Bewegung. 47  Fürth, Physik in der Zelle, S. 952. 48  Vgl. Fürth, Methode, S. 99.

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die elektrischen Eigenschaften verschiedener Proben zu schließen. Er hoffte, auf diesem Wege neue Einsichten zum physiologischen und pathologischen Zustand der Zellen und Organe zu gewinnen.49 Keller wurde für seine krude formulierten und kaum empirisch gestützten Thesen kritisiert. Doch die Methode an sich stieß auf großes Interesse. Der Biochemiker Leonor Michaelis etwa begrüßte es, dass man nun »höchst wichtige« Fragen klären konnte, für die bisher die Verfahren gefehlt hätten.50 Und etablierte Wissenschaftler wie der Chemiker Heinrich Jakob Bechhold und der Biochemiker Karl Spiro fanden es plausibel, dass »aus der Färbung auf die chemische und physikalische Natur der gefärbten Substanz« geschlossen werden konnte.51 Die Konstellation war ähnlich wie bei Emil Warburg – nur mit disziplinär umgekehrten Vorzeichen. In diesem Fall brauchten die Biologen Fürths physikalische Expertise, um methodisch weiterzukommen. Der Biologe Gicklhorn fand eine »breite Basis an speziellem physikalischen Wissen« für die biologische Forschung »unerläßlich«. Es bedürfte »auf lange Zeit hinaus der Zusammenarbeit von Biologen und Physikern«, nicht nur, um »die Wege in diesem Neuland der Physiologie zu finden, sondern auch, um mit ausreichendem Verständnis die Methoden, Ergebnisse und einzelnen Fragen beider Gebiete verfolgen zu können«.52 Bei dieser Zusammenarbeit obläge jedoch die Führung nicht dem Physiker, sondern dem Biologen, so Gicklhorn (in Anspielung auf die zeitgenössisch übliche Hierarchie). Wie Gicklhorn erläuterte, genügte es nämlich erfahrungsgemäß nicht, gängige Methoden der Experimentalphysik auf biologische Fragen anzuwenden. Stattdessen müsse der Biologe für die korrekte Anpassung sorgen und dabei die Ziele und methodologischen Anforderungen des Vorhabens im Auge behalten.53 Die Physik könnte aber durch die Bearbeitung biologischer Probleme »nicht nur den Bereich ihres Einflusses vergrößern«, so warb Gicklhorn, »sondern auch rückwirkend für ihre speziellen Probleme Anregung und neue Gesichtspunkte gewinnen«.54 In der Tat konnte Fürth seinen Beitrag zusätzlich in disziplinären Aufsätzen verwerten, die sich an ein physikalisches Publikum richteten. Er entnahm den Messungen, die er »auf Veranlassung« Kellers durchgeführt hatte, »einige Hinweise auf die Konstitution der untersuchten Dielektrika, 49  Vgl. Keller, Elektrizität, sowie Keller, Elektrostatik. 50  Michaelis, Wasserstoffionenkonzentration, S. 17. 51  Vgl. Bechhold, Kolloide, S. 492, und Spiro, Einleitungsvortrag, S. 219. 52  Gicklhorn, Dielektrizitätskonstante, S. 126. 53  Gicklhorn, Mikrophysik, S. 384-385. 54  Vgl. Gicklhorn, Mikrochemie, S. 114.

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insbesondere im Hinblick auf die Dipoltheorie von [Peter] Debye«.55 In den einschlägigen Fachzeitschriften Annalen der Physik sowie der Zeitschrift für Physik publizierte Fürth dazu mehrere Aufsätze und präsentierte die Ergebnisse auf der Deutschen Physikertagung 1929 in Prag. Dennoch blieb Fürth unter Physikern in erster Linie bekannt für seine rein physikalischen Arbeiten zur statistischen Mechanik.56 3.2 Doppelexpertise: Interdisziplinarität im Alleingang Die Alternative zur Kooperation war der bewusste Erwerb einer eigenen Doppelexpertise. So hatte Otto Warburg ein erstes Studium in Chemie absolviert, als Student des vorgenannten Emil Fischer. Danach hätte er in die chemische Forschung wechseln können, hängte aber stattdessen noch ein Studium der Medizin an. Grund dafür war nicht etwa Warburgs Wunsch, als Arzt zu praktizieren; vielmehr wollte er zellphysiologische Forschungen durchführen. Dies erforderte Kenntnisse und Methoden aus Chemie, Medizin und Biologie – mit seinem Doppelstudium war Warburg dafür hervorragend qualifiziert. Von höchster Relevanz waren physikalische und chemische Kenntnisse auch in der Sinnesphysiologie, unter anderem für die Theorie des Sehens. Ganz neue Impulse erhoffte man sich um 1910 von der Photochemie, ein noch junges Gebiet, das die chemische Wirkung des Lichtes untersuchte. Tatsächlich bemühten sich jüngere Physiologen zunehmend um eine Integration photochemischer Methoden und Konzepte.57 Einer davon war der frisch promovierte Zoologe Selig Hecht, der aus der Verbindung beider Felder ein Forschungsprogramm entwickelte, das ihn seine ganze akademische Karriere lang beschäftigte. »Few investigators have ever become such masters of their field«, hieß es in einem Nachruf.58 Ähnlich wie Otto Warburg hatte Hecht zunächst Mathematik, Physik und Chemie studiert, bevor er begann, sich in die Biologie mariner Organismen einzuarbeiten. Diese Kombination einer exakt-naturwissenschaftlichen 55  Fürth, Dielektrizitätskonstanten, S. 63. 56  Vgl. Born, My Life, S. 289. 57  Spezifisch ging es um das so genannte »Dämmerungssehen«, an dem v.a. die Zäpfchen beteiligt sind. Bereits 1913 formulierte der Moskauer Physiker Piotr Lasareff die Annahme, dass die Wirkung des Lichtes auf das Netzhautpigment Sehpurpur ein photochemischer Prozess ist und leitete daraus die Konzentration der Reaktionsprodukte ab, vgl. Lasareff, Lichtreizung. Der Heidelberger Physiologe August Pütter publizierte 1918 eine Theorie der Reizvorgänge, bezog sich allerdings nicht explizit auf photochemische Konzepte, vgl. Pütter, Reizvorgänge. 58  O’Brien et al., Obituary, S. 105.

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Ausbildung mit meeresbiologischer Expertise nutzte Hecht, um die Physiologie der Lichtwahrnehmung nun photochemisch zu klären. Anders als seine Vorgänger untersuchte er dafür nicht die Anatomie der menschlichen Retina, sondern erforschte die Dynamik der Lichtreaktion an marinen Organismen, darunter die Schlauchseescheide, Ciona intestinalis, und die Sandklaffmuschel, Mya arenaria. Wo genau die lichtsensitiven Organe dieser Tiere waren, wusste er nicht, und er versuchte auch nicht, die relevanten Pigmente zur chemischen Analyse zu isolieren.59 Stattdessen entwickelte Hecht aus dem Vergleich seiner Daten mit den Reaktionen anorganischer Systeme ein Modell zur Erklärung des zugrundeliegenden photochemischen Mechanismus. Dies war höchst ungewöhnlich für die Biologie seiner Zeit – und Hecht konnte nur deswegen einen solchen Ansatz entwickeln, weil er mit dem Denken in Modellsystemen vertraut war.60 Hecht richtete seine Aufmerksamkeit schließlich doch noch auf die lichtempfindliche Substanz. Aufgeregt berichtete er seinem Förderer Jacques Loeb im Jahr 1920 von den Perspektiven, die seine Experimente zur Regeneration des Sehpurpurs im Froschauge eröffneten: »Should they yield the results that I expect, an extended line of work will be opened up […]. I need hardly add that I am ›wildly excited‹ over the whole thing.«61 Erstmals zog Hecht sogar in Erwägung, mit Photochemikern direkt in Kontakt zu treten: «[T]hough it would not be essential, it would be mighty helpful to get the advice and viewpoint of people like Baly and Luther or Weigert on this visual purple business.«62 Mit einem National Research Fellowship reiste Hecht im Herbst 1921 tatsächlich nach Liverpool, um einige Zeit im Labor des Photochemikers E. C. C. Baly zu arbeiten. Dieser beschied Hecht »ein echtes Verständnis der beiden Seiten des Problems, nämlich der physikalischen und der biologischen Seite«.63 59  Die Tiere reagieren auf einen plötzlichen Lichtimpuls durch Zurückziehen ihres Siphons. Die Parameter dieser Reaktion konnte man vermessen, ohne weitere Details der Perzeption zu kennen. 60  Ein guter Freund und Kollege von Hecht, William Crozier, unterstützte diesen Ansatz, siehe Crozier, Possibility, S. 461. Die Idee dieser Methode lesen wir bereits 1915 bei dem Chemiker Svante Arrhenius, Quantitative Laws, S. 25, ohne dass er dies hätte umsetzen können: »As far as is known, biochemical processes develop in the same manner in the living body, ›in vivo‹, as ›in vitro‹ if the same reagents are used under the same conditions. Without the aid of experiments ›in vitro‹ we should really know very little of the much less accessible reactions ›in vivo‹.« 61  Hecht an Loeb vom 14. Februar 1920, Box 6, Ordner »Correspondence Hecht, Selig«, Jacques Loeb Papers, Manuscript Division, Library of Congress, Washington, D.C. 62  Hecht an Loeb vom 9. Mai 1921, ebd. 63  Baly an Loeb vom 10. November 1921, Box 1, Ordner »Correspondence BA«, ebd. Unsere Übersetzung.

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Das weitere Interesse der Photochemiker an Hechts physiologischen Untersuchungen hielt sich jedoch in Grenzen.64 Zu einer beidseitig fruchtbaren Zusammenarbeit kam es nicht. 3.3 Interdependentes Forschungsprogramm Im Gegensatz dazu zeichnet sich eine dritte Variante disziplinenübergreifender Forschung dadurch aus, dass die Kooperationspartner von der Expertise der jeweils anderen Disziplin abhängen. Ein Beispiel dafür ist eine im Herbst 1930 beginnende Kooperation zwischen Vertretern der Pflanzenphysiologie und Chemie an der Universität Utrecht. Ähnlich wie Hecht wollten die Pflanzenphysiologen um Professor F. A. F. C. Went mehr über einen Lebensprozess und die damit verbundenen chemischen Substanzen erfahren. In diesem Fall ging es um das Pflanzenwachstum, insbesondere die Dehnung der Zellen im unteren Teil von Haferkeimlingen nach der Phase der Zellvermehrung. Professor Wents Sohn Frits hatte nachweisen können, dass eine chemische Substanz, die in den Spitzen der Keimlinge produziert wurde, die Dehnung induzierte: ein Hormon, wie man es bald nannte.65 Die Pflanzenphysiologen waren sich einig, dass man als nächstes diese Substanz isolieren sollte, um mehr über ihre Wirkungsweise zu erfahren.66 Einerseits konnten nur so ihre chemischen und physikalischen Eigenschaften ermittelt werden. Andererseits brauchte man reine Proben, um aussagekräftige Experimente an Pflanzenzellen durchzuführen. Die Biologen suchten also nach einer Methode, um die chemische Natur des Wuchsstoffs zu bestimmen. Sie wurden fündig bei ihren Nachbarn. 1930 war Fritz Kögl als Professor für Organische Chemie nach Utrecht berufen worden, und aus seiner Antrittsvorlesung ging deutlich hervor: Kögls Ziel war die Erforschung von Hormonen, eine Stoffklasse, die zu dieser Zeit viele Wissenschaftler faszinierte. Kögl wusste, dass er als Chemiker dabei auf Hilfe aus der Biologie angewiesen war, denn Hormone konnten nur mithilfe physiologischer Tests identifiziert und isoliert werden: je ausgeprägter die physiologische Wirkung ausfiel, desto höher war die Konzentration des Hormons in der Probe.67 Für Kögl und andere waren diese Testverfahren das bestimmende 64  Bei Weigert, der 1921 ein »photochemisches Modell der Retina« diskutierte, findet sich keine Referenz auf die Arbeiten von Hecht. 65  Went, Wuchsstoff. 66  Vgl. z.B. Stark, Reizleitungsproblem, S. 91. 67  Ein solcher Test weist das gesuchte Hormon nach. Zunächst wird das Organ entfernt wird das Organ entfernt, das die Substanz normalerweise produziert. Induziert eine chemische Probe die physiologische Aktivität in einem solchen Testorganismus, schließt man auf die Anwesenheit des Hormons in dieser Probe.

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Element der Hormonforschung. Sein Kollege Fritz Lacquer sprach sogar von der »Archimedes-Forderung« des Feldes: »Gib mir ein Testobjekt! – und man kann hoffnungsvoll mit der chemischen Bearbeitung eines Hormons beginnen.«68 Kögl kam zum Schluss, dass die Utrechter Botaniker, ohne es zu wissen, einen physiologischen Test zur Isolierung des pflanzlichen Wuchs-Hormons entwickelt hatten.69 Darüber hinaus verfügten sie über einen speziellen Raum mit kontrollierter Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Untergeschoss des botanischen Instituts. Bei ihren Experimenten verwendeten sie Keimlinge aus der gleichen Ernte einer bestimmten Art Hafer. Alle diese Maßnahmen sollten sicherstellen, dass die Unterschiede im Wachstum ausschließlich auf Unterschiede in der Konzentration des Wuchsstoffs zurückzuführen waren. Kögl und Went vereinbarten eine offizielle Kooperation, und damit standen fortan diese Infrastruktur, die Testpflanzen sowie das Know-how der Botaniker auch Kögl zur Verfügung. Nach weniger als einem Jahr war das »erste Pflanzenhormon« isoliert. Im Gegenzug gewann die Gruppe um Went reine Kristalle des Wuchsstoffs samt Wissen über dessen molekulare Struktur. Die Kooperation zwischen dem organisch-chemischen und dem botani­ schen Labor in Utrecht kommt weiter unten noch war geprägt von wechselseitigem Respekt vor der je anderen Expertise. Beiden Seiten war klar, dass sie ihre Forschungsziele alleine unmöglich erreichen konnten, und sie waren genuin interessiert an den Ergebnissen der anderen Gruppe.70 Was die Pflanzenphysiologen über die Wirkung des Hormons in der Zelle lernten, war wichtig für die Chemiker, weil sie die relevanten strukturellen Eigenschaften des Hormons bestimmen wollten. Je mehr wiederum über diese Eigenschaften und den chemischen Mechanismus der Hormonwirkung bekannt war, desto besser verstanden die Pflanzenphysiologen den Vorgang des Wachstums. In diesem Fall ergab sich eine langfristige Zusammenarbeit von zwei Laboratorien; im Fall der Photosynthese wurde die disziplinenübergreifende Kooperation schlussendlich sogar unter einem Dach institutionalisiert. Dem vorgenannten Robert Emerson – biologisch und physiologisch ausgebildet u.a. bei Otto Warburg – wurde 1946 die Stelle als Direktor eines neu begründeten Zentrums zur Erforschung der Photosynthese an der University of Illinois at Urbana-Champaign angeboten. Emerson akzeptierte, aber nur unter der 68  Laquer, Hormonforschung, S. 1030. 69  Beim Hafertest von Went wurden die Spitzen entfernt, in denen der Wuchsstoff produziert wurde. Anschließend wurde ein mit Testsubstanz getränktes Agar-Blöckchen einseitig auf die »enthauptete« Pflanze gesetzt. Nahm der Haferkeimling das Wachstum auf dieser Seite wieder auf, wurde auf das Vorliegen von Wuchsstoff in der Probe geschlossen. Vgl. Went, Wuchsstoff. 70  Vgl. Schürch, Mechanisms.

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Bedingung, dass außer ihm noch ein Physiker oder physikalischer Chemiker als zweiter Direktor eingestellt wurde. Die Wahl fiel auf Eugene Rabinowitch, der vor seiner Emigration aus Deutschland (als die Nationalsozialisten ihm 1933 Berufsverbot erteilten) einige Jahre als Postdoc am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie unter Leitung von Fritz Haber verbracht hatte.71 Emerson suchte dabei nicht nur methodische Hilfestellung durch technische Assistenz (wie seinerzeit Otto Warburg), sondern fundierte physikalische Sachkenntnis zur wissenschaftlichen Kooperation auf Augenhöhe. Emerson war überzeugt, dass die relevanten Forschungsfragen dies verlangten. In einem Brief an den Dean des Departments skizzierte Emerson die in Urbana geplante Forschungsarbeit: If [Rabinowitch] is appointed, it will be our plan to make a joint attack on the problem of energy absorption and conversion in the green plant. My share of the program will be the study of photosynthesis as it takes place in the intact cells of lower plants. Mr. Rabinowitch will work on artificial systems, built either from components extracted from plant parts or from non-living material, which give promise of simulating the unique energy-storing aspects of the natural process of photosynthesis.72

Es ging Emerson demnach um »das Problem der Energieabsorption und -konversion in grünen Pflanzen«. Aus dieser Formulierung wird klar, dass er Photosynthese aus einer Perspektive untersuchen wollte, die nicht mehr biologischer oder physikalischer oder chemischer Natur war, sondern all dies gemeinsam. Es ging nicht nur um den Stoffwechsel der Pflanze oder nur um Energieniveaus und Lichtquanten. Es ging um einen physikalischen Prozess im lebenden Organismus – um chemisch fundierte Biophysik, und dazu brauchte er Rabinowitch und dessen komplementäre Expertise. 4.

Motive, Bedingungen und Dynamik interdisziplinärer Forschung

Unsere Beispiele verdeutlichen die Diversität interdisziplinärer Forschung: Physiker, Chemiker und Biologen unterschiedlicher Karrierestufen entschieden sich aus unterschiedlichen Gründen, disziplinäre Grenzen zu überwinden. Doch zeigen sich Muster, die auf spezifische Konstellationen von 71  Govindjee, Understanding Photosynthesis. 72  Emerson an Carmichael am 23. Oktober 1946. Robert Emerson Papers, Record Series 15/4/28, Box 1, Ordner »Botany Department«. University of Illinois Archives, Urbana.

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inhaltlichen Zielen, methodologischen Normen und disziplinären Kapazitäten (d.h. materiellen und intellektuellen Ressourcen), zurückzuführen sind. Im Folgenden besprechen wir zunächst diese Muster. Danach schlagen wir den Bogen zurück zu den Forschungsfeldern, auf denen sich diszipline­ nübergreifend agierende Forscher begegneten. Wir diskutieren, wie solche Felder erschlossen und bearbeitet werden, bevor sie gegebenenfalls wieder an Attraktivität verlieren. Zum Schluss folgen einige Anmerkungen zu den Chancen und Grenzen solcher Interdisziplinarität. 4.1 Ziele, Normen, Kapazitäten: der Versuch einer Typologie Wenn wir konkrete Forschungshandlungen analysieren, lassen sich diese verstehen als motiviert durch das Zusammenspiel von drei Kategorien: Ziele, Normen und Kapazitäten. Wissenschaftliche Akteure planen und beurteilen diesem Ansatz zufolge ihre Forschungshandlungen im Rahmen eines dynamischen, stets wandelbaren »epistemischen Systems«.73 Die Wahl von Handlungen erfolgt anhand dessen, ob sie geeignet sind, die verfolgten Ziele auf akzeptable Weise – also unter Einhaltung der relevanten Normen – zu erreichen. Um diese Handlung dann erfolgreich durchführen zu können, sind zudem bestimmte Kapazitäten erforderlich: darunter z.B. Messinstrumente, geeignete Testobjekte sowie das Wissen, wie mit beidem umzugehen ist.74 Die oben eingeführten Beispiele zeigen eine grundlegende Gemeinsamkeit: Die Entscheidung, disziplinenübergreifend zu forschen, beruhte auf einer methodologischen Einschätzung der Wissenschaftler. Sie kamen jeweils zum Schluss, dass sie die Ressourcen und Expertisen mehrerer Disziplinen benötigten, um ihr Ziel zufriedenstellend zu erreichen. Der Physiker Emil Warburg wollte die Quanteneffizienz der Photosynthese bestimmen, um eine These von Einstein empirisch zu prüfen. Dafür brauchte er biologische Expertise. Der Chemiker Kögl wollte Hormone isolieren und strukturell erforschen; dafür war er auf biologische Testverfahren angewiesen. Otto Warburg, Emerson, Went, Keller und Hecht wollten biologische Phänomene erklären und waren überzeugt, dass dies erforderte, die ihnen zugrundeliegenden physico-chemischen Vorgänge herauszuarbeiten. Dafür brauchten sie das Methoden- und Theorieninventar von Chemie und Physik. 73  Wir übernehmen dies in Rezeption von Graßhoff und May, Analyse. Eine umfassende Darstellung »epistemischer Systeme«, wie sie dort eingeführt werden, ist für unsere Zwecke nicht erforderlich. Vgl. auch Schürch, Understanding. 74  Damit dieses System schlüssig ist, muss dem Philosophen Paul Churchland zufolge ein »action principle« vorausgesetzt werden: Wir müssen davon ausgehen, dass Forscher tatsächlich das tun, wovon sie denken, dass es notwendig ist, um ihr Ziel zu erreichen; Churchland, Logical Character.

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Wir haben unsere Fälle bisher anhand der sozialen Konstellationen gruppiert. Eine alternative, systematisch aufschlussreichere Typologie ergibt sich anhand der Problemkonstellation, die der Forschung unterliegt. Unter unseren Beispielen lassen sich die folgenden drei Varianten identifizieren: (a) Fachfremde Ressourcen werden heranzogen, um ein fachspezifisches Ziel zu lösen.75 (b) Ressourcen unterschiedlicher Disziplinen werden kombiniert, um unterschiedliche, voneinander unabhängige Ziele zu erreichen. (c) Ressourcen unterschiedlicher Disziplinen werden kombiniert, um voneinander abhängige Ziele zu erreichen.76 In welche soziale Konstellation – Kooperation oder Alleingang – diese Szenarien mündeten, hing von den Kapazitäten der Akteure ab. Hecht, Emerson und Otto Warburg verfügten über umfassende, sowohl physico-chemische als auch biologische Expertise, so dass sie disziplinenübergreifende Projekte alleine realisieren konnten. Nicht zuletzt deshalb wurde den ersten beiden auch die Leitung biophysikalischer Laboratorien zugetraut. Went, Keller und Kögl hingegen waren auf Kooperationspartner angewiesen, weil sie selbst nicht über das erforderliche Fachwissen und die Fähigkeiten verfügten, um die relevanten Experimente und ihre Auswertung alleine zu bewältigen. Die Verbindlichkeit und Dauer der Zusammenarbeit war abhängig von den jeweiligen Zielen und der spezifisch erforderlichen Unterstützung. Otto Warburg und Hecht griffen zwar auf technische Hilfeleistungen gerne zurück. Sie nahmen diese aber nur punktuell in Anspruch, ohne eine längerfristige oder tiefgehende Arbeitsbeziehung aufzubauen. Ganz anders war dies im Fall der Pflanzenhormonforschung. Alle Beteiligten wussten, dass ihr Erfolg maßgeblich davon abhing, wie produktiv sich die Zusammenarbeit entwickelte. Entsprechend wertschätzend besprachen sie die Ergebnisse der jeweils anderen Partei, und waren auch bereit, gewissermaßen in Vorleistung zu gehen. Ohne zu wissen, ob Kögl das Hormon tatsächlich isolieren würde, ließ Went 1931 eine ganze Generation Biologiestudenten und -studentinnen die Proben aus dem organisch-chemischen Laboratorium auf ihre wachstums-induzierende Wirkung testen. Dabei war ihm klar, dass sich dies nur dann auszahlen würde, wenn Kögl sein Ziel erreichte. Kögl seinerseits stellte den Pflanzenphysiologen 75  Hier kann weiter differenziert werden zwischen disziplinären und »interdisziplinären« Zielen, wie sie etwa in der Biophysik oder Biochemie verfolgt werden. 76   Diese Typologie und ihre Zweckmäßigkeit ergibt sich aus unserer spezifischen Perspektive, d.h. ausgehend von dem Bestreben, die Forschungshandlungen der Akteure zu verstehen. Sie versteht sich komplementär zu bestehenden Klassifikationen mit v.a. philosophisch-systematischer Stoßrichtung. Siehe z.B. die Beiträge in Jungert et al., Interdisziplinarität, insbesondere das einleitende Kapitel, Jungert, Grundsätzliche Fragen.

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nicht weniger als 350 mg des kristallinen Wuchsstoffs zur Verfügung: die Hälfte seiner Ausbeute aus vier Jahren Arbeit. Dies geschah einerseits in Anerkennung dessen, dass die Biologen entscheidend dazu beigetragen hatten, dass die Substanz isoliert wurde. Andererseits wusste Kögl, dass seine Befunde zur Struktur des Stoffes umso bedeutsamer wurden, je mehr über die physiologische Funktion bekannt war. Und dafür mussten die Pflanzenphysiologen mit dem Stoff arbeiten. Gegenseitiger Respekt, Vertrauen und Hilfsbereitschaft sind dem Sozialpsychologen Morton Deutsch zufolge typische Merkmale einer Kooperation. Weil beide Parteien von der Expertise der jeweils anderen abhängen, sind beide interessiert daran, die anderen beim Erreichen ihres Ziels zu unterstützen. In einer Kooperation der Variante (c) »sinken oder schwimmen die involvierten Parteien zusammen«.77 Entsprechend sind solche Kooperationen in der Regel besonders verbindlich und stabil. Nicht immer sind aber die Ziele der Kooperationspartner derart eng miteinander verbunden wie im Beispiel der Pflanzenhormonforscher; und wie wir am Beispiel der Forschungen zur Bioelektrik gesehen haben, ist dies für das Zustandekommen einer Kooperation auch nicht notwendig. Wichtig ist allerdings, so Morange, dass sich die Forschung für alle Beteiligten lohnt. Eine biophysikalische Untersuchung musste auch für den involvierten Physiker interessant sein: [A] fruitful interdisciplinarity demands full equality between partners. The system under study must also be considered to raise important physical questions, and its study must be possible with the physical tools at hand. This principle of equality greatly shortens the list of systems open to a fruitful interdisciplinary approach.78

Für Fürth waren die Messungen der DEK durchaus interessant, weil er anhand dieser Daten eine aktuelle physikalische Hypothese diskutieren konnte. Anders als Morange sprechen wir von disziplinenübergreifender Forschung auch mit Blick auf Fälle wie Hecht oder Otto Warburg. Diese bedienten sich der Konzepte und Methoden physikalischer Wissenschaften, ohne ein physikalisches Problem lösen zu wollen. Wir haben gesehen, dass dies aufgrund ihrer Doppelexpertise möglich war. Ihr Alleingang war aber gleichzeitig der Tatsache geschuldet, dass Vertreter der physikalischen Wissenschaften an einer Zusammenarbeit nicht interessiert waren – Baly lobte zwar Hechts Forschungen, stieg aber nicht ein. 77  Vgl. Deutsch, Cooperation, S. 24. 78  Morange, Physics, S. 111.

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Schematisch zusammengefasst ergibt sich das folgende Bild disziplinenübergreifender Forschungskonstellationen aufgrund von Zielen und Normen, sowie den Kapazitäten der involvierten Personen:

Normgerechte Erfüllung des Ziels/der Ziele erfordert Kapazitäten mehrerer Disziplinen

einzelnes Ziel

mehrere Ziele

Kapazitäten einer Disziplin

Kapazitäten mehrerer Disziplinen

(a)

(a')

außerdisziplinäre Hilfe

interdisziplinäre Doppelexpertise

Abb. 7.1

unabhängig

abhängig

(b)

(c)

koordinierte Kooperation von Parteien mit unterschiedlicher disziplinärer Expertise

verbindliche Kooperation von Parteien mit unterschiedlicher disziplinärer Expertise

Varianten disziplinenübergreifender Forschung. Die Anordnung der Felder impliziert keinen zeitlichen Verlauf. Ein Forscher kann z.B. durch seine Ausbildung über Doppelexpertise verfügen und sich auf dieser Grundlage ein Ziel suchen, zu dessen normgerechter Erfüllung die Kapazitäten beider Disziplinen nötig sind.

4.2 Forschungsfelder und ihre Dynamik Verlassen wir nun die Perspektive der einzelnen Akteure und Forschergruppen und kommen zurück zu den Foren, auf denen sie ihre Ergebnisse präsentieren, sich austauschen und gegenseitig kritisieren: den Forschungsfeldern. Diese Forschungsfelder formieren sich um Probleme oder Phänomene, die für verschiedene Akteure interessant sind. Wenn die Lösung dieser Probleme die intellektuellen und materiellen Ressourcen mehrerer Disziplinen erfordert, eröffnet dies einen Raum für disziplinenübergreifende Forschung. Ein disziplinenübergreifendes Forschungsfeld formiert sich, so unser Befund, wenn eine kritische Anzahl wissenschaftlicher Akteure beginnt, zur Lösung eines bestimmten Problems beizutragen. Manche solcher Felder bilden sich erst über einen längeren Zeitraum heraus und über Umwege, so dass die Akteure erst allmählich merken, dass sie eigentlich an demselben Problem

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arbeiten. Zuweilen konstituiert sich ein neues Feld aber auch innerhalb weniger Jahre. So geschah das Bonner zufolge im Fall der Pflanzenhormonforschung in den USA. Zu Beginn der 1930er Jahre hätten die amerikanischen Pflanzenphysiologen diese Art der Forschung belächelt: They thought the whole field of plant hormones, […] was a lot of nonsense. It turned out it wasn’t nonsense. It turned out that it was the beginning of a new kind of plant physiology, and Caltech was the home of it. Everybody who worked in modern plant physiology had to come to Caltech, in order to participate and learn about the great new findings in plant hormones.79

Die Pflanzenhormonforschung war durch einen Schüler von Professor Went aus Utrecht ans Caltech in Pasadena gebracht worden – zehn Jahre später hatte sie sich an acht weiteren Universitäten und Instituten fest etabliert.80 Entscheidend dafür war die Annahme, dass es neben dem Wuchsstoff noch weitere pflanzliche Hormone gab: auch diese galt es zu identifizieren, charakterisieren und ihre Wirkungsweise zu studieren. Ähnlich wie Hecht, dem sich Anfang der 1920er Jahre ein weites Feld von Forschungsfragen eröffnet hatte, fanden die amerikanischen Kollegen in der Pflanzenhormonforschung noch viel zu tun. Tatsächlich verglich ein amerikanischer Physiker 1899 die Initiierung eines Forschungsfeldes mit der Eröffnung einer Mine: »[It] is like the opening of a mine, which, as it deepens and widens, continually yields new treasure, but with increased difficulty, except when a rich vein is struck and worked for a time.«81 Nachdem sie ein Forschungsfeld erschlossen haben, fördern Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach und nach neue Erkenntnisse zu Tage. Gibt es keine Probleme mehr zu lösen oder erweisen sich persistente Schwierigkeiten als unlösbar, verlassen die Forscher-Mineure das Bergwerk und wenden sich neuen, ergiebigeren Abbaustätten zu. So verschwand im Laufe der Nachkriegszeit das Feld der Kolloidchemie ohne allzu große Dramatik: Immer weniger Personen formulierten ihre Forschung als Beitrag zu einem Problem der Kolloidforschung, bis schließlich dieses Feld nicht mehr bearbeitet wurde.82 Individuell können Personen schon zu einem früheren Zeitpunkt die Grube wechseln. So zog sich etwa Kögl bereits Ende der 1930er Jahre aus der 79  Bonner, Interview, S. 22-23. 80  Zu Pflanzenhormonen wurde geforscht an den Universitäten Harvard, Michigan, Chicago, Wisconsin, am Institutum Divi Tomae, dem U.S. Department of Agriculture, dem Boyce Thompson Institute sowie der Smithsonian Institution. Zu Herman Dolks Zusammenarbeit mit dem Biochemiker Kenneth Thimann siehe Schürch, Mechanisms. 81  Thomson, Experimental Research, S. 236. 82  Zur Geschichte der Kolloidchemie siehe z.B. Deichmann, Molecular, sowie Deichmann, Chemiker und Biochemiker, Abschnitte 6.1.2-3 sowie 7.2.

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Pflanzenhormonforschung zurück, als sie gerade erst ihre Blütezeit erreichte. Das Feld wurde für ihn uninteressant, nachdem er sein persönliches Ziel erreicht hatte: nämlich die Isolierung und Beschreibung des pflanzlichen Wuchsstoffs. Der Naturstoffforschung blieb Kögl allerdings treu, und er arbeitete auch weiterhin mit Biologen zusammen. Felder können auch fusionieren, wenn sich herausstellt, dass die je bearbeiteten Probleme eng zusammenhängen. Davon ging jedenfalls Frank Blair Hanson aus, ein Mitarbeiter der Rockefeller Foundation. Hanson mutmaßte, dass Pflanzenhormone Nebenprodukte der Photosynthese waren, und so notierte er 1937, es sei durchaus möglich »that the plant hormone field will fade into the field of photosynthesis.«83 Analog können sich Felder aufspalten, wenn zuvor verbundene Phänomene neu als unabhängig voneinander konzipiert werden. So löste sich etwa die Astronomie in der Vormoderne von der Astrologie. Bis dato hatte die Astronomie als der rechnende, die Astrologie als der deutende Zugang ein und derselben Disziplin gegolten; doch nun wehrten sich die Astronomen gegen die Assoziation mit der »unaufgeklärten« Astrologie. Besonders stabil sind disziplinenübergreifende Forschungsfelder, so legen es unsere Beispiele nahe, wenn sie gut in den verschiedenen Disziplinen verankert sind. Die Pflanzenphysiologie interessierte sich schon lange vor Kögls Ankunft für den Mechanismus der Zellstreckung, und zwar nicht nur in Utrecht. Auch an der konkreten Arbeitsweise änderte sich für die Utrechter Pflanzenphysiologen durch die Zusammenarbeit mit Kögls Gruppe wenig: Sie beobachteten nach wie vor im Keller des botanischen Laboratoriums das Wachstum von dekapitierten Haferkeimlingen. Bei aller Originalität und Innovation, die gerne mit interdisziplinärer Forschung verbunden wird, findet sich hier ein konservatives Element: Forschung in disziplinenübergreifenden Feldern ist dann erfolgreich, wenn sie wenig von den herkömmlichen disziplinären Normen, Zielen und Methoden abweicht. Für den Mikrobiologen Cornelis B. van Niel bestand genau in dieser Erkenntnis die Lehre, die er nach jahrelanger Erfahrung mit interdisziplinärer Zusammenarbeit gezogen hatte. This experience taught me that the attack on a problem which requires the joint efforts of diverse specialists is likely to be successful only if it develops through the gradual accretion of a group whose members have already evinced a desire to work on specific aspects of that problem.84

83  Tagebucheintrag Frank Blair Hansons vom 5. Mai 1937. 200 D, FA 386, Box 135, Ordner 1665, Rockefeller Archive Center, North Tarrytown. 84  van Niel, Education, S. 10.

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Auch das Beispiel von Selig Hecht stützt diese These. Zwar interpretierte er seine Messungen im Lichte photochemischer Theorie auf eine radikal neue Weise. Gleichzeitig beschäftigte er sich mit einem etablierten, traditionellen Problem der Physiologie und konnte sogar ältere Messungen der Dunkelanpassung zur Validierung seines photochemischen Modells nutzen. Trotz der Integration außerdisziplinärer Annahmen entsprachen seine Experimente und die Datenerhebung genau den disziplinären Anforderungen, die einige Jahre zuvor die renommierten Physiologen Theodor Beer, Albrecht Bethe und Jakob von Uexküll für die Erforschung sinnesphysiologischer Vorgänge formuliert hatten.85 Diversität der Methoden, Potenzial und Grenzen der Interdisziplinarität Am Beispiel der physico-chemischen Biologie des frühen 20. Jahrhunderts haben wir gesehen: Die Vertreter der einzelnen Fächer beherrschten ganz unterschiedliche Methoden und sind an der Lösung unterschiedlicher Probleme interessiert. Der Chemiker Kögl meisterte die Verfahren zur Anreicherung biologisch aktiver Substanzen. Der Physiker Fürth wusste Messmethoden zur Bestimmung einer physikalischen Konstante zu entwickeln. Forscher mit biologischer Expertise wie Went, Otto Warburg oder Hecht waren geübt im Umgang mit lebenden Organismen und den sich daraus ergebenden Fragestellungen. Unserer These nach kamen sie zur disziplinenübergreifenden Forschung aufgrund methodologischer Überlegungen: Sie waren überzeugt, dass sich das Problem, mit dem sie sich beschäftigten, mit den Kapazitäten einer Disziplin alleine nicht befriedigend lösen ließ.86 Disziplinenübergreifende Forschung resultiert demnach aus dem Bestreben, disziplinenübergreifende Probleme zu lösen: das klingt trivial, sogar tautologisch – doch muss man diese Probleme überhaupt erst erkennen. In einem zweiten Schritt gilt es, den methodischen oder empirischen Beitrag anderer Disziplinen zu integrieren. Die Wissenschaftsphilosophin Hanne Andersen spricht in diesem Zusammenhang von verschiedenen Typen von Expertisen, die für eine erfolgreiche Kooperation zusammentreffen müssen: die inhaltliche Expertise, mit der zum gemeinsamen Projekt beigetragen wird (contributory expertise), muss ergänzt werden durch Integrationsexpertise (interlocking expertise). Letztere ermöglicht es, dass die unterschiedlichen inhaltlichen Expertisen mit Blick auf das Erkenntnisziel produktiv 3.3

85  Beer et al., Nomenclatur. 86  Dies ist im Einklang mit weiten Teilen der v.a. philosophischen Literatur.

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ineinandergreifen.87 Je unterschiedlicher die Disziplinen sind und je enger die Befunde miteinander verzahnt werden sollen, desto höher ist der Anspruch an diese zweite Form der Expertise. Je deutlicher die Integrationsexpertise ausgeprägt ist, kann man andersherum schließen, desto fruchtbarer und erfolgsversprechender die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Der erfolgreiche Verlauf der hier beschriebenen Kooperationen hing insofern auch davon ab, dass die beteiligten Personen breit ausgebildet waren und mit anderen Disziplinen insoweit vertraut, dass sie sahen, wo Komplementarität sinnvoll oder gar zwingend erforderlich war. Die Rockefeller Foundation, die ab 1934 die physico-chemische Biologie massiv förderte, sah nicht zuletzt aus diesem Grunde eine große Chance in der Ausbildung von Doppelexperten. Ein Beratungsgremium kam zum Schluss, dass Stipendien besonders dann wertvoll waren, wenn sie den Kandidaten ermöglichten, sich in einem anderen Fach als ihrem bisherigen weiterzubilden: »By thus enabling a physicist to acquire a rigorous training in biology, by aiding a biologist to become a competent chemist or physicist […], these fellowships are doing much to break down the artificial, departmental barriers of science.«88 Der Mehrwert der Interdisziplinarität war für die Akteure unserer Fallbeispiele offenkundig: Die Kombination der Kenntnisse und Ressourcen unterschiedlicher Disziplinen erlaubte ihnen, Probleme in Angriff zu nehmen, die sie andernfalls nicht hätten bearbeiten können. Die Messung der minimal erforderlichen Lichtquanten lieferte Otto Warburg ein wesentliches Merkmal der Photosynthese, das bis dahin nicht bekannt war. Ähnlich konnte Hecht mit Rückgriff auf die Photochemie etwas über die im Sinnesorgan ablaufenden, ansonsten unzugänglichen chemischen Prozesse lernen. Noch eindrücklicher stellt sich der Mehrwert in Kooperationen der Variante (c) dar: Ohne die Expertise der Biologen hätte der Chemiker Kögl noch nicht einmal gewusst, dass es Substanzen gibt, die pflanzliches Wachstum auslösen. Die Pflanzenphysiologen wiederum hätten keine Möglichkeit gehabt, die physiologische Wirkung dieses Stoffs zu untersuchen, solange sie diesen nicht in Händen hielten. Hier ging es also nicht nur um einen Wissenszuwachs, sondern um eine neue Qualität von Wissen, dass nur disziplinenübergreifend generiert werden konnte. Die Pflanzenhormonforschung bot Kögl außerdem Gelegenheit, der Konkurrenz mit andern Naturstoff-Chemikern zu entgehen. Denn die 87  Andersen, Collaboration; Andersen/Wagenknecht, Epistemic Dependence. 88  »Report of the Committee of Review, Appraisal and Advice. The Rockefeller Foundation, Division of Natural Sciences« vom Mai 1939, S. 18-19. Warren Weaver papers, Box 13, Ordner 172, Rockefeller Archive Center, North Tarrytown.

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Pflanzenphysiologen in Utrecht und Pasadena waren Anfang der 1930er Jahre weltweit die einzigen, die über die einschlägigen Fertigkeiten und die Infrastruktur verfügten, um pflanzliche Wuchshormone zu erforschen. Kögl in Utrecht und Thimann in Pasadena hatten unter Chemikern dadurch ein Monopol auf die Identifizierung dieser Stoffe. Die Originalität der Utrechter Pflanzenphysiologen übertrug sich auf ihre Kooperationspartner, die Orga­ nischen Chemiker. Disziplinenübergreifende Forschung war aber nicht in jedem Fall erfolgreich oder auch nur empfehlenswert. Zuweilen stellte sich heraus, dass die in anderen Disziplinen entwickelten Modelle nicht ohne Weiteres auf Probleme des eigenen Fachs übertragbar waren. So war es in den 1920er Jahren unter Physiologen umstritten, ob die in der Physikalischen Chemie ermittelten Temperaturkoeffizienten irgendetwas über biologische Prozesse aussagten.89 In anderen Fällen gab es nicht einmal Kontroverse. So hatte etwa der Physiker Fürth ein Verfahren entwickelt, um die Bewegung von Amöben zu modellieren – doch nachgerade niemand griff diese Idee auf. In der Biologie interessierte man sich offenkundig nicht für die mathematische Beschreibung von Amöbenbewegungen. Umgekehrt kennen wir Beispiele dafür, dass in einer Disziplin ausdrücklich nach fachfremden Methoden gesucht wurde, diese aber (noch) nicht vorlagen. So hatte der Physiologe Wilhelm Kühne schon vierzig Jahre vor Hecht versucht, den Sehvorgang chemisch zu interpretieren. Doch zu diesem Zeitpunkt gab es noch kein geeignetes Verfahren zur Gewinnung und Reinigung des Sehpurpurs, und so endete Kühnes Vorhaben in einer Sackgasse.90 5. Schlussbemerkungen Was also ist der Befund? Ziel unseres Beitrags war es, den Charakter diszi­ plinenübergreifender Forschungsfelder als Loci wissenschaftlicher Aktivität zu umreißen. Wir schlagen vor, die Entstehung eines Forschungsfeldes als soziales und zugleich epistemisch determiniertes Phänomen zu verstehen: nämlich auf der Grundlage des Bestrebens, ein bestimmtes Problem zu lösen, und der methodologischen Einschätzung, dass dazu die Ressourcen und Expertisen unterschiedlicher Disziplinen erforderlich sind. Diese Definition eignet sich, wie wir anhand verschiedener Beispiele aus der physico-chemischen Biologie

89  Vgl. z.B. Heilbrunn, Temperature Coefficients. 90  Vgl. Hecht, Nature, S. 22.

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zeigten, für die Beschreibung epistemischer Zusammenhänge, wie sie hier im Vordergrund standen.91 Eng mit dieser Definition verknüpft ist auch die von uns vorgeschlagene Klassifizierung disziplinenübergreifender Forschung, abhängig von den Zielen, Normen und Kapazitäten der beteiligten Akteure. Daraus wiederum lassen sich Muster für die Dynamik der jeweiligen Forschungsvorhaben ableiten. Ein wichtiges Ergebnis ist etwa, dass interdisziplinäre Kooperationen dann besonders stabil verlaufen, wenn die Ziele der beteiligten Personen positiv interdependent sind: also auf eine Weise verknüpft, dass man nur dann die eigenen Ziele erreicht, wenn andere gleichzeitig ihre Ziele erreichen. Zur Analyse disziplinenübergreifender Forschung lohnt es sich daher, den Blick auf das im Zentrum stehende Problem zu richten; und auf das Forschungsfeld, das sich um dieses Problem herum konstituiert. Indem man ein Forschungsprojekt an der Schnittfläche zweier Disziplinen verortet, ist noch sehr wenig über den Inhalt, den Verlauf oder den Erfolg dieser Forschung gesagt. Um ihre interne Dynamik zu verstehen, müssen die beteiligten Akteure und ihr Umfeld differenziert betrachtet werden. Damit kommen wir zurück zu unserem eigenen Ansatz. Wir haben unsere Perspektive eingangs an der Schnittstelle von Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie verortet. Dies geschah aus der Überzeugung heraus, dass bestimmte Ziele und Problemstellungen der beiden Disziplinen in hohem Maße positiv interdependent sind: wenn wir systematisch verstehen wollen, wie wissenschaftliches Wissen generiert wird, müssen wir uns mit realen Beispielen in all ihrer Komplexität auseinandersetzen; wenn wir für konkrete Episoden verstehen wollen, wie jeweils Wissen generiert wurde, müssen wir philosophische Kategorien bemühen.92 Doch so gewinnbringend dieser Fokus ist, vermag er doch nicht das gesamte Spektrum relevanter Aspekte abzudecken. Wir haben einige Aspekte bereits im Vorfeld ausgeklammert, etwa den Einfluss forschungspolitischer Programmatik; anderes haben wir angedeutet, aber nicht ausgeführt – etwa die Hierarchie von Disziplinen, über die vieles 91  Wenig hilfreich ist dieser Ansatz hingegen zur Analyse des Wettbewerbs verschiedener akademischer Disziplinen um die Anerkennung von Deutungshoheit, wie sie etwa Pierre Bourdieu vorschwebte. Vgl. Bourdieu, Scientific Field, S. 19: »As a system of objective relations between positions already won (in previous struggles), the scientific field is the locus of a competitive struggle, in which the specific issue at stake is the monopoly of scientific authority, defined inseparably as technical capacity and social power, or, to put it another way, the monopoly of scientific competence, in the sense of a particular agent’s socially recognised capacity to speak and act legitimately (i.e. in an authorised and authoritative way) in scientific matters.« 92  Vgl. dazu Schürch, Understanding.

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in der Wissenschaftssoziologie bekannt ist. Weiterhin könnte man etwa die Genderdynamik disziplinenübergreifender Forschung studieren. So fanden Margaret Rossiter und Marsha Richmond, dass gerade Frauen häufig in Felder migrierten, die sich neu aufstellten und deren Normen noch verhandelbar waren.93 Speziell die Forschung im Grenzbereich zwischen Disziplinen konnte Forscherinnen die für eine erfolgreiche Karriere nötige Flexibilität bieten, argumentierte Maria Rentetzi.94 Für solche und viele weitere komplementäre Beiträge freuen wir uns auf die Ergebnisse unserer Kolleginnen und Kollegen aus anderen Disziplinen. Denn Wissenschaftsreflexion, so vermerkt die Einleitung zu diesem Band mit gutem Recht, erfordert das interdisziplinäre Zusammenspiel von Geistes-, Sozial-, Technik und Naturwissenschaften. Literatur Abel, J. J.: Experimental and chemical studies of the blood with an appeal for more extended chemical training for the biological and medical investigator, Pittsburgh 1915. Abderhalden, E.: Lehrbuch der Physiologischen Chemie: Die Organischen Nahrungsstoffe und ihr Verhalten im Zellstoffwechsel, Berlin, Wien 41920. Abir-Am, P.: The discourse of physical power and biological knowledge in the 1930s. A reappraisal of the Rockefeller Foundation’s ›Policy‹ in molecular biology. In: Social Studies of Science 12.3, 1982, S. 341-382. Allen, G. E.: Life Science in the Twentieth Century, Cambridge, London, New York, New Rochelle, Melbourne, Sydney 1978. Andersen, H.: Collaboration, interdisciplinarity, and the epistemology of contemporary science. In: Studies in History and Philosophy of Science, Part A 56, 2016, S. 1-10. Andersen, H./Wagenknecht, S.: Epistemic dependence in interdisciplinary groups. In: Synthese 190, 2013, S. 1881-1898. Arrhenius, S.: Quantitative Laws of Biological Chemistry, London 1915. Bayliss, W. M.: An Introduction to General Physiology, London 1919. Bechhold, H.: Die Kolloide in Biologie und Medizin, Dresden, Leipzig 51929. Bechtel, W.: Integrating sciences by creating new disciplines: The case of cell biology. In: Biology and Philosophy 8, 1993, S. 277-299. Beer, T./Bethe, A./v. Uexküll, J.: Vorschläge zu einer objectivirenden Nomenclatur in der Physiologie des Nervensystems. In: Centralblatt für Physiologie 13.6, 1899, S. 137-141.

93  Rossiter, Women Scientists, und Richmond, Muriel Wheldale. 94  Rentetzi, Gender.

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Wissenschaft – Praxis – Politik. Zum Handlungsmuster naturforschender Ärzte im 17. und 18. Jahrhundert Julia Carina Böttcher 1.

Wissenschaftsreflexion und historische Perspektive

Zentral für die Reflexion über Wissenschaft der Gegenwart wie der Vergangenheit ist die Erschließung ihrer Verflochtenheit mit anderen Lebensbereichen. Dabei stellen sich Fragen nach Deutungs- und Wahrheitsansprüchen von Wissenschaft sowie nach ihren Vertrauens- und Autoritätsansprüchen – Fragen, die in besonderer Weise in der Rolle des Arztes zusammenlaufen. Mit seinem direkten Bezug zu wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Belangen bildet ärztliches Handeln einen Gegenstand par excellence für die Wissenschaftsreflexion. Dies gilt gerade auch in historischer Perspektive, bei der sich zusätzlich die Herausforderung stellt, um die angemessene Beschreibung des Zusammenspiels von Kontinuität und Wandel, von Vertrautem und Fremdartigem zu ringen. Naturforschende Mediziner des 17. und 18. Jahrhunderts seien im Folgenden das Beispiel. Die wissenschaftshistorische Forschung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, wie tiefgreifend sich die Erforschung der Natur in der Zeit zwischen dem Beginn des 16. und der Mitte des 18. Jahrhunderts verändert hat. Diese Veränderung betraf nicht nur die Gegenstandsbereiche, Theoriegrundlagen und Arbeitsmethoden der Naturforschung, sondern auch das Selbstverständnis der Akteure sowie die Form ihrer Kommunikation und Institutionalisierung. Seit einigen Jahren herrscht dabei Konsens, dass der lange forschungsleitende Terminus der ›Wissenschaftlichen Revolution‹ diesen umfassenden Prozess nicht in angemessener Weise beschreibt, u.a. weil er einen Bruch betont, Kontinuitäten übergeht und die Vielfalt der frühneuzeitlichen Handlungszusammenhänge und Lebenswirklichkeiten, in denen die Natur und ihre Erforschung thematisiert wurden, nicht angemessen zu greifen vermag.1 Die jüngere Forschung hat daher zunehmend auch die Verflechtung der 1  Vgl. als Überblick zum Diskussionsstand z.B. Müller-Wille, Westen; ferner Krämer, Zentaur; Wootton, Invention; für eine Stellungnahme vor dem Hintergrund der ärztlichen Praxis des 17. Jahrhunderts vgl. jüngst Schlegelmilch Praxis, S. 287-288; sowie klassisch: Shapin Revolution; Shapin/Schaffer, Leviathan.

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_009

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Naturforschung mit außerwissenschaftlichen Praktiken und Geltungsparadigmen thematisiert. So beteiligten sich Naturforscher der Frühen Neuzeit etwa aktiv an der Aushandlung und Implementierung neuer gesellschaftlicher Ordnungs- und Begründungssysteme; und gerade in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde eine ganze Reihe von Akademien und Gesellschaften gegründet, die einerseits das Ideal einer neuen, gemeinschaftlichen Naturforschung propagierten, andererseits von dem Bemühen zeugen, der Naturforschung eine neue Ordnung zu geben und sie enger mit dem Staat und seinen Interessen zu verzahnen.2 Vor diesem Hintergrund nimmt der vorliegende Beitrag die Situation im Heiligen Römischen Reich in den Blick, wo Ärzte eine Schlüsselrolle in dieser Entwicklung einnehmen: Durch ihre vielfach kumulierten Ämter und Funktionen als praktizierende Ärzte und gelehrte, naturforschende Mediziner in Städten, bei Hofe und an Universitäten, wodurch sie zudem Aufsichts-, Regulierungs- und Ausbildungsaufgaben innehatten, besetzten sie die neuralgischen Punkte frühneuzeitlicher Personenverbände, an denen in komplexen Loyalitätsbeziehungen Deutungsansprüche über Konzepte gesellschaftlicher Ordnung, Natur, Gesundheit und Krankheit ausgehandelt wurden.3 Zugleich zeigen sich Vertreter dieser Profession auf lokaler wie überregionaler Ebene als Pioniere in der Organisation der erwähnten neuen Form kollektiver Naturforschung und sogar ihrer institutionellen Verbindung mit dem Reich: Neben unterschiedlichen Formen des Zusammenschlusses in collegia medica mit verschiedenen Zielsetzungen (z.B. fachlicher Austausch, Abgrenzung gegenüber anderen Heilberufen, organisatorische Erleichterungen) ist die prominenteste Ausprägung solcher Bestrebungen die Etablierung der 1652 gegründeten Academia Naturae Curiosorum, der späteren Leopoldina, heute Nationale Akademie der Wissenschaften. Gelehrte Ärzte im Alten Reich erscheinen insofern in einer Phase tiefgreifender Veränderung in der Erforschung der Natur als Personen, die über ihren Deutungsanspruch für Themen wie Gesundheit und Hygiene die frühneuzeitliche Gesellschaft aktiv mitgestalteten und im Spannungsfeld von Naturforschung und Politik agierten. Als Beitrag zum Bereich ›Geschichte und Ethik der Wissenschaften‹ des vorliegenden Bandes zur Wissenschaftsreflexion geht es daher im Folgenden um die Frage, auf welche Weise sich diese Personengruppe systematisch untersuchen lässt und in ihren verflochtenen Tätigkeitsfeldern angemessen beschrieben werden kann.

2  Vgl. Park/Daston, Science; Harding, Gelehrte; Füssel, Ökonomie. 3  Vgl. z.B. Daston/Vidal, Authority; Oestreich, Policey.

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Die medizinhistorische Forschung hat den »Gesundheitsmarkt« und die Bandbreite des Angebots an medizinischer Versorgung in frühneuzeitlichen Städten bearbeitet und insbesondere die lokal mit sehr unterschiedlicher Dynamik verlaufende Herausbildung einer »Heilerhierarchie«4 sowie die Vielfalt der Angebote auch aus Sicht der Patienten analysiert.5 Doch wurde gerade die Figur des Stadtarztes, »diese wichtige stadtamtliche Schlüsselposition zwischen Rat und Bürgerschaft bisher in der Forschung vernachlässigt«6. Begründet durch die lokal sehr unterschiedlichen Bedingungen und Quellenbestände wurde ärztliche Tätigkeit in der Stadt meist an einzelnen Beispielen untersucht.7 Dabei ist das Wirken von Medizinern in der städtischen Gesellschaft für das 14.-16. Jahrhundert als eine Phase der »Etablierung von Ärzten in städtischen Diensten«8 beschrieben worden, und für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts und das beginnende 19. Jahrhundert sind Prozesse der Professionalisierung und eines sich wandelnden Selbstverständnisses ausführlicher erforscht.9 Hier stehen die zweite Hälfte des 17. und die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts im Fokus, für die zum einen in den letzten Jahren umfassende Quellenerschließungsarbeiten durchgeführt werden.10 Zum anderen beschäftigt die Forschung zu diesem Zeitraum insbesondere das Thema der ärztlichen Praxis und das damit verbundene individuelle Werben um soziale Positionierung und Anerkennung und die Konstituierung der eigenen Person in Interaktion mit verschiedenen Umfeldern.11 4  Jütte, Ärzte, S. 17, 30. 5  Vgl. für ein Überblickswerk Jütte, Krankheit. 6  Schilling et al., Stadtarzt, S. 100. 7  Etwa für Köln: Jütte, Ärzte; mehrere Mikrostudien in Kirchgässner/Sydow, Stadt; für ein Nürnberger Beispiel Splinter, Zeitschrift, und Splinter, Verhältnis. 8  Johanek, Gesundheit, S. XIV; vgl. Kintzinger, Status. 9  Broman, Professionalization; Broman, Transformation. 10  Dieser Aufgabe wendet sich das im Rahmen des Akademienprogramms der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften geförderte, von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften betreute Langzeitvorhaben ›Frühneuzeitliche Ärztebriefe‹: Darin werden »die Briefwechsel akademisch gebildeter Ärzte des (historischen) deutschen Sprachraums aus der Zeit zwischen 1500 und 1700 möglichst umfassend über eine Datenbank erschlossen« und über das Internet frei zugänglich gemacht, siehe die Homepage des Projekts unter http://www.aerztebriefe.de/ (letzter Zugriff 05.08.2019). 11  Vgl. dazu insbesondere die Projekte im Rahmen des DFG-geförderten Forschungsverbundes ›Ärztliche Praxis (17.-19. Jahrhundert)‹, die sich u.a. in vielfältiger Weise mit der Geschichte der Begegnung von Arzt und Patient, Fragen des Praxisalltags sowie Wissensbeständen in der ärztlichen Praxis befassen, siehe die Homepage des Verbundes unter http://www.medizingeschichte.uni-wuerzburg.de/aerztliche_praxis/index.html (letzter Zugriff (05.08.2019). Wegweisend auch für die hier diskutierte Fragestellung Schlegelmilch, Praxis.

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Hier schließt sich der vorliegende Beitrag an und thematisiert, inwiefern sich Fragen nach der sozialen (Selbst-)Verortung frühneuzeitlicher Ärzte sowie ihres Handelns in verschiedenen Kontexten in überindividueller Hinsicht weiterverfolgen lassen. Dazu wird das Analysekonzept eines Handlungsmusters vorgestellt, das die für Menschen der Frühen Neuzeit beschriebene existenzielle Bedeutung von Gruppenzugehörigkeiten12 aufgreift und einen historiographischen Weg jenseits von der Fokussierung auf einzelne Akteure oder auf Institutionen erprobt. Für frühneuzeitliche Ärzte von einem Handlungsmuster auszugehen, bedeutet die Annahme, dass die Mitglieder dieser Personengruppe in ihren Handlungen und Handlungsoptionen über gemeinsame Merkmale verfügten, die für die Gruppe als Ganzes als charakteristisch gelten können und trotz unterschiedlicher starker Ausprägung und situativen Nutzung der Handlungsoptionen das Erlernen, die Erkennbarkeit, Ausübung und Stabilität ihrer gesellschaftlichen Rolle und Funktion gewährleisteten. Zu erschließen wäre dies über die vielfältige Eingebundenheit dieser Personen in verschiedene gesellschaftliche Zusammenhänge sowie die konkreten Praktiken, die ihre Rolle überindividuell kennzeichneten und bei denen sie – auf Gemeinschaft bezogen – politisch agierten. Dem ärztlichen Handeln mit Bezug zur Gemeinschaft im Spannungsfeld von Naturforschung und Politik nähert sich der Beitrag in einem Dreischritt: Er stellt eingangs den Personenverband der frühen Leopoldina vor, konkretisiert das Konzept des Handlungsmusters und beleuchtet dann die sich daraus ergebenden Perspektiven, jeweils schlaglichtartig bezogen auf die drei Mediziner Johann Laurentius Bausch (1605-1665), Christian Mentzel (1622-1701) und Christoph Jacob Trew (1695-1769).13 Am Beispiel gelehrter Ärzte einen Weg aufzuzeigen, wie und in welchen Formen sich die Anliegen der Wissenschaftsreflexion durch die Spezifik der historischen Perspektive fruchtbar machen lassen, ist übergeordnetes Ziel des Beitrags. 12  Vgl. jüngst Schlegelmilch, Praxis, S. 29-30. Demzufolge werden frühneuzeitliche Akteure erst fassbar, wenn dem Umstand Rechnung getragen wird, dass diese weder in ihrer Selbst- noch in der Fremdwahrnehmung unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit begriffen wurden. »Wenn also für das frühneuzeitliche Individuum seine soziale Umwelt den dominierenden Faktor für die Definition des eigenen Ich darstellt, kommt man ihm wohl am nächsten, wenn man ernst nimmt, als was es gegenüber dieser Umwelt erscheinen möchte (und als was nicht).« Ebd., S. 29. 13  Der Beitrag bildet damit eine Vorstudie zum Projekt ›Die Politik der Vernetzung: Interessenvertretung und Naturforschung in der frühen Leopoldina, 1652-1769‹, das den Zugriff mit dem Konzept eines Handlungsmusters in der Breite verfolgt. Für den Anstoß zu dem Projekt, Hinweise und Anregungen danke ich Prof. Dr. Kärin Nickelsen, LudwigMaximilians-Universität München.

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2.

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Ärztliches Handeln mit Bezug zur Gemeinschaft

2.1 Academia Naturae Curiosorum Um das Handeln frühneuzeitlicher gelehrter Ärzte in verschiedenen verflochtenen Aktivitätsfeldern zu untersuchen, bieten sich die Mitglieder der frühen Leopoldina an. Sie vereinen zwei wesentliche Aspekte: Sie sind in der Vielfalt ihrer Funktionen und Ämter typische Beispiele für die Rolle des gelehrten Arztes, zugleich sind sie durch ihre Mitgliedschaft zumindest der Form halber als Vertreter des Strebens nach kollektiver Naturforschung eindeutig gekennzeichnet. Nachdem sie 1652 als Academia Naturae Curiosorum ins Leben gerufen worden war, etablierten die in der Gesellschaft vereinigten Mediziner binnen weniger Jahrzehnte eine stabile, unabhängige und privilegierte Einrichtung für Naturforschung. Die Gründung erfolgte auf Privatinitiative von vier Schweinfurter Ärzten, die im Gründungsstatut (Leges) festlegten, die Akademie solle der weiteren »Erhellung der medizinischen Wissenschaft« und dem sich daraus ergebenden »Nutzen für den Nächsten«14 gewidmet sein; die Mitglieder waren denn auch ganz überwiegend medizinische Praktiker. Diese Spezialisierung ist für die Zeit ungewöhnlich und unterscheidet die Academia Naturae Curiosorum von den bekannteren und deutlich besser erforschten Institutionen in London (Royal Society, 1660), Paris (Académie des Sciences, 1666) und Berlin (Societät der Wissenschaften, 1700).15 Die Academia Naturae Curiosorum war dezentral organisiert und operierte primär als Netzwerk praktizierender Ärzte, die über das Reichsgebiet verstreut wohnten und die ihr Interesse an einer medizinisch orientierten Naturforschung vereinte. Der jeweilige ›Sitz‹ richtete sich nach dem Wohnort des Präsidenten (erst 1878 wurde Halle an der Saale als fester Standort institutionalisiert). Der akademische Austausch erfolgte daher nicht über regelmäßige Treffen, sondern einerseits über ein dichtes Korrespondenznetz und andererseits über Veröffentlichungen. In der Anfangsphase der Academia Naturae Curiosorum verpflichtete sich jedes neu gewählte Mitglied, binnen eines halben Jahres ein enzyklopädisches Werk zu einem Element der materia medica für die Monographienserie der Gesellschaft zu verfassen, das vor seiner Publikation von mindestens einem weiteren Mitglied kommentiert werden sollte – eine frühe Form des peer review. Ab 1670 erschien die Akademiezeitschrift unter 14  Müller, Leges, S. 248. 15   Vgl. Hunter, Science; Hunter, Society; Hahn, Anatomy; Sturdy, Science; Brian/ Demeulenaere-Douyère, Histoire; Grau, Akademie; Hartkopf, Akademie; vergleichend zu allen dreien: Kühn, Wissen.

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dem Titel Miscellanea curiosa medico-physica Academiae Naturae Curiosorum sive Ephemeridum medicophysicarum Germanicarum curiosarum, kurz: Ephemeriden. Mit ihr verband sich die Zielsetzung, Beobachtungen aus der medizinischen Praxis der Akademiemitglieder und anderer Ärzte im Jahresrhythmus zu sammeln.16 Das Netzwerk der Academia Naturae Curiosorum war von Beginn an zweierlei: ein naturkundliches Unternehmen und ein Werkzeug zur Verwirklichung persönlicher wie auch standespolitischer Interessen. Es verknüpfte das Projekt des intellektuellen Austauschs mit der Institutionalisierung einer überregionalen Standesorganisation. Was die Academia Naturae Curiosorum gegenüber anderen Akademien der Zeit auszeichnet, ist ihre Anerkennung als Reichsakademie mit entsprechenden Privilegien durch Kaiser Leopold I. (daher: Leopoldina). Mit diesem Schritt (1687), der von den Nachfolgern Leopolds bestätigt wurde, wurde die Existenz der Akademie dauerhaft gesichert; zudem verbanden sich damit eine enorme Statusaufwertung der Akademie und politische Einflussmöglichkeiten der Funktionsträger. Auch Paragraph 14 der Leges der Gesellschaft weist auf die interessenpolitische Dimension: Sollte ein Mitglied von einer bevorstehenden Amtsvakanz erfahren, so war diese dem Präsidenten anzuzeigen, der seinerseits dann Personen aus dem Kreis der Mitglieder auf diesen Umstand aufmerksam machte sowie allenfalls ein Empfehlungsschreiben aufsetzte.17 Von Anfang an sollte also die neue Akademie neben einem Forum des inhaltlichen Austauschs gleichsam als Interessenvertretung die Karrieren ihrer Mitglieder fördern. Bedingt durch ihre Andersartigkeit im Vergleich mit anderen gelehrten Gesellschaften (kein fester Sitz, thematische Einschränkung auf Medizin) erfuhr die Academia Naturae Curiosorum trotz ihrer bemerkenswerten Stabilität historiographisch häufig eine abwertende Betrachtung, nicht zuletzt in Tradition der zeitgenössischen (Fehl-)Einschätzung des Vordenkers der 16  Die organisatorische Struktur ist in der Historiographie zur Academia Naturae Curiosorum dargestellt worden; erste Beiträge zur Geschichte der Akademie finden sich im 18. und 19. Jahrhundert von den Mitgliedern selbst (Büchner, Historia; Neigebaur, Geschichte; Ule, Geschichte; Grulich, Geschichte). Das 20. Jahrhundert hindurch war die Academia Naturae Curiosorum Gegenstand verstreuter Aufsätze (vgl. etwa Minkowski, Stellung; Winau, Frühgeschichte; Uschmann, Geschichte; Berg, Schriften; Scriba, Suche; Uschmann, Privileg, außerdem zum 300. Gründungsjubiläum Stern, Geschichte). Doch erst von den 1990er Jahren an zog sie ein verstärktes Interesse auf sich – in erster Linie gefördert durch die Leopoldina selbst, vgl. Parthier, Leopoldina; Müller, Natur (zum 350. Gründungsjubiläum); Daston, Akademien; Toellner, Hain; sowie die Sammelbände Parthier/v. Engelhardt, Leopoldina; und Toellner et al., Gründung. 17  Müller, Leges, S. 252.

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Akademienbewegung, Gottfried Wilhelm Leibniz.18 Zu dieser Wahrnehmung der ersten naturforschenden Akademie im Alten Reich hat auch die wissenschaftshistorische Forschung beigetragen, indem sie etwa von der Royal Society als Maßstab ausging und auf eine Einbindung ins klassische Narrativ der sog. Wissenschaftlichen Revolution zielte. Nur ansatzweise herausgearbeitet wurde deshalb auch bisher die von den Akademiemitgliedern angestrebte gesellschaftliche Funktion ihrer Arbeit – ihre utilitas und diligentia. Dieser schon in der Epistola invitatoria der Gründer formulierte Anspruch einer »Erleuchtung und Vermehrung der Medizin, zu Nutzen und Vorteil unseres Nächsten« wurde lange übersehen, obwohl die Academia Naturae Curiosorum in ihrem Programm wie in ihrer Praxis mühelos Leibniz’ utilitaristischen Anspruch an die Naturforschung traf.19 Die ersten vierzig Jahre ihres Bestehens (1652-1693) wurden 1995 in einer auf umfassender Quellenstudien basierenden Monographie untersucht;20 maßgebliche Grundlagen für die Geschichte der Akademie im 18. Jahrhundert legte eine 2009 erschienene Edition der Akademiekorrespondenz, ausgehend von dem Briefwechsel zwischen zwei prominenten Funktionsträgern, Christoph Jacob Trew und Andreas Elias Büchner.21 Regelmäßige Erwähnung findet die frühe Leopoldina in Überblicksdarstellungen zur ›Akademienbewegung‹.22 Von allmählich wachsendem Interesse für die Frühgeschichte der Leopoldina zeugen die jüngsten Arbeiten; sie eröffnen Perspektiven für die weitere Beforschung der Thematik, indem sie zentrale Quellen erschließen,23 sich der Gründungsphase24 oder einzelnen Mitgliedern und ihrem Arbeitsumfeld zuwenden.25 2.2 Handlungsmuster Diese Bemühungen lassen sich mithilfe des Konzepts eines Handlungsmusters fortsetzen und erweitern. Ausgangspunkt der Überlegungen ist dabei, 18  Leibniz, Bedencken; diese Einschätzung übernimmt z.B. Böger, Darstellung. 19  Vgl. Schneiders, Sozietätspläne; Schneiders, Gottesreich; Boehm, Akademie-Idee. 20  Barnett, Authority. 21  Mücke/Schnalke, Briefnetz. 22   Z.B.  Kanthak, Akademiegedanke; Garber/Wismann, Sozietätsbewegung; Hardtwig, Genossenschaft. 23  Müller/Weber, Salutem; Müller/Weber/Berg, Protocollum. 24  Toellner et al., Gründung. 25  Z.B. Schnalke, Medizin; Denk, Ärzte. Darüber hinaus werden auch spätere Phasen der Leopoldina-Geschichte besonders in den letzten zwei Jahrzehnten intensiver erforscht, wobei ein Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert und insbesondere der Zeit des Nationalsozialismus liegt, vgl. etwa Bruch, Leopoldina; Bruch, Wissenschaftsakademien; Kaasch/ Kaasch, Akademiereform; Kaasch/Kaasch, Inflationsverlust; zu Leopoldina-Präsident Abderhalden vgl. Frewer, Medizin; Frewer/Neumann, Medizingeschichte.

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die Academia Naturae Curiosorum im Gegensatz zu ihrer Bewertung in Leibnizscher Tradition als eine Vereinigung von Gelehrten zu sehen, die sehr erfolgreich die spezifischen Gegebenheiten des Reichs für ihre Interessen zu nutzen vermochte. Die Behauptungsfähigkeit der in der Leopoldina organisierten naturforschenden Ärzte erscheint unter dieser Perspektive als ein erklärungsbedürftiger Umstand.26 Als Schlüssel dazu bietet sich an, das Handeln der Akteure zu untersuchen, um die Personengruppe historisch zu situieren und im Hinblick auf die Funktionen, die ihr Handeln in ihren verschiedenen Aktivitätsfeldern erfüllte, zu beschreiben. Denn gerade die besondere Struktur der Akademie, die im 17. und 18. Jahrhundert vorwiegend in Briefwechseln und ihrer Zeitschrift existierte, legt es nahe, den Blick auf die Lebenswirklichkeit ihrer Mitglieder zu richten und sie nicht allein als Leopoldina-Mitglieder zu betrachten, sondern als Personen, die (darüber hinaus oder sogar in erster Linie) an ihrem jeweiligen Wohnort in vielfältigen Zusammenhängen wirkten. Dazu wird im Folgenden die Perspektive des Konzepts eines Handlungsmusters eingenommen, das es ermöglichen soll, einen systematischen Zugriff auf naturforschende Ärzte des 17. und 18. Jahrhunderts im Heiligen Römischen Reich zu erreichen. Wie oben bereits anklang, wird das Handlungsmuster ›frühneuzeitlicher gelehrter Arzt im Reich‹ gedacht als eine Art ›kollektive Verabredung‹ darüber, was ein Arzt darstellte, wie er sich verhielt und was er tat. Diese Verabredung ist mit dem Handeln historischer Akteure insofern verkoppelt, als sie einen Rahmen für das Agieren der Einzelpersonen bildet, gleichsam einen Richtwert zur Verfügung stellt – ohne dabei determinierende Funktion zu besitzen. Vielmehr ist dieser Rahmen erst in konkreten Handlungen mit Leben zu füllen und das Handlungsmuster insofern auch einem steten Aushandlungsprozess unterworfen. Historiographisch operiert das Konzept Handlungsmuster also an dem, was für die Akteursgruppe ›gelehrter Arzt‹ erwartbar ist, ohne dass dies zwingend bei jedem Akteur dieser Gruppe in gleicher Form der Fall sein müsste. In Anlehnung an Arbeiten von Vierhaus und Luttenberger zur frühneuzeitlichen Reichsgeschichte27 wird dafür zugrunde gelegt, dass historische Akteure über verschieden bemessene und unterschiedlich strukturierte Handlungsräume (Vierhaus spricht von Handlungsspielräumen) verfügen, in denen ihnen ganz unterschiedliche ritualisierte, formalisierte, informelle oder variable Handlungselemente zur Verfügung stehen, die sie situativ angemessen und 26  Angeregt ist dies durch Hardings Studie zu Gelehrten der Universität Helmstedt, vgl. Harding, Gelehrte. 27  Vierhaus, Handlungsspielräume; Luttenberger, Reichstag.

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zum Teil sehr flexibel anwenden können.28 Spezifische Kombinationen dieser Handlungselemente ergeben spezifische Handlungsmuster, die sich bei unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionsträgern als Habitus oder Persona auch überindividuell nachweisen und untersuchen lassen, wie bereits für frühneuzeitliche Amtsträger und Gelehrte oder Naturwissenschaftler des 18. und 19. Jahrhunderts gezeigt wurde.29 Für die Rekonstruktion von Merkmalen eines Handlungsmusters fokussiert sich die Analyse auf das Handeln und Verhalten historischer Akteure, hier: gelehrter Ärzte im Alten Reich, in ihren verschiedenen Aktivitätsfeldern. In der Frühen Neuzeit sind dabei Politik, Religion oder Wissenschaft nicht in vertrauter Weise voneinander abgegrenzt. Handlungen, die wir heute – auch bedingt durch die fachlichen Perspektiven etwa von Wissenschaftsgeschichte und Frühneuzeitgeschichte – vorwiegend dem einen oder anderen Bereich zuzuordnen gewohnt sind, müssen für die Epoche viel stärker in verflochtenen Aktivitätsfeldern gedacht und interpretiert werden. Begreift man dazu das Politische in Anlehnung an das erfolgreich für die Analyse der Reichsgeschichte verwendete Konzept von Barbara Stollberg-Rilinger als einen »Handlungsraum, in dem es um die Herstellung und Durchführung kollektiv verbindlicher Entscheidungen geht«,30 wird deutlich, dass die Akteure der Leopoldina sich jeweils in mindestens zwei verschiedenen Handlungsfeldern (Akademie, Stadt, Universität, Hof, Reich) bewegten, die jedoch strukturell sowohl das Merkmal des Kollektivs wie die Herstellung und Durchführung von verbindlichen Entscheidungen (i.W. über Wissens-, Geltungs-, Deutungsansprüche) gemeinsam hatten. Das Handlungsmuster dieser Personengruppe zu studieren, erfordert daher, den Blick nicht nur auf das Handeln der Akademiemitglieder als Naturforscher und Wissenschaftspolitiker zu richten, wie es sich in Briefwechseln und Veröffentlichungen der Leopoldina niedergeschlagen hat, sondern insbesondere auch auf ihre Aktivitäten in ihren vielfältigen Funktionen als Ärzte und Lokalpolitiker, und dabei jeweils nach ihren Handlungsoptionen zur Durchsetzung ihrer Ansprüche und Anliegen zu fragen. Auf diesem Wege soll die spezifische Rolle der Akteure vor Ort ernst genommen und untersucht werden.31 Denn die Haupttätigkeiten der meisten Mitglieder war die (stadt-)ärztliche Tätigkeit in ihrer Stadt, oftmals ergänzt durch eine Funktion als Leib- oder Hofarzt. 28  Vgl. die prägnante Zusammenfassung von Hederer et al., Handlungsräume. 29   Daston/Sibum, Introduction; Brendecke, Habitus; Algazi, Lebenweise; Echterhölter, Schattengefechte, bes. 35-39; vgl. auch Schlegelmilchs Zugriff auf die Person(a) des Johannes Magirus (1615-1697), bes. Schlegelmilch, Praxis, S. 19-21, 28-88. 30   Stollberg-Rilinger, Kulturgeschichte, S. 14. 31  Vgl. Livingstone, Science.

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An drei Leopoldina-Mitgliedern sei an dieser Stelle exemplarisch ein Blick auf ihre unterschiedliche Einbindung in durchaus miteinander verflochtene Aktivitätsfelder geworfen. Johann Laurentius Bausch (1605-1665), der bekannteste der vier Gründer der Leopoldina und ihr erster Präsident, ließ sich nach dem Medizinstudium in Jena, Marburg, Padua und – nach Abschluss seiner Bildungsreise in Italien – Altdorf 1630 in seiner Vaterstadt Schweinfurt nieder, wo er (unterbrochen durch eine Tätigkeit als Medicus ordinarius am Würzburger Julius-Spital 1632-1634) fortan praktizierte. Ab 1636 bekleidete er in Nachfolge seines Vaters in Schweinfurt das Amt des Stadtphysikus, zunächst noch gemeinsam mit einem Kollegen, Joachim Langenauer, bis dieser nach Kulmbach wechselte.32 Bausch führte als Stadtphysikus die Aufsicht über sämtliche Heilberufe in Schweinfurt und erstellte im Auftrag des Rates eine überarbeitete und erweiterte Neuausgabe der von seinem Vater erstellten Apothecken Tax, einer Gebührenordnung für alles, das in der Apotheke verkauft und ausgegeben wurde.33 Er verfasste außerdem unter Einbezug auswärtiger Begebenheiten, zeitgenössischer Berichte, Abhandlungen, Flugblätter und Zeitungen eine Chronik der Stadt, die seine weitreichende curiositas ebenso belegt wie sein Museum aus Münzen, Naturalien, Kunst und exotischen Kuriositäten und wie seine Bibliothek, die er zu weiten Teilen vom Vater geerbt hatte.34 Über seine Einbindung auf städtischer Ebene hinaus brachte Bausch auf überregionaler Ebene, in der er aus der Zeit seines Studiums und seiner peregrinatio academica über zahlreiche Kontakte verfügte, mit dem Anstoß zur Vernetzung in der Academia Naturae Curiosorum seine Vorstellungen von der Beförderung der medizinischen Naturforschung in eine größere Gemeinschaft ein. Christian Mentzels (1622-1701) Biographie ist vom jahrzehntelangen engen Bezug zum kurbrandenburgischen Hof geprägt.35 Mentzel studierte Medizin in Frankfurt/Oder und an der Universität Königsberg. Er begleitete bereits 1647 den kurbrandenburgischen Gesandten Creitz nach Warschau und Krakau 32  Zu Bausch und zum Folgenden in diesem Absatz soweit nicht anders angegeben vgl. Müller, Gründung (mit weiterer Literatur) sowie Keller, Bausch. 33  Apothecken Tax der Stadt Schweinfurt, In was werth alle und jede Artzneyen, an Simplicibus und Compositis in der Apotecken daselbsten, forthin sollen verkaufft und gegeben werden (1644), siehe Keller, Bausch, S. 33-36. 34   Bauschs ›Collectaneen‹ werden heute als »der erste anspruchsvolle Versuch der Schweinfurter Geschichtsschreibung« zu den bedeutendsten stadtgeschichtlichen Quellen gezählt, siehe Müller, Gründung, S. 20. Zu seiner Sammlung und zur BauschBibliothek siehe Müller, Gründung, mit weiterer Literatur, bes. 17-19. 35  Zu Mentzel und zum Folgenden in diesem Absatz soweit nicht anders angegeben vgl. Engel, Mentzel, mit weiterer Literatur. Zu Mentzels und seinem Verhältnis zur Academia Naturae Curiosorum vgl. Winau, Mentzel.

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und erteilte im Jahr darauf botanischen und anatomischen Unterricht am akademischen Gymnasium in Danzig, bevor er nach Studienreisen in die Niederlande und nach Italien sein Studium in Bologna und Padua fortsetzte und 1654 in Padua zum Doktor der Medizin und Philosophie promoviert wurde. Nach Ende seiner peregrinatio academica begann er, in Berlin zu praktizieren. 1658 Hof- und Lagerarzt im Hauptquartier des Großen Kurfürsten im Feldzug gegen die Schweden, wurde er 1660 kurfürstlicher Rat und Leibarzt. Als solcher begleitete er erkrankte Mitglieder der kurfürstlichen Familie und den Kurfürsten auf Feldzügen und bei längeren Reisen und engagierte sich zusammen mit den anderen Leib- und Hofärzten für die Einführung einer brandenburgischen Medizinalordnung (bei Inkrafttreten 1685 wurde er in seiner Leibarztfunktion Mitglied des Collegium medicum, der obersten Medizinalbehörde). Der Kurfürst vertraute Mentzel als gut vernetztem Gelehrten, der mit Naturforschern bis hin nach Asien in Korrespondenz stand, außerdem die Verwaltung seiner chinesischen Büchersammlung an, was Mentzel im Alter von etwa sechzig Jahren nicht nur zum eifrigen Erlernen der chinesischen Sprache und Schrift brachte, sondern ihn auch zu vielfältigen sinologischen Studien antrieb. Mentzel, »der mit heißem Herzen an der Academia Naturae Curiosorum hing«,36 deren Mitglied er 1675 wurde, brachte sich dort mit Publikationen in der Akademiezeitschrift und insbesondere als fördernder Netzwerker ein, der bemüht war, Streitigkeiten aus dem Weg zu räumen und neue Mitglieder warb.37 Als drittes Beispiel sei hier Christoph Jacob Trew (1695-1769) genannt, prominenter »Exponent der bürgerlich-städtischen Medizin des 18. Jahrhunderts, der jenseits der Universitäten in seinem beruflichen Leben ärztliche Praxis und wissenschaftliche Neigung produktiv integrieren konnte.«38 Sein Handeln war früh in das Bezugsfeld des Ärztekollegiums der Stadt Nürnberg eingebunden. Der als Sohn des Stadtapothekers von Lauf aus Nürnberger Territorium stammende Trew wurde nach seinem Medizinstudium in Altdorf, einer kurzen Phase ärztlicher Praxis in Lauf und einer dreijährigen Studienreise, nach der er sich um eine Professur für Medizin in Altdorf bewarb, die er jedoch nicht erhielt, 1720 ins Nürnberger Collegium medicum aufgenommen. Im Jahr darauf zog er von Lauf nach Nürnberg, wo er praktizierte und ihm vom Collegium die Aufsicht über das Theatrum anatomicum und den Hortus 36  Winau, Mentzel, S. 87. 37  Vgl. Winau, Mentzel, S. 42-43, 58-59; 87. 38  Mücke/Schnalke, Briefnetz, S. 60. Zu Trew vgl. Mücke/Schnalke, Briefnetz, S. 49-60, mit weiterer Literatur. Zu Trews Biographie vgl. Schmidt-Herrling, Bibliothek; Pirson, Trew; Schug, Trew; Schnalke, Medizin.

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medicus übertragen wurde. In beiden hielt er in den 1720er Jahren Unterrichtsveranstaltungen (anatomische Lehrsektionen, Botanisierübungen, systematische Vorlesungen gerichtet an angehende Wundärzte, Hebammen, Medizinstudenten und einschlägig interessierte Künstler).39 Trew publizierte über seine naturkundlichen Beobachtungen, vorwiegend zu anatomischen und botanischen Themen sowie zu Krankheitsverläufen und therapeutischen Verfahren, nach seiner Aufnahme in die Leopoldina 1727 auch in der Akademiezeitschrift. Trew betätigte sich außerdem vielfältig als Herausgeber: Ab 1730 brachte er in einer eigens dafür gegründeten Societät zusammen mit den drei Nürnberger Ärzten Johann Christoph Götz (1688-1733), Johann Christoph Homann (1703-1730) und Christoph Wilhelm Preißler (1702-1734) und dem Altdorfer Medizinprofessor Johann Heinrich Schulze (1687-1744) eine medizinische Wochenschrift heraus, mit der auf Basis der Korrespondenz der Herausgeber erstmals rasche Fachinformation über Neuigkeiten und Veröffentlichungen, Beobachtungen und Experimente organisiert werden sollte.40 1744 übernahm Trew zusätzlich das Amt des Director Ephemeridum, des Schriftleiters für die Zeitschrift der Leopoldina. Am bekanntesten aber ist sein Name für die Herausgabe von Tafelwerken von herausragender Qualität, insbesondere auf dem Gebiet der Botanik, für die er in Nürnberg und darüber hinaus mit einem Kreis von Gelehrten, Zeichnern, Malern, Kupferstechern und Illuminatoren zusammenarbeitete. Nürnberg blieb bei all dem das Zentrum seiner Betätigung, wo er praktizierte, forschte, über Jahrzehnte eine reichhaltige Sammlung von Büchern, Naturalien und Abbildungen aufbaute, publizierte und als Mitglied des Collegium medicum im Medizinalwesen der Stadt wirkte, ab 1744 zunächst zum fünfköpfigen Seniorat gehörte und 1761 zum Senior primarius gewählt wurde. Trew nahm im Laufe seines Lebens weder Möglichkeiten einer Universitätslaufbahn wahr noch war er 1736 bereit, die Stadt für eine Ernennung zum Leibarzt am Ansbachischen Hof zu verlassen und handelte aus, dass er diese Tätigkeit überwiegend auf schriftlichem Wege ausüben durfte.41 Zwar bestehen im Vergleich große Unterschiede darin, wie die Einbindung Bauschs, Mentzels und Trews in städtischen, höfischen oder akademischen Kontext gestaltet war. Doch wird schon an diesen drei Leopoldina-Mitgliedern exemplarisch deutlich, dass Medizinern des 17. und 18. Jahrhunderts jeweils mehrere Aktivitätsfelder zur Verfügung standen, und – andersherum gesagt – die 39  Vgl. Mücke/Schnalke, Briefnetz, S. 50. 40  Vgl. Mücke/Schnalke, Briefnetz, S. 50. Zu Trews umfangreicher Korrespondenz und ihrer Funktion in der Wissensorganisation vgl. Schnalke, Wissensorganisation. 41  Vgl. Mücke/Schnalke, Briefnetz, S. 49-60, bes. 59-60; Engl/Weickert, Markgräfin, S. 84-85, 90.

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Akademie nur eines davon war. Es erscheint vor diesem Hintergrund vielversprechend, gelehrte Ärzte als Personen zu verstehen, die mit ihrem way of life42 ein ganz spezifisches Handlungsmuster erfüllten, das mit mehreren Lebensbereichen in Wechselwirkung stand. Damit rücken die im wissenschaftlichen Handeln wirksamen Ökonomien und sozialen Beziehungen in ihrer Bedeutung für die Naturforschung verstärkt in den Blick. Gelehrsamkeit und Naturforschung als zwingend an institutionalisierte Kontexte gebunden zu verstehen, griffe demnach zu kurz und schlösse zahlreiche Beteiligte und Faktoren aus der historischen Betrachtung aus. Vielmehr bietet es sich an, Akademien wie die frühe Leopoldina als Einrichtungen und Kollektive zu verstehen, denen es gelang, Geltungs- und Deutungsansprüche erfolgreich durchzusetzen. Dies schließt an praxeologische Forschungen an, die sich etwa dafür interessieren, wie Wissensproduktion konkret organisiert war und wie Wissensansprüche, soziale Positionen oder Entscheidungen in Interaktion ausgehandelt und dargestellt wurden.43 Der Status ›Mitglied der Leopoldina‹ dient hierbei als Kategorie für eine von Ausbildung, beruflicher Position und sozialer Stellung her einigermaßen homogene Akteursgruppe, die sich überdies auf einen schriftlich fixierten Minimalkonsens wünschenswerter Naturforschung einschließlich Verhaltenskodex geeinigt hatte. Diese Akteursgruppe lässt sich im Hinblick auf das Handlungsmuster ›frühneuzeitlicher gelehrter Arzt im Reich‹ in ihren Praktiken in den verschiedenen Kollektiven ihrer verflochtenen Tätigkeitsfelder analysieren.44 Die Vorgehensweise dazu und die sich aus diesem Zugriff ergebenden Perspektiven werden im Folgenden – mit exemplarischem Blick auf die oben vorgestellten Akteure – auszuloten versucht. 2.3 Perspektiven Die Herangehensweise mit dem Konzept des Handlungsmusters eröffnet Perspektiven auf drei Ebenen: Erstens lassen sich davon ausgehend konkrete Fragestellungen zur Erforschung gelehrter Ärzte im Alten Reich gewinnen. 42  Daston, Observation. 43  Siehe z.B. Zedelmaier/Mulsow, Praktiken; Kühn, Wissen; Brendecke, Praktiken; Freist, Diskurse; De Boer et al., Konflikt. 44  Im Projekt ›Die Politik der Vernetzung: Interessenvertretung und Naturforschung in der frühen Leopoldina, 1652-1769‹ erfolgt dies systematisch und vergleichend anhand ausgewählter Akteure aus den 721 Mitgliedern der Leopoldina in diesem Zeitraum, darunter Johann Laurentius Bausch (1605-1665), Johann Michael Fehr (1610-1668), Johann Georg Volckamer (1616-1693), Christian Mentzel (1622-1701), Salomon Reisel (1625-1701), Philipp Jacob Sachs von Lewenhaimb (1627-1672), Georg Wolfgang Wedel (1645-1721), Lucas Schroeck (1646-1730), Johann Jacob Baier (1677-1735), Christoph Jacob Trew (1695-1769) und Andreas Elias Büchner (1701-1769).

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Darauf aufbauend wird es zweitens möglich, eine These, die Gestalt und Kohärenz ihres Handlungsmusters betreffend, zu formulieren, aus der sich – drittens – ein Reflexionsanstoß zur gesamtgesellschaftlichen Funktion dieser Personengruppe ergibt. Auf der ersten Ebene lassen sich leitende Fragestellungen formulieren: Welchen Tätigkeiten gehen die Akteure nach, wie bestreiten sie ihren Lebensunterhalt, in welche Ökonomien sind sie eingebunden?45 Wie funktioniert die Inszenierung der eigenen Person als gelehrter Arzt und Naturforscher in der frühneuzeitlichen Stadt im Reich? Was sind die sozialen Rationalitäten ihrer Handlungen und Interaktionsmuster? Wie reagieren sie auf Herausforderungen mit sich wandelnden Strategien? Welche Rolle spielen Ärzte in frühneuzeitlichen Städten im Kontext des an Bedeutung gewinnenden Komplexes der ›Policey und guten Ordnung‹, »der die Errichtung des ›gemeinen Nutzens‹ und die Aufrichtung des wohlbestellten Gemeinwesens zum Ziel hatte«?46 Wie sind sie an der Etablierung eines frühneuzeitlichen Fürsorgestaats beteiligt? Wie nehmen sie durch ihre Deutungs- und Wissensansprüche auf das ›Natürliche‹ oder ›Widernatürliche‹/›Unnatürliche‹ Einfluss auf Prozesse der Sozialregulierung in frühneuzeitlichen Städten? Die mit diesen Fragen verbundenen Themen lassen sich mit Blick auf einzelne Handlungselemente der Akteure weiter ausdifferenzieren. Fünf Gruppen von Praktiken zielen dabei auf die konkreten Handlungen der Akteure in ihren multiplen Handlungsfeldern, unter naturforschenden wie unter sozialen Vorzeichen: Praktiken der Kommunikation, der Wissensproduktion, der Gemeinschaftsbildung und Vernetzung, des Deutungsanspruchs sowie von Status und Abgrenzung. Sie bilden ein Raster für die historische Analyse und lassen sich auf ihre Funktionalität bzw. die dahinterstehenden Handlungslogiken hin befragen. – Kommunikation: Die Akteure bewegen sich in verschiedenen kommunikativen Verbänden. Welche Kommunikationsbedingungen gelten in den unterschiedlichen Bereichen ihrer Tätigkeit? Welche soziale Rolle haben die kommunikativen Verbände und welchen Beitrag leisten sie zur (Re-)Produktion von sozialer Ordnung?47 In welchem Verhältnis stehen unterschiedliche Kommunikationsformen zueinander?

45  Letzteres greift jüngere Studien auf, die die Relevanz von Ökonomien oder auch die gezielte Verkennung von Ökonomien als Mittel der Distinktion betonen, vgl. Kühn, Wissen; Füssel, Ökonomie. 46  Schilling/Ehrenpreis, Stadt, S. 38. 47  Vgl. Schlögl, Interaktion.

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– Wissensproduktion: Der Gewinn von Wissen verschiedener Art – über die Natur, von medizinischem Wissen, von Handlungswissen – gehört zum Alltag der Akteure. Welche Praktiken der Wissensproduktion kommen zum Einsatz? Wer arbeitet in den verschiedenen Belangen mit welcher Aufgabenverteilung zusammen? Wie wird Informationssammlung, -verwaltung und -verarbeitung organisiert? – Gemeinschaftsbildung und Vernetzung: Die Akteure sind jeweils mehreren Personenverbänden zugehörig, handeln in deren Rahmen und sind an deren Aufbau, Organisation und lokaler Ausprägung beteiligt. Welche Motive sind dafür ausschlaggebend? Wie funktionieren der Aufbau und die Pflege von Kontakten und wie werden (gemeinsame) Entscheidungen herbeigeführt? Welche Bedeutung messen die Akteure ihrer Zugehörigkeit zu den einzelnen Gruppen jeweils bei? Auf welche Weise wird Gruppenkohärenz und -identität gestiftet? In welchem Verhältnis stehen Kollektive vor Ort (collegium medicum, Universität, Rat, Hof) zu überregionalen (Leopoldina, Briefnetzwerke, u.U. ebenfalls Hof)? – Deutungsansprüche: In ihren Handlungen vertreten die Akteure Deutungsansprüche für Bereiche, die sie als ihrem Aufgabenfeld zugehörig sehen. Welche Themen betrifft das im Einzelnen? Was galt als akzeptables Thema für die gelehrte Beschäftigung und welche Praktiken der inhaltlichen Grenzziehung gab es? Für welche Themen versuchen die Akteure, eine »Benennungsautorität«48 geltend zu machen? – Status und Abgrenzung: Die Akteure verfügen über einen spezifischen Status innerhalb der frühneuzeitlichen Gesellschaft. Wie wird dieser erreicht und gesichert? Wie grenzen sich die Akteure von anderen ab? Wie wird dies im Umfeld wahrgenommen, welche Attraktivität entfaltet die Personengruppe für mögliche Kandidaten? Welche Bedeutung hat die Unterstellung unter verschiedene Gerichtsbarkeiten? Bezieht man die Fragen zu diesen fünf Gruppen von Praktiken sondierend auf die drei oben vorgestellten Beispiele Bausch, Mentzel und Trew, zeigen sich bei aller Heterogenität gemeinsame Aspekte. Zunächst zur Kommunikation: Neben der verbalen und non-verbalen Kommunikation, die im Rahmen dieses Beitrags nicht betrachtet werden können, kommunizierten alle drei Akteure auf verschiedenen Ebenen in schriftlicher Form, die es ihnen ermöglichte, sich über räumliche Entfernungen hinweg mit Personen ihres Interesses zu verständigen. Bausch und seine Mitstreiter bei der Akademiegründung, Georg Balthasar Metzger, Johann Michael Fehr und Georg Balthasar Wohlfarth, wandten sich über eine Epistola invitatoria an Ärztekollegen, um 48  Harding, Gelehrte.

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sie für die Academia Naturae Curiosorum zu gewinnen. Publikationen in monographischer Form schienen ihnen bei der Abfassung der ersten Leges der Gesellschaft ein geeigneter Weg, enzyklopädisch medizinisches Wissen zusammenzuführen, zu erweitern und zu verbreiten.49 Mentzel und Trew waren innerhalb der Gelehrtenwelt über weite Distanzen hinweg durch Briefkorrespondenz vernetzt und bezogen auf diesem Wege Informationen, um deren Bekanntmachung sie sich anschließend mühten, indem sie sie auch in gedruckter Form zugänglich machten.50 Auch ihre Funktionen als Leibärzte schlugen sich in Briefkontakten nieder: Während in den zwischen Mentzel und dem Kurfürsten gewechselten Schreiben organisatorische Sachverhalte (Verträge, Bittschreiben, Anweisung, Berichte) vorherrschen,51 wurde Trew, 49  Vgl. Müller, Gründung, S. 23-29. 50  Vgl. Schnalke, Wissensorganisation; zu Trews Briefwechsel siehe das Verzeichnis von Schmidt-Herrling, Briefsammlung; sowie zur Briefsammlung (Universitätsbibliothek Erlangen) und ihrer Onlineedition siehe https://www.haraldfischerverlag.de/hfv/ sammlungen/trew.php (Zugriff 06.11.2019); Winau, Mentzel, S. 16-19, 61-67. 51  Unter den z. Zt. neun in der Datenbank aerztebriefe.de nachgewiesenen erhaltenen Schreiben von Mentzel (oder unter seiner Beteiligung) an den Kurfürsten sind fünf Bittschreiben und ein Bericht verzeichnet, von kurfürstlicher Seite an Mentzel zwei Bestallungsschreiben und eine Anweisung für Mentzel und einen Kollegen: Christian Mentzel an Friedrich Wilhelm von Brandenburg, o.O., o.D. (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA Geheimer Rat, Rep. 9 Allg. Verwaltung, L 1, Fasz. 7 (Hof- und Leibmedici 1658-1679), Bl. 29), Regest [Ulrich Schlegelmilch] unter www.aerztebriefe.de/ id/00020710 (Zugriff 07.11.2019); Otto Bötticher, Martin Weise, Christian Mentzel, Thomas Panckow, Johann Sigismund Elsholtz und Johann Jakob Weise an Friedrich Wilhelm von Brandenburg, 08.1661, o.O. (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA Geheimer Rat, Rep. 9 Allgemeine Verwaltung, MM, Fasz. 8, Bl. 3, 6), Regest unter www. aerztebriefe.de/id/00020944 (Zugriff 07.11.2019); Martin Weise, Christian Mentzel, Martin Willich, Caspar March und Johann Jakob Weise an Friedrich Wilhelm von Brandenburg, o.O., o.D. (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA Geheimer Rat, Rep. 9 Allgemeine Verwaltung, MM, Fasz. 8, Bl. 22-23), Regest unter www.aerztebriefe.de/ id/00020946 (Zugriff 07.11.2019); Christian Mentzel an Friedrich Wilhelm von Brandenburg, o.O., o.D. [ca. 1664] (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA Geheimer Rat, Rep. 9 Allg. Verwaltung, L 1, Fasz. 7 (Hof- und Leibmedici 1658-1679), Bl. 21-22), Regest [Ulrich Schlegelmilch] unter www.aerztebriefe.de/id/00020709 (Zugriff 07.11.2019); Christian Mentzel, Johann Küffer und Johann Albert Sebisch an Friedrich Wilhelm von Brandenburg, Straßburg, 29.11.1674 (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, BPH, Rep. 35, V 33), Regest unter www.aerztebriefe.de/id/00020977 (Zugriff 07.11.2019); Christian Mentzel an Friedrich Wilhelm von Brandenburg, o.O., o.D. [um 1679] (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA Geheimer Rat, Rep. 9 Allg. Verwaltung, L 1, Fasz. 7 (Hof- und Leibmedici 1658-1679), Bl. 76), Regest [Ulrich Schlegelmilch] unter www.aerztebriefe.de/id/00020712 (Zugriff 07.11.2019);   Friedrich Wilhelm von Brandenburg an Christian Mentzel, Cöln an der Spree, 26.04.1658 (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA Geheimer Rat, Rep. 9 Allg. Verwaltung, L 1, Fasz. 7 (Hof- und Leibmedici 1658-1679), Bl. 2r-5r), Regest [Ulrich

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der dem Ansbacher Hof vorwiegend über seine Korrespondenz mit dem Hofarzt und -rat Lorenz Ludwig Loelius zur Verfügung stand, auf diesem Wege über den Gesundheitszustand der Herrschaften auf dem Laufenden gehalten. Darüber hinaus nutzte insbesondere Markgräfin Friederike Louise von Brandenburg-Ansbach den Kontakt zu Trew, um sich von diesem in Nürnberg Bücher zum Kauf oder zur Ausleihe besorgen zu lassen.52 Die Abfassung und Rezeption von Wissensbeständen in schriftlicher Form war bei allen drei Akteuren wesentliches Element des Gewinns von Wissen und ihrer Beteiligung daran als einem kollektiven Unterfangen. Durch das Medizinstudium, das Bausch, Mentzel und Trew absolviert hatten, waren ihnen anatomische Sektionen und die Beschäftigung mit Heilmitteln vertraut, zudem verfügten sie für und durch ihre Tätigkeit als medizinische Praktiker über ein spezifisches Set von Handlungselementen, das wesentlich auch soziale Kompetenzen einschloss, das ihnen den Gewinn von Erkenntnissen über Krankheiten, geeignete Therapieverfahren usw. ermöglichte. Bei allen dreien gehörte dabei auch der Austausch mit anderen Ärzten vor Ort zum Alltag. Bausch hatte selbst im kleinen Schweinfurt mehrere Kollegen. Mentzel agierte im Gefüge des Hofes des Großen Kurfürsten als einer von mehreren Hof- und Leibärzten, Trew war schon vor seiner Niederlassung in Nürnberg Mitglied des dortigen Collegium medicum und rückte innerhalb dessen bis an die Spitze des städtischen Medizinalwesens auf; und bei allen drei Akteuren ist ihre Wissensproduktion immer in ihrer lokalen und überregionalen Eingebundenheit zu sehen, in der Informationen zirkulierten und die Relevanz von Erkenntnissen verhandelt wurde. An dieser Eingebundenheit in verschiedene Kollektive waren Bausch, Mentzel und Trew dabei in organisatorischer Hinsicht ganz konkret beteiligt und trugen daher auch bei zur Existenz und zum Fortbestands ihres Umfelds, innerhalb dessen Wissensaustausch stattfand. Bei der Initiative von Bausch und seinen drei Schweinfurter Kollegen, die ihrem Zusammenschluss Form und Name einer Akademie gaben, wie sie es von italienischen Vorbildern Schlegelmilch] unter www.aerztebriefe.de/id/00020707 (Zugriff 07.11.2019)); Friedrich Wilhelm von Brandenburg an Christian Mentzel, Königsberg in Preußen, 03.11.1662 (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA Geheimer Rat, Rep. 9 Allg. Verwaltung, L 1, Fasz. 7 (Hof- und Leibmedici 1658-1679), Bl. 11r-12r), Regest [Ulrich Schlegelmilch] unter: www.aerztebriefe.de/id/00020708 (Zugriff 07.11.2019)); Friedrich Wilhelm von Brandenburg an Martin Weise und Christian Mentzel, Cölln, 22.01.1672 (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA Geheimer Rat, Rep. 9 Allg. Verwaltung, L 1, Fasz. 8 (Hof- und Leibmedici 1658-1680), Bl. 91r), Regest [Ulrich Schlegelmilch] unter www.aerztebriefe.de/id/00020696 (Zugriff 07.11.2019). 52  Zu Trews Korrespondenz mit Loelius und seinen Diensten bei der Bücherbeschaffung vgl. Engl/Weickert, Markgräfin, S. 84-91.

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kannten, ist dies besonders augenfällig. Mit der Academia Naturae Curiosorum gründeten sie nicht nur ein neues Kommunikationsforum, sondern boten zugleich die Möglichkeit für Mitglieder, sich in einem neuen Gruppenbezug zu verorten und mit den Zielen der Vereinigung zu identifizieren und ihr Selbstverständnis im Wechselspiel mit dieser Gruppe zu verhandeln. Freilich ist hier zu betonen, dass die Akademiemitgliedschaft ein Handlungsraum war, den die Akteure sehr unterschiedlich ausgestalteten: Nachdem sich das anfängliche Programm, von jedem neuen Mitglied eine Monographie als Beitrag zu einer Enzyklopädie der Heilmittel zu publizieren, schon bald als kaum umsetzbar herausstellte, blieb es nach der Reform der Leges der Gesellschaft 1671 im Ermessen der Mitglieder, in welchem Ausmaß sie sich mit Beiträgen für die Zeitschrift innerhalb dieser Gruppe hervortaten. Die Leges führen als Verpflichtung aller Mitglieder, »dass sie sich unermüdlich angelegen sein lassen, die jährlich herauszugebenden Ephemeriden zu vermehren und zu verherrlichen.«53 Mentzel nutzte die Academia Naturae Curiosorum aktiv als überregionales Forum ergänzend zu seiner Einbindung am kurbrandenburgischen Hof, publizierte selbst in den Ephemeriden und setzte sich für das Erscheinen der Beiträge anderer ein, unterbreitete Verbesserungsvorschläge, wie Qualität und Absatz der Zeitschrift gesichert werden könnten, und versuchte, Kollegen in Berlin zum Beitritt in die Akademie zu bewegen.54 Trew verfügte von den hier betrachteten Personen über die größte Vielfalt sich überlagernder Zugehörigkeiten: Er war insbesondere für den sich um seine Wirkungsstätten in Nürnberg gruppierenden Personenkreis als Organisator und Netzwerker essentiell und verfügte damit unmittelbar vor Ort über ein Umfeld, in dem er seine Fähigkeiten zur Geltung bringen und seinen Habitus als gelehrter, naturforschender Arzt entfalten konnte. Dennoch verantwortete er als Herausgeber der Ephemeriden dasjenige Element der Leopoldina, über das regelmäßig das Angebot zur Identifikation mit diesem Personenverband erneuert wurde: Die Zeitschrift enthielt ein Verzeichnis der Beiträger, in dem der einzelne sich

53  »ACADEMICI NATURÆ CURIOSI […] ad duo sint obstricti: […] secundò: EPHEMERIDIBUS annuis conficiendis augendis atque ornandis indefessam navent operam.« Neufassung der Leges von 1671, Lex 9, zitiert nach: Müller, Leges, S. 255. Darüber hinaus blieb auch die Attraktivität der Leopoldina als Personenverband über die Jahrzehnte im 17. und 18. Jahrhundert keineswegs stabil, sodass für jedes Mitglied einzeln nach seinen Motiven des Beitritts, der Beteiligung oder passiven Mitgliedschaft zu fragen ist. 54  Letzteres gelang nur bei einem Kollegen: Gustav Casimir Garliep von der Mühlen (1630-1713) wurde 1690 in die Leopoldina aufgenommen, s. Winau, Mentzel, S. 60-61, zu Mentzels Engagement in Bezug auf die Leopoldina vgl. Winau, Mentzel, S. 40-86.

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seiner Zugehörigkeit zur Kommunikationsstruktur der Akademie vor aller Leser Augen schwarz auf weiß versichert sehen konnte.55 Der Blick auf die von Bausch, Mentzel und Trew vertretenen Deutungsansprüche und ihre Praktiken in Bezug auf Status und Abgrenzung macht schließlich weitere gemeinsame Aspekte deutlich: Alle drei waren neben ihrer ärztlichen Tätigkeit, in der sie zwischen Gesundheit und Krankheit schieden, diagnostizierten und Therapien festlegten, für städtische bzw. territoriale Belange als Zuständige für die Ausgestaltung der Gesundheitsfürsorge im Gemeinwesen bestellt. Bausch war als Stadtarzt u.a. für den Schutz vor Seuchen und bei Ausbruch für deren Bekämpfung verantwortlich, führte die Aufsicht über die Stadtapotheke, hatte mittellose Kranke zu behandeln, andere Ärzte und Hebammen zu prüfen sowie die Barbiere und Wundärzte und ihre Ordnungen zur überwachen.56 In Nürnberg verteilte sich die Fülle solcher Aufgaben wechselnd auf mehrere Schultern innerhalb des Collegium medicum, Trews Zuständigkeit für das Theatrum anatomicum und den Hortus medicus und seine Lehrtätigkeit wurden bereits angesprochen, ferner hatte er in seiner Amtszeit u.a. dreimal die Position des Apothekenvisitators inne.57 Mentzel und seine Kollegen Hof- und Leibärzte forderten in einem Brief an den Kurfürsten 1661 eine Einrichtung, die die Aufsicht über das gesamte ärztliche Personal, die Prüfung und Approbation der Ärzte, Wundärzte, Bader, Steinschneider, Hebammen und Apotheker, die Überwachung der Apotheken, die Verhinderung von Kurpfuscherei und die Ausbildung der Medizinstudenten in Kurbrandenburg übernehmen sollte.58 Sie beklagten die in dieser Hinsicht ungeordneten Verhältnisse und machten ihren Anspruch deutlich, als Mediziner Abhilfe zu schaffen: So werden wir auß Christlicher liebe und schuldiger pflicht bewogen, Euer Churfl. Durchl. unterthänigst fürzutragen, daß in denen sachen welche die apoteker, balbirer, bader, occultisten und steinschneider, hebammen und waß sonsten zur erhaltung menschliches geschlechtes und dessen gesundheit Gott angewiesen, und eigentlich unter die Medicinische Fakultät gehöret, eine grosse unordnung, nachlässigkeit und allerley schädliche irthümer im gantzen lande fürgehen und daß man sich darüber verwundern muß, wenn man es höret. Wenn 55  Beiträge kamen von Mitgliedern wie von Nicht-Mitgliedern, entscheidende Kontrolle über die Aufnahme von Beiträgen übten seit der Herausgeberschaft Philipp Jacob Sachs von Lewenhaimbs der Director Ephemeridum und der Präsident der Akademie aus, vgl. dazu und zur Funktion der Akademiezeitschrift in Bezug auf Wissen, Kommunikation und Autorität Rebohm, Knowledge, bes. S. 307, 311-312. 56  Vgl. Keller, Bausch, S. 33-35. 57  Vgl. Mücke/Schnalke, S. 60. 58  Vgl. Winau, Mentzel, S. 13-15.

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Julia Carina Böttcher das aber, gnädigster Churfürst und Herr, dieses alles nicht anders, leichter und geschwinder könnte verbessert und geändert werden, alß durch aufrichtung eines wolbestälten Collegii Medici in den beiden residentien Berlin und Cöln, so haben wir auß liebe des Vaterlandes Euer Churfl. Durchl. doch ohne alle maßgebung hiemit unterthänigst erinnern wollen, ob sie nicht gnädigst belieben wollen, alhier in den residentien ein Collegium Medicum aufzurichten und durch gewisse gesetz und ordnung zu confirmieren.59

24 Jahre später wurde das Kurbrandenburgische Medizinaledikt auf Basis des dem Schreiben beiliegenden Entwurfs erlassen, nachdem die Leib- und Hofärzte erneut in einem Brief mit Nachdruck die Bedeutung einer solchen Ordnung betont hatten; Mentzel gehörte dem neu geschaffenen Collegium medicum an.60 Die Ausübung der ärztlichen Tätigkeit war dabei zugleich (über-)individuelle Statusaushandlung: Bei allen drei Beispielen gehörte zum umfangreichen Aufgabenspektrum der Mediziner in der öffentlichen Gesundheitsfürsorge die Aufsicht über und damit auch Abgrenzung von anderen Heilberufen und die Wahrnehmung dieser Aufgaben mündete zugleich in die Herausstellung der eigenen Funktion für das Gemeinwesen. Gemeinschaftliches Handeln in einer Gruppe von Medizinerkollegen verstärkte dabei die Sichtbarkeit dieser Bemühungen und bot Aussicht auf Erfolg in Bezug auf ständische Interessen, wie etwa bei der Einrichtung des Collegium medicum in Brandenburg 1685 oder bei der kaiserlichen Privilegierung der Academia Naturae Curiosorum 1687. Auf einer zweiten Ebene führt das Konzept eines Handlungsmusters weiter zu Überlegungen über die Grundmotivation(en), die für naturforschende Ärzte bei ihrem Handeln leitend war(en). Als Hypothese ließe sich formulieren, dass die inhaltliche Scharnierstelle der politischen und wissenschaftlichen Praktiken der Akteure in den verschiedenen Kollektiven in ihrem Verständnis von Ordnung zu suchen ist. »Ordnung stellte bekanntlich einen Grundwert der ständischen Gesellschaft dar«61 und war als solcher auf vielfältige Lebensbereiche und auf eine Fülle von Sachverhalten bezogen, beispielsweise war nicht zuletzt Gesundheit nach zeitgenössischem Verständnis eine Frage anständiger, d.h. wohlgeordneter Lebensführung oder gar der Ordnung der Säfte im Sinne traditioneller Humoralpathologie. Die Frage nach dem zugrundeliegenden Ordnungsverständnis greift insofern eine Kategorie der historischen Akteure auf, die sich für die Analyse der Aktivitätsbereiche naturforschender 59  Zitiert nach Stürzbecher, Beiträge, S. 9, vgl. S. 9-13; vgl. auch Winau, Mentzel, S. 13-15. 60  Vgl. dazu und zur weiteren Entwicklung in Brandenburg Stürzbecher, Beiträge, S. 23-66; Winau, Mentzel, S. 13-15. 61  Füssel/Weller, Ordnung, S. 9.

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Ärzte bestens eignet, weil die frühneuzeitliche ›Ordnungsfreudigkeit‹62 verschiedene gesellschaftliche Bereiche und Handlungsfelder miteinander verkoppelt. Darauf verweisen auch die Ergebnisse jüngerer Forschung, die sich verstärkt mit Ordnungsvorstellungen, Ordnungsmustern oder -modellen und normativen Ordnungen auseinandergesetzt und darin eine fruchtbare Analysekategorie für den interdisziplinären Austausch gefunden hat, die es verschiedenen historisch arbeitenden Disziplinen ermöglicht, »historischen Wandel unter dem Aspekt strukturgebender Ordnung bzw. Ordnung gebender Strukturen greifen und beschreiben zu können«.63 Angesichts der Erträge, die sich diesem Interesse an Ordnung in wirtschaftshistorischer,64 politikhistorischer,65 historiographiegeschichtlicher66 wie gelehrtengeschichtlicher Perspektive67 bereits verdanken, lassen sich insbesondere von den Reibungsflächen konkurrierender Ordnungs- und Regulierungsansprüche Einblicke in die Wirkweise des Handlungsmusters gelehrter Ärzte erwarten: Der Hypothese folgend, dürfte die Vorstellung von Ordnung sowohl das Verhalten der Akteure in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit wie auch in der Vertretung ihrer Interessen innerhalb des Gemeinwesens, in dem sie lebten, und in dem viele Mitglieder der Leopoldina ein städtisches Amt innehatten, beeinflusst haben. Auf einer dritten Ebene schließlich ergibt sich ein Reflexionsanstoß zur gesellschaftlichen Wirkung naturforschender Ärzte im Alten Reich allgemein: Das Konzept eines Handlungsmusters ermöglicht, ausgehend von der Lebenswirklichkeit der Akteure die Mitglieder der Leopoldina als Handelnde zu zeigen, die es verstanden, in bester Anpassung an die Bedingungen im Reich, eine Einrichtung für Naturforschung zu etablieren, wie sie ihrem Naturverständnis und ihrer Vorstellung von der Zweckhaftigkeit von Naturforschung (Stichwort: Gemeiner Nutzen) entsprach. Zu analysieren gilt es dafür die methodischen Zusammenhänge zwischen dem Natur-, Forschungs- und Ordnungsverständnis der Akteure und die dabei notwendige Beteiligung in verschiedenen Kollektiven. Die in der Leopoldina formulierte Verständigung über das Ideal eines kollektiven Empirismus bietet dabei gegenüber den täglichen Aktivitäten einzelner Mitglieder eine Kontrastfolie, durch die zentrale Faktoren und Motive, die das Handeln gelehrter Ärzte bestimmten, umso deutlicher werden. Durch ihre Zugehörigkeit zur Leopoldina als Akademie ohne festen Sitz lässt sich an ihnen lokales Handeln naturforschender Ärzte untersuchen, ohne eine 62  Oestreich, Policey, S. 371, hier Crämer, Verfassung, S. 226 zitierend. 63  Dingel/Kohnle, Ordnung, S. 7. 64  Richter/Garner, ›Eigennutz‹. 65  Höfele/Kellner, Menschennatur. 66  Steiner, Ordnung. 67  Harding, Gelehrte.

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regionale oder überregionale Perspektive zugunsten einer mikrohistorischen, auf ein Territorium oder eine Stadt festgelegten Studie aufgeben zu müssen. Daraus ergibt sich die Chance, die gesamtgesellschaftliche Rolle der gelehrten Ärzte in dieser Zeit zu erforschen und zu klären, inwiefern sich diese Akteure als eine neue Funktionselite im Spannungsfeld von Naturforschung und Politik anboten und an der Etablierung und Stabilisierung gesellschaftlicher Ordnungen beteiligt waren. Zugleich stellt sich angesichts der starken Einbindung in die Kontexte vor Ort die immer noch offene Frage, welchen Stellenwert die Mitgliedschaft in der Leopoldina für das Selbstverständnis der Beteiligten besaß.68 Mit Blick auf die Etablierung politischer Ordnungen in der Frühen Neuzeit wurde lange die Bedeutung der Juristen betont.69 Die jüngere Forschung konzentriert sich diesbezüglich auf Zusammenhänge mit dem Naturbegriff, sodass auch die Natur des Amtes, Konzepte des Naturrechts sowie philosophische und theologische Argumentationsmuster von Amtsträgern in den Blick gerückt sind.70 Das Vorhandensein einer weiteren Funktionselite aus Ärzten wird zwar gerade auch von Seiten der Medizingeschichte gesehen,71 bislang ist jedoch kein Versuch unternommen worden, diese Gruppe systematisch zu untersuchen. Auch in der Forschung zur frühneuzeitlichen Stadt, für die die Partizipationsmöglichkeit unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen an politischen Prozessen ein klassisches Kernthema ist, hat die Rolle von Medizinern bislang kaum Beachtung gefunden, erkennbar beispielsweise in der Behandlung dieser Akteure in Überblicks- und Sammelwerken im Themenfeld.72 Studien zu Verhaltensweisen und zum Self-Fashioning des Gelehrtenstandes sowie zum Gelehrtenhabitus73 schließlich bearbeiten diese überwiegend mit Bezug zum universitären Umfeld. Mediziner finden dabei bis in jüngste Zeit selten Beachtung,74 was wiederum die Frage aufwirft, ob und inwiefern diese sich von anderen universitär gebildeten und akademisch organisierten Personenkreisen unterschieden. So scheint gerade die Reflexion der gesellschaftlichen Funktion naturforschender Ärzte im 68  Mücke/Schnalke, Briefnetz, S. 27-28. 69  Etwa Brunner, Souveränitätsproblem; Schnur, Rolle; insbesondere in Resonanz auf Oestreichs These der auf alle Lebensbereiche ausgreifenden Sozialregulierung, vgl. Oestreich, Policey. 70  Etwa Höfele/Kellner, Menschennatur. 71  Oestreich, Policey; Labisch, Gesundheit; Schnalke, Medizin. 72   Etwa Kirchgässner/Sydow, Stadt; Krüger, Städte; Friedrichs, City; Rosseaux, Städte; Hochmuth/Rau, Machträume; für einen aktuellen Überblick zur Städteforschung: Krischer, Stadtgeschichte. 73  Etwa Füssel, Gelehrtenkultur; Füssel, Struggle; Harding, Gelehrte; Li/Noreik, Leibniz. 74  Beispielsweise bei Stolberg, Identitätsbildung.

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Heiligen Römischen Reich das Potenzial zu haben, die Perspektiven mehrerer historischer Disziplinen produktiv zu bündeln, um das Verständnis für die vielfältige Eingebundenheit dieser Personengruppe zu erweitern. 3.

Ein Ausgangspunkt für die Wissenschaftsreflexion

Das hier vorgestellte Konzept eines Handlungsmusters und die sich daran anschließenden Perspektiven wollen nicht als genereller schematischer Vorschlag methodischen Vorgehens zur Wissenschaftsreflexion in historischer Perspektive verstanden sein. Wie sondierend an Johann Laurentius Bausch, Christian Mentzel und Christoph Jacob Trew gezeigt, lässt sich damit auf gemeinsame Merkmale der vielfältigen Eingebundenheit der Akteurskategorie ›Mitglied der Leopoldina‹ zugreifen, die hier exemplarisch für Personen mit dem Handlungsmuster des gelehrten Arztes im Heiligen Römischen Reich steht. Allerdings sind für die Erschließung der Handlungselemente naturforschender Ärzte des 17. und 18. Jahrhunderts nicht nur wesentlich ausgreifendere und detailliertere Studien zu einer größeren Zahl von Personen erforderlich, auch die historische Veränderlichkeit des Handlungsmusters ist zu erfassen: Die hier in knapper Form angesprochenen Beispiele liegen in großer zeitlicher Entfernung, sodass ihre umfassende Untersuchung neben Gemeinsamkeiten die sich daraus ergebenden Unterschiede differenziert zu berücksichtigen hat. Und doch kann das Konzept eines Handlungsmusters – hier als Reflexionsverfahren zur Untersuchung einer Gruppe von historischen Akteuren skizziert – als ein möglicher Ausgangspunkt für fach- und epochenübergreifendes Nachdenken über die Verflochtenheit von Wissenschaft mit anderen Lebensbereichen genommen werden. Schon von diesem einen Punkt aus führen Wege in Richtung vieler Themen, so etwa: − Konzepte von Ordnung und Natur als Grundlage wissenschaftlichen oder politischen Handelns − Mechanismen des Erhebens, Aushandelns und Durchsetzens von Deutungsansprüchen über bestimmte Wissensgebiete − Fragen nach der gesellschaftlichen Rolle akademischer Eliten − Stellenwert der Zugehörigkeit zu einer scientific community in fachlich und sozial heterogenen Umfeldern − Institutionalisierungs- und Professionalisierungsprozesse in den Wissenschaften − Produktion, Austausch und Transfer von Wissen in Gelehrtennetzwerken − Ortsgebundenheit/Übertragbarkeit von Forschungspraktiken

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Implizierte Prognosen. Anmerkungen zum Verhältnis von Möglichkeitsund Wahrscheinlichkeitsraum in Science Fiction und Wissenschaft Bernd Flessner Immer wieder haben utopische und apokalyptische Zukunftsentwürfe die rationale Erforschung der Zukunft nicht nur durchkreuzt, sondern auch sinnvoll korrigiert. Lucian Hölscher (Hölscher 2016, S. 15)

1.

Science Fiction als Schundliteratur

1908, acht Jahre nach der ersten erfolgreichen Fahrt eines Zeppelins und fünf Jahre nach dem ersten Motorflug der Wrights, erscheint der Roman The War in the Air des britischen Schriftstellers Herbert George Wells (1866-1946). Ein Jahr später gibt es bereits die deutsche Ausgabe unter dem Titel Der Luftkrieg. In dem Roman entwirft der Autor das Szenario eines Weltkriegs und verwendet zurecht diesen Begriff, denn der Krieg wird tatsächlich rund um den Globus geführt (Wells 1983, S. 205). Im Fokus seines Romans stehen die Luftstreitkräfte der Gegner, die sich Luftkämpfe liefern und Städte bombardieren. Die deutsche Luftwaffe, der Luftschiffe und Flugzeuge zur Verfügung stehen, greift sogar New York an, stellt doch die Überquerung des Atlantiks keine Herausforderung dar. Wells ist zu diesem Zeitpunkt bereits ein bekannter Autor, dessen Romane, darunter Die Zeitmaschine (1895), Der Krieg der Welten (1898) und Die ersten Menschen auf dem Mond (1901), nicht nur in der englischsprachigen Welt gelesen werden. Während der Leser die ebenso exotischen wie futuristischen Abenteuer liebt und sie zu Bestsellern macht, fällt die Fachwelt ein anderes Urteil. Der Literaturkritik missfällt die Ästhetisierung von Technik und Wissenschaft; den Apologeten einer primär positivistisch orientierten Wissenschaft widerstrebt hingegen die utopisch-spekulative Perspektive, das bewusste Transzendieren gesicherter, wissenschaftlicher Fakten. Der Hauptvorwurf, den die Kritik letztendlich gegenüber der noch im Entstehen befindlichen neuen Gattung erhebt, von Wells »scientific romances« genannt, bezieht sich auf die

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_010

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Synthese von literarischen und wissenschaftlich-technischen Elementen, die den Leser angeblich zu irritieren vermag (Schenkel 2001, S. 10). »Denn nur eine Minderheit naturwissenschaftlich Gebildeter könne […] die Trennungslinie zwischen ›Wissenschaft‹ und ›Romantik‹ ziehen«, skizziert Roland Innerhofer den Kern dieser Kritik (Innerhofer 1996, S. 63). Insbesondere ein unabdingbares und wesentliches, gattungsspezifisches Merkmal rückt in den Fokus der Kritik, das Novum, von Darko Suvin als »notwendige Bedingung für die Science Fiction« definiert (Suvin 1979, S. 95). Gemeint ist die fiktive Invention, die in der Regel »eine Veränderung im gesamten Universum der Erzählung zur Folge hat, oder zumindest in Aspekten, die von entscheidender Bedeutung für die erzählerische Welt sind« (Suvin 1979, S. 94). Die Kritik befürchtete, dass der Leser, vor allem der wissenschaftlich weniger gebildete, den Wahrscheinlichkeitsgrad eines Novums nicht erkennen kann und selbst märchenhaft anmutende Inventionen für realisierbar halten könnte. Die Kritik äußert schlicht »Zweifel an der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit und Seriosität« ausgerechnet jener Gattung, für die Wissenschaft und Technik ein grundlegendes Bezugssystem darstellen (Innerhofer 1996, S. 63). Von Anfang an sitzt also die noch junge Gattung, die erst 1929 durch Hugo Gernsback (1884-1967) den Namen »Science Fiction« erhält, zwischen zwei Stühlen, die in der Gattungsbezeichnung explizit genannt werden: Science und Fiction. Die Synthese zweier unterschiedlicher Wege, um einen Erkenntnisgewinn zu erlangen, wird von großen Teilen der Kritik nicht akzeptiert, Wissenschaft und Phantastik werden als Antagonismus wahrgenommen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird die noch vielnamige Gattung von mehreren deutschsprachigen Kritikern mit dem Etikett »Schundliteratur« versehen (Börner 1908; Held 1909, Schultze 1909). Im Ersten Weltkrieg folgen Verbote durch die preußischen Behörden, die auch die 1908 gestartete Serie Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff betreffen, die 1916 nach 165 Ausgaben eingestellt werden muss. Im Zuge der Aktion ›Schund gegen gute Literatur‹ können die Besitzer ihre Hefte gegen staatlich anerkannte Literatur eintauschen. Die Druckstöcke wurden vernichtet (Alpers et al. 1988, S. 1185). »Die Arroganz der Literaturkritik gegenüber der Zukunftsliteratur«, hat jahrzehntelange Folgen und hält nicht zuletzt die Germanistik ebenso lang von notwenigen Analysen ab (Stöcker 2017). Auch Deutschlands KritikerPapst Marcel Reich-Ranicki sieht selbst im Alter keinen Grund, sich mit der Gattung auseinanderzusetzen, die er ausschließlich nach literaturästhetischen Kriterien beurteilt:

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Es trifft schon zu, dass die Science-Fiction-Werke, so erfolgreich sie auch sind, in der Literaturkritik nur ein dürftiges Echo finden. Natürlich ist das kein Zufall. Der wichtigste Grund mag sein, dass die unzweifelhaften Vorzüge dieser Prosa mit Kunst nichts zu tun haben (Reich-Ranicki 2007).

Die Forschungsdefizite werden erst ab den 1970er Jahren verstärkt angegangen (Innerhofer 1996, S. 11). Hierbei rückt auch das von Darko Suvin thematisierte Novum in den Fokus, das auf das Bezugssystem Wissenschaft verweist. Denn das Novum als gattungsspezifisches Merkmal belegt, dass »die SF der wissenschaftlichen Erklärung […] bedarf«, ganz im Gegenteil zu anderen Gattungen, die der Phantastik zugerechnet werden (Suvin 1979, S. 95). Die Wissenschaft, stellt Suvin fest, ist »vom SF-Novum nicht zu trennen« (Suvin 1979, S. 95). 2.

Irrtümer der involvierten Experten

Als wäre es eine Replik auf den Roman Der Luftkrieg von Wells erklärt Wilbur Wright 1909 gegenüber der Presse: »No airship will ever fly from New York to Paris. That seems to me to be impossible. What limits the flight is the motor. No known motor can run at the requisite speed for four days without stopping« (W. Wright 1909). Ob Wilbur Wright tatsächlich auf den auch in den USA gelesenen Roman anspielt, ist indes nicht bekannt. Andererseits korrigiert er Wells Zukunftsvision, Luftschiffe und Flugzeuge seien bestens geeignet, Bomben und Waffen zu tragen: »The airship will always be a special messenger, never a load-carrier« (W. Wright 1909). Wie auch immer, der Erfinder des kontrollierten Motorflugs und somit maßgeblicher Luftfahrtexperte widerspricht Wells Schreckensszenario, indem er den State of the Art in die Zukunft prolongiert und mögliche Inventionen und technologische Entwicklungen schlicht negiert. Was Wright abliefert, ist die Unmöglichkeitsprognose eines involvierten Experten, eines Experten also, der unmittelbar in einen Inventions- oder Entwicklungsprozess involviert ist. Diese spezifische Involviertheit verleiht seiner Aussage natürlich einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit. Der interviewende Journalist und der Leser sind genau aus diesem Grund an seiner Aussage interessiert. Wenn jemand Gegenwart und Zukunft einer Technologie beurteilen kann, so lässt sich diese Grundannahme zusammenfassen, dann ist es ein involvierter Experte. Ein Schriftsteller wie Wells ist hingegen als ein externer Beobachter anzusehen, dessen fachliche Reputation mit der eines involvierten Experten in keiner Weise konkurrieren kann.

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Wie aber sieht nun die Zukunft des Flugzeugs aus? Wilburs Bruder Orville hat klare Vorstellungen, die sich an der Geschichte des Autos orientieren: There will be races, I suppose, and contests, and many of them will be beneficial as stimulative to inventive progress, just as races and contests have improved the automobile. But the greatest development in a sporting line, as I see it, will be for the pure pleasure of flying. (O. Wright 1909)

Auch sein Bruder sieht die Zukunft des Fliegens als sportliches, kostengünstiges und zudem risikoarmes Freizeitvergnügen: »It will be safer than automobile racing, and not much more dangerous than football. […] Then flying will become an every-day sport for thousands« (W. Wright 1909). Und auch er ist ein involvierter Experte mit entsprechendem Vertrauensbonus. Die Aussagen der Wrights widersprechen klar Wells literarischem Szenario, das vor diesem Hintergrund als wilde Fantasie erscheinen muss. Und dennoch kommt es nur fünf Jahre nach den Prognosen der Wrights zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit Luftkämpfen und Bombardierungen aus der Luft, während die erste Atlantiküberquerung im Nonstopflug am 14. und 15. Juni 1919 durch John Alcock und Arthur W. Brown absolviert wird (Streit 1995, S. 124). Wells ist beim Beginn des Ersten Weltkriegs bereits mit dem nächsten Werk beschäftigt. 1914 erscheint sein Roman The World Set Free (Befreite Welt), in dem er die Entdeckung der Atomenergie schildert, die schließlich zum Bau einer Waffe führt, die Wells »Atomic Bomb« tauft, womit er zum Namensgeber jener neuartigen Waffe wird (vgl. Rhodes 1986, S. 24). In diesem Fall erfolgt die Unmöglichkeitsprognose der Wissenschaft deutlich später. Albert Einstein verkündet 1932 sein vielzitiertes Statement: »Es gibt nicht das geringste Anzeichen, dass wir jemals Atomenergie entwickeln können« (zit. n. Renn 2019, S. 24). Vergleichbare Einschätzungen liegen auch von Ernest Rutherford, Nikola Tesla und anderen namhaften Physikern vor (vgl. Golluch 2016). Ohne jede Frage antizipiert und avisiert Wells nicht nur in den genannten Romanen die historische Entwicklung und zeigt die Bedeutung moderner Technologien für diese Entwicklung auf. Seine literarischen Szenarien sind zugleich als Warnungen zu verstehen, die jedoch ohne Wirkung bleiben, wie er 1920 auch für andere Vertreter der Gattung konstatiert: Einige von uns versuchten die Möglichkeiten zu zeigen, dass das Fliegen, große Kanonen, Giftgas und so weiter bald unser Leben sehr unangenehm machen könnten, wenn nicht eine Art Weltfrieden hergestellt würde, aber die Bücher, die wir schrieben, wurden als die albernste Form imaginativer Gymnastik angesehen (zit. n. Schenkel 2001, S. 117).

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Während also die Warnung mittels eines narrativen Modells einer möglichen Zukunft keine Wirkung zeigt, zeigt die Warnung vor der Gattung umso größere Wirkung. Erst später, als ein Vergleich zwischen Antizipation und Realität möglich ist, wird die Warnung retrospektiv verstanden. So schreibt der polnische Autor Stanislaw Lem (1921-2006) über Wells und dessen Roman Der Krieg der Welten: Er ist ja diesen ersten Feldherrnhügel hinaufgestiegen, von dem aus man die Gattung in einer Extremlage beobachten kann. Er hat ein Katastrophengebiet vorausgesehen, und zwar richtig: Ich habe das im Krieg feststellen können, als ich den Roman etliche Male las (Lem 1987, S. 16).

Lem begeht bei seiner Interpretation nicht den klassisch zu nennenden Fehler, den Roman mit einer wissenschaftlich fundierten, wortgetreu zu verstehenden Prognose zu verwechseln, denn sonst hätten ihm die Marsianer nicht als Paradigma für die deutschen Besatzer dienen können (vgl. Flessner 1991, S. 55). Im selben Jahr, in dem Wells‹ Roman Der Luftkrieg in Deutschland erscheint, 1909, veröffentlicht dessen britischer Kollege Edward Morgan Forster (1879-1970) die Erzählung The Machine Stops (deutsch: Die Maschine steht still), gedacht als Entgegnung auf Wells’ Roman Die Zeitmaschine von 1895. Während Wells die Antagonismen der Klassengesellschaft für die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung verantwortlich macht, sieht Forster in der technologischen Entwicklung das primäre Agens. Zu den zahlreichen Nova in der Erzählung zählen ein Kommunikationsnetz, das dem Internet vergleichbar ist, sowie eine Art soziales Netzwerk, über das Vashti, die weibliche Protagonistin, mit »unzähligen Freunden« verbunden ist (Forster 2017, S. 63). Forsters Erzählung bietet nicht die erste oder einzige Vision eines internetartigen Massenmediums. Eine ganze Reihe von Autoren, darunter Kurd Laßwitz (1848-1910), Carl Grunert (1865-1918), Friedrich Thieme (1862-1945) und vor allem Ludwig Dexheimer (1891-1966) ersinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts erste Vorstellungen eines Kommunikationsnetzwerks für jedermann (vgl. Flessner 2008; Flessner 2012). Vollständig ausgereift sind die Vorstellungen dann in den 1940er und 50er Jahren. Zu nennen ist die Erzählung A Logic Named Joe, die der amerikanischer Autor Murray Leinster – eigentlich William Fitzgerald Jenkins – (1896-1975) in der Heftreihe Astounding Science Fiction 1946 veröffentlicht. Wesentliche Motive vom globalen Kommunikationsnetz bis zum Personal Computer werden thematisiert. Ein weiteres Beispiel ist Gast im Weltraum von Stanislaw Lem (1921-2006). In dem 1955 erschienen Roman beschreibt der Autor ein »ungeheures, unsichtbares Informationsnetz, das den ganzen Erdball umspannt« und »es allen Bewohnern der Erde ermöglicht,

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rasch und ohne Schwierigkeit jede Information zu erhalten« (Lem 1980, S. 161). Noch dazu stehen die Inhalte auch mobil zur Verfügung: Wie oft hat jeder von uns, in seinem Arbeitszimmer in Australien oder in einem der Mondlaboratorien, nach dem Taschenempfänger gegriffen, die Zentrale der Bibliothek angerufen und das gewünschte Werk angefordert, um es bereits eine Sekunde später im Fernsehschirm vor sich zu haben (Lem 1980, S. 161).

Obwohl das reale Internet 1969 mit dem Arpanet an den Start geht, wird dessen Entwicklung noch lange von Unmöglichkeitsprognosen begleitet (vgl. Radkau 2017, S. 389). Insbesondere das disruptive Potenzial der neuen Technologie, Push-Medien zu Gunsten von Pull-Medien zu schwächen, wird erst spät erkannt (vgl. Dittmar 2011, S. 42). Selbst Zukunftsforscher wie Horst Opaschowski sehen in der durch das Internet und die Computertechnologie beschleunigten Konvergenz der Medien keine zukunftsrelevante Veränderung, wie seine Prognose von 1994 zeigt: Der Multimediazug ins 21. Jahrhundert wird eher einem Geisterzug gleichen, in dem sich ein paar Nintendo- und Segakids geradezu verlieren, während die Masse der Konsumenten nach wie vor ›voll auf das TV-Programm abfährt‹. Der Multimediarausch findet nicht statt (zit. n. Passig 2013, S. 11).

Noch 2001 negiert der Frankfurter Zukunftsforscher Matthias Horx den sich längst abzeichnenden ökonomischen wie sozialen Erfolg: Das Internet wird kein Massenmedium – weil es in seiner Seele keines ist. Hier liegt ein Kern des Dot-com-Missverständnisses: Anders als Radio oder TV erfordert das Netz von den Menschen informelle und geistige Aktivität. Sie müssen wollen können. Wenn das »www«-Internet tatsächlich die gesamte Gesellschaft erreichen sollte, dann erforderte dies einen neuen Menschen in der gesamten Gesellschaft: einen informationsemanzipierten, aktiv lernenden, sozial intelligenten »Homo netzwerkiensis« (Horx 2001).

Auch dem Physiker und Wissenschaftsjournalisten Ulrich Schnabel unterläuft eine vergleichbare Fehleinschätzung, als er 1989 im Kernforschungszentrum CERN in Genf an der Präsentation des World Wide Webs durch seinen Erfinder Tim Berners-Lee teilnimmt. Nach seiner Rückkehr berichtet er enttäuscht seinen Kollegen aus der ZEIT-Redaktion: »Ein Hypertext-System – aber ich glaube, daraus wird nichts« (Schnabel 2019, S. 39). Und Schnabel gesteht rückblickend ein: »Ich hatte die prägendste technische Neuerung des ausgehenden 20. Jahrhunderts übersehen! Mein einziger Trost: Den Experten ging es kaum anders« (ebd.).

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Während also das Internet seit vielen Jahrzehnten zum fixen Nova-Fundus der Science Fiction zählt, trauen maßgebliche Experten dem neuen Medium keine oder keine gravierende innovative Relevanz zu. Der Leser ist hingegen seit 1982 bereits mit dem Begriff Cyberspace vertraut. Den Neologismus prägt zwar ein dänisches Künstlerpaar um 1970, doch in die Science-Fiction-Literatur führt ihn der amerikanische Autor William Ford Gibson ein (Lillemose/Kryger 2015). Gibson verwendet den Term erstmalig in seiner Erzählung Burning Chrome (1982) und später in seinem Debütroman Neuromancer (1984). Umfassend theoretisch beschrieben wird der Cyberspace allerdings bereits 1964 von Stanislaw Lem in der Abhandlung Summa technologiae, der den virtuellen Raum seinem Konzept der »Phantomatik« zuordnet (vgl. Flessner 1993, S. 25). Ideen- und novageschichtlich sind technisch generierte, artifizielle Realitäten jedoch weitaus älter und werden von Autoren wie Jules Verne und Kurd Laßwitz bereits Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert (vgl. Flessner 2008). Während Experten wie Ulrich Schnabel die Bedeutung des World Wide Webs übersehen, hat die Science Fiction längst einen neuen Handlungsort erschlossen, der wiederum auf der Computertechnologie und dem Internet basiert. 3.

Das »reflexhafte Zusammenzucken«

Luftkrieg, Atombombe und Internet sind indes keine Ausnahmen, sondern stehen lediglich exemplarisch für andere technologische Entwicklungen der Moderne. Sobald sich in Gestalt einer Invention oder Innovation ein kultureller, sozialer oder ökonomischer Wandel ankündigt, reagieren involvierte Experten und Kulturkritiker häufig mit einer Abwehrhaltung oder, wie es Kathrin Passig nennt, einem »reflexhaften Zusammenzucken«, nicht zuletzt, »weil das Neue eingespielte Prozesse durcheinanderbringt« (Passig 2013, S. 8). Sogar die Raumfahrt wird noch zu Beginn ihrer Realisierung mit Unmöglichkeitsprognosen bedacht. So versichert Sir Harold Spencer Jones (1890-1960), langjähriger Königlicher Hofastronom in Greenwich, im Wissenschaftsmagazin New Scientist vom 10. Oktober 1957 in einem Beitrag unter dem Titel How soon to the Moon?, dass trotz des Sputnik-Erfolgs der Sowjetunion weiterführende Pläne als illusorisch zu bezeichnen sind: I am of the opinion that generations will pass before man ever lands on the moon and that, should he eventually succeed in doing so, there would be little hope of his succeeding in returning to the Earth and telling us of his experiences. Beyond the moon he is never likely to go unless, through an error in launching, his space vehicle misses its target and wanders off into space, never to return (Jones 1957, S. 8).

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Mit seiner Expertise steht Jones keineswegs alleine da, nicht wenige ebenfalls renommierte Wissenschaftler und Experten sekundieren ihm. Dazu gehört etwa der sehr populäre Lee De Forest (1873-1961), Erfinder der Audion-Röhre. In einem Interview mit der Lewiston Morning Tribune vom 25. Februar 1957 schließt er eine bemannte Mondlandung kategorisch aus: But to place a man in a multistage rocket and project him into the controlling gravitational field of the moon, where the passenger can make scientific observations, perhaps land alive, and then return to earth – all that constitutes a wild dream worthy of Jules Verne. I am old enough to say that such a man-made moon voyage will never occur regardless of all future scientific advances (De Forest 1957, S. 7).

Bemerkenswert ist, dass De Forest in den Romanen von Jules Verne einen Gegenentwurf zu der von ihm prognostizierten Nichtrealisierbarkeit sieht. Der Verweis auf Verne, auf die Science Fiction, ist für ihn ein Argument für die Undurchführbarkeit einer bemannten Landung auf dem Mond. Mit Science hat für ihn Science Fiction nichts zu tun, denn deren Basis ist für ihn »a wild dream«, also eine Fiktion, die keinerlei adäquaten wissenschaftlichen Regeln folgt und somit nicht im vor uns liegenden Möglichkeitsraum zu verorten ist (vgl. Gabriel 2013, S. 368). Das Science-Fiction-Argument wird jahrzehntelang regelmäßig bemüht, wenn Experten eine Idee oder ein Projekt außerhalb des Wahrscheinlichkeitsraums lokalisieren. »Chips im Hirn sind Science Fiction«, konstatiert 2001 Peter Fromherz, Direktor des Max-Planck-Instituts für Biochemie in Martinsried, um die Idee eines Chipimplantats aus dem Wahrscheinlichkeitsraum auszuschließen (zit. n. Stieler 2001, S. 1). Da das Science-Fiction-Argument selbsterklärend ist, reicht ein kurzer Satz wie der zitierte aus, eine Überzeugung zu vermitteln. Doch die Scientific Community ist keine homogene Gemeinschaft; ausgerechnet De Forests Verweis auf Jules Verne wird durch andere Mitglieder konterkariert. Von zahlreichen Raumfahrtpionieren ist bekannt, dass ihnen die beiden Mondromane von Jules Verne als Motivation dienen, die fiktive Reise ins All zu realisieren. Hermann Oberths (1894-1989) Tochter Erna Roth (1922-2012) berichtet über ihren Vater, dass dieser als Elfjähriger Vernes Romane gelesen habe (Roth-Oberth/Jelnina 2000, S. 114). Ernst Stuhlinger und Frederick I. Ordway nennen in ihrer Wernher-von-Braun-Biografie ebenfalls Vernes Romane als initialisierende Lektüre für den Raketeningenieur (Stuhlinger/Ordway 1992, S. 279f.). Von anderen Raumfahrtpionieren wie Konstantin E. Ziolkowski (1857-1935) ist die Inspirationsquelle ebenfalls bekannt:

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The great pioneers of modern rocketry – Tsiolkovsky, Goddard, Oberth and their successors Korolyov, von Braun, and others – were not inspired primarily by academic or professional interest, financial ambitions, or even patriotic duty, but by the dream of spaceflight. To a man they read the fantasies of Jules Verne, H. G. Wells and their imitators, and the rocket for them was only a means to an end (McDougall 1985, S. 20).

Science Fiction fungiert im Fall der Raumfahrt als Ideengeber und wichtige Inspirationsquelle, die für die bekannten Pioniere einen Möglichkeitsraum eröffnet hat, den andere Ingenieure und Wissenschaftler nicht erkennen können. Für sie bleibt die Fiktion »a wild dream« (vgl. Geppert 2012). Mit Blick auf die Raumfahrt wird der literarisch generierte Möglichkeitsraum samt seiner Nova schon Ende des 19. Jahrhunderts von Ganswindt und Ziolkowski reflektiert, allen Unmöglichkeitsprognosen zum Trotz (vgl. Buedeler 1995, S. 120ff.). Auch Experten anderer Disziplinen halten Nova aus Science Fiction bisweilen für ihre Forschungsziele für relevant, wie etwa der Kernphysiker Leó Szilárd (1898-1964), einer der namhaften Mitarbeiter des Manhattan-Projekts und Entdecker des Potenzials der kritischen Masse: This was the first time, I think, that the concept of critical mass was developed and that a chain reaction was seriously discussed. Knowing what this would mean – and I knew it, because I had read H.G. Wells – I did not want this patent to become public. The only way to keep it from becoming public was to assign it to the government. So I assigned this patent to the British Admiralty (zit. n. Weart/Weiss-Szilard 1978, S. 18).

Die Raumfahrtpioniere und Szilárd sind jedoch als Ausnahmen zu betrachten, noch dazu als solche, die sich zu der Relevanz von Science-Fiction-Nova für ihre Forschung bekennen. Nicht vergessen werden darf, dass beide Technologien, Flüssigkeitsrakete und Kernspaltung, sich als militärisch bedeutend erweisen und die Wirkung von Unmöglichkeitsprognosen involvierter und anderer Experten ohne Folgen bleiben. Der Möglichkeitsraum anderer Technologien bleibt indes lange unbeachtet. Obwohl etwa erste Ideen zur Nanotechnologie bereits in der Erzählung von Kurd Laßwitz Auf der Seifenblase (1887) formuliert werden und Ludwig Dexheimer 1930 in seinem Roman Das Automatenzeitalter die Technologie vom Grundprinzip her beschreibt und sogar Nanoroboter agieren lässt, von ihm »Mikrohomaten« genannt, lässt sich keine kontemporäre Reaktion feststellen (Dexheimer 2004, S. 430; vgl. Le Blanc 2014, S. 20). In Bezug auf die Raumfahrt schreiben die Steinmüllers daher zurecht: »Ob Vergleichbares in der Frühphase der Nanotechnologie auch gilt, muss bezweifelt werden« (Steinmüller/ Steinmüller 2006, S. 13).

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Währenddessen loten die Autoren den Möglichkeitsraum immer weiter aus und erweitern ihn. Der amerikanische Schriftsteller Philip K. Dick (19281982) setzt 1953 in der Erzählung Variante zwei (Second Variety) sich selbst reproduzierende und sich selbst weiterentwickelnde Roboter und Nanoroboter als Waffen in einem zukünftigen Weltkrieg ein, denen die Menschen am Ende nichts mehr entgegenzusetzen haben, da sich die Nanoroboter vollständig von der Herrschaft ihrer Schöpfer emanzipieren. Die »Greifer« genannten Nanoroboter sind die neuen Herren, beginnen jedoch umgehend, sich selbst zu bekriegen (Dick 1995, S. 28). Im selben Jahr entwirft der Mathematiker John von Neumann in groben Zügen das Konzept sich selbst reproduzierende Automaten, das jedoch erst posthum veröffentlicht wird (von Neumann 1967). Die Nanodimension findet dabei keine Erwähnung. Aus dem Jahr 1956 stammt der Roman Inferno Mond (Retour á ›O‹) des französischen Zahnarztes und Autors Pierre Pairault (1922-2003), der unter dem Pseudonym Stefan Wul schreibt. Mit Hilfe spezifischer Strahlen konstruieren Wissenschaftler auf der Erde winzige Waffen und Radiogeräte, um gegen ein totales Regime auf dem Mond vorzugehen. Interessant ist vor allem die Fähigkeit dieser Mikromaschinen, sich selbst zu reproduzieren. Um den Mond zu befreien und zu befrieden, sind also keineswegs Unmengen diese Mikromaschinen erforderlich: Ein einziges Staubkörnchen in jeder Stadt, also ein einziger Radioapparat, wird sich unendlich vervielfältigen und genügt, damit der gesamte Mond infiziert wird. Dieser Staub wird sich wie die Mikroben überall einschleichen. (Wul 1956, S. 135)

Pairault beschreibt eine Technik, die auf biologischen bzw. bionischen Prinzipien basiert. Ein Jahr später meldet sich ein renommierter Vertreter der Scientific Community zu Wort, nämlich der Erfinder des ersten frei programmierbaren Computers, Konrad Zuse (1910-1995). Er nutzt die Verleihung der Ehrendoktorwürde am 28. Mai 1958 durch die TU Berlin, um eine neue Technologie vorzustellen. Vor einem skeptischen Fachpublikum entwirft Zuse eine neue wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Programmierung von Atomen und Molekülen befasst, die sich automatisch zu komplexen Strukturen verbinden: So werden vielleicht die Ingenieure der Zukunft ein Hydrierwerk, ein Flugzeugwerk oder eine chemische Fabrik nicht mehr bauen, sondern pflanzen. Die gesamte Logik eines solchen Werkes wird in einer kleinen Keimzelle als Programm konzentriert sein, und das Wachsen des Werkes nur von der Zuführung des Rohmaterials und der Energie abhängen. Auf diesem Wege nähern wir uns um einige Schritte der Natur, die nach diesen Methoden ja schon seit

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einigen 100 Millionen Jahren arbeitet. Die Biologen werden bei der Erforschung des Wachstumsprozesses eines Organismus aus der Keimzelle heraus Parallelen zu den technischen Keimzellen finden (Zuse 2010, S. 197).

Als Startschuss der Nanotechnologie gilt jedoch die Rede There’s Plenty of Room at the Bottom, die der Physiker Richard Feynman (1918-1988) am 29. Dezember 1959 am California Institute of Technology hält. In dieser schon legendär zu nennenden Rede, in der er die Möglichkeiten der Nanotechnologie skizziert und ebenfalls Parallelen zur Biologie zieht, wundert er sich über den späten Einstieg in diese physikalische Subdisziplin: »Wenn man im Jahr 2000 auf heute zurückblickt, wird man sich fragen, warum erst im Jahr 1960 jemand ernsthaft begann, in diese Richtung zu forschen« (Feynman 1960, S. 1). Selbstverständlich betreibt die Science Fiction keine ernsthafte Forschung, was ja auch in keiner Weise zu ihren Aufgaben zählt. Dennoch ist das von Feynman genannte Gründerjahr der Nanotechnologie – 1960 – ideengeschichtlich nicht korrekt. Noch bevor er seine Rede hält, erscheint ein weiteres Werk, in dem Nanotechnologie eine tragende Rolle spielt. In dem Roman Eden von Stanislaw Lem wird die notgelandete Mannschaft eines irdischen Raumschiffs auf einem unbekannten Planeten mit einer ebenso unbekannten Waffe attackiert. Die Bewohner des Planeten verteidigen sich, indem sie rund um das Raumschiff automatisch agierende Nanopartikel »pflanzen«, die selbsttätig eine nahezu undurchdringliche Isolationsglocke errichten. Erst spät dämmert dem Kybernetiker an Bord eine Erklärung für das Phänomen: Anorganische Keime! Samen! Begreift ihr? Sie haben sie mit ihrer Artillerie eingepflanzt! […] Anorganischer Stoffwechsel! Sie verwandeln katalytisch den Sand in eine hochmolekulare Ableitung von Silizium und schaffen daraus diese Sehnen, ähnlich wie die Pflanzen die Salze dem Boden entnehmen (Lem 1983, S. 237).

Mit autonomen Nanopartikeln agiert auch der amerikanische Schriftsteller Christopher Anvil (1925-2009) in der Kurzgeschichte Unkalkuliertes Risiko (Uncalculated Risk) von 1962. In diesem Fall entwickelt ein Wissenschaftler spezifische Nanoroboter, die jegliche Form von Schmutz und Dreck beseitigen bzw. in nützliche Stoffe umwandeln können. Allerdings unterläuft ihm beim Freilandversuch ein kleiner Fehler, der dazu führt, dass seine Schöpfung sich unkontrolliert vermehrt und von der Welt am Ende nur noch eine Masse übriglässt, die Anvil als »grey-brown glob« bezeichnet (Anvil 2010, S. 123). Dieser Neologismus ähnelt auffällig dem 1986 von Eric Drexler geprägten Begriff »Grey Goo« (Graue Schmiere) für die Auswirkungen unkontrollierter Replikation von Nanorobotern und antizipiert ihn mehr oder weniger (Hapgood 1986, S. 56).

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Als die Nanotechnologie 1974 von dem japanischen Physiker Norio Taniguchi (1912-1999) der Universität Tokio ihren Namen erhält, gehört sie längst zum bekannten Nova-Fundus der Science Fiction und findet sich in unzähligen Romanen und Erzählungen (vgl. Le Blanc 2014). Das ändert nichts am oben erwähnten »reflexhaften Zusammenzucken« der Experten, selbst wenn sie, wie Richard Smalley, selbst im Bereich der Nanotechnologie forschen. Jedenfalls verbannt der namhafte Nobelpreisträger 2001 verschiedene Nano-Nova der Science Fiction aus dem Wahrscheinlichkeitsraum: »Auch der amerikanische Nano-Pionier und Chemiker Richard Smalley (1943-2005) […] hält die Möglichkeit sich selbst replizierender Nanoroboter prinzipiell für unmöglich« (Schaper-Rinkel 2007, S. 225). Das gilt ebenfalls für die Generaldirektion Forschung der Europäischen Kommission. In ihrer 2005 herausgegebenen Broschüre Nanotechnologie. Innovation für die Welt von morgen heißt es zu verschiedenen Visionen wie Nano-Assemblern und sich selbst replizierenden Nanobots: »Das Konzept wird von den meisten Fachleuten nicht ernst genommen« (Europäische Kommission 2005, S. 46). Eine weitere Diskussion jener Visionen hält die Kommission damit für überflüssig, die sich voll und ganz auf die Unmöglichkeitsprognosen von (involvierten) Experten verlässt. 4.

Science Fiction liefert Portents

Die hier nur kurz skizzierten und exemplarischen Exkurse ließen sich leicht fortsetzen und erweitern, wenn auch um den Preis der Redundanz. Denn auch in anderen Technologiefeldern werden Science-Fiction-Nova immer wieder mit Unmöglichkeitsprognosen aus dem Wahrscheinlichkeitsraum exkludiert, um später doch in diesen zurückzukehren. Erst Ende des 20. Jahrhunderts erkennen Technikhistoriker die visionären Qualitäten von Jules Verne, der in seinen Romanen nicht nur technische Nova beschreibt, sondern auch soziale. Neben heute aktuellen Inventionen wie Drohnen oder vierbeinigen Transportrobotern zeigt Verne auch die möglichen negativen Seiten der Technisierung des Alltags auf, ökologische Schäden inklusive. Rund hundert Jahre nach seinem Tod wird er als »verkannter Visionär« gefeiert (Evens/Miller 1997). Für das jahrzehntelange Verkennen verantwortlich sind nicht zuletzt die Literaturkritik und die Unmöglichkeitsprognosen, etwa das Verdikt, wissenschaftsferne »wild dreams« hervorgebracht zu haben. Dieses Verdikt basiert nicht nur auf den visionären Zukunftsbildern an sich, die ja immer auch Prognosen implizieren, sondern auch auf den ebenso implizierten prognostischen Irrtümern. Ein bekanntes Beispiel ist Vernes Idee, die Mondreisenden im Projektil einer gigantischen Kanone zum Mond zu schießen.

Implizierte Prognosen

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Ein Irrtum, der alle anderen implizierten Prognosen, die sich später als zutreffend erweisen, diskreditiert. Vergessen wird jedoch, dass es sich bei Vernes Zukunftsbildern um Literatur handelt – und nicht um wissenschaftliche Prognostik. Somit kommen natürlich auch literarische Ambitionen zum Tragen, etwa die Rücksichtnahme auf das Vorstellungsvermögen der Leser oder die Absicht, »den durch den amerikanischen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) angeheizten Konkurrenzkampf der dortigen Rüstungsfirmen ein wenig lächerlich zu machen«, zumal es Indizien dafür gibt, »dass Verne sich sehr wohl bewusst war, dass eine solche Abschusstechnik gar nicht hätte funktionieren können« (Evens/Miller 1997). Die Nova der Science Fiction implizieren Prognosen oder lassen sich zumindest als Prognosen interpretieren, doch dürfen diese nicht mit wissenschaftlich oder mathematisch fundierten Prognosen verwechselt werden. Science Fiction ist in erster Linie Gegenwartsliteratur, auch wenn der Handlungsort fast immer im Möglichkeitsraum der Zukunft liegt (vgl. Lem 1981, S. 7). Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass wissenschaftlich und mathema­ tisch fundierte Prognosen die Zukunft besser abbilden als die Visionen der Science Fiction. Schließlich werden hier verifizierbare Fakten ins Feld geführt und komplizierte mathematische Modelle bemüht. Dies ist jedoch nicht uneingeschränkt der Fall, wie Elena Esposito nachweist, denn die Zukunft ist nun einmal offen, woran auch die Wahrscheinlichkeitstheorie nichts zu ändern vermag: Wahrscheinlichkeiten lassen sich berechnen, man kann auf ihrer Grundlage Prognosen erstellen. Dabei ist jedoch vollkommen klar, dass es sich um reine Fiktionen handelt, denn die zukünftigen Gegenwarten werden nicht mehr oder weniger wahrscheinlich sein, sie werden sich nicht zu 40 oder 75 Prozent verwirklichen, sondern genau so, wie sie sein werden. […] Die Dinge entwickeln sich völlig unabhängig von allen Prognosen. Sosehr man sich auch müht, die Zukunft zu errechnen und der Zufälligkeit zu entziehen, man kann nie sicher sein, dass die fiktiven Vorhersagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung tatsächlich eintreten werden (Esposito 2007, S. 31).

So grundverschieden also die Methoden der Autoren von Science Fiction und jene von Mathematikern und Wissenschaftlern auch sind, die Ergebnisse sind jedenfalls in beiden Fällen Fiktionen. Wer also eine Prognose, die ein ScienceFiction-Novum impliziert, mit einer Prognose vergleicht, die auf einer Wahrscheinlichkeitsrechnung basiert, vergleicht zwei Fiktionen, wobei die literarische einen Möglichkeitsraum beschreibt, die wissenschaftlich-mathematische einen Wahrscheinlichkeitsraum (vgl. Esposito 2007, S. 31). Letzterem sind auch die zahllosen Unwahrscheinlichkeitsprognosen (involvierter) Experten zuzurechnen, die den implizierten Prognosen des Möglichkeitsraums regelmäßig

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widersprechen. Die fiktiven Prognosen der Wahrscheinlichkeitsrechnung und die Unmöglichkeitsprognosen involvierter Experten sind defensive Maßnahmen zur Bewahrung des Status quo des Wahrscheinlichkeitsraums. Sie reduzieren den Möglichkeitsraum der Science Fiction, die gar nicht mit dem Ziel antritt, die zukünftige Gegenwart vorherzusagen. Der amerikanische Autor William Gibson erläutert ironisch-lakonisch: »Ich sehe die Zukunft nicht voraus, es fühlt sich nur so an« (Gibson 2017). Und dennoch ist an den skizzierten Beispielen zu erkennen, dass der Möglichkeitsraum, den die Science Fiction generiert und auslotet, durchaus überzeugende Zukunftsbilder liefert, oftmals überzeugender als jene der Wissenschaft. Das ist natürlich längst innerhalb der Scientific Community bekannt und wird umfassender reflektiert als je zuvor. Die immer wieder verblüffende Überlegenheit der implizierten Prognosen der Science Fiction dient nicht selten sogar als Warnung vor den Unmöglichkeitsprognosen aus den Reihen der Scientific Community. So schreibt etwa der Philosoph und Arzt Wolfgang Wieland in Bezug auf die Entwicklung der Gentechnik und ihrer Möglichkeit, in Zukunft einen künstlichen Menschen zu erschaffen: »Gewiss sind die Stimmen der Forscher ernst zu nehmen, die schon die Möglichkeit solcher Entwicklungen in Abrede stellen. Allen Unmöglichkeitsprognosen gegenüber ist jedoch Skepsis anzuraten« (Wieland 2004, S. 841). Bernward Gesang sieht Unmöglichkeitsprognosen sogar als Diskursbeschränkung, denn zu oft schon wurden sie von der Technikgeschichte – und damit auch von der Science Fiction – widerlegt: Dass man 1974 die Sequenzierung des gesamten menschlichen Genoms noch für unmöglich erklärt hatte, gibt Grund zur Vorsicht gegenüber Prognosen, auch Unmöglichkeitsprognosen. Hinter Schutzwällen der (angeblichen) technischen Unmachbarkeit darf man sich nicht verschanzen, sonst fehlen ethische Maßstäbe, sobald uns die Technik ein weiteres Mal vor vollendete Tatsachen stellt. Vielmehr muss offensiv gefragt werden: Was wäre, wenn? (Gesang 2009, S. 297).

Nichts Anderes macht die Science Fiction, die nach wie vor in der Tradition der verzeitlichten Utopie steht. »Utopien denken Möglichkeiten der Zukunft vor«, konstatiert Wilhelm Voßkamp, und sie transzendieren dabei explizit das aktuell Machbare, den State of the Art der wissenschaftlich-technischen Entwicklung (Voßkamp 1985, S. 7). Dass diese Transzendenz regelmäßig den ebenfalls in der Zukunft verorteten Wahrscheinlichkeitsraum ignoriert und sprengt, liegt vor allem an den Autoren, bei denen es sich mehr oder weniger um wissenschaftlich interessierte Laien handelt, wobei Wissenschaftler nicht gänzlich fehlen, wie Stanislaw Lem oder Isaac Asimov belegen.

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Wer indes annimmt, im Kern basiere die Methode der Autoren, ihre Möglichkeitswelten zu erschaffen, auf bloßer Fantasie, der irrt. Darauf verlassen sich nicht einmal Fantasy-Autoren. Vielmehr sind die Möglichkeitsräume in der Gegenwart verankert, wie sich bereits bei Jules Verne zeigt: »Für seine Arbeit hatte er sich umfangreiches, aktuelles Quellenmaterial besorgt und gründlich durchgearbeitet« (Ostwald 1984, S. 61). An diesem letztendlich keineswegs überraschenden Arbeitsprozess hat sich bis heute nichts geändert, wie William F. Gibson demonstriert: »Überall tragen Menschen Teile der Zukunft buchstäblich in ihrer Aktentasche herum, die meisten wissen es nur noch nicht. In Wahrheit bin ich lediglich ein Archäologe der Gegenwart, ich nehme die Dinge anders wahr« (Gibson 2017). Im Grunde bestätigt Gibson hier nur Ernst Bloch, der ebenfalls auf die Eigenschaft möglicher Zukünfte hingewiesen hat, der Gegenwart bereits inhärent zu sein: »Das wirklich Mögliche beginnt mit dem Keim, worin das Kommende angelegt ist« (Bloch 1977, S. 274). Somit sieht sich Gibson zurecht als eine Art Archäologe auf der Suche nach Zukunftskeimen, die von den meisten Zeitgenossen übersehen oder ignoriert werden. Diese Zukunftskeine wiederum werden 1968 von dem britischen Philosophen Bernard Mayo (1921-2000) mit einem Namen versehen, der seither in der Zukunftsforschung Verwendung findet: […] the word ›trace‹ specifically names backward-pointing evidence. We do have the word ›sign‹, but this is also used for backward-pointing evidence, besides being already overworked in other ways. We need to invent a term for the future analogue for ›trace‹. I shall use the word ›portent‹ for this purpose (Mayo 1966, S. 290).

Gute Science-Fiction-Autoren sind demnach in der Lage, Portents überhaupt oder frühzeitig oder besser wahrzunehmen als andere, um sie dann literarisch zu verwerten. Gibson spricht von einer anderen Wahrnehmung der Dinge. Es ist diese Eigenschaft, die einen wesentlichen Schlüssel zum Möglichkeitsraum liefert. Viele, aber keineswegs alle Nova der Science Fiction können dann selbst als Portents fungieren und uns Hinweise bzw. Vorboten auf mögliche Zukünfte liefern. »Der Zukunftsforscher muss unter den Millionen Anzeichen für Gegenwärtiges diejenigen identifizieren, die als Vorzeichen für Künftiges genutzt werden können und dürfen – er sucht nach den ›portents‹«, erläutert der Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller (Steinmüller 2007, S. 164). Was also einen guten Science-Fiction-Autor auszeichnet, ist nicht nur literarisches Talent, sondern auch und vor allem ein gutes Gespür für Portents und deren Positionierung im Möglichkeitsraum.

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5. Ausblick Natürlich sind Möglichkeitsraum und Wahrscheinlichkeitsraum nicht strikt voneinander getrennt, sondern bilden seit jeher Interferenzen, die immer wieder zur Beschleunigung wissenschaftlich-technischer Entwicklungen beigetragen haben: »Möglicherweise hätte sich die moderne Raumfahrt ohne Vernes Visionen weniger rasch entwickelt« (Evens/Miller 1997). Die Interferenzen bilden gewissermaßen einen Wechselwirkungsraum, der Autoren wie Wissenschaftlern und Ingenieuren gleichermaßen zugutekommt. Die Erforschung der entsprechenden Wechselwirkungsprozesse ist eines der Desiderata nicht nur der Zukunftsforschung. War die Interferenz von Möglichkeits- und Wahrscheinlichkeitsraum am Beginn der Moderne noch gering, so hat sie zu Beginn des 21. Jahrhundert derart zugenommen, dass der Hinweis auf Science Fiction immer weniger als Hinweis auf die Nichtrealisierbarkeit einer Technologie taugt. Vielmehr ist eine Umkehrung innerhalb dieses Bezugssystems zu beobachten. Nova aus der Science Fiction dienen vermehrt als Referenz für eine möglichwahrscheinliche bzw. baldige Realisierbarkeit. Heute kokettieren Entwickler sogar mit dem Hinweis »nah an der Science Fiction« (Grüling 2015, S. 18). Ein gravierender Grund für diesen Wandel ist schlicht die historische Erfahrung, dass die Zukunftsbilder der Science Fiction, ihre Nova und narrativen Modelle möglicher Wirklichkeiten eben doch nicht als »wild dreams« zu interpretieren sind, sondern Zukünfte oft treffender widerspiegeln als die Prognosen und Unmöglichkeitsprognosen involvierter Experten. In diesem Sinne stellt der Ingeborg-Bachmann-Preisträger Peter Glaser die treffende Frage: »Wenn die Gegenwart immer mehr dem ähnelt, was vor noch nicht allzu langer Zeit pure Science Fiction war – was hält dann die Zukunft noch bereit?« (Glaser 2019). Eine Frage, die nicht nur die Scientific Community betrifft, sondern auch die Science-Fiction-Autoren. Literatur Alpers, Hans Joachim/Fuchs, Werner et al.: Lexikon der Science Fiction Literatur. Erweiterte und aktualisierte Neuausgabe in einem Band, München 1988. Anvil, Christopher: Uncalculated Risk. In: War Games. Riverdale 2010, S. 107-132. Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. In: Ders.: Gesamtausgabe in 16 Bänden. Frankfurt a.M. 1977, Bd. 5, S. 164-676. Börner, Wilhelm: Die Schundliteratur und ihre Bekämpfung, Wien 1908. Buedeler, Werner: Geschichte der Raumfahrt, Künzelsau 1995.

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Epistemische Intransparenz als Herausforderung für praktisches Urteilen Christoph Merdes Dieser Beitrag verknüpft den wissenschaftstheoretischen Begriff der epis­ temischen Opazität, speziell von computergestützten Methoden, mit den epistemischen Vorbedingungen praktischer Urteile. Als Fallstudien werden dabei eine vereinfachte utilitaristische Analyse der Verwendung von Ergeb­ nissen aus Klimasimulationen und eine Untersuchung prozeduraler Fairness von statistischen Entscheidungsunterstützungssystemen betrachtet. In beiden Fällen hat die Opazität der verwendeten Methoden Implikationen für die Ver­ wendung normativ-ethischer Prinzipien. Damit stützen die Fallstudien die allgemeinere These, dass Debatten in der normativen Ethik nicht ohne Be­ rücksichtigung verfügbarer Erkenntnismethoden und deren Möglichkeiten und insbesondere Grenzen geführt werden sollten. 1. Einführung Die zunehmende Verwendung wissenschaftlicher Erkenntnismethoden zur Handlungsleitung verlangt eine Analyse der Interdependenzen zwischen normativen Prinzipien und Erkenntnismethoden. Ein prominentes Bei­ spiel liefert zweifellos die Verwendung von Simulationsmodellen der Klima­ forschung zur Politiksteuerung. Aber auch kleinteiligere Entscheidungen werden zunehmend mithilfe komplexer, computergestützter Methoden getroffen. Dieses Phänomen reicht von banalen Entscheidungen wie auto­ matischen Produktempfehlungen bis zu weitreichenden, lebensverändernden Entscheidungen im privaten wie im öffentlichen Sektor. So kommen im Justizsystem einiger Länder statistische Algorithmen zur Bestimmung von Kautionen zum Einsatz. Im privaten Sektor werden solche Methoden bei­ spielsweise zur Kreditvergabe durch Banken genutzt. Die Verwendung dieser Methoden, die für Laien – und häufig auch für Experten – schwer zu verstehen sind, wirft einerseits rein erkenntnistheoretische Fragen auf, andererseits stellt sie aber auch Herausforderungen an das praktische, insbesondere moralische Urteilen und die zugrundeliegenden Prinzipien.

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_011

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Christoph Merdes

Ein typisches Schema für praktische Urteile ist der auch aus dem Recht be­ kannte Subsumtionsschluss, der aus einem normativen Prinzip ein praktisches Urteil über eine Handlung ableitet: 1. In Situationen vom Typ S, sind Handlungen vom Typ H geboten. 2. Akteur a befindet sich in Situation s vom Typ S. 3. Akteur a sollte eine Handlung h vom Typ H ausführen. Freilich kann anstelle von »geboten« auch ein anderes deontisches Verb wie »erlaubt« oder »verboten« stehen; auch kann das deontische Verb nicht nur moralisch – der Fokus dieses Kapitels – sondern auch legal oder prudentiell interpretiert werden. Dieses Schema wirft zumindest zwei epistemische Fragen auf: (1) Wie kann Wissen über normative Prinzipien erworben werden? (2) Auf welche Weise können konkrete Situationen unter Prinzipien subsumiert werden – oder anders gefragt, wie erkennt a, dass s vom Typ S ist? Die erste Frage wird nachfolgend ausgeklammert; es sei lediglich darauf hingewiesen, dass hier wesentliche Diskussionen, unter anderem in der Metaethik an­ schließen, die sich mit solchen Fragen der Moralepistemologie befassen (vgl. z. B. Harman 1988, Street 2010, Tropman 2018). Die Frage nach der Anwendung normativer Prinzipien kann sehr all­ gemein gestellt werden und wirft beispielsweise Fragen nach der Eindeutig­ keit von Handlungsbeschreibungen auf.1 Hier soll eine bescheidenere Frage untersucht werden: Welche Konsequenzen haben spezifische epistemische Beschränkungen insbesondere menschlicher Akteure auf Form, Inhalt und An­ wendung normativer Prinzipien? Die These, die ich hier verteidigen werde, ist die folgende: Epistemische Beschränkungen, nämlich die epistemische Opazität oder Intransparenz computergestützter Methoden in der Wissenschaft, haben substantielle normative Konsequenzen, insofern sie die Anwendung bestimmter Prinzipien ausschließen. Soweit möglich werde ich dabei auch auf mögliche Varianten der entsprechenden Prinzipien verweisen, die auch unter der Bedingung der Opazität anwendbar bleiben; diese Varianten implizieren jedoch substantiell andere Handlungsgründe als die Ausgansformulierung der Prinzipien. Zunächst muss hierzu der Begriff der epistemischen Opazität geklärt werden, der gegenwärtig vor allem in der wissenschaftstheoretischen Analyse von Computersimulationen verwendet wird, zusehends aber auch im Kontext maschinellen Lernens. Das Hauptargument wird anhand zweier Fallstudien vorgebracht, der Verwendung von Klimasimulationen in utilitaristischen Urteilen, und einer Analyse von Entscheidungsunterstützungssystemen auf der Basis maschinellen Lernens unter dem Gesichtspunkt prozeduraler Fairness. 1  Vgl. die Diskussion von Handlungsbeschreibungen in Davidson (2001[1983]).

Epistemische Intransparenz

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Das Kapitel schließt mit einer kurzen Zusammenfassung und einer Diskussion von weiterem Forschungsbedarf und Anschlussfragen sowie Anknüpfungs­ punkten an bestehende Debatten. 2.

Epistemische Opazität

2.1 Begriffsklärung Epistemische Opazität oder Intransparenz bezeichnet die Eigenschaft einer Erkenntnismethode, Ergebnisse hervorzubringen deren Zustandekommen für einen Akteur oder einen Typ von Akteur nicht nachvollziehbar ist (vgl. Humphreys 2009). Eine opake Methode verletzt nach Humphreys eine be­ stehende epistemische Norm der Transparenz. Zu beachten ist dabei, dass die Ergebnisse einer opaken Methode durchaus replizierbar und reproduzier­ bar sein können;2 entscheidend ist, dass bestimmte epistemisch signifikante Eigenschaften einer Erkenntnismethode unzugänglich und damit nicht über­ prüfbar sind. Ein einfaches Beispiel aus der Aussagenlogik veranschaulicht das Phänomen: Für einen Akteur, der den zugrundeliegenden Kalkül nicht kennt, ist es nicht nachvollziehbar, warum (non-A oder non-B) → non- (A und B) gilt. Selbst wenn es für den Akteur intuitiv plausibel ist3 und auch wenn der Akteur vielleicht Gründe hat, an die Wahrheit der Proposition zu glauben – z.B. weil der Akteur sie in einem vertrauenswürdigen Lehrbuch gelesen hat –, so bleibt der Schluss doch intransparent oder opak. Der Begriff ist daher auch eng verwandt mit dem der »surveyability« (hier: Nachvollziehbarkeit) von mathematischen Beweisen (vgl. Tymoczko 1979). Die mangelnde Nachvollziehbarkeit eines Beweises wird hierbei als Grund dagegen angeführt, auf Grundlage des Beweises das bewiesene Theorem zu glauben. Nicht zufällig kam die Debatte um Nachvollziehbarkeit im Kontext computergenerierter Beweise auf, die häufig durch die schiere Länge nicht mehr überprüfbar waren und es immer noch nicht sind. Zentral und kritisch für die Zuschreibung von Opazität ist die Akteurs­ relativität. Diese kann einerseits von den konkreten Fähigkeiten und dem Wissen eines individuellen Akteurs abhängen, wie im Falle unseres Logiklaien. 2  Allerdings kann die Parallelisierung (Anpassung eines Computerprogramms, so dass mehrere Anweisungen von verschiedenen Prozessoren zeitgleich ausgeführt werden können), die häufig unvermeidbar ist, um die erforderliche Rechenleistung zu erzielen, Reproduktion und Replikation ebenfalls unmöglich machen; vgl. hierzu Bailey et al. (2016). 3  Das ist tatsächlich eher fragwürdig, da dieses de Morgansche Gesetz kein Theorem in der intuitionistischen Logik ist.

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Wichtiger ist aber die Bestimmung der Abhängigkeit von Fähigkeiten, die ganzen Akteurstypen abgehen, zum Beispiel Menschen oder rationalen Akteuren. Beispielsweise können Menschen wohl aufgrund ihrer biophysi­ kalischen Beschränkungen nicht Millionen von arithmetischen Operationen pro Sekunde durchführen; es handelt sich um eine epistemische Beschränkung, der alle Instanzen des Akteurstyps Mensch unterliegen. Verwandt, aber nicht identisch ist die Unterscheidung zwischen prinzipieller oder essentieller Opazität und lediglich akzidentieller epistemischer In­ transparenz. Eine Methode ist essentiell opak, wenn sie opak ist unabhängig von kontingenten Gegebenheiten4 (jedoch immer noch relativ zu einem Akteurstyp). Kann die Opazität dagegen grundsätzlich überwunden werden, ist sie lediglich akzidentiell oder kontingent. Eine Methode kann dabei akzidentiell opak sein relativ zu einem einzelnen Akteur, z.B. einem Anfänger im Studium der Logik, oder einem ganzen Typen von Akteuren, wie mensch­ lichen Beobachtern der Natur, bevor sie eine Theorie der Optik entwickelten. Die Unterscheidung zwischen essentieller und akzidentieller Opazität ist in der Praxis äußerst schwierig zu treffen, da technischer Fortschritt dasjenige, was einstmals als prinzipiell opak erscheinen konnte, als akzidentiell opak er­ wiesen hat, so zum Beispiel durch die Erfindung des Teleskops. Für die Zwecke praktischen Urteilens genügt es allerdings festzustellen, ob eine Methode für den urteilenden Akteur zum Zeitpunkt des Urteils opak ist.5 Warum sollten nun gerade computergestützte Methoden für menschliche Akteure epistemisch opak sein? 2.2 Das quantitative Argument Das ursprüngliche Argument für die Opazität von Computersimulationen ist das folgende: Die Ausführung eines komplexen Programms, das einen Prozess in der Welt simuliert, erfordert eine enorm große Anzahl logisch-arithmetischer Operationen. Durch ihre schiere Anzahl ist es für Menschen unmöglich, alle Teilrechnungen nachzuvollziehen; also handelt es sich bei dieser Computer­ simulation um eine epistemisch opake Methode der Wissensgewinnung 4  Ein Sachverhalt ist kontingent, wenn die Welt in Bezug auf diesen Sachverhalt anders hätte sein können. Für die Zwecke unserer Diskussion sind besonders solche Sachverhalte interessant, die sich in der Zukunft möglicherweise ändern werden, wie beispielsweise be­ stimmte Grenzen der Rechenleistung unserer Maschinen. 5  Diese Behauptung wird dann problematisch, wenn die Frage gestellt wird, ob ein Akteur zum Beispiel moralisch dazu verpflichtet ist, epistemisch leistungsfähiger zu werden, um bessere Urteile zu fällen. Ist es beispielsweise für einen Wissenschaftler geboten, möglichst genau mögliche unmoralische alternative Einsatzzwecke seiner Forschung abzuschätzen, bevor er die entsprechende Forschung beginnt?

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(Humphreys 2009). Humphreys zufolge impliziert diese Schlussfolgerung, zusammen mit der pragmatischen Unverzichtbarkeit von Computer­ simulationen in vielen Bereichen, die Notwendigkeit einer grundsätzlich anderen Erkenntnistheorie; grundsätzlich anders, insofern eine der wesent­ lichen epistemischen Normen – methodologische Transparenz – aufgegeben werden müsste. Das quantitative Argument, so plausibel es auf den ersten Blick scheinen mag, führt zu drastischen Schlussfolgerungen: Wenn es tatsächlich in erster Linie um die Quantität der Operationen geht, dann sind auch traditionelle statistische Methoden epistemisch intransparent, sofern sie auf eine ge­ nügend große Datenmenge angewandt werden. Dieses Beispiel illustriert, warum das quantitative Argument fehlgeht: Entscheidend für die Komplexi­ tät, die das Resultat intransparent macht, ist nicht die Masse von Operationen, sondern die Komplexität der Modelle und der Interaktionen zwischen ver­ schiedenen Ebenen und Modellkomponenten. Diese alternativen Quellen von epistemischer Opazität sollen nun genauer betrachtet werden. 2.3 Alternative Argumente Die Probleme epistemischer Intransparenz lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Auf der einen Seite kann ein Prozess, der Wissen generieren soll, uninterpretierbare Elemente enthalten. Diese partielle Uninterpretierbarkeit führt zu einer eingeschränkten Transparenz der Ergebnisse. Zweitens kann die Komplexität der Methode das menschliche Auffassungsvermögen über­ steigen. Argumente dieser zweiten Art können freilich nur unter der Annahme bestimmter Grenzen menschlicher Fähigkeiten vorgebracht werden, und werden häufig induktiv gestützt durch die Beobachtung von Schwierigkeiten in der wissenschaftlichen Praxis. Ein Beispiel für das Problem der Nichtinterpretierbarkeit bieten gegen­ wärtige künstliche neuronale Netze (kurz KNN, siehe Haykin 2009 für eine Einführung). Kurz erklärt ist ein KNN ein Netzwerk aus Knoten (den künst­ lichen Neuronen), die durch gewichtete Kanten verbunden sind, über die Signale durch das Netzwerk transportiert werden. Dabei ist eine Eingabeund eine Ausgabeschicht ausgezeichnet, die Daten aufnehmen bzw. ein Er­ gebnis ausgeben. Beispielsweise könnte die Eingabeschicht ein Bild als eine Matrix von Pixeln erhalten, und die Ausgabeschicht, in diesem Fall nur ein Neuron, würde anzeigen, ob – gemäß der Einschätzung des Netzes – auf dem repräsentierten Bild ein Panzer zu sehen ist oder nicht. Die Gewichte zwischen den Neuronen, mit deren Hilfe das Ergebnis bestimmt wird, werden vorher durch die Anpassung des Netzes an einen sogenannten Trainingsdatensatz berechnet.

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Die Schwierigkeit damit ist nun, dass gegenwärtige Methoden die Be­ deutung der Kantengewichte häufig nicht theoretisch einholen können, oder anders gesagt, keine Interpretation bieten. Dieses Problem ist in der Praxis nur relevant, wenn das betreffende Netz hinreichend groß ist, insbesondere wenn es genügend Schichten von künstlichen Neuronen zwischen Ein- und Ausgabe gibt (ein sogenanntes tiefes neuronales Netz muss mindestens zwei solcher Zwischenschichten besitzen). Damit wird das quantitative Argument teilweise wieder aufgenommen: Für sehr kleine Netze lässt sich oft noch nachvollziehen, warum bestimmte Gewichte angenommen werden, was bei größeren Netzen gegenwärtig unmöglich ist. Es gibt Ansätze, die Bedeutung der Modellparameter systematisch zu klären; beispielsweise kann ein inter­ pretierbares Modell konstruiert werden, das lokal, also für einen Teil des uninterpretierbaren Netzes, näherungsweise die gleichen Ergebnisse liefert. Diese und ähnliche klärende Methoden sind jedoch beschränkt in ihrer Effektivität (vgl. den Überblick in Biran/Cotton 2017). Ein übliches Argument für Opazität, das sich auf strukturelle Komplexität stützt, bieten Winsbergs Überlegungen zum Holismus in Klimasimulationen (Winsberg 2010). Ein Modell ist strukturell umso komplexer, je mehr Ab­ hängigkeiten und Interaktionen innerhalb des Modells bestehen. Winsberg diagnostiziert, dass es sich als ausgesprochen schwierig erwiesen hat, Fehler bestimmten Teilmodulen6 insbesondere von Klimasimulationen zuzu­ schreiben. Das erklärt er durch die hohe Komplexität der Modelle, auf der mathematischen, insbesondere aber auch auf der Ebene der Software. Hier wird nun klarerweise auf die empirische Tatsache verwiesen, dass menschliche Wissenschaftler den Holismus existierender Klimamodelle in der Praxis nicht durch Modularisierung überwinden konnten. Insofern sind diese Modelle ebenfalls epistemisch opak in unserem Sinne, erkennbar an der mangelnden Fehlerzuordnung, die ein begrenztes Verständnis des Systemver­ haltens indiziert. Eine wichtige praktische Implikation ist, dass sich der Aus­ tausch eines bestimmten Teilmoduls eines solchen Simulationsmodells oft in unvorhersehbarer Weise auswirkt. Eine offene Frage ist, ob dies durch die fundamentale Komplexität der modellierten Phänomene, der Modelle oder ähnlicher struktureller Faktoren bedingt ist, die sich nicht ausschalten lassen, oder, wie Newman (2015) argumentiert, eine Folge schlechten Software Engineerings sind. Insbesondere

6  Der Begriff eines Moduls beschreibt ein abgeschlossenes Unterprogramm in der Software­ entwicklung. Per Analogie kann er in diesem Kontext auch als Teilmodell verstanden werden; ein Modell für die Dynamik der Ozeane könnte beispielsweise ein solches Teilmodul sein.

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der häufige Verweis auf sogenannte »Kludges«7 (vgl. Lenhard/Winsberg 2010) zur Erklärung von Opazität weist darauf hin, dass Newmans Kritik zumindest teilweise zutrifft. Bei einem Kludge handelt es sich um schlecht zu lesendes, häufig fehleranfälliges Stück Programmcode das ursprünglich als Provisorium geschrieben wurde; diese Praxis ist jedoch ein Resultat schlechter Qualitäts­ sicherung in der Softwareentwicklung, und damit klarerweise kontingent. Es ist jedoch weiterhin plausibel, dass die strukturelle Komplexität der Modelle sich nicht durch bessere Softwarearchitekturen auflösen lässt. Daneben gilt auch hier, dass entscheidend für praktische Urteile ist, was praktisch möglich ist. Das heißt, solange die verlässlichsten Vorhersagen mit opaken Modellen be­ rechnet werden, müssen urteilende Akteure diesen Umstand berücksichtigen, selbst wenn es irgendwann in der Zukunft möglich sein wird, die Opazität zu überwinden. In beiden hier betrachteten Fällen – Klimasimulationen und KNN – kann das Argument auch aus der anderen Perspektive geführt werden. Beispiels­ weise enthalten Klimamodelle häufig uninterpretierte Parameter die der numerischen Kalibrierung dienen, und damit auch das Problem der Uninter­ pretierbarkeit ins Spiel bringen. Für unsere Zwecke genügt es festzustellen, dass wir nun starke Argumente für eine zumindest akzidentielle Opazität relativ zu menschlichen Akteuren selbst mit umfassendem technischen und Domänenwissen besitzen. Daher können wir nun zu der Frage übergehen, wie die Opazität der Methoden praktisches, genauer gesagt, ethisches Urteilen beeinflusst. 3. Fallstudien 3.1 Utilitarismus und Unsicherheit Konsequentialistische Theorien haben inhärent starke epistemische Voraus­ setzungen, da ihr Urteilsprozess auf einer Vorhersage von Konsequenzen beruhen muss. Konsequentialistische Theorien gibt es in großer Vielfalt (Birn­ bacher 2011; Sinnott-Armstrong 2019), und für die Zwecke dieses Kapitels ge­ nügt eine sehr einfache Variante aus der utilitaristischen Theoriefamilie als Beispiel.

7  Newman definiert »kludges« folgendermaßen: »A kludge is an inelegant, ›botched together‹ piece of program, very complex, unprincipled in its design, ill-understood, hard to prove complete or sound and therefore having unknown limitations, and hard to maintain or extend.« (Newman 2015, S. 70).

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Das entsprechende Prinzip besagt, dass eine Handlung h dann moralisch richtig ist, wenn sie den erwarteten Gesamtnutzen E(U) maximiert. Alter­ nativen wie regelutilitaristische Theorien sind prinzipiell einer ähnlichen Ana­ lyse zugänglich, daher soll diese sehr simple Theorievariante als illustrierendes Beispiel genügen. Der entscheidende Aspekt für unsere Zwecke ist, wie der erwartete Nutzen bestimmt werden kann. Hierfür ist nämlich eine Vorhersage erforderlich, die mit Unsicherheit8 behaftet ist. Häufig wird angenommen, dass sich diese Unsicherheit als Wahrscheinlichkeitsverteilung über mög­ liche Konsequenzen von h ausdrücken lässt, und somit der erwartete Nutzen schlicht dem mathematischen Erwartungswert des Nutzens, der diesen Konsequenzen zugeschrieben wird, entspricht. Ob die Handlung dann kate­ gorisch geboten ist oder nicht, hängt davon ab, ob sie aus allen verfügbaren Handlungsalternativen den größten Erwartungsnutzen besitzt. Im Falle des gleichen Erwartungsnutzens mehrerer möglicher Handlungen wäre es ledig­ lich geboten, eine der maximalen Alternativen zu wählen. Nehmen wir nun an, dass die Handlung, deren moralische Richtigkeit be­ urteilt werden soll, eine klimapolitische Maßnahme ist, wie zum Beispiel eine vollständige Umstellung von Verbrennungsmotoren im Straßenverkehr auf andere Mittel der Fortbewegung. Wir stipulieren weiterhin, dass wir den Gesamtnutzen für ein gegebenes Szenario bestimmen können. So würden wir annehmen, dass eine massive Zunahme von Dürren und anderen Extrem­ wetterphänomenen den Gesamtnutzen verringert. Prinzipiell ergeben sich bei der Bestimmung von Nutzenwerten auch epistemische Probleme. Unter anderem ist es auch unter gegebenen äußeren Umständen schwierig, ver­ lässlich subjektives Wohlbefinden – eine typische Operationalisierung von Nutzen – zu bestimmen. Dies sei lediglich angemerkt, da sich unsere Dis­ kussion mit anderen Schwierigkeiten befasst. Um nun die Konsequenzen unserer Maßnahme präzise vorhersagen zu können, benötigen wir eine klimatologische Vorhersage. Die beste verfügbare Methode dafür erfordert gegenwärtig den Einsatz von Simulationsmodellen. Dabei handelt es um komplexe Software, die typischerweise aus einer Reihe von Modulen zusammengesetzt ist, die jeweils Modelle natürlicher Prozesse implementieren. Beispielsweise würde das Gesamtklimamodell ein Modell der Ozeane und ihrer Interaktion mit der Atmosphäre enthalten (Winsberg 2010). Gegenwärtig werden darüber hinaus auch sogenannte Integrated Assessment 8  Der Begriff Unsicherheit wird hier übergreifend verwendet; in der ökonomischen Literatur ist es üblich zwischen Risiko (mit Wahrscheinlichkeiten quantifiziert) und Unsicherheit im qualitativen Sinne unterscheiden. Die Diskussion folgt dieser Unterscheidung, der öko­ nomische Jargon soll aber zur besseren Verständlichkeit vermieden werden.

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Models (kurz IAM, vgl. Kelly/Kolstad 1999) verwendet. Diese Modelle koppeln das Modell des Klimas zum Beispiel noch mit einem ökonomischen Modell. Da klimapolitische Maßnahmen häufig auch Implikationen für die Wirtschaft haben, die in unerwarteter Weise mit klimarelevantem Verhalten interagieren, erhoffen sich Wissenschaftler von solchen gekoppelten Modellen praktisch verlässlichere Vorhersagen. Andererseits nimmt die Gesamtkomplexität in IAM noch weiter zu. Sowohl konventionelle Klimamodelle wie IAM sind aber, wie oben argumentiert, epistemisch opak. Welche Konsequenzen hat dies nun für die Verwendung der Vorhersagen solcher Modelle für die utilitaristische Be­ wertung klimapolitischer Maßnahmen? Nehmen wir an, dass ein epistemisch transparentes Simulationsmodell eine Zuschreibung von Wahrscheinlichkeiten zu Szenarien zulässt. Diese Annahme ist nicht unproblematisch. Aber unter der Annahme, dass irgendwelche Wahr­ scheinlichkeitszuschreibungen für Überzeugungen plausibel sind, ist dies für solche, die aus transparenten Computermodellen gewonnen werden, ebenfalls der Fall, insofern diese ein gewöhnlicher Teil wissenschaftlichen Schließens sind, der lediglich die mathematischen Fähigkeiten von Menschen erweitert. Ich schlage nun zwei Argumente vor, warum eine opake Simulation keine interpersonal, also unabhängig von subjektiven Einschätzungen, zwingenden9 Wahrscheinlichkeitszuschreibungen für die untersuchten Szenarien zu­ lässt. Erstens stellt sich das Problem, wie das neue Wissen, das durch opake Simulationen gewonnen wird, mit Hintergrundwissen verknüpft werden soll. Das Hintergrundwissen, so unsere Annahme, kann sinnvoll mit Wahrschein­ lichkeiten versehen werden. Die Interpretation der Simulationsergebnisse hängt kritisch von diesem Hintergrundwissen ab (vgl. Parker 2009). Solches Hintergrundwissen kann beispielsweise technisches Erfahrungswissen über die Verlässlichkeit von numerischen Algorithmen sein, dass die Plausibilität der Ergebnisse begrenzt, oder gut bestätigtes empirisches Wissen über das Weltklimasystem, das mit bestimmten Ergebnissen der Simulation unverein­ bar ist. Unterscheiden wir nun zwei Möglichkeiten: Wir könnten unser Hinter­ grundwissen mit dem Modell auf der Ebene von Modulen verknüpfen, also jeweils passendes wissenschaftliches Wissen mit dem Ozeanmodell, dem Atmosphärenmodell, etc.; dann verhindert die Opazität – erklärbar durch die

9  Diese Qualifikation ist erforderlich, da ein Bayesianischer Agent (vgl. Bovens/Hartmann, 2003) stets eine subjektive Wahrscheinlichkeitszuschreibung für jede Proposition vor­ nehmen kann.

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strukturelle Komplexität des Modells – eine Zuschreibung von Wahrschein­ lichkeiten für die globalen Ergebnisse. Alternativ könnten wir versuchen, unser Hintergrundwissen mit dem Er­ gebnis auf globaler Ebene direkt zu verknüpfen. Hier besteht jedoch das Problem, dass die Komplexität auch unser Hintergrundwissen praktisch un­ vermeidbar differenziert. Das heißt, wir haben kein wissenschaftlich verläss­ liches Hintergrundwissen zur Bewertung eines globalen, integrierten Modells, das Klima, Wirtschaft und weitere Systeme erfasst, womit auch dieser zweite Weg versperrt ist. Da wir aber unser Hintergrundwissen rationalerweise nicht ignorieren dürfen, bleibt uns nichts Anderes übrig, als es qualitativ einfließen zu lassen und damit Wahrscheinlichkeiten aufzugeben. Das zweite Argument basiert darauf, dass auch modellintern das Problem der Unsicherheitsakkumulation besteht: Selbst wenn jedes Modul des Simulationsmodells verlässlich mit Fehlerwahrscheinlichkeiten versehen werden kann, ergibt sich in ihrer Kombination nicht-additive Unsicherheit. Wie Winsberg (2010) erläutert, ist das Projekt, die globalen Fehler eines Modells einzelnen Modulen zuzuordnen, de facto gescheitert. Opazität spielt auch hier wieder eine Rolle10, denn die komplexen Interaktionen zwischen den diversen Modulen eines globalen Simulationsmodells lassen sich nicht für menschliche Akteure transparent aufschlüsseln. Andererseits würde eine Zuschreibung von Wahrscheinlichkeiten bloß auf der Basis der empirisch bestätigten Verlässlich­ keit des Gesamtmodells einen Teil unseres Wissens – nämlich über die Verläss­ lichkeit der Teilmodule – ignorieren, und wir würden somit wieder irrational handeln. Dieses Argument wird noch dadurch verstärkt, dass wir plausibler Weise deutlich mehr über die Verlässlichkeit der Vorhersagen von Teilmodulen wissen als über das Gesamtkonstrukt. Dies bedeutet, dass die anfangs eingeführte utilitaristische Theorie nicht mehr anwendbar ist, denn deren Prinzip setzt voraus, dass den Konsequenzen Wahrscheinlichkeiten zugeordnet werden können; ohne Wahrscheinlich­ keiten kann kein Erwartungsnutzen mehr berechnet werden. Stattdessen ist es erforderlich, zusätzliche Annahmen einzuführen, die eine Entscheidung ohne Wahrscheinlichkeiten für die möglichen Konsequenzen erlaubt. Eine Reihe solcher Entscheidungsregeln steht zur Verfügung (vgl. z.B. Bossert et al. 2000), so zum Beispiel die Maximin-Regel: Diese besagt, dass wir eine Handlung wählen sollten, deren schlimmstmögliche Konsequenz möglichst

10  Plausiblerweise tragen auch andere Probleme, wie variable Datenqualität dazu bei; Opazität ist nur ein möglicher Grund unter vielen für den Übergang von Wahrscheinlich­ keiten zu vollständiger Unsicherheit.

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gut ist.11 Jede solche Regel stellt jedoch eine echte Verstärkung (im logischen Sinne) der ursprünglichen Theorie dar, da sie zusätzliche Annahmen erfordert, und bietet somit mehr argumentative Angriffsfläche. Die Maximin-Regel zum Beispiel wird häufig für ihre übertriebene Risikoaversion kritisiert und es ist keineswegs klar, warum eine Utilitaristin für Entscheidungen unter Unsicher­ heit gerade auf diese Regel zurückgreifen sollte. Vorstellbar wäre theoretisch auch, zu einer vollständig subjektiven Inter­ pretation der Wahrscheinlichkeiten überzugehen. Diese Strategie ist für individuelles Handeln zumindest plausibel, aber gerade im Einsatzbereich von IAM in der Politikberatung erscheint es unerlässlich, Wahrscheinlich­ keitsurteile interpersonal zu teilen. Damit wäre gezeigt, dass die Opazität der Informationsquelle Implikationen für die Anwendbarkeit ethischer Theorien hat. Daraus folgen auch, insofern In­ transparenz eine Änderung oder Ergänzung des handlungsleitenden Prinzips erfordert, potentiell andere Urteile auf der Ebene der normativen Ethik. Ob wir uns entschließen, unsere Theorie im Angesicht grundlegenderer Unsicher­ heit mit einer Maximin-, oder beispielsweise einer Maximax-Regel, die nach dem bestmöglichen Ergebnis jeder Handlung urteilt, modifizieren, ist eine Entscheidung, die moralische Urteile impliziert und daher eine Diskussion auf der Ebene der normativen Ethik erfordert. Im Umkehrschluss gilt aber frei­ lich auch, dass der Ethiker verstehen muss, ob die verfügbaren Erkenntnis­ methoden transparent sind oder opak. 3.2 Prozedurale Fairness und KNN Wie im Falle des Konsequentialismus gibt es eine umfassende Vielfalt von Theorien prozeduraler Fairness.12 Um unser Argument über die moralische Relevanz epistemischer Opazität zu illustrieren genügt es jedoch wiederum, ein spezifisches Prinzip herauszugreifen, diesmal der Argumentation von John Rawls (1974) entliehen: Die Erfordernis eines Schleiers des Nichtwissens. Gemäß Rawls sind legitime Institutionen einer politischen Gemeinschaft solche, die unter bestimmten Informationsbeschränkungen von vernünftigen Akteuren gewählt würden. In Rawls’ Modell sind dabei für zunehmend 11  Diese Maximin-Regel ist nicht zu verwechseln mit der von Rawls (1974) verteidigten; nicht nur geht es bei Rawls um die Verteilung von Grundgütern anstelle von Nutzen, seine Regel verlangt, die Schlechtestgestellten in jedem möglichen Szenario möglichst gut zu stellen. Unsere Ergänzung des Utilitarismus betrachtet dagegen für jedes Szenario die Nutzensumme, es wird jedoch für jede Handlung die schlechtestmögliche Konsequenz betrachtet. 12  Ein Beispiel für eine Klasse von Theorien, die sich mit solchen prozeduralen Über­ legungen befasst, sind kontraktualistische, vgl. Ashford & Mulgan, 2018.

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konkretere Entscheidungen mehr und mehr Informationen zulässig. Wir können diese Idee über Rawls Kernanliegen – der Rechtfertigung von Institutionen aus der Perspektive eines kontrafaktischen Urzustandes – hinaus übertragen und auf die Frage nach der Fairness konkreter Entscheidungen und Urteilsprozeduren anwenden. Für verschiedene Arten von Entscheidungen sollten verschiedene Typen von Informationen ausgeschlossen werden, um Fairness zu gewährleisten. Diese Klasse von prozeduralen Beschränkungen kann, in Analogie zu Rawls, unter der Metapher eines Schleiers des Nichtwissens zusammengefasst werden. Ein typisches Beispiel ist der Ausschluss von Informationen zu Geschlecht, Ethnie oder religiösen Überzeugungen, der verhindern soll, dass sich ein Entscheider willkürlich bevorteilt beziehungsweise andere benachteiligt nach Kategorien, die für eine faire Entscheidung irrelevant sein müssen. Naiverweise könnte vermutet werden, dass epistemische Intransparenz zur Realisierung eines Schleiers des Nichtwissens beitragen könnte. In der Praxis ist es nämlich aus­ gesprochen schwierig, entsprechende Entscheidungsprozeduren umzusetzen. Tatsächlich wirkt sich Opazität in der Praxis jedoch leicht gegenteilig aus, wie ich im Folgenden an einer Fallstudie erläutere. Kehren wir zurück zu den oben bereits eingeführten künstlichen neuro­ nalen Netzen (KNN). Wie bereits erklärt, besteht ein KNN aus sogenannten Schichten von simulierten Neuronen, die verknüpft sind durch virtuelle Synapsen. Daten werden in passender Form der Eingabeschicht zugeführt, aktivieren dort entsprechend künstliche Neuronen, die dadurch entsprechend den in den künstlichen Synapsen kodierten Aktivierungsmustern durch die inneren Schichten bis zur Ausgabeschicht weitergegeben werden. Die Para­ meter eines solchen Netzwerks können beispielsweise durch überwachtes Lernen bestimmt werden: Bei einem überwachten Lernverfahren werden die Parameter mithilfe eines Trainingsdatensatzes, in dem die korrekten Werte für die Ausgabeschicht bereits feststehen, berechnet. Ein umfassend diskutiertes Beispiel ist ein System, das in den USA zum Einsatz kommt, um die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Straffälligkeit von Verurteilten vorherzusagen; solche Vorhersagen werden beispielsweise zur Festlegung von Kautionen herangezogen oder beeinflussen sogar Bewährungs­ entscheidungen (Chouldechova 2017). Solche Entscheidungen sind immer auch moralische Entscheidungen und sollten daher gemäß der Idee des Schleiers des Nichtwissens prozeduralen Informationsbeschränkungen unterliegen, um Fairness zu gewährleisten. Welche Beschränkungen das im unserem Beispiel genau sind, ist eine schwierige Frage; ein naheliegendes Kriterium wäre es, solche Merkmale auszuschließen, auf die das Individuum keinen Einfluss hat, wie seine ethnische Zugehörigkeit oder soziale Herkunft. Dieses Kriterium ist

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jedoch unschärfer, als es zunächst wirkt, da viele Merkmale durch eine Inter­ aktion unverantworteter äußerer Faktoren und eigenen Handelns bestimmt werden. Für unsere Zwecke genügt es jedoch, vergleichsweise unkontroverse Beschränkungen anzunehmen, denn wie Chouldechova analysiert, weisen die Vorhersagen des Systems einen rassistischen Bias auf (bewerten also die Wahrscheinlichkeit erneuter Straftaten bei Angehörigen bestimmter Ethnien bei anderweitig gleichen Umständen höher). Dieser Sachverhalt scheint nun gegen die Informationsbeschränkungen des Schleiers des Nichtwissens für den Fall der Strafbemessung im Justizsystem zu verstoßen, womit Urteile, die das betreffende KNN als Teil des Urteilsver­ fahrens verwenden, nicht gerechtfertigt wären. Das Problem scheint zunächst einfach zu lösen zu sein, indem die Daten, die gemäß dem Schleier unzulässig sind (wie ethnische Zugehörigkeit), einfach nicht an die Eingabeschicht über­ geben werden. Es stellt sich jedoch heraus, dass das System anhand anderer Charakteristika solche unzulässigen Kriterien rekonstruieren und letztlich doch in das Urteil eingehen lassen könnte (Hardt et al. 2016). Dies liegt daran, dass in der kontingenten empirischen Realität eine Reihe anderer Merkmale, die mit Blick auf den Schleier als unproblematisch angesehen werden, mit den unzulässigen Merkmalen korreliert sind.13 Ein Beispiel hierfür wäre die Verwendung von Postleitzahlen in einem Land, in dem Städte stark ethnisch segregiert sind. Die kritische Rolle epistemischer Opazität liegt nun darin, dass das resultierende System nicht effektiv darauf überprüft werden kann, ob intern eine implizite Rekonstruktion unzulässiger Merkmale stattfindet. Wäre dem so, ließe sich die Opazität des Systems durchdringen. Speziell spielt hier auch die fehlende Interpretierbarkeit der internen Parameter des KNN eine wesent­ liche Rolle, die über bloße strukturelle Komplexität hinausgeht: Inwiefern eine bestimmte Konfiguration von künstlichen Synapsen ein unzulässiges Merkmal rekonstruiert, ist für den menschlichen Akteur intransparent. Damit ist gezeigt, dass Opazität auch Implikationen für prozedural orientierte normativ-ethische Theorien hat – zumindest für die Familie solcher Theorien, die auf prozedurale Informationsbeschränkungen zurückgreift: Ist das System epistemisch transparent, lässt sich klar sagen, ob es zulässig oder unzulässig ist, insofern es die Erfordernisse des Schleiers des Nichtwissens 13   Anzumerken ist, dass Chouldechova auch auf grundsätzliche Probleme in der mathematischen Rekonstruktion eines Begriffs fairer Vorhersage verweist, sowie auf Probleme, die aus der unterschiedlichen Größe der zu klassifizierenden Gruppen ent­ stehen; diese sind ebenfalls von großer ethischer Relevanz, jedoch unabhängig vom Problem der Opazität.

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erfüllt oder verletzt. Die epistemische Opazität des Systems lässt jedoch kein klares Urteil darüber zu, und damit befindet sich das System in einer anderen Bewertungskategorie als ein transparentes. Ähnlich wie unserem simplen Utilitaristen ist es natürlich auch der Kontraktualistin möglich, ihre Theorie durch stärkere Annahmen zu be­ fähigen, mit epistemisch opaken Systemen umzugehen. Zwei Strategien seien hier kurz skizziert. Zum einen können epistemisch opake Systeme grundsätzlich aus­ geschlossen werden, indem eine Transparenz- oder Nachvollziehbarkeits­ bedingung eingeführt wird. Diese Lösung ist insofern naheliegend, als sie innerhalb der Logik einer Theorie, deren Ausgangspunkt das rationale Urteil eines autonomen Akteurs ist, verbleibt. Die Schwierigkeit mit einer solchen Bedingung ist freilich, dass sie in der Praxis viele Informationsquellen aus­ schließt, und damit zur Folge hat, dass wenige Urteile gerechtfertigt werden können, während ein großer Teil interessanter Fragen in einer moralisch un­ entscheidbaren Kategorie eingeordnet wird. Eine alternative Strategie zur grundsätzlichen Zurückweisung opaker Prozeduren wäre es, auf der Ebene der Ausgabe des opaken epistemischen Systems anzusetzen, also beispielsweise diese Ausgabe auf ein Muster ethnischer Diskriminierung zu überprüfen. Pragmatisch scheint diese Strategie attraktiv, jedoch ist sie ebenfalls mit Schwierigkeiten behaftet. Unter anderem bietet sie keinen klaren Korrekturmechanismus an, scheint relevante Information zu verwerfen, und impliziert eine viel stärkere Gleichheits­ forderung, nämlich auf der Ebene von Ergebnissen statt nur prozeduraler Behandlung. Letzteres stellt insofern eine Schwierigkeit für die prozedurale Perspektive dar, als es wiederum eine Bewertung von Konsequenzen und deren Gleichheit oder Ungleichheit erfordern würde; das Verständnis von Fair­ ness wäre also in diesem Problembereich nicht mehr rein prozedural. Es sollte damit also klar sein, dass die epistemische Opazität von Informationsquellen erhebliche Anforderungen an prozedurale Theorien stellt, die auch drastische moralische Konsequenzen haben können. 4.

Zusammenfassung und Ausblick

In diesem Kapitel wurden mögliche Konsequenzen epistemischer Opazi­ tät auf praktisches Urteilen und damit für moralisches Handeln anhand der Beispiele komplexer Computersimulationsmodelle und künstlicher neuro­ naler Netze erörtert. Die beiden zentralen Argumente stützen sich (1) auf den Übergang von quantifizierten Risiken zu qualitativer Unsicherheit, und (2) die strukturellen Erfordernisse an prozedurale Rechtfertigungen, nämlich

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nachvollziehbar und fair zu sein, und deren begrenzte Erfüllbarkeit im Ange­ sicht opaker statistischer Algorithmen. Dabei handelt es sich in dreierlei Hinsicht um Spezialfälle, und um mög­ liche Verallgemeinerungen zumindest anzudeuten, möchte ich zum Abschluss das Thema in benachbarte Debatten einbetten. Einerseits stellt sich die Frage, inwiefern sich solche speziellen epistemologischen Begriffe wie Opazität aus weiteren normativ-ethischen Perspektiven betrachten lassen, mit wiederum anderen Konsequenzen. Was folgt beispielsweise für einen tugendethischen (Hursthouse 1999) Akteur, wenn epistemische Prozesse an Transparenz ver­ lieren? Auch für typische deontologische Theorien, wie den von Ross (1960) vorgeschlagenen, auf prima-facie-Pflichten basierenden Ansatz, ist eine Über­ prüfung der epistemischen Voraussetzungen und ihrer Kompatibilität mit neuen Erkenntniswerkzeugen angebracht. Zweitens schließt die Diskussion hier an die generellere Frage an, welche epistemischen Voraussetzungen Theorien der normativen Ethik besitzen, beziehungsweise welche Anforderungen sie an epistemische Prozesse stellen, um Teil einer praktischen Rechtfertigung einer Handlung sein zu können. Konsequentialistische Theoretiker ringen schon immer auch mit epistemischen Fragen, da die Anwendung konsequentialistischer Theorien immer die Vorhersage kontingenter Fakten erfordert. Aber auch eine paradigmatische deontologische Ethik wie die kantische erfordert eine Diskussion epistemischer Voraussetzungen und Möglichkeiten. Die Details hängen von der Interpretation ab (vgl. Birnbacher 2011), aber bei­ spielsweise beschränkt die verlangte Apriorizität strikt die Informationen, die in die moralische Urteilsbildung eingehen dürfen. Eine dritte Debatte, an die angeschlossen werden kann, ist die um die Rolle von nichtepistemischen Werten in der Wissenschaft (vgl. Douglas 2000). Eine zentrale Frage dieser Debatte ist, inwiefern nichtepistemische Werturteile vollständig aus der Wissenschaft entfernt und an – typischerweise demo­ kratisch legitimierte – Entscheidungsträger übergeben werden können. Betz (2013) argumentiert beispielsweise dafür, dass es möglich und richtig ist, alle Unsicherheit, die in der Klimaforschung besteht, an politische Entscheidungs­ träger zu kommunizieren und ihnen das endgültige praktische Urteil zu über­ lassen. Zusammen mit der hier vorgebrachten Argumentation würde das jedoch erfordern, dass die legitimen Entscheider auch die Methodenwahl in der Wissenschaft beeinflussen können, was üblicherweise als Domäne rein epistemischer Werturteile betrachtet wird. Hier besteht zweifellos weiterer Forschungsbedarf. Gerade im Kontext gesellschaftlicher, moralisch zu rechtfertigender Ent­ scheidungen hat die gewählte normative Theorie Konsequenzen für die akzeptablen epistemischen Prozesse, die eine Entscheidung unterstützen. Da

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das insbesondere auch die wissenschaftliche Politikberatung betrifft, sollten die theoretischen Ressourcen der Wissenschaftstheorie in diesen Fragen nutz­ bar gemacht werden. Als ein illustrierendes Beispiel ist das hier mit dem Be­ griff der epistemischen Opazität geschehen. Zuletzt sei noch angemerkt, dass sich jede Theorie der normativen Ethik, die Kritik an der Verwendung opaker technischer Erkenntniswerkzeuge übt, auch selbst der Frage aussetzen muss, inwiefern menschliche Urteilsprozesse nicht derselben Kritik ausgesetzt sind. Soll nicht willkürlich angenommen werden, dass menschliche Urteilsprozesse anderen Standards zu unterwerfen sind als nichtmenschliche, können sich für viele Theorien der normativen Ethik ana­ loge Probleme für menschliche Urteile ergeben. Implizite Abwägungsprozesse, wie sie gerade in der angewandten Ethik üblich sind (vgl. Beachaump/Childress 2009), sind nur ein Beispiel, dessen zentrale Rolle in der angewandten Bioethik jedoch das mögliche Ausmaß des Problems andeutet. Damit führt die Unter­ suchung der epistemischen Charakteristika computergestützter Methoden zurück zur menschlichen Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit, die sich durch die Linse gegenwärtiger wissenschaftstheoretischer Begriffe und Theorien aus einer neuen Perspektive darstellt. Literatur Ashford, E./Mulgan, T.: Contractualism. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Summer 2018 Edition), hg. von E. N. Zalta, 2018. URL = . Bailey, D. H./Borwein, J. M./Stodden, V.: Facilitating reproducibility in scientific com­ puting: Principles and Practices. In: Reproducibility: Principles, Problems, Practices hg. von Atmanspacher, H./Maasen, S., New York 2016, S. 205-232. Beachaump, T./Childress, J.: Principles of Biomedical Ethics (6th Edition), New York u. a. 2009. Betz, G.: In defence of the value free ideal. In: European Journal for Philosophy of Science 3, 2013, S. 207-220. Biran O./Cotton, C.: Explanation and justification in machine learning: A survey. In: IJCAI 2017 Workshop on Explainable Artificial Intelligence (XAI), 2017, S. 8-13. Birnbacher, D.: Analytische Einführung in die Ethik, Berlin/Boston 2011. Bossert, W./Pattanaik, P. K./Xu, Y.: Choice under complete uncertainty: axiomatic cha­ racterizations of some decision rules. In: Economic Theory 16, 2000, S. 295-312. Bovens, L./Hartmann, S.: Bayesian epistemology, Oxford 2003. Chouldechova, A.: Fair prediction with disparate impact: A study of bias in recidivism prediction instruments. In: Big data 5, 2017, S. 153-163.

Epistemische Intransparenz

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Patientenverfügung, Autonomie und Demenz. Reflexionen zur Interdisziplinarität in der Medizinethik Martina Schmidhuber 1.

Ein Plädoyer für den Blick über den Tellerrand der Medizin

In diversen Kommissionen rühmt man sich häufig mit der interdisziplinären Zusammensetzung der Mitglieder. Ethikberatung wird vor allem dann als besonders zielführend angesehen, wenn Expertinnen1 aus verschiedenen Disziplinen zusammenkommen: »Die Beratung besteht in der Betrachtung möglichst vieler relevanter Aspekte. Interdisziplinarität eines Beratungsgremiums ist dabei ein Garant dafür, dass die Beratung nicht einseitig ist.«2 Und wenn es um Fördergelder in der Wissenschaft geht, ist Interdisziplinarität nicht nur erwünscht, sondern wird sogar gefordert, wie etwa auf der Homepage der DFG zu lesen ist.3 Aber es gibt auch Ausnahmen: Die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland besteht zum Beispiel nur aus Medizinern4 – wo sind hier Ethikerinnen, Juristen und Psychologinnen, die die medizinische Perspektive erweitern?5 Freilich ist das interdisziplinäre Arbeiten stets eine Herausforderung: Spezifische Methoden, Ausgangspunkte, Überlegungen, Ergebnisse und letztlich das Selbstverständnis der je eigenen Wissenschaft müssen vor einem allgemein wissenschaftlichen Verstehenshorizont verständlich gemacht werden. Interdisziplinäres Arbeiten hat reflektiert und verantwortungsvoll zu erfolgen, um beispielsweise Grenzüberschreitungen zwischen den Disziplinen zu vermeiden oder um Ergebnisse aus anderen Wissenschaften und Disziplinen angemessen zu be- und verwerten.6

1  Ich wechsle, wie im Englischen üblich, männliche und weibliche Formen ab, wenn das Geschlecht keine inhaltliche Bedeutung hat. 2  Vieth, Einführung in die Angewandte Ethik, S. 29. 3  Vgl. https://www.dfg.de/dfg_profil/geschichte/foerderung_gestern_und_heute/aktuelle_stra tegie/index.html, Zugriff am 26.08.2019. 4  Vgl. https://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/STIKO/Mitgliedschaft/Mitglieder/mit glieder_node.html, Zugriff am 26.08.2019. 5  Ein Beispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit zum Thema Impfen ist die aktuelle Stellungnahme des Deutschen Ethikrates: Deutscher Ethikrat, Impfen als Pflicht? 6  Trawöger, Perspektiven, S. 53.

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_012

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Martina Schmidhuber

Dabei wäre das Zusammenarbeiten der verschiedenen Disziplinen eigentlich etwas »Natürliches«, die Einteilung in Disziplinen hingegen ist nichts Naturgegebenes, sondern künstlich hergestellt bzw. historisch entstanden.7 Spinoza, Leibniz und andere heute als große Philosophen angesehene Wissenschaftler waren Universalgelehrte. Inzwischen sind die einzelnen Disziplinen so sehr ausdifferenziert und spezialisiert, dass es schwer möglich ist, als einzelne Person in mehreren Disziplinen gleichzeitig wissenschaftlich redlich zu arbeiten. Aufgrund vieler Informationen, einer immensen Menge an Publikationen und der Schnelllebigkeit, die auch vor der Wissenschaft nicht Halt macht, ist eine Spezialisierung und damit auch gewisse Einseitigkeit in der eigenen Forschung geradezu unvermeidlich geworden. Jan-Hendrik Olbertz diagnostizierte bereits vor über 20 Jahren: In gewisser Weise ist es ein Dilemma: Einerseits verlangen die Ausdifferenzierung und Komplexität heutigen Wissens und die Arbeitsteilung ein angemessenes Ordnungssystem, andererseits zieht dieses Ordnungssystem dem Denken in Zusammenhängen und übergreifenden Bildungsperspektiven deutliche Grenzen.8

Im Folgenden soll jedoch nicht das Aussterben von Universalgelehrten beklagt werden. Vielmehr wird in den Blick genommen, wie das Zusammenarbeiten von Disziplinen trotz der großen Herausforderungen gegenwärtig und in Zukunft fruchtbar gemacht werden kann. Wenn sich schon die Einzelne redlicher Weise in ihrem eigenen Gebiet spezialisieren muss, scheint es besonders wichtig zu sein, dass die verschiedenen Spezialisten mit ihren jeweiligen Kompetenzen zusammenarbeiten. Im vorliegenden Beitrag soll der Gewinn einer solchen Zusammenarbeit am Beispiel des Einbeziehens anderer Disziplinen in Fragen der medizinischen Behandlung von Menschen mit Demenz gezeigt werden. Dieser Blick über den Tellerrand, der die Perspektive erweitern soll und Phänomene von verschiedenen Seiten betrachten lässt, wird hierbei als Interdisziplinarität bezeichnet. Freilich arbeiten in Kliniken bereits verschiedene Disziplinen zusammen: Neben den Medizinern sind es Pflegende, Psychologen, Sozialarbeiterinnen und Seelsorger, sowie Ergo- Physio- und Musiktherapeutinnen,9 die sich um die Patienten und ihre Angehörigen kümmern und aufgrund der unterschiedlichen Zugänge eine bestmögliche Versorgung auf allen Ebenen (physisch, 7  Vgl. Defila/DiGiulio, Interdisziplinarität und Disziplinarität, S. 111f. 8  Olbertz, Vorbemerkung, S. 8. 9  Vgl. dazu die Beiträge in Frewer et al., Demenz und Ethik in der Medizin, sowie die internationalen Demenzstrategien in Schmidhuber et al., Ethical Dimensions.

Patientenverfügung, Autonomie und Demenz

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psychisch, finanziell, spirituell) garantieren sollen. Im Folgenden wird jedoch versucht zu zeigen, dass es für Medizinerinnen lohnenswert ist, auch den Blick in Richtung Geistes- und Kulturwissenschaften, wie Philosophie und Soziologie, Literatur- und Filmwissenschaft, zu richten, um eine gute Behandlung von Menschen mit Demenz gewährleisten zu können. Die Medizinethik ist von vornherein ein interdisziplinäres Fach. In diesem Fach arbeiten Mediziner, Philosophinnen aber auch Psychologen, Public Health-Wissenschaftlerinnen und Juristen. Diese Interdisziplinarität ist ein großer Vorteil des Faches, zugleich aber auch eine Herausforderung. Oftmals ist bereits die Kommunikation wegen der unterschiedlichen Bedeutung ein und desselben Wortes in den verschiedenen Disziplinen problematisch.10 Findet man zwischen den Disziplinen aber eine gute Balance, kann der Austausch bereichernd und lösungsorientiert sein. Der vorliegende Beitrag ist aus Sicht einer Medizinethikerin geschrieben und greift deshalb einen kleinen Ausschnitt der ethisch relevanten Fragen im Kontext der Demenz auf. Zunächst wird erläutert, welche Rolle die Patientenverfügung für die Autonomie im Zustand der Demenz spielt und welche ethischen Fragen sich dabei stellen. Danach wird gezeigt, wie verschiedene Geistes- und Kulturwissenschaften bei diesen ethisch herausfordernden Fragen weiterhelfen und deshalb auch für Medizinerinnen in der Praxis relevant sein können. 2.

Die Patientenverfügung und ihre ethischen Herausforderungen bei Demenz

Im Rahmen der vorausschauenden Behandlungsplanung (Advance Care Planning – ACP11) gilt die Patientenverfügung als wichtiges Instrument. Diese ist in Deutschland seit 2009 rechtlich im Bürgerlichen Gesetzbuch (§ 1901a) verankert und gilt als gültig, wenn sie vom Verfasser unterschrieben wurde und auf die aktuelle Situation zutrifft. Die Situationen, für welche eine Patientenverfügung geschrieben wird, sind stets jene, in denen sich der Betroffene nicht mehr mitteilen kann und nicht mehr einwilligungs- und entscheidungsfähig ist, wenn es um medizinische Belange geht. Solange der Patient selbst verbal mitteilen kann, welcher Behandlung er zustimmt und welche er ablehnt, spielt die Patientenverfügung keine Rolle. Es geht also darum, sich im Vorhinein Gedanken zu machen, wie man am Ende seines Lebens behandelt oder eben nicht behandelt werden möchte und dies niederzuschreiben. Viele Menschen 10  Vgl. Trawöger, Perspektiven, S. 53-54. 11  Vgl. Coors et al., Advance Care Planning.

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können sich nicht vorstellen, »nur noch an Schläuchen zu hängen«. Diese Formulierung ist für eine Patientenverfügung allerdings zu unkonkret, weil an Schläuchen zu hängen auch ein Übergangsstadium zur Genesung sein kann. Damit eine Patientenverfügung wirklich hilfreich für das klinische Team ist und der Patientenwillen umgesetzt werden kann, ist es wesentlich, möglichst konkret zu formulieren, was man am Lebensende möchte bzw. nicht möchte. Bei einer Demenz tritt häufig der Fall ein, dass im letzten Stadium aufgrund des geschwächten Immunsystems eine Lungenentzündung auftritt und sich die Frage stellt, ob noch Antibiotika verabreicht werden sollen oder man das Sterben eines alten Menschen mit Demenz zulässt. Die Ablehnung von Antibiotika in einem solchen Fall kann in der Patientenverfügung formuliert werden und hilft auf diese Weise dem klinischen Team, im besten Interesse des Patienten zu handeln. Allerdings ist es nicht immer einfach, alle möglichen Situationen so zu antizipieren, dass die Patientenverfügung ein hilfreiches Instrument ist. Die Demenz ist eine zusätzliche Herausforderung, weil sich mehrere Fragen im Kontext der Patientenverfügung stellen, die nicht so einfach zu beantworten sind, wie im Folgenden gezeigt wird. Bei einem Menschen mit Demenz ist es besonders schwierig festzustellen, ob er noch einwilligungsfähig ist. Er kann sich häufig noch lange mitteilen, für sein Umfeld ist es aber meist nicht so klar, wie ernst man diese Aussagen noch nehmen kann. So kann die Tagesverfassung von Menschen mit Demenz stark schwanken – auch innerhalb eines Tages kann die Stimmung sehr unterschiedlich sein, von sehr gut gelaunt bis sehr traurig. Das bedeutet beispielsweise, dass einerseits ein Todeswunsch geäußert werden kann, andererseits, wenige Stunden später, gesagt wird, wie schön es ist, zu leben. So berichtet dies etwa Tilman Jens über seinen an einer Demenz erkrankten Vater Walter Jens. Einerseits soll er gesagt haben: »Meine Lieben, es ist Zeit zu gehen.« Andererseits habe er aber immer wieder bekundet, wie schön es sei, am Leben zu sein. Beides innerhalb kurzer Zeit.12 Aber auch wenn eine Patientenverfügung vorliegt, stellt sich die Frage, ob ein Mensch mit Demenz diese noch widerrufen kann, wenn er etwa – entgegen der Patientenverfügung – plötzlich wieder eine Form von Leichtigkeit und Lebensfreude zeigt, die er sich selbst nicht hätte vorstellen können, als er noch nicht erkrankt war. So wie Walter Jens, der plötzlich im Zustand der Demenz Tiere streichelte und sich an gutem Essen erfreuen konnte. Als er noch gesund war, wäre dies undenkbar gewesen. Viele Menschen denken, dass ein Leben mit Demenz nicht mehr lebenswert sein kann und lehnen in ihrer Patientenverfügung Maßnahmen zur Lebensverlängerung meist ab. Wie wohl 12  Vgl. Jens, Demenz.

Patientenverfügung, Autonomie und Demenz

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sich Menschen mit Demenz fühlen können, hängt aber auch ganz wesentlich von ihrem sozialen Umfeld ab. Wenn ein Mensch mit Demenz dann im Zustand der Demenz plötzlich doch wieder Lebensfreude zeigt und seine Freude am Leben auch immer wieder äußert, ist dies dann als Widerruf der Ablehnung lebensverlängernder Maßnahmen zu werten? Aus ethischer Sicht ist umstritten, wie damit umzugehen ist. Rechtlich allerdings sind Ärzte auf der sicheren Seite, wenn sie der Patientenverfügung folgen, weil der darin niedergeschriebene Wille als der autonome Wille gilt.13 Die Bundesärztekammer postuliert, dass »eine eindeutige Patientenverfügung den Arzt direkt bindet.«14 Die Patientenverfügung ist also durchaus ein sinnvolles Instrument, um sich im Vorhinein Gedanken zu machen. Allerdings ist es kein einfaches Unterfangen, Situationen für den Zustand der Demenz zu antizipieren und sich dann zu überlegen, wie medizinisch vorgegangen werden soll. Wer kann sich schon aus gesunder Sicht vorstellen, dass auch ein Leben mit Demenz lebenswert sein kann? Obwohl sich auch Walter Jens im Vorhinein ganz sicher war, dass er sterben wollen würde, wenn er nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte wäre, weil er sich stets als Intellektueller verstanden hat und sich ein gutes Leben ohne Schreiben und Lesen nicht vorstellen konnte, schien er dann doch noch Freude am Leben zu haben – allerdings auf eine vollkommen andere Art, die er und seine Familie sich nicht hätten vorstellen können. So berichtet Tilman Jens beim Anblick seines Vaters, der sich über die einfachen Dinge des Lebens wie ein kleines Kind freut: »Ich möchte weinen. Er aber fühlt sich wohl.«15 3.

Lebensqualität und Demenz – Literatur und Film als Zugänge

Um ein Leben mit Demenz, das medial oftmals sehr negativ dargestellt wird,16 auch aus einer anderen, positiveren Perspektive betrachten zu können, hilft es, Erfahrungsberichte von pflegenden Angehörigen zu lesen.17 Sie zeigen die vielen Ambivalenzen, die Menschen mit Demenz und auch sie selbst als Angehörige erleben. Deutlich wird: Es ist kein durchgehend schreckliches Leben 13  Vgl. dazu Jox et al., Natürlicher Wille, sowie die Dworkin-Dresser-Debatte in Schmidhuber, Grenzen der Patientenverfügung. 14  Bundesärztekammer, Hinweise und Empfehlungen, S. A2437. 15  Jens, Demenz, S. 141. 16   Vgl. z.B. https://www.bunte.de/stars/star-life/schicksalsgeschichten-der-stars/rudiassauer-er-kann-kaum-noch-sprechen-so-sehr-leidet-er-unter-der-demenz.html, Zugriff am 26.08.2019. 17  Vgl. z.B. Geiger, Der alte König; Zander-Schneider, Sind Sie meine Tochter?

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mit Demenz, vielmehr gibt es auch viele Momente, die man noch zusammen genießt und schätzt. Beispiele von Gabriela Zander-Schneider, die ihre demenzkranke Mutter pflegt, illustrieren, wie sehr es auf das Umfeld ankommt, damit sich Menschen mit Demenz wohlfühlen können: Mutter schält lächelnd die Kartoffeln, während ich mich anderen Vorbereitungen widmen kann. Im Hintergrund läuft das Radio und Mutter summt die Melodie richtig mit. Sie ist gut gelaunt. Sie schält und schält und schält. […] Mir tut es ja auch gut, sie mal wieder so unbeschwert und mit Spaß an einer Sache zu erleben.18

Ein weiteres Zitat, das eine Szene erzählt, in der die Mutter bereits im Heim ist, zeigt, wie wohl sich Menschen mit Demenz fühlen können, wenn sie das tun können, das ihnen wichtig ist: Eine Frau tanzt. Unsere Mutter. Mitten in dem großen Raum tanzt sie alleine zur Musik. Sie dreht sich im Kreis. Hält die Arme in die Luft und ist ganz in ihrem Element. Für einen ganz kurzen Augenblick erinnert sie uns an Zeiten, in denen sie bei irgendeinem der vielen Feste, die in unserem Elternhaus stattfanden, genauso getanzt hat.19

Auch Arno Geiger, der die Demenz seines Vaters miterlebt, beschreibt eindrücklich die Herausforderungen, Ängste, aber auch Freuden, die er erlebt: Es trifft mich immer unvorbereitet, wenn der Vater mit einer Sanftheit, die mir früher nicht an ihm aufgefallen war, seine Hand an die Wange legt, manchmal die Handfläche, sehr oft die Rückseite der Hand. Dann erfasse ich, dass ich nie enger mit ihm zusammensein werde als in diesem Augenblick.20

In all den Erfahrungsberichten wird eines stets deutlich: Nicht nur die Menschen mit Demenz sind Betroffene – sie sind primär Betroffene –, auch die (pflegenden) Angehörigen. Elmar Gräßel und Dirk Niefanger nennen sie deshalb »sekundär Betroffene«.21 Diese doppelte Betroffenheit gilt es in der medizinischen Behandlung zu berücksichtigen, in Gesprächen mit Patienten und Angehörigen.

18   Zander-Schneider, Sind Sie meine Tochter?, S. 174. 19   Zander-Schneider, Sind Sie meine Tochter?, S. 209f. 20  Geiger, Der alte König, S. 183. 21  Gräßel/Niefanger, Angehörige erzählen, S. 99-116.

Patientenverfügung, Autonomie und Demenz

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Bereits das Sich-Einlassen auf Lektüre, die nicht aus dem eigenen Fach kommt, ist eine Form der Interdisziplinarität, die in der Medizin helfen kann, verschiedene Perspektiven wahrzunehmen. Ein lediglich medizinisch orientiertes Überlegen, wie eine betroffene Person mit Demenz versorgt werden kann, ist zu kurz gegriffen. Literatur in Form von Erfahrungsberichten von Angehörigen, die erzählen, was sie noch als Lebensqualität der Personen, die sie betreuen, wahrnehmen, kombiniert mit den medizinischen Möglichkeiten, kann das Bild wesentlich erweitern. So wird ein Mensch mit Demenz, der sehr unruhig ist, nachts nicht schläft und tagsüber sehr müde ist, häufig mit Medikamenten versorgt, damit auch der Angehörige nachts schlafen kann und seine Nachtruhe nicht ständig gestört wird. Erfährt man aber in Berichten von Angehörigen, dass begleitete Spaziergänge tagsüber Wunder wirken können und plötzlich nachts geschlafen wird, lässt sich diese Situation bei vorhandenen zeitlichen Ressourcen der Betreuenden möglicherweise (fast) ohne Medikamente lösen. Mediziner könnten im Gespräch mit Angehörigen eruieren, was denn auf der nicht-medikamentösen Ebene für einen besseren Schlaf in der Nacht bereits versucht wurde und Empfehlungen in diese Richtung geben. Geht man noch einen Schritt weiter und zieht Literatur in Form von Romanen hinzu, ist meist die Zusammenarbeit mit Literaturwissenschaftlern erforderlich. Sie können interpretieren und erläutern, was fachfremden Personen vielleicht ein Rätsel bleibt. Durch den feinfühligen Zugang der Literatur wird ein »eigener Erkenntniszugang zur Wirklichkeit«22 geschaffen; zum sensiblen Thema Demenz können neue Perspektiven eröffnet werden, die bisher vielleicht noch nicht bedacht wurden.23 Während die medizinische Beschreibung der Symptome und des Verlaufs der Demenz wissenschaftlich und distanziert ist, kann Literatur die Gefühlswelt des primär und sekundär Betroffenen sowie deren Innenleben anschaulich beschreiben; auch die Herausforderungen in Alltag und Beziehungsleben kann Literatur deutlich vor Augen führen. So wird beispielsweise in Katharina Hackers Roman »Die Erdbeeren von Antons Mutter« die regelrechte Schneckeninvasion, von welcher die Erdbeeren zerfressen werden, vom Literaturwissenschaftler Alexander Schwieren als Metapher für den »Einbruch einer mehr oder weniger natürlichen Gewalt«24 gedeutet: 22  Wetzstein, Demenz als Ende der Personalität?, S. 190. 23  Vgl. dazu z.B. Vedder, Erzählen vom Zerfall, S. 274-289. 24  Schwieren, Lebendige Tote, S. 128.

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Martina Schmidhuber Wie sie aus dem Wald und sogar aus den umliegenden Gärten sich näherten, die nackten, roten Körper, schleimig glänzend, sie zogen sich und streckten sich rhythmisch und ohne Unterlaß, der Duft war es, der sie anlockte, auch von fern her, sie fraßen systematisch die Früchte an, eine nach der anderen.25

Schwieren konstatiert: »Der Kampf gegen die Invasion bringt alle Abwehrversuche, die in Hackers Roman der Demenz entgegengebracht werden, ins Bild.«26 Die Erdbeeren stehen für die Mutter, die Schnecken für die Demenz, deren Bekämpfung erfolglos bleibt. Auch Arno Geigers Mischung aus Biographie und Roman »Der alte König in seinem Exil« wird von Literaturwissenschaftlern analysiert und eröffnet auf diese Weise neue Perspektiven: Schließlich ergibt sich in fortgeschrittenen Stadien der Demenz ein manifestes sprachpraktisches Problem, das in seiner literarischen Ausgestaltung zuvörderst – so auch in Geigers Erzählung – als ein erzähltheoretisches Problem der Fokalisierung in Erscheinung tritt. […] Das demenzleidende ›Subjekt‹ kann sich nicht selbst bzw. kann nicht sein Selbst erzählen. […] Der Demenzleidende braucht jemanden, der für ihn spricht – einen Vermittler.27

Diese Vermittlerposition sieht Süwolto durchaus kritisch, weil sich »machtpolitische Implikationen zwischen Gesundheit und Krankheit, Rationalität und Irrationalität«28 zeigen. Die vorangegangenen Überlegungen machen deutlich, dass ein Zugang über die Angehörigen zu einem Menschen mit Demenz für Mediziner hilfreich sein kann, jedoch auch mit Vorsicht zu genießen ist, weil es eben nicht die Perspektive des primär Betroffenen ist, sondern jene des Vermittlers, auch wenn sie gut gemeint und von Sensibilität geprägt ist. Dies betrifft insbesondere ärztliche Gespräche mit den Angehörigen über das Befinden und den Zustand des Menschen mit Demenz, den sie betreuen. Ein gezieltes Nachfragen bei Unsicherheiten, wie es dem Menschen mit Demenz wirklich geht, scheint deshalb sinnvoll. Zudem ist es geboten, den primär Betroffenen selbst ins Gespräch einzubeziehen – so lange wie möglich. Auch Filme können einen Zugang zur Innenperspektive eines Menschen mit Demenz verschaffen. So kann auch ein »Mainstream-Film« wie Til Schweigers »Honig im Kopf« aufgrund einiger Szenen inspirieren und Möglichkeiten zur

25  Hacker, Die Erdbeeren von Antons Mutter, S. 152. 26  Schwieren, Lebendige Tote, S. 129. 27  Süwolto, Da mein Vater nicht mehr über die Brücke, S. 73. 28  Ebd., S. 87.

Patientenverfügung, Autonomie und Demenz

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Integration von Menschen mit Demenz in die Gesellschaft aufzeigen.29 Holzhauser und ihre Mitautoren kritisieren zwar, dass in den meisten Spielfilmen eine »Hochglanz-Variante« von Demenz dargestellt wird: »Körperliche Pflege im engeren Sinne und die nötige intensive Betreuung auch im sozialen Kontext bleiben auf diese Weise meist außen vor.«30 Dennoch können Medizinerinnen Filme als Zugang zu Ängsten und Sorgen von Angehörigen nutzen resp. sie dadurch besser verstehen, sich aber auch Anregungen holen, was (noch) als Lebensqualität empfunden werden könnte. Dass in Spielfilmen nicht alles realistisch ist, muss dabei freilich berücksichtigt werden. Es könnte helfen, wenn der Arzt die Patientin bereits beim Verfassen der Patientenverfügung unterstützt und mit ihr den Blick über den Tellerrand wagt. So wäre es denkbar, sich konkrete Beispiele anzuschauen, was Demenz neben dem Gedächtnisverlust und der Verlust der Eigenständigkeit noch sein kann und ob sich sogar noch Formen der Autonomie zeigen können, wenn man diese denn fördert. Auf diese Weise läuft man nicht Gefahr, bei Empfehlungen zum Verfassen der Patientenverfügung nur das Negative an der Erkrankung zu vermitteln. Die durch Film und Literatur erweiterte Perspektive lässt es zu, die Verfasserin der Patientenverfügung auch darauf hinzuweisen, dass Menschen mit Demenz in einem angenehmen, ihnen entgegenkommenden Umfeld, durchaus zufrieden sein können.31 4.

Autonomie bei Demenz – Überlegungen aus der Philosophie

Eng mit der Patientenverfügung ist die Autonomie verbunden, welche ja gerade mittels der Patientenverfügung trotz mangelnder Fähigkeit, sich verbal mitzuteilen, quasi konserviert werden soll. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, was denn Autonomie bei Menschen mit Demenz (noch) bedeuten kann. Konsultiert man Ratgeber aus der Medizin, wird konstatiert, dass die Alzheimer-Demenz zu einer Abnahme der Fähigkeit führt, Entscheidungen 29  Vgl. dazu die ausführlichen Beiträge von Holzhauser et al., Menschen mit Demenz im Spielfilm, S. 187-222; Schweda/Frebel, Wie ist es, dement zu sein?, S. 47-57. 30  Holzhauser et al., Menschen mit Demenz im Spielfilm, S. 214. 31  Dies zeigen auch Interviewstudien mit Menschen mit Demenz, z.B. eine Studie in einer Pflegeeinrichtung mit Menschen mit Demenz in Norwegen: Johannessen et al., To be or not to be, S. 7: »Nobody here says that I have to control myself. Luckily. For the whole world outside does that.«; »It is so essential to be myself, for in my life outside I used so much energy to try, in a way, to appear as normal as possible. It always failed.« Vgl. weiterführend zur Darstellung von Demenz in Medien auch Swinnen/Schweda, Popularizing Dementia.

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zu treffen.32 Wagt man einen Blick in die Philosophie, zeigt sich aber, dass es viele Formen und Abstufungen von Autonomie und Entscheidungen gibt. Die Philosophie kann hier die Perspektive erweitern, indem man den Ertrag der Autonomie-Konzepte aus dieser Disziplin analysiert. Dabei zeigt sich, dass reflexive Modelle, wie jenes nach Harry Frankfurt,33 wenig hilfreich sind, weil das Reflexionsvermögen, das dafür nötig ist, immer stärker schwindet. Es muss also darum gehen, Autonomie anders zu denken. In Anlehnung an Feinberg34 kann man in der graduellen und der lokalen Autonomie einen vielversprechenden Ansatz für den praktischen Umgang sehen. Sie nimmt in Graden ab, was bedeutet, dass sie keine Alles-oder-Nichts-Fähigkeit ist. Verheerend wäre es für das Autonomie-Verständnis von Personen mit Demenz, davon auszugehen, dass mit der Diagnose Demenz Autonomie gleich vollkommen verschwindet und von nun an alle Entscheidungen von anderen getroffen werden müssen. Das würde zu einer Paternalisierung des Menschen mit Demenz führen, der trotz dieser Diagnose noch auf gewisse Art und Weise autonom bleibt. Vielmehr ist es so, dass Autonomie in Graden und in ihrem Umfang abnimmt, so wie sie bei Kindern in Graden zunimmt. So können die meisten Menschen im mittelschweren Stadium der Demenz nicht mehr entscheiden, ob sie an einer klinischen Studie teilnehmen möchten, weil sie die Tragweite nicht mehr verstehen. Sie können aber meistens noch entscheiden, ob sie sich von einem Arzt bei Bauchschmerzen den Bauch abtasten lassen wollen, weil dies nachvollziehbarer ist. Lokale Autonomie bedeutet, in Anlehnung an Feinbergs Begrifflichkeit, dass Menschen mit Demenz nicht in allen Bereichen ihres Lebens autonom sind, sondern nur in bestimmten. Sie können sehr lange entscheiden, was sie essen möchten und welcher Tätigkeit sie nachgehen wollen. Entscheidungsautonomie fehlt hingegen bei der Einschätzung der eigenen Fahrtüchtigkeit. Im Übrigen betrifft dies auch kognitiv gesunde Menschen, auch sie sind nicht in allen Bereichen ihres Lebens autonom. Manchmal fehlt die Kompetenz, manchmal die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen.35 Ein weiterer Zugang aus der Philosophie, welcher die Perspektive erweitert, kommt aus der feministischen Philosophie. Von feministischer Seite wird moniert, dass die meisten Autonomie-Theorien zu rationalistisch und individualistisch sind und a-rationale Elemente sowie Relationalität nicht hinreichend berücksichtigen. Personen sind nicht nur rationale Wesen, 32  Vgl. z.B. Krämer/Förstl, Alzheimer und andere Demenzformen, S. 12. 33  Vgl. Frankfurt, Freedom of the will, S. 5-20. 34  Vgl. Feinberg, Harm to Self, S. 46. 35  Vgl. auch Schmidhuber, Der Stellenwert von Autonomie.

Patientenverfügung, Autonomie und Demenz

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sondern haben auch eine emotionale, körperliche, kreative und imaginative Komponente und sie befinden sich in Beziehungen zu anderen, sind sozial eingebettet.36 Autonomie kann deshalb nicht bedeuten, in völliger Unabhängigkeit von anderen auf rationale Weise seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Personen sind auf andere angewiesen und müssen anderen auch vertrauen können.37 Das zeigt sich deutlich am Beispiel der Patientenverfügung, die von anderen interpretiert und umgesetzt werden muss. Man ist also auf andere angewiesen und muss ihnen vertrauen. Die Patientenverfügung als Allheilmittel zur Selbstbestimmung bis zum Lebensende ist deshalb eine Illusion. Vielmehr ist sie ein wichtiges Instrument zur Orientierung für andere und kann bei der Umsetzung der eigenen Wünsche und Vorstellungen am Lebensende helfen. Alle möglichen eintretenden Situationen kann man ohnehin nicht antizipieren, wie dies bereits oben am Beispiel von Walter Jens deutlich wurde. Es kann immer ein Zustand eintreten, den man sich nicht vorstellen konnte, in welchem dann die anderen, im besten Fall ein Bevollmächtigter, den man ernannt hat, entscheiden müssen. Autonomie ist so verstanden eigentlich immer relationale Autonomie, im Sinne des In-Beziehung-Seins mit anderen, wie auch Heiner Bielefeldt betont: »Besonders deutlich wird dies in Situationen erhöhter Vulnerabilität, etwa bei Behinderung, im Falle schwerer Erkrankung, im hohen Alter oder am Lebensende.«38 Die ressourcenorientierte Pflege lässt sich als praktische Umsetzung des relationalen Autonomiekonzeptes mit dem graduellen und lokalen Ansatz verstehen. Menschen sollen das, was sie noch selbst können, auch tun; unterstützt wird nur dann, wenn dies auch wirklich notwendig ist, damit die noch vorhandenen Fähigkeiten nicht zu schnell verloren gehen, sondern gefördert und aufrechterhalten werden. Das entspricht der Umsetzung der graduellen und lokalen Autonomie gepaart mit relationaler Autonomie.39 Auf dem schmalen Grat zwischen Förderung und Überforderung von Menschen mit Demenz bewegt man sich freilich immer. Die Philosophie bietet aber eine gute 36  Vgl. Mackenzie/Stoljar, Relational Autonomy. 37  Vgl. O‘Neill, Autonomy and Trust in Bioethics, S. 24. 38  Bielefeldt, Menschenrechte und Autonomie am Lebensende, S. 58. 39  Es sei noch erwähnt, dass trotz weitgehender Übereinstimmung, die Begriffe »Autonomie« und »Selbstbestimmung« synonym zu verwenden, manche Philosophen argumentieren, dass diese unbedingt unterschieden werden müssen. Diesem Verständnis nach bleibt der Mensch immer autonom als von anderen abgegrenztes Wesen. Selbstbestimmung hingegen ist die Umsetzung von Autonomie, die jedoch stets relational zu verstehen ist. Diese Überlegungen haben Folgen für das Autonomieverständnis bei Menschen mit Demenz: »Auch wenn der Mensch sein Selbstbestimmungsrecht aus kontingenten Gründen nicht in Anspruch nimmt oder nehmen kann, bleibt er unverändert autonom […].« Vgl. Beckmann, Autonomie und Selbstbestimmung, S. 35.

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Reflexionsfläche für die pflegerische Praxis, die Umsetzung bleibt eine Herausforderung und erfordert hohe Sensibilität der Pflegenden. Immer sollten aber auch, wenn es um Menschen in vulnerablen Situationen geht, die Menschenrechte in den Blick genommen werden. Einige Autoren, u.a. Katja Stoppenbrink, argumentieren, dass die UN-Behindertenrechtskonvention hilfreich für einen guten Umgang mit von Demenz betroffenen Menschen sein kann: Diese These hat als normative Vorannahme sowohl in rechtlicher als auch in moralischer Hinsicht, dass eine Menschenrechtsperspektive auf Menschen mit Demenz eingenommen werden sollte, um deren Interessen und Bedürfnisse adäquat zu erfassen bzw. diesen in angemessener Weise gerecht werden zu können.40

Konkret bedeutet dies, dass es genau das zu fördern gilt, was auch für Menschen mit Behinderung postuliert wird: Insbesondere Selbstbestimmung im täglichen Leben und in Beziehung zu unterstützen (relationale Autonomie) sowie die Integration von Menschen mit Demenz in die Gesellschaft (community-based living) zu fördern.41 Demenz wird in diesem Sinne nicht als Krankheit aufgefasst, sondern als chronische Funktionseinschränkung, mit der der Betroffene leben muss. Auch das ist eine Perspektive, die beim Verfassen einer Patientenverfügung berücksichtigt werden und deshalb in die Beratung bei der Erstellung mit einfließen sollte. Der Verfasser einer Patientenverfügung sollte sich fragen: Wie kann ich mir ein Leben mit Demenz gut vorstellen? Denn Demenz bedeutet nicht das Lebensende, sondern dass das Leben völlig anders sein wird. Ist es für mich denkbar, in einem Demenzdorf zu leben, damit das individuelle Gefühl von Selbstständigkeit länger erhalten bleibt?42 Ist mir Bewegung wichtig, sodass ich damit leben kann, mittels GPS geortet zu werden, falls ich mich in meiner demenziell bedingten Orientierungslosigkeit verlaufe? In einer Patientenverfügung kann es um so viel mehr gehen als um Therapiebegrenzung. Die Vorstellungen eines guten Lebens mit Demenz zu antizipieren und zu erfahren, welche Möglichkeiten es gibt, ist eine wichtige Ergänzung, die später helfen 40  Stoppenbrink, Zwischen allen Stühlen, S. 65. 41  Vgl. ebd., S. 85-91. 42   Demenzdörfer sind weitläufige, eingezäunte, dorfähnliche Bereiche, in denen sich Menschen mit Demenz frei bewegen können und dennoch betreut werden. Demenzdörfer sind jedoch Gegenstand ethischer Debatten, weil sich die Frage stellt, ob Menschen mit Demenz eine Scheinwelt vorgegaukelt wird und ob es zielführend ist, Menschen mit Demenz zu »ghettoisieren«, anstatt sie in die Gesellschaft zu integrieren. Vgl. dazu Schmidhuber, Demenzdörfer, S. 47f.

Patientenverfügung, Autonomie und Demenz

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kann, wenn es erforderlich ist, Entscheidungen zu treffen. Wesentlich ist, dass auch das klinische Personal diese Optionen vor Augen hat. 5.

Demenz ist keine Krankheit? Soziologische und interkulturelle Perspektiven

Auch der Blick in die Soziologie mag hilfreich sein, wenn etwa Reimer Gronemeyer dafür plädiert, Demenz nicht als Krankheit zu sehen, sondern sich den sozialen Herausforderungen der Demenz zu stellen und Lösungen zu finden. Gronemeyer kritisiert aufs Schärfste, »dass Gelder von der Biomedizin aufgesaugt werden können, und gleichzeitig der Frage nach den sozialen Dimensionen der Demenz weiterhin keine Aufmerksamkeit gewidmet werden muss«.43 Er plädiert dafür, die Demenz als einen Teil des Altwerdens zu begreifen, der nicht bekämpft werden muss.44 Stattdessen müsste seiner Ansicht nach unsere schnelllebige Welt, die viele ältere und alte Menschen überfordert, gastfreundlicher gestaltet werden.45 Mit diesen Thesen stellt er sich gegen die Medikalisierung des Alters. Dass man nicht mit Gronemeyer übereinstimmen muss und etwas als Krankheit zu benennen auch Vorteile haben kann, etwa krankheitsgerechtes im Sinne von rücksichtsvollerem Verhalten des sozialen Umfelds und dadurch auch nicht-medikamentöse Interventionen ermöglicht werden können, liegt auf der Hand. Allerdings sind seine Überlegungen, dass möglicherweise zu rasch Medikamente verabreicht werden und dass wir sehr schnell etwas als Krankheit bezeichnen und zu einem Thema der Medizin machen – also medikalisieren –, nicht ganz von der Hand zu weisen und durchaus bedenkenswert. In der Medizinethik wird auch darüber diskutiert, was denn überhaupt als gesund und krank anzusehen ist, inwieweit die subjektive Wahrnehmung eine Rolle spielen soll, etc.46 Das wiederum hat weitreichende Folgen, etwa für die Frage, welche Leistungen über das solidarische Gesundheitssystem finanziert werden sollen.47 Demenz nicht als Krankheit anzuerkennen, hätte also durchaus auch negative Konsequenzen für die Betroffenen. Sich mit diesen kritischen Fragen von Seiten der Soziologie und Philosophie auseinandersetzen, kann jedoch im täglichen Umgang mit Menschen mit Demenz im medizinischen Kontext sensibilisieren. 43  Gronemeyer, Das 4. Lebensalter, S. 43. 44  Vgl. Gronemeyer, Das 4. Lebensalter, S. 255. 45  Vgl. ebd., S. 260. 46  Vgl. auch Schmidhuber, Ambivalenzen der Medikalisierung, S. 195-213. 47  Vgl. dazu z.B. Friedrich, Rechtfertigung solidarischer Gesundheitsversorgung.

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Im Zusammenhang mit der Frage, ob Demenz eine Krankheit ist, erscheint es für medizinisches Personal wesentlich zu wissen, dass dies je nach Kultur sehr unterschiedlich gesehen werden kann. Türkischstämmige Menschen etwa tendieren dazu, Demenz tatsächlich nicht als Krankheit, sondern als normalen Altersprozess zu sehen.48 Um diese unterschiedlichen Sichtweisen im ArztPatienten-Angehörigen-Gespräch konstruktiv aufgreifen zu können, bedarf es besonderer Sensibilität und interkultureller Kompetenz. Auch noch über die unterschiedlichen kulturellen Zugänge zu Demenz informiert zu sein und damit adäquat umzugehen, ist freilich ein hoher Anspruch an das klinische Personal. Allerdings ist dies unabdingbar, um der Einwanderungsgesellschaft Rechnung zu tragen. Kompetenz bedeutet nicht lediglich, etwas über einen bestimmten Bereich zu wissen, sondern impliziert kognitive und meta-kognitive Fertigkeiten, Wissen und Verständnis, intellektuelle und praktische Fertigkeiten sowie die Berücksichtigung ethischer Werte. Zusammengefasst sind es im Wesentlichen drei Ebenen, die jemanden zu einer kompetenten Person in einem bestimmten Bereich machen: Wissen, Haltung und Handlung. Diese drei Ebenen dürfen aber nicht lediglich nebeneinanderstehen, sondern müssen vernetzt sein,49 wie das folgende Beispiel veranschaulicht: Wenn eine türkischstämmige Frau mit ihrem 70 Jahre alten Ehemann zum Arzt kommt, weil er seit einigen Monaten orientierungslos wirkt und nicht mehr gut durchschlafen kann, liegt es nahe, an eine Demenz zu denken. Mit dem Wissen (Ebene 1), dass türkischstämmige Menschen Demenz als Krankheit tendenziell tabuisieren, wäre eine vorsichtige Gesprächsführung wichtig, in der Fragen gestellt werden, was besonders belastet, was sie sich für ihren Mann wünscht und auch die Frage an ihn zu stellen, was er sich wünscht. Mit dieser respektvollen Haltung (Ebene 2), mit welcher man dem Gegenüber signalisiert, dass man seinen Zugang ernst nimmt, kommt man im besten Fall zu einer für alle zufriedenstellenden Handlung (Ebene 3). Das könnten im frühen Stadium der Demenz nicht-medikamentöse Therapien sein, sodass die vorhandenen Fähigkeiten des Betroffenen länger erhalten bleiben, und es kann auch zur Überlegung führen, eine Patientenverfügung zu verfassen. Weiterhin ist es wesentlich zu wissen, dass Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund manchmal dazu neigen, ärztlich indizierten Behandlungsbegrenzungen nicht zuzustimmen, auch wenn die Nutzlosigkeit der in Frage stehenden Therapie deutlich dargelegt werden kann. So wird in deutschsprachigen Ländern üblicherweise bei fortgeschrittener Demenz 48  Vgl. Tezcan-Güntekin, Demenzerkrankungen, S. 223. 49  Vgl. Schirilla, Interkulturelle Kompetenz, S. 40.

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keine PEG-Sonde50 mehr gelegt, weil dies eine Lebensverlängerung wäre, während welcher der Patient ohnehin nur noch im Bett liegen würde und vermutlich keine Lebensqualität mehr vorhanden wäre. Vielmehr achtet man im fortgeschrittenen Stadium der Demenz, in dem der Betroffene nicht mehr schlucken und deshalb auch nicht mehr oral ernährt werden kann, auf eine umfassende palliative Versorgung, um ein gutes Lebensende zu ermöglichen: Es gibt keine Evidenz dafür, dass eine PEG im Allgemeinen irgendeines der angestrebten Behandlungsziele erreicht. Falsche Hoffnungen und Vorstellungen bei Angehörigen und Betreuern müssen korrigiert werden. […] Die entscheidende Frage bei der Behandlung von Patienten mit fortgeschrittener Demenz sollte nicht sein »PEG oder nicht PEG?«, sondern: Welche Präferenzen stehen in dem Lebenskonzept der jeweiligen Patienten im Vordergrund und bekommt er eine entsprechende palliative Behandlung (ausreichende Lagerung, Pflege, Nähe von Vertrauenspersonen etc.)?51

Trotz der deutlichen empirischen Belege kann es sein, dass Personen aus einem anderen kulturellen Umfeld nicht nachvollziehen können, warum keine PEG gelegt werden soll, und dass der Wunsch, alles medizinisch Mögliche zu tun, sogar in der Patientenverfügung niedergeschrieben wird. Auch hier bedarf es interkultureller Kompetenz im oben genannten Sinne. Wissen muss man, dass die Patientenautonomie zwar in unserer westlichen Kultur ein besonders hohes Gut ist, dies aber nicht für alle Kulturen gilt. Vielmehr steht beispielsweise die Familiensolidarität an vorderster Stelle und es wird gemeinsam entschieden. Im Falle der Nicht-Einwilligungsfähigkeit, wenn sich der Patient wie im Fall der Demenz nicht mehr mitteilen kann, sehen es Angehörige im Sinne der Familiensolidarität oftmals als ihre Pflicht an, alles medizinisch Mögliche für den Betroffenen zu fordern. 6.

Weiterführende Überlegungen und Schluss

Der hier vorgebrachte Vorschlag, Theorien, Überlegungen und Begriffe aus geisteswissenschaftlichen Disziplinen in die Medizin einfließen zu lassen, bedeutet nicht, dass Mediziner ihr ganzes Denken und Handeln umkrempeln sollten. Es geht darum – wie eingangs postuliert – über den Tellerrand zu blicken, eine Reflexionsfläche zu schaffen und möglicherweise »zementierte« Annahmen neu zu überdenken. Umgekehrt ist es freilich genauso erforderlich, 50  Die PEG ist eine perkutane endoskopische Gastrostomie, d.h. eine Sonde direkt durch die Bauchdecke, mittels welcher der Patient künstlich ernährt wird. 51  Synofzik, PEG-Ernährung, S. 427.

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dass sich Literatur- und Filmwissenschaftlerinnen, Philosophen und Soziologinnen mit den medizinischen Fakten zur Demenz befassen, um im Rahmen ihrer Disziplin überhaupt etwas Fruchtbares erarbeiten zu können. Wie kann nun der postulierte interdisziplinäre Austausch in der Praxis konkret vonstattengehen? Sowohl interdisziplinäre Arbeitsgruppen, die sich mit einem Thema beschäftigen, als auch Fortbildungen und Kongresse, bei denen verschiedene Disziplinen ins Gespräch kommen, können hilfreich sein. Eine wesentliche Voraussetzung ist dabei freilich die Offenheit aller Teilnehmenden gegenüber anderen Disziplinen. Denken Vertreter einer Disziplin, sie hätten es nicht nötig, sich mit »weichen« Wissenschaften auseinanderzusetzen, kann das »Projekt Interdisziplinarität« von vornherein als gescheitert betrachtet werden. Ist diese wichtige Voraussetzung aber gegeben, besteht die Herausforderung u.a. darin, sich sprachlich anzunähern. Verschiedene Disziplinen pflegen verschiedene Jargons. Um von allen verstanden zu werden – was die Voraussetzung für ein interdisziplinäres Gespräch ist – müssen alle so allgemeinverständlich sprechen, wie sie es zu Hause am Küchentisch täten und Fachbegriffe, die sich nicht vermeiden lassen, definieren. Zusammenfassend sind es die Offenheit gegenüber dem, was andere Disziplinen zu sagen haben, das allgemeinverständliche Sprechen und das Definieren von Begriffen, was den Weg zur interdisziplinären Zusammenarbeit bereitet. Und mit einem langen Atem darf man sich über die Früchte der Synergien freuen: neue Blickwinkel und neue Erkenntnisse im eigenen Fach. Literatur Beckmann, J.P.: Autonomie und Selbstbestimmung auch am Lebensende. Überlegungen aus ethischer Sicht. In: Autonomie und Menschenrechte am Lebensende. Grundlagen, Erfahrungen, Reflexionen aus der Praxis, hg. von C. Welsh/C. Ostgathe/ A. Frewer/H. Bielefeldt. Bielefeld 2017, S. 27-43. Bielefeldt, H.: Menschenrechte und Autonomie am Lebensende. Perspektive der internationalen Menschenrechte. In: Autonomie und Menschenrechte am Lebensende. Grundlagen, Erfahrungen, Reflexionen aus der Praxis, hg. von C. Welsh/C. Ostgathe/ A. Frewer/H. Bielefeldt. Bielefeld 2017, S. 45-66. Bundesärztekammer: Hinweise und Empfehlungen zum Umgang mit Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen im ärztlichen Alltag. In: Deutsches Ärzteblatt 115, 2018, S. A2434-A2441. Coors, M./Jox, R.J./in der Schmitten, J.: Advance Care Planning. Von der Patientenverfügung zur gesundheitlichen Vorausplanung, Stuttgart 2015.

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Teil III Wissenschaft und Gesellschaft

Wissenschaft und postfaktisches Denken Katrin Götz-Votteler und Simone Hespers 1.

Zur Aktualität des Postfaktischen

Im September 2016 konzedierte Bundeskanzlerin Angela Merkel: »Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten.«1, und die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) wählte »postfaktisch« drei Monate später zum Wort des Jahres. Auch das englische Pendant post-truth schaffte es zeitgleich zum Word of the Year.2 Die Bedeutung dieses Schlagworts wird von der GfdS wie folgt beschrieben: Das Kunstwort postfaktisch verweist darauf, dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt zum Erfolg.3

Folgt man dieser Definition, so hat sich in den letzten Jahren eine gesellschaftliche Entwicklung vollzogen, im Zuge derer in erster Linie Gefühle und Stimmungen als Grundlage für Entscheidungen und die eigene Meinungsbildung herangezogen werden. Für diejenigen, die etwas kommunizieren wollen, kommt es in dieser Situation darauf an, die zur eigenen Intention passende Stimmung bei den Rezipient·innen zu treffen. Dabei spielt der Wahrheitsgehalt der getätigten Aussagen eine untergeordnete Rolle; Fakten können auch mal ignoriert werden, wenn sie nicht ins Bild passen. Diese Fokussierung auf Stimmungen statt Fakten bildet damit den Rahmen für drei Phänomene, die ebenfalls in der jüngsten Vergangenheit zunehmend Beachtung erfuhren: Fake News, Verschwörungstheorien und so genannte »alternative Fakten«. Begriff und Konzept der Fake News sind spätestens seit dem US-Wahlkampf 2016 und der Brexit-Kampagne im selben Jahr im politischen Alltag angekommen. Gleichzeitig scheint auf politischer Ebene das unreflektierte Übernehmen von und Festhalten an Verschwörungstheorien Normalität geworden 1  Zitat aus einer Rede während eines Empfangs der Mitglieder des Wissenschaftsrats. Der komplette Wortlaut der Rede ist abrufbar unter https://www.bundesregierung.de/breg-de/ service/bulletin/rede-von-bundeskanzlerin-dr-angela-merkel-799382. 2  Siehe https://gfds.de/wort-des-jahres-2016/; https://languages.oup.com/word-of-the-year/ word-of-the-year-2016. 3  https://gfds.de/wort-des-jahres-2016/.

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_013

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Katrin Götz-Votteler und Simone Hespers

zu sein, wie Äußerungen von Politiker∙innen zum »Klimaschwindel« oder zur »Lügenpresse« zeigen. Ebenso ist die Verbreitung von alternativen Fakten offenbar salonfähig geworden: Öffentlich werden Angaben geäußert oder publiziert und als Tatsachen ausgegeben, bei denen aufgrund der Sach- und Informationslage davon auszugehen ist, dass sie nicht oder nur teilweise zutreffen. Ein Ende dieser Entwicklung ist momentan nicht in Sicht: Auf politischer Ebene zeichnet sich nicht ab, dass Politiker·innen, deren Handlungen und Äußerungen als stimmungsgetrieben charakterisiert werden können und die in diesem Zusammenhang auch Gerüchte, Fehlinformationen, verzerrte oder sogar unwahre Aussagen kommunizieren, mit Konsequenzen rechnen müssten, im Gegenteil: Donald Trump scheint trotz regelmäßiger emotional aufgeladener Tweets von zweifelhaftem Inhalt gute Chancen auf eine zweite Amtszeit zu haben, Boris Johnson wurde trotz offensichtlicher Fehlinformationen während der Brexit-Kampagne 2016 im Juli 2019 von den Mitgliedern seiner Partei zum Nachfolger Theresa Mays als britischer Premierminister gewählt, und hierzulande verzeichnet die Alternative für Deutschland (AfD) mit ihren auf Stimmungen und Gefühlen basierenden Wahlkampagnen stetig Erfolge. Darüber hinaus schreitet die technische Entwicklung zur Erstellung digitaler Inhalte unaufhaltsam voran: Die so genannte »Deepfake-Technik« macht es möglich, mithilfe Künstlicher Intelligenz Videos oder Bilder unaufwändig und höchst überzeugend herzustellen; auf diese Weise kann beispielsweise ein Video entstehen, das Politiker∙innen Dinge sagen lässt, die sie in Realität nie geäußert haben. Das hohe technische Niveau macht es zunehmend schwerer, solche Fakes als Täuschung zu entlarven. Über das Internet und insbesondere soziale Netzwerke können diese schnell an eine breite Öffentlichkeit gebracht werden.4 So können Täuschungen, die auf bestimmte Stimmungen und Gefühle der Rezipient·innen abzielen, eine ganz neue Qualität und Wirkung entfalten. Die möglichen gesellschaftlichen Konsequenzen dieser Entwicklungen sind gravierend: Wenn subjektive Eindrücke und daraus resultierende Gefühlslagen für Meinungsbildung und Entscheidungsfindung ausschlaggebend sind, reüssieren letztendlich diejenigen, die bestimmte Sentiments am geschicktesten bedienen. Macht man sich bewusst, dass die Bedeutung von Fakten und stichhaltiger Argumentation gleichzeitig abnimmt und dass die kritische Reflexion unterschiedlicher Perspektiven nur mehr eine untergeordnete Rolle spielt, so wird deutlich, dass hier die Basis moderner Wissenserzeugung erschüttert 4  Chesney/Citron, Deepfakes; Dodgson, Face-swap; Hurtz, Perfekte Illusion.

Wissenschaft und postfaktisches Denken

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wird. Insofern stellen Phänomene des Postfaktischen auch einen Angriff auf wissenschaftliche Denk- und Vorgehensweisen dar. Daher ist es nur folgerichtig, dass Fake News, Verschwörungstheorien und alternative Fakten auch Gegenstand wissenschaftlicher Analyse und Diskussion geworden sind. Es handelt sich dabei um genuin interdisziplinäre Forschungsgegenstände, deren Wesen und Implikationen aus unterschiedlichen fachlichen Richtungen zu untersuchen sind. Hier nur eine Auswahl wissenschaftlicher Disziplinen und ihrer möglichen Erkenntnisinteressen:5 − Medienwissenschaften: mediale Verbreitungswege und Faktoren der Aufmerksamkeitsökonomie, die entsprechende Meldungen und Inhalte begünstigen; − Soziologie und Politikwissenschaften: gesellschaftliche und politische Voraussetzungen für diese Entwicklungen und deren Konsequenzen; − Bild- und Sprachwissenschaften: visuelle und sprachliche Mechanismen, die die Akzeptanz dieser Phänomene erleichtern; − Psychologie: psychologische Faktoren, die sowohl die positive Rezeption als auch die Weitergabe postfaktischer Denk- und Erklärungsmuster, wie z.B. Verschwörungstheorien oder »gefühlte Wahrheiten«, ermöglichen; − Philosophie: Analyse der Wahrheitsbegriffe und -konzepte, die diesen Entwicklungen zugrunde liegen. − Computerwissenschaften: technische Voraussetzungen und Möglichkeiten zur Schaffung und Verbreitung von Fake News. Im Folgenden möchten wir uns dem Verhältnis zwischen Wissenschaft und postfaktischem Denken näher widmen. Dazu werden wir zunächst auf die einzelnen Phänomene – Fake News, Verschwörungstheorien und alternative Fakten – eingehen, bevor wir dann im Speziellen anhand der Verschwörungstheorie des »Klimaschwindels« die Frage diskutieren, inwiefern die Wissenschaft selbst von postfaktischem Denken betroffen ist. Abschließend zeigen wir Möglichkeiten auf, wie von wissenschaftlicher Seite konstruktiv mit diesen aktuellen Herausforderungen umgegangen werden kann.

5  Einige wenige Beispiele von Publikationen aus den unterschiedlichen Bereichen: Bakshy et al., Exposure; Bartoschek, Verschwörungstheorien; Butter, Verschwörungstheorien; Byford, Conspiracy Theories; Dietz, Wahrheitsproblem; Fischer, Wahrheit und Täuschung; Fuller, Post-Truth; Hendricks/Vestergaard, Postfaktisch; Hepfer, Verschwörungstheorien; Jaster/Lanius, Wahrheit; Könneker (Hg.), Fake oder Fakt; McIntyre, Post-Truth; Moffit, Populism; Sachs-Hombach/Zywietz (Hg.), Fake News; Schicha, Medienethik; Seidler, Verschwörung der Massenmedien; Stenmark et al., Relativism and Post-Truth; Wehling, Politisches Framing.

294 2.

Katrin Götz-Votteler und Simone Hespers

Fake News, Verschwörungstheorien und alternative Fakten

Bevor wir uns dem Verhältnis zwischen postfaktischem Denken und Wissenschaft zuwenden, ist es nötig, die einzelnen Phänomene etwas näher zu umreißen.6 Die Phrase Fake News beschreibt eine spezifische Art von Falschmeldung. Eine Meldung (»News«) ist dann als Fake News einzustufen, wenn mit ihr eine gezielte Täuschungsabsicht verbunden ist.7 Dies unterscheidet Fake News von anderen unrichtigen Inhalten wie beispielsweise journalistischen Falschmeldungen oder Gerüchten. Fake News können unterschiedliche Formen annehmen; die Stiftung Neue Verantwortung kategorisiert sie beispielsweise nach ihrer Machart:8 − Bei dekontextualisierten Inhalten werden Äußerungen oder Einzelaspekte eines Themas dem Gesamtzusammenhang entrissen, wodurch sich der Deutungsrahmen verändert. − Fake News können das Ergebnis von Veränderungen und Manipulationen, beispielsweise von Bildern oder Videos, sein. − Meldungen können frei erfunden sein. Auch hinsichtlich der Funktion lassen sich Fake News unterschiedlich kategorisieren. So beschreibt der amerikanische Medienwissenschaftler und Direktor des MIT Center for Civic Media, Ethan Zuckerman, als eine Wirkung von Fake News die Schaffung einer False Balance. False Balance kann dadurch entstehen, dass durch eine überproportionale Aufmerksamkeitsfokussierung ein bestimmtes Thema ein höheres mediales Interesse erfährt, als es der eigentlichen Sache geschuldet wäre. Dies kann bewusst erzielt werden, beispielsweise durch gefälschte Meldungen, aber auch durch die öffentlichkeitswirksame Wiederholung einer Nachricht. False Balance kann aber auch das Nebenprodukt einer medialen Berichterstattung sein, die sich aus aufmerksamkeitsökonomischen Gründen auf bestimmte Themen fokussiert, die Reichweite sichern. Weiterhin nennt Zuckerman Propaganda, also die gezielte Beeinflussung der politischen Meinungsbildung der Bevölkerung oder einer Bevölkerungsgruppe. Schließlich können Fake News auch zum Zweck der Desinformation eingesetzt werden (Zuckermann spricht in Anlehnung an 6  Die folgenden Ausführungen basieren auf Götz-Votteler/Hespers, Alternative Wirklichkeiten, S. 17-59. 7  In der Literatur existieren unterschiedliche Ansätze, was unter Fake News zu verstehen ist und welche Formen darunter gefasst werden. Einigkeit besteht aber, dass damit eine Täuschungsabsicht verbunden ist. Vgl. beispielsweise Jaster/Lanius, Wahrheit, S. 26-47; Sängerlaub et al., Fakten statt Fakes, S. 10-13; Wardle, Fake News; Zuckerman, Fake News. 8  Sängerlaub et al., Fakten statt Fakes, S. 10-13.

Wissenschaft und postfaktisches Denken

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in der russischen Politik verbreitete Taktiken von »disinformatzya«): Die Verbreitung von gefälschten Nachrichten führt zu einer Verunsicherung hinsichtlich dessen, was geglaubt werden kann, und erschüttert somit das Vertrauen in das gesamte Mediensystem.9 Fake News haben oftmals eine politische Zielsetzung: Mittels derartiger Meldungen kann Unterstützung für die eigene Agenda generiert werden, aber auch die Diskreditierung von politischen Gegner∙innen oder Institutionen kann als Motivation für die Verbreitung von Fake News gelten. Auf diese Weise soll Einfluss auf die politische Meinungsbildung genommen werden, daher kommt solchen Meldungen vor allem in Wahlkampfzeiten eine besondere Bedeutung zu. Darüber hinaus können ökonomische Überlegungen eine Rolle spielen: Da Fake News oft Emotionen wie Angst oder Wut ansprechen oder scheinbar Sensationelles zum Inhalt haben, bedienen sie aufmerksamkeitsökonomische Kriterien und erzielen eine mediale Reichweite, die sich in finanziellen Gewinn umsetzen lässt.10 Auch wenn Fake News häufig mit Verschwörungstheorien in einem Atemzug genannt werden, liegt letzteren eine andere Haltung zu Grunde. Verschwörungstheorien sind ein Mittel, um einem Gefühl der Verunsicherung oder der eigenen Machtlosigkeit entgegenzutreten. Dabei werden etablierte Erklärungen zurückgewiesen und durch eine eigene Konstruktion von Zusammenhängen ersetzt. Auf diese Weise dienen Verschwörungstheorien als Vehikel, die Deutungshoheit über ein Geschehen und damit ein Gefühl der Kontrolle zurückzugewinnen. Fake News können hierbei durchaus zur Unterstützung einer Verschwörungstheorie eingesetzt werden. Die Bezeichnung Verschwörungstheorie legt eine Verwandtschaft zur wis­ senschaftlichen Theoriebildung nahe. Diese besteht jedoch nicht.11 Für die Schlüsse, die Verschwörungstheorien ziehen, sind fundierte Daten- oder Beweisgrundlagen bzw. logische Argumentationen nicht von Relevanz. Sie entstehen vielmehr aus der Kombination eines subjektiven Eindrucks mit einem diffusen Halbwissen, die in einer mehr oder weniger willkürlichen Interpretation resultiert. Auch Hintergründe zu etablierten Erklärungen oder Gegenbeweise zu den eigenen Deutungen lassen Verschwörungstheoretiker∙innen in der Regel unbeeindruckt. So gibt es beispielsweise Untersuchungen, ob die Behauptung, die Kondensausstöße von Flugzeugen würden bewusstseinsmanipulierende Chemikalien enthalten, nachweisbar ist.12 Zwar konnte 9  Zuckerman, Fake News. 10  Berger/Milkman, Online Content; Brady et al., Emotion. 11  Vgl. Götz-Votteler/Hespers, Alternative Wirklichkeiten, Kapitel 3. 12  Shearer et al., Quantifying Expert Consensus; Umweltbundesamt, Chemtrails.

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eine überwältigende Mehrheit der befragten Expert∙innen (98,7 Prozent) keine Belege für diese These finden, dieses Ergebnis führte aber nicht dazu, dass die Chemtrails-Theorie verschwunden wäre. Um nicht fälschlicherweise eine Nähe zu wissenschaftlicher Theoriebildung zu suggerieren, werden daher auch die Begriffe Verschwörungsideologie oder Verschwörungsmythos verwendet.13 Verschwörungstheorien erfüllen also nicht die Kriterien wissenschaftlicher Theorien; sie erfüllen allerdings die Kriterien eines anderen Konzepts, nämlich die einer Erzählung. Dabei folgen »Verschwörungserzählungen« bestimmten Handlungsmustern und bauen in der Regel auf dem allgemein etablierten Narrativ Gut gegen Böse auf.14 Das Böse, seien es »das Establishment«, »die Medien«, Aliens, die CIA oder die Illuminati, hat zusätzlich immer eine Form von Machtposition inne. Diese – so der Vorwurf – würde missbraucht, um in verschwörerischer Absicht zum eigenen Vorteil und gegen die Interessen der »breiten Bevölkerung« zu agieren. Erklärungen der Gegenseite werden als Fake News abgetan – eine Einstellung, die sich gut an Donald Trumps Gebrauch dieser Phrase nachvollziehen lässt.15 Schließlich hat auch der Begriff »alternative Fakten« als Manifestation postfaktischen Denkens Konjunktur. Geprägt wurde die Phrase alternative facts von der damaligen Beraterin des US-Präsidenten Trump, Kellyanne Conway, als sie versuchte zu erklären, warum der amtierende Pressesprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, nicht nachvollziehbare Angaben zur Höhe der Zuschauer∙innenzahlen am Tag von Trumps Amtseinführung gemacht hatte. Spicer hatte (wie Trump auch) erklärt, dessen Vereidigung am 20. Januar 2017 hätte das größte Publikum angezogen, das je bei einer Amtseinführung anwesend war. Luftaufnahmen wie auch Zählungen im Personennahverkehr von Washington, D.C. belegten jedoch zweifelsfrei, dass der ersten Amtseinführung Barack Obamas im Jahre 2009 deutlich größere Menschenmengen beigewohnt hatten. Conway sah sich nun in einem Interview in der NBC-Sendung Meet the Press mit der Frage konfrontiert, weshalb der Pressesprecher hierüber eine Falschaussage getätigt habe (»utter a falsehood«). Sie antwortete dem Moderator Chuck Todd: »Don’t be so overly dramatic about it, Chuck. You’re

13   So spricht Wippermann von Verschwörungsideologien, Polenz von Verschwörungsmythen (Wippermann, Agenten des Bösen, S. 7; Polenz, Interview, S. 42). 14  Zu den Handlungsmustern von Verschwörungstheorien siehe Seidler, Verschwörung der Massenmedien, S. 32ff. 15  Selbstverständlich gibt es auch Verschwörungsvermutungen, die sich als wahr herausgestellt haben, wie beispielsweise bei der Watergate-Affäre.

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saying it’s a falsehood, and they’re giving, Sean Spicer, our Press Secretary gave [short pause] alternative facts to that«.16 Conway legte durch ihre Aussage also nahe, es gebe zu den bestehenden Fakten eine alternative Faktenlage. Dabei ist die Aufstellung derartiger alternativer Fakten zu unterscheiden von grundsätzlich berechtigten Versuchen, das Zustandekommen oder die Deutung bestehender Fakten zu hinterfragen. Alternative Fakten weisen hingegen sowohl Charakteristika von Fake News als auch von Verschwörungstheorien auf. Wenn sie bewusst als Gegenentwurf zu unliebsamen Tatsachen präsentiert werden, erfüllen sie die Funktion von Desinformation, also von Fake News: Indem sowohl von dem einen als auch von dem anderen behauptet wird, es treffe zu, wird es den Medienkonsument∙innen erschwert, sich in den widersprüchlichen Informationen zurechtzufinden. Eine allgemeine Verunsicherung kann die Folge sein. Die Verkündigung alternativer Fakten kann aber auch dazu dienen, sich die Deutungshoheit über Geschehen und Zustände in der Welt zu sichern. Nach dem Motto »Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt« werden Inhalte konstruiert, die in das eigene Weltbild passen und dieses stützen – ebenso wie bei Verschwörungstheorien, wo letztendlich nicht der faktische Beweis, sondern der subjektive Glaube ausschlaggebend für die eigene Überzeugung ist. 3.

Wissenschaft und Verschwörungstheorien

Wissenschaft als Gegenstand von Verschwörungstheorien: Das Beispiel des »Klimaschwindels« Wie oben beschrieben, richten sich Verschwörungstheorien gegen Personengruppen oder Institutionen, die als mächtig empfunden werden. In einigen verschwörungstheoretischen Konstrukten wird dabei auch »die Wissenschaft« als Teil eines per se negativ konnotierten »Establishments« angesehen. Diese – so der Argwohn – agiere Hand in Hand mit anderen Bereichen »des Establishments«, wie z.B. den politischen und ökonomischen »Eliten«, um dessen Gesamtinteressen zur Durchsetzung zu verhelfen. Im Zuge von Verschwörungstheorien werden wissenschaftliche Ergebnisse oder Theorien in Zweifel gezogen oder ignoriert, wie es das obige Beispiel der Forschung zu Chemtrails bereits erkennen ließ. Eine der aktuell sicherlich am bekanntesten und am stärksten auch im politischen Kontext auftretenden 3.1

16  Siehe https://www.theguardian.com/commentisfree/2017/jan/23/kellyanne-conwayalternative-facts-lies.

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Verschwörungstheorien ist die des »Klimaschwindels«, die den anthropogenen Klimawandel entweder leugnet oder systematisch in Zweifel zieht.17 So heißt es im Grundsatzprogramm der AfD: Das Klima wandelt sich, solange die Erde existiert. […] Der IPCC [Inter­ governmental Panel on Climate Change; KGV, SH] versucht nachzuweisen, dass die von Menschen verursachten CO2-Emissionen zu einer globalen Erwärmung mit schwerwiegenden Folgen für die Menschheit führen. Hierzu beruft man sich auf Computermodelle, deren Aussagen durch Messungen oder Beobachtungen nicht bestätigt werden. Seit die Erde eine Atmosphäre hat, gibt es Kalt- und Warmzeiten. Wir leben heute in einer Warmzeit mit Temperaturen ähnlich der mittelalterlichen und der römischen Warmzeit. Die IPCC-Modelle können diese Klimaänderungen nicht erklären. […] IPCC und deutsche Regierung unterschlagen die positive Wirkung des CO2 auf das Pflanzenwachstum und damit auf die Welternährung. Je mehr es davon in der Atmosphäre gibt, umso kräftiger fällt das Pflanzenwachstum aus. Unter dem Schlagwort »Klimaneutrales Deutschland 2050« durch »Dekarbonisierung« missbraucht die deutsche Regierung die steigende CO2-Konzentration zur »Großen Transformation« der Gesellschaft, mit der Folge, dass die persönliche und wirtschaftliche Freiheit massiv eingeschränkt wird.18

Auch der US-amerikanische Präsident streitet zwar nicht ab, dass klimatische Veränderungen stattfinden. Ob diese aber vom Menschen verursacht werden, hält er doch mindestens für fraglich: Lesley Stahl: Do you still think that climate change is a hoax? Donald Trump: I think something’s happening. Something’s changing and it’ll change back again. I don’t think it’s a hoax, I think there’s probably a difference. But I don’t know that it’s man-made.19

17  Argumente gegen die Argumente der Klimaskeptiker∙innen finden sich unter https:// naturwissenschaften.ch/uuid/6221e9c6-60c5-57c7-b160-bcf346245dc8?r=20190205110021_ 1549336434_b08feabb-1a9e-59e1-bcde-3ede8fed1dce. 18  https://www.afd.de/wp-content/uploads/sites/111/2018/01/Programm_AfD_Druck_Online_ 190118.pdf, S. 156f.   Dass das Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC nicht selbst forscht, wie im Zitat suggeriert, sondern wissenschaftliche Ergebnisse in einem Bericht zusammenstellt, sei dahingestellt. Hierzu und zu einem detaillierten wissenschaftlichen Faktencheck dieses Bereichs des Parteiprogramms siehe https://www.klimafakten.de/meldung/wassagt-die-afd-zum-klimawandel-was-sagen-andere-parteien-und-was-ist-der-stand-der [sic]. 19  Äußerung während eines Interviews mit Lesley Stahl auf CBS am 15.10.2018. Siehe https:// www.cbsnews.com/news/donald-trump-full-interview-60-minutes-transcript-lesleystahl-2018-10-14/. Zum Faktencheck von Trumps Äußerungen in diesem Interview siehe https://www.factcheck.org/2018/10/trump-wrong-on-climate-change-again/.

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Für die Untermauerung dieser Verschwörungstheorie werden auch Fake News bzw. alternative Fakten zu Hilfe genommen. So behauptete Trump, die USA hätten weltweit die sauberste Luft und das sauberste Wasser, eine Aussage, die vom Environmental Performance Index der Yale University nicht bestätigt werden konnte.20 Darüber hinaus sind für den Klimawandel Treibhausgase verantwortlich, Wasser- und Luftverschmutzung haben aber diverse andere Ursachen (wie z.B. Krankheitserreger oder Feinstaub) – der Grad der Luftverschmutzung eines Landes ist also nicht gleichbedeutend mit dessen Beitrag zum Klimawandel. Dabei ist es kein Zufall, dass mit Donald Trump und der AfD Vertreter einer populistischen Politik angeführt werden. Ein ideologisches Merkmal dieser Strömungen besteht nämlich in dem postulierten Gegensatz »Wir gegen die Anderen«, wobei sich »wir« auf das »wahre Volk« und »die Anderen« auf »die Elite« bezieht.21 Damit wird hier das gleiche Narrativ bemüht, wie es Verschwörungstheorien allgemein zugrunde liegt: dem (schwächeren) Guten steht das vermeintlich übermächtige Böse gegenüber. Warum sich Akteur∙innen angeblich zum »Klimaschwindel« zusammenschlössen, wird unterschiedlich begründet, hier nur einige Beispiele: Der AfDPolitiker Jörg Meuthen wirft z.B. den Grünen vor, Panikmache zu betreiben, um Wähler∙innenstimmen zu gewinnen,22 sein Parteikollege Rolf Kahnt vermutet, »[m]it freitäglichen Schülerdemos während der Unterrichtszeit lassen sich junge Menschen vor den Karren der Klimalobby und deren Ziele spannen.«23 Diese Klimalobby – so eine andere Einschätzung – »[legt] alles darauf [an], aus dem Informationskartell zum Klima ein gutes Geschäft zu machen und Macht auszuüben.«24 Auch bei der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg wird vermutet, es gäbe hinter ihrem Engagement jemanden (Eltern, Unternehmen, Organisationen), der sie für eigene Zwecke benutze.25 Wie dem Zitat aus dem AfD-Parteiprogramm zu entnehmen ist, wird bei dieser Verschwörungstheorie der Wissenschaft unterstellt, sie betreibe mindestens einseitige, wenn nicht gar manipulative Forschung im Sinne der 20  Vgl. https://www.factcheck.org/2018/08/u-s-not-ranked-the-cleanest-country/; die Ergebnisse des Index unter https://epi.envirocenter.yale.edu/2018/report/category/hlt. 21  Zum Folgenden vgl. Fukuyama, Populism; Müller, Populismus; Priester, Populismus. 22  https://www.afd.de/klimadebatte-joerg-meuthen-wirft-gruenen-panikmache-vor/. 23  http://rolf-kahnt.de/. 24  https://www.anderweltonline.com/klartext/klartext-2017/erderwaermung-wie-unsdie-klima-lobby-gezielt-des-informiert/. 25  Eine Antwort auf diese Thesen veröffentlichte Greta Thunberg am 02.02.2019 auf Facebook: https://www.facebook.com/gretathunbergsweden/posts/767646880269801? amp%3B__tn__=K-R.

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übergeordneten Verschwörung. Insofern wird wissenschaftliche Tätigkeit gleich in dreifacher Hinsicht diskreditiert: Nicht allein werden die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen abgelehnt, sondern – wie oben beschrieben – wissenschaftliche Denk- und Vorgehensweisen werden überhaupt missachtet. Zudem wird wissenschaftlicher Forschung insgesamt ihre Unabhängigkeit und Unvoreingenommenheit abgesprochen. 3.2 Zur Funktionsweise von verschwörungstheoretischen Denkmustern Eine internationale Umfrage aus dem Jahr 2018 zeigt, dass in Deutschland zwei Prozent der Befragten den Klimawandel für ein komplett natürliches Phänomen halten (Kategorie I), vier Prozent für ein überwiegend natürliches Phänomen (Kategorie II) und 29 Prozent für ein zum Teil natürliches, zum Teil durch den Menschen verursachtes Phänomen (Kategorie III). Zusammengenommen 49 Prozent sind der Meinung, der Klimawandel sei überwiegend oder alleinig vom Menschen verursacht (Kategorie IV+V). Für 2 Prozent existiert der Klimawandel nicht (Kategorie VI).26 Betrachtet man die Kategorien IV und V als diejenigen Kategorien, die den anthropogenen Klimawandel akzeptieren und die Kategorien I, II und VI als diejenigen, die den menschgemachten Klimawandel leugnen, so ergibt sich folgendes Bild: − Bei der Akzeptanz des anthropogenen Klimawandels erzielen von den befragten Nationalitäten nur Saudi-Arabien mit 39 Prozent und die USA mit 33 Prozent schlechtere Werte als Deutschland. − Was die Leugnung des Klimawandels betrifft, so liegen hier ebenfalls die USA und Saudi-Arabien mit je 22 Prozent vorne, weniger Klimaskeptiker∙innen als in Deutschland und China (je 8 Prozent) gibt es in Frankreich (7 Prozent), Italien (6 Prozent) und Mexiko (5 Prozent). Obwohl von wissenschaftlicher Seite der Konsens hinsichtlich der anthropogenen Verursachung des Klimawandels überwältigend ist,27 folgen dennoch 26   Ipsos, Ursachen des Klimawandels. Umfrageergebnisse zur Klimaskepsis variieren, Uscinski und Olivella nennen im Jahr 2017 für die USA beispielsweise 41%; siehe Uscinski/ Olivella, The Conditional Effect. 27  Siehe Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC, Special Report; Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Themenheft Klima; Lewis/Maslin, Defining the Anthropocene; Umweltbundesamt, Und sie erwärmt sich doch; USGCRP, Climate Science Special Report; Impacts, Risks, and Adaptation; Corner et al., Uncertainty Handbook, S. 7; Hoffman, Culture, S. 7-9.    Klimaskeptische Wissenschaftler·innen oder Institute, die sich einen wissenschaftlichen Anschein geben, verfügen oft nicht über die entsprechende Expertise oder sind politisch mit Verfechter·innen des »Klimaschwindels« verbunden; siehe Dunlap/ McCright, Organized Climate Change Denial, S. 151f.

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über Ländergrenzen hinweg Teile der Bevölkerung der Verschwörungstheorie vom »Klimaschwindel«. Woher kommt das? Offensichtlich dringen die Ergebnisse der Wissenschaft nicht in alle Bevölkerungsteile vor oder sie werden nicht akzeptiert. Stattdessen wird die Verschwörungstheorie des »Klimaschwindels« übernommen, unterstützt durch das Vertrauen auf das eigene Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen. Diesen Aspekt möchten wir im Folgenden näher beleuchten. 3.2.1 Psychologische Vorteile Verschwörungstheorien treten verstärkt in Zeiten des Umbruchs oder einer gefühlten Krise auf.28 Auch unsere Gegenwart wird infolge von Entwicklungen wie Globalisierung und Digitalisierung, von Fortschritten im Bereich Künstlicher Intelligenz, aber auch von innen- und außenpolitischen Veränderungen als Zeit des Umbruchs beschrieben.29 Diese Erscheinungen des Wandels können in einem subjektiven Gefühl der Verunsicherung resultieren. Dabei haben die möglichen Folgen des Klimawandels durchaus Anteil an dieser Einschätzung, da sie zu weitreichenden Veränderungen des Bestehenden führen können, u.a. durch30 − Auswirkungen auf die lokale Landwirtschaft und Wasserversorgung, − globale Migrationsbewegungen, − Wetterextreme und Naturkatastrophen, − gesundheitliche Folgen. Den anthropogenen Klimawandel zu leugnen, birgt daher eine Reihe von psychologischen Vorteilen:31 Wenn es keinen Klimawandel gibt, dann wird es auch nicht zu den oben skizzierten Veränderungen kommen, das Gefühl von Stabilität und Sicherheit bleibt erhalten. Entsprechend muss auch keine eigene Verantwortung für das Phänomen übernommen werden, unliebsame Verhaltensänderungen, wie eine häufigere Nutzung des Öffentlichen Nahverkehrs oder das Vermeiden von Flugreisen, müssen nicht in Betracht gezogen und umgesetzt werden. 28  Hepfer, Verschwörungstheorien, S. 17. 29   Götz-Votteler/Hespers, Alternative Wirklichkeiten, S. 47-59; Harari, 21 Lektionen; Hepfer, Verschwörungstheorien, S. 17; Pörksen, Postfaktische Universität. 30   Vgl. Berger et al., Wahrnehmung des Klimawandels; Dryzek et al. (Hgg.), Oxford Handbook, Part IV; Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC, Special Report; USGCRP, Impacts, Risks, and Adaptation. 31  Zu psychologischen Vorteilen von Verschwörungstheorien siehe Byford, J., Conspiracy Theories, Kap. 6; Hummel, P., 8 Fakten. Zum Zusammenhang zwischen verschwörungstheoretischem Denken und Klimaskepsis siehe auch Uscinski/Olivella, The Conditional Effect.

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Darüber hinaus wird ein Gefühl der Kontrolle zurückgewonnen: Die Furcht vor einer kaum mehr zu verhindernden Klimaerwärmung mit negativen Folgen weicht dem vermeintlichen Wissen, wer hinter diesen – angeblich fiktiven – bedrohlichen Szenarien steckt. Da diese von der »Klimalobby« lediglich entworfen worden seien, um den eigenen Interessen in die Hände zu spielen, geht mit der »Entlarvung« dieser Verschwörung ein moralisches, und – da man in dieser Einschätzung nicht allein ist – kollektives Überlegenheitsgefühl einher. Diese Emotion, gepaart mit der Wut auf die vermeintlichen Verschwörer·innen, wirkt stark aktivierend, was in digitalen Kommunikationsnetzwerken zu einer erhöhten Verbreitung entsprechender Inhalte beiträgt.32 3.2.2 Das Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand Wie oben beschrieben, folgt eine Verschwörungstheorie nicht den Mechanismen wissenschaftlicher Theoriebildung. Die Überzeugung, dass eine Verschwörungstheorie wahr ist, resultiert vielmehr aus einem festen Glauben an eine bestimmte Erklärung. Verschiedene Faktoren tragen dazu bei, dass an einem derartigen Glauben festgehalten wird. Ein Aspekt wurde am Ende des vorangehenden Abschnitts bereits angedeutet: Digitale Medien, insbesondere soziale Netzwerke, spielen hier eine nicht zu unterschätzende Rolle. Digitale Kommunikationsdienste verfolgen – wie andere Arten von digitalen Diensten auch – das Ziel der Personalisierung. Durch die gezielte Auswertung von Nutzer·innendaten werden individuelle Interessen und Vorlieben eruiert, wodurch passgenaue Werbung geschaltet und der Profit der Anbieterplattform maximiert werden kann. Da Werbung umso erfolgreicher ist, je länger sich jemand auf einer Website aufhält, hat Personalisierung zur Folge, dass – basierend auf algorithmischer Berechnung – diejenigen Inhalte angezeigt werden, die den Interessen der Nutzer·innen zu entsprechen scheinen und diese somit möglichst lange auf einer Website halten; andere Themen werden hingegen ausgeblendet. Auf diese Weise entsteht eine so genannte Filterblase ( filter bubble):33 Beiträge einer inhaltlichen Ausrichtung, die den Nutzer·innen zusagt, passieren den algorithmischen Filter, während es solche mit anderer Grundhaltung oder anderen Inhalten nicht auf die personalisierte Seite schaffen. Für die Verschwörungstheorie des »Klimaschwindels« heißt das, dass Darstellungen, die die menschliche Verantwortung in den Blick nehmen, auf personalisierten Seiten ggf. nicht auf die gleiche Weise zugänglich sind wie Artikel, die diese leugnen.

32  Vgl. Berger/Milkman, Online Content; Brady et al., Emotion. 33  Pariser, Filter Bubble.

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Infolgedessen kann sich eine Echokammer ergeben, d.h. durch die selektive Rezeption bestimmter Aspekte eines Themas verstärkt sich die Überzeugung, dass die eigene Einstellung dazu die einzig richtige sei. Dabei bedingen sich Filterblase und Echokammer gegenseitig: Durch die eingeschränkte Auswahl an Darstellungen intensiviert sich der Effekt der Echokammer; als Konsequenz dessen werden Seiten und Links einer bestimmten inhaltlichen Ausrichtung aufgerufen oder der Like-Button geklickt, was wiederum Konsequenzen für die Personalisierung hat.34 Gerade in populistischen Kreisen hat sich die Verhandlung von Themen in den letzten Jahren in soziale Medien wie Facebook oder Twitter verlagert.35 Dies liegt zum einen am Misstrauen gegen etablierte Medien, das sich in einer weiteren Verschwörungstheorie, nämlich der der »Lügenpresse«, äußert: Vermeintlich werde die Berichterstattung der etablierten Medien durch das (politische) »Establishment« gelenkt und kontrolliert, unliebsame Meinungsäußerungen würden dagegen zensiert. Soziale Medien nun ermöglichten demgegenüber – so die verschwörungstheoretische Logik – eine freie Meinungsäußerung an der »Lügenpresse« vorbei. Gleichzeitig eröffnen soziale Netzwerke die Möglichkeit, mit »dem Volk« in direkten Kontakt zu treten, was die selbst postulierte Volksnähe populistischer Politiker·innen unterstreicht. Die Wahl von sozialen Medien als Kommunikationsform bewirkt aber die Effekte der Filterblase und Echokammer und unterstützt somit die Perpetuierung der Verschwörungstheorie vom »Klimaschwindel« in bestimmten politischen Kreisen. Aber auch unabhängig von sozialen Medien spielen politische Überzeugungen eine Rolle. So gilt beispielsweise für die USA, dass die Einstellung zum Klimawandel von parteipolitischer Nähe abhängt: Bei Wähler∙innen mit einer konservativen Haltung ist die Wahrscheinlichkeit, den Klimawandel zu leugnen, höher als bei Wähler∙innen nicht-konservativer Ausrichtung.36 Dies hängt u.a. damit zusammen, dass die Notwendigkeit von Regulierungen, die eine konsequente Klimapolitik voraussetzen würde, genuin republikanischen

34  Vgl. Del Vicario et al. nach einer Analyse von Facebook-Daten zur Verbreitung von wissenschaftlichen Theorien vs. Verschwörungstheorien: »Users tend to aggregate in communities of interest, which causes reinforcement and fosters confirmation bias, segregation, and polarization.« Del Vicario et al., The Spreading of Misinformation Online, S. 558. 35   Götz-Votteler/Hespers, Alternative Wirklichkeiten, S. 161-171; Müller, Populismus, S. 57; Decker, Autoritäre Wende, S. 20. 36  Benegal/Scruggs, Correcting Misinformation; Bohr, Temperature Anomalies; Collomb, Ideology of Climate Change Denial; Uscinski/Olivella, The Conditional Effect.

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Werten, wie small government oder freie Marktwirtschaft, entgegensteht.37 Dass wissenschaftliche Ergebnisse zum Klimawandel hier nicht zu einer Änderung der Einstellung führen, lässt sich mit dem psychologischen Phänomen des motivated reasoning erklären: Bei der Einschätzung von Sachverhalten und Entscheidungsfindung finden in erster Linie diejenigen Argumente Berücksichtigung, die der bisherigen Einstellung entsprechen. Auf diese Weise wird eine kognitive Dissonanz, die einen inneren Konflikt hervorrufen würde, vermieden.38 Die Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse lässt sich schließlich auch damit begründen, dass »der gesunde Menschenverstand«, der common sense, schon ausreiche, um sich eine informierte Meinung zu bilden. Dieser »gesunde Menschenverstand« basiert dabei auf eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen, was ihn als verlässlich und ehrlich erscheinen lässt. Auch hier lassen sich als Beispiele die AfD und der amerikanische Präsident anführen: So setzt die AfD in ihren eigenen Worten »[a]ls ›Partei des gesunden Menschenverstandes‹ […] auf das politische Urteilsvermögen und die Verantwortungsbereitschaft der mündigen Bürger«.39 Trump wiederum begründet seine Skepsis dem Bericht des Fourth National Climate Assessment gegenüber folgendermaßen: One of the problems that a lot of people like myself – we have very high levels of intelligence, but we’re not necessarily such believers. You look at our air and our water, and it’s right now at a record clean. But when you look at China and you look at parts of Asia and when you look at South America, and when you look at many other places in this world, including Russia, including – just many other places – the air is incredibly dirty. And when you’re talking about an atmosphere, oceans are very small. And it blows over and it sails over. I mean, we take thousands of tons of garbage off our beaches all the time that comes over from Asia. It just flows right down the Pacific, it flows, and we say where does this come from. And it takes many people to start off with.40

37  Collomb, Ideology of Climate Change Denial; Dunlap/McCright, Organized Climate Change Denial, S. 144. 38  Vgl. Bail et al., Exposure to Opposing Views; Hoffman, Culture, S. 16f; Norgaard, Climate Denial, S. 401f.; Quattrociocchi, W. »Fake News« in sozialen Netzwerken; Schaarschmidt, Gefühlte Wahrheit. Zu motivated reasoning siehe Ditto et al., Motivated Moral Reasoning. 39  Alternative für Deutschland: Programm für Deutschland. 40  https://www.washingtonpost.com/politics/2018/11/27/president-trumps-fullwashington-post-interview-transcript-annotated/?utm_term=.7435a787dc70. Zum Faktencheck dieses Interviews siehe https://www.factcheck.org/2018/11/the-sciencetrump-got-wrong-in-the-post-interview/.

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Lässt man einmal die Tatsache beiseite, dass Treibhausgase, und nicht allgemeine Luftverschmutzung sowie die Vermüllung der Meere, verantwortlich für den Klimawandel sind, so formuliert der Verweis auf die hohe eigene Intelligenz offensichtlich den Anspruch, dass diese allein ausreicht, um die Sachlage des Klimawandels zu verstehen und bewerten. Dies führt allerdings dazu, dass Umweltbelastungen, die unterschiedliche Auswirkungen nach sich ziehen, bezüglich des Klimawandels in einen Topf geworfen werden und dieser mit Halbwissen und Vermutungen erklärt wird; zugleich wird die eigene, d.h. amerikanische, Verantwortung zurückgewiesen. 4.

Zum konstruktiven Umgang mit postfaktischen Denkmustern

Das Phänomen des Klimawandels bleibt für die nicht-wissenschaftliche Bevölkerung vergleichsweise abstrakt: Aufgrund seines Charakters als gradueller Prozess ist es schwierig, ihn konkret wahrzunehmen, die verursachenden Treibhausgase sind darüber hinaus nicht sichtbar. Auch finden die Auswirkungen der Erderwärmung oft nicht unmittelbar vor der eigenen Haustür statt oder werden erst in Zukunft eintreten. Dies kann zu einer psychologischen Distanz diesem Phänomen gegenüber führen. Zwar haben in den letzten Jahren extreme Wetterphänomene wie Hitzeperioden oder Unwetter zugenommen, Wissenschaftler·innen formulieren aber in der Regel keine Zusammenhänge zwischen einzelnen Wetterereignissen und der Erderwärmung, sondern verweisen auf die erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass solche zunehmend auftreten.41 Hinzu kommt, dass in wissenschaftsbasierten Veröffentlichungen zum Thema Ergebnisse, die nicht mit vollkommener Sicherheit postuliert werden können, der wissenschaftlichen Konvention entsprechend mit einer gewissen Abschwächung formuliert werden – dies ist beispielsweise bei Prognosen zum Ausmaß oder zu zukünftigen Auswirkungen der Fall. Diese Art der versprachlichten Unsicherheit kann aber von Personen, die nicht aus dem wissenschaftlichen Kontext stammen, einerseits als Zweifel am Phänomen an sich aufgefasst werden.42 Andererseits wird es von Gegner·innen einer stringenten Klimapolitik durchaus auch als systematische Strategie angewandt, Unsicherheiten zu betonen, um die Ergebnisse zum Klimawandel insgesamt in Zweifel

41  Moser/Dilling, Communication Climate Change, S. 163. 42  Berger et al., Wahrnehmung, S. 612, 615f. Zum Umgang mit Unsicherheiten bezüglich des Klimawandels siehe Corner et al., Uncertainty Handbook.

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zu ziehen. Dunlap und McCright sprechen in diesem Zusammenhang von einer »denial machine«.43 All dies führt dazu, dass sich in der subjektiven Wahrnehmung zum Thema Klimawandel ein Interpretationsspielraum auftun kann. Diese Wahrnehmung wird unterstützt durch die oben beschriebenen Faktoren und psychologischen Vorteile, die eine Leugnung des Klimawandels mit sich bringt. Aus zwei Gründen ist es notwendig, dass Wissenschaft darauf reagiert: − Zum einen stellt postfaktisches Denken – wie oben skizziert – einen Angriff auf das Selbstverständnis und die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft dar. − Zum anderen ist es gerade bei einem Thema wie dem Klimawandel von enormer Wichtigkeit, dass dessen Tragweite von allen Bevölkerungsteilen verstanden wird. Wie beschrieben, sehen die Anhänger·innen der »Klimaschwindel«-Theorie die Rolle der Wissenschaft darin, dass sie »die Klimalobby« bei ihren manipulativen Aktivitäten unterstützt. Damit ist sie Teil des Narrativs »Wir gegen die Anderen« und gehört in dieser Sichtweise zum »Establishment«, das die eigentlichen Sorgen der breiten Bevölkerung nicht erkennt. Im Folgenden möchten wir auf vier Aspekte eingehen, die zu dieser Sichtweise beitragen können, und Vorschläge formulieren, wie diesen begegnet werden kann: (1) schwierige Sprache in wissenschaftlichen Publikationen, (2) fehlendes Verständnis für die Relevanz wissenschaftlicher Forschung, (3) fehlende Kenntnis über die Arbeitsweise und das Wesen von Wissenschaft, (4) fehlender direkter Kontakt zu Vertreter∙innen des Wissenschaftsbetriebs. (1) Wenden wir uns zunächst dem Aspekt der Sprache zu. Die Veröffentlichungen des Weltklimarats IPCC, des Umweltbundesamts, wissenschaftliche Artikel zum Thema oder das US-amerikanische Fourth National Climate Assessment – sie alle sind im Internet frei verfügbar, aber dennoch scheinen sie weite Teile der Bevölkerung nicht zu erreichen. Ein Grund dafür mag in der fehlenden Verständlichkeit dieser Publikationen liegen: Als das Fourth National Climate Assessment veröffentlicht wurde, bestand eine Reaktion der White House Administration darin, diesem Bericht fehlende Transparenz vorzuwerfen.44 Unterstellen wir hier einmal keine polittaktische Äußerung, sondern werfen wir einen Blick in das Dokument. Die Darstellung auf der Website beginnt mit Summary Findings: 43  Dunlap/McCright, Organized Climate Change Denial, S. 144. Siehe auch Hoffman, Culture, S. 34-47. 44  https://www.factcheck.org/2018/12/trump-administration-distorts-the-facts-on-climatereport/.

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These Summary Findings represent a high-level synthesis of the material in the underlying report. The findings consolidate Key Messages and supporting evidence from 16 national-level topic chapters, 10 regional chapters, and 2 chapters that focus on societal response strategies (mitigation and adaptation). Unless otherwise noted, qualitative statements regarding future conditions in these Summary Findings are broadly applicable across the range of different levels of future climate change and associated impacts considered in this report.45

Dieses kurze Textzitat zeigt die Verwendung von prä- und postmodifizierten oder komplexen Nominalphrasen (»a high-level synthesis of the material in the underlying report«, »Key Messages and supporting evidence from 16 national-level topic chapters, 10 regional chapters, and 2 chapters that focus on societal response strategies (mitigation and adaptation)«, »qualitative statements regarding future conditions in these Summary Findings«), von einem akademischen Register (»high-level synthesis«, »broadly applicable«, »associated impacts«) und von so genannten participle clauses (»unless other­ wise noted«, »considered in this report«). Der nachfolgende Text zeigt die gleichen und weitere Merkmale wissenschaftlicher Sprache.46 Ein Vergleich mit der Website des deutschen Umweltbundesamts bringt fast das identische Ergebnis zutage. Hier beginnt der Text auf der Website zum Klimawandel nach dem Vorspann: Durch das Verbrennen fossiler Energieträger (wie zum Beispiel Kohle und Erdöl) und durch großflächige Entwaldung wird Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre angereichert. Land- und Viehwirtschaft verursachen Gase wie Methan (CH4) und Distickstoffmonoxid (Lachgas, N2O). Kohlendioxid, Methan und Lachgas gehören zu den treibhauswirksamen Gasen. Eine Ansammlung dieser Gase in der Atmosphäre führt in der Tendenz zu einer Erwärmung der unteren Luftschichten.47

Auch hier finden sich Nominalisierungen, die in modifizierten Nominalphrasen resultieren (»das Verbrennen fossiler Energieträger (wie zum Beispiel Kohle und Erdöl)«, »[e]ine Ansammlung dieser Gase in der Atmosphäre«, »einer Erwärmung der unteren Luftschichten«), im ersten Satz die Passivkonstruktion »wird […] angereichert« sowie fachlich spezifisches Vokabular wie »Kohlendioxid«, »Methan« oder »Distickstoffmonoxid«. In beiden Fällen folgen die Texte den Konventionen wissenschaftlicher Sprache. Diese bewirken eine hohe Informationsdichte, nicht-wissenschaftliche 45  U SGCRP, Impacts, Risks, and Adaptation. 46  Zu akademischer Sprache im Englischen siehe beispielsweise Biber, Variation across Speech and Writing, S. 192-195; University Language. 47  https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimawandel.

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Leser∙innen sehen sich darüber hinaus unvertrautem Vokabular gegenüber. Beides führt dazu, dass sich die Lektüre der Texte durchaus anspruchsvoll gestaltet. Möglicherweise bezog sich daher der Vorwurf der Intransparenz an das Fourth National Climate Assessment weniger darauf, dass Methoden und Quellen nicht deutlich gemacht wurden (was durchaus geschehen war),48 sondern dass der Bericht für die rezipierenden Personen schwer zu durchdringen ist. Wenn aber wissenschaftliche Publikationen nicht verstanden werden, so bleibt letztendlich nichts Anderes übrig, als sich auf das eigene Urteilsvermögen und damit den eigenen »gesunden Menschenverstand« zu verlassen. Ansätze, mündliche und schriftliche Kommunikation so anzupassen, dass sie für ein bestimmtes Zielpublikum verständlich wird, gibt es bereits. So ist beispielsweise das Ziel von »leichter Sprache« »die Ermöglichung von (kommunikativer und informationeller) Teilhabe für Personenkreise, die sonst von der Kommunikation und von Informationen in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft ausgeschlossen wären«.49 Als Adressat∙innenkreis für diese Varietät werden Menschen mit Lernschwierigkeiten, Migrant∙innen oder Personen mit schwachen Lesefähigkeiten genannt.50 Aber auch Bemühungen um eine bürgernahe Verwaltungssprache zeugen von der Erkenntnis, dass Kommunikation letztendlich nur dann als gelungen bezeichnet werden kann, wenn der Kommunikationsinhalt von den Empfänger∙innen verstanden wird.51 Dies gilt auch für wissenschaftliche Ergebnisse: Wenn diese von der breiten Bevölkerung akzeptiert werden sollen, müssen sie sprachlich entsprechend angepasst werden. Eine derartige Anpassung bedeutet dabei nicht, dass Inhalte simplifiziert, Ergebnisse plakativ dargestellt oder komplexe Aspekte gar weggelassen werden, wie es manchmal populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen vorgeworfen wird. Vielmehr sollte in Betracht gezogen werden, Publikationen für unterschiedliche Zielgruppen sprachlich aufzubereiten, um sicherzustellen, dass die Inhalte auch verstanden werden.52 Auch darf diese Aufgabe nicht auf Wissenschaftsjournalist∙innen abgewälzt werden; 48  https://www.factcheck.org/2018/12/trump-administration-distorts-the-facts-on-climatereport/. 49  Bock et al., Leichte Sprache, S. 11f. Zu Konzept und Eigenheiten von leichter Sprache siehe auch Bredel/Maaß, Leichte Sprache. 50  Christmann, Leichte Sprache, S. 35f. 51   Siehe beispielsweise das Arbeitshandbuch Bürgernahe Verwaltungssprache des Bundesverwaltungsamts. 52  Eine Aufbereitung der Kommunikationsinhalte betrifft neben der Sprache auch die Wahl der Medien oder der Visualisierungen; vgl. Moser/Dilling, Communication Climate Change, S. 165ff.

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anderenfalls bedient man den Vorwurf, Wissenschaftler∙innen hielten sich für eine Elite, die lediglich den Austausch in den eigenen Kreisen suche. Selbstverständlich gibt es sehr gute Beispiele von Wissenschaftskommuni­ kation, die die Lesegewohnheiten eines nicht-wissenschaftlichen Publikums beachten.53 Aber gerade wissenschaftliche Abteilungen öffentlicher Insti­ tutionen könnten mit einer flächendeckenden zielgruppenorientierten Pub­ likationsarbeit so mancher Verschwörungstheorie den Wind aus den Segeln nehmen. (2) Der Vorwurf, dass Wissenschaft »abgehoben« sei und nicht die wahren Bedürfnisse der Bevölkerung adressiere, zeigt auch, dass die Relevanz wissenschaftlicher Arbeit nicht erkannt wird. Bei Forschung zu einem Thema wie dem Klimawandel dürfte die Bedeutung für die Allgemeinheit nachvollziehbar sein, aber bei anderen Bereichen kann es durchaus angemessen sein, die Frage »Und was soll uns das nützen?« regelmäßig öffentlich zu beantworten. Indem die Relevanz wissenschaftlicher Beschäftigung aufgezeigt wird, ist es möglich, neben der faktenbasierten, kognitiven Ebene auch eine emotionale Ebene aufzuspannen.54 Dies soll nicht heißen, dass man sich postfaktischer Strategien bedient und mit Gefühlen wie Wut, Furcht oder moralischer Überlegenheit arbeitet.55 Aber wissenschaftliche Erkenntnisse können Begeisterung und Staunen vermitteln, und das Verstehen komplexer Sachverhalte kann zu Zufriedenheit oder gar positiver Überraschtheit führen, vielleicht sogar eigene Handlungskonsequenzen erzeugen. (3) Um ein Verständnis und damit eine Verbindung zu Wissenschaft aufzubauen, ist es notwendig zu zeigen, wie Wissenschaft arbeitet.56 Dies betrifft nicht nur die Offenlegung und Erläuterung verwendeter Daten und Methoden, sondern auch das Wesen wissenschaftlichen Arbeitens selbst. Pörksen spricht von einer »Aufklärung zweiter Ordnung, die neben der Vermittlung von Inhalten systematisch auch über die Prozesse ihres Zustandekommens informiert und offensiv für die eigenen Rationalitätskriterien wirbt«.57 Es gilt zu zeigen, dass Wissenschaft ein System ist, dessen Erkenntnisse sich kollektiv weiterentwickeln. Um noch einmal auf den Klimawandel 53  Die gGmbH Wissenschaft im Dialog stellt auf ihrer Website umfangreiches Material für den Bereich Wissenschaftskommunikation zur Verfügung und berichtet über Wettbewerbe, Preise und deren Gewinner. Siehe https://www.wissenschaftskommunikation.de/. 54  Weitze/Heckl, Wissenschaftskommunikation, S. 15. 55  Zur Erläuterung, warum Furcht als Mobilisationsmittel in Sachen Klimawandel nicht empfehlenswert ist, siehe Moser/Dilling, Communication Climate Change, S. 164f. sowie Hoffman, Culture, S. 58f. 56  Vgl. auch Moser/Dilling, Communication Climate Change, S. 163. 57  Pörksen, Postfaktische Universität.

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zurückzukommen: Klimaskeptiker∙innen ist zu verdeutlichen, dass nicht viele einzelne Wissenschaftler∙innen zufällig einer Meinung sind, sondern dass der aktuelle Kenntnisstand das Ergebnis eines vernetzten Prozesses ist, bei dem Forschung aufeinander aufbaut, sich gegenseitig kontrolliert und komplementiert. (4) Dies leitet zum letzten Punkt über: Um insbesondere die in (2) und (3) angesprochenen Aspekte zu erreichen, ist es notwendig, mit Medien einerseits und Bildungseinrichtungen andererseits zusammenzuarbeiten. Unter Zusammenarbeit wird hier nicht verstanden, dass die skizzierten Aufgaben an Medien und Bildungseinrichtungen delegiert werden, sondern dass Wissenschaftler∙innen tatsächliche Kooperationen eingehen: Medien können als Plattform dienen, Inhalte zu vermitteln. Und indem Schüler∙innen in wissenschaftliche Arbeitsprozesse einbezogen werden, kann vermittelt werden, dass fundierte Kenntnisse über einen Sachverhalt das Ergebnis eines Erarbeitungs- und nicht eines Konsumprozesses sind. Verschwörungstheoretiker∙innen und Personen, die Fake News aufsitzen, als leichtgläubig und einfältig abzutun, ist einfach. Zielführender ist es allerdings, sich vor Augen zu führen, welche Aspekte zur Akzeptanz von postfaktischen Phänomenen führen, um dann entsprechende Handlungskonsequenzen zu ziehen. Wie oben beschrieben, gibt es einige Mechanismen, die den Glauben an Verschwörungstheorien und das Akzeptieren von Fake News unterstützen. Diese wirken durchaus stark; daher ist es umso wichtiger, dass Wissenschaft mit der nicht-wissenschaftlichen Bevölkerung in Kontakt tritt, um hier entgegenzuarbeiten. Dies mag mühsam sein, nimmt man den eigenen wissenschaftlichen Auftrag ernst, gibt es aber letztendlich keine Alternative dazu. Literatur Bail, C. A./Argyle, L./Brown, T./Bumpus, J./Chen, H./Hunzaker, M. B. F./Lee, J./Mann, M./ Merhout, F./Volfovsky, A.: Exposure to Opposing Views can Increase Political Polarization. Evidence from a Large-Scale Field Experiment on Social Media. In: SocArXiv, 2018. Online verfügbar unter https://osf.io/preprints/socarxiv/4ygux/ download?format=pdf. Bakshy, E./Messing, S./Adamic, L. A.: Political Science. Exposure to Ideologically Diverse News and Opinion on Facebook. In: Science 348/6239, 2015, S. 1130-1132. DOI: 10.1126/science.aaa1160. Bartoschek, S.: Bekanntheit von und Zustimmung zu Verschwörungstheorien, Hannover 2015.

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Wissenschaft und Pseudowissenschaft – Zur Aktualität des Demarkationsproblems im Kontext der Leugnung medizinischen Wissens Alexander Christian Die Frage nach den Kriterien der Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft ist eine der ältesten der allgemeinen Wissenschaftstheorie, deren Beantwortung philosophisch und auch praktisch relevant ist. Insbesondere die Diskussionen um die Anwendung von alternativ- und komplementärmedizinischen Verfahren sowie die Leugnung wohlbegründeten schulmedizinischen Wissens – etwa über den Nutzen von Impfungen oder Therapieverfahren für Krebserkrankungen – zeigen, dass z.B. das Gesundheitswesen dringend auf einen Ansatz zur Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft angewiesen ist. Der vorliegende Artikel soll zu diesem Thema einen Beitrag leisten. Er skizziert zum einen den Verlauf der wissenschaftstheoretischen Diskussion des Demarkationsproblems, differenziert die mit ihm assoziierten Fragestellungen und diskutiert kritische Einwände gegen Sinn und Möglichkeit einer Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft. Zum anderen wird ein pragmatischer Vorschlag für eine Methode zur rationalen Bewertung von Glaubenssystemen skizziert und auf die Theorien von HIV/AIDS-Leugnern angewandt. 1. Einleitung Im Alltag ist es für die meisten Menschen durchaus möglich, zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft, respektive zwischen Wissenschaftlern und Pseudowissenschaftlern zu unterscheiden.1 Mit einer Unfallverletzung – etwa 1  Danksagung: Ich danke Frauke Albersmeier für die sorgfältige und fachkundige Korrektur früherer Versionen des vorliegenden Artikels, ferner danke ich Michael Jungert, Andreas Frewer und Erasmus Mayr für ihre editorische Arbeit. Zu Dank bin ich außerdem meinen Seminarteilnehmern an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und den Doktoranden der Münster Graduate School of Evolution (MGSE) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster verpflichtet, die Teile des Manuskripts im Rahmen von Lehrveranstaltungen über Pseudowissenschaft, Philosophie der Medizin und sozialer Verantwortung in der Biomedizin mit mir diskutiert haben.

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_014

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einem gebrochenen Schlüsselbein – suchen wir die nächstgelegene Notaufnahme auf, weil wir auf die Wirksamkeit und Sicherheit schulmedizinischer Behandlungsverfahren vertrauen. Würde uns jemand hingegen dazu raten, in Anbetracht eines schmerzhaften Knochenbruches eine Bachblütentherapie, das Auflegen von Energiekristallen oder die Gabe von Schüßler-Salzen in Erwägung zu ziehen, dann würden wir diese Ratschläge wohl sofort als »spinnerte Idee« ausschlagen. Während die meisten Menschen im Kontext offensichtlich dringender medizinischer Probleme recht gut zwischen wissenschaftlich begründeten medizinischen Verfahren und pseudowissenschaftlichen Lehren unterscheiden können, gibt es aber auch weniger offensichtliche Beispiele für Pseudomedizin. Im Bereich der Gesundheitsversorgung umfassen diese etwa die Gabe von Homöopathika, bei denen es sich aus pharmakologischer Sicht um wirkstofffreie Präparate handelt, oder die Anwendung von Nadeln an den energetischen Akupunkturpunkten des menschlichen Körpers, die gemäß der Energielehre der sog. »Traditionellen Chinesischen Medizin« identifiziert werden. Hier ist es ungleich schwieriger für Patienten, die als Laien gerade nicht die Ergebnisse der empirischen und meta-analytischen Forschung über die Wirksamkeit und Sicherheit von medizinischen Präparaten und Therapieverfahren sichten, zu einer gut begründeten Entscheidung bei der Wahl von Behandlungsalternativen zu gelangen. Patienten sind im Kontext solcher Entscheidungen mit prima facie vertrauenswürdigen professionellen Akteuren konfrontiert, nämlich Ärzten und. Augenscheinlich spricht aus Patientensicht viel dafür, diesen Personen zu glauben, wenn sie alternativund komplementärmedizinische Verfahren anbieten. Schließlich indizieren der medizinische Doktorgrad des Arztes und der strahlend weiße Kittel des Apothekers eine gewisse epistemische Autorität. Patienten entscheiden sich für die vorgeschlagenen Therapieverfahren, gerade weil es Arzt und Apotheker wohl besser wissen. Da in einigen Fällen von alternativ- und komplementärmedizinischen Lehren aber die Wirksamkeit gerade nicht erwiesen ist, sondern in vielen Fällen sogar Evidenz verfügbar ist, dass bestimmte Therapieverfahren ineffektiv oder sogar gesundheitsgefährdend sind, sind alle Beteiligten im Gesundheitswesen – d.h. Patienten, Haus- und Fachärzte, Sachverständige, Gesundheits- und Bildungspolitiker und Wissensvermittler2 – auf einen Ansatz zur Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft angewiesen, der in konstruktiver Weise auf mutmaßlich pseudowissenschaftliche Lehren im Gesundheitswesen bezogen werden kann. Für eine Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft sprechen aber nicht nur praktische Gründe, etwa der Schutz von Patienten vor 2  Hansson, Science and Pseudo-Science, Introduction.

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unwirksamen oder gesundheitsschädigenden Praktiken und die Verhinderung von Fehlinvestitionen im Gesundheitsweisen, sondern auch wissenschaftsphilosophische Gründe. So wird die Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft typischerweise mit der Frage nach den essentiellen axiologischen, epistemologischen und methodologischen Merkmalen der Wissenschaft in Verbindung gebracht und damit eine Lösung des Demarkationsproblems bisweilen schon aus begriffslogischen oder analytischen Gründen von einer Klärung des Wissenschaftsbegriffs abhängig gemacht. Das Demarkationsproblem scheint damit eine der philosophischen Fragestellungen zu sein, die verschiedene philosophische Reflexionsebenen durchdringt und damit in besonderer Weise der sorgsamen Erörterung bedarf. Im Verlauf dieses Beitrags wird zunächst das Demarkationsproblem von seinen philosophischen Anfängen bis zur gegenwärtigen Diskussion von wissenschaftlichen Rationalitätsstandards und der rationalen Bewertung von Glaubenssystemen, die unter dem Verdacht der Pseudowissenschaft stehen, dargestellt (2.). Dabei wird es insbesondere das Ziel sein, verschiedene Vorschläge zur Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft vorzustellen und hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit zu befragen (3.) sowie allgemeine skeptische Einwände gegen das Konzept der Pseudowissenschaft zu diskutieren (4.). Nach dieser Hinführung wird ein positiver Ansatz zur Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft vorgestellt. Hierzu werden zunächst drei Perspektiven auf das Phänomen der Pseudowissenschaft vorgestellt, nach denen Pseudowissenschaft als Glaubenssystem, handlungsleitender Technologie und sozialer Praxis, die eine Einzel- und Gruppenidentität stiftet, unterschieden werden kann (5.). Daran anschließend wird ein Vorschlag für die rationale Bewertung vermeintlich pseudowissenschaftlicher Glaubenssysteme vorgestellt, die in eine soziale Praxis eingebettet sind, und für ihre Anhänger oftmals praktisch handlungsleitend sind (6.). Zuletzt wird dieser Ansatz auf die Theorien von Leugnern einer kausalen Beziehung zwischen HIV-Infektion und dem Ausbruch AIDS-definierender Erkrankungen angewandt (7.). Zentral für diesen Beitrag sind drei Annahmen, deren Plausibilität im Verlauf des Artikels belegt werden soll: Erstens wird davon ausgegangen, dass eine rational begründete Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft möglich und trotz eines mit der Verwendung des Urteilsbegriffs der Pseudowissenschaft einhergehenden Missbrauchsrisikos aus praktischen Gründen notwendig ist. Zweitens wird die Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft nicht als eine strikte Kategorisierung des Pseudowissenschaftlichen aufgefasst, die durch die Anwendung eines Demarkationskriteriums oder einer Reihe von notwendigen und zusammen hinreichenden

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Demarkationskriterien determiniert ist, sondern eher als Versuch der rationalen Bewertung des wissenschaftlichen Status eines Glaubenssystems konzipiert. Drittens wird davon ausgegangen, dass der Bewertungsgegenstand bei der Feststellung einer Pseudowissenschaft ein Glaubenssystem ist, dessen kognitiver Gehalt vor einer rationalen Bewertung ebenso rekonstruiert werden muss wie dessen Einbettung in die soziale Praxis der Anhänger des Glaubenssystems und deren praktische Konsequenzen (Technologie). 2.

Das Demarkationsproblem in der Wissenschaftstheorie

Die Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft ist, obwohl sie als wissenschaftsphilosophisches Thema erst im 20. Jahrhundert in den Kanon philosophischer Fragestellungen einging, bereits mit thematisch leicht verschobenem Fokus in früheren Epochen der Philosophiegeschichte präsent. Immer dann, wenn es in der Philosophie der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit um mit Erkenntnisansprüchen vertretene fadenscheinige Lehren ging, die von Gelehrten als schlecht begründet, sprachlich und argumentativ trügerisch sowie infolgedessen als nicht vertrauenswürdig erachtet wurden, ging es der Sache nach um Vorformen des Demarkationsproblems im engeren Sinne. Ein philosophiehistorisch frühes Beispiel für eine verwandte Abgrenzungsfrage ist etwa die Kritik der sophistischen Philosophie durch Platon und Aristoteles. Beide betrachteten die Sophistik als eine Art der Scheinphilosophie, deren Vertreter durch geschulte Eristik und Rhetorik – d.h. Streit- und Redekunde – einen Erkenntnis- und Weisheitsanspruch gekonnt simulierten und darüber hinaus noch Geld für ihre Dienste verlangten. Dies war aus der Sicht wohlbegüterter Philosophen verpönt, die nicht selten der Athener Oberschicht entstammten. Während Platon im Protagoras (Πρωταγόρας) noch ein positives Bild der Sophisten zeichnete, deren Lehre in einer respektvollen, aber auch letztendlich ablehnenden Weise reflektiert wurde, ist insbesondere der späte Dialog Der Sophist (Σοφιστής) von einer feindseligen Haltung geprägt. Sie zeigt sich insbesondere im aufwändig herbeigeführten Resultat einer dihairetischen Begriffsbestimmung3 des Sophisten im Unterschied zum 3  Eine dihairetische Begriffsbestimmung/Dihairesis ist eine in der griechischen Antike verbreitete Methode der Logik, die es zum Ziel hat, durch die Zerlegung eines allgemeineren Begriffs in mindestens zwei Unterbegriffe eine exakte Definition eines zu klärenden Begriffs herbeizuführen. Der zu klärende Begriff wird dabei schrittweise durch die Angabe seiner Stellung in einem hierarchischen System von Gattungs- und Artbegriffen erläutert. Ein simples Beispiel für eine dihairetische Begriffsbestimmung wäre die Definition von

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wahrhaften Philosophen, welcher über eine wohlbegründete Einsicht über die trügerische Natur der Sophisterei verfügt: Also die Nachahmerei in der zum Widerspruch bringenden Kunst des verstellerischen Teils des Dünkels, welche in der trügerischen Art von der bildnerischen Kunst her nicht als die göttliche, sondern als die menschliche, tausendkünstlerische Seite der Hervorbringung in Reden abgesondert ist; wer von diesem Geschlecht und Blute den wahrhaften Sophisten abstammen läßt, der wird, wie es scheint, das Richtigste sagen.4

In den Sophistischen Widerlegungen (Περὶ σοφιστικῶν ἐλέγχων) sind es insbesondere argumentative Fehlschlüsse, die Aristoteles zu der Überzeugung führen, dass die Sophisten lediglich durch ihre Redekunst einen Schein von Weisheit erzeugen, aber keine wahren Philosophen sind: »[…] die Sophistik ist nämlich scheinbare, keine wirkliche Weisheit, und der Sophist ein Mensch, der mit scheinbarer, nicht wirklicher Weisheit Geschäfte macht […].«5 Ungeachtet solcher philosophiehistorischer Exkurse auf thematisch verwandte Vorformen des modernen Demarkationsproblems können in der Gegenwartsphilosophie des 20. Jahrhunderts zumindest vier, graduell ineinander übergehende Diskussionsphasen unterschieden werden, die durch spezifische Arten des Herangehens an die Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft charakterisiert sind. Ihren modernen Anfang nahm die Diskussion des Demarkationsproblems in den 1930er Jahren mit dem logischen Positivismus des Wiener Kreises. Diese erste Phase der Auseinandersetzung mit dem Demarkationsproblem kann dadurch charakterisiert werden, dass das Problem mit Blick auf ein essenzielles Kriterium für Wissenschaft gedacht wurde, nämlich dem Kriterium der Verifizierbarkeit. Danach besteht die Bedeutung einer Proposition eines Glaubenssystems mit Erkenntnisanspruch – beispielsweise einer wissenschaftlichen Theorie – in der Methode ihrer Verifikation. Theorien sind demnach in dem Maße wissenschaftlich, wie die aus ihnen folgenden Behauptungen über die Welt durch einfache Beobachtungsakte, deren Ergebnisse in Form von Protokollsätzen vorliegen, bewahrheitet werden können. In der Rezeption des Demarkationsproblems wurde das Verifikationskriterium, welches nach logischen Positivisten ein Sinnlosigkeitsverdikt über nicht Langstreckenlauf (zu klärender Begriff) als eine Art des Ausdauersports im Unterschied zum Kraftsport (etc.), die zu Land und nicht zu Wasser, mit dem bloßen Körper und ohne Hilfsgerät betrieben wird. 4  Platon, Sophistes, 268d. 5  Aristoteles, Sophistische Widerlegungen, 165a1.

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verifizierbare Propositionen impliziert, zugleich als ein Versuch der Lösung des Demarkationsproblems interpretiert. Tatsächlich ist dies nur bedingt korrekt, historisch richtig ist vielmehr, dass das Verifikationskriterium in erster Linie zur Unterscheidung von Wissenschaft und unbegründeter Spekulation – oftmals pejorativ als »Metaphysik« bezeichnet – verwendet wurde. Eine zweite Phase, die im Wesentlichen durch die Diskussion des von Karl R. Popper vorgeschlagenen Kriteriums der Falsifizierbarkeit geprägt war, lässt sich in den 1960er bis 1970er Jahren ausmachen. Popper lehnte das Kriterium der Verifizierbarkeit zur Bestimmung der Wissenschaftlichkeit einer Aussage respektive einer Theorie ab. Zum einen sind nach Popper die wenigsten hypothetischen und paradigmatischen Beispiele für wissenschaftliche Aussagen durch einfache Beobachtungsakte direkt verifizierbar, zum anderen gehe es in der wissenschaftlichen Praxis gar nicht primär um abschließende Verifikation. Vielmehr sei die Falsifizierbarkeit von Theorien diejenige vorzügliche Eigenschaft, die ihren wissenschaftlichen Status begründe.6 Der Versuch der Bestätigung einer wissenschaftlichen Theorie besteht nach Popper im Grunde darin, aus einer Theorie über einen bestimmten Gegenstandsbereich hypothetische Beobachtungssätze abzuleiten und anhand des Abgleichs mit aktualen Beobachtungssätzen zu prüfen, ob die fragliche Theorie erfolgreiche Voraussagen macht.7 Stimmen die aktualen Beobachtungssätze mit den vorausgesagten hypothetischen Beobachtungssätzen überein, gilt eine Theorie als vorläufig bestätigt, stimmen sie nicht überein, gilt sie als geschwächt bzw. falsifiziert. Genau diese Eigenschaft, nämlich prinzipiell durch die Vorlage von empirischen Daten widerlegt zu werden, macht für Popper die Wissenschaftlichkeit einer Theorie aus. Popper sah mit diesem Kriterium eine Möglichkeit, um Wissenschaft von einer ganzen Klasse gegensätzlicher Phänomene abzugrenzen – nämlich Metaphysik, Religion und letztlich auch Pseudowissenschaft. Rezipienten von Poppers Falsifikationskriterium kritisieren unisono, dass Falsifizierbarkeit gleichzeitig ein zu weites und zu enges Kriterium für Wissenschaftlichkeit ist. Zum einen schließt es im engeren Sinne nicht falsifizierbare, jedoch intuitiv als wissenschaftlich bewertete Theorien aus. Ein Beispiel hierfür sind abstrakte, mathematische Theorien in der Physik, deren empirische Prüfung aus inhärenten oder praktischen Gründen nicht möglich scheint. Zum anderen werden paradigmatische Beispiele für Pseudowissenschaften als wissenschaftlich kategorisiert, falls sie empirisch widerlegt wurden, 6  Popper, Conjectures and refutations, S. 39. 7  Aus textökonomischen Gründen ist hier die Darstellung der wissenschaftstheoretischen Modelle der Theorienbewertung verkürzt dargestellt, eine detailliertere Darstellung kann Christian, Wissenschaft und Pseudowissenschaft, entnommen werden.

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weil sie damit auch widerlegbar waren.8 Das Falsifikationskriterium schließt, falls es als notwendiges und zugleich hinreichendes Kriterium aufgefasst wird, keine rein aus empirischen Gründen abzulehnenden Pseudowissenschaften aus dem Bereich der Wissenschaft aus. Ein Beispiel für diese Schwäche des Falsifikationskriteriums ist die auf den wissenschaftlichen Kreationismus zurückzuführende Intelligent-Design-Theorie, die nach Kritikern wie Philip Kitcher am ehesten als tote Wissenschaft aufgefasst werden sollte, weil sie eben schon zu Charles Darwins Zeiten aus empirischen Gründen zugunsten der klassischen Evolutionstheorie aufgegeben wurde.9 Eine dritte Phase von den 1970er bis Mitte/Ende der 1980er Jahre ist gekennzeichnet durch die Loslösung vom strengen Kriterium der Falsifizierbarkeit und der Erweiterung der Diskussion des Demarkationsproblems um wissenschaftshistorische und -soziologische Analysen wissenschaftlicher Entwicklungsprozesse und Diskurse – insbesondere ist diese Phase durch die Pionierarbeiten von Thomas S. Kuhn und Imre Lakatos geprägt. Im Unterschied zu den ersten beiden Phasen, die im Wesentlichen ein Kriterium der Demarkation anhand der Bewertung von Aussagen und Theorien hinsichtlich der Möglichkeit des Nachweises ihrer Wahrheit bzw. empirischen Adäquatheit zu finden versuchten, wandten sich Wissenschaftshistoriker und -soziologen später tendenziell von stark idealisierten Wissenschaftsmodellen ab und legten den Fokus auf Forschergemeinschaften und die faktische historische Entwicklung wissenschaftlicher Theorien. Thomas S. Kuhn zufolge konzentrierte sich Popper irreführenderweise auf die seltenen Phasen wissenschaftlicher Revolutionen, in denen über wissenschaftliche Theorien in einer grundsätzlichen, eventuell epochemachenden Weise entschieden wird. Durch diese Schwerpunktsetzung würde ein Wissenschaftsmodell kolportiert, das den tatsächlichen Fortgang der Wissenschaft nicht korrekt abbildet. Für Kuhn, der das Demarkationsproblem innerhalb seines Phasenmodells wissenschaftlicher Revolutionen analysiert, ist nämlich insbesondere die Betrachtung der Forschungstätigkeit von Wissenschaftlern in der normalwissenschaftlichen Phase der Entwicklung von wissenschaftlichen Paradigmen entscheidend. Genuine Wissenschaften – um genau zu sein, wissenschaftliche Paradigmen – in der normalwissenschaftlichen Phase sind nach Kuhn durch den Versuch der Beantwortung von fachspezifischen Fragestellungen unter Berücksichtigung der forschungsleitenden Annahmen des Paradigmas charakterisiert. Forschung besteht in erster Linie in dem Versuch, innerhalb eines fix vorgegebenen theoretischen und methodischen Rahmens drängende Fragen zu beantworten 8  Mahner, Demarcating Science from Non-Science, S.518-519. 9  Kitcher, Living with Darwin, S. 114.

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(puzzle solving) und im Fall von Schwierigkeiten bei der Beantwortung dieser Fragen durch kleinere Änderungen am Paradigma oder intensivierte Forschungsbemühungen das Paradigma zu retten. Pseudowissenschaften zeichnen sich hingegen dadurch aus, dass ihre Anhänger zwar eine Theorie anwenden, aber keinen ernsthaften Versuch unternehmen, ausgehend von Fehlanwendungen einer Theorie die Revision eines Paradigmas anzustreben.10 Die Arbeit des Pseudowissenschaftlers gleicht mehr einer Art des beschaulichen Herumlaborierens als einer systematischen Prüfung wissenschaftlicher Theorien. So kritisiert Kuhn beispielsweise die Tätigkeit von Astrologen, die im Unterschied zu Astronomen keine systematische Prüfung der Korrektheit von Voraussagen oder gar daran anschließende Revisionen astrologischer Theorien vornehmen, sondern vielmehr mit einem abgeschlossenen, als korrekt empfundenen Rahmensystem operieren: »In short, though astrologers made testable predictions and recognized that these predictions sometimes failed, they did not and could not engage in the sorts of activities that normally characterize all recognized science.«11 In der gegenwärtigen vierten Phase der Beschäftigung mit dem Demarkationsproblem (1980er bis dato) scheinen sich Wissenschaftsphilosophen mehr auf die Bewertung konkreter Fälle von mutmaßlichen Pseudowissenschaften mit einem besonderen Schadenspotenzial und die Entwicklung von anwendungsorientierten Demarkationsansätzen zu konzentrieren. Die Ansätze operieren mehrheitlich mit einer Vielzahl von Kriterien für Wissenschaftlichkeit (sog. Multikriterienansätze) und geben die traditionelle Fokussierung auf Theorien als Objekte der Abgrenzung zugunsten einer liberaleren Haltung zum Bewertungsgegenstand auf. Ein typisches Beispiel für diese pragmatische Herangehensweise, die auch eine Lösung von der Grundsatzfrage nach dem methodologischen Wesen der Wissenschaft bedeutet, ist die Diskussion des wissenschaftlichen Status des Kreationismus durch Wissenschaftsphilosophen, Wissenschaftshistoriker und insbesondere Evolutionsbiologen. Bei der Kenntnisnahme der kritischen Literatur zum wissenschaftlichen Status des Kreationismus zeigt sich, dass empirische Argumente gegen krea­tionistische Glaubensinhalte,12 philosophisch-methodologische Argumente13 und kritische historische sowie soziologische Analysen zum

10  Kuhn, Logic of Discovery or Psychology of Research?, S. 17. 11  Ebd. 12  Cf. Ruse, Darwinism and Its Discontents. 13  Cf. Schurz, Evolution in Natur und Kultur, S. 120-122.

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fundamentalistisch-christlichen Aktivismus kreationistischer Forschergemeinschaften14 die Arbeit mit idealisierten Demarkationskriterien ersetzt haben.15 Dadurch wird der wissenschaftsphilosophische Blick zum einen mehr auf die konkreten metho­dologischen und epistemischen Probleme spezifischer Pseudowissenschaften gelenkt, zum anderen eine differenziertere sozioepistemische Analyse von Pseudowissenschaften ermöglicht, durch die die von ihnen ausgehende Gefahr für liberal-aufgeklärte Gesellschaften ersichtlich wird. Wir werden uns im Folgenden von einer philosophie- bzw. wissenschaftshistorischen Perspektive lösen und eine eher systematische Perspektive einnehmen, die an der Frage nach der Explikation von Pseudowissenschaft und der Entwicklung einer Methode zur Bewertung mutmaßlicher Pseudowissenschaften interessiert ist. Dieses Vorgehen ist deswegen plausibel, weil eine systematische Differenzierung von Demarkationsproblemen – man bemerke die Pluralform – bereits sprachlich angezeigt ist durch Präfixe wie »para-«, »proto-«, »anti-«, »un-«, »pseudo-« und »nicht-«, die dem Wort »wissen­schaftlich« vorangestellt werden und so je eigene Demarkationslinien zwischen Wissenschaft und davon abweichenden bzw. zu unterscheidenden Phänomenen kennzeichnen, ohne eine Analyse philosophie- und wissenschaftshistorischer Kontexte notwendig werden zu lassen.16 Der Sache nach wird, wenn so gebildete Wissenschaftsantonyme – d.h. Gegenbegriffe zu »Wissenschaft« – in der Urteilspraxis bemüht werden, etwas im Vergleich zur Wissenschaft als Nebensächliches, Unausgereiftes, Gegensätzliches, Fehlgeleitetes, Scheinbares oder schlicht Andersartiges markiert. Diese rein begriffliche Vielfalt führt bisweilen zu Verwirrungen und Unklarheiten, beispielsweise, wenn etwa ein Plagiat in einer akademischen Abschlussarbeit als »pseudowissenschaftlich« bezeichnet wird, obwohl es angemessener als unwissenschaftlich verurteilt werden sollte, nämlich genauer als ein Verstoß gegen die gute wissenschaftliche Praxis bzw. als wissenschaftliches Fehlverhalten. Mit Blick auf den Zweck dieses Übersichtsartikels sind deswegen zwei Unterscheidungen zweckdienlich: Zum einen sollten wir zwischen Demarkationsproblemen im weiteren Sinne und dem Demarkationsproblem im engeren Sinne unterscheiden. Während im weiteren Sinne jede Abgrenzung von Wissenschaft und angrenzenden Phänomenen mit einiger Berechtigung als ein Demarkationsproblem bezeichnet werden kann, hat sich 14  Cf. Numbers, The Creationists. 15  Cf. Christian, Creationism, S. 2-3. 16  Cf. Rupnow et al., Pseudowissenschaft, S. 7-8.

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in wissenschaftstheoretischen, -historischen und -soziologischen Diskursen der Gegenwart die Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft als das Demarkationsproblem terminologisch wie diskursiv-thematisch etab­ liert. Tatsächlich sind viele Philosophen, die sich für Fragen wissenschaftlicher Rationalität interessieren, oft in mehreren Demarkationsdiskussionen aktiv, sei es durch die gleichzeitige Arbeit auf einer theoretischen und einer praktischen Ebene oder durch die rationale Kritik verschiedener Arten von Irrationalität oder normabweichendem Verhalten in Wissenschaftskontexten.17 Wir werden uns im Folgenden mit dem Demarkationsproblem beschäftigen, womit weder philosophische oder diskurshistorische Kontinuitäten zwischen den differenzierbaren Demarkationsproblemen noch die Relevanz verwandter Probleme bestritten werden. Ein Charakteristikum der Entwicklung der Diskussion des Demarkationsproblems im engeren Sinne (siehe oben) ist die Akkumulation von Wissen über den kognitiven Gehalt und die diskursive Relevanz familienähnli­ cher Wissenschaftsantonyme (Metaphysik, Parawissenschaft, Protowissenschaft, wissenschaftliches Fehlverhalten, etc.), deren Unterscheidung teils durch subtile Gedankenexperimente und auch konkrete Skandalfälle in der Wissenschaft als notwendig erkannt wurde. Wir werden uns mit Blick auf die thematische Differenzierung in der gegenwärtigen Phase der wissenschaftstheoretischen Diskussion zum Demarkationsproblem ganz auf den Begriff der Pseudowissenschaft konzentrieren. Hier sollten wir zwischen (1) theoretisch gelagerten Fragen zur Begründung einer Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft, (2) abstrakten Fragen zur Anwendung von Demarkationskriterien und (3) konkreten Fragen über den wissenschaftlichen Status spezifischer Kandidaten für das pejorative Prädikat »pseudowissenschaftlich« unterscheiden. Letztere Fragen werden oft mit Bezug zu soziologischer, historischer und psychologischer Forschung erörtert.18 Theoretisch gelagerte Fragen zur Begründung einer Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft umfassen, (a) die Frage nach einem geeigneten Demarkationskriterium bzw. mehreren Demarkationskriterien, (b) die Frage nach der Möglichkeit einer systematischen (atemporalen) Unterscheidung im Unterschied zu einer wissenschaftshistorisch situierten (temporalen) Unterscheidung, (c) die Frage nach einem geeigneten philosophischen Rahmensystem zur Rechtfertigung eines bestimmten Demarkationskriteriums bzw. mehrerer Demarkationskriterien (eine rechtfertigungstheoretische Reflexion 17  Cf. Christian, Wissenschaft und Pseudowissenschaft, und Christian, Gute wissenschaftliche Praxis. 18  Ein gutes Beispiel hierfür sind die Beiträge in Pigliucci/Boudry, Philosophy of Pseudoscience.

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von Demarkationskriterien) sowie (d) die Frage nach dem Umgang mit skeptischen Einwänden gegen Sinn und Möglichkeit der Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft. Ein zweiter großer Fragebereich bezieht sich in abstrakter Weise auf die Anwendung von Demarkationskriterien bzw. die Entwicklung von Ansätzen zum Demarkationsproblem mit Blick auf die spätere Anwendung. Hier können insbesondere (i) die Frage nach dem Objekt der Demarkation bzw. Gegenstand der Bewertung und (ii) die Frage nach einer geeigneten Bewertungsmethode differenziert werden. In der Wissenschaftstheorie werden gegenwärtig verschiedene Objekte einer Demarkation diskutiert, wobei allerdings anzumerken ist, dass die meisten Diskussionsteilnehmer, zumeist in Anlehnung an Popper,19 von Pseudowissenschaften im Sinne von Theorien sprechen, die analog zu wissenschaftlichen Theorien evaluiert werden sollten. Alternative Vorschläge erklären nach Hansson20 etwa Forschungsprogramme21 und Disziplinen22 zum Objekt der Demarkation. Diskutiert werden als Demarkationsobjekte aber auch Praktiken bzw. die Anwendung von Methoden,23 wissenschaftliche Probleme oder Fragestellungen24 und spezifische Untersuchungen mit Erkenntnisanspruch25. Hansson weist zurecht darauf hin, dass dies alles plausible Kandidaten sind, was als weitere Evidenz für die Etablierung einer liberaleren Haltung in dieser Frage zu werten ist. Letztlich beziehen sich konkrete Fragen zum wissenschaftlichen Status von mutmaßlichen Pseudowissenschaften auf die rationale Bewertung von konkreten Glaubenssystemen, etwa des Intelligent-Design-Kreationismus, der Homöopathie oder etwa der Leugnung des Holocausts unter Laienhistorikern. Insbesondere die Bewertung des wissenschaftlichen Status von Glaubenssystemen, die unter dem Verdacht der Pseudowissenschaftlichkeit stehen, nimmt in der angewandten wissenschaftsphilosophischen Forschung, der empirisch-wissenschaftlichen Forschung der relevanten Referenzdisziplinen von Pseudowissenschaften sowie in der populärwissenschaftlichen Literatur einen großen Raum ein. Besonders hervorzuheben ist in diesem Kontext, dass neben kritischen Analysen spezifischer Pseudowissenschaften mittlerweile 19  Popper, Conjectures and refutations. 20  Hansson, Science and Pseudo-Science, Section 3.5. 21  Lakatos, Popper on Demarcation and Induction, S. 248-249. 22  Bunge, Diagnosing pseudoscience, S. 161-189. 23  Lugg, Bunkum, Flim-Flam and Quackery, S. 221-230; Morris, Parapsychology and the Demarcation Problem, S. 241-251. 24  Siitonen, Demarcation of science from the point of view of problems and problem-stating, S. 339-353. 25  Mayo, Ducks, rabbits and normal science, S. 271-290.

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materialreiche Übersichtsarbeiten, Lexika und Enzyklopädien verfügbar sind.26 Die gegenwärtige Forschungsliteratur über Pseudowissenschaften verdeutlicht, dass oftmals ein klarer Konsens über die Bewertung spezifischer Fälle vorzufinden ist, während in den philosophischen Diskussionen zur Begründung einer Abgrenzung und zur Entwicklung von Ansätzen zum Demarkationsproblem eine gewisse Uneinigkeit über Demarkationskriterien, den Gegenstand der Demarkation und die Methode der Bewertung des wissenschaftlichen Status von vermeintlichen Pseudowissenschaften herrscht. Dies hat verschiedene Diskussionsteilnehmer zur lakonisch vorgetragenen Position bewegt, man könne auf ein genaues Verständnis der essenziellen Kriterien von Wissenschaft bzw. der Demarkationskriterien von Pseudowissenschaft, weitestgehend verzichten.27 Die Forschungsliteratur zu spezifischen Pseudowissenschaften und insbesondere die diversen Übersichtsarbeiten skeptischer Autoren zeigen aber auch, dass es ein außerordentlich großes Spektrum an Pseudowissenschaften gibt, die fast immer in expliziter Abgrenzung zu einer etablierten wissenschaftlichen Theorie oder wissenschaftlichen Disziplin praktiziert wird, welche Pseudowissenschaftler als im negativen Sinne orthodox und epistemisch intolerant kritisieren. Beispiele für Pseudowissenschaften mit Bezug zu den kognitiven Fähigkeiten des Menschen umfassen etwa die Parapsychologie (über- bzw. außersinnliche Wahrnehmung im Diesseits wie Gedankenlesen, Wahrsagen etc.), Pseudowissenschaften mit Bezug zum Jenseits wie die überbzw. außersinnliche Wahrnehmung, die Kommunikation mit Angehörigen im Jenseits/Personen im Jenseits, den Glauben an Reinkarnation und die Erinnerung an frühere Leben etc.) sowie Pseudopsychologien wie die Psychoanalyse, humanistische Psychologie, neurolinguistisches Programmieren oder Verfahren wie gestützte Kommunikation mit geistig schwerst beeinträchtigten Patienten. Eine weitere große Klasse an Pseudowissenschaften kann grob als natur- und medizinwissenschaftsfeindlich beschrieben werden, sie umfasst Pseudowissenschaften mit Bezug zu stellaren Phänomenen und ihrer vermeintlichen Wirkung auf den Menschen, etwa die westliche bzw. chinesische Astrologie. Andere Pseudowissenschaften, obzwar weniger weit verbreitet, betreffen die Erkenntnisse der Geologie – beispielsweise der Glaube an eine flache Erde, der Glaube an eine hohle Erde, auf deren Innenseite die Menschheit lebt, und ein geozentrisches Weltbild. Populär sind 26  Riegel, Pseudoscience: A Critical Encyclopedia (2009); Shermer, The Skeptic Encyclopedia of Pseudoscience sowie Why People Believe Weird Things (beide 2002) und insbesondere Hines, Pseudoscience and the Paranormal (2003). 27  Kalichman, Denying AIDS, S. 57.

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auch Pseudowissenschaften mit Bezug zu außerirdischem Leben, in denen die friedliche Begegnung mit Außerirdischen, die Entführung durch Außerirdische, die Sichtungen von Ufos, die Unterminierung von Regierungen durch Außerirdische oder antike Astronauten bzw. der Einfluss von Außerirdischen auf antike Kulturen thematisiert werden. Ebenfalls dem Bereich der naturwissenschaftsfeindlichen Pseudowissenschaften zuzuordnen sind Lehren mit Bezug zu fundamentalistischen Religionen, die sich in sachlicher Opposition zur Evolutionstheorie befinden, wie etwa der wissenschaftliche Kreationismus und Intelligent-Design-Kreationismus. Im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Medizinwissenschaften stehen beispielsweise die alternativ- und komplementärmedizinischen Praktiken des Handauflegens, des Auflegens von Energiesteinen oder ihrer Verwendung zur energetischen Anreicherung von Trinkwasser, Akupunktur, Homöopathie, Rolfing, das Entschlacken des menschlichen Körpers durch Heilfasten oder die Verwendung von Kräutermedizin sogenannter Naturvölker ohne Wirksamkeits- und Sicherheitsnachweis. Manche Pseudowissenschaften bestehen auch als eine besondere Art der Opposition, die über den bloßen Widerspruch mit Schulwissen hinausgeht, nämlich als ausdrückliche Leugnung spezifischer wissenschaftlicher Erkenntnis (Wissenschaftsleugnung/science denialism). Beispiele hierfür sind etwa eine radikale Impfskepsis, die Leugnung einer kausalen Beziehung zwischen einer HIV-Infektion und dem Ausbruch von AIDS-definierenden Erkrankungen, die Leugnung des Klimawandels oder die Leugnung des Holocausts. Es sprechen gute Gründe für die Annahme, dass insbesondere diese Pseudowissenschaften ein großes Schadenspotenzial besitzen, weil sie nämlich den gesellschaftlichen Frieden gefährden und ihre öffentliche Bekundung teils ein strafbarer Tatbestand ist (im Fall der Leugnung des Holocausts), falsche umweltpolitische Entscheidungen zu Ungunsten zukünftiger Generationen getroffen werden (im Fall der Leugnung des menschengemachten Klimawandels) oder unmittelbar das gesundheitliche Wohl von kindlichen Schutzbefohlenen und Patienten gefährdet wird (im Fall von Impfskeptikern und HIV/AIDS-Leugnern). Bevor wir uns der Diskussion der Theorien von HIV/ AIDS-Leugnern als einem Beispiel für eine Pseudowissenschaft zuwenden, die eine Gefahr im Gesundheitswesen darstellt, werden wir im Folgenden Kriterien für Pseudowissenschaft betrachten. 3.

Multikriterienansätze der Demarkation

Multikriterienansätze sind durch Probleme in der expliziten Definition von Wissenschaft durch die Angabe einer hinreichenden Konjugation von

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notwendigen Kriterien motiviert. Sie verfolgen die Strategie, durch die Angabe hinreichender Kriterien differenzierte Bewertungen des wissenschaftlichen Status von mutmaßlichen Pseudowissenschaften zu ermöglichen. Michael Ruse fasst die Grundannahme der Vertreter von Multikriterienansätzen passend zusammen: It is simply not possible to give a neat definition – specifying necessary and sufficient characteristics – which separates all and only those things that have ever been called ‘science’. The concept ‘science’ is not as easily definable as, for example, the concept “triangle.” Science is a phenomenon that has developed through the ages – dragging itself apart from religion, philosophy, superstition, and other bodies of human opinion and belief.28

Die Entwicklung von Multikriterienansätzen zur Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft kann als eine logische Folge der Kritik am (notwendigen und zugleich hinreichenden) Kriterium der Falsifizierbarkeit und der gleichzeitigen Liberalisierung des Verständnisses vom Objekt der Unterscheidung interpretiert werden. Insbesondere die letztgenannte Liberalisierung zeigt sich darin, dass im Rahmen von Multikriterienansätzen eine Vielzahl von Unterscheidungsmerkmalen vorgeschlagen wurden, die sich zum einen auf Theorien, zum anderen auf Methoden bzw. Methodenanwendung durch Vertreter von Pseudowissenschaften sowie die weitere soziale Praxis von Pseudowissenschaften beziehen. Multikriterienansätze zur Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft wurden von einer Reihe von Autoren vorgeschlagen.29 Zu beobachten ist bezüglich der theorie- und methodenbezogenen Kriterien, dass ein weitgehend rationaler Konsens über den Nutzen des Kriteriums der Falsifizierbarkeit herrscht, wonach die Mehrheit der an der Diskussion beteiligten Philosophen nicht-falsifizierbare Annahmen als charakteristisch für Pseudowissenschaften erachten. Wissenschaftshistorisch affine Autoren bemängeln hingegen die Abwesenheit wissenschaftlichen Fortschritts, ferner werden technische Mängel logischer und mathematischer Art und die Verwendung von Daten minderer Qualität kritisiert. Im Zusammenhang der verhaltensbezogenen Kriterien werden zumeist die mangelnde Bereitschaft zur Revision der eigenen Theorie, die mangelnde Bereitschaft zur Prüfung der eigenen Theorie, das Ignorieren alternativer Erklärungen, das Verschweigen negativer 28  Ruse, Witness Testimony Sheet: McLean v. Arkansas Board of Education, S. 39. 29  Gruenberger (1964), Dutch (1982), Thagard (1978, 1988), Bunge (1982), McRobert (1982), Radner/Radner (1982), Ruse (1982, 1996), Kitcher (1982), Hansson (1996, 2008), Grove (1985), Langmuir (1989), Glymour/Stalker (1990), Derkson (1993, 2001), Vollmer (1993), Hines (2003) und Mahner (2007).

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Evidenzen, die Durchführung von Initiationsriten und die Verwendung von ad-hominem-Argumenten zur Kennzeichnung von Pseudowissenschaften aufgeführt.30 Für die Verwendung von Multikriterienansätzen spricht, dass sie die Probleme einer rein falsifikationistischen Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft vermeiden und sich durch die Angabe von plausiblen, mit Wissenschaft assoziierten Eigenschaften wissenschaftstheoretischen Grundsatzfragen nach dem Wesen wissenschaftlicher Rationalität aus dem Weg geht. Wer nämlich einen Multikriterienansatz zur Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft vertritt, der impliziert damit noch kein systematisches Wissenschaftsverständnis, sondern nur mögliche Arten der Abweichung von Anforderungen an wissenschaftliche Theorien und Forschungspraktiken im weiten Sinne – d.h. auch der Organisation von Forschungsgemeinschaften und der Durchführung von Forschungsvorhaben. Die mit Multikriterienansätzen verbundene Hoffnung ist es also, zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft unterscheiden zu können, sich dabei auf prima facie oder nach philosophischer Analyse plausible Merkmalsbestimmungen von Wissenschaft zu berufen, ohne ein vereinheitlichtes philosophisches Rahmensystem präsentieren zu müssen. Während eine solche pragmatische Herangehensweise plausibel erscheinen mag, ist sie jedoch verfahrens- und rechtfertigungstheoretischen Einwänden ausgesetzt. Zum einen lässt die die bloße Angabe von Demarkationskriterien noch immer relevante, mit dem Demarkationsproblem assoziierte Fragen unbeantwortet – etwa die Frage nach dem Objekt der Unterscheidung bzw. dem Gegenstand der Bewertung oder den genauen Verfahrensvorgaben einer konkreten Bewertung einer mutmaßlichen Pseudowissenschaft. Mit anderen Worten, wer über Demarkationskriterien und eventuell exemplarische Anwendungen dieser Kriterien verfügt, muss nicht notwendigerweise über Methodenwissen zur rationalen Kritik von Pseudowissenschaften verfügen. Ferner sollte man sich darüber im Klaren sein, dass der mit einem Demarkationsansatz verbundene funktionale Anspruch relativ zu seinem intendierten Anwendungsbereich ist.31 In einem für Laien gedachten Sachbuch mag die Darstellung von naturwissenschaftlichen Sachgründen und das Aufzeigen abweichenden Verhaltens durch Pseudowissenschaftler hinreichend sein, um eine Leserschaft zu überzeugen. Vor Gericht hingegen kann 30  Für eine genaue tabellarische Übersicht über die jeweils von verschiedenen Autoren vorgeschlagenen Demarkationskriterien siehe Christian, Wissenschaft und Pseudowissenschaft, S. 35. 31  Siehe Abschnitt 6, Zwecke (a)-(e) eines Demarkationsansatzes.

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tatsächlich schnell die Grundsatzfrage nach dem Wesen von Wissenschaft aufkommen, weil die Vielzahl von verfügbaren Wissenschaftsphilosophien verschiedene Konfigurationen von multiplen Demarkationskriterien zulässt und im Rahmen der Diskussion vor Gericht höhere evidenzielle Standards gelten. So wird beispielsweise ein Relativist vom Schlage Larry Laudans, der im folgenden Abschnitt zu Worte kommen wird, die Verwendung solcher Demarkationskriterien tendenziell ablehnen, die auf individuelles oder kollektives Verhalten von Anhängern mutmaßlicher Pseudowissenschaften bezogen sind. Er wird die Verwendung solcher Kriterien eher als Beleg für die Verwendung des Begriffs der Pseudowissenschaft als reinen Abwertungs- und Stigmatisierungsbegriff deuten. Damit wird dem leichtherzigen wissen­schaftsphilosophischen Eklektizismus von Multikriterienansätzen ein gewisser Dämpfer verpasst. Dieses Problem führt in letzter Folge dazu, dass ein vereinheitlichtes Wissenschaftsverständnis zusätzlich zu einem Demarkationsansatz als eine notwendige Voraussetzung für eine Lösung des Demarkationsproblems erscheint. Paradoxerweise führt genau diese philosophische Redlichkeit dazu, dass Vertreter von Pseudowissenschaften dann mit Blick auf den ehrlich geführten philosophischen Diskurs sagen können, dass die Kritik ihrer Lehren als pseudowissenschaftlich eben relativ zur vorausgesetzten Wissenschaftstheorie sei und es im Spektrum der Wissenschaftsphilosophien eben auch alternative Betrachtungsmöglichkeiten gebe. Hierauf kann von wissenschaftstheoretischer Seite wohl nur mit argumentativer Transparenz und einem entschiedenen Auftreten gegen Zweifel an Sinn und Möglichkeit einer Demarkation reagiert werden. 4.

Skepsis hinsichtlich Sinn und Möglichkeit einer Demarkation

Im Gegensatz zu kontinuierlich geführten Diskussionen in der allgemeinen Wissenschaftstheorie – etwa über wissenschaftlichen Realismus und Antirealismus, wissenschaftliches Erklären oder die Bestätigung wissenschaftlicher Theorien – sind die Fragen des Demarkationsproblems in dem oben dargestellten engeren Sinne mit wechselnder Intensität verfolgt worden. Hierfür können im Wesentlichen drei Gründe angeführt werden: Erstens wirken manche Pseudowissenschaften für wissenschaftlich gebildete Philosophen derart absurd, dass eine sorgfältige wissenschaftliche Kritik als karrieregefährdende Zeitverschwendung erscheinen mag. Da doch jeder Mensch qua Schulwissen – nicht selten von Philosophen mit dem eigenen Bildungshintergrund assoziierten – eigentlich die Unannehmbarkeit einer fraglichen Pseudowissenschaft erkennen sollte, könne es nicht die Aufgabe von

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Philosophen sein, besagtes Schulwissen in Erinnerung zu rufen. Zweitens wird die Verbreitung von Pseudowissenschaften bisweilen als Beleg dafür aufgefasst, dass manche Formen von Irrglauben sich eben dann einer gewissen Beliebtheit erfreuen, wenn der betreffende Glaube nicht mit handfesten Risiken einhergeht – die Ufologie oder der Glaube an Horoskope wären hierfür Beispiele. Sich hier mit großer Mühe um eine wissenschaftliche Kritik zu bemühen, scheint dann zwar intellektuell und aufklärerisch wertvoll, aber in Anbetracht knapper Forschungsmittel und alternativer Betätigungsfelder mit größerer sozialer Relevanz nicht angezeigt. Drittens können mit Blick auf die in den vorangegangenen Abschnitten ausgemachten Diskussionen um monound multikriterielle Ansätze der Demarkation auch handfeste philosophische Gründe für die Position angeführt werden, dass es weder rational möglich, noch pragmatisch zweckmäßig wäre, zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft zu unterscheiden. Bevor solche, sich aus der philosophischen Diskussion von Demarkationskriterien speisenden, skeptischen Argumente gegen Sinn und Möglichkeit einer klaren Grenzziehung thematisiert werden, sollten wir kurz Stellung zu den ersten beiden Gründen für die Missachtung des praktischen Problems, das mit spezifischen Pseudowissenschaften besteht, beziehen. Hier können wir hinsichtlich der vermeintlichen Trivialität der Feststellung von Pseudowissenschaftlichkeit vorbringen, dass es für Wissenschaftler gerade eine Möglichkeit der Übernahme sozialer Verantwortung ist, zwischen dem Wissensgefälle zu vermitteln, welches zwischen ihnen und interessierten Laien besteht. Gerade in den Bereichen, in denen ein großes Schadenspotenzial durch Pseudowissenschaften besteht, etwa im Bereich der Gesundheitsversorgung, ist oftmals ein dezidiertes, über die Allgemeinbildung weit hinausgehendes Fachwissen notwendig, um über den pseudowissenschaftlichen Status mancher Theorien zu informieren. So ist etwa zur Erklärung, warum es sich bei den Lehren von Impfgegnern um Pseudowissenschaften handelt, ein dezidiertes Wissen über epidemiologische Konzepte notwendig. Wenn etwa Impfgegner darauf hinweisen, dass die Impfung von Kindern nicht notwendig sei, weil auch nicht geimpfte Kinder nicht massenweise an impfpflichtigen Erkrankungen verenden, muss von medizinwissenschaftlicher Seite beispielsweise das Konzept der »Herdenimmunität« vermittelt werden.32 Die Widerlegung von Pseudowissenschaften 32  Der epidemiologische Fachbegriff der »Herdenimmunität« bezeichnet den Effekt, bei dem die durch Impfung oder durch Infektion erworbene Immunität gegen einen Krankheitserreger unter den Individuen einer Population (Herde) so verbreitet ist, dass sich Individuen ohne Immunität nur äußerst selten anstecken, da sie effektiv durch immune Individuen in ihrem Kontaktbereich von Erkrankten abgeschirmt werden. Ein Beispiel hierfür wäre ein Schulkind, welches selbst nicht gegen Masern geimpft ist und lediglich

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mag damit zwar aus wissenschaftlicher Sicht intellektuell nicht sonderlich anspruchsvoll sein, dadurch drückt sich aber in erster Linie ein Wissensgefälle zwischen Wissenschaftlern und Laien aus, das keinen Grund für eine mangelnde Aufklärungsarbeit im Dienste der – letztendlich forschungsfinanzierenden und epistemisch abhängigen – Gesellschaft darstellt. Gleichzeitig weist genau dieses Beispiel auch die Vorstellung der Nichtschädlichkeit von Pseudowissenschaften als falsch aus. Während mit einiger Berechtigung gesagt werden kann, dass Pseudowissenschaften wie die Ufologie, der Glaube an Bigfoot oder das Monster von Loch Ness tatsächlich kaum individuelle oder gesellschaftliche Risiken darstellen – man ist bei der Suche nach Ufos, Bigfoot oder Nessie immerhin sportlich aktiv an der frischen Luft – sind mit anderen Pseudowissenschaften bisweilen auch Risiken verbunden (siehe Abschnitt 6). Wir verfügen damit über zumindest zwei Gründe, warum die Vernachlässigung des Demarkationsproblems, – zumindest in seiner auf konkrete Pseudowissenschaften bezogenen Form – problematisch ist. Hinsichtlich der eher philosophisch gelagerten Einwände gegen Sinn und Möglichkeit einer klaren Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft können zwei Arten von Problemen unterschieden werden. Zum einen sind dies normative Probleme, die mit der Anwendung des Begriffs der Pseudowissenschaft zu tun haben, zum anderen konzeptuelle Probleme, die eine saubere Trennung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft als zweifelhaft erscheinen lassen. Der Kern normativer Einwände gegen den Begriff der Pseudowissenschaft besteht darin, dass er eine irreduzibel wertende Dimension besitzt und in erster Linie als Urteilsbegriff in der Bewertung von Theorien bzw. sozialen Praktiken dient, um eine bestimmte Art der Vertuschung einer Abweichung von etablierten wissenschaftlichen Standards zum Ausdruck zu bringen. Niemand würde beispielsweise von sich selbst mit Überzeugung sagen, dass er ein Pseudowissenschaftler sei und mit großem Engagement an einer Pseudowissenschaft arbeite – damit wohl kollegiale Anerkennung und öffentliche Fördermittel verdiene. Laudan und Dolby haben an dieser Überlegung anschließend kritisiert, dass es sich beim Begriff der Pseudowissenschaft um einen reinen Abwertungs- und Stigmatisierungsbegriff handeln würde, dessen Zweck nicht die neutrale Bewertung wissenschaftlicher Theorien sei, sondern lediglich eine Art der Parteilichkeit und persönlichen Missbilligung zum Ausdruck bringen würde.33 Man kann diesen Einwand Kontakte zu geimpften Bezugspersonen hat, wodurch ein relativer Schutz gegen Masern besteht. 33  Laudan, The demise of the demarcation problem, S. 119 und Dolby, Science and pseudoscience, S. 204.

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gegen die Verwendung des Begriffs der Pseudowissenschaft in einer starken und einer schwachen Weise lesen. Eine starke Lesart würde die kognitive Unterscheidungsleistung des Begriffs der Pseudowissenschaft allgemein infrage stellen, sie scheint mit Blick auf Lehren unbegründet, die ganz offensichtlich zum Zwecke der Täuschung von Laien konstruiert wurde. Ein Beispiel hierfür wäre etwa die fantasievolle Formulierung von spirituell-pseudomedizinischen Lehren für eine bestimmte Klientel, um den Erwerb von heilenden Energiesteinen zu motivieren. Hier scheint es weder sinnvoll, die Unterscheidungsleistung des Demarkationsbegriffs zu negieren, sofern man sich bei der Bewertung der Lehre an etabliertem medizinischem Wissen orientiert, noch verantwortungsvoll, eine Bewertung zu unterlassen. Eine schwache Lesart wäre gleichbedeutend mit dem sinnvollen Hinweis, dass die Anwendung des Begriffs der Pseudowissenschaft mit einem Missbrauchs- bzw. Fehlerrisiko einhergeht. So wurde von wissenschaftshistorischer Seite darauf hingewiesen, dass im Entstehen befundene Theorien und Forschungsbereiche, die sich später etablieren konnten und nun zur wissenschaftlichen und disziplinären Orthodoxie gehören, in ihren Entstehungsphasen als Pseudowissenschaften abgeurteilt wurden.34 Zudem werden auch gegenwärtig Diskussionen zum wissenschaftlichen Status von nicht direkt empirisch prüfbaren Theorien der Physik, nämlich insbesondere der Stringtheorie und ihrer Ableger mit Blick auf das Demarkationsproblem geführt.35 Dadurch wird eine diskursive, und durch die normative Funktion des Begriffs der Pseudowissenschaft problematische Nähe zwischen dem Demarkationsproblem und der Diskussion um die Möglichkeit der empirischen respektive rationalen Bestätigung von abstrakten Theorien der Physik hergestellt.36 Hier liegt tatsächlich die Sorge nahe, dass eine im Wesentlichen durch allgemeine wissenschaftsphilosophische Überlegungen gespeiste Präferenz für bestimmte Arten der Theorienbestätigung zu dem vorschnellen Verdikt der Pseudowissenschaftlichkeit führt. Nun wird durch solche Beispiele die Missbrauchsgefahr des Begriffs der Pseudowissenschaft zwar illustriert, aber ähnliche Gefahren sind auch bei anderen Begriffen für normabweichendes Verhalten in der Wissenschaft – so etwa bei den Begriffen »wissenschaftliches Fehlverhalten«, »fragwürdige Forschungspraktik«, »mangelnde Sorgfalt« etc. – gegeben. Trotzdem wird es von Wissenschaftlern und der Mehrheit der Wissenschaftsethiker nicht als problematisch angesehen, wenn über Verhalten von professionellen Akteuren im For­schungsprozess 34  Rupnow et al., Pseudowissenschaft, S. 8. 35  Dawid, Wenn Naturwissenschaftler über Naturwissenschaftlichkeit streiten, S. 395-416. 36  Cf. Hossenfelder, Lost in Math (2018) und Dawid, String Theory and the Scientific Method (2013).

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vor dem Hintergrund dezidierten Methoden- und etablierten Sachwissens geurteilt wird. Die schwache Lesart des Problems weist damit nur auf die Notwendigkeit besonderer Vorsicht in der Anwendung des fraglichen Begriffs hin, nicht auf seinen fehlenden Wert zur Abgrenzung. Bevor im folgenden Abschnitt durch einige pragmatische Überlegungen zur Bewertung einer mutmaßlichen Pseudowissenschaft beigetragen wird, sollten wir noch zwei konzeptuelle Probleme ansprechen. Erstens besteht das konzeptuelle Problem bei der begrifflichen Bestimmung von Pseudowissenschaft, dass Versuche der Explikation von Pseudowissenschaft regelmäßig durch Gegenbeispiele – für den Ausschluss paradigmatischer Wissenschaft und den Einschluss paradigmatischer Pseudowissenschaft – herausgefordert werden konnten. Dies motivierte, wie bereits erklärt (siehe Abschnitt 3), die Entwicklung von Multikriterienansätzen. Zweitens besteht das Problem, dass insbesondere der Nachweis einer intendierten Täuschung bzw. der Erzeugung eines Scheins von Wissenschaft (deswegen das Präfix »pseudo«) kaum operationalisierbar und allenfalls durch sprachliche, argumentative, performative oder institutionelle Beispiele für wissenschaftlich wirkende Dinge illustrierbar ist. Dazu zählen etwa eine lediglich wissenschaftlich klingende Terminologie (etwa »quantum healing«), die Verwendung von logischen Fehlschlüssen und argumentativer Irreführung (etwa die irreführende Darstellung des Forschungsstandes), die Überschreitung eigener fachlicher Kompetenzen oder die Umgehung von etablierten Verfahren wissenschaftlicher Selbstkontrolle (etwa die Gründung von scheinwissenschaftlichen Journalen zur Publikation von Pseudowissenschaften). Während wir uns gut mit illustrierenden Beispielen begnügen können, um einen kritischen Sinn für die Identifikation von täuschenden Aspekten mutmaßlicher Pseudowissenschaften zu wecken, kann eine Antwort auf das erste konzeptuelle Problem wohl nur in der Feststellung bestehen, dass das Vorhandensein von Fehleinordnungen nicht verwunderlich und unvermeidbar ist. Wissenschaft ist eben in ihren Forschungsgegenständen divers37 und methodologisch nur auf einer sehr allgemeinen Ebene zu vereinheitlichen.38 Als sozio-epistemischer Prozess, der gesellschaftlich situiert ist und von fehlbaren Menschen vollzogen wird, ist Forschung auch nicht faktisch frei von den Fehlern, die durch manche Demarkationskriterien in Multikriterienansätzen beschrieben werden.

37  Derkson, The seven strategies of the sophisticated pseudoscience, S. 19. 38  Schurz, Philosophy of Science, S. 44-58.

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5.

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Zwischen Glaubenssystem, sozialer Praxis und Technologie

Im Folgenden werde ich zunächst eine Methode zur rationalen Bewertung von Glaubenssystemen skizzieren, wobei die in den übersichtsartigen Abschnitten aufgeworfenen Fragestellungen aufgegriffen werden. Zuletzt werde ich diesen Ansatz dann auf die Theorien von HIV/AIDS-Leugnern anwenden. Intuitiv plausibel scheint zu sein, dass mit dem Begriff der Pseudowissenschaft Phänomene beschrieben werden, die drei Merkmale aufweisen: Erstens werden Pseudowissenschaften mit Erkenntnis-, Wirkungs- und Legitimitätsanspruch vertreten. So gehen beispielsweise Vertreter der Astrologie davon aus, dass die Astrologie als Theorie wissenschaftlich begründet sei, Horoskope korrekte Voraussagen für die individuelle Lebensführung liefern würden und die Astrologie entgegen der Meinung von Kritikern gerade keine Pseudowissenschaft, sondern ein legitimes Glaubenssystem sei. Zweitens verstoßen die Anhänger von Pseudowissenschaften gegen wissenschaftliche Standards relevanter Referenzdisziplinen und ihre Lehren stehen im Widerspruch zu gut begründeten wissenschaftlichen Überzeugungen von Referenzdisziplinen. Drittens involvieren Pseudowissenschaften eine intendierte Täuschung res­ pektive eine nichtintendierte Täuschungswirkung, die insbesondere zu Verwechselungen mit den Erkenntnissen oder dem disziplinären Kontext einer etablierten Referenzdisziplin führt. Dies wird beispielsweise erreicht durch jeweils irreführende Sprache, Duktus, Institutionen, oder Methoden (etc.), durch die beim Rezipienten eine Fehleinordnung einer Theorie, Technologie oder sozialen Praxis (s.u.) als wissenschaftlich bewirkt wird. Diese Annäherung an den klärungsbedürftigen Begriff der »Pseudowissenschaft« lässt das Objekt der Demarkation bzw. den Gegenstand der Bewertung des wissenschaftlichen Status und die genauen Verfahrensvorgaben für die Feststellung eines wissenschaftlichen Normverstoßes, des Widerspruchs mit wohlbegründeten Erkenntnissen sowie der intendierten Täuschung bzw. nichtintendierten Täuschungswirkung unbestimmt. Wenden wir uns zunächst der Frage nach dem Objekt der Demarkation zu, wofür wir die Art und Weise des Entstehens und vor allem Weiterbestehens von Pseudowissenschaften reflektieren sollten. Augenscheinlich haben Pseudowissenschaftler dann gute Chancen, ihre Lehren im kulturellen Bewusstsein festsetzen zu können, wenn (1) die Annahme des fraglichen Glaubenssystems nicht unmittelbare, gravierende und negative Konsequenzen hat, etwa direkt Leib und Leben gefährdet, (2) die Falschheit des formierten Glaubenssystems nicht unmittelbar einsichtig ist und (3) die Annahme des fraglichen Glaubenssystems vorteilhaft für die Anhänger ist, etwa durch die Herstellung

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eines Gemeinschaftsgefühls oder die Beförderung eines Gefühls der Selbstermächtigung. Dabei müssen adäquat rekonstruierte Glaubenssysteme von Pseudowissenschaften (4) weder bei genauerer Betrachtung kohärent, noch konsistent sein. (5) Sie müssen auch nicht notwendig praktische Konsequenzen implizieren, vielmehr können die mit Pseudowissenschaften assoziierten Handlungsmuster lose neben Theorien stehen. Diese Beobachtungen legen nahe, dass Pseudowissenschaften nicht nur Theorien sind, wie Popper und Philosophen in seiner Folge dachten, sondern eher als mehr oder minder elaborierte Glaubenssysteme in einer sozialen Praxis einer Gemeinschaft von Anhängern eingebettet sind, die bisweilen mit ihrer Pseudowissenschaft besondere Technologien oder Kunstfertigkeiten assoziieren. Die philosophische, empirische und methodologische Kritik von Pseudowissenschaften sollte sich also nicht exklusiv auf pseudowissenschaftliche Theorien konzentrieren, weil sich Pseudowissenschaften eben nicht erschöpfend als Glaubenssysteme analog zu wissenschaftlichen Theorien und ihrer Relation zu evidenziell stützender oder schwächender Evidenz beschreiben lassen. Vielmehr sollten Pseudowissenschaften eher als methodologisch dysfunktionale Glaubenssysteme charakterisiert werden, die sozial verankert sind und oftmals handlungsleitende Technologien bereitstellen. Ein illustratives Beispiel dafür, dass bei der Bewertung des wissenschaftlichen Status’ von mutmaßlichen Pseudowissenschaften sowohl Glaubenssystem als auch soziale Praxis und gegebenenfalls assoziierte Technologien rekonstruiert und rational kritisiert werden sollten, ist die Homöopathie. Sie ist auf eigentümliche Weise mehr als die empirisch widerlegte Lehre von Samuel Hahnemann oder eine modernisierte Variante dieser Lehren. Vielmehr ist die Homöopathie als Pseudowissenschaft eine bedauerlicherweise im Gesundheitswesen mancher westlichen Länder etablierte medizinische Praxis, die im Arzt-Patienten-Verhältnis existiert und praktisch in der Gabe von wirkstofffreien Präparaten besteht, die hergestellt werden gemäß den pharmakologischen Vorgaben der Homöopathie. Die Adäquatheit der Unterscheidung dieser drei Perspektiven auf spezifische Pseudowissenschaften ist auch aus zwei erklärungstheoretischen Gründen plausibel. Zum einen erklärt sie das Weiterbestehen von Pseudowissenschaften, zum anderen macht sie verständlich, warum Anhänger und Anhängerinnen von Pseudowissenschaften sich praktisch nur dann von der Falschheit ihres Irrglaubens überzeugen lassen, wenn sie (i) ein wissenschaftlich besser bestätigtes Glaubenssystem angeboten bekommen, (ii) sie praktisch gute Gründe für den fehlenden Nutzen der aus der Pseudowissenschaft begründeten Technologie erfahren und (iii) die affirmative Bestätigung durch andere Anhänger der Pseudowissenschaft verhindert wird. Wir wer­den

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für beide Aspekte mit dem Phänomen der HIV/AIDS-Leugnung ein bedauerliches Beispiel aus dem Bereich der Pseudomedizin bzw. radikalen Medizinskepsis kennenlernen. 6.

Rekonstruktion und begründete Bewertung

Zuvor haben wir bereits gesehen, dass die Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft, zumindest der Überzeugung der meisten Teilnehmer und Teilnehmerinnen in der Diskussion des Demarkationsproblems nach, nicht durch die Anwendung von genau einem kognitiven Kriterium (etwa Falsifizierbarkeit) oder einer insgesamt hinreichenden Konjunktion von notwendigen Kriterien getroffen werden kann, ohne bisweilen kontraintuitive Klassifikationen zu implizieren. Im Folgenden möchte ich deswegen vorschlagen, die Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft weniger als eine einfache Kategorisierungsfrage, sondern vielmehr als einen theoriegeleiteten Prozess der begründeten Bewertung eines zu prüfenden Falls aufzufassen. Um einige Verfahrensvorgaben für die Bewertung einer mutmaßlichen Pseudowissenschaft zu formulieren, muss eine grundsätzliche Entscheidung über den mit einem Demarkationsansatz verbundenen Zweck getroffen werden. Mögliche Zwecke, die mit der Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft in einem konkreten Fall verfolgt werden könnten, sind (a) die allgemeine Klärung der Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft, (b) die Bewertung eines konkreten mutmaßlichen Beispiels für eine Pseudowissenschaft, (c) die Überzeugung von Anhängern einer Pseudowissenschaft, dass sie einem Irrglauben unterliegen, (d) die Überzeugung von Unentschiedenen, nicht an eine Pseudowissenschaft zu glauben, ihr gemäß zu handeln oder sich in die soziale Praxis der Pseudowissenschaft einbinden zu lassen sowie (e) die Akkreditierung von Wissen durch Forschungsgemeinschaften zwecks Übernahme in den Korpus gesellschaftlichen Wissens. Im Rahmen des vorliegenden Artikels kann lediglich die Bewertung eines konkreten mutmaßlichen Beispiels für eine Pseudowissenschaft – im Sinne von (a) und (b) – erörtert werden und zwar durch die Formulierung von Verfahrensvorgaben und ihre anschließende Illustration. Die Erfüllung eines umfassenderen Anforderungsprofils, dass beispielsweise auch die Überzeugung von Anhängern von Pseudowissenschaften miteinschließt, würde weitere Komponenten eines Demarkationsansatzes notwendig machen, beispielsweise eine Ethik der Diskussion mit Anhängern von Pseudowissenschaften39 39  Cf. Van Bendegem, Argumentation and Pseudoscience (2013).

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oder einen Ansatz zur Sozialarbeit im Kontext der Hilfe von Anhängern von abgeschotteten, radikalen Glaubensgruppen. Eine sinnvolle allgemeine Bestimmung einer Methode der Bewertung von mutmaßlich pseudowissenschaftlichen Theorien scheint darin zu bestehen, zwischen der vorbereitenden Rekonstruktion mit einem Erkenntnisinteresse und einer anschließenden kritischen Bewertung durch den Abgleich mit normativen Referenzsystemen zu unterscheiden. In einem ersten rekonstruktiven Schritt sollten das zunächst fragliche Glaubenssystem und dessen Einbettung in eine soziale Praxis der Vertreter und Anhänger sowie gegebenenfalls die mit dem Glaubenssystem assoziierten Technologien beschrieben werden. Dabei ist erstens darauf zu achten, dass erstens die Rekonstruktion des Glaubenssystems die tatsächlich von Vertretern und Anhängern vorgebrachten Glaubensgründe für die zu prüfende Theorie umfasst. Zweitens muss die Rekonstruktion der sozialen Praxis die Einbettung des Glaubenssystems in die gemeinschaftliche Lebenspraxis verständlich machen. Rekonstruktionsleitende Fragen könnten beispielsweise sein, ob das Glaubenssystem im Rahmen der Ausübung professioneller Rollen relevant ist oder lediglich als disparater theoretischer Überbau einer Technologie fungiert – wie bei Anhängern von esoterischen Lehren über die heilende Wirkung von Energiekristallen. Drittens muss die Rekonstruktion der gegebenenfalls assoziierten Technologie verständlich machen, inwiefern die Pseudowissenschaft für die Anhänger als konkret instrumentell wirksam erachtet wird. Vor dem Hintergrund einer solchen Rekonstruktion kann in einem zweiten Schritt die kritische Bewertung zum Zwecke des Nachweises von metho­ dologischen Normverstößen, dem Vorhandensein von Widersprüchen zu etabliertem Wissen und einer Täuschungswirkung erfolgen. Im Rahmen der begründeten Bewertung des wissenschaftlichen Status’ kann sich die Kritik hinsichtlich ihrer normativen Referenz zum einen auf allgemeine Kriterien für Wissenschaftlichkeit beziehen, beispielsweise die bereits genannten Demarkationskriterien in Multikriterienansätzen. Zum anderen kann aber auch ein empirisch und methodisch fundierter Bezug zu relevanten wissenschaftlichen Referenzdisziplinen hergestellt werden. Dies ist insbesondere dann sinnvoll, wenn sich eine mutmaßliche Pseudowissenschaft als explizite Opposition zu einer etablierten Wissenschaft positioniert. Eine der Aufgaben von Wissenschaftsphilosophen ist es in diesem Sinne, verschiedene Kritiklinien in der Bewertung eines konkreten Falls zusammenzuführen, um damit eine möglichst breite Rechtfertigungsgrundlage für das Verdikt der Pseudowissenschaft herzustellen. Zusätzlich zum Nachweis von methodologischen Normverstößen oder Widersprüchen zu etabliertem Wissen muss auch erklärt werden, warum

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eine mutmaßliche Pseudowissenschaft wissenschaftlich scheint bzw. wie eine Wissenschaft wirkt. Gegenstand einer weitergehenden kritischen Bewertung sind also auch intendierte Täuschungsmanöver durch Vertreter einer mutmaßlichen Pseudowissenschaft oder die durch bestimmte Merkmale des fraglichen Glaubenssystems, dessen Einbettung in einer sozialen Praxis oder gegebenenfalls die mit ihr assoziierte Technologie evozierte Fehleinordnung durch Rezipienten. Fassen wir die Skizze eines Ansatzes zur Bewertung eines konkreten Falls einer Pseudowissenschaft kurz zusammen: Wir gehen davon aus, dass Pseudowissenschaften von Vertretern und Anhängern mit einem i) Erkenntnis-, Wirkungs- und Legitimationsanspruch vertreten werden, ii) ihre Lehren mit methodologischen Normverstößen oder Widersprüchen zu etablierten Wissen einhergehen und iii) eine intendierte Täuschung oder Täuschungswirkung involvieren. Weiterhin nehmen wir an, dass ein Verfahren zur Bewertung einer mutmaßlichen Pseudowissenschaft zumindest zwei Schritte umfasst, nämlich die vorbereitende Rekonstruktion und die anschließende kritische Bewertung durch den Abgleich mit normativen Referenzsystemen. Eine solche kritische Bewertung kann eine wissenschaftstheoretisch abstrakte Kritik, eine empirisch- und methodisch-fundierte Kritik durch Bezug auf relevante Referenzdisziplinen sowie den Nachweis der intendierten Täuschung durch die Vertreter oder die Erklärung der Täuschungswirkung auf Seiten der Rezipienten einer Pseudowissenschaft umfassen. 7. Fallbeispiel: HIV/AIDS-Leugnung In diesem letzten Abschnitt wird nun dieser Abgrenzungsansatz auf das Beispiel der HIV/AIDS-Leugnung bezogen, d.h. auf die Leugnung eines kausalen Zusammenhangs zwischen einer HIV-Infektion und dem Ausbruch AIDSdefinierender Erkrankungen sowie auf eine Reihe von Annahmen, die in direktem Widerspruch zu den Erkenntnissen der HIV/AIDS-Forschung stehen. Um Missverständnisse zu vermeiden, sollten wir im Folgenden zwischen einem konstruktiven, wissenschaftlich informierten Zweifel an manchen Ergebnissen bzw. den methodologischen Erkenntnisgrenzen der medizinischen Forschung und einem unbegründeten, von einer wissenschaftsfeindlichen Einstellung geprägten Zweifel differenzieren. Unterscheiden können wir in diesem Sinne (1) den begründeten Zweifel an medizinischem Wissen, welcher sich als (a) punktueller Zweifel auf die mit einem bestimmten Forschungszweig

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verbundenen Erkenntnisansprüche bezieht und beispielsweise durch Wissen über strukturelle Probleme in der medizinischen Forschung (etwa kommerzielle Interessenkonflikte etc.) begründet sein kann. Die meisten Forschungsethiker der Medizin, die sich mit Fragen der epistemischen Integrität in lokalen Forschungsprozessen beschäftigen, zweifeln in diesem Sinne konstruktiv an punktuellen Befunden der Medizinforschung (beispielsweise an dem Nachweis der Sicherheit und Wirksamkeit bestimmter Präparate40). Hiervon sollte eine Form des (b) generellen Zweifels bezüglich medizinischen Wissens bezogen auf große Bereiche medizinischen Wissens im Sinne eines medizinischen Nihilismus41 unterschieden werden. Medizinische Nihilisten wie Stegenga sind epistemologische Pessimisten, was die Leistungsfähigkeit der medizinischen Forschung zur Klärung von Fragen der Wirksamkeit und Sicherheit medizinischer Interventionen im weiten Sinne (Medikamente, Therapieverfahren etc.) betrifft. Sie vertreten aus methodologischen Gründen – etwa motiviert durch häufige Fehler in der Erhebung und statistischen Auswertung von Daten in der klinischen Forschung – die Auffassung, dass unser Vertrauen in die Wirksamkeit und Sicherheit medizinischer Interventionen gering sein sollte. Gleichzeitig stellen medizinische Nihilisten damit nicht infrage, dass etablierte Präventions- und Therapieverfahren der westlichen Schulmedizin wissenschaftlich gut begründet und ihre Anwendung medizinisch geboten sein können. Die Unterscheidung zwischen beiden Formen des konstruktiven Zweifels an medizinischem Wissen ist also durch die Reichweite des Zweifels begründet. Wenn wir uns nun dem Beispiel der HIV/AIDS-Leugnung zuwenden, dann haben wir es – wie sich später zeigen wird – mit (2) der Leugnung (denial/denialism) von gut begründetem medizinischen Wissen zu tun, welche einer wissenschaftlichen Grundlage entbehrt und oftmals durch kommerzielle oder ideologische Interessen angetrieben ist. In einem ersten Schritt müssen wir das Glaubenssystem der HIV/AIDSLeugnung, dessen Einbettung in eine soziale Praxis sowie die mit dem Glaubenssystem assoziierten Technologien – hier sind es pseudomedizinische Therapieverfahren – rekonstruieren. Aus textökonomischen Gründen wird im Folgenden erst eine zusammenfassende Darstellung der wesentlichen Merkmale der HIV/AIDS-Leugnung mit Quellen gegeben (siehe Tabelle 13.1), dann werden ausgewählte Merkmale bewertet. Detaillierte Studien zur HIV/ AIDS-Leugnung – aus aktuellem Anlass oftmals mit Blick auf Südafrika – haben 40  Christian, On the Suppression of Medical Evidence (2017). 41  Stegenga, Medical Nihilism (2018).

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unter anderem Kalichman (2009), Barz/Cohen (2010), Fourie/Meyer (2016), Nattrass (2013) und Youde (2013) vorgelegt – sie gehen inhaltlich weit über die folgende Darstellung und Bewertung hinaus. Tabelle 13.1 Rekonstruktion – HIV/AIDS-Leugnung

Merkmale Spektrum von Annahmen zur Ätiologie, Immunologie, Pharma­ kologie und Epidemiologie von HIV-Infektionen und insbesondere der kausalen Relevanz einer HIV-Infektion für den späteren Ausbruch von AIDS-definierenden Krankheiten:

Glaubenssystem

i. HIV existiert nicht. ii.  H IV existiert, aber HIV-Tests erbringen keinen Nachweis einer Infektion mit HIV in Patienten. iii. Eine Infektion mit HIV führt nicht mittelbar zum Ausbruch von AIDS-definierenden Krankheiten. iv. Eine Infektion mit HIV ist notwendig, aber nicht hinreichend für den Ausbruch von AIDS-definierenden Krankheiten. v. Die Medikamente zur Behandlung von HIV-Infektionen sind Gifte. vi. HIV wird nicht durch sexuelle Kontakte übertragen. Die Annahmen i-vi werden praktisch von allen Medizinforschern als unbegründet abgelehnt (Kalichman 2009, S. 57-86). Erklärungen für AIDS-Epidemie: Verschwörung durch Regie­ rungen und Pharmakonzerne zum Zwecke des Absatzes von Medikamenten und Bevölkerungskontrolle (Nattrass 2012, Kalichman 2009, S. 106-110).

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Tabelle 13.1 Rekonstruktion – HIV/AIDS-Leugnung (fortges.)

Merkmale Von medizinwissenschaftlicher Seite in erster Linie von Peter Duesberg vertreten, andere Vertreter sind fast ausschließlich Aktivisten, die selbst nicht im Gesundheitswesen tätig sind, und Journalisten.

Soziale Praxis

Aktivisten sind fast immer selbst mit HIV infiziert, als HIV-positiv getestet worden oder von AIDS-definierenden Erkrankungen betroffen. Viele Aktivisten versterben an AIDS-definierenden Erkrankungen, wobei anzumerken ist, dass die Selbstauskunft über eigenen Krankheitsverlauf bzw. die Fremdauskunft durch Angehörige von Aktivisten inkongruent mit augenscheinlichen Todesursachen ist (Kalichman 2009, S. 154-155). Kommunikation des Glaubenssystems primär an Laien gerichtet, die HIV-positiv getestet wurden. Kommunikation findet über Internetseiten, soziale Medien und Bücher sowie Artikel statt (Smith/Novela 2007, Kalichman 2009, S. 91-105). In Südafrika wurden die Thesen von HIV-Leugnern in der Regie­ rungszeit 1999-2008 von Regierungsseite explizit befürwortet (Barz/Cohen 2010, Youde 2013).

Technologie

Rigorose Ablehnung von etablierten Strategien zur Infektionsvorbeugung, Behandlung von HIV-Infektionen und Therapie von AIDS-definierenden Erkrankungen. Wahl alternativer Behandlungsstrategien, Empfehlungen rei­ chen von Ernährungsänderungen, Nahrungsergänzungsmitteln (Kalichman et al. 2012) bis zu experimentellen Therapien (Nattrass 2007).

Konzentrieren wir uns im Folgenden auf die Bewertung von je einem Merkmal des Glaubenssystems, der sozialen Praxis und der mit dem Glaubenssystem assoziierten Technologie: Aus der Reihe an Annahmen (i-vi) ist wohl die diejenige, dass eine Infektion mit HIV nicht mittelbar zum Ausbruch von

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AIDS-definierenden Krankheiten führt, das prominenteste und der Sache nach gefährlichste Merkmal des fraglichen Glaubenssystems. Diese Annahme hat bei genauerer Analyse zwei inhaltliche Komponenten. Zum einen vertritt etwa Duesberg in diversen Publikationen die Auffassung, dass die Infektion mit einem Virus schwerlich den Ausbruch von mehreren Krankheiten verursachen könne und deswegen alternative Erklärungen gesucht werden müssten.42 Was hier für Laien intuitiv plausibel erschienen mag, ist bei genauerer Betrachtung – und schon durch einfache Kenntnisnahme der Bedeutung des Akronyms »AIDS« (Acquired Immune Deficiency Syndrome/ Akquiriertes Immun-Defizienz-Syndrom) – eine irreführende Fehldarstellung medizinischen Wissens. Richtig ist vielmehr, dass in der medizinischen Forschung der Nachweis erbracht wurde, dass eine Infektion mit HIV zu einem Versagen des Immunsystems von infizierten Patienten führt, sodass der Ausbruch von Krankheiten begünstigt wird, die das AIDS definieren.43 Zum anderen haben Duesberg und einige wenige randständig arbeitende Medizinforscher als Alternativerklärung für den Ausbruch von AIDS Umweltgifte und Karzinogene ins Spiel gebracht. Ein herausstechendes Merkmal im Bereich der weiteren sozialen Praxis ist, dass die im Kontext der HIV/AIDS-Leugnung gemachten Annahmen, obwohl sie sich auf ätiologisches, immunologisches, pharmakologisches und epidemiologisches Wissen beziehen, in erster Linie von Aktivisten, die keine Experten für die genannten Wissensbereiche sind, über private Kommunikationswege ohne fachliche Kontrolle auf Richtigkeit an Patienten kommuniziert werden. Aktivisten etablieren damit Kommunikationskanäle für die Verbreitung von wissenschaftlich nicht akkreditierten Meinungen, die in traditionellen Kommunikationsverfahren, welche der wissenschaftlichen Selbstkontrolle unterliegen, ausgefiltert werden würden. Die Schaffung solcher kommunikativer Parallelstrukturen, welche zudem auch im Kontext des wissenschaftlichen Kreationismus und Intelligent-Design-Kreationismus zu finden sind, scheint hier ein treffendes Demarkationskriterium publikationsethischer Art zu sein.44 Eine praktische Konsequenz, die mit der Annahme des Glaubenssystems der HIV/AIDS-Leugner und der Integrierung in ihre Gemeinschaft einhergeht, 42  Duesberg, Infectious AIDS (1995); Duesberg, Human immunodeficiency virus and acquired immunodeficiency syndrome, S. 755-764; Duesberg et al., The chemical bases of the various AIDS epidemics, S. 383-412. 43   Barré-Sinoussi et al., Isolation of a T-lymphotropic retrovirus from a patient at risk for acquired immune deficiency syndrome (AIDS), S. 868-871; Gallo et al., Isolation of human T-cell leukemia virus in acquired immune deficiency syndrome (AIDS), S. 865-876. 44  Cf. Koertge, Belief Buddies versus Critical Communities (2013).

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ist die Annahme assoziierter Technologien, die durch die Ablehnung von etablierten Präventions- und Therapieverfahren begründet ist. Sie geht mit einer Tendenz zur Anwendung alternativ- und komplementär-medizinischer Maßnahmen im weiten Sinne einher, die als Surrogat für traditionelle medizinische Interventionen fungiert. Im Fall von Patienten, die an einer HIV-Infektion oder an AIDS leiden, sind insbesondere diejenigen Maßnahmen beliebt, die vermeintlich die Funktion des Immunsystems stützen – konkret sind dies etwa hohe Dosen an Vitaminen, der vermehrte Konsum von Antioxidantien oder Produkten, die vermeintlich den Körper von Schadstoffen reinigen, beispielsweise Tee- und Kräutermischungen.45 HIV/AIDS-Leugner in Verbindung mit findigen Geschäftsleuten schaffen damit auch auf der technologischen Ebene medizinischer Interventionen Parallelstrukturen, obwohl o.g. Maßnahmen aus der Perspektive evidenzbasierter Medizin fast immer unwirksam bzw. nur geringfügig gesundheitsförderlich sind. Im Fall der HIV/AIDS-Leugnung zeigt sich nicht nur, dass eine sys­ tematische Bewertung des wissenschaftlichen Status von mutmaßlichen Pseudowissenschaften prinzipiell möglich ist, vielmehr zeigt sich darin auch, dass ein Glaubenssystem, das den gesicherten Erkenntnissen der Wissenschaft widerspricht, in eine gemeinschafts- und hoffnungsstiftende soziale Praxis sowie mit ihnen assoziierte Technologien integriert werden kann. So kann selbst ein mittelfristig extrem schädliches Glaubenssystem auf einer überindividuellen Ebene weiterbestehen. Nicht erstaunlich ist mit Blick auf den eingangs geforderten Nachweis der intendierten Täuschung oder nichtintendierten Täuschungswirkung, der als eine notwendige Bedingung für das Verdikt der Pseudowissenschaftlichkeit gilt, dass in den seltensten Fällen bei Aktivisten eine intendierte Täuschung vorliegt. In seiner wegweisenden sozialpsychologischen Studie über die Vertreter und Anhänger der oben genannten Thesen beschreibt Kalichman seinen Eindruck, dass Aktivisten in diesem Feld keine boshafte Täuschungs- oder Schädigungsabsicht haben: I have been left with no doubt that AIDS Rethinkers really truly believe that HIV does not cause AIDS. In their minds, the propagation of the HIV=AIDS myth is the product of a government conspiracy in cahoots with a multibillion dollar pharmaceutical scam. They actually believe that antiretroviral medications are toxic poison. […] it is important that I say that the denialists who interacted with me did not seem evil. They are deeply skeptical of science and untrusting of government and big business.46 45  Kalichman et al., Use of dietary supplements among people living with HIV/AIDS is associated with vulnerability to medical misinformation on the internet, S. 1. 46  Kalichman, Denying AIDS, S. XIV-XV.

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Der Eindruck von Wissenschaftlichkeit scheint sich in diesem Fall also in erster Linie auf Rezipientenseite zu ergeben (nichtintendierte Täuschungswirkung), begründet durch (i) die ernsthaft wirkende Kritik an etabliertem schulmedizinischen Wissen durch wenige Wissenschaftler, deren Thesen qua Laienstatus der Rezipienten nicht als randständig identifiziert werden können, (ii) die Existenz einer nach eigenem Bekunden kritischen und letztendlich am gesundheitlichen Wohl von Betroffenen interessierten Gemeinschaft sowie (iii) das Vorhandensein von quasi-medizinischen Interventionen. Eine vollumfängliche Bewertung aller in Tabelle 1 genannten Merkmale kann die Grundlage für das Verdikt sein, dass es sich bei der HIV/AIDS-Leugnung um eine Pseudowissenschaft handelt; de facto ist dies die Einschätzung, die Experten in diesem Feld teilen.47 Im vorliegenden Fall könnte eine weitergehende Bewertung auch die Klärung der Frage involvieren, warum ein solches Glaubenssystem angenommen wird, obwohl es offensichtlich direkt das eigene gesundheitliche Wohl negativ tangiert und mittelbar zu einem früheren, oftmals leidvollen Tod durch die mit AIDS assoziierten Krankheiten führt. Kalichman erklärt diesen verwunderlichen Sachverhalt im Sinne eines Coping-Mechanismusses zur Bewältigung des Stresses, den eine HIV-Diagnose hervorruft. Das von HIV/AIDS-Leugnern angebotene Glaubenssystem wirkt, zusammen mit der Stabilisierung durch die Einbindung in eine verständnisvolle Glaubensgemeinschaft, als Stressbewältigungsmechanismus – und damit letzten Endes als lebensgefährliche Realitätsflucht. Mit Blick auf den Zweck des vorliegenden Beitrags muss festgehalten werden, dass wir keine umfängliche Begründung eines Verdikts der Pseudowissenschaftlichkeit der HIV/AIDS-Leugnung geleistet haben. Vielmehr war der Zweck dieser Ausführungen die Illustration, dass die Bewertung des wissenschaftlichen Status einer mutmaßlichen Pseudowissenschaft durch einen strukturierten Prozess der Rekonstruktion und Bewertung erbracht werden kann. Entgegen des eventuell wissenschaftstheoretisch wie -historisch begründeten Vorbehalts vor dem Konzept der Pseudowissenschaft, scheint die systematische Anwendung eines Multikriterienansatzes also möglich und sinnvoll.

47  Cf. Kalichman, Denying AIDS (2009); Fourie/Meyer, The Politics of AIDS Denialism (2016); Nattrass, The AIDS Conspiracy (2013).

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7. Fazit Der vorliegende Beitrag stellte im ersten Teil die philosophische Diskussion zur Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft im engeren Sinne aus philosophiehistorischer und -systematischer Perspektive vor. Dabei wurden verschiedene Vorschläge zur Abgrenzung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft vorgestellt und hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit befragt. Eine besondere Rolle spielten dabei konzeptuelle und normative Einwände, die gegen das Konzept der Pseudowissenschaft bzw. gegen die Anwendung des Konzepts aufgrund inhärenter Missbrauchsrisiken vorgebracht wurden. Im zweiten Teil wurde ein positiver Ansatz zur Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft skizziert, in dem drei Perspektiven auf das Phänomen der Pseudowissenschaft differenziert wurden. Dem Ansatz zufolge kann eine Pseudowissenschaft als Glaubenssystem, soziale Praxis und gegebenenfalls als mit dem Glaubenssystem assoziierte Technologie rekonstruiert werden. In Anschluss daran wurde ein Vorschlag für die begründete Bewertung vermeintlich pseudowissenschaftlicher Glaubenssysteme vorgestellt und auf HIV/AIDSLeugnung bezogen. Abschließend sollte die Frage angesprochen werden, ob wir das Demarkationsproblem endgültig lösen können. Die Antwort muss hier wohl leider in einem doppelten Sinne negativ ausfallen. Zum einen werden die mit dem Demarkationsproblem im engeren Sinne verbundenen philosophischen Probleme auch vermutlich weiterhin kontrovers bleiben, weil sich die wissenschaftsphilosophische Reflexion von Wissenschaft und Pseudowissenschaft nicht der Tatsache verschließen kann, dass sie den Wandel des empirischen und methodischen Wissens der einzelnen Fachdisziplinen, ihrer Organisation und Institutionalisierung berücksichtigen muss. Deswegen ist auch unser Verständnis von Pseudowissenschaft immer wieder neu zu bestimmen, auch weil der Fundus an wissenschaftsfeindlichen Absurditäten – man denke an die Leugnung des anthropogenen Klimawandels – unglücklicherweise immer wieder aufs Neue bereichert wird. Und auch das Demarkationsproblem im Kontext konkreter Einzelfälle wird sich wohl nicht in dem Sinne lösen lassen, dass wir Vertreter und Anhänger von Pseudowissenschaften durchgängig überzeugen können, sich die Erkenntnisse der Wissenschaft zu eigen zu machen. Pseudowissenschaften sind eben mehr als bloße Glaubenssysteme, die mithilfe von guten Gründen durch Wissenschaftler widerlegt werden könnten Da pseudowissenschaftliche Glaubenssysteme eine identitäts- und bisweilen hoffnungsstiftende Funktion haben, werden Wissenschaftsphilosophen und empirische Wissenschaftler in ihrer Aufklärungsarbeit an ihre Grenzen stoßen, wo Pseudowissenschaftler menschliche Bedürfnisse mit schön klingenden Botschaften bedienen.

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Strategischer Wissenschaftsskeptizismus Alexander Reutlinger 1. Einleitung Der Fokus dieses Beitrags liegt auf einem Phänomen, das gegenwärtig philo­ sophische und politische Debatten über Wissenschaften antreibt: dem Phänomen des strategischen Wissenschaftsskeptizismus. Strategischer Wis­ senschaftsskeptizismus liegt vor, wenn die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung öffentlich infrage gestellt werden, um nicht-epistemische Partikular­ interessen von Organisationen zu wahren – z.B. um die spezifischen Interessen von politischen Organisationen (wie Parteien, Stiftungen oder Think Tanks) und die wirtschaftlichen Interessen von Unternehmen zu wahren. Betrachten wir zwei einschlägige Typen des strategischem Wissenschafts­ skeptizismus, um eine erste Annäherung an das Phänomen zu wagen: (1) den Typ des strategischen Zweifels und (2) den Typ der strategischen Forschung. (1) Strategischer Zweifel: Strategischer Wissenschaftsskeptizismus ist in diesem Fall ein rhetorisches Mittel, das politische und wirtschaftliche Orga­ nisationen nutzen, um die eigenen nicht-epistemischen Interessen zu fördern. Wirtschaftliche oder politische Organisationen zweifeln die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung gezielt an (beispielsweise indem sie behaupten, diese Ergebnisse seien noch nicht ausreichend bewiesen), weil dieses Vor­ gehen der Wahrung ihrer nicht-epistemischen Interessen dient. Das derzeit prominenteste und folgenreichste Beispiel: die Erdöl- und Kohleindustrie und rechtspopulistische, politische Organisationen in den USA und auch in Europa, die zum Teil von dieser Industrie finanziert werden, ziehen empirisch gut be­ stätigte Forschungsergebnisse der Klimawissenschaften gezielt öffentlich in Zweifel. Zum Beispiel wird angezweifelt, dass es menschengemachte Klimaer­ wärmung überhaupt gibt. In diesem Fall zielt der strategische Zweifel konkret darauf ab, Klimaschutzmaßnahmen zu verhindern, deren Umsetzung den finanziellen Interessen der Industrie und der politischen Agenda von Rechts­ populisten zuwiderlaufen würde. (2) Strategische Forschung: Organisationen ziehen wissenschaftliche Forschung in Zweifel, indem sie selbst Forschung in Auftrag geben. D.h. stra­ tegischer Wissenschaftsskeptizismus kann auch die Form eines praktischen Mittels annehmen, um Forschung in einer Weise auszurichten und zu betreiben, die den nicht-epistemischen Interessen von politischen und wirtschaftlichen

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_015

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Organisationen dient. Diese Auftragsforschung nimmt häufig die Gestalt von »Gegenstudien« zu Forschungsprojekten an, die aus öffentlicher Hand finanziert werden. Strategische Forschung dient (genauso wie der strategische Zweifel) der Wahrung nicht-epistemischer Interessen von wirtschaftlichen und politischen Organisationen in der Öffentlichkeit. Die Grundidee der strategischen Forschung lässt sich gut mit dem Slogan »fighting science with science« auf den Punkt bringen (Oreskes/Conway 2010; Proctor 2011). Ein typisches Beispiel für strategische Forschung sieht folgendermaßen aus: ein Pharmaunternehmen finanziert eine wissenschaftliche Studie zu einem neuen Medikament, welches dasselbe Unternehmen auf den Markt bringen möchte. In solchen industriefinanzierten Studien werden z.B. Versuchsauf­ bau, statistische Methoden oder auch die Darstellung und Interpretation der erhobenen Daten häufig so ausgewählt, dass ein für den jeweiligen Auftrag­ geber wirtschaftlich erwünschtes Ergebnis der Studie wahrscheinlicher wird. Die Resultate solcher Auftragsforschung werden oft als »Gegenstudien« zu aus öffentlicher Hand finanzierter Medikamentenforschung präsentiert. Warum sollten wir uns als Wissenschaftsphilosoph*innen für das Phänomen des strategischen Wissenschaftsskeptizismus interessieren? Eine erste Ant­ wort lautet: Beide Typen des strategischem Wissenschaftsskeptizismus scheinen auf den ersten Blick höchstproblematisch zu sein. Und sie scheinen in mindestens zweierlei Hinsicht problematisch zu sein: einerseits politischmoralisch, andererseits erkenntnistheoretisch. Zum einen scheint strategischer Wissenschaftsskeptizismus intuitiv in moralischer und politischer Hinsicht problematisch zu sein, weil seine praktischen Folgen vielen Menschen, ja ganzen Gesellschaften, schaden. Schädliche Folgen des strategischen Wissenschaftsskeptizismus umfassen bei­ spielsweise: dürrebedingte Versorgungsengpässe treten auf, weil Maßnahmen für Klimaschutz unterlassen wurden (als eine konkrete praktische Folge des strategischen Zweifels in Bezug auf Klimawissenschaften) und Patient*innen leiden unter schweren Nebenwirkungen von fehlerhaft entwickelten Medika­ menten (als eine greifbare praktische Folge von strategischer Forschung). Zum anderen scheint strategischer Wissenschaftsskeptizismus auch in erkenntnistheoretischer Hinsicht ein Problemfall zu sein, weil beide Arten des strategischen Wissenschaftsskeptizismus zumindest intuitiv bestimmte Standards guten wissenschaftlichen Argumentierens und Forschens verletzen oder unterminieren. Intuitiv scheint hier etwas »epistemisch kritikwürdig« (hier eingeführt als vortheoretischer Begriff) zu sein. Aber wie kann man für diese Intuition argumentieren? Was genau ist in Fällen von strategischem Wissenschaftsskeptizismus epistemisch kritikwürdig?

Strategischer Wissenschaftsskeptizismus

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Ich werde mich in diesem Artikel weitestgehend auf eine erkenntnis­ theoretische Perspektive beschränken und nur einen Ausblick auf Fragen der Ethik und politischen Philosophie der Wissenschaften geben. In Abschnitt 2 werde ich zwei konkrete Beispiele für strategischen Wissenschaftsskeptizismus vorstellen. In Abschnitt 3 rekonstruiere ich repräsentative erkenntnistheoretische Positionen zum strategischem Wissen­ schaftsskeptizismus. In Abschnitt 4 schlage ich verschiedene Einschränkun­ gen des thematischen Fokus vor, um das Phänomen des strategischen Wissenschaftsskeptizismus besser von anderen Phänomenen abzugrenzen. In Abschnitt 5 gebe ich einen Ausblick auf (meines Erachtens) relevante Forschungsfragen, die eine künftige Auseinandersetzung mit dem Thema des strategischen Wissenschaftsskeptizismus anleiten könnten. Diese Forschungs­ fragen umfassen sowohl Fragen aus dem Bereich der (sozialen) Erkenntnis­ theorie als auch aus der Ethik und politischen Philosophie der Wissenschaften. 2.

Zwei konkrete Beispiele

In Abschnitt 1 hatte ich bereits recht kurz gehaltene Beispiele zur Illustration der beiden Typen des strategischen Wissenschaftsskeptizismus angeführt. In diesem Abschnitt werde ich zwei detailliertere Beispiele darstellen: den Tabak-Fall als paradigmatisches Beispiel für strategischen Zweifel (Ab­ schnitt 2.1) und den Bisphenol-A-Fall als ein repräsentatives Beispiel für strategische Forschung (Abschnitt 2.2). 2.1 Strategischer Zweifel: Der Tabak-Fall Die erste Variante des strategischen Wissenschaftsskeptizismus – d.h. der strategische Zweifel – lässt sich gut an einem historischen Beispiel veranschau­ lichen. In der medizinischen Forschung stand spätestens seit den 1950er Jahren fest, dass Zigarettenrauchen Lungenkrebs verursacht. Dies wurde so inter­ pretiert, dass regelmäßiges Rauchen die Wahrscheinlichkeit, an Lungenkrebs zu erkranken, immens erhöht. Wie reagierte die Tabakindustrie auf diesen wissenschaftlichen Befund? Ab etwa Mitte der 1950er Jahre bezahlten Tabakkonzerne Wissenschaftler*innen, um bestimmte wissenschaftliche Ergebnisse der medizinischen Forschung an­ zweifeln, welche den wirtschaftlichen Interessen der Konzerne zuwiderliefen. Eines der relevantesten wissenschaftlichen Ergebnisse lautete: Rauchen ver­ ursacht Lungenkrebs. Dieses wissenschaftliche Ergebnis lief den finanziellen Interessen der Tabakkonzerne zuwider, weil (a) die mediale Berichterstattung

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über dieses Forschungsergebnis Raucher davon abschreckte, weiter Zigaretten zu konsumieren und (b) dies dazu führte, dass gesundheitlich geschädigte Raucher*innen vor Gericht zogen, um die Tabakindustrie zu verklagen. Das Hauptziel des strategischen Zweifels bestand darin, eine »Public Relations«Kampagne zu lancieren: d.h. die öffentliche Wahrnehmung der durch medizinische Forschung aufgedeckten Risiken, die mit dem Rauchen einher­ gehen, zu verschieben und Konsument*innen davon zu überzeugen, dass es nicht gefährlich sei, Zigaretten zu rauchen. Aber wie genau funktionierte strategischer Zweifel in diesem Kontext? Nehmen wir einen konkreten, historischen Fall, bei welchem der strategische Zweifel durch die Wahl eines wissenschaftlichen Begriffs – den Begriff der Ursache – gesät wird. Der Wissenschaftler Sheldon Sommers, ein von der Tabakindustrie bezahlter ›Experte‹, wurde in einem Prozess gegen die Tabak­ industrie wie folgt befragt: Q: Doctor, do you have an opinion presently as to whether cigarette smoke is a cause of lung cancer? A: In the scientific sense, I believe it is not a cause. Q: When you qualify your answer to say ‘in the scientific sense’, what do you mean by such a qualification? A: Scientific evidence of a causative agent involves that it should be both neces­ sary and sufficient to produce a condition. (Sommers 1985, S. 65-66; Proctor 2011, S. 270)

Die Antworten von Sommers sind so zu verstehen, dass er eine naive Regulari­ tätstheorie der Kausalität vorschlägt: eine Ursache muss notwendig und hin­ reichend für das Auftreten der entsprechenden Wirkung sein. In Bezug auf die Frage, ob Rauchen Lungenkrebs verursacht, legt dieses Verständnis des Ursachenbegriffs nahe, dass Rauchen keine Ursache von Lungenkrebs ist, denn Rauchen ist weder notwendig für das Auftreten von Lungenkrebs (weil es tatsächlich auch andere Ursachen für Lungenkrebs gibt) noch hinreichend für Lungenkrebs (weil nicht alle Raucher an Lungenkrebs erkranken). Diese geschickte Wahl des Ursachenbegriffs erlaubte es Sommers zu behaupten, er bezweifle das Ergebnis der wissenschaftlichen Forschung, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht (für weitere Beispiele siehe Glantz u.a. 1996; Oreskes und Conway 2010; Proctor 2011). Aus dem Kontext solcher »Tabak«-Fälle stammt auch das Zitat »doubt is our product«, das aus einem internen Protokoll (»Smoking and Health Proposal«) des Tabakkonzerns Brown & Williamson aus dem Jahr 1969 stammt (Glantz u.a. 1996: 171; Michaels 2008a: 11; Proctor 2008: 17; 2011: 289, 617; Oreskes and Conway 2010: 34). »Doubt is our product« war namensgebend für die hier

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rekonstruierte Art des strategischen Wissenschaftsskeptizismus (strategischer Zweifel), der auf Englisch auch als »creating« oder »manufacturing doubt« be­ zeichnet wird. Eine weitere, geläufige Bezeichnung findet sich in Teilen der wissenschaftshistorischen Forschungsliteratur zum strategischen Wissen­ schaftsskeptizismus: »agnogenesis« (die Erzeugung von Nichtwissen) und »agnotology« (d.h. die wissenschaftliche Beschreibung der Erzeugung von Nichtwissen) (Proctor 2008; Fernàndez Pinto 2017). 2.2 Strategische Forschung: Der Bisphenol-A-Fall Die zweite Variante des strategischen Wissenschaftsskeptizismus – d.h. die strategische Forschung – lässt sich gut an einem Beispiel aus der medizinischen Forschung veranschaulichen, die sich mit der Frage beschäftigt, ob Bisphenol A selbst in geringer Dosis bestimmte Krebsarten, wie z.B. Prostatakrebs, ver­ ursacht. Ich orientiere mich im Weiteren an der Metastudie von vom Saal und Hughes (2005). Wilholt (2009) sowie Biddle und Leuschner (2015) liefern eine weiterführende, philosophische Analyse des Falls. Die Frage, ob Bisphenol A in geringen Dosen krebserregend ist, wurde von verschiedenen Forschergruppen untersucht, die sich in einer wichtigen Hinsicht unterschieden: einige Forschergruppen wurden aus öffentlichen Geldern finanziert, während andere Forschergruppen industrie-finanziert waren (d.h. letztere Studien wurden von Unternehmen finanziert, die Bis­ phenol A enthaltende Produkte herstellen und verkaufen wollten). Laut vom Saals und Hughes Metastudie kamen 90 Prozent der aus öffentlichen Geldern finanzierten Studien zu dem Ergebnis, dass Bisphenol A selbst in geringen Dosen krebserregend ist. Im Gegensatz dazu kam keine der industriefinanzierten Studien zu diesem Ergebnis. In ihrer Metastudie halten vom Saal und Hughes dies folgendermaßen fest: »Source of funding is highly correlated with positive and negative findings in published articles« (vom Saal und Hughes 2005, S. 928). Aber wie kommt es zu dieser auffälligen Diskrepanz? Eine plausible Er­ klärung für das Auftreten dieser Diskrepanz lautet: Die Wahl des experimen­ tellen Designs in den industrie-finanzierten Forschergruppen war »gebiast«. In diesem Fall betrifft der Bias die Auswahl eines spezifischen Teils des experimentellen Designs: die Auswahl der Versuchstiere in den industriefinanzierten Studien. Im Rahmen der industrie-finanzierten Studien zu Bis­ phenol A wurde eine bestimmte Art von Ratten benutzt (sog. CD-SD Ratten). Diese Rattenart war zu dem Zeitpunkt, als die industrie-finanzierten Studien durchgeführt wurden, bereits bekannt dafür, dass sie gar nicht (oder nur extrem schwach) auf Substanzen reagiert, die Bisphenol A sehr ähnlich sind:

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»The very low sensitivity of the CDSD rat strain to BPA [d.h. Bisphenol A; A.R.] was predicted by its low sensitivity to ethinylestradiol when it was included as a positive control« (vom Saal/Hughes 2005, S. 929). Bei der Wahl dieser Rattenart überrascht es wenig, dass keine der industrie-finanzierten Studien Resultate produzierte, die die Hypothese stützen, dass Bisphenol A bereits in geringer Dosis krebserregend ist. Diese industrie-finanzierten Studien zu Bisphenol A stellen ein para­ digmatisches Beispiel für strategische Forschung dar. Die Wahl des expe­ rimentellen Designs (hier: der Versuchstiere) sorgte dafür, dass ein für die Auftraggeber wirtschaftlich erwünschtes Ergebnis der Studie deutlich wahr­ scheinlicher wurde (nämlich, dass Bisp0henol A nicht krebserregend ist). Damit dienen die industrie-finanzierten Studien zu Bisphenol A der Wahrung von Unternehmensinteressen in der öffentlichen Debatte (bzw. einer Teil­ öffentlichkeit von Patient*innen) und die Ergebnisse dieser Studien können als »Gegenstudien« zu der aus öffentlicher Hand finanzierten Forschung zu den gesundheitsschädlichen Wirkungen von Bisphenol A verstanden werden. 3.

Die gegenwärtige wissenschaftsphilosophische Debatte zum strategischen Wissenschaftsskeptizismus

In diesem Abschnitt werde ich einige repräsentative Positionen rekonstruieren, die in der gegenwärtigen, relativ jungen wissenschaftsphilosophischen Debatte zum strategischen Wissenschaftsskeptizismus vertreten werden (siehe auch ergänzend Brown 2008; Michaels 2008a,b; Harker 2015; de Melo-Martín/ Intemann 2018; Holman/Elliott 2018). In Abschnitt 3.1 gehe ich zunächst auf eine weitverbreitete Prämisse in der Debatte ein (die Ablehnung des so­ genannten »Wertfreiheitsideals«). Anschließend werde ich zwei Gruppen von erkenntnistheoretischen Ansätzen beispielhaft vorstellen: die evidenziellen Ansätze (Abschnitt 3.2) und die sozialerkenntnistheoretischen Ansätze (Ab­ schnitt 3.3). Epistemische Kritikwürdigkeit und die Ablehnung des Wertfreiheitsideals Auf den ersten Blick scheint es eine ganz offensichtliche Antwort auf die aufgeworfene Frage zu geben, was in Bezug auf strategischen Wissen­ schaftsskeptizismus epistemisch kritikwürdig ist: die rhetorischen Mittel und Forschungspraktiken, die den verschiedenen Spielarten des strategi­schen Wissenschaftsskeptizismus zugrunde liegen, werden durch nicht-epistemische (d.h. z.B. politische oder wirtschaftliche) Werte und Interessen beeinflusst. 3.1

Strategischer Wissenschaftsskeptizismus

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Im Gegensatz dazu sollte gute wissenschaftliche Forschung gerade nicht durch nicht-epistemische Werte beeinflusst sein. Diese These wird in der gegenwärtigen wissenschaftsphilosophischen Debatte als »Wertfreiheits­ ideal« (»value-free ideal«) der Wissenschaften bezeichnet. Für einen Großteil der Wissenschaftsphilosophie im 20. Jahrhundert war es Konsens, dass gute Wissenschaft »wertfrei« sein muss, d.h. ohne Bezug auf nicht-epistemische Werte funktionieren sollte (Jeffrey 1956; Levi 1960; Lacey 1999; für einen Über­ blick siehe Reiss/Sprenger 2014). Das Problem mit dieser Antwort besteht darin, dass ein wertfreies Bild der wissenschaftlichen Forschung, welches das Wertfreiheitsideal nahelegt, zu stark idealisiert ist. Diese Kritik legt die jüngere Debatte zum Thema »Wissen­ schaft und Werte« (»science and values«) zumindest nahe. Seit der Jahrtausend­ wende hat sich die Debatte stark verschoben. Es wurden verstärkt Einwände gegen das Wertfreiheitsideal erhoben und Argumente für eine legitime Bezug­ nahme auf nicht-epistemische Werte in der Wissenschaft entwickelt. Letztere schließen zum Beispiel die legitime (ja notwendige) Rolle von Werten bei der Auswahl von Forschungsfragen und – wie das stark rezipierte Argument des induktiven Risikos nahelegt – bei der moralisch-politischen Bewertung von praktischen Fehlerkonsequenzen, die bei der Akzeptanz von empirischen Hypothesen in verschiedenen Forschungsstadien entstehen können, mit ein (siehe zum Beispiel Proctor 1991; Longino 1990, 2002; Kitcher 1993, 2001, 2011; Solomon 2001; Douglas 2000, 2009; Wilholt 2009; Carrier 2013, 2017; Reiss/ Sprenger 2014). Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die These, es gebe eine legitime Rolle für nicht-epistemische Werte, eine Mehrheitsmeinung in der gegenwärtigen Wissenschaftsphilosophie geworden ist. Die mehrheitliche Ablehnung des Wertfreiheitsideals hat direkte Konse­ quenzen für die philosophische Analyse des strategischen Wissenschafts­ skeptizismus. In der Literatur zu diesem Themenkomplex gilt es meist als Prämisse, dass das Wertfreiheitsideal abzulehnen ist. Daher kann eine überzeugende Antwort auf die Frage, was am strategischen Wissenschafts­ skeptizismus epistemisch kritikwürdig ist, im Kontext der gegenwärtigen Wissenschaftsphilosophie nicht einfach in der These bestehen, dass strategischer Zweifel und strategische Forschung sich auf nicht-epistemische Werte beziehen. Denn dies ist auch bei guter Wissenschaft der Fall, so jeden­ falls die weitverbreitete These. Wenn das Wertfreiheitsideal abgelehnt wird, welche erkenntnistheoreti­ schen Analysen werden in der gegenwärtigen Debatte zum Thema ›stra­ tegischer Wissenschaftsskeptizismus‹ dann diskutiert? Ich möchte hier zwei Gruppen von Ansätzen vorstellen: die evidenziellen Ansätze und die sozial­ erkenntnistheoretischen Ansätze. Ich führe diese Unterscheidung hier ein, um

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die Debatte zu ordnen; sie wird meines Wissens nicht in der Debatte benutzt. Für beide Gruppen von Ansätzen werde ich einige repräsentative Beispiele herausgreifen. 3.2 Evidenzielle Ansätze Die evidenziellen Ansätze ordnen die Frage nach der epistemischen Kritik­ würdigkeit verschiedener Spielarten des strategischen Wissenschaftsskeptizis­ mus in den erkenntnistheoretischen Themenkomplex der empirischen Rechtfertigung ein. Im Zentrum steht die Rechtfertigung von wissenschaft­ lichen Hypothesen durch empirische Daten bzw. empirische Evidenz (d.h. sog. Modelle von Daten, vgl. Frigg/Hartmann 2018: Abschnitt 1.2). Die allgemeine Stoßrichtung der evidenziellen Ansätze ist wie folgt: der strategische Wissen­ schaftsskeptizismus ist epistemisch kritikwürdig, weil seine Spielarten auf Behauptungen beruhen, die gar nicht oder nur mangelhaft empirisch gerecht­ fertigt sind. Betrachten wir einige Positionen in der Gruppe der evidenziellen Ansätze etwas genauer. Für Douglas besteht das epistemisch Kritikwürdige am strategischen Wissenschaftsskeptizismus in der Einführung von extrem hohen, wenn nicht unerfüllbaren Standards, die an empirische Rechtfertigung durch Daten bzw. Evidenz angelegt werden (Douglas 2006, S. 219-225). Die Einführung eines ab­ surd hohen Standards findet sich beispielsweise in der Behauptung von Klima­ skeptikern, die verfügbaren Klimadaten würden nicht »beweisen«, dass es menschengemachte Klimaerwärmung gibt. Der Bezug auf Beweise legt nahe, dass man eine Hypothese aus den Daten logisch ableiten können müsste, um behaupten zu können, die Hypothese sei durch diese Daten empirisch gerecht­ fertigt wird. In dieser Situation wird man aber in den empirischen Sozial- und Naturwissenschaften – vielleicht sogar aus prinzipiellen Gründen – nie sein. Ein weiteres Beispiel für einen absurd hohen Standard besteht darin, nur perfekte Regularitäten als Evidenz für eine Hypothese zählen dürfen, nicht aber ›bloße‹ Häufigkeiten. Douglas’ Ansatz legt folgende Analyse des TabakFalls (siehe oben) nahe: Dr. Sommers führt einen absurd hohen Standard ein, wenn er behauptet, eine starke Korrelation zwischen Rauchen und Lungen­ krebs würde keinerlei empirische Rechtfertigung für die Hypothese »Rauchen verursacht Lungenkrebs« liefern. Douglas’ Ausführungen zu der »direkten Rolle« von nicht-epistemischen Werten können ebenfalls auf den strategischen Wissenschaftsskeptizismus angewandt werden, auch wenn Douglas diese Anwendung selbst nicht explizit ausführt. Douglas unterscheidet zwischen einer direkten und einer indirekten Rolle von nicht-epistemischen Werten in der empirischen Forschung (Douglas 2009, S. 96). Die direkte Rolle besteht darin, dass nicht-epistemischen Werten

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dieselbe Funktion zukommt wie empirischer Evidenz. D.h. nicht-epistemische Werte stellen einen eigenständigen Grund für oder gegen die Akzeptanz einer wissenschaftlichen Hypothese dar (ebenso wie empirische Evidenz). Die in­ direkte Rolle begrenzt die Funktion nicht-epistemischer Werte und Interessen hingegen auf die Einschätzung der Güte von empirischer Evidenz: »the values do not compete with or supplant the evidence, but rather determine the importance of the inductive gaps left by the evidence« (ebd.). Auf der Grund­ lage dieser Unterscheidung argumentiert Douglas für die These, dass eine »direkte« Rolle von Werten nur in den »frühen« Phasen eines Forschungs­ projekts legitim ist (z.B. bei der Auswahl eines Forschungsthemas und bei Förderentscheidungen), in den »späten« Phasen (wie z.B. bei der Methoden­ wahl sowie der Repräsentation und Interpretation von Daten) jedoch illegitim ist (Douglas 2009, S. 102, 122). Folgt man dieser These von Douglas, legt dies die folgende Sicht auf die epistemische Kritikwürdigkeit des strategischen Wissen­ schaftsskeptizismus nahe: sowohl bei strategischer Forschung als auch bei strategischem Zweifel spielen nicht-epistemische Werte und Interessen eine illegitime und daher epistemisch kritikwürdige Rolle, weil diese Werte und Interessen eine direkte Rolle in den »späten« Phasen empirischer Forschung spielen. Carrier (2013, 2018) schlägt einen »false advertising«-Ansatz vor, der auf der folgenden grundlegenden Idee aufbaut: insbesondere bei der strategischen Forschung ist es epistemisch kritikwürdig, dass die beteiligten Forscher*innen »falsch bewerben« (false advertising) bzw. falsche Aussagen darüber treffen, was sie durch die mit einem bestimmten experimentellen Design erhobenen empirischen Daten in Bezug auf die Rechtfertigung einer spezifischen Hypo­ these wirklich zeigen können. Zum Beispiel kann man mit Carrier den BisphenolA-Fall wie folgt analysieren: die industrie-finanzierten Forscher*innen legen nahe, dass die Resultate eines Experiments mit CD-SD-Ratten gegen die Hypothese sprechen, dass Bisphenol A bereits in geringen Dosen krebs­ erregend ist. Dies ist aber eine falsche Behauptung und diese Behauptung ist aus diesem Grund epistemisch kritikwürdig. Da sich Carriers Ansatz expli­ zit auf experimentelles Design bezieht, scheint seine Anwendung auf eine Spielart des strategischen Wissenschaftsskeptizismus beschränkt zu sein: d.h. auf die strategische Forschung. Reutlinger (2019) erweitert die grundlegende Idee von Carrier, indem er die These vertritt, dass der epistemisch kritikwürdige Aspekt von strategischer Forschung (die auch Carrier im Blick hat) und von strategischem Zweifel in falschen Aussagen über evidenzielle Stützungs- bzw. Rechtfertigungsbezie­ hungen zwischen Daten und Hypothesen besteht. In Bezug auf den Tabak-Fall legt Reutlinger folgende Analyse nahe: Sommers behauptet fälschlicherweise,

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dass eine starke Korrelation zwischen Rauchen und Lungenkrebs keine empirische Rechtfertigung für die Hypothese »Rauchen verursacht Lungen­ krebs« bereitstellen kann. Diese Behauptung von Sommers ist falsch, weil sie auf der (rein strategisch motivierten) Wahl einer naiven Regularitätstheorie der Kausalität beruht, die den entscheidenden und in der medizinischen Forschung gängigen Begriff der probabilistischen Ursache und probabilistische Explikationen von evidenzieller Stützung (siehe Abschnitt 5) ausschließt. Steel (2018) weist darauf hin, dass das epistemisch Kritikwürdige in vielen Fällen von strategischer Forschung nicht zwingend in falschen Aussagen über empirische Rechtfertigung besteht. Häufig ist es epistemisch kritikwürdig, dass industrie-finanzierte Forscher*innen lediglich »irreführende« Aussagen in Bezug auf die Rechtfertigung treffen, die eine Hypothese durch die in einer Studie erhobenen Daten erfährt. Steel definiert eine irreführende Aussage als (1) eine wahre, aber mehrdeutige Aussage, die (2) gerade Nicht-Expert*innen zu Schlüssen auf falsche Konklusionen verführen kann. Zum Beispiel argumentiert Steel (2018, S. 132f.), dass die Aussage »Paroxetine is generally well tolerated« eine irreführende Aussage ist. Diese Aussage klingt zunächst einfach falsch, wenn man sich Ergebnisse der betreffenden Studie anschaut, denn bei 11% der Versuchspersonen sind nach der Einnahme dieses Medika­ ments erhebliche Nebenwirkungen aufgetreten. Aber Steel argumentiert, dass die Aussage »Paroxetine is generally well tolerated« nicht falsch, sondern lediglich irreführend ist. D.h. diese Aussage ist wahr, wenn man der Inter­ pretation des mehrdeutigen Ausdrucks »allgemein gut verträglich« (generally well tolerated) der industrie-finanzierten Forscher*innen folgt: »allgemein gut verträglich« bedeutet für sie, dass die meisten Versuchspersonen unter keinen Nebenwirkungen gelitten haben. Zudem argumentiert Steel, dass auch die zweite Bedingung einer irreführenden Aussage in diesem Fall erfüllt ist: die Aus­ sage »Paroxetine is generally well tolerated« verführt Patient*innen, aber auch Ärzt*Innen und Angestellte in Krankenversicherungen, leicht zu Schlüssen auf falsche Konklusionen (z.B. zu dem Schluss, dass es sehr unwahrscheinlich ist, unter Nebenwirkung zu leiden, wenn man das genannte Medikament ein­ nimmt), weil dieser Personenkreis oft nicht über eine hinreichende Expertise in dem hier relevanten Bereich der medizinischen Forschung verfügt. 3.3 Sozialerkenntnistheoretische Ansätze Die sozialerkenntnistheoretischen Ansätze betonen verstärkt die sozialen Aspekte der Wissensproduktion bzw. soziale Mechanismen der wissenschaft­ lichen Qualitätskontrolle, wenn sie sich der Frage nach der epistemischen Kritikwürdigkeit des strategischen Wissenschaftsskeptizismus zuwenden. Solche Ansätze sind aus diesem Grund der sozialen Erkenntnistheorie der Wissenschaften zuzurechnen und es stehen Begriffe wie Konvention, Expertise,

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Konsens und Dissens in einer Fachgemeinschaft, Vertrauen, Objektivität usw. im Zentrum der philosophischen Analysen. Die Stoßrichtung der sozial­ erkenntnistheoretischen Ansätze lässt sich allgemein wie folgt charakterisieren: der strategische Wissenschaftsskeptizismus ist epistemisch kritikwürdig, weil seine Spielarten mit Behauptungen einhergehen, die nicht mit bestimmten sozialen Normen der Wissensproduktion bzw. der wissenschaftlichen Quali­ tätskontrolle vereinbar sind. Zum Beispiel schlägt Wilholt (2009) vor, das epistemisch Kritikwürdige an strategischer Forschung bestünde in der Verletzung methodologischer Standards, die in einer spezifischen wissenschaftlichen Disziplin gelten. Wilholt argumentiert zudem, dass methodologische Standards den Charakter von Konventionen innerhalb einer spezifischen Disziplin haben. Gemäß Wilholts Ansatz ist beispielsweise das im Bisphenol-A-Fall epistemisch Kritik­ würdige, dass die industrie-finanzierten Forscher*innen, die insensitive CDSD-Ratten verwenden, den konkreten methodologischen Standard verletzen, Versuchstiere nicht nur aus Gewohnheit auszuwählen, sondern »animal model selection should be based on responsiveness to endocrine active agents of concern« (Wilholt 2009, S. 97). In neueren Arbeiten bettet Wilholt diesen ›konventionalistischen‹ Ansatz in eine spezifische Variante der sozialen Er­ kenntnistheorie der Wissenschaften ein, die auf dem Begriff des epistemischen Vertrauens (»epistemic trust«) basiert (Wilholt 2013). Biddle und Leuschner (2015) greifen Wilholts Ansatz auf und erweitern diesen durch weitere Bedingungen, die auf dem Begriff des induktiven Risikos aufbauen (zum induktiven Risiko siehe z.B. Douglas 2000, 2009; Elliott/Richards 2017). Biddle und Leuschner diskutieren auch Fallstudien, die strategischen Zweifel betreffen, der gegen Klimawissenschaften gerichtet ist. Biddle und Leuschner benutzen den Begriff des induktiven Risikos, um weitere Be­ dingungen zu formulieren, die Wilholts Ansatz zur Seite gestellt werden: (1) Die praktischen Fehlerkonsequenzen, die durch strategischen Zweifel in Bezug auf Klimawissenschaften entstehen können, sind als moralisch-politisch schwer­ wiegend (»severe«) zu bewerten. D.h. im Kontext von Biddle und Leuschners Beispielen: der durch den Klimawandel verursachte, zu erwartende Schaden ist schwerwiegend. (2) Die praktischen Fehlerkonsequenzen schädigen in der Regel nicht etwa die Öl- und Kohleindustrie selbst (d.h. die Verursacher des Schadens), sondern eine andere Personengruppe (die Konsumenten der Produkte dieser Industrien bzw. die breite Öffentlichkeit). Diese beiden Be­ dingungen und Wilholts Ansatz zusammengenommen bilden laut Biddle und Leuschner eine hinreichende Bedingung für die epistemische Kritikwürdigkeit von strategischem Wissenschaftsskeptizismus. Biddle und Leuschner selbst sprechen in diesem Zusammenhang von »epistemically detrimental dissent« (Biddle/Leuschner 2015, S. 273).

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Oreskes and Conway (2010) schlagen einen Ansatz vor, der vor allem auf eine Beispielklasse für strategischen Wissenschaftsskeptizismus in den USA zur Zeit des kalten Krieges zutreffen soll. Gemäß dieses Ansatzes besteht die epistemische Kritikwürdigkeit von strategischem Wissenschaftsskeptizismus darin, dass (a) die ihn praktizierenden Akteure über keine relevante Expertise in der Wissenschaft verfügen, deren Resultate sie strategisch anzweifeln (z.B. Klimawissenschaften), (b) diese Akteure dem Expert*innenkonsens in der relevanten Wissenschaft widersprechen und (c) diese Akteure durch starke finanzielle Interessen (wenn die Akteure industrie-finanziert arbeiten) und/ oder eine politische Agenda motiviert sind (in den von Oreskes und Conway beschriebenen Fällen handelt es sich um eine explizit anti-kommunistische und extrem neoliberale politische Agenda). Angewandt auf den Tabak-Fall bedeutet dies, wenn man Oreskes und Conway folgt: Sommers’ Aussagen vor Gericht sind epistemisch kritikwürdig, weil (a) Sommers kein Experte für die Frage ist, ob Rauchen Lungenkrebs verursacht (d.h. er ist kein Experte in dem für diese Frage relevanten Bereich der medizinischen Forschung), (b) Sommers dem Konsens der Expert*innen in dem relevanten Bereich der medizinischen Forschung widerspricht und (c) Sommers durch die finanziellen Interessen und die politische Agenda seiner Auftraggeber motiviert ist. 4.

Fokus und Einschränkung

Strategischer Wissenschaftsskeptizismus ist ein eigenständiges Thema, das von anderen, benachbarten Themen und Phänomenen abgegrenzt werden sollte. Wenn man strategischen Wissenschaftsskeptizismus als wissenschafts­ philosophisches (z.B. erkenntnistheoretisches) Problem wahrnimmt, dann stehen typischerweise Fallstudien im Zentrum der philosophischen Analyse, bei denen nicht-epistemische Werte eine verzerrende und intuitiv kritik­ würdige Rolle spielen. Ein solcher Fokus schließt allerdings nicht aus, dass nicht-epistemische Werte auch eine legitime Rolle in den Wissenschaften spielen können (siehe Abschnitt 3.1). Insbesondere schließt dies nicht aus, dass es durchaus industrie-finanzierte Forschung gibt, die nicht epistemisch kritikwürdig ist (Adam et al. 2006; Wilholt 2006). Die philosophische Auseinandersetzung mit strategischem Wissenschafts­ skeptizismus betont die verzerrende Rolle von politischen und wirtschaft­ lichen Einflüssen auf die Wissenschaften. Aber es gibt selbstverständlich auch weitere Faktoren, die eine verzerrende Rolle in Bezug auf Wissenschaften

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spielen. Zu den einschlägigen Beispielen gehören hier beispielsweise die negativen Effekte von (monetären u.a.) Anreizstrukturen in der wissenschaft­ lichen Forschung (Radder 2010, 2019; Carrier 2011; Münch 2011), Publication Bias (Carrier 2011; McCright et al. 2013; Elliott 2014, 2016), sexistische und rassistische Biases (Keller 1985; Longino 1990, 2002; Harding 2015), dehuma­ nisierende Repräsentation in den Wissenschaften (Kronfeldner 2018) und nicht zuletzt der Einfluss religiöser Ideologien auf die Wissenschaften (Kitcher 1982; Pennock/Ruse 2008). Zudem lohnt es sich, darauf hinzuweisen, dass strategischer Wissenschafts­ skeptizismus die spezielle Ausprägung einer allgemeineren, strategischen Haltung gegenüber den Wissenschaften ist. Während der strategische Wissen­ schaftsskeptizismus sich vor allem gegen wissenschaftliches Wissen richtet, manifestiert sich ein strategischer Umgang mit Wissenschaft in manchen Fällen auch auf einer weit weniger ›theoretischen‹ Ebene. Zum Beispiel kann sich eine strategische Einstellung zu Wissenschaften ebenfalls in der Form von direkten Einwirkungen auf Forscher*innen und wissenschaft­ liche Institutionen ausdrücken. Auch diese direkten Einwirkungen zielen auf die Wahrung nicht-epistemischer Interessen ab. Beispielsweise kann es den wirtschaftlichen Interessen oder der politischen Agenda von ver­ schiedenartigen Organisationen dienen, dass akademische Institutionen ge­ schlossen, ihnen die Mittel gekürzt oder bestimmte akademische Freiheiten entzogen werden (Wilholt 2012; Taschwer 2015), wie es zum Beispiel derzeit der Central European University und den staatlichen Universitäten in Ungarn widerfährt. Zudem besteht der direkte strategische Einfluss ebenfalls in der Einschüchterung (z.B. durch Cyber Hate oder physische Gewalt) und der Ver­ haftung von Wissenschaftler*innen (Hofstadter 1962; Mann 2012, 2015; Biddle/ Leuschner 2015). Ein weiteres einschlägiges Beispiel einer strategischen Haltung zu Wissenschaft zeigt sich darin, dass Forschungsinstitutionen und einzelnen Wissenschaftler*innen Geheimhaltungspflichten in Bezug auf die eigenen Forschungsergebnisse auferlegt werden (Proctor 2008). 5.

Offene philosophische Fragen

Die relativ junge, wissenschaftsphilosophische Debatte zum strategischen Wissenschaftsskeptizismus wirft meines Erachtens mindestens drei Arten von neuen, lohnenswerten Fragen auf. Erstens wäre es vielversprechend, evidenzielle Ansätze zu erweitern und zu präzisieren, indem man die folgenden Fragen beantwortet: Wie kann

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epistemische Kritikwürdigkeit analysiert werden, wenn man sich direkt auf gängige Theorien der empirischen Rechtfertigung in den Wissenschaften be­ zieht? Die beiden prominentesten Theorien der empirischen Rechtfertigung (bzw. der empirischen Bestätigung) in der Wissenschaftsphilosophie und Statistik stellen der Frequentismus (Fisher 1935; Neyman/Pearson 1967; Mayo 1996, 2010) und die bayesianische Theorie der Bestätigung (Earman 1992; Bovens/Hartmann 2003; Howson/Urbach 2006; Sprenger/Hartmann 2019) dar. Kann man epistemische Kritikwürdigkeit mithilfe dieser Theorien genauer analysieren (siehe Reutlinger 2019)? Ist eine solche Analyse neutral in Bezug auf Frequentismus und Bayesianismus, oder nicht? Zudem wäre es interessant, sich zu fragen, ob der Bezug auf Theorien der Kausalität und der wissen­ schaftlichen Erklärung zu einer Analyse der epistemischen Kritikwürdigkeit von strategischem Wissenschaftsskeptizismus beitragen könnte? Im TabakFall wird beispielsweise durch die Wahl einer naiven Regularitätstheorie der Kausalität eine Kausalbeziehung zwischen Rauchen und Lungenkrebs be­ stritten. Diese Variante des strategischen Zweifels ist kein Einzelfall. Welche wissenschaftsskeptischen Behauptungen kann man also auf der Grundlage von etablierten Kausalitäts- und Erklärungstheorien (wie zum Beispiel Pearl 2000; Spirtes/Glymour/Scheines 2000; Woodward 2003) als epistemisch kritik­ würdig auszeichnen? Inwiefern helfen gängige Regeln des kausalen Schließens (d.h. Regeln, die es erlauben, von statistischen Daten auf Kausalbeziehungen zu schließen), um dasselbe Ziel zu erreichen (Pearl 2000; Spirtes et al. 2000)? Zweitens wäre es vielversprechend, die sozialerkenntnistheoretischen An­ sätze der epistemischen Kritikwürdigkeit auszubauen und zu bereichern, in­ dem man das Potential der sozialen Erkenntnistheorie stärker ausschöpft. Zum Beispiel wird strategischer Forschung oft vorgeworfen, sie sei einseitig und nicht objektiv. Inwiefern können daher Theorien der wissenschaftlichen Objektivität das Verständnis der epistemischen Kritikwürdigkeit verbessern (Daston/Galison 2007; Reiss/Sprenger 2014)? In manchen Fällen funktioniert strategischer Wissenschaftsskeptizismus auch darüber, Expertise für die be­ treffenden Wissenschaftsskeptiker*innen herzustellen oder die Expertise von Wissenschaftler*innen anzuzweifeln. Was können Theorien der Expertise und Theorien zur Glaubwürdigkeit von Expert*innenaussagen zu einer Ana­ lyse der epistemischen Kritikwürdigkeit beitragen (Kusch 2002; Collins/Evans 2007; Goldman/Blanchard 2018)? Zudem laufen beide genannten Formen des strategischen Wissenschaftsskeptizismus auf Situationen hinaus, in denen Dissens zwischen Wissenschaftsskeptikern und Wissenschaftlern herrscht. Was für eine Art von Dissens ist dies? Was kann man aus der neueren Literatur zu Dissens über strategischen Wissenschaftsskeptizismus lernen (Frances/ Matheson 2019)?

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Drittens wäre es eine spannende und innovative Aufgabe, über das in diesem Beitrag domminierende Thema der epistemischen Kritikwürdigkeit hinauszugehen. Dies könnte man zum Beispiel tun, indem man Fragen der politischen Philosophie und Ethik an das Thema des strategischen Wissen­ schaftsskeptizismus heranträgt. Mögliche Fragestellungen umfassen bei­ spielsweise: Was ist am strategischen Wissenschaftsskeptizismus moralisch kritikwürdig? Wie sind etwa die praktischen Folgen von strategischem Wissen­ schaftsskeptizismus moralisch zu bewerten (Shrader-Frechette 1994; Biddle/ Leuschner 2015; Kourany 2016; Biddle et al. 2017)? Was ist politisch kritik­ würdig am strategischen Wissenschaftsskeptizismus? Stellen bestimmte Formen des Wissenschaftsskeptizismus akademische Freiheiten – wie indi­ viduelle Forschungsfreiheit und universitäre Autonomie – infrage (Wilholt 2012; Taschwer 2015)? Könnte ein politischer Kritikpunkt am strategischen Wissenschaftsskeptizismus darin bestehen, dass weder strategischer Zweifel noch strategische Forschung durch die politischen Prozesse in einer liberalen Demokratie legitimiert werden können (Guston 2000; Kitcher 2001, 2011; Turner 2003; Kusch 2007; Brown 2009; von Schomberg 2013; Stilgoe et al. 2013)? Ein Versuch, diese und weitere Fragen zu beantworten, würde nicht nur die Wissenschaftsphilosophie bereichern und dieser eine größere gesellschaftliche Relevanz verleihen. Ein solcher Versuch würde auch eine stärkere Interaktion der Wissenschaftsphilosophie und mit anderen Bereichen der Philosophie (wie etwa der analytischen Erkenntnistheorie, der Ethik und der politischen Philosophie) sowie mit anderen Disziplinen der Wissenschaftsforschung (ins­ besondere der Wissenschaftsgeschichte und der Wissenschaftssoziologie) befördern. Literatur Adam, M./Carrier, M./Wilholt, T.: How to Serve the Customer and Still be Truthful. In: Methodological Characteristics of Applied Research, Science and Public Policy 33, 2006, S. 435-444. Biddle, J.: Lessons from the Vioxx Debacle: What the Privatization of Science Can Teach Us About Social Epistemology. In: Social Epistemology 21, 2007, S. 21-39. Biddle, J./Kidd, I./Leuschner, A.: Epistemic Corruption and Manufactured Doubt: The Case of Climate Science. In: Public Affairs Quarterly 31, 2017, S. 165-187. Biddle, J./Leuschner, A.: Climate Skepticism and the Manufacture of Doubt: Can Dissent in Science be Epistemically detrimental? In: European Journal for Philosophy of Science 5, 2015, S. 261-278. Bovens, L./Hartmann, S.: Bayesian Epistemology, New York 2003.

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Forschung im Zweifel der Öffentlichkeit: Zur Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft Martin Carrier 1.

Die Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft in der Öffentlichkeit

Die Pioniere der Wissenschaftlichen Revolution des frühen 17. Jahrhunderts sahen den Nutzen der neuen empirischen Wissenschaft in den praktischen Vorteilen für das Menschengeschlecht. Wissenschaftler gebrauchen die Naturkräfte wie Handwerker ihre Werkzeuge und tragen auf diese Weise zum allgemeinen Wohl bei. Tatsächlich jedoch blieben die Auswirkungen der systematischen, auf Experiment und Mathematik fußenden Forschung auf das menschliche Leben zunächst eher gering. Ausweislich seines Epitaphs in der Westminster Abbey entschlüsselte Isaac Newton den Lauf der Planeten und Kometen, die Ursache der Gezeiten und die Natur des Lichts. Diese bahnbrechenden Erfolge in der Naturerkenntnis blieben von nur geringer praktischer Relevanz. Umgekehrt schritt der technologische Wandel im Kern ohne Beteiligung der Wissenschaft voran. Die industrielle Revolution des 18. Jahrhunderts, die um die Mechanisierung der Textilfertigung kreiste, wurde von Tüftlern und Bastlern getragen, nicht von wissenschaftlich ausgebildeten Ingenieuren. Ebenso war theoretisches Verständnis für James Watts Entwicklung der Dampfmaschine weitestgehend ohne Belang. Watts zentrale Idee bestand in der räumlichen Trennung der thermischen Expansion des Dampfes von seiner Kondensation, so dass nicht die ganze Maschine abwechselnd aufgeheizt und abgekühlt werden musste. Solche Innovationen beruhten nicht auf theoretischer Durchdringung; sie verdankten sich anhaltender Erfahrung im Umgang mit den relevanten Sachverhalten und einer praktischen Ingenuität (Stokes 1997; Carrier 2011). Diese weitgehend parallelen, berührungslosen Trajektorien näherten sich erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts aneinander an. Dann allerdings trat zunehmend gerade diejenige wechselseitige Durchdringung von wissenschaftlicher Erkenntnis und praktischen Belangen zu Tage, die die Visionen jener Pioniere geprägt hatte. Heute sehen viele Beobachter das Problem gerade umgekehrt in dieser engen Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und lebensnahen Anforderungen wirtschaftlicher und politischer Natur. Kritiker sprechen von einer »instrumentellen Wissenschaft« (Ziman 2002; 2003) oder einem »technowissenschaftlichen Regime« (Nordmann 2011), die durch Einseitigkeit,

© mentis Verlag, 2020 | doi:10.30965/9783957437372_016

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mangelnde Verlässlichkeit und die Preisgabe eines tiefergehenden Erkenntnisanspruchs gekennzeichnet seien. Die pharmazeutische Forschung gilt in diesem Zusammenhang oft als Paradebeispiel oberflächlicher Forschung, die durch Imitation erfolgreicher Medikamente (»Me-too drugs«) oder durch voreingenommene Untersuchungen in erster Linie den Profit ihrer Finanziers befördern will. Entsprechend haben Umfragen in der Öffentlichkeit, darunter auch der wissenschaftsnahen Öffentlichkeit, einen Vertrauensverlust ans Licht gebracht. Die vormalige Wissenschaftsgläubigkeit ist einer breiten Wissenschaftsskepsis gewichen. Im Zentrum dieser Skepsis steht dabei nicht die Grundlagenforschung; das Higgs-Boson hat kein Akzeptanzproblem. Stattdessen geht es um praxisnahe Forschung mit Relevanz für das Leben, im Besonderen zu Gesundheit, Krankheit oder Ernährung. Ernährungsregeln oder der Umgang mit Krankheiten bieten willkommene Gelegenheiten zu einer Distanzierung von wissenschaftsgestützten Empfehlungen. Diesen Umfragen zufolge steht in der Öffentlichkeit die Vorstellung im Vordergrund, dass Forschung von Sponsoren aus Wirtschaft und Politik abhinge und dass diese Abhängigkeit sowohl die Erkenntniskraft der Untersuchungen als auch die praktische Nützlichkeit der Ergebnisse beeinträchtige. Viele Menschen vermuten zahlungskräftige Instanzen hinter solchen Untersuchungen und argwöhnen erkenntnisfremde Interessen hinter ihren Ergebnissen. Dieser Glaubwürdigkeitsverlust wird insbesondere bei der wissenschaftlichen Beurteilung konkreter Probleme spürbar; dann nämlich zeigt sich im Urteil der befragten Öffentlichkeit der Verdacht der Profitorientierung und Kurzfristigkeit der Forschungsanliegen sowie der Neigung zur Vernachlässigung entgegenstehender Befunde. Neben dieser Prägung durch wirtschaftliche Interessen wird Wissenschaftlern gern ein Tunnelblick unterstellt, der eine enge wissenschaftlich-technische Betrachtungsweise bedinge und die breitere menschliche und gesellschaftliche Perspektive vermissen lasse. Dabei findet sich insbesondere, dass die Vertrautheit mit wissenschaftlichen Sachverhalten das Vertrauen in die Wissenschaft nicht steigert. Solche Umfragen verdeutlichen, dass Teile der Öffentlichkeit Bereiche der Wissenschaft durch Kommerzialisierung und Politisierung in ihrer Erkenntnisautorität, also in ihrer Verlässlichkeit und Signifikanz beeinträchtigt sehen (European Commission 2010; Scientific American 2010; Williams et al. 2017; Wissenschaft im Dialog/Kantar Emnid 2017). Der Schluss ist, dass das öffentliche Vertrauen in den praktisch wirksamen wissenschaftlichen Sachverstand Schaden genommen hat und in einer Krise steckt. Mein Ziel ist es, Optionen zur Rückgewinnung des Vertrauens in den handlungsrelevanten wissenschaftlichen Sachverstand zu untersuchen. Meine

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Diagnose lautet zunächst, dass die Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft auf dem Verdacht von Inkompetenz und Einseitigkeit gegenüber Teilberei­ chen wissenschaftlichen Forschens und wissenschaftlicher Expertise beruht. Das betrifft nicht die gesamte Öffentlichkeit, schließt aber auch Segmente der wissenschaftsnahen Öffentlichkeit ein. Der Inkompetenzverdacht beeinträchtigt die vermutete Verlässlichkeit, die unterstellte Einseitigkeit die Relevanz der Wissenschaft für praktische Angelegenheiten. Ich diskutiere Vorschläge aus der Literatur, beide Defizite zu beheben, argumentiere aber dafür, dass diese jeweils nur eines dieser Probleme zulasten des jeweils anderen lösen. Mein eigener Lösungsvorschlag zielt auf eine Stärkung des Pluralismus sowohl hinsichtlich der untersuchten Probleme als auch hinsichtlich der zu diesem Zweck verfolgten Denkansätze. Ich argumentiere, dass dieser Vorschlag sowohl die Verlässlichkeit als auch die Relevanz der Wissenschaft zu steigern vermag. Allerdings besitzt der Pluralismus eine Kehrseite, die im Fehlen von eindeutigen Handlungsempfehlungen besteht. Die Signifikanz der Wissenschaft für die Anleitung des Handelns in Wirtschaft und Politik wird durch eine Vielfalt unterschiedlicher wissenschaftlicher Denkansätze beeinträchtigt. Ich schlage eine erkenntnisorientierte und zwei pragmatische Maximen vor, wie die plurale Vielfalt zu einer handlungsrelevanten Botschaft verdichtet werden kann. Auf der anderen Seite ist zuzugestehen, dass verlässliche Wissenschaft nicht selten auf idealisierte Laborsituationen gerichtet ist und entsprechend ihrer Beschaffenheit nach unter Umständen nur wenig praktische Relevanz besitzt. Ebenso gilt, dass die Komplexität praktischer Problemstellungen die Gewinnung von verlässlichem Wissen einschränkt. Daher sind Klagen über Inkompetenz oder mangelnde Verlässlichkeit und über Einseitigkeit oder mangelnde Relevanz unter Umständen berechtigt. Aber sie beruhen auf der Beschaffenheit wissenschaftlicher Forschung und nicht immer auf dem Einfluss von Kommerzialisierung und Politisierung. In dieser Hinsicht hülfe eine Anpassung von Vorstellungen in der Öffentlichkeit an die Möglichkeiten wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung. 2.

Ursachen des Glaubwürdigkeitsverlusts

Nach meiner Beobachtung lässt sich das nachlassende öffentliche Vertrauen in die Wissenschaft auf zwei Defizite zurückführen, nämlich die Inkompetenz und die Einseitigkeit von Forschern und Experten bzw. ihren Fragestellungen und Studiendesigns (Carrier 2017). Als Experten sollen Wissenschaftler gelten, die den Forschungsstand für eine gegebene praktische Problemlage aufarbeiten und auf dieser Grundlage Empfehlungen erarbeiten (Carrier/Krohn 2018).

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Inkompetenz besagt, dass wissenschaftliche Ergebnisse oder Empfehlungen unzureichend gestützt sind, dass es ihnen also an Verlässlichkeit mangelt. Einseitigkeit bedeutet, dass einzelne Aspekte in unangemessener Weise hervorgehoben oder vernachlässigt werden und dass ein verzerrtes Bild der Sachlage entsteht. Die hervorgehobenen Aspekte mögen dabei durchaus Teil der betreffenden Sachlage sein; der Punkt ist nur, dass eine gleichmäßigere Berücksichtigung einer größeren Zahl von Umständen ein für Öffentlichkeit, Politik oder Wirtschaft besser nutzbares Resultat erbringen würde. Der mit Einseitigkeit verbundene Nachteil ist also mangelnde Relevanz. Der Eindruck der Inkompetenz stützt sich auf wiederholte Fehlurteile von Wissenschaftlern zu praktisch bedeutsamen Fragen. Zwar ist die Wissenschaft heute besser als jemals zuvor imstande, auch unübersichtliche Zusammenhänge zu erschließen. Man denke nur an die frühe Vorhersage des Klimawandels in den 1960er Jahren oder die schnelle Diagnose der hochkomplexen Ursachen für das Ozonloch in den 1980er Jahren. Dagegen war der Sieg gegen Infektionskrankheiten (mittels Antibiotika und DDT) ein Fortschrittsversprechen der Wissenschaft, das weitgehend zurückgenommen werden musste. Umgekehrt haben Wissenschaftler vor Gefahren und Risiken gewarnt, die sich dann als nicht-existent erwiesen. Der ausgefallene Milleniumsbug von 1999 und die tatsächlich eher milde Schweinegrippepandemie von 2009/10 sind vielleicht noch in Erinnerung. Die Öffentlichkeit hat Wissenschaftler und Experten zu oft überrascht und überfordert erlebt, um umstandslos auf die Verlässlichkeit ihrer Urteile zu bauen. Dieser Mangel an Verlässlichkeit wird besonders ausgeprägt für die pharmazeutische Forschung unterstellt. Geklagt wird über die Nicht-Berücksichtigung von unvorteilhaften Befunden oder die Anlage von Studien auf eine Weise, die das Auftreten erwünschter Ergebnisse favorisiert (Biddle 2007; Reiss 2010). Eine solche Vernachlässigung entgegenstehender Daten ist ein Erkenntnisdefizit, das die Belastbarkeit der betreffenden Resultate untergräbt. Es handelt sich um Inkompetenz im angegebenen Sinne. Andere wissenschaftliche Urteile, die in Teilen der Öffentlichkeit als unglaubwürdig gelten, betreffen die Unbedenklichkeit genetisch modifizierter Organismen in Europa oder den menschengemachten Klimawandel in den USA. Ein anderer Grund für Zweifel der Öffentlichkeit an der Tragfähigkeit wissenschaftlicher Urteile ist das sog. »Expertendilemma«, also der Konflikt zwischen gegensätzlichen Expertenempfehlungen oder die Auseinandersetzung von Gutachten und Gegengutachten (Grunwald 2003). In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es zu beinahe jeder wissenschaftlich gestützten Meinung zu praktischen Fragen eine ebenfalls gutachterlich untermauerte Gegenposition. Was passiert bei der Einführung von Bt-Mais (also gentechnisch

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verändertem Mais) mit anderen Organismen? Beeinträchtigt Handy-Strahlung die Gesundheit von Vieltelefonierern? Stellen handelsübliche Konzentrationen von Bisphenol A ein Gesundheitsrisiko dar? Ist die Hormonbehandlung von Schlachttieren gesundheitlich unbedenklich? Hier erhält man gegensätzliche Antworten, je nachdem, welche Wissenschaftler man fragt. Eine zweite Quelle der Beeinträchtigung der wahrgenommenen Aussagekraft wissenschaftsgestützter Empfehlungen ist der Verlust an Neutralität oder Überparteilichkeit. Auch für diese Vermutung wird das Expertendilemma herangezogen. In dieser Lesart ist das Dilemma Ausdruck einer Politisierung der Wissenschaft. In weiten Kreisen der Öffentlichkeit herrscht der Eindruck, dass wissenschaftliche Experten Teil des politischen Geschäfts geworden sind und dass sich die beteiligten Parteien geneigte Experten gleichsam mieten können (»rent an expert«). Der Verdacht, dass Wissenschaftler auf Honorarbasis politische Anliegen verteidigen, wird durch Untersuchungen Robert Proctors untermauert. Proctor zeigte, dass die amerikanische Tabakindustrie Wissenschaftler in ihre Dienste nahm, die auftragsgemäß eine gleichsam künstliche Debatte zur angeblichen Überschätzung der Gesundheitsrisiken des Rauchens anstieß (Proctor 2011, Teil III). Ähnlich wiesen Naomi Oreskes und Erik Conway auf, dass interessierte politische Kreise Wissenschaftler für Beiträge bezahlt hatten, die den anthropogenen Klimawandel in Zweifel zogen (Oreskes/Conway 2010). Der wissenschaftliche Dissens bietet also Anlass für öffentliche Skepsis. Aber den gleichen Verdacht weckt umgekehrt auch der wissenschaftliche Konsens. Dieser gilt nicht selten als voreilig und als Ausdruck einer einhelligen wissenschaftlichen Schieflage. Es ist dann nicht der Gegensatz zwischen unterschiedlichen Wissenschaftlermeinungen, sondern deren Einseitigkeit als Ganzes, die das Urteil als unausgewogen und als von sachfremden Einflussfaktoren durchsetzt ausweisen soll. Dieses Phänomen tritt besonders geballt in der Medikamentenforschung auf. Zwei breit geteilte Fehleinschätzungen in den 2000er Jahren betrafen die entzündungshemmenden Eigenschaften des Medikaments Vioxx, dessen Nebenwirkungen aus klini­schen Studien bekannt, aber nicht veröffentlicht worden waren, sowie die weit übertriebene Wirksamkeit des Grippemedikaments Tamiflu (Biddle 2007; Cochrane 2014; 2015). In beiden Fällen steckten wirtschaftliche Interessen hinter den breit geteilten Fehlurteilen. Überdies wird generell in der Ausrichtung der pharmazeutischen Forschung auf patentierbare Medikamente eine Verengung des Fragespektrums gesehen, die die Balance und Breite der Forschung beschädigt und meiner Ansicht nach zu einem verzerrten Bild der Sachlage führt. Solche Anzeichen für Inkompetenz und Einseitigkeit im wissenschaftlichen Urteil haben die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft beeinträchtigt. Ich

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stelle zwei Strategien zur Erhöhung dieser Glaubwürdigkeit vor, die beide in Teilen hilfreich sind, aber letztlich am Problem vorbeigehen. Ich entwickle anschließend einen alternativen Denkansatz, bei dem der innerwissenschaftliche Pluralismus eine wichtige Rolle bei der Steigerung von Verlässlichkeit und Relevanz spielt. 3.

Zwei mögliche Wege aus der Krise

Bei diesen beiden Strategien handelt es sich zum einen um die Stärkung der Unabhängigkeit der Wissenschaft und die Wahrung des Abstands zu gesellschaftlichen Ansprüchen und zum anderen um die politische Auszeichnung von Forschungszielen zur Förderung des Gemeinwohls, die sich der parteilichen Politisierung entgegenstellt wie sie die Wissenschaft gegenwärtig beherrscht (»Gegenpolitisierung«). Der erste Vorschlag für eine Stärkung der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft stellt entsprechend eine vermehrte Unabhängigkeit der Wissenschaft von wirtschaftlichen und politischen Interessen ins Zentrum. Ein prominen­ ter neuerer Vertreter dieser Richtung ist Klaus Liebs Mainzer Initiative »MEZIS« oder »Mein Essen zahle ich selbst«, die für den Bereich Medizin und Pharmazie den Abstand zwischen Ärzten und der pharmazeutischen Industrie vergrößern will und auf Transparenz setzt. In diesem Ansatz soll die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft dadurch wiederhergestellt werden, dass man auf Distanz zu politischen und wirtschaftlichen Kräften geht. Dieser Gedanke wird oft dadurch umgesetzt, dass interesselose Grundlagenforschung als Korrektiv der kommerzialisierten und politisierten Anwendungsforschung stark gemacht wird. In der Grundlagenforschung wählt die Wissenschaft ihre Forschungsprobleme selbst aus, und sie tut dies wesentlich nach deren innerwissenschaftlicher Relevanz und der Erwartung ihrer Lösbarkeit (Anderson 2001, S. 493; vgl. Kuhn 1962, S. 164). Antoine de Lavoisier führte das Gewicht gerade dann als eine theoretisch relevante Größe in die Chemie ein, als Gase aufgefangen und der Wägung zugänglich gemacht werden konnten. Dadurch war die Frage der Veränderung von Gewichten bei chemischen Reaktionen zum ersten Mal überhaupt bearbeitbar und gewann wissenschaftliche Signifikanz (Carrier 2009). Ähnlich ging es Albert Einstein bei der Formulierung der speziellen Relativitätstheorie um die korrekten Anwendungsbedingungen der Elektrodynamik und um die einheitliche Erklärung von Phänomenen. Die Elektrodynamik der Zeit enthielt einen Bezug auf die wahren Bewegungen von Ladungen, die aber empirisch gar nicht bestimmt werden konnten. Im Besonderen unterschied sich im Einzelfall die theoretische Beschreibung

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von Effekten danach, welchen Ladungen oder Feldern wahre Bewegung zugeschrieben wurde. Bei Einsteins Beschränkung auf beobachtbare Bewegungen und seiner Formulierung vereinheitlichter Erklärungen stand klar das Anliegen der theoretischen Durchdringung im Vordergrund. Zugleich war dieses Anliegen durch die neue Signalsynchronisierung von Uhren und entsprechend durch die Zugänglichkeit von Beziehungen entfernter Gleichzeitigkeit zum ersten Mal in den Bereich des Lösbaren gerückt (Carrier 2006). Erkenntnisinteresse und die Einschätzung der Realisierbarkeit bestimmen die Themenwahl der Grundlagenforschung. Das ist bei Anwendungsforschung anders. Deren Probleme werden nach Maßgabe ihrer praktischen Dringlichkeit von der Gesellschaft formuliert und der Wissenschaft überantwortet. Die Möglichkeit einer sinnvollen Bearbeitung spielt bei der Auswahl der Fragen keine wesentliche Rolle. Zwar wird man keine bedarfsgetriebenen Projekte beginnen, zu deren Verwirklichung man keine Chance sieht. Gleichwohl machen sich außerwissenschaftliche Ansprüche in der bedarfsgetriebenen Forschung in starkem Maße geltend und nehmen die Wissenschaft in den Dienst. Wenn die Reduktion von Feinstaub oder die Steigerung der Effizienz erneuerbarer Energien für praktisch bedeutsam gehalten werden, dann wird bei der Ausschreibung entsprechender Förderprogramme die Anschlussfähigkeit an den Stand des Wissens nur selten in Betracht gezogen. Wegen des Primats der praktischen Wichtigkeit vor der wissenschaftlichen Realisierbarkeit zeigen sich dann nicht selten Anzeichen von Überforderung oder Scheitern. Ein Beispiel ist die frühe Entwicklung der Klimawissenschaft in den 1990er Jahren. In dieser Zeit blieben die einschlägigen Forschungsvorhaben in der Regel auf fokussierte und isolierte Modellbildungen gerichtet; die Forscher wagten sich nicht an deren Integration heran. Einige dieser Modelle befassten sich mit ozeanischen Strömungen, andere mit Mustern atmosphärischer Zirkulation, wieder andere mit dem Einfluss der Vegetation auf die atmosphärische Zusammensetzung. Alle kultivierten ihre disziplinären Spezialitäten. Es waren die Politiker im Weltklimarat, die die Wissenschaftler dazu drängten, ihre individuellen und partiellen Modelle miteinander zu verknüpfen und einen umfassenderen Ansatz zu formulieren (Küppers/Lenhard 2007, S. 131-136). Der Grund liegt auf der Hand: Aus einer politischen Perspektive ist ein Gesamtbild unerlässlich, weil nur ein solches als Grundlage für das Handeln taugt. Andererseits waren die Modelle in der Regel nicht hinreichend avanciert, um ein aussagekräftiges und belastbares Bild zu erzeugen. Tatsächlich war die frühe Klimawissenschaft kaum in der Lage, ein solches bereitzustellen. Im Rückblick zeigt sich dies an der anfänglichen Unterschätzung der Auswirkungen des Klimawandels. Solche Fehlurteile durch Überforderung

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unterlaufen der Grundlagenforschung wegen ihres Vorgehens bei der Problemwahl seltener. Eine Forschungsheuristik nach Erkenntnisinteresse und Machbarkeit erzielt daher tendenziell verlässlichere Ergebnisse und hält überdies gesellschaftliche Einflussfaktoren auf Distanz. Allerdings ist der Preis nicht selten der Verlust an Relevanz dieser Ergebnisse für die praktischen Probleme der Gesellschaft.1 Der alternative Ansatz schlägt Gegenpolitisierung vor, also die Verpflichtung der Wissenschaft auf das Gemeinwohl statt auf Partialinteressen oder Weltverstehen. Die Wahrnehmung ist, dass die Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft daher rührt, dass sich die Forschung mit entlegenen Problemen befasst, die kaum eine Verbindung mit der Lebenswirklichkeit besitzen. Es gibt demnach zu viel Grundlagenforschung, nicht zu wenig. Grundlagenforschung dreht sich um selbst-kreierte Fragen, deren Lösung ohne praktischen Nutzen bleibt, die aber einen großen Teil der Forschungsförderung beanspruchen. Entlang dieser Linien fordern etwa Nancy Cartwright und Janet Kourany die Konzentration der Forschungsressourcen in der Medizin auf konkrete angewandte Projekte, die zum Beispiel auf eine Verbesserung der Pflegesituation zielen. Die verfügbaren Ressourcen könnten bei einer Umlenkung in Vorhaben der unmittelbaren Anwendungsforschung das Gemeinwohl erheblich besser fördern (Kourany 2003; 2010, Kap. 1, 5; Cartwright 2006). Dieser Denkansatz der Gegenpolitisierung betrachtet die politische Einflussnahme auf die Forschungsagenda als Beitrag zur Steigerung der praktischen Relevanz der Wissenschaft, und es ist diese Steigerung, die am Ende helfen könnte, die Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft zu überwinden. Zur Umsetzung dieser Idee einer Wissenschaft zum Nutzen des Gemeinwohls werden nicht selten Verfahren einer öffentlichen Beteiligung vorgesehen. Durch Partizipation der Öffentlichkeit wird eine Auswahl von Forschungsthemen garantiert, die sich an die Interessen und Werthaltungen der Bevölkerung anschließt. Durch eine solche Anbindung der Forschungsagenda an die praktischen Ziele der Gesellschaft soll das öffentliche Vertrauen für die Wissenschaft zurückgewonnen werden. Partizipation dieser Art wird zum Beispiel von der EU empfohlen und bildet eines der Leitthemen von »Horizon 2020«, dem aktuellen Rahmenprogramm der EU zur Forschungsförderung. Forschungsthemen sollen danach unter Partizipation gesellschaftlicher 1  Allerdings verdient Beachtung, dass die begriffliche Trennung zwischen Grundlagen- und Anwendungsforschung damit verträglich ist, dass ein und dasselbe Forschungsvorhaben beide Ziele verfolgen kann, also zugleich das Naturverstehen vertieft und den praktischen Nutzen mehrt. Die Unterscheidung zwischen beiden Forschungstypen dient dem Zweck, gleichsam Achsen eines Koordinatensystems zur Einordnung besonderer Projekte aufzuspannen (Carrier 2016).

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Gruppen mit Blick auf das gesellschaftliche Wohl gewählt werden (Stilgoe et al. 2013; von Schomberg 2013; Carrier im Druck). Auch Philip Kitchers Projekt einer wohlgeordneten Wissenschaft (»well-ordered science«) gehört in den Zusammenhang dieser Reaktion auf die öffentliche Wissenschaftsskepsis. Indem die Wissenschaft der Öffentlichkeit eine Entscheidungskompetenz über die verfolgten Fragestellungen einräumt, macht sie Angebote für die praktische Verbesserung des Lebens (Kitcher 2004; 2011). In allen diesen Fällen wird durch Gegenpolitisierung die praktische Relevanz der Forschungsergebnisse garantiert, und diese demonstrierte Relevanz trägt zur Wiederherstellung des Vertrauens der Öffentlichkeit in die Wissenschaft bei. Der traditionelle Einwand gegen eine solche Vorgehensweise besteht im Verweis auf die Unplanbarkeit wissenschaftlicher Entdeckungen und die Unvorhersehbarkeit wissenschaftlicher Kreativität. An diesem Einwand ist etwas dran; allerdings wird er oft überzeichnet. Tatsächlich gibt es viele Beispiele erfolgreicher geplanter Forschung. So hat etwa die Politik wiederholt auf fruchtbare Weise Schwerpunktprogramme zur Förderung von Innovationen in Umwelttechnologien auf den Weg gebracht. Solche Technologien sind in den vergangenen Jahrzehnten häufig durch staatliche Förderprogramme entwickelt worden. Das Spektrum reicht von der Abscheidung von Schwefel, Stickoxiden und Ruß aus Abgasen bis zur sprunghaften Steigerung des Wirkungsgrads von Solarzellen. Auch der Industrieforschung gelingt nicht selten die Verwirklichung auch anspruchsvoller Forschungsziele. Die Entwicklung von LED-Leuchten in den Jahrzehnten von 1960 bis 2010 von dunklen, roten Signalanzeigen zu hellen Lichtquellen aller Farben beruhte auf einer Reihe von materialwissenschaftlichen und fertigungstechnischen Innovationen. LEDs als Leuchtmittel und als Elemente von Bildschirmen sind Ergebnis innovativer bedarfsgetriebener Forschung, bei der ein wichtiger Schritt 2014 sogar mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Diese Forschung war eine erfolgreiche wissenschaftliche Reaktion auf einen gesellschaftlichen Bedarf. Forschung ist keinesfalls generell unplanbar, und deshalb gibt es durchaus Spielraum für Forschungsprojekte im gesellschaftlichen Auftrag. Schwierig wird es allerdings dann, wenn die Forschung exklusiv auf den bedarfsgetriebenen Modus verpflichtet wird, wenn also die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft durch die Bindung der Forschungsagenda an die öffentliche Willensbildung gesichert werden soll. Das Problem ist, dass sich der praktische Erfolg nicht erzwingen lässt. Praxisorientierte Forschung scheitert nicht selten oder hat ganz andere Wirkungen als vorhergesagt. Gescheitert ist – jedenfalls bislang – die Entwicklung von Medikamenten gegen Alzheimer und Parkinson, die von führenden Hirnforschern 2004 für die darauf folgenden zehn Jahre erwartet worden war (Monyer et al. 2004). Ein Beispiel aus dem computertechnischen

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Bereich ist das Projekt Verbmobil, das in den 1990er Jahren eine automatische Übersetzung gesprochener Sprache erreichen sollte und als teurer Misserfolg endete. Umgekehrt ist bei vielen Projekten der mögliche Nutzen gar nicht absehbar. Gerade in der Medizin sind viele Entdeckungen ein Werk des Zufalls. Ein Beispiel betrifft das Chemotherapeutikum Cisplatin aus den 1960er Jahren, mit dem bis heute mehrere Krebsarten behandelt werden. Barnett Rosenberg hatten die bei der Zellteilung entstehenden Spindeln an Eisenfeilspäne im Magnetfeld erinnert, und er hatte daraufhin den Gedanken gefasst, bei der Zellteilung spielten elektrische Kräfte eine Rolle. In der Tat gelang es ihm, durch Anlegen eines elektrischen Feldes die Zellteilung zu stoppen. Wie sich allerdings herausstellte, beruhte dieser Effekt gar nicht auf dem Feld, sondern auf der zu seiner Erzeugung verwendeten Platinelektrode. Es war also dieses auxiliäre Funktionselement, das tatsächlich für die beobachteten Wirkungen verantwortlich war. Wie sich später herausstellte, tritt Platin mit der DNA in Wechselwirkung und induziert dadurch die Apoptose der Zelle, den programmierten Zelltod (Galanski/Keppler 2006). Solche Erfolge sind unplanbar. Dahinter steckt der genannte Umstand, dass die Wissenschaft die Probleme der Grundlagenforschung auch nach ihrer Lösbarkeit auswählt, während sich die Agenda der Anwendungsforschung nach praktischer Dringlichkeit bestimmt. Grundlagenprobleme beziehen sich oft auf ungestörte, im Labor realisierbare Fälle. Diese sind aus einer Erkenntnisperspektive vorzuziehen, weil sie die Wirkung bestimmter Effekte in besonderer Deutlichkeit hervortreten lassen. Aus einer praktischen Perspektive sind solche idealisierten Fälle hingegen oft weniger gut brauchbar. Praktische Probleme sind in der Regel komplex und beinhalten eine große Zahl von Einflussfaktoren. Entsprechend ist die Wissenschaft nicht selten durch Aufgaben überfordert, die sie nicht selbst gewählt hat, sondern die von der Gesellschaft definiert und der Wissenschaft zur Beantwortung übertragen wurden. Ein Mangel an Verlässlichkeit bei solchen Antworten entspringt bereits der Komplexität dieser Aufgaben. Der Schluss ist, dass die Betonung von Relevanz leicht mit einem Verlust an Verlässlichkeit der so gewonnenen Ergebnisse und Empfehlungen einhergeht. Diese Nebenwirkung lässt es nicht ratsam erscheinen, durch Gegenpolitisierung die Glaubwürdigkeit und Relevanz der Wissenschaft zu sichern. 4.

Pluralismus als Beitrag zur Relevanz und Verlässlichkeit

Die beiden bislang erörterten Vorschläge zielen darauf ab, die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft durch die Steigerung von Verlässlichkeit und Relevanz

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zu erhöhen. Allerdings gelingt dies nicht. Die Betonung wissenschaftlicher Unabhängigkeit zielt primär auf Steigerung der Verlässlichkeit, muss dann aber eine Verminderung der praktischen Relevanz in Kauf nehmen. Umgekehrt steht bei der Gegenpolitisierung die Erhöhung der Relevanz im Vordergrund. Aber diese kann eben nicht selten nur auf Kosten der Verlässlichkeit erreicht werden. Ich möchte jetzt zeigen, dass die Kultivierung eines Pluralismus der wissenschaftlichen Fragestellungen und Denkansätze beide Ziele zu fördern vermag, also sowohl Verlässlichkeit als auch Relevanz steigern kann (Carrier 2017). Ich beginne mit dem Einfluss des Pluralismus auf die Relevanz wissenschaftlichen Wissens. Ein pluraler Einfluss auf die Forschungsagenda führt zu deren Verbreiterung und wirkt daher der Einseitigkeit des Forschens entgegen. Danach treten neben die Wissenschaft selbst auch Wirtschaft, Politik oder die breite Öffentlichkeit als Quelle von Forschungsthemen. Durch diese thematische Verbreiterung und die Möglichkeit der Einflussnahme gesellschaftlicher Gruppen dürften breitere Kreise einzelne Probleme auf der Forschungsagenda als für sich beachtenswert oder signifikant einstufen. Die skeptische Haltung der Öffentlichkeit gegenüber der Pharma-Forschung hat zum Teil auch damit zu tun, dass diese einseitig patentierbare Behandlungsoptionen erforscht und etwa Einflüssen wie Ernährung oder Sport wenig oder keine Beachtung schenkt (Brown 2008, S. 197-199). Andere nicht-patentierbare Methoden wie der Einsatz von Bakteriophagen zur Bekämpfung von Entzündungen finden in privat finanzierter Forschung ebenfalls keine Berücksichtigung (Kourany/Carrier 2020). Solche Beobachtungen sind die Grundlage der genannten Einschätzung, dass pharmazeutische Forschung in dem Sinne einseitig verfährt, dass sie nur solche Ansätze verfolgt, mit denen erwartbar Gewinn zu erzielen ist. Hugh Lacey will die Forschungsagenda auf Ausgewogenheit und Inklusivität in dem Sinne verpflichten, dass die Wissenschaft nicht bestimmte Werthaltungen und besondere Interessen auf Kosten anderer bedienen sollte. Stattdessen sollte die Wissenschaft verschiedenartige Forschungsziele verfolgen, die mit einer Vielfalt von gesellschaftlichen Anliegen verknüpft sind. So sollten etwa in der agrarwissenschaftlichen Forschung wirtschaftliche Interessen gleichgewichtig neben sozialen Werten wie dem Respekt von lokalen Kulturen und der Nachhaltigkeit stehen (Lacey 2013). Alle diese Vorschläge laufen darauf hinaus, durch Erweiterung des Raums für Forschungsfragen und durch das Aufgreifen von vernachlässigten Fragen die Relevanz der Wissenschaft für breite gesellschaftliche Kreise zu erhöhen. Durch eine Verbreiterung und Pluralisierung der Forschungsagenda werden wissenschaftliche Ergebnisse anschlussfähig an eine Mehrzahl gesellschaftlicher Interessen und Werthaltungen und gewinnen auf diese Weise an

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Relevanz. Die Erwartung ist, dass damit auch das öffentliche Vertrauen in die Wissenschaft zurückgewonnen wird. In diesem Fall geht die Steigerung der Relevanz aber nicht zulasten der Verlässlichkeit. Vielmehr fördert ein breites Spektrum an Fragestellungen eine Pluralität der Denkansätze zu ihrer Bearbeitung. Eine solche Pluralität gilt aber gerade als Mittel zur Intensivierung der kritischen Prüfung und entsprechend zur Erhöhung der Verlässlichkeit. Wissenschaftsphilosophische Positionen wie die Sozialepistemologie heben die Wichtigkeit der kritischen Auseinandersetzung und der wechselseitigen Kontrolle hervor. Durch Widerspruch und kritische Einwände von einer anderen Warte aus werden am schnellsten die Lücken und Schwächen der eigenen Sichtweise deutlich. Wir leiden alle unter blinden Flecken und halten gern für selbstverständlich, was so offenkundig häufig nicht ist. Solche Schwächen treten durch den Wettstreit mit Gegenpositionen schneller zu Tage als durch eigenes Nachsinnen. Das erhöhte Niveau der Kritik in einem pluralistischen Rahmen intensiviert daher die Prüfung von Behauptungen und günstigenfalls auch deren Bestätigung. Auseinandersetzung und Gegensatz in der wissenschaftlichen Gemeinschaft sind ein zentraler Aspekt der wissenschaftlichen Methode. Pluralistische Wissenschaft ist verlässlichere Wissenschaft (Popper 1966, S. 412-413; Longino 1990, S. 66-80; Carrier 2013). Tatsächlich nähert sich die Forschung anspruchsvollen Herausforderungen auf genau diese Weise. Wenn es um schwierige Fragen geht, dann neigt die Forschungsgemeinschaft dazu, sich in eine Reihe konkurrierender Ansätze aufzuspalten. Dadurch kann man ein Problem aus unterschiedlichen Blickwinkeln angehen und damit die Chancen des Erfolgs verbessern. Wenn dann ein tieferes Verständnis erreicht ist, weicht dieser Pluralismus in der Regel einem Konsens. Nach einer Zeit der Weiterverfolgung einer Bandbreite gegensätzlicher Theorien werden viele unterschiedliche Qualitätsindikatoren in die gleiche Richtung weisen und einen der rivalisierenden Ansätze vor den anderen auszeichnen (Kuhn 1969, S. 204-206; McMullin 1987, S. 67; Kitcher 2000, S. 26-27, 35). Beispiele für einen solchen Pluralismus finden sich gleichermaßen in Grundlagen- und Anwendungsforschung. Die frühe Mechanik war zweigeteilt und operierte alternativ René Descartes folgend mit Stößen und Isaac Newton folgend mit Kräften (Voltaire 1733). Die Elektrodynamik im 19. Jahrhundert zerfiel in Fernwirkungsansätze und in Feldtheorien (Wise 2020). Am Ende des 19. Jahrhunderts konkurrierten ein Programm zur Rückführung der Elektrodynamik auf die Mechanik und ein Programm zur Rückführung der Mechanik auf die Elektrodynamik (Kragh 2011). Eine Pluralität konträrer Entwürfe findet sich auch in der Gegenwart. In der Krebsforschung konkurriert ein Ansatz, der an der Entartung einzelner Zellen ansetzt, mit einem holistischen Verständnis

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von Krebs (Carrier/Finzer 2011; Kourany/Carrier 2020). In der AlzheimerForschung sieht die am weitesten verbreitete Linie Beta-Amyloid Plaques als Ursache der Krankheit, während eine konkurrierende Linie die Tau-Proteine dafür verantwortlich macht und die Amyloid-Plaques nur als deren Wirkung betrachtet. Ein dritter Ansatz hält Energiemangel im Gehirn für die zentrale Ursache, welcher dann die Merkmale hervorruft, die die anderen Hypothesen als Ursachen ansehen. Für diesen dritten Ansatz ist Alzheimer eine Art Diabetes des Gehirns. Eine weitere Alternative rückt Prionen ins Zentrum, also ein infektionsähnliches Geschehen als Folge fehlgefalteter Proteine. Die Aufspaltung der wissenschaftlichen Gemeinschaft ist eine typische und erkenntnisförderliche Reaktion auf Unsicherheit. Auf die gleiche Pluralität trifft man bei technischen Neuerungen. Bei der Entwicklung von Bildspeichertechniken in den 1970er Jahren setzten die beteiligten Unternehmen parallel auf magnetische und optische Ansätze und verfolgten in jedem Bereich analoge und digitale Optionen. Die frühe Lösung, nämlich der Videorecorder, war magnetisch analog, die DVD ist optisch digital (de Vries 2011). Forschung ist viel pluraler als sie im Rückblick oft erscheint, und dies mit gutem Grund. Diese wichtige Rolle der Pluralität von Denkansätzen bei der Prüfung und Bestätigung von Hypothesen hat Auswirkungen auf das angemessene Verständnis von Objektivität. Traditionell wird die Sonderstellung wissenschaftlichen Wissens mit seiner Objektivität begründet. Das gängige Verständnis von Objektivität schließt sich dabei in der Regel an Francis Bacon an. Bacon hatte Neutralität und Vorurteilsfreiheit als zentrale Bestimmungsgrößen einer Erkenntnisqualität hervorgehoben, die wir heute als Objektivität bezeichnen. Objektive Wissenschaftler betrachten den Untersuchungsgegenstand aus der Distanz mit offenem Blick und sehen von allen vorangegangenen Festlegungen ab (Bacon 1620, Buch I, §§ 37-65, 68). Nun gibt es zwar Bereiche, in denen Wissenschaftler weiter diesem Ziel sinnvoll nachstreben, aber in denjenigen Bereichen, in denen der finanzielle Einsatz groß und die materiellen Interessen stark sind, ist Neutralität schwer zu erreichen. Gesellschaftliche Anliegen und Werthaltungen sind dann kaum aus der Forschung herauszuhalten, und solche Verflechtungen können die Vertrauenswürdigkeit der Forscher und die Glaubwürdigkeit ihrer Ergebnisse vermindern (Elliott 2014). Um 2000 griffen die Herausgeber medizinischer Fachzeitschriften zu dem Rezept, zur Vermeidung von Korruption Übersichtsartikel über die Sicherheit und Wirksamkeit von Medikamenten nur an solche Autoren zu vergeben, die keine wirtschaftlichen Verbindungen mit einer der beteiligten Firmen hatten. Dieses Rezept erwies sich als unwirksam, weil in vielen Fällen keine Autoren gefunden werden konnten, die hinreichend vertraut mit dem betreffenden Bereich waren und zugleich in diesem keine persönlichen Interessen verfolgten

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(Brown 2008, S. 194). Sachverstand und wirtschaftliche Verflechtung traten in trauter Zweisamkeit auf. In solchen Bereichen ist Bacon’sche Neutralität außer Reichweite. Aber ein pluralistisches Verständnis von Objektivität kann auch bei Vorherrschen antagonistischer Partialinteressen wirksam sein. Zum Beispiel traten Wissenschaftler um 2000 mit der Vermutung an die Fachöffentlichkeit, dass die Verminderung der Blutgerinnung durch Aspirin über die Jahre abnähme. Die Patienten gewöhnten sich an das Mittel. In der Folge entwickelte sich eine Fachkontroverse mit gegensätzlichen Beiträgen. Einige Jahre später enthüllte ein Journalist, dass ein Unternehmen, das einen alternativen Gerinnungshemmer produzierte, die ganze Debatte über diesen angeblichen Gewöhnungseffekt angezettelt hatte. Umgekehrt wurden einige der wissenschaftlichen Stimmen g