Weimarer Republik : Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918-1933 3476004139

Als Lehrbuch für die Gegenwart dient diese Sammlung historischer Texte aus der Weimarer Republik, in deren Endphase die

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German Pages 772 [768] Year 1983

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Weimarer Republik : Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918-1933
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Weimarer Republik

Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918-1933

Weimarer Republik Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918 -1933 Mit einer Einleitung und Kommentaren herausgegeben von Anton Kaes

J.B. METZLERSCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG STUTTGART

Für Leo Löwenthal

CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur. - Stuttgart: Metzler 1918/33. Weimarer Republik / hrsg. von Anton Kaes. - 1983. ISBN 3-476-00414-7 kart. 1SBN 3-476-00413-9 Gewebe

NE: Kaes, Anton [Hrsg.] © J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Emst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 1983 Satz: Typobauer Filmsatz GmbH, Ostfildern 3 Druck: Gutmann & Co., Heilbronn Printed in Germany

Vorwort

Der vorliegende Band in der Reihe Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur hat die Aufgabe, den literaturtheoretischen und kulturpolitischen Diskurs in der Zeit der Weimarer Republik zu erschließen. Anders als der vorausgehende Band über den Expressionismus nimmt der Band Weimarer Republik seinen Titel nicht aus dem Gebiet der Kunst, sondern aus dem Bereich der politischen Geschichte. Damit soll angedeutet werden, daß hier weniger die program­ matische Selbstdarstellung einer avantgardistischen Bewegung (etwa der »Neuen Sachlichkeit«) als vielmehr das Ineinandergreifen von politischer und literarischer Praxis selbst dokumentiert wer­ den soll. Es geht um die Bedingungen, Strategien und Wirkungen des Schreibens in einer Zeit, in der Politik keinen Lebensbereich unberührt ließ. In ihrer zeitlichen Begrenzung entspricht die Dokumentation der Dauer der Weimarer Repu­ blik. Obwohl die Jahre 1918 und 1933 als literaturimmanente Epochenabgrenzung eine relativ untergeordnete Rolle spielen - stilgeschichtliche Traditionszusammenhänge mit früheren und späteren Epochen lassen sich mühelos nachweisen -, haben sich diese Daten dem kollektiven Gedächtnis als zeithistorische Zäsuren eingeprägt, nicht zuletzt dank der Schriftsteller, die diese Daten mit Visionen von »Umkehr« und »Neuanfang« bedeutungsmäßig aufgeladen haben. Zu­ gleich signalisieren diese Daten einschneidende Veränderungen des historisch-politischen und gesellschaftlichen Kontextes, in dem Literatur produziert und rezipiert wurde. Die neuen politi­ schen und sozialen Bedingungen der Weimarer Republik haben geistige Prozesse und Energien freigesetzt, die vorher im Kaiserreich nicht denkbar waren. Die Weimarer Republik kann als eine Übergangsepoche interpretiert werden, in der traditionelle Denkweisen aus dem ständischen Obrigkeitsstaat des 19. Jahrhunderts mit Erfahrungen des modernen industriellen Massenzeitalters zusammenprallten. Für die politische wie für die kultu­ relle Sphäre bedeutete dies ein Konfliktpotential, an dem die Weimarer Republik letztlich zerbrach. Die Gleichzeitigkeit weit divergierender Werthaltungen und Einstellungen war zweifellos auch ein Hauptfaktor für das epochentypische Gefühl der Unsicherheit und permanenten Krisenstim­ mung, das sich auch in den literarischen Diskussionen niederschlug. Der industrielle und soziale Modernisierungsprozeß, der sich besonders nach 1924 rapide entfaltete, hat den Schriftstellern eine Fülle neuer Erfahrungen aufgezwungen, die nach Erklärung und Sinndeutung verlangten. Folge dieser »Erfahrungsübersättigung« war ein Anschwellen des literaturpraktischen Diskurses. Eine Flut von Essays, Analysen, Kommentaren, Stellungnahmen, Manifesten, Proklamationen, Debatten und Appellen überschwemmte den literarischen ¡Markt. Der Schriftsteller wurde in der Weimarer Republik mehr als je zuvor zur öffentlichen Person, die sich unentwegt in Umfragen, Reden, Interviews und Feuilletonartikeln zur zeitgenössischen Kultur, Gesellschaft und Politik äußerte. Die für die Weimarer Republik charakteristische Öffnung der Institution Literatur zu

VI

Vorwort

einem Forum gesellschaftlicher Auseinandersetzung hat auch den Literaturbegriff verändert: Literatur wurde Teil der Alltagskommunikation. Deshalb kann sich die vorliegende Dokumenta­ tion auch nicht allein auf dichterische Manifeste und ästhetische Programme beschränken, son­ dern muß von Diskussionszusammenhängen ausgehen, in denen Literatur als gesellschaftliche Praxis eine Rolle spielt. Auswahl und Anordnung der Dokumente wurden von der Absicht geleitet, repräsentative Texte und Zusatztexte so zueinander in Beziehung zu setzen, daß sich aus dem Gesamt der Texte ein komplexes Modell - gleichsam eine Karte - des literarischen Lebens der Weimarer Republik abzeichnete. Bei der Auswahl wurden vor allem jene Texte bevorzugt, die auf der imaginären Karte des diskursiven Terrains der Weimarer Republik als »Knotenpunkte« angesehen werden können, d.h. solche Texte, die Kontroversen und Debatten auslösten oder sie konzise zusammenfaßten. Auf dieser »Karte« läßt sich ablesen, welche Aussagen in der Weimarer Öffentlichkeit gemacht

wurden (bzw. gemacht werden konnten), welche Aussagen öffentlich verbreitet und diskutiert, akzeptiert oder zurückgewiesen wurden, und wie die einzelnen Aussagen »Zusammenhängen«, d.h. welche Verbindungslinien (Korrespondenzen, Relationen) sich zwischen ihnen ziehen lassen. Durch die Plazierung der Texte in ein kommunikatives Netzwerk, in dem sie mit anderen Texten koexistieren, diese bestätigen oder in Frage stellen, entsteht gleichzeitig auch ein Ensemble von neuen Beziehungen, die über ihren Entstehungs- und Publikationsort hinausstreben und in jeweils neue Konstellationen mit dem heutigen Leser treten. So ist der Leser eingeladen, die Epoche auch auf anderen als den durch die Kapitelüberschriften und die Einleitung vorgezeichneten Wegen zu erkunden und sozusagen Durchgänge und Passagen zu finden, die quer zu der durch die Gliede­ rung etablierten Richtung liegen. Auf diese Weise können die Dokumente (und die in ihnen aufbe­ wahrten historischen Erfahrungs- und Bewußtseinsformen dieser Zeit) immer wieder neu und anders zum Sprechen gebracht werden. Der Versuch, die Physiognomie der Epoche der Weimarer Republik sowohl in ihren zeit- wie auch problemgeschichtlichen Determinanten nachzukonstruieren, hat in der Anordnung der Texte zu einer Verbindung von historisch-chronologischen und systematisch-sachlichen Prinzipi­ en geführt. Während die einzelnen Kapitel und Unterkapitel von problembezogenen Fragestel­ lungen ausgehen, die ihren Fluchtpunkt in der Gegenwart des Herausgebers haben, sind die jeweiligen Texte innerhalb der Kapitel chronologisch nach dem Datum ihrer Erstveröffentlichung geordnet. Der Band gliedert sich in fünf Kapitel, die jeweils größere, in sich relativ geschlossene Diskussionszusammenhänge des kulturellen Lebens der Weimarer Republik erfassen. So behan­ deln die Texte des 1. Kapitels die Frage nach dem neuen Selbstverständnis und dem veränderten Status der Schriftsteller und Intellektuellen in der Republik. Das 2. Kapitel untersucht den Wandel der literarischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen angesichts neuer technischer Kommu­ nikationsmittel und im Zeichen einer generellen Literaturmüdigkeit. Im 3. Kapitel soll dann der Funktions- und Formenwandel des literarischen Gattungssystems dokumentiert werden; es geht dabei um die Anpassung des traditionellen Literaturbegriffs an die neuen Erfahrungen des technisch­ industriellen Zeitalters. Die Texte des 4. Kapitels zeigen im Prisma der literarischen und literatur­ politischen Debatten die Auswirkungen der nationalen Identitätskrise nach dem verlorenen Krieg. Insofern die Institution Literatur eine Öffentlichkeit bereitstellte, in der in ästhetischer Freiheit

Vorwort

VII

nicht nur Erfahrungen, sondern auch Bedürfnisse, Wünsche, Ängste und Visionen - kurz: emotionale Verarbeitungen der erlebten Wirklichkeit artikuliert werden konnten, liefern die Texte dieses Kapitels auch Materialien für eine (noch ungeschriebene) Mentalitätsgeschichte der Weima­ rer Republik. Das 5. und letzte Kapitel legt die politischen Optionen dar, zwischen denen die Schriftsteller und Intellektuellen im Zeichen der Weltwirtschaftskrise zu wählen hatten. In ihren Entscheidungen von 1930 zeichnen sich bereits die Umrisse einer Spaltung der deutschen Literatur nach 1933 (in eine sogenannte »innere« und »äußere« Emigration) und erst recht nach 1945 (in BRD- und DDR-Literatur) ab. Die Weimarer Republik war politisch wie literarisch eine kämpferische, aggressive Epoche. Die Unfähigkeit zum Kompromiß, die im politischen Bereich zu unversöhnlichen, letztlich selbstzerstö­ rerischen Ffontenbildungen führte, hat im literaturkritischen Diskurs immer wieder neue Konfronta­ tionen zwischen völkisch-nationalen, bürgerlich-liberalen und sozialistisch-kommunistischen Posi­ tionen hervorgerufen. Versuche, die Weimarer Republik ausschließlich entweder unter sozialistischer (auf die DDR vorausdeutender) oder auch präfaschistischer (zwangsweise auf Hitler zulaufender) Perspektive zu betrachten, sind unbefriedigend, denn sie verdecken die ideologischen Spannungen und Konflikte ebenso wie die (trotz aller Belastungen) objektiv bestehenden offenen Möglichkei­ ten dieser Epoche. Es ging deshalb bei der Auswahl der Texte nicht darum, eine von ihrem Ende her vorgezeichnete Auffassung der Epoche zu illustrieren, sondern es kam darauf an, gerade das gleichzeitige Neben- und Gegeneinander verschiedener Standpunkte in ihrer prinzipiellen Wider­ sprüchlichkeit hervortreten zu lassen. Zu diesem Zweck werden jedem (im Inhaltsverzeichnis angeführten) »Haupttext«, soweit möglich und nötig, mehrere »Nebentexte« im Kleindruck zugeordnet, die den Haupttext jeweils relativieren, d.h. kritisieren, zurückweisen oder ergänzen sollen. Das Textmaterial stammt zum größten Teil aus den Literaturbeilagen der überregionalen bürgerlich-liberalen Tageszeitungen (Frankfurter Zeitung, Berliner Tageblatt, Vossische Zeitung, Berliner Börsen-Courier) und den zahlreichen politisch-kulturellen Zeitschriften, die Literatur nicht nur als Ausdruck, sondern als aktiven, handlungsorientierenden Teil gesellschaftlicher Lebenspraxis verstanden (Die Weltbühne, Das Tagebuch, Die Neue Rundschau). Wichtig waren auch die spezifisch literarischen Zeitschriften (Die literarische Welt, Die Literatur, Der Querschnitt, Die Neue Bücherschau) und die Feuilletons sowohl der rechtskonservativen Zeitschriften (Deut­ sches Volkstum, Die Tat, Süddeutsche Monatshefte, Deutsche Rundschau) als auch der linksrevolutio­ nären Presse (Rote Fahne, Der Gegner, Die Front, Die Linkskurve). Neben diesen Hauptquellen wurden noch zahlreiche andere, für die literaturkritische Diskussion oft überraschend ergiebige Tageszeitungen und Zeitschriften gesichtet; sie sind hier durch gelegentliche Texte oder Textzitate

vertreten. Auszüge aus Büchern, die in der Weimarer Republik publiziert wurden und die damalige literarische Situation analysierten oder einen Beitrag zur zeitgenössischen ästhetischen Theoriebil­ dung leisteten, wurden ebenfalls herangezogen. Nicht berücksichtigt wurden in der Regel nachträg­ lich veröffentlichte Memoiren, Tagebücher und Briefwechsel oder unveröffentlichtes Archivmate­ rial. Aus Lizenzgründen mußte auf Texte von Ernst Jünger verzichtet werden; aus Platzgründen fehlen Ausschnitte aus leicht greifbaren längeren philosophisch-kulturkritischen Abhandlungen wie von Georg Lukacs, Sigmund Freud, Ernst Bloch, Oswald Spengler und Max Weber, die

VIII

Vorwort

eigentlich in die hier herausgearbeiteten Problemzusammenhänge gehörten. Auch die ursprüng­ lich geplante stärkere Einbeziehung von Texten über neue Tendenzen in der Musik, Malerei und Baukunst fiel den Umfangsbeschränkungen zum Opfer. Da es in dieser Dokumentation um die Rekonstruktion des öffentlichen literarischen Lebens in der Weimarer Republik geht, können Autoren wie etwa Hermann Hesse oder Ödön v. Horvath, die sich bewußt (und z.T. mit

polemischer Absicht) vom Literaturbetrieb der Republik fernhielten, auch hier nicht oder nur am Rande erscheinen. Alle Darstellungen einer vergangenen Epoche sind unvollständig. So ließe sich ein Bild der »ungleichzeitigen« Weimarer Kultur entwerfen (und dokumentieren), das im Grunde nicht viel über die alten Argumentationsmuster aus dem Antimodernismus der Heimatkunstbewegung um 1900 hinausgehen würde. Ein solches »rechtes« Weimar-Bild wäre aber nicht weniger einseitig als jenes »linke«, das in den bisherigen Dokumentationen zu dieser Epoche vorherrschte. Die vorlie­ gende Dokumentation möchte dagegen versuchen, durch die Montage ideologisch divergierender Texte jedes einseitige Bild der Weimarer Republik von verschiedenen Seiten her in Frage zu stellen, um so die unvermeidliche Partialität unseres Verständnisses dieser Epoche selbst zum Thema und Strukturprinzip zu machen. Für Hilfe bei der aufwendigen »Text-Archäologie« bin ich den (oft vor mir fliehenden) Bibliothe­ karen am Deutschen Literaturarchiv in Marbach a.N., an den Staatsbibliotheken in Berlin und München, am Ullstein-Archiv in Berlin, an der Bibliothek der Humboldt-Universität in Berlin (Ost) und an den Universitätsbibliotheken der University of California in Irvine, Los Angeles und Berkeley zu Dank verpflichtet. Allen Kollegen und Freunden, mit denen ich die verschiedenen Entwürfe der Gliederung diskutieren konnte, danke ich ebenfalls herzlich; besonders verpflichtet bin ich für Hinweise Reinhard Tgahrt (Marbach a.N.), Frank Trommler (Philadelphia), Egon Schwarz (St. Louis) und meinen Lektoren Bernd Lutz und Uwe Schweikert. Meinem Freund und Kollegen Leo Löwenthal (Berkeley), der die hier dokumentierte Epoche selbst erlebt hat und nie müde wurde, mit mir darüber zu sprechen, verdanke ich an persönlichen Einsichten in die Weimarer Kultur mehr, als ich hier sagen kann. Er verkörpert für mich die anhaltende Vitalität dieser Epoche in der Gegenwart. Ihm sei das Buch gewidmet.

Berkeley, im November 1982

A. K.

Inhalt

Einleitung Die Intellektuellen und die Macht .................................................................................. XIX Die Not der geistigen Arbeiter......................................................................................... XXIII Modernisierung: Das Ende der Buchkultur?.................................................................. XXVI Literatur und Demokratie ................................................................................................ XXX Wem gehört die Literatur?................................................................................................ XXXIV Die Wendung gegen die Moderne.................................................................................... XXXVIII Der Rückzug in die Innerlichkeit.................................................................................... XL1V

Editorische Notiz....................................................................................................................

I.

LIII

Öffentlichkeit und Repräsentanz des Schriftstellers in der Republik

Die überforderte Revolution

1.

1 2 3 4 5 6 7 8 9 2.

10 11 12 13 14 15 16 17

Heinrich Mann: Sinn und Idee der Revolution. 1918..................................................... Für das neue Deutschland! [Umfrage]. 1919.................................................................... An das deutsche Volk! 1919............................................................................................... Rudolf Kayser: Die neuen Schlagworte. 1919.................................................................. Ludwig Finckh: Der Geist von Berlin. 1919..................................................................... Arnold Zweig: Grabrede auf Spartacus. 1919.................................................................. W.: Revolutionäre Literaten (Zum Hochverratsprozeß Toller). 1919............................ Aufruf an das Proletariat. 1919.......................................................................................... Franz Pfemfert: Zum siebenten November. 1919.............................................................

3 6 10 11 14 16 20 25 TI

Die Schriftsteller und ihr Staat Bernhard Kellermann: Der Schriftsteller und die deutsche Republik. 1919................. Kurt Tucholsky: Wir Negativen. 1919.............................................................................. Wilhelm Stapel: Das geistige Deutschland und die Republik. 1921.............................. Alfred Döblin: Der Schriftsteller und der Staat. 1921..................................................... Thomas Mann: Von deutscher Republik. 1922............................................................... Heinrich Mann: Geistiges Gesellschaftskapital. 1924..................................................... Fritz Strich: Der Dichter und der Staat. 1928................................................................... Friedrich Sternthal: Die Ohnmacht der Geistigen in Deutschland. 1929......................

30 32 38 40 46 54 56 57

X

3. 18 19 20 21 22 23 24 25

4.

26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 5.

Inhalt

Die soziale Stellung der Schriftsteller in der Republik Kurt Eisner: Der sozialistische Staat und der Künstler. 1919......................................... Walther Borgius: Zur Sozialisierung des Buchwesens. 1919......................................... Kurt Tucholsky: Solidarität. 1921..................................................................................... Alfred Weber: Die Not der geistigen Arbeiter. 1923....................................................... Kurt Kersten: Wirtschaft, Kultur, Intellektuelle. 1923..................................................... Herbert Eulenberg: Unsre Verleger. 1924. .................................................................... Fritz Engel: Der Staat und das Schrifttum. 1926............................................................. Gottfried Benn: Neben dem Schriftstellerberuf. 1927....................................................

Braucht der Staat die Dichter? Zum Problem literarischer Repräsentanz

Konrad Haenisch: Warum feiern wir Gerhart Hauptmann? 1922................................ Eugen Kalkschmidt: Auch die Literatur. 1925................................................................. [Protest der Gruppe 25 anläßlich der PEN-Klub-Tagung inBerlin]. 1926..................... Arnold Hahn: Literatur und Weltgeltung. 1926.............................................................. Leo Lania: Die Akademie für Dichtkunst. 1926.............................................................. Eine Mahnung der Dichterakademie. 1928..................................................................... Friedrich Sternthal: Der Nobelpreis. 1929....................................................................... Alfred Kantorowicz: »Tag des Buches«. 1929.................................................................. Alfred Döblin: Bilanz der »Dichterakademie«. 1931....................................................... Heinrich Mann: Sektion für Dichtkunst. 1931 ............................................................. Soll das Goethe-Jahr 1932 gefeiert werden? [Umfrage]. 1931.......................................

Rudolf Kayser: Die neuen Dichter in die neue Schule! 1919......................................... Walther Hofstaetter: Zum Geleit. 1919........................................................................... Ernst Troeltsch: Die Revolution in der Wissenschaft. 1921........................................... Gustav Roethe: Wege der deutschen Philologie. 1923................................................... Anna Siemsen: Unsere Schullesebücher. 1927................................................................. Walter Schönbrunn: Die Not des Literaturunterrichts in der großstädtischen Schule. 1929...................................................................................................................................... 43 p.n.: Was wissen unsere Abiturienten von der modernen Literatur? 1930.................. 44 Albert Malte Wagner: Wissenschaft, Universität, Literatentum. 1931..........................

45 46 47 48

85 88 89 92 94 97 97 99 101 107 109

Literarische Erziehung in der Weimarer Republik

37 38 39 40 41 42

6.

61 63 67 71 75 78 80 83

112 114 115 117 121 125 129 131

Schriftsteller vor Gericht: Zum Zensurproblem Joseph Roth: Epilog zum Reigenprozeß. 1921................................................................ Heinrich Mann: Letzte Warnung. 1926........................................................................... Aufruf gegen das »Schund- und Schmutz«-Gesetz. 1926............................................... Gegen das Schmutz- und Schundgesetz [Umfrage]. 1926.............................................

135 139 141 143

XI

Inhalt

49 50 51 52 53

Kurt Kersten: Gericht über Becher. 1927......................................................................... b. B.: Protestversammlungen oder Zuhörer sind überflüssig. 1929............................... Aufruf für die Freiheit des Schrifttums! 1931................................................................... Axel Eggebrecht: Wer weiter liest, wird erschossen! 1932............................................. Kurt Tucholsky: Für Carl von Ossietzky. 1932................................................................

II.

1.

145 147 149 151 154

Institution Literatur im Zeitalter der Massenkommunikation

Dichtung im technischen Zeitalter: Die neuen Produktionsbedingungen Hermann von Wedderkop: Expressionismus und Wirklichkeit. 1921.......................... Alfred Döblin: Der Geist des naturalistischen Zeitalters. 1924...................................... Hans Reiser: Becher, Johannes R.: Hymnen. 1925.......................................................... Wilhelm Michel/Gerhart Pohl: Der Weg aus dem Nichts. Ein Briefwechsel. 1925... Kurt Tucholsky: Interessieren Sie sich für Kunst? 1926.................................................. Klaus Mann: Heute und Morgen. Zur Situation des jungen geistigen Europas. 1927...................................................................................................................................... Lion Feuchtwanger: Von den Wirkungen und Besonderheiten des angelsächsischen Schriftstellers. 1928............................................................................................................. Frank Matzke: Sachlichkeit. 1930...................................................................................... Axel Eggebrecht: Zehn Gebote für einen strebsamen jungen radikalen Literaten. 1930...................................................................................................................................... Siegfried Kracauer: Über den Schriftsteller.1931..............................................................

159 162 166 170 174

64 Ernst Glaeser: Erik Reger. Zu seinemRoman»Union der festen Hand«. 1931.............

193

54 55 56 57 58 59 60 61 62

63

2. 65 66 67 68 69 70 71 3.

176 179 183

188 190

Der Rundfunk und die neue Öffentlichkeit

Otto Alfred Palitzsch: Gefunkte Literatur. 1927.............................................................. Ernst Hardt: Funkregie. 1928............................................................................................. Arno Schirokauer: Kunstpolitik im Rundfunk. 1929...................................................... M. M. Gehrke/Rudolf Arnheim: Das Ende der privaten Sphäre. 1930........................ Alfred Döblin: Literatur und Rundfunk. 1930................................................................. Arnolt Bronnen: Literatur und Rundfunk - Das Hörspiel. 1930................................... Bert Brecht: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. 1932....................................

197 201 202 206 210 214 216

»Nicht mehr lesen! Sehen!«: Litemtur und die visuellen Medien

72 Adolf Behne: Die Stellung des Publikums zur modernen deutschen Literatur.1926. 73 Fritz Lang: Wege des großen Spielfilms in Deutschland. 1926...................................... 74 Walter Benjamin: Eine Diskussion über russische Filmkunst und kollektivistische Kunst überhaupt. 1927.......................................................................................................

219 222 224

XII

Inhalt

75 Johannes Molzahn: Nicht mehr lesen! Sehen! 1928....................................................... 76 Warum schreiben Sie keine Filme? [Umfrage]. 1929...................................................... 77 Anon.: Nur der veränderte Autor kann den Film verändern. [Interview mit Alfred Döblin], 1930...................................................................................................................... 78 Erich Pommer: Dichter und Tonfilm. 1931..................................................................... 79 Bertolt Brecht: Die »geldliche Seite« des Dreigroschenprozesses. 1931........................

4.

227 230 234 236 237

»Kult der Zerstreuung«: Zur unliterarischen Tradition der Massenkultur

80 81 82 83 84

Hans Siemsen: Bücher-Besprechung. 1923...................................................................... Kurt Pinthus: Der amerikanische Film. 1924................................................................... Edlef Koppen: Das Magazin als Zeichen der Zeit. 1925................................................ Siegfried Kracauer: Kult der Zerstreuung. Über die Berliner Lichtspielhäuser. 1926. Hermann von Wedderkop: Wandlungen des Geschmacks. 1926.................................

240 243 245 248 252

85 86 87 88

Hans Siemsen: Die Literatur der Nichtleser. 1926.......................................................... Yvan Goll: Die Neger erobern Europa. 1926................................................................. Hermann Kasack: Sport als Lebensgefühl. 1928............................................................. Wolf Zucker: Kunst und Reklame. Zum Weltreklamekongreß in Berlin. 1929...........

255 256 259 262

5. 89 90 91 92 93 94 95

Die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Amerikanismus Rudolf Kayser: Amerikanismus. 1925.............................................................................. Stefan Zweig: Die Monotonisieruhg der Welt. 1925...................................................... Friedrich Sieburg: Anbetung von Fahrstühlen. 1926....................................................... Samuel Fischer: Bemerkungen zur Bücherkrise. 1926................................................... Adolf Halfeld: Amerika und die neue Sachlichkeit. 1928............................................... Otto Alfred Palitzsch: Die Eroberung von Berlin. 1928.................................................. Felix Stössinger: Die Anglisierung Deutschlands. 1929..................................................

6.

Das demokratisierte Buch: Neue Wege der Literaturvermittlung

96 97 98 99 100 101 102 103

Thomas Mann: Romane der Welt. Geleitwort. 1927..................................................... Die Best-Seller-Liste der »Literarischen Welt« vom September 1927.1927................. Hans Ryk: Die »Über«-Lektüre. 1927............................................................................... Erich Knauf: Buchgemeinschaften. 1929......................................................................... Edmund Starkloff: Was geht auf dem Büchermarkt vor? 1930..................................... W. E.: Der Dichter spricht und singt auf Grammophonplatten. 1929.......................... Hans Samten Dichtung im Warenhaus. 1930................................................................. Hermann Kesten: Kritik der Literaturkritik. 1932..........................................................

7.

Zweifel an der »Kunst für alle«

104 Rudolf Arnheim: Die Kunst im Volke. 1928...................................................................

265 268 274 276 278 281 284

287 291 293 294 297 299 300 302

305

Inhalt

XIII

105 Das deutsche Volk an seine Dichter. [Umfrage]. 1928................................................... 106 Carl von Ossietzky: Ketzereien zum Büchertag. 1929....................................................

308 311

III. Die Funktionskrise der »reinen Kunst«: Literarischer Formenwandel und Publikumsbezug 1.

Der dokumentarische Impuls: Literarische Formen der »Neuen Sachlichkeit«

107 108 109 110 111 112 113 114

Egon Erwin Kisch: Der rasende Reporter (Vorwort). 1925........................................... Leo Lania: Reportage als soziale Funktion. 1926............................................................ Johannes R. Becher: Wirklichkeitsbesessene Dichtung. 1928........................................ Kurt Pinthus: Männliche Literatur. 1929.......................................................................... Emil Ludwig: Historie und Dichtung. 1929..................................................................... Siegfried Kracauer: Die Biographie als neubürgerliche Kunstform. 1930..................... Siegfried Kracauer: Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland. 1930............. Lion Feuchtwanger: Historischer Roman - Roman von heute! 1931...........................

2.

Romanformen und ihr Publikumsbezug

a)

Probleme der neuen Frauenliteratur

115 116 117 118 119 120

Gina Kaus: Die Frau in der modernen Literatur. 1929.................................................... Max Brod: Die Frau und die neue Sachlichkeit. 1929..................................................... Rudolf Braune: Was sie lesen: Drei Stenotypistinnen. 1929........................................... Alfred Döblin: Das Ewig-Weibliche meldet sich. 1932................................................... Bernard von Brentano: Keine von uns. 1932................................................................... Alice Rühle-Gerstel: Zurück zur guten alten Zeit? 1933...............................................

b)

Formen der Jugend- und Kinderliteratur

121 122 123 124

Gina Kaus: Wie ein Mädchenbuch aussehen sollte. 1926.............................................. Wolf Zucker: Erich Kästner schreibt ein Kinderbuch. 1929.......................................... Wilhelm Fronemann: Neue Jugendliteratur. 1930........................................................... Ernst Bloch: Indianerroman und Fascismus. 1931..........................................................

c)

125 126 127 128 129

319 322 325 328 335 338 341 343

346 349 352 355 357 359

361 362 363 365

Literatur für viele Hans Sahl: Klassiker der Leihbibliothek. 1926................................................................ Frank Thieß: Vom Abenteurerroman. Über Conrad und London. 1927...................... Heinrich Mann: Detektiv-Romane. 1929......................................................................... Arnold Zweig: Gibt es einen Zeitungsroman? 1929....................................................... Friedrich Sieburg: »Sekt«. Noten zur mondänen Literatur. 1931...................................

368 369 371 372 374

XIV

3.

Inhalt

Die Erzählkrise im weltliterarischen Kontext

130 Otto Flake: Vorwort zum neuen Roman. 1919.............................................................. 131 Ernst Robert Curtius: Die Ästhetik Marcel Prousts. 1924.............................................

376 378

132 133 134 135 136

Oskar Maurus Fontana: Was arbeiten Sie? Gesprächmit Robert Musil. 1926.............. Alfred Döblin: »Ulysses« von Joyce. 1928....................................................................... Walter Benjamin: Krisis des Romans. 1930..................................................................... Alfred Polgar: Hemingway. 1929..................................................................................... Lion Feuchtwanger: Der Roman von heute ist international. 1932..............................

381 384 387 390 392

4.

Die Publikumskrise des Bildungstheaters

137 138 139 140 141

Yvan Goll: Es gibt kein Drama mehr! 1922..................................................................... Robert Musil: Der »Untergang« des Theaters. 1924...................................................... Franz Blei: Bemerkungen zum Theater. 1926.................................................................. Stirbt das Drama? [Umfrage]. 1926.................................................................................. Fritz Sternberg: Der Niedergang des Dramas..................................................................

5.

Die Politisierung der Bühne

396 397 400 403 409

142 Kurt Tucholsky: Tollers Publikum. 1919.......................................................................... 143 Erwin Piscator: Über Grundlagen und Aufgaben des proletarischen Theaters.

413

144 145 146 147 148 149 150

1920/21................................................................................................................................ Hermann Schüller: Proletkult - Proletarisches Theater. 1920/21................................. Gertrud Alexander: Proletarischer Sprechchor. 1922..................................................... Leo Lania: Volksbühne oder Vereinstheater? 1927 ...................................................... Herbert Ihering: Das Theater an der Ruhr. 1927............................................................ Friedrich Wolf: Bühne und-Leben. 1929.......................................................................... Ernst Heilborn: Das Zeitstück. 1931................................................................................ Ludwig Marcuse: Kunst schändet nicht. 1932................................................................

416 419 422 425 430 431 433 434

6.

Zur Öffentlichkeitskrise der Lyrik

151 152 153 154 155 156

Yvan Goll: Hai-Kai. 1926................................................................................................... Bert Brecht: Kurzer Bericht über 400 (vierhundert) junge Lyriker. 1927...................... Oskar Loerke: Kritik und Lyrik. 1927.............................................................................. Klaus Mann: Anthologie jüngster Lyrik. (Nachwort). 1927........................................... Erich Kästner: Prosaische Zwischenbemerkung. 1929................................................... Walther Kiaulehn: Der Tod der Lyrik. 1930....................................................................

7.

»Was soll den Arbeitern die Kunst?«: Zum Problem einer proletarischen Literatur

157 John Heartfield/George Grosz: Der Kunstlump. 1919...................................................

439 441 444 446 448 451

453

Inhalt

XV

A. R.: Zur proletarischen Kultur. 1920............................................................................. Georg Lukacs: L’art pour l’art und proletarische Dichtung. 1926................................. Eine Rundfrage über proletarische Dichtung. 1929........................................................ Erich Steffen: Die Urzelle proletarischer Literatur. 1930................................................ Otto Biha: Der proletarische Massenroman. 1930.......................................................... An alle proletarisch-revolutionären Schriftsteller. An alle Arbeiterkorrespondenten. 1931...................................................................................................................................... 164 Erik Reger: Nationaldichter der Schwerindustrie. 1931................................................. 165 Georg Lukacs: Über Willi Bredels Romane. 1931..........................................................

458 460 464 468 472

158 159 160 161 162 163

IV. 1.

474 477 481

Deutschlandphantasien: Nationalismus und Literatur in der Weimarer Republik

Konservative Revolution und die Idee der deutschen Sendung

166 Arthur Moeller van den Bruck: Das dritte Reich. 1923.................................................. 167 Hugo von Hofmannsthal: Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation. 1927. ... 168 Leopold Schwarzschild: Heroismus aus Langeweile. [Über Ernst Jünger], 1929. ...

485 487 489

Eugen Diederichs: Die neue »Tat«. 1929.......................................................................... Hans Zehrer: Die Revolution der Intelligenz. 1929........................................................ Rudolf Borchardt: Die Aufgaben der Zeit gegenüber der Literatur. 1929.................... Ernst von Salomon: Wir und die Intellektuellen. 1930................................................... Edgar J. Jung: Die Herrschaft der Minderwertigen. Ihr Zerfall und ihre Ablösung durch ein Neues Reich. 1930............................................................................................. 174 Wilhelm von Schramm: Berlin als geistiger Kriegsschauplatz. 1931............................. 175 Arnolt Bronnen: Deutscher Nationalismus - Deutsches Theater. 1931.......................

495 497 500 503

169 170 171 172 173

2.

Die Wiederkehr des Krieges in der literarischen Diskussion

176 177 178 179

Axel Eggebrecht: Gespräch mit Remarque. 1929........................................................... Arno Schirokauer: Kriegsmythologie. 1930..................................................................... Alfred Kantorowicz: Krieg und Krieger. 1930.................................................................. Heinrich Mann: Der Schriftsteller und der Krieg. 1932.................................................

3.

Zur Diskussion über den Antisemitismus in der Literaturkritik

180 181 182 183 184

505 508 511

Adolf Bartels: Der Kampf der Zeit. 1920......................................................................... Borries Freiherr von Münchhausen: Vom Sterbebett der deutschen Seele. 1926. ... Franz Blei: Jüdisches. 1927................................................................................................. Paul Fechter: Kunstbetrieb und Judenfrage. Ein Vortrag. 1931...................................... Carl von Ossietzky: Antisemiten. 1932............................................................................

514 517 520 523

528 531 534 537 541

XVI

Inhalt

4.

Die Anfänge der nationalsozialistischen Literaturpolitik

185 186 187 188

189 190 191 192

Heinz Henkel: Geburt einer neuen Kultur. 1930............................................................ Der Kampfbund für deutsche Kultur. 1931...................................................................... Joseph Goebbels: Kunst und Politik. [Antwort auf eine Umfrage]. 1931..................... Ein Aufruf unserer Dichter und Wissenschaftler. Wir stehn zum Volksentscheid! 1931..................................................................................................................................... Alfred Rosenberg: Kultur und Macht. 1931 .................................................................. Hanns Johst: Kunst unter dem Nationalsozialismus. 1932............................................ Bekanntmachung. 1932...................................................................................................... Adolf Hitler: Mein Kampf. 1932.......................................................................................

5.

Zur Kritik der Intellektuellen am Nationalsozialismus

193 194 195 196 197 198 199 200 201 202 203

Ernst Bloch: Hitlers Gewalt. 1924.................................................................................... Ernst Glaeser: Politische Theaterkritik. 1926.................................................................. Walter Mehring: Begrüßung Hitlers auf literarischem Gebiet. 1930............................. Thomas Mann: Appell an die Vernunft. 1930................................................................. Friedrich Sieburg: Blut und Tinte oder der Trompeter von Säckingen. 1930.............. Axel Eggebrecht: Man hält mich für einen Nazi. 1930.................................................. Lion Feuchtwanger: Wie kämpfen wir gegen ein Drittes Reich? 1931......................... Heinrich Mann: Die deutsche Entscheidung. 1931........................................................ Ernst Heilborn: Lektüre im dritten Reich. 1932............................................................. Werner Richter: Hitler-Gruß im bayerischen Staatstheater. 1932................................. Joseph Roth: Der Kulturbolschewismus. 1932................................................................

V

545 548 551 554 556 560 563 564

569 573 576 579 582 586 590 592 594 596 599

Ortsbestimmung der literarischen Intelligenz in der Endphase der Republik

1.

Die Schriftsteller und das revolutionäre Proletariat

204 205 206 207

Willy Haas: Wir und die »Radikalen«. 1928.................................................................... Kurt Tucholsky: Gebrauchslyrik. 1928............................................................................ Johannes R. Becher: Unsere Front. 1929.......................................................................... Gottfried Benn: Über die Rolle des Schriftstellers in dieser Zeit. 1929........................

605 607 610 612

208 209 210 211 212

Alfred Döblin: Katastrophe in einer Linkskurve. 1930................................................... Walter Mehring: Antwort auf ein kommunistisches Verhör. 1930............................... Walter Benjamin: Linke Melancholie. 1931..................................................................... Bela Baläzs: Die Furcht der Intellektuellen vor dem Sozialismus. 1932........................ Aufruf des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller Deutschlands. 1932. ..

616 619 623 626 628

Inhalt

2.

XVII

Die »freischwebende Intelligenz« zwischen Bewußtseinskrise und Existenznot

213 Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. 1929.................................................................. 214 Ernst Schneller: Die Kulturkrise und kein Ausweg. 1930.............................................. 215 Programmerklärung der Opposition im Schutzverband Deutscher Schriftsteller. 1931...................................................................................................................................... 216 Alfred Döblin: Wissen und Verändern! Offene Briefe an einen jungen Menschen. 1931 ...................................................................................................................................... 217 Bernard Guillemin: Die Krisis der bürgerlichenIntelligenz. 1932.................................. 218 Moritz Julius Bonn:Die intellektuelle Jugend. 1932........................................................

3.

Die Absage an die Politik

219 220 221 222 223 224 225 226

Joseph Roth: Schluß mit der »Neuen Sachlichkeit«! 1930............................................. Herbert Ihering: Die neue Illusion. 1930.......................................................................... Willy Haas: Restauration. 1930......................................................................................... Heinz Liepmann: Das Ende der jungen Generation. 1930............................................. Rudolf Arnheim: Der ökonomische Tee. 1931............................. rs............................. Karl Jaspers: Die geistige Situation der Zeit. 1931.......................................................... Ludwig Bauer: Mittelalter. 1932........................................................................................ Walther Karsch: Flucht aus der Drecklinie. 1932............................................................

4.

Auf dem Weg in die »innere Emigration«

227 228 229 230 231

631 634

637 640 645 648

653 657 659 662 664 667 670 672

Die Kolonne [Vorspruch]. 1929........................................................................................ Martin Raschke: »Man trägt wieder Erde«. 1931............................................................ Ernst Wiechert: Dichtung und Glaube. 1931.................................................................. Martin Raschke: Die verratene Dichtung. 1931.............................................................. Werner Bergengruen: Rede über die Aufgabe des Dichters in der Gegenwart. 1932 ...................................................................................................................................... 232 Detmar Heinrich Sarnetzki: Die deutsche Literatur in der Krise. 1932........................ 233 Günther Eich: Bemerkungen über Lyrik. 1932................................................................

682 684 686

Interdisziplinäre Arbeitsbibliographie......................................................................................

690

Personenregister........................................................................................................................

695

Sachregister ...............................................................................................................................

707

Quellen-Nachweis .................................................

711

674 675 679 680

Einleitung

»Die wahre Methode, die Dinge sich gegenwärtig zu machen, ist, sie in unsere[m] Raum (nicht uns in ihrem) vorzustellen.« Walter Benjamin, Das Passagen-Werk[l]

Die Intellektuellen und die Macht Am 17. Januar 1919, zwei Tage vor den ersten demokratischen Wahlen in Deutschland, veröffent­ lichte die sozialdemokratische Parteizeitung Vorwärts eine Umfrage, in der sich Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler über die Zukunft Deutschlands äußern sollten. Die Umfrage wurde wie folgt begründet: »Ehe das deutsche Volk die Wahlen zu der Nationalversammlung vornimmt, haben Männer und Frauen, in denen es die Führer seines geistigen Lebens sieht, ihr Wort erhoben, um klar und deutlich der Nation zu sagen, welches der Sinn der großen Tage ist, in denen sie lebt und zu welchem Glauben der neue, eben beschrittene Weg sie führt.« (S. 6) * Die befragten Intellektuellen erfüllten in ihren Antworten die Rolle, die ihnen in dieser Umfrage zugeschrieben wurde: sie sprachen als geistige Führer des Volkes, als Sinndeuter der geschichtlichen Ereignisse und als Repräsentanten universeller Wahrheit und Gerechtigkeit, kurz (in Michel Foucaults Terminologie): als »universelle Intellektuelle«. [2] Das hohe Prestige, das die Intellektuellen zu Beginn der Weimarer Republik zu besitzen schienen, erklärt sich aus ihrem Machtzuwachs während des Krieges. Ein Großteil der Intellektuellen, der Schriftstellei; Journalisten und Gelehr­ ten, hatte seit 1914 mit Begeisterung die für den Staat wichtige Aufgabe übernommen, den Krieg ideologisch als unausweichlichen und überfälligen geistigen Kampf zwischen der deutschen Kultur und der dekadenten westeuropäischen Zivilisation zu deuten. [3] Der Krieg wurde von den Intellektuellen spiritualisiert und damit legitimiert. Auch für die Kriegsniederlage gelang es den Intellektuellen, Deutungsschemata bereitzustellen und Sinn zu stiften. Der (kurzfristige) Machtver­ lust der politischen und militärischen Führer bei Kriegsende kam ebenfalls der Stellung der geistigen Führer zugute. Die militärische Niederlage Deutschlands, so argumentierten die Intellek­ tuellen 1918/19, bot die willkommene Chance, endlich das wahre, d.h. geistige Deutschland an die Macht zu bringen. Die Weimarer Republik brauchte darüberhinaus offensichtlich die Legitimie­ rung durch ihre Schriftsteller in dem Maße, wie sie sich als Kulturstaat in Anknüpfung an das klassische Weimar Goethes und Schillers verstand. [4] Nicht zu Unrecht erhofften sich die Schriftsteller und Intellektuellen einen besonderen Platz in dieser Republik. Sichtbarster Ausdruck dieser Hoffnung ist die Vehemenz, mit der sie die Entstehung der Republik als revolutionären Umbruch und radikalen Neubeginn interpretierten. In ihrer Euphorie

Die in Klammern gesetzten Seitenangaben beziehen sich auf Seitenzahlen in diesem Band.

XX

Einleitung

erschien ihnen der wilhelminische Ordnungsstaat als »ungeistig, steril, reaktionär, intolerant, dünkelhaft und unfehlbar«. »So wahr es ist,« heißt es 1919 bei Bernhard Kellermann weiter, »daß nur wenige Volker ähnliche Liebe und ähnliches Verständnis haben für Literatur, eigene und fremde, wie das deutsche Volk, so wahr ist es, daß in keinem Land die Literatur und alles Geistige überhaupt mehr mißachtet wurden als im zusammengebrochenen deutschen Obrigkeitsstaat, der das Volk der >Dichter und Denken repräsentierte.« (S. 30) Die Entfremdung zwischen den Intellek­ tuellen und dem Staat, zwischen Geist und Macht sollte nunmehr in der Republik überwunden werden: »Wir gehen endlich mit dem Staate Hand in Hand«, schrieb Heinrich Mann am 17.Januar 1919 als Antwort auf die oben erwähnte Umfrage. Kurt Eisner, der am 7. November 1918 in München die Räterepublik ausgerufen hatte (und am 21. Februar 1919 einem rechtsterroristischen Mordanschlag zum Opfer fiel), wollte die Trennung zwischen dem Politischen und Literarischen überhaupt aufheben: Nicht nur solle der Staat aus Künstlern bestehen, der Staat selbst solle das »höchste Kunstwerk« sein. (S. 61) Insofern Eisner und seine Nachfolger Ernst Toller und Erich Mühsam die politische Wirklichkeit selbst als einen zu formenden künstlerischen Text betrachte­ ten, ästhetisierten sie diese Wirklichkeit. Die Erneuerung der Welt aus dem Geiste der Literatur war aber selbst eine literarische Fiktion. Bereits im Juli 1919 wurde dieser literarisch engagierten Politik der Prozeß gemacht. Ernst Toller wurde wegen Hochverrats zu fünf Jahren Festungshaft, Erich Mühsam zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Der »Überschwang ihres dichterischen Temperaments« und ihre »ethische Gesinnung« galten nun ironischerweise bei der Verurteilung als mildernde Umstände. Es war ein folgenschwe­ rer Irrtum der Intellektuellen, die ihnen vertraute literarische Öffentlichkeit, die sich 1918/19 tatsächlich in schöpferischer Aufbruchstimmung befand, mit der politischen Öffentlichkeit, die nach dem Krieg nichts als Ruhe und Ordnung wollte, zu identifizieren. Diese kurzfristige Gleichset­ zung von literarischer und politischer Öffentlichkeit hatte langfristige Folgen für weite Kreise der Intellektuellen in der Weimarer Republik: Die plötzliche Einsicht, daß die Mehrheit des Volkes sie für »Phantasten, Schwärmer und Abenteurer« (S. 14) ansah und durchaus nicht zu einer »Revolu­ tion des Geistes« zu bewegen war, hat die Intellektuellen zutiefst verunsichert. Die verbalen Aggressionen der spätexpressionistischen und dadaistischen Schriftsteller gegen die ihrer Mei­ nung nach völlig korrupte und selbstgefällige Bürgerklasse sind ein äußeres Zeichen dieser Verunsicherung. Die politische Ungewißheit der Revolutionsperiode bewirkte ein rapides Anschwellen von essayistischer Zweckliteratur, die, zwischen utopischen und apokalyptischen Weltentwürfen schwan­ kend, die verwirrenden Geschehnisse unter politischen, religiösen oder philosophischen Perspekti­ ven zu verarbeiten suchte. Die plötzliche Flut von Broschüren, Flugblättern, Plakaten, Traktaten, von Aufrufen und gedruckten Reden bestätigt die Rede von der sogenannten »Literarisierung« der Revolution. »Überall stehen Menschen«, merkte Döblin 1919 kritisch an, »kleben Plakate an, drücken sich Aufrufe in die Hand, die der andere befolgen soll.« [5] Diese umfangreiche Sublitera­ tur verstand sich als Medium öffentlicher Weltauslegung und als Forum für politische Willensbil­ dung. Indem sie politisch-moralische Verhaltensnormen und Zielvorstellungen propagierte, wurde sie selbst Teil der gesellschaftlichen Praxis. Dieser die Grenzen autonom-ästhetischer Literatur überschreitende Diskurs übernahm die Funktion, die aus den Fugen geratene Zeit deutungsmäßig

Einleitung

XXI

zu überhöhen und ihr einen über sie hinausgehenden Sinn abzuringen. Ihre meist schon im Titel angezeigten binären Geschichtskonstruktionen (z. B. Albrecht Wirths Das Auf und Ab der Völker oder Franz Carl Endres’ Vaterland und Menschheit, beide 1920) zeigen das angestrengte, oft verzweifelte Bemühen, das politische Schicksal Deutschlands auf einer höheren Ebene der Abstrak­ tion zu thematisieren und den (unerwarteten) Ablauf der Ereignisse als zwingend darzustellen. In ihrer Rolle als »universelle Intellektuelle« boten sie dem Volk Deutungsmuster an, mit deren Hilfe die sonst unverständliche Welt sinnhaft ausgelegt werden konnte. In eben dieser Fähigkeit zur Sinndeutung lag der selbstgesetzte Machtanspruch der Intellektuellen. Großangelegte Gedanken­ systeme und Welterklärungsmodelle, die z.T. schon während des Krieges entstanden waren, wie Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes (l.Bd. 1918, 2. Bd. 1923), Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) und Hermann Graf von Keyserlings Reisetagebuch eines Philosophen (1919) sind auf höherer Ebene ebenfalls Ausdruck dieses Bedürfnisses nach System und sinnhafter Ordnung. Die 1918/19 im geistigen Bereich herrschende Aufbruchsstimmung, in der »alles« möglich und machbar schien, entsprach nur sehr bedingt der politischen Wirklichkeit, die dadurch gekennzeich­ net war, daß der Kaiser zwar spektakulär entmachtet wurde, die alten einflußreichen Machteliten wie Militär und Großindustrie aber unverändert weiterherrschten. Die nieht einlösbaren Hoffnun­ gen der Intellektuellen auf einen proletarischen Umsturz in Deutschland nach dem Muster der Russischen Revolution (vgl. S. 27ff.), der aussichtslose visionäre Traum einer geistigen Revolution (vgl. S. 10 ff.) und die rückwärtsgewandte Flucht in völkisch-irrationale und anti-wesdiche Ideologien angesichts der öffentlichen Erniedrigung Deutschlands im Versailler Friedensvertrag (vgl. S. 14 ff.) überforderten die Weimarer Republik gleich zu Anfang und verhinderten, daß sich die Intellektuel­ len mit ihr identifizieren wollten. Die kommunistischen ebenso wie die radikalisierten linksliberalen und die völkisch-national-konservativen Intellektuellen besaßen ihre eigenen, idealisierten (und sich widersprechenden) Vorstellungsmodelle dessen, was eine deutsche Republik zu leisten hatte, - und waren schnell desillusioniert vom grauen Alltag dieser Republik. Vor allem widersprach die parlamentarische Methode des Kompromißdenkens, der Konsensbildung und des Interessenaus­ gleichs der Bereitschaft der Kriegsgeneration zum Außerordentlichen und Unbürgerlichen. Gleich­ zeitig erschien die Verbindung von dichterischer Phantasie und Politik, die die Intelligenz zunächst beflügelt hatte, im Weimarer Staat als exaltiert, als »expressionistisch«, wie es später im Jargon der 20erJahre abwertend hieß. Öffentliche Legitimierung erfuhr die Republik als Alternative zum Rätestaat vor allem von etablierten, konservativ-bürgerlichen Intellektuellen der älteren Genera­ tion der Sechzigjährigen wie Gerhart Hauptmann, von vielen als der »geistige König der Republik« gefeiert, und Friedrich Meinecke, von dem der Ausspruch stammt, er sei im Herzen Monarchist, aus Vernunft aber Republikaner. Thomas Mann war knapp fünfzig, als er 1922 in Berlin zum Anlaß von Gerhart Hauptmanns 60. Geburtstag seine folgenreiche Rede Von detitscher Republik hielt, die den demokratischen Staat aus der deutsch-romantisch-demokratischen Tradition eines Novalis heraus zu rechtfertigen trachtete. Die Rede, als politisches Ereignis auszugsweise in den Berliner Tageszeitungen abgedruckt, entfremdete Thomas Mann dem rechten Flügel, der ihn nach seinen republikfeindlichen Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) als einen der ihren betrachtet hatte, ohne freilich auf die jüngere »expressionistische« Generation der Zwanzig- und Dreißigjähri­

XXII

Einleitung

gen (Brecht, Arnolt Bronnen, Erich Kästner, Johannes R. Becher, Emst Jünger, Willy Haas u.a.m.) Einfluß zu gewinnen. Für diese Generation war die Unterstützung der Republik durch Vertreter der Vätergeneration eher ein Grund für Skepsis; für sie hatte sich der neue Staat bereits 1919 durch seine blutige Niederschlagung der Revolution diskreditiert. Diese jüngere, gesellschaftskritisch engagierte Generation der Schriftsteller begann sich um die Mitte der 20er Jahre ihrer Isolierung und Machtlosigkeit bewußt zu werden. Sie vereinigten sich im August 1925 unter dem Namen »Gruppe 1925« zu einer literarischen Gemeinschaft, deren Ziel es war, »Schriftsteller von Belang« zusammenzuführen, »die mit der geistesrevolutionären Bewegung unserer Zeit verbunden sind, dies in ihrer Haltung zu Staat und Gesellschaft bekunden und dokumentieren in Arbeiten auf künstlerischem, essayistischem, kritischem, allgemeinwissen­ schaftlichem Gebiet. [... ] Die Gruppe bezweckt nach außen das endliche Hervortreten einer Repräsentanz dieser modernen geistesradikalen Bewegung.« (S. 91) Forum dieser bürgerlich­ linksliberalen Schriftstellergruppe, zu der Autoren wie Brecht, Becher, Tollet; Hasenclever, aber auch ältere Autoren wie Döblin gehörten, war die Wochenschrift Die literarische Welt, die von 1925 bis 1933 von Willy Haas, selbst ein Mitglied der »Gruppe 1925«, geleitet wurde und 1926 schon 20000 Abonnenten besaß. Diese Zeitschrift wurde für das literarische Leben der zweiten Hälfte der Weimarer Republik dadurch einflußreich, daß sie durch ihre offene Form, durch konstante Leser- und Dichterumfragen, Interviews, Leserbriefe, Wettbewerbe, Bestseller-Listen, Rezensionen und Essays eine literarische Öffentlichkeit zu konstituieren vermochte, in der jüngere »geistesrevolutionäre« Autoren den Ton angaben. So kritisierten sie z.B. an der deutschen Delega­ tion bei der PEN-Club-Tagung 1926 in Berlin, daß dort die »kriegsgegnerische und junge Dichter­ generation« nicht vertreten sei. Als der Weimarer Staat 1926 seiner Akademie der Künste eine »Sektion für Dichtkunst« angliederte und als Vertreter der deutschen Dichtkunst neben Thomas Mann, Hermann Stehr und Arno Holz auch Ludwig Fulda ernannte, veranstaltete die Literarische Welt eine Leserumfrage darüber, welche Schriftsteller die deutsche Literatur repräsentieren soll­ ten. Der 1865 geborene Ludwig Fulda erhielt dabei nicht eine Stimme. Herr Fulda sei »das Symbol einer Zeit- und Literaturstimmung, die in Grund und Boden vernichtet werden muß. Ein guter alter Onkel, ein brauchbarer Vorsitzender eines Kegelvereins hat nicht den deutschen Geist zu repräsentieren - heute nicht mehr!« (S. 96) Daß diese Frage nach der Repräsentanz der deutschen Literatur so heftig diskutiert wurde, deutet auf den hohen Stellenwert, den die Literatur in der Weimarer Republik noch immer besaß. Die Gründung der Sektion für Dichtkunst durch den Staat sollte auf die Wichtigkeit der Literatur im Leben der Nation aufmerksam machen und zugleich eine Instanz von kultureller Autorität darstellen, die das literarische Leben förderte. Die Eingliederung der Schriftsteller in die staatliche Kulturbürokratie brachte ihnen aber keinen Machtzuwachs. Ihre Kampagne z.B. für die Abschaffung antidemokratischer Schullesebücher aus der Kaiserzeit scheiterte, ebenso ihre Inter­ ventionen gegen die verschärften politischen Zensurgesetze, die zwischen 1926 und 1931 vom Parlament verabschiedet wurden. So wurde das Hochverratsverfahren, das gegen Johannes R. Becher bereits 1925 wegen seiner Gedichtsammlung Der Leichnam auf dem Thron und dem Antikriegsbuch Levisite eingeleitet worden war, erst nach drei Jahren aufgrund eines weltweiten Protestes eingestellt. Carl von Ossietzky erhielt dagegen 1931 eine Gefängnisstrafe von 18

Einleitung

XXIII

Monaten wegen angeblichen Verrats militärischer Geheimnisse in einem Artikel der Weltbühne. Am Ende der Weimarer Republik waren Dichter und Staat zu offenen Feinden geworden, Geist und Macht zu Antipoden.

Die Not der geistigen Arbeiter Unter diesem Titel hat der Heidelberger Soziologe Alfred Weber 1923 als erster die ökonomi­ schen, sozialen und psychologischen Auswirkungen der Inflation auf die mittelständische Intellek­ tuellenschicht nach dem Ersten Weltkrieg beschrieben. Er wies nach, daß die »geistigen Arbeiter« - Schriftsteller und Professoren, aber auch Rechtsanwälte und Ärzte -, die zur Ergänzung ihres unzulänglichen Berufsverdienstes von einem kleinen oder mittleren beweglichen Vermögen in Form von Ersparnissen oder einer Lebensrente abhängig waren, bereits 1922 ihr Renten vermögen, und damit ihre ökonomische Basis verloren hatten. »Der Rentenfond ist heute in allen Ländern mit entwerteter Valuta, voran in Deutschland und Österreich, nicht mehr vorhanden.[... ] Zu 99'/2°/o expropriiert bezeichnete schon im Sommer [1922] die deutsche Regierung selbst alle diese auf Rentenvermögen früher ruhenden Schichten.«(S. 72) Insofern die Vermögensbasis den Intellektuel­ len eine Art Freiraum außerhalb des ökonomischen Klassen- und Interessenkampfes gewährt hatte, wurde mit der Zerstörung ihrer Vermögensbasis auch ihre geistige Unabhängigkeit angegrif­ fen. Vor allem die Schriftsteller empfanden ihre wirtschaftliche Deklassierung als schmerzlichen Autoritäts- und Machtverlust. Ihre traditionelle Rolle, die sie darin sahen, dem arbeitenden, ins tägliche Erwerbsleben verstrickten Volke sozusagen von höherer Warte aus die Welt sinnhaft zu deuten und sie ihrer Kritik zu unterwerfen, war nämlich auch durch den Umstand legitimiert, daß sie sich aufgrund ihrer Rentenbasis wirtschaftlich über den arbeitenden Klassen ansiedeln konn­ ten. Der Dichter sei durch Inflation nun auf die Stufe des materialistisch ausgerichteten wirtschaftli­ chen Erwerbslebens herabgedrückt worden, schrieb Samuel Saenger, der Herausgeber der Neuen Rundschau, 1923 in seiner Rezension der Weberschen Broschüre: »[...] man läuft unstet jeder Verdienstmöglichkeit nach; Muße als Nährboden für jede Geistbetätigung und für die bildsame Pflege des Ideellen ist nicht mehr; das Gefühl der gesicherten Altersnahrung, ein Ruhepolster für den Nervenmenschen, ist entschwunden; und das Gelände ist mit armen, gehetzten, in der Angst vor dem Gespenst der Notdurft herumirrenden Geschöpfen bedeckt, die dem reinen Dienst am Geist verloren sind.« (S. 74) Ähnliche Klagen über die Folgen der Inflation für die geistige Existenz

des freien Schriftstellerberufs finden sich in den zahlreichen Umfragen, Analysen und Appellen, die öffentlich die »Not der Dichter« verkündeten. [6] Besonderes Aufsehen erregte im Februar 1921 die gerichtliche Verurteilung des expressionistischen Dramatikers Georg Kaiser zu einem Jahr Gefängnis wegen Diebstahls. Dem Prozeßbericht der Frankfurter Zeitung vom 16. Februar 1922 zufolge hatte Kaiser erklärt, er sei zum Diebstahl getrieben worden, »um sich so die Möglichkeit der Fortexistenz und des dichterischen Weiterschaffens zu sichern.« [7] Ein Zeuge berichtete, er habe sich »persönlich davon überzeugt, daß die Familie Kaiser buchstäblich wochenlang von Wasser und Brot gelebt habe.« (ebd.) Die krisenhafte Erschütterung der literarischen Produktionsbedingungen hat eine Umbruchssi­ tuation hervorgerufen, in der die Schriftsteller gezwungen wurden, die materielle Basis ihres Schreibens selbst zu thematisieren und in Frage zu stellen. So wurden als Reaktion auf die

XXIV

Einleitung

wirtschaftliche Existenzbedrohung mehrere Entwürfe für eine Neuordnung literarischer Produktions- und Vertriebsformen auf sozialisierter Basis öffentlich diskutiert. Vor dem Hinter­ grund der Russischen Revolution und den Forderungen der deutschen Revolution von 1918/19 fanden in der Nachkriegszeit vor allem Debatten über die Vor- und Nachteile der Sozialisierung des Buchgewerbes statt. Am bekanntesten wurde das Sozialisierungsmodell von Walther Borgius, demzufolge die wissenschaftlichen Verlage in Produktivgenossenschaften zusammengefaßt und die kommerziellen Leihbibliotheken vergesellschaftet werden sollten. Borgius’ Vorschläge stießen auf Widerstand beim deutschen Buchhandel; sie wurden nie erprobt. Auch der von Kurt Wolff, dem Verleger expressionistischer Literatur, angekündigte Plan, seinen Verlag zu »sozialisieren«, d.h. seine Mitarbeiter am Gewinn zu beteiligen, kam nicht zur Ausführung. [8] Impulse der Sozialisie­ rung gingen jedoch in die Gründung der ersten Buchgemeinschaft von 1919 ein. Ziel des »Volksverbandes der Bücherfreunde« war es, durch Abonnementsystem und Ausschaltung des Zwischenhandels die Bücher zu verbilligen und »die ins Proletariat hinabgestoßenen Mittelschich­ ten, die früheren Hauptstützen des Bücherkonsums, zu erfassen und ihnen Bücher zu geben, die sie sonst des hohen Preises wegen entbehren mußten.« (S. 295) Die wirtschaftliche Unsicherheit förderte den Wunsch nach Organisationen, die private Interes­ sen zusammenfaßten und ihnen dadurch Nachdruck verliehen. Prominente Autoren wie Thomas Mann, Gerhart Hauptmann, Alfred Döblin, Arnold Zweig und Kurt Tucholsky waren in den 20erJahren aktiv in dem bereits 1909 gegründeten »Schutzverband Deutscher Schriftsteller« tätig, einer gewerkschaftlichen Berufsorganisation, die ihrer Satzung nach »den Schutz, die Vertretung und Förderung der wirtschaftlichen, rechtlichen und geistigen Berufsinteressen seiner Mitglieder« (S. 69) bezwecken sollte. »Wollt Ihr Euch,« schrieb Kurt Tucholsky in seinem Werbeaufruf in der Weltbühne 1920, »wollt Ihr den deutschen freien Schriftsteller vor dem Untergang bewahren? Dann tut etwas. Tut euch zusammen, tretet in den Schutzverband Deutscher Schriftsteller ein, und wirkt in ihm dafür, daß ihr wirtschaftlich besser dasteht als eure Waschfrau.« (S. 70) Tucholskys wenig subtiler Hinweis auf die drohende Gefahr der Proletarisierung des nicht-organisierten Dichters ist bezeichnend für die sozialen Abstiegsängste der mittelständischen Intellektuellen­ schicht und erklärt, warum sich der Schutzverband nicht mit den Arbeitergewerkschaften solidari­ sierte. Im Gegenteil: zwischen Intellektuellen und Arbeitern entwickelte sich in den Worten Wenzel Goldbaums nach 1919 eine »gefährliche Spannung«: »Die geistigen Arbeiter beneiden die Handarbeiter um ihre politische Macht, um ihre Lebenshaltung, um ihre Löhne. Und sie hassen die Handarbeiter, die ihnen eigentlich als Brüder erscheinen müßten. Zwischen Hand und Kopf herrscht in Deutschland eine geradezu unerträgliche Spannung. [... ] Dem geistigen Arbeiter fehlt in seiner Kampfstellung gegen das Ausbeutertum, gegen den Kapitalismus, der vom Zwischenge­ winn dick wird, die Hilfe der Arbeiterbataillone. Den Arbeitern fehlt in ihren Unternehmungen auf Schritt und Tritt der Intellektuelle. Deutschland kommt wegen dieser Spannung zu keiner seeli­ schen Harmonie. Es ist einer der gewaltigsten Fehler der Sozialdemokratie, daß sie auch nach der Revolution keine Formel für den geistigen Arbeiter gefunden hat.« [9] Tatsächlich hatte der Weimarer Staat keine Versuche gemacht, den Forderungen der verarmten Schriftsteller nach wirtschaftlicher Unterstützung nachzukommen. Immer mehr fühlten sich die Schriftsteller selbst als Opfer eben jener »seelenlosen« Geldwirtschaft, gegen die sie in ihren Dichtungen ankämpften.

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Sie fühlten sich von dem Staat verraten, der sich selbst einerseits bei Dichterfeiern (z. B. 1922 für Gerhart Hauptmann und für Goethe) als Kulturstaat darstellte (vgl. S. 85 ff.), andererseits aber, wie sie empfanden, seine Dichter verhungern ließ. Ihr Ressentiment gegen eine Regierung, die sie für ihre Deklassierung und Pauperisierung verantwortlich machten, war ebenfalls ein Faktor in ihrer geistigen Delegitimierung der Republik. Selbst ein überzeugter Republikaner wie Heinrich Mann schrieb 1923 in seinem Essay Das Sterben der geistigen Schicht: »Aus geistigen Arbeitern und Kulturträgern, die ihr Leben Gott weiß wie fristen, nur nicht mehr oft mit dem, was ihr Beruf wäre, werden die gefährlichsten Feinde der Republik: unvergleichlich gefährlicher als entlassene Offi­ ziere. Denn sie wurden tiefer beleidigt, haben mehr zu rächen, und sind ganz anders befähigt, Feinde, die sie verachten, unmöglich zu machen.« [10] So verständlich diese Drohgebärde als Ausdruck der Enttäuschung über die vom Staat sanktionierte ökonomische Entmachtung der Schriftsteller sein mag, sie reflektiert doch noch einen ungebrochenen Glauben an die Macht der Intellektuellen als eine universelle geistig-moralische Überwachungsinstanz. Auch der Soziologe Alfred Weber schrieb den Intellektuellen eine solche Funktion im Staate zu. Obwohl Weber in seiner Broschüre Die Not der geistigen Arbeiter die Anpassung der Intellektuellen an ökonomische Interessen verlangt und eine neue Schicht von sogenannten »Arbeitsintellektuellen« (Ingenieure, Techniker, Rechtsanwälte) heraufkommen sieht, die das Rentenintellektuellentum ablösen wird, möchte er verhindern, daß der Staat nur noch ein Instrument wirtschaftlicher Interessengruppen wird. »Dem Staate aber«, schreibt Weber 1923, »und vor allem dem heute so schwer um sein Dasein ringenden, wird dabei zu sagen sein, daß dieses Dasein sicherlich einmal von ihm verspielt sein wird, wenn er dem Kampf um den Primat des Geistigen über das Ökonomische weiter mit der halben Lauheit von heute zuschaut. Was hier gekämpft wird, ist in Wahrheit der Kampf um seine eigene Existenz. Zerfällt der geistige Hintergrund der Allgemeinheit, so wird auch er zerfallen und die Beute der miteinander ringenden Wirtschaftskräfte werden, über denen dann keine Macht mehr da ist, die er anrufen kann, um sie zu bändigen. Er wird mit dem Geistigen und den geistigen Arbeitern und ihrer Stellung in der Allgemeinheit leben oder sterben.« (S. 73) Webers Funktionsbe­ stimmung der Intellektuellen als Beschützer des Staates vor den Übergriffen der Wirtschaft setzt eine ökonomische und geistige Unabhängigkeit dieser Intellektuellen voraus, die gerade in der Inflationszeit erodiert worden ist. Nichtsdestoweniger war die Warnung vor der wachsenden Übermacht der ökonomischen Interessen im Weimarer Staat gerechtfertigt. Insofern sich nämlich die Weimarer Republik als Kulturstaat verstand, mußte die Dominanz des Ökonomischen über das Geistige, die Herrschaft der Wirtschaft über die Kultur als ein offener Widerspruch erscheinen. Die traumatischen Erfahrungen der Hyperinflation von 1923 wurden schon nach wenigen Jahren in der Weltwirtschaftskrise von 1929/30 neu aktiviert. Die knapp sechs Jahre relativer wirtschaftlicher Ruhe, in denen auch politisch eine Stabilisierung des demokratischen Systems einttat, waren angesichts der neuen ökonomischen Krise schnell vergessen; aus der Sicht von 1929/30 erschien die Weimarer Republik als eine einzige langhinausgezogene Dauerkrise. Die vernichtende Erkenntnis von 1923, daß der Staat scheinbar absolut machtlos den Exzessen der Wirtschaft ausgeliefert ist, schien sich wieder zu bestätigen. Die Arbeitslosigkeit traf dabei die deutsche akademische Intelligenz besonders hart. Da sich die Gesamtstudentenzahl von 80000 um 1914 bis zum Jahre 1932 fast verdoppelt hatte, gab es ein Überangebot von Bewerbern für

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geistige Berufe. Schätzungen vom Oktober 1932 sprechen von 40 bis 45000 »Überzähligen und

Arbeitslosen« auf dem akademischen Arbeitsmarkt, für 1935 wurden über 100000 akademische Arbeitslose vorausgesagt (vgl. S. 651 f.). »Die in einer derart katastrophalen Entwicklung beschlosse­ nen Gefahren«, heißt es im Oktober 1932, »die bedrohlichen Wirkungen nicht nur für den Einzelnen und seinen Stand, sondern darüber hinaus für alle, denen die Gesittung und Bildungs­ kraft ihres Landes wert ist, sind klar. Und ein zivilisierter Staat darf nicht tun, als wüßte er nichts davon. Die psychische Situation ist verzweifelt.« (S. 652) Am schlimmsten war die Situation für Lehramtsbewerber: »Denselben Menschen aber«, schreibt Friedrich Sternthal im März 1932, »die der Staat in ein Studium hineingedrängt hat, verweigert er jetzt die Mittel zum Studieren oder zur Ausübung des Berufes. Er zieht also ein Gelehrtenproletariat groß.« (S. 651) Es war ein Gelehrten­ proletariat, das dem demokratischen System als dem vermeintlichen Urheber ihrer Misere nur noch mit Verachtung gegenüberstand. Modernisierung: Das Ende der Buchkultur? Welche gesellschaftliche Funktion sollte die Dichtung in einer Zeit erfüllen, die von Technik und Industrie beherrscht wird? Die Debatten über den Wandel der Bedingungen der literarischen Produktion und Rezeption in der Weimarer Republik nahmen an Intensität zu, je mehr sich herausstellte, daß die wichtigsten Impulse in dem beschleunigten Modernisierungsprozeß nicht von der literarischen, sondern von der technischen Intelligenz ausgingen. Schon 1919 schrieb Döblin polemisch überspitzt: »Goethe, Shakespeare und tanti tutti sind nur in halb oder ganz agrarischen Ländern möglich. Wo die Naturwissenschaften und ihre Anwendung in solchem Frühling stehen, bleibt dem Geistigen nur die Rolle des Lobspenders oder Refraktären. Naturwis­ senschaft und Industrie führen jetzt das Wort des Geistes.«[ 11 ] Und um Mörike z.B. noch »restlos schön« finden zu können, meinte Hans Reiser 1925, wird der Leser »das Schnellzugstempo seines Lebens in das Postkutschentempo umlügen müssen, den Benzingestank dieser Zeit in den Rosen­ duft der andern, und das Börsenhirn in ein märchenhaftes Menschenherz.« (S. 167) Die neuesten Entwicklungen der Technik, des Verkehrs und der Wirtschaft haben die literarische Intelligenz auf eine Weise verunsichert, daß sie den Literaturbegriff früherer Zeiten für obsolet erklärte. Der Avantgarde um Brecht, Feuchtwanger und Döblin galt Deutschlands antiwestlicher; klassisch­ romantischen Kunstgesetzen folgender Sonderweg in der Kultur als Sackgasse. Sie plädierten stattdessen für den Anschluß Deutschlands an die kulturelle Modernität westlicher Prägung; sie waren begierig, Deutschlands kulturelle Ungleichzeitigkeit aufzuheben und seine durch den Krieg bedingte Isolierung vom Ausland zu durchbrechen. Man wollte unter allen Umständen »modern«, zeitgemäß und kosmopolitisch wie Amerika, England oder Frankreich sein. Die Massendemokra­ tie der Weimarer Republik bot nun - nicht zuletzt aufgrund des Statusverlustes der kulturtragen­ den bildungsbürgerlichen Schicht in der Inflation - den gesellschaftlich-politischen Rahmen, innerhalb dessen sich auch die Kultur modernisieren und »demokratisieren« konnte. Besonders die amerikanische Jazzmusik, durch Schallplatten massenhaft verbreitet, wurde im Deutschland von 1920 zum Zeichen einer modernen, unliterarischen Populärkultur, die mit ihren hektischen Rhythmen und unregelmäßigen Synkopen auf der Höhe der Zeit zu stehen schien. Aus Klaus Manns Perspektive der 30er Jahre war die Jazzmode Ausdruck des kollektiven Bewußtseins

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der Inflationszeit: »Der Dollar steigt: lassen wir uns fallen! Warum sollten wir stabiler sein als unsere Wahrung? Die deutsche Reichsmark tanzt: wir tanzen mit! Millionen von unterernährten, lumpierten, verzweifelt geilen, wütend vergnügungssüchtigen Männern und Frauen torkeln und taumeln dahin im Jazz-Delirium. Der Tanz wird zur Manie, zur idée fixe, zum Kult.[... ] Ein geschlagenes, verarmtes demoralisiertes Volk sucht Vergessen im Tanz«. [12] Das Bedürfnis nach Zerstreuung und leichter Unterhaltung, das Klaus Mann aus der Lebensunsicherheit der Nachkriegs­ und Inflationszeit herleitet, führte in der Weimarer Republik allgemein zu einer Aufwertung der unliterarischen Populär- und Massenkultur. Die Buchkultur fand sich nun in Konkurrenz mit den leichter zugänglichen technischen Massenmedien. So fragte Hans Siemsen 1923 in einem ironisch Bücher-Besprechung betitelten Aufsatz: »Weshalb schreibt man Kritiken über Bücher? Und nicht über Grammophonplatten? Mir ist mein Grammophonplatten-Schrank viel interessanter als mein Bücherschrank. Oft bringe ich mir eine neue Platte mit aus der Stadt. Selten ein neues Buch.« (S. 240) Und er fahrt fort, statt der ihm aufgetragenen Buchbesprechung amerikanische Songs wie California here I come zu besprechen. Diese provokativ herausgestellte Literaturmüdigkeit liegt auch dem öffentlichen bekundeten Interesse der Intellektuellen an Massensportveranstaltungen wie Boxen und Sechstagerennen zugrunde. Nicht nur Zeitungen, auch literarisch anspruchsvolle Zeitschriften wie Weltbühne und Querschnitt veröffentlichten in der Weimarer Republik Aufsätze über Boxkämpfe und Boxer. Der Schwergewichtsmeister Hans Breitensträter, der aus Magdeburg stammte, aber, wie er von sich sagte, »sehr lange in den Wäldern von Westamerika« [13] gelebt hat, beschrieb z.B. im Querschnitt von 1922 seinen Mailänder Kampf gegen »Herrn Erminio Spalla« in simpelster Kindersprache. Auch der Boxer Samson Körner, gefördert von seinem Freund Bert Brecht, betätigte sich literarisch. Vor allem für die jüngere Generation war Sport (ebenso wie Jazz) Ausdruck der Sachlichkeit, der Modernität und der Skepsis gegenüber dem Geist. »Überdruß am Geist«, schrieb Klaus Mann 1927, »geht von rechts bis nach links, keiner von uns, der es nicht erlit­ ten und empfunden hätte.« (S. 177) Auch der Import amerikanischer Revuen, die Berlin in direkten Kontakt mit dem New Yorker Broadway und seinem Showbusineß brachten, war Anlaß für die deutschen Intellektuellen, über das nachlassende Interesse an geistigen Dingen zu reflektieren. Die Begeisterung, mit der etwa die amerikanische Revuetruppe »Tiller Girls« oder die von Goll bewunderte »Revue Nègre« mit Josephine Baker als Star in Berlin aufgenommen wurde, galt allgemein als epochentypisches Zeichen für den bevorstehenden Untergang der überlebten abendländischen Geisteskultur. [14] Die größte Wirkung auf die »Amerikanisierung« der deutschen Kultur übte jedoch das amerika­ nische Kino aus, dessen massenwirksame Unterhaltungsprodukte bald nach 1920 den deutschen Markt zu beherrschen begannen. Besonders die Filme von Charlie Chaplin, Buster Keaton und Douglas Fairbanks wurden in Deutschland begeistert aufgenommen. Der enge kommunikative Bezug zum Publikum, der die amerikanischen Filme im Gegensatz zu den deutschen avantgardisti­ schen Filmen auszeichnete, erschien als zeitgemäß, da man der Meinung war, der Film trage gerade durch seinen Massenappeal den Geist der demokratischen Staatsform in sich. So meinte 1926 der Kunstkritiker Adolf Behne: »Für uns ist nun das Wichtige, daß der Film von seiner Geburtsstunde an demokratisch ist. Feine Leute haben ihn mit sicherm Instinkt von Anfang an gemieden, und für die Ganz-Feinen existiert er heute noch nicht. Es gibt ja noch keine Vorzugs-Kopien auf Edel-

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Celluloid mit Goldschnitt, die man sammeln könnte.« (S. 221) Als technisch-industrielles, im Kollektiv produziertes und rezipiertes Massenprodukt schien der Film in provokativem Gegensatz zu dem vom schöpferischen Einzelerlebnis bestimmten Kunstwerk zu stehen, dessen Autonomie­ anspruch ohnehin fragwürdig geworden war. Mehr als ein anderes europäisches Land war Deutschland in den 20er Jahren der amerikani­ schen Massenkultur gegenüber offen; die Vier-Millionen-Stadt Berlin galt als das europäische Zentrum des amerikanischen Einflusses. Für die Großstadt-Boheme war die Nachahmung gewis­ ser modischer Aspekte des amerikanischen way of life zunächst vor allem auch antibürgerliche Provokation, die sich - wie die Programmatik der Dadaisten - gegen die deutsche Kultur der Innerlichkeit und die ästhetischen Normen der autonomen Kunst richtete. Ein auf dem humanistisch­ idealistischen Wertsystem beruhendes individualistisches Kunstverständnis war in den Material­ schlachten des Ersten Weltkriegs, den Massenbewegungen der Arbeiterschaft und dem Massen­ prozeß der Inflation zweifelhaft geworden. In dem Maße, in dem sich die deutsche Gesellschaft nach dem Kriege ökonomisch und sozial nach dem Muster der USA zu »entfeudalisieren« begann, vollzog sie auch den Übergang zu einer Kultur der großstädtischen industriellen Massengesell­ schaft. Die Übernahme amerikanischer Produktionsmethoden wie Standardisierung, Rationalisie­ rung und Massenproduktion, die ihrerseits zur verstärkten Monopolisierung und Konzernbildung beitrugen, hatte auch Folgen für die Zusammensetzung der kulturellen Öffentlichkeit. Durch die Inflation wurde der Trend zur Konzernbildung und Massenproduktion noch verstärkt, so daß sich mehr und mehr Selbständige ohne Produktionsmittel fanden und zum Kleinbürgertum oder Proletariat herabsanken. Gleichzeitig bildete sich durch den Ausbau der Bürokratie eine schnell wachsende Schicht von Angestellten heraus. Siegfried Kracauer sprach 1929 von Berlin als der »Stadt der ausgesprochenen Angestelltenkultui; d.h. einer Kultur, die von Angestellten für Ange­ stellte gemacht und von den meisten Angestellten für eine Kultur gehalten wird«. [15] Dieses neue traditionslose Massenpublikum war skeptisch gegenüber einem Kulturangebot, das mit Bildung und Belehrung assoziiert war und Abitur voraussetzte. Es wandte sich daher vor allem den aus Amerika importierten Produkten der industriellen Massenkultur zu, die den Unterhaltungsbedürf­ nissen dieses Publikums entgegenkamen. Die amerikanische Massenkultur entsprach diesem neuen Publikum, da sie von ihren Anfängen an anders als die deutsche Kultur den engen kommunikativen Bezug zum Publikum als ökonomischen Faktor einbezog: Kunst ohne Käufer war für sie ein Widerspruch. Die deutsche Kultur hatte sich dagegen lange Zeit aufgrund der Protektion von Adel und Bildungsbürgertum auf einen ästhetischen Freiraum zurückziehen kön­ nen, in dem das ökonomische Grundgesetz von Angebot und Nachfrage weitgehend aufgehoben war. Durch die Verarmung des Bildungsbürgertums waren jedoch diese Freiräume mehr und mehr geschrumpft. Damit erschien Kultur nicht mehr (wie noch im 18. und 19.Jahrhundert) aus lebensweltlichen Bezügen ausgegrenzt; sie verlor ihren Autonomiestatus und wurde Teil eines kulturellen Marktes, der verschiedenartige, meist außerästhetische Bedürfnisse nach Information, Bildung, Unterhaltung oder Zerstreuung befriedigte. Im Hinblick auf das Publikum hatte dieser »Kult der Zerstreuung«, wie Siegfried Kracauer die Massenkultur nannte, einen homogenisierenden Effekt, dem sich auch die Intellektuellen nur schwer entziehen konnten: »Je mehr sich aber die Menschen als Masse spüren,« schrieb Kracauer

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1926, »umso eher erlangt die Masse auch auf geistigem Gebiet formende Kräfte, deren Finanzie­ rung sich lohnt. [... ] sie duldet nicht, daß ihr Reste hingeworfen werden, sondern fordert, daß man ihr an gedeckten Tischen serviere. Für die sogenannten Bildungsschichten ist daneben wenig Raum. Sie müssen mitspeisen oder snobistisch abseits sich halten; ihre provinzielle Ab­ schneidung jedenfalls hat ein Ende. Durch ihr Aufgehen in der Masse entsteht das homogene Weltstadt-Publikum, das vom Bankdirektor bis zum Handlungsgehilfen, von der Diva bis zur Stenotypistin eines Sinnes ist.« (S. 249) Diese »Wendung zum Massengeschmack« war besonders auffällig bei der deutschen Rezeption des amerikanischen Films, den Herbert Ihering bereits 1926 den »neue[n] Weltmilitarismus« nannte: »Die Zahl der Menschen, die Filme sieht und keine Bücher liest, geht in die Millionen. Sie alle werden dem amerikanischen Geschmack unterworfen, werden gleichgemacht, uniformiert.!. • • ] Der amerikanische Film ist der neue Weltmilitarismus. Er rückt an. Er ist gefährlicher als der preußische. Er verschlingt nicht Einzelindividuen. Er verschlingt Völkerindividuen.« [16] Die Angst vor dem kulturellen Amerikanismus, vor der Über­

fremdung und Kolonisierung des Bewußtseins durch die amerikanische Kulturindustrie, die den literarischen Markt um die Mitte der zwanziger Jahre aufs nachdrücklichste veränderte, war berechtigt. Je stärker die Massenkultur den ästhetischen Geschmack uniformierte, desto geringer wurden die Chancen für das individuelle literarische Werk; jedes neue Werk mußte sich in einer verschärften Konkurrenzsituation gegen eine Vielzahl anderer Werke in’ähderen, leichter zugängli­ chen Medien durchsetzen, was auch gattungsprägende Konsequenzen hatte: Die Werke eines Arnolt Bronnen etwa, aber auch die des jungen Brecht, versuchten mit Hilfe von gehäuften Schockeffekten und publikumswirksamen »Strategien« die Aufmerksamkeit eines kulturübersättig­ ten Publikums auf sich zu lenken. Auf dem Buchmarkt selbst wurde mit neuartigen Reklame- und Marketingtechniken (z.B. Bestsellerlisten, Literatur auf Schallplatten, »Tag des Buches«) um den Leser geworben. Die kommerzielle Verbreitung des Rundfunks ab Herbst 1923 hat den kulturellen Kommunika­ tionsraum nicht nur quantitativ (im Vergleich zum 19. Jahrhundert etwa) um ein vielfaches erweitert, sondern auch qualitativ verändert. »An drei Millionen Apparaten«, heißt es 1929, »hören drei Millionen Familien, d.h. zirka neun Millionen Menschen Radio. Die Öffentlichkeit der Kunst hat einen nicht mehr übersteigbaren Grad erreicht. Die Kunst ist sozialisiert. Aus Privatbesitz ist sie übergeführt in den Besitz aller.« (S. 202) Dieser Hoffnung auf den Rundfunk als einer genuin demokratisch-öffentlichen Kunst stand die Befürchtung entgegen, er werde, indem er Hunderttau­ sende von Hörern gleichzeitig demselben Programm aussetzt, einen kulturellen Massengeschmack fördern, der dem individuellen Ausdruck des künstlerischen Schaffens nur schädlich sein konnte. Bedrohlich war vor allem, daß der Rundfunk sogar in den privaten Bereich eindrang, denn anders als das Kino wurde der Rundfunk zu Hause rezipiert. Auch das Fernsehen, das ab 1929 von der Berliner Reichspost in Versuchssendungen getestet wurde, galt bald als Indiz für das »Ende der privaten Sphäre« (vgl. S. 206 ff.). Die Regierung erkannte früh das Potential des Rundfunks für Massenbeeinflussung und Meinungsmanipulation und kontrollierte das Programm mit scharfen Zensur- und Überwachungsgesetzen, die Tucholsky zufolge bevorzugt bei kritischen Programmen

der politischen Linken angewandt wurden. (S. 213 f.) Nichtsdestoweniger gab der Rundfunk zahlreichen Schriftstellern und Intellektuellen - wie später auch nach dem 2. Weltkrieg - Arbeit

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und Brot. Bertolt Brecht, Döblin, Bronnen und Walter Benjamin schrieben Hörspiele, Gottfried Benn, Marieluise Fleißer und Hermann Kasack lasen im Rundfunk aus ihren Werken. Ein Werk wie Döblins Berlin Alexanderplgtz erschien nach seiner Buchpublikation auch in einer jeweils von Döblin autorisierten Fassung als Hörspielbearbeitung (1930) und als Film (1931 mit Heinrich George in der Hauptrolle). Die Schriftsteller selbst überschritten die engen Grenzen der durch das Buch vermittelten Literatur und fügten sich in die Medienkultur der Zeit ein. Literatur und Demokratie Wie skeptisch auch immer die literarische Intelligenz dem neuen Staat gegenüberstehen mochte, die demokratisch-parlamentarische Regierungsform war um 1920 eine Realität, mit der zumin­ dest die linksbürgerlichen Schriftsteller und die sogenannten »Vernunftrepublikaner« sich zu arrangieren willens waren, wenn auch nicht mit völliger Überzeugung und »mit dem Herzen«. Ihnen stellte sich vor allem die Frage, ob und auf welche Weise sich Funktion und Form der Literatur unter den Bedingungen dieses neuen demokratischen Systems verändern müsse, kurz: was es heißt, »demokratisch« zu schreiben. So geht Alfred Döblin in seinem Essay Der Schriftsteller und der Staat (1922) davon aus, daß auch »die ungeheure Masse des sogenannten niedrigen Volks« nunmehr das Recht habe, an der Kultur aktiv teilzunehmen. Der Schriftsteller wird darum »eine große, ihm angemessene Leistung im Staat vollbringen, wenn er mit diesem zu ihm drängenden Volk zu fühlen lernt, an ihm lebendig wird und ihre Art aufweckt. Es wird bald die Zeit kommen, wo wir einfach werden müssen, viel einfacher, verständlicher und darum lebensvoller als wir jetzt sind.« (S. 44) Mit dieser programmatisch geforderten Ausrichtung der Literatur auf die Lebens­ welt des Lesers sollte der Prozeß des Dichtens selbst entmystifiziert und der Ewigkeitsanspruch großer Kunst zugunsten der Gebrauchsfunktion zurückgewiesen werden. Literatur sollte nun zugänglich (statt experimentell und avantgardistisch), wirksam (statt ästhetisch-autonom) und nüchtern-aufklärerisch (statt expressiv-prophetisch) sein. Der Dichter sollte seinen kulturaristokrati­ schen Ausnahmestatus aufgeben und als Aufklärer im Dienste des Volkes wirken. Ein neuer Typus von Schriftsteller war gefordert, ein Typus, der in Kracauers Worten »sich nicht dazu berufen fühlt, dem >Absolutenunkünstlerische< Stilhaltung wat; hat Thomas Mann 1928 ironisch in seiner Besprechung der Brennenden Ruhr, Karl Grünbergs Reportage aus den Kapp-Putschtagen, herausgestellt: »Ich wünsche«, schreibt er, »weder den Autor noch den Patron [Johannes R. Becher, der der Reportage ein Vorwort voranstellte; A. K.] zu beleidigen, indem ich feststelle, daß das Buch starke künstlerische Eigenschaften besitzt.« [20] Der klassisch-romantische Dichtungsbegriff mit seinem, wie es nun hieß, kulturaristokrati­ schen, »undemokratischen« Autonomiestatus war in der Weimarer Republik in Auflösung begrif­ fen. Selbst Thomas Mann stellte 1927 selbstkritisch fest: »Der deutsche Roman großen Stils ist aristokratisch und innerlich, denn er ist der Entwicklungs- und Bildungsroman Goetheschen Gepräges. Ob er eben darum Erzählung großen Stiles ist, bleibt strittig.« (S. 287) In seiner Apologie für das der demokratischen Staatsform angemessene »Gutgemacht-Mittlere« und das »auf vorzüg­ liche Art Massengerechte« trat er für den Unterhaltungs- und Abenteuerroman ein - trotz aller Bedenken: »Etwas wild und demokratisch atmet es her aus dieser Welt abenteuerlicher Moderni­ tät... Rümpfen wir nicht esoterisch die Nase! Flüchten wir nicht auf ein Elfenbeintürmchen vor ihrem pöbelhaft jugendlichen Andrang![... ] Gut denn, tun wir mit! Stellen wir uns an die Spitze! Helfen wir und machen wir uns nützlich, indem wir zugleich der Zeit dienen und das bestürmte Niveau verteidigen.[...] Könnte das Massenhafte, das Massengerechte nicht einmal gut sein?« (S. 287) Auch auf dem Gebiet des Dramas fand eine Umorientierung des herkömmlichen Gattungsbe­ griffs statt. So richtete sich Piscators Frage »Was soll uns in einer Welt, in der die wahren Erschütterungen von der Entdeckung eines neuen Goldfeldes, von der Petroleumproduktion und

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vom Weizenmarkt ausgehen, die Problematik von Halbverrückten?« [21] gegen die expressionisti­ sche Kunstauffassung, derzufolge das autonome heroisch-tragische Individuum im Zentrum stand. Entscheidend nach Piscator seien aber heute nicht mehr das Individuum, sondern die geschichtlichen, politischen und ökonomischen Mächte - Krieg, Revolution, Inflation und Welt­ wirtschaft - die das Individuum in Wirklichkeit determinieren. In seiner Inszenierung von Alfons Paquets Roman Fahnen im Mai 1924 wollte Piscator mit Hilfe von faktisch-dokumentarischem Material (Fotos, Filmausschnitte, projizierte Statistiken und Zitate) dem Zuschauer die Authentizi­ tät der Ereignisse unmittelbar vor Augen führen und die unabhängig vom Willen des Individuums wirkenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kräfte veranschaulichen. Wie die individualisie­ rende Tragik fiktiver Figuren der Darstellung übergreifender ökonomischer Zusammenhänge wich, so trat die künstlerische Subjektivität des Autors hinter der Anonymität des Dokuments zurück. Der Anti-Kunst-Affekt des Dokumentartheaters signalisiert den Funktionswandel der Kunst, wie ihn Heinrich Mann in seinem Essay Geist und Tat schon 1910 gefordert hatte: Kunst galt nicht mehr als Ausdruck des Menschlich-Großen, sondern als Waffe in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Besonders das sogenannte »Zeittheater«, das aktuelle Probleme der Repu­ blik behandelte, war in der Weimarer Zeit ein Forum für die öffentliche Diskussion gesellschaftli­ cher Konflikte. So griff 1929 Friedrich Wolfs Stück Cyankali aktiv in die zeitgenössischen Debatten um den Paragraphen 218 ein; das Stück führte zu Demonstrationen und Kundgebungen für und wider die Abtreibungsgesetzgebung der Regierung. Peter Martin Lampels sozialkritisches Zeitstück Revolte im Erziehungshaus leitete 1928 sogar Reformen in Heimen für Jugendliche ein. In kleinem Umfang bot so das Theater eine Öffentlichkeitssphäre, in der die gesellschaftliche

Wirklichkeit der Republik durchleuchtet und mitgestaltet werden konnte. Der epochengeschichtlich signifikante Umbruch von einer ästhetisch-autonomen »Kunstlitera­ tur« zu einer sachlich-kritischen »Gebrauchsliteratur« läßt sich auch in der Diskussion um die gesellschaftliche Funktion der Lyrik verfolgen. Als Bertolt Brecht 1927 bei einem Lyrikwettbe­ werb der Literarischen Welt als Preisrichter die eingesandten vierhundert Gedichte beurteilen sollte, wies er alle zurück und prämierte stattdessen ein Gedicht aus einer Radsportzeitung mit dem Titel He! He! The Iron Man!. Die vierhundert Einsender seien in ihrer »Sentimentalität, Unechtheit und Weltfremdheit« allesamt Nachahmungen der »>rein< lyrischen Produkte« aus der Schule eines Rilke (»eines sonst wirklich guten Mannes«), Stefan George und Franz Werfel. »Da sind ja wieder diese stillen, feinen, verträumten Menschen, empfindsamer Teil einer verbrauchten Bourgeoisie, mit der ich nichts zu tun haben will.« (S. 442) Das Radsportgedicht zeichne sich dagegen durch die »Geste der Mitteilung eines Gedankens« und einen »gewissen dokumentari­ schen Wert« aus, denn »gerade Lyrik muß zweifellos etwas sein, was man ohne weiteres auf den Gebrauchswert untersuchen können muß.« Ebenfalls 1927 erschien Bertolt Brechts Hauspostille, seine erste große Gedichtsammlung, mit einer vorausgeschickten »Anleitung«, in der dem Leser (meist parodistische) Hinweise zum »Gebrauch« der Gedichte gegeben werden. Die Verwendung von lyrischen Zweckformen (Songs, Moritaten, Balladen), die oft forcierte Trivialität und Derbheit und die bewußt gesetzten Stilbrüche haben die Funktion, die Lyrik zu »entsentimentalisieren« und sie wieder in direkten Kontakt mit dem Publikum zu bringen. Brecht selbst trug in den frühen 20erJahren seine Gedichte und Lieder in Münchener Lokalen zur Gitarre vor. Auch Walter

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Mehring, Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholsky haben für die damals florierenden Cabarets und Unterhaltungsrevuen sogenannte »Gebrauchslyrik« geschrieben und vorgetragen. Erich Kästner distanzierte sich wie Brecht von den Erlebnis- und Stimmungslyrikern, »denn jene Lyriker mit dem lockig im Winde wallenden Gehirn diskreditieren die Lyrik persönlich. Sie sind an der irrigen Ansicht des Publikums schuld, Gedichtelesen sei eine gegenwärtig unpassende Beschäftigung.« (S. 448) Er selbst begnüge sich mit dem Anspruch, Verse zu schreiben, »die das Publikum lesen und hören kann, ohne einzuschlafen.« (ebd.) Mit dem Prozeß der generellen »Entauratisierung« der Literatur in der Weimarer Republik mußten sich notgedrungen auch die Kriterien für die Beurteilung literarischer Werke wandeln; ästhetische Normen wurden jetzt soziologischen Kategorien wie Nützlichkeit, Wirksamkeit und Realitätsnähe untergeordnet. Siegfried Kracauer (in Ornament der Masse, 1926), Walter Benjamin (in Einbahnstraße, 1928) und Ernst Bloch (in Erbschaft dieser Zeit, 1935) entwickeln eine Kulturkri­ tik, die, moderne semiotische Methoden eines Roland Barthes vorwegnehmend, unscheinbare Oberflächenphänomene des Alltags auf verborgene sozial- und ideologiegeschichtliche Grund­ strukturen hin interpretiert. In essayistischer, oft aphoristisch zugespitzter Form gewinnen ihre Analysen den von der Schulästhetik ignorierten, ja verachteten Erscheinungen der Alltagskultur (Trivial- und Zweckliteratur, Kinderbücher, Karl-May-Romane, Film, Schlager, Revuen, Radio usw.) gesellschaftliche Aussagekraft ab. Die Theoriebildung der neuen »demokratischen« Gebrauchskunst, zu der Kritiker wie Kracauer und Benjamin maßgeblich beigetragen haben, fand vor allem in dem Zeitraum zwischen 1923 und 1929, zwischen dem Ende der Inflation und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise statt, d.h. in einer Zeit der relativen Stabilisierung der Wirtschaft und der politisch-gesellschaftlichen Situation. Die wirtschaftliche Konjunktur dieser Jahre war Voraussetzung für die »Entfeudalisierung«, Liberalisierung und Modernisierung Deutschlands im gesellschaftlichen wie künstlerischen Be­ reich. Der große Erfolg der ins Deutsche übersetzten Autobiographie des amerikanischen Autokö­ nigs Henry Fords von 1923 deutet darauf hin, daß damals Hoffnung bestand, der moderne Kapitalismus und die liberale Demokratie könnten, wie Henry Ford optimistisch behauptete, zur Prosperität für jeden führen. Nachdem sich in der Revolution ästhetische Konzepte für die Lösung politischer Konflikte als fruchtlos, ja gefährlich erwiesen hatten, war man nun bereit, sich »auf den Boden der Tatsachen« zu stellen. Der Begriff »neue Sachlichkeit«, den der Kunsthistoriker Georg Friedrich Hartlaub 1923 anläßlich einer Kunstausstellung für den veristischen Stil in der Kunst geprägt hat, bezeichnet einen Zustand der Ernüchterung und Entzauberung, der auch der demo­ kratischen Gebrauchsliteratur zugrundeliegt. [22] Im Hinblick auf die deutsche Literatur galt die Rede von der »neuen Sachlichkeit« als ein resignatives Zeichen der Erschöpfung ästhetisch­ utopischer Programmatik. Gleichzeitig lassen sich aber in der Neuen Sachlichkeit Ansätze zu einer gelungenen Demokratisierung der Literatur feststellen. Es war eine kurzfristige Bewegung, denn die Grundlagen: wirtschaftliche Konjunktur und politische Stabilität wurden durch die Weltwirt­ schaftskrise ab 1929 aufs neue tief erschüttert. Die neusachlichen Funktionsbestimmungen der Literatur (und damit auch ihre Stoffe und Formen) wurden nach 1930 von ihren ehemaligen Anhängern als Irrweg zurückgewiesen (vgl. S. 653 ff.). Erst Mitte der Sechziger jahre knüpfte die deutsche Literatur wieder an das Erbe dieser demokratischen Gebrauchskunst an.

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Wew gehört die Literatur? Debatten über eine zukünftige klassenkämpferische proletarische Literatur fanden in den ersten Jahren der Weimarer Republik ausschließlich unter linken bürgerlichen Intellektuellen statt, die durch das Vorbild der Russischen Revolution, durch den Zusammenbruch des Wilhelminischen Reiches und die allgemeine geistige Aufbruchsstimmung verleitet worden waren, das revolutio­ näre Potential der deutschen Arbeiterbewegung höher einzuschätzen als es in Wirklichkeit war. Die revolutionäre Theorie ließ die revolutionäre Praxis weit hinter sich. Die immer strategisch argumentierende KPD fand sich so mehrfach in der Situation, die radikalen, utopisch-idealistischen Theorieentwürfe der sympathisierenden Intellektuellen zurückzuweisen. Die sogenannte »Kunstlump-Debatte« von 1920 ist ein Beispiel für diese Spannungen zwischen Partei und Intellek­ tuellen: Als Oskar Kokoschka 1920 nach einer Dresdener Straßenschlacht, bei der nicht nur 35 Arbeiter ums Leben kamen, sondern versehentlich auch ein Gemälde von Rubens beschädigt wurde, in einem offenen Brief den sarkastischen Vorschlag machte, solche »kriegerischen Übun­

gen« in Zukunft auf Schießplätzen öder im Zirkus abzuhalten, um die Meisterwerke der Malerei nicht weiter zu gefährden, konterten George Grosz und John Heartfield mit einem Pamphlet, in dem sie Kokoschka einen »Kunstlumpen« nannten und das Bürgertum und vor allem den bürgerli­ chen Künstler beschuldigten, Kultur und Kunst höher als das Leben der im politischen Kampf gefallenen Arbeiter zu schätzen. »Wir begrüßen es«, schrieben Grosz und Heartfield, »wenn der offene Kampf zwischen Kapital und Arbeit dort sich abspielt, wo die schändliche Kultur und Kunst zu Hause ist, die stets dazu diente, den Armen zu knebeln, die den Bourgeois am Sonntag erbaute, damit er am Montag seinen Fellhandel, seine Ausbeutung umso beruhigter aufhehmen konnte! Es gibt nur eine Aufgabe: Mit allen Mitteln, mit aller Intelligenz und Konsequenz den Zerfall dieser Ausbeuterkultur zu beschleunigen. [... ] Wir fordern alle auf, Stellung zu nehmen gegen die masochistische Ehrfurcht vor historischen Werten, gegen Kultur und Kunst!« (S. 455 f.) Die hier zum Programm erhobene Kunst- und Traditionsfeindlichkeit, die sowohl der avantgardistischen Tradition der Berliner Dadaisten wie auch dem aus Rußland kommenden antibürgerlichen Prolet­ kult verpflichtet ist, wurde von der Roten Fahne, dem offiziellen Organ der KPD, entschieden zurückgewiesen. Gertrud Alexander Redakteurin am Feuilleton der Roten Fahne, nannte die kunstzerstörerischen Absichten des Proletkults »Vandalismus« und plädierte stattdessen für eine kritische Aufarbeitung des kulturellen Erbes des Bürgertums zum Nutzen des Proletariats. »Wollen Sie, Herr Heartfield und Grosz, das Vertrauen der Arbeiterklasse gewinnen, indem Sie die >Bourgeois-Kultur< in Bausch und Bogen verdammen und Schätze vernichten, die, vergessen Sie es nicht, mit den Schweißtropfen der Arbeitenden, der Proletarier erkauft sind? Sollen nun deren Söhne nicht wenigstens sie genießen dürfen, endlich?« [23] Die Frage nach der Einschätzung der »Bourgeois-Kultur« beschäftigte die proletarisch-revolutionäre Literaturtheorie über die Weimarer Republik hinaus; jüngste Diskussionen in der DDR über die kritische Aneignung des bürgerlichen Kulturerbes zeigen die Kontinuität dieser Fragestellung. [24] Die Schriftsteller und Künstlet; die sich in den Revolutionstagen spontan mit der Arbeiterklasse solidarisierten, verkannten meist die empirische Realität der Arbeiterschaft. So heißt es z.B. in einem Aufruf von 1919 an die »Brüder im Proletariat«, der von bürgerlichen Intellektuellen und Schriftstellern aus verschiedenen politischen Lagern - Martin Dibelius, Martin Buber, Wilhelm

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Schäfer und Kurt Wolff - unterzeichnet wurde: »Wenn euer gerechter Trotz, euere zukunftsfreu­ dige Unverbrauchtheit sich durchströmen läßt von den Kräften einer innerlich freien und äußerlich aufrechten Geistigkeit, dann müssen falsche Trennungen von selbst fallen. Dann ist es keine sinnvolle Frage mehr, ob Bürger oder Proletarier: Tot sind dann die Klassen, frei der Weg zum freien Volk, Gleiche wir alle und Brüder!« (S. 26) Die expressionistisch-übersteigerte Vision einer klassenlosen, konfliktfreien Volksgemeinschaft, in der auch die Kluft zwischen Geistes- und Handarbeitern überwunden sein werde, war letztlich auch Angstreaktion der ökonomisch verunsi­ cherten bürgerlichen Intellektuellen auf die spürbar angewachsene Macht der Arbeiterklasse unter der sozialdemokratischen Regierung. Die linksradikale Intelligenz betrachtete es als ihre Mission, dieser neugewonnenen Macht des Proletariats zu ihrem kulturellen Ausdruck zu verhelfen. Die Anknüpfung an die seit Ende des 19. Jahrhunderts bestehende Tradition der sozialdemokratischen Arbeiterliteratur wurde dabei aber vermieden, da diese sich zumeist unpolitisch und unrevolutio­ när gab und sich obendrein durch ihre Kriegsbegeisterung diskreditiert hatte. Die Kultur- und Bildungspolitik der SPD stand der Idee einer eigenständigen proletarisch-revolutionären Kultur feindlich gegenüber; sie sah ihre Hauptaufgabe vielmehr darin, die bürgerliche Kultur durch Volksbühnen, Volkshochschulen und Arbeiterbibliotheken auch den Arbeitern zugänglich zu machen. Die Spaltung der Arbeiterklasse am Ende des Ersten Weltkriegs hat auch zur Spaltung der Arbeiterliteratur in einen proletarisch-revolutionären und einen sozialdemokratisch-reformistischen Flügel geführt. Trotz zahlreicher vereinzelter Vorstöße von Piscator, Franz Jung und anderen bürgerlichen linksradikalen Intellektuellen, um 1919/20 eine proletarisch-revolutionäre Kultur durchzusetzen, erfolgte eine systematische Herausbildung einer genuin proletarischen Kultur »von unten her« nicht vor Mitte der zwanziger Jahre, als mit dem Ende der Ruhrkrise und der Einführung der Rentenmark die Revolutionsbegeisterung der Nachkriegsjahre verrauscht und die Chancen für einen spontanen revolutionären Umsturz in die Ferne gerückt waren. Erst im Juli 1925 beschloß der 10. Parteitag der KPD, die politisch-propagandistische Kulturarbeit in die Betriebe selbst zu tragen. Die in der KPD organisierten Arbeiter wurden aufgefordert, als sogenannte »Korrespon­ denten« für die von den kommunistischen Zellen herausgegebenen Betriebszeitungen über Vor­ fälle an ihrem Arbeitsplatz im Betrieb oder in der Fabrik zu berichten. Diese »Arbeiterkorrespon­ denzen« - kurze, stilistisch meist unbeholfene, protokollarisch-dokumentarische Erlebnisberichte, die in den Parteizeitungen veröffentlicht wurden - stellten so eine enge Verbindung zwischen der Partei und den schreibenden Arbeitern her. Die Arbeiterkorrespondentenbewegung wurde zu einem der wichtigsten Instrumente kommu­ nistischer Literaturpolitik. Als literarische Selbstdarstellung der organisierten Arbeiterklasse trug sie zweifellos zur proletarischen Identitätsbildung und zur Stärkung des Klassenbewußtseins bei. Darüberhinaus führte sie Arbeiter an die Literatur heran: Autoren wie Willi Bredel (sein proletarisch­ revolutionärer Betriebsroman Maschinenfabrik N & K erschien 1930), Karl Grünberg (Brennende Ruhr, 1928) und Hans Marchwitza (Sturm aufEssen, 1930) kamen aus der Arbeiterkorresponden­ tenbewegung. Im Unterschied zu den linksbürgerlichen Autoren, die um die Mitte der zwanziger Jahre zunehmend über ihre marginale und isolierte Stellung in der Gesellschaft klagten, schrieb der Arbeiterschriftsteller für Leser, die seinen Erfahrungshorizont und sein Klassenbewußtsein teilten.

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Die starre Dichotomie von Produktions- und Rezeptionssphäre, von aktivem Gestalten und passivem Konsumieren, war damit aufgelöst: jeder Leser war aufgerufen, auch Autor zu sein. Auch das proletarische Theater bemühte sich um eine Öffnung zum Publikum. Sprechchöre

und Agitpropgruppen, proletarische Laienbühnen und Kampfspieltruppen betrieben parteipoliti­ sche Agitation, die meist auch den Zuschauer (etwa durch gemeinsames Absingen der »Internatio­ nalen«) miteinbezog. Die Aufführungen bestanden in der Regel im Stil einer Revue aus Rezitatio­ nen, Songs, Ansprachen an das Publikum, dramatisierten aktuellen Zeitungsnachrichten und erfundenen, z.T. improvisierten Kurzszenen, in denen der Klassenkampf allegorisch vereinfacht dargestellt wurde. Diese Agitpropstücke, die vor den Fabriktoren und auf Partei- und Gewerk­ schaftsversammlungen aufgeführt wurden, entstanden meist in Teamarbeit ohne Nennung einzel­ ner Verfasser. Der Abbau des dichterischen Ichs zugunsten der Kollektivproduktion entsprach der kollektiven Zielsetzung dieser Stücke. Formen dieser kämpferischen, operativ-didaktischen Thea­ terkultur gingen auch in Brechts Lehrstücke von 1929/30 ein. Am wirkungsvollsten für die massenhafte Verbreitung proletarisch-revolutionärer Ideologie erwies sich die Kulturarbeit der sogenannten Internationalen Arbeiterhilfe (I. A.H.), einer Organi­ sation, die zunächst (ab 1921) karikative Hilfsaktionen für streikende, hungernde und verfolgte Arbeiter in anderen Ländern durchfuhrte, sich aber ab Mitte der 20er Jahre das Ziel setzte, die deutsche Bevölkerung durch Vorträge, Plakate, Filme, Zeitungen usw. über die Lage der internatio­ nalen Arbeiterbewegung zu informieren. Der Gründer der I.A.H., Willi Münzenberg, ab 1924 Reichstagsabgeordneter der KPD, baute in wenigen Jahren ein multi-mediales Informationsnetz­ werk auf, zu dem ab 1926 auch die »Prometheus Film-Verleih- und Vertriebsgesellschaft« gehörte, die neben der Propagierung sowjetischer Filme auch eigene proletarische Spielfilme in Auftrag gab, darunter Piel Jutzis Mutter Krauses Fahrt ins Glück (1929) und Slatan Dudows/Bert Brechts Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? (1932). Münzenberg hatte schon frühzeitig den politi­ schen Propagandawert der neuen visuellen Medien erkannt und sie seiner massenpolitischen Kulturarbeit dienstbar gemacht. Indem er seine Propagandatätigkeit auf alle Bereiche der kulturel­ len Produktion, Distribution und Rezeption ausdehnte [25], konstituierte er eine vom bürgerlich­ kapitalistischen Kulturmarkt unabhängige und autarke, aber auch relativ isolierte proletarische Subkultur. Es war Kultur von klassenbewußten Autoren für klassenbewußte Leser. Münzenbergs frage nach der Massenwirksamkeit revolutionärer Literatur wurde in dem Maße dringlicher, als es galt, der zunehmend aggressiver auftretenden völkisch-nationalsozialistischen Propagandaliteratur entgegenzuwirken. Die Literatur gehört zu den »wichtigsten Machtmitteln der herrschenden Klasse«, schrieb O. Biha in der Roten Fahne 1930, denn: »Sie hält Millionenmas­ sen unter ihrem Einfluß und ist mitbestimmend für ihre Entwicklung. Vor allem aber übt die reaktionäre Schundliteratur einen verheerenden Einfluß auf das Bewußtsein der Massen aus. [...] Diese Massenromane des klassenlosen Idylls, des Wirtschaftsfriedens unter der Parole: Freie Bahn dem Tüchtigen, der Geduld und Ordnung, der Vaterlandsliebe und Demut, der Heiligkeit des Besitzes, sind gefährlicher als die sogenannte große Literatur der Bourgeoisie. Die Partei muß in ihren Kämpfen um die Masse diese Literatur zurückdrängen.« (S. 472) Er kündigt deshalb die Herausgabe des sogenannten »Roten Eine-Mark-Romans« an, der die Wirklichkeit des Arbeiters nicht mehr romantisch-kitschig durch den Traum von Luxus und privatem Glück verklärt,

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sondern »die Konflikte der Zeit und die Kämpfe der Massen gestaltet.« (ebd.) Romane wie Marchwitzas Sturm auf Essen, Klaus Neukrantz’ Barrikaden am Wedding und Willi Bredels Maschinenfabrik N. &K. behandeln in der dokumentarisch-reportagenhaften Form der Arbeiter­ korrespondenzen die proletarische Wirklichkeit in Fabrik und Mietskaserne und beim revolutionä­ ren Kampf. Paradoxerweise war es der von O. Biha als »vollwertige proletarische Literatur« propagierte rote Massenroman, der Kontroversen über die wahre proletarische Literatur auslöste. In der Linkskurve, dem Organ des 1928 gegründeten »Bundes proletarisch-revolutionärer Schrift­ steller« (BPRS), wandte sich bereits im März 1930Josef Lenz, der Leiter der Agitprop-Abteilung beim Zentralkomitee der KPD, gegen die »Verhimmelung der Arbeiterkorrespondenzen und Betriebszeitungen« als den sogenannten »Urzellen der proletarischen Literatur« und plädierte für eine Orientierung der proletarischen Literatur an früherer, auch bürgerlicher, revolutionärer Literatur. In einer Artikelserie Zur Frage der marxistischen Ästhetik bezeichnete dann Karl August

Wittfogel die »junge proletarisch-revolutionäre Kunst« lediglich als Durchgangsstadium zur forma­ len künstlerischen Gestaltung. Und im Oktober 1931 verurteilte Johannes R. Becher, einer der Mitherausgeber der Linkskurve, die »Schaffung des Eine-Mark-Romans« nicht als »Wendung zur Massenarbeit«, sondern als »Zurückgebliebenheit« und »Versagen«. [26] Statt der um 1930 gefor­ derten »Wendung zum Betrieb« verlangt er jetzt von der wahren proletarischen Massenliteratur »Verbundenheit mit dem ganzen proletarischen Alltag.« (ebd.) Bei GeorgLukacs, der als Beauftrag­ ter der Komintern ab 1931 in Berlin weilte, hat sich die Kritik am proletarischen Massenroman, wie ihn Bredel und Ottwalt repräsentieren, noch weiter verschärft. In mehreren Artikeln der Linkskurve (April bis Dezember 1932) fordert er von der proletarischen Literatur »Gestaltung« (im Sinne des bürgerlichen Romans des 19. Jahrhunderts) statt Reportage, Parteilichkeit statt offener Tendenz, Totalität der Weitsicht und Erfassung des gesellschaftlichen Gesamtprozesses statt der verengten Perspektive des Proletariers. Lukacs’ Wendung gegen die revolutionäre Arbeiterdich­ tung und sein Plädoyer für den »sozialistischen Realismus« entspricht der literarischen Entwick­ lung in der Sowjetunion: Nach der Konsolidierung der Herrschaft Stalins und der Verkündigung des Sieges des Sozialismus wurde die kämpferische proletarisch-revolutionäre Literaturtheorie durch den »Sozialistischen Realismus« abgelöst. Äußeres Zeichen dafür war die Auflösung der sowjetischen Organisation der proletarisch-revolutionären Schriftsteller (RAPP) im Jahre 1932. Die im BPRS zusammengeschlossenen deutschen Arbeiterdichter wurden durch diese moskautreue scharfe Wendung nach rechts überrascht und verunsichert. Als sie sich gegen diese »Kritik von oben« wehrten, wurden sie von Lukacs als Anhänger der sogenannten »Spontaneitätstheorie der Literatur« abgekanzelt. Ab 1933 wurde die Auseinandersetzung um den Sozialistischen Realismus im Exil weitergeführt; die Linkskurve, das Hauptforum dieser Diskussion, hatte ihr Erscheinen schon im Dezember 1932 eingestellt. Wie schon bei der Erbediskussion läßt sich auch beim Sozialistischen Realismus eine direkte Linie zu literaturtheoretischen und kulturpolitischen Debatten in der DDR ziehen. In dem Maße, wie es sich bei der proletarisch-revolutionären Literaturbewegung um eine weitgehend von der KP geplante, organisierte und kontrollierte Tätigkeit handelte, waren Diskre­ panzen zwischen der jeweils geforderten und der jeweils existierenden Literatur unvermeidlich. Die Linkskurve war in den wenigen Jahren ihres Bestehens gefüllt mit programmatischen Erklärun-

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gen, Manifesten, Mahnrufen und Rechenschaftsberichten über Geleistetes und noch zu Leisten­ des. Besonders wichtig für die Identitätsbildung einer eigenständigen proletarischen Literatur waren die überscharfen sektiererischen Abgrenzungen gegenüber den sozialdemokratischen Arbeiterdichtern und den linksbürgerlich-kritischen Schriftstellern wie Toller; Tucholsky und Döblin. Die Linkskurve folgte damit dem aus der Rückschau tragisch verfehlten isolationistischen Kurs der KP, die noch 1932 den Hauptfeind im sogenannten »Sozialfaschismus« der SPD, nicht im heraufziehenden Faschismus der Nationalsozialisten sah. Der historisch folgenreiche Bruch zwi­ schen linksbürgerlichen und kommunistischen Schriftstellern zeichnete sich bereits 1928/29 ab, als sich die linksbürgerlichen Intellektuellen angesichts der sich verschärfenden politischen und wirtschaftlichen Krise für oder gegen die Zusammenarbeit mit der KP zu entscheiden hatten. So versicherte Kurt Tucholsky 1929 als Vertreter der Weltbühne: »Wir haben niemals beansprucht, die Führer der Arbeiterklasse zu sein« (S. 609) und Gerhart Pohl, der Herausgeber der linksbürgerli­ chen Zeitschrift Neue Bücherschau bestand auf der, wie er glaubte, für Schriftsteller und Kritiker notwendigen parteilichen Unabhängigkeit. (S. 614) E. E. Kisch erklärte dagegen, die Zugehörigkeit zur Partei verhelfe dem Schriftsteller zu einem »lebendigen Zusammenhang mit der aufstrebenden Klasse«, (ebd.) Anlaß dieses offenen Bruches zwischen linksbürgerlichen und kommunistischen Autoren war eine positive Besprechung von Benns Prosa durch Max Herrmann-Neiße in der Neuen Bücherschau von 1929, in der parteipolitisch engagierte Schriftsteller als »literarische Lieferanten politischer Propagandamaterialien« (ebd.) bezeichnet wurden. Die Abgrenzungsdebatten zwischen linksliberalen »freischwebenden« und parteigebundenen kommunistischen Intellektuellen ver­ schärften sich ab 1929/30 zu einem offenen Stellungskrieg, vor allem nachdem die parteilich organisierten Schriftsteller in der Linkskurve ihre eigene Zeitschrift gegründet hatten. Angriffe auf frühere Mitstreiter waren in der Linkskurve nicht selten. So ging Johannes R. Becher, der führende Kopf der Linkskurve, mit Döblins politischer Haltung, wie sie sich in seinem Roman Berlin Alexanderplatz angeblich dokumentiert, besonders hart ins Gericht. Döblin konterte nicht weniger scharf: »Das ist die zum Lachen armselige literarische Vertretung der deutschen KP: Rote Kinder­ fähnchen über einer Wirklichkeit, die man nicht kennt, der man mit Schmockphrasen aus dem Wege geht. Wer wundert sich da politisch noch über was?« (S. 617) Die für das Schicksal der Weimarer Republik schwerwiegende Spaltung der Arbeiterklasse fand in diesen Polemiken zwischen linksbürgerlichen und kommunistischen Autoren ihren Widerhall. Dabei schien nicht mehr wichtig, was die Literatur zu sagen hatte, sondern wem sie gehörte und wem sie diente.

Die Wendung gegen die Moderne »Eine Zeit ist immer ein Durcheinander verschiedener Zeitalter«, schrieb Alfred Döblin 1924 in seinem Essay Der Geist des naturalistischen Zeitalters, »ist große Abschnitte hindurch undurchgoren, schlecht gebacken, trägt Rückstände anderer Kräfte, Keime neuer in sich.« (S. 163) Döblins Modell des kulturellen Modernisierungsprozesses, das die später (1932) von Ernst Bloch entwikkelte These von der »Ungleichzeitigkeit« der deutschen Kultur vorwegnimmt [27], beschreibt den grundlegenden und immerwiederkehrenden Konflikt zwischen der modernen, d.h. technisch­ industriellen Zeitströmung, »die die Großstädte umbaut, ganze Staaten zu Großstädten macht«, und der viel älteren Kraft des »Ländlichen«: »Der technische Impuls [... ] berührt den ländlichen,

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sucht ihn zu verdrängen, zum mindesten zu überschatten. Aber das Ländliche hat, wie das Humanistische und Mönchische, enorme Kraft, eben die des Gewachsenen, auch des Älteren, Bestehenden, die Schwerkraft der Tradition. Es ist in gewisser Hinsicht für den neuen Impuls unerreichbar; denn das Ländliche bewegt sich und lebt in einer anderen Sphäre des Gruppentiers.« (S. 163) Das Ländliche, zu dessen Umkreis Döblin auch das Nationale, Völkisch-Rassistische - »Die sehr alten Worte Rasse und Blut beschäftigen die Großstädter« (ebd.) - und das Mystische zählt, läßt sich seiner Theorie zufolge auch in Zeiten der Modernisierung nicht besiegen, nur unterdrükken, verdrängen, beiseite schieben. Diesem Modell nach bestand die Weimarer Kultur aus zwei Kulturen: einer programmatisch modernen, avantgardistisch-intellektuellen Großstadtkultur und einer bewußt anti-modernen, thematisch wie stilistisch rückwärtsgewandten, volkstümlich­ völkischen Blut- und Bodenkultur. Aus der Perspektive der sich unterdrückt fühlenden völkisch­ nationalen Kultur befand sich die »offizielle« Literatur der Weimarer Republik in den Händen einer volksfremden Berliner Clique von wurzellosen Asphaltliteraten, die sich anmaßten, die »deutsche« Literatur zu repräsentieren. »Der deutsche Schriftsteller verbittet sich Ihre Vertretung«, schrieb der völkische Schriftsteller Walter Bloem an Heinrich Mann, als dieser 1932 auf dem Amster­ damer Antikriegskongreß im Namen der deutschen Schriftsteller sprach (S. 526). Der Machtkampf zwischen den beiden Kulturen spaltete auch die Sektion für Dichtkunst an der Berliner Akademie der Künste. Als im Jahre 1931 die völkischen Schriftsteller Wilhelm Schäfer,

Emil Strauß und Erwin Guido Kolbenheyer demonstrativ aus Protest gegen die Berliner »Litera­ ten« aus der Dichterakademie austraten, nannte Döblin diese Dichter verächtlich »überzeitliche Fabrikanten von Ewigkeitswerten« und »Orphiker, die die Kunst der Pythia einatmeten«. (S. 102) Der ins Journalistische und Politische ausgreifende Literaturbegriff der »Modernen« und »Zeitge­ mäßen« kollidierte mit der (Döblin zufolge) unzeitgemäßen »Kunst der Scholle, des sehr platten Landes«. Die hier auf die Spitze getriebene Arroganz der Großstadt gegenüber der (angeblich) zurückgebliebenen Provinz bestärkte die Ressentiments der Schriftsteller im Reich gegen die Berliner »Asphaltliteraten«. »Es ist heute eine für die deutsche Kultur entscheidende Frage«, schrieb Wilhelm Stapel, der einflußreiche Herausgeber der Zeitschrift Das Deutsche Volkstum, 1930 in seinem Aufsatz Der Geistige und sein Volk, »ob die deutsche Landschaft sich die Anmaßungen und Frechheiten der Berliner Geistigkeit gefallen läßt. [... ] Der Geist des deutschen Volkes erhebt sich gegen den Geist von Berlin. Die Forderung des Tages lautet: Aufstand der Landschaft gegen Berlin.« (S. 509 f.) Bereits 1919 hatte der schwäbische Dichter Ludwig Finckh gefordert: »Dem Geist von Berlin muß ein anderer entgegengestellt werden, der Geist von Deutschland!« (S. 15) Der Haß auf Berlin als Ort der Industrialisierung, des Kapitalismus und der westlich-undeutschen Kultureinflüsse war ein Integrationsfaktor für die antimodernen Ressenti­ ments der Heimatkunstbewegung seit der Jahrhundertwende gewesen und brauchte in der Weimarer Republik nur neu aktiviert zu werden. In dem nationalistischen Klima des Ersten Weltkrieges sind Begriffe wie Volkstum, Heimat, Deutschtum und nationale Volksgemeinschaft politisch und emotional auf eine Weise aufgeladen worden, daß sogar die militärische Niederlage als Verrat und »Dolchstoß« landfremder und antideutscher Elemente erklärt werden konnte. In der Weimarer Republik wurde auf der völkischnational-konservativen Seite zwischen dem deutschen Volkstum und dem westlichen, d. h. >undeut-

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sehen« Staatsgebilde der parlamentarischen Demokratie streng unterschieden. So behauptete Adolf Bartels 1920: »Mit dem Fall des Kaisertums, der Zerstörung des Bismarckschen Verfassungs­ werkes ist für uns der dem deutschen Volkstum entsprechende Staat zugrunde gegangen; was an seine Stelle getreten ist, ist durchaus kein deutscher Volksstaat, sondern ein kosmopolitisches Gebilde, das das deutsche Volkstum nur endgültig zugrunde richten kann.« (S. 528) Die politischen und wirtschaftlichen Probleme, die der Republik aufgrund des vom Kaiserreich angezettelten Krieges erwuchsen, machten es den Völkischen leicht, den demokratischen Staat als dem deut­ schen Volke unangemessen zu denunzieren. So ist es nur natürlich, daß auch alle kulturellen Modemisierungsbestrebungen als »wesdiche« Unterminierung des deutschen Volkstums bekämpft werden mußten. Der Begriff »völkisch« - bis in die Nazizeit ein gängiges Schlagwort für antimodeme Vorstel­ lungsinhalte - bezeichnete in der Weimarer Republik die Gebundenheit an Blut und Boden und implizierte den Glauben an die Überlegenheit der deutschen Rasse über die jüdische. Das in den Nachkriegsjahren überall herrschende Gefühl der Unsicherheit, Paranoia und Verfolgungsangst bildete den psychologischen Nährboden, auf dem völkisch-nationalistische und antisemitische Propagandaliteratur gedeihen konnte. Vor allem der in der Inflation offen zutagetretende Bankrott des westlichen Kapitalismus und Materialismus führte zu einem Anschwellen einer vielgelesenen Massenliteratur, in der die herkömmlichen Werte eines präkapitalistisch-feudalistischen, bäuerli­ chen urdeutschen Volkstums propagiert wurden. Diese völkische Groschenliteratur erfüllte die Lesebedürfnisse einer großen Masse von verarmten Kleinbürgern, Arbeitern und Bauern, die durch die Folgen des Krieges und der Inflation verunsichert worden waren und der modernen industriellen Massengesellschaft fremd und feindlich gegenüberstanden. Die völkische Massenlitera­ tur spiegelte ihnen eine heile, ländlich-archaische, hierarchisch geordnete Welt vor, unberührt von Großstadt, Technik, Judentum und Geldwirtschaft, angesiedelt in mythischer Geschichtslosigkeit. Sie schürte die bereits latent vorhandenen Ressentiments sowohl gegen die Übel der kapitalistisch­ liberalen Industriegesellschaft wie auch gegen die sogenannte wertzersetzende »kultur­ bolschewistische Ausländerei« der zeitgenössischen Großstadtliteratur und plädierte für die Rück­ kehr zur Scholle, zum Deutschtum und zur Volksgemeinschaft. Auf diese weit verbreitete und massenhaft gelesene antidemokratische und antiliberale Literatur, die aus den wirtschaftlichen Ängsten und den utopischen Sehnsüchten ihrer Leser Kapital zu schlagen wTjßte, haben sich dann die Nationalsozialisten gestützt; sie wurde von ihnen zur »offiziellen« Literatur aufgewertet. Innerhalb der völkischen Literaturbewegung nahm in der Nachkriegs- und Inflationszeit beson­ ders der Umfang der antisemitischen Massenliteratur zu. Da die wirtschaftlichen Ursachen des Inflationsprozesses den Betroffenen in der Regel unverständlich blieben, lag es nahe, die Schuld an der Geldentwertung und der allgemeinen wirtschaftlichen Misere einem Sündenbock anzulasten. Der Haß auf die Juden als die angeblichen Urheber der Inflation, den die völkisch-nationalistische Presse schürte, schlug angesichts der sich verschlechternden ökonomischen Situation schon 1920 in Vernichtungsphantasien um. So hieß es im Völkischen Beobachter am 10. März 1920: »Es muß ganze Arbeit gemacht werden. Die Ostjuden müssen unverzüglich hinausgeschafft werden, gegen alle übrigen Juden muß sofort mit rücksichtslosen Maßnahmen vorgegangen werden. Solche Maßnahmen wären z.B. Einführung von Judenlisten in jeder Stadt bzw. in jeder Gemeinde,

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sofortige Entfernung der Juden aus allen Staatsämtern, Zeitungsbetrieben, Schaubühnen, Licht­ spieltheatern usw. - kurz gesagt - es muß dem Juden jede Möglichkeit genommen werden, weiterhin seinen unheilvollen Einfluß zu üben. Damit die beschäftigungslosen Semiten nicht insgeheim wühlen und hetzen können, wären sie in Sammellager zu verbringen. Man wende nicht ein, daß solche Maßnahmen undurchführbar sind. Das deutsche Volk, das 4 '/t Jahre lang gegen eine Welt von Feinden siegreich [sic!] gewesen ist, wird jede Stunde trotz allem noch die Kraft haben, sich von dem jüdischen Gift zu befreien.« [28] Die Vorstellung der völkischen Antisemiten vom »jüdischen Gift«, das in den gesunden deutschen Volkskörper eingedrungen sei und ihn von innen heraus zersetze, fand nicht nur in der völkischen Presse und Groschenliteratur massenhafte Verbreitung, sondern wurde auch in der Nachfolge der antisemitischen Schriften Gobineaus und Chamberlains in zahlreichen pseudogelehrten Abhandlungen und Debatten öffentlich vertreten. Der Kampf gegen den jüdischen »Antigermanismus« und Internationalismus wurde in der Weima­ rer Republik noch weitgehend in der kulturellen Sphäre ausgetragen. Auf die Beteuerungen der »literarischen Antisemiten« wie Hans Blüher und Wilhelm Stapel, mit ihren Schriften nicht die physische Mißhandlung der Juden zu wollen, erwiderte Carl von Ossietzky am 19. Juli 1932: »Die Herren vergessen den Zeithintergrund und welche Resonanz sie finden können. Heute braucht sich kein schwachnerviger Skribler selbst zu bemühen. Ein gutgezieltes Wort genügt, um Hände in Bewegung zu bringen. In dieser Zeit liegt viel Blutgeruch in der Luft. Der literarische Antisemitis­ mus liefert nur die immateriellen Waffen zum Totschlag.« (S. 542) Die nationale Identitätskrise nach dem verlorenen Krieg und dem als nationale Schmach empfundenen Versailler Friedensvertrag führte zu einem Wiedererstarken der pessimistischen Kulturkritik, die sich seit dem späten 19. Jahrhundert gegen Modernität, Rationalismus und Materialismus gewandt hatte. Verhieß Julius Langbehn um 1890 in seinem weitrezipierten Buch Rembrandt als Erzieher ein ganzheitliches, der modernen Fragmentierung entgegengesetztes, restauratives Lebensideal, so verkündete Moeller van den Bruck um 1923 seine Vision von einem ganzheitlichen Nationenideal. Sein Buch mit dem Titel Das dritte Reich (1923) ersehnt ein erneuertes, geeintes Deutschland, das sowohl revolutionär (in seinem drängenden Impuls, den schändlichen Status quo zu ändern und den dekadenten Westen zu besiegen) als auch konservativ­ deutschvölkisch in seiner ideologischen Ausrichtung ist. Die Deutschlandphantasien der »Konser­ vativen Revolution« - auch Hofmannsthals und Ernst Jüngers Entwürfe zählen dazu - entbehren einer konkreten Analyse des realpolitisch Machbaren; stattdessen ästhetisieren sie die Politik. Angeekelt von dem parlamentarischen, langweiligen Kompromiß- und Zweckdenken, von dem chaotischen und kleinlichen Kampf der Rartei-und Interessengruppen untereinander, entwarf Moeller van den Bruck die literarische Utopie einer elitär-ständestaatlichen, deutschvölkischen Schicksalsgemeinschaft, in der die Gegensätze zwischen Stämmen, Konfessionen und Klassen aufgehoben sein sollten. Diese rückwärtsgewandte Vision fungierte als ein durchaus politisch gemeinter Gegenentwurf zum pluralistischen System der Republik, die 1923, als Das dritte Reich publiziert wurde, durch Ruhrkrise, Hyperinflation und Hitler-Ludendorff-Putsch kurz vor dem Zusammenbruch stand. Die Konservative Revolution war nicht nur ethisch-ästhetische Reaktion auf die »Entzauberung der Welt« (Max Weber), auf ihre Rationalisierung, Mechanisierung und Technisierung, sondern auch Sammelbecken für die junge intellektuelle Kriegsgeneration, die in

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zahlreichen, jungkonservativen Zeitschriften (Arminius, Standarte, Der Vormarsch, Die Kommen­ den, Der Ring, Europäische Revue, Der Widerstand und Die Tat) einen neuen Nationalismus propagierte, der sich von dem deutschtümelnden und antisemitischen Nationalismusbegriff der Völkischen und Nationalsozialisten programmatisch abhob. Zentral für diesen neuen Nationalis­ mus war dabei das Kriegserlebnis von 1914, als eine geeinte Volksgemeinschaft - selbst Klassenun­ terschiede schienen aufgehoben - heroisch in den Krieg zog. So schrieb Ernst Jünger, der Hauptvertreter dieses neuen Soldatischen Nationalismus: »Der Krieg ist unser Vater, er hat uns gezeugt im glühenden Schoße der Kampfgräben als ein neues Geschlecht, und wir erkennen mit Stolz unsere Herkunft an. Daher sollen unsere Wertungen auch heroische, auch Wertungen von Kriegern und nicht solche von Krämern sein, die die Welt mit ihrer Elle messen möchten. Wir wollen nicht das Nützliche, nicht das Praktische und nicht das Angenehme, sondern das Notwen­ dige - das, was das Schicksal will.« [29] Der Appell an das Elementare und Schicksalhafte, an das Absolute und Mythische ist rebellische Antwort auf die »graue Republik« (Tucholsky) und ihre prosaische Form der Regierung, die Jünger 1929 wie folgt kommentierte: »Unsere Großväter durften ihre angesäuerten Ideale verwirklichen, aber dieser Rock war zu billig, zu sehr 48er Konfektion, um dauerhaft zu sein. Es besteht in der Jugend die Auffassung, daß die Revolution nachgeholt werden muß.« [30] Die Revolution selbst versteht Jünger in seinem programmatischen Aufsatz über den »Neuen Nationalismus« als einen mythisch überhöhten Totalaufstand des Elementaren gegen das Bürgerlich-Moralische, Demokratische und Zivilisatorische: »Wir überlas­ sen die Ansicht, daß es eine Art Revolution gibt, die zugleich die Ordnung unterstützt, allen Biedermännern. Was hat denn das Elementare mit dem Moralischen zu tun? Dem Elementaren abei; das uns im Höllenrachen des Krieges seit langen Zeiten zum ersten Male wieder sichtbar wurde, treiben wir zu. Wir werden nirgends stehen, wo nicht die Stichflamme uns Bahn geschla­ gen, wo nicht der Flammenwerfer die große Säuberung durch das Nichts vollzogen hat. Wer das Ganze leugnet, der kann nicht aus den Teilen Früchte ziehen. Weil wir die echten, wahren und unerbittlichen Feinde des Bürgers sind, macht uns seine Verwesung Spaß. Wir aber sind keine Bürger, wir sind Söhne von Kriegen und Bürgerkriegen, und erst wenn dies alles, dieses Schauspiel der im Leeren kreisenden Kreise, hinweggefegt ist, wird sich das entfalten können, was noch an Natur, an Elementarem, an echter Wildheit, an Ursprache, an Fähigkeit zu wirklicher Zeugung mit Blut und Samen in uns steckt. Dann erst wird die Möglichkeit neuer Formen gegeben sein.« [31] Jüngers elitäre Verachtung aller bürgerlich-liberalen Wertmaßstäbe zugunsten ungebrochener, elementarer Natur ist eine ins Extrem getriebene ästhetische Pose, die von Visionen anarchisti­ scher Gewalt, von Untergang und Apokalypse fasziniert ist. Der Krieg, als Instrument der Überwin­ dung der verhaßten bürgerlich-liberalen Zivilisation glorifiziert, bedeutete für ihn auch das Ende des Rationalismus: »Was unsere Literaten und Intellektuellen darüber zu sagen haben, ist für uns ohne Belang. Der Krieg ist ein Erlebnis des Blutes, daher ist nur das von Bedeutung, was Männer über ihn zu sagen haben.« [32] Wie in der bürgerlich-antibürgerlichen Literatur des Symbolismus und des Lebenskultes (aber auch des Surrealismus) wird bei Jünger der Welt des Bürgertums eine vitalistisch-irrationale »Ästhetik des Schreckens« [33] entgegengesetzt. Die zunächst in der Phanta­ sie gesellschaftlich marginalisierter, elitärer Künstler entworfenen »literarischen« Visionen einer Welt ohne bürgerlichen Liberalismus, bürgerliche Toleranz und Kompromißbereitschaft haben

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nach 1933 - über die Intentionen dieser Künstler hinausgehend - konkrete Gestalt angenommen. Jüngers analytisch-modernistischer Antirationalismus ist allerdings streng von dem programma­ tischen Antiintellektualismus der völkisch-nationalsozialistischen Bewegung abzuheben. Friedrich Sieburg hat polemisch darauf hingewiesen: »Wenn ich Adolf Hitler wäre«, schrieb er am 30. November 1930 in der Frankfurter Zeitung, »würde ich allen Leuten, die zum Hakenkreuz beten, die Abfassung literarischer Werke und überhaupt jegliche Beteiligung am deutschen Literaturtrei­ ben streng untersagen. Blut ist dicker als Tinte, und es ist den Bürgern des Dritten Reiches angemessener, ihren Landsleuten von heute über den Schädel zu schlagen, als solche Taten in epischer Form zu beschreiben und sie als das ethische Ideal, das sie zu sein scheinen, der Dichtung einzuverleiben.« (S. 582) Tatsächlich lag der Massenappeal der Hitlerbewegung nicht im geschrie­ benen Wort, sondern in der direkten Aktion: im »Kampf um die Straße« durch SA-Schlägertruppen (schon ab 1926 wurden mißliebige Theateraufführungen gesprengt, s. S. 573 ff.), im Pomp der Aufmärsche und Umzüge, im Zeremoniell der Parteitage mit Braunhemden und Militärkapelle und schließlich in der Suggestionskraft der Hitlerreden. Hitler selbst hatte bereits 1925 in Mein Kampf eine sowohl wirkungsästhetisch wie werbepsychologisch ausgeklügelte »Theorie« des gesprochenen Wortes entworfen, die sowohl seine Verachtung der »femininen« Massen als auch die bewußte Manipulation, die die politische Rede zum theatralischen Auftritt verkommen ließ, zum Ausdruck bringt. Massenpsychologisch gesehen war der Nationalsozialismus keine Partei, sondern eine Bewegung, die eben diejenigen Wahlermassen auffing, die ihr Vertrauen in das parlamentarische Parteien System verloren hatten. Der vitalistisch-irrationale Aktionismus dieser Bewegung, der mit öffentlich eingesetzten Terrortaktiken Widerstand von vornherein einschüch­ terte, ließ die öffentlichen Warnungen der Schriftsteller gegen den Faschismus ins Leere laufen. Thomas Manns rationales Plädoyer für die Sozialdemokratie (S. 579 ff.), Heinrich Manns zweck­ optimistische Hoffnung auf die Vernunft des Bürgertums (S. 592 ff.), Walter Mehrings brillant satirische Abfertigung von Hitlers Schreibstil (S. 576 ff.) und Lion Feuchtwangers defätistischer Aufruf von 1931 an die deutschen Schriftsteller, sich aufs Exil vorzubereiten (S. 590 f.): all dies waren ohnmächtige intellektuelle Reaktionen auf eine antiintellektuelle Massenbewegung. Eine zentral organisierte nationalsozialistische Kulturpolitik nahm erst ab 1929 Gestalt an, als die ursprünglich von Alfred Rosenberg, Heinrich Himmler und Gregor Strasser gegründete »Nationalsozialistische Gesellschaft für deutsche Kultur« in den »Kampfbund für deutsche Kul­ tur« umgewandelt wurde. Ziel des sich geschickt überparteilich präsentierenden, heimlich aber von der NSDAP geleiteten Kampfbundes war es, »inmitten des heutigen Kulturverfalls die Werte des deutschen Wesens zu verteidigen und jede aneigene Äußerung kulturellen deutschen Lebens zu fördern.« (S. 549) Das bedeutete gezielte Verfolgungs- und Denunziationskampagnen gegen die »Abfälle einer Großstadtzivilisation«, wie sich Goebbels 1931 ausdrückte (S. 552) und Kampf gegen den sogenannten linken »Kulturbolschewismus« in Literatur, Film, Theater und Schule. [34] Bereits 1930 bestand in Thüringen Gelegenheit, die zukünftige nationalsozialistische Kulturpolitik in Aktion zu sehen. Dort wurde in den Landtagswahlen vom 8. Dezember 1929 der nationalsoziali­ stische Regierungsabgeordnete Wilhelm Frick zum Innen- und Volksbildungsminister gewählt. Innerhalb kürzester Zeit und in beständiger Rücksprache mit Hitler und der NSDAP haue er mit Hilfe von Notverordnungen im »Kampf gegen marxistische Verelendung« sämtliche Beamtenstel-

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len (einschließlich der Polizei) mit Parteigenossen besetzt, Schulen von mißliebigen Lehrern »gesäubert«, Bücher verboten und Theaterspielpläne überwacht. Aufsehen erregte im Reich sein im April 1930 veröffentlichtes Kulturprogramm mit dem Titel »Wider die Negerkultur für deutsches Volkstum«. Ganz im Sinne der nationalsozialistischen Hetzpropaganda polemisierte er gegen moderne, kosmopolitische Kunst, da sich dort »in steigendem Maße fremdrassige Einflüsse« geltend machten, die die »sittlichen Kräfte des deutschen Volkstums zu unterwühlen geeignet« seien. [35] Obwohl Frick bereits nach einem Jahr wegen seiner illegalen Notverordnungen das Vertrauen entzogen worden ist, demonstrierte das nationalsozialistische Interregnum doch unmiß­ verständlich, daß im Namen des deutschen Nationalismus Kulturterror gegen die »undeutschen« Linken mit dem (wenn auch passiven) Einverständnis der kulturtragenden bildungsbürgerlichen Bevölkerung ausgeübt werden konnte. In ihrem fanatisch geführten Kampf gegen den »kulturellen Niedergang« Deutschlands hatte die NSDAP bereits am 12. März 1930 im Reichstag ein »Gesetz zum Schutze der Nation« vorgelegt, dessen § 4 lautete: »Wer es unternimmt, deutsches Volkstum und deutsche Kulturgüter, insbesondere deutsche Sitten und Gebräuche zu verfälschen oder zu zersetzen oder fremdrassigen Einflüssen auszuliefern, wird wegen Kulturverrats [... ] mit Zucht­ haus betraft.« [36] Am 28. Februar 1933, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, diente dieser Gesetzentwurf als Notverordnung, aufgrund derer kommunistische und staatsfeindliche Schriftstel­ ler und Intellektuelle verhaftet wurden. Vernichtung aller geistigen Opposition war auch das Motiv der Bücherverbrennungen, die am 10. Mai 1933 in allen deutschen Universitätsstädten stattfanden und das Ausmaß des kommenden Kulturterrorismus ahnen ließen.

Der Rückzug in die Innerlichkeit Am 19. April 1930, ein halbes Jahr etwa nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise und bereits ein halbes Jahr vor dem entscheidenden Wahlerfolg der Nationalsozialisten am 14. September 1930, prophezeite Herbert Ihering: »Niemand zweifelt daran, daß eine Kulturreaktion heraufzieht, deren Ausdehnung und Dauer nicht abgeschätzt werden kann. Diese Kulturreaktion kommt nicht kämpfend. [... ] Nein, der Umschwung vollzieht sich allmählich. Unmerkbar ändern sich die Vorzeichen. Unsichtbar lagern sich die Begriffe um. Es ist nichts anderes, als ein langsamer und vorsichtiger Klimawechsel.« (S. 657) Unübersehbare Anzeichen dieser »Tendenzwende« waren die zunehmend stärker hervortretenden selbstkritischen Stimmen, die sich programmatisch von den modernistischen Strömungen der 20er Jahre distanzierten. »Schluß mit der Neuen Sachlichkeit« forderte Joseph Roth, ursprünglich einer der eifrigsten Verfechter des neusachlichen Stils, bereits im Januar 1930. Während im Literaturbetrieb der Zeit Reportageromane, dokumentarische Theaterstücke und die sogenannte Gebrauchslyrik noch Konjunktur hatten, polemisierte Roth vehement gegen die opportunistischen Epigonen der dokumentarischen Literatur, gegen die Kommerzialisierung und Trivialisierung des Kulturlebens und gegen die Politisierung der Literatur. Der lyrikfeindliche »sachliche« Stil, literarisches Äquivalent zum technisch-industriellen Funktiona­ lismus, wurde um 1930 als undichterisch zurückgewiesen, die sozialkritische Thematik als »bloß radikale Geste« diskriminiert: »[...] dieses Chaos aus piscatorbegeisterten Börsianern, hysteri­ schen Kunstgewerblerinnen, radikalem Boulevardfeuilletonisten, geschäftstüchtigen Theatergrund­ stückschiebern und schlotternden greisen Pressekritikern mit der einen Angst, sie könnten hinter

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der >brausenden Jugend«, hinter der >Front der Zeit« Zurückbleiben: das alles muß nun bald in die nächste Abfallgrube versenkt werden.« (S. 660) Diese scharfe Selbstkritik unter dem Titel Restaura­ tion stammt von Willy Haas, dessen Zeitschrift Die literarische Welt selbst wesentlich zur Betrieb­ samkeit der Literaturszene der zwanziger Jahre beigetragen hatte. »Die Zeit der Experimente und Extreme ist vorüber«, schrieb Heinz Liepmann 1930 (S. 663) und Otto Rombach berichtete 1931 von Verlagen, die »sich nicht mehr getrauen, ihre angenommenen Bücher auf den Markt zu bringen« und von Theatern, die »Dutzende von Stücken liegenlassen«: »Genau so, wie vor wenigen Jahren die Politisierung der deutschen Öffentlichkeit gefordert wurde, womit die Schulen und Hochschu­

len, Film, Theater und Buch alarmiert wurden, genau so ergeht heute der Ruf nach Entpolitisie­ rung.« [37] Auch Hans Günther versteht in seinem Essay Die Kunst von morgen das Jahr 1930 als Wendepunkt: »Heute ist das Thema: Die Masse, das Geschrei. Das Ziel: Dokument. Morgen wird das Thema sein: das Innen, das Ich, die Stille. Das Ziel: Gestaltung.« Und kritisch fügt er hinzu: »Die Literaten, pfiffig und immer behende, werden sicherlich bald >in Gefühl machen«, wie sie bisher in Sachlichkeit machten [... ]«. [38] Im Mai 1932 spricht dann Walther Karsch bereits von einer »uneingestandenen Akklimatisierung [der Schriftsteller; A. K.] an den Faschismus« und von ihrer »Flucht in das Reich der Innerlichkeit««. (S. 672 f.) Der bewußte Rückzug aus der Politik war Ausdruck der Ohnmacht der Intellektuellen gegen­ über wirtschaftlichen und politischen Prozessen, die sie weder durchschauen noch beeinflussen konnten. Die unmittelbaren Folgen der Weltwirtschaftskrise - Massenarbeitslosigkeit und materi­ elle Existenznot auch bei den geistigen Berufen, Abbau alter Privilegien und die reale Marginalisie­ rung des geistigen Lebens gegenüber dem materiellen - wurden von den Schriftstellern nicht ökonomisch oder politisch, sondern als Symptom einer tieferliegenden Kulturkrise interpre­ tiert. [39] Der Zusammenbruch der Wirtschaft erschien ihnen als Kulmination blind-rationalistischer Modernisierung und als Ausdruck einer allgemeinen Sinnkrise. Der materielle, technokratische Geist, der noch in der Stabilisierungsphase als »sachlich« und »modern« gepriesen wurde, galt nun als der Urheber allen Übels. Je mehr sich die »modernen« Autoren der Neuen Sachlichkeit der

gesellschaftlichen und kulturellen Folgen einer konsequenten, letztlich vor allem großindustriell­ technokratischen Interessen dienenden Modernisierung bewußt wurden, revidierten sie ihre pro-modernen Positionen und zogen sich allmählich aus dem Bereich der Politik in ein Reich des Mythos, der Religion, der Natur und der Innerlichkeit zurück. [40] Mit dem Verlust des Glaubens an eine Veränderbarkeit und Verbesserung der Zustände starben nach 1929/30 auch die für die Weimarer Republik epochentypischen sozialaufklärerisch­ aktivistischen Impulse ab, jedenfalls in der bürgerlich-liberalen Literatur der nicht parteigebunde­ nen Autoren. (Sowohl die nationalsozialistischen als auch die kommunistischen Autoren reagier­ ten auf die restaurative Kulturkrise dezisionistisch mit verstärkter Agitation). Den herrschenden Gefühlen der Angst und Verunsicherung entspricht auch das Populärwerden der existenzialisti­ schen Philosophie - Heideggers Sein und Zeit erscheint 1927, Jaspers’ Philosophie 1932 - und die Zunahme kulturpessimistischer Prognosen wie Sigmund Freuds Essay Das Unbehagen in der Kultur (1929) [41] und Ortega y Gassets Der Aufstand der Massen (1930). • Im Literarischen setzte sich um 1930 ein im Formalen wie Thematischen rückwärtsgewandter Traditionalismus durch, der vor allem der Lyrik zugute kam. So sammelten sich um die Zeitschrift

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Die Kolonne, die 1929 in Dresden gegründet wurde, junge Lyriker, darunter auch Autoren wie Günter Eich, Peter Hüchel und Horst Lange, die erst nach dem »Nullpunkt« 1945 zur Prominenz gelangten. Ihr Programm plädierte für eine Poesie, die sich von der Politik zurückzog und sich distanzierte von dem »Getriebe der Großstadt« und von der Neuen Sachlichkeit, »die den Dichter zum Reporter erniedrigte und die Umgebung des proletarischen Menschen als Gefühlsstandard modernen Dichtens propagierte«. (S. 674) Aus Abneigung gegen alle Formen parteipolitischen Engagements negierten die jungen Lyriker der Kolonne jeglichen öffentlichen Anspruch der Dichtung und betonten stattdessen polemisch wie Gottfried Benn [42] das gesellschaftliche Enthobensein ihrer Gedichte. »Der Lyriker entscheidet sich für nichts«, schrieb Günter Eich 1932, »ihn interessiert nur sein Ich, [... ] für ihn existiert nur das gemeinschaftslose vereinzelte Ich.« (S. 687) Die scharfe Trennung zwischen privater und politisch-öffentlicher Sphäre, die hier zum Ausdruck kommt, ist Folge der gesellschaftlichen Marginalisierung des Dichters in der Weimarer Republik. Das Medium der Literatur bot ihm einen Ort freier Innerlichkeit, auch einen Ort des passiven Widerstands gegen den Industriestaat. Die sozialkritische Reportage wurde nun zugunsten dichterischer Introspektion zurückgewiesen, die fragwürdig gewordene Fortschritts­ gläubigkeit zugunsten des ewigen Kreislaufs der Natur: »Aber noch immer leben wir von Acker und Meer«, steht 1929 in der Kolonne, »und die Himmel, sie reichen auch über die Stadt. Noch immer lebt ein großer Teil der Menschheit in ländlichen Verhältnissen, und es entspringt nicht müßiger Traditionsfreude, wenn ihm Regen und Kälte wichtiger sind als ein Dynamo, der nie das Korn reifte«. (S. 674) Die Hinwendung zur Natur und zum Bäuerlich-Ländlichen erfolgte aus einem antipolitischen und antimodernen Impuls heraus. Besonders die Abwertung der Maschine (»Dynamo«) gegenüber dem organischen Reifeprozeß zeigt die antitechnische Tendenz dieses agrar-romantischen Naturgefühls. Die Natur galt als der Bereich, in dem das Gesellschaftliche und Politische ausgespart war. So schrieb Horst Lange Mitte 1933 bereits rückblickend auf die letzten Jahre der Weimarer Republik: »Wohin sollte die Jugend sehen, wonach sollte sie sich während des demokratischen Interregnums, in das ihre Wendung zur Selbständigkeit fiel, richten? Nichts außer der Natur: den Zeichen, die die Jahreszeiten auf die Erde schreiben, der unabänderlichen Wiederkehr des Gleichen in der Landschaft schien noch beständig zu sein.« (S. 677) Die aufgrund der Krisenerfahrung der Großen Depression um sich greifende Fortschrittsskepsis und Zukunftsangst haben zu einer Aushöhlung des historischen Bewußtseins und einem Wiederer­ starken mythologischer und christlicher Denkweisen geführt. Jenseits der im Verfall begriffenen, allzu vergänglichen zeitgenössischen Werte und Normen hofften die Schriftsteller, neue absolute Bindungen vorzufinden; Mythos und Religion sollten die Verzweiflung an der Geschichte und die rationalistische Zersetzung des Lebens überwinden helfen. [43] Aufgabe des Dichters der Gegen­ wart sei es, meinte Werner Bergengruen 1932, sich um »ewige Ordnungen« zu kümmern und um die »Aufrichtung archetypischer Standbilder«. (S. 682) Ernst Wiechert forderte 1931 gar, der Dichter müsse »seine Wurzeln in Gott haben«. (S. 679) Indem die Literatur über die Klassen, Stände und Gruppen hinweg ins Archetypische und Überirdische vorstieß, konnte sie zum abstrakten Träger des Allgemein-Menschlichen werden, ohne daß sie in der konkreten politischen Auseinan­ dersetzung mit dem Nationalsozialismus oder dem Kommunismus Partei ergreifen mußte. Diesen epochentypischen Hang zum Mythologischen, Archetypischen, Überindividuellen und

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Zeitlosen [44] haben sich in vulgarisierter Form die Ideologen und Propagandisten des Nationalso­ zialismus zunutze gemacht. Dem Relativismus setzten sie das Elementare, Absolute und Ewige entgegen, der Bewußtheit des Verstandes die Unbewußtheit des Blutes, der historischen Veränder­ barkeit der gesellschaftlichen Klasse die Unveränderbarkeit der Rasse. Der in der Weimarer Republik rapide zunehmenden Fraktionierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens wurde das Prinzip des unerbittlichen Führers entgegengehalten. Anders als die Kommunisten, die in ihren Kampagnen nach 1930 auf die »Wirtschaftsmentalität« [45] der Zeit abzielten, haben die Nationalsozialisten auf solche »materialistischen« Argumente verzichtet und sie durch ethisch­ ästhetische ersetzt. Ihre Mythologisierung und Totalisierung von Begriffen wie Nation, Germanen­ tum, Heimat und Volk haben nicht nur tiefverwurzelte irrationale Bedürfnisse der kleinbürgerli­ chen Volksmassen befriedigt, sie haben es auch verstanden, die individuellen Krisenerfahrungen in größere Sinnzusammenhänge einzuordnen (vgl. etwa ihre Erklärungsmodelle »Versagen der demokratischen Ordnung« und »jüdische Verschwörung«). Die Anfälligkeit großer Teile der deutschen Bevölkerung gegenüber dem faschistischen Gesell­ schaftsideal erklärt sich nicht zuletzt aus der sogenannten »Hungerpsychose«, d.h. aus ihrer panischen Angst vor dem sozialen Abstieg in den Jahren der Massenarbeitslosigkeit. Die materielle Überlebensangst war nicht nur mobilisierende Kraft hinter Phänomenen wie Antisemitismus,

Rassismus und Nationalismus, sondern schuf auch paradoxerweise die Voraussetzungen für das Bedürfnis weiter kleinbürgerlicher und z.T. proletarischer Bevölkerungsschichten nach Bindung und Unterordnung: »Heute lechzen wir, uns unseres >Ich< zu entledigen«, heißt es 1932, »werden in die Uniform schon hineingeboren, wir entledigen uns unserer Seele und kriechen in der Masse unter. [... ] Sinn des Daseins ist nicht mehr Glück und Freiheit des Einzelnen, sondern Ballung in Rasse, Klasse, Staat. So entwickelte sich jenes Geschlecht, das es liebt, in Reih und Glied zu stehen, Glück bloß im Massenglauben findet.« (S. 620) Der offensichtliche Identitätszerfall, der hier zum Ausdruck kommt, ist die Voraussetzung für die spätere bedingungslose Unterwerfung des einzel­ nen Subjekts unter den Willen des Führers und der Partei. Die dafür nötige Selbstentfremdung und Selbstverleugnung (bis hin zum freiwilligen Selbstopfer) waren lange vor Hitler in der Weimarer Republik erkannt und reflektiert worden: Gottfried Benns Abhandlung Das moderne Ich (1920), Sigmund Freuds Massenpsychologie undlchanalyse (1921), Georg Lukács’ Geschichte und Klassen­ bewußtsein (1923), Siegfried Kracauers Ornament der Masse (1926), Ortega y Gassets Aufstand der Massen (1930) und Ernst Jüngers (kürzlich wiederaufgelegte) kulturkritische Abhandlung Der Arbeiter (1932) setzten sich alle trotz unterschiedlicher wissenschaftlicher und ideologischer Ansätze und Bewertungen mit der Auflösung des autonomen Individuums im Zeitalter der technischen Zivilisation auseinander. Was vor diesem historischen Horizont die gegenwärtige Wiederaufnahme der Diskussion über den Tod des Subjekts bei den Strukturalisten und Poststrukturalisten zu bedeuten hat, wird erst die Zukunft erweisen.

1 Walter Benjamin, Gesammelte Schriften V. 1 (Das Passagen-Werk). Hrsg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt a.M. 1982, S. 273. 2 Michel Foucault hat in einem kürzlich veröffentlichten Gespräch über das heutige Selbstverständnis der Intellektuellen zwischen zwei Typen von Intellektuellen unterschieden: den sogenannten »universellen

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Intellektuellen«, die sich im Besitz universeller Wahrheit wähnen und im Namen aller zu sprechen vorgeben und den sogenannten »spezifischen Intellektuellen«, die als Techniker oder Wissenschaftler lediglich in ihrem spezifischen Fachgebiet wirken. (Das Verschwinden des universellen Intellektuellen, in: Frankfurter Rundschau [27. Juni 1981], auch in: Alternative 119 [April 1978]). - Die Machtverschiebung von der »universellen« (literarischen) zur »spezifischen« (technischen) Intelligenz, die Foucault für die Zeit nach dem 2. Weltkrieg ansetzt, fand in Deutschland bereits in der Weimarer Republik statt. Vgl. dazu auch Alfred Webers Aufsatz Die Bedeutung der geistigen Führer in Deutschland (in: Die Neue Rundschau 29 [1918] Bd. 2, S. 1249-1268), der Foucaults Unterscheidung von »universellen« und »spezifischen« Intellek­ tuellen vorwegnimmt. Vgl. dazu bes. Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen. Berlin 1918. Siehe auch Eckart Koestei; Literatur und Weltkriegsideologie. Positionen und Begründungszusammenhänge des publizistischen Engage­ ments deutscher Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. Kronbetg/Ts 1977; Klaus Vondung (Hrsg.), Kriegserlebnis. Der Erste Weltkrieg in der literarischen Gestaltung und symbolischen Deutung der Nationen. Göttingen 1980. So wurde die Nationalversammlung 1919 nicht in die Hauptstadt Berlin, sondern nach Weimar einberufen. Damit sollte eine Abwendung von der preußisch-militaristischen Tradition, die von Friedrich II über Bismarck zum Ersten Weltkrieg geführt hatte, signalisiert werden. Gleichzeitig bedeutete der Auszug nach Weimar eine Flucht vor der revolutionären Arbeiterschaft in Berlin, in dem Anfang 1919 bürgerkriegsähnli­ che Zustände herrschten. Alfred Döblin (unter dem Pseudonym »Linke Pool«), Neue Zeitschriften. In: A. D., Schriften zur Politik und Gesellschaft. Olten 1972, S. 84 (Erstveröffentlichung 1919). Vgl. auch Fritz Behns Kommentar zum »Fall Toller« 1919: »Mit einem Wort: Alles ist bei uns Literatur geworden. Das ist die Zeittendenz. Es gibt nur noch literarische Probleme, keine Taten. [... ] Dem Literarischen opfern wir alle Grundlagen des öffentli­ chen und persönlichen Lebens. Das Literarische zerstört unser Ethos, entgöttert die Welt. [... ] Literarisch war die ganze Revolution bisher - es ist kein Zufall, daß sie fast ausschließlich von landfremden und jüdischen Literaten inszeniert und gehalten wurde.« (S. 23 f. in diesem Band) Vgl. z. B. die Umfrage Die Not der Dichter in: Deutsche Zukunft. Beilage zur Zeitung Die Post (22. Februar 1920) Nr. 97, an der u.a. Oskar Loerke und Alfred Döblin teilnahmen. Vgl. auch Franz Bleis Essay Das Ende der Künstler. In: Neue Zürcher Zeitung Nr. 1394 (1920), in dem es heißt: »Zum Segen der Kunst werden in den allernächsten Jahren zehn tausende Künstlet; Dichtet; Schriftsteller eine Krise erleben, die sie als Künstler nicht überleben werden, zum Segen der im ungeheuerlichsten Maße obstipierten Kunst, die zuletzt nur mehr Betrieb wat; zumal in Deutschland.« W: Der Fall Kaiser. In: Frankfiirter Zeitung (16. Februar 1921) Nt 123. Vgl. dazu auch Carl Sternheim, Die stehlenden Dichter. In: Das Tage-Buch 3 (19. August 1922) H.33, S. 1160: »Daß deutsche Dichter jetzt plündern und stehlen, ist bewiesene Tatsache, die den Mann aus dem Juste milieu nicht mit der Wimper zucken, keinen Reporter hoffen läßt, mit der Nachricht von eines Schriftstellers Straftat einen Hund vom Ofen zu locken.« Vgl. Wolfram Göbel, Sozialisierungstendenzen expressionistischer Verlage nach dem Ersten Weltkrieg. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1. Bd. 1976, S. 185. Wenzel Goldbaum, Die gefährliche Spannung. In: Der geistige Arbeiter 1 (Januar 1921) Nr. 1, S. 5. Heinrich Mann, Das Sterben der geistigen Schicht. In: H. M., Sieben Jahre. Chronik der Gedanken und Vorgänge. Berlin, Wien, Leipzig: Raul Zsolnay Verlag 1929, S. 98. Alfred Döblin (unter dem Pseud. »Linke Root«), An die Geistlichkeit. In: Die Neue Rundschau 30 (JuliDezember 1919) Bd. 2, S. 1272. Klaus Mann, Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Frankfurt a.M. 1952, S. 131 f. Vgl. dazu auch Heinrich Manns Beschreibung der Berliner Szene (Berlin 1921. In: B. Z. am Mittag [21. November 1921] Nt: 272): »Nur nicht mehr neue Zumutungen! Schon gar nicht geistige! In unserer Lage können sämtliche Fähigkei­ ten nur ein Ziel haben: vergessen.« Zit. in: Hermann von Wedderkop, Hans Breitensträter. In: Die Weltbühne 17 (22. September 1921) Nr. 38, S.297. Vgl. dazu vor allem Siegfried Kracauer, Ornament der Masse. In: S. K., Das Ornament der Masse. Essays. Frankfurt a.M. 1963, S. 50-63. (Zuerst als zweiteiliger Essay in der Frankfurter Zeitung vom 9. und 10. Juni 1927). Vgl. auch Helmut Lethen, Neue Sachlichkeit 1924-1932. Studien zur Literatur des »Weißen

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Sozialismus«. Stuttgart 1970, S. 43-45; Reinhard Kloos/Thomas Reuter, Körperbilder. Menschenomamente in Revuetheater und Revuefilm. Frankfurt a.M. 1980. Siegfried Kracauer, Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland. Frankfurt a. M. 1971, S. 15 (Erstveröffendichung 1930). Herbertihering, UFA und Buster Keaton. In:H. I., Von Reinhardt bis Brecht. Bd. 2, Berlin (Ost) 1961, S. 509 (Zuerst 6. Januar 1926). Siegfried Kracauei; Über den Schriftsteller. In: Die Neue Rundschau 42 (Juni 1931) H. 6, S. 861. Vgl. Siegfried Kracauers Essay Reisen, nüchtern in: Frankfurter Zeitung (10. Juli 1932) Nr. 510, in dem er den geographischen Reisebeschreibungen soziologische »Reisebeschreibungen« gegenüberstellt: »Diese Expeditionen ziehen nicht nach Afrika oder Asien aus, sondern erforschen das von uns bewohnte Terrain; sie wenden uns nicht den Rücken zu, sondern verfolgen die Aufklärung des gesellschaftlichen Seins, das unser Tun und Denken bedingt. Kurzum, es handelt sich hier um jene soziologische Literatur, die immer mehr in Aufnahme zu kommen scheint. Gebieterische Notwendigkeiten treiben sie hervor. Einmal hat sich die gesellschafdiche Wirklichkeit nicht minder wie die geographische gewandelt und zum andern muß im Interesse ihrer Neugestaltung mit verdoppelter Anstrengung dem Fluchtwillen begegnet werden, der wieder und wieder von ihr fortschweift und sie in dichten Nebeln zurückläßt. Diese soziologischen Expeditionen bemühen sich, diese Nebel zu zerteilen. Und je wagemutiger sie sind, desto deutlicher stellt sich heraus, daß das scheinbar so vertraute Gebiet, in das sie vorstoßen, jedes exotische an Exotik weit übertrifft. Sie beweisen uns, daß das Nächste zugleich das Fernste ist; sie sind Entdeckungsreisen in der genauen Bedeutung des Worts.« Zur Aufwertung literaturpragmatischer Genres in der Weimarer Republik vgl. nun Helmut Kreuzer, Biogiaphie, Reportage, Sachbuch. Zu ihrer Geschichte seit den zwanziger Jqfuen. In: Benjamin Bennett, Anton Kaes, William J. Lillyman (Hrsg.), Probleme der Moderne. Studien zur deutschen Literatur von Nietzsche bis Brecht. Festschrift für Walter Sokel. Tübingen 1983, S. 431-458. Thomas Mann, Bücherliste. In: Das Tagebuch 9 (1. Dezember 1928) Nr. 48, S. 2085. Erwin Piscator; Briefan »Die Weltbühne«. In: E.P., Schriften Bd. 2, Aufsätze, Reden, Gespräche. Berlin 1968, S. 43 (Erstveröffentlichung 1928). Zur Begriffsgeschichte der »Neuen Sachlichkeit« vgl. Jost Hermand, Einheit in der Vielheit? Zur Geschichte des Begrifft »Neue Sachlichkeit«. In: Keith Bullivant (Hrsg.), Das literarische Leben in der Weimarer Republik. Königstein/Ts. 1978, S. 71-88. Zur Verwendung des Begriffes in der Literaturdiskussion der Weimarer Republik vgl. Horst Denkler, Die Literaturtheorie der zwanzigerJahre. In: Monatshefte 59 (1967) S. 305-319; ders., Sache und Stil. Die Theorie der »Neuen Sachlichkeit« und ihre Auswirkungen aufKunst und Dichtung. In: Wirkendes Wort 18 (1968) S. 167-185;Kar\Prümm,NeueSachhchkeit.Anmerkungenzum Gebrauch des Begriffs in neueren literaturwissenschaftlichen Publikationen. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 91 (1972) S. 606-616; Bernd Witte, Neue Sachlichkeit. Zur Literatur der späten zwanzigerJahre in Deutschland. In: Études Germaniques 21 (1972) S. 92-99; Harald Olbrich, Die »Neue Sachlichkeit« im Widerstreit der Ideologien und Theorien zur Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. In: Weimarer Beiträge 26 (Dezember 1980) S. 65-76. Gertrud Alexander (unter dem Pseudonym »G.G.L.«), Herrn John Heartfield und George Grosz. In: Rote Fahne (9. Juni 1920). Zur Kontinuität der DDR-Literaturtheorie seit Mitte der zwanzigerJahre vgl. die vierbändige Dokumenten­ sammlung Zur Tradition der deutschen sozialistischen Literatur (1926-1949) Berlin und Weimar 1979. Vgl. ferner die Einleitung zu Fritz J. Raddatz, Traditionen und Tendenzen. Materialien zur Literatur der DDR. frankfurt a.M. 1976; Wolfram Schlenker; Das »kulturelle Erbe« in der DDR. Gesellschaftliche Entwicklung und Kulturpolitik 1945-1965. Stuttgart 1977. Münzenbergs Medienkonzern umfaßte eine bebilderte Arbeiter-Massenzeitung, die heute vor allem durch die brillanten Fotomontagen John Heartfields bekannte Arbeiter-Illustrierte Zeitung (ab 1924), proletari­ sche Boulevardzeitungen (Berlin am Abend, später in Welt am Abend umbenannt; Berlin am Morgen), eine proletarische Buchgemeinschaft (»Universum-Bücherei für Alle« mit 40000 Abonnenten um 1932) und einen eigenen Verlag (»Neuer deutscher Verlag«), der sich auf populäre Sachbücher und politische Broschüren konzentrierte. Da mit dem Anwachsen seiner eigenen illustrierten Blätter und Magazine der Bereich der Photographie zunehmend wichtiger wurde, organisierte Münzenberg als Pendant zur Arbeiter­ korrespondentenbewegung eine »Arbeiterfotografenbewegung« mit einer eigenen Zeitschrift (Der Arbeiter-Fotograf).

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26 Johannes R. Becher, Unsere Wendung. Vorn Kampfum die Existenz der proletarisch-revolutionären Literatur zum Kampf um ihre Erweiterung. In: Die Linkskurve 3 (1931) Nr. 10, S. 6. Weitere Dokumente zu dieser Auseinandersetzung in: Zur Tradition der deutschen sozialistischen Literatur Bd. 1 (1926-1935). Berlin (Ost) und Weimar 1979. 27 Vgl. Ernst Bloch, Ungleichzeitigkeit und Pflicht zu ihrer Dialektik (Mai 1932), in: E. B., Erbschaft dieser Zeit. Frankfurt a.M. 1977, S. 104: »Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch, daß sie heute zu sehen sind. Damit leben sie noch nicht mit den anderen zugleich. Sie tragen vielmehr Früheres mit, das mischt sich ein.« Bloch meint damit die für die moderne deutsche Geschichte spezifische Gleichzeitig­ keit von kapitalistisch-modernen und mitgeschleppten vorkapitalistisch-»ungleichzeitigen« Produktions­ verhältnissen und Ideologien. Er übt Kritik an den Kommunisten der Weimarer Republik, weil sie die emotionalen und irrationalen Bedürfnisse der »ungleichzeitigen« Kleinbürger und Bauern nicht ernstge­ nommen haben, so daß die Nationalsozialisten eben diese Ungleichzeitigkeit weiter Schichten der deut­ schen Bevölkerung propagandistisch verwerten konnten. Vgl. dazu auch Ernst Bloch, Gespräch über Ungleichzeitigkeit. In: Kursbuch 39 (April 1975) S. 1-9. 28 Anon., Macht ganze Arbeit mit den Juden! In: Völkischer Beobachter (10. März 1920) Nr. 20. 29 Ernst Jünger, Der Aufmarsch. In: Die Standarte 1(15. April 1926) H. 3, S. 55. Vgl. dort auch: »Wir grüßen das Blut, das die Schlacht nicht ausgebrannt, sondern in Glut und Feuer verwandelt hat! Was dort nicht zerstört werden konnte, das wird auch allen anderen Kämpfen gewachsen sein. Wir grüßen die Kommen­ den, in denen sich eine größere Tiefe mit der alten Härte verbinden soll! Der Aufmarsch ist im Fluß, bald werden die Reihen geschlossen sein. Wir grüßen die Toten, deren Geister mahnend und fragend vor unserem Gewissen stehen. Nein, ihr sollt nicht umsonst gefallen sein! Deutschland, wir grüßen dich!« (S.54f.) 30 Ernst Jünger, »Nationalismus« und Nationalismus. In: Das Tagebuch 10 (21. September 1929) H. 38, S. 1555. 31 Ebd., S. 1556. Jüngers Aufsatz wurde in der darauffolgenden Nummer des Tagebuchs (H. 39 vom 28. September 1928) vom Herausgeber Leopold Schwarzschild unter dem Titel Heroismus aus Langeweile kritisiert: »Wie soll die Welt aussehen, wenn diese >Aristokratie von morgen und übermorgen« mit Flammenwerfern die große Säuberung vollzogen haben wird? Wie sieht eine Welt ohne Langeweile, ohne Wohlanständigkeit, ohne Humanität, ohne Bürgerlichkeit (in diesem Sinne) aus?« (S. 1589). 32 Jünger, Der Aufmarsch, S. 54. 33 Vgl. Karl Heinz Bohrer, Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Emst Jüngers Frühwerk. München und Wien 1978. Vgl. ferner Karl Prümm, Die Literatur des Soldatischen Nationalismus der 20erJahre. 2 Bde. Kronberg/Ts 1974; Wolfgang Kaempfer, Emst Jünger. Stuttgart 1981 (Sammlung Metzler 201). 34 Das Schlagwort vom »Kulturbolschewismus« ging auch in die Regierungserklärung des Kabinetts von Papen ein (in: Frankfurter Zeitung v. 5. Juni 1932, Nr. 413/415). Der Begriff wurde dort wie folgt umschrieben: »Die Nachkriegsregierungen haben geglaubt, durch einen sich ständig steigernden Staatsso­ zialismus die materiellen Sorgen dem Arbeitnehmer wie dem Arbeitgeber in weitem Maße abnehmen zu können. Sie haben den Staat zu einer Art Wohlfahrtsanstalt zu machen versucht und damit die moralischen Kräfte der Nation geschwächt. Sie haben ihm Aufgaben zuerteilt, die er seinem Wesen nach niemals erfüllen kann. Gerade hierdurch ist die Arbeitslosigkeit noch gesteigert worden. Der hierauf zwangsläufig folgenden moralischen Zermürbung des deutschen Volks, verschärft durch den unseligen gemeinschafts­ feindlichen Klassenkampf und vergrößert durch den Kulturbolschewismus, der wie ein fressendes Gift die besten sittlichen Grundlagen der Nation zu vernichten droht, muß in letzter Stunde Einhalt geboten werden. Zu tief ist schon in alle kulturellen Gebiete des öffentlichen Lebens die Zersetzung atheistisch­ marxistischen Denkens eingedrungen, weil die christlichen Kräfte des Staates zu leicht zu Kompromissen bereit waren. Die Reinheit des öffentlichen Lebens kann nicht auf dem Wege der Kompromisse um der Parität willen gewahrt oder wiederhergestellt werden. Es muß eine klare Entscheidung darüber fallen, welche Kräfte gewillt sind, das neue Deutschland auf der Grundlage der unveränderlichen Grundsätze der christlichen Weltanschauung aufbauen zu helfen.« 35 Wilhelm Fricks ministerieller Erlaß vom 5. April 1930 mit dem Titel Wider die Negerkultur für deutsches Volkstum ist wiederabgedruckt bei Hildegard Brenner, Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus. Reinbek 1963, S. 169.

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36 Zit. n. Dietrich Strothmann, Nationalsozialistische Literaturpolitik. Bonn 1960, S. 66. 37 Otto Rotnbach, Stildämmerung. In: Die Literatur 33 (Juli 1931) Nr. 10, S. 549. Vgl. dort auch: »Die Erregtheit der Zeitläufte hat sich den Sachlichen erzwungen, den Reporter, während die Dichter im Sinne des Dienstes am Wort im Hintergrund warten durften bis ihre Zeit wieder kam. Nun stoßen da und dort ein paar junge Menschen vor, die anscheinend aus Neuland stammen; es ist altes Land, es ist das alte Land aller Dichter, der Phantasie und menschlichen Sehnsucht. [... ] Eine kostbare Zeit, reif für eine Renaissance, mit tausend Lehren der Vergangenheit vor Augen; ein herrlicher Tiefstand. Schon kriselt der Aufstieg. Laßt ihn uns richtig beginnen.« (S. 550). 38 Hans Günther, Die Kunst von morgen. In: Die Literatur 32 (März 1930) H. 6, S. 370f. 39 Vgl. Frank Trommler, Verfall Weimars oder Verfall der Kultur? Zum Krisengefuhlder Intelligenz um 1930. In: Thomas Koebner (Hrsg.), Weimars Ende. Prognosen und Diagnosen in der deutschen Literatur und politischen Publizistik 1930-1933. Frankfurt a.M. 1982, S. 34-53. 40 So ist Adorno rechtzugeben, wenn er in seinem Rückblick aufJene ZwanzigerJahre (Merkur [Januar 1962]) schreibt: »Jene Phänomene der Rückbildung, der Neutralisierung, des Kirchhoffriedens, die man gemein­ hin erst dem Druck des nationalsozialistischen Terrors zuschreibt, bildeten sich schon in der Weimarer Republik, überhaupt in der liberalen kontinental-europäischen Gesellschaft heraus. Die Diktaturen wider­ fuhren jener Gesellschaft nicht derart von außen, wie Pizarro in Mexiko einbrach, sondern wurden von der sozialen Dynamik nach dem ersten Weltkrieg gezeitigt und warfen gleichsam ihren Schatten voraus.« (S. 46) Vgl. auch Hans Dieter Schäfer, Zur Periodisierung der deutschen Literatur seit 1930. In: Literaturmaga­ zin 7 (1977) S. 98: »Die Tendenz, in der Kunst Altes und Bewährtes wiederherzustellen, ist kein Ergebnis der Kulturpolitik Hitlers, sondern Produkt ein und derselben geschichtlichen Krise, die auch den National­ sozialismus zum Sieg geführt hatte.« 41 Freud erklärte 1929 das für die späte Weimarer Republik zeittypische Angstgefühl wie folgt: »Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvemichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte soweit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung.« (Zit. n. Sigmund Freud, Studienaus­ gabe Ed. IX. Frankfurt a.M. 1982, S. 27). 42 Vgl. Benns Dichtungsbegriff um 1930 (Gottfried Benn, Können die Dichter die Welt verändern? In: Die literarische Welt 6 [1930] Nr. 23, S. 4): »Aber ich lasse Ihnen ja Ihre Techniker und Krieger, Wissenschaft, Literatur - das ganze freischwebende Gemecker der Zivilisation, ich fordere für den Dichter nur die Freiheit, sich abzuschließen gegen eine Zeitgenossenschaft, die zur Hälfte aus enterbten Kleinrentnern und Aufwertungsquerulanten, zur anderen aus lauter Hertha- und Poseidonschwimmern besteht: er will seine eigenen Wege gehen. [... ] Der Dichtet; eingeboren durch Geschick in das Zweideutige des Seins, eingebrochen unter acherontischen Schauern in das Abgründige des Individuellen, indem er es gliedert und bildnerisch klärt, erhebt es über den brutalen Realismus der Natur, über das blinde und ungebändigte Begehren des Kausaltriebes, über die gemeine Befangenheit niederer Erkenntnisgrade und schafft eine Gliederung, der die Gesetzmäßigkeit eignet. Das scheint mir die Stellung und die Aufgabe des Dichters gegenüber der Welt. Sie meinen, er solle sie ändern? Aber wie sollte er sie denn ändern - sie schöner machen, aber nach welchem Geschmack? Besser - aber nach welcher Moral? Tiefer - aber nach dem Maßstab welcher Erkenntnisse?« 43 Siehe dazu die folgenden Werke: Ludwig Klages, Der Geistals Widersacher der Seele. Leipzig 1929-1932; ders., Vom Kosmogonischen Eros. Jena 1930; Alfred Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Mün­ chen 1930; aber auch Thomas Manns Roman-Tetralogie Joseph und seine Brüder (entstanden 1926-1943). Die Geschichten Jaakobs erschienen Berlin 1933, Der jungeJoseph Berlin 1934. Vgl. zur Frage des Mythos in der Weimarer Republik Theodore Ziolkowski, Der Hunger nach dem Mythos. Zur seelischen Gastronomie der Deutschen in den Zwanziger Jahren. In: Reinhold Grimm und Jost Hermand (Hrsg.) Die sogenannten ZwanzigerJahre. Bad Homburg, Berlin, Zürich 1970, S. 169-201;J. H. W. Rosteutscher, Die Wiederkehr des Dionysos. Der naturmystische Irrationalismus in Deutschland. Bern 1947; Manfred Frank, Der kommende Gott. Vorlesungen über die Neue Mythologie. Frankfurt a.M. 1982.

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44 Schon 1921 hatte Ernst Troeltsch die zeittypische Aufforderung »Los vom Historismus« als antiaufklärerisch kritisiert. Vgl. Dok. 39 und seine Sammlung von Vorträgen in Der Historismus und seine Überwin­ dung. Berlin 1924. Vgl. ferner den Versuch Lothar Köhns, die Weimarer Republik unter dem Aspekt der »Überwindung des Historismus« zu interpretieren. L. K., Überwindung des Historismus. Zu Problemen einer Geschichte der deutschen Literatur zwischen 1918 und 1933 (2 Teile). In: Deutsche Vierteljahresschrift 48 (1974) H. 4, S. 704-766 (1. Teil); (1975) H. 1, S. 95-165 (2. Ted). 45 Der Begriff stammt von Theodor Geiger; Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage. Stuttgart 1932.

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Editorische Notiz

Druckvorlage aller Texte ist grundsätzlich der unveränderte Wortlaut der Erstveröffentlichung. Nur offensichtliche Druckfehler in den Textvorlagen wurden berichtigt; idiosynkratische Ortho­ graphie (etwa »filosofisch« in der Neuen Bücherschau) und abweichende Schreibweisen von Eigennamen wurden dagegen beibehalten. Hervorhebungen in den Textvorlagen (Sperrung, Kursivsatz, Fettdruck usw.) erscheinen einheit­ lich kursiviert. Die in den Dokumenten erwähnten Werktitel und Titel von Zeitschriften usw. wurden ebenfalls in Kursivschrift gesetzt. Alle Hervorhebungen stammen von den Autoren. Kürzungen innerhalb der Dokumente sind durch eckige Klammern mit Auslassungspunkten gekennzeichnet. Den einzelnen Texten folgen in der Regel Kommentare, die das Ziel Jjaben, den ausgewählten Text in einen biographischen und intertextuellen Kommunikationszusammenhang einzufugen. Danach folgen, soweit nötig, Personen- und Sacherklärungen, die das Verständnis des jeweiligen Textes erleichtern sollen. Lexikalisch leicht greifbare Information blieb in der Regel ausgespart. Das Inhaltsverzeichnis dieses Bandes gibt die Titel der ausgewählten Dokumente in verkürzter Form wieder. Die genauen bibliographischen Angaben stehen jeweils über dem abgedruckten Text.

I. Öffentlichkeit und Repräsentanz des Schriftstellers in der Republik

1. Die überforderte Revolution

1 Heinrich Mann: Sinn und Idee der Revolution. Ansprache int Politischen Rat geistiger Arbeiter, München. In: Münchner Neueste Nachrichten (1. Dezember 1918) Nr. 607. Wie die neue Zeit selbst, mit ihren neuen Einrichtungen und Männern, ist auch diese unsere Vereinigung [1] ein Erzeugnis der Not. Ein siegreicher Ausgang des Krieges würde eine deutsche Revolution nie gebracht haben, und noch ein rechtzeitiger Friedensschluß hätte sie verhindert. Alle sind wir heute Söhne der Niederlage. Ist es nicht aber der Natur gemäß, daß ein unterliegendes Land von seinen Kindern mehr geliebt wird als ein triumphierendes? Der Triumph enthüllt viel Unschönes. Zu lange haben wir es an Deutschland enthüllt gesehen. WirLekennen uns viel lieber heute zu ihm. Darum sagen wir vor allem, daß wir es von Herzen lieben und daß wir nach unserer Einsicht und unseren Kräften ihm dienen wollen. Fern bleibt uns der Wunsch, unseren siegreichen Feinden möge ihr Sieg zum Verhängnis werden, wie uns selbst jetzt endlich unsere alten Siege. Wir wünschen vielmehr; daß der sitdiche Ernst, den ein vor fünfzig Jahren besiegtes Land [2] dank seiner Niederlage erworben hat, sogar die größte Gefahr; seinen heutigen Sieg, überdauern möge. Nun aber wollen auch wir selbst den sittlichen Ernst erwerben. Fühlt nicht zu dieser Stunde mancher; der nie geglaubt hätte dies fühlen zu müssen, wie sehr wir in dem lange anhaltenden Glanz unserer früheren Siege uns selbst verloren hatten, und daß wir erst jetzt, auf dieser Wanderung durch Staub und erste Dämmerung, die Hoffnung haben, uns wieder zu begegnen? »Seid nicht allzu gerecht!« rief schon Klopstock seinen Deutschen zu; und solch ein Gedanke war; sitdich gesprochen, der Anfang vom Ende. Wir können nicht gerecht genug sein. Jede Abkehr von der unbedingten Gerechtigkeit zeitigt schon in der äußeren Welt die ungeheuerlichsten Folgen, die Vergewaltigung kleiner Provinzen bewirkt noch nach Jahrzehnten den Zusammenbruch großer Reiche. Viel furchtbarer aber sind die Erschütterungen unserer inneren Welt, sobald wir die Ungerechtigkeit einmal in sie zugelassen haben. Die Fälschung unseres gesamten Volkscharakters, Prahlerei, Herausforderung, Lüge und Selbstbetrug als tägliches Brot. Raffgier als einziger Antrieb zu leben: dies war das Kaiserreich, das wir nun glücklich hinter uns haben. Und dies konnte es nur sein, weil unter ihm, nach innen wie nach außen, Macht vor Recht ging. Macht anstatt Recht bedeutet nach außen den Krieg, und bedeutet ihn auch im Innern. Gerechtigkeit verlangt schon längst eine weitgehende Verwirklichung des Sozialismus. Jetzt soll sie ihn verwirklichen. Wir sind dabei - sind nicht nur mit unserer Vernunft, auch mit unserem Herzen dabei. Wir wünschen das materielle Glück unserer Volksgenossin so ehrlich, wie man sein eigenes

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wünscht. Sie mögen es anerkennen, wenn wir zudem noch ihres seelischen Wohles gedenken. Das seelische Wohl ist wichtiger: denn das Schicksal der Menschen wird mehr von ihrer Art zu fühlen und zu denken bestimmt, als durch Wirtschaftsregeln. Denkt gerecht, Bürgerliche! Solltet ihr in irgend einer gesetzgebenden Versammlung je die Mehrheit haben, ergebt euch dennoch niemals dem verhängnisvollen Irrtum, ihr könntet die begründeten Ansprüche der Sozialisten, indem ihr sie niederstimmt, aus der Welt räumen. Denkt aber auch ihr gerecht, Sozialisten! Wolltet ihr die Sozialisierung nur eurer zufälligen Macht verdanken, anstatt der Einsicht und dem Gewissen der Meisten, ihr würdet nichts gewonnen haben. Diktatur, selbst der am weitesten Vorgeschrittenen, bleibt Diktatur und endet in Katastrophen. Der Mißbrauch der Macht zeigt überall das gleiche Todesgesicht. Man gebe doch nicht vor, die Vergesellschaftung noch der letzten menschlichen Tätigkeit sei das radikalste, das sich tun läßt. Einen Radikalismus gibt es, der alle wirtschaftlichen Umwälzungen hinter sich läßt. Es ist der Radikalismus des Geistes. Wer den Menschen gerecht will, darf sich nicht fürchten. Der unbedingt Gerechtigkeitliebende wagt sehr viel. Wir sehen einen Mann, der weiter geht in geistiger Kühnheit als der bedenkenloseste der russischen Diktatoren: es ist jener Wil­ son [3], der allem Drängen der Sieger zum Trotz und unbeirrt von den Versuchungen einer unerhörten, zum Wahnsinn herausfordernden Machtfülle, auf dem beharrt, was sein Urteil gerecht nennt. In diesem Rat, der nur zum Guten raten will, kann niemals, selbst wenn sie ausschweifte, gerichtet werden über eine deutsche Revolution, deren schlimmste Ausschweifungen noch immer die Verbrechen des alten Regimentes nicht aufwiegen würden. Nur zu viele Entschuldigungen haben die revolutionären Fanatiker von heute. Sie werden ihnen geliefert von jenen alldeutschen Fanatikern, die bis gestern das Wort hatten, und die nur darauf warten, es wieder an sich zu bringen, um womöglich das Land noch einmal zu entvölkern, noch einmal zu entsittlichen, noch einmal an den Bettelstab zu bringen. Wo sollten die zur Macht gelangten Revolutionäre denn Gerechtigkeit erlernt haben? Sie sind unter dem Kaiserreich groß geworden. Sie sagen wohl, sie dächten nicht daran, ihre Macht freiwillig herzugeben. Ein kaiserliches Wort. Wer es spricht, hat noch so gut wie alles zu lernen von den Gesetzen einer wahrhaft befreiten Welt. Wir sind hiet; um dahin mitzuwirken, daß die sittlichen Gesetze der befreiten Welt in die deutsche Politik eingeführt werden und sie bestimmen. Wir wollen, daß unsere Republik, bis jetzt noch ein Zufallsgeschenk der Niederlage, nun auch Republikaner erhalte. Und wir sehen in Republikanern weder Bürgerliche noch Sozialisten. Dies sind hinfällige Unterscheidungen, wo es Höheres gilt. Republikaner nennen wir Menschen, denen die Idee über den Nutzen, der Mensch über die Macht geht. Unter Republikanern kann ein unschuldig Verurteilter Gewissenskämpfe heraufbeschwören, so ungehemmt, daß sie den Verkehr; den inneren Frieden, sogar die Sicherheit des Landes bedrohen - und wäre ihre Republik auch nur eine sogenannte Rentnersrepublik. Ein Kaiserreich aber, selbst ein soziales, wird solche Gewissenskämpfe nie kennen. Unser Deutschland werde so gerecht, frei und wahr, wie einige von uns es sogar in seinen dunkelsten Tagen verlangt und erstrebt haben - bestärkt in ihrem Glauben an die Zukunft des deutschen Geistes durch seine große Vergangenheit. In diesem Lande, komme alles wie es mag, wird endlich doch der Geist herrschen. Er erobert Deutschland und die Welt; der wirkliche Sieger

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des Weltkrieges ist nur er. Wer ihm widerstände, wäre verloren. Wer ihn aufnimmt, ist allen gleichberechtigt und verbrüdert. Unsere Versöhnung mit der Welt wird im Namen der uns endlich wieder mit ihr gemeinsamen, ewigen Gedanken geschehen. Wir geistigen Arbeiter wollen es uns verdienen, unter den Ersten zu sein, die Deutschland mit der Welt versöhnen. Heinrich Mann (1871, Lübeck -1950, Santa Monica/USA), hatte sich schon vor 1918 für die Demokratie und die aktive Beteiligung der Schriftsteller an der Politik eingesetzt. Vgl. vor allem den für die expressionistischen »Aktivisten« äußerst einflußreichen Essay Geist und Tat (1910) und seinen Zola-Essay (1915), beide wiederab­ gedruckt in der von Heinrich Mann 1919 beim Kurt Wolff Verlag München herausgegebenen Sammlung politischer Aufsätze und Reden von 1910 bis 1919 mit dem Titel Macht und Mensch. Dieser Band, der die Widmung trägt »Der deutschen Republik«, enthält auch die hier abgedruckte Ansprache Sinn und Idee der Revolution. Heinrich Mann hielt diese Ansprache als Vorsitzender des »Politischen Rats geistiger Arbeitet; München«. Diese Vereinigung von Intellektuellen aus verschiedenen Berufen war kurz vorhet; am 15. November 1918, mit folgender, von Heinrich Mann verfaßter Erklärung an die Öffentlichkeit getreten: »Der Rat geistiger Arbeiter Münchens, der am 13. November 1918 zum ersten Mal tagte, erklärt, daß jeder Einzelne seiner Mitglieder in dem durch die Revolution Erreichten einen Fortschritt sieht, der uns der Verwirklichung unserer Ideen näher bringt. Wir alle sind Demokraten in dem Sinn, daß wir das Recht, nicht die Macht lieben und statt der Gewalt, die so lange geherrscht hat, die Menschlichkeit anrufen, wie wir es schon immer taten. Daher wollen wir helfen, auf dem jetzt gegebenen Grunde des sozialen Volksstaates weiterzubauen. Aus unserem Rat schließen wir jene aus, die eine zweideutige Gesinnungstüchtigkeit entwickeln. Wir sind deutsche Demokraten; unser Stolz ist die Überlieferung des Jahres 1&48, unsere Welt ist die des deutschen Idealismus, nicht die geistige Welt Bismarcks und Treitschkes. Bei all unserem Deutschtum aber sind wir uns bewußt, daß die jetzt sich durchringende Idee der Freiheit nicht, wie leichtsinnige Umlerner plötzlich entdecken, »urdeutsch«, sondern daß sie die leitende Idee unseres Erdteils selbst ist. Die europäische Mensch­ heit lebt von je im Licht dieser Idee, mag es zeitweilig auch verdunkelt gewesen sein. Der Wille Deutschlands zum Guten, der unter dem Druck der Altdeutschen zu lange zur Ohnmacht verurteilt war, soll jetzt zur Tat werden. Ehrenpflicht eines jeden sei es, im internationalen Verkehr der geistigen Arbeiter den imperialistischen Ungeist mit zu vernichten. Das vergessene Gefühl der Brüderlichkeit soll in neuer Kraft erstehen. Wir sind deutsch, demokratisch und europäisch. Aus alledem ergibt sich unser Wille, dem staatlichen Leben eine allumfassende Gerechtigkeit zu verleihen. Alle sollen sobald als möglich am Staat beteiligt sein. Die Freiheit soll, sobald es irgend geht, nicht mehr etwas Parteimäßiges und von außen Auferlegtes, sondern allgemein geübt und erlebt sein. Die Einberufung der Nationalversammlung soll das nächste Ziel sein. Nur sie kann jene sozialen Reformen endgültig verwirklichen, die den Arbeitern des Geistes nicht weniger am Herzen liegen als allen anderen Arbeitern. Die Wähler sollen wissen, daß die Freiheit zu stützen nicht nur ihre Menschenpflicht, sondern auch Pflicht der Selbsterhaltung ist, weil reaktionäre Wahlen den Umsturz jeder Staatsform und das Chaos notwendig und unabwendbar nach sich ziehen würden. Wir wollen die Diener des sich bildenden nationalen Willens sein. Während der Räteregierung wollen die über ganz Deutschland sich ausbreitenden Räte geistiger Arbeiter ihre Abgeordneten in den Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat entsenden. Alle Gleichgesinnten aus allen geistigen Berufen werden aufgefordert, sich anzuschließen.« Diese Erklärung wurde von zehn Künstlern und Intellektuellen, darunter dem Schriftsteller Bruno Frank, unterzeichnet und in den Münchner Neuesten Nachrichten am 15. November 1918 veröffentlicht. Heinrich Mann unterzeichnete in seiner Funktion als Vorsitzender des »Politischen Rats geistiger Arbeiter, München« auch das Programm des »Politischen Rats geistiger Arbeiter« in Berlin, dem Kurt Hiller vorstand. Der Zusammenschluß der Intellektuellen zu einem »Politischen Rat geistiger Arbeiter« wurde vor allem in der der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands nahestehenden Aktion kritisiert. Vgl. Pol Michels, Das Verbrechen der Intellektuaille. In: Die Aktion 9 (15. November 1919) H. 45/46, Sp. 752-754; hier S. 754: »Mit Recht - aber es klingt wie ein Witz aus heutigem Simplizissimus - gründen sie, die winzigen Bourgeois, in junkerlich gedunsener Überhebung, Politische (!) Räte (!!) geistiger (!!!) Arbeiter (!!!!)«, wobei doch schon die Etikette ein widerlicher Nonsens und eine direkt antisoziale Eselei bedeutet. Die deutschen Intellektuellen - als unmittelbare Helfershelfer die einen, als tobsüchtige Gaffer die übrigen waren und sind dienstbeflissen beteiligt an jedem Komplott gegen das tödlich getroffene, werktätige Volk. Sie

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gehen mit ihrer eignen Erbärmlichkeit feil und mit dem Kadaver der von ihnen erdolchten Revolution, die Leichenfledderer, die ihre Überzeugung« wechseln wie das Schicksal sein Hemd, die von der Ausnützung des - Pöbels leben und demnächst doch vielleicht an ihrer bauchblähenden PöbelVerachtung krepieren werden!!« 1 Gemeint ist der »Politische Rat geistiger Arbeiter, München«. 2 Die Anspielung bezieht sich auf Frankreich, das im Krieg von 1870/71 von Deutschland besiegt worden war. 3 Thomas Woodrow Wilson (1856-1924), amerikanischer Präsident von 1913-1921. Sein Friedenspro­ gramm (»Vierzehn Punkte«) vom 8.Januar 1918 empfahl u.a. die Errichtung eines Volkerbündnisses zur Sicherung des Weltfriedens.

2 Für das neue Deutschland! [Umfrage] In: Der Vorwärts (17. Januar 1919) Nr. 29/30. Ehe das deutsche Volk die Wahlen zu der Nationalversammlung]!] vornimmt, haben Männer und Frauen, in denen es die Führer seines geistigen Lebens sieht, ihr Wort erhoben, um klar und deutlich der Nation zu sagen, welches der Sinn der großen Tage ist, in denen sie lebt und zu welchem Glauben der neue, eben beschrittene Weg sie fuhrt. Die besten Männer und Frauen des Volkes treten mit ihrem Wort für die neue, soziale Gemein­ schaft ein. Die Nation soll es wissen, daß die Revolution nicht den Zusammenbruch der deutschen Gesellschaft, sondern den Zusammenbruch eines dem Untergang verfallenen verderblichen gesell­ schaftlichen Systems bedeutet. Sie ist bereit, von dem Glauben an ein neues, edles Leben erfüllt, anstelle der alten, die Kräfte unseres Volkes niederhaltenden, bureaukratischen Ordnung, die brüderliche in Gerechtigkeit sie zusammenschließende Volks- und Kulturgemeinschaft zu schaffen. Aus dem Zeugnis seiner Männer und Frauen aber ersieht das deutsche Volk, zu welchen Aufgaben es reif geworden ist. Es soll wissen, daß es am Anfang einer neuen, ganz neuen Epoche steht - der Epoche des sozialen und kulturschaffenden Aufbaus, der von dem Glauben an die Gerechtigkeit und Menschenwürde erfüllt ist. Nicht alle der Nation lieb gewordenen Meister konnten wir (infolge des schwierigen Postver­ kehrs) bis zur Stunde erreichen. Zu Beginn einer von leuchtenden Ideen erfüllten Zeit aber dürfen wir sagen: Die Träger des deutschen Kulturbewußtseins sind heute die Träger der sozialen Sehnsucht des Volkes. Sie stehen mit ihm zusammen, weil hinter seinem dunklen Drange der Glaube an eine schönere, wahrhaftigere Wirklichkeit steht. Die nachfolgenden Sätze wurden in den letzten Tagen geschrieben. Wir bringen sie nach der alphabetischen Reihenfolge der Autoren. Auch die Männer sollen gehört werden, welche der sozialen Bewegung gegenüber gewisse Bedenken äußern. Wir stehen am Anfang. Für gar viele mag es schwer sein, in der Verwirrung der Tage die neue Ordnung zu sehen, in die das Leben der Menschen hineinführt. Dr. A. Metzger. [2]

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Gerhart Hauptmann [3]: Unsere Erneuerung hat sich in der Erschöpfung vollzogen. Unsere Macht war innerlich so sehr in Schwäche übergegangen, daß sie in sich zusammenbrach. Aber sogleich sproß das Neue zwischen Ruinen. Das Neue ist jung und ganz anders wie das Alte. Wehe jedem, der heute nichts anderes weiß, als Urvaterhausrat unter Staub und Trümmern hervorzusuchen! Wehe einem Nationaltyp, der nichts weiter als die Rumpelkammer solchen Urväterhausrates darstellte mit den alten ausgeleierten politischen Gassenhauern und Akteuren. Entweder es schwebt das glaubensstarke Bekenntnis zum Neuen über einer kommenden Ratsversammlung der deutschen Stämme, in der unsere deutsch-österreichischen Brüder nicht fehlen dürfen, oder lasciate ogni speranza! [4] Ihr, die ihr an eine deutsche Auferstehung glaubt, denkt doch nicht, daß wir früher einig waren, weil wir von Kaiser und Reich sprachen: Wir waren zerrissen, zerklüftet, zerborsten unter dem glänzenden Einheitslack. Suchen wir nicht nur ängstlich die alte sogenannte Einheit. Ihr gleißender Schein ist vorüber. Sie genügt für das neue Deutschland nicht. Seien wir einig im Neuen und suchen wir eine neue.Einheit, die enger, inniger und redlicher ist. O Gott! Wie vergeblich hoffe ich, und doch ist es mir ganz unmöglich, mich, so lange ich lebe, von dieser Hoffnung zu trennen. Sucht das Kleinod der Einheit, ihr Deutschen! Die Kleiderfetzen der Germania wurden bisher nur von einer Agraffe zusammengehalten. Ihr spracht von Einheit, ihr hattet sie nicht. Diese Einheit muß entdeckt, gefühlt, ergründet, erkannt, erlebt, erfunden und in einem Schmelzprozeß allgemei­ ner Begeisterung geboren werden. Wehe über den Jammer unserer jämmerlichen Parteiungen! Wo ein Franzose und ein »boche« sich umarmen, da schlagen einander zwei Deutsche verschiedener Parteien, im Diesseits und Jenseits fremd und unversöhnlich, ins Angesicht. Laßt euch versöhnen, versöhnt euch endlich, ihr zahllosen feindlichen Brüder! Solange die Bauleute streiten, entsteht kein Bau. Schweigend und in Ahnung eines höchsten vorhandenen Planes muß Stein auf Stein vermauert werden. Zum erstenmal ist der deutsche Genius ganz auf sich selbst gestellt, um sein Land, sein Haus, seinen Tempel aufzurichten. Das ist zu verstehen als ein weltgeschichtlicher Augenblick, dem deutsche Jahrhunderte in wechselvollen Geschicken entgegenreiften. Laßt uns alle seiner würdig sein!

Arno Holz [5]: Die Zuversicht, daß die Revolution - vorausgesetzt, daß unser Volk nicht unter der Fuchtel irgendeiner abermaligen Gewaltherrschaft gerät - für seine Geistigen keinen Zusammenbruch, sondern den Anfang eines neuen sozialen Aufbaues bedeutet, teile ich. Ricarda Huch [6]: Der übertriebene Individualismus muß durch den Sozialismus ausgeglichen werden. Auf diesem Wege liegt unsere Zukunft. Aus neuer freiwilliger Gemeinsamkeit wird einst wieder kräftiges individuelles Leben erblühen. Heinrich Mann [7]: Die geistige Erneuerung Deutschlands, unsere natürliche Aufgabe, wird uns durch die Revolution erleichtert. Wir gehen endlich mit dem Staate Hand in Hand.

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Thomas Mann [8]: Es wäre sicher falsch, in der Revolution nichts als Zusammenbruch und Zersetzung zu sehen. Die deutsche Niederlage ist etwas höchst Paradoxes, sie ist keine Niederlage wie eine andere, ist es so wenig, wie der Krieg, den sie beendete, ein Krieg war wie ein anderer. Täuscht mich nicht alles, so ist die Nation, der diese unvergleichliche Niederlage zuteil wurde, nicht nur nicht eine gebrochene Nation, sondern sie fühlt sich auch heute noch, wie 1914, von den Kräften der Zukunft getragen. Es ist kein Zweifel (und auch wer dem Marxismus als Dogma und Weltanschauung keineswegs huldigt, kann es nicht bezweifeln), daß dem sozialen Gedanken die politische Zukunft, und zwar in nationaler wie internationaler Beziehung, gehört. Die westlichen Bourgeoisieen werden sich ihres Triumphes nicht lange zu erfreuen haben. Einmal den Völkern ins Gewissen geschoben, wird die soziale Idee nicht ruhen, bis sie verwirklicht ist, soweit eine Idee sich im Menschlichen verwirkli­ chen läßt. Der deutschen Staatsmoral aber ist sie am längsten vertraut. Der soziale Volksstaat, wie er sich jetzt bei uns befestigen will, lag durchaus auf dem Wege deutscher Entwicklung. Gewiß ist mir aber auch, daß gerade in Deutschland der soziale oder sozialistische Staat ohne einen Einschlag bürgerlichen Geistes nicht lebens- und leistungsfähig sein würde. Denn dieser Geist, der mit imperialistischem Bourgeoistum gar nichts zu tun hat, ist einfach der Geist deutscher Gesit­ tung. Die reine Arbeiter-Republik, die Diktatur des Proletariats, das wäre die Barbarei.

, Emst Troeltsch [9]: Die Revolution hat einen Prozeß gewaltsam in die Hand genommen, der als Ergebnis des langjährigen Krieges, seiner Güterzerstörung und Vermögensverschiebung unausbleiblich war und der mit der immer deutlicher werdenden Unmöglichkeit eines Sieges gewaltig anschwoll: die Demokratisierung und die Sozialisierung, d.h. die gleichmäßige Beteiligung aller an der Bildung des Staatswillens und die sorgfältige Organisation einer aus dem Weltverkehr zurückgedrängten Wirtschaft, die ohnedies die angepreßten Volksmassen nicht ernähren könnte. Diese Reform war nach langen und bitteren Hemmungen im Gange; da hat die Niederlage und die mit ihr verbun­ dene Militärrevolution alles zertrümmert und das Chaos geschaffen. Aber gerade in dieser Lage muß jeder Versuchung zur Verzweiflung mannhaft widerstanden werden. Nur wer sich selbst aufgibt, ist verloren. Großes ist zertrümmert, und ein bei allen, in der letzten Zeit sehr gesteigerten, Mängeln glorreicher Staat und eine ruhmreiche Armee ist zerbrochen. Aber ein Volk von solcher Größe, psychischer und geistiger Leistungsfähigkeit, Arbeitsamkeit und Erziehung kann nicht zugrunde gehen. Es muß die ungeheure Arbeit leisten, sich aus sich selbst politisch, wirtschafdich und geistig neu zu organisieren und sich eine neue, der neuen Lage entsprechende Armee zu schaffen, die den Neubau deckt und nach außen und innen schirmt. Unter dieser Voraussetzung ist eine mächtige Entfaltung von Kraft und Größe möglich, an der jeder mitarbeiten kann und muß. Das soll uns mit dem Gefühl einer großen Verantwortung und mit der Kraft einer alles dransetzen­ den Leistung erfüllen. Die Männer des deutschen Geistes und der deutschen Kunst werden schwierige Lebensbedingungen haben, aber auch die große Aufgabe, durch gesunde und geläu­ terte Leistung dem deutschen Geiste nach innen und nach außen wieder eine führende Stellung zu verschaffen. Wenn nicht Behagen, sondern Größe der Aufgabe dem Leben Wert gibt, so hat unser zukünftiges Leben den größten Wert. Aus dem Leiden muß Reinheit und Größe der Gesinnung

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geboren werden, und der Glaube an Gott und die Menschen muß uns dessen gewiß machen, daß reine Gesinnung nicht vergeblich arbeiten wird. In dieser Gewißheit können und sollen wir leben und hoffen, ohne sie gibt es nur ein dumpfes Hinleben und Warten auf den Tod, wo dann kräftigere und gläubigere Generationen später das Werk der Wiedergeburt verrichten müßten. Weitere, z.T. auf einen Satz beschränkte Stellungnahmen zu dieser Umfrage kamen von Richard Dehmel, Paul Ernst (»Ich halte den sozialistischen Aufbau Deutschlands für möglich, wenn geeignete Männer an der Spitze stehen.«), Julius Hart, Carl Hauptmann (»Der Weg ist jetzt frei, den neuen Staat des Brudertums und Gewissens zu bauen.«), Felix Holländer, Käthe Kollwitz, Julius Meier-Graefe, Alexander Moissi, Gabriele Reuter, Bruno Wille u.a. 1 Die Wahl zur Nationalversammlung fand am 19. Januar 1919 statt. Das Ergebnis der Wahl war ein eindeutiger Sieg der drei Parteien, die schon seit 1917 für den Gedanken der Parlamentarisierung Deutsch­ lands eingetreten waren. 76,1 Prozent der Wählerstimmen entfielen auf die folgenden Parteien: die Sozialde­ mokratische Partei (37,9 Prozent), die Christliche Volkspartei (Zentrum) (19,7 Prozent) und auf die Deutsche Demokratische Partei (18,5 Prozent). Über drei Viertel der deutschen Wähler bekannten sich damit 1919 zur parlamentarischen Demokratie. Die durch die Spartakisten radikalisierte Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USP) unterlag der SPD mit nur 7,6 Prozent aller Stimmen überraschend hoch. Die rechts stehende Deutschnationale Volkspartei, die sich als Sammelpartei aller »nationalen« Kräfte verstand, erhielt dagegen 10,3 Prozent der Wihlerstimmen. 2 A. Metzger: Keine Angaben zu ermitteln. 3 Zu Gerhart Hauptmann s. Kommentar zu Dok. Nr. 26. utilitarischer Aufklärung« hat ihr Erziehertum sehr wenig zu schaffen; der deutsche Idealismus war von je etwas anderes als diese, und die Kritik Kants hat auf die Grundfesten der Vernunftreligion des achtzehnten Jahrhunderts eine zermalmende Wirkung geübt. Er war es aber auch, der uns Deutschen die geistige Möglichkeit verlieh, zwischen >reiner< und praktischer« Vernunft zu unterscheiden, und der als Inbegriff aller Postulate der praktischen Vernunft den >Kategorischen Imperativ« vor uns aufrichtete, den Pflichtgedanken, den Lebensbefehl. Ja, indem seine gesetzgeberische Weisheit die Grenzen der Vernunft kritisch absteckte, hat sie an eben diesen Grenzen die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu tun. Dienst am Leben aber, zu dem wir Deutschen immer wahrhaft bereit waren, ist heute Dienst an der Demokratie, ohne die Europa des Todes ist, und die Expansionsfähigkeit der deutschen Seele über das Nichts-als-Deutsche hinaus, dies Vermächtnis großen Deutschtums, das immer ein Überdeutschtum wai; wird uns zu solchem Dienste geschickt machen. Es wird kein Dienst von Besiegten und Unterworfenen an fremden Ideen, es wird, so hoffen wir, eine Bereicherung und Vertiefung dieser Ideen durch unseren Beitrag sein. Es ist nur eine Oberflächenunwahr­ scheinlichkeit, daß der Geist Nietzsches die ideologische Grundlage bilden könne einer deutschen Demokra­ tie. Ist er es nicht, der die Demokratie zur Vorbedingung erklärt hat eines neuen Adels, den wir; nach dem Wort seines Schülers Stephan George, >nicht von Schild und Krone« herführen sollen, und ist er nicht der nachchrisdiche und neuantikische Sänger einer neuen Heiligung der Erde und des Menschen, der Prophet eines neuen Bundes von Erde und Mensch? Was aber wäre Demokratie im höchsten Sinne, wenn nicht dieser neue Bund? Nietzsche, der Überwinder Wagners, der Überwinder der Romantik, ist zugleich Begründer einer romanti­ schen Renaissance, die eine Neuerfüllung unseres Bildes der Antike mit geheimnis- und blutvollem Leben bedeutet. Demokratie aber ist nur der moderne politische Name für den älteren, klassizistischen Begriff der Humanität - dieses Hochbegriffes, der zwei Welten, die antike und die christliche, zugleich überwölbt. Der Prophetie Nietzsches verdanken wir einen erfrischten, religiös vertieften Blick auf diese Synthese. Er hat uns das >Dritte Reich« darin zu erkennen gelehrt, ein Reich der Verleiblichung des Geistes und der Vergeistigung des Fleisches, das Reich des >Übermenschen«, das er schlechthin das des Menschen hätte nennen mögen, das Reich der Humanität, dessen Idee seit Jahrzehnten über den Rand der Welt emporgestiegen ist und ihre Strahlen schon weit über die bedürftigen Länder der Menschen wirft. Einigen wir Deutschen uns mit den Völkern in Ost und West dahin, dies Reich - oder doch die Vorkehrungen dazu - mit dem Namen der Demokratie zu benennen: und wir werden zu den hingehendsten, ja zu den berufensten unter den Arbeitern an ihrer Verwirklichung zählen.«

1 Bezieht sich auf Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen (1918). 2 Anspielung auf Fiescos Gegenspieler Verrina, den »verschworenen Republikaner«, in Friedrich Schillers »republikanischem Trauerspiel« Die Verschwörung des Fiesco zu Genua (1783). 3 Das Zitat stammt aus Novalis’ Aphorismensammlung Glauben und Liebe oder Der König und die Königin. In: Novalis, Schriften 2. Bd. Hrsg. v. Richard Samuel. Stuttgart: Kohlhammer 1960, S. 490f. 4 Siehe Anm. 1. 5 Gemeint ist Gerhart Hauptmann, zu dessen 60. Geburtstag dieser Vortrag verlesen wurde. Vgl. auch Dok. Nr. 26. 6 Das Zitat findet sich in Novalis’ Politischen Aphorismen Nr. 58. In: Novalis, Schriften, 2. Bd. Hrsg. v. Richard Samuel. Stuttgart: Kohlhammer 1960, S. 501. 7 Anspielung auf den Neubau des preußischen Heeres durch Scharnhorst nach den Niederlagen der preußischen Armee gegen Napoleon bei Jena und Auerstädt und dem für den preußischen Staat verlustrei­ chen Tilsiter Frieden von 1807. 8 Das Zitat stammt aus Novalis’ Das allgemeine Brouillon: Materialien zur Enzyklopädistik. In: Novalis, Schriften 3. Bd., Hrsg, von Richard Samuel. Stuttgart: Kohlhammer 1960, S. 258 (Nr. 97). 9 Friedrich Ebert (T871-1925), Saniermeister, Schriftleiter, Mitglied des Reichstags, 1913-19 Vorsitzender der SPD. Wurde am 9. November 1918 Reichskanzler. Am 11. Februar 1919 wurde er von der Weimarer Nationalversammlung zum vorläufigen Reichspräsidenten gewählt, 1922 verlängerte der Reichstag die Amtszeit bis 30. Juni 1925. 10 Anspielung auf Otto von Bismarck (1815-1898), der 19 Jahre lang (von 1871 bis 1890) Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident war.

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15 Heinrich Mann: Geistiges Gesellschafiskapital. In: Berliner Börsen-Courier (25. Dezember 1924) Nr. 605. Eine Gesellschaft gibt es natürlich jetzt wie immer. Jetzt ist sie anders angeordnet, arbeitet anders, hat andere Zwecke als noch vor zehn Jahren. Reichtum und Bildung sind wieder einmal weit auseinandergerückt, was freilich öfter vorgekommen ist. Jetzt aber hat der Reichtum eine ganz andere öffentliche Bedeutung als früher und führt weiter, die Bildung eine viel geringere und führt zu nichts. Das bedeutet einfach, daß die Zwecke dieser Gesellschaft es so verlangen. Sie will eine mündige, selbstdenkende, selbsttätige Gesellschaft sein, nicht mehr abgelenkt von Kräften, auf die sie ohne Einfluß war. Was sollte ihr nun die Geistesbildung der Vorkriegszeit, jene »Kultur«, die ein Vorrecht war; im Munde geführt von wenigen tausend snobistischen »Kulturträ­ gern«, die sie niemanden mitteilten? Jene Kultur hat die Politisierung der Nation nicht begünstigt, eher mit verhindert, sie war ihrer Demokratisierung entgegen. Damit ist sie gerichtet. Statt ihrer wird jetzt praktisches Denken erworben. Die Massen lernen aus Not, Erfolgen, Enttäuschungen, aus ihren Erfahrungen von Jahr zu Jahr; von Wahl zu Wahl, wer ihnen hilft oder sie noch mehr hineinreitet, welche Personengruppe, welche Sache und Meinung sich bewährt. Alles muß durchgemacht und verdaut werden. Das so verdiente Gesellschaftskapital an Intelligenz wird höher als vorher sein. Ob hoch genug, um die Gesellschaft an großen Geisteswerken zu beteiligen? Die Kultur einer Gesellschaft verlangt nicht notwendig Geist. Er ist in der Welt vorerst in Abnahme begriffen, während Kultur immer weiter macht. Auch unsere wirtschaftliche und soziale Umschichtung hat vor allem reines Geistesleben verschlungen. Alles das wurde verschlun­ gen, was nicht volksgemäß oder besonders fest in Überlieferungen begründet war. Sport blieb natürlich üblich und nahm zu. Musik blieb auch. Literatur war in Deutschland seit langer Zeit keine durchaus natürliche Funktion, wenn sie es überhaupt je war. Sie brauchte Unterstützung und besondere Kennerschaft, daher jene Snobs. Die sind fort, die Literatur mag zusehen, wird die heranwachsende Demokratie jemals von ihr Gebrauch machen? Dann wird sie es aber nicht aus Eitelkeit tun, nicht aus Bildungsmanie, nicht aus Langeweile. Sie wird eine Literatur nur tragen und großmachen, die ihre eigene Sache ist, eine Literatur aus der Zeit für die Lebenden. »Überzeitli­

ches«, auf Ewigkeit Bedachtes ist aussichtslos; man unterlasse doch, Unzeitgemäßheit und er­ schwerte Zugänglichkeit als Vorzug anzupreisen. Ein Faust kommt nie mehr. Tragödien von zeitentrückter Allgemeinheit sind unwahrscheinlich und wären unwirksam in einer so bedingten, an Tag und Wirklichkeit so fest gebundenen Gesellschaft. Fachmännische Vorurteile zugunsten erhabener und wurzelloser Kunstgebilde führen einzig dahin, daß alle Welt dauernd bei literarischer Barbarei verharrt, unentwegt in die »gewaltigste Revue« läuft und sonst nichts wissen will. Beteiligung an der Demokratie in der Literatur ist möglich. Sie war verwirklicht in Frankreich, durch die große Romanreihe des 19. Jahrhunderts. Alle diese Romane hängen zusammen, sie bilden die vollständige Soziologie ihrer Zeit, lebende Soziologie, Kritik als Leben, Erkenntnis, die sich abspielt und jedermann packt, Vergeistigung des Alltags. Je wirklicher und geistiger in dem Werk die Zeit ist, um so länger dauert es. Dauer ist gleich Zeitgemäßheit in Gestalt großer Kunst. Nur solch eine Verewigung kann eine Demokratie sich

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geben; auch die neue deutsche muß es versuchen. Sonst bleibt es für Rasse und große Öffentlich­ keit bei der »gewaltigsten Revue« in jeder Preislage. Massen aber, die vollwertige Zeitdenkmale kennen würden, statt Blendwerks der Sinne, wären merklich gefördert im Verständnis ihrer eigenen schweren Erlebnisse. Ihr Leben, Sterben und Erwerben wäre gesammelt, durchleuchtet, es ergäbe ein Bild, wenn nicht gar Gedanken. Vollwertige Zeitdenkmale könnten helfen, aus Massen die menschlich bewußte Gesamtheit zu machen. Frage an die Zukunft: Wird Kultur wieder Geist haben? Jene französischen Romane sind dafür wohl kein fortwirkender Beweis; die Demokratie, auf die sie hinzielten, waren bürgerlich begrenzt, uns scheint sie harmlos. Wir rechnen mit bisher unbekannten Massen und Abenteuern. Aber Beispiel waren jene Romane. Es sollte in Deutschland erkannt werden. Auch der französische Unterricht sollte nicht eingeschränkt, sondern erweitert werden. Wenn das Französische weder die Handels- noch die Diplomatensprache wäre, ist es doch die Sprache jener modernen Literatur; die uns das lebende Beispiel gibt, auch Demokratie könne auf hoher Ebene spielen und in der Welt des Geistes ihr Büd haben. Dieser Essay war Heinrich Manns Beitrag zu einer Umfrage Publikum und Gesellschaft im Berliner BörsenCourier vom 25. Dezember 1924 (Nr. 605), die wie folgt eingeleitet wurde: »Gibt es noch eine Gesellschaft? Gibt es im Zusammenhang damit noch ein >Publikumdie< Gesellschaft: wäre sie, sie hätte durch den Mund der Antwortgeber, einiger von ihnen, gesprochen. Tatsächlich denkt jeder, der das Wort ¡Gesellschaft« braucht, an etwas anderes dabei; was nicht der Fall wäre, wenn wir eine Gesellschaft hätten. Da somit der einzelne Beobachter auf seine Gedanken über mögliche oder tatsächliche Gemeinschaftsformen, statt auf das Selbstverständliche eines überlieferten Zugehörigkeitsgefühls angewiesen ist, meint der eine das Volk und den Staat, der andere diesen oder jenen Bildungskreis, und die meisten sprechen vom ¡Publikum«; vielerlei Publikum. Der Gesamteindruck ist: In Deutschland wenigstens konnte weder ¡die« noch eine Gesellschaft in den Wirren der letzten zehn Jahre zertrümmert werden, weil es schon vorher keine gab. Krieg und Revolution änderten im Grund wenig an einer Entwicklung, deren Epochenatem viel länger ist als das, was uns plötzliche Wandlung scheint. Und noch eines ist kennzeichnend. Die Optimisten sprechen nur von einzelnen Ansätzen, die unter sich nicht Zusammenhängen; das Bild einer noch irgendwie als Gesamtheit gedachten, wenn auch untergehenden Gesellschaft erscheint nur bei den Pessimisten. Es scheint, daß der nicht verzweifelnde Betrachter heute nur Bausteine sieht; und daß in der Tat die Bausteine wesentlicher sind als das Gebäude.« An der Umfrage beteiligten sich u.a. Thomas Mann, Hermann Bahr, Georg Kaiser, Paul Kornfeld, Oskar Loerke, Hermann Ungar, Fritz Strich, Ernst Rowohlt, Gustav Kiepenheuer, Frank Warschauer, Victor Barnowsky, Gustav Hartung und Richard Weichert. Arthur Holitschers prophetische Antwort lautete: »Haben wir eine Gesellschaft? Nein!! Infolgedessen haben wir auch kein Publikum. Publikum ist die Quintessenz, die kulturelle Oberschicht einer Gesellschaft und wo diese fehlt, fehlen die primitivsten Voraussetzungen für das Gebilde: Publikum. Wir haben heute eine durch Leidenschaften und Instinkte: Herrschsucht, Ausbeutungs­ trieb, Konkurrenz, zerrissene, in tausend Fetzen zerflatternde, nur lose durch Sensationsgier, Sucht nach Genuß der leicht erreichbaren Dinge des täglichen Lebens oberflächlich und notdürftig zusammengeklebte ¡Gemeinschaft« der Klassen, des Volkskörpers. Zweifellos reift eine weltgeschichtliche Krise, die diesem Zustand ein jähes Ende bereiten wird. Schon erkennen wir von weitem, riechen sozusagen die Gasschwaden der bevorstehenden Apokalypse. Diese verwesende Gesellschaft wird den Kräften, die sie vollends in ihre Bestandteile auflösen wollen, durch moralische Grundsubstanz keinen Widerstand entgegenzusetzen haben. Vielleicht wird sich aus unverbrauchten Elementen der barbarischen Völker, die Europa in der Weltherrschaft ablösen werden, eine Menscheneinheit herausbilden, die die Form einer Zukunftskultur schaffen kann. Vielleicht gebiert die Weltkatastrophe einen neuen Gottesbegriff. Unsere Zeit hat den ihren vernichtet, vertan, verloren. Mag sie versinken, es ist nicht schade um sie.«

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16 Fritz Strich: Der Dichter und der Staat. In: E S., Dichtung und Zivilisation. München: Meyer und Jessen 1928, S. 219-248; hier: S. 219-221. Es ist ja zunächst ein seltsames Verhältnis, das zwischen der Dichtung und dem heutigen, modernen Staat besteht. Dieser Staat scheint dem Dichter nicht günstig, ja, er scheint ihm feindlich gesinnt zu sein. Er wittert in der Dichtung eine Gefahr für sich selbst. Wenn der heutige Staat die Dichtung fördert, so ist es auffallend häufig gerade eine wertlose, tendenziöse oder spießbürgerli­ che Dichtung; und er fördert sie aus seinen politisch tendenziösen Gründen, die nicht das Wesen der Dichtung treffen. Bald suchen Staatstheater durch ein verstaubtes Repertoire eine konservative Gesinnung zu erhalten, bald nach dem alten Rezepte Metternichs die aufgeregten Gemüter durch harmlose Unterhaltung abzulenken und zu beruhigen. Wie viel wahrhafte und lebendige Dichtung aber findet hierbei keinen Raum. Den Dichtern zu geben, was sie zur nackten Existenz benötigen, dazu hat der Staat keine Mittel. Wenn einmal ein wirklicher Dichter, wie Gerhart Hauptmann, von Staats wegen gefeiert wurde, wie wir es vor einigen Jahren bei seinem 60. Geburtstag erlebten, so geschah auch dies wohl mehr aus Gründen der politischen Repräsentation nach innen und nach außen hin und nicht aus einem zärtlichen Gefühl des Staates für den Dichter. Derselbe Gerhart Hauptmann aber sah sich innerlich genötigt, als er vom Staate in die neu gegründete Akademie der Dichter berufen wurde, den Ruf des Staates abzulehnen. War es nur dies, daß er empfand, in Deutschland, wo sich alles gegen geistige Normierung und Zusammenfassung auflehnt, sei solche Gründung fehl am Platz? oder: die Dichtkunst sei so wenig lehrbar und zu übertragen, daß der Dichterakademiker nichts als ein leerer Klang und Name bleiben würde? War es nicht mehr wohl das Gefühl, der Dichter gerade dürfe sich nicht dem Staat, dem modernen Staat, verschreiben, weil zwischen ihnen ein Abgrund klaffe und es mit seiner dichterischen Sendung gerade nicht verträg­ lich sei, das Amt zu übernehmen, mit dem der Staat vielleicht nur, klug berechnend, die drohende Gefahr der Dichtung bannen will? Genug: auch die Dichter umgekehrt sind dem heutigen Staate nicht günstig gesinnt. Man wird kein häufigeres Motiv in der modernen Dichtung finden, als die revolutionäre Auflehnung gegen den Staat und den Aufruf, ihn zu überwinden. Welches aber sind die Gründe solchen feindlichen Verhältnisses? Es ist nicht schwer zu sagen. Der moderne Staat: er ist zunächst ein Zweckverband, eine Wirtschaftsvereinigung, eine Interes­ sengemeinschaft und also ein Förderer absoluter Zweckmäßigkeit und Nutzbarkeit. Jeder soll in ihm nur Rad der Maschine sein. Was nicht unmittelbar diesen nützlichen Zweck in ihm nachwei­ sen kann, steht außerhalb seines Interesses. Der Dichter aber ist im Sinne des modernen Staates zwecklos, weil er nicht Rad dieser Maschine zu sein vermag. Dies freilich würde erst eine Gleichgültigkeit des Staates gegenüber dem Dichter und noch keine Feindschaft begründen. Aber in dem uniformierenden, auf allgemeine Norm bedachten Staat ist der dichterische Genius als solcher wirklich eine Gefahr. Er nimmt ein eigenes Gesetz und Maß für sich in Anspruch, was doch der Staat nicht dulden kann. Man denke an jenes groteske aber doch seltsam bedeutungsvolle Schauspiel, welches einer der bekanntesten Dichter unserer Zeit vor dem Gericht aufführte, als er des Diebstahls angeklagt war. [1] Seine Selbstverteidigung war diese: er sei

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als maßlos großer Mensch mit keinem bürgerlichen Maß zu messen; als Dichter stehe er über dem Gesetz; als Genius habe er das Recht, sich das von fremdem Eigentum zu verschaffen, was ihm zur freien Schöpfung seiner Werke notwendiges Bedürfnis sei. Die Dichtung selber urteilt und entscheidet ja auch wirklich nach ihren eigenen Maßen und Gesetzen. Wie oft wird in der Dichtung nicht der Mord verherrlicht, die freie Liebe gepriesen, die Revolution verklärt. Der Dichter nimmt leidenschaftlich die Partei des Menschen gegen den Staatsbürger, und seine Gesetze sind nicht die des Staates, sondern die ungeschriebenen und ewigen des Himmels. So kann denn die Dichtung den Staatsbürger nur allzu leicht verwirren und verführen und die Verachtung von Gesetz und Sitte zeugen. Der utopische und ideale Geist der Dichtung endlich ist sehr geeignet, Unzufriedenheit zu wecken. Der Traum einer goldenen Zeit, ob in Vergangenheit oder Zukunft, liegt immer irgendwo im Hintergrund der Dichtung. Es war ein Irrtum des Aktivismus, daß er die Dichtung darum verwarf, weil sie durch ihre scheinhafte Verwirklichung der idealen Forderung den realen Verwirklichungsdrang des Menschen einschlä­ fere und so die Ankunft einer goldenen Zeit verhindere. In Wahrheit ist die Dichtung gerade, alle Dichtung, der gefährlichste Maßstab für die gegebene soziale Wirklichkeit und Gegenwart; und Tassos Traum von einem dichterischen Leben, der ihn in tragischen Konflikt mit aller gegenwärti­ gen Gemeinschaft bringt, ist ewiger Dichtertraum. [... ] Fritz Strich (1882, Königsberg - 1963, Bern) Literaturhistoriker. Professur in München und Bern. Wurde durch sein Werk Deutsche Klassik und Romantik (1922) bekannt. 1 Gemeint ist Georg Kaiser, der 1921 wegen Diebstahls von Teppichen eine mehrmonatige Gefängnisstrafe verbüßen mußte. Kaisers Verteidigungsrede vor Gericht ist abgedruckt in Georg Kaisers Gesammelten Werken (Bd. 4, S. 562), hrsg. von Walther Huder. Zum damals viel beachteten »Fall Kaiser« vgl. auch den Prozeßbericht in der Frankfurter Zeitung vom 16. Februar 1921 Nr. 122 und Nr. 123. Vgl. ferner Carl Sternheims Kommentar dazu: Die stehlenden Dichter, in: Das Tage-Buch 3 (19. August 1922) H. 33, S. 1160-1161.

17 Friedrich Sternthal: Die Ohnmacht der Geistigen in Deutschland. In: Die literarische Welt 5 (19. April 1929) Nr. 16, S. 1-2. »Verflucht sei, wer nach falschem Rat Mit überfrechem Mut Das, was der Korse-Franke tat. Nun als ein Deutscher tut! Er fühle spät, er fühle früh, Es sei ein dauernd Recht; Ihm geh’ es trotz Gewalt und Müh’, Ihm und den Seinen, schlecht!«

'.Goethe, Epimenides) »Ich sage dir, es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlich rein sich erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt...« (Hölderlin, Hyperion)

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»Alle großen Kulturverbrechen von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen! ... Und immer aus dem gleichen Grunde, aus ihrer innerlichsten Feigheit vor der Realität, die auch die Feigheit vor der Wahrheit ist, aus ihrer bei ihnen Instinkt gewordenen Unwahrhaftigkeit, aus >IdealismusBourgeois< geprägt und der bürgerlichen Gesellschaft oft genug entgegengeschleudert hat, sich überzeugt geistiger Arbeiter nennen und seine Kraft freudig hingeben für das Wohl des neuen Staates, in dem er nicht mehr ein entrechteter Fremdling, sondern ein vollwertiger Bürger ist.« (S. 913) Selbst die konservative Zeitschrift Deutsches Volkstum bringt imJuni 1919 Hans Natoneks Artikel Sozialisie­ rung und Kultur (H. 6, S. 180-184), der wie folgt beginnt: »Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß der Gedanke der Sozialisierung auch jene Gebiete ergriffen hat, deren Zusammenfassung wir als Kultur bezeich­ nen. Die Bildung von Kulturräten mit stark kultursozialisierenden Tendenzen, der Wille zur Verstaatlichung der Bühne, die Künstler-, Schauspieler- und andere Berufsausschüsse, die Sitz und Stimme in der Leitung der Institute fordern, an denen sie mitarbeiten, sind sehr bezeichnende Symptome. Darum wird sicherlich das kulturelle Leben durch die Sozialisierung viel weniger überrascht und erschüttert werden, als die Wirtschaft. Denn die Kultur ist ihrem Wesen nach bereits eine sozialisierte Form des Lebens, und der Kulturbesitz ist - so die Volksbühne, die Volkshochschule, die öffentlichen Bibliotheken und Sammlungen, die Schulen - zu gutem Teil bereits sozialisiert, d. h. verstaatlicht und vergesellschaftet. Dennoch bleibt noch viel zu tun übrig, wenn man dem geistigen Leben höchste Ziele setzt: die schaffenden Kräfte von jeder Hemmung und Beeinträchti­ gung zu befreien und den kulturellen Besitz allen Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen. Bei den Erneuerungsbestrebungen auf kulturellem Gebiete wird die Bekämpfung des privatunternehmerischen, rein kapitalistischen Übergewichts eine der Hauptaufgaben bilden. Der Kultursozialisntus will den geistigen Menschen befreien und den Massen den Weg zum Geiste erleichtern. Er ist das Ziel; der wirtschaftliche Sozialismus das Mittel und der Helfer.« Er plädiert für eine Sozialisierung im weitesten Sinne: nicht nur durch Übernahme der Kultureinrichtungen durch Künstler- und Betriebsräte, sondern durch die Überführung der Kultur in den Besitz der Allgemeinheit durch möglichste Ausschaltung privatkapitalistischer Interessen. Besonders intensiv wurde über die Sozialisierung des Theaters diskutiert. Vgl. dazu Max Epstein, Sozialisie­ rung des Theaters. In: Die Weltbühne 14 (19. Dezember 1918) Nr. 51, S. 580-584: »Um es gleich zu sagen: die Vergesellschaftung des Theaters ist möglich. Sie ist ebenso gut möglich wie die jedes andern wirtschaftlichen Betriebes. Aber auch nur insoweit, wie der Betrieb ein wirtschaftlicher ist und sich in den Rahmen einer nichtsozialistischen Weltwirtschaft fügt. Sozialisierung im eigentlichen Sinne gibt es für die Kunst nicht, weil das Produktionsmittel geistige Kraft ist, deren Erzeugung andern Bedingungen unterliegt als körperliche

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Substanz. Soweit aber das Resultat der geistigen Arbeit sich in einen wirtschaftlichen Wert umsetzen muß, ist eine begrenzte Vergesellschaftung angängig. Sie ist grade für das Theater vom Standpunkt der Leistung und der sozialen Gerechtigkeit angemessener und wünschenswerter als bei jedem andern Betrieb. [...]« (S. 580) Vgl. auch Julius Bab, Sozialismus und Theater. In: Die Volksbühne (1. September 1919) H. 1, S. 1-4; Erich Koehrer; Das Theater im Volksstaat. In: Die Glocke4 (1. März 1919) H. 48, S. 1513-1520; Ferdinand Gregori, Das Theater und die Revolution. In: Der Kunstwort 33 (Oktober 1919) H. 1, S. 13-19; K. St., Sozialisierung als geistige Vergewaltigung. In: Der Türmer 21 (September 1919) H. 15, S. 532-534. Dort heißt es (S. 532): »Daß sich hinter dem Freiheitsgerede der meisten Sozialisierungsapostel der gierigste Machthunger verbirgt, dürfte allmählich immer weiteren Kreisen klar geworden sein. Der Versuch einer solchen Vergewaltigung jedes Andersstrebenden oder aus irgend einem Grunde Unbequemen, von einer Schamlosigkeit, zu der das verlä­ sterte alte Regime kein Seitenstück bietet, ist der soeben abgeschlossene Vertrag zwischen dem Deutschen Bühnenverein, dem Verband deutscher Bühnenschriftsteller und der Vereinigung der Bühnenverleget: Darin ist vereinbart worden, daß die Bühnenleiter in Zukunft nur noch Werke von Verfassern und Vertonern aufführen dürfen, die dem Verband deutscher Bühnenschriftsteller angehören und ihre Werke durch die Vereinigung der Bühnenverleger vertreiben lassen. Andererseits dürfen diese nur Verträge mit Bühnen abschließen, die dem Deutschen Bühnenverein angehören.« Der von Kurt Wolff 1919 angekündigte und weit publizierte Plan, seinen Verlag zu »sozialisieren« (d.h. seinen Verlag am Gewinn zu beteiligen) kam nicht zur Ausführung. Vgl. dazu: Wolfram Göbel: Sozialisierungs­ tendenzen expressionistischer Verlage nach dem Ersten Weltkrieg. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Bd. 1 (1976), S. 178-200. Bereits 1921 hieß es in Wilhelm Moufangs Buch Die gegenwärtige Lage des deutschen Buchwesens (München-Berlin-Leipzig: J. Schweitzer) S. 47: »Schon bald nach der Novemberrevolution wurden alle möglichen Vorschläge zu Neuerungen irTT Buchhandel gemacht. Die einen verlangten Verstaatlichung des Sortimentsbuchhandels, andere wollten die einzelnen Verlage sozialisie­ ren oder in die Hände von Autoren überführen, zumindest aber die Autoren in den Betriebsräten vertreten wissen. Das Meiste von den damals aufgetauchten Vorschlägen wird heute längst nicht mehr verfochten.« 1 Bei einer Produktivgenossenschaft handelt es sich um eine besondere Form der Gewinnbeteiligung, bei der die Arbeiter neben ihrem Lohn auch am Untemehmergewinn teilnehmen.

20 Kurt Tucholsky: Solidarität. In: Der Schriftsteller 8 (Januar 1921) H. 1/2, S. 5-7. Wenn die Hutmacher heute einen Streik beginnen; so haben sie die Aussicht, ihn siegreich zu beenden - durch ihre Solidarität. Wenn die Setzer einer großen Zeitung ihre Lohnforderungen erhöhen, so wird ihr Streikbeschluß, einmal gefaßt, den Unternehmer zu Verhandlungen zwingen, denn die Setzer sind solidarisch. Wenn aber die geistigen Arbeiter einen Streik inszenierten ... ach! sie fangen gar keinen an. Das Gefühl der Solidarität unter geistigen Arbeitern ist nicht vorhanden. Die Sache liegt heute so, daß jeder, aber ausnahmslos jeder Schriftsteller seinen Kollegen literarisch wertet und danach mit ihm verkehrt: er tadelt oder lobt ihn, er nimmt ihn für voll oder tut ihn verächtlich ab. Aber weiß er denn nicht, daß die geistige Arbeit mit dem Augenblick, wo sie das stille Studierzimmer verläßt und auf dem Markt gehandelt wird, Ware ist, Ware, und weiter nichts als Ware? Das weiß er nicht, und das will er auch nicht wissen. Der geistige Arbeiter glaubt, ein Künstler müsse allein stehen. Und nun lehnt er ab, mit seinen

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Nachbarleuten, die neben ihm schaffen, zusammenzugehen, weil das seiner nicht würdig sei. Ist es das wirklich nicht? Die bekannt elenden Verhältnisse, die den Schriftsteller umgeben, sind nur zu erklären aus der übergroßen Leichtigkeit, mit der der Unternehmer den Einzelnen aushöhlen kann. Der kann sich ja nicht wehren - und die andern helfen ihm nicht. Der ist ja nur Einer - und Einer ist gezwungen, das Honorar zu schlucken, das man ihm vorwirft, die Bedingungen anzunehmen, die man ihm stellt ein braves Hampelmännchen in der Hand des geschickten Kaufmanns. Gibt es dagegen kein Mittel? Es gibt eines. Dieses Mittel ist die absolute Solidarität der geistigen Arbeiter. Man muß das Epitethon »absolut« hinzusetzen, weil ja in der Tat bei uns die eigentümlichsten Verhältnisse auf diesem Gebiete herrschen. Jeder nämlich erkennt die Forderungen, die alle unsere Organisationen stellen, gern an - nur ... »Nur«, sagt er, »für mich - also mit mir ist das so eine Sache - sehen Sie - ich kann da nicht - -« Und jeder ist ein Ausnahmefall, und jeder ist etwas ganz Besonders, und jeder kann nicht und möchte und ist leider verhindert. Hier ist eine Aufgabe - hier ist ein Weg - hier ist eine Hilfe. Das Erste, was den Arbeitern einen wirtschaftlichen Kampf überhaupt erst ermöglichte, war das Gefühl für Solidarität. Der Streikbre­ cher ist ein Schuft - dieser Satz stand ehern fest. Und es gab keine Ausnahmen. Bei uns? Ich besinne mich, daß in einer Redaktionskonferenz einer aufstand und sagte: »Wer den Beschlüssen unseres Ausschusses zuwiderhandelt, sollte geächtet werden!« - Und es erhob sich ein andrer und sprach also: »Geächtet ... meine Herren Kollegen ... ist das nicht ein etwas hartes Wort? Wir sind doch Künstlernaturen ...« Nein, sie ächten nicht, diese Künstlernaturen. Merkwürdig, wie sie nur künstlerisch in Honorar­ angelegenheiten empfinden - aus ihren Werken spricht so häufig der Merkantilist ... Nein, sie ächten nicht. Ja, es fallt gradezu auf, wenn einmal einer von uns Korpsgeist bezeigt. Die Münchner Zeitschrift Zeit im Bild zankte sich eines Tages mit W. Fred [1] - unsere Organisation [2] nahm sich Freds an, und ich zog daraufhin alle meine Beiträge zurück. Die Redaktion war baß erstaunt: »Sie werden doch nicht«, hieß es in ihrem Brief, »für Herrn Fred die Kastanien aus dem Feuer holen. ...« Und: gebildete Menschen tun derlei nicht! Diese Melodie tönt durch alle die zartgemeinten Lieder eines Unternehmertums, das instinktiv fühlt, von woher ihm die größte aller Gefahren droht: von der Solidarität der geistigen Arbeiter. Wie steht es denn um uns? Nehmen wir doch einmal an, die gesamte Redaktion eines Pressekonzerns träte in den Streik. Heute stehen die Sessel leer - morgen sind sie alle besetzt - das Haus würde gestürmt werden von Streikbrechern. Alle, alle kämen gelaufen: Professoren und »freie« Schriftsteller und Dilettanten und Stellungslose und Gott weiß wer. Und die streikenden Redakteure würden auf der Straße verrecken. Zwei Gefahren bedrohen den wirtschaftlichen Aufschwung unseres Berufs auf das ärgste: der Dilettant - und wir selbst. Wir selbst sind uns die größte Gefahr - wir selbst bewirken, daß der Unternehmer unserer zwölf für ein Dutzend hält - wir selbst sind schuld daran, daß wir alle gar so leicht zu ersetzen und gar so billig zu haben sind. Es sind immer dieselben traurigen Erscheinungen: der zu Ruhm und Geld gekommene Dichter,

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der geschmeichelt den Aufforderungen der Redaktionen nachkommt, ohne sich jemals seiner Kollegen anzunehmen; der Dilettant, der noch Geld dazugibt, wenn er nur gedruckt wird; der Zeilenschinder, der schreiben muß, weil ihm der Hunger im Nacken sitzt. Und wir andern -? Wir sollten nicht länger zusehen. Wir haben nun täglich aus der Arbeit anderer Organisationen lernen können, wie die Arbeit und ihre moralische Wertung gar nichts mit dem zu tun hat, was sie darstellt, wenn sie Ware geworden ist. Wir singen nicht mehr, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet. Denn die Angelegenheit hat ein doppeltes Gesicht: wer bei der Arbeit an das Publikum und an sein Honorar denkt, ist ein Schmierer. Wer aber beim Vertrieb nicht an sein Honorar denkt, ist ein Dummkopf. Diese Anschauungen nutzen nichts, wenn ihr sie nicht in unsere Organisationen hineintragt. Wirkt! Tut euch zusammen! Schärft die Gewissen! Seht das Ziel: eine große Gewerkschaft, ein Bund, der den Markt beherrscht! Wir wollen nicht tyrannisieren - wir wollen für uns menschen­ mögliche Lebensbedingungen schaffen, unter denen sich arbeiten läßt. Der Unternehmer sei gezwungen, nur organisierte geistige Arbeiter einzustellen - so rotten wir den Dilettanten aus. Und zwingen wir uns, einer für alle und alle für einen zu stehen - so rotten wir den Ausbeuter aus. Eine Provinzzeitung hat vor kurzem einen Mann gesucht, der den Leitartikel zu schreiben hatte und den lokalen Dienst versehen und nachts telephonieren und Kritiken verfassen mußte - dafür sollte er ein Vierteljahr umsonst arbeiten - in der Gaunersprache nennt man das »volontieren« und dann wurde ihm ein Gehalt von einhundertfünfzig Mark monatlich zugesagt. Jammert ihr? Zieht ihr einen bitteren Mund? Es ist an uns allen, das zu verhindern. Es gibt keine Ausnahmen glaubt einer im törichten Übermut, ohne den Stand wirtschaftlich arbeiten zu können, dann stoßt

ihn aus - sei es, wer es sei. Wir können keine Primadonnen brauchen - dazu ist die Zeit zu hart. Und wir werden Erfolg haben, wenn wir uns zusammenschließen, jeder, jeder, jeder - und wenn uns das Standesinteresse über alles Persönliche geht. Denn einzig das wäre Solidarität. Tucholsky spricht hier als Vertreter des »Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller« (SDS), dessen Schriftführer er von 1920-1921 war. Der 1909 in Berlin gegründete SDS wurde in der Weimarer Republik die mitglieder­ stärkste und einflußreichste schriftstellerische Berufsorganisation. (Gründungsmitglied war der spätere Präsi­ dent der Bundesrepublik, Theodor Heuss). 1932 zählte der SDS 2800 Mitglieder. Seiner Satzung nach bezweckte der Verband »den Schutz, die Vertretung und Förderung der wirtschaftlichen, rechtlichen und geistigen Berufsinteressen seiner Mitglieder« (vgl. Satzung des SDS in: Der Schriftsteller 15 [1928] Nr. 4, S. 40-45). Zahlreiche Schriftsteller unterstützten den SDS: Bernhard Kellermann war 1921, Döblin 1924 und Arnold Zweig 1929 Erster Vorsitzender, Heinrich Mann war 1929 2. Vorsitzender des SDS. Thomas Mann war von 1928-1933 Erster Vorsitzender des SDS Gau Bayern. Hauptmann und Thomas Mann haben dem SDS auch finanzielle Mitte! zugeschossen. Das Selbstverständnis des Schutzverbands und seiner Mitglieder in den zwanzigerJahren läßt sich an Arnold Zweigs Artikel Werbung für den Schutzverband, abgedruckt in dem SDS-Organ Der Schriftsteller (16. Jg., März 1929, Nr. 3, S. 2-6), ablesen: »Welchen Weg auch immer die geistige Leistung heute nimmt, sie trifft auf organisierte Umstände. Die Zeitungen, die Verleger, die Sortimenter und in den Buchgemeinschaften selbst die Bücherkäufer bilden heute einen klaren aktiven Staat im allgemeinen Staate der wirtschaftlichen Reibungen. Es reiben sich große Schollen aneinander, und der Schriftsteller, der als Einzelner zwischen sie gerät, wird immer der Zerriebene sein. Den berechtigten Forderungen der organisierten Buchbindet; Buchdrucker oder Sortimen­ ter wird er nur seine eigene Organisation entgegensetzen können, oder ein unendliches Quantum Leidensfahigkeit und Energie seinem Talente abringen müssen, um seinem Schicksal standzuhalten. [... ] Indem wir unsere Position durch Verbindung stärken, dienen wir der Allgemeinheit und dem Geiste besser als wenn unsere einsame Würde und unsere Leidenschaft zur Formung uns einkapselt in uns selbst. Denn, wenn wir aussterben,

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sei es verkümmernd in der.Not oder aufgehend in der Organisation einer Zeitung, verstümmeln wir die Gesellschaft, die gegenwärtige wie die zukünftige. Wir sind ihr Auge, wir ihre Hand, und wenn wir verstum­ men, hat sie keine Zunge mehr. Eurer Verantwortung bewußt, deutsche Schriftsteller; geht in den S.D.S.!« (S.3,6) Vgl. auch Kun Tucholsky: Schriftsteller. In: Die Weltbühne 16 (10. Juli 1920) Nr. 24, S. 691-696; hier S. 694-695: »Ich gehöre zu den Leuten, die glauben, daß das Ende des Künstlers noch nicht das Schlimmste wäre, weil ich glaube, daß für die kommende Zeit Kunst nicht das wichugste Ding sein wird. Aber ich meine, daß es kulturschädlich ist, wenn Der verschwindet, der unabhängig und desinteressiert den Leuten die Wahrheit sagen kann. Schriftsteller kauft man sich heutzutage schon garnicht mehr, weil Pfenniggeschäfte nicht lohnen. Heute kauft man Zeitungen. Zeitungen mit dem ganzen an ihnen hängenden Publikum und mit der Setzerei und der Druckerei und der Falzerei und, richtig, auch mit dem Redakdonsstab. Einer der Herren geht? Aber wir bekommen fünf neue. Wir wissen Alle, was das bedeutet. Wir wissen, daß die Presse in Deutschland nicht in dem Sinne korrupt ist, daß sie für einen Betrag von zehntausend Mark einen Angriff liefert. Aber wir wissen doch auch Alle, daß ein großes Blatt eine Interessensphäre vertritt, die nicht ganz unabhängig vom wirtschaftlichen Standpunkt des Inseratengeschäftes ist und sein kann. (Ein witziger BerlinerJournalist pflegt zu sagen: >Die Unabhängigkeit des Inseratenteils ist garantiert.«) Und es ist natürlich sehr wichtig, zu kontrollieren, wer hinter einer solchen Zeitungsmacht steckt. Aber es ist noch wichtiger, die Existenz von Schriftstellern zu ermöglichen, die von gar keiner abhängen. Der Schriftsteller außerhalb der Partei und außerhalb eines Pressekonzerns ist, im Gegensatz zu diesen Institutionen, erst der rechte und wahre Förderer der Kultur. Er und nur er kann, unbeschwert von allen Rücksichten und ohne Manöver des Taktes, Das sagen, was zu sagen so oft bitter not tut. Er und nur er hat, wenn er ein rechter Kerl ist, Keinen zu fürchten. Der Typ ist heute am Verhungern. Ob von diesem Staat etwas zu erwarten ist, weiß ich nicht. Daß von dieser Gesellschaftsform nichts zu erwarten ist, scheint mir sicher. Wenn der Schriftsteller sich nicht sein Recht erkämpft, bekommt ers nie. Der Weg dorthin geht nur über den gewerkschaftlichen Zusammenschluß aller deutschen Schriftsteller mit klaren und festen Tarifverträgen. Der Tarif regelt nicht den Geist - er regelt den Verschleiß der Ware. Und wenn Einer beim Verkauf mit Idealen kommt, dann ist das Geschäft faul, und wir werden betrogen. Wir werden betrogen. Wir lassen uns betrügen. Der Schutzverband Deutscher Schriftsteller kann allein nichts tun, auch wenn er wollte. Wenn Ihr euch nicht Alle zusammenschließt, wenn Ihr nicht Alle so viel Solidaritätsgefühl für einander aufbringt, wenn Ihr nicht Alle Den einen Schuft nennt, der den Streik bricht - heute traut Ihr euch noch nicht einmal, zu streiken, weil Ihrs gamicht könnt -, wenn Ihr nicht zusammenhaltet: dann ist es mit dem freien Schriftsteller aus. Man sollte glauben, die wirtschaftliche Not zwänge den Stand zur Erkenntnis seiner Lage. Aber so groß ist die Macht anerzogener und gewohnter Laschheit, daß kaum Einer muckt, und daß sie so stolz, erhobenen Hauptes, und voll von Idealen, wie es gebildeten deutschen Männern gebührt, wirtschaftlich verkommen. Wollt Ihr euch, wollt Ihr den deutschen freien Schriftsteller vor dem Untergang bewahren? Dann tut etwas. Tut euch zusammen, tretet in den Schutzverband Deutscher Schriftsteller ein, und wirkt in ihm dafür, daß Ihr wirtschaftlich besser dasteht als eure Waschfrau. Gebt nicht nach, bevor Ihrs erreicht habt!« 1 W. Fred (eigtl. Alfred Wechsler) 1879-1922, freier Schriftsteller um die Jahrhundertwende; Verfasser der Broschüre Literatur als Ware. Bemerkungen über die Wertung schriftstellerischer Arbeit. Hrsg, vom Schutzver­ band Deutscher Schriftsteller. Berlin 1911. 2 Gemeint ist der »Schutzverband Deutscher Schriftsteller«.

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21 Alfred Weber: Die Not der geistigen Arbeiter. München und Leipzig: Duncker & Humblot, 1923, S. 13-17, 20, 31-32 [...] Das moderne Intellektuellentum. ist wirtschaftlich-sozial fast durchgängig Rentenintellektuellentum. Es sitzt auf einem kleinen oder mittleren beweglichen Vermögen, in seiner großen breiten Masse nicht so, daß ihm Beruf und Verdienst erspart bliebe, doch derart, daß dieses Vermögen im ganzen einen Teil des Hintergrundes bildet, der es ermöglicht, die lange Vorbildungs­ und dann auch Karenzzeit bis zum Vollverdienst aus geistiger Tätigkeit zu überwinden. Indem das Vermögen später den Vollverdienst ergänzt, ist es gleichzeitig die Freiheitsunterlage dieser Schicht gegenüber der Tyrannei der Stellung oder der Aufgabe, in die man eintritt. Es ist die Basis, auf der die Berufe, an die wir denken, wenn wir heute von der Not der geistigen Arbeiter sprechen, erst in ihrer heutigen Gestalt zur gegenwärtigen Gliederung und breiten Ausdehnung herausgewachsen sind. Ihr Schicksal ist ein Teil des Problems des Rentenintellektuellentums oder richtiger: das Schicksal des Rentenintellektuellentums enthält einen guten Teil des heutigen Problems der Not der geistigen Arbeit. ». Jedenfalls war die auf dieser Art der Eingliederung beruhende Intellektuellenschicht in der Zersetzung, die der Hochkapitalismus vermöge seiner alles durchdringenden Ökonomisierung sonst in das Geistige trug, noch die fast einzige, leidlich unabhängige Insel außerhalb der Klassenund Interessengegensätze, ein Asyl der überökonomischen Ideen- und Gedankengänge, die verblieben. Niemals wäre SQzialreformatorische und sozialistische Kritik des Kapitalismus als dauernde Geistesströmung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts möglich gewesen ohne ihre Existenz; die Arbeiter wären wahrscheinlich führerlos gewesen. Und noch heute läßt sich weitge­ hend eine eigenartige Symbiose zwischen Rentenunterlage und einem häufig sogar ganz extremen ökonomisch- und politisch-kritischem Radikalismus feststellen. Der kommunistisch oder radikal­ sozialistisch gestimmte Rentenintellektuelle war ja in der Revolution bei uns ein »Typus«. Aber ganz allgemein gesprochen: Das Rentenintellektuellentum im ganzen bildete gleichzeitig, auch trotz aller inneren Gegensätze, immer noch eine Art von geistiger Einheit, auf die sich die geistige und künsderische Produktion in der allgemeinen Auflösung als auf ihr erstes und wesentlichstes Publikum beziehen konnte: eine Welt, die durch ihre mehr oder weniger geschlossene Stellung­ nahme sogar; wenn sie in gewissen zeitgeschichtlichen Momenten aus ihrer Anonymität einmal hervortrat, als ideelle Kollektivität noch wirken konnte. Ich fasse das Zusammentreten der sozialpolitisch-interessierten deutschen Kreise zum Verein für Sozialpolitik [1] im Jahre 1872 als ein solches gemeinsames Hervortreten der Intellektuellen auf. Die Dreyfusaffäre Frankreichs [2] ist in keiner anderen Weise zu begreifen als so und das zeitgeschichtlich größte Beispiel dafür. Man wird an dieser Art von Eingliederung vieles aussetzen können. Sie führte in vielen Teilen dieser so eigenartig vom ökonomischen Ertrag der eigenen Arbeit ganz oder teilweise freigesetzten geistigen Kreise, vor allem in großen Teilen des Schriftsteller- und Künstlertums, zu starker Lebensunverbundenheit, Boheme-Verhalten und Literatentum, zu einer Lebensattitüde, die uns in Deutschland am klarsten bei dem Worte »Schwabing« vorschwebt. Als es sich um praktisches

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Handeln der deutschen Geistigen in unserem Zusammenbruch handelte, hat dieser Teil von ihnen in noch schwererem Maße durch eine wirklichkeitsfremde Verstiegenheit versagt als in den Zeiten vorher der andere, der sich den »Gegebenheiten« leider allzu nachgiebig gefügt hatte. Trotz allem aber, trotz aller schweren Mitschuld unserer Intellektuellen an unserem deutschen Schicksal, war, allgemein gesprochen, bei dieser Art der vermögensunterbauten sozialen Eingliederung der geistigen Arbeit doch vor allem eine breite und sichere Freiheitsbasis für Idee und ideelles Sein vorhanden, von deren Schicksal man vor allem auszugehen hat, wenn man den richtigen Eingang in das Gesamtschicksal der geistigen Berufe nach dem Kriege finden will. Man muß sich dabei, um dies heutige Schicksal richtig zu sehen, klar machen: der Vermögens­ hintergrund, der, wie ich sagte, regulärer Weise Vorbildungs- und Karenzzeit bis zum Vollverdienst überwinden half und Freiheitsfond war, wirkte auch auf die übrige ökonomische Eingliederung, d.h. den Vollverdienst. Es ward Gewohnheit, auch diesen Vollverdienst mit Rücksicht auf ihn zu gestalten, hier mehr, dort weniger, zum Teil bis zu der Konsequenz, daß das Arbeitseinkommen beinahe nur wie ein Zuschuß zur Vermögensposition erschien. Von »Stars« abgesehen, wieviel Schriftsteller lebten vor dem Kriege allein von ihrem Honorar; wieviel Künstler von ihrer Gage, dem Verkaufsertrag der Werke, wieviel Ärzte und Rechtsanwälte, die sich gleichzeitig geistigen

Interessen widmeten, nur von ihren Berufseinnahmen? [... ] Das momentane Schicksal der geistigen Arbeit, das wir nun wohl in seinen einzelnen Elementen und ihrem beinahe tragischen Ineinandergreifen überblicken können? Es bedeutet das Hinausge­ schleudertwerden aus dieser bisherigen gesellschaftlichen Eingliederung: Zertrümmerung des Vermögenshintergrunds, Zurückbleiben des Soziallohns unendlich weit noch hinter der schon vorher durch den Vermögenshintergrund herabgedrückten Höhe, Verkümmerung und Abster­ ben der allgemeinen Organe, auf deren Fortbestand und kräftiges Leben sie in ihrer gegenwärtigen Verarmung mehr als je angewiesen wäre. Man muß das im einzelnen betrachten, so sehr das Einzelne im Zahlenausdruck durch die immer noch rapid fortlaufende Entwicklung jeden Augen­ blick überholt wird und nur gewissermaßen chronometrischen Messungswert des Abstiegs hat. Der Rentenfond ist heute in allen Ländern mit entwerteter Valuta, voran in Deutschland und Österreich, nicht mehr vorhanden. Die Entwertung aller in Geld ausgedrückten Forderungsvermö­

gen hat ihn aufgefressen; Vermögensabgabe, Kapitalsertrags- und sonstige Steuern, die gerade die leicht erfaßbaren Objekte rücksichtslos und vollständig ergriffen, haben das übrige getan. Zu 99‘/2°/o expropriiert bezeichnete schon im Sommer die deutsche Regierung selbst alle diese auf Rentenvermögen früher ruhenden Schichten. Das bewegliche Kapitalvermögen, sagte schon damals der deutsche Vertreter vor der Reparationskommission in Paris mit Recht, ist grob quantitativ gesprochen in Deutschland nicht mehr mitzuzählen. Wie heute erst bei noch viel stärker entwerteter Valuta! - Es ist interessant, daß in den Sieger- und neutralen Ländern, wenn auch schwächere Ansätze zu Ähnlichem vorliegen. [... ] Dieser katastrophale Zusammenbruch ist nicht für alle geistigen Berufe ganz der gleiche. Es gibt Persönlichkeiten, die durch große Attraktion darüber bleiben. Es sind auf der anderen Seite besonders freie Berufe da, wo die Sache heute, den Durchschnitt angesehen, noch schlimmer steht. Die Daten dafür ließen sich zu Bergen häufen. Für den Durchschnitt ist das Gesagte leider durch die ganze Breite der geistigen Berufe typisch. Ihr Arbeitsverdienst ist heute durchgängig so, daß er

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nach dem Wegfall der früher noch vorhandenen Vermögensbasis nicht bloß ihre einstige soziale Lebenshaltung nicht mehr zuläßt, sondern einfach auch die Generationsfortsetzung des Geistigen in ihren Reihen im ganzen nicht mehr erlaubt. [... ] Wir brauchen für den neuen Typ der Geistesarbeiter zunächst als regelmäßigen Ursprung und als Hintergrund, aus dem er normalerweise wächst, in dem er sein erstes Publikum und seine unmittelbare geistige Korrelation findet, eine geistige Schicht, die von schwerer manueller und überhaupt auch geistesfremder Arbeit frei ist, eine Art Ersatz also der alten Bildungsschicht. Was wir uns in dieser Form als neuen, das Rentenintellektuellentum ersetzenden Mutterboden der geistigen Rezeptivität und Produktivität für die Zukunft vorstellen können, kann nur eine Art von Mittelschicht sein, die aus den heutigen Verhältnissen tatsächlich schon entsteht. Und schauen wir um, so stoßen wir neben den Spitzenteilen vergeistigter Handarbeit und den sich immer mehr ausbreitenden Elementen geistiger Durchführungs- und Ausführungsarbeit, den Angestellten-, Privatbeamtenschichten usw. vor allem auf die Schichten derjenigen produktiven geistigen Arbeit, die, weil in den regelmäßigen gesellschaftlichen, vor allem den praktisch wirtschaftlichen Mecha­ nismus mit unmittelbaren Nutzeffekten eingeflochten, im ganzen, wie wir sahen, durch die heutigen Verhältnisse weniger gefährdet ist, wenn sie auch zum Teil heute starke Krisen durch­ macht. Wir stoßen auf die Schichten der Ingenieure, Techniker, Rechtsanwälte, Ärzte und ähnliche

praktisch geistige Berufe. Sie alle werden künftig so gut wie reine »Arbeitsschichten« sein; aber sie werden sich erhalten, weil sie unentbehrlich sind. Sie vor allem sind die unzerstörbare Basis der künftigen Eingliederung des Geistigen. Aus ihnen und den anderen noch im Geistigen lebenden gesellschaftlichen Elementen, muß ohne Vermögenshintergrund fortan der Teil der geistigen Arbeit herauswachsen, dessen Werte praktisch unerrechenbar, luftig, unmeßbar sind, also der der Gelehrten, Schriftsteller, Künstler und auch höheren Beamten, der Teil des Arbeitsintellektuellentums, dessen Existenz und künftige Art Problem ist. Dem Staate aber; und vor allem dem heute so schwer um sein Dasein ringenden, wird dabei zu sagen sein, daß dieses Dasein sicherlich einmal von ihm verspielt sein wird, wenn er dem Kampf um den Primat des Geistigen über das ökonomische weiter mit der halben Lauheit von heute

zuschaut. Was hier gekämpft wird, ist in Wahrheit der Kampf um seine eigene Existenz. Zerfällt der geistige Hintergrund der Allgemeinheit, so wird auch er zerfallen und die Beute der miteinander ringenden Wirtschaftskräfte werden, über denen dann keine Macht mehr da ist, die er anrufen kann, um sie zu bändigen. Er wird mit dem Geistigen und den geistigen Arbeitern und ihrer Stellung in der Allgemeinheit leben oder sterben. Die Wirtschaftskräfte endlich? Auch ihr Funktionieren ist, wenn sie sich nicht letztlich selber durch ihre Interessengegensätze auffressen und zerstören wollen, nur in einem über ihnen stehen­ den geistigen Rahmen, eben dem eines von anderen als bloß ökonomischen Kräften getragenen Staats gesichert. Sind sie klug, so helfen auch sie der neuen geistigen Generation und mit ihr dem Staat. Sie dürfen das freilich nur so tun, daß sie dabei die Grundbedingung alles Geistigen respektieren, seine Freiheit. Die Kritik an ihnen selber, die sie dabei in Kauf nehmen, ist in Wirklichkeit auch ihnen selbst nur nützlich. Sie ist letztlich nichts anderes als eine Reinigung der Atmosphäre, im Effekt im wesentlichen das Überführen von Vorgängen, die sich sonst turbulent vollziehen müßten, in ruhige Bahnen.

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Primat des Geistigen über das ökonomische, Rettung des heutigen Staates, Sanierung und

richtige Eingliederung des Wirtschafdichen und Herausbildung eines neuen Typs der Bildungsträ­ ger, das alles sind demnach nur verschiedene Seiten einer und derselben Frage. Indem wir aus der Not der geistigen Arbeiter von heute einen Ausweg suchen, handelt es sich in Wahrheit um einen Ausweg aus der Not des Geistigen selbei; die heute unsere eigentliche und tiefste Krankheit ist. Alfred Weber (1868, Erfurt - 1958, Heidelberg), jüngerer Bruder von Max Webet; Soziologe und Volkswirt­ schaftler, Professor in Heidelberg seit 1907. Schrieb u.a. Die Krise des modernen Staatsgedankens in Europa (1925), Kulturgeschichte als Kultursoziologie (1935). Alfred Weber leitet seine 1922 entstandene, 1923 veröffentlichte vierzigseitige Abhandlung mit folgender Vorbemerkung ein: »Dieser Vortrag wurde in etwas kürzerer Form auf derjubiläumsversammlung des Vereins für Sozialpolitik am 21. September dieses Jahres gehalten. Die deutsche Katastrophe ist seitdem mit Riesen­ schritten weitergegangen; - die Tragik der geistigen Arbeiter folgt ihr wie ihr immer größer werdender Schatten. In diesem Schatten steht das, was hier gesagt ist. Er kann das große Problem nur andeuten, nicht erschöpfen. Da aber die Problematik des Geistigen und seiner Existenzbedingungen eins der wenigen Dinge ist, dessen Beeinflussung wir Deutschen von unserem Dasein vielleicht noch teilweise in der Hand haben, so rechtfertigt es sich wohl, mit diesen Erörterungen auch gesondert vor die Öffentlichkeit zu treten.« (S. 3) Der 152. Band der Schriften des »Vereins für Sozialpolitik« (München und Leipzig: Duncker & Humblot 1922) ist dem Problem der »geistigen Arbeiter« gewidmet. Der Band, der von Ludwig Sinzheimer herausgege­ ben wurde, umfaßt folgende Themen: Über die Lage der freien Schriftsteller seit der Gründung des Deutschen Reiches (Max Teichmann), Die Fachvereine des freien deutschen Schrifistellertums (Bruno Rauecker), Die Bezahlung des wissenschaftlichen Schriftstellers (Ludwig Feuchtwanger) und Die Sozialisierung des Literaturverla­ ges (Leopold von Wiese). Samuel Saenger stimmt Alfred Webers Darstellung der »Not der geistigen Arbeiter« in seiner Rezension (in: Die neue Rundschau 34 [1923] H. 1, S. 276-278) zu: »Unter den Mitgliedern der freien Berufe, den Ärzten, Schriftstellern, Journalisten, Schauspielern, sind Doppelberufe beinahe schon die Regel; man läuft unstet jeder Verdienstmöglichkeit nach; Muße als Nährboden für jede Geistbetätigung und für die bildsame Pflege des Ideellen ist nicht mehr; das Gefühl der gesicherten Altersnahrung, ein Ruhepolster für den Nervenmenschen, ist entschwunden; und das Gelände ist mit armen, gehetzten, in der Angst vor dem Gespenst der Notdurft herumirrenden Geschöpfen bedeckt, die dem reinen Dienst am Geist verloren sind. Das im Tempelbezirk der Universitäten horstende Intellektuellentum ist durch den Zusammenbruch des ancien régime, dem es in bösem Mißverstand seiner Funktionen unkritisch dienerte, von Ressentiments zerfressen, auf ein karges, unfrei machendes Lebensminimum herabgedrückt und sitzt noch fast gänzlich im Gefängnis einer bankrotten Ideologie, mit der es eine geistig und politisch schwer organisierbare Jugend zu füttern sucht. Und das höhere Beamtentum, aus deren Mitte dem geistigen Leben immerhin viele wertvolle Kräfte zuströmten, trotz aller Bureaukratisierung und trotz überwachen Amtsehrgeizes musischen Dingen noch nicht völlig abgewandt, hat sich mit einem Viertel seines Vorkriegseinkommens zu begnügen und ist, nach Verlust des früheren Rentenzu­ schusses, von allen Verjüngungsquellen des Geistes abgedrängt. Unter solchen Umständen muß sich das Schicksal des geistigen Schaffens, wo es nicht unmittelbar zweckdienlich ist und sich für Technik und Ökonomie nutzen läßt, wahrhaft tragisch gestalten; und es ist zu fürchten, daß mit den fluchwürdigen Seiten des Bildungs- und Geistbetriebes zugleich auch die kulturelle Mission des Geistes abstirbt.« Vgl. auch Alfred Webers früheren Aufsatz Die Bedeutung der geistigen Führer in Deutschland. In: Die Neue Rundschau 29 (1918) Bd. 2, S. 1249-1268: »Es lohnt den Versuch, die geistigen Wandlungen in Deutschland an der Rolle der geistigen Führer deutlich zu machen. In ihrem Schicksal muß sich etwas widerspiegeln von unserem geistigen Gesamtschicksal. Nicht nur die Wellen, die heraufschlagen zu ihnen und sich zu ihren Äußerungen verdichten, sondern umgekehrt gerade die Wellen, die von ihnen auszugehen vermögen, die Bedeutung, die sie in der Zeit zu gewinnen vermochten, das allgemeine Gesicht, das die Führer selbst besaßen und besitzen, muß ein Zeugnis sein für das, was wir waren und sind. Wir wollen unser geistiges Sein einmal von dieser konkreten Seite, von der Seite seiner Verdichtung in der Stellung der geistig führenden Kräfte betrachten. Es ist gar keine Frage, daß die Bedeutung der Menschen dieser Art und damit auch das Gewicht der von ihnen vertretenen geistigen Güter bei uns in Deutschland in den letzten hundert Jahren in geradezu unerhörter

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Weise gesunken ist; man möchte sagen wie in einer Katastrophe zusammengebrochen, wenn nicht das Merkwürdige wäre, daß der Gewichtsverlust nicht plötzlich, sondern gewissermaßen schrittweise und beinah systematisch geschehen ist.« (S. 1249) 1 Der Verein für Socialpolitik wurde 1872 als eine Vereinigung von Wirtschaftswissenschaftlern und Vertre­ tern der Wirtschaft gegründet; Mitgründer und leitendes Mitglied war der Volkswirtschaftler Gustav von Schmollen Der Verein für Socialpolitik, der bis 1936 bestand, trat durch seine Schriftenreihe an die Öffentlichkeit. 2 Durch das öffentliche Engagement Zolas und linker Intellektueller wurde das Verfahren des 1894 fälschlich wegen Landesverrats verurteilten französischen Offiziers Alfred Dreyfus wiederaufgenommen; Dreyfus wurde 1899 begnadigt und später freigesprochen. Die sogenannte »Dreyfusaffäre« war Anstoß für den Zusammenschluß der Linken in Frankreich.

22 Kurt Kersten: Wirtschaft, Kultur, Intellektuelle. In: Die Weltbühne 19 (13. Dezember 1923) Nr. 50, S. 583-585. I. Die »Wirtschaft« regiert. Und die deutsche Kultur, soweit sie überhauptbestanden hat, geht zu Grunde. Die »Wirtschaft« hat, wie ein fürchterliches Raubtier aufgefressen, was nur in ihrem Bereich lag; sie hat Truste, Syndikate im Inland, im Ausland gegründet; sie hat sich den Staatsappa­ rat gefügig gemacht; sie hat die äußere Politik bestimmt; sie ist die treibende Kraft der Gegenrevolu­ tion; sie hat mit Hilfe von Staatskrediten, die sie mit Lumpenpapier zurückzahlte, die Werke betriebsfähiger als je zuvor gemacht; sie unterhält mit denselben Geldern einen gewaltigen illegalen Heeresverband, der bereit ist, auf ihren Wink zu marschieren. Nicht zuletzt hat dieser selbe Aasgeier Zeitungen, Druckereien, Verlage, wissenschaftliche Institute an sich gerissen und hält in seinem Solde Gelehrte, Schriftsteller, Künstler. Filmgesellschaften stehen in engster Verbin­ dung zur Großindustrie, für sie in der breitesten Masse Propaganda zu machen. Wer sich nicht der »Wirtschaft« unterwirft, hat nur zwei Wege: entweder rettungslos allmählich zu Grunde zu gehen oder sich zur revolutionären Partei zu schlagen.

II.

Die deutschen Intellektuellen stammen aus der Mittelschicht, aus diesem eigentümlichen deutschen Mittelstand, einem Anhängsel der Großbourgeoisie, das vom alten Staat gern als ein Gegengewicht gegen diese Großbourgeoisie ausgespielt wurde und zugleich einen Prellbock gegen das Proletariat spielen wollte. Diese Mittelschicht ist aufgerieben - ökonomisch und geistig. Die Stütze des alten Staates, die Monarchie, der sie lakaienhaft ergeben war, ist verschwunden. Die Großbourgeoisie legt keinen Wert auf Kultur: sie regiert mit der rohen Gewalt; sie anerkennt nur das Ertragreiche; sie läßt dem Intellektuellen nur so weit Spielraum, wie sie seine Kenntnisse grade braucht, um aus einem guten Geschäft ein besseres Geschäft zu machen. Die ökonomische Lage dieser mittelständischen Intelligenz ist durch die Geldverhältnisse völlig ruiniert. Die Dinge sind bekannt. Nicht erkannt ist aber - und grade von der Intelligenz -: daß die Großbourgeoisie am

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ökonomischen Ruin des Mittelstands schuld ist; daß der Vermögensschwund der kleinen Leute sich zu Gunsten der großen Leute vollzogen hat; daß - infolge dieses ökonomischen Ruins - die Mittelschichten vor der Alternative standen, entweder im Bewußtsein ihrer Proletarisierung sich aufrichtig auf die Seite des Proletariats zu schlagen oder sich ganz ergeben in die Arme jener Leute zu flüchten, die sie in Wahrheit ruiniert haben. Die Intellektuellen, die schon früher - eben als Angehörige keiner eignen Klasse, sondern eines Anhängsels - sich nur zu rasch zu Lakaien der Monarchie erniedrigen ließen, ergaben sich jenen Leuten, die sie bezahlten. So kam es, daß dieser enteignete Mittelstand, alle diese »Ehemaligen«, diese Ruinen, diese Zusammengebrochenen, diese Offiziere, Studenten, Ingenieure sich in den Dienst jener Leute begaben, die die »Wirtschaft« regierten. Es hat sich eine Abenteurersippe herausgebildet - wir kennen diese Typen aus Prozessen, Attentaten, wir wissen, wo sie sitzen, wo sie mächtig sind, wir wissen, wo sie morden, wen sie morden, wir wissen, wo sie gnädige Richter finden, wir wissen, wem sie dienen, wofür sie zu haben sind. Sie sind unsre Feinde, sie sind die Landsknechte, die Zuhälter unsres ärgsten Feindes, sie wollen uns vernichten, um sich wieder eine alte Stellung zurückzuerobern, an die niemals zu denken ist: und wir haben die Aufgabe, sie zu zertreten, wenn wir nicht zertreten werden wollen. III. Ein geringerer Teil der Intellektuellen sah sich mit dem Verlust seiner ökonomischen Basis völlig zur Passivität verurteilt und fand keinen Ausweg. Er war im Kern anständig; er war nur in der Ideologie schwach, befangen, romantisch; er war und ist ratlos. Er findet sich nicht zurecht, und er hungert sich langsam zu Grunde. Es sind nicht die Schlechtesten. Aber sie haben keine Zukunft. Sie wollen nicht zugeben, daß sie proletarisiert sind, und sie können nicht der »Wirtschaft« dienen, sie lavieren und sie kommen zu keinem Ende, sie sind kaum noch produktiv, und ihre Bücher werden auch nicht gekauft, ihre Verleger können und wollen nichts für sie tun, Zeitungen haben keinen Raum für sie, und wenn sie Raum haben, so zahlen sie erbärmlich, Zeitschriften gibt es nur noch wenige in Deutschland, Theater spielen nur Werke, die irgend Aussicht auf sensationelle Erfolge haben, Maler haben kaum Mittel für die Leinwand, auf der ihre Welt entstehen soll; es gibt keine junge Literatur - mit der Generation, die heut um die 32 ist, bricht die Entwicklung ab. Die Älteren leben von Einkünften aus Artikeln in ausländischen Blättern - das ist ein Geschäft, aber das

ist keine kulturelle Entwicklung mehr, und das hat erst recht keinen Zusammenhang mehr mit der Nation, mit der Klasse, mit der ganzen Bewegung eines Landes. Die Kultur der Bourgeoisie ist tot; sie lebt noch schwach vom Luxus, sie macht Geschäfte, sie ist nicht mehr produktiv. Und die Bourgeoisie hat ja auch gar kein Verlangen mehr nach der Kultur. Sie braucht die »Wirtschaft«, sie braucht das Geschäft, den Ruin der Mark, die Unterwerfung der arbeitenden Klasse. Sie lebt von der Abhängigkeit der ... Andern. Und weil sie von Andern lebt, ist sie im Grunde nicht schöpferisch. IV. Das Kapital, die »Wirtschaft« ist nicht schöpferisch. Sie sitzt da wie eine alte, reichgewordene Hure. Sie hat gerafft, gerafft und gerafft. Und sie ist sich selbst nicht mehr ein Problem, obschon ihr Dasein höchst problematisch ist. Sie glaubt zu Allem berechtigt zu sein, nur weil sie eben die Mittel

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hat; aber sie hat kein Recht auf die Mittel, sie hat sie gar nicht geschaffen, sie hat sie gestohlen. Und sie glaubt es nicht. Die »Wirtschaft« hat keine Idee über sich, sie hat kein Ethos, sie ist keine Welt, sie ist höchstens ein Gebilde, eine Karikatur, sie lebt dank der Anarchie - die ist allenfalls ihr einziger Sinn. Und ihre Absicht ist immer wieder nur Gewalt, sie ist ein einziger Mißbrauch, und sie treibt nur Mißbrauch. Wir wollen diesen Mißbrauch ausrotten - diese Aufforderung ist wörtlich zu nehmen. Die »Wirtschaft« hat Konflikte mit Andern - aber nicht mit sich selbst, sie merkt nicht, daß sie im Widerspruch lebt. Seit sechs Jahren versucht sie, Schlag auf Schlag sich zu drücken, seit sechs Jahren versucht sie, ihren Raub in Sicherheit zu bringen, es mißlingt ihr Schlag auf Schlag. Sie kommt nicht zur Ruhe, sie kommt nicht zum Genuß. Und sie merkt es nicht. Sie weiß überhaupt nichts von sich. Es kommt auch nichts aus ihr heraus. Sie wächst wie ein Aas im Unrat, sie stinkt, sie gebiert nicht. Sie hat keine Kultur. Und sie erzeugt keine schöpferischen Kräfte. Manchmal hat sie schon etwas von einem Golem, sie scheint fürchterlich, sie scheint grauenhaft zu nachtwandeln, aber sie kann ja nicht allein leben - was ist denn das Leben ohne die Lebewesen! Sie ist längst nicht mehr im Angriff, zuweilen trügt der Schein, sie hat ja gar keine Methode, sie hat kaum ein Ziel, ein politisches »Ideal«, sie will verdienen. Sie braucht Werkzeuge, Geschöpfe und keine Schöpfer. Hier wächst nichts mehr

V.

Es hat seinen Grund, warum bei solcher Konstitution die Kultur samt ihren Trägern im Morast verreckt. Die deutschen Intellektuellen waren ja nie radikal oder revolutionär, sie standen in Opposition, aber in einer sehr getreuen. Sie waren wirtschaftlich gebunden an das Kapital, aber sie waren ihm nicht gefährlich. Deshalb ließ man sie gewähren. Deshalb ließ man sie segnen, wen sie wollten. Man ließ sie auch fluchen. Ich weiß außer Harden [1] nicht einen deutschen Intellektuel­ len, der vor dem Kriege wegen einer Überzeugung eingesperrt worden wäre. Prozesse gabs wegen Beleidigung oder Verbreitung unsittlicher Schriften. Sonst waren die Intellektuellen brav wie die Schafe. Sie haben ihr Los - es ist hart, aber wahr - verdient.

VI. Das Kapital ist nicht mehr schöpferisch, die Intellektuellen sind zu Angestellten geworden, oder sie sind verzweifelt. Eine verschwindende Minderheit kämpft in den Reihen des Proletariats, wohin sie gehört. Der ganze furchtbare Niederbruch der Intelligenz reicht nicht von heute hei; er steht im engen Zusammenhang mit dem Niedergang der ganzen bourgeoisen Klasse, der Auflösung des Mittelstandes, der Ideenlosigkeit dieser ganzen Welt. Und dieser Zusammenbruch ist im Grunde auch nicht ein Mal so bedauerlich, er ist nur eine Bestätigung des historischen Materialismus. Die Intellektuellen werden zugrunde gehen wie die ganze bürgerliche Welt. Sie können erst wieder erscheinen in einer ganz andern Form menschlichen Zusammenlebens, sie werden dort sehr eng verbunden sein mit der werktätigen Masse, aus ihr werden sie hervorgehen; sie werden dort kein Luxus, sondern lebendiger Ausdruck innern Lebens sein. Laßt uns hoffen.

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Öffentlichkeit und Repräsentanz des Schriftstellers in der Republik

Kurt Kersten (1891, Weiheiden b. Kassel - 1962, New York), Romanschriftsteller und Publizist, Dr. phil., Mitarbeiter u.a. der Weltbühne und der Literarischen Welt. Emigration 1934. Herausgeber des Sammelwerks Das heutige Rußland (1923). 1 Maximilian Harden (1861-1927), politisch-satirischer Journalist und Literaturkritikei; Herausgeber der Wochenschrift Die Zukunft von 1892 bis 1922. Polemischer Gegner der militaristischen Politik Wilhelms II und der Hohenzollem. Wurde dreimal zu Festungshaft wegen »Majestätsbeleidigung« verurteilt. 1922 überlebte er ein gegen ihn verübtes Attentat eines nationalistischen Terroristen.

23 Herbert Eulenberg: Unsre Verleger. In: Die Weltbühne 20 (10. Januar 1924) Nr. 2, S. 48-49. Es herrscht wohl unter sämtlichen Beteiligten keine Meinungsverschiedenheit darüber, daß sich von allen Unternehmern in Deutschland nach dem Kriege die Verleger das Tollste an Ausbeutung geleistet haben. Wenn unter den skrupellosen Herrschaften, die nach unsrer militärischen Nieder­ lage noch unsern wirtschaftlichen Ruf zu Grabe getragen haben, eine Höchstleistung zu erbringen war: unsre Verleger haben sie geschafft. Die wenigen großen Ausnahmen durchleuchten diese trübe Zeit wie ein paar Sterne eine düstere, wolkenüberjagte Novembernacht.

[•••] Wozu sind die Dichter denn in der Welt da, als um zu Objekten der kaufmännischen Ausnutzung gemacht zu werden? Ich nehme ein Beispiel: mich selbst, weil ich es am besten beurteilen kann. Ich habe an die dreißig Bücher geschrieben. Einige von ihnen gehen recht gut. Haben es sogar auf fast hundert Auflagen gebracht. Nun wohl, ich bin bereit, eidesstattlich folgendes zu erhärten: Ich habe seit dem ersten Tag des Jahres 1923 für alle diese Bücher an jedem Monatsersten von meinen deutschen Verlegern wenigei; viel weniger Geld erhalten, als ich für ein einziges Buch bekomme, das ich mit einer persönlichen Widmung in jedem Monat einem amerikanischen Maecen zu­ schicke. Er zahlt mir nämlich einen einzigen vollen Dollar dafür. Also ich empfange, als ein leidlich geachteter und anerkannter deutscher Dichter von fast fünfzigjahren, für meine ganze Lebensar­ beit von den Verlegern meiner Bücher seit Anfang 1923 im Monat nicht ganz vier Goldmark. Wers nicht glaubt, der kann sich jederzeit an Hand meiner Abrechnungen davon überzeugen. Ich bin jeden Sonntag zu sprechen. Soll man noch einen Kommentar zu diesen laut redenden Zahlen hinzufügen? Wie mag es erst weniger bekannten Schriftstellern, wie unsern Anfängern ergehen? Mit einer Kälte, einer Stumpfsinnigkeit ohne gleichen sieht der deutsche Verlegerstand seine Geister zugrunde gehen. Wenn er selber nur notdürftig seinen »Betrieb« aufrechterhalten kann. Aber da muß irgendwo etwas nicht stimmen, etwas höchst faul sein im Staate Deutschland, wenn ich persönlich, zum Kaufmann geboren wie Hamlet zum Herkules, mit einem einzigen Buch mir in einem Monat mehr verdienen kann, als meine sämtlichen höchst geschickten Verleger es in der gleichen Zeitspanne für mehr als dreißig meiner Werke fertig bringen. Vielleicht kann mich irgendein geschäftstüchtiger Geist darüber aufklären, wo diese faule Stelle sein mag. Sie stinkt allmählich zum Himmel. Können wir Schriftsteller uns nicht endlich selber helfen? Aber nicht mit

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selber unterstützungsbedürftigen Schutzverbänden noch mit langweiligen Kommissionen, die dem Reichskanzler Denkschriften zur Verscharrung überreichen, sondern, indem wir, wie die römische Plebs in ihrer höchsten Not, zwei oder drei Volkstribunen erwählen, die unsre Sache vertreten. Starke Einzelpersönlichkeiten werden immer noch mehr ausrichten als schönredende Ausschüsse. Aber vielleicht können bei diesen Verlegern nur noch Sturmtrupps etwas erzielen? Herbert Eulenberg (1876, Köln-Mülheim - 1949, Kaiserswerth a. Rh.), Dr. jur. Seit 1909 freier Schriftsteller, freund Gerhart Hauptmanns und Thomas Manns. Wurde um die Jahrhundertwende durch seine neuromanti­ schen Tragödien bekannt. Schrieb auch Erzählungen, Gedichte, Biographien. Eulenbergs scharfe Attacke gegen seine Verleger führte zu einer längeren Debatte in der Weltbühne. Es antworteten Fritz Th. Cohn (17. Januar 1924) Nr. 3, S. 78-80, Bruno Cassirer (24. Januar 1924) Nr. 4, S. 123 f., Kurt Wolff (31. Januar 1924) Nr. 5, S. 133-137, Gustav Kiepenheuer (24. Januar 1924) Nr. 4, S. 105-108 und Arthur Eloesser (13. März 1924) Nr. 11, S. 334-338. Eulenbergs Schlußwort erschien am 27. März 1924, Nr. 13, S. 404-406. Ebenfalls in der Weltbühne von 1924 wurde die Auseinandersetzung zwischen Carl Sternheim und seinem Verleger Kurt Wolff veröffentlicht. Provoziert durch die von Eulenberg angestachelte Debatte sah er sich veranlaßt, Kopien seiner Briefe an Kurt Wolff zu veröffentlichen, um »dem verwaschenen Gewäsch von Seiten meiner schriftstellernden Berufegenossen und der Verleget; Dokumente aus der Wirklichkeit endlich entgegen­ zusetzen.« (Briefe an meinen 'Verleger. In: Die Weltbiihne 20 (6. März 1924) Nr. 10, S. 303-304):

»28.10.23. Ein Mißverständnis nennen Sie es, daß Sie mir in diesem ganzen Jahr 0,75 Goldmark für die Produktion von zwanzig glorreichen Dichterjahren bezahlt haben, ein Mißverständnis, daß Sie sich weigern, Ihre Pflichten aus Verträgen zu erfüllen, ein Mißverständnis, daß Sie meine Bücher nicht neu drucken? Sie würden es auch ein Mißverständnis nennen, hätte ich nicht, wovon leben, und Sie sähen meinen durch Sie verhungerten Leichnam mit dem Bedauern: ein Mißverständnis! Ich aber glaube, daß Ihre jahrelange Beschäftigung mit Literatur das große Mißverständnis ist, bei dem Sie zwar Ihr Leben finden, bei dem aber den, der sich mit Ihnen einläßt, trotz großer und größter Erfolge die völlige Verarmung trifft. Was wollen Sie eigentlich und worüber sollen wir uns unterhalten, nachdem Sie esJahre hindurch ablehnten, mich wenigstens wie einen Fabrikarbeiter zu entlöhnen, nachdem Sie Ihre strikten vertraglichen Verpflichtun­ gen zynisch nicht erfüllten, und nachdem Sie es ablehnten, die Bücher eines großen Dichters, dessen Ihnennahestehen Sie nie verdient haben, obwohl Sie sie anerkennen, zu drucken. Ich denke nicht daran, in absehbarer Zeit nach diesem fauligen Schlupfwinkel München, den Sie sich als Verlagsort aussuchten, zu kommen, um da wieder von dieser zeitgenössischen Mentalität gequält zu werden, die mein Leben an sich schon um Jahre verkürzt.

16.11.23. Vergessen Sie nicht, daß Ihr Verhalten gegen mich historisch gerichtet werden wird, und Sie ins Licht kommen müssen, ein noch fürchterlicherer Mensch als Julius Campe gewesen zu sein. Schlagen Sie in Ihren Büchern nach, welche Honorare Sie mir seit Jahren gezahlt haben, und Sie werden erröten müssen. Sehen Sie nach, was Sie propagandistisch für mich taten, und Sie müssen sich totschießen! Sie haben keine faire Geste, keine gentlemanlike Haltung dem Dichter gegenüber, mit dem zusammen genannt zu werden, für Sie Ehre bedeutet, gemacht, haben mich mit Einwänden halb tot geärgert, an klaren Rechten und Verträgen gedeutelt, haben alles, nur nicht die unzweideutige Haltung, die Sie fingieren, bewiesen. Indem ich hinzufuge, daß, nachdem der Verleger meinen im letzten Brief offen gelassenen Ausweg, sich zu erschießen, nicht eingeschlagen hat, unser Verkehr, durch gerichtliche Klagen begleitet, weitergeht, betone ich ausdrücklich, daß meine Schreiben an meine übrigen Verleger kaum anders lauten und auch nicht eher anders lauten werden, bis das bücherkaufende Publikum, denn nur das kann ändern, seinen Büchereinkauf bis zu dem Augenblick einstellt, wo ihm von Seiten des schaffenden Dichters versichert wurde, der deutsche Verleger sei sich seiner Verantwortung und Distanz zum bloßen Margarinehändler wieder bewußt geworden.«

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Kurt Wolff verteidigt sich In Sachen Stemheim (in: Die Weltbühne 20 [15. Mai 1924] Nr. 20, S. 661-664), indem er »ein solches Maß von Hysterie und Ekelhaftigkeit« zurückweist. 1925 erschien in dem unbekannten Züricher Lago-Verlag eine 38-seitige Broschüre von Else Lasker-Schüler mit dem Titel: Ich räume auf! Meine Anklage gegen meine Verleger. Der Angriff ist vor allem gegen ihren Verleger Bruno Cassirer gerichtet. Franz Blei satirisiert die gehäuften Klagen der Schriftsteller gegen ihre Verleger in seinem Aufsatz Mein Verleger betrügt mich (in: Das Tage-Buch 5 [2. Februar 1924] H. 5, S. 146-148).

24 Fritz Engel: Der Staat und das Schrifttum. In: Der Schriftsteller 13 (Februar 1926) Nr. 1, S. 3-4. Nicht ohne Freude las man vor einigen Tagen, daß der Staat Preußen den bildenden Künsdem eine Stiftung von einer halben Million gemacht hat. Auch diese Summe kann in ihrem Zinsergebnis nur einen Teil der großen Not stillen, dennoch ist die Schenkung, für die in erster Reihe dem Geheimrat Wätzold[l] im Kultusministerium Dank geschuldet wird, mehr als eine noble Geste. Sie ist mehr als eine jener imaginären Huldigungen, wie sie bei fesdichen Gelegenheiten vom Staat der edlen-und göttlichen Kunst toastend und prostend dargebracht werden. Sie ist eine Leistung und ein Opfer. Ein kleiner Nebengedanke, nichts anderes, schleicht sich ein: wie wir Deutschen auf dem Gebiete der Kunstförderung noch immer Einzelstaaterei treiben, wie die Bayern die Künsder zwischen den blauweißen Pfählen unterstützen, und nun die Preußen die ihrigen, und wie es danach den Anschein gewinnt, als ob es eine bayerische Kunst gäbe und eine preußische, so die Reihe der »Länder« um und um. Als man das Reich ins Leben rief, als man es nach 1918 neugründete, blieben in Kunstdingen die morschen Reservatgrenzen erhalten, und der preußische Adler und der bayerische Löwe sitzen weiter in getrennten Käfigen. Das nebenbei. Nur wieder als eine querelle allemande-, ihre Erledigung können wir schließlich abwarten. Auf den Fingern, dicht auf dem Herzen brennt uns eine andere Frage. Was tut der Staat für das Schrifttum? Der bildenden Kunst gibt er 500000 Mark; er gibt ihr gelegentlich Aufträge, ebenso wie die Kommunen. Er gibt ihr auch einen Sitz im Reichswirtschaftsrat. Dort wird sie von dem sehr tüchtigen Leiter des Wirtschaftsverbandes deutscher Künstler vertreten. Was also tut der Staat für die Mitbürger, die sich der deutschen Literatur und damit der deutschen Sache und der deutschen Zukunft widmen? Die einen tun es leise, die anderen durchs Megaphon. Die einen milde, die anderen hart verneinend. Die einen schwärmen weltabgewandt in ihr Inneres, die anderen greifen in den Kampf des Tages ein. Aber alle schließlich, wie sehr sie auch zugleich sich selber Geltung schaffen wollen, pflegen doch ein Ideal, und aus so vielen und noch so gegensätzlichen Idealen setzt sich zu guter Letzt die Entwicklung der Zeit zusammen, niemals im Stillstand. Die Entwicklung zu pflegen, nicht nur die Aufgaben der nächsten Stunde, ist die Hauptaufgabe eines Staates, der sich nach einer scheinglänzenden Epoche aus den Tiefen der Verzweiflung emporrecken will. Er muß alles tun, um das Talent zu pflegen; einmal, indem er es

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nicht verfolgt, auch wenn es gelegentlich über die Schnur haut; dann, indem er es von den gröbsten Sorgen befreit. Der Wunsch zu helfen, muß größer sein als die Furcht, daß sich auch die Talentlosigkeit an den Tisch drängen könnte. Daß sie vorhanden ist und sich sogar besonders laut gebärdet, ist unbestritten. Auch bei den bildenden Künstlern. Und sie haben eine halbe Million bekommen. Für das Schrifttum verfügt das Kultusministerium alljährlich über 3000 Mark. Dreitausend Mark! Es mag noch Fonds geben, auch Reichsfonds, aus denen gelegentlich etwas fließt. Aber der preußische Staat schätzt sich zu einer Steuer für die Wohlfahrt des Schrifttums in Höhe von 3000 Mark ein. Das ist jämmerlich, unwürdig und grauenvoll. Es deutet beim Landtag wie beim Finanzministerium auf eine vollkommene Ahnungslosigkeit ebenso gegenüber der Pflicht des Staates wie gegenüber der Verelendung des Schrifttums. Man hört gelegentlich: die Schriftsteller verständen sich schon selber zu helfen. Sie seien agiler als die bildende Künstlerschaft; sie wüßten in ihrem Interesse das Instrument der Sprache, die Schrift, des Drucks besser anzuwenden. Es ist nicht wahr. Die Quellen, aus denen man früher einige Tropfen Linderung schöpfen konnte, sind versiegt. Der alte Reichtum ist zum großen Teil verschwunden, der neue auch. Die Inflationszeiten, so greulich sie waren, zeigten auch für diese Dinge eine leichte Hand. Es gab Großschieber, die sich halb unbewußtjür ihre Sünden einen Ablaßzettel kauften und fromme Werke taten. Man nahm ihnen ab, was man konnte. In der Hand des aufatmenden Empfängers verlor ihr Geld den schlechten Geruch. Das ist vorbei. Damals, wenn die Hungergesichter der Poeten auftauchten, wenn die Schriftler kamen mit zerfransten Hosen, konnte man noch etwas für sie tun. Jetzt nichts. Man tröstet sie auf bessere Zeiten und kommt sich verlogen und hartherzig dabei vor. Der Herr Finanzminister erkundige sich bei den Kennern: bei den Leitern der literarischen Stiftungen, bei den Körperschaften des Schrifttums, bei Redakteuren. Es ist ein qualvoller Zustand. Hier muß etwas geschehen, der Staat muß aus seiner stiefväterlichen Gesinnung zur väterlichen gelangen. Er selbst hat sich das Vorbild in der Stiftung für die bildende Kunst gegeben. Mit der Bewilligung jener respektablen Summe, aber auch in den Ausführungsbestimmungen. Auch bei der Förderung des Schrifttums muß Vorsorge getroffen werden, daß die Qualität berücksichtigt wird. Auch für das Schrifttum, das jetzt in allzuviele Vereine und Vereinchen zersplittert ist, muß ein Gremium geschaffen werden von Männern, die einen vorurteilslosen Überblick über das Ganze haben, die das gewerbsmäßige Parasitentum kennen und fernhalten und das unterstützungs­ werte Talent herausfinden und daseinsberechtigt machen. Fritz Engel (1867, Breslau - 1935, Berlin), Lyriker, Theaterkritiker und Schriftleiter des Berliner Tageblatts. Schrieb bereits 1910 den Aufsatz Die soziale Lage der deutschen Schriftsteller (in: Das Blaubuch 5, Nr. 8, Berlin 1910, S. 179 f.). Die Klage über die mangelnde Unterstützung der Schriftsteller durch den Staat wurde nicht in allen Lagern geteilt. In der konservativen Münchener Zeitschrift Der Bücherwurm plädierte Franz Thierfelder (1896-1963) bewußt gegen eine staatliche Unterstützung (Dichten: Berufung oder Beruf. In: Der Bücher­ wurm 13 [1927/28] H. 2, S. 33-35, hier S. 33 f.): »Seit einiger Zeit ist unter gewissen deutschen Literaten ein geradezu unwürdiges Winseln an der Tagesordnung, die Nation kümmere sich zu wenig um ihre Propheten und Geistesführei; sie führe sie nicht auf, lasse sie verhungern und habe das Mäzenatentum früherer Zeiten vergessen, ohne das nun einmal Kunst und Wissenschaften nicht blühen könnten. Dieselben Herren, die sich nicht lustig genug darüber machen können, wenn der biedere Spießbürger bei jeder Gelegenheit nach Polizei und Staat ruft, schreien in mehr oder weniger edler Bescheidenheit nach der Fürsorge der Regierung, wenn sie

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keine Verleger finden oder ihre Feuilletons ergebnislos aus den Schriftleitungen auf ihren Schreibtisch zurück­ flattern. Den Gedanken, daß womöglich ihre unzureichende Leistung die Ursache ihres Mißerfolges sein könnte, weisen sie mit stolzer Gebärde zurück; und wenn die Offenbarungen ihres Genies nicht von selbst dazu führen, daß jeden Tag die harten Taler in der Tasche klimpern, so liegt das eben an der Beschränktheit der zeitgenössischen Böotier und sonstigen Mitmenschen, vor allem aber an dem verantwortungslosen Vater Staat, der daumendrehend zusieht, wie seine hoffnungsvollsten Sprößlinge in der schamlosen Fronarbeit des Tages zugrunde gehen. Diese Anmaßung einer Klasse von Menschen, die mit konjunkturgewinnlerischer Schlauheit anstelle der Berufung zum Dichter dem staatlich ausgehaltenen Dichterberufe die öffentliche Anerkennung verschaffen möchten, muß einmal laut und rücksichtslos an den Pranger gestellt werden. Die Versuchung, Namen zu nennen, kann aus Gründen menschlichen Taktgefühls um so leichter bezwungen werden, als jedem, der die deutsche Presse einigermaßen aufmerksam liest, die Literaten nur allzubekannt sind, die mit fataler Regelmäßig­ keit als Klageweiber aus der Flut ihrer Mittelmäßigkeit auftauchen und dem deutschen Volke den Spiegel vorzuhalten sich für berechtigt erachten. Wenn heute unser literarisches Leben ein so sinnverwirrendes, zwiespältiges und letzten Endes unerfreuliches Bild bietet, wenn es mit Händen zu greifen ist, daß sich das Gute der echten Dichter nur schwer und mehr zufällig durchsetzt, das Mittelmäßige der Berufspoeten herrscht und der freche Schund der Geschäftsliteraten die ahnungslose, ihrem eigenen Urteile nicht mehr trauende Menge unter das kaudinische Joch zwingt, so verdanken wir das nicht allein, aber sicherlich nicht zuletzt der lawinenartig-anschwellenden Überproduktion. Unserem Volke wäre mehr damit gedient, wenn die Hälfte seiner Literaten ausgemerzt, als wenn ein Viertel durch staatliche Fürsorge in ungehemmter Zeugekraft erhalten würde. Das klingt vielleicht brutal und kulturfeindlich - in Wirklichkeit aber ist es genau das Gegenteil. Die poetische Kraft eines Genies bedarf des Widerstandes auf allen Gebiete des Lebens zu ihrer Entfesselung; an ihm hat sie sich zu erproben und entweder zu siegen oder - noch im Tode triumphierend unterzugehen. Das ist die Tragik des Genies, die nicht durch irgendwelche Zufälligkeiten des äußeren Erlebens, sondern durchaus schicksalhaft bedingt bleibt. Wer im Dichter nichts anderes sieht als einen Menschen, der sich fortwährend mit seiner Umwelt auseinandersetzen muß, nicht um Kunstwerke zu schaffen, sondern einfach einen ihm von Gott verliehenen Drange gehorchend, der kann jedenfalls nicht wollen, daß ihm die Möglichkeiten zu seinen gewaltigsten Entladungen mit tantenhafter Vorsicht aus dem Wege geräumt werden. Und sind die Widerstände größer als er; nun also, dann mag er an seiner eigenen Explosion zugrunde gehen; ist er ein wirkliches Genie, so wird er es gar nicht anders wollen und wie ein geblendeter Nachtfalter solange in das Licht der Kerze schießen, bis er verbrannt zu Boden fällt. Solchen Menschen den samtbezogenen Sessel der Akademie anzubieten, erscheint ebenso komisch, wie der Versuch, ihnen den Genuß einer jährlichen Leibrente zu verschaffen; die Rolle eines lebenden Buddha wird ihnen lächerlich, das ästhetische Geschwätz des der täglichen Misere überhobenen Pfründners unwürdig erscheinen. Freilich, Dichter von diesem Schlage finden sich auch kaum unter denen, die ihre Kunst zum Berufe, und zwar zu einem möglichst einträglichen machen möchten.« (S. 33 f.) Vgl. dazu Walter Weichardts Offenen Brief an Dr. F. Thierfelder (in: Der Bücherwurm 13 [1927/28] H. 4, S. 115-117), der Thierfelders Polemik gegen die »winselnden Literaten« zurückweist. 1 Wilhelm Wätzold (1880-1945), Kunsthistoriker, Professor, Direktor der Staadichen Museen in Berlin.

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25 Gottfried Benn: Neben dem Schriftstellerberuf. In: Die literarische Welt 3 (23. September 1927) Nr. 38, S. 3-4. [•••] Hohenzollern oder Republik, das ist Jacke wie Hose. Günther, Hölderlin, Heine, Nietzsche, Kleist, Rilke oder die Lasker-Schüler - der Staat hat nie etwas für die Kunst getan. Kein Staat. Phidias starb im Kerker an Gift, sein Denunziant erhielt vom Volk Steuerfreiheit. Vergil, Dante, Petrarca, die Verbannten, unter Cäsaren oder Demokratien. Der Staat, immer bereit zu dem Geschwätz, daß die Nation sich aus inneren Kräften erneuere, hat der Kunst gegenüber keine andere Geste als die, die vom Fehlgriff lebt. Er beruft eine Akademie: zwei oder drei Konzessions­ lose, die unübersehbar sind, aber dann die Masse der Schieber, die flüssigen Epiker; die Rülpser des Anekdotenschleims, die psychologischen Stauer von Mittelstandsvorfallen. Schund und Schmutz, nicht harmlos erotisch, aber produktiv verderbt. Der Staat, der das Wild durch Jagdgesetze schützt und den Nachwuchs der Wälder durch Gatter und Forstakademien, der Irre und Psychopathen hochzieht, Eheberatungsstellen und Geschlechtskrankheitsfürsorgen gratis serviert, immer hoch die Düngerprobleme, die Beamtenbezüge und die Bullenauktionen der Staat und die Kommune immer nur auf den Knien vor einer - theoretisch wie in bezug auf ihre Verwirklichung gleich fragwürdigen - vegetativ-agrarischen Züchtungsideologie. Wer sagt, es sei kein Geld da, der irrt. Ich las kürzlich im Handelsteil einer bürgerlichen Zeitung, der preußische Staat hat im Jahr 1925 35 Millionen ausgeworfen zur Belebung der Stettiner Werftindustrie. Die Werften wurden nicht belebt, keine Planke wurde gebaut, aber die 35 Millio­ nen gingen gewiß ihren Weg und belebten mancherlei. Wann aber hätte er einen Dichter mit tausend Mark belebt? Oder wie ist es z.B. mit den Zahlungen für die Staatstheater? Wie sieht der Etat, wie die Kunstleistung eines Staatstheaters aus? Zweiundzwanzig Schöne mit Dauerverträgen und noch mehr männliche Bretterbetreter, damit Charleys Tante und das Weiße Rößl monatelang dem preußischen Volke nahegebracht wird; an der Spitze Intendanten und Regisseure, die nebenberuflich Filme in ihre Tasche drehen; Kapellmeister mit ihren langjährigen enormen Verträ­ gen, fortwährend auf Gastspielen zu ihrem eigenen Ruhm und für ihr eigenes Bankkonto; Stars, fünftausend Mark Fixum monatlich in Berlin und die Hälfte des Jahres auf privaten Tourneen Intendanten, Regisseure, Tenöre, Kapellmeister, also Bearbeiter, Vermittler, geistig-wirtschaftlich betrachtet: Ausbeuter, Produktive dritter, vierter Hand - die erhält der Staat mit großem Train. Oder wie steht es mit der Wissenschaft, insonderheit dieser smarten Biologie? Für jeden Spaltpilz ein Forschungsinstitut, für jede Rattenkreuzung eine Domäne. Dahinein diese Forscher, die ewig die Epoche in Atem halten und dauernd Marksteine errichten und nach einem Quinquennium ist alles Kaff. Hundertundfünfzig Jahre bebten sie und ihre Welt in einem Gesetzmäßigkeitsparoxys­ mus, und nun kommt ein anderer, dänischer Physiker[1], Nobelpreisträger und sagt, daß der molekulare Einzelvorgang wahrscheinlich überhaupt nicht durch Gesetze kausal bestimmt werden kann. Das ist das Versagen des Gedankens der Naturgesetze überhaupt. Das ist das Fiasko. Aber die Forscher beziehen ihre Gehälter weiter, als ob man von vornherein angenommen hätte, daß sie nur Unfug produzieren, und wer sie attackierte, dem würden sie Lessing zitieren, daß es sich nicht

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um Erkenntnis handle, sondern um den Kampf um die Erkenntnis - ach, wie sie alle kämpfen auf ihren Lehrstühlen, bei ihren Witwenpensionen, auf ihren bankettdurchwürzten Kongressen und die Ministerialräte mit Festreden immer oben an! Mögen sie es tun, aber wenn der § 142 der deutschen Reichsverfassung lautet: »Die Kunst und die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. Der Staat gewährt ihnen Schutz und nimmt an ihrer Pflege teil« - so sollte der zweite Satz lieber heißen: er gewährt nicht ihnen Schutz, sondern ihren Surrogaten, da sie der Industrie Anregungen und den Ministern ihre Redensarten liefern. [•••] In seiner Erwiderung auf Benns Artikel schrieb Frank Thieß (Der Staat und die Künstler. Eine Antwort an Gottfried Benn, in: Die literarische Welt 3 [7. Oktober 1927] Nr. 40, S. 7-8) über das Verhältnis von Staat und Künstler: »Es liegt in der Natur des Staates wie in der Natur des Künstlertums, daß sie nie in ein fruchtbares Verhältnis zueinander kommen können. Wer dies erwartet, ist ein Tor, wer es erzwingen will, ein Don Quixote. Es ist nicht zu erzwingen, und scheinbare Amalgamierungen von Staat und Künstlern, wie sie etwa unsere Akademie der Dichtkunst oder die Museen darstellen, sind sehr demonstrative Beispiele dafür, daß es nicht geht. Nein, der Staat hat für die lebendige Kunst und ihre Vertreter in des Wortes genauer Bedeutung kein Organ. Er hat es nie gehabt und wird es nie haben, denn Staat und Künstler bleiben in Ewigkeit die regulierenden Pole des kulturellen Lebens, sie können in heftige (und dadurch indirekt fruchtbare) Spannung zueinander treten, aber sie berühren sich nicht. Wo sie sich aber scheinbar berühren, da ist entweder die Kunst Schwindel, oder hinter der staatlichen Aktion steht nicht der Staat, sondern eine aristokratische Macht, ein einzelner, ein kunstverständiger Fürst, ein kunstliebender Minister (Ära Haenisch). In diesem Falle ist der Staat ausführendes Organ eines dirigierenden Willens, doch eben nur so lange, als dieser Wille die Macht zum Dirigieren hat. Ich bin froh, daß Gottfried Benn die groteske Opern- und Staatstheaterwirtschaft wirksam attackiert hat, denn hier glaubt der gemütvolle Staatsbürger ja im Ernst, daß die Regierung aus reiner Liebe zu den Musen jährlich Millionen den hehren Künsten Musik und Schauspiel zuweist.« (S. 7) 1 Gemeint ist der Physiker Niels Bohr, der 1922 den Nobelpreis für seine Verdienste um die Entwicklung der Atomtheorie erhielt.

4. Braucht der Staat die Dichter? Zum Problem literarischer Repräsentanz

26 Konrad Haenisch: Warum feiern wir Gerhart Hauptmann? In: Die Volksbühne 3 (1922) H. 2, S. 34-36; hier: S. 34-35. Angesichts der Hauptmann-Feiern, die in diesen Monaten überall in Deutschland veranstaltet werden, fragt sich vielleicht mancher, ob wir denn in Tagen wie den heutigen überhaupt das innere Recht zu solchen Feiern haben; ob in diesen Tagen furchtbarster wirtschaftlicher Bedrängnisse, Tagen, in denen das allgemeine Chaos über uns hereinzubrechen droht, nicht auch der letzte Nerv angespannt werden müsse zur Überwindung wenigstens der drängendsten Tagesnöte, und ob

deshalb nicht Dichterfeiern eine unverantwortliche Ablenkung von dem bedeuten, was heute allein nottut? So sehr ich solche Zweifelsfragen verstehe, so entschieden möchte ich doch sagen: Ja, man dzr/Hauptmann-Feiern veranstalten! Man darf Hauptmann auch heute, man darf, man soll sogar, ihn gerade heute feiern! Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, und hätten alle die Mühen und Sorgen dieser bangen Stunden keinen anderen Sinn als den, uns nur das elende Bißchen unserer nackten materiellen Existenz zu sichern, dann hätten sie im Grunde genommen überhaupt keinen Sinn, und das Leben wäre nicht mehr wert, gelebt zu werden. Gerade in den Tagen wie den heutigen müssen wir die Augen erheben zu denen, die uns Führer und Wegweiser sind ins Land des Geistes und der Seele. Man hat die Hauptmann-Feiern dieses Jahres einen Personenkultus genannt, der eines Volksstaa­ tes und der insbesondere der sozialistischen Arbeiterschaft unwürdig sei. Nun - ganz gewiß ist die Kultur eines Volkes oder gar die Kultur der Menschheit nun und nimmermehr das Werk einzelner, und stünden sie noch so hoch. Sie ist das Ergebnis des Zusammenwirkens von ungezählten und ungenannten Millionen fleißiger Arbeiter des Hirns und der Hand, und niemand hat die Abhängig­ keit auch des Genies von der Gesamtheit seines Volkes stets freudiger und dankbarer anerkannt, als gerade Gerhart Hauptmann. Am schönsten wohl in seiner Breslauer Rathausrede vom 2. August d.J. [1] Auf der anderen Seite bleibt es deshalb nicht weniger wahr, daß große Männer der menschlichen Kultur neue Ziele und Wege zu weisen, daß sie das Kulturleben ihrer Nation und der anderen Völker außerordentlich zu bereichern und zu befruchten vermögen, wie sich umgekehrt in ihnen das tiefste Streben und Sehnen der Zeit wie in einem Brennspiegel zusammenfaßt. Und solch einer ist Gerhart Hauptmann. Auch das alte Deutschland hat seine großen Männer gefeiert. Nur daß diese »großen Männer« sich in der Zeit der großen Prüfung, als aller Schein verblich und nur das Echte blieb, nur allzu oft als sehr kleine Menschen erwiesen. Und am kleinsten zeigten sich die, die man ein Menschenalter lang am lautesten gepriesen hatte. Dann aber: es waren fast nur Helden des Schwertes, die das alte

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Deutschland feierte, von Ziethen und Blücher angefangen über Moltke und Roon hinweg bis zü Hindenburg und Ludendorff[2]. Solche Männer können uns nicht Führer sein in das neue Land, das wir mit der Seele suchen. Ist es wahr, daß uns die Genesung aus dem schweren Siechtum dieser Tage letzten Endes nur von innen heraus kommen kann, daß also die ganze Frage des deutschen Wiederaufstiegs schließlich hinausläuft auf die große sittliche und geistige Erziehungsfrage - und es ist wahr -, dann können uns auch nur Helden des Geistes Wegbahner ins Neuland sein. Statt Kaisertagen, Feldherrnfesten und Gedenkfeiern an Schlachtensiege wird das neue Deutschland seine großen Goethe-Tage haben, seine Mozart-Feste und Beethoven-Feiern, seine Wagner-Wochen, seine Fichte-Feste und seine Lassalle-Feiern. Und auch seine Gerhart-Hauptmann-Tage! [...] Konrad Haenisch (1876, Greifswald - 1925, Wiesbaden), Redakteur sozialdemokratischer Zeitungen. 1918-1921 preußischer Kultusminister, 1923-25 Regierungspräsident in Wiesbaden.

Die Feierlichkeiten zu Gerhart Hauptmanns 60. Geburtstag am 15. November 1922 zogen sich über Monate hin. Er wurde in München, Hamburg, Bremen und Wien geehrt und die Breslauer Festspiele und die Frankfurter Goethewoche standen in seinem Zeichen. Dazu kamen zahlreiche Umfragen in Zeitschriften und Zeitungen. In der von Felix Holländer im Auftrag der »Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger« herausgegebenen Festschrift zum 60. Geburtstag Gerhart Hauptmanns (Berlin 1922) wurde er von Freunden und Bewunderern, u.a. auch vom Reichspräsidenten Friedrich Ebert und Reichskanzler Joseph Wirth als der geistige Repräsentant der Republik beglückwünscht. So schrieb Joseph Wirth z.B.: »Deutschland muß dankbar sein, daß es in dieser Zeit wirtschaftlicher und geistiger Not einen so großen Sohn wie Gerhart Hauptmann sein eigen nennen darf. Unser Volk kann stolz sein auf ihn, der nicht als Günstling von Zeitströ­ mungen, sondern Widerständen und Hemmungen zum Trotz sich durchgesetzt hat - durch seine große Kunst und durch die Unbeugsamkeit seiner Seele. Was Gerhart Hauptmann in seinen Dramen und Romanen geschildert hat, ist, auf eine Formel gebracht: der deutsche Mensch. In den dunklen Tagen, in denen wir leben, können deshalb seine Werke eine Schule der Selbsterkenntnis, eine Quelle des Trostes, ein Ausgangspunkt für eine neue große Hoffnung auf die Zukunft unseres Volkes sein.« Und Heinrich Mann (ebd.): »Hauptmann spricht im Ausland für die Nation. Vom Ausland ergehen Aufrufe, ja Hilferufe an Deutschland durch Hauptmann. Er waltet neben dem politischen Reichshaupt als Präsident des Herzens, das dies Reich hat. Man hat desgleichen in Deuschland nicht gesehen, und in Europa nicht seit Hugo. Die Republik weiß sich bestätigt und erhoben von ihrem erwählten Dichter Sie wird sich, zunächst um seinetwillen, hoffentlich mit dem literarischen Geist erfüllen, dessen die voraufgegangene Epoche entriet. Erst literarischer Geist wird die Republik von innen beleben, ins Leben gestellt, wie sie ist, durch äußere Gewalten. Wenn die Schüler der Staatsschulen mit Werken Hauptmanns ausgezeichnet werden, tut die Republik nach ihrer Sendung. Denn gesündere, sittlichere, schönere Vorstellungsreihen erstehen in den Geistern durch Hauptmann als durch Bismarck oder durch Wilhelm den Zweiten. Jeder schuldet ihm heute die Lobrede, die das Herz spricht: vor allen anderen die, deren Geist mit Worten gestaltet wie der seine. Sie können nur stolz auf ihn sein. Sie können ihn nur lieben.« Die Umfrage der Zeitschrift der Hamburger Kammerspiele Der Freihafen (1922, H. 3) mit dem Titel Wie denken Sie über Gerhart Hautmann? enthielt auch kritische Stimmen. Iwan Goll schrieb »Gerhart Hauptmann: mir unbekannt«, Kurt Schwitters bezeichnet ihn als »Durchschnittsbegabung« und Erich Mühsam meinte: »Gerhart Hauptmann ist sehr zu seinem Unglück der repräsentative Dichter des Deutschlands der Gegen­ wart«. Die bitterste Anklage kam von Carl Sternheim. »[...] was bedeutet, eines an Zahl immerhin großen Volkes repräsentativer Dichter zu sein? Nach der Popularität, die Gerhart Hauptmann in Deutschland genießt, kann es nur bedeuten, daß der den Vorsitz im Parnaß hat, der der prägnanteste mittlere Ausdruck all dessen ist, das dieses heutige Deutschland und seine bürgerlichen Machthaber trotz aller erlebten Katastrophen auf eigentümliche Art mit vollen Kneipen und Theatersälen prosperieren läßt. Des vollendeten Assimilationsprin­ zips nämlich, das nicht nur politisch sondern auch wirtschaftlich und geistig ohne eigene Seinsweise charakter­ los nur stets den besten Anschluß an augenblickliche Konjunktur sucht, ohne eigenen Start und eigenes Ziel mit flüssig verwässerten Begriffen in der Luft schwebt, ohne Behauptung eines eigenen Wesentlichen natürlich stets Recht behält.

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Mit anderen Worten: in Gerhart Hauptmann ist nie, was ich von jedem Führer eines Volkes voraussetze, die bis zum Fanatismus und zur Besessenheit verteidigte und durchgedrückte eigene Gesinnung deutlich gewor­ den, und darum in seinen Helden auch nicht deren eigener wie immer gearteter unwandelbarer Charakter. Bei keiner Gelegenheit seines Lebens und in keiner Situation seiner Dramen ist dem, was bürgerlich gefällt, gegenüber, das, was aus eines Menschen oder Volks besonderer Voraussetzung notwendig und darum über alles verehrenswert ist, von seiner nur dazu verpflichteten Begabung in Schutz genommen und mit seiner Hilfe zu öffentlicher Anerkennung gebracht worden. (Wie etwa der Geizige, Tartüff, Misanthrop von Molière, Lessings preußischer Offizier von Tellheim und die durch einen liederlichen Despoten geschändete Emilia Galotti.) Sondern unaufhörlich hat er, was seit einem Jahrhundert bürgerlicher Mentalität vernünftig, schön und gut, d.i. angenehm, erscheint, einen abominablen Krieg sogar talentvoll verherrlicht, an dem er sich körperlich und geistig zwar nicht beteiligend, wie an allem Aktuellen und in Nachfrage Stehenden doch solchen Anteil genommen hat.: »Komm, wir wollen sterben gehen in das Feld, wo Rosse stampfen, wo die Donnerbüchsen stehen und sich tote Fäuste krampfen. Lebe wohl, mein junges Weib, und du Säugling in der Wiegen, denn ich darf mit trägem Leib nicht daheim bei euch verliegen.

Diesen Leib, den halt ich hin Flintenkugeln und Granaten: Eh ich nicht durchlöchert bin, kann der Feldzug nicht geraten!«

An seinen Repräsentanten wirst du ein Volk erkennen. Das deutsche von 1922 an Henny Porten und Gerhart Hauptmann, der, ohne in einer Zeile seines umfangreichen Werks jenen wirklichen Deutschen, die rechts oder links in großen Massen national oder mitmenschlich besessen sind, letzthin je einen Fingerzeig zu Dingen, die jenseits des bloß Gefälligen oder nur Nützlichen stehen, gegeben zu haben, an seinem sechzigsten Geburtstag, der übrigens bei keinem Menschen ein Besonderes ist, sich so ausgiebig feiern ließ, wie nur ein durch Geschäfte Reichgewordener seinem Leib viel zu üppige und häufige Feste gibt, die durch nichts begründet erscheinen.« (S. 12-13) Auch Pfemferts Aktion (12.Jg. vom 15. August 1922, Nr. 31/32, Sp. 429-440) griff Hauptmann voller Aggressivität an als »Kaiser-Wilhelm-Verherrlicher und Kriegscoupletschreiber, der als Dichter längst kre­ pierte.« Vgl. ferner Ernst Heilborns Aufsatz Die Gerhart Hauptmann-Festspiele, in: Frankfurter Zeitung (21. August 1922) Nr. 585: »Die Frage ist nicht, ob Hauptmann der große Dichter sei, nach dem die Sehnsucht eines Volkes zu allen Zeiten ruft. Die Gewißheit ist: der Mann und sein Werk sind derart, daß alle geistig Suchenden des heutigen Deutschlands sich und irgend eine Erfüllung stummer Sehnsucht bei ihm finden können. Und daß er darum berufen ist, ein Wort der Sammlung auszugeben. Wir feiern Gerhart Hauptmann als - ein Symbol. Wir sind uns bewußt, nur zum Teil ist die Kraft in ihm, zur andern Hälfte muß sie in uns selber sein. Wird sie aber entbunden, so kann sie auf lange und hellere Tage hinaus wirksam werden.« 1 Hauptmanns Breslauer Rede trug den Titel Deutschland-Vaterland. Darin hieß es u.a.: »Jede persönliche Ehrung muß weit zurücktreten hinter die Idee, die in diesen Breslauer Festtagen zum Ausdruck kommen soll. In beredter Weise hat sich diese Idee durch den Mund des ersten Mannes in unserem geeinten, neuen, großen Deutschen Reiche, durch den Mund anderer hoher Reichsbeamter, durch den Mund des Herrn Oberbürgermeisters kundgetan. Nichts anderes als Deutschland selbst ist diese Idee, die unsere Seele, unsere Worte, unsere Handlungen durchdringt und beflügelt. Und jede Seele, jedes Wort, jede Handlung ist halb, ja weniger als halb, die von dieser Idee nicht durchdrungen und getragen ist. Deutschland als Idee, das ist Deutschlands Kraft. Je mehr einzelne Teile unserer gewaltigen Volksgemein­ schaft von dieser Idee berührt und durchdrungen sind, um so mehr wird das Ganze ein Ganzes sein. Darum kommt es am Ende darauf an, die entferntesten Siedlungen des Reiches immer wieder damit zu durchdrin-

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gen. Nicht in einer sterilen, äußerlichen Art, sondern in einer warmen und lebendigen Art, die dem Einzelnen und dem Ganzen zuletzt den gemeinsamen Reichtum zum Bewußtsein bringt. Sein währendes Leben empfängt ein Körper allein durch den Geist. Die Aufgabe ist und wird immer sein, wenn ein Volkstum wachsen und verharren soll, für seine Beseelung Sorge zu tragen.« (In: Sämtliche Werke Bd. VI, hrg. von H.-E. Hass, Frankfurt 1963, S. 752). 2 Hans Joachim von Zieten (1699-1786), preußischer Reitergeneral unter Friedrich dem Großen; Gerhard Leberecht von Blücher (1742-1819), preußischer Feldmarschall zur Zeit der Freiheitskriege; Helmuth Graf von Moltke (1800-1891), preußischer Generalfeldmarschall; Albrecht Graf von Roon (1803-1879), preußi­ scher Generalfeldmarschall und Kriegsminister; Paul von Beneckendorff und von Hindenburg (1847-1934), Generalfeldmarschall im 1. Weltkrieg; Erich Ludendorff (1865-1937), Generalstabschef Hindenburgs.

27 Eugen Kalkschmidt: Auch die Literatur. In: Deutsches Volkstum (August 1925) H. 8, S. 633-634. Der erste große Empfang beim Reichspräsidenten war, wie die Blätter melden, ein Ereignis für Berlin. Alles war vertreten, Politik, Wirtschaft, Heer und Marine, Wissenschaft, Presse und Literatur. Jawohl, auch die Literatur, verkörpert durch die ehrwürdigen Erscheinungen der Herren Sudermann [1] und Fulda [2]. Sonstige Namen finde ich nicht genannt, und so werden sie wohl die einzigen gewesen sein, die der Berichterstatter seinem Volke mit der Aussicht auf Einverständnis glaubte vorsetzen zu dürfen. Sudermann und Fulda als Vertreter deutschen Schrifttums beim Präsidenten der Republik - der Kasus macht mich lachen. Denn es erhebt sich die Frage: was haben diese beiden betriebsamen Theaterlieferanten von vorgestern eigentlich mit dem heutigen deutschen Schrifttum gemein? Mein Berliner Gewährsmann ist nicht so unkundig, wie er scheint. Er weiß meinen Einwand zu schätzen. Er gibt zu: nun ja, diese beiden - Dichter; wenn man so sagen darf, sind wohl allerdings freilich ein wenig abgestanden. Kein Zweifel, es gibt bessere als sie. Aber wo sind diese besseren Repräsentanten aufzutreiben - in Berlin? Zudem: die beiden Herren stehen an der Spitze irgendei­ nes Autorenverbandes, sie sind also Vertrauensleute ihrer Berufsgenossen, sie wohnen in Berlin, sie sind zur Hand, wenn man sie braucht. Der Pressechef des Reichspräsidenten brauchte nur auf den Knopf zu drücken, und schon zogen sie den Frack an, mit Orden und Ehrenzeichen. Er steht ihnen gut, sie wissen ihn zu tragen von alters hei; sie sind wirklich ganz repräsentable Leute. Schließlich kann niemand leugnen, daß sie auch allerhand geschrieben haben; sowie, daß über sie sehr viel geschrieben worden ist. Sie sind bekannt im ganzen Reiche, sie sind berühmt - jawohl, widersprechen Sie nicht, - sie sind es, ob mit oder ohne Grund, steht hier nicht zur Entscheidung, könnte auch der alte Feldmarschall gar nicht entscheiden. So geht er halt auch zu ihnen, schüttelt ihnen die Hand, spricht ein paar Worte und erweist damit als erster Diener des Staates dem deutschen Schrifttum seine schuldige Reverenz. Was wollen Sie dagegen viel einwenden? Ist es denn nicht überall das gleiche? Wird nicht überall mit Wasser gekocht? Sind nicht überall dekorative Versatzstücke nötig? Und war es früher in der Wilhelminischen Ära mit ihren Begas, Werner, Lauff, Ganghofer[3] und wie sie alle heißen, denn besser?

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Nein, ich muß bekümmert zugestehen: das war es nicht. Aber ich erinnere mich, von glaubwürdi­ gen Zeugen gehört zu haben: die Republik stelle das wahre Verdienst nicht länger unter den Scheffel, sondern befördere es ganz automatisch dorthin, wohin es gehört. Demnach seien vom 9. November 1918 ab Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und Fritz von Unruh zu Nationaldich­ tern erklärt. - War denn keiner von ihnen aufzutreiben? Unser Gerhart präsentiert seinen Goethekopf doch gar gern. Schließlich sind mir diese drei immer noch lieber als jene beiden. Mein Gewährsmann aber, der kundige Weltmann, winkt ab. Nich zu machen, sagt en Gerhart badet in Rapallo, Thomas Mann geht in Bogenhausen mit seinem Hund spazieren, und Unruh umschlingt die Millionen von Frankfurt aus. Sie sind alle beschäftigt und kommen nur, wenn die Republik in Gefahr ist, oder sonstwie gefeiert werden soll. Dann reden sie wie gedruckt. Aber bei Hindenburg ist doch keine Gefahr. Und da genügen Sudermann und Fulda vollauf. Ich merke, daß ich in diesem Rennen nicht mitkomme, und sage nur noch: schön, liebe Leute, präsentiert und repräsentiert so viel ihr wollt. Nur bitte dann: lokal und geistig begrenzt. Funkt nicht in die erstaunte Mitwelt hinaus: als Vertreter der deutschen Literatur traten usw., sondern sagt schlecht und recht: auch die Manufaktur des Berliner Geistes, verkörpert in den ehrwürdigen Erscheinungen der bekannten Firma Sudermann & Fulda, belebte die festlich geschmückten Räume beim Reichspräsidenten... Eugen Kalkschmidt (1874, Memel - 1962, München). Freier Schriftsteller und Autor zahlreicher Biographien.

1 Hermann Sudermann (1857-1928), populärer Erzähler und Dramatiker des Naturalismus, schrieb seine Hauptwerke in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts. 2 Ludwig Fulda (1862-1939). Erfolgreicher Lustspieldichter und Übersetzer aus der Zeit um dieJahrhundert­ wende. 3 Reinhold Begas (1831-1911), Bildhauer, bekannt durch seine Denkmäler und Büsten; Anton von Werner (1843-1915), Maler des Kaiserreichs, berühmt durch seine Schlachtengemälde; Joseph von Lauff (1855-1933), Dramatiker und Erzähler historischer (Hohenzollern) und heimatlicher Stoffe; Ludwig Ganghofer (1855— 1920), populärer bayerischer Schriftsteller von Heimatromanen.

28 [Protest der Gruppe 25 anläßlich der PEN-Klub-Tagung in Berlin]. In: Die literarische Welt! (14. Mai 1926) Nr. 20, S. 1-2. Eine Berliner Mittagszeitung hat der Ankündigung, daß eine Internationale Tagung des PEN-Klubs nächstens in Berlin stattfinden soll, die Bemerkung angeknüpft, daß dem PEN-Klub die ersten deutschen und ausländischen Schriftsteller angehören. Die Schriftstellergemeinschaft »Gruppe 1925«, der folgende Schriftsteller angehören: Johannes R. Becher, Ernst Blaß, Ernst Bloch, Bert Brecht, Max Brod, Friedrich Burschell, Alfred Döblin, Albert Ehrenstein, Oskar Maurus Fontana, Leonhard Frank, Manfred Georg, George Groß, Bernard Guillemin, Willy Haas, Walter von Hollander, Walter Hasenclever, Hermann Kasack, Kurt Kersten, Kiabund, Rudolf Leonhard, Ferdinand Lion, Ludwig Marcuse, Walter Mehring, Robert Musil, Eugen Ortner, Alfons Paquet, Erwin Piscator, Joseph Roth, Ernst Toller, Eduard Träumer, Adrien Turel, Kurt Tucholsky, Her-

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mann Ungar; Raul Westheim, Alfred Wolfenstein widerspricht dieser Behauptung ausdrücklich und nachdrücklich. Es mag sein, daß den ausländischen Gruppen des PEN-Klubs die ersten ausländischen Schrift­ steller angehören; es ist nicht richtig, daß der deutschen Gruppe die ersten deutschen Schriftsteller angehören. Die Zusammensetzung des deutschen PEN-Klubs ist völlig willkürlich von einer Clique von Schriftstellern, über deren Wert man verschiedener Meinung sein kann, vorgenommen worden. Es gehört ihr, mit einer einzigen Ausnahme, die auch nicht als endgültig angesehen werden kann, keiner der namhaften und beachtenswerten jungen Schriftsteller an. Einer, dessen Aufnahme von bestimmter Seite dringend gewünscht wurde, wurde nicht aufgenommen, als er sich außerstande erklärte, den Jahresbeitrag zu bezahlen; und zwar einer, der in der gesamten Öffentlichkeit aller Richtungen ganz besondere Hochschätzung genießt. Wir jüngeren Schriftstel­ ler; die wir uns in der Gruppe 1925 zusammengeschlossen haben, müssen also dagegen protestie­ ren, daß der willkürlich und einseitig zusammengesetzte PEN-Klub die Vertretung der deutschen Schriftsteller dem Auslande gegenüber usurpiert. Dieser Protest wurde von Willy Haas, dem Herausgeber der Literarischen Welt, als Teil seines Kommentars zur Tagung des PEN-Clubs in Berlin vom 16. zum 19. Mai 1926 abgedruckt (Meine Meinung, in: Die literarische Welt! [14. Mai 1926] Nr. 20, S. 2). In seinem Kommentar heißt es: »Vor mir liegt die Mitgliederliste der Deutschen Gruppe des PEN-Klubs. Rund hundert Namen. Darunter große, berühmte Namen. Dichter, Publizisten, denen man vieles zu verdanken hat. Zweifellos. Wenn ich mir aber diese Liste ordentlich vornehme, Name für Name, und mich zum Schluß frage: »Bietet die Majorität der deutschen Sektion dieser internationalen literarischen Verständigungsgruppe eine ganz sichere Gewähr dafür, daß sie allen nationalistischen Verhetzungsversuchen, allen Lockungen des gesellschaftlichen und staatsoffizösen Opportunismus, allen ästhetischen Reizen eines lebensentfremdeten, literatenhaften Pseudokonservatismus, der den Teufeln der nationalistischen Reaktion die Tore sperrangelweit öffnet - bietet diese Majorität eine sichere Gewähr dafür, daß sie allen diesen offenen und versteckten Feinden der geistigen Verständigung einen beharrlichen und festen Widerstand entgegensetzen wird?« - dann gibt es darauf nur eine Antwort: Nein, sie bietet keine Gewähr dafür. Das muß zum Empfange der hohen Herrschaften erst mal klipp und klar gesagt werden. Damit wir uns nicht mißverstehen.!...] Noch deutlicher als die Liste der Geladenen und Eingeschriebenen spricht die Praxis dieser Auslese selbst d.h. ein kurzer Überblick über jene, die nicht geladen wurden, obgleich ihnen ihr literarisches Ansehen unbedingt ein Recht darauf gäbe. Hiet; in dieser Liste der Übergangenen, ruht das wahre, unterirdische Programm des deutschen Klubs, diese Ablehnung einer ganzen Geistesrichtung trägt einen wahrhaft prinzipiel­ len Charakter, sie ist vielleicht das einzig Prinzipielle und Kompromißlose in dem Klub-Programm, und sie spricht jedenfalls viel, viel lauter als alle Reden, die man bei dieser Tagung halten wird. Denn ausgeschlossen, prinzipiell und ganz kompromißlos ausgeschlossen ist vor allem die radikale literari­ sche Jugend. Gut, Herr Fulda hält literarisch nichts von ihr - das ist seine Sache und beruht ja auf Gegenseitig­ keit. Aber darüber kann doch nicht der geringste Zweifel herrschen, daß sie, gerade sie eine unbedingt sichere Stütze für eine internationale geistige Verständigung bietet, daß ihre Gesinnung in dieser Hinsicht todsicher ist, ja, daß sie geradezu den Großen Generalstab einer solchen Verständigungsarbeit bildet, sie, in deren Reihen sich fast alle Jenen befinden, die schon während des Krieges, wenn auch ohne Bankett und Toast und Smoking und Frack, für die Sabotierung des Hasses gekämpft haben. Charakteristisch in diesem Zusammenhang ist der Protest einer jungen literarischen Gruppe, »Gruppe 1925«, der auch der Herausgeber dieses Blattes und Verfasser dieses Artikels angehört. Er weiß sich frei von Cliquengeist, wenn er diesen Protest hier veröffentlicht. [...] Seien wir aufrichtig. Seien auch Sie aufrichtig, meine Damen und Herren! Sie möchten sich ihr Gläschen Sekt, das Ihnen von Herzen gegönnt ist, nicht gerne durch unsere rauhere Ausdrucksweise stören lassen. Und wir - alle ehrlichen Herzen, die hinter Ihren Frackhemden schlagen, in Ehren! - wir halten von dieser An »Verständigung« nicht viel. Damit ist die Sache reinlich erledigt.

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Wenn unser Blatt den deutschen PEN-Klub heute ehrt, so geschieht das, weil man die Idee immer ehren muß: auch wenn sie sich, höchst unpassend, in Frack und Abendkleid wirft; - doppelt unpassend in dieser Zeit der Not und Arbeitslosigkeit, in der das Gros der deutschen Schriftsteller am Verhungern ist.« Diesem Kommentar folgte eine Umfrage Was erwarten Sie von der Berliner Tagung des PEN-Clubs? (Ebd., S. 2), in der Brecht, Döblin, Walter Mehring u. a. Stellung nahmen, so z. B. Brecht: »Ich glaube, daß die Tagung des Berliner PEN-Klubs unter dem Zeichen der Festessen stehen wird. Über das, was die alten Leute erreichen könnten, habe ich gar nicht erst nachgedacht. Sie haben so bewußt alles Junge ausgeschlossen, daß diese Tagung, jedenfalls was die deutsche Gruppe anbetrifft, absolut hoffnungslos überflüssig und schädlich ist.« Und Döblin: »Ich erwarte von der Tagung des PEN-Klubs gar nichts. Die deutsche Gruppe führt die Öffentlichkeit des In- und Auslandes irre. Sie ist absolut nicht die Vertreterin der deutschen Geistigkeit, sondern sie ist eine Clique. - Es ist die Clique des Herrn Fulda. Die kriegsgegnerische und junge Dichtergeneration ist nicht vertreten.« 1 Zur Entstehung des PEN-Clubs vgl. den Bericht von Karl Federn, dem 2. Vorsitzenden der deutschen Gruppe (1. Vorsitzender war Ludwig Fulda) in: Die literarische Welt2 (14. Mai 1926) Nr. 20, S. 1: »Vom 16. zum 19. Mai findet in Berlin ein internationaler Schriftsteller-Kongreß statt, der Kongreß der PEN-Klubs. Schon das Wort >Klub< sagt, daß es sich um eine gesellige oder gesellschaftliche Vereinigung und Zusammenkunft handelt, die ihre besondere Bedeutung wesentlich dadurch hat, daß sie international ist. Gerade die in geistigen Berufen tätigen Menschen - nicht alle, aber doch sehr viele - haben, vielleicht weil sie durch ihre Phantasie und die Sprache fortgerissen wurden, dem Haß, der im Kriege und nach dem Kriege Europa zerriß und die Welt teilte, besonders stark Ausdruck gegeben. Wir wollen unseren Beruf als Schriftsteller nicht überschätzen; aber fraglos ist, daß wir; die wir die Sprache mehr als andere beherrschen, in ihr ein Werkzeug haben, auf die Zeit, auf die Völker Einfluß zu üben. Darum faßte eine englische Schriftstellerin, Mrs. Dawson Scott, den Gedanken, die Schriftsteller aller Länder einander wieder zu nähern, und sie gründete den PEN-Klub, so genannt nach den drei Hauptgruppen: Poets, Essayists, Novellists. Der Klub sollte international sein, Gruppen in allen Ländern sollten sich der englischen angliedem. Mrs. Scott und ihre Freunde legten eine Reihe von Grundsätzen fest: der PEN-Klub sollte sich von aller Politik femhalten, Berufs­ und Standesfragen unerörtert lassen, er sollte lediglich dem freundschaftlichen Verkehr und dem geistigen Austausch von Nation zu Nation dienen; die Gruppen in den einzelnen Ländern sollten durchaus selbstän­ dig sein, sich ihr eigenes Statut geben, die Form ihrer Leitung, ihrer Zusammenkünfte, ihres öffentlichen Auftretens nach Belieben regeln, aber untereinander in steter Fühlung bleiben, so sehr - und das ist vielleicht die wichtigste Bestimmung -, daß wer Mitglied einer Gruppe ist, dadurch Mitglied des ganzen PEN-Klubs wird und in der Gruppe jeden Landes, in das er kommt, freundliche Aufnahme findet.« 2 »Gruppe 25« war eine im August 1925 in Berlin gegründete Vereinigung von etwa zwanzig linksliberalen jungen Schriftstellern. Am 26. Februar 1926 erschien in der Literarischen Welt (Nr. 9, S. 6), dessen Herausge­ ber Willy Haas selbst Mitglied war, die Gründungsanzeige der Gruppe: »Die unterzeichneten Schriftsteller haben sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen, die den Namen >Gruppe 1925, Schriftstellergemeinschaft« trägt. Die >Gruppe< sammelt um sich Schriftsteller von Belang, die mit der geistesrevolutionären Bewegung unserer Zeit verbunden sind, dies in ihrer Haltung zu Staat und Gesellschaft bekunden und dokumentieren in Arbeiten auf künstlerischem, essayistischem, kritischem, allgemeinwissenschaftlichem Gebiet. Die >Gruppe< will nach innen diese Schriftsteller aus ihrer Isolierung heben und durch den kameradschaft­ lichen Zusammeschluß fordern und stärken. Die >Gruppe< bezweckt nach außen das endliche Hervortreten einer Repräsentanz dieser modernen geistesradikalen Bewegung. Die >Gruppe< erweist ihr Leben in regelmä­ ßigen Zusammenkünften und in Stellungnahme zu Dingen, die ihr wichtig erscheinen. gez.: Johannes R. Becher, Ernst Blaß, Friedrich Burschell, Alfred Döblin, Albert Ehrenstein, Manfred Georg, Bernard Guillemin, Willy Haas, Walter Hasenclever, Walter von Hollander, Hermann Kasack, Kurt Kersten, Kiabund, Rudolf Leonhard, Ludwig Marcuse, Eugen Ortner, Joseph Roth, Hans Siemsen, Ernst Toller, Eduard Träumer, Adrien Turel, Hermann Ungar, Paul Westheim, Alfred Wolfenstein.« Diese Anzeige erschien im gleichen Wortlaut auch in der Welt am Abend vom 15. Februar 1926, Nr. 38 und in der Roten Fahne vom 2. März 1926 Nr. 51. Vgl. jetzt dazu: Klaus-Peter Hinze, Gruppe 1925. Notizen und Dokumente. In: DVjS54 (1980), H. 2, S. 334-346 und Klaus Petersen, Die »Gruppe 1925«. Geschichte und Soziologie einer Schriftstellervereinigung. Heidelberg 1981 (Reihe Siegen Bd. 34).

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29 Arnold Hahn: Literatur und Weltgeltung. In: Das Tage-Buch 7 (20. März 1926) H. 12, S. 451-454. Gäbe es ein literarisches Parlament in Deutschland, ein Parlament der Schriftsteller, so wäre seine erste und wichtigste Aufgabe die Schaffung einer Kommission, die über diese Frage zu beraten hätte! Warum findet das deutsche schöngeistige Schrifttum so wenig Resonanz in der außerdeut­ schen Welt? Warum liefert gerade der deutsche Schriftsteller so wenig weltgängige Ware? Ist das »Deutsche« die Ursache, eine komplizierte, schwerverständliche, starre Wesensart, ein Maschinen­ teil von so ungebräuchlichen Abmessungen, Bohrungen und Schraubenwindungen, daß es in die normalisierten Gehirnmaschinen der andern Weltbewohner nicht eingesetzt werden kann? Oder ist es der deutsche Schriftsteller? Der Mann, der den allmenschlichen Rohstoff seines Landes nicht zu allmenschlicher Ware verarbeiten kann? Victor Auburtin durchsucht einen Madrider Altbücherwagen. Französische, englische Bücher in Fülle. Ein einziges obskures deutsches Büchlein. In Frankreich, in Italien, in Amerika, in Rußland, in der Tschechoslowakei gibt es Bibliotheken der Weltliteratur, die etwa unseren Reclambüchern entsprechen, internationale Sammlungen zeitgenössischer Romane und Dramen. Man wird in diesen Weltbüchereien nur ganz spärlich deutsche Namen eingestreut finden. Meistens nur die deutschen Klassiker. Seit hundert Jahren scheint die deutsche Literatur für die Welt stumm zu sein. Im Orient, am Balkan, in allen jenen Ländern, in denen Kontakt mit dem Westen gesucht wird, sind in den Händen der mondänen Frauen, der weltsuchenden Männer; französische, englische und russische Romane, meist in der Originalsprache. Der deutsche Roman ist ungekannt und - ungesucht. Man könnte nun sagen, daß weder »das Deutsche«, noch der Schriftsteller Schuld an dieser Erscheinung trage, daß vielmehr geschichtliche und geographische Bedingtheiten hier die entscheidende Rolle spielen. Deutschland, in die Mitte Europas eingeklammert, ohne Weltküste, ohne alle Kolonien, in ewigem Kampfe um Einheit und Geltung, habe einfach keinen literarischen Auslauf gehabt und habe ihn noch immer nicht. Aber warum hatte das »barbarische, halbasiati­ sche« Rußland diesen Auslauf? Warum die kleinen skandinavischen Länder? Und seltsam! Warum ging der Weg in die Welt, besonders der skandinavischen Länder, gerade immer über Deutschland, warum wurden diese Literaturen gerade in Deutschland erst zur Weltgeltung großgebrütet? Warum gelang es nie mit bodenständigen deutschen Werken? Man muß doch wohl Geographie und Geschichte bei dieser Bettachtung ausschalten. Aber nun kommt eine ganz verwirrende Tatsache. Ich habe vor kurzem bedeutende deutsche Forscher, Wissenschaftler verschiedenster Gebiete, über ihr Verhältnis zur modernen deutschen Literatur befragt und die Gespräche in der Literarischen Welt veröffentlicht. [1] Der Mediziner Geheimrat His, der Photochemiker Geheimrat Miethe, ja selbst der Altphilologe v. WilamowitzMöllendorf gaben übereinstimmend die Antwort, daß die außerdeutsche Literatur eine größere Resonanz in ihnen auslöst als die deutsche, v. Wilamowitz-Möllendorf schrieb wörtlich: »Vielleicht ist es ein Symptom, daß ich vorziehe, englische, amerikanische, skandinavische Bücher zu lesen, nicht nur, weil ich gerne fremde Sprachen lese, sondern auch, weil diese mir etwas

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sagen.« Diese hervorragend, geistigen, deutschen Menschen (mag man sich zum »Wissenschaft­ ler« stellen wie man will) stimmen also vollkommen in den großen Welttenor ein. Hier kann es gar nicht das spezifisch »Deutsche« sein, was Mitschwingen und Wirkung verhindert. Es sind ja deutsche Gehirne, deutsche Milieumenschen. Es muß entweder das spezifisch »LiterarischDeutsche« sein, eine ungünstige, veraltete, überholte Eabrikationsmethode, oder - es ist der deutsche Schriftsteller selbst. Die Entscheidung darüber, die Aufdeckung der tiefsten Ursachen, die Vorschläge zur Heilung müßte besagte Kommission besagten literarischen Parlamentes übernehmen. Der Verfasser fühlt sich nicht dazu berufen. Er will nur noch eine kurze Betrachtung über die Folgen der Tatsache, daß die deutsche Literatur nicht weltgängig ist, anstellen. Die Hauptfolge ist: daß der deutsche Mensch in der großen, weiten Welt ungekannt ist. Die Welt ist in den französischen, englischen, russischen, skandinavischen Seelen heimisch, hat beim Lesen der Schriften dieser Menschen durch die Hostie des Buches wie durch Brot und Wein ein Teil ihres Wesens und Blutes in das eigene einverleibt. Wie durch die Bibel alle Christen die Wesensmöglich­ keit des alttestamentarischen Juden, die Humanisten durch Plato, Sophokles und die anderen die Wesensmöglichkeit des alten Hellenen in sich tragen. Die Seele erhält durch diese Lektüre gleichsam die Transmutationsfahigkeit in die Seelenanordnung anderer Völker. Es ist so, als ob man Jugendjahre in einem fremden Lande verbracht hätte, von fremdem Klima, von fremdem Pulsschlag mitgebildet worden wäre. Es ist mehr als bloßes Verstehen, es ist ein Hineinwachsen. Das Unterbewußtsein hat den neuen Lebensrhythmus aufgenommen, man kann im Traum und im Fieber zum Franzosen, Engländer Russen werden. Gorki, Dostojewski, Tolstoi haben wohl der Welt keine Definition Rußlands und des russischen Menschen gegeben, aber über die ganze Welt hin gibt es jetzt Menschen, in denen das russische Land mit Gutshöfen und Strömen, in denen das russische Seelenbild sich leicht und willig nachformt und auf leisen Anruf auftaucht. Und da ist wohl der Grund zu suchen, warum die Nationen in der Welt so leicht verstanden, der Deutsche so ganz unverstanden ist. Und hier ist der Punkt, wo der Zusammenhang zwischen Literatur und Weltgeltung sichtbar wird, wo es sich zeigt, daß die Literatur nicht bloß ein politisches Imponderabile, sondern durchaus ein vollgewichtiges Ponderabile ist. Das Sichkennen spielt in der modernen Politik der Völker eine gewaltige Rolle, noch gewaltiger das Sicheinfühlenkönnen. Werden doch Volksbewegungen geradezu durch Literatur gemacht - durch die Presse. Mag der Weltkrieg auch zum größten Teil seine Ursachen in ökonomischen und machtpolitischen Faktoren haben, sicher ist, daß eine seiner Ursachen, sein Anwachsen zum Kriege der Welt gegen Deutschland in der absoluten Unkenntnis des deutschen Wesens lag, daß die verlogenste und dümmste Propaganda gegen Deutschland daraus ihre Möglichkeiten zog. Es gab eben schon vor dem Weltkrieg eine literarische Entente der »Feindländer«. Deutschland hatte nicht die literarische Kraft, den Anschluß an diese Entente zu erreichen. Dadurch daß die Welt die deutsche Dichtung nur bis zu den Klassikern, vielleicht erst bis zu Heine, andererseits den wissenschaftlichen, technischen, kommerziellen, militärischen Elan des neuen Deutschlands kannte, wurde sie aus der Diskrepanz dieser beiden Phänomene zur Bildung eines falschen Bildes verführt, zur Annahme eines Ideale heuchelnden, im Grunde aber realistischen, herrschsüchtigen Deutschen, eines verdammenswerten, auszurottenden Hunnen. Viel hat sich bis heute an diesem Bilde nicht geändert. -

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Nicht gar zu lange ist es her, daß die Volker erkannt haben, wie politisch wichtig die Verbreitung der Kenntnis ihres Wesens ist. Die Völkerpropaganda ist eigentlich erst seit dem Weltkriege ein Instrument der Politik geworden. Zeitungen werden aufgekauft, andere in fremder Sprache in fremden Ländern herausgegeben. In den Ministerien gibt es Zentralstellen für die Außenpropa­ ganda. Es handelt sich durchaus nicht bloß um den Fremdenverkehr. Daß aber die schöne Literatur, das Buch, das Drama, das schöngeistige Essay, das Grundelement dieser gewünschten Außenwir­ kung ist, scheint man noch nicht erkannt zu haben. Kein Zeitungsartikel wird je eine fremde Seele dauernd formen, die Fremden, die auf Tage oder gar Wochen ins Land kommen, werden es kaum berührt wieder verlassen. Eine weit- und tiefschauende Regierung müßte erkennen, daß sie vor allem dem literarischen Erzeugnis die ganze kinetische Energie ihrer Propaganda zuführen müßte. Sie dürfte das deutsche Buch nicht sich selbst überlassen. Das beste Buch bedarf heute des Vorspanns der Propaganda. Aber auch die deutschen Schriftsteller müßten sich ihrer weltpoliti­ schen Bedeutung bewußt werden und gründlich untersuchen, wie sie den Isolationsring, der sie zur Zeit umgibt, sprengen könnten. Sie müßten sehen, wie sie im besten literarischen Sinne Männer von Welt werden, wie sie Hemmendes, Altes, Einseitiges, Verbohrtes abwerfen könnten. Sie sollten die Mühen und Experimente, die Resonanz der Welt zu finden, nicht hochmütig und mitleidig dem deutschen Film überlassen.

Arnold Hahn (1881, Kolautschen/ÖSR -1963, London). Dr. phil. Freier Schriftsteller und Journalist. Mitarbei­ ter des Prager Tagblatts und anderer deutschsprachiger Zeitungen in der Tschechoslowakei. 1939 Emigration nach England.

1 Hahn bezieht sich auf die Reihe von Interviews mit dem Titel Männer der Wissenschaft über moderne Literaturprobleme. In: Die literarische Welt 2 (15. Januar 1926) Nr. 3, S. 1 f.

30 Leo Lania: Die Akademie für Dichtkunst. In: Die literarische Welt! (16. April 1926) Nr. 16, S. 3. [...] Weiß Gott, die deutschen Behörden haben bisher nicht gerade viel Verständnis für Literatur und Künste geoffenbart - das ist aber schließlich, scheint’s, die Eigenschaft sämtlicher Behörden und Regierungen sämtlicher Kaiserreiche und Republiken, und so haben wir in Deutschland uns lediglich auf den Wunsch beschränkt: haben die hohen Behörden so wenig Interesse für das Hungern und Sterben der Dichter und Künstler; so mögen sie doch ihre Interesselosigkeit auch auf das Schaffen der Dichter ausdehnen, das gerade von den deutschen Behörden einer so gestrengen Prüfung unterzogen wird. Gegen die Not der Schriftsteller und Dichter wurde weiterhin nichts Ernstes unternommen - ihr Schaffen und Wirken weiterhin in immer drückendere Fesseln

geschlagen. Und nun kommt das neue Projekt: Berlin soll mit einer Akademie der Dichtkunst beglückt werden - pardon: nur mit einer Sektion der Dichtkunst, die der Akademie der Künste angegliedert

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werden soll. Das Vorbild der »Académie française« soll kopiert werden. Aber ein grundlegender Unterschied wird außer acht gelassen: Die französische Akademie umfaßt keineswegs nur Dichter, sondern alle Künstler, deren Material die Sprache ist: Philosophen, Redner, Essayisten; das ist kein Zufall, denn ihre vornehmste und wichtigste Aufgabe ist ihre Arbeit auf dem Gebiet der französi­ schen Sprache, worin sie immerhin etwas geleistet hat. Was dennoch gegen sie einzuwenden ist die Verknöcherung, der Bürokratismus der Institution, ihr Widerstand gegen jede neue Richtung das mag man bei Anatole France nachlesen und in der Tatsache illustriert sehen, daß fast keiner der Großen der französischen Literatur bei Lebzeiten Mitglied der Akademie geworden ist. Bei der zu gründenden deutschen Akademie wird - wie aus den bisherigen Meldungen hervorgeht - der Bürokratismus besonders üppige Blüten treiben. Wie groß der Kreis der ordentlichen Mitglieder der neuen Akademie sein und aus welcher Auslese er hervorgehen soll, wird noch nicht mitgeteilt. Wir hören nur, daß diese Mitglieder »drei Dichter« auf drei Jahre wählen sollen »unter Vorbehalt der Bestätigung des Ministers«. Diesen drei Dichtern - warum gerade drei? - werden noch zwei vom Minister zu ernennende Literaturgelehrte, der zweite ständige Sekretär

der Akademie und ein rechtskundiges Mitglied beigegeben: so soll die »Senatssektion für Dicht­ kunst« bestellt sein. Kritiker; Essayisten, philosophische Schriftsteller zählen - weil sie doch keine »Dichter« sind - nicht mit. Die Literaturgelehrten - das Wort allein weckt Alpdruck. Und die Aufgaben, die der Dichtakademie zugewiesen werden? »Erstattung deFvöm Minister verlangten, die Dichtkunst betreffenden Gutachten, Vorschläge für Pflege des künstlerischen Schrifttums, Ausschreibung von Wettbewerben und Entscheidung über Vergebung von Preisen und Stipendien auf dem Gebiete der Dichtkunst, Veranstaltung von Vorträgen...« Alles recht schön und gut. Aber welcher Geist wird diese Akademie und ihre Arbeit erfüllen? Das Statut und die Art, in der die Akademie ins Leben tritt - keine Schöpfung eines überragen­ den Geistes, kein Organ der Dichter, nur eine von hoher Obrigkeit eingesetzte Institution - lassen Schlimmes befürchten. Leo Lania (eigtl. Lazar Hermann) (1896, Charkow - 1961, München). Sohn eines Medizinprofessors. Studium in Wien. Offizier in der österreichischen Armee während des 1. Weltkriegs. Journalist und Dramaturg in Wien und Berlin. Zusammenarbeit mit Piscator und Max Reinhardt. Mitarbeit u.a. an der Weltbühne und der Literarischen Welt. 1933 Emigration nach Paris, 1934 England, 1941 USA, 1945 Rückkehr nach Deutschland.

Gleichzeitig mit dieser Ankündigung veröffentlichte die Literarische Welt eine Umfrage mit folgender Begrün­ dung: »Der preußische Kultusminister hat die Angliederung einer >Sektion für Dichtkunst! an die Akademie der Künste zu Berlin angeordnet. Wer hineinkommt, ist in diesem Augenblick noch unbekannt. Daß für die dichterische Jugend dabei nicht viel herausschaut, darf man, ohne sich mit dem Vorwurf der Voreiligkeit zu belasten, wohl im Vorhinein als feststehend betrachten. Die paar Menschen, für die die Beschäftigung mit der zeitgenössischen Literatur immerhin auch heute noch ein Lebensbedürfnis ist, werden nicht gefragt werden. Aber vielleicht herrscht doch in behördlichen Kreisen der gute Wille, wohlgemeinte und wohlfundierte Ratschläge zu beachten. Herrscht er nicht - um so schlimmer für jene: Dann möge das, was wir hier unternehmen wollen, als ein Dokument dieser Zeit, dieser Republik gelten. Nämlich: Wir haben heute rund 20 000 regelmäßige Leser. Von diesen Zwanzigtausend ist mit Bestimmtheit anzuneh­ men, daß ihnen Fragen der Literatur ernste Probleme bedeuten. Zwanzigtausend Menschen, denen Literatur­ probleme wichtig sind: das bedeutet in der heutigen Zeit, im heutigen Deutschland schon etwas. Ihre Stimme dürfte, wenn nicht etwas faul ist im Staate, nicht überhört werden. Wenn alle unsere Leser mittun wollten, so wären wir zusammen eine Macht.

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Wir fragen nun unsere Leser: Welche Dichter gehören in diese Sektion für Dichtkunst der Akademie? Wir bitten alle unsere Leser um der guten Sache willen, sich an dieser allgemeinen Enquête zu beteiligen.« Das Ergebnis der Abstimmung - eine Art Popularitätstest! - wurde am 21. Mai 1926 in der Literarischen Welt veröffentlicht (Nr. 21/22, S. 1): »Über 100 Stimmen erhielten folgende 27 Dichter und Schriftsteller: Thomas Mann (1421), Franz Werfel (682), Gerhart Hauptmann (594), Rudolf Borchardt (461), Stefan George (450), Alfred Döblin (402), Rainer Maria Rilke (384), Hermann Hesse (362), Albrecht Schaeffer (323), fritz v. Unruh (320), Heinrich Mann (311), Ricarda Huch (309), Jakob Wassermann (304), Leonhard Frank (302), Georg Kaiser (273), Stefan Zweig (261), Ernst Toller (247), Arno Holz (174), Hugo v. Hofmannsthal (169), Kiabund (162), Alfred Kerr (132), Frank Thieß (130), Ernst Barlach (122), Bert Brecht (120), Arnolt Bronnen (118), Friedrich Gundolf (103), Oskar Loerke (101).« Zu Mitgliedern der neuen »Sektion für Dichtkunst« wurden von Kultusminister C. H. Becker die folgenden Dichter - alle mit Ausnahme von Thomas Mann in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts geboren - berufen: Gerhart Hauptmann (1862-1946; Hauptmann lehnte überraschenderweise die Wahl zuerst ab; er trat der Sektion erst im Januar 1928 bei), Thomas Mann (1875-1955), Hermann Stehr (1864-1940), Arno Holz (1863-1929) und Ludwig Fulda (1863-1929). Stefan George lehnte die Berufung ab. Zur Wahl frildas, der bei der Umfrage der Literarischen Welt keine einzige Stimme erhalten hatte, vgl. den Kommentar von Willy Haas (Meine Meinung. In: Literarische Welt! (21. Mai 1926) Nr. 21/22, S. 2): »Wo es etwas Literarisches zu repräsentieren gibt, dem In- und Ausland gegenüber: da steht, aus einem rätselhaften Nebel von gesellschaftli­ chen Verbindungen und offiziellen Protektionen auftauchend, ausgerechnet dieser miserabelste Reimer der gesamten deutschen Literatur auf dem Podium. Damit müßte nun doch endlich einmal Schluß gemacht werden! Herr Fulda als Dichter existiert nicht; Herr Fulda als Privatperson ist sicher unantastbar; aber Herr Fulda als repräsentative Gesamterscheinung ist das Symbol einer Zeit- und Literaturstimmung, die in Grund und Boden vernichtet werden muß. Ein guter alter Onkel, ein brauchbarer Vorsitzender eines Kegelvereins hat nicht den deutschen Geist zu repräsentieren - heute nicht mehr! Damit ist es ein für allemal vorbei! Das möge sich das Kultursministerium, das durch diese Ernennung die ganze Institution von vorneherein auf das schwerste kompromittiert hat, gesagt sein lassen.« Die Gründungsmitglieder wählten am 27. Oktober 1926 die folgenden Mitglieder hinzu: a) Berliner Mitglieder: Georg Kaiser, Bernhard Kellermann, Oskar Loerke, Walter von Molo, Eduard Stucken, Hermann Sudermann (nimmt die Wahl nicht an), b) Auswärtige Mitglieder: Hermann Bahr, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal (lehnt ab), Ricarda Huch, Erwin Guido Kolbenheyer, Heinrich Mann, Josef Ponten, Rainer Maria Rilke (lehnt ab), Wilhelm Schäfer, René Schickele, Wilhelm Schmidtbonn, Arthur Schnitzler, Wilhelm von Scholz, Karl Schönherr, Emil Straussjakob Wassermann und Franz Werfel. 1928 erst kamen Alfred Döblin und Fritz v. Unruh hinzu, 1932 Gottfried Benn, Ina Seidel und Rudolf G. Binding. Brecht etwa oder Musil waren nie Mitglieder. Die Gründung einer »Sektion für Dichtkunst« an der Akademie der Künste stieß auf der »rechten« Seite von Anfang an auf Kritik. So schrieb z.B. Erich Schlaikjer in der Zeitschrift Der Hellweg 6 (9. Juni 1926) Nr. 23, S. 391 : »Während Deutschland in der politischen Gewalt der Feinde ist, so daß der preußische Staat allen Anlaß hätte, zunächst an seine eigne Wiedererrichtung zu denken, überrascht er die Welt durch den sonderbaren Einfall, eine poetische Akademie zu errichten. Man denkt unwillkürlich an einen Geschäftsmann, der zahlungs­ unfähig geworden ist, der sich aber trotzdem eine kostspielige Gemäldesammlung zusammenkauft, um den inneren Verfall nach außen nicht sichtbar werden zu lassen. Ich höre den Einwand, daß zu einer Wiedererrichtung des deutschen Staates auch eine Wiedererrichtung der deutschen Seele gehöre und daß der peußische Staat also durch die Errichtung einer Akademie letzten Endes an einer Neuschöpfung Preußens arbeite. Ich möchte gern daran glauben, aber die Tatsachen der Wirklichkeit stehen mit dieser Annahme in einem so entsetzlichen Widerspruch, daß sie schlechterdings nicht gehalten werden kann. [...] Fassen wir alles zusammen, so vergiftet jede Akademie die kulturelle Entwicklung durch ihre Abhängigkeit vom Zeitgemäßen und von politischen Motiven, die in der ästhetischen Wertschät­ zung keine Rolle spielen dürfen, und darum überwiegt der Schaden, den eine Akademie der Dichtkunst stiftet, unter allen Umständen den geringen Nutzen, der etwa von ihr ausgehen könnte. Sollte darum der preußische Plan daran scheitern, daß auch andere Leute als Hauptmann die Ernennung einfach ablehnen, so würden wir meinen, in diesem Mißerfolg der Akademie einen Erfolg der Kunst erblicken zu müssen.«

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31 Eine Mahnung der Dichterakademie. In: Berliner Börsen-Courier (15. November 1928) Nr. 537. Der Amtliche Preußische Pressedienst veröffentlicht eine Kundgebung des Vorsitzenden der Sektion für Dichtkunst bei der Preußischen Akademie der Künste Walter v. Mo/o[lJ: »Wir fühlen uns verpflichtet, die Öffentlichkeit auf die Gefahr hinzuweisen, die unsere Kultur durch die täglich wachsende Gleichgültigkeit gegen dichterische Werke in der Wurzel ihres Lebens bedroht. Viele einzelne warnen und mahnen, ohne das Gehör des Volkes zu finden. Jetzt, in später Schicksalsstunde, erhebt unsere Sektion als die sichtbare Vertreterin der gesamten deutschen Dichtung ihre Stimme. Sie klagt nicht an - dazu ist die Lage unserer Kunst und aller Künste viel zu ernst; sie verurteilt nicht, denn Erschlaffung und Entfremdung liegen wie eine Krankheit über dem Lande. Nachdrücklich aber ruft sie noch einmal zur Umkehr auf. Wir wenden uns an die Heranwachsenden wie an die Alternden, wir wenden uns an die berufenen Vermittler des dichterischen Werkes. Ohne kleinliche Bemäkelung modischer und geschäftlicher Zeiterscheinungen auf dem Gebiet der Literatur machen wir darauf aufmerksam, daß bei weiterer Ausbreitung der Gleichgültigkeit die schöpferischen Geister immer seltener werden müssen, und daß es vielleicht zu spät sein wird, wenn mari"einst nach ihnen wieder

verlangt. Der Verzicht breiter Massen auf die Dichtkunst beraubt Gegenwart und Zukunft nicht nur eines wichtigen Erziehungsmittels, sondern der mächtigsten Versöhnerin der in sich und untereinander getrennten Völker. 1 Walter von Molo (1880, Sternberg/Mähren - 1958, Hechendorf b. Murnau), stammt aus altem schwäbi­ schen Adelsgeschlecht. Studium an der Technischen Hochschule in Wien und München. 1904-1913 als Oberingenieur beim Patentamt in Wien. Ab 1915 freier Schriftsteller in Berlin. Wurde vor allem durch seinen vierbändigen Schiller-Roman (1912-1916) bekannt. Daneben Dramen und Reden (Deutsch sein heißt Mensch sein, 1915), Romanbiographien, Novellen und Gedichte. In der Weimarer Republik sehr aktiv in der Kulturpolitik: 1926 Wahl in die Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, 1928-1930 ihr Präsident; Mitbegründer des Pen-Clubs, Präsident des »Schutzverbandes deutscher Schriftsteller«. Schrieb 1918-1922 seinen dreibändigen patriotischen Fridericus-Roman, der 1921,1933 und 1937 verfilmt worden ist. 1931 erschien sein Roman Ein Deutscher ohne Deutschland. Ab 1933 lebt er zurückgezogen in Oberbayern, von den Nationalsozialisten mehrfach als Liberaler und Pazifist angegriffen. Als Vertreter der »Inneren Emigration« fordert er 1945 Thomas Mann in einem offenen Brief zur Rückkehr nach Deutschland auf.

32 Friedrich Sternthal: Der Nobelpreis. In: Die literarische Welt 5 (22. November 1929) Nr. 47, S. 1. Thomas Mann hat den Nobelpreis für Literatur erhalten. Zum ersten Male seit siebzehn Jahren ist wieder ein Deutscher der höchsten literarischen Ehrung teilhaftig geworden. Wenn wir den Sinn dieser skandinavischen Geste richtig verstehen, so gilt sie sowohl der Persönlichkeit als dem Werke Thomas Manns und darüber hinaus dem deutschen Volke, in dem er wurzelt.

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Thomas Mann ist einer der Wenigen, einer der Letzten, die durch Dasein und Wirken noch eine Verbindung mit dem alten deutschen Humanismus haben. Welch kostbares humanistisches Erbe ist von Thomas Mann für die Zukunft aufbewahrt worden! Eben dieses Aroma des Humanismus hat wohl den Werken Thomas Manns Weltgeltung verschafft -, eine Geltung, die sich nun in Gestalt des Nobelpreises sozusagen materialisiert hat. Es ist sehr schwer, denen, die heute zwanzig Jahre alt sind, zu erklären, was uns vor fünfzehn oder zwanzig Jahren entzückt hat bei jedem neuen Werke, das Thomas Mann in die Welt hinaussandte. Es ist nicht allein der Humanismus gewesen, mit dem bis zum Jahre 1911 eine breite Schicht der deutschen Intellektuellen durch den Dichter verbunden gewesen ist. Es war vor allem die Vermählung von Skepsis und Humanismus in dem Gefäß der kostbar geschliffenen deutschen Sprache. Es war, um es kurz zu sagen, der romanische Tropfen in einem deutschen Trank. Wir können nicht wissen, ob das Ausland, als es dem Dichter Thomas Mann den Nobelpreis übergab, gewußt hat, welch eminentes Werk der Erziehung Thomas Mann mit dieser Verkündung von Skepsis und Humanismus an seinem deutschen Volke vollbracht hat. Wenn heute das geistige Deutschland nach den furchtbaren Jahren der Verirrung und Verwirrung bestrebt ist, sich dem übernationalen Geist Europas wieder einzuordnen, und wenn dieses Bemühen von den andern Völkern Europas als ein Linderungsmittel auch ihrer Schmerzen empfunden wird, so darf man den Anteil Thomas Manns an diesem Gesundungsprozeß nicht vergessen. Man darf um so weniger vergessen, als es dem Dichter nicht leicht geworden ist, aus den Erschütterungen der Weltkriegs­ zeit zu sich selbst zuriickzufinden. Auch das Ausland hat Grund zur Dankbarkeit. Thomas Mann gehört zu den wenigen Deutschen, die ein Stück unserer deutschen Tradition verkörpern. Er ist unter den Heutigen der Einzige, der in seiner Person die Überlieferung der

Klassik und der Romantik vereinigt. Er ist auch der Einzige, der Konservativismus und Aufklärung zugleich darstellt. Er ist der Erasmus unserer Tage, und deshalb hat er wie Erasmus als einer der wenigen Deutschen Weltgeltung gewonnen. Thomas Mann erhielt am 13. November 1929 den Nobelpreis hauptsächlich für seinen bereits 1901 veröffent­ lichten Roman Buddenbrooks, der 1929 in einer billigen Volksausgabe erschienen war. In Heinrich Manns Kommentar über den Nobelpreis (in: Berliner Tageblatt vom 13. November 1929, Nr. 537) wird dagegen bewußt Thomas Manns spätere demokratische Entwicklung hervorgehoben: »Wenn sein Werk in der Welt gerühmt wird, trifft der Ruhm wirklich zugleich ein Volk mit und soll es treffen. Darum muß jedes seiner neuen Werke sowohl das Wesen dieses Volkes als auch das Schicksal einer der Stunden dieses Volkes wiedergeben. Buddenbrooks zeigten erst das heimatliche Bürgerhaus, sein Glück, seine Gefahren. Die Betrachtungen eines Unpolitischen entstanden schon aus den mitgefuhlten Gefahren und dem miterlebten Glück der ganzen Nation in ihren schwersten Tagen. Ein deutsches Lehrbuch der persönlichen Entwicklung aber ist der Roman Der Zauberberg. Er vor allem kennzeichnet einen langen, verantwortungsvollen Weg, den Weg Thomas Manns vom Bürgersohn, der Erinnerungen an ein Haus in Lübeck schrieb, bis zum Meister, der für sein Volk spricht.«

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Alfred Kantorowicz: »Tag des Buches«. In: Die Neue Rundschau 40 (1929) Bd. 1, S. 716-717. Aus Grau in Grau blickt uns Goethes Gesicht mit sorgenvoll gerunzelter Stirn entgegen, beküm­ mert, aber nicht ohne Wohlwollen. Ihm ist zuteil geworden, auf dem Plakat »Das Buch« zu propagieren. Man hat sich Gedanken gemacht, was wohl unter der Firma »Buch« popularisiert werden soll. Ganz gewiß wollte niemand für »Prinzeß Übermut« werbend bemüht sein. Was aber

wollte man denn? Wollte man die deutsche Literatur ehren? Die deutsche Wissenschaft? Die deutsche Philosophie? Alsdann... Was aber ist das, »das Buch«? Es ist nicht Nörgelsucht, nicht Negationswut, wenn das gefragt wird. Es ist ein sehr positiv gewollter Einwand gegen das Abstrakte, Quallige, Zerfließende solch »neutraler« Begriffe. Was in der Politik gerade noch möglich sein mag, ist im Bezirk geistiger Wertschaffung verloren: die umfassende Kompromißformel (»das Buch«). Die Neutralität der Kulturpropaganda war absolut und unfruchtbar Vielleicht, weil es überhaupt problematisch bleibt: Kultur und Propaganda zu einem Begriff zu binden. Hier komplizierte sich die Situation noch, weil man die »ideale Forderung« mit geschäftli­ chen Notwendigkeiten zur Kongruenz bringen wollte. Eine KulturleistÜhg kann man repräsentie­ ren, vielleicht kann man auch auf dem Umwege über die Repräsentation Propaganda für gewisse Kulturbezirke machen, eben für Literatur, für Kunst, für Wissenschaft (für gute Bücher - nicht für »das Buch«). Erst recht kann man propagandistisch für Institutionen, wie Verlag und Sortimente!; tätig sein. Die propagandistischen Methoden müßten allerdings sehr unterschieden voneinander sein. Miteinander verkuppelt unter der Deckformel »Tag des Buches« kommen sich ideelle und kommerzielle Notschreie gegenseitig ins Gehege. Kulturpropaganda! Die Franzosen können das besser. Sie haben die herrliche Naivität, da ein Volksfest zu veranstalten, wo wir Deutsche uns zu anspruchsvoll literarischer Matinee versammeln würden. Im vorigen Jahre um diese Zeit haben sie eine Centenarfeier der französischen Romantik veranstaltet. Im größten Pariser Theater; im Trocadero, sprachen vor vieltausend Menschen Heinrich Mann [1], Blasco Ibanez [2] und Herriot [3] zum Preise der französischen Literatur; mit Jubel nahmen die Pariser die Glorifizierung ihrer Dichter mit für sich in Anspruch; alle waren zufrieden miteinander. Man tauschte gefällige Komplimente mit den Kulturnationen der Welt aus und fand sich gegenseitig »gentil«; alle waren zufrieden miteinander Wir können das nicht. Denn wir sind selbstkritisch bis zur Selbstzerfleischung, wir sind gar nicht zufrieden mit uns selbst. Und weil wir unsicher sind und selbstkritisch, so wird es, versuchen wir einmal zu repräsentieren, tönender Schwall und Fanfare nach außen und Gezänk nach innen. Uns geht es ums Leben, wo andere, glücklichere Nationen selbstzufrieden (bis zur Selbstgefälligkeit) mit schönen Worten spielen. Wir können nicht repräsentieren. Lähmung lag über der Feier im Reichstag, die den »Tag des Buches« einleiten sollte. Einige, wenige Spitzen der Regierung erwiesen dem »Buch« Reverenz. Säuerlichen Gesichtes sagte der Mann, der mit Recht oder Unrecht für das Schmutz- und Schundgesetz verantwortlich gemacht wird [4], ein frostiges Begrüßungssprüchlein. Es wurde erst

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lebendig, als unter Führung Johannes R. Bechers [5] junge Kommunisten zu toben begannen. Ihre Schlagworte waren von kümmerlicher Primitivität, aber die Liste der verbotenen Büchet; die sie als Flugblätter von den Tribünen herabwarfen, war immerhin ein Argument, wert, am »Tag des Buches« diskutiert zu werden. Aber davon sprach niemand. Es wurden von verschiedenen Rednern programmatische Leitsprüche zum unprogrammatischen Werbetag beigesteuert. Es wurde viel Kluges vorgetragen. Auch die Phrase kam zu ihrem Recht, aber sie blieb kalt, leiden­ schaftslos, ohne Werbekraft. Es war wie bei einer Beerdigung: Feierlichkeit ohne Festlichkeit. Es zündete nichts. Es ist schwer für uns Deutsche zu repräsentieren. Wir haben die Leistung für uns, aber die Liebenswürdigkeit gegen uns. Alfred Kantorowicz (1899, Berlin - 1979, Hamburg). Soldat im 1. Weltkrieg. Studierte Germanistik und Rechtswissenschaft; wurdeJournalist und Feuilletonredakteur verschiedener Zeitungen, 1928 als Kulturkorre­ spondent der Vossischen Zeitung in Paris. Ab 1929 als Literatur- und Theaterkritiker in Berlin. 1931 Eintritt in die KPD. 1933 Flucht nach Frankreich. Aktiv in der antifaschistischen Bewegung. Von 1941-1946 in New York. 1946 Rückkehr nach Deutschland. Seine Zeitschrift Ost und West, 1947 gegründet, wurde von der SED 1949 liquidiert. Dann Professor an der Humboldt-Universität, ab Sommer 1957 in Westdeutschland. Umfang­ reiches essayistisches, erzählerisches und autobiographisches Werk. Der hier abgedruckte Aufsatz bezieht sich auf den vom Reichstag anberaumten »Tag des Buches«, der zum ersten Mal am 22. März 1929, dem Todestag Goethes, stattfand. In der Literarischen Welt vom 22. März 1929 setzten sich mehrere Artikel kritisch mit dem »Tag des Buches« auseinander. So schrieb Wieland Herzfelde, der Besitzer des sozialistischen Malik-Verlages (Zum Tag des Buches. In: Die literarische Welt 5 (22. März 1929) Nr. 12, S. 5): »Margareten- und Komblumentag, Muttertag, Volkstrauertag, billiger Bananentag - warum nicht auch >Tag des Buches«? Welcher Ministerialrat, Syndikus oder ehrgeizige Provinzvorstand mag wohl auf die Idee gekommen sein, mit 24 Stunden Tamtam gegen den Geschmack der Nachkriegszeit anzukämpfen? [... ] Es glaubt natürlich niemand ernsthaft, daß die Jahreseinnahme auch nur eines Autors, Verlegers oder Sortimenters um auch nur 1 Prozent infolge dieses 24-Stunden-Buch-Rennens steigen wird. Bleibt also die Phrase. Und die lautet: >Auf, deutsches Volk, werde wieder, was du warst, ein Volk der Dichter und Denker (die Bibel, Goethe und Nietzsche im Tornister)! Zurück zur alten Petroleumlampen-Kultur, hoch Germaniens Idealismus, nieder mit dem Materialismus!« Und weiter heißt die Phrase: Jenseits aller Klassenge­ gensätze und Tagesstreitigkeiten gibt es, soweit die deutsche Zunge klingt, ein teures Gemeinsames für Hoch und Niedrig, für Alt und Jung: das deutsche Buch, den deutschen Geist!« In Wirklichkeit wollen die Regisseure dieses Tages keinerlei Gemeinsames. Denn gerade jene um die >Volkheit< besorgten Herren, die dauernd über die »seelische Zerrissenheit der Nation« jammern, sind die bittersten Gegner der Überwindung und Abschaffung der ökonomischen und damit auch der geistigen Gegensätze, die Deutschland, wie jedes andere kapitalistische Land, beherrschen. Und die glattrasierten Propagandisten, die den Appell der Vollbärte mit gewohnter Betriebsamkeit zum Anlaß nehmen, das Defizit ihrer Firma zu vergrößern, besorgen, so modern sie sich vorkommen, lediglich Reklame für die gute, alte Zeit, die bekanntlich von gewissen Kreisen nicht oft genug gefeiert werden kann. Der »Tag des Buches« ist ein Feiertag und soll, wie alle Feiertage, die bittere Wahrheit der Werktage vergessen machen: daß in unserer Welt der Wenigen Tag die Nacht der Vielen ist.« Vgl. auch die verschiedenen Reden und Aufsätze zum Tag des Buches, die im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel im Februar/März 1929 abgedruckt wurden, u.a. von Walter v. Molo, Die kulturelle Bedeutung des dichterischen Buches in der heutigen Zeit, Leo Weismantel, Buch und Volk, Eugen Diederichs, Die Krisis des deutschen Buches und ders., Die heutige geistige Krisis und das Buch. - Vgl. ferner den kritischen (nicht gezeichneten) Artikel Für die ewig reifere Jugend. Anmerkungen zu dem erstmalig für den 22. März 1929 geplanten »Tag des Buches«, in: Frankfurter Zeitung (12. März 1929) Nr. 189: »Dies ist die Voraussetzung: Deutschland sei schwach, sei niedergeschlagen, sei mit der Beraubung von materiellen Gütern zugleich um seinen geistigen Besitzstand bedroht. Das Äußerliche, wofür Kino und Rundfunk zuweilen gefährliches Symptom sei, verdränge, verschütte die innere Kraft. Schlagworte wie Amerikanismus, Schlagergier gipfeln,

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wenn das Paradox gestattet sei, in der berühmten und nun schon seit zehn Jahren hergeleiteten Phrase von der Verflachung der deutschen Kultur. Immer noch fühlt man sich verpflichtet, wenn man die deutsche Öffentlich­ keit anredet, mit einem jämmerlichen Klagen anzufangen, anstatt hart, kalt und unbestechlich zur Gegenwan zu halten. Immer noch dröhnt hohl und falsch wie aus der Schulzeit vergangener Tage das Wort von Deutschlands tiefster Erniedrigung aus den Bratenröcken; wo längst Millionen mitten in einer anstrengenden, furchtbaren und großartigen Gegenwart von 1929 stehen, kokettiert man mit dem fatalen Jahr von 1806 und meint nichts anderes als den Stuck und die Schnurrbartbinden aus der Zeit vor jenem August 1914. Wann endlich wird man es satt sein, sich Deutschland vorsabbem zu lassen, als sei es ein bankerottierendes, stickiges Vorstadtcafe und bestenfalls eine Amüsierbude? Und wann endlich wird man darauf verzichten, sich den Respekt vor dem eigenen Volk vorzurechnen durch die fatale Siegesallee der Dichter und Denker und kompletten Klassikerausgaben? Es wird nicht gelesen, in Deutschland? Aber das ist ja gar nicht wahi; der ist ja beinahe ein Lügnei; wer das behauptet. In keinem Land wird so viel an Büchern produziert wie bei uns. Die Auflagen der jungen Literatur übersteigen jedes Maß, das man früher an Bucherfolge legte, und die Leiter der Volksbibliotheken können sich des Andrangs gar nicht erwehren. Neue Schichten, die früher niemals zum Buch gegriffen haben, vereinigen sich in den Buchgemeinschaften, und die Lesegier war niemals größer. Da heben sie jammernd die Hände hoch: Aber kein Buch lebt länger als ein Jahr. Sie konsumieren ja nur den Stoff, die Lesegierigen, und wo bleibt die Erbauung an dem guten alten Buch? »Die Wiedererstarkung der Besinnlichkeit und der Hingabe an das Schöne?« Ja, es ist richtig, sie wollen, die neuen Leser des neuen Deutschland, zunächst den Stoff, in einem ungeheuren Hunger den Stoff der ganzen Welt. Aber gesetzt, man sei angesichts dieses lebendigen und fast naturhaften Lesehungers zur Frage berechtigt: Was wird gelesen?, so bleibt doch der Zweifel erlaubt, ob die Veranstalter des genialen »Tag des Buches« legitimiert seien, diese Frage zu stellen.« 1 Die Kundgebung im Pariser Trocadero fand zu Ehren Victor Hugos am 16. Dezember 1927 statt. Heinrich Mann trug seinen Victor-Hugo-Essay vor. 2 Vicente Blasco Ibanez (1867-1928), einer der erfolgreichsten spanischen Romanschriftsteller seiner Zeit. 3 Edouard Herriot (1872-1957), französischer Politiker, Parteiführer der Sozialisten, 1924/25 und 1932 Ministerpräsident. 4 Gemeint ist vermutlich Wilhelm Külz (1875-1948), Mitglied des Reichstags (1920-32) und 1926/27 Reichsinnenminister. Das Schmutz- und Schundgesetz wurde 1926 verabschiedet (s. Dok. Nr 46-48). 5 Zu Johannes R. Becher s. Dok. Nr. 109 und 206.

34 Alfred Döblin: Bilanz der »Dichterakademie«. In: Vossische Zeitung (25. Januar 1931) Nr. 21. Dieser Tage haben, nach Hermann Hesse [1], drei Mitglieder die Sektion verlassen: Schäfer [2], Emil Strauß [3], Kolbenheyer[4]. Die Zeitungen haben darüber nach irgendwelchen aphoristi­ schen Informationen berichtet; es ist zweckmäßig, wenn sich einmal ein Mitglied der Sektion im Zusammenhang äußert. Die Gründung der Sektion für Dichtkunst durch den früheren Minister Dr. Becker war und ist bestimmt eine gute und notwendige Idee. Malerei und Musik waren in einer Akademie der Künste vertreten, es war längst fällig, daß man an das »Wort« dachte. Aber wie? Was wollte man mit der Vertretung des »Wortes«, und zweitens: was oder wen meinte man mit einer Vertretung des »Wortes« in der Akademie? Zunächst also: man ging aus von der vorhandenen Akademie der Künste, es fehlte die Wort­ kunst. Damit war man - scheinbar - ohne weiteres zur Beantwortung der zweiten Frage gekom-

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men: nämlich Vertretung des Wortes in der Akademie der Künste heißt natürlich »Bildung einer Sektion für Dichtkunst«. Das war und erwies sich im Folgenden als eine überglatte, rein formalisti­ sche Komplettierung der bestehenden Akademie der Künste, und es bedeutete eine undurch­ dachte, unkritische, dazu zeitfremde Isolierung eines einzelnen Komplexes geistiger Leistungen aus dem ganzen großen sprachgebundenen und nicht fachwissenschaftlichen Komplex. Man glaubte, ganz unhistorisch, eine »Dichtkunst« isolieren zu können, und sterilisierte sie dadurch, und ebenso solche Institution der »Dichtkünstler«, die sich jetzt auf olympische Hoheit und Beckmesserei beschränken konnten. Was war das für ein Begriff der Dichtkunst? Jener Begriff, der einen von einem Gott inspirierten Dichter jenseits von Zeit und Raum kennt, den überzeitlichen Fabrikanten von Ewigkeitswerten. Das war eine gefährliche Festlegung. Sah man sich diese überzeitlichen Herrschaften näher an und ihre vom Himmel gefallenen Produkte, so erwies sich, daß sie sehr mit der Zeit und mit dem Raum verbunden waren, - aber altertümliche, altertümelnde Produkte als spezifische Ewigkeitsprodukte deklarierten, also dasJahr 1930 war häßliche, prosaische Zeitlichkeit, das Jahr 1500 und 1200 dagegen bot dichterische Ewigkeit. Warum eigentlich? Was macht Kunst unserer Zeit so kläglich, so armselig prosaisch, und Kunst, sagen wir präziser Kunstimitation, von 1500 und 1200 so großartig? Nur ein kleiner Irrtum, ein bißchen Mangel an Kritik und Beobachtung und eine Ängstlichkeit. Ja, hinter diesem lieben kleinen Irrtum steckt allerhand, man sieht es schon, großartig gesprochen: Weltanschauung, kleinartig und exakt eine persönliche und politische Haltung (teils ungewußt, teils uneingestanden). Furcht oder Protest gegen das Heute, vielleicht gegen einiges von heute, wir sprechen bald davon, es kam so sachte heraus. Es wurden also nur »Dichter« in die Sektion gewählt, und es wurden nicht hineingewählt Leute, die, ohne Eachwissenschafder zu sein, geistige bedeutende Haltung prästierten in sprachlichen Kundgebungen. Es sonderten sich ab zu einer Sektion für Dichtkunst Orphiker; die den Dunst der Pythia einatmeten, und draußen blieben bloß vernünftige Leute. Aber die Trennung war ganz falsch und unwahr, denn die scheinbaren Orphiker arbeiteten und theoretisierten auch gewaltig, benutzten ihren Kopf, soweit sie ihn besaßen, sogar als Lyriker dachten sie, und atmeten nur sehr manchmal den Dunst der Pythia, - und die bloß vernünftigen Leute draußen hatten sehr gute »Einfälle« und äußerten sich oft sprachlich in einer Form, die es gut, sehr gut mit der der besten Akademiker aufnehmen konnte. Schauerliche, echt zivilisatorische Degradation des »Denkens«, schauerliche Zerschneidung der geistigen Kräfte in eine seelisch-produktive, dichtende und eine geistig vernünftige, die in den Polen vorhanden war, die man aber niemals hätte sanktionieren dürfen. Grade die grundsätzliche Einheit und Zusammengehörigkeit hätte man festlegen müssen. Die Trennung war aber ärgerlich, denn man machte sie in einer Zeit, die grade die entschlossene Verbindung der beiden Gruppen, sagen wir der »Dichter« mit den »Denkern«, etwa den Essayi­ sten, nötig hätte. Im alten Staat war kein Platz für Dichtung und Schriftstellerei gewesen; im neuen Staat, der keine militärische und dynastische Legitimität besaß, war enorm wichtig die geistige Mitarbeit zur Schaffung einer neuen Legitimität, und darin lag der gute Einfall dieser Sektion - und was tat man, man sanktionierte zwei, drei Dutzend Einzeldichtei; möglichst arrivierte, vielleicht noch möglichst abseitige, und grade die notwendige Verbindung mit der allgemeinen heutigen

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Geistigkeit verhinderte man. Ich finde, mit der bloßen Ernennung von zwei, drei Dutzend Einzelpersonen, Dichtern von Dramen, Romanen und Gedichten, hat der neu gründende Staat etwas zu wenig und zu zahm an sich gedacht. Der Gründung der Sektion hätte eine Klarlegung des allgemeinen Begriffs »Dichtkunst« vorausgehen müssen, eine Klarlegung im heutigen lebendigen, umfassenden Sinn, der auch der Sinn der gründenden Instanzen wäre. Und wie nun der Staat zu wenig und zu zahm an sich dachte, nicht im neuen und richtigen Geist den Begriff Dichtkunst definierte, so dachte er auch zu wenig an die nun aufgestellte Sektion. Ja, das sollten nun dreißig Leute sein, private, möglichst göttlich inspirierte Einzelpersönlichkeiten, und das waren sie - nämlich dreißig Leute, die nebeneinander saßen, zu einem kleinen Teil gern in den schönen Sitzungssaal am Pariser Platz kamen, und einer kannte den andern kaum, und was man sollte und wollte, das wußte keiner. Sie sehen, der Fehler im Grundriß, nein, der Mangel eines Grundrisses offenbart sich. Dreißig Mann machen keine Sektion, jeder lumpige Verein hat eine Absicht, wir hatten bloß den schönen Raum und den unschönen Namen. Es heißt zwar in unserem Statut, wir haben die Dichtkunst zu fördern; aber ich sagte ja, man nahm einen entarteten Begriff der Dichtkunst, man hatte keinen Willen, man definierte falsch. Und so geschah - einiges, man soll es nicht schlecht machen, aber nichts Richtiges, Wichtiges, Durchschlagendes, Folgenreiches. Wir konnten einige Vorlesungen in der Akademie veranstalten, - es ist kein Einwand, daß andere Institutionen das auch machten, wir ließen eben Leute lesen, die uns paßten - es stiegen die Vorlesungen in der Universität in einer vorzüglichen und durchaus festzuhaltenden Verbindung mit dem germanistischen Seminar -, ein literarischer Preis wurde einmal verteilt, Werbebeihilfen wurden vorbereitet. Das war einiges. Aber es befriedigte nieman­ den von uns. Jeder einzelne fühlte - den fehlenden Grundriß. Wir waren nicht »wir«. Wir kamen monatlich oder zweimonatlich zu Sitzungen zusammen, aber »wir« waren erstens natürlich nur die in Berlin wohnhaften, zweitens meist nur fünf oder sechs davon. Zu den jährlichen Hauptversammlungen erschienen dann die Auswärtigen, und in irgendeiner Weise kam dabei das allgemeine Mißbehagen über die fatale Situation zum Ausdruck. Das ist, wie wenn ein Kind krank ist, und es weiß nichts davon und schimpft über dies und dies und ärgert sich über alles und jedes. Wir Berliner quälten uns und suchten zu denken und zu machen, was wir konnten, aber schon in uns lagen Bremsen, natürlich, wir saßen ja bloß Person neben Person und jeder betete seinen Reim her; zum Staunen, daß da überhaupt ein einziger Schritt möglich wurde. Die Auswärtigen, wie sie nun ankamen, hatten es dann mit uns und mit Berlin überhaupt zu tun. Es meldete sich an der Provinzialismus, Heimatkunst, Kunst der Scholle, des sehr platten Landes, ein altes romantisches Ideal und redete aus orphisch dunkler Tiefe - uns an, protestierte gegen Berlin, wo Betrieb um des Betriebes willen herrscht, und riet, ganz repräsentativ zu verharren, völlig zu schweigen. Bei einigen verband sich dies mit wohlbekannten aggressiven Tonen, das zweite Wort war »deutsch«, »Volkstum«; die geforderte Definition des »Deutschen«, von andern Urdeutschen gefordert, blieb aber aus; die orphische Tiefe gab nicht mehr her. Einige saßen bloß und warteten auf den Sinn der Sektion. Wir debattierten über den Namen der Sektion, über ihre mögliche Absicht, das ging über ein paar Sitzungen, wir stritten, wir erregten uns, es konnte sich nichts ergeben. Wir wollten Schulausgaben machen, wen sollte man nehmen, alle, es konnte sich nichts ergeben. Dreißig Mann saßen über Abgründen, die Brücken, die wir paar Arbeiter schlugen,

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wurden immer wieder zerbrochen oder zerfielen. Einen Vorsitzenden, »Präsidenten« wählen, hatte keinen Sinn - von der Plackerei abgesehen, wer sollte was repräsentieren? Zuletzt also - trat erst Hesse aus, der war ein Eigenbrötler und wollte überhaupt von nichts wissen. Dann setzte sich ein kleiner Klub Auswärtiger zusammen, Kolbenheyer führte da, sie wollten Einfluß - ach Gott, den hätten sie gern haben können, sie wollten Macht, wo nichts zu machen wat; es war eine ganze Groteske, sie legten uns Berlinern eine Geschäftsordnung vor; die sollte uns den Mund verbinden (ja, wir redeten doch schon gar nichts; wir sahen schon klarer, sie dachten da hinten in der Tschechoslowakei, was wir hier für schreckliche Dinge in dem Sündenba­ bel ausheckten zum Schaden des total platten Landes). Wir ließen uns konziliant den Mund verbinden, nachher wurde uns die Luft zu knapp, wir baten um etwas Erleichterung, aber das deutsche Volkstum bestand auf unserm Erstickungstod, und als wir, unterstützt von den allernam­ haftesten Nichtdeutschtümlern, Zetermordio schrien, und die hohe Behörde herbeilief und uns Strick und Bürde abnahm, zogen sie ab; sie protestierten, mit Recht, sie hatten es schriftlich in der Tasche, daß wir vor die Hunde gehen sollten. - Ein Angriff, aber doch nur ein Symptom für das Ganze. Die Situation der »Dichterakademie« ist unhaltbar. Sie hat keinen Plan, kein Ziel, keinen Grundriß - sie hat keinen einzigen offiziellen Pfennig, sie lebt von einem privaten kleinen Fonds, den Minister Becker für sie gesammelt hatte; nicht einmal ihr Sekretär wird aus einer anerkannten Position honoriert. Wege: Erstens, die Sektion fallen zu lassen. Es wäre schade. Literatur, Schrifttum, Drama, Epos, Lyrik haben so viel Recht auf staatliche Beachtung und Repräsentation wie Musik, Malerei, Architektur. Zweitens: eine bloß repräsentative Abteilung der Akademie. Also, man läßt alles wie bishet; Sitzungen und Beratungen fallen weg, keinerlei Aktionen, dies ist ein Orden, dessen Mitglieder sich vielleicht jährlich einmal zu einem Festessen versammeln. Ein Sekretär ist überflüssig, ebenso Geldsubvention. Einwand: es ist gut, wenn die Literatur beim Staat eine anerkannte wirkende Vertretung hat, für soziale und ideelle Interessen des Schrifttums. Freilich würden drei bis fünf Vertrauenspersonen genügen. Also mögliche Lösung: eine bloß repräsentative Genossenschaft, und ein Senat, der arbeitet. Diese Lösung ist möglich und gut, sie ist die nächstliegende, und die bisherige Entwicklung führt auf diesen Weg. Dritte radikale Lösung: im Anschluß an die zur Zeit begonnene Statutenberatung zum Zwecke einer Reform der gesamten Akademie der Künste Generaldebatte über die literarische Sektion, und zwar in der interessierten Öffentlichkeit und innerhalb der beauftragten Stellen der Statuten­ kommission. Man muß heraus aus den Stuben, die Sache geht entweder alle an oder sie geht keinen an. Zum Plan einer neuen Sektion habe ich zu sagen, als völlige persönliche Meinung und Diskussionsbemerkung: Die Sektion faßt in sich eine gewählte Gruppe von ca. 20 bis 30 Personen, die wichtige, an die Sprache gebundene Leistungen auf geistigem, nicht fachwissenschaftlichem, Gebiet aufweisen. Entscheidend also ist »geistige Leistung«, wir haben eine Sektion für allgemeine geistige Leistungen, auf welchem Gebiet auch immer, vor uns, keine Bindung an das dramatische, epische, lyrische Rollenfach, keine »ästhetische« Sektion, die alte Ästhetik ist als formalistisch unfruchtbar erkannt und völlig tot und erledigt.

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Es werden also neben geistig wichtigen »Dichtern« auch »Schriftsteller« gewählt. Eine gute Mischung ist nötig angesichts der Neigung der Dichter, sich orphisch zu verkrümeln. Diese neue Sektion muß ein Leistungskörper sein, und ihre Konstitution muß darauf gerichtet sein. Das heißt: der Staat, der sich dieses Organ schafft, muß wissen, was er will, und die Institution muß ganz allgemein und prinzipiell gewillt sein, den Geist dieses Staates bilden zu helfen. Das bestimmt die »Wichtigkeit« der Leistung. Ein entscheidendes Kapitel. Den Katzen müssen Schellen umgehängt werden, und andererseits, nach Nietzsche: zu neuen Dingen muß Musik gemacht werden. Zweifeln wir nicht, daß, wenn Diktaturen kommen, sie hier ganz robust verfahren werden. Der wilhelminische Staat wußte, warum er keine Dichtersektion haben wollte. Der neue Staat ist hier und anderswo halb und ohne Willen. Man kann und muß loyal und offenherzig vorgehen, alles Doktrinäre wäre verkehrt, aber ein Leistungskörper, der auch Bremsen enthalten kann, besteht aus Leistungselementen, die Nutzkraft produzieren. Sieht man nicht in Deutschland, wohin man kommt mit der Furcht vor der Gesinnung! Die anderen haben sie, und eines Tages werden diese anderen den andern nicht erlauben, noch irgendeine Gesinnung zu haben. Diese loyal, weitherzig und klug eingerichtete Sektion hat als oberste Aufgabe, nein als elemen­ tarste: Schutz der Geistesfreiheit. Sie wehrt jeden Angriff auf die Geistesfreiheit ab und unterstützt nichts, was die Geistesfreiheit einschränken will. Sie läßt sich von keinem Diktaturgelüste mißbrau­ chen. Sie schützt nichts, was ihr an den Hals will und nennt die Barbarei Barbarei. Sie muß Organ, aber auch - wie im alten China - Zensur des Staates sein. Die Sektion ist in Sachen der Schule und Erziehung so wichtig wie die geistlichen Instanzen. Der Beamtenkörper der Lehrerschaft und die politische ministerielle Instanz sind nicht die allein maßgebenden - neben der kirchlichen - auf dem ungeheuer wichtigen Gebiet von Schule und Erziehung. Die lebende, verantwortliche Geistigkeit wird mit eingeschaltet, als weltliche Instanz neben der kirchlichen. Es kommen die sozialen Aufgaben, Winke und Hinweise für die Pflege der Geistigkeit, Schutz ihrer materiellen Basis, - ideell Kräftigung des Einflusses eines geistigen Willens im ökonomistisch verödeten Staat. Solche Sektion, denke ich, hätte einen Sinn. Ich habe, neben meiner privaten Meinungsäuße­ rung, mit dieser Niederschrift im wesentlichen vor; eine öffentliche Diskussion der Interessierten herbeizuführen. Döblins »Bilanz« nach dem Austrin Hesses und der Völkischen löste eine neuerliche Diskussion über Sinn und Status einer deutschen Dichterakademie aus. Besonders die landschaftsgebundenen und nationalen Kreise mußten sich durch Döblins abfällige Bemerkungen über das »total platte Land« provoziert fühlen. In der Berliner Börsenzeitung vom 28. Januar 1931 (Nr. 23) griff Wilhelm Westecker unter dem Titel Wider die Literatenakademie Döblins Aufsatz scharf an: »Alfred Döblin, der seine Federn so gewaltig gegen die vom >platten Lande« sträubt, womit er nicht etwa die deutschen Bauern (was auch schon eine unerhörte Herausforde­ rung wäre), sondern so weltoffene, deutsche Dichter wie Kolbenheyer und Wilhelm Schäfer meint, steht gegen die deutsche Seele, auch wenn er dafür eintritt, daß die Dichterakademie >den Geist dieses Staates bilden helfen« muß. Denn dieser Staat, den Döblin meint, ist nicht die deutsche Nation gleich welcher Staatsform, sondern die Republik, die nur zufällig deutsch ist und im übrigen auf der »allgemeinen heutigen Geistigkeit« basiert. »Allgemeine heutige Geistigkeit«? Was ist das? Döblin definiert es nicht näher, aber sie ist jedenfalls mit dem »neuen Staat« identisch und sie will mit »Provinzialismus, Heimatkunst, Kunst der Scholle, des sehr platten

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Landest - er sagt ausdrücklich sehr platt - der Kolbenheyer, Schäfer, Strauß nichts zu tun haben. Das ist ein >altes romantisches Ideal«. Der >neue Staat« soll sich dafür eine Dichtersektion halten, die aus »Leistungselemen­ ten besteht, die Nutzkraft produzieren«. Eine Sektion zum Schutz der Republik. Herrlich, herrlich! »Diese loyal, weitherzig - weitherzig! Dabei soll die »Wichtigkeit« der Leistung für den Geist dieses Staates (nicht des Staates) entscheidend für die Aufnahme in die Sektion sein - und klug eingerichtete (klug ist natürlich am wichtigsten) Sektion hat als oberste Aufgabe, nein als elementarste: Schutz der Geistesfreiheit.« Nur fünf Zeilen weiter aber heißt es schon: »Sie muß Organ, aber auch Zensur des Staates sein.« Diesem Satz könnte man zustimmen, wenn dieser Staat als Nation lebendig begriffen wäre, aber was Döblin von der Nation hält, geht aus seinen hochmütigen, verächtlichen Bemerkungen über die aus »orphisch dunklen Tiefen« redenden Dichter und über die »vom sehr platten Lande« hervor, wozu wohl drei Viertel wenn nicht fünf Sechstel der jetzigen Mitglieder gehören. Auch in Döblin rumort die Angst vor einer nationalsozialistischen Diktatur. Sie raubte ihm, wie so vielen Literaten, die keine Verbindung mit den lebendigen Strömungen des Volkes haben - denn es ist kein Zweifel, daß in dem schnellen Anwachsen des Nationalsozialismus weniger Diktaturgelüste brodeln, als die Sehnsucht nach nationaler Erneuerung zum Ausdruck kommt - völlig die Besinnung. Er läßt sich dadurch zu den höhnisch verächtlichen Bemerkungen hinreißen, die seine geistige Integrität erschüttern und auch die Idee selbst seiner Akademie preisgeben. Soll die Akademie immer nach der jeweiligen Parlamentsmehrheit neu zusammengesetzt werden? Oder will Döblin der nationalsozialistischen Diktatur nur mit der Diktatur einer kleinen demokratischen Gruppe zuvorkommen? Hier werden die übelsten politischen Instinkte, die mit Schmähungen arbeiten statt mit geistigen Argumenten, in geistige Bezirke eingefuhrt. Daß sie von einem Autor wie Döblin eingeführt werden, ist sehr traurig.« 1 Hermann Hesse, der im Grunde von Anfang an der Dichterakademie ablehnend gegenüberstand, erklärte am 10. November 1930 seinen Austritt. Anlaß war der implizite Vorwurf der Passivität. 2 Wilhelm Schäfer (1868-1952) begründete seinen Austritt in seinem Aufsatz Der mißglückte Versuch einer deutschen Dichterakademie (in: Die literarische Welt 7 [30. Januar 1931] Nr. 5, S. 1, 8). 3 Emil Strauß (1866-1960), Romanschriftsteller und Dramatiker aus dem Schwäbischen. Wilhelm Stapel nahm in seiner Antwort an Döblin (Dichter- oder Literaten-Akademie, in: Deutsches Volkstum [1931] H. 3, S. 235-238) Emil Strauß als Beispiel für einen »Dichter« (S. 236): »Sie, Alfred Döblin haben mit Ihrem Berlin Alexanderplatz ein zeitwichtiges Werk geschaffen. Ich will die Bedeutung dieses Buches nicht herabsetzen. Aber Sie werden zugeben, daß Sie nie etwas machen können, was im Rang dem Schleier Emil Straußens gleich käme. Die Geschichte vom Schleier wird noch »leben«, wenn sie mit all Ihren Werken nur noch Material für germanistische Seminare sind. Wenn man von der »Überzeitlichkeit« der Dichtung spricht, so handelt es sich also nicht, wie Sie meinen, um die Mystik des »total platten Landes«, sondern um einen Rangunterschied, den empfinden zu können zur Bildung gehört. Sollten Sie nicht imstande sein, den Rangunterschied zwischen dem Schleierund allem, was Sie (schätzenswerterweise) geschrieben haben, zu erkennen, so bliebe nichts übrig, als einen Defekt bei Ihnen festzustellen und Ihre Vorschläge als die eines Unzuständigen unbeachtet zu lassen. Aber ich nehme das nicht an.« 4 Erwin Guido Kolbenheyer (1878-1962), ab 1919 freier Schriftsteller in Tübingen, ab 1932 in München. Bekannt durch seine mystisch-dunkle Gedankenlyrik und seine historischen Romane aus der Zeit der deutschen Mystik. Auch er begründete seinen Austritt öffentlich. Vgl. die ausführliche Dokumentation Die Sektion der Dichter an der Berliner Akademie. In: Süddeutsche Monatshefte 28 (April 1931) H. 7, S. 519-530.

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35 Heinrich Mann: Sektion für Dichtkunst. In: Vossische Zeitung (15. Februar 1931) Nr. 39. Einige von uns haben sagen wollen: Sektion für Literatur. Vorläufig scheint die Mehrheit für den alten Namen zu sein. Je mehr praktische Erfolge wir haben werden, um so deutlicher wird sich, für uns wie für die Welt, herausstellen, daß wir ein Vollzugsorgan der gesamten geistigen Kultur nicht nur die Vertretung gewisser Teile des Schaffens sind. Einige Dichter, deren jeder seinen Roman oder sein Stück schreibt, können zur akademischen Sektion erst werden durch ein gemeinsames Wirken im Staat und in der Öffentlichkeit. Man empfände sonst ihr Zusammensitzen mit Recht als

eine Privatangelegenheit. Wie können wir versuchen, zu wirken? Wir haben uns darüber jetzt zweifelsfrei entschieden. Wir wollen die Geistesfreiheit verteidigen, was einigermaßen notwendig geworden ist und es immer mehr zu werden verspricht. Weiter wollen wir die geistige Formung des heranwachsenden Geschlechts beeinflussen durch Mitwirkung an den in Frage kommenden Lehrbüchern. Auch beanspruchen wir, gehört zu werden bei gesetzgeberischen Maßnahmen, wenn sie die Literatur und das Theater betreffen; und wir bestehen darauf, amtliche Sachverständige zu sein in Prozessen, die eben um diese Gegenstände gehen. Das ist einstweilen unser Prografilm. Bemerkenswert ist, daß wir es nicht früher beschlossen haben und es früher auch gar nicht beschließen konnten. In Hinsicht der Geistesfreiheit haben wir früher in einzelnen Fällen wohl versucht, geschlossen gegen gewisse Verbote oder Verfolgungen literarischer Werke aufzutreten. Es gelang uns nicht immer, wir waren nicht einig. Unsere neuen grundsätzlichen Beschlüsse erlauben die bestimmte Hoffnung, daß wir es künftig sein werden. Vor allem aber verbieten sie uns, untätig zu bleiben. Wir haben das verfolgte Werk zu prüfen und uns zu entscheiden. Es kommt auf Entschlußkraft an in einer Zeit, die alles andere eher hat. Wenn unsere Sektion ein Beispiel festen Willens gäbe, hätte sie allein dadurch die Berechtigung ihres Daseins erwiesen. Unsere Entschlußkraft könnte eines Tages so weit gehen, daß wir die Schulbücher von allem reinigen, was der Jugend schadet: veraltete Geschichtsauffassung, Irrtümer über andere Völker und über die Erlebnisse des unseren. Wohlverstanden, so weit sind wir noch nicht. Keine deutsche Versammlung, auch die unsere nicht, wird heute über diese Dinge zu einer einmütigen Meinung gelangen. Der Beschluß liegt dennoch vor; einzugreifen, - es wird sich finden, wie. Von einer Gemeinschaft, die einzig und allein intellektuell begründet ist, wird niemals ernstlich zu befürchten sein, sie könnte stärkere Beweggründe kennen als die Gerechtigkeit und als die Wahrheit. Bis hierher waren wir mit uns selbst allein. Aber unsere Handlungsfreiheit reicht in fast allem, was wir vorhaben, nur bis zum Beschluß. Um irgend etwas durchzuführen, brauchen wir das Zusammenwirken mit dem Preußischen Kultusministerium. Ohne das Einverständnis dieses Ministeriums für Kultus, Unterricht und Volksbildung werden wir kein Lesebuch überprüfen, und ohne seine Vermittlung werden wir erst recht nicht als gerichtliche Sachverständige berufen werden oder an Gesetzen mitarbeiten. Unser Glück ist, daß grade das Preußische Kultusministe­ rium unsere Sektion ins Leben gerufen hat. Offenbar ist es daher an ihrer erfolgreichen Tätigkeit mit seinem eigenen Nutzen beteiligt. Dem Ministerium muß es lieber sein, daß wir etwas leisten,

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als wenn wir nur dasäßen und allenfalls Proteste erließen. Es wird die Sektion, mit der es schon durch den Akt ihrer Gründung verbunden ist, nicht gern der Unfruchtbarkeit verfallen sehen. Andererseits nimmt der eine oder andere unter uns Anstoß an der Abhängigkeit der Sektion vom Ministerium. Unleugbar besteht sie auch. Die Statuten der Akademie werden unter Mitwir­ kung unserer Vertreter im Ministerium beschlossen, und wir können keine Geschäftsordnung einfuhren, die nicht übereinstimmt mit den Statuten. Zu erwidern wäre nut; daß es genau so für die beiden anderen Sektionen liegt und doch haben sie sich bewähren können in der langen Zeit seit Gründung der Akademie. Warum sollte es, unter denselben Bedingungen, nicht auch uns gelin­ gen? Auch wir sind eine staatliche Gründung: nicht die alleinstehende »Dichterakademie«, wie immer noch geschrieben wird, sondern die dritte und jüngste Sektion der Preußischen Akademie der Künste. Der Staat, der den bildenden Künsten und der Musik schon längst ihre amtliche Vertretung eingerichtet hat, erinnert sich eines Tages der Kunst des Wortes, und daß auch sie seiner Geltung etwas hinzufügen kann, wenn er die ihre vermehrt. Dies tat der preußische Staat dankenswerter Weise zu einer Zeit, da das Ansehen der geistigen Leistung nicht grade im Steigen begriffen ist. Der Gewinn für uns beginnt damit, daß wir am Pariser Platz in das Haus einer alten Überlieferung einziehen. Es wird sehr namhaft werden, wenn es uns

gelingen sollte, auf Grund unserer amtlichen Bindung dem Wort einen Zuwachs von weltlicher Macht zu verschaffen.

[...] Auf keinen Fall ist die Wahl des Vorsitzenden so zu verstehen, als habe die Sektion sich für eine bestimmte geistige Richtung entschieden. Zeitungen, die mich mißbilligen, irren dennoch, wenn sie meinen, das Ausscheiden jener drei Mitglieder und meine Wahl seien ein Sieg der »Asphaltlite­ ratur«. Das war nicht die Absicht der Sektion, - oder sie verstände unter »Asphaltliteratur« das, was jene Blätter eigentlich auch sagen wollten: Schriftsteller, die nur sich selbst und der europäi­ schen Geistigkeit verantwortlich sind. Diesen Vorzug aber nehmen alle Mitglieder der Sektion mit Recht für sich in Anspruch. Heinrich Mann war auf der außerordentlichen Hauptversammlung der Sektion für Dichtkunst am 27. Januar 1931 (also kurz nach dem Austritt der Völkischen - s. vorhergehenden Text) einstimmig zum Vorsitzenden der Sektion gewählt worden. Vgl. auch Heinrich Manns erweiterte Passung des Artikels unter dem Titel Die Akademie in dem Sammelband Das öffentliche Leben. Berlin 1932. Weitere Dokumente zur Geschichte der Sektion für Dichtkunst (u. a. unveröffentlichte Sitzungsberichte, Anträge, Briefe) in: Inge Jens, Dichter zwischen rechts und links. München 1971, vor allem S. 219-293.

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36 Soll das Goethe-Jahr 1932 gefeiert werden? [Umfrage]. In: Die literarische Welt 7 (18. September 1931) Nr. 38, S. 1-2, 7-8. Jakob Wassermann: Der Gedanke einer Goethe-Feier erscheint mir in der Tat manchmal so absurd, als wenn in einem Chikagoer Schlachthaus plötzlich ein Tierapostel aufträte, um mit heiliger Inbrunst das Ochsenevangelium zu predigen. Eine solche universale Figur »feiern«, das hieße doch, daß man sich in seiner Sprache, die eine universale ist, zu verständigen vermöchte. Das hieße doch, Vernunft und Humanität als Kategorien des Lebens anerkennen. Das setzte doch voraus, daß man der übermächtigen Gestalt gedient hätte oder zu dienen wünschte. Da müßte doch ein gebietendes Wort sein, ein merkbarer Einfluß. Aber es wird nut; wieder und wieder; zu total unverpflichtenden Worten kommen, die wie dürre Blätter über das verwüstete Feld unserer Existenz hinfegen werden, gejagt vom Orkan des Hasses und der Angst und dann tot auf einem Haufen liegend Zeitungspapier; Was soll Gottesdienst in einer Welt, die keinen Gott mehr will und keinen zu brauchen vorgibt? Der bloße Ritus würde zur Grimasse, die Lobpreisung zur Lüge. Da ziehe ich jene selbstgenügsamen Aufrichtigen vor, die vor ihren kleinen nagelneueoJetischen Kotau machen und uns, die wir noch ein Erbgut hüten zu müssen glauben, mit Verachtung traktieren. Was sich geziemt, ist Schweigen. Es sollte, von einem Völkerbund-Kunstwart etwa, eine Notverordnung ausgehen, die Schweigen befiehlt. Er, Goethe, kann noch ein paarJahrhunderte warten. Er hat Zeit. Er lächelt ja nur der heuchlerischen Bemühung. Wilhelm Schäfer: Wir haben Unglück mit Goethe: als wir im August 1849 seinen hundertsten Geburtstag hätten feiern können, war der Traum der Paulskirche zu Ende; Deutschland hatte andere Sorgen als eine Dichterfeier. Und heute sieht es nicht aus, als ob das Jahr 1932 seinem hundertsten Todestag freundlicher begegnen würde; wir werden bestimmt auch diesmal andere Sorgen haben, und fast scheint es, als sollte bis dahin wieder einmal ein Traum zu Ende sein. Aber daß unser Mund am 22. März 1932 von ihm schweigen soll, diese Botschaft klingt mir merkwürdig: als sollten wir den deutschen Gedanken endgültig aufgeben, und gar noch aus Ressentiment? Natürlich kann Goethe für den Aufstand der Massen kein Fahnenträger sein; aber nach Bildung hat noch kein Pöbel aufbegehrt. Und daß nicht alle Festredner »auf der Höhe der Zeit« stehen werden, ist kein ausreichender Grund, die Fahnen einzurollen, wenn es dem im Faust volkstümlich­ sten deutschen Dichter gilt. Überdies pflegte die Exzellenz am Frauenplan nichts übler aufzuneh­ men, als wenn sich ihr jemand anbiedern wollte; eben dies würden wir durch ein uns nicht zustehendes »eisiges Schweigen« am 22. März 1932 versuchen. Und schließlich - sollte nicht aus der falschesten Beschäftigung mit Goethe noch ein Körnchen Segen aufgehen können? Emil Ludwig: Ich schlage vor, am Gedenktag eine Auswahl Goethischer Aussprüche über die Deutschen in allen deutschen Blättern, Universitäten, Schulen, Parlamenten, Vereinen durch den Zwang einer

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Notverordnung zu publizieren. Hiervon könnten die Deutschen eben jetzt mehr lernen als durch alle die Festreden, in denen sie sich nach einem hundertjährigen Mißverständnis in ihm zu spiegeln wagen werden. Thomas Mann: Wie wäre es, wenn man das Schweigen über Goethe, das Sie anregen, auch auf den Entschluß ausdehnte, über ihn zu schweigen? Offenbar wäre das nicht nach Ihrem Sinn. Sie stellen das Schweigen zur Diskussion. Sie eröffnen damit die Diskussion über Goethe. Verzeihen Sie, aber ich kann Ihren Vorschlag nicht ernst nehmen, so vortrefflich Sie ihn begründen. Die Welt schickt sich an, das Fest zu begehen. Das Théâtre Français will den Faust spielen. Die Columbia-Universität in New York hat Gerhart Hauptmann zum Redner bestellt und wird ihm ihren Ehrendoktor verleihen. Er wird prächtig aussehen in der Robe. Die Commission permanente des lettres et des arts beim Völkerbunde wird Frühjahr 1932 ihre Sitzungen in Frankfurt am Main abhalten, und die erste davon soll ausschließlich und feierlich dem Gedächtnis Goethes gewidmet sein. Und Deutschland soll sich in düster-vieldeutiges Schweigen hüllen? Es geht nicht. Es ist nicht tunlich. Wir würden unsere Ungeheuerlichkeit auf die Spitze treiben. So gut und schlecht es gehen möge, müssen wir uns schließlich als gesittete Menschen benehmen. [... ] Keine anderen Sorgen?Ja, ein Volk wie das deutsche hat, laut oder leise immer auch noch andere Sorgen, als die der Wirtschaftskrise entstammenden. Zum Beispiel bin ich fest überzeugt, daß es noch heute die Sorge teilt, die dem zu Feiernden seiner ausdrücklichen Erklärung nach einzig am Herzen lag: die Sorge um Kultur oder Barbarei. Hier wäre ein Gesichtspunkt, unter dem das Fest zu begehen wäre. Ein anderer wäre das Thema von Größe und Gesittung, das Phänomen des naturgesegneten Geistes, des urbanen Genies - höchst wichtig, ergiebig und lehrreich für die Deutschen. Genug, ich bin gegen das Schweigen, aber Sie werden mir zugeben, daß ich es kaum gebrochen habe. Man wird viel dummes Zeug in den Kauf nehmen müssen, viel Phrase, leeres, unbefugtes Sichgüdichtun und plumpe Tendenzstilisierung. Auch viel Prätension natürlich, die, ohne im geringsten an seiner Substanz teilzuhaben, sich zu ihm aufrecken wird, um recht von oben herab zu uns sprechen zu dürfen - wie könnte es anders sein. Und doch, wenn ich die Macht hätte, ich würde den Deutschen nicht verbieten, ein paar Wochen lang von Goethe zu reden. Die Umfrage wurde von Willy Haas wie folgt eingeleitet: »Da an mehreren offiziellen und offiziösen Stellen mit der größten Selbstverständlichkeit bereits das >Goethe-Jahr< vorbereitet wird, als ob es unbedingt sein müßte, schien es uns geraten, zunächst einmal zu bremsen, einen Augenblick des Insichgehens und der grundsätzli­ chen ruhigen Überlegung einzuschieben, und eine Debatte über die Notwendigkeit und Legitimation dieser geplanten Feiern überhaupt anzuregen.« In einem einleitenden Essay argumentierte Haas, daß heute von Goethes Erbschaft - »verschwindende Ausnahmen abgerechnet - im Leben seiner Nation nichts zu spüren« sei (S. 1). Weiter heißt es dort: »Soll Goethe im Jahre 1932 überhauptgefeiert werden? Ohnehin zur äußersten Sparsamkeit gezwungen und verpflichtet, um die Inflation zu vermeiden, wäre es am Ende für uns alle das Beste, wenn wir auch der drohenden Phraseninflation von 1932 rechtzeitig, und nicht erst, wie die Reichsbank, in der allerletzten Minute, begegneten. Es wäre vielleicht die einzige ehrenhafte, reinliche Geste, die uns angesichts dieser kritischen Jubiläumstage möglich ist; und also ein wahrhafter Akt nationaler Selbsthilfe in schwerster Verlegenheit, ohne weiteres einzustellen in das allgemeine Programm der nationalen Selbsthilfe.«

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Es antworteten auch Rudolf Alexander Schröder, Raul Ernst, Rudolf Pannwitz und die Professoren Herbert Cysarz, Karl Voßler und Oskar Walzei. Einen zusammenfassenden Essay schreibt Willy Haas (Kulturabbau und Goethe-Jahr. In: Die literarische Welt 7 [9. Oktober 1931] Nr. 41, S. 1-2). Er stellt die Widersprüche nochmals verstärkt heraus: »Es scheint uns unmöglich, lächerlich und völlig absurd, daß etwa ein Ministerium für Volksbildung mit einer Hand die Schulen, öffentlichen Bibliotheken, Krankenhäuser und Museen abbaut, und mit der anderen Hand Goethe-Feiern inszeniert, so daß tatsächlich die rechte Hand nicht wissen darf, was die linke tut. Es scheint uns unmöglich und absurd, den besten jungen Stamm des Deutschtums, den Junglehrer­ stamm, dem erzwungenen Müßiggang und den damit verbundenen, fast unbesiegbaren Gefahren der morali­ schen und geistigen Verwahrlosung von Millionen junger arbeitsloser Proletarier preiszugeben (- die der Herausgeber, in einem Industriedorf wohnend, besser kennt als mancher Andere -), und auf der anderen Seite offiziöse Goethe-Reden zu schwingen. Wir sagen es noch einmal, und wir fordern alle jene auf, die das Unmögliche und Beschämende einer solchen Situation wie wir fühlen, unsere propagandistische Stoßkraft durch öffentliche Zustimmung zu verstärken: das darf und soll nicht geschehen! Unser Aufruf hat sich gegen die Inszenierung von Goethe-Feiern gewendet. Er hat sich keineswegs dagegen gewendet, im Goethe-Jahr 1932 ein Bekenntnis zu Goethe durch eine Tat, also ohne große Worte, abzulegen. Das ist der Weg, der einzig mögliche Weg, der den öffentlichen Stellen nahezulegen wäre [...]. Ein solches Anzeichen wäre es z.B., wenn in Regierungskreisen die deutsche Kultur nicht einfach als das wehrlose Opfer des notleidenden Industrie-, Bank- und Agrarkapitals betrachtet würde. Ein solches Anzeichen wäre es, wenn unsere Regierungen einmal freundlichst zur Kenntnis nehmen wollten, daß die junge deutsche Dichtung - und übrigens nicht nur die junge - am Verhungern ist, körperlich, und also auch geistig. Ein solches Anzeichen wäre es, wenn die deutsche Kindererziehung, und damit die moralische Zukunft unseres Volkes, ohne Rücksicht auf die Krise sichergestellt würde - was für pleitegegangene Banken und Industrieunterneh­ mungen möglich war, sollte doch auch für den Stolz des deutschen Volkes, seine Schule, möglich sein! Man wird es ja erleben, welcher Zukunft wir entgegengehen mit vor dem Bankerott geretteten Banken und einem bankerotten Schulwesen!« In einem weiteren Artikel zum Goethe-Jahr wies Haas die Versuche der Rechten, der Linken, der Republika­ ner der Nationalen und der katholischen Mitte zurück, Goethe als den ihren zu beschlagnahmen. (»Denn er war unser«. Eine Anleitung zu Goethe-Feiern. In: Die literarische Welt 8 [4. März 1932] Nr. 10, S. 1-2). Vgl. weiterhin: Willy Haas: Es ist hundert Jahre her. In: Die literarische Welt 8 (3. Juni 1932) Nr. 23, S. 1-2; Rudolf Pannwitz: Goethes hundertster Todestag. In: Die literarische Welt 8 (22. März 1932) Nr. 13 (Sondernummer zum Goethe-Tag), S. 1-2. Aus völkischer Perspektive wurde Goethe als Deutscher gefeiert. Vgl. Adolf Bartels, Das Goethe-Jahr 1932. Goethe und der Nationalsozialismus. In: Deutsches Schrifttum 24 (Januar 1932) Nr. 1, S. 1-2: »Man wird es in jüdischen und judengenössischen Kreisen bestreiten, daß der moderne Nationalsozialismus auch mit Goethe zusammenhängt, aber der Beweis ist zu liefern. Goethe war nicht bloß seinem Wesen nach ausgesprochener Deutscher - wie hätte er sonst der größte deutsche Dichter werden können ?-, er hat sich auch jedesmal, wenn es darauf ankam, zum Deutschtum bekannt. Und ebenso hatte er auch seinen Volksgenossen gegenüber die Gesinnung, die wir heute als sozialistisch bezeichnen - sie liegt ja übrigens schon in der richtigen Stellung zum eigenen Volkstum beschlossen. Was man über die Goethefeier des bevorstehenden Jahres 1932, das Goethes hundertsten Todestag bringt, bisher verkündet hat, trägt alles stark »universalistischen« Charakter: man will in Goethe vor allem den Weltdichter und »Humanisten« feiern, mit dem Nebengedanken natürlich, daß an der Feier dann recht viele »Undeutsche« und Ausländer teilnehmen werden.« - Vgl. ferner Hanns Johst, Aufblick zu Goethe. In: Völkischer Beobachter (22. März 1932) Nr. 82. Die Linkskurve brachte 1932 ein »Goethe-Sonderheft« heraus, an dem u.a. K. A. Wittfogel (GoezZ»e-»Feier