Volksgemeinschaft oder Volksstaat: Die "Ideen von 1914" und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg [Reprint 2014 ed.] 9783050081175, 9783050037455

Das Ziel dieser Studie besteht darin, anhand der von den deutschen Gelehrten verfaßten Eingaben, Aufrufe und Schriften d

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Volksgemeinschaft oder Volksstaat: Die "Ideen von 1914" und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg [Reprint 2014 ed.]
 9783050081175, 9783050037455

Table of contents :
Vorbemerkung
Einleitung
TEIL I. KRIEGSBEGINN UND NATIONALE INTEGRATION: DIE ENTSTEHUNG DER ORDNUNGSIDEEN 1914 BIS 1916
1 Weltbild: Die Bedrohung von außen und der „Burgfrieden“ im Innern
1.1 Die „Mobilmachung der Geister“ im August 1914
1.2 Die alliierte Propaganda und das „polemische Gespräch“ zwischen den Feinden
1.3 Die Kriegsschuldfrage
1.4 Die apokalyptische Deutung des Krieges
1.5 Die Kommentierung politischer Ereignisse
1.6 Zusammenfassung: Mobilisierungseuphorie und nationale Mobilmachung
2 Selbst- und Feindbild: Das „Volk in Waffen“ gegen „Händler“ und „Barbaren“
2.1 Positive Traditionserfindung: Siege und Selbstüberwindung
2.1.1 1813 und 1870/71
2.1.2 Vorkriegszeit und .Augusterlebnis“
2.1.3 Das Wesen der Deutschen
2.2 Frühe Differenzen: Aufrufe und Eingaben 1914/15
2.3 Negative Traditionserfindung: Feinde ringsum
2.3.1 1789
2.3.2 Der Charakter der Feinde
2.3.3 Nationalismus und Chauvinismuskritik
2.4 Zusammenfassung: Nationale Integration und die gemeinsame Abwehr der Feinde
3 Zukunftsbild: Volksstaat oder Volksgemeinschaft
3.1 Außenpolitische Ordnungsvorstellungen : Macht- oder Realpolitik
3.2 Innenpolitische Ordnungsvorstellungen: Konstitutionalismus oder Korporativismus
3.2.1 Die Idee des Volksstaats
3.2.2 Die „Ideen von 1914“
3.3 Selbstreflexion statt Deutscher Sendung
3.4 Zusammenfassung: Siegesgewißheit und Reformbegehren
TEIL II. DIE POLARISIERUNG DER KRIEGSGESELLSCHAFT: KONKRETISIERUNG UND RADIKALISIERUNG DER ORDNUNGSIDEEN 1916 BIS 1918
4 Weltbild: Die wachsende Bedrohung von außen und das Ende des „Burgfriedens“
4.1 Die Formierung der „Intellektuellen“
4.2 Die alliierte Propaganda und der nationale Monolog
4.3 Kriegsschuld und Friedenshindemisse
4.4 Differenzierte Reflexionen über den Krieg und seine Folgen
4.5 Politische Ereignisse im Spiegel der Kriegsschriften
4.6 Zusammenfassung: Ernüchterung und totale Mobilisierung
5 Selbst- und Feindbild: Vom äußeren zum inneren Feind
5.1 Positive Traditionserfindung: Nationales Heldentum
5.1.1 Luther, Bismarck und Friedrich der Große
5.1.2 Vorkriegszeit „Augusterlebnis“ und Kriegszeit
5.1.3 Der politische Sonderweg Deutschlands
5.2 Die Rückkehr des „inneren Feindes“
5.2.1 Frühe „Dolchstoß“-Thesen
5.2.2 Die Delbrück-v.-Below-Kontroverse
5.3 Negative Traditionserfindung: Einmischungen von außen
5.3.1 1648
5.3.2 Die Staatsordnungen der Feinde
5.3.3 Nationalismus und Versöhnungsgedanken
5.4 Zusammenfassung: Nationale Desintegration und der Kampf im Innern
6 Zukunftsbild: Das Volksstaatskonzept und konkurrierende Volksgemeinschaftsmodelle
6.1 Außenpolitische Ordnungsvorstellungen: Macht- oder Verständigungsfrieden
6.2 Innenpolitische Ordnungsvorstellungen: Demokratischer Konstitutionalismus, nationaler und radikalnationalistischer Korporativismus
6.2.1 Die Idee des Volksstaats
6.2.2 Die Idee der inklusiven Volksgemeinschaft
6.2.3 Die Idee der exklusiven Volksgemeinschaft
6.3 Sendungsanspruch ohne Sendung
6.4 Zusammenfassung: Endsieghoffnung und Reformverlangen
7 Ausblick
Bibliographie
Quellen
Literatur
Abkürzungen
Kurzbiographien (Auswahl)
Sachregister

Citation preview

Steffen Bruendel Volksgemeinschaft oder Volksstaat

Meinen Eltern

Steffen Bruendel

Volksgemeinschaft oder Volksstaat Die „Ideen von 1914" und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg

Akademie Verlag

ISBN 3-05-003745-8

© Akademie Verlag GmbH, Berlin 2003 Das eingesetzte Papier ist alterungsbeständig nach ОШЯЗО 9706. Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in irgendeiner Form - durch Photokopie, Mikroverfilmung oder irgendein anderes Verfahren - reproduziert oder in eine von Maschinen, insbesondere von Datenverarbeitungsmaschinen, verwendbare Sprache übertragen oder übersetzt werden. Satz: Dr. Norbert Wmkler Druck: Primus Solvero, Berlin Bindung: Norbert Klotz, Jettingen-Scheppach Gedruckt in Deutschland

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkimg

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Einleitung

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TEILI KRIEGSBEGINN UND NATIONALE INTEGRATION: DIE ENTSTEHUNG DER ORDNUNGSIDEEN 1 9 1 4 BIS 1 9 1 6

1 Weltbild: Die Bedrohung von außen und der „Burgfrieden" im Innern 1.1 Die„MobilmachungderGeister"im August 1914 1.2 Die alliierte Propaganda und das „polemische Gespräch" zwischen den Feinden 1.3 Die Kriegsschuldfrage 1.4 Die apokalyptische Deutung des ICrieges 1.5 Die Kommentierung politischer Ereignisse 1.6 Zusammenfassung: Mobilisierungseuphorie und nationale Mobilmachung 2 Selbst- und Feindbild: Das „Volk in Waffen" gegen „Händler" und „Barbaren" 2.1 Positive Traditionserfindung: Siege und Selbstüberwindung

29

30 33 38 48 50 55 57 61 61

2.1.1

1813 und 1870/71

61

2.1.2

Vorkriegszeit und .Augusterlebnis"

65

2.1.3

Das Wesen der Deutschen

71

2.2 Frühe Differenzen: Aufrufe und Eingaben 1914/15

74

6

Inhalt

2.3 Negative Traditionserfindimg: Feinde ringsmn

81

2.3.1

1789

81

2.3.2

Der Charakter der Feinde

82

2.3.3

Nationalismus und Chauvinismuskritik

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2.4 Zusammenfassung: Nationale Integration und die gemeinsame Abwehr der Feinde 3 Zukunftsbild: Volksstaat oder Volksgemeinschaft 3.1 Außenpolitische Ordnungsvorstellungen: Macht- oder Realpolitik 3.2 Innenpolitische Ordmmgsvorstellungen: Konstitutionalismus oder Korporativismus

90 93 93 102

3.2.1

Die Idee des Volksstaats

104

3.2.2

Die „Ideen von 1914"

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3.3 Selbstreflexion statt Deutscher Sendung 3.4 Zusammenfassung: Siegesgewißheit und Reformbegehren

133 136

TEIL II D I E POLARISIERUNG DER KRIEGSGESELLSCHAFT: KONKRETISIERUNG U N D RADIKALISIERUNG DER ORDNUNGSIDEEN 1 9 1 6 BIS 1 9 1 8

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4 Weltbild: Die wachsende Bedrohung von außen und das Ende des „Burgfriedens" 144 4.1 Die Formienmg der „Intellektuellen" 146 4.2 Die alliierte Propaganda und der nationale Monolog 154 4.3 Kriegsschuld und Friedenshindemisse 158 4.4 Differenzierte Reflexionen über den Krieg und seine Folgen .... 159 4.5 Politische Ereignisse im Spiegel der Kriegsschriften 164 4.6 Zusammenfassung: Ernüchterung und totale Mobilisierung 175 5 Selbst- und Feindbild: Vom äußeren zum irmeren Feind 5.1 Positive Traditionserfindung: Nationales Heldentum

177 177

5.1.1

Luther, Bismarck und Friedrich der Große

177

5.1.2

Vorkriegszeit,,Augusterlebnis" und Kriegszeit

182

7

Inhalt

5.1.3

Der politische Sonderweg Deutschlands

5.2 Die Rückkehr des „inneren Feindes"

185

191

5.2.1

Frühe „Dolchstoß"-Thesen

191

5.2.2

DieDelbrück-v.-Below-Kontroverse

202

5.3 Negative Traditionserfindung: Einmischungen von außen

204

5.3.1

1648

204

5.3.2

Die Staatsordnungen der Feinde

206

5.3.3

Nationalismus und Versöhnungsgedanken

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5.4 Zusammenfassung: Nationale Desintegration und der Kampf im Innern 6 Zukunftsbild: Das Volksstaatskonzept und konkurrierende Volksgemeinschaftsmodelle

215 219

6.1 Außenpolitische Ordnungsvorstellimgen: Macht-oder Verständigungsfrieden

219

6.2 Innenpolitische Ordnungsvorstellungen: Demokratischer Konstitutionalismus, nationaler und radikalnationalistischer Korporativismus

238

6.2.1

Die Idee des Volksstaats

240

6.2.2

Die Idee der inklusiven Volksgemeinschaft

258

6.2.3

Die Idee der exklusiven Volksgemeinschaft

275

6.3 Sendungsanspruch ohne Sendung

289

6.4 Zusammenfassung: Endsieghoffnung und Reformverlangen ....

291

7 Ausblick

301

Bibliographie

315

Quellen

316

Literatur

345

Abkürzungen

381

Kurzbiographien (Auswahl)

387

Sachregister

399

Vorbemerkung

Eine Studie zu den „Ideen von 1914" vorzulegen, mag den sachkundigen Leser zunächst überraschen, da sie gemeinhin als erforscht gelten. Ein Blick in die Quellen zeigt jedoch an vielen Stellen eine Diskrepanz zwischen den Inhalten der intellektuellen Kriegspublizistik und ihrer Interpretation in der bisherigen Forschungsliteratur. Es lohnte sich daher, die ideenpolitische Debatte zwischen 1914 und 1918/19 noch einmal nachzuzeichnen und sie systematisch auszuwerten. Dabei machten es die heutigen Kenntnisse über den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte mitunter schwer, sich den politischen Ordnungsvorstellungen des frühen 20. Jahrhunderts bewußt unbefimgen zu nähern und sie nicht aus der Perspektive vermeintlicher Folgewirkungen zu interpretieren. Präzise Analysekriterien und klare erkenntnisleitende Fragestellungen waren deshalb notwendig. Ein entsprechender analytischer Bezugsrahmen ermöglichte die quellenkritische Untersuchung der kriegspublizistischen Äußerungen deutscher Intellektueller und führte zu vielen neuen Einsichten. Das vorliegende Buch ist aus meiner Dissertation hervorgegangen, die im Sommersemester 2001 von der Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie der Universität Bielefeld angenommen wurde. Die Literatur, die bis zum Sommer 2002 erschienen ist, wurde für die Drucklegung im wesentlichen berücksichtigt. Für die Unterstützung während der Entstehung dieser Arbeit möchte ich zunächst Frau Professor Ingrid Gilcher-Holtey danken. Sie hat mir die Freiheit gelassen und mich stets darin bestärkt, die ideenpolitische Debatte der Kriegszeit mit einem neuen Ansatz zu untersuchen. Auch Herrn Professor Hans-Ulrich Wehler gebührt mein Dank. Durch seine kritisch-konstruktiven Anmerkungen hat er zur stetigen Präzisierung der Arbeit beigetragen. Für die akademische Förderung, die mir im Laufe meines Studiums und während der Promotion zuteil geworden ist, danke ich den Herren Professoren Richard Bessel, York, Christopher Clark, Cambridge, Etienne François, Beriin, Dieter Grimm, Beriin, James Sheehan, Stanford, und Jürgen von UngemStemberg, Basel. Mein ganz persönlicher Dank gilt Herrn Professor Friedrich Wilhelm Graf, München, der die Entwicklung meiner Dissertation begleitet und mich auf vielfâltige Weise unterstützt hat. Auch Frau Dipl.-Phil. Regina Jaekel, Frankfiirl/M., Frau Dr. Kirsten Schmalenbach, Köln, sowie Herrn Tobias Wüstenbecker M.A., Bielefeld, möchte ich an dieser Stelle dankbar erwähnen. Mein Dank gilt femer der Studienstifhmg des deutschen Volkes, die mir über das Stipendium hinaus viele Gelegenheiten zur wissenschaftlichen und persönlichen Weiterentwicklung geboten hat. Schließlich möchte ich besonders herzlich meinen Eltern danken, die das Entstehen dieses Buches mit großem Interesse und liebevoller Anteilnahme verfolgt haben. Deshalb sei es ihnen gewidmet. Ргст]ф1г1 am Main, im Sommer 2002

8ίφη Bruendel

Einleitung

„.Geistreiche' Personen haben sich zusammengetan und die .Ideen von 1914' erfunden, aber niemand weiß, welches der Inhalt dieser .Ideen' war. Großartig waren sie, großartiger als jene von 1870, die nur wie ein Rausch waren gegen die majestätische Erhebung des deutschen Volkes zum jetzigen Kampf um seine ganze Existenz. Sich im Kriege zusammenzuschließen und zu organisieren, ist nichts Besonderes; dazu braucht man keine neuen Ideen. [...] Entscheidend werden die Ideen von 1917 sein, wenn der Frieden kommt [...]."' Max Weber. 1. August 1916.

Aber der Frieden kam nicht. Die ideenpolitische Debatte der deutschen Intellektuellen bleibt eines der bemerkenswerten Kennzeichen des Ersten Weltkrieges. In allen am Krieg beteiligten Staaten wurde über den Sinn und die Ziele des Krieges diskutiert sowie die Legitimität der eigenen Sache beschworen. Indem die intellektuellen Eliten den Konflikt der Nationen als einen Kampf der Kulturen deuteten, entwickelte sich ein eigener Kriegsschauplatz: der „Krieg der Geister".^ Die deutschen Intellektuellen empfanden den Krieg allgemein als große Katharsis, bot er ihnen doch die Möglichkeit, den Kulturpessimismus der Vorkriegszeit zu überwinden und ihre gesellschaftliche Führungsrolle wieder zu festigen. Schriftsteller, Dichter und Künstler, die „stets sich der Masse femgehalten hatten", so Golo Manns ironische Beschreibung, „fanden nun plötzlich ihren Weg zum Volk und waren glücklich darüber".' Die politische Publizistik wurde zu ihrem zentralen Tätigkeitsfeld. Außer den Literaten waren es vor allem die Professoren, die den „Kriegsdienst mit der Feder" (Theodor Birt) leisteten."' Als Träger, Deuter und Vermittler politischer Vorstellungen sowie als „legitimizers and delegitimizers of authority"^ kam ihnen innerhalb der intellektuellen Deutungselite eine besondere Bedeutung zu.® Bestrebt, „allgemeingültige VerWeber, Max: , M der Schwelle des dritten Kriegsjahres", in: MWS1/15, S. 332-338, hier S. 332£ Keilemiann. Нешшп: Der Krieg der Geister. Eine Auslese deutscher und ausländischer Stimmen zum Weltkriege 1914. Dresden 1915. Mann, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Frankfiirt/M. 1992. S. 556. Zitiert in: Wettmann, Andrea: ,J)ie Kriegstagebücher Theodor BirtS", in: HJL 44, 1994, S. 131-171, hier S. 142. Linz, Juan: Crisis, Breakdown and Reequilibration. The Breakdown of Democratic Regimes. Baltimore. London 1978, S. 47. Lepsius, M. Rainer: .Kritik als Beruf Zur Soziologie der Intellektuellen", in: ders.: Interessen, Ideen und Institutionen. Opladen 1990. S. 270-285, hier S. 277. Vgl. auch Bering. Dietz: Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes. Stuttgart 1978; Lepsius, M. Rainer: Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert.

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Einleitung

bindlichkeiten" zu formulieren, erhoben die Gelehrten neben ihrem geistigen auch einen politischen Führungsanspruch und nutzten ihr soziales Prestige, um ihren öffentlichen Stellimgnahmen Geltungsmacht zu verleihend Hatten sich viele von ihnen schon in der Vorkriegszeit ihrem „Selbstverständnis als politische Mentoren" entsprechend in nationalen Vereinen und Verbänden engagiert und an gesellschaftlichen und politischen Debatten teilgenommen,* sahen sie es bei Kriegsausbruch als selbstverständlich an, sich an der Deutung und Sinngebung des Krieges zu beteiligen. Es war, wie der Philosoph Rudolf Eucken in seinem autobiographischen Rückblick formulierte, die „Sache der geistigen Führer, der sogenannten Intellektuellen,... den Mut zu stärken und für das gute Recht Deutschlands einzutreten".' Angehörige der Intelligenz werden nach M. Rainer Lepsius nur dann zu „Intellektuellen", wenn sie am Verhalten von Personen, Gruppen und Institutionen öffentlich, außerhalb ihres fachlichen Zuständigkeitsbereichs sowie unter Bezugnahme auf allgemeine Werte und Normen der Gesellschaft Kritik üben." Diese Definition umfaßt das Engagement links- wie rechtsoppositioneller Intellektueller und bezieht auch staatsaffirmative Stellungnahmen in

Teil III: Lebensführung und ständische Vetgesellschaftung. S t u t ^ 1992; Hübinger, GangolCMommsen, Wolfgang J. (Hg.): Intellektuelle im Deutschen Kaiserreich. Frankfijil/M. 1993; Glaser, Hemiann: Bildungsbüigeitum und Nationalismus. Politik und Kultur im Wilhelminischen Deutschland. München 1993; Giesen, Bemhard: Die Intellektuellen und die Nation. Eine deutsche Achsenzeit Frankfiiit/M. 1993; Hübinger, Gangolf: ,i>ie europäischen Intellektuellen 1890-1930", in: NPL 39, 1994, S. 34-54; Charle, Christophe: Vordenker der Moderne. Die Intellektuellen im 19. Jahriiundert. Frankfiut/M. 1997; Wehler, Hans-Ulrich: Historisches Denken am Ende des 20. Jahrhunderts. 1945-2000. Göttingen 2001. Böhme, Klaus (Hg.): Aufiufe und Reden deutscher Professoren im Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1975, S. 6. Vgl. auch Lübbe, Hermann: Politische Philosophie in Deutschland. Studien zu ihrer Geschichte. Basel, S t u t ^ 1963, S. 173 u. I77f; Jansen, Christian: Professoren und Politik Politisches Denken und Handeln der Heidelberger Hochschullehrer 1914-1935. Göttingen 1992, S. l l f , 47-56; vom Bnich, Rüdiger: Wissenschaft, Politik und öfTentiiche Meinung. Gelehrtenpolitik im Wilhelminischen Deutschland (18901914). Husum 1980, S. 16/Anm. 23,58-92,136fiE:, 205-213,424-427; Ringer, Fritz K.: Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890-1933. München 1987, S. 12-22; Schwabe, Юaus: Wissenschaft und Kriegsmoral. Die deutschen Hochschullehrer und die politischen Grundfragen des Ersten Weltkrieges. Göttingen, Zürich, Frankfiirt/M. 1969, S. lOfF., 21f; Vondung, Klaus: Die Apokalypse in Deutschland. München 1988, S. 193; ders.: Das wilhelminische Bildungsbüigertum. Zur Sozialgeschichte seiner Ideen. Göttingen 1976. Böhme, Aufrufe und Reden, S. 6. Vgl. auch vom Bruch, Gelehrtenpolitik, S. 21fiF., 66-79, 89-92,206-213. Sie äußerten sich zur .sozialen Frage", zur Nationalitätenpolitik sowie zur Idee vom,sozialen Kaisertum" und nahmen Teil an der Flotten- und Kolonialagitation. Eucken, Rudolf: Lebenserinnerungen. Ein Stück deutschen Lebens. Leipzig 1921, S. 99. Nicht zuföllig handelt es sich bei den ,Jdeen von 1914" um einen ProfessorenbegrifE Lepsius, Kritik als BeraÇ S. 276-284. Sie üben formal „inkompetente, aber legitime Kritik" (ebd., S. 283). Kompetente Kritik ist die âchspezifische Kritik von Angehörigen einer Beru&gruppe (S. 278). Inkompetente Kritik ist außerfachliche, allgemeine Kritik Ihre Wiikung hängt von der Legitimität der Äußerungen ab. Legitime Kritik ist Kritik, doien Maßstab allgemeingültige Werte sind, während illegitime Kritik jene Kritik ist, йЬет deren Wertmaßstab kein gesellschaftlicher Konsens besteht Voraussetzung legitimer inkompetenter Kritik ist deshalb das Bestehen akzeptierter Grundwerte (S. 282).

Einleitung das Spektram intellektueller Interventionen ein." Ob sich der Intellektuelle mit seinem Deutungsangebot durchsetzt, hängt von der gesellschaftlichen Rezeptionsbereitschaft sowie von der Macht konkurrierender „Deutungsexperten" ab.'^ Der Begriff „Intellektueller" bezeichnet weder einen Beruf noch eine Eigenschaft, sondern benennt eine „soziale Rolle", die nur begrenzt und situativ wahrgenommen wird.'' Zwar bezeichneten sich nur einzelne Gelehrte als Intellektuelle, handelte es sich doch um einen eher negativ behafteten Begriff. Indem sie aber durch ihre Stellungnahmen ab 1914 eine politisch-publizistische Reformdebatte anstießen, fimgierten sie als „Intellektuelle" und machten den Ersten Weltkrieg zu einem „Kommunikationsereignis"'* größten Ausmaßes. Wenngleich den meisten Gelehrten ein .unpolitisches' Selbstverständnis zu eigen war und sie sich, als Beamte in einem speziellen Loyalitätsverhältnis zum politischen System stehend, in der Regel als staatstragend, überparteilich und wissenschaftlich-objektiv v e r s t a n d e n , h i e l t ihre Staatsnähe sie nicht davon ab, „Kritik" zu äußern. Als Funktionselite des Bildungsbürgertums definierten sich die Gelehrten vor allem über ihre geistige Tätigkeit und ihre Position im „universitären Feld", doch ist von einem Zusammenhang zwischen ihren politischen Stellungnahmen und ihrer akademischen Position auszugehen. Die intellektuellen Debatten, an denen sie sich beteiligten, stellten somit auch ein Ringen um symbolische Macht im internen Konkurrenzkampf dar." Bei der Analyse ihrer Stellungnahmen ist zu berücksichtigen, ob die Gelehrten über die Einbindung in Konmiunikationsnetze hinaus als politische Berater oder Mandatsträger fijngier-

Hübinger, Gangolf: ,i)ie politischen Rollen europäischer Intellektueller im 20. Jahrhundert", in: ders./ Hertfelder, Thomas (Hg.): Kritik und Mandat Intellektuelle in der deutschen Politik. Stuttgart 2000, S. 3044; Hertfeider, Thomas: ,JOitik und Mandat Zur Einführung'', in: ebd., S. 11-29, hier S. 21. Schimier, Dietmar Mythos - Heilshofifiiung - Modernität Politisch-kulturelle Deutungscodes in der Weimarer Republik. Opladen 1992, S. 54. Gilcher-Holtey, Ingrid: „Voltaire und die AfiSre Calas. Zur Sozialen Rolle des Intellektuellen", in: Merkur 51, Nr. 12,1997, S. 1105-1117, hier S. 1105£, 1115£ Quandt, Siegfried: .JCrieg und Kommunikation. Der Erste Weltkrieg als Bei^iel", in: dersTSchichtel, Kommunikationsereignis, S. 6£ Vgl. auch Wilke, Jürgen: „Geschichte als Kommunikatíonsaeignis. Der Beitrag der Massenkommunikation beim Zustandekommen historischer Ereignisse", in: Kaase, Max/ Schulz, Winfried (Hg.): Massenkommunikation. Theorien, Methoden, Befiinde. Opladen 1989, S. 57-71. Neben der spezifischen Staalsnähe des Beamtentums, die durch eine Treuepflicht gegenüber don Monarchen verstäikt wurde, untersttttzte das System der akademischen Auslese und der Nachwuchsförderung eine obrigkeitsstaatliche Einstellung im Lehricörper der Universitäten. Vgl. Lieber, Hans-Joachim: ,i)er deutsche Akademiker als soziologisches Problem", in: Veritas-Iustitia-Libertas. Fs. zur 200-Jahrfeier der Columbia Universität Berlin 1954, S. 247-260; vom Bmch, Gelehrtenpolitik, S. 58-92, 136fiF., 205-213; Schriewer, Jürgen u. a. (Hg.): Sozialer Raum und akademische Kulturen. Studien zur europäischen Hochschul- und Wissenschaflsgesdiichte im 19. und 20. Jahriiundert FrankfiutM. 1993; Ringer, Mandarine; ders.: Sociography of Gemían Academics", in: СЕН 25, 1992, S. 251-280; Wilhelm, Jürgen: ,JDie Stammeskultur der Ordinarienuniversität", in: Baethge, Martin/Eßbach, Wolfgang (Hg.): Soziologie: Entdeckungen im Alltäglichen. Fs. für Hans Paul Bahrdt Frankfurt/M. 1983, S. 477-495. Bourdieu, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfiu1/M. 1997, insbes. S. 19C u. 76£; ders.: Homo academicus, insbes. S. 42-59, 84 (Zitat), l49fF., 163fiF., 2l3flf.; Charle, Vordenker, S. 9-21, hierS. I6f

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Einleitung

ten.'^ Nicht die klassische „Gelehrtenpolitik"'* soll jedoch untersucht werden, sondern Inhalt und Wirkung der kriegspolitischen Gelehrtenpublizistik. Das Ziel dieser Studie besteht darin, anhand der von den deutschen Gelehrten verfaßten Eingaben, Aufrufe und Schriften die Entstehung und Entwicklung der von ihnen entfalteten und debattierten politischen Ideen in der Zeit von August 1914 bis zum November 1918 nachzuzeichnen und dabei insbesondere die Wandlungen dieser Ideen unter dem Einfluß sich verändernder Kontextbedingungen zu analysieren. Die Anzahl akademischer Kriegspublikationen ist Legion. Bis heute sind die diversen Veröffentlichungen nicht systematisch erfaßt; eine Bibliographie aller akademischen Weltkriegsschriften existiert nicht." Handelte es sich allein bei Lehrstuhlinhabern an Universitäten um eine Gruppe von ca. 1400 Personen,^" umfaßte die gesamte reichsdeutsche Professorenschaft - Lehrbeauftragte, Lektoren sowie Professoren an Technischen Hochschulen und Bergakademien eingeschlossen - 4463 Personen.^' Zählt man Emeriti und Privatgelehrte sowie diejenigen Publizisten hinzu, die erst nach dem Weltkrieg akademische Reputation erlangten, kann man von 4.500 bis 5.000 Personen ausgehen.^^ Nicht alle griffen zur Feder, aber niemals zuvor löste ein Ereignis eine derartige Vielzahl gelehrtenpolitischer Stellungnahmen aus. Im folgenden werden rund 400 Texte von 150 Gelehrten unterschiedlicher akademischer Position, Fachrichtung, Konfession, Religion und politischer Einstellung untersucht,^^ die sich im Zeitraum von 1914 bis 1918 publizistisch engagierten. Sie wurden in Anlehnung an die den bisherigen Studien zur professoralen Kriegspublizistik zugrundeliegenden Quellenkorpus sowie im Hinblick auf die von Schwabe genannten Auswahlkriterien ausgewählt.^"* Diese Auswahl wurde um wei-

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Hübinger, Die politischen Rollai, S. 39flF. Hierai V. a. vom Bmch, Gelehitenpolitik, S. 58-112. Bislang liegen vollständige Bibliographien der Weltkríegsschriñen nur für wenige Verfòsser vor (z. B. Emst Troeltsch und Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorfi). Bei anderen Gelehrten wie Friedrich Meinecke und Max Weber kann man auf die .J'olitischen Schriften" oder die Gesamtausgaben zurilckgreifen. Kurt Flasch arbeitet nach eigener Darstellung seit „vielen Jahren an einer möglichst vollständigen Bibliographie" der von der Deutungselite verfeßten Kriegsschriften. Derzeit umfesse sie „13001 Titel", Flasch, Kurt: Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg. Ein Versuch. Berlin 2000, S. 11. Schwabe, Wissenschaft, S. 14f. Die Angabe bezieht sich auf das Jahr 1910, vgl. Wdiler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaflsgeschichte. Bd. 3: Von der ,X)eutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1848-1914. München 1995, S. 1219f; Döring, Herbert: Der Weimarer Kreis. Studien zum politischen Bewußtsein verfassungstreuer Hochschullehra· in der Weimarer Republik. Meisenheim am Glan 1975, S. 23/Anm. 12. Zu diesen Priva^lehtten und Publizisten gehörten z. B. Friedrich Thimme, Emst Rolfib, Magnus Hirschfeld und Theodor Heuß. Zu den Gelehrten vgl. die Biogramme im Anhang. Döring, Weimars Kreis, S. 255-272, enthält eine tabellarische AuÊtellung von rd. 700 Hochschullehrern, die sich im Weltkrieg und in da- Weimarer Republik an Kundgebungen und Aufiufen beteiligten. Zur Erläuterung vgl. ebd., S. 124ff. Für seine Textauswahl waren maßgeblich: 1. Der „politische Einfluß" der Gelehrten, 2. der Grad ihrer „publizistischen Betätigung", 3. ihre „Qualifikation als Sachverständige[r] in bestimmten Einzelfragen", 4. ihr „wissenschaftliche[s] Prestige" und 5. „die Originalität des jeweiligen Beitrages", Schwabe, Wissenschaft, S. 15. Ähnlich Böhme, Aufrufe und Reden, S. 44f, der „politisches Engagement, wissenschaftliche

Einleitung

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tere Quellen ergänzt, die bisher kaum Berücksichtigung fanden, aber zum Spektrum der ideenpolitischen Debatte im Ersten Weltkrieg gehören.^^ Der historischen Quellenkritik entsprechend wird bei den Stellungnahmen der Gelehrten zwischen Eingaben, Aufrufen und Einzelschriften unterschieden, um zu verdeutlichen, daß nicht unterschiedslos alle publizistischen Äußerungen als Quellen für eine Analyse des öffentlichen Engagements der Gelehrten herangezogen werden können. Denkschriften, die sich auf konkrete politische Fragen bezogen, an die Reichsregierung oder andere offizielle Stellen gerichtet und grundsätzlich für den internen Dienstgebrauch bestinmit waren, werden als Eingaben klassifiziert und gemäß der analytischen Definition intellektuellen Engagements nur dann berücksichtigt, wenn ihr Inhalt der Öffentlichkeit bekannt und zum Gegenstand einer publizistischen Debatte wurde.^® Als Aufrufe und „offene Briefé•^ werden öffentliche Erklärungen und Kundgebungen deutscher Professoren und Universitäten bezeichnet," die, obwohl häufig an das Ausland gerichtet, zugleich innenpolitisch wirken sollten. Bei den Einzelschriften, der umfangreichsten Quellengattung, handelt sich um Bücher und Broschüren, aber auch um Artikel, Essays und Aufsätze von Gelehrten, die in der Presse oder in speziellen Kriegszeitungen und -Zeitschriften veröffentlicht wurden oder im Rahmen eines Sammelbandes erschienen.^' Diese Schriften, die vor allem an die deutsche Bevölkerung gerichtet waren, können uneingeschränkt als Medium der akademischen Kriegsdeutung angesehen werden.^' Ihre Auflagen und ihr Presseecho lassen erkennen, daß sie einen hohen Bekanntheitsgrad hatten und ihnen damit zugleich ein großes Wirkungspotential innewohnte. Welche Bedeutung den Sammelbänden und Aufsatzsammlungen beigemessen wurde, lassen die Vorworte der Herausgeber oder Autoren erkennen, die daher besondere Beachtung verdienen.'"

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Reputation, Sachverständigenstatus und Quantität der kriegspublizistischen Aktivität des jeweiligen Hochschullehrers" nennt Hierzu gehören Texte von Gerfiard Anschütz, Bruno Bauch, Emst Cassirer, Hermann Cohen, Erich Jung, Hans V. Liebig, Georg Friedrich Nicolai, Franz Oppenheimer, Johann Plenge, Hugo Preuß, Carl Schmitt und Veit Valentin sowie Aufiufe und Eingaben, die erst zum Teil quellenkritisch erschlossai worden sind. Kollektiveingaben sind solche Denkschriften, an deren Ab&ssung sich mehr als eine Person beteiligte oder die durch die Unterschriften mehrerer Personen unterstützt wurde. Eimeleingaben wurden demgegenüber von einer Person veifeßt Neben Eimelaufrttfen von Professoren werden vor allem Kollektivaufrufe untersucht Dieser Begriff bezeichnet Veröffentlichungen, die von mehreren Personen initiiert und unterzeichnet wurden und sich an die Öffentlichkeit in Deutschland oder in den neutralen oder den Feindstaaten wandten. Gemäß der Intellektuellendefmition sind grds. keine Fachzeitschriften oder Fachbücher gemeint. Sie wurden i. d. R. nur dann berücksichtigt, wenn der Beitrag allgemeinpolitischen Inhalts war und bereits im Kriege eine größere Bedeutung erlangte. Je nach Anzahl der Verfasser, Autoren oder Herausgeber werden sie als Eimel- oder Kollektivschriflen bezeichnet Ein Großteil der Schriften erschien mehrmals, zunächst separat und dann, wenn der Verfesser ihnen eine ent^rechende Bedeutung beimaß, in Au&atzsammlungen oder Sammelbänden. Häufig handelt es sich um die schriftlichen Fassungen von Reden oder Vorträgen. Sie werden hier ab dem Zeitpunkt berücksichtigt, ab dem sie einer größeren Öffentlichkeit schriftlich zugänglich wurden. Maßgeblich ist daher nicht der Zeitpunkt, an dem die Rede gehalten wurde, sondern das Erscheinungsdatum der Zeitung oder das Ausgabedatum des Buches bzw. Bandes, sofern es ermittelt werden konnte.

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Einleitung

Der Untersuchungszeitraum, in dem die Stellungnahmen der Gelehrten verfolgt werden, erstreckt sich auf die Kriegsjahre 1914 bis 1918. Die ideengeschichtlichen Ursprünge der „Ideen von 1914", die vor allem in der Gemeinwohlorientierung des deutschen Luthertums und den Sozialtheorien des deutschen Idealismus zu sehen sind, werden, da die geistigen Wurzeln des politischen Denkens des deutschen Bildungsbürgertums bereits in verschiedenen Studien zur deutschen Geistes- und Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts sowie zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Kaiserreiches beschrieben worden sind,^' nicht entfaltet. Die „Ideen von 1914" werden vielmehr im Kontext einer innenpolitischen Reformdebatte untersucht, die mit dem Kriegsbeginn ihren Anfang nahm und deren Bezugspunkt der August 1914 war. Analysiert wird die verdichtete politische Kommunikation in der Zeit des Ersten Weltkriegs, in der schon vorhandene Vorstellungen gesellschaftlicher Integration mit besonderer Entschiedenheit reformuliert wurden. Gab es seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gesellschaftliche Debatten über Religion und Kultur, Idealismus und Positivismus, Evolution und Dekadenz, Kriminalität und Krankheit, Krieg und Männlichkeit, Masse und Panik, Sexualität und Nervosität sowie Gesellschaft und Gemeinschaft,^^ wurden mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges in erster Linie die Vorstellungen von der künftigen ,deutschen Nation' aktualisiert und die „vorgestellte politische Gemeinschaft"'' der Deutschen thematisiert. Die „Ideen von 1914" symbolisierten den Zerfall älterer Legitimationsmuster und den „Aufstieg neuer Legitimationsverheißungen"'* im frühen 20. Jahrhundert. Ausgelöst durch den Kriegsnationalismus konzentrierten sich die Intellektuellen auf alternative innenpolitische Ordnungsentwürfe. Sie stehen im Zentrum dieser Studie.

Dazu seien erwähnt Nolte, Paul: Die Ordnung der deutschen Gesellschaft. Selbstentwurf und Selbstbeschreibung im 20. Jahrhundert München 2000; Bollenbeck, Georg: Tradition, Avantgarde, Reaktion. Deutsche Kontroversen um die kulturelle Moderne 1880-1945. Frankfurt/M. 1999; ders.: Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Deutungsmusters. Frankfiul/M. 1996; Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 3; Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918. Bd. Π: Machtstaat vor der Demokratie. München 1992; GraÇ Friedrich Wilhelm: ,^onservatives Kulturluthertum. Ein theologiegeschichtlicher Prospekt", in: ZThK 85, 1988, S. 31-76; ders./ranner, Юаиз: ,J>rotestantische Staatsgesinnung. Zwischen Inneriichkeitsanarchie und Obrigkeitshörigkeit", in: EvK 20, 1987, S. 699-704; Lübbe, Philosophie, S. 27-172; See, Klaus von: Deutsche Germanen-Ideologie vom Humanismus bis zur Gegenwart Frankfiirt/M. 1970; ders.: Die Ideen von 1789 und die Ideen von 1914 Völkisches Denken in Deutschland zwischen Französischer Revolution und Erstem Weltkrieg. Frankfurt/M. 1975; Dülffer, Jost/Holl, Karl (Hg.): Bereit zum Krieg. Kriegsmentalität im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914. Göttingen 1986.

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Frevert, Ute (Hg.): Das Neue Jahrfiundert. Europäische Zeitdiagnosen und Zukunflsentwürfe um 1900. Göttingen 2000; vom Bmch, Rüdiger u. a. (Hg.): Krise der Moderne und Glaube an die Wissenschaft. Stuttgart 1989; Hübinger, Gangolf u. a. (Hg.): Idealismus und Positivismus. Stuttgart 1997; Pick, Daniel: War Machine. The Rationalisation of Slaughter in the Modem Age. New Haven, London 1993; Theweleit, Юаиз: Männeφhantasien. 2 Bde. München 1995; Radkau, Joachim: Das Zeitalter der Nervosität Deutschland zwischen Bismarck und Hitler. Darmstadt 1998. Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Frankfiirt/M. '1993, S. 15. Wehler, Hans-Ulrich: „Nationalstaat und Krieg", in: ders.: Umbrach und Kontinuität Essays zum 20. Jahrhundert. München 2000, S. 64-80, hier S. 65. Vgl. auch ders.: .^adikalnationalismus - erklärt er das .Dritte Reich' besser als der Nationalsozialismus?", in: ebd., S. 47-64.

Einleitung

Forschungsstand Für Deutschland wurden die ideenpolitischen Debatten im Ersten Weltkrieg bisher unter den Begriff der „Ideen von 1914" subsumiert, dieser j e d o c h nicht genauer definiert. Der Fülle v o n zeitgenössischen Quellen zu diesen Ideen steht nur eine relativ kleine Anzahl geschichtswissenschaftlicher Werke zu diesem Thema gegenüber " Zwar hat sich die „kulturgeschichtliche Wende"^' in der Geschichtswissenschaft auch auf die Weltkriegsforschung ausgewirkt, aber die Zusammenhänge von „Kultur und Krieg" ( W o l f g a n g J. M o m m s e n ) oder die Wechselwirkungen zwischen Kultur, Gesellschaft und Politik im Krieg wurden nicht hinreichend problematisiert. Blieben doch, obwohl in den 1980er Jahren das „Kriegserlebnis" und in den neunziger Jahren die Verarbeitung und die symbolische Darstellung des „Großen Krieges" in den Mittelpunkt des Interesses verschiedener Forscher rückten, der kognitive Bereich, die im Krieg entwickelten Sinndeutungen und Zukunftsvorstellungen, in der neueren kulturgeschichtlich orientierten Weltkriegsforschung weitgehend unberücksicht i g t . " D a g e g e n sind in jüngster Zeit zahlreiche Einzeluntersuchungen entstanden, in denen das kriegspolitische Engagement, die Sinndeutungen prominenter Gelehrter^' oder bestimm-

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Hier seien zunächst genannt: Lübbe, Philosophie, insbes. S. 173-238; Schwabe, Wissenschaft, insbes. S. 21-45; von See, 1789 und 1914; Mommsen, Wolfgang J.: ,J)er Geist von 1914: Das Programm eines politischen ,Sonderwegs' d a Deutschen", in: ders.: Der autoritäre Nationalstaat Verfessung, Gesellschaft und Kultur im deutschen Kaiseireich. Frankfiut/M. 1992, S. 407-421; Nordalm, Jens: ,fichte und der ,Geist von 1914'. Kulturgeschichtliche Aspekte eines Beispiels politischer Wirkung philosophischer Ideen in Deutschland", in: Fichte-Studien 15, 1999, S. 211-232, sowie Verfiey, Jeffrey T.: Der „Geist von 1914" und die Erfindung der Volksgemeinschaft. Hamburg 2000, S. 21 Iflf., und dets.: ,JDer Geist von 1914", in: Spilker, RolCUlrich, Bernd (Hg.): Der Tod als Maschinist Der industrialisierte Krieg 1914-1918. Bramsche 1998, S. 47-53. Vgl. hierzu v. a die Außätze in: Hardtwig, WoIfgangWehler, Hans-Ulrich (Hg.): Kulturgeschichte heute. Göttingen 1996, sowie Wehler, Hans-Ulrich: Die Herausforderung der Kulturgeschichte. München 1998. So bei Michalka, Wolfgang (Hg.): Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse. München 1994; Becker, Jean-Jacques u. a. (Hg.): Guene et Cultures 1914-1918. Paris 1994; Keegan, John: Die Kultur des Krieges. Berlin 1995; Mommsen, Wolfgang J. (Hg.): Kultur und Krieg. Die Rolle der Intellektuellen und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. München 1996; Hirschfeld, Gerhard u. a (Hg.): Kriegserfahrungen. Studien zur sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Essen 1997; Chickering, Roger: Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg. München 2002, S. 24-29. Für einen Forschungsüberblick vgl. Winter, Jay M.: „Catastrophe and Culture: Recent Trends in the Historiography of the First Worid Wai", in: JMH 64/1, 1992, S. 525-532; Knimeich, Geid: .íCriegsgeschichte im Wandel", in: Hirschfeld, Geihard/Krumeich, Gerd (Hg.): Keiner ftlhlt sich mehr als Mensch. Erlebnis und Wirkung des Ersten Weltkrieges. Essen 1993, S. 11-24; La guene de 1914-1918. Essais d'histoire culturelle. Vingtième Siècle. Revue d'histoire, SoH 41, Jan.-Mäiz 1994. Dathe, Uwe: ,í)er Philosoph bestreitet den Krieg. Rudolf Euckens politische Publizistik während des Ersten Weltkrieges", in: Gottwald, Herbert/Steinbach, Matthias (Hg.): Zwischen Wissenschaft und Politik. Studien zur Jenaer Universität im 20. Jahrhundert Jena 2001, S. 48-64; Hübinger, Gangolfi .^mst Troeltschs Beriin. Im .Bund der Intellektuellen"', in: Graf, Friedrich Wilhelm (Hg.): Emst Troeltschs „Historismus". Gütersloh 2000, S. 164-180; Llanque, Marcus: Demokratisches Denken im Krieg. Die deutsche Debatte im Ersten Weltkrieg. Beriin 2000; Nottmeier, Christian: ,iolitik auf einer ,mittleren Linie': Adolf von Hamack und die Regierung Bethmann Hollweg 1914-17', in: ZNThG/JHMTh 7, 2000, S. 66-

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ter Gelehrtengruppen^^ beleuchtet oder inhaltliche Kontinuitäten zwischen der Kriegspublizistik und den Debatten der Vorkriegszeit differenziert herausgearbeitet wurden.'"' Die „Ideen von 1914" spielen jedoch in diesen Veröffentlichungen, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle,"' so daß Klaus Schwabes 1969 erschienene Studie über „Wissenschaft und Kriegsmoral" im Ersten Weltkrieg bis heute als die klassische Arbeit zum Thema gilt. Eine systematische Analyse der akademischen Kriegspublizistik sowie eine kritische Auseinandersetzung mit den bisherigen Forschungsergebnissen fehlt ebenso wie eine neue integrative Gesamtdarstellung. Insgesamt werden in der Forschung verschiedene Deutungsmuster fortgeschrieben, die zu übeφrüfen sind. Problematisch ist zunächst, daß die Begriffe „,Der Geist (oder: die Ideen) von 1914'""^ häufig synonym verwendet werden. Femer wird festgestellt, die „Ideen von 1914" seien „diffus" und ließen sich „rational schwer analysieren" (Schwabe). Diesen Deutungen ist gemein, das Engagement der Intellektuellen bei Kriegsbeginn retrospektiv zu relativieren und als kurzlebige Verwirrung erscheinen zu lassen."^ Übersehen werden dabei nicht nur der Enthusiasmus und die intellektuelle Ernsthaftigkeit, mit der die Gelehrten ihre Gedanken und Vorstellungen artikulierten, sondern auch der Wandel, der sich innerhalb der Akademikerschaft vollzog, als sich bei Kriegsbeginn zahlreiche Akademiker zu Trägergruppen politischer Reformideen formierten. Kennzeichnend für die Forschung ist darüber hinaus eine unzureichende formale und zeitliche Differenzierung der untersuchten Quellen. So werden Gedichte, Zeitungsartikel, Aufhife, Aufsätze, Reden, Eingaben, Kriegspredigten

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108; Nowak, Kurt (Hg.): Adolf von Ыатаск als Zeitgenosse. Reden und Schriften aus den Jahren des Kaiseireichs und der Weimarer Republik. 2 Bde. Berlin, New York 1996. Sieg, Ulrich: Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg. Kriegserñhningen, weltanschauliche Debatten und kulturelle Neuentwürfe. Berlin 2001; ders.: Jüdische Intellektuelle und die Krise der bürgerlichen Welt im Ersten Weltkrieg. Stuttgart 2000; Paletschek, Sylvia: „Tübinger Hochschullehrer im Ersten Weltkrieg: Kriegserfährungen an der .Heimatfront' Universität und im Feld", in: Hirschfeld, Kriegserfehningen, S. 83-106; Pascher, Manfred: ,J)eutsches Wesen und deutscher Weltberuf Die Weltkriegsschriften Paul Natorps und der Marburger Neukantianer", in: WJPh 26, 1994, S. 103-116; Fries, Helmut: Die große Katharsis. Der Erste Weltkrieg in der Sicht deutscher Dichter und Gelehrter, 2 Bde. Konstanz 1994; Jansen, Christian: Professoren und Politik Politisches Denken und Handeln der Heidelberger Hochschullehrer 1914-1935. Göttingen 1992; Flasch, Mobilmachung. Beßlich, Bari>ara: Wege in den ,JCulturicriegf'. Zivilisationskritík in Deutschland 1890-1914. Darmstadt 2000; Ruddies, Hartmut: „Gelehrtenpolitik und Historismusverständnis. Über die Fomiienmg der Geschichtsphilosophie Emst Troeltschs im Ersten Weltkrieg", in: Graf, Troeltschs Historismus, S. 134-163; Platte, Ulrich: EÜios und Politik bei Emst Troeltsch. Von der ethischen Theorie zur politischen Konkretion in seiner Kriegspublizistik. Egelsbach u. a 1995. Nur Flasch, Mobilmachung, S. 279flf., widmet sich den „Ideen von 1914" am Rande, während Llanque, S. 28, und Dathe, S. 48, gleich zu Beginn ihrer Studien feststellen, daß nicht die „Ideen" bzw. der „Geist von 1914" ihren Untersuchungsg^enstand darstellen. Jansen, Professoren und Politik, S. 125. Schwabe, Wissenschaft, S. 37f., 43; ders.: , ^ u r politischen Haltung der deutschen Professorenschaft im Ersten Weltkrieg", in: HZ 193, 1961, S. 601-634, hier S. 605; Greive, Wolfgang (Hg.): Der Geist von 1914. Zerstömng des universalen Humanismus? Rehburg-Loccum 1990; Fries, Katharsis 1, S. 218; Mommsen, ,i;inleitun^', in: ders., Kultur und Krieg, 3; ders.: Bürgerstolz und Weltmachtstreben. Deutschland unter Wilhelm IL 1890-1918. ЕгшМи1ЛЛ., Berlin 1995, S. 842; Verhey, Geist von 1914, S. 222.

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und größere Monographien, d. h. die Publikationen von Dichtem, Schriftstellern, Professoren, Pfarrern, Publizisten und Politikern oder aber deren private Briefe aus den Jahren 1914 bis 1918, als Quellengrundlage verwendet, ohne daß zwischen diesen heterogenen Quellengattungen oder den unterschiedlichen Anlässen ihrer Entstehung ausreichend differenziert wird."" In der bisherigen Forschungsliteratur wurde vor allem die außenpolitische Dimension der Kriegsdebatte akzentuiert, ohne damit jedoch, w i e zu zeigen sein wird, dem Inhalt der „Ideen" und der komplexen Quellenlage gerecht zu werden. A l s Hauptunterscheidungsmerkmal der untersuchten Kriegsschriften galten in erster Linie die Stellungnahmen der Verfasser zur Kriegszielfrage und erst in zweiter Linie ihre innenpolitischen Ordnungsvorstellungen."^ Zwar zeigte Schwabe die Wechselwirkung zwischen Kriegszielen und Innenpolitik auf, konstatierte aber eine vorrangige „Besinnung" der Hochschullehrer „auf die außenpolitische Problematik des Weltkrieges"."' Demgegenüber konzentrierte sich Llanque in seiner neuen Studie auf die innenpolitischen Diskussionen im Ersten Weltkrieg, indem er die Äußerungen v o n Personen, die er als Wortfllhrer des demokratischen Gedankens ansah, untersuchte."' Es erscheint j e d o c h fraglich, ob tatsächlich von einer deutschen „Demokratiedebatte""' im Ersten Welttaieg gesprochen werden kann. Indem Llanque gezielt die Äußerungen solcher Personen heranzog, die im Laufe des Krieges ftir eine Parlamentarisierung des Reiches eingetreten waren und diese als Demokratisierung deuteten, blendete er andere

So z. B. bei Flasch, Mobilmachung; Sieferle, Rolf Peter: ,X)er deutsch-englische Gegensatz und die .Ideen von 1914"', in: Niedhart, Gottfried (Hg.): Das kontinentale Europa und die britischen Inseln. Wahmehmungsmuster und Wechselwiriamgen seit der Antike. Mannheim 1993, S. 139-160; VeAey, Geist von 1914; Stromberg, Roland N.: Redemption by War. The Intellectuals and 1914. Kansas 1982, insbes. S. 237ff; Bracher, Karl Dietrich: Zeit der Ideologien. Eine Geschichte des politischen Denkens im 20. Jahrhundert. Stuttgart 1984, S. IBSfif.; Furet, François: Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahihundert. München, Zürich 1996, S. 62-65; Nipperdey, Geschichte II, S. 778f.; Erdmann, Karl Dietrich: Der Erste Weltkrieg. München '1995, S. 148-157; Gutsche, Willibald u. a : Der erste Weltkrieg. Ursachen und Verlauf Henschende Politik und Antikriegsbewegung in Deutschland. Beriin, Köln 1985, S. 68-74. Zum Teil werden auch Äußerungen aus der Kriegszeit mit Erinnerungen vermischt, vgl. z. B. Erdmann, Weltkrieg, S. 150/Anm. 2; Lübbe, Philosophie, S. 179-188,236f; Schwabe, Haltung, S. 608£; ders.: „Ursprung und Verbreitung des alldeutschen Annexionismus in der deutschen Professorenschaft im Ersten Weltkrieg", in: V E 14, 1966, S. 105-138, hier S. 113f, 123-129; ders., Wissenschaft, S. 23, 38fiF; Strombetg,S.4flF.,7f,86,137. 45

Schwabe, Wissenschaft, S. 21fif., 41, ders., Haltung, S. 601, 616ff., 628£; Böhme, Aufrufe und Reden, S. 20f, 28fif., 32fiF.; Ringer, Mandarine, S. 169,180fi:; Jansen, Professoren und Politik, insbes. S. 135-142. Schwabe, Haltung, S. 607. Vgl. auch Böhme, Aufrufe und Reden, S. 17f.; Jansen, Professoren und Politik, S. 114. Ähnlich auch Mommsen, Geist S. 4150".; ders.: ,X)ie ,deutsche Idee von der Freiheit'. Die deutsche Historikerschaft und das Modell des monarchischen KonstitutionalismuS", in: SWSP 3, 1992, S. 4363, hier S. 53-58, und ders., Weitmachtstreben, S. 842fr., legt Mommsoi allerdings ein stärkeres Gewicht auf innenpolitische Vorstellungen. Vgl. hierau auch Rürup, Reinhard: ,i)er .Geist von 1914' in Deutschland. Kriegsbegeisterung und Ideologisierung des Krieges im Ersten Welüaieg". in: Hüppauf. Bernd (Hg.): Ansichten vom Krieg. Vergleichende Studien zum Ersten Weltkrieg in Literatur und Gesellschaft. Königstein 1984. S. 1-30, hier S. 13-22. sowie Ringer, Mandarine, S. 175. Von den Gelehrten gehören u. a. Preuß, Delbrück, Tönnies, Alfred und Max Weber zu seiner Untersuchungsgruppe. Außerdem behandelt er u. a. die Äußerungen von Rathenau, Naumann und Sinzheimer. Llanque, S. 7.

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Einleitung

Themen der kriegspolitischen Debatte wie korporative Integrationsvorstellungen, wirtschaftspolitische Neuerungen und die Neudefinition der deutschen Nation aus. Zumindest in bezug auf die erste Kriegshälfte nimmt seine Studie damit eine problematische perspektivische Verengung vor und hebt das Defizit einer fehlenden Analyse innenpolitischer Ordnungsideen nicht auf Der Primat der Außenpolitik hat zu fünf Standardthesen in bezug auf die „Ideen von 1914" geführt: Weit verbreitet ist erstens die Amexionsthese, welche die „Ideen" primär als Bestandteil einer Kriegszieldebatte darstellt, in der sich „Aimexionisten" und „Gemäßigte" so die gängige Terminologie - gegenüberstanden/' Beide Gruppen gelten auch hinsichtlich ihrer innenpolitischen Ziele als Antipoden, wobei die Kriegszielfrage in der zweiten Kriegshälfte zunehmend mit der seit 1917 aufkommenden Frage der politischen Reformen verknüpft worden sei. In dieser Debatte - so lautet die zweite, die Status-quo-These - seien die „Annexionisten" als Reformgegner und „orthodoxe" Verfechter eines innenpolitischen Status quo hervorgetreten, während sich eine kleine Gruppe der „Gemäßigten" als „Modemisten" für eine demokratische Reform der Bismarckschen Reichsverfassung eingesetzt habe.'" Diese Gegenüberstellung läßt sich, wie zu zeigen sein wird, nicht halten. Die Statusquo-These widerspricht zudem der zum Teil von denselben Autoren geäußerten Inteφretation, bei den Kriegsideen habe es sich um Gedanken über eine neue Gesellschaftsordnung gehandelt.'' Bezogen auf die den Ideen zugrundeliegenden Wertvorstellungen argumentiert die bisherige Forschung drittens, daß die „Ideen von 1914" als Antithese zu den „Ideen von 1789", den Werten des Westens, gedacht gewesen seien. „Die Antithetik zum Geschehen der Französischen Revolution", so Helmut Fries, „beherrschte die gesamte Konzeption der deutschen Ideen von 1914".'^ Aus dieser - nachweisbar fälschlich - unterstellten Antithetik leiten viele Forscher ein aggressives deutsches Sendungsbewußtsein ab und liefern damit die

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Schwabe, Haltung, S. 616fif.; ders., Wissenschaft, S. 36ff., 125f., 165, 179, und ders., Annexionismus; Böhme, Aufiufe und Reden, S. 17f, 21,28f.; Ringer, Mandarine, S. 120ff., 177,179; Rürup, Geist, S. 2428; Mommsen, Geist, S. 411,417. Vgl. auch Jansen, Professoren und Politik, S. 114,136-139. Ringer, Mandarine, S. 177ff.; Schwabe, Wissenschaft, S. 35-38,42, Ш . , 174-177,180,184f; ders., Haltung, S. 622-625, 632; ders., Annexionismus; Mommsen, Geist, S. 412f., 415; Böhme, Aufiufe und Reden, S. 6-11, und Dathe, Philosoph, S. 54C Dieser Widersprach findet sich z. B. bei Mommsen, Geist, S. 416, 418. Vgl. auch ders., Einleitung, 3; ders., Historikerschafl, S. 43f., 52-58, und ders., Weltmachtstreben, S. 842fif., 871fiF. Ähnlich auch vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 650, 691, 704/Anm. 91, 706f; Fries, Katharsis 1, S. 21 Iff., 218,undRünip,Geist,S.21. Fries, Katharsis 1, S. 211. Vgl. auch Monmisen, Weltmachtstreben, S. 841, 843, und ders., Geist, S. 412£, 414£; V. See, 1789 und 1914, S. 112 (und АптУЗ. 131f); vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 706; Lübbe, Philosophie, S. 208; Sombart, Nikolaus: Geist von 1871 bis 1945 - ein deutscher Abweg?', in: Greive, Geist, S. 118-125, hier S. 118; Flasch, Mobilmachung, S. 280; Nolte, Ordnung, S. 69. Nur Rürup ftlhrt in bezug auf Kjellén aus, daß „1914" ,Jceine bloße Antitìiese", sondern eine Ergänzung und Vervollkommnung von „1789" sein sollte, vgl. Rürap, Geist, S. 20f ; und ders., Ideen, S. 136. Ähnlich auch Becker, Josef J.: Deutscher Sozialismus und das Problem des Krieges 1914-1918. Ein Beitrag zur Geschichte des politischen Denkens in Deutschland. Diss. Heidelberg 1957, S. 239ff., und in bezug auf Plenge: Schildt, Axel: ,3in konservativer Prophet moderner nationaler Integration. Biographische Skizze des streitbaren Soziologen Johann Plenge (1874-1963)", in: VfZ 35, 1987, S. 523-570, hier S. 532£ und 532/Anm. 73, wo er sich von Lübbe, Philosophie, S. 211, abgrenzt

Einleitung

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Grundlage fllr die vierte Standardthese, die Chauvinismusthese. Die deutschen Gelehrten hätten, so die Argumentation, einen „chauvinistischen .Kulturkrieg'" geführt, der durch die Diffamierung der Feinde Deutschlands und das Postulat einer „,deutsche[n] Sendung'" gekennzeichnet gewesen sei." Dieses Sendungsbevraßtsein wird oft mit der historischen „Ideologie des .deutschen Sonderweges'" in Verbindung gebracht.^^ Der Vorschlag, die ideenpolitische Kriegsdebatte im Zusammenhang mit der historiographischen „Kontroverse tlber den ,deutschen Sonderweg' zu diskutieren"," spiegelt die verbreitete Kontinuitätsthese wider, die fünfte und letzte Standardthese. Im Zusammenhang mit der Sonderwegsdiskussion wurden die „Ideen von 1914" häufig als gedankliche Vorläufer des Nationalsozialismus inteφretiert. Sie galten als Ausdruck von Grundüberzeugungen des deutschen Bürgertums, die von der Vorkriegszeit über die Kriegszeit bis „1933 und darüber hinaus" bestanden hätten.'® Aus dieser Perspektive lassen sich jedoch die kriegsbedingte Entwicklung der Ideen und die Auswirkungen von Kriegsniederlage und Revolution - und damit die Wandlungen der politischen Ordnungsvorstellungen - nur unzureichend erfassen. Die mit der Kontinuitätsthese oft verbundene moralische Verurteilung des „Geistes" und der „Ideen von 1914" als präfaschistische Ideologeme^' hat dazu geführt, daß eine systematisch-empirische Untersuchung der Inhalte der „Ideen von 1914" bislang nicht erfolgt ist. Bevor den akademischen Zukunftsentwürfen aber langfristige politische Folgen zugerechnet werden können, gilt es zunächst den materialen Gehalt und die Plausibilität der gelehrtenpolitischen Visionen zu bestimmen und anzuerkennen, daß viele Kriegsschriften „Reflexionen von großer Ernsthaftigkeit Uber den Zusammenbruch der europäischen Ordnung, die Krise der bürgerlichen Welt und viele der denkerischen Neuansätze" enthalten, „die erst in der Weimarer Republik zum Tragen kamen".''

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Jansen, Professoren und Politik, S. 112. Ähnlich auch Mommsen, Geist, S. Affli., 415; Krüga-, Dieter Nationalökonomen im wilhelminisdien Deutschland. Göttingen 1983, S. 193; Maier, Hans: .Jdeen von 1914 - Ideen von 1939? Zweierlei Kriegsanßnge", in: VfZ 38, 1990, S. 525-542, hier S. 259; Schwabe, Haltung, S. 632; Greive, Geist, S. 231,233; Fries, Katharsis 1, S. 208,215f., und Sieferle, Ideen, S. 153,157. Sombart, Geist, S. 120ffi, betont v. a. die Rolle des Antisemitismus. Vondung, Apokalypse in Deutschland, S. 196ff, 206f, deutet die professoralen Sinndeutungen als Ausdrack „apokalyptischei" Visionen von einer Erlösung der Welt durch den (deutschen) Geist im Kriege. Vgl. auch Stromberg, S. 52, 54£, 137ffi, 187. Mommsen, Geist, S. 408; vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 650,704 u. Anm. 91. Rünip, Geist, S. 30/Anm. 70. Vgl. auch Greive, Einleitung, S. 5,7,12. Böhme, Aufiufe und Reden, S. 34£ Vgl. auch v. See, 1789 und 1914, S. 114; Rürap, Ideen, S. 139ffi, ders., Geist, S. 29£; Fries, Katharsis 1, S. 217,219f ; Sombart, Geist, S. 118,22Ш. Vgl. auch vom Brocke, Wissenscdiaft und Militarismus, S. 704/Anm. 91; Mommsen, Geist, S. 411,417, 419f; ders., Weltmachtstrebai, S. 885-892; Eine stärkere Berücksichtigung des Kriegsverlaufe bictoi Weàxy, Geist von 1914, S. 23,317ff.. 336flF.; Vondung, Юаиз: ,J)eutsche i^kalypse 1914", in: ders.: Bildung^ürgertum, S. 153171, hier S. 169flf., ders., Apokalypse in Deutschland, S. 207-225, und Lübbe, Philosophie, S. 207-211, 234-238. Vgl. auch Schildt, S. 523fF., 551-570; Krüger, Nationalökonomen, S. 241-250. Rürup, Reinhard: ,J3ie Ideologisierung des Krieges: Die ,Ideen von 1914'", in: Böhme, HelmuWCallenberg, Fritz (Hg.): Deutschland und der Erste Weltkrieg. Darmstadt 1987, S. 139fF.; ders., Geist, S. 29f ; v. See, 1789 und 1914, S. 114; Mommsen, Geist, S. 411,417-420, sowie Greive, Einleitung, S. 5fiF., 12, und Sombart, Geist, S. 120ff: Sieg, Jüdische Intellektuelle, S. 7.

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Einleitung

Außerdem sind die Kontextbedingungen zu berücksichtigen sowie die Unterschiede zwischen den politischen Ordnungsentwürfen, welche die Debatte um die deutsche Zukunft prägten. Die Analyse der Kriegsschriften soll deshalb in dieser Studie streng systematisch erfolgen. Mit Blick auf Max Webers Postulat der Werturteilsfreiheit'' tritt das Interesse an politisch-moralischer Kritik der gelehrtenpolitischen Deutungsvorgaben hinter eine kategorial geleitete Analyse des politisch-sozialen Gehalts der „Ideen von 1914" und ihrer Wirkung zurück. In den Vordergrund rückt die Frage, inwieweit die irrational erscheinenden „Ideen" einen begrifflich rekonstruierbaren rationalen Kern enthalten und welche Wirkungsmacht ihnen zuzurechnen ist. Analytischer

Bezugsrahmen

Die von den deutschen Gelehrten im politischen Kommunikationsprozeß des Ersten Weitkrieges entfalteten „Ideen von 1914" sollen im Rahmen einer kulturgeschichtlich erweiterten Sozialgeschichte untersucht werden, welche die kognitive Struktur und die Diffiisionschance der Ideen in sich verändernden Handlungskontexten akzentuiert. Daher gilt es zunächst, den Begriff „Idee" als analytische Kategorie zu skizzieren, sowie die - vor allem der Kultursoziologie und der Politikwissenschaft entlehnten - Begriffe, Fragestellungen und Hypothesen vorzustellen, welche die Untersuchung leiten. Der Ideenbegriff gehört zu den Grundbegriffen aheuropäischer Philosophie.^" Nach Immanuel Kant sind Ideen immer von der Vernunft gebildet und wirken als regulative Prinzipien auf den Verstand ein: Als Sollvorschriften bewirken sie ein prinzipiengeleitetes, wertorientiertes Handeln der Menschen.®' Einen klassischen Ansatz zur Bestimmung von Ideen und ihrer sozialen Bedeutung enthält Max Webers „Religionssoziologie". Sein Diktum: „Interessen (materielle und ideelle), nicht: Ideen, beherrschen unmittelbar das Handeln der Menschen. Aber: die ,Weltbilder', welche durch ,Ideen' geschaffen wurden, haben sehr oft als Weichensteller die Bahnen bestimmt, in denen die Dynamik der Interessen das Handeln fortbewegte",®^ gilt als ein Kem-

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Weber, Max: ,J)ie ,Objektivitat' sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Ericenntnis", in: Gesammelte Au&ätze 211Г Wissenschaftslehre. Tübingen '1985, S. 146-214. Seit dem Zusammenbruch der idealistischen Systemspekulationen ist der Ideenbegriff weltanschaulich trivialisiert worden. Eine konsensföhige Definition des philosophischen BegriSs existiert nicht, vgl. Hirsch, Walter „Idee", in: TRE, Bd. XVI, 1987, S. 20-25; ders.: „Idee", in: Klings, Hemiann u. a. (Hg.): Handbuch philosophischer GrundbegrifiFe. Studienausgabe Bd. 3. München 1973, S. 709-720; Meinhardt, H. u. a: „Idee", in: Ritter, Joachim/Gründer, Karlfried (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 4. Darmstadt 1976, S. 55-134. Ebensowenig gibt es eine historische oder soziologische Definition, vgl. Sellin, Volker: .Alentalität und Mentalitätsgeschichte", in: HZ 24, 1985, S. 555-598, hier S. 579f, 584fiF.; Theimer, Walter: Geschichte der politischen Ideen. Bern, München 1955; Bnmner, Otto u. a. (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hier Bd. 3, Stuttgart 1982; Geiger, Theodor: Die Soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage. Stuttgart 1932, S. 77£; Berger, Peter L./Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wiridichkeit Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfiirt/M. '1996. Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Nach der 1. und 2. Original-Ausgabe neu hgg. von Raymund Schmidt Hamburg '1990. Weber, Max: Gesammelte Aufeätze zur Religionssoziologie [nachfolgend abgekürzt: GARS]. Bd. I. Tübingen ^ 1988, S. 252.

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satz in be2aig auf die Sozialrelevanz von Ideen. Ausgehend von der Prämisse, daß sowohl soziale als auch kognitive Strukturen für die Art individueller und kollektiver Lebensführung verantwortlich sind, konstatiert Weber eine Korrelation zwischen bestimmten Zukunftsvorstellungen und sozialem Handeln.® A m Beispiel der „Berufsethik des asketischen Protestantismus" zeigt er, wie aus einer religiösen Erlösungsvorstellung eine spezifisch rationale Berufs- und Wirtschaftsauffassung bürgerlicher Erwerbsschichten entstand." Ein zentrales Element von Ideen ist ftir Weber die Vorstellung künftiger „Erlösung". Sie repräsentiert das Gute schlechthin und richtet sich auf eine Zukunft im „irdischen oder paradiesischen künftigen Dasein". Eine solche „Erlösungs-Idee" ist nach Weber immer Ausdruck eines spezifischen .„Weltbildes"'. V o m Weltbild hänge ab, „,wovon' und ,wozu' man ,erlöst'" werden wolle. Es repräsentiert eine negative Interpretation der aktuellen Lebenssituation sowie der Vorstellung ihrer Überwindung. A l s Beispiel ftihrt er die Erlösung von „politischer und sozialer Knechtschaft zu einem diesseitigen messianischen Zukunftsreich" a n . " Die Befolgung spezifischer Verhaltensgebote, die aus der Idee abgeleitet werden, garantiert den Anhängern der Idee, dem verheißenen besseren Zustand näherzukommen.^® Für die Untersuchung der Entstehung und Wirkung von Ideen lassen sich aus Webers Religionssoziologie Strategien gewinnen, die M. Rainer Lepsius entfaltet und systematisiert hat.®' Die Analyse der Sozialrelevanz von Ideen ist, folgt man Lepsius, durch fünf analytische Schritte gekennzeichnet. Erstens gilt es, die kognitive Struktur der Idee, hier als Erlösungs- bzw. Ordnungsvorstellung bezeichnet, zu bestimmen, zweitem den aus der Idee folgenden Anspruch auf ein spezifisches Verhalten und drittens die Trägergruppen der Idee.®' Viertens ist die Wirkungs- d. h. Diffiisionschance der Idee zu prüfen. Die soziale Wirkung von Ideen hängt nicht allein von ihrem spezifischen Gehalt ab, sondern wird durch die herrschenden Kontextbedingungen entscheidend bestimmt. Ideen können sich wandehi, wenn diese sich verändern. Jede Veränderung kann zugleich Handlungskontexte schaffen, in denen das Handehi, das aus dem durch Ideen vermittelten Verhaltensgebot resultiert, in Funktionszusammenhänge eintritt, die in keinem Zusammenhang mehr mit den ursprünglichen Ideen stehen. Für die Durchsetzungschance von Ideen sind daher ihre Überzeugungskraft und das Selbstbewußtsein ihrer Trägergruppen, der „Neuerer", ebenso von Bedeutung wie die Entwicklung der sozialen Rahmenbedingungen.®' Schließlich und fünftens ist zu prüfen, ob von einer „Diffusion" durch „Institutionalisierung" der Idee gesprochen werden kann. Das ist der Fall, wenn es zu einer Veralltäglichung der Idee durch die Habitualisierung des ideellen Verhaltensgebots'" oder aber zu einer Umsetzung der Idee in Institutionen kommt. Als „In-

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Ebd., S. 34,12. Ebd., insbes. S. 17-207 u. 536-573. Ebd., S. 252 (alle Zitate ebd.), 253,259,274f., 571. Ebd., S. 82f., 86, lOlf., 116-128,135ff., 162-206. Lepsius, M. Rainer: „Interessen und Ideen. Die Zurechnungsproblematik bei Max Weber", in: ders., Interessen, Ideen und Institutionen, S. 31-43, insbes. S. 31£F., 38,42f. Ebd., Interessen und Ideen, S. 33fiF., 38f. Ebd., S. 36,38fi:(Zitat38). Es bildet sich ein .Habitus" (Weber, GARS I, S. 182,257, 261), wobei Weber zumeist von ,JLebensstil" (ebd., S. 62, 162f, 183, 203), ,J^benspraxis" (ebd., S. 79, 86, 186/Fn. 1, 164) bzw. ,JLebensfühnmg" (ebd., S. 12,62,86,163,183,186/Fn. 1,259,261,274) spricht

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stitutionen" werden nicht lediglich formale Organisationsgefllge gefaßt, sondern vor allem „Sozialregulationen"'' wie Normen und Verfassungen, welche die Werte und Geltungsansprüche einer politischen Ordnung repräsentieren und soziales Handeln strukturieren.'^ Die Durchsetzung von Ideen unterliegt einem Kampf um die Deutungsmacht innerhalb der Gesamtgesellschaft. In der Regel konkurrieren unterschiedliche politische Ordnungsvorstellungen miteinander, so daß die Auseinandersetzung um die politische Ordnung der Nation immer auch ein „Kampf um Kompetenzen" zwischen den Trägergruppen verschiedener Ideen ist,'^ in welchem die intellektuellen Eliten in besonderer Weise dazu „prädestiniert" sind, „die ,nationale' Idee zu propagieren", d. h. zur Konstruktion der Nation beizutragen.''' Geht man mit Benedict Anderson von der „Erfindung der Nation" sowie von der Annahme aus, daß eine Gemeinschaft von nominell Gleichen in Kommunikationsprozessen defmiert wird," kann man die Debatte um die innenpolitische Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg - und hier knüpft die Analyse der „Ideen von 1914" an die neuere Nationalismusforschung" an - als Konflikt rivalisierender Ordnungsideen im Prozeß der Konstruktion der Nation deuten. Die Debatte über die „Ideen von 1914" stellt, so die These, ein Ensemble inhaltlicher Aussagen über die „ideale" Ordnung der Nation dar, die bestimmte gesellschaftliche Gruppen durchzusetzen versuchten. Die Frage der künftigen politischen Struktur des Reiches war verbunden mit der Legitimation der aus den konkurrierenden Ordnungsideen abgeleiteten Reformvorschläge. Gelingt die Institutionalisierung neuer Werte „immer am besten im Namen traditionell akzeptierter Wertvorstellungen"," folgt daraus, daß die Diffiisionschance steigt, wenn die .Neuerer' ihre Zukunftsvorstellung an in der Gesellschaft verankerte Werte binden und dadurch legitimieren. Da Traditionen „nur gegen Traditionen aus-

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Rehberg, Karl-Siegbeit: „Institutionen als politische Ordnungen. Leitfiagen und Grundkategorien zur Theorie und Analyse institutioneller Mechanismen", in: Göhler, Gerhard: Die Eigenart der Institutionen. Zum Profil politischer Institutionentheorie. Baden-Baden 1994, S. 47-84, hier S. 49,56-65. Lepsius, M. Rainer: ,4nstitutionalisienmg und Deinstitutionalisierung von Rationalitälskriterien", in: Göhler, Gerhard (Hg.): Institutionenwandel. Opladen 1997, S. 57-69, hier S. 57£, 65-68; ders.: .Einleitung", in: ders., Eigenart der Institutionen, S. 7-15, hier S. 9£Г.; ders.: .politische Institutionen und ihr Kontext. Begriffliche und konzeptionelle Überlegungen zur Theorie politischer Institutionen", in: ebd., S. 19-46, hier S. 37f., 40£; Nedelmann, Birgitta (Hg.): Politische Institutionen im Wandel. Opladen 1996, S. 22K·, Chartier, Roger: ,i>ie Welt als Repräsentation", in: Middell, Matthias (Hg.): Alles Gewordene hat Geschichte. Die Schule der Annales in ihren Texten. Leipzig 1994, S. 320-347. Lepsius, Interessen und Ideen, S. 43. Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Gmndriß der verstehenden Soziologie. Tübingen M976, S. 530. Anderson, Erfindung der Nation, S. 15. Vgl. auch François, Etienne u. a.: ,JDie Nation. Vorstellungen, Inszenierungen, Emotionen", in: dies. (Hg.): Nation und Emotion. Deutschland und Frankreich im Vergleich. 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen 1995; Flacke, Monika (Hg.): Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. Beriin 1998; François, Etienne/Schulze, Hagen (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte. 3 Bde. München 2001. Wehler, Hans-Ulrich: Bibliographie zum Nationalismus. 8. Fassung (Juli 2000) für die ,Art)eitsgnippe Nationalismusforschun^' an der FakultätfilrGeschiditswissenschaft der Universität Bielefeld. Lepsius, Interessen und Ideen, S. 43. Vgl. auch Gilcher-Holtey, Ingrid: , Д е Nacht des 4. August 1789 im Schnit^junkt von Aufldänmg und Revolution. Zur Sozialrelevanz von Ideen", in: GG 27, 2001, S. 68-86, hier S. 83.

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tauschbar"^* sind, bedürfen Ideen wie die der Nation der Traditionserfindung.™ Jede neue Ordnungsidee muß in die bisherige Nationalgeschichte integriert werden, weil sie .„zugleich die Erinnerung der Gesellschaft'" ist.'° Politisch-gesellschaftliche Extremsituationen wie der Erste Weltkrieg begünstigten die Verknüpfung von Zukunftserwartung und Vergangenheitsdeutung. Im Moment eines gesteigerten Nationalismus kam es zu einseitigen, oft unwissenschaftlichen, aber pointierten historisch-kulturellen Begründungen der angestrebten neuen nationalen Gemeinschaft. Folgt man Maurice Halbwachs, der in seinen Studien über die „sozialen Bedingungen" des Gedächtnisses" akzentuiert, daß Erinnerungen immer eine „Rekonstruktion der Vergangenheit mit Hilfe von der Gegenwart entliehenen Gegebenheiten"'^ darstellen, hängt es vom aktuellen Handlungskontext und den Gegenwartsinteressen ab, welche Ereignisse oder Personen der Vergangenheit in welcher Form erinnert oder aber vergessen werden.*^ Es ist deshalb filr eine Analyse der „Ideen von 1914" wichtig zu untersuchen, wie die deutschen Gelehrten ihre Reformideen durch die Inanspruchnahme gesellschaftlich bereits verankerter Werte, durch den Bezug auf Nationalhelden, nationale Traditionen und bestimmte, positiv konnotierte historische Ereignisse zu legitimieren versuchten. „Soziale Bedingungen" beeinflussen auch die Inklusions- und Exklusionsmechanismen von Gruppen. Georg Simmel hat gesellschaftliche Ein- und Ausgrenzungsprozesse untersucht und festgestellt, daß auch der Fremde innerhalb des sozialen Rahmens fixiert, d. h. „ein Element der Gruppe selbst" ist." Allerdings ist seine Position dadurch gekennzeichnet, daß er „nicht von vornherein" dazugehört. Eine „unsichtbare Grenze" (Etienne François)

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Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in fitlhen Hochkulturen. München 1992, S. 42. Hobsbawm, Eric/Ranger, Terence: The Invention of Tradition. Cambridge 1993. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S. 42. Vgl. auch GrciflFenhagen, Martin/Sylvia; Ein schwieriges Vaterland. Zur politischen Kultur Deutschlands. München ^1979, S. 19. Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Beriin, Neuwied 1966; ders.: Das kolleküve Gedächtnis. Frankfiiit/M. 1991. Er grenzt das ,Jcollektive" vom .historischen Gedächtnis", der Geschichtsschreibung, ab. Daß dieses eben&lls sozial konstruiert ist, haben zuletzt Assmann und Burke betont In der voriiegoiden Analyse wird Halbwachs' Unterscheidung als idealtypische Trennung zweier interdependenter Bereiche beibehalten. Halbwachs, Das kollektive Gedächtnis, S. 64fF., 73, 75, 99f Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S. 42-45; Burice, Peter Geschichte als soziales Gedächtnis, in: Assmann, Aleida/Hailh, Dietrich (Hg.): Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung. Frankfurt/M. 1991, S. 289-304, hier S. 290ff., 298/Anm. 190. Halbwachs, Das kollektive Gedächtnis, S. 55f Vgl. auch Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S. 42-45; Butke, S. 297, 299fF.; Schmidt Siegfried J. (Hg.): Gedächtnis. Probleme und Perspektiven der interdisziplinären Gedächtnisforschung. Frankfiirt/M. ^1992, S. 50£f. Neben sozialer Erinnerung existiert auch eine .^oziale Amnesie" (Burice): Unangenehme Erinnerungen werden entweder unterdrückt oder verdrängt Als eine „seiegierende Kraft" wirkt hierbei der emotionale Faktor, wie David Rapaport betont hat Vgl. Burice, S. 299, und Rapaport, David: Gefühl und Erinnerung. FrankfurtM 1994, S. 29,62f., 318-321,147,155-170,172f Simmel, Georg: Soziologie. Frankfiirt/M. 1992, S. 696f., 700,49f. (Zitat S. 765). Der ,3xistenzraum" der Gruppe grenzt nach außen ab und stiftet nach innen Gemeinschaft Ebd., S. 17ΑΕ, 44fif., 151flf., 56, 687f., 703,694flF.

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trennt ihn von den übrigen Gruppenmitgliedem.'^ Im folgenden wird deshalb gefragt, mit welchen Inklusions- und Exklusionskriterien die deutschen Gelehrten ihre imaginierte nationale Gemeinschaft im Krieg zu legitimieren suchten. Da die Stabilität der inneren Ordnung von Gruppen ferner aus einem „instituierten Innen-Außen-Verhältnis"'® resultiert, wird auch geprüft, wie der Vergleich des .Eigenen' mit dem ,Anderen' der kollektiven Selbstvergewisserung diente. Während es in Friedenszeiten háuñg Phasen gibt, in denen eine transkulturelle Übertragung von Kulturgütern zwischen zwei oder mehreren Nationen durch positives Interesse am anderen begünstigt wird,'^ stellte der Erste Weltkrieg eine Situation dar, in der es den Deutungseliten der kriegfiihrenden Länder vor allem auf Abgrenzung nach außen ankam. Sie betrachteten es als ihre Aufgabe, das Spezifische der eigenen, als überlegen gedeuteten Kultur im Kontrast zum Feind zu bestimmen, fremde Kultureinflüsse aus ihrer Nationalkultur herauszudrängen und die Rezeption von Kulturgütern der Feindstaaten einzudämmen oder umzudeuten. Die kulturelle Interaktion in negativer Absicht wird hier als „negativer Kulturtransfer" bezeichnet; ein keineswegs pejorativ gemeinter Begriff, der unterstreichen soll, daß der Bezug auf kulturelle Werte des anderen diesen in Krisen- und Kriegszeiten zum bloßen Medium der Positionierung des eigenen Selbst macht. Die Herausarbeitung der den „Ideen von 1914" zugrundeliegenden unterschiedlichen Selbst- und Feindbilder gehört deshalb ebenso wie die Darstellung der Traditionserfmdungen zur Analyse der von den Gelehrten verkündeten politischen Zukunftsvorstellungen, handelt es sich bei den „Ideen von 1914" doch um eine sinnstiftende, Erlösung verheißende Ordnungsidee, die auf Erinnerungen und Traditionen beruhte und in Abgrenzung zur Gegenwart konstruiert wurde. Als vorgestellte ideale Gemeinschaft der deutschen Nation sollte sie dazu beitragen, kollektive Identität zu verbürgen und die filr jede Identitätskonstruktion grundlegende Unterscheidung von innen und außen, eigen und fremd, zu leisten. Um das emotionale Engagement der Gelehrten zu vermitteln, kommen die Verfasser der Kriegsschriften häufig durch Originalzitate zu Wort." Ihre Äußerungen werden in eine systematischen Ordnung gebracht, welche mit den Kategorien „Weltbild", „Selbst-ZFeindbild" und „Zukunftsbild" den spezifischen Problemstellungen folgt, die den ideenpolitischen Diskussionszusammenhang strukturierten. Der Begriff „Weltbild" bezeichnet hier die Gegenwartsinteφretation durch die Trägergruppe der Ideen und beruht auf einer idealtypischen Unter-

es

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Ebd., S. 765. Als klassisches Beispiel des .fremden" nennt Simmel die Juden, ebd., S. 756C Zur „unsichtbaren Grenze" zwischen konfessionellen Gruppen vgl. François, Etienne: Die unsichtbare Grenze. Protestanten und Katholiken in Augsburg 1648-1806. Sigmaringen 1991. Rehberg, S. 67. Vgl. auch Göhler, Politische Institutionen, S. 33flF.; Jeismann, Michael: Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792I9I8. Stuttgart 1992, S. 374-377. Espagne, Michel: „Sur les limites du comparatisme en histoire culturelle", in: Genèses 17, 1994, S. 112121; ders^Werner, Michael: ,J)eutsch-fianzösischer Kulturtransfer im 18. und 19. Jahihundert. Zu einem neuen interdisziplinären Forschungsprogramm des C.N.RS.", in: Francia 13,1985, S. 502-510; dies., Kulturtransfer als Forschungsgegenstand, S. 11-34, hier S. 2lfiF., 29fif.; Jeismann, Vaterland, S. 334fiF., 374384; Haupt, Heinz-Gerhard/Kocka, Jürgen (Hg.): Geschichte und Vergleich. Ansätze und Ergebnisse international vergleichender Geschichtsschreibung. Frankfiut/M., New York 1996. Um ein unruhiges Schriftbild zu vemieiden, wurden Hervorhebungen in den Zitaten gelöscht

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Scheidung zwischen Gegenwart und Zukunft, um die jeweiligen Inhalte klar herauszuarbeiten. Dem hier skizzierten analytischen Bezugsrahmen folgend wird im ersten Teil die Entstehungsphase der kriegspolitischen Ideen zwischen August 1914 und Mitte 1916 untersucht. Gezeigt wird, wie die sich im August 1914 abzeichnende „Möglichkeit des Neuen"'' von den Gelehrten als Chance aufgefaßt wurde, einen Institutionenwandel durchzusetzen. Im Zentrum des zweiten Teils steht die Analyse des Gehalts und der Wirkung der Ideen unter den veränderten Kontextbedingungen der zweiten Kriegshälfte, zu denen auch die Spaltung der Gelehrtenschaft in zwei Lager gehörte. Die Zäsur der Jahresmitte 1916 ist dadurch begründet, daß im Frühjahr 1916 die umfassendsten, aber zugleich auch letzten programmatischen Definitionen der „Ideen von 1914" erschienen und die Entstehungsphase der „Ideen von 1914" damit ihren Abschluß fand. In beiden Phasen sind in bezug auf das Weltbild àa Gelehrten ihre Stellungnahme zur Kriegsschuldfrage, ihre Reaktion auf die alliierte Propaganda und ihre Darstellung außen- und innenpolitischer Ereignisse von besonderem Interesse. Problematisiert wird, ob sich in der kriegspublizistischen Debatte eine neue Dimension intellektuellen Engagements in Deutschland erkennen läßt. Das Selbst- und Feindbild der Gelehrten wird jeweils in bezug auf den inneren wie den äußeren Feind sowie vor dem Hintergrund ihrer Traditionserfindung und ihrer Bewertung des „Augusterlebnisses" analysiert. Darauf aufbauend wird schließlich das Zukunftsbild der Gelehrten rekonstruiert: Herausgearbeitet werden jeweils die Verhaltensgebote, d. h. die impliziten Reforminhalte ihrer Ideen, deren Diffusionschance und mögliche Institutionalisierung. Sieht man von den außenpolitischen Zukunftsvorstellungen und den Gedanken zu einer deutschen „Sendung" ab, richtet sich das Erkenntnisinteresse in diesem Abschnitt vor allem auf die innenpolitischen Reformvorstellungen und ihren Wandel im Verlaufe des Krieges. Ein besonderer Akzent wird auf die Erfassung der spezifischen Mischung autoritärer, korporativer und demokratischer Elemente gelegt, welche die ideenpolitische Debatte der Kriegszeit kennzeichnete. Gefragt wird, welche der politischen Vorstellungen unter den Gelehrten konsensfähig, welche umstritten waren. Mit anderen Worten: Kam es möglicherweise zu einer Umsetzung bestimmter Forderungen in gesellschaftliche Institutionen, so daß die im Krieg verkündeten Ideen als historische „Weichensteller" (Weber) wirkten? Gezeigt wird, daß der kriegsbedingt verstärkte Nationalismus eine Debatte über die Legitimität der bestehenden politischen Ordnung evozierte und bereits mit der Formulierung der „Ideen von 1914" eine innenpolitische Reformdebatte einsetzte, die in der Forschung bisher nur als Parlamentarisierungsdebatte der Jahre 1917/18 untersucht worden ist. Keineswegs inhaltlich so diffus wie oft unterstellt, repräsentierten die „Ideen von 1914" vielmehr eine innenpolitische Ordnungskonzeption, welche die Klassengesellschaft des Kaiserreichs nachhaltig delegitimierte und ihr das koφorative Konzept einer „Volksgemeinschaft" gegenüberstellte, die trotz partizipatorischer Elemente als Frühform eines totalitären Staates gedeutet werden kann. Deshalb werden die „Ideen von 1914" auch nicht als Oberbegriff sämtlicher im Kriege entstandener Zukunftsvisionen aufgefaßt, sondern als Bezeichnung für 89

Bourdieu, Homo academicus, S. 258 (Zitat), 276,283flF., 287fif. Vgl. auch Vietliaus, Rudolf: .Jlandlungsspielräume. Zur Rekonstruktion historischa· Prozesse", in: HZ 237, 1983, S. 289-309, hier S. 297; Raschke, Joachim: Soziale Bewegungen. Ein historisch-systematischer Gnindriß. Frankfurt/M., New Yoik ^1988,S.364fiF.

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eine spezifisch kommunitär ausgerichtete Ordnungsidee der ersten Kriegshälfte. Seit Mitte 1916 als Vision einer inklusiven Volksgemeinschaft von der Idee einer ethnisch definierten, exklusiven Volksgemeinschaft überlagert, finden sich bereits verschiedene Topoi und Argumente, die gemeinhin mit der „Konservativen Revolution"'" und dem Radikalnationalismus der 20er Jahre" in Verbindung gebracht werden. Insofern war die Zäsur von 1918 ideenpolitisch gesehen weniger stark als die des Jahres 1914. Niederlage und Revolution sowie die Gründung der Weimarer Republik und die Versailler Nachkriegsordnung wirkten gleichwohl als Katalysator und verschärften die politische Polarisierung, die bereits in der zweiten Kriegshälfte eingesetzt hatte. Von einer direkten Kausalbeziehung zwischen den „Ideen von 1914" und dem Nationalsozialismus kann nicht gesprochen werden, aber die ideenpolitischen Debatten in der Weimarer Republik sind ohne die durch die „Ideen von 1914" ausgelöste politische Heilserwartung nicht angemessen zu deuten.

"

Dabei handelte es sich nicht um ,Jconservative" Vorstellungen im eigentlichen Wortsinn, sondem vielmehr um Fonnen eines ,^leuen Nationalismus". Vgl. Breuer, Stefan: Anatomie der konservativen Revolution. Darmstadt 1993, S. 13f., 49fF., ISOfiF. Wehler, Radikalnationalismus, S. 5 Ifif.

TEIL I KJUEGSBEGINN UND NATIONALE INTEGI^TION: DIE ENTSTEHUNG DER ORDNUNGSIDEEN 1 9 1 4 BIS 1 9 1 6

Sommer 1914. In der Nacht vom 3. auf den 4. August 1914 endet eine der längsten Friedensperioden zwischen den europäischen Großmächten. Durch den deutschen Einmarsch in das neutrale Belgien und die Kriegserklärungen an Rußland und Frankreich erscheint die „nervöse Großmacht" (Volker Ulbich) vor der Weltöffentlichkeit als Aggressor. Es gelingt Reichskanzler Theobald v. Bethmann Hollweg nicht, die englische Neutralität zu sichern.' Durch den Kriegseintritt Großbritanniens sieht man sich im Reich in der Ansicht bestätigt, Opfer einer seit der Jahrhundertwende betriebenen „Einkreisung" zu sein. Die aufgrund der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni ausgelöste „Julikrise" hat England, davon ist man überzeugt, dazu ausnutzen wollen, die Schlinge endgtlltig zuzuziehen. Dementsprechend sehen die Deutschen ihr Land in der Position des Verteidigers, der von seinen aggressiven Nachbarn unter Führung Englands seiner Machtstellung und seines Wohlstandes beraubt werden soll.^

Zur Entstehung des Krieges vgl. Ullrich, Volker: Die nervöse Großmacht 1871-1918. Aufetieg und Untergang des deutschen Kaiseneichs. Frankfijrt/M. 1999. S. 250-269; Wollstein, Günter: Theobald von Bethmann Hollweg. Letzter Erbe Bismarcks, erstes Opfer der Dolchstoßlegende. Göttingen/Zürich 1995, S. 82-104; Wilson, Keith: Decisions for War, 1914. London 1995; Mai, Gunther: Das Ende des Kaiserreichs. Politik und Kriegfühnmg im Ersten Weltkrieg. München ^1993, S. 9-35; Ferro, Marc: Der große Krieg. Frankfiirt/M. 1988, S. 11-90; Erdmann, Weltkrieg, S. 19-98; Fischer, Weltmacht, S. 46-108; Geiss, Imanuel (Hg.): Juli 1914. Die europäische Krise und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. München 1965; Hiidebrandt, Klaus: ,Julikrise 1914. Das europäische Sicheiheitsdilemma", in: GWU 36, 1985, S. 469502; Wehler, Kaiseneich, S. 192-212. Ludwig, Emil: Juli 14. Vorabend zweier Weltkriege. Hamburg 1961; Gerard, James W.: My Four Years in Gennany. London u. a. 1917, S. 92£; Tuchman, Barbara W.: August 1914. London 1993, S. 132f ; Verhey, Geist von 1914, S. 116ff.; Nipperdey, Geschichte II, S. 693ff.; Wehler, Gesellschañsgeschichte III, S. 1167.

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Kriegsbeginn und nationale Integration: Die Entstehung der Ordnungsideen 1914 bis 1916

1 Weltbild: Die Bedrohung von außen und der „Burgfrieden" im Innern

Wie sich die politische Situation der Mehrzahl der Deutschen darstellte, war sie indes nicht. Als die Nachricht von der Ermordung Franz Ferdinands durch die Presse ging, glaubte man in Europa noch nicht, daß sich daraus eine große Krise entwickeln würde. Hinter den Kulissen begannen jedoch in allen europäischen Staaten vielfältige Aktivitäten, um einerseits die Krise zu begrenzen, andererseits aber diplomatische Vorteile aus ihr zu ziehen. Auf deutscher und österreichisch-ungarischer Seite sah man in dem Attentat eine willkommene Gelegenheit, mit Serbien, dem Grund vieler Krisen, ein für allemal abzurechnen. Dennoch war man sich in der politischen Führung Deutschlands zu Beginn der Julikrise keineswegs einig, wie man reagieren sollte. Zwar ahnte Bethmann Hollweg, daß nur der Anfang kontrollierbar und der Rest ein ,„Sprung ins Dunkle'"' sein werde, aber seine Regierung hatte der Donaumonarchie dennoch bereits im Juli ihre unbedingte Unterstützung zugesichert - ein Versprechen, das als „Blankoscheck" in die Geschichtswissenschaft eingegangen ist. Aufgrund der verbreiteten Einkreisungsfiircht setzte sich in Deutschland rasch die Überzeugung durch, die Krise - „Jetzt oder nie"·* - zum Befreiungsschlag zu nutzen.^ Für Deutschland war es dabei sowohl außenpolitisch-militärisch als auch innenpolitisch entscheidend, als Angegriffener zu erscheinen. Deshalb verfolgte die Reichsleitung eine Politik, die man frei nach Robert Musil als doppelte „Parallelaktion"' bezeichnen kann: Die Reichsleitung bemühte sich offiziell, sowohl gegenüber den Westmächten und Rußland als auch der eigenen Öffentlichkeit und der Sozialdemokratie, um Konfliktvermeidung durch Vermittlung, während sie inoffiziell und unter Ausschluß der Öffentlichkeit wie des Reichstages ihre Schritte mit der österreichisch-ungarischen Regierung abstimmte und eine Außenpolitik des „kalkulierten Risikos" betrieb. Die Reichsregierung nahm „bewußt das Risiko eines großen Krieges"' in Kauf, weil sie - und das ist die entscheidende Ergänzung - subjektiv davon „überzeugt war, einem Gebot der Existenznotwendigkeit zu gehorchen, das ihr selbst... politisch irrtümlich, aber mit voller Überzeugung als letzten Endes defensiv erschien".*

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Zit in: Stürmer, Michael: Das rahelose Reich. Deutschland 1866-1918. Berlin 1994, S. 370. Kaiser Wilhelm П., zit in: Stümier, Das ruhelose Reich, S. 369. Fischer, Weltmacht, S. 46-78; Mai, Ende, S. 9-14, 29; Geiss, Krise, S. 34fiF.; Nippetdey, Geschichte II, S. 683-699. Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften, in: ders., GW 1, hgg. von Adolf Frisé, Reinbek 1981, S. 87. Fischer, Weltmacht, S. 60. Herzfeld, Hans: Der Erste Weltkrieg. München 1%9, S. 38.

Weltbild: Die Bedrohung von außen und der „Burgfrieden" im Innern

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Das Ziel, als der Angegriffene dazustehen, erreichte die Reichsleitung nur mnenpolitisch. Die russische Generalmobilmachung am 31. Juli schien zu bestätigen, daß ein russischer Angriff unmittelbar bevorstehe. Der im Reich verkündete „Zustand drohender Kriegsgefahr" entsprach einer verbreiteten Stimmung, der sich auch die SPD nicht entziehen konnte. Es kam zu verschiedenen Absprachen zwischen der Reichsleitung und der SPD-Reichstagsfraktion sowie zur Vereinbarung, daß die Regierung die Organisation und Presse der SPD nicht antasten werde, wenn diese im Gegenzug die Mobihnachung nicht behindere.' Mit Beginn der deutschen Mobihnachung am 1. August konnte es für die SPD nicht mehr um die Verhinderung des Krieges, sondern nurmehr um ihre Haltung zu ihm gehen.'" Aufgrund der einseitigen Information durch die Regierung „mußte der Mann auf der Straße, mußte auch der liberale oder sozialdemokratische Abgeordnete sich sagen: Ja, wir smd meuchlings überfallen! Auf zur Verteidigung des angegriffenen Vaterlandes!"" In diesem Bevraßtsein stimmten die Sozialdemokraten mit den anderen Fraktionen am 4. August geschlossen für die Bewilligung der Kriegskredite.Während die Einstimmigkeit der Kreditbewilligung einen innenpolitischen Erfolg der Reichsleitung darstellte, bedeutete der Kriegseintritt Englands am gleichen Tage einen Mißerfolg ihrer Außenpolitik. Die doppelte „Parallelaktion" war in außenpolitischer Hinsicht gescheitert, in innenpolitischer Hinsicht aber höchst erfolgreich. Die am 2. August begonnene militärische Mobilmachung verlief insgesamt planmäßig und schien seit dem 4. August von einer gesamtgesellschaftlichen Mobilisierung begleitet zu werden. Gerade die Organisationen und Vertreter bisher benachteiligter oder marginalisierter Bevölkerungsgruppen wie die „Deutsche Friedensgesellschaft", die katholische Kirche, der „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und die deutschen Frauenvereine sprachen sich in den ersten Kriegswochen für die Unterstützung der deutschen Kriegsanstrengungen aus. In einem dezidiert staatstreuen Verhalten während des Krieges erblickten sie die Chance, ihre gesellschaftliche Isolation zu überwinden." Unter Schriftstel-

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Miller, Susanne: Burgfrieden und Юа$5епкап1р£ Die deutsche SoziaJdenrakratie im Ersten Weltkrieg. Düsseldorf 1974, S. 41ff.; Groh, Dieter Negative Integration und revolutionärer Attentismus. Frankfurt/ M., Berlin 1973, S. 577-729; Nipperdey, S. 780fiF. Miller, Susanne (Beaib.): Das Kriegstagebuch des Reichstagsabgeordneten Eduard David 1914 bis 1918. Düsseldorf 1966, S. 5-10; Matthias, Erich/Pikart, Eberhard (Bearb.): Die Reichstagsfraktion der deutschen Sozialdemokratie 1898 bis 1918. Düsseldorf 1966, S. CXLVI-CIL u. 3f Ludwig, S. 181. Miller, Burgfrieden, S. 40-61; Gerlach, Hellmut v.: Die große Zeit der Lüge. Der Erste Weltkrieg und die deutsche Mentalita (1871-1921), hgg. von Helmut Donat und Adolf Wild. Bremen 1994, S. 34-40, 121128, 163. Pohl, Karl Heinrich: ,X)ie Reichstagserklärung der sozialdemokratischen Fraktion vom 4.8.1914", in: GWU 35,1984, S. 758-775, hierS. 760. Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.): August 1914. Ein Volk zieht in den Krieg. Berlin 1989; Ulrich, Bernd: ,J)ie Desillusionierung der Kriegsfreiwilligen", in: Wette, Wolfran (Hg.): Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militäi^hichte von unten. München 1995, S. 110-126; Carsten, F. L: War Against War. British and German Radical Movements in the First World War. London 1982, S. 18f; Hürten, Heinz: ,J)ie b tholische Kirche im Ersten Weltkriege, in: Michalka, S. 725-735; Picht, Clemens: ,^wischen Vaterland und Volk. Das deutsche Judentum im Ersten Weltkrieg;", in: Michalka, S. 736-755; Nägler, Frank (Beaib.): Deutsche Jüdische Soldaten. Von der Epoche der Emanzipation bis zum Zeitalter der Weltkriege. Potsdam 1996.

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lem und Dichtem kam es zu einer „poetischen Mobilmachung" (Julius Bab). Ihre Themen waren die Darstellung der neuen deutschen Einigkeit, die Verklärung von Pflichterfüllung und Opferbereitschaft sowie die kulturelle Abgrenzung von den Feinden, wobei vor allem Emst Lissauers „Haßgesang gegen England" Verbreitung fand.'^ Überhaupt hatte die Abwehr fremder Kultureinflüsse Konjunktur; eine Eindeutschungswelle grifl" um sich und wurde von einer kollektiven Spionagehysterie begleitet.'^ Theologen beider Konfessionen hielten zahlreiche Kriegspredigten, in denen sie die .deutsche Sache' als gerecht vor Gott legitimierten.'' Auch das Gros der Künstler, Journalisten und Publizisten konnte sich der „Suggestion der Ereignisse" (Rudolf Hilferding) nicht entziehen. Viele meldeten sich freiwillig oder stellten ihre Kunst in den Dienst am Vaterland." Selbst Emil Ludwig, nachmaliger Kritiker der deutschen Juli-Politik, bezeichnete das Erlebnis des Kriegsbeginns zunächst als einen unauslöschlichen „moralischen Gewinn".'* In der Bevölkerung insgesamt war die Stimmungslage allerdings unterschiedlich. Je nach Region, Schichtzugehörigkeit und persönlicher Betroffenheit schwankte sie zwischen Angst, Begeisterung, Fatalismus, Stolz, Ärger, Resignation und Zuversicht." Gleichwohl wurde der Ereignisverlauf zwischen dem 2. und dem 31. August - der Mobilmachung und dem Sieg bei Tannenberg - insgesamt als Ausnahmesituation erlebt. Da die unterschiedlichen Erfahrungen die Einordnung in einen Sinnzusammenhang verlangten, wurden die ,^ugusterlebnisse" retrospektiv zu einem Gesamterlebnis zusammengefaßt^" und das Phänomen nationaler Einheit - in allen kriegführenden Staaten wahrgenommen^' - in Deutschland pathetisch als „Burgfrieden" bezeichnet. Die Transformation

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Vgl. hierzu Fries, Katharsis I und Π; Koester, Literatur und Weltkri^ideologie; Ottenheym/Schallenberger, Nation im Kampf, S. 25-45; Nach zeitgenössischen Schazungen entstanden im August ca 1,5 Millionen Kriegsgedichte, vgl. Fischer, Vemunft, S. 52, und Utz, Spiegel des Haßgedichts, S. 373-423. Mai, Ende, S. 23f; Verhey, Geist von 1914, S. 133-155; Ullrich, Großmacht S. 268f.; Geriach, Lüge, S. 34-40, 71-77, 105-113; Klemperer, Victor: Curriculum Vitae. Erinnerungen. Bd. 2: 1881-1918, hgg. von Walter Nowojski, Berlin 1996, S. 178-198; Toller, Emst: Eine Jugend in Deutschland. Reinbek 1978, S. 38-42. Zuckmayer, Carl: Als war's ein Stück von mir. Hören der Freundschaft. Frankfurt/M. 1996, S. 241fif. Zum Engagemait der Theologen vgl. Hammer, Kriegstheologie; Pressel, Wilhelm: Die Kriegspredigt 1914-1918 in der evangelischen Kirche Deutschlands. Göttingen 1967; Missalla, Heinrich: „Gott mit uns". Die deutsche katholische Kriegspredigt 1914-1918. München 1968; Gerlach, Lüge, S. 52-57. Mai, Ende, S. 20 (Hilferding-Zitat); Veihey, Spirit, S. 218,231-234; Коаук, Kurt: Deutsche Pressepolitik im Ersten Weltkrieg. Düsseldorfl968, S. 112flf:; Deak, Left-Wing Intellectuals, S. 66ffi Ludwig, Emil: ,JDer moralische Gewinn", in: BT 392,5.8.1914. Verhey, Geist von 1914, S. 116fiF., 129-193; Kruse, Wolfgang: ,^ίriegsbegeisterung? Zur Massenstimmung bei Kriegsbeginn", in: ders. (Hg), Eine Welt von Feinden. Der Große Krieg 1914-1918. Frankfiirt/ M. 1997, S. 159-166; Geinitz, Christian: Kriegsfiircht und Kampfbereitschaft. Das Augusterlebnis in Freiburg. Eine Studie zum Kriegsb^inn 1914. Essen 1998; Ziemann, Benjamin: Front und Heimat Ländliche Kriegserfehrungen im südlichen Bayem 1914-1923. Essen 1997; Stöcker, Michael: ,Augusterlebnis 1914" in Darmstadt Legende und Wirklichkeit Darmstadt 1993. Zur Konstruktion des Augusteriebnisses vgl. Teil I, Kap. 2.1.2. Stümier, Das ruhelose Reich, S. 377; Jeismann, Vaterland, S. 299-318, 344, 349-358; Becker, JeanJacques: „Union sacrée et idéologie bourgeoise", in: RH 535,1980, S. 65-74; ders.: Comment les Français sont entrés dans la guerre, Paris 1977; Wallace, Stuart: War and the Image of Gemiany. British Academics 1914-1918. Edinbuiih 1988, S. 24flF.

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der deutschen Friedens- in eine Kriegsgesellschaft leitete eine allgemeine Umbruchssituation ein. Zwar stärkte das einstimmige Votum für die Kriegskredite zunächst das bestehende Institutionensystem, beinhaltete aber durch das implizite Integrationsversprechen des Kaisers, fortan keine Parteien, sondern „nur Deutsche" zu kennen,^^ ein grundsätzliches Reformangebot an die ehemaligen .Reichsfeinde'. Die plötzlich vorhandene „Möglichkeit des Neuen" (Bourdieu), das Zurücktreten politischer Einzelinteressen hinter die gemeinsame Aufgabe der Verteidigung und die damit scheinbar verbundene Überwindung tradierter innenpolitischer Konflikte, erforderte eine verbindliche Deutung, welche sich insbesondere die Gelehrten zur Aufgabe machten. So begann neben der allgemeinen militärischen Mobilmachung im August auch die „Mobilmachung der Geister".

1.1 Die „Mobilmachung der Geister" im August 1914 Am 3. August, dem Stiftungstag der Berliner Universität, sprach der Rektor Max Planck. In der überfiillten Aula herrschte „höchste Erregung und Spannung". Viele Professoren und Studenten standen unmittelbar vor dem „Auszug in den Krieg". Sie und ihre Familienangehörigen warteten auf ein Wort des Rektors, „das der Stunde gemäß sein und ihnen die Hoffnungen und Wünsche der Köφerschaft würdig zum Ausdruck bringen" sollte.^' Zunächst hielt der berühmte Physiker einen wissenschaftlichen Vortrag ohne Bezug zur politischen Gegenwart. Dann aber wandte er sich „mit einem ganz sparsamen, aber um so tiefer ergreifenden Pathos dem zu, was alle Gemüter" bewegte.^·* „Wir wissen nicht," sagte er, „was der nächste Morgen bringen wird; wir ahnen nur, daß unserem Volke in kurzer Frist etwas Großes, etwas Ungeheures bevorsteht, daß es um Gut und Blut, um die Ehre und vielleicht um die Existenz des Vaterlandes gehen wird"." Die Veranstaltung endete mit der Verabschiedung der zum Kriegsdienst einberufenen Studenten und dem gemeinsam gesungenen Deutschland-Lied: „[H]ell und jung tönten die Stimmen der Studenten, und mit ihnen vereinigten sich die Stimmen der Lehrer. Sie standen in ihren Talaren, durchgearbeitete, von geistigem Ringen geprägte Köpfe: Waldeyer, Kahl, Lasson, Gierke, Delbrück, Hamack und viele Andere; zu vorderst Ulrich von Wilamowitz's fein gemeißeltes Gesicht, über das, während er singt, die schweren Tränen rollten Am selben Tage appellierten die Rektoren und Senate der bayerischen Universitäten an die akademische Jugend: „Kommilitonen! Die Musen schweigen ... [Es] entbrennt aufs neue der Furor Teutonicus. Die Begeisterung der

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So äußerte sich der Kaiser vor da· Reichstagssitzung am Moigen des 4. August in seiner Thronrede im Berliner Schloß, zum Text: Thissen, Otto: Mit Heiz und Hand fürs Vaterland! Zeitbilder des Weltkriegs 1914. Köln 1915, S. 103f. Vgl. auch Verhey, Geist von 1914, S. 261ff. Hamack, Axel von: .Erinnerungen an Max Planck", in: PhysBll 4, 1948, hier S. 170; Hermann, Armin: MaxPlanck, Reinbek *1995, S. 51f Zahn-Hamack, Agnes v.: Adolf von Hamack. Beriin ^951, S. 345. Planck, zit in: Stem, Fritz: .JDas Pflichtgefühl des Gelehrten. Von den ЬШ^егИсЬеп Selbstverständlichkeiten bis in den Schatten des Schreckens: Max Planck, ein deutscher Lebenslauf', in: FAZ 266,15.11.1997. Zahn-Hamack, S. 345. Vgl. auch Hemiann, Planck, S. 5 If.

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Befreiungskämpfe lodert auf, der heilige Krieg bricht an"." Auch der Rektor der als liberal geltenden Heidelberger Universität, Eberhard Gothein, organisierte am 3. August eine öffentliche patriotische Kundgebung mit Studenten und Vertretern der Stadt, während man in Tübingen das Semester bereits am 1. August vorzeitig beendet hatte.^' Zahlreiche Studenten meldeten sich freiwillig. „Das ist jetzt einfach unsere Pflicht", schrieb ein Leipziger Jurastudent am 7. August an seine Eltern. „Wir werden siegen! Das ist bei solch kraftvollem Willen zum Sieg gar nicht anders möglich. Meine Teuren, seid stolz, daß Ihr in solcher Zeit und solchem Volk lebt und daß Ihr auch mehrere Eurer Lieben in diesen stolzen Kampf mitsenden dUrft."^' Aber auch Professoren eilten zu den Fahnen, wie z. B. der Marburger Jurist Johann Viktor Bredt, der bereits kurz nach Kriegsbeginn zum Fronteinsatz kam.'" Kriegsteilnahme mußte aber nicht unbedingt Kampfeinsatz, sondern konnte auch Verwaltungs- oder Lazarettdienst in der Heimat bedeuten. So wurde der Freiburger Extraordinarius Hermann Kantorowicz in ein Feldlazarett kommandiert," während der junge Assessor Carl Schmitt im Generalkommando des I. Bayerischen Агтеекофз tätig war.'^ Der 56jährige Max Weber, der sich aus gesundheitlichen Gründen seit langem im Ruhestand befand, meldete sich schon am 2. August und wurde Disziplinarofiizier des Lazarettwesens in Heidelberg. Die ersten Kriegsmonate vnirden von ihm, so seine Frau rückblickend, als der „Höhepunkt des Daseins" angesehen. Der Krieg sei, so Weber, „,bei aller Scheußlichkeit'" und gleichgültig, wie er ausginge, ,„groß und wunderbar'".^' Auch sein Bruder, der Ökonom Alfred Weber meldete sich Anfang August mit 46 Jahren freiwillig zur Front und wurde der 55. Landwehrbrigade zugeteilt, zunächst als Ordonnanzoffizier im Range eines Leutnants. Am 11. August schrieb er an seine Mutter: „Es ist gut dabei zu sein - so gut".'"* Der 50jährige Freiburger Nationalökonom Gerhard v. Schulze-Gävernitz melde-

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Eksteins, Modris: Tanz über den Gräben. Die Geburt der Modeme und der Erste Weltkrieg. Reinbek 1990, S. 147. Die К1е1ет Universität erließ einen ähnlichen Aufiuf(ebd.). 21 Jansen, Professoren und Politik, S. 109,130f ; Paletschek, S. 83. Der Aktionismus, den der Kriegsbeginn bei zahlreichen Heidelberger Professoren auslöste, wird anschaulich beschrieben bei Reidiert, Folker .JHeidelberger Hochschulldirer inj Ersten Weltkrieg', Vortrag anläßlich des Festakts zum 65. Geburtstag des Heidelberger Historikers Prof Dr. Eike Wolgast gehalten am 19.10.2001, in: www.uni-4ieidelberg.de/ presse/news/21 lOreicherthtml. ZiL in Witkop, Philipp (Hg.): Kriegsbriefe gefellener Studenten [1916,1918]. München »1928, S. 7-9, hier S. 8; Vgl. auch Toller, Jugend, S. 38-43; Zuckmayer, Hören, S. 2170!; Mai, Ende, S. 25flF. Schon wenige Wochen später wurde er schwer verwundet, vgl. Wettmann, Kriegstagebücher, S. 138f, 150f.; Nagel, Anne Christine: Martin Rade - Theologe und Politiker des Sozialen Liberalismus. Eine politische Biographie. Gütersloh 1996, S. 140fiF., insbes. 8.141/Anm. 18. Dort diente er bis zum Mai 1916. Vgl. Geiss, Imanuel: ,JEinleitung", in: Kantorowicz, Hermann: Gutachten zur Kriegsschuldfiage. Aus dem Nachlaß hgg. und eingeleitet von Imanuel Geiss, Frankflirt/M. 1967, S. 11-50, hier S. 15. 32 Obwohl er dort bis 1919 diente, konnte er sich während des Krieges habilitieren, vgl. Noack, Paul: Carl Schmitt Frankfiirt/M., Berlin 1996, S. 37. Marianne Weber: Max Weber. Ein Lebensbild. Heidelbeig 1950 (ND 1998), S. 566-581, Zitate S. 571. Vgl. auch Fügen, HansNoibert: Max Weber. Reinbek 1985, S. 102-118, hier S. 102f 34 Demm, Eberhard: Ein Liberaler in Kaiseneich und Republik. Der politische Weg Alfred Webers bis 1920. Boppard 1990, S. 152-310, hi«· S. 153fF. Vgl. auch ders.: Alfred Weber als Politiker und Gelehrter. Wiesbaden 1986.

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te sich ebenfalls freiwillig. Er wurde zur Luftschifftruppe einberufen, arbeitete aber seit 1915 in der „Politischen Abteilung beim Generalgouvemeur" in Belgien." Der 40jährige Privatgelehrte und ehemalige Münchener Privatdozent Max Scheler, der sich zum Luftschiflf-Ersatz-Bataillon Köln gemeldet hatte, wurde aus Gesundheitsgründen abgelehnt.'® In Berlin übernahm der Herzspezialist Georg Friedrich Nicolai, Titulaφrofessor für Medizin und Oberarzt an der Charité, nach Kriegsbeginn freiwillig die Aufgaben eines Zivilarztes in einem Berliner Lazarett und konnte auf diese Weise seine Lehrtätigkeit an der Universität fortsetzen.'^ Demgegenüber verbrachte der Direktor der medizinischen Universitätsklinik in Heidelberg, Ludolf v. Krehl, die gesamte Kriegszeit als einer der höchsten Sanitätsoffiziere an der Front.'* Selbst die Gelehrten, die sich nicht zum Kriegseinsatz meldeten, weil sie zu alt oder unabkömmlich waren, suchten nach breiterer Wirkung und bemühten sich, im Rahmen ihres Faches die Kriegsanstrengungen des Reiches zu unterstützen. Für Naturwissenschaftler lag es nahe, sich in den Dienst der Kriegsforschung zu stellen, da sie auf diese Weise zugleich staatlichen wie persönlichen Interessen dienen konnten. So widmete sich der 50jährige Physiker Walther Nemst nach seiner freiwilligen Meldung zum Fahrerkoφs und seiner Tätigkeit im wissenschaftlichen Beirat eines Stabes der Entwicklung des Flammenwerfers und wurde 1915 zum Mitinitiator des Giftgaseinsatzes." Auch der Direktor des Kaiser Wilhelm Instituts für physikalische Chemie, Fritz Haber, konzentrierte sich, nachdem seine Meldung zum Kriegsdienst abgewiesen worden war, auf die kriegstechnische Forschung. Bereits im Herbst 1914 gelang ihm die Ammoniaksynthese (Haber-Bosch-Verfahren), welche die deutsche Sprengstoffproduktion trotz Rohstoflmangels ermöglichte und dadurch die Munitionsversorgung sicherstellte. Seit Anfang 1915 leitete Haber die Entwicklung und den Kriegseinsatz von Giftgasen.'"' Jüngere Wissenschaftler wie James Franck, ebenfalls ein Kriegsfreiwilliger, Gustav Hertz und Otto Hahn gehörten zu seinem Mitarbeiterstab."" Während Mediziner in der Medikamenten- und Prothesenforschung sowie zur Behandlung und Pflege kriegsversehrter Soldaten gebraucht wurden, waren Juristen vorrangig damit beschäftigt, kriegs- und völkerrechtliche Fragen zu klären, oder wurden in der Verwaltung eingesetzt.

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Krilger, Nationalökonomen, S. 21f., 180fF. Mader, Wilhelm: Max Scheler. Reinbek ^995, S. 70-82, insbes. S. 71f. vom Brocke, Wissenschali versus Militarismus, S. 412-435, hier S. 415. Grundmann, Siegfried: Einsteins Akte. Einsteins Jahre in Deutschland aus der Sicht der deutschen Politik. Berlin 1998, S. 57f. Jansen, Professoren und Politik, S. 121f, 134. Nadimansohn, David/Schmid, Roswitha: Die große Ära der Wissenschaft in Deutschland 1900 bis 1933. Jüdische und nichtjüdische Pioniere in der Atomphysik, Chemie und Biochemie. Stuttgart 1988, S. 33; Grundmann, Einsteins Akte, S. 46,49. Szöllösi-Janze, Margit: Fritz Haber. 1868-1934. München 1998, S. 256414, insbes. S. 270-283, 316-336, 393-405, sowie Nachmansohn/Schmid, S. 176fiF., insbes. S. 184-186, und Grundmann, Einsteins Akte, S. 45f., 55. Den Ersteinsad: von Giftgas überwachte er im April 1915 vor Ypem persönlich. Der Selbstmord seiner ersten Frau im Mai 1915 ist allerdings, so Szöllösi-Janze, weniger auf ihr Entsetzen über den Gaskrieg als vielmehr auf schwere Eheprobleme zurückzuführen. Nach Kriegsende wurde Haber wegen des Gaseinsatzes von den Alliierten zeitweise als Kriegsverbrecher gesucht. Szöllösi-Janze, S. 328f; Nachmansohn/Schmid, S. 71-76,94£, nSfif.

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Eine gezielte fachspezifische Verwendung der Gelehrten für kriegswichtige Aufgaben erfolgte erst später.''^ Den Geisteswissenschaftlern, Philosophen, Historikern und Theologen, blieb vor allem der „Kriegsdienst mit der Feder" Ihnen ging es darum, schrieb der Jenenser Philosoph Eucken im Rückblick, weite „Kreise des Volkes ermutigend zu stärken und zu beleben" und die neutralen Staaten aufzuklären.^ So organisierte der Heidelberger evangelische Theologe Hans V. Schubert sogenannte „Vaterländische Volksabende", Vortragsabende, an denen sich Universitätsprofessoren, aber auch Militärs oder Pfarrer zur aktuellen Lage oder zu kriegsrelevanten Themen äußerten/' Darüber hinaus boten der Heidelberger Historiker Hermann Oncken und der Straßburger Ки11ифЬ11о8орЬ Georg Simmel dem Auswärtigen Amt bzw. dem preußischen Kriegsministerium ihre Dienste an, während der junge Freiburger Privatdozent für Geschichte Veit Valentin zunächst in der Postzensur eingesetzt und seit 1915 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Auswärtigen Amt beschäftigt wurde.·*' Der Berliner Theologe Adolf v. Hamack, der seit seiner USA-Reise anläßlich der Weltausstellung 1904 in St. Louis unter amerikanischen Wissenschaftlern ein hohes Ansehen genoß, sprach am 11. August auf einer Kundgebung vor dem Berliner Rathaus mit dem Ziel, die öffentliche Meinung in den USA für Deutschland einzunehmen. Er erinnerte an den Krieg 1870/71, als die USA die Betreuung der in Paris eingeschlossenen Deutschen übernommen hatten und unterstrich das gute Verhältnis zwischen dem Reich und den Staaten.^' Am 15. August, dem Tag des Semesterendes, hielt der 66jährige Ulrich v. WilamowitzMoellendorff, Altphilologe an der Berliner Universität und Veteran von 1870/71, eine Ansprache, in der er bedauerte, selbst nicht mehr aktiv am bCrieg teilnehmen zu können. Er rief die zahlreich anwesenden Studenten auf, in einen neuerlichen Befreiungskrieg zu ziehen.'*' Selbst den 82jährigen Psychologen Wilhelm Wundt „drängte das bewegte Herz... hinaus.... 42

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Der Kriegseinsalz deutscher Gelehrter wurde bislang nicht systematisch erforscht Er wird behandelt bei Schroeder-Gudehus, Wissenschaft, S. 58flf.; Wettmann, Kriegstagebücher, S. 160fF.; Paletschek, S. 84fi:; Eckart, Wolfgang UVCradmann, Christoph: Die Medizin und der Erste Weltkri^. PfefFenweiler 1996; Metzler, Gabriele: Internationale Wissenschaft und nationale Kultur. Deutsdie Physiker in der intemationalen Community 1900-1960. Göttingen 2000. So der Marburger Altphilologe Theodor Birt, zit. in: Wettmann, Kriegstagebücher, S. 142. Eucken, Lebenserinnerungen, S. 99. Zu den Anfingen der deutschen Kriegspropaganda vgl. von UngemStemberg, J./W., Kulturwelt, insbes. S. 112-155; Wilke, Jürgen: „Deutsche Auslandspropaganda im Ersten Weltkrieg: Die Zentralstelle iur Auslandsdienst", in: Schichtel/Quandt, S. 95-157; Kellennann. 26 der insgesamt 63 „Vaterländischen Abende" wurden von Heidelberger Hochschullehrern mitgestaltet Bis 1918 waren die Veranstaltungen sehr gut besucht Es engagierten sich neben v. Schubert, Oncken und Gotiiein auch der Historiker Karl Hampe und die Theologen Friedrich Niebetgall und Otto Frommel. Vgl. Reichert, Heidelberger Hochschullehrer, S. 3-6. Nowak, Hamack 1, S. 76f.; Schleier, Hans: „Veit Valentin", in: Streisand, Joachim (Hg.): Studien über die deutsche Geschichtswissenschaft. Bd. 2: Die büi^erliche deutsche Gesdiichtsschreibung von der Reichseinigung von oben bis zur Be&eiung Deutschlands vom Faschismus. Berlin 1965, S. 326-368. Hamack, Adolf v.: ,Дede zur .Deutsch-amerikanischen Sympathiekundgebung"', in: Nowak, Hamack 2, S. 1428-1435, Zitat S. 1432. Am 27.8. reagierten elf englische Theologen auf die Rede mit einem Schreiben, das Hamacks Schuldzuweisun^ gegen England bestimmt, aber moderat im Ton, zurückwies, vgl. ebd., S. 1435-1445. Mai, Ende, S. 25. Ähnlich auch Theodor Birt, vgl. Wettmann, Kriegstagebücher, S. 133.

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Tausende warteten in der [Leipziger] Alberthalle auf sein Wort". Er sagte: ,„Wir kämpfen ... filr unsere Freiheit und Selbständigkeit. ... Das Höchste für den Menschen ist die Pflicht, und das größte unter den Gütern der Welt ist der sittliche Wille'"."' Der Nobelpreisträger Rudolph Eucken hielt trotz seiner 68 Jahre im ersten Kriegsjahr wöchentlich mindestens zwei Kriegsvorträge in verschiedenen Städten oder vor Soldaten an der Front. Zusammen mit seinem Jenenser Kollegen, dem 80jährigen Zoologen Emst Haeckel, veröffentlichte er am 19. August die „Erklärung gegen den Kriegseintritt Großbritanniens", in der sie es als Schande bezeichneten, daß England mit einer „halbasiatischen Macht gegen das Germanentum" kämpfe.'" Der Leipziger Historiker Karl Lamprecht erklärte in einem Vortrag am 23. August den Kriegseintritt Englands damit, „,daß in England nicht mehr der rein germanische, sondern der keltische Geist herrscht"'." Aber nicht nur Vortragsreisen durch Deutschland wurden unternommen. Viele Professoren - neben v. Wilamowitz auch die Germanisten Gustav Roethe und Friedrich Gundolf, die Theologen Emst Troeltsch, Adolf v. Hamack und Karl Holl, der Nationalökonom Werner Sombart sowie die Berliner Historiker Friedrich Meinecke und Eduard Meyer - reisten im Verlaufe des Krieges zu den verschiedenen Kriegsschauplätzen, um in zahlreichen Vortragskursen bzw. „Felduniversitäten" hinter der Front fachübergreifend und allgemeinverständlich zur wissenschaftlichen Weiterbildung der Studenten im Felde und der Offiziere beizutragen." In Berlin begann Ende August die öffentliche Vortragsreihe „Deutsche Reden in schwerer Zeit". In verschiedenen Sälen sprachen renommierte Professoren zu verschiedenen kriegspolitischen Themen. Der Titel war eine Anspielung auf Fichtes „Reden an die deutsche Nation", in denen der deutsche Philosoph 1806/7 durch die Verbindung der deutschen Kultur mit dem Konzept der deutschen Nation sowie in Abgrenzung zur Kultur der französischen Besatzungsmacht eine spezifische „deutsche" Identität konstruiert hatte. Das Freiheitsideal des lutherischen Protestantismus hatte er der individualistischen französischen Freiheitsauffassung gegenübergestellt und die nationale Idee durch Inanspruchnahme der christlichen Opfersemantik für die Nation zivilreligiös begründet. Die Gelehrten, die seit August 1914 die Vortragsreihe „Deutsche Reden" bestritten,'' stellten sich symbolisch und Borkowski, Emst: Unser heiliger Krieg. Weiniar^l915, S. lOOC Vgl. auch Schwabe, Haltung, S. 604. Eucken, Rudolph/Hacckel, Emst: ,i;ridärung gegen den Kriegseintritt Großbritanniens", in: Kellermann, Geister, S. 27-28, hier S. 27. Vgl. auch Eucken, Lebenserinnerangen, S. 99. Nähere Angaben bei Dathe, S. 49/Anm. 14. 51 52

Lamprecht, Karl, zit in: Gerlach, Lüge, S. 109. Die Aktivitäten werden u. a beschrieben bei Canfora, Luciano: „Wilamowitz: ,Politik' in der Wissenschaft", in: Calder u. a: S. 56-79, hia· S. 590!; Klein, Fritz: ,X)ie deutschen Historiker im Weltkrieg", in: Streisand, Geschichtswissenschaft, S. 248; Meinecke, Friedrich: Straßbuig, Freiburg, Beriin 1901-1919. Erinneningen. Stuttgart 1949, S. 237; Nowak 1, S. 77; Lietzmann, Hans: „Gedächtnisrede auf Karl Holl", in: Holl, Karl: Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte, Bd. 3: Der Westen. Darmstadt 1965, S. 568577, hier S. 576; Lenger, Friedrich: Wemer Sombart. München 1994, S. 251. Vgl. die anschauliche Schilderung von Eduard Meyer: „Vom deutschen Militarismus", in: SMhh 15,1918, S. 428-430. Hierzu gehörten z. B. die Historiker Hans Delbrück, Friedrich Meinecke und Otto Hoetzsch, die Theologen Adolf V. Hamack, Adolf Deißmann, Adolf Lasson, Otto Baumgarten, Emst Troeltsch und Reinhold Seebetg, die Juristen Gerhard Anschütz, Otto v. Gierice, Wilhelm Kahl und Rudolf Stammler sowie der Gennanist Gustav Roethe, der Hygieniker Max v. Graber, der Anatom Wilhelm Waldeyer und der Altphilologe Ulrich V. Wilamowitz-Moellendorff.

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inhaltlich in die Tradition Fichtes. Analog zu seinen als Auihif an das gesamte deutsche Volk verstandenen Reden richteten sie ihre Vorträge an alle Deutschen. Die jeweiligen Beiträge wurden in preiswerten Einzelheñen und seit Ende 1914 auch in drei Sammelbänden veröffentlicht, die von der ,Zentralstelle filr Volkswohlfahrt" und dem „Verein filr volkstümliche Kurse von Berliner Hochschullehrern" herausgegeben wurden.'·* Durch die „auflagenstarken ,Feldpost- und Schützengraben-Ausgaben'" der Reden reichte der Kreis der Rezipienten weit über den Zuhörerkreis hinaus.^' An der Eröffiiung des Redezyklus' am 27. August im Berliner Beethovensaal durch Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff hatten über Tausend Zuhörer „aus allen Kreisen des Volkes" teilgenommen. Das Ziel dieser .akademischen Mobilmachung' bestand darin, so die Organisatoren, das Gemeinschaftsgefühl, das seit dem ersten August in Deutschland entstanden sei, „zu erhalten, ... auch über eine Zeit, in der nicht jeder Tag der Bote eines neuen Sieges sein konnte".'®

1.2 Die alliierte Propaganda und das „polemische Gespräch" zw^ischen den Feinden Sollten die „Deutschen" Reden wie viele andere primär dazu dienen, den „Burgfrieden" zu erhalten, wurde eine gezielte Aufwiegelung der Zuhörer bzw. Leser gegen die Feinde vermieden. Der Krieg war für die Gelehrten in erster Linie ein klassischer Kampf zwischen Nationen, in dem es um Interessen ging.'^ Demgegenüber wurde der Krieg von den französischen Medien und Gelehrten sogleich als fundamentale kulturelle Auseinandersetzung gedeutet. Bereits am 4. August schrieb die französische Zeitung „Le Matin", dieser Krieg sei „,1a guerre sainte de la civilisation contre la barbarie'".'* Die Zeitschrift „Excelsior" zeigte am 6. August ein Bild des deutschen Kaisers unter der Überschrift „Le chef des barbares" und nahm damit eine Propagandastrategie wieder auf, die, ähnlich wie im Krieg von 1870/71, darin bestand, zunächst die Führungsebenen der feindlichen Nation und später die gesamte Bevölkerung des Feindstaates mit dem Barbarenvorwurf zu belegen." Am

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,X)eutsche Reden in schwerer Zeit", hgg. von der Zentralstelle für Volkswohlfidirt und dem Verein für volkstümliche Kurse von Berliner Hochschullehrern. Bd. 1, Berlin 1914. Bd. 2 u. 3 ebd. 1915. Die Vorworte der Herausgeber wurden von Wilhelm Waldeyer und Robert v. Erdbeig verfeßL Vondung, Deutsche Apokalypse, S. 155. Vgl. auch ders., Propaganda, S. 14. Delbrücks Rede wurde auch in: PJJ 158,1914, S. 95-113, abgedruckt, wo vermerkt ist, daß er die Rede „vor 2500 Zuhörern" gehalten habe (95). Die Einzelhefte hatten häufig ein, so Comelißen, Politische Historiker, S. 125, „praktische[s] Feldpost-Format". Waldeyer, Wilhelm^idberg, Robert v.: „Vorwort", in: DRR1, S. VUI u. VII. Wilamowitz-Moellendorfií Ulrich v.: ,^rieges Anfeng", in: DRR 1, S. 1-14; Roethe, Gustav: „Wir Deutschen und der Krieg", in: DRR 1, S. 15-46; Delbrück, Hans: „Über den kriegerischen Charakter des deutschen Volkes", in: DRR 1, S. 47-74; Lasson, Adolf: ,J)eutsche Art und deutsche Bildung", in: DRR 1, S. 103-146; Hatnack, Adolf v.: „Was wir schon gewonnen haben und was wir noch gewinnen müssen", in: DRR 1, S. 147-168. Le Matin, 4.8.1914, Artikelüberschrift, zit nach Jeismann, Vaterland, S. 346. Jeismann, Vaterland, S. 346-349.

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8. August hielt der berühmte französische Philosoph Henri Bergson, Präsident der Académie des sciences morales et politiques, in Paris einen Vortrag, in dem er den Krieg gegen Deutschland als einen Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei bezeichnete und damit die „Tonlage in Frankreich bestimmte"."* ,„La lutte engagée contre l'Allemagne est la lutte même de la civilisation contre la barbarie. Tout le monde le sent, mais notre académie a peut-être une autorité particulière pour le dire.'" Sie sei berufen, „,dans la brutalité et le cynisme de l'Allemagne, dans son mépris de toute justice et de toute vérité'" die „,régression à l'état sauvage'" wissenschaftlich nachzuweisen.®' Im Rahmen der beginnenden „undiflferenzierte[n] französischen Haßkampagne gegen Deutschland"®^ verstiegen sich verschiedene Wissenschaftler zu der Behauptung, das Barbarentum - verstanden als Verlogenheit, Derbheit und Grausamkeit - sei ein deutsches Rassemerkmal und bereits anhand der Physiognomie der Deutschen zu erkennen. Dieser rassistisch aufgeladene Barbarenbegriflf implizierte eine kategorische Ablehnung des Feindes, die jede Verständigung ausschloß. In der Konsequenz wurden die deutschen Kulturleistungen herabgewilrdigt und die wissenschaftlichen Beziehungen zu Deutschland abgebrochen." Die Reaktion englischer Intellektueller war zunächst vielschichtiger. Noch Ende Juni hatten namhafte Professoren - unter ihnen W. B. Selbie, Gilbert Murray und C. H. Herford gegen einen möglichen Kriegseintritt Großbritanniens protestiert und erklärt, ein Krieg gegen Deutschland „,in the interest of Servia and Russia will be a sin against civilisation'".®'* Der deutsche Einmarsch in Belgien sorgte allerdings für einen Stimmungsumschwung. Zwar überwog Anfang August noch das Bedauern über den Kriegszustand mit Deutschland, aber er wurde gerechtfertigt durch die vermeintliche Pflicht Englands, die deutsche Aggression zurückzuweisen, die auf eine Versklavung Europas abziele." In den ersten Kriegswochen wurde noch zwischen dem Deutschland des Geistes, der Philosophie und der Musik und dem einer militaristischen Autokratie unterschieden. Dementsprechend galt der Kampf englischer Intellektueller zunächst dem sogenannten Militarismus, als dessen geistige Urheber eine merkwürdig anmutende, heterogene Trias herhalten mußte, die aus Treitschke und

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V. Ungem-Stembeig, J., Altertumswissenschaftler, S. 64. Vgl. auch v. Ungem-Stemberg, JTW., Kulturweit, S. 55flF., 81fif. Bergson, Henri: ,J)iscours prononcé à l'Académie des sciences morales et politiques", in: ders.: Mélanges. Paris 1972, S. 1102, hier zit nach ν. Ungem-Stemberg, J., Altertumswissenschaftler, S. 64. Vgl. zur Aktualisierung des Barbarenklischees v. See, Barbar, insbes. S. 57fiF.; Ungem-Stemberg, J., Militarismus, S. 92; V. Ungem-Stemberg, J./W., Kulturwelt, S. 55f.; Jeismann, Vateriand, S. 339-373, insbes. S. 345f.; Schroeder-Gudehus, Wissenschaft, S. 70fif. V. Ungem-Stemberg, Kulturwelt, S. 55. Jeismann, Vateriand, S. 349-363. Vgl. auch v. Ungem-Stemberg, J., Altertumswissenschaftler, S. 66/ Anm. 107, sowie die Außätze von Gertiarts und Krumeichs in Mommsen, Kultur und Krieg. Antideutsch äußerten sich zunächst v. a die Philosophen Henri Bergson und Emile Boutroux, der Psychologe Edgar Bérillon und der Historiker G. Lenôtre, wenig später auch Emile Durkheim, Emest Lavisse und Jacques Hadamaid. Vgl. Schroeder-Gudehus, Wissenschaft, S. 5 Iff; Hanna, Martha; The Mobilization of the Intellect French Scholars and Writers during the Great War. Cambridge, Mass., 1996. Zit in Wallace, Academics, S. 24f Der „Scholar's Protest Against War With Germany", veröffentlicht am 1.8. in der „Times" und unterzeichnet von neun namhaften Personen, zog andere Proteste nach sich. Wallace, Academics, S. 26f

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Nietzsche sowie dem Publizisten v. Bemhardi" bestand. Als Pendant zu den „Deutschen Reden" erschien Anfang September unter dem Titel „Why We Are At War" ein Sammelband mit Kriegsschriften Oxforder Historiker - unter ihnen Emest Barker, H. W. C. Davis und Arthur Hassall - , in dem Englands „legal cause" dargestellt wurde. Der Band erreichte innerhalb eines Monats drei Auflagen und wurde zu einem Standardwerk britischer Kriegsschriften.'' Im Zuge der beginnenden englischen Propaganda wurde die Bezeichnung „Hunne" zunehmend zum Äquivalent des französischen Schimpfworts „Barbar".®' Die zunehmende Aggressivität antideutscher Äußerungen ist einerseits dadurch zu erklären, daß Englands Territorium im Gegensatz zu dem Frankreichs nicht direkt bedroht war und es keine negativen Erinnerungen an vorherige Kriege mit dem Reich gab. Andererseits kam es aufgrund der fehlenden Wehrpflicht in Britannien besonders auf die Mobilisierung der öffentlichen Meinung an, um Freiwillige zu rekrutieren. Die Schärfe der sich entwickelnden britischen Kriegspropaganda ist vor allem auf diese Umstände zurUckzufÜhren.®' Schon in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn wurden Gerüchte über ein brutales Vorgehen deutscher Soldaten gegenüber belgischen und französischen Zivilisten kolportiert. Auch wenn die Engländer „keine Horrorgeschichten selbst erfanden, so förderten sie doch deren Verbreitung".'" Das Verhalten der deutschen Besatzungssoldaten hat allerdings dazu beigetragen, das Bild deutscher „Greueltaten"" überhaupt entstehen zu lassen. Vor allem die Vorfälle von Löwen am 25. August 1914 schienen die alliierte Propaganda in den Augen der Weltöffentlichkeit zu bestätigen. Ein vermeintlicher Überfall der Bewohner Löwens, bei dem mehrere deutsche Soldaten starben, führte zu schweren Vergeltungsmaßnahmen, bei



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Friedrich von Bemhardi, 1849-1930; preuß. General; Militärschriftsteller, dessen Buch ,i)er nächste Krie^' (1912) über einen Krieg zwischen Großbritannien und Deutschland einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt hatte, in Deutschland vornehmlich in alideutsch-militärischen Kreisen. Why We Are At War: Great Britain's Case. Oxforcl ^1914, S. 5f, 27f., 56, 115f; Oxford War Pamphlets. Oxford 1914ff: Vgl. Wallace, Academics, S. 60ff. Vgl. hierzu Wallace, Academics, S. 24-35, 43-73, 67fiF.; vom Brocke, Wissenschaft und Kriegsmoral, S. 692£, 697f ; v. Ungem-Stemberg, JVW., Kuitunvelt S. 90fiF.; Stromberg, S. 55. Zur Hunnenmetapher vgl. Ungem-Stemberg, J., Militarismus, S. 92fif.; Demm, Karikatur, S. 6Αζ 90,93,157, 166. Die Bezeichnung ,3unne" ist u. a. auf die zei^enössische Kritik an da· sog. ,Д1ш1пега«1е" zurückzuführen, die Kaiser Wilhelm II. 1901 anläßlidi des chinesischen ,3oxerau&tandes" vor deutschen Soldaten gehalten hatte, vgl. V. See, Baibar, S! 58ff, und Sösemann, Bernd: ,J)ie sogenannte Hunnenrede Kaiser Wilhelms П.", in: HZ 222,1976, S. 342-358. Vgl. hieizu Goldârb Marquis, Alice: „Words as Weapons: Propaganda in Britain and Gemiany During the First World Wai", in: JCH 13,1978, S. 467^98; Sanders, Midiael L/T^lor, Philip M.: Britische Propaganda im Ersten Weltkri^ 1914-1918. Berlin 1990; Messinger, Gary S.: British Propaganda and the State in the First World War. Manchester, New York 1992. Sanders/Tîç'lor, S. 116. ,í)as Spektnmi der Greueltaten, die den Mittelmächtai angelaste wurden, war in seiner VielM schier unbegrenzt" (ebd., S. 122). Vgl. hieizu auch Home, John: mains coupées: , Atrocités allemandes' et opinionfrançaiseen 1914", in: Becker, Guerre et cultures, S. 123-146. Eine umfessende Analyse hieizu bieten Home, John/Кгатет, Alan: German Atrocities, 1914: A Histoiy of Denial. New Haven, London 2001. Vgl. auch Krania, Alan: ,„Greueltatrai'. Zum Problem der deutschen Kriegsverbrechen in Belgien und Frankreich 1914", in: Hirschfeld/Krumeich, S. 85-114; Schwengler, Walter: Völkenech^ Versailler Vertrag und Auslieferungsfrage. Die Strafverfolgung wegen Kriegsverbrechem als Problem des Friedensschlusses 1919/20. Stuttgart 1982, S. 56-70.

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denen die deutschen Truppen zahlreiche Belgier erschossen und Teile der Innenstadt in Brand setzten. Auch die Universitätsbibliothek wurde ein Opfer der Flammen.'^ Hatte der völkerrechtswidrige deutsche Einmarsch in Belgien „alles Folgende in den Augen der Außenwelt ... unter ein negatives Vorzeichen" gestellt,waren es die oft unverhältnismäßig harten Repressalien, mit denen die deutsche Besatzung auf sogenannte Freischärlerüberfälle reagierte,''' die es den Alliierten in den ersten Kriegswochen ermöglichten, die Brutalität der Deutschen zum Propagandathema zu machen. Gleichwohl ist es in der Tat „erstaunlich, wie andere Fragen, etwa die völkerrechtlich recht zweifelhafte See-Blockade Englands, überhaupt nicht zur Geltung kamen"." Es war die alliierte Kriegspropaganda, welche „die Themen des ,Krieges der Geister' bestimmte: deutsche Barbarei, deutscher Militarismus".'' Die Berichte über deutsche Kriegsgreuel kamen jenen französischen wie englischen Gelehrten entgegen, die den Krieg dazu nutzen wollten, die Prädominanz der deutschen Wissenschaft zu brechen. Kurz zuvor noch bewunderte Errungenschaften der deutschen Forschung wurden nun negativ gedeutet. Es kam zu einem alliierten Boykott der deutschen Wissenschaft, der bis 1928 anhalten sollte. Auf institutioneller und oft auch auf persönlicher Ebene wurden die Kontakte abgebrochen: Vielfach wurden Orden und Auszeichnungen zurückgegeben und ausländische Mitglieder von Akademien ausgeschlossen - ein Vorgang, der als „Zusammenbruch der internationalen Gelehrtenrepublik" bezeichnet worden ist.'' Gleichwohl kam es nicht zu einem Kommunikationsabbruch. Viehnehr entwickelte sich eine öffentliche intellektuelle Debatte über die Staatsgrenzen der kriegftlhrenden Länder hinweg, die Jürgen v. Ungem-Stemberg als „polemisches Gespräch"" charakterisiert hat. Gelehrte der verfeindeten Staaten kommunizierten durch Aufrufe und offene Briefe miteinander; der „Krieg der Geister" vrarde durch die „battle of manifestos" (Stuart Wallace) eröffnet." Fast alle Aufrufe deutscher Gelehrter waren eine Reaktion auf die massiven Vorwürfe des Auslands in bezug auf die deutsche Kriegftlhrung. Den Anfang machte Ende August der Aufiiif „Die Wahrheit ins Ausland!", der von verschiedenen berühmten Persönlichkeiten Schivelbusch, Wolfgang: Eine Ruine im Krieg der Geister. Die Bibliothek von Löwen August 1914 bis Mai 1914. Frankfiirt/M. 1993, insbes. S. 13-31. Vgl. auch Wieland, Lothar Belgien 1914. Die Frage des belgischen .franktireuriariegeS" und die deutsche öffentliche Meinung von 1914 bis 1936. Frankfurt/M. 1984, und Home/Kramer, Atrocities, S. 38-42. Ungem-Stemberg, J·, Militarismus, S. 96.

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Home/Kramer, Atrocities, S. 13-86. Vgl. hierzu auch Krumeich, Gerd: ,3lick auf die Barbarei. Seit 1914 wurden die deutschen Untaten in Belgien beschwiegen", in: SZ, 2.1.2002, S. 16. Ungem-Stemberg, J., Militarismus, S. %. Ebd. Vom Brocke, Wissoischaft und Militarismus, S. 649. Vgl. auch v. Ungem-Stembeig, J., AltertumswissenschafUer, S. 69; Wallace, Academics, S. 3642; Schröder-Gudehus, Wissenschaft, insbes. S. 47-53, 73, 76fiF., 86fif V. Ungem-Stemberg, J., Militarismus, S. 90; dets./Ungem-Stemberg, W., Kulturwelζ S. 55. Wallace, Academics, S. 24-73 (Zitat S. 32); v. Ungem-Stemberg, Altertumswissenschaftier, S. 67flf.; ders., Militarismus, S. 90f; v. Ungem-Stemberg, J7W., Kulturwelt, S. 81-104; Besier, Geiiiard: Krieg - Frieden - Abrüstung. Die Haltung der europäischen und amerikanischen Kirchen zur Frage der deutschen Kriegsschuld 1914-1933. Göttingen 1982; ders., Quellen, S. 40flf: Vgl. auch den Abdruck der Schriften von Gelehrten, LitCTaten und Politikern verschiedener Länder in: Kellemiann, Geister.

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und Professoren - unter ihnen Ernst Haeckel, Wilhelm Kahl, Karl Lamprecht, Franz v. Liszt und Erich Mareks - unterzeichnet war.'® Sie wiesen die „systematische Lüge" der Feinde zurück, welche die Deutschen völlig unvorbereitet getroffen habe. Betroffen sahen sie die alliierte „Lügensaat" aufgehen, die dem Rufe Deutschlands sehr schade. Dieser Entwicklung müßten die Deutschen entgegentreten. „Mit der reinen Waffe der Wahrheit" sollte jedermann mithelfen, die Weltöffentlichkeit von der Rechtmäßigkeit des deutschen Verteidigungskrieges und der Brutalität der alliierten Kriegführung zu überzeugen: Das Ausland müsse „mit Nachrichten über den wahren Stand der Dinge geradezu überschwemmt werden".*' Am 1. September veröffentlichten die Historiker der Universität Bonn - darunter Aloys Schulte und Justus Hashagen - einen Aufruf, in dem sie betonten, daß es sich für Deutschland um einen „Verteidigungskrieg" handele, in dem das deutsche Volk einmütig um seine Existenz und die Rettung der europäischen Kultur kämpfe. Um ihrer „historischpolitischen Überzeugung" mehr Gewicht zu verleihen und besonders glaubwürdig zu erscheinen, verwiesen sie abschließend auf ihre wissenschaftlichen Leistungen.'^ Am 4. September wandten sich ca. dreißig deutsche Gelehrte, überwiegend protestantische Theologen, „[a]n die evangelischen Christen im Ausland", um „Zeugnis über diesen Krieg abzulegen".'^ Zu den Unterzeichnern gehörten die Professoren Adolf Deißmann, Rudolf Eucken, Adolf v. Hamack und Wilhelm Wundt.'·* Mit Nachdruck wurde die Friedfertigkeit des deutschen Volkes betont, jede Schuld am Kriege bestritten und auf die Unmenschlichkeiten hingewiesen, die an deutschen Soldaten in Belgien sowie an im feindlichen Ausland wohnenden Deutschen begangen worden seien.*' Auf diesen Aufhif reagierten über vierzig englische Theologen und Kirchenfunktionäre am 23. September, denen wiederum der Marburger Theologieprofessor Martin Rade empört, aber um Sachlichkeit bemüht, antwortete.'®

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,i)ie Wahihelt ins Ausland!", in: Kellermann, Geister, S. 5-6, zit. als Wahrfieitsaufiuf. Weitere Unterzeichner waren die Professoren Walter Hempel, Josef Kohler, Martin Krause und Adolf Wach. Wahrheitsaufruf, S. 5£, Zitate ebd. Dieser Aufforderung scheinen viele Deutsche nachgekommen zu sein, aber die „Überschwemmung" erwies sich als kontraproduktiv. Im November 1914 veröffentlichten die .kölnische Zeitung" und das ,berliner Tageblatt" den offenen Brief eines holländischen Gelehrten, der den dringenden Rat erteilte, mit den Verteidigungsschriften au&uhören, da sie bei den Neutralen nur Überdruß hervorriefen, vgl. Kellennann, S. 69-72; Ungem-Stemberg, J./W., Kulturwelt, S. 82£; vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 685f , Aufruf Bonner Historiker"; im folgenden zit nach Böhme, Aufrufe und Reden, S. 50-51 (ohne Angabe der Unterzeichner), zit als Bonner Aufruf Weitere Unterzeichner waren Friedrich v. Bezold, Wilhelm Levison, Walter PlatzhoÇ Moritz Ritter und Ulrich Wilcken, vgl. Klein, Historiker, S. 230. ,AufiTif deutscher Kirchenmänner und Professoren: An die evangelischen Christen im Ausland", in: Besier, Quellen, S. 4045, zit als Theologenaufiuf, Zitat S. 40. Weitere Professoren, die unterzeichnet hatten: Gottlob Haußleiter, Halle, Wilhelm Hemnann, Marburg, Friedrich L00&, Halle, Carl MeinhoÇ Hamburg, Karl Theodor Mirbt, Göttingen, und Georg Wobbemiin, Breslau, vgl. Besier, Quellen, S. 44£ Theologenaufruf S.40ff. ,X)er europäische Krieg. Englische Antwort auf den Aufruf deutscher Theologai", in: Besier, Quellen, S. 45-52. Vgl. auch den bei Wallace, Academics, S. 32, zitierten Auszug des Aufrufe „To the Christian Scholars of Europe", Oxford 1914. Rade, Martin: ,Αη die 42 britischen Kirdienmänner, die den Aufruf evangelischer Deutscher an die evangelischen Christen im Auslande beantwortet haben", in: Besier, Quellen, S. 52-57. Vgl. auch Nagel, Anne: ,„Ich glaube an diesen Krieg.' - ,Ich frïue mich auf den Frieden.'

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Als in bezug auf ihre Wirkung bedeutsamste deutsche Reaktion auf die alliierte Kriegspropaganda gilt der am 4. Oktober 1914 veröffentlichte Aufhif „An die Kulturwelt!".'^ Unterzeichnet von 93 „Kulturträgem", wurde er in zehn Sprachen veröffentlicht und in unzähligen Briefen an Vertreter des Geisteslebens im neutralen und feindlichen Ausland versandt.'* Mit einem sechsfachen „Es ist nicht wahr" protestierten die Unterzeichner des Aufi4ifs" gegen die „Lügen und Verleumdungen", mit denen Deutschland überzogen werde. Sie wiesen eine deutsche Schuld am Kriege ebenso entschieden zurück wie die Vorwürfe einer völkerrechtswidrigen Verletzung der belgischen Neutralität oder deutscher Kriegsgreuel. Die englische Unterscheidung zwischen deutscher Kultur und dem „sogenannten Militarismus" als Spaltungsversuch ansehend, antworteten sie mit einem „demonstrativen Schulterschluß"'" und dem - in bezug auf den Propagandakrieg folgenschweren - Bekenntnis: „Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins". Zum Schutze der deutschen Kultur sei der Militarismus „aus ihr hervorgegangen". In bezug auf den Vorwurf deutscher Greueltaten, verwiesen sie auf belgische Freischärleraktivitäten und darauf, daß der „größte Teil von Löwen" durch den Einsatz deutscher Truppen erhalten geblieben sei." Außerdem sprachen sie den Ententestaaten wegen ihres Bündnisses mit Rußland und Japan sowie ihres Einsatzes farbiger Kolonialtruppen gegen die „weiße Rasse" das Recht ab, sich als die Verteidiger der „Zivilisation" Europas darzustellen.'^ Zwar könne man den Feinden „die vergiftete Waffe der Lüge ... nicht entwinden", aber die Unterzeichner wollten mit dem Aufhif „in alle Welt hinausrufen, daß sie falsch Zeugnis ablegen wider uns"." Dieser Aufhjf, dem der Charakter einer offiziellen Stellungnahme der deutschen Wissenschaft zum Kriege zugeschrieben wurde, sollte vor allem durch das Renommee der Unterzeichner wirken. Namen, die wissenschaftliche Objektivität verbürgten, sollten allein ausreichen, um die englische Propaganda als Lügen zu entlarven - ohne daß man sich die Mühe machte, die Anschuldigungen zu übeφrüfen. Nicht zuletzt das kategorische „Es ist nicht wahr" sorgte dafür, daß die Initiatoren des Aufioifs - bei denen es sich mehrheitlich nicht

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Der Marburgo- Theologe, Publizist und Politiker Martin Rade in seiner Auseinandersetzung mit dem Pazifismus", in: HJL40,1990, S. 193-217; dies., Rade, S. 134-167. ,νλη die Kulturwelt", im folgenden zit als Kulturweltaufiuf nach Böhme, Aufiufe und Reden, S. 47fF. Zu Entstehung und Wiilomg vgl. Ungem-Stemberg, JVW., Kultunvelt, insbes. S. 17-60, Slffi, Ungem-Stemberg, Militarismus, S. 90fF.; ders., Altettumswissenschaftler, S. 70£; vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 654-667, 674-679, 682-688; Schwabe, Wissenschaft, S. 22fiF.; Wallace, Academics, S. 32-36; Keilermann, Geister, S. 64-69; Gerlach, Lüge, S. 84-89. Ungem-Stemberg, jyw., Kulturwelt, S. 81-104, 161-164; Böhme, Aufrufe und Reden, S. 12f; Schwabe, Annexionismus, S. 109; Schivelbusch, S. 28f Hier seien von den Geiehrten erwähnt: Lujo Brentano, Adolf Deißmann, Paul Ehrlich, Rudolf Eucken, Wilhelm Foerster, Fritz Haber, Emst Haeckel, Adolf v. Hamack, Karl Lamprecht, Philipp Lenard, Franz v. Liszt, Josef Mausbach, Eduard Meyer, Walter Nemst, Max Planck, Gustav v. Schmoller, Reinhold Seebeti, Maitin Spahn, Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff und Wilhelm WundL Der Text ist mit Unterzeichnern abgednickt bei Ungem-Stemberg, jyw., Kulturwelt, S. 144-147 (frz. und engl. Fassung ebd, S. 161-164); vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 718f ; Kellermann, Geister, S. 64-69. Ungem-Stemberg, J., Militarismus, S. 92. Vgl. auch dersAfngem-Stemberg, W., Kulturwelt, S. 57. Kulturweltaufiuf, S. 48 (alle Zitate). Ebd., vgl. auch Bonner Aufing S. 51; Theologenaufiui S. 42; Rade, Kirchenmänner, S. 57. Kulturweltaufiuf; S. 49.

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um Gelehrte handelte*^ - genau das Gegenteil dessen erreichten, was sie beabsichtigt hatten: Nicht die wissenschaftliche Reputation der Gelehrten machte den Aufruf für das feindliche Ausland glaubwürdig, sondern die unglaubwürdig erscheinenden Behauptungen zerstörten die Reputation der deutschen Wissenschaft, die seither verstärkt zu einem englischen Propagandaziel wurde. In der Tat zeigte sich hier die „verhängnisvolle deutsche Fähigkeit, der feindlichen Propaganda frei Haus das zündende Stichwort zu liefern".'' Was im Aufruf als Appell gemeint war: nicht ohne weiteres der alliierten Propaganda zu glauben, wurde in den Ententestaaten als überhebliche Apologie einer „militaristischen" Wissenschaft aufgefaßt. Fortan wurde die Unterscheidung zwischen Militarismus und Kultur aufgegeben und die ,militaristische deutsche Kultur' zu einem der zentralen Topoi der englischen Propaganda. Es gelang den deutschen Gelehrten nicht, dem Ausland gegenüber deutlich zu machen, daß der Aufioif als „Akt der Abwehr" gegen die alliierte Propaganda konzipiert worden war, wie Max Planck es 1916 in einem „offenen Brief an den holländischen Professor Hendrik Antoon Lorentz ausdrückte." Zu recht ist festgestellt worden, daß aus dem Aufruf „zwar ein bemerkenswert gutes Gewissen, zugleich aber auch eine geradezu unglaubliche, sträfliche Naivität" spreche.'^ Als naive „Akte der Abwehr" können auch die weiteren veröffentlichten Aufhjfe deutscher Gelehrter bezeichnet werden. In der „Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches"" vom 16. Oktober 1914, die von über 3000 Gelehrten unterzeichnet wurde, wiesen die Unterzeichner den „angeblich zu unseren Gunsten" von den Feinden Deutschlands postulierten Gegensatz zwischen der deutschen Wissenschaft und „dem, was sie den preußischen Militarismus nennen" kategorisch und „mit Entrüstung" zurück: „In dem deutschen Heere ist kein anderer Geist als in dem deutschen Volke, denn beide sind eins, und wir gehören auch dazu"." Diese Formulierung verdeutlicht einmal mehr den bewußten .Schulterschluß' zwischen Geist und Macht in Deutschland. Obwohl auch die „Erklärung" in mehreren Sprachen und verschiedenen Publikationsorganen erschien, reichten ihr Bekanntheitsgrad und ihre Wirkung nicht an den Kulturweltaufruf h e r a n . D i e zwischen dem 17. und dem 20. Oktober 1914 in verschiedenen Zeitungen veröffentlichte „Kundgebung deutscher Universitäten" an die Universitäten des Auslands ähnelte dem Kulturweltaufruf und der Hochschullehrererklärung in ihrer Argumentation, hatte aber einen stärkeren Appellcharakter. Initiiert von der Universität Tübingen und inhaltlich beeinflußt von der Reichsregierung, wurde sie von den Universitäten Berlin, Bonn, Breslau, Erlangen, Frankfurt, Freiburg, Gießen, Göttingen, Greifswald, Halle, Heidelberg, Jena, Kiel, Königsberg, Leipzig, Marburg, München, Münster, Rostock, Straßburg,

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Vgl. dazu sehrausfllhrlich Ungem-Stemberg, J./W., Kulturwelt, sowie Kap. 1.2.2. Ungem-Stemberg, JTW., Kulturwelt, S. 52. Planck, Max: „Offener Brief an Hendrik Antoon Lorentzf', in: Ungem-Stemberg, J./W., Kulturwelt, S. 186-187, Zitats. 186. Ungem-Stemberg, J./W., Kulturwelt, S. 53. „Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches", in: vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 717, sowie Böhme, Aufrufe und Reden, S. 49-50; hier zit nach Böhme als Hochschullehrereridärung. Hochschullehrererklärung, S. 49. Vgl. vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 654,651/Aran. 2.

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Tübingen und Würzburg unterzeichnet."" Schon im ersten Satz wurde der „Feldzug systematischer Lüge und Verleumdung" zurückgewiesen.'"^ Die Kundgebung wandte sich ausdrücklich an die ausländischen Universitäten und beschwor die „Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit der vielen Tausende in der ganzen Welt", die als Studenten oder Wissenschaftler das Deutsche Volk in „seiner tiefen Achtung vor aller geistigen Arbeit und seiner innigen Liebe zu Wissenschaft und Kunst" aus eigener Anschauung kennengelemt hätten."*^ Mit diesem Appell und mit dem Hinweis auf die Wehφflichtaπnee, bestehend aus „den besten Söhnen des Landes", sollte bewiesen werden, daß das deutsche Heer keine „Horde von Barbaren" und keine „Bande von Mordbrennern" sein könne. Wo immer die deutschen Soldaten „zu Zerstörungen schreiten mußten" [sie], sei dies „in der bitteren Notwehr des Kampfes" geschehen. Die Verantwortung trügen die Ententestaaten, die den Krieg entfesselt hätten, sowie belgische Freischärler.'"^ Über Tausend englische Gelehrte reagierten auf die Stellungnahmen ihrer deutschen Kollegen, insbesondere auf den Kulturweltaufruf, mit einer „Antwort an die deutschen Professoren",'"^ die am 21. Oktober in der „Times" erschien. Sie verwiesen auf die negative Wirkung Nietzsches, Treitschkes und Bemhardis auf die Politik und Kultur in Deutschland und beklagten die Zerstörungen in Löwen und Reims. Sie stellten fest, daß die Deutschen in England nicht mit Sympathie rechnen könnten, weil Deutschland „unter dem verderblichen Einfluß des Militärsystems" der „gemeinsame Feind Europas" sei. Deshalb müsse Großbritannien „den Krieg zu Ende f ü h r e n " . G e g e n den bereits Anfang September unter dem Titel „Why We Are At War" erschienenen Sammelband namhafter Oxforder Historiker wandten sich deutsche Historiker und Juristen mit einer am 3. Dezember veröffentlichten „Erklärung gegen die Oxforder H o c h s c h u l e n " . D i e Unterzeichner'"* warfen ihren englischen Kollegen vor, „die Wissenschaft für Zwecke der Politik zu mißbrauchen, einer Politik, die den Krieg herbeigeführt" habe. „Unverzeihlich" sei der Versuch, Deutschland für den Krieg verantwortlich zu machen. Indem sie die Friedensbemühungen des Reiches darlegten, machten sie auf den Widerspruch aufmerksam, der aus ihrer Sicht zwischen der imperialistischen englischen Politik und der Behauptung, England kämpfe „für das Prinzip des ,Völker-

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„Kundgebung deutscher Universitäten"; der Text ist abgedruckt bei Böhme, Aufiiife und Reden, S. 51-54, sowie - mit Namen der Universitäten - bei Kellermann, Geister, S. 86fF. Hier zit nach Böhme als Kundgebung. In ihr wird darauf verwiesen, daß die Uriieber des Krieges, also insbes. England, auch für die durch Notwehlhandlungen deutscher Soldaten unvermeidbare Zerstörungen verantwortlich seien (S. 53£). Kundgebung, S. 51 (im Original hervorgehoben). Ebd., S. 52 (im Original teilweise hervoi:gehoben). Ebd., S. 53 (im Original hervoi^gdwben). Vgl. auch den Kulturweltaufruf .Antwort an die deutschen Professoren", in: Kellermann, Geister, S. 36-44. Ebd., S. 37,40. .Erklärung gegen die Oxforder Hochschulen"; der Text ist mit den Namen der Unterzeichner abgedruckt bei Kellermann, Geister, S. 90-93, ohne Namen bei Böhme, Aufiufe und Reden, S. 54fiF. Im folgenden zit nach Böhme, zit als Gegeneridäning. Unter ihnen Friedrich v. Liszt, Berlin, Erich Mareks, München, Friedrich Meinecke, Berlin, Hermann Oncken, Heidelberg, Dietrich Schäfer, Berlin, und Ferdinand Tönnies, Kiel. Vgl. Kellermann, Geister, S.92f.

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rechts'", bestand."" Die Erklärang schloß mit der Klage über die „Verunglimpfung der Wahrheit" und „die Herabwürdigung der Wissenschaft" durch die englischen Gelehrten."" D i e Verbindung von gutem Gewissen und Naivität zeigte sich auch in zahlreichen Einzelschriften,

in denen die Gelehrten auf die feindliche Propaganda B e z u g nahmen, indem sie

v o m „Lügenfeldzug"'" sprachen und sich g e g e n „Haß und

Verleumdungssucht"der

Feinde verwahrten. Zugleich warfen sie der Entente Greueltaten vor, indem sie auf Grausamkeiten belgischer Freischärler gegenüber deutschen Soldaten s o w i e auf die russischen „Bestialitäten" in Ostpreußen v e r w i e s e n . ' " Damit machten sich die Gelehrten die offizielle Rechtfertigung des Heeres für die Härte der deutschen Kriegführung zu eigen, die mit Angriffen der belgischen Bevölkerung s o w i e brutalen Übergriffen der russischen Armee auf ostpreußische Zivilisten begründet wurde. Friedrich Meinecke widmete dem Thema „Wahrheit und Lüge" einen eigenen Aufsatz, in dem er die Propaganda und Kriegführung der Feinde behandelte und ihnen entgegenrief: „O ihr Heuchler und Otterngezücht!"."'* Ernst Troeltsch versuchte 1916, den propagandistischen Rückstand der Deutschen zu erklären: Ausdrücke „antideutscher Polemik" hätten in den Feindstaaten „lange schon bereit" gelegen. Im Krieg sei lediglich die „Greuelpropaganda" verstärkend hinzugekommen."^

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Gegenerklärung, S. 54. Der Schlußsatz lautete: „Wir verwahren uns gegen die Vergiftung der geistigen Waffen im Kampfe der Nationen", ebd., S. 56. Riehl, Alois: „1813 - Fichte - I9I4", DRR 1, S. 191-210, hier S. 199; Kipp, Theodor: „Von der Macht des Rechts", in DRR 1, S. 211-244, hier S. 238; Preuß, Hugo: Das deutsche Volk und die Politik. Jena 1915, S. 17. Vgl. auch Hirschfeld, Magnus: Warum hassen uns die Völkei? Eine kriegspsychologische Betrachtung, Bonn 1915, S. 7; Meinecke, Friedrich: ,JDie deutschen EAebungen von 1813, 1848, 1870 und 1914", in: ders.: Die deutsche EAebung von 1914. Stut^art, Berlin 1914, S. 9-38, hier S. 36ff.; ders.: „Wahrheit und Lüge", in: ders., Erhebung, S. 64-73, hier S. 65, 67, 70, 73; ders.: „Sozialdemokratie und Machtpolitik", in: Thimme, Friedrich/Legien, Carl: Die Arbeiterschaft im Neuen Deutschland. Leipzig 1915, S. 21-31, hier S. 21; Sombail, Werner: Händler und Helden. Patriotische Besinnungen. München, Leipzig 1915, S. 46f ; Plenge, Johann: Eine Kriegsvorlesung über die Volkswirtschaft. Berlin 1915, S. 12; ders., 1789 und 1914. Die symbolischen Jahre in der Geschichte des politischen Geistes. Berlin 1916, S. 137. Anschütz, Gerhard: „Gedanken über künftige Slaatsfomien", in: Thimme/Legien, Arbeiterschaft, S. 42-57, hier S. 45; Natoφ, Paul: ,X)ie Wiedergeburt unseres Volkes nach dem Kriege", in: Thimme/Legien, Arbeiterschaft, S. 194-206, hier S. 195. Vgl. auch Weber, Alfied: Gedanken zur deutschen Sendung. Beriin 1915, S. 10£, 14; Troeltsch, Emst: ,X)ie Ideen von 1914", in: ders.: Deutscher Geist und Westeuropa Tübingen 1925, S. 31-58, hier S. 31C, 47; ders.: Das Wesen des Deutschen. Heidelbei^ 1915, S. 4f.; Scheler, Max: Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg. Leipzig 1915, S. 68f, lOOf; Seeberg, Reinhold: Was sollen wir denn tun? Erwägungen und Hoffiiungen. Leipzig 1915, S. 14f.; Cohen, Hermann: .JCantische Gedanken im deutschen Militarismus", in: Görland, Albert/Cassirer, Ernst (Hg.): Hemiann Cohens Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte. Bd. 2. Beriin 1928, S. 347-354, hier S. 353; Blume, Wilhelm V.: Der deutsche Militarismus. Tübingen 1915, S. Sf! Meinecke, Wahrheit und Lüge, S. 69. Vgl. auch Riehl, 1813, S. 199; Weber, A , Sendung, S. 74. Meinecke, Wahrheit und Lüge, S. 71. Plenge, Kriegsvorlesung, S. 15ff., betont, daß im deutschen Volk „der Geist der Wahrheit ist" (S. 16). Troeltsch, Ideen, S. 32. In der Tat hatten die polemischen Angriffe der Alliierten bereits mit Kriegsbeginn eingesetzt - noch vor den Vorfâllen von Löwen und ähnlichen Ereignissen.

Weltbild: Die Bedrohung von außen und der „Burgfrieden" im Innern

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Andere Gelehrte bemühten sich, die alliierte Propaganda nicht nur empört zurückzuweisen, sondern sich mit ihr emsthaft auseinanderzusetzen. So versuchte der Berliner Arzt und Begründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees, Magnus Hirschfeld, die allgemeine Abneigung gegen Deutschland in einer „kriegspsychologischen Betrachtung" zu erklären."' Während sich der umstrittene Berliner Sexualwissenschaftler mitunter auch selbstkritisch gegenüber dem eigenen Land äußerte, ging es dem Heidelberger Germanisten Gustav Nekkel vor allem um die Verherrlichung der eigenen Nation. Unter dem Titel „Barbaren und Helden" pries er die Kultur der Germanen sowie ihre Kriegskunst aus historischer Perspektive und suchte auf diese Weise die alliierten Barbarei-Vorwürfe zu .widerlegen'.'" Seriös war demgegnüber das im Juni 1915 in einer Auflage von 8000 Exemplaren erschienene Buch „Deutschland und der Weltkrieg", ein von Otto Hintze, Friedrich Meinecke, Hermann Oncken und Hermann Schumacher herausgegebener Sammelband, in dem verschiedene Themen des Krieges behandelt wurden."* Es sollte nicht den Propagandakrieg anheizen, sondern stellte den Versuch dar, so die Herausgeber, „mit den Mitteln der Wissenschaft ... die umstrittenen Hauptfragen des Krieges zu behandeln"."' Vor allem das neutrale Ausland war der Adressat dieses Buches, obwohl erst 1916 eine spanische und eine englische Übersetzung zustande kamen. So blieb es in seiner Wirkung begrenzt, wurde aber in Deutschland vielfach positiv besprochen.'^" Nationalkonservative Historiker wie Gerhard Ritter haben es noch 1967 als „,die würdigste und geistig gehaltvollste Schrift der deutschen Kriegspublizistik'" bezeichnet, aber auch in neueren Studien ist es als ein Werk von besonderer inhaltlicher Qualität beschrieben worden.'^' Gerade die Wandlung vom klassischen Krieg der Nationen zu einem Krieg der Kulturen in den ersten Kriegsmonaten stellte fur die deutschen Gelehrten eine ganz neue Dimension des Krieges dar. Zunächst irritiert und dann zunehmend empört, nahmen sie den Barbareivorwurf der Alliierten zur Kenntnis. Geprägt von der Überzeugung, Opfer eines Angriffs zu sein, sahen sie in den feindlichen Anschuldigungen nicht eine Reaktion auf die deutsche Kriegfilhrung, sondern ein besonders perfides Kriegsmittel. Diese Einschätzung führte viele Gelehrte dazu, ihre Äußerungen zur Kriegsschuld, ihre Reaktionen auf die Propaganda und ihre Definitionen vom Selbst- und Feindbild einander anzugleichen, um auch publizistisch keine „offenen Flanken" zu zeigen, ein Vorgang, der als „Geleitzuggesinnung in der Kriegspublizistik"'^^ beschrieben werden kann. Das negative Weltbild der Gelehrten setzte sich 116 Hiischfeld, S. 3fF. 117 Necke], Gustav: ,3aibaren und Helden", in: TAT 6,1915, S. 549-561, hier S. 550,555£ Hintze, Otto/Meinecke, Friedrich/Oncken, Hermann/Schumacher, Hemvann (Hg.): Deutschland und der Weltkrieg. Leipzig, Berlin 1915. Eine erweiterte 2. Aufl. in 2 Bänden erschien im Juni 1916. In fünf Kapiteln wurden die Stellung Deutschlands, seine Bundesgenossen, die Politik der Feinde, die Voigeschichte und der „Geist" des Krieges behandelt 119 Vorwort, DuW, S. IV. Vgl. auch vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 703. So z. B. vom Fachkollegen v. Bclow, der beide Auflagen rezensierte: .^Deutschland und der Weltkrieg", in: ZfS 6,1915, S. 677-683, und ders., ebd. 8,1917, S. 66ff. Zu weiteren Rezensionen vgl. v. a Pemerstorfer, E.: ,JEin Professorenbuch", in: Mära 9, 1915, B. 4, 4.12.1915, S. 170fiE; Thimme, Fr.: .Jteutschland und der Weltkrieg", in: IMW 10, 1916. S. 43-66; Delbrück, H.: .Jteutschland und der Weltkrieg", in: PJJ 161.1915, S. 530-533; Philippovich, E. v., ZWS 24,1915, S. 676-726. 121 Comelißen. Politische Historiker, S. 127,121; Ritter-Zitat in ebd., S. 127. Ruddies, Gelehrtenpolitik. S. 159.

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zum einen aus der konkret empfundenen, existentiellen Bedrohung durch eine „Welt von Feinden" zusammen und zum anderen durch die gerade fllr die „Kulturträger" neue Erfahrung, daß ihnen die Feinde jegliche Kultur absprachen. Das klang für die Gelehrten so abwegig, daß sie diese Anschuldigung nur kategorisch zurückzuweisen vermochten, wie es zugleich ihrer subjektiven UnschuldsUberzeugung entsprach, dem gegen Deutschland gerichteten Vorwurf, den Krieg begonnen zu haben, entgegenzutreten.

1.3 Die Kriegsschuldfrage Das Handeln der Entente hatte die Schuldfrage aus Sicht der Gelehrten bereits geklärt, so daß die Frage: „Warum wir kämpfen?"'^^ in ihren Augen keiner ausführlichen Erörterung bedurfte. Dementsprechend wurden die Kriegsursachen oder die Kriegsschuldfrage in den Einzelschriften der ersten Kriegshälfte meist im Rahmen einer groben Charakterisierung der Politik des Reiches und der Ententestaaten in der unmittelbaren Vorkriegszeit behandelt: „Es ist eine große und mächtige Volksüberzeugung in Deutschland," so Meinecke am 19. August, „daß dieser Krieg uns durch fremde Schuld aufgezwungen worden ist, daß wir einen Verteidigungskampf für Haus und Herd im heiligsten und höchsten Sinne führen müss e n . " D a ß das Reich „überfallen" worden sei, war K o n s e n s . H ä u f i g wurden die deutsche Friedfertigkeit herausgestrichen und der deutschen Friedensliebe der Neid, der Haß oder das Expansionsstreben der Feinde gegenübergestellt. Neben Panslawismus, serbischem Nationalismus und französischem Revanchestreben wurden auch die sogenannte englische Heuchelei sowie die „Einkreisungspolitik"der Entente als Kriegsursachen erwähnt.'" Es 123

На11ет, Jdiannes: Warum und wofllr wir kämpfen. Tübingen 1914. Meinecke, Friedrich: „Um weldie Güter kämpfen wir?', in: ders., Erhebung, S. 47-52, hier S. 47. Troeltsch hatte sich schon am 2. August in einer Rede in diesem Sinne geäußert, die Mitte August veröffentlicht wurde: Nach Eiklärang der Mobilmachung. Rede gehaltrai bei der von Stadt und Universität einberufenen vaterländischen Versanmüung am 2. August 1914. Heidelbetg 1914. 125 Kahl, Wilhelm: „Vom Recht zum Kriege und vom Siegespreis", in: DRR 1, S. 169-190, hier S. 179; Meinecke, Friedrich: ,Welche Güter', S. 47. Vgl. auch Cohen, Hemiann: „Vom ewigen Frieden", in: Görland/Cassiier, Hemiann Cohens Schriften 2, S. 342-346, hier S. 346; Meinecke, Friedrich: .Politik und Kultui", in: ders., Erhebung, S. 39-46, hier S. 39; Delbrück, Charakter, S. 70; Gierice, Otto v : ,4Crieg und Kultur", in: DRR 1, S. 75-102, hier S. 77; Lasson, Deutsche Art, S. 105,107; Rolfife, Emst: ,J)er Geist von 1914", in: PrJbb 158, H. 3, 1914, S. 377-391, hier S. 382C; Waldeyer/Erdbetg, Vorwort, S. V; Anschütz, Staatsrefotmen, S. 42; Smend, Rudolf: Krieg und Kultur. Tübingen 1915, S. 17f ; Seeberg, Was sollen wir denntun,S. 31. 126 Sering, Max: ,Д)1е Ursachen und die weltpolitische Bedeutung des Krieges", in: DRR 1, S. 245-280, hier S. 272; Oncken, Hermann: ,4Die Deutschen auf dem Weg zur einigen und fieien Nation", in: Thimme/ Lçgiai, Arijeiterechall, S. 1-11, hier S. 9. Haller, Warum und wofür, S. 5fiF., 14flF.; Riehl, 1813, S. 197f ; Gierke, Krieg und Kultur, S. 77; Meinecke, „Staatsgedanke und Nationalismus", in: ders., Erhdiung, S. 74-83, hier S. 78; ders. Sozialdemokratie, S. 24f ; das.. Die deutschen Erhebungen, S. 36; Plenge, Johann: Der Krieg und die Volkswirtschaft. Münster 1915, S. 16-19; Haeckel, Englands Blutschuld, S. 5ff., 9; Sombait, H ä n d b und Helden, S. 46f ; Anschütz; Staatsreformen, S. 46; Natom, Wiedeiigeburt, S. 194£; Weber, Max: ,3ismarcks Außenpolitik und

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stellte eine Ausnahme dar, wenn Gelehrte von einem deutschen Schuldanteil sprachen wie der Pazifist Friedrich Wilhelm Foerster, der an das „alldeutsche Bramarbasieren" erinnerte.'^' Die überwiegende Mehrheit sah die „Blutschuld"'^' bei den Feinden. England galt allgemein als Kriegstreiber'^" und wurde von Gustav Roethe als „eigentliche^ Todfeind" bezeichnet.'^' So konnte die Gerechtigkeit der deutschen Sache bewiesen und die Notwehr des Reiches, der deutsche Verteidigungs- bzw. Existenzkampf betont werden.'" Dieser werde „gegen eine Welt von Feinden"'" bzw. „um Sein oder Nichtsein"'" geführt. Diese populären Formulierungen entstammten dem Kaiserlichen Aufruf an das deutsche Volk vom 6. August 1914 und wrurden in zahlreichen Kriegsschriften aufgegriffen. Die erste Redewendung bezog sich auf die Zeile „Und wenn die Welt voll Teufel wär" aus Luthers Lied: „Ein feste Burg ist unser Gott".'^' Sie sollte Mut machen und die Legitimität der deutschen Sache unterstreichen. Während die Gelehrten gegenüber der deutschen Öffentlichkeit kurze, klare Antworten in bezug auf die Frage nach der Kriegsschuld lieferten, mußten sie dieses Thema in ihren vornehmlich an das Ausland gerichteten Aufrufen eingehender behandeln. Das Ziel der Aufhife bestand darin, die Bevölkerung der Feindstaaten, aber vor allem die neutralen Völker und ihre Regierungen vom Notwehrcharakter der deutschen Kriegserklärungen zu überzeugen. Gerade in den Aufhifen kam es darauf an, keinen Zweifel daran zu lassen, daß es sich für Deutschland um einen Verteidigungskrieg handele. Deshalb äußerten sich die Gelehrten etwas ausführlicher, sprachen aber ähnlich schlagwortartig wie in ihren Einzelschriften von der systematischen Einkreisungspolitik der Ententestaaten.''' In ihrem Aufhif „An die Kulturwelt!" betonten die Unterzeichner, daß Deutschland den Frieden gewollt habe, aber durch die Politik der Entente in einen Krieg hineingezwungen worden sei. Sie sprachen von der Friedensliebe des Kaisers und den Bemühungen der Reichsleitung, den Krieg abzuwenden.

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die Gegenwart", in: MWS 1/15, S. 26-38, hier S. 26-32; Scheler, Genius, S. 180, 199; Deißmann, Adolf: ,i)er Krieg und die Religion", in: DRR1, S. 281-324, hier S. 299, Hiischfeld, S. 10. Foerster, Friedrich Wilhelm: „Christus und der Krieg", in: Liebesgabe deutscher Hochschüler, hier zit nach dem Wiederabdruck von 1916 in: ders.: Die deutsche Jugend und der Weltkrieg. Kriegs- und Friedensaufeätze. LeipzigM916, S. 37. Haeckel, Emst: Englands Blutschuld am Weltkriege. Eisenach ^1914. Vgl. auch Roethe, Wir Deutschen, S. 26; Liszt, Franz v.: „Von der Nibelungentreue", in: DRR 1, S. 325-350, hier S. 346. Hamack, Was wir schon, S. 149£; Roethe, Wir Daitschen, S. 26; Riehl, 1813, S. 197£; Sering, Ureachen, S. 249£; Seeberg, Volkserhaltung und Volksmehning. Berlin 1916, S. 263; Scheler, Genius, S. 73f Roethe, Wir Deutschen, S. 20. So z. B. in fast allen ,X)eutschen Reden in schwerer Zeit" und bei Meinecke, Welche Güter, S. 47; ders., Sozialdemokratie, S. 21, 24; Simmel, Geoi^: Deutschlands innere Wandlung. Straßburg 1914, S. 9; Onkken, Nation, S.3,9; Plenge, 1789 und 1914, S. 14f; Troeltsch, Ideen, S. 31. Meinecke, Welche Güter, S. 47; Gierke, Krieg und Kultur, S. 90; Kipp, Macht des Rechts, S. 213; Sombart, Händler und Helden, S. 127; Anschütz, Staatsreformen, S. 42; Νβίοφ, Wiedergeburt, S. 194; indirekt bei Preuß, Politik, S. 165, und Scheler, Genius, S. 50,70. Roethe, Wir Deutschen, S. 29; Simmel, Wandlung, S. 8; Meinecke, Die deutschen Erhebungen, S. 25. Martin Luthers geisüiche Lieder, S. 41, und Fischer, A F. W.: Kirchenlieder Lexikon MI. Hildesheim 1967, S. 154-157. Vgl. den Aufruf des Kaisers vom 6.8.1914, abgedruckt in: Binder, S. 79, und Krieger, Kaiser, S.21f Bonner Aufiui S. 50f Vgl. auch Haeckel/Eucken, Erklärung, S. 5£

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Das Reich sei von drei Seiten überfallen und der Überfall lange geplant gewesen."' Ähnlich wurde auch in anderen Aufrufen argumentiert"' und ihr Inhalt zuweilen mit einer symbolischen Geste unterstrichen. So verzichteten 31 Professoren und Künstler - darunter Rudolf Eucken, Emst Haeckei, Philipp Lenard, Franz v. Liszt und Wilhelm Wund - aus Empörung über die grundlos und unter „einem nichtigen Vorwande" erfolgte englische Kriegserklärung gegen das „stammverwandte" Deutschland am 7. September auf die ihnen von englischen Universitäten, Akademien und akademischen Gesellschaften verliehenen Auszeichnungen."' Zwar war diese Erklärung unter den Gelehrten u m s t r i t t e n , a b e r sie spiegelte die Denkweise eines Großteils der deutschen Intellektuellen wider und sollte unterstreichen, daß England die Schuld am Kriege treffe. Die These vom Verteidigungskrieg der Deutschen wurde von den Gelehrten auch in den beiden großen Kollektiveingaben bemüht.'"' Sie diente hier allerdings nicht der Rechtfertigung des Krieges, sondern der Begründung von Kriegszielforderungen. So wurde in der Intellektuelleneingabe hervorgehoben, daß das Reich 44 Jahre den Frieden gewahrt und in dieser Zeit nie daran gedacht habe, seine Grenzen „erobernd zu überschreiten". Die Feinde hätten dagegen „Pläne ... entworfen, die bis zur Vernichtung des deutschen Reiches" gegangen seien. Dementsprechend hätten sich die Deutschen gegen „eine halbe Welt von Feinden" zur Wehr setzen müssen. Das Kriegsziel bestehe darin, künftige Angriffe zu verhind e r n . D i e subjektiv ehrlich gemeinte Betonung, stets friedfertig gewesen und nun überfallen worden zu sein, zeigt, wie erfolgreich die innenpolitische Desinformationspolitik der Reichsleitung während der Julikrise gewesen ist. Das Bedrohungsgefühl stellte eine wesentliche Komponente des Weltbildes der Gelehrten dar. Die unterschiedliche Behandlung der Kriegsschuldfrage in den Eingaben, Aufhifen und Einzelschriften läßt erkennen, wie wichtig eine Differenzierung zwischen den Quellen ist. Unterschiede zeigen sich auch in bezug auf andere in den Kriegsschriften behandelte Themen. So wurden bspw. apokalyptische Deutungen des Krieges nur in Einzelschriften geliefert.

1.4 Die apokalyptische Deutung des Krieges Die Zustimmung der Sozialdemokraten zu den Kriegskrediten und die reibungslos verlaufende militärische Mobilmachung vermittelten den Eindruck einer gesamtgesellschaftlichen Mobilisierung im August 1914. Auch in den Universitätsstädten konnte man auf Straßen, 137 138

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Kulturweltaufiui S. 47; vgl. auch Bonner Aufiuf, S. 50f. Theologenaufruf, S. 40fF.; Hochschullehrererklärung, S. 49f.; Kundgebung, S. 53; Gegenaklärung, S. 55. .JErklärung deutscher Universitätslehrei" zur Niederlegung ihrer englischen Auszeichnungen, im folgenden ziL nach Kellermann, Geister, S. 28f. (Kurztitel: Rückgabeeridanmg). Weitere akademische Unterzeichner waren: Emil v. Behring, Marbui;g, Moritz Cantor, Heidelbeig, Paul Ehrlich, Frankfurt am Main, Josef Kohler, Berlin, Paul Laband, Straßburg, und Adolph Wagner, Berlin. Zur auf die Erklärung folgenden Diskussion vgl. Kellermann, Geister, S. 29-36. Intellektuelleneingabe, S. 125; Gegeneingabe, S. 135£ Im folgenden, sofern nicht andas vemieikt, ziL nach Böhme, Aufrufe und Reden, S. 125-135 u. 135fi: ZiL als Intellektuellen- bzw. Gegeneingabe. Intellektuelleneingabe, S. 125.

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Plätzen und Bahnhöfen feierlichen Verabschiedungen beiwohnen. Das Mobilisierungserlebnis wurde geprägt von einer Welle großer kollektiver Hilfsbereitschaft - zahlreiche Sammelstellen für „Liebesgaben" für die Frontsoldaten wurden eingerichtet - sowie von einer sprunghaft steigenden Teilnahme an Gottesdiensten, die als Erneuerung der Religiosität gedeutet wurde. Der große Anteil von Studenten unter den Scharen der Kriegsfreiwilligen und Eingezogenen wirkte sich zunehmend auf den Lehrbetrieb aus. Die dadurch wenn auch indirekt von der Kriegsrealität betroffenen Gelehrten korrespondierten häufig mit ihren ,im Felde' stehenden Studenten, schickten ihnen die erwähnten Liebesgaben an die Front,"'''' verfaßten Nachrufe auf gefallene Schüler und Freunde oder widmeten ihnen ihre Kriegss c h r i f t e n . V i e l e Schriften enthielten den Hinweis, daß die Erträge den Verwundeten und Veteranen oder ihren Angehörigen zugute kommen sollten.''*' Hehnut Fries' von der Kritik gelobter Hinweis auf die mit dem publizistischen Kriegsengagement verbundenen kommerziellen Interessen*'*^ sollte daher nicht überbetont werden. Die persönliche Betroffenheit der Gelehrten wurde zudem durch Kriegsteilnehmer aus der eigenen Familie verstärkt. So kämpften z. B. der Bruder des Marburger Völkerrechtlers Walter Schücking und der jüngere Bruder von Max und Alfred Weber sowie die Söhne der Professoren Gothein, Windelband, Eucken, Husserl, Planck, Simmel, v. Below, Nemst, von der Ropp xmd Natoφ an der F r o n t . D i e soziale Rolle der Professoren wird daher nicht zureichend erfaßt, wenn man sie sich nur als , Schreibtischkrieger' vorstellt, die von der Frontwirklichkeit nicht näher berührt waren. Ohne die Berücksichtigung der Realerfahrungen ist das Bemühen der Gelehrten, dem Krieg einen höheren „Sinn" zu verleihen, nicht angemessen zu würdigen. Es ist nicht Ausdruck einer ,Kriegsideologie', wenn der Straßburger Kultuφhilosoph Georg Simmel schrieb, „daß dieser Krieg irgendwie einen anderen Sinn hat als Kriege sonst haben ..., daß 143

Vgl. hierzu Jansen, Professoren und Politik, S. 111, sowie die Aufeaze von Henrick Stahr, Manfred Gallus, Bettina Bab und Bernd Ulrich in: Berliner Geschichtswerkstatt, August 1914. Als Fallstudie für Marburg vgl. Wettmann, Kriegstagebücher, S. HOff Wetlmann, Kriegstagebücher, S. 140, 152f.; Below, Minnie v., Georg von Below, ein Lebensbild. Stuttgart 1930, S. 142. 145 Zum Beispiel Meinecke, DE (,kleinen Freunden und Schülern im Felde zugeeignet"); Plenge, Kriegsvorlesung (,ДЗеп Kriegsjahfgängen unserer Hochschuljugend im Hörsaal und im Felde"); Sombatt, Händler und Helden (,^uch jungen Helden draußen vor dem Feinde"); Scheler, Genius (,kleinen Freunden im Felde"); Hoetzsch, Politik im Weltkrieg (,J)em Andenken meines Freundes ..."); Brentano, Schlachtruf GX>em Andenken meines Freundes..."), und Seebetg, Ewiges Leben (,J)en Leidtragenden"). 14« Zum Beispiel die Deutschen Reden in Schwerer Zeil, Bde. 1-3 (,J)er Reinertrag... ist für den Reichsverband zur Unterstützung deutscher Veteranen e. V. bestimmt"); Simmel, Wandlung (,4Der Reinertrag ist für die durch den Krieg Geschädigten in Elsaß-Lolhringen bestimmf); Meinecke, DE („...das Erträgnis des Buches für die Kriegsfürsorge bestimml"), Troeltsch, Wesen des Deutschen (,ДЭег Ertrag ist... für das Rote Kreuz und für den stadtischen Fond zur Unterstützung der ihrer Ernährer beraubten Familien bestimmt), und die Schriften des Kaiser-Willhelm-Dank (,J)er ... Gewinn wird zum Besten unserer Krieger verwendet"). 147 Fries, Katharsis 2, S.26f 148 Reichert, Heidelberger Hochschullehrer, S. 2; Flasch, Mobilmachung, S. 256; Hermann, Planck, S. 54f; GSG 16, S. 428f; Below, M. v.: Georg von Below, S. 139fi:; Nachmansohn/Schmid, S. 181; Wettmann, Kriegstagebücher, S. ISO; Paletschek, S. lOOf.

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seine äußeren Ereignisse in einer schwer aussagbaren, aber darum nicht weniger sicheren Tiefe von Seele, Hoföiung, Schicksal wurzeln oder auf diese hingehen."'·*' Nur wenige Gelehrte riefen dem Krieg „ein freudiges Willkommen" zu und verktlndeten: „Wir wollen nun den Krieg und wollen ihn in seiner ganzen Größe und Gewalt"."" Konsens herrschte dagegen darüber, daß der Krieg nicht nur als Zerstörer, sondern auch als Schöpfer kultureller Werte angesehen werden m ü s s e . A u c h von einer „Läuterung""^ der Deutschen wurde häufig gesprochen. Angesichts der gerade in den ersten Kriegsmonaten gut besuchten Gottesdienste vertrat Adolf Deißmann die Auffassung, Kriege trügen zur Religiosität und zu einer neuen oder tieferen Frömmigkeit bei. In der Religion erblickte der Berliner Neutestamentler die seelische Kraftquelle der Soldaten, gab sie doch dem Krieg insgesamt eine besondere Weihe.''' Die Verwendung der christlichen Symbolsprache unterstrich den apokalyptischen Charakter, der dem Krieg zugeschrieben wurde. Überlieferte religiöse Symbolbestände wurden vielfach nationalistisch transformiert, um die nationale Einheit und den Sinn des Krieges religionssemantisch zu untermauern. Durch diese Theologisierung wurde die Verteidigung der Nation zu einer unbedingten Veφflichtung.'" Gleichwohl existierte keine einheitliche ,Kriegstheologie'. Diese auf Karl Barth zurückgehende These,"' die bereitwillig von der Forschung übernommen wurde,"' läßt sich in bezug auf die Professorenschriften nicht halten. Während z. B. der Erlanger Theologe Richard Grützmacher den Krieg als grausam bezeichnete, ihn aber zugleich als effektives Element kultureller Evolution pries, warnte sein Kollege Gustav Wohlenberg vor einem unchristlichen Nationalismus. Das Vaterland sei ein hohes, nicht jedoch das höchste Gut. Es sei theologisch illegitim, den Opfertod Jesu mit dem Tod für das Vaterland gleichzusetzen.'" Angesichts der vielen Toten

149 Simmel, Wandlung, S. 14. 150 Gieike, Krieg und Kultur, S. 80,78. Meinecke, Wahrheit und Lüge, S. 64; Kipp, Macht des Rechts, S. 42f ; Gierke, Krieg und Kultur, S. 81; Deißmann, Religion, S. 285flF., 290«, 294,296,299, 305. Vgl. auch Seebeig, Reinhold: .JCrieg und Kulturfortschritt", in: ders.: Geschichte, Krieg und Seele. Reden und Au&ätze aus den Tagen des Weltkrieges. Leipzig 1916, S. 89-120, hier S. 106£, 114f., 120; SchelCT, Genius, S. 50, 63f., 75; Kjellén, Ideen von 1914, S. 18-21. Kipp, Macht des Rechts, S. 238. Vgl. auch Meinecke, Welche Güto", S. 50f.; ders.. Die deutschen Eiliebungen, S. 28f., 32, 38; Roethe, Wir Deutschen, S. 45; Gierice, Krieg und Kultur, S. 80f; Kahl, Recht zum Kriege, S. 175; Sombait, Händler und Helden, S. 120; Plenge, 1789 und 1914, S. 135flF.; Natoφ, Wiedergeburt, S. 206. Deißmann, Religion, S. 2856!, 290fl:, 294fiF., 299, 305. Vgl. auch Seeberg, Kulturfortschritt, S. 106f., 114f., 120; Scheler, Genius, S. 50,63f., 75; Kjellén, Ideen von 1914, S. ISfiF. GraÇ Friedrich Wilhelm: ,JDie Nation - von Gott ,erfimden'? Kritische Randnotizen zum Theologiebedarf der historischen Nationalismusforschungf', in: Krumeich, Gerd/Lehmann, Hartmut (Hg.): „Gott mit uns". Nation, Religion und Gewalt im 19. undfrühen20. Jahrhundert Göttingen 2000, S. 285-317, hier S. 307ffi 155 Daß es sich um eine retrospddve Deutung Barths gehandelt hat, ist bereits herausgearbeitet worden: Härle, Wilfried: ,i)er Aufruf der 93 Intellektuellen und Karl Barths Bruch mit der liberalen Theologie", in: ZThK72,1975,8.207-224. IS« Hier sind insb. die Studien von Pressel und Hammer gemeint, vgl. Ruddies, Gelehrtenpolitik, S. 144. 157 Grützmacher, Richard: „Wesai und Grenzen des chrisüichen Irrationalismus^', in: NKZ 25,1914, S. 902916; Wohlenbeig, Gustav: ,JDas Neue Testament und der Krieg", in: NKZ 25, 1914, S. 939-959, und ders.: „Winke und Wamungen für die Kriegszeif, in: AELKZ 47,1915, S. 858-861.

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waren jedoch gerade die Theologen gezwungen, christliche Sprachmuster gegenwartsrelevant zu konkretisieren, den Tod für das Vaterland als „höchsten Ausdruck gelebter Moralität" zu deuten und ihm dadurch Sinn zu verleihen."' Die Verbindung der traditionellen Christlichkeit mit nationalen Ideologemen beweist, daß viele Varianten des Kriegsnationalismus auch im Sinne einer religiös - vor allem protestantisch - geprägten „Zivilreligion" gedeutet werden können.'" Die dabei häufig erfolgende Überhöhung des Todes wurde bereits von einigen Zeitgenossen kritisiert. So wandte sich der Münchener Pädagoge Friedrich Wilhelm Foerster scharf gegen die .^naßlose und kopflose Anbetung der religiös-sittlichen Kulturbedeutung des Krieges" und bezeichnete die „Kriegsromantiker" als „die abstrakten Enthusiasten des ewigen Völkertotschlags". Auch der Tübinger Jurist Rudolf Smend lehnte Versuche ab, dem Krieg eine höhere Kulturbedeutung zuzuerkennen. Der Krieg sei „weder kulturwidrig noch schlechthin kulturfeindlich"; er sei eine „Katastrophe des Völkerlebens" und damit „unberechenbar und unabwendbar"."® Trotz dieser distanzierten Betrachtungen war es ein Ausdruck der verbreiteten Mobilmachungseuphorie, daß vielfach - auch von Foerster - die kollektive „Opferbereitschaff"' der Deutschen gepriesen wurde. Sie konnte letztlich nur mit religiösen Sprachmustem begründet und angeregt werden."^ Tränen der Trauer inteφretierte V. Hamack als Ausdruck des Stolzes und der Dankbarkeit: „,Ich durfte ein Opfer bringen; ich habe ein Opfer gebracht'".'" Man sterbe, so Simmel, für ein höheres Ziel als das eigene Wohl: für die „überindividuelle Ganzheit".'" Der Tod für das Vateriand gewann auch für Meinecke „einen neuen und ewigen Sinn".'" Einige Gelehrte zeigten sich von der Industrialisierung des Krieges beeindruckt: Neuerungen wie Flugzeuge und U-Boote hätten nach Ansicht des Nationalökonomen Sombart wieder den „Sinn" des Fortschritts offenbart. Damit sprach er dem Krieg nicht nur positive kulturelle Auswirkungen zu, sondem stilisierte ihn zugleich zum Movens technischer Entwicklung und damit zum Ausdruck modemer Wirtschaflsleistung. Eine Deutung, die der verbreiteten Technikgläubigkeit des frühen 20. Jahrhunderts entsprach."' 151

Gra^ Nation, S. 310. Zu den „sozialen Dienstleistungen" der Kirchen im Kriege vgl. Mommsen, Wolfgang J.: ,J)ie nationalgeschichtliche Umdeutung der christlichen Botsdiaft im Erstoi Weltkrieg', in: Krameich/Lehmann, Gott mit uns, S. 249-261. 159 GraC Ganzheit, S. 4S8f. Unzutreffend ist es, vom Nationalismus als einer Ersatzreligion zu sprechen, da chrisüiche Metaphern nicht verdrängt, sondern genutzt wurden. Zum Forschungsstand vgl. Krumeidi, Gerd/Lehmann, Hattmut: ,J4ation, Religion und Gewalt: Zur EiniUhning", in: dies., Gott mit uns, S. 1-6. 160 Foerster, Friedrich Wilhelm: , Д е Kriegsromantiker hinter der Front", in: dets., Jugend, S. 94-114, hier S. 96. Vgl. auch ders., Christus und der Krieg, S. 36,45C, sowie Smend, Krieg und Kultur, S. 20. l«l SchelCT, Genius, S. 52, 149. Vgl. auch Hamack, Was wir schon, S. 151; Kjellén, Ideen, S. 16; Foerster, Friedrich Wilhelm: .Jungdeutschland und der Weltkrieg', in: ders., Jugend, S. 7-33, hier S. 9f 162 Grai Nation, S. 309. 163 Hamack, Was wir schon, S. 151. Vgl. auch Kjellén, Ideen, S. 16. 164 Simmel, Wandlung, S. 3. Vgl. auch Plenge, Idee, S. 131; Kipp, S. 242C 165 Meinecke, Die deutschen EAebungen, S. 27f Vgl. auch Kjellén, Ideen, S. 5; Weber, Α., Sendung, S. 30. Sombart, Handierund Helden, S. 119,125. Zur Faszination der Technik im Krieg vgl. die Auftätze in Spilker/UIrich, Maschinist Zur allgemeinen Technikgläubigkeit vgl. Betghofi^ Hartmut: „,Dem Ziele der Menschheit entgegen'. Die Verheißungen der Technik an der Wende zum 20. Jahrfiundert", in: Frevert, Das Neue Jahrhundert, S. 47-78.

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Anfang 1915 entwickelte der Wiener Philosoph und Hamack-Schüler Heinrich Gomperz eine „Philosophie des Krieges" und beschrieb die Auswirkungen des Kriegszustandes auf den Geist und das Handeln der Menschen."' Auch der Münchener Privatgelehrte Max Sche1er versuchte, das Wesen des Krieges zu ergründen. Sein Buch „Der Genius des Krieges und der deutsche Krieg" wurde zu einem der größten Verkaufserfolge professoraler Kriegsschriften: die Auflage von 4.000 Stück war bereits 1916 vergriffen.'" Es wurde von Rezensenten und Freunden gelobt, aber auch scharf kritisiert'™ und zeigt exemplarisch die „apokalyptischen Impulse",''' die dem deutschen Kriegsnationalismus zu eigen waren. Der Krieg galt Scheler als eine Macht, welche die Verdorbenheit der Vorkriegswelt aufdecke und die Kräfte der Erneuerung im Volke freisetze. Außerdem zeigten sich die Stabilität und die Integrationskraft politischer Ordnungen im Stadium äußerer Bedrohung: In ihm sondere sich „Freund und Feind des Staates". Je geschlossener die Staatsangehörigen den Staat verteidigten, so Scheler, desto stabiler sei seine innere Struktur. Zugleich verdeutliche der iCrieg auch die Mängel des Systems. Zwar habe sich bei der Mobilmachung die deutsche Verwaltung bewährt, aber die Defizite des eigenen Nachrichtendienstes und der Propaganda seien deutlich geworden. Dementsprechend erblickte Scheler das Wesen und zugleich den Wert des Krieges darin: „daß er die Masken herabreißt", die der Friede über das „,Niedrige' der Menschennatur" gebreitet habe. Insofern vernichte der Krieg nicht, sondern bewirke eine „Neuverteilung der kollektiven geistigen Willensmächte". Er galt Scheler zudem als „Gottesgericht" und die Anrufung Gottes durch die Kriegsparteien als legitim, solange dies in Demut geschehe und Gott nicht für die eigene Partei vereinnahmt werde. Der Ausgang eines Krieges, betonte er, sei jedoch kein Urteil über den Wert der Völker oder ihre kulturelle K r a f t . Ä u ß e r e Bedrohung und scheinbar offensichtliche Erneuerung im Innern begünstigten apokalyptische Kriegsdeutungen der Gelehrten, deren Kernpunkt die Verheißung einer besseren künftigen Welt war. Vor diesem Hintergrund sind die dem Krieg vielfach zugeschriebenen positiven individuellen, sozialen und kulturellen Folgen zu verstehen. Im Frühjahr 1916 verwies Ernst Troeltsch in einer Art Resümee noch einmal auf die vier größten Erlebnisse der deutschen Nation, die den Beginn der neuen Welt zu markieren schienen: die allgemeine Rückkehr zum Glauben an die Idee und den Geist beim Kriegsausbruch, das kollektive Gemeinschafts-Erlebnis, die Entstehung eines abgeschlossenen Wirtschaftsraumes durch den alliierten Boykott und die durch die Isolierung Deutschlands hervorgerufene allgemeine Selbstbesinnung.'^^

168 Gompeiz, Heinrich: Philosophie des Krieges in Umrissen, Gotha 1915. 169 Scheler, Genius. Vgl. Schwabe, Wissenschaft, S. 201/Anm. 137 u. 206/Anm. 213; Mader, S. 73. 170 Seine Freunde Max Brod, Franz Werfel und Martin Buber lehnten die Schrift ab, aber Scheler erhielt viele positive Zuschriften, vgl. Mader, S. 73f. Zu den Rezensionen vgl. Koebner, Richard: Rezension in LitZ 66, Nr. 27, 3.7.1915, S. 651-655; Lilienstein, Heinrich: Rezension in LitEcho 17, H. 20, 15.7.1915, S. 12721274; Bäumer, Geitrud: Rezension in Hilfe 41,1915, S. 656-658. 171 Vondung, Apokalypse in Deutschland, S. 11. Er spricht von einer .^rlösungsvision" (ebd.). 172 Scheler, Genius, S. 132f, 134f, Vorrede, S. 13,127fif., 137. 173 Troeltsch, Ideen, S. 37fi:

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1.5 Die Kommentierung politischer Ereignisse Außen- und innenpolitische Ereignisse fanden in der ersten Kriegshälfte kaum Berücksichtigung, weder in Eingaben und Aufrufen noch in den Einzelschrifien. Das gilt selbst filr herausragende Kriegsereignisse, obwohl über den Verlauf der Schlachten in der Tagespresse genau berichtet wurde - so genau zumindest, wie es die von der Obersten Heeresleitung und der Zensur freigegebenen Informationen gestatteten.'^'* Auch gefeierte deutsche Siege an West- und Ostfront wurden nicht besonders hervorgehoben. „Tannenberg",'" der später so verklärte deutsche Sieg über die russische Invasionsarmee in Ostpreußen Ende August 1914, wurde kaum erwähnt. Allerdings mag die Freude über diesen Sieg in der Mobilisierungseuphorie aufgegangen sein."' „Langemarck",'" jenes Gefecht bei Bixschote in Belgien, das der Heeresbericht vom 11. November 1914 zu einer Heldenlegende und zum Synonym für deutsche Tugenden wie Vaterlandsliebe, Pflichttreue und Opfertod stilisierte, wurde nur selten explizit erwähnt.'™ Ähnliches galt für die erfolgreiche Durchbruchsschlacht bei GorliceTamow (März 1915) sowie die Seeschlacht im Skagerrak (31.5.-1.6.1916), die zwar unentschieden endete, aber von englischer wie deutscher Seite als Sieg ausgegeben wurde. Verluste oder Niederlagen fanden erst recht keine Erwähnung, da die Gelehrten alles unterlassen wollten - und zensurbedingt mußten - , was Zweifel an einem raschen deutschen Sieg wecken konnte. Das „Mamedrama", d. h. der deutsche Rückzug nach der Marneschlacht im September 1914, wurde in den Kriegsschriften kaum thematisiert. Mit Blick auf die Äußerungen deutscher Gelehrter kann nicht von einer „politische[n] Reflexion der Marne-Schlacht" und einer daraus resultierenden „erste[n] Zäsur" in den kriegspolitischen Debatten gesprochen werden. Das Ereignis an der Marne konnte schon aufgrund der offiziellen Desinformationspolitik sowie der Militärzensur nicht öffentlich reflektiert werden. Die Schlacht, welche das Scheitern des Schlieffenplanes markierte und damit den deutschen Kriegsplan zunichte machte, wurde von der Obersten Heeresleitung verschwiegen und in seinen Auswirkungen auf die weiteren Kriegsplanungen der Deutschen heruntergespielt.'*' Außerdem verdeckte die Tatsache, daß die deutschen Soldaten tief in Feindesland standen, daß hier ein womöglich kriegsentscheidendes Ereignis geschehen war. Die großen Schlach174 Ausführlicher zu verschiedenen Ereignissen äußerte sich Delbrück, Hans: .JDie Kriegsereignisse von Ende August bis gegen Ende September. Der zukünftige Friede", in: PrJbb 158, H. 1,1914, S. 182-192. 175 Stürmer, Das ruhelose Reich, S. 375f.; Afflerbach, Holger: .^rst Dampfwalze ... dann Sandkastenspiel", in: Die Zeit 35,26.8.1994. 176 Roethe, Wir Deutschen, S. 18fif. (S. 21 direkte Erwähnung), 43; Delbrück, Charakter, S. 50flF., 57-63,69. Stürmer, Das ruhelose Reich, S. 373f ; Unruh, Karl: Langemarck Legende und Wirklichkeit. Bonn ^995. ' " Roethe, Wir Deutschen, S. 18ffi; Meinecke, Die deutschen Erhebungen, S. 27f. 179 Keegan, John: The First World War. London 1998, S. 279й; Rahn, Werner: „Strategische Probleme der deutschen Seekriegfmirung 1914-1918", in: Michalka, Weltkrieg, S. 341-365. 180 Llanque, S. 19. Lange, Karl: Mameschlacht und deutsche Öffentlichkeit 1914-1939. Eine verdrängte Niederlage und ihre Folgen. Düsseldorf 1974. Vgl. auch Kos2yk, Kurt: Deutsche Pressepolitik im Ersten Weltkrieg. Düsseldorf 1968; ders., ,J'ressepolitik und Propaganda im Ersten Weltkrieg", in: Francia 3, 1975, S. 465-475; Creutz, Martin: Die Pressepolitik der kaiserlichen Regierung während des Ersten Weltkrieges. Die Exekutive, die Journalisten und der Teufelskrcis der Berichterstattung. Frankfurl/M. 1996.

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ten, die in der Retrospektive die besonderen Schrecken des Ersten Weltkrieges ausmachen, wie die Schlachten bei Ypem 1914 imd 1915,'*^ in der Champagne (Herbst 1915), um Verdun (Februar bis Herbst 1916)'" und an der Somme (Juni bis November 1916)'*^ blieben ebenfalls weitgehend unerwähnt. Dies ist unter anderem darauf zurtlckzuiUhren, daß sich diese Schlachten über mehrere Monate hinzogen und keine Kriegsentscheidung erzwangen. Selbst Ereignisse, die in der Weltöffentlichkeit und der internationalen Presse für große Aufregung sorgten, wie die am 7. Mai 1915 erfolgte Versenkung der „Lusitania" durch ein deutsches U-Boot,"^ schlugen sich kaum in den allgemeinpolitischen Schriften nieder, wurden aber in der Fachliteratur erörtert."^ Auch bedeutende innenpolitische Ereignisse blieben weitgehend unbeachtet. Im Gegensatz zur häufig erwähnten Reichstagssitzung vom 4. August 1914 wurden die weiteren Parlamentssitzungen kaum berücksichtigt. Als der Reichstag am 2. Dezember 1914 wieder zusammenkam, stimmte Karl Liebknecht erstmalig gegen die Kriegskreditbewilligung. In der dritten Kriegsabstimmung am 20. März 1915 Schloß sich ihm Otto Rühle an. Am 9. Dezember 1915 waren intern bereits 20 von 44 Abgeordneten der SPD gegen die Kreditbewilligung. In der Reichstagssitzung vom 24. März 1916 sprach sich Hugo Haase - im Gegensatz zum August 1914 - gegen die Bewilligung der Kriegskredite aus. Als sich ihm 18 Fraktionskollegen anschlossen, kam es zu den bislang größten Spannungen innerhalb der SPD.'^^ Weil diese Entwicklung die endgültige Spaltung der SPD-Fraktion besiegeln und den Burgfrieden gefährden konnte, fand sie in den Kriegsschriften der Gelehrten noch keine Erwähnung. Sie wurde übergangen, um die Illusion der Einheit aufrechtzuerhalten und den Bezugspunkt des 4. August nicht zu entwerten, da gerade die geschlossene Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten seit 1914 den Mythos des August-Erlebnisses begründete. Aus demselben Grunde fand auch die seit 1915 trotz des Verbots jeder öffentlichen Kriegszielerörterung zunehmende alldeutsche Agitation fiir maximale Kriegsziele in den Kriegsschriften kaum einen Widerhall. Im März 1915 forderten sechs Wirtschaftsverbände die Freigabe der öffentlichen Kriegszieldebatte und überreichten Bethmann Hollweg am 20. Mai die sog. Industrielleneingabe, eine Denkschrift für weitreichende Annexionen."' Die Kriegszielagita1(2 Erste Schlacht von Ypem: 19. Oktober bis 17. November 1914, zweite Schlacht (erster Giflgaseinsatz der Deutschen): 22. April bis 24. Mai 1915, vgl. Keegan, War, S. I39ff., 213fif. 183 Keegan, War, S. SOOfif.; Fem), Der große Krieg, S. 138fiF.; RaulfF, Ulrich: ,^one der Toten, heiliges Land. Vefdun nach achtzig Jahren", in: FAZ 71,23.3.1996. Keegan, War, S. 308fl:; Ferro, Der große Krieg, S. 147fif.; Taylor A J. F.: English Histoiy 1914-1945. Oxford l%5,S.59fiF. I8S Vgl. Simpson, Colin: The Lusitania London 1972; Ballard, Robeil/Dunmore, Spencer. Das Geheimnis der Lusitania Eine Schiffikatastrophe verändert die Welt Baiin, Frankfiirt/M. 1995. 186 M^er, Eduard: Nordamerika und Deutschland. Beriin 1915, S. 48ff!, sowie z. B. Meurer, Christian: ,J)er Lusitania-Fali. Eine völkerreditliche Studie. Tübingen 1915; Wdibag, Hans: Das Seekriegsrecht Stuttgart 1915, und ders.: ,X)er Lusitania-Fall", in: ÖZÖR1915/16, S. 275. In dai juristischen Fachzeitschriften wie der DJZ und der JW wurden neben den völkerrechüichen auch die kriegsbedingten straf- und zivilrechüichen Probleme ausführlich erörtert Mai, Ende, S. 44-51; Bihl, Wolfdieter (Hg.): Deutsche Quellen zur Geschichte des Ersten Weltkrieges. Darmstadt 1991, S. lOf; Miller, Burgfrieden, S. 92fF., 103ffi, 121fif., 125-133. 188 Kriegszieldenkschriften verfeßten u. a August Thyssen (21.8. u. 9.9.1914), Walter Rathenau, der Alldeutsche Verband (28.8.1914), Wilhelm Self (28.8. u. 25.9.1914), Louis Röchling (31.8.1914), Matthias Erz-

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tion wurde zunehmend zu einer Agitation gegen den Reichskanzler. Diese fand ihren Höhepunkt in zwei Broschüren: 1915 wurde eine von dem Gießener Chemieprofessor Hans v. Liebig publizierte zweibändige Schrift über die Politik Bethmann Hollwegs inoffiziell verbreitet'" und 1916 eine vom rechtskonservativen ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp"° verfaßte Denkschrift.'" Zwar wehrte sich der Kanzler, aber es gelang ihm nicht, der Agitation ein Ende zu bereiten. Um den Burgfrieden zu stärken, ging der Münsteraner Staatswissenschaftler Johann Plenge auf die zunehmenden innenpolitischen Spannungen ein. Hatte er Anfang 1915 noch den opferbereiten Durchhaltewillen und die Organisationskraft der Deutschen gelobt, äußerte er sich im Herbst desselben Jahres weit weniger optimistisch über die Umsetzung des „neuen Geistes" in kollektives Verhalten. Seine Äußerungen zeigen, wie sich die seit Kriegsbeginn verändernden Kontextbedingungen auf die Kriegsgesellschaft auswirkten: Durch die zahlreichen Gefallenen, die Vernichtung materieller Werte und den Finanz-, Rohstoff- und Materialbedarf, so Plenge, erlebe man den Krieg nach 16 ICriegsmonaten an der Heimatfront stärker als zuvor. Unter dem Eindruck der Knappheit bestimmter Güter, des Wuchers und einer ungerechten Verteilung des Vorhandenen stellte er fest, daß auch die beste Organisation nichts ausrichten könne, sofern das individuelle Handeb nicht von einem gemeinsamen Willen getragen werde. Diesen gelte es zu stärken durch einen Appell an das Pflichtgeftlhl, den Gemeinsinn und die Selbstzucht. Hierzu rief er alle diejenigen auf, deren Aufgabe es sei, „durch Rede, Lehre und Beispiel auf die innerlichen Entschlüsse in unserem Volke einzuwirken: also ebenso die Pfarrer und Lehrer, wie die Presse und die Politiker"."^

1.6 Zusammenfassung: Mobilisierungseuphorie und nationale Mobilmachung Das Weltbild der Gelehrten war in der ersten Kriegshälfte geprägt von zwei miteinander zusammenhängenden, aber völlig unterschiedlichen Erfahrungen: von der negativen, als existentiell empfundenen Bedrohung durch die Entente, wobei die iCriegsschuld in erster Linie Großbritannien zugeschrieben wurde, und von dem positiv gedeuteten Eriebnis des „Burg-

berger (2.9.1914), Heinrich Claß (Sept 1914), 18 Denkschriften verschiedener Industrieller (23.6. 1915). Vgl. Fischer, Wellmacht, S. %K 189 Liebife Hans v.: Die Politik von Bethmann Hollwegs, Bd. 1: Das B-System vor dem Kriege. München 1915; Bd. 2: Das B-System im Kriege. Münchai 1915. Wolfgang Kapp, 1858-1922; 1906-1916 GenerallandschaftsdirdOor in Os^reußen; im Juni 1916 auf Intervention Bethmann Hollwegs in seinem Amt nicht bestätigt; 1917 Gründer der Deutschen Vateriandspaitei; 1920 Anführer des sog. Kapp-Putsches. 191 Kapp, Wolfgang: Die nationalen Kreise und der Reichskanzler, ήΐ in: Hagenlücke, S. 124-128. 192 Plenge, Johann: Der Krieg und die Volkswirtschaft 2. Auflage dem Zusatzkapitel: Zwischen Zukunft und Vergangenheit nach 16 Monatai Wirtschaftskrieg. Münster i. W. ^1915, S. 215f 193 Vgl. ebd., S. 208,216£, 219f., 223,226,228,240,243£, 248£ (Zitate S. 243 u. 245).

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friedens". Die im August 1914 bei den Gelehrten ausgelöste Begeisterung bezog sich nicht auf den Krieg, sondern auf das durch ihn hervorgerufene innovative Verhalten: die aus ihrer Sicht erfolgte Unterordnung aller Partikularinteressen von Parteien, Klassen, Religionsgemeinschaften und Organisationen unter das Wohl der Nation. In der Mobilisierung des gesamten Volkes glaubten sie eine neue nationale Eintracht zu erkennen. Der Begriff der Mobilisierungseuphorie gibt den Grund fìlr jene Stimmung präziser wieder als der gemeinhin gebrauchte, mißverständliche Terminus der „Kriegsbegeisterung". Den Primat des Gemeinwohls machten sich viele Gelehrte zu eigen. Sie wurden Kriegsfreiwillige oder meldeten sich, wenn sie für einen Kampfeinsatz nicht geeignet waren, zum Verwaltungs- oder Lazarettdienst. Diejenigen, die in der Heimat zurückblieben, widmeten sich als Naturwissenschaftler der Kriegsforschung oder als Geisteswissenschaftler dem „Kriegsdienst mit der Feder" (Theodor Birt). Sie wollten die Soldaten, unter denen auch ihre Angehörigen, Kollegen oder Studenten waren, sowie die Menschen in der Heimat geistig stärken. In diesem Zusammenhang bemühten sich die Gelehrten, dem Krieg einen höheren Sinn zu verleihen. Sie beschrieben das Wesen des Krieges unter Verwendung religiöser Läuterungssemantik vielfach als Erneuerung aller Werte. Ihr Pathos - das innerhalb der Gelehrtenschaft nicht unumstritten war - diente dabei auch zur Kompensation subjektiver Betroffenheit und ist nicht einfach der Ausdruck einer unreflektierten „Kriegsideologie" oder „-theologie". Es gehörte zu den zentralen Berufsaufgaben gerade der Theologen, dem Tod als dem schlechthin Sinnlosen einen Sinn zu verleihen. Aus dieser Aufgabe ergab sich ihr besonderes Engagement im Weltkrieg. Aufgrund ihrer subjektiven Überzeugung, daß deutsche Soldaten belgischen und französischen Freischärlerüberfällen ausgesetzt waren, wiesen die Gelehrten die alliierten Anklagen gegen die deutsche Kriegfilhrung als Greuelpropaganda empört zurück. Dabei gingen sie davon aus, daß die Stellungnahmen von Vertretern der deutschen Wissenschaft auf das Ausland besonders überzeugend wirken mußten. Das Gegenteil war jedoch der Fall. Indem die Gelehrten die alliierten Anschuldigungen in einer Mischung aus spontaner Gekränktheit und kulturellem Selbstbewußtsein ohne Prüfimg pauschal als Verleumdung zurückwiesen, machten sie die deutsche Kultur - und ihre Vertreter - zur Zielscheibe propagandistischer Angriffe. Insbesondere die Zurückweisung der englischen „Zwei-Deutschland-These" durch die Gelehrten und ihr demonstratives Bekenntnis zum deutschen Militarismus wirkten kontraproduktiv, ermöglichten sie dadurch doch der alliierten Propaganda, fortan auch die „militaristische" deutsche Kultur zu bekämpfen. Es gelang den deutschen Gelehrten in dem „polemischen Gespräch" nicht, ihre Deutung der Kriegsursachen oder des Kriegsgeschehens international durchzusetzen. Demgegenüber behielten sie im Inland das Deutungsmonopol. Zu den Reden der Gelehrten strömten in den ersten beiden Kriegsjahren Tausende von Zuhörern, und ihre Kriegsschriften verkauften sich in der Regel gut. In ihnen wurden aktuelle außen- und innenpolitische Ereignisse nur am Rande erwähnt, da zum einen die Zensur Einschränkungen auferlegte und zum anderen alles vermieden werden sollte, was den Burgfrieden gefährden konnte. Das Spannungsfeld von existentieller Bedrohung und substantieller nationaler Integration kennzeichnet das Weltbild der Gelehrten in der ersten Kriegshälfte und führte zu einer apokalyptischen Deutung des Krieges. Die „Erlösung" sollte in einer produktiven Auflösung der Spannung von äußerer Bedrohung und innerer Eintracht bestehen. Als historische „Innovation" schien der Burgfrieden geeignet, das Modell für ein neues innenpolitisches Arrangement darzustellen, das die Gelehrten vermitteln wollten. Es war ihr

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erklärtes Ziel, die nationale Mobilisierung auf Dauer zu stellen. Sie sahen es daher als entscheidend an, ein verbindliches Selbstbild der deutschen Nation in Abgrenzung von den Feinden zu konstruieren. Mit Blick auf die Zukunft erfolgte in diesem Zusammenhang eine Besinnung auf das Eigene, das spezifisch Deutsche.

2 Selbst- und Feindbild: Das „Volk in Waffen" gegen „Händler" und „Barbaren

Politische Ordnungsideen beruhen auf dem Selbstbild einer Nation. Es bildet den Rahmen für kollektive Erinnerungen und bedingt die Auswahl identitätsstiftender Bezugspunkte aus der Geschichte. Gerade in existentiellen íírisensituationen ist der Konsens über das Bild vom eigenen Volk und seiner politischen Ordnung von großer Bedeutung für die innere Stabilität. Die Conditio sine qua non der nationalen Selbstvergewisserung ist neben der Eriimerung der Vergleich des „Eigenen" mit dem „Anderen", die Distinktion vom Fremden. Dessen Bild wird verzerrt, das Fremd- zum Feindbild. Im Distinktionsprozeß werden sowohl die der eigenen Nation als auch die dem Feind zugeschriebenen Eigenschaften ontologisiert und historische Ereignisse und Personen für die Konstruktion des Selbst- wie des Feindbildes instrumentalisiert.

2.1 Positive Traditionserfindung: Siege und Selbstüberwindung 2.1.1

1813undl870/71

In den Aufrufen, in denen die Gelehrten die deutsche Position vor dem Ausland rechtfertigten, erwähnten sie historische Ereignisse nur insofern, als diese ihre These vom deutschen Verteidigungskrieg stützten.' Der - seltene - Rekurs auf die Geschichte in den Eingaben folgte konkreten Interessen. Wenn z. B. in der Intellektuelleneingabe mit Hinweis auf den Frieden von 1815 davor gewarnt wurde, „abermals" durch „die Feder der Diplomaten verderben" zu lassen, „was das Schwert siegreich gewonnen", sollte Druck auf die Reichsleitung ausgeübt werden, diesmal klare Kriegsziele konsequent zu verfolgen.^ In den Eimelschriften ging es dagegen zumeist um eine allgemeine Selbstvergewisserung der Deutschen. Deshalb wurde in ihnen oft an positive, sinnstiftende historische Bezugspunkte erinnert, insbesondere an die Kriege von 1813 und 1870. Nahezu alle Gelehrten nahmen auf zumindest eines der beiden symbolischen Daten Bezug. Dabei galt „1813" als Symbol der Befreiungs-

'

Bonner Aufruf, S.50f.

^

Intellektuelleneingabe, S. 126,129,127.

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kriege und des beginnenden deutschen Nationalbewußtseins. Die zukunftsweisende Bedeutung dieses Datums machte exemplarisch der Titel der „Deutschen Rede" deutlich, die der Berliner Philosoph Alois Riehl am 23. Oktober 1914 in Berlin hielt: „1813 - Fichte - 1914". Er zog eine direkte Verbindung von jenem historischen Ereignis zur Gegenwart: „Der Geist, der den Befreiungskrieg führte", sei „wieder lebendig geworden".^ Der Rückbezug auf die Befreiungskriege stützte zum einen die Überzeugung, sich auch 1914 befreien (von der „Einkreisung") oder verteidigen (gegen den Angriff der Feinde) zu müssen. Zum anderen bot er eine Parallele für die Deutung des August-Erlebnisses - „Damals wie heute eilte alles zu den Waffen" (Riehl) - und fimktionalisierte „1813" als Vorbild für die Gegenwart. „Wie der Krieg ... das Volk eint, so verdichtet er auch dessen geschichtliches Bewußtsein", notierte Scheler im Herbst 1914. Eindrücklich beschrieb er den Zusammenhang von negativer Gegenwartsdeutung und Rückbezug auf die Vergangenheit mit den Worten: „Unser Tag wird verdunkelt; aber die Geschichte wird hell"." Schon vor Kriegsbeginn hatten die Befreiungskriege einen wichtigen Bezugspunkt historischer Eriimerung sowie einen integralen Bestandteil des historischen Gedächtnisses der Deutschen dargestellt. Zwar war ihre Deutung in den zurückliegenden Jahrzehnten mehrfachen Wandlungen unterworfen, aber anläßlich des hundertjährigen Jubiläums im Jahre 1913 wurden sie in den meisten Publikationen als gesamtdeutscher Aufbruch zur nationalen Einheit interpretiert.' Das Jubiläum war mit großem Aufwand im ganzen Reich gefeiert worden.® Zahlreiche Festschriften, an denen auch viele Professoren mitgewirkt hatten, waren erschienen. Dietrich Schäfer hatte die akademische Festrede in Berlin gehalten, Meinecke in Freiburg gesprochen. Nationale Versöhnung sei anzustreben, so der Tenor seiner Rede, denn die „eigentlichen Schlachtfelder unserer Zeit" lägen noch vor den Deutschen.' In Tübingen hatte der Historiker Adalbert Wahl die „Ideen von 1813"' als deutsches Gegenstück zu den Ideen der Französischen Revolution bezeichnet. Dieser Topos wurde ein Jahr später aktualisiert, indem die „Ideen von 1914" zur deutschen Parole im Kulturkrieg bestimmt wurden. Meinecke, der 1913 eine Monographie zum „Zeitalter der deutschen Erhebung (17951815)"' verfaßt hatte, veröffentlichte im ersten Kriegsjahr einen Sammelband mit dem Titel:

Riehl, 1813, S. 194f. Vgl. auch Troeltsch, Wesen des Deutschen, S. 29. Scheler, Genius, S. 64. Akaltin, Ferdi: Die Befreiungskriege im Geschichtsbild der Deutschen im 19. Jahrhundert. Frankfurt/M. 1997, S. 94ff., 291. Zur Deutung des Krieges von 1870/71 vgl. Becker, Frank: BUder von Krieg und Nation. Die Einigungskriege in der bürgerlichen ÖfFenÜichkeit Deutschlands 1864-1913. München 2001. Zu den Feiern gehörten der Kaisei;geburtstag am 27.1.1913, die Jahrhundertfeier in Königsberg am 5.2., die Säkularfeier der Berliner Universität am 9.2., die bayerische Feier an der Befreiungshalle in Kehlheim am 25.8. und die Einweihung des Leipziger Völkerschlachtdenkmals am 18.10.1913. Siemann, Wolfram: ,JCrieg und Frieden in historischen Gedenkfeiem des Jahres 1913", in: Düding, Dieter u. a. (Hg.): Öffentliche Festkultur. Politische Feste in Deutschland von der Aufldäning bis zum Ersten Weltkrieg. Reinbek 1988, S. 298-320. Vgl. auch Schellack, Fritz: „Sedan- und Kaisergeburtstagsfeste", in: Düding, S. 278297, und Schieder, Theodor: Das Deutsche Kaiserreich von 1871 als Nationalstaat Hgg. von Hans-Ulrich Wehler. Göttingen ^1992, S. 81-95. Meinecke, zit in: Siemann, Gedenkfeiem des Jahres 1913, S. 310. Wahl, Adalbert: Die Ideen von 1813. Festrede. Tübingen 1913. Meinecke, Friedrich: Das Zeitalter der deutschen Erhebung (1795-1815). Bielefeld, Leipzig 1913.

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„Die deutsche Erhebung von 1914"'° und griff die bereits im Jubiläumsjahr verbreitete Deutung der Befreiungskriege als nationale Erhebung gegen äußere Feinde auf. Waren sie in der offiziellen Geschichtsschreibung der Vorkriegszeit als Reaktion auf den Aufruf des preußischen Königs gedeutet worden, galten sie vielen Gelehrten nun als spontane Volkserhebung. Hierin spiegelte sich zum einen die Mobilisierungseuphorie vom August 1914 und zum anderen die Tatsache, daß der Kriegsnationalismus weniger auf die Dynastie als auf das Volk bezogen war. An die Jubiläumsfeierlichkeiten selbst wurde nur selten erinnert. Da sich die Mitglieder der Heiligen Allianz gegen Napoleon nun als Feinde gegenüberstanden, stellten die Einhundertjahrfeiem der Befreiungskriege keinen geeigneten Bezugspunkt für die Gelehrten dar. Man habe, räsonierte Rudolf Eucken, im letzten Jahr nicht ahnen können, „daß uns so bald die Probe auferlegt werden würde, ob wir unserer Vorfahren würdig sind"." Einige Gelehrte versuchten, sämtliche Vorfahren zu mobilisieren. Gustav Roethe erinnerte an die Hermannschlacht und glaubte, das Rauschen der „Eichen des Teutoburger Waldes" zu vernehmen: „Sie streiten mit uns, unsere Ahnen, fast sichtbar kämpfen sie an unserer Seite".'^ Georg V. Below ließ die Geschichte des Hauses Hohenzollem Revue passieren und hob insbesondere den Großen Kurfürsten und Friedrich den Großen hervor.'^ 1915, im hundertsten Geburtsjahr Otto von Bismarcks, wurde der ReichsgrUnder in zahlreichen Schriften geehrt. Er galt als politischer „Genius" (Veit Valentin), dessen Werk, das Deutsche Reich, im Weltkrieg verteidigt werden müsse. Valentins populärwissenschaftliches Bismarck-Buch erschien bis 1918 in vier Auflagen.''* Neben Fürsten und Politikern rekurrierten die Gelehrten auch auf Persönlichkeiten der deutschen Kulturgeschichte. Martin Luther wurde meist durch Rekurs auf sein Lied „Ein feste Burg ist unser Gott" repräsentiert." Ein stärkerer Bezug auf Luther, den die deutschen Katholiken als Urheber der konfessionellen Spaltung Deutschlands ansahen, wäre vor dem Hintergrund des Burgfriedens kontraproduktiv gewesen. Zur Festigung der inneren Einheit wurde statt dessen stärker auf andere Träger der deutschen Kultur verwiesen." Von den Nationalphilosophen wurden Fichte'^ und - weniger - Hegel'* erwähnt. Sie galten nicht nur als geistige Wegbereiter der deutschen Einheit, sonAaO. Eucken, Rudolph: „Unsere Gerechte Sache", in: IZ, 20.8.1914. Roethe, Wir Deutschen, S. 43. Audi die Nibelungen werden bemüht, vgl. Liszt, Nibelungentreue. Below, Georg v.: Deutschland und die Hohenzollem. Eine Kriegsgedenkrede. Leipzig 1915, S. ISfiF., 26fif. Vgl. auch Roethe, Wir Deutschen, S. 37,43; Delbrilck, Charakter, S. óOffi Valentin, Veit: Bismarck und seine Zeit Berlin 1915, S. 24. Vgl. auch Delbrück, Hans: Bismarcks Erbe. Berlin 1915; Mareks, Erich/Lenz, Max (Hg.): Das Bismarckjahr. Hamburg 1915. Das Lied oder die Zeile ,„Llnd wenn die Welt voll Teufel wär"' werden u. a zitiert bei Roethe, Wir Deutschen, S. 33; Lasson, Deutsche Art, S. 133; Riehl, 1813, S. 202f; Sering, Ursachen, S. 280; Deißmann, Religion, S. 290/Anm. 10,296; Rolflb, Geist, S. 383,377. Zum Beispiel auf Emanuel Geibel bzw. dessen , Weltgenesungszitat' (Gierke, Krieg und Kultur, S. 100; Hamack, Was wir schon, S. 149; Jaffé, Arbeiterinteressen, S. 105), Goethe und Humboldt (vgl. z. B. Sombait, Händler und Helden, S. 53,114; Meinecke, Die deutschen Erhebungen, S. 31). So unter anderem bei Gierke, Krieg und Kultur, S. 100; Lasson, Deutsche Ait, S. III; Riehl, 1813, S. 200f.; Rolflb, Geist, S. 383; Troeltsch, Emst: ,J)ie Kirchen- und Religionspolitik im Veriiältnis zur Sozialdemokratie", in: Thimme/Legien, Arbeiterschaft im neuen Deutschland, S. 183; ders., Wesen des Deutschen, S. 20; ders., Ideen, S. 34; Plenge, 1789 und 1914, S. 80. Troeltsch, Religionspolitik, S. 183; Plenge, 1789 und 1914, S. 7-10,43,96®

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dem auch als Begründer der „deutschen" Staatsauffassung (Hegel) und des Kulturstaats (Fichte). Bereits seit der Jahrhundertwende war Fichte wieder stärker rezipiert worden vom deutschen Bildungsbürgertum primär als nationalpolitischer Denker - , so daß die kriegsbedingten Rekurse auf seine politische Philosophie bereits vorhandene Topoi aktualisierten und zuspitzten. Als Jenenser Philosophieprofessor und erster Rektor der Berliner Universität, aber auch als Teilnehmer an den Befreiungskriegen stellte Fichte ein persönliches Vorbild für die Gelehrten dar. Deshalb führte der Kriegsbeginn zu einer „FichteRenaissance"," welche allerdings die universalistischen Komponenten seiner Philosophie ausblendete. Weniger eindeutig war der Bezug auf Kant.^" Entweder galt er den Gelehrten als „Utopist des ewigen Friedens", oder sie deuteten seine Philosophie zu einer geistigen Begründung des Militarismus um.^' So suchte der Marburger Neukantianer Hermann Cohen „Kantische Gedanken im deutschen Militarismus" nachzuweisen, um mit Blick auf die alliierte Propaganda die Kulturverbundenheit des Militarismus herauszustellen und den großen Philosophen als Referenzperson für die ideenpolitischen Debatte zu erhalten.^^ Noch weniger als Kant stellte für die meisten Gelehrten Friedrich Nietzsche eine geeignete historische Bezugsperson dar. Die Angriffe auf das Christentum in seinem Spätwerk, vor allem aber seine Kritik am Aufstieg des Deutschen Reiches ließen ihn in einer Zeit des Kriegsnationalismus als nationales Vorbild ungeeignet erscheinen. Sombart war einer der wenigen, der sich auf Nietzsche berieft' Seiner Ansicht nach war Nietzsche als hervorragender Vertreter des deutschen Geistes Inbegriff deutscher Stärke und deutscher Kultur.^* Das weitgehende ,Vergessen' Nietzsches ist nicht nur mit Blick auf die alliierte Propagandatrias „Treitschke-Nietzsche-Bemhardi" bemerkenswert, sondern auch angesichts der zeitgenössischen Auffassung, nach der viele Soldaten Nietzsches „Zarathustra" im Sturmgepäck mitführten.^' ,Unkriegerische' und .demokratische' Traditionen fehlten fast ganz. Wegen des Krieges kam es den Gelehrten darauf an, die Tradition siegreicher Kriege zu beschwören und .westliche' Einflüsse auf die kulturelle oder politische Entwicklung Deutschlands auszublenden. Die 1848er Revolution, die mit der Übernahme ,westlicher' Verfassungsvorstellungen ver-

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Es wurde auch eine .fichte-Gesellschaft e.V." g^rilndet, vgl. Lübbe, Philosophie, S. 196-207 (Zitat S. 200); Flasch, Mobilmachung, S. 71£; Erdmann, Weltkrieg, S. 150, und Nordalm, Fichte und der Geist von 1914. Scheler, Genius, S. 14, 24f; Sombart, Händler und Helden, S. 73£; Troeltsch, Religionspolitik, S. 183; Plenge, 1789 und 1914, S. 6-12, %fiF.; Below, Hohenzollem, S. 39; Cohen, Über das Eigentümliche, S. 18, 32; ders.. Vom ewigen Frieden, S. 343fF. Flasch, Mobilmachung, S. 71. Cohen, H., Militarismus, S. 347; ders.. Über das Eigentümliche, S. 32; ders., Verieumder, S. 231. Hinton Thomas, Richard: Nietzsche in German Politics and Society, 1890-1918. Manchester 1983, S. 127. Vgl. auch Flasch, Mobilmachung, S. 72. Nietzsche sei „heimatberechtigt in Potsdam und Weimai", Sombart, Händler und Helden, S. 54. Vgl. auch Scheler, Genius, S. 38; Plenge, 1789 und 1914, S. 145f. Hinton Thomas, S. 128f.; Aschheim, Steven: „Nietzsche", in François/Schulze, Deutsche Erinneningsorte, Bd. 1, S. 512.

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bunden war, wurde daher nur von wenigen Gelehrten erwähnt oder positiv hervorgehoben.^' Hier zeigt sich die Selektivität des konstruierten historischen Gedächtnisses. Der verfassungspolitische Kulturtransfer vom .Westen' in das Reich, der mit dem Datum 1848 verbunden wurde, galt der Mehrheit der Gelehrten seit Beginn des Krieges als gänzlich ungeeignet, im Rahmen der Selbstbildkonstruktion in eine spezifisch deutsche Identitätsvorstellung integriert zu werden. Es waren neben bestimmten Kulturträgem, die als geistige Schöpfer der deutschen Nation angesehen wurden, vor allem die kriegerischen Traditionen, an welche die Gelehrten seit Kriegsbeginn erinnerten. So wurde außer 1813 auch der Krieg von 1870/71 häufig erwähnt, wenngleich weniger ausführlich. Als Symbol der Vollendung der äußeren Reichseinheit wurde er zwar als bedeutende Leistung gewürdigt, aber gleichzeitig als etwas noch Unvollständiges angesehen. Nach Ansicht vieler Gelehrter strebte das Reich seit 1914 der „Vollendung von 1870" entgegen." Kernpunkt der Rekurse auf die historische Vergangenheit war also die Verbindung der Befreiungs- und Reichseinigungskriege mit dem Weltkrieg. Die positive gedeutete deutsche Nationalgeschichte wurde mit der unmittelbaren Vorkriegszeit kontrastiert.

2.1.2

Vorkriegszeit und, Augusterlebnis" Die Vorkriegszeit als Zeit innerer Feindschaft

Kollektive Erinnerungen an Ereignisse in der Vorkriegszeit wurden fast ausschließlich durch die Einzelschriften vermittelt. Während eine Erwähnung der Vorkriegszeit zur Kriegszielbegründung in den Eingaben nicht erforderlich war, diente die Bezugnahme auf sie in den Aufrufen der Verteidigung der deutschen Politik: Kaiser Wilhelm II. habe sich seit seiner Thronbesteigung als „Schirmherr des Weltfriedens erwiesen" und sei dafür ,jahrzehntelang" von den jetzigen Feinden „verspottet" worden,^' die bereits den Angriff auf Deutschland geplant hätten.^' Der Rekurs auf die Vorkriegszeit erfolgte in den Einzelschriften vornehmlich unter innenpolitischen Gesichtspunkten. Sie wurde fast ausschließlich negativ gedeutet. Die Gelehrten grenzten die Zeit seit dem Kriegsbeginn von der Zeit seit der Jahrhundertwende ab. Diese wurde als Epoche tiefgreifender sozialer und konfessioneller Konlikte charakterisiert, als Zeit der Zwietracht, des „Parteigezänks" und innerer Zerrissenheit.^"

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Meinecke, Die deutschen Eihebungen, S. 10,14-17. Vgl. auch Kipp, Macht des Rechts, S. 214; Anschütz, Staatsrefomen, S. 51; Plenge, 1789 und 1914, S. 108. Scheler, Genius, S. 69, spricht von den „Irrungen des Frankfiirter Parlamaits". Simmel, Wandlung, S. 9; vgl. auch Riehl, 1813, S. 193£ Kulturweltaufiut S. 47. Gegenerkläning, S. 55; Kulturweltau&uÇ S. 47. Teschemacher, Hans: Reichsfinanzreform und Innere Reichspolitik 1906-1913. Ein geschichtliches Vorspiel zu den Ideen von 1914. Berlin 1915, S. 12. Vgl. auch Meinecke, Welche Güter, S. 50f; Gierke, Krieg und Kultur, S. 86«; Hamack, Was wir schon, S. 153,162; Kahl, Recht zum Kriege, S. 172,183f, 188; Scheler, Genius, S. IflF.; Plenge, Kriegsvorlesung, S. 27; Kjellén, Ideen, S. 13, 17f; Oncken, Nation, S. 3; Jaflfé, Edgar , Д е Vertretung der Aibeiterinteressen im neuen Deutschland", in: Thimme/Legien, Artxiiterschaft im neuen Deutschland, S. 102; ders.: ,J)er Geist von 1914", in: ESWZ 1, H. 1, 1916, S. 9-

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Zur Deutung wurden auch biblische Metaphern verwendet: „Mammonismus", so Simmel, habe geherrscht; das Geld sei das goldene Kalb gewesen.^' Sombart verband seine Kritik an den Vorkriegsjahren mit antibritischer Polemik, indem er schrieb, die „englische Krankheit", bestehend aus Kapitalismus, „Sportismus" und Bequemlichkeit, hätte alles beherrscht und jedweden Idealismus zerstört. Infolge dessen sei dem Materiellen und dem Kult des Individuums eine zu große Wertschätzung zuteil geworden. Die Vorkriegsepoche sei durch eine „Verameisung" der Gesellschaft gekennzeichnet gewesen.'^ In diesen Äußerungen zeigt sich die Radikalisierung eines seit der Jahrhundertwende verbreiteten kultuφessimistischen Weltbildes. Die Topoi der zunehmenden Gemeinschaftsauflösung, des Individualismus, der gesellschaftlichen Dekadenz und des Werteverfalls waren Bestandteile einer von den Intellektuellen lange vor 1914 geäußerten Kulturkritik, die durch den Krieg radikalisiert wurde." Nur selten wurden die erwähnten Mißstände konkretisiert. Geschah dies, wurden zumeist innenpolitische Probleme hervorgehoben. So beklagte der Hamack-Schüler Emst Rolffs, daß das Volk vor dem Krieg nur Zuschauer gewesen sei und keine Mitverantwortung ftlr den Staat gehabt habe. Dies habe dazu geftlhrt, daß ausschließlich Individualinteressen im Vordergrund gestanden hätten. Er verwies auf die religiöse Indifferenz, auf die ZabemAffäre, das Sitzenbleiben der SPD beim Kaiserhoch, die Zuchtlosigkeit der Jugend und eine aligemeine Reichsverdrossenheit. Der Heidelberger Historiker Hermann Oncken und der Münchener Nationalökonom Edgar JafFé sahen den Ausschluß der Sozialdemokratie aus dem Staat als eine der Ursachen der Mißstände der Vorkriegszeit an.'"· Als weitere Ursachen nannte der Berliner Staatsrechtler Gerhard Anschütz die vor dem Krieg gescheiterte Wahlrechtsreform in Preußen^' und Hans Teschemacher, Nationalökonom an der Universität Münster und Schüler Johann Plenges, die Schwierigkeiten mit der Reichsfmanzreform,^® die 1908/09 zu einer öffentlichen Intervention namhafter Gelehrter zugunsten der Einfilhrung einer Erbschaftssteuer geführt hatte.^^ Gustav Roethe resümierte, das vergangene Jahrzehnt

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10, hier S. 10; Troeltsch, Religionspolitik, S. 167; Seeber& Reinhold: ,JCulturgefiihren", in: ders., Geschichte, Krieg und Seele, S. 123-133, hier S. 126fi·.; ders., Was sollen wir denn tun, S. 2-6. Simmel, Wandlung, S. 7. Sombart, Händler und Helden, S. 99, 106,117. Und dieses „Getriebe", so Roethe, ,^annte sich .Frieden"', Roethe, Wir Deutschen, S. 18. Vgl. auch Seebeig, Kultuigefàhren, S. 124fF.; dere., Volksmehrung und VolkseAaltung, S. 256fi:, 267. Vgl. Beßlich, Kultuikrieg, S. 4fl:; vom Bruch/GraCHübinger, Krise der Moderne; Hübinger/vom Bruch/ GtaÇ Idealismus und Positivismus; Lichtblau, Klaus: Kulturkrise und Soziologie um die Jahrhundertwende. Zur Genealogie der Kultursoziologie in Deutschland. Frankfurt/M. 1996; Mayer, Amo J.: Adelsmacht und Bürgertum. Die Krise der europäischen Gesellschaft 1848-1914. München 1984, S. 271-325, Radkau, Nervosität, insbes. S. 2610!; Frevert, Das Neue Jahrhundert. Oncken, Nation, S. 3; Jafië, Arbeiterinteressen, S. 98f. Tönnies, Ferdinand: ,J)ie Sozialpolitik nach dem Kriege", in: Thimme/Legien, Arbeiterschaft, S. 147-158, hier S. 155; Anschütz, Staatsrefomien, S. 43. Teschemacher, Ideen, S. 7-10,13,29-33,75. vom Bmch, Gelehrtenpolitik, S. 133f Interveniert hatten u. a. Brentano, v. Schmoller, Schulze-Gävernitz, Lamptecht, Delbrück und Hamack.

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sei eine Zeit des „kränkelnden Friedens" gewesen.^' Der negativen Vorkriegszeit stellten die Gelehrten das positive Erlebnis des August 1914 gegenüber. Das „Augusterlebnis " und das Ende des „ inneren Feindes " im „ Geist von 1914 " In den Aufrufen wurde auf die nationale Einmütigkeit verwiesen, um dem Ausland gegenüber den Notwehrcharakter der deutschen Kriegserklärungen hervorzuheben: Als das deutsche Volk angegriffen wurde, habe es sich „wie ein Mann" erhoben.^' In den Einzelschriften wollten die Gelehrten in bewußter Abgrenzung von der Vorkriegszeit die Erinnerung an die Mobilmachungseuphorie von 1914 für die weitere Kriegszeit wachhalten. Der August 1914 galt ihnen als Schnittstelle zwischen der überwundenen Vorkriegszeit und einer positiv antizipierten Zukunft. Noch im Frühjahr 1916 betonte Troeltsch den ,Λbgrund", der die Kriegsvon der Vorkriegszeit trenne.^" Das kollektive „Erlebnis"^' des August wurde in der ersten Kriegshälfte immer wieder beschworen und zur „großen Zeit"''^ stilisiert. Der Berliner Germanist Roethe sprach vom „Wunder"*' der Einheit und erinnerte an den „dunklen, heiligen Ernst" bei der Verkündung des Zustandes drohender Kriegsgefahr am 31. Juli. „Da endlich" sei mit der Bekanntgabe der deutschen Mobilmachung die „Erlösung" gekommen „und mit ihr jene herrlichen Stunden, da unser Kaiser zu seinem Volke sprach und da dieses Volk auf einmal... entdeckte, daß es nicht sein könne ohne Kaiser und Reich". Zwischen dem 1. und dem 4. August habe die große Zahl der Feinde den Deutschen die Notwendigkeit der Verteidigung gezeigt. „Es waren schwere, aber unbeschreiblich herrliche Tage."^ Wer sie durchlebt habe, könne „ihren heiligen Gewinn nicht wieder verlieren. Das ungeheure Erlebnis, es bindet zusammen, es reinigt uns, und es wird uns reinigen und läutern ... bis in fernste Tage, so lange die Erinnerung diese Schicksalsstunde des Deutschen Reiches, des Deutschen Volkes festhält"."' In der emotionalen Sprache und den von vielen Gelehrten verwendeten Religionsmetaphem zeigt sich der Erlösungscharakter des August 1914 besonders deutlich. Vor dem Hintergrund der retrospektiv als furchtbar empfundenen Vorkriegszeit und angesichts der Bedrohung durch die Feinde galt die neue innere Eintracht als das Entscheidende. Das deutsche Volk sei jetzt, schrieb Meinecke, „eine einzige, mächtige, tief atmende Gemein-

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Roethe, Wir Deutschen, S. 32. Kulturweltaufiut S. 47f Vgl. auch Bonner AufruÇ S. 51. Troeltsch, Ideen, S. 35; Zitat ebd. Roethe, Wir Deutschen, S. 18, Meinecke, Die deutschen Eriiebungen, S. 25, 33; ders.. Unsere Lage, S. 130; Deißmann, Religion, S. 285; DRR, Vorwort, S. VII; Rolfb, Geist S. 389f; Teschemacher, Ideen, S. 89; Oncken, Nation, S. I; Scheler, Genius, S. 3, 132; Seeberg, Was sollen wir denn tun, S. 34; Plenge, Kriegsvorlesung, S. 27. Troeltsch, Wesen, S. 31; ders., Ideen, sprach von „gewaltigen Erlebnissen" (S. 34) S. 37£, 4I£, 44f.; 47f.; Kahl, Recht zum Kriege, S. 176,183,188. Sombart, Händler und Helden, S. 117. Seeberg, Volksmehrung und Volkserhaltung, S. 261; Kipp, Macht des Rechts, S. 243. Auch von einer ,леиеп Zeit" wird gesprochen: Weber, A , Sendung, S. 107. Vgl. auch Sinunel, Wandlung, S. 2,9,13. Roethe, Wir Deutschen, S. 18. Vgl. auch Scheler, Genius, S. 2; Sombart, Händler und Helden, S. 117, und Meinecke, Nationalismus, S. 98. Roethe, Wir Deutschen, S. 18fif. Ebd., S. 18. Vgl. auch Haeckel, Englands Blutschuld, S. 7£; Troeltsch, Ideen, S. 37ff.

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schaff'^ geworden. „In der heiligen Forderung der Stunde", so Scheler, „ertranken mit allem Parteigezänk auch die tiefsten Differenzen unserer Weltanschauung".'*' Da die künftige Erlösung in der peφetuierten Augustgemeinschaft bestehen sollte, wurde die „Gesundung Deutschlands von Parteihader und Klassenhaß"^' vielfältig ausgeschmückt: „Der erste Sieg, den wir gewonnen haben, noch vor den Siegen im Felde, war der Sieg über uns selbst. Noch niemals war unser Volk so einig wie in jenen ersten Augusttagen, den unvergeßlichen. Ein höheres Leben schien sich uns zu offenbaren. Jeder von uns fühlte, jeder lebte für das Ganze, und das Ganze lebte in uns allen. Unser enges Ich mit seinen persönlichen Interessen war aufgegangen in das große geschichtliche Selbst der Nation. Das Vaterland ruft! Die Parteien verschwinden. ... So ging dem Kriege eine sittliche Erhebung des Volkes voran".^' Neben der parteiübergreifenden, sozialen Einheit wurde auch eine neue religiöse Einigkeit beschworen. Der Berliner Neutestamentier Deißmann schrieb, im August 1914 sei eine „Volksgemeinde" entstanden. Es habe eine konfessionsunabhängige „Mobilmachung nationaler und religiöser Kraft" stattgefunden, die er als Ausdruck einer „religiösen Erhebung" oder „religiösen Erweckung von 1914" bezeichnete.'" Auch in Zukunft dürfe es, so v. Wilamowitz, „keinen Gegensatz von Stand und Konfession, von hoch und niedrig, gebildet und ungebildet" mehr geben, denn im August „traten wir zusammen zum Gebet. Es war kein Unterschied, ob der Nebenmann katholisch oder Jude oder Protestant oder sonst etwas war. Wir alle wußten: das wird ein Gang auf Leben imd Tod, den Ihr zusammen tun sollt, Euer aller Leben steht in den Händen desselben Gottes, und wie Ihr ihn auch rufen möget, derselbe Gott ist es".'' Es waren die ersten Augusttage, die für die Gelehrten den Beginn einer „neuen Phase der nationalen Idee"'^ zu markieren schienen. Oft wurde die Thronrede vom 4. August hervorgehoben,'^ in der Kaiser Wilhelm II. verkündet hatte: „Ich kenne keine Parteien mehr. Ich kenne nur Deutsche".'^ Dieser Rede, die im wesentlichen vom Berliner Theologieprofessor V. Hamack verfaßt worden war," wurde eine symbolische Bedeutung für die anschließende Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten zugesprochen. Angesichts drohender „Invasionen", so hatte der sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Haase erklärt, lasse die SPD „das eigene Vaterland nicht im Stich." Deshalb bewillige sie „die geforderten Kredite."'® In

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Meinecice, Die deutschen Erhebungen, S. 28f. (Zitat S. 29). So auch Sombart, Händler und Helden, S. 117flf. Scheler, Genius, S. If Vgl. auch Hirschfeld, S. 39. „Vorwort", DRR 1, S. VI-VII; Zitat ebd. Vgl. Teschemacher, Ideen, S. 89. Riehl, 1813, S. 207. Deißmann, Religion, S. 297,294,291. Vgl. auch Rolfib, Geist, S. 382,385f, 389fF. Wilamowitz, Krieges An&ng, S. S, 13. Vgl. auch Ка1оф, Paul: Der Tag des Deutschen. Hagen 1915, S.40£ Meinecke, Staatsgedanke, S. 77. Hamack, Was wir schon, S. 154; Rolfb, Geist, S. 381. Vgl. auch Delbrilck, Charakter, S. 66,70; Gieike, Kri^ und Kultur, S. 89; Kahl, Recht zum Kriege, S. 188; Meinecke Slaatsgedanke, S. 78; Riehl, 1813, S. 207; Natoφ, Wiedergeburt, S. 197; KJellén, Ideen, S. 22; Foerster, Jungdeutschiand, S. 23. ZiL in: Thissen, S. 103f Hamack, Axel von: ,X)er Aufiuf Kaisa· Wilhelms II. beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges", in: Neue Rundsdiau 64,1953, S. 612-620; Nowak, Hamack 1, S. 77. Haase, zit in: Pohl, Reichstagsetklärung, S. 758f. Vgl. auch Miller, S. 61-74; Groh, S. 577-729.

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dieser Zustimmung, die auch heute noch unterschiedlich bewertet wird, sieht Susanne Miller die grundsätzliche Abkehr der Sozialdemokraten von ihrem Rollenverständnis als Staatsopposition, wie es in ihrem Programm dargelegt sowie im Bewußtsein der öffentlichen Meinung verankert war " Gerade deshalb rekurrierten die Gelehrten außer auf den Beginn der Mobilmachung am 2. August^' vor allem auf den 4. August." Emphatisch verwies v. Gierke auf die Kaiserreden, auf die Reichstagsrede des Kanzlers und die „größte Stunde" des Reichstages, „als er in voller Einstimmigkeit" die Kriegskredite und die Ausnahmegesetze bewilligte. Die Mobilmachung beschrieb er: „Jubelnd folgten die Einberufenen zu den Fahnen", während die ca. „zwei Millionen" (sie) Kriegsfreiwilligen gar nicht alle aufgenommen werden konnten.*" Die hohe Zahl von Freiwilligen wurde von den Gelehrten bereitwillig kolportiert, weil sie gut geeignet war, sowohl den Charakter des Verteidigungskrieges als auch die neue nationale Einheit zu unterstreichen. In Wirklichkeit hat es sich, wie neuere Forschungen ergeben haben, um mehrere Hunderttausend gehandelt.®' Aufgrund ihrer Mobilisierungseuphorie sprachen viele Gelehrte vom „deutschen Krieg" (Sombart, Scheler, Meinecke), vom Krieg für die „deutsche Sache", von einem „neue[n] Einheitskrieg"." Diese Bezeichnungen akzentuieren die innenpolitische Ausrichtung und die selbstreferentielle Dimension der intellektuellen Kriegsdeutungen. Entscheidende Bedeutung wurde dem Ende des „inneren Feindes" durch die Überwindung der politischen, sozialen und konfessionellen Konflikte beigemessen." In diesem „innerliche[n] Gewinn"" erblickten die meisten Gelehrten den Sinn des Kriegs." Als Zeichen der neuen Zeit verwendeten sie häufig die gemeinschaftsstiftende Anrede bzw. Bezeichnung „Volksgenossen".®® Aus dem Gemeinschaftserlebnis des August leiteten sie ihre intellektuelle Zukunftsaufgabe ab: die Mobilisierungseuphorie zu erhalten, um das innovative, gemeinwohlorientierte Verhalten zu institutionalisieren.®' Im Vorwort ihres im August 1915 erschienenen Buches „Die Arbeiterschaft im neuen Deutschland"®* betonten die Herausge57

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Miller, Buigfricden, S. 9f., SlfF. Hervorgehoben bei Roethe, Wir Deutschen, S. 19; Gieriœ, Krieg und Kultur, S. 89; Lasson, Deutsche Art, S. 108f, 116f.; Kahl, Recht zum Kriege, S. 184; Riehl, 1813, S. 207; Deißmann, Religion, S. 286f.; DRR 1, Vorwort, S. VI; Plenge, Kri^ 1, S. 189f.; dets., 1789 und 1914, S. 18. Gierke, Krieg und Kultur, S. 89; Hamack, Was wir schon, S. 154; Kahl, Recht zum Kriege, S. 187f., 190; Riehl, 1813, S. 207; Oncken, Nation, S. 3; Meinecke, Sozialdemokratie, S. 21; das., Staatsgedanke, S. 7680. Gioke, Krieg und Kultur, S. 8 9 Vgl. auch Lasson, Deutsche Art, S. 108f.; Riehl, 1813, S. 194. Ulrich, Desillusionierung, S. 111-115. Anschütz, Staatsreformen, S. 48, und Simmel, Wandlung, S. 9. Hierzu insbes. Tönnies, Sozialpolitik, S. 145, und Weber, A , Sendung, S. 13. Kahl, Recht zum Kriege, S. 172. Meinecke, Welche Güter, S. 51; ders.: ,X)eutscher Friede und deutscher Krieg", in: ders., Erhebung, S. 5356, hier S. 56; ders., Riehl, 1813, S. 207; Hamack, Was wir schon, S. 151-154. Meinecke, Welche Güter, S. 47; ders., Staatsgedanke, S. 78; ders.. Die deutschen Erhebungen, S. 26; Delbriick, Charakter, S. 49; Gierice, Krieg und Kultur, S. 77£, 87; Sering, Ursachai, S. 247; DRR 1, Vorwort, S. VIII; Meinecke, Sozialdemokratie, S. 26, schrieb von „unsere[n] sozialdemokratischen Volksgenossen". JafFé, Arbeiterinteressen, S. 98; Anschütz, Staalsrefomien, S. 48; Jaffé, Geist, S. 10. Thimme, Friedrich/Legien Carl (Hg.): Die AriDeiterschaft im neuen Deutschland. Leipzig 1915.

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Kriegsbeginn und nationale Integration: Die Entstehung der Ordnungsideen 1914 bis 1916

ber, der linkskonservative Bibliotheksdirektor des Preußischen Herrenhauses Friedrich Thimme und der Gewerkschaftsvorsitzende Carl Legien, die Notwendigkeit einer dauerhaften Zusammenarbeit zwischen Bürgertum und Sozialdemokratie. Die Resonanz auf dieses Buch, in dem zehn namhafte Gelehrte des nationalliberalen Spektrums - die Professoren Anschütz, Francke, JafFé, Meinecke, Natoφ, Oncken, Tönnies, Troeltsch, der Berliner Privatdozent für Nationalökonomie Waldemar Zimmermann sowie Thimme selbst - und zehn sozialdemokratische Politiker zur künftigen Entwicklung des Reiches Stellung nahmen, war enorm.^' 1916 waren, berichtete Thimme dem Nationalökonomen v. Schmoller, bereits 20.000 Exemplare verkauft worden und über 200 Rezensionen erschienen.™ Schon die „Deutschen Reden in schwerer Zeit" sollten die Atmosphäre des August 1914 erhalten, damit „immer wieder neuer Mut, neue Kraft und neue Zuversicht" geschöpft werden könne.'' Auf der Grundlage ihrer subjektiven Erfahrungen konstruierten die Gelehrten mit Blick auf die Zukunft ein idealisiertes August-Erlebnis: eine Einheit des gesamten Volkes - in gleicher Weise erlebt in Stadt und Land und ohne Unterschied der Partei, des Standes, der Religion oder Konfession. Neuere Forschungen haben gezeigt, daß es ein solches „Augusterlebnis" nicht gegeben hat. Die Wochen des Kriegsbeginns sind in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Regionen unterschiedlich erlebt worden.'^ Gerade die Unterschiedlichkeit der einzelnen „Augusterlebnisse" begünstigte aber eine einheitliche Deutung. Es führt daher nicht weiter, wenn die Ausnahmesituation des August 1914 unter Hinweis auf die unterschiedlichen zeitgenössischen Erfahrungen dekonstruiert und als „Legende vom Augusterlebnis"" rückwirkend gewissermaßen annulliert wird. Ohne die reale Erfahrung kollektiver Erregung, ohne die wechselnden Gefilhlslagen, ohne Ängste und Hoffnungen hätte der Mythos allgemeiner Begeisterung nicht konstruiert werden können, wäre die Konstruktion des August-Erlebnisses nicht möglich gewesen.'·* Das Ziel der „Deutschen Reden" lautete: „Was alle fühlten, sollte auf die Höhe eines gemeinsamen Erlebens gebracht werden".'' Die Mobilisierungseuphorie der Intellektuellen war keine innenpolitische Propaganda, sondern Ausdruck einer nationalen „Selbstbegeisterung"'® über die vermeintlich gesamtgesellschaftliche Einheit, deren Anlaß, nicht deren Grund, der gerade begonnene Krieg war. Der August 1914 galt den Gelehrten allgemein als Geburtsstunde eines „neuen Geistes"." Sie bezeichneten ihn als „Geist von 1914". Dieser Geist, so Rolffs, werde „nicht Ratz, Ursula „,Die Arbeiterschaft im Neuen Deutschland'. Eine bürgerlich-sozialdenrokratische Arbeitsgemeinschaft aus dem Jahre 1915", in: IWK 1971, H. 13, S. 1-26; Thimme, Annelise (Hg.): Friedrich Thimme 1868-1938. Ein politischer Historiker, Publizist und Schriftsteller in seinen Briefen. Boppard 1994. Krüger, Nationalökonomen, S. 216flf., insbes. S. 217/Anm. 19; Schwabe, Wissenschaft, S. 131. DRRl, Vorwort, S . V m £ Verhey, Geist von 1914, S. 116fif., 129-193; Knise, Kriegsbegeisterung, 8. 159-166; Geinitz, Kriegsfiircht und Kampft)ereitschaft; Ziemann, Front und Heimat; Stöcker, Augusterlebnis in Darmstadt Ullrich, Volker: ,X)ie Legende vom Augusterlebnis", in: Die Zeit 31,29.7.1994. Mai, Ende, S. 13-25; Jeismann, Vaterland, S. 300£; Veihq', Geist von 1914, S. 1160!; ähnlich jetzt auch Ullrich, Großmacht, S. 263-269. DRRl, Vorwort, S. VIII. Jeismann, Vaterland, S. 301,318. Roethe, Wir Deutschen, S. 18fiF., 22; Delbrtlck, Charakter, S. 70f.; RoifiFs, Geist, S. 387,383; Plenge, Krieg I, S. 189; ders., 1789 und I9I4, S. 19, 63; Sombart, Händler und Helden, S. 53, 117; Weber, Α., Sendung,

Selbst- und Feindbild: Das „Volk in Waffen" gegen „Händler" und „Barbaren"

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verwehen, ohne auf Jahre hinaus das deutsche Gemütsleben zu vertiefen".™ Deutschland habe, schrieb Plenge Anfang 1915, durch seine „geistige Wiedergeburt" bereits innerlich gesiegt.^' Er verdeutlichte den Zusammenhang von Mobilisierungseuphorie und integraler Zukunftsvorstellung: Während der Mobihnachung sei „unser neuer Geist geboren: der Geist der stärksten Zusammenfassung aller wirtschaftlichen und aller staatlichen Kräfte zu einem neuen Ganzen, in dem alle mit dem gleichen Anteil leben. Der neue deutsche Staat! Die Ideen von 1914!"'° Ähnlich äußerte sich Troeltsch im Frühjahr 1916: Aus den „gewaltigen Erlebnissen" wüchsen die Ideen hervor, die ,„Ideen von 1914'" als neue, Erlösung verheißende Ordnungsvorstellungen." Die negative Deutung der Vorkriegszeit und der Mythos vom August-Erlebnis bedingten einander und bildeten die Grundlage einer positiven Zukunftserwartung, die auf die endgültige Erlösung von der Vorkriegszeit gerichtet war. Je länger der Kriegsbeginn zurücklag, desto mehr deuteten die Gelehrten den August 1914 als Phase, in der die deutsche Nation sich „im Einklang mit dem idealen Bild ihrer selbst"'^ beftmden habe. Der Begriff des „Geistes von 1914" bezeichnete die kognitiv-emotionale Reaktion auf die existentielle Bedrohung im August 1914, die sich in der kollektiven Mobilisierung ausdrückte. Demgegenüber verköφerte die Formel der „Ideen von 1914" das Ziel, die deutsche Nation dauerhaft mit ihrem Idealbild in Einklang zu bringen. Die „Ideen von 1914" repräsentierten die auf der Basis des „Geistes von 1914" zu entwickelnden politischen Ordnungskonzeptionen ftir das ,neue' Deutschland. Man kann beide Begriffe daher nicht synonym verwenden, sondern sollte zwischen dem „Geist" und den „Ideen von 1914" differenzieren. Der „Geist von 1914" war die retrospektive Beschreibung einer bestimmten, gemeinschaftsorientierten emotionalen Grundhaltung - die „Ideen" aber symbolisierten die zukunftsgerichtete Umsetzung des Geistes in ein politisches Reformprogramm, das es noch zu entwerfen galt. Da die neue Staatsordnung dem deutschen Wesen angemessen sein sollte, widmeten sich die Gelehrten intensiv der Frage der nationalen Identität.

2.1.3

Das Wesen der Deutschen

Das Selbstbild, das die Gelehrten vermitteln wollten, setzte sich nicht nur aus der Deutung der nationalen Vergangenheit, sondern auch aus den vermeintlichen Charaktereigenschaften der Deutschen zusammen, ihrem „Wesen". In den Eingaben spielte die Selbstbildkonstruktion keine große Rolle," und in den Aufrufen beschränkte sich die Selbstbeschreibung zu-

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S. 31,90, 104; Troeltsch, Ideen, S. 33,35. Vgl. auch Gierke, Krieg und Kultur, S. 97f; Delbrück, Charakter, S.69f Rolffii, Geist, S. 378f., 389ffi Vgl. auch Jaffé, Geist Plenge, Krieg 1,S. 189. Ebd.,S. 189f. Troeltsch, Ideen, S. 32-35 (Zitate S. 33,34). Vgl. auch Teschemacher, Ideen, S. 89. Jeismann, Vaterland, S. 302. In der Intellektuelleneingabe wurde der deutsche Geist bemüht, um Gebietserwerbungen als dem starken deutschen Volke angemessen erscheinen zu lassen. In der Gegeneingabe wurden die deutschen Heldentaten im Kriege und der spezifische Charakter des homogenen deutschen Nationalstaates betont, um große Annexionen abzulehnen. Vgl. Intellektuelleneingabe, S. 125f., 134f., und Gegeneingabe, S. 136.

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meist auf die Aufzählung deutscher Tugenden," durch die man die alliierten Vorwürfe einer grausamen Kriegführung ad absurdum führen wollte, sowie auf die seit Oktober 1914 propagierte Einheit von deutschem Volk, deutscher Kultur und deutschem Militarismus:*^ Das Militärwesen entspreche dem deutschen „Geist", denn es vermittle dem Volk Werte wie „Pflichttreue" und „das Ehrgefühl des wahrhaft freien Mannes, der sich willig dem Ganzen unterordnet".'® Lediglich der auf Initiative des Berliner Mediziners Georg Friedrich Nicolai entworfene, allerdings unveröffentlicht gebliebene .Aufruf an die Europäer" enthielt das Identifikationsangebot einer gemeinsamen Identität aller kriegführenden Nationen - eine Deutung, die kurz nach Kriegsbeginn keine Chancen hatte, öffentliche Unterstützung zu finden.'^ Auch in den Eimelschriften war die Einheit von Militär und Kultur bzw. Geist ein geläufiger Topos.'' Hirschfeld stellte dem Kriegsheer das „Friedensheer" der Wissenschaftler an die Seite," und der Pazifist Friedrich Wilhelm Foerster bezeichnete die deutsche militärische Rüstung als „Antwort des Volkes der Dichter und Denker auf die erschütternde Demütigung der deutschen Nation durch Napoleon Bonaparte".'® Der Begriff „Militarismus", in der Vorkriegszeit als politischer Kampfbegrifî negativ besetzt," wurde in Reaktion auf die alliierte Propaganda positiv umgedeutet. Diese Bedeutungsverschiebung war Bestandteil eines kriegsbedingten semantischen Kulturtransfers.'^ „Militarismus" galt jetzt nicht nur als kollektives „Ehrenzeichen" (Anschütz) der Deutschen, sondern als eine Lebensnotwendigkeit: Allein die Verbindung von Militarismus und bürgerlichem Staat, von „Wehrkraft und Kriegsbereitschaft" erschien den Gelehrten mehrheitlich als Garantie staatlichen Daseins.'^ Der deutsche Militarismus umfaßte ihrer Ansicht nach nicht nur die Heeresstruktur und die allgemeine Wehφflicht, sondern verköφerte zugleich den deutschen Volkscharakter. „Was kann deutscher Militarismus anderes sein als der deutsche Geist...?",

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Kulturweltaufrui S. 47flF.; Hochschullehraaklänmg, S. 49f ; Kundgdjung, S. 52f. KulturweltaufruC S. 48; Hodischullehrereiklärung, S. 49. Hochschullehrereridänmg, S. 49f. Vgl. auch den Bonner AufruÇ S. 51. ,Αη die Europäei", abgedruckt in: Nicolai, Geoi^ Friedrich: Die Biologie des Krieges. Betrachtungen eines Naturforschers den Deutschen zur Besinnung, Bd. 1: Kritische Entwicklungsgeschichte des Krieges. Zürich ^1919, S. 12-14. Hierzit. als Europäeraufrui S. 12flf. Vgl. Kap. 1.2.2. Er findet sich z.B. bei Roethe, Wir Deutschen, S. 34f., 39; Riehl, 1813, S. 196f.; Sering, Ursachen, S. 277f.; Kahl, Recht zum Kriege, S. 180; Sombart, Händler und Helden, S. 54,83fif.; Anschütz, Staatsreformen, S. 44f.; Meinecke, DE, S. 30; Sdieler, Genius, S. 142; Cohen, R , Militarismus, S. 34fiF.; ders.. Über das Eigentümliche, S. 45. Hirsdifeld,S.30. Foerster, Friedridi Wilhelm: ,i)eutschland und Frankreich", in: NZZ 616, 1916, hier zit nach ders., Jugend, S. 71-76, hier S. 73. Statgardt, Nicholas: The German Idea of Militarism. Radical and Socialist Critics 1866-1914. Cambridge 1994, und Conze, Woner/Geyo·, Michael: ,>filitarismus", in: Geschichtliche GnmdbegrifFe 4. Stuttgart 1978. Bniendel, Steffen: ,J4egativa· Kulturtransfa·. Die ,Ideai von 1914' als Auflid)ung der ,Ideen von 1789"', in: Schalenbelg, Marc: Kultuitransfer im 19. Jahrhundert Berlin 1998, S. 143-171, hier S. 160f Anschütz, Staatsrcformen, S. 44f Vgl. auch Sombart, Händler und Heldai, S. 54, 82-96; Hamack, Was wir schon, S. 157f; Weber, A , Sendung, S. 17; Delbtüdc, Charakter, S. 66-73; Lasson, Deutsche Art, S. 116,122-129,142; Meinecke, Die deutschen Erhebungen, S. 30; Scheler, Genius, S. 68£, 142,243fF.

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fragte Sombart. Potsdam als Inbegriff der militärischen Stärke und Weimar als Symbol der deutschen Kultur repräsentierten die Fundamente Deutschlands."* Die Unterschiedlichkeit der Volksgeister wurde am Beispiel der verschiedenen Heerwesen aufgezeigt. Im Kontrast zum „Händler" gewann das deutsche „Heldentum" Gestalt. Sombarts Begriffspaar „Händler und Helden" spitzte den fundamentalen Unterschied zwischen westlicher „Civilisation" und deutscher „Kultur" zu,'^ der in fast allen Kriegsschriften thematisiert wurde.®® Zu den deutschen Tugenden wurden die freiwillige Unterordnung, Disziplin, Treue, Wahrhaftigkeit und Innerlichkeit gezählt. Deshalb seien die deutschen Soldaten dem englischen „Söldnerheer"," eine beliebte pejorative Bezeichnung für die englische Berufsarmee, an Sittlichkeit und Geist überlegen. Das deutsche „Volksheer" уегкбфегte das „Volk in Waffen"," eine Selbstbezeichnung, die bereits seit den Befreiungskriegen gebraucht," nun aber mit besonderer Inbrunst zur Charakterisierung der Deutschen verwendet wurde. Ein „kriegerische[r] Charakter" sei den Deutschen zu eigen, sie seien waffentüchtig, aber friedliebend."*" Neckel verortete diese Tugenden bereits bei den Germanen, dem „Heldenvolk Europas". Sie hätten in permanenter Kriegsbereitschaft gelebt: Der germanische „Normalmensch" sei der „Mann in Waffen" gewesen. „Unseren Vorfahren war die schwere Kampfarbeit die Würze des Lebens"."" Für die Deutschen zähle nach Ansicht Simmels nicht der „Gewinn", sondern die „Hingabe" an etwas Höheres, die dem „organischein] Charakter" des deutschen Wesens entspreche'"^ und sich exemplarisch im deutschen Militarismus, aber auch im Friedenswerk des deutschen Wissenschafts- und Bildungssystems zeige. Die Selbstbildkonstruktion der Gelehrten beruhte auf einer fast ausschließlich reaktiven Begründung der nationalen Spezifika, während sich ihre Darstellung der charakterlichen Besonderheiten der Deutschen meist auf die Aufzählung und Ausschmückung von Sekundärtugenden beschränkte. Mit diesen als exklusiv deutsch gedeuteten Eigenschaften definierten sie den Wert und die Bedeutung der eigenen Nation. Dabei ließen sie außer acht.

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Sombart, Händler und Helden, S. 54. Vgl. auch Below, Hohenmllem, S. 40. Sombart, Händlo- und Helden, S. 9-50,57-65,102flF. Zum Beispiel bei Wilamowil^ Krieges Anfeng, S. 6-8, lOf.; Roethe, Wir Deutschen, S. 25flF.; Delbrück, Charakter, S. 52, 70f., 73; Lassen, Deutsdie Art, S. 109flF., 136f.; Riehl, 1813, S. 194fF., 200; Meinecke, Wahrheit und Lüge, S. 68-72; ders., Erhebungen, S. 9, 34£, 38; ders., Welche Güter, S. 49; Sering, Ursachen, S. 261,274-277; Rolflb, Geist, S. 383; Oncken, Nation, S. 7; Νβίοφ, Wiedergeburt, S. 200f ; Weber, A , Sendung, S. 14, 27; Troeltsch, Ideen, S. 608, 617f; Scheler, Genius, S. 28, 30-34, 44, 184; Seebetg, ,J)as Wesen des deutschen Volkstums", in: ders., Gesdiichte, Krieg und Seele, S. 189-195, hier S. 190fiF.; Below, Hohenzollem, S. 4 3 « Sombart, Händler und Helden, S. 15. Vgl. auch Delbrück, Charakter, S. 73; Lasson, Deutsche Art, S. 110, und Blume, Militarismus, S. 24, sowie Haller, Warum und wofilr, S. 18; Sering, Ursachen, S. 248. Kahl, Recht im Kriege, S. 180; Riehl, 1813, S. 196; Rolfb, Geist, S. 380; Anschütz, Staalsfomien, S. 44; Troeltsch, Religionspolitik, S. 167; Im Febmar 1915 erschien anläßlich des 50. Geburtstages des Schriftstellers Sven Hedin dessen gleichnamiges Buch: Hedin, Sven: Ein Volk in Waffen. Leipzig 1915. Becker, Frank: Bilder von Krieg und Nation. Die Einigungskriege in der bürgeriichen Öffentlichkeit Deutschlands 1864-1913. München 2001. Delbrtlck, Charakter, S. 67, 69. Vgl. auch Riehl, 1813, S. 196; Roethe, Wir Deutschen, S. 33; Seeberg, Wesen des Deutschen, S. 23. Neckel, Barbaren und Helden, S. 555f. Simmel, Wandlung, S.2f

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daß Werte wie „Treue" instrumenteller Art sind und erst durch einen Zweck, ein Ziel zu Tugenden w e r d e n . D i e vorgebliche Exklusivität der deutschen Charaktermerkmale sowie der Rekurs der Gelehrten auf die deutsche Geschichte und nationale Traditionen zeigt, daß es sich bei dem deutschen um ein „selbstreferentielles Nationalbewußtsein"'®^ handelte. Von besonderer Bedeutung für das Selbstbild war die nationale Einheit. Es war daher problematisch, als schon wenige Monate nach Kriegsbeginn die ersten Differenzen zwischen den Gelehrten auftraten.

2.2 Frühe Differenzen: Aufmfe und Eingaben 1914/15 Die drei Bände umfassende Ausgabe der „Deutschen Reden in schwerer Zeit", die zwischen Ende 1914 und Ende 1915 veröffentlicht wurde, repräsentierte die Einheit der akademischen Gemeinschaft in den ersten eineinhalb Kriegsjahren."" Sie enthielt jene Reden, die Gelehrte ganz unterschiedlicher Universitäten, Fachrichtungen und politischer Ansichten zwischen dem 27. August 1914 und dem 2. November 1915 in Berlin gehalten hatten: Zu ihnen gehörten die Historiker Hans Delbrück, Friedrich Meinecke und Otto Hoetzsch, die Theologen Adolf V. Hamack, Adolf Deißmann, Adolf Lasson, Otto Baumgarten, Emst Troeltsch und Reinhold Seeberg, die Juristen Gerhard Anschütz, Otto v. Gierke, Wilhelm Kahl und Rudolf Stammler sowie der Germanist Gustav Roethe, der Hygieniker Max v. Gruber, der Anatom Wilhelm Waldeyer und der Altphilologe Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff. Die Heterogenität der Autoren war das Kennzeichen aller drei Bände. Die „Deutschen Reden" repräsentierten aber eine akademische Geschlossenheit, die es 1915 schon nicht mehr gab. Unterschiedliche Auffassungen in bezug auf konkrete Kriegsfragen zeigten sich schon im Zusammenhang mit der Erklärung Uber die Niederlegung englischer Auszeichnungen vom 7. September 1914, die vier Tage später von dem Berliner Astronomen Wilhelm Foerster kritisiert wurde.'"' Foersters Kritik führte zu einem „kleinen ,Hauskriege"', wie Hermann Kellermann den in der Presse ausgetragenen Disput der Gelehrten nannte. Eucken, einer der Unterzeichner, meldete sich am 14. September zu Wort und wies daraufhin, daß die Mehrheit der englischen Gelehrten keineswegs als deutschfreundlich anzusehen sei. Da es sich bei diesem Krieg wegen der englischen Propaganda nicht um einen „ritterliche[n] Waflfengang" handele, sei die Selbstverteidigung „ohne einen edlen Zorn" kaum erfolgreich. Diese Ansicht wurde von verschiedenen Kollegen geteilt, die ebenfalls das Wort ergriffen."*' Auch der Vondung, Apokalypse, S.206C Jeismann, Vaterland, S. 324. "" Für eine inhaltliche Querschnittanalyse vgl. Flasch, Mobilmachung, S. 76-99. Als Ehrendoktor der Universität Oxford verwahrte sich Foerster gegen das Voigehen seiner Kollegen, das er als unklug bezeichnete. Anstatt „eine scharfe Trennung^' auszusprechen, hätten sie versuchen sollen, die deutschfreundlichen Gelehrten in Großbritannien durch einen .Joäftigen Appell" in ihrer Ansicht zu stärken, vgl. Foersters Kritik im BT, 11.9.1914, zit nach Kellermann, Geister, S. 30f "" Kritik an Foerster übten auch der Berliner Jurist Josef Kohler und Sanitätsrat Prof. I. Schwalbe. Der Direktor der Physiologischen Instituts in Bonn, Max Verwom, kritisierte, daß der Disput öfifendich ausgetragen

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Aufhif „An die Kulturwelt!" vom 4. Oktober war innerhalb der deutschen Gelehrtenschaft umstritten, wenngleich es seinetwegen zu keinem öffentlichen Disput kam. Wie kaum ein anderes Dokument verköφerte er die Einheit der akademischen Gemeinschaft, obwohl verschiedene Gelehrte die Erlaubnis, ihren Namen zu nutzen, erteilt hatten, ohne den Text zu kennen - oder dies später zumindest behaupteten. Zu ihnen gehörten Lujo Brentano, Wilhelm Foerster, Adolf v. Hamack, Max Planck und Emil Fischer."" Allerdings gab es auch Gelehrte wie den Göttinger Mathematiker David Hilbert, die es abgelehnt hatten, den Kulturweltaufruf zu unterzeichnen. Der Öffentlichkeit blieb dies jedoch verborgen. Abgesehen davon war das „Manifest der 93" im Grunde genommen keine Professorenschrift, sondern in bezug auf seine Entstehung viebiehr ein vom Reichsmarineamt angeregter „Aufruf der ,Dichter'".'°' Er trug die Namen von 58 Professoren, unter ihnen 22 Naturwissenschaftler und Mediziner. 24 lehrten in Berlin, 25 an nichtpreußischen Universitäten. Die ältesten waren über achtzig (Wundt), die jtlngsten Ende dreißig (Spahn), das Durchschnittsalter betrug 60. Alle Glaubensgemeinschaften und fast alle politischen Richtungen waren vertreten."" Entsetzt über den Inhalt des Aufrufs, entschloß sich Georg Friedrich Nicolai zum Widerspruch. Zusammen mit dem Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts ftlr Physik, Albert Einstein, dem Astronomen Wilhelm Foerster, der seine Unterschrift unter dem KulturweltAufruf bedauerte, und einem Studienfreund, dem Berliner Privatgelehrten Dr. Otto Buek, entwarf er im Oktober 1914 ein Gegenmanifest, den Aufinif „An die Europäer".'" Die Verfasser betonten die Gemeinsamkeiten der europäischen Kulturtradition, verurteilten den Krieg und forderten die Gebildeten Europas auf, sich daftir einzusetzen, den „Bruderkrieg" zu beenden, welcher „kaum einen Sieger, sondern wahrscheinlich nur Besiegte zurücklassen" werde. Der Aufiuf endete mit dem Appell, eine gemeinsame europäische Ordnung zu schaffen, einen „Europäerbund" als Grundlage der künftigen europäischen Einigung."^ Versandt mit der Bitte um Unterstützung, wurde er - obwohl die Fragen von Kriegsschuld, Kriegführung und Propaganda nicht angesprochen wurden - von keinem der Adressaten unterzeichnet, nicht einmal von denjenigen, die inhaltlich zustimmten. „Da aber ein Aufruf nur Wert haben kotmte, wenn er getragen wurde von der Autorität anerkannter Namen", so Nicolai im Rückblick, „ließen wir den Plan fallen". Der einzige übernationale, an alle Europä-

werde. Vgl. hierzu Kellermann, Geister, S. 31fiF., 35f In ihrer am 21.10. veröfifentlichten .Antwort an die deutschen Professoren" wiesen über Hundert britische Gelehrte die Vennutung ihrer deutschen Kollegen zurück, daß es an englischen Universitäten viele Gelehrte gebe, die Deutschland noch Sympathie entgegenbrächten, und begrtlndeten dies mit dem sog. Militarismus. Vgl. ebd., S. 36-44. 108 Ungem-Stembetg, ÌM., Kulturwelt S. 61fiF., insbes. S. 63£ u. 69; Gnmdmann, Einsteins Akte, S. 43; Szöllösi-Janze, S. 259. Einige Unterzeichner distanzierten sich im Laufe des Krieges, wie z. B. Ehrlich, v. Wassetmann und Morf Nur von der Form, weniger vom Inhalt distanzierten sich Planck, Nemst, Waldeyer und v. Wilamowitz. Vgl. Ungem-Stemberg, JTW., Kulturwelt, S. 63f, 71ffi Zur Reaktion der Unterzeichner nach 1919 vgl. ebd., S. 73ÏÏ., Härle, S. 21 If, 214, und Wdiberg, Hans: Wider den Aufiuf der 93! Das Ergebnis einer Rundfiage an die 93 Intellektuellen über die Kriegsschuld. Charlottenbuig 1920. 109 Ungem-Stembeift jyw., Kulturwelt S. 27. 110

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Grundmann, Einsteins Akte, S. 43. Vgl. auch Ungem-Stemberg, JTW., Kulturwelt, S. 144-147. Europäeraufiuf Zur Entstdiung vgl. Nicolai, Biologie, und Grundmann, Einsteins Akte, S. 47f Europäeraufini S. 12ίΕ (Zitate S. 13f). Zur Entstehung des Aufiufe vgl. Nicolai. Biologie, S. lOfi".; Ungem-Stemberg, JJW., Kultuiwelt. S. 62f., und Zuelzer, Wolf: Der Fall Nicolai. Frankliirt/M. 1981.

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er gerichtete Professorenaufiojf blieb der Öffentlichkeit daher unbekannt.'" Da außerdem der im November 1914 gegründete, versöhnungsorientierte „Bund Neues Vaterland""'' zunächst keine öffentliche Wirkung entfaltete'" und sich der europäisch ausgerichtete, seit der Julikrise 1914 bestehende „Forte-Kreis"'" bereits im ersten Kriegsjahr wieder auflöste,'" konnte sich die gelehrtenpolitische Mindermeinung kein Gehör verschaffen. So dominierte der Eindruck akademischer Geschlossenheit, der durch den KulturweltAufruf hervorgerufen und durch die am 16. Oktober 1914 veröffentlichte „Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches" noch verstärkt wurde: Dieses Professorenmanifest, das von Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorfif verfaßt und durch den persönlichen Einsatz des Berliner Historikers Dietrich Schäfer binnen kurzer Zeit von über 3.000 Akademikern unterzeichnet wurde, verdeutlicht, daß es in den ersten Kriegsmonaten fast unmöglich war, sich mit kritischen Anmerkungen zu Wort zu melden. Die große Anzahl der Unterzeichner umfaßte „fast die gesamte Hochschullehrerschaft aller 53 deutschen Universitäten und Hochschulen ... vom Ordinarius bis zum Lehrbeauftragten und Lektor"."* Der Gleichschritt der Akademiker ließ etwaigen Dissidenten nur die Möglichkeit, sich entweder anzupassen oder zu schweigen, um die überall verkündete nationale Einmütigkeit nicht zu stören - und damit auf jede öffentliche Wirkung zu verzichten. Erst im Sonmier 1915, wurde aus dem „Hauskrieg" der Gelehrten ein öffentlicher Disput. Am 8. Juni 1915 wurde dem Reichskanzler die sogenannte „Intellektuelleneingabe" oder „Seeberg-Adresse" überreicht, die seit ihrer Entstehung über das akademische Feld hinaus bekannt war. Als Pendant zu der als „Industrielleneingabe"'" bekannten annexionistischen

Nicolai, Biologie, S. 14f. (Zitat S. 14); Ungem-Stembetg, JTW., Kulturwelt, S. 63; Gnmdmann, Einsteins Akte, S. 48. Erst mit der unautorisierten Veröfientlichung von Nicolais ,ßiologie des Krieges" im Jahre 1917 in der Schweiz wurde der Text - im Ausland und vereinzelt im Reich - bekannt, bevor Nicolais Buch 1919 in Deutschland erscheinen konnte. Fricke, Diik: ,3und Neues Vaterland (BNV) 1914-1922", in: Lexikon der Parteiengeschichte 1, S. 351360; Gülzow, Erwin: ,ßund Neues Vaterland (BNV) 1914-1921/22", in: Fricke, Dieter Die bürgerlichen Parteien in Deutschland. Handbuch der büi;gerlichen Parteien und anderer büigerlicher Interessenorganisationen vom Vomiärz bis zu Jahre 1945.Beriin 1968,S. 179-183. MS Zunächst hatte er nur etwa 10 Mi^ieder. Bis Mitte 191S traten ein die Gelehrten: Lujo Brentano, Albert Einstein, Martin Rade, Walther Schücking, Ferdinand Tönnies, Magnus Hirsch&ld und Hans Wehbeig, vgl. Fricke, S. 353, und die Liste in Ldimann-Rußbüldt, S. 40. 116 Faber, Richard/Holste, Christine (Hg.): Der Potsdamer Forte-Kreis. Eine utopische Intellektuellenassoziation zur europäischen Friedenssicherung. Wüizbutg 2001. Zum Kreis gehörten knapp 10 Personen aus Deutschland, Holland und Schweden, unter ihnen Publizisten und Privatgelehrte mit Verbindungen zum akademischen Feld. vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 651, 717 (Text); Böhme, Aufrufe und Reden, S. 13, 49f (Text), und Döring, Herbert: Der Weimarer Kreis. Studien zum politische Bewußtsein ver&ssungstreuer Hochschullehrer in der Weimarer Republik. Meisenheim 1975, S. 23, sprechen von 3016 Unterschriften. Diese Angabe entspricht der ErstveröfiFentlichung in den Berliner Akademischen Nachrichten Nr. 3, WS 1914/15. Ein Exemplar vom 23.10.1914 enthält die Namen von 3065 Hochschullehrern. Weitere Angaben variieren (Vgl. vom Brocke, S. 651/Anm. 2). Walther Schücking (,JDie deutschen Professoren und der Krieg",in:Fon]m2,1915, S. 17-21; 19) spricht von „über 3000" Gelehrten. Zum Text vgl. Grumbach, Salomon: Das Annexionistische Deutschland. Eine Sammlung von Dokumenten, die seit dem 4. August 1914 in Deutschland öffentlich oder geheim verbreitet wurden. Mit einem An-

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Kriegszieldenkschrift sechs großer Wirtschaftsverbände, die dem Kanzler bereits am 20. Mai 1915 übergeben worden war, wurden auch in der „Intellektuelleneingabe" weitreichende Annexionen g e f o r d e r t . S i e war auf Anregung des Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes, Heinrich Claß, von den Berliner Professoren Seeberg, Schäfer und Hermann Schumacher verfaßt und in einer erfolgreichen „Werbeaktion" verbreitet worden. Binnen weniger Tage unterschrieben 1.347 Personen. 352 der Unterzeichner waren Gelehrte, unter ihnen neben den Verfassern auch v. Wilamowitz-Moellendorflf sowie die Historiker Georg v. Below, Erich Brandenburg, Justus Hashagen, Otto Hintze, Erich Mareks und Eduard Meyer, die Juristen Wilhelm van Calker, Otto v. Gierke und Heinrich Triepel und die evangelischen Theologen Adolf Deißmann und Karl Holl. Von den katholischen Gelehrten unterzeichneten u. a. die Historiker Aloys Schulte, Bonn, und Hermann v. Grauert, München.'^' Schwabe hat die große Resonanz zum einen auf die soziale Reputation ihrer Unterzeichner zurUckgefìlhrt und zum anderen auf die relativ gtinstige militärische Lage an der Ostfront. Nachdem er von den Aktivitäten Seebergs erfahren hatte, organisierte Delbrück zusammen mit dem ehemaligen Kolonialstaatssekretär Bernhard Demburg und dem Herausgeber der „Berliner Tageblatts", Theodor Wolff, sowie seinen Kollegen Wilhehn Kahl und Adolf V. Hamack eine Gegeneingabe, die sog. „Delbrück-" bzw. „Delbrück-Dernburg-Adresse",'" in der sich die Unterzeichner ftlr gemäßigte Kriegsziele und die Unterstützung der Politik Bethmann Hollwegs aussprachen.'^^ Die dem Reichskanzler am 9. Juli überreichte Gegeneingabe vmrde allerdings nur von 141 Persönlichkeiten unterzeichnet, darunter waren 80

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hang: Antiannexionistische Kundgebungen. Lausanne 1917, S. 123-132. Zur Entstehung und den Hintergriinden vgl. Hagenlücke, Vaierlandspartei, S. 49-65, insbes. S. 53flF.; Fischer, Weltmacht S. Mlffi Der Text ist abgedruckt in: Böhme, Aufrufe und Reden, S. 125-135; Gnimbach, Das annexionistische Deutschland, S. 132-140 (hier Angabe einiger Unterzeichna·). Zu den Unterzeichnern vgl. auch Schwabe, Annexionismus, S. 127, und dere., Wissenschaft, S. 70. Zur Entstehung und den Hintergründen vgl. Schwabe, Annexionismus, S. 122-128 (Zitat S. 127); ders., Wissenschaft, S. 70f.; Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 65-69, insbes. S. 67fF.; Döring, Weimarer Kreis, insbes. S. 24fif:; Brakelmann, Günter Protestantische Kriegstheologie im Ersten Weltkrieg Reinhold Seebetg als Theologe des deutschen Imperialismus. Bielefeld 1974; Grundmann, Einsteins Akte, S. 43f.; Ringer, Mandarine, S. 177; Fischer, Wellmacht, S. 143£ Schwabe, Wissenschaft, S. 73f Zur Entstehung und den Hintetgründrai vgl. Schwabe, Annexionismus, S. 128-133; ders., Wissenschaft, S. 71£, sowie mit einigen Koindcturen Döring, Weimarer Kreis, insbes. S. 24-34; WolÇ Theodor Tagebücher 1914-1919. Der erste Weltkrieg und die Entstehung der Weimarer Republik in Tagebüchern, Leitartikeln und Briefen des Chefiedakteurs des ,ßerliner Tagrfjlattsi' und Mitbegründers der ,i)eutschen Demokratischen Partei". 1. und 2. Teil. Hgg. von Bernd Sösemann. Boppard 1984, insbes. S. 247-268; Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 69; Ringer, Mandarine, S. 177£ Die Gegeneingabe wird auch als Petition der,freien Vateriändischen Vereinigung" bezeichnet (vgl. Demm, Alfied Weber, S. 169; Mommsen, Max Weber, S. 212-215). Diese Bezeichnung geht auf die Mitwirkung Wilhelm Kahls zurück, der die F W im Febniar 1915 gegrilndrt hatte, um die politischen Gegensätze zu überbrücken und die Politik des Reichskanzlers zu stützen. Zum Text vgl. PrJbb 169, H. 2 (August) 1917, S. 302-319, und zu den Unterzeichnern PrJbb 162, H. 1 (Oktober) 1915, S. 167-187, insbes. S. 169-172; Grumbach, Das annexionistische Deutschland, S. 409411 (hier auch Angabe einiger Unterzeichner); Böhme, Aufrufe und Reden, S. 135-137 (ohne Unterzeichner).

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Gelehrte. Zu ihnen gehörten neben Delbrtlck und Kahl auch der Berliner Privatdozent Franz Oppenheimer und die Professoren Gerhard Anschütz, Otto Baumgarten, Lujo Brentano, Albert Einstein, Heinrich Herkner, Edmund Husserl, Hermann Kantorowicz, Franz v. Liszt, Max Planck, Martin Rade, Gustav v. Schmoller, Walther Schücking, Ferdinand Tönnies, Ernst Troeltsch, die Brüder Alfred und Max Weber sowie David Hilbert.'^' Trotz des Verbots der Kriegszieldiskussion wurde der Inhalt der Eingaben durch die halböffentliche Agitation im Umfeld der als „streng vertraulich" deklarierten Intellektuelleneingabe bekannt. Damit war der „Anstoß für die Kriegszielbewegung innerhalb des Bürgertums" gegeben.'^' Oncken und Meinecke sahen sich am 31. August 1915 genötigt, öffentlich richtigzustellen, daß sie die „Seeberg-Adresse", die sie ablehnten, nicht unterschrieben hätten.'^' Der Protest dieser beiden berühmten Gelehrten zeigt, wie wichtig die soziale Reputation der Unterzeichner für die Wirkung der Kriegsschriften war und wie hoch sie von den Zeitgenossen eingeschätzt wurde. Delbrück berichtete, daß er von Persönlichkeiten wisse, „die sehr geschwankt haben, ob sie nicht aufgrund der Autorität dieser beiden Herren [Oncken und Meinecke] auch ihre Unterschrift geben sollten". Allein diese beiden Namen hätten, davon war er überzeugt, viele dazu bewogen, die Eingabe zu unterzeichnen. Durch ihr Fehlen sei der Wert von Seebergs „Unterschriften-Sammlung wesentlich eingeschränkt".'^* Allerdings lehnten beide Historiker es ebenso ab, Delbrücks Gegeneingabe zu unterzeichnen, so daß auch diese nicht von der Autorität ihrer Namen profitieren konnte. Die geringe Resonanz der Gegeneingabe wurde von Delbrück als Niederlage empfunden und von Seeberg in der „Täglichen Rundschau" auch als solche bewertet.'^' Damit führten die Differenzen innerhalb der akademischen Deutungselite zu einer Auseinandersetzung. Ein Versuch Delbrücks, die aufgetretenen Differenzen durch eine Verständigung mit Seeberg beizulegen, scheiterte. Der Versuch zeigt jedoch, wie sehr es den Gelehrten um Delbrück darauf ankam, eine Spaltung der Gelehrtenschaft zu verhindern. Sie konnten die Inhalte der offiziellen gelehrtenpolitischen Äußerungen besser beeinflussen, solange Konsens darüber herrschte, nach außen Geschlossenheit zu demonstrieren.""

Nach Schwabe, Annexionismus, S. 129f, gehörte auch Max Sering zu den Initiatoren der Gegeneingabe. Als Unterzeichner ist er in PrJbb 162, 1915, S. 169ff. nicht aufgeführt. Weitere Unterzeichner waren Emst Francke, Leopold v. Wiese und Julius Wellhausen. Schwabe, Wissenschaft, S. 71. Gemäß dem Kriegsrecht konnte nur die öffentliche Werbung für Eingaben oder ihre öffentliche Verbreitung untersagt werden; das Petitionsrecht selbst (Art. 32 der Preußischen Verfiissung) konnte nicht suspendiert werden. Vgl. Huber, Emst Rudolf (Hg.): Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Bd. 5: Weltkrieg, Revolution und Reichsemeuerung 1914-1919. Stuttgart u. a. 1978, S. 39-47,56-62. 127 Oncken, Hemiann/Meinecke, Friedrich: .JDie Kriegsziele", in: FZ, 31.8.1915. 128 Delbrück, Hans: ,frofessor Seebetg, Professor Schäfer, Professor von Wilanrowitz, Professor Hintze", in: PrJbb 162, H. 2,1915, S. 360-363, hier S. 360. 129 Tägliche Rundschau Nr. 516,11.10.1915. Dieser Konsens setzte abo- eine intone Einigung in bezug auf die kommunizierten Thanen voraus. Die gemeinsame Basis eines Kompromisses zwischen beiden Gruppen sollte die Konzentration auf Kriegsziele im Osten sein. Wegen der grds. verschiedenen Aufifessungen in bezug auf Belgien war eine Einigung jedoch unmöglich, vgl. auch Schwabe, Wissenschaft, S. 71f; ders., Annexionismus, S. 133; Döring, Weimarer Kreis, S. 30.

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Trotz der Spannungen traten zahlreiche Unterzeichner sowohl der „Seeberg-" als auch der „Delbrück-Adresse" der am 28. November 1915 gegründeten „Deutschen Gesellschaft 1914" bei. Dies deutet auf ein verbreitetes Konsensbedürfhis hin, denn das erklärte Ziel der Gesellschaft bestand darin, den „Geist von 1914" zu erhalten. Zu ihren akademischen Mitgliedern zählten u. a. Haber, Meinecke, Tönnies, v. Schmoller, Schücking und Hoetzsch nicht jedoch Plenge. Zwar gehörten auch v. Wilamowitz und Schäfer der Deutschen Gesellschaft an, aber es überwogen die Gelehrten aus dem Umfeld von Delbrück: Anschütz, Baumgarten, Brentano, Foerster, v. Hamack, v. Liszt, Preuß, Sering, Troeltsch und Delbrück selbst. Die Gesellschaft stellte nicht nur ein Forum des Meinungsaustausche dar, sondern bot zugleich die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen."' Als überparteilicher „Klub" - so wurde die Gesellschaft gemeinhin genannt"^ - , dem Konservative und Sozialdemokraten, Industrielle und Adlige, Politiker und hohe Beamte sowie Militärs angehörten, vermittelte er nach außen die Illusion übeφarteilicher nationaler Zusammenarbeit.'" Gleichwohl hatten sich bereits 1915 zwei entgegengesetzte gelehrtenpolitische Lager herausgebildet. Mit Blick auf die divergierenden außen- und innenpolitischen Vorstellungen sowohl der Unterzeichner der Seeberg- als auch derjenigen der Delbrück-Adresse, kann bezweifelt werden, daß die in der Forschung gängigen Bezeichnung der beiden Lager als „Annexionisten" und „Gemäßigte" der Komplexität ihrer jeweiligen Deutungsvorgaben hinreichend gerecht wird.""* Es ist deshalb ratsam, den kleinsten gemeinsamen Nenner zur Grundlage einer Einteilung zu machen: die grundsätzlichen Vorstellungen von der Politik des Reiches nach innen und außen und damit die Einstellung zur Regierung Bethmann Hollw e g . D a v o n hing ab, ob die Gelehrten mit ihrem intellektuellen Engagement Delbrücks oder Seebergs Politik unterstützten. Die Ablehnung oder Zustimmung zur Politik des Kanz-

So л B. zu Industriellen und Wirtschaflse^erten wie Fritz Thyssen, Walther Rathenau, Robert Bosch, Gustav Krupp, Alfred Hugenberg, Wichard v. MoellendoifF und Karl Helfferich, zu Militärs wie Walter Groener und Admiral ν. Holtzendorf^ TU Sozialdemokraten wie Albert Südekum und Carl Legien, zu Journalisten wie Theodor WolflFund Theodor Heuß, zu leitenden Beamten wie Bethmann Hollweg, Wilhelm Solf (Präsident der DG) und Richard v. KUhlmann sowie zu Reichstagsabgeordneten wie Matthias Erzbetger und Gustav Stresemann. Außerdem engagieren sich Bernhard v. Bülow und Wolfgang Kapp in derGesellsdiaft Sösemann, Bemd: ,i)as .emeuerte Deutschland'. Emst Troeltschs politisches Engagement im Ersten Weltkrieg", in: Renz, Horsl/Grai Friedrich Wilhelm (Hg.): Troeltsch-Studien. Untersuchungen zur Biographie und Wetkgeschichte. Bd. 3: Protestantismus und Neuzeit Gütersloh 1984, S. 120-144, hier S. 135. Schellenberg, Johanna: ,J)eutsche Gesellschaft 1914 (DG). 1914-1934", in: Fricke, Lexikon der Parteiengeschichte 1, S. 700-703; Sösemann, Bemd: .politische Kommunikation im .Reichsbelagerungszustand' - Programm, Struktur und Wirkungen des Юubs .Deutsche Gesellschaft 1914"', in: Bobrowsky, Manfred/ Langenbucher, Wolfgang R (Hg.): Wege zur Kommunikationsgeschichte. München 1987. S. 630-649; hier S. 635flF.; ders., Troeltschs politisches Engagement, S. 134f ; Szöllösi-Janze, S. 308f. Schwabe konstatiert eine Zweiteilung der Gelehrtenschaft in ein alldeutsch beeinflußtes, numerisch überlegenes radikales sowie in ein numerisch unterlegenes gemäßigtes Lager. Vgl. ders.. Wissenschaft, S. 73f Vgl. auch Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 69. und Ringer. Mandarine, S. 179. Hier folge ich Döring, Weimarer Kreis, S. 33f Er weist daraufhin, daß der Streit der Gelehrten über die Frage. ..wieviele Quadratmeilen man im Westen oda· im Osten annektieren sollte, nicht der Beachtung wert [wäre], wenn er nicht auch grundsätzliche Fragen der Politik... bertlhrte" (Döring, S. 28). Vgl. auch Schwabe. Wissenschaft, S. 74.

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lers bildete die Grundlage beider „Lager". Der Reichskanzler war das Symbol für den Primat der Politik über die Interessen der Industrie und der Militärs, auf dessen Erhalt es der Gruppe um Delbrück ankam."' Die Unterzeichner der jeweiligen Eingaben hatten sich in der ersten Kriegshälfte noch keinen festen institutionellen Rahmen gegeben, etwa durch eine reichsweite Organisation. Da das zur Abfassung der Intellektuelleneingabe gebildete „Seeberg-Schäfer-Komitee" sich bis zum Juli 1916 als informelles, nichtöffentliches Kollegium der Verbreitung der in der Eingabe vertretenen Gedanken widmete, werden die beiden gelehrtenpolitischen Lager im folgenden als „Seeberg-Schäfer-Gruppe" und „Delbrück-Gruppe" bezeichnet. Diese Benennungen entsprechen der nicht-institutionalisierten Verbindung der jeweiligen Gelehrten, die v. a. durch die Unterzeichnung der jeweiligen Eingaben öffentlich als zusammengehörig wahrgenommen wurden. Die große Resonanz der Intellektuelleneingabe war vor allem Schäfer zu verdanken, der in fast allen ,nationalen' Organisationen wie dem Flottenverein und dem Alldeutschen Verband führend tätig war. In bezug auf die Benennung der beiden Gruppen muß auch berücksichtigt werden, daß Delbrück und Schäfer bereits vor dem Kriege „erbitterte politische Gegner""^ waren. Dagegen war Seeberg mit Schäfer und Eduard Meyer eng und mit Roethe und v. Below gut befreundet."* Troeltsch hatte schon vor Kriegsbeginn, ein Jahr vor seinem Umzug in die Reichshauptstadt, vom „Berliner Schlachtfeld""' gesprochen und damit die Spannungen im akademischen Feld bezeichnet. Das „System Seeberg" war seiner Meinung nach „übermächtig"'''® und übte seinen Einfluß weit über die Grenzen der Universität hinaus aus. Während die Seeberg-Schäfer-Gruppe mittels ihrer personellen Vernetzungen zu verschiedenen nationalen Verbänden und Organisationen über die größeren Möglichkeiten verfügte, öffentlichkeitswirksam zu agieren, hatten die Angehörigen der Delbrück-Gruppe außer Delbrück vor allem sein Schwager Adolf v. Hamack sowie Gustav v. Schmoller und, seit seiner Berufung nach Berlin, Emst Troeltsch - durch persönliche Kontakte zu Spitzenbeamten der Reichsleitung und verschiedene informelle Zirkel wie den „Mittwochabend" und die „Freie Vaterländische Vereinigung" direkte Einflußmöglichkeiten auf die Reichsleitung. Insbesondere Hamack war seit seiner Berufung nach Berlin 1888 zu einem der „einflußreichsten Wissenschaftsorganisatoren und Gelehrtenpolitiker"geworden. Als Generaldirektor der Königlichen Bibliothek und Initiator der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft galt er zuweilen als heimlicher Kultusminister Preußens und verfügte über direkte Verbindungen

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Schwabe, Wissenschaft, S. 71, schreibt, daß Delbrück „von Anfeng an klai" gewesen sei, daß es neben dem Primat der Politik ,досЬ um den Kopf des Kanzlers gingi'. Er galt als Garant des politischen Primats und damit auch des politischen Einflusses der Delbrück-Gruppe. Die Tatsache, daß der ursprüngliche, zuletzt gestrichene, Schlußsatz der Seebeig-Adresse einen Affiont gegen den Kanzler entfiielt, zeigt, daß Bethmann Hollweg schon 1915 den Kem des Streites darstellte. Vgl. Hagenlücke, VaterlandqDartei, S. 68. 137 vom Bruch, Gelehrtenpolitik, S. 70. 138 Grai Friedrich Wilhelm: ,Jleinhold Seeber^', in: Profile des Luthertums. Biographien zum 20. Jahrhundert. Gütersloh 1997, S. 617-676, hier S. 640. Zum „Sdiäfer-Seeberg-Komitee" vgl. Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 73. In einem Brief an den Prorektor der Heidelberger Univeisität, zit in: Hübinger, Troeltschs Berlin, S. 168. So Troeltsch in einem Brief an Wilhelm Bousset, zit in: Hübinger, Troeltschs Berlin, S. 168. 141 Nowak, Hamack 1, S. 46. Vgl. auch Notimeier, Hamack und die Regierung Bethmann Hollweg, S. 66108.

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zum Kanzler und zum Chef des kaiserlichen Zivilkabinetts, Rudolf von Valentini."^ Harnack und seine Kollegen verfolgten eine gouvernemental orientierte Gelehrtenpolitik,"' mußten sich aber zugleich dem Kampf um die öffentliche Meinung stellen, in dem es insbesondere auf die Fähigkeit zur publizistischen Massenagitation ankam. So wirkten die Gelehrten beider Gruppen als „Intellektuelle". Sie nahmen für sich in Anspruch, nicht nur die Gelehrtenschaft, sondern auch die Volksmeinung zu repräsentieren und sahen die Stärkung der deutschen Identität als ihr gemeinsames Ziel an. Da bei jeder nationalen Selbstdefinition der „Wideφart durch den Feind notwendig mitgedacht werden" muß,'"'^ versuchten die Gelehrten, das nationale Selbstbild der Deutschen in Abgrenzung von den Feinden zu schärfen.

2.3 Negative Traditionserfindung: Feinde ringsum 2.3.1

1789

Für die Konstruktion von Feindbildern waren sowohl an das Ausland gerichtete Aufrufe als auch Eingaben ungeeignet, so daß historische Erinnerungen an die Feinde in ihnen nicht thematisiert wurden. Um Feindbilder anhand historischer Ereignisse zu konkretisieren, boten sich die Einzelschriften an. Während „1813" die identitätsstiftende positiv konnotierte Jahreszahl war, galt „1789" als das negative historische Symbol, welches schlagwortartig eine ganze Epoche und ihre Charakteristika kennzeichnete. Als weltgeschichtliche Zäsur war „1789" im historischen Gedächtnis weiter Teile der Bevölkerung gespeichert. Als entscheidendes Datum fllr die Französische Revolution, deren Freiheitsprogranm in der Interpretation der Gelehrten zwangsläufig in eine Schreckensherrschaft gemündet hatte, und als Vorbedingung eines europäischen Krieges, der fiJr die Militärmacht Preußen mit den Niederlagen von Jena und Auerstedt und für Deutschland mit der Auflösung des „Alten Reiches" und der napoleonischen Besetzung verbunden war, symbolisierte die Jahreszahl 1789 den negativen französischen Einfluß auf die deutsche Geschichte. Sie stand für den geistigen Gehah einer Revolution, die eine zerstörende Befreiung repräsentierte und den Beginn des alle Gemeinschaft auflösenden, atomistischen Individualismus уегк0феПе.'^' Mit der Französischen Revolution hätten Individualismus, Kapitalismus und Materialismus ihren Anfang genommen. Im Zusammenhang mit der Jahreszahl 1789 zeigt sich der kriegsbedingte negative Kulturtransfer in den Schriften vieler Gelehrter. Der Begriff der Revolution - bis dato И2

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Schwabe, Wissenschaft, S. 72fiF., 181-184; Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 402flF.; Döring, Weimarer Kreis, S. 30-33; Gutsche, Willibald: .„Mittwochabend' (Delbrück). Gegrtlndet 1914", in: Fricke, Lexikon zur Paiteiengeschichte, S. 376-380; Nowak 1, S. 77flF.; Sösemann, Bernd: ,JDas ,emeueite Deutschland'. Emst Troeltsdis politisches Engagement im Ersten Weltkrieg", in: Renz, Horst/Grai Friedrich Wilhelm (Hg.): Troeltsch-Studien. Untersuchungen zur Biographie und Werkgeschichte. Bd. 3: Protestantismus und Neuzeit Gütersloh 1984, S. 120-144. Vgl. hierzu vom Bnjch, Gelehrtenpolitik, S. 16/Anm. 23,58-92,106-121. Jeismann, Vaterland, S. 382. Plenge, Krieg, S. 173.

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in Deutschland ein Synonym für den .Umsturz', für Anarchie und Chaos - wurde positiv umgedeutet: Wie 1789 als Datum der französischen, so Plenge, werde 1914 als Jahr der „deutschen Revolution" in die Geschichte eingehen. Habe die Revolution von 1789 der „zerstörenden Befreiung" und einem hemmungslosen Individualismus zum Durchbruch verholfen, so werde „1914" die Revolution „des Aufbaus und des Zusammenschlusses aller staatlichen Kräfte" sein und die allgemeine Einordnung in das überindividuelle Ganze des Staates symbolisieren. Der Revolution von 1789 stellte Plenge daher die schöpferische „deutsche Revolution von 1914" entgegen, mit der die materialistisch-individualistische Epoche zuende gebe.'"*^ Die Gelehrten erinnerten nicht nur an ausländische Interventionen, welche die Entwicklung Deutschlands negativ beeinflußt hatten, sondern hoben auch die schlechten Wesenszüge hervor, die den Feinden zugesprochen wurden.

2.3.2

Der Charakter der Feinde Die Abgrenzung von Westeuropa

Während die Feindbilder in der Intellektuellenemgafte nur von sehr allgemeiner Art waren, wurden die Schuldzuweisungen an die Entente in den Aufrufen häufig dadurch verstärkt, daß negative Charaktereigenschaften wie Neid und Bosheit hervorgehoben w u r d e n . E i n e direkte Verächtlichmachung der Feinde erfolgte jedoch kaum. Die Darstellung erschöpfte sich zumeist in einfallslosen Kriegsstereotypen von den ,heimtückischen' Belgiern oder in nicht weiter ausgeschmückten Klischeevorstellungen wie der ,zügellosen' demokratischen Freiheit Frankreichs'·" oder dem ,nationalen Egoismus' E n g l a n d s . A l l g e m e i n wurde den Feinden das Recht abgesprochen, die deutsche Kultur anzuklagen, da die Kriegsgegner „sich mit Russen und Serben verbündeten und der Welt das schmachvolle Schauspiel" böten, „Mongolen und Neger" gegen Deutschland einzusetzen.'" Dieser Vorwurf spiegelte das Entsetzen der Gelehrten über den Einsatz alliierter Kolonialtruppen wider, der so gar nicht zu ihren Vorstellungen von einer Auseinandersetzung zwischen europäischen Nationen paßte. Zugleich machte er ihnen die Unterlegenheit des Reiches bewußt, das weder die personellen noch die logistischen Möglichkeiten hatte, seinerseits Kolonialtruppen in Europa einzusetzen. Auch in den Einzelschriften wurden die Gegner mittels Klischees und Schlagworten charakterisiert. Dabei stand Frankreich, das Land, das den Barbarei vorwurf gegen Deutschland verbreitete, keineswegs im Zentrum der reaktiven deutschen Polemik, weder bei den Gelehr-

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Ebd., S. 173f, 189f., I94f, 254; ders., 1789 und 1914, S. 15f, 30-44, 139-147. Vgl. auch Sombait, Händler und Helden, S. 3f., 76, 113, 11 Bf.; Meinecke, Staatsgedanke, S. 82; ders.. Die deutschen Ertiebungen, S. 29; Scheler, Genius, S. 163ff.; Hamack, Was wir sdion, S. ISSflEi; Troeltsch, Religionspolitik, S. 168f. Vor allem Kjellén, Ideen, S. 29,43flF., und Plenge, 1789 und 1914, insbes. S. 15f, 41, sowie Kap. II.3.2.2. Kulturweltaufiui S. 48f.; Kundgebung, S. 52ÏÏ.; Gegeneridänmg, S. 55f. Bonner AufiuC S. SOf. Die Prinzipien eines „unduldsamen Jakobinertums, die Selbstsucht beutegierigoParteien und die Beherrschung des politischen Denkens durch eine gewissenlose Presse" wurden als Kennzeichen dieser Freiheit bezeichnet (ebd.). Bonner AufiuÇ S. 51 ; Rückgabeerklärung, S. 28; Gegeneikläning, S. 55£ Kulturweltaufrut S. 48. Ähnlich auch der Bonner Aufiui S. 51.

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ten der Delbrück- noch bei denen der Seeberg-Schäfer-Gruppe. „Wir hassen Frankreich wahrlich nicht", schrieb Roethe, und: „Wir Deutsche wissen, was wir Frankreich verdanken". Frankreichs Absichten in diesem Kriege, so der Tübinger Historiker Johannes Haller, „können wir verstehen, achten, vielleicht bis zu einem gewissen Grade sogar bewundem". Die Franzosen, eine nach Ansicht vieler Deutscher kultivierte, aber dekadente Nation, waren für Delbrück „die am meisten Gleichberechtigten und Gleichwertigen"'" und genossen als schwächster, aber „edelster Gegner" (v. Wilamowitz) zumindest Respekt. Auch die Traditionen der französischen Geistesgeschichte galten nicht als wertlos, trotz 1789. Für Adolf Lasson waren die Franzosen eine „geistreiche Nation", die allerdings „in Phrasen und Illusionen lebt". Von einer ,Erbfeindschaft' war nicht mehr die Rede. Der deutsche ,Haß' richtete sich vor allem gegen England, das für seinen Kriegseintritt ,gestraft' werden sollte.'^' Die emotionale Aufladung der Sprache gerade in bezug auf das Feindbild England zeigt, daß die Gelehrten in Großbritannien einen starken Gegner sahen: „Haß gilt niemals einem Unterlegenen; er ist ein Eingeständnis der Ohnmacht"."^ England erschien den Gelehrten vielfach als Inkarnation des Materialismus, des Kapitalismus und eines zur Selbstsucht entarteten Individualismus. Diese unheilige Trinität kennzeichnete ihrer Ansicht nach alle „westlichen" Gesellschaftssysteme, aber Großbritannien verköφerte sie in besonderer Weise. „Neid" und „Heuchelei" waren die den Engländern nachgesagten Charakterzüge.''' Allerdings nahm die Darstellung der Feindbilder einen relativ kleinen Raum in den Schriften ein. Nur Scheler versuchte, die Engländer ausführlich zu „charakterisieren". Er attestierte ihnen „normannische Seeräuberinstinkte" und ein „dürres hochmütiges Puritanertum", sprach von der „englischen Kaufinannsphilosophie" sowie vom „Manchestertum" des „Inselvolkes"."' Einen ganzen Abschnitt widmete er der „Psychologie des englischen Ethos und des cant". „Cant" war nach Scheler ein englisches ,„Lügenäquivalent mit gutem Gewissen'".'" Es zeigte sich darin, daß Großbritannien unter dem Deckmantel staatspolitischen Altruismus konsequent eigene Interessen verfolge. Schelers Schrift gipfelte in einer „Kategorientafel des englischen Denkens", in der er verschiedene Begriffe und ihre „englische Bedeutung" auflistete."' Gleichwohl kann Schelers Buch nicht als bloße Haßschrift bezeichnet werden, war doch sein eigentliches Thema der „Genius des Krieges", mithin der Versuch, die phänomenologische Wesenserkenntnis auf den Krieg anzuwenden und dessen schöpferisches Wesen zu erfassen. Insofern war Schelers Kriegsschrift, wie unlängst aufge-

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Roethe, Wir Deutschen, S. 24f.; Haller, Wanim und wofür, S. 17; Delbrück, Charakter, S. 73; 136. Wilamowitz, Krieges Anfeng, S. 6; Lasson, Deutsche Art, S. 110. Vgl. auch Sering, Ursachen, S. 258, 274; Simmel, Wandlung, S. 7f.; Weber, M., Bismarcks Außenpolitik, S. 29f.; Scheler, Genius, S. 110. Ungem-Stemberg, JTW., Kulturwelt, S. 110. Wilamowitz, Krieges Anfeng, S. 7; Roethe, Wir Deutschen, S. 25flf:; Meinecke, Welche Güter, S. 49. Vgl. auch Sering, Ursachen, S. 261f.; Lasson, Deutsche Art, S. 136f.; Meinecke, Wahrheit und Lüge, S. 71; ders., Die deutsche Erhebungen, S. 35; Sombart, Händler und Helden, S. 57; Weber, A , Sendung, S. 14; Weber, M., Bismarcks Außenpolitik, S. 28; Preuß, Politik, S. 26f Scheler, Genius, S. 28,184,44,30 sowie jew. S. 32,33,34. Ebd., S. 388. Vgl. auch Preuß, Politik, S. 26, und Troeltsch, Wesen des Deutschen, S. 16f. So stellte er bspw. der,JCultui" den,JComfort", dem .Jiriegei" den .Räuber", der ,i;hrlichkeif' die „organische Verlogenheit, welche das Lügen überflüssig macht" und der ,J.iebe" die englische „Interessensolidarität" gegenüber (Schei», Genius, S. 442f.).

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zeigt worden ist, eng mit seiner materialen Wertethik verflochten.''' Nicht zuletzt deshalb kam er trotz aller Polemik vielfach zu abgewogenen Urteilen hinsichtlich der existentiellen wie der instrumenteilen Dimension des Krieges. Die radikalste Charakterisierung des „Hauptfeindes" England lieferte Sombart. Als „Grundlage alles Engländertums" bezeichnete er „die unermeßliche geistige Beschränktheit dieses Volks". Dünkelhaft und eingebildet sei der Engländer; sein „Händlergeist" durchdringe das gesamte Volk.'®* Der englische Staat entspreche einem „Warenhaus" und die Minister der englischen Regierung „Abteilungsleitern". Das gesamte öffentliche Leben sei vom „Kommerzialismus" geprägt.'®' Indem Sombart die englischen Philosophen von Bacon, Hobbes, Locke und Hume bis zu Adam Smith als „Nationalökonomen" bezeichnete, kritisierte er das Mechanisch-Utilitaristische der englischen Geisteswelt, die Handlungen nicht nach den zugrundeliegenden Motiven, sondern nach ihrem Nutzen bemesse. Folgerichtig erblickte Sombart in Herbert Spencer den „Tiefstand des englischen Denkens". Dieser habe nur die Achtung vor dem Eigentumsrecht anderer sowie vor der Individualität des anderen gepriesen, aber keine Anerkennung überindividueller sozialer Ordnungen formuliert. Aus Spencers „Ethik" zitierte er: „,Es steht jedermann frei, zu tun, was er will, soweit er nicht die gleiche Freiheit jedes anderen beeinträchtigt"' und Schloß daraus: „Freiheit wird also gleichgesetzt mit Willkür". Selbst den Staat, so Sombart, könne sich „der Händler nicht anders vorstellen als unter dem Bild eines riesigen Handelsgeschäfts, das alle mit allen schließen". Daher sei die Stellung des einzelnen zum Staat die „des seinen Vorteil berechnenden Händlers". „Je weniger Staat, desto besser" - das sei die Auffassung der Engländer, die den starken Staat ablehnten, weil er ihre Gewinnmöglichkeiten beschränken würde. Seine Gegenüberstellung englischer und deutscher Charakteristika beendete Sombart mit dem Fazit: „Kein geistiger Kulturwert kann aus Händlertum erwachsen"."^ Entfernt davon, sich lediglich polemisch zu äußern, legte Sombart den Fokus auf den Unterschied zwischen Kapitalismus und deutschem Gemeinschaftsgeist und offenbarte seine tiefe Abneigung gegen die moderne Massengesellschaft. Auf die engen Verbindungen von Sombarts Kriegsschrift zum übrigen Werk des Nationalökonomen hat Friedrich Lenger hingewiesen."^ Ähnliche Zusammenhänge sind inzwischen nicht nur für Scheler und Sombart, sondern auch für Troeltsch, Eucken und Plenge herausgearbeitet worden.'" Sombart deutete den Krieg nicht allein als Auseinandersetzung zwischen englischen Krämern und deutschen Kriegern, sondern erblickte in ihm den Anlaß, den deutschen Heldengeist „wiederzugewin-

159 Flasch, Mobilmachung, S. 106-124, insbes. S. 1 ISfiE Vgl. auch Schneider, insbes. S. 179-185,189; Mader,

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S.72. Sombart, Händler und Helden, S. 9,14. Audi Weber, A , Sendung, S. 37, betonte, daß die Deutschen inno-lich „von den Engländern nichts lemai" könnten. Er sprach von ,3nidethaß", während Sombart vor allem die Gegensätze darstellte (S. 34,64). Sombart, Händler und Helden, S. 44,72,96. Es entbehrt nicht der Komik, wenn Sombart schreibt:,häufig denkt man wirklich: ein Warenhaus kämpfe gegen un^' (S. 47). Ebd., S. 9f, 15,17-25,36f., 48fF. (Zitate S. 9,20, 22ff., 50). Die Engländer hätten seit Shakespeare keine Kulturwerte mehr hervorgebracht (S. 48fiF.). Lenger, Sombart, S. 2460! Ruddies, Gelehrtenpolitik, S. 158ffi; Beßlich, Kuituriciieg, S. 45£[:, 261fF.

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nen", der in der englisch beeinflußten Vorkriegszeit verloren gegangen war.'" Zu berücksichtigen ist, daß der Begriff „Händler" nicht nur eine pejorative Formel war, sondern auch der traditionellen englischen Selbstbezeichnung als „nation of shopkeepers" entsprach.'" Ob Sombarts Buch für die Kriegsschriften repräsentativ war, kann bezweifelt werden, zumal es keineswegs nur positiv rezipiert wurde. Friedrich Wilhelm Foerster wertete die Schrift als zu sehr vom Affekt beherrscht, um sie ernst nehmen zu können und bezeichnete sie als Beispiel der .„Pathologie des Weltkrieges'". Die offiziell neutralen Vereinigten Staaten von Amerika spielten in den Kriegsschriften kaum eine Rolle. Einige Gelehrte bemühten sich allerdings, die öffentliche Meinung in Amerika in deutschfreundlichem Sinne zu beeinflussen, indem sie ein positives Deutschlandbild zeichneten oder an die Deutschamerikaner appellierten, ihren Einfluß geltend zu machen.'®' Anfang August 1914 hatte sich v. Hamack auf der „Deutsch-amerikanischen Sympathiekundgebung" in Berlin bemüht, die kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Amerikanern herauszustreichen'®' und hervorgehoben, daß Rußland die Menschheitskultur bedrohe, deren Träger vor allem Deutschland und Amerika seien.'™ Am 31. September richteten Haeckel und Eucken ein Schreiben an die amerikanischen Universitäten, in dem sie die deutsche Sicht darlegten und sich gegen die „Verleumdungen" der Entente wehrten. Gerade Eucken betrachtete es als ein Hauptanliegen, in den USA für die deutsche Sache zu werben.'" Auch ehemalige Teilnehmer des deutsch-amerikanischen Professorenaustauschs"^ wie Hermann Oncken und Rudolf Leonhard wandten sich an die amerikanische Öffentlichkeit. Nachdem immer deutlicher wurde, daß die öffentliche Meinung in Amerika mehrheitlich nicht deutschfreundlich war, wurde Enttäuschung artikuliert.'" Als

Lenger, Sombart, S. 246f. Vgl. auch Wright, Harold R. C: „Sombart and Wai", in: Backhaus, Jürgen G. (Hg.): Wemer Sombart (1863-1941). Social ScentisL Bd. 1: His Life and Woric. Maifeurg 19%, S. 211215. 166 So z. B. bei Smith, Adam: An Inquiry into the Causes of the Wealth of Nations [1776]. Oxforder Ausgabe 1976, S. 613, hierzit nach Sieferle, Ideai, S. 147/Anm. 29. 167 Foerster, Friedrich Wilhelm: ,^ur Beurteilung des aiglischen Volkes", in: Foram 2, H. 2/3,1915, S. 115118, hier S. 115. Vgl. auch dets., Christus und der Krieg, S. 48f, 51/Araa Scharf wehrte sich Conrad Hau&nann gegen den die „oberflächliche Leidenschaftlichkeit" und den ,4{eldenwahn" Sombarts, vgl. Haußmann, Conrad: .JCathederpatriotismuS", in: März 9, Bd. 2, 1915, S. 73-80, hier S. 75,79. Zu positiven Besprechungen vgl. Müller, Hermann Friedrich: .Erziehung zum Heldentum", in: Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, 2. Ableitung, 1915, S. 417-427; Schmidt-Gibichenfels, Otto: ,Jiändler oder Heldenr', in: Politisch-Anthropologische Monatsschrift 14/5, 1915, S. 225-237, sowie die Rezension in den Pädagogischen Blättern, 1915, S. 548-549. Hintze, Otto: „Unser Militarismus. Ein Wort an Amerika", in: IMW 9, H. 4, 15.11.1914, S. 208-219; Oncken, H e t m ^ : Deutschlands Weltkrieg und die Deutsdiamerikaner. Stuttgart 1914. Hamack, Sympathiekundgebung, S. 1428-1435. 170 Ebd., S. 1432. Zu Hamacks Kontakten nach Amerika vgl. Nowak 1, S. 74f 171 Zu Euckens Engagement in bezug auf die USA vgl. Dathe, S. 50ff 172 Studt, Christoph: „,Ein geistiger Luftkurort' ftlr deutsche Historiker. Hennann Onckens Austauschprofessur in Chicago 1905/06", in: HZ 264,1997, S. 361-389. 173 Cohen, Verleumder, Oncken, Deutschamerikaner, Leonhard Rudolf: ,Anierika während des Welücrieges", in: DRR 2, S. 155-184; Eucken, Rudolf: ,J)eutschfeindIiche Strömungen in Amerika", in: BT 26, 15.1.1915; Delbrtlck, Hans: ,J)ie Beilegung des Konflikts mit Amerika, die öffentliche Meinung und die

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Kriegsbeginn und nationale Integration: Die Entstehung der Ordnungsideen 1914 bis 1916

die Versenkung der Lusitania im Mai 1915 für eine diplomatische Krise zwischen dem Reich und den USA sorgte, weil sich unter den Toten auch Amerikaner befanden, unterstützten zahlreiche Rechtswissenschaftler die offizielle Position der Reichsregierung: Deutschland habe die Passagiere erstens vor der Abfahrt mittels Zeitungsanzeigen gewarnt, die Lusitania habe sich zweitens im Sperrgebiet befiinden und drittens in englischem Auftrag völkerrechtswidrig Munition geladen. Die Schuld treffe somit nicht Deutschland, sondern England.''^ Als Grund für die antideutsche Stimmung in den USA galt den Gelehrten jedoch nicht dieser Vorfall, sondern der englische „Lügenfeldzug". Kritische Kommentare zu der in ihren Augen einseitigen amerikanischen Neutralitätspolitik erfolgten erst später. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die deutschen Gelehrten den USA weder kulturell noch machtpolitisch eine größere Bedeutung beimaßen und daß ihre antienglischen Stereotypen grundsätzlich auch auf die Vereinigten Staaten übertragen werden konnten, wie sich an der Reaktion der Gelehrten auf den amerikanischen Kriegseintritt 1917 zeigen sollte.'" Der 1831 durch die europäischen Großmächte geschaffene Staat Belgien wurde - wenn er überhaupt erwähnt wurde - weder als Staatswesen noch seine Bevölkerung als Volk ernstgenommen. Alfred Weber bezeichnete Belgien als „Parasitenland","® und v. WilamowitzMoellendorff nannte - unter Verweis auf die Angriffe sogenannter belgischer Franktireurs „Feigheit" und „Meuchelmord"'^^ als Charakteristika der Belgier. Roethe gab die offizielle Version der Löwener Vorfälle wieder, als er auf den Versuch deutscher Soldaten verwies, das Rathaus der Stadt Löwen zu retten, „während die verwilderte Bevölkerung auf sie feuerte".''' Vielfach wurde außerdem daraufhingewiesen, daß Belgien eigentlich gar nicht neutral gewesen - in den Worten Max Webers: daß es „unmöglich als effektiv neutral gelten" konnte - und somit eine Neutralität auch nicht verletzt worden sei."' Dies entsprach der offiziellen deutschen Argumentation, denn während Bethmann Hollweg in seiner Reichstagsrede vom 4. August die Verletzung der belgischen Neutralität noch als „Unrecht" bezeichnet hatte, behauptete man seit der Besetzung Brüssels, daß es politische und militärische Absprachen zwischen Belgien und der Entente gegeben habe.'*" Belgiens Neutralität, so Weber im Dezember 1915, „war in der Tat ,Papier"'. Damit griff er eine Formulierung Bethmanns auf, der am Abend des 4. August zum letzten Mal versucht hatte, die britische Neutralität zu sichern und dabei die Neutralitätsgarantie der Großmächte für Belgien in seiner Erregung als „Fetzen Papier" bezeichnet hatte.'*' Auch wer diese Ansicht nicht teilte, exkulpierte die Parteien, Präsident Wilson Friedens-Vermittlun^' [1916], in: ders.: Krieg und Politik. 1914-1916. Berlin 1918, S. 258-266, und Mayer, E., Nordamerika, S. 9fiF. 174 So z. B. Meurer, Lusitania-Fall; Wehbeig, Seekriegsrecht, deis., Lusitania-Fall, S. 275; Mq^er, E., Nordamerika, S. 48fi: Vgl. Kap. Π.4.3,4.5. und 5.3.2. 176 Er sprach von der „vertrackte[n] Lage dieses Parasitenlandes". Weber, A , Sendung, S. 78. 177 Wilamowitz, Krieges Anfing, S. 6. Die Belgier hätten „eine Seele der Feigheit und des Meuchelmordes". Ähnlich auch Roethe, Wir Deutschen, S. 23,31,37; Scheler, Genius, S. 139. 178 Roethe, Wir Deutschen, S. 37,40f. 179 Weber, M., Bismarcks Außenpolitik, S. 31. Vgl. auch Meinecke, Sozialdemokratie, S. 29; Seebei;g, Krieg und Kulturfoitschritt, S. 112. 180 Bethmann Hollweg, Theobald v.: Sechs Kriegsreden des Reichskanzlers. Beriin 1916. Weba·, M., Bismarcks Außenpolitik, S. 31. Bethmann-Zitat in Erdmann, Weltkri^ S. 89. Vgl. auch Mai, Ende,S.27fF.

Selbst- und Feindbild: Das „Volk in Waffen" gegen „Händler" und „Barbaren"

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Deutschen. So betonte Scheler, daß Belgien zwar durchaus „das .Recht' für sich" gehabt habe, das deutsche Verhalten aber dennoch „so .sittlich' wie .gerecht'" gewesen sei."^ Italien wurde, nachdem es 1915 in den Krieg gegen seine Verbündeten eingetreten war, zwar vereinzelt erwähnt, aber nicht wirklich ernstgenommen. Zumeist begnügte man sich mit einem verächtlichen Hinweis auf die italienischen ..Straßenpolitiker".'" Die Abgrenzung von Osteuropa Mehr noch als in bezug auf den Westen griffen die Gelehrten im Hinblick auf die osteuropäischen Feinde undifferenziert auf negative Stereotypen zurück. In den Aufrufen wurde der grausame Despotismus Rußlands erwähnt, gegen den Deutschland kämpfe.'" Auch in der Intellektuellene/Vjgaèe hieß es, Deutschland wehre sich gegen die „Barbarenflut aus dem Osten".'" Diese Begriffe dominierten auch in den Einzelschriften hinsichtlich der Beschreibungen Rußlands. Eine Charakterisierung Serbiens war den Gelehrten nicht der Mühe Wert. In polemischer Hinsicht bot Sombart auch hier eme Zuspitzung, als er kurz nach Kriegsbeginn schrieb, man kenne die Serben nur als ..Mausefallenhändlei". welche keine ehrbaren Gegner darstellten."® Folgerichtig verkörperte ihre slawische Schutzmacht, das zaristische Rußland, die ..Unkultur" (Delbrück) schlechthin. Was für Frankreich die Deutschen, waren für Deutschland die Russen: Barbaren. Dieser negativ konnotierte Defízienzbegriff eignete sich seit der Antike zur Kennzeichnung als roh. inhuman und unzivilisiert angesehener Menschen. Er war immer ein notwendiger Bestandteil kollektiver Distinktion."^ Die deutschen Äußerungen waren weniger von Haß als von einer Mischung aus Verachtung und Furcht geprägt. Die seit Kriegsbeginn verbreiteten Meldungen russischer Greueltaten in Ostpreußen schienen alle Vorurteile zu bestätigen. Aus dem Osten drohten die ..Halbbarbaren""' - ein Begriff, mit dem auch Japaner bezeichnet wurden"' - bzw. die „rohen Barbarenhorden" (Lasson). Auch von „Barbaren- und Analphabetenheeren" (Max Weber) vrarde gesprochen."** Rußland stellte in den Augen vieler Gelehrter eine Gefahr für die gesamte

Scheler, Genius, S. 90. Vgl. auch Mausbach, Joseph: Vom gerechten Kriege und seinen Wirkungen. Münster 1914. 183 Weber, M., Bismarcks Außenpolitik, S. 26. Ähnlich auch Meinecke, Sozialdemokratie, S. 25. Bonner Aufiut S. 51; Kulturweltaufioii S. 48. KS Intellektuelleneingabe, S. 125. 186 Sombart, Wemer „Unsere Feinde", in: NWT, 3.11.1914. Roethe, Wir Deutschen, S. 23, ^rach vom „annselige[n] Serbien, im Meuchelmord vericommen", Haeckel, Englands Blutschuld, S. 6, von der „serbischen Mörderbande" und Liszt, Nibelungaitreue, S. 346, von „seibischen Meuchelmördern". Ansonsten wurde es - wenn überhaupt - nur im Zusammenhang mit Rußland („Slawen") erwähnt 187 v. See, Baibar, S. 52flf. Vgl. auch Osteriiammel, Jürgen: Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 1. Jahrhundert. München 1998, S. 235-270. 188 Roethe, Wir Deutschen, S. 24,40 (hia: ,ßaitai"); Delbrilck, Charakter, S. 71. Sombart, Feinde, schreibt, daß auch J^aner keine ehrbaren Gegner seien. Schon vor dem Kriege habe er sie ,^iie eigentlich als Menschen, sondern immer nur als außerordentlich gelehrige Halbaffen angesehen". 190 Lasson, Deutsche Art, S. 109; Weber, M., Bismarcks Außenpolitik, S. 36. Ahnlich Sering, Ursachen, S. 276f, und Seeberg, Krieg und Kulturfortschritt, S. 111.

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europäische Kultur dar, die Deutschland verteidige.'" Der Ausgang des Kampfes wurde zur Überiebensfrage Europas stilisiert. Dennoch erschöpfte sich die Charakterisierung dieses Feindes in allgemeinen Schlagworten. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Rußland erfolgte nicht, da es als kulturell minderwertiger Gegner keine relevante negative Vergleichsfolie darstellte. Als zivilisiert galten den Gelehrten grundsätzlich nur die Staaten Westeuropas. Die seit 1915 auftretenden Differenzen im akademischen Feld wirkten sich auf die intellektuellen Feindcharakterisierung nicht aus. In den Einzelschriften wurden „die Selbstbesinnung auf das Eigene und der Blick auf die ,Anderen' gepflegt","^ wobei es zumeist bestimmte klischeehafte Begriffe waren, mittels welcher die Gelehrten beider Gruppen an die Femdbilder aus der Vorkriegszeit - französische Eitelkeit, englischer Utilitarismus und zaristischer Despotismus - anknüpften. Nichtsdestotrotz mußten Formeln der Feindcharakterisierung in Deutschland, so Troeltsch 1916, „erst erfunden werden"."' Die Unterschiedlichkeit der Feinde, die sich auch in den verschiedenen Klischees spiegelte, erschwerte es den Gelehrten, einen Hauptfeind zu identifizieren. Jeismann hat diesen Umstand auf die Formel gebracht: „Das Deutsche Reich hatte Feinde, aber keinen Feindbegriff"."''

2.3.3

Nationalismus und Chauvinismuskritik

Viele Gelehrte warnten in ihren Schriften vor kriegsbedingt übersteigertem Nationalismus. So wie Sombarts antibritische Polemik nicht repräsentativ war, stand er auch allein, wenn er in nationalem Überschwang schrieb: „So wie des Deutschen Vogel, der Aar, hoch über allem Getier dieser Erde schwebt, so soll der Deutsche sich erhaben fühlen über alles Gevölk, das ihn umgibt, und das er unter sich in grenzenloser Tiefe erblickt"."' Seine Kollegen, die nationale Überhebung ablehnten, fragten nach den Gründen für die verbreitete antideutsche Stimmung. Während Lasson jede „Schuld der Deutschen an diesem Haß" zurückwies, forderte Preuß seine Landsleute zum Nachdenken über ihren schlechten Ruf auf „Neid und Mißgunst" der Feinde, so Preuß, reichten als Erklärung nicht aus."^ Außerdem wurde nicht nur Sombarts, sondern auch Schelers Charakterisierung der Engländer vielfach kritisiert."* Scheler selbst hatte sich im Vorwort seines Buches präventiv dafür entschuldigt, daß sich durch „die leidenschaftliche Bewegung des Gemütes, in der dieses Buch geboren wurde ... 19:

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Troeltsch, Mobilmachung, S. lOf; Meinecke, Sozialdemokratie, S. 28; Preuß, Politik, S. 26; Weber, A , Sendung, insbes. S. 33,74fiF. Delbrück, Charakter, S. 71. Ruddies, Gelchrtenpolitik, S. 150. Vgl. auch Vondung, Kriegserlebnis, S. 1 Iff Troeltsch, Ideai, S. 32. Jeismann, Vaterland, S. 338. Sombart, Händler und Helden, S. 143. Meinecke, Eihdiungen, S. 34-37; das., Güter, S. 48, Slf.; ders., Nationalismus, S. 88; ders., Staatsgedanke, S. 77f.; Lasson, Deutsche Art, S. 120,144; Foerster, Jungdeutschland, S. 25-33; Preuß, Politik, S. ПАЕ; Roethe, Wir Deutschen, S. 30; Seebag, was sollen wir denn tun, S. 16; Wurster, Paul: Das englische Christenvolk und wir. Tübingai 1915, S. 32; Smend, Krieg und Kultur, S. 17-20; Scheler, Genius, S. lOOf, I05f. Vgl. auch Hirschfeld, Magnus: Warum hassen uns die Völkei? Bonn 1915. Lasson, Deutsche Art, S. 144; Preuß, Politik, S. 17fF. Vgl. auch Leonhaid, Amerika, S. 159fF. Zu den Reaktionen auf Schelers Genius des Krieges vgl. Mader, S. 73f.

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in Urteilen über Personen und Völker" viel „Falsches und Unrechtes eingeschlichen" habe.'" Auch die bereits die Zeitgenossen absurd anmutenden xenophobischen Auswüchse bei Kriegsbeginn wurden von den Gelehrten kritisiert. Zum bei Kriegsbeginn aufgekommenen Gruß: „,Gott strafe England!"' bemerkte Seeberg: „Wir werden diesen Gruß nicht billigen er hat sich auch nirgends eingebürgert - , denn wir stehen nicht auf dem Standpunkt der alttestamentlichen Rachepsalmen".^"" Sein Kollege Roethe sprach sich gegen Pangermanismus aus, und Meinecke betonte, daß Fremdenhaß und Selbstüberhebung nicht um sich greifen sollten. Der Krieg sei kein „Rassekampf' zwischen Deutschen und Slawen.^"' Das Deutschtum wurde in den Kriegsschriften der ersten Kriegshälfte nicht biologisch, sondern vornehmlich geistig begründet. Das entscheidende Kriterium war das Bekenntnis zu deutscher Sitte und Kultur: Es sei „durchaus nicht geboten", schrieb der in jungen Jahren vom Judentum zum Christentum übergetretene protestantische Theologe Lasson, „nur diejenigen für echt deutsch zu halten, die blonde Haare und blaue Augen haben, von hohem Wüchse und ebenmäßiger Gestalt sind". Für die Deutschen gelte „in besonders hohem Maße", daß sie sich durch „Blutmischung" gebildet hätten: Die Deutschen seien „keine Rasse, keine physiologische Spezialität"; nicht „das Natürliche", sondern „das Geistige" sei für die Zugehörigkeit zur deutschen Nation entscheidend.^"^ Meinecke wehrte sich gegen „die modischen und unkritischen Rasselehren", die zur „Entartung der nationalen Idee" beitrügen. Sie gefährdeten den Burgfrieden, denn ein rassisch begründeter Nationalismus, warnte er, sei „nur zu geneigt, [seine] Schärfen nicht nur nach außen, sondern auch nach innen zu kehren".^"^ An eine Führerrolle des germanischen Elements sei nur dann zu denken, wenn Selbstzucht geübt und die nationalen Leidenschaften gezähmt wllrden.^"^ Ein wahres „Weltvolk" zeichne sich durch die Verbindung von Patriotismus und Kosmopolitismus aus: Am weltoffenen deutschen Wesen solle die Welt genesen.^"^ Es wurde viel Pathos eingesetzt, um die angenommene Besonderheit des Deutschtums darzustellen. So war die deutsche Kultur für Lasson „das Letzte und Höchste, was europäische Kultur überhaupt hervorgebracht hat".^"® Mit den alten Griechen und den Juden gehörten nach Sombart auch die Deutschen zum Kreis der „auserwählten Völker". Daraus leitete er aber keine Überhebung ab, sondern wies auf die mit der Stellung des Auserwählten verbundenen „Pflichten" hin.^"^ Die Mischung aus kultureller Selbstüberhöhung und ten-

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Scheler, Genius, Vonede. Seebeig, Was sollen wir denn tun, S. 16. Er sprach sich auch g ^ o i die Fremdwörter-Phobie aus und gegen jene, die gegen „fiemdsprachige Wirtshausschilder zu Felde" ziehen (ebd., S. 21). Roethe, Wir Deutschen, S. 30; Meinecke, Welche Güter, S. 48. Vgl. auch Plenge, Kriegsvoriesung, S. 15f.; Seeberg, Reinhold: , Д е weltgeschichtliche Bedeutung des gegenwärtige Krieges", in: ders., Geschichte, Krieg und Seele, S. 29-86, hier S. 86; Scheler, Genius, S. 137. Lasson, Deutsche Art, S. 120. Vgl. auch Scheler, Genius, S. 94. Meinecke, Nationalismus, S. 88. Meinecke, Staatsgedanke, S. 80,83; ders.. Welche Güter, S. 5 l f Meinecke, Die deutschen Eihebungen, S. 34-37 (Zitat S. 37). Lasson, Deutsche Art, S. 116. Vgl. auch Weber, A , Sendung, S. 30; Wilamowitz, Krieges Anfeng, S. 5, 8fif.

207

Sombart, Händler und Heldai, S. 142. Auch Alfred Weber stellte fest: ,X)iese Parallele mit den Juden wird man Jetzt gar nicht mehr los". Web«·, A , Sendung, S. 47; 58f.

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denziell selbstkritischer Frage nach den Ursachen der internationalen Abneigung gegen Deutschland verdeutlicht die Schwierigkeiten der deutschen Gelehrten, ein verbindliches Selbstbild ihrer Nation zu konstruieren. Sie zeigt zudem, daß die in der Forschung verbreitete These des radikalen „Chauvinismus" vielen nachdenklichen und differenzierten Äußerungen in den Quellen nicht gerecht wird. Eine „höchst aggressive, das Lebensrecht und die Lebensformen anderer Nationen grundsätzlich in Frage stellende" Selbstüberhöhung^"* findet sich in den Schriften nur vereinzelt. Am Beispiel der Schriften Troeltschs und Euckens wurde unlängst gezeigt, daß eine differenzierte Betrachtung ihrer Stellungnahmen „zur Vorsicht gegenüber dem allzu sicher gewordenen negativen Urteil" über die Kriegspublizistik n ö t i g t , u n d mit Blick auf die Schriften französischer Gelehrter zu recht betont, daß eine Westorientierung nicht zwangsläufig zu sachlichen Bewertungen oder universalistischen Politikvorstellungen führte.^'" Das offene Integrationskonzept der deutschen „Kulturnation" verhinderte in der ersten Kriegshälfte nicht nur die Exklusion völkischer Minderheiten im Reich, sondern implizierte auch die Möglichkeit zur Verständigung mit den Feindstaaten und die Wiederaufnahme kultureller Beziehungen nach Kriegsende. Die Stimmen, die sich für einen Abbruch der akademischen Zusammenarbeit oder das Ende jeglichen Kulturtransfers einsetzten, waren in der Minderheit. So konnten sich v. Wilamowitz, Roethe und Meyer im Juli 1915 auf einer Sitzung der Preußischen Akademie der Wissenschaften nicht mit ihrer Forderung durchsetzen, die Mitglieder aus den Feindstaaten auszuschließen. Obwohl verschiedene französische und englische Akademien ihre deutschen Mitglieder ausgeschlossen hatten, beschloß die Preußische Akademie auf Intervention von Planck und dem Ägyptologen Adolf Erman - unterstützt von Hamack, Einstein und Haber - , mit entsprechenden Reaktionen bis nach Kriegsende zu warten.^"

2.4

Zusammenfassung: Nationale Integration und die gemeinsame Abwehr der Feinde

Im Krieg, der als existentielle Krisensituation wahrgenommen wurde, sahen es die Gelehrten als ihre Aufgabe an, zu einer kollektiven Selbstvergewissenmg beizutragen. Sie nutzten kulturelle Memorialtechniken, indem sie selektiv auf identitätsstiftende Bezugspunkte der deutschen Geschichte, auf Ereignisse und Personen, Erinnerungsorte und -symbole zurück208

Mommsen, Nationalstaat, S.416. Vgl. auch Schwabe, Haltung, S. 632; Krüger Nationalökonomen, S. 193; Jansen, Professoren und Politik, S. 112,130; Greive, Geist, S. 23 IflF. 209 So Ruddies, Gelehrtenpolitik, S. 159, in bezug auf Troeltsch; zu Eucken vgl. Dathe, S. 58f 210 Ruddies, Gelehrtenpolitik, S. 147. 211 Mommsen, Wolfgang J.: „Wissenschaft und Krieg. Die Preußische Akademie der Wissenschaften in den beiden Weltkriegen", in: ders.: Büjgerliche Kultur und politische Ordnung. Künsder, Schriftsteller und Intellektuelle in der deutschen Geschichte 1830-1933. Frankfiiil/M. 2000, S. 216-239, hier S. 219fF.; Szöllösi-Janze, S. 260; Grundmann, Einsteins Akte, S. 53ff.; Ungem-Stemberg, J., Alteitumswissenschaftler, S.71.

Selbst- und Feindbild: Das „Volk in Waffen" gegen „Händler" und „Barbaren"

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griffen. Fichte erlebte eine Renaissance, galt er doch seit der Jahrhundertwende als der theoretische Begründer der deutschen Nation. Dementsprechend nahmen die Gelehrten sich sein politisches Engagement zum Vorbild. Die Tradition der siegreichen Kriege von 1813 bis 1870/71 sollte die Siegeszuversicht und das nationale Einheitsbewußtsein stärken. Der Begriff des Militarismus, noch in der Vorkriegszeit ein innenpolitischer Kampfbegriff, wurde positiv umgedeutet und diente nun als Synonym für die deutschen Tugenden wie Opferbereitschaft, Pflichterfüllung und Treue. Damit reagierten die Gelehrten auf die Abwertung des Militarismus und seine Gleichsetzung mit der deutschen Kultur in der alliierten Propaganda. Das Pendant zur Selbststilisierung war das Bedürfhis nach Distinktion: Der Feind mußte negativ, d. h. als „Händler" oder „Barbar", dargestellt werden, um die eigene Überlegenheit zu betonen und die Besonderheiten des deutschen Wesens zu zeigen. Die Feinddarstellungen bestanden weithin in der Wiedergabe von Klischeevorstellungen und der schlagwortartigen Kennzeichnung des „Charakters" der jeweiligen Nationen. In bezug auf die Schärfe in einigen Kriegsschriften ist die alliierte Propaganda in Rechnung zu stellen, weil sich die deutschen Gelehrten aufgrund ihres spezifisch akademischen Kulturbewußtseins durch sie auch persönlich angegriffen fühlten. Gleichwohl hatten viele der Gelehrten den Anspruch, trotz aller Feindschaft „ritterlich" bleiben zu wollen. Eine Verächtlichmachung der Feinde galt nicht als schicklich, was nicht zuletzt die Kritik an den Büchern Schelers und Sombarts zeigt. Zwar klingen die kriegsbedingt konstruierten Feindbilder für die heutige Zeit sehr emotional und übertrieben, aber im Vergleich zu den Äußerungen vor allem französischer Gelehrter waren sie - von Ausnahmen abgesehen - verhältnismäßig moderat. Viele Gelehrte lehnten chauvinistische Ausfälle ab und warnten, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Nachkriegszeit, vor Selbstüberhebung. In Abgrenzung zu „1789" wurde der Begriff der „Revolution" positiv umgedeutet und als „deutsche Revolution von 1914" in die nationale Selbstbeschreibung integriert. Die Tatsache, daß es den Gelehrten aufgrund der Unterschiedlichkeit der Feinde nicht gelang, ein einheitliches Feindbild zu entwickeln bzw. einen Hauptfeind zu benennen, erschwerte zugleich die Konstruktion eines alle Bevölkerungsgruppen verbindenden Selbstbildes. Während die Angehörigen des Bürgertums in der Regel in England den gefahrlichsten Feind erblickten, galt für die Arbeiterschaft das zaristische Rußland als Hauptgegner. Diese entgegengesetzten Überzeugungen waren kaum zu überbrücken. Daher konnten die Gelehrten ihrem Anspruch, verbindliche Deutungsvorgaben zu liefern, in bezug auf die Selbst- wie Feindbildkonstruktion nicht gerecht werden. Aufgrund der spezifischen Adressaten sind weder die Eingaben noch die Aufhife, sondern nur die Einzelschriften als Quellen zur Analyse des öffentlich vermittelten Selbst- oder Feindbildes geeignet. Die Tatsache, daß die Selbstcharakterisierung einen wesentlich größeren Raum einnahm als die Feindbildkonstruktion, unterstützt die hier vertretene These, daß die intellektuelle Debatte der Gelehrten im wesentlichen innenpolitisch bedingt und ausgerichtet war. Seit dem Sommer 1915 zeichnete sich eine Spaltung der Gelehrtenschaft ab, die im Widerspruch zu der von ihnen postulierten nationalen Geschlossenheit stand. Zwei „Gruppen" kristallisierten sich heraus: Eine Minderheit unter den Gelehrten, die sich um den Berliner Historiker Delbrück gruppierte und die Politik der Reichsregierung unterstützte, sowie die Gruppe um den Berliner Theologen Seeberg, welche die Reichsregierung in bezug auf die Kriegsziele durch eine gezielte Massenmobilisation unter Druck zu setzen suchte. Die Auseinandersetzung blieb zwar der Öffentlichkeit nicht verborgen, aber die Tatsache, daß die

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Gelehrten in bezug auf die in ihren Schriften konstruierten Selbst- imd Feindbilder sowie hinsichtlich ihrer Vergangenheitsdeutungen weitgehend übereinstimmten, sorgte zunächst dafür, daß die Gelehrtenschaft im großen und ganzen noch als geschlossene Gemeinschaft wahrgenommen wurde. Im Kontrast zur Vorkriegszeit wurde der Kriegsbeginn im August 1914 als Kollektiverlebnis gedeutet und idealisiert. Die Formel vom „Geist von 1914" wurde zum Begriff für die seit August 1914 herrschende neue Gemeinschaftsauffassung. Aus dem „Geist von 1914" sollten „Ideen" für die Zukunft abgeleitet werden. Dabei herrschte die Überzeugung vor, daß es keinen „inneren Feind" mehr gebe und geben dürfe. Dies war die Richtschnur der politischen Ordnungsvorstellungen, die von den Gelehrten entwickelt wurden.

3 Zukunftsbild: Volksstaat oder Volksgemeinschaft

Bei dem Zukunftsbild, das in Abgrenzung zur negativ inteφretieIten Gegenwart entwickelt wird, handelt es sich um eine vorgestellte ideale Gemeinschaft der Nation. Politische Ordnungsideen enthalten eine konkrete Utopie: die „Erlösung" von den sozialen und politischen Problemen der Gegenwart durch eine Reform der bestehenden oder die Errichtung einer alternativen politischen Ordnung. Krisenhafte Ereignisse stellen immer auch eine Chance für soziale und politische Innovationen dar, weil die Bedrohung von außen den Blick nach innen schärft. Dabei werden tradierte Plausibilitäten sowie überkommene institutionelle Arrangements in ihrer Historizität sichtbar und in bezug auf ihre Legitimität hinterfragt. Die „Möglichkeit des Neuen" (Bourdieu) besteht, und dieses „Neue" - eine neue Ordnungsidee - zu entwickeln, sahen die Gelehrten im Ersten Weltkrieg als ihre Aufgabe an. Sie entwarfen das Bild eines künftigen Deutschland, welches außenpolitisch gestärkt und innenpolitisch „erneuert" aus dem Krieg hervorgehen sollte.

3.1 Außenpolitische Ordnimgsvorstellungen: Macht- oder Realpolitik Als außenpolitische „Erlösung" galt den Gelehrten die Überwindung der sogenannten Einkreisung sowie die Erreichung der politischen, territorialen, militärischen sowie wirtschaftlichen Kriegsziele. Sie thematisierten diese aber nicht in den vornehmlich an das Ausland gerichteten Aufrufen. Nur ganz allgemein wurde dort von der Verteidigung gesprochen, weil den Neutralen gegenüber der Eindruck vermittelt werden sollte, daß es dem Reich nicht um Eroberungen gehe.' Als wichtige Quellengrundlage in bezug auf die außenpolitischen Zukunftsvorstellungen sind die Kriegszielemga6e/j an die Reichsleitung anzusehen. Sie fielen, weil nicht ftir die Öffentlichkeit bestimmt, nicht unter das Verbot der Kriegszieldiskussion wenngleich sie im Zuge der Unterschriftenwerbung unter der Hand verbreitet wurden und ihr Inhalt auf diesem Weg auch an die Öffentlichkeit drang. Hinter dem Thema der Kriegsziele verbargen sich divergierende Auffassungen in bezug auf die Politik und die Kriegftlhrung des Reiches sowie verschiedene Bewertungen der Politik Bethmann Hollwegs.

Bonner Aufrui S. 50; KuIturweltaufiuÇ S. 47; Hochschullehrerericlänmg, S. 50.

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Die Unterzeichner der Intellektuelleneingabe vom 20. Juni 1915 bestanden auf der künftigen Sicherung des Reiches: Es dürfe „kein vorzeitiger", weil „nimmermehr dauerhafter" Friede geschlossen werden; man dürfe nach dem Sieg nichts verschenken. Bloße Abwehr genüge nicht mehr; der „Wiederholung eines solchen Überfalles von allen Seiten", wie ihn das Reich momentan erlebe, müsse vorgebeugt werden. Dazu seien die militärischen Ergebnisse des Krieges „bis an die äußerste Grenze des Erreichbaren" auszunutzen. Nicht die „Weltherrschaft", aber eine angemessene „Weltgeltung" wurde angestrebt.^ Diese Einschränkung wurde jedoch durch die Auflistung der konkreten Kriegsziele stark relativiert. Überzeugt, daß die Einheit des Volkes nur durch den Anreiz großer Kriegsziele gewahrt werden könne, forderten die Unterzeichner, Frankreich durch die Annexion eines Teils der französischen Kanalküste sowie durch eine „schonungslos ... hohe Kriegsentschädigung" „politisch und wirtschaftlich rücksichtslos [zu] schwächen". Belgien müsse „politisch-militärisch und wirtschaftlich fest in der Hand" behalten werden, ohne den Belgiern politischen Einfluß im Reich zu gewähren.^ Gegenüber Rußland sei ein „starker Grenzwall" vonnöten, der zugleich „landwirtschaftliches Siedelungsland ... filr gesunde Bauern, diesen Jungbrunnen aller Volks- und Staatskraft" sein sollte, um das deutsche Volkswachstum aufzunehmen und die wirtschaftliche Unabhängigkeit sowie die Volksernährung sicherzustellen. Die russische Kriegsentschädigung sollte Deutschland daher in Form von Land, insbesondere im „von Deutschen kultivierte[n]" Baltikum zugute kommen.·* Gegenüber England müsse „die weltwirtschaftliche, die See- und Überseegeltung Deutschlands" erkämpft werden. Hierzu gehöre das Ziel wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Autarkie, der Erwerb eines zentralafrikanischen Kolonialreiches und eine Kriegsentschädigung, ftlr die „kein Geldbetrag hoch genug sein" könne.' Ähnliche Forderungen enthielt die dem Reichskanzler zuvor überreichte Eingabe der Wirtschaft.' Mit Blick auf ihre Rolle als Kulturträger rechtfertigten die Gelehrten ihre rein wirtschafts- und machtpolitischen Forderungen, indem sie betonten: „Keine KultuφoИtik ohne Machtpolitik". Bevor Deutschland sich wieder seinen geistigen Aufgaben widmen könne, müsse es „politisch und wirtschaftlich gesichert leben".^ Die Gegeneingabe oder „Delbrück-Adresse" vom 9. Juli war gegen diese ausgreifenden Forderungen gerichtet, stellte aber keineswegs eine Anti-Annexionseingabe dar. Ebensowenig war sie ein „alternatives Kriegszielprog/OOT/w".' Wegen ihres Kompromißcharakters ist sie am ehesten als innenpolitisch bedingtes Korrektiv zur Intellektuelleneingabe zu bezeichnen. So hieß es, Deutschland dürfe nur einen Frieden schließen, der „den strategischen Bedürfriissen, den politischen und wirtschaftlichen Interessen des Landes und der ungehemmten Betätigung seiner Kraft und seines Unternehmungsgeistes in der Heimat und auf dem freien Meere gesicherte Grundlagen gibt".' Es wurde jedoch betont, daß das Ziel nicht in Eroberungen, sondern im Schutz des bedrohten Reiches liege. Ein ungehemmter AnnexioIntellektuelleneingabe, S. 125f. Ebd., S. 127£ Ebd., S. 128fiF. Ebd., S. 130fF. (Zitates. 133). Zum Inhalt vgl. Grambach, Das annexionistische Deutschland, S. 123-132, und 132-140. Intellektuclleneingabe, S. 134f. Es gelte, „dem deutschen Geiste den gesunden Körper [zu] schaffen". Döring, Weimarer Kreis, S. 26 (meine Hervorhebung). Gegeneingabe, S. I35ff. (Zitate S. 136 u. 137).

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nismus wurde mit „aller Entschiedenheit" abgelehnt. Die Delbrück-Gruppe wandte sich mit Blick auf Belgien gegen die Angliederung „politisch selbständiger und an Selbständigkeit gewöhnter Völker", allerdings mit der Begründung, den „Charakter des Nationalstaates" des Reiches erhalten zu wollen. Auf der Höhe der militärischen Erfolge sei ein Friede zu schließen, der den Opfern, dem Leid und dem Heldentum der Deutschen entspreche.Bewußt vermieden die Initiatoren der Gegeneingabe die Festlegung auf konkrete Ziele. Die vieldeutigen, allgemeinen Aussagen sollten es ihren Kollegen leicht machen, die Eingabe zu unterzeichnen, da zwar viele das alideutsch-industrielle Annexionsprogramm ablehnten, aber eine territoriale Expansion nicht grundsätzlich verwarfen. Hier zeigt sich der innenpolitischen Rücksichten geschuldete Kompromißcharakter der Eingabe." Während es Delbrück vor allem darauf ankam, die „westliche Dummheit", d. h. eine Annexion Belgiens, zu vermeid e n , g a l t eine Ausdehnung des deutschen Machtbereichs nach Osten auch den Unterzeichnern der Gegeneingabe als wünschenswert." „Gemäßigt" waren sie vor allem im Ton. Letztlich ging es um die Art des zu vergrößernden Einflusses - und damit um die deutsche Politik und ihre Repräsentanten. Das heißt jedoch nicht, es habe sich nur um einen Unterschied des Stils bei identischem .Annexionismus' gehandelt.''* Der Unterschied, ob eine rücksichtslose Machtpolitik (Seeberg-Schäfer-Gruppe) betrieben werden sollte oder nicht (Delbrück-Gruppe), ist in bezug auf die Bewertung der außenpolitischen Zukunftsvorstellungen der Gelehrten entscheidender als die Frage nach Annexionen.'^ Schwabe benennt zwei Alternativen der deutschen Kriegspolitik in bezug auf die besetzten Gebiete: „Herrschaft oder Befreiung". Bereits kurz nach Kriegsbeginn sei „in der vertraulichen und der öffentlichen Kriegsliteratur" eine intensive Diskussion über die Zukunft Belgiens und Polens gefilhrt worden, die aber „nur zum Teil" an die Öffentlichkeit gedrungen sei.'® Auch Böhme konstatiert, daß sich Anfang 1915 eine publizistische Debatte über die deutschen Kriegsziele entwickelte, in der sich zwei bereits in der Vorkriegszeit bestehende Gruppen gegenüber gestanden hätten: die Imperialisten, jetzt: Annexionisten, und die Gemäßigten.'^ Mit Blick auf die Eimelschriften kann die These einer intensiven öffentlichen Kriegszieldiskussion nicht bestätigt werden. Die von Schwabe mit den Begriffen „Herrschaft" und „Befreiung" bezeichneten politischen Handlungsoptionen waren nicht der Gegenstand einer publizistischen Debatte. Ebensowenig kann davon gesprochen werden,

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Ebd., S. 137. Die Propagierung großer Annexionen hätte den Burgfrieden gefâhrdet, dessen Grundlage die zu Kriegsbeginn ausgegebene Devise war, daß es nicht um Eroberungen gehe. Döring, Weimarer Kreis, S. 30; Schwabe, Annexionismus, S. 132. So Delbrück in einem Brief an Oncken vom 9.8.1915, vgl. NL Delbrück. In Ergänzung zu Schwabe hat Döring, Weimarer Kreis, S. 26f allerdings darauf hingewiesen, daß Delbrück - wie viele der Unterzeichner der Gegeneingabe - „.strategische Grcnzkorrdcturen"' auch in bezug auf Belgien keineswegs ausschloß. Döring, Weimarer Kreis, S. 26-31; Schwabe, Wissenschaft, S. 73f; Fischer, Weltmacht S. 144f. So Fischer. GrifiFnach der Weltmacht, S. 132fif., und Klein, Historiker, S. 237-242.245f Hio· folge ich Döring, Weimarer Kreis, S. 28f Schwabe, Wissenschaft S. 75,56. Böhme, Aufrufe und Redoi, S. 17£, 21, 28f Vgl. auch Schwabe, Haltung, S. 616; ders., Wissenschaft, S. 36ffi 125f, 165,179, und das., Annexionismus. Vgl. auch Ringer, S. 120ffi, 177-181; Jansen, Professoren und Politik, S. 114,136-139.

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daß Kriegszielprogramme oder „Programmkombinationen"" propagiert wurden." Schließlich ist fraglich, ob die Dichotomie „Annexionisten" und „Gemäßigte" im Hinblick auf die erste Kriegshälfte zutreffend ist. In fast allen Einzelschriften wurde zu Kriegszielen nur im Rahmen kurzer Gedankengänge oder in sehr allgemeiner Weise Stellung genommen - wenn überhaupt. Gegentiber England und Rußland wurden die Ziele u. a. aus einem Befreiungsanspruch abgeleitet. Die „Freiheit der Meere" sowie die Befreiung der osteuropäischen Völker vom „Zarismus" seien nur durch einen Sieg Deutschlands möglich. Dieser bedeute zwangsläufig die Zerstörung der englischen Vorherrschaft zur See - ein häufig gefordertes KriegszieP - sowie eine teilweise Auflösung des russischen Großreiches, zumindest in bezug auf seine westlichen Provinzen.^' In der zweiten Auflage seines Buches „Der Krieg und die Volkswirtschaft" betonte Plenge: „Nach diesem Kriege ist die Wiederherstellung der alten Staatengesellschaft unmöglich geworden"; das neue Deutschland werde andere Ansprüche haben.^^ Diese zeigten sich z. B . an der Belgien zugedachten Zukunft, die aber nur in wenigen Schriften thematisiert und nicht genauer dargelegt wurde: Die Pläne reichten von zu fordernden „Garantien" von Belgien^' über eine „Luxemburgisierung" mit deutschen Besatzungsrechten^* bis zum deutschen Wiederaufbau Belgiens „als Teil des Reiches".^ Im allgemeinen wurden die Kriegsziele in West und Ost nicht konkretisiert. Zwar wurde kein Frieden auf der Basis des territorialen Status quo ante gefordert, aber regelrechte Annexionsprogramme gab es in den Einzelschriften nicht. Die Zurückhaltung lag zum einen in dem bestehenden Verbot einer öfTentlichen Kriegszieldiskussion begründet und zum anderen in der Tatsache, daß die Verwirklichung von Kriegszieien vom Ausgang des Krieges abhing, der trotz aller Zuversicht als ungewiß galt.^® Außerdem ließ sich die Führung eines „Verteidigungskrieges" nur schwer mit Kriegszielen vereinbaren, die über die Forderung nach künftigen Sicherheiten hinausgingen. Dementsprechend waren die außenpolitischen Zukunftsvorstellungen vom Primat der nationalen Sicherheit geprägt, in militärischer und wirtschaftlicher Hinsicht: Das Kriegsziel bestand in

Schwabe, Wissenschaft, S. 57. Bei vielen der Bel^e, die Schwabe anführt, handelt es sich neben Einzelschrifien v. a. um Briefe und Denkschriften, die zwischen 1914 und 1918 vefäßt wurden, oder um Zitate, die aus Schiiflen entnommen wurden, in denen es überhaupt nicht um Kriegsziele geht (z. B. Schela·, Genius; Meinecke, Sozialdemokratie; Plenge, Krieg 1). Vgl. Schwabe, Wissenschaft, S. 55/Anm. 89,90; 56/Anm. 94,100; 57/Anm. 102; 75/Anm. 2; 76/Anm. 4. Vgl. auch ebd., S. 57. 20

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Roethe, Wir Deutschen, S. 29; Plengç, Krieg 1, S. 21; Meinecke, Sozialdemokratie, S. 29f.; Weber, A , Sendung, S. 61, 77; Gierke, Krieg und Kultur, S. 92; Riehl, 1813, S. 199; Haller, Warum und wofür, S. 25f Gierke, Krieg und Kultur, S. 92, 98f; Meinecke, Sozialdemokratie, S. 28, 30; Weber, A , Sendung, S. 31; Plenge, Krieg 2, S. 252. Plenge, Krieg 2, S. 207. Weber, M., Bismarcks Außenpolitik, S. 32. Meinecke, Sozialdemokratie, S. 29. Plenge, Krieg 1, S. 47fF., 187. Vgl. auch Roethe, Wir Deutschen, S. 30ff. Hoetzsch, Otto: , / w e i Siegespreise im Osten", in: ders.: Politik im Weltkrieg. Historisch-politische Aufsätze. Bielefeld, Leipzig 1916, S. 70-84, hier S. 77f, 83; ders., „Weltpolitische Konzentration", in: ders., Politik im Weltkrieg, S. 136-160, hier S. 156; Liszt, Franz von: Ein mitteleuropäischer Staatenverband als nächstes Ziel der deutschen auswärtigen Politik. Leipzig 1914, S. 18,20,23.

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der Absicherang des Reiches gegen einen zukünftigen „Überfall"," so daß „notwendige Annexionen"^' angestrebt wurden, um die militärische und wirtschaftliche Sicherheit Deutschlands zu garantieren.^' Das ausgeprägte Sicherheitsbedürfiiis faßte Meinecke in der Forderung nach „Atemraum und Sicherheit für ein Jahrhundert" zusammen.^" Unter dem Begriff künftiger „Sicherheit", der unterschiedlich ausgelegt werden konnte, verstanden die Gelehrten meist die Errichtung von Flottenstützpunkten an der französischen Kanalküste sowie Grenzkorrekturen gegenüber Frankreich'' und vereinzelt eine „mäßige Vorbewegung der Grenzen" im Osten.'^ In diesem Zusanmienhang spielte auch der Gedanke, ein ,Volk ohne Raum' zu sein, eine Rolle. So schrieb Alfred Weber, daß die Deutschen aufgrund der „Engigkeit des Raumes" als „das vitalste und expansionsbedürftigste Volk der Erde eingesperrt" seien, und es über den „gegenwärtigen Entfaltungsraum hinaus[zu]gelangen" gelte." Umfangreiche Forderungen wurden überdies in finanzieller und kolonialer Hinsicht gestellt, hohe Kriegsentschädigungen anvisiert'* und eine Erweiterung des deutschen Kolonialreiches, die Schaffung eines geschlossenen zentralafrikanischen Kolonialgebiets sowie eine Landbrücke nach Ostasien angestrebt.'^ Zwar klingen diese Kriegsziele für sich genommen zunächst aggressiv-expansiv, aber die Tatsache, daß sie von einem extremen Sicherheitsbedürfiiis diktiert waren und die Beteuerangen, nur Garantien gegen künftige ,Angriffe' zu verlangen, relativieren diesen Eindrack ebenso wie ein Vergleich mit den geheimen Kriegszielen der Alliierten - Annexion Elsaß-Lothringens durch Frankreich, Abtretung Schleswigs an Dänemark, Einverleibung der ehemals polnischen Gebiete Preußens und Österreichs durch Rußland, Auflösung des deutschen Kolonialbesitzes, militärische Schwächung des Reiches, Ausschaltung der deutschen Handelskonkurrenz und immense Reparationsleistungen." Es handelte sich bei den Kriegszielforderangen der Gelehrten eher um populistische

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Gierke, Krieg und Kultur, S. 92; Plenge Krieg 1, S. 176. Vgl. auch Kahl, Recht zum Kriege, S. 180, 183; Meinecke, Staatsgedanke, S. 74; ders., Wahrfieit und Lüge, S. 72f.; ders., DE, S. 34; ders., Sozialdemokratie, S. 29; Riehl, 1813, S. 199£; Sering, Ursachen, S. 278; Sombart, Händler und Helden, S. 128, 130f., 143ff.; Oncken, Nation, S. 9; Anschütz, Staatsrefomien, S. 42; Weber, Α., Sendung, S. 29, 34; Weber, M., Bismarcks Außenpolitik, S. 27f.; Troeltsch, Ideen, S. 53f. Oncken, Nation, S. 9. Plenge, Krieg 1, S. 173f., schrieb, daß sich wegen der kriegsbedingten Zerstörungen Notwendigkeit ein wiitschaftliches Entwickelungs- und Eroberungsprogramm durch den Sieg" ergebe, Deutschland aber nicht mehr erobern solle, als „aus militärischen und wirtschaftlichen Gründen unbedingt" notwendig sei. Meinecke, Wahrtieit und Lüge, S. 72. Ähnlich auch Anschütz, Staatsreformen, S. 42, sowie Haller, Warum und wofür, S. 24. Roethe, Wir Deutschen, S. If ; Plenge, Krieg 1, S. 176. Plenge, Krieg 1, S. 176; ders., Krieg 2, S. 251f Vgl. auch Meinecke, Sozialdenrokratie, S. 28; Gierke, Krieg und Kultur, S. 92. Die momentane ,^üleφrimitivste Nahrungsbasis" entqjreche nicht mehr der ,3reite" des Daseins der Deutschen, Weber, A , Sendung, S. 91ff: Plenge, Krieg 1, S. 175f, 181-186, dachte an 30 Mrd. wobei 2 Mrd. in Goldmark zu zahlen wären. Vgl. ders., Krieg2,S. 251. Plenge, Krieg, S. 179. Zur Kolonialerweiterung vgl. auch Gierke, Krieg und Kultur, S. 96£; Weber, A , Sendung, S. 93; Troeltsch, Ideen, S. 58. Soutou, Georges-Henri: ,J)ie Kriegsziele des Deutsche Reiches, Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten während des Ersten Weltkrieges: Ein Vergleich", in: Michalka, Weltkrieg, S. 28-53,

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Parolen als um politische Konzepte. Im allgemeinen war das Gleichgewicht der Weltmächte das erklärte Ziel in den Einzelschriften " nicht die Weltherrschaft.'* Um dieses Ziel zu erreichen, war der Sieg Deutschlands für die Gelehrten unabdingbar. Ein Kompromiß- bzw. Verständigungsfrieden erschien vielen mit zunehmender Kriegsdauer immer weniger akzeptabel. Er müsse vermieden werden, so Plenges Argumentation, daß es bei unentschiedenem Kriegsausgang zu einer finanziellen und wirtschaftlichen Ermattung aller Beteiligten komme, der Wirtschaftskrieg aber weitergeführt werde. Daher müsse der Krieg „bis zum entscheidenden Sieg" gefllhrt werden.^' Dieser sei „volkswirtschaftlich notwendig", er sei der Preis, „um den zu kämpfen lohnte"."" Als Voraussetzung für die nur durch einen Sieg garantierte Sicherheit galt die Stärke Deutschlands oder in Anschütz' Worten: die Kombination von furchtgebietender Stärke, Ansehen und Vertrauen.*' In dieser zunächst seltsam und widersprüchlich klingenden Wortreihe spiegelt sich das Grunddilemma mancher im Namen der Deutschen sprechenden Gelehrten wider: Sie wollten, daß Deutschland anerkannt werde, glaubten aber, den gewünschten Respekt nur durch Stärke zu erlangen. Unter den Angehörigen der Delbrück-Gruppe fehlte es nicht an Stimmen, die zur Mäßigung auch im Fall eines Sieges aufriefen. Gerade dieser Gedanke wurde jedoch von Angehörigen der Seeberg-Schäfer-Gruppe abgelehnt. „Es wäre tief zu beklagen", schrieb Haller bereits Ende 1914, „wenn solche Ansichten im Volke Verbreitung fänden". Führe der Krieg zur „Erhaltung des Gleichgewichts", dann „hätten wir ihn umsonst geführt"."*^ Diese Auffassung wurde in der zweiten Kriegshälfte zu einem zentralen Argument der Gegner eines Verständigungsfriedens. Die Gelehrten der Delbrück-Gruppe lehnten extensive Eroberungen''^ oder gar die Unterdrückung fremder Völker"** ab und forderten einen ehrenvollen Frieden*^ und die Möglich-

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hier S. 33flF.; Linke, Horst Günther ,Дußlands Weg in den Ersten Weltkrieg und seine Kriegsziele 1914191T', in: Michalka, Weltkrieg, S. 54-94; Peter, Matthias: ,3ritische Kriegsziele und Friedensvorstcllungen", in: Michalka, Weltkrieg, S. 95-124, hier S. lOlflF. Troeltsch, Ideen, S. 54£ Deutsche Fühnmg, nicht deutsche Henschaft - so lautöe seine Parole (S. 55). Vgl. auch Plenge, Kriegsvorlesung, S. 16; ders., Kri^ 1, S. 175-178, ISlflf. Haller, Warum und wofür, S. 27; Roethe, Wir Deutschen, S. 23, 30; Meinecke, Wahrheit und Lüge, S. 72f.; Sering, Ursachen, S. 278; Plenge, Krieg 1, S. 175f.; Sombatt, Händler und Helden, S. 143; Anschütz, Staatsreformen, S. 44; Ыа1оф, Wiedergeburt, S. 194; Troeltsch, Ideen, S. 53. Plenge, Krieg 1, S. 15, sowie S. 102,189,193f 198,200fif. Ebd., S. 192. Vgl. auch Gierke, Krieg und Kultur, S. 97. Anschütz, Staatsreformen, S. 42. Nach Alfred Weber, Sendung, S. 34, sollten sich die anderen Völker daran gewöhnen, Deutschland „als einen unzerstörbaren Fels anzusehen". Nur bei einem Sieg bleibe Deutschland ein „starker Staaf', schrieb Sombart, Händler und Helden, S. 131, und stellte fest: „Oder OUint dum metuant" (ebd., S. 127). Haller, Waram und wofür, S. 23. Meinecke, Staatsgedanke, S. 80; Plenge 1, S. 173fif.; Anschütz, Staatsreformen, S. 48; Weber, M., Bismarcks Außenpolitik, S. 35f Selbst Sombart, Händler und Helden, S. 144, lehnte große Erobenmgen ab. Meinecke, Welche Güter, S. 51f; Weber, M., Bismarcks Außenpolitik, S. 35f; Troeltsch, Ideen, S. 53. Eine „, Vernichtung"' Englands sei, so Web», A , Sendung, S. 76f, weder möglich noch wünschenswert Meinecke, Wahrheit und Lüge, S. 72f ; ders., Sozialdemokratie, S. 28; Anschütz, Staatsreformen, S. 45; Weber, M., Bismarcks Außenpolitik, S. 37£; Scheler, Gaiius, S. 105f

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keit einer Aussöhnung nach dem Krieget Foerster erblickte im Ausbau des Völkerrechts die besten Sicherheiten für die Zukunft, da der Weltkrieg die Grenzen der herkömmlichen Machtpolitik aufgezeigt habe. Mit Blick auf die zunehmende Kriegszielagitation der Alldeutschen wies er warnend auf die Interdependenz von Außen- und Innenpolitik hin: wer eine egoistische Machtpolitik nach außen betreibe, verfolge auch eine egoistische Interessenpolitik im Innern.·" Nach Troeltsch durfte die angestrebte deutsche Führungsposition in Europa nicht auf eine rücksichtslose Machtpolitik à la Seeberg, sondern mußte „vor allem auf die geistige Leistung und die politisch-sittliche Kraft begründet werden"."* Selbst Sombart schrieb: „.Expandieren' wollen wir uns ganz und gar nicht. Denn wir haben Wichtigeres zu tun", nämlich die Pflege der „deutsche[n] Seele"."' Dementsprechend bezeichnete Meinecke den nationalen Zusammenschluss, die „innere Eroberung", als die „eigentliche Eroberung".^" Anhand der konkreten Frage der Kriegsziele zeigt sich somit der Primat der Innenpolitik in den Zukunftsvorstellungen. Der Sinn des Krieges bestand ñir die meisten Gelehrten vor allem in der Perpetuierung des „Geistes von 1914", der nationalen Selbstbegeisterung vom August 1914. Da die Debatte um Kriegsziele der Zensur unterworfen war, wichen viele Gelehrte auf ein allgemein konsensfähiges Thema aus: die Einheit der Nation. Auf diese Weise geriet der Krieg mehr und mehr zum „.sittlichen' Selbstbeweis"" der Deutschen. Weder spiegelt das Gros der Quellen eine „Maßlosigkeit des imperialistischen Denkens"" wider noch war es ein Kennzeichen der akademischen Zukunftsvorstellungen, den anderen Staaten die eigene, als überlegen gedeutete Kultur mit Gewalt aufzuzwingen.'^ Die in der Forschung verbreitete Annexionsthese und die mit ihr verbundene Unterscheidung zwischen „Annexionisten" und „Gemäßigten" trifft daher für die erste Kriegshälfte nicht zu. Eine der Hauptforderungen gah der Errichtung einer „Bundesgenossenschaft" zwischen den Mittehnächten'" oder der Schaffung eines mitteleuropäischen Staatenbundes - jeweils unter Führung Deutschlands.^' Diese Forderungen waren zum einen eine Reaktion auf die Kriegslage: Die englische Blockade führte dazu, daß sich vor allem die Nationalökonomen unter den Gelehrten darüber Gedanken machten, wie man den Verlust der überseeischen Absatzmärkte auf dem europäischen Kontinent durch eine Ost- sowie eine Südostorientie46

Kahl, Recht zum Kriege, S. ISlflF.; Plenge, Krieg 1, S. 188; Scheler, Genius, S. 106; Meinecke, Sozialdemokratie, S. 28; ders., Staatsgedanke, S. 83; ders., Wahrheit und Lüge, S. 72f Foerster, Friedrich Wilhelm: ,Jn eigener Sache", in: ders., Jugend, S. 122-167, hier S. 132, 155f., 160,166.



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Mit dieser Eriœnnmis stand er in der ersten Kriegshälfte jedoch weitgehend allein. Troeltsch, Ideen, S. 50-57 (Zitate S. 52,55). Eine Führerrolle Deutschlands werde nur dann akzeptiert, so Meinecke, Staatsgedanke, S. 83, wenn es Selbstzucht übt Vgl. auch Gierke, Krieg und Kultur, S. 92. Sombart, Händler und Helden, S. 144. Meinecke, Welche Güter, S. 51. Jeismann, Vaterland, S. 337. Rürup, Geist, S. 26. Vgl. auch ders., Ideen. Mommsen, Geist, S. 411,417. Plenge, Krieg 2, S. 251. Hierunter verstand er eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Mittelmächten (Plenge, 1789 und 1914, S. 128f.). Vgl. auch Hermann Cohens Gedanken zu einem Staatenbund als Garant des Friedens, Cohen, R , Deutschtum und Judentum, S. 44ff. Weber, A , Sendung, S. 97; Troeltsch, Ideen, S. 50-57, insbes. S. 52, sprach von einem mitteleuropäischen Block unter deutscher Führung.

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rung ausgleichen konnte. Dabei spielten außer wirtschaftlichen auch т1И1афоИ115сЬе Gründe eine Rolle. Zum anderen war die Konzeption eines mitteleuropäischen Zusammenschlusses in ihrer Grundstruktur nicht neu, sondern bereits im 19. Jahrhundert in unterschiedlichen Varianten diskutiert worden.'' Außerdem wurden die Planungen zur Errichtung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsraumes seit Ende 1914 auch von der Reichsregierung unter Bethmann Hollweg verfolgt." Bereits im Herbst 1914 forderte der Berliner Straf- und Völkerrechtler Franz V. Liszt, ein gebürtiger Österreicher, die Schaffimg eines mitteleuropäischen Staatenverbandes und bezeichnete sie als vorrangiges Ziel deutscher Außenpolitik im Krieg. Dieser Verband sollte Europa vor der russischen, vor allem aber vor der englischen Gefahr schützen. Liszts Mitteleuropakonzept sollte im Idealfall zu einer Art europäischem Völkerbund werden: „Der europäische Friede muß gesichert werden; gegen England, ohne Rußland, wenn möglich mit Frankreich".^' Zum Schlagwort von politischer Bedeutung und nationaler Breitenwirkung avancierte „Mitteleuropa" erst durch Friedrich Naumanns im Herbst 1915 erschienenes gleichnamiges Buch." Es wurde zu seiner erfolgreichsten Veröffentlichung. Theodor Heuß, langjähriger Mitarbeiter Naumanns, bezeichnete es noch 1923 als „eine literarisch meisterhafte Leistung; ein seltsames Nebeneinander von Rationalem und von Phantasie, Beschreibung und Anruf, Wirtschaftsgeschichte und Völkerpsychologie, Nüchternheit und Pathos. Seine Wirkung war außerordentlich".®" Naumanns Konzept stellte eine Fortentwicklung der Ideen zur klein- oder großdeutschen Gestaltung des mitteleuropäischen Raumes dar, wie sie in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts von Friedrich List formuliert worden waren." Die Kernpunkte von Naumanns Vorstellungen umfaßten die Angleichung der Zölle zwischen Deutschland und der Donaumonarchie, die Vereinheitlichung von Maßen, Gewichten und Münzen sowie des Bankenund Handelsrechts, die Koordinierung der Außenpolitik und die Abstimmung militärischer Maßnahmen." Bis heute gilt „Mitteleuropa" oft als Ausdruck des deutschen Expansionsstrebens in Kontinentaleuropa und damit als „belasteter Begriff'.®^ Auch wenn man Naumanns Schrift als Ausdruck eines „liberalen Imperialismus" deuten kann, wird man seiner ideengeschichtlichen Analyse des Verhältnisses von Deutschland zu seinen ostmittel- und südosteuCord Meyer, Heray: Mitteleuropa in German Thought and Action 1815-1945. Den Haag 1955; Droz, Jacques: L'Europe centrale. Evolution historique de l'idée de .^Mitteleuropa". Paris 1960; Papke, Sven: teleuropa", in: HdE, S. 473^79. Erdmann, Weltkrieg, S. 67f.; Fischer, Weltmacht, S. 208-215; Theiner, Feten ,„Mitteleuropa'-Pläne im Wilhelminischen Deutschland", in: Berding, Helmut (Hg.): Wirtschaftliche und politische Integration in Europa im 19. und 20. Jahrhundert Göttingen 1984, S. 136-148; Gutsche, Willibald: „Mitteleuropaplanungen in der Außenpolitik des deutschen Imperialismus vor 1918", in: ZGW 20,1972, S. 533-549. 58 Liszl, Staatenveiband, S. 22ff. 59 Vgl. hier die erweiterte Ausgabe von 1916: Naumann, Friedrich: Mitteleuropa. Volksausgabe mit: Bulgarien und Mitteleuropa Beriin 1916. 60 Heuß, Theodor: Das war Friedrich Naumann. München 1974, S. 62. Le Rider, Jacques: Mitteleuropa. Auf den Spuren eines Begrifib. Wien 1994, S. 7fiF.; Schwarz, Hans-Peter: Die Zentralmacht Europas. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne. Beriin 1994, S. 241ff. 62 Naumann, Mitteleuropa, S. 184fif., 212fiF. 63 Rovan, Josq)h: ,Mtteleuropa gegen Europa", in: Papke, Sven/Weidenfeld, Werner (Hg.): Traumland Mitteleuropa? Beiträge zu einer aktuellen Kontroverse. Damistadt 1988, S. 1-14, hier S. 1; Vgl. auch Fischer, Weltmacht, S. 208-215,449,464-473,534f.

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ropäischen Nachbarstaaten nicht gerecht, wenn man sie primär unter dem Gesichtspunkt deutschen Hegemoniaistrebens inteφretiert. Sein Mitteleuropabund beruhte auf freiwilliger Zusammenarbeit." Gleiches gilt für den von Gelehrten der Delbrück-Gruppe publizierten Mitteleuropagedanken, der von vielen Angehörigen der Seeberg-Schäfer-Gruppe kritisiert wurde. Zwar äußerte sich auch der Pazifist Foerster skeptisch, der ein „Mitteleuropa gegen Europa" als mitteleuropäische Schützengrabenpolitik ablehnte, aber er sprach sich für eine „pro-europäisch" ausgerichtete „mitteleuropäische Föderation" aus.®' Eine solche strebten die Gelehrten der Delbrück-Gruppe an. Zwar variierten ihre Pläne sowohl in bezug auf die zugehörigen Staaten als auch hinsichtlich der Gestaltung etwaiger supranationaler Organisationen, aber es handelte sich um eine Konzeption, die nicht nur einen einheitlichen Wirtschaftsraum, sondern auch eine Friedensordnung vorsah.®® Nach v. Liszts Vorstellungen, die einen Staatenverband vorsahen, deren Kem Deutschland und Österreich-Ungarn bildeten, war das Bündnis beider Staaten verfassungsrechtlich zu verankern und durch eine „Militärkonvention" zu ergänzen. Eine „handelspolitische Einigung" sollte langfristig einen Binnenmarkt schaffen. Gemeinsame Angelegenheiten sollten durch Delegiertenkonferenzen geregelt werden und die parlamentarische Mitbestimmung auf supranationaler Ebene durch „Zusammenkünfte von Mitgliedern der einzehien Parlamente der verbündeten Staaten".®^ Liszt sah zwar zahlreiche, aber nicht unüberwindliche Schwierigkeiten rechtlicher, ökonomischer und politischer Art. Als entscheidend für das Zustandekommen des Staatenbundes bezeichnete er die Garantie der „souveräne[n] Selbständigkeif' aller Mitglieder. Das Reich sollte keine Hegemonialstellung innehaben, sondern als „Primus inter pares" fungieren. Hervorzuheben ist, daß es sich um ein offenes Europakonzept handelte, das eine friedliche Nachkriegszeit auch durch die Wiederaufiiahme der Beziehungen zu den ehemaligen Feinden auf freundschaftlicher Basis ermöglichte. Unter „günstigen Verhältnissen" sollte Mitteleuropa „zu einem kontinentaleuropäischen Staatenverband" werden, insbesondere unter Einbeziehung Frankreichs.®* Als Konzept einer informellen Herrschaft zeigt das Mitteleuropakonzept den Unterschied beider Gelehitengruppen: Während die Seeberg-Schäfer-Gruppe für eine unbeschränkte Machtpolitik eintrat, plädierte die Delbrück-Gruppe für eine diplomatische Politik, welche auch die Interessen anderer Staaten soweit als möglich beachtete. Realpolitik bedeutete für sie eine Politik im Rahmen der - allerdings falsch eingeschätzten - militärischen Möglich-

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So auch Schwabe, Wissenschafl, S. 65. Foerster, Kriegsromantiker, S. 8 9 f E : Die Kritik der Seebeig-Schäfer-Gruppe erfolgte vor allem in der zweiten Kriegshälfte. Cohen, H., Deutschtum und Judentum, S. 44fF.; Weber, A , Sendung, S. 97; Troeltsch, Ideen, S. 50-57. Liszt, Staatenvetband, S. 36£ Anzustreben sei eine Vereinheitlichung der Maße und Gewichte sowie der Währung, die Herausbildung eines gemeinsamen Verkehrsrechts, Wechsel- und Scheckrechts sowie Urheber- und Erfinderrechts. Vgl. Liszt, Staataiverband, S. 18,27,29. Liszt, Staatenverband, S. 3 4 f , 20£ Mitteleuropas geographische Grenzen waren das europäische Festland ohne Frankreich (zunädist) und die Iberische Halbinsel im Westen und ohne Rußland im Osten. Zu Mitteleuropa gehörten neben Deutschland und Österreich-Ungarn die Niederlande, Skandinavien, die Schweiz und Italien, ein zu »richtendes selbständiges Polen sowie der Balkan (S. 30£Г.). Die votzunehmende „Intemationalisierung der europäischen Kultui" bedeute nicht die Preisgabe der eigenen Kultur, sondern die Möglichkeit positiven Kulturtransfers, indon alle voneinander lemen (S. 44).

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keiten und vor allem die Bereitschaft zu Kompromissen." Zwar implizierte „Mitteleuropa" eine deutsche Führung, aber diese sollte indirekt ausgeübt werden und nicht auf Macht und Unterdrückung beruhen. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit ließen sich beide außenpolitische Ordnungsvorstellungen gut mit dem Argument künftiger Sicherheit begründen. Analog dazu bildete der „Geist von 1914" die Grundlage für zwei verschiedene innenpolitische Ordnungskonzepte.

3.2 Innenpolitische Ordnungsvorstellungen: Konstitutionalismus oder Korporativismus Hauptinhalt der meisten Kriegsschriften waren nicht außenpolitische Ziele, sondern innenpolitische Reformen. In fast allen Einzelschriften wurden die Zukunftsvorstellungen unter Bezugnahme auf den August 1914 propagiert, der als „Erlösung" von den politischen und sozialen Problemen der Vorkriegszeit gedeutet wurde. Auf diese Weise erhielt auch die anvisierte innenpolitische Erneuerung Deutschlands einen „Erlösungs"-Charakter. Gelehrte sowohl der Delbrück- als auch der Seeberg-Schäfer-Gruppe waren von der durch die gesamtgesellschaftliche Einheit jenes August hervorgerufenen Möglichkeit des ,Neuen' fasziniert. Der iCrieg war nach Meinung Natoφs der „Durchgang" zu „etwas Besserem als das, was war". Meinecke sah einen „neuen Lebensmorgen" heraufziehen.™ Andere erkannten ein „neues Zeitalter" oder verwiesen auf ein zu schaffendes „neue[s]" oder „anderes Deutschland"." Oncken beschwor den „deutschen Staat der Zukunft" und Plenge den „neue[n] deutsche[n] Staat".'^ Die Gelehrten wollten keine Wiederherstellung des innenpolitischen Status quo ante bellum: „[D]as Alte ist dahin", schrieb Lasson; nunmehr gelte es, ein Neues aufzubauen.'' Das ,Augusterlebnis' als Bezugspunkt dieser Erlösungshoffhung verdeutlicht den Zusammenhang von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsbezug und Zukunftserwartung: Es ging den Gelehrten darum, das in ihrer Erinnerung zum Gemeinschaftserlebnis des gesamten Volkes stilisierte August-Erlebnis dauerhaft zu erhalten, indem sie es zur Grundlage einer Ordnungsidee für die Zukunft machten.'"* Thimme und Legien beschworen die Notwen69 70

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Ringer, Mandarine, S. 183. Ν3ΐοφ, Krieg und Friede, S. 29; Meinecke, Deutscher Friede, S. 56. Vgl. auch Seebeig, Kultm^gefehrcn, S. 132; ders.. Was sollen wir denn tun, S. If. Simmel, Wandlung, S. 3; Kjellén, Ideai, S. 25; Cohen, H., Deutschtum und Judentum, S. 282. Roethe, Wir Deutschen, S. 41; Riehl, 1813, S. 207. Vgl. auch Seebeig, Ewiges Leben, S. VI; Troeltsch, Wesen, S. 31; JafiFé, Arbeiterinteressen, S. 98; ders., Geist, S. 10; Weber, A , Sendung, S. 104; Simmel, S. If., 11, 13. Preuß, Politik, S. 157; Lasson, Deutsche Art, S. 112; Meinecke, Welche Güter, S. 52; Sombart, Händler und Helden, S. VI, 117fi·., 127f Oncken, Nation, S. 8; Plenge, Krieg 1, S. 190. Vgl. auch Plenge, Kriegsvorlesung, S. 26; ders., 1789 und 1914, S. 16, Teschemacher, Ideen, S. V. Lasson, Deutsche Art, S. 117. Das alte Vorkriegsdeutschland, so Simmel, Wandlung, S. 1, sei „versunken", sei wie ein „ausgeträumter Traum". Plenge, Krieg 2, S. 254,247; ders, 1789 und 1914, S. 84-87,119,141; Jaffé, Geist, S. 10; Troeltsch, Ideen, S. 33-37.

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digkeit einer „geistigeM Arbeitsgemeinschaft zwischen bürgerlicher und sozialistischer Geisteswelt"," um die Einigkeit des deutschen Volkes für die Zukunft zu bewahren. Wie die Erneuerung der „inneren Existenz" aussehen werde, war filr Simmel zwar fraglich, aber als sicher galt ihm, daß alles anders sein werde. Noch handele es sich um eine „undifferenzierte Idee", denn man befinde sich im Entwicklungsstadium zwischen „endgültig Vergangenem" und „ungeborenem Neuen".^' Seit dem Herbst 1914 wurden ökonomische, soziale und politische Umstrukturierungspläne entwickelt, die auf ein gesamtgesellschaftliches Reformprogramm hinausliefen. Hinsichtlich der verfassungspolitischen Implikationen dieser Visionen von einem „neuen Deutschland" lassen sich in der ersten Kriegshälfte zwei Richtungen erkennen: der von einer Minderheit propagierte Entwurf einer konstitutionellen sowie das von den meisten Gelehrten befürwortete Modell einer korporativen Gesellschaftsordnung. Die Unterschiede zwischen beiden Richtungen zeigten sich sehr deutlich in bezug auf die politische Mitbestimmung. Ihr Tertium comparationis war vor allem die dem Parlament im künftigen Staat zugewiesene Rolle. Beide Ordnungsvorstellungen waren allerdings nicht detailliert ausgearbeitet. Seinen „Betrachtungen", so der Jurist Preuß, ein prominenter Vertreter einer konstitutionellen Neuordnung des Reiches, liege „die Absicht völlig fem, fertige Antworten auf die schicksalsschweren Fragen zu bieten", die sich aus dem Kriege ergäben. Es ging ihm darum, „Fragen der politischen Entwicklung" zu analysieren." Auch der Nationalökonom Plenge, einer der Hauptvertreter der Koφorativisten, beantwortete die „Grundfrage", wie die „nationalen Produktivkräfte im Dienste ... [der] Zukunft zu entwickeln sind", nur vage: „Von der Zukunft", schrieb er, „können wir nur in wenigen allgemeinen Bemerkungen sprechen". Es komme letztlich auf ein „neue[s] Bewußtsein", auf die Stärkung des Geistes an.^' Wie wichtig eine Differenzierung der Quellen nach Adressaten ist, zeigt sich insbesondere bei der Analyse der innenpolitischen Zukunftsvorstellungen. Die unzureichende Unterscheidung zwischen den verschiedenen Arten von Publikationen in der bisherigen Forschung^' hat dazu geführt, daß beispielsweise der Aufruf „An die Kulturwelt" zum zentralen Dokument der „Ideen von 1914" erklärt worden ist. Schwabe stellte jenes Manifest wegen des aus seiner Sicht „allgemeingültige[n] Charakter[s]" an den Anfang seiner .„Bestandsaufnahme der .Ideen von 1914"''° und zitierte aus Schriften, Aufhifen und Eingaben. Auch die Intellektuelleneingabe gilt - obwohl inhaltlich grundverschieden - in der Forschung als besonders ergiebige Quelle für die Untersuchung der kriegspolitischen Ideen. Weder die an die Reichsregierung adressierten Eingaben noch die an die ausländische Öffentlichkeit gerichteten Aufrufe können jedoch als Quellen zur Untersuchung der vor allem innenpolitisch ausgerichteten Ideen herangezogen werden. Bei der Analyse des Zukunftsbildes kann daher

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Thimme/Legien, Vorwort, S. ΠΙ. Simmel, Wandlung, 1, S. 5. Ähnlich Rolflb, Geist, S. 391. Preuß, Politik, S. 1. Plenge, Kriegsvorlesung, S. 22,28,30. So V. See, 1789 und 1914, S. 132; vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 650, 710; Mommsen, Geist, S. 410f, ders., Einleitung, S. 3f ; Lübbe, Philosophie, S. 178; Ringer, Mandarine, S. 169-185, insbes. S. I77fF.; Erdmann, Weltìaieg, S. 156; Rünip, Geist, S. 13,24-30; Maier, S. 525. Schwabe, Wissenschaft, S. 23. Vgl. auch Böhme, Aufiufe und Reden, S. 1 If. u. Anm. 4.

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nur auf Einzelschriften sowie auf Aufrufe oder Eingaben explizit innenpolitischen Inhalts zurückgegriffen werden.

3.2.1

Die Idee des Volksstaats

Die Idee eines deutschen Volksstaats wurde von den Anhängern einer konstitutionellen Neuordnung vertreten. Als Konstitutionalismus bezeichnet man die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte Theorie, Personen nur gemäß den in einer Konstitution bzw. Verfassung festgelegten Bedingungen legitimer politischer Herrschaft mit der Regierung zu beauftragen. Der konstitutionelle Verfassungstyp, der sich im 19. Jahrhundert in Deutschland herausgebildet hatte, imterschied sich sowohl gegentlber dem demokratischen System des Westens als auch gegenüber dem absolutistische System des Ostens durch das .monarchische Prinzip', das den Monarchen als Inhaber der Staatsgewalt defmierte, ihn in seiner Ausübung aber an die Verfassung band. Auf diese Weise war zwar die Volkssouveränität ausgeschlossen, aber das grundsätzliche Mitwirkungsrecht der Volksvertretung garantiert, wenngleich die Krone dominierte.*' Das Ziel der hier als Konstitutionalisten bezeichneten Gelehrten bestand darin, innerhalb des Dualismus von Monarch und Parlament, der das deutsche Verfassungssystem kennzeichnete, ein Gleichgewicht zwischen beiden herzustellen, d. h. den Einfluß des Volkes zu erhöhen, ohne das monarchische Prinzip grundsätzlich in Frage zu stellen. Die Konstitutionalisten stellten eine Minderheit unter den Gelehrten dar. Die Trägergruppe der konstitutionellen Ordnungsidee bestand in der ersten Kriegshälfte aus einigen, aber keineswegs aus allen Angehörigen der Delbrück-Gruppe. Zu ihrem Kem gehörten sieben Gelehrte, darunter Anschütz, Delbrück und v. Liszt. Auch Max Weber kann dieser Trägergruppe zugerechnet werden, obwohl er sich in der ersten Kriegshälfte publizistisch kaum zur inneren Neuordnung äußerte. Ähnliches gilt für Martin Rade, den „pazifistischen Patrioten".'^ Preuß und Friedrich Wilhelm Foerster sind der Delbrück-Gruppe ebenfalls zuzurechnen, aber weder als Koinitiatoren noch Unterzeichner der Gegeneingabe hervorgetreten. Die prominentesten Vertreter des Konstitutionalismus sind Anschütz und Preuß, die sich sehr ausftlhrlich zur innenpolitischen Erneuerung äußerten: Anschütz mit einem Aufsatz im vielbeachteten Sammelband „Das neue Deutschland" und Preuß in seinem 1915 erschienenen Buch über „Das deutsche Volk und die Politik". Seine Abhandlung gehört „zu den herausragenden Publikationen des Weltkrieges"'^ und gilt als „die vielleicht wichtigste frühe Reformschrift".'"* Sie markierte einen innenpolitischen Standpunkt, der im weiteren Verlauf des Krieges immer mehr Anhänger fand. Zunächst waren die Reaktionen aber selbst im Umfeld der Delbrück-Gruppe geteilt. So konnte Delbrück es im Mai 1916 „nicht unterlassen",

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Grimm, Dieter Deutsche Verfassungsgeschichte 1776-1866. Frankfiut/M. 1988, S. 10,110-116,138-141. Vgl. auch ders.: Die Zukunft der Verfessung. Ftankfiirt/M. ^1994, S. 35-61, und Reinhard, Wolfgang: Geschichte der Staatsgewalt Eine veiBleichende Verfassungsgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart München 1999, S. 410ff. So Nagel, Rade, S. 144. Llanque, S. 68. Schwabe, Wissenschaft, S. 131.

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der positiven Rezension des Buches durch Anschütz in den Preußischen Jahrbüchern „hinzuzufügen", daß er anderer Auffassung sei.'' In diesem Zusammenhang ist daraufhinzuweisen, daß die Trägergruppe hinsichtlich der politischen Ansichten ihrer Mitglieder durchaus heterogen war. Außerdem ist zu beachten, daß die Positionen des fi-eikonservativen Militärhistorikers Delbrück wie des linksliberalen jüdischen Berliner Privatdozenten Preuß an der Peripherie des akademischen Feldes lagen. Delbrück war in Fachkreisen als Wissenschaftler nicht sehr angesehen, nahm aber als Herausgeber der „Preußischen Jahrbücher" erheblichen Einfluß auf das politische Leben. Preuß dagegen, der seit ihrer Gründung 1906 an der Handelshochschule Berlin lehrte, war ein Außenseiter." Nationale Bedeutung als „Intellektueller" erlangte Preuß vor allem durch seine im Weltkrieg popularisierte Dichotomie von „Obrigkeitsstaat" und „Volksstaat". Der sieben Jahre jüngere Anschütz, der seit 1908 an der Berliner Universität lehrte und 1916 nach Heidelberg berufen wurde, war dagegen dem akademischen Establishment zuzurechnen. „ Volksstaat" statt „ Obrigkeitsstaat" Die kognitive Struktur der konstitutionellen Ordnungsvorstellung kann am besten anhand des Begriffs „Volksstaat" (Preuß) herausgearbeitet werden. Die Konstitutionalisten, die eine „dualistische Versöhnung von Monarchie und Volksvertretung"" anstrebten, einte die Überzeugung, daß das deutsche Volk durch seine Leistungen im Kriege nunmehr reif sei, politische Verantwortung zu übernehmen. Aus den Augustworten des Kaisers, daß es „,nur mehr Deutsche geben'" dürfe, leitete Preuß ab, daß der Zeitpunkt erreicht sei, an dem die politischen Parteien als Ausdruck des Volkswillens anerkannt und zur politischen Mitgestaltung aufgerufen werden müßten. Das Verhaltensgebot der Ordnungsidee bedingte, daß der Ankündigung einer innenpolitischen „Neuorientierung" Taten folgen sollten.'* Es sei, so Foerster, eine „Illusion" zu glauben, daß der nationale Zusammenschluß angesichts der äußeren Bedrohung bereits die dauerhafte Befreiung von ,Jenem inneren Elend" der Vorkriegszeit bedeute." „Neue Zeit oder Restaurationszeitalter" - das war nach Preuß die Zukunfisfrage. Die „neue Zeit" der politischen Verantwortung erfordere eine Reform der bestehenden Institutionen, weil die berechtigten Wünsche des Volkes erfüllt werden müßten. Wie 1813 böte wieder ein Krieg die Chance, überfällige Reformen einzuleiten. Zwar hätten das „deutsche Erbübel der Parteienzersplitterung" und die „verbindungslose Gegensätzlichkeit von Regierung und Parlament" in der Vergangenheit nicht jeglichen parlamentarischen Einfluß ausgeschlossen, aber der „Obrigkeitsstaat" - d. h. der Ausschluß der Parteien von einer verantwortlichen Mitgestaltung der Politik - habe ,jede wirkliche staatsmännische Verantwort8S

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Anschütz, Gerhard: [Rez. von Pteuß, Das deutsche Volk und die Politik], in: PrJbb 164, H. 2, 1916, S. 339-346, und Delbrilck, Hans: ,Jv(achschrift des HsmisgeberS", in: eW., S. 346. Als akademische Außenseiter gelten hier Gelehrte, deren Position sich fechlich oder institutionell an der Peripherie des akademischen Feldes befend. Dies waren in der Regel Nicht-Ordinariai, insbesondere Professoren an Handelshochschulen, aber auch Extraordinarien und Privatdozenten an Universitäten. Es handelte sich überwiegend um jüdische Dozenten, denen ein Ordinariat insbesondere in Preußen häufig verwehrt wurde. Reinhard, Staatsgewalt, S. 428. Preuß, Politik, S. 3fiF., 157,182. Foerster, Friedrich Wilhelm: „Christus der Organisatoi", in: ders., Jugend, S. 115-121, hier S. 116.

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lichkeit" verhindert.^" Mit dieser Argumentation knüpfte Preuß an seine politischen Überlegungen der Vorkriegszeit an." Die angeblich „über den Parteien" stehende obrigkeitliche Regierung bezeichnete er als Chimäre, da sie dem politischem Leben nicht gerecht werden könne. Sie definiere de facto diejenigen als ,„staatserhaltend"', die ihre Interessen verträten und versuche daher, jede Opposition in „, ihrem' Staate" auszuschließen. Bloße Parteiopposition werde so zur Staatsopposition, wodurch ein Teil des Volkes von der Mitarbeit im Staate femgehalten werde. Die „Identität von Volk und Staat" hielt Preuß in Deutschland für nicht gegeben.'^ Dem Obrigkeitsstaat stellte Preuß das Zukunftsbild des „Volksstaats" gegenüber und griff damit auf eine Terminologie zurück, die vor allem von den Sozialdemokraten genutzt wurde, für die Staat und Volk identisch waren: Als Staat des Volkes symbolisierte der Begriff „Volksstaat" die nationale Einheit und als Staat des Volkes die Volksfreiheit im Sinne einer Selbstregierung des Volkes. Seit den Befreiungskriegen waren Freiheit und Einheit der Nation öffentliche Themen in Deutschland. Schon im Vormärz hatte man um den Vorrang von Einheit oder Freiheit in der deutschen Politik gestritten. Mit der nationalliberalen Formel „Freiheit durch Einheit" hatte 1867 das Ziel der Einheit den Vorrang erhalten, bis die politische Verbindung der Begriffe Freiheit und nationale Einheit mit der Reichsgründung ihre Aktualität verlor.'^ Nur die linksliberalen Parteien und die Sozialdemokratie postulierten auch weiterhin die auf die Revolution von 1848 zurückgehende Beziehung von Demokratie und Nation. Als Verwirklichung der Freiheit im Nationalstaat wurde sie im Begriff des „Volksstaats" programmatisch ausgedrückt.®^ Es war diese Tradition, die Preuß aufgriff. Der Staat war für ihn nichts anderes „als das organisierte Volk". Wolle man das gesamte Volk in den Staat integrieren, schrieb er, müsse man alle politischen Richtungen als prinzipiell gleichwertig anerkennen, denn alle seien Elemente des Volkswillens. Nur die „Selbstorganisation" befähige das Volk zur Selbstregierung" - auch im monarchischen Staat. Deshalb plädierten Preuß und seine Kollegen für eine Wahlrechtsreform in Preußen. Das Dreiklassenwahlrecht sollte durch das Reichstagswahlrecht - das gleiche, direkte und geheime Wahlrecht für Männer'® (das Frauenwahlrecht wurde nicht gefordert) - ersetzt und Preußen dadurch verfassungsmäßig dem Reich angeglichen werden.'' Obwohl sich Preuß und Anschütz für Reformen des politischen Institutionensystems aussprachen, die letztlich auf eine parlamentarische Monarchie hinausliefen, vermieden sie die Begriffe „Parlamentarismus" oder „Demokratie", die .westlich' und daher abschreckend

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Preuß, Politik, S. 3fiF., 6,9. Vgl. auch Anschütz, Staatsreformen, S. 44t Llanque, S. 78fiF. Vgl. auch Sellin, Volker: ,Дegien^ng, Regime, Obrigkeit", in: GGr 5, S. 361-421, hier S. 414£ Preuß, Politik, S. I60f, 168. Der viel und zurechtbeklagte dogmatisdie Parteienstreit sei gerade eine Folge der politische Ohnmacht (S. 9). Dipper, Christof: .JJer Freiheitsbegrifif im 19. Jahihundert", in: GGr 1, S. 488-538, hier S. 505flf. Ebd., S. 512. Preuß, Politik, S. 162,74,198. Zum Wahlrecht vgl. Ulimann, Hans-Peter Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918. Frankfiirt/M. 19%, S. 34; Loth, Wilfried: Das Kaiserreich. Obrigkeitsstaat und politische Mobilisiening. München 1996, S. 39f Preuß, Politik, S. 186f., 198f und Anschütz, Staatsreformen, S. 51-57.

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klangen. So forderte Anschütz den „wahren Konstitutionalismus" und verstand darunter die parlamentarische Verantwortlichkeit des Reichskanzlers. Zwar verwies auch der Begriff „Konstitutionalismus" auf die westeuropäische Verfassungstradition, weil die konstitutioneile Staatsidee, die im engen Sinne die Regierungsform der Konstitutionellen Monarchie oder der Präsidialdemokratie bedeutete, auf der klassischen Lehre John Lockes und CharlesLouis Montesquieus beruhte. Die Konstitutionalisten aber definierten sie als Weiterentwicklung des deutschen Institutionensystems. Es gelte, so Preuß, im ureigenen deutschen Interesse - und nicht als Anpassung an den Westen - für die konsequente „Selbstüberwindung des Obrigkeitssystems" zu sorgen.'* Das entscheidende Unterscheidungsmerkmal zwischen der konstitutionellen und der korporativen Ordnungsidee lag in der Frage der politischen Mitbestimmung im Reich und in Preußen. Zwar strebten die Konstitutionalisten eine Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts an, aber bezeichneten sie nicht als Conditio sine qua non der Erneuerung. Wichtig sei, schrieb Anschtltz, „nicht so sehr eine Änderung des Textes der Reichsverfassung" als vielmehr eine andere „Auffassung des Reiches", die einer Verfassungsänderung vorausgehen sollte." Die angestrebte „Umbildung" könne, so Preuß, „nur ein innerlicher Entwicklungsprozeß sein, nicht eine Summe äußerlicher Maßnahmen und Gesetze". Zunächst sollte sich die kollektive Einstellung zur politischen Mitbestimmung ändern, was dann eine Verfassungsänderung zur Folge hätte. Nur wenn das deutsche Volk sich innerlich zum „Staatsvolk""" entwickele, könne der deutsche Staat zum Volksstaat werden. Das unpolitische deutsche Volk sei durch eine politische Erziehung an seine Selbstorganisation heranzuführen: „Politisierung" lautete sein Schlagwort. In ihr erblickte Preuß ein Mittel zur Integration der ideellen und nationalen Gegensätze in den neuen Voiksstaat.'"^ Die Relativierung des Verhaltensgebots - allgemeine Politisierung statt konkreter Verfassungsänderung - war eine Art Kompromißangebot an diejenigen, die institutionellen Änderungen skeptisch gegenüberstanden. Das Dilemma in bezug auf die geforderten Reformen bestand darin, daß sie zu einer Angleichung des deutschen politischen Systems an die westlichen Staaten führen würden - eine Vorstellung, die angesichts des kriegsbedingten Strebens nach politischkultureller Distinktion von den Feindstaaten kaum eine Diffusionschance hatte. Aus diesem Grunde beriefen sich die Konstitutionalisten in ihrer Kritik nicht auf die individuellen Staatsbürgerrechte, da diese allgemein als „westlich" galten. Sie argumentierten mit dem Wohl der Nation. Es lag nach Ansicht der Konstitutionalisten im Interesse des Vaterlandes, wenn das politisch mündige Volk auf allen Ebenen aktiv am Staatsleben partizipierte. Konsequenterweise forderten sie auch eine Verwaltungsreform. Öffentliche Ämter und das Reserveoffizierskorps sollten allgemein zugänglich sein. Hierin erblickte Anschütz nicht nur ein Gebot der Gerechtigkeit, sondern auch der Staatsklugheit, da „Vertrauen"'®^ den

Preuß, Politik, S.198f. Anschütz, Staatsrefomien, S. 48£; Zitate ebd. 100 Preuß, Politik, S. 183. Friedrich Wilhelm Foerster, Jungdeutschland, S. 24, schrieb, es müßten nun diejenigen „als ,vala-landslos' bezeichnet werden, die im Юа55епрайо115тиз stecken geblieben sind". 101 Preuß, Politik, S. 175. 102 Ebd., S. 91-113,160-164,168-174,185-191,196-199 (Zitate S. 187,196). 103 Anschütz, Staatsrefomien, S. 55,57. Vgl. auch Liszt, Nibelungentreue, S. 348ff.

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stärksten Zusammenhalt schaffe.'"^ Außerdem sei eine Erhöhung der Wehrkraft des Reiches anzustreben, zumal der deutsche Militarismus nach Anschütz eine Lebensnotwendigkeit darstellte. Allerdings forderte er keinen „Militärstaat", sondern eine Verbindung von Militarismus und bilrgerlichem Staat: „Wehrkraft und Kriegsbereitschaft" seien die „Bürgschaften" des staatlichen Daseins.'"' Zwar mahnte Foerster, das Pendant zur „Kriegsbereitschaft" müsse die „Friedensbereitschaft" sein, aber auch er sprach vom „Vermächtnis all unserer auf dem Feld der Ehre Gefallenen" und betonte, daß den Heimkehrern, die „die Schule der Männlichkeit in so gewaltigem Stile durchgemacht" hätten, eine besondere sittliche Reife zu eigen sein werde.'"® Die positive Deutung der gesellschaftlichen Militarisierung war ein Ausdruck der in der ersten Kriegshälfte prägenden Mobilisierungseuphorie und entsprach dem von Konstitutionalisten wie Korporativisten geteilten nationalen Selbstbild. Zentralismus statt Föderalismus Der zweite zentrale Wert der konstitutionellen Ordnungsidee bezog sich auf die Umwandlung des föderalen Reiches in einen unitarischen Staat, eine Forderung, die in der ersten Kriegshälfte in ähnlicher Weise auch von Koφorativisten erhoben wurde. Ausgehend vom Ideal eines starken, einheitlichen und einigen Deutschland plädierte Anschütz filr eine Zentralisierung des Reiches. Er wollte sie durch eine Stärkung der Reichsleitung sowie eine Erhöhung des Kaisertums herbeifìlhren und hofíte dadurch, den Reichsgedanken zu festigen und die im ersten Kriegsjahr häufig betonte neue Eintracht zwischen Monarch und Parteien bzw. Volk zu untermauern.'"' Die Suprematie Preußens im Reich sollte - das war auch die Ansicht von Preuß - gebrochen und ein Einheitsstaat geschaffen werden,'"' um den preußisch-konservativen Einfluß auf die Reichspolitik zu verringern. Durch eine Verfassungsänderung sollte der Kaiser zum Reichssouverän werden und mit der Reichsregierung die Exekutive bilden. Dies hätte einen fundamentalen Institutionenwandel bedeutet, die Kaiserwürde verfassungspolitisches Gewicht bekommen: Der König von Preußen wäre nicht mehr Primus inter pares gewesen, sondern Reichsmonarch. Das Reich war aber 1871 als „Fürstenbund" gegründet worden und der „Deutsche Kaiser" gemäß der Reichsverfassung nur das „Bundespräsidium".

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Anschmz, Staatsrefotmen, S. 48,55. Ebd., S. 44f.; Zitat S. 45. Die Wehrkraft sollte durch eine Heeresvemiehiung, ein Flottenprogramm und entsprechende Steuererhöhungen erreicht werden. 65

15 17

Anschütz, Staatsrefomien, S. 50fF., und Liszt, Nibelungentreue, S. 348. Anschütz, Staatsrefomien, S. 47-52; Preuß^ Politik, S. 178fF., 199. Die Stellung Preußens im Reich sei „der natürliche Kem der obrigkeitlichen Kristallisation" (S. 178). Fenske, Hans: Deutsche Ver&ssungsgeschichte. Vorn Norddeutschen Bund bis heute. Beriin 1981, S. 18f; Ullmann, Kaiserreich, S. 32; Fehrenbach, Elisabeth: Wandlungen des deutschen Kaisergedankens (1871-1918). München, Wien 1969, S. 158-230. Vgl. auch Domann, Peter: Sozialdemokratie und Kaisertum unter Wilhelm II. Die Auseinandersetzung der Partei mit dem monarchischen System, seinen gesellschafls- und verfassungspolitischen Voraussetzungen. Wiesbaden 1974.

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Der Bundesrat, bisher formeller Träger der Souveränität und zugleich im Besitz exekutiver Zuständigkeiten,"" sollte nach Ansicht der Konstitutionalisten neben dem Reichstag als eine Art Oberhaus zu einem Teilorgan der Legislative gemacht, sein Einfluß also verringert werden. Die Bundesfürsten, die in den Einzelschriften kaum eine Rolle spielten, wären als Mitglieder eines Oberhauses nur noch adlige Volksvertreter, nicht mehr jedoch regierende Staatsoberhäupter gewesen. Dadurch hätten die Bundesstaaten ihre verfassungsmäßig garantierte Eigenstaatlichkeit aufgegeben. Außerdem sollte die Macht des Reichskanzlers durch die Stärkung seines Amtes als preußischer Ministeφräsident vergrößert werden, um eine einheitliche Politik im Reich wie in Preußen zu ermöglichen. Der Reichskanzler sollte Vorgesetzter nicht nur der die Reichsämter leitenden Staatssekretäre sein, sondern als Ministerpräsident auch den preußischen Ressortleitern vorstehen, die bisher das Recht zum Immediatvortrag hatten. Eine eventuelle Verantwortlichkeit des Minίsteφräsidenten dem Landtag gegenüber thematisierten die Gelehrten nicht, wenngleich sie anstrebten, daß der Kanzler fortan dem Reichstag verantwortlich sein sollte.'" Die Implikationen dieser Forderungen sind mannigfaltig. Erstaunlich ist, mit welcher Selbstverständlichkeit das Ende des deutschen Föderalismus geplant wurde. Die Zentralisierung sollte mit einer symbolischen Stärkung des Kaisertums und einer faktischen Stärkung der Reichsregierung einhergehen. Llanques erstaunlicher Hinweis darauf, daß die „Beibehaltung der Monarchie ... nicht tiberraschen" dürfe,"^ zeigt, daß der Begriff der „Demokratiedebatte", mit dem er die politische Auseinandersetzung der Intellektuellen im Weltkrieg kennzeichnet, das Mißverständnis impliziert, die Befìlrworter einer Demokratisierung wären zugleich gegen die monarchistische Staatsform gewesen. Die gesamte Argumentation der Konstitutionalisten zeigt aber, daß sie die Monarchie als Staatsform nicht in Frage stellten, und daß ihr Volksstaatskonzept - um eine ironische Formulierung der Revolutionszeit von 1848 aufzugreifen - der Vorstellung von einer „,Republik mit einem erblichen' statt einem ,wählbaren' Präsidenten, ,d. h. einem König ohne Eigenschaften'" entsprach."^ Der geforderte „wahre Konstitutionalismus" sollte den Kaiser zum „erste[n] Diener" des Staates machen, zum „gekrönte[n] Vertrauensmann der Nation". Insofern sah Anschütz die kilnftige Stellung des Kaisers quasi-plebiszitär legitimiert, als „Kaisertum auf demokratischer Grundlage"."^ Eine genaue Kompetenzzuweisung in bezug auf Kaiser, Regierung und Reichstag sowie eine genaue Klärung ihres institutionellen Zusammenspiels unterblieben jedoch. Welchen Kompetenzbereich die „im Kaiser gipfelnde", aber „dem Reichstage verantwortliche" 110

Böckenförde, Emst-Wolfgang (Hg.): Moderne deutsche Verfessungsgeschichle (1815-1918). Köln 1972; Rauh, Manfred: Föderalismus und Parlamentarismus im wilhelminischen Reich. Düsseldorf 1973, S. 3761,91-120; Ullmann, Kaisarcich, S. 31-41. III Anschütz, Staatsrcformen, S. 50fiF. Max Weber, Bismarcks Außenpolitik, forderte eine stariœ Stellung der politischen Reichsleitung, indan ет klarstellte: Die „Armee führt Krieg - Friedai schließt die Politik" (S.37). 112 Llanque, S. 64. 113 So hatte sich Rudolf Virchow geäußert, zit in: Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. II: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen .Deutschen Doppelrevolution 1815-1845/ 49. München'1996,8.749. IM Anschütz, Staatsreformen, S. 50C

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Reichsregierung haben sollte, legte Anschütz nicht dar, ebensowenig die Befugnisse des Kaisers. Außerdem führten weder er noch seine Kollegen aus, wie der Kaiser die Funktion als Staatsoberhaupt mit seiner Stellung als preußischer König vereinbaren konnte. In der Stärkung der konstitutionellen Staatsidee erblickten sie den Abbau obrigkeitlicher Strukturen. Der Konstitutionalismus verhieß die Partizipation des ganzen Volkes an den Regierungsgeschäften, indem er dem Reichstag die Rolle eines politischen Machtzentrums zusprach. Die Diffusionschance dieser Idee war jedoch aufgrund der impliziten Forderung nach einer ,Parlamentarisierung' äußerst gering. Das Dilemma der Konstitutionalisten bestand darin, eine Parlamentarisierung des Reiches anzustreben, ohne diese öffentlich fordern zu können. Schließlich ist die Konkurrenz der koφorativen Ordnungsidee zu berücksichtigen sowie die publizistische Dominanz der Korporativisten, die mit den deutschen „Ideen von 1914" eine integrale Zukunftsvision verkündeten.

3.2.2

Die „Ideen von 1914"

Der weitaus überwiegende Teil der Gelehrten sowohl der Delbrück- als auch der SeebergSchäfer-Gruppe vertrat in der ersten Kriegshälfte - jenseits aller politischen Unterschiede und aller Differenzen in der Kriegszielfrage - eine кофога11уе Ordnungsidee. Als Кофогаtivismus bezeichnet man das Bestreben, den Staat durch die Schaffung von berufsständischen КОфегзсЬапеп und eine ,totale' Staatsorganisation zu erneuern."^ Das Ziel der hier als Koφorativisten bezeichneten Gelehrten bestand darin, einen Verfassungstyp zu entwickeln, der sich vom westlich-demokratischen wie vom östlich-absolutistischen Staatssystem unterschied und dem .deutschen Wesen' entsprechen sollte. Die Trägergruppe dieser Ordnungsidee setzte sich in ihrem Kem aus 29 Gelehrten zusammen, die in bezug auf ihre Fachrichtung, ihre universitäre Zugehörigkeit und ihre wissenschaftliche Bedeutung im akademischen Feld ganz unterschiedlich positioniert waren. Zu ihnen gehörten Nationalökonomen und Soziologen wie Jaffé, Oppenheimer, Plenge, Sering, Sombart, Tönnies, Teschemacher und Alfred Weber, die Philosophen Hermann Cohen, Eucken, Ка1оф, Riehl, Scheler, Simmel, und Troeltsch, die Theologen v. Hamack, Deißmann, Lasson, Rolfls und Seeberg, der Altphilologe v. Wilamowitz-Moellendorff, der Germanist Roethe, die Juristen v. Gierke, Kahl, und Kipp, die Historiker Meinecke, Oncken und Schäfer sowie der schwedische Staatswissenschaftler Rudolf Kjellén, um nur einige Repräsentanten aufzuzählen. Von den genannten 29 Gelehrten können 10 als Außenseiter im akademischen Feld bezeichnet werden: Kjellén, seit 1901 Professor für Staatslehre und Statistik an der Universität Göteborg und Vertreter des „Professorenkonservatismus" im schwedischen Parlament, Plenge, der 1913 an die erst seit der Jahrhundertwende zur Volluniversität ausgebaute Westfälische Wilhelms-Universität in Münster berufen worden war, Jaffé, seit 1910 an der Münchener Handelshochschule, Sombart, der Berliner Handelshochschulprofessor, der im letzten Kriegsjahr auf Schmollers Lehrstuhl an die Berliner Universität berufen werden sollte, Cohen, der Marburger Neukantianer, der seit 1912 an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, und Simmel, der seit 1914 an der Straßburger Universität lehrte. Teschemacher und Oppenheimer waren Privatdozenten, Rolffs und Scheler Privatgelehrte. Die 115

Reinhard, Staatsgewalt, S. 470.

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Hälfte von ihnen - Oppenheimer, Cohen, Simmel, Jaffé und Scheler - entstammte deutschjüdischen Familien. Dies verdeutlicht, daß das deutsch-jüdische Bürgertum m der Tat nicht nur linksliberalen Vorstellungen verhaftet war, sondern das gesamte ideenpolitische Spektrum abdeckte.'" Die Außenseiteφosition Plenges, der die korporative Leitidee entwickelte, bezog sich vor allem auf die Rezeption seiner Werke sowie auf seine persönlichen Kontakte. Zwar war er mit Unterstützung Max Webers und Delbrücks nach Münster berufen worden, aber seine streitbare Persönlichkeit hatte ihn zum Einzelgänger gemacht, der sich mit vielen seiner Assistenten, zahkeichen Kollegen sowie seinem akademischen Lehrer Karl Bücher überwarf'" Zudem lag die Münsteraner Universität an der akademischen Peripherie. Eine nationale Bedeutung als „Intellektueller" erlangte Plenge erst durch seine publizistische Aktivität im Kriege. Demgegenüber уегк0фег1е Troeltsch, der seit 1915 an der Berliner Universität lehrte, den klassischen „Gelehrtenpolitiker". Wie er zählten auch v. Hamack, Seeberg, Meinecke und v. Wilamowitz zum akademischen Establishment der Reichshauptstadt. Es ist zu beachten, daß sich nicht alle Korporativisten gleichermaßen ausftlhrlich über die vorgestellte Zukunftsgemeinschaft äußerten und daß es in bezug auf die verfassungs- und wirtschaftspolitischen Verhaltensgebote zum Teil große Differenzen zwischen ihnen gab. Die Hauptvertreter der „Ideen von 1914" waren - ungeachtet aller inhaltlichen Unterschiede - Plenge und Troeltsch. Im Maiheft der „Neuen Rundschau" erschien Troeltschs Aufsatz über die „Ideen von 1914", eine schriftliche Fassung seiner Rede vor der „Deutschen Gesellschaft 1914" vom 20. März 1916."' Für die Gesellschaft hatte die Rede „quasiprogrammatischen Charakter", und Troeltsch erntete .„enthusiastischen Beifall"'."' Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Plenge, dessen Buch „1789 und 1914" etwa zur selben Zeit erschien, mit Abstand am ausfllhrlichsten zu dieser Ordnungsvorstellung geäußert.'^" Das Frühjahr 1916 markierte den Abschluß der Entstehungsphase der koφorativen Ordnungsidee. Die 1916 erschienenen Schriften von Troeltsch und Plenge repräsentierten nicht nur eine umfassende, gleichsam abschließende Definition der „Ideen", sondern stellten zugleich auch deren erste und einzige systematische Darstellung durch Gelehrte im Kriege dar.'^' In bezug auf die Frage nach dem Urheber der Formel von den „Ideen von 1914" ist die Forschungslage überraschend diffus. Während Verhey und Flasch - wie vor ihnen Fischer davon ausgehen, daß der Ausdruck von Kjellén s t a m m t , s c h r e i b t Krüger, Kjellén habe

116 Sieg, Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg, S. 1 IfiF. 117 Schildt, S. 524fiF.; Töpner, Gelehrte, S. 82-88, sowie Krüger, Nationalökonomen, S. 22fif., 124fiF. IIS

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Troeltsch, Emst: ,X)ie Ideen von 1914. Rede, gehalten in der .Deutschen Gesellschaft 1914"', in: DNR 27. 1916. S. 605-624. und in: ders., Deutscher Geist und Westeuropa, S. 31-58. Krüger. Nationalökonomen. S. 203,607/Anm., 202f. Plenge, Krieg 1, ders., Krieg 2. ders.. Kriegsvorlesung, ders.. 1789 und 1914. Die symbolischen Jahne in der Geschichte des politischen Geistes. Berlin 1916. Die letzte Darstellung der .Jdeen" unter Bezugnahme auf Plenge. Kjellén und Troeltsch erfolgte im Januar 1917 durch den Dichter Hermann Bahn ,;deen von 1914". in: HL 14.19W17. Bd. 1. S. 431-448. Verhey, Spirit, S. 298, schreibt, die Formel sei von Plenge aufgegriffen worden. In: das., Geist von 1914, S. 221fiF., geht er auf die Entstehung nicht ein. Flasch, Mobilmachung, S. 282, schreibt, die Thesen Plenges und Sombarls hätten durch Kjellén Unterstützung erhalten, der 1915 das ..Stichwort" der .Jdeen von 1914" geliefiathabe. Vgl. auch Fischer, Weltmacht, S. 132/Anm. 3.

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„die Parole Sombarts aufgenommen".'^' Dagegen äußern Ringer, v. See und Schildt, Kjellén habe sie von Plenge übernommen und verbreitet.'^* Ähnlich Llanque, der jedoch bemerkt, Plenge habe die „Chiffre der .Ideen von 1914' ... fortentwickelt".'^^ Hermann Lübbe und Helmut Fries legen sich nicht fest und gehen auf die Urheberschaft nicht näher ein.'^' Lübbe stellt fest, daß die Formel „bald die Publizität einer Parole" hatte und „mannigfache Verwendung" fand. Er erwähnt beispielhaft Troeltsch, Kjellén und Plenge und bezeichnet die „Formulierung der .Ideen von 1914'" als den „Beitrag der deutschen Philosophie zum Ersten W e l t k r i e g " . A u c h Mommsen läßt die Frage nach der Urheberschaft offen, indem er schreibt, das Ideologiegebäude sei „von den Zeitgenossen, Formulierungen von Johann Plenge, Ernst Troeltsch und dem schwedischen Politikwissenschaftler Johann [sie] Rudolf Kjellén aufgreifend, als ,Die Ideen von 1914' bezeichnet" worden.'^' Nipperdey weicht einer Entscheidung aus, indem er feststellt, Plenge und Kjellén hätten die Formel erfimden.'^' Während Schwabe notiert, daß Plenges Buch „unabhängig von Kjeliéns Arbeiten erschienen" sei,"" inteφretiert Hans Maier unter Berufìmg auf Erdmann die Formel als „möglicherweise" von Plenge geprägt, von Kjellén aber allgemein bekannt gemacht.'" Nach Rolf Peter Sieferle habe „vermutlich" Plenge die Formel zuerst genutzt.''^ Die Unklarheit in bezug auf die Urheberschaft läßt sich jedoch, gestützt auf die Quellen, leicht beseitigen. So sprach Troeltsch in seiner Rede über „Die Ideen von 1914" davon, daß Kjellén die Formel von Plenge übernommen habe.''' Auch Plenge selbst wies darauf hin, daß er der Urheber der Formel sei und Kjellén sie von ihm übernommen habe."* Und Kjellén - dies wurde in der Forschung bislang ebenso unberücksichtigt gelassen wie die Aussage Plenges - schreibt in der Einleitung zu seiner Flugschrift, er beziehe sich auf Sombarts „Händler und Helden" sowie auf Plenges „Krieg und die Volkswirtschaft", zwei Schriften,

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Krüger, Nationalökonomen, S. 194. Einige Seiten später zitiert er Jedoch Hermann Bahr, der schrieb, Plenges Ideen seien erst durch Kjellén, dann durch Troeltsch und später auch durch Zeitungen aufgenommen worden (Vgl. ebd.. S. 203). Ringer, Mandarine, S. 170; v. See. 1789 und 1914, S. 111; Sdüldt, S. 523,532. Auch Joas, Sozialwissenschaften, weist daraufhin, daß Plenge der Urheber der Fomiel ist Vgl. auch vom Brocke, S. 704f. Llanque, S. 35. Lübbe, Philosophie, S. 173-238; Fries. S. 206-220. Er sagt, Plenge sei ..einer der Begrtlnda" der Ideen (S.209). Ebd.. S. 173/Anm. 1.178. Mommsen. Geist, S. 410 α ebd^Anm. 3 (Kjeliéns erster Vorname lautet korrekt: Johan; vgl. Svenska män ock kvinnor. Biografisk uppslagsbok. Bd. 4. Stockholm 1948, S. 254). In: ders., Weltmachtstrebai, S. 840f. geht Mommsen auf Entstehung und Urheber ausführlicher ein und bezeidinet Plenge als denjenigen. der das ..Stichwoit filr die .Ideen von 1914' lieferte" (S. 840). Nipperdey, DG II. S. 779. Schwabe. Wissenschaft, S. 209/Anm. 251.

Maier, S. 525ГУАпт. 3. Erdmann. Weltkrieg, S. 148-158,154, stellt fest. Plenge habe die Fomiel geprägt, spricht aberfâlschlicherweisevom „Staatsrechtslehrer Johannes Plenge" und erwähnt Kjellén nicht Sieferle. Ideen, S. 148. Troeltsch. Ideen, S. 33. "" Plenge. 1789 und 1914. S. 4. Vgl. auch seine Briefe an Troeltsch vom 28.3.1916 und an Kjellén vom 8.11. (o. J.; 1915 ?) in: ÜBE, NL Plenge.

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die seine „besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen" hätten.'" Die Erscheinungsdaten bestätigen die Urheberschaft Plenges. Seine und Sombarts Abhandlungen erschienen Anfang, Kjelléns Flugschrift Ende 1915."® Insofern können die „Ideen von 1914" auch nicht, wie vom Brocke schreibt, zwar von Plenge geprägt und von Kjellén verbreitet, durch Sombarts Buch „Händler und Helden" aber „radikalisiert" worden sein."' Die „Ideen von 1914" statt der „Ideen von 1789" In seiner Beschreibung des Verhältnisses der „Ideen von 1914" zur Religion unterstrich Plenge den Erlösungscharakter der korporativen Ordnungsvorstellung. Er bezeichnete die „Ideen von 1914" als „Diesseitsideen", die eine „hohe Entsprechung" zum Christentum aufwiesen. Das zeige sich in der Verheißung, dem Individuum „einen sicheren objektiven Halt in einem größeren Sein" zu geben, sowie in den Verhaltensgeboten: Die „Organisation" der zentrale Wert der „Ideen von 1914" - bedeute „Einordnung" und „Selbstbeschränkung" des einzelnen. Plenge erkannte eine Analogie zwischen der von den „Ideen von 1914" verкОфеЛеп Gemeinschaft der gesamten Nation und der christlichen „Gemeinschaft der Gläubigen". Das Christentum kenne „nicht nur Freiheit, sondern auch die Bestimmung-, nicht nur die Gleichheit, sondern auch die Ungleichheit in Gnade und Heiligkeit..., nicht nur die Brüderlichkeit, sondern auch die Jüngerschaft, die sich dem Führer willig unterordnet". Zwar könne man auch in den „Ideen von 1789" eine Analogie zu den christlichen Werten erblicken, aber aufgrund des Organisationsgedankens, der dem der christlichen Einordnung entspreche, konstatierte Plenge eine höhere theoretische Entsprechung des Christentums mit den „Ideen von 1914" als mit jenen von 1789."' Diese bedeutete nicht nur die religiöse Überhöhung der Ordnungsidee des Koφorativismus, sondern auch die Festschreibung ihrer Überlegenheit gegenüber den „Ideen von 1789". Auf diese bereits seit dem 19. Jahrhundert negativ konnotierte Formel griff Plenge Anfang 1915 zurück, als er die „Ideen von 1914" entfaltete. Die im kollektiven Gedächmis vieler Gelehrten mit den negativen kulturellen Einflüssen Westeuropas und dem Beginn des kapitalistisch-individualistischen Zeitalters assoziierten Ideen von 1789 wurden von den Koφorativisten scharf kritisiert: Sombart bezeichnete die Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als „echte und rechte Händlerideale"."' Andere verwarfen sie als bloße Äußerlichkeit.''"' Den Weltkrieg beschrieb Kjel-

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Kjellén, Rudolf: Die Ideen von 1914. Eine weltgeschichtliche Perspektive. Leipzig 1915, S. 5. Vgl. auch die Konespondenz Kjellén - Plenge; Postkarten an Plenge vom 22.2.1915; 29.12.1915 und 31.5.1916, in: UBB,NL Plenge. Plenges Vorwort in ,Х>ет Krieg und die Volkswirtschaft" datiert vom 27.1.1915, Sombarts Vorwort in ,Jiändler und Helden" vom ,^iebten Kriegsmonaf', also Febmar 1915. Kjelléns Vorwort datiert vom 3.9.1915, das vazeichnete Ausgabedatum vom 4.11.1915. vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 705. Plenge, 1789 und 1914, S. 148, 1520". Indem er schrieb, sowohl das Christentum als auch die ,Jdeai von 1914" würden auf dai „Widerstand des widaspenstigen Individuums" stoßen, machte er die Kritik an seinen Ideen zum Sakrileg (S. 154). Sombart, Händler und Helden, S. 113. JaflFé, Aitieiterinteressen, S. 99; ders., Geist, S. 9f ; Tönnies, Sozialpolitik, S. 148fiF.; Weber, A , Sendung, S. 107.

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lén als „Kampf zwischen 1789 und 1914; ersteres vertreten durch Frankreich-England, letzteres durch Deutschland".''" Aufgrund solcher und ähnlicher Aussagen hat sich in der Forschung die Ansicht festgesetzt, die „Ideen von 1914" seien als Antithese zu den „Ideen von 1789" konstruiert worden. Die Antithetik hätte die Kriegsschriften sogar „bis in die Titel hinein"'^^ beherrscht. Diese Deutung beruht allerdings darauf, daß bestimmte Passagen in zentralen Quellen mißverstanden wurden. So zitiert Jeismann aus Plenges Buch „1789 und 1914", in dem dieser die „Revolution des Aufbaus" von 1914 mit der „Revolution der zerstörenden Befreiung" von 1789 kontrastiert und es heißt, die Franzosen „,haben ... die Freiheit überrumpelt, wir erarbeiten sie"'.'"" Mit diesem letzten Zitat gibt Jeismann jedoch nicht Plenge, sondern den im Anhang von Plenges Buch abgedruckten kritisch-ironischen Leitartikel aus der „Frankfurter Zeitung" wieder, dem Plenge mit scharfen Worten widersprach.*'" Einem ähnlichen Mißverständnis unterliegt Mommsen, der sich auf Sombarts in dem Leitartikel zitierte Äußerungen stützt, wenn er schreibt, Plenge habe die ,„Händlerideale'" durch die „Ideen von 1914" überwinden w o l l e n . D a g e g e n glaubt v. See, sich auf Kjellén zu berufen, um die Antithetik der „Ideen von 1914" zu den „,Händlerideale[n]'" zu beweisen,''" obwohl Kjellén Sombart explizit zitiert. Aber auch ohne solche Mißverständnisse wird in der Forschung - abgesehen von wenigen Autoren''*^ - grundsätzlich von einem „Gegensatz"''" beider Ideen ausgegangen. Nach Lübbe handelt es sich sogar um einen „weltgeschichtliche[n] Kontrapunkt".'*' Den bisherigen Deutungen hat möglicherweise Kjelléns Feststellung Vorschub geleistet, „1914" verhalte sich zu 1789 „wie Synthese zu Antithese". Für ihn aber war „1789" - der revolutionäre Beginn der demokratisch-kapitalistischen Ordnung - die Antithese zum .„ancien régime'", das als altständisch-feudale Ordnung die These darstellte. „1914" repräsentierte die „Synthese".'^" Kjellén betonte zudem, daß „niemand" die Werte von 1789 „als durch und durch falsch verurteilen will" und gestand ihnen einen zeitlosen „Wahrheitskem" zu.'" Es handelte sich bei den „Ideen von 1914" nicht um einen „kontradiktorischen", sonni Kjellén, Ideen, S. 6. 142 Fries, Katharsis 1, S. 218ί7Αηπι. 303. Er bezieht sich auf Plenges Buch „1789 und 1914", obwohl gerade in diesem der Synthesecharakter der ,Jdeen von 1914" dargelegt wird. 143 Jeismann, Vaterland, S. 322/Anm. 58. 144 Plenge, 1789 und 1914, S. 3fif., und FZ-Aitikel vom 24.12.1915, in: ebd., S. 171-175, Zitat S. 171. Mommsen, Geist, S. 414f, und ders., Weltmachtstreben, S. 841. Hier handelt es sich um die Worte Sombarts, welche in jenem Leitartikel zitiert wurden, vgl. Mommsen, Geist, S. 415; FZ-Artikel, S. 171, und Sombart, Händler und Helden, S. 113. In Mommsen, Weltmachtstreben, S. 877, erwähnt Mommsen zwar den Artikel - ohne Jedoch näher darauf einzugehen - , unterliegt aber einigen Seiten zuvor (S. 841) demselben Mißverständnis. 146 V.See, 1789 und 1914, S. ll2unddieAnm. hierzu auf S. 131£ 147 Schildt, S. 532f.; Rümp, Geist, S. 15£, 20f ; ders., Ideen, S. 136. Vgl. auch Becker, Sozialismus, S. 239ff. I4S vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 706; Sombait Geist, S. 118; Flasch, Mobilmachung, S. 280; Nolte, Ordnung, S. 69. 149 Lübbe, Philosophie, S. 208. 150 Kjellén, Ideen, S. 43; Zitate ebd. Vgl. auch ebd., S. 29,43, und Plenge, 1789 und 1914, S. 41,139-143. 151 Kjellén, Ideen, S. 29. An anderer Stelle sagte er, sie seien ,Jialbe Wahrheiten", deren andere Hälfte jetzt zum Zuge käme (S. 38). Plenge, 1789 und 1914, S. 142, schrieb sogar: „Wäre 1789 nie gewesen, so wären 1914 die Gedanken von 1789 neu entstanden: Freiheit! Gleichheit! Brilderlichkeit!".

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dem um einen „konträren Gegensatz zu 1789" oder, so Plenge in Anlehnung an Hegel, um einen „dialektischen" bzw. einen „Entwicklungsgegensatz".Zwar hatten die „Ideen von 1789" für die Gelehrten keinen positiven Bedeutungsinhalt, aber ihre historische Kulturbedeutung wurde ihnen nicht abgesprochen. Sie wurden im Sinne der Hegeischen , ^ u f h e bung" als „Synthese" formuliert. Die Antithetik-These der bisherigen Forschung muß daher revidiert werden. .Aufhebung' bedeutet zugleich zerstören, bewahren und erhöhen: auf höherer Ebene werden Gegensätze überwunden. Es handelt sich um jene Logik der Negation, die das Negierte zugleich reflektiert und dessen positive Elemente übernimmt. Der Versuch der „Synthese" aus „1789" und „1914" bedingte einen negativen Kulturtransfer, da er zu einer Umdeutung der Schlüsselbegriffe der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - führte. Dieser Wertetrias wollten die Korporativisten neue deutsche Gegenwerte entgegenstellen. Dieser Anspruch macht deutlich, daß sie sich als Avantgarde der historischen Entwicklung betrachteten. Der Krieg sei, so Plenge, ein „Kreuzzug im Dienste des Weltgeistes", in dem der „Sieg Deutschlands ... ein Segen für alle beteiligten Länder" sein w e r d e . D a das Prinzip des „Individualismus" seinen „weltgeschichtlichen Sinn verloren" habe und zusammengebrochen sei, werde auf den Sieg der deutschen Waffen der Sieg des deutschen Geistes f o l g e n . D i e „Ideen von 1914" repräsentierten diesen Geist. Sie waren gerade keine „antimodemistische Alternative",'" sondern Ausdruck subjektiven Modernitätsglaubens: „In uns", rief Plenge, „ist das zwanzigste Jahrhundert".''® Bei der Entwicklung modemer Gegenwerte galt die Aufinerksamkeit der Koφorativisten zunächst dem Begriff der „Freiheit", da dieser zum zentralen Legitimationsbegriff des Westens avancierte und in polemisierender Weise gegen Deutschland verwendet wurde. „Deutsche Freiheit" statt „Freiheit" Freiheit im westlichen Sinne wurde von den Koφorativísten mit „Willkür" und „Zügellosigkeit" gleichgesetzt, die nichts als „Überdruß und Ekel und innerliche Selbstauflösung" hervorrufe. Das Leben blühe dagegen dort, „wo die wahre Freiheit braust, in der Sollen und Wollen unter einem großen Gedanken eins sind"."' Die Koφorativisten monierten das Fehlen jeglicher Ordnung. Für Kjellén war „Ordnung" deshalb „die erste Idee von 1914", welche die zur völligen Ungebundenheit „entartete Freiheit von 1789" ablösen sollte.'" Auch Plenge kontrastierte die zügellose Freiheit mit der deutschen Ordnungsvorstellung, die nicht nur Freiheit ermögliche, sondem zugleich „Eingliederung, Bindung, Zwang und Gehorsam" verlange. Nicht das „freie Zusammenspiel der Kräfte", sondem der „freie Zusammenschluß der Kräfte" sei entscheidend. Die Devise der Koφorativisten lautete: „Freiheit der Ordnung

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Kjellén, Ideen, S. 29,43ff.; Plenge, Krieg, S. 173f, 189ff., 254; ders., 1789 und 1914, S. 15f., 3044,139fiF. Plenge, Krieg 1 , 8 . 2 0 0 « Plenge, Krieg 1,S. 191,193. So auch Lasson, Deutsche Art, S. 108,112,115-120,145f Mommsen, Geist, S. 420. Plenge, Krieg 1,8.202. Hamack, Was wir schon, S. 156. Kjellén, Ideen, S. 30-34. Daß richtig verstandene Freiheit und Ordnung keine Gegensätze seien, betonte auch Hirschfeld, S. 31.

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gegen Freiheit der Willkür".'^' Es war die Vereinigung von „Gehorsam und Selbständigkeit", die von ihnen als „Deutsche Freiheit" bezeichnet wurde. „Für freie Männer", so Jaífé, sei „das Korrelat des Dienstes: Herrschaft, und dasjenige der Herrschaft: Dienst".'^ Der Gedanke überindividueller Bindung wurzelte im protestantischen Staatsverständnis und hatte seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die deutsche Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution bestimmt. Es herrschte die Überzeugung vor, daß Freiheit, um erträglich bleiben und von Dauer sein zu können, organisiert - und das heißt auch: beschränkt - werden müsse.'" Die Verknüpfimg von Freiheit und Bindung läßt sich daher weder als ,falsche Ideologisierung' deuten noch als Verbrämung von „Unfreiheit".'" Sie repräsentierte vielmehr eine eigenständige Freiheitsvorstellung.'" Die Idee einer „deutschen Freiheit" wurde von Troeltsch aus einer „selbständigen und bewußten Bejahung des überindividuellen Gemeingeistes" und der „Freiheit einer freiwilligen Veφflichtetheit für das Ganze" abgeleitet. Diese Freiheit zeigte sich weniger in parlamentarischer Mitbestinrunung, als vielmehr in den Selbstverwaltungsinstitutionen und den freien Organisationen."^ Die „Ideen von 1914" verbanden nach Troeltsch auf eine andere Art als die von 1789 das Streben nach „Freiheit und Würde, Gehalt und Lebenstiefe der Person", denn sie hafteten am Volksganzen. Das „Wesen der deutschen Freiheitsidee" lag nicht in der „formale[n] Freiheit gleichmäßig aller Individuen", sondern in der Freiheit des Individuums zur persönlichen Bindung.''^ Der Bindungsgedanke entsprach nach damaliger Auffassung der Erfahrung, daß es völlige Freiheit nicht gab, das Individuum viehnehr von Geburt an in unterschiedliche personelle Konstellationen und soziale Rahmenbedingungen eingebunden war. Gerade diese empirische Plausibilität stärkte die Überzeugungskraft der „deutschen" Freiheitsvorstellung: Wenn sich jedes Individuum zwangsläufig einbinden und in übergeordnete Strukturen einordnen mußte, sprach ftlr die „Deutsche" Freiheitsauffassung, daß die Verpflichtung dem übergeordneten Ganzen gegenüber nicht autoritär erzwungen zu werden brauchte, sondern der iimeren Überzeugung des Individuums entsprang. Die freiwillige Akzeptanz der sozialen Bindungen befreite das Individuum nach Ansicht der Korporativisten aus dem Konflikt zwischen - illusorischer - Freiheit und - notwendiger - Unterordnung. Gerade in diesem Aspekt, der den Synthesecharakter der deutschen Freiheitsvorstellung verdeutlicht, zeigt sich die angestrebte Aufhebung der „Ideen von 1789" durch jene von „1914". Damit schien die Idee der „Deutschen Freiheit" das ideale Deutungsangebot zur Überwindung der krisenhaf159

Plenge, 1789 und 1914, S. 87, 90, 141; ders., Krieg 1, S. 100, 134-141, 171-174, 189flf:, 206 (Zitate S. 135). Vgl. auch Roethc, Wir Deutschen, S. 35; Lassen, Deutsche Art, S. 128. 160 Kjellén, Ideen, S. 30-34; Plenge, Krieg 2, S. 206; ders., 1789 und 1914, S. 89fiF. Vgl. auch Jaflfé, Geist, S. 10 sowie u. a Roethe, Wir Deutschen, S. 34f.; Lasson, Deutsche Art, S. 122-129,142; Sombart, Händler und Helden, S. 51-%; Troeltsch, Ideen, S. 48,50. 161 Klippel, Diethelm: ,X)er politische Freiheitsbegriff im modemen Naturrecht", in: GGr 1, S. 483ff., und Dipper, Freiheitsbegriff im 19. Jahrhundert, S. 526f. Zur Abgrenzung von 1789 nach do" Reichsgründung vgl. Mommsen, Freiheit, S. 44ffi 162 So zuletzt Beßlidi, Kultuikrieg, S. 109. 163 Hier folge ich Grai Ganzheit, S. 460. Troeltsch, Ideen, S. 617ff., und ders. Wesen, des Deutschen, S. 28. Tönnies verstand unter .freiheif im wesentlichen die Koalitions- und Assoziationsfieiheit der Arbeiter, Tönnies, Sozialpolitik, S. 150ff. 165 Troeltsch, Ideen, S. 6I7ff.; ders. Wesen, des Deutschen, S. 28. Vgl. auch Natoφ, Wiedergeburt, S.201; Gierke, Krieg und Kultur, S. 96.

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ten Desintegration nicht nur der deutschen Kriegsgesellschaft, sondern modemer Gesellschaften überhaupt zu sein. Eng verbunden mit dieser Freiheitsauffassung war eine spezifische deutsche Gleichheitsvorstellung. „ Kameradschaft " statt „ Gleichheit " Der westliche Gleichheitsgedanke vmrde von den Korporativisten als Gleichmacherei abgelehnt. Kjellén erblickte in ihm „die Konzentration der Menschheit um einen Durchschnitt". Solch „oberflächliche Gleichheit", die negiere, daß der Wert des Menschen sich nach seiner Bedeutung für das Ganze bemesse, sollte durch eine neue, organische Gleichheitsauffassung überwunden werden."® Diese erblickten die Koφorativisten in der militärischen „Kameradschaftlichkeit","' galt Deutschlands .Jierrliches Heer","' so v. Hamack, doch als gesellschaftliches Vorbild. Es verköφerte nach Meinung des prominenten Berliner Kirchenhistorikers die deutschen Tugenden in geradezu idealer Weise, werde doch in ihm „ebenso zu gehorchen wie zu befehlen gelehrt". In der im Krieg empfundenen Berufung, „fürs Vaterland und für jeden Mitbruder das Beste zu tun", seien alle gleich.'" Ähnlich äußerte sich Cohen, der die „Wehrverfassung" - die Grundlage des deutschen Heerwesens - pries, indem er feststellte, schon die allgemeine Wehrpflicht habe die Deutschen „gleich gemacht als Kämpfer für das Vaterland".'™ Der durch die militärische Dienstpflicht geformte „wahre, herzbewegende Geist der Gleichheit" war nach Ansicht der Koφorativisten im Krieg besonders deutlich zutage getreten.'" Der vom Bundesverfassungsgericht noch 1974 formulierten Grundüberzeugung, daß die Wehφflicht „,Ausdruck des allgemeinen Gleichheitsgedankens'" sei,''^ entsprach im Ersten Weltkrieg die Verklärung des Militärischen. Der Soldat repräsentierte für viele Gelehrten die Symbiose von Individuum und Gemeinschaft, verband doch der Geist der Kameradschaft ihrer Meinung nach die Pflichten und die Verantwortung der Herrschenden mit den legitimen Rechten der Untergebenen.'" Die Abneigung gegen den westlichen Gleichheitsbegriff beruhte auf der deutschen Rezeption der Französischen Revolution. Hatte das Bürgertum im Gleichheitspostulat seither eine politische und gesellschaftliche Gefahr erblickt, war im Vormärz nur das gleiche Wahlrecht als wichtigste Gleichheitsforderung genannt worden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde „Gleichheit" immer mehr zur pejorativen Charakterisierung des sogenannten Mass e n z e i t a l t e r s . N a c h Kriegsbeginn zum deutschen Pendant des westlichen Gleichheitsbegriffs avanciert, repräsentierte „Kameradschaft" als Synonym für die „Gleichheit des Dien166

Kjellén, Ideen, S. 35ff. Hamack, Was wir schon, S. 158. Vgl. auch Plenge, 1789 und 1914, S. 142. Hamack, Was wir schon, S. 157. Ebd., S. 158f. 170 Cohen, H., Deutschtum und Judentum, S. 42. 171 Hamack, Was wir schon, S. 158. BVerffjE 38, S. 154 (167), zit in Stem, Klaus: Das Staatsrecht der Bundesrepublik Deutschland, Bd. Π. München 1980,8.882. Simmel, Wandlung, S. 2fF. Vgl. auch Wilamowitz, Krieges Anfeng, S. 5f Kanraadschaft bedeutäe, daß alle Individuen zusammengehören und daß Pflicht Ordnung, Disziplin und Opferbereitschaft, aber auch Vertrauen, dienstgradunabhängig, gegenseitig und im gleichen Maße verlangt werden konnten. 174 „Gleichheit", in: GGr 1, S. 997-1046, hierS. 1018£, lOBSffi, 1044flf.

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stes" (Plenge, Seeberg) eine einträchtige Zusammenarbeit der Volksgenossen ohne Änderung der sozialen Hierarchie und wurde zum eigentlichen Verhaltensgebot an Front und Heimatfront stilisiert. Da das gemeinsame Ziel das Wohl des Vaterlandes sei, sollte Jeder an seinem Platz' mitarbeiten und mitbestimmen dürfen.'" Klang „Gleichheit" abstrakt und nach Vereinheitlichung, symbolisierte der Begriff Kameradschaft eine „,Ordnung unter Ungleichen'",'^* die vorstellbar und konkret schien. Von natürlicher Ungleichheit ausgehend, erblickten viele Gelehrte in einer koφorativen Staatsordnung das Abbild der natürlichen Ordnung, in der alles organisch zusammenhing. Ihnen, die in der Regel ,gedient' hatten, galt kameradschaftlicher Zusammenhalt als Garant kollektiver Bindung. Kameradschaft, so glaubten sie, werde innenpolitische Harmonie gewährleisten, weil die ungleichen Menschen entsprechend ihren Fähigkeiten zum Wohle des Ganzen eingesetzt würden."^ Waren militärische Dienstgradgruppen ftir die Korporativisten ein Äquivalent zu berufsständischen Körperschaften, entsprach „Kameradschaft" sowohl ihrem sozialen Stufendenken als auch ihrer Überzeugung, Antagonismen in einer höheren Einheit, einer umfassenden Organisation aufheben zu können. Die Anhänger des Korporativismus, welche das Heer als Musterbeispiel einer „organischen" Einheit ansahen, wollten Wirtschaft und Staat zu einer solchen umgestalten."* Voraussetzimg daftlr war eine höhere Form von Brüderlichkeit, von ihnen „Sozialismus" genannt. „ Nationaler Sozialismus " statt „ Brüderlichkeit " Westliche Brüderlichkeit galt den Koφorativisten als substanzlos und unwirklich. Diese „phrasenhafte ,fraternité'" kontrastierten sie mit einer „wahren" Brüderlichkeit.'^' Harnack beschwor eine substantielle Identität von „Brüderlichkeit und Einheit". Die Entbehrungen der Kriegszeit ließen die Ideen von „Opfer, Genugtuung, Stellvertretung" wieder in neuem Glänze erstrahlen und begründeten „eine neue Blutsverwandtschaft und Brüderlichkeif' zwischen den Deutschen."" Die kosmopolitische westliche Brüderlichkeit sollte durch eine nationale Zusammengehörigkeit, die „Kindschaft in einem Vaterhause" überwunden werden.'" Die „Ordnung" bedurfte nach Plenge der „Brüderlichkeit ihrer Teile, damit ein ein175

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Sombait, Händler und Helden, S. 77, schrieb, jeder solle sich gemäß seiner Fähigkeiten entwickeln. Plenge, 1789 und 1914, S. 137, betonte, man solle die jeweils unterschiedlichoi Stellungen und Aufgaben respektieren. Die Formulierung stammt von Edgar Julius Jung, ziL in: Breuer, Siefen: Ordnungen der Ungleichheit - die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945. Darmstadt 2001, S. 11. Plenge, 1789 und 1914, S. 82, 87fif., 141, 144f.; ders., Krieg, S. 254. Vgl. auch Hamack, Was wir schon, S. 158f. Plenge, 1789 und 1914, S. 82,90,142,145; Seebeig, was sollen wir denn tun, S. 46; Wilamowitz, Krieges Anfeng, S. 5-9; Roethe, Wir Deutschen, S. 39; Sombart, Händler und Helden, S. 122-129; Νβίοφ, Wiedergeburt, S. 206; Tönnies, Sozialpolitik, S. 151; Weber, A , Sendung, S. 17, Troeltsch, Ideen, S. 615£; Meinecke, Friedrich: ,JDas Jahriiundert der allgemeinen Wehφflicht", in: ders., Erhebung, S. 57-63; JafFé, Arbeiterinteressen, S. 104, 109; ders. ,JDie Militarisienmg unseres Wirtschaftslebens", in: AfSS 40, 1915, S. 511-547, hier S. 51 l,522fiF. Riehl, 1813, S.207. Hamack, Was wir schon, S. 159fif. Kjellén, Ideen, S. 38.

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heitlicher Geist der Kameradschaft und Genossenschaft alle zum einheitlichen Zusammenwirken" verbinde. Hierin bestand filr ihn die „Brüderlichkeit des echten Sozialismus"."^ Dem westlichen Konkurrenzkapitalismus stellte er den „Sozialismus" als Gemeinschaftsveφflichtung entgegen und leitete aus ihr das Verhaltensgebot der individuellen Einordnung in die Gesellschaft ab.'" Insofern bedeutete „Sozialismus" die Umsetzung des Bindungsgedankens der „Deutschen Freiheit". Plenges Formel lautete: „Sozialismus gegen Individualismus".'" „Was vor uns liegt", so auch Seeberg, „wird ein großzügiger Sozialismus sein. Von diesem nationalen Sozialismus hoffen wir, daß er die mannigfachen Gefahren überwinden wird, die der Egoismus mit sich bringt". „Ein einig Volk von Brüdern" zu sein, erfordere die „Pflicht zu sozialer Gesinnung"."' Durch nationale Solidarität sollte die Verteidigungsgemeinschaft zu einer „Volksgemeinschaft" werden."® Der Begriff „Sozialismus" galt jedoch nicht nur als Synonym für die neue nationale Brüderlichkeit, sondern stand zugleich für konkrete Reformen der Wirtschaftsordnung. Plenge verstand unter Sozialismus allerdings keine Vergesellschaftung der Produktionsmittel, sondern die nationale Zusammenfassung aller Produktivkräfte. Zudem strebte er keine ausschließliche staatliche Lenkung der Wirtschaft an. Der Staat sollte nur da eingreifen, wo es notwendig oder zweckmäßig erschien.'" Nach seinen Vorstellungen sollte eine Art Gesamtorganisation entstehen, indem Wirtschaft und Verwaltung ineinander griffen und staatliche Lenkung und ökonomische Freiheiten in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stünden. Wie Plenge begrüßte auch Seeberg die Verstärkung der „staatssozialistischen Tendenzen" durch den Krieg. Um der kapitalistischen Trustbildung vorzubeugen, plädierte er für die Verstaatlichung verschiedener Schlüsselindustrien."* Andere Gelehrte gingen weiter und verlangten eine zentrale Lenkung von Produktion, Arbeitsmarkt, Preisen und Löhnen. So forderte Jaffé im Rahmen einer „halbstaatlichen" Wirtschaft weitgehende Verstaatlichungen. Sozialismus sei die Organisierung der Gesamtheit des Staates. Den „staatssozialistischen Apparat" kennzeichne eine zentrale Steuerung aller Bereiche des Wirtschaftslebens. Jaffé plädierte für die Deckung des Finanzbedarfs des Reiches durch Steuern und die Schaffung von Reichsmonopolen."' Demgegenüber vertrat Oppenheimer, der heute als Vorden-

182 Plenge, 1789 und 1914, S. 142,90. 183 Plenge, Krieg 2, S. 56,99,171f; ders., 1789 und 1914, S. 141. 184 Plenge, Krieg 2, S. 206. Vgl. auch Troeltsch, Wesen des Deutschen, S. 25. Hemiann Cohen, Deutschtum und Judentum, S. 32, bezeichnete den „politische[n] Sozialismus" sogar als Produkt einer geistigen Symbiose von Deutsch- und Judentum. 18S Seeberg, Kulturgefehren, S. 128f.; ders., Krieg und Kulturfortschritt, S. 1 lòffi; ders. Was sollen wir denn tun, S. 46f. Vom ,^lationalen Sozialismus" sprach auch Plenge, 1789 und 1914, S. 82,125. 186 Mai, Gunther: ,„Verteidigungskrieg' und ,Volksgemeinschaft'. Staatliche Selbstbehauptung, nationale Solidarität und soziale Befreiung in Deutschland in der Zeit des Ersten Weltkrieges (1900-1925)", in: Michalka, Weltkrieg, S. 583-602, hier S. 590f. 187 Plenge, 1789 und 1914, S. 16ffi, 76-82, 85-90, 122-125, 141f, 157, und ders., 1789 und 1914, S. 122ffi, 126. 188

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Verstaatlicht werden konnten seiner Meinung nach die Elektrizitätswerke, das Versicherungswesen, die „unterirdischen Bodenschätze" und die Forstwirtschaft, nicht jedoch die Landwirtschaft, vgl. Seeberg, Was sollen wir denn tun, S. 48ffi Jaffé, Albeiterinteressen, S. 112£

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ker der Sozialen Marktwirtschaft gilt, einen „liberalen Sozialismus"."" Er lehnte Monopole grundsätzlich ab, weil sie seiner Meinung nach die gemeinwirtschaftliche Funktion der Verkehrswirtschaft behinderten. Da die wirtschaftliche Konkurrenz dem Gemeinwesen zugute komme, laute die Alternative nicht: „freie Verkehrswirtschaft oder Gemeinwirtschaft, sondern Gemeinwirtschaft durch freie Verkehrswirtschaft"."' Der Kölner Handelshochschulprofessor Leopold v. Wiese betonte, daß der künftige Staatssozialismus nicht nur die ,^ußerungsform der zentralistischen Staatsomnipoten/' sein dürfe, sondern ein „der Arbeiterschaft sehr weit entgegenkommendes Wirtschaftsprinzip" darstellen müsse. Die Verbesserung der Stellung der Arbeiter wurde in vielen Schriften thematisiert. Im Rahmen der Wertschätzung kollektiver „Organisation" erfijhren die Gewerkschaften und die Parteiorganisationen der SPD eine Aufwertung. Sie wurden als Instrument zur Disziplinierung der Massen und damit als soziale Integrationsinstanzen betrachtet. Die deutsche Arbeiterbewegung galt nun als Musterbeispiel deutscher Organisation."^ Plenge bemerkte im Herbst 1915, erstaunt und erfreut zugleich, eine vor allem bei den demokratischen Parteien anzutreffende „blind fordernde Organisationsbegeisterung". Der „Organisation der Unternehmer in Kartellen, Syndikaten und Trusts" stellte Jaffé „diejenige der Arbeiter und Konsumenten in Gewerkschaften und Genossenschaften" gegenüber. Er trat für eine Neuregelung des Arbeitsverhältnisses im Sinne innerbetrieblicher Mitbestimmung ein. In den sie betreffenden Fragen sollten sich die Arbeiter künftig direkt mit den Arbeitgebern auseinandersetzen, lautete seine Forderung, die er 1916 in seinem programmatischen Aufsatz zum „Geist von 1914" im ersten Heft der von ihm mitherausgegebenen „Europäischen Staats- und Wirtschaflszeitung" aufstellte. Zwar hatte man nicht Plenge, der sich zu wenig gewürdigt fühlte, für die Mitarbeit gewinnen können, aber dafür den Vertrauten des Reichskanzlers, Kurt Riezler, der ähnliche Vorstellungen wie Jaffé besaß."' Zur Regelung der Belange der Arbeiter sollte es Arbeiterausschtksse, gemeinsame Ausschüsse und eine Schlichtungsinstanz geben. Diese Einrichtungen entsprächen, so Jaffé, einer Aufwertung der Gewerkschaftsarbeit. Damit forderte er faktisch die Tarifautonomie und entwarf das Grundkonzept eines betrieblichen Mitbestimmungssystems. Er glaubte, durch die Einrichtung eines „Beruisparlament[s]", in dem die Organisationen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern vertreten waren, nicht nur den Einfluß der Gewerkschaften zu erhöhen, sondern auch die klassenbezogenen Interessenkonflikte aus dem politischen Geschehen,

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Vogt, Bemhand: ,franz Oppenheimers Utopie des .liberalai Sozialismus' und der Porte-Kreis", in: Faber/ Holste, S. 145-155, hierS. 148f. Oppenheimer war der Doktorrater Ludwig Erhards, ebd. Oppenheimer, Franz: „Vorratswirtschafl", in: VossZ 414, 15.8.1915; ders.: Weltwirtschaft und Nationalwirtschaft. Berlin 1915, sowie ders.: „Gemeinwirtschaft", in: Hilfe 22, 1916, S. 751-753, Wiederabdrack in: ders.: Wege zur Gemeinschaft. Gesammelte Au&ätze und Reden,. Bd. I.München 1924, S. 288-297. Wiese, Leopold von: „Staatssozialismus", in: NR 27, Bd. 1,1916, S. 194-212, hier S. 202. Jaffé, Albeiterinteressen, S. 98, 103, 113; Tönnies, Sozialpolitik, S. 150f.; Troeltsch, Religionqwlitik, S. 168f.; Troeltsch, Ideen, S. 44, 48; Sombart, Handler und Helden, S. 134. Plenge, 1789 und 1914, S. 105fiE:; Oncken, Nation, S. 3. Plenge, Krieg 2,8.224. Klüger, Nationalökonomoi, S. 199.

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dem separat existierenden „poiitische[n] Parlament", heraushalten zu können."® In einer solchen Neustrukturierung des Wirtschaftslebens erblickte er eine Annäherung an die „staatssozialistische Wirtschaftsform"."' Dem Primat des Wirtschaftlichen folgte auch Tönnies, der unter „Sozialismus" den Ausgleich ökonomischer Unterschiede verstand. Er sah in der Kriegswirtschaft ein Vorbild filr die Friedenszeit. Gemäß der Devise „Gemeinnutz geht vor Eigennutz" forderte er nicht nur eine Innenpolitik im Geiste des Krieges,"' sondern auch eine Bodenreform und die Verstaatlichung von Betrieben.'" Eine Bodenreform wurde auch von Oppenheimer gefordert, der das Boden-,Monopol' als Hauptursache des sozialen Elends bezeichnete. Er plädierte daher iür die Errichtung von Siedlungsgenossenschaften,^"® eine Forderung, die er bereits vor dem Krieg erhoben hatte.^"' Außerdem forderte er eine Verbesserung der Versicherungsgesetzgebung filr die Witwen-, Waisen-, Alters- und Arbeitslosenversorgung. Für Tönnies war das Reich eine „Gesamtgenossenschaft".^"^ Wie Jaffé sah er in Gewerk- und Genossenschaften ein Gegengewicht zu den Unternehmern.^"^ „Sozialismus" als eine dem Staatswohl dienende Volkswirtschaft forderten zwar vor allem Nationalökonomen, aber auch Philosophen und Theologen wie Riehl, Natorp, Troeltsch und Seeberg plädierten filr eine Organisation der nationalen Arbeit in Verbindung mit sozialem Fortschritt. Die Sozialreformen der Kriegszeit seien, so Troeltsch, nach Kriegsende beizubehalten und auszubauen. Der neue Staat sollte eine in militärischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht zentral organisierte, korporativ gegliederte Volkseinheit werden. Der Gedanke des „Staatssozialismus" (Seeberg, Troeltsch) verband konservative und liberale Soziabeformer unter den Kor•

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porativisten. Unter Wirtschaftswissenschaftlern war der Staats- oder Kriegssozialismus allerdings umstritten. Der Frankfiirter Nationalökonom Ludwig Pohle und seine Kollegen Andreas Voigt, ebenfalls Frankfiirt, und Hans Köppe, Marburg, sahen in der Kriegswirtschaft vornehmlich eine den kriegsbedingten Sachzwängen geschuldete „staatliche Notstandspolitik großen Stils" (Köppe), aber keine Entwicklungsstufe zum Sozialismus.^"^ Es war der Heidelberger

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Jaffé, Geist, S. 10; ders. Aibeitointeressen, S. 103f, 113. Den Reichstag sah ernur noch für politische Fragen zuständig; die Wittschafispolitik sollte durch die Таг1фаг1пег autonom betrieben werden (S. 113). Vgl. auch Plenge, 1789 und 1914, S. 120f Jaffé, Militarisiemng, S. 521. Vgl. auch von Wiese, Staatssozialismus, S. 202. Bezogen auf die Sozialpolitik und die Steuei^esetzgebung, Tönnies, Sozialpolitik, S. 155,149. Ebd., S. 152f, 156f. Oppenheimer, Gemeinwirtschaft, S. 751-753. Vogt, Bernhard: ,franz Oppenheimer - Wissenschaft und Ethik des liberalen Sozialismus", in: Böhme, Günther (Hg.): Die Frankfiirter Gelehrtenrepublik. Leben, Wirken und Bedeutung Frankfiirter Wissenschaftler. Idstein 1999, S. 163-173, hier S. 168f.; ders., Utopie, S. 146ff: Tönnies, Sozialpolitik, S. 158. Ebd.,S.150flf. Seeberg, Staatssozialismus; ders.. Was sollai wir denn tun, S. 50; Troeltsch: Religionspolitik, S. 178; ders., Ideen, S. 615f. Vgl. auch Riehl, 1813, S. 208; Natoφ, Wiedergeburt, S. 198f; Meinecke, Erhebungen, S. 23; Tönnies, Sozialpolitik, S. 156. Pohle, Ludwig: , Д е deutsche Volkswirtschaft im Kriegszustand", in: Z£S, NF 6, 1915, S. 69-86, hier insbes. S. 79ff.; Voigt, Andreas: ,i:riegssozialismus und Friedenssozialismus", in: ZfS, NF 7,1916, S. 110,88-99; Köppe, Hans: Kriegswirtschaft und Sozialismus. Marburg 1915, S. 23.

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Privatdozent Emil Lederer, der mit bemerkenswerter Klarheit den Kriegssozialismus als ein sozialistisches Trompe l'oeil entlarvte. Durch die großen Vollmachten der Regierung, ihre Eingriffe in alle gesellschaftlichen Bereiche und ihr verbales Entgegenkommen gegenüber den Sozialdemokraten und Gewerkschaften werde der Eindruck vermittelt, daß der omnipotente Staat über den verschiedenen Interessen stehe, während der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit realiter bestehen bleibe.^"® Seine Kritik ähnelte der bereits im „Kommunistischen Manifest" abgelehnten Form des „konservativen" bzw. „Bourgeoissozialismus", der zur „Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse ... keineswegs die Abschaffung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse" vorsehe, sondern nur „administrative Verbesserungen".^»' Gerade im Trompe-l'oeil-Effekt lag aber die spezifisch integrative Leistung der verkündeten Sozialismen. Nicht als ökonomische Programme, sondern als Bestandteil einer gesamtgesellschaftlichen Integrationsvorstellung wirkten sie vielversprechend und erhöhten die Difíusionschance des Korporativismus. Insbesondere die durch negativen Kulturtransfer hervorgerufene positive Umdeutung des Begriffs „Sozialismus" verdeutlicht, daß in bezug auf die erste Kriegshälfte nicht von einer „Diskreditierung des .Sozialismus"'^"' gesprochen werden kann. Die „Ideen von 1914" waren mehr als nur eine „Fortsetzung ordnungstheoretischer Überlegungen der Vorkriegszeit" und gingen über einen „Beitrag zur Burgfriedensideologie"^"® hinaus. In der Forschung ist intensiv diskutiert worden, ob die ökonomischen Vorstellungen von Plenge und seinen Kollegen plan- oder verkehrswirtschaftlicher Natur waren^'° und ob die angestrebte Wirtschaftsordnung als „Sozialismus", „Organisierter Kapitalismus" oder „Staatsmonopolistischer Kapitalismus" bezeichnet werden kann.^" Für die historische Analyse der Diffusionschance des Kгiegskoφorativismus ist es jedoch von größerer Bedeutung, daß die Korporativisten den Begriff „Sozialismus" als Synonym für die nationale Brüderlichkeit sowie für eine neue, staatliche Organisation des Wirtschaftslebens verwandten. Die Vorsilben „Staats-" und „Kriegs-" dienten ihnen dazu, den ehemals revolutionären Kampfbegriff aufzuwerten und ihn auch für die Industrie und das Bürgertum akzeptabel zu machen. Inhaltlich stimmten die von Plenge und anderen entworfenen Konzepte des Kriegssozialismus - dessen Begriffsurheberschaft auch der Sozialdemokrat Paul Lensch, ein promovier-

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Ledercr, Emil: Soziologie des Weltkrieges", in: AISS 39,1915, S. 347-384. MEW rV, Berlin 1977, S. 482-489, hier S. 488. Seinen besonderen Ausdruck erreiche der BouiBCoissozialismus dann, wenn er zur „bloßen rednerischen Figui" werde (ebd.). Feldman, Gerald D.: ,4Criegswiitschait und Zwangswinschaft: die Diskreditierung des .Sozialismus' wahrend des ersten Weltkrieges", in: Michalka, Weltkrieg, S. 456484, hier S. 456. Klüger, Nationalökonomen, S. 20. Vgl. auch dws.: .iüiegssozialismus. Die Auseinandersetzung der Nationalökonomen mitderKriegswirtschafl 1914-1918", in: Michalka, Weltkrieg, S. 506-529. Krüger, Nationalökonomen, Kap. VII-K, X; Schäfers, ΠΙ-ΙΥ, S. 1-16,17-44. Коска, Jürgen: „Organisierter Kapitalismus im Kaiserreich?', in: HZ 230, 1980, S. 613-631; Winkler, Heinrich August: Organisierter Kapitalismus. Voraussetzungen und Anfinge. Göttingen 1974; Zunkel, Friedrich: Industrie und Staatssozialismus. Der Kampf um die Wirtschaftsordnung in Deutschland 19141918. Düsseldorf 1974. Eley, Geofif: .JCapitalismus und Wilhelminischer Staat: Industrielles Wachstum und politische Rückständigkeit", in: ders., Wilhelminismus, S. 80-96; Huber, Verfässungsgeschichte V, S. 76-79.

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ter Nationalökonom, für sich reklamierte - weitgehend überein.^'^ Dadurch erhöhte sich die Wirkungschance der Idee eines national-sozialistischen Κοφοπιίίνϊβηωβ, die auch im rechten Flügel der Sozialdemokratie verbreitet war.^" Plenge hob die Ähnlichkeiten der Sozialismusvorstellungen besonders hervor. Die deutsche „Koφoгatiwerfassшlg" der Zukunft beruhe auf der „Kriegsverfassung". In ihr vereinigten sich „Verwaltungserfahrung", wirtschaftlicher Sachverstand und die „aus allgemeinen Wahlen" hervorgegangene Volksvertretung zur ,Jiöchste[n] staatliche[n] Lebensform". Zwar sei dieses System noch nicht ausgereift, aber als vorgestellter „Gemeinstaat" sei es identisch mit dem sozialistischen Zukunftsstaat der Arbeiterschaft. „Kriegs-" oder „Staatssozialismus" bzw. „nationaler Sozialismus" bedeutete fllr Plenge eine staatstätige Volkswirtschaft: „Organisation ist Sozialismus".^''' Seine Betonung der Organisation war auch eine Reaktion auf den immer „totaler" werdenden, d. h. Front wie Heimat betreffenden Krieg. Die neue Dimension der Anforderungen, die der Krieg an alle Bereiche der Gesellschaft und insbesondere an die Wirtschaft stellte, verlangten die totale Mobilisierung. Diese setzte einen umfassend organisierten Staat voraus. Der Versuch einer solchen Totalorganisation wurde aber erst in der zweite Kriegshälfte mit dem Hindenburgprogramm und dem „Vaterländischen Hilfsdienstgesetz" vom Dezember 1916 unternommen.^'^ Für eine Umsetzung des sogenannten Kriegssozialismus in eine Wirtschaftsordnung lieferte Plenge die detailliertesten Pläne. Er entwarf die Grundzüge zweier neu zu bildender zentraler staatlicher Stellen mit weitgehenden Befugnissen zur effizienten Organisation von Wirtschaft und Verwaltung. Die erste stellte einen „volkswirtschaftliche[n] Generalstab" dar,^'® einen Wirtschaftsplanungsstab, der aus den für Kriegsbewirtschaflung, Materialbeschaffung, Finanzen und Inneres zuständigen Kriegs- bzw. Reichsämtem sowie der Eisenbahn- und Reichsbankverwaltung bestand. Er sollte vom Reichskanzler geleitet und von einem aus WirtschaftsfÜhrem bestehenden „Kriegsbeiraf beraten werden. Die zweite Stelle diente der Vereinheitlichung der Verwaltungstätigkeit in Preußen und im Reich. Es handelte sich um eine zentrale Reichsverwaltungsbehörde, die zu ermächtigen sei, auch in den Einzelstaaten Verwaltungsaufgaben wahrzunehmen. Der Kaiser und König sollte nicht nur Oberbefehlshaber der Armee, sondern auch Chef der Reichsverwaltung sein.^'^ Die Diffusionschance der koφorativen Ordnungsidee wurde dadurch gestärkt, daß das Konzept des „organisatorischen Sozialismus" auch von Angehörigen der Privatwirtschaft unterstützt wurde. Hier sind insbesondere der von Walther Rathenau geförderte Ingenieur Wichard v. Moellendorff, ein leitender Angestellter der AEG, und Rathenau selbst, seit 1914 Leiter der

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Schildt, S. 537-541. Vgl. auchKrilger, Nationalökonomen, S. 124-140.

213 Sigel, Robert: Die Lensch-Cunow-Haraiisch-Giuppe. Eine Studie zum rechten Flügel d a SPD im Ersten Welücrieg. Berlin 1976; Huhn, Willy: ,3atismus - .Kriegssozialismus' - .Nationalsozialismus' in der Literatur der deutschen Sozialdemokratie", in: Neue Kritik 10.1970. S. 67-111. hier S. 86-99. 214 Plenge, 1789 und 1914. S. 16flF., 76-82,85-90.122-125.141f., 157; ders., Krieg 1. S. 98-100.171f., 198, 206; ders., Kriegsvorlesung, S. 26; das.. Idee, S. 14-19. 215 Vgl.Kap.II.4.5. 216 Plenge, Krieg 1, S. 156f. 154. Kri^sministerium, Reichsmarineamt und Schatzamt auf der einen sowie das Reidisamt des Innen auf der andere Seite seien die zwei Säulen der volkswirtschaftliche Kriegsvenvaltung (S. 152, vgl. auch S. 144f). 217 Plenge, Idee, S. 4,72-80.

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auf seine Initiative hin eingerichteten Kriegsrohstoffabteilung beim preußischen Kriegsministerium sowie Aufsichtsratsvorsitzender der AEG, zu erwähnen, die beide eigene staatssozialistische Konzepte vertraten. Moellendorffs Konzept der „Gemeinwirtschaft"^'* und Rathenaus Konzept der „Neuen Wirtschaft" war gemeinsam, daß sie eine Kombination von staatlicher Lenkung und privatwirtschaftlicher Selbstverwaltung sowie eine staatliche Autarkiepolitik anstrebten.^" Es gab weitgehende inhaltliche Übereinstimmungen zwischen ihnen und den akademischen Koφorativisten, insbesondere Jafifé und Plenge.^^" Die Vorstellungen von einem Staatssozialismus bedingten nicht nur eine Zentralisierung von Wirtschaft und Verwaltung, sondern waren zudem eng verbunden mit dem Ideal nationaler Autarkie. „ Geschlossener Handelsstaat" statt „ Welthandelsstaat" Die Abschnürung Deutschlands vom Welthandel durch den alliierten Blockadekrieg hatte nach Troeltsch zu einer konsequenten wirtschaftspolitischen Reaktion des Reiches geftlhrt: „Deutschland wurde zum geschlossenen Handelsstaat". Durch Organisation, Gemeinsinn und Disziplin sei fast die sozialistische Autarkie erreicht worden.^^' Auch ftir Plenge war der Krieg „der Wirtschaftskrieg schlechthin", sowohl was die Intention der britischen Regierung - die Zerstörung der deutschen Wirtschaftsmacht - als auch die ergriffenen Maßnahmen Hungerblockade und Handelskrieg - anging.^^^ Der ökonomische Grundkonsens vieler Gelehrter lautete, daß das Reich künftig autark sein sollte. Wie Troeltsch war auch Plenge der Ansicht, durch den Krieg habe sich Deutschland von einem „Welthandelsstaat" zu einem „geschlossene[n] Handelsstaat" - ein Begriff, der auf Fichte zurückgeht - gewandelt und sei zu einem autarken Wirtschaftssystem geworden. Zunächst nur eine kriegsbedingte Notlösung, habe sich der „geschlossene Handelsstaat" als „echter Idealstaat entpuppt, von dem in der Geschichte des Sozialismus die Rede sein muß".^^' Damit deutete Plenge die unter dem 218

Moellendorfii Wichard v.: Deutsche Gcmeinwirtschaft. Berlin 1916. Zu ihren Konzepten vgl. Michalka, Kriegsrohstoflbewiitschaftung, S. 489flF., 4%ffi; Krilger, Nationalökonomen, S. 118-140; Knise, Wolfgang: ,4Criegswirtschaft und Gesellschaftsvision. Waither Rathenau und die Organisierung des Kapitalismus', in: Wilderotta, Hans (Hg.): Die Extreme berühren sich. Walther Rathenau 1867-1922. Berlin o. J., S. 151-168, sowie Werth, Christoph: Sozialismus und Nation. Die deutsche Ideologiediskussion zwischen 1918 und 1945. Opladen 1996, S. 67flF., 83ffi 220 Zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden sowie zur Kontroverse über den Kriegssozialismus vgl. Krüger, Nationalökonomen, S. 118-140; ders., Kriegssozialismus, S. 508-516; Feldman, Kriegswirtschaft und Zwangswirtschaft, S. 457fif.; ders.: Алтае, Industrie und Arbeiterschaft in Deutschland 1914 bis 1918. Berlin, Bonn 1985. 221 Troeltsch, Ideen, S. 615f 222 Sehr ausfílhrlich beschreibt er die wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenhänge und Auswirkungen des Krieges, d. h. die in den ersten Kriegsmonaten erfolgte Umstellung auf die Kriegswirtschaft. Vgl. Plenge, Krieg, S. 16-25. 223 Plenge, Krieg 1, S. 84f; ders., Idee, S. 17f. Vgl. auch Troeltsch, Ideen, S. 615f Jeder spüre den Krieg, so Plenge: Gewerkschaften, Kartelle, Kammern, Fachvereine, Oi^ganisationen, Landwirtschaft und Industrie (S. 110-115, 130). Aber auch Handwak und Handel (S. 118f) sowie die staatliche Verwaltung, die ,4Criegsverwaltun^' (S. 131,135-172). Nur Reichsbank, Eisenbahn, Post- und Femmeldewesen sowie das deutsche Rechtssyston, die ,^iationalen Gemeinoi;gane[n]", konnten als solche durch den Krieg nidit erschüttert weiden (S. 86). Vgl. auch ders., 1789 und 1914, S. 16fiF.

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Zwang kriegsbedingter Notwendigkeit erfolgten organisatorischen und wirtschaftspolitischen Maßnahmen als Resultat eines großangelegten gesamtgesellschaftlichen Reformwerks.^^^ Auch die Kulturphilosophen und Theologen forderten die Errichtung des autarken Handelsstaats als militärisch, wirtschaftlich und sozial stark organisierte Volkseinheit.^^' Das Autarkiekonzept wurde dabei zum Teil im Sinne einer verstärkten Schutzzollpolitik ausgelegt und war insQfem nicht nur gegen das Prinzip des Freihandels, die „Weltwirtschaft", gerichtet, sondern implizit auch gegen die Mitteleuropavision. Zur Frage künftiger Autarkie äußerte sich Plenge am ausführlichsten. Durch volkswirtschaftliche, fmanzpolitische und verwaltungstechnische Maßnahmen wie die Besteuerung der Kriegsgewinne und die Festsetzung von Höchstpreisen, die Herstellung ausreichender Lebens- und Tierfuttermittel, eine systematische Vorratsbildung sowie die Wiederverwertung von Rohstoffen sollte das Reich kn Krieg und in der Nachkriegszeit dauerhaft von außereuropäischen Einftihren unabhängig werden.^^^ Die bewährte Kriegsorganisation sollte deshalb auch nach dem Ende des Krieges die Grundlage der Staatsorganisation sein. Durch die kriegsbedingt entstandenen Verwaltungs- und Wirtschaftsprobleme war der Krieg für Plenge vor allem eine „Organisationsaufgabe", der grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Staat und Volkswirtschaft aufwarf und daher nicht ohne Folgen auf die staatliche Struktur und die Politik bleiben konnte.^" Das Königtum sei aufgefordert, so Plenge, sich wieder einmal „dem Pflichtenkreis einer neuen Zeit rechtzeitig anzupassen".^^* Diese Aufforderung zu einer ,RevoIution von oben' machte deutlich, daß es den Koφorativisten auch um eine Neubestimmung des Verhältnisses von Führung und Mitbestimmung ging. „ Führer " statt „ Beamte " Analog den Mitbestimmungsmöglichkeiten im Bereich der Wirtschaft sollte es im „organischen Staat" nach Ansicht der Koφoгativisten auch auf politischer Ebene zu einer größeren Beteiligung des Volkes kommen. Tönnies sprach von der Freiheit der Selbstverwaltung im großen und kleinen. Troeltsch ging von einer Neumischung aristokratischer und demokratischer Elemente aus und betonte, die Mitarbeit in parlamentarischen Institutionen, den Organen der Selbstverwaltung und freien Organisationen solle jedem offenstehen.^' Meinecke forderte sogar, daß über eine mögliche Änderung der Verfassung nach dem Krieg verhandelt werden müsse, weil im Krieg „das Blut aller Volksgenossen, Klassen und Parteien" flösse.^" Zusammen mit Oncken empfahl er eine Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts, ohne dies jedoch näher auszuführen."' Bereits 1914 hatte v. Gierke betont, daß Reformen bezüglich der Mitbestimmung des Volkes notwendig seien, um die soziale Inte224 225

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Plenge, Krieg 2, S. 194. Zum Beispiel Seebeig, Was sollen wir denn tun, S. 49f; Troeltsch, Ideen, S. 615ffi; ders., Religionspolitik, S. 178; Sombart, Händler und Helden, S. 125,133flF.; Tönnies, Sozialpolitik, S. 153,156fF. Plenge, Krieg 1,S. 133fiF.; ders., Krieg 2, S. 57-59,79-84,87-94,103f., 113-118,162flf., 168-171. Ebd., S. 24. Plenge, Idee, S. 76. Tönnies, Sozialpolitik, S. 151flF.; Troeltsch, Ideen, S. 615flF. Meinecke, DE, S. 29. Meinecke, Staatsgedanke, S. 82; Oncken, Nation, S. 3f, 8.

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gration zu vollenden. Als Ideal bezeichnete er „Königtiun m d V o l k s f r e i h e i f A l f r e d Weber lehnte die „Phraseologie des Demokratismus" ab, plädierte jedoch für eine Gewichtsverschiebung hin zum Parlament.^" Er wünschte der Volksvertretung mehr Einfluß, sprach sich aber gegen den Parlamentarismus aus. Wenn Eberhard Demm schreibt, Weber habe sich schon im Dezember 1914 „ausdrücklich von einem der radikalen Wortführer der , Ideen von 1914', dem Nationalökonomen Johann Plenge", distanziert,^^^ so trifft das nicht zu. Öffentliche Äußerungen dieser Art sind erst ab 1916 nachweisbar. Das Parlament war für die Koφorativisten kein Gremium verantwortlicher Volksvertreter, sondern ein Expertenrat, der die Reichsleitung unterstützen und aus dem heraus ihre Mitglieder rekrutiert werden sollten. Alfred Weber bezeichnete es als die Auslesestation für die Regierung, die nicht aus „Berufsdiplomaten" bestehen solle, die sich aus sich selbst rekrutierten, sondern aus Spezialisten „aus dem Volk".^'' Für Jaffé bedeutete eine demokratische Ordnung „nicht die Herrschaft der Vielen", sondern „den freien Aufstieg der Tüchtigen aus allen Schichten". Auch er lehnte daher die Leitung der Politik durch Berufsbeamte ab und wollte die politische Arbeit durch „die besten Köpfe aller Parteien" verrichtet sehen.^^® Entscheidend ist, daß alle Parteien an der Führung des Staates beteiligt sein sollten. Eine parlamentarische Arbeit im eigentlichen Sinne war demnach nicht vorgesehen, da Parlamentarismus nicht mit politischer Diskussion, sondern mit fhichtlosem Parteienstreit assoziiert wurde. Man brauchte folglich kein Plenum zur Aussprache, sondern nur ein Gremium zur Beratung. Die Funktion des Parlaments im koφoratίven Staat läßt sich als institutionalisierte große Koalition bezeichnen. Die angenommene Existenz eines einheitlichen Volkswillens machte jede Diskussion oder Abstimmung über politische Maßnahmen hinfällig, zumal diese ohnehin unter dem Primat des Gemeinwohls standen. Im Gegensatz zur Ansicht der Konstitutionalisten werde der nationalen Gemeinschaft nach Plenge am besten dadurch gedient, daß nicht Politiker, sondern Fachleute die Ressorts leiteten. Bewährte Experten aus politischen Institutionen sollten in die Staatsführung berufen werden. Plenge sprach m diesem Zusammenhang von „sozialen Funktionäre[n]", die als „Organisatoren" fungierten.^" Die aus ihnen zu bildende Reichsregierung stehe ,über den Parteien' und sei nur dem Gemeinwohl veφflichtet. Zwar sollte es Parteien als Ausdruck der lebendigen Meinungsvielfalt nach Meinung der meisten Koφorativisten auch nach Kriegsende geben, aber die mit ihnen in der Vorkriegszeit verbundenen Klassenkämpfe sollten im Ideal der gemeinwohlorientierten koφorativen Staatsverfassung aufgehoben werden, deren Kennzeichen gerade die Interessen- bzw. Zielübereinstimmung aller „Glieder" des

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Gieike, Krieg und Kultur, S. %. Lasson, Deutsche Art, S. 128, nannte Königtum und „wahre Freiheit". Vgl. auch ebd., S. 127f, 143 sowie Wilamowitz, Krieges Anfeng, S. 5f. Weber, A, Sendung, S. 45. Demm, Weber, S. 56f. Weber, A, Sendung, S. 20f An anderer Stelle plädiote er für eine Regierung aus den gewählten Führern des Volkes (ebd., S. 105). Jaflfé, Albeiterinteressen, S. 114.; ders., JafFé, Geist, S. 10. Ähnlich auch Meinedce, Sozialdemokratie, S. 23, der eine Zusammenarbeit aller Parteien in bezug auf die Staatsnotwendigkeiten einforderte. Plenge, 1789 und 1914, S. 78 (Zitate ebd.), 82,132C, 135., 141f., 145.161.

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organischen Staatskörpers war."* Dementsprechend hielten die Koφorativisten ein Parlament zwar für notwendig, billigten ihm jedoch keine zentrale Rolle als politisches Leitungsgremium zu. Es sollte an der Führung des Staates beratend beteiligt, zumindest aber ein Akklamationsorgan sein. Plenge erblickte die „Führer der Handlung" in „Staatsorganen und sachverständigen Fachorganisationen", im Parlament aber nur den dabeistehenden „Chor", der sich freiwillig „auf das Allgemeine und Grundsätzliche" beschränke und die Entscheidungen der Führung zustimmend begleite.^" Im organischen Staat ergab sich ein Miteinander unterschiedlicher gesellschaftlicher Institutionen und Organisationen. Das Zusammenspiel von Verwaltung, wirtschaftlichem Spezialwissen und Volksvertretung garantierte, so die Prämisse, nationale Stärke nach innen und außen. Eine genaue Abgrenzung oder Zuweisung von Kompetenzen erfolgte nicht. Eine preußische Wahlrechtsreform stand nicht im Mittelpunkt korporativer Zukunftsvorstellungen, sondern die Verbesserung von Mitbestimmungsmöglichkeiten vor allem im ökonomischen und sozialen Bereich. Nicht das WahlrecA/, sondern die praktische Mitwirkung war nach Meinung Jaffés filr die Volkswohlfahrt entscheidend.^^" Er sprach sich für eine Wahlrechtsänderung dahingehend aus, daß die Arbeiter als Staatsbürger zukünftig politisch mitarbeiten und in den Kammern und Einzelstaaten den Einfluß erhalten sollten, den sie im Reich schon hätten. Neben dieser Forderung, die er für die angemessene Reaktion auf ihre Verdienste im Krieg ansah, erblickte er die primäre Bedeutung politischer Rechte der Arbeiter darin, ihre wirtschaftliche Gleichberechtigung zu garantieren. Es gelte, den Einzelnen wieder „in einen organisierten Gesellschaftsaufbau" einzuordnen, „als dienendes Glied einer Gesamtheit, die ihm selber dienf'.^"" Im System des „Staatssozialismus" wurden vor allem die Exekutivorgane gestärkt. Es kam auf gesamtgesellschaftlicher Ebene auf Koordination und Organisation oder: Führung an, auf Mitbestimmung dagegen nur in den Teilbereichen der Gesellschaft. Selbstverwaltung und Führung, Mitbestimmung und Unterordnung gehörten für die Koφorativisten zusammen.^*^ Organisation, Zentralisierung und Führung folgten aus den vielfach postulierten Gemeinsamkeiten zwischen dem Militär- und dem neuen Staatssystem.^^' Aus dem Vergleich mit dem Heer ergab sich ein pyramidaler Staatsaufbau sowie die Übertragung des Prinzips von Führer und Gefolgschaft auf die Gesellschaft. Der militärische Charakter der neuen Ordnung verlangte nach einer obersten Führung. Während die Konstitutionalisten die Selbstregierung des Volkes in den Mittelpunkt ihrer Schriften rückten, betonten die Koφorativisten vor allem die „Notwendigkeit starken Führertums"

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Sombart, Händler und Helden, S. 123ff.; Kahl, Recht zum Kriege, S. 187fif.; Hamack, Was wir schon, S. 156, 165-168; Riehl, 1813, S. 210, JafiFé, Arbeiterinteressen, S. 101; Tönnies, Sozialpolitik, S. 152f.; Troeltsch, Religionspolitik, S. 167f. Er schrieb: ,J5as Können gilt Das Meinen verstummt": Plenge, 1789 und 1914, S. 16. Jaflfé, Albeiterinteressen, S. 100£, 1 lOffi Jaflfé, Geist, S. 10. Vgl. auch ders., Aibeiterinteressen, S. 91,101. Ridil, 1813, S. l%fiF.; Weber, A , Sendung, S. 17,105; Troeltsch, Ideai, S. 44-50; Plenge, 1789 und 1914, S. 138flf. Wilamowitz, Krieges Anfeng, S. 5f., IOC; Roethe, Wir Deutschen, S. 20fF., 32, 34-39; Lasson, Deutsche Art, S. 128f, 134f., 142£; Sombart, Händler und Helden, S. 129; Jaffé, Aibeiterinteressen, S. 104,109ff.; Tönnies, Sozialpolitik, S. 150f., 153«Г.;Ыа1оф, Wiedei^burt, S. 202f., 206.

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(Emst Troeltsch) oder zumindest eine Kombination von „Selbstregierung und Führerschaft" (Alfred Weber).^^ Galten im ersten Kriegshalbjahr noch „Königtum und Volksfreiheit"(v. Gierke) als Ideale der Zukunft, wurden diese seit 1915 durch die Forderung nach „Führertum" und „Deutscher Freiheit" ergänzt. Der Begriff „Führertum" stand filr eine starke Regierung und bedeutete nicht zwangsläufig .Führerstaat'. Aber das Wort „Führer" - ein militärischer, kein aristokratischer Begriff - stellte eine strukturelle Delegitimierung der traditionellen Herrschaft, des monarchischen Staates dar: Zum Führer konnte man aufgrund seiner Fähigkeiten berufen, ernannt oder gewählt werden. „Führertum" ist daher weder als „traditionale" noch als „bürokratische Herrschaft" im Sinne Max Webers zu verstehen. Anstelle eines starken Kaisertums kennzeichnete es vielmehr eine „Militärdiktatur"^"*' oder die Herrschaft eines mit großen Machtbeftignissen versehenen Staatschefs, der monarchisch, plebiszitär oder gar „charismatisch" legitimiert sein konnte. Im Rahmen der Forderung nach nationaler Totalorganisation wurde nach dem „Diktator" gerufen, weil man den „Organisator" brauchte.^^® Für Plenge gab es nur „Führer und einfache Genossen", weil es immer einen Gegensatz von „Organisator und Organisierten" gebe.^^' Eine starke Regierung wurde als notwendiger Bestandteil totaler Organisation angesehen. Die Regierung des Kaisers, oft als „persönliches Regiment"^"** bezeichnet, war deshalb mehr denn je auf politische Erfolge angewiesen. Gerade im Krieg bedurfte die Monarchie einer erweiterten Legitimationsbasis. Zwar wurde sie von den Koφoгativisten nicht explizit in Frage gestellt, aber die angestrebte Mischung partizipatorischer und tendenziell ftlhrerstaatlicher Formen bedeutete filr die Monarchie als letztes Element traditionaler Ordnung eine potentielle Bedrohung. Der Übergang des Loyalitätsgefilhls vom Monarchen auf die Nation, der in den Äußerungen der Korporativisten anklang, gilt in der historischen Nationalismusforschung als Charakteristikum eines tendenziell Sozialrevolutionären „neuen Nationalismus".^"" Indem die Treue weniger der Dynastie als vielmehr dem Kollektivsubjekt „Nation" galt, war die Legitimation der Monarchie mehr denn je von der Person des Herrschers, seinen persönlichen Führerqualitäten und damit auch von der Zustimmung des Volkes abhängig. Die damit verbundenen hohen Erwartungen konnte Wilhelm II. während des Krieges immer weniger erfüllen. Indem er als „Schattenkaiser" zunehmend in den Hintergrund trat, trug er dazu bei, den Gedanken einer Militärdiktatur zu popularisieren und die verbreitete Sehnsucht nach einer Führergestalt immer mehr auf Feldherren wie Hindenburg zu lenken. 244 245

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Troeltsch, Ideen, S. 44; Weber, A , Sendung, S. 105. Die Vorzüge einer Militärdiktatur bzgl. ein«- effizienten Organisation erwähnte v. a. Plenge mehr&ch lobend, vgl. Plenge, Krieg 1, S. 84. Vgl. auch ders., 1789 und 1914, S. 82, und ders., Idee, S. 75. Plenge, 1789 und 1914, S. 82; ders., Idee, S. 75. Ebd., S. 141; JafiFé, Geist, S. 10. Eyck, Das persönliche Regimen^ und Huber, Emst Rudolf: ,i)as persönliche Regiment Wilhelms IL", in: ders., Verfessungsgeschichte IV, S. 330-347. Vgl. Breuer, Anatomie, S. 14, 180-202. Vgl. auch Möhler, Armin: Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. 2 Bde. Damistadt '1989; Jeismann, Nationalismus, und - mit Bezug zu den „Ideen von 1914" - Hübinger, Gangolf: „Geschichtsmythen in .völkischer Bewegung' und .konservativer Revolution. Nationalistische Wirkungen historischer Sinnbildung", in: Blanke. Horst Walter u. a. (Hg.): Dimensionen der Historik. Geschichtstheorie. Wissenschaftsgeschichte und Geschichtskultur heute. Köln u. a. 1998, S. 93-103.

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Gesamtgesellschaftliche Integration statt innerer Feindschaft Nach dem Ende des .inneren Feindes' im August 1914 folgte aus dem Gedanken der nationalen Totalvergemeinschaftung die Überzeugung, daß es auch künftig keine Klassen-, Bildungs- oder Konfessionsgegensätze mehr geben dtirfe. Alle sollten sich fortan als „Glieder des Großen Ganzen" (Seeberg) ftlhlen. Ein sozialer Friede sei durch die dauernde Bindung der Arbeiter an den deutschen Staat anzustreben,^^" denn der Krieg habe das Nationalbewußtsein auch der Sozialdemokraten offenbart.^'' Troeltsch sprach vom „deutsche[n] Kampf der vereinten Soldaten, Unternehmer und Arbeiter"."^ Kameradschaft, als deutsches Äquivalent zur westlichen Gleichheit, bedingte in den Augen der Koφorativisten eine neue „Eintracht": „alle für einen, kein Unterschied zwischen dem König und dem letzten jeder Partei".^'^ Das Ideal der Korporativisten war eine gesellschaftliche Harmonie. Zwar würden die Interessenkonflikte früher oder später wieder aufbrechen, aber entscheidend sei, wie die Konflikte in Zukunft ausgetragen würden. Es sollte zwar unterschiedliche Interessen, aber keine Interessenkämpfe, Parteien, aber keinen Parteienstreit, Klassen, aber keinen Klassenkampf mehr geben. Auch ein religiöser und konfessioneller Friede sollte das Kriegsende überdauern. Die Schranken zwischen den christlichen Konfessionen sowie zwischen Christen und Juden schienen seit Kriegsbeginn weniger trennend geworden. „Dieses Kriegsgeschenk des Gottesfriedens" galt als Unterpfand für die Zukunft Deutschlands.^^'* Dies war auch ein zentrales Motiv des jüdischen Neukantianers Cohen, der den Weltkrieg mit der Hoffnung verband, er möge zum Ende des Antisemitismus in Deutschland führen. Trotz seiner Kritik an bestehenden Diskriminierungen war er überzeugt, „daß die Gleichberechtigung der Juden in Deutschland tiefer wurzelt als überall sonst". Gerade weil er „auch als Jude stolz darauf [sei], Deutscher zu sein", verlangte er die rechtliche Gleichstellung seiner Religionsgemeinschaft.^^' Der protestantische Theologe Rolffs sah im Bekenntnis zur deutschen Nation, d. h. im traditionellen Patriotismus der Protestanten, in der natürlichen Vaterlandsliebe der Katholiken sowie im latenten Nationalgefühl der Arbeiter die Basis der künftigen konfessionellen Eintracht.^'® Nach den Vorstellungen Troeltschs sollte der Nation die Stellung eines zentralen Wertes zukommen und die Religion zunehmend als Privatsache aufgefaßt werden. 250

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Seebeift Krieg und Kulturfortschritt, S. 116. Vgl. auch Meinecke, Staatsgedanke, S. 76f; ders., Deutscher Friede, S. 56; ders., Welche Güter, S. 50f ; Sombart, Händler und Helden, S. 135; Oncken, Nation, S. 4,8; Meinecke, Sozialdemokratie, S. 21flf.; Jaflë, Aibeiterinteressen, S. 101; Troeltsch, Religionspolitik, S. 168. Vgl. auch Tönnies, Sozialpolitik, S. 158. Meinecke, Sozialdemokratie, S. 21f, 26. Emst Rolfib, Geist, S. 387f., glaubte zu eikennen, daß der Krieg den Revisionisten Auftrieb gegeben habe und verwies auf den nationalen Sozialismus Lassalles sowie auf den kri^sfieiwilligen SPD-Reichslagsabgeordneten Ludwig Frank. Troeltsch, Ideen, S. 38. Vgl. auch Oncken, Nation, S. 4; Foerster, Jungdeutschland, S. 23. Wilamowitz, Krieges Anfing, S. 6. Vgl. auch Seebetg, Was sollen wir denn tun, S. 43, sowie Scheler, Genius, S. 98f und Foerster, Jungdeutschland, S. 23. Deißmann, Religion, S. 297,293. Vgl. auch Lasson, Deutsche Art, S. 118-121; Wilamowitz, Krieges Anfing, S. 5, 12f.; Gieike, Krieg und Kultur, S. 96; Troeltsch, Religionspolitik, S. 168; Oncken, Nation, S.3f., 8. Cohen, R , Deutschtum und Judentum, S. 37flF. Rolflb, Geist, S. 385ff. Vgl. auch Oncken, Nation, S. 3f

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Darin erblickte er einen Weg, Konflikte zu entschärfen.^" Langfristig plädierte er für eine Trennung von Kirche und Staat - vor dem Hintergrund der noch in der Vorkriegszeit vielbeschworenen Einheit von „Thron und Altar" und angesichts der Tatsache, daß der Kaiser als König von Preußen zugleich Summus Episkopus der preußischen evangelischen Landeskirche war, eine bemerkenswerte Forderung. Angestrebt wurde schließlich ein ,J^ationalitätenfrieden": Das Bekenntnis zur deutschen Nation sollte auch den im Reich lebenden nationalen Minderheiten ermöglicht werden. Dementsprechend wurde der Volks- bzw. Nationsbegriff nicht völkisch-biologisch definiert, sondern als Bekenntnis zur deutschen Kultur verstanden.^'* Auf diese Weise sollte eine Eingliederung der im Reich lebenden Dänen und der fi^zösischsprachigen Minderheit unter den Elsässem und Lothringern, insbesondere aber der preußischen Polen ermöglicht werden."' Gierke sprach von „Volksgenossen fremder Z u n g e " I m deutschen Zukunftsstaat sollten die konkurrierenden Interessen verschiedener Volksgruppen überwunden werden. Die „Selbsthingabe"^®' aller an die „höhere Idee"^'^ der neuen Nation sollte zimi Einsatz für das Ganze anspornen. Die neue Form des kameradschaftlichen Miteinanders müsse von gegenseitigem Respekt geprägt sein und auf der „Sammlung aller um das Vaterland" basieren.^'^ Wie das „Volksheer" aus Kameraden, bestehe das Volk, die „Volksgemeinde" bzw. „Volksgemeinschaft", aus „Volksgenossen". Diese spezifische „Volks"-Semantik unterstrich, daß das Gemeinwohl und die Nation künftig im Mittelpunkt stehen sollten. Nationale Erziehung und Wehrertüchtigung Während Meinecke für eine Politisierung durch politische Mitwirkung plädierte - womit er den Forderungen der Konstitutionalisten nahekam - und betonte, daß „Verantwortung" der „Erzieher zum Staate" sei,^" forderten viele seiner Kollegen eine umfassende Erziehung, um den neuen kameradschaftlichen Gemeinschaftsgeist zu intemalisieren.^" Der Marburger Neukantianer Natoφ verlangte eine Reorganisation der Erziehung für Jungen und Mädchen aller Altersgruppen durch das Prinzip der Chancengleichheit, die Einführung der Einheitsschule sowie eine allgemeine Dienstpflicht.^®® Während Plenge die Frauenarbeit nur unter dem Gesichtspunkt des im Kriege zu erwartenden Männerverlustes „im wesentlichen" begrüßte, ging Natorp im Hinblick auf Erziehung und politische Mitbestimmung von einer zu257 258 259 260 261 262 263

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Troeltsch, Religionspolitik, S. 168. Vgl. die Abhandlung zu Feind- und Selbstbild in Kap. 1.2. Meinecke, Staatsgedanke, S. 80f.; Gierke, Krieg und Kultur, S. %; Weber, A , Sendung, S. 102. Gierke, Krieg und Kultur, S. 96. Troeltsch, Ideen, S. 49. Gierke, Krieg und Kultur, S. 198f. Kahl, Recht zum Kriege, S. 188. Vgl. auch Hamack, Was wir schon, S. 165fiF.; Sombait, Händler und Helden, S. 120, 123; Oncken, Nation, S. 3f., 8; Meinecke, Sozialdemokratie, S. 23; 26; Jaffé, Arbeiterinteressen, S. 101; Tönnies, Sozialpolitik, S. 104,149,152f.; Troeltsch, Religionspolitik, S. 167f. Meinecke, Staatsgedanke, S. 82. Er sprach von einer Politisieiung des nationalen Gedankens. Vgl. auch Oncken, Nation, S. 3f., 8. Sombait, Händler und Helden, S. 76f., 120; Νβίοφ, Wiedergeburt, S. 200flF.; Plenge, 1789 und 1914, S. 13S; Seeberg, was sollen wir denn tun, S. 21ff.; ders., Krieg und Kulturfortschritt, S. 116f Νβίοφ, Wiedergebutt, S. 202-206.1920 wurde die 4-klassige Grundschule als Einheitsschule eingefühlt

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künftigen Gleichberechtigung der Geschlechter aus. Seeberg dagegen lehnte Frauenarbeit ab.^" Sombarts Ideal waren „breithüftige Frauen", die „tüchtige Krieger ... gebären".^®' Er forderte eine paramilitärische Nationalerziehung, denn die Jugend müsse lernen, „ftlr das Vaterland zu leben und zu sterben".^" Eine harmonische Entwicklung und Stärkung der Köφerkräfte sei erforderlich, denn das Reich brauche „starkknochige, sehnige, ausdauernde, mutige Männer", die „tauglich zu Kriegern seien"."" Mit dieser biologistischen Forderung stand er jedoch weitgehend allein, wenngleich verschiedene Vorschläge zur Wehrertüchtigung in diese Richtung wiesen."' RolfFs hatte bereits Ende 1914 ftlr eine künftige einfache, natürliche Lebensweise mit energischer Selbstzucht plädiert, von der er sich eine Regeneration des Volkes erhoffte.^" Diese Hofibung richtete sich auch auf den Krieg. Da „Not und Gefahr" immer die „besten Lehrmeister des Lebens" gewesen seien, erblickte Meinecke Ende 1914 den Vorzug in einem länger dauernden Kriege, daß die Soldaten, „die aus diesem ftirchtbaren Völkerringen innerlichst durchgeschüttelt mit ernstem Antlitz und gereiftem Charakter heimkehren", zu Erziehern des Volkes würden."' Aus der Läuterung durch den Krieg werde sich das „Ideal des neuen Menschen""·* entwickeln. Viele Gelehrte begrüßten die Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens als Erneuerung der Lebensführung und als notwendige Maßnahme der sozialen Umstrukturierung. Jaffé ging in bezug auf die zukünftige Situation der internationalen Staatenwelt von einem „Krieg in Permanenz""' aus. Alfi-ed Weber glaubte, die Deutschen müßten noch lange ein kriegerisches Volk und jeder Deutsche ein Krieger sein.^'® Dementsprechend definierte Tönnies die Volksgemeinschaft schließlich als „Kampfgenossenschaft".^" Die Zukunftsvorstellung der „Ideen von 1914", der koφorativen Ordnungsidee, beinhaltete mannigfaltige institutionelle Reformen auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene. Wenngleich die Wechselwirkung zwischen Kriegszielen und innenpolitischen Reformvorstellungen verschiedentlich aufgezeigt wird, herrscht in der Forschung Konsens darüber, daß die „Ideen von 1914" vor allem außenpolitisch ausgerichtet gewesen seien, daß die Gelehrten sich vorrangig auf die außenpolitischen Fragen des Weltkriegs konzentriert hätten.^^' Zwar akzentuiert Llanques neue Studie die innenpolitischen Reformvorstellungen, doch läßt sie durch die perspektivische Verengung auf die „Demokratie" als „Kernbegriff 267 268 269 270 271 272 273

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Plenge, Krieg 1, S. 117, und Νθίοφ, S. 202-206; Seebei:g, Volkserfialtung und Volksmehnmg, S. 254. Sombait, Händler und Helden, S. 121. Ebd., S. 122. Vgl. auch КаЮф, Wiedergeburt, S. 200ff.. und Rolflb, Geist, S. 389. Sombart, Händler und Helden, S. 121. Seebeig, Volkserfialtung und Volksmehrung, S. 250ff.; ders.. Was sollen wir denn tun, S. 23f. Rolffe, Geist, S. 389f. Er forderte eine Abkehr von „überfeinerter Kultui" (ebd., S. 389). Meinecke, DE, S. 38. Vgl. auch ders., Staatsgedanke, S. 74f, sowie Oncken, Nation, S. 4; Troeltsch, Religionspolitik, S. 167f. Simmel, Wandlung, S. 11. Jaffé, Arbeiterintetessen, S. 104; ders., Militarisierung, S. 523. Weber, A , Sendung, S. 17,27. Tönnies, Sozialpolitik, S. 153. Schwabe, Haltung, S. 607. Es hätte damals, schreibt er, ein ,^akrosankte[s] Axiom vom Primat der Außenpolitik" (ebd., S. 624f.) gegeben. Vgl. auch Mommsen, Geist, S. 415fiE:; Böhme, S. 17f ; Jansen, S. 114. Daß die ,Jdeen" zumindest auch innenpolitisch bedingt und ausgerichtet waren, betonen lediglich Rürup, Geist, S. 13-22, und Jeismann, Vaterland, S. 299-334.

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der politischen Auseinandersetzimgen"^" die кофога11уеп „Ideen von 1914" außer acht, welche die dominierende Zukunftsvision der ersten Kriegshälfte darstellten. Weder handelte es sich um eine „Demokratiedebatte" noch repräsentierten die „Ideen von 1914" ein Plädoyer gegen institutionelle Änderungen. Konstitutionalismus wie Korporativismus implizierten politische Reformen, die auf eine Änderung der Reichsverfassung hinausliefen. Gegenüber der bisherigen Forschung, die zwischen Befürwortern demokratischer Reformen und Reformgegnem differenziert,^*" ist daher zu betonen, daß beide Gruppen gleichermaßen, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen, eine Veränderung des innenpolitischen Status quo anstrebten.^" Gerade die Koφorativisten verstanden sich als Avantgarde des Fortschritts. Die „Ideen von 1914" repräsentierten nicht die vermeintliche „Einsicht, daß Deutschland im Herbst 1914 gegen den Zeitgeist a n t r a t " , s o n d e r n die Überzeugung, daß mit der Ablösung des westlich geprägten Zeitalters des Individualismus eine bessere Zukunft sich anbahne, die von den „Ideen von 1914" bestimmt werde. „Modem" waren daher sowohl der Konstitutionalismus als auch der Koφorativismus. Die herkömmliche Unterscheidung zwischen reformfreundlichen „Modernisten" und „orthodoxen" Reformgegnem ist daher fragwürdig. Eine „ideologische Verklärung"^" der Bismarckschen Verfassungsordnung erfolgt in den Kriegsschriften nicht. Die scharfe Kritik, die allgemein an der Vorkriegszeit geäußert wurde, trug im Gegenteil zu einer Delegitimienmg der bisherigen Staatsordnung bei. Bei den „Ideen von 1914" handelt es sich um eine spezifisch koφorative Vorstellung von einer Neuordnung Deutschlands. Insofern ist es unzutreffend, die Thematisierung der inneren Reformen erst in der zweiten Kriegshälfte zu verorten. Man wollte die Probleme nicht „einfach vertagen",^'"* sondern sie durch den und im Krieg lösen. Mit der Formulierung der „Ideen von 1914" begann im Herbst 1914 eine Reformdebatte, in der die konstitutionelle Reformidee des „Volksstaats" der als „Ideen von 1914" bezeichneten koφoгativen Idee einer „Volksgemeinschaft" gegenüberstand.

Llanque, S. 12. Schwabe, Wissenschaft, S. 35-38,42,44«., 174-177,180,184f; ders., Haltung, S. 622-625,632; Mommsen, Geist, S. 412f.. 415; Ringer, Mandarine, S. 120fiE, 177-185; Böhme, Aufiufe und Reden, S. 6-11. Obwohl das „staatssozialistische" System, Kembestandteil der ,Jdeen von 1914", kaum dem Kaiserreich geglidien hätte, konstatiot Schwabe fllr die aste Kríegshalñe eine allg«neine Akzeptanz des Bismardcreichs als die für Deutschland angemessene Staalsfomi, Schwabe, Wissensdiaft, S. 36fif. u. Anm 191. Auch Momnisen sieht in den ,4deen von 1914" im wesentlichen einen Stabilisierangsversuch des bestehenden Systems, Mommsai, Geist, S. 412f, 415. 2>l Dort, wo die Forschung auf die „Volk^emeinschafi" als neuer Ordnungsvorstellung verweist, widerspricht sie ihrer eigenen Status-quo-These. Vgl. Schwabe, Wissenschaft, S. 36ff.; das., Haltung, S. 622, 624f., 632£; ders., Annexionismus; Mommsen, Geist, S. 412f., 415; deis., Historikerschaft, S. 43£, 52-58; ders., Weltmachtstreben, S. 842fF., 871fif.; Böhme, Aufiufe und Reden, S. 6-11; vom Brocke, Wissenschaft und Militarismus, S. 650, 691, 704/Anm. 91, 706f.; Fries, Katharsis 1, S. 21 Iff., 218; Rürup, Geist, S.21. Ungem-Stemberg, J., Kultur und Militarismus, S. 87. Mommsen, Geist, S. 413. 2»4 Mommsen, Verspielte Freiheit, S. 13.

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3.3 Selbstreflexion statt Deutscher Sendung In der bisherigen Forschung wird regelmäßig von einem deutschen Sendungsprogramm gesprochen, das von den Gelehrten im Weltkrieg entwickelt worden sei. In Verbindung mit der - hier bereits kritisch beleuchteten - Chauvinismustìiese wird den „Ideen von 1914" daher oft eine Propagandafimktion zugeschrieben. Für Mommsen und Sieferle bestand die Sendung der Professoren darin, eine internationale Revolution unter dem Banner der „Ideen von 1914" anzustreben.^" Fries deutete die „Ideen von 1914" als eine „ganz spezifische, auf politischer Ebene argumentierende, deutsch-missionarische Sinngebung", die sich gegen den Sendungsanspruch der Entente gerichtet habe.^*' Nach Mommsen bildete der aus seiner Sicht chauvinistische „Geist von 1914" die Grundlage des deutschen Sendungsbewußtseins, das er mit der „Ideologie" eines „,deutschen Sonderweges'" in Verbindung bringt. Die Gelehrten hätten die von Bismarck geschaffene deutsche Staatsverfassung nicht nur verherrlicht, sondern auch als Zukunftsmodell ftlr andere Länder propagiert.^'^ Gerade im Hinblick auf einen Sendungsanspruch der deutschen Gelehrten ist allerdings zwischen den einzelnen Quellengattungen zu unterscheiden. In den Aufrufen, die sich für die Verbreitung einer deutschen Sendung anboten, wurde die Verteidigung der deutschen Kulturnation - als Kulturnation schlechthin - gegen englischen Imperialismus und russische Despotie als Verteidigung europäischer Kulturgüter und damit als ein Kampf zum Wohle aller Staaten dargestellt. Zwar wurde verkündet: „Unser Glaube ist, daß für die ganze Kultur Europas das Heil an dem Sieg hängt, den der deutsche ,Militarismus' erkämpfen wird",^*' aber ein explizites Sendungsprogramm wurde nicht entwickelt. Die Aufrufe waren defensiv gehalten; von „einer ,deutschen Kultursendung' für die Welt" war „im ernst nirgends die Rede".^" Dies gilt umso mehr für àie Eingaben. Trotz der allgemeinen Feststellung, Deutschland solle der „Vorarbeiter und Führer Europas" sein, kann von einem Sendungsprogramm nicht gesprochen werden.^"* Auch in den Einzelschriften, mit denen ein deutsches Sendungsbewußtsein hätte erweckt werden können, war von einer Kultursendung Deutschlands kaum die Rede. Das fehlende einheitliche Feindbild führte dazu, daß die Missionsgedanken in Abhängigkeit davon variierten, ob England oder Rußland als Hauptfeind angesehen wurde. Die Brechung der englischen Seeherrschaft zum Wohle aller Völker sowie die Befreiung der osteuropäischen Nationen vom Zarismus waren die beiden einzigen missionarischen Ziele, die verkündet wurden.^" Sie sollten deutlich machen, daß Deutschland nicht nur für sich kämpfe, blieben aber zu allgemein, um auf das Ausland überzeugend zu wirken. Die vereinzelten

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Mommsen, Geist, S. 115fF.; Sieferle, Ideen, S. 153,157. Fries, Katharsis 1, S. 208. Mommsen, Geist, S. 408,412ffi Vgl. auch vom Brocke, S. 650,704 u. Anm. 91. Hochsdiullehremkläning, S. 50. Vgl. auch Bonner Αυβυξ S. 51; Kulturweltaufiu^ S. 48£ Ungem-Stemberg, J., Kultur und Militarismus, S. 87. Intellektuelleneingabe, S. 133. Zum Teil wurde eine Symbiose beider Missionsgedanken versucht Sering, Ursachen, S. 276flF.; Riehl, 1813, S. 199f Vgl. auch Seeberg, Krieg und Kulturfortschritt, S. 112£ Hemiann Cohen, Deutschtum und Judentum, S. 299f., sprach mit Blick auf die antisemitischen Pogrome in Rußland von der ,Дettung eines großen Teils der mssischen Judenheit" als deutschem Ziel.

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Sendungsgedanken reichen nicht aus, um ein deutsches „Sendungsprogramm" zu konstatieren. Exemplarisch fiir das Dilemma, missionieren zu wollen ohne eine Mission zu haben, sind Alfred Webers Ende 1915 erschienene „Gedanken zur deutschen Sendung", die einzige Kriegsschriñ von Belang, die sich explizit diesem Thema widmete. Bs handelte sich um Auszüge aus seiner Korrespondenz mit Else Jaflfé-Richthofen, die der Autor zu tagebuchartigen Reflexionen über die politische Lage des Reiches zusammengestellt hatte.^'^ Auch Weber schwankte zwischen einem Zusammengehen mit Rußland oder England:^'^ Mal suchte er Anknüpfungspunkte zum Slawentum,^®'' mal sagte er, „der Russe" sei „noch so etwas wie ein Urwaldtier".^" Alles in allem aber blieb Großbritannien für ihn der Hauptfeind; wie jedoch deutsche Sendungsvorstellungen in dessen Herrschaftsbereich Einfluß gewinnen sollten, wurde nicht ausgeführt. Weber betonte die geistige „Weltmission" der Deutschen, die „geistigste, die sich denken Μΐ".^*® Auch Cohen erblickte im deutschen Geist den „Erziehungsgeist der Völker" und nannte ihn sogar den ,^uchtmeister der Welt".^'' Ähnliche Formulierungen verwendete Alfred Weber, der das, was die Deutschen der Welt bieten könnten, als „.Imperialismus des Geistes' - lieber noch .Evangelium des Geistes!'" bezeichnete.^" Was hierunter konkret zu verstehen sei, führte er jedoch nicht aus. Die von ihm wie von vielen seiner Kollegen verwendeten Religionsmetaphem dienten der Sakralisierung der deutschen Nation, die als „Mandatar Gottes" walten und eine gottgewollte Kulturmission erfüllen sollte.^'' Zwar versuchte Weber, die „Leibwerdung des neuen Geistes ... programmatisch zusammenzufassen", aber er blieb entweder auf der Ebene hoher Abstraktheit,oder äußerte konkrete Zukunftsvorstellungen nur in außenpolitischer Hinsicht. Drei Wege der „Welteinftlgung" gab es seiner Meinung nach für das Reich: Imperialismus, den Schutz der Freiheit der Meere sowie der kleinen Nationen und die Schaffung eines mitteleuropäischen Staatenbundes unter deutscher Führung. „Imperialismus" könne das Reich erst betreiben, wenn es nach allen Seiten gesichert wäre.'"' Bis dieses Ziel erreicht

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Das Buch, von dem bis Ende 1917 4.600 Exemplare vokauft wurden, wurde zustimmend und teilweise sogar mit Begeisterung aufgenommen, vgl. Demm, Alfred Weber, S. 155-168; Krüger, Nationalökonomen, S. 200£ Weber, A , Sendung, S. 12,15f Ebd., S. 37£ Er betonte, daß er gegen den Zarismus, nicht gegen den Slawismus sei (S. 99). Man könne den Slawen das geben, „was ihnen fehlt: innere Ordnung und Halt" (S. 37). Weber, Α., Sendung, S. 74. Ebd., S. 5, 27fF. Das Verlangen nach „.Freiheit der Meere"' und die Vertretung der .„kleinen Nationen'" sei nur als „theoretischer Ausdruck" der Situation des Reiches, die einen deutschen Imperialismus zur Gewinnung von Einfluß in der Welt unmöglich mache, zu verstehen (S. 93). Cohen. H.. Deutschtum und Judentum, S. 27. Weber. A , Sendung, S. 31. Grai Nations. 308. Er schrieb z. В.. wie Zeit Luthers" habe das deutsche Volk wiedo" eine „Weltmission" zu erfüilai: die . JMeugeburt der Welt zu Wahrhaftigkeit und Mut" (ebd.. S. 30). Weber. A . Sendung. S. 28f. 92-101 (Zitate S. 95,97). Die geistige Mission zu erfüllen, hielt er den ,jegulären politischen Imperialismus" für „denkbar ungeeignet", da er die Kräfte nur „ins Breite, aber in geistig ungefüllte Rahmen" ausströmen lasse (ebd., S. 28).

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sei, solle Deutschland „Führer und Helfer der Unverschluckten in der Welt sein - und Befreier der Verschluckten".^"^ Einige Gelehrte, insbesondere die Wortfilhrer der „Ideen von 1914", versuchten, die fehlenden einheitlichen Missionsziele mit Pathos auszugleichen und aus der Symbiose von Militarismus, Geist und Kultur „ein politisches und nationales Programm" zu machen.'"' So bezeichnete Plenge die „Ideen von 1914" als ein System der Menschenpflichten mit Menschenrechten und leitete hieraus ihren universalen Anspruch ab. Die deutschen Ideen würden „die Lebensziele der Menschheit bestimmen". Von Deutschland solle „eine neue Kulturentwicklung für Europa" ausgehen. Sollte das an seinem „leeren Individualismus" kranke England gesund werden wollen, „müsse es am deutschen Geist und an deutscher Organisation gesund werden".'"^ Durch das Aufzeigen der strukturellen Übereinstimmungen zwischen den Werten der „Ideen von 1914" und denen des Christentums machte er aus der politischen Idee eine Glaubensfrage und verlieh den „Ideen von 1914" die Aura überweltlicher Wahrheit. Als Zukunftsbild, das diesseitige Erlösung verhieß, verkörperten sie eine „weltgeschichtliche Perspektive".'"^ Vergleichbar mit den „Ideen von 1789" sollten die „Ideen von 1914" von Deutschland aus zu einem „nachhaltigen Siegeszug über die ganze Welt" aufbrechen.'"® Damit „1914" als Datum der deutschen „Revolution" in die Geschichte eingehe, formulierten viele Koφorativisten Wertvorstellungen, die ähnlich innovativ und richtungsweisend wie die von 1789 sein sollten. Die von ihnen geprägten Begriffe „Deutsche Freiheit", „Kameradschaft" und „nationaler Sozialismus" ließen aber schon erkennen, daß es sich primär um innenpolitisch ausgerichtete deutsche Werte für die deutsche Kriegsgesellschaft handelte. Ein Sendungsbewußtsein kann nicht unabhängig vom Selbstbild der „Missionare" und ihrem Bild vom Adressaten der Sendung betrachtet werden. Aus der Interdependenz von Selbst- und Fremd- bzw. Feindbild resultierte die Schwierigkeit, deutsche Sendungsvorstellungen zu formulieren. Das deutsche Selbstbild, die Verbindung von Ordnung, Militarismus und Kultur, war ebenso schwer universalisierbar wie die neuen deutschen Gegenwerte zu 1789 und daher für ein Sendungsprogramm ungeeignet. Gemäß dem „selbstreferentiellen Nationalbewußtsein" (Jeismann) beruhte das deutsche Selbstbild primär auf Eigenschaften, die als exklusiv deutsch gedeutet wurden. „Das traditionelle nationale Selbstverständnis paßte schlecht zu einem weltpolitischen Machtanspruch".'"' Auch an der verbreiteten Formel vom „Deutschen Krieg" zeigt sich, daß es vor allem auf die Auswirkungen „dieses unseres Krieges"'"' auf die Erneuerung Deutschlands ankam. Zudem erschwerte das heterogene Feindbild die Zielrichtung einer deutschen Sendung. Dieses strukturelle Dilenmia der Gelehrten hatte zur Folge, daß etwaige Sendungsvorstellungen diffus blieben und sich letzt-

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Weber, Α., Sendung, S. 29. Hier griff Weber einen Gedanken auÇ der bereits in der Vorkriegszeit propagiert worden war, vgl. Schwabc, Wissenschaft, S. 75. Jeismann, Vaterland, S. 322. Plenge, Krieg 1, S. 191; Plenge, 1789 und 1914, S. 146. Die neuen deutschen Ideen würden „als Lebensvorbild neu von Land zu Land aufgenommen", Plenge, Krieg 2, S. 192. So der Untertitel von Kjelléns Broschüre. Plenge, Krieg 1, S. 174. Jeismann, Vaterland, S. 381. Scheler, Genius, Vorrede.

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lieh auf die eigene Nation bezogen. Anhand von Troeltschs Rede vor der „Deutschen Gesellschaft 1914" im Frühjahr 1916 wird deutlich, daß die „Ideen" nicht per se universale Geltung beanspruchten, sondern vielmehr eine deutsche Gedankenkonstruktion waren, die auf dem spezifísch deutschen Augusterlebnis beruhte. Er legte dar, daß die „Ideen von 1914" seit Anfang August 1914 entstanden seien.^*" Daß es sich bei ihnen nicht um ein „Programm" handelte, geschweige denn um Werte, die ohne weiteres von anderen Völkern übernommen werden konnten, hat - ungeachtet der ihm eigenen Polemik - am deutlichsten Sombart herausgestrichen. Zwar kündigt seine Kapitelüberschrift: „Die Sendung des deutschen Volkes""" eine Darlegung kulturimperialistischer Zukunftsvorstellungen an, aber genau diese werden nicht entfaltet. Eine „.Germanisierung"' von „halb zivilisierte[n] oder Naturvölker[n]" sei unmöglich, so Sombart, denn der „Geist" der Deutschen entspreche dem deutschen Wesen und sei insofern anderen Nationen kaum „einzupflanzen".'" Die deutschen Ideen wiesen den Deutschen vorrangig die Aufgabe zu, den „Händlergeist" abzuwehren. Die „Sendung" des deutschen Volkes war somit, wenn auch nach außen defensiv, primär innenpolitischer Natur, so daß von einer deutschen Sendung im eigentlichen Sinne nicht gesprochen werden kann.

3.4 Zusammenfassung: Siegesgewißheit und Reformbegehren Geprägt von der Bedrohung durch eine „Welt von Feinden" sowie von der allgemeinen Mobilisierungseuphorie im August 1914 versuchten die Gelehrten, ein verbindliches Zukunftsbild zu entwickehi. Es setzte sich aus außenpolitischen Ziel- und innenpolitischen Reformvorstellungen zusammen. Dabei bemühten sich die Gelehrten, deutsche Kriegsziele zu defínieren, ohne den Charakter des Verteidigungskrieges in Frage zu stellen. Hierzu bot sich ein Konzept künftiger „Sicherungen" an, das das außenpolitische Zukunftsbild bestimmte. Zwar verbargen sich hinter diesem Begriff verschiedene Expansionsvorstellungen, aber ein Programm filr weitreichende Annexionen wurde in den Einzelschriften nicht erstellt. Nur in den Eingaben nahmen die Gelehrten zu Kriegszielen ausftlhrlich Stellung. Sie unterschieden sich primär in bezug auf die West- und weniger auf die Ostkriegsziele. Die Differenzen zwischen der Delbrück- und der Seeberg-Schäfer-Gruppe hinsichtlich der Kriegsziele bezogen sich weniger auf die Frage, ob territoriale Erweiterungen anzustreben seien, als vielmehr auf die verschiedenen Auffassungen darüber, auf welche Weise Deutschlands Machtbereich vergrößert werden sollte. Es ging der Seeberg-Schäfer-Gruppe um eine rigorose Machtpolitik, während die Delbrück-Gruppe im Einklang mit der Regierungspolitik Bethmann Hollwegs ein deutsches Einflußgebiet in einem vereinten Mitteleuropa anstrebte. Die herkömmliche Unterscheidung in „Gemäßigte" und ,^nnexionisten" wird der Komplexität der

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Troeltsch, Ideen, S. 610-624. Sombart, Händler und Helden, S. VII, 97. „Wir wollen ein staiices deutsches Volk und also ein staika- deutscher Staat sein und bleiben und also auch wachsen in den Grenzen des Olganischen" (Sombart, Handler und Helden, S. 144).

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Kriegszielvorstellungen daher nicht gerecht. Wenngleich beide Gruppen ihre Siegesgewißheit betonten, blieb ihr außenpolitisches Zukunftsbild in der ersten Kriegshälfte unklar. Wesentlich ausführlicher befaßten sich die Gelehrten mit dem innenpolitischen Zukunftsbild. Dabei mußten sie auf die alliierte Propaganda reagieren, die das Deutsche Reich als militaristische Autokratie, als von einer Kaste aus Adel und Großindustrie gestützte Militärmonarchie dargestellte. Die Schwierigkeit bestand darin, daß die Werte, auf die sich die Ententestaaten beriefen, universale Zugkraft besaßen und auch in Deutschland bei liberalen und sozialistischen Kräften positiv konnotiert waren. Die westliche Kritik bezüglich einer in Deutschland herrschenden politischen Ohnmacht des Volkes und des dominierenden Militärs war in der Vorkriegszeit auch in Deutschland vielfach geäußert worden. Die deutschen Gelehrten mußten also ein Zukunftsbild entwerfen, das geeignet war, sowohl innergesellschaftliche Antagonismen überbrücken als auch im interkulturellen Vergleich bestehen zu können. Dabei sahen sie sich genötigt, die von den Alliierten verwendeten Begriffe „Militarismus" und „Freiheit" aufzugreifen und ihrerseits mit Inhalt zu füllen, zumal insbesondere die Westmächte vorgaben, für die Freiheit der Völker zu kämpfen. Das Erlebnis der gesamtgesellschaftlichen Mobilisierung bei Kriegsbeginn spornte die Gelehrten seit August 1914 an, innovative Reformmodelle zu entwickeln. Aus dem „Geist von 1914" wollten sie die „Ideen" einer neuen, idealen politischen Ordnung ableiten, in der die sozialen und kulturellen Probleme der Vorkriegszeit sowie die Mängel der alten Staatsordnung überwunden sein würden. Zwei Ordnungsideen wurden in der ersten Kriegshälfte entwickelt. Eine Minderheit der Gelehrten vertrat die Idee des „Volksstaats", des „wahren" Konstitutionalismus. Das zweite Reformbegehren bezog sich auf die Erlösungsvorstellung der korporativen Staatsordnung. Sie war die Reformvorstellung der ersten Kriegshälfte. Die große Mehrheit der deutschen Gelehrten gehörte zur Trägergruppe dieser Idee. Von den hier erwähnten rund 150 Gelehrten können 36, knapp ein Viertel, den beiden in der ersten Kriegshälfte verkündeten Reformideen zugeordnet werden. Sieben bildeten die Kemgruppe der Konstitutionalisten, 29 die der Koφorativisten. Daß ca. ein Drittel der Koφorativisten deutsch-jüdischer Herkunft war, unterstreicht, wie sehr gerade diese Idee die gesamtgesellschaftliche Integration verhieß. Der entscheidende Unterschied zwischen der koφorativen und der konstitutionellen Reformvorstellung bezog sich auf die künftige Rolle des Parlaments. Der „Volksstaat" der Konstitutionalisten symbolisierte die Selbstregierang der mündigen Staatsbürger, die „Volksgemeinschaft" der Koφorat¡visten die Mitbestimmung der Untertanen in einer aus Fachbeamten bestehenden Regierung. Da sowohl die koφorative als auch die konstitutionelle Ordnungsvorstellung einen Institutionenwandel beinhalteten, wird die in der Forschung gängige Einteilung der Gelehrten in Reformer („Modernisten") und Anhänger des verfassungspolitischen Status quo („Orthodoxe") der Argumentation der Gelehrten nicht gerecht. Dies gilt auch für die häufig anzutreffende Gleichsetzung von „Orthodoxen" mit „Annexionisten" und „Modernisten" mit „Gemäßigten". Die Gelehrten der Delbrück- und der Seeberg-Schäfer-Grappe lassen sich in etwa den beiden außenpolitischen Vorstellungen - Realpolitik gegen Machtpolitik - zuordnen, aber sie sind nicht identisch mit den Trägergruppen der Ordnungsideen, den Konstitutionalisten und den Koφorativisten. Die Trägergruppe der koφorativen Volksgemeinschaftsidee setzte sich aus Anhängern der Seeberg-Schäfer- und der Delbrück-Gmppe zusammen sowie aus Gelehrten, die keiner Gruppe zuzuordnen sind, während die Trägergmppe des Konstitutionalismus aus einigen Vertretern der Delbrück-Grappe oder ihr nahestehenden Gelehrten bestand.

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Die Volksstaatsidee Das Zukunftsbild der Konstitutionalisten verhieß den „Volksstaat", der dem Volk - verstanden als politisch mündige Bürger, nicht als Untertanen - die Selbstregierung ermöglichen sollte. Das Parlament sollte von einem bloßen Kontroll- zu einem wirklichen Regierungsorgan werden. Insofern implizierte diese Reformforderung die Umwandlung der bestehenden Staatsordnung in eine parlamentarische Monarchie, auch wenn der Begriff nicht genannt wurde. Die im Vergleich zur korporativen Ordnungsidee nur sehr kleine Trägergruppe bestand vor allem aus Juristen und Historikern des nationalliberalen Spektrums. Zu den prominenten Anhänger dieser Idee gehörten insbesondere Delbrück, Anschütz und Preuß. Die Verhaltensgebote zur Verwirklichung dieser Idee kann man unter zwei Hauptgebote subsumieren: Die Durchsetzung der verantwortlichen Mitbestimmung des Reichstags sowie die Stärkung zentraler Reichsinstitutionen. Ausgangspunkt dieser Reformforderungen ist der Primat der Volkes, verstanden als Kollektiv politisch eigenständiger Individuen. Die Konstitutionalisten nahmen das Volk in seiner Vielfalt wahr und akzeptierten alle politischen Richtungen als gleichwertige Elemente des „Volkswillens". Ein den unterschiedlichen Interessen Rechnung tragendes Wahlrecht war daher ihrer Meinung nach die Conditio sine qua non eines funktionierenden politischen Lebens, und zwar im Reich wie in Preußen. Die Bismarcksche Reichsverfassung wurde als „obrigkeitsstaatlich" bezeichnet und als Staatsform gedeutet, die das Volk politisch entmündigte. Der konstitutionelle Gegenentwurf war der durch Übertragung von politischer Verantwortung zu schaffende „Volksstaat". Gefordert wurden daher eine „wahre" konstitutionelle Monarchie, die sich durch die parlamentarische Verantwortlichkeit der Regierung auszeichnete, eine Wahlrechtsänderung in Preußen sowie ein staatsbürgerlicher Unterricht zur politischen Bildung des Volkes. Die Monarchie würde zwar an realer Macht verlieren, aber als Integrationssymbol des Reiches an symbolischer Macht gewinnen. Der Kaiser sollte zum Reichssouverän und die bundesstaatliche Ordnung durch einen zentralisierten Einheitsstaat ersetzt werden, um die Dominanz Preußens - und damit des konservativen Elements - zu verringern. Das Parlament galt den Konstitutionalisten als eine der tragenden Säulen der Reichspolitik, als Machtzentrum, aus dem die Mitglieder der Reichsregierung hervorgehen sollten. Die Diffusionschance der konstitutionellen Ordnungsidee wurde dadurch geschmälert, daß entscheidende Reformpunkte, wie z. B. die Wahlrechtsänderung in Preußen und die dem Parlament verantwortliche Regierung, als Annäherung an die westliche Verfassungstradition verstanden werden konnten. Zwar argumentierten die Konstitutionalisten mit der „Staatsraison", d. h. mit dem Eigeninteresse des Staates an der Mitbestimmung seiner Bürger. Im Grunde aber vertraten sie damit eine im Sinne der westlichen Verfassungsentwicklung moderne Reformidee. Sie leiteten ihre Reformvorschläge aus dem Gedanken der individuellen Selbstbestimmung ab, einem nach damaliger Auffassung „westlichen" Wert. Der Volksstaatsvision fehlte daher das patriotische Pathos, welches sich vor allem durch Abgrenzung vom Feind hätte erzeugen lassen. Es war nicht leicht, die konstitutionelle Weiterentwicklung des Reiches als genuin deutsche Staatsform darzustellen. Damit fehlte dieser Vision eine wesentliche Zugkraft. Zwar wurden die Reformforderungen sehr vorsichtig formuliert, insbesondere aber die scharfe Kritik am „Obrigkeitsstaat" erschien vielen Angehörigen des Bürgertums inakzeptabel, galt doch gerade die angeblich „über den Parteien stehende" Obrigkeit häufig als positiv im Vergleich zum westlichen „Parteienkampf'. Zu-

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dem fehlte ein prägnanter Begriff - der „wahre Konstitutionalismus" wurde nur von Anschütz gefordert und der „Volksstaat" als allgemeine Parole noch nicht verwendet - , der dieser Idee eine allgemeine Zustimmung hätte verschaffen können. Ihre Diñusionschance ist daher als gering einzuschätzen. Die,.Ideen von 1914" Das Zukunftsbild der Korporativisten implizierte die Forderung nach einer staatssozialistischen „Volksgemeinschaft", in der Deutsche und die Angehörigen der nationalen Minderheiten unabhängig von Partei-, Schicht-, Religions- und Konfessionszugehörigkeit zusammenleben sollten. Diese Idee war nicht auf die Dynastien ausgerichtet, sondern auf die Nation und entsprach daher einer neuen Form des Nationalismus. Für alle „Volksgenossen" waren politische Partizipationsmöglichkeiten auf verschiedenen Ebenen der hierarchisch aufgebauten Volksgemeinschaft vorgesehen. Nicht Selbst-, sondern Mitbestimmung lautete das Credo in bezug auf das Parlament, das als Beirat von Fachleuten mit der Regierung zusammenarbeiten sollte. Es handelte sich bei dieser inklusiven Ordnungsidee um die Utopie einer konfliktfreien, harmonischen Gemeinschaft. Zur im Hinblick auf den akademischen Status, landsmannschaftliche und Religionszugehörigkeit sowie die politischen Ansichten ausgesprochen heterogenen Trägergruppe gehörten vor allem Nationalökonomen, Philosophen und evangelische Theologen, von denen insbesondere v. Hamack, Jaffé, Kjellén, Meinecke, Plenge, Seeberg, Troeltsch und Alft-ed Weber hervorzuheben sind. Das Verhaltensgebot bestand in der Institutionalisierung der korporativen Staats- und Gesellschaftsordnung. Der „neue deutsche Staat" sollte autark, hierarchisch gegliedert, wirtschaftlich und verwaltungstechnisch zentral organisiert und mit einer starken Staatsftlhrung ausgestattet sein. Die Vorstellung vom Volk als organischer Einheit war der Ausgangspunkt der Reformforderungen. Sie implizierte, daß nicht unterschiedliche Individualinteressen, sondern das Gesamtinteresse des Volkes im Mittelpunkt staatlicher Politik standen. Aus dem Primat des Gemeinwohls ergab sich die Vorstellung eines einheitlichen Volkswillens. Ein Wahlrecht, das unterschiedlichen Interessen Rechnung trug, war daher zweitrangig. Als bloße Äußerlichkeit erschien es wertlos, solange nicht der Gemeinwohlprimat verinnerlicht worden war. Das Parlament wurde daher nicht als Entscheidungs-, sondern als beratendes Expertengremium angesehen. Die Regierung sollte „über den Parteien" stehen. Zudem verhieß das Konzept der „Deutschen Freiheit" die Aufhebung des Konflikts zwischen Freiheit und Bindung und repräsentierte insofern eine eigenständige, aus dem Protestantismus abgeleitete Freiheitsauffassung. Die „Ideen von 1914" stellten keine „Antithese" zu den Werten von 1789 dar. Sie bedeuteten vielmehr deren Aufhebung in einer höheren Kultursynthese: Im neuen Deutschland sollte die „deutsche" Freiheit als Gemeinwohlorientierung freier Bürger herrschen, die kameradschaftliche „Gleichheit des Dienstes" (Plenge) die sozialen Unterschiede relativieren. Ein brüderlicher, weil „nationaler Sozialismus" solle die Mitbestimmung vor allem im ökonomischen Bereich gewährleisten. Die Tarifautonomie und die Einrichtung eines dem späteren Betriebsrätesystems ähnlichen Mitbestimmungssystems in der Wirtschaft wurden angestrebt. Die kriegsbedingten Zentralisierungsmaßnalmien des Wirtschaftslebens sollten nach dem Krieg beibehalten werden. Eine spezifische Mischung aus Führung und Mitbestimmung kennzeichnete die korporativen Vorstellungen hinsichtlich der ökonomischen wie der politischen Ordnung. Zwar wurde die Monarchie nicht explizit in

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Kriegsbeginn und nationale Integration: Die Entstehung der Ordnungsideen 1914 bis 1916

Frage gestellt, aber unter dem Begriff „Führertum" konnte auch eine plebiszitäre Führerdiktatur verstanden werden. Da der Krieg alle Lebensbereiche betraf, erforderte er nach Ansicht der Koφorativisten die totale Organisation. Insofern waren die „Ideen von 1914" eine fhlhe Vision des totalen Staates. Der Gedanke der totalen Organisation implizierte die Delegitimierung der traditionalen Herrschaft. Als Gegenentwurf zu west- und osteuropäischen Staatsordnungen läßt sich für die Volksgemeinschaftsvision eine relativ hohe Diffiisionschance konstatieren. Hierzu trug der Bezug auf das Gemeinwohl maßgeblich bei. Mit der Formel der „Ideen von 1914" schufen die Korporativisten im Herbst 1914 eine prägnante Formel, die schnell Verbreitung fand. Als Bezeichnung fìir ein gesellschaftliches Integrationskonzept, das seit Kriegsbegiim zunehmend konkretisiert wurde und die faktisch zunehmenden Desintegrationstendenzen innerhalb der deutschen Kriegsgesellschaft überbrücken sollte, galt sie als populäres Synonym für die kommende „Volksgemeinschaft". Durch die Konstruktion der „Deutschen Revolution" von 1914 gelang es den Gelehrten, ihre kommunitäre Vision mit patriotischem Pathos aufzuladen. Dieser Effekt wurde dadurch verstärkt, daß die Gemeinschaftsvision in Anlehnung an Hegelsches Staatsdenken, Lutherischen Protestantismus und rechtssozialistischen Etatismus als genuin deutsches Gegenmodell zur westlichen Individualgesellschaft, d. h. in Abgrenzung zum Feind (und damit auch zum Volksstaatsmodell) konstruiert wurde. Die Notwendigkeit zur Organisation insbesondere im Krieg leuchtete allgemein ein, und mit Rathenau und V. Moellendorff arbeiteten zwei Wirtschaftsführer als Vertreter staatssozialistischer Gemeinwirtschaftskonzepte mit der Reichsleitung zusammen. Außerdem erschien der Gedanke einer harmonischen Gemeinschaft besonders attraktiv vor dem Hintergrund der Vorkriegszeit, die mit konfessionellen Gegensätzen und religiöser Diskriminierung sowie mit „Parteienstreit" assoziiert wurde. Zwar vermochte das „sozialistische" Vokabular nicht alle zu überzeugen, aber die Begriffe „Deutsche Freiheit", „Kameradschaft" und „Kriegssozialismus" stellten ein semantisches Identifikationsangebot für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen dar. Das spiegelte sich nicht zuletzt in der heterogenen Trägergruppe wider. Die Difftisionschance der „Ideen von 1914" muß in ihrer Anschlußfähigkeit an verschiedene Ideologien gesehen werden. Die „Ideen" waren nicht „konservativ" oder auf den sozialpolitischen „Status quo" ausgerichtet. Die Koφorativisten strebten einerseits - nicht zuletzt durch die propagierte „einfache", asketisch-spartanische Lebensweise - die Rückkehr zur vormodemen deutschen Naturromantik an, aber andererseits die Überwindung des Kapitalismus durch die sozialistische Industriegesellschaft. Der „neue deutsche Staat" machte einen Homogenisierungs- und Durchgriffsanspruch auf die Gesellschaft geltend. In der Totalität seines Organisations- und Führungsdogmas lag das spezifisch Moderne. Die angestrebte „Volksgemeinschaft" war politisch grundsätzlich deutungsoffen. Sie konnte „national" oder „sozialistisch", aber auch konservativ oder „völkisch" interpretiert werden und lud Sozialdemokraten, „Kathedersozialisten" und konservative Antikapitalisten gleichermaßen zur Identifikation ein. Keine der beiden Ordnungsideen implizierte ein Sendungsprogramm. Die Volksstaatsidee konnte nicht als „Sendung" verkündet werden, weil die ihr inhärenten Verhaltensgebote in den parlamentarischen Monarchien oder Republiken des Westens bereits umgesetzt waren. Die Idee der Volksgemeinschaft war als spezifisch „deutsche" Idee kaum exportierbar und der Rekurs auf spezifisch deutsche Tugenden sowie die Diskussion über die innenpolitische Neuordnung des Reiches für die Feinde uninterèssant. Da zudem das unklare Selbstbild

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der Deutschen und das fehlende Feindbild die Formulierung einer Mission erschwerten, waren Äußerungen zu einer „Deutschen Sendung" stets allgemein gehalten und ein insgesamt seltenes Thema in den Kriegsschriften. In dem Maße, wie ein Sendungsprogramm nicht entwickelt wurde, reduzierten sich die Erwartungen der Gelehrten auf die vage Hoffiiung, das Ausland werde die „deutsche" Organisation imitieren. Die „Ideen von 1914" waren kein diffuses und daher zu vernachlässigendes „Ideenkonglomerat" (vom Brocke). Sie bezogen sich auf eine konkrete politische Ordnungsvorstellung. Während der „Geist von 1914" die zeitgenössische Bezeichnung der Aufbruchsstimmung und des Gemeinschaftsgefühls im August des Jahres 1914 darstellte, handelte es sich bei den „Ideen von 1914" um eine von Plenge im Herbst 1914 geprägte Formel, mit welcher die Idee einer künftigen „Volksgemeinschaft" bezeichnet wurde, die sich von dem von einer Minderheit vertretenen Volksstaatskonzept deutlich unterschied. Die „Ideen von 1914" sind daher kein Oberbegriff für alle im Kriege verkündeten Zukunftsvorstellungen, sondern die Bezeichnung für eine spezifisch kommunitär ausgerichtete inklusive Ordnungsidee, welche die ideenpolitische Debatte der ersten Kriegshälfte prägte. Sie repräsentierten eine Sozialutopie, die sich an der Idee des nationalen Gemeinwohls orientierte und eine eigenständige FreiheitsaufTassung beinhaltete. Konstitutionalismus und Koφorativismus implizierten einen fundamentalen Institutionenwandel und delegitimierten die Staatsordnung Bismarckscher Prägung. Da sowohl die konstitutionelle als auch die koφorative Ordnungsidee bereits seit dem Herbst 1914 verbreitet wurden und es im Kern um die Frage der Selbst- bzw. Mitregierung ging, kann das erste Kriegsjahr als Beginn der Parlamentarisierungsdebatte angesehen werden.

TEIL II DIE POLARISIERUNG DER KRIEGSGESELLSCHAFT: KONKRETISIERUNG UND RADIKALISIERUNG DER ORDNUNGSIDEEN

1916 BIS 1918 Sommer 1916. Mit aufeinander abgestimmten GroßofFensiven an allen Fronten wollen die Staaten der Entente den Widerstand der Mittelmächte brechen. Während seit Monaten die Schlacht шп Verdun tobt, setzt Anfang Juni die russische Brussilow-Offensive in Galizien ein. Sie überrascht die Österreicher, die enorme Verluste zu beklagen haben. Kurz darauf beginnt der von Großbritannien unterstützte arabische Aufstand gegen die türkische Herrschaft. Im Juli starten die Alliierten mit einer Überlegenheit von 2:1 an Soldaten und Material die zweite Phase der Schlacht an der Somme. Als die Offensiven erfolgen, ist die Ausgangslage für die Entente günstig, doch gelingt ihr der Durchbruch nicht. Allein der Kampf um Verdun fordert auf beiden Seiten ungefähr eine halbe Million Tote, Verwundete und Vermißte. Zwar ist die militärische Lage unentschieden, das Reich aber strategisch in die Defensive geraten.'

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Ullmann, Kaiserreich, S. 230fiF.; Mai, Ende, S. 77; Erdmann, Weltkrieg, S. 120-123; Mai, Ende, S. 62-83; Stüimer, Das nihelose Reich, S. 382-388; Fem), Der große Krieg, S. I38ff; Keegan, War, S. 296flF.

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Polarisierung der Kriegsgeseilschaft: Radikalisierung der Ordnungsideen 1916 bis 1918

4 Weltbild: Die wachsende Bedrohung von außen und das Ende des „Burgfriedens"

Es war allerdings keineswegs die außenpolitische Situation alieine, die Anlaß zur Sorge bot. Gerade innenpolitisch war es seit 1915 zu Entwicklungen gekommen, die sich zunehmend auf die politische Stabilität und den Burgfrieden auswirkten. So weitete sich die verdeckte Kriegszielagitation rechtsgerichteter und alldeutscher Kreise trotz Verbots stetig aus. Hier markierten die von dem Berliner Historiker Schäfer im Sommer 1915 initiierte „Intellektuelleneingabe" sowie die von seinem Kollegen Delbrück organisierte Gegeneingabe den Beginn der Polarisierung innerhalb der Gelehrtenschaft. Der Einfluß der Alldeutschen reichte von Wirtschaftsverbänden über das Bürgertum und einen großen Teil der Gelehrten bis zu den konservativen und nationalliberalen Parteien.^ Gemäß seiner „Politik der Diagonale" versuchte der Reichskanzler, zwischen den Gegensätzen zu vermittehi. Da er sich nicht auf konkrete Forderungen festlegen ließ, wurde die alldeutsche Kriegszielagitation zunehmend zu einer Agitation gegen die Person Bethmann Hollweg. Es kursierten Pamphlete, in denen der Kanzler angegriffen wurde. Hierbei tat sich vor allem der konservative ostpreußische Generallandschaftsdirektor Kapp hervor.' Im Mai 1916 verfaßte er eine Denkschrift, in der er Bethmann Hollweg eine „staatsverräterische" Politik sowie mangelnde Entschlossenheit unterstellte. Der Kanzler sei seiner Aufgabe nicht gewachsen. Er strebe einen „lauen Frieden" an und gefährde das Reich durch die Politik der Neuorientierung.* Mit einer Duellforderung Kapps erreichte die politische Auseinandersetzung im Sommer 1916 einen besonderen Tiefpunkt.^ Nicht nur von rechts, sondern auch von Seiten der Linken wurde der Reichskanzler zunehmend kritisiert. Seine „Politik der Diagonale" - von rechts als Schwäche ausgelegt - inteφretierten die Linkssozialisten als Tarnung einer imperialistischen Machtpolitik. Bethmann Hollwegs Ausgleichsbemühungen wurden als zielloses Lavieren gedeutet, so daß er

Mai, Ende, S. 51-62,82, insbes. S. 51f, 54flf., 61f.; Ullmarai, Kaiseneich, S. 256fi:; Fischer, Griff nach der Weltmacht, S. 155-178; Etdmann, Weltkrieg, S. 120-125,138-148; Bihl, Quellen, S. 28f ; Hartwig, Edgar .Alldeutscher Voband (ADV) 1891-1939", in: Fricke, Die ЬШвегНсЬеп Parteien 1, S. 1-26. Vgl. Hagenlücke, Heinz: Deutsche Vaterlandspartei. Die nationale Rechte am Ende des Kaiserreichs. Düsseldorf 1997, S. 109-142, insbes. S. 119fiF., und Erdmann, Weltkrieg, S. 140-145. Κφρ, Die nationalen Kreise, S. 125,127f Die Duellforderung wurde bis nach Kri^soide verschoben, vgl. Hagenlücke, S. 128£ Zum Duell als Form der Auseinandersetzung vgl. Frevert, Ute: Ehrenmänner. Das Duell in der büigwlichen Gesellschaft. München 1995.

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zunehmend zwischen die innenpolitischen Fronten geriet.® Die Sozialdemokraten, durch ihre Politik in eine prekäre Situation geraten, forderten innenpolitische Reformen, wollten aber die Reichsleitung nicht unter Druck setzen. Deshalb knüpften sie ihre Zustimmung zu den Kriegskrediten nach wie vor nicht an Bedingungen. Außenpolitisch erstrebten sie den Status quo ante im Westen, begrüßten aber eine Zerschlagung Rußlands als „Befreiung" der Völker vom Zarismus. Außerdem forderten sie einen ungeschmälerten Anteil des Reiches am Weltmarkt sowie einen angemessenen Kolonialbesitz.' Diese Einstellung wurde vom linken Flügel der SPD zunehmend als Korrumpierung der Partei und als Bruch mit den Grundsätzen der Internationale gesehen. Waren die gegensätzlichen Meimmgen bei Kriegsbeginn noch hinter die Parteidisziplin zurückgetreten, mehrten sich nun zunehmend die Stimmen, die sich gegen die Bewilligung weiterer Kriegskredite aussprachen.^ In der Reichstagssitzung vom 24. März 1916, als die 5. Abstimmung über die Kriegskredite anstand, ergriff Hugo Haase erneut das Wort. Im Gegensatz zum Kriegsbeginn sprach er sich nun gegen die Bewilligung des Notetats aus und kritisierte die mangelnden Friedensbemühungen der Regierung. Seine Rede löste Tumulte aus.' Mit Haase stimmten 18 Abgeordnete der SPD gegen die Kredite, was zu einer mneφaгteilichen Krise führte. Die Abweichler kamen einem Ausschluß zuvor, indem sie die SPD-Fraktion verließen. Zusammen mit den oppositionellen Abgeordneten gründete Haase die „Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft" (SAG), die fortan die Politik der „unabhängigen" Sozialdemokraten vertreten sollte. In einem rechtzeitigen Wandel des Institutionensystems erblickten die Mehrheitssozialisten nicht nur den einzigen Weg, die „Neuorientierung" glaubwürdig umzusetzen, sondern auch die alleinige Möglichkeit, eine Spaltung der Arbeiterschaft zu verhindern und ihre eigene Position innerhalb der Partei zu festigen.'" Zwar hatte es bis zum Sommer 1916 innenpolitisch einige kleinere Reformen gegeben, aber die großen Fragen waren ausgeklammert worden." Bethmann Hollweg hatte eine Wahlrechtsreform in Preußen, die innenpolitische Hauptforderung von Sozialdemokraten und Liberalen, im Januar 1916 für die Zeit nach dem Kriege angekündigt, die konkrete Umsetzung der „Neuorientierung" blieb jedoch unklar. Außen- wie innenpolitisch befand sich Deutschland daher im Sommer des Jahres 1916 in einer kritischen Situation. Schwere Kämpfe an allen Fronten und die zunehmend schärfer werdende politische Auseinandersetzung im Innern kennzeichneten sie. Der Reichskanzler konnte seine Position behaupten, als mit Großadmiral v. ΤΙφίίζ und Generalstabschef v.

Mommsen, Wolfgang J.: ,J)ie Regierang Bethmann Hollweg und die öffentliche Meinung 1914-191Г', in: VfZ 17, 1969, S. 117-159; Wollstein, S. 110-128; Eidmann, Weltkrieg, S. 142flF.; Mai, Ende, S. 57fE, 85£ Mai, Ende, S. 48fif.; Erdmann, Weltkrieg, S. 142. Miller, Burgfrieden, S. 75ff, 92ff Schon am 2.12.1914 hatte es eine Gegenstimme aus dem linken Flügel der SPD-Fraktion gegeben: Karl Liebknecht Stenographischer Bericht des Reichstags, Bd. 307, S. 843f. Vgl. auch Miller, Buigfiieden, S. 125f Miller, Burgfrieden, S. 125fF.; Mai, Ende, S. 45fF.; Gründungsaufiuf der SAG, in: Bihl, Quellen, S. 183f. So war nun die Übernahme von SPD-Mi^iedem in den preußischen öffentlichen Dienst erlaubt Außerdem galten Gewerkschaften nicht mehr als politische Parteien, wodurch sie waiiger Beschränkungen unta-lagen. Überdies war fortan audi Jugendlichen die Mitgliedschaft in Gewericschaften erlaubt Vgl. Bihl, Quellen, S. 12£; Miller, Buigfrieden, S. 267АЕ

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Falkenhayn zwei seiner Gegner entlassen wurden und v. Hindenburg und Ludendorff die sogenannte „3. OHL" bildeten. Obwohl Bethmann Hollweg durch diesen Wechsel zunächst entlastet war, bedeutete die Ernennung der „Helden von Tannenberg" eine - wie sich herausstellen sollte irreversible - Machterweiterung der militärischen Führung gegenüber der zivilen Reichsleitung und dem Kaiser. Zugleich stellte sie eine Richtungsentscheidung dar: den Krieg militärisch zu beenden und alle Kräfte ftlr den Sieg zu mobilisieren.'^ Aus diesem Grunde wurde die während der Julikrise 1914 begonnene Politik der gezielten iimenpolitischen Desinformation fortgesetzt. Um keine KriegsmUdigkeit aufkommen zu lassen, wurde die strukturelle Unterlegenheit der Mittelmächte verschwiegen und die Aussicht auf einen deutschen Sieg als gut dargestellt. Eine allgemeine Siegeszuversicht galt der Regierung wie der OHL als Voraussetzung für das ,Durchhalten' des Volkes. Gerade in der kritischen Situation des Sommers 1916 kam es daher vielfach zu Durchhalteaufhifen offiziöser und privater Organisationen. Auch die Gelehrten beteiligten sich: Mit einem Aufruf, der unter der Überschrift „Der Wille zum Sieg" am 27. Juli 1916 in verschiedenen Tageszeitungen veröffentlicht wTirde, wandten sich die Berliner Professoren v. Gierke, Kahl, Meyer, Schäfer, Seeberg, Wagner und v. Wilamowitz - mit Ausnahme von Kahl alle der Seeberg-SchäferGruppe nahestehend - an die deutsche Öffentlichkeit. „Ein zweites Kriegsjahr nähert sich seinem Ende", schrieben sie. Es habe „noch reichere Erfolge" gebracht als das erste; die deutschen Truppen stünden tief „im Feindesland". Die Unterzeichner betonten, daß es im beginnenden dritten Kriegsjahr erst recht auf den „Willen zum Siege" ankomme: „Sei stark deutsches Volk, und Gott wird mit dir sein".'^

4.1 Die Formierung der „Intellektuellen" Am 6. Juli 1916 konstituierte sich der „Deutsche National-Ausschuß für einen ehrenvollen Frieden". Er ging auf eine Initiative Erzbergers zurück. Bereits im April hatte er dem Reichskanzler geraten, angesichts der politischen Spannungen die Meinungsführerschaft in der öffentlichen Debatte zu behaupten, damit nicht mächtige Interessengruppen die Bevölkerung gegen die Regierung mobilisierten. Prominente Redner, insbesondere Gelehrte, sollten die Regierungspolitik öffentlich unterstützen. Der National-Ausschuß wirkte als Propagandaorganisation der Reichsregierung gegen die Agitation annexionistischer Kreise. Zur akademischen „Gründungsprominenz"''' gehörten der Jurist Kahl sowie die Theologen Mausbach und v. Hamack, welcher 2. Vorsitzender des Nationalausschusses wurde.'' Im Gegensatz zum offiziösen Nationalausschuß waren die Aktivitäten der im Juni 1916 unter Beteiligung des Astronomen Wilhehn Foerster sowie seines Sohnes Friedrich Wilhelm und des Gießener Philosophieprofessors Emst v. Aster gegründeten „Vereinigung Gleichgesiim12 13

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Mai, Ende, S. 83-88,118fF., 85; Ullmann, Kaiserreich, S. 231; Loth, Kaisetreich, S. 1480! ,J)er Wille zum Sieg. Ein Aufiuf Berliner Universitatsprofessoren" (27.7.1916), zit nach Böhme, Aufiirfe und Reden, S. 137-139, ziL als Siegeswillenaufiuf. Zu den Unterzeichncm vgl. MWS1/15, S. 381. Schwabe, Wissenschaft, S. 117. Woywod, Dietrich: .JDeutscher Nationalausschuß für einen ehrenvollen Frieden (DNA)", in: Fricke, Die bürgerliche Parteien 1, S. 487-488, hier S. 487f.; MWS 1/15, S. 400f.; Nowak 1, S. 79.

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ter" zwar ebenfalls gegen die alldeutsche Agitation gerichtet, aber zugleich regierungskritisch. Die Vereinigung war eine Nachfolgeorganisation des seit Februar 1916 wegen seiner pazifistischen Ausrichtung verbotenen „Bundes Neues Vaterland"." Ähnliches galt fllr die Ende Juli 1916 ins Leben gerufene .Zentralstelle Völkerrecht", der aus akademischen Kreisen Einstein, Schücking und Wehberg angehörten und die sich für Frieden und Völkerverständigung einsetzte,'^ aber unter den Gelehrten nur sehr wenig Anhänger fand. Am 1. August 1916, dem zweiten Jahrestag der deutschen Mobilmachungserklärung, veranstaltete der National-Ausschuß in mehreren Städten Kundgebungen, die unter dem gemeinsamen Motto „An der Schwelle des dritten Kriegsjahres" standen. Die akademischen Redner, allesamt Gelehrte, die der Delbrück-Gruppe nahestanden - außer v. Hamack auch Brentano, Hashagen, Mareks, Oncken, Rade, Rathgen, v. Schulze-Gävernitz und Max Weber - zogen Bilanz, mahnten die Einhaltung des Burgfriedens an und wiesen die Kritik am Reichskanzler zurück. Im Gegensatz zu vielen Reden vom August 1914, die von der Mobilisierungseuphorie getragen waren, klang die Zuversicht der Gelehrten im August 1916 eher bemüht. Die Erwartung des schnellen Sieges war nach zwei Jahren der Erkenntnis gewichen, daß noch große Anstrengungen nötig sein würden, um den Krieg zu beenden. Außerdem befanden sich die Redner in dem Dilemma, Siegeszuversicht verbreiten zu wollen, ohne Annexionsbestrebungen zu schüren. Die Reden sollten primär der Stärkung der inneren Einheit des Volkes dienen. Daher blickten die Redner des National-Ausschusses zunächst zurück zum „unvergeßlichen I.August".'* Sie bewerteten den bisherigen Kriegsverlauf positiv, weil Deutschland einig sei und der Übermacht standgehalten habe." Max Weber, dessen Rede den Beginn seines öffentlichen Auftretens als Redner nach ISjährigem Rückzug markierte,^" schrieb: Noch „nach Jahrtausenden" werde man von Deutschlands großen „Leistungen in diesem Kriege" sprechen.^' Zu den Friedensbedingungen äußerten sich die Redner gemäß den Vor-

An der von dem Berliner Privatdozoiten für Kunstgeschichte Wmier Weisbach initiierten Gründungsversammlung nahmen neben den genanntoi Professoren auch Graf Arco und verschiedene V«1reter von Kirche, Presse und Wirtschaft teil. Bis 1917 traten auch Ldunann, Einstein und Rade der Vereinigung bei. Vgl. Holl, Karl: ,JDie .Vereinigung Gleichgesinnter'. Ein Berliner Kreis pazifistischer Intellektueller im Ersten Weltkrieg", in: AfK 54,1972, S. 364-384, hier insbes. S. 3650!, 373. Fricke, Dieter: .Zentralstelle Völkerrecht Deutsche Zentrale für dauemden Frieden und Völkerverständigung (ZVr). 1916-1919". in: Lexikon der Parteiengeschichte 4. S. 506-508, hier S. 506f; Gülzow, Bund Neues Vaterland, S. 171fiF.; Köhler. Fritz: ,J)eutsche Friedensgesellschaft (DFG). Seit 1892". in: Fricke, Die büigerlichoi Parteien 1, S. 364-377, hier S. 370f. Ondeen, Heimann: An der Schwelle des dritten Kriegsjahres. Rede gehalten bei der am 1. August 1916 in Cassel gehaltenen Kundgebung des Deutschen National-Ausschusses. Cassel o. J. (1916). S. 2. Vgl. auch Hamack, Adolf von: „An der Schwelle des dritten Kriegsjahres. Rede am 1. August 1916 in Berlin gehalten", in: Nowak 2, S. 1475-1488, hier S. 1475; Brentano, Lujo: Das ganze deutsche Volk unser Schlachtruf und Kriegsziel. Zum ersten August 1916. München o. J. (1916), S. 7, lOffi, 21f Hamack, Schwelle, S. 1478; Ondeen, Schwelle, S. 2fiF.; Brentano, Schlachtni S. 11; Mareks, Erich: „An der Schwelle des dritten Kriegsjahres. Rede zum 1. August 1916, auf Einladung des Deutschen NationalAusschusses gehalten in München". Leipzig, München o. J. (1916), S. 1-6. Mommsen, Weber und die deutsche Politik, S. 255f Weber. Max:, A n der Schwelle des drittm Kri^jahres. Rede ftlr den ,Deutschen National-Ausschuß' am 1. August 1916, in: MWS1/15, S. 332-338, hier S. 338 (Hervorii. i. O.).

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gaben der Reichskanzlei zurückhaltend. Über Kriegsziele zu sprechen, lehnte Weber unter Hinweis auf die Zensurbestimmungen ab - einer der wenigen deutlichen Hinweise auf die Zensur in den Kriegsschriften.^^ Die Wichtigkeit des „Durchhaltens" wurde allgemein betont^^ und festgestellt, die Kundgebungen des Nationalausschusses dürften im Ausland nicht als Zeichen der Schwäche mißverstanden werden. Sie seien Ausdruck der Einmütigkeit aller Deutschen, sich weiterhin dem „Vernichtungswillen" der Feinde entgegenzustemmen und im dritten Kriegsjahr den Sieg zu erkämpfen.^"* Um Bethmann Hollweg zu stützen, rief Mareks „zum Vertrauen und zur Sammlung um die Führer unserer Politik" auf In diesem Zusammenhang prangerten er und seine Kollegen die alldeutsche Kritik an der Reichsleitung, die Forderung nach dem uneingeschränkten U-Bootkrieg und die Kriegszielagitation als Gefährdung des Burgfriedens an." Sie appellierten an die rechte Opposition, die nationale Einheit zu wahren und „im Geiste des August 1914" nach vome zu blicken.^' Dieser Appell war aus ihrer Sicht besonders wichtig, weil sich die Regierungsgepier bereits formiert hatten. Im Juli 1916 war der „Unabhängige Ausschuß für einen Deutschen Frieden" an die Öffentlichkeit getreten, welcher gegen die Politik Bethmann Hollwegs und die Aktivitäten des National-Ausschusses gerichtet war. Seit Sommer 1915 leitete Dietrich Schäfer den Ausschuß, dessen Mitglieder - vielfach Unterzeichner der „Intellektuelleneingabe" von 1915 - sich aus der Seeberg-Schäfer-Gruppe rekrutierten. Zu ihnen gehörten u. a. Walter Stahlberg, Max v. Gruber und Eduard Meyer, aber auch Großindustrielle und der durch seine polemische Denkschrift gegen Bethmann Hollweg reichsweit bekannt gewordene Kapp. Der Unabhängige Ausschuß organisierte Kundgebungen, verfaßte Denkschriften und Aufhife und verfügte durch die 1916 und 1917 in unregelmäßigen Abständen herausgegebenen „Mitteilungen des Unabhängigen Ausschusses" über ein eigenes Publikationsorgan.^' Hier wurde am 23. August 1916 der von 25 Professoren unterzeichnete - unter ihnen Seeberg, v. Gierke, Meyer, v. Gruber, Schiemann und Wilhelm Wundt - und von Schäfer initiierte Aufruf „Kn das deutsche Volk"^' veröffentlicht, in dem Eroberungsforderungen erhoben wurden, um die Reichsleitung unter Druck zu setzen.^' Ein knappes Jahr später 22 23 24 25

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Weber, Schwelle, S. 332. Mareks, Schwelle, S. 16; Hamack, Schwelle, S. 1477; Oncken, Schwelle, S. 7f. Oncken, Schwelle, S. 8. Mareks, Schwellc, S. 9,14; Wd)er, Schwelle, S. 332f.; Brentano, Schlachtrai S. llf.; Haniadt, Schwelle, S. 1477. Hamack, Schwelle, S. 1477,1485. Vgl. auch Oncken, Schwelle, S. 7,9f. Woywod, Dielrich: „Unabhängiger Ausschuß für einen Deutschen Frieden GJA). 1916-1918", in: BPD Π, S. 681-683; Schwabe, Wissoischafl, S. 120fiE:; Hagenlücke, Vateriandspartei, S. 73-89. Neben verschiedenen Ortsausschüssen in Düsseldoif Kassel und München, wurde Mitte des Jahres 1916 in der bayerischen Hauptstadt der „Volks-Ausschuß für die rasche Niedetkampfung Englands" gegrilndet, als dessen Leiter Max V. Graber füngierte. Vgl. Schwabe, Wissenschaft, S. 120. Den ersten Entwurf unterzeichneten v. Gieike, Kahl, Meyer, Schäfer, Seeberg, Adolph Wagner und V. Wilamowitz. Die endgültige Fassung war von 25 Gelehrten unterschrieben worden, unter ihnen nun auch v. Graber, A Meister, Schiemann, Wilhelm Wundt, aber es fehlten die Unterschriften von Kahl und v. Wilamowitz. Vgl. Schwabe, Wissenschaft, S. 95flF., 234ГУАпт. 4 u. 1, sowie ebd., S. 237/Am. 49; Woywod, Unabhängiger Ausschuß, S. 681f Sdiäfer, Dietrich: ,An das deutsche Volk", in: Mitteilungen des Unabhängigen Ausschusses für einen deutschen Frieden. 23.8.1916. Dieser Aufiuf wunde im Juli 1916 vorbereitet

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konnte die Seeberg-Schäfer-Grappe ihren publizistischen Einfluß vergrößern: Im April 1917 erschien unter dem Titel „Deutschlands Erneuerung" eine neue Zeitschrift, die schon im Sommer 1917 etwa 3500 Abonnenten verzeichnen sollte und in der sich viele Gelehrte aus dem Umfeld von Seeberg und Schäfer zu Wort meldeten.^" Damit wurde der Plan eines dezidiert .national' ausgerichteten Publikationsorgans Wirklichkeit.^' Zu den Herausgebern gehörten außer v. Below, ν. Gruber, Schäfer und Seeberg auch der radikalnationalistische Publizist Houston St. Chamberlain, der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Claß, und der - auf Intervention Bethmann Hollwegs inzwischen nicht mehr im Amt befindliche Generallandschaftsdirektor Kapp. Das Jahr 1917 markiert die Fixierung zweier politischer Lager im akademischen Feld. Als Reaktion auf die Friedensresolution des Reichstags wurde am 23. August 1917 die „Deutsche Vaterlands-Partei" gegründet. Am 2. September, dem Sedanstag, fand die Gründungsversammlung in Königsberg statt.^^ Zu den akademischen Mitgliedern gehörten die Professoren Meyer, Schäfer, v. Below, ν. Gruber und Erich Brandenburg sowie der katholische Theologe und Regensburger Domdekan Franz Kiefl. Schäfer und v. Below waren sogar Mitglieder des engeren Ausschusses der Partei.^^ Die personelle Kontinuität auch der nichtakademischen Mitglieder ist frappierend, denn die Vorsitzenden der Vaterlandspartei waren Tiφitz und Kapp.^* Die neue Partei sollte eine „auf weiteste vaterländische Kreise gestützte Volkspartei"^^ sein, stellte jedoch weniger eine Partei im klassischen Sinne dar als viehnehr eine außerparlamentarische Opposition gegenüber der Reichstagsmehrheit. Dieser wurde die Legitimität abgesprochen, das deutsche Volk zu vertreten, weil die Zusammensetzung des 1912 gewählten Parlaments nicht mehr der aktuellen Stimmungslage des Volkes entspreche. Trotz der expliziten Gegnerschaft zur Reichstagsmehrheit legte man Wert auf ОЬефаЛе!lichkeit, grenzte sich in der Öffentlichkeit vom Alldeutschen Verband ab und vermied im Interesse der nationalen Sammlung offiziell die Festlegung auf konkrete Kriegsziele - unterschied sich in ihnen de facto jedoch nicht von alldeutschen Forderungen oder den Vorstellungen der OHL.^' Die Vaterlandspartei warb in kurzer Zeit zahlreiche Mitglieder.'' Eine neuere Analyse ihrer Mitglieder-, Sozial- und Regionalstruktur hat allerdings ergeben, daß Außer Schäfer und Seebetg selbst veröfFentlichten auch v. Below, ν. Graber, Jung, Unold, Max Wundt, V. Pflugk-Haittung und v. Liebig zahlreiche Außaze. Hagenlücke, Vateriandspaitei, S. I06£ 32

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Ebd., S. 143-371; Schwabe, Wissenschaft, S. 161fF.; Ullrich, Robert: ,i)eutsche Vateriandspaitei (DVLP). 1917-1918", in: Fricke, Die bürgerlichen Parteien 1, S. 62(W28, Ыет S. 620-626. Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 78,166£ Weitere akademisdje Mi^ieder waren die Professoren Walter Otto, Hermann Baumgart, Johannes Hansen und Robert Haussner, vgl. ebd., S. 159f., 166f. Daihe, S. 57f., nennt auch Eucken. Unterstützt wurde sie audi von v. Gierke, Jung, v. Liebig, Seebetg, Stahlberg, Triepel, Unold, Volkelt und M. Wundt Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 191. So die Formulierung im Gründungsaufiu^ zit in: Hagenlücke, Vaterland^artei, Innenumschlag. Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 192fiF., 354fiF. Vgl. auch Breuer, Anatomie, S. 13f., 182ff. Die Zahl von 1,25 Millionen gilt in da· neuesten Forschung als zu hodt Realistisch scheinai rd. 300.000 An&ng 1918 zu sein. Die hohen Angaben sind darauf zurückzuführen, daß sich viele Veibände der DVLP kollektiv angeschlossen hatten, ihr zudem die Mi^ieder des UA zugerechnet wurden und viele Personen doppelt geführt wurden - als Einzel- und Korporativmitglied. Die Hochbui^gen lagen in den preußischen Ostprovinzen. Vgl. Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. ISOfiF.

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das propagandistische Auftreten dieser Partei keineswegs ihrer tatsächlichen Stärke und ihrem Anspruch entsprach, die wahre Mehrheit des Volkes zu repräsentieren.'* Auch wenn Struktur und Organisation dieser neuen „Volkspartei" eher denen der bürgerlichen Verbände glichen," wies sie doch Züge einer gesamtgesellschaftlichen .„Bewegung"' auf.^ Gerade ihre publizistische Massenagitation, insbesondere die aggressive Publizistik ihrer akademischen Anhänger, zeigt, daß der Vaterlandspartei moderne Formen der öffentlichen Beeinflussung keineswegs „fremd"*' waren, sondern sie bereits eine „sehr moderne Propaganda""·^ betrieb. Deshalb verträgt sich Hagenlückes Feststellung, die Vaterlandspartei sei „völlig dem traditionellen Muster der überkommenen patriotischen Verbände treu" geblieben, nicht mit dem Hinweis auf ihre einerseits „erstaunlich großen Mobilisierungserfolge" und die andererseits durch ihre publizistische Agitation verstärkte „weitere Polarisierung" der Gesellschaft.*' Schließlich verdeutlicht eine Analyse der von den führenden akademischen Mitgliedern der Vaterlandspartei vertretenen politischen Ordnungsideen, daß es sich nicht um den klassischen bürgerlichen Konservatismus handelte, sondern um einen völkisch begründeten, radikalnationalistischen Koφoratίvismus.** Während der Unabhängige Ausschuß auch nach seiner Konstituierung als Verein im November 1916 ein relativ lockerer Zusammenschluß blieb, bedeutete die Gründung der Vaterlands-Partei, die zahlreiche Kundgebungen organisierte und über eigene Publikationsmöglichkeiten verfügte, die Institutionalisierung der Seeberg-Schäfer-Gruppe und eine „neue Qualität der politischen Agitation".« Die Vaterlandspartei wurde schnell zum Kristallisationspunkt der innenpolitischen Polarisierung. Es waren vor allem Delbrück, Max Weber, Meinecke, Baumgarten, Troeltsch und Goetz, die sich in zahlreichen Schriften gegen die Agitation dieser Partei wandten.*' Als Gegenorganisation zur Vaterlandspartei fungierte seit Dezember 1917 der „Volksbund für Freiheit und Vaterland" unter dem Vorsitz des Brentano-Schülers und Vorsitzenden der „Gesellschaft für soziale Reform" Emst Francke. Zu den akademischen Mitgliedern gehörten zahlreiche Angehörige der Delbrück-Gruppe. Außer Delbrück waren es Troeltsch (Vorstandsmitglied), Anschütz, Brentano, Meinecke, Goetz, v. Schulze-Gävernitz, Oncken, Preuß, Alfred und Max Weber, Thimme sowie Heuß.*^ Der Volksbund war jedoch nicht nur eine Gegengründung zur Vaterlandspartei, sondern wurde seit dem Frühjahr 1917 im Umfeld der „Gesellschaft für soziale Reform" und der christlichen Gewerkschaften geplant.

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Sie war trotz einiger Sympathien der Großindustrie die Partei der ländlich-preußischen Bevölkerung und des protestantischen Bürgertums und verfügte keineswegs über die ihr zugeschriebenen unbegrenzten Finanzmittel. Vgl. Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 188flF., 405fF.; ders., Formverwandlungen, S. 113. So etwa Hagenlücke, Fonnverwandlungen, S. 108,113f. Wehler, Hans-Ulrich: „Wilhelminischer Honoratiorenklüngel oder protoiäschistische Massenbewegung: Die .Deutsche Vaterlandspartei' von 1917/18", in: ders.: Politik in der Geschichte. Essays. München 1998, S. 172-177, hier S. 177. Hagenlücke, Formverwandlungen, S. 110. Wehler, Honoratioroiklüngel oderMassenbew^ung, S. 177. Hagailücke, Fonnverwandlungen, S. 113f. Vgl. Kap. Π.6.2.3. Llanque, S. 221. Vgl. auch Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 191. Vgl. hierzu die Darstellungen zum „inneren Feind" in Kap. II.5.2.1. Femer wurde er unterstützt von Baumgaiten, v. Hamack, Hobohm und Mareks.

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Nachdem die Aktivitäten des Nationalausschusses schon Anfang 1917 zum Erliegen gekommen waren, beschleunigte die Gründung der Vaterlandspartei die Organisation des Volksbundes. Bereits im November wandte sich dieser ,„Bund der Intellektuellen"'^' an die Öffentlichkeit; die offizielle Gründung erfolgte am 4. Dezember 1917."' Auch der Volksbund verfügte über eigene Publikationen,^" wenn auch nicht im selben Umfang wie die Vaterlandspartei. Er erzielte auch keine vergleichbare öffentliche Wirkung wie diese.'' Troeltsch, der sich wie kaum ein anderer persönlich für den Volksbund engagierte," bezeichnete die preußische Wahlrechtsreform und die Herbeiführung eines Verständigungsfriedens im Januar 1918 als die wesentlichen Ziele des Volksbundes. Der Volksbund richtete sich damit gegen die Forderungen der Vaterlandspartei, auch wenn sich seine Mitglieder nicht über ein einheitliches Vorgehen ihr gegenüber einigten. Im Oktober 1918 kam es sogar kurzfristig zu einer allerdings erfolglosen Annäherung an die Vaterlandspartei, als man angesichts der drohenden harten Friedensbedingungen das Volk zu einem „letzten Entscheidungskampf' (v. Hamack) aufrufen wollte. An einem Treffen am 10. Oktober 1918 nahmen für die Vaterlandspartei neben Kapp und ΤΙφϊΙζ auch Schäfer, Seeberg, Meyer und Stahlberg teil; für den Volksbund waren es Legien, Francke, Troeltsch und Grabowsky. Zu einer Einigung kam es nicht; zu groß waren inzwischen die Gegensätze." Vaterlandspartei und Volksbund können als die institutionalisierten Gegenpole innerhalb der deutschen Kriegsgesellschaft bezeichnet werden. Auch wenn sie erst 1917/18 ihre Aktivität entfalteten, symbolisieren sie - die personellen Kontinuitäten verdeutlichen dies - die beiden Lager, die sich in der politischen Auseinandersetzung um die Kriegsziel-, Friedensund Reformfrage in der zweiten Kriegshälfte gegenüberstanden. Meinecke hat 1918 von zwei „Systemen" gesprochen, die sich seit dem Sommer 1916 entwickelt hätten: die Rechtsund die Linksparteien." Die Mitglieder oder Anhänger beider Systeme bzw. Lager waren in ihren politischen Ansichten aber keineswegs homogen. Das verbindende Element zwischen den Gelehrten, die die Vaterlandspartei unterstützten, war ihre Ablehnung der Mehrheitsparteien, denen sie vorwarfen, zuwenig „national" bzw. machtpolitisch orientiert zu sein. Aus dieser Grundüberzeugung ergab sich ihre Gegnerschaft zu den Anhängern des Volksbundes. Letztere verband vor allem die Unterstützung der Politik der Reichstagsmehrheit sowie die Bekämpfimg der Agitation der Vaterlandspartei, die sie als innen- wie außenpolitisch schädlich verurteilten. Beiden Gruppen war zu eigen, daß nicht in erster Linie positive Ziele sie 48

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So Troeltsch in einem Brief an Einstein im Febniar 1918, ziL in: Hübinger, Troeltschs Berlin, S. 164. Vgl. auch ders., Rollen europäischer Intellektueller, S. 43. Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 362-371, hier S. 363f; Schwabe, Wissenschall, S. I62f ; Ullrich, Robert: „Volksbund für Freiheit und Vaterland (VFV). 1917-1919", in: Fricke, Die bürgerlichen Parteien Π, S. 794-798, hier S.794f Um Freiheit und Vaterland. Erste Veröffentlichung des Volksbundes für Freiheit und Vaterland. Gotha 1918; Von deutscher Volkskrafl Zweite Veröflfaitlichung des Volksbundes für Freiheit und Vaterland. Gotha 1918; Mitteilungen des Volksbundes für Freiheit und Vaterland Nr. 1, Mai 1918. Flugblatt der Deutschen Koniespondenz. (Mai) 1918. Llanque, S. 222; Hagenlücke, Vaterland^aitei, S. 364-370. Hübinger, Troeltschs Berlin, S. 164. Hagenlücke, Vaterland^artei, S. 369fif: (Hamack-Zitat S. 370); Nowak 1, S. 8If.; Schwabe, Wissenschaft, S. 171ff. Meinecke, Zwei Systeme, S. 230fiE:

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einten, sondern die gemeinsame Abgrenzung gegenüber einem innenpolitischen Gegner. Im folgenden werden die beiden entgegengesetzten Lager als Vaterlands- bzw. Volksbundgruppe bezeichnet, um die übliche, aber mißverständliche Einteilung in ,Λnnexionisten" bzw. Reformgegner und „Gemäßigte" bzw. „Reformer" zu vermeiden. Die neuen Bezeichnungen lösen die Begriffe Seeberg-Schäfer- und Delbrück-Gruppe ab, mit denen die bis 1917 mehr informell agierenden Gelehrtengruppen hier bisher gekennzeichnet wurden. Die Institutionalisierung der beiden akademischen Gruppen kann als Formierung deutscher „Intellektueller" im klassischen Sinne bezeichnet werden. Da es ein Kennzeichen intellektuellen Engagements ist, sich zu Themen außerhalb des eigenen Zuständigkeitsbereiches zu äußern, kommt dem Bezug auf allgemeine Werte die entscheidende Bedeutung zu. Zwei unterschiedliche Wertbezüge von Intellektuellen sind am Beispiel der Dreyfiis-Affaire anhand der geradezu idealtypischen Alternativen „Menschenrechte oder Vaterland" veranschaulicht worden." Mit Blick auf die deutschen Gelehrten des Ersten Weltkrieges kann man die Dichotomie beider Wertsphären mit den Begriffen „Volksstaat oder Volksgemeinschaft" benennen. Beide Gruppen bezogen sich auf die Nation. Die Volksbundgelehrten argumentierten zwar mit der Staatsraison, aber ihr in der zweiten Kriegshälfte konkretisiertes Volksstaatskonzept stand de facto in der westeuropäischen Verfassungstradition und entsprach ihrer Auffassung von einer universalen Entwicklung zu politischer Freiheit und demokratischer Selbstregierung. Demgegenüber stellte die exklusive Volksgemeinschaftskonzeption, die in der zweiten Kriegshälfte von den Vaterlandsgelehrten vertreten wurde, als angeblich spezifisch „deutsche" Reformidee einen Bezug auf dezidiert nationale Werte dar.'^ Christophe Charle hat festgestellt, daß man bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs in bezug auf Deutschland nicht von einem vergleichbar „intellektuellen" Engagement der Gelehrten wie in Frankreich sprechen kann. Als hemmend habe sich u. a. die Trennung „zwischen freien und beamteten Intellektuellen" erwiesen. Zum einen erhoben die Gelehrten als Diener der Wissenschaft den Anspruch, über den Parteien zu stehen, zum anderen war ein politisches Engagement ihrer Karriere nur dann förderlich, wenn sie sich „für die nationale Sache" einsetzten.^^ Die Gelegenheit, der eigenen Nation zu dienen, wurde von den deutschen Gelehrten seit dem August 1914 sehr intensiv wahrgenommen. Vergleicht man ihr publizistisch-politisches Engagement im Ersten Weltkrieg mit der Dreyfiis-AfFaire, ist in beiden Fällen eine Ausbildung antagonistischer Lager zu erketmen, die sich in Frankreich als „Ligue des droits des hommes" sowie als „Ligue de la patrie française" konstituierten^' und sich in Deutschland als „Volksbund für Freiheit und Vateriand" sowie als „Deutsche Vaterlandspartei" darstellten. Im Unterschied zur Dreyfiis-Affaire hatten die Stellungnahmen beider deutschen Lager allerdings eine umgekehrte Stoßrichtung: Während in Frankreich die Kritik der Menschenrechtsliga der Regierung galt, diente sie den Volksbundgelehrten zunächst zur Unterstützung der Neuorientierungspolitik Bethmann Hollwegs und seit Mitte 1917 zur Stärkung der reformorientierten Reichstagsmehrheit, die jedoch nur bedingt als Opposition agierte. Demgegenüber unterstützte die französischen Vaterlandsliga die offizielle Regierungspolitik, " " " "

Gilchcr-HoltQ', Menschenrechte oder Vaterland, S. 65. Vgl.Kap.n.6.2. Charle, Vordenker, S. 163ff.. 173,204-212. Vgl. auch Boing, Die Intellektuellen, S. 75-93. Gilcher-Holtey, Menschenrechte oder Vaterland, S. 67.

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während die deutschen Vaterlandsgelehrten eine extreme „Rechtsopposition"^' bildeten. Der deutsche Formierungsprozeß ähnelt dem französischen jedoch insofern, als beide Lager in bezug auf ihre Mobilisierungsdynamik „weit über die intellektuellen Lager hinaus"" reichten und das akademische wie das politische Feld polarisierten. Hervorzuheben ist, daß sich fast die gesamte deutsche Gelehrtenschaft unter Bezugnahme auf höhere Werte zu politischen Grundfragen äußerte." Diese publizistische Bewegung stellte eine neuartige Sammlungspolitik dar, die jenseits der politischen Parteien und der traditionellen Lager entstand. Sie ermöglichte die politische Kommunikation, ohne an die bisherigen Parteien gebunden zu sein. Die neue Dimension des intellektuellen Engagements der Gelehrten lag in der Massenkommunikation beider akademischer Lager.'^ Indem sie an der Debatte um die politische Neuordnung Deutschlands teilnahmen, wirkten sie „als Organisator[en] einer politischen Öffentlichkeit".®' Zu recht ist der Weltkrieg im Hinblick auf Volksbund und Vaterlandspartei als Phase massiver Politisierung der deutschen Gelehrten und des deutschen Bürgertums bezeichnet worden.^ Zwar vertrat die Vaterlandsgruppe die Mehrheitsmeinung innerhalb der deutschen Gelehrtenschaft, während die Volksbundgruppe auch in der zweiten Kriegshälfte in der Minderzahl war, aber in beiden Gruppen blieb nur eine relativ kleine „Kemgruppe" in ihrem publizistischen Engagement konstant und mobilisierte ihre Kollegen." Mit Blick auf das Engagement der geistigen Eliten im Weltkrieg hat Julien Benda vom „Verrat der Intellektuellen" gesprochen und damit ihre Abkehr vom universalistischen Kem der Humanität und ihre Hinwendung zum Nationalismus kritisiert. Dieser Bewertung lag die Annahme zugrunde, daß es für Intellektuelle nur einen Orientierungswert geben dürfe: das Übernationale, allgemein Menschliche. Diese Definition des „kritischen Intellektuellen" negiert die Tatsache, daß es sowohl ein kritisch-hinterfragendes als auch ein affirmativ-patriotisches intellektuelles Engagement geben kann. Da nicht an politische Positionen gebunden, kann die Intellektuellenrolle sowohl links- als auch rechtsoppositionell wahrgenommen werden. Die Vaterlandspartei wurde zur politischen Heimat der Rechtsintellektuellen, die oppositionelle Kritik äußerten, sich aber als ,staatserhaltend' verstanden. Die gelehrtenpolitische Kriegspublizistik spiegelt deshalb keinen ,Verrat' wider, sondern ist als „Seismograph"^ jener Epoche anzusehen. Obwohl Volksbund und Vaterlandspartei die politische Polarisierung der deutschen Kriegsgesellschaft repräsentierten, herrschte in bezug auf be-

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Schwabe, Wissenschaft, S. 154. Gilcher-Holt^, Menschenrechte odCT Vaterland, S. 67. Döring, Weimarer Kreis, S. 9; ebd., S. 255-272, ist eine Liste von rd. 700 Gelehrten, die sich allein an Kundgebungen und Aufiufen beteiligten. öffentliche Massenkommunikation, infomielle Kommunikationsnetze und die Tätigkeit als Funktionstiäger in politischen Verbändoi oder Parteien sind von Hübinger, Rollen europäischer Intelldrtueller, S. 32flF., 36, und Hertfelder, Kritik und Mandat, S. 21,23, als Kennzeidien intellektuellen Engagements bezeidinet worden. Hertfelder, Kritik und Mandat, S. 14. Hagenlücke, Vateriand^Jartei, S. 408; Jansen, Professoren, S. 142. Für Troeltsch vgl. Ruddies, Gelehrtenpolitik. Döring, Weimarer Kreis, S. 52f Hierzu gdiörten insbesondere die akademischen Initiatoren von Volksbund und Vaterlandspartei. Ruddies, Geiehrtenpolitik, S. 160.

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stimmte Themen Konsens zwischen ihnen. So ähnelten sich ihre Reaktionen auf die alliierte Propaganda und ihre Bewertung der Kriegsschuldfrage.

4.2 Die alliierte Propaganda und der nationale Monolog Die Flut von Kollektivaufrufen, die den Kriegsbeginn begleitete, war nach zwei Jahren abgeebbt. Das internationale „polemische Gespräch" war zu einem nationalen Monolog geworden. Die Gelehrten bemühten sich nicht mehr, die alliierten Anklagen in Aufrufen an das Ausland zu widerlegen. Ihre Bewertung der Propaganda - nun vor allem in den Eimelschriften geäußert - änderte sich jedoch nicht. Harnack erinnerte im August 1916 an die „Ltlgenflut", die bei Kriegsbeginn von der Entente ausgegangen sei, um die deutsche Kultur „zu beschmutzen und zu vernichten".'' Das Entsetzen über den „Lügenfeldzug der Ententepresse",®' die „unsinnigen Wellen ihres Hasses gegen die ,boches' und die Hunnen"®' sowie Uber „erlogene Geschichten"™ von angeblichen Grausamkeiten war auch in der zweiten Kriegshälfte noch groß." Below wies die Schmähungen deutscher Kulturträger zurück,'^

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Hamack, Schwelle, S. 1476. Pohle, Joseph: ,J)er Friede unter den Konfessionen in Deutschland", in: Meineitz, Max/Sacher, Heirnann (Hg.): Deutschland und der Katholizismus. Gedanken zur Neugestaltung des deutschen Geistes- und Gesellschaftslebens. Bd. 2: Das Gesellschaflsleben. Freibuig 1918, S. 175-196, hier S. 178. Vgl. auch Schäfer, Dietrich: „Von deutscher Art", in: ders. (Hg.): Der Krieg 1914/16. Werden und Wesen des Weltkriegs. Leipzig, Wien o. J. [1916], S. 3-29, hia S. 18; Troeltsch, Emst: ,X)er Ansturm der wesüichen Demokratie", in: [BdGK (Hg.)]: Die deutsche Freiheit Fünf Voiträge. Gotha 1917, S. 79-113, hier S. 83; ders., ,freiheit und Vaterland. Eröffiiungsrede des .Volksbundes für Freiheit und Vaterland' in seiner Berliner Versammlung vom 7. Januar 1918", in: Böhme, Aufrufe und Redoi, S. 210-218, hier S. 213. Oncken, Schwelle, S. 9. Vgl. auch Gierke, Otto v.: Unsere Friedoisziele. Berlin 1917, S. 34; Eucken, Rudolf: Die geistigen Foidenuigen der Gegenwart Berlin 1918, S. 8; Krebs, Engelbert: ,Д)ег Weltkrieg und die Grundlagen unserer geistig-sitüichen Kultur", in: Meinertz, Majc/Sacher, Hermann (Hg.): Deutschland und der Katholizismus. Gedanken zur Neugestaltung des deutschen Geistes- und Gesellschaftslebens. Bd. 1 : Das Geistesleben. Freiburg 1918, S. 1-28, hier S. 2. Goetz, Walter: ,JDie Kriegsursachen und die Kriegsziele der Gegnei", in: ders. (Hg.): Deutschland und der Friede. Notwendigkeiten und Möglichkeiten deutscher Zukunft. Leipzig, Berlin 1918, S. 1-14, hier S. 4. Vgl. auch Scheler, Max: ,JDie Ursachen des Deutschenhasses. Eine nationalpädagogische Erörterung", in: PPS 4, S. 283-372, hier S. 290; Wilamowitz, Ulrich v.: ,4)as intellektuelle Deutschland und seine angebliche politische Gewaltlehre", in: Deutsche Kriegsnachrichten, Nr. 275, 30.8.1918, S. If; Hintze, Otto: „Imperialismus und die deutsche Weltpolitik", in: BdGK, Die deutsche Freiheit, S. 114-169, hier S. 115; Tönnies, Fenlinand: Weltkri^ und Völkennecht Bcriin 1917, S. 65f; Schäfer, Dietrich: „Unsere Pflichten gegen das Auslandsdeutschtum", in: DGD 5. Jg., H. 37, S. 1154-1162, hier S. 1160; Hamack, Adolf v.: „Wilsons Botschaft und die deutsche Freiheit", in: BdGK, Die deutsche Freiheit, S. 1-13, hier S. 3f, 6. Meinecke, Friedrich: „Und Friede auf Eiden?', in: PSR, S. 133-136, hier S. 134ff; Eucken, Rudolf ,3inleitung", in: Neutrale Stimmen. Amerika, Holland, Norwegen, Schweden, Schweiz. Leipzig 1916, S. 7; Rade, Martin: „Gegensätze", in: ChW 30, Nr 34,24.8.1916, S. 657-659, hier S. 658; Cassirer, Emst: Freiheit und Foim. Studien zur deutschen Geistesgeschichte. Berlin 1916, S. ХШ. Below, Georg v.: .Jieinrich von Trcitschkes deutsche Sendung", in: Der Panther Nr. 5,1917, S. 437-470, hierinsbes. S.449f.,468.

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und Meyer beschrieb die kulturellen Aktivitäten der deutschen Soldaten hinter der Front, um den alliierten Vorwurf des kulturfeindlichen „Militarismus" zu widerlegen." In der Empörung über die alliierte Propaganda war man sich konfessionsübergreifend einig. Während der katholische Bonner Theologe Heinrich Schrörs den Schmerz der Katholiken über die „maßlosen Anklagen" ihrer feindlichen „Glaubensgenossen" formulierte/·· wies sein protestantischer Berliner Theologe Karl Holl darauf hin, daß insbesondere Luther zur „Zielscheibe wildester Anklagen" des Auslands geworden sei." Scheler betonte einen weiteren religiösen Aspekt des Krieges: die in England häufig anzutreffende Verschmelzung von Deutschenhaß und Antisemitismus. Seit Kriegsbeginn sahen sich Engländer deutscher Abstammung sowie in England lebende Deutsche wüsten Haßkampagnen und sogar tätlichen Angriffen ausgesetzt.^' Der beste Platz für Deutsche, hieß es in der rechtsnationalistischen „National Review", sei „Germany or - a concentration camp".^^ Aber nicht nur sie galten als „enemy within",™ sondern auch britische Juden, denen in der englischen Presse und in rechten politischen Kreisen Illoyalität und Sympathie für Deutschland vorgeworfen wurde.^' Scheler erklärte dieses Phänomen mit dem hohen Anteil deutscher Juden in Gewerbe, Handel und Presse. Sie würden im Ausland bei negativem Auftreten als Juden und als Deutsche wahrgenommen. Deshalb heiße es in England nun, das deutsche Wesen sei bestimmt durch den preußischen Unteroffizier und den „,jüdischen Geist"', eine Behauptung, die Scheler als „Unsinn" bezeichnete.'" Trotz ihrer Empörung sahen die Gelehrten die englische Propaganda als sehr erfolgreich an. Sie habe nach Meinung Rades Deutschland sehr geschadet. Oncken sah in ihr gar die Ursache für den Kriegseintritt der USA." Nach Ansicht vieler Gelehrten hatte sich gezeigt, daß die öffentliche Meinung ein wichtiger politischer Machtfaktor war, den die Deutschen nicht genutzt hatten.'^ Gegen die Lügen, so v. Wilamowitz, seien die Deutschen „machtlos"

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M^fer, Eduard: „Vom deutschen Militarismus", in: SMhh 15,1918, S. 428ff. Schrörs, Heinrich: „Überliefenmg und Fortschritt", in: Meinertz/Sacher 1, S. 29-46, hier S. 38. Holl, Karl: ,Д.и1Ьег5 Anschauung über Evangelium, Krieg und Aufgabe der Kirche im Licht des Weltkriegs" [1917], in: ders.: Gesammelte Ausätze zur Kirchengeschichte. Bd. III: Der Westen. Darmstadt 1965,8.147-170, hia· S. 147. Wilson, Trevor The Myriad Faces of War. Britain and the Great War, 1914-1918. Cambridge 1988, S. 160£, 171f, 196,198,642-644; Panayi, Panikos: The Enemy in Our Midst Gemians in Britain During the First World War. New Yoik u. a 1991. NatR 382, 1914, S. 517. Bis Ende November 1915 wurden nmd 32.000 Männo- interniert und beinahe 10.000 Männer, Frauen und Kinder deportiert. Bird, J. C.: Control of Enemy Alien Civilians in Great Britain 1914-18. London 1986, S. 45-129. Wilson, Myriad Faces, S. 643. Lebzelter, Gisela С: ,^nti-Semitism - a Focal Point for the British Radical Right", in: Kennedy, Paul/ Nicholls, Anthony (Hg.): Nationalist and Racialist Movements in Britain and Germany before 1914. Oxford 1981, S. 88-105; Feldman, D.: Englishmen and Jews. Social Relations and Political Culture, 18401914. New Haven 1994, insb. S. 353fF. Scheler, Ursachen des Deutschenhasses, S. 339f Rade, Gegensätze, S. 658; Oncken, Hemiann: , Д е geschichtliche Bedeutung des Krieges", in: Goetz, Deutschland und der Friede, S. 462-489, hier S. 479. Vgl. Meyer, Militarismus, S. 428. Tönnies, Weltkrieg und Völkerrecht, S. 66; Eucken, Fordemngen, S. 8; Hintze, Imperialismus, S. 115.

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gewesen.*' Zwar sei die „Hohlheit" der alliierten Propaganda leicht zu durchschauen, schrieb Troeltsch, aber „schwer zu bekämpfen"." Tönnies widmete der englischen „Kriegslüge" noch im September 1918 einen Aufsatz, um am Beispiel einer historischen Seeschlacht einen weiteren „Beleg" dafür anzuführen, wie geschickt die Engländer es seit jeher verstanden hätten, Falschmeldungen einzusetzen.*^ Nach Meinecke brauchte die Entente den „Popanz" einer von Militarismus und Junkertum beherrschten deutschen Regierung zur Tarnung ihrer Vemichtungsabsichten.'' Troeltsch inteφretierte die Propaganda als Folge des modernen Massenkrieges. Er müsse mit allen Mitteln „moralischer und menschlicher Empörung und Entrüstung" geführt werden, um die Massen zu mobilisieren. Mit einer unglaublichen „Verhetzung" der öffentlichen Meinung und mit „moralisch-demokratisch-pazifistischen Schlagworten" versuchten die Feinde, die deutsche Heimatfront zu spalten und schafften es, „ihren Imperialismus geschickt zu verhüllen", den Mittelmächten Eroberungssucht zu unterstellen und eine Art „Kreuzzug der Freiheit" zu initiieren." Einen weiteren Propaganda-„Popanz" sahen die deutschen Gelehrten in der von den Alliierten behaupteten deutschen Unfreiheit. Insbesondere nach dem Kriegseintritt Amerikas im April 1917 gewann die Freiheitspropaganda der Entente an Bedeutung, zumal der russische Zar im Vormonat gestürzt worden war und es der Entente seitdem leichter fiel, Deutschland als die einzige „autokratische" Macht anzuprangern. In der zweiten Kriegshälfte wehrten sich die Gelehrten daher nicht allein gegen die ,Verieumdung', sondern auch gegen die ,Täuschung': Durch das Trugbild westlicher Freiheit sollte ihrer Meinung nach der innenpolitische Zusammenhalt der Deutschen aufgebrochen werden.** Im Mai 1917 veranstaltete der „Bund deutscher Gelehrter und Künstler" im preußischen Abgeordnetenhaus eine Tagung, auf der Gelehrte, die der Delbrück-Gruppe nahestanden, der alliierten Freiheitspropaganda den deutschen Freiheitsgedanken entgegenhielten.*' Die Stellungnahmen, in denen sie den Vorwurf deutscher „Unfreiheit" mit Nachdruck zurückwiesen und den Alliierten das Recht absprachen, für die Freiheit zu kämpfen, wurden in einem Sammelband unter dem Titel „Die deutsche Freiheit" veröffentlicht. Den USA warfen die Gelehrten vor, aus rein wirtschaftlichen Interessen in den Krieg eingetreten zu sein.'" Durch die „unerhörtesten Weltlügen" werbe Amerika mit dem „Trugbilde" westlicher Freiheit." Diese Einstellung 83

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Wiianrawltz, Das intellektuelle Deutschland, S. 1. Vgl. auch Schäfer, Dietrich: Kri^s- und Friedensziele. Berlin O.J. [1918], S. 8. Troeltsch, Anstumi, S. 79flE:, 92flf., 102,109f Tönnies, Ferdinand: .England und die Kriegslüge", in: NDAZ, 57. Jg., 1918, Nr. 467, ΑΛ., S. 2. Meinecke, Friedrich: „Osteitwtschaft, Wahlreform und pariamentarisches Regime", in: PSR, S. 174-180, hierS. 174. Troeltsch, Freiheit und Vaterland, S. 213; ders.: .JDas Wesen des Weltkrieges", in: Schwarte, Max (Hg.): Der Weltkrieg in seiner Einwirkung auf das deutsche Volk. Leipzig 1918, S. 7-25, Ыет S. 17. Schafer, Dietrich: Die Wahlrechtsrefoim und die Polen&age. Berlin 1917, S. 1. Vgl. auch Harnack, Wilsons Botschall, S. 1-7. Llanque, S. 116. Meinecke, Friedrich: , Д е deutsche Freiheit", in: BdGK, Die deutsche Freiheit, S. 14-39, hier S. 14f.; Harnack, Wilsons Botschaft, S. 3£, 6f ; Sering, Max: „Staat und Gesellschafisver&ssung bei den Westmächten und in Deutschland", in: BdGK, Die deutsche Freiheit, S. 40-78, hier S. 40f, 74. Vgl. auch Troeltsch, Freiheit und Vaterland, S. 213. Troeltsch, Ansturm, S. 79fl:, 92fif., 102,109f.

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war so verbreitet, daß selbst ein liberaler Gelehrter wie Rade im Oktober 1918 die „geistige Waffenstreckvmg" der Deutschen beklagte, die nun der „Wilsonschen Ideenreihe" zum Sieg verhelfe.'^ Viele Gelehrte versuchten, die alliierten Friedens- und Freiheitsreden als Kriegslisten zu entlarven und prangerten den Imperialismus der Entente an. So schrieb Tönnies, daß Großbritannien „mit Methoden des Schreckens in allen Weltteilen unablässig geraubt und geplündert" habe. Er erinnerte an den grausamen Burenkrieg, der in Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts antienglische Stimmungen befördert hatte, und nannte es absurd, die Deutschen anzuklagen, wo doch die englischen „Fäuste" noch nach dem „Blute des erwtlrgten Burenvolkes" röchen.'^ Unter Anhängern der Delbrück- bzw. Volksbundgruppe gab es auch Stimmen, die selbstkritisch nach den Gründen der alliierten Vorwürfe suchten. So kritisierte Preuß die alliierte Propaganda zwar ebenfalls - wegen des Bündnisses mit Rußland passe die alliierte „Theorie vom Kreuzzug der freiheitlichen Staaten gegen die reaktionären Mächte" nicht - , billigte ihr aber „neben aller Schiefheit" und „Gehässigkeit" einen „politisch bedeutsame[n] Kern" zu, den er im „obrigkeitlichen" deutschen Staatssystem erblickte. Das Empfinden eines politischen Defizits in Deutschland bezeichnete er als fruchtbaren Boden für die alliierte Propaganda.'·* Ähnlich argumentierte v. Schulze-Gävernitz, während Delbrück anmerkte, daß es oft „Äußerungen teutonischer Überhebung" gewesen seien, die von den Alliierten geschickt verwendet wurden, um gegen Deutschland zu polemisieren." Nach Meinung des Völkerrechtlers Schücking habe der ,„Kultus des Krieges"', der in Deutschland bei Kriegsbeginn eingesetzt hatte, den Deutschen daher „mindestens ebensoviel geschadet" wie die „bösartigsten Verleumdungen der englischen Lügenpresse". Viele Schriften der „sogenannten Intellektuellen" beurteilte er in Anspielung auf die Aufrufe zu Kriegsbeginn als „politisch höchst u n g e s c h i c k f ' W ä h r e n d die Greuelpropaganda beiden Gelehrtengruppen als abwegig gah, wurde die Freiheitspropaganda von Gelehrten der Volksbundgruppe differenzierter beurteilt. In der Ablehnung einer deutschen Kriegsschuld stimmten beide Gruppen jedoch überein.

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Rade, Martin: „Nach Schluß des Blattes", in: ChW 42/43,1918, S. 405. Jung, Erich: .parlamentarische Entartung der Staatsgewalt im alten Deutschen Reich und ihre Aussichten bei uns", in: DE II, H. 4, 1918, S. 2 3 9 - 2 Я hier S. 246; Tönnies, Ferdinand: Der englische Staat und der deutsche Staat Eine Studie. Berlin 1917, S. Vllf. Vgl. auch Weber, Alfled: .JDas Selbstbestimmungsrecht derVölkerundderFriede",in:PrJbbl71,H. 1,1918, S. 60-71, hier S. 60. Preuß, Hugo: Obrigkeitsstaat und großdeutscher Gedanke. Zwei Vortage. Jena 1916, S. 5f.; ders.: „Weltkrieg, Donokratie und Deutschlands Emeuerang^', in: AfSS 44, 1917/18, S. 242-264, hier S. 242-249, 255f Schulze-Gävernitz, Gerhait v.: Freiheitsfiieden" [1918], in: Böhme, Aufrufe und Redai, S. 218224; Delbrück, Krieg und Politik, S. 4. Schücking, Walther ,J^ach den Schlachten", in: ders.: Der Bund der Völker. Studien und Vorträge zum organisatorischen Pazifismus. Leipzig 1918, S. 157-172, hier S. 159f

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4.3 Kriegsschuld und Friedenshindemisse Im Sommer 1916 betonten die Redner des National-Ausschusses, daß Deutschland einen Verteidigungskrieg führe, der ihm insbesondere von England aufgezwungen worden sei." Diese Deutung wurde von fast allen Gelehrten geteilt.'* Nach wie vor nannten sie fi-anzösische Revanchegedanken,'' russisches E x p a n s i o n s s t r e b e n s o w i e englischen Handelsneid"" als Kriegsursachen. Amerikas Kriegsemtritt 1917 bestätigte ihre Überzeugung, daß Deutschland sich gegen die „Feindschaft der ganzen Welf'"*^ verteidigen müsse. Die Gelehrten machten angloamerikanische Wirtschaftsinteressen für den Kriegsausbruch ebenso verantwortlich wie für den Kriegseintritt der USA, der ihrer Meinung nach ohne triftigen Grund erfolgt war. So reduzierte Troeltsch die Problematik des U-Bootkrieges auf einen bloßen „Rechtskonflikt", der künstlich geschaffen worden sei und den USA als Vorwand für ihren Kriegseintritt gedient habe. Durch ihn seien die „Einkreisungen" vollendet worden.'"^ Nur einige Professoren aus dem Umfeld von Delbrück enthielten sich konkreter Schuldzuschreibungen. Liszt und Schücking nannten die unzureichende Entwicklung des Völkerrechts, das Wettrüsten, die Geheimverträge und den allgemeinen Imperialismus als Ursachen des Krieges.'*^ Preuß abstrahierte von jeder Schuldfrage, indem er den Weltkrieg als Machtkampf

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Oncken, Schwelle, S. 2, 8f.; Hamack, Schwelle, S. 1475fiF., 1480, 1490; Maries, Schwelle, S. 1, 5ff.; Weber, Schwelle, S. 490fF., 508fF.; Brentano, SchlachtruÇ S. 8. Hintze, Imperialismus, S. 113fF., 119-127, 144; ders.: ,X)ie Demokratisierung der preußischen Verfessung", in: ESWZ II, 1917, S. 433459, hier S. 453; Schmoller, Gustav v.: ,X>ie deutschen Institutionen und der Geist des öffentliche Lebens", in: Deutschland und der Weltkrieg. Leipzig, Berlin 1916, S. 186-216, hier S. 187; Wilamowitz, Das intellektuelle Deutschland, S. 2; Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 2,4f, 186; Oncken, Bedeutung, S. 465; Holl, Luthers Anschauung, S. 147, 156; Meinecke, Friede auf Erden, S. 134; ders.: ,Д)ег Rhythmus des Weltkriegs", in: PSR, S. 137-143, hier S. 137, 141f.; ders.: ,^robleme des Weitkriegs", in: ders.: Probleme des Weltkriegs. München, Berlin 1917, S. 35-57, hier S. 37; Delbrilck, Hans: „Versöhnungsfriede, Machtfriede, Deutscher Friede" [ Ι 9 ΐ η , in: Böhme, Aufrufe und Reden, S. 198-209, hier S. 200; Heuß, Theodor ,4irieg und Verfessung", in: Marz 10 (1916), Bd. 4, S. 241-245, hier S. 242C; Below, Georg v.: ,ДЭег deutsdie Nationalstaat, Mitteleuropa und die deutsche Grenzsidierun^', in: ders.: Kriegs- und Friedensfragen. Dresdai 1917, S. 1-59, hier S. 36; ders., Treitschkes Sendung, S. 444,453fif.; Gierice, Friedensziele, S. 5; Jung, Parlamentarische Entartung, S. 249. Delbrück, Hans: ,Деа1роий8сЬег Pazifismus", in: PrJbb 166, H. 2, 1916, S. 177-187, hier S. 184, 186; Hintze, Imperialismus, S. 143; Schulze-Gävernitz, Geihart v.: Neubau der Weltwirtschaft. Berlin 1918, S. 3; Oncken, Hemiann: Das alte und das neue Mitteleuropa. Gotha 1917, S. 4; ders., Bedeutung, S. 465; Brentano, Lujo: Ist das „System Brentano zusammengebrochen? Übe»· Kaftedersozialismus und alten und neuen Mericantilismus. Berlin M918, S. 72; Goelz, Kriegsursachen, S. 6.

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Delbrück, Realpolitischer Pazifismus, S. 183, 186; Hintze, Imperialismus, S. 129, 143; Haller, Johannes: Bismarcks Friedensschlüsse. München ^1917, S. 101; Brentano, System, S. 72. Hintze, Imperialismus, S. 143; Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 3; Eucken, Neutrale Stimmen, S. 5; ders., Fordetungen, S. 6f. Meinecke, Deutsche Freiheit, S. 14. Troeltsch, Anstunn, S. 79, 81, 113. Vgl. auch Hamack, Wilsons Botschaft, S. 3fif.; Sering, Gesellschaftsverfassung, S. 40,73; Hintze, Imperialismus, S. 114fiF., l43fiF. Liszt, Franz v.: Vom Staatenverijand zur Völkei^gemeinschafL Ein Beitrag zur Neuorientierung der Staatenpolitik und des Völkerrechts. München, Berlin 1917, S. 44; Schücking, Nach den Schlachten, S. 168.

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der Großmächte bezeichnete, welcher - so seine Anlehnung an Hobbes' „Leviathan" - auf der Ebene eines völke^echtlichen Urzustandes als „bellum omnium contra omnes" aufzufassen sei.'°^ Die Dauer des Krieges führte zu einer Verschiebung der Kriegsschulddebatte. So wurde die Frage nach der Kriegsschuld in der zweiten Kriegshälfte zunehmend als Frage nach der Schuld an der Fortdauer des Krieges diskutiert. Insbesondere die alliierte Ablehnung des deutschen Friedensangebotes vom Dezember 1916 führte zu einer Stärkung des Durchhaltewillens in der deutschen Öffentlichkeit und wurde als Beweis für den Veraichtungswillen der Feinde gedeutet.'"® Diese hätten sich zum Ziel gesetzt, erst dann Frieden zu schließen, wenn insbesondere die deutsche Wirtschaft zerstört worden sei.'"^ Einen ähnlichen Effekt hatte die Aufdeckung der annexionistischen und expansiven alliierten Kriegsziele im November 1917, als die Bolschewisten russische Geheimakten veröffentlichten.'"* In den Augen vieler Gelehrter entlarvten sie die angeblich so hehren Vorstellungen der Entente. Sie fühlten sich in ihrer Auffassung bestätigt, daß die Alliierten keinen Frieden wollten, sondern vielmehr die Zerschlagung Deutschlands und die Vorherrschaft in Europa. Die seit 1916 wachsende Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung machte es nicht nur notwendig, die Kriegsziele der Feinde als Friedenshindemisse darzustellen, sondern erforderte auch eine verstärkte Reflexion über den „Sinn" des Krieges und seine Auswirkungen.

4.4 Differenzierte Reflexionen über den Krieg und seine Folgen Die hohen Verluste führten zu einem steigenden Bedarf an Soldaten. Immer mehr Studenten und Professoren wurden eingezogen oder zu kriegsbezogenen Tätigkeiten veφflίchtet. So wurde Gustav Radbruch, seit 1914 außerordentlicher Professor an der Universität Königsberg, 1916 einberufen und der aus gesundheitlichen Gründen vom Militärdienst befi-eite Privatdozent für Philosophie, Emst Cassirer, in die französische Sektion des Kriegspresseamts dienstveφflichtet."° Zu diesem Zeitpunkt hatte die Kriegswirklichkeit längst zu einer Des-

105 Preuß, Obrigkeitsstaat, S. 3f. 106 Meinecke, Rhythmus, S. 142f. Vgl. auch Hintzie, Imperialismus, S. 149. 107 Graber, Max v.: .Jlassenhygiene, die wichtigste Aufgabe völkischer Innenpolitik", in: DE II, H. 1, 1918, S. 17-32, hier S. 31f Er verwies auf ein Urteil des Obersten Gerichtshofes in London, der im Dezember 1915 festgestellt hatte, „,daß die Zerstöning der kommerziellen Blüte des deutschen Reiches Englands Kriegsziel ist"' (ebd.). Vgl. auch Hamack, Schwelle, S. 1475«, 1490. 108 Zu den alliierten Kriegszielen vgl. Pen«, Der große Krieg, S. 244-248,361; Soutou, Kriegsziele, S. 32-45, insbes. S. 38f.; Linke, Rußlands Weg, S. 68-86; Matthias, Britisdie Kriegsziele, S. 103-116. 109 Troeltsch, Freiheit und Vata-land, S. 213. Vgl. auch ders.: „Anklagen auf Defeitismus", in: DP III, H. 1, 1918, S. 661-669, hier S. 667f, und Oncken, Bedeutung, S. 470. K l e i n h ^ , Gerd/Schröda-, Jan (Hg.): Deutsche und Europäische Juristen aus neun Jahihundaten. Heidelberg "1996, S. 341; Paetzold, Heinz: Ernst Cassirer - Von Maibuig nach New York. Eine philosophische Biographie. Damistadt 1995, S. 30f

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illusionierung der Soldaten und insbesondere der Kriegsfreiwilligen geführt.'" Einige der eingezogenen Gelehrten wurden schwer verwundet wie Hertz und Bredt,"^ andere waren den Belastungen nicht gewachsen. So wurde Hermann Kantorowicz im Mai 1916 felddienstunfâhig geschrieben und zur elsässischen Postüberwachungsstelle versetzt.'" Max Weber, gesundheitlich ohnehin angeschlagen, war bereits 1915 aus dem Heidelberger Lazarettdienst ausgeschieden.'" Der in einem Berliner Lazarett diensttuende Medizinprofessor Nicolai - im Herbst 1914 Mitinitiator des unveröffentlicht gebliebenen .Aufrufs an die Europäer" - hieh unter dem Eindruck der Kriegsfolgen 1915/16 eine kriegskritische Vorlesung und wurde nach Graudenz strafVersetzt. Als er wegen seiner dezidiert pazifistischen Haltung 1917 zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt wurde, gelang ihm 1918 unter spektakulären Umständen die Flucht nach Dänemark, wo er sich bis Kriegsende aufhielt."^ Die radikale Position Nicolais blieb jedoch die Ausnahme im akademischen Feld. Die harte Kriegswirklichkeit verschonte auch diejenigen Gelehrten nicht, die keine militärische Tätigkeit ausübten. Bis Kriegsende fielen Max und Alfred Webers jüngerer Bruder Karl sowie der Bruder von Teschemacher."® Außerdem fielen zwei Söhne v. Belows, Husserls Sohn Wolfgang, der älteste Sohn Plancks sowie beide Söhne von Nemst. Eberhard Gothein und der Heidelberger Philosoph Wilhelm Windelband verloren ebenfalls jeweils einen Sohn, der Sprachwissenschaftler Friedrich Bartholomae seinen einzigen. Schwer verwundet wurden der älteste Sohn v. Belows und der Sohn von Natoφ. Simmels Sohn Hans ging es an der Kaφathenfront vergleichsweise gut, während Plancks jüngster Sohn in französische Kriegsgefangenschaft geriet.'" Neben dieser unmittelbar persönlichen Betroffenheit beeinflußte auch die sich stetig verschlechternde Versorgungslage das Leben der Gelehrten. Wegen der geringeren Studentenzahl entfielen Kolleggelder und Prüflmgsgebühren. Als festbesoldete Beamte wurden ihre Gehälter der kriegsbedingten Teuerung nur unzureichend angepaßt, so daß sie im Vergleich zu den Arbeitern, deren Löhne insbesondere seit 1916 anstiegen, rapide an Kaufkraft verloren.'" Die soziale Deklassierung zeigte sich auch

Ulrich, Desillusionienmg, S. llOfif.; dets^Ziemann, Benjamin (Hg.): Frontalltag im Ersten Weltkrieg. Wahn und Wiiklichkeit FrankfiulM 1995. Wettmann, Kriegstagebücha·, S. 150f.; Nachmansohn/Schmid, S. 94. Später arbeitete er in einem Lager für kriegsgefimgene britische OflSziere, vgl. Geiss, Einleitun& S. 15. 114 Fügen, S. 107. vom Brocke, Wissenschaft versus Militarismus, S. 405ff.; Nicolai, Biologie, S. 12-16; Rolland, Der fieie Geist, S. 374, ЪШ:, Zueto, Wolf: Der Fall Nicolai. Frankfiirt/M. 1981; ders.: The Nicolai Case. A Biography. Detroit 1982. ' ' ' Flasch, Mobilmachung, S. 256; Teschemacher, Reichsfinanzrefomi (Widmung). v. Below, M., S. 13fi·., 154f; Flasch, Mobilmachung, S. 256; Heimann, Planck, S. 54f.; Paletschek, S. 98fi:; Nachmansohn/Schmid, S. 181; Rife, Patricia: Lise Meitner. Ein Leben filr die Wissenschaft. Hildesheim 1992, S. 128; Bäumler, Emst: Paul Ehrlich. Forscher ftlr das Leben. Frankftirt/M. M997, S. 292; CSG 16, S. 428f ; Reichert, Heidelberger Hochschullehrer, S. 2. Kocka, Jürgen: Юassengesellschaft im Krieg. Deutsche Sozialgeschichte 1914-1918. Göttingen ^1978, insbes. S. 71fif.; Schramm, Gottfiied: ,^lilitarisierung und Demokratisierung: Typen der Massenintegration im Ersten Welücrieg", in: Francia 3,1975, S. 476497; Paletschek, S. 99. Vgl. auch Holtfiraich, CarlLudwig: Die deutsdie Inflation 1914-1923. Ursachen und Folgen in internationaler Perspektive. Berlin 1980; Zeidler, Manfied: , Д е deutsche Kriegsfinanziening 1914 bis 1918 und ihre Folgen", in: Michalka, Weltkrieg, S. 415-433, hier insbes. S.425ff.; Mai, Ende, S. lllfiF.;FenO, Der Große Krieg, S. 189-198.

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im eingeschränkten Lebensstil und der katastrophalen Versorgungssituation.'" So war Tönnies dankbar und erleichtert, als seine kranke Tochter von der Familie Sombart 1917 nach Schlesien eingeladen wurde, wo sie die Möglichkeit hatte „.wirklich Milch zu trinken'".'^" Der Familie Sombart, welche in ihrem Haus im Riesengebirge die Lebensmittel direkt vom Bauern beziehen konnte, ging es noch vergleichsweise gut.'^' Waren in der ersten Kriegshälfte die Erfahrungen des Krieges von 1870/71 sowie die positiv gewertete gesamtgesellschaftliche Mobilisierung vom August 1914 bestimmend fiir die Reflexionen über das „Wesen" des Krieges gewesen, bedurfte es nach zweieinhalb Jahren Stellungskrieg einer Deutung, die der phänomenal-evidenten Erfahrung der Brutalität der Kriegswirklichkeit an Front wie Heimatfront gerecht wurde. Seit 1916 vrarde der neue Charakter des technisierten Massenkrieges vielen Gelehrten immer mehr bewußt. Die Frage nach dem Sinn war daher nicht mehr ohne weiteres zu beantworten. Die apokalyptischen Läuterungsverheißungen wurden durch die Kriegserfahrung ad absurdum gefllhrt.'^^ Nach Ansicht Meineckes hatte sich der Krieg als politisches Mittel wegen seiner Brutalität „gewissermaßen selbst widerlegt".Gerade die Volksbundgelehrten erkannten, „daß die Apokalypse nicht die geeignete Symbolik [darstellte], um politische Probleme aufzufangen, gesellschaftlichen Sinn zu stiften" und Handlungsorientierungen zu g e b e n . Z w a r deutete Troeltsch den Krieg auch Anfang 1918 noch als schicksalhaft und damit als historische Notwendigkeit - aber er verzichtete auf euphemistische Pathosformehi und schrieb, daß der Krieg vielfach als kultureller „Selbstmord" Europas, als „Niagarasturz der Kultur" angesehen w e r d e . I n d e m er den Weltkrieg als „Katastrophe" bezeichnete, spiegelte seine Wortwahl die veränderte Wahmehmimg des Weltkrieges ebenso wider wie Rades kurz darauf gestellte Frage: „Ist das noch derselbe Krieg?". Der Pazifist Nicolai deutete den Krieg in seiner zweibändigen Schrift „Die Biologie des Krieges", die 1917 in der Schweiz veröffentlicht wurde und in einigen Exemplaren nach Deutschland gelangte,'" als eine eigentlich überwundene Stufe in der Entwicklung der Menschheit. Militarismus, Patriotismus und Chauvinismus hielt er ftlr archaische „Kriegsinstinkte" und forderte die Überwindung des Krieges. Die zur Begründung von Kriegen oft bemühte Formel vom Kampf ums Dasein bezeichnete er als Mißverständnis. Gemeint sei in Wahrheit nicht der Kampf der Menschen untereinander, sondern ihr gemeinsamer Kampf „gegen die Natur". Dies sei ein schöpferischer Kampf, nicht die gegenseitige Vernichtung

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Kocka, Klassengesellschaft, S. 7Iff.; Vincent, C. Paul: The Politics of Hunger. The Allied Blockade of Geimany 1915-1919. Athens/Ohio, London 1985; Roerkohl, Anne: Hungeiblockade und Heimatfront Die kommunale Lebensmittelversorgung in Westfalen während des Weltkrieges. Stuttgart 1991. So Tönnies 1917 in einem Brief an Sombart, zit in: Lenger, Sombart, S. 258. Lenger, Sombart, S. 257f Mommsen, Umdeutung, S. 255; Jeismann, Vaterland, S. 318; Schwabe, Wissenschaft, S. 104f. Meinecke, Demobilmachung, S. 156,199f Vondung, Apokalypse in Deutschland, S. 206. Troeltsch, Wesen des Weltkrieges, S. 7fF., 15-24. Ebd., S.7ff.; Rade, Martin: ,Jst das noch derselbe Krieg?", in: FK, 16.8.1918, S. 1. Er verfeßte sie während seiner Festungshaft. Die zweite Auflage erschien 1919. Vgl. vom Brocke, Wissenschaft versus Militarismus, S. 405fif.; Nicolai, Biologie 1, S. 12-16; Rolland, Der fieie Geist, S. 374, 377flF.

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der Menschen.'^' In diesem Zusammenhang wertete Nicolai auch die Überzeugung vom Recht des Stärkeren, vom Krieg als Element positiver Auslese, als Mißverständnis. Ein moderner Massenkrieg fordere aufgrund der Wehrtauglichkeitskriterien gerade den Einsatz der Besten und lasse daher nur die кбфегИсЬ und moralisch „Minderwertigen" am L e b e n . D a auch die Überlebenden Schaden nähmen und кбфегИсЬ oder seelisch angeschlagen seien, stelle der Krieg keine positive Auslese dar, sondern eine „biologische Schädigung der Allgemeinheit".'^" Weder schaffe der Krieg Werte noch trage er zur „Stählung" des Menschen bei. Vor allem ein langer Krieg bewirke immer eine allgemeine Schwächung; nichts anderes bedeute der Ausdruck „,Kriegsmüde'"."' ,Sinn' habe ein Krieg nur insofern, als er zweckgerichtet sei und Interessen diene. Einen Ubergeordneten kulturellen Wert verneinte Nicolai. Auch Radbruch kritisierte 1917 Überlegungen, Sieg und Niederlage in Kriegen einen höheren Sinn oder eine eigene Kulturbedeutung zuzuerkennen.'" Unter Bezugnahme auf Schelers Buch tlber den „Genius des Krieges" und Gomperz' Abhandlungen zur „Philosophie des Krieges" nahm er eine Bewertung des Krieges mit Hilfe der Philosophie vor.'" Da jede Kriegspartei behaupte, den Krieg nicht gewollt zu haben, sei eine ethische Bewertung des Krieges, also eine Beurteilung der Tat nach dem Willen, nicht m ö g l i c h . D a alle Kriegsparteien außerdem einen gerechten Kriegsgrund für sich reklamierten und sich zu verteidigen behaupteten, entfalle auch der rechtsphilosophische Ansatz, der die Tat nach dem Grund bewerte.'^' Eine geschichtsphilosophische Betrachtung, bei der die „tiefere Bedeutung" des Krieges retrospektiv ermittelt werde und das Ergebnis der Tat filr ihre Bewertung entscheidend sei, lehnte Radbruch ebenfalls ab. Militärische Über- bzw. Unterlegenheit beweise nichts ,jenseits ihrer selbst", weder eine kulturelle Über- noch Unterlegenheit des Siegers bzw. Verlierers. Die Geschichte kenne nur eine „kausale", nicht aber „sinnvolle und bedeutungsgemäße" Beziehung zwischen Siegen und Kulturfortschritt bzw. militärischen Niederlagen und Rückschritt. Ein Krieg sei ein Machtkampf mit eventuellen kulturellen Folgen, aber ohne eigene kulturelle Bedeutung.'^' Demgegenüber rekurrierte Radbruch auf die Religionsphilosophie, denn in ihr werde der Wert-Unwert-Dualismus aufgehoben. In der durch die Konfrontation mit dem Tod hervorgerufenen Belebung religiöser Gefühle liege der „Segen des Krieges". Die Religion erkenne allem Seienden, auch dem negativen, „trotz alledem" einen Wert zu. Deshalb preise die religiöse Betrachtung den Krieg wie den Schmerz wegen der „reinigenden Kraft", aber verdamme dessen ZufÜgung dennoch als

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Nicolai, Biologie 1, S. 61f, 67. Ebd., S. 81f. Konsequent zuende gedadit bedeute die Annahme einer kriegsbedingten Auslese, „daß im dunklen Schützengraben nur eine „blödsinnige Höhlenrasse" überleben könne, ebd., S. 75. Ebd., S. 82. Ebd., S. 132f., 92-96. Er zitierte Jean Paul: „,Das Stählen der Menschen durch den Krieg hält nicht länger vor als das Stärken der Wäsche"' (ebd., S. 94). Radbnich, Gustav: ,^;ur Philosophie des Krieges. Eine methodische Abhandlung", in: AfSS 44,1, 1917/ 18, S. 139-160, hier S.139f. „.Bedeutung"' werde einem Ereignis zugesprochen, wenn es ,„um Wette geht'", und ,„Sinn"', wenn daraus Werte hervorgehen. Bedeutung und Sinn stünden aber nicht in einem Kausalzusammenhang. Vgl. Radbmch, Philosophie, S. 140-143. Ebd., S. 145-148. Ebd., S. 148Й: Die Frage der Gerechtigkeit des Krieges müsse daher „übeljuristischer Art" sein. Ebd., S. 151-157.

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„Übel". Nur die Religion, so Radbrach, dürfe den Krieg segnen; der Krieg sei immer sinnlos, auch als „wertwidrige Ursache erwünschter Wirkungen". Daher erblickte er selbst im siegreichen Krieg das kleinere von zwei Übeln und bezeichnete die Nutzung der Religion zur ethischen Rechtfertigung der Kriegsverursacher als verwerflich."' Auch wenn Nicolais und Radbruchs Deutungen Mindermeinungen darstellten, repräsentierten sie doch eine Ausdiflferenzierang der philosophischen Überlegungen zum „Wesen" des Krieges, welche auch die Stellungnahmen derjenigen prägte, die versuchten, gerade angesichts des Leids einen Sinn des Krieges zu ermitteln. So stellte Scheler die Ubiquität der Leiderfahrungen als ein zentrales Charakteristikum des Krieges heraus. Er deutete das Leid als kollektive vaterländische Erfahrang: Der Krieg sei „Gesamtereignis" und „Gesamterlebnis" zugleich. Dieselben Hoffnungen und Leiden formten das Gesamterlebnis, in dessen Zentrum .„Deutschland'" s t e h e . D e r Sinn der Krieges müsse daher nicht mehr nachgewiesen werden; er war für Scheler im Erleben unmittelbar gegeben. Ausgehend von der gemeinschaftsstiftenden Wirkung des Krieges,"' dessen schöpferische Folgen in der Erwekkung von Kraft, Mut und Ausdauer, der Steigerang der Religiosität sowie der Versöhnung des Teils mit dem Ganzen bestünden, folgerte auch Simmel, daß im „Erlebnis" der Durchbrechung der Absolutheit materieller Werte der seelische Gewinn des Krieges liege. Gegenüber solchen Reflexionen, die den Weltkrieg in seiner Gesamtwirkung beschrieben, verkündeten die Angehörigen der Vaterlandsgrappe nach wie vor eine apokalyptische Deutung des Krieges. So erblickte v. Gierke das „Wesen des Krieges" darin, daß er zugleich der „furchtbare Vemichter" und der „gewaltige Schöpfer" sei. Der Krieg erfülle eine „weltgeschichtliche Aufgabe", weil er „morsche Kultur, überlebtes Recht, entartete Freiheit" beende, um „verjüngte Kultur, gerechteres Recht, echtere Freiheit zu zeugen". Vor dem „Richterstuhl der Weltgeschichte" zähle nur der Sieg."' Auch v. Graber beschrieb den Weltkrieg als eine Prüfung der Deutschen. In ihm werde sich entscheiden, ob das deutsche Volk noch lebenstüchtig genug sei, „um das Dasein zu verdienen"."^ Gierke begründete mit dieser geschichtsphilosophischen Deutung auch die ausgreifenden Kriegsziele der Vaterlandsgelehrten, indem er betonte, daß der Sieg dem Sieger das Recht verleihe, über den Fortbestand des Unterlegenen zu befinden. In diesem Sinne entspreche der Krieg einem „Gottesurteil". Deutschland handele „im Einklang mit der Gerechtigkeit", wenn es zur eigenen „Daseinsbehauptung" vom Recht des Eroberers Gebrauch m a c h e . D i e geänderten Kontextbedingungen der zweiten Kriegshälfte beeinflußten nicht nur die Reflexionen über den Krieg, sondern bewirkten zugleich, daß außen- und innenpolitische Ereignisse weitaus mehr Beachtung fanden als in den ersten zwei Kriegsjahren.

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Ebd., S. 158fi: Scheler, Max: Krieg und Aulbau. Leipzig 1916, S. V, 1,3f, 8. Simmel, Krisis, S. 45,59. Ebd., S. 48,58,63. Gierice, Friedensziele, S. 29. Grober, Rassenhygiene, S. 17. Gierice, Friedensziele, S. 30f.

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4.5

Politische Ereignisse im Spiegel der Kriegsschriften Außenpolitische Ereignisse

Die Gelehrten kommentierten und diskutierten jene militärischen und außenpolitischen Ereignisse, denen sie eine kriegsentscheidende Bedeutung zusprachen. Dabei spiegelt ihre unterschiedliche Bewertung die Polarisierung zwischen der Volksbund- und der VaterlandsGruppe wider. Der Dissens zeigt sich vor allem hinsichtlich solcher politischen Entwicklungen, die einen Frieden auf dem Verhandlungswege zur Folge haben sollten, wie z. B. die mit den Stimmen von Mehrheitssozialdemokraten, Zentrum und Freisinniger Volkspartei, der seit dem Frühsommer 1917 konstituierten „Reichstagsmehrheit",beschlossene Friedensresolution^*^ des Reichstags, in der ein Verständigungsfrieden gefordert und alldeutschen Annexionen eine Absage erteilt w u r d e . S i e wurde ein zentraler Streitpunkt in der politischen Auseinandersetzung. Der von Schäfer geleitete „Unabhängige Ausschuß für einen deutschen Frieden" wandte sich scharf gegen die „schwachmütige Friedensresolution". Ein „,Verständigungsfriede"' in ihrem Sinne besiegele das Ende Deutschlands als Großmacht. Viele Gelehrte der Volksbund-Gruppe unterstützten dagegen die Reichstagsmehrheit. Rade verteidigte die „vielgeschmähte Friedensresolution", die nicht, wie behauptet, die deutsche Kampfkraft schwäche, sondern Vertrauen nach innen und außen erwecke. Nach Ansicht Max Webers zeigte die Resolution, daß für die Sicherheit des Vaterlandes und nicht für Егт oberungen gekämpft werde."* Delbrück verdeutlichte im Jahre 1918 am Beispiel der Friedensresolution den „tiefen Riß", der das deutsche Volk jenseits der herkömmlichen Parteilinien durchzog. Er betonte jedoch, daß die Friedensresolution kein Hindernis für einen Frieden darstelle, der für Deutschland vorteilhaft sei.'^' Demgegenüber forderte v. Below, die Resolution zu „verwerfen", denn sie untergrabe den Siegeswillen der Nation und müsse 144

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Mai, Ende, S. 124f.; Epstein, Klaus: ,J>er Interfiaktionelle Ausschuß und das Problem der Parlamentarisierung 1917-1918", in: HZ 191, 1960, S. 562-584; Matthias, Eridi/MoßQ', Rudolf (Beaib.): Der Interfraktionelle Ausschuß 1917/18. Düsseldorf 1959. Vgl. auch Schiffers, Reinhard: Der Hauptausschuß des Deutschen Reichstags 1915-1918. Formen und Bereiche der Kooperation zwischen Parlament und Regierung. Düsseldorf 1979. Mai Ende, S. 125fF., 209f.; Erdmann, Weltkrieg, S. 205f ; Miller, Bui^ßieden, S. 309fiF. Ullrich, Großmacht, S. 522-529; Erdmann, Weltkrieg, S. 205f ; Vgl auch Bihl, Quellen, S. 298; Erdmann, Weltkrieg, S. 206. Resolution des Unabhängigen Ausschusses filr einen deutschen Frieden gegen die Friedensresolution der Mehrheit4)arteien, abgedruckt in Schulthess 33, 1917, S. 698, zit nach Bihl, Quellen, S. 295-296, hier S. 295. Rade, Martin: ,JPolitische Extravaganzen", in: ChW 31, Nr. 49 [19ΐη, S. 839-844, hier S. 843; Weber, M., Vaterland und Vateriandspartei, S. 143,145. Vgl. Delbrück, Hans: Wider den Kleinglauben. Eine Auseinandersetzung mit da' Deutschen Vateriandspartei. Jena 1918, S. 3£; ders.: .frof v. Below als Voricämpfer der Vaterlandqwrtei", in: PrJbb 172, H. 1, 1918, S. 126-129, hier S. 126. Vgl. auch ders.: ,7ur Charakteristik Professor Georgs von Below, Vorstandsmitglied des Alldeutschoi Verbandes und Mitglied des oigeren Ausschusses da Vat»-landspartei", in: PrJbb 172, H. 3,1918, S. 43+439, hier S. 435f

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als Ausdruck der „Flaumacherei" bekämpft w e r d e n . I m Frühjahr 1918 mehrten sich die Stimmen in der Öffentlichkeit, die angesichts der zunächst erfolgreichen deutschen Westoffensiven forderten, daß der Reichstag die Friedensresolution offiziell widerrufe. Diesen Schritt hielt Delbrück zwar formell für zulässig, aber für politisch unklug. Nachdrücklich plädierte er für das „Festhalten an der Reichstagsresolution". Während die Reaktionen auf die Friedensresolution der politischen Polarisierung der Gelehrtenschaft entsprachen, wurde anhand der Friedensinitiative des Papstes vom 1. August 1917 deutlich, daß neben politischen auch konfessionelle Gegensätze die Bewertung der Ereignisse bestimmten. In seinem Friedensappell an die kriegführenden Länder hatte Papst Benedikt XV. auf die Friedensresolution des Reichstages Bezug genommen und Verständigung, territoriale Integrität, Abrüstung und die Einrichtung von Schiedsgerichten gefordert.'^^ Sein Friedensappell war vor allem für die katholischen deutschen Gelehrten von Bedeutung, welche die Vorschläge des Papstes und die Reaktion von Reichskanzler Michaelis begrüßten. Da sie den Papst per se für unparteiisch hielten, stellte er in ihren Augen den geeigneten Vermittler im Krieg dar.'" Dem widersprachen ihre protestantischen Kollegen, die eine Stärkung der politischen Macht des Papstes ablehnten: „Die weltliche Macht der Päpste", so Goetz, sei „unrettbar verlorengegangen". Ihre Wiedererrichtung gelte es zu verhindern, zumal jede Vermittlung angeblich unparteiischer Personen in diesem Kriege ohnehin abzulehnen sei. Ähnlich argumentierte v. Below, der als Angehöriger der Vaterlandsgruppe ein politischer Gegner des Volksbundgelehrten Goetz war. Zwar erkannte er dem Papst „eine verhältnismäßige Unparteilichkeit" zu, aber einer Friedensvermittlung des Vatikans trat er ebenso entgegen wie der Erhöhung des päpstlichen Einflusses in Deutschland, in der er eine innenpolitische Gefahr erblickte.'^ Konfessionelle Gemeinsamkeiten, das zeigt die Reaktion der beiden Gelehrten, bestimmten die Bewertung bestimmter Ereignisse stärker als politische Differenzen. Äußerst umstritten zwischen beiden Gelehrtengruppen war die Beurteilung von Geschehnissen, die Rückwirkungen auf die deutsche Innenpolitik erwarten ließen. Dies galt insbesondere für die Wiederherstellung Polens, ^^^ welche die Volksbundgelehrten als konstrukti150

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Below, Ckoig von: Das gute Redit der Vateriands-Partei. Eine Antwort an Prof. H. Delbrück. Berlin o. J. [1918], S. 3 , 9 , 1 3 « Delbrück, Hans: Festhalten an der Reichstagsresolution. Berlin 1918, S. 3f., 6, 8f. Vgl. auch ders.: ,J>rinz Max als Reichskanzler", in: NDAZ 58, Nr. 516, M A (8.10.1918), S. 1-2,Ыет8. If. Erdmann, Weltkrieg, S. 206-209; Mai, Ende, S. 128-131; Ferro, Der Gtoße Krieg, S. 350f So z. B. Mausbach, Joseph: ,J)as soziale Prinzip und der Katholizismus^", in: Meinertz/Sacher, Deutschland und der Katholizismus 2, S. 1-24, hier S. 21; Grauot, Hermann v.: ,J)ie Rechts- und Friedenseinheit der Völker", in: Meineitz/Sacher, Deutschland und der Katholizismus 2, S. 455-484,455ffi; Brentano, System, S. 81. Goetz, Walto: ,J)ie Kriegsergebnisse und die deutsdien Kriegsziele", in: ders., Deutschland und der Friede, S. 436461, hier S. 460, und Below, Geoi^ v.: ,X)er Nuntius kommt", in: DE 2, H. 7,1918, S. 478-485, hier S. 478f. Below verglich die Aktivitäten des päpstlichen Nuntius mit der Gefehr, die von der Agitation des bolschewistischen russischen Botschafters Joffe ausgehe. Gemeinsam sei Katholizismus und Sozialismus/Bolschewismus ihre Intemationalität; darin liege die Gefehr für die deutsche Nation (S. 481£). Erdmann, Weltkrieg, S. 137Ж, 141£, 144; Gonze, Wemer: Polnische Nation und deutsche Politik im Ersten Weltkrieg. Köln, Graz 1959; Gall. Lothar. Der polnische Grenzstreifen 1914-18. Lübeck, Hambuii 1960.

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ve Maßnahme grundsätzlich begrüßten. So erinnerte Delbrück an die jahrhundertealte friedliche Koexistenz zwischen Deutschen und Polen,"' aber im Hinblick auf die polnische Minderheit in Preußen war ein unabhängiges Polen für ihn „keine reine Freude".'^' Auch Oncken hielt deutsches Mißtrauen gegenüber den Polen für angebracht. Er betonte, daß das Zusammenleben beider Völker nur auf der Grundlage der preußischen Staatsidee gestaltet werden könne."* Max Weber wies auf die Interdependenz von Außen- und Innenpolitik hin und betonte, daß die neue, polenfreundliche Richtung der deutschen Außenpolitik nur dann sinnvoll sei, wenn auch die deutsche Innenpolitik gegenüber der polnischen Minderheit geändert werde. Um zu verhindern, daß sich die polnische Staatsgründung als schädlich erweise, sei nicht Unterdrückung, sondern Toleranz geboten."' Mit dem Zusammenhang von Außen- und Innenpolitik argumentierten auch die Gelehrten der Vaterlandsgruppe, welche die Proklamierung des polnischen Staates scharf kritisierten. Mit Blick auf die polnische Minderheit in Preußen fürchteten Schäfer, v. Below und v. Gierke polnische Irredenta-Forderungen, welche die Vorrangstellung des Deutschtums im Osten sowie die deutsche Ostgrenze und damit auch die Machtposition des Reiches gefährden könnten. Die Gründung des polnischen Staates sei voreilig gewesen, zumal die endgültige Regelung der staatsrechtlichen Verhältnisses zu Deutschland und Österreich-Ungarn nicht geklärt worden sei. Das Deutsche Reich dürfe nie auf die preußischen Polen verzichten."** Ähnlich unterschiedlich waren auch die Äußerungen der Gelehrten beider Gruppen zum uneingeschränkten U-Bootkrieg}^^ Er war eine Hauptforderung der Vaterlandsgelehrten, welche die Befürchtung eines Kriegseintritts der USA als Folge des U-Bootkrieges für unbegründet hielten. Sie nahmen diese Möglichkeit aber in Kauf, denn, so Meyers Fehleinschätzung, „dadurch würde unsere Lage nicht wesentlich schlimmer".'" Schäfer verlangte, „mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln" zu kämpfen, denn es wäre ein „Verbrechen an unserem Volke", wenn man die Chance einer dauerhafter Machtsicherung durch irgendwelche Rücksichten auf die USA nicht wahrnähme. Bismarcks Motto solle die deutsche Kriegspolitik bestimmen: „,Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt'"."^ Als Deutschland im Februar 1917 den uneingeschränkten U-Bootkrieg begann, galt er vielen Gelehrten als langersehnter Einsatz einer Wunderwaffe. Schon nach der alliierten Ablehnung des deutschen Friedensangebots vom Dezember 1916 hatten auch Gelehrte der Volksbundgruppe die Ansicht vertreten, daß Deutschland nun gezwungen sei, „schärfere 156 158 159 161

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Delbrück, Hans: ,X)eutsche und Polen", in: Der Tag Nr. 266,11.11.1916, Ausg. A S. If. Delbrück, Realpolitischer Pazifismus, S. 177,180. Oncken, Bedeutung, S. 473; ders., Mitteleuropa, S. 130. Vgl. auch Hintzc, Imperialismus, S. 161. Weber, Max: ,X)eutschlands innere und Preußens innere Politik. I. Die Polenpolitik", in: MWS1/15, S. 7983,hierS.80f. Schäfer, Kriegs· und Friedensziele, S. 7; Below, Nationalslaat, S. 53; Gierke, Friedensziele, S. 75fF. Rahn, Werner: „Strategische Probleme der deutschen Sedaiegfmining 1914-1918", in: Michalka, Weltkrieg, S. 341-365, hier S. 354-360; Erdmann, Weltkrieg, S. 125-132; Mai, Ende, S. 116-120; Herzfeld, Weltkri^ S. 164fiF.; Foro, Der Große Krieg, S. 193-198. Meyer, Eduard: Denkschrift über den U-Bootkrieg (a. H. g.). Unabhängiger Ausschuß filr einen deutschen Frieden. Berlin 1916, S. 2. Schäfer, Dietrich: Die Vereinigten Staaten als Weltmacht Eine geschichtliche Betrachtung zur Beleuchtung der Gegenwart. Berlin 1917, S. 45-49.

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Waffen" einzusetzen, um den Frieden zu erzwingen.'" Die bis April 1917 hohe Versenkungsquote, die auf den britischen Inseln eine ernsthafte Krise hervorrief, ftihrte zeitweilig zu einer positiven Einschätzung des U-Bootkrieges durch Volksbundgelehrte.'" Da aber England faktisch die Welttonnage zur Verfügung stand und die Quote versenkter feindlicher Schiffe nach Einführung des Geleitzugsystems stetig sank, konnten die Verluste ersetzt werden. Als der angekündigte Erfolg ausblieb, verschärften prominente Volksbimdgelehrte ihre Kritik am U-Boot-Enthusiasmus.'®® Anfang 1918 warf Troeltsch alldeutschen Kreisen vor, das Vertrauen der Deutschen in die U-Bootwafife ,^nißbraucht" zu haben. Dieses aus heutiger Sicht naiv wirkende Vertrauen zeigt, wie überzeugend selbst größte Fehlentscheidungen „in den Ohren eines gleichzeitig siegeshungrigen und kriegsmüden, кОфегИсЬ und seelisch bis zum Zerreißen angespannten Volkes" klingen konnten.'®' Das galt auch für die Fehleinschätzung, der Kriegseintritt der USA sei bedeutungs-, weil aufgrund der U-Boote wirkungslos. In der Unterschätzung des Kriegseintritts Amerikas^^^ ähnelten sich beide Gelehrtengruppen. Ihrer Ansicht nach hatte sich 1917 zwar die Kriegskonstellation geändert - Schwächung Rußlands durch die Revolution, Verstärkung der Westmächte durch die USA - , nicht aber die militärische Gesamtlage. In seinem Kommentar zum offiziellen Aufhif zur 6. Kriegsanleihe im April 1917 bezeichnete Rade die Zeichnung der Anleihe als „beste Antwort" der Deutschen auf den amerikanischen Kriegseintritt. '™ Auch die Gegner des U-Bootkriegs bewerteten den Kriegseintritt Amerikas nicht als negative Folge desselben. So schrieb Meinecke in völliger Verkennung der Möglichkeiten, die den Alliierten nun zur Verfügung

164 Meinecke, Rhythmus, S. 142f Vgl. auch ders.: , Д е Refom des preußischen Wahlrechts", in: PSR, S. 146-173, hier S. 172, und Hintze, Imperialismus, S. 149. I6S Hintze, Imperialismus, S. 144f, 148; Oncken, Mitteleuropa, S. 94; Schuster, Emst/Wehbeig, Hans (Bearb.): Der Wirtschaftskrieg. Die Maßnahmen und Bestrebungen des feindlichen Auslands zur Bekämpfung des deutschen Handels und zur Fördemng des eigenen Wirtschaftslebais. AbL I: England. Jena 1917, S. Vn. Selbst Schücking, Freiheit der Meere, S. 154, äußert sich im Februar 1918 positiv über die Erfolge des U-Bootkrieges. Weber, Max: „Vaterland und Vaterland^jartei", in: MWS1/15, S. 143-145, hier S. 144; ders.: ,X>k Lehren der deutschen Kanzlerkrisis", in: MWS 1/15, S. 133-136, hier S. 133; ders.. Schwelle, S. 333; Delbrück, Hans: ,X)ie preußische Wahlrefomi - Die Bedrohung der Monarchie", in: PrJbb 171, H. 2, 1918, S. 282290, hier S. 282£ Vgl. auch Oncken, Schwelle, S. 9. 167 Troeltsch, Anklagen aufDefeitismus, S. 667. 168 HaflBier, Sebastian: Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. Betgisch Gladbach 2001, S. 75. 169 Fiebig-von Hase, Ragnhild: ,i)er Anfang von Ende des Krieges: Deutschland, die USA und die Hintergründe des amerikanischen Kriegseintritts am 6. April 1917', in: Michalka, Weltiaieg, S. 125-158; Link, Arthur S. (Hg): Wilson: The Struggle for Neutrality. Princeton/NJ, 1960; Schröder, Hans-Jürgen: ,JDemokratie und Hegemonie. Woodrow Wilsons Konzept einer Neuen Weltordnung", in: Michalka, Weltkrieg S. 159-177; ders., Deutschland und Amerika, insbes. S. 22fiF.; Erdmann, Weltkrieg, S. 158-165. 170 Rade, Martin: [Aufiiif zur Zeichnung der 6. Kriegsanleihe], in: ChW 15, 1917, S. 297-298, hier S. 298. Der Aufruf stand unter dem Motto ,ilelft uns siegen!" Das Plakat, das auch in der Christlichen Welt abgedruckt wurde, gestaltete Fritz Erler. Es wwde noch im Kri^ ,^ur Dcone des deutschen Weltkrieg^lakats", vgl. Vorsteher, Dieter ,3ilder für den Sieg Das Plakat im Ersten Weltkrieg", in: Rother, S. 149162, hier S.158f

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standen, die USA wollten in einem „Machtrausch" ein „Millionenheer" gegen Deutschland schicken, aber: „Zum Glück sorgen unsere Tauchboote dafllr, daß wir ... von diesem Besuche verschont bleiben"."' Hamack, bei Kriegsbeginn einer der Hauptredner auf der Berliner Sympathiekundgebung fUr die USA, hielt den Kriegszustand für besser als die bisherige amerikanische Scheinneutralität, weil die Deutschen, dies war auch Rades Überzeugung, „einen offenen Feind dem heimlichen" vorzögen.Positiv wurde von selten der Vaterlandsgruppe, die einen Verständigungsfrieden ablehnte, vermerkt, daß Wilson jetzt nicht mehr als parteiischer Vermittler in Frage komme. Die amerikanische Kriegserklärung bedeutete eine „Erlösung"'^' von dieser Gefahr. Erst im letzten Kriegsjahr schien einigen Gelehrten das Gewicht der USA bewußt zu werden: So bezeichnete Troeltsch die amerikanischen Kriegserklärung Anfang 1918 als den „emstesten und weltwirksamsten Akt des Krieges". Meinecke formulierte seine späte Erkenntnis im Sommer 1918: Die „zweischneidige Waffe des U-Bootkrieges" wäre, hätte man die russische Revolution geahnt, „besser ungenutzt geblieben". Die russische ,J^ebruarrevoluiion" vom März 1917''^ wurde von den Gelehrten beider Gruppen vor allem mit Blick auf die innenpolitische Situation thematisiert. Zwar galt der russische Umsturz als Entlastung für die deutsche Kriegführung, weil ein Ende des Zweifrontenkrieges möglich wurde.Zugleich aber stellte er innenpolitisch eine Bedrohung dar, weil sich der erklärte Feind der Linksparteien - das zaristische Rußland - in einen revolutionäre Zukunflsstaat zu verwandeln schien. Zwar wurde das neue Rußland als „Scheindemokratie"'" angesehen, aber dennoch sei, bemerkte Meinecke, der politische Druck auf die Mitte Europas gewachsen und ,Jedes reaktionär angehauchte System" nun „unmöglich geworden".'™ Die Gelehrten der Volksbundgruppe bemühten sich allerdings, jegliche kausale Verbindung zwischen den „russischen Vorgängen" und den deutschen Reformbestrebungen zu verneinen, da das Zarentum und die deutsche Monarchie nicht vergleichbar seien. Diese Argumentation richtete sich gegen die alliierte Freiheitspropaganda und gegen die radikalen politischen Forderungen, die seit der Spaltung der SPD im Frühjahr 1917 auch in Deutsch-

171 Meinecke, Friedrich: ,JCriegsziele hüben und drilben", in: PSR, S. 186-193, hier S. 190f. 172 Hamack, Wilsons Botschaft, S. 4f.; Rade, Martin: .pleine Mitteilungen", in: ChW 15, 1917, S. 297-298, hier S. 298. 173 Gieike, Friedensziele, S. 8f. 174 Troeltsch, Wesen des Weltkrieges, S. 15; Meinecke, Friedridi: ,^wei Systeme" [1918], in: Böhme, Aufrafe und Reden, S. 230-236, hier S. 232. 175 Erdmann, Weltkrieg, S. 183f ; Feiro, Der Große Krieg, S. 320-327; Hetzfeld, Weltkrieg, S. 215ff.; Ullrich, Großmacht, S. 514f.; Miller, Burgfiieden, S. 283flF. Hierzu a a. Weber, Max: ,ХАе nissische Revolution und der Friede", in: MWS1/15, S. 129-132; Gierke, Friedensziele, S. 8ff.; Oncken, Mitteleuropa, S. 93f, 106; Delbrück, Deutsch«- Friede, S. 204f. Anâng 1918 schrieb Max Weber, daß ein Friede sofort gesdilossen wotien könnte, wenn der „bolschewistische Soldatenimperialismu^' erst einmal beseitigt wäre. Vgl. Weber, Max: ,Дппеге Lage und Außenpolitik", in: MWS 1/15, S. 191-201, hier S. 191f 177 Weber, Max: ,^ußlands Übergang zur Scheindemokratie", in: MWS 1/15, S. 102-115, hier S. 102; Hintze, Imperialismus, S. 168; Meinedœ, OsteAotschafl, S. 175f. Vgl. auch Meinecke, Kriegsziele, S. 186, 192; Hintze, Imperialismus, S. 168. 178 Meinecke, Ostetbotschafl, S. 175f Vgl. auch ders., Kriegsziele, S. 186,192.

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land zunehmend Gehör fanden.'" Hierin sahen vor allem auch die Vaterlandsgelehrten eine Gefahr und warfen den sogenannten Linksparteien vor, die russische „Revolutionsgesinnung" importieren zu wollen."" Als sich Rußland infolge der „Oktoberrevolution"'*' im Herbst 1917 zu einem Sonderfrieden bereit erklärte, erwarteten die Gelehrten die entscheidende Kriegswende zu Deutschlands Gunsten. Der Beginn der deutsch-russischen Verhandlungen^*^ markierte nach Ansicht Meyers den ,^usammenbruch" des gegen Deutschland geschlossenen „Kriegsbundes": das Ende der Einkreisung."^ Während Meyer und andere Gelehrte aus dem Kreis um Seeberg in erster Linie den militärischen Erfolg betrachteten, sah Delbrück vor allem den politischen Gewinn. Er deutete die Verhandlungen als Chance iUr einen allgemeinen Verständigungsfrieden.'" Delbrück irrte. Der schließlich am 3. März 1918 abgeschlossene Friedensvertrag von Brest-Litowsk war de facto ein kompromißloser Machtfrieden.'" Obwohl die Bestimmungen des Vertrages viele alldeutsche Kriegsziele erfüllten, kritisierten einige Vaterlandsgelehrte ihn als nicht umfassend genug."' Demgegenüber erblickte Meinecke vor allem in den langwierigen Verhandlungen und den stückwerkartigen Ergebnissen ein Problem. Außerdem sei der fatale Eindruck entstanden, nicht die Reichsleitung, sondern die OHL bestimme die Politik und hätte die Verhandlungen geführt.'" Damit erkannte Meinecke das Grundproblem der deutschen Politik im Krieg. Wie sehr Konsens und Dissens unter den Gelehrten j e nach Ereignis variierten, verdeutlichten die deutschen Westoffensiven^**

179 Weber, Max: ,JDas preußische Wahlrecht", in: MWS 1/15, S. 94-101, hier S. 95; Meinecke, Friedrich: „Grenzen der Neuorientieran^', in: PSR, S. 181-185, hier S. 182; Troeltsdi, Ansturm, S. 106. Preuß, Erneuerung, S. 254. liO Below, Nuntius, S. 480. Vgl. auch Giake, Friedensziele, S. 8ff., 18f; Fester, Ridiard: Der Machtwille und die Weltlage. Beriin o. J. (1918), S. 19. Itl Geyer Dietrich: ,4Crieg und Revolution: Rußland und Deutschland 1917/18", in: Langevñesche, Dieter (Hg.): Revolution und Krieg. Zur Dynamik historischen Wandels seit dem 18. Jahihundert Paderborn 1989, S. 155-169 182 Vgl. hierzu Erdmann, S. 213-221; Mai, Ende, S. 132-139; Ferro, Der Große Krieg, S. 359-363; WheelerBennett, John W.: Brest-Litovsk. The forgotten Peace, Mardi 1918. London u. a. 1966. КЗ Meyer, Eduard: ,J[)er Seekrieg, die flandrische Ktlste und der Frieden", in: SMhh 15, Febraar 1918, S. 436441, hier S. 436. 184 Delbrück, Hans: ,JDie Friedaisveriiandlungen in Brest-Litowsk. Reden und Gegenreden der leitenden Staatsmänner", in: PrJbb 171, 1918, H. 2, S. 290-295, hier S. 290flf. Vgl. auch, Oncken, Bedeutung, S.472. I8S Erdmann, Weltkrieg, S. 213-221; Mai, Ende, S. 132-139, Zitat S. 133; Miller, Burgfrieden, S.358flF.; Hahlweg, Werner: Der Diktatfrieden von Brest-Litowsk und die Bolschewistische Weltrevolution. Münster 1960; Hildebrandt, Klaus: ,JDas deutsche Ostimperium 1918. Betrachtungen über eine historische .Augenblickserscheinung"', in: Pyla, Wolfram/Richter, Ludwig (Hg.): Gestaltungskraft des Politischen. FS für Eberhard Kolb. Beriin 1998, S. 109-125. 18« Zum Beispiel Sdiafer, Auslandsdeutschtum, S. 1154ff. 187 Meinecke, Zwei Systeme, S. 233fE 188 Vgl. hierzu Duppler, Jörg/Groß, Gerfiard P. (Hg.): Kriegsende 1918. Ereignis, Wiriomg, Nachwirkung. München 1999. Vgl. auch Erdmann, Weltkrieg, S. 221-225; Mai, Ende, S. 137-147; Herzfeld, Weltkrieg, S. 348-353; Ferro, Der Große Krieg, S. 372ff.

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vom Frühjahr 1918, die wegen des schnellen Vordringens der deutschen Trappen zunächst zu einer Siegesstimmung führten, von der sich auch Volksbundgelehrte anstecken ließen. Der „Siegesrausch" (Delbrück) endete jäh, als die neue Reichsregierung unter Prinz Max von Baden am 3. Oktober 1918 das deutsche Ersuchen um Waffenstillstand an den amerikanischen Präsidenten sandte. Die deutsche Öffentlichkeit begann, die wahre militärische Lage zu ahnen."" Der Kreis um Delbrück begrüßte den Regierungswechsel. Delbrück bedauerte lediglich, daß sich der Verständigungswille nicht schon filiher durchgesetzt habe, denn jetzt, „wo wir in militärischen Nachteil geraten sind", so seine euphemistische Beschreibung der Situation, sei es schwierig, die Feinde von der Friedensbereitschaft und der Ernsthaftigkeit der deutschen Politik zu überzeugen."' Das Ausmaß der Niederlage war jedoch weder den Volksbund- noch den Vaterlandsgelehrten bewTißt. So drohte Rade, die Deutschen würden weiterkämpfen, sollten die Feinde unangemessene Forderungen stellen."^ Am 21. Oktober wandte sich die Berliner Professorenschaft in einem von Rektor Seeberg unterzeichneten Aufhif gegen einen „Frieden der Vergewaltigung"."' Zwar lehnten beide Gelehrtengrappen die Annahme harter Friedensbedingungen ab, aber auf eine gemeinsame politische Linie konnten sie sich auch im Oktober 1918 nicht einigen. Innenpolitische Ereignisse Die Bewertungen der innenpolitischen Ereignisse durch die Vertreter beider Gelehrtengrappen ähnelten sich in bezug auf Maßnahmen, die zur Mobilisierang des Volkes beizutragen und die Chancen auf einen deutschen Sieg zu erhöhen schienen. Vielfach wurde die Bildung der 3. OHL unter v. Hindenburg und Ludendorff am 29. August 1916"'' mit Erleichterang und Begeisterung begrüßt. Verbreitet war die Überzeugung, sie werde das in sie gesetzte „Vertrauen""^ erfüllen. Die beiden Heerführer und ihre Fähigkeiten wurden hoch gelobt,"^ war doch die Führang durch Fachleute einer der Kemgedanken der „Ideen von 1914". Auch eine „Militärdiktatur" war von Plenge in der ersten Kriegshälfte bereits gefordert worden, so

Grauert, Rechts- und Friedenseinheit, S. 470f.; Goetz, Kriegsergebnisse, S. 449; Oncken, Bedeutung, S.477. Mai, Ende, S. 145-169; Etdmann, Weltkrieg, S. 224-239; Ferro, Der Große Krieg, S. 374-377. Zur Politik der militärische Fühnmg im letzten Kriegsjahr vgl. Epkenhans, Midiael: ,J)ie Politik der militärischen Führung 1918: ,Kontinuitat der Illusionen und das Dilemma da' Wahrheit"', in: Duppler/Groß, K r i ^ ende, S. 217-233. 191 Delbrück, Prinz Max, S. If Vgl. auch Rade, Nach Schluß des Blattes, S. 405. 192 Rade, Nach Schluß des Blattes, S. 405. Weber legte dar, daß Wilsons Rolle als Vermittler automatisch beendet sei, wenn Deutschland Bedingungen annehme, welche die weitere KriegfÜhnmg unmöglich machten, Weber, Max: „Waffenstillstand und Frieden", in: MWS1/15, S. 330. „Gegen einen Frieden der Vergewaltigung" [21.10.1918], in: Böhme, Aufiufe und Reden, S. 236-237, hier S.236f Mai, Ende, S. 68, 83-88; Erdmann, Weltkrieg, S. 123f.; Mareks, Erich: Hindenburg. Feldmarschall und Reichspräsident. Göttingen u. a. 1963; Venohr, Wolfgang: Ludendorff. Berlin, Frankfiut/M. 1993. 195 Oncken, Schwelle, S. 5f.; Mareks, Schwelle, S. 12. Meinecke, Friede auf Erden, S. 135; Heuß, Krieg und Verfessung, S. 244; Gierice, Friedensziele, S. 5; Rade, Politische Extravaganzen, S. 841; Goetz, Walter: ,i)ie Grundlagen der inneren Politik", in: ders., Deutschland und der Friede, S. 610-626, hier S. 615.

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daß die Zustimmung zur 3. OHL der 1916 noch vorherrschenden Überzeugung entsprang, einen wichtigen Schritt zur vielgepriesenen totalen Staatsorganisation getan zu haben. Deshalb begrüßten Gelehrte beider Gruppen auch das Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst vom Dezember 1916.'" Für Meinecke stellte es eine substantielle innenpolitische Neuerung dar. Die Arbeitspflicht bei gleichzeitiger Absicherung und unparteiischer Kontrolle mache die „Volkspflicht" auch „volksttlmlich". Zunehmend vervollkommne sich der neue ,Apparat staatssozialistischer, binnenländischer Wirtschaft". Meinecke sprach von einer „Neuorientierung" auf wirtschaftlichem Gebiete.'" Mit Blick auf die politischen Implikationen des Gesetzes deutete Heuß die Mitarbeit des Reichstags als einen Präzedenzfall parlamentarischer Machterweiterung. Gierke bezeichnete das Gesetz als Ausdruck der Notwendigkeit, filr den „Endkampf alle zur Verfllgung stehenden Mittel einzusetzen,^"* und Meinecke wertete es als Folge des seit Mitte 1916 entstandenen Welt-, Wirtschafts- und „Materialkrieg[s] größten Stils". Alfred Weber sprach von der „Totalitätsergreifimg" des Krieges. Die neue „Kriegsepoche" habe eme „Umstellung der Industrie" notwendig gemacht und zum Hindenburgprogramm geftlhrt.^"' Die Etablierung der 3. OHL wurde ebenso wie der Vaterländische Hilfsdienst von den Gelehrten als geeignetes Mittel zur Integration der zunehmend polarisierten Kriegsgesellschaft begrüßt. Unterschiedlich reagierten die Gelehrten jedoch auf Ereignisse, welche als Ausdruck der politischen Desintegration gedeutet wurden. Die Spaltung der SPD, die sich im März 1916 durch Gründung der SAG angekündigt hatte und im April 1917 mit der Gründung der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" (USFD)^"^ erfolgt war, wurde von der akademischen Volksbundgruppe als Alarmsignal interpretiert, das die Dringlichkeit innenpolitischer Reformen verdeutlichte. So stellten Hintze und Goetz fest, daß am patriotischen Geist der deutschen Arbeiter auch die Spaltung SPD nichts ändeDamit aber die nationaltreue (M)SPD die „Herrschaft über die Massen" behalte, brauche sie einen deutlichen Beweis dafür, nun im Staate als „gleichberechtigt anerkannt" zu sein und die Politik mitgestalten zu können.^"^ Demgegenüber sah die Vaterlandsgruppe die Bildung der USPD als Beweis dafür an, daß die Sozialdemokraten nach wie vor antinational eingestellt waren. Zwar halte bislang nur die sozialdemokratische Minderheit am Programm der „vaterlandslosen proletarischen Internationale" fest, der Parteibeschluß der Mehrheitssozialdemokraten über den „selbstmörderischen" Frieden ,„ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen'" zeige aber, daß auch die gemäßigten Sozialdemokraten nicht mehr von den 197

Dieikopi Herbert Vor^geschichtc, Entstehung und Auswirkungen des vaterländische Hilfediens^esetzes vom 5. Dezember 1916. Halle, Diss., 1937, sowie Huber, Verfessungsgeschichte V, S. 101-111; Kocka, Klassengesellschaft, S. 114-118; Feldman, Army, S. 197-249; deis., Kriegswirtschaft, S. 475, 479«; Deist, Wilhelm: Militär und Innenpolitik im Weltkrieg 1914-1918. Düsseldorf 1970, S. 459-647; Mai, Ende, S. 95-116; Erdmann, Weltkrieg, S. 187-196; Michalka, Kriegsrohstoflbewirtschaftung, S. 488ffi; Miller, Burgfrieden, S. 2Ш. 198 Meinecke, Reform, S. 146f. 199 Heuß, Krieg und Verfessung, S. 244f 200 Gierke, Friedensziele, S. 4. 201 Meinecke, Zwei Systeme, S. 230£; Weber, A, Bedeutung, S. 1267. 202 Miller, Bur^eden, S. 156fif.; Erdmann, Weltkrieg, S. 171flf., 182-187; Mai, Ende, S. 45-49. 203 Hintze, Demokratisierimg, S. 454; Goetz, Grundlagen der inneren Politik, S. 612f. 204 Delbrück, Wido-den Kleinglaubai, S. 5flF.

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Polarisierung der Kriegsgesellschaft: Radikalisierung der Ordnungsideen 1916 bis 1918

Radikalen zu unterschieden seien. Da sich die vaterlandslose Minderheit durchgesetzt habe, sei die Neuorientierungs-Politik der Reichsleitung nicht mehr angebracht. Das als staatsfeindlich inteφretieгte Verhalten der SPD verbot nach Ansicht der Vaterlandsgelehrten jedes politische Entgegenkommen.^"' Unter dem Eindruck der außen- wie innenpolitischen Lageänderungen beschloß Bethmann Hollweg im Frühjahr 1917, in der Reformfrage aktiv zu werden. Am 7. April 1917 erließ der Kaiser die „Osterbotschaff \ in der er seiner Überzeugung Ausdruck verlieh, daß nach „den gewaltigen Leistungen des ganzen Volkes in diesem furchtbaren Kriege ... fìlr das Klassenwahlrecht in Preußen kein Raum mehr" sei. Es sei durch das direkte und geheime Wahlrecht zu ersetzen, und das Herrenhaus solle für „ausgezeichnete Männer" aus den „verschiedenen Kreisen und Berufen des Volkes" geöffnet werden. Die Reformen sollten sofort nach Kriegsende umgesetzt werden.^"* Die Osterbotschaft wurde von den Gelehrten der Volksbundgruppe als Bruch mit dem konservativen System bezeichnet und als Aufbruch zu „neuer, besserer Gestaltung" (Rade) begrtlßt. Ein ,^urück von den Verheißungen" (Meinecke) sei nicht mehr möglich. Unterschiedliche Auffassungen gab es innerhalb der Volksbundgruppe im Hinblick auf den Zeitpunkt für die Umsetzung der Reformen. Im Gegensatz zu Meinecke und Anschütz, die es für richtig hielten, die Wahlrechtsreform „nach dem Kriege" durchzuführen, forderte Delbrück, die angekündigten Reformen „sofort" umzusetzen.^"^ Auch die Frage, welches Wahlrecht das Dreiklassenwahlrecht ablösen sollte, mußte noch geklärt werden.^"' In Aufrufen vom Juli 1917 begrüßten sowohl Vertreter der Volksbundgruppe^*" als auch der Vaterlandsgruppe^'" die Osterbotschaft - erstere forderten ihre sofortige Umsetzung, letztere plädieren für Reformen nach dem Krieg. Ihre Kritik artikulierten die Gelehrten der Vaterlandsgruppe in Einzelschriften. Sie deuteten die Reformankündigung als Nachgeben gegenüber den Forderungen der Linksparteien.^" Trotz aller Kritik von konservativer Seite bedeutete der kaiserliche Juli-Erlaß, der die Einführung des gleichen Wahlrechts bestimmte, einen letzten politischen Erfolg Bethmann Hollwegs und der

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Gierke, Friedensziele, S. 7. Erdmann, Weltkrieg, S. 179-185; Mai, Ende, S. 121-125; Ullrich, Großmacht, S. 519-527; Miller, Burgfrieden, S. 283fF.; Bihl, Quellen, S. 264f. Meinecke Osterbotschañ, S. 175ff.; Anschütz, Gerhard: , Д е preußische Wahlreform", in: ASPG 5, H. 3, 1917, S. 273-307, Ыет S. 301f.; Delbrück, Hans: , Д е Neuorientierung", in: PrJbb 168, H. 3,1917, S. 349362, hier S. 349,360f. Meinecke Ostertjotschaft, S. 175flF.; Delbrilck, Neuorientienmg, S. 349, 360£; Anschütz, Wahlreform, S. 299-307; Weber, Max: „Wahlrecht und Demokratie in Deutsdiland", in: MWS И 5 , S. 155-189, hia· S. 186. Vgl. ,irklärung zur Wahlrechtsreform" (1. bzw. 3.7.1917), in: Böhme, Aufrufe und Reden, S. 150. Unterzeichner sind: Delbrück, E. Fischer, Hamack, Meinecke, Nemst, P. Rohrbach, Fr. Thimme und E. Troeltsch. Vgl. .Kundgebung konservativer Hochschullehrer für eine Demokratisierung nach dem Kriege" (7.7. 1917), in: Böhme, Aufrufe und Reden, S. 150-151. Unterzeichner waren Lehr» der Universitäten und der Technischen Hochschulen. Gierke, Friedensziele, S. 10; Below, Georg v.: ,J3ie Refomi des preußischen Landtagswahlrechts", in: ders.: Kriegs- und Friedensfragen. Dresden, Leipzig 1917, S. 79-132, hier S. 84,99.

Weltbild: Die wachsende Bedrohung von außen und das Ende des „Burgfriedens"

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ihm verbundenen, gouvernemental orientierten Volksbundgruppe. Dieser Erfolg ging jedoch in der Krise des Sonmiers 1917 unter, die zum Sturz des Kanzlers führte.^'^ Im Gegensatz zur ersten Kriegshälfte erlebten die Deutschen in der zweiten mehrere politische Krisen, die zu Kanzlerwechsehi führen. Bethmann Hollwegs Politik der Neuorientierung war in dem Maße unglaubwürdig geworden, wie substantielle Reformen ausblieben. Seit dem Frühjahr 1917 geriet er zunehmend zwischen die politischen Fronten von OHL und Konservativen auf der einen und der sich formierenden Reichstagsmehrheit auf der anderen Seite.^" Als sich eine Koalition aus Reichstag und OHL gegen Bethmann zusammenfand, entließ der Kaiser seinen Kanzler. Mit dem Verwaltungsbeamten Georg Michaelis^'" wurde jedoch kein Parlamentarier, sondern der Kandidat der OHL zum Reichskanzler ernannt.^" Der Dienstantritt des neuen Kanzlers beendete den informellen politischen Einfluß der Volksbundgruppe auf die Regierung im Sinne der gouvemementalen Gelehrtenpolitik. Dementsprechend deuteten die Vertreter dieser Gruppe die Kanzlerkrisis des Sommers 1917 als innenpolitische Krise. Das Reich habe ein „Bild voller Anarchie" (Max Weber) geboten, zumal der Reichstag die Chance nicht ergriffen habe, seinen politischen Einfluß durch aktive Beteiligung an der Nachfolgeauswahl zu vergrößern. So sei Michaelis „außerparlamentarisch", d. h. maßgeblich durch politikferne „Mächte und Einflüsse" (Anschütz) - die OHL zum Nachfolger Bethmann Hollwegs bestimmt worden. Hatte Weber im September 1917 seine Hofíhung ausgedrückt, daß Michaelis nicht nur ein „tüchtiger Beamter", sondern ein „nationaler Politikei^' sei, der den Reichstag zum „Mitträger der Verantwortung" mache, äußerte Rade sich Anfang Dezember enttäuscht über das „Versagen" des mittlerweile wieder entlassenen Kanzlers, der das in ihn gesetzte Vertrauen nicht erfüllt habe.^'® Am 30. Oktober 1917 hatte der Kaiser - diesmal mit Zustimmung von OHL und Reichstagsmehrheit - den 72jährigen Zentrumsabgeordneten Georg Graf v. Hertling^'^ zum Nachfolger von Michaelis ernannt. Während die .Alldeutschen Blätter" den ehemaligen Münchener Universitätsprofessor und früheren bayerischen Ministeφräsidenten wegen seiner Haltung zur Neuorientierung und seines katholischen Glaubens als .„sachlich unmöglich"' bezeichneten, war nach Ansicht des „Vorwärts" wegen der Begleitumstände, die zur Kanz212

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Erdmarai, Weltkrieg, S. 179-185; Mai, Ende, S. 121-125; Ullrich, Großmacht, S. 519-527. Zum Julierlaß vgl. BihI, Quellen, S. 294. Mommsen, Regiemng Bethmann Hollweg, S. 117-159; ders.: ,JDie deutsche öfiFentliche Meinung und der Zusammenbruch des Regienmgssystems Bethmann Hollweg im Juli 1917', in: dets., Nationalstaal, S. 422-440; Wöllstein, S. 142-155; Erdmann, Weltkrieg, S. 142fiF.; Mai, Ende, S. 57fi:, 85f., 116-120; Ullrich, Großmacht S. 522-528; Miller, Burgfrieden, S. 312ff. Michaelis, Georg (1857-1936); Politiker, promovierter Jurist, 1917 preuß. Staatskommissar für Volksernährung; von Juli bis OkL 1917 Reichskanzler und preuß. Ministeφräsident Allerdings berief er einige Parlamentarier - die Abg. Spahn (Z) und Schiffer (NatLib) - zu Staatssekretären ohne Portefeuille. August Müller (SPD) wurde Unterstaatssekretär im Kriegsemähnmgsamt Mai, Ende, S. 129. Weber, M., Kanzlerkrisis, S. 136; ders.: .Parlament und Regierang im neugeordneten Deutschland. Zur politischen Kritik des Beamtentums und Parteiwesens", in: MWS1/15, S. 202-302, hier S. 242f, 295; Anschütz, Gerhard: Parlament und Regiemng im Deutschen Reich. Beriin 1918, S. 5; Rade, Politische Extravaganzen, S. 842; Delbrück, Wider den Юeinglauben, S. 5. Hertling, GcoiB Frhr. (seit 1914 Graf) von, 1843-1919; 1880 Professor in Bonn, 1882 Prof in München; 1875-90 u. 1896-1912 MdR (Z); seit 1912 b ^ . Ministeφгäsident

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Polarisierung der Kriegsgesellschaft: Radikalisierung der Ordnungsideen 1916 bis 1918

lerschaft Hertlings geführt hatten, „,der größere Teil des Weges vom Obrigkeitsstaat zum parlamentarisch regierten Lande in Deutschland ... zurückgelegt'".^" Dies war auch die Meinung vieler Volksbundgelehrter. So inteφretieгte Anschütz die Mitwirkung des Reichstags an der Auswahl Hertlings als Schritt zur Parlamentarisierung, zumal auch seine Stellvertreter nicht Beamte, sondern „Parlamentarier" seien, und der neue Kanzler sich vor seiner Ernennung mit der Reichstagsmehrheit über sein Regierungsprogramm verständigt habe.^" Zwar waren mit Graf Hertling, seinem Stellvertreter Friedrich v. Payer und dem Vizepräsidenten des preußischen Staatsministeriums, Robert Friedberg, in der Tat erstmalig Parlamentarier in höchste Staatsämter berufen worden, aber eine eindeutige Gewichtsverlagerung hin zum Reichstag war, folgt man Volker Ullrich, noch nicht zu erkennen: „Die Parteien der Reichstagsmehrheit regierten nicht; gegen ihren Willen aber war Deutschland auch nicht mehr zu regieren".^^® Die Zeitgenossen deuteten diesen Zustand gleichwohl als substantiellen Fortschritt. Rade begrüßte das Ende einer viermonatigen „Personalkrisis". Die Deutschen hätten „schon oft mit den Alten gute Erfahrungen gemacht". Der Graf sei ein bewährter Politiker, dessen Konfession keine Rolle spiele. Anschütz sah in der Kanzlerschaft Hertlings die Chance, nun weitere Reformen durchzuftlhren.^^' Diese Chance wurde jedoch nicht ergriffen. Im Zuge der deutschen Frühjahrsoffensiven 1918 traten die Reformanstrengungen ein weiteres Mal in den Hintergrund. Aufgrund der prekären militärischen Lage nach dem Scheitern der Offensiven forderte Ludendorff" Anfang September die sofortige Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen sowie die Parlamentarisierung des Reiches.^^^ Auch die Reichstagsmehrheit hielt eine Parlamentarisierung für unumgänglich, wenn man einer Revolution vorbeugen und eine Regierung bilden wollte, mit der die Feinde zu verhandeln bereit wären. Die Frage des Ausmaßes der Parlamentarisierung war allerdings nach wie vor umstritten. Am 30. September erfolgte der kaiserliche Parlamentarisierungserlaß.^^^ Da die SPD aber nicht bereit war, in die Regierung Hertling einzutreten, wurde am 3. Oktober Prinz Max von Baden^^^ zum Reichskanzler emannt,^^^

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Alldeutsche Blätter, 10.11.1917, S. 453, á t in: Hagenlücke, Vaterlandspartei, S. 264, und Vorwärts, I.ll.I917,ziLin:ebd.,S.261. 219 Anschütz, Parlament und Regiemng, S. 6. 220 Ullrich, Großmacht, S. 529. Vgl. auch Mai, Ende, S. 125-129; Eidmann, Weltkri^ S. 198-203. 221 Rade, Politische Extravaganzen, S. 842; Anschütz, Parlamait und Regierung, S. 3, 53! Vgl. auch Weber, Max: „Gi^en die alldeutsche Gefehi" in: MWS У15, S. 348-350, hier S. 349f; Delbrtlck, Wider den Юeinglauben, S. 5; ders., Brest-Litowsk, S. 259. 222 Mai, Ende, S. 147-158. 223 Potthofii Heinrich: ,J)er Parlamentarisienmgserlaß vom 30. September 1918", in: V ß 20, 1972, S. 319332; Mai, Ende, S.159fiF. 224 Maximilian Prinz von Baden; 1867-1929; badischer Thronfolger, 1918 Reichskanzler und preußischer Mίnisteφгäsident; verkündete eigenmächtig die Abdankung des Kaiseis am 9.11.1918 und übergab das Reichskanzleramt an Friedrich Ebert. 225 Matthias, Erich/Morsey, Rudolf (Bearb.): Die Regierung des Prinzen Max von Baden. Düsseldorf 1962; dies.: ,J)ie Bildung der Regienmg des Prinzen Max von Baden", in: Kolb, Ebertiard (Hg.): Vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Köln 1972, S. 63-76; Mai, Ende, S. 144-153, 162ff.; Eidmann, Weltkrieg, S. 224-231; Ullrich, Großmacht, S. 557-561; Rauh, Manfied: Die Parlamentarisierung des Deutschen Reiches. Düsseldorf 1977; Grosser, Dieter: Vom monardiischen Konstitutionalismus zur parlamentarischen

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der auch Vertreter der Reichstagsmehrheit in seine Regierung berief.^^' Durch diesen Kanzlerwechsel erhöhte sich der politische Einfluß der Volksbundgelehrten wieder. Als „privater Staatsrat" des Prinzen Max unterstützten Delbrück, v. Hamack - der zunächst sogar als preußischer Kultusminister vorgesehen war - , Troeltsch und Kahl die Parlamentarisierungsbemühungen der neuen Regierung nachdrücklich.^" Dementsprechend bezeichneten sie den Regierungsantritt des Prinzen Anfang Oktober als grundlegende Veränderung des deutschen Staatswesens, welche mit Spannung verfolgt werde. Ganz Deutschland habe den Beginn seiner Kanzlerschaft als „Systemwechsel" (Delbrück) aufgefaßt. Für die einen bedeute dies das Ende Deutschlands, für andere eine schwere, aber notwendige Aufgabe, die neue Kräfte zur Entfaltung bringe.^^* Daß der Wandel endgültig sein werde, zeige die „Stimmung unter unseren Konservativen". „Auch mir geht", schrieb Delbrück, „vieles verloren, an dem mein Herz bisher gehangen hat". Aber er erhebe sich darüber und denke daran, daß schon bei früheren Wandlungen in Preußen „Unheil prophezeiht" wurde, aber „Segen erblüht" sei.^^'

4.6 Zusammenfassung: Ernüchterung und totale Mobilisierung Nach zwei Jahren Krieg war die kollektive Mobilmachungseuphorie des Kriegsbeginns verflogen und die Erwartung eines kurzen, siegreichen Feldzuges der Erkenntnis gewichen, daß der Krieg noch lange dauern und verlustreich sein wrürde. Der Sommer 1916, der aus der historischen Perspektive als Wendepunkt gedeutet werden kann, erschien bereits den Zeitgenossen wie eine Zäsur. Die im Juli 1916 in Deutschland publizierten Durchhalte-Aufrufe des National-Ausschusses und des Unabhängigen Ausschusses markierten bereits die beiden Lager, in die sich das akademische Feld bis 1917 spaltete. Seit 1917/18 wurden sie durch den Volksbundfür Freiheit und Vaterland und die Deutsche Vaterlands-Partei repräsentiert. Die Tatsache, daß die dem Volksbund und die der Vaterlandspartei nahestehenden Gelehrtengruppen in der Darstellung gleichrangig behandelt werden, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Volksbundgruppe innerhalb der Gelehrtenschaft die Minderheit bildete. Die jeweils erwähnten Gelehrten gehörten in der Regel zu den aktiven Kemgruppen. In der ersten Kriegshälfte und bis zum Sturz Bethmann Hollwegs im Sommer 1917 war es die

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Demokratie. Die VerÊssungspolitik der deutschen Parteien im letzten Jahrzdint des Kaiserreichs. Den Haag 1970. Der Leiter des neuen Reichsarbeitsamtes wurde der GewetkschaítsíÜhrer Gustav Ваиет. Staatssdcretär des Innern wutde Karl Tiimbom (Z). Zu Staatssekretaren ohne Geschäftsbereich wurden Eizbeiger (Z), Groeber (Z), Scheidemann (SPD) und Haußmann (PVP), während v. Payer Vizekanzler und Friedberg Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums blieb. Vgl. Erdmann, Weltkrieg, S. 230. Schwabe, Wissenschaft und Kriegsmoral. S. 176flE; Ullrich, Volksbund, S. 795, 796f; Gutsche, Mittwochabaid, S. 330,332; Meinecke, Straßbuig, S. 169,266; Baden, Prinz Max v.: Erinnenmgen und Dokumente. Bertin 1927, S. 119; Brakelmann, Güntw: Der deutsche Protestantismus im Epochenjahr 1917. Witten 1974, S. 297-308. Delbrück, Prinz Max, S.lf. Ebd.

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Polarisierung der Kriegsgesellschañ: Radikalisierung der Ordnungsideen 1916 bis 1918

Unterstützung oder Ablehnung des Kanzlers, die das wichtigste Unterscheidungskriterium der Gelehrtengruppen darstellte, ab 1917 ihre Einstellung zur Reichstagsmehrheit und im Herbst 1918 ihre Beziehung zur Mehrheitsregierung Max von Badens. Lediglich die Ablehnung der alliierten Propaganda einte die polarisierte Gelehrtenschaft. Dabei wurde die eigentliche Gefahr nicht in der Greuel-, sondern in der Freiheitspropaganda gesehen, auf die sich die Entente seit 1917 konzentrierte. Das internationale „polemische Gespräch" - bei Kriegsbeginn mittels zahlreicher Aufrufe gefìlhrt - mündete nach zwei Kriegsjahren in einen nationalen Monolog mit primär innenpolitischer Ausrichtung: Die westliche Freiheit sollte als „Trugbild" entlarvt werden. Der amerikanische Kriegseintritt bestätigte die Gelehrten in der Ansicht, daß Deutschland das Opfer einer Einkreisung sei. Die Frage nach dem Kriegsgrund wandelte sich in der zweiten Kriegshälfte zur Frage nach den Gründen ftlr die Fortdauer des Krieges. Für die fehlenden Friedensaussichten machten die Gelehrten die Kriegsziele der Feinde verantwortlich. Die Auswirkungen der veränderten Kriegslage auf die Stellungnahmen der Gelehrten zeigten sich vor allem in den sich seit Mitte 1916 ausdiiferenzierenden Gedanken zum Wesen des Krieges. Während die Angehörigen der Vateriandsgruppe den Krieg zumeist noch immer apokalyptisch deuteten, verneinten die meisten Vertreter der Volksbundgruppe jede höhere Kulturbedeutung, jeden schöpferischen Wert des Krieges, wenngleich einige sich bemühten, dem Krieg trotz allen Leids und aller Zerstörung noch einen Sinn abzugewinnen. Auch die im Vergleich zur ersten Kriegshälfte weitaus ausftihrlichere Kommentierung außen- und innenpolitischer Ereignisse war eine Folge der veränderten Kontextbedingungen: Zum einen gab es Entwicklungen, die allgemein von kriegsentscheidender Bedeutung zu sein schienen und von daher einer Kommentierung bedurften, und zum anderen ermöglichte die Aufhebung des Verbots der öffentlichen Kriegszieldiskussion im Herbst 1916 eine viel konkretere Deutung des politischen Geschehens. Volksbund- und Vaterlandsgelehrte bewerteten Ereignisse wie die Wiedergründung Polens oder die Friedensresolution des Reichstags sehr unterschiedlich. Bei Ereignissen, welche die Chancen auf einen deutschen Sieg zu erhöhen schienen, ähnelten sich die Bewertungen der Vertreter beider Gruppen: Als Maßnahmen zur Konzentration der Kräfte im „totalen" Krieg wurden daher die Bildung der 3. OHL, die Verabschiedung des Vateriändischen Hilfsdienstgesetzes und die deutschen Frühjahrsofíensiven von 1918 mehrheitlich begrüßt. Waren die ersten beiden Kriegsjahre durch die gleichzeitige Erfahrung von existentieller äußerer Bedrohung und substantieller nationaler Integration geprägt, erlebten die Gelehrten in der 2. Kriegshälfte eine wachsende Bedrohung von außen bei gleichzeitiger Desintegration im Innern. Die innenpolitische Polarisierung lenkte die Heilshoffiiung auf die Erlösung sowohl von äußerer Gefahr als auch von innerer Zerrissenheit. Selbst- und Feindbild unterlagen einem tiefgreifenden Wandel: Die militärischen und propagandistischen Angriffe der Alliierten zwangen die Gelehrten, sich mit dem äußeren Feind auseinanderzusetzen, während die innenpolitische Polarisierung es zugleich notwendig machte, den inneren Feind zu identifizieren und zu bekämpfen.

5 Selbst-und Feindbild: Vom äußeren zum inneren Feind

Aufgrund der seit dem Sommer 1916 und insbesondere seit dem amerikanischen Kriegseintritt 1917 verstärkten Propagandaaktivitäten der Ententestaaten war es für die Gelehrten in der zweiten Kriegshälfte weitaus schwieriger, ein allgemeinverbindliches deutsches Selbstbild zu formen und zu festigen. Der entscheidende Unterschied zu den ersten Kriegsjahren bestand darin, daß die innenpolitische Polarisierung neben der Distinktion von den äußeren Feinden nun auch Abgrenzungen im Innern erforderlich machte. Da das nationale Selbstbild analytisch gesehen den Rahmen für die Selektion derjenigen Erinnerungen bildet, die der kollektiven Selbstvergewisserung dienen, stellt der Kampf um die Deutung der Vergangenheit immer auch einen Kampf um die Inteφretation der Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft dar. Die Gelehrten beider Gruppen rekurrierten daher auf Bezugspimkte in der deutschen Geschichte, um ihre kriegspolitische Position zu legitimieren, wobei vor allem historische Persönlichkeiten als Vorbilder für die Gegenwart fungierten.

5.1 Positive Traditionserfindung: Nationales Heldentum 5.1.1

Luther, Bismarck und Friedrich der Große

In den Aufrufen sowie in ihren Denkschriften verzichteten die Gelehrten weitgehend auf historische Bezüge.' Der Kampf um die Deutung der Vergangenheit erfolgte hauptsächlich in ihren öffentlichkeitswirksamen Einzelschriften. Dabei war der Rekurs auf Luther von besonderer Bedeutung, weil im Jahre 1917 das 400jährige Reformationsjubiläum begangen wurde. Um durch die Feiern - die vor 1914 als Selbstdarstellung des Weltprotestantismus geplant worden waren - die konfessionellen Spannungen innerhalb der bereits mit inneren Konflikten belasteten Kriegsgesellschaft nicht zu verschärften, vnirde auf große, zentrale staatliche Feiern weitgehend verzichtet. Nicht die Feierlichkeiten sind daher das Charakteri-

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Sie «folgten in den Eingaboi, wenn dadimäi Kriegsziele begründet werden sollten, vgl. Spahn, Martin: Die Wiedereinverieibung der Eisenenbecken von Briey und Longwy in das deutsche Reichsgebiet Berlin, Düsseldorf 1918, S. 3-9.

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Polarisierang der Kricgsgescllschaft: Radikalisierung der Ordnungsideen 1916 bis 1918

stische des Gedenkjahres, sondern die Vielzahl von Schriften, die - auch von Gelehrten veröffentlicht vnirden.^ Außer zahlreichen evangelischen Theologen' äußerten sich auch protestantische Historiker und Philosophen zur Reformation und den Jubiläumsfeierlichkeiten. Es hieß, das Reformationsjubiläum habe veranschaulicht, welche geistige Kraft im deutschen Wesen liege und wie sehr Luther die Deutschen auch im Weltkrieg stärke/ Im September 1918 wurde Eucken zum Vorsitzenden der auf seine Initiative gegründeten nationalprotestantischen „Luther-Gesellschaft" gewählt, die den Reformator zur geistigen Autorität der Deutschen erhob, die gerade im Krieg benötigt werde.^ Das Thema Luther und der Krieg wurde in den meisten Schriften nur sehr zurückhaltend behandelt. Der von den Katholiken als Glaubensspalter angesehene Reformator war als Stifter gesamtnationaler Einheit nur bedingt geeignet. Daher ging es den protestantischen Gelehrten zumeist um die Persönlichkeit Luthers sowie um historische Abhandlungen zur Reformation. Ein häufiges Thema in ihren Schriften war auch das spezifisch „Deutsche" an Luther und dem Protestantismus.' In diesem Zusammenhang begann im Jahre 1917 eine Erneuerung der Lutherforschung, die sogenannte „Lutherrenaissance" innerhalb der liberalen Theologie. Aus Protest gegen die verbreitete Deutung Luthers als „Urbild"' des Deutschen bekannten sich Theologen wie Troeltsch, Rade und Holl zu Luther als dem Theologen und Christen.' Es ist betont worden, daß insbesondere Rade und Holl Luthers Glauben in den Mittelpunkt ihrer Luther-Deutungen gestellt hätten,' aber auch sie verknüpften Luther mit den ,deutschen' Tugenden. So deutete Holl den Reformator als Befreier des Einzelgewissens und als „Erneuerer" des Gemeinschaftsdenkens, während Rade die Besonderheit des Maron, Gottfried: ,Д.и1Ьег 1917. Beobachtungen zur Literatur des 400. Refonnationsjubiläums", in: ZKG 93,4.Folge31,1982,S. 177-221, hier S. 177fiF. Vgl. auch Brakelmann, Epochenjahr. Zum Beispiel Holl, Karl: ,^ither als Emeuerer des christlichen GemeinschañsgedankenS", in: ders.: Kleine Schriften, S. 62-66, hier S. 66; ders.: ,^irchlich-religiöse Aufgaben nach dem Kriegf', in: ders.: Юе1пе Schriften, S. 96-109, hier S. 101; Seebog, Reinhold: ,i)eutsche Religion und deutsches Christentum" in: Füllknig, Gertiard (Hg.): Theologischer Lehrgang für die feldgraue Geistlichkeit in Ost und West Leipzig 1918, S. 44-68, hier S. 45; ders.: ,J3ie kirchengeschichtliche Bedeutung der ReftHination", in: ZGK 37, 1917, S. 61fiE:; Hamack, Adolf v.: Martin Luther und die Grundlegung da· Reformation. Berlin 1917; ders.: ,X)ie Reformation", in: IMW11.1917, S. 1319-1364. Mareks, Erich: „Goethe und Bismarck. Das geistige und das politische Deutschland. Ein Vortrag, zu Riga, Dorpat und Reval gehalten im April 1918", in: NR 19, H. 2,1918, S. 865-883, hier S. 882f ; Holl, Luthers Anschauung, S. 147; Eucken, Forderungen, S. 34; ders.: ,Aufiuf zur Gründung einer Luthergesellschafl", in:DW31,1917,8.182-184. Grai Friedrich Wilhelm: , Д е Positivität des Geistigen. Rudolf Euckens Programm neo-idealistischer Universalintcgration", in: HUbinger, Idealismus und Positivismus, S. 53-85, hier S. 83. Vgl. auch Dathe, S. 56f Mareks, Erich: Luther und Deutschland. Leipzig 1917; Lenz, Max: Luther und der deutsche Geist Hamburg 1917; Seeberg, Bedeutung der Reformation, S. 61АГ; ders., Deutsche Religion; Hamack, Martin Luther, S. 51, 53; ders., Reformation, S. 1319-1364; Schubert, Hans von: Die weltgeschichüiche Bedeutung der Reformation. Tübingen 1917. Vgl. auch Cassirer, Freiheit und Form, 8.18fiF.,33flF. Hamack, Grundlegung, 8.53. Troeltsch, Emst: .^mste Gedanken zum Reformationsjubiläum", in: DW 31/1 [November], 1917, 8.8791, hier 8. 88; Rade, Martin, ChW 31,1917, S. 753; Holl, Karl: „Was verstand Luther unter Religion", in: ders.. Gesammelte Ausätze zur Kirchengeschichte I, S. 1-110. Maron, 8.198-207.

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lutherischen Protestantismus im ausgewogenen Wechselverhältnis von individueller Freiheit und Gemeinschaftsgebundenheit sah.'" Damit inteφretierten sie den lutherischen Protestantismus zugleich als Grundlage des spezifisch deutschen Ethos des Dienens. Die katholischen Gelehrten lehnten den .deutschen' Luther ab, weil die Gleichsetzung von Luthertum und Deutschtum ihre Exklusion aus der nationalen Gemeinschaft bedeutet hätte. Das Reformationsjubiläum werteten sie rückblickend als innenpolitische Belastungsprobe, die jedoch erfolgreich bestanden worden sei und zu einer konfessionellen Annäherung geführt habe." Auf dieser Basis entwickelten auch katholische Gelehrte ein neues Lutherverständnis. So forderte der Dogmatiker Kiefl eine vorurteilsfreie Beschäftigung mit Luther. Dessen Primat des Religiösen deutete er als Fundament der konfessionellen Annäherung, zu der es aller Beftlrchtungen zum Trotz im Gedenkjahr 1917 gekommen sei.'^ Diese Äußerungen zeigen, daß die politische Stellung der deutschen Katholiken im Reformationsjahr eine Stärkung erfuhr. Sichtbarstes Zeichen dafür war die Tatsache, daß der dezidiert protestantische Reichskanzler Michaelis am 31. Oktober 1917 - dem Tag des Jubiläums seinen Rückritt einreichte und am 1. November durch den bayerischen Zentrumspolitiker Graf Hertling ersetzt wurde - den ersten katholischen Reichskanzler seit fast zwei Jahrzehnten." Aus Sicht vieler Protestanten stellte der Verzicht auf nationale Reformationsfeiem ebenso wie der Kanzlerwechsel eine symbolische Niederlage in der konfessionellen Auseinandersetzung dar.'^ So empfand es der Gießener Chemiker v. Liebig als beschämend, daß der protestantische Kaiser die Leitung der deutschen Politik ausgerechnet im Jubiläumsjahr in die Hände eines Katholiken legte. Von den deutschen Philosophen wurden auch in der zweiten Kriegshälfte vor allem Fichte, Kant und Hegel als Vorkämpfer deutscher Kulturbedeutung erwähnt und zur Unterstützung der unterschiedlichen politischen Deutungen instrumentalisiert." Kants Vorstellung vom „Ewigen Frieden" wurde vielfach als utopisch kritisiert, bot sie doch vor dem Hinter-

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Holl, Luther als Emeuerer, S. 62-66; ders., Aufgaben, S. 98; Rade, Martin: ,J)er Einzelne und die Gemeinschaft in der Lehre der Reformation", in: PrJbb 168, H. 3, 1917, S. 400-412, hier S. 404fF.; ders. Gegensätze, S. 657f Ähnlich auch Seeberg, Deutsche Religion, S. 57flf.; Eucken, Forderungen, S. 34; Mareks, Goethe und Bismarck, S. 883; Jung, Parlamentarische Entartung, S. 246; Meinecke, Probleme des Weltkriegs, S. 35f Vgl. auch Hintze, Imperialismus, S. 119-122. Cardauns, Hemiann: ,J)as literarische Schaffen", in: Meinertz/Sacher, Deutschland und der Katholizismus, S. 373-390, hier S. 389. Kiefl, Franz Xaver ,>lartin Lufters religiöse P^che", in: HL XV/1,1917/18, S. 7-28. Erster kaftolischer Reidiskanzla· war von 1894-1900 der fieikonservative bayerische Politiker Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-SchillingsfÜrst(1819-1901). Hierzu Maren, S.207fi: Liebig, Hans v.: „Graf Heuling", in: DE 2, R 2,1918, S. 135-139. Below, Georg v.: ,>Iilitarismus und Kultur in Deutschland", in: ders., Kriegs- und Friedensfiagoi, S. 6070, hier S. 62; ders., Treitschkes Sendung, S. 437ff.; Scheler, Max: Kri^ und Aufbau. Leipzig 1916, S. 61; Wund^ Max: ,JDeutsche Staatsauffcsung", in: Böhme, Aufiufe und Reden, S. 152-157, hier S. 152ff.; Plenge, Johann: Die Geburt der Vernunft. Berlin 1918, S. 6ff.; Wdxr, Alfied: ,ХЙе Bedeutung da· geistigen FühTET in Deutschland", in: NR 29, H. 2,1918, S. 1249-1268, hier S. 1249; Schulze^ïâvemit^ Weltwirtschaft, S. 13; Schücking, Walfter Die völkerrechtliche Ldire des Weltkrieges. Leipzig 1918, S. 6,11; Cassirer, Freiheit und Form, S. 454ffi, 527ff., 221fi:, 542f; Baeumker, Clemens: ,J>hilosophische Weltund Lebensanschauung", in: Meinertz/Sacher, Deutschland und der Kaftolizismus, S. 47-72, hier S. 49ffi

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grund der Diskussion um einen Sieg- oder Verständigungsfrieden für die Mehrheit der Gelehrten keinen brauchbaren Anknüpfungspunkt. Dagegen bezog sich der als Pazifist geltende Marburger Völkerrechtler Schücking als einer der wenigen positiv auf Kants Gedanken zur Begründung eines dauerndes Friedenszustandes, in denen er einen Vorläufer des Völkerbunds erblickte, den es nach dem Weltkrieg aufzubauen gelte.Auch der Berliner Philosoph Cassirer, ein Schüler des Neukantianers Cohen, äußerte sich positiv zu Kant. Im Gegensatz zu seinem akademischen Lehrer, der in der ersten Kriegshälfte versucht hatte, den deutschen Militarismus aus Kants Philosophie abzuleiten, verdeutlichte Cassirer die Einbettung von Kants Werk in die europäische Geistesgeschichte.'' Demgegenüber unterstrich v. Below gerade das Preußentum Kants, dem seiner Meinung nach zu wenig Beachtung geschenkt werde, und sah den Königsberger Philosophen als Begründer des preußisch-deutschen Pflichtethos." Im Gegensatz zu Kant blieb Fichte für die meisten Gelehrten auch in der zweiten Kriegshälfte eine verbindliche Bezugsperson. Die enthusiastische Adaption seiner berühmten Reden wich allerdings einem allgemeineren Rekurs auf seine Gedanken zur deutschen Nation.^" Dagegen wurde Hegel von den Gelehrten auch nach 1916 selten für die Sache des Vaterlandes vereinnahmt. Dabei hätte seine politische Philosophie durchaus Anknüpftingsmöglichkeiten geboten, wie z. B. seine 1913 von Lasson herausgegebene Schrift „Die Verfassung Deutschlands" aus dem Jahre 1802. Die relativ seltene Bezugnahme auf Hegel liegt zum einen darin begründet, daß er in der Zeit der Befreiungskriege nicht als nationalpolitischer Redner in Erscheinung getreten ist, und zum anderen darin, daß er „niemals eine Philosophie des totalen Engagements gelehrt hat".^' Gleichwohl bot sich seine Philosophie an, das spezifisch deutsche Staatsverständnis herauszustreichen. So verwies der Straßburger Privatdozent für Philosophie Max Wundt darauf, daß Hegel den Staat als „Wirklichkeit der sittlichen Idee" defmiert habe, so daß dieser für jeden Deutschen die Autorität schlechthin sei.^^ Die Tatsache, daß historische Persönlichkeiten für konträre politische Standpunkte vereinnahmt wurden, zeigt sich auch am Beispiel des politischen Historikers Treitschke, der schon früh die nationale Einheit Deutschlands unter preußischer Führung propagiert hatte. Während V. Below ihn als Vorkämpfer deutscher Macht ansah, deutete der 1893 auf Treitschkes Lehrstuhl berufene Delbrück ihn als Weltbürger, der die nationale Überhebung abgelehnt habe.^^ Konsens herrschte bei den Gelehrten durchgängig darüber, die Charakterisierung Deutschlands als Land der Dichter und Denker abzulehnen, weil sie Erinnerungen an die dunklen Zeiten politischer Ohnmacht weckte. Goethe fand daher nur selten Erwäh-

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Schücking, Die völkerrechtliche Lehre, S. 1,6,11. Cassirer, Freiheit und Form, S. 221. Below, Treitsdikes Soidung, S. 437fi: So z. B. ebd., S. 437fF., und Weber, Bedeutung, S. 1249, sowie Cassirer, Freiheit und Form, S. 542f Lübbe, Poütische Philosophie, S. 204. Wund^ Deutsche Staatsaufl&ssung, S. 152fF. Below, Treitsdikes Sendung, S. 4378:, 442-447; ders., Militarismus und Kultur, S. 64; Wilamowitz, Das intellektuelle Deutschland, S. 1; Delbrück, Krieg und Politik, S. 2. Vgl. außerdem Wd)er, A , Bedeutung, S. 1250.

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nung." Lediglich Mareks versuchte, „Goethe und Bismarck" als Vertreter von Geist und Macht und damit als die beiden komplementären Seiten des deutschen Wesens gleichberechtigt nebeneinanderzustellen." Vor allem Bismarck war filr die Mehrheit sowohl der Volbbund- als auch der Vaterlandsgelehrten die herausragende positive Bezugsperson. Er gah als Staatsmann schlechthin, als Inkarnation eines politischen Führers, der Entschlossenheit und Machtbewußtsein verкйфеЛе. Beide Gruppen versuchten, durch Rekurs auf den Reichsgründer ihre politischen Ziele zu rechtfertigen: die Volksbundgelehrten lobten meist den Beherrscher der Staatsk u n s t , d i e Vaterlandsgelehrten den Machtpolitiker." Der kriegsbedingte Bismarckkult war ein Ausdruck des Kampfes um das politische Erbe des ,eisernen Kanzlers', der auf der Deutungsebene ausgetragen wurde. Zugleich veranschaulichte er die in der zweiten Kriegshälfte wachsende Sehnsucht nach einer starken Führung, die Wilhelm II. nicht befriedigen konnte. War der Deutsche Kaiser seit Etablierung der 3. OHL 1916 mehr und mehr zu einem , Schattenkaiser' geworden, spielte er auch in den Kriegsschriften nur noch eine marginale Rolle. Durch die Verherrlichung Bismarcks wurde der „neue Kurs" Wilhetais II. ebenso kritisiert wie die Politik der kaiserlichen Reichsleitung. Gerade die Vaterlandsgelehrten verbanden die Glorifizierung des Reichsgründers mit ihrer Kritik an der Regierung Bethmann Hollweg und instrumentalisierten Bismarck für ihre Kriegszielagitation. Käme es zu einem Verständigungsfrieden und zu einem Verzicht auf Machtvergrößerung, so Schäfer, hätte der „große Begründer des Reiches, den Gott uns schenkte,... umsonst gelebt".^' Auch die positive Darstellung Friedrichs des Großen, der hâufîg als vorbildlicher Monarch und Feldherr Erwähnung fand, unterstreicht die Abkehr vieler Gelehrten von der Person des Kaisers. Um die Siegeszuversicht zu stärken, erinnerten Vertreter beider Gelehrtengruppen angesichts der zunehmenden Kriegsmüdigkeit an den trotz scheinbar aussichtsloser Lage unter Führung des preußischen Königs errungenen Sieg im 7jährigen Krieg.^' Weit weniger als der Rekurs auf historische Persönlichkeiten diente in der zweiten Kriegshälfte jener auf bestimmte Jahreszahlen zur Ausprägung des nationalen Selbstbildes. Hatten 1813 und 1870 noch häufige Bezugsdaten dargestellt, wurden sie nach 1916 nurmehr selten erwähnt.'" Insbesondere die mit der Erhebung von 1813 verbundene Aufbruchsstim-

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Schmoller, Institutionen, S. 212; Below, Militarismus und Kultur, S. 6If.; Wd)er, A , Bedeutung, S. 1249; Cassirer, Freiheit und Foim, S. 271ff., insbes. S. 275S Mareks, Goethe und Bismarck, S. 866-875,882. Oncken, Sdiwelle, S. 11; ders., Mitteleuropa, S. 7fi:, 38, 40, 43ff; Radbnidi, Philosc^hie, S. 145; Meinecke, Friedrich: ,3taatekunst und Leidenschafloi", in: ders., Problane des W e l f l o i ^ S. 58-70, hier S. 66; Brentano, Schlachtm^ S. 12; Goetz, Kriegsetgebnisse, S. 437,439£; Schulze^ifivemitz, Freiheitsfrieden, S. 222; Sdimoller, Gustav v.: Die soziale Frage. Klassenbildung, Aibeitetfiage, Klassenkampf. München, Leipzig 1918, S. 64L Haller, Bismarcks Friedensschlüsse, S. 106S; Schafer, Vereinigte Staaten, S. 6,37-40,45-49; Below, Militarismus und Kultur, S. 65,68£ Schäfer, Vereinigte Staaten, S. 48. Vgl. auch Haller, Bismarcks Friedensschlüsse, S. lOóffi Mareks, Schwelle, S. 5; ders., Goethe und Bismarck, S. 866; Weber, Schwelle, S. 506, sowie Meinecke Rhythmus, S. 137; Brentano, SchIachtraÇ S. 11; Hintze, Demokratisierung, S. 543f; Haller, Bismarcks Friedensschlüsse, S. 8; Oncken, Mitteleuropa, S. 93. Below, Militarismus und Kultur, S. 62. Meinecke Rhythmus, S. 137; Haller, Bismarcks Friedensschlüsse, S. 7; Goetz, Grandlagen der inneren Politik, S. 611; Holl, Kari: ,Д}1е Bedeutung der großen Kriege für das religiose und kirdiliche Ldien in-

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mung stellte wegen der inneren Spannungen in der zweiten Kriegshälfte kein geeignetes Referenzobjekt mehr dar. Infolge der mit zunehmender Schärfe ausgetragenen politischen Neuordnungsdiskussion rückten die mit „1813" verbundenen Reformen ins Blickfeld der Volksbundgelehrten: Steins Reformen galten ihnen als Vorbild ftlr die Neuorientierung. Wenn der Reichskanzler die Wahbechtsreform in Preußen duгchfωute, wäre er nach Ansicht Meineckes in der Geschichte neben Stein und den anderen preußischen Reformern zu nennen. Die Chance auf Reformen dürfe nicht - wie ein Jahrhundert zuvor - vertan werden.^' Dagegen galt die Jahreszahl 1848 den meisten Gelehrten, auch der Volksbundgruppe, nach wie vor als ungeeignet zur nationalen Identiñkation im Kontrast zum Westen. Lediglich Meinecke und Anschütz deuteten die Paulskirchenverfassung als mögliches Vorbild für Reformen der Reichsverfassung.^^ Die Inteφretation historischer Ereignisse im Lichte aktueller Notwendigkeiten bestimmte auch die Deutung der unmittelbaren Vergangenheit.

5.1.2

Vorkriegszeit,,Augusterlebnis" und Kriegszeit Die Vorkriegszeit als Epoche innerer Feindschaft

In den Einzelschriften wurde die Vorkriegszeit seit Mitte 1916 seltener erwähnt als in der ersten Kriegshälfte, aber an ihrer grundsätzlich negativen Deutung als Zeit extremer Klassen-, Partei- und Konfessionsgegensätze änderte sich nichts.^^ In dem Maße aber, wie die Spaltung der deutschen Kriegsgesellschaft in den Schriften thematisiert wurde, bot sich die Vorkriegszeit als Kontrastfolie zur Kriegsgemeinschaft nicht mehr an. In der zweiten Kriegshälfte wurde die innenpolitische Situation daher zunehmend mit der Vorkriegszeit gleichgesetzt. Enttäuscht schrieb z.B. Simmel in seinem 1917 veröffentlichten und aufgrund des Erfolges noch im selben Jahr in zweiter Auflage erscheinenden Aufsatzband „Der Krieg und die geistigen Entscheidungen", der bei Kriegsbeginn gezeigten „opferwillige[n] Begeisterung" stünden nun wieder „die allbekannten widerwärtigen Erscheinungen eines

nerhalb des deutschen ProteslantismuS", in: ders.: Gesammelte Werke zur Kirchengeschichte Ш, S. 302384, hier S. 347flF. Meinecke, Refonn, S. 147f. 150f.; ders. Osterbotschaft, S. 175f. Vgl. auch Preuß, Obrigkeitsstaat, S. 36; E)elbtück, Neuorientierung, S. 361; Hintze, Denmkratisierung, S. 4S4. Meinecke, Neuorientierang, S. 181; Anschütz, Parlament und Regierang, S. 16. Vgl. audi Preuß, Obrigkeitsstaat, S. 41-44; Goetz, Grandlagen der inneren Politik, S. 611. Hamack, Schwelle, S. 1480; Eucken, Forderangen, S. 12f., 15, Zitat S. 13; Goetz, Grundlagen da· inneren Politik, S. 612; Anschütz: Wahlrefomi, S. 275; Weber, A , Bedeutung, S. 1267; Seebeig, Deutsche Religion, S. 44. Vgl. auch den Artikel ,J)eutschlands Emeuening" des Schriftleiters der gleidinamigoi Zeitschrift, Kühn, Erich, in: DE 1, H. 1,1917, S. 1-5, Ыет S. If., sowie Pohle, J., Friede unter den Konfessionen, S. 175£ Cardauns, Das literarische Schaffen, S. 374; Schrörs, Überlieferung und Fortschritt, S. 37. Vgl. auch Krebs, Weltkrieg, S. 3; Scheler, Ursachen des Deutschenhasses, S. 338f.; Zahn, Joseph: ,frömmigkeit und sittliche Tatkraft", in: Meinertz/Sacher, Deutschland und der Katholizismus, S. 93-112, hier S. 106fl·.

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habsüchtigen Egoismus entgegen".'" Die Gleichsetzung von Kriegs- und Vorkriegszeit in den Schriften der Volksbund- wie der Vaterlandsgelehrten zeigt, daß der bei Kriegsbeginn geschlossene Burgfrieden als zerbrochen galt. Gleichwohl hatte der 4. August 1914 seine Symbolbedeutung nicht eingebüßt. „Augusterlebnis" und Fronterlebnis Noch im Oktober 1917 wurde der „4. August 1914" in einem Aufruf der Universität Heidelberg als dasjenige Datum betont, welches den ungeachtet aller Streitigkeiten fortbestehenden geschlossenen Verteidigungswillen des deutschen Volkes symbolisiere.'^ Aufgrund des als Zäsur empfiindenen Sommers 1916 rekurrierten viele Gelehrte in ihren Einzelschriften auf die kollektive Erhebung des deutschen Volkes im August 1914, um die Durchhaltekraft zu stärken. Die Tage des Kriegsbeginns idealisierten sie als „Tage eines verschmelzenden und reinigenden Feuers".'® „Ein Geist, der das ganze Volk, Nord und Süd, alle Klassen, alle Parteien, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linke beseelt hat"," habe geherrscht. Die Semantik der von Vertretern des Nationalausschusses im August 1916 gehaltenen Reden ähnelt stark der des Kriegsbeginns, weil durch das Pathos die Euphorie der ersten Kriegsmonate wiederbelebt werden sollte. So schrieb v. Hamack, die Deutschen seien mit einer „heiligen Begeisterung" in den Krieg gezogen: „Gott will es" - eine Anspielung auf den Kreuzzugsaufruf Papst Urbans II. aus dem Jahre 1095 - aber dieser Krieg sei „etwas noch Heiligeres".'* Aufgrund der innenpolitischen Entwicklungen spielte das Augusterlebnis als Symbol der ,neuen Zeit' seit dem Herbst 1916 allerdings mehr und mehr eine untergeordnete Rolle sowohl bei den Volksbund- als auch bei den Vaterlandsgelehrten. Ihr Blick richtete sich nun stärker auf die zurückliegende Kriegszeit und die Auswirkungen des Krieges. Zunehmend wurde das Front- bzw. ATr/cgierlebnis zur Grundlage eines neuen Gemeinschaftsgefühls erklärt, weil der Krieg das Volk „in seinem ganzen Lebensbestand"" erfasse. Es hieß, die Deutschen seien im gemeinsamen Kampf zusammengeschmiedet und durch die Erfahrungen an Front und Heimatfront in der „großen Gemeinschaft einer einzigen Front vereinigt"."" Die Lage an der Heimatfront wurde von den Gelehrten gerade im Vergleich zum August 1914 kritisch betrachtet. Sie thematisierten die erneut herrschenden inneren Kämpfe und die

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Simmel, Georg: ,X)ie Idee Europa", in: ders.: Der Krieg und die geistigen Entscheidungen. Reden und Au&ätze. München, Leipzig ^917, S. 65-72, hier S. 68. Vgl. hierzu den editorischen Bericht in: GSG 16, S. 428-431. „Gegen die Vaterlandspartei" [24.10.19ΐη, in: Böhme, Aufiufe und Reden, S. 185-186, hier S. 186. Mareks, Schwelle, S. 1. Brentano, Schlachtruf S. 10. Hamack, Schwelle, S. 1475f Vgl. auch Oncken, Schwelle, S. 2; Meinecke, Refoim, S. 161, sowie Schmoller, Gustav von: ,JDie heutige deutsche Judenfiage", in: ders.: Zwanzig Jahre deutsche Politik (1897-1917). Au&ätze und Vortrage von Gustav Sdimoller. Münchai, Leipzig 1920, S. 177-181, hier S. 180. Holl, Die Bedeutung großen Kriege, S. 302. Oncken, Mitteleuropa, S. 92. Vgl. auch Eucken, Forderung S. 15,30C, 35.

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Polarisierung der Kriegsgesellschaft: Radikalisierung der Ordnungsideen 1916 bis 1918

Polarisierung der Kriegsgesellschaft/' Dabei verwandten sie zur Beschreibung der aktuelle Lage in der Heimat dieselbe Terminologie, mit der sie die Vorkriegszeit zu charakterisieren pflegten: Es herrschten wieder „Egoismus" (Simmel), „Trägheit" (Holl) und nationaler „Zwiespalt" (v. Gierke).'*^ Mit Fortdauer des Krieges habe sich gezeigt, so Goetz resignierend, daß „die Unterschiede der Parteien und Weltanschauungen nicht auszuschalten sind"/' Angesichts dieser Erfahrung wurde die nationale Einheit des August nicht etwa hinterfragt, sondern erst recht zu einem „Narrativ", das die Gelehrten beider Gruppen, die Reichsregierung und alle politischen Parteien mit Ausnahme der USPD teilten. Hierin lag die besondere Faszination des „Geistes von 1914" für die Zeitgenossen.^ Vor dem Hintergrund des wieder aufgebrochenen nationalen Zwiespalts begann - auch zwischen den Gelehrten beider Gruppen - der Kampf um das August-Erlebnis, um „the ,true meaning' of the August events".^^ Sowohl Volksbund- als auch Vaterlandsgelehrte suchten ihre politischen Ziele durch Bezug auf den einheitsstiftenden August zu rechtfertigen. Daher berief sich v. Below seit 1917 auf den , Aufschwung" von 1914,^ aber auch Goetz, der es als nationale Aufgabe begriff, für die „Erhaltung des Geistes vom August 1914" zu sorgen.*^ Angesichts der inneren Spannungen erinnerten auch der katholische Breslauer Theologe Joseph Pohle sowie Plenge und Hintze an den August 1914 als Zeit des Aufbruchs.^ Verschiedene Volksbundgelehrte - Brentano, Goetz, v. Schmoller, Delbrück und Anschütz - deuteten den August 1914 als Beginn einer Entwicklung, die zu einer stärkeren Mitverantwortung des Volkes an der Regierung führen müsse. Für sie stellte die Einigkeit von 1914 die politische Reifeprüfung des deutschen Volkes dar.^' Nach Beginn der Kanzlerschaft des Prinzen Max zog Rade eine Parallele vom dritten Oktober 1918 zum 4. August 1914 und erblickte im Zusammengehen von Regierung und organisierter Arbeiterschaft den bleibenden Gewinn des Krieges.'" Demgegenüber definierten die Angehörigen der Vaterlandsgruppe die kollektive Einigkeit des August 1914 als Zeugnis des ,wahren' deutschen Wesens, das jedoch durch den Einfluß von Sozialdemokraten, Katholiken und Juden untergraben werde.''

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Meyer, Militarismus; S. 428; Mareks, Schwelle, S. 7; Holl, Au^aboi, S. 96; ders., Die Bedeutung der gn>ßen Kriege, S. 303£; Gieike, Friedensziele, S. 7; Spahn, Ständische Neugliedenmg, S. 565; Stier-Somlo, Fritz: Grund-und Zukunfisfiagen deutscher Politik. Bonn 1917, Vorwort. Sinmjel, Europa, S. 68; Holl, Die Bedeutung der großoi Kriege, S. 303; Gieike, Friedensziele, S. 7. Goetz, Gnmdlagen der inneren Politik, S. 612. Verhey, Geist, S.377f So die Formulierung in V o h q ^ Dissertation: The ,3pirit of 1914": The Mylh of Enthusiasm and the Rhetoric of Unity in Worid War I Gemiany. Diss., Berkeley 1991, S. If Below, Treitschkes Sendung, S. 470. Goetz, Grundlagen der inneren Politik, S. 613. Pohle, J., Friede unter den Konfessionen, S. 179, 181; Plenge, Geburt, S. 152, 160; ders.: Die Revolutionierung der Revolutionäre. Leipzig 1918, S. 33f; Hintze, Imperialismus, S. 116; ders. Demokratisierung, S. 454. Vgl. auch Cardauns, Das literarische Schaffen, S. 389; Eucken, Forderungen, S. 15. Brentano, System, S. 3I£; Delbrück, Neuorientierung, S. 361; Anschütz, Wahlreform, S. 275. Rade, Nach Schluß des Blattes, S. 405. Vgl. hierzu insbes. Kap. Π.5.2. sowie Vertiey, Geist, S. 23f

Selbst- und Feindbild: Vom äußeren zum inneren Feind

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Der politische Sonderweg DeutscMands

Angesichts der gesellschaftlichen Spannungen und der propagandistischen Angriffe der Alliierten bemühten sich die Gelehrten in der zweiten Kriegshälfte verstärkt darum, die deutsche Kriegsgesellschaft durch kollektive Selbstvergevtrisserung zu stabilisieren. Mit der Schañung eines möglichst verbindlichen Selbstbildes suchten sie zur Entschärfiing der innenpolitischen Antagonismen beizutragen. Daher sind die Einzelschriften das Medium ihrer Selbstbildkonstruktion, und deshalb bezog sich das in ihnen postulierte nationale Selbstbild nicht mehr nur auf das .Wesen' der Deutschen, sondern auch auf die deutsche politische Ordnung und ihre historische Entwicklung. Verbreitet war außerdem der Rekurs auf die sogenannten deutschen Tugenden, zu denen sowohl Volksbund- als auch Vaterlandsgelehrte vor allem Treue und Pflichtgefilhl zählten.'^ Mit Blick auf die Reformdiskussion statuierte der MUnchener Philosoph und Pädagoge Johannes Unold die prinzipielle deutsche Abneigung gegen „revolutionäres Experimentieren". In Deutschland gelte es zu tun, „was Pflicht und Schuldigkeit gebieten", denn, so Max Weber, das „Pflichtgefilhl ist deutsch"." Obwohl die Sekundärtugenden unabhängig von jeder Staatsform sind, galten sie den Gelehrten gruppen- und konfessionsübergreifend als speziflsch deutsche Charakteristika. Gleichwohl lassen sich konfessionsspeziflsche Nationsbilder unterscheiden. So stellten katholische Gelehrte der häufig propagierten Symbiose von Luthertum und Deutschtum ein speziflsch katholisches Deutschtum gegenüber. Sie betonten, daß es sich bei den deutschen Tugenden nicht um etwas „speziflsch Kantisches oder gar Protestantisches"'^ handelte, sondern um allen Deutschen zu eigene Wesensmeikmale. Indem sie hervorhoben, daß die Katholiken das Reich in diesem Kriege genauso pflichtbewußt verteidigten wie die Protestanten, obwohl „,das höchste Gut'" ftlr die grundsätzlich übernational ausgerichtete katholische Kirche nicht die Nation sei, versuchten sie den endgültigen Nachweis zu erbringen, daß sich die deutschen Katholiken als besonders vaterlandstreu, besonders deutsch erwiesen. Die katholische Religion ermöglichte ihrer Ansicht nach durch die spezifische Mischung aus freier „Selbstverantwortung" und solidarischer „Mitverantwortung" (Scheler) einen gesunden Patriotismus, verhinderte jedoch chauvinistischen Nationalismus. Als „deutsche Katholiken" und „katholische Deutsche" (Schrörs) sei ihnen eine substantielle Gemeinwohlorientierung eigen. Die deutschen Tugenden zeigten sich bei ihnen „in konzentrierter Form".'' Mit diesem katholisch-deutschen Selbstbild wehrten sich die katholischen Gelehrten implizit gegen die dominant-protestantische Verknüpfimg von evangelischer Religion mit preußisch-deut-

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Spahn, Martin: „Volks&eiheit und monarchisches Prinzip", in: Meinertz/Sacher, Deutsdüand und der Katholizismus, S. 99-116, hier S. 108f; Scheler, Ursachen des Deulschaihasses, S. 351; Eucken, Forderungen, S. 6. Vgl. auch Mareks, Goethe und Bismarck, S. 882. Unold, Johannes: ,JDeutscher Bürgerstaal", in: Böhme, Aufinfe und Reden, S. 178-184, hier S. 178f ; Weber, M., Schwelle, S. 333. Krebs, Weltkrieg, S. 4,28. Scheler, Krieg und Aufbau, S. 198f. (ZitaleX 216; ders., Ursachen des Deutschenhasses, S. 301, 315ff.; Schrörs, Überliefaung und Fortschritt, S. 29f, 39 (Zitate). Vgl. auch Mausbach, Katholizismus, S. 6fF., 22f.; Spahn, Volksfreiheit und monarchisches Prinzip, S. 108f.

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Polarisierang der Kriegsgesellschaft: Radikalisierung der Ordnungsideen 1916 bis 1918

schem Pflicht- b2AV. Staatsethos und gegen die unter Protestanten verbreitete Überzeugung, ihr Glaube уегкбфеге „einen viel tieferen Gemeinschaftsgedanken" als der katholische.^® In Abgrenzung zum westlichen Gesellschaflsverständnis und den Reformvorstellungen der Konstitutionalisten verbanden insbesondere die Vertreter der Vaterlandsgruppe die deutschen Tugenden in der zweiten Kriegshälfte mit einer spezifischen „Staatsauffassung"" oder „germanische[n] Staatsidee"''. Mit dem Staat hing ihrer Meinung nach „untrennbar die Nation, das Volkstum, zusammen".'' Nach Serings Ansicht hatten die „allgemeine Wehrpflicht und die allgemeine Schulpflichf ' das spezifisch deutsche Staatsverständnis hervorgebracht: es sei den Deutschen „in Fleisch und Blut tibergegangen, daß der Staat Uberindividuelle Zwecke" habe, daß es keine „Rechte ohne Pflichten" gebe. Daher sei der Staat für die Deutschen mehr als nur ein Rahmen zur Bedürfiiisbefriedigung.^ Für Max Wundt verkörperte der Staat das „Gesamtleben" der Nation. Er „befiehlt", so seine Argumentation mit Bezug auf Hegel, aber der Befehl sei kein äußerer Zwang, sondern der „eigene Wille des Gehorchenden"." In der „freiwilligen Unterordnung unter das Gesetz"" verschmelze der Einzel- mit dem Gesamtwillen. Die feindliche Propaganda führte auch in der zweiten Kriegshälfte bei den Vertretern beider Gelehrtengruppen zu einer positiven, insgesamt jedoch selteneren Integration des Militarismus in das deutsche Selbstbild. Wenn die Feinde sagten, schrieb Max Weber 1916, „unser jetziges Deutschland sei nicht mehr das Deutschland Kants, sondern ein Deutschland Krupps, so nehmen wir dies gem an"." Scheler wendete den Vorwurf des militärischen Habitus in eine Apologie des Militarismus, indem er zwischen deutschem „Gesinnungs-" und westlichem „Zweckmilitarismus" unterschied. Während das Militär für die Deutschen ein „Kunstwerk" sei, an dem man sich erfreue, ohne es zu gebrauchen, sei es für die Alliierten ein „Werkzeug", das zur Anwendung bereitgehalten werde. Zweckfrei und daher prinzipiell friedfertig sei der deutsche Gesinnungsmilitarismus und insofern Ausdruck des deutschen Wesens.^ Auch für den katholischen Freiburger Privatdozenten Engelbert Krebs war der Militarismus „artmäßig deutsch"." Nach Ansicht v. Belows hätten sich Militär und Kultur in Deutschland geradezu symbiotisch entwickelt: schon Friedrich der Große sei „Feldherr und Philosoph" gewesen.®* Andere rechtfertigten den Militarismus, indem sie nicht nur auf dessen Kulturbedeutung verwiesen, sondern auch

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Holl, Luthers Anschauung, S. 168. Vgl. hierzu das protestantische Selbstbild bei Holl, Luther als Erneuerer, S. 62-66; Rade, Der Einzelne und die Gemeinschaft, S. 404-411. Vgl. auch Holl, Aufgaben, S. 98; Rade, Gegensätze, S. 657£; SeebetB, Deutsche Religion und deutsches Christentum, S. 57flF. Wundt, Deutsche Staalsaufibssung, S. 152flF. Spahn, Volksfreiheit und monarchisches Prinzip, S. 108f.; ders.: .JDas preußische Wahlrecht und die ständische Neugliederung der deutschen Nation", in: HL 15, Bd. 2,1918, S. 561-580, hier S. 580. Eucken, Forderungen, S. 26. Sering, Gesellschaftsverfessung, S. 69fiF. Wundt, Deutsche StaatsaulSssung, S. 152flF. Meyer, Militarismus, S. 219. Vgl. auch Seeberg, Reinhold: „östliche und westliche Kultur", in: DE 1, H. 9,1917, S. 767-783, hier S. 772f., 775,779f. Weber, Schwelle, S. 494. Scheler, Krieg und Aufbau, S. 167-172,176; ders., Ursachen des Deutschenhasses, S. 349-352. Krebs, Weltkrieg, S. 4. Below, Treitschkes Sendung, S. 450. Vgl. auch ders., Militarismus und Kultur, S. 60, 64f, 67£, sowie Mareks, Goefte und Bismarck, S. 466.

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die Kultiviertheit der deutschen Soldaten hervorhoben. So berichtete Meyer von den sogenannten „Hochschulkursen" des Heeres in Tournai,®' und Mareks fragte, an einen populären Mythos anknüpfend: „Wieviel Tausende, wieviel Zehntausende mag der , Faust' seit 1914 mit ins Feld begleitet haben?"*' Zwar betonten die Gelehrten auch in der zweiten Kriegshälfte die Bedeutung der deutschen Kultur,®' aber diese eher plakativen Selbstbeschreibungen reichten angesichts der politischen Polarisierung nicht mehr aus, um nationale Einheit zu stiften. Unter dem Eindruck der alliierten Freiheitspropaganda intensivierten sie die Verfassungsvergleiche. Keineswegs, so v. Schmoller, mangele es Preußen und Deutschland am „Geist freier Institutionen", wie die Alliierten behaupteten. Eine „militaristische", d. h. kriegerische Verfassung müsse nicht notwendig mit ,Unfreiheit' einhergehen.™ Angesichts des amerikanischen Kriegseintritts stellte Sering 1917 die „Staat und Gesellschaftsverfassung bei den Westmächten und in Deutschland" einander gegenüber und hob hervor, daß das Königtum als Uberparteiliche Instanz den sozialen Ausgleich gewährleiste.^' Die Monarchie galt auch den Volksbundgelehrten als „Kristallisationskern des Staatsgedankens" (Hintze). Die monarchische Überlieferung sei stark verbreitet.'^ Verärgert schrieb Troeltsch 1917, daß die Feinde nicht einsehen wollten, daß es historisch bedingt unterschiedliche Staats- und Gesellschaftsformen gebe. Die deutsche überindividuelle Staatsphilosophie, der Föderalismus und die starke Stellung der Monarchie seien nun einmal nationale deutsche Besonderheiten.'^ Mit dem amerikanischen Kriegseintritt rückte die politisch-institutionelle Sonderentwicklung Deutschlands ins Zentrum des von den Gelehrten konstruierten Selbstbildes. Auf die westliche Kritik reagierten viele von ihnen, indem sie die deutsche Staatsform als Resultat eines historisch-politischen Sonderwegs beschrieben. Die geopolitische Mittellage Deutschlands, der „Doppeldruck" (Meinecke) von Ost und West, WTirde als Ursache für die Herausbildung einer wehrhaften, ,militaristischen' Monarchie statt einer Parlamentsherrschaft genannt.'^ Diese Argumentation ging oft mit der Berufung auf den englischen Historiker John

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Meya·, Militarismus, S. 428fiF. Von Novemba· 1917 bis März 1918 fenden Vorlesungen hinter der Front statt Vgl. das Vorwort von Seeberg im Sammelband Uber die „Theologischen Kriegslehigänge" in Warschau, Wilna und Brüssel. Mareks, Goethe und Bismarck, S. 466. Oncken, Schwelle, S. 8; Weber, A , Bedeutung, S. 1255; Gieike, Friedensziele, S. 34; Cassirer, Freiheit undFonn,S.3,132fiF. Sdimoller, Institutionen, S. 186-189,196-218 (Zitate S. 186,189ffi, 202f., 215). Sering, GesellsdjaHsvcrfessung, S. 57fif., 65-73 (Zitate S. 40, 71). Letztlich sei aber nicht die politische Form das Entscheidende, sondern die „sittlichen Anschauungen". Hintze, Demokratisienmg, S. 454. Vgl. auch Meinecke, Reform, S. 152; ders.: ,X)emobilmachung der Geistei", in: PSR, S. 195-200, hier S. 155; Schmoller, Die soziale Frage, S. 647; Goetz, Gmndlagen der inneren Politik, S. 615f.; Spahn, Volksfrciheit und monarchisches Prinzip, S. 99, 109flF.; Sering, Gesellschaftsverfessung, S. 74f Troeltsch, Ansturm, S. 109fiF. Meinecke, Reform, S. 152. Vgl. auch Brentano, Schlachtruf, S. 8f; Schmoller, Institutionen, S. 187, 213ff.; Heuß, Krieg und Verfessung, S. 241; Kjellén, Rudolf: ,i)as größere Deutschland", in: SMhh 14, 1916/17, S. 304-306, hier S. 304; Oncken, Mitteleuropa, S. 3f, 9, 14; Weber, Max: ,J)eutschIand unter den europäischen Weltmächten", in: MWS 1/15, S. 61-78, hier S. 64ff; Below, Reform, S. 93; Hintze,

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Robert Seeley" einher, der von einer Korrelation zwischen äußerer Lage und innerer Staatsstruktur ausgegangen war und dessen Diktum lautete: Das „Maß von Freiheit", das in einem Staat vernünftigerweise bestehen kann, ist „umgekehrt proportional" zu dem militärisch-politischen Druck, der auf seine Grenze vom Ausland her ausgeübt wird.™ Konsens herrschte unter den Gelehrten darüber, daß die deutsche Sonderart und der deutsche politische Sonderweg sich gegenseitig bedingten. Diese Rechtfertigung der bestehenden Staatsordnung bedeutete jedoch keine Ablehnung innenpolitischer Reformen. Sie war viehnehr als Maßgabe zu verstehen, daß jede Reform der Staatsverfassung im Einklang mit der deutschen Staatsau^assung stehen müsse. Die Trägergruppen aller drei in der zweiten Kriegshälfte verkündeten Ordnungsideen beanspruchten, diese Maßgabe zu erfilllen." Obwohl Volksbund- wie Vaterlandsgelehrte die deutsche Eigenart historisch, geopolitisch und wesensmäßig begründeten, unterschieden sie sich hinsichtlich der Bewertung des Sonderwegs. So kritisierte Preuß die mit dem Seeley-Diktum argumentierenden Verteidiger des Sonderwegs. Zwar stimme die These einer „Wechselbeziehung" von geopolitischer Lage und innerer Staatsstruktur, aber die Tatsache, daß es eine deutsche Sonderentwicklung gegeben habe, rechtfertige sie noch nicht. Der autoritärere Staat halte einer großen Bedrohung von außen keineswegs besser stand als der liberalere. Hinge die Stärke eines Staates immer vom Grad der Restriktivität seiner inneren Organisation ab, so Preuß ironisch, wäre Rußland der stärkste Feind in diesem Kriege. Innere Freiheit könne auch ein Mittel zur Entlastung von militärisch-politischem Außendruck sein.^' Mit Preuß wies auch Anschütz auf die negativen Auswirkungen der deutschen Sonderentwicklung hin. Sie habe zu einer verbreiteten Abneigung gegen die Selbstregierung des Volkes geführt und daher zu einem Tiefstand des politischen Ehrgeizes sowie einem Mangel an politischem Engagement. Im Vergleich zur westlichen Entwicklung war es hierdurch seiner Ansicht nach zu einer politischen Rückständigkeit gekommen, die durch Reformen aufgeholt werden müsse." Indes stand nicht die monarchische Staatsform zur Disposition. Es ging Preuß und Anschütz, den Hauptvertretem des Konstitutionalismus, vielmehr darum, den Reichstag an der Regierung verantwortlich zu beteiligen und das deutsche Volk so zur Selbstregierung zu filhren.*" Die politischen Defizite im Reich gehörten für Preuß zu den Ursachen der extremen antideutschen Propaganda, denn auch die Verfassungsform eines Staates war seiner Meinung nach für den Grad seiner politischen Attraktivität nach außen verantwortlich. Die Dominanz des Militärisch-Obrigkeitlichen in der Struktur des Reiches habe „ringsum ein Mißtrauen gegen militärische Eroberungslust" der Deutschen erweckt und ihre außenpolitischen Entfaltungs-

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Denwkratisiemng, S. 453; Tesdiemacher, Hans: ,J)ie Aufgaboi ä a politischen Staatsldire", in: ASPG S, 1917, S. 28-38, hier S. 32. Seeley, (seit 1894 Sir) John Robert, 1834-1895; seit 1869 Prof. an der Univ. Cambridge; Historiker, der als literarischer Apologet des britisdien Imperialismus gilt Zit u. a. in: Hintze, Demokratisierang, S. 453. Vgl.Kap.n.6.2. Preuß, Obrigkeitsstaat, S. 5ff. Anschütz, Wahlrefonn, S. 279f; das., Parlament und Regierung, S. 23-28; Preuß, Obrigkeitsstaat, S. 12fiE:; ders., Em«aierung, S. 253. Vgl. auch Hintze, Demokratìsienmg, S. 454, und Cassirer, Freiheit und Form, S. 492flf. Vgl. Κ φ . II.6.2.1.

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möglichkeiten gehemmt. Der „Mangel jeder politischen Anziehungskraft" für das liberalere Ausland erschwere die deutsche Position in diesem Kriege.*' Mit dem Negativbild, das die Feindpropaganda von Deutschland und den Deutschen zeichnete, setzten sich in der zweiten Kriegshälfte insbesondere die Volksbundgelehrten selbstkritisch auseinander. Die Frage, woran es liege, daß „die fremden Völker uns so sehr hassen",'^ beantwortete Troeltsch mit der „Verachtung der demokratischen Ideale" in bestimmten Schriften, die im Ausland besonders negativ gewirkt und ein falsches Bild von Deutschland vermittelt hätten." Andere verwiesen auf alldeutsche Äußerungen in bezug auf die deutsche Überlegenheit." Nach Meinung Delbrücks und Schückings hatte vor dem Krieg die obstruktive Haltung des Reiches zu Schiedsgerichtsfragen dem deutschen Ansehen sehr geschadet. Der verbale deutsche Antipazifismus habe die Feinde irrtümlich in dem Glauben bestärkt, Deutschlands Politik sei auf Eroberungen ausgerichtet.'^ Ausfilhrlich widmete sich Scheler den „Ursachen des Deutschenhasses". Es ging ihm um eine philosophische Abhandlung des Phänomens Haß.'^ Er beschrieb den Haß in den einzelnen Ländern,'^ und machte dessen Ursachen an bestimmten Entwicklungen und verschiedenen Mißverständnissen fest, die er in den unterschiedlichen Mentalitätsstrukturen der einzelnen Völker begründet sah: Was filr die Franzosen die Gloire sei, hielten die Deutschen ftlr Eitelkeit; was die Deutschen als Treue bezeichneten, empfänden die Franzosen als dumpfe Schicksalsergebenheit, und was man in Deutschland als Offenheit ansehe, wirke auf Franzosen wie Roheit und auf Engländer wie Zynismus.'' Hatten die Gelehrten in der ersten Kriegshälfte auf den „Militarismus" als verbindendes Kennzeichen rekurriert, mußten sie nach 1916 weitere Charakteristiken auftjieten, um ein Idealbild der Deutschen zu konstruieren. Die Konturen dieses Bildes konnten jedoch nicht geschärft werden, zumal auch die Einigung über die künftige Staatsform ausblieb. Das Dilemma, im Gegensatz zu den Feinden nicht über ein klar defmiertes nationales Selbstbild zu verftlgen, wurde sowohl von Volksbund- als auch von Vateriandsgelehrten thematisiert. Das deutsche Wesen galt noch als etwas „Unfertiges"." Scheler und Simmel sprachen von einer spezifisch deutschen Formlosigkeit und beklagten das Fehlen eines nationalen Stils ebenso

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Preuß, Obrigkeitsstaat, S. S£, lOfifi, 21-24 (Zitate S. 21,23). Am Beispiel Englands kOnne man «kennen, daß sich die internationale Meinung vom Grad der Freiheit in einem Land positiv auf dessen politische Ent<ungsmöglichkeiten auswiike, da es auf andere Staaten nicht bedrohlich wirke. Brentano, Schlachtm^ S. 20. Troeltsch, Anklagen auf Defeitismus, S. 665£, 669. Liszt, Völkergemeinschaft, S. 38. Delbrück, Pazifismus, S. ITSffi, 187; Schücking, Die völkerrechtliche Lehre, S. 10. Dabei entwickelte er interessante analytische Kategorien. Er unterschied zwischen Träger, Art und Ausdrack des Hasses und untersuchte die mittelbaren und unmittelbaren Ursachen in den kriegführenden Staaten. Vgl. Scheler, Ursachen des Deutschenhasses, S. 296ff., 305-309,343ff. Der Haßausdruck, so Schelers These, sei in Frankreich am stäikstoi - stärker als der tatsächlich empiiindene Haß - und würde daher schnell verfli^en. In England dag^en sei der Ausdnick des Hasses zurückhaltender, würde aber tiefer empfiinden und daher länger andauern. Vgl. Schela-, Ursachen des Deutschenhasses, S. 305-311,337flF. Das Gnindmißverständnis sei aber, daß der deutsche Gesinnungsmilitarismus fölschlich als Bedrohung empfunden wode. Vgl. Scheler, Ursachen des Deutschenhasses, S. 344-353,356. Weber, A , Selbstbestimmungsrecht, S. 62. Vgl. auch ders., Bedeutung, S. 1267.

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wie ein übertriebenes Weltbürgertum. Dessen Gegenteil, den deutschen Chauvinismus, der auf der „Unsicherheit des Selbstgefühls" (Simmel) beruhe, lehnten sie ebenso аЬ.®" Eine Erklärung für das diffuse deutsche Selbstbild sah Simmel in der „Dialektik des deutschen Geistes". Das deutsche Wesen sei in sich widersprüchlich, denn „das Ideal des Deutschen ist der vollkommene Deutsche - und zugleich sein Gegenteil, sein anderes, seine Ergänzung". Der Deutsche suche das Fremde, das durch den Gegensatz Erlösende. Das Ideal steigere nicht nur das eigene Sein, sondern nehme auch dessen Gegensatz in sich auf und vollende sich an ihm." Selbstbewußtsein und Weltbürgertum gehörten zusammen. Ähnlich argumentierte auch Cassirer: Die deutschen Geistesgrößen seien vom „Dünkel" einer Selbstgenügsamkeit der deutschen Kultur „stets freigeblieben". In Zukunft gelte es, den deutschen Geist als Synthese aus eigenen und fremden Kultureinflüssen zu definieren.'^ Demgegenüber forderten die Vaterlandsgelehrten eine Rückbesinnung auf das spezifisch Deutsche - blieben aber im Schwärmerisch-Allgemeinen, ohne zu konkretisieren, was sie darunter verstanden. „Deutscher zu sein", schrieb Eucken, „ist heute eine Ehre und Größe". Das sei aber noch nicht genug, so v. Below, denn „wir wollen deutscher werden als wir waren"." Somit gelang es den Gelehrten auch in der zweiten Kriegshälfte nicht, ein einheitliches Selbstbild zu konstruieren. Zum einen waren die „deutschen" Tugenden wie Pflicht und Treue staatsformunabhängig und zum anderen wurde im Kampf um die innenpolitische Neuordnung aus der abstrakten Diskussion um eine angemessene, wesensgemäße Staatsverfassung eine zunehmend konkretere Debatte um politische Reformen. Nachdem sich die gesellschaftliche Einheit zunehmend auflöste, blieb nicht einmal mehr die Selbststilisierung zur geschlossenen Verteidigungsgemeinschaft. Das Zerbrechen des Burgfriedens führte den Gelehrten unmittelbar vor Augen, daß die „deutsche" Treue gegenüber dem Monarchen und die „deutsche" Unterordnung unter das Gemeinwohl keine tragfähige, alltagsrelevante Grundlage zur Identifikation in Krisenzeiten boten. Umso wichtiger wurden die Selbstbildkonstruktionen in Abgrenzung von den Feinden. Der Versuch, durch Distinktion nach außen Identität zu schaffen, wurde jedoch dadurch erschwert, daß der „innere Feind" in der zweiten Kriegshälfte wiederkehrte.

Scheler, Ursachen des Deutschenhasses, S. 322,326flF., 336; Simmel, Dialektik, S. 34-40. Simmel, Dialektik, S. 33f. Als Beispiel verwies er auf die deutsche Italiensehnsucht In Hölderlin und Hegel erblickte er zwei Prototypen des Deutschen. Cassirer, Freiheit und Form, S. Xllf. Eucken, Fordeiungen, S. 6; Below, Treitschkes Sendung, S. 467. Vgl. auch Krebs, Weltkrieg, S. 6.

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5.2 Die Rückkehr des „inneren Feindes" 5.2.1

Frühe „Dolchstoß"-Thesen Der Geist der Gemeinschaft in „Heimat" und „Heer"

Die Zeichnung von Kriegsanleihen galt als eine entscheidende Aufgabe der Heimat. In verschiedenen Aufrufen wurden die Deutschen bis zum Herbst 1918 aufgefordert, durch die Kriegsanleihen „ihrer Mitverantwortung für das Schicksal Deutschlands"'·* gerecht zu werden. „Wer fragt nicht jetzt: Was kann ich tun?", schrieb Rade noch im Oktober 1918.'^ Simmel appellierte nicht, sondern bezeichnete die Zeichnung der Anleihe in seinem Anfang 1918 mehrfach veröffentlichten Aufruf als selbstverständlichen Beitrag der Heimat, als „Forderung des einfachen Anstandsgefühls". Wer nicht zeichne, sei ein feiger „Lump und Betrüger", der andere für sein Wohlergehen kämpfen und sterben lasse. „Geht hin und zeichnet die Kriegsanleihe", rief er seinen Landsleuten zu, denn nur damit könnten sie nachweisen, „keine Zechpreller" zu sein." Der energische Ton dieser Aufrufe zeigt, daß die Heimat verdächtigt wurde, die Kriegsanstrengungen Deutschlands nicht ausreichend zu unterstützen. Bereits in den Schriften „an der Schwelle des dritten Kriegsjahres" vom Sommer 1916 war zwischen tapferer Front und wankender, weil zerstrittener Heimat unterschieden worden. So hatte Oncken mit Blick auf die zunehmenden innenpolitischen Spaimungen betont, auch in der Heimat müßten sich alle der Bedeutung des Krieges bewußt sein und ihren Beitrag für einen Sieg Deutschlands leisten, denn „die da draußen sollen wissen, für wen sie kämpfen und leiden". Die daheim in Sicherheit Lebenden dürften nicht „auf der Höhe des Weges ermatten". Die Durchhaltekraft zeige den wahren Wert einer Nation." Im September 1916 mahnte Plenge eine strengere „Selbstzucht" sowie eine größere „Kriegsdisziplin" an. „Weit jeder Einzelne im Heere seine Pflicht tut, klappt im Heere alles. Weil es hieran in der Heimat fehlt, klappt es in der Heimat nicht."" Besonders scharf unterschieden die Vaterlandsgelehrten zwischen Front und Heimat: Der „Geist" des Heeres sei ungebrochen, so Meyer 1918. Die täglichen Riesenanstrengungen im Schützengraben böten keinen Raum für Klagen. Demgegenüber seien Hingabe und Opferbereitschaft in der Heimat geschwunden. Insbesondere die Großstädte betrachtete er mit Mißtrauen, hätten sich doch über sie die „erschlaffenden Dünste" gelegt. Die katastrophale Versorgungslage im Reich negierend schrieb Meyer, daß „die wahre Not des Krieges" die Heimat „noch gar nicht ernstlich gepackt" und

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Weber, Max: ,JDie siebente deutsche Kriegsanleihe", in: MWS1/15, S. 140-142, hier S. 142. Rade, Martin: [Auftuf zur Zeichnung der 9. Kriegsanleihe], in: ChW 42/43,1918, S. 403-405, hier S. 405. Simmel, Geoig: [Aufiuf zur Zeichnung der 7. Kriegsanleihe], in: Grai Friedrich Wilhelm: .„Geht hin und zeichnet die Kriegsanleihe!' Ein Aufiuf Georg Simmeis aus dem Heibst 191T', in: Simmel Newsletter Bd. 5, Nr. 2, Winter 1995, S. 135-138, hier S. 138. Im April 1918 waib Simmel mit ähnlichem Pathos in verschiedenen Straßburger Zeitungen für die Zeichnung der 8. Kriegsanleihe, vgl. ebd., S. 136. Oncken, Schwelle, S. 7. Vgl. auch Rade, Gegensätze, S. 657ff. Plenge, Johann: ,X)ie Radikalkur gegen alle Mängel unserer Kriegsoi^sation", in: Gemiania, Nr. 424 u. 425,12. und 13.9.1916, S. 1-2 und 1, hier S. If

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diese daher „Muße" zum Klagen habe.'' Während sich die Kriegslage für Deutschland aufgrund der militärischen Erfolge „glänzend" darstelle, sei die innenpolitische Lage sehr bedenklich. Die „Bevölkerung daheim" versage aus Schwäche, so daß der Krieg durch „eigene Schuld" verhängnisvoll ausgehen könne."" Seit dem Frühjahr 1917 stellten sowohl die Volksbund- als auch die Vaterlandsgelehrten die alliierte Freiheitspropaganda in ihren Kriegsschriften als Bedrohung fUr die Einigkeit der Heimatfront dar. Die Feinde wollten die Deutschen spalten, indem sie ausnutzten, daß der Parlamentarismus auch in Deutschland Anhänger habe.*"' In diesem Zusammenhang warfen die Vaterlandsgelehrten den Konstitutionalisten vor, sich mit ihren Reformforderungen die Argumente der Feinde zu eigen zu machen. Wer sich in der innenpolitischen Auseinandersetzung auf „fremdes Urteil" berufe, so Schäfer, verrate „bewußt oder unbewußt" das Vaterland.'"^ Die Volksbundgelehrten kritisierten die wieder aufgeflammten parteipolitischen Auseinandersetzungen. Auch sie mahnten zur Einigkeit und warnten vor einem „Parteik a m p f ' i n der Heimat, solange die Soldaten noch kämpften. Die Mittelmächte könnten einen „ehrenvollen Frieden" nur dann erlangen, schrieb Max Weber im September 1917, „wenn die innere Einheit der Nation hinter dem Willen zum Durchhalten s t e h t " . D i e „vaterländische Pflicht"'"^ erfordere es, allen Gegensätzen in der Heimat entgegenzuwirken. Anfang 1918, während der Streikwelle und vor dem Hintergrund der Friedensgespräche in Brest-Litowsk, warnte Weber die „sozialistische[n] Kreise", die „direkt oder indirekt einen schlechten oder leichtsinnigen Frieden" verschuldeten oder den Friedensschluß dadurch erschwerten, daß sie „den deutschen Unterhändlern in den Rücken" fielen. Sie würden dann „ihre Rolle in Deutschland ausgespielt haben".'"® Als Rade im Oktober 1918 die „geistige Wafifenstreckung" beklagte, richtete sich dieser Vorwurf direkt an die Heimat.'"^ Die später als „Dolchstoßlegende" in die Geschichtswissenschaft eingehende Behauptung, nicht das Heer sei besiegt worden, sondern die Heimat der kämpfenden Truppe in den Rücken gefallen, hat ihren Ursprung in der zweiten Kriegshälfte. Sie beruhte auf der Gegenüberstellung von ,schwacher Heimat' und ,tapferer Front', einem Konstrukt, mit dem die Soldaten und die Daheimgebliebenen gegeneinander ausgespielt wurden.'"^ In der Forschung wurde bislang in der Verbindung von Antiparlamentarismus mit der Überzeugung

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Meyer, Militarismus, S. 428. Vgl. auch ders., Seekrieg, S. 440f. Meyer, Seekrieg, S. 436. Meinecke, Deutsche Freiheit, S. 29f.; Hamack, Wilsons Botschaft, S. 4; Sering, Gesellschafisverfassung, S. 75; Troeltsch, Anstunn, S. 82,113. Schäfer, Polenfiage, S. Iflf.. Vgl. auch Wundt, Deutsche Staatsaufibssung, S. 155fF.; Haller, Johannes: Die russische Geâhr im deutschen Hause. Stuttgart 1917, S. Sf Hintze, Imperialismus, S. 167£ Vgl. auch Delbrück, Doitsdier Friede, S. 209; Rade, Politisdie Extravar ganzen, S. 840. Weber, M., Kanzlerkrisis, S. 136. G o ^ Deutsdiland und der Friede, S. Ш. Weber, Max: ,Jnncrc Lage und Außenpolitik", in: MWS1/15, S. 191-201, hier S. 191. Rade, Nach Schluß des Blattes, S. 405. In Wahiheit hatte es ,die Heimat' als homogenes Pendant zur Front nicht g^eben, sondan sich zwischen Front und Heimat eine ,JKoalition der Unzufiiedenoi und Kii^smüden" gd)ildet, Lipp, Anne: ,JIeimatwahmdimung und soldatisches ,Kriegseriebnis"', in: Hirschfeld u. a, Kriegsetûhrungen, S. 225-242, hia S.231fF.

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von einer militärischen Überlegenheit Deutschlands der Nährboden des Dolchstoßgedankens gesehen.'"' Zudem sind die Parolen gegen die .Flaumacher' als „Vorformung""" und die Beschwörungen des Siegeswillens als „Ursprünge""' der Dolchstoß-These bezeichnet worden. Dabei wurde jene Legende oft als Konstruktion rechtsnationaler und annexionistischer Kreise bezeichnet."^ Demgegenüber sei hier betont, daß der .Dolchstoß' keineswegs nur ein alldeutsch-konservatives Argumentationsmuster war, sondern sich bereits in der Unterscheidung zwischen Heer und Heimat ankündigte, welche seit Mitte 1916 sowohl von Volksbund- als auch von Vaterlandsgelehrten verbreitet wurde. Das Lob für die Leistungen an der Front korrespondierte mit der Kritik am Versagen der Heimatfront, zumal nicht die mangelnde Kraft des Heeres, sondern die kraftlose Heimat als Problem angesehen wurde. Die Überzeugung der Gelehrten, nur der Zusammenhalt in der Heimat verbürge den Sieg, bedeutete umgekehrt, daß eine Niederlage nur aus fehlender heimatlicher Geschlossenheit resultieren konnte. Die Schuld am Streit im Innern implizierte somit die Verantwortung fllr die Niederlage. Schon in der zweiten Kriegshälfte begann die Schuldzuweisung in bezug auf den wieder aufgeflammten innenpolitischen Kampf Der „innere Feind" wurde aber unterschiedlich identifiziert. Während die Vaterlandsgruppe das Wirken der Reichstagsmehrheit anprangerte, machte die Volksbundgruppe vor allem der Vaterlandspartei den Vorwurf, das deutsche Volk zu spalten. „ Gegen die Reichstagsmehrheit " - Der Feind steht links Der innere Feind wurde von den Gelehrten der Vaterlandsgruppe in den Parteien der Reichstagsmehrheit, vor allem innerhalb der SPD verortet. Im Juli 1916 sprach der Unabhängige Ausschuß in seinem Aufruf gegen die Friedensresolution dem Reichstag das Recht ab, die deutsche Politik zu gestalten, weil er 1912 „unter ganz anderen politischen Verhältnissen" gewählt worden sei. Das Volk habe großes Vertrauen „zu seinen Führern in Heer und Flotte" und erwarte, „daß endlich auch die politische Führung in sichere und feste Hände gelangt", welche die „deutsche Kraft" auch politisch einsetzten."^ Auch in dem von Haller initiierten und von etwa einem Viertel der deutschen Hochschullehrer unterstützten Aufruf „gegen die Reichstagsmehrheit" vom Oktober 1917 hieß es, daß der vor sechs Jahren gewählte Reichstag den „Volkswillen" in der jetzt völlig veränderten Situation nicht mehr „in unzweifelhafter Weise zum Ausdruck" bringe. Daher sei die Reichstagsmehrheit nicht berechtigt, in den „heute zur Entscheidung stehenden Lebensfragen" fllr das Volk zu sprechen. 109 Schwabe, Wissenschaft, S. 154. 110 Hiller V. Gaertringen, Friedrich: .„Dolchstoß'-Diskussion und .Dolchstoß-Legende' im Wandel von vier Jahrzehnten", in: Besson, Waldemar/Hiller v. Gaertringen, Friedrich (Hg.): Geschichte und Gegenwartsbewußtsein. FS für Hans Rothfels. Göttingen 1963, S. 122-160, hier S. 158. Zum Verhältnis von Soldaten und Heimat bei Kriegsende vgl. Besscl, Richard: ,JDie Heimkehr der Soldaten: Das Bild des Frontsoldaten in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik", in: Hirschfeld, Erlebnis und Wirkung, S. 221-239. 111 VerfiQ', Geist, S. 356. 112 So hat Fries-Thissenhusai, S. 350, fes^estellt, daß die „annexionistischen Historikei" die Dolchstoßthese „bereits vollständig in der Kriegspropaganda abgebildet" hatten. 113 Resolution des Unabhängigoi Ausschusses für einen deutschen Frieden, S. 295. 114 ,^tklärung gegen die Reichstagsmduheit", Ыет zit nach Böhme. Aufrufe und Reden. S. 184-185. Zu den Unteracichnem vgl. Paletschek, S. 89. und Jansen. Professoral, S. 130.

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Die Leitung von Heer und Staat [sie] wurde indirekt aufgefordert, sich gegebenenfalls Uber die Parlamentsbeschlüsse hinwegzusetzen."^ In den Einzelschriften sprachen die Angehörigen der Vaterlandsgruppe von der „angeblichen Mehrheit""' und spitzten ihre Kritik insbesondere an MSPD und USPD zu, die zunehmend gleichgesetzt wurden. Seitdem die MSPD einen Frieden ohne Annexionen und Entschädigungen forderte und sich daher, so v. Gierke, nicht mehr von den Radikalen unterscheide, bestehe eine „furchtbare Gefahr" für die innere Einheit Deutschlands. Wilsons Aufruf zum Krieg gegen die Autokratie habe die Sinne der SPD „umnebelt" und zu einem Wiederaufleben ihrer internationalistischen Träume geführt. Die akademische Vaterlandsgruppe disqualifizierte ihren Gegner als antinational und unpatriotisch, wobei sie an die ExklusionsSemantik der Vorkriegszeit anknüpfte. Gierke zog eine scharfe Grenze zwischen den sogenannten nationalen Kreisen und der als vaterlandslos dargestellten verständigungsorientierten Reichstagsmehrheit, indem er die Formulierung wählte, für „deutsche Männer" sei die Forderung nach „Verzicht" völlig indiskutabel."' Der Verständigungsfrieden wurde als „Scheidemannfrieden" bzw. „Erzberger-Scheidemannsche[r] Verzichtfrieden" (v. Below) bezeichnet und dadurch mit der Reichstagsmehrheit identifiziert. Der Name Scheidemanns habe „eine geradezu traurige Berühmtheit für unser Volk" (Schäfer) erlangt. Die SPD wurde aufgefordert, nicht mehr ihren „internationalen Träumen" nachzuhängen."' Plenge, in der zweiten Kriegshälfte ein Vertreter der Vaterlandsgruppe, griff die Reichstagsmehrheit besonders heftig an. Den Vorsitzenden der Fortschrittlichen Volkspartei, Friedrich v. Payer, bezeichnete er als „¡deenlose[n] Taktiker", der „für einen Staatsmann gehalten" werde. Payers Amt des Vizekanzlers sei der Posten einer „parlamentarischen Empfangsdame". Der einflußreiche Zentrumspolitiker Erzberger war für ihn ein „Geschäftsagent" und der Mehrheitssozialist Scheidemann eine „redlich strebende, aber überzeugungsblinde Apostelnatur"."' In den Schriften der zweiten Kriegshälfte wurden Kriegszielfrage und Reformdebatte zunehmend verknüpft. Die sozialdemokratische ,^gitation für eine radikale 1гшефоИ118сЬе .Neuorientierung'" barg für v. Gierke „ernste Gefahren". Momentan sei jedoch ihre „Einmischung" in die Außenpolitik „unendlich viel gefährlicher". Wenn die SPD versuche, mit Hilfe der Internationale den Frieden zu erreichen, dann geschehe dies entweder aus „törichter doktrinärer Verblendung" oder „in gewissenloser Verfolgung selbstsüchtiger Ziele". Zusammen mit dem „unseligen Friedensbegehren", so v. Gierke, verlange die Sozialdemokratie die „sofortige" Verwirklichung ihrer „radikalen Verfassungssturzvorschläge". Erneut wurde die SPD als innerer Feind identifiziert. Die Wortwahl v. Gierkes zeigt exemplarisch die Exklusion der Sozialdemokraten aus der nationalen Gemeinschaft: Die Sozialdemokratie unternahm den „iImeφoiitischen Ansturm", „brach den Burgfrieden" und „entfesselte" den Kampf der Meinungen über die „Demokratisierung unseres Gemeinwesens". Durch ihre „Sympathieerklärung für den Sieg der [russischen] Revolution" suchte sie ihre Forderung 115 Erklärung gegen die Reichstagsmehrheit, S. 184f. 116 Liebig, Hertling, S. 137. Vgl. auch Jung, Erich: ,X)ie Einheitsfiont der Geldmächte", in: DE II, H. 5,1918, S. 305-317, hier S. 316. 117 Gierice, Friedensziele, S. 8f. Vgl. auch Holl, Luthers Anschauung, S. 148. Below, Vaterlands-Paitei, S. 15; ders., Nationalstaat, S. 45flF.; Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 8. Vgl. auch Plenge, Geburt, S. 33, und ders., Revolutionierung, S. 45. Plenge, Geburt, S.9f.,49f.

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nach einer „radikalen" Reform des Reichs zu unterstreichen und die Früchte ihrer „Wühlarbeit" zu ernten, so v. Gierke. Er verlangte, die Arbeiterschaft über das parteipolitische „Blendwerk" aufzuklären. Es sei die „Schuld des sozialdemokratischen Parteivorstandes", daß jetzt „die Einheit zerrissen und der innere Kampf unvermeidlich geworden" sei.'^° Die Vaterlandsgelehrten kritisierten auch die Reichsleitung. Sie behaupteten, die deutsche Politik werde in Wahrheit von Angehörigen der Reichstagsmehrheit geleitet.'^' Hinter dem „unglücklichen Worte ,Neuorientierung"' verberge sich ein revolutionärer Umsturz. Die Reichsleitung müsse, so v. Gierke, „Herrn Scheidemann und seiner Gefolgschaft" eine „offene Absage" erteilen und den „Kampf gegen die Sozialdemokratie entschlossen aufiiehmen. Das Nachgeben des Reichstags und des Reichskanzlers gegenüber den „Linksparteien" sei schädlich gewesen, da es zur Radikalisierung ihrer Forderungen gefilhrt habe.'^^ Die Kritik der Vaterlandsgelehrten richtete sich zudem gegen die Außen- und Kriegspolitik der Reichsleitung. Sie warfen ihr „Unentschlossenheit und Kurzsichtigkeit"'^' vor. Trotz der Gefahr, die durch zerstörerische Kräfte drohe, sei die Regierung „passiv, abwartend und nachgiebig". Sie ftihre nicht, sondern lasse ftihren'^* und habe durch das Verbot der Kriegszielerörterung verhindert, daß sich das Volk „in festen Zielen zusammenschließen" konnte. Eine „leidliche Freiheit der Diskussion" sei erst erlaubt worden, als die Nation schon gespalten gewesen sei.'^^ Gierkes Kritik wurde auch von Meyer und v. Below unterstützt. Letzterer forderte eine Politik, die sich ausschließlich nach deutschen Interessen richte und geprägt sei von der „Pflicht gegen das Volk".'^® Wenn der Krieg nicht so ausgehe, „wie er hätte ausgehen können", pointierte Schäfer die Argumente seiner Kollegen Anfang 1918, werde „die Geschichte diejenigen zur Verantwortung ziehen, die zur Leitung des Reiches berufen" waren. Auch die jüdische Minderheit wurde von den Vateriandsgelehrten in der zweiten Kriegshälfte als innerer Feind betrachtet. Der Krieg bewirkte einen „radikalen Wandel"'^' in bezug auf die allgemeine Einstellung gegenüber den J u d e n . I n d e m die Alldeutschen einen Zusammenhang zwischen der ,schwachen' Regierung und dem großen politischen Einfluß der 120 Gieike, Friedensziele, S. 21, 6f, 9fiF., 20. Below erinnerte daran, daß die Sozialdemokraten die ,ßekämpflmg des nationalen Selbstbewußtseins" zum Ziel hätten, Below, Refoim, S. 84, 87; ders., VaterlandsPartei, S. 10-15. 121 Below, Refomi, S. 95f. 110. Vgl. auch Liebig, Hertling, S. 135. 122 Gieike, Friedensziele, S. 2,6t., 9f. 123 Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 7. Vgl. auch ders.: „Staat und Volk in Osteuropa", in: SMhh 14, 1917, S. 300-318, hier S. 314f, und Spahn, Ständische Neugliederung, S. 570. 124 Meyer, Seekrieg, S. 436f. Vgl. auch Schäfer, Von deutsch» Art, S. 19. 125 Below, Treitschkes Sendung, S. 469f Vgl. auch Liebig, Hertling, S. 138; Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 8 126 Below, Treitschkes Sendung, S. 450455. Vgl. auch Meyer, Seekrieg, S. 436f 127 Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 8. 128 Jochmann, Werner .JDie Ausbreitung des Antisemitismus in Deutschland 1914-1923", in: ders.: Gesellschaftskrise und Judenfeindschaft in Deutschland 1870-1945. Hamburg 1988, S. 118. 129 Vgl. hierzu Friedländer, Saul: ,JDie politischen Veränderungen der Kriegszeit und ihre Auswirkungen auf die Judenfiage", in: Mosse, Werner E. (Hg.): Deutsches Judentum in Krieg und Revolution, 1916-1923. Tübingen 1971; S. 27-65, hier S. 33-39; Picht, Zwischen Vaterland und Volk, S. 745ff; Zechlin, Egmont: Die deutsche Politik und die Judai im Ersten Weltkrieg. Göttingen 1969.

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angeblich .international' denkenden Juden konstruierten, schufen sie sukzessive ein Klima des Mißtrauens und des Hasses. Der kriegsbedingte Antisemitismus erreichte bereits im Herbst 1916 mit der sogenannten Judenzahlung im Heer, die in den Kriegsschriften nicht kommentiert wurde, einen Höhepunkt."" Im akademischen Feld zeigte er sich u. a. in den Angriffen des Jenenser Neukantianers Bruno Bauch auf seinen Marburger Kollegen Cohen. In einem Artikel in den „Kant-Studien" zog Bauch Cohens Synthese von Deutschtum und Judentum 1917 durch eine Gegenüberstellung von autochthonen und wandernden Völkern grundsätzlich in Zweifel und sprach Ausländem - als solche bezeichnete er auch die jüdischen Deutschen-jedes tiefergehende Verständnis für die deutsche Kultur ab.'^' Zwar mußte Bauch seinen Posten als Herausgeber der „Kant-Gesellschaft" wegen zahlreicher Proteste niederlegen, wurde daraufhin aber in rechtsnationalen Publikationen zum Opfer einer jüdischen Intrige stilisiert, so daß sein Rücktritt einem „Pyrrhussieg" gleichkam.'" Below äußerte Verständnis dafür, daß in Krisenzeiten immer die „Judenfrage"'^^ aufgeworfen werde. Als Grund nannte er den hohen Anteil von Juden in der deutschen Bevölkerung"^ imd ihren politischen Einfluß. Im Juli 1918 stellte er fest, das Judentum beherrsche das Pressewesen sowie SPD und USPD. „Je mehr Juden die Sozialdemokratie eines Landes aufweist, desto weniger national denkt und handelt sie", schrieb er und schloß auf diese Weise die „rote" Internationale der Sozialdemokratie mit der „goldenen" Internationale des Judentums aus der nationalen Gemeinschaft aus.'" Der Straßburger Jurist Erich Jung leitete aus der .Jüdisch-angelsächsischen" Finanzmacht ab, daß die Juden per se antinational seien und verwies auf Rathenau, den eng mit der Reichsleitung zusammenarbeitenden Industriellen, der vielen als Negativbeispiel für den Zusammenhang von Geld-, Presse- und politischer Herrschaft galt."' Heraufbeschworen wurde auch die Gefahr der „schwarzen Internationale" der Katholiken}^^ Zwar war diese für v. Below im Vergleich zur ,^oten" und zur „goldenen" die zur

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Friedländer, Judenfiage, S. 37fF.; Angress, Werner T.: ,X)as deutsche Militär und die Juden im Ersten Weltkrieg", in: MGM 19, 1976, S. 77-146; Jochmann, Antisemitismus in Deutsdiland, S. llOflF.; Picht, Zwischen Vaterland und Volk, S. 745-749. Bauch, Bmno: „Vom Begriff der Nation. Vottrag, gdialten in der Staatswissenschaftlichen Gesellschaft zu Jena", in: Kant-Studien 21,1917, S. 139-162, hier S. 140f, 144f Sieg, Bekointnis, S. 628f Der Pynhussi^ wurde noch deutlidier, als er 1917 zusammen mit don Neoidealisten Max Wundt die ,J)eutsdic Philosophisdie Gesellsdiaft" gründete, die zur Konkuirenz der ,JCant-Gesellschafi" und zum Sammelbecken vöUdscha- und antisemitischer Strömungen waxlen sollte (ebd., S. 629). Dieser Begriff war allerdings nicht nur negativ konnotieit, sondern auch für Juden ein Temiinus zur Benennung eines konkreten soziologischen Minoritäten-.J'roblems", vgl. z. B. den Aufeatz von Arthur Cohen: ,i)ie Judenfrage, ein soziologisches Problem", in: J b O W 42,1918, S. 2,133-147. Below, Treitschkes Sendung, S. 460. Below, Nuntius, S. 480ff. Jung, Parlamentarische Entartung, S. 249f Vgl. auch ders., Geldmächte, S. 305ff., und ders.: ,J>ariamenta· rismus und Königtum", in: Böhme, Aufiufe und Reden, S. 173-178, Ыет S. 175ff Zum Antikatholizismus vgl. Anderson, Margret L: „Windhorsts Erben: Konfessionalität und Intakonfessionalismus im politischen Katholizismus 1890-1918", in: Bedcer, WinfriedMorsey, Rudolf (Hg.): Oiristliche Demokratie in Europa. Köln, Wien 1988, S. 17-37; Lutz, Heinrich: Demokratie im Zwielicht Der

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Zeit „am wenigsten gefilhrliche", aber ihre Aktivität sollte gleichwohl mit Mißtrauen beobachtet werden."' Die zunehmende Integration der Katholiken, symbolisiert durch die Ernennung des Zentrumspolitikers Hertling zum Reichskanzler im Reformationsjahr 1917, wurde von vielen Protestanten mit großer Skepsis betrachtet. Als .Katholik, Zentrumsmann und Süddeutscher""' war er nach Ansicht der Vaterlandsgelehrten nicht ,nationar genug. Die negative Symbolgestalt des katholischen Einflusses in Deutschland war allerdings Erzberger. Sein Name galt den Vaterlandsgelehrten aufgrund seines Eintretens für einen Verständigungsfrieden als Synonym für eine antinationale Politik. Wie im Kulturkampf wurden die Katholiken wieder als Reichsfeinde betrachtet. Das Angebot der Friedensvermittlung durch den Papst vom August 1917 bezeichnete v. Below als Beispiel für die ,^ieimtückische[n] Bestrebungen" des päpstlichen Hofes.'*' Eine Art Resümee der inneren Feinde befmdet sich im Schlußwort des von verschiedenen Gelehrten mitherausgegebenen Sammelbandes über den „Weltkrieg in seiner Einwirkung auf das deutsche Volk": Dort heißt es, zu bekämpfen seien die „Trugbilder internationaler Sozialdemokratie, die Geldbeutel internationaler Börsianer" und die „Verfechter des internationalen Papsttums".'*^ Auch ethnische Minderheiten stellten für die Vaterlandsgelehrten ein staatsfeindliches Potential dar. Vor allem die - katholischen - Polen galten als Gefahr für Deutschland.'*^ Below verwies auf nationalistische Bestrebungen bei Tschechen und Polen, die gezeigt hätten, daß die nationalen Minderheiten in Österreich und Deutschland ein Problem darstellten.'** Gemeinsam mit Schäfer verteidigte er die bisherige restriktive inneφreußische Polenpolitik, der man lediglich vorwerfen könne, „nicht energisch und nicht konsequent genug betrieben" worden zu sein. Nachdrücklich forderte er daher, die Ansiedlungs- und Schulpolitik der Vorkriegszeit beizubehalten.'*' Schäfer griff darüber hinaus die polenfreundliche Politik der Linksparteien an. Es sei „Geschwätz", daß den Polen Unrecht geschehen sei. Der Besitz polnischer Gebiete sei aus Gründen der Selbsterhaltung nötig. Da die Gefahr einer Abspaltung der polnischen Minderheiten drohe, müsse mit der Germanisierungspolitik der Vorkriegszeit noch konsequenter fortgefahren werden.'*® Immer wieder lobten die Vertreter der Vaterlandsgruppe das ihrer Ansicht nach patriotische Verhalten der Alldeutschen, der „wirklichen Mehrheit".'*' Sie agitierten für die Ziele

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Weg der deutschen Katholiken aus don Kaiserreich in die Republik 1914-I92S. München 1963; Hüitai, Die katholische Kirche, S. 725-735. Below, Nuntius, S. 478,482. Liebig, Hertling, S. 139. Plenge, Revolutionicnmg, S. X; ders., Gdxut, S. 50. Vgl. audi Liebig, Hertling, S. 136; Below, Vaterlands-Partei, S. 15. Below, Nuntius, S. 478,482. Das Schlußwort wurde von Max Schwarte verMt, in: ders., Einwirkung, S. 479. Schäfer, Polenfiage,S.l. Below, Nationalstaat, S. 20. Below, Treitschkes Sendung, S. 468f. Vgl. auch ders., Nationalstaat, S. 54f ; ders., Reform, S. 95. Schäfer, Polenfrage, S. I£ Vgl. auch ders., Volk und Staat, S. 314fF. Liebig, Hertling, S. 138.

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der Vaterlandspartei'^' und verurteilten die „Hetze" der Mehrheitsparteien sowie ihrer akademischen Anhänger gegen die Alldeutschen.'*' Dem Vorwurf, daß es den Konservativen nur um Machterhalt gehe, entgegneten Vaterlandsgelehrte mit der Replik, ihren Kritikern gehe es ebenfalls nur um Macht.''® Alldeutsche Politik entspringe jedoch „starken nationalen Motiven" (v. Below), und eine Politik im nationalen Interesse sei immer rechtens. Indem sie die Vaterlandspartei in ihrem Kampf gegen die „entnervende Flaumacherei" unterstützten, grenzten sich die Vertreter der Vaterlandsgruppe gegen die Volksbundgelehrten ab, die aus ihrer Sicht ein haltloses „Wehgeschrei" gegen die sogenannten „,Annexionisten' und .Überannexionisten"' anstimmten.''' Troeltschs Darstellung der Ziele des Volksbundes in seiner im Januar 1918 gehaltenen Rede über „Freiheit und Vaterland" löste heftige Angriffe aus, die sich zugleich gegen die unabhängigen Sozialdemokraten, die katholische Kirche, den Papst und das Zentrum sowie gegen liberale Kreise richteten.''^ Der innere Feind reichte in den Augen der Vaterlandsgelehrten von den Sozialdemokraten und Juden über die Katholiken bis zu den Anhängern des Volksbundes. „ Gegen die Vaterlandspartei " - Der Feind steht rechts Die Gelehrten der Volksbundgruppe lehnten die radikalnationalistische Agitation der konservativen und alldeutschen Kreise sowie des Unabhängigen Ausschusses und der Vaterlandspartei ab. In dem Aufiiif „Gegen die Vaterlandspartei" vom Oktober 1917 wandten sich zahlreiche Heidelberger Professoren gegen die „Gründung und Propaganda" der neuen Partei, welche sie als „Gefahr" für die „trotz der gegenwärtigen Streitigkeiten" seit dem 4. August 1914 bestehende „Einheit" des deutsche Volkes bezeichneten. Sie kritisierten die „Wiederbelebung alter unheilvoller Kampfinethoden" der Vorkriegszeit und insbesondere die „Anmaßung" der „sogenannten .Deutschen Vaterlandspartei'", angeblich alle vaterländisch gesinnten Deutschen zu vertreten. Es sei illegitim, die „vaterländische Gesiimung" „nach dem Maßstab des Anschlusses an die D.V.P. zu bemessen". Gegen das von der Vaterlandspartei beanspruchte Monopol patriotischer Gesinnung schrieben sie in Anlehnung an die Beschwörungsformel des Kaisers: „Wir kennen keine ,Vaterlandspartei', sondern nur ein allen Parteien gemeinsames Vaterland".''^ Scharf äußerte sich Max Weber im Herbst 1917 gegenüber der „gewissenlosen Agitation einer Hand voll politischer Narren", die durch „frivole Angriffe auf den Reichstag" ihren „völligen Mangel an Augenmaß" beweise. 1917 und 1918 veröffentlichte Martin Hobohm, Privatdozent für Geschichte an der Berliner Universität und ein Schüler Delbrücks, in den von ihm herausgegebenen Flugblättern der „Deutschen Korrespondenz" einen „Aufruf an die Leser, die ,Aufklärungsarbeit" gegen die 148 Das Deutsche Volk und der Friedai. Dreißig Stimmen über die Ziele der Deutschen Vaterlandspaitei. Ge149 150 152 153 154

neraloberst von Kluck, Großadmiral von Koerster, Professor von Wilamowitz-MoellendoifÇ Graf Westaφ u. a Berlin 1918. Below, Nationalstaat, S. 36,42. Vgl. auch das., Vaterlands-Paitei, S. 3. Schäfer, Polenflage, S. 2. Below, Treitschkes Sendung, S. 458; deis., Vaterlands-Paitei, S. 3,6f., 13f Volkelt, Hans: Demobilisierung der Geister? Eine Auseinandersetzung vomehmlich mit &nst Troeltsch. München 1918. Gegen die Vaterlandspartei, S. 18Sf Weber, M., Die siebente Kriegsanleihe, S. 141f

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mit „ungeheuren Mitteln arbeitende Propaganda des Chauvinismus" durch Spenden zu unterstützen.'^^ Auch in den Denkschriften der Volksbundgruppe wurden die „frivolen Träume politisch blinder Alldeutscher" (v. Hamack) kritisiert, die „lediglich durch die Faust den Erdball bezwingen" wollten und schnellstens „verscheucht werden" müßten.'^® In zahlreichen Einzelschriften wurde die Agitation der Alldeutschen, der Konservativen sowie der Vaterlandspartei ebenfalls scharf zurückgewiesen. Aufgrund der engen Verflechtungen zwischen den drei Gruppen wurde zwischen ihnen nicht immer unterschieden. Die Vaterlandspartei galt als Synonym filr den innenpolitischen Gegner. Sich gegen die Usurpierung des Begriffs „Vaterland" wendend, bezeichnete Max Weber die Gründung der Vaterlandspartei als blanke „Demagogie".'" Die Volksbundgelehrten lasteten der neuen „Kampfpartei"''* die Zerstörung der inneren Einigkeit an. Ihr „blinder Eifer" sorge daftlr, daß die Deutschen „wieder die verhängnisvolle Zweiteilung aufgedrängt" bekämen: „hie Vaterland, dort Vaterlandslose"."' Zwar billigten die Volksbundgelehrten den Mitgliedern der Vaterlandspartei „echte Vaterlandsliebe""" zu, aber ihre Agitation habe das deutsche Ansehen beschädigt und die Demagogie der Alldeutschen letztlich den Kriegseintritt der USA befördert.'" In der Kriegszielagitation sahen sie das Haupthindernis fllr einen angemessenen Frieden, der nur „gegen" die Alldeutschen geschlossen werden konnte.'®^ Frei von Polemik war die Argumentation der Volksbundgelehrten nicht. So schrieb Meinecke, die „Infizierung der gebildeten Schichten" mit dem „alldeutschen Geist" überlagere deren realpolitisches Bewußtsein. Es gelte daher, das geistige Alldeutschtum „auszuschwefeln".'" Als es Anfang 1918 in den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk konkret um die Frage ging, ob sich in der deutschen Politik die Kräfte des Machtfriedens oder die Beftirworter eines Verständigungsfriedens durchsetzten, wandte sich Troeltsch gegen die Regierungskritik der Vaterlandspartei: Sie repräsentiere die „überzeugungs- und glaubenslosen Gewaltpolitik" und drohe die deutsche Politik durch „maßlose Forderungen" zu unterminieren. Weil sich immer deutlicher zeige, „daß der Krieg rein militärisch nicht beendet werden" könne, kom155 Hobohm, Martin: .Aufiuf, in: Delbrück, Reichstagsrcsolution, S. 2. 156 Hamack, Adolf von: ,J^riedensaufgaben und Friedensarbeit Eine DenkschriA, im Sommer 1916 dem Reichskanzlo- auf Ersuchen eingeneichl", in: Nowak 2, S. 1491-1509, hier S. 1508; ders.: ,X>as Gebot der Stunde. Eine Denkschrift im Juni 1917 dem Reichskanzler eingaeicht", in: Nowak 2, S. 1510-1514, hier S. 1513. 157 Durch den Namen der Partei sei das „Vaterland" zu einer „demagogischen Parteifirma" herabgewürdigt woixlen. Weber, Max: „Vaterland und Vaterlandspartei", in: MWS V15, S. 143-145, hier S. 143£Ε; ders.: „Gegen die alldeutsche Gefahr", in: MWS 1/15, S. 348-350, hier S. 349. Rade, Politische Extravaganzen, S. 844. 159 Ebd. Vgl. auch Delbrück, Brest-Litowsk, S. 294f ; ders., Deutscher Friede, S. 201,208f ; ders., Wider den Юeinglauben, S. 5. 160 Rade, Politische Extravaganzen, S. 844. Vgl. auch Delbrück, Wider den Kleinglauben, S. 15. 161 Delbrück, Brest-Litowsk, S. 294f Vgl. auch Baumgarten, Otto: Das Echo der alldeutschen Bewegung in Amerika. Jena 1917; Oncken, Mitteleuropa, S. 55£; Goetz, Kriegsursachen, S. 4; Weber, Kanzlerkrisis, S. 133; ders., Deutschland unter den Weltmächten, S. 64ff. Delbrück, Wider den Kleinglauben, S. 5. Vgl. auch ders., Deutscher Friede, S. 208f, Meinecke, Staatskunst und Leidenschaften, S. 69; ders., Kriegsziele, S. 186; Weber, M., Deutschland unter den Westmächten, S. 66. 163 Meinecke, Demobilmachung, S. 197f.

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me es auf die Gestaltung der „richtigen Politik" an. Das „Gerede von Schwäche" erschwere eine solche ebenso'" wie die Verleumdung der Vertreter eines Verständigungsfriedens als „Schwächlinge".'" Neben der Vaterlandspartei sahen die Volksbundgelehrten die Kriegsgewinnler als inneren Feind an. Dieser Ausdruck bezeichnete in erster Linie die Profiteure der Großindustrie, die ihre Gewinne nicht versteuern mußten. Hamack beklagte schon im Sommer 1916, daß „Wucherei", „Hamsterei" und,jUcksichtslose[s] Verdienen" für einen Mißstand sorgten, der dem „Geiste des August 1914" widerspreche.'®® Auch Meinecke blickte „mit emster Sorge" auf das Verhalten „rechnende[r] Geschäftsmänner". Anschütz stellte im Frühjahr 1917 fest, die „Gier nach Kriegsgewinn" habe „eine dicke soziale Schicht übelsten Händlertums" hervorgebracht, „die sich an der Not des Vaterlandes und dem Hunger der Massen bereichert" habe.'®' In der Anfang 1917 von den preußischen Konservativen ins Abgeordnetenhaus eingebrachten Gesetzesvorlage zur Zulassung neuer Fideikommißgründungen erblickte Max Weber eine unvertretbare „Nobilitierung von Kriegsgewinnen".'®* Es drohe nicht nur die Vergrößerung der „Macht des Großkapitals" (Goetz), sondern auch des Einflusses der „reichgewordenen Kriegsparvenüs" (Weber).'®' Diese Kritik war berechtigt. Während sich der Lebensstandard der unteren und mittleren Schichten drastisch verschlechterte, stiegen die Kriegsgewinne der Industrie exorbitant, so daß der Verzicht auf eine Besteuerung dieser Gewinne eine „eklatante Verletzung der Verteilungsgerechtigkeit" bedeutete.'™ Vor diesem Hintergrund wirkten die Kriegszielforderungen keineswegs einigend, wie die Vaterlandsgelehrten behaupteten, sondern weckten vielmehr das Mißtrauen, daß die Besitzenden nach noch größerem Kriegsgewinn strebten, wie Troeltsch es im Mai 1918 ausdrückte.''' Auch die radikalen Sozialdemokraten wurden von den Volksbundgelehrten kritisiert. Bereits im Sommer 1916 stellte Mareks fest, „der verständnislose Fanatismus des linken Flügels der Sozialdemokraten grollt hier und da in der Tiefe"; „er ist uns feind geblieben, das darf man niemals vergessen". Im Gegensatz zur Vaterlandsgruppe unterschieden die Volksbundgelehrten jedoch zwischen der radikalen Minderheit und der staatstreuen Mehrheit: Die große Mehrzahl der Arbeiterschaft, der SPD und der Gewerkschaften stand ihrer Meinung nach trotz vieler Entbehrungen tapfer auf dem „Boden dieses Lebenskampfes".Die Hauptkritik der Volksbundgruppe gah den konservativen Reformgegnern in der Bevölkerung. Ein Bündnis von Großindustrie und kapitalistischen Kreisen mit dem Konservatismus suche, jede Art von Neuorientierung" zu verhindern. Sie agierten skrupellos als „Sachwalter 164 165 166 167

Troeltsch, Freiheit und Vaterland, S. 210,213-218. Troeltsch, Anklagen aufDe&itismuss S. 662-665. Hamack, Schwelle, S. 1477,1483f. Vgl. auch Brentano, Systan, S. 42-48,82. Anschütz, Wahlrcfomi, S. 279. Vgl. auch Meinecke, Probleme des W e l t k r i ^ S. 38f. 16« Weber, M., Deutschlands äußere und Preußens innere Politik, S. 84. 169 Goetz, Gnmdlagen der inneren Politik, S. 620; Max: ,JEin Wahlicchtsnotgesetz des Reichs", in: MWS 1/15, S. 90-93, hier S. 91. Vgl. auch ders.: „Wahlrecht und Demokratie in Deutsdiland", in: MWS 1/15, S. 155-189,156. 170 Wehler, Der erste Totale Krieg, S. 129. Vgl. auch Kocka, Klassengesellschaft und Krieg, S. 12flf.u.2lflf. 171 Troeltsch, Anklagen auf Defeitismus, S. 665-668. Mareks, Schwelle, S. 7f Vgl. auch Hintze, Denrakratisierung, S. 454; Goetz, Gnmdlagen der inneren Politik, S. 612f.; Meinecke, Neuorientierung, S. 183ff.

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der eigenen Interessen" und versuchten mit dem vorgeschobenen Argument, daß der Burgfrieden einzuhalten und die angeblich schädliche Reformdiskussion während des Krieges zu stoppen sei, jegliche Reformen zu verhindern.'" Vehement wandte sich Max Weber daher gegen Versuche konservativer Kreise, den deutschen „Existenzkampf umzufälschen" in einen Kampf für den Erhalt einer bürokratisch-obrigkeitlichen Staatsstruktur. Schulze-Gävernitz forderte die Vaterlandspartei auf, Entgegenkommen in bezug auf die Wahlreform zu zeigen, damit die „innere Kluft" geschlossen werden könne. Der Burgfrieden war nach Ansicht von Oppenheimer nicht durch Juden, Sozialisten oder Demokraten gebrochen worden, sondern durch diejenigen, „deren Privilegien vor dem Geiste des Burgfriedens nicht Bestand haben konnten, wenn er der Geist des neuen Deutschlands" werden würde.'" Die Volksbundgelehrten mahnten die Konservativen, die Reformen als zwar unangenehm, aber unabwendbar anzusehen, wie es weitsichtige unter ihnen auch täten."® Andernfalls müßte der Reichskanzler „den Kampf nach innen" aufiiehmen, und, so ihre geradezu klassenkämpferische Drohung, die Reformen gegen die „zähen reaktionären Mächte" (Delbrück) oder den „reaktionären Widerstand" der „feudal-kapitalistischen Klassenkoalition" (Anschütz) durchsetzen.'^^ Anschütz gebrauchte die Bezeichnung „innerer Feind" für die Konservativen im Sommer 1917 explizit: „Diesen inneren Feind niederzuwerfen", schrieb er, „dazu verhelfe uns die preußische Wahlrechtsreform!"."* Damit machten die Volksbundgelehrten die ,Дechtsopposition" (Schwabe) der konservativen und alldeutschen Kreise zu Staatsfeinden von rechts. Sei es nun so weit, fragte Delbrück, „daß der Monarchie die Gefahr von der anderen Seite droht?" Wenn dem so sei, müsse die Krone hart durchgreifen.Im Kampf um die innenpolitische Zukunft rieten die Volksbundgelehrten zu einem „Bündnis zwischen Krone und Volk" bzw. Krone und Reichstagsmehrheit. Diejenigen, die den Staat mit ihrem Widerstand gegen die Reformen zu schützen behaupteten, „schädigen ihn in Wahrheit".'*' Die „alldeutschen Verdächtigungen und Schlagworte" untergrüben zudem das Vertrauen des Volkes in die Regierung und die Krone. Sie entlarvten sich daher als die wahren Schädiger der Monarchie."^ Viele Volksbundgelehrte warnten nicht zuletzt vor einem zu großen Einfluß der OHL auf die Politik. Das Argument größerer Fachkenntnis der Militärs wies Delbrück unter Hinweis auf den U-Bootkrieg zurück, dessen Erfolge weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Bei den Friedensverhandlungen müßten zwar die Militärs gehört werden, die Entscheidung aber bei den Staatsmännern liegen.'*' Das galt nach Ansicht der Volksbundgelehrten erst recht 173 174 175 176

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Anschütz, Wahlrcfomi, S. 292. Vgl. auch Meinecke, Refomti, S. 152. Weber, M., Kanzleikrisis, S. 134; Schulze-Gävernitz, Freiheitsfrieden, S. 223. Oppenheimer, Franz: ,^itisemitismus", in: NJMhh Π, 10.10.1917, S. 5. Schulze-Gävemitz, Freiheitsfiieden, S. 222. Delbrück, Wider den Kleinglauben, S. 5; ders.: ,J)er Stand der jreußischen Wahlrefomi", in: PrJbb 172, 1918, H. 3, S. 434-439, hier S. 444; Anschütz, Wahlrefomn, S. 298flF.; Vgl. auch Meinecke, Ostebotschafl, S. 175flF. Anschütz, Wahlrefomi, S. 300f Delbrück, Wahlrcform - Monarchie, S. 288ff Anschütz, Wahlreform, S. 300. Vgl. auch Meinecke, Osteihotschaft, S. 177. Goetz, Grundlagen der inneren Reform, S. 616; ders., Vorwort, S. III. Delbrück, Neuorientiening, S. 361f Delbrück, Wahlreform - Monarchie, S. 288f

202

Polarisicrung der Kriegsgesellschaft: Radikalisierung der Ordnungsideen 1916 bis 1918

für die Innenpolitik. Gegen Bestrebimgen der OHL, die Reichspolitik direkt - d. h. durch eine Militärdiktatur - oder indirekt leiten zu wollen,'" rieten sie dem Reichskanzler, sich auf die verständigungs- und reformbereite Reichstagsmehrheit zu stützen, da „keine Regierung" eine Politik gegen die Mehrheitsparteien durchhalten, aber mit ihr alles durchsetzen könne."' Was die Volksbundgelehrten forderten, war der Primat der Politik über das Militär.'*' Wenn die Vermutung stimme, so Meinecke, daß „auch militärische Stellen" über die Umsetzung der Reformen mitbestimmten, wäre „eine sehr bedenkliche Situation" eingetreten. Das „Vertrauen" des Volkes in die „von allen Gewalten respektierte Unabhängigkeit der politischen Reichsleitung" sei die Conditio sine qua non jeder erfolgreichen Politik.'*' Die Schärfe, mit der die Vertreter der Vaterlands- und der Volksbundgruppe in der zweiten Kriegshälfte um das Deutungsmonopol kämpften, verdeutlicht die tiefe Spaltung des akademischen Feldes. Exemplarisch zeigt die im Frühjahr 1918 ausgetragene Kontroverse zwischen den Hauptvertretem der Gelehrtengruppen, Delbrück und v. Below, die Radikalisierung und die emotionale Zuspitzung der kriegspublizistischen Auseinandersetzung.

5.2.2

Die Delbrück-v.-Below-Kontroverse

Vor dem Hintergrund der Diskussion um die Gestaltung des Ostfriedens in Brest-Litowsk löste eine gegen die Agitation der Vaterlandspartei gerichtete Schrift Delbrücks Anfang 1918 eine Kontroverse zwischen ihm und seinem Kollegen v. Below aus, die bis zum Sommer in verschiedenen Schriften sowie den „Preußischen Jahrbüchern" ausgetragen wurde. Delbrück bezeichnete die Vaterlandspartei als Ausdruck der Spaltung, die das deutsche Volk jenseits traditioneller Parteigrenzen durchziehe. Er zeigte die Widersprüchlichkeit der Vaterlandspartei auf: Sie sei Partei und wolle doch über den Parteien stehen. Sie argumentiere patriotisch, handele aber antinational. Sie propagiere die nationale Einheit und verschärfe durch ihre Agitation die inneren Spannungen. Die Vaterlandspartei betreibe eine fimdamentale „Opposition" und stifte auf diese Weise Unfrieden und Mißtrauen. Wer aber an die Kraft Deutschlands glaube, brauche nicht „ängstlich" auf alldeutschen Kriegszielen, d. h. „äußeren Machtpositionen" zu beharren. Das sei, so Delbrücks Provokation, Ausdruck des Kleinglaubens, den die Vaterlandspartei verköφere."' Below, Vorstandsmitglied des Alldeutschen Verbandes und Mitglied des engeren Ausschusses der Deutschen Vaterlandspartei, antwortete in den „Schriften der Deutschen Vaterlandspartei" und betonte, seine Partei wolle „alle Deutschen im Siegeswillen einigen". Daher bekämpfe sie die Reichstagsmehrheit, die „grundsätzlich die Verwertung des Sieges ablehnf, indem sie einen „Verzichtfrieden" fordere.'*' Scharf griff v. Below auch Delbrück persönlich an, der „eifert" und IM Ebd., S. 287fiF. Vgl. Rade, Politische Extravaganzen, S. 842. Delbrück, Wido- den Kleinglauben, S. 3-5. Hinter der Reichstagsmehrfieit stünden ca. 10 Millionen Stimmen, während die Alldeutschen und die Vaierlandspaitei mit nur etwa 1.327.000 Wählern eine ,^Iinorität", wenn auch eine „nicht unetiiebliche", darstellten. 186 Schulze-Gävernitz, S. 219; Weber, M., Parlament und Regienmg, S. 296. 1«7 Meinecke, Zwei Systeme, S. 234f 188 Delbrück, Wider den Юeinglauben, S. 3-5,7,15,22f. 189 Below, Vaterlands-Partei, S. 3,6,15.

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sich nicht „entblödet", der Vaterlandspartei die Verfolgung eigener Interessen zu unterstellen. Das auch in akademischen Kreisen verbreitete „System der Flaumacherei" veranschaulichte er anhand einer Aussage seines Freiburger Kollegen v. Schulze-Gävernitz, der in Offiziersuniform auf einer öffentlichen Versammlung die Vaterlandspartei in ähnlicher Weise wie Delbrück angegriffen und gesagt habe: „,Die Arbeiterorganisationen sind heute in der Lage, in 14 Tagen die hohen strategischen Talente Hindenburgs und Ludendorffs glattweg lahmzulegen.'" Diese Äußerung hieh v. Below für geeignet, die „Siegesstimmung" systematisch zu „untergraben". Schulze-Gävernitz sei aufgrund seiner Äußerung als „Verbrecher und Landesverräter*' bezeichnet worden - sei das, fragte von Below rhetorisch, „eine unzutreffende Bezeichnung?""" Delbrück antwortete im Aprilheft seiner „Preußischen Jahrbücher". Belows Reaktion zeige, daß die Vateriandspartei „gedanklich" auf sehr „schwachen Füßen" stehe. Es sei bemerkenswert, daß V. Below als „Vorkämpfer" der Vateriandspartei agiere, denn er sei „nicht ein Beliebiger", sondern ein „gewandter Polemiker" und ein „angesehener Gelehrter". Die Vateriandspartei, so Delbrück ironisch, „konnte keinen besseren gegen mich vorschicken.""' Er hielt es für befremdlich, daß v. Below es hinnähme, wenn sein Kollege Schulze-Gävernitz als „, Verbrecher und Landesverräter'" beschimpft werde, und schrieb mit Blick auf die politischen Forderungen der Alldeutschen voller Sarkasmus: „[W]enn der Patriotismus der Vaterlandspartei ebenso gering wäre wie ihre politische Einsicht, wäre Karl Liebknecht im Vergleich zu ihr Patriot". Auf diese Replik Delbrücks reagierte v. Below im Maiheft der „Preußischen Jahrbücher", in dem er u. a. seine Frage erneuerte, ob Delbrück in bezug auf die Äußerung des Kollegen v. Schulze-Gävernitz die „Prädikate", mit denen jener belegt worden sei, „für unzutreffend halten würde"."' Im Anschluß an v. Belows Stellungnahme ist Delbrücks Antwort zu lesen: Entsetzt über die Ausfälle des Freiburger Ordinarius stellte Delbrück fest, daß v. Below mit der „Beschimpfung" des Kollegen v. Schulze-Gävernitz einverstanden sei imd diese noch steigere, indem er frage, ob er, Delbrück, nicht ebenfalls zustimme. Dagegen verwahrte sich Delbrück. Der von v. Below monierte Satz des Kollegen V. Schulze-Gävernitz, schrieb er, sei nichts als eine „Umformung des bekannten sozialdemokratischen Verses: ,AIle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will' - gegen die man protestieren mag, die man aber nicht mit ehrenkränkenden Ausdrücken zu beklagen braucht". Das Zitat, so Delbrück weiter, sei aber auch positiv zu deuten: „Ihr habt die Macht, aber Euer Patriotismus ist groß genug, sie nicht anzuwenden". Im Juniheft der „Preußischen Jahrbücher" wies Delbrück v. Belows Versuche zurück, ihn „zu einem Pazifisten zu stempeln", der er „keineswegs" sei. Die zahllosen Unterstellungen und falschen Behauptungen v. Belows offenbarten aus seiner Sicht eine „Gewissenlosigkeit","^ die der nationalkonservative Mediävist bereits im Fall des jungen Freiburger Hi190 191 192 193 194

Ebd., S.6-9,14f. Delbrilck, Prof. v. Below als Vorkämpfer, S. 126« Ebd., S. 127f Below, Berichtigung, S. 279-281. Delbrilck, Antwort, S. 281f; Zitate ebd. Dann fügte Delbrilck hinzu, daß Belows Steliungsnahme zum einen aus Kollegialität abgednickt wurde, zum anderen aber deshalb, weil Below mit ihr seiner Partei eine neue Niederiage bereitet habe. 19S Delbrilck, Charakteristik, S. 434-436.

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Polarisierung der Kriegsgesellsciiañ: Radikalisierung der Ordnungsideen 1916 bis 1918

storikers Valentin gezeigt habe. Aufgrund von v. Belows Intervention war Valentin, nachdem er einem alldeutschen Autor Demagogie und Geschichtsfälschung bei der Rekonstruktion der Vorgeschichte des Weltkrieges unterstellt h a t t e / " im Herbst 1916 die venia legendi entzogen worden.'" In Anspielung auf diesen Vorfall folgerte Delbrück: Da Valentin vor eineinhalb Jahren wegen publizistischer „Unkorrektheiten" auf seine venia legendi habe verzichten müssen, sich v. Below aber viel Schlimmeres leiste, sollte man „Herrn Professor Valentin seine venia jetzt zurückgeben"."* Seinen Briefwechsel mit v. Below veröffentlichte Delbrück im Anschluß an diesen Aufsatz"® zusammen mit einem Schlußwort, in dem er für diejenigen, die glaubten, er habe v. Below „gar zu hart angefaßt", noch einmal dessen Vorwurf der „bewußten Flaumacherei" sowie die Ausdrücke aufzählte, mit denen v. Below akademische Kollegen und politische Gegner überzogen hatte: ,„Verbrecher, Landesverräter, Denunziant'".^"" Die Kontroverse zwischen beiden Gelehrten, die z. T. auch in der Presse ausgetragen wurde, demonstrierte die tiefe Spaltung des akademischen Feldes und die Schärfe der Auseinandersetzung. Sie stellte den Tiefpunkt der intellektuellen kriegspolitischen Auseinandersetzung dar. Da es unter diesen Bedingungen kaum möglich war, ein einheitliches nationales Selbstbild zu entwickeln, versuchten die Gelehrten beider Gruppen verstärkt, es im Kontrast zu den äußeren Feinden herauszubilden.

5.3 Negative Traditionserfindung: Einmischungen von außen 5.3.1

1648

Während die Gelehrten das Selbstbild der Deutschen vor allem über positiv konnotierte historische Persönlichkeiten zu konstruieren suchten, rekurrierten sie in bezug auf das Feindbild auf negative historische Ereignisse, die eine fortwährende Einmischung fremder Staaten und Mächte in die Geschicke Deutschlands symbolisierten. Demgegenüber verlor die Gegenüberstellung von 1789 und 1914 in der zweiten Kriegshälfte an Zugkraft. Die zuneh196

198

Valentin, Veit: Graf Reventlow als Geschichtssdireiber. Sonderdnick aus den Preußischen Jahibüdiem, mit der Antwort des Grafen Reventlow und einem SchlußwMt Berlin 1916, S. 13. Schleier, Valentin, S. 336-340; Bauer, Richard H: „Veit Valentin. 1885-1947', in: Halperin, William S. (Hg.): Some 20"^-Centuiy Historians. E s s ^ on eminent Europeans. Chicago, London 1968, S. 103-141, hier S. 114flF.; Fehrcnbach, Elisabeöi: „Veit Valentin", in: Wehler, Deutsdie Historika· 1, S. 69-85, hier S. 74. Vgl. auch Delbrück, Hans: ,JvIotiz in der politischen Konesponden2f', in: PrJbb 172, H. 3, 1918, S.437; ders., , Д е Freibui^er Fakultät m dem Streit v. Below - Valentin", in: ebd., 173, H. 1, 1918, S. 116fi: Delbrück, Charakteristik, S. 437. Vgl. auch ders., Notiz, und ders., Below - Valentin. Delbrück, Charakteristik, S. 438f Am 15. April 1918 schrieb Below an Delbrück, daß er es jetzt als seine Pflicht ansehe, „Ihre politische Stellung zu bekämpfen". In seiner Antwort vom 22. April forderte Delbrück von Below auÇ sich künftig beleidigender Äußerungen zu enthalten (ebd.). Delbrück, Charakteristik, S. 439.

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205

mende Zerrüttung im Innern und die schwierige Kriegslage ließen eine andere Jahreszahl zum negativen Bezugspunkt werden: 1648. Als gesamteuropäischer Krieg bis dahin unbekannten Ausmaßes schien der Dreißigjährige Krieg die geeignete historische Parallele zum aktuellen Krieg zu sein, der spätestens seit dem Kriegseintritt der USA allgemein als Weltkrieg wahrgenommen wurde. Volksbund- wie Vaterlandsgruppe erblickten im Westfälischen Frieden von 1648 den Höhepunkt der internationalen Unterjochung Deutschlands.^"' Mit dieser Deutung konnten die Gelehrten an die seit Mitte des 19. Jahrhunderts vorherrschende ablehnende Sicht der Friedensverträge von Münster und Osnabrück anknüpfen, die schon Treitschke als nationale Katastrophe bezeichnet hatte.^"^ Andere historische Ereignisse wie der Wiener Frieden von 1815 - für die Vateriandsgelehrten das Beispiel schlechthin für die Beendigung eines siegreichen Krieges „durch einen verfehlten Frieden" (Haller) sowie die Kriege Ludwigs XIV. und Napoleons traten demgegenüber in der historischen Erinnerung zurück.^"^ Konfessionsübergreifend mahnten die Gelehrten die Deutschen mit dem Hinweis auf „1648" zusammenzuhalten und sich geschlossen zu verteidigen. Sei es doch die innere auch konfessionelle - Zerrissenheit gewesen, die im Dreißigjährigen Krieg dazu geführt habe, so der katholische Breslauer Theologe Joseph Pohle, daß Deutschland „die leichte Beute fremder Eroberer und Kriegshorden"^"^ und, so Troeltsch, zur „Entschädigungsmasse" sowie zum „Ausbeutungsgegenstand der Westmächte" geworden Ausgehend von der Annahme, daß solch .„schauderhafte Zustände"'^°®dem Reich bei einem Sieg der Feinde wieder drohten, behaupteten die Gelehrten, daß die Entente die „Wiedererhebung"^"^ Deutschlands, d. h. die geschichtliche Entwicklung des Reichs vom Dreißigjährigen Krieg bis zum 20. Jahrhundert, wieder rückgängig machen wollte, gehe es ihr doch darum, „die Ernte von 1648 endgültig einzufahren".^"* Die Tatsache, daß beide Gelehrtengruppen die Drohkulisse „1648" nutzten, verdeutlicht einerseits, wie sehr der Dreißigjährige Krieg als nationales Trauma galt und als solches historische Reflexionen bestimmte. Andererseits verbanden beide Gelehrtengruppen mit dem geschichtlichen Bezug unterschiedliche Interessen. Während es den Volksbundgelehrten vornehmlich um die Stäricung des Durchhaltewillens ging, galt der Westfälische Friede den Vaterlandsgelehrten als Beweis für die immer schon gehegten Vernichtungsabsichten der Feinde, mit denen deshalb keine Verständigung 201

202

203

So äußerten sich u. a Oncken, Schwelle, S. 15f.; Erich Mareks, Schwelle, S. 5; Haller, Bismarcks Friedensschlüsse, S. 8ff.; Liszt, Völkergemeinschaft, S. 11; Oncken, Mitteleuropa, S. 4, 92; Holl, Die Bedeutung der großen Kriege, S. 303flf., 345f.; ders.: ,i)ie Einwiikung des dreißigjährigen Krieges auf die Frömmigkeit des Volkes" (Vortragszusammenfässung), in: Füllkiug, Lehiiang, S. 39-41, hier S. 39£; Hucken, Fordemngen, S. 5; Schücking, Die völkenechtliche Ldire, S. 11; Plenge, Geburt, S. 31. Gantet, Ciaire: ,J)er Westfälische Frieden", in: François/Schulze, Erinnenmgsorte Bd. 1, S. 86-104, hier S.97flF.

Haller. Bismarcks Friedensschlüsse, S. 7; Meinecke Probleme, S. 35f.; ders., Rhythmus. S. 137; ders., Staatskunst und Leidenschaften, S. 65; Mareks, Schwelle. S. 5; Below. Militarismus und Kultur, S. 67; Eucken, Forderungen, S. 5. 204 Pohle, Friede unter den Konfessionen, S. 194f Vgl. auch Jung, Pariamentarische Entartung, S. 239flF. 205 Troeltsch, Anstumi, S. 85,96. 206 Pohle. Friede unter den Konfessionen, S. 194. 207 Troeltsch, Wesen des Krieges, S. 19. 208 Jun^ Psrlsinöitorisdic Entsrtun^ S 240

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Polarisierung der Kriegsgeselischaft: Radikalisierung der Ordnungsideen 1916 bis 1918

möglich sei. Der Wandel der Kontextbedingungen 1Ши1е in der zweiten Kriegshälfte jedoch nicht nur zu einer Verlagerung der historischen Bezugspunkte, sondern hatte auch Auswirkungen auf die Distinktion von den Feinden.

5.3.2

Die Staatsordnimgen der Feinde Die Abgrenzung von Westeuropa

Durch den Kriegseintritt Amerikas und die russischen Revolutionen 1917 sowie durch das Ausscheiden Rußlands aus den Kampfhandlungen im Frühjahr 1918 stellten vor allem die Westmächte den Gegner. Die Gelehrten beider Gruppen versuchten daher auch in der zweiten Kriegshälfte, ein einheitliches Feindbild zu konstruieren und einen Hauptfeind zu identifizieren. Dabei wandelte sich ihre Charakterisierung der Feindstaaten und -Völker. Während sich an der klischeehaften negativen Darstellung des „Wesens" der Franzosen, Belgier, Engländer und Russen nichts änderte, rückten seit 1916 zunehmend die Staats- und Gesellschaftsformen der Kriegsgegner in den Mittelpunkt einer komparativen Feindbildkonstruktion. Dieser Wandel korrespondierte mit der Verlagerung der Selbstbilddefmition von der Betonung deutschen Nationaltugenden auf die Rechtfertigung der deutschen Staatsform durch den politischen Sonderweg Deutschlands. Er war eine Reaktion auf die seit 1917 aggressivere alliierte Freiheitspropaganda sowie eine Folge der innenpolitischen Reformdiskussion in Deutschland. Frankreich galt nach wie vor als das einzige kulturell ebenbürtige Land, wenngleich die Franzosen mit Begriffen wie oberflächlich, eitel, dekadent und phrasenhaft belegt wurden.^"® Eine Wiederaufiiahme der Beziehungen nach dem Kriege war ftlr Brentano nicht nur vorstellbar, sondern auch wünschenswert, weil es keine unüberbrückbaren Gegensätze gebe und die Deutschen keinen Haß empfänden.^'" Ein gutes Verhältnis zu den Franzosen war auch nach Ansicht Schäfers grundsätzlich denkbar, aber da Frankreich sich seit jeher auf Kosten Deutschlands vergrößern wollte und seit 1871 „unversöhnlich" und „von Haß und Rachedurst" erfüllt sei, sprach der prominente Historiker Anfang 1918 wieder vom „Erbfeind".^" Damit gebrauchte er einen Begriff, der in der Vorkriegszeit, nicht jedoch in ersten Kriegshälfte eine Rolle gespielt hatte und nach Kriegsende zu einem zentralen Kampfbegriff werden sollte. Vor dem Hintergrund der Reformdiskussion rückte die französische Staatsverfassung ins Blickfeld beider Gelehrtengruppen. Das politische System Frankreichs woirde vor allem von den Vaterlandsgelehrten scharf kritisiert, die eine Reform nach westlichem Muster ablehnten. Der französische Staat galt ihnen durch die „Kämpfe ehrgeiziger Partei-

210

Weber, M, Schwelle, S. 490fiF., 506; Oncken, Schwelle, S. 3; ders., Mitteleuropa, S. 91; Troeltsch, Anstuim, S. 102; Seebetg, Östliche und westliche Kultur, S. 772flF., 779; Scheler, Krieg und Aufbau, S. 76ffi; ders., Ursachen des Deutschenhasses, S. 305, 314, 352; Sering, Gesellschaftsver&ssung, S. 47; Brentano, Schlachtrut S. 7; Delbrück, Pazifismus, S. 184fif. Vgl. auch Heuß, Krieg und Verfessung, S. 242; Hintze, Imperialismus, S. 128,143; Gierke, Friedensziele, S. 15. Brentano, Schlachtrai S. 17fif. Vgl. auch Scheler, Krieg und Aulbau, S. 98. Schafer, Kriegs· und Friedensziele, S. 4. Gierke ^radi von der französischen Ablehnung „des deutschen Erbfeindes". Vgl. Gierke, Friedensziele, S. 23.

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207

politiker"^'^ und die kurzlebigen Parteiregierungen als völlig zerrüttet und daher nicht als Vorbild. Die demokratische Fassade verbräme die Herrschaft einer „Oligarchie von Berufepolitikem".^" Hinter der „mechanischen französischen StaatsaufFassung" bzw. der „mechanisch-atomistischen Staatslehre" verbargen sich nach Ansicht der Gelehrten wüste Wahlkämpfe und „unmoralische Wahlkompromisse".^'* England wurde in der zweiten Kriegshälfte weiterhin besonders pejorativ dargestellt. Die Beschreibungen des englischen Wesens unterschieden sich dabei nicht von denen der ersten Kriegshälfte. Nach wie vor wurden das englische .Händlertum', der unverhohlene Imperialismus sowie der ,cant' angeprangert,stärker aber die Hungerblockade kritisiert,^" die mittlerweile Tausende unschuldiger Zivilisten das Leben kostete. Das englische Staatswesen wurde von Vaterlands- und Volksbundgelehrten als Vorbild abgelehnt. Die Vaterlandsgelehrten suchten auch die britische Demokratie als Fassade zu entlarven, um das Argument der Konstitutionalisten zu entkräften, Deutschland sei politisch ,rückständig'. Kernpunkte ihrer Kritik waren die Zusammensetzung der Regierung und ihre Macht sowie das grundbesitz- bzw. vermögensabhängige Wahlrecht, das weite Teile der englischen Bevölkerung von der politischen Mitbestimmung ausschloß.^'^ Die Vaterlandsgelehrten bezeichneten die britische Staatsverfassung als ebenso aristokratisch wie die englische Gesellschaftsgliederung: In Wahrheit herrsche die .Aristokratie" (v. Below) bzw. eine „auf den Großgrundbesitz und das Großkapital gestützte Oligarchie" (v. Gierke).^'* Zudem stellten sie fest, daß wegen des herrschenden Zweiparteiensystems von einer parlamentarischen Verantwortlichkeit der Regierung nicht gesprochen werden könne. Wegen der starken Stellung des Premierministers fìingiere seine Partei im Unterhaus lediglich als „Abstimmungsmaschine", so daß das Parlament kein Gremium unabhängiger Beschlußfassung sei.^" Das Vorhandensein einer mit großer Machtftllle ausgestatteten Einparteienregierung, die nicht unbedingt den Volkswillen repräsentierte, ist in ähnlicher Weise auch in England kritisiert worden, sogar noch Jahrzehnte nach dem Weltkrieg.^^" Insofern zeigen die

2IS

217

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Gierke Friedensziele, S. 15. Unold, DeutscherBürgerstaat, S. 178. Ebd.,S. 178f Scheler, Ursachen des Deutschenhasses, S. 307; Tönnies, Weltkrieg und Völkentcht, S. 36f., 44f.; ders., Der englische Staat, S. 133; Scheler, Ursachen des Deutschenhasses, S. 357. Vgl. auch Gierke, Friedensziele, S. 14f. Troeltsch, Ansturm, S. 82; Brentano, SchlachtruÇ S. 18; Kjellén, Das größere Deutschland, S. 305; Tönnies, Weltkrieg und Völkenecht, S. 45,77. Vgl. auch Scheler, Krieg und Aufbau, S. 111; Oncken, Mitteleuropa, S. 94; Liszt, Völkergemeinschaft, S. 60-65; Schulze^jävemitz, Weltwirtschall, S. 2; Schücking, Freiheit der Meere, S. 137; Schuster/Wehberg, Wirtschaftskrieg, S. Vflf. Dies wurde v. a. von Sering, Geselischaftsverâssung, S. 43, kritisiert Below, Refomi, S. 85; Gierke, Friedensziele, S. 14. Vgl. auch Sering, Gesellschaftsverfessung, S. 42. Sering, Gesellschaftsver&ssung, S. 47,67 (Zitat), 71. So bezeichntíe ein konservativer englischer Oppositionspolitiker das britische Regierungssystem 1976 als „.gewählte Diktatur'", zit in: Parkes, Stuart: „,Die älteste Demokratie der Welt': Immer noch Vorbild? Gedanken zum politischen System Großbritanniens", in: Timmermann, Heiner/Gruner, Wolf D. (Hg.): Demokratie und Diktatur in Europa. Geschichte und Wechsel der politischen Systeme im 20. Jahrhundert Beriin 2001, S. 585-600, hier S. 585.

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Aussagen der Gelehrten, daß sie bestimmte Mängel des englischen Staatswesens ungeachtet mancher polemischen Zuspitzungen präzise benannten. Das gilt auch fllr die von den Volksbundgelehrten geübte Kritik am englischen Regierungssystem. So bezeichnete Troeltsch die Möglichkeit der Neuwahlen als das einzige demokratische Element der englischen Staatsform. Die eigentliche Regierung sei das Kabinett, das Unterhaus lediglich eine „Bewilligungsmaschine", in dem noch bis vor kurzem nur zwei Adelsparteien vertreten waren."' Um den Vorwurf der Vaterlandsgruppe abzuwehren, sie machten sich bei ihren Reformforderungen die Argumentation der Feinde zu eigen, erachteten die Volksbundgelehrten es als notwendig, sich besonders scharf vom englischen System abzugrenzen. Der politischen Ungerechtigkeit in England entsprach nach Ansicht der Gelehrten beider Gruppen eine soziale, die sich in der Verelendung der britischen Industriearbeiter und ihrer kollektiven „Verlumpung"^" zeigte. In der Tat waren die Lebensumstände der unteren Klassen auf den britischen Inseln extrem schwierig. Lebten um 1900 etwa 30% der Londoner unterhalb der Armutsgrenze, hatte sich ihre Situation auch in der folgenden Dekade kaum verbessert. Außerdem waren die Wohnverhältnisse der Land- und Industriearbeiter unverändert schlecht, übermäßiger Alkoholkonsum verbreitet und staatliche Fürsorgemaßnahmen wie Arbeitslosen-, Kranken- oder Rentenversicherungen noch immer nicht vorhandep.^^' Auf diese Situation bezog sich Tönnies, als er die englische „Volksmasse" „vollkommen proletarisiert" nannte, von einem „unausrottbaren Alkoholismus" der britischen Arbeiterschaft sprach und feststellte, „Slums" wie in London gebe es in Deutschland ebensowenig wie eine vergleichbare Kluft zwischen arm und reich."^ Verschiedene Gelehrte erkannten einen Wandel des politischen Systems in England. Nach Ansicht Delbrücks war Englands „parlamentarisches System im Innern wie seine Weltstellung nach außen" durch den Krieg „von den allerschwersten Gefahren bedroht".^" Der im Dezember 1916 zum Premierminister ernannte David Lloyd George galt als undemokratischer Staatschef und wurde als „Volksfllhref" (Tönnies), „Diktator" (Troeltsch) bzw. „Tribun" (Alfred Weber) bezeichnet."® Diese Wortwahl zeigt, daß die Gelehrten sich durch die Regierung Lloyd George in ihren Vorbehalten gegenüber einer Massendemokratie bestätigt sahen, in welcher der öffentlichen Meinung ein erheblicher Einfluß zukam. Zu groß war ihrer Ansicht nach die Gefahr einer ,demagogischen', d. h. nicht sachorientierten, sondern rein populistischen Politik,"' so daß sie die englische Staatsordnung als Vorbild ftlr deutsche Reformen ablehnten. Die Überzeugung der Gelehrten, daß sich das deutsche und das

221 Troeltsch, Anstunn, S. 97fF. Vgl. auch Schmoller, Gustav von: „Wäre der Parlamentarismus für Deutschland oder Preußen richtig?", in: ders.. Zwanzig Jahre, S. 183-189, hier S. 185, 189. Vgl. auch Hintze, Demokratisierung, S. 454; Tönnies, Der englische Staat, S. 137ff., 188,196-200. Sering, Gesellschaftsverfessung, S. 71. 223 Harrison, J. F. C.: Late Victorian Britain 1875-1901. London 1990, S. 67fF., 184-187; Moran, Michael: Politics and Society in Britain. London ^1991, S. 12f. 224 Tannics, Der englische Staat, S. 164f. 225 Delbrück, Realpolitischer Pazifismus, S. 177. Tönnies, Der englische Staat, S. Vllf; Troeltsch, Anstumi, S. 99; Weber, A , Bedeutung, S. 1252. Vgl. auch Hintze, Demokratìsiatmg, S. 455; Schmoller, Die soziale Frage, S. 646; Gierice, Friedensziele, S. I4f 227 Llanque, S. 119-128.

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englische Staatssystem durch die notwendigen kriegspolitischen Maßnahmen anglichen, ist angesichts ihrer Kritik am englischen Staatswesen nicht überraschend. In der Einführung der allgemeinen Wehφflicht sowie der zunehmenden Organisation der englischen Kriegsgesellschaft durch zentrale Behörden erblickten viele Gelehrte eine bewußte oder unbewußte Annäherung an die staatssozialistischen Zentralorganisation nach deutschem Vorbild.^^' Delbrück glaubte sogar zu erkennen, daß Großbritannien durch den Krieg gezwungen sei, das englische Staatssystem „von Grund auf nach preußischem Muster aufzubauen".^^' Diese Argumentation sollte zu einer Entspannung der deutschen Reformdiskussion beitragen. Wenn Großbritannien innenpolitisch den stärksten Veränderungen ausgesetzt war, konnten auch im Reich notwendige Reformen durchgeführt werden, machte es die Relativierung der Unterschiede zwischen den Systemen doch leichter, der deutschen Öffentlichkeit die angestrebten Reformen zu vermitteln. Belgien wurde seit 1916/17 vor allem im Rahmen der Kriegszielerörterungen erwähnt."" Zuweilen wiesen die Gelehrten noch einmal auf die fehlende Neutralität Belgiens bei Kriegsbeginn hin und rechtfertigten damit den deutschen Einmarsch.^^' Deshalb hielten trotz ihrer unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich der Zukunft Belgiens weder Volksbundnoch Vaterlandsgelehrte die Neutralitätsverletzung für problematisch."^ Mit Blick auf die Konflikte zwischen der flämischen und der französischen Volksgruppe, welche die belgische Innenpolitik seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert belasteten, bestritten die Vaterlandsgelehrten die staatliche Existenzberechtigung Belgiens. Nach Ansicht des Leipziger Historikers Erich Brandenburg hatte es eine belgische Nation nie gegeben."' Der belgische „Zwitterstaaf"" galt als „künstliche Schöpfimg""^ als „geschichtswidrige[r] Staat"."' Auf diese Weise begründeten die Vaterlandsgelehrten, daß ihre Pläne für die Nachkriegsordnung ein selbständiges Belgien nicht vorsahen. Zwar war die Einstellung gegenüber Belgien in beiden Gelehrtengruppen sehr ähnlich, aber viele Volksbundgelehrte lehnten die Forderung der Vaterlandspartei nach einer Annexion Belgiens ab. Durch den Einsatz alliierter Kolonialtruppen konnte die Entente ein Potential nutzen, das den Deutschen aufgrund der Eroberung fast aller ihrer Schutzgebiete nicht zur Verfügung stand. Während Tönnies auf die Verstärkung hinwies, die den Alliierten durch die kolonia-

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Troeltsch, Anstumi, S. 99,106; Tönnies, Der englische Staat, S. 163. Vgl. auch Hintze, Demokratisierung, S. 458. Auch Plenge spradi davon, daß „die Kriegswirtschaft den oiianisatorischen Sozialismus in England eingefllhrt" habe. Vgl. Piaige, Geburt, S. 53; ders., Revolutionierang, S. 48. Delbrildς Neuoriaitienmg, S. 356 Vgl.Kap.n.61. Stiupp, Karl: Die Neutralisation und die Neutralität Belgiens. Gotha 1917; Weber, M., Schwelle, S. 336; ders., Deutschland unter den Weltmächten, S. 70. Vgl. auch Below, Geoig von: „Giebt es eine belgische Neutralität?", hier ziL nach ders., Kriegs- und Friedensfragen, S. 71-78. Tönnies, Weltkrieg und Völkemecht, S. 41; Haller, Bismarcks Friedensschlüsse, S. lOOf.; Schäfer, Kriegsund Friedensziele, S. 5. Lediglich Schücking bestritt, daß der .JJotstand" im Völkerrecht gelte, da er „das Völkenecht schlechterdings negieren" würde, Schücking, Die völkerrechtliche Lehre, S. 7f. Brandenburg, Deutschlands Kriegsziele, S. 79. Meyer, Seekrieg, S. 440. Haller, Bismarcks Friedensschlüsse, S. 100£ Gierice, Friedensziele, S. 62.

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len Hilfstruppen zuteil w u r d e , b e d a u e r t e Schücking die Mitwirkung schwarzer Truppenteile bei dem „großen europäischen Brudermord", weil dadurch die „Annäherung der Menschenrassen" unterminiert werde.^'* Vom Standpunkt des Missionars kritisierte der katholische Münsteraner Theologe Max Meinertz, daß durch die Beteiligung der Schwarzen die „Stellung der Europäer bei den Eingeborenen untergraben" und damit die Möglichkeit einer baldigen Christianisierung der Kolonien zerstört werde.^^' Andere Gelehrte faßten den Einsatz der Kolonialtruppen in Europa vor allem als Zumutung und Gefahr auf Entsetzt malten sie aus, wie „Schwarze aus aller Welt" (Oncken) eingesetzt und „fremde Rassen und Völker gegen erstklassige Menschen ins Feld gefilhrt" (Brentano) würden.^'"' Bestrebt, den Durchhaltewillen zu stärken, beschrieben sie die Bedrohung, die von einem „Auswurf afrikanischer und asiatischer Wilder" ausgehe, die „zur Verwüstung deutschen Landes" bereit standen.^'" Deutschland müsse kämpfen, um die „Zertretung unseres Boden durch die Armeen und Kolonial-Barbaren der ganzen Welt" abzuwehren.^'*^ Diese Perhorreszierung der , schwarzen Gefahr' bildete die Grundlage für die rigorose Ablehnung des nach Kriegsende als „schwarze Schmach" empfundenen Einsatzes afrikanischer Besatzungstruppen im von Frankreich besetzten Rheinland.^"*' Die Abgrenzung von den USA In den Schriften der ersten Kriegshälfte hatten die USA kaum eine Rolle gespielt. Das änderte sich seit Mitte 1916. Enttäuscht Uber die antideutsche öffentliche Meinung in den USA und über den „Widerspruch zwischen formaler Neutralität und faktischer Begünstigung der Entente",^'*'* warfen Vaterlands- und Volksbundgelehrte den Amerikanern vor, gezielt eigene Interessen zu verfolgen^·" und deuteten die amerikanische Politik als kryptoimperialistische Machtpolitik, die zu einer sukzessiven Ausdehnung des amerikanischen Einflußbereiches geführt habe. Der Grundsatz der Nichteinmischung sei nur so lange befolgt worden, wie die Interessen amerikanischer Bürger nicht berührt waren. Da diese sich im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung ausgedehnt hätten, sei es immer häufiger zu Einmischungen gekommen. Schäfer setzte die Politik der USA mit der Großbritanniens gleich und klagte sie an, ihre „Herrschaftsbestrebungen mit dem Mäntelchen der Menschheitspflichten zu bekleiden". Die

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Tönnies, Der englische Staat, S. VIII. Schücking, Bund der Völker, S. 58. Meinertz, Max: ,>lissionssinn", in: ders./Sacher, Deutschland und der Katholizismus, S. 147-168, hier S. 153. Oncken, Bedeutung, S. 480; Brentano, Schlachtruf, S. 18. Weber, M., Kriegsanleihe, S. 141. Vgl. auch ders., Parlament und Regienmg, S. 203. Troeltsch, Anklagen aufDefeitismus, S. 661. Vgl. auch Schwarte, Schlußwort, S. 478. Lebzelter, Gisela: „Die ,schwarze Schmach'. Vorurteile-Propaganda-Mythos", in: GG 11, 1985, S. 37-58; Thewelei^ Männeφhantasien 1, S. 125,127. Erdmann, Weltkrieg, S. 159. Vgl. auch Junker, Deüef: „The Manichaean Trap: American Perceptions of the German Empire 1871-1945", in: German Historical Institute - Occasional P ^ Nr. 12. Washington 1995; Schröder, Hans-Jürgen: Deutschland und Amerika in der Epoche des Ersten Weltkrieges 19001924. Stuttgart 1993. Eucken, Neutrale Stimmen, S. 5C, 16ff; Mareks, Schwelle, S. 1; Eucken, Neutrale, S. 16fif.; Brentano, Schwelle, S. 11. Vgl. auch Schmoller, Institutionen, S. 212.

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amerikanische „Heuchelei" entspreche insofern dem englischen „cant".^^ Nach der amerikanischen Kriegserklärung wurde diese Gleichsetzung zum Leitfaden der Amerikakritik. Anfang April 1917 in der Vermutung bestätigt, daß die USA ohnehin seit Kriegsbeginn antideutsch eingestellt gewesen waren, warfen Volksbund- und Vaterlandsgelehrte Amerika, dem „Land des Kriegsgewinnes" und der „Vormacht des triumphierenden Geldinteresses"^^' vor, die ganze Zeit „stiller Teilhaber" am englischen Wirtschaftskrieg gewesen zu sein.^'** Entsprechend negativ fiel ihre Charakterisierung des amerikanischen Volkes aus. Wie die Engländer galten ihnen auch die Amerikaner als skrupellose und gewinnsüchtige Händler, die ihr Land aus rein fmanziellen Erwägungen in den Krieg getrieben hätten.^"" Von Gemeinsamkeiten zwischen beiden Nationen, wie sie v. Hamack zu Beginn des Krieges noch betont hatte, war nicht mehr die Rede. Vaterlands- wie Volksbundgelehrte erklärten die angloamerikanische Allianz zum Hauptfeind: Der „amerikanisch-englische Konzern" wolle eine „Weltdiktatur" (Meinecke) bzw. ein „Weltverteilungssyndikaf (Hintze) errichten.^'" Zur Inkarnation des materialistischen amerikanischen Imperialismus wurde Woodrow Wilson^' stilisiert. Der amerikanische Präsident, der den Wahlkampf von 1916 noch mit der Parole „,he kept us out of the war"'"^ gewonnen hatte, war in den Augen v. Hamacks vom „demokratischen Republikaner zum heuchlerisch verbrämten Imperialisten" geworden. Nachdem er die „Maske der Unparteilichkeit" abgenommen habe, so der Beriiner Theologe, wolle er seine Ziele mit „billigen Friedensphrasen" kaschieren.^'^ Wilson war für die deutschen Gelehrten ein „von unverantwortlichen Finanzgruppen abhängiger Präsident", der sich eine moralische „Weltrichterstellung" anmaßte"^ und die amerikanische Verbindung von Sendungsglauben mit ,>lachtinstinkten" repräsentierte.^'^ Hintze schrieb dem US-Präsidenten den „beschränkten Fanatismus eines Kalifen des siebten Jahrhunderts" zu, und V. Gierke bezeichnete ihn als „schlaue[n] Biedermann", der an der „Wahnvorstellung" leide, daß seine Nation berufen sei, andere Völker zu bekehren.^'® Gewiß war die Kritik der Gelehrten an Wilson und der amerikanischen Politik von Polemik geprägt, doch entbehrte sie nicht einiger Wahrheitselemente. Sie einseitig als „chauvinistische" Ausfälle zu bewerten, greift daher zu kurz. Die Gelehrten erkannten richtig, daß die 246

Schäfer, Vereinigte Staaten, S. 6,19,37,40. Plenge, Geburt, S. 53. 248 Troeltsch, Anstumi, S. SSfiE, 93f, 105f Vgl. auch Hintze, In^erialismus, S. 148. Hamack, Wilsons Botschaft, S. 5; Gierke, Friedensziele, S. 24. Vgl. auch Hamack, Wilsons Botschaft, S. 4f., 9; Meinecke Kriegsziele, S. 190flF. Brentano, System, S. 77; Goetz, Kriegsursachen, S. 13. 250 Meinecke K r i s e l e , S. 190f.; Hintze, Imperialismus, S. 115. Vgl. auch Oncken, Schwelle, S. 9; Weber, M., Schwelle, S. 490; Gmber, Rassenhygiene, S. 31; Troeltsch, Anstumi, S. 82, 93; ders., Wesen des Weltkrieges, S. 14. 2SI Link, Arthur S.: Woodrow Wilson and a Revolutionär World, 1913-1921. Chapel Hill, NC, 1982; Schwabe, Юaus: Woodrow Wilson. Ein Staatsmann zwischen Puritanertum und Liberalismus. Göttingen u. a. 1971. 252 Zit in: Schröder, Demokratie und Hegemonie, S. 165. 253 Hamack, Wilsons Botschaft, S. 9,4,6f. 254 Troeltsch, Anstumi, S. 106,82. Jung, Geldmächte, S. 316, bezcidinete Wilson als ,J»uppe von Wallstreet". 255 Meinecke, Demobilmachung, S. 156. Vgl. auch Sering, Gesellschaftsverfàssung, S. 45, 54; Brentano, System, S. 77. 256 Hintze, Demokratisiemng, S. 453; Gierke, Friedensziele, S. 16,25. 247

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USA macht- und wirtschaftspolitisch vom Krieg profitierten, insbesondere durch die Schwächung Gesamteuropas im Kriege. In der Tat ist die Geschichte der USA „die Geschichte einer ständigen Expansion".^" Der Rückgriff auf das Instrument der militärischen Intervention, um amerikanische Ordnungsvorstellungen durchzusetzen, und die Rechtfertigung des Einsatzes militärischer Mittel durch moralische Kategorien^' trifft auch auf den Ersten Weltkrieg zu. Schon Troeltsch warf den Amerikanern vor, die „Verleumdung" Deutschlands „um der Moral willen" zu betreiben und mit ihrem „Kriegsmoralismus" eigene machtpolitische Interessen zu verbrämen.^^' Sehr deutlich empfanden die Gelehrten den Widerspruch zwischen Wilsons Veiicündung von Freiheit und Selbstbestimmung und den von ihm geplanten gravierenden Einmischungen in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, insbesondere Deutschlands. Dies erklärt ihre Empörung darüber, daß die USA unilateral defmierte Nonnen zum Kern eines weltweit verbindlichen Völkerrechts machten. Wilsons amerikanische Sendung galt ihnen als machtpolitische, ökonomische und geistigkulturelle Herausforderung. Die vehemente Abwehr seiner Politik durch Vaterlands- wie Volksbundgelehrte beruhte auf der - aus historischer Perspektive zutreffenden - Erkenntnis, daß die von ihm angestrebte Weltordnung „letztlich in eine Hegemonialstellung der USA mündete"."" Die Gelehrten kritisierten jedoch nicht nur die Politik, sondern auch die Staats- und Gesellschaftsverfassung der USA. Vor dem Hintergrund der amerikanischen Freiheitspropaganda und der deutschen Reformdiskussion negierten vor allem die Vaterlandsgelehrten den Vorbildcharakter des amerikanische Staatswesens, indem sie ausschmückten, daß in Amerika Berufspolitiker ohne Befähigungsnachweis agierten und selbst Wirte und Spielhöllenbesitzer Ämter übernehmen könnten. Staatsämter, so führten sie aus, würden nicht als gemeinwohlbezogenes Ehrenamt verstanden, sondern als „Lohn für geleistete Parteidienste" verteilt."' Ein das öffentliche Leben „vergiftender Wahlkampf' tobe alle vier Jahre und biete ein „geradezu unwürdiges Schauspiel"."^ Aus der Tatsache, daß die amerikanischen Parteien mit einem großen Presseapparat ausgestattet waren und alle wichtigen Ämter durch Volkswahl vergeben wurden, schlossen die Gelehrten, daß sich diejenigen Parteien durchsetzten, die das Zusammenspiel von Reklame, Täuschung und Bestechung am besten beherrschten."' Durch die Dominanz mächtiger Interessenverbände über die Parteien war die nominelle Herrschaft der Mehrheit ihrer Meinung nach „in Wahrheit die Oligarchie der Finanzmächte".^" Kurz: „Korruption""^ galt als Kennzeichen des politischen Systems der USA. Mit der Gleichsetzung des Parlamentarismus mit amerikanischen Zuständen wollten die Vaterlandsgelehrten parlamentarische Reformen im Reich verhindern. Durch die Perhor257

Schröder, Demokratie und Hegemonie, S. 160. Ebd., S. 162. Zu den moralisdiai Rechtfertigungen vgl. Junker, Manichaean Trap, insbes. S. 18ff. 259 Troeltsch, Ansturm, S. 81,102. 260 Schroder, Demokratie und Hegemonie, S. 171. Vgl. audi Straub Eberhard: ,Д)ег Menschheit und sich selbst zuliebe. Amerikas AusgriflFin die Welt vor hundert Jahren", in: FAZ 295,19.12.1998. 261 Sering, Gesellschaflsverßissung, S. 52. 262 Gierke, Friedensziele, S. 16f 263 Ebd., vgl. auch Soing, Gesellschaflsverßissung, S. 49-57. 264 Jung, Parlamentarische Entartung S. 243; Sering Gesellschaflsverâssung, S. 63. 265 Gierke, Friedensziele, S. 17. ist

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reszienmg des westlichen Parlamentarismus wurden die Volksbundgelehrten genötigt, sich ebenfalls vom amerikanischen System zu distanzieren, da ihnen die Vaterlandsgruppe den Vorwurf machte, eine Umbildung des Reiches nach westlichem Muster anzustreben. So sprach Troeltsch von amerikanischen „Parteimaschinen", die sich in ihren Zielen kaum noch unterschieden. Zugleich kritisierte er die mangelnde Sozialfürsorge. Ein Arbeiterschutz fehle, da er den Interessen der Großindustrie zuwiderlaufe, die den „kapitalistische[n] Großstaat" beherrsche.^" Die vergleichsweise große Durchlässigkeit der amerikanischen Gesellschaft gegenüber den europäischen Klassengesellschaften war für die dem Bildungsbürgertum entstammenden und an soziale Hierarchien gewöhnten deutschen Universitätsprofessoren geradezu unvorstellbar. Die amerikanische Gesellschaft konfrontierte die Gelehrten mit den Besonderheiten, Widersprüchen und Problemen einer radikal-egalitären Gesellschaft.^" Indem sie diese erkannten, formulierten sie eine zutreffende, wenngleich polemisch gefârbte Sozialkritik. In der Tat zeigte sich das „Janusgesicht des Fortschritts" nirgends so offen wie in Amerika: in den individuellen Entwicklungschancen und der wirtschaftlichen Prosperität auf der einen und einem „hemmungslosen Privategoismus", „steigender Kriminalität" sowie „kultureller Monotonie" auf der anderen Seite.^®* Die Tatsache, daß die Gelehrten die Defizite der amerikanischen Sozialpolitik hervorhoben, illustriert ihre im Vergleich zu den Amerikanern grundsätzlich andere Auflassung von der Rolle des Staates und den Aufgaben des Individuums in der Gesellschaft. Ihre Bewertung der amerikanischen Wahlkämpfe erklärt sich aus der gerade im Bürgertum verbreiteten und durch den Blick auf die USA verstärkten Abneigung gegen die Massendemokratie. Insofern war ihre Kritik an Amerika anders gelagert als ihre Abgrenzung von den osteuropäischen Kriegsgegnern. Die Abgrenzung von Osteuropa Auch in der zweiten Kriegshälfte waren die Gesellschaftssysteme der östlichen Feinde nach Ansicht der Gelehrten beider Gruppen als Vorbild für Deutschland ungeeignet. Bis zum Herbst 1917 erfolgte die Distinktion stärker auf kultureller als auf politischer Ebene. Zwischen dem Sommer 1916 und dem Frühjahr 1917 wurde das zaristische Rußland wie bereits in der ersten Kriegshälfte als Hort der Unkultur beschrieben. Für Max Weber stand der deutsche Soldat „weit über dem russischen Barbaren". Er werde die russischen Soldaten, die durch ihre eigenen Maschinengewehre angetrieben werden müßten, „wieder dahin zurückjagen ..., wohin sie gehören".^" Der Deutschbalte Haller hielt die Russen für ein Bauemvolk, das anderen Völkern geistig nicht gewachsen sei. Herrschaft in Rußland könne nur „Gewaltherrschaff ' sein, weil dem Volk „die Gewohnheit des sklavischen, hündischen Gehorsams so in den Knochen" liege. Der „zaristische Despotismus" sei „tatarischen Ur-

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Troeltsch, Anstunm, S. 105. Schmidt-Gemig, Alexander: .^ukunftsmodell Amerika? Das eunqjäische Büigatum und die amerikanische Herausforderung um 1900", in: Frevert, Jahrhundert, S. 79-112, hier S. 110. Zum Amerikabild des deutschen Büigertums vgl. ders.: Reisen in die Modeme. Der Amerika-Diskurs des deutschen Bürgertums vor dem Ersten Weltkrieg im europäischen Vergleich. Berlin 1997. Schmidt-Gemig, Zukunñsmodell Amerika, S. 110. Weber, M., Schwelle, S. 332ffi Vgl. auch ders., Deutsdiland unto- den europäischen Weltmäditen, S. 72; Heuß, Krieg und Verfessung, S. 241,244; Meinecke, Probleme, S. 43.

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sprungs"; Rußland habe sich nie europäisiert.^™ Die beiden russischen Revolutionen von 1917 führten zunächst zu einigen Unsicherheiten, wie die „rassische Demokratie" (Troeltsch) zu bewerten sei.^^' Sie wurde überwiegend skeptisch betrachtet, weil das „bolschewistische Chaos" in seinen Folgen schwer einzuschätzen schien.^^^ Die Russen noch immer als unkultiviert und brutal ansehend,^^^ wollten insbesondere die Vaterlandsgelehrten eine Vorbildftmktion des nachrevolutionären Rußlands verhindern. Nicht zuletzt um politische Forderungen insbesondere der USPD abzuwehren, betonten sie, daß der rassische Charakter jede Staatsform in eine Barbarei verwandehi und auch das neue Rußland „genau so despotisch" wie das zaristische sein werde."^ Erst mit dem Ausscheiden Rußlands aus der Entente - d. h. seit dem Waffenstillstand vom Dezember 1917 und erst recht seit dem Frieden von Brest-Litowsk im Frühjahr 1918 - konnte die anglo-amerikanische Koalition als Verbindung kapitalistisch-imperialistischer Mächte zum Hauptfeind stilisiert werden, mit dem eine Verständigung nicht möglich war. Lediglich einige Volksbundgelehrte vertraten den Gedanken eines künftigen Miteinanders der Völker.

5.3.3

Nationalismus und Versöhnungsgedanken

Die Volksbundgelehrten, die in der zweiten Kriegshälfte zur Mäßigung aufriefen, mahnten ihre Landsleute, die eigene Würde zu bewahren und den Völkerhaß nicht zu fördern. Zugleich wandten sie sich vor dem Hintergrand der steigenden Friedenssehnsucht einer Gestaltung der Nachkriegszeit zu. Das zukünftige Verhältnis zu den anderen Völkern sollte nicht aufgrund der augenblicklichen Stimmung geplant, sondern auf festeren Boden gestellt werden.^" Zwar verlangten einige von ihnen, daß die Feinde auf Deutschland zugehen sollten, nicht umgekehrt,"® aber die meisten plädierten für eine aktive Wiederaufiiahme friedlicher und freundschaftlicher Beziehungen zu den derzeitigen Feinden nach dem Kriege."^ Die Grandlage hierfür müsse eine Abkehr vom Chauvinismus, könne ein „föderatives und tole-

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Haller, Die russische Gefehr, S. 23-26,29,3 If, 42. Troeltsch, Anstunn, S. 106f. Meinecke war der Meinung, daß die Mittelmächte sich in Zukunft mit dem neuen Rußland zusammenschließen sollten, um ein „Gegengewicht" zur angloamerikanischen Dominanz zu bilden; vgl. Meinecke, Kriegsziele, S. 187 189-192. Schulze-Gävernitz, Freiheitsfiieden, S. 223. Vgl. auch Weber, M., Das preußische Wahlrecht, S. 94f.; ders., Rußlands Übergang zur Scheindemokratie, S. 115; dets.. Innere Lage und Außenpolitik, S. 192. Schmoller, Die soziale Frage, S. 646; Tönnies, Weltkrieg und Völkerrecht, S. 66; Weber, M., Bedeutung, S. 1252. Seebetg, Östlidie und westliche Kultur, S. 771-781. Vgl. auch Feste·, Machtwille, S. 19; Below, Nuntius, S.480. Hamack, Schwelle, S. 1476f.; Oncken, Schwelle, S. 8. Vgl. auch Eucken, Neutrale Stimmen, S. 6f., 19; Simmel, Europa, S. 70flF. Oncken, Schwelle, S. 8; Holl, Aufgaben, S. 106. Vgl. auch Goetz, Die auswärtige Politik, S. 495; ders., Kriegsetgebnisse, S. 456. Brentano, Schwelle, S. 17fiF.; Grauert, Rechts- und Friedenseinheit, S. 475; Scheler. Ursachen des Deutschenhasses, S. 366flF.; ders., Krieg und Aufbau, S. 51f ; Holl, Luthers Anschauung, S. 167; Liszt, Völkergemeinschaft, S. 73,76.

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rantes Nationalgefìlhl"^^' in Europa sein. Katholische Gelehrte hielten eine Wiederannäherung an ihre Glaubensgenossen in den verfeindeten Staaten wegen des gemeinsamen religiösen Oberhauptes für machbar."' Schücking plädierte für eine Erneuerung pazifistischer Ideale. Viele Pazifisten hätten sich von der „kriegerischen Stimmung der Volksseele" bei Kriegsbeginn fortreißen lassen. Nun sollten sie wieder an ihre Ideale anknüpfen und für eine Versöhnung mit dem Feinde eintreten.^*" Die Wiederanknüpfung an die gemeinsame Kulturtradition in Europa beschwörend, forderte Meinecke im September 1917 die „Demobilmachung der Geister".^" Auch Troeltsch sprach sich in Antizipation eines nahen Kriegsendes Anfang 1918 dafür aus. Weder pazifistische noch sozialdarwinistische Vorstellungen durften seiner Meinung nach die Politik der Staaten dominieren.^'^ Nur die christliche „Höherstellung der geistigen Menschheitsgemeinschaft gegenüber dem Staat und der Nation" sichere eine gedeihliche Zukunft.^" Er schlug daher vor, die ,religiöse Ideenwelt Europas" zur Grundlage der zukünftigen europäischen Friedensordnung zu machen.^*^ Sollte sich die geistige Demobilisierung nicht durchsetzen, prophezeite Meinecke die Ablösung des Krieges durch einen „Geisterkampf' nach Friedensschluß, der innerhalb aller Nationen ausgetragen und in dem es um die Bewertung des Krieges, seiner Folgen und die Zukunft gehen werde. Zwei Parteien würden einander bekämpfen, Racheprediger auf der einen und versöhnungsbereite Universalisten auf der anderen Seite. Jedes Volk solle daher seine verständigungsbereiten Kräfte fördern.^"

5.4 Zusammenfassung: Nationale Desintegration und der Kampf im Innern Die Unterschiedlichkeit der Feinde machte es den Gelehrten auch in der zweiten Kriegshälfte schwer, ein verbindliches Feindbild zu konstruieren. Erst seit dem Kriegseintritt der USA 1917 und dem Ausscheiden Rußlands aus der feindlichen Koalition konnten sie ihre DistinktionsbemUhungen auf Großbritannien und die Vereinigten Staaten fokussieren. Das Feindbild reichte aber nicht aus, um die politischen Divergenzen im Innern zu überbrücken. Zudem verhinderte die Identifizierung des „inneren Feindes" in der zweiten Kriegshälfte die Konstruktion eines einheitlichen Selbstbildes. Angesichts der seit 1917 zunehmend konkreteren Reformdiskussion in Deutschland wurde es für die Gelehrten immer schwieriger, die „westliche" Staatsordnung abzulehnen, ohne gleichzeitig substantielle Reformen anzubieten, die dem verbreiteten Verlangen nach Veränderungen Rechnung trugen. Daher reichte es 278 279

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Meinecke, Probleme, S. 37. Meinertz, Missionssinn, S. 154f. Schücking, Walther Der Dauerfiiede. Kriegsaußätze eines Pazifisten. Leipzig 1917, hier „Vorwort", in: ebd., o. S. Vgl. auch Rade, Martin: ,J)as Gebot der Stunde", in: ChW 32,1918, Sp. 436f. Meinecke, Demobilmachung, S. 155. Troeltsch, Freiheit und Vaterland, S. 216f. Troeltsch, Anklagen auf De&itismus, S. 668£ Troeltsch, Freiheit und Vateriand, S. 217. Meinecke, Demobilmachung, S. 197f.

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nicht mehr, die Feinde als nur charakterlich unterlegen darzustellen und deutsche Tugenden zu beschwören. Auch der Militarismus, in der ersten Kriegshälfte das zentrale Defmitionsmerkmal, taugte seit 1916/17 nicht mehr zur allgemeinen Identifikation. Gezielt gingen die Gelehrten deshalb dazu über, die Staats- und Gesellschaftsordnungen der Feindstaaten als minderwertig gegenüber der deutschen zu präsentieren und die Besonderheiten der deutschen Verfassungsentwicklung positiv herauszustreichen. Die Gelehrten charakterisierten die Staatsordnungen der beiden Hauptfeinde USA und England als Scheindemokratien und verkappte Klassenherrschaften ohne Sozialgesetzgebung, um eine Vorbildfiinktion dieser Länder auszuschließen. Die moralisch verbrämte Machtpolitik der USA und ihre angemaßte „Weltrichterstellung" (Troeltsch) scharf kritisierend, stellten sie dem negativen Bild der westlichen Staatsordnungen den historisch-politischen Sonderweg der Deutschen gegenüber. Er wurde von den Vaterlandsgelehrten als geopolitisch bedingt, historisch gewachsen und dem deutschen Wesen angemessen gedeutet, um die von den Alliierten kritisierten obrigkeitsstaatlichen Besonderheiten des deutschen Reiches zu rechtfertigen und Reformen gemäß dem „deutschen" Staatsverständnis zu fordern. Dagegen konstatierten die Volksbundgelehrten zwar ebenfalls eine deutsche Sonderentwicklung, deuteten sie aber als rückständig und plädierten mit Nachdruck fllr deren Überwindung durch einen Anschluß der deutschen an die internationale Entwicklung. Wie in der ersten Kriegshälfte bezogen sich die Gelehrten auf historische Ereignisse, die gegenwartsbezogen aktualisiert vnu-den. Nicht mehr „1789", sondern „1648" wurde zum Symboljahr des feindlichen Einflusses auf Deutschland stilisiert. Als Inbegriff nationaler Erniedrigung symbolisierten der Dreißigjährige Krieg und der Westfälische Frieden die Gefahr, die Deutschland bei einer Niederlage drohte. Der Rekurs auf diese nationalhistorischen Traumata diente den Gelehrten dazu, die Heimatfront zu stärken und ihren politischen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die positiven Symboldaten „1813" und „1870" wurden dagegen kaum noch erwähnt. Wegen der mit ihnen verbundenen Aufbruchsstimmung stellten sie angesichts der innenpolitischen Spannungen keinen geeigneten Bezugspunkt mehr dar. Vermehrt bezogen sich die Gelehrten statt dessen auf historische Persönlichkeiten, wobei sie im Luthetjahr 1917 konfessionelle Auseinandersetzungen um die Person des Reformators weitgehend vermeiden konnten. Konsens herrschte in der Gelehrtenschaft über das positive Bild Bismarcks und Friedrichs des Großen. Die Glorifîzierung beider Führerpersönlichkeiten implizierte eine kritische Haltung gegenüber der Reichsleitung und dem Kaiser. Die Polarisierung der Kriegsgesellschaft und die verschiedenen Zukunftsvorstellungen ftlhrten dazu, daß Gemeinsamkeiten in der Vergangenheit gesucht wurden. Während die ideenpolitische Auseinandersetzung den Eindruck der Geschlossenheit der akademischen Deutungselite in der ersten Kriegshälfte nicht ernsthaft gestört hatte, wurden die politischen Divergenzen seit dem Sommer 1916 inuner deutlicher. Die Delbrück-v.-Below-Kontroverse zeigt exemplarisch, wie sehr sich die Stimmung in der zweiten Kriegshälfte aufgeladen hatte und sachliche Differenzen auf der persönlichen Ebene ausgetragen wrurden. Aufgrund der zunehmend angespannten innenpolitischen Situation büßte das AugustErlebnis seine Funktion als zentraler Bezugspunkt der Kriegsschriften ein. An seine Stelle trat das Kriegserlebnis an Front und Heimatfront. Kritisch betrachteten die Gelehrten beider Gruppen die politische Situation in der Heimat. Indem sie die Spaltung der Gesellschaft reflektierten, verstärkten sie diese zugleich - gerade im Kontrast zu ihrer Gemeinschaftsrhetorik. Mit der verbreiteten Warnung, daß ein „Versagen" der Heimat die Kriegsniederlage des

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Reiches verschulden werde, vorformulierten sie bereits die spätere „Dolchstoßlegende". Die Enttäuschung über die innenpolitischen Spannungen führte zur Suche nach dem Schuldigen an dieser Situation, dem „inneren Feind". Aus der Notwendigkeit der Abgrenzung nach außen ergab sich fast zwangsläufig die Exklusion im Innern. Indem Integration angestrebt wurde, entwickelte sich zugleich ein Verlangen nach Homogenität, so daß die Integrationsbemühungen paradoxerweise gerade soziale Desintegration implizierten. Die Vaterlandsgelehrten warfen Sozialdemokraten, Katholiken und Juden vor, die Interessen der Feinde zu vertreten und identifizierten sie mit dem äußeren Feind. Dadurch, daß sie den Befürwortern einer Parlamentarisierung unterstellten, sie machten sich die Argumente der Feinde zu eigen, erschwerten sie die Umsetzung der Neuorientierung. In den Vertretern der Volksbundgruppe sahen sie nicht nur intellektuelle „Flaumacher", sondern auch die akademischen Anhänger der von ihnen verachteten Reichstagsmehrheit. Demgegenüber galt die Vaterlandsgruppe den Volksbundgelehrten als Speerspitze der alldeutsch-konservativen Hybris. Sie betrachteten die Propagandaaktivitäten der Vaterlandspartei mit großer Sorge und reagierten 1917/18 mit der Forderung nach einer „Demobilisierung der Geister". Sie erkannten, daß die rechte Agitation die Grundlagen des Staates und der Monarchie unterminierte. Den von den Vaterlandsgelehrten in der Reichstagsmehrheit erblickten Staatsfeinden von links stellten die Volksbundgelehrten die Vaterlandspartei als Organisation der Staatsfeinde von rechts gegenüber.

6 Zukunftsbild: Das Volksstaatskonzept und konkurrierende Volksgemeinschaftsmodelle

Die fundamentalen Wandlungen der Kontextbedingungen zwischen 1916 und 1918, die Gleichzeitigkeit von äußerer und innerer Bedrohung blieben nicht ohne Auswirkungen auf die Ordnungskonzeptionen der Gelehrten. Doch besaßen ihre in der ersten Kriegshälfte verkündeten Ideen des Volkstaats und des Koφorativismus auch unter den geänderten Rahmenbedingungen noch eine hinreichende Überzeugungskraft? Galt es, sie zu modifizieren oder durch neue Ideen zu ersetzen? Auch hinsichtlich der außenpolitischen Zukunftsvorstellungen sahen sich die Gelehrten mit diesen Fragen konfi-ontiert. Die Aufhebung des Verbots der Kriegszieldiskussion ermöglichte es ihnen, ihre Positionen öffentlich in aller Deutlichkeit zu artikulieren. Zugleich aber mußten sie der zunehmenden Friedenssehnsucht Rechnung tragen und Konzepte entwerfen, wie der Krieg beendet werden sollte.

6.1 Außenpolitische Zukunftsvorstellungen: Macht- oder Verständigungsfrieden Während sich die Gelehrten beider Gruppen zu ihren Friedensvorstellungen und Kriegszielen in verschiedenen Kriegszielemga^en' äußerten, um die Reichsleitung zu beeinflussen, dienten ihre Aufrufe vor allem der Stärkung des Divchhaltewillens der Deutschen durch die Verbreitung von Siegeszuversicht. So hieß es im Aufruf zur Kriegsanleihe vom April 1918 in der Zeitschrift „Deutschlands Emeuerung", daß das deutsche Heer ,^iiemals geschlagen werden kann".^ Max Weber forderte dazu auf, Kriegsanleihen zu zeichnen, weil die OHL garantiere, daß „eine militärische Niederringung Deutschlands völlig ausgeschlossen" und der deutsche Erfolg nur eine „Frage der Zeit" sei. Noch am 5. Oktober 1918 schrieb Rade, daß trotz aller Wandlungen der militärischen und politischen Lage die „eine Pflicht aber bleibt, daß wir [die] Kriegsanleihe zeichnen müssen".' Auch in den Einzelschriften, dem

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Zum Beispiel Hamack, Gebot, S. 1513f, sowie Meyer, U-Bootkrieg, S. 2f., und Spahn, Wiedereinverleibung, S. 3-9. DE 4,1918, S. 238. Vgl. auch Siegeswil!enaufiu( S. 138£, und Gegen einen Frieden der Vergewaltigung, S.236f Weber, M , Kri^sanleihe, S. 140; Rade, ChW 42/43, 1918, S. 405. Vgl. auch Verständigungsfriedenskundgebun^ S. 185.

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wichtigsten Medium zur öffentlichen Verbreitung ihrer Kriegszielvorstellungen, äußerten die Gelehrten sich zuversichtlich in bezug auf einen deutschen Sieg. Für die Gelehrten der Vaterlandsgruppe stand der deutsche Sieg außer Frage. Noch stärker als sie betonten jedoch die Volksbundgelehrten - bestrebt, sich dadurch gegen die Vorwürfe der ,Flaumacherei' abzusichern - ihre Überzeugung von einem für Deutschland erfolgreichen Kriegsausgang. Ihre demonstrative Zuversicht war aber nicht nur ein Mittel zur Mobilisierung der Bevölkerung. Sie zeigte zugleich, wie wenig sich auch die Volksbundgelehrten aufgrund der offiziellen Desinformation bis zuletzt eine deutsche Niederlage vorstellen konnten. Gleichwohl waren sie keineswegs von einem deutschen Endsieg überzeugt: Niemand, hieß es oft, könne ernsthaft glauben, alle Feinde oder auch nur die USA zu besiegen.* Aber es herrschte Konsens, daß das Reich „unzerbrochen"^ aus dem Krieg hervorgehen werde, gleichviel, wie lange er noch andauern sollte. Wiederholt wurde daher vor dem Hintergrund der militärischen Erfolge im Frühjahr 1918 eine Niederlage Deutschlands als „ausgeschlossen" bezeichnet.' Mit ihrer Siegeszuversicht untermauerten die Volksbundgelehrten zugleich ihre Forderung nach einem Verständigungsfrieden. Gerade weil die Feinde Deutschland nicht besiegen würden, konnte das Reich ihrer Meinung nach gefahrlos für einen Frieden durch Verhandlungen eintreten. Eine Verständigung anzustreben, war für sie kein Eingeständnis von Schwäche, sondern ein Zeichen der Stärke. In bezug auf die Kriegsziele forderten viele Volksbundgelehrten „Sicherungen" bzw. „Garantien" für Deutschland - d. h. territoriale und militärische Machterweiterungen - , um die Existenz des Reiches und die Rohstoffv^ersorgung künftig zu gewährleisten.^ Hierin bestand für sie die „Selbstbehauptung" Deutschlands.' Wie die Volksbundgelehrten sprachen auch die Anhänger der Vaterlandsgruppe von „Sicherungen" bzw. „Garantien" und begründeten damit ihre Forderungen nach Annexionen.' Das Reich müsse in die Lage versetzt werden, nie wieder durch eine „feindliche Weltverschwörung" mit Vernichtung bedroht zu sein.'" Delbrück wandte jedoch gegen diese „Sicherheits"-Argumente ein, daß es völlige „Sicherungen" auch durch noch so große Annexionen oder Besatzungen nicht geben könne. Die deutschen Grenzen bis in die fernste Zukunft sichern zu wollen, sei „sehr unpolitisch gedacht". Wirkliche Sicherheit könne nur

Schulze^iavemitz, Freiheitsfrieden, S. 221. Vgl. auch Goetz, Kiiegsetgebnisse, S. 440ff., 454; Brentano System, S. 79; Liszt, Völkeiganeinschaft, S. 50; Troeltsch, Freiheit und Vataland, S. 213. Meinecke, Reforni, S. 146. Troeltsch, Anklagen auf Defeitismus, S. 661; Delbrück, Pazifismus, S. 177. Vgl. auch Schulze-Gävernitz, Weltwirtschaft, S. 21; Brentano, System, S. 79; Grauat, Rechts- und Friedenseinheit, S. 471; Ondeen, Bedeutung, S. 477; Sdiücking, Freiheit der Meere, S. 154f Zum Bei^iel Oncken, Schwelle, S. 10, 12, 16; Hamack, Schwelle, S. 1485; Mareks, Schwelle, S. 8fi:; Weber, M., Schwelle, S. 506; Sdmraller, Institutionen, S. 218; Meinecke Rhyftmus, S. 142; ders., Demobilmachung, S. 197f.; ders., Kriegsziele, S. 192; Hintze, Imperialismus, S. 157; Troeltsch, Anstunn, S. 113. Meinecke, Reform, S. 146. Vgl. auch ders., Kriegsziele, S. 193; ders., Rhythmus, S. 1242C; Brentano, Schlachtruf, S. 17; Troeltsch, Wesen des Weltkrieges, S. 22-25. Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 186-197; Gierke, Friedensziele, S. 5£; Below, Treitschkes Sendung, S. 439. Gieike, Friedensziele, S. If., 5f, 74,26f., 77fF.

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eine kluge Politik gewährleisten." Nicht alle Vaterlandsgelehrten verbrämten ihre Annexionswünsche mit der Forderung nach „Sicherheiten". Ein „.Verteidigungskrieg"' gehe, so V. Below, automatisch in einen .„Eroberungskrieg"' über, denn die weitergehenden Ziele ergäben sich im Verlaufe des Krieges „zum Zweck der Verteidigung und in Konsequenz derselben".'^ Schäfer ging noch weiter und bezeichnete die „Phrase vom Verteidigungskriege" [sie] als inhaltsleer, weil eine erfolgreiche Verteidigung nur in der Schwächung des Feindes und der Mehrung eigener Macht bestehen könne." Das bedeutete die Aufkündigung des nationalen Konsenses vom August 1914, der Übereinstimmung, daß man einen Verteidigungs- und keinen Eroberungskrieg führe, und damit eine Zuspitzung der Auseinandersetzung um die außenpolitischen Zukunftsvorstellungen in der zweiten Kriegshälfte. Die Gelehrten der Vaterlandsgruppe forderten Eroberungen und einen Mach0-ieden. Es waren vor allem v. Below, Brandenburg, v. Gierke, ν. Gruber, Haller, Jung, Kaftan, Meyer, Plenge, Schäfer, Seeberg, Sering, Spahn, Triepel und Volkelt, die in diesem Sinne intervenierten. Demgegenüber traten viele Gelehrte der Volksbundgruppe für einen Verständigungsfrieden ein. Zu ihnen gehörten Brentano, Delbrück, Goetz, v. Grauert, v. Hamack, Hintze, Hobohm, V. Liszt, Mareks, Meinecke, Oncken, Preuß, Rade, Schmoller, Schücking, v. Schulze-Gävernitz, Troeltsch sowie Alfred und Max Weber. Sie lehnten Eroberungen ab, hielten aber territoriale Erweiterungen für wünschenswert. Beide Gruppen suchten die „einigende Synthese der deutschen Ziele".Dabei ist zu berücksichtigen, daß das ausgeprägte Sicherheitsbedürfiiis, mit dem die Kriegsziele begründet wurden, nicht nur bereits vorhandenen Expansionswünschen entsprach, sondern auch eine Reaktion auf die reale Bedrohung des Reichs durch die „Zerstückelungsabsichten"insbesondere Frankreichs und Rußlands darstellte, die seit der Veröffentlichung entsprechender Geheimabkommen durch die Bolschewisten im November 1917 der Weltöffentlichkeit bekannt waren.'® Welches waren die zwischen den Gelehrten beider Gruppen umstrittenen, welches ihre gemeinsamen Kriegsziele? Die Kriegsziele im Westen Die Zukunft Belgiens wurde in der zweiten Kriegshälfte zu einem der zentralen Themen der Kriegszieldiskussion. Die Vaterlandsgelehrten waren der Ansicht, die Besetzung Antwerpens und der belgischen Küste sei einerseits zum Schutze des deutschen Hinterlandes und Industriegebietes und andererseits für die Errichtung von Flottenstützpunkten zum Schutze gegen England nötig. Deutschland müsse Belgien „militärisch, politisch und wirtschaftlich in der Hand behalten".'^ Die Volksbundgruppe lehnte dagegen Annexionen belgischen Territoriums - im Gespräch waren die flandrische Küste und die Maaslinie - oder BesatzungsDelbrück, Wider den Kleinglauben, S. 6-14,17f, 22f. Vgl. auch deis., Deutscher Friede, S. 201f. Below, Treilschkes Sendung, S. 439. Vgl. auch ders., Nationalstaat, S. 36. Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 8. 14 Schwabe, Wissenschaft, S. 188. 15 DülfFer, Jost: „Versailles und die Friedensschlüsse des 19. und 20. Jahihundeits", in: Krumeich, Geid (Hg.): Versailles 1919. Ziele-Wirkung-Wahrnehmung. Essen 2001, S. 17-34, hier S. 26. Becker, Jean-Jacques: .Frankreich und der gescheiterte Versuch, das Deutsche Reich zu zerst&oi", in: Krumeich, Versailles, S. 65-70; Linke, Rußlands Weg. S. 68-86; Soutou. Kriegsziele. S. 32-45; F«ro, Der große Krieg, S. 2442,361. Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 5f.

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rechte, z. B. in Lüttich, als „unberechtigt", „schädlich und verderblich" ab." Zwar dürfe Belgien nicht zu einer britischen Domäne oder zum Aufinarschgebiet der Feinde werden. Das solle aber nicht durch Eroberungen, sondern durch eine informelle Vorherrschaft verhindert werden: durch den Anschluß eines selbständigen Belgiens an das deutsche Zollgebiet" oder aber durch eine „Neutralisierung" Belgiens.^" Die Vaterlandsgelehrten forderten nicht nur die militärische und handelspolitische Angliederung Belgiens, sondern mit Blick auf die schon in der Vorkriegszeit bestehenden Konflikte zwischen beiden Volksgruppen auch die „Befreiung der Flamen von wallonischer Thyrannei". Die Flamen sollten „im engen Anschluß an das Deutsche Reich" zur „Entfaltung ihres Wesens" gelangen.^' Die „Erhaltung dieser germanischen Stammesart"^^ bezeichneten sie als genuin deutsches Interesse. Da sie dem belgischen Staat die Existenzberechtigung absprachen und die Herstellung eines „wahrhaft neutralen Belgiens" ftlr unmöglich hielten," wollten sie das „künstliche Staatsgebilde" „zerschlagen" und in zwei neue Staaten: „Flandern" und „Wallonien" aufteilen, die im Rahmen eines Schutzverbandes an das Reich anzugliedern wären.^^ Die verwaltungstechnische Trennung von Flandern und Wallonien wurde auch von einigen Volksbundgelehrten als Maßnahme zur Beendigung der französischen Dominanz gefordert." Es gelang ihnen jedoch nicht, sich auf ein Konzept zur Zukunft Belgiens zu einigen. Große Zustimmung fand dagegen die Idee, Belgien bei den Friedensverhandlungen als „Faustpfand" ftlr die Rückgabe der deutschen Kolonien zu nutzen.^' So wollten sie die ,belgische Frage' aus der Kriegszieldiskussion weitgehend heraushalten, der alliierten Forderung nach Wiederherstellung Belgiens entgegenkommen und gleichzeitig ein wichtiges Kriegsziel, die koloniale Erweiterung, befördern. Das ,Faustpfand-Argument' wurde von der Vaterlandsgruppe abgelehnt: Deutschland könne sich aus Sicherungsgründen nicht völlig aus Belgien zurückziehen, sondern müsse die „Obergewalt" behalten, forderten sie." Mit dem Argument, daß die Wiederherstellung Belgiens einem Sieg der Alliierten gleichkäme, disqualifizierten die Vaterlandsgelehrten solche Optionen von vornherein als antinational und machten einen - wie auch immer gestalteten - Anschluß Belgiens an das Reich zur Conditio sine qua non jedes Friedens. Die Stellung Belgiens bezeichneten sie als Symbol

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Brentano, Schlachtruf S. 17; Delbrück, Reichstagsresolution, S. 8; ders., Pazifismus, S. 181; ders. Deutscher Friede, S. 204f Schmoller, Zollannahetung, S. 174; Oncken, Mitteleuropa, S. 147f ; Delbrück, Reichstagsresolution, S. 8; Schul2e-Gävemitz, Vlandem, S. 307-310,317f. Goetz, Kriegsetgebnisse, S. 455. Vgl. auch Weber, A , Selbstbestimmungsrecht S. 65; Oncken, Mitteleuropa, S. 147f; Schulze-Gävernitz, Vlandem, S. 307-310,317f Below, Vaterlands-Partei, S. 6f, lOf, 13. Vgl. auch ders., Nationalstaat, S. 49; Meyer, Seekrieg, S. 440. Below, Nationalstaat, S. 49. Meyer, Seekrieg, S. 439. Vgl. auch Schäfer, Auslandsdeutschtum, S. 1155. Gierice, Friedensziele, S. 62f. Vgl. auch Below, Nationalstaat, S. 47flf.; ders., Vaterlands-Partei, S. 10-13; ders.. Gibt es eine belgische Neutralitat?, S. 77. Weber, M., Deutschland unter den Weltmächten, S. 70f ; Oncken, Mitteleuropa, S. 148; Goetz, Kriegsergebnisse, S. 455; Schulze-Gävemitz, Vlandem, S. 309,315f. Hintze, Imperialismus, S. 163; Goetz, Kriegseigebnisse, S. 441, 458; Oncken, Mitteleuropa, S. 144; Delbrück, Deutsdier Friede, S. 207. Gierke, Friedensziele, S. 5,62£ Vgl. auch Below, Nationalstaat, S. 47ff.; ders., Vaterlands-Partei, S. 10-13; Mo-er, Seekrieg S. 439,441.

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der Zukunft. Erst als „Herren der flandrischen Küste" könne man von einem deutschen Sieg sprechen.^' Mit Blick auf Frankreich forderten die Vaterlandsgelehrten aus sicherungstaktischen, vor allem aber aus wirtschaftlichen Gründen Annexionen - es ging um die Vogesenwestseite sowie um die Erzbecken von Longwy und Briey während diese von den Volksbundgelehrten zumeist abgelehnt wurden.'" Angesichts der polarisierten Kriegszieldiskussion bezeichnete V. Below die Forderungen der Vaterlandsgruppe als kriegspolitische Notwendigkeit, die auch Angehörigen der Reichstagsmehrheit einleuchte. Deshalb zitierte er eine Kriegszielschrift des FVP-Reichstagsabgeordneten Ernst Müller-Meiningen, der nach Ansicht V. Belows den geschmähten „,alldeutschen Forderungen'" recht nahe gekommen sei und betont habe, daß auch ein deutsches Entgegenkommen den französischen „.Fanatismus"' nicht überwinden würde. Durch einen .„großmütigen Verzicht'" auf Briey gewönne Deutschland daher gar nichts.'' Das Kriegsziel, das von den Vaterlands- und Volksbundgelehrten in bezug auf England unisono formuliert wurde, war die Freiheit der Meere.'^ Zwar wurde die genaue Bedeutung dieses Schlagworts nicht expliziert, aber es repräsentierte das Ende der englischen Vorherrschaft zu See: „Denn einmal muß Karthago zerstört werden."" Die Kriegsziele im Osten Die größten Übereinstimmungen zwischen beiden Gelehrtengruppen bestanden bezüglich der Kriegsziele im Osten, vor allem im Hinblick auf die Zukunft Rußlands. Nach Ansicht Schäfers sollte Deutschland in Osteuropa nach dem „Grundsatz der nationalen Staatenbildung" verfahren, „der die Zeit sichtbar regiert", und auf diese Weise die „Abtrennung der Fremdvölker" von Rußland erreichen. Selbst die Entente, so Schäfer, fordere das Selbstbestimmungsrecht, „allerdings mit frechster Verlogenheit". Es ging ihm jedoch nicht um die Befreiung der Polen, Litauer, Balten, Finnen etc. sondern um die Schwächung Rußlands durch die Loslösung der Nationen. Die kleinen Nachfolgestaaten stellten filr Deutschland das kleinere Übel dar.'^ Neben sicherheitspolitischen zogen die Vaterlandsgelehrten kulturelle Argumente zur Begründung ihrer Forderungen heran. So gehörten Finnland, Estland und Lettland nach Meinung Seebergs zur deutsch-protestantischen Kultursphäre. Daher sei es eine deutsche „Kulturaufgabe", die russische Herrschaft „aufenjheben". Keinesfalls dürfe 21 29

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Меует, Seekrieg, S. 440f VgL auch Gierice, Friedensziele, S. 49. Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 4£; Below, Nationalstaat, S. 52, 53. Vgl. auch die Eingabe von Spahn, Wiedereinverieibung. Brentano, Sdiladitnit S. 17; d a g ^ Delbitlck, Reidistagsresolution, S. 8; ders., Pazifismus, S. 181; ders. Deutscher Friede, S. 204f Vgl. auch Oncken, Schwelle, S. lOffi, 16; Mareks, S. 13; Weber, Schwelle, S.506. Below, Vateriands-Partei, S. 5ff., lOflf. Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 8; M^er, Sedmeg, S. 439; Triepel, Heinrich: Die Freiheit der Meere und der künftige Friedensschluß. Beriin 1917, sowie Oncken, Schwelle, S. 10; Brentano, Schlachtruf S. 16; ders., System, S. 83; Delbrück, Pazifismus, S. 181; Hintze, Imperialismus, S. 164; Meinecke, Demobilisierung, S. 197; Schulze-Gävernitz, Weltwirtschaft, S. 4; Liszt, Völkergemeinschaft, S. 65; Schükking, Freiheit der Meere, S. I37fi·., 144« Triepel, Zukunft des Völkerrechts, S. 13. Schäfer, Volk und Staat, S. 308,31 If, 317£ Vgl. auch ders., Kriegs- und Friedensziele, S. 6£

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die künftige Westgrenze Rußlands bis an die Ostsee reichen." Ähnlich äußerte sich der prominente deutschbaitische Vertreter der Volksbundgruppe, v. Hamack, der forderte, Rußland auf seine „natürlichen Grenzen zurUck[zu]drangen".^^ Viele Gelehrte beider Gruppen stimmten darin überein, russisches Gebiet - insbesondere das Baltikum - zum Siedlungsraum für Deutsche zu machen. Dabei handelte es sich um Überlegungen, die in ähnlicher Weise von der OHL angestellt wurden.^^ Litauen, Weißrußland und die Ukraine boten nach Ansicht Schäfers als weitgehend entvölkerte Landstriche Raum für eine „Neusiedlung", die dem „Lebensbedürfiiis des deutschen Volkes" entspreche. Er plädierte daher für eine „Erweiterung und Festigung der agrarischen Grundlage" des Reiches durch die Besiedlung russischen Landes;^' eine Forderung, die von anderen Gelehrten unterstützt und unter Verweis auf Litauen und Kurland als bevorzugtem Gebiet für deutsches „Siedlungsland" ergänzt wurde.'' Geleitet von der Vorstellung, daß Deutschlands Raum beengt sei, forderten auch viele Volksbundgelehrte die Gewinnung von landwirtschaftlichen Nutzungs- und Siedlungsflächen.^° Solange das „Mißverhältnis" zwischen der Größe der deutschen Bevölkerungszahl und dem Umfang des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens weiterbestünde, hieß es, sei eine „Erweiterung des deutschen Wirtschaftsgebietes" nach Osten notwendig.^' Meinecke äußerte sich skeptisch gegenüber dem von alldeutschen Kreisen vertretenen Umsiedlungsgedanken. Seine Zurückhaltung beruhte allerdings nicht auf grundsätzlichen Einwänden - die Siedlungspolitik sei als „nationale Flurbereinigung" durchaus „wünschenswert" - , sondern auf Zweifeln an der Durchfilhrbarkeit.^^ Ihm schwebte vor, durch die Umsiedlung deutscher Siedler von Südrußland nach Kurland und die Ansiedlung russischer Siedler in Südrußland geschlossene Siedlungsgebiete zu schaffen.^' Solche Äußerungen zeigen, wie verbreitet die Vorstellung vom „Volk ohne Raum"^ bereits war. Vor dem Hintergrund des Vormarsches der deutschen Truppen, der scheinbar die Möglichkeit bot, ,Lebensraum im Osten' zu gewinnen, wurde der Gedanke einer Siedlungspolitik nicht nur in alldeutschen Kreisen populär. Dabei korrespondierte die positive Bewertung bäuerlicher Siedlungen mit der bei vielen Vaterlandsgelehrten verbreiteten Abneigung gegen Großstädte und die moderne industrielle Welt. So bezeichnete Schäfer den Rückgang

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Seeberg, östliche und westliche Kultur, S. 781fiF. Vgl. auch Brandenburg, Deutschlands Kriegsziele. Hamack, Schwelle, S. 1487. Vgl. auch Mareks, Schwelle, S. 10; Delbrück, Pazifismus, S. 177; Oncken, Schwelle, S. 12f. Wdiler, Kaiserreich, S. 210£; Fisdier, Griff nach der Weltmacht, S. 3%ff Schafer, Volk und Staat, S. 313; ders., Kriegs- und Friedensziele, S. 6C; ders., Auslandsdeutsditum, S. 1161. Vgl. auch Below, Nationalstaat, S. 55; ders., Vateriands-Paitei, S. 3£; Gieike, Friedensziele, S.72ff. Below, Vaterlands-Paitei, S. 4; ders., Naticmalstaat, S. 55; Seebeig, Ösdiche und westliche Kultur, S. 767; Gieike, Friedensziele, S. 72,74; Schäfer, Kriegs- und Friedensziele, S. 7. Hamadc, Schwelle, S. 14«7. Vgl. auch Mareks, Schwelle, S. 10; Delbrilck, Pazifismus, S. 177; Onckcn, Schwelle, S.I2f Brattano, SchladitniC S. I3£ Vgl. auch Goetz, Kriegsetgebnisse, S. 448; Hintzc, Imperialismus, S. 161. Meinedce, Probleme, S. 44. Er bezog sich hio'auf Äußerungen Kjelléns. Meinecke, Kriegsziele, S. 189-192. So der Titel des in den zwanzig» Jahrm popularen Buches: Grimm, Hans: Volk ohne Raum. MOnchoi 1926.

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der Landbevölkerung als ungesunde Entwicklung und forderte, in Zukunft das Gleichgewicht zwischen „ländlicher und städtisch-industrieller Bevölkerung" zu erhalten.'*' Uneinig waren sich die Volksbundgelehrten 1917 in der Frage, ob die angestrebte Verbindung des Baltikums mit dem Reich nur kulturell oder auch politisch erfolgen sollte.^ Nach dem deutschen Sieg über Rußland 1918, der die Möglichkeit eines deutschen „Ostimperiums" (Hildebrandt) eröffiiet hatte, diskutierten sie diese Frage verstärkt, ohne sich aber einigen zu können. Hamack plädierte für enge kulturelle Bindungen an das Reich, räumte verschiedenen Formen von „Schutzverhältnissen" jedoch einen Vorrang gegenüber einem Anschluß ein."·^ Delbrück strebte dagegen enge politische Bindungen an,"' während Goetz eine dauernde Vereinigung Kurlands mit dem Reich forderte, aber Litauen, Livland und Estland zu selbständigen Staaten in einem deutschen „Einflußgebiet" machen wollte."' Die Vaterlandsgelehrten setzten sich für einen „maßgebenden"'" deutschen Einfluß in Osteuropa auf der Grundlage einer dauernden Abhängigkeit Kurlands ein, das der deutschen „Einflußsphäre" „unbedingt einverleibt" werden sollte." Below schlug vor, daß die bahischen Staaten „sämtlich okkupiert" und dem Deutschen Reich angegliedert würden. Die neuen Staatsgebilde sollten auf jeden Fall noch längere Zeit unter der „Oberleitung" (Schäfer) der Mittelmächte verbleiben.'^ In bezug auf Polen bewegte die Gelehrten beider Gruppen der Zusammenhang zwischen der Neugestaltung Polens und der polnischen Minderheit in Deutschland. Die Volksbundgelehrten plädierten mehrheitlich für eine rasche Festsetzung der Grenzen des neuen polnischen Staates und für ein Ende der Germanisierungspolitik in den mehrheitlich polnisch bewohnten Ostprovinzen Preußens. Die „polnische Frage", schrieb Max Weber und betonte damit die existentielle Bedeutung dieser Frage für Polen und Deutsche, „reicht bei uns bis vor die Tore der Reichshauptstadt"." Ein selbständiges Polen sollte politisch und wirtschaftlich eng mit den Mittehnächten zusammenarbeiten - entweder durch die Angliederung an das deutsche Zollgebiet" oder im Rahmen Mitteleuropas." Über ein konsensfähiges Konzept verfügten die Volksbundgelehrten nicht, aber die Vorstellungen der Vaterlandsgelehrten waren nicht viel klarer. Einig waren sich letztere lediglich in der Ablehnung der Wiederherstellung des Königreiches Polen, da sie darin die Gefahr eines gegen Deutschland gerichteten Zusammenschlusses von Russen und Polen sahen." Beschränkungen Polens

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Schäfer, Von deutscher Art, S. 20. Vgl. auch ders., Kriegs- und Friedaisziele, S. 191ffi; ders., Volk und Staat, S. 313,24; Meyer, Militarismus, S. 428. Hintze, Impoialismus, S. 161; Oncken, Mitteleuropa, S. 142. Hamack, Ostseeprovin2en, S. 129f Vgl. auch Mareks, Goethe und Bismarck, S. 876. Delbrück, Prof. v. Below als Voricämpfer, S. 126. Goetz, Kriegsergebnisse, S. 440,443. Below, Vateriands-Partei, S. 3. Gierke, Friedensziele, S. 72flf. Vgl. auch Below, Vateriands-Partei, S. 4. Below, Nationalstaat, S. 57; Schäfer, Volk und Staat, S. 318. Weber, M., Deutschland unter den Weltmächten, S. 74. Vgl. auch ders., Deutschlands äußere und Preußens innere Politik, S. 81f ; Delbrtlck, Pazifismus, S. 180; ders., Deutsche und Polen, S. If Schmoller, 2!^llannahening,S. 174. Schulze-Gävernitz, Weltwirtschaft, S. 20; Oncken, Schwelle, S. 12f; ders., Mitlelairopa, S 119,124-130, 135; Goetz, Kri^sergebnisse, S. 444f Schäfer, Volk und Staat, S 314ffi Vgl. auch Below, Vaterlands-Partei, S 4.

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hielten sie für „unentbehrlich", um einer polnischen Annäherung an Rußland vorzubeugen sowie der Gefahr polnischer Forderungen nach von Polen bewohnten deutschen oder österreichischen Gebieten. Die ebenfalls geforderte restriktive Politik gegenüber der pohlischen Minderheit in Preußen entsprach den Vorstellungen der Vaterlandsgelehrten von einer unbedingten Machtpolitik gegenüber dem polnischen Staat " Die Ostfriedensverträge des Jahres 1918 führten allerdings nicht zu einer abschließenden Regelung in Osteuropa.^* Zwar entsprachen sie weitgehend den Vorstellungen von einem Machtfrieden, aber da nicht endgültig festgelegt wurde, welche politische Ordnung Polen, die Ukraine und die baltischen Länder haben, wie ihre Grenzen aussehen oder welcher Art ihre Bindung an Deutschland sein sollten, beruhigte sich die Debatte über die Kriegsziele im Osten auch im letzten Kriegsjahr nicht. Die Kriegsziele in Übersee: Kolonien Beide Gelehrtengruppen stimmten darin überein, daß Deutschland Kolonien besitzen müsse, unterschieden sich jedoch in ihrer Prioritätensetzung. Die Volksbundgelehrten wollten das deutsche Koloniah-eich mit Hilfe des „Faustpfandes" Belgien wiedergewinnen und bestenfalls vergrößern.'' Wie in der ersten Kriegshälfte plädierten sie vielfach für kolonialen Zugewinn anstelle europäischer Annexionen. Dabei ging es nicht nur um eine „arrondierte Interessensphäre",^ sondern auch um koloniale Erweiterungen auf Kosten des portugiesischen Kolonialbesitzes," über dessen Aufteilung England und Deutschland noch loirz vor Kriegsbeginn verhandelt hatten." Wenn Oncken ein „mittelafrikanisches Reich" forderte, ein „Deutschafrika", das sich quer über den afrikanischen Kontinent erstrecken sollte,'^ entsprach dies nicht nur dem seit etwa 1910 verfolgten Ziel der deutschen Außenpolitik, einen geschlossenen zentralafrikanischen Kolonialbesitz zu schaffen, sondern auch dem 1912 erfolgten englischen Angebot, „einen ,Gürtel' deutschen Besitzes quer durch Afrika"®* und damit einen kolonialen Ausgleich zu ermöglichen. Es erschien Delbrück daher nicht abwegig, das „ganze mittlere Afrika", inklusive des Kongos sowie Angolas, Mosambiks und Madagaskars zu fordern. Um Großbritannien ebenbürtig zu sein, brauchte das Reich seiner Meinung nach ein „,Deutsches Indien"' in Afrika.^' Mit den weitreichenden kolonialpolitischen Forderungen beschworen die Volksbundgelehrten nicht nur ihren Traum vom deut-

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Gierke, Friedensziele, S. 75fiF. Vgl. auch Schafer, Kriegs- und Friedensziele, S. 7; das., Volk und Staat, S. 316. Fischer, GriflFnach der Weltmacht, S. SOSffi Hintze, Imperialismus, S. 163; Hamack, Schwelle, S. 1486; Oncken, Schwelle, S. 10,13; ders. Mitteleuropa, S. 144; Sdimoller, Zollannähenmg, S. 176; Goetz, Vorwort, S. VI. Delbrilck, Wider den raeinglaubai, S. 4, schlug eine Art Kolonialkompromiß mit England vor. Weber, M., Deutschland unter den Weltmächten, S. 70. Goetz, Kriegsagebnisse,S.458f. Fischer, Weltmacht, S. 37. Oncken, Mitteleuropa, S. 145C Fischer, Weltmacht, S. 27-30. Delbrück, Deutscher Friede, S. 2040!; ders., Charakteristik, S. 436. Vgl. auch Oncken, Mitteleuropa, S. 145f; Briefs, Götz: ,JDie künftige Stellung Deutschlands in der Weltwirtschaft", in: Meinertz/Sacher, Deutschland und der Katholizismus 2, S. 389-406, hier S. 403.

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sehen „Platz an der Sonne" " sondern versuchten zugleich, das Interesse der Öffentlichkeit auf kolonialen Zugewinn zu lenken, um von den vor allem im Hinblick auf den Friedensschluß politisch problematischen Zielen in Europa abzulenken. Zwar fühlten sich die Volksbundgelehrten vor dem Hintergrund der „Verzichts"-Vorwürfe unter Druck gesetzt zu beweisen, daß sie durchaus große Kriegsziele anstrebten, aber die kolonialen Expansionspläne entsprachen zugleich ihren Vorstellungen von deutscher,Weltgeltung'.®^ Ähnlich wie die Volksbundgelehrten forderten die Vertreter der Vaterlandsgruppe, daß Deutschland nicht nur seine Kolonien zurückgewinnen, sondern vor allem ein größeres Koloniab-eich anstreben müsse. Sie begründeten dies mit der Notwendigkeit überseeischer Flottenstützpunkte gegen England und der Sicherung des deutschen Handels. Dabei verbanden sie ihre kolonialpolitischen Forderungen mit der Frage der Gestaltung Belgiens. Wenn das Reich künftig nicht die Macht habe, hieß es, seine Kolonien im Kriege erfolgreich verteidigen zu können, würden diese einen Schwachpunkt darstellen. Daher seien sowohl U-Boote als auch eine starke Hochseeflotte vonnöten. „Ohne Seemacht", so die Maxime, „keine Kolonialmacht".'* Um aber ausreichende Flottenstützpunkte anlegen zu können, brauchte Deutschland nach Ansicht der Vaterlandsgelehrten die flandrische Küste." Insgesamt spielten koloniale Ziele für die Vaterlandsgruppe aber nur eine untergeordnete Rolle. Ihr Hauptaugenmerk richtete sich auf die kontinentale Sicherung des Reiches und die Machterweiterung in Europa. Annexionsforderungen wie die der Vaterlandsgelehrten machten es der alliierten Propaganda leicht, die deutsche Politik als skrupellose Machtpolitik zu disqualifizieren, während die verständigungsbereite Minderheit kaum Gehör fand. Hinter den Forderungen nach Annexionen, die aus heutiger Perspektive wie realitätsfeme Ausdrücke imperialistischer „Maßlosigkeit"™ wirken, standen nicht nur macht- und wirtschaftspolitische Interessen, sondern auch innenpolitische Ordnungsvorstellungen. Die Kriegszieldiskussion war zu einem großen Teil innenpolitisch bedingt und ausgerichtet. Gerade viele Gelehrte der Vaterlandsgruppe erblickten in der Propagierung weitreichender Eroberungen die Möglichkeit, die in der politischen Auseinandersetzung der zweiten Kriegshälfte von den Volksbundgelehrten immer nachdrücklicher geforderte Parlamentarisierung zu verhindern oder wenigstens zu verzögern.^' Das bedeutete gleichwohl nicht, daß die Vaterlandsgelehrten eine innenpolitische Neugestaltung per se ablehnten, wie ihre Reformvorschläge zeigen.^^ Mit ihren Kriegszielen wollten sie indes von der stagnierenden innenpolitischen Neuordnungsdiskussion ablenken, die aufgrund der politischen Polarisierung nicht geeignet war, die Nation einheitlich auf eine Reformvorstellung einzuschwören. Daher erblickte die Vaterlandsgruppe in der Festlegung auf große Kriegsziele ein geeignetes innenpolitisches Propagandainstrument, um den Durchhaltewillen zu stärken und das Volk zu einigen. Diese Strategie zielte direkt auf das Dilem66 67

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Oncken, Schwelle, S. 16; Sdimoller, Institutionen, S. 218. Jansen, Professoren und Politik, S. 136f ; Schwabe, Haltung, S. 611fF. Schäfer, K r i ^ und Friedensziele, S. 8. Vgl. auch ders., Auslandsdeutschtum, S. 1160f.; Gioke, Ftiedensziele, S. 5,78; Plenge, Gdjuit, S. 55. M^fcr, Seekrieg, S. 439. Vgl. auch Gieike, Friedensziele, S. 5,78. Rünip, Geist, S. 26. Vgl. auch Wehler, Kaisetreich, S. 208. Ringer, Mandarine, S. 180а; Schwabe, Haltung, S. 616f., 628; Wehler, Kaisemeich, S. 207f. HieizuKap.n.6.2.

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ma des Volksbundes, die Kampfmoral stärken zu wollen, ohne das Volk mit Eroberungen zu ködern," lieferte doch die vaterlandspolitische Argumentation - je größer die Anstrengung, desto höher der Siegespreis - ein konkretes Sinnangebot für das Durchhalten. Kriegsziele nicht schon bei Kriegsbeginn formuliert zu haben, bezeichnete Schäfer als Versäumnis der Regierung/* Below verwies in diesem Zusammenhang auf Übereinstimmungen mit weiten, selbst linksliberalen Volksteilen in der Kriegszielfrage." In der Tat wünschten auch Teile der rechten Sozialdemokraten und der Gewerkschaften eine wirtschaftliche Vormachtstellung Deutschlands sowie ausreichenden Kolonialbesitz.^® Nichtsdestotrotz war der alldeutsche Annexionismus geeignet, die 1914 gewonnene Arbeiterschaft dem deutschen Staat wieder zu entfremden." Die Unterschiede wie die Gemeinsamkeiten in bezug auf die Kriegsziele veranschaulichen, wie intensiv auch die außenpolitischen Zukunftsvorstellungen seit dem Herbst 1916 debattiert wurden. Beide Gelehrtengruppen standen sich in der polarisierten Diskussion um Friedensvorstellimgen und Kriegsziele gegenüber. An „der Frage nach den konkreten Kriegszielen", so Schwabe, „schieden sich die Geister"." Je nach Umfang der geforderten Ziele wird gemeinhin zwischen .Annexionisten" und „Gemäßigten" unterschieden." Während die Vaterlandsgelehrten große Annexionsforderungen stellten, lehnten die Volksbundgelehrten diese ab. Zum einen befürchteten sie, daß die mit Annexionen verbundene Eingliederung fremder Völker die Homogenität des Reichs als Nationalstaat gefôhrden würde,'" zum anderen konnte es ihrer Meinung nach nur „um begrenzte, nicht um unbegrenzte" Ziele gehen.'' Einen Frieden auf der Basis des territorialen Status quo ante bellum strebten auch sie nicht an, denn die .begrenzten' Ziele implizierten ebenfalls einen deutlichen Machtzuwachs sowie territoriale Erweiterungen. So wies Delbrück die Unterstellung v. Belows, daß er nur marginale Kriegsziele vertrete, mit dem Hinweis auf seine kolonialen Forderungen entrüstet von sich." Schulze-Gävernitz sprach sogar von Übereinstimmungen mit den Vaterlandsgelehrten. Im März 1918 betonte er, daß eine Einigung auf Kriegsziele durchaus möglich sei, weil „,das höchst Erreichbare' auch vielen von uns vorschwebt"." Gleichwohl hat es sich nicht um einen identischen Annexionismus mit verschiedenen Ausprägungen gehandelt.** Die in der Forschung oft anzutreffende Fixierung auf konkrete Kriegsziele über-

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il ie auswärtige Politik", in: dets., Deutschland und der Friede, S. 489-504, hier S. 497; Liszl, Völkeigemeinschaft, S. 48; Grauert, Rechlsund Friedaiseinheit, S. 467. Liszt, Völkei^gemeinschaft, S. 77. Vgl. auch Weba·, A, Selbstbestimmungsrecht, S. 68C Mareks, Schwelle, S. 11; Goetz, Die auswärtige Politik, S. 497; Schulze-Gävemitz, Weltwirtschaft, S. 20C; Oncken, Mitteleuropa, S. 85fif:, 95ff Jeismann, Vateriand, S. 326. Schwabe, Wissenschaft, S. 65.

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кашп registriert, weil die alldeutsche Propaganda die Wahrnehmung der deutschen Kriegszieldiskussion im Ausland dominierte. Es handelte sich bei den Mitteleuropavisionen nicht nur um Gegenmodelle zum angelsächsischen Wirtschaftsraum, sondern auch um Alternativen zur Schutzzollpolitik der Vaterlandsgelehrten und den insbesondere in der ersten Kriegshälfte verbreiteten Autarkievorstellungen.'®' Die Konzeption der Volksbundgelehrten von einer mitteleuropäischen Gemeinschaft, die über „Interessenverbundenheiten" hinausgehen und auf kulturellen Gemeinsamkeiten beruhen sollte'^" - Naumann plädierte fllr eine ,^nitteleuropaische Gesinnung",'^' Oncken fllr eine „gefilhlsmäßige Vertiefung"'^ der Mitteleuropaidee - , widersprach der nationalistischen Sichtweise der Vaterlandsgelehrten, welche „Mitteleuropa" ablehnten. Ihr Haupteinwand lautete, daß ein mitteleuropäischer Zusammenschluß heterogener Völker zur Auflösung des deutschen Nationalstaats fШu·en werde. Below warf Naumann vor, die deutsche Selbständigkeit aufgeben und die „Eigenart" der Deutschen einer mitteleuropäischen „Mischkultur" opfern zu wollen. Die angestrebte mitteleuropäische Identität bezeichnete er als Schaffung von „Mischmaschmenschen" bzw. als „mitteleuropäischen Brei"."^ Der Berliner evangelische Theologen Kafian wies auf die negativen Folgen für den Protestantismus hin, der in „Mitteleuropa" zur Minderheit werde. Die Bedrohung des Protestantismus gefährde die deutsche Kultur."'* Zwar sei eine gegen die USA gerichtete kontinentaleuropäische Wirtschaftspolitik der „gesunde Grundgedanke des in seiner Einseitigkeit gefährlichen Schlagwortes ,Mitteleuropa"', so Plenge, aber die Idee sei ein „geschichtswidriger T r a u m " N i c h t das „Wolkenkuckucksheim Mitteleuropa", sondern die Stärkung des Reiches und die Sicherung seiner Grenzen seien anzustreben.'^® Anstelle wirtschaftlicher Zusammenarbeit in Europa plädierten die Vaterlandsgelehrten für die Reaktivierung der nationalen Schutzzollpolitik. Die Thesen verschiedener Volksbundgelehrter, daß ein „Unions-" den Nationalstaat künftig ersetzen werde und die Nationalwirtschaft nicht mehr zeitgemäß sei, lehnte v. Below ab. Die deutsche Widerstandskraft beruhe auf dem deutschen Nationalstaat und der deutschen Nationalwirtschaft. Er verwies auf die neokonservative Politik Bismarcks, die in der bewußten ,^bschließung" durch Schutzzölle bestanden und die Freihandelszeit beendet habe. Die dadurch erlangte wirtschaftliche Autonomie Deutschlands mache sich im Weltkrieg bezahlt. Zwar sei, konzedierte V. Below, eine „,reine' Nationalwirtschaft" nicht mehr möglich, aber eine „Unionswirtschaft" wie das Mitteleuropaprogramm sie beinhalte, lehnte er dennoch ab, weil es wegen der wirtschaftlichen Interessengegensätze nicht ratsam sei, ein politisch-militärisches Bündnis mit einem Handelsbündnis zu verbinden."' Da die preußische Landwirtschaft aufgrund 169 Briefs, Weltwirtschaft, S. 394£F., 401406. Vgl. auch Brentano, Schlachtiut S. 13f.; ders. System, S.73; 170 171 172 173 174 175 176

das., Weltwirtschaft, S. 40-44,52,56f., 73-80. Weber, A , Selbsöjestimmungsredit, S. 68. Naumann, Mittelairopa, S. 36. Oncken, Mitteleuropa, S. %. Below, Nationalstaat, S. 13-17. Vgl. auch Btandenbuig, Deutsdilands Kriegsziele. Kaftan, Julius: Wollen wir wiridich aus Deutschen Mitteleuropäer werden? Berlin 1916, S. 16,24. Plenge, Geburt, S. 61,56. Below, Nationalstaat, S. 33. Ebd., S. 2-11.

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der österreichisch-ungarischen Agrarkonkurrenz Verluste befürchtete, schien das Mitteleuropakonzept aus Sicht der Vaterlandsgelehrten auf eine Schwächung Preußens hinauszulaufen, die sie zu verhindern suchten. Mehr noch als die wirtschaftliche Problematik widersprachen die politischen Implikationen des Mitteleuropagedankens ihren Vorstellungen von deutscher Machtpolitik. „Mitteleuropa" ließ sich weder mit ihren Annexionsplänen noch mit ihrer Ablehnung supranationaler Rechtsordnungen und -Institutionen vereinbaren. Als „wirkliche[r] Zukunftsstaat" galt ihnen der „gesteigerte deutsche Nationalstaat".'™ Die scharfe Ablehnung „Mitteleuropas" durch die Vaterlandsgelehrten unterstreicht, daß es sich bei ihren machtpolitischen Vorstellungen nicht um ein lediglich in Nuancen anderes Herrschaftsprogramm handelte, sondern um eine ftmdamental andere Auffassung von Politik und der zukünftigen Gestaltung Europas. „Mitteleuropa" war für sie Teil eines Verständigungskonzepts ohne greifbare Kriegsziele. Eine auch nur formelle Gleichberechtigung der europäischen Staaten war mit ihrer unbedingten Forderung nach deutscher Vorherrschaft in Europa nicht zu vereinbaren, weil nur sie als Garant künftiger „Sicherung" galt. Die Vaterlandsgelehrten kormten sich kein Informal Empire, sondern nur die direkte Herrschaft, keinen gemeinschaftlichen Bund, sondern allein die Annexion vorstellen. Ihr Glaube an eine unbedingte Machtpolitik war für diplomatische Finesse, politische Taktik und informelle Führung nicht empfänglich. Wo es nur die Alternativen Sieg oder Niederlage gab, war jeder Kompromiß, selbst jede Nuance unerheblich - und jede Verständigung ausgeschlossen.

6.2 Innenpolitische Ordnungsvorstellungen: Demokratischer Konstitutionalismus, nationaler und radikalnationalistischer Koφorativismus Während die Gelehrten nach Kriegsbegiim mehrheitlich von einer Erneuerung des Reiches gesprochen hatten, waren es in der zweiten Kriegshälfte vor allem die Vertreter der Volksbundgruppe, die in ihren Einzelschriften eine „neue Zeit""' bzw. ein ,^ieues Zeitalter"'®* heraufziehen sahen und einem „neuen Deutschland" entgegenblickten.'" Auch in einigen Eingaben nahmen sie zur Art und zum Zeitpunkt der geplanten innenpolitischen Reformen Stellung.'*^ In Aufrufen äußerten sich sowohl Volksbund- als auch Vaterlandsgelehrte zu Reformfragen, z. B. zur Wahlrechtsreform in Preußen.'*^ Gleichwohl blieben die Einzel17» Ebd., S. 1. 179 Hamack, Schwelle, S. 1481; Rade, Nach Scliluß des Blattes, S. 405. Schrörs, Überlieferung und Fortschritt, S. 29; Delbrilck, Prinz Max, S. 1. Kl Pohle, J., Friede unter den Konfessionen, S. 181; Oncken, Schwelle, S. 2,16. Vgl. auch Goetz, Grandlagen, S. 610; Oncken, Mitteleuropa, S. 90flF.; Holl, Die Bedeutung der großen Kriege, S. 382; Weber, Α., Selbstbestimmungsrecht, S. 69f; ders., Bedeutung, S. 1260; Mareks, Goethe und Bismarck, S. 877; Meinertz/Sacher, Katholizismus 1, Vorwort, S. V. 182 Zum Beispiel Hamack, Friedensaufgaben, S. 1493ff.; ders., Gebot, S. ISlOff. Siegeswillenaufiui S. 138; Wahlrechtsrefomieridärang, S. 154; Demokratisierangskundgebung, S. 150£; Gegen einen Frieden der Vergewaltigung, S. 236C

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Schriften das bevorzugte Medium, mittels dessen die Gelehrten sich in die innenpolitische Reformdebatte einschalteten. Mit dem amerikanischen Kriegseintritt war die alliierte Freiheitspropaganda um das Ziel der „Demokratie" erweitert worden. Am 6. April 1917 hatte Wilson vor dem amerikanischen Kongreß den Kampf der Demokratie gegen die Autokratie verkündet. Seit der russischen Revolution fiel es ihm leicht, die Staatsformen der Mittelmächte als historisch überlebt zu brandmarken. Indem er behauptete, der Krieg werde nicht gegen das deutsche Volk, sondern gegen die preußisch-deutsche Autokratie geführt, griff er das von den Engländern zuvor proklamierte Ziel vom Kampf gegen den sogenannten „Militarismus" auf und erklärte: „,The world must be made safe for d e m o c r a c y " ' . D i e s e Zuspitzung der propagandistischen Auseinandersetzung wirkte sich auf die deutsche Reformdebatte aus. Die Frage der Selbst- oder Mitregierung des Volkes wurde zum zentralen Fokus der Auseinandersetzung und führte zu einer Ausdifferenzierung des Zukunftsbildes. Drei Richtungen kristallisierten sich heraus: die von den Volksbundgelehrten vertretene Idee der demokratisch-konstitutionellen Staatsordnung, die von Vertretern beider Gelehrtengruppen verkündeten „Ideen von 1914" als Vorstellung eines inklusiv-korporativen Staatssystems und die neue, vornehmlich von den Vateriandsgelehrten propagierte Idee eines exklusiven Koφorat¡vismus, einer völkischen Staatsordnung auf ständestaatlicher Grundlage. Da die Volksbundgelehrten ihren direkten Einfluß auf die Reichsleitung seit dem Sturz Bethmann Hollwegs im Sommer 1917 weitgehend verloren hatten, war es ihnen ein besonderes Anliegen, die Neuorientierung publizistisch zu unterstützen. In Erinnerung an den „Geist von 1914" betonten daher gerade sie, daß man eine „wesentliche Umformung""' des Staatslebens durch den und nach dem Krieg zu erwarten habe, einen „neuen Geist", der die Grundlage der politischen Entwicklung im „neugeordneten Deutschland" darstellen werd e . Z w a r räumten sie ein, daß niemand die „inneren sozialen, wirtschaftlichen und politischen und geistigen Folgen" des Krieges antizipieren könne, aber es galt als unstrittig, „daß die alten Verhältnisse dahin" waren und neue kämen. Wie diese aussähen, wurde vom Endergebnis des Krieges abhängig gemacht."' „Vorurteilslos", schrieb Delbrück, blicke er der „Neubildung entgegen". Neben der Beibehaltung des bewährten Alten sei die Weiterbildung des Staatswesens notwendig: „So glänzend sich jetzt das Überlieferte bewährt: die Welt steht nicht still, aber in dem Streben nach Fortentwicklung, das von den Vätern überlieferte Gute festzuhalten, das ist wahre Staatskunst"."* Basierend auf diesen Grundeinstellungen konkretisierten die Volksbundgelehrten ihre Vorstellung von einem künftigen Volksstaat.

184 Fischer, Griff nach der Weltmacht, S. 277; Schröder, Demokratie und Hegemonie, S. 163ff. (Wilson-Zitat S. 163).

183 Delbrilck, Neuorientienmg, S. 349.

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Weber, M., Parlament und Regioimg, S. 202. Ähnlich auch Simmel Europa, S. 67, und Schrörs, Überliefening und Fortschritt, S. 29. Schon im Sommer 1916 hatte Ondcai, Schwelle, S. 13f, geschrieben, daß es im Krieg „vor allem auch um das innere Gut eines zukünftigai erneuerten Deutschlands"£ehe. Troeltsch, Wesen des Weltkrieges, S. 24f Delbrück, Krieg und Politik Vorwort, S. 4.

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Polarisierung der Kricgsgesellschaft: Radikalisierung der Ordnungsideen 1916 bis 1918

6.2.1

Die Idee des Volksstaats

Seit Mitte 1916 sahen immer mehr Gelehrte in der konstitutionellen Ordnungsidee eine akzeptable oder sogar wünschenswerte Alternative zum bestehenden Staatssystem, zumal die Spaltung der SPD, die russische Revolution sowie der amerikanische Kriegseintritt konkrete innenpolitische Reformen immer dringender erscheinen ließen. Zur akademischen Trägergruppe des Konstitutionalismus gehörten in der zweiten Kriegshälfte Anschütz, Baumgarten, Brentano, Cassirer, Α. Cohen, Delbrück, F. W. Foerster, Goetz, Hobohm, v. Liszt, Oncken, Preuß, Rade, v. Schulze-Gävernitz, Stier-Somlo sowie Max Weber, der sich seit 1916 publizistisch zur Neuordnung Deutschlands äußerte. Seit Ende 1917 plädierten auch die ehemaligen Koφorativisten Alfred Weber, Troeltsch und Delbrücks Schwager v. Harnack öffentlich fllr die demokratisch-konstitutionelle Leitidee, während Meinecke sich erst Ende 1918 dazu durchringen konnte. Zwar waren die Konstitutionalisten noch immer in der Minderheit - insgesamt 20 der Gelehrten, deren Schriften hier untersucht wurden - , aber da der demokratische Konstitutionalismus mit Max Weber, Oncken, Troeltsch und v. Hamack nun prominente und einflußreiche Fürsprecher hatte, war er nicht mehr eine primär von Außenseitern des akademischen Feldes getragene Ordnungsidee. Der Wandel der Trägergruppe korrespondierte mit einer inhaltlichen Differenzierung. Angestrebt wurde die Ablösung des Obrigkeitsstaates durch den Volksstaat, d. h. die Etablierung der parlamentarischen Monarchie im Reich und die Einführung des Reichstagswahlrechts in Preußen. Zudem forderten die Konstitutionalisten die Zentralisierung des Reiches und eine Reform des preußischen Herrenhauses, die politische Erziehung des Volkes sowie den Schutz religiöser und nationaler Minderheiten. Sowohl die „Ideen von 1914" als auch die neue Idee des exklusiven Korporativismus wurden von ihnen entschieden abgelehnt. Volksstaat Auch in der zweiten Kriegshälfte bezeichnete der Begriff des „Volksstaats""' das Zukunftsbild des Konstitutionalismus sowie das ihm inhärente Verhaltensgebot. Die Konstitutionalisten forderten die Selbstregierung - im Reich wie in Preußen - , weil das Volk durch seine Kriegsanstrengungen bewiesen habe, daß es dafür nun reif sei."" Die „Vertiefung und Verbreiterung der politischen Fundamente in unserem Staatsleben" galt als „inneres Kriegsziel":"' Alle Deutschen sollten politisch „gleichberechtigt""^ sein. Hamack, der sich mit seinem Beitrag im Sammelband „Die deutsche Freiheit" noch als ein Hauptvertreter der koφorativen Ordnungsidee zu Wort gemeldet hatte,"' stellte in seiner Sommerdenkschrift

189 Preuß, Obrigkeitsstaat, S. 19; ders., Emeuenmg, S. 252; Weber, M., Parlament und Regierung, S. 227;

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ders., Wahlrecht und Demokratie, S. 166; Goetz, Gnmdlagen der inneren Politik, S. 616. Seit November 1917 erschien die Schriftenreihe ,Д)ег deutsche Volksstaat Schriften zur inneren Politik", hgg. von Wilhelm Heile und Walther Schotte, in der u. а Max Weber publizierte. Brentano, SchlachtruÇ S. 12, 21f; Schulze-Gävernitz, Freiheitsfrieden, S. 215; Mareks, Schwelle, S. 8; Goetz, Grundlagen, S. 614; Weber, M., Das preußische Wahlrecht, S. 96. Oncken, Schwelle, S. 13-16. Wdjer, M., Das preußische Wahlrecht, S. 96. Vgl. auch Oncken, Schwelle, S. 13ff. Hamack, Wilsons Botschaft.

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von 1917 fest, man sei überall „auf den toten Punkt gekommen"."* Schon früh hatte Preuß gewarnt, daß die Stimmung im Volk in dem Maße sinke, wie die Neuorientierung bloße Ankündigung bleibe."' Dennoch war der Zeitpunkt des Reformbeginns umstritten. So sprach sich Delbrück nachdrücklich für zügiges Handehi aus, denn Taten seien „zufriedenstellender als Versprechen". Mit übertriebener „Konsequenzenfiircht könne man jede Reform unterbinden", schrieb er im Sommer 1917. In jedem Falle sollte man „noch während des Krieges" mit der Reformierung des Staates beginnen."® Demgegenüber begrüßte Anschütz, daß zwar die Vorbereitungen für Reformen, nicht aber die Reformen selbst schon begonnen würden. Im Kriege sei kein Raum für politische Auseinandersetzungen."^ Insgesamt überwogen die Stimmen, die institutionelle Änderungen für das „Gebot der Stunde" hielten, um den Feinden die ,Ja-äftigste ideelle Waffe" zu entwinden und „innerer Auflösung" entgegenzuwirken."* Die preußische Wahlrechtsreform könne, hieß es Anfang 1918, den „Schwung von 1914" erneuern. Die Zeit dränge, denn: „Welche Gefahr ... umschließt das Wörtchen: zu spät!""® Ohne Reformen, so Delbrück, sei der Krieg nicht zu gewinnen; daher müsse die Regierung .jetzt den letzten entscheidenden Schritt... tun".^®® Auch Troeltsch - er hatte der westlichen Freiheit 1917 noch die „Deutsche Freiheit" entgegengehalten^"' - betonte Anfang 1918, es sei aus außen- wie innenpolitischen Gründen klüger, sich der Demokratie geistig und politisch nicht länger zu verschließen.^"^ Der Massenkrieg bewirke eine „Demokratisierung aller beteiligten Staaten".^"' Überall sei, so auch V. Liszt, die „demokratische Idee" auf dem Vormarsch. Je länger der Krieg dauere, desto deutlicher erkennten die Völker, daß sie sich selbst regieren müßten.^"* Diese Äußerungen zeigen eine Fokussierung auf den Demokratie-Begriff, der sich in der zweiten Kriegshälfte im Sprachgebrauch der Volksbundgelehrten immer mehr durchsetzte. Aus dem Wunsch nach einer konsequenten Konstitutionalisierung wurde die Forderung nach einem demokratischen Konstitutionalismus. Seit dem amerikanischen Kriegseintritt zum „integrativen LeitbegrifP'^"' der Alliierten avanciert, erforderte das Schlagwort „Demokratie" eine Stellung194 Hamack, Gebot der Stunde, S. 1512. 195 Preuß, Obrigkeitsstaat, S. 31. Vgl. auch ders., Deutschlands Erneuerung, S. 259fiF., und Schulzeas literarische Schaffen", in: Meinertz, Max/Sacher, Hemiann (Hg.): Deutschland und der Katholizismus. Gedanken zur Neugestaltung des deutschen Geistes- und Gesellschaftslebens. Bd. 1: Das Geistesleben. Freibuig i. В1918, S. 373-390. Cassirer, Emst Freiheit und Form. Studien zur deutschen Geistesgeschichte. Beriin 1916. СЫкп, Arthur , Д е Judenfrage, ein soziologisches Problem", in: J b G W 42, R 2., 1918, S. 133-147. Cohen, Hemiann: Über das Eigentümliche des deutsdien Geistes (= Philoso|diiscbe Vortrage der Kantgesellschaft, Nr. 8). Beriin 1914. — ders.: „Vom ewigoi Frieden" [1914], in: Göriand, Albert/Cassir^, Emst (Hg.): Hamann Cohens Schriftoi zur Philosophie und 2^i^eschichte (= Veröffentlichungen der Hamann Cohen-Stiftung bei d a Akademie ftlr die Wissenschaft des Judentums). Bd. 2. Beriin 1928, S. 342-346. — ders.: ,Д)и sollst nicht einhagdien als ein Verieumda. Ein Appell an die Judai Amerikas", in: Jüdische Schriften 2,1915, S. 229-236. — do^s.: Deutschtum und Judentum Von doitscha Zukunft, 1. Stück). Gießen 1915. — ders.: .JCantisdie Gedanken im deutschen Militarismus" [FZ 9.2.1916], in: Göriand, Albert/Cassirer, Emst (Hg.): Hemiann Cohens Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte (= VerOffendidiungen der Hermann Cohen-Stiftung bei der Akademieftlrdie Wissenschaft des Judentums). Bd. 2. Beriin 1928, S. 347-354. — das.: Deutschtum und Judentum. S.-A Vom inneren Frieden des deutschen Volkes. Leipzig 1916.

Einzelschriften

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Zeitgenössische Schriften, Presseartikel, Tagebücher und Memoiren

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