Titel und Text: Zur Entwicklung lateinischer Gedichtüberschriften. Mit Untersuchungen zu lateinischen Buchtiteln, Inhaltsverzeichnissen und anderen Gliederungsmitteln 9783110164534, 3110164531, 9783110802269, 3110802260

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Titel und Text: Zur Entwicklung lateinischer Gedichtüberschriften. Mit Untersuchungen zu lateinischen Buchtiteln, Inhaltsverzeichnissen und anderen Gliederungsmitteln
 9783110164534, 3110164531, 9783110802269, 3110802260

Table of contents :
Frontmatter......Page 1
Vorwort......Page 5
Inhaltsverzeichnis......Page 7
Einleitung......Page 11
Teil I : Buchtitel......Page 19
Teil II : Organisation von Texten (besonders Fachbüchern) durch Inhaltsverzeichnis, Numerierung und Kapitelüberschriften......Page 103
Teil III: Gedichtüberschriften......Page 171
Abschluss......Page 315
Literatur......Page 329
Index......Page 345
Abbildungen......Page 351

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Bianca-Jeanette Schröder Titel und Text

Pi 1749

I

1999

l

Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte Herausgegeben von Winfried Bühler, Peter Herrmann und Otto Zwierlein

Band 54

Walter de Gruyter · Berlin · New York 1999

Titel und Text Zur Entwicklung lateinischer Gedichtüberschriften. Mit Untersuchungen zu lateinischen Buchtiteln, Inhaltsverzeichnissen und anderen Gliederungsmitteln

von

Bianca-Jeanette Schröder

W DE G Walter de Gruyter · Berlin · New York

1999

© Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt. Die Deutsche Bibliothek -

CIP-Einheitsaufnahme

Schröder, Bianca-Jeanette: Titel und Text : zur Entwicklung lateinischer Gedichtüberschriften. Mit Untersuchungen zu lateinischen Buchtiteln, Inhaltsverzeichnissen und anderen Gliederungsmitteln / von Bianca-Jeanett Schröder. Berlin ; New York : de Gruyter, 1999 (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte ; Bd. 54) Zugl.: Hamburg, Univ., Diss., 1998 ISBN 3-11-016453-1

© Copyright 1999 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Ubersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Druck: Arthur Collignon GmbH, Berlin Buchbinderische Verarbeitung: Lüderitz & Bauer-GmbH, Berlin

Vorwort Dip vorliegende Arbeit wurde im Sommersemester 1998 vom Fachbereich Geschichtswissenschaft: der Universität Hamburg als Dissertation angenommen und fur den Druck leicht überarbeitet. Herrn Prof. Dr. Joachim Dingel, der diese Arbeit anregte und mit stetem Interesse und wertvollem Rat betreute, gilt mein größter Dank. Herrn Prof. Dr. Walther Ludwig danke ich fur seine Bereitschaft, als zweiter Gutachter zur Verfügung zu stehen. Ich war in der glücklichen Lage, meine Dissertation als Mitglied des Graduiertenkollegs 'Griechische und byzantinische Textüberlieferung - Wissenschaftsgeschichte - Humanismusforschung und Neulatein' an der Universität Hamburg schreiben zu können; mein herzlicher Dank dafür gilt dem Initiator und Sprecher des Kollegs, Herrn Prof. Dr. Dieter Harlfinger, sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Freien und Hansestadt Hamburg für die materielle Förderung. Folgende Bibliotheken haben mir dankenswerterweise Mikrofilme zur Verfügung gestellt oder vor Ort meine Arbeit unterstützt: Die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg 'Carl von Ossietzky', die Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, die Bayerische Staatsbibliothek München, die Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, die Stiftsbibliothek Sankt Gallen, die Biblioteca Apostolica Vaticana, die Biblioteca Angelica und die Biblioteca Casanatense in Rom, das Archivo dell'Abbazia Montecassino, die Biblioteca Marciana in Venedig, die Bibliothèque Nationale in Paris, die Bibliotheek der Rijksuniversiteit Leiden, die Bibliothèque Interuniversitaire (Section Médecine) Montpellier. Der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg 'Carl von Ossietzky', der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz und der Stiftsbibliothek St. Gallen danke ich zudem fiiir die freundliche Genehmigung, Teile aus ihren Handschriften abzubilden. Außerdem danke ich herzlich der Scuola di Specializzazione per Conservatori di Beni Archivistici e Librari della Civiltà Monastica in Cassino und dem Thesaurus linguae Latinae in München fur die Möglichkeit, bei längeren Aufenthalten die Bibliotheken zu benutzen. Den Herausgebern, Herrn Prof. Dr. Winfried Bühler, Herrn Prof. Dr. Peter Herrmann und Herrn Prof. Dr. Otto Zwierlein, danke ich fiiir die Aufnahme

VI

Vorwort

meiner Arbeit in die vorliegende Reihe; Herrn Prof. Dr. Biihler und Herrn Prof. Dr. Zwierlein gilt darüberhinaus mein Dank fur viele Hinweise und Verbesserungsvorschläge. Für anregende Gespräche und Korrekturen danke ich Herrn Dr. Klaus Lennartz, für das Korrekturlesen Frau Anna Mastrogianni. Gedankt sei nicht zuletzt der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, Hamburg, die mir den Förderpreis der Dr. Helmut und Hannelore Greve Stiftung fur Wissenschaften und Kultur zuerkannte und damit die Finanzierung des Drucks dieses Buches ermöglichte.

Bianca-Jeanette Schröder

Hamburg, im Februar 1999

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1

Teil I: Buchtitel 1. Einleitung Zur Entstehung von Buchtiteln und zu den Problemen bei der Erkennung von Buchtiteln 10, Zitat der Anfangsworte 16, Informationen auf dem Index 20 2. Zum Verhältnis zwischen Titel und Inhalt Antike Kommentare zu Werktiteln Eigenname versus konkrete Information Titel von Epen, Tragödien und Komödien 35, Titel der Werke Piatons 41, Eigennamen als Titel und Doppeltitel bei Cicero, Varrò, Apuleius 43 Metaphorische Titel Plinius d.Ä. 50, Gellius 57 3. Bemerkungen zu einigen Titeln von Gedichtbüchern Griechische Lyrik Catull Vergil Bucolica 68, Catalepton 70 Horaz Carmina 71, Epoden 73, Epistulae und Sermones 76 Properz Ovid Amores 83, Ars (Ovid und Horaz) 84, Tristia, Epistulae ex Ponto, Epistulae Heroidum 87 Abschluß

9

30 30 34

49 60 62 64 68 71 78 83

90

Inhaltsverzeichnis

Vili

Teil II: Organisation von Texten (besonders Fachbüchern) durch Inhaltsverzeichnis, Numerierung und Kapitelüberschriften 1. Einleitung 2. Die verschiedenen Gliederungsmittel Notwendige Unterscheidungen: zwischen Inhaltsverzeichnis und Kapitelüberschriften, zwischen Kapitelüberschriften und Kapitelgliederung Inhaltsverzeichnis Numerierung von Kapiteln und Inhaltsverzeichnis

93 99

99 106 115

Exkurs: Numerierung von Gedichten innerhalb einer Sammlung 121

3.

Kapitelüberschrift

123

Untersuchungen von Einzelfiillen Cato und Varrò, De re rustica Columella, De re rustica

128 128 131

Das Gesamtverzeichnis und die Verzeichnisse vor den einzelnen Büchern 131, Der inhaltliche Bezug zwischen Argumenta und Kapiteln und die Numerierung 134, Die Kapitelüberschriften und ihre Plazierung im Text 138

Hygin, De astronomia Vegetius, Epitoma rei militaris Palladius, De veterinaria medicina Isidor, Origines Cassiodor, De anima Abschluß

142 144 145 146 150 153

Teil III: Gedichtüberschriften 161

1. Einleitung Papyri 161, Handschriften 170, Zitiergewohnheiten 172

2.

Untersuchung authentischer 1 ,-3.Jh.n.Chr.

Überschriften

Martial (Bücher 13 und 14) 176, Statius, Silvae 180, Commodian, Instructiones 189 4.-6.Jh.n.Chr. Prosper von Aquitanien, Epigrammata 193, Paulinus von Nola, epist.32 (mit Exkurs zu Prudentius, Dittochaeon) 195, Psalmen 196, Claudian, Carmina minora 198, Ausonius 199, Epigrammata Bobiensia 202, Ennodius 206, Venantius Fortunatus, Carmina 209, Luxurius 212

176 176

193

Inhaltsverzeichnis Kurzer Blick ins Mittelalter Theodulf von Orléans 220, Hildebert von Lavardin 221, Godefrid von Winchester 222, Heinrich von Huntingdon 223 Zusammenfassung 3. Untersuchung nachträglich hinzugefügter Uberschriften Vergil, Bucolica Exkurs: Theokrit 236 Horaz, Carmina Adressat 241, Angaben zum Inhalt 245, Fachtermini (paranetice, prosphonetice, pragmatice etc.) 249, Angaben zum Metrum (tetracolos, dicolos etc.) 255, Beobachtungen in Handschriften 256, Folgerungen 261 Horaz, Epoden, Sermones, Epistulae Bemerkungen zu Juvenal und Persius Ovid Epistulae Heroidum 270, Epistulae ex Ponto 277, Amores 280, Tristia 282 Martial, Bücher 1-12 Überschriften in Hs. E (Bücher 1-12) 284, Uberschriften in Hs. L (Bücher 5-12) 288 Anthologia Latina Exkurs: Anthologia Graeca 296 Gedichtüberschriften in jüngeren Handschriften Properz 298, Catull 301, Tibull 303

IX 219

224 226 226 239

262 268 270 283

293 298

Abschluß Zusammenfassender Uberblick Chronologischer Uberblick 305, Bestandteile von Gedichtüberschriften 306 (Eigenname bzw. Adressat und Thema 307, Gattungsangabe und Absicht / Sprechakt 309), Form und Sprache 309, Funktion 311, Überlieferung 314, Ausblick 316

305

Anhang Notizen zur lateinischen Bezeichnung von: 'Werk-/Buchtitel' 319, 'Inhaltsverzeichnis' 323, 'Element im Inhaltsverzeichnis / Kapitel' 325, 'Überschrift / Gedichtüberschrift' 327 Literatur Index Abbildungen

319

329 345 351

Einleitung In der linguistischen und literaturwissenschaftlichen Forschung zu modernen bzw. neusprachlichen Gedichten ist die Überschrift 1 ein wichtiger Aspekt, z.B. B U R D O R F (S.132f.): „Hilfreich ist es [...], das Gedicht von seinem Titel heuristisch zu isolieren: Welche Assoziationen löst der Titel aus, welche Art Gedicht erwartet man unter dieser Überschrift? Umgekehrt: Welchen Titel würde man selber dem Gedicht geben? Paßt der Titel zu dem Gedicht? Steht er in einem Spannungsverhältnis zum Verstext oder harmonisiert er mit ihm? Ist er 'überflüssig' oder gibt er zusätzliche Informationen? Liefert er gar die entscheidende Pointe zum Verständnis des Gedichts?" Diese Fragen deuten schon auf mögliche Funktionen der Überschrift und ermöglichen hohe Erwartungen, wie sie ζ. B . KAYSER formuliert (S. 1 9 1 — 1 9 3 ) : „Was im Theater der Gongschlag und das Erlöschen der Lampen besorgt: die Verzauberung auf die Welt der Dichtung hin, das muß in der Lyrik oft der Gedichttitel allein leisten. Zugleich aber soll er auf die besondere Welt dieses Gedichtes vorbereiten [...]. enthält meist etwas Geheimnisvolles, Undurchsichtiges, was sich erst nach dem Anhören des ganzen Gedichtes in seiner vollen Bedeutung erfassen läßt." Derartige Ansprüche erfüllt ζ. B. Hermann Hesses Gedicht mit der Überschrift Symphonie: Aus dunkler Brandung gärend Des Lebens bunter Braus Und drüber immerwährend Der Sterne hochgewölbtes Haus. Mein Leben ist versunken, Ich schweb am Weltenrand Und atme tief und trunken Der Feuerlüfte süßen Brand.

1

'Gedichtüberschrift' und 'Gedichttitel' werden, wie es in der Forschungsliteratur üblich ist, im folgenden synonym verwendet.

2

Einleitung Und der ich kaum entronnen, Des Lebens Zauberglut Spült mich mit tausend Wonnen Aufi neue in die große Flut.

Diese an modernen Gedichten geschulten Ansprüche werden nun in der Forschung auf die antiken Überschriften übertragen, und wenn sie nicht erfüllt werden, sind die Überschriften schnell abgewertet; S C H N E I D E W I N Z.B. fuhrt einige Überschriften zu Martials Epigrammen der Unterhaltung halber an (Praef.Vllf.): „[...] protuli quae vel utilitatem aliquam habitura essent [...] vel risum moverent stolidorumque librariorum insanientem sapientiam aperirent"; KENNEY schreibt (Manuscript Tradition of Ovid's Amores, S. 7, Anm.3): „They can hardly be antique: some are inept [...] and all are banal." O f t gibt es starke Polemik gegen Unbekannt, z.B. SCHETTER (S.235-237) zu den Überschriften in einem Abschnitt der Anthologia Latina: „ihre teilweise unzureichenden Angaben resultieren aus einer anscheinend eiligen, oberflächlichen und ungenauen Lektüre", auf den Titelgeber und seine Arbeit beziehen sich die Wertungen: „beschränkt", „absurd", „Flüchtigkeit", „Fehlleistungen". - Offenbar wird stillschweigend vorausgesetzt, daß man - hätte man sich nur mehr Mühe gegeben - in der Antike durchaus in der Lage gewesen wäre, Titel zu formulieren, die auch heute noch befriedigen würden. Weil die Überschriften nicht den Erwartungen entsprechen, wird die Verantwortung i.d. R. auf Schreiber oder einen unbekannten Zeitgenossen (über dessen Person sich dann wieder spekulieren läßt) abgewälzt, der im Zweifelsfalle „kurz nach dem Tod des Dichters" die Überschriften formuliert haben soll. Titel wie aliter etc. traut man nicht einmal einem 'schlechten' Dichter zu, z. B. ROSENBLUM ZU Luxurius (S.66): „It is hard to believe that a poet, even an uninspired one, would use titles like aliter, aliter unde supra [...]; they look like headings made by copyists"; VAN DAM ZU Statius (S.71): „another indication that others than Statius have been at work is the laboriousness of the titles: the addressee is invariably mentioned [...]. This seems rather silly for a poem which is offered to the addressee and a bit unusual even if that poem is included in a book. [...] The title of IV 9 [...] sounds more like an explanation by someone else than a title which an author would give." F R I E D R I C H ZU Catull hält fest, daß „sämtliche Überschriften auf den eifrigen, aber kenntnis- und geistlosen Pedanten zurückgehen [...]" (S. 148, Anm.). Die Überschriften werden einerseits dem Autor abgesprochen, wenn sie nichts anderes bieten als der Text, z.B. NOHL ZU Statius (S.41): „alii tituli plane repetunt praefationis verba, quam verborum paupertatem, si ipse poeta eos

Einleitung

addidisset, sane miremur;" in

NOHLS

3

Folge steht

COLEMAN

(Statius, Praef.

XXIX): „many of the tituli [...] simply paraphrase or quote the descriptions in the praefationes", ebenso VAN DAM (ZU Silv.2,6, S.391f.): „the title comes very near to Statius' words in the praefatio. This suggests again that the titles do not stem from Statius himself." Andererseits werden die Überschriften auch verdächtigt, wenn sie vom Text abweichen, z.B. ebenfalls bei Statius hinsichtlich der Wörter, die er im Text selbst nicht verwendet und die in den Überschriften erstmals belegt wären (u.a. ode,propempticon),

z.B. VAN DAM (S.70f.):

„The titles of Statius' poems often smack of grammatical learning of the 3rd and 4th centuries [...]; propempticon is another typically technical term [...]"; GREEN

schreibt zu einem Epigramm des Ausonius (S.383): „Even if the

heading were the work of Ausonius, which is not likely, it would be surprising to find there a name which is not in the text." Die überlieferten Überschriften zu antiken und spätantiken Gedichten werden, wie die als Beispiele angeführten Zitate zeigen, i. d. R. von vornherein verdächtigt und nicht für authentisch gehalten. Ferner werden textkritisch häufig andere Maßstäbe angelegt als beim eigentlichen Text: Unterschiedliche Schreibung in verschiedenen Handschriften, grobe Verschreibungen in einzelnen Hss., aber auch schon die Vertauschung der Reihenfolge oder Ausfall einzelner Bestandteile gelten oft als Argument, daß Titel nicht vom Autor sein können. Finden sich also zu den Gedichtüberschriften einzelner Autoren durchaus Anmerkungen und Urteile (z.T. in Praefationes und Kommentaren, z.T. sehr verstreut und in Fußnoten) , so fehlt bisher eine Zusammenstellung, um einen Vergleich zu verschiedenen Autoren und einen Blick auf die allgemeine Entwicklung zu ermöglichen. Zur Geschichte der Gedichtüberschrift gibt es hin und wieder Äußerungen in der Forschung zu modernen Titeln. Sowohl

RANG

als auch

WILKE

haben die

Formen der modernen (deutschen) Überschrift im Auge und wenden sich den zu antiken Gedichten überlieferten Überschriften weniger um ihrer selbst willen zu als um festzuhalten, welche Formen es schon gab, um dann die modernen Formen zu beschreiben und in Kategorien einzuteilen; es wird auf wichtige Ansatzpunkte wie die Überschriften bei Martial (Bücher 13 und 14) und Statius verwiesen;

RANG

beschäftigt sich mit der Überschrift in der Lyrik,

streift aber auch die hebräischen Psalmenüberschriften, die antiken Brief- und

2

Einen interessanten Einstieg mit vielen wichtigen Hinweisen gibt der (mir erst kurz vor der Drucklegung bekanntgewordene) Aufsatz von HEYWORTH, Dividing Poems.

4

Einleitung

Buchüberschriften und Gattungsbezeichnungen. WILKES und RANGS Verweise a u f die Antike scheinen von der Forschung nicht aufgenommen zu werden, denn überwiegend fuhrt die Vernachlässigung der überlieferten Gedichtüberschriften zu antiken Autoren zu verfehlten Annahmen; z . B . wird in einer vielbenutzten Einführung in die Gedichtanalyse ihre 'Erfindung' a u f die frühe Neuzeit angesetzt: BURDORF (S. 131): „Daß ein Gedicht einen Titel trägt, ist jedoch keineswegs selbstverständlich und war bis vor einigen Jahrhunderten sogar ganz unüblich [...]. Bei Gedichten [ . . . ] waren seit der Antike bis weit in die Neuzeit hinein nur die Sammlungen als ganze mit einem Titel versehen, der meist aus der bloßen Gattungsbezeichnung bestand [...]. Eine Notwendigkeit, fur die Einzelgedichte Aufmerksamkeit zu erregen, wurde nicht gesehen; sie sind einfach durchnumeriert und dadurch identifizierbar; darüber hinaus besteht die Möglichkeit, den ersten Vers oder dessen Anfang als Titelersatz zu zitieren [ . . . ] . Bereits in der frühen Neuzeit beginnt jedoch eine andere Tradition, in der die Titel von Gedichtsammlungen freier gestaltet und auch die Einzelgedichte mit Überschriften versehen werden. Die Titel weisen schon im Barock [ . . . ] eine große Vielfalt auf [ . . . ] . " Ebenso LEVENSTON ( S . 6 9 ) : „Historically the need for a reference label seems to have been the first and primary reason for providing a title; the wealth o f information offered as an aid to contextualisation is a later development. At first it was sufficient simply to number the poems in sequence and refer to them by number [ . . . ] . T h e Odes, Epodes and Carmina o f Horace are also numbered consecutively [ . . . ] . " Ähnlich KAYSER (S. 191): „Mittelalterliche Gedichte kannten die Titelgebung nicht. Erst seit dem Humanismus ist der Brauch fest geworden, offenbar als Ausgleich dafür, daß ein Gedicht (gesteigert durch seinen Sprechcharakter) nicht mehr so fest in die Formen des Gemeinschaftslebens einbezogen war, die für eine Vor-Einstimmung sorgten. So fällt dem Titel die Aufgabe zu, in dem Aufnehmenden die rechte Stimmung zu schaffen." Z u zeigen, daß die Gedichtüberschrift nicht plötzlich erfunden wurde, sondern daß die anspruchsvollen Möglichkeiten der modernen Gedichtüberschrift a u f einer langen Entwicklung basieren, ist Absicht und Ziel dieser Arbeit. Dabei sollen vor allem Grundsätze, Kriterien und generelle Anhaltspunkte fur die künftige Beurteilung von Überschriften durch Herausgeber und Interpreten entwickelt werden; um die Untersuchung der Authentizität des Wortlauts im einzelnen geht es dabei nur insoweit, als es zum Erarbeiten derartiger Grundsätze erforderlich ist. Eine Ausgabe der in Hss. enthaltenen Überschriften bleibt

Einleitung

5

den jeweiligen Herausgebern überlassen; Änderungen in der überlieferten Orthographie und Verbesserungen offensichtlicher Fehler habe ich daher für die Zwecke dieser Arbeit stillschweigend vorgenommen. In neueren Textausgaben werden die Überschriften überwiegend nicht mit herausgegeben, erfreuliche Ausnahmen sind z.B. die Properz-Ausgabe von FEDELI und Ovids Amores von K E N N E Y mit den Uberschriften im Apparat (allerdings lohnt sich trotzdem in beiden Fällen ein Vergleich mit den Hss.); in manchen Ausgaben werden kommentarlos Überschriften ohne handschriftliche Grundlage über die Gedichte gestellt. In älteren Ausgaben sind Überschriften häufig zugänglich, wobei die Zuverlässigkeit sehr unterschiedlich ist (die Horaz-Überschriften bei KELLER / HOLDER sind sehr sorgfältig angegeben, bei KLINGNER z.T. recht tendenziös an seine Theorie angeglichen), und auch in Untersuchungen zur Text- und Überlieferungsgeschichte finden sich Beispiele (LINDSAY, Ancient Editions of Martial, gibt im Anhang bei der Kollation zweier Hss. alle Überschriften). In Beschreibungen bzw. Katalogen von Handschriften beschränkt man sich verständlicherweise auf die Nennung von Buchtiteln; allgemeine Hinweise auf die Existenz von tituli rubri lassen oft offen, ob es sich dabei um Buchtitel (explicit und incipit) oder um Gedichtüberschriften handelt. Für die vorliegende Arbeit wurde das Material aus Ausgaben, Untersuchungen und Katalogen soweit möglich durch die Einsicht von Handschriften (z.T. Mikrofilmen) ergänzt bzw. überprüft. Die Menge des vorhandenen und bisher unberücksichtigten Materials muß die Tatsache erklären, daß fiir manche Aspekte der Arbeit, besonders bei der Auswahl der zitierten Handschriften, oftmals die Systematik dem Zufall weichen mußte. Für die Auswahl der Mikrofilme bzw. der gesehenen Hss. bin ich von Erwähnungen der Überschriften in Apparaten, Praefationes, Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte, Katalogen etc. ausgegangen; ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl war das möglichst hohe Alter der Handschriften (die Datierungen der Hss. habe ich aus der Forschungsliteratur übernommen). Zum Vergleich mit Gedichtüberschriften bieten sich zunächst, besonders in sprachlicher Hinsicht und unter dem Aspekt der Beziehung zwischen Titel und Text, die Buchtitel an, die im ersten Teil der Arbeit betrachtet werden. Ihre Entwicklung läßt sich recht gut verfolgen, und ihre Formen, Funktionen und besonders die - in der Forschung häufig nicht beachtete, aber nicht zu bezweifelnde - Selbstverständlichkeit des Werk- bzw. Buchtitels für schreibende und lesende Zeitgenossen Ciceros und auch schon Piatons nehmen wesentlich

6

Einleitung

Einfluß auf die Gedichtüberschriften. Die Ergebnisse zu den möglichen Erwartungen an antike Buchtitel können auch hinsichtlich der Gedichttitel vor vorschneller Mißachtung bewahren. Außerdem sind im zweiten Teil im Hinblick darauf, daß immer kürzere Gedichte eigene Titel erhalten haben, Gliederungsmittel von Prosa-Texten, besonders Kapitelüberschriften und Inhaltsverzeichnisse, heranzuziehen, da es sich auch hier um eine einflußreiche Einrichtung des Buches und Lenkung des Lesers handelt. Findet sich zu Buchtiteln in der Forschung einiges Material, so sind Inhaltsverzeichnisse und Kapitelüberschriften dort ähnlich vernachlässigt worden wie die Gedichtüberschriften. 3 Die Gedichtüberschriften selbst teilen sich (mehr oder weniger eindeutig) in authentische und nachträglich hinzugefugte; anhand der erkennbar authentischen läßt sich ihre Verbreitung sowie die Entwicklung der Formen und Funktionen untersuchen, so daß die später hinzugefügten beschrieben werden können und auch die Wechselwirkung zwischen ursprünglichen und nicht authentischen Überschriften sichtbar wird. Den in einer Arbeit zu Titeln und Überschriften zu erwartenden Begriff 'Paratext' (siehe dazu bes. GENETTE, passim)4 habe ich bewußt gemieden, weil - zwar nicht bei GENETTE, aber häufig an anderen Stellen - leicht der Eindruck entstehen kann, 'Text' und 'Paratext' seien eindeutig trennbare und isoliert zu behandelnde Phänomene. Gerade bei antiken und spätantiken Texten haben Herausgeber und Interpreten häufig den Text vom 'Beiwerk' getrennt und auf diese Weise viele von Autoren zur Information, Organisation und Leserlenkung vorgesehene Bestandteile des Werkes vernachlässigt. Im folgenden liegt daher die Betonung auf dem schon in der Antike zu beobachtenden Zusammenspiel zwischen Titel etc. und 'eigentlichem' Text und z. B. auf der Tatsache, daß es einen Unterschied macht, ob man einen Werktitel vor Beginn der Lektüre kennt und ob ein Werk durch Kapitelüberschriften gegliedert ist oder nicht. GENETTE

weist daraufhin (S. 10), daß er die Gemeinsamkeiten der verschiede-

nen Paratexte hervorhebe. In dieser Arbeit spielen aber die Unterschiede eine

3

Eine parallele Erscheinung ist das Anschauungsmaterial in Handschriften naturwissenschaftlicher Texte: Das Interesse am Text selbst hat zur Vernachlässigung der Abbildungen gefuhrt, siehe STÜCKELBERGER, Wort und Bild, bes. das Vorwort (S.7).

4

WEINRICH faßt zusammen (Vorwort zu GENETTE, S . 7 ) : "Paratexte, damit sind alle jene Begleittexte gemeint, die einem literarischen Werk auf seinem Weg durch die Öffentlichkeit zur Seite gehen: Titel und Zwischentitel, Vorworte und Nachworte, Widmungen und Motti und natürlich alle Arten von Anmerkungen [ . . . ] " .

Einleitung

7

wichtige Rolle: Bei antiken und spätantiken Texten ist es wichtig, zwischen authentischem (z.B. Inhaltsverzeichnis und Kapitelnumerierung) und nachträglich hinzugefügtem (z.B. Kapitelüberschriften) Paratext zu unterscheiden; die Funktion der gleichen Art Paratext (ζ. B. Gedichtüberschrift) kann grundverschieden sein, nämlich entweder Einleitung und zusätzliche Information vom Autor oder Zusammenfassung bzw. Interpretation von einem häufig mehrere Jahrhunderte späteren aktiven Leser.

Teil I : Buchtitel 1.

Einleitung

Von den im folgenden zu untersuchenden Phänomenen 'Buchtitel', 'Inhaltsverzeichnis' und 'Gedichtüberschrift' haben die Buchtitel in der Forschung die meiste Beachtung gefunden. In umfassenden Darstellungen zur Buchgeschichte5 wird die Existenz von Titeln besonders anhand von Papyri und Abbildungen, allerdings ζ. T. ohne ausfuhrliche Hinzuziehung der - oft sehr deutlichen und informativen - literarischen Quellen dargestellt. - In hilfreichen Sammlungen finden sich viele Titel nach Gattungen zusammengestellt und beschrieben; dort werden auch einzelne problematische Titel besprochen, allerdings fehlt häufig die Frage nach dem Alter bzw. der Authentizität der Titel: Griechische Buchtitel finden sich bei L O H A N (mit Angabe der Fundstellen), Tragödientitel bei H I P P E N S T I E L (mit Fundstellen), lateinische Werktitel (Tragödie, Komödie, Epos, Lehrgedicht, Poetischer Brief, Gedichtbücher) bei V O G T (leider ohne Angabe der Fundstellen). SCHMALZRIEDT behandelt grundlegend die frühe Phase der griechischen Buchtitel, D A L Y die frühen lateinischen Titel; H E N R I K S S O N stellt die griechischen Buchtitel innerhalb der lateinischen Literatur zusammen. Bei N A C H M A N S O N (der selbst durch den Untertitel 'Einige Beobachtungen' und im Vorwort auf den skizzenhaften Charakter seiner Arbeit hinweist) und H O R S F A L L finden sich viele Beispiele aus verschiedenen Gattungen und Epochen, wobei allerdings die fehlende Systematik des Materials zu manchen leicht widerlegbaren Folgerungen fiihrt. Schließlich hat BALLESTER einen detaillierten Kriterien- bzw. Fragenkatalog für die Untersuchung und Beurteilung von Titeln aufgestellt, in dem das Thema aber zu theoretisch und daher zu optimistisch behandelt wird in Anbetracht des verfügbaren Materials, auf das man die Kriterien anwenden könnte. Eine Fundgrube mittelalterlicher lateinischer Buchtitel hat L E H M A N N erstellt. Auf

5

Siehe besonders BIRT (Kritik) S. 11; SCHUBART (Buch), bes. S . 9 8 - 1 0 4 , 139f.; wichtig zu den Voraussetzungen und zur Entstehung der π ί ν α κ ε ς BLUM, bes. Sp. 132, 3 0 1 , 308f.; sehr knapp BLANCK, S.83f.

10

Teil I : Buchtitel

viele Titel und die damit verbundenen Probleme machen Aufsätze in dem mir kurz vor Abschluß dieses Buches zugänglich gewordenen Kongreßband 'Titres et articulations du texte dans les œuvres antiques' (Hrg. FREDOUILLE) aufmerksam, u.a. zu Heraklit, Hippokrates, Aristoteles, Philon von Alexandria, Philodemos von Gadara und Augustin. In dem Band wird deutlich, unter wie vielen Aspekten das Phänomen 'Titel' zu betrachten ist: Untersucht werden der Wortlaut bestimmter Titel, die Interpretation von Titeln in antiken Kommentaren, die Zitierweise, die Geschichte einzelner Titel im Laufe der Zeit bzw. in den verschiedenen Ausgaben, die Übersetzung von Titeln u.v.m. Verweise auf einzelne Aufsätze konnte ich noch aufnehmen. Für die überlieferten Titel im einzelnen kann auf die genannte Forschungsliteratur wie auf Ausgaben und Kommentare einzelner Werke, in denen zuweilen, allerdings längst nicht immer, der betreffende Titel besprochen wird, verwiesen werden. Hier verzichte ich auf Vollständigkeit zugunsten der Darstellung bestimmter Probleme der Entwicklung von Titeln, um für die sich anschließende Untersuchung der Gedichtüberschriften Anhaltspunkte und Vergleichsmaterial zu gewinnen. Zunächst soll die Tatsache der Existenz von Buchtiteln betrachtet werden, d.h. ihre Entstehung, das Problem, sie als solche zu erkennen, und ihre verschiedenen Bestandteile; danach ist das Verhältnis von Titel und Inhalt zu untersuchen, besonders an Titeln, die aus Eigennamen oder Metaphern bestehen; außerdem werden einige überlieferte oder angenommene Titel von Gedichtsammlungen untersucht.

Zur Entstehung von Buchtiteln und zu den Problemen bei der Erkennung von Buchtiteln Zum Alter und zur Entstehung von Titeln sei hier nur kurz folgendes zusammengefaßt: Schon Herodot verwendet Titel von Epen (z.B.2,116f. έν Ίλιάδι, 4,29 έν Όδυσσείη, 2,117 τά Κύπρια επεα), 6 und ebenso früh sind im Bereich des Dramas Titel für einzelne Werke bezeugt: Nicht erst Aristophanes zitiert Titel eigener und fremder Werke (z. B.Ra. 52f. έπί της νεώς άναγιγνώσκοντί μοι / την Άνδρομέδαν), sondern auch schon Herodot bezeugt einen Tragödientitel (6,21 ποιήσαντι Φρυνίχω δράμα Μιλήτου

6

Zur Benennung einzelner Episoden, z . B . H d t . 2 , 1 1 6 έν Δ ι ο μ ή δ ε ο ς άριστεί,Τ], siehe unten S. 36.

Einleitung: Entstehung und Erkennen von Buchtiteln

11

άλωσιν). 7 SCHMALZRIEDT (S.27f.) legt überzeugend dar, daß aufgrund der Menge an Tragödien und der institutionalisierten und organisierten Form des Agons eine summarische Bezeichnung wie το τοΰ Φρυνίχου unmöglich war und eine Differenzierung der Werke durch einen Titel nötig wurde. Daß der Name des Stücks vor der Aufführung genannt wurde, berichtet zwar erst Donat (de com.8,11 [...] spectatoribus ipsius antecedens tituluspronuntiaretur),

aber es

ist wohl anzunehmen, daß das Publikum vor dem Agon bzw. vor der Aufführung wußte, was es sehen würde; nach der Aufführung wurden Name des Dichters und Titel des Werkes in die Archivlisten eingetragen. Wichtige Beiträge zur Vereinheitlichung und Fixierung der Titel haben Aristoteles und dann die Alexandriner geleistet, besonders Kallimachos, der in den Pinakes die Namen der Werke verzeichnete: Bei Bühnenwerken gab er nicht nur den Titel, sondern auch das Incipit 8 an, da der gleiche Titel ohne weiteres mehrfach auftreten konnte; zu den Voraussetzungen und zur Entstehung der πίνακες siehe ausführlich BLUM, bes. S. 198-208; PFEIFFER, bes. S. 161-168. Anders als die Titel in Epos und Drama haben sich die frühen Prosa-Titel aus dem Text heraus entwickelt, wie SCHMALZRIEDT zeigt (S. 3 2 - 5 0 ) : Der Gegenstand der Untersuchung mußte in Form einer kurzen Inhaltsumschreibung neben Namen und Herkunft des Autors zunächst im ersten Satz gegeben werden, da es dafür außerhalb des Textes selbst keine Möglichkeit gab, z.B. (Hdt. 1,1) Η ρ ο δ ό τ ο υ Άλικαρνησσέος ίστορίης άπόδειξις ήδε; (Th. 1,1) Θουκυδίδης 'Αθηναίος ξυνέγραψε τον πόλεμον των Πελοποννησίων και 'Αθηναίων [...]. Die Lösung dieser Eingangstopoi aus dem ersten Satz aufgrund äußerer Erfordernisse, die die Unterscheidung der Werke nötig machte, führte dann zum Titel (S.27): „ durchorganisierte Form der Literaturproduktion und Literaturkritik erscheint ohne Differenzierung in der Kennzeichnung der Literaturwerke undenkbar." 9 Für die verschiedenen Gattungen waren diese Umstände zu verschiedenen Zeiten erreicht, für Epos und Drama, wie gesehen, zur Zeit Herodots und im Laufe des 5.Jh. auch für philosophische Prosa-Werke. - Hinzuzufügen und zu betonen ist, daß, wenn dieses Stadium der 'Nennung des Titels vor dem Textanfang' erreicht ist, der Autor diesen oder das Thema nicht mehr unbedingt am Textbeginn nennen muß. Im Gegensatz zu den Dramen- und Dialog-Titeln aus Personennamen bzw. Handlungen entwickelt sich so in der Prosa die geläufigste Form des Titels aus 7

Weitere Stellen bei SCHMALZRIEDT, S . 2 8 .

8 9

Siehe dazu HOLTZ, L o u i s : Titre et Incipit, in: FREDOUILLE (Hrg.), S . 4 6 9 - 4 8 9 . Die Erklärung, daß eine gewisse Quantität nach Unterscheidung verlange, schon früher, z.B. LOHAN, S . 4 , 4 5 .

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Teil I : Buchtitel

der Inhaltsangabe heraus: der Inhalts-Titel mit περί bzw. de. Diese Titel mit de / περί können dann, wie sie aus dem einleitenden Satz hervorgegangen sind, auch problemlos (wieder) in einen Satz eingebunden werden, vgl. ζ. B. (Cie. nat.deor. 1,1) [...] perobscura quaestio est de natura deorum [...]; (Quint, inst. 10,3,1) M.Tullius [...] in disputationibus quae sunt de oratore. Auf die Formulierung mit de ist es zurückzuführen, daß es — anders als bei den Titeln von Dramen und Epen - aus der heutigen Perspektive oft schwer zu entscheiden ist, was als 'Titel' bezeichnet werden soll, da sich zwangsläufig häufig nicht zwischen 'eigentlichem Titel' und einer 'bloßen Angabe des Inhalts' unterscheiden läßt; Cicero schreibt ζ. B. über das Thema res publica, und das Buch bekommt den entsprechenden Inhalts-Titel, z.B. (fin.2,59) in nostris de re publica libris·, (Att. 13,19,4) [...] in sex de re publica libris feeimus. Cicero weist nicht ausdrücklich auf die Titel als solche hin, sondern er variiert die Formulierungen, z.B. (fat. 1) [...] in aliis libris feci, qui sunt de natura deorum, itemque in its, quos de divinatione edidi, [...] in hac disputatione de fato [...]. Aber auch noch in Bezug auf Literatur der Spätantike werden manchmal grundsätzliche Unterschiede zwischen Titel und Themenangabe gesehen bzw. erwartet: M U T Z E N B E C H E R (Praef. S. LXIII) unterscheidet innerhalb von Augustins Retractationes Stellen, an denen Augustin einen Titel nenne, und andere, an welchen er nur das Thema angebe; um Titel handle es sich nur, wenn Augustin ausdrücklich darauf hinweise, etwa mit den Worten: cuius titulus est oder qui praenotatur, hingegen sei die Formulierung liber de nur eine Angabe des Themas. - Damit aber gibt M U T Z E N B E C H E R dem Unterschied der Formulierungen zuviel Gewicht, denn aus der unterschiedlichen Formulierung ist hier nicht auf verschiedene Sachverhalte zu schließen. Zwischen 'Titeln' und 'Themenangaben' lassen sich keine grundsätzlichen inhaltlichen oder formalen Unterschiede feststellen, und es wäre auch merkwürdig, wenn Augustin ausgerechnet in den Retractationes für einige Werke ausdrücklich Titel nennen würde und für andere nicht: Augustin formuliert die meisten Titel mit de, z.B. (1,9,1) appellati sunt de libero arbitrio-, (1,5,1) scripsi librum de immortalitate animi. Außerdem formuliert Augustin seine Angaben zu einem einzigen Werk unter-

10 Zu diesem Phänomen und weiteren linguistischen Aspekten siehe F R U Y T , M I C H È L E : Sémantique et syntaxe des titres, in: FREDOUILLE (Hrg.), S.9-34. 11 Besonders D A L Y weist wiederholt resignierend auf dieses Problem hin, z.B. (S.26): „By far the commonest designation for such works is the familiar type of prepositional phrase introduced by de, of which it is obviously impossible to say from a single citation or two whether it is a formal title or simply a convenient manner of describing a work;" (S.27): „they describe the work rather than name it."

Einleitung: Entstehung und Erkennen von Buchtiteln

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schiedlich: Zu De civitate dei schreibt er zunächst (2,43,1) libros de civitate dei scribere instituí und hoc autem de civitate dei grande opus, macht an dieser Stelle nach M U T Z E N B E C H E R also nur eine Themenangabe, kurz darauf aber verweist er aiif den - gleichlautenden - Titel: (2,43,2) titulum tarnen a meliore acceperunt, ut de civitate dei potius vocaretur, ebenso (epist. 184 a,5) libris, quos de civitate dei praenotavi. Augustin hat also, wie es üblich war, Inhalts-Titel mit de gebildet wie schon Cicero, auf dessen Werke er sich mit Titeln bezieht, z.B. (civ. 2,11 p. 65,10) in eo quoque de re publica libro-, (civ.5,13 p.218,2) in eisdem libris quos de re publica scripsit-, (civ.4,30 p. 183,30) in secundo de deorum natura libro. Augustin muß nicht auf jeden Titel mit dem Wort titulus verweisen; wenn er auf manche Titel deutlicher hinweist, kann das in manchen Fällen daran liegen, daß er den Titel genauer erläutert: (retract.2,58,1) [...] Refelli eum libris duobus, quos ideo praenotavi contra adversarium legis et prophetarum, quia codex ipse qui missus est nomen non habebat auctoris-, (retract. 1,4,1) [...] me interrogans mihique respondens, tamquam duo essemus ratio et ego, cum solus essem, unde hoc opus soliloquia nominavi-,12 (retract. 1,8,1) [...] scripsi dialogum, in quo de anima multa quaeruntur ac disseruntur, id est unde sit, qualis sit, quanta sit [...]. Sed quoniam quanta sit diligentissime ac subtilissime disputatum est [...], ex hac una inquisitione totus liber nomen accepit, ut appellaretur de animae quantitate-, manche Titel wiederum sind äußerst ähnlich, so daß der Wortlaut entscheidend ist: (retract. 1,9,1) appellati sunt de libero arbitrio und (retract. 2,66,1) cuius est titulus de gratia et libero arbitrio-, (retract. 1,18,1) scripsi postea duodecim libros quorum titulus est de genesi ad litteram. [...] verum et hunc [...] manere volui [... ] eiusque titulum esse volui de genesi ad litteram inperfectus. Dieses Beispiel zeigt, daß zuviel Vorsicht gegenüber den Titeln ebensowenig angebracht ist wie zu wenig. SCHMALZRIEDTS Hinweis (S. 1 1 ) : „die Existenz eines Buchtitels darf nicht als prinzipiell gegeben vorausgesetzt werden, sondern muß, um glaubhaft zu sein, in jedem Fall nachgewiesen werden", betrifft nur die von ihm untersuchte frühe Phase, und es steht außer Zweifel, daß es zu Ciceros Zeit feste authentische Buchtitel gab. Trotzdem besteht das erhebliche grundsätzliche Problem, daß die wenigsten Titel eindeutig bezeugt sind, und nur selten findet man eine unanfechtbare Aussage wie z.B. folgende von Cicero: (div. 2,1) eo libro, qui est inscriptus Hortensius, die auch noch durch tatsächliche Verwendung bestätigt wird, z.B. (Tusc.3,6) [...] dictum est in 12 Vgl. im Werk selbst (soliloq.2,7,14, es spricht die Ratio) [...] quasi non ob id ipsum elegerimus huiusmodi sermocinationes; quae, quoniam cum solis nobis loquimur, Soliloquia vocari et inscribi volo, novo quidem et fortasse duro nomine, sed ad rem demonstrandam satis idoneo [...].

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Teil I : Buchtitel

Hortensio; (Tuse.2,4) [...] respondimus in Hortensie. Häufig gibt es nur Erwähnungen bei anderen Autoren, und zu vielen Werken findet man gar keine, zu anderen wiederum verschiedene Benennungen, z.B. spricht Sueton von Valerius Catos Diana, und Cinna preist im von Sueton zitierten Vers Dictynna: (Suet, gramm. 11,3) scripsit [...] poemata ex quibuspraeeipueprobantur Lydia et Diana. Lydiae Ticida meminit [...] Dianae Cinna 'Saecula permaneat nostri Dictynna Catonis'. Schnell sieht man sich mit den Zitiergewohnheiten konfrontiert. Cicero z. B. kann (fur uns!) sehr unklar auf ein bestimmtes Buch hinweisen, z.B. (Brut.191) [...] legeret eis magnum illud, quod novistis, volumen suum, an anderer Stelle aber vor einem Zitat sogar die Buchnummer nennen, z. B. (Brut. 58) est igitur sic apud illum in nono, ut opinor, annali·, der Bezug auf den Inhalt ohne einen Titel wie z.B. (Brut.218) in eo libro ubi se exeuntem e senatu et cum Pansa nostro et cum Curione filio colloquentem facit [...] wechselt mit selbstverständlicher Verwendung des Titels (orat.23) [...] in ilio sermone nostro qui est expositus in Bruto oder genauen Angaben wie (Brut. 132) libro, quem de consulatu et de rebus gestis suis conscriptum molli et Xenophonteo genere sermonis misit ad A. Furium poetam familiarem suum. Und Cicero begnügt sich zwar oft mit der Angabe apud Platonem, verwendet aber an vielen Stellen auch die Titel, z.B. (Tusc. 1,63; nat.deor. 1,30) qui in Timaeo [...]; (leg.2,6; de orat. 1,28) in Phaedro Piatonis·, (de orat. 1,47) cuius [...] legi Gorgian. Bei Doppeltiteln können beide Hälften auch allein verwendet werden, siehe z.B. (Cic.Lael.4) ut in Catone Maiore qui est scriptus ad te de senectute [...]; (off. 1,515) [...] in Catone maiore [...]; (Val.Max.8,13 ext.l) [...] Cicero refert libro, quem de senectute scripsit [...]. Das gleiche Bild von Freiheit in der Formulierung bietet sich auch noch in der Spätantike: Sidonius Apollinaris z. B. erwähnt im Epilog zum Burgus Pontii Leontii (epist. [carm. 22] 6) einige Gedichte des Statius: [...] istum liquido patet ñeque balneas Etrusci neque Herculem Surrentinum [...] neque omnino quiequam de Papinii nostri silvulis lectitasse; das Diminutiv silvulae unterstreicht die Vertrautheit mit dem Dichter (Papinii nostri) und warnt gleichzeitig davor, die Bezeichnungen des Sidonius ohne weiteres als die authentischen Gedichttitel zu vindizieren (siehe unten S. 184). Daß die Zitierweise vom Zweck des Zitats abhängt, zeigt sich am Umgang mit Lucilius. Nonius zitiert Lucilius immer anhand der Satiren- bzw. der Buchnummer, andere Autoren hingegen nennen zwar oft auch die Nummer, geben aber zusätzlich einen kurzen Hinweis zum Inhalt, z.B. (Serv. Aen. 10,104) locus de primo Lucilii translatus est, ubi indueuntur dii habere concilium·, (Lact. inst. 4,3,12) quod Lucilius in deorum concilio inridet; (Char, gramm. p. 128,1) in quinto deridens rusticam cenam-, (Vel. gramm. VII 47,3) in nono, in

Einleitung: Entstehung und Erkennen von Buchtiteln

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quo de litteris disputât, (Scaur. gramm.VII 18,15) unde etiam Lucilius in nono saturarum de orthographia praecipiens ait; (Porph. Hör. carm. 1,22,10) liber

Lucilii XVI Collyra inscribitur eo quod de Collyra amica in scriptum sit. Bloße Numerierung, wie Nonius sie verwendet, ist sinnvoll zum schnellen Nachschlagen und präzise, wenn sorgfältig abgeschrieben wird. Nonius geht es um einzelne Wörter, aber fur Lactanz, Servius etc. ist der Inhalt einer bestimmten Satire oder eines bestimmten Abschnitts wichtig: Es soll nicht in erster Linie nachgeschlagen werden, sondern in einem bestimmten thematischen Zusammenhang eine Stelle ins Gedächtnis gerufen werden; dafür ist ein knapper Bezug auf den Inhalt (ohne daß wir entscheiden können, ob es sich dabei zuweilen um einen 'echten' Titel handelt) nützlicher als die Nummer. 1 3 (Anhand von Kapitelnumerierung zitieren Cassiodor und Eugippius, siehe unten S. 119). Man m u ß die Erwähnung von Werken ohne den 'autorisierten' Titel nicht auf Sorglosigkeit oder Unkenntnis zurückfuhren, wie das oft resignierend getan wird; 14 D A L Y geht so weit, Titelzitate zu vergleichen (S.2lf.), um die Glaubwürdigkeit der Autoren zu prüfen. Ebensowenig ist - wie die vielen Stellen bei Cicero zeigen - der Schluß erlaubt, daß sehr häufig Kopisten oder Buchhändler für die Titel verantwortlich seien (so z.B. DALY, S.31), weil den Autoren der Titel nicht wichtig gewesen sei (DALY, S. 32). D A L Y hat zwar recht, wenn er feststellt (S.29): „there is very seldom any evidence of scrupulousness in reporting titles and much evidence of unconcern about anything more than identifying the book or work in question. The author's name alone is often deemed sufficient", aber man m u ß sich darüber im klaren sein, daß es sich bei den genannten Erwähnungen von Werken nicht um Angaben fur ein modernes wissenschaftliches Literaturverzeichnis handelt und diese daher auch nicht an solchen Maßstäben gemessen werden dürfen. Wenn Cicero auch unterschiedliche Formulierungen verwendet, so bleibt der Bezug doch eindeutig,

z.B. (nat.deor. 1,30) [...] in Legum autem libris [...] et in Timaeo dicit et in Legibus [...]; (nat.deor. 1,31) facit enim in his quae a Socrate dicta rettulit Socratem [...]; (nat.deor.2,18) ut ait apudXenophontem Socrates [...]. Hinsichtlich vieler Titel m u ß daher zwangsläufig Unsicherheit bleiben bzw. die Erkenntnis, daß man sie letztlich nicht rekonstruieren kann. Das m u ß aber weder

13 Vgl. die Kombination von Numerierung mit anderen Bezeichnungen von Gedichten in der Forschungsliteratur, z.B.: „Zur Europaode des Horaz (carm.3,27)", TH. BERRES, Hermes 1974, S. 58-86; „Die Curastrophe der Otiumode des Horaz (carm.2,16,21-24)", V. PÖSCHL, Hermes 84, 1956, S.74-90; „Die Soracte-Ode des Horaz (carm. 1,9)" H . H A F F T E R , Mus.Helv.29,1972, S. 172-176. 14

DALY

(S. 2 1 ) : „careless or misinformed", „unreliability by contradicting himself' etc.

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Teil I : Buchtitel

daran liegen, daß das Werk keinen Namen hatte, noch daran, daß die zitierenden Autoren unglaubwürdig sind. Wichtig ist festzuhalten, daß nicht jeder Bezug auf ein Werk durch einen authentischen Titel vorgenommen werden m u ß und daß man daher nicht aus jeder Erwähnung eines Werkes auf den authentischen Titel schließen darf; die Tatsache, daß schon Porphyrio das Problem aufzeigt, daß Horaz an exponierter Stelle von satura spricht, er aber als Titel sermones und epistulae vorfindet (siehe unten S.31), muß deutlich machen, daß man aus dem Text nicht ohne weiteres auf den Titel schließen darf.

Zitat der Anfangsworte Ferner m u ß der weitverbreiteten Ansicht widersprochen werden, daß man sich in der Antike auf literarische Werke i. d. R. anhand der Anfangsworte bezogen habe, 15 wobei oft der Eindruck entsteht, dies sei in Ermangelung von Werktiteln der einzige Ausweg gewesen. Auch wenn viele Werke mit einer Angabe des Themas beginnen, kann dies nicht ohne weiteres mit dem Titel gleichgesetzt werden. Servius sieht zwar richtig, daß am Anfang das Thema genannt wird: (Aen. 1, Praef., p. 5,101 H A R V A R D . ) sciendum praeterea est quod, sicut nunc dicturi thema proponimus, ita veteres incipiebant carmen a titulo carminis sui, ut puta, arma virumque cano, Lucanus Bella per Emathios, Statius Fraternos acies alternaque regna-, aber auch er kennt, verwendet und erklärt den Titel Aeneis (siehe unten S.30). Wie bereits betont, waren Buchtitel durchaus vorhanden und wurden verwendet, und zwar sind gebräuchliche Titel - ob diese vom Autor stammen oder

15 Siehe z.B. SCHANZ/HOSIUS (Bd.I, S.295, über Catull): „[...] so hatte er eine Sammlung vor sich, die, wie die unsrige, im Eingang die Sperlingslieder darbot; denn bekannte Werke wurden mit den Anfangsworten bezeichnet. - JAHN (Persius, S. 103): „Solebant librum notum et celebrem iis verbis significare, a quibus initium cepit [...]. Praesertim autem Romani Vergilii Aeneidem hoc modo significare amabant." - OWEN (ZU trist. 2,261): „common method of quotation". - GRATWICK (S. 199, zu Catull): „It was a natural and well established usage in antiquity that works of literature might readily be referred to by their opening words." - SYNDIKUS (S. 55): „Eine solche Benennung nach Anfangsworten ist ein auch sonst mehrfach bezeugter Brauch." - In dem Aufsatzband: Beginnings in Classical Literature, Yale Classical Studies, vol.29, Cambridge 1992, findet sich keine Diskussion dieser Frage, nur CLAYS Bemerkung (Plato's First Words, S. 113): „The importance of beginnings [...]. Indeed, the first words of a poem rather than its 'title' were enough to identify it."

Einleitung: Informationen auf dem Index

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nicht - früher belegt als Zitate von Anfangsworten. Anders als bei Liedern und kürzeren Gedichten, bei denen - wie noch heute bei Volks- oder Kirchenliedern - tatsächlich der Anfang als Titelersatz zur Identifizierung dienen konnte (siehe unten S. 172), ist die gelegentliche Verwendung von Anfangsworten umfangreicherer Werke nicht als Titelersatz zu bewerten, sondern als Stilmittel (das sich vielleicht von der Sitte herleitet, kürzere Gedichte mit den Anfangsworten zu zitieren), mit dem auf die bekanntesten Werke angespielt oder eine besondere Pointe formuliert wird, wie die Interpretation nicht der isolierten Stellen, sondern des Zusammenhangs zeigt. Die meisten Beispiele betreffen Vergils Aeneis, auf die mit arma

virumque

angespielt wird. Die frühesten Belege finden sich bei Ovid: Neben Anspielungen nur auf arma, ζ. Β. (Ον. am. 1,1,1 f.) Arma gravi numero violentaque

bella

parabam / edere, finden sich solche auf arma virumque·. (trist.2,533f.) et tarnen ille tuae felix Aeneidos auctor / contulit in Tyrios arma virumque toros. Die zweite Zeile (ohne die erste) dieses letzten Beispiels findet sich häufig als Beleg fur die 'Benennung eines Werkes durch die Anfangsworte'. Viel auffälliger ist aber doch, daß Ovid hier in der vorhergehenden Zeile als erster den Titel Aeneis bezeugt! 16 Gegen KENNEY ('Ille ego', S. 290) der aufgrund von trist. 2,534 (ohne den vorangehenden Vers 533) gegen die Authentizität von ille ego argumentiert, da man arma virumque - wie oft die Anfangsworte - schon früh als Titel verwendet habe, so daß ille ego nicht der Textanfang sein könne, weist JACOBSON (Ov.Tr. 11,534, S.452f.) richtig zunächst auf den Vers mit dem Titel hin und unterscheidet klar zwischen Anspielung und Titel: „while [...] arma virumque obviously plays on the Aeneid's opening words, it can in no way be said to 'refer to' the work. Indeed, Ovid (like us) referred to Virgil's epic as the Aeneis·, [...] (Ov.am. 1,15,25) Aeneia arma [...] are no more a designation or title of the poem than is fruges for the Georgics." - Arma virumque ist also kein Titelersatz, sondern - nach dem Titel - eine pointierte Verwendung der allbekannten ersten Wörter. — Auch an weiteren Stellen, an denen kein Titel genannt wird, sondern an denen sich der Dichter durch mehr oder weniger identische oder verwandelte Anfangswörter auf bekannte Werke bezieht, handelt es sich nicht u m Titelersatz, sondern um Metonymien, z.B. (Ov.am. 1,15,25) Tityrus et segetes [al-fruges] Aeneiaque arma legentur, vgl. die weitaus geläufigere

16 Der Titel außerdem (Ov. Pont. 3,4,83) res quoque tanta fuit, quantae subsistere summo I Aeneidos vati grande fuisset onus·, der Titel erscheint in Dichtung und Prosa, z.B. (Stat.Theb. 12,816; abschließende Worte an die Thebais) vive, precor; nec tu divinam Aeneida tempta·, (Gell. 17,10,7) petivit [...], ut Aeneida quam nondum satis elimavisset, adolerent·, siehe ThLL s. v.

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Teil I : Buchtitel

Metonymie, ohne jeglichen Titel nur den Namen des Autors zu nennen, z.B. 'Lucretius legitur'. , Die weiteren Zitate von arma virumque finden sich später: (Mart. 8,55 (56), 19 f.) Protinus Italiani concepii et Arma Virumque, / Qui modo vix Culicem fleverat ore rudi-, (Mart. 14,185) Accipe facundi Culicem, studiose, Maronis, / Ne nucibus positis Arma Virumque legas·, (Pers. 1,96) 'arma virum nonne hoc spumosum et cortice pingui-, (Sidon.carm.3,1-4) Quidfaceret laetas segetes, quod tempus amandum / messibus [...] / adMaecenatis quondam sunt edita nomen; / hinc, Maro, post audes arma virumque loqui. - Besonders beliebt ist die Wendung arma virumque in Spottgedichten über Grammatiker: (Epigr.Bob.46) In grammaticos indoctos] Salve, Grammatice, salve, esurientibus unum / praesidium perhibens Arma virumque cano'·, (Epigr. Bob. 47,1 f.) De matrimonio grammatici infausto] 'Arma virumque' docens atque 'arma virumque' peritus / non duxi uxorem, sed magis arma domum-, (Epigr. Bob. 64) In grammaticos imperitos] Salve, Grammatice, salve: medicina reperta / es avidis praesens Arma virumque cano'}9 — In den Epitaphia Vergilii (Anth. Riese II, 507-518) wird ebenfalls die Formulierung arma virumque variiert; im ersten Gedicht erscheint der authentische, im folgenden zu variierende Wortlaut: (507) Tityron ac segetes cecini Maro et 'arma virumque', und das letzte Epigramm der Reihe (518) endet mit 'arma virum '·, auch hier handelt es sich nicht um einen Titelersatz, sondern um die Vorgabe bekannter Formulierungen für die 'Stilübung' in den folgenden Epigrammen (ζ.Β.proelia-bella-pugnas). Auch die folgende Stelle aus Senecas Briefen ist kein Beleg für einen Titelersatz, sondern fur die Bekanntheit der Anfangsworte der Aeneis: (epist. 113,25) Prudens versus bonum est, bonum autem omne animal est; versus ergo animal est. Ita 'arma virumque cano ' animal est, quod non possunt rotundum dicere cum sex pedes habeat·, eine Titelangabe wäre hier deplaziert, denn es geht Seneca nur darum, als Beispiel einen Vers zu nennen, und er wählt einen möglichst allen Lesern bekannten Werkanfang.

K I S S E L (ad loc.) deutet nach dem Verweis auf „die Sitte, ein literarisches Werk statt mit seinem Titel durch seine Anfangsworte zu bezeichnen", immerhin an, daß es für diese Ausdrucksweise einen besonderen Grund gibt: „Vermeint doch, durch den verächtlichen Hinweis auf so martialische Stichwörter wie arma und vir [...] die Aeneis im Vergleich zu der von ihm geschätzten Dichtung mit ihrem süßen, verruchten Klang besonders wirkungsvoll diskreditieren zu können." 18 Vgl. z.B. (A.P. 11,400,2, an die Grammatik) φάρμακον εύρομένη μήνιν άειδε, θεά; der geläufige Titel aber schon Hdt.2,116: έν Ίλιάδι.

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Einleitung: Informationen auf dem Index

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Die angeführten Zitate finden sich in der Forschung als Belege für 'die Sitte, ein Werk mit den Anfangsworten zu benennen' - allerdings ohne Berücksichtigung des jeweiligen Zusammenhangs und ohne Hinweise auf die Stellen, an denen der Titel verwendet wird. Dieser weitverbreiteten Annahme kann nicht entschieden genug widersprochen werden: Zwischen 'Anspielung' einerseits und 'Titel' andererseits muß deutlich unterschieden werden, und eine Anspielung unter Verwendung gleicher oder veränderter Formulierungen ist kein Titelersatz. Außerdem handelt es sich mit den wenigen gleich zu nennenden Ausnahmen um Vergil, den National- und Schulautor par excellence.19 M C K E O W N schreibt zu am. 1,15,25f. (Ovid stellt sich hier in die Reihe großer Dichter): „It may be a tribute to Vergil's fame that he is the only poet in the catalogue cited only by reference to his works, without either his name or a periphrasis. In the catalogue of poets Ars 3,329ff he shares that distinction only with Menander." - Die Verwendung bzw. Abwandlung von Anfangsworten statt der expliziten Nennung des Titels spricht für die Berühmtheit des Werkes, nicht fur das Fehlen eines Titels. Neben den häufigen Anspielungen auf den Beginn der Aeneis gibt es nur wenige ähnliche Zitate anderer Werkanfänge. Ein oft zitiertes Beispiel ist Ovids Zitat von Lukrezens Anfang Aeneadum genetrix. Ovid stellt an dieser Stelle heraus, wieviele anstößige Stellen und Themen sich (auch) in 'seriösen' Werken finden: (trist. 2,259-262) sumpserit Annales - nihil est hirsutius Ulis - / facta sit unde parens Ilia, nempe leget. / sumpserit Aeneadum genetrix'ubi prima, requiret, / Aeneadum genetrix unde sit alma Venus: Ovid will nicht mit einem Titel auf das Werk verweisen, sondern zeigen, daß schon die ersten beiden Wörter in Lukrezens Werk nicht weniger problematisch sind als seine eigene Liebesdichtung. Als Beispiel für die Bezeichnung eines Prosawerkes durch die Anfangsworte statt durch einen Titel werden häufig folgende Stellen bei Cicero angeführt: (Cic.Att. 16,3,1) quod vero scribis te magis delectare Ό Tite, si quid', auges mihi scribendi alacritatem; (Att. 16,11,3) librum meum illum Ό Tite' tibi prodesse laetor. Doch auch in diesem Fall handelt es sich zwar um ein Zitat der Anfangsworte, aber nicht um einen Titelersatz. Denn zum einen nennt Cicero dasselbe Werk an 'offiziellen' Stellen bei seinem Titel, z.B.: (div.2,3) liber is, quem ad nostrum Atticum de senectute misimus [...] Cato noster, (Lael.4) ut in Catone Maiore qui est scriptus ad te de senectute [.. .]; 20 außerdem aber liegt hier 19 M a n vergleiche GALLIA EST OMNIS DIVISA in der Erinnerung v o n Lateinschülern

modernerer Zeiten. 20 Zum Titel Cato maior de senectute siehe auch POWELL (S.93f.), mit Angabe weiterer Stellen und zur Überlieferung des Titels in den Hss.

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Teil I : Buchtitel

die Pointe darin, daß Cicero das Werk, das er Titus Pomponius Atticus widmet, mit einer an einen anderen Titus gerichteten bekannten Wendung aus Ennius' Annalen einsetzen läßt. Wenn Cicero davon ausginge, daß man üblicherweise die Eingangsworte als Titel verwendete, wäre ein Zitat aus einem fremden Werk als Beginn denkbar ungeeignet. Auch Ciceros Bezug auf Ennius' Medea durch die ersten Wörter ist kein Titelersatz, sondern eine Pointe: Man muß bei der Beurteilung des Zitates (Cie.fin. 1,5) an 'Utinam ne in nemore... ' nihilo minus legimus quam hoc idem Graecum berücksichtigen, daß Cicero kurz vorher den Titel nennt: (fin. 1,4) quis enim tarn inimicus paene nomini Romano est, qui Ennii Medeam aut Antiopam Pacuvii spernat [...]; auch die Namen anderer Werke fallen an dieser Stelle: (4) Synephebos ego, inquit, potius Caecilii aut Andriam Terentii quam utramque Menandri legami (5) [...] cum Sophocles vel optime scripserit Electram [...]. Dem Ennius-Zitat geht außerdem folgende Bemerkung voraus: (fin. 1,5) mihi quidem nulli satis eruditi videntur, quibus nostra ignota sunt, an 'Utinam ne in nemore...'[...]. Die satis eruditi wissen, welches Werk so beginnt ! Zitate von Anfangsworten haben also jeweils innerhalb des Kontextes eine beondere Bedeutung und sind kein Zeichen dafür, daß ein Werktitel fehlte.

Informationen auf dem Index Es ist also unbestreitbar, daß zu Ciceros Zeit zu jedem Buch ein fester Titel gehörte; mit völliger Selbstverständlichkeit werden Werke benannt, z. B. (nat.deor. 1,32—41): Antisthenes in eo libro quiphysicus inscribitur [...] Aristotelesque in tertio dephilosophia libro [...] Xenocrates [...] cuius in libris qui sunt de natura deorum [...] cum vero Hesiodi Theogoniam id est originem deorum interpretatur [...] in his libris quos scripsit contra voluptatem [...] in primo libro de natura deorum; in secundo autem [...] in eo libro, qui inscribitur de Minerva [...]. Weiter ist zu fragen, wie der Leser diesen zur Kenntnis nahm. Denn Cicero bezeugt zwar den Titel de offieiis in einem Brief: (Att. 16,11,4) quodde inscriptione quaeris, non dubito quin καθήκον 'officium ' sit, nisi quid tu aliud; sed inscriptio plenior de offieiis; im betreffenden Werk allerdings bezeugt er diese inscriptio ebensowenig ausdrücklich wie andere Titel im Eingang anderer Werke, und das 21 Es handelt sich offenbar um einen bekannten Beginn, vgl. (Cie.nat.deor.3,75):

[...] 'Utinam igitur, ut illa anus optât, 'ne in nemore Pelio [...].' der Titel der Tragödie ist nicht genannt, allerdings wird Medea vorher erwähnt; außerdem fallen ei-

nige andere Tragödientitel: (3,72) [...] ille in Eunucho [...] in Synephebis [...].

Einleitung: Informationen auf dem Index

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Titelwort fällt, nach der Einleitung über Rede, Philosophie und Ciceros eigene Errungenschaften, ohne prägnanten Hinweis erst in off. 1,4: Nam cum multa sint in philosophia et gravia et utilia accurate copioseque a philosophis disputata, Ultissime patere videntur ea quae de ojficiis tradita ab Ulis et praecepta sunt. Nulla enim vitae pars [...]. Dies macht deutlich, daß zu Ciceros Zeit der Buchtitel, der vor Beginn des Textes genannt wurde, eine Selbstverständlichkeit war. Wäre der Titel Brutus nicht vor Beginn der Lektüre bekannt, müßte man aus dem einleitenden Abschnitt über Hortensius' Tod darauf schließen, man habe das Werk Hortensius vor sich, dessen Titel Cicero an einigen Stellen nennt, z. B. (Tusc.3,6) [...] dictum est in Hortensie·, (Tusc.2,4) [...] respondimus in Hortensie. Auch die Verwendung so ähnlicher Titel wie De oratore und Orator läßt darauf schließen, daß Cicero die sorgfältige Beachtung der Titel erwartete; diese Titel verwendet er ohne weitere Zusätze, z.B. (Att. 13,19,4) sunt etiam de oratore nostri tres [...]; (fam. 15,20,1) oratorem meum (sie enim inscripsi) Sabino tuo commendavi-, (fam. 6,18,4) oratorem meum tanto opere a te probari vehementer gaudeo·, auch von anderen Autoren werden diese Titel ganz selbstverständlich verwendet, z.B. (Colum. 1, praef.29) [...] in Oratore iam M.Tullius [...]; (Quint, inst. 3,6,44) Cicero in Oratore-, (Quint, inst. 2,17,5) in libris Ciceronis de Oratore. Auch darüber, wo die Titel zu lesen waren, sind wir unterrichtet: Sie standen auf Indices I Tituli (zu den Wörtern siehe Anhang) geschrieben: (de orat. 2,61) in philosophes vestros si quando incidi, deeeptus indieibus librorum quod sunt fere inscripti de rebus notis et inlustribus, de virtute, de iustitia, de honestate, de voluptate, verbum prorsus nullum intellego. Er läßt bei der Wiederherstellung seiner Bibliothek indices anfertigen: (Att. 4,4a. 1) velim mihi mittas de tuis librariolis duos aliquos quibus Tyrannio utatur glutinatoribus, ad cetera administris, Usque imperes ut sumant membranulam ex qua indices fiant, quos vos Graeci, ut opinor, σιττύβας appellatisi (vgl. auch Att.4,5,3). Diese indices können die Bücher verschönern: (Att. 4,8,2) postea vero quam Tyrannio mihi libros disposuit, mens addita videtur meis aedibus. qua quidem in re mirifica opera Dionysi et

22 Schon im 4.Jh.v.Chr. war der Inhalt von Büchern von außen an einer Aufschrift zu erkennen, wie dem in diesem Zusammenhang schon oft zitierten Alexis-Fragment (135 Kock, 140 Kassel/Austin) zu entnehmen ist: (3f.) άναγνώσει π ά ν υ γε διασκοπών / ά π ό των επιγραμμάτων; (9f.) [...] όψαρτυσία, / ώς φησι τοΰπίγραμμα. 23 Zur Nomenklatur (σίλλυβοι, sittybi) siehe DORANDI, S. 186-188; dort (S. 185-199) auch zum Material etc., besonders ausführlich zu den erhaltenen Exemplaren; siehe auch noch BIRT, Buchrolle (S. 237-239).

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Teil I : Buchtitel

Menophili tui fuit. nihil venustius quam illa tua pegmata, postquam sittybae libros illustrarunt. Spätere Autoren bezeugen, daß der Index gefärbt werden konnte, z.B. 24 (Ov.trist. 1,1,7) nec titulus minio, nec cedro charta notetur, (Mart.3,2,11) cocco\rubeat superbus index,25 Einige griechische Anhängezettel fiir Rollen sind erhalten: hierbei handelt es sich um Papyri aus dem 1.-3.Jh.n.Chr., die nicht zeitgenössische Werke, sondern ältere bezeichnen, z.B. P.Oxy.3318 (l./2.Jh. n.Chr.) Έ ρ μ ά ρ χ ο υ < π ρ ό > ς Έ μ π ε δ ο κ λ έ α θ; Ρ.Oxy. 1091 (2.Jh.n.Chr.) Βακχυλίδου διθύραμβοι. Ebenfalls auf Papyri ist der Titel am Ende des Textes bzw. der Rolle belegt; so befand sich der Titel an geschützter Stelle, während den Zettel leicht Schaden oder gar Verlust bedrohte. Auf dem Index stand neben dem Werktitel26 auch der Name des Verfassers, was den genannten Papyri und außerdem vielen Textstellen zu entnehmen ist, z.B. (Vitr.7, praef. 10) ego vero [...] ñeque alienis indicibus mutatis interposito nomine meo id profero corpus·, (Ov. trist. 1,1,61) ut titulo careas, ipso noscere colore; I dissimulare velis, te liquet esse meum·, (Mart. 12,2[3] 17f.) Quid titulum poscis? versus duo tresve legantur, / Clamabunt omnes te, liber, esse meum·, (Donat. Verg.eel.praef. §47f. Hägen) [...] de ipso carmine iam dicendum est, quodbifariam tractari solet, id est ante opus et in ipso opere, ante opus titulus causa intentio. 'Titulus', in quo quaeritur, cuius sit, quid sit [...]. Quamvis igitur multa ψευδεπίγραφα, id est falsa inscriptione sub alieno nomine sint prolata [...]; (Suet, gramm. 6,4) huius cognomen in plerisque indicibus et titulis; (Gell. 13,20,1) liber est ita inscriptus: M. Catonis Nepotis. Zum Buchtitel kann neben dem Namen des Verfassers ein zweiter Eigenname gehören: Cicero nennt in unmittelbarem Zusammenhang mit der inscriptio auch den Adressaten: (Att. 16,11,4) quod de inscriptione quaeris [...], inscriptio plenior de ofßciis. προσφωνώ autem Ciceroni filio·, in der Praefatio des Werkes wendet sich Cicero dann ausführlich seinem Sohn, dessen Situation, Bildung etc. zu. Die vielen Stellen, die von der Bedeutung und Verbreitung des Widmens (Sendens bzw. Schenkens) von Büchern zeugen, brauchen hier nicht

24 Dorandi (S. 189f.) weist daraufhin, daß die erhaltenen griechischen Exemplare keinen Hinweis auf Färbung geben, und hält es für möglich, daß es sich hierbei um eine römische Eigenart handelt. 25 Index wird nicht nur für das einzelne Buch verwendet, sondern außerdem in der Bedeutung 'Katalog', z.B.: (Quint.inst. 10,1,57) nec sane quisquam est tarn proeul a cognitione eorum remotus ut non indicem certe ex bibliotheca sumptum transferre in libros suospossit·, vgl. ThLL s.v., Sp. 1143,74. 26 Siehe z.B. Cic.de orat.2,61 (siehe oben S.21); (Gell. 11,16,2) cum adlatus esset ad nos Plutarchi liber et eius libri indicem legissemus qui erat περί πολυπραγμοσύνης.

Einleitung: Informationen auf dem Index

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genannt zu werden. 2 7 Allerdings ist darauf hinzuweisen, daß die unmittelbare Einordnung der W i d m u n g als Topos oft dazu verleitet, sie nicht weiter zu betrachten und Unterschiede nicht wahrzunehmen. Wichtig ist zu bedenken, daß vor der Existenz des Topos doch zunächst eine in jedem Einzelfall begründete u n d überlegte Verwendung steht und daß auch der Topos eine Funktion haben m u ß . Cicero jedenfalls denkt nicht nur über die W i d m u n g eigener Werke nach, sondern legt auch den an ihn selbst gerichteten W i d m u n g e n Bedeutung bei; innerhalb seiner Überlegungen zur W i d m u n g der Académica schreibt er: (Att. 13,12,3) iam Varrò mihi denuntiaverat

magnam sane et gravent

π ρ ο σ φ ώ ν η σ ι ν . Diese W i d m u n g ist sogar innerhalb eines Explizit erhalten (Cod. Flor. Laur. Plut. 51.10, 11.Jh.; lr.): 28 M Terenti Varronis de lingua

latina

de disciplina originum verborum ad Ciceronem liber IUI explicit, incipit liber V. Manchmal genügt zum Verweis auf ein Werk die N e n n u n g von Autor und Adressat: (Cie. nat. deor. 1,16) [...] liber Antiochi nostri, qui ab eo nuper ad hunc Balbum

missus est [...]. Besonders auffällig ist, daß an manchen Stellen der

Adressat eines Werkes genannt wird, obwohl dieses schon durch Autor und T h e m a identifiziert ist, z. B. (Cie. Brut. 132) libro, quem de consulatu et de rebus gestis suis f...] misit adA. Furium poetam familiarem Fufidium

suum; (Brut. 112) tres ad L.

libri scripti de vita ipsius acta; (Brut.253) ad te [...] de ratione Latine

loquendi-, (Att. 14,21,3) legendus mihi saepius est Cato maior ad te missus·, (Varrò rust. 1,1,10) Sextilio praetori misit·, [...] et misit Deiotaro regi-, (Varrò rust.2, praef. 6) de agri cultura librum Fundaniae

uxori propter eius fiindum feci,

tibi,

Niger Turrani noster [...] de re pecuaria·, (Varrò, ling. 5,1 ) de his tris ante hunc feci quos Septumio misi; in quibus est de disciplina-, (Plin. nat. 19,177) Sabinus Tiro in libro κ η π ο υ ρ ι κ ώ ν , quem Maecenati dicavit-, (Quint, inst., praef. 1) libros quos ad Marceilum

meum de institutione

oratoria scripseram. Die für die Identifizierung

des Werkes überflüssige Erwähnung des Adressaten verweist auf die Bedeutung, die dem Adressaten beigemessen wurde.

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Viele derartige Stellen gesammelt bei GRAEFENHAHN und RUPPERT. - Es sei nur ein deutliches Beispiel genannt: (Ov. trist. 3,4,63-68) vos quoque pectoribus nostris haeretis, amici, / dicere quos cupio nomine quemque suo. I sed timor officium cautus compescit, et ipsos / in nostro poni carmine nolle puto. / ante volebatis, pratique erat instar honoris, / versibus in nostris nomina vestra legi.

28 Abbildung im Katalog 'Virgilio e il chiostro' (DELL'OMO), S. 154.

29 I.d. R. bekam der Adressat wohl auch als erster ein Exemplar des abgeschlossenen Werkes: (Att. 13,21a, 1 = 21,4) Die mihi, placente tibi primum edere iniussu meo ? [...] rectumne existima cuiquam Bruto, cui te auetore προσφωνώ? scripsit enim Baibus ad me se a te quintum de finibus librum descripsisse; in quo non

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Teil I : Buchtitel

Die Widmung wird manchmal in Vorworten ausfuhrlich ausgesprochen und begründet (z.B. Cie.Cato 1 - 3 adfari te, Attice [...] tu occurrebas dignus eo muñere [...] hunc librum ad te de senectute misimus·, Cie.off. 1,1—4 [...] Marce fili [...]; sed cum statuissem scribere ad te aliquid hoc tempore, multa posthac, ab eo ordiri maxime volui, quod et aetati tuae esset aptissimum et auetoritati meae [...]; Vitruv an Augustus in Buch 1, praef. 1-3; die Praefatio von Plinius d.Ä. an Titus), manchmal aber findet sich nur eine in den ersten Satz eingeschobene Anrede, z. B. zu Beginn von Ciceros nat. deor. an Brutus; ebenso bei Columella (1, praef.2) [...] Quas ego causas, P. Stivine, procul a veritate abesse [...]; (2,1,1) Quaeris ex me, P. Stivine [...]; etc. Da Columella nicht ausdrücklich daraufhinweist, daß er das Werk seinem Gutsnachbarn Silvinus widmet, sondern ihn nur kurz mit Namen anredet, ist darauf zu schließen, daß diese Tatsache schon in anderer Weise, nämlich durch die Formulierung auf dem Index, deutlich wurde und dem Autor (wie auch dem Adressaten) diese Form der Widmung ausreichte; er muß sich allerdings auf die vorausgehende Nennung verlassen können, damit eine Anrede am Buchanfang genügen kann, ohne daß viele Worte darüber verloren werden. Ebenso wie bei Columella Buchtitel fiür die einzelnen Rollen angenommen werden müssen (siehe unten S.26), obwohl es nur wenige Hinweise darauf gibt, ist auch aus den kurzen Anreden auf die Nennung des Adressaten zu schließen. Die Angabe von Buchtitel und Adressat auf dem Index konnte offenbar ausreichen und längere Ausführungen ersparen. Auch noch fur Luxurius ist der Adressat ein wichtiger Bestandteil des Titels: (287 R., v.17, an den Freund, der ihn zur Veröffentlichung gedrängt hat) culpae nos socios notabit index. Es wird sogar möglich, ein Buch einer Person zu widmen, die von dem Inhalt nicht in erster Linie betroffen ist: (Hier.epist. 123,17,3) [...] legito, quomodo tibi in viduitate vivendum sit, librum ad Eustochium de virginitate servanda et alios ad Furiam atque Salvinam [...]. Hic libellas de monogamia sub nomine tuo titulum possidebit; vorher merkt er an: (123,17,2) non tarn tibi quam sub tuo nomine aliis sum locutus. - Zu beachten sind für diese Frage Incipits und Explicits, in denen z.T. noch einige Informationen erhalten sind; in Cod.Ambr.C 90inf. (11. Jh.) 30 steht sogar ein Inhaltsverzeichnis (3v.): L Annei Senecae / Dialogorum Libri num XII / in primis ad Lucilium Quare aliqua / incommoda bonis viris accidant cum Providentia sit / ad Serenum nec iniuriam nec / contumeliam aeeipere sapientem / ad Novatum de ira libri III / ad sane multa mutavi, sed tarnen quaedam. tu autem commode feceris si reliques continueris, ne et α δ ι ό ρ θ ω τ α habeat Baibus et ε ω λ α Brutus. 30 Siehe die Ausgabe von REYNOLDS, Praef. S. IX; Abbildung im Katalog 'Virgilio e il chiostro' (DELL'OMO), S. 159.

Einleitung: Informationen auf dem Index

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Marciarti / ad Gallionem de vita beata / ad ## [Rasur] de otio / ad Serenum de tranquillitate animi / ad Paulinum de brevitate vitae / ad Polybium / ad Helbiam matrem. Außer dem Titel und den Namen des Verfassers und des Adressaten der Widmung konnte bei mehrbändigen Werken auch die Nummer der Rolle vermerkt werden: (P.Oxy.3318, 1./2.Jh.n.Chr.) Έρμάρχου προς Έμπεδοκλέα θ'; oft nennt schon Cicero Buch-, d.h. Rollennummern,31 z.B. (Brut.58) in nono [...] annali·, (Cato 38) septimus mihi liber Originum est in manibus·, (nat.deor. 1,123) [...] Posidonius disseruit in libro quinto de natura deorum-, (Att. 16,6,4) in Académico tertio-, (leg.3,4) [...] quaeque de optima re publica sentiremus, in sex libris ante diximus·, (Tusc.4,1) [...] in iis sex libris, quos de re publica scripsimus; (div. l,8f.)perlegi, inquit, tuum [...] tertium de natura deorum [...] in secundo libro [...] in extremo tertio scribis [...]. Hinweise auf die Anzahl der zu einem Werk gehörenden Rollen finden sich besonders in biographischen Ausführungen und in Vorworten zu insgesamt oder nacheinander erscheinenden mehrbändigen Werken, z.B. (Cie.div.2,1-4) quattuor Academicis libris - quinqué libris - totidem subsecuti libri Tusculanarum disputationum - tres libri [...] de natura deorum - sex de re publica - tres de oratore·, (Plin. nat., praef. 17) inclusimus XXXVI voluminibus; (Quint, inst. 1, praef. 25) quidquid utile ad instituendum oratorem putabamus, in hos duodeeim libros contulimus·, (Gell, praef. 22) volumina [...] viginti; (Mart.5,2,6) quintus [...] liber iocatur, (Mart.6,1,1) sextus mittitur hic tibi libellus-, (auch Mart.8, epist.; 8,3,lf.; 10,2,1); (Aug. retract. 2,43,1) Hoc autem de civitate dei grande opus tandem viginti duobus libris est terminatum. Allerdings wird die Nummer eines vorliegenden Buches ebenso wie der Titel nur in seltenen Fällen am Anfang des Textes genannt, z.B. beginnt Cicero innerhalb der Tusculanen prägnant nur 5,1 Quintus hic dies, Brute, finem faciet Tusculanarum disputationum-, in den anderen Büchern findet sich die Buchnummer erst am Ende der Vorworte (z.B. Tusc.3,6; 4,7); auch z.B. bei Martial wird die Nummer längst nicht in jedem Buch überhaupt erwähnt, und im Text der Aeneis und der Metamorphosen findet sich gar kein betreffender Hinweis. Daß auch die Buchnummer auf dem Index-Zettel stand, ist daher schon fur Ciceros Zeit anzunehmen (man denke z. B. auch an Varros vielbändige Werke) und im ersten Jh.n.Chr. eindeutig bezeugt: (Mart.2,93) „Primus ubi est" inquis „cum sit liber iste secundus?" /[...] / Tu tarnen hunc fieri si

31 Zur Übereinstimmung zwischen Rolle und Buch (als inhaltlicher Einheit) seit hellenistischer Zeit siehe BLANCK, S.85f.

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Teil I : Buchtitel

mavis, Regule, primum, / Unum de titulo tollere iota potes·, (Colum.8,1,1) [...] Septem memoravimus libris. hic nunc sequentis numeri titulum possidebit. Besonders Fachbücher bestehen häufig aus einer größeren Zahl von Rollen, die nicht nur numeriert, sondern auch zur Information über den Inhalt mit einzelnen Titeln versehen werden konnten; die Numerierung ermöglicht eine Überprüfung der Vollständigkeit, und der Inhalts-Titel erleichtert die Orientierung des Lesers. Zu Senecas Quaestiones Naturales z.B. sind Buchtitel überliefert; O L T R A M A R E (Praef. XV) bezweifelt aufgrund von Abweichungen und Ausfällen ihre Authentizität, H I N E hingegen stellt die überlieferten Buchtitel bzw. Hinweise auf ehemals vorhandene Titel in den Text. Einen deutlichen Hinweis auf die Existenz von einzelnen Titeln einzelner Rollen eines größeren Werkes gibt Columella: (9, praef. 2) quare quoniam tituli quem praescripsimus huic disputationi ratio reddita est, ea nunc quae proposuimus singula persequamur, der Wortlaut des Titels wird innerhalb des Textes aber gar nicht genannt, d. h. Columella verläßt sich - wie schon Cicero - darauf, daß der Titel selbstverständlich vor dem Textbeginn überliefert wird; da der Titel vor Textbeginn genannt ist, kann der Autor im Text freier formulieren und variieren: (Colum. 8,17,16) redeamus autem sequenti exordio ad curam silvestrium pecorum cultumque apium, vgl. (9, praef. 1) Vento nunc ad tutelam pecudum silvestrium et apium educationem. Einen Buchtitel immerhin nennt Columella: (12,18,1) priore libro, qui scribitur Vilicus. Es ist also davon auszugehen, daß bei Columella und anderen der Index einer jeden Rolle über den Verfasser, den Werktitel, den Namen des Adressaten, die Rollennummer und den Rollentitel informierte. In den Handschriften sind in Incipit und Explicit i. d. R. Verfasser, Werktitel und Buchnummer genannt, doch auch Rollentitel sind überliefert, z. T. innerhalb von Incipit und Explicit, aber besonders auch innerhalb des Gesamtverzeichnisses in Buch I I , 3 3 z.B. (im Incipit von Buch 9) Uber decimus de villaticis pastionibus macellarius et apiarius : (im Gesamtverzeichnis) de villaticis pastionibus liber II macellarius et apiarius-, (im Explicit von Buch 6) veterinarius medicinalis : (im Gesamtverzeichnis) κτηνικός. Verwirrung konnte leicht entstehen, weil die einzelnen Bücher einerseits insgesamt fortlaufend numeriert waren und andererseits z.T. außerdem auch die inhaltlich zusammengehörigen, z.B.: liber quartus surcularis secundus,34 Herausgeber sind aufgerufen, soweit möglich die Titel wiederherzustellen und ihnen ihre Rolle als Titel wieder32 Ζ. B. Buch 6 de terrae motu; Buch 7 de cometis·, siehe die Ausgaben. 33 Die Buchnumerierung unterscheidet sich von der heute üblichen, weil in den Hss. der liber de arboribus eingeschoben wurde. 34 Siehe auch den Buchtitel bei Celsus: Celsi artium liber sextus item medicinaeprimus.

Einleitung: Informationen auf dem Index

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zugeben, zumindest aber darauf hinzuweisen, daß es Rollentitel gab, und gegebenenfalls den Ausfall kenntlich zu machen. - Da fiir Columella Rollentitel eine Selbstverständlichkeit sind, müssen sie auch bei Seneca als wahrscheinlich angesehen werden; daß im Zusammenhang mit der Veränderung der Reihenfolge der Bücher auch Titel verlorengegangen oder Veränderungen eingetreten sind, ist nicht verwunderlich. Auch daß Plinius d.Ä. auf InhaltsTitel der einzelnen Rollen verzichtet hätte, ist äußerst unwahrscheinlich, da er ausdrücklich um Übersichtlichkeit bemüht war. Es ist nicht anzunehmen, daß er zwar im Inhaltsverzeichnis den Inhalt der Bücher im einzelnen nennt, aber keine grobe Ubersicht durch Buchtitel gibt. Er bezeugt diese zwar nicht, es sind aber einige innerhalb des Inhaltsverzeichnisses überliefert, 35 z.B. 9 aquatilium naturae·, 10 volucrum naturae·, 16 silvestrium arborum naturae·, 17 sativarum arborum naturae. Tatsächlich verwendet Plinius im Text manchmal genau diese Formulierungen, z.B. beendet er Buch 9 mit den Worten: (9,186) hinc volucrum naturae dicentur, häufiger variiert er, z.B. beginnt Buch 10: (10,1) sequitur natura avium-, vgl. auch mit den genannten Buchtiteln: (9,1) Animalium, quae terrestria appellavimus hominum quadam consortione degentia, indicata natura est. ex reliquis mínimas esse volucres convenit. quam ob rem prius aequorum, amnium stagnorumque dicentur, (16,1) Pomiferae arbores [...] proximum erat narrare glandiferas; (17,1) Natura arborum terra marique sponte sua provenientium dicta est; restât earum, quae arte et humanis ingeniis fiunt verius quam nascuntur. Weder Varrò noch Vitruv bezeugen im Text die Existenz von Rollentiteln; beide geben aber so knappe Themenangaben, daß sie, falls sie noch nicht als Titel vorgesehen waren, doch ohne Mühe zu solchen werden konnten: Vitruv betont an mehreren Stellen ausdrücklich, daß pro Buch ein Thema behandelt und die Ordnung erkennbar sei, so daß die einzelnen Bücher Themen-Titel gehabt haben könnten (z.B. 1,7,2 in secundo [...] de materiae copiis; 2, praef.5 de materiae copiis·, 2,10,3 de deorum inmortalium aedibus sacris-, 3, praef.4 nunc in tertio de deorum inmortalium aedibus sacris)·, in den älteren Hss. scheinen, soweit es den Ausgaben zu entnehmen ist, keine Buchtitel erhalten zu sein. Varrò nennt die Themen der drei geplanten Bücher: (rust. 1,1,11) de ea re conor tribus libris exponere, uno de agri cultura, altero de re pecuaria, tertio de villaticis pastionibus-, (2, praef.6) quoniam de agri cultura librum Fundaniae uxori [...]

35 Par.Lat.6797 (12.Jh.) hat vorweg ein Verzeichnis von Buchtiteln, z.B..· primus continet tantum capitula cum auctoribus; secundus continet de diversitate mundi id est IUI elementis et sideribus et de aquis; XXXV continet de pictura et coloribus; XXXVII continet de gemmis et preciosis lapidibus. - Incipit und Explicit der einzelnen Bücher müßten in Ausgaben sorgfältig angegeben werden.

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Teil I : Buchtitel

feci, tibi, Niger Turrani noster, [...] de re pecuaria [...]; (3,1,9) duo scripsi, primum ad Fundaniam uxorem de agri cultura, secundum de re pecuaria ad Turranium Nigrum; qui reliquus est tertius de villaticis fructibus, in hoc ad te mitto-, die ersten beiden Themen formuliert Varrò ohne Variation: de agri cultura und de re pecuaria·, für das dritte wechselt die Formulierung de villaticis pastionibus mit de villaticis fructibus. - Ebenso (ling. 5,1) Quemadmodum vocabula essent imposita rebus in lingua latina, sex libris exponere instituí, de his tris ante hunc feci quos Septumio misi; in quibus est de disciplina, quam vocant έτυμολογικήν; quae contra ea dicerentur, volumine primo, quae pro ea, secundo, quae de ea, tertio, in his ad te scribam, a quibus rebus vocabula imposita sint in lingua latina et ea quae sunt in consuetudine t t apudpoetas-, (5,184) in proximo, ut in primo libro dixi, quod sequitur, de temporibus dicam; (6,1) Origines verborum qua sunt locorum et ea quae in his in priore libro scripsi. In hoc dicam de vocabulis temporum [...]; (9,115) Quare cum hic liber id quodpollicitus est demonstraturum absolverit, faciam finem; proxumo deinceps de declinatorum verborum forma scribam. Auch hierfür ist das schon einmal zitierte Explicit wichtig, in dem Autor, Werktitel, Buchtitel, Adressat und Buchnummer genannt werden: (Cod. Flor.Laur.Plut.51.10, 11.Jh.; lr.) 36 M Terenti Varronis de lingua lattna de disciplina originum verborum ad Ciceronem liber IUI explicit, incipit liber V. Auch in Zitaten sind verschiedene Bestandteile von Titeln erhalten: Meistens wird zwar lediglich die Buchnummer angegeben, z.B. (Gell. 13,12,5) in Varronis rerum humanarum uno et vicésimo libro (auch Gell. 11,1,5; 13,13,4); (Gell. 16,12,7) Varrò in libro tertio de sermone Latino-, z.T. erscheint auch der Adressat: (Gell. 16,8,6) Varrò in libro de lingua Latina ad Ciceronem quarto vicésimo; (Gell. 12,6,2) Varronis de sermone Latino ad Marcellum libro secundo-, (auch Gell. 12,10,4); der Rollentitel aber kann über den Zusammenhang informieren: (Gell. 1,25,1) Varrò in libro humanarum, qui est de bello et pace (über indutiae)-, (Gell.3,2,1; = Macr.Sat. 1,3,2) M. Varrò in libro rerum humanarum, quem de diebus scripsit, (Macr.Sat. 1,8,1) Varrò libro sexto, qui est de sacris aedibus. Augustin berichtet ausfuhrlich vom Inhalt der Antiquitates des Varrò: (civ.6,3 p.248,24) Quadraginta et unum libros scripsit antiquitatum [...] rebus humanis viginti quinqué, divinis sedecim tribuit [...]; (p.248,29) in sex itaque primis de hominibus scripsit, in secundis sex de locis, sex tertios de temporibus, sex quartos eosdemque postremos de rebus absolvit. [...]; (p.249,1) unum singularem, qui communiterprius de omnibus loqueretur, in capiteposuit [...].

36 Abbildung im Katalog 'Virgilio e il chiostro' (DELL'OMO), S. 154. 3 7 Siehe auch die Sammlung der Fragmente der Antiquitates von C A R D A U N S .

Einleitung: Informationen auf dem Index

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Daß für Zitate häufig die Buchnummer allein effektiver ist, so daß Rollentitel leicht verlorengehen können, zeigt Macrobius in den Saturnalia: Er will seine Leser in die Lage versetzen, die von ihm exzerpierten Stellen im Zusammenhang zu lesen; er betont, daß zum Auffinden der Stellen Verfasser und Buchnummer ausreichen bzw. bei Dichtung der erste Vers der betreffenden Stelle: (Sat. 3,7,8) cui cordi est legere, satis habeat et auctorem et voluminis ordinem esse monstratum·, (5,4,4) qui volet legere ex hoc versu habebit exordium; (3,13,15) [...] idem Varrò in eodem libro refert. verba ipsa qui volet legere, ubi quaerere debeat indicavi. So gibt er dann Autornamen und Buchnummer des jeweiligen Werkes an, z. B. (3,8,9) Festus de verborum significationibus libro tertio decimo, ebenso bei Dichtung: (5,4,4) apud Homerum de quinto Odysseae. Aber an vielen Stellen macht Macrobius es dem, der die Stelle suchen möchte, doch noch leichter, indem er zusätzlich Hinweise auf den Kontext gibt: (3,13,1) Varronis verba de agri cultura libro tertio, qui cum de pavonibus in villa nutriendis loqueretur, sic ait [...]; (3,13,14) Varrone, qui de agri cultura libro tertio cum de leporibus loqueretur, [...]. Hier zeigt sich das Bedürfnis, eine Stelle genauer einzugrenzen, das in der Einführung von Kapitelüberschriften seinen deutlichen Niederschlag findet. Wahrscheinlich schon bei Varrò und Cicero, ganz sicher aber im 1.Jh.n.Chr. konnte also der Index nicht nur Verfasser und Werktitel, wie allgemein angenommen wird, sondern einige weitere Informationen zur einzelnen Rolle geben. 38 Die Existenz zu vieler Elemente kann ein Grund für die großen Ausfälle sein, besonders bei und nach der Umschrift in den Codex, der mehrere Rollen und damit auch mehrere Indices vereinigte. Da sich manche Informationen auf den Index-Zetteln zusammengehöriger Bücher zwangsläufig wiederholen (Autorname, Werktitel, evtl. Adressat), ist es nicht verwunderlich, daß die Titel der in einem Codex fest verbundenen ehemals einzelnen Bücher um die redundanten Informationen gekürzt wurden und auch weitere Angaben ausfielen.

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OLIVER

(MS of Tacitus and Titulature of Ancient Books) äußert sich nicht zu Buchtiteln dieser Zeit, sondern zu späteren, anhand von (griechischen) Papyri des 3.Jh.n.Chr. und dem Cod. Verg.Palatinus.

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Teil I : Buchtitel

2. Zum Verhältnis zwischen Titel und Inhalt Nachdem deutlich geworden ist, daß und in welcher Form Buchtitel existierten, ι sollen nun einige inhaltliche Aspekte untersucht werden. Zunächst können antike Äußerungen von Autoren und Grammatikern zeigen, wie Titel erklärt wurden und was man von ihnen erwartete; danach sind Titel aus Eigennamen bzw. Metaphern, die den antiken Erklärungsschemata nicht entsprechen, zu untersuchen.

Antike Kommentare zu Werktiteln Die Erläuterung des Werktitels ist ein unerläßlicher Bestandteil von antiken Kommentaren: (Donat. Verg. ecl. praef. § 4 7 H A G E N ) [ . . . ] de ipso carmine iam dicendum est, quod bifariam tractari solet, id est ante opus et in ipso opere, ante opus titulus causa intentio-, (Serv. Aen. 1, praef., lin.l H A R V A R D . ) In exponendis auctoribus haec consideranda sunt: poetae vita, titulus operis, qualitas carminis, scribentis intentio, numerus librorum, ordo librorum, explanatio. Auch in den Kommentaren und Scholien zu Horaz werden - ohne vergleichbare grundlegende Hinweise wie bei Servius - zu Beginn der Bücher die Titel erläutert (siehe unten S.73 und S.76). Ein wichtiges Kriterium für die Angemessenheit eines Titels ist fur Servius, daß er das ganze Werk bezeichnen soll: (Serv. Aen.6,752) [...] in antiquis invenimus opus hoc appellatum esse non Aeneidem, sed gesta populi Romani; quod ideo mutatum est, quia nomen non a parte, sed a foto debet dari. Und so reicht eine kurze Erklärung: (Serv. Aen. 1 , praef., lin. 75 H A R V A R D . ) titulus est Aeneis, derivativum nomen ab Aenea, ut a Theseo Theseis. — Daß der Charakter des Titels mit dem des Werkes übereinstimmen soll, zeigt sich daran, daß Plinius d.Ä. und Gellius sich recht vehement gegen einen titulus festivus wehren (siehe unten S.52 und S. 57) und Ausonius anmerkt (Parentalia, praef., S.28.3P.): aliquotiens fortasse lectorem solum lemma sollicitât tituli, ut festivitate persuasus et ineptiam ferre contentus sit. Das ganze Werk kann durch den Gattungsnamen bezeichnet werden; besonders bei Titeln von Gedichtsammlungen wird das Titelwort daher weniger im Hinblick auf die vorliegende Sammlung als vielmehr allgemein auf die

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Zur weiteren Geschichte dieses Schemas siehe EDWIN A. Q U A I N , The Medieval Accessus ad auctores, Traditio 3, 1945, S.215-264.

Verhältnis zwischen Titel und Inhalt

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Gattung erklärt, z.B. (Donat. Verg. ecl. praef., § 4 9 - 5 1 H A G E N ) Unde igitur maps decuit pastorali carmini nomen inponi nisi ab eo gradu, qui fere apud pastores excellentissimus invenitur? [...] Originem autem bucolici carminis alti ob aliam causam ferunt [...]; (Serv.buc., praef., S. 1,1 T H I L O ) Bucolica, ut ferunt, dicta sunt a custodibus boum, id est à j t ò τ ω ν β ο υ κ ό λ ω ν ; praecipua enim sunt ammalia apud rústicos boves. huius autem carminis origo varia est [...]; es besteht kein Unterschied zwischen einer Erklärung eines Kommentators zu einem bestimmten Werk und den Beschreibungen der Gattungen bei den Grammatikern (vgl. Diom.gramm.I 486,17 zu Bucolica). Es wird kein individueller Titel erwartet, sondern die sichere Zugehörigkeit zur Gattung (deren Name den Titel bildet). Porphyrio sieht sich vor das Problem gestellt, daß er verschiedene Bezeichnungen vorfindet: (ad serm. 1,1) Quamvis saturam esse opus hoc suum Horatius ipse confiteatur [...] tarnen proprios títulos voluit ei accommodare. Nam hos priores duos libros Sermonum, posteriores Epistularum inscribens in sermonum nomine vult intellegi quasi apud praesentem se loqui, epistulas vero quasi ad absentes missas. Den Widerspruch, daß Horaz zwar im Text von satura spricht — und damit den Titel 'Satura' erwarten läßt - , als Titel aber sermonum und epistularum verwendet, kann Porphyrio nicht lösen: Obwohl - für Porphyrios Verständnis - die Gattung satura vorliegt, müssen trotzdem, tarnen, andere Titel erklärt werden. Für ein anderes Problem, daß sich Horaz in epist. 1,20 an das Buch wendet und damit keinen Brief an einen Abwesenden schreibt, hat Porphyrio immerhin eine Lösung (ad loc.): mirum est [ad} hanc locutionem inter epistulas poni, cum neque ad absentem neque ad hominem scripta sit, nisi quia [et] receptum est et principia et fines in omnibus libris nullius legis formula contineri. Zur Erklärung des Titels genügt es ferner oft, die Ubereinstimmung mit dem griechischen Original festzustellen, wobei der griechische Titel als solcher nicht erklärt wird: (Donat. Verg. ecl. praef., § 4 9 H A G E N ) Bucolica autem et dici et recte dici vel hoc indicio probasse sujfecerat, quod eodem nomine apud Theocritum censeantur, (Serv.georg., praef., S. 128,5 T H I L O ) [ . . . ] ad fratrem suum Persen librum, quem appellavit εργα και ήμέρας, id est opera et dies, hie autem liber continet, quemadmodum agri et quibus temporibus sint colendi, cuius titulum transferre noluit, sicut bucolicorum transtulit, sicuti Aeneidem appellavit ad imitationem Odyssiae: tarnen eum per periphrasin primo exprimit versu. - Auch Cicero orientiert sich am Titel des griechischen Vorbildes, ohne aber sklavisch

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Teil I : Buchtitel

zu übersetzen;40 er wählt statt des griechischen Singulars den Plural, damit der Titel vollständig ist (plenior): (Att. 16,11,4) τά περί του καθήκοντος, quatenus Panaetius, absolví duo bus [...]; quod de inscriptione quaeris, non dubito quin καθήκον 'officium ' sit, nisi quid tu aliud; sed inscriptio plenior de officiis. In Briefen verwendet Cicero manchmal griechische Titel seiner Werke, z.B. (ad Q.fr.2,13(12), 1) scribebam ilia quae dixeram, πολιτικά, spissum sane opus et operosum, vgl. aber (div.2,3) sex de re publica-, dabei handelt es sich nicht um Spitznamen, wie HORSFALL (S. 105) annimmt, sondern um die zunächst prägnanteren Bezeichnungen, für die Cicero nach treffenden Übersetzungen sucht. Das wird besonders im folgenden Fall deutlich: An Atticus schreibt Cicero: (Att. 13,12,3) [...] illam περί τελών σύνταξιν sane mihi probatam-, (Att. 13, 19,4) ita confeci quinqué libros περί τελών. Im Werk selbst erscheint der Titel: (fin. 1,12) hanc omnem quaestionem de finibus bonorum et malorum [...], aber zuvor werden die Wörter ausprobiert: (fin. 1,11) id, quod his libris quaeritur, qui sit finis, quid extremum, quid ultimum [...]; auch im weiteren wird auf das Ubersetzungsproblem hingewiesen: (fin. 3,26) cum enim hoc sit extremum — sentis enim [...] me iam diu, quodτέλος Graeci dicant, id dicere tum extremum, tum ultimum, tum summum; licebit etiam finem pro extremo aut ultimo dicere·, (fin. 5,23) omnis haec quaestio de finibus et quasi de extremis bonorum et malorum [...]. - Daß ein griechischer Titel nachgeahmt wird, ist kein Vorwurf, sondern wird grundsätzlich erwartet: (Don.Ter.Ad.praef.I,l) potuit etiam Terentius 'Fratres' dicere, sed et Graeci nominis euphoniam perderei et praeterea togata videretur. ad summam non statim intellegeretur Menandri esse. Wenn ein Titel nicht von der Vorlage übernommen ist, wird diese Tatsache vermerkt, vgl. (Don.Ter. Phorm.praef. 1,1) [...] hanc solam esse cui nomen poeta mutaverit [...]; auch schon Terenz weist darauf hin, daß er den Titel verändert hat: (Phorm. 25f.) Epidicazomenon quam vocant comoediam / Graeci, Latini Phormionem nominant. Donat teilt die Komödientitel in vier verschiedene Kategorien ein: (Don. de com. 6,4) Omnium autem comoediarum inscripta ex quattuor rebus omnino sumuntur: nomine, loco, facto, eventu. nomine, ut Phormio [Hecyra] Curculio Epidicus; loco, ut Andria Leucadia Brundisina; facto, ut Eunuchus Asinaria Captivi; eventu, Commorientes Crimen Heautontimorumenos. Dieses Prinzip 'ex / από' findet sich häufiger, z.B. (Diog.Laert.3,57 zu Piaton) διπλαις τε χρήται ταΐς έπιγραφαΐς καθ' έκαστου των βιβλίων, τη μέν άπό του ονόματος, τή 40 Zur Übersetzung von Titeln griechischer Werke am Beispiel Philons von Alexandria (von Hieronymus und Rufinus über die Humanisten bis zu modernen Ausgaben) siehe A L E X A N D R E , M O N I Q U E : D U grec au latin: Les titres des œuvres de Philon d'Alexandrie, in: F R E D O U I L L E (Hrg.), S . 2 5 5 - 2 8 6 .

Verhältnis zwischen Titel und Inhalt

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δέ ά π ό τοϋ πράγματος; (Suet.gramm.6,3) Aurelius Opillus [...] conposuitque variae eruditionis aliquot volumina ex quibus novem unius corporis quae, quia scriptores ac poetas sub clientela Musarum iudicaret non absurde et fecisse et scripsisse se ait ex numero divarum et appellatione [...]. - Im TerenzKommentar werden die Titel entsprechend erläutert, ζ. Β. (Don. Eun. praef. 1,1) nuncupata est Eunuchus fabula et est palliata Menandri vetus, quam ille auctor facto adulescentis, qui se pro eunucho deduci ad meretricem passus est, nominavit, (Don. Ad. praef. 1,1) a fratrum facto, quibus argumentum nititur, nomen accepit. Doch die konkrete Erklärung anhand eines solchen Schemas fuhrt nicht immer zu befriedigenden Ergebnissen: (Don. Andr.praef. 1,1) Comoedia Andria [...] de loco nomen accepit·, allerdings hat diese Komödie selbst - anders als etwa Thebais oder Ilias - strenggenommen gar nicht vom Ort der Handlung ihren Namen. Besser ist eine - im Schema nicht vorgesehene - Erklärung des Titels mit der Bedeutung der Titelperson: (Don. Hec. praef. 1,1) Hecyra autem dicitur ideo, quia per socrus et soceros in ea aguntur multa-, vgl. (Ter. Phorm. 26-28) Latini Phormionem nominant I quia primas partis qui aget is erit Phormio / parasitus, per quem res geretur maxume. Gellius (praef. 10) bezieht sich hinsichtlich seines Titels Noctes Atticae ausdrücklich auf zwei derartige Kategorien: Nos vero, ut captus noster est, incuriose et inmeditate ac prope etiam subrustice ex ipso loco ac tempore hibernarum vigiliarum Atticas noctes inscripsimus, aber hier wird das konkrete Schema dadurch unterlaufen, daß sich der Titel konkret auf die Entstehungszeit, in keiner Weise aber auf den Inhalt des Werkes bezieht (siehe unten S. 58). Wie die Beispiele zeigen, wird kein origineller Titel erwartet, der eine subtile Interpretation verlangt, sondern einer, der eine konkrete, knappe Erklärung ermöglicht: (Donat. Verg.ecl. praef., §47 H A G E N ) ' Titulus', in quo quaeritur, cuius sit, quid sit. Meistens ist nicht viel zu erklären: (Porph. Hör. carm.saec.) Hoc carmen saeculare inscribitur. Cum enim saeculares ludos Augustus celebraret [...] cantatum est·, i.d.R. läßt sich zwischen Titel und Werk ein einfaches Verhältnis feststellen, z.B. (Suet.Aug.85,2) unus liber [...] cuius et argumentum et titulus est Sicilia·, vgl. auch (Frontin strat.3, praef.) Si priores libri responderunt titulis suis [...] edam nunc circa oppugnationes urbium defensionesque στρατηγήματα. Interessant wird es dann, wenn aus dem Titel nicht hervorgeht, quid sit. Dies ist besonders bei zwei Arten von Titeln der Fall, nämlich solchen, die aus Eigennamen oder Metaphern bestehen; Metaphern und Eigennamen sagen über den konkreten Inhalt noch nichts aus und bedürfen dafür einer Ergänzung, z.B. (Aug. conf. 3,4,7) [...] liber ille ipsius exhortationem continet ad philo-

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Teil I : Buchtitel

sophiam et vocatur Hortensias. Diese Phänomene sollen im folgenden ausführlicher betrachtet werden.

Eigenname versus konkrete Information: Titel von Epen, Tragödien und Komödien In Epos und Tragödie ist die Verbindung zwischen Titel und Inhalt überwiegend recht unkompliziert. Der Titel verweist konkret und unmißverständlich auf eine bekannte Gestalt oder eine bekannte Handlung: Schon Herodot bezeugt Titel von Epen, die i. d. R. den Haupthelden bezeichnen oder den Ort des Geschehens: 'Οδύσσεια, Ίλιάς, τά Κύπρια επεα (siehe oben S. 10). Auch die Titel römischer Epen sind ähnlich konkret, z.B. (Cie.Cato 50) quam gaudebat Bello suo Punico Naevius; (Stat.Theb. 12,810-812) durabisneproeul [...] / o mihi bissenos multum vigilata per annos / Thebai? (Silv. 1, praef.) adhuc pro Thebaide mea, quamvis me reliquerit, timeo·, (der Titel auch Silv. 4, praef.; Silv. 4,4,89; Juv.7,83). Auch hier verweisen die Titel auf eine im Prinzip bekannte Handlung, die mit einem bestimmten Schauplatz oder Zeitraum fest verknüpft ist. Als Titel fur Lucans Epos werden Pharsalia und de bello civili diskutiert; de bello civili geben viele Hss., während auf den seit der Zeit Dantes verwendeten Titel Pharsalia folgende Stelle im Text hinweisen könnte: (Luc. 9,983-986) nam siquid Latiisfas est promittere Musis, I quantum Zmyrnaei durabunt vatis honores, / venturi me teque legent: Pharsalia nostra / vivet et a nullo tenebris damnabitur aevo·, vgl. auch (Stat. Silv. 2,7,66) Pharsalica bella detonabis. Daß Lucan an dieser Stelle mit Pharsalia nostra nicht nur die eine (von Caesar geschlagene und von ihm beschriebene) Schlacht meine, sondern mit der Schlacht, die er als Kulminationspunkt des gesamten (in zwölf Büchern dargestellten) Geschehens betrachte, als pars pro toto das ganze Werk bezeichne, macht AHL plausibel (S.326). - Dafür, daß Lucan mit größerer Wahrscheinlichkeit Pharsalia als de bello civili als Titel vorgesehen hatte, sprechen außerdem folgende Argumente: Wenn Lucan nicht im Titel anzeigen wollte, wen er als den Hauptprotagonisten ansah, ließ ihm die Tradition der Gattung als weitere Möglichkeit für den Titel noch den Verweis auf den Ort der Handlung. Die Nennung des Gebietes im ersten Vers (per Emathios campos) ist nach dem Titel Pharsalia eine Variation, 41 wohingegen zwischen einem Titel de bello civili und dem ersten

41 Eine Wiederholung des titelgebenden Eigennamens im ersten Vers wird vermieden, vgl. (Stat. Ach. 1,1 f.): Magnanimum Aeaciden formidatamque Tonanti I progeniem

Eigenname versus konkrete Information: Epos und Tragödie

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Vers bella [...] plus quam civilia einerseits die Wiederholung, andererseits die inhaltliche Diskrepanz auffallt. Der Inhaltstitel mit de macht vielmehr den Eindruck, als sei er (ohne größere Überlegungen) dem ersten Vers entnommen. A h l (S.331) verweist auf die antiken und spätantiken Urteile über Lucan, die dazu beigetragen haben könnten, daß man sich mit dem Inhaltstitel, der ein Geschichtswerk in Prosa erwarten läßt, zufriedengab, z.B. (Serv.Aen. 1,382) Lucanus namque ideo in numero poetarum esse non meruit, quia videtur historiam composuisse, non poema. Ebenso informativ wie die Epentitel sind die Tragödientitel, denn sie bestehen überwiegend aus dem Namen eines bekannten Helden des Mythos, etwa 'Αγαμέμνων oder Μήδεια: Mit dem Namen der Tragödie nennt man den Namen der Hauptfigur, die fest mit einem bekannten Stoff" verbunden ist; wer den Titel hört, kennt also den Rahmen der Handlung, die ihn erwartet. Manchmal wird der Name ergänzt, um einen bestimmten Abschnitt des Mythos zu bezeichnen, 'Ιφιγένεια ή έν Αύλίδι und 'Ιφιγένεια ή έν Ταύροις, Οιδίπους τύραννος und Οιδίπους έπί Κολωνω. Bisweilen bezeichnet der Titel den Chor (z.B. Χοηφόροι, Ίκέτιδες); Gründe dafür könnten einmal in der ursprünglichen Bedeutung des Chores liegen, die allmählich zurückgedrängt wurde, dann könnte es aber auch sein, daß derselbe Autor schon ein Werk über den gleichen Stoff geschrieben hatte oder ein anderer Autor mit demselben Stoff als Konkurrent auftrat; auch können zwei aufeinanderfolgende Tragödien den gleichen Haupthelden haben, z.B. Orest in Χοηφόροι und Ευμενίδες. Phrynichos' Wahl des Stoffes und des Titels aus der Zeitgeschichte (Μιλήτου αλωσις) wie auch Aischylos' Πέρσαι bleiben Ausnahmen, aber auch Tragödien nach mythischen Stoffen erhalten zuweilen den Titel nach der ebenfalls bekannten - Handlung: Έ π τ ά έπί Θήβας. Auffällig ist, daß Euripides einmal mit Ίκέτιδες den gleichen Titel wählt wie Aischylos, aber dahinter eine andere Geschichte verbirgt, hingegen unter dem Titel Φοίνισσαι die gleiche zugrundeliegende Handlung darstellt wie Aischylos unter dem Titel Έ π τ ά έπί Θήβας. Die Titel der lateinischen Tragödien entsprechen denen der griechischen, bis hin zu Ovids Medea und Varius Rufus' Thyestes und Seneca;42 i. d. R. wird

[...]; (Stat.Theb. 1,1 f.) Fraternas acies alternaque regnaprofanis /decertata odiis sontisque evolvere Thebas [...]. 42 Zu den z.T. in den beiden Uberlieferungssträngen unterschiedlichen Titeln von Senecas Tragödien siehe Zwierlein (Praef.S.VI): „[...] mihi quidem persuasum est eundem redactorem, cui Phoenissarum fragmentis Thebaidis inscriptio aptior visa est, etiam títulos Herculis fiirentis et Herculis Oetaei excogitavisse, ut prima et ultima

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Teil I : Buchtitel

der Name der Hauptperson verwendet, eventuell wird er erweitert (z.B. Naevius Hector proficiscens, Ennius Medea exut), manchmal bezeichnet der Titel den Chor, z.B. Ennius Eumenides, Troades, Phoenissae. Seltener verweist der Titel auf die Handlung, z. B. Pacuvius Armorum iudicium, Ennius Hectoris lutra, Pacuvius Niptra, Accius Epinausimache. Hinzuweisen ist im Zusammenhang mit den letztgenannten Titeln auf die homerischen Epen: Neben den Werktiteln (siehe oben S. 10) finden sich früh Benennungen einzelner Szenen, z.B. (Hdt.2,116) έν Διομήδεος άριστείη; (Th. 1,9) έν του σκήπτρου άμα τη παραδόσει εϊρηκεν; (Th. 1,10) έν νεών καταλόγψ; (Pl.Cra.428c) έν Λιταις. 43 Außerdem werden in Scholien, besonders bei Eustathius (jeweils eingangs zu den einzelnen Büchern), Buchtitel genannt (έπιγράφεται, έπιγράφουσιν; zu II. 12 οΰτω προτιτλωσάντων των παλαιών), die auch in vielen Ausgaben erscheinen,44 z.B.(Eust.zu 11.6) Έ κ τ ο ρ ο ς και 'Ανδρομάχης ομιλία; (zu 11.7) Έ κ τ ο ρ ο ς και Αΐαντος μονομαχία; z.T. erscheinen genau die 'alten' Szenenbezeichnungen ebenfalls auch als Buchtitel. Interessant ist das Verhältnis zwischen den 'Szenenbezeichnungen' und den 'Buchtiteln': Wie die folgenden Beobachtungen annehmen lassen, hat man bei oder nach der Einteilung in Bücher in alexandrinischer Zeit 45 keine neuen Buchtitel erfunden, sondern vielmehr über die Bücher die bekannten Stichworte bzw. Verweise auf die bekannten Szenen geschrieben, um das Suchen nach diesen zu erleichtern.46 Da aber die Bücher nicht hauptsächlich bzw. nicht immer nach thematischen Gesichtspunkten eingeteilt sind, können zu einem Buch mehrere Szenentitel gehören oder kann ein Titel einen Abschnitt bezeichnen, der durch die Buchgrenze geteilt ist. Wenn auch oft ein Buch hauptsächlich um eine (im Buchtitel bezeichnete) Person oder Handlung kreist (z.B. als Titel bei Eust. zu II. 16 Πατρόκλεια, zu 11.12 Τειχομαχία, zu 11.24 Έ κ τ ο ρ ο ς λύτρα), so haben diese 'Szenen' doch offenbar nicht hauptsächlich die Einteilung in Bücher bestimmt, denn z.B. setzt "Εκτορος και 'Ανδρομάχης ομιλία (Eust. zu 11.6) erst mit Vers 365 von (altera Senecae, altera Anonymi) fabula, quarum utraque Hercules inscripta fuerat, in idem tragoediarum corpus coacti melius dinosci possent." 43 Weitere Stellen bei LOHAN, S. 7. 44 Die Buchtitel mit Verweisen auf die Quellen im Apparat in der ed. Iliade, PAUL MAZON, Paris 1961 fF. - In vielen Ausgaben stehen die Titel ohne Bemerkungen über dem Text. 45 Zur Einteilung der Epen in Bücher siehe PFEIFFER, S. I47f. 46 Die Bekanntheit der Bezeichnungen fur Abschnitte bzw. Szenen zeigt sich auch daran, daß Ά π ό λ ο γ ο ς Ά λ κ ί ν ο υ sprichwörtlich wurde (siehe schon Pl.Pol.6l4b; vgl. Suda und Paroim.Gr., s.v.).

Eigenname versus konkrete Information: Epos und Tragödie

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Buch 6 der Ilias ein, und Διός άπατη (Eust. zu II. 14) ist lediglich eine wichtige Szene, die die Voraussetzung ftir die Handlung von Buch 14 schafft. - Zu einigen Büchern nennt Eustathius denn auch mehrere Bestandteile des Titels, ζ. B. (zu II. 2) όνειρος και κατάλογος, (zu II. 3) δρκοι και μονομαχία 'Αλεξάνδρου και Μενελάου, (zu Od. 9) τά περί Κίκονας και Λωτοφάγους και Κύκλωπας. Es wird auch einmal auf die Unzulänglichkeit eines Titels hingewiesen: (zu Od. 17) οτι πολλά μέν ή ραψωδία λαλεί, έπιγράφεται δ' δμως έκ του κατ' άρχήν ευθύς πράγματος: έπάνοδος [...]. - Herodot (2,116) kannte 11.6,289-292 als Bestandteil von Διομήδους άριστεία; diese Benennung aber findet sich als Titel zu Buch 5, hingegen zu Buch 6 Έ κ τ ο ρ ο ς και 'Ανδρομάχης ομιλία; nun ist Herodots Benennung eigentlich plausibler, denn in der Tat passen 6,289-292 noch gut unter den Titel Διομήδους άριστεία, während die Szene zwischen Hektor und Andromache erst ab v. 365 vorbereitet wird. Es ist zu vermuten, daß Szenen-Benennungen weit verbreitet waren (wahrscheinlich mehr als die bezeugten), worauf z.B. auch Cic.Tusc. 1,37 inde Homert tota νέκυια und besonders die Titel lateinischer Tragödien hinweisen: Hectoris lutra (Ennius), Epinausimache und νυκτεγερσία (Accius), νίπτρα (Pacuvius); wenn auch diese Tragödien griechische Vorlagen hatten (Cic.Tusc. 2,48f. in Niptris [...] Pacuvius hoc melius quam Sophocles), so haben doch die Römer diese Titel offenbar verstanden. Diese jedem Schüler bekannten Namen der Szenen konnten leicht über die - eingeteilten und numerierten - Bücher geschrieben werden, zunächst mehr als Hinweis, welche bekannten Szenen im jeweiligen Buch zu finden seien, später (spätestens fiir Eustathius) regelrecht als 'Buchtitel'. Dabei wurden nun Bezüge leicht verschoben, da manche Szenennamen mehrere Bücher umfassen, einige Bücher wiederum mehrere bekannte Szenen enthalten. 47 Anders als in der Tragödie kann man in der Alten Komödie vom Titel ausgehend den Inhalt noch nicht erahnen: In Fällen, wo der Tier-Chor bezeichnet wird, ist in keiner Weise vorher angekündigt, worum es geht, obwohl Aristophanes ja auch die Hauptpersonen als Titel hätte wählen können. Auch wenn das diachronisch durch die früheren Tier-Chöre zu erklären sein kann, wird doch die Neugier der Zuschauer geweckt, da man aus den genannten Wesen nicht auf die Handlung schließen kann. Auch Personifikationen wie Πλούτος 47 Für römische Epen scheint es solche 'Buchtitel' nicht zu geben, wohl aber metrische Argumenta (zur Aeneis, zu Lucan), wie sie Eustathius jeweils außer den Titeln auch anfuhrt.

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Teil I : Buchtitel

u n d Ε ι ρ ή ν η lassen den konkreten Stoff nicht ahnen, eher schon ein sprechender N a m e wie Λ υ σ ι σ τ ρ ά τ η . Bei Stücken, die nach dem Chor benannt sind ( Έ κ κ λ η σ ι ά ζ ο υ σ α ι u n d Θ ε σ μ ο φ ο ρ ι ά ζ ο υ σ α ι ) , läßt sich nur grob auf die Situation schließen. Im Laufe der Zeit und der Veränderung des Charakters der Komödie wird durch die Titel immer häufiger schon auf die Handlung vorausgewiesen (z.B. Alcaeus: ά δ ε λ φ α ί μοιχευόμεναι), und zunehmend finden sich als Titel Personenbezeichnungen (z.B. Alexis: π α ρ ά σ ι τ ο ς , Amipsias: κ ω μ α σ τ α ί , Anaxandrides: κ ι θ α ρ ί σ τ ρ ι α , Alexis: ά σ ω τ ο δ ι δ ά σ κ α λ ο ς ) und Situationen (z. B. Alexis: γυναικοκρατία,

Amphis:

γυναικομανία,

Anaxandrides:

γεροντομανία).

Hier werden nicht die N a m e n der handelnden Figuren genannt, sondern Eigenschaften, Charaktere oder Situationen, die schon eine bestimmte H a n d l u n g erwarten lassen. Anders als ν ε φ έ λ α ι oder σ φ ή κ ε ς verweisen δ ύ σ κ ο λ ο ς oder μ ι σ ο γ ύ ν η ς schon auf einen wichtigen Bestandteil der Handlung. Durch diese konkreteren Titel wird weniger allgemein die Neugier geweckt, die daraus entspringt, daß man sich unter σ φ ή κ ε ς keine Handlung vorstellen kann, als vielmehr schon eine gewisse Erwartung erzeugt, welche Probleme der ' δ ύ σ κ ο λ ο ς ' seinen Mitmenschen bereiten wird. Das hängt einerseits damit zusammen, daß die Charaktere hier eine ganz andere Rolle spielen als in der Alten Komödie; andererseits hätte man als Komödientitel auch einen beliebigen Eigennamen dessen wählen können, der sich im Stück als δ ύ σ κ ο λ ο ς erweist. Diese Titel sind den Tragödientiteln ähnlich: Das Verhältnis zwischen Titel und Inhalt ist berechenbarer. Im lateinischen Bereich gibt es ähnliche Unterschiede: 48 Bei Plautus lassen die wenigsten Titel den Inhalt ahnen, am konkretesten sind wohl Miles gloriosus u n d Amphitruo.

Andere Titel aus Eigennamen nennen — da die Stoffe nicht aus

dem Mythos stammen und, jedenfalls vom griechischen Vorgänger, erfunden sind — keine bekannten Gestalten, sondern häufig handelt es sich u m beliebige N a m e n (Menaechmi, Persa, Stichus), die auch witzig (Curculio) oder mit einem Typus verbunden (Bacchides) sein können. Vergleichbar mit den nach Chören gebildeten Titeln der Alten Komödie gibt es hier Titel, die auf Gegenstände

48 Die Titel sind oft von den Autoren bezeugt: Die Komödie hat ein nomen (siehe auch unten S.319), das in der Regel innerhalb des Prologs genannt wird, z.B. (Asin. 10-12) huic nomen graece Onagost fabulae, / [...] / Asinariam volt esse, si per vos licet, (Merc. 9f.) graece haec vocatur Emporos Philemonis, / eadem Latine Mercator Macci Titi; (Mil. 85-87) et argumentum et nomen vobis eloquar: άλαζών Graece huic nomen est comoediae, /id nos Latine 'gloriosum'dieimus. Ganz regelmäßig bei Terenz, z. B. (Haut. 5) hodie sum acturus Hauton timorumenon.

Eigenname versus konkrete Information: Komödie

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verweisen: besonders Rudern, aber auch die a u f f a b u l a zu beziehenden Adjektive Aulularia, Cistellaria, ähnlich Asinaria, Mostellaria·, diese wecken ebenso wie die Chor-Titel νεφέλαι oder σφήκες ohne jegliche Anhaltspunkte die Neugier. Auffällig ist die Ersetzung griechischer Titel aus Partizipien, die immerhin grob auf die Situation verweisen, durch nichtssagende Eigennamen: Obwohl Plautus offenbar versucht, ein Partizip als Titel zu übertragen (Cas. 30-32): comoediai nomen dare vobis volo. / Κληρούμενοι vocatur haec comoedia / graece, latine Sortientes, wird irgendwann (jedenfalls vor der Entstehung des Argumentums mit dem Akrostichon Casina 9) Casina zum Titel. Erinnert so die Form der Titel bei Plautus eher an die des Aristophanes, so ähneln Terenzens Titel denen der Neueren Komödie: Terenz behält im Gegensatz zu Plautus mit dem griechischen Kolorit auch die griechischen Titel bei; einige weisen auf Verwandtschaftsgrade oder Typen (Adelphoi, Hecyra, Eunuchus) und lenken so die Erwartung schon in eine bestimmte Richtung; Terenz übernimmt auch ein griechisches Partizip (Heauton Timorumenos) , 50 weist aber in einem anderen Fall auf eine von ihm vorgenommene Änderung des Titels hin: (Phorm.25f.) Epidicazomenon quam vocant comoediam / Graeci, Latini Phormionem nominant. Abgesehen von der Sprache unterscheiden sich die Titel von Togaten, Atellanen und Mimen weniger von denen des Terenz als von denen des Plautus: Hier finden sich nur ganz selten Eigennamen, aber oft: Berufe (z.B. Medicus, Rusficus, Pictores, Piscatores, Psaltria, Tibicina), Körpereigenschaften (z.B. Caecus, Barbatus) und Verwandtschaftsbezeichnungen (z.B. Patruus, Privigna, Matertera, Nurus). Für die Titel der Atellanen wird häufig die Charakterrolle entsprechend ergänzt (z.B. Pomponius: Maccus miles, Maccus virgo, Maccus sequester, Macci gemini, Novius: Maccus copo, Maccus exul).

49 WILLCOCK, MAC CARY ad loc: „it seems probable from this that Plautus called his play Sortientes, and that the title Casina was given only at the revival. These lines would thus be parallel to Merc.9f. Alternatively, he may be just translating [ . . . ] for the benefit of the audience." - Der zweiten Variante, Plautus übersetze zwar den griechischen Titel mit Sortientes, das Stück trage aber den Titel Casina, steht Plautus' vorangehender ausdrücklicher Hinweis entgegen: (v.30) comoediai nomen dare vobis volo; ähnlich formulierte Hinweise auf den Titel finden sich häufig, siehe die vorige Fußnote. 50 Vgl. (Cie. Tusc. 3,65) ille Terentianus 'ipse sepoeniens', id est ε α υ τ ό ν τ ι μ ω ρ ο ύ μ ε ν ο ς . 51 Diese Titel finden sich zwar erst bei jüngeren Zeugen (Gellius, Macrobius, hauptsächlich Nonius, Priscian), aber es gibt keinen Grund, diese nicht grundsätzlich anzuerkennen.

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Teil I : Buchtitel

An diese Titel erinnern die Überschriften, die zu Deklamationen überliefert sind, 52 z.B. Quint.deci. (246) Soporatus fortis privignus; (247) Raptoris divitis bona; (251) Rapta sterilii repudiata·, (252) Parasitas raptor candidatae. Die Überschriften verraten allerdings mehr über den Inhalt als die genannten Komödientitel; es geht nicht nur um die Darstellung z.B. einesparasitus, sondern um einen präzise umschriebenen Fall. Wenn auch die Entstehungszeit der Deklamationen-Titel nicht zu bestimmen ist, so zeigt doch die Formulierung deutlich, in welches Genre die Texte eingeordnet wurden und welchen Unterhaltungswert sie fur die Rezipienten hatten. 53 - Tatsächlich gehaltene Reden hingegen können durch die konkrete Person, den Gegenstand oder Zeitpunkt knapp bezeichnet werden, z.B. (Cic.Att.2,1,3) [...] orationes quae consulares nominarentur, quarum una est in senatu Kalendis Ianuariis, altera adpopulum de lege agraria, tertia de Othone, quarta pro Rabirio, quinta de proscriptorum filiis, sexta cum provinciam in condone deposui, séptima qua Catilinam emisi, octava quam habui ad populum postridie quam Catilina profugit, nona in contiene quo die Allobroges indicarunt, decima in senatu Nonis Decembribus·, (Brut. 205) Cottaepro se lege Varia quae inscribitur [...]; aus den Eigennamen lassen sich Attribute zu oratio bilden, z.B. (orat. 165) [...] quo de genere illa nostra sunt in Miloniana·, (Att. 13,12,2) Ligarianam praeclare vendidistr, auch Namen, die bestimmte Gruppen zusammenfassen, sind belegt, vgl. (Att.2,1,3) [...] in eis orationibus quae Philippicae nominantur [...] orationes quae consulares nominarentur. Zusammenfassend ist festzuhalten, daß die Titel in der Tragödie am konkretesten auf den Inhalt verweisen, da bekannte Stoffe dargestellt werden bzw. die titelgebenden Gestalten- bekannt sind. Im Gegensatz dazu finden sich bei Aristophanes überwiegend Titel, von denen sich nicht auf den Inhalt schließen läßt und die die Neugier wecken, weil sich aufgrund der Titel keine bestimmte Erwartung einstellt. In vergleichbarer Weise lassen auch Plautus' Titel nicht auf den konkreten Inhalt schließen, wobei aber nur ein Teil der Titel auffällig ist {Rudens, Aulularia etc.), der andere Teil aber aus unauffälligen Eigennamen besteht. Terenzens Titel verweisen auf Verwandtschaftsbeziehungen oder Typen, und auch in den Togaten und Atellanen finden sich überwiegend Berufs-

52 Zur Formulierung und Entstehung der Titel siehe DINGEL, S. 17-20. 53 Grundsätzlich anders sind die Uberschriften zu Ennodius' Deklamationen mit de eo qui [...], siehe unten S.208. Zu vermuten ist, daß eine derartige Themenstellung die ursprüngliche war (vgl. auch P . 0 x y . 2 4 0 0 aus dem 3.Jh.n.Chr. mit einer Liste von Themen für Deklamationen) und nach der Fertigstellung bzw. bei der schriftlichen Herausgabe die prägnanten Titel im Nominativ hinzugefügt wurden.

Eigenname versus konkrete Information: Piaton

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oder Verwandtschaftsbezeichnungen, die zumindest bestimmte Verhaltenweisen erwarten lassen. Damit ist auch in der Komödie eine Form von Titeln gefunden, die - vergleichbar mit den aus dem Mythos stammenden NamensTiteln der Tragödie - die Erwartung in eine bestimmte Richtung lenken können. Titel wie νεφέλαι oder Asinaria, die die reine, ungesteuerte Neugier wecken, werden davon verdrängt.

Titel der Werke Piatons Die eben beschriebene Tendenz zum informativen, konkreten Buchtitel läßt sich an Piatons Titeln beobachten. Es zeigt sich deutlich, welche Reaktion auf einen Namenstitel eintritt, wenn ein Werk keine dramatische Handlung zum Gegenstand hat, keine Geschichte eines bekannten Helden oder eines Typus erzählt. Die Titel der Werke Piatons hat M A N S F I E L D (S. 71-74) untersucht: Die Ersttitel sind Piaton selbst zuzuschreiben;54 Zweittitel, die auf den Inhalt verweisen, verwendet schon Aristoteles (z.B. pol.β 4.1262b έν τοις έρωτικοΐς λόγοις); eine systematische Liste von Doppeltiteln findet sich bei Diogenes Laertios (3,57f.): διπλαΐς τε χρήται ταΐς επιγραφαΐς καθ' έκαστου των βιβλίων, τη μέν άπό του ονόματος, τη δέ από του πράγματος, ταύτης της τετραλογίας, ήτις έστί πρώτη, ήγειται Εύθύφρων ή περί οσίου, ó διάλογος δ' έστί πειραστικός. δεύτερος 'Απολογία Σωκράτους, ήθικός. τρίτος Κρίτων ή περί πρακτέου, ήθικός. τέταρτος Φαίδων ή περί ψυχής, ήθικός. δευτέρα τετραλογία, ης ήγειται Κρατύλος ή περί όρθότητος ονομάτων, λογικός [...]. Dieser Aufzählung direkt voraus geht ein Verweis auf Thrasyllos und die Tetralogien-Ordnung (3,56): θ ρ ά σ υ λ λ ο ς δέ φησι και κατά την τραγικήν τετραλογίαν έκδοΰναι αυτόν τούς διάλογους [...]. Nach M A N S F I E L D ist aus diesem Zusammenhang nicht zu schließen, daß Thrasyllos für die Zweittitel verantwortlich sei, sondern daß er für deren Vereinheitlichung gesorgt habe (Aristoteles verwendet ζ. B. einmal einen Zweittitel, den Diogenes Laertios nicht nennt). Wenn schon Aristoteles Zweittitel kannte und später Thrasyllos verschiedene vorfand und sie vereinheitlichte, werden auch Varrò und Cicero diese gekannt (und nachgeahmt) haben, auch wenn sich Cicero i. d. R. auf Piatons Werke entweder nur mit apud Platonem o. ä. ohne Titel bezieht oder mit dem

54 Ein Titel gehört zu der Zeit zum Werk dazu; siehe außerdem (politik. 284b) εν τ φ Σοφιστή.

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Teil I : Buchtitel

Namens-Titel, z.B. (fin.2,15) in Timaeo Piatonis; (Tusc. 1,57) in ilio libro, qui inscribitur Menon·, seltener verwendet Cicero nämlich auch Inhalts-Titel: (Tusc. 1,24) evolve diligenter eius eum librum, qui est de animo. Dieser InhaltsTitel ist nützlicher fur den weniger informierten Leser, der nicht weiß, welcher Inhalt sich mit welchem Namen verbindet. Die meisten Ersttitel zeigen den Versuch, auch philosophischen Schriften einen Eigennamen zu geben, einen Personennamen wie in der Tradition der Tragödien; ein Akteur des dargestellten Gesprächs gibt dem Dialog den Namen wie eine Gestalt des Mythos einer Tragödie. Dabei tritt aber ein Problem auf, das schon oben im Zusammenhang mit der Komödie in ähnlicher Form zu sehen war: Der Titel Medea etwa bedeutet für jeden schon etwas, der zwar die betreffende Tragödie noch nicht kennt, aber dem Kulturkreis angehört, in dem der Mythos eine wichtige Rolle spielt. Anders der Name Κρατύλος für einen Dialog: Für denjenigen, der diesen und die anderen Dialoge Piatons so gut kennt, daß er weiß, welche Person welche Rolle spielt, mögen die Titel άπό του ονόματος aussagekräftig genug sein. Wenn sich aber das Lesepublikum vergrößert in der räumlichen und zeitlichen Entfernung von Piaton und den Zeitgenossen, besteht z.B. zwischen Κρατύλος und Κρίτων zunächst kein Unterschied und sind die Bezeichnungen Εύθύφρων, Κρίτων, Φαίδων, Κρατύλος, Θεαίτητος, Φίληβος, Φαιδρός etc. recht beliebig. Und auch die bekannten Namen wie 'Αλκιβιάδης, Γοργίας, Παρμενίδης, Πρωταγόρας lassen auf den Inhalt kaum schließen. So wurden Piatons Namenstiteln von anderen die Zweittitel hinzugefügt, die wie die üblichen Titel philosophischer und technischer Fachbücher άπό τοΰ πράγματος im Vorfeld eine Information über den Inhalt geben.55 Nur 'Απολογία Σωκράτους (Diog. Laert.3,58) erhält keinen Untertitel, aber schon der nur auf die Situation verweisende Titel Συμπόσιον erhält einen Untertitel zum Thema: ή περί αγαθού (58), und ebenso die Titel, die eigentlich schon das Thema nennen: Πολιτεία ή περί δικαίου (60) und Νόμοι ή περί νομοθεσίας. Zu betonen ist die — eigentlich selbstverständliche — Abhängigkeit der Möglichkeiten, bestimmte Titel zu geben, vom Stoff. Eigennamen lassen sich am besten verwenden, wenn die benannten Gestalten den Rahmen der Handlung vorgeben, andernfalls bleibt der Name beliebig (vgl. die Einzeltitel in Vergils Bucolica, unten S.228); an die Stelle des Eigennamens kann eine bezeichnende Eigenschaft (Beruf, Verwandtschaftsgrad, Charakter) treten, wenn die Stoffe unbekannt sind. Bei komischen Stücken ist es (zunächst, aber mit ab-

55 Vgl. ähnlich Diog.Laert.2,57 zu Xenophon: συνέγραψε [...] 'Ιέρωνα η τυραννικόν.

Eigennamen als Titel und Doppeltitel: Cicero

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nehmender Tendenz) möglich, daß der Titel nicht auf den Inhalt schließen läßt. Die Eigennamen philosophischer Dialoge hingegen bedurften - gerade für den Schulbetrieb - einer Ergänzung.

Eigennamen als Titel und Doppeltitel bei Cicero, Varrò, Apuleius In der lateinischen Literatur finden sich ebenfalls Eigennamen als Titel, außer im Drama (siehe oben S.35) z.B. Ciceros Gedicht über Marius (Att. 12,49,2): per eum Marium quem scripsissem-, (leg. 1,1—4) saepe a me lectus in Mario [...] ut ait Scaevola de fratris mei Mario [...] multa quaeruntur in Mario [...]. Catull erwähnt das Gedicht seines Zeitgenossen Cinna: (95) Zmyrna mei Cinnae [...] mittetur [...], Zmyrnam [...] pervolvent-, spätere verwenden Zmyrna sicher als Titel: (Suet.gramm. 18,2) commentario Zmyrnae edito·, (Prisc.gramm.il 268,20) Cinna in Smyrna; ebenso die Gedichte des Valerius Cato: (Suet, grarnm. 11,3) [...] poemata ex quibus praecipue probantur Lydia et Diana. Lydiae Ticida meminit 'Lydia doctorum maxima cura liber' Dianae Cinna 'Saecula permaneat nostri Dictynna Catonis '. Auch für Prosawerke gibt es — in der Nachfolge. Piatons — Titel aus Eigennamen. Hier zeigt sich die Tendenz zur konkreten Information häufig schon bei Cicero selbst, wenn er von seinen Werken mit derartigen Titeln spricht. Cicero stellt an vielen Stellen eigene Werke vor und benennt sie, besonders ausfuhrlich ist er in folgender Ubersicht (div. 2,1—4): Bei Werken, die einen Titel mit de haben, ist der Inhalt damit klar umrissen und braucht nicht weiter erläutert zu werden: (3) tres libri perfetti sunt de natura deorum, in quibus omnis eius loci quaestio continetur. [...] de divinatione ingressi sumus his libris scribere; quibus, ut est in animo, de fato si adiunxerimus, erit abunde satis factum toti huic quaestioni. atque his libris adnumerandi sunt sex de re publica, quos tum scripsimus, cum gubernacula reipublicae tenebamus [...]; auch consolatio bedarf keiner Erläuterung: (3) nam quid ego de consolatione dicam? quae mihi quidem ipsi sane aliquantum medetur, ceteris item multum illam profuturam puto. Einige Werke erhalten Eigennamen als Titel: Cato und Laelius nach dem Hauptredner, Brutus nach einem Gesprächsteilnehmer, Hortensius nach dem zu widerlegenden bzw. zu überzeugenden Gesprächsteilnehmer. Bevor aber diese Titel genannt werden, steht jeweils eine kurze Angabe zum Thema: (1) nam et cohortati sumus [...] adphilosophiae Studium eo libro, qui est inscriptus Hortensius [...]; (3) interiectus est etiam nuper liber is, quam ad nostrum Atticum de senectute misimus; in primisque, quoniam philosophia vir bonus efficitur et fortis, Cato

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Teil I : Buchtitel

noster in horum librorum numero ponendus est. Ebenso verfährt Cicero auch an folgenden Stellen: (off. 2,31) de amicitia alio libro dictum est, qui inscribitur 'Laelius'·, (Cato 59) in eo libro qui est de tuenda re familiari, qui Oeconomicus inscribitur. Ebenso beschreibt er auch Piatons Phaedon: (Tuse. 1,24) evolve diligenter eius eum librum, qui est de animo. Vergleichbar sind auch die libri Tusculanarum disputationum, die ihren Titel vom Ort der Gespräche erhalten (siehe unten S.59); hier nennt Cicero den Inhalt der einzelnen Bücher: (div.2,2) totidem subsecuti libri Tusculanarum disputationum res ad beate vivendum maxime necessarias aperuerunt. primus enim est de contemnenda morte, secundus de tolerando dolore, de aegritudine lenienda tertius [...]. Die Inhaltsangabe ist informativer für den Leser, der nicht ohne weiteres wissen kann, was sich hinter den Namens-Titeln verbirgt; vgl. die Bezeichnung von Gesetzen durch den Namen des Verantwortlichen, die häufig ergänzt wird durch einen Verweis auf den Inhalt, z.B. (Brut.222) legem Semproniam frumentariam·, (leg.3,35) sunt enim quattuor leges tabellariae, quarum prima de magistratibus mandandis: ea est Gabinia, lata ab homine ignoto et sordido; secuta [...] Cassia est depopuli iudiciis, a nobili homine lata [...]. Carbonis est tertia de iubendis legibus ac vetandis, sedinosi atque inprobi civis [...]. Titel fur Prosaschriften, die aus bloßen Eigennamen bestehen, finden sich, soweit ich sehe, immer seltener, z.B. noch spät der Octavius des Minucius Felix.56 Trotzdem aber bleiben viele Werke auf andere Weise mit Eigennamen verbunden: Die Bedeutung des Adressaten ist so groß, daß der Name des Adressaten mit dem Thema zusammen als Titel fungieren kann (siehe oben S.23). Da der Autor häufiger selbst spricht, anstatt die Erörterungen Dialogpartnern in den Mund zu legen,57 die dann titelgebend sein könnten, verkürzt sich die Form des Titels Cato maior de senectute ad Atticum zur kürzeren Form ad Novatum de ira. Durch die Präsenz des Adressaten im Titel bleibt die Vorstellung des (mittelbaren) Gesprächs erhalten.

56 Nur Bücher der Bibel haben Eigennamen als Titel, z. B. (Ambros., Abr. 1,1,1) Abraham libri huius titulus est; (Ambros., Tob. 1,1) lecto prophetico libro, qui inscribitur Tobis [...]; hier handelt es sich wieder - wie in der Tragödie - um Namen, die allen Angehörigen des Kulturkreises bekannt und mit einem bestimmten Inhalt verbunden sind. 57 Das Selbstbewußtsein des Autors steigt, vgl. (Cie. Cato 3) hunc librum ad te de senectute misimus. omnem autem sermonem tribuimus non Tithono ut Aristo Ceus (parum enim esset auetoritatis in fabula), sed Marco Catoni seni, quo maiorem auctoritatem haberet oratio. [...] iam enim ipsius Catonis sermo explicabit nostram omnem de senectute sententiam.

Eigennamen als Titel und Doppeltitel: Varrò

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Der Namens-Titel, der in der Tragödie unproblematisch ist, da die Gestalten des Mythos bekannt sind, führt in anderen Gattungen zum 'Doppeltitel': Offenbar gab man sich mit einem beliebig scheinenden Eigennamen als Werktitel nicht zufrieden, sondern erwartete vorab eine grobe Information über den Inhalt. Auch für Varros Logistorici werden (hauptsächlich von Gellius und Nonius) Doppeltitel verwendet, die aus einem Namen und einer Themenangabe bestehen, teilweise mit aut oder vel verbunden, z. B. (Gell. 17,18) in libro, quem scripsit Pius aut de pace·, (Gell. 16,9,5) Sisenna vel de historia; (Gell. 13,4,1) in libro [...] qui inscriptus est Orestes vel de insania; (Macr.Sat.3,18,5) Marius de fortuna. Das Verhältnis zwischen der Person und dem Thema (z. B. Orest und Wahnsinn) ist nicht beliebig; durch die zusätzliche Nennung des Themas wird deutlich, daß sich das Werk Marius de fortuna von Ciceros Gedicht Marius unterscheidet, d.h. daß es nicht nur um die Darstellung der Person geht, sondern um einen bestimmten Aspekt, der auch unabhängig von dieser Person interessant ist. — Nicht zu übersehen ist die Verwandtschaft mit Ciceros Laelius de amicitia und Cato maior de senectute und den Doppeltiteln fur Piatons Dialoge. Im Gegensatz zu den Doppeltiteln der Logistorici, die für authentisch gehalten werden, ist es communis opinio, Varrò die 'Untertitel' zu den Saturae Menippeae abzusprechen. Die 'Ersttitel' der Men., deren Authentizität nicht bezweifelt wird, sind sehr vielfältig, teils griechisch, teils lateinisch, z.B. Sprichwörter (άλλος ούτος Η ρ α κ λ ή ς , Idem Atti quod Tetti, Cras credo hodie nihil, Longe fugit qui suos fugit), Empfehlungen (Age modo, Cave canem, Est modus matulae), Namen von Gestalten des Mythos (Eumenides, Prometheus liber), auch verwandelt (Oedipothyestes, Pseudaeneas, Aiax stramenticius), Situationen (armorum iudicium) u.v.a.m. 58 Einen Teil der Men. ('Varrò I') zitiert Nonius außerdem mit griechischen Untertiteln mit περί, z.B.: Aborigines, περί ά ν θ ρ ώ π ω ν φύσεως; Caprinum proelium, περί ήδονής; Desultorius, περί του γράφειν. Während M E R C K L I N (Doppeltitel) die Untertitel noch ohne Zweifel für einen wichtigen Bestandteil hielt, legte R I E S E (Doppeltitel) dar, daß sie unmöglich von Varrò stammen könnten; R I E S E haben sich B O L I S A N I und C È B E angeschlossen. R I E S E S Argumentation stützt sich auf Beobachtungen zu Gellius:

58 Siehe im einzelnen zu Form, Überlieferung und Bedeutung der Titel die kommentierte Ausgabe von CÈBE.

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Teil I : Buchtitel

Während Nonius die Doppeltitel in 'Varrò Γ lese, nenne Gellius, der Satiren aus 'Varrò I' anführe, diese jeweils nur mit dem Ersttitel; Gellius' Genauigkeit beim Zitieren sei sehr zu rühmen (RIESE bezieht sich dabei auf MERCKLIN, Ziiiermethode), von anderen Werken nenne er auch die Doppeltitel (z.B. Catus de liberis educandis)·, daß Gellius hier die Doppeltitel nicht nenne, bedeute also, daß er sie nicht kenne; da Gellius aber immer bemüht gewesen sei, beste Textexemplare zu bekommen, könne es zu Gellius' Zeit die Doppeltitel nicht gegeben haben. - Dagegen ist, abgesehen von neuen Einschätzungen der Gellius vorliegenden Textexemplare (siehe ZETZEL, Emendavi, passim), zu sagen, daß einerseits schon MERCKLIN Gellius' Zitierweise nicht so ausschließlich rühmt, wie RIESE glauben macht; außerdem darf man, wenn Gellius für ein Zitat oft nur den Namen Tullius nennt, daraus auch nicht schließen, daß er die Werktitel nicht kenne. Andererseits sind Gellius' Verweise auf die Men. auch ohne die Untertitel eindeutig: Einmal ist der Untertitel nichts weiter als die Übersetzung: (Gell.3,16,13) satura [...] quae inscribitur Testamentum (Nonius: περί διαθηκών); an anderer Stelle geht es Gellius weniger um eine bibliographische Angabe als um den Titel selbst, d.h. um das Sprichwort: (Gell. 13,29,5) [...] ne plane fiat Graecum illud de Varronis satura proverbium τό έπί τη φακη μύρον. Außer diesen gibt es nur noch ein Stück, das sich bei Gellius ohne und bei Nonius mit Untertitel findet: (Gell. 13,23,4) in satura Menippea quae inscribitur Σκιομαχία. Dem steht ein Titel mit περί bei Gellius gegenüber, den Nonius nicht nennt: (Gell. 6,16,1; 15,19,1) περί έδεσμάτων: Verwendet Gellius hier einen 'Untertitel', weil der 'Ersttitel' den Bezug zum Thema nicht klar macht? DELLA CORTE vermutet (S. 52f.), daß die Men. in der von Nonius benutzten Sammlung 'Varrò I' alphabetisch geordnet waren, und zwar nach dem Anfangsbuchstaben des Hauptwortes im Untertitel. - In diesem Fall hätte Nonius einen praktischen Grund, die Untertitel anzuführen, da sie die gleiche Funktion hätten wie bei anderen Werken die Buchnummer. Denn trotz der großen Anzahl werden die Men. nicht numeriert; noch fur Hieronymus ist jede Menippeische Satire ein selbständiger liber (saturarum Menippearum libros CL);i9 sie werden nicht als Sammlungen zusammengefaßt (anders als z. B. Vergilius in Bucolicis, ebenso bei Horazens Sermones und Epistulae·, die Stücke des Lucilius hingegen werden numeriert, siehe oben S. 14). Eben dem Umstand, daß die

59 Zum Katalog des Hieronymus siehe RITSCHL, FRIEDRICH: Die Schriftstellerei des M.Terentius Varrò und die des Orígenes. Nach dem ungedruckten Kataloge des Hieronymus, Bonn 1847 (=Opuscula philologica 3, Leipzig 1 8 7 7 , S. 4 1 9 - 5 0 5 ) .

Eigennamen als Titel und Doppeltitel: Varrò

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M e n . als selbständige Stücke und nicht als S a m m l u n g behandelt wurden, ist es zu verdanken, daß so viele Titel überliefert sind. Gegen die Authentizität der griechischen Untertitel wird hauptsächlich vorgebracht, daß sie zu den „launischen Titeln" (RIESE, S . 4 8 0 , sie) nicht zu passen scheinen (BOLISANI XXVIIIf.: „les sous-titres, par leur résonance plate, prosaïque, scolaire, dénotent la mentalité du vulgarisateur"). Abgesehen von der Tatsache, daß es sich hierbei u m eine bloße Annahme handelt, die durch die allermeisten lateinischen Buchtitel widerlegt wird, bleibt das Problem, w a r u m die Untertitel griechisch sind. Außerdem muß man davon ausgehen, daß Varrò ebenso wie Cicero Doppeltitel zu Piatons Dialogen kannte; und man m u ß beachten, daß auch die Logistorici Untertitel haben. Eine - wenn auch unbeweisbare - Möglichkeit wäre, daß sich auch in den Doppeltiteln der Charakter — σ π ο υ δ ο γ έ λ ο ι ο ν — von Menippeischen Satiren spiegeln sollte, den Cicero Varrò in den M u n d legt: (Cie. ac. 1,8) in Ulis veteribus nostris, quae Menippum admixta

ex intima

docti intellegerent,

imitati

philosophia, iueunditate

[...] quadam

multa quadam

hilaritate

dicta dialectice, ad legendum

conspersimus,

multa

quae quo facilius

minus

invitati.

Die Ergänzung des

auffälligen, witzigen Titels durch eine nüchterne Angabe über das Ziel der Satire entspräche Varros enzyklopädischem Arbeiten und d e m ausgeprägten Streben nach Systematisierung. Sicher ist damit freilich nichts außer immerhin der Feststellung, daß — im Gegensatz zu RIESES Ansicht - eine Entscheidung über die Authentizität der 'Untertitel' nicht zu treffen ist. Wichtig ist, daß in jedem Falle, ob nun die A n gaben mit π ε ρ ί von Varrò stammen oder später hinzugefügt wurden, sich auch bei den Titeln der M e n . die Tendenz zur Konkretisierung des Titels durch eine zusätzliche Angabe des T h e m a s beobachten läßt. Sobald Doppeltitel zu einem Autor bekannt sind, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, daß auch andere Autoren solche von sich aus formulieren, z . B . Varrò und Cicero in Kenntnis von Doppeltiteln bei Piaton. 6 0 In diesem Z u s a m m e n h a n g ist auf den R o m a n des Apuleius hinzuweisen: Für den Titel Metamorphosen

sprechen die älteste H s . (11.Jh.) und zwei Stellen bei Fulgentius

(myth.3,6 Apuleius

in libris metamorfoseon

[...]; expos.serm.ant.36), fiir Asinus

60 Man muß aber unterscheiden zwischen Doppeltiteln, die in der Tat zwei Informationen geben (z.B. Cato / de senectute), und solchen, bei denen später aufgrund von Verständnisschwierigkeiten eine Glosse hinzugetreten ist; diese zweite Alternative scheint vorzuliegen bei einigen Titeln zu Mimiamben des Herondas (1 προκυκλίς ή μαστροπός, 2 φιλιάζουσαι ή ίδιάζουσαι).

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Teil I : Buchtitel

aureus hingegen die jüngeren Hss., ebenfalls Fulgentius (expos, serm. ant. 17 und 40 in asino aureo) und eine Stelle bei Augustin: (civ. 18,18 p. 278,13) Apuleius in libris, quos asini aurei titulo inscripsit [...]. Da Augustin das Phänomen 'Werktitel' wichtig ist (siehe oben S. 13), muß man seiner Formulierung wohl entnehmen, daß er sich des genannten Titels sicher ist. - Die Bezeichnung Metamorphosen liegt, besonders im Hinblick auf Ovid, nicht so nahe, daß sie ein Schreiber ohne weiteres hinzugefügt haben könnte. PERRY erläutert einleuchtend den Bezug des von Ovid ererbten Titels auf das Werk, ohne allerdings den konkurrierenden Titel überhaupt zu erwähnen. 61 MARTIN hingegen argumentiert fur 'Asinus aureus', wobei er den Schlüssel zum Verständnis bei Plutarch findet (de Iside 362F): Der Esel, Sinnbild des Bösen im Isis-Kult, werde von Plutarch als πυρρός beschrieben; sogar Menschen mit dieser Haarfarbe würden bei bestimmten Anlässen mißhandelt; mit aureus übersetze Apuleius πυρρός. - Gegen diese scharfsinnige Interpretation ist einzuwenden, daß Apuleius selbst zwar die Gestalt des Esels beschreibt (z.B. 3,24,4-6; 11,13,3-5), die Farbe oder ihre Bedeutung aber nicht erwähnt. Außerdem ist unwahrscheinlich, daß aureus nicht als ein Lob aufgefaßt wurde (die vergleichbaren Stellen wurden häufig genannt, siehe z.B. MARTIN, S.333, Anm.2). WINKLER (S.298) weist daraufhin, daß aureus in Verbindung mit Werken oder Autoren zwar die Bewunderung anderer ausdrücke, schwerlich aber ein Autor selbst sein Werk so bezeichne, noch dazu im Titel. Außerdem sei es ein Unterschied, ob man λόγοι oder ein carmen etc. als golden bezeichne oder einen Esel (S.299). Asinus aureus sei vielmehr ein Oxymoron, eine verblüffende Verbindung des Wertlosesten mit dem Wertvollsten (S.299). WINKLER plädiert für den Doppeltitel Asinus aureus, περί μεταμορφώσεων 6 2 in der Tradition von Varros Satiren, und er sieht auch in Varros Verbindung von Philosophie und Unterhaltung ein mögliches Vorbild des Romans (S.296). - Auch Asinus aureus bleibt in der Tradition des konkreten Titels, der bestimmte Erwartungen weckt, zumal in Verbindung mit dem Untertitel περί μεταμορφώσεων. Daß der Esel nicht tatsächlich, sondern im übertragenen Sinne in Gold bzw. etwas Wertvolles verwandelt wird, ist eine der seltenen Pointen im Verhältnis zwischen Titel und Text. Die Untersuchung der Titel in Tragödie und Komödie sowie bei Piaton, Cicero und Varrò hat gezeigt, daß Titel, die über den Inhalt nichts aussagen,

61 Die Vorworte von Apuleius und Ovid, die jeweils den Titel Metamorphosen erläutern, vergleicht SCOTTI. 62 Bei Zitaten wird von Doppeltiteln häufig nur ein Teil genannt, siehe oben S. 14.

Metaphorische Titel

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Angaben ergänzt werden. Die betreffenden Titel bezeichnen aber immerhin eine Person (bzw. den Chor oder einen Gegenstand) des Stücks oder denjenigen, dem das Werk gewidmet ist, während metaphorische Titel keinen konkreten Bezugspunkt haben. Antike Reaktionen darauf sind im folgenden zu betrachten.

Metaphorische Titel (S.22) weist im Hinblick auf den Titel Suda darauf hin, „daß man gerade Sammelwerken aller Art, welche in mehr oder weniger geordneter Weise Materialien aus der Literatur zusammenstellten, mit unbestreitbarer Vorliebe solche metaphorischen Titel voranstellte", und er bringt dafür eine große Zahl von Beispielen bis in die Neuzeit (S.22-27). 63 Werken, die nicht ein einziges Thema zum Inhalt haben, konnte man keinen Thema-Titel geben, und auch die Bezeichnung der Gattung an sich fällt schwer, vgl. Gellius (praef.4) [...] scriptores in id genus libris feceruntAls Ausweg wählt z.B. Statius für seine Sammlung von 'Gelegenheitsgedichten' die Metapher Silvae: (3, praef.) tertius hic Silvarum nostrarum liber, (4, praef.) in quarto silvarum.65 Silva entspricht ΰλη im Sinne von 'Material', 'Stoffsammlung', vgl. (Cic.de orat.3,103) primum silva rerum [ac sententiarum] comparanda est·, (Quint, inst. 10,3,17) Diversum est huic eorum vitium qui primo decurrere per materiam stilo quam velocissimo volunt, et sequentes calorem atque impetum ex tempore scribunt: hanc silvam vocant [...]. Statius betont also durch den Titel den unfertigen, eiligen Charakter, von dem er häufig in den Praefationes spricht. 66 — Zum Bereich 'Natur' gehört wie Silvae im weiteren Sinn auch die Metapher στέφανος, mit der Meleager im Einleitungsgedicht seine Sammlung bezeichnet: (A.P.4,1,1-3) DÖLGER

63 Einige antike und moderne Beispiele auch bei ARNOLD. 64 Auch im Deutschen sind die Bezeichnungen nicht befriedigend: 'Exzerptensammlung', 'Buntschriftstellerei' etc. 65 Der Titel auch bei Priscian: (gramm.III 10,21) Statius [...] in primo silvarum-, Sidonius Apollinaris verwendet vertraulich das Diminutiv: (epist. [carm.22]6) neque omnino quicquam de Papinii nostri Silvulis lectitasse (siehe dazu oben S. 14). - Gellius erwähnt einen Titel silvarum (praef. 6) spricht dort aber insgesamt von Titeln für Exzerptensammlungen, so daß Statius wohl nicht in erster Linie gemeint ist, sondern auch eine Exzerptensammlung dieses Namens angenommen werden muß. 66 Zu Statius' Silvae und der weiteren Geschichte des Titels siehe ADAM, WOLFGANG: Poetische und Kritische Wälder, Untersuchungen zu Geschichte und Formen des Schreibens 'bei Gelegenheit', Heidelberg 1988, (Euphorion, Beiheft 22), bes. S.57-71.

Teil I : Buchtitel

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Μοΰσα φίλα, τίνι τάνδε φέρεις πάγκαρπον άοιδάν / ή τίς ό και τεύξας ύμνοθετάν στέφανο ν;/ ανυσε μέν Μελέαγρος; (57f.) εστι δέ μύσταις / κοινός ό των Μουσέων ήδυεπής στέφανος. Die Metapher άνθη ist im Zusammenhang mit Dichtung früh belegt, z.B. (Pindar 0.9,48f.) αινεί δέ παλαιόν μέν οινον, άνθεα Ô' ΰμνων / νεωτέρων. 67 Meleager überträgt im Einleitungsgedicht die Metapher auf einen στέφανος aus Blumen, die er mit bestimmten Dichtern assoziiert. Sein Nachfolger Philipp führt die Metapher fort (Α.Ρ.4,2,1^ί: "Ανθεά σοι δρέψας [...] άντανέπλεξα / τοις Μελεαγρείοις ως ϊκελον στεφάνοις; ib. 7: 'Αντίπατρος πρέψει στεφάνψ στάχυς), 68 so daß mit einiger Wahrscheinlichkeit der Titel στέφανος Meleager selbst zugeschrieben werden kann. Clemens von Alexandria möchte mit seinem Titel Στρωματεΐς auf die Vielfalt des Inhalts hinweisen: (Strom. 6,1,2) έν μέν συν τω λειμώνι τά άνθη ποικίλως άνθοΰντα κάν τω παραδείσω ή των άκροδρύων φυτεία ού κατά είδος εκαστον κεχώρισται των άλλογενών, εί και λειμώνας τίνες και έλικώνας και κηρία και πέπλους συναγωγάς φιλομαθείς ποικίλως έξανθισάμενοι συνεγράψαντο, τοις δ' ώς έτυχεν έπί μνήμην έλθοϋσι και μήτε τη τάξει μήτε τη φράσει διακεκαθαρμένοις, διεσπαρμένοις δέ έπίτηδες, άναμίξ ή των στρωματέων ήμΐν ύποτύπωσις λειμώνος δίκην πεποίκιλται. Ausfuhrlicher äußern sich Plinius d.A. und Gellius in ihren Vorworten über fremde und über ihre eigenen Werktitel; diese Stellen sollen nun betrachtet werden.

Plinius d. Ä. Plinius d.A. nutzt die Praefatio zur historia naturalis, um zu verschiedenen Erscheinungen im Literaturbetrieb Stellung zu nehmen. U.a. tadelt er (22f.), daß die von ihm benutzten Autoren, ohne ihre Vorgänger zu nennen, voneinander abgeschrieben und sich so fremde Errungenschaften angeeignet hätten; er selbst fügt einen Autoren-Index bei.69 Das nächste, was ihn ärgert und worin er - wie im Umgang mit den Vorgängern — selbst anders verfährt, sind die Titel der

67 Weitere Stellen bei G o w / PAGE (Komm., S. 593f.); siehe dort auch A n m . 2 zu

άνθολογία. 68 Auch Agathias führt im Einleitungsgedicht eine Metapher aus, wechselt aber mit πανδαισία (4,3,2), ευωχία (v.6) etc. zum 'reichen Bankett'. 69 Zur am Ende der Praefatio erwähnten Neuerung 'Inhaltsverzeichnis' siehe unten S. 108.

Plinius d. Ä.

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im Umgang mit den Vorgängern - selbst anders verfährt, sind die Titel der Werke: Plinius spricht hier nicht allgemein über Buchtitel, sondern über solche innerhalb der Gattung, der er auch sein Werk zurechnet. Andere Titel, wie er sie vorher in anderem Zusammenhang zitiert (22: qui de re publica Piatonis se comitem profitetur, in consolatione filiae 'Crantorem', inquit, 'sequor', item 'Panaetium'de ofßciis [...]), bezieht er hier nicht ein. Zunächst wendet Plinius sich griechischen Titeln zu und tadelt sie scharf:70 (24) Inscriptionis apud Graecos mira felicitas: κηρίον inscripsere, quod volebant intellegi favum, alii κέρας Ά μ α λ θ ε ί α ς quod copiae cornu, ut vel lactis gallinacei sperare possis in volumine haustum; iam ϊα, Μοΰσαι, πανδέκται, εγχειρίδια, λειμών, πίναξ, σχεδίων: inscriptiones, propter quas vadimonium deseri possit; at cum intraveris, di deaeque, quam nihil in medio inventes! — Diese Buchtitel lassen Besonderes wie die sprichwörtliche Hühnermilch erwarten, und sie könnten den Leser von den wichtigsten Verpflichtungen abhalten, aber sie versprechen mehr, als der jeweilige Text halten kann, und der Leser sieht sich getäuscht. Bei den genannten Werken handelt es sich um Prosa-Sammlungen von Wissenswertem, wie aus anderen Stellen hervorgeht, z.B. (Gell. 1,8,1 f.) Sotion [...] librum multae variaeque historiae refertum composuit eumque inscripsit κέρας Ά μ α λ θ ε ί α ς . Ea vox hoc ferme valet, tamquam si dicas 'cornum Copiae'·, (Gell. 1,25,17) Aurelius autem Opilius in primo librorum, quos Musarum inscripsit (es folgt eine Erläuterung zu indutiae)·, (Suet.gramm.6,3f.) Aurelius Opilius [...] conposuitque variae eruditionis aliquot Volumina ex quibus novem unius corporis quae, quia scriptores ac poetas sub clientela Musarum iudicaret non absurde et fecisse et scripsisse se ait ex numero divarum et appellatione; [...] in parastichide libelli qui inscribitur Pinax. Die Titel für diese Sammlungen sind metaphorisch und sagen über den konkreten Inhalt der Werke nichts aus: Ein Teil ist dem Bereich 'Natur' entnommen und verweist auf die Qualität des Inhalts, auf Blüte und Gedeihen: κηρίον, ια, λειμών. 71 Andere Titel verweisen auf die Quantität: Zu π α ν δ έ κ τ α ι und dem umfassenden bzw. anmaßenden Anspruch eines solchen Titels schreibt Gellius: (13,9,2f.) Tiro [...] libros compluris de usu atque ratione linguae Latinae, item de variis atque promiscis quaesti-

70 Zu den hier behandelten Aspekten äußern sich weder KAIMIO, J., T h e Romans and the Greek Language, Commentationes Humanarum litterarum 64, Helsinki 1979, noch HENRIKSSON, Griechische Büchertitel. 71 Vgl. die überhaupt häufigen Metaphern mit florere,

ά ν θ ο ς etc., z.B. (Cic.Att.

nostrum opus tibi probari laetor; ex quo άνθη ipsa posuisti, quae mihi florentiora sunt visa tuo iudicio. - Zur Blüten-Metaphorik siehe A R N O L D , bes. 16,11,1)

S. 168-171; RAC s.v.Florilegium.

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Teil I : Buchtitel

onibus composuit. In his esse praecipui videntur, quos Graeco titulo πανδέκτας inscripsit, tamquam omne rerum atque doctrinarum genus continentis [...]. - In noch größerem Maße verweist der Titel Cornu Copiae auf ein Werk, das alles Wünschenswerte enthält, das gefüllt und freigebig ist (z.B. Hor.carm.saec.60f.: apparetque beata pleno / Copia cornu·, Hor.epist. l,12,28f.: aurea fruges / Italiae pleno defudit Copia cornu). - Die Titel sprechen von 'Fülle', aber der Leser findet nach Plinius' Einschätzung überhaupt nichts (quam nihil) vor. - Ahnlich äußert sich Gellius über einen verlockenden Titel: (18,6 tit.) Aelius Melissus in libro, cui titulum fecit 'de loquendi proprietate', quem, cum ederet, cornum esse Copiae dicebat [...] und (18,6,1-3) maiore in litteris erat iactantia [...] quam opera-, [...] ei libro titulus est ingentis cuiusdam inlecebrae ad legendum; scriptus quippe est 'de loquendi proprietate '; quis adeo existimet loqui se recte atque proprie posse, nisi illas Melissi proprietates perdidicerit? Jeder muß annehmen, aus einem Buch mit einem solchen Thema bzw. Titel noch lernen zu können, aber der Autor hat, so Gellius, zu viel versprochen. Plinius' einleitende Bewertung mira felicitas (24) ist also offenbar kein Lob für die Griechen, die sich diese Titel ausgedacht haben. 73 Innerhalb der Bemerkungen zu seinem eigenen Titel äußert sich Plinius noch einmal ähnlich (26): Me non paenitet nullum festiviorem excogitasse titulum et, ne in totum videar Graecos insectari [...]. Einen titulus festivior lehnt Plinius grundweg ab {me non paenitet ist keine Entschuldigung, sondern, wie es zum Ton der ganzen Praefatio paßt, höchst ironisch 74 ). - Festivus ist synonym mit lepidus, urbanus, sals us, facetus, und Gellius schöpft in seiner Praefatio dieses Wortfeld weiter aus: (praef.4) nihil imitati festivitates inscriptionum [...]; (praef.9) inscripta nimis lepida multasque prorsum concinnitates redolentia. - Gegen Anlocken und Täuschen durch gesuchtes Reden, concinnitas, wendet sich Cicero an folgender Stelle: (orat. 84) ne elaborata concinnitas et quoddam aucupium delectationis manifesto deprehensum appareat-, und zum Exordium, das immerhin mit dem 72 A n anderer Stelle spricht Gellius über ein Sammelwerk eines Bekannten, aus dem er sich Informationen u n d Belehrung wie von einem Füllhorn verspricht: ( 1 4 , 6 , 2 ) accipio cupidus et libens, tamqtiam si Copiae cornum nactus essem [...]. A b e r in der Zusammenfassung heißt es: Cuimodi sint, quae speciem doctrinarum habeant, sed ñeque

delectent ñeque utilia sint [...].

73 Die Ubersetzung von KÖNIG / WINKLER: „In ihren Werktiteln bewiesen die Griechen eine merkwürdig glückliche Hand", trifft weniger gut als „fécondité é t o n n a n t e " (BEAUJEU / E R N O U T ) .

7 4 KÖVES-ZULAUF ist zu vorsichtig (S. 1 4 0 ) : „Der apologetische Ton ist auch hier vorhanden. [...] D o c h ist er gepaart mit, ja wird fast übertönt von den A n g r i f f e n gegen die allgemeine M o d e , literarischen W e r k e n allzu klangvolle Titel zu geben."

Plinius d. Ä.

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Titel die Anfangsstellung gemeinsam hat, äußert Cicero: (inv. 1,25) exordium sententiarum et gravitatis plurimum debet habere et omnino omnia, quae pertinent ad dignitatem, in se continere [...]; splendoris et festivitatis et concinnitudinis minimum, propterea quod ex his suspicio quaedam apparationis atque artificiosae diligentiae nascitur, quae maxime orationi fidem, oratori adimit auctoritatem·, Seneca sagt zur Ausgefeiltheit ganzer Reden: (epist. 115,2) Non est ornamentum virile concinnitas. Im Gegensatz zu festivitas steht dignitas, z.B. (Rhet.Her. 4,23,32) est in his lepos et festivitas, non dignitas neque pulchritudo. — Vergleichbar lehnt Plinius einen titulus festivus ab, weil er schmückt, lockt und täuscht, indem er dem Inhalt und Charakter des Werkes nicht entspricht. Nach kurzen Bemerkungen zu lateinischen Titeln (24; dazu unten) kommt Plinius noch einmal auf zwei Griechen zu sprechen: (25) apud Graecos desiit nugari Diodorus et βιβλιοθήκης historiam suam inscripsit. Apion quidem grammatica — hic quem Tiberius Caesar cymbalum mundi vocabat, cum propriae famae tympanum potius videri posset - immortalitate donari a se scripsit ad quos aliqua componebat. — Bei dem zuletzt genannten Apion geht es nicht mehr nur um Buchtitel, sondern um den Anspruch, als Autor selbst Ruhm zu erwerben und auch anderen Unsterblichkeit verleihen zu können. Den Wunsch, als Autor Ruhm zu erwerben, hat Plinius schon weiter vorn im Zusammenhang mit Livius angegriffen: (16) profecto enim populi gentium victoris et Romani nominis gloriae, non suae, composuisse illa decuit; maius meritum esset operis amore, non animi causa, perseverasse et hoc populo Romano praestitisse, non sibi. An Apion nun tadelt Plinius den Anspruch des Autors, auch anderen Personen zu unsterblichem Ruhm verhelfen zu können. Diese schroffe Behandlung des Apion ist für den zuvor erwähnten Diodor keine besonders gute Nachbarschaft und wirft einen Schatten auch auf ihn zurück. Zunächst erscheint es zwar im Vergleich mit den abschätzenden Äußerungen über mira felicitas und festivus als Lob, daß Diodor bei den Griechen mit den nugae aufgehört habe - dabei ist herauszuhören, daß dies auch die vorher genannten Römer taten; auch die Römer allerdings werden nicht gelobt (siehe unten). Zu beachten ist in diesem Zusammenhang, daß für Plinius' Werk, wie vorher in der Praefatio zu erfahren ist, Domitius Piso die Bezeichnung 'Schätze' vorgeschlagen hat: (17) XX rerum dignarum cura — quoniam, ut ait Domitius Piso, thesauros oportet esse, non libros [...]. Diesen metaphorischen Titel hat Plinius aber nicht gewählt, wohl aus den weiter unten zu erfahrenden Gründen gegen einen titulus festivior. (26-28) Er verfahre wie die meisten Maler und Bidhauer, die ihre Werke nur vorläufig und als seien sie noch nicht fertig bezeichnet hätten, etwa 'Apelles arbeitete daran' (Apelles faciebat)·, mit

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Teil I : Buchtitel

diesem Hinweis auf die Unfertigkeit hätten sie sich vor Kritikern geschützt; einen endgültigen Titel betrachte er als Zeichen von Sicherheit, ja Überheblichkeit des Künstlers; ein vorläufiger Titel hingegen zeige an, daß der Autor selbst annehme, daß noch verbessert werden könne. 75 - Muß man nicht annehmen, daß Plinius auch βιβλιοθήκη (wie z.B. thesauri) fur einen Titel hält, der zu hohes Selbstbewußtsein bezeugt, da Diodor ein einziges, wenn auch umfangreiches, Werk als 'Bibliothek' bezeichnet und damit vorgibt, daß in dem Werk - wie in einer Bibliothek - alles zu finden sei?76 Zumal Plinius fast beiläufig sagt, daß es sich bei Diodors Werk um eine historia im Sinne der Gattungsbezeichnung handelt (historiam suam inscripsit). — Auch 'Bibliothek' ist eine Metapher wie die vorher genannten griechischen Titel; diese kommt zwar dem Bezeichneten, dem Werk, das aus vielen Rollen besteht, näher als z.B. 'Füllhorn', aber die Absicht ist die gleiche. Plinius' Formulierung desiit

nugari

Diodorus ist durchaus ironisch zu verstehen: 'Diodor machte Schluß mit den Kleinigkeiten', worauf als Pointe der Titel folgt: 'und er nannte sein Werk eine historia - Bibliothek' (et βιβλιοθήκης historiam suam inscripsit). - Eine Steigerung sieht Plinius dann (nur) noch in dem auf Diodor folgenden Autor Apion, der von der Unsterblichkeit dessen spricht, dem er ein Werk zueigne. Eingerahmt von diesen Bemerkungen zu griechischen Titeln äußert sich Plinius zu lateinischen: (24) Nostri grossiores7 Antiquitatum, umque, facetissimi

Lucubrationum,

Exemplorum

Arti-

puto quia Bibaculus erat et vocabatur.

paulo

minus asserii Varrò in satiris suis Seculixe et Flextabula. - Sicher ist zunächst, daß es sich bei facetissimi

'Lucubrationum

nicht um ein Lob handelt, denn die

folgende Begründung für den Titel ist nicht gerade schmeichelhaft: Den Titel mit der größten facetia hat 'Trinker', bibaculus, erfunden. Facetia scheint also 75 Daß Plinius sich gleichzeitig mit Apelles und Polyclitus vergleicht und damit höchste Ansprüche stellt, entspricht dem Ton der ganzen Praefatio, dem vorgeblichen Schwanken zwischen Herabspielen und Betonen der Bedeutung des Werkes. 76 Anders bewerten Diodors Herausgeber den Titel: OLD FATHER (Introd.XVII): „ [ . . . ] way o f telling his readers that what they should expect o f his history is no more than a compilation o f what former writers had set down. And the choice o f so unusual a title, library o f History, is further evidence that Diodor made no pretence o f doing anything more than giving a convenient summary o f events which were to be found in greater details in many works"; (Anm. 1): „Pliny [ . . . ] praised this straightforward title." - BERTRAC (LXVII): „Déjà Pline l'Ancien en faisait l'éloge: [ . . . ] il apprécie vivement que Diodore, à la différence de tant d'autres, n'ait pas cherché à séduire les lecteurs par un titre bizarre ou fantaisiste, mais, renonçant à s'amuser à des bagatelles, ait donné à son ouvrage le titre honnête de Bibliothèque [ . . . ] . " 77 grossiores ist eindeutig überliefert und zu halten; die Konjektur graviores (MAYHOFF) wird inzwischen wieder abgelehnt.

Plinius d. A.

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fïir Plinius kein erstrebenswertes Merkmal eines Titels zu sein, ebensowenig wie festivitas. Seine Landsleute bezeichnet Plinius — im Gegensatz zur griechischen mira felicitas - als grossiores; grossus ist das Gegenteil von λεπτός, tenuis, subtilis und entspricht crassus, pinguis (siehe ThLL s.v.), und daß Plinius diese lateinischen Titel nicht fur nugae hält, ist aus dem folgenden zu schließen: (25) apud Graecos desiit nugari Diodorus-, man könnte also etwa übersetzen: „die Römer plumper, gröber"; die Titel der Römer sind also zwar keine nugae, aber ein Lob ist auch grossiores nicht, besonders vor dem negativen Superlativ facetissimi. Als Beispiele für grossiores nennt Plinius: Antiquitatum, Exemplorum, Artium, und er meint damit offenbar Lehr- bzw. Sammelwerke von Varrò, Nepos und Celsus. Varrò wird von Plinius kurz darauf noch einmal angesprochen: paulo minus asserit Varrò in satiris suis Seculixe et Flextabula·, der Vergleichspunkt fur paulo minus ist bei Varrò selbst zu suchen: Bei einem Titel, Antiquitatum, ist Varrò recht plump, grob (grossior), und bei anderen stellt er geringere Ansprüche {paulo minus asserit) Ρ Auch fiür das Verständnis dieser Stelle ist Plinius' Aussage zur Selbstsicherheit des Künstlers heranzuziehen (26f. summam artis securitatem auctori placuisse), ebenso Gellius' Äußerung über den vielversprechenden Titel 'de proprietate loquendi' (siehe oben S.52): Die durch den Titel manifeste Aussage des Autors, Antiquitates dargestellt zu haben, zeugt für Plinius von großem — zu starkem - Selbstbewußtsein; Autoren sind grossiores, ziemlich plump, grob, wenn sie als Titel ohne weiteres Begriffe wählen, die für römisches Selbstverständnis und römische Kultur so bedeutend sind wie antiquitas, exempla und artes. Facetia und festivus sind aber offenbar nicht auf die Formulierungen bzw. Wörter an sich zu beziehen, wie aus der Bewertung der Satirentitel hervorgeht (24 paulo minus asserit Varrò in satiris suis Seculixe et Flextabula), denn gerade diese Wörter der Satirentitel sind ja gesucht und witzig; gegen solche zusammengesetzten Wörter scheint Plinius nichts einzuwenden zu haben (vgl. praef.32: contra vitilitigatores, quos Cato eleganter ex vitiis et litigatoribus composuit). In der Tat sind ja auch die von Plinius verworfenen Titel wie κηρίον, ϊα, Μοΰσαι oder βιβλιοθήκη vom Wortmaterial her an sich nicht auffällig, schon gar nicht witzig.

78

KÖNIG / WINKLER:

„Die Unseren sind schwerfälliger".

RACKHAM:

„more serious"

(im Text grossiores, nicht graviores). 79 So auch RACKHAM: „Varro makes a rather smaller claim in his Satires." - Anders K Ö N I G / W I N K L E R : „Etwas weniger gut reiht Varro den „Anderthalbodysseus" und die „Falttafel" in seine Satiren ein."

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Teil I : Buchtitel

Den Gegensatz zu den griechischen nugae bilden fur Plinius diese lateinischen Titel, die aber auch nicht das rechte Maß aufweisen, sondern von wiederum zu wenig Feingefühl zeugen ('zwar nicht tenuis / subtilis, aber grossus). Trotz der betonten Ausrichtung gegen Griechen (24 und 25 apud Graecos, 26 ne in totum videar Graecos insettari) geht es nicht um eine Abneigung gegen die griechischen Autoren als solche, es ist kein eigentlich 'nationales' Problem (woran man zunächst denken könnte, vgl. etwa Cicero orat. 164: quare bonitate potius nostrorum verborum utamur quam splendore Graecorum)\ auch die lateinischen Titel werden nicht gelobt: Weder die griechischen Titel, die mit dem konkreten Inhalt gar nichts zu tun haben, noch die lateinischen Titel, die den konkreten Inhalt als abgeschlossen bezeichnen, sind für Plinius annehmbar. Mit beiden Arten von Titeln wird dem Leser zu viel versprochen. Wie fügt sich nun der von Plinius selbst gewählte Titel, libri naturalis historiae (praef. 1 ) in seine strenge Betrachtung? Plinius beschreibt in der Praefatio den Inhalt des Werkes folgendermaßen: (13) rerum natura, hoc est vita, narratur, er nennt es aber nicht 'De rerum natura' oder 'De vita', sondern historia. — Historia war seit langem eine feste Gattungsbezeichnung, und auch Plinius gebraucht das Wort in diesem Sinn: (praef. 16) profiteer mirari me T. Livium... in historiarum suarum... quodam volumine [...]. In seinem eigenen Titel aber verwendet er historia in dem weiteren Sinne des griechischen ιστορία und ίστορέω (vgl. rerum natura [...] narratur)·, er dürfte die Leser also zunächst verwirrt haben, da unter einem Buchtitel historia wahrscheinlich ein Geschichtswerk erwartet wurde; zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, daß Plinius innerhalb der Praefatio auch erklärt, warum er nicht ein anderes Buch erscheinen lasse, nämlich das versprochene Geschichtswerk {historia): (20) Vos quidem omnes, patrem, te fratremque, diximus opere iusto, temporum nostrorum historiam orsi a fine Aufidii. ubi sit ea, quaeres, iam pridem peracta sancitur et alioqui statutum erat heredi mandare, ne quid ambitioni dedisse vita iudicaretur. Plinius bleibt dem beachtlich lockeren bis frechen Ton seiner Praefatio treu und spielt mit dem Understatement, indem er einen Titel wählt, der nicht so unprätenziös ist, wie er scheinen soll.81 Gellius hat sich übrigens offenbar nicht von Plinius' Worten täuschen lassen und versucht auf die gleiche Weise wie Plinius, die Besonderheit seines Titels herabzuspielen.

80 Vgl. die deutsche - gängige - Übersetzung des Titels als 'Naturgeschichte'. 81 Aber Plinius erreicht sein Ziel; siehe z . B . M A R A C H E ( S . 2 , A n m . 3 ; Vergleich der Äußerungen zum Titel bei Gellius und Plinius): „Cette modestie convient mieux à Pline dont le titre est très banal qu'aux Noctes Attiques."

Gellius

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Gellius Gellius äußert sich in seinem Vorwort in unübersehbarer Abhängigkeit von Plinius über Buchtitel (praef.4-10); 82 er hat aber nicht lediglich abgeschrieben und einiges ergänzt, sondern Plinius' Äußerungen interpretiert und fur seine Zeit korrigiert. Gellius erläutert zunächst seinen eigenen Titel (4), der sich von vielen anderen durch fehlende festivitas unterscheide (vgl. die Äußerungen des Plinius, oben S. 52): nihil imitati festivitates inscriptionum, quas plerique alii utriusque linguae scriptores in id genus libris fecerunt. Gellius sieht aber offenbar — anders als Plinius — keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen griechischen und lateinischen Titeln; er spricht ausdrücklich von Autoren utriusque linguae (4); im folgenden nennt er Titel beider Sprachen in einer Reihe: (5) Nam quia variam et miscellam et quasi confusaneam doctrinam conquisiverant, eo títulos quoque ad earn sententiam exquisitissimos indiderunt. (6) Namque alii Musarum inscripserunt, alii silvarum, ille πέπλον, hic Άμαλθείας κέρας, alius κηρία, partim λειμώνας, quidam lectionis suae, alius antiquarum lectionum atque alius ανθηρών et item alius ευρημάτων. (7) Sunt etiam, qui λύχνους inscripserint, sunt item, qui στρωματεΐς, sunt adeo, qui πανδέκτας et Ε λ ι κ ώ ν α et προβλήματα et έγχειρίδια et παραξιφίδας. (8) Est qui memoriales titulum fecerit, est qui πραγματικά et πάρεργα et διδασκαλικά, est item qui historiae naturalis, est παντοδαπής Ιστορίας, est praeterea qui pratum, est itidem qui πάγκαρπον, est qui τόπων scripserit; (9) sunt item multi, qui coniectanea, neque item non sunt, qui indices libris suis fecerint aut epistularum moralium aut epistolicarum quaestionum aut confusarum et quaedam alia inscripta nimis lepida multasque prorsum concinnitates redolentia.M Nach dieser Wertung kommt er abschließend zum Thema 'Titel' dann noch einmal auf den von ihm gewählten Titel zurück (10, siehe unten). Die meisten der aufgezählten Titel fur Sammelwerke sind - wie bei Plinius - metaphorisch. Einige erscheinen so auch bei Plinius (Άμαλθείας κέρας, πανδέκται), andere sind Übersetzungen der von Plinius erwähnten (Μοΰσαι /

82 Gellius übernimmt auch die Inhaltsübersicht, siehe unten S. 111. 83 Während zu diesem Abschnitt der Praefatio in der Regel ohne weitere Bemerkungen die Parallele bei Plinius angegeben wird, weist CONRADI (S.4) darauf hin, daß Plinius' Bemerkung sich gegen griechische Titel richte, von denen sich die lateinischen abheben, Gellius diesen Kritikpunkt aber in seiner Übernahme der Stelle nicht sehe, sondern griechische und lateinische Titel mische. 84 Zur Identifikation der Werke und ihrer Autoren siehe den Kommentar von CAVAZZA, a d loc.

58

Teil I : Buchtitel

Musarum, λ ε ι μ ώ ν /pratum)·, z.T. ergänzt Gellius die bei Plinius vorgefundenen Titel durch solche, die sich offenbar an diese oder ähnliche als Vorbilder anlehnen (auch bei Plinius: Musarum, neu dazu Ε λ ι κ ώ ν ; Plin.: εγχειρίδια, neut π α ρ α ξ ι φ ί δ ε ς ; Plin.: κ η ρ ί α , λειμών, dazu: ά ν θ η ρ ώ ν , π ά γ κ α ρ π ο ν , silvarurrì). O h n e Parallele bei Plinius sind Metaphern aus dem Bereich 'Decke', 'Stoff ( π έ π λ ο ς , σ τ ρ ω μ α τ ε ΐ ς ) . Z u einer anderen Kategorie gehören Titel, die ohne Metapher auf die Vielfalt des Inhalts verweisen wie coniectanea, epistolicarum quaestionum aut confiisarum; sie bezeichnen deutlich den uneinheitlichen Charakter des Inhalts, wie ihn Gellius eingangs beschreibt: (5) variant et miscellam et quasi confusaneam doctrinam conquisiverant [.. ,].85 Aber Gellius lehnt nicht nur die auch von Plinius verworfenen, sondern auch die Art des von Plinius selbst gewählten Titels ab, und er reiht sogar dessen Titel mit ein: (8) est item qui historiae naturalis, est π α ν τ ο δ α π ή ς ιστορίας: Offenbar findet Gellius diesen Titel nicht so schlicht, wie Plinius ihn erscheinen lassen will. An den von Plinius verspotteten Titel lucubrationes erinnert der von Gellius genannte λ ύ χ ν ο ι ; lucubrationes selbst aber hat Gellius in seinen Negativ-Katalog nicht aufgenommen, sondern er spricht auch von eigenen T h e m e n (14) als lucubratiunculas istas·, auch ist der eigene Titel noctes nicht weit entfernt. Z u m eigenen Titel n i m m t Gellius zweimal Stellung: Einmal einleitend zum T h e m a 'Titel': (4) Sed quoniam longinquis per hiemem noctibus in agro, sicuti dixi, terrae Atticae commentationes hasce ludere ac facere exorsi sumus, idcirco eas inscripsimus noctium esse Atticarum; u n d noch einmal abschließend zum Thema: (10) ut captus noster est, incuriose et inmeditate ac prope etiam subrustice ex ipso loco ac tempore hibernarum vigiliarum Atticas noctes inscripsimus tantum ceteris omnibus in ipsius quoque inscriptionis laude cedentes, quantum cessimus in cura et elegantia scriptionis. Indem er den Titel anhand geläufiger Kategorien erklärt {ex ipso loco ac tempore·, vgl. oben S.32), erweckt Gellius den Eindruck, der Titel des vorliegenden Werkes erkläre sich gleichsam von selbst. Aber auch Gellius spielt, wie Plinius, die Raffinesse seines Titels herab: Dieser Titel hat mit O r t u n d Zeit des Inhalts, wie man es eigentlich erwarten sollte, gar nichts

85 Cassiodor leitet die Nennung eines solchen Titels auf eine Weise ein, die den Leser einen besonders aussagekräftigen Titel erwarten läßt: (var. 1, praef. 15) Librorum vero titulum, operis indicem, causarum praeconem, totius orationis brevissimam vocem, variarum nomine praenotavi [...]; auch seine weitere Erklärung widerspricht der Erwartung, indem er die Vielfalt des Stils, nicht die des Inhalts hervorhebt: [...] quia necesse nobis fuit stilum non unum sumere, qui personas varias suscepimus ammonere·, (vgl. auch ib. 17).

Gellius

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zu tun, sondern bezieht sich auf Ort und Zeit der Entstehung des Werkes; das gleiche Werk hätte Gellius an anderem Ort zu anderer Zeit schreiben können, mit entsprechend verändertem Titel. Vergleichbar ist der Titel eines weiteren Werkes, in dem mehrere Themen behandelt werden: In den einzelnen Büchern der Tusculanae disputationes6 behandelt Cicero verschiedene Themen: (div.2,2) totidem subsecuti libri Tusculanarum disputationum res ad beate vivendum maxime necessarias aperuerunt. primus enim est de contemnenda morte, secundus de tolerando dolore, de aegritudine lenienda tertius, quartus de reliquis animi perturbationibus, quintus eum locum complexus est, qui totam philosophiam maxime inlustrat; docet enim ad beate vivendum virtutem se ipsa esse contentam. Die Themen der einzelnen Bücher werden auch im Werk selbst genannt: (Tusc.3,6) [...] duobus superioribus de morte et de dolore dictum est, tertius dies [...]. In der Exposition des Werkes werden Inhalt und Titel erläutert: (Tusc. 1,7) [...] ut nuper [...] in Tusculano cum essent complures mecum familiares [...]. itaque dierum quinqué scholas [...] in totidem libros contuli. [...] quo commodius disputationes nostrae explicentur [...]. Auf den Ort der Gespräche wird in allen fünf Vorworten hingewiesen: (2,2) ex ea disputatione, quae mihi nuper habita est in Tusculano [...]; (3,6) His autem libris expósita sunt ea, quae a nobis cum familiaribus nostris in Tusculano erant disputata-, ebenso (4,7), (5,1). Doch über den zu erwartenden Inhalt sagt der Titel nichts aus: Der Ortsname hat mit dem Inhalt noch weniger zu tun als manche als Titel fungierende Eigennamen (siehe oben S.41). Vielleicht rechnet Cicero damit, daß der Ort Tusculum bestimmte Assoziationen weckt. Dabei wird er nicht hauptsächlich davon ausgehen, daß der potentielle Leser von seiner eigenen Vorliebe für dieses Landhaus weiß (z.B. Att. 1,6,2 nos Tusculano ita delectamur ut nobismet ipsis tum denique cum ilio venimus placeamus) und ihm die schöne Lage des Ortes bekannt ist (Hör. epod. 1,29), sondern er kann damit rechnen, daß Tusculum als der Geburtsort des Cato Censor bekannt ist (bei Cicero selbst: leg. 2,5 ille Cato, cum esset Tusculi natus, [...] ortu Tusculanus·, als 'Schulwissen' z.B. bei Val.Max. 3,4,6; Gell. 13,24,2); daß Cicero sich mit Cato vergleicht, wird an anderer

86 Außer der zitierten Stelle div.2,2, aus der hervorgeht, daß es sich um den Titel handelt: (Tusc. 5,1) quintus hie dies, Brute, finem faciet Tusculanarum disputationum·, (Att. 15,2,4) Quod prima disputano Tusculana te confirmât sane gaudeo; (Att. 15,4,2f.) redeamus igitur, quod saepe usurpas, ad Tusculanas disputationes [...] relinquamque Tusculanas disputationes ad quas tu etiam Vestorium hortaris·, (fat. 4) atque hanc Academicorum contra propositum disputandi consuetudinem indicant te suscepisse Tusculanae disputationes.

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Teil I : Buchtitel

Stelle deutlich: (rep. 1,1 ) M. vero Catoni homini ignoto et novo, quo omnes qui isdem rebus studemus quasi exemplari ad industriam virtutemque ducimur, certe licuit Tusculi se in otio delectare [...]. ι Die Äußerungen von Plinius d.Ä. und Gellius zeigen deutlich, daß Autoren eigenen Werktiteln große Bedeutung zumaßen und auch fremde Werktitel durchaus Gegenstand der Diskussion und Kritik waren. Es scheint kein Zufall zu sein, daß gerade Auseinandersetzungen mit metaphorischen Titeln zu beobachten sind: Wie gesehen, erwarten antike Kommentatoren, daß Werktitel naheliegende, konkrete Erklärungen ermöglichen: Im Titel genannte Namen oder Orte sind bekannt, Gedichtsammlungen werden der Gattung oder einer bestimmten Form zugeordnet; daß ein Titel nichts über den zu erwartenden Inhalt aussagt, wird höchstens in der Komödie geduldet, und auch dort nimmt die Tendenz zum Konkreten zu; Titel aus beliebigen Eigennamen werden (außerhalb des Dramas, d.h. wenn die Gestalten nicht allgemein bekannt sind) häufig stillschweigend durch eine konkrete Themenangabe ergänzt, und schließlich wurden solche Titel nicht mehr neu formuliert; auch die originellen Titel zu Varros Sat. Men. erhalten (von Varrò selbst oder von Späteren) zusätzlich eine konkrete Angabe zum Thema. Nur Werke mit mehreren Themen konnten metaphorische Titel tragen, doch auch hier kamen Titel wie coniectanea in Gebrauch, die direkter auf die Vielfalt des Inhalts verweisen. Unter diesen Voraussetzungen sollen im folgenden die Titel einiger Gedichtsammlungen betrachtet werden.

3. Bemerkungen zu einigen Titeln von

Gedichtbüchern

Besonders hinsichtlich der Titel von Gedichtbüchern sind in der Forschung zwei Tendenzen zu beobachten: einerseits wird viel über mögliche Titel spekuliert, andererseits mag man die gewohnten Titel nicht aufgeben, auch wenn alles gegen ihre Authentizität spricht. Bucolica etwa wird 'eigentlich' anerkannt, weniger aber tatsächlich verwendet. z.B. schreibt C L A U S E N ,Λ Commentary on Virgil, Eclogues", und in einer Fußnote (S.XX, Anm.23) wird mit Erläuterungen zu écloga ('any short poem') als richtiger Titel Bucolica vertreten! — M A N K I N ist sich über Horazens Titel 'Iambi' sehr sicher (siehe dazu aber 87 Vgl. DÖLGER zum Titel 'Suda' (S. 27, Anm.2): „Es klingt darum wenig verheißungsvoll, wenn A.Adler [...] sagt: 'Die Form Suidas hat sich schon im Anfang der Renaissance festgesetzt und muß aus praktischen Gründen beibehalten werden.' W i r können diese Ansicht nicht teilen."

Titel von Gedichtbüchern

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unten S.73), verwendet jedoch trotzdem ausdrücklich den gebräuchlichen Titel 'Epodon': (S.7) „[...] Horace's Iambi", mit Anm.27: „This was Horace's own title for the Epodes"; (S. 12): „Although it is clear that Horace himself called this collection his Iambi [...] it has become conventional to call it the Epodes, and that practice is continued here. But it should be noted that the title Epodi or Epodon is not attested before Porphyrio and even later grammatici, and that it is in any case inappropriate, since the last poem of the collection is not, technically, an epodus." Es wurde bereits betont (siehe oben S. 16), daß man sich nicht in jedem Fall durch den exakten Titel auf ein eigenes oder fremdes Werk bezog; wenn der Autor sicher sein kann, daß der Leser den Namen des Werkes vor dem eigentlichen Anfang des Textes zur Kenntnis genommen hat (weil er auf dem Index / Titulus geschrieben steht, siehe oben S.21), hat er keine dringende Veranlassung, ihn noch einmal als solchen zu nennen, sondern kann ihn von Anfang an umschreiben und auf ihn anspielen; ebenso können sich andere Autoren durch andeutende Formulierungen auf bekannte Werke anderer Autoren beziehen. Daß dies mindestens ebenso für die Titel von Gedichtsammlungen gilt, ist deshalb besonders zu betonen, weil vor allem gegenüber Titeln von Gedichtbüchern z. T. eine verblüffende Akzeptanz und Freigebigkeit mit neuen Vorschlägen anzutreffen ist. Hat man in der späteren Zeit immerhin vereinzelt das Zeugnis der Autoren, so weisen Catull, Vergil, Properz, Horaz nirgends ausdrücklich auf die Existenz von Buchtiteln hin, geschweige denn auf deren Wortlaut. Daß man nicht jeder Bezugnahme auf ein Werk einen Titel entnehmen darf, zeigt Ovid: An einigen Stellen spricht er von elegi·. (am.2,1,21) blanditias elegosque leves, mea tela, resumpsv, (am. 3,15,2) raditur haec elegís ultima meta meis; (am.3,15,19f.) imbelles elegi, genialis Musa, valete, / post mea mansurum fata superstes opus. Diese Stellen hätten sicherlich zur Annahme des Titels 'Elegi' geführt (vgl. eine solche Situation besonders bei Horaz, 'Iambi', siehe unten S.73), wenn nicht auch die Ars erhalten wäre, in der Ovid ausnahmsweise den Titel Amores nennt (ars 3,343, siehe dazu unten S.83). - Ovid weist selbst ausdrücklich auf die Existenz von Titeln seiner Werke hin, bezeugt aber selten den genauen Wortlaut; er ist davon überzeugt, daß der Leser den jeweiligen Titel kennt, denn dieser steht auf dem titulus, auf dem angehängten Zettel: Der Autor fordert sein Buch auf, auf seinen Namen hinzuweisen: (Ov. trist. 1,1,67) 'inspice' die ' Titulum': non sum praeeeptor amoris·, titulus ist

88 Z . B . PUELMA (Epigramma, S. 135): „Als Titel wünscht sich Catull im Einleitungsgedicht V.4 offenbar nugae."

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Teil I : Buchtitel

hier der Zettel, auf dem u.a. der Name des Buches, der 'Titel' steht;89 das gleiche gilt an der folgenden Stelle für index·. (Pont. 1,1,15-17) inverties, quamvis non est miserabilis index, I non minus hoc ilio triste, quod ante dedi. / rebus idem, titulo d i f f e r ì . Auf den Namen kann daher gleich im ersten Vers angespielt werden: (rem. 1) Legerat huius Amor titulum nomenque libelli. Die gleiche Formulierung de Getico litore opus / libellus kann sich auf zwei verschiedene Werke beziehen: (Pont. 1,1,1 f.) Naso Tomitanae iam non novus incola terrae l hoc tibi de Getico litore mittit opus·, (trist. 5,1,1 f.) Hunc quoque de Getico, nostri studiose, libellum / litore praemissis quattuor adde meis. Obwohl manche Titel von Gedichtbüchern schon oft behandelt worden sind, möchte ich hier einige problematische Fälle zusammenstellen, da häufig nur einzelne Probleme betrachtet werden (und die jeweils anderen Titel von Gedichtbüchern ohne weiteres als Parallelen verwendet werden) und im Laufe der Zeit die Quellenlage gegenüber mehrfach wiederholten Annahmen nicht selten in den Hintergrund getreten ist. Im folgenden soll deutlich werden, daß zu Catull, Vergil, Properz, Horaz und Ovid das verfügbare Material nur wenige sichere Schlüsse auf die authentischen Titel zuläßt bzw. oft nur deutlich macht, wie die Titel sicher nicht hießen. Wenn auch in vielen Fällen offen bleiben muß, wie der Autor selbst sein Werk benannt hat, so läßt sich trotzdem immerhin anhand der Handschriften90, der Zeugnisse von Kommentatoren und Grammatikern, gelegentlich auch anhand weiterer Erwähnungen beobachten, wie Spätere sich auf die Werke beziehen und wie sich die Benennungen verändern.

Griechische Lyrik Die ersten faßbaren Titel von Gedichtbüchern wie Epithalamien, Hymnen etc. werden zwar als solche auf die Alexandriner zurückgeführt, sind aber als Gattungsbezeichnungen weit älter. Bei Piaton ist ein festes System der Musik Garant für ein beständiges politisches System (R. 424bc, Leg. 700bc): Solange die alten überlieferten Gattungen wie Hymnos, Threnos, Paian und Dithyrambos bestehen, ist auch die Polis fest gefügt; wenn aber Veränderungen an den musikalischen Gattungen vorgenommen werden, gerät auch das politische 89 Z u m W o r t

titulus

siehe den Anhang.

90 Zur handschriftlichen Uberlieferung von Titeln im einzelnen siehe MÜNK OLSEN, BIRGER: Les titres dans les manuscrits des poètes classiques latins copiés du IXe au X l l e siècle, i n : FREDOUILLE ( H r g . ) ,

S.511-527.

Titel von Gedichtbüchern: Griechische Lyrik

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System in Gefahr; Dichtung und Musik spielen daher bei der Konstruktion des idealen Staates eine wichtige Rolle. Aus pädagogischen Gründen wird nur ausgewählten Dichtern Zugang gewährt; nur Götterhymnen und Loblieder sind gestattet: (R.607a) [...] οτι όσον μόνον ϋμνους θεοΐς και έγκώμια τοις άγαθοις ποιήσεως παραόεκτέον εις πόλιν. Andere Gattungen werden abgelehnt: (ib.) εί δέ την ήδυσμένην Μοΰσαν παραδέξει έν μέλεσιν ή επεσιν, ηδονή σοι και λύπη [...]. Wie Platon offenbar ein festes Gattungssystem vor Augen hat, so ordnen auch die Alexandriner die Dichtung nach bestimmten Kriterien; Kallimachos mußte für die Ordnung der Gedichte nach ε'ίδη, wenn sie nicht vorher schon nach der Gattungszugehörigkeit geordnet waren, die verschiedenen Gattungen feststellen bzw. festlegen; an diese von Kallimachos vorgegebene Systematik muß sich Aristophanes von Byzanz bei der Einrichtung der Ausgaben gehalten haben.91 Wenn auch die Unterscheidungs- und Einteilungsprinzipien der Alexandriner nicht mit denen der Autoren übereinstimmen müssen und diese nachträgliche Einteilung in Gattungen schon in der Antike zu Diskussionen über die Kategorien führte , so werden zumindest die Prinzipien der Alexandriner im Umgang mit Lyrik deutlich. Als Endtitel auf Papyri, auf Sillyboi, in Sekundärüberlieferung (bes. bei Hephaistion) und für Pindar in Hss. und Scholien sind einige Titel erhalten. Die formalen oder inhaltlichen Kriterien sind noch zu erkennen: Ein Teil der Gedichte Sapphos konnte nach dem Versmaß in Bücher geordnet werden (ζ. B. Heph.Enchiridion 7,7 [...] καλείται Σαπφικόν τεσσαρεσκαιδεκασύλλαβον, ω τό δεύτερον ολον Σαπφούς γέγραπται; siehe auch ib. 10,6), was aber z.B. bei Pindar nicht möglich war. Die meisten Bücher enthielten jeweils Gedichte einer Gattung, so auch Sapphos 9. Buch Epithalamien?A Auch die Pindar-Ausgabe war nach Gattungen eingeteilt (vgl. Vita Ambr., S.3,6 DRACHMANN): γέγραφε δέ βιβλία έπτακαίδεκα: ϋμνους, παιάνας, διθυράμβων β', προσοδίων β'· παρθενίων β', φέρεται δέ και γ' δ επιγράφεται κεχωρισμένων παρθενίων - ύπορχημάτων β', έγκώμια, θρήνους, επινίκων 91 Zur Frage der Ausgaben siehe PFEIFFER, S. 224-233. 92 D a z u HARVEY (besonders über die Schwierigkeit, die ursprünglichen Kriterien der Gattungen zu erkennen) und GELZER (u.a. dazu, daß der gesamte musikalische Aspekt [Melodien, Aufführungspraxis] in den Kategorien der Alexandriner nicht berücksichtigt wurde). 93 D a man jedem Stück für die Einordnung in ein Buch einem bestimmten Genos zuordnen mußte, ergaben sich bei einigen Stücken Diskussionen über die Gattungszugehörigheit (vgl. Schol.Pind., P . O x y 2 3 6 8 ) ; Beispiele ungeschickter Einordnung bei HARVEY, S. 160. 94 Z u den Büchern Sapphos (Anzahl, Einteilung, Inhalt) ausführlich PAGE, S. 112-116.

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Teil I : Buchtitel

δ'; die Epinikien wiederum sind buchweise nach dem Schauplatz des Wettkampfes angeordnet. Den Sammeltitel Dithyramben für Bacchylides belegt ein Sillybos (P.Oxy. 1091, 2.Jh.n.Chr.): Βακχυλίδου διθύραμβοι. Die Bezeichnung der Gattung wird so zum geläufigen Buchtitel. Diese seit den Alexandrinischen Ausgaben vorgegebene Tradition hat lange Bestand: Plinius d.J. schlägt als Titel für eine Gedichtsammlung das Versmaß vor: (epist.4,l4,8f.) unum illudpraedicendum videtur, cogitare me has meas nugas ita inscribere, hendecasyllabi, qui titulus sola metri lege constringitur. proinde, sive epigrammata sive idyllia sive éclogas sive, ut multi, poematia seu quod aliud vocare malueris, licebit voces,95 ego tantum hendecasyllabos praesto·, (7,4,1) ais legisse te hendecasyllabos meos. Das Versmaß ist den Gedichten gemeinsam, während in inhaltlicher und stilistischer Hinsicht in der Sammlung Vielfalt herrscht: (4,14,3) his iocamur, ludimus, amamus, dolemus, querimur, irascimur, describimus aliquid modo pressius modo elatius atque ipsa varietate temptamus efficere [...]. Auch die Alternativen zu seinem Wunsch, als Titel das Versmaß zu nennen, sind nicht origineller, sondern stehen ebenfalls in der Tradition, die Gattung (hier allgemein 'Dichtung') zu nennen. Auch bei den im folgenden zu betrachtenden Gedichtsammlungen von Catull, Properz, Vergil, Horaz und Ovid gibt es keine Anhaltspunkte, Titel anzunehmen, die mit dieser Tradition brechen.

Catull Für Catull hat B I R T (Buchwesen, S.406) aufgrund zweier Stellen bei Martial den Buchtitel 'Passer' vermutet: (11,6,14-16) Da nunc basia, sed Catulliana: / Quae si tot fuerint, quot ille dixit, / Donabo tibi passerem Catulli·, (4,14,13f.) sie forsan tener ausus est Catullus / magno mittere passerem Maroni)·, B I R T S Ansicht ist, soweit ich sehe, nicht grundsätzlich widerlegt worden; diskutiert wird lediglich im Zusammenhang mit der Frage nach der Redaktion des Gesamtwerks, ob dieser Titel fiir das uns bekannte Corpus oder für eine Teilausgabe gedacht war. 96 Als Parallelen für den Titel 'Passer' werden (z.B. von G R A T W I C K , S. 199f.) die oben (S. 16) besprochenen Stellen zum Phänomen der 'Benennung durch 95 Deutlich wird hier, daß der Autor einen Vorschlag macht, dem der Herausgeber offenbar nicht unbedingt folgen muß. 96 Siehe z.B. CLAUSEN (Catulli Veronensis liber, S.39): 'Passer' eine Teilausgabe. SYNDIKUS (S.54f.): 'Passer' die Gesamtausgabe.

Titel von Gedichtbüchern: Catull

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die Anfangsworte' beigebracht; aber wie gesehen handelt es sich in diesen Fällen nicht um Titel, sondern um literarische Anspielungen, so daß diese Stellen kein Argument fur den Titel 'Passer' liefern können. - Außerdem zeigt ein Blick auf die vollständigen Epigramme 11,6 und 4,14, daß B I R T S Schluß keineswegs zwingend ist: (Mart. 11,6)

5

10

15

Unctis falciferi senis diebus, Regnator quibtis imperat fritillus, Versu ludere non laborioso Permittis, puto, pilleata Roma. Risisti; licet ergo, non vetamur. Pallentes procul hinc abite curae; Quidquid venerit obvium, loquamur Morosa sine cogitatione. Misce dimidios, puer, trientes, Quales Pythagoras dabat Neroni, Misce, Dindyme, sedfrequentiores: Possum nil ego sobrius; bibenti Succurrent mihi quindecim poetae. Da nunc basia, sed Catulliana: Quae si tot fuerint, quot ille dixit, Donabo tibi passerem Catulli.

An den Saturnalien, so wendet sich der Dichter an Rom, sei es doch wohl erlaubt, Verse zu machen, ohne viel zu überlegen und zu feilen (1-8); Voraussetzung für solches Dichten sei aber ausreichender Weingenuß (9-13); weiter brauche der Dichter zuvor Küsse, und zwar in der von Catull beschriebenen Art und Menge, um schließlich einen passer Catulli liefern zu können (14-16). - Im Gegensatz zu B I R T S Annahme kann, wie schon F R I E D L Ä N D E R (ad loc.) deutlich herausstellt und jetzt wieder KAY betont, 97 der letzte Vers schwerlich bedeuten, daß Martial als Geschenk eine Ausgabe Catulls (mit dem Titel 'Passer') verspricht, da es im Gedicht nicht um konkrete Saturnaliengeschenke geht, sondern darum, daß das Ich selbst an den Saturnalien dichten möchte (3 versu Iutiere-, 7 Quidquid venerit obvium, loquamur, 12 possum nil ego sobrius)·, von konkreten Saturnalien-Geschenken ist nicht die Rede, und donabo im letzten Vers meint kein 'Sachgeschenk', sondern ein spontanes Gedicht an den Saturnalien: 'Wenn ich genug getrunken und genug Küsse — wie Catull — bekommen habe, kann ich einen passer schenken: ein Gedicht in der Art Ca97 KAY ad loc. „It would be pointless for Martial, in a context of inspiration, to offer an edition of Catull's Passer poems".

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Teil I : Buchtitel

tulls. 98 passerem Catulli steht parallel zu basia Catulliana, W i e d e r h o l u n g 'passerem Catullianum

n u r d a ß die wörtliche

vermieden wird. Sowohl basia

Catulliana

als auch passer Catulli sind (wie an anderen Stellen auch Lesbia) Verweise auf berühmte

Catull-Gedichte,

die hier pointiert

in

einen

neuen,

kausalen

Z u s a m m e n h a n g gebracht w e r d e n . " Ebensowenig erlaubt das zweite Epigramm den Schluß auf den Titel 'Passer': (Mart. 4,14):

3 6

10

Sili, Castalidum decus sororum, Qui periuria barbari furoris Ingentipremis ore [...] Paulum seposita severitate, Dum blanda vagus alea December Incertis sonat bine et bine fritillis Et ludit tropa nequiore talo, Nostris otia commoda Camenis, Nec torva lege fronte, sed remissa Lascivis madidos iocis libelles. Sic forsan tener ausus est Catullus Magno mittere passerem Maroni.

Martial wendet sich an Silius Italicus u n d beschreibt den Inhalt von dessen Epos (1-5); zur Zeit der Saturnalien aber (6-9) solle Silius nicht so ernst sein u n d lieber Martials Epigramme lesen ( 1 0 - 1 2 ) ; das Epigramm schließt mit ein e m Vergleich: Ebenso habe vielleicht auch der zarte Catull dem großen Vergil den passer geschickt. - Dieser Vergleich betrifft die Qualität beider Dichter: Martial lobt Silius u n d stellt ihn in eine Reihe mit Vergil, ebenso stellt er sich selbst neben Catull. 1 0 0 W e n n Silius Martials Epigramme lese, sei das so, als w e n n Vergil Catulls passer lese. — Der Schluß, mit passer müsse das ganze C o r -

98 Auch an anderen Stellen nennt Martial Voraussetzungen für das Dichten in der Art berühmter Vorgänger: (8,55[56] 23f.) Ergo ero Vergilius, si muñera Maecenatis / Des mihi? Vergilius non ero, Marsus ero-, (8,73,4f.+9f.) victurapetis carmina, da quod amem. / Cynthia te vatem fecit, laseive Properti [...]. Non me Paeligni nec spernet Mantua vatem, / Si qua Corinna mihi, si quis Alexis erit·, ( 1,107,1 -4) Saepe mihi dicis, Luci carissime Iuli, / 'Scribe aliquid magnum: desidiosus homo es. ' / Otia da nobis, sed qualia fecerat olim / Maecenas Fiacco Vergilioque suo. 99 Weitere Anspielungen auf diese Catull-Gedichte bei Martial: das Haustier passer z.B. 14,77 Cavea eborea] Si tibi talis erit, qualem dilecta Catullo / Lesbiaplorabat, hic habitare potest, auch 7,l4,3f.; basia: 6,3 4; 12,59. 100 Den Gegensatz Catull - Vergil macht Martial noch häufiger zum Thema, z.B. 5,5.

Titel von Gedichtbüchern: Catull

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pus gemeint sein und nicht nur ein oder zwei Gedichte, wird darauf gestützt (CLAUSEN, Catulli liber, S.39; ähnlich SYNDIKUS, S. 55), daß auch Martial von mehreren seiner Bücher spreche (lege [...] lascivis madidos iocis libellos). Aber selbst wenn man voraussetzen wollte, daß der Vergleich in allen Bezugspunkten stimmen muß, kann man aus dieser Stelle nicht auf einen 'offiziellen' Titel schließen: Wie oben gesehen (siehe S. 16), kann zwar anhand von Anfangsworten zitiert und auf andere Dichtung angespielt werden, aber in keinem Fall handelt es sich hierbei um einen Titel: Wenn sich z. B. Ovid mit dem Anfangswort auf die Bucolica bezieht: (am. 1,15,25) Tityrus et segetes[A. fruges] Aeneiaque arma legentur, heißt das nicht, daß man bzw. Ovid selbst im normalen Sprachgebrauch 'Tityrus', 'Fruges' oder 'Aeneia arma' als Titel für Vergils Werke verwendet hat. Ebenso ist passer sowohl das erste Wort des ersten Gedichts nach dem Widmungsgedicht als auch - wie basia - überhaupt eines der berühmtesten Gedichte; das Zitat spricht fur die Berühmtheit des Gedichts, erlaubt aber nicht den Schluß, passer sei ein gebräuchlicher Name bzw. der Titel fur Catulls Werk gewesen. Martial spielt außerdem noch an weiteren Stellen auf passer Catulli an: In einem Fall ist sicher nur das Haustier gemeint, nicht die beiden betreffenden Gedichte, geschweige denn eine ganze Gedichtsammlung: (1,109,1-5) Issa est passere nequior Catulli,/ Issa est purior osculo Columbae, [...] Issa est deliciae Catella Publi. - An einer anderen Stelle kann, wenn überhaupt ein Gedicht, höchstens ein einziges gemeint sein, aber wohl kein ganzes Buch: (1,7) Stellae delicium mei columba /[...] / Vicit [...] passerem Catulli.I Tanto Stella meus tuo Catullo / Quanto passere maior est columba. (S.200) nimmt an, der Titel 'Passer' stamme von Catull selbst, und interpretiert den Zusammenhang zwischen Titel und Werk: Durch den Namen eines (wie bei Aristoteles und Plinius zu lesen ist) kurzlebigen Vogels werde die am Ende des Einleitungsgedichts geäußerte Hoffnung auf lange Lebensdauer des Werkes unterstrichen. Abgesehen davon, daß die Äußerung dieser Hoffnung am Beginn oder Ende eines Werkes geläufig ist, ist diese Interpretation zwar verlockend, aber zu modern gedacht: Der Titel läßt sich, wie gesehen, nicht nur nicht beweisen, er stände auch unter den bezeugten Titeln ganz vereinzelt da. Zwar gibt es metaphorische Titel, allerdings nur für Sammelwerke in Prosa und für Gedichtsammlungen gemischten Inhalts; auch gibt es als Titel viele Metaphern aus dem Bereich 'Natur'. Allerdings verweisen die Metaphern ohne Ausnahme auf Quantität oder Qualität des Inhalts. Hier aber wäre der Titel 'Passer' einerseits metaphorisch im Hinblick auf das ganze Werk, wobei die Metapher sich auf die Lebensdauer bezöge und dieses naturkundliche GRATWICK

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Teil I : Buchtitel

Wissen einbezöge; andererseits würde dieser Titel konkret einen geringen Teil des ganzen Werkes, zwei Gedichte, bezeichnen. - Auch solche Titel, die nur ^inen Teil bezeichnen, sind bezeugt, aber nur innerhalb der Komödie, z.B. Rudern. Es gibt aber kein Beispiel, daß für eine Sammlung verschiedener Themen ein einziges für den Titel herausgegriffen worden wäre. Speziell für Gedichtsammlungen gibt es in Antike und Spätantike keine Spur solcher Titel, weder vor noch nach Catull. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß Martial passer ftir einen Titel einer Gedichtsammlung gehalten hätte, sich selbst aber solche Pointen hätte entgehen lassen, ganz zu schweigen von Ovid.

Vergil, Bucolica 01 Schon Ovid spielt auf den Titel an (trist. 2,538 bucolicis iuvenis luserat ante modis), der seit Columella und Quintilian oft belegt ist (vgl. ThLL s.v.), z.B. (Colum.3,9,4) unde etiam pastor ille in Bucolicis ait: Sic canibus catulos [...], (Anspielung auf den Titel bei Colum. 7,10,8: ut bucolicum loquitur poema [...]; (Quint, inst. 10,1,56) Vergilius [...] in Bucolicis (auch: 8,6,46; 9,2,13); auch in der Spätantike hat sich an diesem Titel nichts verändert; Macrobius z.B. verwendet ihn (Sat.4,6,21; 6,5,4), und Servius erklärt den Titel der Sammlung: (bue., praef., S. 1,1 T H I L O ) Bucolica, ut ferunt, dicta sunt a custodibus boum [...]; (S. 1,15) et hic est huius carminis titulus. Mit der Bezeichnung Bucolica wird die Beziehung zu Theokrit deutlich (vgl. Gell. 9,9,4: cum legerentur utraque simul Bucolica Theocriti et Vergilii); besonders der Refrain mag zu der Gattungsbezeichnung gefuhrt haben: (Theoc. 1,64 u. ö.) άρχετε βουκολικός, Μοΐσαι φίλαι, άρχετ' άοιδάς, aber auch weitere Stellen, ζ. Β. (7,49) άλλ' άγε βουκολικός ταχέως άρξώμεθ' αοιδός. 'Eclogae' hingegen ist als Titel sicher auszuschließen; allerdings läßt sich zurückverfolgen, auf welchem Weg es zu dieser Bezeichnung gekommen ist: Entsprechend dem griechischen Wort ist écloga zuerst belegt als 'Auswahl', 'Exzerpte': (Cie.Att. 16,2,6) 'de Gloria' misi tibi, custodies igitur, ut soles, sed notentur eclogae duae quas Salvius bonos auditores nactus in convivio dumtaxat legat·, eventuell meint er dieselben Ausschnitte mit άνθη: (Att. 16,11,1) nostrum opus tibi probari laetor; ex quo άνθη ipsa posuisti, quae mihi florentiora sunt visa tuo iudicio. Im 1.Jh.n.Chr.ist écloga auch eines von etlichen offenbar austauschbaren Wörtern für 'Gedicht', vgl.Plinius d.J.: (epist.4,14,9) [...] sive

101 Zu den einzelnen Titeln innerhalb der Sammlung siehe unten S . 2 3 9 .

Titel von Gedichtbüchern: Vergil

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epigrammata sive idyllia sive éclogas sive, ut multi, poematia seu quod aliud vocare malueris·, so auch noch später bei Sidonius Apollinaris: (epist. 9,15,1) sive oden harte ipsam mavis vocare sive eglogam; Ps.Acro: (Hor.serm.2,1,1) Eglogae haec nomina habent: si ad Iovem, hymni; si ad Apollinem aut Dianam aut Latonam, peanes; si ad Liberum aut Semelen, dithyrambi; si ad ceteros deos, prosodia; si ad homines, laudes aut vituperationes aut luctus aut aliquid tale. In der Bedeutung 'Gedicht' ist écloga oft belegt, z.B. Statius (Silv.3, praef.) summa est écloga qua mecum secedere Neapolim Claudiam meam exhortor, (auch Silv.4, praef.); auch in der Spätantike wird das Wort so verwendet; Ausonius: (Cupido cruciatur, praef., S. 109,13 P.) quid ego huic eclogae studiose patrocinorì An anderer Stelle bezieht sich Ausonius auf eine écloga des Horaz (= carm. 3,19,9): (Griphus, praef., S. 197,24 P.) sed illa de Flacci écloga, in qua [...]. Ebenso bezeichnet auch Porphyrio mit egloga Stücke verschiedener Sammlungen des Horaz, vgl. (carm. 4,4,1) Haec est egloga, propter quam [...]; (epod.6,1) In hac egloga [...]; (epod. 4,1) Hanc eglogam in Pompeiam Maenam scribit, (auch epod. 9,11 f; 16,1; 17,1; 17,14); (epist. 1,7,1) In hac egloga Maecenati se excusat·, (auch epist. 1,6,1). - In Horaz-Hss. findet sich innerhalb der Sermones als Überschrift écloga (mit Nummer). Und auch in Ausonius-Hss. werden im Titel einige Stücke als écloga bezeichnet (siehe Apparat bei Peiper, S.87 incipit egloga eiusdem de ambiguitate·, S.91 explicit egloga [...]; S.92; S.97; S. 109). In allen diesen Fällen bedeutet écloga 'Gedicht', ohne jeglichen Zusammenhang mit Hirtendichtung. Auch in der Sueton/Donat-Vita, in der als Titel durchweg Bucolica erscheint (z.B. Don. Verg.ecl.praef., §9;19;25 HAGEN), ist écloga im Sinne von 'Gedicht' verwendet: (§9) [...] quem secunda Bucolicorum écloga Alexim appellai·, (§43) prolatis Bucolicis Numitorius quidam rescripsit Antibucolica, duas modo éclogas; (§65) illa écloga quae Polito inscribitur, (§68) numerus eclogarum manifestos est·, (§69) in prima tantum et in ultima écloga-, u. ö. Auch Servius, der an dem Titel Bucolica keinen Zweifel aufkommen läßt, verwendet in Bezug auf einzelne Gedichte regelmäßig écloga (und nicht etwa 'poema' oder 'idyllion'); allerdings verwendet er es nicht ausschließlich fiir Vergil, sondern auch fur Theokrit, vgl. (bue.2,11) hinc est quod in ultima écloga [...]; (bue.3,1) transiti in eclogam plenam iurgii [...] prima habet unius otium et alterius [...] conquestionem·, (bue. 6,11) hanc eclogam constat in honorem Vari esse praescriptam·, (bue. 8,1) apud Theocritum est una écloga [...]; (bue.8,22) sic etiam in prima écloga·, (bue. 10,9) Theocriti écloga [...]; aber auch hier heißt écloga schlicht 'Gedicht': (bue.4,1) nam licet haec écloga discedat a bucolico carmine [...]. Ebenso steht im 'commentarius qui dicitur Probi' als Titel unmißverständlich Bucolica und zum Bezug auf das einzelne Stück immer écloga, allerdings auch hier in der

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Teil I : Buchtitel

allgemeinen Bedeutung 'Gedicht': (S. 329,10) omne carmen in tres characters dividitur, dramaticen [...] omnium specierum éclogas in Bucolicisposuit. Ob schon die Sueton/Donat-Vita oder Servius mit dieser Verwendung von écloga fur 'Gedicht' im Zusammenhang mit Vergils Bucolica einer festen Tradition folgen oder ob diese erst durch deren Einfluß entsteht, ist nicht zu entscheiden; mit der Zeit aber werden die verschiedenen Bezeichnungen fur 'Gedicht' auf die verschiedenen Autoren verteilt: Im Anschluß an die Horaz-Vita findet sich (in Hss. mit der Ps.Acro-Scholienmasse) folgender Hinweis: In Horatio autem sciendum oden, non eglogam dici, quia egloga Vergila bucolicorum est·, an der gleichen Stelle in Schol. λ φ ψ : In tragoediis chori vocantur carmina, in comoediis scenae. in satyris satyrae. in bucolicis eclogae. in lyricis odae. Vgl. Augustin (civ. 10,27 p.445,7) Vergilius in eclogae ipsius quarto ferme versu [...]. Die ständige Bezeichnung der einzelnen Gedichte der Bucolica als eclogae hat mit der Zeit dazu gefuhrt, daß der frühere Titel überlagert bzw. bis in die heutige Zeit fast verdrängt wurde. Noch in der Spätantike aber wird écloga nicht nur auch für andere Gedichte verwendet, z.B. (Symm.epist.3,11,4, an Naucellius) carminum tuorum codicem reportandum puero tradidi, et quia eclogarum confiisus ordo est [...], sondern auch fur Prosa-Exzerpte, z.B. (Gennad.vir.ill.43) Pelagius [...] scripsit [...] pro actuali conversatione eclogarum ex divinis scripturis librum unum. In mittelalterlichen Bibliothekskatalogen (siehe bei M A N I T I U S ) findet sich zuweilen die Bezeichung eclogae (z.B. Lorsch, 9.Jh.; St.Riquier i.J.831; Passau i.J. 903), wobei aber, soweit ich sehe, Bucolica noch weit überwiegt.

Vergil, Catalepton Das Alter des Titels Catalepton ist letztlich nicht zu bestimmen. Aus der von (S.XX-XXIV; dort auch Verweise auf die vorangehende Literatur) und im Anhang der zweisprachigen Ausgabe von J. und M. G Ö T T E (S. 594-601) ausfuhrlich zusammengestellten Diskussion zum heute fast durchweg vertretenen Titel Catalepton sei hier nur das Wichtigste zusammengefaßt: Der Codex optimus (B,12.Jh.) bietet keinen Titel; durch die anderen Handschriften ist Catalepton gut bezeugt ( W E S T E N D O R P B O E R M A , S.XX); Ausonius fragt nach dem Inhalt eines der Epigramme: (S. 167,5 P.) Die quid significent Catalepta Maronis·, auch in den Viten wird das Werk genannt: (Don.ecl.praef., §18 H A G E N ) Deinde Catalepton et Priapea et Epigrammata et diras [...]; Servius (lin. 14 H A R D I E ) : scripsit etiam Septem sive octo libros hos: WESTENDORP BOERMA

Titel von Gedichtbüchern: Horaz

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Cirim Aetnam Culicem Priapeia Catalepton Epigrammata Copam Diram. In den Drucken wurde, besonders durch J.J. Scaligers Einfluß, als Titel Catalecta [sie] geschrieben. Nachdem zuerst BERGK ( S . 2 9 1 ) in einem kurzen Hinweis als richtigen Titel Catalepton (κατά λεπτόν) annahm, hat U N G E R diesen gestützt: Das entscheidende Argument ist, daß der gleiche Titel von Arat berichtet wird: (Strabon 10,5,3) "Αρατος έν τοίς κατά λεπτόν. W E S T E N D O R P BOERMA (S. XXIII) möchte allerdings λεπτόν weniger auf den Stil beziehen als vielmehr gleichbedeutend mit κατά βραχύ auf die Quantität (wie im Titel: κατά βραχύ ύπομνήματα, bei Ath. 14, 6l9e). Dagegen spricht aber klar R E I T Z E N STEINS Untersuchung des Wortes λεπτόν, nach dessen Ausführungen (S.40) der Titel „nur auf den neuen Stil der Alexandriner gehen" kann. Man vermutet, daß Tucca und Varius in Anlehnung an Vergils andere Werktitel diesen griechischen Titel wählten; bei der Zusammenstellung mit den Priapea habe sich als Gesamttitel ergeben: κατά λεπτόν: Priapea et Epigrammata, und diese Reihe sei später nicht mehr verstanden und daher von Servius sogar vertauscht worden. - Eine weitere Möglichkeit wäre, daß unsprünglich Priapeia ein Titel ist und epigrammata κατά λεπτόν (oder κατά λεπτόν epigrammata) ein zweiter. So würde sich auch Servius' Unsicherheit erklären, ob es sich um sieben oder acht Werke handle (Septem sive octo libros hos). Als vertauscht betrachten müßte man dann die Angaben, wie sie bei Donat überliefert sind. Epigramma im Sinne 'Gedicht' (und nicht in der Grundbedeutung 'Inschrift') verwendet Cicero mehrmals, so daß sprachlich nichts gegen einen frühen Ansatz dieses Buchtitels spricht, der mit κατά λεπτόν durch einen Hinweis auf die Stilrichtung ergänzt ist (vgl. bei Statius den Einzeltitel hendecasyllabi iocosi, siehe unten S. 188). Der Ort für einen Hinweis des Dichters auf die gewählte Stilrichtung ist allerdings gewöhnlich das Einleitungsgedicht, z.B. (Catull 1,2) lepidum novum libellum, (ib.4) nugas\ (Verg.bue. 1,2) tenui... avena; (Hör.carm. 1,1,35) quodsi me lyricis vatibus insérés. Der in Nachahmung Arats (wahrscheinlich) für Vergil gewählte Titel gibt diese Information so an ungewohntem Ort.

Horaz: Carmina Parallel zu der Verdrängung von Bucolica durch 'Eclogae' sieht man bei Horaz Carmina vor O d e n ' weichen: Carmina ist als Titel in der Spätantike sicher bezeugt, während es fiir 'Oden' als Titel weder antike noch spätantike Belege gibt. Doch obwohl in der Forschung bekannt ist, daß 'Oden' nicht der authen-

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tische Titel ist (siehe K E L L E R , Epilegomena, S. 1), wird Carmina keineswegs durchweg verwendet. Horaz selbst spricht von carmina, ohne daß man, wie gesagt, daraus auf den authentischen Titel schließen kann: (epist. 2,2,58-60) denique non omnes eadem mirantur amantque: / carmine tu gaudes, hic delectatur iambis, / ille Bioneis sermonibus et sale nigro. Unter dem gleichen Vorbehalt vgl. (Ov.trist.4,10,49f.) et tenuit nostras numerosus Horatius aures, / dum ferit Ausonia carmina culta lyra. In den Hss. steht als Titel Carmina, ebenso wie in den frühesten Zeugnissen: (Non.p.203,29; 255,16;) Oratius carminum lib. [...]; (Servius, De metris Horatii, gramm.IV 472,10) quattuor carminum libri, epodon carmenque saeculare; (Diom.gramm.I 518,26) Metra etiam quae Horatii corpus continet quod carminum inscribitur; (Victorin. gramm. VI 183,19) habentur itaque apud Horatium habita dinumeratione metrorum genera XXI in libris carminum et epodis·, (Prise, gramm. III 427,16) Horatius in IUI carminum·, (Ps.Acro, expos, metr.; vgl. Servius) [...] Quarum decern in primo carminum libro, in tribus reliquis singulas, in epodon sex repperi constituías. So auch noch Schol. Par.Lat. 17897 (und 8223, ed. B O T S C H U Y V E R ) ZU carm. 1,1: Liber iste dicitur liber carminum, idest delectationum, et ista carmina dicuntur lyrica, idest varia [...]. Während Carmina durchgängig als Titel verwendet wird, bezeichnet φ δ ή ein einzelnes Gedicht (vgl. oben Bucolica / écloga)·. Bei Servius (de metris Horatii, gramm.IV 468-472; vgl. bei Ps.Acro) bedeutet ode nicht einfach 'Gedicht' (dafür immer cantus), sondern 'metrisch bzw. strophisch besondere Form eines Gedichts' (468,13): decern novem tantum odas variis Flaccus metrorum compositionibus texuit, quarum decern in primo carminum libro, in tribus reliquis singulas, in epodon sex repperi constitutas. Daher meint Servius mit unadevicensima ode monocolos est (472,7) nicht das 19. Gedicht eines Buches, sondern die 19. vorkommende Oden-Form und damit Epode 17. - Marius Victorinus hingegen verwendet ode im Sinne von 'Gedicht', ebenso Diomedes. — Ode wird auch außerhalb der Carmina verwendet, z.B. (Ps.Acro epod.9) in hac ode canit victoriam Augusti, u. ö.; (schol TV epod. 15) In hac ode queritur de Neera-, (auch: schol TV epod. 16); (Victorin.gramm. VI 169,24) Libro V, qui epodon inscribitur, ode prima est, (auch 170,7). - Ode wird nicht nur für Horaz verwendet: (Sidonius epist. 9,15,1) sive oden hanc ipsam mavis vocare sive eglogam. Ebensowenig wird für Horaz immer ode verwendet: (Auson. Griphus, praef., S. 197,24 P.) sed illa de Flacci écloga, in qua [...]. Wenn die Titel zu Statius' Silvae authentisch sind (siehe dazu unten S. 180), wäre ode dort zuerst belegt: (Silv.4,5 tit.) ode lyrica ad Septimium Severum·, (4,7 tit.) ode lyrica ad Vibium Maximum. Statius spricht im Vorwort einmal (zu 4,5)

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von lyricum carmen-, 4,7 bekommt an dieser Stelle keine Gattungsbezeichnung (eum revertí maturius [...] rogo). Selbst wenn die Titel doch später sein sollten: Diese mit ode bezeichneten Stücke sind die einzigen in den Silvae, die bestimmte Strophenformen aufweisen; d.h. ode steht hier in der auch bei Servius belegten engeren Bedeutung. Zur Erweiterung durch lyrica könnte dann das Verständnis in der erweiterten Bedeutung 'Gedicht' gefuhrt haben, zusammen mit Statius' Formulierung carmen lyricum im Vorwort. Im Laufe der Zeit wird, wie fur die Gedichte der Bucolica die Vokabel écloga, bei Horazens Carmina die Verwendung von ode gefordert: (Ps. Acro, Vita a.E.) In Horatio autem sciendum öden, non eglogam dici, quia egloga Vergila bucolicorum est, (Schol.XtJjty im Anschluß an die Vita) In tragoediis chori vocantur carmina [...] in bucolicis eclogae. in lyricis odae. Odae als Titel statt Carmina steht zuerst in Scholien zu Claudian;102 in mittelalterlichen Erwähnungen und Bibliothekskatalogen findet sich zuweilen Odae, z.B. Richard de Fournival103 (tab. XI, Nr. 125): liber odarum et epodon, liber sermonum [...]; Kataloge: Durham (12.Jh.); Canterbury Christ Church (i.J. 1170); Corbie (12.Jh.; glosae super odas·, glose odarum), aber Carmina überwiegt bei weitem.

Horaz, Epoden Während man also 'Oden' als Titel sicher ablehnen kann, ist die Beurteilung von lamben und Epoden nicht so eindeutig. Epoden kommt bei Horaz im Text nicht vor, ist aber in Hss. und bei Kommentatoren und Grammatikern der einzige Titel, während es von Iambi keine Spur gibt: (Servius, de metris Horath, gramm. IV 472,10) quattuor carminum libri, epodon carmenque saeculare-, (468,14) in primo carminum libro [...] in epodon·, (Victorin. gramm. VI 169,24) Libro V, qui epodon inscribitur, ode prima est; (171,23) et hactenus epodi. (172,1) tanι carminum quam epodon metra·, (Porph. epod.) Liber hic epodon inscribitur, scilicet quod ita versus in eo ordinati sunt [...]; (Ps.Acro epod.) Liber iste epodon appellatur, et quaeritur de nomine ipsius·, (Ps.Acro expos.metr.a.E., nach der Vita; vgl. Servius) His metris scripti sunt quattuor carminum libri et epodon et

102 Diese Information mit Verweis auf MANITIUS, Analekten (S. 13), bei ELTER ( S . 4 7 ) . 103 Biblionomia, gedruckt bei DELISLE, LEOPOLD: Le cabinet des manuscrits de la Bibliothèque Nationale..., Bd.2, S . 5 1 8 - 5 3 5 , Paris 1 8 7 4 (Nachdr. Amsterdam 1 9 6 9 ) .

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carmen saeculare·, - (Schol-λφψ zu epod. 1) Liber hic epodon inscribitur, id est clausularis [...]. Iambi als Gattung werden hingegen von Horaz erwähnt: (epist. 2,2,58-60) denique non omnes eadem mirantur amantque: / carmine tu gaudes, hic delectatur iambis, / ille Bioneis sermonibus et sale nigro; (ars 79) Archilochum proprio rabies armavit iambo. Er ist selbst von Iambi betroffen: (carm. l,16,2f.) quem criminosis cumque voles modum / pones iambis·, und er hat selbst Iambi verfaßt: (carm. 1,16,22-25) me quoque pectoris / temptavit in dulci iuventa / fervor et in celeres iambos / misit furentem. Er spricht auch deutlich von einer Sammlung seiner Iambi, die er zu schreiben versprach: (epod. 14,5-8) candide Maecenas, occidis saepe rogando: / deus, ¿leus nam me vetat / inceptos, olim promissum carmen, iambos / ad umbilicum adducere. An dieser Stelle sagt er deutlich, daß er die Rolle mit 'Iambi' nicht beenden könne. Entweder ist dieses Stück die Erklärung dafür, daß es keine einheitliche Sammlung von Invektiven gibt, oder die Sammlung, in der dieses Stück enthalten ist, wäre der Beweis gegen die Aussage dieses Gedichts, das dann nur auf eine Verzögerung hinwiese. Wenn auch i.d.R. eine 'Recusado' nur dann sinnvoll ist, wenn das Werk in der Tat nicht geschrieben wurde, so könnte es hier zwar eine Ausnahme sein; aber auf keinen Fall darf man aus dieser Stelle auf den authentischen Titel der vorliegenden Sammlung schließen. Über seine Absicht-bei dieser Sammlung und seine Errungenschaft sagt Horaz: (epist. 1,19,21-33) 21

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libera per vacuum posui vestigia princeps, non aliena meo pressi pede, qui sibi fidet dux reget examen. Parios ego primus iambos estendi Latió, numéros animosque secutus Archilochi, non res et agentia verba Lycamben. ac ne me foliis ideo brevioribus ornes quod timui mutare modos et carminis artem, temperai Archilochi Musam pede mascula Sappho, temperai Alcaeus, sed rebus et ordine dispar, nec socerum quaerit quem versibus oblinat atris, nec sponsae laqueum famoso Carmine nectit. hunc ego, non alio dictum prius ore, Latinus vulgavifìdicen [...].

Er habe im Lateinischen etwas Neues geschaffen, indem er Archilochus als Vorbild genommen habe. Allerdings habe er nicht dessen Inhalt übernommen, d.h. niemand werde in den Selbstmord getrieben. Wichtig ist ihm besonders

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die Nachfolge in der Form (in der Tat gibt es in der Gattung 'Invektiven' ja Vorgänger). - Hat aber Horaz, der hier formuliert: Parios iambos ostendi Latio, als Titel Iambi gewählt? Horazens schon angeführte Aussagen über die 'Gattung Iambus' als 'böse, verletzende Invektive' treffen zwar bei weitem nicht den Inhalt aller Stücke der griechischen Vorgänger in der Gattung, entsprechen aber der geläufigen Beurteilung: (Cie. nat. deor. 3,91) quem Hipponactis iambus laeserat aut qui erat Archilochi versu volneratus; (Catull.36,5) truces vibrare iambos·, (auch: Catull.40,lf.; 54,6); (Ov.Ib.53f.) postmodo, si perges, in te mihi liber iambus / tineta Lycambeo sanguine tela dabif, (Ib.52If.) utque repertori noeuit pugnacis iambi, / sic sit in exitium lingua proterva tuum\ (rem. 377); (Silv. 2,2,115) sive minax ultorem stringit iambon·, (Tac. dial. 10,4) lyricorum quoque iucunditatem [...] iamborum amaritudinem·, (Quint.inst. 10,1,9) Omnibus enim fere verbis, praeter pauca quae sunt parum verecunda, in oratione locus est. Nam scriptores quidem iamborum veterisque comoediae etiam in Ulis saepe laudantur, (Quint, inst. 9,4,141). Auch die Kommentatoren und Grammatiker erwähnen die Charakteristiken der Gattung 'iambus = Invektive': (Suet.frg.3, p. 19,14; = Diom. gramm.I 485,11) iambus est carmen maledicum plerumque trimetro versu et epodo sequente compositum·, (Porph.ars 80) [...] maledictis armatur, (auch Porph.ars 79); (Porph.epod.6,14) Hipponacta signifìcat, qui aeque iambicis versibus Bupalum persecutus est-, (Porph.carm. 1,16,22-24) Me quoque, inquit, iracundia calore iuventae magis accensa incitavit in iambos. Iambi autem versus aptissimi habentur ad maledicendum. Denique et Catullus, cum maledicta minaretur, sic ait: At non effuses meos iambos; (auch Porph.epist. 1,19,23). Die Frage ist, ob Horaz die Sammlung Iambi genannt haben kann: Es handelt sich offensichtlich nicht ausschließlich um verletzende Invektiven. Ein Titel Iambi würde angesichts des offenbar prägnantesten und geläufigsten Charakteristikums der Gattung einen Teil der enthaltenen Stücke ausschließen. Gerade dies widerspricht aber der antiken Gewohnheit, daß der Titel das Ganze bezeichnen soll (siehe oben S.30). Da Titel außerdem häufig die Gattung bezeichnen, ist das Problem, ob für Horaz die Sammlung insgesamt der Gattung 'Iambus' entsprochen haben kann. Hinzu kommt das Zeugnis Quintilians, der offenbar keinen Titel Iambi ftir Horaz kannte: (10,1,96; leider ist der Text problematisch) iambus non sane a Romanis celebratus est ut proprium opus t quibusdam interpositus t cuius acerbitas in Catullo, Bibaculo, Horatio (quamquam illi epodos intervenit) reperiatur. Klar wird immerhin, daß nach Quintilian die - durch bestimmte Kriterien zu beschreibende — Gattung Iambus von den Römern nicht als selbständige Gattung gepflegt wurde, wobei sich

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aber ein Kriterium dieser Gattung, die acerbitas, bei Catull, Bibaculus104 und Horaz findet. Horaz selbst macht darauf aufmerksam, daß er besonders die Versmaße des Archilochus ins Lateinische gebracht habe. Archilochus ist zwar einerseits der Inbegriff fur den verletzenden Iambus, andererseits gilt er aber auch als der erfindungsreichste Lyriker: (Victorin.gramm. VI 141,10) [...] Archilochum ferunt. quem parentem artis musicae iuxta multiformem metrorum seriem diversamque progeniem omnis aetas canit-, (143,18) auctore Archilocho varias numerorum species et ipsi commenti posteris tradicUrunt. Daher liegt im Gegensatz zu Iambi mit einem Inhalt, von dem Horaz sich distanziert, der Titel Epodon, der auf die Metren aufmerksam macht, nicht so fern, zumal verschiedene Sammlungen des Archilochus existierten, deren Titel in Zitaten erscheinen: έν έλεγείοις, έν τριμέτροις, έν τετραμέτροις, έν ίάμβω und auch έν έπωδοίς (z.B. Heph. Enchiridion 7,2). - Das Problem ist nicht zu lösen; erschwerend kommt hinzu, daß das letzte Stück gar keine epodische Form aufweist!106 Verwenden sollte man als Titel aber wohl Epoden, da nur dieser Titel, wenn auch erst in der Spätantike, bezeugt ist und man weder aus Horazens Verwendung des Wortes iambus auf den Titel schließen kann noch die gängige Charakteristik der Gattung auf Horazens ganze Sammlung zutrifft.

Horaz, Epistulae und Sermones Schon Porphyrio möchte gern die Titel aus dem Text erfahren und steht daher vor dem Problem, daß er Horaz selbst von Satura sprechen sieht, trotzdem aber die Titel Sermones und Epistulae vorfindet: (serm. 1,1) Quamvis saturam esse opus hoc suum Horatius ipse confiteatur, cum ait Sunt quibus in satura videar nimis acer, et ultra legem tendere opus', tarnen proprios títulos voluit ei accommodare. Nam hos priores duos libros Sermonum, posteriores Epistularum inscribens in sermonum nomine vult intellegi quasi apud praesentem se loqui, epistulas vero quasi ad absentes missas; (serm. 2,1) hos duos libros cum Sermonum inscripserit, tarnen de his sic loquitur quasi de satyra, Lucilium sequens·, (epist. 1,1) Flacci epistularum libri titulo tantum dissimiles a sermonum sunt. Nam et metrum et 104 Vgl. (Tac. ann. 4,34,5) carmina Bibaculi et Catulli referta contumeliis Caesarum leguntur. 105 Die Stellen bei WEST, siehe z.B. Nr.4, 17, 19, 195. 106 Vgl. die Sammlung Epistulae Heroidum, die auch Briefe von Männern enthält, siehe unten S.89.

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materia verborum et communis adsumptio eadem est. Die Titel werden trotz dieses Unbehagens beibehalten: (Ps.Acro serm. 1, praef.) Sermonum libri ideo dicti, quia vili sermone sunt potius quam tumenti, sive quia adpraesentes scribuntur. Epistulis enim ad absentes loquimur, sermone cum praesentibus. Quamvis igitur hoc opus satyram esse Horatius ipse profiteatur, cum ait: „Sunt quibus in satyra [...]", tamen proprios títulos voluit ei accommodare, hos priores duos libros Sermonum, posteriores Epistularum scribens\ (Schol.Xi|J epist. 1,1) Epistularum libri tantum nomine dissimiles a libris sermonum [...]; (ib. serm. 1,1) In his libris sermonum Maecenatem alloquitur. Hac autem prima écloga [ . . . ] . - Auch innerhalb der Kommentare wird manchmal zwischen epistula und sermo unterschieden (vgl. aber unten zu satura), z.B. (Schol.λφψ epist. 1,2) loquitur in hac epistula Lollio-, (ib.epist. 1,7) Hac epistula excusat se [...]; (Schol.Par. Lat. 17897 serm. 1,4,1; 1,5,1) in hoc sermone·, (Ps.Acro serm.2,2,2 nec meus hic sermo est) In hoc sermone sub persona Ofelli [...]. Neben der von Porphyrio zitierten Belegstelle für 'Satura' (serm. 2,1,1) gibt es noch eine weitere: (serm. 2,6,16f.) ergo ubi me in montes et in arcem ex urbe removi, / quid prius inlustrem saturis musaque pedestri? Aber Horaz spricht auch von Sermones·, (epist. 1,4,1 ) Albi, nostrorum sermonum candide iudex-, (epist. 2,1,250) nec sermones ego mallem [...].. Man muß sich damit abfinden, daß die authentischen Titel von Horaz nicht zu erfahren sind. Die Kommentatoren haben die Titel Epistulae und Sermones vorgefunden, und sie erläutern sie, obwohl sie sehen, daß Horaz selbst im Text sein Werk anders nennt. Hätte Horaz selbst die Bücher 'Saturae' genannt, hätte kein Grund bestanden, durch die Umbenennung in Epistulae und Sermones in den für die Kommentatoren unangenehmen und unlösbaren Widerspruch zum Autor zu treten. Die Tatsache, daß Epistulae und Sermones offensichtlich die 'lectio difficilior' darstellen, macht diese zu den 'vertrauenswürdigeren' Titeln, die ja — im Gegensatz zu satura — auch verwendet werden: (Fronto, p. 20,12 v. d. H ) namque Horatius Sermonum libro secundo-, (Non. p. 120,5) Oratius in lib II sermonum·, (Ps.Acro epist. 1,5,2) idem in sermonum primo [...]. Abgesehen davon, daß Horaz selbst zur Bezeichnung satura herausfordert, mag auch zur Verbreitung dieses Titels geführt haben, daß jeweils angegeben wird, wo Horaz auf Lucilius zurückgreift, dessen Werk mit satura gleichgesetzt wurde: (Mart. 12,94,7) audemus saturas: Lucilius esse laboras·, (Quint, inst. 10,1,93—95) Satura quidem tota nostra est [...] Lucilius [...] Horatius [...] Persius [...] alterum illud etiam prius saturae genus, sed non sola carminum varietate mixtum condidit Terentius Varrò. So sagt Porph. z.B. (serm. 1,5,1) Lucilio hac satyra aemulatur, vgl. die Angaben in den Viten: in der Vita vor Porph. heißt es:

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Scripsit lyrica, carminis auctorem secutus Alcaeum, quem in opere suo ita iactat: Aeolium carmen [...], artis poeticae unum, epodon unum, epistularum duos, sermonum duos , Lucilium secutus antiquissimum scriptorem, cuius ita meminit dicendo: Lucili ritu [...]; vgl. dagegen die Kurzfassung in der Vita vor Ps.Acro: In opere suo Alceum imitatus est, in satyra Lucilium. - Satura wird sowohl fiir sermones als auch für epistulae verwendet: 107 (Porph.serm. 1,2,2) colligit autem hac satura [...]; (serm.1,9,1) Refert hac satura [...]; et totum hunc sermonem dramatico charactere alterno sermone variai·, (Schol-λφψ serm. 1,9,1) Totus sermo dramaticus est. Refert hac satura [...]; (Porph.epist.2,1,250) [...] non enim malle[t] sermones, hoc est satyram, scribere [...]. - Allerdings finden sich in mittelalterlichen Bibliothekskatalogen, soweit es MANITIUS ZU entnehmen ist, nur die Bezeichnungen Sermones und Epistulae.

Properz Als Titel fìir Properzens erstes Buch werden aufgrund von zwei Textstellen 'Cynthia' und 'Monobyblos' diskutiert: (Prop. 2,24,1) Tu loqueris, cum sis iam noto fabula libro / et tua sit toto Cynthia lecta foro? Außerdem empfiehlt Martial Properz in einem Epigramm: (14,189) Monobyblos Property Cynthia - facundi carmen iuvenale Properti — / Accepit famam, non minus ipsa dedit. Viele Interpreten akzeptieren entweder 'Monobyblos' oder 'Cynthia' als Titel (sei es als authentischen, sei es als von einem Herausgeber ergänzten), z.T. wird eine Verbindung beider versucht; 108 FEDELI109 lehnt entschieden beide Titel ab. In der Tat spricht nichts für die Annahme des einen oder des anderen Titels, wie im folgenden gezeigt werden soll. Zunächst zu 'Monobyblos': Abgesehen von der ältesten Handschrift (N, ca. 1200, nur: incipit Propertius), steht Monobyblos als Titel in den Hss. (alle 14./15.Jh.). Allerdings finden sich neben diesem Titel immer auch die Namen 'Propertii Aurelii naute', so daß auch der Titel später hinzugeschrieben worden sein kann. - BIRT (Monobiblos, S.396) betont, daß Monobiblos als Titel in den Hss. älter sei als die erhaltenen Hss., da Richard de Fournival (um 1250) in der

107 In Hss. steht z.T. über den Sermones Satyra und die Nummer. 108 Bei SCHANZ/HOSIUS (Bd. II, S. 195) ist beides vereinigt: „Buchi führte nach der Geliebten, der die meisten Lieder gewidmet waren, den Namen [...]; ein selbständiges Büchlein (monobiblos) [...], darum stellt sich der Dichter am Schluß vor." 109 FEDELI, Il primo libro, S. 10-13; dort eine Zusammenfassung der Forschung mit Literaturangaben.

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Biblionomia 'Propertii Aurelii naute monobiblos' schreibe. - Abgesehen von der abermaligen Nachbarschaft von monobiblos und naute ist dies kein Beweis ftir die Authentizität des Titels, sondern nur für die Vorgänger der Hss. mit diesem Titel. Skeptisch muß weiter machen, daß sich bei Richard de Fournival auch folgende Titel und Namen finden: (tab.XI 125, Horaz) liber odarum·, (tab. XI 121) Valerti Marcialis coci Iulii Cesaris liber epygrammaton. - HAUPT (S. 286) weist darauf hin, wieviel verkehrte Gelehrsamkeit' sich in den überlieferten Namen des Properz ('Aurelii nautae') findet, und er zählt Monobiblos zur gleichen Kategorie, das ebensowenig als Titel auf dem Buch gestanden habe wie die Angaben in membranis, die Martial bei anderen Werken macht. Aber auch das Lemma bei Martial weist nicht auf einen Titel: (14,189) Monobyblos Properti\ Cynthia - facundi carmen iuvenale Properti - / Accepit famam [...]): Martial empfiehlt innerhalb der Apophoreta nicht nur Properz, sondern das zitierte Epigramm steht innerhalb einer Gruppe, in der auf verschiedene Autoren und ihre Werke hingewiesen wird: (14,183-196) Z . T . stehen als Lemmata nur die Namen der Dichter: (191) Sallustius; (193) Tibullus-, (194) Lucanus·, (195) Catullus. Der Name des Dichters steht ftir das Werk, gleichbedeutend mit z.B. scripta Catulli (Mart.2,71,3). Bei manchen Werken wird ein Titel genannt; im Unterschied zu den nur mit dem Verfasser bezeichneten Büchern handelt es sich hier lediglich um Teile aus dem Gesamtwerk: (183) Homert Batrachomachia] Perlege Maeonio cantatas carmine ranas; (185) Vergili Culex] Accipe facundi culicem, studiose, Maronis; (187) Μενάνδρου Θαίς; (192) Ovidi Metamorphosis·, (196) Calvi de aquae frigidae usu. Bei anderen Werken wird auf die besondere Buchform bzw. das besondere Schreibmaterial und den großen Umfang des Inhalts verwiesen: (184) Homerus in pugillaribus membraneis] Ilias et Priami regnis inimicus Ulixes / multiplici pariter condita pelle latent; (186) Vergilius in membranis] Quam brevis inmensum cepit membrana Maronem! ebenso (188) Cicero in membranis·, (190) Titus Livius in membranis-, (102) Ovidi Metamorphosis in membranis. Martial beschreibt in den Epigrammen weniger den Inhalt der Werke als die besondere Buchform. Die Frage ist nun, ob Martials Lemma Monobyblos zur Kategorie 'Werktitel' oder 'besondere Buchform' gehört. In der Suda kommt μονόβιβλος mehrfach vor (z.B. s.v. Φιλάγριος: [...] συντάξας βιβλία Ιατρικά, μονόβιβλα μέν ο , συντάγματα δέ ετερα ουκ όλίγα [...]) und bezeichnet dort Werke, die aus einer einzigen Rolle bestehen (so auch im Autorenverzeichnis der Digesten, siehe BIRT, Monobiblos, S.394). Daher nennt Martial hier wohl keinen authentischen oder jedenfalls zu seiner Zeit geläufigen Titel, sondern macht eine Aussage über eine besondere Buchform. Dabei handelt es sich wohl nicht um

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einen Hinweis auf eine Gesamtausgabe eines umfangreichen Werkes (bei weniger umfangreichen Werken reicht offenbar der Name des Autors), da Martial im Hinblick auf ein Gesamtwerk mit besonders umfangreichem Inhalt in membranis schreibt. Daher kann es sein, daß er hier nur das erste Buch meint, von dem auch das Epigramm spricht. Daß es sich um ein schmaleres Bändchen handelt, legt auch die Stellung des Epigramms innerhalb der Gruppe nahe: Martial nennt abwechselnd kleinere bzw. weniger ernste und umfangreiche bzw. ernsthafte Werke: Homeri Batrachomachia (frontem nugis solvere) - Homerus in pugillaribus membraneis (Ilias [...] Ulixes); Vergili culex (nucibus) - Vergilius in membranis (immensum Maronem); Menandri Thais (lascivos amores) - Cicero in membranis; Monobyblos Properti — Titus Livius in membranis {Livius ingens)·, Sallustius — Ovidi Metamorphosis in membranis (multiplici); Tibullus (Nemesis lasciva) - Lucanus·, Catullus - Calvi de aquae frigidae usu. Aus Martials Lemma ist daher immerhin zu schließen, daß man zu Martials Zeit nicht den 'ganzen' Properz abnehmen mußte, sondern ein einzelnes Buch erhalten konnte. Wenn aber Martial mit Monobyblos als Geschenk nur das erste Buch empfiehlt und Monobyblos nicht der Titel ist, sondern wie die Formulierung in membranis auf eine besondere Ausgabe bzw. Buchform hinweist, dann spricht das gleichzeitig auch gegen den gleich zu betrachtenden Titel 'Cynthia': Wenn für Martial 'Cynthia' der Titel des ersten Buches gewesen wäre, wie dem gleichen Epigramm z.T. auch entnommen wird, hätte er diesen Titel wie z.B. Menandri Thais als Lemma verwenden können. Aufgrund desselben Martial-Epigramms wird, wie gesagt, auch der Titel 'Cynthia' diskutiert: (14,189) Monobyblos Properti] Cynthia — facundi carmen iuvenale Properti - / Accepit famam, non minus ipsa dedit, zumal Properz schreibt: (2,24,1) Tu loqueris, cum sis iam noto fabula libro / et tua sit toto Cynthia lecta r

,110

joror Personennamen als Titel gibt es in verschiedenen Gattungen (siehe oben S.43), so daß grundsätzlich nichts gegen die Annahme eines solchen Titels spricht. Aber weder Mart. 14,189 noch Prop. 2,24,1 erlaubt einen Schluß auf einen Buchtitel: Zu Properzens Formulierung Cynthia lecta vgl. (am. 1,15,25) Tityrus et segetes [aì.fruges] Aeneiaque arma legentur; (fast. 1,10) saepe tibi pater est, saepe legendus avus-, (Mart. 5,60,4f.) in meis libellis / qualiscumque legaris ut per orbem; (ad Q . fr. 1,1,23) Cyrus ille a Xenophonte non ad historiae fidem scrip-

110 Zur Bestätigung des Titels zieht man auch folgende Stelle heran: (Prop. 2,34,93) Cynthia quin etiam versu laudata Properti (so z.B. RICHMOND, S.47).

Titel von Gedichtbüchern: Properz

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tus\u es handelt sich um eine Synekdoche 'Gegenstand statt Werk', 112 wie die geläufigere 'Autor statt Werk', ζ. B. (Cie.leg. 1,7) [...] ut unum Clitarchum [...] legisse videatur, (Ov. rem. 765) Quispoterit lecto durus discedere Gallo? Ebensowenig wie die zitierten Stellen enthält Martials Epigramm einen Hinweis auf den Buchtitel: Der Satz Cynthia -[...]aeeepit famam, non minus ipsa dedit bezieht sich auf die besungene Person, wie auch z.B. (Mart. 8,73,5-7) Cynthia te vatem fecit, lascive Properti; / Ingenium Galli pulchra Lycoris erat; / Fama est arguti Nemesis formosa Tibulli·, (am.3,9(8),31) Sic Nemesis longum, sic Delia nomen habebunt. - Auch die Apposition carmen zu Cynthia muß nicht konkret „das carrnen mit dem Titel Cynthia' bedeuten, auch wenn Ovid ähnlich formuliert: (rem.763f.) carmina quis potuit tuto legisse Tibulli / vel tua, cuius opus Cynthia sola fuit?, denn auch der folgenden vergleichbaren Stelle ist kein Werktitel zu entnehmen: (ars 3,333-338) possis [...] legisse [...] / [...] / etprofugum Aenean, altaeprimordia Romae, I quo nullum Latió clarius extat opus. Die vielen Nennungen der in Gedichten besungenen Geliebten sind ebensowenig bibliographische Bezüge auf die Werke wie die Anspielungen durch wörtliche oder verwandelte Anfangsworte (siehe oben S. 16); vielmehr sind die Liebesgedichte innerhalb der Sammlungen besonders wirkungsvoll und bekannt, so daß der Gedanke an den Dichter und sein Werk schnell mit dem an die von ihm besungene Frau verbunden wird, auch wenn die betreffenden Gedichte — anders als bei Properz B. 1 - nur einen geringen Teil der Sammlung ausmachen. Die vermeintliche Gewohnheit, die Namen als Buchtitel zu verwenden ( z . B . M C K E O W N , S. 1 0 6 : „conventional to refer to collections of lovepoems by the name of the beloved"), ist oft gar nicht so alt:113 z.B. schreibt R I B B E C K (S. 1 8 9 ) ohne jegliche Begründung: „Seine Delia, deren Namen das erste Buch der Elegien trug [...]". - Von den Werken, die sich hinter den Titeln Ναννώ (Mimnermos), Λεόντιον (Hermesianax), Λύδη (Antimachos), Ά ρ ή τ η (Parthenios) verbergen, weiß man zu wenig, um sie als stützende Parallelen nutzen zu können; vielmehr sieht es so aus, als handle es sich bei diesen eher um längere, z.T. katalogartige, aitiologische Stücke, die zwar Liebe zum Thema

111 Vgl. (fam. 9,25,1) Π α ι δ ε ί α ν Κΰρου, quam contrieram legendo. 112 In diesem Sinne ROTHSTEIN (ohne Bezug auf die Titel-Diskussion) zur Stelle: „Durch dieses allgemein bekannte Buch ist Cynthia Stadtgespräch geworden (vgl. Hor.epod. 1 l,7f. heu me, per urbem [...] fabula quanta fut) und jedermann liest sie oder liest von ihr." 113LUCK (Liebeselegie, S. 175) geht noch weiter (zu am.3,12): Da Ovid das Buch 'Corinna' genannt habe, müsse die erste Auflage mehr Gedichte über Corinna enthalten haben.

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Teil I : Buchtitel

haben, deshalb aber noch keine elegischen Gedichtbücher sein müssen (bes. zu Antimachos weisen die Testimonien auf alles andere als auf ein etwa mit Tibull vergleichbares Werk). 1 1 4 Selbst wenn die Titel authentisch sind, müssen die Frauen nicht im Mittelpunkt der Werke gestanden haben, denn der Titel kann auch angeben, wem das Werk gewidmet ist. 115 - Auch die i.d.R. angeführten lateinischen Parallelen können nicht als solche gelten, z.B. der vermutete Titel 'Lycoris' fur Gallus: 116 (Ov.am. l,15,29f.) Gallus et Hesperiis et Gallus notus Eois, / et sua cum Gallo nota Lycoris erit-, hier steht Lycoris als Schlüsselwort fur Gallus wie kurz zuvor z. B. uva und Ceres fur Hesiod, sol et luna fur Arat, fallax servus fur Menander: (am. 1,15,11) vivet et Ascraeus, dum mustis uva

tumebit

[...], (v. 16-18) cum sole et luna semper Aratus erit. / dum fallax servus, durus pater, improba lena / vivent et meretrix blanda, Menandros erit. — Ebensowenig können folgende Stellen als Belege für Buchtitel dienen: (Ov.am.3,9(8),31 f.) Sic Nemesis longum, sic Delia nomen habebunt, / altera cura recens, altera primus amor, (Prop. 2,34,87-93) haec quoque lascivi cantarunt scripta Catulli, / Lesbia quis ipsa notior est Helena, [...] et modo formosa quam multa Lycoride Gallus, [...] Cynthia quin etiam versu laudata Propertl·, (Mart. 12,44,5f.) Lesbia cum lepido te posset amare Catullo, / Te post Nasonem blanda Corinna sequi·, (Mart. 5,10,10) Norat Nasonem sola Corinna suum\ etc. Immer geht es um die Geliebten, die durch die Werke des Dichters berühmt wurden: 'Nemesis und Delia' sind berühmt, (weil sie in Gedichten des Tibull vorkommen); Gallus ist berühmt u n d mit ihm Lycoris (die er besungen hat). Noch weniger weist folgende Stelle auf Buchtitel: (Ov. trist. 1,6,1-3) Nec tantum poetae, / nec tantum

Clario Lyde dilecta

Coo Bittis amata suo est, / pectoribus quantum

tu nostris,

uxor, inhaeres [...]. Das einzige mit einem Titel eingeleitete Properz-Zitat findet sich übrigens, soweit ich sehe, bei Nonius: (p. 169,32) Propertius elegiarum

lib.IV[...].

114 (Catull. 95,10) populus tumido gaudeat Antimacho·, (Cie. Brut. 191) magnum illud quod novistis volumen-, (Prop.2,34,45) tu non Antimacho, non tutior ibis Homero·, (Quint, inst. 10,1,53) in Antimacho vis et gravitas [...] adfectibus et iucunditate et disposinone et omnino arte deficitur. 115Vgl. z.B. (Plut.Cons.ad Αρ.9, p. 106bc) [...] παραμύθιον της λύπης αύτω έποίησε την έλεγείαν την καλουμένην Λύδην, έξαριθμησάμενος τάς ηρωικός συμφωράς [...]. 116 Aufgrund anderer Textstellen wird für Gallus der Titel 'Amores' angenommen, siehe unten S. 83.

Titel von Gedichtbüchern: Ovid

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Ovid: Amores Den Titel Amores bezeugt Ovid ausnahmsweise ausdrücklich, allerdings in einem anderen Werk: (ars 3,343) deve tener libris, titulo quos signât Amorum, / elige·, auf den Titel wird angespielt: (am. 2,1,3) hoc quoque iussit Amor, (am. 3,15,1) Quaere novum vatem, tenerorum mater amorum-, (am. 3,1,69) teneri properentur Amores, / dum vacat: a tergo grandius urget opus. — Bezeugt ist der Titel sonst nur einmal: (Hist.Aug.Ael.5,9) [...] idem Ovidii libros amorum in lecto semper habuisse, idem Martialem, epigrammaticum poetam, Virgilium [...]. Im Cod. Regius steht der leicht korrupte Titel ANIMORUM.117 Ohne Grundlage hingegen bleibt jede Spekulation über den Titel 'Amores' auch für die Sammlung des Gallus und die anderer Elegiker (z.B. MCKEOWN, S. 104f.): Diese Diskussion wird geführt aufgrund der Verwendung des Wortes amores bei Vergil: (bue. 10,6) sollicites Galli dicamus amores·, (6,34) vestra meos olim si fistula dicat amores·, (6,52-54) certum est in silvis inter spelaea ferarum / malie pati tenerisque meos incidere amores / arboribus: crescent illae, crescetis amores. Obwohl sich SKUTSCH (S. 23) an Ovids Titel und an den Hinweis des Servius (bue. 10,1) amorum suorum de Cytheride scripsit libros quattuor erinnert fühlt, geht es an diesen Stellen sicher nicht um einen Verweis auf den Titel eines edierten Buches, sondern um die Darstellung von Gallus' Liebesleid. 118 Ebensowenig kann man andere Stellen, an denen das Wort amores verwendet wird, als Hinweis auf einen Buchtitel auffassen (wie es z. B. MCKEOWN für möglich hält, S. 105): (Prop. 1,7,5) nostros agitamus amores-, (Prop. 2,1,1) Quaeritis, unde mihi totiens scribantur amores-, (Hör. carm. 2,9,9, über Valgius Rufus) nec tibi vespero surgente decedunt amores. Dann müßte man auch an folgenden

117 Zur Bedeutung des Titels und zur Charakterisierung des Werkes durch den Titel siehe GAULY, S.37-39. 118

Obwohl man S K U T S C H an dieser Stelle immerhin so verstehen kann, daß seine weitere Argumentation auf diesem Gefühl beruht, wird von Späteren auf diese Stelle als auf den Beweis für diesen Buchtitel verwiesen, siehe z.B. P U E L M A (Aitien, S.221, Anm. 1): .Außer dem für Ovid bezeugten Titel darf auch für die 4 Elegienbücher des Gallus der Sammeltitel 'Amores' angenommen werden, wie schon Skutsch [...] vermutet hat nach Ed. 6. Daß Properz seinen Cynthia-Zyklus dem Leitbegriff Amores mit Titelfunktion unterstellte, zeigt deutlich II 1;" (S.221, Anm.2): „[...] έρωτικά π α θ ή μ α τ α Titel der Sammlung mythologischer Liebesfälle, die Parthenios dem Gallus [...] gewidmet hatte, was die Annahme der Bezeichnung Amores für Gallus' eigene Sammlung stützt." - C L A U S E N zu bue. 10 (S.288): „Gallus [...] poet of the Amores" mit Anm. 1: „The title, apparently, of the 4 books [...]." - Dagegen überzeugend GAULY, S. 34-36.

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Teil I : Buchtitel

Stellen Titel vermuten: (Ov.trist.4,10,45) saepe suos solitus recitare Propertius ignes; oder (Theocr. 1,19) τ ά Δ ά φ ν ι δ ο ς αλγε' άείδες.

,Ars' (Ovid und Horaz) Ars amatoria bieten die Hss. und ein Zitat: (Eutych. gramm.V 473,5) Oviditis artis amatoriae libro I. Der erste Vers des Werkes spricht nicht gegen diesen Titel, der leicht verändert aufgenommen würde (ars 1,1 f.): Si quis in hoc artem populo non novit amandi / hoc légat et lecto carminé doctus ametr, aus dem Index m u ß auf jeden Fall bereits hervorgegangen sein, worum es geht, denn ein späteres Buch soll sagen: (trist. 1,1,67) „inspice" die „titulum: non sum praeeeptor amoris"·, auf den Inhalt dieses Werkes bezieht sich Ovid besonders oft, wobei ars häufig erscheint, z.B. (am.2,18(19),19) aut artes teneri profitemur Amoris I ei mihi, praeeeptis urgeor ipse meis·, (rem. 9, an den Gott Amor) quin etiam docui qua possis arteparari; (rem. 487) artes tu perlege nostras·, (trist. 2,8); (trist 2,303f.) et proeul a scripta solis meretrieibus Arte / summovet ingenuas pagina prima manus\ (trist.2,239f.) at si, quod mallem, vacuum tibi forte fuisset, / nullum legisses crimen in Arte mea\ (trist. 2,251 f.) ecquidab hac omnes rigide summovimus Arte, / quas stola contingi vittaque sumpta vetat? (trist. 5,12,68) in ciñeres Ars mea versa foret, (Pont.2,9,73-76) stultam conscripsimus Artem [...] ut lateat sola culpa sub Arte mea·, (Pont. 2,10,12) nulla factus es Arte nocens-, (Pont. 2,11,2) Naso, parum faustae conditor Artis; (Pont. 1,1,12 an das Buch) qua steterant Artes, pars vacat illa tibi-, (Pont. 2,2,103f.) ingenti certe [...] / Artibus exceptis saepe probater eras. Da Ovid sein Werk so häufig Ars nennt, scheint es kaum möglich, daß diese Bezeichnung nicht im Titel stand. 119 Der Buchtitel bzw. Gattungsname ars hat eine interessante Geschichte: Cicero erwähnt unter der Bezeichnung ars häufig rhetorische Schriften, wobei er offenbar τ έ χ ν η übersetzt, da es sich um griechische Werke handelt, z.B. (fin. 4,7) scripsit artem rhetoricam Cleanthes-, (orat. 114) Aristoteles principio Artis

119 Den an Amores und Ars amatoria (oder amandi) anschließenden Titel Remedia Amoris hat N. Heinsius hergestellt, die Hss. bieten laut Ausgaben als Titel: remedia : de remediis : de remediis amoris : de remedio : de remedio amoris : de remedio amorum (siehe GEISLER, S. 55-57). Die ersten beiden Verse des Werkes zeigen, daß sich Amor von dem Titel angegriffen fühlt: Legerat huius Amor titulum nomertque libelli: I 'bella mihi, video, bella parantur' ait. Den Inhalt des Werkes paraphrasiert Ovid rem. 43: discite sanari per quem didicistis amare, und er schließt v. 814 carmine sanati femina virque meo.

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rhetoricae dicit, (Brut. 46) ait Aristoteles [...] artem etpraecepta Siculos Coracem et Tisiam conscripsisse.120 Welcher Art diese Werke sind, sagt Cicero deutlich in dem Moment, als er selbst ein solches schreibt: (inv. 2,4) Quod quoniam nobis quoque voluntatis accidit, ut artem dicendiperscriberemus, [...] omnibus unum in locum coactis scriptoribus, quod quisque commodissime praecipere videbatur, excerpsimus [ . . . ] . - Quintilian spricht ebenfalls von Artes, ζ. Β. (inst. 3,1,14) [...] ars est utriusque, sedpluribus earn libris Aristoteles complexus est, auch allgemeiner als Gattung (12,11,4) iura quaerentibus reddet aut etoquentiae componet artem, und er erwähnt auch ausdrücklich entsprechende Buchtitel: (2,17,1) transeamus igitur ad earn quaestionem quae sequitur, an rhetorice ars sit. quod quidem adeo ex iis qui praecepta dicendi tradiderunt nemo dubitavit, ut etiam ipsis librorum titulis testatum sit, scriptos eos de arte rhetorica [...]. Was Quintilian von diesen Büchern bzw. ihren Titeln hält, wird an der Stelle deutlich, wo er von Ciceros 'Ars' spricht: (3,6,64) M. Tullius non dubitavit aliquos iam editos libros aliis postea scriptis ipse damnare [...] hos ipsos, de quibus modo sum locutus, artis rhetoricae [=De inventione]. Vorher werden die betreffenden Bücher anders genannt: (3,6,50) Cicero in libris rhetoricis, (3,6,58) in primo Ciceronis rhetorico, und sie werden abschließend noch einmal beurteilt: (3,6,59) sed quod ipsius de his libris iudicium fiierit, supra dixi; sunt enim velut regestae in hos commentaries, quos adulescens deduxerat, scholae. Diesem ironisch als Ars bezeichneten und verworfenen Werk wird ein anderes hochgeschätzes gegenübergestellt: (3,6,60) Cicero quidem his pulcherrimos illos de Oratore substituit. Es ist deutlich, daß der Titel Ars den hohen Erwartungen, die auch Cicero stellt (z. B. de orat. 1,16 sed nimirum maius est hoc quiddam, quam homines opinantur, et pluribus ex artibus studiisque conlectum), nicht entsprechen kann: (Quint, inst.2,13,15-17) interim nolo se iuvenes satis instructos, si quem ex iis, qui breves plerumque circumferuntur, artis libellum edidicerint et velut decretis technicorum tutos putent. multo labore, adsiduo studio, varia exercitatione, plurimis experimentis, altissima prudentia, praesentissimo Consilio constat ars dicendi. [...] late ficsum opus est et multiplex et prope cotidie novum, et de quo numquam dicta erunt omnia. Titel, die zu hohe Erwartungen wecken, stoßen leicht auf Kritik, wie bereits an Plinius' und Gellius' Äußerungen zu sehen war, z.B. (nat.praef.24) inscriptiones, propter quas vadimonium deseri possit; at cum intraveris, di deaeque, quam nihil in medio

120 Außerdem für Bücher über Grammatik: (Rhet. Her.4,12,17) Haec qua ratione vitare possimus, in arte grammatica dilucide dicemus-, (Quint, inst. 1,5,54) hactenus de solecismo: ñeque enim artem grammaticam componere adgressi sumus; besonders dann in Spätantike und Mittelalter, z.B. (Serv.Aen. 1,96) in artibus legimus superlativum gradum [...].

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inventes! (Gell. 18,6,1) ei libro titulus est ingentis cuiusdam inlecebrae ad legendum; scriptus quippe est 'de loquendi proprietate '; quis adeo existimet loqui se recte atque proprie posse, nisi illas Melissi proprietates perdidicerit? (ähnlich ζ. Β. zu π α ν δ έ κ τ α ι ; siehe ausführlich oben S. 51). Auch die Artes können aus verschiedenen Gründen nicht halten, was sie versprechen, so z.B. (Quint.inst.5,13,59) haec praecipiunt qui ipsi non dicunt in foro, ut artes a securis otiosisque compositae ipsa pugnae necessitate turbentur. Ars als Ubersetzung von τ έ χ ν η ist etwas anderes als das Ziel Ciceros und Quintilians, z.B. (Rhet.Her. 1,1,1) [...] artem sine assiduitate dicendi non multum iuvare, ut intellegas hanc rationem praeceptionis ad exercitationem accommodari oportere, diese Werke enthalten vielmehr praecepta: (fin.4,5) quam multa non solum praecepta in artibus [...]. Läßt sich also zwar der griechische Titel τ έ χ ν η mit ars übersetzen, so fuhrt die Diskussion über Wesen und Inhalt der ars dazu, daß der lateinische Titel ars unpassend erscheint. - Ovid findet eine neue Möglichkeit, ars wieder zum Titel zu machen, vgl. H O R S F A L L (S. 105): „The title of the AA is [...] a key element in its parodie intent, in contrast to the formal exposition of the handbook (= ars / τέχνη)." Daß Ovid bei diesem Titel Horaz zum Vorgänger hat, ist wohl nicht wahrscheinlich. In Zitaten erscheint allerdings überwiegend das Wort ars·, z.B. (Quint, inst. 8,3,60) Horatius in prima parte libri de arte poetica; (siehe auch inst., praef.2); (Sidon.epist. [carm.22]6) [...] ut lyricus Flaccus in artis poeticae volumine praeeipip, (Porph.Vita) artis poeticae unum\lx hingegen schreibt Charisius an zwei Stellen (p.263,9 B.; 265,1) Horatius epistularum. - Ars als Bestandteil eines Titels weckt ganz bestimmte Erwartungen, die dieses Buch nicht erfüllt: Einerseits ist eine ars / τέχνη zu erwarten, ein Handbuch mit Regeln und Vorschriften, andererseits eine philosophische Betrachtung über Wesen und alle Komponenten der Ars. Die erste Erwartung betrifft B R I N K S Bemerkung (Proleg., S.233): „Ars Poetica, τ έ χ ν η ποιητική, is certainly a misnomer if you demand from an ars the exhaustive and rigorous treatment of a treatise or textbook. But not all ancient artes were exhaustive textbooks [...]"; vgl. schon J.C. SCALIGER (poet.praef.): „Nam et Horatius Artem quum inscripsit, adeo sine ulla docet arte [...]." Ars poetica als Name fur Horazens Werk ergibt sich also nicht gleichsam von selbst. Quintilians Einstellung zur Gattung Ars wird bei der Erwähnung von Ciceros 'Ars' deutlich. Wenn Ars nicht allen Lesern als Element im Titel von Horaz bekannt gewesen wäre, hätte Quintilians Bezeichnung im Einleitungs-

121 Weitere Stellenangaben bei

SCHANZ

I H o s i u s II, S. 135.

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Titel von Gedichtbüchern: Ovid

brief einen negativen Unterton; 122 diese Erwähnung bei Quintilian läßt sich daher kaum mit B R I N K als 'nickname' verstehen (Proleg., S.233): „Whether he named his poem Epistula ad Pisones de arte poetica, or just Epistula ad Pisones — the1 originai title had been outsted by a nickname, De arte poetica, or Ars Poetica, in the time of Quintilian, and perhaps earlier. The nicknames remained in the place of the original title in almost all of the ancient and the whole of the med. tradition." Quintilian muß diese Bezeichnung ohne vertrauliche oder negative Untertöne geläufig gewesen sein. Möglich ist folgende Entwicklung: Wenn der Titel ursprünglich epistula ad Pisones de arte poetica lautete, war angesichts von Horazens Sammlung Epistulae hier epistula das zum Zitieren am wenigsten geeignete Element, was das Übergewicht des Untertitels in den Zitaten leicht erklären würde. Verweise auf das Werk ließen sich mit der Bezeichnung Ars poetica knapper fomulieren als mit der Konstruktion mit de·, '23 eventuell spielt auch die Existenz des Titels ars bei Ovid für diese Entwicklung eine Rolle. Auch in den Hss. ist der Ausfall der ersten Hälfte epistula ad Pisones und die Veränderung des Untertitels de arte poetica zu Ars poetica als wahrscheinlicher anzusehen als die Ersetzung des ursprünglichen Titels durch einen 'Spitznamen'; denn an anderen Buchtiteln (bes. Bucolica, Carmina) ist zu beobachten, daß, auch wenn Titel sich im Laufe der Zeit ändern, dies erst nach der Spätantike eintritt und derartig grundlegende und bewußte Änderungen kaum je in die Handschriften Eingang finden.

Ovid, Tristia, Epistulae ex Ponto, Epistulae

Heroidum

Tristia geht aus den Hss. eindeutig hervor, nur die jüngeren Hss. geben de tristibus (siehe B A K K E R , S. 1 , mit Verweis auf O W E N , Tristium libri V, Prol. VIII); Epistulae ex Ponto wurde kombiniert aus den Titeln der Hss. (ex Ponto : epistularum : de Ponto). Ovid betont, daß er den beiden inhaltlich ähnlichen Werken, die er vom Ort seiner Verbannung nach Rom sende, unterschiedliche Titel gegeben habe: (Pont. 1,1,17) rebus idem, titulo d i f f e r t . Der erste Titel sei miserabilis und das

122 Daß Quintilian Horaz sehr schätzt, sagt er selbst (10,1,94; 96); dieser Würdigung tut keinen Abbruch, daß er sein Werk nicht ausnahmslos fur die Jugend zum Rezitieren empfiehlt (1,8,6) und er ihm in Einzelheiten widerspricht (10,1,94). 123 Vgl. (Serv.Aen. 1, praef., lin.94 HARVARD.) [ . . . ] etiam Horatius sicpraeeepit in Arte

Poetica:

[...]; (Diom.gramm.I 487,16) Horatius

in arte poetica·,

(Porph.ars) Hunc

librum, qui inscribitur de arte poetica, ad Lucium Pisonem [...] eiusque liberos misit

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Teil I : Buchtitel

erste wie das zweite Werk triste·. (Pont. 1,1,15) inventes, quamvis non est miserabilis index, / non minus hoc ilio triste, quod ante dedi. Dieser Hinweis auf den Charakter des ersten Werkes findet sich auch (trist. 3,1,9) inspice quidportem: nihil hie nisi triste videbis·, da anfangs (trist. 1,1,67) ebenfalls das Buch in Rom sagen soll: 'inspice' die ' titulum: non sum praeeeptor amoris', läßt sich auch inspice quid portem so verstehen, daß inspice bedeutet, daß zunächst der Titel gelesen werden soll. Die Erläuterung des auf dem Index Geschriebenen: (trist. 3,l,9f.) inspice quid portem: nihil hie nisi triste videbis, / carmine temporibus conveniente suis, erinnert an die von Gellius vorgebrachte Erklärung seines Titels e loco ac tempore (siehe oben S. 58). Ahnliche Hinweise gibt Ovid noch öfter: (trist. 5,1,3-6) hic quoque talis erit, qualis fortunapoetae: / inventes toto carmine dulce nihil. / flebilis ut noster status est, ita flebile carmen, / materiae scripto conveniente suae·, (trist. 5,1,47) interea nostri quid agant, nisi triste, libelli? Auf den bedeutungsvollen Titel weist auch besonders (trist. 5,1,23f.) quod superest, numéros ad publica carmina flexi, / et memores iussi nominis esse sui. Der Charakter des Inhalts wird, wie im gerade zitierten Vers (trist. 5,1,5), oft mit Synonymen benannt, z. B. trist. 5,1,25f.) si tarnen e vobis aliquis, tarn multa requiret / unde dolenda canam, multa (hienda tuli·, (trist. 5,1,35) 'quis tibi, Naso, modus lacrimosi carminisi'' — Wenn Oyid nicht das Metrum zum Titel machen wollte (was kaum möglich war, da er schon mehrere Werke in Elegischen Distichen veröffentlicht hatte), war es angesichts der verschiedenen Redesituationen (Anrede an das Buch; Gebet auf der Seereise; Beschreibung des Abschieds von Rom; Briefe, aber ohne Nennung des Adressaten; etc.) schwierig, die Gattung zu benennen. Die Stimmung hingegen, eine Benennung 'e temporibus', umfaßt alle Stücke. - Gleichsam als Warnung vor der Versuchung, aus dem Text von Gedichten auf den authentischen Titel zu schließen, schreibt Ovid: (trist. 5,2,1) Ecquid ubi e Ponto nova venit epistula, palles, und (trist. 5,4,1) Litore ab Euxino Nasonis epistula veni [...]. Bei dem zweiten Werk aus der Verbannung handelt es sich eindeutig um eine Briefsammlung, und die Adressaten sind i.d.R. namentlich genannt, worauf auch Ovid selbst hinweist (Pont. 1,1,17f.). Der Aufenthaltsort des Autors spielt natürlich in beiden Werken eine Rolle, z.B. (trist.5,1,1 f.) Hunc quoque de Getico [...] libellum / litore·, (Pont. 1,1,2) hoc tibi de Getico litore mittit opus. In dieser Briefsammlung trifft auf jedes Stück zu, was in der vorangehenden nur von einzelnen gesagt werden kann: (trist.5,2,1) e Ponto [...] epistula. Einzelne Briefe und Sammlungen werden i. d. R. durch den Namen des Adressaten näher bezeichnet, z.B. (Nepos Att. 16,3) undeeim volumina epistularum ab consulatu eius usque ad extremum tempus ad Atticum missarum·, (Sen. suas. 1,5) in

Titel von Gedichtbüchern: Ovid

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C. Cassi epistula quadam adM. Ciceronem; (Quint.inst.8,3,34) Cicero [...] in epistula ad Brutum·, (Gell. 1,22,19) in libro epistularum M. Ciceronis ad L. Plancum et in epistula M. Asini Pollionis ad Ciceronem·, da in dieser Briefsammlung Ovids die Adressaten wechseln und die Verbannung Auslöser und Thema der Briefe ist (vgl. Pont. 1,7,1-3 Littera [...] a saevis [...] usque Gaetis. indicai auctorem locus?), bietet sich der Name des Ortes ('e loco') an. Auch der Titel Epistulae Heroidum wurde erschlossen. Die Hss. geben laut Ausgaben als Titel: liber epistularum : de epistulis : liber heroidum; im wichtigen Cod. Puteanus steht von erster Hand kein Titel, und Priscian zitiert mit der Angabe (gramm.II 544,4) in Heroidibus. Ovid weist auf die Sammlung an zwei Stellen hin: (ars 3,345) vel tibi composita cantetur epistula voce·, (am. 2,18,21 f.) aut quod Penelopes verbis reddatur Ulixi / Scribimus et lacrimas, Phylli relicta, tuas [...]. LUCK (Ovidiana, S. 1 4 5 ) schließt aus der Tatsache, daß in den Hss. „Heroides und Epistulae gleich gut oder gleich schlecht bezeugt sind", daß im ursprünglichen Titel beide Elemente vorhanden waren,124 und fuhrt die Verwirrung darauf zurück, daß vor den Titel liber geschrieben wurde und so die Verbindung liber heroidum epistularum entstand. Der Hinweis auf dieses Werk in ars 3,345 (vel tibi composita cantetur epistula voce) wird zu selbstverständlich als Titel genommen, z.B. von POHLENZ (S.3): „Der Titel Epistulae ist durch Ars III 345 [...] gesichert"; PURSER in PALMER (Praef. S.X): „[...] Ars III 345 would lead to think that it was contained in the title"; LUCK (S. I45f.) schränkt diese Vermutung immerhin ein, da er im folgenden auf das zweite Element des Titels eingeht: „Geht man vom Selbstzeugnis des Dichters aus, so ist der Titel Epistulae natürlich eindeutig überliefert. Doch kann diese Form auch als (im Sg.) metrisch bequeme, zu keinen Mißverständnissen führende Abkürzung eines längeren Titels gelten." Obwohl, wie schon oft betont (siehe besonders S. 16), eine solche Erwähnung im Gedicht nicht das entscheidende Argument für den Titel sein darf, liegt hier sicher nahe, daß die eindeutig vorliegende Gattung im Titel bezeichnet war. Die Ergänzung der Absenderinnen muß nicht erst auf spätere Zeit angesetzt werden (so POHLENZ, S.3, Anm. 1: „Als Ovid später auch Briefe aus dem Pontus schrieb, mußte natürlich zum früheren Werke das unterscheidende Merkmal hinzutreten"), denn ohne einen solchen Hinweis mußte man annehmen, daß es

124 Auch bei Zitaten wird von Doppeltiteln häufig nur ein Teil genannt, siehe oben S. 14.

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Teil I : Buchtitel

sich um Briefe von Ovid handelte. Dem Einwand, daß auch Briefe von Männern zu der Sammlung gehören, wird damit begegnet (GIOMINI, S.XVI; L U C K , S. 146), daß diese in einer erweiterten Fassung hinzugekommen und der Titel des bereits bekannten Werkes nicht verändert worden sei.125

Abschluß Es darf nicht überraschen, wenn die meisten antiken Buchtitel aus moderner Sicht einfallslos wirken, denn i.d.R. wird lediglich das Thema oder die Gattung benannt. Besonders überraschend ist aus moderner Sicht, daß auch Titel von Gedichtbüchern keine Ausnahme machen: Zwar nicht von den Autoren ausdrücklich bezeugt, aber in der Sekundärüberlieferung am frühesten verwendet sind die Titel Bucolica, Carmina, Epistulae, Sermones, Epoden. In einigen Fällen läßt sich nur feststellen, wie die Werke nicht hießen: Weder 'Passer' noch 'Cynthia' oder 'Monobyblos' sind als Buchtitel nachzuweisen. Metaphorische Titel erhalten nur Sammelwerke, bei denen sich nicht konkret ein Thema benennen läßt. Die wörtliche Übernahme eines Titels muß nicht vermieden werden, sondern kann auf Vorgänger, Anschluß 126 oder Unterschiede hinweisen, z.B. (Ambr.off.l ,23-25): Dum igitur hunc psalmum considero, successit animo de Officiis scribere; de quibus etiamsi quidam philosophiae studentes scripserint ut Panaetius et filius eins apud Graecos, Tullius apud Latinos [...]. νideamus utrum res ipsa conveniat scribere de officiis et utrum hoc nomen philosophorum tantummodo scholae aptum sit an etiam in scripturis reperiatur divinis [...]; schon Cicero hatte sich ausdrücklich um die treffende Ubersetzung des griechischen Titels bemüht, siehe oben S.31. Die Reihe der dank der Retractationes bekannten Titel Augustins gibt einen guten Eindruck von der Form der Buchtitel in der Spätantike (siehe die dem Werk vorangestellten Capitula, die Liste der Werktitel). Nur wenige Titel bedürfen einer Erläuterung, z.B. Soliloquia (retract. 1,4,1) und De animae quantitate (retract. 1,8,1), siehe oben S. 13; überwiegend wird das Thema genannt,

125 Auch der Titel Epoden paßt nicht für das letzte Gedicht der Sammlung, siehe oben S. 76. 126 Zur Übernahme der Titel in der Geschichtsschreibung (annales, historiae), um die Kontinuität des Inhalts zu unterstreichen, siehe ZEHNACKER, HUBERT: Les oeuvres antiques peuvent-elles se passer de titre? L'exemple de l'historiographie romaine, in: FREDOUILLE ( H r g . ) , S. 2 0 9 - 2 2 1 .

Abschluß

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ζ. Β. De beata vita, De moribus ecclesiae catholicae et de moribus Manicheorum. Selten wird nur der Adressat benannt {Ad Simplicianum), der Name wird sonst immer ergänzt durch Informationen über Person oder Inhalt, z.B. Ad Cresconium grammaticum partis Donati, De spiritu et littera ad Marcellinum, De peccatorum meritis et remissione et de baptismo parvulorum ad Marcellinum·, auf Gegner wird mit contra verwiesen: Contra epistulam Donati heretici, Contra Adimantum Manichei discipulum, De Genesi adversus Manicheos. Auch Gattungsangaben dienen als Titel: Quaestionum, Soliloquiorum, Confessionum-, Expositio quarundam propositionum ex epistula apostoli ad Romanos. Die verschiedenen Formen können kombiniert werden: Ad Hieronymum presbyterum libri II unus de origine animae et alius de sententia Iacobi, Contra Pelagium et Caelestium de gratia Christi et de peccato originali ad Albinam Pinianum et Melaniam, De unico baptismo contra Petilianum ad Constantinum. Manchmal wird im Titel auf den Zustand des Werkes hingewiesen: De Genesi Epistulae ad Romanos inchoata expositio; De Genesi ad litteram liber unus imperfectus.— Ebenso prosaisch sind die Werkverzeichnisse von Gregor von Tours (hist, franc, a. E.) und Beda (hist, eccl. 5,24 a. E.), ebenso die bei Cassiodor in der Institutio passim anzutreffenden Werktitel. Im antiken Sinne definiert J.C. SCALIGER (poet.lib.3, cap. 123, S. 171c): „Inscriptio est uno, aut non multo pluribus verbis comprehensio eius partis operis, cuius partis gratia ceterae partes omnes veniunt ad totius constitutionem [...]. Bevor im dritten Teil auf dem Hintergrund der Buchtitel die Gedichtüberschriften betrachtet werden können, soll im zweiten Teil als weitere Vergleichsmöglichkeit die Benennung von kürzeren Textabschnitten in Inhaltsverzeichnissen bzw. durch Kapitelüberschriften untersucht werden.

Teil II : Organisation von Texten (besonders Fachbüchern)

durch Inhaltsverzeichnis, N u m e r i e r u n g u n d Kapitelüberschriften 1. Einleitung Neben den Buchtiteln müssen auch die Gliederungsmethoden längerer Texte als ein weiteres mit den Gedichtüberschriften verwandtes Phänomen betrachtet werden; da Inhaltsverzeichnis, Numerierung und Kapitelüberschriften zuerst und überwiegend in der Fachprosa verwendet werden, soll diese hier im Mittelpunkt stehen.

Ein Inhaltsverzeichnis und die entsprechende Numerierung

von Kapiteln sind nicht nur wichtige Orientierungshilfen für den Leser, sondern haben auch Einfluß auf den Text selbst: Ein Inhaltsverzeichnis kann eine für Autor und Leser sprachlich-stilistisch wenig reizvolle, ausformulierte Information über den zu erwartenden Inhalt ersetzen; ein numeriertes Inhaltsverzeichnis zusammen mit der entsprechenden Numerierung der Kapitel kann dem Benutzer mühsames Suchen im Buch bzw. im Gedächtnis ersparen, und, wie GUMBERT formuliert: (S. 111) „ce sont ces moyens qui font qu'un livre, à part son contenu et à part son rôle comme objet artisanal, esthétique ou économique, est aussi un instrument intellectuel." Die Verfügbarkeit mancher Gliederungsmittel spätestens seit Plinius d.Ä., der sie in seinem umfangreichen Werk nat. hist, verwendet und dadurch weithin bekannt gemacht hat (siehe unten S. 108), ist nicht zu bestreiten. In der Forschung spielt das Thema 'antike Buchorganisation' allerdings keine große Rolle; zwar findet sich zuweilen die Bemerkung, daß es keine Verweise auf Seitenzahlen gegeben habe, aber die Tatsache, daß man Kapitel numerieren konnte, wird meistens ignoriert. 128 Oft vermitteln Editionen einen falschen

127 Z u r Lehrdichtung, auf die diese Methoden übergreifen, siehe unten S. 154. 128 SCHUBART (Buch, S. 137f.): „ D i e Bezifferung der K o l u m n e n war in der Rolle über Versuche nicht hinaus gelangt, weil sie im G r u n d e keinen Zweck hatte [ . . . ] die neue B u c h f o r m machte durch ihre Gliederung in kleine Teile, die Blätter u n d Seiten, gerade das möglich, was die N a t u r der Rolle vereitelte, nämlich eine bestimmte Stelle sofort aufzuschlagen." Ebenso MAZAL, S . 6 9 .

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Teil II : Organisation von Texten

Eindruck, weil Nummern und Inhaltsverzeichnisse (d.h. Listen der Capitula l Tituli, zu den Wörtern siehe Anhang) ohne die übliche textkritische Sorgfalt herausgegeben werden, so daß sie - besonders in Verbindung mit modernen Zählungen - unbenutzbar sind (siehe unten bes. zu Columella und Isidor). In den einschlägigen Werken zur Buchgeschichte wird das Thema 'Buchorganisation' geradezu ignoriert, nur BIRT (Kritik) weist nach den Buchtiteln auch auf die Probleme von Kapiteleinteilung (S. 11) und Summarien hin (S. 12): „Ebenso sind [...] auch, wo nicht zwingende Verdachtsgründe vorliegen, die überlieferten Summarien an den Werk- oder Buchanfängen echt und vorne mit abzudrucken;" BIRT ist zu danken, daß er auf die Möglichkeit der Echtheit hinweist, seine Urteile im einzelnen sind aber häufig nicht zu halten (bes. zu Cato, siehe unten S. 128). Zu einzelnen Autoren (besonders zu Cato, Varrò, Columella) finden sich Hinweise in Praefationes und Kommentaren, doch allgemeinere Untersuchungen, die mehrere Autoren beachten, finden sich nur wenige: F R I D E RICI zieht neben vielen literarischen Beispielen auch Papyri und epigraphische Zeugnisse heran und hat manches richtig gesehen, ist im ganzen aber zu optimistisch, z.B. mit der Anerkennung des Inhaltsverzeichnisses bei Cato. Einige wichtige Anregungen für den griechischen Bereich gibt M U T S C H M A N N , der sich allerdings bei der Beurteilung der Echtheit sehr vom Geschmack leiten läßt; A L B I N O weist auf Papyri und etliche lateinische Beispiele, auch auf das Problem der Numerierung, hin, trennt aber nicht zwischen Inhaltsverzeichnis und Kapitelüberschriften und setzt insgesamt die Phänomene zu früh an (Cato und noch frühere). PALMER, für den hinsichtlich seines Themas 'Mittelalterliche Bücher' weniger die Authentizität als vielmehr die Existenz von Gliederungsprinzipien vor dem Mittelalter wichtig ist, weist u. a. auf das wenig beachtete Phänomen der Kapitelzählung hin. Zuletzt wird in dem Kongreßband 'Titres et articulations' (Hrg. FREDOUILLE) auf Lesehilfen und Gliederung in einigen Texten aufmerksam gemacht (IRIGOIN ZU griechischen Historikern, S. 127-134; SCHMIDT u.a. zu Gellius, Valerius Maximus, Solinus, S.223-232). Allerdings werden in den genannten Untersuchungen jeweils zu wenige Texte herangezogen, wichtige Stellen übersehen oder zeitlich zu weit voneinander entfernte Texte zusammengebracht, so daß viele Einschätzungen schon durch Hinzuziehen weiterer Textstellen revidiert werden können. In Prolegomena werden die Gliederungshilfen oft so pauschal betrachtet, daß unklar bleibt, was genau in den Handschriften vorhanden ist, was eventuell dem Autor zugesprochen werden kann und was vom Herausgeber stammt; besonders über eine eventuell in den Hss. vorhandene Numerierung wird in den wenigsten Fällen informiert. Noch seltener findet sich eine Bemerkung, von

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w e m eine (neue) Numerierung (Kapitel, Paragraphen) oder Inhaltsübersicht eingeführt wurde. H ä u f i g geht man auch frei mit d e m Vorgefundenen um: Selten wird der Leser über einen Eingriff des Herausgebers informiert wie etwa von VAN DAM (Saints, S. 163): „Gregory provides a list o f „headings" for each o f his books. Rather than following Gregory (and Krusch) in listing them as a table of contents, these translations have included them as introductory headings for each chapter." — In vielen Ausgaben ist man ohne derartige Bemerkungen ebenso verfahren; dennoch m u ß man sich im klaren darüber sein, daß schon antike u n d spätantike Autoren die Wahl zwischen verschiedenen Methoden des Aufbaus u n d der Präsentation von Texten hatten (z.B. Einteilung in numerierte Kapitel oder nicht). Aufgabe der Herausgeber ist es, eine möglichst autornahe Form wiederherzustellen und eventuelle spätere Eingriffe in den Text im Apparat oder in einem Anhang zu dokumentieren. In Beschreibungen von Hss. wird i . d . R . auf vorhandene Capitula-Listen hingewiesen; ob aber diese und / oder auch die Kapitel numeriert sind u n d ob es Kapitelüberschriften gibt, bleibt ebenso regelmäßig unerwähnt; der oft zu lesende Hinweis 'Tituli rubri' o.ä. läßt offen, ob damit die Buchtitel, d . h . Incipit und Explicit, oder Kapitelüberschriften gemeint sind. Der G r u n d fur diese allgemeine Vernachlässigung von Inhaltsverzeichnissen, N u m e r i e r u n g und Kapitelüberschriften scheint zu sein, daß diese Phänomene weder z u m eigentlichen Text gerechnet werden, noch zur 'Dekoration' wie Initialen u n d Miniaturen, noch zur Kategorie 'Buchfabrikation' wie etwa die Liniierung, noch zum Bereich der Paläographie; immerhin finden sich zum T h e m a 'Mise-en-page' Beobachtungen zu einzelnen Handschriften und Texten (bes. in d e m Kongreßband von MARTIN / VEZIN). - D a ß die Vernachlässigung dieses Aspekts antiker Texte dazu fuhrt, daß spätere Jahrhunderte fremde Lorbeeren ernten, läßt sich häufig beobachten und soll hier nur kurz angedeutet werden. Anerkannt und beschrieben ist die hochgradige Organisation einerseits der Buchseite durch Hilfsmittel im Layout, andererseits des ganzen Buches durch neue Formen im A u f b a u im 1 2 . - 1 3 . J h . ; erwähnt sei z . B . das Layout der Glossa ordinaria

(dazu PARKES, S . 3 6 ) und der Kommentare des Petrus Lombardus

zum Psalter u n d zu den Paulus-Briefen. ROUSE / ROUSE und PARKES zeigen die diesbezüglichen Fortschritte dieser Epoche an weiteren Beispielen auf und ziehen allgemeine Schlüsse daraus: ROUSE / ROUSE (Statim invenire, S. 191) stellen dar, wie das Sammeln des überlieferten theologischen und juristischen M a terials von Ordnungsstreben geleitet ist, wie zur alten O r d n u n g in der Reihenfolge der biblischen Texte (Glossa ordinaria im 12.Jh.) die neue O r d n u n g — mit

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Hilfe des Alphabets - tritt (Wortkonkordanz und Sachindex zur Bibel im 13. Jh.) und wie auf die Welle neuer Methoden des Ordnens auch neue Methoden zum Auffinden bestimmter Informationen folgen (siehe auch PARKES, S!37). 1 2 9 Sie zeigen (S. 192, S.197; siehe auch PARKES, S.35), daß neue Bedürfnisse einer veränderten Klientel von Lesenden bzw. Lernenden, nämlich der Wunsch nach schneller Bereitstellung kompakter Information, um auch die Memoria zu entlasten, dazu führen, daß die äußere Erscheinung der Seite ('Layout') als Hilfsmittel zum Auffinden genutzt wird; zum Standard-Layout gehörten um 1200 folgende Phänomene (ROUSE / ROUSE, S. 198): Kopfeeilen, rote Kapitelüberschriften, abwechselnd rote und blaue Initialen verschiedener Größen, Paragraphenzeichen, Bezeichnung der zitierten Autoren und Texte durch Abkürzungen bzw. bestimmte Zeichen, Untertitel innerhalb von Kapiteln in margine. Obwohl hin und wieder eingeräumt wird, daß eine derartige Organisation der Buchseite nicht erst im 12.Jh. erfunden worden sei, und fur einige Phänomene frühere Beispiele angeführt werden, wird durch die Zufälligkeit der angebrachten Beobachtungen aus Hss. oder aus der Forschung im Gesamtbild und in der Beurteilung der Entwicklung die Existenz von Vorgängern dann doch verdrängt. Vor der Untersuchung der einzelnen Phänomene, die zeigen wird, worauf im hohen Mittelalter zurückgegriffen werden konnte, da man es in früheren Handschriften vorfand, sollen zunächst einige kurze Bemerkungen und Beispiele zeigen, daß eine Betrachtung der Vorläufer im Layout bzw. der Organisation von Texten unerläßlich ist. Nicht erst Hss. des 11 .Jh., sondern viele Hss. des 8. und 9.Jh. bieten numerierte Inhaltsverzeichnisse und (im Prinzip) entsprechend numerierte Kapitel, z.T. auch Kapitelüberschriften. Dabei ist im allgemeinen keineswegs zu beobachten, daß sich Layout und Übersichtlichkeit antiker und spätantiker Texte in jüngeren Hss. verbessern, sondern es ist gerade das Gegenteil der Fall (siehe unten S. 156 zur Überlieferung von Kapitelnumerierung; S. 157 zur Überlieferung von numerierten Inhaltsverzeichnissen). Ein eindrucksvolles Beispiel für viele Elemente im Seitenlayout ist das althochdeutsche Evangelienbuch Otfrids von Weißenburg (zwei Hss. aus dem 9.Jh.): Dem Leser werden als Orientierungshilfen lateinische Kapitelüberschriften mit im Rand voranstehenden Nummern (wie in den buchweisen In-

129 Siehe dazu auch MEYER, HEINZ: O r d o rerum und Registerhilfen in mittelalterlichen EnzyklopädiehandscWriften, Frühmittelalterliche Studien 25, 1991, S.315-339.

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haltsverzeichnissen) und im Rand in kleinerer Schrift lateinische Zusammenfassungen geboten, so daß das Latein den volkssprachlichen Text einrahmt. 130 Das wohl am weitesten verbreitete Beispiel spätantiker Text- und Buchorganisation sind die Kanontafeln, mit deren Hilfe sich - wie heute in Konkordanzen - die entsprechenden Stellen bei allen Evangelisten schnell auffinden lassen. 131 Hieronymus erläutert das System (praef. evang. 53—57):132 Jedes Evangelium ist in numerierte Kapitel eingeteilt; in zehn Listen (Kanones) sind die Parallelstellen (in den verschiedenen Kombinationen) anhand der Kapitelnummern zusammengestellt, z.B. stehen im ersten Kanon die Kapitelnummern der Geschichten, die sich bei allen vier Evangelisten finden, im sechsten Kanon die Stellen, die Matthaeus und Marcus gemeinsam sind. Im Text steht neben jedem Kapitel sowohl die laufende Kapitelnummer (in schwarzer Farbe) als

130 Siehe das Faksimile (BUTZMANN). - Abb. von fol. I6V. des Cod.München Cgm 14 ( 1 0 . Jh.) auf Tafel 9 bei G I B S O N . 131 NESTLE / A L A N D , S.23: „Die ingeniöse Erfindung des Euseb ist noch heute von Interesse, sie kann durchaus den Gebrauch einer Synopse vorläufig ersetzen." - Vgl. dazu Dictionnaire de la Bible, Bd. I, Sp.493f. - NORDENFALK, bes. Einleitung S. 4554. - Siehe auch WIERUSZ KOWALSKI, GEORGES: Le découpage du texte évangélique selon les intérêts des groupes lecteurs, in: LAUFER (Hrg.), S. 11-21; V E Z I N , JEAN: Les divisions du texte dans les évangiles jusqu'à l'apparition de l'imprimerie, in: M A I E R U , A L F O N S O (Hrg.): Grafia e interpunzione de latino nel Medioevo, Seminario internazionale, Rom 27.-29.9.1984, Rom 1987, S. 53-68 (Lessico intellettuale europeo XLI); zur Entwicklung der neuen (fast der heutigen entsprechenden) Kapiteleinteilung aufgrund der Erfordernisse der Pariser Universität im 13.Jh. siehe: D'ESNEVAL, AMAURY: La division de la Vulgate latine en chapitres dans l'édition parisienne du XlIIe siècle, Rev. Sc. ph. th. 62, 1978, 559-568. 132 Cánones quoque, quos Eusebius caesariensis episcopus alexandrinum secutus Ammonium in decern numéros ordinavit, sicut in graeco habentur expressimus, quo si quis de curiosis voluerit nosse quae in evangeliis vel eadem vel vicina vel sola sint, eorum distinctione cognoscat. [...] In canone primo concordant quattuor [...] in secundo tres [...]. Singulis evangeliis ab uno incipiens usque ad finem librorum dispar numerus inscrescit. Hic nigro colore praescriptus sub se habet alium ex minio numerum discolorem, qui ad decern usque procedens indicai, prior numerus in quo sit canone requirendus. Cum igitur aperto codice verbi gratia illud sive illud capitulum scire volueris cuius canonis sit, statim ex subiecto numero doceberis, et recurrens ad principia in quibus canonum est distimia congeries, eodemque statim canone ex titulo frontis invento, ilium quem quaerebas numerum eiusdem evangelistae qui et ipse ex inscriptione Signatur inventes, atque e vicinia ceterorum tramitibus inspectis, quos numéros e regione habeant adnotabis; et cum scieris, recurres ad volumina singulorum et sine mora, reppertis numeris quos ante signaveras, repperies et loca in quibus vel eadem vel vicina dixerunt.

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auch darunter (in roter Farbe) die Nummer der Kanontafel, in der die betreffenden Parallelstellen verzeichnet sind. Doch auch schon Hieronymus hat Vorgänger, die er im genannten Abschnitt selbst nennt: Ammonius teilte gegen 200 n.Chr. in Alexandria die Evangelien in Kapitel und stellte auf der Basis von Matthaeus die entsprechenden Ausschnitte zusammen. Die entscheidende Weiterentwicklung, die Hieronymus übernahm, leistete Eusebius von Caesarea (ca. 260-339) mit der Erstellung der zehn Kanontafeln und dem entsprechenden Verweissystem mit Kanon- und Kapitelnummern (siehe den Brief des Eusebius an Carpanius).133 Dieses Bezugssystem setzt voraus, daß die Numerierung der Kapitel zuverlässig beibehalten wird, d.h. daß Leser und Schreiber von der Bedeutung der Numerierung überzeugt sein müssen. 134 In der Tat konnte bei der Entwicklung

133'Αμμώνιος μέν ó Άλεξανδρεύς [...] τό διά τεσσάρων ήμιν καταλέλουτεν Εύαγγέλιον, τω κατά Ματθαίον τάς όμοφώνους των λοιπών Ευαγγελιστών περικοπάς παραβείς, ώς έξ άνάγκης συμβήναι τον της ακολουθίας είρμόν τών τριών διαφθαρήναι, οσον έπί τω ϋφει της άναγνώσεως. ϊνα δέ σωζομένου και του τών λοιπών δι' ολου σώματος τε και ειρμού, είδέναι εχοις τούς οικείους έκαστου Εύαγγελιστοϋ τόπους, èv οις κατά τών ήνέχθησαν φιλαλήθως ειπείν, έκ του πονήματος του προειρημένου άνδρός είληφώς άφορμάς, καθ' έτέραν μέθοδον κανόνας δέκα τον άριθμόν διεχάραξά σοι τούς ύποτεταγμένους. ων ό μέν πρώτος περιέχει άριθμοϋς έν οις τά παραπλήσια είρήκασιν οί τέσσαρες [...]. ή δέ σαφής αυτών διήγησις εστίν ήδε: έφ' έκάστω τών τεσσάρων Ευαγγελίων άριθμός τις πρόκειται κατά μέρος, αρχόμενος από του πρώτου [...] μέχρι του τέλους του βιβλίου, καθ' έκαστον δέ άριθμόν ύποσημείωσις διά κινναβάρεως πρόκειται, δηλοϋσα έν ποίω τών δέκα κανόνων κείμενος ό άριθμός τυγχάνει [...] εί ούν άναπτύξας εν τι τών τεσσάρων Ευαγγελίων οιονδήποτε, βουληθείης έπιστήναί τινι ω βούλει κεφαλαία), και γνώναι τίνες τά παραπλήσια είρήκασι, και τούς οικείους έν έκάστψ τόπους εύρεΐν, έν οις κατά τών αυτών ήνέχθησαν, ης επέχεις περικοπής άναλαβών τον προκείμενον άριθμόν, έπιζητήσας τε αυτόν ένδον έν τω κανόνι, δν ή διά του κινναβάρεως ύποσημείωσις ύποβέβληκεν, εϊση μέν ευθύς έκ τών έπί μετώπου του κανόνος προγραφών, όπόσοι και τίνες τά παραπλήσια είρήκασιν. έπιστήσας δέ και τοις τών λοιπών Ευαγγελίων άριθμοις τοις έν τώ κανόνι ω έπέχεις αριθμώ παρακείμενος, έπιζητήσας τε αυτούς ένδον έν τοις οίκείοις έκάστου Ευαγγελίου τόποις, τά παραπλήσια λέγοντας εύρήσεις. 134 W i e weit ein spätantiker Autor mit dem Layout (sogar in verschiedenen Farben) und folglich mit den Anforderungen an die Schreiber gehen konnte, zeigt auch die Chronik Eusebs, in der in mehreren Kolumnen in doppelseitiger Anlage überwiegend (Jahres-) Zahlen mit kurzen Informationen geboten werden; vgl. die Worte des Hieronymus im Vorwort: (chron.epist., p.5,1) [ . . . ] historia multiplex est habens

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der Kanontafeln und der zweifachen Numerierung der Kapitel auf Kapitelnumerierung und Numerierung von Verzeichnissen als auf längst gebräuchliche Mittel zurückgegriffen werden, wie im folgenden zu zeigen ist. Zunächst werden nach kurzen Vorbemerkungen die einzelnen Phänomene Inhaltsverzeichnis, Numerierung und Kapitelüberschriften getrennt voneinander betrachtet und im Anschluß daran ihr gemeinsames Auftreten in einigen Werken untersucht.

2. Die verschiedenen Gliederungsmittel Notwendige Unterscheidungen: zwischen Inhaltsverzeichnis und Kapitelüberschriften, zwischen Kapitelüberschriften und Kapitelgliederung Die verschiedenen Methoden zur Gliederung von Texten müssen getrennt untersucht werden. Zunächst ist zu betonen, daß Inhaltsverzeichnis und Kapitelüberschriften zwei verschiedene Phänomene sind; zweitens sind die optische Gliederung eines Textes in Kapitel und die Existenz von Kapitelüberschriften zu trennen. Inhaltsverzeichnis und Kapitelüberschriften werden häufig in einem Atem genannt, als sei selbstverständlich, daß beides gleichzeitig entstanden sei. Es ist aber äußerst wichtig, die Untersuchung von Inhaltsverzeichnissen (d.h. Listen von Capitula / Tituli, zu den Wörtern siehe Anhang) und Kapitelüberschriften (d.h. den entsprechenden Elementen aus dem Inhaltsverzeichnis innerhalb des Textes) zu trennen, sowohl im allgemeinen als auch bei jedem einzelnen Text, wie M A R R O U für Augustin, De civitate Dei, gezeigt hat (Retractado, S. 520f.): 135 „Nichts ist trügerischer als die von den heutigen Herausgebern der Civitas Dei gewählte Art der Darbietung, bei der die Bücher in autonome Kapitel zerlegt werden, von denen jedes eine eigene Überschrift trägt. Diese Überschriften sind sicher sehr alt und gehen vielleicht auf Augustinus selbst zurück. Doch ergibt die Durchsicht der ältesten Manuskripte, daß diese tituli zunächst in einen Index gehört haben, der für sich abgeschrieben wurde, oder allenfalls am Kopf

barbara nomina, res incognitas Latinis, numéros inextricablies, virgulas rebus pariter ac numeris intertextas, ut paene difficilius sit legendi ordinem discere quam ad lectionis notitiam pervenire. Unde praemonendum puto, ut, prout quaeque scripta sunt, etiam colorum diversitate serventur, ne quis inrationabili aestimet voluptate oculis tantum rem esse quaesitam et, dum scribendi taedium fugit, labyrinthum erroris intexat. 135 Siehe ausführlich den Aufsatz von MARROU, La division en chapitres.

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des Werkes erschien. Die Übereinstimmung des Werkes mit dem Index kann als gesichert gelten durch eine Reihe von Zahlen, die so verteilt sind, daß sie d^n Zusammenhang des genannten Textes nicht unterbrechen. In diesen Manuskripten erscheint jedes Buch als ein Block, und es ist sicher, daß in Augustins Denken das Buch die literarische Einheit darstellt." - Daß Augustin sicher keine Zwischentitel im laufenden Text von De civitate Dei vorgesehen hat, zeigt sich schon daran, daß sie an vielen Stellen beim Lesen den Zusammenhang stören; viele Anschlüsse sind durch die eingefugten Überschriften nicht mehr sinnvoll. M A R R O U (Division, S.235) hat daraufhingewiesen, daß diese Kapitelüberschriften erst von Herausgebern des 15. und 16.Jh. eingefügt worden seien (allerdings habe ich mit Cod. Montecassino 14 (10./II.Jh.) einen Vorläufer dieser neuzeitlichen Herausgeber gesehen: In dieser Handschrift gibt es bereits numerierte Kapitelüberschriften im Text); zum Inhaltsverzeichnis flir De civitate Dei siehe unten S. 118. Selbst wenn sicher ist, daß ein Inhaltsverzeichnis vom Autor stammt, ist damit noch offen, ob auch die Verwendung der einzelnen Einträge des Verzeichnisses als Kapitelüberschriften authentisch ist. Wenn man jedoch zeigen kann, daß Kapitelüberschriften nicht original sind, weil sie in Hss. an falschen Stellen (manchmal mitten in Sätzen) stehen, so ist dies noch kein Argument gegen dieselben Formulierungen als vorangestellte Capitula-Liste. Auch sprachliche Untersuchungen von Kapitelüberschriften können zunächst nur zeigen, ob die Formulierungen vom Autor stammen, aber nicht, an welcher Stelle diese ursprünglich standen (siehe bes. zu Vegetius, S. 144). Für diese Frage ist eine Betrachtung der Struktur des ganzen Textes erforderlich. Da zu beobachten ist, wie Kapitelüberschriften aus den entsprechenden Inhaltsverzeichnissen hervorgehen und nicht umgekehrt fur Inhaltsverzeichnisse bereits vorhandene Kapitelüberschriften eines Textes zusammengestellt wurden (siehe bes. zu Columella, unten S. 138), werden im folgenden Inhaltsverzeichnisse zuerst betrachtet. Daß nur Inhaltsverzeichnisse ohne entsprechende Kapitelüberschriften vorhanden sein können, zeigen die Capitula in der Bibel: Die Bücher der Bibel sind in spätantiken und mittelalterlichen Hss. mit numerierten Inhaltsverzeichnissen versehen, und die Kapitel sind entsprechend numeriert, aber in der gesamten Überlieferung finden sich keine Kapitelüberschriften (PETITMENGIN, Manuscrits de da Bible, S. 102). Die Texte wurden in numerierte Kapitel eingeteilt (siehe oben S.97 zu den Kanon tafeln), und fur die Kapitel wurden Zusammenfassungen formuliert, aber in den Text selbst wurde nicht in dem Maße eingegriffen, daß diese Zusammenfassungen eingefügt worden wären. Auch im

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Mittelalter entstehen Texte mit Inhaltsverzeichnissen, aber ohne Kapitelüberschriften. Daß z.B. die Elemente des Inhaltsverzeichnisses in Bedas Historia ecclesiastica nicht auch als Kapitelüberschriften vorgesehen waren, ergibt sich aus der Verwendung von Pronomina, die nur in der Abfolge des Inhaltsverzeichnisses verständlich bleiben, z. B. in Buch 1: 2 Ut Brittaniam primus Romanorum Gaius Iulius adierit, 3 Ut eandem secundus Romanorum Claudius [...], 28 Ut papa Gregorius epistulam Arelatensi episcopo [...], 29 Ut idem Augustine pallium [...]. Auch zu weiteren Werken finden sich in Handschriften, die häufig von der Zeit des Autors nicht allzu weit entfernt sind, zwar Inhaltsverzeichnisse, aber keine Kapitelüberschriften, siehe z.B. Walahfrid Strabo, Vita St. Galli·, Paulus Diaconus, Historia Langobardorum; Cassiodor, Historia ecclesiastica tripartita. — So erklärt sich auch, daß es zu einigen Werken in verschiedenen Hss. unterschiedliche Inhaltsverzeichnisse gibt (z.B. Augustin, De Trinitate, Enchiridion)·, wenn die Angaben des Inhaltsverzeichnisses nicht gleichzeitig als Kapitelüberschriften erscheinen, kann ein Inhaltsverzeichnis leicht durch ein anderes ersetzt werden. FISCHER (Bibelhandschriften, S.39) weist daraufhin, daß Beigaben wie Prologe und Capitula zu den Büchern der Bibel oft unabhängig vom zugehörigen Text weit gewandert sind. In anderen Fällen ist deutlich zu sehen, wie der Text selbst - dem man nicht mit soviel Ehrfurcht begegnete wie dem Bibeltext - durch das Eindringen von Kapitelüberschriften aufgebrochen wurde. Columella z.B. hat selbst eine Inhaltsübersicht angefertigt, und es ist deutlich zu sehen, wie Spätere sich gemüht haben, die Einträge des Verzeichnisses auch als Kapitelüberschriften zu verwenden (siehe unten S. 138). Die Trennung zwischen Inhaltsverzeichnis und Kapitelüberschriften muß grundsätzlich vorgenommen werden, z.B. bei den folgenden Autoren: Über Valerius Maximus herrscht Einigkeit, daß die überlieferten Kapitelüberschriften nicht vom Autor stammen, z.B. RÖMER (S. 100, Anm.7): die „Kapiteleinleitungen erfüllen die Funktion von Überschriften, die überlieferten Zwischentitel können daher in dieser Form nicht vom Autor stammen." Die Zwischentitel stehen, wie THORMEYER anmerkt (S.33f.), teils vor, teils nach den ausformulierten Einleitungen des Autors, oft stören sie den Zusammenhang. Nach THORMEYER (S.33) müssen sie zur Zeit der Epitomatoren Julius Paris und Ianuarius Nepotianus bereits vorhanden gewesen sein, da beide ungefähr die gleichen verwenden (S.34). In der neuen Teubneriana (ed. J O H N BRISCOE, Stuttgart und Leipzig 1998) wurde auf die Kapitelüberschriften nicht verzeichtet, und es wurden aus Julius Paris und Ianuarius Nepotianus Kapitel mit

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den zugehörigen Überschriften ergänzt (vgl. 1,2-4). 136 - Auch hier ist aber zu bedenken, daß die Entwicklung wie ζ. B. bei Columella in mehreren Schritten vor sich gegangen sein kann. Zwar verwendet Ianuarius Nepotianus Kapitelüberschriften, die mit denen, die zu Valerius Maximus überliefert sind, übereinstimmen (und bei ihm ersetzen sie, anders als bei Valerius Maximus, die Einund Überleitungen, da er auf möglichste Kürze bedacht ist, wie er im Vorwort betont); das beweist aber noch nicht, an welcher Stelle er sie gelesen hat, ob als Inhaltsverzeichnis oder als Kapitelüberschriften. Die Tatsache, daß Kapitelüberschriften sich nicht in den Text fugen, m u ß nicht automatisch zur Aberkennung einer vor dem Werk stehenden Capitula-Liste führen, sondern beides ist von den Herausgebern in jedem Einzelfall getrennt zu betrachten. - Das gleiche Problem besteht bei Florus: JAL (Intr. S.XIV-XVIII) spricht Florus sowohl Kapitelüberschriften als auch die Capitula-Liste ab, u.a. weil die Kapitelüberschriften z.T. an unsinnigen Stellen stehen (S.XVI). - Auch bei Solinus werden beide Phänomene gleichzeitig behandelt, MOMMSEN (Praef. XCVII): „Rubricas omnes non profecías esse ab auctore declarat primum inepta et subabsurda operis divisio vel hoc auctore non bono indigna, deinde barbarismi minime Soliniani [...] deinde mendae ex archetypo depravato in rubricas illatae [...];" (die Rubricae führt er S.223-232 an). Für die Authentizität der Rubriken argumentiert WALTER (S.23f.), der MOMMSENS Kritik mit der These begegnet, Solin habe manche Schreibarbeiten nicht selbst ausgeführt und zeige ferner hinsichtlich der Rubriken eine gewisse Sorglosigkeit. Auch hier müssen Inhaltsübersichten und Kapitelüberschriften getrennt untersucht werden; bei der Beurteilung des Inhaltsverzeichnisses m u ß in diesem Fall besonders bedacht werden, daß Solinus den Inhalt größtenteils aus Plinius' nat. hist, schöpft und dort auch ein Inhaltsverzeichnis vorfand. So zeigt eine gründliche Studie der Handschriften tatsächlich u.a., daß die Paragraphen schon in der Antike numeriert waren (VON BÜREN, S.32f.).

136 Allerdings wurden die Überschriften nur im Text, nicht im vorangestellten Inhaltsverzeichnis ergänzt, so daß man bei der Lektüre Kapitel(überschriften) findet, die nicht angekündigt sind (vgl. das Inhaltsverzeichnis für Buch 1 mit den Kapitelüberschriften). Auch an anderen Stellen, wo es sich nicht um Text der Epitomatoren handelt, finden sich mehr Kapitelüberschriften als Einträge im Inhaltsverzeichnis, vgl. z.B. im Verzeichnis für Buch 6: [...] 4 Graviter dicta aut facta, 5 De fide publica, 6 De fide uxorum erga viros, 7 De mutatione morum aut fortunae, hingegen als Überschriften in Buch 6: 4 Graviter dicta aut facta, 5 De iustitia, 6 De fide publica, 7 De fide uxorum erga viros, 8 De fide servorum, 9 De mutatione morum aut fortunae·, vgl. unten S. 134f. zu Columella.

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Bevor aber nun das Phänomen 'Inhaltsverzeichnis' untersucht werden kann, ist weiter zu klären, wie die Kapitel, auf die in einem Inhaltsverzeichnis verwiesen wurde, als solche erkennbar waren. Für den griechischen Bereich ist dank vieler Papyri der Gebrauch der Paragraphos zur Markierung der Zeile, in der ein Abschnitt endet, gut dokumentiert und entsprechend kommentiert.

Außerdem kann bei Listen der Beginn eines neuen Ein-

trags durch ε κ θ ε σ ι ς bzw. ε ϊ σ θ ε σ ι ς deutlich markiert werden; z . B . zeigt P.Tebt. B d . 3 , 1 ( 3 . J h . v . C h r . ) eine Liste von Tragödiendichtern: Die N a m e n ragen in den linken Rand, und das E n d e der Aufzählung zu einem Dichter ist durch Paragraphos angezeigt. M i t dem gleichen Verfahren von ε κ θ ε σ ι ς bzw. ε ϊ σ θ ε σ ι ς sind auf Papyri erhaltene Lexika gestaltet, worauf NAOUMIDES (S. 184) aufmerksam macht (mit Abbildungen): D a s L e m m a , mit d e m immer eine neue Zeile begonnen wird, auch wenn in der vorangehenden noch Platz ist, ragt in den linken Rand; weitere Zeilen zu einem L e m m a sind eingerückt. D a das griechische und das lateinische Schriftbild durchaus nicht in allen Aspekten übereinstimmen, 1 3 8 darf auch die Frage der optischen Abschnittsbzw. Kapitelmarkierung in lateinischen Texten nicht ohne weiteres anhand griechischer Papyri beantwortet werden; denn während für lateinische Texte tatsächlich ε κ θ ε σ ι ς das gebräuchliche Mittel gewesen zu sein scheint, wird in der Forschung einerseits häufig auf die Paragraphos verwiesen, andererseits wird häufig die Möglichkeit ausgeschlossen, daß andere als Lehr- oder Sammelwerke in Kapitel eingeteilt waren; MUTSCHMANN ( S . 9 5 ) n i m m t an, daß das A u f k o m m e n des Kapitels und der Kapitelüberschrift untrennbar verbunden seien, und zwar im Z u s a m m e n h a n g mit d e m Entstehen großer Sammelwerke ohne literarische Aspirationen; ebenso ALBINO ( S . 2 3 4 ) : „la divisione in capitoli [...] adoperata solo per opere con un chiaro fine pratico o per scritti miscellanei [...] mentre non è mai adottata dagli scrittori che avessero un' alta coscienza artistica [ . . . ] . " -

Optische

Einteilung der Sinnabschnitte spricht aber nicht gegen literarische A m b i tionen u n d bedeutet nicht, daß über jedem Abschnitt auch eine Überschrift: stehen muß.

137 Siehe bes. JOHNSON, W.A.: The Function of the Paragraphus in Greek Literary Prose Texts, ZPE 100, 1994, S.65-68; außerdem in Tafelsammlungen (SEIDER, TURNER) S.V. Paragraphos. 138 Siehe z . B . ANDERSON / PARSONS / NISBET (S. 1 3 0 ) zur G e s t a l t u n g der D i s t i c h e n

auf dem Gallus-Papyrus: „[...] pentameters are indented. This seems to have been a Latin but not a Greek practice."

Teil II : Organisation von Texten

104

Deutliche εκθεσις sieht man bei vielen lateinischen Inschriften, z.B. auf der Bronzetafel mit der Rede des Claudius (CIL XIII 1668, 48 n.Chr.). 1 3 9 Besonders wichtig sind fiir diese Frage die bronzenen Gesetzestafeln aus dem 1 .Jh.v.Chr. und l.Jh.n.Chr., die 'Lex Rubria' (49 v.Chr.?, CIL I 2 592) und die 'Lex Malacitana (81/83 n.Chr., CIL II 1964): Der Anfang jedes Abschnittes ist weit nach links ausgerückt, und unter diesem herausragenden Textanfang steht jeweils die Nummer des Abschnittes (außerdem gibt es zentrierte Überschriften, siehe dazu unten, S. 123; siehe die Abb. bei BRUNA).

Folgende Stellen bei Cicero zeigen, daß Abschnitte in Texten als caput bezeichnet werden konnten, z.B. (leg.2,62) [...] legis interpretes, quo capite iubentur sumptum et luctum removere [...]; (leg.agr.2,26) et is orbem terrarum constringit novis legibus, qui quod in secundo capite scriptum est non meminit in tertio? (fam.3,8,4, über ein Edikt) [...] diligentissime scriptum caput est quod pertinet ad minuendos sumptus civitatum; quo in capite sunt quaedam nova [...]; (Verr.II 1,118) [...] sicut modo in ilio capite Anniano de mulierum hereditatibus, nunc in hoc de hereditatum possessionibus [...]; ebenso (Verr.II 1,111); siehe auch (Gell.2,15,4) sicuti capite VII legis Iuliaepriori ex consulibus fasces sumendi potestas fit. Auch außerhalb des juristischen Bereichs kann caput 'Abschnitt' heißen: (Cie.fam.3,8,2) duo capita epistulae\ (Cie.leg. 1,21) [...] teprimum caput viri optimiprodidisse, in quo scripsit nihil curare deum [...]; (Gell. 11,10,1) Quod in capite superiore [...] diximus; zu caput siehe auch unten S.324; siehe auch ThLL s.v., Sp.424,81. - V E Z I N (paragraphes, S.42f.) verweist auf die bei Inschriften und Papyri seit dem 1.Jh.v.Chr. zu beobachtende Möglichkeit des Ausrückens bei juristischen und administrativen Inhalten und außerdem anhand einer Hs. des Codex Theodosianus aus dem 6. Jh. auf numerierte Kapitel mit Überschriften. Es m u ß aber festgehalten werden, daß diese Gliederungsmittel nicht nur auf die Bereiche Administration und Recht beschränkt waren 140

139 Abbildung bei GORDON, A. E., Illustrated Introduction to Latin Epigraphy, Berkeley 1983, S. 117. 140 VEZIN (paragraphes, S. 43) verweist auch auf die Kapitelgliederung im Cod. Puteanus für Livius (5.Jh.) und überhaupt in Codices des 5. und 6.Jh. für klassische Texte und Kirchenväter. VEZIN hebt das Bemühen der Schreiber um die Gliederung hervor, ohne allerdings die Rolle der Autoren selbst zu benennen. Denn wenn ein Schreiber in 4. oder 5.Jh. literarische Texte gliedern konnte, hatte auch ein Autor selbst diese Möglichkeit; die oben zitierten Stellen zu caput zeigen außerdem, daß schon Cicero das Phänomen 'Abschnitt/Kapitel' kannte.

Gliederungsmittel: Voraussetzungen

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und daß die Möglichkeit, Kapitel zu numerieren, um einige Jahrhunderte älter ist (siehe unten S. 115). Der Anfang, das caput eines Abschnittes (caput= initium, vgl. ThLL s.v., Sp. 408,42; 415,16; 415,84; 424,81), ragt, wie auf Inschriften zu sehen ist, deutlich in den Rand hinein. Das Wort caput bezeichnet außerdem den gesamten Text von einem caput bis zum nächsten, wie dt. 'Absatz', 'Abschnitt'. 141 Wichtig ist die von R A F F A E L L I (S. 18) in anderem Zusammenhang angeführte Beobachtung, daß die Ausdehnung der εκθεσις, als Möglichkeit zur Markierung des Kapitelbeginns, immer geringer wird: Werden zuerst mehrere Buchstaben ausgerückt, verengt es sich später auf einen einzigen Buchstaben (siehe unten S. 157 zum Inhaltsverzeichnis). Um Platz zu sparen und trotzdem die Erkennbarkeit des Neueinsatzes zu gewährleisten, wird der eine ausgerückte Buchstabe vergrößert, woraus sich dann die Kunst der Initiale entwickelt. 142 Da die optische Einteilung in Kapitel nur durch Spatien - also eigentlich ein negatives und nicht sicher vorhandenes Zeichen - angezeigt war, konnte sie leicht verlorengehen; dies zeigt ein zufälliges Beispiel, Cod. Casanatensis 162 (9./10.Jh.) mit Augustine Confessiones: Wie deutlich auch an weiteren Merkmalen zu sehen ist, wechseln sich zwei Schreiber lagenweise ab. Der eine Schreiber markiert Abschnitte, indem er sie mit einem in den Rand ausgerückten Großbuchstaben (in der gleichen Tinte wie der Text und nicht größer als die Großbuchstaben im Text) beginnen läßt. Der andere Schreiber läßt diese optische Gliederung verlorengehen, indem er einen gleichmäßigen Textblock ohne Unterbrechungen schreibt. Daß dieses die allgemeine Tendenz war - aus Unverständnis oder um Platz zu sparen oder aus rein ästhetischen Gründen - , sieht man beim Vergleich des allgemeinen Eindrucks mittelalterlicher Handschriften, die Absätze, verschiedene Schriftgrößen etc. aufweisen, mit Humanisten-Handschriften, die den Text in einem möglichst gleichmäßigen Block bieten.

141 Zum Zeichen .c. (oder caput/kaput) in der Bedeutung .Absatz/Alinea' in Hss. für Nonius Marcellus siehe TRAUBE, L U D W I G , Kleine Schriften (Hrg. B O L L , F R A N Z ) , Bd. 3, München 1920, S.234-237. 142 Die Entstehung der Initiale wird allerdings i.d.R. anders erklärt, z.B. P A C H T , S.45Í: Da die Markierung durch Paragraphos schwer zu erkennen gewesen sei, sei der erste Buchstabe des Abschnittes langsam in den Rand herausgewachsen.

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Teil II : Organisation von Texten

Inhaltsverzeichnis Die Funktion von Inhaltsverzeichnissen veranschaulicht am besten ein kurzer Blick auf ein Fachbuch, zu dem vom Autor dieses Hilfsmittel offensichtlich nicht vorgesehen ist, Vitruvs libri X de architectura. Das Problem der Form, der Ordnung und Harmonie, besteht nicht nur hinsichtlich der Architektur selbst (siehe 1,2,1), sondern auch in Bezug auf das schriftliche Werk; häufig erscheinen die betreffenden Begriffe, z.B. (2,10,3; 4,3,3) uti ordo postulat, (7 praef. 18) disposite singulis voluminibus de singulis exponendum, und Vitruv weist ausdrücklich auf die Ordnung seines Werkes hin, z.B. (4 praef. 1) Cum animadvertissem, imperator, plures de architecturapraecepta voluminaque commentariorum non ordinata sed incepta uti partículas errabundas reliquisse, dignam et utilissimam rem putavi tantae disciplinae corpus adperfectam ordinationem perducere et praescriptas in singulis voluminibus singulorum generum qualitates explicare·, (2,l,8f.) Sed si qui de ordine huius libri disputare voluerit, quod putaverit eum primum instituí oportuisse, ne putet me erravisse, sic reddam rationem [...]. Ergo ita suo ordine et loco huius erit voluminis constitutio. Und das zehnte Buch schließt mit den Worten: [...] uti totum corpus omnia architecturae membra in decern voluminibus haberet explicata. Vitruv informiert den Leser durch ausführliche Hinweise innerhalb des Textes über den Aufbau des Werkes und die Gründe für diesen Aufbau. Am Ende des ersten Buches findet sich ein Ausblick auf die Themen der folgenden Bücher, wobei sicher ein enger Zusammenhang zwischen diesen Formulierungen und den - heute verlorenen - Buchtiteln (siehe oben S.27) bestand: (1,7,2) De ipsis autem aedibus sacris faciundis et de earum symmetriis in tertio et quarto volumine reddam rationes, quia in secundo visum est mihi primum de materiae copiis [...] exponere, deinde commensus aedificiorum et ordines et genera singula symmetriarum peragere et in singulis voluminibus explicare-, dann im Eingang des zweiten Buches (2 praef. 5) Cum autem primo volumine de officio architecturae terminationibusque artis perscripserim, item de moenibus et intra moenia arearum divisionibus, insequaturque ordo de aedibus sacris et publicis aedificiis itemque privatis, quibus proportionibus et symmetriis debeant esse uti explicentur, non putavi anteponendum, nisi prius de materiae copiis [...] dixissem. Sed antequam naturales res incipiam explicare, de aedificiorum rationibus, unde [...]; und wieder am Ende des zweiten Buches (2,10,3) Quantum animo considerare potui, de copiis, quae [...], exposui [...]. Ergo quoniam de apparitionibus est explicatum, in ceteris voluminibus de ipsis aedificiis exponetur; et primum de deorum inmortalium aedibus sacris et de earum symmetriis et proportionibus, uti ordo postulat, insequen-

Gliederungsmittel: Inhaltsverzeichnis

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ti perscribam. Entsprechendes findet sich jeweils am Ende der Praefationes, am Ende eines jeden Buches und an den Übergangsstellen innerhalb der Bücher, z. B. (2,1,7) Igitur de his rebus, quae sunt in aedificiis ad usum idoneae, quibusque sunt qualitatibus, et quas habeant virtutes, utpotuero, dicam·, (2,7,1) De calce et barena, quibus varietatibus sint et quas habeant virtutes, dixi. Sequitur ordo de lapicidinis explicare. Die Formulierungen, die fur die Organisation des Stoffes durch Ausblicke, Rückblicke und Uberleitungen, für die 'Verzahnung der einzelnen Teile' (MUTSCHMANN, S.94), die 'literarischen Argumente' (ibid., S.96), benötigt werden, sind wenig anspruchsvoll und wiederholen sich zwangsläufig. Daß sie denen in griechischen Fachbüchern entsprechen, liegt auf der Hand, vgl. z. B. (Arist. poet. 1450b) διωρισμένων δέ τούτων λέγωμεν μετά τ α ΰ τ α [...]. 143 Die Herkunft aus dem Unterricht ist offensichtlich; mündlicher Unterricht wird mit- oder nachgeschrieben, und es entsteht eine Art Lehrbuch; beim lauten Lesen ergibt sich dann wieder fast die ursprüngliche Situation, nur daß der Lernende selbst die Informationen vorliest. Eine verständliche, vom Schüler bzw. Leser nachvollziehbare Ordnung entsteht anhand sprachlicher Mittel im fortlaufenden Text: Versprachlichte Inhaltsverzeichnisse befinden sich innerhalb der einleitenden und abschließenden Kapitel; Abschluß- und Überleitungsformeln markieren Themenende und -einsatz. Innerhalb einer anderen Gattung, einem Rezeptbuch, weist Mitte des l.Jh.n. Chr. Scribonius Largus auf das - auch überlieferte - numerierte Inhaltsverzeichnis fur seine Rezeptsammlung hin. Er schreibt im Widmungsbrief: (praef. 15) primum ergo ad quae vitia compositiones exquisitae et aptae sint, subiecimus et numeris notavimus, quo facilius quod quaeretur inveniatur,144 Weithin bekanntgemacht wird das Phänomen 'Inhaltsverzeichnis' von Plinius d.A. Das ganze erste Buch der Naturalis Historiae libri XXXVII (gewidmet i.J.77 n.Chr.) ist ein Inhaltsverzeichnis, und Plinius weist daraufhin, daß man das Werk i. d. R. nicht durchlesen, sondern - mit Hilfe des Inhaltsverzeichnisses - als Nachschlagewerk benutzen solle: (praef. 33) quia occupationibus tuis publico bono parcendum erat, quid singulis contineretur libris, huic epistulae subiunxi summaque cura, ne legendos eos haberes, operam dedi. tu per hoc et aliis

143 Das Vorhandensein bzw. Fehlen überleitender Formeln in einigen griechischen Lehrbüchern erwähnt FUHRMANN (Lehrbuch, z.B. S.28,34,40). Vgl. auch passim ζ. Β. bei Cie. de inv., Auetor ad Herennium, Varrò. 144 Er weist dann noch auf eine weitere Liste hin, die aber nicht überliefert ist: deinde medicamentorum, quibus compositiones constant, nomina et pondera vitiis subiunximus

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Teil II : Organisation von Texten

praestabis ne perlegant, sed, ut quisque desiderabit aliquid, id tantum quaerat et sciat quo loco inventât, hoc ante me fecit in litteris nostris Valerius Soranus in libris, quos εποπτίδων inscripsit. 'Der Verweis auf Valerius Soranus (um 130 bis 82) ist zweifellos so zu verstehen, daß Plinius ihn fur den 'Erfinder' dieses Vorgehens hält; das muß aber nicht heißen, daß nicht auch schon andere, wie z.B. Scribonius Largus, vor Plinius dessen Vorbild gefolgt waren. Allerdings kann es noch nicht so selbstverständlich gewesen sein, daß der Adressat nicht hätte darauf hingewiesen werden müssen, daß er nicht alles zu lesen brauche. Wie aber ist in litteris nostris zu verstehen? Will Plinius hier betonen, daß innerhalb der l a t e i n i s c h e n Literatur Valerius Soranus in dieser Hinsicht der erste war, dessen g r i e c h i s c h e Vorgänger aber stillschweigend vorausgesetzt und übergangen werden? Damit widerspräche Plinius seinem Prinzip, die Vorgänger zu nennen, das in seinem Hinweis auf den Autorenindex zum Ausdruck kommt: (praef.21) [...] in his voluminibus auctorum nomina praetexui. est enim benignum, ut arbitror, et plenum ingenui pudoris fateri per quos profeceris, non utplerique ex iis, quos attigi, fecerunt [...]. 145 Mit in litteris nostris meint Plinius daher sehr wahrscheinlich, daß es sich hier - ausnahmsweise, und darum betont - nicht um eine Übernahme aus dem Griechischen handelt. In erhaltenen griechischen Texten lassen sich jedenfalls keine Hinweise auf frühere Inhaltsverzeichnisse in dieser Form finden: Philo (2.Jh.v.Chr.) kündigt die zu besprechenden Themen (κεφάλαια) im laufenden Text an: (mech., Kap. 15,56 D I E L S / S C H R A M M ) [...] δύναται γαρ μακροβολεϊν. δεύτερον δέ ίσχυρόν και [...] προς δέ τούτοις εύκατασκεύαστόν τέ έστιν [...] προς δέ τούτοις και τήν όψιν [...] τά μέν ούν κεφάλαια ταΰτ' έστίν; (20,59) [...] ποιησόμεθα δέ και άπολογισμόν κατά τήν των κεφαλαίων εκθεσιν περί του πρώτου πρώτον λέγοντες, ήν δέ ήμΐν ήγούμενον περί του μακροβολεϊν [...]; (23,59) δεύτερον δ' ήμίν έξέκειτο περί της ισχύος; (25,60) τρίτον δέ έπηγγειλάμεθα παραδείξειν εύκατασκεύαστα [...] (siehe im weiteren 26,61; 28,61). - Und auch durch die umfangreichen Werke von Diodor und Strabon wird der Leser auf die bei Vitruv beobachtete Weise geführt; außer allgegenwärtigen Einleitungen, Abschlüssen und Überleitungen finden sich Résumés innerhalb der Texte, siehe z.B. Diodor 1,4,6-1,5,2; 1,42,1 f.; 2,1,1—3. Zu beiden sind Inhaltsverzeichnisse überliefert, die aber von den Herausgebern eindeutig als spät beurteilt werden (siehe BERTRAC, S.23; 145 Schon andere haben natürlich ihre Vorgänger genannt; so bedankt sich z.B. Vitruv ausführlich bei seinen Vorgängern und nennt deren Namen (7 praef. 10-17); Plinius übernimmt auch hierfür die Idee der Liste.

Gliederungsmittel: Inhaltsverzeichnis

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AUJAC, S.LXXVlIIf.). Auch Dionysios von Hai. fuhrt den Leser, z.B. (1,7,4) λοιπόν δέ έτι μοι και περί της Ιστορίας αυτής προειπεΐν, τίσι τε αύτήν περιλαμβάνω χρόνοις και περί τίνων ποιούμαι πραγμάτων τήν διήγησιν και [...]; (1,8,If.) άρχομαι μέν ουν της ιστορίας άπό των παλαιοτάτων μύθων [...] πολιτειών τε ιδέας διέξειμι [...] εθη [...] νόμους [...] διηγούμαι. Das Problem der Organisation großer Materialmengen fuhrt zusehends zu fortschreitender Systematisierung. Schon Vitruv weist mit Nachdruck darauf hin, daß er das g a n z e Fachgebiet bearbeitet habe, und sieht das Problem der Anordnung des Stoffes sehr deutlich. Umso mehr muß sich Plinius bei seinem novicium opus überlegen, wie die Menge an Informationen dargeboten werden kann. Es reicht nicht mehr, mit Hilfe des Buchtitels ein umfassendes Thema anzukündigen, sondern dem Leser soll eine spezifischere Suche ermöglicht werden. Der Autor kann ferner durch das Inhaltsverzeichnis ausformulierte Inhaltsübersichten in Vorworten und Endkapiteln einsparen. Die sprachliche Form der Verzeichnisse (Präpositionalausdrücke mit de, indirekte Fragen) ist durch die Form der ausformulierten Übersichten vorgegeben; 146 man mußte nur die übergeordneten und verbindenden Sätze auslassen, z.B. könnte man aus den folgenden ausformulierten Hinweisen leicht Übersichts-Listen mit de oder indirekten Fragen erstellen: (Cels.2, praef.2) Sed antequam dico, quibus praecedentibus morborum timor subsit, non alienum videtur exponere, quae tempora anni, quae tempestatum genera, quae partes aetatis, qualia corpora maxime tuta vel periculis opportuna sint, quod genus adversae valetudinis in quo timeri maxime possiìr, oder (Mela 1, praef.2) [...] ac primo quidem quae sit forma totius, quae maximae partes, quo singulae modo sint atque habitentur expediam [...]; (Cie.inv. 1,4) Sed antequam de praeceptis oratoriis dicimus, videtur dicendum de genere ipsius artis, de officio, de fine, de materia, de partibus·, (Vitr.2, praef. 5) Cum autem primo volumine de officio architecturae terminationibusque artis perscripserim, item de moenibus et intra moenia arearum

146 Vgl. auch (Cic.Att.6,1,15) breve autem edictum est propter banc meam διαίρεσιν, quod duobus generibus edicendum putavi; quorum unum est provinciale, in quo inest de rationibus civitatum, de aere alieno, de usura, de syngrapbis, in eodem omnia de publicanis; alterum [...] de hereditatum possessionibus, de bonis possidendis, magistris faciendis [...]; vgl. auch überhaupt Aufzählungen von Themen, z.B. (Cic.de orat. 1,56) cum illi in dicendo inciderint loci [...] ut de dis immortalibus, depietate, de concordia, de amicitia, de communi civium, de hominum, de gentium iure, de aequitate, de temperantia, de magnitudine animi [...]; (de orat. 1,58; 67; 86; 165); (Verg.georg. 1,1-4) Quidfaciat laetas segetes, quo sidere terram / vertere [...] / conveniat, quae cura boum, qui cultus [... ] / [... ] quanta experientia [...].

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Teil II : Organisation von Texten

divisionibus, insequaturque ordo de aedibus sacris et publicis aedificiis itemque privatis [...]. Z.B. bei Cato und Varrò hat man die Kapitelüberschriften bzw. Inhaltsverzeichnisse auf diese Weise erstellt, indem man die Formulierungen möglichst dem Text entnahm (siehe unten S. 128 und S. 130); zur anspruchsvolleren Form und Funktion der von Gellius selbst erstellten capita rerum siehe unten S. 112. Welchen Eindruck Plinius' Neuerung bzw. weitere Bekanntmachung der Neuerung gemacht hat, zeigt sich daran, daß Columella das Inhaltsverzeichnis, sei es auch nur in vereinfachter nachträglicher Form, offenbar prompt übernommen hat, sogar obwohl sein Werk einen anderen Charakter hat als das des Plinius. Die Entstehung und Herausgabe von Plinius' nat. hist, überschneidet sich zeitlich mit Columellas de re rustica libri XII. Plinius nennt Columella im Autorenindex, aber in der Forschung wird diskutiert, ob Plinius eine Gesamtausgabe der Bücher 1-12 oder einzelne - nacheinander erscheinende - Bücher benutzt hat; ein Anhaltspunkt dafür, daß Plinius noch keine Gesamtausgabe von Columella vorliegen hatte, ergibt sich im folgenden. Columella hat die Bücher nacheinander ediert und dabei auf Kritik und Nachfragen reagiert (siehe z.B. 2, praef.). Ursprünglich hatte er das Werk auf 10 Bücher angelegt, aber dann wurde zunächst das elfte ergänzt und schließlich noch das zwölfte. An das elfte Buch schließt Columella ein Inhaltsverzeichnis an,147 und er schreibt dazu: (11,3,65) Hactenus praecipiendum existimavi de cultu hortorum et o f f i c i i s vilici, quem quamvis instructum atque eruditum omni opere rustico esse oportere prima parte huius exordii censuerim, quoniam tarnen plerumque evenit, ut eorum, quae didicerimus, memoria nos deficiat eaque saepius ex commentariis renovanda sint, omnium librorum meorum argumenta subieci, ut cum res exegisset, facile reperiri possit, quid in quoque quaerendum et qualiter quidque faciendum sit. Warum hat Columella nicht schon an das Ende des zehnten, des ursprünglich letzten Buches eine Liste der Argumenta gestellt? Die naheliegende Erklärung dürfte sein, daß Columella Plinius' Beispiel erst nach Herausgabe der ersten zehn Bücher zur Kenntnis genommen hat und ihm erst im Anhang zum elften Buch mit der praktischen Einführung einer Inhaltsliste folgen kann. Columella kannte also wahrscheinlich Plinius' Inhaltsverzeichnis, bevor er seines hinzufugte; wenn aber Columella am Ende seines elften Buches auf Plinius' Werk reagiert, kann Plinius wohl keine Gesamtausgabe der Bücher 1—12 des Columella benutzt haben. 147 Hier geht es nur um die vom Autor bezeugte Inhaltsliste fur die gesamten vorangehenden Bücher; zur Aufteilung des Gesamtverzeichnisses siehe unten S. 1 3 1 ; zur Umfunktionierung zu Kapitelüberschriften siehe unten S. 138.

Gliederungsmittel: Inhaltsverzeichnis

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Columella führt den Leser anhand von Einfuhrungen und Rekapitulationen auf die gleiche Weise durch seinen Stoff wie Vitruv, z.B. beendet er Buch 1: (1,9,9) Sed nimirum, dum quae maxime providenda sunt agricolae futuro praecepimus, de salubritate, de via, de vicino, de aqua, situ villae, fiindi modo, colonorum et servorum generibus, ofßciorum operumque distributione, tempestive per haec ad ipsum iam terrae cultum pervenimus, de quo pluribus libro insequente mox disseremus. Hier faßt Columella zwar zusammen, was er in diesem Buch behandelt hat, aber nicht in der tatsächlichen Reihenfolge; d.h. diese Zusammenfassung läßt nur wissen, was überhaupt in dem Buch steht, aber an die Möglichkeit, mit ihrer Hilfe eine bestimmte Stelle wiederzufinden, ist offensichtlich nicht gedacht. Daher unterscheiden sich von dieser Zusammenfassung die am Ende von Buch 11 aufgeführten Argumenta zu Buch 1, die der Reihenfolge des Textes entsprechen: praecepta quae sequantur qui rusticari velini — qualiter dispositus fundus maxime probetur — quae praecipue inspiciendo agro, antequam ematur, notanda sint - de salubritate regionum — de aqua — de positione villae — de ofßciis patris familiae — de pecore et pecorum magistris - qualis corporaturae mancipia cuique operi contribuenda sint. Das Phänomen 'Inhaltsverzeichnis' verbreitet sich weiter, auch in anderen Gattungen. Gellius übernimmt das Inhaltsverzeichnis in die 'Essayistik': (praef. 25) Capita rerum, quae cuique commentario insunt, exposuimus hic universa, ut iam statim declaretur, quid quo in libro quaeri invenirique possit. Ein Inhaltsverzeichnis ist in diesem Fall umso praktischer, als Gellius sagt: (praef. 2) Usi autem sumus ordine rerum fortuito; (praef. 3) Facta igitur est in his quoque commentariis eadem rerum disparilitas, quae fuit in Ulis annotationibus pristinis, quas breviter et indigeste et incondite auditionibus lectionibusque variis feceramus. Es geht ihm darum - nach der Lektüre - im Zweifelsfalle etwas einmal Gewußtes wieder auffinden zu können: (praef. 2) mihi ad subsidium memoriae quasi quoddam litterarum penus recondebam, ut, quando usus venisset aut rei aut verbi, cuius me repens forte oblivio tenuisset, et libri ex quibus ea sumpseram, non adessent, facile inde nobis inventu atque depromptu foret. Außerdem betont er, wie nützlich es ist, nicht all das lesen zu müssen, was er selbst durchgearbeitet hat: (praef. 12) ipse quidem volvendis transeundisque multis admodum voluminibus [...] exercitus defessusque sum, sed modica ex his eaque sola accept, quae [...] facilique compendio ducerent aut homines aliis iam vitae negotiis occupâtes [...]. - Die Form von Gellius' capita geht über die bei Plinius und Columella (indirekte Frage oder de mit Ablativ) deutlich heraus. MASELLI beschreibt die Besonderheiten (Syntax, lexikalische und semantische Neuheiten, Unterschiede zwischen capita und den betreffenden Kapiteln) und zeigt, daß Gellius nicht

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Teil II : Organisation von Texten

nur auf die behandelten Themen hinweist bzw. seine Ausführungen zusammenfaßt: In den capita finden sich z.B. Kommentare zur Glaubwürdigkeit einer Geschichte (siehe z.B. 6,8), die im Kapitel neutral erzählt wird; auch kann z.B. das Ergebnis einer Fragestellung vorenthalten sein, indem mehrere Meinungen wie gleichberechtigt nebeneinanderstehen, während im Kapitel sofort deutlich wird, welche Ansicht Gellius vorzieht (siehe z.B. 1,22; 13,3). Es genügt also nicht, die capita zu lesen, um sich über ein Thema zu informieren; sie sollen vielmehr das Interesse wecken, ohne alles vorwegzunehmen, oder auf ein Problem aufmerksam machen, ohne es schon zu lösen. Leichter Widerstand gegen Verzeichnisse klingt bei Macrobius durch, der und zwar mit Gellius' Worten 148 - am Anfang der Saturnalien darauf verweist, daß er sein Material geordnet habe: (Sat. 1, praef. 2f.) siquando usus venerit aut historiae [...] aut dicti factive memorabilis reminiscendi, facile id tibi inventu atque depromptu sit. nec indigeste tamquam in acervum congessimus digna memoratu; [...] in ordinem instar membrorum cohaerentia [...]. Vielleicht spiegelt sich hierin Macrobius' Beobachtung, daß sich Inhaltsverzeichnisse ausbreiten, und eventuell auch seine Sorge, daß deshalb die Bereitschaft abnimmt, ganze Werke zu lesen? Zwei Methoden der Darstellung treten in Konkurrenz: Ein fortlaufend sich entwickelnder Text oder einzelne Kapitel, die nicht in jedem Fall in nachvollziehbarer Reihenfolge stehen. Trotzdem verbreiten sich Inhaltsverzeichnisse ( c a p i t u l a ) weiter, um nur einige Beispiele zu nennen: (Prise. gramm.II praef. 4): Títulos etiam universi operis per singulos supposui libros, quo facilius, quiequid ex his quaeratur, discretis possit locis invenirv, (Eugipp. Sev., epist.ad Pasch. 11) Indicia vero mirabilis vitae eius huic epistolae coniuncto praelatis capitulis commemoratorio recensita fient ut rogavi libri vestri magisterio clariora-, (Greg.Tur.Franc. 1, praef.) [...] ab ipso mundi principio libri primi poniretur initium, cuius capitula deursum subieci. Manchmal ist auch zu erfahren, wer capitula zu Werken erstellt hat, die er nicht selbst geschrieben hat (i.d.R. zu Büchern der Bibel): (Cassiod.inst. 1,5,7) qui-

148 Vgl. Gell.(praef 2): quando usus venisset aut rei aut verbi [...] facile inde nobis inventu atque depromptu. (praef. 3): indigeste et incondite. 149 Flavius Josephus formuliert am Beginn die κεφάλαια aus (B.I. 1,19-30) [...] ώς Άντίοχος ό κληθείς 'Επιφανής [...] επειθ' ώς οί τούτων εγγονοί [...] και ώς 'Ηρώδης [...] όπως τε ό λαός [...] ενθα δή και τά περί [...] επειτα ώς [...] παραλείψω δέ οΰδέ [...] ταΰτα πάντα περιλαβών έν έπτά βιβλίοις [...]; abschließend erklärt er, daß er mit den Ausführungen über den ersten Punkt der aufgezählten Themen beginnen wird: (1,30) ποιήσομαι δέ ταύτην της έξηγήσεως άρχήν, ήν και των κεφαλαίων έποιησάμην.

Gliederungsmittel: Inhaltsverzeichnis

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bus libris iuvante Domino capitula insignire curavimus, ne in tarn necessaria lectione [...] confusa tyronis novitas linqueretur, Beda nennt im Verzeichnis seiner Werke (hist.5, a.E.): [...] Capitula lectionum in Pentateucum, Mose, Iosue [...]; Capitula lectionum in totum Novum testamentum [...]. 150 Von weiteren wird berichtet, z.B. (Hier.vir.ill.97); wieder andere Leser/ Schreiber, die etwa im Rand Notizen zum Inhalt gemacht haben, lassen sich anhand einer Subscriptio und der Schrift identifizieren oder zumindest einer bestimmten Region zuordnen. 151 - Daß auch in mittelalterliche Texte nachträglich eingegriffen wurde, zeigen Walahfrid Strabos abschließende Worte im Prolog zu Einhard: huic opusculo ego Strabus títulos et incisiones, prout visum est congruum, inserui, ut ad singula facilior quaerenti quod placuerit elucescat accessus. - Man muß zu dieser Zeit mit ähnlichen Eingriffen auch in andere Werke rechnen. Ein aus den Gedichtüberschriften bestehendes numeriertes Inhaltsverzeichnis findet sich für Commodian; da die Gedichte stark von apologetischer Absicht geleitet sind, läßt sich das Verzeichnis dadurch erklären, daß Commodian wie in einem Handbuch - nur in gebundener Sprache - zu bestimmten wichtigen Themen Stellung nimmt. Auch bei Venantius Fortunatus steht ein solches Verzeichnis zwischen Praefatio und Beginn der Gedichte (siehe unten S.210). Auffällig ist, daß antike Gedichte zwar in fast allen Hss. Überschriften tragen, diese aber offenbar nicht in Verzeichnissen gesammelt vorangestellt wurden. Inhaltsverzeichnisse waren offenbar zunächst Gesamtverzeichnisse für alle Bücher, siehe Plinius (praef.33): quid singulis contineretur libris, huic epistulae subiunxi; Columella kann nachträglich nur ein Gesamtverzeichnis geben (11,3,65): omnium librorum meorum argumenta subieci·, Gellius (praef.25): Capita rerum, quae cuique commentario insunt, exposuimus hic universa, ut iam statim declaretur, quid quo in libro quaeri invenirique possit. In der Tat war es wohl bei Werken, die aus mehreren Rollen bestanden, von Vorteil, nur ein einziges Verzeichnis in der ersten Rolle konsultieren zu müssen; dabei wird Vollständigkeit der Rollen bzw. besonders der ersten Rolle mit Praefatio und Inhaltsverzeichnis vorausgesetzt. In der Spätantike ging man dazu über, die Verzeichnisse aufzuteilen, d.h. jeweils vor das betreffende Buch zu stellen, vgl. (Cassiod. inst. 1,1,10) Sed ut textus memorati Octateuchi quodam nobis compendio

150MEYVAERT betont (S. 359), daß sich Beda im auffälligen Gegensatz zur Form der meisten anderen Capitula um Abwechslung im Ausdruck und in der grammatischen Struktur bemühe. 151 Siehe PALMA, MARCO: Per lo studio della glossa tardoantica: il caso di Donato, prete Napolitano, Scrittura e civiltà 22, 1998, S.201-210 (mit Abb.).

114

Teil II : Organisation von Texten

panderetur,

in principiis librorum de universa serie lectionis títulos eis credidimus

imprimendos, ammonitus

a maioribus

nostris ordine cúrrente descriptos, ut lector

salubriter reddatur attentus, et facile unamquamque

rem dum

utiliter quaerit

inveniat, quam sibi cognoscit breviter indicatam. Cassiodor hat eine einzige Liste von Tituli für den gesamten Oktateuch vorgefunden (títulos [...] a

maioribus

nostris ordine cúrrente descriptos), und er stellt die betreffenden Tituli vor die einzelnen Bücher {in principiis credidimus imprimendos).

librorum

de universa serie lectionis títulos eis

Offenbar soll der Leser nicht von der langen Liste,

von dem vielen ihm bevorstehenden Inhalt, erdrückt u n d abgeschreckt werden, sondern er soll sich schrittweise voranarbeiten. — Außerdem sollen die Tituli zur Vorbereitung des Lesers dienen, der ja im Laufe des Jahres die gesamte Bibel durchlesen sollte; so konnte man ein Buch nach dem anderen, jeweils mit der eingeschobenen Inhaltsübersicht, durchgehen und brauchte nicht zum Gesamtverzeichnis zurückzublättern. Von Vorteil war dabei die Form des Codex, der so von vorn bis hinten durchgelesen werden konnte; vor jedem neuen Buch der Bibel konnte sich der Leser einen Uberblick verschaffen: ut lector utiliter ammonitus

salubriter

[...] librorum

reddatur attentus;

ebenso (Cassiod. inst. 1,6,5)

títulos sub brevitate collegi, quando instructionis

creditur esse compendium,

non

Quorum minimum

res fusas latissime paucis sermonibus indicare; his enim

remediis lectoris animus introductus saluberrimam

Scripturarum seriem provocatus

excurrit. Auch die Verzeichnisse älterer Autoren konnten aufgeteilt werden: Columellas Verzeichnis ist zweimal überliefert, einmal als Gesamtverzeichnis nach Buch 11, außerdem in Teilen vor den einzelnen Büchern (siehe dazu unten S. 131). Bei Gellius finden sich laut H o s i u s beide Varianten (S.6): „Capitula in melioribus codicibus libris singulis praefixa"; allerdings ist, wie Gellius' eigenen Worten zu entnehmen ist (praef.25: capita rerum [...] exposuimus hic universa, ut iam statim deçlaretur, quid quo in libro quaeri invenirique possit), das Gesamtverzeichnis nach der Praefatio auf jeden Fall von Gellius. Mit dieser Aufteilung der Gesamtverzeichnisse wurde aktiv in den Text eingegriffen; in jedem Fall bleibt zu untersuchen, wann - eventuell in Verbindung mit der Vereinigung von mehreren Rollen zu einem Codex? - dieses vorgen o m m e n wurde u n d ob damit andere Eingriffe verbunden waren. Das Gesamtverzeichnis erscheint wieder im 1 2 . / 1 3 J h . Während die spätantiken Autoren

und die 'aktiven Neuordner'

antiker Texte neben

der

Erleichterung des Wiederfindens hauptsächlich darum bemüht waren, schrittweises, vorbereitetes Durchlesen der Werke zu erleichtern bzw. zu ermöglichen, geht es im hohen Mittelalter wieder hauptsächlich u m die Gesamtübersicht,

Gliederungsmittel: Numerierung

115

dann auch alphabetisch geordnet, mit der schnell bestimmte Informationen gefunden werden können.

Numerierung von Kapiteln und Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnisse hatten nicht nur die Funktion, dem Leser einen Überblick über den Inhalt zu geben. Die Formulierungen, mit denen auf Inhaltsverzeichnisse hingewiesen wird, zeigen von Anfang an, daß dem Leser Finden bzw. Wiederfinden erleichtert werden soll: 152 (Scrib. Larg. praef. 15) quo facilius quod

quaeretur inveniatur, (Plin.nat., praef. 33) summaque cura, ne legendos eos haberes, operant dedi. [...] ut quisque desiderabit aliquid, id tantum quaerat et sciat quo loco invenían, (Colum. 11,3,65) quoniam tarnen plerumque evenit, ut eorum, quae didicerimus, memoria nos deficiat eaque saepius ex commentants renovando, sint, omnium librorum meorum argumenta subieci, ut cum res exegisset, facile reperiri possit [...]. Gewährleistet werden konnte die 'Auffindbarkeit' durch Numerierung der Elemente im Inhaltsverzeichnis und der Kapitel im Text. Einen sicheren Hinweis auf die Numerierung von Abschnitten innerhalb eines Buches gibt Scribonius Largus in dem schon zitierten Widmungsbrief:

(praef. 15) numeris notavimus, quo facilius quod quaeretur inveniatur. Der Benutzer dieser Rezeptsammlung kann nicht nur schnell feststellen, gegen welche Beschwerden er Anweisungen findet, sondern er kann anhand der Numerierung schnell die Rolle bis zum gewünschten Punkt aufrollen - zumal bei der Rolle ja sowieso nicht wie im Codex durch Blättern Text übersprungen werden kann. Beim Suchen muß nicht 'quergelesen' werden, sondern man muß nur die Nummer suchen. Die Erscheinungsform der Numerierung steht in engem Zusammenhang mit der des Kapitels. Kapitelbeginn konnte durch Ausrücken des Beginns angezeigt werden (siehe oben S. 104), und auf den schon erwähnten bronzenen Gesetzestafeln aus dem l.Jh.v. und aus dem 1.Jh.n.Chr. ist auch die Numerierung von Abschnitten zu sehen: Die Nummer steht unter dem ausgerückten Textbeginn. Wenn so numerierte Abschnitte vor aller Augen standen, konnten auch in Schriftwerken Absätze numeriert werden.

152 ROUSE / ROUSE (Statim invenire, S. 1 9 7 ) schreiben die 'Auffindbarkeit' dem 12. Jh. und der früheren Zeit lediglich den 'Uberblick' zu.

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Teil II : Organisation von Texten Diese unbestreitbare Möglichkeit, Kapitel und entspechend

Inhaltsver-

zeichnisse zu numerieren, ist, soweit ich sehe, bisher nicht beachtet worden. Erwähnt wird lediglich das Scheitern der Kolumnenzählung u n d der seltene Gebrauch der Seitenzählung (SCHUBART, Buch, S. 137f.); außerdem wird der Ursprung der in frühen Codices vorhandenen Seitenzählung mit der Art der Textformen (juristische und christliche Inhalte) erklärt, in denen häufig nachgeschlagen werden m u ß t e (so zusammengefaßt bei MAZAL, S.69). Das Alter von (Kapitel-)Numerierung zum Zwecke des Nachschlagens u n d die Art der Texte, in denen nachgeschlagen wurde, können also korrigiert werden. Auch Plinius' Formulierung weist auf das Vorhandensein von Numerierung hin: (praef.33) quid singulis contineretur libris, huic epistulae subiunxi

summaque

cura, ne legendos eos haberes, operant dedi. tu per hoc et aliis praestabis

ne

perlegant, sed, ut quisque desiderabit aliquid, id tantum quaerat et sciat quo loco inventât. Wenn man ohne Numerierung ein bestimmtes, im Inhaltsverzeichnis bezeichnetes Kapitel sucht, kann man es nur mit M ü h e finden, denn die Schlüsselwörter stehen oft nicht am Kapitelbeginn. N u r wenn Schlüsselwörter — ausgerückt - am Kapitelbeginn stehen, kann man sich auch ohne N u m e rierung orientieren bzw. ein bestimmtes Kapitel finden. M a n versuche aber z. B. Plin.2,65: An sint antipodes oder 2,95: De spiraculis ohne Kapitelnumerierung zu finden.153 M a n müßte trotz Plinius' ausdrücklichem Hinweis, daß man nur ausgewählte Kapitel lesen solle, ziemlich viel Text zur Kenntnis nehmen, u m das entsprechende Kapitel zu finden. D e n n ohne Numerierung kann man dem Inhaltsverzeichnis nur entnehmen, ob man eher zum Anfang oder zum Ende der Rolle hin suchen m u ß . Da man aber kaum gleichzeitig das Inhaltsverzeichnis (in der ersten Rolle) vor Augen haben kann, u m die Abfolge des Inhalts zu vergleichen, m u ß man doch relativ viel Text durchsehen, u m das Gesuchte auch wirklich zu finden. Plinius' Worte sciat quo loco inveniat weisen auf die Erstellung präziserer Angaben, eben auf die Numerierung hin. D a außer der Numerierung der bronzenen Gesetzestafeln auch der Hinweis des Scribonius Largus auf die Numerierung der Kapitel erhalten ist, m ü ß t e es schon triftige Gründe geben, um Plinius in seinem ungleich umfangreicheren Werk die Verwendung von Numerierung als Orientierungshilfe abzusprechen. Columella hat die Inhaltsübersicht erst herausgegeben, als er auf die schon veröffentlichten Bücher keinen Einfluß mehr hatte (es sei denn, er hätte eine Gesamtausgabe gemacht, wobei er dann aber auch wohl das Inhaltsverzeichnis vom Ende des 11. Buches hinter die Praefatio des ersten Buches gestellt und das

153 Ebenso bei Gellius, z.B. 1,13; 1,14; 1,17.

Gliederungsmittel: Numerierung

117

12. Buch einbezogen hätte). Nachträglich zu numerieren, lag also bei den Benutzern oder späteren Herausgebern (siehe dazu unten S. 134), und so ist auch seine Bemerkung zum Inhaltsverzeichnis formuliert: (11,3,65) facile reperiti possit, quid in quoque quaerendum. Man kann immerhin wissen, was in welchem Buch steht, so daß man nicht mehrere Rollen durchsehen muß, die sich mit dem gleichen Thema beschäftigen (siehe oben S.27). Außer der schon zitierten Stelle bei Scribonius Largus finden sich später ausdrückliche Hinweise auf Numerierung (auch hier wird häufig facile verwendet): (Aug. retract. 1,26,1) De diversis quaestionibus octoginta tribus [...] nulla servata ordinatione dictatae sunt, iussi eas iam episcopus colligi et unum ex eis librum fieri adhibitis numeris, ut quod quisque legere voluerit facile inventât. Harum quaestionum prima est [...]. Hier handelt es sich um eine Reihe verschiedener Fragen, nicht um einen fortlaufend zu lesenden Text; wenn eine bestimmte Frage auftritt, soll man in der Lage sein, Augustins Antwort schnell zu finden. Weitere Hinweise Augustins auf Verzeichnisse und Numerierung: (retract. 2,12,1) Sed quare illa sola de supra dictis evangelicis libris expósita fuerint, quae his libris meis continentur, et quae ista sint, prologus meus adiunctis atque adnumeratis eisdem quaestionibus, ita ut quisque legere quod voluerit numéros secutus inventât, satis indicai; (retract. 2,52,1) Inter haec venit in manus meas quidam sermo Arrianorum sine nomine auctoris sui. Huic petente atque instante qui eum mihi miserai, quanta potui etiam brevitate et celeritate respondí, adiuncto eodem sermone a capite responsionis meae, et adhibitis ad singula numeris, quibus inspectis quid cui loco responderim facile possit advertí-, (coll. c. Don. 1, praef.) [...] id ejfecerunt multiplicitate gestorum, ut quod actum est non facile legeretur; unde visum est isto breviario cuncta complecti, ut ad signa numerorum, quae et in isto breviculo et in ipsis gestis annotantur, sine dijficultate quisque inveniat quod voluerit (siehe auch retract.2,39,2). 154 Die Tatsache, daß Augustin in den Retractationes nicht auf eine Übersicht (und Numerierung) für De civitate Dei hinweist, ist ein, soweit ich sehe, bisher noch nicht angeführtes Argument in der vieldiskutierten Frage der Authentizität des überlieferten Inhaltsverzeichnisses. Augustin schreibt im Brief an Firmus (epist. Divj. 1A,3,4): quantum autem collegerit viginti duorum librorum conscriptio missus breviculus indicabit, und bereits Eugippius verwendet in der Sammlung von Exzerpten aus Augustins Werken für Verweise Kapitelnummern (siehe im einzelnen bei MARROU, Division, S.236f.), ebenso Cassiodor. Die 154 Auch im Mittelalter werden vergleichbare Formulierungen verwendet, z.B.: (Petrus Lombardus, Sententiae, Migne PL 192, Sp. 522): ut autem quod quaeritur facilius occurrat, títulos quibus singulorum librorum capitula distinguunturpraemisimus.

118

Teil II : Organisation von Texten

Frage ist, ob das überlieferte Verzeichnis dieser breviculus ist. LAMBOT und sprechen das überlieferte Verzeichnis Augustin ab155 und weisen es dafür seiner 'näheren Umgebung' zu, 156 M A R R O U (Division, S.238) hingegen sieht die vorgebrachten Argumente nicht als zwingende Gründe gegen die Authentizität. G O R M A N (Manuscripts of civ. dei, S. 408) äußert die Vermutung, Eugippius könne es formuliert haben; in einem früheren Aufsatz (De Genesi) weist G O R M A N die Capitula in De Genesi ad litteram Eugippius zu, die sich allerdings in der Art der Formulierungen grundsätzlich von denen zu de civ. unterscheiden,157 so daß diese Zuweisung an Eugippius nicht sehr wahrscheinlich ist. Auch wenn die Frage, ob der im Brief an Firmus erwähnte Breviculus mit der überlieferten Inhaltsübersicht übereinstimmt, wohl nicht zu entscheiden ist, so hat doch in jedem Fall Augustin fiir ein großes Prosa-Werk, das kein Lehroder Sammelwerk ist, sondern fortlaufend gelesen werden soll, eine Übersicht zusammengestellt, auch wenn nicht sicher ist, wie diese aussah. Da Augustin zu seinem Werk sicher einen breviculus geschrieben hat, war damit ein Fundament dafür gelegt, auch den Inhalt von literarischen Werken im einzelnen zusammenzufassen und vor die Werke zu stellen. Auch Cassiodor nutzt das Mittel 'Numerierung': (inst. 1,1,10) [...] et facile unamquamque rem dum quaerit inveniat, quam sibi cognoscit breviter indicatam·, (hist. 1, praef.5) [...] ne quempiam res indistincta turbaret, per universum textum huius operis títulos cognoscat appositos, ut suis locis exigere possit quod sub numero conpetenti praedictum esse cognoscit. Cassiodor verweist innerhalb des Werkes auf ein Kapitel anhand der Nummer: (inst. 1,15,10) Orthographes priscos frequenter DOMBART / KALB

155 Verweis auf die ältesten Hss. und mehrere Systeme der Kapiteleinteilung in Hss. (LAMBOT, S. 1 1 7 A n m . 2 ) ; Hinweis auf die größere Sorgfalt bei den Klauseln in den Capitula (LAMBOT, S. 1 1 7 A n m . 3 , mit Verweis auf Literatur). 156 LAMBOT (S. 1 1 7 ) „Celui-ci, toutefois, a pu la confier à quelqu'un de son entourage. Vu leur antiquité et leur diffusion, nous sommes donc enclin à voir dans les sommaires traditionnels le résumé envoyé à Firmus, mais sans prétendre qu'ils ont S.Augustin pour auteur." - DOMBART / KALB (Praef.XII) „a doctis viris illius aetatis vel paululo recentioris [...] hac artem scholae illac vulgarem posteriorum temporum sermonem redolent." 157 Die Angaben zu De Genesi ad litteram sind - anders als das Inhaltsverzeichnis zu De civitate Dei - aus der Perspektive des Kommentierenden formuliert, z.B. (die Tituli

in Corp.Vind.28, S.436-456): 2,8 Dicit, quod [...]; 4,17 Hic lucidius dich [...]; 4,20 Dicit posse se intellegi [...]; 4,21 Hic incipit decere [...]; 5,1 Hic evidentius dicit [...]; 9,16 Rursum adquaestionem redit [...]; 12,43 Commemorationem facit iuvenum [...]. - Vgl. auch eine Reihe der Capitula zu Augustins Enchiridion: 1 Hic

fide spe et caritate deum esse colendum,

2 Hic ostendit de natura boni

[...].

ostendit

Gliederungsmittel: Numerierung

119

relege, quos ego inferius titulo trigesimo, ubi de antiquariis legitur [...]; auf Kapitel in fremden Werken beziehen sich Eugippius und Cassiodor: (Eugipp.exe. Aug. p. 1018,7) ex libro de civitate dei XVIII, t XLII; (Cassiod. inst. 1,2,10) sanctus Augustinus in libro civitatis Dei séptimo decimo, titulo IUI; (inst. 2,3,22) scire autem debemus Ioseppum Hebreorum doctissimum in primo libro Antiquitatum, titulo nono, dicere [...]. Cassiodor nennt ferner die Anzahl der Kapitel fremder Werke: (inst. 1,1,7) Sanctus quoque Prosper sedula cura legendus est, qui tres libros totius auetoritatis divinae in centum quinquaginta tribus titulis comprehends, (inst. 1,23,1) ex operibus saneti Augustini valde altissimas quaestiones ac sententias diversasque res deflorans in uno corpore necessaria nimis dispensatione collegit et in trecentis triginta octo capitulis collocavit. — Cassiodor zählt nicht nur die Kapitel der lnstitutiones, sondern bedenkt auch die Symbolik der Zahlen: (inst.2, praef. 1) superior liber [...] triginta tribus titulis noscitur comprehensus, qui numerus aetati Dominicaeprobatur accomodus [...]. nunc tempus est ut aliis septem titulis saecularium lectionum praesentis libri textum percurrere debeamus, qui tarnen calculus [...]; vgl. auch zur Numerierung der Kapitel in de anima, unten S. 150. In vergleichsweise frühen Handschriften finden sich Inhaltsverzeichnisse mit der Nummer vor dem ausgerückten Textbeginn, wobei nicht so viele Buchstaben ausgerückt sind wie auf den Bronzetafeln, 158 z.B. Cod. Bamberg, Staatsbibl.Patr.87 (B.IV.21; CLA 8,1031; fol.95r.) Augustinus, Enchiridion de spe, fide et caritate·. I II

hic ostendit fidem spem et caritatem esse colendum hic ostendit de natura boni

[...] VIII

Iram dei ex consuetudine locutionis vin dicta intellegi

Angesichts der Möglichkeit der Kapitelnumerierung und der in Hss. und Texten bezeugten Stichometrie überrascht es, daß nicht zumindest in der Dichtung regelmäßig die Zeilenzahl am Rand notiert 159 oder für Verweise verwendet

158 Siehe z.B. Cod.Bamberg, Staad.Bibl.Patr.87, 6.Jh.: CLA 8,1031 und Abb. von fol.95r. auf Tafel 135 in: 'Mise-en-page' (Hrg. M A R T I N / V E Z I N ) . - Cod.Brescia, Queriniana S.n., 6.Jh.; Tafel VIII,2 in: NORDENFALK, Studies in the History of Book Illumination. - Cod.Turin, Bibl.Naz.E.IV.43, 7.Jh.: CLA 4,448. 159 Wenige (griechische) Beispiele bei BIRT (Buchwesen, S. 175).

120

Teil II : Organisation von Texten

wurde. Noch überraschender ist, daß es sich bei dem einzigen lateinischen Beispiel für Verweise anhand von Zeilenzahlen um einen Prosatext handelt: 1 6 0 Im Kommentar des Asconius Pedianus zu Cicero-Reden finden sich vergleichsweise konkrete Angaben, wo in der Rede ein Lemma zu suchen ist, z.B.: cir. vers'.a primo c c c x x (p.6,18 C L A R K ) . Häufiger als Zeilenzahlen sind relative Angaben wie paulo post (z.B. p. 24,21) oder statim (z.B. p. 67,14), ferner finden sich Angaben wie circa medium (p.25,17), circa tertiam partem a primo (p. 23,18); es wird auch von hinten gezählt, z.B. ver.a novis.CLX (p.27,20). Die Zeilen des Exemplars, auf das verwiesen wird, waren also offenbar nicht regelmäßig durchgezählt, denn die Zeilenzahl wird nur verwendet, wenn zu einem längeren Abschnitt der Rede nichts gesagt ist. Häufig werden die Lemmata mit einem Hinweis auf den Kontext eingeleitet, z.B.: dicit de Castoris templo (p. 9,12); Quo loco enumerai, cum lex feratur, quot loca intercessionis sint, ante quam qui legem fertpopulum iubeat discedere (p.71,2). An einer Stelle im Kommentar wird auf besondere Weise auf eine vorangehende Stelle verwiesen: (p.80,4) Hoc egere enarratione, quia hoc loco nomen non ponit quis fecerit, ei demum videri potest qui oblitus sit minus ante XX versus haec eo ipso Ciceronem dixisse [...]. Hier geht es besonders darum, den geringen Abstand zwischen zwei Stellen zu betonen, was nicht bedeuten muß, daß auch die Zeilenzahlen von Asconius Pedianus stammen. Auch Dionysios v.Hal. nennt in seiner Schrift über Thukydides an wenigen Stellen Zeilenzahlen, wenn es um die besondere Länge bestimmter Ausführungen geht (siehe Dion. Hal. T h u k . VII 10,4 τ α ΰ τ α δέ μέχρι δισχιλίων έ κ μ η κ ύ ν α ς στίχων [...]; auch 13,3); meistens aber begnügt er sich mit der Angabe des Buches (z.B. 12,2) oder stellt auch Beispiele zu einem bestimmten Thema aus verschiedenen Büchern zusammen, ohne die Buchnummer zu nennen (z.B. 15,4); Dionysios geht offenbar davon aus, daß der Leser mit Thukydides vertraut ist und sich anhand seiner Zusammenfassungen und Einleitungen der Zitate an den Zusammenhang erinnert. - Von wem die Stellenangaben bei Asconius Pedianus stammen, ist 160 Zwar finden sich relativ häufig (überwiegend bei Diogenes Laertios und in der Suda) Angaben über die Anzahl der Zeilen eines Werkes (siehe die Liste bei BIRT, Buchwesen, S. 162-175), doch die Nennung einer Zeilenzahl beim Zitieren ist selten, z.B. (Diog.Laert.7,187) έν μέν γάρ τω Περί των άρχαίων φυσιολόγων συγγράμματι [...], λέγων κατά τους έξακοσίους στίχους [...]; siehe auch (Diog. Laert. 7,188). 161 Diese Angaben sprechen gegen BIRTS Annahme (Buchwesen, S. 176), daß der Text in Abständen zu je zehn Zeilen numeriert war. 162 BIRT (Buchwesen, S. 177) vermutet daher, daß es sich bei den Reden um Opistographa gehandelt habe.

Gliederungsmittel: Nutnerierung

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wohl nicht zu entscheiden. 163 Belegt ist aber immerhin, daß jemand versuchte, auf eine bestimmte Stelle in einer Rede zu verweisen, die nicht in Kapitel eingeteilt war. Die Art der Angaben weist darauf hin, daß jemand nicht die ganze Rede und parallel die Erläuterungen lesen, sondern die Stellen, die im Kommentar erläutert werden, in der Rede leichter finden sollte; häufig ist ja der Abstand zwischen kommentierten Stellen relativ groß. 164 - Vielleicht handelt es sich aber auch lediglich um technische Angaben zu dem Zweck, beim Abschreiben den Kommentar direkt in der Hs. mit den Reden in Randscholien aufzulösen.

Exkurs: Numerierung von Gedichten innerhalb einer Sammlung Bei den spätantiken Metrikern zu Horaz lassen sich verschiedene Ansätze zur Numerierung beobachten: Servius (De metr. Hör., gramm.IV) beginnt direkt nach der kurzen Einleitung: (468,13) Decern novem tantum odas variis Flaccus metrorum compositionibus texuif. Mit ode bezeichnet Servius nicht das einzelne Gedicht (dafür immer cantus), sondern die verschiedenen metrischen Gebilde: (472,7) unadevicensima ode monocolos est bezieht sich nicht auf Carmen 19, sondern auf die neunzehnte vorkommende metrische Form (Epode 17). Servius führt dann innerhalb der Erklärungen durch Zitat der Gedichtanfänge die weiteren Fälle an, in denen die bestimmte Form verwendet ist (468,9: satis erit semel ratione reddita ceterarum similitudinemprimis versibus denotare). Marius Victorinus (De metr. Hör., gramm.VI) hingegen numeriert nicht die Odenformen, sondern die einzelnen Gedichte, z.B.: (160,33) Prima igitur eiusdem ode [...]; (163,21) Quarta ode libri primi·, (167,22) Undecima ode lyricorum asmatum. Wenn nach carm. 1,13 die meisten Formen erklärt sind, erwähnt er nur noch die Gedichte, in denen andere Formen erscheinen, z.B. (168,13) exempla posuerimus, ut ex Ulis reliqua possemus agnoscere; ergo siqua nova metra obviam venerint, similiter discutientur [...]; (168,16) in secundo libro ode XVI; (169,17) Libro IUI ode VII talis est [...]. Um dann doch dem Leser mögliche Schwierigkeiten zu ersparen (174,3: ne quid scrupuloso lectori ad querellam linquerem), gibt Victorinus anschließend noch eine Liste, in der alle Gedichte (Nummer und Anfang) unter dem betreffenden Metrum verzeichnet 163 BIRT hält sie für authentisch (Buchwesen, S. 177). Allerdings gibt es auch inhaltliche Einschübe von einem späteren Bearbeiter (p. 24,1-20 und p. 62,6-12). 164 Servius oder Porphyrio kommentieren fast jeden Vers, so daß Text und Kommentar parallel gelesen werden können.

122

Teil II : Organisation von Texten

sind, d.h. man muß nach einem bestimmten Gedicht etwas suchen: (174,7) Erunt ergo asclepiadea in primo libro carminum metra haec, ode prima Maecenas atavis edite regibus, ode III sic fratres Helenae lucida sidera, ode V quis multa [...]. Der Leser dieser Abhandlung kann eine Horazausgabe verwenden, in der die Gedichte numeriert sind, oder er kann die Gedichte selbst nachträglich numerieren. Anhand der Zitate lassen sich Bestand und Reihenfolge kontrollieren. Am schnellsten nachschlagen läßt sich bei Diomedes (De metr. Hör., gramm.I): Er geht alle Gedichte einzeln durch, wobei einleitend immer die Nummer steht, z.B. (523,22) tricésima quinta ode Sapphicum metrum habet, quod ut supra diximus scanditur. Jedes Buch ist einzeln durchgezählt. Mit Buchund Gedichtnummer kann man sofort das gewünschte Gedicht finden. - Reste von Numerierung der Carmina finden sich in Hss. nur vereinzelt (siehe unten S.262).

Numerierung der Psalmen bezeugt z.B. Lactanz in der Epitome: (41,2) David in Psalmo XXXIIII, (42,2) David in Psalmo XV. Eine Erläuterung zur Numerierung der Psalmen findet sich bei Hilarius: (psalm. instr. 8) Non est autem ignorandum, indiscretum apud Hebraeos numerum esse psalmorum, sed sine ordinis adnotatione esse conscriptos, non enim illicprimus autsecundus [...] praenotantur, sed sine discrimine aliquo ordinis numerique permixti sunt. Esdras enim, ut antiquae traditiones ferunt, incompositos eos et pro auctorum ac temporum diversitate dispersos in volumen unum collegit et rettulit. sed septuaginta seniores [...] postea quam Ulis a rege Ptolomaeo transferendae ex hebraeo in graecum sermonem totius legis cura mandata est, spiritali et caelesti scientia virtutes psalmorum intellegentes in numerum eos atque ordinem redegerunt, singulis quibusque numeris pro efficientia sua et absolutione perfectis perfectorum et efficientium psalmorum ordinem deputantes. — Diese geschichtliche Erläuterung zeigt zumindest, daß es sich bei der Numerierung der Psalmen nicht um eine spätantike Ergänzung handeln kann.

Kapitelüberschrift Kapitelüberschriften finden sich in Handschriften vieler Werke, manchmal werden sie mit herausgegeben, entweder im Apparat (z.B. Vitruv, ed. ROSE / MÜLLER-STRÜBING, Leipzig 1867), oder als Anhang (z.B. Pomponius Mela, ed. G. PARTHEY, Berlin 1867; Solinus, ed. MOMMSEN, Berlin 1895) oder auch in margine (z.B. Columella, ed. HEDBERG etc.). Wie schon erwähnt, werden aus Inhaltsverzeichnissen z.T. erst heute Kapitelüberschriften gemacht (siehe oben

Gliederungsmittel: Kapitelüberschrift

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S.95). Auf Papyri finden sich früh zentrierte Überschriften, z.B. die Liste Pap. Berlin-Kairo, Rubens n.44 (2.Jh.V.Chr.; bei DIELS, Laterculi): Unter den zentriert gesetzten Überschriften, z.B. νομοθέται, ζωγράφοι, άγαλματοποιοί, άνδριαντοποιοί, μηχανικοί, νήσοι μέγισται, κρήναι κάλλισται ist jeweils in mehreren Zeilen Betreffendes aufgezählt. Der erste Buchstabe der Überschriften ist meistens unterstrichen. 165 Auch die schon mehrfach erwähnten lateinischen bronzenen Gesetzestafeln (1.Jh.v.Chr. und 1.Jh.n.Chr.) enthalten zentrierte Überschriften (jeweils für mehrere Abschnitte), denen das Zeichen R für Rubrica vorangestellt ist. In diesen Zusammenhang gehört auch der Papyrus Berol.9780 mit Didymos auf der einen und Hierokles auf der anderen Seite. Die Schrift wurde von SCHUBART zunächst (Pap.Gr.Berol., Tafel 20) auf Mitte / Ende des 2.Jh.n. Chr., später aber (1918, Einf. in die Papyruskunde, S. 163; 1925, Griech. Paläogr., S. 133) auf das 3.Jh.n.Chr. datiert. Über einigen Kolumnen stehen auf den Inhalt weisende Angaben „in ausgeprägter Kursive, eventuell von anderer Hand" (SCHUBART 1904; siehe Tafel 20). Manchmal wird sowohl die 'Überschrift' als auch die betreffende Textstelle, an der das Thema einsetzt, durch ein Zeichen markiert. Zu den sogenannten Kolumnenüberschriften über Didymos' DemosthenesKommentar schreiben D I E L S / SCHUBART (S. XI), „meistens aber nur einen Punkt betreffen und eher Unwesentliches hervorheben". Diese Inkonsequenz der Angaben hat L A Q U E U R ausfuhrlicher herausgestellt (S.221) und außerdem darauf hingewiesen, daß sie durchaus nicht immer über den Kolumnen stehen, auf die sie sich beziehen und daher älter sein müssen als der vorliegende Papyrus. Auch bei dem Hierokles-Text auf der anderen Seite gibt es solche Angaben oberhalb der Kolumnen; häufig steht sowohl vor der Angabe als auch vor der entsprechenden Zeile ein Kreuz (+) . Auffällig ist, daß mit dem Kreuz zweimal Textstellen bezeichnet sind, auf deren Wichtigkeit hingewiesen wird (ουκ άγνοητέον): (Kol. I, Ζ.37-39) ουκ άγνοητέον δτι | + τό ζωον ευθύς άμα τω γενέσθαι αισθάνεται έαυ | του, über der Kolumne steht: + εί αισθάνεται τό ζωον έαυτοΰ; ebenso (Kol. III, Z.56f.) πρώτον τοίνυν ουκ άγνοητέον ώς | + καθάπερ τό σώμα [...], über der Kolumne steht: + εί διηνεκώς αισθάνεται έαυτοΰ τό ζωον. O b die über die Kolumnen geschriebenen Angaben einem ehemals voranstehenden Inhaltsverzeichnis entnommen sind, wie L A Q U E U R (S.22) vermutet,

165 DIELS (Laterculi, S. 5) n i m m t an, daß die Initiale in der Vorlage rot geschrieben war.

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Teil II : Organisation von Texten

ist nicht zu entscheiden. Z u sehen ist der Versuch, anhand der Kopfleiste bestimmte Punkte herauszuheben und wiederzufinden. Deutlich wird, wie schnell die Hinweise über die falsche Kolumne geraten können und damit das Systöm zum Scheitern verurteilt ist. Uber die Verbreitung dieser Methode läßt sich leider nichts sagen. Gleich zwei wichtige spätantike Zeugnisse fur den lateinischen Bereich bietet die Überlieferung des Gaius, die NELSON darstellt: Die untere Schicht des Palimpsestes Cod. Veronensis 13 (olim XV) stammt wahrscheinlich aus dem 5.Jh. (NELSON, S.41-46). Die beiden Kopisten schrieben in roter Farbe über die einzelnen Absätze Titel, von denen noch spärliche Reste erhalten sind oder auf deren ehemaliges Vorhandensein offene Zeilen über Abschnitten hinweisen (NELSON, S.26). Hinsichtlich der Echtheitsfrage bieten die erhaltenen Reste kein entscheidendes Argument, doch die Tatsache, daß das Florentiner Fragment (5-/6. Jh.) an einer Stelle einen (von erster H a n d in roter Farbe geschriebenen) Titel bietet, wo der Text im Veronensis ohne Unterbrechung fortgesetzt wird, könnte ein Hinweis auf die spätere Hinzufügung der Titel sein. Auch der Textverlauf, der durch Überleitungen etc. gestaltet ist, spricht gegen die Authentizität der Titel (siehe SECKEL / KUEBLER, S.XXXI). Abgesehen von der Position der Überschrift auf dem Blatt, die ja außer bei Papyri u n d Inschriften fur die Antike nicht mehr festzustellen ist, läßt sich beobachten, ob und wie ein T h e m a bzw. Lemma dem fortlaufenden Text vorangestellt wird. In Texten gibt es verschiedene Möglichkeiten, die zu behandelnden T h e m e n vorzustellen: Eine Möglichkeit ist, die Abfolge der T h e m e n auszuformulieren und zu begründen (siehe oben S. 106 zu Vitruv); die andere Möglichkeit ist, das T h e m a einfach voranzustellen: Cicero etwa stellt in den Paradoxa Stoicorum das zu besprechende Paradoxon voran und n i m m t direkt darauf Bezug, z.B. 1 οτι μ ό ν ο ν ά γ α θ ό ν xò κ α λ ό ν : Vereor ne cui vestrum ex Stoicorum hominum disputationibus, meo sensu deprompta

non ex

haec videatur oratio [...]. Derartige Propositionen

finden sich schon früh: in Euclids Elementa, in der Sphaera des Autolycos von Pitane u n d in den Conica des Apollonius von Perge: Das Axiom bzw. die Aufgabe wird als T h e m a vorangestellt und dann erläutert bzw. hergeleitet. Martial bezeugt fìir die Xenia und Apophoreta, 'Listen' von Geschenk-Epigrammen, die jeweils vorangehende N e n n u n g des Gegenstandes (siehe ausfuhrlich unten S. 176).

Gliederungsmittel: Kapitelüberschrift

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Frontin beginnt in den Strategemata jeden Absatz mit einem Eigennamen; daraus ist zu schließen, daß die Zwischentitel zur Markierung und Angabe des Themenwechsels vom Autor vorgesehen sind. Stichwörter innerhalb von Aufzählungen werden üblicherweise zuerst im Satz genannt, so daß, auch wenn optische Mittel wie Ausrücken verlorengehen, der Neueinsatz deutlich wird: Sueton z.B. beginnt (gramm.4,11) nach der Einleitung: Clari professerei [...] fere hi fuerunt jeden Absatz mit dem Eigennamen. Außer dieser Möglichkeit, mit den Stichwörtern der Aufzählung jeweils vollständige Sätze zu bilden, gibt es die Alternative, das bloße Lemma-Wort voranzustellen, ohne es in den Satz einzubinden: Hygin. Dieser Autor stellt den zu besprechenden Gegenstand im Nominativ ohne Satzzusammenhang voran, und oft wird durch Pronomina auf das Lemma Bezug genommen, z.B. (De astronomia): Aries. Hoc sidus [...]; Deltoton. Hoc sidus [...]. Der Autor ist so von dem Zwang befreit, jeden Absatz mit dem neuen Stichwort zu beginnen; er kann nach dem Lemma frei einsetzen und viele andere Gestalten nennen, bis er zur Hauptsache kommt, z. B. (fab. 1) Themisto. Athamas Aeoli ftlius habuit ex Nebula uxore filium Phrixum et filiam Hellen, et ex Themisto [...]; (fab.9) Niobe. Amphion et Zetus Iovis et Antiopes Nyctei filii [...]. Wie hier bei Hygin ist auch in anderen Fällen Authentizität der Lemmata bzw. Kapitelüberschriften anzunehmen, wenn der Text direkt auf das in der Überschrift gestellte Thema Bezug nimmt. Cyprian z. B. stellt Bibelexzerpte thematisch zusammen, und die Themenangaben als Überschriften sind ein wesentlicher Bestandteil der Bücher ad Quirinum [ehem. unter dem Titel Testimoniorum] und ad Fortunatum. Auch in Augustins Werk De diversis quaestionibus octoginta tribus sind die Überschriften eindeutig Voraussetzung für das Verständnis der Absicht im jeweils folgenden Abschnitt, z. B. Kap. 17 mit der Überschrift De scientia dei] Omne praeteritum iam non est, omne futurum nondum est; omne igitur et praeteritum et futurum deest. Apud deum autem nihil deest, nec praeteritum igitur nec futurum, sed omne praesens est apud deum\ ebenso in Benedicts regula mon.: (4) Quae sunt instrumenta bonorum operum] In primis dominum deum diligere ex toto corde [...]; deinde proximum tamquam se ipsum; deinde non occidere [...]; (16) Qualiter divina opera per diem agantur] Ut ait propheta: 'Septies in die laudem dixi tibi' [...]; (33) Si quid debeant monachi proprium habere] Praecipue hoc vitium radicitus amputandum est de monasterio

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Teil II : Organisation von Texten

In Isidors Origines beginnen einerseits viele Abschnitte mit dem Stichwort, so daß für die Markierung des Abschnittsbeginns auch Ausrücken o.ä. ausreichen könnte; andererseits ist aber an vielen Stellen die Kapitelüberschrift als Einjeitung so wichtig, daß man insgesamt auf Authentizität der Uberschriften schließen muß, z.B. (4,11,1) De instrumentis medicorum] Enchiridion dictum [...]; (5,3,1) Quid differunt ínter se ius leges et mores] lus generale nomen est, lex autem iuris est species [...]; (7,10,1) De reliquis in Evangelio nominibus] Maria inluminatrix [...]; (12,8,1) De minutis volatilibus\ Apes dictae [...]. Ebenso wie das Inhaltsverzeichnis ausformulierte Inhaltsangaben in Vorworten und Abschlußkapiteln eines Buches ersetzt, können Kapitelüberschriften an die Stelle von Kapitelabschlüssen, Überleitungen und Einleitungen treten. Der Wechsel vom vorangestellten Lemma im Nominativ (z.B. bei Hygin) zur Kapitelüberschrift, i.d.R. bestehend aus einer indirekten Frage oder einem Präpositionalausdruck mit de, kann als Einfluß der Inhaltsverzeichnisse erklärt werden (vgl. die Entwicklung der Gedichtüberschrift, siehe S. 310): Wenn ein Werk sowohl Inhaltsverzeichnis als auch Kapitelüberschriften bzw. Lemmata haben sollte, mußte beides konvergent sein. Die sprachliche Form der Inhaltsverzeichnisse war seit Plinius vorgegeben: überwiegend indirekte Fragen oder Präpositionalausdrücke mit de. Hygin kennt das Inhaltsverzeichnis noch nicht; er verwendet Lemmata im Nominativ. Es ist zu vermuten, daß, sobald jemand zu diesem oder einem anderen Handbuch ein Inhaltsverzeichnis voranstellte, er auch die Lemmata in die aus den Inhaltsverzeichnissen gewohnte Form brachte und so aus den 'Lemmata' im Nominativ 'Kapitelüberschriften' wurden (siehe unten zu Hygin, S. 143). Wenn keine Capitula-Listen vorhanden waren, deren Funktion auch auf Kapitelüberschriften erweitert werden konnte, wurden sie neu formuliert. Teils hat man sich bemüht, dem Wortlaut des Autors im Text zu folgen (siehe unten S. 128 zu Cato, S. 130 zu Varrò), teils hat man frei formuliert (siehe unten S. 138 zu Columella). Oft ist zu beobachten, daß Kapitelnummern von Kapitelüberschriften verdrängt werden bzw. die Kapitelüberschriften überliefert werden, die Nummern aber irgendwann ausfallen. Die Entwicklung, daß immer häufiger Kapitelüberschriften (vom Autor oder Späteren) verwendet werden, hat verschiedene Vorläufer: Hieronymus spricht davon, daß er kurze Zusammenfassungen neben den Text schreibt: (epist. 57,2,2) [...] ex latere in pagina breviter adnotans, quem intrinsecus sensum singula capita continerent. In Werken, die numerierte Capitula-Listen und numerierte Kapitel hatten, lag es relativ nahe, die schon vorhandenen Informationen aus dem Inhaltsverzeichnis neben oder über das Kapitel zu schreiben;

Gliederungsmittel: Kapitelüberschrift

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die bei der 'Umfunktionierung' auftretenden Schwierigkeiten lassen sich oft deutlich beobachten (siehe oben S.99; zu Columella S. 138, zu Vegetius S. 145, zu Augustin S. 100). Die eingefügten Kapitelüberschriften haben sich in vielen Fällen bis in moderne Ausgaben an ihrem neuen Ort halten können, z.B. H E R T Z zur Gellius-Ausgabe (S.8, Anm.): „ante singula capita lectorum commodis

consulturus

repetam."

Ein weiterer Anstoß für das Bedürfnis nach Kapitelüberschriften sind Verweise auf bestimmte Abschnitte, z.B. Rückbezüge innerhalb von Werken: Vitruv ζ. B. gibt bei Rückbezügen die Buchnummer und eine grobe Angabe des

Inhalts, z.B. (5,3,1) [...] eligendus est locus theatro quam saluberrimus, uti in primo libro de salubritatibus in moenium conlocationibus est scriptum; (6,6,1) Primum de salubritatibus, uti in primo volumine de moenibus conlocandis scriptum est, regiones aspiciantur; (10,5,1) Fiunt etiam in fluminibus rotae eisdem rationibus, quibus supra scriptum est (im selben Buch). Ebenso bei Columella, z.B. (3,13,10) sicut praecepi priore libro, cum arandi rationem traderem [...]. Auch Macrobius, der sagt, für Verweise reichten Autorname und Buchnummer

(3,7,8 cui cordi est legere, satis habeat et auctorem et voluminis ordinem esse monstratum), macht an vielen Stellen die Stellensuche doch noch leichter, indem er weitere Hinweise auf den Inhalt gibt, z.B. (3,13,1) Varronis verba de

agri cultura libro tertio, qui cum depavonibus in villa nutriendis loqueretur [...]; (3,13,14) Varrone, qui de agri cultura libro tertio cum de leporibus loqueretur [...]. Hier zeigt sich das Bedürfnis, eine Stelle genauer einzugrenzen, die in der Einführung von Kapitelüberschriften ihren deutlichen Niederschlag findet.

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Teil II : Organisation von Texten

3. Untersuchungen von Einzelfdllen Nach der bisher überwiegend isolierten Betrachtung der Phänomene Kapitel, Inhaltsverzeichnis, Numerierung und Kapitelüberschrift soll nun an einigen Beispielen betrachtet werden, wie Texte mit Hilfe dieser Gliederungsmittel 'organisiert' wurden.

Cato und Varrò, De re rustica Catos Werk De re rustica dürfte das bekannteste Beispiel hinsichtlich der Probleme von Inhaltsverzeichnis und Kapitelüberschriften sein, wobei hier diese Fragen in engem Zusammenhang mit der Beurteilung des Textzustands insgesamt stehen. Wie oben (S. 108) betrachtet, bezieht sich Plinius eindeutig auf Valerius Soranus, der vor ihm ein Inhaltsverzeichnis verwendet habe: Hätte Plinius gleich in der Praefatio ausgerechnet Cato als noch früheren Vorgänger übersehen, wäre ein solcher Fehler wohl nicht unbemerkt geblieben. Columella wiederum verwendet nicht von vornherein ein Inhaltsverzeichnis, sondern offenbar erst unter dem Einfluß von Plinius d.A. (siehe oben S. 110). Daß Cato selbst ein Inhaltsverzeichnis zu seinem Werk angelegt haben könnte, ist daher schon aus chronologischen Gründen mehr als unwahrscheinlich. - Die von RICHTER (ohne Verweis auf die Stelle bei Plinius) aus Catos Werk selbst herausgearbeiteten Ergebnisse bestätigen dieses. Gegen die These von FRIDERICI, der zeigt, daß hinsichtlich der Sprache nichts gegen Catos Verfasserschaft des Verzeichnisses spricht, erweist RICHTER, daß aus textgeschichtlichen und inhaltlichen Gründen weder das Inhaltsverzeichnis noch die Kapitelüberschriften im fortlaufenden Text von Cato selbst stammen können; er legt (S. 172f.) an mehreren Beispielen dar, daß der Urheber der Überschriften den Inhalt nicht immer richtig erfaßt hat; (S. 171): „das Summarium spiegelt ebenso wie die Überschriften nur den Bestand des Buches wider, wie es spätestens seit Anfang der Kaiserzeit vorlag". Die Formulierungen im Inhaltsverzeichnis bzw. die Kapitelüberschriften sind entweder dem Text wörtlich entnommen oder lehnen sich doch möglichst eng an (daher spricht auch, wie FRIDERICI zeigt, aufgrund der Sprache nichts gegen Catos Verfasserschaft); z.T. wurde wörtlich übernommen, z.B. dt.3 Auctionem utifaciat (vgl. 2,7); tit. 8 Agrum quibus locis conseras (vgl. 6,1); tit. 17 Villam aedificandam si locabis (vgl. 14,1); z.T. wurde gekürzt, z.B. tit.4 Prima

Einzelfälle: Cato und Varrò

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adolescentia agrum conserere oportet : 3,1 Prima adulescentia patrem familiae agrum conserere studere oportet, z.T. wurde zusammengefaßt bzw. eine Aussage oder Aufforderung in eine Frage verwandelt, z.B. tit. 10 Fieos quo beo seras : 8,1 Fieos Mariscas in loco cretoso et aperto serito [...]; tit. 25 Trapetum quo modo aedifices : 22,1 Trapetum hoc modo accommodare oportet-, tit. 27 Vinum Graecum quo modo fiat : 24,1 Vinum Graecum hoc modo fieri oportet. Der Index und die Kapitel(überschriften) sind in den Handschriften numeriert. Laut GOUJARD (Praef.XLVf.) stimmt die Numerierung der Kapitelüberschriften en gros mit der des Inhaltsverzeichnisses überein und weicht nur in einzelnen Handschriften in Kleinigkeiten ab; diejenige Numerierung des Verzeichnisses, die z.T. wesentlich von der der Kapitelüberschriften abweicht, findet sich zuerst in der ed. princeps von MERULA 1472, wobei GOUJARD hinzufügt (S. XLVII): „on ne sait d'où Merula a tiré la numeration conservée depuis." Die Numerierung von Index und Kapiteln war, als sie eingeführt wurde, sicher konvergent, und es haben sich nur beim Abschreiben einzelne Fehler ergeben. MERULA hat offenbar korrigiert und Text (wieder) in Kapitel zusammengefaßt, der inhaltlich nicht getrennt werden darf; z.B. ist tit.3 Auctionem uti faciat fraglos nur ein Teil der Aufzählung zum Thema 2 Patris familiae officia. Obwohl M E R U L A Z. B. in diesem zitierten Fall natürlich recht hat, ergibt sich durch die Einführung der neuen Kapitelzählung Verwirrung, solange sie neben der alten herausgegeben wird. Die Unterschiede zwischen dem Inhaltsverzeichnis und den Kapitelüberschriften, auf die MAZZARINO (Praef. LXXXVI-XCI) hinweist, sind nicht so gravierend, daß man zwei völlig selbständige Fassungen annehmen müßte, sondern sie lassen sich leicht durch Verschreibungen, leichtere Eingriffe bei einzelnen Wörtern, besonders Ausfälle auf beiden Seiten erklären (vgl. die Liste bei MAZZARINO). Es kann sein, daß der Text, wie besonders bei Columella deutlich zu sehen ist, in mehreren Phasen eingerichtet wurde, indem zuerst Inhaltsverzeichnis und Kapitelnumerierung hinzugefügt und erst später die Argumenta des Verzeichnisses auch als Kapitelüberschriften eingetragen wurden. Daß beide Phänomene von diesem Zeitpunkt an ihre eigene Geschichte haben und im Laufe der Uberlieferung nicht wieder einander angeglichen werden, so daß die Zahl der Unterschiede stetig wachsen kann, ist auch bei anderen Autoren zu beobachten (siehe z. B. zu Columella S. 132). Auch zum ersten Buch von Varros res rusticae ist ein Inhaltsverzeichnis überliefert (in manchen Hss. gibt es sogar - innerhalb des Dialoges — Kapitelüberschriften); über die Authentizität wurden verschiedene Meinungen geäußert, aber wie gerade zu Cato ausgeführt (siehe oben S. 128), sprechen auch bei

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Teil II : Organisation von Texten

Varrò aus chronologischen Gründen Plinius' Bemerkungen grundsätzlich gegen die Authentizität des Inhaltsverzeichnisses. KEIL druckt das Inhaltsverzeichnis, spricht es aber Varrò ab. Auch FLACH, der das Inhaltsverzeichnis nicht für authentisch hält (S. 15-17), druckt es ab, weil es insgesamt zuverlässig genug über den Inhalt unterrichte. Allerdings zeigt FLACH, daß das Argumentum zu Kap. 64 ein falsches Verständnis des Inhalts offenbare bzw. das Eingangswort des Kapitels zu einem Irrtum gefuhrt habe. H E U R G O N (S.9lf.) hält das Verzeichnis für authentisch, doch auf einige problematische Details weist er selbst hin: Im Inhaltsverzeichnis (Kap. 32,1 und 33) sei von idus Augustae die Rede, während im Text (28,2) nur Sextiiis bekannt sei; allerdings könne Varrò noch kurz vor seinem Tod von der Änderung erfahren haben und immerhin die Angabe im - insgesamt nicht mehr vollendeten - Inhaltsverzeichnis korrigiert haben. Außerdem seien Angaben zu den Intervallen nicht exakt oder geradezu falsch; für diese Fehler sei aber Varros hohes Alter verantwortlich. Den Ausschlag für HEURGONS Entscheidung, das Inhaltsverzeichnis als authentisch anzusehen, gibt seine Einschätzung, daß kein späterer Grammatiker in der Lage gewesen sein könne, das scholastische und sehr abstrakte System so getreu in einem Inhaltsverzeichnis darzustellen. Gegen dieses Argument HEURGONS spricht jedoch die Struktur des Textes, denn gerade dieser Text läßt sich, anders als etwa der erzählende Text Columellas, relativ einfach einteilen, denn Varrò gliedert mit Hilfe der Dihaerese sehr systematisch; zeitweise kann sich der Leser sogar fragen, ob diese starre Gliederung so gut zur Gattung Dialog paßt. Die meisten Formulierungen der Argumenta lehnen sich eng an den Text an oder scheinen ihm geradezu entnommen zu sein, vgl. z.B. (tit. 1) Qui Graeci de agri cultura scripserint und (1,1,8) Qui graece scripserunt dispersivi alius de alia re; (tit. 2) Quae diiungenda sint ab agri cultura und (1,1,11) prius ostendam, quae secerni oporteat, (1,3,1) quae diiungenda essent·, (tit. 4) Agri culturae quod sit initium et quis finis, (tit. 5) Quot partes habeat disciplina culturae agri und (1,5,1) quod esset initium et finis dixi\ relinquitur quot partes ea disciplina habeat. Ein späterer Bearbeiter konnte ohne weiteres das Inhaltsverzeichnis aus dem Text heraus erstellen; auch lassen sich die von H E U R G O N und FLACH beobachteten Ungenauigkeiten so angemessener erklären, ohne eine Altersschwäche annehmen zu müssen.

Über die Entstehungszeit der Inhaltsverzeichnisse zu Catos und Varros Werken über die Landwirtschaft läßt sich nur spekulieren. Die Vorteile dieses Hilfsmittels müssen in der Folge u.a. von Plinius und Columella zu solcher Verbreitung geführt haben, daß andere Texte auch nachträglich damit ausgestattet wurden; diese praktischen Anweisungen wurden offenbar viel benutzt

Einzelfälle: Columella

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und darum auch ftir die Praxis eingerichtet. Auch an Columellas Werk, für das der Autor selbst schon ein Inhaltsverzeichnis erstellt hat, lassen sich die Eingriffe späterer Benutzer und Bearbeiter deutlich sehen.

Columella, De re rustica

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Columella hat an das Ende von Buch 11 ein Inhaltsverzeichnis für alle Bücher gestellt (Gesamtverzeichnis, im folgenden abgekürzt: GV): (11,3,65) omnium librorum meorum argumenta subieci (siehe dazu oben S. 110). Außerdem sind jeweils vor den einzelnen Büchern die entsprechenden Argumenta überliefert; ferner finden sich innerhalb des Textes Kapitelüberschriften. Auf diese verschiedenen 'Randerscheinungen' weisen die Herausgeber zwar hin, widmen ihnen aber nicht die gleiche Sorgfalt wie dem 'eigentlichen' Text und drucken sie i.d.R. ohne größere Eingriffe.167 Allerdings hat man, soweit ich sehe, weder den Bezug der Argumenta zum Text untersucht, noch die Kapitelüberschriften, noch die Numerierung, die so, wie sie überliefert ist, keine Hilfe ist. Es läßt sich aber zeigen, daß man manche Fehler berichtigen könnte, die offensichtlich erst im Laufe der Überlieferung eingetreten sind.

Das Gesamtverzeichnis und die Verzeichnisse vor den einzelnen Büchern Columella hat dem Inhaltsverzeichnis einen für den Leser doppelt ungünstigen Platz zugewiesen: das Ende einer Rolle, und zwar der elften und damit (zunächst) letzten Rolle des Werkes. Da aber Plinius das Inhaltsverzeichnis für die naturalis historia, das Columella wahrscheinlich als unmittelbares oder mittelbares Beispiel vorlag (siehe oben S. 110), als erstes Buch voranstellt, ist es nicht verwunderlich, daß Columellas Verzeichnis im Laufe der Überlieferung den Platz wechselte,168 denn der Leser des ersten Buches konnte ja nicht ohne weiteres ahnen, daß er nach dem elften Buch eine Inhaltsliste finden würde. Das

166 Ich stütze mich auf die Ausgaben von

L U N D S T R Ö M , HEDBF.RG, J O S E P H S O N ,

DU-

MONT, A N D R É , R I C H T E R .

167 Außer, daß manche Kapitelüberschriften gar nicht berücksichtigt werden. 168 In Cod.Nr. 1099 der Biblioteca Angelica (15.Jh.) hat man das Verzeichnis am Ende von Buch 11 ausgelassen, was dazu führt, daß auf Columellas Hinweise zum Gesamtverzeichnis {...quid in quoque querendum...) direkt die Argumenta nur für Buch 12 folgen.

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Teil II : Organisation von Texten

Verzeichnis wurde aber nicht insgesamt vom Ende an den Anfang des Werkes gesetzt, sondern zusätzlich in den entsprechenden Teilen vor die einzelnen Bücher geschrieben. Columella selbst ist diese buchweise Verteilung der Argumenta nicht zuzuschreiben, da er dann auch seine Hinweise zum Gesamtverzeichnis in Buch 11 hätte überarbeiten und besser an einer anderen Stelle anbringen müssen. Buchweise Verteilung von Inhaltsverzeichnissen ist zudem erst in der Spätantike zu beobachten (siehe oben S. 113). Die naheliegende Überarbeitung fiir Columella selbst wäre gewesen, das Verzeichnis wie Plinius (und viele andere) hinter die Praefatio zu stellen (und das Ende von Buch 11 zu überarbeiten). Daß er dies ebensowenig vornahm wie die Aufnahme des 12. Buches in ein Gesamtverzeichnis, ist ein Indiz unter anderen dafür, daß er das Werk in hohem Alter schrieb und selbst wohl keine Gesamtausgabe der 12 Bücher mehr erstellt hat. An diesem außerordentlichen Fall von zweifacher Uberlieferung der Inhaltsverzeichnisse lassen sich Fehlerquellen von Verzeichnissen besonders gut studieren, denn wie kaum anders zu erwarten, gibt es Unterschiede zwischen den sowohl im Gesamtverzeichnis als auch in den Einzelverzeichnissen überlieferten Argumenta, und zwar innerhalb von einzelnen Handschriften wie auch zwischen den Handschriften. Bei diesen Unterschieden zwischen den Verzeichnissen vor dem jeweiligen Buch bzw. in Buch 11 handelt es sich nicht nur um eine Anzahl von relativ unbedeutenden Verstellungen (ζ. B. 3 arg. 5 rusticis magis : magis rusticis GV) oder kleineren Ausfällen bzw. Ergänzungen (ζ. B. 3 arg. 2 quae vites suburbanis regionibus ad escam conserendae sint, sint om. GV; siehe auch 3 arg. 16, 19, 21 u. v. a.m.). Es gibt auch Unterschiede im Wortlaut, z.B.: (GV für 2 arg.2) quot sint genera terrae : (vor Buch 2) quot sint genera terreni (genera terrae Hs.j) : (im Text 2,2,1) Callidissimi rusticarum rerum [...] genera terreni tria esse dixerunt, campestre, collinum, montanum. — Wichtiger sind Unterschiede in der Lesart, wenn sich eine gravierende Verschiebung des Sinns ergibt: So steht im GV zu 3 arg. 6: quantum debeat agricola ex disposito malleolo recidere; dagegen vor Buch 3 arg. 6: [...] malleolo redigere. In Anbetracht des Kapitelinhalts kann nur redigere richtig sein. Noch erheblicher ist, daß das GV fiir Buch 3 drei Argumenta weniger enthält als das Verzeichnis vor Buch 3 (arg. 9-11: quali solo et quo modo vitiarium faciundum sit - qualis et quibus ex partibus vitis malleolus legendus sit - quo modo fecunditatem vitis explores). Diese Themen machen in der Tat einen nicht geringen Teil des Textes aus, so daß man Columella nicht unterstellen sollte, daß er selbst diese Themen in seiner Inhaltsangabe vergessen, jemand anders sie aber

Einzelfälle: Columella

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vor Buch 3 nachgetragen habe. Angesichts der Fehleranfälligkeit von Listen und der Tatsache, daß man Columella insgesamt eine wenn auch grobe, so doch zutreffende Angabe des Inhalts bescheinigen kann, wäre in diesem Fall ein Hinweis auf den Ausfall innerhalb des Gesamtverzeichnisses nicht nur im Apparat, sondern im Text des Verzeichnisses selbst anzubringen. An weiteren Stellen sind Argumente ausgefallen, die in den Ausgaben aber ergänzt werden, ζ. B. fehlen in den Handschriften S und A vor Buch 2 die arg. 7-14, in Hs. oe vor Buch 3 die arg. 1-3. Ebenso wird vor Buch 2 arg. 11 de seminum generibus ergänzt, das im Gesamtverzeichnis sicher überliefert ist, vor Buch 2 aber nur in einer Handschrift (t). Vertauschung von Argumenten ist in den Verzeichnissen für Buch 4 zu beobachten: (GV) Quo modo malleolus resecandus sit — quem ad modum vitis adliganda sit — quem ad modum pampinanda sit vinea — quam alte cantherius levandus sit - quem ad modum malleolis iugum inponendum sit : (vor Buch 4) quo modo malleolus resecandus sit — quem ad modum palartela sit vinea - quam alte cantherius adlevandus sit - quem ad modum vitis adliganda sit — quem ad modum malleolis iugum inponendum sit. Die Reihenfolge von vitis adliganda und cantherius levandus ist vertauscht; dazwischen bzw. davor steht pampinanda vinea bzw. palanda vinea, wobei pampinanda wohl entweder eine Verwechslung und Verschreibung aus palanda ist oder ursprünglich weiter vom stand im Zusammenhang mit malleolus resecandus. Weitere Unterschiede zwischen Einzel- und Gesamtverzeichnis entstehen durch unterschiedliche Zusammenfassung mehrerer Argumente unter eine Nummer (vor Buch 3 nehmen SA arg. 6 und 7 unter Nr. 6 zusammen; GV für Buch 4 nimmt arg. 25 und 26 zusammen) oder Aufspaltung eines Arguments unter mehrere Nummern (vor Buch 5 teilt Hs. ü arg. 5 [de ordinando arbusto et quae sit eius cultura] in Nr. 5 und 6). Für Buch 12 gibt es zwar nur das eine Verzeichnis direkt vor dem Buch, aber hier zeigt der Vergleich mit dem Inhalt, daß etwas durcheinandergeraten sein muß, denn die Behandlung von passum steht im Verzeichnis an anderer Stelle als im Buch: Auf passum bezieht sich arg. 20, eingerahmt von den Themen conditurae (arg. 19) und sapa (arg. 21). Im Text folgt auf die Einfuhrung des Themas conditurae (Kap. 19,1) aber direkt das Thema sapa, und passum wird in Kap.39 behandelt, zwischen vinum myrtiten (Kap. 38) und lora (Kap. 40). Schon diese wenigen Beispiele zeigen, wie überaus fehleranfällig Inhaltsverzeichnisse und Numerierung durch Ausfall, Vertauschung und verschiedene (mechanische oder bewußte) Veränderungen sind.

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Teil II : Organisation von Texten

Der inhaltliche Bezug zwischen Argumenta und Kapiteln und die Numerierung Die Numerierung von Inhaltsverzeichnissen und Textkapiteln in den Handschriften 169 zeigt, daß der Bezug der Argumenta zu den entsprechenden Stellen im Text 170 gesucht wurde. Columella hat das Verzeichnis am Ende von Buch 11 geschrieben, als die Bücher 1 - 1 0 längst im Umlauf waren; ihn selbst könnte man also für die Numerierung der Kapitel in 1 - 1 0 nur dann verantwortlich machen, wenn man davon ausginge, daß er eine (hinsichtlich der Gliederungshilfen) überarbeitete Gesamtausgabe angefertigt hätte. Da dies aber nicht der Fall zu sein scheint (siehe oben S. 111), m u ß man die Numerierung einem Späteren zuschreiben, der das Werk praktischer einrichten wollte. Allerdings fällt sofort auf, daß die Bezüge zwischen Nummern im Inhaltsverzeichnis und Kapitelnummern nicht stimmen. Wenn man annehmen möchte, daß es dem, der die Numerierung eingeführt hat, im großen und ganzen gelungen sein sollte, durch die Numerierung dem Leser die Orientierung im Text zu erleichtern, m u ß im Laufe der Zeit in den Handschriften entweder die Numerierung in den Verzeichnissen gestört worden sein oder die des Textes. Da in den Ausgaben die überlieferte Kapitelnumerierung beibehalten wird, kann man auch versuchen, eine Stufe zu erschließen, auf der Index und Numerierung benutzbar waren. Dafür muß man den Bezug zwischen den numerierten Kapiteln und den Inhaltsverzeichnissen prüfen, um so dem immerhin von Columella selbst stammenden Verzeichnis einen Sinn zu geben. Denn die überlieferte unbenutzbare Unordnung ist sicher weder auf Columella noch auf den für die ursprüngliche Numerierung Verantwortlichen zurückzuführen, und der Verlust der Ordnung im Laufe der Zeit läßt sich tatsächlich beobachten und ζ. T. erklären. Z u m Zustand der Kapitel bemerkt R I C H T E R (Columella, Bd. I I I , S.654): „ sind äußerst ungleich und machen oft den Eindruck schierer Willkür; manche Kapitel fassen Unterschiedliches zusammen, andere zerlegen Zusammengehöriges in mehrere Einheiten." Dieses ist zunächst etwas genauer zu betrachten: O f t entspricht einem numerierten Argumentum auch ein numeriertes Kapitel, ζ. B. in Buch 9 stimmt bis einschließlich Kap. 8 der Bezug von numeriertem Argumentum zu numeriertem Kapitel; eine der Kapitelnummern (für das eigentlich neunte Kapitel, das bei 8,7 beginnen müßte) ging verloren, 169 Was genau wie in welchen Handschriften numeriert ist, ist den Ausgaben nicht zu entnehmen. 170 Zur optischen Gliederung von Texten in Kapitel siehe oben S. 103.

Einzelfälle: Columella

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und dadurch stimmt im weiteren der Bezug zwischen Inhaltsverzeichnis und Kapiteln nicht mehr. - Für Buch 1 gibt es neun Argumenta, und das Buch ist in neun Kapitel eingeteilt; der Bezug stimmt bei den Kapiteln 1-3, 7, 8 171 und 9; die Nummer 4 steht aber nicht bei 1,4,8 (cuius universum situm qualem oporteat esse, nunc explicabimus), worauf sich arg. 4 bezieht, sondern ist vor eine Textstelle geraten, die einen Neuanfang zu signalisieren scheint (1,4,1) sequitur deinceps·, im weiteren Verlauf des Textes ist aufgrund der engen Verflechtung der Themen nicht zu entscheiden, wann arg. 5 de aqua endet und arg. 6 de positione villae beginnt; die vorgenommene Teilung zwischen Kap. 5 und 6 jedenfalls ist unmotiviert. Wenn man allerdings Buch 2 mit 31 Argumenta im Inhaltsverzeichnis und nur 2 1 Kapiteln betrachtet, möchte man zunächst RICHTER zustimmen, daß es sich um pure Willkür handle. Die Verwirrung läßt sich aber lösen, sobald man sieht, daß fur Columella die einzelnen Angaben im Inhaltsverzeichnis offensichtlich nicht gleichberechtigt sind, sondern er über- und untergeordnete oder gleichzeitig zu behandelnde Themen nennt: Vor Buch 2 stehen im Verzeichnis (arg. 17) de sartione und (arg. 18) de runcatione. Im Text wird beides zusammen in einem Abschnitt behandelt: (2,9,18) frequentem tarnen exigunt sartionem et runcationem. Auf diesen Abschnitt bezieht sich ferner noch als übergeordnetes Thema das vorhergehende arg. 16 Quem ad modum facta semente frumenta colenda sint.174 Columella kann die behandelten Themen nicht immer der Reihe nach aufzählen, denn er hat sein Werk nicht so systematisch gegliedert wie Varrò {de re rustica) oder Vitruv. Dadurch wirkt es einerseits nicht so schulmäßig, läßt sich andererseits aber auch nicht so exakt in Kapitel einteilen. Columella hat ja beim Schreiben auch noch nicht gewußt, daß er ein Inhaltsverzeichnis hinzufügen würde. Er handelt nicht wie in einer Aufzählung ein Thema nach dem anderen ab, sondern läßt durch allmähliche Übergänge neue Themen sich entwickeln, z.B. im ersten Buch das Thema dispositio fundi·. Der Verlauf des Textes spricht deutlich gegen den Einschnitt vor 1,2,1, denn schon vorher spricht Columella über dieses Thema, das aus dem vorhergehenden herauswächst. Palladius (opus agriculturae) weist deutlich darauf hin, wenn im Inhaltsverzeichnis zu einem Kapitel auch untergeordnete Themen genannt sind, z. B. Ian.

171 Allerdings kann arg. zu 8 so nicht stimmen. 172 Aber die Kapitelüberschrift de salubritate regionum steht an der 'richtigen' Stelle. 173 Als Kapitelüberschrift erscheint auch vor dieser Stelle de sartione. de runcatione nebeneinander. 174 Dieses arg. ist nicht als Kapitelüberschrift überliefert.

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Teil II : Organisation von Texten

(Buch 2, tit. 14) De hortis. in eo de lactuca serenda [...], item nasturcio, similiter et eruca [...]; (tit. 15) Depomis. in eo de sorbo, de amygdalo, de nuce [...]. Columella hat kein so präzises Verzeichnis formuliert, aber an vielen Stellen läßt sich zeigen, daß auch er im Verzeichnis über- und untergeordnete Themen nennt: (Buch 3, arg. 5) Disputationem qua conligitur nihil rusticis magis expedire quam vineas colere bezieht sich auf einen Textabschnitt, der mit einem klaren Neueinsatz beginnt (3,3,1: Nuncpriusquam de satione vitium disseram [...], ut ante perpensum et exploratum habeamus, an locupletet patrem familiae vinearum cultus) und auch deutlich abgeschlossen wird (3,3,15: [...] quas quoniam docuimus rationis esse conserere, nunc institutionis earum praecepta dabimus.). In diesen Textabschnitt (3,1-15) hinein gehören Ausführungen über drei Berechnungen, die dem Hauptthema (vgl. 3,2 hocprimum docendi sunt uberrimum esse reditum vinearum) untergeordnet sind: (arg. 6) Quantum debeat agricola ex deposito malleolo redigere, (arg. 7) Quantum in singula iugera vinifacere und (tit. 8) Quot iugera debeat unus vinitor colere. All dieses zusammen ist im dritten numerierten Kapitel enthalten; interessanterweise sind in den Hss. S und A vor Buch 3 die arg. 6 und 7 unter Nr. 6 zusammengefaßt. Auch das vorangehende Kapitel verbindet mehrere Themen: 3,2,1 beginnt: Vitts autem veladescam veladeffusionem deponitur. adescam [...]; (3,2,3) At ubi vino consulimus [...]. Im Verzeichnis dagegen stehen zwei numerierte Argumenta: (arg. 2) Quae vites suburbanis regionibus ad escam conserendae sint und (arg. 3) Quae vites diffusionis causa deponendae. Im Text geht Columella ohne Abbruch und Neueinsatz vom einen zum anderen Thema über; auch das folgende Thema setzt nicht abrupt ein (arg. 4: Nomina et qualitates minus aut magis generosarum vitium). Columella läßt seine Ausführungen zu diesem Thema nicht an einem bestimmten Punkt beginnen, 175 sondern verbindet die zusammengehörenden Themen. Wenn man das Verzeichnis etwas anders anordnet, kann im großen und ganzen die entstellte Numerierung und ihr Bezug zu den Kapiteln wiederhergestellt werden, z.B. der Beginn von Buch 3: — Erstes Kapitel: quod genus vitis conveniat cuique solo et statui caeli (arg. 1 ). — Zweites Kapitel: quae vites suburbanis regionibus ad escam conserendae sint. quae vites diffusionis causa deponendae. nomina et qualitates minus aut magis generosarum vitium (arg.2, 3, 4).

175 Dieses arg. ist auch nicht als Kapitelüberschrift überliefert.

Einzelfälle: Columella -

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Drittes Kapitel: Disputatio qua conligitur nihil rusticis magis expedire quam vineas colere, quantum debeat agricola ex deposito malleolo redigere, quantum in singula iugera vini facere. quot iugera debeat unus vinitor colere (arg. 5, 6, 7, 8).

Als Kapitelüberschriften erscheinen tatsächlich bis dahin von diesen Argumenta nur die Nrr. 1, 2 und 5, d.h. jeweils der Anfang der Inhaltsangaben. Die Unordnung ist also erst entstanden, als der Index ohne Beachtung der Hierarchie der Elemente im einzelnen numeriert wurde. Nicht nur in diesem Fall ist die Numerierung auf diese Weise durcheinandergeraten. Vergleichbares scheint im Inhaltsverzeichnis bei Scribonius Largus passiert zu sein; vgl. z. B. tit. 76 Ad suspirium Simplicia quattuor, und tit. 77-79 jeweils Ad idem compositum expluribus. In Kap. 76 wird ein Mittel genannt: Ad suspirium facit bene [...], in Kap.77 das zweite: Prodest et hoc medicamentum [...], in Kap.78 das dritte: Hoc quoque medicamentum [...], in Kap.79 das vierte: Aliud medicamentum [...]; vgl. ebenso mit den Kapiteln im Text tit.39 Ad auriculae dolorem et tumorem Simplicia bene facientia sex u. a. Auch hier m u ß das Inhaltsverzeichnis ursprünglich auf weniger numerierte Kapitel verwiesen haben. - Zu vergleichen ist, daß man auch im zehnten Buch von Plinius' Briefen in der Spätantike zusammengehörige Einheiten, d. h. jeweils Frage und Antwort, unter einer Uberschrift und einer Nummer zusammenfaßte (siehe STOUT, Basis of the Text, S. 233). Häufig ist die Numerierung aus mechanischen Gründen oder durch (oft erkennbare) Mißverständnisse fehlerhaft geworden. Wenn man schon aus praktischen Erwägungen die Numerierung nicht ändern kann, um so die frühere Textstufe darzustellen, müßte aber deutlich darauf hinweisen werden, daß eine allgemein verwendete fehlerhafte Numerierung beibehalten wird und es sich dabei um Uberlieferungsfehler handelt.

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Teil II : Organisation von Texten

Die Kapitelüberschriften und ihre Plazierung im Text Die tradierten Kapitelüberschriften 176 bereiten in verschiedener Hinsicht Probleme. Zunächst fällt auf, daß sie offenbar unterschiedlicher Herkunft sind: Z u m Teil hat man, was nahelag, Argumenta aus dem Inhaltsverzeichnis als Kapitelüberschriften in den Text eingefügt. Man kann an einigen Stellen noch sehen, daß tatsächlich neben das numerierte Kapitel das numerierte Argumentum bzw. dessen erster Teil geschrieben wurde: 177 Am Anfang von Buch 3 erscheinen als Überschriften nur die arg. 1, 2 und 5; diese stehen an den Stellen, wo die Kapitel 1, 2 und 3 beginnen (siehe dazu auch oben S. 136). So läßt sich erklären, daß nicht alle Elemente des Inhaltsverzeichnisses als Kapitelüberschriften erscheinen. - An anderen Stellen hat man die Argumenta zerteilt, z.B. (Buch 6 arg.3) de cura et cibariis eorum·. vor Kap.3,1 steht als Überschrift de curandis bubus und vor 3,4 cibaria boum., obwohl schon am Ende von 3,1 die Behandlung dieses Themas einsetzt: [...] tum et omne genus pabuli praeparabimus [...]. — O f t hat man die vorgefundenen Tituli verändert, meist verkürzt, vgl. z.B. (Buch 3 arg.21) quam longus debeat esse malleolus : Kapitelüberschrift 3,19 de longitudine malleoli. Auch kann dabei der umgebende Text seinen Einfluß ausgeübt haben: (Buch 8 arg. 12) de piscinis faciendis etpiscibus alendis : (Überschrift vor 8,16,1) depiscium cura : (Text 16,1) [...] ad curampervenimus piscium-, (Buch 2 arg. 19) quod solum cuique legumini conveniat : (Text 10,1) quoniam de frumentis abunde praecepimus, de leguminibus deinceps disseremus : (Kapitelüberschrift 10,1 in manchen Hss.) de leguminibus. Das von Columella angefügte Inhaltsverzeichnis ist recht pauschal; beim Verfassen der Bücher begnügte er sich mit der Einteilung der Themen in Bücher, und man konnte sich anhand der Buchtitel orientieren (siehe oben S.26). Daher überrascht es nicht, daß Columella für das Inhaltsverzeichnis nicht dazu übergeht, alles im einzelnen aufzuzählen, sondern auch hier lediglich einen Überblick gibt, z.B. in Buch 6 die Angabe (arg.4) vitia boum et medicinae, ohne Aufzählung im einzelnen. Benutzern haben nun die Tituli bzw. die wenigen Kapitelüberschriften im Text nicht gereicht, gerade listenartige Abschnitte im Text forderten zu weiteren Überschriften heraus (z.B. hier ventris dolor, ranae boum sic curantur, febris cura et signa), so daß Kapitelüberschriften entstanden, die kein Pendant im Inhaltsverzeichnis haben.

176 Nicht immer stehen sie tatsächlich über den Kapiteln, sondern z.T. in margine, z.T. im laufenden Text. 177 Es kann auch sein, daß zunächst das ganze Argumentum hinzugeschrieben und erst im Laufe der Zeit verkürzt wurde.

Einzelfälle: Columella

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Damit erklärt sich auch das von R I C H T E R notierte Problem (Bd. III, S. 655), „daß bei weitem nicht zu jedem Kapitel eine Uberschrift überliefert ist, andererseits aber viele Uberschriften innerhalb von einzelnen Kapiteln überliefert sind. Sachgliederung und Kapitelgliederung sind also nicht kongruent, d. h. sie sind nicht dem Urteil einer Person entsprungen." Die erste Sachgliederung stammte von Columella, aber die Numerierung der Kapitel, die Einsetzung der Argumenta in den Text, die Zerteilung der Argumenta und die Bildung neuer Uberschriften haben wahrscheinlich erst im Laufe der Zeit dazu geführt, daß in den erhaltenen Handschriften nicht jedes numerierte Kapitel eine Überschrift trägt und nicht jede Überschrift bei einer Kapitelnummer steht. Wenn die numerierten Kapitel durch die ehemaligen Untertitel geteilt werden und schon so nicht mehr vor jeder Überschrift eine Nummer steht, ist auch der Weg offen für weitere Eingriffe — weitere Kapitelüberschriften. Ein Versuch Ordnung herzustellen, kann der Schritt gewesen sein, daß irgendwann die einzelnen Elemente der Inhaltsverzeichnisse (und nicht mehr nur die Oberthemen) numeriert wurden. Die Herausgeber betonen sehr einseitig diejenigen Kapitelüberschriften, die keine Entsprechung im Inhaltsverzeichnis haben, obwohl die meisten Kapitelüberschriften den Argumenta (bis auf die üblichen Veränderungen) entsprechen: In Buch 1 und 2 haben S und A fast gar keine Kapitelüberschriften (nur zwei am Ende von Buch 2), die anderen Hss. haben ausschließlich solche Kapitelüberschriften, die den Argumenta entsprechen. In SA finden sich in Buch 6 zunächst Kapitelüberschriften, die den Argumenta entsprechen, dann aber sind die Einzelfälle durch neue Überschriften bezeichnet (siehe oben); in Buch 5 und 7 entsprechen auch in SA die Kapitelüberschriften oft den Argumenta, in Buch 8 und 9 sogar fast ausnahmslos; in Buch 12 haben SA z.T. die Argumenta, z.T. andere Überschriften. Besonders auffällig sind nur Buch 3 und 4 mit überwiegend neuen Überschriften. Columella hat weder den Text noch sein Inhaltsverzeichnis im Hinblick auf die Einsetzung von Kapitelüberschriften geschrieben. So erklären sich die Schwierigkeiten, die ihre Plazierung im Text bereitete: Soll man die Überschrift vor oder nach einer Überleitungsformel einfügen? z.B. steht Buch 2 arg.5

{quem ad modum silvestris locus excolatur et arvum fiat) in einigen Hss. vor, in anderen Hss. nach der Überleitungsformel: (2,2,8) Sed nuncpotius

uberioris

soli

meminerimus, cuius demonstranda est duplex tractatio, culti et silvestris. de silvestri regione in arvorum formant redigenda prius dicemus, quoniam est antiquius facere agrum quam Rand.

colere.

Wahrscheinlich setzte man die Angabe zunächst in den

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Teil II : Organisation von Texten

O f t ist der Bezugspunkt für das Argumentum sehr deutlich, z.B. (2,12,1) Et ut iam percenseamus, quot operis in aream perducantur ea, quae terrae credidimus [...], vgl. (arg.21) pro modo cuiusque agri quot operae desiderentur. An vielen dieser Stellen aber unterscheiden sich die von Columella fur das Inhaltsverzeichnis gewählten Formulierungen von denen im Text, z.B. (2,3,2) Hactenus de officio bubulci dixisse abunde est. sequitur, ut tempora quoque subigendi arvi praecipiamus, vgl. (arg. 9) quibus temporibus quidque genus soli proscindendum et iterandum sit. Manche Kapitelüberschriften sind an Stellen überliefert (und werden in Ausgaben so gedruckt), wo sie - wenn man sie denn einfügen will - sicher nicht hingehören: Über 3,11,1 z.B. ist die Überschrift de pastinatione (eine Verkürzung des arg. 14: quo modo terra pastinetur) überliefert und wird in den Ausgaben an dieser Stelle gedruckt, obwohl es im Text heißt (3,11,1): [...] sequitur hanc eligendi malleoli curam pastinationis officium, si tarnen ante de qualitate soli constiterit. Offenbar hat derjenige, der die Überschrift an diese Stelle gesetzt hat, das Ende dieses Satzes nicht beachtet. Auf diese Textstelle aber bezieht sich im Inhaltsverzeichnis arg. 13: Quae spectandae sint qualitates in eo solo quod vineis destinaveris. Hingegen bezieht sich arg. 14 Quo modo terra pastinetur auf den Text 3,13,6: Nunc pastinandi agri propositum est rationem tradere. - Arg. 13 Quae spectandae sint qualitates in eo solo, quod vineis destinaveris ist aber auch zur Kapitelüberschrift gemacht worden und steht vor 3,8,1; hier ist Columella aber noch mitten in der langen Ausführung zum arg. 12 Quo modo Aminneas vineas feraces facias; dieses T h e m a beginnt 3,7,1 (dort ist keine Kapitelüberschrift überliefert) und endet 3,10,22. Wenn man die Kapitelüberschriften so druckt, wie sie überliefert sind, entsteht der Eindruck, als habe der Autor selbst seinen Text nicht verstanden. M a n sollte n u n nicht die Kapitelüberschriften an die 'richtige' Stelle setzen, sondern gar nicht in den Text stellen, im Apparat aber präzise Angaben machen. Die Herausgeber haben die Kapitelüberschriften anders beurteilt: HEDBERG (S.8) läßt die Überschriften, die mit dem Inhaltsverzeichnis übereinstimmen, aus dem Text heraus, n i m m t aber diejenigen Kapitelüberschriften in den Text, die kein Pendant im Inhaltsverzeichnis haben (ebenso sind die Ausgaben von DUMONT, Buch 3, u n d ANDRE, Buch 12, gestaltet). Er spricht von zwei Reihen („duae series") von Kapitelüberschriften (einmal die Argumenta des Inhaltsverzeichnisses im Text, zum anderen „rubricae saepissime argumentis librorum dissimiles") und erweckt so den Eindruck, als finde sich in den Handschriften deutlich trennbar entweder die eine oder die andere Reihe (für die dissimiles etwa nennt er Hss. SA, aliquot e ree.). Wie schon oben dargelegt, ist das aber

Einzelfälle: Columella

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überhaupt nicht so: Nicht nur in jüngeren Handschriften, sondern besonders auch in den wichtigsten Handschriften (S und A) sind beide 'Reihen', besser: Arten von Uberschriften gemeinsam vertreten, „neue" Uberschriften vermischt mit solchen, die aus Argumenta hervorgehen. Die starke Betonung der rubricae dissimiles von Seiten der Herausgeber ist daher - zumindest anhand der Ausgaben - nicht nachzuvollziehen. In keiner Handschrift scheinen nur solche Kapitelüberschriften enthalten zu sein, die überhaupt keinen Bezug zum Inhaltsverzeichnis haben. In den Text können weder die einen noch die anderen Kapitelüberschriften gehören. Für die Argumenta hat Columella nicht etwa schon vorhandene Zwischentitel zusammengetragen, sondern er muß die Argumenta speziell fur das Verzeichnis formuliert haben, denn im Text selbst finden sich die üblichen Uberleitungs- und Abschlußformeln. Die von Columella formulierten Argumenta haben einen recht klaren Bezug zum Text; sobald Inhaltsverzeichnisse und Kapitel numeriert waren, konnte man vom numerierten Argument aus das numerierte Kapitel finden, das dann gegebenenfalls Ober- und Unterthema behandelte. Als Kapitelüberschriften aber sind die Argumenta nicht gedacht und auch nicht geeignet. Noch viel weniger als die Argumenta können diejenigen überlieferten Kapitelüberschriften in den Text gehören, die kein Pendant im Inhaltsverzeichnis haben. Besonders wenn man nur diese Kapitelüberschriften in den Text stellt und die anderen, die in denselben Handschriften auch stehen, kommentarlos ausläßt, entsteht die Situation, daß viele Kapitel gar keine Überschrift haben bzw. noch mit unter einer früheren Überschrift stehen. Wenn diese Kapitelüberschriften von Colmella wären, hätte er diese für das Inhaltsverzeichnis verwenden müssen, um den Leser nicht zu verwirren. In den genannten Ausgaben aber findet man eine funktionslose Numerierung der Inhaltsverzeichnisse und Kapitel, außerdem Kapitelüberschriften, die man vom Verzeichnis ausgehend nicht sucht. Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß ein antiker Autor seinen Text so unpraktisch hätte einrichten sollen. Diese Beispiele sollten die Probleme aufzeigen; alle Einzelheiten anhand der Handschriften, mit Überblick über den Text und Kenntnis des Autors, zu klären, ist Sache der Herausgeber. Wünschenswert wäre zumindest ein gründliches Kapitel in der Praefatio und präzise Angaben im Apparat. Die Überschriften sind immerhin ein wichtiges Zeugnis dafür, daß Spätere den Text 'aktiv' genutzt haben. Wichtig ist festzuhalten, daß Inhaltsverzeichnis und Kapitelüberschriften keineswegs gleichzeitig entstanden sein müssen und daß man für die in Hss. vorzufindende 'Unordnung' von Verzeichnissen, Numerierung und Kapitel-

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Teil II : Organisation von Texten

Überschriften nicht die Unfähigkeit des Autors oder dessen, der ein Verzeichnis oder eine Numerierung zuerst erstellt hat, verantwortlich machen darf, sondern man im Prinzip davon ausgehen kann, daß ein Autor bei der Konzeption seines Werkes mit den ihm bekannten bzw. den von ihm gewählten sprachlichen oder optischen Mitteln zur Organisation konsequent verfahren ist. Aufgrund dieser Ergebnisse ließe sich in vielen Fällen mit Uberblick über die Handschriften ein früherer konsequenterer und oft benutzbarerer Zustand des Textes zumindest in Grundzügen wiederherstellen; im folgenden möchte ich auf einige solcher Werke aus dem 1.— 8.Jh.n.Chr. hinweisen, bei denen sich eine frühere Stufe der Organisation erkennen läßt.

Hygin, De astronomia Für Hygin ergibt sich bei der Betrachtung der Einleitung und der Kapitelüberschriften ein weiteres Argument für die Datierung, nämlich fur die Zuweisung der Werke De astronomia und Fabulae an den von Sueton (gramm. 20) genannten G. Iulius Hyginus, Bibliothekar des Augustus. Hygin zählt in der Praefatio sehr ausführlich auf, wovon das Werk handelt, und auch im Text finden sich die gewohnten Uberleitungs- und Abschlußfor-

meln, z.B. (astr.praef.2) Sphaerae figurationem circulorumque qui in ea sunt notationem, et quae ratio fuerit, ut non aequis partibus dividerentur; praeterea terrae marisque definitionem, et quae partes eius non habitentur, [...] ordine exposuimus. Rursusque redeuntes ad sphaeram [...] Exinde [...] Eodem loco nobis utile visum estpersequi [...] necpraetermisimus estendere [...] (3) Diximus etiam [...], quaerentes quare [...], et quid [...], et quid [...] Praeterea, quare [...] Scripsimus etiam [...] Pauca praeterea de [...] Exinde [...] usw.; ebenso die Überleitungen, z.B. (1,7,2) Sed quoniam de his rebus diximus, nunc terrae positionem definiemus, et mare quibus locis interfusum videatur, ordine exponemus. Diese Form der Organisation, die ausformulierte Aufzählung des Inhalts in einem Werk, das ansonsten verkürzende Mittel des Handbuches ausnutzt (zu den Lemmata siehe oben S. 125), spricht dafür, daß Hygin das Phänomen 'Inhaltsverzeichnis' noch nicht kannte, also vor Plinius' Bekanntmachung dieses Mittels geschrieben hat, und kann als formales Argument zu den inhaltlichen Kriterien treten, aufgrund derer LEBOEUFFLE Hygins Werk zwischen Cicero und Germanicus setzt und den Autor als den Bibliothekar des Augustus identifizieren kann.

Einzelfälle: Hygin, de Astronomia

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In Handschriften läßt sich die ursprüngliche Organisation des Werkes noch gut erkennen. Wie schon erwähnt, stellt Hygin Lemmata voran, z.B.: Arctophylax] De hoc fertur ut [...]. In Handschriften konnte das Stichwort ausgerückt werden, so daß der Neueinsatz markiert war: In Cod.Reg.Lat. 1207 (11 .Jh.) ist zwar nur der erste Buchstabe des Lemmas ausgerückt, dafür ist dieser aber rot und reicht über zwei Zeilen; manchmal ist das ganze Lemma durch Verwendung der Unziale betont. Es gibt kein Inhaltsverzeichnis und keine Numerierung; wenn man etwas Bestimmtes sucht, das Hygin in seiner ausführlichen Praefatio nennt, muß man die ausgerückten Lemmata durchsehen.

In vielen Hss. sind Kapitelüberschriften (z.T. mit de, z.T. fabula Arcti, figura Corone etc.) über oder vor die Lemmata getreten, so daß das Stichwort zweimal hintereinander genannt wird, z. B.: Figura Coronae. Corona]. Einerseits kann die optische Markierung der Lemmata durch Ausrücken leicht verlorengehen, andererseits wurde offenbar irgendwann das bloße Lemma nicht mehr als ausreichend angesehen und durch eine Kapitelüberschrift erweitert, offenbar ohne daß die Doppelung als störend empfunden wurde. In die Ausgaben werden nur die Kapitelüberschriften innerhalb des ersten

Buches aufgenommen:178 De mundo, De sphaera, De centro, De dimensione, De significatione, De polo-, so entsteht z. B. folgender Text: De mundo] Mundus est [...]. Man müßte begründen, warum Hygin nur am Anfang die Themen mit de voranstellt, dieses aber bald aufgibt (zumal sich in den Hss., wie gesagt, viel mehr Uberschriften finden). Näherliegend scheint mir zu sein, daß auch diese Doppelungen des Stichwortes nicht von Hygin stammen, sondern daß ursprünglich nur das erste Wort im Satz das neue Stichwort gab. Daß auch z. B. Hs. Reg. Lat. 1207, die, wie gerade beschrieben, im Prinzip die authentische Organisation bewahrt, auf den ersten Seiten diese Kapitelüberschriften mit de liefert, ist kein Grund, ausgerechnet diese in die Ausgaben aufzunehmen. Es ist nicht selten, daß derartige Eingriffe begonnen, aber nicht weitergeführt werden bzw. Uberschriften nur anfangs mit abgeschrieben werden. Wenn man dem Autor weniger Konsequenz zutraut als den Schreibern, müßte man das begründen. Wenn aber in einer Ausgabe ein Teil der überlieferten Kapitelüberschriften in den Text aufgenommen wird, ein anderer hingegen höchstens in den Apparat kommt, müßte der Leser jedenfalls über die Kriterien informiert werden, die zu diesen Entscheidungen geführt haben.

178 VIRÉ verzeichnet die weiteren Kapitelüberschriften im Apparat.

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Teil II : Organisation von Texten

Vegetius, Epitoma rei

militaris

Bei der Beurteilung der Inhaltsverzeichnisse und Kapitelüberschriften bei Vegetius wurde nicht zwischen den beiden Phänomenen getrennt; i.d.R. wird beides mit Rubricae bezeichnet und gemeinsam verworfen und aus dem Text verbannt oder gemeinsam anerkannt. Gegen L A N G S Ablehnung der Rubricae (Praef. Xf.) zeigt A N D E R S S O N , daß aufgrund sprachlicher Kriterien nichts gegen ihre Echtheit spreche. Auch ONNERFORS hält sie für echt und nimmt sie in den Text auf, wobei er sich auf die relativ hohe Frequenz von klassischen Klauseln auch in den Kapitelüberschriften beruft (1991, Anm. 55) - Damit ist aber, wie bereits mehrfach betont (siehe bes. S. 106), noch nicht gesagt, ob Vegetius die Angaben als Inhaltsverzeichnisse oder als Kapitelüberschriften oder für beide Funktionen vorgesehen hatte. Für die Verwendung von Inhaltsverzeichnissen hat Vegetius seit Plinius und Columella unbestreitbar Vorgänger, so daß auch in dieser Hinsicht - wie in sprachlicher - prinzipiell nichts gegen die Authentizität spricht. Näher zu untersuchen ist die Frage, ob auch die Kapitelüberschriften von Vegetius stammen: Der Textverlauf spricht dagegen, da an den üblichen Stellen die einschlägigen Einleitungs- und Überleitungsformeln erscheinen, z.B. 1,4 Nunc qua aetate milites legi conveniat exploremus. Als entscheidendes abschließendes Argument für die Authentizität der Rubricae fuhrt ANDERSSON an, daß Vegetius selbst in den Praefationes tituli erwähne, und zwar: (mil. 1 praef. 5) De dilectu igitur atque exercitatione tironum per quosdam gradus et títulos antiquam consuetudinem conamur estendere·, (raulom.praef.4) Praeterea indigesta et confusa sunt omnia, ut partem aliquam curationis quaerenti necesse sit errare per títulos, cum de eisdem passionibus alia remedia in capite alia reperiantur in fine . — An keiner der beiden Stellen aber kann tituli 'Kapitelüberschriften' bedeuten, sondern es muß an der ersten Stelle 'Kapitel' heißen: Vegetius spricht ja nicht über die Auswahl und die Schulung [...] 'in Inhaltsverzeichnissen' bzw. 'in Kapitelüberschriften', sondern per gradus et títulos·, schritt- und kapitelweise; 179 vgl. z.B. (Cato agr. 140) cotidie per partes facito·, (Pauli Diaconi Versus in laude Benedicti, MG Poet.Aev. Carol. I, S. 36) singula eius miracula per singula distica elegiaco metro contexui; (Alkuin, Vita

179 Diese Bedeutung von titulus ist folgendermaßen zu erklären: Das (numerierte) Inhaltsverzeichnis besteht aus tituli, kurzen Inhaltsangaben; jeder titulus verweist auf ein entsprechendes numeriertes 'Kapitel'; der Leser interessiert sich für ein bestimmtes Thema, auf das titulus Nr. χ verweist. - Zu den Bedeutungen von tituli, capitula etc. siehe Anhang.

Einzelfälle: Vegetius. Palladius

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Sancti Willibrordi 2, praef.4; MG Poet.Aev. Carol. I) percurrens titulis inclyta gesta citis (= „in kurzen Abschnitten"). An der zweiten Stelle (mulom. praef. 4) kann man 'Kapitel' verstehen oder auch 'Inhaltsverzeichnis': Der Leser irrt durch die Kapitel, auf die im Inhaltsverzeichnis hingewiesen wird. Da hinsichtlich der Sprache, wie ANDERSSON gezeigt hat, nichts gegen die Echtheit der Rubricae spricht (obwohl auch das kein zwingendes Argument ist, siehe oben zu Cato S. 128, zu Varrò S. 130), ist der nächstliegende Schluß, daß Vegetius in der gleichen Weise wie Plinius ein Inhaltsverzeichnis vorangestellt und durch Numerierung den Bezug zum Text hergestellt, aber nicht an Kapitelüberschriften gedacht hat. Diese wurden vielmehr, wie auch in anderen Fällen, erst später im Laufe der Überlieferung in den Text eingefugt. 180 So erklärt sich leicht, warum einige Kapitelüberschriften an falschen Stellen stehen.

Palladius, De veterinaria medicina Palladius betont, daß man im Bedarfsfall Informationen schnell finden muß:

(vet. med. 2,1) Ne quid deesset huic operi, armentorum medicinas omnium pecorumque collegi et sub uno libro, titulis unamquamque causam designantibus, explicare curavi, ipsis verbis Columellae et auctorum suorum, ut, cum necessitas vocaverit, facile remedia causae cogentis occurrant. - Diese Worte (ipsis verbis...) lassen annehmen, daß titulis [...] designantibus sich auf ein Inhaltsverzeichnis bezieht, wie es Columella erstellt hat. Auch der folgende Satz bestätigt die Annahme, daß mit den tituli eine Liste gemeint ist (wie auch mit brevis), beson-

ders durch den Anschluß mit quoque: (2,2) Pigmentorum quoque omnium brevem redegi, ut apud se paterfamilias omnia ante necessitatem recondat, ne quid desit in tempore. Laut Apparat bei RODGERS (S.246, ad Kap. 4) enthält Hs.V (Leidensis Vulc.90B, 16. Jh.) ein Inhaltsverzeichnis, nicht aber Hs.M (Ambros.C 212 inf, 1 3 . / 1 4 . J H . ) . RODGERS fuhrt das zusammenhängende Inhaltsverzeichnis nicht an, sondern setzt zu den einzelnen Kapiteln die entsprechenden Angaben aus dem Inhaltsverzeichnis in den Apparat (S.246: „quos suo loco, ante propria scilicet capitula, adnotabo").

180 A u f solche Eingriffe könnte auch die Inhaltsangabe f ü r die einzelnen Bücher hinweisen, die noch dem ersten V o r w o r t vorausgeht.

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Teil II : Organisation von Texten

Wenn auch ein Argument gegen die überlieferte Form des Inhaltsverzeichnisses sein könnte, daß es nur in einer sehr jungen Hs. enthalten ist (obwohl es insgesamt nur zwei Hss. gibt, siehe RODGERS, Praef. S.XVII), so gibt es keinen Grund, das Verzeichnis zu verteilen, sei es auch nur im Apparat (in den Text der Hss. von De veterinaria medicina sind die Inhaltsangaben offenbar nicht als Kapitelüberschriften eingedrungen). Auf die Systematik und den Aufbau wird zwar selten durch die entsprechenden Uberleitungsformeln hingewiesen, aber trotzdem ist es möglich, den Text ohne die Kapitelüberschriften fortlaufend zu lesen, da Palladius alle Informationen im Text gibt. Wird aber etwas Bestimmtes gesucht, so kann, wie Palladius selbst sagt, das Inhaltsverzeichnis helfen. Überschriften, die große Abschnitte bezeichnen, finden sich in V im Text, während in M Platz freigelassen ist, also dort die Uberschriften auch vorgesehen

waren: 2 Praefatio medicinae, 4 De boum medicina, 22 De equini generis medicina, 28 De mulini generis medicina, 29 De ovium cura, 33 Caprarum medicina-, 36 Porcorum medicina, 39 Ex aliis auctoribus Graecis. Die meisten dieser Überschriften entsprechen formal und inhaltlich den Buchtiteln ausführlicherer Werke, wie z.B. bei Columella, den Palladius selbst nennt (2,1). Eventuell hat Palladius diese Überschriften zur Orientierung eingefügt, wobei der Leser aber diese ganzen Kapitel zunächst durcharbeiten, und nur im Bedarfsfall einzelne Informationen anhand des vorangestellten (numerierten) Inhaltsverzeichnisses (Tituli) wiedersuchen sollte.

Isidor, Origines stellt dem Text eine Inhaltsübersicht voran mit der Bemerkung (in den Praemissa, im Apparat zu den Capitula Librorum): „Haec capitula quae hue congessi apparent in codd. in initio sui quodque libri vel partis libri." Die Capitula in dieser Liste und auch die Textkapitel sind numeriert, aber man stellt schnell fest, daß dieses Inhaltsverzeichnis nicht sehr nützlich ist: Schon wenn man die Liste für Buch 1 mit den Kapitelüberschriften und Nummern im Buch vergleicht, entstèht der Eindruck, als habe jemand diese Liste ohne den Text erstellt oder der Text der Liste sei heillos verdorben. Findet man zwar manchmal anhand der Numerierung im Text die der Liste entsprechenden Kapitel (z.B. Anfang von Buch 5), so ist die Numerierung in den meisten Fällen unbenutzbar, z.B. endet die Liste für Buch 1: XXV De historia, das letzte Textkapitel hingegen ist XLIV Degeneribus historiae. LINDSAY

Einzelfälle: Origines

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Die Numerierung ist unbenutzbar, weil die Numerierung des Inhaltsverzeichnisses und die der Textkapitel nicht aufeinander abgestimmt sind: In den Inhaltsverzeichnissen gibt es eine übergeordnete Numerierung, wobei die Unterthemen größerer Themenabschnitte jeweils neu numeriert werden, im Text hingegen sind alle Kapitel eines Buches fortlaufend numeriert, vgl. z.B. L I N D SAYS vorangestelltes Gesamtverzeichnis zu Buch 1 8 : I II

III IV

De bellis181 De instrumentis bellicis, capitula XII 1. De sigrtis [.··] [.··] 12. Degaleis De foro De spectaculis, capitula X 1. De ludo gymnico [.·.] [··.] 10. Degeneribus agonum [.•·]

[.··] IX

De pila

Im Text hingegen sind die Kapitel fortlaufend numeriert, ohne Rücksicht auf Ober- und Unterthemen: I De bellis; II De triumphis·, III De signis-, IV De bucinisi [...]; XIV De galeis·, XV De foro-, XVI De spectaculis·, XVII De ludo gymnico-, [...]; XXVI De generibus agonum-, usw.; Buch 18 endet: LXIX De pila. Für manche Bücher gibt L I N D S A Y Teilverzeichnisse, die er mit Buchstaben benennt und jeweils in sich neu numeriert, z.B. LINDSAYS Gesamtverzeichnis für Buch 3: A: I De vocabulo arithmeticae disciplinae-, [...]; X Quod numeri infiniti existunt. Β: I De inventoribusgeometriae et vocabulo eius-, [...]; III Defigurisgeometriae. C: I De nomine musicae-, [...]; IX De numeris musicis. D: I De astronomiae nomine-, [...]; XLIX De nominibus [...]. Im Text ist aber von der Einteilung in die Teile Α - D nichts zu spüren, denn alle Kapitel des Buches sind fortlaufend numeriert. Von vielen kleineren Unstimmigkeiten in der Numerierung, aber auch im Text der Uberschriften, seien nur drei herausgegriffen: -

Gesamtverzeichnis zu Buch 20: I De mensis et escis; II De potu. - Im Text: I De mensis-, II De escis-, III De potu.

181 Zu ergänzen wäre mindestens: ccapitula II: 1. [...], 2. De triumphis>.

148

Teil II : Organisation von Texten — Gesamtverzeichnis zu Buch 13: IV Di caelo-, V De aere et nube-, VI De tonitruo. - Im Text: IV De caelo-, V De partibus caeli-, VI De circuits caeli·, VII De aere et nube·, VIII De tonitruo.

, — Ebenfalls im Verzeichnis zu Buch 13: X De aquarum diversitate et mari·, XI De fluminibus — Im Text: XII De aquis·, XIII De diversitate aquarum-, XIV De mari·, XV De oceano·, XVI De mediterraneo mari·, XVII De sinibus maris-, XVIII De aestibus et fretis; XIX De lacis et stagnis; X X De abysso·, XXI De fluminibus. LINDSAY gibt wie gesagt an, daß er die Capitula in den Handschriften vorgefunden habe; er sagt allerdings nicht, daß die oben dargestellte Numerierung und Bezeichnung mit Buchstaben von ihm selbst stammt; auch wird nicht klar, wie die Listen in den Hss. aussehen. In Handschriften findet sich nämlich ein (im großen und ganzen noch) funktionierendes System der Numerierung von Capitula und Kapitel(überschriften). Die folgenden Ausführungen beziehen sich überwiegend auf den von mir eingesehenen Cod. Montecassino 320 (10. Jh.); einzelnes wird außerdem anhand von Tafeln bei LOWE für weitere (und ältere) Handschriften bestätigt. Dabei soll nur gezeigt werden, welches Orientierungs-System sich in den Handschriften finden läßt, ohne zu entscheiden, ob es in allen Einzelheiten so von Isidor selbst stammt. In Cod. Montecassino 320 sind außer der fortlaufenden Zählung der Kapitel pro Buch phasenweise thematische Abschnitte in sich neu gezählt, z.B. in Buch 3 (ab S.67, Sp.2; beide Nummern übereinander im Rand; die erste bzw. obere - innerhalb des Buches fortlaufende - in rot, die zweite darunter — fur den Abschnitt - in schwarz; vgl. die Hinweise von Euseb und Hieronymus auf die doppelte Numerierung der Evangelienkapitel, oben S.97): 14/1 De nomine musicar, 15/2 De ventoribus musicae·, [...] (S.71, Sp. 1): 22/9 De numeris musicis. Dann folgt (S.71, Sp.2): 23/1 De astronomiae nomine·, 24/2 De inventoribus astronomiae·, [...] (S.73, Sp.2): 41/19 De quattuorpartibus celi. Dann passiert ein Fehler: Es wird nur noch die kleinere Zahl weitergeführt, und zwar in rot: 20 De emisperis usw., so daß der Bezug der fortlaufenden Kapitelnumerierung zum Inhaltsverzeichnis gestört ist. In vielen Inhaltsverzeichnissen (die jeweils vor dem Buch gegeben werden) finden sich nicht alle Kapitelüberschriften wieder, die innerhalb des Textes erscheinen (wie das etwa in Buch 3 der Fall ist), sondern nur die Überschriften fur größere thematische Einheiten mit einer Angabe der Anzahl der jeweils untergeordneten Kapitel, vgl. z.B. das Verzeichnis vor Buch 18 (S.357, Sp. 1):

Einzelfälle: Origines

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De bellis capitula II [sic] De instruments bellicis capitula XII De foro I De spectaculis capitula Χ De ludo circiensi capitula XV De ludo scenico capitula X De ludo gladiatorio capitula VIII De alea capitula Villi De pila I Die Elemente dieses Inhaltsverzeichnisses sind in dieser Handschrift nicht numeriert (erhalten ist die Numerierung aber in Cod. Par. Lat. 13028, 8.Jh., siehe CLA 5,647). Allerdings ist ein Teil der Numerierung der Überschriften über den entsprechenden Einzelverzeichnissen (innerhalb des Buches) erhalten, z.B. (S.359, Sp.2): II De instrumentis bellicis IDe signis II De bucinis III De armis IUI De gladiis

[...] [..·]

XII De galeis und (S.365, Sp.l): III De spectaculis IDe ludo gimnico II De generibus gimnicorum III De saltu IUI De cursu

[...] [..·]

X De generibus agonum Dem neunten Element des Verzeichnisses fur Buch 18 entsprechend findet sich allerdings im Buch (S.372, Sp. 1): X De pila. Hier wurde nach dem Unterkapitel Villi innerhalb des Abschnittes De alea weitergezählt, als sei De pila ein zehnter Teil zu De alea. Ebenso ist das dritte Element der Gesamtübersicht De foro mit der Nummer XIII versehen, nach Teil XII innerhalb von De galeis. Bei der Numerierung einiger Inhaltsverzeichnisse wird sehr sparsam — und 'modern' - verfahren: z.B. im Index zu Buch 3 (S.59—60), in dem von jedem Element nur eine Zeile beansprucht wird, ist nur jedes fünfte Element numeriert: I - V - X [...] LXX. Der Codex enthält noch einen weiteren Ansatz von Numerierung: Im ersten Kapitel von Buch 7 gibt es außer den üblichen roten Kapitelnummern im Rand

150

Teil II : Organisation von Texten

weitere rote Nummern (von der gleichen Hand), die die Elemente der Aufzählung bezeichnen, vgl. den Text: [...] primum apud hebraeos nomen [...] secundum nomen [...] tertium [...]. Dieser kleine Exkurs mit nur wenigen Beispielen aus dieser Handschrift soll zeigen, wie groß das Bemühen um Organisation größerer Textmassen war. Durch die 'reine' Ausgabe der Texte ohne zumindest knappe Hinweise auf die Präsentation und Organisation in den Handschriften (besser noch: Rekonstruktion des Systems, denn immerhin gibt es etliche Hss. aus dem 8.Jh.) muß der Eindruck entstehen, als habe man die meisten der hier betrachteten Hilfsmittel erst im hohen Mittelalter erfunden.

Cassiodor, De anima Auf der 18. Tagung der Mommsen-Gesellschaft wurde unter dem Thema „Zitierfähigkeit der Ausgabe eines antiken Autors" auf das Problem der Kapitelzählung aufmerksam gemacht und darum gebeten, einmal eingeführte Zählungen möglichst nicht zu ändern. Wie wichtig dieser Aufruf ist, zeigt sich etwa an Cassiodor, De anima·. Hier hat der jüngste Herausgeber HALPORN (nach dem ich im folgenden zitiere) eine Änderung der früher verwendeten Kapitelzählung vorgenommen und dadurch nicht nur die Benutzung des Textes verkompliziert, sondern wahrscheinlich auch den Willen des Autors mißachtet: Im Vorwort zu De anima nennt Cassiodor die Fragen, auf die die Adressaten des Werkes von ihm Antworten erbeten hatten. Diese werden einzeln aufgezählt: primum, deinde, tertio [...] bis duodecimo, vgl. den Text: (1, lin.34; S. 535) [...] Discamus ergo primum quare anima dicatur, deinde qualis sit eius definitio; tertio, quae sit eius qualitas substantialis; quarto, si formam aliquam habere credendo, est; quinto, quas virtutes habeat morales, quas Graeci aretas vocant [...]; sexto, quae illi sint virtutes naturales ad substantiam scilicet corporis continendam; séptimo, de origine animae disseratur [...] duodecimo [...]. Am Ende des Werkes, in der 'Recapitulado', zählt Cassiodor dann noch einmal die behandelten Probleme auf; auch hier numeriert er die Themen von eins bis zwölf durch (17, lin.l; S.571): Primo igitur ut retinetis [...] secundo, drfnitionem substantiae [...]; tertio de substantiali eius qualitate decursum est; quarto monstravimus quemadmodum anima formam habere non possit, [...] duodecimo de spe futuri saeculi nonnulla [...].

182 Gnomon 57, 1 9 8 5 , S . 4 9 5 f .

Einzelfälle: Cassiodor

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widmet der Kapiteleinteilung einen Abschnitt der Praefatio (S. 507). Dort legt er dar, daß in seiner Ausgabe wie in den benutzten Handschriften De anima in achtzehn Kapitel eingeteilt sei; er verwerfe damit die Einteilung von G A R E T (PL 70) in zwölf numerierte Kapitel plus Vorwort und Abschlußteil ohne Nummern. Diese Zwölfteilung finde sich in „some of the late mss" (in welchen, sagt H A L P O R N leider nicht), besonders innerhalb der Gruppe, die De anima im Anschluß an die Variae überliefere. Für die Teilung in zwölf Kapitel macht H A L P O R N Schreiber verantwortlich, die von Cassiodors Vorliebe für die Zahl 12 wußten oder aber an die zwölf Bücher Variae auch zwölf Kapitel De anima anschließen wollten. In H A L P O R N S Ausgabe mit insgesamt achtzehn Kapiteln trägt das Kapitel, in dem Cassiodor die erste Frage beantwort, die Nummer 3, und es gehen zwei numerierte Kapitel voraus (1 Quid amici requisiverint, 2 Quid eis responsum sit). Nun wirkt aber der Textverlauf durch diese Teilung in achtzehn Kapitel an einigen Stellen recht verwirrend. Nicht nur, daß es dem Leser erschwert wird, von der Recapitulatio ausgehend einen Abschnitt zu einem bestimmten Thema noch einmal anzusehen: Liest man in der Recapitulatio duodecimo de spe futuri saeculi nonnulla, muß man den Index konsultieren, der auf Kapitel 14 verweist. Ähnliches geschieht auch innerhalb des Textes: (4, lin. 227; S. 545) Nunc ad substantialem eius qualitatem sollicitis sensibus accedamus, quam interrogationis vestrae tertium locum tenere memoramini. Im Text folgt dann: 5 De qualitate animi. Warum sollte Cassiodor ausdrücklich darauf hinweisen, daß er nun die dritte Frage beantworten wird, wenn das mit dem Textaufbau nichts zu tun hat, ja ihm sogar widerspricht, da das fünfte Kapitel folgt? An anderer Stelle weist er darauf hin, daß nunmehr der sechste Hügel, die Spitze der Probleme, d.h. die Hälfte geschafft sei: (8, lin.31; S.551) Solvimus, ut datum est, quasi alium nodum, inclinavimus velut sextum collem, ut, difficultatis cacumine deplanato, inoffense ad reliqua gradiamur. Allerdings wirkt diese Feststellung, da sie am Ende des achten Kapitels von insgesamt achtzehn steht, nicht recht am Platze. HALPORN

Die Frage ist, ob man tatsächlich Cassiodor eine Einteilung in achtzehn Kapitel unterstellen kann. Zum Vergleich bieten sich die Institutiones an: Cassiodor weist ausdrücklich auf die symbolische Anzahl von Kapiteln in beiden Büchern der Institutiones hin: (2, praef. 1) superior liber [...] triginta tribus titulis noscitur comprehensus, qui numerus aetati Dominicae probatur accomodus [...]. nunc tempus est utaliis septem titulis saecularium lectionumpraesentis libri textum percurrere debeamus; qui tarnen calculus, per septimanas sibimet succe-

183 titulus bedeutet hier 'Kapitel', siehe dazu den Anhang.

152

Teil II : Organisation v o n Texten

dentes in se continue revolutus, usque ad totius Orbis finem semper extenditur [...]. Das erste Buch hat außerdem eine nicht numerierte Praefatio, das zweite eine Praefatio und abschließende Betrachtungen ohne Nummer. Cassiodors Absicht würde durchkreuzt, wenn man im ersten Buch auch die Präfatio zählte und damit insgesamt 34 Kapitel erhielte, und ebenso, wenn im zweiten Buch durch Zählung der Praefatio und des Abschlusses neun Kapitel entstünden. — Man muß also festhalten, daß Cassiodor gern eine symbolische Anzahl von Kapiteln wählt und daß er es nicht unbedingt fiir nötig hält, einführende und abschließende Teile eines Werkes mit einer Kapitelnummer zu versehen. Wie bereits oben bei der Behandlung von Inhaltsverzeichnissen und Kapitelüberschriften gesehen (siehe oben S. 114), ist Cassiodor sehr darauf bedacht, dem Leser zu helfen, Gedächtnisstützen einzuführen und auf sie hinzuweisen (z.B. inst. 1,5,7: ne [...] confissa tyronis novitas linqueretur). Auch in De anima soll die Zusammenfassung am Ende dem Leser helfen, sich den Inhalt besser einzuprägen: (16, lin. 60; S. 571; direkt vor der 1 Recapitulatio') Tempus est ut quaestionum varietate dimissa dictorum copiosissimam densitatem in quibusdam manipulis colligamus ut fideli calculo numerata horréis memoriae compendiosa brevitate condantur. Hat Cassiodor hier schon einen Hinweis auf die tiefere Bedeutung der Zahl gegeben (fideli calculo), so weist er nach der Aufzählung (von eins bis zwölf) der behandelten Fragen noch ausführlich auf die Bedeutung der Zahl 12 hin (17, lin. 19; S. 572): Clausimus itaque nostrum munusculum numero duodenario, qui cáelos signorum diversitate decoravit, qui annum menstruali venustate composuit, qui ventos principales terrenae indigentiae provida dispositione concessit, qui diei noctisque spatia horarum congrua quantitate divisit ut merito et animae dilucidationi haec supputatio adhiberetur quae tantarum rerum naturalium dispositionibus consecratur. Beide Einteilungen, in zwölf und in achtzehn Kapitel, sind laut H A L P O R N überliefert. Der Text und weitere Beobachtungen zum Autor sprechen für die Teilung in zwölf Kapitel. Diese Teilung in zwölf findet sich laut H A L P O R N in einigen der jüngeren Hss., besonders in denen, die De anima nicht separat, sondern im Anschluß an die Variae überliefern. — Dazu ist zu sagen, daß die Überlieferung von De anima im Anschluß an die Variae auf jeden Fall die ältere Variante sein muß, da die Praefatio von De anima direkt auf die Variae als direkt voranstehendes Werk Bezug nimmt und nicht zu verstehen ist, wenn man nicht weiß, daß die Variae vorangehen. Die Abtrennung und gesonderte Überlieferung von De anima ist daher sekundär, so daß auch der Eingriff, die ursprünglich nicht numerierten einführenden und abschließenden Kapitel etwa

Einzelfälle: Cassiodor

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der Vollständigkeit halber noch zu numerieren, im Zusammenhang mit dieser Trennung der Uberlieferung erfolgt sein kann.

Abschluß Die hier nur kurz betrachteten Beispiele von Hygin bis Cassiodor machen deutlich, daß die Organisation von Texten kein Problem ist, das sich vom 'eigentlichen' Text trennen läßt. Es ist wichtig zu wissen, wie antike Leser einen Text 'benutzen' sollten und wie Spätere aufgrund anderer Ansprüche in die Organisationsform eingegriffen haben. Für die Einschätzung von Verfasser und Bearbeitern jedes einzelnen Werkes ist es wichtig, diese Problematik genau zu untersuchen. Es läßt sich beobachten, wie neue Methoden zur Bewältigung der verfugbaren Informationen erarbeitet und verbreitet werden. Das (wahrscheinlich) numerierte Inhaltsverzeichnis als wichtige einflußreiche Neuerung wird durch Plinius' nat.hist, im 1.Jh.n.Chr. bekanntgemacht, wird prompt aufgenommen (von Columella im nachträglich hinzugefügten 11. Buch) und findet auch zunehmend in anderen Gattungen Verwendung (Gellius; Augustin; Geschichtsschreibung); für fremde Werke werden nachträglich Verzeichnisse erstellt. Die Übernahme des Inhaltsverzeichnisses hat Einfluß auf das Vorwort: Ein wichtiger Bestandteil von Proömien, Hinweise auf den zu erwartenden Inhalt zu geben, wird auf die präziseren Summarien verlagert. Dadurch kann der Autor eine stilistisch wenig reizvolle Aufgabe umgehen, außerdem wird der Uberblick deutlich erleichtert und (im Zusammenhang mit Numerierung) Nachschlagen und Wiederfinden ermöglicht. In vergleichbarer Weise werden aus den relativ eintönigen Abschluß- und Uberleitungsformeln im Laufe der Zeit Zwischentitel. Das Mittel der Dihaerese, das in Nachahmung mündlichen Unterrichts in systematischen Fachbüchern den Aufbau des jeweiligen Stoffes verdeutlicht, wird nicht verdrängt, hat aber besonders mit dem Mittel der Kapitelüberschriften einen ernstzunehmenden Konkurrenten bekommen. MUTSCHMANN (S. 99-101) nahm (besonders angesichts des Didymus-Papyrus) folgende Entwicklung an: die erste Stufe sei die Kolumnenüberschrift gewesen, die Zusammenziehung der Kolumnenüberschriften zur Inhaltsübersicht (συγκεφαλαίωσις) die zweite; aus der Kolumnenüberschrift sei dann die Kapitelüberschrift geworden. - Es hat sich gezeigt, daß die Phänomene komplexer sind: Auf Papyri sieht man schon früh Uberschriften fxir Listen und ausgerückte Lemmata in Lexika, ferner auf lateinischen bronzenen Gesetzes-

154

Teil II : Organisation von Texten

tafeln zentrierte Überschriften, Numerierung und markierten Kapitelbeginn; Plinius und Columella u.a. haben zwar Inhaltsverzeichnisse, aber sicher keine Kapitelüberschriften formuliert. Zu rechnen ist mit wechselseitigem Einfluß, daß nämlich Werke mit Inhaltsverzeichnis (ζ. B. Columella) Kapitelüberschriften erhielten, andererseits fiir Werke mit vorangestellten Lemmata (ζ. B. Hygin) auch Inhaltsverzeichnisse erstellt wurden. Die Tendenz zum Einteilen zeigt sich auch außerhalb der Prosa: Wohl besonders unter dem Einfluß der gegliederten Fachprosa wurden Lehrgedichte mit Orientierunghilfen versehen: In Hss. für Lukrez, Manilius und auch Ovids Metamorphosen finden sich Capitula-Listen und auch entsprechende Kapitelüberschriften wie in Prosa-Lehrbüchern. 185 R E E V E (Conclusion, S. 507f.) weist daraufhin, daß Ovids Fasti seit R. Merkels zweiter Ausgabe von 1851 gegliedert sind in durch Überschriften bezeichnete Tage und inhaltsbezogene Abschnitte, und er gibt Beispiele dafür, wie die Interpretation durch diese Einteilung beeinflußt wird. - Daß diese Zwischentitel nicht von den Dichtern stammen, zeigt die Struktur der Texte. Es erscheinen die gleichen Formeln für Überleitungen und Neuansätze wie in der Fachprosa (siehe oben S. 107), Signalwörter weisen jeweils auf den Beginn eines neuen Gedankens hin, z. B.

bei Lukrez: quaeres, inquis, nec me fallii, praecurrere cogor, sed nunc ut repetam, nunc et scrutemur, nunc age quoniam docui, nunc age quod superest cognosce, denique,

tum porro quoniam

etc.; auch Manilius leitet neue Abschnitte deutlich

ein: nunc vero, iam vero, restât ut, his adice, accipe, percipe nunc, ergo age, nec te praetereat, nunc age, ergo age, forsitan et quaeras etc. - Die Lukrez-Überschriften hat F I S C H E R aufgrund inhaltlicher Untersuchungen auf das zweite nachchristliche Jahrhundert datiert (so auch D I E L S , S.XII: „neque indoctus fiiit Ule editor

184 Auf Gliederungsmittel in mittelalterlichen Lehrgedichten macht H A Y E aufmerksam (S. 348-358 Optische Präsentation'); hinzuzufügen ist, daß sie sich nicht erst in Hss. des 12.Jh. finden (so H A Y E , S.352), sondern z.B. schon in Ovid- und LukrezHss. des 9. Jh. 185 Vergils Geórgica sind mit metrischen Argumenta versehen (wie die Bücher der Aeneis und die Komödien), aber sie wurden, soweit ich sehen kann, nicht wie andere Lehrgedichte in Kapitel geteilt. - In den maßgeblichen Hss. für Ovids Fasti (A Vat.Reg. 1709, 10.Jh.; U Vat.Lat.3262, 11.Jh.) finden sich keine kalendarischen Angaben als Überschriften, wie sie in Ausgaben oft stillschweigend hinzugefügt sind (einen Hinweis auf die Einfügung aus Gründen der Übersichtlichkeit gibt ROBERT SCHILLING, Ovide, Les fastes, Tome I, Paris 1992, S.LIX) und sich in jüngeren Hss. finden. In Vat.Lat.3265 (12.Jh.) stehen im Rand inhaltliche Verweise (z.B. fol.9v.:

de cursu solis, de lirae occasu, de pectore leonis); kalendarische Angaben habe ich in Vat.Ottob. 1464 (13. Jh.) gesehen (z.B. fol. 3v.: VII kl F, III kl F).

Abschluß

155

qui primis haud dubie saeculis capitula praefixit"). — H O U S M A N gibt im Anhang (Bd. 5, S. 55-99) seiner Manilius-Ausgabe eine Liste der Kapitelüberschriften; G O O L D widmet den Kapitelüberschriften in der Praefatio (S.XII ff.) zur Manilius-Ausgabe ein Kapitel, äußert sich aber nicht über deren Entstehungszeit. — In Hss. mit Ovids Metamorphosen finden sich Kapitelüberschriften (z.B. Chaos in species·, terra in varias personas·, mundus in saecula quattuor, aureum, argenteum, aereum et ferreum·, item annus in tempora quattuor, ediert von M A G N U S ) , zuweilen außerdem Zusammenfassungen in Prosa, die wie die Kapitelüberschriften vor dem betreffenden Textstück eingefügt sind. Diese Zusammenfassungen ('Lactantius') weisen sprachlich auf die Spätantike. Der zunehmende Hang zum Einteilen und Gliedern beschränkt sich aber nicht auf die Lehrdichtung, sondern ist offenbar im Buchwesen allgemein wirksam. Die Gliederung der Tragödien und Komödien ist bereits gründlich erforscht, so daß ich mich hier auf einige Hinweise beschränken kann: Bereits in den ältesten Hss. (Terenz: 'Bembinus', 4./5.Jh.; Plautus: Palimpsest Ambros., 5.Jh.) sind Szenenfugen durch verschiedene Angaben bezeichnet (Namen, Rollen, Vortragsbezeichnungen, griechische Sigla), 186 und schon Donat hat gegliederte Komödien vor Augen: (Ter.Ad.praef. 3,1 f.) primus actus haec continet [...]. secundus actus [...]; (Ter.Ad.254) in hac scaena gratiarum actio est [...]; (Ad.praef. 1,7) [...] saepe tarnen mutatis per scaenam modis cantata, quod significai titulus scaenae habens subiectaspersonis litteras [...]. [...] secundum personarum nomina scriptis in eo loco, ubi incipit scaena. Daß die Akt- und Szenenteilung sowie die Bezeichnung der Sprecherwechsel nicht von den Autoren stammen, hat A N D R I E U systematisch erwiesen. — Zum Alter dieser Angaben in den Hss. wurden folgende Ergebnisse erzielt: BADER datiert die Anfänge der Szenentitel bei Plautus auf das späte erste / frühe zweite Jh. n. Chr. (S. 150-154); auch TARRANT (in: REYNOLDS, S.306) hält die Erstellung einer mit diesen Mitteln eingerichteten Ausgabe nach dem 2.Jh. nicht fur wahrscheinlich. Auch der Archetyp für Terenz (vor dem Cod. Bembinus) war so ausgestattet (REEVE in: REYNOLDS, S.413). - ZWIERLEIN zeigt, daß der Archetyp für Senecas Tragödien, der auf das 3-/4. Jh. anzusetzen ist, einen Grundstock an SzenenRubriken und Personen-Siglen enthielt (Prolegomena, S. 52) und daß diese Angaben bei der Spaltung der Uberlieferung von den Bearbeitern oder Kopisten vervollständigt oder verändert wurden (ib., S.249). Auch hier sind also -

186 Z u r E n t s t e h u n g u n d E n t w i c k l u n g der v e r s c h i e d e n e n A n g a b e n siehe die jeweiligen K a p i t e l bei ANDRIEU.

156

Teil II : Organisation von Texten

wie bei den Fachbüchern in Prosa - mehrere Phasen philologischer Aktivität zu beobachten. Im Laufe der Überlieferung ist die 'Organisation' von Texten durch Numerierung und Inhaltsverzeichnisse nicht ohne Beeinträchtigungen geblieben. Die Kapitelnummer, die in frühen Beispielen (Bronzetafeln, siehe oben S. 116; frühe Hss., siehe oben S. 119) unter oder vor dem ausgerückten Kapitelbeginn steht, wechselt im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen ihren Platz: 187 Die Situation der Kapitelnummer ist im Codex, wo i.d.R. eine oder zwei Kolumnen auf eine Buchseite kommen, eine ganz andere als in der Rolle, wo eine Kolumne auf die andere folgt. Besteht die Seite aus nur einem Schriftfeld und steht die Kapitelnummer im linken Rand davor, besteht auf dem Recto die Gefahr, daß die Nummer teilweise oder ganz im Falz verschwindet; auf dem Verso kann die Zahl beim Buchbeschnitt beschädigt werden. - Wird zweispaltig geschrieben, muß für die Nummern vor der zweiten Kolumne genug Platz in der Mitte zwischen den Kolumnen vorhanden sein. Weicht man dahin aus, die Nummern bei der ersten Kolumne links davor und bei der zweiten Kolumne rechts daneben zu schreiben, wird allein durch den Wechsel der Position der Erhalt unsicher, und es ergeben sich die gleichen Gefahren wie vorher genannt: ein Teil der Nummern nahe am Falz, der andere Teil bedroht durch den Schnitt. Ein weiterer Faktor mit großem Einfluß auf den Bestand der Kapitelnumerierung ist die sich entwickelnde und ausbreitende Initiale: Je aufwendiger die Initiale gestaltet ist, desto unwichtiger nimmt sich die - gleichbleibend schlichte — Nummer davor aus (siehe Abbildung 1), wenn überhaupt noch Platz für sie bleibt. Es läßt sich beobachten, daß die Nummer immer häufiger im Spatium am Ende der letzten Zeile des vorhergehenden Kapitels steht, also rechts über dem zugehörigen Kapitel, innerhalb des Textblocks: Dort steht sie sicher vor Beschnitt und Buchmitte und läßt am Kapitelanfang der Initiale Platz zur Entfaltung - sie kann aber nach der Aufgabe ihres Sonderplatzes im Rand nur noch farblich betont werden; wenn die Nummer in der gleichen Farbe wie der Text geschrieben ist, fällt sie nicht mehr ins Auge. Diese allgemeine Tendenz läßt sich besonders an Hss. aus verschiedenen Jahrhunderten beobachten, die denselben Text überliefern, z.B.: In Cod.Troyes Bibl.mun. 504 (7.Jh.; älteste Hs. mit dem Liber pastoralis von Gregor dem Großen; 187 Diese Beschreibung der allgemeinen Tendenz schließt nicht aus, daß z.T. auch die frühere Form beibehalten wurde. 188 Bei G L E N I S S O N sind die zitierten foil, abgebildet, an denen sich dieses Phänomen illustrieren läßt (Tafeln 8, 9, 11, 12 auf Seiten 47, 49, 52, 53).

Abschluß

157

fol.48v.) stehen die Kapitelnummern (abwechselnd rot und grün) im linken Rand und sind durch einen verzierten Rahmen betont; die erste Zeile jedes Kapitels ist bis auf den ersten Buchstaben in rot geschrieben; der erste Buchstabe im Kapitel ist etwas vergrößert, ragt aber nicht in den Rand hinaus; die Nummer XXIIII ragt bis in den Textblock hinein und drängt den ersten Buchstaben weiter nach rechts. In einer jüngeren Hs. mit diesem Text (12. Jh., Cod. Troyes Bibl. mun.955, fol.57) sind die ersten Buchstaben jedes Kapitels in verschiedenen Farben ausgeführt, zwei Zeilen hoch und stehen halb im Rand, halb im Textblock; die Kapitelnummern (in rot) stehen im Freiraum der letzten Zeile des vorangehenden Kapitels; die Nummer ist vom vergrößerten ersten Buchstaben des Kapitels verdrängt worden an einen Platz innerhalb des Textblocks. - Ebenso lassen sich die Hincmar-Bibel (9.Jh., Reims, Bibl. mun. 1, fol. 8) und die Bibel von Saint-Bénigne de Dijon (12.Jh., Cod. Dijon, Bibl. mun. 2, fol.7v.) vergleichen: Beide Fassungen haben am Anfang des Buches Genesis eine geschmückte erste Kolumne bis zum Text et facta est lux, und die zweite Kolumne besteht ganz aus Text. In der Hincmar-Bibel stehen die Kapitelnummern im Rand vor der zweiten Kolumne, vor der leicht vergrößerten und geschmückten Kapitelinitiale. In der Bibel von Saint-Bénigne ist zwischen dem Schmuckrand der ersten Kolumne und dem Textblock der zweiten Kolumne kaum Platz gelassen, so daß auch die Kapitelinitialen nur wenig in den Rand hineinragen können; auch werden nicht immer Absätze nach den Kapiteln gelassen. Die roten Kapitelnummern stehen, wo sich Platz findet: am Ende der letzten Zeile des vorigen Kapitels oder, wenn kein Absatz gelassen ist, im rechten Rand. Daß mit dem Wechsel des Ortes insgesamt die Existenz bzw. Erhaltung der Numerierung in Gefahr ist, braucht kaum erwähnt zu werden. Betont werden muß aber folgendes: Wenn eine Numerierung nicht vollständig und konsequent ist oder im Text nicht mit dem Inhaltsverzeichnis übereinstimmt, ist das allein noch kein Hinweis dafür, daß sie nicht vom Autor selbst stammt; der Grad an Unvollständigkeit oder Fehlerhaftigkeit nimmt mit zunehmendem Abstand vom Autor zu (siehe bes.S. 146 zu Isidor). Auch numerierte Inhaltsverzeichnisse wurden nicht fehlerfrei überliefert. Die Gefahren, denen Listen und Zahlen beim Abschreiben ausgesetzt sind, liegen auf der Hand. Aber es lassen sich nicht nur allenthalben Fehler bei den Zahlen bzw. völliges Fehlen der Zahlen, weil nicht rubriziert wurde, und Ausfall von Elementen aus Verzeichnissen beobachten, also spontane und individuelle Fehler; es gibt weitere Quellen für Fehler bzw. Veränderungen, die auf bestimmte, Schreibern mehr oder weniger bewußte Gründe zurückzuführen sind.

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Teil II : Organisation von Texten

Einflußreich ist besonders das Bestreben, Platz zu sparen bzw. einen einheitlicheren, kompakteren Textblock zu schaffen, je nachdem, ob man pragmatisch-materielle oder ästhetische Gründe annehmen möchte: Auch beim Inhaltsverzeichnis wird, wie beim Kapitelbeginn und der Kapitelnummer, der Text immer enger zusammengeschoben: Die Tendenz geht dahin, daß zunächst, wie beim Kapitelbeginn, nur noch der erste Buchstabe ausgerückt wird und oft der Text auch linksbündig geschrieben ist, nicht immer mit betontem erstem Buchstaben jedes Arguments. Aber auch wenn nur die Nummer im Rand steht und der Text des Verzeichnisses ohne Ausrückungen als Block geschrieben ist, kann noch viel Platz verlorengehen, wenn man bedenkt, daß als Zahlzeichen ζ. Β. I oder C oder auch CLXXXIII im Rand stehen können. Manchmal wird insgesamt ein Block hergestellt, indem ohne größeren Zwischenraum direkt nach der Nummer und auch unter der Nummer geschrieben wird. Eine andere Möglichkeit ist, daß die Nummern in das Spatium am Ende des vorangehenden Arguments gestellt werden (also rechts über dem betreffenden Argument stehen) und es keine senkrechte Liste der Nummern mehr gibt. Am wenigsten Platz nehmen Verzeichnisse in Anspruch, wenn die Listenform ganz aufgegeben und fortlaufend geschrieben wird wie normaler Text, nur daß Nummern und Argument-Text abwechseln. Solange die Nummern in rot geschrieben sind, m u ß man nur am Anfang prüfen, ob jeweils die voranstehende oder die folgende Nummer zum Argument gehört; wenn aber auch die Nummern in der normalen Texttinte geschrieben sind, wird es mühsamer. Wie bereits angedeutet, läßt sich die Tendenz beobachten, daß die Übersichtlichkeit mit der Zeit verlorengeht und in keiner Weise verbessert wird. In drei beliebig gewählten Gellius-Hss. aus verschiedenen Jh. (Vat.Reg. 597, 9.Jh.; Vat.Reg. 1646, 12.Jh.; Vat.Reg.3452, 13.Jh.) scheint es kein Zufall zu sein, daß sich in der ältesten dieser Hss. am schnellsten ein bestimmtes Kapitel finden läßt: Im Vat.Reg.597 steht die Kapitelnummer immer an der gleichen Stelle, vor der (nicht verzierten) Kapitelinitiale; im Inhaltsverzeichnis stehen die Nummern immer vor den Argumenten. - Im Vat.Reg. 1646 stehen die Kapitelnummern am Ende der letzten Zeile des vorangehenden Kapitels, wobei sie durch die rote Farbe ins Auge fallen; auffälliger sind allerdings die Kapitelinitialen (abwechselnd in blau oder rot), die zwei Zeilen hoch sind. In den Inhaltsverzeichnissen wechseln die Nummern den Platz: Auf dem Verso stehen sie links vor den Argumenta, auf dem Recto rechts daneben, weil vor dem Text nicht genug Platz gelassen wurde. - Der Vat.Reg. 3452 besteht aus zwei völlig verschiedenen Teilen; im ersten Teil stehen die Kapitelnummern (griechische

Abschluß

159

Buchstaben) jeweils vor der Kapitelinitiale, ebenso in den Inhaltsverzeichnissen. Im zweiten Teil (ab S. 57) sind die Inhaltsverzeichnisse nicht als Listen, sondern fortlaufend geschrieben, mit roten Nummern jeweils zwischen den einzelnen Argumenten. Auch zwischen den Kapiteln wurden keine Absätze gelassen, sondern nach Kapitelende folgt sofort die nächste (rote) Kapitelnummer und direkt das nächste Kapitel. Solange die Nummern in rot ausgeführt sind, lassen sie sich finden, aber bald sind auch die Nummern in der normalen Texttinte geschrieben, so daß man sie nur noch beim Lesen finden kann. Wie bei der Numerierung von Kapiteln, so ist auch bei der Numerierung von Inhaltsverzeichnissen im Mittelalter keine Verbesserung festzustellen. Scribonius Largus, höchstwahrscheinlich Plinius und Gellius und sicher viele spätantike Autoren haben ihre Texte anhand von Numerierung organisiert, und es ist davon auszugehen, daß die Numerierung von Kapiteln und VerVieles aber ist im Laufe zeichnissen zunächst kongruent und benutzbar war. der Uberlieferung entstellt worden, denn nur tatsächliche Verwendung des Inhaltsverzeichnisses zum Auffinden bestimmter Kapitel, d.h. nur der dem Schreiber einsichtige Bedarf der Leser kann eine benutzbare Numerierung über die Zeit erhalten. Mit den Ergebnissen aus den ersten beiden Teilen lassen sich nun die Gedichtüberschriften untersuchen. Sowohl die sprachliche Form der Buchtitel und die Beziehung zwischen Buchtitel und Text als auch die in vielen Gattungen zu beobachtende (z.T. nachträgliche) 'Organisation' von längeren und kürzeren Textabschnitten durch Inhaltsangaben und Uberschriften und deren Einfluß auf den Text sind bei der Beurteilung von Gedichtüberschriften stets mit zu beachten.

189 Einige Beispiele von im Laufe der Zeit unbenutzbar gewordener Numerierung: Columella, siehe unten S. 134; Isidor, siehe unten S. 146; siehe auch die Diskrepanz zwischen Index und Kapitelüberschriften bei Firmicus Maternus, Mathesis, ed. W . K R O L L , F.SKUTSCH, L e i p z i g 1 8 9 7 (repr. S t u t t g a r t 1 9 6 8 ) .

Teil III: Gedichtüberschriften 1.

Einleitung

Uber Titel einzelner Gedichte innerhalb von Sammlungen, die sich in Hss. in großen Mengen finden, ist - anders als bei Buch- oder Werktiteln - weder in literarischen Texten noch bei Grammatikern bzw. Metrikern etwas zu erfahren; letztere zitieren i.d. R. den Gedichtanfang, der gleichzeitig als Beispiel für das Metrum dient. Dafür gibt es aber Versinschriften und Papyri, an denen sich Existenz, Stellung und Inhalt von Überschriften aufzeigen lassen. Ferner kann man untersuchen, wie innerhalb von Texten auf einzelne Gedichte oder Abschnitte Bezug genommen wird. Mit dem 1.Jh.n.Chr. wird das Material umfangreicher: Martial selbst erwähnt Überschriften, Statius spricht in Vorworten über seine Gedichte, Commodian verwendet die Überschriften als Akrosticha. An diesen und einigen spätantiken Autoren bis hin zu Luxurius sowie an ausgewählten mittelalterlichen Gedichtsammlungen werden zunächst Formen und Funktionen von authentischen Überschriften herausgearbeitet. Danach sollen die nachträglich hinzugefügten Überschriften zu Vergil, Horaz, Martial und Ovid untersucht werden; einige dabei auffallende Besonderheiten finden sich auch in anderen Sammlungen (Juvenal und Persius, Anthologia Latina). Ein kurzer Blick auf Überschriften in jüngeren Hss. und Eingriffe im 15.Jh. (Catull, Properz, Tibull) soll zeigen, daß sich am grundsätzlichen Vorgehen lange nichts ändert.

Papyri Wie in der Vasenmalerei oft zum besseren Verständnis mitten im Bild die Namen neben den Figuren stehen, so finden sich auch zusätzlich zu Versinschriften Informationen in Prosa: Bei Grabinschriften steht oft der Name über oder unter dem Gedicht (z.B. PEEK Nr. 328f.); in Weihinschriften aus dem 4.Jh. v.Chr. finden sich über den Gedichten in etlichen Fällen Prosa-Beischriften (z.B. EBERT Nr. 40; 47; 51), die Informationen enthalten können, die in dem

162

Teil III : Gedichtüberschriften

Gedicht nicht gegeben werden, ζ. B. weitere Siege des Dargestellten (EBERT Nr. 37); manchmal erscheint der Name des Siegers nur in der Prosa-Beischrift (EBERT N r . 5 3 ) .

Auf Papyri aus dem 3.-1.Jh.v.Chr. können sowohl einzelne Gedichte als auch Ausschnitte aus Gedichtsammlungen älterer und alexandrinischer Dichter von erster Hand mit einer Überschrift bzw. in Anthologien mit dem Namen des Verfassers versehen sein. Die Titel stehen in den meisten Fällen zentriert, manchmal auch ausgerückt, in einer eigenen Zeile über dem Text. - Bei auf Papyri erhaltenen lateinischen Briefen stehen die Anredeformeln wie Überschriften deutlich herausgehoben über dem Brieftext, siehe SEIDER (latein. Papyri) Bd.I, Nr. 1 und Nr.4 (1.Jh.v.Chr.); Nr. 18 (1.Jh.n.Chr.). Bei Sammlungen von Exzerpten aus Prosa oder Dichtung, wie sie schon Piaton erwähnt, wird der Verfasser im Genetiv vermerkt;190 genauere Angaben, etwa aus welchem Werk ein Zitat stammt, finden sich nicht; siehe z.B. P.Hibeh 1,7 (250-210 v.Chr.): Εύριπίδου; P.Hibeh 1,17 (280-240 v.Chr.): Σιμωνίδου (ausgerückt); siehe auch P.Petrie 1,3 (3.Jh.v.Chr.); P.Hibeh 11,173 (270-240 v.Chr.). Ebenso wird bei Sammlungen von (vollständigen) Epigrammen der Autor im Genetiv angegeben, siehe z.B. SCHUBART (Gr.Literar.Papyri) Nr.28 (2.Jh.v.Chr.): Φιλ]ήμονος und Ά]ντιφάνους; P.Köln 5,204 (2.Jh.v.Chr.): Μ[ν]ασά[λκ]ου; P.Tebt.1,3 (1.Jh.v.Chr.); P.Oxy662 (l.Jh.n.Chr.). Ein weiteres Gedicht zum gleichen Thema oder vom selben Autor kann durch άλλο bezeichnet sein, siehe z.B. P.Heid. 187 (250 v.Chr.); 191 P.Cairo Zenon 59532 (= Suppl.Hell.977, 3.Jh.v.Chr.); P.Berol.4757 (= Schubart, Pap.Graecae Berol., Nr.8a; Ostracon, 2.Jh.v.Chr.); Suppl.Hell.986 (2.Jh. v.Chr.): ]λλο έπίγραμμα. Das Wort άλλο macht Neuanfang bzw. Ende kenntlich; diese Funktion übernimmt überwiegend das Paragraphenzeichen (leider fehlen oft die linken Ränder der Papyri, so daß auch die trennenden Zeichen fehlen), vgl. Heph. (sign.2): επί μέντοι τω τέλει ό αστερίσκος τίθεται,

190PI.leg.8lia: [...] έκ π ά ν τ ω ν κ ε φ ά λ α ι α έκλέξαντες καί τινας ο λ α ς ρήσεις εις τ α ύ τ ό σ υ ν α γ α γ ό ν τ ε ς [...]. Zur Kenntnis bestimmter Aussprüche berühmter Männer vgl. Sen.(epist.33,7) pueris et sententias ediscendas damus [...] viro captare flosculos turpe est [...] 'hocZenon dixit' [...]. 191 Siehe Tafel 5c bei S I E G M A N N . 192 Vgl. P.Tebt.1,1 mit P.Tebt.I,2 (beide ca. 100 v.Chr.): Beide Papyri enthalten Ausschnitte derselben Anthologie; in P. Tebt. 1,2 ist an zwei Stellen ά λ λ ο später hinzugefügt worden; in P. Tebt. 1,1 steht an den gleichen Stellen einmal ein Paragraphenzeichen, einmal ein Freiraum innerhalb der Zeile.

Einleitung

163

γνώρισμα του τετελέσθαι τό άσμα und Isid. (orig. 1,21,8) paragraphus ponitur ad separandas res a rebus, quae in conexu concurrunt, quemadmodum in catalogo loca a locis [...]. Von der auf Papyri noch erkennbaren Gewohnheit, den Namen des Verfassers eines Textstückes nur bei Autorwechsel anzugeben, spricht später Hilarius v. Poitiers (psalm, instr. 3) De his autem, qui sine diversorum auctorum nominibus sub diversis superscriptionibus habentur, antiquorum virorum ista traditio est, quod ex eo psalmo, cuius auctor in superscriptione ponitur, qui deinceps sine auctorum superscriptione succedunt, illius esse existimandi sunt, qui anterioris psalmi auctor inscribitur, usque in eum psalmum, in quo nomen auctoris alterius praeferatur

[...].

Es finden sich aber auch Uberschriften, die über den Namen des Autors hinausgehen: Besonders interessant ist der Poseidippus-Papyrus (3.Jh.v.Chr.), der von B A S T I A N I N I und GALLAZZI herausgegeben wird und in Teilen bereits veröffentlicht ist. Wie die Herausgeber mir freundlicherweise mitgeteilt haben, beziehen sich die Uberschriften in keinem Fall auf einzelne Epigramme, sondern immer auf kleinere oder größere Gruppen; i. d. R. (soweit lesbar) handelt es sich um Adjektive, ζ. Β. άναθεματικά, außer in dem einen Fall: τρόποι. Auf eine ähnliche Anordnung nach Themen bzw. Gattungen deutet der Titel πολεμι[κ]ά in P.Straßb. (3.Jh. v.Chr.). 193 In P.Heid. 190 (250-210 v.Chr.) finden sich Überschriften für einzelne Spottgedichte: εις π υ ρ ρ ό ν und εις φα[λ]ακρόν. In P.Petrie II 49b (= Suppl. Hell.985, 3.Jh.v.Chr.) sind laut Herausgeber zumindest die Anfänge von Titeln (wahrscheinlich mit έπί) zu den einzelnen Gedichten erkennbar. P.Louvre inv.7733 (= Suppl.Hell.983, 2.Jh.v.Chr.) enthält ein Gedicht unter dem Titel: οστρειον. In P.Berol.9773 (Beri.Kl.Texte. 5,2; 2.Jh.v.Chr.) steht über dem Exzerpt Eur. Hipp. 664-668 die Überschrift ψ ό γ ο ς γυναικών; über dem darauf folgenden Exzerpt steht nur der Name des Dichters, Ά ν τ ι φ ά ν ο υ ς . P.Heid.inv.nr.310 (2.Jh.v.Chr.; SEIDER, Lit.Pap., Nr. 11) zeigt die Überschrift ίαμβος Φοίνικος. In Suppl.Hell.996 (1.Jh.v.Chr.) hat jedes Technopaegnion einen Titel, der die jeweilige Besonderheit erklärt: λ ά β δ α επί λάβδα, χει έπί χει, ψ ει έπί ψεΐ, στίχοι έξ άμφοτέρων τών μερών άναγιγνωσκόμενοι, στίχοι τών στοιχίων π ά ν τ ω ν .

193 SNELL, Straßburger Papyri, S . 93-97.

164

Teil III : Gedichtüberschriften

Auch auf jüngeren Papyri zeigt sich das gleiche Bild: Bei Chorlyrik läßt sich aufgrund des erhaltenen Materials ein regelmäßiges Schema feststellen, das auf die hellenistischen Herausgeber zurückgeführt wird (siehe z.B. RUTHERFORD, S.65, Anm.3). Angegeben werden die Ausfuhrenden (im Dativ) und der Ort der Aufführung (εις), siehe z.B. P.Oxy 2430, fr.35 (1./2.Jh.n.Chr.) Ά ν δ ρ ί ο ι ς εις Πυθώ (zentriert über dem Gedicht); P.Oxy 841, fr. 11, col. 2 (2.Jh.n.Chr.) Δελφοΐς είς Πυθώ (in margine, litt.min.); P.Oxy 2441 (2.Jh.n.Chr.); P.Oxy 1604 (2.Jh.n.Chr.); P.Oxy 2442, fr. 14 (3. Jh. n.Chr.). Überschriften werden in verschiedenen Gattungen verwendet: P.Oxy 3725 (1./2.Jh.n.Chr.) zeigt mehrmals έπί oder ομοίως über Epigrammen; zu identifizieren sind Α. P. 5,50 und darauf folgend 11,241 ; auffällig ist, daß es auf dem Papyrus eine thematische Uberschrift zu 11,241 gibt (έπί σα[ ), während in der handschriftlichen Überlieferung nur der Name des Autors angegeben ist (Νικάρχου). Auf P.Oxy 464 (3.Jh.n.Chr.) finden sich thematische Angaben zu den bis zu sechs Verse langen astrologischen Gedichten: περί βρέφους ζην; περί βρέφους άχρηστου. In P.Oxy 3005 (2./3.Jh.n.Chr.) sind die iambischen Gnomen überschrieben: ] και άδοξίας und ] και άπροσδοκήτου; Ranken über den Überschriften setzen die Stücke voneinander ab. Eine Gattungsbezeichnung steht in P.Oxy 1015 (3.Jh.n.Chr.) [Έρμου] έγκώμιον; P.Oxy 2084 (3.Jh.n.Chr.) bewahrt ein Lob in Prosa: ίσχάδος έγκώμιον. Auch Psalmen sind ebenso gestaltet, siehe z.B. P.Bouriant, Nr.2 (4.Jh.n.Chr.). Es gibt also (spätestens) seit dem 3.Jh.v.Chr. die Möglichkeit, einordnende bzw. thematische Überschriften für mehrere, aber auch für einzelne Gedichte zu formulieren. Wenn sich auch der Einfluß der Alexandriner in dieser Hinsicht nicht sicher bestimmen läßt, da entsprechende Nachrichten wie zu den Werktiteln (siehe oben S. 11) fehlen, so liegt es dennoch nahe zu vermuten, daß sie Überschriften als Orientierungshilfe (wie z.B. Hypothesis, Didaskalie) genutzt haben. Aufgrund des erkennbaren Schemas werden die Überschriften zu den Paianen auf die hellenistischen Herausgeber zurückgeführt (siehe oben); auf die Alexandriner zu weisen scheint auch die Gestaltung der Überschriften zu den Epinikien, die sich aufgrund des relativ reichen Materials etwas ausführlicher darstellen lassen. Im Bacchylides-Papyrus A (P.Lond.inv.733, um 100 n.Chr.) finden sich am Rand zu den einzelnen Epinikien und Dithyramben Anmerkungen in kleinerer Schrift von drei Schreibern (siehe M A E H L E R / S N E L L , S.XIf.). 194 Die

194

Abbildung in SEIDER

II,

Nr.

37,

dort auf das 2. Jh.n.Chr. datiert.

Einleitung

165

Titel der Dithyramben sind wohl mindestens so alt wie die zugrundeliegende Ausgabe, da die Dithyramben alphabetisch nach den Anfangsbuchstaben ihrer Titel angeordnet sind. ,Am Rand der Epinikien stehen folgende Titel: 2 τ φ αυτψ - 3 Ίέρωνι Συρακοσίψ ϊπποις πια - 4 τω αυτψ Πύθια - 6 Λάχωνι Κείψ σταδιεΐ 'Ολύμπια - 7 τω αυτψ - 9 Αύτομήδει Φλειδιάσψ Νέμεα - 11 Ά λ ε ξ ι δ ά μ ψ Μεταποντίνψ παιδί παλαιστή Πύθια - 12 Τεισία Αιγινήτη παλαιστή Νέμεα - 14 Κλεοπτολέμψ Θεσσαλω ιπποις Πετραΐα. Für Simonides zeigt sich ein ähnliches Bild: In P.Oxy 2431 (2.Jh.n.Chr.) steht als Uberschrift in zwei Zeilen zentriert über dem Text: κέλητι | τοις Αίατιου παισίν; in P.Straßb.inv.gr. 1406-1409 (2jh.n.Chr.) steht ebenfalls als Überschrift eingerückt über dem Text: Τιμο[ | σταδιεΐ. Auch für Pindar gibt es einen allerdings späten Papyrus: P.Oxy 1614 (5-/6.Jh.n.Chr.) hat als Uberschrift in großer Schrift, von Zierleisten umgeben: Θήρωνι Ά κ ρ α [ . Außerdem sind in den Handschriften Titel überliefert, die im Kern die gleiche Form haben wie die im Bacchylides-Papyrus. Es ist zwar in den einzelnen Handschriften im Laufe der Zeit manches hinzugefugt worden (z.B. Angaben zur Chronologie, zum Metrum und zum Dialekt), aber die einmal vorhandenen Titel sind offensichtlich i.d.R. nicht bewußt verändert worden; z.B.Ol. 1 Ίέρωνι Συρακοσίω κέλητι, Ol.8 Άλκιμέδοντι παιδί παλαιστή. Die Überschriften zu den Epinikien geben Informationen zu Person, Herkunft, Wettkampfart und Ort des Wettkampfes, so daß der Leser über den Anlaß des Liedes Auskunft erhält (vgl. bei Statius, unten S. 181). Die Überschriften folgen bei den drei Dichtern der Epinikien dem gleichen Muster: Als erstes stehen Name und Herkunft des Adressaten im Dativ. Außerdem ist die Sportart genannt: a) bei hippischen Agonen im instrumentalen Dativ: ιπποις, αρματι, κέλητι, τεθρίππψ und b) bei gymnischen Agonen als Apposition im Dativ: παλαιστή, πύκτη, σταδιεΐ, πεντάθλψ, δολιχοδρόμψ, σταδιοδρόμψ, όπλιτοδρόμψ, διαυλοδρόμψ, παγκρατιαστή; in einigen Fällen wird noch die Altersklasse genannt (παιδί) und bei Bacchylides außerdem der Ort, da insgesamt nur ein Buch Epinikien in die Ausgabe eingegangen ist (Pindars Bücher sind nach den Orten eingeteilt). Wenn ein zweites Gedicht fur denselben Adressaten folgt, heißt es im Bacchylides-Papyrus einfach τ φ αυτψ; dies kommt auch bei Pindar in einigen Handschriften vor. Zwar sind die genannten Papyri im Vergleich zur Entstehungszeit der Dichtung relativ jung. Wenn aber auch kaum sicher zu entscheiden ist, wie alt die Überschriften sind, so scheinen sie doch immerhin um einiges älter zu sein

166

Teil III : Gedichtüberschriften

als der älteste vorhandene Papyrus. Anders nämlich als die Bezeichnung der Sieger in hippischen Agonen (z.B.: Ίέρωνι Συρακοσίω ιπποις), die sich früh belegen läßt und geläufig bleibt (z.B.: Ebert Nr.4 (516 v.Chr.) (= Paus.6,10,7): νικήσας ιπποις καλόν άγώνα) 1 9 5 entspricht die Bezeichnung der Sieger in gymnischen Agonen (z.B.: παλαιστή, πύκτη, σταδιεΐ) nicht der Erwartung: Wenn an anderen Stellen ausgedrückt werden soll, daß jemand in einem Wettkampf gesiegt hat, wird i. d. R. νικάν o. ä. nicht mit dem Nomen agentis, ζ. Β. σταδιεΰς, verbunden, sondern entweder mit einem instrumentalen Dativ, δρόμω, oder einem inneren Akkusativ, στάδιον: Diese Formulierungen lassen sich sowohl in Weihinschriften und Siegerlisten als auch in Fachbüchern und anderer Literatur beobachten, ζ. B.: Bei EBERT Nr.37 (Basis, 4.Jh.v.Chr.) handelt es sich um eine Liste der Siege eines einzigen Sportlers: Ό λ ύ μ π ι α παγκράτιον, Πυθοΐ πΰξ; (Syll.3l4, 4.Jh.v.Chr.) τεθρίππω πωλικώ [...] ϊππω κέλητι, [...] στάδιον παΐδας [...] παΐδας πυγμάν [...] άνδρας δόλιχον; (Syll. 1060, 4./3.Jh.v.Chr.) οϊδε ένίκων των άνδρών δρόμον [...]; (Syll. 1061, 2.Jh.n.Chr.): σταδίφ [...] διαΰλω [...]; (Syll. 1062, 2.Jh.n.Chr.): οϊδε ένίκων: δρόμω [...] άκοντισία [...]; (Syll. 1063, 3.Jh.n.Chr.) [...] άνδρών στάδιον [...] παίδων πάλην; (P.Oxy 222, 3.Jh.n.Chr.): Η λ ε ί ο ς στάδιον, πύξ; Julius Africanus bei Euseb (S. 194ff. SCHOENE, passim) formuliert nach dem Muster Η λ ε ί ο ς στάδιον (ohne Verb), aber auch einige Stellen mit Prädikat: άνδρών πάλην ένίκησε; die Sportarten stehen ausnahmslos im Akkusativ, auch die hippischen Agone: άρμα, τέθριππον. - (11.23,669) πυγμή; (Dem.58,66) νικήσας παιδας στάδιον; (Lukian hist.conscr.4l) δόλιχον γάρ οιμαι έν παισί ένίκησε; (Philostr. Gym. 3) έκράτει δε άπάντων πάλη; (Philostr.Gym.13) νικήσας τό τών παίδων στάδιον. Aufgrund solcher Stellen würde man in den Titeln zur Bezeichnung der gymnischen Sieger in den Titeln eigentlich z.B. πυγμή oder πάλην erwarten. Die stattdessen verwendeten Nomina agentis finden sich inschriftlich in Syll. 1055 (ca.400-350.v.Chr.); es handelt sich um eine Liste der praemia Panathenaeorum: παιδί παλαιστή νικώντι, άγενείω πεντάθλω νικώντί; die Sportart steht aber auch mal im Akkusativ: παιδί πένταθλον νικώντι. Hier werden keine Namen genannt, sondern es geht grundsätzlich um die Zuteilung der Siegesprämien an die verschiedenen Sportler. - Auch literarisch werden diese

Nr. 8 (6.Jh.V.Chr.) ϊ]πποις νικασας; Hdt.6,122,1 ϊππω νικήσας, τεθρίππω δέ δεύτερος; Hdt.6,103,3 άνελόμενον τη σι αύτησι ιπποισι άλλην 'Ολυμπιάδα; Dem. 59,33 ένίκα τά Πύθια τεθρίππφ; Pl. Ap. 36d ει τις ύμων ϊππω ή συνωρίδι ή ζεύγει νενίκησεν Όλυμπίασιν.

195 EBERT

Einleitung

167

Bezeichnungen nur verwendet, wenn nicht von einem bestimmten Sieg die Rede ist, sondern von den Sportlern als solchen: z.B. Piaton Prot.335e δρομεΐ άκμάζοντι επεσθαι, ή τών δολιχοδρόμων τω; ebenso παλαιστής, πύκτης, δρομεύς etc. bei Philostrat. Die Bezeichnung der Sieger in den Überschriften bezieht sich also offenbar durch ihre Formulierung weniger auf den konkreten einzelnen Sieg, sondern mehr auf die Person, der das Lied gewidmet ist. Auch in den Pindar-Scholien wird i. d. R. in einer Einleitung der Adressat genannt, oft in der Form der Titel (zu Ol. 9): γέγραπται 'Εφαρμοστώ Ό π ο υ ν τ ί ω παλαιστή. Man könnte also zunächst vermuten, daß die Titel einen Auszug aus den Scholien darstellen, die zunächst an den Rand der Texte geschrieben wurden und dann im Laufe der Zeit in den Rang von Titeln, d. h. mit einer eigenen Zeile über dem Text, aufgerückt seien. Daß dieser Scholiast aber die Titel schon vorgefunden hat, zeigt nicht nur Schol. Ol. 11 : τόκος έπιγέγραπται [...], sondern auch die folgende Stelle (zu Pyth. 10): δοκεΐ δέ μή ΰγιώς έπιγεγράφθαι ή φ δ ή Ίπποκλεΐ: δέον γάρ Ίπποκλέα. 1 9 6 Wenn weitere Informationen hinzugefugt werden, verwendet er die geläufige Formulierung (zu Pyth. 11): Γέγραπται ή φ δ ή Θρασυδαίω παιδί νικήσαντι κη Πυθιάδα, και λγ" δίαυλον ή στάδιον άνδρας. Auch in weiteren Darlegungen formuliert der Scholiast (zu Ol.7, S. 198,6): [...] Εΰκλων πυγμή νικήσας άνδρας; (zu Pyth.9) ένίκησε μέντοι και στάδιον [...]; (zu Pyth. 10): ένίκησε και στάδιον [...]; (zu Ol. 14) Ά σ ω π ί χ ω Όρχομενίω σταδιεΐ παιδί Κλεοδάμου νικωντι τήν ος 'Ολυμπιάδα στάδιον. Die Stelle (zu Ol. 1) [...] νικήσαντι ϊ π π ω κέλητι [...] ή ώς ενιοι αρματι zeigt, daß der Scholiast seine Angaben nicht (nur) aus dem Text herauslas (wie das gerade bei Titeln oft angenommen wird), sondern andere Informationsquellen hinzuzog (Kommentare, Listen). Der Scholiast, der für die einleitenden historischen Informationen verantwortlich ist, hat offenbar die vorgefundenen Überschriften in seine Formulierungen eingebunden. Andererseits sind im Laufe der Zeit wiederum die Überschriften aus dem Material der Scholien erweitert worden. Wichtig ist die Tatsache, daß die ursprüngliche Formulierung der Überschriften beibehalten wurde, der Kern der Überschriften stabil geblieben ist. Bemerkenswert ist auch, daß nicht etwa, nachdem der Anlaß lange zurücklag und die Personen nicht

196 An allen anderen Stellen schreibt der Scholiast allerdings: γ έ γ ρ α π τ α ι , sieht es also nicht so deutlich als Titel an (vgl.: In den Theokrit-Scholien heißt es laufend

έπιγέγραπται).

168

Teil III : Gedichtüberschriften

mehr so bedeutend waren, der Schwerpunkt des Interesses sich verlagerte und etwa der Inhalt des Mythos-Teils als Titel gedient hätte. Die Titel auf den Papyri müssen älter sein als die Papyri selbst. Die einheitliche Verwendung von Nomina agentis für die Bezeichnung der Sieger in gymnischen Agonen weist auf einen einzigen Herausgeber, zumindest aber auf eine einzige zugrundeliegende Systematik. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß an verschiedenen Orten im 2.Jh.n.Chr. die Titel auf dieselbe ungewöhnliche Weise gebildet wurden. Es liegt daher nahe anzunehmen, daß diese Titel auf einen der alexandrinischen Herausgeber zurückgehen. Bei der Formulierung wurde noch nicht - wie später vom Scholiasten - an Chronologie bzw. die genaue Bestimmung des jeweiligen Sieges gedacht, sondern es wurde so formuliert, wie man sich auch die eventuell ursprünglich von Pindar gedachte oder hinzugefügte 'Adresse' denken könnte. Der Vortrag von Epinikien, Hymnen, Epithalamien etc. war zunächst in einen festen Rahmen gebunden, in dem das Lied ohne weitere Erläuterungen durch einen Titel seine Funktion erfüllen mußte. Wenn nun Lieder gesammelt wurden, entweder vom Dichter selbst oder in Heimatstädten der Sieger oder an Kultorten, müssen ähnlich wie bei vom Gegenstand getrennten Versinschriften (siehe unten S. 178) Angaben zur ursprünglichen Funktion hinzugetreten sein. D a Pindar selbst über die weite Verbreitung seiner Gedichte spricht (Nem. 5 , 1 5) und der funktionale Rahmen offenbar schon damals für zeitgenössische Leser nicht mehr gegeben war, kann schon zu Pindars Zeit der ursprüngliche Anlaß als Information schriftlich angegeben worden sein. Finden sich also auf Papyri relativ viele (griechische) Beispiele für Überschriften, so ist andererseits der Gallus-Papyrus (P.Quasr Ibrîm; Zeit des Augustus, evtl. Zeit des Gallus) zu betrachten (siehe dazu ANDERSON / PARSONS / NISBET mit Abb.). Auf diesem sind dreimal größere Abstände (ungefähr dreifacher Zeilenabstand) zu sehen, von denen man annimmt, daß sie Gedichte voneinander trennen (ibid. S. 129f.); der erste Buchstabe nach dem Abstand ist vergrößert. In den Abständen befinden sich Η-förmige Zeichen, die von anderen Papyri nicht bekannt sind; diese Zeichen scheinen zusammen mit dem Freiraum die Grenze zwischen Gedichten zu markieren. - Wenn auf diese Weise, was leider aufgrund der Materialsituation nicht nachweisbar ist, regelmäßig Gedichtgrenzen markiert wurden, wäre zwischen lateinischen Gedichten Platz fur Überschriften vorhanden gewesen, die man dort direkt hätte einfügen können, ohne sie zuerst, wie meist angenommen wird, in den Rand schreiben zu müssen.

Einleitung

169

Auf jeden Fall müssen zu Martials Zeit Grenzen zwischen Gedichten sehr deutlich erkennbar gewesen sein, denn folgenden Stellen ist zu entnehmen, daß ( man auf den ersten Blick und ohne zu lesen die Länge eines Gedichts abschätzen konnte: (Mart. 10,59,If.) Consumpta est uno si lemmatepagina, transis, / et breviora tibi, non meliora placent·, (6,65,4-6) Si brevioraprobas, disticha sola legas.l Conveniat nobis, ut fas epigrammata longa / sit transiré tibi, scribere, Tucca, mihi. Auf welche Weise die Länge eines Gedichts sofort ins Auge springen konnte, zeigt der Gallus-Papyrus. Das Problem der Gedichtgrenzen tritt besonders bei Catull, Properz und Ovid in unterschiedlichem Umfang auf und hat auch auf die Existenz von Gedichtüberschriften Einfluß: Überschriften konnten nur dort nachträglich hinzugefügt werden, wo der Gedichtanfang klar erkennbar war. Wenn man aus dem Gallus-Papyrus schließen darf, daß Gedichtende bzw. -anfang durch einen Freiraum mit Zeichen darin und den vergrößerten ersten Buchstaben markiert werden konnte, wirkten immerhin drei verschiedene Merkmale zusammen; so mußte es zwar auffallen, verursachte aber noch keinen gravierenden Schaden, wenn eines der Zeichen, z. B. die Vergrößerung des ersten Buchstabens, fehlte; die Autoren können einigermaßen sicher gewesen sein, daß zumindest die zeitgenössischen Leser wissen würden, wo ein Gedicht endete. Trotzdem konnte eine solche Markierung schon einmal verlorengehen, wohl besonders, wenn Gedicht- und Kolumnen- bzw. Seitenende zusammenfielen. Immerhin kann man aber wohl sagen, daß das Problem insgesamt seltener auftritt, als man annehmen würde; nicht zu vergessen ist, daß i.d.R. aus dem Text heraus Neueinsatz deutlich wird (deutlicher Wechsel des Adressaten, des Themas). Sobald aber Überschriften zwischen den Gedichten stehen, sind diese auch ein rein optisch-technisches Signal für Gedichtgrenze. Gesamtausfall der Überschriften kann eintreten, wenn diese in einem zweiten Arbeitsgang (vom Rubricator) eingetragen werden sollten; einzelne können aus Versehen ausfallen, oder weil die Vorlage unleserlich war. - Der Gallus-Papyrus muß die grundsätzliche Annahme L U C K S (bei der Berechnung der Zeilen pro antiker Seite) einschränken (Textgeschichte Ovids, S.44): „ [...] es gab, so meine ich, einen antiken Codex, der Remedia, Amores und Ars [...] enthielt. [...] die Elegien der Amores waren ohne Zwischenraum aneinandergeschrieben; wahrscheinlich standen Nummern oder Zeichen am Rand, aber sie waren in karolingischer Zeit wohl zum Teil nicht mehr lesbar, zum Teil hat man sie mißverstanden"; (S.90): „Die Aussagen, die wir über ihre

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