Thraker ZWISCHEN KARPATENBOGEN UND ÄGÄIS

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Thraker ZWISCHEN KARPATENBOGEN UND ÄGÄIS

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MANFRED OPPERMANN

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ZWISCHEN KARPATENBOGEN UNDÄGÄIS

URANIA-VERLAG

i. Auflage 1984 Alle Rechte vorbehalten © Urania-Verlag Leipzig/Jena/Berlin Verlag für populärwissenschaftliche Literatur, Leipzig Buchgestaltung und Illustrationen: Sonja Wunderlich Printed in GDR

Inhalt

Einleitung 7

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Frühe Ackerbauer und Viehzüchter im Ostbalkanraum n

Bronzezeit und Protothraker 28

Die thrakischen Stämme während der frühen Eisenzeit 46

Aufstieg und Niedergang des Odrysenreiches 76

Kultur und Kunst der Thraker im unteren Donauraum vom 6. bis zum 4. Jahrhundert v. u. Z. 113

O

Thrakien im Zeitalter des Hellenismus

146

f

Staatsbildungen der Geten und Daker 173

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Das thrakische Siedlungsgebiet auf der Balkanhalbinsel während der römischen Kaiserzeit 212

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Sprache und Aspekte des geistig-religiösen Lebens 231

Anhang

Zeittafel 252 Aussprachehinweise 256 Anmerkungen 257 Ausgewählte Literatur 258 Bildnachweis 260 Register 261

Einleitung

»Der Thraker Volk (griech. Ethnos) ist nach den Indern das umfangreichste unter allen Menschen; wenn es von einem beherrscht würde oder unter sich einig wäre, so würde es meiner Meinung nach unbesiegbar und bei weitem das stärkste unter allen Völkern sein. Aber dies ist ihnen nicht möglich und es ist auch nicht gegeben, daß dies jemals geschieht. Demzufolge sind sie schwach. Sie haben viele Namen, jeder Stamm nach seinem Gebiet; aber ähnliche Sitten haben diese alle in allen Bereichen außer den Geten, den Trausen und denjenigen, die oberhalb der Krestonier wohnen« (Herodot, V. 3). Dieses Zitat des griechischen Historikers Herodot (um 484 bis 425 v.u.Z.) beleuchtet in recht anschaulicher Weise, wie die Griechen um die Mitte des 5. Jh. v.u.Z. ihre nördlichen Nachbarn sahen. Daß der geographische Terminus »Thrakien« bereits im 2. Jahrtausend v.u.Z. bekannt gewesen sein dürfte, läßt das in der kretischen Linear B-Schrift überlieferte Wort »Treke-wi-ja« durchaus als wahrscheinlich erscheinen. Aber dieser Begriff kann sich damals nur auf die griechisch-thrakische Kontaktzone an der Nordküste des Ägäischen Meeres und im Bereich der Meerengen zwischen Europa und Asien bezogen haben. Auch in Homers Ilias und Odyssee werden »Thrakien« und »Thraker« genannt. Die Angaben spiegeln allgemein die Situation am Ende des 2. und zu Anfang des i. Jahrtausends v. u. Z. wider. Und hier versteht man darunter ebenfalls nur jene Gegenden und ihre Bewohner im Bereich der nördlichen Ägäisküste und der ihr vorgelagerten Inseln. Erst im Zuge der »Großen griechischen Kolonisation« (8.—6. Jh. v.u.Z.), als die Griechen an den Küsten Thrakiens Städte gründeten und somit in engere Kontakte zu den Stämmen des Hinterlandes traten, erweitert sich auch der griechische Thrakien- bzw. Thrakerbegriff. Als Thrakien faßte man nun entweder das Gebiet zwischen Balkan und Ägäisküste oder sogar jenen Ostteil der Balkanhalbinsel auf, der sich von der Donau im Norden bis zur Ägäis erstreckt. Allerdings muß sogleich hinzugefügt werden, daß die Donau keine kulturelle und ethnische Grenze gebildet hat. Dies war auch den Griechen bekannt. Denn die Geten, die ja schon Herodot richtig zu den Thrakern rechnet, siedelten zu beiden Seiten dieses großen Flusses. Wir müssen also als Kern des thrakischen Siedlungsraumes den weiten geographischen Komplex zwischen Transsilvanien und der nördlichen Ägäisküste definieren. Daß damit noch nicht das Siedlungsgebiet der thrakischen Stämme schlechthin umschrieben ist, beweisen archäologische und sprachwissenschaftliche Forschungen sowie vielfältige Angaben antiker Schriftsteller. Eine recht bedeutende thrakische Bevölkerungsgruppe lebte im nordwestlichen Kleinasien. Hierzu gehören in erster Linie

die Bithynier und die Mysier, die aus balkanthrakischen Gebieten stammten. Den Westteil der Balkanhalbinsel — also heute jugoslawische und albanische Gebiete — hatten illyrische Stämme inne. Doch läßt sich im Südosten Jugoslawiens auch ein thrakisches Bevölkerungselement nachweisen, so daß man dort von einer illyro-thrakischen Mischbevölkerung sprechen kann. Dies gilt vor allem für die Dardaner. Enger ist die Bindung zu den Thrakern bei den Paionen gewesen, obwohl sie am ehesten als eigener ethnischer Komplex aufzufassen sind. Unklarer als im Westen ist vorerst noch die Abgrenzung nach Norden hin. Eine eindeutige Grenzlinie läßt sich zur Zeit nicht ziehen, und es ist fraglich, ob dies jemals möglich sein wird. Zumindest haben neuere archäologische Forschungen eine kulturelle Ausstrahlung der Thraker in den Jahrhunderten um die Mitte des i. Jahrtausends v.u.Z. bis in die Gegenden der heutigen Slowakei nachgewiesen. Reicht dies aber zur ethnischen Bestimmung der dort ansässigen Stämme aus? Ähnlich kompliziert ist das Problem der Begrenzung des thrakischen Siedlungsbereiches nach Nordosten hin. Archäologisches Fundmaterial, das man Thrakern zuschreibt, hat sich dort bis in die Gegenden östlich des Dnepr gefunden. In den weiten Steppen nordwestlich des Schwarzen Meeres stand das Thrakertum jedenfalls in engem Kontakt mit den Skythen. Die Grenzen der von thrakischen Stämmen besiedelten Gebiete Südosteuropas und Nordwestkleinasiens sind niemals eine konstante Größe gewesen, sondern können nur in Zusammenhang mit den konkreten historischen Prozessen untersucht werden. Dies trifft auch für die uns durch griechische und römische Historiker überlieferten zahlreichen Thrakerstämme und den Umfang der von ihnen besiedelten Territorien zu. Wenngleich die antiken Autoren uns unverzichtbare Informationen über Altthrakien und seine Bewohner überliefert haben, so sind es doch in erster Linie die Ergebnisse der archäologischen Forschung gewesen, die unser Thrakerbild in den letzten Jahrzehnten gleichsam revolutioniert haben. Dementsprechend wird gerade den archäologischen Zeugnissen im vorliegenden Buche besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Für die frühen Perioden bilden ja ohnehin diese Denkmäler fast unsere einzige Informationsquelle. Der Leser wird dabei des öfteren mit dem Begriff der »achäologischen Kultur« konfrontiert. Darunter sind ähnliche bzw. gleiche Erscheinungen in der materiellen und auch geistigen Kultur eines bestimmten Territoriums innerhalb gewisser zeitlicher Grenzen zu verstehen. Doch befindet sich eine solche relative Kultureinheit im Prozeß ständiger Wandlung und besitzt zu benachbarten archäologischen Kulturen nicht selten enge Kontakte. So ist es oftmals auch der Fall, daß eine Kultur nur als spezifisch regionale Ausprägung

eines viel größeren, übergreifenden archäologischen Kulturkomplexes aufzufassen ist. Die Archäologie liefert uns zweifellos wertvolle Erkenntnisse im Hinblick auf jene komplizierten Prozesse, die zur Herausbildung und Formierung von Völkern führten. Kann man doch auch mit Hilfe von Bodenfunden bis zu einem gewissen Grade Wanderungsbewegungen und Verschiebungen in der ethnischen Struktur eines Gebietes nachweisen. Aber andererseits bringt eine mechanische und bedenkenlose Gleichsetzung von archäologischer Kultur mit einer bestimmten Völkerschaft oder sogar eines Volkes meist mehr Verwirrung als Klärung. Denn eine ethnische Einheit braucht sich nicht in jedem Fall in einer einheitlichen Sachkultur widerzuspiegeln, wie auch umgekehrt die Träger einer archäologischen Kultur nicht sofort mit einem Volk, einer Völkerschaft oder einem Stamm gleichgesetzt werden müssen. Daß hier größte Zurückhaltung geboten ist, beweisen die auf sprachwissenschaftlichem und archäologischem Gebiet gewonnenen Erkenntnisse, die eben eine simple Verknüpfung von Ethnos und archäologischer Kultur nicht zulassen. Für die Fixierung des weiten thrakischen Siedlungsraumes, der infolge seiner regional unterschiedlichen sozialökonomischen und somit auch politischen Entwicklung zu keiner Zeit eine einheitliche archäologische Sachkultur besaß und niemals eine administrative oder staatliche Einheit darstellte, gewinnen die Ergebnisse der Sprachwissenschaft eine immer größere Bedeutung. In erster Linie können wir wohl auf Grund einer mehr oder weniger deutlich ausgeprägten sprachlichen Verwandtschaft, die die einzelnen Stämme untereinander aufwiesen, vom Volk der Thraker als übergreifende ethnische Einheit sprechen. Natürlich stellten auch ähnliche Sitten und Gebräuche sowie religiöse Vorstellungen ein einigendes Band dar. Doch dürften hier beträchtliche Unterschiede existiert haben, da ja Herodot schon bei den »Geten, Trausen und denjenigen, die oberhalb der Krestonier wohnen« eine Einschränkung macht. Die moderne Thrakerforschung, wie sie heute vor allem in wissenschaftlichen Institutionen der VR Bulgarien und der SR Rumänien betrieben wird, ist daher immer mehr bemüht, kombinatorisch vorzugehen und gleichwertig alle zur Verfügung stehenden Quellen zu befragen. Nach dem Verständnis des bulgarischen Sprachwissenschaftlers V. Georgiev ist gerade die »Thrakologie eine komplexe interdisziplinäre Wissenschaft«. Sie bedarf also in gleicher Weise der historischen, archäologischen, sprachwissenschaftlichen, epigraphischen wie ethnographischen Methode, um durch das fruchtbare Zusammenwirken dieser Einzeldisziplinen die kulturhistorischen Leistungen des großen und weitverzweigten Volkes der Thraker erkennen und würdigen zu können.

l FRÜHE ACKERBAUER UND VIEHZÜCHTER IM OSTBALKANRAUM

»Neolithische Revolution«

Siedlungsbügel

Angesichts der großartigen wissenschaftlich-technischen Errungenschaften unserer Tage wird oftmals allzu schnell vergessen, welch große Bedeutung der Übergang zu Ackerbau und Viehzucht für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gehabt hat. In der archäologischen Wissenschaft wurde für diese entscheidende Umwälzung durchaus zu Recht der Terminus »neolithische (jungsteinzeitliche) Revolution« geprägt. Denn während vorher der Mensch in seinem ausschließlich durch Jagd- und Sammeltätigkeit realisierten Nahrungserwerb eine aneignende Ökonomie betrieb, konnte er jetzt zumindest teilweise Produkte selbst erzeugen. Daß dabei die Einführung von Pflanzenbau und Tierhaltung kein kurzfristiger Prozeß war, versteht sich von selbst. Die Forschungen der letzten Jahre haben aufschlußreiches und teilweise sensationelles Material zur Entstehung des Ackerbaus und der Haustierhaltung im Mittleren und Nahen Osten sowie in Kleinasien erbracht. Doch auch für die Balkanhalbinsel besitzen wir Indizien, die beweisen, daß hier eines der frühen Zentren jener »neolithischen Revolution« existiert hat. So dürfte dort der Beginn dieses Prozesses bereits in das 7. Jahrtausend v.u.Z. fallen. Im 6. und J.Jahrtausend v.u.Z. bauten die frühen Ackerbauer schon Einkorn, Emmer, zwei- und sechszeilige Gerste, Wicken, Linsen und andere Feldfrüchte an. Die neue Wirtschaftsform ermöglichte in den fruchtbaren Zonen nahe von Wasserplätzen eine relative Seßhaftigkeit. Davon zeugen vor allem mehrere hundert Siedlungshügel, die sich besonders im heutigen Südbulgarien, aber auch im Nordosten des Landes finden. Sie entstanden dadurch, daß die jeweils neue Siedlung auf den Resten der vorangegangenen errichtet wurde. Dabei brauchte die ältere Ansiedlung keinesfalls durch gewaltsame Auseinandersetzungen zugrunde gegangen zu sein. Vielmehr sind die meisten dieser Siedlungen zeitweilig oder ganz verlassen worden, weil sich die natürlichen Bedingungen ver-

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Der Ostbalkanraum vom 6. bis zum 2. Jahrtausend v.u.Z.

schlechten hatten, was bei einer extensiv betriebenen Landwirtschaft nur verständlich ist. Sonst kennen wir außer diesen Siedlungshügeln einfache, meist auf Anhöhen oder Flußterrassen angelegte Niederlassungen, die in Abhängigkeit von den jeweiligen ökologischen Gegebenheiten über eine längere oder kürzere Periode bestanden haben. Gleichsam einen Fixpunkt für die kulturelle Entwicklung des Neolithikums und des Chalkolithikums (Stein-Kupfer-Zeit) in den südbulgarischen Gebieten stellt der beim Dorfe Karanovo (Bez. Sliven) gelegene Siedlungshügel dar (s. Bild 2). Seine Kul-

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LJ - 50 l l

75 l

100 l

125 t

150k l

Neolithische Kulturen

Sichel aus Karanovo

turschichten besitzen eine Gesamtstärke von 12,40 m. Im ganzen kann man hier sieben solcher Schichten unterscheiden. Die drei untersten (Karanovo I, II und III) gehören dem Neolithikum und damit dem späten 6. und dem j. Jahrtausend v.u.Z. an. Die nicht sehr starke Kulturschicht IV bildet dann den Übergang zum Chalkolithikum, das seinerseits durch Karanovo V und VI repräsentiert wird und bis an das Ende des 4.Jahrtausends v.u.Z. reicht. Die oberste Siedlungsschicht — Karanovo VII — ist bereits frühbronzezeitlich und muß dementsprechend ins 3. Jahrtausend v. u. Z. datiert werden. Die älteste Kultur Karanovo I wurde während der letzten Jahre in einer größeren Anzahl von Siedlungshügeln in Südbulgarien nachgewiesen. Erwähnt sei hier nur der Azmak-Hügel (Bez. Stara Zagora), wo diese Kultur sogar mehr Materialien geliefert hat, als dies in Karanovo I selbst der Fall ist. Wie in anderen neolithischen Gemeinschaften spielten bei den Trägern dieser Karanovo I-Kultur neben Ackerbau und Viehzucht auch noch das Sammeln von Wildfrüchten und die Jagd eine nicht unbedeutende Rolle. Ein interessantes Zeugnis für das Ernten von Getreide bilden die aus Karanovo und anderen Fundplätzen bekannten Sicheln. Sie bestehen aus Hirschgeweih und besitzen eine Schneide, die von kleinen Feuersteinklingen gebildet wird. Diese hatte man in eine Kerbe des Geweihstückes eingepaßt und mit Nadelbaumharz verklebt. Unter den Funden dominieren natürlich die aus gebranntem Ton hergestellten Gefäße. Überhaupt kommt in der Archäologie der Keramik eine exponierte Bedeutung zu, weil sich anhand von Gefäß- und Dekorationsformen einzelne archäologische Kulturen und lokale Gruppen besonders deutlich abzeichnen. In Karanovo ist es die bemalte Keramik, die als eines der Charakteristika dieser frühneolithischen Kultur angesehen werden darf, wenngleich die Zahl der verzierten Gefäße auch hier im Vergleich zur einfachen Gebrauchskeramik bedeutend geringer ist. Vor allem die Grabungen im Azmak-Hügel haben eine reiche Kollektion von bemalten Gefäßen geliefert, wobei sich die Verzierung aus verschiedenen geometrischen Motiven zusammensetzt (s. Bild 3). Mit der weiteren Ausdehnung und Intensivierung der Grabungstätigkeit werden jetzt auch die Fundorte bemalter frühneolithischer Keramik zahlreicher und das Bild der Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Kulturgruppen komplizierter. Von der hohen Meisterschaft der Töpfer zeugt beispielsweise eine in der neolithischen Siedlung bei GradeSnica (Bez. Vraca) gefundene Vase, die durch ihre harmonisch abgestimmte Farbgebung beeindruckt (s. Bild 6). Interessant ist hier ferner, daß auf dem Gefäßhals ein menschliches Gesicht in groben Zügen und mit plastischen Mitteln angedeutet wurde. Dieses Exemplar gehört somit in die Gruppe jener anthropomorphen (menschen-

Keramik aus Karanovo III

gestaltigen) Gefäße, die wir aus Fundorten der Balkanhalbinsel mehrfach kennen. In Rumänien wird die älteste dort bisher nachgewiesene neolithische Zivilisation als Cri$-Kultur bezeichnet. Sie dürfte über einen längeren Zeitraum während des 5.Jahrtausends v.u.Z. existiert haben und ist in weiten Teilen des Landes mit Ausnahme der südöstlichen Gebiete bekannt. Auch im nordostbulgarischen Ovcarovo (Bez. Tärgoviste) konnte sie festgestellt werden. Die Träger dieser Cri$-Kultur führten meist nur ein periodisch seßhaftes Leben, da sich Ackerbau und Viehzucht noch auf einem relativ niedrigen Niveau befanden und man bald wieder auf die Suche nach neuen Weiden und Ackerböden aufbrechen mußte. Die neolithischen Ackerbauer und Viehzüchter des Ostbalkanraumes standen nicht nur untereinander, sondern auch mit Sippen und Stämmen der angrenzenden Territorien in Kontakt. Er war meist wirtschaftlicher Art. Aber angesichts der begrenzten Seßhaftigkeit muß man mit Wanderungsbewegungen in Gebiete benachbarter Stämme und schon mit Auseinandersetzungen um fruchtbaren Boden rechnen. Archäologisch können wir lediglich Ausbreitung und wechselseitige Beeinflussung einzelner Kulturen bzw. Kulturgruppen nachweisen. Obwohl die südbulgarische Kultur Karanovo I Beziehungen zum kleinasiatischen Raum besitzt, trägt die kulturelle Entwicklung in der Thrakischen Ebene eigenständigen Charakter. So ist durch neuere Forschungen auch der direkte Zusammenhang zwischen

Gefäß der Cri$-Kultur

Idolplastik

Karanovo I, II und III deutlich geworden. Dabei läßt sich allerdings eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Bereicherung durch neue Elemente erkennen. In Karanovo II und III zeigen die Gefäße keine Bemalung mehr, sind jedoch in ihrer Formgebung komplizierter geworden. Gleichzeitig ist eine weitere Vervollkommnung bei den Geräten festzustellen. Die Kultur von Karanovo III muß einen längeren Zeitraum existiert haben. Sie findet sich sowohl nördlich des Balkangebirges als auch in Südthrakien und im äußersten Nordwesten Kleinasiens. Offenbar wurde die Dobrudscha von den frühesten Ackerbauern und Viehzüchtern infolge relativ ungünstiger natürlicher Bedingungen noch nicht besiedelt. Träger einer neolithischen Kultur, die nach dem Fundort Hamangia (heute Baia, Bez. Dobrogea) benannt worden ist, wanderten hier wahrscheinlich aus dem östlichen Mittelmeergebiet ein. Diese Hamangia-Kultur dürfte in das späte 5. und in das 4. Jahrtausend v.u.Z. zu datieren sein. Die Wirtschaft basierte auf Fischfang, Pflanzenbau und Viehzucht, wobei die Jagd anfänglich noch große Bedeutung besaß. Aus den meisten neolithischen Fundstätten des Balkanraumes sind idolförmige Kleinplastiken aus Ton, Stein oder Knochen bekannt. Am häufigsten werden in mehr oder weniger schematischer Ausführung Frauen dargestellt, was mit Fruchtbarkeitsvorstellungen in Verbindung gebracht werden darf. Dabei können die stilistischen und motivlichen Unterschiede, entsprechend den einzelnen Kulturgruppen und konkreten Entwick-

Ständergefäß der Boian-Kultur

i6

Spätes Neolithikum und Übergang zum Chalkolithikum

Entwickeltes Chalkolithikum

lungsetappen, recht unterschiedlich sein, wie dies ein Vergleich der Idolplastik zwischen Karanovo I und III deutlich macht. Eine besonders originelle Gestaltung zeigen zwei Tonfigürchen, die im Jahre 1956 in einem Grab der Hamangia-Kultur bei Cernavodä gefunden wurden (s. Bilder 4 und j). Die auf einem Hocker sitzende Männerfigur hat beide eingewinkelten Ellenbogen auf die Knie gestützt und hält mit den Händen den schematisch wiedergegebenen Kopf. In Anlehnung an eine berühmte Plastik von Rodin haben die Archäologen etwas scherzhaft dieser Figur den Namen »Denker« gegeben. Gewiß wollte der prähistorische Künstler hier einen Menschen beim Vollzug magischer Kuitpraktiken, in denen der Meditation eine große Rolle zukam, wiedergeben. Bei der sitzenden Frauenfigur kommt deutlich der Fruchtbarkeitsaspekt zum Ausdruck, der in der Vorstellungswelt früher Ackerbauern ja einen zentralen Platz einnahm. Während der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v.u.Z. bildeten sich an der unteren Donau zwei wichtige Kulturen heraus, die nach südrumänischen Fundorten benannt wurden. Die Boian-Kultur umfaßte fast das gesamte südöstliche Rumänien und grenzte östlich im Bereich der Dobrudscha an die HamangiaKultur, mit der sie in engem Kontakt stand. Nördlich ist BoianMaterial bis in die Gegend von Brajov und südlich im heutigen Nordbulgarien nachweisbar. Die am unteren Ölt und hauptsächlich südwestlich davon gelegene Vädastra-Kultur beschränkte sich ebenfalls nicht auf heutiges rumänisches Gebiet, sondern ist auch südlich der Donau in Bulgarien bekannt. In beiden Kulturbereichen hatte die Keramik eine hohe künstlerische Entwicklung erreicht. So haben die prähistorischen Töpfer hier ihre Gefäße mit einem eingeschnittenen geometrischen Dekor verziert und diesen meist mit weißer Paste ausgefüllt. Diese Inkrustationstechnik war zwar schon früher praktiziert worden, erlebte aber jetzt in ihren künstlerischen Ausdrucksformen eine beträchtliche Weiterentwicklung. Boian und Vädastra dürften zeitlich mit Karanovo IV und wohl teilweise mit V korrespondieren und damit ungefähr der ersten Hälfte des Chalkolithikums in Bulgarien entsprechen. So erfreute sich damals auch in Südbulgarien die inkrustierte Ware einer großen Beliebtheit, wobei neben weißer gelbliche und rote Farbpasten Verwendung fanden. Außerdem benutzte man zur farblichen Gestaltung der Flächen Rotocker und schon Graphit. Die zweite Hälfte des Chalkolithikums wird in Karanovo durch die Schicht VI repräsentiert. Sie gehört zusammen mit der Gumelnipa-Kultur Südostrumäniens zu dem großen ostbalkanischen Kulturkomplex Gumelnija-Kodzadermen-Karanovo VI, der sich dem späten 4. Jahrtausend v.u.Z. zuweisen

Gefäß aus dem Siedlungshügel von Ovcarovo (Bez. Tärgoviste). Kultur Gumelnija-Karanovo VI (Chalkolithikum) Prähistorischer Siedlungshügel von Karanovo (Bez. Sliven). Ansicht der Ausgrabungen

3 Bemalte Keramik aus dem Azmak-Hügel (Bez. Stara Zagora). Frühes Neolithikum

4 Tonstatuette, sogen. Denker, aus einem Grab der Hamangia-Kulmr bei Cernavodä (rumänische Dobrudscha) 5 Tonstatuette einer sitzenden Frau aus dem gleichen Fundkomplex

6 Bemalte Gesichtsvase aus Gradesnica (Bez. Vraca). Neolithikum 7 Kopf eines Terrakottaidols aus dem Siedlungshügel von Dinja (Bez. Stara Zagora). Chalkolithikum 8 Marmoridol aus dem Siedlungshügel beim Dorfe Sulica(Bez. Stara Zagora). Spätes Chalkolithikum

Gefäß mit seitlichen Aufsätzen in Form zweier Idole aus Cru§ovu (Bez. Ölt). Vädastra-Kultur Bemaltes Gefäß mit hohem Ständer aus Izvoare (Bez. Neamj). Frühe CucuteniKultur

n/12 Innenseite (links oben) und Außenseite (rechts oben) eines flachen Tongefäßes aus Gradesnica (Bez. Vraca). Erste Hälfte des Chalkolithikums 13 Tonstempel aus der Siedlungsschicht VI des Karanovo-Hügels (Bez. Sliven). Spätes Chalkolithikum

Folgende Seite: 14 Teil der Goldgegenstände aus dem symbolischen Grab Nr. 4 der spätchalkolithischen Nekropole bei Varna

Funde am Vamenser See

Kktographie

läßt und zur Zeit seiner größten Ausdehnung von den südlichen Karpaten bis zur Nordküste des Ägäischen Meeres reichte. Die schon früher praktizierte Bemalung der Gefäße mit Graphit wird jetzt bevorzugt und verdrängt immer mehr die Inkrustation, wenngleich uns eine mit plastischen Mitteln erzielte Gefäßverzierung weiterhin begegnet (s. Bild i). Eine reiche Skala an Ausdrucksformen besitzt auch die Idolplastik (s. Bilder 7 und 8). Wohl die schönsten bemalten Gefäße des späten Chalkolithikums kennen wir aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur, die in Südwesttranssilvanien, Nordostrumänien und in den anschließenden Teilen der Sowjetunion während des späten 4. und des 3.Jahrtausends v.u.Z. verbreitet war. Für die Fülle des Formenschatzes mag allein die Tatsache sprechen, daß man aus der Blütezeit dieser polychromen Cucuteni-Keramik bisher 24 Malstile kennt (s. Bild 10). Eine gewisse Eigenständigkeit besaß zur Zeit der Gumelnifa-Kodiadermen-Karanovo Vl-Zivilisation die sogenannte Varna-Kultur, die durch aufsehenerregende Grabfunde am Nordufer des Varnenser Sees repräsentiert wird. Allein bis zum Jahre 1977 konnten auf einer Fläche von 3000 m2 81 Gräber aus dem späten 4.Jahrtausend v.u.Z. erforscht werden. Die Siedlung selbst war wohl auf Pfählen im See errichtet worden. Es fällt auf, daß bei dieser Nekropole in knapp einem Drittel aller Grabgruben niemals Tote beigesetzt worden waren. Solche symbolischen Gräber konnten übrigens auch in einem Gräberfeld nahe der Stadt Devnja nachgewiesen werden, obwohl die dort geborgenen Funde weit hinter denen von Varna zurückstehen. In der Varnenser Nekropole wiesen gerade viele symbolische Bestattungen reiches Inventar auf. Hierzu gehört auch das Grab Nr. 4, in dem insgesamt 320 Goldgegenstände mit einem Gesamtgewicht von 1518 g zutage kamen (s. Bild 14). Besonderes Interesse verdient dabei eine Prunkaxt, deren Griffstange mit Goldröhrchen versehen war. Sie hatte offenbar die Funktion eines Szepters und Würdezeichens. Im ganzen kennen wir aus dieser Nekropole 1814 Goldgegenstände mit einem Gesamtgewicht von y 399 g. Bis zum Ende des Jahres 1975 waren 66 Kupfergegenstände bekannt geworden, von denen allein 59 Werkzeuge sind. Archäologische Dokumente von eminent kulturhistorischer Aussagekraft brauchen aber nicht immer einen hohen Materialwert zu besitzen. So erregte ein Tonstempel aus Karanovo VI große Aufmerksamkeit, da auf seiner Druckfläche bildhafte »Schriftzeichen« (Piktographie) zu erkennen sind, die man als Vorstufe zu einer Schriftentwicklung ansah (s. Bild 13). Später wurde in der chalkolithischen Siedlung bei GradeSnica ein weiteres Zeugnis bekannt, das jedoch chronologisch mit der Kultur

Pflug aus Geweih, gefunden in Cäscioarele, Gumelnija-Kultur

Kupferne Hammeraxt aus Ajbunar

von Karanovo V korrespondiert. Es handelt sich dabei um ein flaches Gefäß. Während auf der Außenseite die schematische Darstellung eines Menschen zu erkennen ist, der von Zeichen umgeben wird, sind auf der Innenseite in vier Reihen weitere Zeichensymbole angeordnet (s. Bilder n und 12). Heute kennen wir zahlreiche Gegenstände mit Symbol- und Informationsträgern dieser Art, was vom hohen geistig-kulturellen Niveau der Ackerbauer und Viehzüchter während des Chalkolithikums spricht. Werfen wir einen kurzen Blick auf die allgemeine sozialökonomische Situation während dieser Epoche im ostbalkanischen Raum, so ist zuerst die generelle Feststellung zu treffen, daß die Produktivkräfte sich weiterentwickeln konnten. Dem Menschen gelang es, die vielfältigen Geräte aus Stein, Feuerstein, Knochen und Hörn wesentlich zu verbessern. Gegen Ende des 4. Jahrtausends v.u.Z. fand bereits in einigen Teilen unserer Gebiete der primitive Hakenpflug Verwendung. Die Gesellschaft war immer besser imstande, ein hinreichend großes Mehrprodukt zu erwirtschaften, um einige ihrer Mitglieder speziell zur handwerklichen Produktion abzustellen. Somit vollzog sich allmählich eine Arbeitsteilung zwischen Ackerbau und Handwerk, deren Anfänge allerdings schon im Neolithikum liegen dürften. Zu einer entscheidenden Verbesserung der Produktionsinstrumente kam es durch die Einführung des Kupfers. Zwar sind in Bulgarien Kupfergegenstände ganz vereinzelt schon während des Neolithikums bezeugt, aber erst im 4. Jahrtausend v.u.Z. war die gesellschaftliche Entwicklung so weit vorangeschritten, daß sich einige Stammesangehörige speziell der Metallgewinnung widmen konnten. In den letzten Jahren hat man ein wichtiges Bergbauzentrum in der Umgebung von Stara Zagora festgestellt. Besondere Bedeutung besaß hier die Kupfermine von Ajbunar (Meci kladenec), die spätestens seit der Karanovo VKultur ausgebeutet wurde. Während von hier ein Großteil des Gumelnifa-Karanovo VI-Komplexes mit Kupfer versorgt wurde, erfüllte der Kupferbergbau von Rudna Glava bei Majdanpek in Ostserbien eine ähnliche Funktion für den sich westlich anschließenden und ungefähr gleichzeitig existierenden Kulturkomplex Sälcuja-Krivodol. Der Kupferbergbau trug entscheidend zur Entwicklung weitreichender Handelsbeziehungen und zur Formierung einer gesellschaftlichen Gruppe bei, die ausgedehnte Handelsexpeditionen speziell zur Beschaffung wertvoller Rohstoffe unternahm. Während der Epoche des Neolithikums konnte die klassenlose Urgesellschaft zur vollen Entfaltung gelangen. Die Frau genoß besonders großes Ansehen, da ihr in der landwirtschaftlichen Produktion die Hauptrolle zufiel. Aber mit der Herausbil-

Gesellschaftliche Situation

düng von Handwerken, die einen beträchtlichen Kraftaufwand erforderten, der Durchführung von Handelsexpeditionen und der Einführung des Pfluges im Ackerbau wuchs die Bedeutung des Mannes. Im Chalkolithikum des Ostbalkanraumes bahnte sich bereits eine Besitzungleichheit unter den einzelnen Stammesmitgliedern an. Das Vorhandensein von reichen und armen Bestattungen in der Varnenser Nekropole vom Ende des 4. Jahrtausends v.u.Z. ist gleichzeitig ein Beleg für die beginnende Auflösung der urgesellschaftlichen Ordnung. Es entsteht nunmehr eine Schicht von vermögenden Stammesangehörigen, die in ihren Händen immer mehr materielle Güter und politischen Einfluß konzentrieren konnten. Eines der Symbole dieser exponierten gesellschaftlichen Position dürfte gewiß auch das Szepter gewesen sein. Die Stammesältesten des Varnenser Gebietes profitierten damals nicht unwesentlich vom Zwischenhandel, da die Kupferexpeditionen aus dem südbulgarischen Raum nach Norden durch diese Gegend zogen. Nach Ansicht der Archäologin H. Todorova könnten sogar einige reiche symbolische Gräber für Expeditionsmitglieder angelegt sein, die auf ihren gefahrvollen Reisen ums Leben gekommen waren.0 Immerhin trug der Gebrauch von Metallen wesentlich zur Anhäufung von Reichtum bei, da Gold und Kupfer meist persönlicher Besitz waren. Interessant ist ferner die Tatsache, daß im Chalkolithikum unserer Gebiete ein generelles Anwachsen der Viehzucht festzustellen ist, die schneller als der Ackerbau zur Erwirtschaftung eines Mehrproduktes führte und somit die Besitzdifferenzierung in der Gesellschaft förderte.

Kupferne Hackenaxt aus Ajbunar

2 BRONZEZEIT UND PROTOTHRAKER Herausbildung des thrakischen Ethnos

Sozialökonomische Faktoren

Das 3. und 2. Jahrtausend v.u.Z. besitzen entscheidende Bedeutung für die Formierung des thrakischen Ethnos. Diese Feststellung soll allerdings nicht bedeuten, daß wir etwa die Ansicht von einer Einwanderung der Thraker zu Anfang oder am Ausgang der Bronzezeit verfechten würden. Die Ethnogenese muß vielmehr als ein komplizierter, langandauernder Prozeß angesehen werden, bei dem die Faktoren der Kontinuität und der Diskontinuität gleichsam eine sich gegenseitig bedingende und ergänzende dialektische Einheit bilden. Deshalb hatten wir auch die Ackerbauerkulturen des Neolithikums und des Chalkolithikums in unseren Betrachtungskreis mit einbezogen. Heute ist es allerdings kaum noch möglich, die im Ostbalkanraum während des 5. und 4.Jahrtausends v.u.Z. ansässige Bevölkerung ethnisch konkret zu bestimmen. Trotz zahlreicher Einwanderungen unterschiedlicher Intensität und Wirkung blieb jedesmal ein gewisser Prozentsatz einheimischer (autochthoner) Elemente innerhalb der Gesamtbevölkerung erhalten. Gerade die sich in langen historischen Zeiträumen vollziehende Synthese zwischen alteingesessenen und neuhinzukommenden Gruppen führte schließlich zur Herausbildung des thrakischen Ethnos. Im Verlaufe des 3. und 2. Jahrtausends dürfte sich in stetig fortschreitender Entwickung das Volk der Thraker in seinen Grundelementen bereits formiert haben, so daß die Wissenschaft durchaus berechtigt ist, hier von Protothrakern (Urthrakern) zu sprechen. Allerdings wäre es einseitig und sogar falsch, wollte man die Fragen der Ethnogenese allein unter dem Aspekt wechselseitiger Durchdringung und Vermischung von autochthonen und eingewanderten Bevölkerungsgruppen sehen. Von wesentlicher Bedeutung sind dabei die konkreten sozialökonomischen Faktoren, die entscheidend Charakter und historisches Schicksal eines jeden Ethnos bedingen. Für den hier zu betrachtenden Zeitraum waren es vor allem Bronzegeräte, die sich gleichsam revolutionierend auf die weitere Entwicklung der Produktivkräfte auswirkten. Durch die Erwirtschaftung eines größeren Mehrproduktes, die weitere handwerkliche Spezialisierung und die Verstärkung des Handelsaustausches konnten exponierte Stammesangehörige immer mehr Reichtümer in ihren Händen

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konzentrieren. Zieht man dies alles in Betracht, wird man sagen können, daß sich in der Bronzezeit des Ostbalkanraumes die grundlegenden Voraussetzungen für die Entstehung einer frühen Klassengesellschaft, wie sie uns dann während des i. Jahrtausends v.u.Z. in vielen Teilen des Thrakerlandes entgegentritt, vollzogen haben. Die relativ hochentwickelten spätchalkolithischen Kulturen unserer Gebiete finden in der Frühbronzezeit nicht ihre direkte Fortsetzung, obwohl die Elemente der Kontinuität hier und da unverkennbar sind. Diese treten natürlich regional mit unterschiedlicher Stärke hervor, wie übrigens die kulturelle Entwicklung in dem geographischen Raum zwischen Transsilvanien im Norden und der Ägäisküste im Süden auch während des 3. Jahrtausends v.u.Z. beachtliche Differenzen aufweist. Hinzu kommt der Umstand, daß für dieses ausgedehnte Territorium Gliederung der Bronzezeit keine einheitliche Periodisierung existiert. In der bulgarischen Archäologie setzt man den Beginn der Frühbronzezeit gegen 3000 v.u.Z. an. Die Mittelbronzezeit Bulgariens wird dann in die Zeit zwischen 1900 bis 1500 v.u.Z. plaziert. Der Übergang zur frühen Eisenzeit vollzieht sich im 12. Jh. v.u.Z. Demgegenüber betrachten die rumänischen Archäologen die zweite Hälfte des 3. Jahrtausends v.u.Z. allgemein noch als spezielle Übergangsperiode, der sich hier erst um 2000 v.u.Z. die frühe Bronzezeit anschließt. Noch während der ersten Jahrhunderte des 3. Jahrtausends v. u. Z. haben an der unteren Donau und im Karpatengebiet die spätchalkolithischen Kulturen von Gumelnija, Sälcuja und CuFrühe Bronzezeit cuteni weiterexistiert. Doch schon innerhalb der Cucuteni-Tripolje-Kultur ist ein allmähliches Eindringen von Kulturelementen zu verzeichnen, die einer hauptsächlich viehzuchttreibenden Bevölkerung aus dem nördlichen Schwarzmeergebiet (Nordpontusgebiet) zuzuweisen sind. Im Bereich der unteren Donau können dann ungefähr um 2800 bis 2700 v.u.Z. Einwanderungen einer nordpontischen Steppenbevölkerung festgestellt werden. Die meisten Archäologen bringen hiermit auch steinerne Tierkopfszepter in Verbindung, die aus mehreren Fundorten Tierkopfszepter aus Casimcea Rumäniens (Sälcuja, Fedele$eni, Casimcea) und Bulgariens (Räzevo, Drama) sowie aus Suvodol bei Bitola in Jugoslawien bekannt geworden sind. In der Folgezeit folgten weitere Wellen dieser Steppeninvasion, so daß schließlich eine starke kulturelle Umschichtung stattfand. Der Untergang vieler chalkolithischer Siedlungen nördlich und südlich der Donau muß mit jenen Prozessen in Zusammenhang gebracht werden. Zweifellos wird ein Teil der autochthonen Bevölkerung dabei umgekommen sein. Größere Bevölkerungsgruppen gingen aber eine ethnokulturelle SynTierkopfszepter aus Räzevo these mit den Neuankömmlingen ein, wodurch die Elemente



Deckelgefäß von Thermi

der Kontinuität im Befund der materiellen und geistigen Kultur zu erklären sind. Ferner werden andere Gruppen der einheimischen chalkolithischen Bevölkerung den Eindringlingen ausgewichen sein und haben somit weitere Wanderungsbewegungen verursacht. Während der frühen Bronzezeit erhält auch im Ostbalkanraum die Viehzucht eine noch stärkere Bedeutung, als dieses schon im Spätchalkolithikum der Fall gewesen war. Die Ursache dafür liegt nicht allein in der Einwanderung nordpontischer Viehzüchter, sondern vor allem auch darin, daß sich infolge von Klimaverschlechterungen und Erosionseinwirkungen die Fläche des Ackerbodens selbst in den fruchtbaren Gegenden des Ostbalkanraumes verringerte. Doch spielte der Ackerbau weiterhin eine beachtliche Rolle, da man selbst bei viehzuchttreibenden Stämmen der Steppe mit einem primitiven Bodenbau rechnen muß. Anders ist die kulturelle und möglicherweise wohl auch ethnische Entwicklung in den Gebieten südlich des Balkangebirges während des 3. Jahrtausends v.u.Z. verlaufen. Hier haben uns die Ausgrabungen des Siedlungshügels Dipsiska Mogila beim Dorfe Ezero, unweit von Nova Zagorä, aufschlußreiches Material für die Kenntnis der frühen Bronzezeit Südostbulgariens erbracht. In der Keramik und überhaupt in den meisten Zeugnissen der materiellen Kultur lassen sich enge Beziehungen zur Frühbronzezeit des kleinasiatisch-ägäischen Raumes — darunter besonders zu den ältesten Siedlungsschichten I—IV von Troja sowie zu Thermi auf Lesbos und Poliochni auf Lemnos — nachweisen. Schon vor Beginn umfangreicher systematischer Grabungen fielen den Archäologen frappierende Übereinstimmungen in der Keramik Südbulgariens mit Stücken aus kleinasiatisch-ägäischen Fundplätzen auf. So sind in Troja I—IV schlanke, kegelförmige Becher mit Doppelhenkel charakteristisch. Sie werden in der wissenschafliehen Literatur als »Trojanische Becher« bezeichnet und finden sich in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v.u.Z. nicht nur in Westkleinasien, sondern auch auf dem griechischen Festland, an der thrakischen Ägäisküste sowie in dem südostbulgarischen Fundort Mihalic bei Kärdialij, wo man einige Exemplare schon vor dem zweiten Weltkrieg entdeckt hatte (s. Bild 16). Eine andere markante Form besitzt ein Gefäß, das von den Ausgrabungen im Dipsiska-Hügel bei Ezero stammt und mit einem zylindrischen Deckel geschlossen werden kann (s. Bild i j). Genaue Parallelen hierzu liefern vor allem die Funde aus den Siedlungsschichten IV und V von Thermi auf Lesbos. Zweifellos haben in der Frühbronzezeit die Gebiete des südöstlichen Balkanraumes zu dem großen westkleinasiatisch-ägäischen Kulturbereich gehört. Dabei ist das heutige Südostbulgarien keineswegs peripherer

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Schnurverzierung vom Dipsiska-Hügel bei Ezero

Ableger gewesen. Denn gerade durch neuere Forschungen wurde gezeigt, daß in Ezero die frühbronzezeitliche Kulturentwicklung ein sehr hohes Alter besitzt. Außerdem ist trotz alier Analogien zu Westkleinasien und den ägäischen Inseln eine gewisse Spezifik des südostbulgarischen Fundmaterials unverkennbar. Zwischen den Regionen südlich des Balkangebirges und dem nördlich davon gelegenen Donau-Karpaten-Raum gab es auch im 3. Jahrtausend v.u.Z. einen intensiven kulturellen Austausch. So ist die Ausstrahlung jenes westkleinasiatisch-ägäisch-südbalkanischen Kulturkomplexes in nordbuigarischen und südrumänischen Fundorten eindeutig nachgewiesen. Man kann sogar sagen, daß Einflüsse aus dem Süden mehr oder weniger wichtige Komponenten bei einigen sich dort im niederdonauländisch-karpatischen Bereich formierenden Lokalkulturen darstellen. Umgekehrt treffen wir Kulturelemente, die am ehesten mit den Steppenvölkerinvasionen aus dem nordpontischen Raum in Verbindung zu bringen sind, weit im Süden der Balkanhalbinsel. Hierzu gehören nicht nur die bereits erwähnten Szepter von Räievo, Drama und Suvodol, sondern auch die sogenannte Schnurkeramik. Außer in rumänischen Fundplätzen findet sie sich in Bulgarien, teilweise in Jugoslawien und sogar in Griechenland. Die Verzierungsweise dieser Keramik besteht darin, daß durch Abrollen einer Schnur in dem feuchten Ton auf der Gefäßoberfläche ein Muster entsteht. Auch in Ezero begegnet uns diese Dekorationsform in einer etwas fortgeschrittenen Etappe der frühbronzezeitlichen Entwicklung. Doch handelt es sich dabei bezeichnenderweise um Gefäßformen, die dem westkleinasiatisch-ägäischen Kulturkomplex, zu dem die Materialien dieser Siedlung ja engste Beziehungen haben, eigen sind. Man kann also nicht einfach schlußfolgern, daß das Auftreten einer derartigen Verzierung in südbulgarischen Fundor-

Gefäß der Monteoru-Kultur aus Särata Monteoru

Kulturen der mittleren und späten Bronzezeit

ten gleich als Einwanderung von Steppenstämmen aus dem Nordosten zu deuten ist. Vielmehr wurde an vielen Orten — und dies vor allem wohl in den südlichen Gebieten — die Schnurverzierung gleichsam nur als Mode übernommen. Die mittlere Bronzezeit Südbulgariens wird bisher am besten durch die Ausgrabungen des Siedlungshügels von Nova Zagora repräsentiert. Da hier die untersten Siedlungsschichten den obersten vom Dipsiska-Hügel entsprechen, konnte somit die Kontinuität der früh- und mittelbronzezeitlichen Kulturentwicklung in diesem Gebiet bewiesen werden. Analogien zum ägäischen Raum und speziell zu den Kulturschichten von Troja (V und teilweise VI) sind auch jetzt vorhanden; aber die bulgarischen Fundmaterialien dieser Zeit zeigen im Vergleich zur voraufgegangenen Epoche eine größere Eigenständigkeit. Die Keramik erfährt im allgemeinen eine Bereicherung in der Dekorationsweise. Als eine Weiterentwicklung der sogenannten Trojanischen Becher kann man Gefäße mit kegelförmigem Boden ansehen, die ein oder zwei Henkel besitzen und durch eingeritzte und eingedrückte Muster verziert sind (s. Bilder 20 und 2I)

\ Viele der aus südbulgarischen Fundorten bezeugten keramischen Typen treffen wir in Rumänien und Ostjugoslawien an, was umgekehrt bedeutet, daß auch die auf rumänischem Territorium festgestellten Kulturkomplexe mehr oder weniger enge Beziehungen zu den Nachbargebieten haben. Nach dem Fundort Särata Monteoru (Bez. Buzäu) ist eine der bedeutendsten bronzezeitlichen Kulturen des südöstlichen Karpatenraumes benannt worden. Zur Zeit ihrer größten Expansion sind die ackerbau- und viehzuchttreibenden Monteoru-Stämme in der mittleren und südwestlichen Moldau sowie im südöstlichen Teil Transsilvaniens nachzuweisen. Da diese Monteoru-Zivilisation

Keramik der Tei-Kultur

Vorhergehende Seite: 15 Deckelgefäß vom Dipsiska-Hügel bei Ezero (Bez. Sliven). Frühe Bronzezeit

16 »Trojanischer Becher« aus Mihalic (Bez. Kärdzalij). Frühe Bronzezeit

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i/ Gefäß der Girla Märe — Kultur aus Cirna (Bez. Dolj). Späte Bronzezeit 18 Gefäß der Girla Märe Novo selo - Kultur aus Novo selo (Bez. Vidin). Späte Bronzezeit 19 Urne aus Korbovo (SFRJugoslawien). Kultur von Dubovac-Zuto Brdo. Späte Bronzezeit

20/21 Henkelbecher (oben) und Doppelhenkelbecher (unten) aus dem Siedlungshügel von Junacite (Bez. Pazardzik). Mittlere Bronzezeit

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Keramik der WietenbergKultur aus Bistripa

Herdplatte vom Wietenberg bei Sighijoara

über einen relativ langen Zeitraum existiert hat, besitzt natürlich auch die Keramik eine große Vielfalt. Südwestlich der Monteoru-Kultur im Raum von Bukarest war seit Mitte des 2. Jahrtausends v.u.Z. die Tei-Kultur verbreitet. Auch hier begegnen wir einer Keramik mit eingedrücktem und eingeschnittenem Dekor, den man mit weißer Paste ausgelegt hatte. Südlich der Donau sind zahlreiche charakteristische Elemente dieser Kultur aus bulgarischen Fundplätzen bekannt geworden, während im Norden die Stämme der TeiKultur die südöstlichen Gebiete von Transsilvanien erreicht hatten. Hier im transsiivanischen Bereich lag das Zentrum der Wietenberg-Kultur. Sie kann ähnlich wie Monteoru und Tei protothrakischen Stämmen der Zeit zwischen dem 17. und 13. Jh. v.u.Z. zugewiesen werden. Heute ist dieser nach der prähistorischen Ansiedlung auf dem Wietenberg bei Sighi$oara benannte Kulturkomplex durch mehr als 200 Fundstellen bekannt. In der inkrustierten Keramik herrschen als Verzierungsmotive Mäander und Spiralen in mannigfacher Abwandlung und Kombination vor. Das Spiralmotiv dürfte wohl als Sonnensymbol zu deuten sein und hat als solches generelle Bedeutung für die thrakische Bronzezeit, in der es ja recht häufig auftritt. Besonders innerhalb der Wietenberg-Kultur begegnen spiralförmige Dekorationen nicht nur in der Keramik, sondern auch auf Waffen und anderen Gegenständen. Bei einem auf dem Wietenberg gefundenen tönernen Kultherd ist die Spirale das alleinige Verzierungselement. Eine diesem in manchem ähnliche Herdplatte wurde auf dem Nebettepe in Plovdiv gefunden und könnte in das Ende des 2. Jahrtausends v.u.Z. datiert werden. Die Verzie-

rung besteht hier allerdings aus einem Motiv, das vom Ausgräber A. Pejkov zwar als zwei sich kreuzende Doppeläxte gedeutet wurde2', das man aber auch als Rosette und somit ebenfalls als Solarsymbol ansehen kann. Beide Kultherde sind trotz ihrer unterschiedlichen Dekoration am ehesten mit geistig-kulturellen Einflüssen aus dem ägäischen Raum zu verbinden. Überhaupt hat das mykenische Griechenland, wo sich ja im zweiten Viertel des 2. Jahrtausends v.u.Z. eine frühe Klassengesellschaft herauszubilden begann, auf die thrakischen Gebiete in vielfältiger Hinsicht eine kulturelle Ausstrahlungskraft ausgeübt. Westlich der Tei-Kultur — im heutigen Oltenien, im Banat und im nordwestlichen Bulgarien — existierte seit dem zweiten Viertel des 2. Jahrtausends v.u.Z. die Verbicioara-Kultur mit ebenfalls reich verzierter Keramik. In Westrumänien und in den angrenzenden Gebieten des östlichen Jugoslawien befand sich das Thrakertum in mehr oder weniger engem Kontakt mit den sich formierenden illyrischen Stämmen aus dem Westteil der E\lkanhalbinsel. Um die Mitte des 2. Jahrtausends v.u.Z. dringen dann aus dem ungarischen Donaugebiet in die weiter donauabwärts gelegenen Bereiche Stammesverbände ein, die ihre Verstorbenen in Urnenfriedhöfen (Urnenfeldern) bestatteten. Durch diese südostwärts gerichtete Urnenfelderbewegung wird in der Folgezeit auch die Verbicioara-Kultur zurückgedrängt und auf die Gegenden östlich des Eisernen Tores beschränkt. Der neue Kulturkomplex entwickelte sich während des 15. bis 13. Jh. v.u.Z. zu beiden Seiten der Donau von der Draumündung im Norden bis zur Einmündung des Jiu im Osten. In Rumänien werden die entsprechenden Funde meist zur Girla Mare-Kultur zusammengefaßt (s. Bild 17), in Jugoslawien spricht man von der Dubovac-2uto Brdo-Gruppe (s. Bild 19). Aus Nordwestbulgarien ist diese Kultur heute durch zahlreiche Fundorte bekannt, von denen das Gräberfeld von Orsoja bei

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Kultherd vom Nebettepe in Plovdiv

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Tonidol aus Orsoja

Keramik der Noua-Kultur

Lom besonders interessante Materialien geliefert hat. Typisch sind die überaus reich inkrustierten Gefäße, meist Urnen, sowie tönerne Idole, die in gleicher Weise verziert sind. In den Bereich dieses Kulturkomplexes gehören außerdem zwei Kultwagenmodelle aus dem ostserbischen Fundplatz Dupljaja. Dargestellt ist eine zweifellos männliche Gottheit, die auf einem dreirädrigen Wagen steht, der von drei Wasservögeln gezogen wird (s. Bild 24). Eine Parallele zur griechischen Überlieferung vom hyperboräischen Apollon, der alljährlich im Herbst auf einem Schwanenwagen in das Nordland der Hyperboräer zieht, um von dort im Frühjahr zurückzukehren, bietet sich an. Diese auch mit Thrakien in Verbindung stehende Kultüberlieferung reicht zweifellos noch in die Bronzezeit zurück und kann keinesfalls erst auf die Epoche der griechischen Kolonisation bezogen werden. Aus den südrussischen Steppen drangen seitdem 14. Jh. v.u.Z. Viehzüchter in den östlichen Karpatenraum ein. Ihre Keramik ist recht einfach und teilweise primitiv. Es handelt sich hier um die sogenannte Noua-Kultur, deren Träger die autochthone Monteoru-Kultur in der Moldau überlagerten, später nach Transsilvanien vorrückten und hier die Stämme der Wietenberg-Kultur zurückdrängten. Doch war dies im allgemeinen ein allmählicher Prozeß, der mehr einer langandauernden Infiltration als starken militärischen Stößen gleichkam. Außerdem muß man sich diese Vorgänge in vielen Fällen als eine Koexistenz von eingewanderten halbnomadischen Viehzüchtern und alteingesessenen Ackerbauern vorstellen, indem es nicht selten zu einer neuen ethnokulturellen Synthese gekommen sein dürfte. Auch die hauptsächlich in der Dobrudscha und im heutigen Nordostbulgarien bis gegen noo v.u.Z. nachweisbare Coslogeni-Kulturgruppe wird im wesentlichen nordpontischen Einflüssen einer hauptsächlich viehzuchttreibenden Bevölkerung

Früh- und mittelbronzezeitlkhe Metallurgie

Werkzeuge und Geräte des Chalkolithikums und der Bronzezeit vom Territorium der VR Bulgarien Chalkolithikum

verdankt. Sieht man von den nordwestbulgarischen Gebieten mit ihrer reich inkrustierten Ware der Girla Mare-Kultur ab, so haben die übrigen Teile Nordbulgariens und vor allem die Territorien südlich des Balkangebirges während der Spätbronzezeit eine Keramik geliefert, die keine oder höchstens nur eine recht bescheidene Dekoration aufweist. Zwar ist die Entwicklung hier in der keramischen Produktion und auf anderen Gebieten der materiellen Kultur von deutlicher Kontinuität geprägt, doch läßt sich in den Siedlungsformen jetzt ein deutlicher Bruch erkennen. Denn abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, werden die Siedlungshügel nun aufgegeben. Die neuen Siedlungen sind viel ausgedehnter angelegt, sie nehmen also eine wesentlich größere Fläche ein und liegen zudem noch weiter voneinander entfernt. Wenn man um 3000 v.u.Z. im südthrakischen Raum und ungefähr gegen 2000 v.u.Z. an der unteren Donau und im rumänischen Karpatengebiet den Bsginn der Bronzezeit ansetzt, so ist damit keineswegs gesagt, daß nun die Bronze schon in breitem Umfang Verwendung fand. Denn außer Kupfer spielten Stein, Feuerstein, Knochen und Geweih weiterhin bei der Herstelking von Arbeitsgeräten und Waffen eine große Rolle. Zwar sind uns einzelne Beispiele von Zinnbronze, die einen höheren Härtegrad als reines Kupfer besitzt, bereits aus dem 4. Jahrtausend v.u.Z. bekannt, doch erfuhr diese Legierung erst im Verlaufe des Z.Jahrtausends v.u.Z. eine größere Verbreitung. Für die zweite Hälfte des 3. Jahrtausends v.u.Z. erscheint im Ostbalkanraum als typische Kupferlegierung Arsenbronze, die aber ebenfalls schon den chalkolithischen Metallurgen geläufig war. Jetzt wird sie für einige Jahrhunderte fast die einzige gebräuchliche Bronzeart. Ein weiterer Unterschied zur Stein-Kupfer-Zeit besteht darin, daß wir aus den Anfangsetappen der frühen Bronzezeit

frühe Bronzezeit

frühe Bronzezeit

späte Bronzezeit

Offene Gußform

Geschlossene Gußform

extrem wenige Metallgeräte kennen. Erst gegen Ende des 3.Jahrtausends v.u.Z. erhöht sich ihre Anzahl. Aber selbst wenn man die bekannten Kupfer- und Bronzegeräte aus dem 3. und der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v.u.Z. zusammennimmt, steht ihre Quantität noch weit hinter der aus dem Chalkolithikum. Viele der chalkolithischen Metallgeräte wurden im Gußverfahren hergestellt. Allerdings können wir die dabei angewandten Technologien nur vermuten, da uns keine Gußformen bekannt sind. Offenbar handelte es sich um sogenannte verlorene Formen, die nach der Fertigstellung des Gusses zerschlagen werden mußten, um das Gerät zu erhalten. Aus der frühen Bronzezeit kennen wir nun zeitweilige Stein- und Tonformen. In ihnen wurden besonders Schaftlochäxte hergestellt, die jetzt als neuer Typus auftreten und gleichsam eine Leitform dieser Epoche darstellen. Dabei bleibt die obere Schmalfläche der Form zum Eingießen des flüssigen Metalls völlig offen. Das Schaftloch wurde durch Einführung eines dem Schaft entsprechenden Zapfens erzielt. Ein Vergleich zwischen den für das Chalkolithikum und die frühe Bronzezeit charakteristischen Gerätetypen zeigt auch hier den deutlich eingetretenen Wandel. So gehören zu den neuen Formen nicht nur Schaftlochäxte, sondern auch Messer, Flachbeile mit Randleisten sowie vierkantige Meißel und Pfrieme mit einer oberen Verbreiterung. Wie der sowjetische Wissenschaftler E. N. Cernych nachweisen konnte, hat die frühbronzezeitliche Metallurgie des Ostbalkanraumes engste Beziehungen zum Kaukasusgebiet, das damals in der Metallbearbeitung führend war, und zum Nordpontus.3) Dies ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, daß infolge von Steppenvölkerinvasionen die kulturellen Bindungen zu den nördlichen Schwarzmeergebieten in dieser Zeit relativ eng gewesen sein müssen. Während der ersten Hälfte des Z.Jahrtausends v.u.Z. lockern sich dann diese Kontakte, und die Metallproduktion des Balkanraumes erhält mehr eigenständigen Charakter. Die Arsenbronze tritt nun zugunsten von Zinn-Arsen-Kupfer- und Zinn-Kupfer-Legierungen immer weiter zurück. Da Zinnbronze flüssiger war, wurde ein Übergang zur geschlossenen zwei- und mehrteiligen Gußform möglich. Die geschmolzene Legierung konnte man durch ein Loch in die Hohlform eingießen. Dadurch wurde eine größere typologische Variationsbreite bei den Geräten erzielt. Einen Hinweis für den Guß in geschlossener Form bieten Schaftlochäxte mit verlängerter hinterer Schaftlochwand. Solche Äxte waren bis in die späte Bronzezeit gebräuchlich. In der typologischen Entwicklung sind die Übergänge zwischen früher, mittlerer und später Bronzezeit fließend, so daß ältere und jüngere Formen häufig eine gewisse Zeit parallel existieren konnten.

43 Metallgeräte der Spätbronzezeit

Nackenscheibenaxt aus Transsilvanien

Während der Spätbronzezeit steigt die Anzahl der gefundenen Metallgegenstände rapide an. Die Zinn-Kupfer-Legierung dominiert und hat die Arsenbronze völlig verdrängt. Das Gußverfahren war komplizierter, was deutlich die für diese Zeit typischen Tüllenbeile beweisen. Zu ihrer Herstellung sowie zur Fertigung der Tülle von Pfeilspitzen mußte man in die Gußform einen Kern einführen, damit auf diese Weise beim Guß ein Hohlraum im Gerät entstand. Charakteristisch ist ferner, daß die meisten Bronzen jetzt aus Hortfunden stammen, die vor allem in Transsilvanien zahlreich sind. Sie enthalten neben Schmuck und Werkzeugen meist viele Waffen. Diese Depotfunde demonstrieren, welch hohes Niveau im dritten Viertel des 2. Jahrtausends v.u.Z. die Waffenherstellung erreicht hatte. Offenbar nahmen damals die Träger der Wietenberg-Kultur einen führenden Platz bei der Metallproduktion ein. So lassen sich ferner bei einigen Nackenscheibenäxten, die hauptsächlich im Karpatenbecken verbreitet waren, in der Spiraldekoration eindeutig Beziehungen zur verzierten Keramik dieser Kultur nachweisen. Gerade solche Prunkwaffen sind neben vielen anderen Indizien ein Hinweis darauf, daß während der späten Bronzezeit innerhalb der protothrakischen Stämme der gesellschaftliche Differenzierungsprozeß schon verhältnismäßig weit vorangeschritten war. Kriegerische Auseinandersetzungen wurden häufiger, da sie der Stammesaristokratie willkommene Möglichkeiten zur zusätzlichen Bereicherung boten. Davon zeugen nicht nur die Waffenfunde, sondern auch zahlreiche Befestigungsanlagen. Wie bereits erwähnt, erhielt das ostbalkanische Siedlungsgebiet der protothrakischen Stämme im 2. Jahrtausend v.u.Z. vielfältige kulturelle Anregungen aus dem ägäischen Raum. Andererseits wird die mykenische Klassengesellschaft zahlreiche Rohstoffe — darunter wohl auch Kupfer und transsilvanisches Gold — aus dem Norden bezogen haben. Zu den in Bulgarien und Rumänien gemachten Funden, die den Kontakt zur frühgriechischen Staatenwelt deutlich machen, sind vor allem einige Bronzeschwerter mykenischen Typus zu rechnen. Im allgemeinen handelt es sich dabei allerdings weniger um Import, als vielmehr um eigenständige Nachbildungen der einheimischen Schmiede des Balkan-Karpaten-Raumes. Der vorauszusetzende intensive Handelsaustausch wurde nicht nur zu Lande, sondern auch zu Wasser an den Küsten des Schwarzen und Ägäischen Meeres abgewickelt. Dies bezeugen unter anderen Funde von Steinankern an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Die ältesten von ihnen weist man allgemein der späten Bronzezeit zu. Beim Kap Kaliakra wurde sogar ein 1,4 55 kg schwerer Metallbarren entdeckt, der zu 32 Prozent

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aus Gold, 18 Prozent aus Silber, 43 Prozent aus Kupfer sowie einer geringen Schwefel- und Nickelbeimischung bestand. Dieser für den Tauschhandel bestimmte Metallbarren kann in das dritte Viertel des 2.Jahrtausends v.u.Z. datiert werden und weist auf Handelsbeziehungen zum östlichen Mittelmeergebiet hin. Ein anderer, 2.6 kg schwerer Kupferbarren wurde vor einigen Jahren in einer prähistorischen Siedlung bei Cerkovo (Bez. Burgas) gefunden. Die engsten kulturellen und politischen Beziehungen zum mykenischen Griechenland besaßen natürlich jene Stämme, die an der Nordküste der Ägäis wohnten. Hier konnte auch in einigen Fundplätzen mykenische Keramik nachgewiesen werden. Das mit Hilfe der Archäologie schon heute in groben Umrissen erkennbare Bild findet in gewissem Grade durch die mythologische Überlieferung der Griechen seine Ergänzung und teilweise Bestätigung. Allerdings darf man nicht in den Fehler verfallen und die Legenden in ihrem Aussagegehalt überfordern, indem man sie direkt zu historischen Dokumenten umfunktioniert. Dies trifft auch auf jenes großartige Epos zu, das Episoden des Kampfes der Griechen gegen die Trojaner schildert. Wir kennen diese Dichtung als »Ilias« und haben uns gewöhnt, gemäß der antiken Überlieferung den Dichter Homer zu nennen. Dieses gegen Ende des 8.Jh. v.u.Z. geschaffene Denkmal der Weltliteratur trägt unverkennbar den Stempel seiner Entstehungszeit und den späterer Redaktionen. Aber andererseits liegt natürlich auf der Hand, daß die homerische Dichtung Ereignisse aus der mykenischen Epoche zum Inhalt hat, die allerdings in mythisch verbrämter Form widergespiegelt werden. So wird uns im 10. Gesang der Ilias vom Thrakerkönig Rhesos berichtet, der den Trojanern zu Hilfe eilt, aber von den Griechen Odysseus und Diomedes ermordet wurde, bevor er in die Kampfhandlungen eingreifen konnte. Über Gespann und Ausrüstung dieses thrakischen Fürsten sagt Homer: »Dessen Rosse sind wohl die allerschönsten und größten, die ich gesehn, noch weißer denn Schnee und schnell wie die Winde. Auch sein Wagen ist reich aus Gold und Silber gefertigt. Ungeheure goldene Waffen, ein Wunder zu schaun, Bringt er daher, wie solche zu tragen, den sterblichen Männern Niemals gebührt, vielmehr allein den unsterblichen Göttern.« (Ilias, X, 436—441, nach H. Rupe) Wichtig ist dabei vor allem die Tatsache, daß uns Rhesos als Wagenritter geschildert wird, was auch für das mykenische Griechenland typisch ist. Aus der griechischen Überlieferung wissen wir ferner, daß das Heimatland dieses Thrakerkönigs

am Unterlauf der Struma (des Strymon) und im PangaionRhodopen-Gebirge lag. Aber Rhesos ist nicht der einzige Thraker, dem wir in der Ilias begegnen. Man muß sogar sagen, daß viele den Trojanern zu Hilfe eilende Völkerschaften Angehörige bzw. Repräsentanten thrakischer Stämme sind. Obwohl natürlich die mythologische Überlieferung keinen direkten historischen Zeugniswert beanspruchen kann, so läßt sich doch immerhin mit Sicherheit sagen, daß während des späten 2. Jahrtausends v.u.Z. die Auflösung der urgesellschaftlichen Ordnung bei vielen Stämmen des Ostbalkanraumes sehr weit vorangeschritten war. Es gab bereits einen mächtigen Stammesadel, an dessen Spitze »Könige« (griech. Basileis) standen, die über bedeutende Reichtümer verfügt haben müssen, wovon uns reiche Bronze- und Goldfunde eine ungefähre Vorstellung vermitteln können. Aber trotzdem wäre es verfrüht, selbst in den Gegenden südlich des Balkangebirges von der Existenz eines Staates zu sprechen, da sich noch keine ausgeprägte Klassenstruktur herausgebildet hatte und die Stammesaristokratie noch nicht durch unüberwindliche Klassenschranken von der übrigen Masse der freien Stammesmitglieder getrennt war.

Bronzeschwerter mykenischen Typs, links aus PeruStica (Bez. Plovdiv) und rechts aus Dolno Levski (Bez. Pazardzik). Späte Bronzezeit

Steinanker vom Kap Kaliakra Metallbarren vom Kap Kaliakra

3 DIETHRAKISCHEN STÄMME WÄHREND DER FRÜHEN EISENZEIT Ostmittelmeerraum am Ende des 2. Jahrtausends v. u. Z.

Völkerverschiebungen auf der Balkanhalbinsel

Um das Jahr 1186 v.u.Z. hatte der ägyptische Pharao Ramses III. gegen die sogenannten Seevölker zu kämpfen. Dies waren Völkerschaften, die von den Süd- und westkleinasiatischen Küsten sowie aus dem ägäischen Raum kamen und versuchten, in das Nilland einzudringen. Zu ihnen gehörten auch die Philister. Sie ließen sich später in Palästina nieder und gaben dem Land ihren Namen. Wahrscheinlich befand sich die ursprüngliche Heimat der Philister an der Struma (Strymon), da späteren griechischen Berichten zufolge dieser Fluß einstmals den Namen Palaistinos getragen haben soll. Möglicherweise hatten um 1200 v.u.Z. oder kurz danach Stämme aus dem Balkanraum auch Anteil an der Vernichtung des im mittleren und östlichen Kleinasien gelegenen Hethiterreiches. In Griechenland wurden ebenfalls um die Mitte des 12.Jh. v.u.Z. Mykene und andere Burgen von fremden Eroberern zerstört, nachdem bereits Ende des 13.Jh. v.u.Z. zahlreiche mykenische Siedlungen durch Invasionen in Mitleidenschaft gezogen waren. Die all diesen Ereignissen zugrunde liegenden Migrationsbewegungen zwischen dem 13. und n.Jh. v.u.Z. faßt man allgemein unter den recht pauschalen Begriffen »Große ägäische Wanderung«, »Seevölkerwanderung« oder »Urnenfelderwanderung« zusammen. Dabei soll gerade letztere Bezeichnung besagen, daß Träger der Urnenfelderkulturen im südöstlichen Mitteleuropa einen wesentlichen Anstoß zu jener Völkerbewegung gegeben haben. Allerdings darf man sich die Ereignisse im südosteuropäischen Raum damals keinesfalls so vorstellen, als ob Stämme der Urnenfelderkulturen in einem unaufhaltsamen Siegeszug die Balkanhalbinsel von Norden nach Süden durchzogen haben, um sich der Schätze Mykenes und anderer Staaten zu bemächtigen. Viele Gruppen, die aus ihrer alten Heimat aufbrachen, ließen sich bald wieder in neuen Siedlungsgebieten nieder, indem sie sich mit einem Teil der dort angetroffenen Bevölkerung vermischten, während andere Bevölkerungsgruppen zur Auswanderung gezwungen wurden. Diese verdrängten Stämme oder Stammesteile haben dann ihrerseits Bevölkerungs-

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Verschiebungen hervorgerufen, so daß es schließlich im Laufe eines größeren Zeitraumes zu einer Art Kettenreaktion gekommen sein dürfte. Doch sind nicht alle Regionen der Balkanhalbinsel in gleicher Weise durch Migrationsbewegungen in Mitleidenschaft gezogen worden. Man kann sogar sagen, daß in vielen Teilen Rumäniens und besonders in Bulgarien sowie selbst in Jugoslawien und Albanien — in Territorien also, deren archäologische Zeugnisse für das Verstehen dieser Prozesse von größter Wichtigkeit sind — die kulturelle Kontinuität zwischen der späten Bronze- und der frühen Eisenzeit im wesentlichen gewahrt blieb. In der griechischen Überlieferung wird mehrfach über Abwanderungen von Völkerschaften aus dem Balkanraum nach Kleinasien berichtet. So ist die Rede davon, daß aus den Gegenden am Unterlauf des Vardar (Axios) ein Teil der Bevölkerung in kleinasiatische Gebiete gezogen sei und sich nunmehr Phryger genannt habe, während jene in der alten Heimat verbliebene Restbevölkerung uns als Bryger bekannt ist. Auch die Mysier in Nordwestkleinasien stammen nach dem Zeugnis antiker Schriftquellen aus dem Bereich des heutigen Nordwestbulgarien, Ostserbien und Südwestrumänien, wo das thrakische Volk der Mösier, nach dem später die römische Provinz Mösien benannt wurde, siedelte. Wann diese Wanderzüge genau zu datieren sind, kann nicht eindeutig gesagt werden. Während einige Forscher die Mösier-Mysier-Bewegung in den Anfang oder die Mitte des 2.Jahrtausends v.u.Z setzen, bringen andere diese Migration mit den Ereignissen der sogenannten Großen ägäi-

Gava-Urne aus Läpuj

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Früheisenzeitliche Kulturen und Kulturgruppen

sehen Wanderung in Verbindung. Damals werden wohl auch erst die Phryger vom Vardartal nach Kleinasien gezogen sein. Im ganzen bietet die antike schriftliche Überlieferung, die allerdings erst Jahrhunderte nach den Ereignissen niedergeschrieben wurde, ein recht kompliziertes und buntes Bild von Völkerverschiebungen. Trotz mancher durchaus verdienstvoller Versuche reicht das uns gegenwärtig zur Verfügung stehende archäologische Fundmaterial jedoch noch nicht aus, um diese und ähnliche Bewegungen am Ende der Bronze- und zu Beginn der Eisenzeit in ihren geographischen und zeitlichen Dimensionen konkret zu fixieren. Andererseits muß betont werden, daß gerade während der letzten Jahre die bulgarische, rumänische und jugoslawische Archäologie in dieser Hinsicht beachtliche Fortschritte gemacht hat, so daß es heute möglich ist, die kulturellen Entwicklungsprozesse dieser Epoche zumindest in groben Zügen zu erkennen. Seit dem 12.Jh. v.u.Z. entwickelte sich mit dem Zentrum im heutigen Ostungarn, der Südslowakei, der Karpatoukraine und dem nordwestlichen Rumänien die nach einem ostungarischen Fundort benannte Gava-Kultur. Sie entstand hier auf der Grundlage älterer einheimischer Kulturen und kennt als Bestattungssitte flache Urnengräberfelder sowie einzelne Hügelgräber. Als typisch kann eine schwarzpolierte Keramik gelten, die mit Kanneluren verziert ist. Besonders charakteristisch sind dabei Urnen mit Buckelverzierung, wobei in der Frühstufe die Buckel noch Riefelung zeigen. Eine im Prinzip verwandte keramische Ware kann man auch im Banat nachweisen. Hier dürfte sie das gleiche Alter haben und muß wohl ebenfalls aus autochthonen Wurzeln erklärt werden. Im eigentlichen Transsilvanien, wo ja während der Spätbronzezeit die Wietenberg-Kultur und die Noua-Kultur existiert hatten, taucht diese Keramik

Urne aus Virtop

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zwar schon relativ früh im 12.Jh. v.u.Z. auf, muß jedoch insgesamt als ein Bruch in der keramischen Produktion dieses Gebietes gesehen werden und könnte hier durchaus mit tiefgreifenden politischen Veränderungen zusammenhängen. Mit dieser geographischen Aufzählung ist allerdings der recht weitreichende Kulturkomplex der schwarzen kannelierten Keramik im Karpaten-Donau-Raum durchaus nicht erschöpft. Denn man findet solche Gefäße ferner im nördlichen Jugoslawien sowie in den Gebieten östlich und südlich der Karpaten. Die in der Moldau festgestellte Gruppe dürfte ungefähr bis noov.u.Z. bestanden haben und ist ihrerseits wieder deutlich vom transsilvanischen Bereich abhängig. Kannelierte Keramik kennt man schließlich auch in der Walachei aus dem Zeitraum zwischen 1200 und 800 v.u.Z. Hier ist der Bruch zwischen der reichverzierten Ware der späten Bronzezeit und jener neuen, die frühe Eisenzeit repräsentierenden Keramik, die nach Transsilvanien und in das Banat weist, besonders deutlich ausgeprägt. Aber wie B. Hansel, dem überhaupt für die Erforschung dieser Periode in Rumänien und Bulgarien wichtige Erkenntnisse verdankt werden, aufgezeigt hat, läßt sich die kannelierte Keramik der Walachei in Lokalgruppen gliedern, die sich in ihrer Verbreitung sogar teilweise mit den spätbronzezeitlichen Kulturen und Kulturgruppen dieses Gebietes decken.4' Schon diese Tatsache steht der möglichen Hypothese einer direkten Einwanderung im Wege. In den Territorien südlich der Donau und des Balkangebirges begegnet uns ebenfalls am Ende des z. und zu Beginn des I.Jahrtausends v.u.Z. eine kannelierte Keramik. Doch ist sie hier von untergeordneter Bedeutung und hat überhaupt nicht zu einer kulturellen Zäsur wie in Süd- und Ostrumänien geführt. Interessant ist, daß es in Bulgarien gerade Graburnen sind, die diesem keramischen Kreis angehören und somit hier

Urne mit Buckelverzierung aus Goljamo DelCevo

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Verzierungsmotive von Babadag I

3p

Verzierungsmotive von Babadag II

v

die neue Bestattungssitte der Leichenverbrennung dokumentieren. Ein interessantes, aber bisher in Südbulgarien vereinzelt dastehendes 'Beispiel stellt die Urne aus einem Brandgrab bei Manole (Bez. Plovdiv) dar, die besonders enge Parallelen zum mittleren Donauraum Südwestrumäniens und Ostserbiens hat (s.Bild 31). Auch die mit Buckeln verzierten Urnen aus dem südlichen und nordöstlichen Bulgarien sind letztendlich von solchen aus dem Bereich der Gava-Kultur abhängig (s. Bild 30). Die typische keramische Verzierungsweise in den Territorien südlich und östlich der unteren Donau ist während der ungefähr ab noo v.u.Z. anzusetzenden frühen Eisenzeit die Ritzund Stempelverzierung. Dabei konnte B. Hansel in besonders prägnanter Weise nachweisen, daß die ältere, im wesentlichen dem ii.Jh. v.u.Z. angehörende Phase durch Ritz- und einfache Stempelverzierung gekennzeichnet ist, während die folgenden beiden Jahrhunderte bis etwa 800 v.u.Z. den Höhepunkt und die entwickelte Form der durch Stempeleindruck realisierten Dekorationsweise bilden.5' Interessant waren besonders die in der befestigten Siedlung beim Dorfe Babadag (Bez. Tulcea) in der Dobrudscha durchgeführten Grabungen. Haben sie doch gerade für die älteste Phase I aus dem n.Jh. v.u.Z. eine mit Ritzungen und Kreisstempeln dekorierte Keramik ergeben, die in vieler Hinsicht noch Beziehungen zur Coslogeni-Gruppe dieses Raumes besitzt. Babadag II aus dem 10. und 9.Jh. v.u.Z. präsentiert dann schon eine durch Stempelung reich verzierte keramische Ware. Auch in Südbulgarien ließ sich ähnliches, wenngleich nicht an einem Fundort, in deutlicher Schichtenfolge nachweisen. Hier wird die ritzverzierte Keramik des 11. Jh. v. u. Z. durch Funde aus der Siedlung von Catalka (Bez. Stara Zagora) in besonders eindrucksvoller "Weise vertreten (s. Bild 25). Die eigentliche Entfaltung der Stempelkeramik, die natürlich auch Buckelverzierung kennt, zeigt dann das überaus reichhaltige Material aus PSeniöevo (Bez. Stara Zagora). Es dürfte hauptsächlich den beiden ersten Jahrhunderten des i. Jahrtausends v.u.Z. zuzuweisen sein. Heute lassen sich bereits überall zwischen unterer Donau und Ägäis innerhalb dieser Stempelkeramik lokale Gruppen mit einigen Vorläufern ritzverzierter Ware aufzeigen. Sie finden sich in den Rhodopen bis hin zur ägäischen Küste und sind im Norden in Fundorten der Walachei und der Moldau vertreten. Wahrscheinlich ist die Mode der Ritz- und Stempelverzierung aus der Dobrudscha in die Moldau gekommen und könnte dort die kannelierte Keramik verdrängt haben. Andererseits muß man aber berücksichtigen, daß auch in Babadag und PSenicevo Kannelurdekoration vertreten ist. Überhaupt ist ja im Bereich der ritz- und stempelverzierten Keramik südlich und östlich der Donau eine Kannelurverzie-

PSeniievo-Keramik

rung durchaus nicht ungewöhnlich. Nur spielt diese Dekoration dort im Rahmen der Gefäßverzierung eine mehr oder weniger sekundäre Rolle, während umgekehrt im Karpatenraum die Kannelurverzierung dominiert und Einritzung oder Stempelung von Mustern kaum bekannt sind. Der geographische Raum zwischen unterer Donau und ägäischer Nordküste präsentiert sich uns also am Beginn der frühen Eisenzeit in durchaus eigenständiger kultureller Entwicklung. Demgegenüber ist der Einfluß aus dem östlichen Ungarn, dem Mitteldonaugebiet und aus Transsilvanien in der Walachei viel deutlicher ausgeprägt, wenngleich er auch in Bulgarien nicht fehlt. Wie dieser archäologische Tatbestand in historischem Sinne zu deuten ist, muß angesichts der heutigen Materialkenntnis noch offen bleiben, will man nicht in Spekulationen verfallen. Ein Übergreifen thrakischer Stämme auf das nordwestliche Kleinasien ist allerdings für die Zeit kurz vor noo v.u.Z. anzunehmen. Denn die zwischen ausgehendem 12. und Ende des lo.jh. v.u.Z. zu datierende Siedlungsschicht VII h>2 von Troja besitzt in ihrer Keramik eindeutige Parallelen zum Ostbalkanraum. So hat dieser Fundort Gefäße mit Buckel-, Ritz-, Stempel- und Kannelurverzierung geliefert, die in Bulgarien und der rumänischen Dobrudscha ihre nächsten Entsprechungen gefunden haben. Eine interessante kulturelle Erscheinung sind monumentale, aus großen Steinplatten errichtete Grabbauten in den südostthrakischen Gebieten. Solche Anlagen kennt man aus vielen Teilen der Welt, wobei ihre Entstehungszeit recht unterschiedlich sein kann und oftmals bis in die jüngere Steinzeit hinaufreicht. Allgemein werden solche Monumente als »Dolmen« (»Steintische«) bezeichnet, was aus dem Keltischen kommt. Bei der Erforschung von Dolmen im Sakar- und Strandiagebirge haben bulgarische Wissenschaftler gerade während der letzten Jahre Pionierarbeit geleistet. Aber auch in den südlich anschließenden griechischen und türkischen Territorien sind zahlreiche Dolmenanlagen nachgewiesen worden. Die bei einigen Dolmen im Sakargebirge zwischen den Flüssen Tundia und Mariza gemachten keramischen Funde sind mit der PSenicevo-Gruppe zu verbinden. Aber es kann keinen Zweifel geben, daß man derartige Anlagen, die ursprünglich immer von einer Hügelschüttung bedeckt waren, in diesen Gegenden vom Ende des 2.Jahrtausends bis in das 6.Jh. v.u.Z. errichtet hatte. Bei den Dolmen zeichnet sich deutlich eine Entwicklung von einfacheren zu komplizierteren Formen ab. Der älteste Typus zeigt vertikale Wände mit flacher Abdeckung, wobei das Dach und jede Wand lediglich aus je einer Steinplatte bestehen. Später wurden mehrere Platten zusammengesetzt. Die Konstruktion erforderte nunmehr größere Erfahrung, und die Wände sind oft in den

Felsgräber

Gesellschaßliche Verhältnisse

Festungen

Dolmen beim Dorfe Bälgarska poljana

oberen Partien etwas nach innen geneigt. Der Plan wird ebenfalls bereichert, indem man der Grabkammer ein oder zwei in gleicher Achse liegende Vorräume anfügte (s. Bild 29). In den östlichen Rhodopen wurden im frühen i.Jahrtausend v.u.Z. Felsgräber angelegt, die sowohl viereckigen als auch runden Grundriß aufweisen. Berücksichtigt man, daß damals von den thrakischen Stämmen neben der Körperbestattung die Brandbestattung praktiziert worden ist, so überrascht es nicht, wenn aus diesen Gegenden viele in den Felsen gehauene Nischen bekannt sind, die zur Aufnahme von Urnen mit Leichenbrand gedient haben (s. Bilder 27 und 28). Die Dolmen und Felsgräber Südostthrakiens sind natürlich nicht nur ein Beweis für das hohe technische Können der einheimischen Meister, sondern besitzen auch eine historische Dimension, die uns gestattet, Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Gegenden zu ziehen. Denn es leuchtet ein, daß solche aufwendigen Grabanlagen wohl in erster Linie für Angehörige der Stammesaristokratie errichtet worden sind. Dies weist wiederum auf eine Verstärkung des gesellschaftlichen Differenzierungsprozesses und eine beschleunigte Auflösung urgesellschaftlicher Strukturen hin, was zur Formierung von antagonistischen Klassen und um die Mitte des i.Jahrtausends v.u.Z. schließlich zur Staatentstehung führte. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, daß gerade von den Odrysen, die zusammen mit anderen thrakischen Stämmen diese Gebiete bewohnten, dann im 5.Jh. v.u.Z. die Bildung des ersten balkanthrakischen Großreiches ausgegangen ist. Beachtliche Resultate konnten in jüngster Zeit bei der Erforschung thrakischer Festungen in Transsilvanien, im Balkangebirge, in den Rhodopen und in den gebirgigen Gegenden Südostbulgariens erzielt werden. Durch entsprechende Keramikfunde ist eine Besiedlung vieler Anlagen im späten z. oder frühen i.Jahrtausend v.u.Z. gesichert. Allerdings sind die Festungsmauern häufig jüngeren Datums. Viele der in schwer zu-

Eisernes Tüllenbeil von Läpuj

gänglichem Gelände gelegenen Festungen werden die Funktion von Fluchtburgen gehabt haben. Andere waren direkte Höhensiedlungen, wie das beispielsweise beim Malko Kaie westlich von Sozopol der Fall ist. Hier stammt die Festungsmauer tatsächlich erst aus dem Ende des 4.Jh. v.u.Z. Aus den südthrakischen Gebieten seien die befestigten Komplexe von Hagios Georgios in Maroneia und vom Asar Tepe angeführt, die als Residenzen von Stammesführern interpretiert werden können und auf Grund der dort gefundenen Buckelkeramik in das späte 2. bzw. das beginnende i .Jahrtausend v.u.Z. zu datieren sind. Für die weitere Entfaltung der Produktivkräfte sind natürlich auch in dieser Epoche Charakter und Umfang der Metallproduktion von entscheidender Bedeutung gewesen. Ließ sich im Ostbalkanraum Zinnbronze in einigen Fällen bereits während des späten Chalkolithikums nachweisen, so sind auch aus dem Ende der Bronzezeit einige wenige eiserne Geräte bekannt, die vornehmlich aus nordwestrumänischen Fundorten stammen. Ein interessantes Zeugnis stellt in dieser Hinsicht ein eisernes Tüllenbeil aus der Hügelnekropole von Läpu$ (Bezirk Maramure$) dar. Das Gerät kann ungefähr um 1200 v.u.Z. datiert werden und lehnt sich in seiner Form eng an entsprechende Beispiele aus Bronze an. Aber in den ersten Jahrhunderten des i. Jahrtausends v.u.Z. ist die Anzahl der eisernen Geräte noch sehr gering gewesen. Seit dem /.Jh. v.u.Z. erhält das neue Metall größere Bedeutung und dominiert dann schließlich als grundlegender Werkstoff für die Herstellung von Waffen und Werkzeugen. Angesichts dieses Sachverhaltes ist es natürlich problematisch, die Zeitspanne zwischen spätem 12. und 6.Jh. v.u.Z. pauschal als frühe Eisenzeit zu bezeichnen. Andererseits kann nicht deutlich genug betont werden, daß dieser Zeitraum, unter dem Aspekt der historischen, sozialökonomischen und kulturellen Entwicklung betrachtet, tatsächlich eine relative Einheit dar-

Thrakische Festung vom Malko Kaie bei Sozopol

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Thrakische Festung von Hagios Georgios m Maroneia

stellt. Wenn hier also trotzdem von Eisenzeit gesprochen wird, so auch deshalb, weil ja die Tendenz einer allmählich sich durchsetzenden Anwendung und Eigenproduktion eiserner Geräte deutlich zu erkennen ist. Zahlreiche Hortfunde aus den Gebieten an der unteren Donau, der Moldau und vor allem in Transsilvanien zeigen, daß während des 13. und 12.Jh. v.u.Z. die Bronzemetallurgie dort einen breiten Anwendungsbereich bei der Waffen- und Geräteherstellung erreicht hatte. Aus solchen Depots sind uns viele Äxte, Schwerter, Hämmer, Meffiel sowie vor allem Tüllenbeile und Sicheln bekannt. Außerdem hat diese Fundgruppe verschiedene Schmuckgegenstände und sogar Pferdegeschirrteile geliefert. In der Folgezeit nimmt dann die Anzahl der Bronzehorte ab, um schließlich im 7.Jh. v.u.Z. gänzlich zu verschwinden. Doch kann man wohl aus dem Zurückgehen der Horte am Anfang des I.Jahrtausends v.u.Z. nicht in jedem Fall auf ein quantitatives Absinken der Bronzeproduktion schließen. Denn zweifellos dürfte die auffallende Häufung von Depotfunden auf eine Zunahme kriegerischer Auseinandersetzungen hindeuten.

50

100

150

200 m

Eisenschwert aus Aleksandrovo

Schatz von Välciträn

Vielleicht noch deutlicher als bei der Keramikherstellung, wo sich ja relativ schnell die neuen Elemente mit den einheimischen zu einer Synthese verbanden, sind innerhalb eines Zeitraumes und eines Gebietes vermehrt auftretende Bronzehorte in gewissem Grade als Hinweis auf Migrationen in begrenztem Umfang anzusehen. Dabei könnten sowohl Angreifer als auch Verteidiger gezwungen gewesen sein, wertvolle Metallgegenstände zu vergraben. So wurden die überaus zahlreichen transsilvanischen Bronzehorte des 12.Jh. v.u.Z. nicht ohne Grund mit dem Vorrücken von Stämmen der Gava-Kultur in südöstliche Richtung in Verbindung gebracht. Demgegenüber sind aus Südbulgarien äußerst wenige Horte bekannt, was mit dem eigenständigeren Charakter der dortigen Kulturentwicklung zusammenhängen dürfte. Angesichts der hochentwickelten Bronzemetallurgie kann es nicht überraschen, wenn Eisenwaffen und Eisenwerkzeuge sich in ihrer Form häufig an bronzene Vorbilder anlehnen, wie wir das schon bei dem Tüllenbeil von Läpu$ gesehen hatten. Dies gilt in besonderem Maße für einige eiserne Griffzüngenschwerter aus bulgarischen Fundorten und einem weiteren Exemplar aus dem Banat. Obwohl im ganzen genommen die Zahl der aus dem Anfang des i .Jahrtausends v.u.Z. überlieferten Eisengegenstände natürlich begrenzt ist, so können wir uns doch eine ungefähre Vorstellung von den damals gebräuchlichen Geräteformen machen. Die Ausgrabungen in der befestigten Siedlung von Cernatu (Bez. Covajna), wo man offenbar auf die Reste einer Eisengießerei aus dem 9.Jh. v.u.Z. gestoßen ist, haben hierzu einen wichtigen Beitrag geliefert. Aber auch für die Herstellung von Schmuckgegenständen und besonders für Fibeln spielte das neue Metall in jener Zeit eine große Rolle. Im Verlaufe der ersten Hälfte des i.Jahrtausends v.u.Z. entwickelte sich mit regional bedingten Unterschieden im Siedlungsbereich der thrakischen Stämme auf der Balkanhalbinsel eine im allgemeinen recht produktive und niveauvolle Eisenmetallurgie. Das hohe Niveau in der Metallproduktion und vor allem die neuen Anforderungen, die die Eisenbearbeitung stellte, bedingten eine weitere Profilierung des Metallhandwerkers. Wir haben im Rahmen der gesellschaftlichen Gesamtorganisation einen hochspezialisierten Handwerkerstand vorauszusetzen, dessen Anfänge allerdings weit in die Bronzezeit zurückreichen dürften. Für den am Übergang vom 2. zum i.Jahrtausend v.u.Z. erreichten Stand der Goldschmiedekunst legt der Schatz von Välciträn (Bez. Pleven) ein beredtes Zeugnis ab. Er besteht aus sechs Gefäßen sowie sieben deckeiförmigen Gegenständen mit einem Gesamtgewicht von 12,5 kg (s. Bild 22). Obwohl dieser Schatzfund schon seit langem die Aufmerksamkeit der For-

Eisengeräte aus Cernatu

schung auf sich gezogen hat, ist seine zeitliche Einordnung auch heute noch heftig umstritten. Das Doppelhenkelgefäß sowie die große und die drei kleinen Tassen besitzen ihre nächsten Parallelen in der Keramik des ausgehenden 2. und des beginnenden I.Jahrtausends v.u.Z., so daß man diese Gegenstände durchaus schon an den Anfang der frühen Eisenzeit datieren kann. Keine genaue Entsprechung wurde bisher für das dreiteilige Spendegefäß gefunden, dessen einzelne Schalen mit Röhren aus Elektron untereinander verbunden sind. Auch der aufgesetzte Knauf bei den Deckeln sowie die durch aufgelegte Blattsilberstreifen realisierte Verzierung bei den beiden großen Exemplaren könnten ebenfalls für einen solchen Zeitansatz sprechen. Wie jene sieben Deckel, die man unterschiedlich als Sonnenscheiben oder Schlagbecken bei rituellen Handlungen interpretiert hat, und das dreiteilige Spende- oder Mischgefäß zeigen, dürften die Gegenstände dieses Schatzfundes kultischen Charakter besessen haben.6) Überhaupt läßt sich im Bereich der Ideologie und speziell der religiösen Vorstellungswelt eine Kontinuität zur Bronzezeit klar erkennen. So besitzen wir aus der ersten Hälfte des i.Jahrtausends v.u.Z. eindeutige Zeugnisse für die Existenz eines Sonnenkultes, der allerdings lokal unterschiedliche Ausprägungen aufwies. Schon bei der Untersuchung von Felsgräbern und Dolmen fiel auf, daß diese auf den Strahlungsbereich der Sonne orientiert waren und niemals nach Norden blickten. Ein anderes Beispiel für den früheisenzeitlichen Solarkult in Thrakien bietet die Reliefdarstellung auf einer steinernen Stele, die bei Razlog (Bez. Blagoevgrad) gefunden wurde. Hier erkennt man im unteren Feld links neben der Figur eines Mannes mit spitzer Mütze und breitem Schmuckgürtel eine Sonnenbarke, deren Vorder- und Hintersteven in weit aufgerissenen Tiermäulern enden. Damit ordnet sich dieses Denkmal in den großen Kreis der aus verschiedenen Teilen Europas bezeugten Sonnenbarkendarstellungen ein, wobei den besonders im Karpatenraum verbreiteten »Vogelsonnenbarken« eine exponierte Bedeutung als einem möglichen Ausgangsgebiet für dieses spezifische Bildmotiv zuerkannt werden könnte. Daß hier die Verbindung von Vogel und Sonne auf alte Traditionen zurückgeht, haben uns die mit Vogelköpfen verzierten Gefäße sowie die Vogelvasen der Girla Mare-Kultur und die beiden Tonwagen von Dupljaja gezeigt. Aus der ersten Hälfte des i.Jahrtausends v.u.Z. lassen sich weitere aussagekräftige Bildzeugnisse anführen. Aber im Unterschied zu Dupljaja besitzt das schon 1834 in den rumänischen Westkarpaten (Gebiet von Orä$tie) gefundene Bronzemodell eines Kultwagens keine menschengestaltige Gottheit als "Wagenlenker. Es handelt sich sogar weniger um einen Wagen als vielmehr um einen Kessel auf Rädern. Dieser gesteigerte

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Verzierung der PsenicevoKeramik

Bithynierwanderung

Kimmerier und Skythen

Symbolcharakter findet auch darin seinen Ausdruck, daß die Wasservögel — hier wohl ebenfalls Schwäne — in zwei gegensätzlichen Richtungen angeordnet sind und somit unmöglich das Gefährt ziehen können, wie dies ja noch in Dupljaja der Fall gewesen war. Weiter in das Zentrum des thrakischen Siedlungsgebietes führt uns ein erst 1975 entdecktes bronzenes Kultwagenmodell aus Bujoru (Bez. Teleorman). In seinen Grundzügen stimmt dieses Denkmal mit dem westkarpatischen Exemplar überein. Nur blicken hier die gleichfalls an entgegengesetzten Seiten angeordneten Schwäne nach innen auf das Gefäß, von dem sich auch der Deckel mit gegenständig komponierten Vogelköpfen erhalten hat (s. Bild 23). Überhaupt läßt sich im thrakischen Siedlungsraum die hauptsächlich mit Solarvorstellungen verbundene Vogelsymbolik an einer stattlichen Anzahl von Monumenten belegen, die von der Keramik bis zum Pferdegeschirr reichen. Gleichzeitig muß aber nachdrücklich betont werden, daß sowohl Vogelwagen als auch die mit der Vogeldarstellung zu verbindende Symbolik in vielen Gebieten Europas während der späten Bronze- und frühen Eisenzeit bekannt waren. Somit bildet der Donau-Karpaten-Raum eigentlich nur einen Teil eines größeren kulturellen Komplexes, an dessen Gestaltung unterschiedliche ethnische Gruppen beteiligt waren. Über die politischen Ereignisse und die Migrationsbewegungen während der ersten Hälfte des i.Jahrtausends v.u.Z. bieten die in griechischen Schriftquellen späterer Zeit enthaltenen Nachrichten hinreichend Spielraum für kontroverse Interpretationen. Wohl während des späten 8. und im /.Jh. v.u.Z. dürfte die Wanderung der Bithynier, woran sich auch Thynier und Mygdonen beteiligten, stattgefunden haben. Wie uns Herodot (VII, 75) berichtet, stammten die in Nordwestkleinasien siedelnden Bithynier aus den Gegenden an der mittleren Struma und trugen in ihrer alten Heimat den Namen Strymonier. Im nordpontischen Raum wurden während des 8.Jh. v.u.Z. die dort ansässigen Kimmerier durch die Skythen gezwungen,

Doppelhenkeltasse aus Bukjovci

Nordöstliche Thraker

südöstlich über den Kaukasus nach Vorder- und Kleinasien auszuweichen. Wie man heute allgemein annimmt, sind die Kimmerier keine Thraker gewesen, sondern dürften ebenso wie die Skythen der iranischen Völkerfamilie angehört haben. Aber enge kulturelle Beziehungen hat es natürlich zwischen den Thrakern und Kimmeriern wie auch den Skythen von Anfang an gegeben. Aufschlußreich ist vor allem der archäologische Befund, wonach die materielle Kultur Nordostbulgariens und Ostrumäniens enge Analogien zu der im Gebiet der Moldauischen SSR und der "Westukraine besitzt. Obwohl man nicht in den Fehler verfallen darf und gleichgeartete archäologische Kulturen als Beweis für ethnisch identische Gruppen ansehen kann, so besteht doch andererseits kein Zweifel, daß es auf dem Territorium der Westukraine mehr oder weniger starke thrakische Bevölkerungsgruppen gegeben hat. Besonders einige im heutigen Nordostbulgarien gefundene Hügelgräber weisen in ihren Grabbeigaben auf enge kulturelle Kontakte zum nördlichen Schwarzmeergebiet hin. Hierzu gehört in erster Linie die durch G. Tonceva ausgegrabene Bestattung eines Kriegers bzw.

Stele von Razlog

Stammeshäuptlings in der Hügelnekropole bei Belogradec (Bez. Varna) aus der ersten Hälfte des /.Jh. v.u.Z. 7 ' Bei den Grabungen entdeckte man an der Kuppe des Hügels eine säulenförmige Steinstatue, die dort einmal aufgerichtet gestanden hatte. Sie soll den hier begrabenen Krieger in voller Ausrüstung darstellen und ist bis auf den fehlenden Kopf recht gut erhalten. So kann man an der Vorderseite unterhalb des Gürtels in Waagerechter Lage den Dolch, an der linken Seite den in einem Futteral steckenden Bogen und rechts das Schwert sehen. Außerdem erkennt man neben dem Bogen eine viereckige Tasche mit Pfeilen. Ebenso wie diese Statue weist auch der im Grab gefundene Eisendolch mit eingelegten Golddrähten seinem Typus nach auf das nördliche Schwarzmeergebiet, wo die nächsten Vergleichsbeispiele existieren. Der künstlerisch wertvollste Gegenstand war jedoch die goldene Dolchscheide mit Holzfutter. Zu Recht wurde betont, daß die überaus reich dekorierte Vorderseite dieses Dolchfutterals, zu dessen Schmuck der Meister auch dunkelbraune Glaspaste verwandt hatte, auf die Sonnensymbolik Bezug nimmt (s. Bild 35).

Krieger von Belogradec

6o Bronzene Tierplastik

Bronzene Kult ixt a JS dem Gebiet von Stara ."'agora

Bronzene Kultaxt aus Cumakovci

Innerhalb der frühen Eisenzeit müssen bronzene Kultäxte mit aufgesetzten Tierfiguren bzw. Tierköpfen entstanden sein. Wenngleich hier ebenfalls gewisse Parallelen zu Funden aus dem Kaukasusgebiet und sogar dem westlichen Iran (Luristan) existieren, müssen diese Denkmäler in erster Linie als Schöpfungen im thrakischen Kulturmilieu verstanden werden. Wahrscheinlich sind die ältesten Exemplare direkt noch als Äxte konzipiert worden, während die späteren immer ausgeprägter den Charakter eines Amuletts erhalten, wobei dann die ursprüngliche Funktion des Gegenstandes kaum noch kenntlich ist. Ein charakteristisches Stück stellt das in Cumakovci (Bez. Vraca) gefundene Beispiel dar, das zwar die Erinnerung an die Geräteform noch deutlich bewahrt, aber andererseits schon den Amulettcharakter zeigt. Diese Bronzen beweisen, welch große Bedeutung das Bild des Tieres im Schaffen thrakischer Toreuten während des frühen i Jahrtausends v.u.Z. besessen hat. Ein anderes Zeugnis dafür ist die bei Sevlievo (Bez. Gabrovo) gefundene Bronzefigur eines Hirsches (s. Bild 33). Bei dieser im 8.Jh. v.u.Z. entstandenen Plastik war der einheimische Meister bestrebt gewesen, die Körperteile nach Möglichkeit auf geometrische Grundformen zurückzuführen, um somit Struktur und Tektonik sinnfällig zum Ausdruck zu bringen. Damit gehören dieses Tierbild und auch die entsprechenden Tierfiguren auf den Kultäxten in den großen Kreis der sogenannten geometrischen Kunst Südeuropas, die damals besonders in Griechenland ihre konsequenteste Ausprägung erfahren hatte. In der frühen Eisenzeit bildeten sich auch in Thrakien einige wesentliche Züge des sogenannten Tierstils heraus. Unter diesem Begriff soll jedoch nicht schlechthin die Gestaltung des Tieres in der Kunst verstanden werden. Vielmehr wird hier vom Künstler eine Ausdruckssteigerung bei der Wiedergabe der Tierfigur angestrebt, die mehr oder weniger stark von der Wirklichkeit abstrahiert. Dies kann sogar so weit führen, daß man spezifische Einzelteile eines oder mehrerer Tierkörper zu einem phantastischen Gebilde zusammenfügt. In einer solchen Komposition erscheint die Symbolkraft des Tierbildes dann gleichsam potenziert. Dementsprechend sind derartige Denkmäler nicht nur formal-künstlerisch, sondern auch inhaltlich nach ihrem Aussagegehalt zu beurteilen. Meist ist dabei eine apotropäische (übelabwehrende) Funktion beabsichtigt. Somit kann dieser Tierstil durchaus als eine symbolgeladene Dekorationskunst verstanden werden, die hauptsächlich in Werken der Toreutik nachweisbar ist. Ein sehr frühes Beispiel des thrakischen Tierstils stammt aus einem Hügelgrab beim Dorfe Sofronievo (Bez. Vraca). Die hier gefundene bronzene Platte (s. Bild 32) gehörte zum Stirnschmuck eines Pferdes und muß wie auch die anderen Beigaben

Vorhergehende Seite: 22 Goldschatz von Välciträn (Bez. Pleven). Ende des 2./Anfang des i. Jahrtausends v. u. Z. 23 Bronzener Kultwagen von Bujoru (Bez. Teleorman). 8. bis/. Jh. v. u. Z. 24 Tonmodell eines Kultwagens aus Dupljaja (SFR Jugoslawien). Späte Bronzezeit

25 Tonkanne mit hohem Henkel aus Catalka (Bez. Stara Zagora). Ende des 2. Jahrtausends v. u. Z. 26 Kultwagen aus dem Orä§tie-Gebiet (Westkarpaten) Folgende Seiten: 27 Felsnischen bei Ardino in den Ostrhodopen 28 Felsnischen beim Stausee Kärdzalij in den Ostrhodopen 29 Dolmen im Sakargebirge. Frühe Eisenzeit

30 Bikonische Tonurne von Manole (Bez. Plovdiv). Ende des 2. Jahrtausends v. u. Z. 31 Urne mit Buckelverzierung aus der prähistorischen Siedlung bei Asenovec (Bez. Sliven). Ende des 2./Anfang des i. Jahrtausends v. u. Z. 32 Bronzene Applikation vom Stirnschmuck eines Pferdes aus einem Grabhügel bei Sofronievo (Bez. Vraca). 7. Jh. v. u. Z.

33 Bronzefigur eines Hirsches von Sevlievo (Bez. Gabrovo). 8. Jh. v. u. Z. 34 Bronzekessel aus SofiaKazicene. Frühe Eisenzeit

35 Eisendolch mit eingelegten Golddrähten und goldenem Futteral aus dem Grabhügel »Ptici vräh« bei Belogradec (Bez. Varna). i. Hälfte des 7. Jh. v. u. Z. 36 Goldschale aus SofiaKazicene. Frühe Eisenzeit

Basarabi-Keramik aus Popefti

Basarabi-Kultur

im Grab in das 7.Jh. v.u.Z. datiert werden. Erkennt man auf dem elliptischen Gegenstand, der zweifellos einen Tierkörper andeuten soll, vorn einen Stierkopf, so hat der Meister dem hinteren Rumpfteil Flügel und Vogelschwanz angefügt und alles zu einer ästhetisch gelungenen Einheit verschmolzen. Der Tierstil ist eindeutig sozial determiniert. Denn wie bei den Skythen findet er sich auch in Thrakien vor allem beim Pferdeschmuck und muß überhaupt mit der Ausrüstung des adligen Reiterkriegers verbunden werden. So bedeutet das Auftreten dieser Dekoration durchaus keinen Zufall, sondern hängt eng mit der Konsolidierung des Reiteradels als herrschende Oberschicht in der thrakischen Gesellschaft zusammen. Die hier gefundenen Bruchstücke einer verzierten Keramik weisen diese Adelsbestattung in die sogenannte Basarabi-Kultur. Dabei handelt es sich um einen großen Kulturkomplex, der ungefähr vom späten 9. bis zum Beginn des 6.Jh. v.u.Z. im Donau-Karpaten-Raum und vor allem in den Ebenen an der unteren Donau zwischen Eisernem Tor und Delta sowie im Mure$becken, aber auch in der rumänischen Moldau existiert hat. Sogar am Dnestr sind Funde nachgewiesen worden. Angesichts der weiten Ausdehnung dieses Kulturkomplexes, hinter dem zweifellos ein Großteil des nordthrakischen Ethnos steht, sind lokalbedingte Ausprägungen nur verständlich. Seinen Namen hat diese Kultur vom südwestrumänischen Fundort Basarabi (Bez. Dolj) erhalten, wo eine große Hügelnekropole erforscht wurde. Typisch ist vor allem wieder die Keramik. Sie kann als direkte Fortsetzung der früheisenzeitlichen kannelierten und stempelverzierten Ware betrachtet werden. In der Dekoration herrschen Spiralen in verschiedener Kombination, Dreiecke, Winkelbänder sowie rhomben- und mäanderförmige Muster

Basarabi-Keramik aus Sofronievo



Fund von Sofia-Kazicene

Die thrakischen Stämme

vor. Die Motive werden meist eingeschnitten oder eingepreßt und die Vertiefungen mit weißer Paste ausgefüllt. Daneben treten weiterhin Verzierungen mit Kanneluren und durch Stempel auf. Auch die bronzene Tierstilapplikation von Sofronievo findet im Dekorationsrepertoire der Basarabi-Keramik deutliche Entsprechungen. In diese Zeit dürfte ferner eine 1969 in Kazicene, einem Vorort von Sofia, zufällig entdeckte Goldschale mit einem Gewicht von 1050 g gehören (s. Bild 36). Vergleicht man dieses Stück mit dem Doppelhenkelgefäß aus Välciträn, so fällt vor allem auf, daß unser Exemplar eine gröbere Bearbeitung zeigt, indem die Oberfläche noch deutlich die Spuren der Hammerschläge erkennen läßt. Zusammen mit dieser Schale wurde ein Bronzekessel gefunden (s. Bild 34). Seiner äußeren Form nach könnte er mit Doppelhenkelkesseln aus dem Karpatenraum verglichen

Griechische Kolonisation

Südthrakische Küste

werden. Doch spricht die Anordnung der Nietlöcher bei dem Sofioter Stück für angesetzte Zierfiguren. Wenn dies tatsächlich der Fall ist, würde dieser Bronzekessel in den Vorderen Orient weisen und könnte als orientalisches Original oder griechische bzw. zyprische Imitation in das Innere Thrakiens gelangt sein. Seit dem späten 8.Jh. v.u.Z. erhalten die Beziehungen zwischen Griechen und Thrakern durch die Errichtung von griechischen Kolonien an den Küsten des Ägäischen und des Schwarzen Meeres eine neue Qualität. Die ältesten Griechenkolonien im südthrakisch-ägäischen Bereich wurden auf den Halbinseln Chalkidike und Chersones — der heute zur Türkei gehörenden Gallipolihalbinsel — gegründet. Dies geschah teilweise schon Ende des 8.Jh. v.u.Z. Damals ist auch die Insel Samothrake von Griechen, die aus Samos kamen, besiedelt worden. Um 680 v.u.Z. ließen sich dann griechische Kolonisten auf der Insel Thasos nieder. In der Folgezeit entstanden auf dem gegenüberliegenden Festland mehrere Stützpunkte der thasischen Griechen, die somit Ausgangspunkte für eine griechische Besiedlung dieses Küstenabschnittes wurden. Aber all das bedeutete keineswegs eine gänzliche Vertreibung thrakischer Stämme; denn selbst auf Thasos kann bis in spätere Zeit ein beachtliches thrakisches Bevölkerungselement nachgewiesen werden. Natürlich stieß die Anlage griechischer Niederlassungen häufig auf den erbitterten Widerstand der einheimischen Bewohner. So wurde die im Jahre 656 v.u.Z. östlich der Mesta(Nestos)mündung gegründete Stadt Abdera wenig später von Thrakerstämmen zerstört, um das Jahr 543 v.u.Z. mußte sie von den Griechen wieder neu errichtet werden. Man darf wohl annehmen, daß die meisten griechischen Niederlassungen direkt an der Stelle oder in unmittelbarer Nähe älterer thrakischer Siedlungen angelegt wurden. Ganz eindeutig ist dies bei Ainos der Fall, das sich zwar im /.Jh. v.u.Z. als griechische Stadt konstituierte, aber schon in der Ilias (IV, 519—520) als Heimat des Thrakerkönigs Peiroos erwähnt wird. Der thrakische Name Poltymbria war noch späteren Autoren bekannt. Dementsprechend sind auch die Städte Selymbria und Mesambria auf Grund ihrer eindeutig nichtgriechischen Namen ursprünglich thrakische Ortschaften gewesen. Was speziell Mesambria betrifft, so sind uns zwei Orte bekannt, die diese Bezeichnung trugen. Der eine lag auf dem Territorium von AltNesebär an der bulgarischen Schwarzmeerküste, während der andere an der Ägäisküste zwischen Mariza(Hebros)- und Mestamündung existierte. In dieser Gegend gründeten Griechen von der Insel Chios ebensfalls im /.Jh. v.u.Z. die Kolonie Maroneia. Wie der Name schon beweist, geht auch hier die Kultur- und Siedlungskontinuität auf frühere Zeiten zurück. In un-

Thrakische Chersones

Propontis

Westküste des Schwarzen Meeres

mittelbarer Nähe dürfte außerdem Ismaros gelegen haben, das in der Odyssee (IV, 196—200) wegen seines Weines gerühmt wird und als Hauptstadt der thrakischen Kikonen galt. Außer den erwähnten Ortschaften gab es an der südthrakischen Agäisküste zwischen Struma- und Marizamündung noch weitere griechische Niederlassungen, die nach dem Zeugnis neuerer Ausgrabungen bereits im 6.Jh. v.u.Z. bestanden haben müssen. Auf der thrakischen Chersones waren Kardia, Kallipolis, Elaius, Madytos und Sestos die wichtigsten Städte, von denen wiederum die beiden letzteren eindeutig auf ältere Thrakersiedlungen zurückgehen. Spielten hier im /.Jh. v.u.Z. bei der Anlage von Kolonien Griechen aus der westkleinasiatischen Stadt Milet und von der Insel Lesbos eine führende Rolle, so griff gegen Mitte des 6.Jh. v.u.Z. für mehrere Jahrzehnte das athenische Adelsgeschlecht der Phylaiden entscheidend in die politischen Geschicke dieser strategisch äußerst wichtigen Halbinsel ein. Wie uns Herodot (VI, 35—37) berichtet, wurde der Phylaide Miltiades der Altere von thrakischen Dolonkern, die weite Teile der Chersones besiedelt hatten, aufgefordert, hier die Herrschaft zu übernehmen und die Bevölkerung gegen Angriffe der im Norden wohnenden Apsinthier zu schützen. Gemäß der Weisung des Orakels von Delphi ging Miltiades auf dieses Angebot ein und errichtete dort gleichsam ein attisch-thrakisches Staatswesen. Er forcierte die Ansiedlung griechischer Kolonisten und riegelte im Norden die Halbinsel durch eine Mauer gegen Überfälle ab. Im wesentlichen konnte sich die Phylaidenherrschaft auf der Chersones bis zum Jahre 493 v.u.Z. behaupten, als die Perser Militiades den Jüngeren, den späteren Sieger von Marathon, hier aus seinen Besitzungen im südöstlichen Thrakien vertrieben. An der Westküste des Marmara-Meeres bzw. der Propontis müssen Selymbria, Bisanthe, Perinthos und Byzantion schon allein auf Grund ihrer Namen auf vorgriechische Siedlungen zurückgehen. Byzantion wurde um 660 v.u.Z. an der südlichen Einfahrt in den Bosporus und somit an geographisch exponierter Lage von Siedlern aus Megara als Griechenkolonie angelegt. Etwas früher hatten sich megarische Griechen schon in Selymbria niedergelassen. Dagegen ist Perinthos als hellenisches Gemeinwesen erst um 600 v.u.Z. entstanden. Die Kolonisten kamen hier wie auch bei Bisanthe von der Insel Samos. Eine beachtliche kolonisatorische Aktivität entwickelte Milet an der westlichen Schwarzmeerküste. Nach späterer schriftlicher Überlieferung soll Histria (auch Istros genannt) bereits um 657 v.u.Z. gegründet worden sein. Ihren Namen erhielt die Stadt vom Flusse Istros (Donau), da sie südlich vom Donaudelta liegt. Erst zwischen 610 und 600 v.u.Z. wurde dann Apol-

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Sozialökonomische Aspekte

lonia Pontica als weitere griechische Niederlassung an der Westküste angelegt. Im Unterschied zu anderen Kolonien wie Tomis, Odessos und Mesambria ist der Name rein griechisch und weist auf den hier besonders stark verehrten Griechengott Apollon hin. Aber neuere archäologische Forschungen konnten auch dort eine ältere thrakische Siedlung nachweisen. Über das Gründungsdatum der anderen milesischen Kolonien besitzen wir keine konkreten Angaben. Odessos soll während der Regierungszeit des Mederkönigs Astyages, der in Vorderasien von 593 bis 556 v.u.Z. regierte, als Griechenstadt gegründet worden sein. Bei Tomis schwankt man auch heute noch zwischen dem 7. und 6. Jh. v.u.2. Als nichtmilesische Städte entstanden Mesambria gegen Ende des 6. Jh. v.u.Z. und gleichzeitig oder sogar noch etwas später Kallatis an Stelle älterer Thrakersiedlungen. Schließlich sei noch das nördlich von Odessos gelegene Dionysopolis erwähnt, über dessen Frühzeit wir nichts wissen, das aber eine milesische Gründung gewesen sein dürfte. Von größter Bedeutung sind die sozialökonomischen Aspekte dieser griechischen Kolonisation, die sich an den Küsten des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres vom 8. bis 6. Jh. v.u.Z. vollzog. Ausgangspunkt muß daher eine kurze Charakterisierung der in Griechenland während dieser Epoche herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse sein. Hier entwikkelte sich im frühen i Jahrtausend v.u.Z. die Polis. Das Wort bedeutet im buchstäblichen Sinne Burg, dann städtische Siedlung und Stadt. Da damals die Stadtsiedlung zusammen mit ihrem ländlichen Territorium ein staatlich autonomes Gemeinwesen bildete, wird mit Polis (Plural Poleis) allgemein der antike Stadtstaat bezeichnet. Er ist als Überbauerscheinung das Produkt jener spezifisch antiken Eigentumsform, auf die schon K. Marx hingewiesen hatte und die von ihm folgendermaßen charakterisiert wurde: »Voraussetzung bleibt hier für die Aneignung des Grund und Bodens, Mitglied der Gemeinde zu sein, aber als Gemeindemitglied ist der einzelne Privateigentümer. Er bezieht sich zu seinem Privateigentum als Grund und Boden aber zugleich als zu seinem Sein als Gemeindemitglied, und die Erhaltung seiner als solchen ist ebenso die Erhaltung der Gemeinde wie umgekehrt.« (K. Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie [Rohentwurf], Berlin 1974, 8.379) Im Prinzip konnte also nur der vollberechtigte Polisbürger als Mitglied seiner Stadtgemeinde auch Eigentümer sein. In den griechischen Poleis existierte schon von Anfang an der antagonistische Gegensatz zwischen größerem und kleinerem Grundeigentum, der sich im Verlaufe der Entwicklung verschärfte. Dies führte zu harten Klassenauseinandersetzungen in den Stadtstaaten. Auf Grund ihrer relativ begrenzten materiellen Ressourcen entstand in einigen Poleis seit dem 8.Jh. v.u.Z. eine latente

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Das thrakische Siedlungs-

gebiet in der frühen Eiszeit

Überbevölkerung, was in den Augen der herrschenden Adelsklasse, die in jenen Stadtstaaten damals den Ton angab, einen politischen Störfaktor darstellte. Die in den Poleis sich zuspitzenden ökonomischen und sozialen Widersprüche konnten zwar durch die Anlage neuer autonomer Gemeinwesen in bisher von Griechen nicht besiedelten Küstengebieten keineswegs beseitigt, aber zumindest zeitweilig gemindert werden. Die Masse der Kolonisten waren kleine Ackerbauern und Gewerbetreibende, die sich eine Besserung ihrer Situation erhofften. Hinzu kamen verarmte Adlige und solche Vertreter der herr-

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Erzvorkommen in Thrakien

sehenden Klasse, die zum politischen Regime ihrer Stadtgemeinde in Opposition standen. Daher ist es verständlich, daß die Errichtung einer Kolonie auch im Interesse der regierenden Kreise eines Stadtstaates lag, da sich auf diese Weise die Möglichkeit ergab, oppositionelle Kräfte auszuschalten und politische Spannungen abzubauen. Die Gründung von Poleis an den Küsten Thrakiens bedeutete gleichzeitig, daß sich die antike Eigentumsform und die darauf beruhende Produktionsweise im thrakischen Gebiet konstituierte. Somit verkörpern die dort errichteten Kolonien prinzipiell eine gesellschaftlich höhere Entwicklungsstufe als jene, die thrakische, illyrische und skythische Stämme damals erreicht hatten. Daraus darf jedoch nicht der Fehlschluß gezogen werden, daß sich der gesellschaftliche Fortschritt innerhalb der thrakischen Gesellschaft hauptsächlich durch den Kontakt mit der hellenischen Welt vollzogen hat. Die Beziehungen waren wechselseitiger Natur und die Thraker dabei durchaus nicht nur die Nehmenden. Übrigens spielten die thrakischen Stämme als Produzenten und die an den Küsten des Landes gelegenen Griechenkolonien als Exporteure agrarischer Produkte eine große Rolle. Die meisten Poleis dieser Gebiete besaßen zumindest in der uns hier interessierenden Periode einen ausgeprägt agrarischen Charakter, was durchaus nicht die Existenz handwerklicher Eigenproduktion ausschließt. Daneben waren einige Städte wichtige Ausfuhrhäfen für Metalle, die im Thrakerland gewonnen wurden. Besondere Bedeutung hatten dabei die Erzvorkommen im Strandiagebirge bei Apollonia und die Lagerstätten im Pangaiongebirge. Hier im Bergbaugebiet östlich der Struma besaß der athenische Tyrann Peisistratos Goldminen, die es ihm ermöglichten, nach der Verbannung seine Herrschaft in Athen im Jahre 539/n^ v.u.Z. mit Hilfe angeworbener thrakischer Söldner wiederherzustellen.

4 AUFSTIEG UND NIEDERGANG DES ODRYSENREICHES

Zug Dareios'I. gegen die Skythen

Persische Herrschaft in Südthrakien

Um die Mitte des 6.Jh. v.u.Z. entwickelte sich unter Kyros II. (559—530 v.u.Z.) das Perserreich zu einem wichtigen Machtfaktor im Vorderen Orient. Im Jahre 547 v.u.Z. gelang es, das Reich der Lyder in Kleinasien zu zerschlagen, so daß der Herrschaftsbereich des Kyros im Nordwesten schließlich bis an die Südküste des Marmara-Meeres ausgedehnt werden konnte. Zur Konsolidierung und Erweiterung seiner Machtsphäre unternahm um das Jahr 512 v.u.Z. der persische Großkönig Dareios I. (522—486 v.u.Z.) einen Feldzug durch thrakisches Gebiet, um nördlich der Donau die Skythen anzugreifen. Damit sollten die skythischen Stämme Südrußlands, die das Perserreich vom Kaukasus her bedroht hatten, an ihrer Südwestflanke attackiert werden. Während das Heer durch Ostthrakien zog, segelte die Flotte an der Westküste des Schwarzen Meeres nach Norden und fuhr dann die Donaumündung aufwärts. Hier oberhalb des Deltas wurde eine Brücke über den Strom geschlagen. Will man dem Bericht des Herodot (IV, 93) glauben, so hatte es nur mit den Geten, die im Gebiet der Dobrudscha wohnten, nicht jedoch mit den anderen thrakischen Stämmen kriegerische Auseinandersetzungen gegeben. In den Steppen nördlich der Donau wichen die Skythen den Persern ständig aus, so daß das erschöpfte Heer des Dareios schließlich unverrichteter Dinge umkehren mußte und mit Mühe und Not die Donaubrücke erreichte. Gelang es Dareios auch nicht, sich im Skythenlande festzusetzen, so konnte er immerhin in einigen Regionen Thrakiens seine Position ausbauen und durch die Aktivität seines tüchtigen Heerführers Megabyzos fast die gesamte Südküste unter Kontrolle bringen. Durch die Errichtung der festen Plätze Eion und Myrkinos an der Struma und Doriskos an der Mariza gegenüber von Ainos sollten diese neugewonnenen Besitzungen gesichert werden. Weit in das Innere des Landes reichte die persische Macht allerdings nicht; denn schon die Thrakerstämme, die das Pangaiongebirge besiedelten, und die nördlich davon wohnenden Odomanten blieben faktisch unabhängig.

77 Aufstand der Griechen in Kleinaden

Schlacht von Marathon

Zug des Xerxes gegen Griechenland

Niederlage der Perser

Im Jahre 499 v.u.Z. erhoben sich die Griechenstädte an der Westküste Kleinasiens unter Führung der reichen Handelsstadt Milet gegen die Herrschaft der Perser, die für die Poleis nicht nur eine Einschränkung ihrer politischen Eigenständigkeit bedeutete, sondern darüber hinaus sich auch hemmend auf die Handelsverbindungen mit dem griechischen Mutterland ausgewirkt hatte. Die Kämpfe zogen sich längere Zeit hin, so daß erst im Jahre 494 v.u.Z. die Perser den Aufstand durch die Einnahme von Milet niederschlagen konnten. Mit der Eroberung von Byzantion und der Vertreibung des jüngeren Miltiades von der Chersones sicherte sich Dareios erneut die Kontrolle über diese strategisch wichtige Region. Auch Südthrakien mußte im Jahre 492 v.u.Z. in einem opferreichen Feldzug, den Mardonios, der Schwiegersohn des Großkönigs, unternahm, faktisch von neuem erobert werden. Zwei Jahre später (490 v.u.Z.) errangen die Athener in der Ebene von Marathon (Attika) ihren ersten großen Sieg über ein persisches Heer. Welche konkreten Auswirkungen dieses Ereignis auf die Situation in Südthrakien hatte, wissen wir nicht. Näheres über diese Region erfahren wir erst wieder im Zusammenhang mit den Vorbereitungen, die der Perserkönig Xerxes (486—465 v.u.Z.) traf, um im Jahre 480 v.u.Z. gegen Griechenland einen entscheidenden militärischen Schlag führen zu können. Das Truppenaufgebot war grandios. Unter den zahlreichen, zur Teilnahme an dem Kriegszug verpflichteten Völkern gehörten auch die im nordwestlichen Kleinasien wohnenden thrakischen Bithynier. Von Herodot, dem wir überhaupt genauere Kenntnis von all diesen Ereignissen verdanken, werden sie folgendermaßen geschildert: »Die Thraker, die am Kriegszug teilnahmen, hatten auf dem Kopf einen Fuchsbalg (alopekis), am Leib trugen sie ein Hemd, darüber einen bunten Mantel (zeira), an Füßen und Unterschenkel Stiefel aus Hirschleder; dabei führten sie Wurfspeere, leichte Schilde (pelte) und kleine Dolche.« (VII, 75) Diese Beschreibung findet weitgehend ihre Bestätigung bei einigen Darstellungen von Thrakern oder Personen in thrakischer Tracht auf attischen Vasen des 5. Jh. v.u.Z. (s. Bild 53). Im Jahre 480 v.u.2. dienten dann Südthrakien und seine Küstengewässer als großangelegte Aufmarschbasis für Landheer und Flotte der Perser gegen Griechenland. Technisch war der Feldzug hier gut vorbereitet worden. So schlug man zwei Brücken von der asiatischen Seite über den Hellespont und baute eine weitere über die Struma. Die Halbinsel Athos wurde durch einen Kanalbau an ihrer schmälsten Stelle von der übrigen Chalkidike getrennt, um somit nicht das stürmische Kap umsegeln zu müssen. Aber der so aufwendig begonnene Feldzug endete kläglich. Noch im gleichen Jahr erlitten die Perser durch die Griechen in der Seeschlacht von

Ende der Perserherrschaft in Thrakien

Münzprägung süäwestthrakischer Stämme und Dynasten

Salamis eine empfindliche Niederlage. Sie wurde wenig später durch die Schlacht von Plataiai (479 v.u.Z.) und das Seegefecht am Kap Mykale an der Westküste Kleinasiens vervollständigt. Diese Ereignisse bedeuteten faktisch den Anfang vom Ende der persischen Herrschaft in Thrakien. So ist Sestos bereits im Jahre 478 v.u.Z. von den Athenern erobert worden, die sich damit einen festen Ausgangspunkt auf der Chersones schufen. Einige Jahrzehnte später sollte dann die ganze Halbinsel unter die Kontrolle Athens kommen. An der unteren Struma nahm der athenische Feldherr Kimon, der ein Sohn des jüngeren Miltiades und der thrakischen Königstochter Hegesipyle war, die persische Festung Eion ein. Wahrscheinlich geschah dies 476/475 v.u.Z. oder fünf bis sechs Jahre später. Relativ lange konnte der Stützpunkt Doriskos an der Mariza von den Persern gehalten werden, da er ihnen offenbar erst 465/464 v.u.Z. verlorenging. Damit war hier die Perserherrschaft allerdings endgültig liquidiert. Die vom Ende des 6.Jh. v.u.Z. ab ungefähr vierzig Jahre währende Präsenz persischer Truppen an der thrakischen Ägäisküste konnte für die politische und wirtschaftliche Entwicklung der dortigen Thrakerstämme nicht ohne Wirkung bleiben. Auffallend ist, daß gerade in diesen Zeitraum Münzprägungen südwestthrakischer Stämme und Dynasten gehören. Nach Ansicht einiger Forscher müssen diese Münzen als Ausdruck der lebhaften Handelsbeziehungen zwischen der ägäischen Nordküste und den damals ja ebenfalls zum Perserreich gehörenden westkleinasiatischen Griechenstädten gewertet werden.8' Die einzelnen Münzgruppen dürften in Münzstätten geprägt worden sein, die in den griechischen Niederlassungen entlang der Süd- und Südwestküste existiert haben und wohin die freien Thraker aus den Bergwerksgebieten des Hinterlandes ihr Metall brachten und die entsprechenden Bestellungen aufgaben. Denn die Ähnlichkeit mit Prägungen griechischer und makedonischer Städte ist offensichtlich. Auch können nicht alle für thrakische Stämme in Anspruch genommene Münzen diesen einwandfrei zugeschrieben werden. Selbst bei den Münzen der Oreskier ist man sich nicht einig, ob es sich bei den nur hier in den Münzlegenden bezeugten Bezeichnungen um einen Stammesnamen, eine falsche Schreibung oder nur um den Namen eines Lokalfürsten handelt. Eindeutig ist dann der Tatbestand bei den Prägungen der Derrhonen und Bisalten; denn diese Stämme sind uns auch sonst durch antike Schriftquellen bezeugt. Die Münzen der Edonen erscheinen sogar unter dem Namen ihres Königs Getas. Gewiß kann man aus der Existenz solcher Münzprägungen auf staatsbildende Prozesse unter den südwestthrakischen Stämmen schließen. Dem entsprechen ja auch historisch ein-

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Münze des Edonerkönigs Getas (Vorderseite) um 520/480 v. u.Z.

Derrhonenmünze um 520/480 v. u. Z.

Münze der Bisalten um $20/480v.u.Z.

wandfrei überlieferte Stammeskönige. Der hier durch Münzen belegte Edonerkönig Getas ist durchaus kein Einzelfall. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang ein von Herodot (VIII, ii 6) namentlich nicht genannter Bisaltenkönig, der seine sechs Söhne blenden ließ, weil sie sich trotz des Verbotes ihres Vaters dem Zug des Xerxes gegen Griechenland angeschlossen hatten. Allerdings ist das numismatische Material allein nicht tragfähig genug, um konkrete politische Wechselbeziehungen und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den in Südwestthrakien lebenden Stämmen und ihre lose Vereinigung in einem Bund beweisen zu können. Von spezifischem Interesse sind einige Münzbilder. Auf Exemplaren des Edonerkönigs Getas sieht man einen Mann, der zwei Rinder antreibt. Offenbar hält er einen Botenstab (Kerykaion) in der Hand und könnte somit als der Gott Hermes gedeutet werden. In diesem Falle würden wir einen numismatischen Beleg für die Nachricht des Herodot (V, 7) besitzen, wonach der Gott Hermes allein von den Königen verehrt worden sei. Eindeutig um Hermes handelt es sich bei einer Gruppe von Derrhonenmünzen, die den Gott mit Kerykaion neben einem Rindergespann abbilden. Eine andere Serie von Münzen der Derrhonen zeigt einen bekleideten Mann, der auf einem von zwei Rindern gezogenen Wagen sitzt. Auch hier wäre es möglich, eine Darstellung des Hermes zu erkennen. Bei Prägungen der Bisalten erscheint ein mit zwei Speeren bewaffneter Krieger hinter seinem Pferd. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß damit der in diesem Gebiet weitverbreitete Heros Rhesos gemeint ist, auf dessen Beziehung zu Pferd und Pferdezucht antike Schriftquellen ja hinweisen. Dieses Bildmotiv war recht populär und wurde in der Folgezeit vom makedonischen König Alexander I. weiterentwickelt. Anhand der archäologischen Funde kann man nachweisen, daß seit dem ausgehenden 6. und dem frühen j.Jh. v.u.Z. die ökonomischen und kulturellen Beziehungen auch der im Binnenland zwischen Balkangebirge und Rhodopen wohnenden Thraker zur griechischen und persischen Welt enger wurden. Ein instruktives Beispiel bietet dafür die im Stammesgebiet der Bessen gelegene Hügelnekropole von Duvanli (etwa 26 km nördlich von Plovdiv). Obwohl die ältesten Adelsbestattungen auf Grund der gefundenen griechischen Keramik hier kaum vor dem zweiten Viertel des 5.Jh. v.u.Z. angelegt sein können, ist doch nicht ausgeschlossen, daß viele der Grabbeigaben schon um 500 v.u.Z. hergestellt worden sind. So dürfte im frühen 5.Jh. v.u.Z. während der persischen Herrschaft in Südthrakien auch eine ursprünglich vergoldete Silbervase (Amphore), deren hohle Henkel in Form von gehörnten Löwengreifen gebildet sind, in thrakischen Besitz gelangt sein. Die auf dem Rücken

8o

Relief von Persepolis

des einen Greifen angebrachte Tülle machte es möglich, daß bei entsprechender Neigung des Gefäßes die Flüssigkeit auch durch den Greifenhenkel ausgegossen werden konnte. Damit erfüllte diese Amphore gleichzeitig die Funktion eines Rhyton (Trinkhorn), wie das bei einem ähnlichen Gefäß, das auf einem Relief aus dem Perserpalast von Persepolis (Iran) dargestellt ist, beobachtet werden kann. Mit dieser Parallele ist schon zugleich die künstlerische Herkunft des Fundes aus Duvanli angedeutet. Denn zweifellos ist unsere Doppelhenkelvase als ein hervorragendes Erzeugnis jener persischen Reichskunst zu werten, der man das Attribut »achämenidisch« beilegt, was auf die Herrscherdynastie der Achämeniden, der auch Dareios I. und Xerxes angehörten, Bezug nimmt. Mit ihrer Mischung aus griechischer Ornamentik und phantastischen Tierfiguren in dynamischer Aktion entsprach diese achämenidische Silberamphore sehr gut dem Geschmack des thrakischen Adels, der ja in einer Welt lebte, die kulturell von dem wechselseitigen Durchdringen griechischer und orientalisch geprägter Kultureinflüsse nicht unwesentlich mitbestimmt war. Schon während der persischen Vorherrschaft konnte sich offenbar der von den Odrysen geführte Stammesbund weiter konsolidieren, so daß es schließlich zu einer frühen Staatsbildung kam. Durch den endgültigen Abzug der Perser waren weitere günstige äußere Faktoren gegeben, die diesen Prozeß beschleu-

*^iM*to.MW,^~&.^&M*£^^_&$x&xtaiiitiig&

8i Odrysenreich

Teres

Athen und Thrakien

nigt haben müssen. So formierte sich dann schließlich im zweiten Viertel bzw. gegen Mitte des 5.Jh. v.u.Z. ein odiysisches Großreich. Über diese Entwicklung berichtet uns einige Jahre später der griechische Historiker Thukydides (II, 29), in dessen Adern übrigens auch thrakisches Blut floß, nur ganz lakonisch, wenn er schrieb: »Dieser Teres, des Sitalkes Vater, schuf als erster für die Odrysen ein großes Reich, das größer als das noch verbleibende Thrakien war.« Ebenfalls recht dürftig sind unsere Kenntnisse über die Beziehungen der Odrysen zu den Skythen im Norden. In welchem Grade ein skythischer Einfall in die Chersones, den einzelne Forscher unterschiedlich zwischen dem Ende des 6. und den ersten Jahren des j.Jh. v.u.Z. datieren, die Odrysen tangiert hat, ist nicht bekannt. Eigentlich wissen wir nur aus der Überlieferung bei Herodot (IV, 80), daß eine Tochter des Teres mit dem Skythenkönig Ariapeithes verheiratet gewesen war. Mehr als vom Odrysenkönig Teres, der ungefähr bis Mitte des 5.Jh. v.u.Z. regiert haben dürfte und ein Alter von 92 Jahren erreicht haben soll, sind wir über die politischen Aktivitäten des damals mächtigen athenischen Staates an den Südküsten Thrakiens informiert. Ein 465 v.u.Z. unternommener Ansiedlungsversuch im Lande der Edonen an der unteren Struma, wo 10000 attische Siedler eine Kolonie bei den »Neunwegen« (Enneahodoi) gründen wollten, schlug fehl. Denn von Thukydides erfahren wir, daß die Athener bei ihrem weiteren Vordringen in der edonischen Ortschaft Drabeskos von den Thrakern aufgerieben wurden. Erst im Jahre 437 v.u.Z. gelang es, an den »Neunwegen« die Stadt Amphipolis zu gründen. Doch konnte Athen schon 463 v.u.Z. die Insel Thasos ausschalten und sich die Bergwerksgebiete an der gegenüberliegenden Küste sichern. Im Jahre 447 v.u.Z. wurden dann auf der Chersones i ooo attische Militärkolonisten angesiedelt und wenig später im Lande der Edonen die Kolonie Brea errichtet. Bei all diesen Aktionen und selbst bei denen auf der thrakischen Chersones hören wir nichts von Auseinandersetzungen mit dem Odrysenreich und seinem Herrscher. Dies bedeutet natürlich nicht, daß es keine Beziehungen diplomatischer Art zwischen dem athenischen Seestaat und den Odrysen gegeben hätte. Schon seit langem ist den Historikern aufgefallen, daß ungefähr vom Jahr 444 v.u.Z. ab einige Griechenstädte Südostthrakiens mit einer geringeren Beitragssumme oder überhaupt nicht in den Tributlisten des von Athen beherrschten Seebundes erscheinen, was dahingehend gedeutet wurde, daß nunmehr diese Poleis einen entsprechenden Tribut dem Odrysenkönig zahlen mußten. Gewiß kann man daraus auf einen weiteren Machtzuwachs der odrysischen Herrschaft in der südostthrakischen Küstenzone schließen.

Sitalkes

Silbermünze des Sparadokos

Sitalkes nd der Peloponnesische Krieg

Wann genau der Teressohn Sitalkes die Regierung angetreten hat, bleibt auch heute noch unsicher. Da uns Thukydides (IV, 101), der ja ein Zeitgenosse dieser Ereignisse war, noch Sparadokos als Bruder des Sitalkes überliefert und wir zudem Münzen mit der Aufschrift eines Sparadokos kennen, nehmen einige Forscher an, daß zwischen Teres und Sitalkes die relativ kurze Regierungszeit des Sparadokos einzuschieben sei. Ist dies richtig, so wären diese Prägungen zugleich die ältesten odrysischen Königsmünzen. Schon in die Frühzeit des Sitalkes und damit wohl bereits in die vierziger Jahre des j.Jh. v.u.Z. dürfte jenes Ereignis fallen, von dem uns Herodot (IV, 78—80) berichtet. Danach hatte ein uns namentlich nicht bekannter Bruder des Sitalkes Zuflucht am Hofe des Skythenherrschers Oktamasades gefunden. Dieser Skythenkönig hatte nun seinen Halbbruder Skyles entthront, der bei den Skythen unbeliebt war, da er griechische Sitten und Lebensweise bevorzugte. Um sein Leben zu retten, war Skyles nach Thrakien geflohen und fand bei Sitalkes Asyl. Als Oktamasades Anstalten machte, mit Waffengewalt die Auslieferung seines Halbbruders durchzusetzen und das Odrysenreich anzugreifen, kam auf Initiative des Sitalkes an der unteren Donau zwischen Thrakern und Skythen ein Ausgleich zustande, indem Skyles gegen den nach Skythien geflohenen Odrysenprinzen ausgetauscht wurde. Während Oktamasades, dessen Mutter übrigens eine Tochter des Teres war, den Skyles sofort töten ließ, wissen wir nicht, in welcher Weise Sitalkes mit dem ihm feindlich gesinnten Bruder verfuhr. Die ganze Episode ist insofern von spezifischem Interesse, als sie zeigt, daß der Odrysenkönig bestrebt war, einen Konflikt mit den Skythen zu vermeiden, um an seiner Nordostgrenze eine stabile Situation zu haben, die es ihm ermöglichte, im südwestthrakischen Raum aktiv zu werden. Konkret historisch fixierbar werden für uns einige außenpolitische Aktivitäten des Sitalkes in Verbindung mit Geschehnissen am Anfang des Peloponnesischen Krieges, der seit 431 v.u.Z. zwischen Athen und Sparta und ihren jeweiligen Verbündeten um die Vormacht in Griechenland ausgetragen wurde. Bereits im Sommer des Jahres 431 v.u.Z. waren die Athener bemüht, den Sitalkes auf ihre Seite zu ziehen. Sie bedienten sich dabei der Vermittlung des aus Abdera stammenden Nymphodoros, dessen Schwester mit dem Odrysenherrscher verheiratet war. Den herrschenden Kreisen in Athen lag offenbar sehr daran, daß dieses Bündnis zustande kam; denn Nymphodoros erhielt von Staats wegen eine Ehrung, und Sadokos, dem Sohn des Sitalkes, verlieh man das athenische Bürgerrecht. Damals wurde auch im Hafen von Athen (Piräus) offiziell der Kult für die thrakische Göttin Bendis eingerichtet. Wie uns der Philosoph Platon (Staat, 327—328) berichtet, fand am Abend des Festta-

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Ausdehnung des Odrysemeiches

ges, der jährlich Ende Juli zu Ehren dieser Gottheit gefeiert wurde, ein Stafettenlauf zu Pferde statt, indem brennende Fakkeln von Reiter zu Reiter gereicht wurden. Außer diesen und epigraphischen Zeugnissen besitzen wir aus Athen auch steinerne Reliefs, die diese Göttin abbilden, aber erst dem 4. Jh. v. u. 2. angehören (s. Bild 52). Nymphodoros gelang es gleichzeitig, die beiden miteinander verfeindeten Staaten Athen und Makedonien zumindest für kurze Zeit zu versöhnen. Obwohl Sitalkes versprochen hatte, die Athener mit Truppen auf der Chalkidike zu unterstützen, hören wir vorerst nichts von einem direkten militärischen Engagement der Odrysen. Zweifellos betrieb Sitalkes eine selbständige Politik und wollte sich nicht zum Erfüllungsgehilfen athenischer Interessen machen. In der Folgezeit verschlechterte sich jedoch das Verhältnis zwischen dem makedonischen und dem odrysischen König rapide, so daß der Odrysenkönig zu Wintersanfang des Jahres 429 v.u.Z. einen großen Feldzug nach Westen gegen Makedonien unternahm. Außerdem wollte Sitalkes auch seinen mit Athen eingegangenen Verpflichtungen nachkommen und den Krieg auf der Chalkidike in athenischem Sinne beenden. Doch dieses mit einem Truppenaufgebot von 150000 Mann ins "Werk gesetzte Unternehmen gegen Makedonien brachte nicht den erwünschten Erfolg und endete schließlich mit einem Vergleich, indem der Makedonenkönig Perdikkas seine Schwester Seuthes L, der ein Sohn des Sparadokos und somit ein Neffe des Sitalkes war, zur Frau gab. Ein thrakisches Truppenaufgebot hatte sich noch acht Tage auf der Chalkidike aufgehalten und das Land verwüstet, ohne hier jedoch kriegsentscheidend wirksam zu werden. Gewiß bestand das anvisierte Ziel des Sitalkes darin, sich die strategisch und wirtschaftlich wichtigen Gebiete an der unteren Struma zu sichern. Wenngleich der Feldzug auch keine entscheidenden politischen Resultate brachte, war er doch eine eindrucksvolle Demonstration odrysischen Militärpotentials und verfehlte nicht seine psychologische Wirkung auf die Nachbarn. Dieses Aufgebot setzte ein ausgedehntes Herrschaftsgebiet voraus, das Thutyclides (H, 9?) dann auch mit folgenden Worten umreißt: »Ihrer Ausdehnung nach erstreckte sich aber die Herrschaft der Odrysen an der Küste von der Stadt Abdera bis an den Pontos Euxeinos (Schwarzes Meer) und von dort bis zum Flusse Istros (d.h. der Donaumündung). Diese Strecke um das Land kann man auf dem kürzesten Weg bei immer günstigem Winde mit einem Handelsschiff in vier Tagen und ebenso viel Nächten zurücklegen; zu Lande aber könnte ein Mann, der gut zu Fuß ist, auf dem kürzesten Weg von Abdera an den Istros (hier Donaumündung) in elf Tagen gelangen. So groß war die Ausdehnung

Sitalkes' Ende Seuthes I.

Einkünfte des Odrysenreicbes

Medokos

Seuthes II.

an der Küste; landeinwärts aber von Byzantion bis zu den Laiaiern und bis zum Strymon (denn das ist vom Meer aus gerechnet die größte Entfernung) braucht ein rüstiger Wanderer dreizehn Tage.« Und weiter erfahren wir: »Denn von allen in Europa zwischen dem Ionischen Meerbusen (Adriatisches Meer) und dem Pontos Euxeinos liegenden Reichen ist dieses an Geldeinkünften und sonstigem Reichtum das größte, steht aber an militärischer Stärke und Größe des Heeres bei weitem an zweiter Stelle nach dem der Skythen.« Nach dem makedonischen Unternehmen vom Jahre 429/428 v.u.Z. erfahren wir nichts mehr von einem direkten Engagement des Sitalkes in Zusammenhang mit den Ereignissen des Peloponnesischen Krieges. Die Ordnung der innerthrakischen Angelegenheiten dürfte seine Kräfte nunmehr voll in Anspruch genommen haben. So finden wir den König im Jahre 424 v.u.Z. auf einem Feldzug gegen die thrakischen Triballer, der für die Odrysen mit einem Mißerfolg endete. Ob Sitalkes damals im Kampfe gefallen ist oder ob sein Neffe und Nachfolger Seuthes I. tatsächlich durch einen Umsturz an die Macht kam, bleibt unklar. Das Odrysenreich muß damals über beachtliche materielle Einkünfte verfügt haben, worüber uns folgendes aus authentischer Quelle berichtet wird: »Die Steuern, die von der gesamten einheimischen Bevölkerung und den griechischen Städten unter Seuthes aufgebracht wurden, der dem Sitalkes in der Herrschaft gefolgt war und die Abgaben aufs höchste gesteigert hatte, betrugen ungefähr vierhundert Talente Silber (etwa 18 860000 Reichsmark vor dem ersten Weltkrieg), wobei dies in Gold und Silber entrichtet wurde. Und nicht weniger als dies kamen Geschenke in Gold und Silber ein, ungerechnet die bunten und einfachen Gewebe und anderes Gerät, womit man nicht nur ihn (den König), sondern auch die Paradynasten (Unterkönige und Vasallen) sowie die Edlen der Odrysen zu beschenken pflegte« (Thukydides, II, 97). Seuthes I. dürfte ungefähr bis 410 v.u.Z. geherrscht haben. Danach ist als Odrysenkönig Medokos überliefert, von dem auch Münzen bekannt sind, die in Maroneia geprägt sein dürften (s. Bild 49). Offenbar ist mit ihm der Herrscher Amadokos identisch. Die Regierungszeit des Medokos währte noch bis in den Anfang der achtziger Jahre des 4. Jh. v.u.Z. und ist wesentlich charakterisiert durch das wechselvolle Verhältnis zum odrysischen Paradynasten Seuthes II. Zusammen mit etwa 10000 angeworbenen griechischen Söldnern hatte der Schriftsteller Xenophon im Jahre 401 v.u.Z. an dem Feldzug des persischen Prinzen Kyros teilgenommen, der das Ziel verfolgte, den Großkönig Artaxerxes III. zu stürzen. Nachdem Kyros gefallen und das Unternehmen fehlgeschlagen war, gelangten die

37 Achämenidische Silberamphore aus dem »KukuvHügel« von Duvanli (Bez. Plovdiv). Anfang des 5. Jh. v. u. 2.

Folgende Seiten: 38 Silberne Kanne von Borovo (Bez. Ruse). Zwischen 380 und 360 v. u. Z. 39 Silberrhyton mit Teilvergoldung aus dem »BasovHügel« von Duvanli (Bez. Plovdiv). Letztes Viertel des 5. Jh. v, u. Z.

40/41/42 Teilvergoldetes Silberrython mit Stierprotome (oben), Pferdeprotome (unten) und Sphinxprotome (folgende (Seite) aus Borovo (Bez. Ruse). Ungefähr zwischen 380 und 360 v. u. Z.

43 Dromos im Kuppelgrab vom Mal Tepe bei Mezek (Bez. Haskovo). Gegen Mitte des 4. Jh. v. u. Z. 44 Bronzeplastik eines verwundeten Ebers vom Kuppelgrab Mal Tepe bei Mezek (Bez. Haskovo). Drittes Viertel des 4. Jh. v. u. Z.

45 Silbervase (Skyphos) aus Strelca (Bez. Pazardzik). Zweites Viertel des 4. Jh. v. u. Z. 46 Löwenfigur auf einem Goldpektoral aus dem »Basov-Hügel« von Duvanli (Bez. Plovdiv). Letztes Viertel des 5. Jh. v. u. Z. 47 Rechte Partie der Figurenszene eines vergoldeten Silbergürtels, gefunden bei Lovec (Bez. Stara Zagora). Die Darstellung wiederholt sich in ungefähr gleicher Komposition auf der linken Seite. Wohl zweite Hälfte des 5. Jh. v. u. Z.

48 Münze des Thrakerstammes der Derrhonen. Ende 6./Anfang 5. Jh. v. u. Z. 49 Münze des Odrysenkönigs Amadokos 50 Münze des Odrysenkönigs Kotys I. Vorderund Rückseite

51 Darstellung auf einem Goldring aus einem Adelsgrab bei Brezovo (Bez. Plovdiv). Gegen 400 v. u. Z. 52 Weihrelief für die Göttin Bendis aus dem Piräus. Rechts Bendis, daneben der thrakische Gott Deloptes; die beiden kleineren Figuren links stellen Adoranten (Weihende) dar. Ganz oben sieht man von links nach rechts: den bocksgestaltigen Gott Pan, die drei Nymphen und den Gott Hermes mit dem Füllhorn. 329/328 v. u. Z.

53 Speertragende Krieger in thrakischer Tracht auf einer griechischen Vase. Darstellung auf der Nolanischen AmpHore des Phiale-Malers. Drittes Viertel des 5. Jh. v. u. Z.

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Bronzemünze des Hebryzelmis

Hebtyzelmis

Kotys I.

Griechen auf ihrem Rückmarsch unter Führung des Atheners Xenophon durch Armenien und das nördliche Kleinasien schließlich an die asiatische Seite von Bosporus und MarmaraMeer. Von dort setzten sie nach Europa über und traten im Spätherbst des Jahres 400 v.u.Z. für kurze Zeit in den Dienst des Thrakerfürsten Seuthes II., der bei Perinthos sein Lager aufgeschlagen hatte. Über seine Herkunft sagt dieser Herrscher in dem Bericht des Xenophon: »Maisades war mein Vater und dieser herrschte über Melanditen, Thynier und Tranipsier. Als nun das Odrysenreich schwächer wurde, ward mein Vater vertrieben und starb an einer Krankheit. Ich jedoch wurde als Waise bei Medokos, dem jetzigen König, aufgezogen« (Xenophon, Anabasis, VII, 2, 32). Danach war also Maisades ein Paradynast gewesen und muß als solcher in Südostthrakien wohl schon unter Sitalkes geherrscht haben. Seuthes II. erzählt weiter, daß er sich als Jüngling von Medokos Leute und Pferde erbat, mit denen er dann Beutezüge in das ihm angestammte Land unternahm und sich hier festzusetzen versuchte. So kamen ihm die griechischen Söldner sehr gelegen, da er mit ihrer Hilfe seine Herrschaft im Gebiet zwischen Salmydessos am Schwarzen Meer und dem Marmara-Meer stabilisieren konnte. Bisanthe war hier der wichtigste Küstenplatz, der zu den Besitzungen des Seuthes gehörte. Im Laufe der Zeit wurde dieser Paradynast gegenüber dem Odrysenkönig Medokos zunehmend unabhängig, was natürlich eine Verschlechterung des Verhältnisses zwischen beiden Herrschern zur Folge hatte und schließlich in offene Feindschaft ausartete. In den achtziger Jahren des 4.Jh. v.u.Z. erscheint dann Hebryzelmis auf der politischen Bühne des Odrysenreiches. Der chronologische Fixpunkt ist gegeben durch ein athenisches Dekret vom Jahre 386/385 v.u.Z. Trotz des fragmentarischen Erhaltungszustandes dieses Dokumentes wird deutlich, daß es um Verhandlungen und Absteckung der gegenseitigen Einflüsse im Bereich der südostthrakischen Küste ging. Aus der kurzen Regierungszeit des Hebryzelmis, die nur bis 383 v.u.Z. gewährt haben wird, zeugen noch Münzen mit seinem Namen. Die bekannten Exemplare wurden in Kypsela an der Marizamündung geprägt, weshalb man auch hier die Residenz dieses Odrysenkönigs vermutet. Unter dem Odrysen Kotys I. (383/382 bis 359 v.u.Z.), dessen verwandtschaftliche Beziehungen zu seinen Vorgängern nicht eindeutig zu klären sind, konnte sich die Königsmacht erneut konsolidieren. Jedenfalls zeigen die auf Kotys I. zu beziehenden antiken Schriftquellen — so problematisch ihre Interpretation im einzelnen auch sein mag — unmißverständlich, daß das Odrysenreich während dieser Jahrzehnte im nordägäischen Raum eine sehr aktive Rolle gespielt hat. Es ist jene Zeit, als Athen

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Nachfolger des Kotys

erneut an die Spitze eines Seebundes trat (378/377 v.u.Z.). Angesichts dieser politischen Konstellation erhielt das Verhältnis zu Athen und seinen Verbündeten für die odrysische Außenpolitik eine entscheidende Bedeutung. In den ersten Jahren seiner Regierungszeit muß Kotys I. zum athenischen Stadtstaat relativ gute Beziehungen unterhalten haben. Immerhin hatten die Athener ihm das Bürgerrecht ihrer Stadt verliehen und ihn mit der Überreichung eines goldenen Kranzes geehrt. Aber da der Odrysenherrscher auch seinerseits bestrebt war, im ägäischen Küstenbereich und an den Meerengen seine Macht weiter auszubauen und womöglich selbst die Rolle einer Seemacht zu spielen, mußte es früher oder später zum offenen Konflikt kommen. Auf der strategisch wichtigen thrakischen Chersones prallten die athenischen und odrysischen Interessen aufeinander. Seit ungefähr 365 v.u.Z. ging Kotys I. hier zu offener militärischer Aktion über. Nach Kämpfen mit wechselseitigem Erfolg war im Jahre 360 v.u.Z. der Odrysenherrscher dem Ziel, die gesamte Halbinsel unter seine Kontrolle zu bringen, schon greifbar nahe, und der Fall der letzten athenischen Positionen schien hier nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Da trat im Frühjahr 359 v.u.Z. unerwartet eine Wende ein, als Kotys I. durch zwei aus der Griechenstadt Ainos stammende Brüder ermordet wurde. Daß die athenische Diplomatie dabei ihre Hand im Spiel hatte, kann nicht bestritten werden; denn in Athen jubelte man über den gelungenen Anschlag und überhäufte die Königsmörder mit Ehren. Kotys I. hatte eine expansive Außenpolitk in umfassender Weise betrieben, die sich nicht nur auf den südwestthrakischen Raum allein konzentrierte, sondern auch nach Südwesten gerichtet war, wo er sich bemühte, aus den Wirren in Makedonien Vorteil zu ziehen. Noch in seinen letzten Tagen unterstützte er den Makedonenkönig Philipp II., der später seinen Sohn Kersobleptes stürzen und ganz Thrakien bezwingen sollte. Über die Aktivitäten des Kotys in den Gebieten nördlich des Balkangebirges sind wir dagegen kaum unterrichtet, da diese in den griechischen Schriftquellen naturgemäß kaum Widerspiegelung fanden. Als im Jahre 376/375 v.u.Z. jooooTriballer Abdera angriffen, wird auch der Odrysenkönig ein politisches Spiel dabei zu seinem Vorteil getrieben haben, das jedoch im Quellenmaterial nicht ganz deutlich wird und daher in der Forschung zu unterschiedlichen Interpretationen geführt hat. Dem Kotyssohn Kersobleptes gelang es nicht, das gesamte Erbe seines Vaters anzutreten. Sein Reich erstreckte sich im wesentlicl en nur auf den Ostteil, wo er ebenso wie Hebryzelmis und K< tys I. in Kypsela Münzen prägen ließ. Westlich schloß sich dai n zwischen Unterlauf der Mariza und der Meeresbucht östlich v DO Abdera — dem sogenannten Bistonischen See — die

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Eroberung Thrakiens durch Philipp II.

Entstehung des Odrysenreiches, eine gesetzmäßige Entwicklung

Herrschaft Amadokos' II. und seines Sohnes Teres II. an. Münzstätte war hier Maroneia. Der dritte an der unteren Mesta und weiter westlich davon zu lokalisierende Gebietsteil unterstand Berisades, dem 357/356 v.u.Z. seine Söhne in der Regierung gefolgt sein müssen, von denen Ketriporis am bedeutendsten war. In Fortsetzung der Politik seines Vaters führte Kersobleptes die Auseinandersetzungen mit den Athenern um die Chersones vorerst noch weiter. Der im Jahre 357 v.u.Z. zwischen den odrysischen Teilkönigen und Athen abgeschlossene Vertrag fixierte die thrakischen und athenischen Interessen an der ägäischen Nordküste und regelte auch die gegenseitigen Einflußsphären auf der Chersones. Aber nicht hier im Südosten wurde das künftige Geschick Thrakiens entschieden, sondern im Westen, wo Philipp II. von Makedonien seit 358 v. u.Z. sein Reich zu einem erstrangigen Machtfaktor auf der Balkanhalbinsel auszubauen begann. Bereits zwei Jahre später siedelte er in Krenidas, das zum Herrschaftsbereich des Ketriporis gehörte, makedonische Kolonisten an, benannte den Ort in Philippi um und schuf sich eine solide Ausgangsbasis für seine weiteren, gegen Thrakien gerichteten Unternehmungen. Am Ende all dieser Aktionen standen dann die makedonische Eroberung des südlichen Thrakerlandes und die vorläufige Beseitigung der odrysischen Eigenstaatlichkeit im Jahre 342/341 v.u.Z. Die Entstehung des Odrysenreiches ist in erster Linie als Ergebnis einer gesetzmäßigen Entwicklung zu werten, die sich innerhalb der südthrakischen Gesellschaft während der ersten Hälfte des i.Jahrtausends v.u.Z. vollzogen hatte. Denn die Staatsbildung der Odrysen besitzt direkte Vorläufer in staatsbildenden Prozessen, deren konkreter Ausdruck die Formierung von Stammesbünden gewesen war. Ihre Existenz kann zumindest für das 7. und 6.Jh. v.u.Z. keinem Zweifel unterliegen. Im Verlaufe dieser Zeit erhielt der Stammesadel immer deutlicher die Züge einer selbständigen Klasse, so daß er sich auf Grund seiner gesamten sozialökonomischen Situation von der übrigen Masse der Bevölkerung klar abgrenzte. Um die Mitte des I.Jahrtausends v.u.Z. dürfte besonders im Stammesgebiet der Odrysen der antagonistische Widerspruch zwischen herrschender Klasse — repräsentiert durch den Stammesadel — und den übrigen Stammesmitgliedern zumindest in seinen Grundzügen ausgeprägt gewesen sein. Um ihre ökonomische und politische Vorrangstellung nach innen und außen abzusichern sowie weiter auszubauen, konnte sich die Adelsklasse nur der Institution des Staates bedienen. Allerdings muß nachdrücklich betont werden, daß es sich dabei keineswegs um einen kurzfristigen historischen Akt, sondern vielmehr um einen längeren Prozeß gehandelt hat.

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Grenzen und Einfluß odrysischer Macht

Politische Struktur

Sozialökonomische Situation

Obwohl dieses erste größere Thrakerreich eine beträchtliche territoriale Ausdehnung besaß, darf man doch nicht vergessen, daß viele Stämme in leicht zu verteidigenden Gebirgsgegenden weitgehend unabhängig blieben. Hinzu kamen an den Küsten die ebenfalls autonomen griechischen Kolonien. Eine gewisse Abhängigkeit bestand allerdings in Steuerzahlungen, die jene Griechenstädte gegenüber den Odrysenherrschern und möglicherweise anderen lokalen thrakischen Dynasten zu leisten hatten. Außerdem werden auch Gebirgsstämme und viele an der Peripherie des Reiches lebende Völkerschaften dem König in unterschiedlichem Grade tributpflichtig gewesen sein. Gerade die in Griechenkolonien an der südthrakischen Küste geprägten odrysischen Königsmünzen müssen in erster Linie als Tributverpflichtungen dieser Städte gegenüber den thrakischen Herrschern gewertet werden. Es handelt sich dabei also um Prägungen, die vorrangig in den königlichen Schatzkammern deponiert wurden.9) Wie die innere Struktur des Odrysenreiches unter Teres beschaffen war, ist weitgehend unbekannt. Sieht man einmal von der Institution der Paradynasten ab, so sind auch für die folgenden Jahrzehnte nur sporadische Nachrichten überliefert. An der Spitze der herrschenden Klasse stand der König. Eine feste Hauptstadt hat es zu dieser Zeit noch nicht gegeben. Besonders unter Kotys I. haben Kypsela und Hieron Horos (heute Tekir dag) eine große Rolle gespielt. Doch sind gerade diese auf türkischem Staatsgebiet liegenden Orte archäologisch kaum erforscht. König sowie Stammesaristokratie besaßen faktisch unbeschränkte Verfügungsgewalt über Grund und Boden. Neben der Aristokratie treten die in dörflichen Gemeinden organisierten Bauern als zweite Hauptklasse hervor. Solche Dorfgemeinden setzten sich aus den einzelnen Familienkollektiven zusammen, die patriarchalisch organisiert waren, bei denen also dem männlichen Familienoberhaupt die Priorität zukam. Allerdings wird man in der Struktur dieser Gemeinden lokal bedingte Abweichungen annehmen müssen. Denn zweifellos gab es Gebiete, wo innerhalb der Gemeindebeziehungen starke gentilgesellschaftliche Elemente vorherrschten, während anderswo derartige Erscheinungen weitgehend zurückgedrängt waren. Die Gemeindebauern bewirtschafteten zwar relativ selbständig ihre Parzellen, sind aber gerade in ökonomischer Hinsicht mehr oder weniger der Stammesaristokratie verpflichtet gewesen und mußten sich von dieser auch außerökonomische Eingriffe gefallen lassen. Ein ungleich stärkeres Abhängigkeitsverhältnis ist freilich für die auf den Königs- und Adelsdomänen arbeitenden Bauern und Handwerker vorauszusetzen. Überhaupt müssen wir innerhalb der Bauernschaft mit einer breiten Palette von

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Siedlungen

Adelsgräber

Überlieferung bei Herodot

Archäologische Zeugnisse

verschiedenen Unterstellungsverhältnissen rechnen, die regional unterschiedliche Ausprägungen besessen haben dürften. Die Sklaverei war zwar schon bekannt, fand jedoch im Bereich der materiellen Produktion nur begrenzte Anwendung. Am ehesten wird man Sklaven in den häuslichen "Wirtschaften des Adels sowie in der Hofhaltung des Königs erwarten. Von den Siedlungen besitzen wir trotz umfangreicher Forschungen während der letzten Jahre noch keine detaillierte Vorstellung. Gerade größere Stammeszentren wie beispielsweise Kabyle oder Uskudama (vom 2.Jh. u.Z. ab Hadrianopolis) wurden auch später besiedelt, so daß die Anlagen aus dem 5. und 4.Jh. v.u.Z. nicht hinreichend untersucht oder sogar völlig unbekannt sind. Einen zuverlässigen Indikator für die veränderte gesellschaftliche Situation im südthrakischen Raum zwischen Balkangebirge und Ägäisküste bilden jetzt die Adelsgräber, die durch ihre reichen Beigaben und teilweise auch architektonische Gestaltung alles frühere in den Schatten stellen. An ihnen läßt sich auch ideell die Konstituierung des einheimischen Adels als herrschende Klasse ablesen. "Wie das Begräbnis der Adligen im einzelnen praktiziert wurde, erfahren wir von Herodot (V, 8): »Die Vornehmen unter ihnen bestatten sie auf folgende Art und Weise. Drei Tage stellen sie den Leichnam aus, schlachten mancherlei Opfertiere und halten dann einen Leichenschmaus ab, nachdem sie den Toten zuerst beweint hatten. Danach bestatten sie ihn, indem sie ihn entweder verbrennen oder auf andere Weise in der Erde bergen. Sie schütten einen Grabhügel auf und veranstalten mancherlei Leichenspiele, bei denen die höchsten Preise je nach Bedeutung des Einzelkampfes gestiftet werden. Dies ist also die Bestattungsart der Thraker.« Demnach waren also Brand- und Körperbestattung gleichermaßen beliebt, was im archäologischen Befund seine glänzende Bestätigung findet. Ähnlich wie in den Bestattungsformen gab es auch in der Gestaltung des Grabes keine feste Norm. Neben einfachen Grabgruben mit und ohne Holzverkleidung existierten auch rechteckige, mit Quadersteinen ausgemauerte und abgedeckte Grüfte. Als eine Fortsetzung der monumentalen Grabarchitektur, wie sie uns in den Dolmen der frühen Eisenzeit begegnet, sind vor allem die aufwendigen Grabbauten des 5. und 4.Jh. anzusehen. Womöglich noch in die erste Hälfte des 5.Jh. v.u.Z. gehört das aus Steinquadern errichtete Grabmal in einem Hügel bei Tatarevo (Bez. Haskovo). In die viereckige Grabkammer gelangt man durch einen kurzen Korridor (Dromos) und einen Vorraum. Während der Dromos flach gedeckt ist, besitzen Grab- und Vorgrabkammern ein sogenanntes falsches Gewölbe, indem hier die aufeinandergeschichteten Steinblöcke nach oben immer

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Maiereireste von Kalojanovo

Grab von Kalojanovo

weiter vorkragen und somit schließlich die Räume abschließen. An ihren von unten sichtbaren Seiten sind dann jene Steinreihen abgeschrägt, so daß innen das Gewölbe einem Satteldach gleicht. Aus dem zweiten Viertel des 4.Jh. v.u.Z. kennen wir ein anderes, in seinem Grundriß ebenfalls viereckiges Steingrab, das in einem Hügel beim Dorfe Kalojanovo (Bez. Sliven) entdeckt wurde und sich durch reiche Beigaben auszeichnet, die eine ungefähre Datierung erleichtern. Im Vorraum hatte man das Reitpferd des in diesem Grabe beigesetzten Odrysenfürsten begraben. Interessant ist aber vor allem die Tatsache, daß uns die Untersuchungen in Kalojanovo den Nachweis von Resten einer Wandmalerei erbracht haben. Größter Beliebtheit erfreute sich im 4.Jh. v.u.Z. der mit einer bienenkorbförmigen Kuppel gedeckte runde Grabraum. Das eindrucksvollste thrakische Kuppelgrab dieser Art wurde im Mal Tepe (Schatzhügel) beim Dorfe Mezek (Bez. Haskovo) entdeckt und dürfte gegen Mitte des 4.Jh. v.u.Z. errichtet worden sein (s. Bild 43). Der 20,65 m lange Dromos und die beiden viereckigen Vorkammern sind mit einem satteldachförmigen falschen Gewölbe aus sorgfältig behauenen Steinen bedeckt. Überhaupt stellt diese Anlage in gewisser Hinsicht einen Höhepunkt in der thrakisch-odrysischen Grabarchitektur dar. Im Kuppelraum sieht man noch heute ein steinernes Totenbett sowie rechts und links davon je eine Steinkiste. Obwohl sich sogar einige kostbare Grabbeigaben gefunden haben, besitzen wir von den ursprünglichen Bestattungen selbst keine direkten Zeugnisse. Gegen Ende des 4.Jh. v.u.Z. wurden in den beiden Vorkammern zwei Brandgräber mit relativ reichem Inventar angelegt und dabei wohl auch einschneidende Veränderungen bei den Primärbestattungen vorgenommen, so daß ihr ursprünglicher Zustand nicht ganz eindeutig zu rekonstruieren ist. Gänzlich ausgeraubt war dagegen das ungefähr in der zweiten Hälfte des 4.Jh. v.u.Z. errichtete Kuppelgrab von Välcepol (unweit

Grabmal von Tatarevo

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Kuppelgrab im Mal Tepe bei Mezek

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Kuppelgrab von Välccpol Kuppelgrab aus Raklica

Kuppelgrab bei Lozengrad/Kirklareli

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Steinrelief vom Thrakergrab bei Strelca mit der Darstellung eines Löwengreifen

von Mezek). Im Unterschied zur älteren Anlage im Mal Tepe fehlt hier der Dromos. Dafür zeigt aber der viereckige Vorraum eine äußerst interessante Deckenkonstruktion. Die thrakischen Meister haben dort mit vorkragenden und sorgfältig behauenen Steinplatten, die jeweils über Eck gelegt worden sind, eine sogenannte falsche Kuppel geschaffen. Diese kantige Konstruktion steht in einem ästhetisch wirkungsvollen Gegensatz zur Rundkuppel des Hauptraumes. Eine Scheinkuppel ganz anderer Art läßt sich bei einem Grab von Raklica (bei Lozengrad/Kirklareli) im heutigen türkischen Thrakien nachweisen. Dabei sind die vorkragenden Quaderreihen des in seinem Grundriß kreisförmigen Grabraumes an der Kuppelinnenseite abgeschrägt, um somit den Eindruck eines tatsächlich gewölbten Kuppelraumes vorzutäuschen. Vom technischen Standpunkt aus gesehen, ist dies natürlich eine frühere Stufe als die bienenkorbförmigen Kuppeln von Mezek und Välcepol. Allerdings können daraus nicht immer ganz konkrete Datierungsanhaltspunkte gewonnen werden, weil man dabei auch die Langlebigkeit älterer Konstruktionsformen berücksichtigen muß. So kann man bei der zeitlichen Fixierung der Anlage von Raklica zwischen dem Beginn und der Mitte des 4. Jh. v.u.Z. schwanken. Sicher in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts gehört dann ein weiteres Grab aus Lozengrad/Kirklareli, das ein schönes Beispiel für die Anwendung der echten Kuppel, die sich nunmehr durchgesetzt hatte, bietet. Aber damit kommen wir ähnlich wie bei dem Denkmal aus Välcepol schon in die Zeit der makedonischen Herrschaft. Ein hochinteressantes thrakisches Fürstengrab aus dem 4.Jh. v.u.Z. wurde erst vor einigen Jahren im sogenannten Froschhügel bei Strelca (Bez. Pazardzik) der Wissenschaft erschlossen. Es handelt sich dabei um eine an der Peripherie der Hügelschüttung gelegene Anlage, die aus viereckiger Vorkammer und Kuppelraum besteht. Zwar war das Grab ausgeraubt, doch konnte man immerhin die Skelette dreier Pferde, von denen zwei vor einen vierrädrigen Wagen gespannt waren, freilegen. Diese Pferdebestattungen befanden sich vor der eigentlichen, aus Steinblöcken errichteten Grabanlage. Besonders bemerkenswert ist ferner die Tatsache, daß das Grabmal eine mit Reliefdekor verzierte Steinfassade besaß. Hierzu muß die schon im Jahre 1958 zufällig entdeckte Kalksteinplatte mit der Darstellung eines Löwengreifen ohne Schulterflügel gehören. Das Mausoleum von Strelca war nicht nur ein Grab schlechthin, sondern auch Kultstätte für den bzw. die dort bestatteten Vertreter des einheimischen Adels. Gemäß der herrschenden Vorstellung lebten exponierte Repräsentanten des Stammesadels nach ihrem Tode in gottähnlicher Existenz fort und galten somit als Heroen. Daher ist es durchaus gerechtfertigt, das

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Der Ostbalkanraum m der

Hälfte des i Jahrtausends

V.U.Z.

monumentale thrakische Adelsgrab überhaupt als Wohnung und Verehrungsstätte für den Heros — also als Heroon — aufzufassen. Natürlich war die Heroenverehrung keineswegs auf den thrakischen Bereich beschränkt gewesen. Sie findet sich bei vielen Völkern und ist auch in Griechenland zu belegen, wo die Heroen den Lebenden schaden oder helfen konnten. In der thrakischen Gesellschaft dieser Zeit ist sie eng mit dem Ahnenkult der herrschenden Stammesaristokratie und dem dynasti. . . , , , , , T, . sehen Kult der Könige verbunden und dementsprechend wesentlicher Bestandteil der Adelsideologie.

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Vorbildwirkung griechischer Kunst

Rhyta

Rhyton von Rosovec

Gelegentlich dürften sogar freiplastische Skulpturengruppen in Verbindung mit der Grabanlage existiert haben. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß beim Kuppelgrab vom Mal Tepe die Großbronze eines verwundeten Ebers gefunden wurde, die ebenfalls noch im 4.Jh. v.u.Z. entstanden ist (s. Bild 44). Zweifellos muß hierzu noch die Darstellung des Jägers gehört haben, der sicherlich beritten war. Da besonders in Thrakien der Heros im Bilde des Reiterjägers erscheint, können wir diese Gruppe als zusätzlichen Beweis für die Interpretation dieses großartigen Kuppelgrabes als Heroon werten. Der Reliefschmuck von Strelta, die Eberfigur von Mezek oder die Reste von Wandmalerei in Kalojanovo und anderswo sind ohne die Vorbildwirkung griechischer Kunst undenkbar. Auch viele der in thrakischen Adelsgräbern gefundenen Metallgegenstände wurden nicht direkt im Binnenlande gearbeitet, sondern stammen aus griechischen Handwerkszentren, die besonders an der nördlichen Ägäisküste und speziell im Gebiet der Propontis existiert haben dürften. Es liegt auf der Hand, daß gerade jene Ateliers, die hauptsächlich für thrakische Bestellungen tätig waren, auf die spezifische Vorstellungswelt ihrer fürstlichen Auftraggeber eingegangen sind. Das zeigen auch die Rhyta. Solche Trinkhörner waren besonders in Persien, bei den Skythen und in einigen Teilen Kleinasiens verbreitet, während sie sich bei den Griechen keiner großen Beliebtheit erfreuten und offenbar als barbarisch galten. Ein derartiges Rhyton aus Silber mit Vergoldung kennen wir aus dem »BaSovHügel« von Duvanli (s. Bild 39). Es wurde ungefähr im letzten Viertel des j.Jh. v.u.Z. von einem griechischen Toreuten für Vertreter des hessischen Adels gearbeitet. Durch die kleine Öffnung zwischen den Vorderfüßen des Pferdes konnte aus dem gefüllten Gefäß der ungemischte Wein ausgegossen werden. Nur wenige Jahre später ist ein weiteres, gleichfalls reich vergoldetes Silberrhyton entstanden, das in Form eines Hirschkuhkopfes gebildet ist und in einem Adelsgrab bei Rosovec (Bez. Plovdiv) schon im vergangenen Jahrhundert gefunden wurde. Die Verschiedenartigkeit beider Stücke ist keineswegs entwicklungsbedingt zu werten, sondern darin zu suchen, daß wir es hier mit zwei grundliegenden Gruppen von Rhyta zu tun haben, die bereits im späten j. bzw. frühen 4.Jh. v.u.Z. in Thrakien parallel nachweisbar sind. Die Rhyta besaßen hier eine eindeutig religiös-symbolische Funktion. In diesem Zusammenhang hat man schon früh auf Darstellungen einiger Goldringe verwiesen, wo analog zum Skythischen das Rhyton als Herrschaftssymbol verstanden werden muß, das dem Dynasten von der Gottheit verliehen wird. So erkennt man auf dem Goldring, der in einem Hügelgrab bei Brezovo (Bez. Plovdiv) gefunden wurde und in das ausgehende

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Pektomle

5-Jh. v.u.Z. zu datieren ist (s. Bild 51), eine Göttin mit Rhyton in der Linken. Offenbar ist sie im Begriff, diesen Gegenstand dem rechts von ihr befindlichen Reiter zu überreichen, um somit dessen Herrschaftsrechte zu legitimieren. Natürlich bedeutet das keineswegs, daß wir in diesem und in anderen Fällen Königsbestaltungen vor uns hätten, sondern wohl doch nur allgemein die Sanktionierung des Führungsanspruches von Vertretern der Stammesaristokratie in der Gesellschaft. Zum Inventar der reichen Adelsgräber gehört häufig die goldene Brustplatte (Pektoral). Sie kann unterschiedliche Form, Größe und Verzierung aufweisen. Die Mehrzahl der ungefähr 30 aus Bulgarien bekannten Exemplare wurde in Gräbern südlich des Balkangebirges gefunden. Außer ihrer unbestreitbaren Bedeutung als Standes- und Statussymbol verdienen diese Pektorale vor allem deshalb unsere Aufmerksamkeit, weil an ihnen in augenfälliger Weise die Eigenwertigkeit des thrakischen Kunstschaffens hervortritt. Die Löwenfigur auf dem im »BaSovHügel« von Duvanli entdeckten Pektoral hat nichts mit griechischer Kunst zu tun (s. Bild 46). Hier orientierte sich der Meister unverkennbar an persischen Vorbildern. Einzelne Körperteile wie Kopf, Mähne, Schulterblatt und Pranken zeigen eine starke ornamentale Gestaltung, die jedoch die Tierfigur in ihrer Einheit keineswegs auflöst, sondern im Gegenteil den symbolischen Aussagegehalt durch den Eindruck geballter Kraft erhöht. Ganz anders ist dagegen eine Brustplatte gearbeitet, die aus einem Grabfund bei Staro selo (Bez. Sliven) stammt. Das Exemplar gehört mit zu den ältesten in Thrakien bekannten Stücken dieser Art und dürfte schon im frühen 5.Jh. v.u.Z. entstanden sein. In der Mitte erkennt man einen mit Fischgrätenmuster markierten Stamm, dem sich seitlich spitzwinklige Dreiecke anschließen. Überzeugend wurde diese Darstellung als Lebensbaum interpretiert. Interessant ist ferner, daß an den Randleisten zwischen den Lotosblüten ein Motiv erscheint, das seiner Form nach Ohrringen aus dem »Kukuv-Hügel« von Duvanli

Goldpektoral von Staro selo

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Ohrring aus dem »KukuvHügel« von Duvanli

Tierstil

Zierplatte aus Brezovo

Applikation aus Brezovo

gleicht, die ebenfalls in das frühe 5.Jh. v.u.Z. zu datieren sind. Wie wir gesehen haben, gibt es mehrere Beispiele, wo dem thrakischen Adelskrieger sein Reitpferd oder sogar das Gespann mit in den Tod folgten. Die Bedeutung des Tieres ist hier vielschichtig. Einmal spielte es im Totenglauben eine Rolle und war Attribut des Heros, zum anderen hatte das Pferd die Funktion eines gesellschaftlichen Statussymbols. So überrascht es keineswegs, wenn man das Zaumzeug reich verzierte, um somit auch auf diese Weise den Stellenwert des Tieres und den sozialen Rang seines Besitzers zu dokumentieren. Von großem künstlerischem Interesse sind dabei bronzene, silberne und sogar goldene Zierplatten, weil an ihnen das spezifisch Thrakische deutlich sichtbar wird. Man kann sogar sagen, daß ein großer Teil von Erzeugnissen, die dem sogenannten Tierstil in Thrakien angehören, durch derartige Denkmäler repräsentiert wird. Allerdings erscheinen solche Applikationen im Fundmaterial erst im späteren 5.Jh. v.u.Z., als auch die Pferdebestattungen häufiger werden. In den südbulgarischen Gebieten, die während des ausgehenden 5. und der ersten Hälfte des 4.Jh. v.u.Z. zum Bestand des Odrysenreiches gehört haben, sind uns solche Verzierungsstücke beispielsweise aus Hügelgräbern von Brezovo, Orizovo (Bez. Stara Zagora) und Mezek bezeugt. Auf einer silbernen Zierplatte aus Brezovo erkennen wir ein Reh, das, entsprechend den im thrakischen Tierstil verankerten ästhetischen Prinzipien, nun nicht in Anlehnung an das Naturvorbild wiedergegeben worden ist, sondern vom Toreuten in einer unwirklich anmutenden, bizarren, aber um so aussagekräftigeren Bewegung dargestellt wird. Die Tierfigur ist gemäß ihrer dekorativen Funktion rein ornamental aufgefaßt und steigert dadurch die magisch-symbolische Aussagekraft des Bildes. Eine Kunst mit derartigen Intentionen bleibt natürlich nicht bei der phantastischen Gestaltung des Tierbildes schlechthin stehen. Es liegt durchaus in ihrem Sinne, einzelne, charakteristische Elemente des Tierkörpers aus dem Ganzen herauszulösen und sie zu verselbständigen. Dies ist beispielsweise der Fall bei anderen Applikationen aus Brezovo, wo zwei Raubtierläufe mit dem hufeisenförmig stilisierten Schulterblatt als selbständiges Bildmotiv auftreten. Eine weitere Möglichkeit, auf die wir bereits hingewiesen hatten, ist die Kombination von Tierleibern. Hierfür können silberne Plättchen, die ebenfalls zum Riemenschmuck gehörten und im »Mittleren Hügel« bei Mezek gefunden wurden, als Belegstücke angeführt werden. Die Löwenköpfe sind in gleicher Weise wiedergegeben, wie dies bei dem Goldpektoral aus dem »BaSov-Hügel« von Duvanli der Fall ist. Schließlich kann die Ornamentalisierung auch bewirken, daß man nur noch schwer oder kaum feststellen kann, welche

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Bild des Menschen

Tierapplikation aus dem »Mittleren Hügel« bei Mezek

Teile von Tierkörpern den Meistern als Ausgangspunkt für ihr neues, zu einer unauflösbaren Einheit verschmolzenes Gebilde gedient haben. Der sogenannte Tierstil, wie er uns hauptsächlich in Applikationen zum Zaumzeug der Pferde entgegentritt, bildet nur einen Teilkomplex thrakischen Kunstschaffens. Im 5. und dann besonders während des 4.Jh. v.u.Z. spielt auch das Bild des Menschen auf toreutischen Werken eine gewisse Rolle. Doch sind Gestaltungen, die außerhalb der Normen griechischer Kunstauffassungen stehen, in den Gebieten südlich des Balkangebirges nicht allzu häufig. Um so größere Aufmerksamkeit beansprucht ein vergoldeter Silbergürtel, der beim Dorfe Lovec (Bez. Stara Zagora) gefunden wurde (s. Bild 47). Dargestellt ist eine Eberjagd — ein Thema also, das man auch bei der freiplastischen Gruppe von Mezek voraussetzen darf. Die Figurenkomposition entwickelt sich auf diesem Gürtel symmetrisch zu beiden Seiten eines Lebensbaumes. Schon dieses Motiv sowie die knienden Bogenschützen verraten östliche und wohl speziell achämenidische Herkunft. Ferner ist die Zerlegung der Szene und die Abtrennung der Figuren in selbständige Komplexe zumindest in dieser Form ungriechisch. Das alles gibt uns natürlich nicht das Recht, die Darstellung als ungekonnt zu disqualifizieren, weil das Anliegen des thrakischen Meisters nicht mit Maßstäben der gleichzeitigen griechischen Kunst gemessen werden darf. Ging es doch vielmehr darum, größtmögliche Expressivität zur Verdeutlichung des Symbolgehaltes in diesem Jagdgeschehen zu erreichen. Denn daß hier jener Vorstellungskomplex zugrunde liegt, der den Sieg des Heros über die gegnerische Macht — verkörpert durch den Eber — versinnbildlichen soll, kann wohl keinem Zweifel unterliegen. Es ist eine Aktion, die sich in ihrem symbolischen Gehalt auf den adligen Reiterkrieger, nicht jedoch auf die Masse der bäuerlichen Bevölkerung bezieht. Dieser gesamte, mit dem Wirkungsbereich des göttlichen bzw. heroisierten Jägers zusammenhängende Komplex ist in vorrömischer Zeit eindeutig sozial determiniert und Ausdruck elitärer Adelsideologie.

Silberschale aus Vraca

I IO

Gefäße des Kotys

Das Bild des Menschen erscheint in der thrakischen Kunst jedoch nicht ausschließlich in Aktion oder in seiner körperlichorganischen Ganzheit, sondern kann auch in symbolisch-ornamentaler Funktion auftreten. Damit existieren gewisse Analogien zur Tierstildekoration. Ein interessantes Beispiel aus den Gebieten südlich des Balkangebirges bietet eine Silbervase aus Strelca (s. Bild 45). Hier erkennen wir im Dekor neben Palmetten und Widderköpfen auch aneinandergereihte Frauenköpfe. Überraschend ist dabei, daß diese weiblichen Köpfe ihre absolute Entsprechung bei den agierenden Frauenfiguren auf dem Rhyton von Poroina (Bez. Mehedinji) in Rumänien haben, so daß man mit Recht die Herkunft beider Stücke aus ein und derselben Werkstatt angenommen hat. Für die Kenntnis des toreutischen Schaffens im Auftrage des odrysischen Königshofes besitzen interessanterweise gerade einige in den Gebieten zwischen Balkangebirge und Donau gefundene Silbergefäße eine besondere Bedeutung. In durchaus überzeugender Argumentation bezog vor einigen Jahren der bulgarische Archäologe I.Venedikov die Buchstabengruppe KOTYOS auf Silberschalen (Phialen) aus Fürstenbestattungen von Vraca und Agighiol (Bez. Tulcea) auf den Odrysenkönig Kotys I. (Kotyos, Gen. von Kotys) und deutete die Buchstaben

Persisches Stierrhyto;

III

Phiale von Branicevo

Fund von Borovo

ETBEOY bzw. EGBEO in Vraca und Agighiol als den Namen des thrakischen Meisters Egbeos, der diese Gegenstände hergestellt hätte.I0) Entsprechend dieser Interpretation müßte eine weitere Schale aus Aleksandrovo (Bez. Lovec) vom Toreuten Engeiston ebenfalls im Auftrage des Odrysenherrschers Kotys I. gearbeitet worden sein. Offenbar kamen diese Stücke zusammen mit anderen kostbaren Metallerzeugnissen als Geschenke des odrysischen Königs in die Hände nordthrakischer Stammesfürsten und können somit als Zeugnisse für die diplomatischen Aktivitäten Kotys I. in diesen Gebieten, die damals wohl nicht mehr zum Odrysenreich gehörten, gewertet werden. Eine andere Phiale aus Brani£evo (Bez. Sumen) müßte nach der von Iv. Venedikov vorgeschlagenen Lesung auf den odrysischen Teilkönig Amadokos II. zu beziehen sein, der damit die Praktiken seines großen Vorgängers weiterführte. In diesem Zusammenhang verdient der im Jahre 1974 beim Dorfe Borovo (Bez. Ruse) entdeckte Schatzfund von mehreren Silbergefäßen spezifisches Interesse. Denn zwei Rhyta, die in ein Pferde- (s. Bild 41) bzw. Sphinxvorderteil (s. Bild 42) auslaufen, sowie eine Vase mit reichem Bildschmuck tragen wieder Inschriften. Demnach wurden diese Gegenstände von demselben Egbeos (hier Gen. EXBEO und EBEO) ebenfalls für Kotys I. angefertigt. Dem entspricht auch die Tatsache, daß beide Rhyta stilistisch übereinstimmen. Dagegen unterscheidet sich ein drittes Rhyton mit Horizontalkanneluren und dem Vorderkörper eines Stieres beträchtlich von den anderen zwei Exemplaren (s. Bild 40). Gerade dieses Stierrhyton von Borovo ähnelt in besonders starkem Maße achämenidischen Werken und kann als ein instruktives Zeugnis für den persischen Kunsteinfluß im Thrakerlande gewertet werden. Allerdings wird es sich hier nicht um direkten orientalischen Import handeln, da auch bei diesem Stück Elemente griechischer Kunst erkennbar sind. Selbst wenn wir nicht den inschriftlichen Nachweis auf zwei Rhyta und einer Vase, die übrigens unten eine Öffnung besitzt und somit ebenfalls als Rhyton angesehen werden kann (s. Bild 3 8), besäßen, würde man diese Gefäße aus Borovo kaum als Produkte einer Werkstatt aus dem unteren Donauraum ansehen. Denn der thrakische Toreut dieser Gebiete gestaltete das Bild des Menschen mehr in einer primitiv-realistischen Sicht, indem er zwar Einzelheiten der Kleidung, des Gesichtes usw. mit aller wünschenswerter Eindeutigkeit darstellte, den organisch-körperhaften Gestaltaufbau aber, der für die griechische Kunstübung bezeichnend ist, negierte und diesem seine eigenen ästhetischen Normen entgegenstellte. Demgegenüber steht jene, im Auftrage des Odrysenherrschers Kotys I. gearbeitete Vase deutlich in griechischer Kunsttradition. Doch zeigt dieses Stück andererseits, daß es der Meister nicht

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Silberkanne von Borovo: Dionysos hält in seiner erhobenen Rechten ein Sphinxrhyton Silen hält in seiner erhobenen Rechten ein Greifenrhyton

verschmähte, seinen Figuren sogar derb-realistische Züge zu verleihen. Dies wird bei der Wiedergabe des bärtigen Gottes Dionysos, der in seiner Rechten ein Sphinxrhyton hält, und eines dickleibigen Silens, in dessen rechter Hand ein Greifenrhyton zu erkennen ist, offenkundig. Die Verwendung von Rhyton und Phiale beim göttlichen Gelage sowie überhaupt die gesamte inhaltliche Konzeption der Darstellung, die auf den besonders in Südthrakien so populären Dionysoskult zu beziehen ist, müssen eng mit dem Thrakertum und seiner religiösen Vorstellungswelt verbunden werden. Aber wie besonders die Gefäßformen beweisen, hat neben der griechischen auch die achämenidische Kunst eine beachtliche Vorbildwirkung auf das Schaffen dieses im Dienste des odrysischen Königshofes stehenden toreutischen Ateliers ausgeübt. Solche Werkstätten dürften am ehesten in den Küstenstädten des südöstlichen Thrakien und nordwestlichen Kleinasien zu lokalisieren sein, wo achämenidisch-persisches und hellenisches Formengut direkt aufeinandertrafen. Dieses Gebiet an den Meerengen war also nicht nur in strategischer, sondern auch in ökonomischer Hinsicht und somit nicht zuletzt dank seiner blühenden Kunstproduktion für die thrakisch-odrysische Aristokratie von größter Bedeutung. Gerade vor diesem Hintergrund wird uns der zähe Kampf, der in jener Zeit um den Besitz der Chersones geführt wurde, noch verständlicher.

5 KULTUR UND KUNST DER THRAKER IM UNTEREN DONAURAUM VOM 6. BIS ZUM 4JAHRHUNDERT V U.Z. Geten

Triballer Mösier

Unter den thrakischen Völkerschaften dieser Gebiete stellen die Geten, deren "Widerstand selbst Dareios auf seinem Skythenfeldzug brechen mußte, die zahlenmäßig umfangreichste ethnische Gruppe dar. Ihr Siedlungsgebiet reichte vom Nordrand des östlichen Balkangebirges bis in die Karpaten und im Osten sogar bis zum Dnestr. Der Volksname ist uns hauptsächlich aus griechischen Schriftquellen bekannt und fand dort gelegentlich auch Anwendung auf jene nordthrakische Bevölkerung, die im eigentlichen Karpatengebiet und in Transsilvanien siedelte und von den Römern als Daker bezeichnet wurde. Geten und Daker besaßen gleiche Sprache und Religion, so daß man heute vielfach von Geto-Dakern spricht. Doch wird dieser Terminus vorzugsweise für das Großreich des i. Jh. v.u.Z. gebraucht, während die südkarpatischen und transsilvanischen Stämme des i. und 2. Jh. u.Z. generell Daker genannt werden. Im heutigen Nordwestbulgarien und im anschließenden Ostserbien saßen die thrakischen Triballer. Dagegen haben östlich vom Flusse Iskär die Mösier gesiedelt, denen wir bereits im Zusammenhang mit Völkerverschiebungen der späten Bronzezeit begegnet waren. Außerdem sind uns in antiken Schriftquellen noch weitere Stämme überliefert, die teils zu größeren Völkerschaften gehörten, teils aber auch getrennt existierten. Wie die archäologischen Denkmäler in ihrer Gesamtheit beweisen, hatten all diese nordthrakischen Völkerschaften und Stämme um die Mitte des i. Jahrtausends v.u.Z. ein beachtliches Niveau in ihrer sozialökonomischen und kulturellen Ent-

Archäologische Zeugnisse aus der Mitte des I.Jahrtausends v. u. Z,

Drehscheibenkeramik aus Dobrina

wicklung erreicht. Von entscheidender Bedeutung war dabei die weitere Ausbreitung der Eisenmetallurgie, so daß dieses Metall bei der Herstellung von Werkzeugen und Waffen nun in größerem Umfang als früher Anwendung fand. Desgleichen läßt sich in der Keramikproduktion ein wichtiger Fortschritt feststellen, indem während des 6. Jh. v.u.Z. — vermittelt durch griechischen und südthrakischen Einfluß — die Töpferscheibe allmählich übernommen wurde. Schon die Hügelgräber von Sofronievo (Bez. Vraca) und Belogradec (Bez. Varna) konnten als eindeutige Zeugnisse für die Formierung eines mächtigen Reiteradels, der auch im Grabkult seine exponierte gesellschaftliche Rolle dokumentierte, gewertet werden. In der Folgezeit verstärkte sich die Entwicklung. Doch haben wir für die Entstehung eines Staates im niederdonauländisch-südkarpatischen Raum während des 5. und 4. Jh. v.u.Z. keine eindeutigen Beweise. Die Klassenstruktur war hier offenbar noch nicht in dem Maße ausgeprägt, wie dies zumindest im odrysischen Gebiet der Fall gewesen sein muß. Dem thrakischen Stamm der Krobyzen darf man wohl die Hügelnekropole beim Dorfe Dobrina und das Gräberfeld bei Ravna (beide Bez. Varna) zuschreiben. Die Nekropolen mit Leichenbrand wurden vielleicht schon am Ende des 7. Jh. v.u.Z. angelegt und haben während des gesamten 6.Jh. v.u.Z. existiert, wobei Ravna noch bis ins 4. Jh. v.u.Z. fortdauerte. Obwohl beide Anlagen nur 10 bzw. 25 km von der Griechenstadt Odessos entfernt sind, läßt sich im ganzen doch eine relative Eigenständigkeit feststellen. Denn abgesehen von der Übernahme der Töpferscheibe durch die einheimischen Meister, hat nur Dobrina einige wenige Stücke griechischer Importkeramik geliefert. In Ravna besteht fast die Hälfte der ausgegrabenen Brandgräber aus Steinkisten. Solche Steinkistengräber mit Brandbestattung sind auch aus Fundorten des Bezirkes Sumen bekannt und datieren hier ebenfalls ins 5. und 4. Jh. v.u.Z.

Steinkistengrab von Ravna

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40 cm

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Grabanlage von Ruec

Tierstil im 5. Jh. v. u. Z.

In dieser Gegend wurde im Jahre 1965 ein sensationeller Fund gemacht, als nämlich beim Dorfe Kjolmen (Bez. Sumen) ein aus Steinplatten errichtetes viereckiges Brandgrab aufgedeckt wurde, bei dem die eine Platte mit einer thrakischen Inschrift in griechischen Buchstaben versehen war (s. Bild 125). Wir werden später in anderem Zusammenhang dieses unikale Denkmal noch zu würdigen haben. Hier sei lediglich angemerkt, daß unser epigraphisches Dokument in das 6. Jh. v.u.Z. datiert und damit das älteste thrakische Zeugnis dieser Art ist. Zweifellos handelt es sich um die Grabstätte eines getischen Adelskriegers, was auch die Reste einer Rüstung sowie Schwert und Lanze bezeugen. Wie aus dem bereits zitierten Bericht des Thukydides über die Ausdehnung des Odrysenreiches hervorgeht, gehörte zumindest während der zweiten Hälfte des 5. Jh. v.u.Z. ein Großteil der Gebiete zwischen Donau und Balkangebirge zu diesem ersten thrakischen Großreich. Dementsprechend läßt sich in der Kultur eine relativ starke Orientierung nach Süden erkennen. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die unter einer Hügelschüttung entdeckte Grabanlage von Ruec (Bez. Tärgoviste) aus dem letzten Viertel des 5. Jh. v.u.Z. Ähnlich wie bei Grabbauten in Südbulgarien finden wir hier eine aus Steinquadern errichtete Grabkammer, die mit gegeneinander gestellten Steinplatten in Form eines Satteldaches abgedeckt ist. Interessant ist ferner die Tatsache, daß damals ungefähr parallel sowohl im Süden als auch im Norden des Balkangebirges kunstvoll gearbeitete Applikationen, die meist im sogenannten Tierstil ausgeführt sind, am Zaumzeug der Pferde erscheinen. In Nordbulgarien verdient unter den bisher bekannten Zeugnissen aus der zweiten Hälfte des 5. Jh. v.u.Z. ein Fund im Grabhügel beim Dorfe Lazar Stanevo (Bez. Lovec) besondere Aufmerksamkeit, weil dort von den Ausgräbern die ursprüngliche Anordnung der Bronzeverzierungen an den Lederriemen, die auch in diesem Falle nicht mehr erhalten waren, rekonstruiert werden konnte. Freilich läßt sich der Tierstil nicht ausschließlich bei solchen Applikationen nachweisen. So hatte man damals schon Becher mit reicher und phantastischer Tierdekoration verziert. Dies beweist eine Bronzematrize von Gärcinovo (Bez. Sumen) (s. Bild 78), mit der man in Treibarbeit den Reliefdekor eines Bechers herstellen konnte. Das kompositionelle Grundprinzip ist die Tierreihung. Im Hauptfeld sehen wir von links nach rechts einen geflügelten Löwengreifen, einen auf die Vorderläufe gesunkenen Hirsch, der von einem kleinen Löwen angefallen wird, sowie ganz rechts einen Raubvogel mit mächtigem Schnabel. Dabei greift das mit Tierkörperelementen versehene Geweih des Hirsches fast auf den gesamten oberen Bildrand aus und bildet gleichsam in seiner ornamental-symbolischen Gestal-

Applikationen aus einem Grabhügel von Lazar Stanevo

tung den oberen Abschluß der Szene. Die geschwungenen Tierleiber mit scharf voneinander abgesetzten Konturen und präziser Binnenzeichnung strahlen Dynamik aus und verleihen dem Ganzen einen Ausdruck geballter Kraft, die gleichzeitig wesentlich zur Steigerung des Symbolgehaltes beiträgt. Um die Mitte oder während der zweiten Hälfte des 5. Jh. v.u.Z. entstand das eigenartige Schwertemblem aus Medgidia (Bez. Constanja). Diese ebenfalls im Tierstil dekorierte Prunkwaffe gehört dem Akinakes-Typus an und diente wohl einem getischen Stammesfürsten als Symbol seiner weltlichen und religiösen Macht. Obwohl hier wie auch in Gärcinovo eindeutig skythische und sogar persisch-iranische Elemente nachweisbar sind, müssen beide Denkmäler doch in erster Linie als Lokalschöpfung im geto-thrakischen Kulturmilieu aufgefaßt werden. In den rumänischen Territorien unmittelbar nördlich der Donau, wo die früheisenzeitliche Basarabi-Kultur gut bezeugt war, kann man nach dem /.Jh. v.u.Z. ein deutliches Absinken der Bevölkerungsdichte konstatieren. Erst im 5.Jh. v.u.Z. erhält dieser geographische Bereich, der kulturell stark nach Süden orientiert ist, wieder größere Bedeutung. Ein anderes Bild bietet dagegen die südlich und östlich den Karpaten vorgelagerte Hügelzone. Am bekanntesten ist hier das Brandgräberfeld von Ferigile (Bez. Vilcea), das schon im 7. Jh. v.u.Z. angelegt wurde und bis ins 5. Jh. v.u.Z. existierte. Gewiß darf man auch in Ferigile an eine Weiterentwicklung auf der Grundlage der Basarabi-Kultur denken. Doch kommen äußere Faktoren hinzu. Denn es ist festzustellen, daß in diesem subkarpatischen Bereich während des späten 7. und im 6. Jh. v.u.Z. eine relativ starke Konzentration des Fundmaterials vorhanden ist. Offenbar hatte sich damals ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung aus den donaunahen Ebenen in die Vorgebirgszonen zurückgezogen, die ja gegenüber Angriffen aus den nordpontischen Steppen leichter zu verteidigen waren. Wenn-

Anordnung der Applikationen am Zaumzeug des Pferdes

Schwertemblem aus Medgidia

Adelskultur im 4. Jh. v. u. Z.

gleich sich in Südrumänien keine Skythen niedergelassen hatten, ist doch ihr kultureller Einfluß kaum zu übersehen. Für Ferigile kann man ihn besonders gegen Ende des 6. Jh. v.u.Z. belegen. In den Denkmälern der Sachkultur wird er neben anderen Materialien durch die Existenz eines kurzen Schwertbzw. Dolchtypus angezeigt, der häufig ein herzförmiges Griffblatt besitzt und in der Fachsprache als Akinakes bekannt ist. Die Beziehungen zum nördlichen Schwarzmeergebiet sind verständlicherweise in den Gebieten am Ostrand der Karpaten noch stärker ausgeprägt, wie dies das Hügelgräberfeld von Birse$ti (Bez. Vrancea) demonstriert. Aber in vielen wesentlichen Merkmalen besteht zu Ferigile und den benachbarten Gräberfeldern Übereinstimmung, so daß man durchaus von dem subkarpatischen Kulturkomplex Ferigile-Birsejti sprechen kann, deren Träger eindeutig Geten waren. Was Transsilvanien betrifft, so hat man hauptsächlich am Mittellauf des Mures, sowie an seinen beiden Nebenflüssen Tirnava Märe und Tirnava Micä zahlreiche Flach- und einige Hügelgräber erforscht, die in ihrem Fundmaterial eindeutig auf das nordpontische Skythengebiet hinweisen. Auch die Tatsache, daß es sich dabei meist um Körperbestattungen handelt, während die einheimische thrakische Bevölkerung hier die Leichenverbrennung praktizierte, deutet die Präsenz eines fremden Ethnos an. Einige Forscher möchten in dieser Volksgruppe die iranischen Agathyrsen erblicken, die dann zu Beginn des 6. Jh. v.u.Z. aus dem nordpontischen Raum über die Karpaten nach Transsilvanien gekommen waren. Daß dieses Eindringen halbnomadischer Stämme durchaus nicht friedlich verlief, beweisen Zerstörungen befestigter thrakischer Siedlungen. Im Verlaufe der ersten Hälfte des 5. Jh. v.u.Z. setzte jedoch unter den Agathyrsen verstärkt der Assimilierungsprozeß an die autochthone nordthrakische Bauernbevölkerung ein, worauf jetzt übrigens auch die Übernahme der Brandbestattung in jenen »Skythengräbern« hinweist. Diese Angleichung spiegelt sich zudem im Bericht des Herodot (IV, 104) wider, wo der griechische Historiker auf viele spezifische Bräuche bei den Agathyrsen aufmerksam macht, aber andererseits auch sagt, daß dieses Volk in seinen übrigen Sitten mit denen der Thraker übereinstimme. Während des 4. Jh. v.u.Z. existierte im Raum zwischen Südkarpaten und Balkangebirge eine reiche Adelskultur, die vor allem durch toreutische Erzeugnisse faßbar wird. Ein Teil des Materials stammt aus Depotfunden wie Bukjovci (Bez.Vraca), Vladinja, Lukovit, Letnica (alle Bez. Lovec) und Bäiceni-Cucuteni (Bez. Ia$i). Andere Stücke sind Einzelfunde. Den wohl größten Komplex bilden jedoch die in Adelsgräbern dieser Zeit geborgenen Materialien, die ihrerseits das gewachsene Standesbewußtsein und die ideologische Führungsrolle des Stammes-

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Fürstengräber von Vraca

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Schwert aus Ferigile

adels bei Geten, Mösiern und Triballern anschaulich und konkret dokumentieren. Der bisher bedeutendste Grabfund im Stammesgebiet der Triballer ist in den Jahren 1965/1966 im Mogilansker Hügel im Zentrum von Vraca geborgen worden. Dabei handelt es sich um drei Grabanlagen. Nachdem die erste Hügelschüttung ungefähr zu Anfang des zweiten Viertels des 4. Jh. v.u.Z. errichtet worden war, legte man einige Jahre später den Bestattungskomplex 2 an, der sich durch äußerst reiche Beigaben auszeichnet. Hier wurden drei Pferdeskelette und die Bestattung eines Mannes entdeckt. Zwei der Tiere waren vor einen vierrädrigen Wagen gespannt, während das dritte ein Reitpferd war und sich durch reich verziertes Zaumzeug auszeichnete. Dazu gehören auch elf silberne, im Tierstil gearbeitete Applikationen, von denen zehn in paarweiser Entsprechung zu je fünf an den Seiten angebracht waren (s. Bild 72). Das elfte Stück stellt eine Stirnplatte dar. All das ergibt eine ähnliche Anordnung, wie wir sie bei dem Zaumzeug von Lazar Stanevo gesehen haben. In Vraca zeigt der Stirnschmuck den Kopf eines Löwen mit weit aufgerissenem Maul. In ihrer äußeren Gestaltung erinnert diese Plastik stark an orientalische Vorbilder, wenngleich beim thrakischen Meister ein ausgeprägter Hang zur Ornamentalisierung erkennbar wird. Solche und ähnliche Stirnplatten sind wesentlicher Bestandteil des Pferdeschmucks und lassen sich aus mehreren Fundorten belegen. Wir werden daher in unseren Ausführungen noch auf einige Exemplare zu sprechen kommen. Zur gleichen Grabanlage gehört auch das Skelett einer ungefähr zwanzigjährigen Frau. Von ihrem Schmuck verdienen besonders ein Goldkranz (s. Bild 59) und reich verzierte Ohrringe erwähnt zu werden. Diese Schmuckgegenstände wurden im Unterschied zu den Tierstilapplikationen nicht im Lande selbst hergestellt, sondern stammen aus Werkstätten, die im Geiste griechischer Kunst arbeiteten und möglicherweise im Gebiet der Propontis angesiedelt werden können. Besonders bei dem Lorbeerkranz läßt sich in der Wiedergabe der Früchte und Blätter eine enge Anlehnung an das Naturvorbild erkennen. Solche Kränze sind zwar mehrfach aus thrakischen Adelsbestattungen bezeugt, bilden aber andererseits wiederum kein Spezifikum für dieses Gebiet, da sie auch in vielen anderen Gegenden vorkommen. Demgegenüber ist die ebenfalls hier entdeckte silberne Beinschiene mit Teilvergoldung (s. Bilder 73 und 74) als ein echt thrakisches Werk aufzufassen, das nur in dem geographischen Raum zwischen Balkangebirge und unterer Donau entstanden sein kann. Die Beinschiene war integrierender Bestandteil der Paraderüstung eines triballischen Adligen und besitzt daher in künstlerischer und inhaltlich-symbolischer Hinsicht eine be-

Beinschiene aus der Gegend von Pantikapaion

achtliche Aussagekraft. Der Kniepartie die Züge eines menschlichen Gesichtes zu verleihen ist im Prinzip noch keine spezifisch thrakische Erfindung. So kennen wir beispielsweise eine bei Pantikapaion (heute Kerc) gefundene Beinschiene, die mit einer Medusenmaske geschmückt ist, was aber nicht schlechthin als reine Dekoration gewertet werden kann, sondern auch auf eine apotropäische Funktion hinweist. Im Gesichtstypus und besonders in der Streifentätowierung bietet eine mit drei Gesichtern versehene Silbervase aus dem 4. Jh. v.u.Z., die ebenfalls Teilvergoldung aufweist und bei Mastjugino (Gegend von Voronjez) gefunden wurde, eine aufschlußreiche Parallele zu dem Frauenkopf unseres Denkmals aus Vraca (s. Bild 55). Bei dieser Beinschiene hat jedoch der Künstler das Bild des Menschen in die zoomorphe Dekoration einbezogen bzw. die Tierdekoration in symbolträchtiger Weise durch die anthropomorphe Gestaltung erweitert und präzisiert. So sind schon die Ohrringe in Form von Vögeln gebildet, und die Haarsträhnen rechts und links vom Gesicht wurden als Schlangenkörper dargestellt, die wiederum in Löwenkörper auslaufen. Vielleicht kann man sogar die Schneckenhäuser als Andeutung der Brüste und die davon ausgehenden löwenköpfigen Schlangen als Arme auffassen. In symmetrischer Anordnung entwickelt sich hier die Komposition der Tierkörper. Doch zeigt die dekorativ stärker betonte linke Partie, daß es sich dabei um die Schauseite handelt und die Schiene für das rechte Bein bestimmt gewesen war. Diese phantastische Tierwelt in Verbindung mit einem weiblichen Kopf läßt wohl die Ansicht gerechtfertigt erscheinen, daß hier in symbolischer Verschlüsselung eine Göttin in ihrer Funktion als Herrin der Tiere dargestellt wurde, wie sie ja auch für den thrakischen Bereich vorauszusetzen ist. Gegen Ende des dritten Viertels des 4.Jh. v.u.Z. muß schließlich die dritte Grabanlage im Mogilansker Hügel datiert werden, wo man die Knochen zweier menschlicher Skelette und eines Pferdes freilegte. Von den dort entdeckten Grabbeigaben ist eine Goldkanne am interessantesten (s. Bild 54). Während die ornamentale Verzierung an Rändern und Schultern im wesentlichen dem Repertoire griechischer Kunst entnommen wurde, kann die Hauptszene mit ihrer symmetrischen Komposition und verdoppelten Wiedergabe einer Wagenfahrt als eine originelle thrakische Schöpfung gelten. Vom inhaltlichen Gesichtspunkt her verdient die Tatsache Beachtung, daß die Wagen hinten mit Federn geschmückt sind. Sicherlich ist der Wagenführer der Gott Apollon selbst, der in der griechischen Kunst manchmal auf einem Flügelwagen fahrend dargestellt wird. Da wir uns hier jedoch im thrakischen Bereich befinden, ist dementsprechend in diesem Apollon eine ihm in Wesen und Funktionsbereich adäquate thrakische Gottheit zu sehen.

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Fürstengmb von Agighiol

Beinschiene aus Agighiol

Gleichzeitig bietet sich auch eine Beziehung zu den Vogelwagen des nord- und nordwestthrakischen Raumes an, die ihrerseits als spezifisches Zeugnis eines Solarkultes aufzufassen sind. Besonders eng ist hier die Parallele zu den spätbronzezeitlichen Tonwagen von Dupljaja, auf deren wahrscheinliche Verbindung zum Apollonkult bzw. der einheimischen Entsprechung und konkret zur Hyperboräersage ja bereits hingewiesen wurde. Gewiß dürfte das fast eintausend Jahre später entstandene nordwestthrakische Denkmal aus Vraca in den gleichen religiösen Vorstellungskomplex gehören. Diese Goldvase könnte durchaus schon in der ersten Hälfte des 4. Jh. v.u.Z. gearbeitet worden sein und kam dann gegen Ende des 3. Jh. zusammen mit anderen kostbaren Gegenständen in dieses jüngste Grab des Mogilansker Hügels. Ungefähr gleichzeitig mit den beiden älteren Grabanlagen von Vraca dürfte das thrako-getische Fürstengrab von Agighiol (Bez.Tulcea) in der nördlichen Dobrudscha angelegt worden sein. Die im Jahre 1931 untersuchte Anlage bestand aus Dromos und drei Grabkammern. Davon waren die ersten zwei aus behauenen Steinen mit Holzabdeckung errichtet worden, während die dritte mit unbearbeitetem Steinmaterial gebaut war und zur Bestattung dreier Pferde diente. Ähnlich wie in Vraca und anderswo hatten sich auch hier Silberapplikationen in typisch thrakischem Tierstil vom Pferdegeschirr erhalten. Trotz starker Zerstörung konnte man in der ersten Grabkammer immerhin noch die Körperbestattung einer etwa dreiundzwanzigjährigen Frau nachweisen. Die reichsten Beigaben wies jedoch der zweite Raum auf, wo ein zwanzigjähriger Getenfürst seine letzte Ruhe gefunden hatte. Zu den Funden gehören auch zwei silberne Beinschienen, die mit dem betrachteten Exemplar aus Vraca größte Ähnlichkeit haben. Besonders interessant ist dabei, daß das eine Stück an der linken Längsseite auch menschliche Figuren zeigt, oben einen mit Bogen bewaffneten Reiter und darunter einen thronenden Mann, der in seiner Rechten einen Adler und in seiner Linken ein Rhyton hält. Gewiß liegt diesen Szenen ein tiefer religiös-mythologischer Gehalt zugrunde, der offenbar mit der Heroisierung des adligen Reiterkriegers und seiner Angleichung an das Wesen des großen thrakischen Reitergottes in Verbindung gebracht werden darf. Auf dem ebenfalls aus der getischen Fürstenbestattung von Agighiol stammenden Silberhelm begegnet uns auf Wangen- und Nackenklappen das Reiterbild gleich viermal. Nur hält der Reiter hier nicht den Bogen, sondern schleudert die Lanze, wie das auch später meist der Fall ist. Dieser kostbare Paradehelm ist in seinem Dekorationsstil aufs engste mit den Beinschienen und der Gesichtsvase von Mastjugino verwandt.

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Goldhelme

Für den thrakischen Meister in den Gebieten an der unteren Donau boten damals gerade Gegenstände der adligen Paraderüstung eine willkommene Gelegenheit, Szenen mit mythologisch-religiösem Gehalt darzustellen und damit gleichzeitig die Ideologiefunktion einer solchen Prunkrüstung zu verdeutlichen. Dies demonstriert auch der Goldhelm von Poiana-Cojofenejti (Bez. Prahova) (s. Bilder 57 und 58). An Stelle des Reiters erscheint hier auf beiden Seiten in fast gleicher Ausführung ein Mann mit spitzer Mütze oder Helm, der einen Widder zu Boden drückt und sich anschickt, diesen zu töten. Zweifellos handelt es sich dabei um eine Opferszene, die möglicherweise in einen größeren mythologischen Rahmen gehört. Immerhin ist es aufschlußreich, daß einige Jahrhunderte später bei dem bzw. den sogenannten Donauländischen Reitern, deren Kult gerade in diesen Gebieten an der unteren Donau auf einheimische Wurzeln zurückgeht, das Widderopfer eine bedeutende Rolle spielt. Aber damit erschöpfen sich noch nicht die szenischen Gestaltungen auf diesem Helm. So erkennt man auf dem als Nackenschutz dienenden Teil in zwei übereinandergeordneten Friesstreifen geflügelte Fabelwesen. Mit phantastischen Tierfiguren ist schließlich auch der Goldheim aus dem Depotfund von Bäiceni-Cucuteni (Bez. Ia§i) dekoriert. Doch nicht das macht für uns in erster Linie die Bedeutung dieses Denkmals aus, sondern das Bild eines thronenden Mannes auf der einen Wangenklappe. In seiner Linken hält er

Reiter vom Helm aus Agighiol

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Wangenklappe des Helms von Bäiceni-Cucuteni

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Helm von Bäiceni-Cucuteni

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Rhyton von Poroma

wie die entsprechende Figur auf der Beinschiene von Agighiol ein Rhyton, während man in seiner Rechten im Unterschied dazu eine Patera (Spendeschale) erkennt. Außerdem sind am Thronsessel noch ein mit Pfeilen gefüllter Köcher und darunter eine zusammengerollte Schlange abgebildet. Man darf durchaus jenen Forschern zustimmen, deren Ansicht zufolge die Szene als Apotheose (Vergöttlichung) oder Heroisierung zu deuten ist. Dafür sprechen neben Rhyton und Spendeschale auch die Darstellung der Schlange, die als Attribut der Heroen häufig belegt werden kann. Eine andere interessante Szene begegnet uns auf dem Rhyton von Poroina (Bez. Mehedinp), das wir bereits in Zusammenhang mit dem Silbergefäß aus Strelca erwähnt haben (s. Bild 68). Die Darstellung entwickelt sich wieder streng symmetrisch, wie uns das beim Gürtel von Lovec (Bez. Stara Zagora) und der Goldvase aus Vraca schon bekannt ist. Gewiß dürfte es sich in Poroina um die Wiedergabe einer Großen Göttin handeln, die gleichsam dubliert erscheint und in der einen Hand ein Rhyton, in der anderen eine Phiale hält. Wenngleich das Bild im einzelnen manch unterschiedliche Deutungsmög-

m Darstellung auf dem Rhyton von Poroina

Darstellung auf einem Silberbecher aus Agighiol

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Silberbecher und -helme

lichkeiten noch offen läßt, ist doch hier immerhin ein erneuter Beweis für die spezifisch kultische Bedeutung von Rhyton und Phiale erbracht. Aus den Gebieten an der unteren Donau kennen wir drei Silberbecher und zwei Silberhelme, die auf Grund ihrer Tierdekorationen enge Beziehungen zueinander haben. Zwei der Becher sind direkt in dem Grab von Agighiol entdeckt worden (s. Bild 56), während das dritte Exemplar aus der Gegend am Eisernen Tor stammen soll und heute in New York aufbewahrt wird. Auch der eine Helm, der sich ebenfalls in den USA (Detroit) befindet, dürfte in dieser Westzone des thrakischen Siedlungsgebietes gefunden sein. Der andere Helm gehört dagegen zu dem Inventar eines reichen Adelsgrabes, das 1970 bei Peretu (Bez.Teleorman) erforscht wurde. In der Dekoration herrscht hier die Tierreihung vor, wobei die Darstellungen von Wildziege und Hirsch besonders beliebt sind. Auf den Helmen sowie auf zwei Bechern begegnet uns außerdem das Motiv des gehörnten Adlers mit Fisch im Schnabel und Hase in den Klauen. Vielleicht ist dort in der Form des Tierbildes und in symbolischer Verschlüsselung ein getischer Himmelsgott gemeint, dem alle Lebewesen auf der Erde (Hase) und im Wasser (Fisch) untertan sind. Wie man im einzelnen auch zu solchen Deutungen

Adlersymbolik auf dem Helm von Peretu

Frauenkopf aus Peretu

Pferdeschmuck aus Craiova

Schatz von Letnica

stehen mag, kaum dürfte zu bezweifeln sein, daß uns hier in vieler Hinsicht ein Gedankengut begegnet, das Jahrhunderte später die sogenannte authochthone Grundlage beim Kult der Donauländischen Reiter bildet. Denn auch dort spielt die Darstellung der Elemente von Wasser, Erde und Luft — wenngleich durch andere Tiere und Gegenstände symbolisiert und durch den damals im Römerreich stark verbreiteten iranischen Mithraskult modifiziert — eine bedeutende Rolle. Selbst das Feuer könnte durch die Sonnenscheibe, die wiederum Beziehungen zum Adler als Sonnenvogel hat, auf zwei unserer Becher angedeutet sein. Im Fürstengrab von Peretu fand sich unter anderen Grabbeigaben auch ein Gegenstand in Form eines Frauenkopfes. Er ist aus Silber gearbeitet und vergoldet (s. Bild 63). Seine stilistische und typologische Ähnlichkeit zu den Köpfen der Beinschienen und der Gesichtsvase von Mastjugino fällt sofort auf. Doch bleibt die genaue Funktion dieses Stückes noch unklar. So dachte man an einen Szepteraufsatz, was durchaus möglich erscheint. Die mehrfach vorgeschlagene Deutung als Vase stößt dagegen auf gewisse Schwierigkeiten. Daß es aber im Gebiet an der unteren Donau auch Gesichtsvasen bzw. solche in Form eines Menschenkopfes gegeben hatte, beweist uns recht anschaulich ein im Mogilansker Hügel von Vraca gefundenes Exemplar (s. Bild 64). Überhaupt hatte die Kunst zwischen Balkangebirge und Karpaten im 4. Jh. v.u.Z. eine breite Skala origineller Schöpfungen hervorgebracht. Außer Vraca, Agighiol und Peretu kennen wir heute eine größere Anzahl reicher Fürstengräber, die uns Kenntnis vom Kunstschaffen im Dienste der nordthrakischen Stammesaristokratie vermitteln. Auch der seit langem bekannte Schatz von Craiova war kein Depotfund, sondern gehörte ebenso wie die im vorangegangenen Kapitel erwähnten Gegenstände von Borovo (Bez. Ruse) zu einer fürstlichen Bestattung. Die Applikationen aus Craiova machen erneut deutlich, über welche vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten im Rahmen des Tierstils die einheimischen Meister damals im 4. Jh. v.u.Z. verfügt haben (s. Bilder 61, 69 und 71). Die Stirnplatte mit dem Greifenkopf besitzt gewisse Analogien zu dem Exemplar aus Vraca. In die Reihe der Applikationen gehören ferner silberne Stierköpfchen. Fünf von ihnen zeigen auf der Stirn einen Haarwirbel, der als Sonnensymbol gedeutet werden kann und uns auch bei dem Stierkopf des Rhytons von Poroina begegnet. Sowohl Peretu als auch Craiova dürften in die erste Hälfte des 4. Jh. v.u.Z. gehören und mit dem Grabfund von Agighiol und dem Bestattungskomplex 2 von Vraca etwa zeitgleich sein. Um einen echten Depotfund handelt es sich dagegen bei dem Schatz von Letnica (Bez. Lovec). Er wurde im Jahre 1963 zufäl-

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Applikation vom HominaGrabhügel

lig entdeckt und besteht aus zahlreichen Applikationen, die das Zaumzeug der Pferde schmückten. Unter diesen Stücken besitzt eine Gruppe wiederum besondere Aussagekraft, weil dort handelnde Gottheiten bzw. mythologische Szenen abgebildet sind. Allein auf acht Exemplaren erscheint ein Reiter. Spezifisches Interesse verdient hier ein Plättchen, auf dem der Reiter eine Beinschiene mit menschlichem Kopf trägt, wie wir sie als realen Gegenstand aus den Fürstengräbern von Vraca und Agighiol kennen (s. Bild 75). Dadurch erhält man unter anderem einen Fixpunkt für die Datierung dieses Schatzes, der im Verlaufe der ersten Hälfte des 4. Jh. v.u.Z. gearbeitet wurde. Außerdem besitzen wir mit dieser Applikation ein eindrucksvolles Beispiel für eine frühe, gänzlich in thrakischem Geist geschaffene Darstellung jenes jagenden Reitergottes, der dann im 2. und 3. Jh. u.Z. auf zahlreichen steinernen Weihtafeln im Thrakerlande belegt werden kann. Dieser Reiter ist aber in Letnica nicht nur Jäger, sondern — schon seiner Ausrüstung nach zu urteilen — ein gepanzerter Krieger. Wir befinden uns also wieder in der Geisteswelt des thrakischen Reiteradels, der sich entsprechend seinen Idealvorstellungen und Lebensnormen auch das Bild der Gottheit schuf, zu deren Existenzform er ja nach seinem Tode als Heros aufstieg. Denn daß wir es bei diesen Reiterbildern keineswegs mit profanen Szenen zu tun haben, beweist übrigens auch ein Exemplar, auf dem jener Reiter in seiner erhobenen Rechten eine Patera hält, während rechts oben — wohl in symbolischer Anspielung auf das Jagdgeschehen — ein Wolf abgebildet ist. Auf einer anderen Platte hat man mit aller Deutlichkeit einen Begattungsakt dargestellt (s. Bild 65 Mitte), wobei hier der Mann die gleiche Frisur mit gebündeltem Haar wie auf einer Reiterplatte trägt. Längst hat man erkannt, daß der Szene jene rituell-symbolische Handlung zugrunde liegt, die man in der Religionswissenschaft mit dem Begriff »hieros gamos« (heilige Hochzeit) zu bezeichnen pflegt. Wir haben es also mit einem ausgeprägten Fruchtbarkeitskult zu tun, was auch in den Attributen von Pflanze und Wasserurne, die jene links erkennbare Frauenfigur in Händen hält, deutlich zum Ausdruck kommt. Dementsprechend müssen wir sowohl in dem Paar als auch in der stehenden Frau agierende Götter sehen. Auf einer anderen Platte ist ebenfalls eine weibliche Gottheit abgebildet, die ein Seepferd mit Schlangenkörper reitet (s. Bild 65 rechts). Eine weitere Applikation zeigt uns eine dreiköpfige Schlange, vor der eine bartlose Figur mit Griffschale erscheint (s. Bild 65 links). Ob es sich hier um einen Priester oder um eine Frau handelt, hat Anlaß zu kontroverser Diskussion gegeben. Doch könnte erstere Möglichkeit durchaus den richtigen Tatbestand treffen. Daß damals im 4. Jh. v.u.Z. ein dreige-

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Verzierung einer Schale aus dem Grabschatz von Borovo

staltiger Drache in der Symbolwelt des thrakisch-nordpontischen Raumes bekannt war, lehrt uns eine Tierstilapplikation aus dem Homina-Grabhügel in der Nähe des Dorfes Nagornoje bei Ordzonikidze (Gebiet von Dnepropetrovsk). Hier wie auch an anderen Beispielen zeigt sich eine unverkennbare Verwandtschaft von Tierstilapplikationen und ihrem Symbolgehalt aus dem skythischen und thrakischen Siedlungsbereich. Ferner sei in diesem Zusammenhang an den dreiköpfigen Kerberos (Höllenhund) der griechischen Mythologie erinnert, der im späten 2. und frühen 3. Jh. u.Z. sogar auf einigen steinernen Weihreliefs des thrakischen Reitergottes erscheint und möglicherweise an die Existenz eines altthrakischen Fabelwesens mit drei Köpfen, das dann mit dem zur Unterwelt gehörenden Vorstellungskomplex zu verbinden wäre, anknüpfen könnte. Wie man im einzelnen auch diese drei Schmuckplatten von Letnica inhaltlich interpretieren wird, sicher ist jedenfalls, daß wir es hier mit der Wiedergabe mythologischer Szenen zu tun haben. Zudem könnten im konkreten Falle das Seepferd das Element des Wassers und die Schlange die Erdverbundenheit — einschließlich der Unterweltsphäre — versinnbildlichen. Stilistisch gehören zu dieser Gruppe von Applikationen aus Letnica auch drei Exemplare mit der Darstellung von Tierkämpfen. So sieht man auf einer Platte einen Flügelgreif, der einen Hirsch oder Rehbock schlägt und sein Opfer bereits zu Boden gedrückt hat (s. Bild 76). Eine ungefähre Parallele im Motiv bietet hierzu eine Applikation aus dem Schatz von Borovo, die wohl aus einer lokalen Werkstatt im Gebiet des heutigen Nordbulgarien stammt und den Boden einer Schale ziert. Die bisher vorgestellten Zierplatten aus dem Depot von Letnica besitzen keinen durchbrochenen Hintergrund, wie das ja sonst bei Applikationen der Fall ist. Ihrer Figurenwiedergabe nach zu urteilen, gliedern sie sich in jene Stilrichtung ein, die wir von den erwähnten Silberbechern, den Helmen und den Beinschienen kennen. Doch fand man in Letnica auch Silberapplikatio-

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Schatz von Lukovit

Zierplatte aus Vraca

nen in durchbrochener Arbeit. Das vielleicht beste und wohl am aussagekräftigsten gestaltete Stück gibt als Hauptmotiv einen Kampf zwischen Greif und Löwe wieder (s. Bild 67). Die Körper beider Tiere sind kraftvoll geformt. Dabei wird die innere Ausgewogenheit dieser dynamischen Komposition noch durch zwei symmetrisch angeordnete Schlangen, die den Greifen zusätzlich attackieren, verstärkt. Ausgezeichnet verstand es hier also der Künstler, die Kraftgeladenheit des Ganzen und seiner einzelnen Elemente zu einer ausbalancierten und in sich geschlossenen Gestaltung zusammenzufügen. Gerade dies kann man auch von einer anderen Applikation sagen, die aus drei stilisierten Greifenköpfen mit stark gekrümmten Schnäbeln besteht (s. Bild 70). Das Motiv taucht übrigens in verwandter stilistischer Ausführung bei Zierplatten im Grab ^ von Vraca auf und ist ein weiteres Argument für die ungefähre Gleichzeitigkeit der Materialien beider Fundkomplexe. Wohl in der zweiten Hälfte des 4. Jh. v.u.Z. dürften die Gegenstände des Schatzes von Lukovit (Bez. Lovec), der ebenfalls einen Depotfund darstellt, gearbeitet worden sein. Eine im Prinzip ähnliche stilistische Konzeption wie die Löwe-GreifPlatte aus Letnica besitzen hier zwei Applikationen, die jeweils einen Reiter im Kampf mit einem Löwen zeigen (s. Bilder 77 und Schutzumschlag vorn). Zweifellos handelt es sich dabei um die gleiche Reitergottheit wie in Letnica. Dort wurde die Jagdszene mehr »beschreibend« und mit der Wiedergabe aller Details angelegt. In Lukovit aber ist sie von packender Leidenschaftlichkeit geprägt. Dem Meister kam es hier also mehr auf dynamische Aktion als auf Verdeutlichung von Einzelheiten an. Zweifellos stand sein Wirken unter dem Einfluß griechischer Kunst. Doch unterscheidet sich die Darstellung in ihrer Gedrungenheit, Expressivität und unverkennbar dekorativen Anlage deutlich von hellenischem Formgefühl und muß als eigenständige thrakische Schöpfung des späten 4. Jh. v.u.Z. verstanden werden. Die Applikationen von Lukovit haben außerdem interessante Zeugnisse des Tierstils dieser Zeit geliefert. Hierzu gehören unter anderem Platten, die zwei gegenständig angeordnete Flügelgreifen abbilden. Der Stilunterschied zum Reiterbild fällt sofort auf. Denn während die Darstellung des Löwenjägers von deutlich ausgeprägter Plastizität ist und die Szene Dynamik und Vitalität ausstrahlt, sind die beiden Greifen in einer linearen und zudem noch stilisierten Weise wiedergegeben worden. Selbst ihre kräftig geschwungenen Körperlinien wirken mehr formelhaft-leer, vermögen also nicht, dem Motiv eine innere Spannung zu verleihen. Man kann sich kaum des Eindrucks erwehren, daß hier der schöpferische Höhepunkt im thrakischen Tierstil bereits überschritten ist. In diesem Zusammenhang ist nun interessant, daß ein gleiches

a. c

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Vorhergehende Seite: 54 Goldkanne aus dem Mogilansker Hügel m Vraca. Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z. 5 5 Gesichtsvase von Mastjugino (Gegend von Voronjez). 4. Jh. v. u. Z. 56 Silberbecher von Agighiol (Bez. Tulcea). Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z. 57 Detail des Goldhelms von Poiana-Cojofene§ti (Bez. Prahova). 4. Jh. v. u. Z. 58 Goldhelm von PoianaCo{ofene|ti

Vorhergehende Seiten: 59 Teilvergoldete Silberapplikationen aus dem Schatzfund von Letnica (Bez. Lovec) Links: Bartlose Figur mit Griffschale vor dreiköpfiger Schlange Mitte: Göttin mit Pflanze und Wasserurne und »Heilige Hochzeit« Rechts: Weibliche Gottheit, auf Seepferd reitend. Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z. 60 Silbervase aus dem Schatzfund von Lukovit (Bez. Lovec). Zweite Hälfte des 4. Jh. v. u. Z. 61 Tierkampfszene auf einer vergoldeten Silberapplikation aus dem Schatzfund von Letnica (Bez. Lovec). Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z.

Linke Seite: 62 Goldapplikation mit Greifendarstellung aus einem thrakischen Adelsgrab bei Kralevo (Bez. Tärgoviste). Ende des 4./Anfang des 3. Jh. v. u. Z. 63 Silberner Stirnschmuck vom Zaumzeug eines Pferdes aus dem Grabfund von Craiova (Bez. Dolj). Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z. 64 Silberner Stirnschmuck eines Pferdes aus dem Schatzfund von Lukovit (Bez. Lovec). Zweite Hälfte'des 4. Jh. v. u. 2.

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65 Vergoldeter Silberkopf aus Peretu (Bez. Teleorman). Mitte des 4. Jh. v. u. Z. 66 Tönerne Kopfvase aus dem Mogilansker Hügel in Vraca. Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z.

Vorhergehende Seiten: 67 Goldkranz aus dem Mogilansker Hügel in Vraca. Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z. 68 Vergoldetes Silberrhyton aus Poroina (Bez. Mehedinfi). 4. Jh. v. u. Z. 69 Silberapplikationen in Form von Stierköpfchen aus dem Grabfund von Craiova (Bez. Dolj). Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z.

/o Vergoldete Silberapplikation aus dem Schatz von Letnica (Bez. Lovec). Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z. 71 Silberapplikation im Tierstil aus dem Grabfund von Craiova (Bez. Dolj). Rückseite. Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z. 72 Silberapplikation vom Pferdeschmuck aus dem Mogilansker Hügel in Vraca. Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. 2.

73 Silberne Beinschiene mit Teilvergoldung aus dem Mogilansker Hügel in Vraca. Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z. 74 Die Kniepartie der Beinschiene von Vraca ist als Gesicht ausgeformt

75 Reiter mit Beinschiene auf einer Silberapplikation mit Teilvergoldung aus dem Schatzfund von Letnica (Bez. Lovec). Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z. 76 Silberne Applikation mit Tierkampfszene, teilvergoldet, aus dem Schatz von Letnica (Bez. Lovec). Erste Hälfte des 4. Jh. v. u. Z.

77 Silberapplikation mit Darstellung eines Reiters aus dem Schatzfund von Lukovit (Bez. Lovec). Zweite Hälfte des 4. Jh. v. u. Z.

Bronzematrize von Gärcinovo (Bez. Sumen). 5. Jh. v. u. Z.

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Adehgrab von Kralevo

Stück zu einer Stirnplatte einfach umfunktioniert wurde, indem man auf die Vorderseite und in völlig unorganischer Beziehung zur Plattenkomposition einen freiplastischen Greifenkopf befestigte (s. Bild 62). Unter den Silbergefäßen von Lukovit verdient ein Exemplar besondere Bedeutung. Denn dort begegnen uns wieder Frauenköpfe als wichtigstes Dekorationsmotiv. Ein Vergleich mit dem um einige Jahrzehnte älteren Gefäß aus Strelca zeigt, daß Köpfe und Ornamente jetzt viel linearer und gratiger gestaltet worden sind und beträchtlich an Plastizität und innerer Substanzkraft eingebüßt haben (s. Bild 66). Bereits in den Anfang des 3. Jh. v.u.Z. datiert ein im Jahre 1979 erforschtes Hügelgrab bei Kralevo (Bez. Tärgoviste). Zu den Fundgegenständen gehören auch zwei goldene Zierplatten vom Zaumzeug eines Pferdes. Ihre Randverzierung besteht aus einem Zungenmuster, das mit farbiger Emaille ausgelegt war und sich schon allein dadurch von den älteren Applikationen unterscheidet. Äußerst geschickt wurde in das vierekkige Bildfeld die Figur eines Greifen mit mächtigen Flügeln, Löwenkörper und Adlerkopf hineinkomponiert (s. Bild 60). Diese wie auch andere Schmuckplatten aus Kralevo befinden sich deutlich in griechischer Tradition und könnten am ehesten in westpontischen Griechenkolonien gearbeitet worden sein. Das Grab von Kralevo steht gleichsam am Ausgang eines höchst originellen toreutischen Schaffens, das sich besonders während des 4.Jh. v.u.Z. im Dienste thrakischer Adelsgeschlechter zwischen Balkangebirge und Südkarpaten entwickelt hatte. Wie wir aber noch sehen werden, bot seit dem zweiten Drittel des 3.Jh. v.u.Z. die ökonomische und politische Situation keine entsprechende Voraussetzungen mehr für eine direkte und ungebrochene Weiterentwicklung dieser exklusiven Adelskultur.

Silberapplikation aus Vraca

6 THRAKIEN IM ZEITALTER DES ELLENISMUS Hellenismus

Philipp II. von Makedonien

Alexander der Große

Als Hellenismus bezeichnet man im allgemeinen jene große Epoche der antiken Geschichte, die im Jahre 338 v. u. Z. mit der Eroberung Griechenlands durch Philipp II. von Makedonien beginnt und mit der 31/30 v.u.Z. einsetzenden Alleinherrschaft des Octavian (Augustus) abschließt. Natürlich besitzen dieses Anfangs- und Enddatum nicht für alle von der griechisch-römischen Kultur mehr oder weniger stark beeinflußten Gebiete die gleiche Bedeutung. In Thrakien sind es jene Jahrhunderte von der makedonischen Eroberung des Landes bis zu seiner Umwandlung in eine römische Provinz, die hier behandelt werden sollen. Dabei beschränken wir uns in erster Linie auf die Gebiete südlich des Balkangebirges, weil die Staatsbildung der Geto-Daker in einem gesonderten Kapitel zu betrachten ist. Nachdem Philipp II. auch den letzten odrysischen Teilstaat erobert hatte, unternahm er im Jahre 339 v.u.Z. einen Feldzug an die untere Donau, wo der Getenkönig Kothelas dem Makedonenherrscher reiche Geschenke überbrachte und ihm sogar seine Tochter Meda zur Frau gab. In der Tat begann dieses Unternehmen recht erfolgversprechend; denn es gelang den Makedonen auch, die Skythen zu schlagen und dabei Menschen und Vieh zu erbeuten. Das Dilemma trat erst auf dem Rückzug ein, als die thrakischen Triballer das makedonische Heer beim Übergang über den Balkan angriffen, ihm all seine Beute abnahmen und Philipp II. selbst schwer am Bein verwundet wurde. Vier Jahre später zog der junge Makedonenkönig Alexander der Große (336—323 v.u.Z.) erneut in die Gebiete nördlich des Balkangebirges. Hier mußte er wiederum harte Kämpfe mit den Triballern bestehen, deren König Syrmos sich auf einer Donauinsel verschanzt hatte. Erst nachdem die Makedonen auch auf das nördliche Flußufer übergesetzt waren und dort die Geten geschlagen hatten, konnte der Widerstand im heutigen Nordbulgarien zumindest für eine gewisse Zeit gebrochen werden, so daß selbst Syrmos dem Makedonenkönig huldigte. Bei dem großen Unternehmen, das Alexander der Große dann im Jahre 334 v.u.Z. gegen das Perserreich startete und das ihn bis an die Ufer des Indus und bis in die Gegenden von Samarkand

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Seuthes III.

Lysimacbos

führen sollte, nahmen auch beträchtliche Kontingente aus dem' Thrakerland teil. Aber trotzdem konnte das Innere Thrakiens keineswegs als gesicherter makedonischer Besitz gelten. Vertreter des odrysischen Königshauses und ihm nahestehende Adelskreise besaßen noch beträchtlichen politischen Einfluß im Lande, den sie zu nutzen wußten. Bereits im Jahre 330 v.u.Z. hören wir von einer Aufstandsbewegung, bei der der Odrysenfürst Rhebulas mit Athen Verbindungen im antimakedonischen Sinn geknüpft haben wird. Als sein Vater dürfte Seuthes III. gelten, der makedonischer Vasall war, aber in der Folgezeit immer mehr als politisch selbständig handelnde Persönlichkeit hervortrat. Nachdem zu Anfang der zwanziger Jahre des 4. Jh. v.u.Z. der für Thrakien verantwortliche Statthalter Zopyrion auf einem unglücklichen Feldzug gegen Geten und Skythen umgekommen War, konnte Seuthes III., dessen Regierungssitz Seuthopolis (d. h. Stadt des Seuthes) im Rosental bei Kazanläk ausgegraben wurde, noch stärker daran denken, seine Herrschaft am Mittel- und Oberlauf der Tundia (Tondzos) zu stabilisieren. Im Jahre 323 v.u.Z. starb Alexander der Große im fernen Babylon. Die thrakischen Besitzungen des Makedonenkönigs wurden dem Lysimachos, der als General in Alexanders Leibwache gedient hatte, übergeben. Angesichts der damals im Lande herrschenden Situation mußte er die Kraftprobe mit dem Odrysenkönig Seuthes III. wagen. Dabei gelang es den Thrakern immerhin, 20000 Mann Fußtruppen und 8000 Reiter zu mobilisieren, während Lysimachos nur über 4000 Infanteristen und über 2000 Kavalleristen verfügte. Trotzdem behielt letzterer die Oberhand, wenngleich dies kein eindeutiger Sieg war. Zumindest konnte Seuthes III. weiter in seinen Gebieten herrschen. Aber selbst in den griechischen Städten an der Westküste des Schwarzen Meeres war es Lysimachos vorerst nicht möglich, seine Herrschaft entscheidend zu festigen. So mußte er in den Jahren 313 und 310/309 v.u.Z. gegen das aufständische Kaliatis, dem sich andere Städte wie Histria und Odessos angeschlossen hatten und das von Skythen und Thrakern unterstützt wurde, zu Felde ziehen. Besonders das Jahr 313 v.u.Z. war reich an dramatischen Ereignissen, da Lysimachos noch während der Belagerung von Kallatis mit Seuthes III. im Balkangebirge schwere Kämpfe zu bestehen hatte und bei Perinthos ein Heer des Feldherrn Pausanias schlug, der im Auftrage des über Kleinasien gebietenden Statthalters Antigonos in den thrakischen Herrschaftsbereich eingefallen war. Zwar hören wir in der Folgezeit nichts mehr direkt von kriegerischen Auseinandersetzungen mit odrysischen Fürsten, aber mit den Geten im Bereich der unteren Donau, die unter ihrem König Dromichaites einen bedeutenden Machtfaktor in den Gebieten der östli-

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Kelten

Plan von Seuthopolis i Südwesttor 2 Nordwesttor 3 Agora 4 Zitadelle 5 Tor zur Zitadelle 6 Palast

chen Walachei und der Dobrudscha darstellten, sind uns militärische Aktionen überliefert. Antiken Schriftquellen zufolge sollen Agathokles, der Sohn des Lysimachos, und bei einem späteren Feldzug der Vater selbst von Dromichaites gefangengenommen, sodann reich bewirtet, beschenkt und schließlich freigelassen worden sein. Mutet dieser Bericht als solcher schon recht merkwürdig an, so ist auch eine zeitliche Fixierung dieser möglichen Ereignisse in der Forschung bis heute kontrovers geblieben. Gesichert ist dagegen das Gründungsdatum von Lysimacheia im Jahre 309/308 v.u.Z., als Lysimachos auf der thrakischen Chersones eine Residenzstadt errichten ließ und dieser nach dem Vorbild anderer hellenistischer Herrscher seinen Namen gab. Drei Jahre später nahm er dann entsprechend den Gepflogenheiten der übrigen Alexandernachfolger schließlich den Titel eines Königs an. Natürlich konnte all das nicht über die Labilität dieses Staatswesens auf thrakischem Boden hinwegtäuschen. Doch sind es nicht so sehr die Aufstandsbewegungen der einheimischen Thraker gewesen, die das Lysimachosreich gefährdet haben, als vielmehr die ständigen Angriffe griechischmakedonischer Machthaber. So fiel Lysimachos im Jahre 281 v.u.Z. im Kampf gegen Seleukos L, den hellenistischen König von Syrien. Zu dieser Zeit erschien an den Grenzen Thrakiens bereits eine neue politische Kraft. Es waren keltische Stämme, die aus den Gebieten an der mittleren Donau in den Balkanraum vordrangen und schließlich bis nach Kleinasien zogen, wo sie in langandauernde Kämpfe mit den dortigen hellenistischen Herrschern verwickelt wurden. Im Ergebnis all dieser Ereignisse ent-

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Seuthopolis

Stirnziegel in Form einer Palmette aus Seuthopolis

stand um 277 v.u.Z. in Südostthrakien kurzfristig ein Keltenreich mit der heute noch nicht lokalisierten Hauptstadt Tylis. Damit endet der erste größere Abschnitt in der historischen Entwicklung des hellenistischen Thrakien. Mit der in den Jahren zwischen 1948 und 1954 betriebenen Freilegung von Seuthopolis konnte erstmals eine thrakische Königsresidenz erforscht werden. Wenngleich jetzt das gesamte Gelände von den Wassern eines Stausees überflutet ist, sind doch die wissenschaftlichen Ergebnisse hinreichend publiziert worden, so daß man sich eine relativ gute Vorstellung von dem Charakter der einstigen Stadt machen kann. Die eigentliche ummauerte Stadtfläche bildet ein Fünfeck mit einer Fläche von ungefähr 5 ha. Besonders stark war die Nordwestseite befestigt, wo außer an den Ecken auch noch an der Seite Türme errichtet worden waren. Denn diese Flanke von Seuthopolis verfügte über keinen zusätzlichen Wasserschutz, der im Südwesten und Südosten durch die 4 bis 5 m hohen Ufer der Tundia und im Osten durch den vorbeifließenden Bach Goljama Varovica in gewissem Maße gegeben war. Die Stadtmauern, deren Stärke im allgemeinen 2 m betrug und die sich nur im Süden auf i,8om belief, besaßen niedrige Fundamente und Sockel aus Bruchsteineri. Darauf hatte man das nicht mehr erhaltene Mauerwerk aus Lehmziegeln mit Bretterwerk errichtet. Die Stadt war regelmäßig angelegt worden, indem sich die gerade verlaufenden Straßenzüge in rechtem Winkel schnitten. Im Zentrum befand sich die rechteckige Agora (Stadtplatz). Auch einzelne Häuser konnten freigelegt werden. Ihrem Plan nach unterscheiden sie sich nicht wesentlich von entsprechenden griechischen Vorbildern. Die Räume gruppierten sich in der Regel um einen Innenhof, der an einer oder an mehreren Seiten einen Säulengang besaß. Besonderes Interesse verdient der gesondert befestigte Komplex im Norden. Diese Zitadelle existierte schon, als an Stelle der Stadt sich noch eine einfache Siedlung befand, die wahrscheinlich von Philipp II. bei seinen Feldzügen gegen die Odrysen niedergebrannt worden war. Das Tor dieses Bezirkes lag im Südosten und war nur von der Stadt aus zu erreichen. Im Nordwesten grub man ein monumentales, längliches Gebäude aus, dem eine Säulenreihe als Vorhalle vorgelagert war. Vielleicht gehörte hierzu eine kannelierte Granitsäule mit dorischem Kapitell (s. Bild 85). Das Ziegeldach besaß gebrannte Antefixe (Stirnziegel) in Form von Palmetten. In der nordöstlichen Hälfte des Bauwerkes, das man zutreffend als Palast des Odrysenkönigs Seuthes III. gedeutet hatte, befand sich ein repräsentativer Saal. Bruchstücke seiner farbigen Wanddekoration, die teilweise Marmorverkleidung imitieren sollte, sind während der Ausgrabungen gefunden worden. Der südwestlich davon gelegene Doppelraum dürfte kultischen

-5°

Weinkanne einheimischer Produktion aus einem Grab bei Seuthopolis

Grabarchitektur

Zwecken gedient haben. Auf Grund einer im Jahre 1953 gefundenen Inschriftstele kann man hier sogar ein Heiligtum der »Großen Götter« von der Insel Samothrake vermuten. Diese aus 37 Zeilen bestehende Inschrift in griechischer Sprache ist von größter Bedeutung, da aus ihrem Inhalt unmißverständlich hervorgeht, daß es sich bei dieser Stadt um Seuthopolis handelt und daß auf der Agora ein dem Gotte Dionysos geweihter Altar stand. Natürlich brachten die in Seuthopolis durchgeführten Ausgrabungen auch wichtige Aufschlüsse über den Stand der handwerklichen Produktion und die Intensivität von Handelsbeziehungen zur griechischen Welt. Beides kann recht gut anhand des keramischen Fundmaterials abgelesen werden. Was die einheimische Töpferware betrifft, so gibt es hier eine Gruppe grober Gefäße, die dem täglichen Gebrauch dienten und für den Eigenbedarf im Haushalt ohne Töpferscheibe angefertigt worden waren. Die andere Kategorie thrakischer Keramik ist mit der Scheibe gedreht und zeichnet sich durch Qualität und Formvielfalt aus. Solche Gefäße wurden von spezialisierten Handwerkern hergestellt. Daß angesichts der in Seuthopolis sehr zahlreich vertretenen Importkeramik aus Griechenland in den meisten Fällen griechische Gefäßformen imitiert wurden, sollte nicht überraschen. Ist die thrakische Scheibenkeramik ein Beweis für das hohe handwerkliche Niveau, so liefert die Importware wichtige Anhaltspunkte für die Handelsbeziehungen dieser Stadt zur griechischen Welt. Dabei hat sich herausgestellt, daß man besonders von der Insel Thasos Wein und Olivenöl bezog. Die Grabarchitektur des späten 4. und frühen 3. Jh. v.u.Z. muß als eine direkte Fortsetzung jener aus der vormakedonischen Periode angesehen werden. Daher hatten wir schon im Abschnitt über das Odiysenreich und seine Kultur auf einige Monumente aus den Gebieten südlich des Balkangebirges hingewiesen, die erst in der zweiten Hälfte des 4. Jh. v.u.Z. entstanden sind. Eine ähnliche Dachkonstruktion, wie sie der viereckige Vorraum des Kuppelgrabes von Välcepol bei Mezek zeigt, kann man auch bei einem am nordwestlichen Stadtrand von Plovdiv erforschten Grabbau des späten 4.Jh. v.u.Z. feststellen, wenngleich das Bauwerk nur in einem stark zerstörten Zustand auf uns gekommen ist. Wurde hier die Grabkammer durch über Eck gelegte und gleichzeitig vorkragende Steinblöcke, die somit jeweils ein Quadrat umschließen, abgedeckt, so besitzt die in Vetren (Bez. Pazardiik) freigelegte Grabanlage die Form eines Satteldaches mit innen abgeschrägten Steinblökken, wie man dies ja auch bei dem Korridor des monumentalen Grabbaus vom Mal Tepe bei Mezek beobachten konnte. Aufschlußreich ist aber, daß sowohl in Vetren als auch in dem bei

Grabmal von Kazanläk

Wandmalereien von Kazanläk

Plovdiv entdeckten Grab die Innenwände mit farbigem Stuck verkleidet waren. Einen besonders im makedonischen Raum verbreiteten Grabtypus begegnen wir in Staroselec (Bez. Plovdiv). Hier ist nämlich der viereckigen Grabkammer ein Vorraum, dessen Eingangsseite durch zwei freistehende Säulen gegliedert wird, vorgelagert. Auch dort kann man Wandverputz nachweisen. Als Beispiele für Rundkuppelgräber aus der zweiten Hälfte des 4. Jh. v. u. Z. hatten wir bereits auf Seite 104 die Denkmäler von Lozengrad/Kirklareli und Välcepol bei Mezek angeführt. Hinzuzufügen wäre die ebenfalls aus behauenen Steinquadern errichtete Grabanlage von Malko Belovo (Bez. Pazardiik), die im späten 4. oder frühen 3. Jh. v.u.Z. entstanden sein dürfte. Während dieser Zeit wurden aber auch gebrannte Ziegel als Baumaterial für Kuppelgräber verwandt. So wies man in der Nekropole von Seuthopolis zwei allerdings stark zerstörte Grabbauten dieser Art nach, wobei für die Kuppelräume speziell zu diesem Zweck hergestellte Segmentziegel benutzt wurden. Aus Backsteinen, die eigens für die Konstruktion des Kuppelraumes und des rechteckigen Korridors gearbeitet waren, besteht schließlich auch das durch seine Wandmalereien berühmte Grab von Kazanläk. Der Eingang liegt im Süden der Hügelschüttung. Hier befindet sich ein rechteckiger Vorraum aus Bruchsteinmauerwerk, dessen beide Seitenwände in südlicher Richtung immer niedriger werden und schließlich nur noch eine Höhe von 0,70111 erreichen. In diesem Vorraum, der wohl mit einer Balkendecke bedeckt war, konnte eine Pferdebestattung nachgewiesen werden. Das eigentliche Grabgebäude besteht aus einem relativ kurzen Dromos (Korridor) und dem Kuppelraum. Zur Isolierung von der Hügelschüttung wurden die Backsteinmauern mit einem Mantel aus Bruchsteinmauerwerk umgeben. Im Unterschied zu den anderen uns bekannten thrakischen Kuppelgräbern existiert in Kazanläk eine glockenförmige Kuppel, die oben mit einem Schlußstein abgedeckt wird. Zweifellos ist diese Kuppelform durch die Spezifik des benutzten Baumaterials bedingt. Der Korridor besitzt dagegen ein satteldachförmiges Gewölbe, das aus vorkragenden Backsteinen mit abgeschrägten Flächen gebildet ist. Sonst bestehen neben dem pilzförmigen Schlußstein der Kuppel noch die Türrahmen aus Haustein. Im Inneren hat das Grab eine in ihren einzelnen Partien sorgfältig aufeinander abgestimmte Wanddekoration. Schon im Dromos begegnet uns an den beiden geneigten Deckenflächen eine szenische Darstellung. Sie zeigt rechts und links jeweils einen Fries kämpfender Krieger. Beim Betreten des Kuppelraumes fällt dem Betrachter sofort die zentrale Szene des großen Figurenfrieses auf, da sie sich di-

Kuppelgrab am Bahnhof Filipovo m Plovdiv

Grabanlage von Vetren

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Grabanlage von Staroselec

Kuppelgrab von Kazanläk

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Kuppelgrab von Malko Belovo

Grabanlage bei Mäglii

rekt dem Eingang gegenüber befindet (s. Bilder 82 und 83). In fast frontaler Ausrichtung mit nur etwas nach rechts geneigtem Haupt thront hier der Thrakerfürst, dem dieses Grabmal als ewige Ruhestätte bestimmt gewesen war. Eine Trinkschale hält er in seiner Linken, während sich auf seine Rechte in inniger Verbundenheit rechte Hand und Unterarm seiner Gemahlin legen. Diese hat der Meister, auf einem kunstvoll gedrechselten Thron sitzend, im Dreiviertelprofil wiedergegeben. Beide Figuren wurden zu einer einheitlichen Komposition aufgebaut, die eine tiefe emotionell-psychologische Aussage besitzt. Strahlt der Mann Entschlossenheit, Tatkraft und kühne Selbstbehauptung aus, so scheinen bei der Frau scheue Zurückhaltung, Ergebenheit und Selbstbescheidung Grundzüge ihres Wesens zu sein. Eindeutig beherrscht die Figur des Fürsten den Raum, indem sein mit einem goldenen Lorbeerkranz geschmücktes Haupt sich selbstbewußt vor dem Hintergrund abzeichnet. Demgegenüber ist der Körper seiner Partnerin in den Thronsessel, vielleicht auch als Hinweis auf ihr häuslich-zurückgezogenes Sein, in dem sich die Persönlichkeit einer Thrakerin einzig entfalten konnte, gleichsam hineinkomponiert. Ihr gesenktes Haupt hat der Künstler vor den Hintergrund der aufragenden Thronlehne gesetzt. Aber diese Thrakerin steht nicht allein in wirkungsvoller Antithese zur Figur ihres Partners, sondern auch zur imposanten Erscheinung jener matronenhaften Gestalt, die sich von links der Szene nähert und in ihren Händen eine große Schale mit Früchten trägt. Ihre Persönlichkeit läßt Selbstsicherheit und innere Ausgewogenheit erkennen. Diese Fruchtträgerin führt außerdem eine ganze Prozession an, die aus einem

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Heroisierung

Mundschenk mit Weinkanne und Schale, zwei Tubabläserinnen und den beiden je von einem Pferdeknecht geführten Reitpferden des Thrakerfürsten besteht. Diesen Figuren entspricht in der rechten Hälfte des Bildfeldes eine ebenfalls auf die Zentralszene gerichtete Reihenkomposition. So erscheinen hinter der sitzenden Fürstin zwei Dienerinnen, von denen die eine zwei Schmuck- bzw. Toilettenkästchen trägt, während die andere ein blaues Tuch in Händen hält. Dann folgt ein von vier Pferden gezogener zweirädriger Wagen. Das Gefährt wird geführt von der weit nach vorn ausschreitenden Figur des Lenkers, der in seiner ganz auf die Rosse konzentrierten, dynamischen Aktion zu den künstlerisch gelungensten Figuren dieser großartigen Bildkomposition gehört (s. Bild 84). Die Hauptszene ist von den meisten Forschern mit den besonders im griechischen Bereich und somit auch auf Stelen der Griechenstädte an den Küsten Thrakiens bekannten Totenmahldarstellungen richtig in Verbindung gebracht worden. Allerdings zeigt in Kazanläk das Sujet spezifisch thrakisches Gepräge, was beispielsweise darin zum Ausdruck kommt, daß hier der Mann sitzend und nicht auf einem Speisebett liegend dargestellt wird. Ferner kann die Prozession der Dienerfiguren gut mit thrakischen Sitten in Einklang gebracht werden, wo ja dem vornehmen Toten neben kostbaren Beigaben auch seine Pferde mit ins Grab gegeben wurden. Die inhaltliche Aussage des sogenannten Totenmahls ist eng mit dem Gedanken der Heroisierung verbunden. Dementsprechend muß bei der Deutung dieser Szene davon ausgegangen werden, daß der verstorbene Thrakerfürst nunmehr in seiner neuen Existenz als Heros abgebildet worden ist. Von den meisten Archäologen und Kunsthistorikern, die sich mit diesem Denkmal beschäftigt haben, wird die Mittelszene konkret als Abschied gedeutet, den der heroisierte Gatte von seiner in Trauer zurückgelassenen Gemahlin nimmt. Aber in jüngster Zeit wurde von der bulgarischen Archäologin L. OgnenovaMarinova vorgeschlagen, die gesamte Szene im Hauptfries als Hochzeitszeremonie zu interpretieren."' Doch auch dann muß diese Darstellung unbedingt unter dem Aspekt der Heroisierung gesehen werden, indem das verstorbene Ehepaar in der jenseitigen Welt seinen Bund erneut schließt, da es zu einer von Sterblichen unterschiedenen Existenzform als Heroen aufgestiegen ist. Nach Analogie griechischer Bildszenen könnte dazu durchaus die Prozession mit vierspännigem Wagen passen. Was die Frau mit Fruchtteller links vom heroisienen Thrakerfürsten betrifft, so dürfte es sich dabei nach berechtigter Annahme einiger Forscher um die der Erde verbundene Fruchtbarkeitsgöttin Demeter oder um ihre Tochter Persephone, die nach hellenischer Vorstellung den Winter über in der Unterwelt herrscht,

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Datierung

Grabmal von Mägliz

Wandmalereien aus dem Grab bei Mägliz

handeln. Unabhängig jedoch davon, für welche Deutung der Hauptszene man sich im einzelnen entscheidet, kann kaum Zweifel darüber bestehen, daß hier die für das Thrakertum besonders stark ausgeprägten Ideen der Heroisierung ihren Ausdruck in bildhaft-konkreter Form gefunden haben. Die Wandmalereien dieses Kuppelgrabes sind inhaltlich als Einheit anzusehen. Beziehen sie sich doch im Dromos auf die politisch-militärischen Aktivitäten des Verstorbenen und im Kuppelraum auf Tod und Heroisierung. Mit letzterem in Zusammenhang steht auch das Wagenrennen im obersten Fries, das eigentlich nur mit den Kampfspielen, die während und nach der Bestattung veranstaltet wurden, in direkte Beziehung gebracht werden kann. Gewisse Probleme wirft allerdings nicht nur eine detaillierte Interpretation der Bildinhalte auf, sondern vor allem auch die zeitliche Fixierung dieses Monuments, das in der Forschung zwischen dem Ende des 4. und der ersten Hälfte des 3. Jh. v. u. Z. unterschiedlich angesetzt wurde. Dabei können die immer wieder angestellten Vergleiche mit der allerdings sehr unvollkommen überlieferten griechischen Malerei und überhaupt mit dem System der Wanddekoration dieser Zeit lediglich ungefähre Anhaltspunkte liefern. Am wahrscheinlichsten scheint eine Datierung dieses Grabes und seiner Malereien in das erste Viertel des 3. Jh. v.u.Z. zu sein. Zweifellos muß das Kuppelgrab von Kazanläk in enger Beziehung zu dem nur 8 km entfernten Seuthopolis gesehen werden, das im frühen 3. Jh. v. u. Z. ein wichtiges politisches und kulturelles Zentrum gewesen war. Neuere Funde wie die in Svestari (Bez. Razgrad) haben gezeigt, daß Kazanläk nicht das einzige Grabmal aus frühhellenistischer Zeit ist, dessen Wände mit Wandmalereien geschmückt sind. Am bedeutendsten ist immerhin noch das bei Mäglii (Bez. Stara Zagora) erforschte Hügelgrab mit einer Gesamtlänge von 21,8 m. Sein zentraler Teil, der aus einer viereckigen Grabkammer mit kleinerem Vorraum besteht, ist aus Ziegeln errichtet, die ein spitzes, satteldachförmiges Gewölbe bilden. Dagegen hatte man die anderen Partien mit Ausnahme der Türrahmen aus Bruchsteinen aufgemauert, wobei für die Wandkonstruktion auch Bohlen verwandt wurden. Diese Abschnitte

Grabbeigaben

Schatz von Panagjuriste

waren mit Balken überdeckt. Die hohe Qualität der Wandmalerei läßt sich selbst noch an den Bruchstücken eines Frieses erkennen, der aus wechselseitig angeordneten Amphoren und Palmetten besteht. In der griechischen Welt war dieser Amphorentypus während der zweiten Hälfte des 3. Jh. v.u.Z. in Gebrauch, so daß auf Grund dieses und anderer Anhaltspunkte eine Datierung des Grabmals von Mägliz in das dritte Viertel des 3. Jh. v.u.Z. am wahrscheinlichsten zu sein scheint. Sowohl diese Anlage als auch das Kuppelgrab von Kazanläk waren schon im Altertum ausgeraubt worden. Aber die noch im Kazanläkgrab gefundenen kleinen Goldgegenstände sowie die in der Hügelschüttung entdeckte Weinkanne mit goldenem Schulterstreifen (s. Bild 88) beweisen, daß solche Bestattungen auch noch im 3. Jh. v.u.Z. reich an Beigaben gewesen sein müssen. Trotzdem wird durch eine Gesamtanalyse des heute verfügbaren Materials aus Hügelbestattungen deutlich, daß die Grabinventare dieser Epoche sich hinsichtlich ihres Reichtums und ihrer Exklusivität nicht mehr mit denen aus dem 5. und 4. Jh. v. u. Z. messen können. Der bedeutendste Schatz aus der Zeit der makedonischen Herrschaft in Thrakien wurde im Jahre 1949 bei der Stadt PanagjuriSte zufällig gefunden und war dort wohl schon im 3. Jh. v.u.Z. vergraben worden. Es handelt sich dabei um eine Goldschale und acht goldene Rhyta verschiedener Form (s. Bilder 80 und 81). Alles zusammen besitzt ein Gesamtgewicht von 6,1 kg. Auf dem ersten als Damhirschkopf gestalteten Trinkgefäß ist das Urteil des Paris dargestellt. Diese griechische Sage gehört in die Vorgeschichte des Trojanischen Krieges und handelt von der Entscheidung des trojanischen Prinzen Paris, einer der drei griechischen Göttinnen Hera, Athena und Aphrodite den Schönheitspreis zuzuerkennen. Während Paris, Athena und Hera als sitzende Figuren wiedergegeben wurden, ist Aphrodite, die schließlich den Apfel der Schönheit erhielt, stehend abgebildet. Auf einem weiteren Rhyton, das ebenfalls in Form eines Hirschkopfes gearbeitet ist, sieht der Betrachter den griechischen Halbgott Herakles im Kampf mit der Hirschkuh von Keryneia und den attischen Nationalheros Theseus, der den wilden Stier von Marathon bezwingt. Ein drittes Rhyton hat der Toreut als Widderkopf geformt und hier den Gefäßhals mit den Figuren des Weingottes Dionysos und seiner Begleiterinnen geschmückt. Diesen drei Trinkhörnern ist ein viertes anzuschließen, das jedoch den ganzen Vorderkörper eines springenden Ziegenbocks und nicht nur einen Tierkopf zeigt. Auch bei den Figuren der griechischen Götter Apollon, Hera, Artemis und der Siegesgöttin Nike, die man am Gefäßhals erkennen kann, lassen sich stilistische Unterschiede zu den Figurenszenen auf den anderen drei Rhyta feststellen, so daß mit Recht für dieses

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Trinkhorn ein anderer Meister angenommen wird. Drei weitere Gefäße aus diesem Schatz besitzen die Form eines Frauenkopfes. Daß sie ebenfalls die Funktion von Rhyta hatten, beweist der kleine, als Löwenkopf gebildete Weinspender auf der Vorderseite des unteren Randes eines jeden Exemplares. Das zweifellos interessanteste Gefäß besitzt die äußere Form einer Amphore. Im Unterschied zu dem achämenidischen Stück aus Duvanli ergoß sich hier die Flüssigkeit nicht aus dem Henkel, sondern im Gefäßboden existieren zwei Öffnungen, die außen als Negerköpfe gebildet sind. Dort auf der Unterseite wurde ein Silen, der zu den Begleitern des Dionysos gehört, mit Kantharos (Weinpokal) und Doppelflöte, daneben der schlangenwürgende Herakles im Kindesalter dargestellt. Besonders die Deutung der Hauptszene auf diesem als Amphore-Rhyton zu bezeichnenden Gefäß hat bisher zahlreiche kontroverse Diskussionen hervorgerufen. So hat man versucht, die Szene mit Alexander dem Großen direkt in Verbindung zu bringen, und wollte in einer Figur den berühmten Makedonenkönig sogar selbst erkennen. Aber das bleibt natürlich völlig hypothetisch. Eine andere Interpretation sah hier nur eine Alltagsszene, die den Einbruch von Zechern in eine Schenke schildert. Auch auf den thrakischen Grabkult hat man die Darstellung bezogen, indem die Flügeltür als Grabtür, aus der der Geist des Toten hervorschaut, interpretiert wurde.12* Da auf den anderen Figurenszenen der Rhyta Götter bzw. Begebenheiten aus der griechischen Mythologie abgebildet sind, liegt es schon aus diesem Grunde nahe, die Handlung auch auf diesem Gefäß in den mythologischen Bereich zu verweisen. Dabei wäre dann am ehe-

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Figürliche Szenen auf der Amphore des Schatzes von PanagjuriSte

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Goldplastik aus der Gegend von Razgrad

sten jenen Forschern zuzustimmen, die meinen, daß es sich hier um eine Szene aus der griechischen Sage »Die Sieben gegen Theben« handelt. Was die Herkunft dieser herrlichen Gegenstände betrifft, so hat hierzu schon I.Venedikov die definitive Feststellung getroffen, daß auf Grund des Gewichtssystems von AmphoreRhyton und Phiale die einzelnen Teile dieses Services in der nordwestkleinasiatischen Stadt Lampsakos hergestllt worden sind.'3) Nach Ansicht dieses Gelehrten wurden die Gefäße zudem nicht gleichzeitig gearbeitet. Den drei Rhyta in Tierkopfform fügte man das Trinkhorn in Gestalt des Vorderkörpers eines springenden Bockes hinzu und vereinigte diesen Gefäßsatz mit der Phiale. Diese dürfte jedoch aus einer ganz anderen Werkstatt stammen. In einem zeitlichen Abstand müssen dann die Amphore und jene drei Rhyta, die in ihrer äußeren Form jeweils als Frauenköpfe gestaltet wurden, hinzugekommen sein. In den Gefäßen dieses berühmten Goldschatzes verbindet sich in harmonischer Weise griechische und achämenidische Kunsttradition, was angesichts des Herstellungsortes an der kleinasiatischen Küste des Hellesponts keineswegs überrascht. Wohl gleichfalls aus einer griechischen Werkstatt im Bereich von Propontis und südthrakischer Ägäisküste könnte eine im Hohlguß hergestellte Goldplastik stammen, die erst vor einigen Jahren zufällig bei Razgrad gefunden wurde. Dieses zumindest für den thrakischen Raum bisher unikale Denkmal stellt den Vorderteil eines Pegasos (Flügelpferdes) dar. Vergleicht man diese Figur mit den Pferdeprotomen der silbernen Rhyta vom

Goldenes Flügelpferd (Pegasos), gefunden bei Razgrad

Bronzemünze des Adaios. Vorder- und Rückseite

Hellenistische Großreiche im Kampf um Südthrakien

BaSov-Hügel bei Duvanli und von Borovo, die in das Ende des j. bzw. in die erste Hälfte des 4. Jh. v.u.Z. zu datieren sind, so ist bei unserem Stück zumindest eine differenziertere Modellierung und somit eine vielteilig-bewegtere Oberflächengestaltung festzustellen. Eine im Prinzip verwandte Modellierung kann man an Figuren des Goldschatzes von Panagjuriäte und hier speziell bei dem Rhyton mit Ziegenbockprotome beobachten. Auch die überaus schlank gebildeten Beine des Flügelpferdes unterscheiden diese Plastik von den früheren Pferdeprotomen. Es scheint daher, daß das Denkmal von Razgrad am ehesten im späten 4. Jh. v.u.Z. entstanden ist. Das damals noch recht respektable toreutische Schaffen kommt in der Folgezeit immer mehr zum Erliegen. Gewiß spielte dabei die Kelteninvasion eine nicht unbeträchtliche Rolle. Aber die Ursachen für das Verschwinden exklusiver Adelsbestattungen seit dem zweiten Drittel des 3.Jh. v.u.Z. sind komplexer Natur. Sie liegen in der allgemeinen Krise, die die Staatenwelt der Balkanhalbinsel in dieser Zeit auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete erfaßte. In Thrakien gab es nach dem Zusammenbruch des Lysimachosreiches keinen Staat, der seine Nachfolge vollgültig hätte antreten können. Das Keltenreich von Tylis muß eher als recht unterentwickeltes staatliches Gebilde angesehen werden, das den gesellschaftlichen Fortschritt in diesem Raum nicht voranbringen konnte. Durch eine Aufstandsbewegung unterworfener Thraker verschwand es bereits im Jahre 212 v.u.Z. von der politischen Landkarte. Doch während seiner mehr als sechzigjährigen Existenz war es in Südthrakien keineswegs der alleinige Machtfaktor. Aus dieser Zeit sind uns die Namen einiger einheimischer Fürsten überliefert, die ihr Herrschaftsgebiet in relativer Eigenständigkeit zu erhalten wußten. So begegnet uns in zwei epigraphischen Dokumenten jeweils ein Thrakerfürst namens Kotys. Selbst wenn es hierzu kontroverse Ansichten gibt, ob es sich dabei um ein und dieselbe Person, Vertreter der gleichen Dynastie oder um zwei Fürsten getrennt voneinander existierender Herrschaftsbereiche handelt, so beweist immerhin schon die Überlieferung als solche, daß auch odrysische Herrscher in dieser Zeit ihre Position behaupten oder gegebenenfalls sogar ausbauen konnten. Ein weiterer Dynast war Adaios, dessen Herrschaftsgebiet am Unterlauf der Mariza gelegen haben dürfte. Seine Münzen wurden aber auch bei Ausgrabungen in Seuthopolis gefunden. An der thrakischen Südküste kämpften die drei hellenistischen Großreiche Ägypten, Syrien und Makedonien, die von Königsdynastien griechisch-makedonischer Herkunft regiert wurden, mit wechselseitigem Erfolg um die Vormacht. In diese kriegerischen Auseinandersetzungen wurden selbstverständlich

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Eingreifen Roms

die benachbarten Thraker hineingezogen. Als im Jahre 254 v.u.Z. der syrische König Antiochos II. einen Feldzug gegen Kypsela unternahm und es ihm gelang, diese Stadt einzunehmen, verdankte er dies teilweise auch den in seinem Heer aktiven Thrakerfürsten Dromichaites und Teres mit ihrem Truppenaufgebot. Einige Jahre später ist an der südthrakischen Küste die Herrschaft der Seleukidendynastie durch die des ägyptischen Königs Ptolemaios III. zurückgedrängt worden, so daß das Gebiet zwischen Mesta im Westen bis zur Chersones im Osten dem Ptolemäerreich angeschlossen und in den Stützpunkten ägyptische Truppen stationiert wurden. Eine Folge davon war, daß hier Kulte des Niltales verstärkt Eingang fanden. Andererseits besitzen wir aber eindeutige Zeugnisse für die Anwesenheit thrakischer Söldner in Ägypten. Damals wurde auch im Nildelta bei der Stadt Ptolemais ein Tempel der Göttin Bendis errichtet. Überhaupt war Thrakien mit seiner unverbrauchten Bevölkerung jetzt noch mehr als früher zum Reservoire für die Heere hellenistischer Herrscher geworden. In Ägypten und in anderen Küstenländern des östlichen Mittelmeerraumes lassen sich Leute thrakischer Herkunft während der gesamten hellenistischen Epoche und auch in der römischen Kaiserzeit nachweisen. In Südwestthrakien mußte das makedonische Königreich um in v.u.Z. und vier Jahre später heftige Kämpfe mit dem Thrakerstamm der Maider, deren Kerngebiet an der mittleren Struma lag, bestehen. Damals gelang es sogar dem Makedonenkönig Philipp V., die maidische Hauptstadt lamphorynna einzunehmen. Ihre genaue Lokalisierung ist bisher noch nicht überzeugend gelungen. Im Jahre 202 v.u.Z. begann Philipp V. dann seine Angriffe gegen die ptolemäisch-ägyptischen Besitzungen in Südthrakien und eroberte schließlich die Stadt Lysimacheia. Diese Erfolge waren jedoch nicht von langer Dauer, da der Makedonenkönig sich infolge römischen Drucks aus diesen Gebieten zurückziehen mußte. Die makedonische Expansion im südthrakischen Raum wurde nun durch die syrische unter König Antiochos III. abgelöst. Er konnte sich der Chersones bemächtigen, die Stämme des Hinterlandes unterwerfen und sogar in nordthrakische Gebiete vorstoßen. Hier an der unteren Donau trat er mit den kelto-germanischen Bastarnen in Verhandlungen ein. Aber nachdem Antiochos III. 189 v.u.Z. bei der kleinasiatischen Stadt Magnesia am Sipylos von den Römern vernichtend geschlagen worden war, verlor er seine gesamten thrakischen Besitzungen. Diese Ereignisse zu Beginn des 2. Jh. v.u.Z. zeigen deutlich, daß Rom gleichsam zum Schiedsrichter der untereinander rivalisierenden hellenistischen Reiche aufgestiegen war. Es griff somit erstmals entscheidend in die politischen Geschicke des

79 Thrakerfestung Certigrad im Balkan von Etropole beim Dorfe Brusen

Folgende Seiten: 80/81 Goldschatz von Panagjuriste (Bez. Pazardzik). Ende des 4. Jh. v. u, Z.

8i Kuppelgemälde im Grabmal von Kazanläk (Bez. Stara Zagora). Anfang des 3. Jh. v. u. Z.

83 Die sogenannte Totenmahlszene im Grabmahl von Kazanläk 84 Thrakischer Diener mit Pferd und Wagen aus der Hauptszene im Kuppelgrab von Kazanläk 8 5 Teil einer Granitsäule in dorischem Stil aus Seuthopolis. Ende des 4 Jh. v. u. Z.

86 Bronzemünze mit dem Bild des Thrakerkönigs Seuthes III. Ende des 4. Jh. v. u. Z. 87 Münze des Thrakerkönigs Rhoimetalkes I. 8 8 Silberkanne mit Goldverzierung aus der Hügelschüttung des Grabmals von Kazanläk (Bez. Stara Zagora). Ende des 4./Anfang des 3. Jh. v. u. Z.

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Thraker nach dem Untergang des Makedonischen Reiches

Thrakerlandes ein. Allerdings war die Zeit noch nicht reif, um hier ein eigenes römisches Herrschaftsgebiet zu begründen. Die Chersones kam vorerst an den römerfreundlichen König von Pergamon, und die griechischen Küstenstädte wurden für autonom erklärt. Im Hinterland herrschten uneingeschränkt die thrakischen Stämme. Als der römische Feldherr Manlius Vulso im Jahre 188 v.u.Z. von seinem Kriegszug gegen Antiochos III. aus Kleinasien durch südthrakisches Gebiet zurückmarschierte, wurde sein Heer von den Thrakerstämmen der Asten, Kainer, Maduatener, Koreller und Trausen hart bedrängt. Die ungebrochene Kraft der Thraker des Binnenlandes hat Philipp V. in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des 2. Jh. v.u.Z. veranlaßt, mehrere Feldzüge in das Innere Thrakiens zu unternehmen, wo er gegen Odiysen, Bessen, Dentheleten und Maider Krieg führte und Philippopolis (heute Plovdiv) für kurze Zeit eroberte. Aus dieser Zeit kennen wir auch den Odrysenkönig Seuthes IV. Wahrscheinlich wird es ihm dann auch gelungen sein, diese strategisch wichtige Stadt an der Mariza zurückzugewinnen. Von Seuthes IV. und seinem Sohn Kotys, der uns spätestens ab 171 v.u.Z. als odrysischer König bekannt ist, sind Bronzemünzen überliefert. Kotys erwies sich als treuer Parteigänger des Makedonenkönigs Perseus (179—169 v.u.Z.) und wurde damit in die antirömische Koalition dieses Makedonenherrschers einbezogen. Rom bemühte sich seinerseits ebenfalls, einheimische Fürsten der Balkanhalbinsel für seine Pläne zu gewinnen. Dies war der Fall bei dem sapäischen Stammesfürsten Abrupolis, den Perseus schon 179 v.u.Z. aus den für Makedonien wichtigen Bergwerksgebieten am Pangaion vertrieb. Desgleichen wurden im Jahre 172 v.u.Z. die Maider von den Römern gegen Perseus aufgewiegelt. Ein Jahr später kam es dann zum entscheidenden Krieg zwischen dem Makedonenkönig und der Römischen Republik, bei dem Kotys dem Perseus bis zuletzt die Treue hielt. Die Schlacht von Pydna besiegelte im Jahre 168 v.u.Z. das Schicksal des makedonischen Königreiches. Es wird in vier voneinander unabhängige Zonen mit republikanischer Verwaltung aufgeteilt und im Jahre 148 v.u.Z. nach erneuter Aufstandsbewegung in eine römische Provinz umgewandelt. Nach dem Untergang des Perseus war der Odrysenkönig Kotys gezwungen, sich mit den Römern zu arrangieren. In dieser Zeit politischer Zersplitterung und Dezentralisierung versuchten einige Kleinfürsten, ihre Machtsphäre zu erweitern. Aus antiken Schriftquellen erfahren wir, daß in den vierziger Jahren des 2. Jh. v.u.Z. der Kainerfürst Diegylis im Hinterland von Byzantion sein Herrschaftsgebiet ausdehnte und zu diesem Zweck ein Bündnis mit den thrakischen Bithyniern auf der kleinasiatischen Seite der Meerengen schloß. Der Angriff rieh-

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Ausdehnung der römischen Einflußsphäre

Römerfreundliche Thrakerkönige

tete sich in erster Linie gegen die Griechenstädte dieses Bereichs und besonders gegen die unter pergamenischer Verwaltung stehende Chersones. Dabei wurde Lysimacheia völlig zerstört. Erst nach großer Kraftanstrengung gelang es dem König Eumenes II. von Pergamon, die Kainergefahr zu bannen. Diegylis und später sein Sohn Zibelmios, die beide in der antiken Überlieferung als sehr grausam geschildert werden, fanden den Tod. Nachdem Makedonien und Griechenland seit 148 bzw. 146 v.u.Z. dem Römerreich als Provinz angegliedert worden waren, besaßen die Römer im Süden der Balkanhalbinsel eine feste Machtbasis, von der aus sie in der Folgezeit ihre Angriffsoperationen gegen freie Teile des Thrakerlandes führen konnten. Schon seit 167 v.u.Z. standen die Küstenstädte westlich der Marizamündung römischem Einfluß direkt offen, da dieses Gebiet verwaltungsmäßig zu Makedonien gehörte. Als im Jahre 129 v.u.Z. das Pergamenische Reich durch Erbschaft an die Römer fiel, war die gesamte südthrakische Küstenzone faktisch in römischer Hand. In den binnenländischen, von Gebirgen durchzogenen Gebieten Thrakiens konnte jedoch die militärische Widerstandskraft der Bevölkerung lange nicht gebrochen werden. Viel Mühe mußten einzelne römische Feldherren im letzten Drittel des 2. und zu Beginn des i.Jh. v.u.Z. im Kampf mit Bessen, Dentheleten, Maidern, Triballern und mit thrako-illyrischen sowie mit keltischen Stämmen aufwenden, um die römischen Interessen auf der Balkanhalbinsel durchzusetzen. Um 100 v.u.Z. begegnet uns im alten odrysischen Siedlungsgebiet ein König namens Kotys, dessen Hauptstadt wohl Bizye war. Da hier auch der Thrakerstamm der Asten zu lokalisieren ist, sprechen einige Historiker in diesem Zusammenhang von einer odrysisch-astäischen Dynastie. Der Sohn dieses Kotys könnte durchaus Sadalas I. gewesen sein, der im Jahre 87 v.u.Z. den bekannten römischen Feldherrn Sulla im Kampf gegen König Mithridates VI. unterstützt hat. Dieser Mithridates hatte es verstanden, seine ursprüngliche Machtbasis an der südlichen Schwarzmeerküste allmählich zu einem Großreich im kleinasiatisch-pontischen Raum auszubauen, so daß es schließlich die gesamte Pontosküste umfaßte. Indem er geschickt die Unzufriedenheit der Griechen mit der drückenden römischen Provinzialverwaltung ausnutzte, war seine Herrschaft für die hegemonistischen Pläne Roms zu einer ernsten Gefahr geworden. Erst nach drei harten Kriegen zwischen 89 und 64 v.u.Z. konnte dieser begabte und tatkräftige Herrscher besiegt werden. Die Thraker bezogen in diesem Konflikt unterschiedliche Positionen. Während einige wie Sadalas I. auf Seiten der Römer standen, kämpften andere erbittert gegen den Machtanspruch

171 Aufstcmdsbewegungen thrakischer Stämme

Roms. Schon während des ersten Mithridatischen Krieges (89—84 v.u.Z.) unternahmen die Maider zusammen mit anderen Stämmen Kriegszüge in die römische Provinz Makedonien. £)er römische Gegenangriff blieb nicht aus, so daß Sulla plündernd in das maidische Stammesgebiet an der Struma eindrang. Im Verlaufe dieser Ereignisse geriet auch der Maiderfürst Spartakos (lat. Spartacus) in römische Hände und kam als Gladiatorensklave nach Italien, wo er von 73 bis 71 v.u.Z. den größten Sklavenauf stand der Antike organisierte und führte. Auch während der siebziger und sechziger Jahre des i. Jh. v.u.Z. hörten die Auseinandersetzungen der Römer mit den um ihre Freiheit ringenden Thrakerstämmen nicht auf. Dabei gelangten römische Heere mehrmals bis in die Gebiete an der unteren Donau. Bedeutsam in dieser Hinsicht war der Feldzug, den der makedonische Statthalter M. Terentius Varro Lucullus in den Jahren 72 und 71 v.u.Z. unternahm. Er eroberte die Städte Philippopolis, Kabyle und Uskudama (später Hadrianopolis), überschritt den Balkan und erschien in den Gegenden des heutigen Nordbulgarien. Im folgenden Jahr wurden dann die mit Mithridates VI. verbündeten westpontischen Städte von Apollonia bis Histria bezwungen. Von langer Dauer waren diese römischen Erwerbungen allerdings nicht. Schon 61 v.u.Z. erlitt C. Antonius Hybrida, der damals Statthalter von Makedonien war, in den Gebieten nordöstlich des Balkangebirges eine empfindliche Niederlage. Gleichzeitig erfuhr die Widerstandsbewegung im Süden des Landes neuen Auftrieb, so daß im Jahre 59 v.u.Z. ein Aufstand der Bessen ausbrach, der trotz zeitweiliger Erfolge der Römer sich sogar noch auf die Dentheleten, Maider und Dardaner ausbreitete. Erst nach langwierigen Kämpfen wurde Rom hier wieder Herr der Lage. Andererseits gab es in Thrakien aber auch Kräfte, die durchaus römerfreundlich gesinnt waren. Als einen ihrer Exponenten muß man Kotys — den Sohn des odrysisch-astäischen Königs Sadalas I. — ansehen. Ihm wurde sogar der von den Römern gefangene Bessenfürst Rabokenthos überantwortet. Kotys und sein Sohn Sadalas II. hielten auch in den folgenden Jahren den Römern die Treue. Ein anderes thrakisches Königshaus, das als das sapäische bezeichnet wird, spielte in Thrakien damals eine bedeutende Rolle und zeichnete sich ebenfalls durch eine römerfreundliche Politik aus. Sie wurde verfochten von Rhaskuporis I. Auch bei der großen Entscheidungsschlacht von Actium, die im Jahre 31 v.u.Z. zwischen Octavian und seinem Gegner Antonius stattfand, kämpften thrakische Fürsten auf beiden Seiten. Nach dem Sieg Octavians wechselte Rhoimetalkes I. — wohl ein Enkel des Rhaskuporis — von Antonius zu Octavian über und sicherte sich somit seine Herrschaft, die bis zum Jahre 12 oder 14 u.Z. währte.

172

Die thrakischen Könige dieser Zeit waren getreue Sachwalter römischer Interessen und konnten dank dieser Politik ihr Herrschaftsgebiet sogar nördlich des Balkans ausdehnen, was allerdings nicht über den Tatbestand hinwegtäuschen darf, daß ihr Reich nunmehr nur noch den Charakter eines römischen Klientelstaates trug. Dementsprechend lehnten sich Rhoimetalkes I. und seine Nachfolger bis hin zum letzten Thrakerkönig Rhoimetalkes III. (38—45 u.Z.) auch in ihrer Münzprägung eng an römische Vorbilder an (s. Bild 87). In der politischen Realität entstand jetzt eine noch deutlichere Kluft zwischen diesen thrakischen Herrschern im Dienste Roms und den Volksmassen, denen besonders die römischen Rekrutierungsmaßnahmen aufs äußerste verhaßt waren. Die Thrakerstämme der Rhodopen und vor allem die Hessen verteidigten damals noch verzweifelt ihre Freiheit. Hier lag auch ein berühmtes Dionysosheiligtum, das sich im gesamten Lande größter Verehrung und Autorität erfreute. Die Römer hatten durchaus den bedeutsamen ideologischen Einfluß, der von dieser Kultstätte ausging, erkannt, als sie im Jahre 28 v.u.Z. die Leitung des Heiligtums den Bessen entzogen und es in die Hände der römertreuen Odrysen legten. Während Rom anderweitig in kriegerische Unternehmungen verwickelt war, brach im Jahre 15 v.u.Z. im Bessengebiet erneut ein Aufstand aus, dem sich bald andere Stämme anschlössen. Diesmal stand die Erhebung unter der Führung des hessischen Dionysospriesters Volaigeses, der durch seinen religiösen Eifer dem Unternehmen noch eine zusätzliche ideologische Fundierung gab. Die "Wucht der Bewegung war so stark, daß Rhoimetalkes I. auf die von römischen Truppen besetzte Chersones flüchten mußte. Aber auch dieser Aufstand zerbrach schließlich an der Übermacht Roms. Thrakien war damit keineswegs endgültig befriedet. Im Jahre 21 v.u.Z. erhoben sich die Odrysen selbst zusammen mit den Stämmen der Koilaleten und Dier gegen die doppelte Ausbeutung und Unterdrückung durch Rom und die einheimische, römerfreundliche Aristokratie. Dabei wurde der Thrakerkönig Rhoimetalkes II. sogar in der Stadt Philippopolis belagert. Die brutalen römischen Zwangs- und Rekrutierungsmaßnahmen waren schließlich auch die Ursache für die Empörung des Jahres 26 u.Z., wo die Römer besonders harte Kämpfe mit den Thrakern im Balkangebirge, die sich dort in ihren Wallburgen verschanzt hatten, bestehen mußten. Es zeigte sich jetzt immer deutlicher, daß der prorömisch gesinnte Adel und das an seiner Spitze stehende, kaum noch selbständig operierende Königtum nicht mehr in der Lage waren, die römischen Interessen in diesem Teil der Balkanhalbinsel effektiv zu vertreten, so daß im Jahre 45 u.Z. nach der Niederschlagung eines erneuten Aufstandes Thrakien als römische Provinz eingerichtet wurde.

7 STAATSBILDUNGEN DER GETEN UND DAKER Staatsbildende Prozesse

Frühe Geten/ursten

Bastarnische Keramik aus Poienejti. 3./2.Jh. v.u.Z.

Gegen Ende des 4. Jh. v. u.Z. lassen sich im Siedlungsbereich der Geten an der unteren Donau bereits staatsbildende Prozesse erkennen. Doch währte diese Entwicklung eine geraume Zeit, bis sich im zweiten Viertel des i. Jh. v. u. Z. der erste getodakische Staat unter dem König Burebista formieren konnte. Bedingt durch die Weiterentwicklung der Produktivkräfte, zeichnen sich schon im 4. Jh. v. u. Z. die Konturen einer Adelsklasse ab, die der Masse des Volkes gegenüberstand. Über den Charakter des vom Getenkönig Dromichaites beherrschten Reiches besitzen wir keine konkreten Angaben. Wenngleich es diesem Getenkönig auch gelang, sich gegenüber Lysimachos zu behaupten, so war doch die durch den Kelteneinbruch um 280 v. u. Z. bestimmte allgemeine politische Situation auf dem Balkan für die Entwicklung eines getischen Großreiches ungünstig. Ein epigraphisches Dokument aus der Mitte des 3. Jh. v. u. Z. berichtet von dem getischen Stammesfürsten Zalmodegikos, dessen Herrschaftsgebiet aller Wahrscheinlichkeit nach in der nordwestlichen Dobrudscha oder sogar in der Moldau gelegen haben wird. Dieser Getenherrscher war immerhin so mächtig, daß er von der Griechenstadt Histria Geiseln besaß und dieser Polis auch seinen Willen auf zwingen konnte. Als um 200 v. u. Z. ein thrakischer Despot namens Zolles die westpontischen Städte bedrohte und sogar Bizone belagerte, suchten diese Schutz bei dem Fürsten Rhemaxos, der ihnen seine Hilfe in allerdings nicht uneigennütziger Weise zukommen ließ. Dabei dürfte es sich wohl um einen getischen Herrscher handeln, der an der Spitze eines Stammesbundes in den Gebieten nördlich der Donau gestanden hat. Während des späten 3. Jh. v. u. Z. dringen die bereits erwähnten Bastarnen, von Norden kommend, in den nordthrakischen Siedlungsraum ein und lassen sich in den Territorien östlich der Karpaten nieder. Einige Gruppen dieses kelto-germanischen Volkes unternehmen in der Folgezeit Einfalle in die Gebiete südlich der Donau und gelangen im Jahre 179 v. u. Z. sogar bis in die Gegend des Rilagebirges. In Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen zwischen Bastarnen und Nordthrakern ist uns der geto-dakische Fürst Oroles überliefert, dessen Herr-

Keltisches Eisenschwert aus Dezmir

Geto-dakische Staatsbildung

Sozialökonomische Situation

Schaftsbereich man am ehesten in der südlichen Moldau und im östlichen Transsilvanien lokalisieren muß. Wie wir bereits gesehen hatten, konnten die nach dem Tode des Lysimachos in den südbalkanischen Raum eingefallenen Kelten dort keinen wesentlichen Beitrag zur kulturellen und wirtschaftlichen Weiterentwicklung leisten, da die Bewohner dieser Gebiete über ein beträchtlich höheres Entwicklungsniveau als die Invasoren verfügten. Anders war dagegen die Situation in Transsilvanien. Hier erscheinen die ersten Keltenscharen bereits um die Mitte des 4. Jh. v. u. Z. In der Folgezeit fand dort eine relativ starke keltische Ansiedlung statt, ohne daß jedoch dadurch das thrako-dakische Bevölkerungssubstrat ernsthaft gefährdet wurde. Aber seit der zweiten Hälfte des 2. Jh. v. u. Z. ist dort das keltische Element im Rückgang begriffen, indem die Kelten immer mehr von den einheimischen Nordthrakern assimiliert werden. Doch für die Formierung der geto-dakischen Kultur des Karpatenraumes haben die keltischen Siedler einen durchaus beachtlichen Beitrag geleistet. Dies betrifft in erster Linie die Entwicklung der Produktivkräfte, da infolge des fremden, aus dem Norden kommenden Einflusses die Technologie der Eisengewinnung verbessert wurde und die Keramikproduktion ein höheres Niveau erreichte. Wenn wir aber erfahren, daß in der Zeit des dakischen Fürsten Rubobostes, der während der ersten Hälfte des 2. Jh. v. u. Z. in Transsilvanien geherrscht hatte, die Macht der Daker angewachsen sei, so kann dies eigentlich nur auf Kosten des keltischen Einflusses geschehen sein, und tatsächlich wurde dieser auch in der Folgezeit völlig beseitigt. Gleichzeitig muß man im Verlaufe des 2. Jh. v. u. Z. eine Intensivierung staatsbildender Prozesse annehmen. Sie münden ein in die Errichtung eines geto-dakischen Großreiches unter dem getischen König Burebista in den Jahren 82 bis 44 v. u. Z. Damals hatte sich die Stammesaristokratie bereits als Klasse konstituiert, von den Dakern selbst als »tarabostes« bezeichnet. Als Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Position trugen sie einen pileus (lat. spitze, kapuzenförmige Filzmütze). Dementsprechend sind uns diese Adligen in lateinischen Schriftquellen später als »pileati« überliefert und auch auf der Trajanssäule und in der römischen Freiplastik dargestellt (s. Bild 89). Aus Angehörigen dieser Adelsklasse rekrutierte sich die mächtige und einflußreiche Priesterschaft. So wissen wir, daß dem König Burebista gleichsam als Stellvertreter im Staat der Priester Deceneus zur Seite stand. Bei der Vereinigung der geto-dakischen Stämme und der Schaffung einer staatlichen Organisation muß er eine entscheidende Rolle gespielt haben. Die ökonomische Basis der herrschenden Klasse war natürlich ausgedehnter Grundbesitz, der den Charakter von Privatei-

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Aktivitäten des Burebista

gentum hatte, wenngleich ein Obereigentum des Königs angenommen werden muß. Die übrige Bevölkerung wurde »capillati« bzw. »komati« (d. h. »lange Haare tragend«) genannt. Auch hierfür existieren eindeutige Bildzeugnisse (s. Bild 95). Die dakische Bauernschaft lebte in Dorfgemeinden, wobei nach Ansicht der meisten Forscher die zu beackernden Landparzellen sich noch in Gemeindeeigentum befanden, während Haus, Hof und Geräte als Privateigentum betrachtet wurden. Allerdings dürfte es in der geto-dakischen Dorfgemeinde dieser Zeit schon eine deutlich ausgeprägte soziale Stratifikation gegeben haben. Im Staat des Burebista waren der Adel (tarabostes) und die Masse der persönlich freien, in Dorfgemeinden organisierten Produzenten (capillati) die Hauptklassen, zwischen denen ein antagonistischer Widerspruch bestand. Die tarabostes versuchten, ihre ökonomische Basis auf Kosten der einfachen Geto-Daker zu erweitern. Wie das in konkreten Fällen aussah und welche Verpflichtungen die Dorfgemeinden im einzelnen gegenüber der Adelsklasse zu erfüllen hatten, entzieht sich allerdings unserer Kenntnis. Sicher ist jedoch, daß dies meist auf dem Wege vielfältiger Tributleistungen geschah. Die geto-dakische Gesellschaft des i.Jh.v.u.Z. und des i.Jh.u.Z. kannte zweifellos auch Unfreie, doch dürften sie keineswegs die entscheidende Produktivkraft im sozialen Gefüge des Staates gewesen sein. Obgleich die uns erhaltenen antiken Nachrichten über die Taten des Burebista recht dürftig sind, ist es der Geschichtswissenschaft immerhin heute schon möglich, Leben und Werk dieser Persönlichkeit in groben Zügen nachzuzeichnen. Die Hauptquelle unserer Kenntnis bildet der kurze Bericht des griechischen Geographen Strabon, der von 64/63 v. u. Z. bis 2O/2IV. u.Z. lebte und dem somit authentische Informationen zur Verfügung gestanden haben. Dort heißt es: »Boirebistas, ein Gete, der zur Herrschaft über das Volk gelangt war, übernahm die durch häufige Kriege bedrängten Leute (d. h. die Geten und Daker) und hob sie durch Übung, Nüchternheit und Befolgung der Anordnungen in einen solchen Zustand, daß er binnen weniger Jahre ein großes Reich errichten konnte und die meisten der Nachbarn der Geten unterwarf. Schon wurde er sogar den Römern gefährlich, als er furchtlos den Istros (d. h. die Donau) überschritt und Thrakien bis nach Makedonien und Illyrien hin plünderte, auch die mit Thrakern und Illyrern vermischten Kelten heimsuchte, die Boier aber unter Kritasiros und die Taurisker völlig vernichtete« (Strabon, Geographie, VII, 3,11). Bereits am Ende der achtziger Jahre dürfte es Burebista gelungen sein, durch den Zusammenschluß wichtiger geto-daki-

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Geto-Daker nach dem Tode des Burebista

scher Stämme das Fundament für sein Reich zu legen. Dieser Prozeß wird wohl in den folgenden Jahren angedauert haben. Den Krieg gegen die keltischen Völkerschaften der Boier und Taurisker, die an der mittleren Donau siedelten, setzt man im allgemeinen in die Jahre 60/59 v. u. Z. Es wird zu Recht angenommen, daß die Westgrenze des Burebistareiches vom ungarischen Donauknie den Fluß entlang nach Süden verlief. Im Norden dürften sogar die südliche Slowakei, die Karpatoukraine und die Gebiete um Olbia am Schwarzen Meer diesem danubisch-balkanischen Staat zuzurechnen sein. Die Kriege gegen verschiedene keltische und illyrische Stämme wurden in der Folgezeit fortgesetzt. Nach Süden konnte Burebista seinen direkten Herrschaftsbereich bis zum Balkangebirge ausdehnen. Um das Jahr 48 v. u. Z. wird er in einer Inschrift der griechischen Stadt Dionysopolis als »der erste und größte der Könige in Thrakien und im ganzen Lande jenseits und diesseits des Flusses« (d. h. der Donau) bezeichnet. Damals standen bereits alle Griechenstädte der westlichen Schwarzmeerküste unter seiner Herrschaft. Daß die Griechen dieser Poleis bei den Kriegshandlungen manche Drangsal erdulden mußten, geht aus einem Bericht des antiken Schriftstellers Dion Chrysostomos hervor, der bei seinem Besuch Olbias mehr als 150 Jahre nach jenen Ereignissen noch an die Zerstörung der Stadt durch die Geten erinnert wurde. Deutlich sagt Dion, daß »diese (Olbia) und die anderen linkspontischen Städte bis nach Apollonia hin die Geten eingenommen hatten« (Dion, Reden, XXVI, 4). Dagegen konnte Dionysopolis dank der Aktivitäten seines Bürgers Akornion, der zu Burebista in enger freundschaftlicher Beziehung stand, vor Verwüstungen bewahrt werden, wenngleich auch diese Stadt sich dem Getenkönig unterordnen mußte. Akornion wurde von Burebista sogar in diplomatischer Mission nach Makedonien geschickt, um dort mit dem römischen Heerführer Pompeius Verhandlungen aufzunehmen. Dies zeigt, daß der Getenherrscher auch versuchte, sich in die politischen Wirren der römischen Republik einzuschalten. Vier Jahre später fiel dieser große König wahrscheinlich durch Mörderhand. Offenbar war die Verschwörung inspiriert von einflußreichen Vertretern des geto-dakischen Adels, in dessen Augen die Machtfülle des Burebista ein ernstes Hindernis für die eigenen Selbständigkeitsbestrebungen darstellte. Tatsächlich hörte das geto-dakische Großreich auf zu existieren unc j ze rfiel in vier und später sogar in fünf Teilreiche. Überliefert sind uns mehrere dakische und getische Stammesfürsten, die teils in heftige Kämpfe mit Rom verwickelt waren, teils mit den Römern paktierten und untereinander Krieg führten. So kennen wir Dicomes, der im Gebiet zwischen Donau und Karpaten herrschte und im Bürgerkrieg zwischen Marcus Anto-

Decebal von derTrajanssäule

nius und Octavian ersteren unterstützte. Mit ihm verfeindet war Kotyso. Von seinem Herrschaftsgebiet im heutigen südwestlichen Rumänien aus attackierte er die Römer und fiel zusammen mit Bastarnen im Jahre 29 v. u.Z. sogar in die Gebiete südlich der Donau ein, wo er allerdings vom römischen Feldherren M. Licinius Crassus vernichtend geschlagen wurde. Für seine Römertreue ist dagegen der Getenfürst Roles mit dem Titel »Freund und Bundesgenosse des Römischen Volkes« ausgezeichnet worden. Das zog ihm die Feindschaft des getischen Stammesfürsten Dapyx zu. Erst Crassus konnte diesen auf seinem Feldzug in die Dobrudscha 28/27 v. u.Z. besiegen und in das Land eines weiteren Getenfürsten namens Zyraxes eindringen, dessen Festung im Verlaufe der Ereignisse von römischen Truppen eingenommen wurde. Im Jahre i o v. u.Z. hatten die ständigen Auseinandersetzungen zwischen Dakern und Römern letztere sogar bis nach Transsilvanien geführt, das als Zentrum der dakischen Macht galt. Auf diese Zeit ist wohl auch der Bericht Strabons zu beziehen, der sagt: »Die Geten und Daker, die zur höchsten Macht gelangt waren, so daß sie ein Heer von 200000 Mann (unter Burebista) entsenden konnten, sind jetzt auf 40000 Mann zusammengeschmolzen und nahe daran, den Römern zu gehorchen ...« (Geographie, VII, 3,13) Doch sollte es noch bis zur Errichtung der römischen Provinz Dakien gut ein Jahrhundert dauern. Diese Jahrzehnte sind angefüllt mit harten und blutigen Kämpfen, wobei die Römer auch vor Deportationen getischer Bevölkerungsgruppen nicht zurückschreckten. Die Auseinandersetzungen traten in den achtziger Jahren des i. Jh. u.Z. in eine neue Phase, als die Daker angesichts der wachsenden römischen Stärke an der unteren Donau die reale Gefahr einer Ausdehnung der Römerherrschaft auf die Gebiete nördlich des Flusses sahen. So überschritten im Winter des Jahres 85/86 dakische Abteilungen den großen Strom und drangen in die römische Provinz Mösien ein. Damals kam im Kampf sogar der Provinzstatthalter Oppius Sabinus um. Daraufhin erschien Kaiser Domitian selbst an der Donaugrenze. Nachdem in Dakien nun Decebal, der Sohn des Scorilo, zur Macht gekommen war, gelang es diesem fähigen Fürsten, das Dakerreich allseitig zu stabilisieren. Über die Qualitäten dieses Herrschers weiß uns der griechische Historiker Cassius Dio (etwa 150—235) folgendes zu berichten: »Er war erfahren im Kriege und geschickt zu allen Taten; er wußte, wann er vordringen und wann er sich zurückziehen mußte, meisterhaft legte er einen Hinterhalt und war tapfer im Kampf; gewandt wußte er einen Sieg auszunutzen und aus der Niederlage gut davonzukommen. So war er für die Römer auf lange Zeit hin ein ebenbürtiger Gegner« (Cassius Dio, Römische Geschichte, LXVII,

Decebal und Trojan

6). Daß Decebal meisterhaft den Hinterhalt zu legen verstand, bewies er schon im Jahre 87, als ein römisches Heer am RotenTurm-Paß von den Dakern überwältigt wurde und der Feldherr Cornelius Fuscus dabei den Tod fand. Erst ein Jahr später konnten die Römer unter Aufbietung beträchtlicher militärischer Kräfte die dakischen Truppen bei Tapae — in Südwestdakien wohl zwischen Caransebej und Hajeg gelegen — schlagen. In dem folgenden Friedensschluß (89) mußte sich Decebal offiziell in den Status eines römischen Klientelkönigs fügen. Allerdings brachte der Frieden für die Daker insofern einen Vorteil, als ihnen römische Subsidien zugestanden wurden. Decebal wußte dies in geschickter Weise auszunutzen, indem er mit Hilfe römischer Techniker das Befestigungssystem seines Staates und vor allem die Anlagen im Oräjtie-Gebirge ausbaute. Außerdem wurde auch das Heer modernisiert. All das mußte natürlich das Mißtrauen Roms von neuem erwecken. Für Decebal entstand eine recht bedenkliche Situation, als im Jahre 98 Trajan zum römischen Kaiser ausgerufen wurde und mit diesem Mann sich in Rom erneut das Konzept einer expansiv betriebenen Außenpolitik durchzusetzen begann. Vier Jahre später marschierte der Kaiser mit einem Heer von etwa 150000 Mann, das den Dakern quantitativ und qualitativ überlegen war, in das Karpatenreich ein. Außer antiken Schriftquellen berichten über die Ereignisse der beiden trajanischen Dakerkriege die Reliefbilder auf der Trajanssäule zu Rom. Anhand dieser Szenen jedoch den genauen Verlauf der Geschehnisse zu rekonstruieren hat sich als

Dakischer Krieger mit Drachenfahne von der Trajanssäule

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Ergebnisse der Siedlungsarchäologie

problematisch erwiesen, weil eben diese Reliefsäule als Denkmal kaiserlicher Propagandakunst nicht mit einer dokumentarischen Kriegsberichterstattung verwechselt werden sollte. Noch im Jahre 101 konnten die römischen Heere bei Tapae erneut einen entscheidenden Sieg erringen. Zur Entlastung seiner prekären Situation im Westen unternahm Decebal unerwartet einen Einfall in die römische Provinz Niedermösien südlich der Donau. Erst unter großen Anstrengungen und in zwei blutigen Schlachten, von denen man die eine beim heutigen Adamclisi in der Dobrudscha lokalisiert, während die andere in Nähe der späteren Stadt Nicopolis ad Istrum vermutet wird, gelang es den Römern, hier die Daker und ihre Verbündeten zu vertreiben. Im Frühjahr des Jahres 102 richtete sich die römische Hauptkraft bereits gegen die Befestigungen im Oräjtie-Gebirge, wo auch die Königsstadt lag. Um den völligen Zusammenbruch zu verhindern, mußte jetzt Decebal die von Trajan geforderten drückenden Friedensbedingungen akzeptieren. Dieser Frieden nahm dem Dakerkönig fast jegliche politische und militärische Aktionsfreiheit und schränkte außerdem das Reich auf sein Kerngebiet im westlichen Transsilvanien ein. Für Trajan war das im wesentlichen nur ein Waffenstillstand. Auch Decebal konnte sich mit dieser Situation nicht zufriedengeben. So kam es im Jahre 105 zum zweiten Dakerkrieg, der kaum ein Jahr dauerte und mit der Einnahme der Königsburg, die in dem Fundkomplex Grädi$tea Muncelului im Oräftie-Gebirge erkannt worden ist, endete (s. Abb. auf S. 181). Decebal versuchte sein Heil in der Flucht, um neuen Widerstand zu organisieren. Als er sich aber von seinen römischen Verfolgern eingeholt sah, durchschnitt er sich mit einem dakischen Krummschwert die Kehle (s. Bild 113). Damit hörte das Dakerreich auf zu existieren und wurde in eine römische Provinz umgewandelt. Für die Entwicklung der materiellen Kultur hat uns besonders die Siedlungsarchäologie während der letzten Jahrzehnte werVfO\\e Erkenntnisse geliefert. Heute kennen wir sowohl aus Transsilvanien als auch aus den Gebieten südlich und östlich der Karpaten eine Vielzahl getischer und dakischer Siedlungsplätze und Nekropolen, die in das späte i. Jahrtausend v. u. Z. datiert werden können. Wie neuere rumänische Forschungen nachgewiesen haben, ist beispielsweise in der Zone zwischen den Südkarpaten und der unteren Donau vom 3. bis zum i. Jh. v. u.Z. eine beträchtliche Zunahme der Besiedlung und damit ein Anwachsen der Bevölkerungsdichte zu beobachten. Von wesentlicher Bedeutung sind dabei Siedlungen, die wichtige Handels- und Handwerkszentren sowie politische Konzentrationspunkte ihrer weiteren Umgebung waren. Sie wurden auf verschiedene Weise mit Wällen, Gräben, Palisaden

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Geto-dakische oppida

Apsishaus von Popefti

und manchmal sogar mit Steinmauern befestigt und finden sich im gesamten geto-dakischen Siedlungsraum. In der Sprache der einheimischen Bevölkerung hatte man derartige, den keltischen oppida (sing, oppidum) entsprechende Anlagen mit dem Wort dava (pl. davae) bezeichnet. Dabei haben Altertumswissenschaftler mehrfach versucht, einige in antiken Schriftquellen konkret überlieferte davae auf ausgegrabene Siedlungsplätze zu beziehen. So wurde vorgeschlagen, Poiana (Bez. Galaji) mit Piroboridava,Tise$ti (Bez. Bacäu) mit Utidava, Räcätäu (Bez. Bacäu) mit Tamasidava, Bitca Doamnei (Bez. Neamt;) mit Petrodava, Ocnija (Bez.Vilcea) mit Buridava, Bradu (Bez. Bacäu) mit Zargidava, Pope$ti (Bez. Ilfov) mit Argedava, Pecica (Bez. Arad) mit Ziridava und Ri$nov (Bez. Bra$ov) mit Cumidava zu identifizieren. Grabungen haben ferner gezeigt, daß die meisten davae Vorgängersiedlungen besaßen, die weit in vorgeschichtliche Zeiten zurückreichen, was angesichts ihrer günstigen geographischen Lage eigentlich nicht überrascht. Bereits im 4. Jh. v. u.Z. muß Poiana (wohl Piroboridava) ein wichtiges wirtschaftliches und politisches Zentrum in der südlichen Moldau gewesen sein. Zahlreiche griechische Importgegenstände zeugen von blühenden Handelsbeziehungen. Andere geto-dakische oppida sind im Verlaufe des 3., die meisten allerdings erst im späten 2. Jh. v. u. Z. entstanden, als in diesen Gebieten sich immer mehr die Grundzüge einer frühen Klassengesellschaft herauszubilden begannen. Eine der bedeutendsten davae wurde bei Popejti am unteren Arge? erforscht. Archäologische Ausgrabungen haben dort eine

Besiedlung bis in die Bronzezeit nachgewiesen, wobei das getodakische oppidum des 2. und i. Jh. v. u. Z. allein fünf Siedlungsschichten aufweist. Abgesehen von zahlreichen griechischen Importstücken, die sich in weiteren Siedlungsplätzen dieser Art finden, ist interessant, daß man hier neben anderen, aus Holz mit Strohlehmverputz errichteten Häusern auch ein rechteckiges Gebäude aufgedeckt hat, dessen nördliche Seite in Form einer flachen Apsis abschließt. Gewiß ist es möglich, diese Anlage und den gesamten angrenzenden Gebäudekomplex mit Wirtschaftsräumen als Sitz eines getischen Stammesfürsten zu deuten. In diesem Zusammenhang verdient ferner die benachbarte Hügelnekropole mit Brandbestattungen Beachtung. Denn schon allein die Beigaben und der Charakter der Bestattungen sprechen dafür, daß es sich um Adelsgräber handelt. Vielleicht lag in Pope$ti am Arge$ das antike Argedava, und möglicherweise hatte hier der uns mit Namen nicht bekannte Vater des Burebista residiert. Das oppidum von Pope$ti wurde zu Beginn des i. Jh. u. Z. aufgegeben. Dies war wohl eine Folge der Aktionen des römischen Feldherrn Sextus Aelius Catus, der n bis 12 u.Z. oder einige Jahre früher 50000 Geten aus der Zone unmittelbar nördlich der Donau in die römisch kontrollierten Gebiete südlich des Flusses deportieren ließ. Jener Maßnahme fiel damals auch das oppidum von Piscul Cräsanilor (Bez. lalomija) zum Opfer. Aber schon weiter nördlich gelegene davae wie das von Tino$u (Bez. Prahova) entgingen diesem Schicksal. Die Existenzdauer der einzelnen geto-dakischen oppida war also von der konkreten politischen Situation in den jeweiligen geographischen Bereichen abhängig. Während viele Siedlungen im

Festung und Heiliger Bezirk von Grädijtea Muncelului (nach H. Daicoviciu) T Terasse i Hütten in Holzkonstruktion 2 römisches Bauwerk 3 westliches Tor 4 östliches Tor 5 antiker Weg 6 älteres Hauptheiligtum 7 Pflaster 8 KalksteinHeiligtum 9 Depots 10 jüngeres Hauptheiligtum 11 Turm 12 Altar 13 Kanal 14 Heiligtum 15 Kleines Rundheiligtum (Kalender) 16 Großes Rundheiligtum (Kalender) 17 Werkstätten

•//V" 17

182

Grädiftea Muncelului

Kultanlagen

i.Jh.v.u.Z. erst entstanden, gingen andere im Verlauf des zweiten Jahrhundertviertels unter. Gerade in dieser Zeit unternahm Burebista große Anstrengungen, die geto-dakischen Stämme in ein Großreich zusammenzuschließen, was nicht ohne heftige Kämpfe gegen die Selbständigkeitsbestrebungen einzelner Stammesführer abgegangen sein wird. Daher zögert man heute auch nicht, die Aufgabe solcher oppida wie Cirlomänes,ti (Bez. Bacäu), Cetäfeni (Bez. Arge$), Polovragi (Bez.Gorj) oder Zimnicea an der Donau, die gewiß Sitze von Stammesoberhäuptern gewesen waren, mit diesen Ereignissen in Verbindung zu bringen. Das Zentrum des dakischen Staates lag unter Burebista und auch später bis zur römischen Eroberung des Landes im Orä§tie-Gebirge. Hier existierte auf einer Fläche von etwa 200 km2 ein großartiges System von Siedlungen und Festungen, das zumindest in dieser Form für Alteuropa einmalig ist. Hauptort und Zentrum war die heute in einsamer Bergwelt 1200 m hoch gelegene Anlage von Grädi§tea Muncelului, in der man die dakische Königsstadt zu erkennen hat. Im Westen befindet sich die eigentliche Festung mit einer Fläche von ungefähr 3 ha. Die in ihren Resten noch erkennbare Mauer besitzt eine Stärke von etwa 3,20 m und wurde aus Steinblöcken in der für die Daker typischen Technik errichtet, worauf wir noch zurückkommen werden. Je ein Tor ist im Osten (4) und Westen (3) vorhanden. Großartige Bauwerke sucht man in diesem ummauerten Areal allerdings vergebens. Es diente vor allem als Zufluchtsstätte und zur Stationierung militärischer Abteilungen. Daher waren die recht bescheidenen Gebäude (i) auch nur aus Holz aufgeführt. Vom Osttor (4) gelangt man über einen mit Kalksteinplatten gepflasterten Weg (5) zu den Kultbauten. Dort muß das religiöse Zentrum des Dakerreiches gesucht werden. Wahrscheinlich dürfte es sich dabei um den von Strabon (Geographie, VII, 3,5) erwähnten heiligen Berg Kogaionon handeln. Dieser Komplex von Heiligtümern gruppiert sich im wesentlichen auf zwei großen Terrassen (T XI und X). Südlich der Straße hat man auf einem etwas tiefer liegenden Niveau, das aber noch zur Terrasse XI gerechnet werden muß, eine aus vier Reihen von Säulenpostamenten bestehende rechteckige Anlage (6) erforscht. Die Säulenbasen sind aus Kalkstein gearbeitet und trugen vielleicht Holzsäulen (s. Bild 91). Diese Kultstätte wurde bereits unter Burebista erbaut, erfuhr aber während der zweiten Hälfte des i. Jh. u. Z. eine Umgestaltung. Ebenfalls in die Burebista-Zeit könnte das weiter nördlich gelegene Heiligtum, das nur drei Reihen runder Kalksteinpostamente besitzt (8), datiert werden. Unter Decebal errichtete man auf der höheren Terrasse X und von mächtigen Stützmauern umgeben, eine neue imposante rechteckige Kultanlage (10). Sie besteht aus sechs

183

Reihen von Säulenpostamenten, die aus Andesit gearbeitet sind und einen Durchmesser von 2 m aufweisen. Für diese repräsentative Kultstätte hatte man Andesitsäulen mit einer Höhe von 1,2 bis 1,5 m geplant. Doch infolge des ausgebrochenen Krieges konnten sie wohl nicht mehr auf ihre Rundsockel gesetzt werden. Südöstlich davon befinden sich auf der Terrasse XI nicht weniger als fünf, vielleicht sogar sechs Kultanlagen. Allein drei besitzen einen runden Grundriß. Das sogenannte kleine Kaiender-Rundheiligtum (15) besteht nur aus einem Kreis von 101 niedrigen Andesitpfeilern, die durch 13 Blöcke aus dem glei-

Kleines Kalenderheiligtum von Grädijtea Muncelului

Großes Kalenderheiligtum von Grädi§tea Muncelului

184

chen Material in elf Gruppen von je acht und je einer Gruppe von jeweils sieben sowie sechs Pfeilern gegliedert werden (s. S. 183 o.). Demgegenüber weist das große Kalenderheiligtum (16) im ganzen drei konzentrische Ringe und im Zentrum eine hufeisenförmige Anordnung auf (s. S. 183 u.). Den Außenkreis (a) hatte man aus 104 Andesitblöcken errichtet. Der zweite Kreis (b) setzt sich aus 180 niedrigen Andesitpfeilern und 30 Blöcken zusammen. Dabei folgt immer auf eine Reihe von sechs Pfeilern ein Andesitblock, so daß insgesamt 30 Gruppen existieren. Beim dritten Kreis (c) schließlich wurden die Holzpfeiler durch je vier bzw. drei Steinblöcke in Gruppen von 17, 18, 16 und wieder 17 Pfeilern untergliedert. Die hufeisenförmige Anlage im Zentrum (d) besteht aus zwei Gruppen von jeweils zwei Steinblöcken und ingesamt 34 Holzpfeilern. Allgemein wurde angenommen, daß die 180 Andesitpfeiler die Tage eines dakischen Halbjahres, die 68 Holzpfeiler des folgenden Ringes die Semester und die hufeisenförmig angeordneten 34 Pfeiler schließlich die Jahre eines Zyklus darstellen. Im Jahre 1980 ist jedoch von den rumänischen Gelehrten S. Bobancu, C. Samoilä und E. Poenaru eine spezielle Untersuchung vorgelegt worden, wo eine im Unterschied zu früheren Deutungsversuchen abweichende, mathematisch vertiefte Interpretation geboten wird.'4 So hat man dort, ausgehend vom kleinen Kalenderheiligtum, für den zivilen dakischen Kalender ein Jahr von 47 Wochen erschlossen, bei denen es solche von sechs, sieben und acht Tagen gab. Auch die einzelnen Jahre eines dreizehnjährigen Zyklus waren nicht immer gleich, sondern schwankten zwischen 364, 365, 366 und 367 Tagen. Immerhin betrug nach Ablauf von 13 Jahren die Differenz zur astronomischen Zeit nur einen Tag, was dann vor Beginn eines neuen Zyklus ausgeglichen werden konnte. Demgegenüber gehören die 180 Andesitpfeiler im zweiten Kreis des großen Kalenderheiligtums zum dakischen Ritualkalender, der älter und ungenauer war, da sein Jahr lediglich aus 360 Tagen bestand. Der dritte Kreis diente mit seinen 68 Holzpfeilern faktisch zy Korrekturen zwischen dem zivilen und dem rituellen Kalender. Denn man hat errechnet, daß nach Ablauf eines dreizehnjährigen Zyklus der rituelle Kalender um 68 Tage im Rückstand zur astronomischen Zeit und damit auch zum zivilen Kalender gewesen sein muß. Die Anordnung in Form eines Hufeisens dürfte die Wochen bezeichnen. Hier zählt die gekrümmte Seite 21 und die gerade 13 Pfeiler, wobei letztere — mit zwei multipliziert — 26 ergeben, so daß in der Addition 2 1 + 2 6 ebenfalls die Zahl 47 als Summe der Wochen des zivilen dakischen Kalenders herauskommt. Der äußerste Kreis von 104 Andesitblöcken wäre schließlich als ein dakisches Jahrhundert, das von acht Dreizehnjahreszyklen gebildet wird, zu denken. Die oben genannten

Dakischer Pileatus. Römische Marmorplastik aus dem Anfang des 2. Jh.

90 Grädi§tea Muncelului. Kleines Kalenderheilig turn (Rundheiligtum) (Nr. 16) und kleines viereckiges Heiligtum (Nr. ij) v 91 Grädigtea Muncelului. Älteres Hauptheiligtum, i. Jh. v. u. Z. und i. Jh. u.Z. 92 Grädijtea Muncelului. Großes Kalenderheiligtum (Rundheiligtum) und rechts Teil der Opferstätte in Form einer zehnstrahligen Sonne aus Andesitplatten 93 Fefele Albä bei Grädijtea Muncelului. Reste eines Rundheiligtums 94 Südmauer der Dakerburg auf dem Blidaru

95 Dakischer Capillatus. Römische Marmorplasnk aus dem Anfang des 2. Jh.

182, 204, 206,

Elaius 72 Engeiston in Enneahodoi 81 Essener 241 Eumenes II. 170 Eumolpos 245 Eurydike 245 Ezero 30, 31 Ezerovo 231

176, 212, 2l8, 231,

207, 209, 212, 215,

218, 219, 226, 228-232, 247-249, 253-255

Donauländischer Reiter 121, 125, 206, 248 Doriskos 76, 78 Dnepr 8 Dnestr 69,113 Drabeskos 81 Drama (in Bulgarien) 29, 31 Dräu 38 Drobeta 217 Dromichaites (Getenfürst) 147, H«, -73 Dromichaites (Thrakerfürst) 160 Dubovac 38 Dupljaja 39, 56, 57, I2O

Durostorum 212, 218 Duvanli 79, 80, 106-108, 157, 159

Edonen 78, 79, 81 Egbeos iio, in Eion 76, 78, 253 Eisernes Tor 38, 69, 124

Grädi§tea Muncelului 179, 181-184, 197, 200-202, 205, 206, 215, 232 Griechen 7, 44, Ti-74. 77. 97. 100, 106, 114, -45. -54. 17°. 173.

Fedele§eni 29 Ferigile n6-n8 Fetele Albe 197 Flavius losephus 241 Fuscus (Cornelius Fuscus) 178

232, Z43, 244 Griechenland 31, 38, 44, 46, 51, 60, 73, 77, 78, 82, 105, 146, 150, 170, 229, 245, 246, 253-255 Gumelni^a 16, 25, 26, 29 H

Galice 206, 208, 209 Gallipolihalbinsel 7Gärcinovo 115, n6 Gava 48, 50, 55 Getas 78, 79 Geten/getisch 7, 9. 76, n3, 115-118, I2O, 125, 146, 147. -75-177. 179-182, 197, 201, 204, 20J, 207,

209 -zu, 218, 231, 241, 246, 247,

254. *55 Girla Märe 38, 40, 56 Goljama Varovica -49 Gordianus III. 226, 228, 229 Goten 229, 255 Gradeänica 13, 25

Hadrian 215, 216 Hadrianopolis 101, 171, 220, 255 Hagios Georgios 53. 54 Hamangia 15, 16 Hateg 178 Hapegtal 215 Hebros (siehe Mariza) Hebryzelmis 97, 98 Hegesipyle 78 Hekate 248 Helios 245 Hellespont 77, 158, 232 Hera 156, 248 Herakles 156, 157, 248 Herästräu 207-209 Hermes 79, 241-243, 248 Herodot 7, 9, 57, 72, 76, 77, 79, 81, 82, 101, 117, 232, 241-243, 246

264

Heros 104-106, 108, 109, 123, 126, 154, 205, 208, 209, 225, 226, 244, 246, 247 Hethiter 46 Hieran Horos (heute Tekir dag) 100 Hieros Gamos 126 Histria 72, 147, 171, 173, 218, 253 Hl. Georg 249 Homer 7, 44 Homina-Grabhügel von Nagornoje 126, 127 Hybrida (C. Antonius) 171 Hygieia 248 Hyperboräer 39, 120, 246 I

lamphorynna 160 latrus 212 Illyrer/illyrisch 8, 38, 75, 170, 175, 176 Illyrien 175 Imbros (Imros) 212 lordanes 197 Iran/iranisch 60, 80, 116, 117, 125, 228 Iskär 113 Ismaros 72 Istros (siehe Histria) Istros (siehe Donau) Italien 171, 245, 254

J Jakimovo 2O6-209, 211

Jiu 3 8 K

Kabyle 101, 171, 213 Kainer 169, 170 Kallatis 73, 147, 218 Kallipolis 72 Kalojanovo 102, 106 Kap Kaliakra 43, 45 Kap Mykale 78 Karanovo 12-16, 25, 26 Kardia 72 Kärdzalij 30 Karpaten/ Karpatengebiet 25, 29, 31, 32, 39, 40, 43, 49, 51, 56, 57, 113, 114, 116, 117, 125, 145, -73. 174. -76, -78, 179, 207, 209, 215, 217, 229, 253 Karpen 228, 229,

Kleinasien/ kleinasiatisch 7, 8, ii, 14, 15, 30, 31, 46-48, 51, 57, 58, 76-78, 97, 106, 112, 147, 148, 158, 160, 169, 170, 220,

243,

246

Kodzadermen 16,

V

Kogaionon 182 Koilaleten 172 Konstantin der Große 230 Konstantinopel 230, 255 Koreller 169 Kostoboken 229, ^55 Kothelas 146 Kotys I. 97, 98, ioo, in, 254 Kotys (Hellenist. Thrakerfürst) 159 Kotys (Sohn Seuthes' IV.) 169 Kotys (odrysischastäischer König um ioo Kaukasus/ v. u. Z.) 170 Kaukasusgebiet Kotys (Sohn 42, 58, 60, 69, Sadalas' I.) 171 Kotyso 177 Kazanläk 151-156 Kralevo 145 Kelten/keltisch Krenidas 99 148,149, 159, Krestonier 7, 9 170, 173-176, 180, Krivodol 26 204, 254 Kerberos 127 Krobyzen 114 Kersobleptes 98, 99 Ktistai 246 Ketrip'oris 99 Kypsela 97, 98, Kikonen 72 ioo, 160 Kimmerier 57, 58 Kyros II. 76 Kyros (persischer Kimon 78 Prinz) 84 Kjolmen 115, 231

Malko Belovo 151, -53 Laiaier 84 Malko Kaie 53 Lampsakos 158 Mänade 244 Läpus 53, 55 Manlius Vulso Lazar Stanevo 115, 169 116, 118 Manole 50 Lemnos 30, 244 Marathon 72, 77 Lesbos 30, 72 Marciana 219 Letnica 117, Marcianopolis 219, 125-128, 246 220 Linos 245 Mardonios 77, 253 Ljublen 225 Mariza 51, 71, 72, Lom 39 76, 78, 97, 98, Lovec 109,123 159, 169, 170 Marmara-Meer 72, Lucullus (M. Terentius Varro 76,97 Lucullus) 171 Maroneia 53, 54, Lukovit 117, 128, 7i. 84. 99 Mastjugino 119, 145. -46 Luristan 60 120, 125 Lyder 76 Maximinus (Gaius lulius Lysimacheia 148, Verus 160, 170 Lysimachos 147, 148, Maximinus) 228, 229, 255 159, 173, 174, 254 Meci kladenec 26 Meda 146 M Meder 73 Maduatener 169 Medgidia 116, 117, Madytos 72 209 Mägliz 153, 155, 156 Medokos 84, 97 Magnesia am Megabyzos 76 Sipylos 160 Megara 72 Maider 160, Melanditen 97 169-171, 254 Meleia 197, 198 Maisades 97 Mesambria 71, 73, 218 Makedonien 83, Mesta 71, 99, 160, 98, 99, 146, 159. 243 169-171, 175, 176, 2 Mezek 102-104, 253. 54 106, 108, 109, Makedonier/ makedonisch 150, 151 78, 79, 83, 84, Mihalic 30 99, 105, 146-148, Milet 72, 73, 77 6 Miltiades d. -S-. -J ' 157- -59. 160, 169, 171, 204 Ältere 72

Miltiades d. Jüngere 72, 77, 78 Mithras 125 Mithridates VI. 170, 171 Mogontiacum (Mainz) 228 Moldau 32, 39, 49, 50, 54, 58, 69, 173, 174, 180, 215 Montana 212 Monteoru 31, 32, 37.39 Mösien 47,177, 212, 213, 255

Mösier 47, 113, 118, 231 Mures 69, 117 Musaios 245 Mygdonen 57 Mykene/ mykenisch 38, 43. 46 Myrkinos 76 Mysier 8, 47 N

Naissus (Nis) 229, 255 Napoca 216 Nesebär (siehe Mesambria) Nestos (siehe Mesta) Nicopolis ad Istrum 179, 219, 220 Nicopolis ad Nestum 220 Niedermösien 179, 212, 213, 215, 217, 218, 229, 248, 255 Nike 156 Noua 39, 49 Nova Zagora 30,32

z66

Pangaion 44, 75, Novae 212, 218 Noviodunum 212 76, 169, 244, 245 Pantikapaion 119 Nymphen 248 Nymphodoros 82, 83 Paris 156 Pausanias (griech. Feldherr) 147 O Pautalia 220 Obermösien 212, 255 Pecica 180, 197 Ocnija 180, 206, 207 Pegasos 158 Peiroos 71 Octavian 146,171, 214 Peisistratos 75 Odessos 73, 114, Perdikkas I. 83 Peretu 124,125 147, 218, 253 Pergamon/ Odomanten 76 pergamenisch Odrysen/ 169, 170 odrysisch 52, 76, Perinthos 72, 97, 80-84, 97-100, 102, 108, no-iu, 147,213 114, 115, 146, 147, Persephone 154 Persepolis 80 149, 150, 159, Perser/persisch 72, 169-172, 213, 214, 76-80, 107, in, 253. 254 112,116, 146, 244, Odysseus 44 253 Oescus 212, 218 Oktamasades 82 Perseus 169 Persien 106 Olbia 176 Perustica 45 Ölt 16, 215 Oltenien 38, 215 Petrodava 180 Philipp II. 98, 99, Oiagros 245 146,149, 204, Oiobazos 244 205, 254 Oräjtie 56,178, 179, 182, 197, 200, 201 Philipp V. 160, Oreskier 78 169, 254 Philipp! 99, 243 Orizovo 108 Philippopolis 169, Oroles 173 171, 172, 213, 214, Orpheus 245, 246 220, 229, 2J5 Orphik Z45 Philister 46 Orsoja 39 Philostratos v. Ovcarovo 14 Lemnos 244 Phryger 47, 48 Phylaiden 72 Paionen 8 Piatra Craivii 197 Piatra Rosii 197, Palaistinos 46 199, 200, 206, Palästina 46, 241 207 Panagjuriäte 156-159 Piräus 82

Piroboridava 180 Piscul Cräsanilor 181 Plataiai 78 Platon 82 Pleistoros 243, 244 Plotinopolis 220 Plovdiv 37, 38, 150-152 Poiana 180 PoianaCopfenefti 121 Poiene§ti 173, 229 Poliochni 30 Polistai 241 Polovragi 182, 205 Poltymbria 71 Pompeius 176 Popefti 69, 180, 181 Poroina no, 123, 125 Porolissum 217 Poseidonios 246 Potaissa 217 Propontis 72, 106, 118, 158 Prut228 Psenicevo 50, 51, 57 Ptolemäer 160 Ptolemaios III. 160 Ptolemais 160 Pustiosu 197 Pydna 169, 254 Pythagoras 232, 241 Pythagoreer 241,

R

Rabokenthos 171 Racatau 180, 210, 211 Raklica bei Lozengrad 103, 104 Ramses III. 46 Rasa 204

Ratiaria 212 Ravna 114 Razevo 29, 31 Razgrad 158,159 Razlog 56, 58 Rhaskuporis 1.171 Rhebulas 147 Rhemaxos 173 Rhesos 44, 45, 79, 244 Rhodopen 50, 52, 79. 172. *44 Rhoimetalkes I. ryi, 172 Rhoimetalkes II. 172 Rhoimetalkes III. -72 Rilagebirge 173, 254 Risnov 180 Roles 117 Rom 160, 169-172, 176, 178, 213, 226 Römer 113,160, 169-172, 175-177, 179, 212, 213, 2l6-2l8, 220,

Z25,

228, 229, 231, 232, 254. 255 Romula 217, 249 Rosovec106 Roter-Turm-Paß 178 Rubobostes 174 Rudele 197,198 Rudna Glava 26 Ruec 115

Sabinus (Oppius Sabinus) 177 Sadalas I. 170, 171 Sadaks II. 171 Sadokos 82 Sakargebirge 51 Salamis 78

Sälcuja 2.6, 29 Salmydessos 97 Samos 71, 72 Samothrake 71, 150, 212 Sapäer/sapäisch 169,171 Särata Monteoru (siehe Monteoru) Sarmaten 228, 255 Sarmizegethusa 201, 215 Satyr 244 Save 212 Schwarzes Meer/Schwarzmeergebiet 8, 29, 42, 43, 58, 59. T--73- ?6, 83, 84, 97, 117, 147, r/o, 176, 218 Scorilo 177, 232 Seevölker 46 Seleukiden 160 Seleukos I. 148 Selymbria 71, 72 Septimius Severus 216, 226, 228 Serdica 213, 220, 227 Sestos 72, 78, 253 Seuthes I. 83, 84, *54 Seuthes II. 84, 97, 2 54 Seuthes III. 147, H9. 254 Seuthes IV. 169 Seuthopolis H7--5I. -55. -59 Sevlievo 60 Sexaginta Prista 212 Sighi^oara 37 Silen 112, 157, 244 Silvanus 247

Sincräieni 210 Sitalkas (Lied) 246 Sitalkes 81-84, 97, 253 Skaptopara 226, 229 Skyles 82 Skythen/skythisch 8. 57. 5». 69, 75. 76, 81, 82, 84, 106, 113, n6, 117, 146, 147, 253, 254 Slawen 230, 255 Sofia-Kazicene 70, 7Sofronievo 60, 69, 70, 114 Sozopol $3 Sparadokos 82, 83 Sparta 82 Spartakos/ Spartacus 171, 244,254 Stara Zagora 26,60 Staroselec 151, 152 Staro selo 107 Strabon 175, 177, 182, 241, 246 Strandzagebirge 5-. 75 Strelca 104, 106, no, 123, 145 Struma 46, 54, 57, 72, 75-78, 81, 83, 84, 160, 171, 243, 253 Strymon (siehe Struma) Strymonier 57 Sulla 170, 171 Sumen 114 Surcea 206, 208, 209 Suvodol 29, 31 Sve§tari 155, 247 Syrien/syrisch 148, 159,160 Syrmos 146

268 Tamasidava 180, 210 Tapae 178, 179 Tatarevo 101, 103 Taurisker 175, 176 Tel 32, 37, 38 Tekir dag 100 Teres I. 81, 82, 100, 253 Teres II. 99 Teres (Thrakerfürst Hellenist. Zeit) 160 Teres (Marcus Aurelius Teres) 227 Thamyris 245 Thasos 71, 81, 150, 212,253 Theben 158 Thermi 30 Theseus 156 Thrakischer Reiter 106,109, 126, 127, 205, 206, 225, 249 Thukydides 81-84, 1-5 Thynier 57, 97 Tibiscum 2x7 Tilisca 200, 205 Tinosu 181 Tirnava Märe 117 Tirnava Micä 117 Tisesti 180 Tomis 73, 218 Tondzos (siehe Tundza) Topeiros 220 Trajan 178, 179, 197, 215, 218-220, 232, 255 Traianopolis 220 Tranipsier 97

Transmarisca 212 Transsilvanien 7, 25, 29, 32, 37, 39, 43, 48, 49, 51, 52, 54. 55. 1-3. Ir7. 174, 177, 179, 215, 255 Trausen 7, 9,169 Triballer 84, 98, 113, 118, 146, 170, Tripolje 25, 29 Troesmis 212, 218 Troja 30, 32, 51 Trojaner 44, 45 Trojanischer Krieg 156, 244 Tropaeum Traiani 218, 219 Tundia 51, 149 Tylis 149, 159

U Ukraine 48, 58, 176 Ulpia Traiana Augusta Dacica 215 Uskudama 101, 171, 213, 220 . Utidava 180

V Vädastra 16 Välcepol 102-104, 150, 151 Välciträn 55, 56, 70 Vardar 47, 48, 243 Varna 25, 27 Verbicioara 38 Vetren 150, 152 Virful lui Hulpe 200 Virteju 205 Virtop 48 Vladinja 117

Volaigeses r/2, 255 Vraca 109, no, 118-120 123, 125, 126, 128 Vranja 142

W Walachei 49-51, 148 Wietenberg 37, 39, 43.48

X Xenophon 84, 97, 246, 254 Xerxes 77, 79, 80,

Zalmogedikos 173 Zalmoxis 232, 241, 246 Zalmoxis (Tanz) 246 Zargidava 180 Zeus 248 Zibilmios 170 Zimnicea 182 Ziridava 180 Zoltes 173 Zopyrion 147 2uto Brdo 38 Zyraxes 177