Theorie sozialer Konflikte [1. Aufl. 2009] 978-3-531-16582-0, 978-3-658-25590-9

Lewis A. Coser versucht in diesem Klassiker der modernen Sozialwissenschaften im Anschluß an Georg Simmels berühmter Unt

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Theorie sozialer Konflikte [1. Aufl. 2009]
 978-3-531-16582-0, 978-3-658-25590-9

Table of contents :
Front Matter ....Pages I-XIII
Einführung (Lewis A. Coser)....Pages 15-35
Konflikt und Gruppengrenzen (Lewis A. Coser)....Pages 36-44
Feindseligkeit und Spannungen in Konfliktbeziehungen (Lewis A. Coser)....Pages 45-79
Konflikt der Innengruppe und Gruppcnstruktur (Lewis A. Coser)....Pages 80-102
Konflikt mit Fremdgruppen und Gruppenstruktur (Lewis A. Coser)....Pages 103-133
Ideologie und Konflikt (Lewis A. Coser)....Pages 134-143
Konflikt vereinheitlicht (Lewis A. Coser)....Pages 144-165
Konflikt verlangt nach Verbündeten (Lewis A. Coser)....Pages 166-179
Schluß (Lewis A. Coser)....Pages 180-186
Back Matter ....Pages 187-196

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Lewis A. Coser

Theorie sozialer Konflikte

ARBEIT GRENZEN POLITIK HANDLUNG METHODEN GEWALT SPRACHE WISSEN SCHAFT DISKURS SCHICHT MOBILITÄT SYSTEM INDIVIDUUM KONTROLLE ZEIT ELITE KOMMUNIKATION WIRTSCHAFT GERECHTIGKEIT STADT WERTE RISIKO ERZIEHUNG GESELLSCHAFT RELIGION UMWELT SOZIALISATION RATIONALITÄT VERANTWORTUNG MACHT PROZESS LEBENSSTIL DELIN

KLASSIKER DER SOZIALWISSENSCHAFTEN

Lewis A. Coser Theorie sozialer Konflikte

Klassiker der Sozialwissenschaften Herausgegeben von Klaus Lichtblau In den Sozialwissenschaften gibt es eine ganze Reihe von Texten, die innerhalb der Scientific Community seit vielen Jahren immer wieder gelesen und zitiert werden und die deshalb zu Recht den anerkannten Status des „Klassischen“ für sich in Anspruch nehmen können. Solche fraglos gültigen Bezugstexte sind nicht das Privileg einer einzelnen theoretischen Strömung, sondern im Gegenteil: Man findet sie in allen Fraktionen und weltanschaulichen Lagern innerhalb der modernen Sozialwissenschaften, so dass intersubjektiv anerkannte Klassiker die Möglichkeit eines ökumenischen Dialogs zwischen den oftmals verfeindeten Schulen eröffnen. Man kann diese neue Schriftenreihe auch so verstehen, dass konfessionelle Zugehörigkeiten den Zugang zur eigentlichen „Sache“ nicht verstellen dürfen, aufgrund der prinzipiellen Standortgebundenheit aller kultur- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnis aber selbstverständlich als jeweils besondere „Perspektive“ bei der Klärung der entsprechenden Sachverhalte eingebracht werden müssen. Diese neue Schriftenreihe ist deshalb darum bemüht, die unterschiedlichsten, oft zu Unrecht vergessenen Klassiker der Sozialwissenschaften anhand von ausgewählten Texten wieder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Lewis A. Coser

Theorie sozialer Konflikte Aus dem Englischen übersetzt von Sebastian und Hanne Herkommer

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.

Titel der englischen Originalausgabe: The Functions of Social Conflict Copyright © 1956 The Free Press Alle Rechte vorbehalten. Veröffentlicht mit Genehmigung des Originalverlags Free Press, a division of Simon & Schuster, Inc. 1. Auflage 2009 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2009 VS Verlag für Sozialwissenschaften ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier ISBN 978-3-531-16582-0

Vorwort zur Neuauflage Klaus Lichtblau

Der 1913 in Berlin geborene und 2003 in Cambridge/Mass. V erstorbene US-amerikanische Soziologe Lewis A. Coser gilt weltweit als einer der bedeutendsten sozialwissenschaftlichen Konflikttheoretiker des 20. Jahrhunderts. Mit seinem 1956 verOffentlichten und 1965 erstmals in deutscher Ubersetzung erschienenen Buch ,The Functions of Social Conflict" wurde Coser zum Wegbereiter einer kritischen Soziologie, die gegen die damalige hegemoniale Stellung der strukturfunktionalistischen Theorie von Talcott Parsons gerichtet war. Parsons stellte in Anlehnung an Emile Durkheim die normative futegration moderner Gesellschaften in den Mittelpunkt seiner Uberlegungen und orientierte sich an einem gesellschaftlichen Harmonieideal, das nach dem Zweiten Weltkrieg ein Kennzeichen der Mentalitat der US-amerikanischen Mittelschicht war. Soziale Konflikte erschienen dabei als Storfalle, die moglicht zugunsten der Herausbildung eines gesamtgesellschaft1ichen Wertekonsens zu vermeiden sind. Demgegeni.iber betont Coser im AnschluB an Georg Simmels beri.ihmte Studie iiber den ,Streit" die positive Funktion von sozialen Konflikten fiir die Losung von gesellschaftlichen Spannungen, die ihrerseits einen wichtigen Beitrag zur sozialen futegration zu leisten vermag. Cosers Konflikttheorie steht also selbst noch in einem funktionalistischen Bezugsrahmen. Denn sein Ziel ist es, den sozialwissenschaftlichen Funktionalismus zur Grundlage einer Theorie sozialer Konflikte zu machen, welche die Ansicht widerlegt, daB Konflikten nur eine dysfunktionale Rolle zukomme und insofern etwas Anormales seien. fu der hier neu vorgelegten deutschen Fassung dieses inzwischen langst klassischen Buches wird die Ansicht Simmels, daB der Streit eine elementare Form der Vergesellschaftung sei, eindrucksvoll bestatigt und weiterentwickelt. Soziale Konflikte haben dieser Auffassung zufolge fiir den Fortbestand der Gesellschaft die gleiche Bedeutung wie Kooperationsbeziehungen

und konnen unter bestimmten Voraussetzungen sogar zum entscheidenden Motor fur notwendige gesellschaftliche V eranderungen werden. Dies betrifft sowohl die Arbeitskonflikte in formalen Organisationen als auch die Interessengegensatze zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen und Klassen. ,Echte" soziale Konflikte zeichnen sich Coser zufolge dadurch aus, daB sie im Unterschied zu rein emotional bedingten Ressentiments und Aversionen eine rationale Losung zwischen gegensatzlichen Interessenlagen ermoglichen. ,,Dysfunktional" sind sie insofern nur in Bezug auf eine Sozialstruktur, die keine Toleranz gegeniiber offenen Konfliktaustragungen besitzt und die keine institutionellen Regeln fur die Schlichtung des Streits zwischen den jeweiligen Kontrahenten ausgebildet hat.

Inhalt

Vorwort

9

Personlicher Dank

12

Erstes Kapitel Einfi.ihrung

I

Zweites Kapitel Konflikt und Gruppengrenzen

36

Drittes Kapitel Feindseligkeit und Spannungen in Konfliktbeziehungen

45

Viertes Kapitel Konflikt der Innengruppe und Gruppenstruktur

So

5

Funftes Kapitel Konflikt mit Fremdgruppen und Gruppenstruktur

103

Sechstes Kapitel Ideologie und Konflikt

I

Siebentes Kapitel Konflikt vereinheitlicht

144

Achtes Kapitel Konflikt verlangt nach Verbi.indeten

166

N euntes Kapitel Schlu£

180

Register

187 7

34

Vorwort

Das vorliegende Buch versucht den Begriff des sozialen Konflikts zu kHiren und dabei gleichzeitig die Anwendung dieses Begriffs in der empirischen Sozialforschung zu untersuchen. Begriffe als solche konnen weder als falsch noch als richtig gedacht werden; sie sind angemessen oder nicht, sind klar oder verschwommen, fruchtbar oder nutzlos. Sie sind Instrumente, dazu bestimmt, relevante Aspekte der Realitat festzuhalten und auf diese Weise »die Definitionen (oder Anweisungen) abzugeben fiir das, was beobachtet werden soll«t. Ehe die »Tatsachen« sprechen konnen, miissen sie durch ein gewisses Begriffssystem geordnet sein. Die Trennung von Forschung - verstanden als Untersuchung von »Tatsachen« - und Theorien, die allzu oft in Regionen sich versteigen, in denen die »Tatsachen« auBer Reichweite geraten, ist verantwortlich fiir eine ganze Reihe von Unzulanglichkeiten in der amerikanischen Soziologie. So auch fiir deren Mangel an Konzentration und Kontinuitat. Saubere Begriffsanalyse, so glauben wir, tragt dazu bei, diese Unzulanglichkeiten zu verringern. Die Studie sucht Begriffssysteme zu klaren und zu festigen, die sich auf Daten des sozialen Konflikts beziehen. Sie bringt nicht die Ergebnisse neuer Forschung, sondern hoffi, solche Forschung anzuregen. Im Zusammentragen vorhandener,in der Vergangenheit verfaBter Beitrage zielt sie darauf ab, die Formulierung zukiinftiger Untersuchungen zu erleichtern. Obwohl der Begriff des sozialen Konflikts von zentraler Bedeutung fiir das Verstandnis weiter Gebiete der sozialen Beziehungen ist, wurde er von amerikanischen Soziologen in den letzten Jahren fast vollig vernachlassigt. Der Autor hat in einer anderen Arbeit versucht, die Griinde fiir dieses Versaumnis in den Wandlungen des gesellschaftlich geformten Bildes - etwa wahrend der letzten 50 Jahre - zu finden, das amerikanische 1 Robert K. Merton, Social Theory and Social Structure (Glencoe, Ill.: The Free Press, 1949), p. 87.

9

Soziologen von sich selbst hatten, und auch in den Wandlungen ihres tatsachlichen oder potentiellen Publikums. Das erste Kapitel dieses Buches wird einige der Ergebnisse zusammenfassen. Den interessierten Leser verweisen wir auf die umfassendere Studie2. Dieses Buch behandelt hauptsachlich eine Reihe von grundlegenden Thesen, die aus verschiedenen Theorien iiber den sozialen Konflikt gewonnen wurden, insbesondere aus der Georg Simmels. Die Thesen werden ihrerseits erweitert, indem sie zu anderen theoretischen oder empirischen Ergebnissen in Beziehung ges.etzt werden. Der soziale Konflikt ist auf vielerlei Arten definiert worden. Fiir den Zweck unserer Studie wollen wir ihn vorlaufig verstehen als einen Kampf urn Werte und urn Anrecht auf mangelnden Status, auf Macht und Mittel, einen Kampf, in dem einander zuwiderlaufende Interessen notwendig einander entweder neutralisieren oder verletzcn oder ganz ausschalten. Diese Arbeitsdefinition client nur als Ausgangspunkt. Uns geht es vornehmlich mehr urn die Funktionen als urn die Dysfunktionen des sozialen Konflikts, das heiih, urn jene Konsequenzen des sozialen Konflikts, die eher ein Fortschreiten als einen Riickgang in der Anpassung bestimmter sozialer Beziehungen oder Gruppen zur Folge haben. Weit davon entfernt, nur ein »negativer« Faktor zu sein, der »alles auseinanderreiBt«, vermag der soziale Konflikt eine Reihe von bestimmten Funktionen in Gruppen und in anderen zwischenmenschlichen Beziehungen zu erfiillen; z. B. kann er zur Aufrechterhaltung von Gruppengrenzen beitragen und den Austritt von Mitgliedern aus einer Gruppe verhindern. Die unbedingte Zustimmung zur Ansicht, sozialer Konflikt sei notwendig destruktiv fur die Beziehung, in der er auftrete, fiihrt - wie wir sehen werden - zu auBerst mangelhaften Interpretationen. Sich auf die funktionalen Aspekte des Konflikts zu konzentrieren, heiBt nicht abstreiten, daB gewisse Formen des Konflikts tatsachlich auflosend auf die Gruppeneinheit wirken oder daB sie zur Desintegration spezi-

2 Lewis A. Coser, »Toward a Sociology of Social Conflict•, (Ph. D. Dissertation, Columbia University, 1954; University Microfilms Publication No. 8639).

IO

fisc;her sozialer Gebilde fuhren. Solches Konzentrieren client immerhin dazu, das Gleichgewicht einer allzu einseitig betonten Analyse herzustellen3.

3 Nadtdem diese Arbeit im wesentlidlen abgesdllossen war, batten wir Gelegenheit, ein Referat von Jessie Bernard, Current Research in the Sociology of Conflict zu lesen (eine Arbeitsgrundlage des Internationalen Soziologen-Kongresses, vom 24. August bis zum x. September r953 in Luttich). Es war daher nicht moglidl, Frau Bernards Referat angemessen zu berucksichtigen. Viele meiner Gedanken stimmen mit den im Referat geauBerten uberein, wenn es audl eine Reihe von Divergenzen gibt. Der Leser wird in Frau Bernards Beridtt einen ausgezeichneten Fuhrer durdl die fruhere Forsdlung auf diesem Gebiet linden, ebenso eine anregende Diskussion der gegenwartigen Tendenzen und der zukUnftigen Moglidlkeiten in der Erforschung des sozialen Konflikts. II

. Personlicher Dank

Diese Studie ware ohne die instruktive, kluge Kritik und den freundlichen Rat und die Hilfe von Professor Robert K. Merton nicht zustande gekommen. Meine groBe Dankbarkeit ihm gegenuber kann ich an dieser Stelle kaum angemessen zum Ausdruck bringen. Mit meiner Frau Rose L. Coser - sie arbeitet am Wellesley College- verbindet mich eine jahrelange enge Zusammenarbeit, die sich auf Gemeinsamkeit im Denken griindet und die durch unsere Ehe noch verstarkt wurde. Eigentlich miiBte dieses Buch unter gemeinsamer Autorschaft erscheinen, da groBe Teile ihren analytischen Fahigkeiten zu danken sind. Ihre stiindige Ermunterung und ihre stimulierende Kritik waren fUr mich von unschatzbarem Wert. Meine Freunde Gertrude McPherson, ehemals am Wellesley College, und James McPherson, der friiher am Smith College lehrte, unterstlitzten mich tatkraftig bei der Herausgabe einer fruheren Version dieser Studie. Ich bin ihnen zutiefst zu Dank verpflichtet. Die Professoren Richard Hofstadter, Seymour M. Lipset, RobertS. Lynd und David B. Truman von der Columbia Universitat iiberlasen eine Friihfassung dieses Buches und gaben auBerst wertvolle kritische Kommentare dazu. Auch verschiedene meiner Kollegen an der Brandeis Universitat, besonders die Professoren Frank Manuel und Bernard Rosenberg (er ist jetzt am Harpur College) befaBten sich mit dem Manuskript und halfen durch inhaltsreiche Kritik. Besonderen Dank schulde ich Amber Harrington, die mir bei der Zusammenstellung des Index und beim Korrekturlesen half. SchlieBlich ist es mir eine Freude, mich meiner Schuld gegeniiber meinen Freunden Jeremiah Kaplan und Ned Polsky von der Free Press zu erinnern. Ohne ihre Hilfe und Mitarbeit hatte diese Studie nicht veroffentlicht werden konnen. Waltham, Mass. Februar I 96 5

12

Lewis A. Coser

Mir scheint, wer die Kampfe zwischen Adel und Volk verdammt, der verdammt auch die erste Ursache fur die Erhaltung der romischen Freiheit. Wer mehr auf den Larm und das Geschrei solcher Kampfe sieht als auf ihre gute Wirkung, der bedenkt nicht, daft in jedem Gemeinwesen die Gesinnung des Volkes und der Groft.en verschieden ist und daft aus ihrem Widerstreit aile zugunsten der Freiheit erlassenen Gesetze entstehen. Niccolo Machiavelli, Discorsi, Buch I Kap. 4

The clash of doctrines is not a disaster, it is an opportunity. Alfred North Whitehead, Science and the Modern World

Die schlechte Seite ist es, welche die Bewegung ins Leben ruft, welche die Geschichte macht, dadurch, daft sie den Kampf zeitigt. Karl Marx, Elend der Philosophic

13

Erstes Kapitel Einfiihrung

Hauptthema derDiskussion auf einer der ersten Tagungen (1907) der damals neugegriindeten amerikanischen Soziologischen Gesellschaft war der Soziale Konflikt. Das Grundsatzreferat hielt der Sozialdarwinist Thomas N. Carver. Er sagte: »Es mag viele Hille geben, in denen eine vollige Harmonie der Interessen herrscht, doch schaffen sie keine Probleme, und es ist deshalb unnotig, daB wir uns mit ihnen befassen« 1• Carver fand, daB man von einem moralischen und wissenschaftlichen Problem nur dort sprechen konne, wo Disharmonie und Antagonismus bestimmend seien. Es ist bezeichnend, daB in der darauffolgenden Diskussion, an der die fiihrenden Soziologen der Zeit- Giddings, Ross, Ward und Hayes unter anderen - sich beteiligten, nahezu keiner die Bedeutung, die Carver der Erforschung des sozialen Konflikts beigelegt hatte, in Zweifel zog. Die einzigen Einwande betrafen seine starre okonomische Interpretation. Auf der 26. Jahrestagung der amerikanischen Soziologischen Gesellschaft im Jahre 1930 war der Soziale Konflikt wiederum Hauptgegenstand der Diskussion. Damals stellte Howard W. Odum in seiner Antrittsrede als Prasident2 fest, indem er einen anderen Soziologen zitierte: »Der soziale Konflikt ist soziologisch gesehen ein unerforschtes Feld ... Die Soziologie des Konflikts muB erst noch geschrieben werden«. Die Tagung selbst tat wenig, urn die Liicke zu schlieBen, der ganze Verlauf lieB erkennen, daB die Untersuchung des sozialen Konflikts fiir die Mitglieder der Soziologischen Gesellschaft keine zentrale Aufgabe mehr war.

1 Thomas N. Carver, >>The Basis of Social Conflict«, American Journal of Sociology, XIII (1908), p. 628-37· 2 Howard W. Odum, »Folk and Regional Conflict as a Field of Sociological Study•, Publications of the American Sociological Society, XV (1931), p. 1-17.

15

Eine Generation spater fragte Jessie Bernard im American Journal of Sociology 3 wieder: »Wo ist die moderne Soziologie des Konflikts?« und sie fuhr fort: »seit der Zeit der friihen Pioniere wie Small, Park und Ross sind wenig Fortschritte gemacht worden. Amerikanische Soziologen haben sich in den letzten Jahren damit zufrieden gegeben, die wissenschaftliche Erforschung des Konflikts auf dem Stande Simmels zu belassen«. Selbst eine kursorische Durchsicht des zeitgenossischen Werks amerikanischer Soziologen zeigt deutlich, daB der Konflikt als Forschungsgebiet wirklich stark vernachlassigt wurde. Es ist unsere Uberzeugung, die wir hier nicht voll beweisen konnen, daB die Nichtbeachtung des Konflikts zumindest teilweise das Ergebnis von Veranderungen ist, die beim Publikum und in den Rollen und dem Selbstbild der amerikanischen Soziologen eintraten. Diese Verschiebungen konnen mitverantwortlich gemacht werden fiir einen veranderten Brennpunkt des lnteresses - an die Stelle der Beschaftigung mit dem Konflikt tritt die mit solchen Gebieten soziologischer Forschung wie »Konsensus«, »allgemeine Wertorientierung« und dergleichen. I

Die erste Generation der amerikanischen Soziologen scheint sich selbst als eine von Reformern gesehen zu haben, die sich an ein Auditorium wandten, das aus Reformern hestand. Eine derartige Einschatzung ihrer selbst und ihres Publikums lenkte die Aufmerksamkeit auf Konfliktsituationen, und das erklart wohl auch die Beschaftigung der Soziologen mit dem Konflikt. Obendrein war man weit davon entfernt, den sozialen Konflikt ausschlieBlich als negatives Phanomen zu beurteilen, man erkannte durchaus seine entschieden positiven Funktionen. Insbesondere gewannen diese Soziologen im Konflikt die zentrale erklarende Kategorie fiir die Analyse der sozialen Veranderungen und des »Fortschritts«. Auf diese Weise zeichnete die reformerische Ethik die Bahn fiir das Interesse der ersten amerikanischen Soziologengene3 Jessie Bernard, • Where ia the modern Sociology of Conflict?« American Journal of Sociology, LVI (r9so), p. rr-r6.

16

ration vor und schuf damit ein wichtiges Element fiir die weitere Entwicklung der Soziologie. Die tiefwurzelnden reformerischen lnteressen verlangten damals mit ihren strengen Jmplikationen die systematische, rationale und empirische Untersuchung der Gesellschaft und die Kontrolle einer korrupten Welt4• Das Obergewicht der »Probleme« und damit des reformerischen Ansatzes tiber das rein theoretisme Interesse an Soziologie wird in den Programmen friiherer soziologismer Schulen ganz offenkundig. Wenn amerikanische Soziologen urn die Jahrhundertwende auch versuchten, die akademische Anerkennung zu erreichen, indem sie die wissenschafHichen und theoretischen Aspekte ihrer Arbeiten besonders hervorhoben, so fehlte doch der reformerische Eifer noch keineswegs. Fiir einen modernen Soziologen, der die fast vollige Trennung (wenn es nicht schon Feindschaft ist) zwischen Sozialwissenschaft und Reform heute betrachtet, bedeutet der Rekurs auf reformerisd1e Satze in den Schriften der Ahnherm der amerikanischen Soziologie nichts als Gewohnheit. Eine solche Interpretation ist aber nur moglich, wenn man es unterlaBt, sich in das System der Werte des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts zu versetzens. Albion Small und George E. Vincent bemerkten im ersten Lesebuch der amerikanischen Soziologie: »Die Soziologie wurde geboren aus dem brennenden Wunsch, die Gesellschaft zu verbessern« 6 • Nicht aile Soziologen stimmten darin iiberein, welche Art von Reform notig sei. Unter den fiihrenden Kopfen der Zeit kann man Ward, Small, Ross, Veblen und Cooley als »strukturelle Reformer« bezeichnen. Sie traten fiir soziale Veranderungen ein, und zwar in einem solchen Umfang, daB die Feststellung gerechtfertigt ist, sie hatten eine vollige Veranderung der gesamten Gesellschaftsstruktur ergeben 4 Die absdJ.lieBenden Satze dieses Absmnitts entsprechen denen in Robert K. Mertons Besmreibung der puritanismen Ethik in ihrem Verhaltnis zur Entwicklung der Naturwissenschaften (•Puritanism, Pietism and Science«, in Social Theory and Social Structure, op. cit. p. 329-46). Ich glaube, dall das Verhaltnis zwischen reformerischer Ethik und den Sozialwissensmaften dem zwischen puritanischer Ethik und Naturwissensmaft ahnelt. 5 Wir haben zwei weitere Satze Robert K. Mertons i.iber das Verhaltnis von puritanischer Religion und Wissenschaft fi.ir uns in Anspruch genommen. 6 Albion Small und George E. Vincent, An Introduction to the Study of Society (New York: American Book Co., 1894), p. 77·

und - konsequent durchgefiihrt - ein neues soziales System von ganz anderen strukturellen Bedingungen geschaffen. Sumner und Giddings auf der anderen Seite werden besser als »DetailReformer« apostrophie rt; sie schlugen namlich MaBnahmen vor, die V erbesserungen innerhalb der institutionellen Ordnung ermoglichten, die keine tiefgreifenden Veranderungen nach sich zogen und die grundlegenden strukturelle n Voraussetzungen des Systems nicht antasteten. W enn wir uns nun von dem Selbstbild des Soziologen als Reformer ab- und dem Publikum der fri.ihen Soziologen zuwenden, so sehen wir, daB es vorwiegend aus einem »Reform-Publikum« hestand. Der Ausdruck »Reform-Publikum« wird hier in einem recht weiten Sinne gebraucht. Er will alle Stromungen und Personlichkeiten einbegreifen, die einige zentrale Aspekte des Status quo kritisierten und Wege der Verbesserung vorschlugen. Obwohl gravierende Differenzen zwischen dcr Social-GospelBewegung und dem organisierten Marxistischen Sozialismus bestehen, obwohl die Verehrer von Hull House und jene von Eugene Debs haufig aneinandergerieten, scheint es doch vertretbar, alle diese Stromungen fiir den augenblicklichen Zweck zusammenzufassen. Sie bildeten ein recht homogenes Publikum, insofern sie durch ihre gemeinsame Unzufriedenheit am Bestehenden zusammengehalten wurden. Jene Soziologen, die wir »strukturelle Reformer« genannt haben, waren dieselben, die den groBten Teil ihres nicht-akademischen Publikums vor allem in der damaligen radikalen burgerlichen Linken fanden. Diese Linke bildete die Anhangerschaft auch von von Ward, Veblen, Ross, Small und Cooley. Die Zuhorerschaft von Giddings und Sumner auf der anderen Seite, das heiBt jener Soziologen, die sich nur urn eine Teilreform bemi.ihten, hestand aus einfluBreichen, rechtdenkenden Mannern, die sich der Notwendig keit bestimmter Reformen, z. B. in der stadtischen Verwaltung oder in der Tarif-Politi k durchaus bewuBt waren, die aber grundsatzlich am Bestehenden festhielten. Befassen wir uns nun mit den Schriften der friihen amerikanischen Soziologen, so stellen wir fest, daB der Konflikt tatsachlich eme ganz zentrale Kategorie ihrer Systeme war und daB er

IS

aui1erdem als fundamentaler und konstruktiver Faktor der sozialen Organisation angesehen wurde. Die Auffassung von Gesellschaft und besonders von gesellschaftlicher V eranderung, die nicht die Besd1aftigung mit den Konfliktphanomenen einschloi1, erschien ihnen hochst unzulanglich. Gleich ob Cooley feststellt, »je mehr man dariiber nachdenkt, desto deutlicher wird man erkennen, dai1 Konflikt und Koorperation voneinander nicht trennbare Erscheinungen sind, sondern Phasen eines einzigen Prozesses darstellen, der immer etwas von heiden aufweisen mui1« 7 oder »man kann die soziale Ordnung in eine groBe Anzahl verschiedener kooperativer Einheiten aufgliedern, von denen jede widerstreitende Elemente enthalt, tiber die sich aber im Hinblick auf den Konflikt mit anderen Gruppen eine Art von Harmonie legt«s, gleich ob Small schreibt, daB »der Form nach der gesellschaftliche Prozei1 eine unaufhorliche Reaktion von Personen ist, die von Interessen getrieben werden, die einerseits mit den Interessen der Mitglieder der eigenen Gruppe konfligieren und andererseits etwa mit solchen einer fremden Ubereinstimmen«9, ob Ross versichert, dai1 »offene Opposition die Gesellschaft auf bestimmte Weise auch erhalt, (daB) in jeder freiwillig zusammenlebenden Gesellschaft ein Abwiirgen des Protests und der Opposition der Minderheit durch das herrschende Element hochstwahrscheinlich zur Spaltung der Gruppe fiihrt (und) ... Opposition zwischen einzelnen Gruppen jene starkt, die dem Druck gewachsen sind, und sie widerstandsfahig macht« 1o; oder ob Sumner darlegt, dai1 »das V er hal tnis von Kameradschaft und Frieden in der Wir-Gruppe und von Feindschaft und Krieg gegen Fremdgruppen voneinander abhangig ist«11, -fUr sie alle war der Konflikt eine zentrale Kategorie. Als sie erkannten, daB bestimmte Typen des sozialen Konflikts negative Ziige enthielten, die die soziale Struktur zerstoren, be7 Charles H. Cooley, Social Process (New York: Scribner's Sons, 19r8), p. 39· 8 ibid. 9 Albion Small, Gene,·al Sociology (Chicago: University of Chicago Press, 1905). p. 205·

10 Edward A. Ross, The Principles of Sociology (New York: The Century Co., r92o), p. r6z.

11 William G. Sumner, Folkways (New York and Boston: Ginn and Co., 1906), p.

I2.

tonten sie die Notwendigkeit struktureller Reformen und legten weniger Wert auf die »Anpassung« an bestehende Bedingungen. Die erste amerikanische Soziologengeneration wandte sich an ein Publikum, das in recht verschiedenen Konflikttypen engagiert war, sie beflirwortete und hoch einschatzte. Diese Bezugsgruppe gab den reprasentativen soziologischen Denkern der Zeit positive Erwiderung und Anerkennung und starkte und stlitzte so deren Selbstbild. Und da dieses Publikum groBen Wert auf die A.uBerungen von Konflikten legte, konzentrierten die Soziologen jener Generation ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf Konfliktphanomene, sie neigten auch dazu, sie positiv zu bewerten. Konflikt wurde als der sozialen Struktur immanent betrachtet und jene einzelnen Typen des Konflikts, die man als negativ bewertete, konnten nach ihrer Ansicht nur durch eine strukturelle Veranderung beseitigt werden. So wies noch das Erkennen gewisser Konflikttypen als negative auf die Notwendigkeit struktureller Reform hin. Die Soziologengeneration, die den Grundern folgte, besonders die Chicagoer Schule, stand vor einer ein wenig veranderten Situation. Geistige Grundlage und Richtung von Robert E. Park zum Beispiel scheinen sich nicht wesentlich von denen der frliheren Generation zu unterscheiden, aber wahrend der Jahre nach dem ersten Weltkrieg hatte sich das Auditorium doch betrachtlich gewandelt. Als die Forschung der Universitat sich an den Forderungen universitatsfremder Initiativen orientierte, begann das Publikum des Soziologen sich zu verandern. So waren, um ein Beispiel zu geben, etwa die Schriften Parks, insofern sie tiber die akademische Sphare hinausdrangen, zwar von vitalem Interesse flir Gruppen, die Reform und Fortschritt etwa flir ihre Stadt anstrebten oder flir solche, die sich in der Rassenfrage engagierten, - auf das radikale und auf Reform im allgemeinen bedachte Publikum war ihr EinfluB jedoch gering. Und doch gehort Parks theoretisches \Y/erk noch zur Art der frliheren Schriften. Er benutzte den »Konflikt« nicht nur als einen seiner zentralen und fundamentalen Begriffe, er betonte auch immer wieder seine positiven Funktionen. In der Einflihrung12 in das 12 Robert E. Park and Ernest Burgess, Introduction to the Science of Society (Chicago: University of Chicago Press, 1921). 20

Studium der Gesellschaft von Park und Burgess, die quasi das Programm des Chicagoer Zweigs der Soziologie umrig, sind nicht weniger als 70 Seiten der Diskussion des Konflikts gewidmet. Der Konflikt wird eingereiht unter die wenigen Grundformen menschlicher Interaktion. Park geht noch weiter: »Nur wo es Konflikt gibt, ist das Verhalten bewugt und selbstbewugt; nur hier herrschen die Bedingungen fiir rationales Verhalten«13. Fiir Park war der Konflikt nicht nur der Mechanismus, durch den SelbstbewuBtsein erreicht wurde, er war wirklich Konstituens einer jeden organisierten Gesellschaft: »Der Konflikt«, so schreibt Park, »vermag Integration, Dber- oder Unterordnung der Konfliktgruppen zu bewerkstelligen«14.

II

Im Gegensatz zu den bisher erwahnten Wissenschaftlern hat die Mehrheit der Soziologen, die die gegenwartige Soziologie beherrschen und die sich bei weitem nicht als Reformer sehen und sich auch nicht an ein Publikum von Reformern wenden, sich einem rein akademischen und professionellen Auditorium zugewandt oder hat versucht, bei denjenigen Gehor zu finden, die in o:ffentlichen oder privaten Biirokratien zu bestimmen haben. Sie konzentrieren ihre Aufmerksamkeit vorwiegend auf Probleme der Anpassung, weniger auf den Konflikt seiher - mehr auf die statischen Elemente der Gesellschaft als auf ihre dynamischen. Schliisselproblem ist fiir sie die Aufrechterhaltung der bestehenden Strukturen und die Mittel und Wege, deren reibungsloses Funktionieren zu garantieren. Sie haben sich eingehend mit Fehlanpassungen und Spannungen befaBt, die den Konsensus beeintrachtigen. Wo die altere Generation die Notwendigkeit einer strukturellen Veranderung diskutierte, beschaftigt sich die neue mit der Anpassung von Individuen an gegebene Strukturen. Im herrschenden Trend der gegenwartigen amerikanischen Soziologie wird das Strukturelle dem Psychologischen unterge13 ibid. p. 578.

14 Robert E. Park Social I'unction of War«, American Journal of Sociology, XLVI (r941), p. 55I-70. 2f

ordnet und damit der soziale Konflikt individuellem Fehlverhalten zugerechnet15. Wahrend die friihere Generation in der Hauptsache mit Charles H. Cooley darin iibereinstimmte, daE »Konflikt in einem gewissen Sinn das Leben der Gesellschaft ausmacht und der Fortschritt aus einem Kampf hervorgeht, in dem Individuum, Klasse oder Institution ihre eigene Idee vom Guten zu realisieren versuchen«16, neigt die gegenwartige Generation dazu, die Analyse des Konflikts durch Untersuchungen von Spannungen (»tensions« und »strains«) und von psychischem Fehlverhalten zu ersetzen. Die folgende Diskussion wird sich mit den Arbeiten Talcott Parsons' befassen und in einem bescheideneren AusmaE auch mit anderen zeitgenossischen Soziologen. In einer anderen Studie hat der Autor sich eingehender mit diesen Soziologen beschaftigt; der interessierte Leser ist auf jene Studie verwiesen17. Ein Thema kehrt in fast allen Schriften von Talcott Parsons wieder: die Beschaftigung mit jenen Elementen in sozialen Strukturen, die deren Erhaltung garantieren. Wenn ein Interesse fiir Prozesse sozialer Veranderung gelegentlich bei Parsons vorhanden ist, so bleibt es doch entschieden marginal. Man kann sagen, daE das ganze Parsonssche W erk, von »The Structure of Social Action«18 ab, einen erweiterten Kommentar zur Frage von Hobbes abgibt: Wie ist soziale Ordnung moglich? Wahrend fiir eine friihere amerikanische Soziologengeneration die »Gesetze« sozialer Veranderung, strukturelle Variabilitat, Analyse dessen, was spatere Theoretiker »funktionale Alternativen«19 nannten, von zentraler Bedeutung waren, sind fiir Parsons diese Fragen, wenn sie auch nicht vollig unbeachtet 15 Einen ahnlichen Gedanken hat Philip Rieff in seinem klugen Artikel geaullert, »History, Psychoanalysis and the Social Sciences«, Ethics, LXIII (1953), p. ro7-20. 16

Charles H. Cooley, Social Organization (New York: Scribner's Sons, 1909),

P• I99·

17 Lewis A. Coser, »Toward a Sociology of Social Conflict«, op. cit.

18 Talcott Parsons, The Structure of Social Action (Glencoe, Ill.: The Free Press, r949). 19 Cf. Robert K. Merton, Social Theory and Social Structure, op. cit., besonders PP· 35·

22

bleiben in seinem Werk, doch peripher. Obwohl er einer der hervorragendsten Weberianer in unserem Lande ist und durch Max Webers Denken stark beeinfluBt wurde, scheint sein Werk in dieser Hinsicht der Durkheimschen Frage nach sozialem Zusammenhalt angesichts drohender Anomie naher verwandt als dem Weberschen Beharren darauf, daB der Konflikt aus dem sozialen Leben nicht weggedacht werden kann2o. Parsons' soziologisches Werk entstand aus seinem Interesse an den nicht-rationalen Elementen im wirtschaftlichen Verhalten. Parsons erschienen nicht die rationalen Interessenkonflikte problematisch, die die klassischen politischen t:lkonomen vorwiegend beschaftigten, fiir ihn waren es eher die nicht-rationalen, die nicht vertraglichen Elemente im Vertrag, Elemente, die deren Beachtung entgangen waren. Weil er normative Strukturen, die die soziale Ordnung erhalten und garantieren, fiir zentral ansieht, muBte Parsons notwendig den Konflikt als ein Phanomen betrachten, das hauptsachlich storende, auflosende und dysfunktionale Konsequenzen hat. Parsons sieht im Konflikt vornehmlich eine »Krankheit«. Er empfindet mit Shakespeare: »wird Abstufung, die Leiter aller hohen Plan', erschiittert, so krankt die Ausfiihrung«2t. In einem Artikel iiber »Rassische und religiose Differenzen als Faktoren der Gruppenspannung«22 gibt uns Parsons einige Schliissel zu seinem Denken an die Hand. Nachdem er festgestellt hat, daB heute die Menschen begonnen haben, Probleme der sozialen Organisation in Angriff zu nehmen, die friiheren Generationen unlOsbar erschienen, vergleicht der Autor eben diese Probleme mit physischen Krankheiten. Gleichwie wir greBe Fortschritte darin gemacht haben - so versichert er -, Krankheiten unter Kontrolle zu bringen, so konnen wir wichtige Faktoren im Gruppenantagonismus therapeutisch behandeln, obwohl ein »letzter Rest von tragischem Konflikt zwischen Wert und mensch20 Vgl. Max Weber, \Virtschaft tmd Gesellschaft. Studienausgabe (Koln: Kiepenheuer & Wirsch, 1964). S. 27 f. 21

Shakespeare, Troilus und Cressida, I, 3·

22 Talcott Parsons, »Racial and Religious Differences as Factors in Group Tension•, in Bryson, Finkelstein and Maciver, Approaches to National Unity (New York: Harper, 1945), p. 182-99·

licher Hilflosigkeit« bleiben wird. Da seine Schrift hauptsachlich von rassischen und religii:isen Antagonismen handelt, ki:innte es scheinen, als riihre die Betonung der aufli:isenden Elemente im Konflikt teilweise von diesen besonderen Konfliktsituationen her, die er diskutiert; die Analogie von Krankheit und Konflikt erscheint jedoch auch in anderen seiner Schriften. Oft ist die Terminologie der Schliissel zum Verstandnis. Parsons zieht es vor, da von »Spannungen« und »Belastungen« zu sprechen, wo friihere Theoretiker den Begriff »Konflikt« benutzt haben, und diese Wahl scheint nicht zufallig. »Spannung« und »Belastung« assoziieren die Vorstellung von Schaden durch Oberbeanspruchung, durch iibermachtigen oder unertraglichen Druck, und deuten so eine Art von »Krankheit« im System an. Dies bedenkend iiberpriifen wir die Register zweier neuer Werke von Parsons. Die »Essays«23 enthalten r6 Hinweise fiir »Belastung« und 20 fiir »Spannung« - jedoch nur 9 fiir »sozialen Konflikt«, obwohl sich zusatzliche Hinweise fUr Wertkonflikt und fiir emotionalen Konflikt finden. In »The Social System«24 ist der »soziale Konflikt« vi:illig verschwunden, dafiir gibt es 17 Angaben zu »Belastung«. Auch in dem einzigen Aufsatz Parsons', in dem er sich speziell mit dem Klassenkonflikt befafh25, benutzt er wieder eine medizinische Analogie. »Ich glauhe«, so sagt er, »daB der Klassenkampf in der Industriegesellschaft modernen Typs eine endemische Erscheinung ist ...« Fiir Parsons ist der Klassenkonflikt »endemisch« wie eine Krankheit. Die medizinische Analogie wird noch weitergetrieben in dem Aufsatz »Propaganda und soziale Kontrolle« 26, in dem er versucht, eine Parallele zu ziehen zwischen einem Arzt, der einen Patienten behandelt und einem Propagandaspezialisten, der eine kranke Gesellschaft behandelt. Obwohl der Konflikt speziell in diesem Aufsatz nicht diskutiert wird, wird aus dem Zusammen23 Talcott Parsons, Essays in Sociological Theory Pure and Applied (Glencoe, Ill.: The Free Press, 1949). 24 Talcott Parsons, The Social System (Glencoe, Ill.: 1951, The Free Press). 25 Talcott Parsons, •Soziale Klassen und Klassenkampf im Lichte der neueren soziologischen Theorie«, in: T. Parsons, Beitriige zur soziologischen Theorie (Soziologische Texte, Bd. 15), Neuwied: Luchterhand, 1964, S. 219. 26 Talcott Parsons, Essays in Sociological Theory Pure and Applied, op. cit., P· 275-310.

hang klar, der Autor Konfliktverhalten mit abweichendem V erhalten gleichsetzt, das als eine Krankheit gesehen wird, die eine Behandlung erfordert. Parsons' allgemeiner Ansatz hat ihn dazu gefiihrt, den Konflikt als dysfunktional und auflosend zu betrachten und seine positiAcht zu lassen. Konflikt ist fiir ihn eine ven Funktionen zum Teil vermeidbare, zum Teil unvermeidliche und eben »endemische« Form von Krankheit im sozialen Korper. Es scheint, daB Parsons' Interesse an seelisch-geistiger Gesundheit in den letzten Jahren bis zu einem gewissen Grade sich aus einer Beschaftigung mit den1VIechanismen der sozialen Kontrolle erkHirt, die den Konflikt auf ein Minimum beschranken soll, und auch aus seiner Dberzeugung, daB Psychoanalytiker und andere Spezialisten fiir seelisch-geistige Gesundheit eine entscheidende Rolle spielen konnen, um abweichendes V erhalten zu reduzieren. Wahrend die Soziologen sich friiher hauptsachlich mit dcr progressiven Veranderung der sozialen Ordnung beschaftigten, ist Parsons vornehmlich an der Erhaltung der bestehenden Strukturen interessiert. Obwohl er bedeutende Beitrage zur Theorie der sozialen Kontrolle und zum Verstandnis von Spannungen, die verschiedenen sozialen Systemen eigen sind, geleistet hat, war es ihm unmoglich, von seinem urspriinglichen Ansatz aus, die Theorie des sozialen Konflikts weiterzutreiben oder wenigstens ihre generelle theoretische Bedeutsamkeit zu erkennen. DaB Parsons' Vorstellungen in dieser Hinsicht keineswegs eine Ausnahme in der gegenwartigen Soziologengeneration darstellen, wird deutlich, wenn wir sein Werk mit dem eines Autors vergleichen, der fast in allem von den theoretischen Vorstellungen Parsons' abweicht: George A. Lundberg. In Lundbergs theoretischem Hauptwerk »The Foundation of Sociology« sind nur IO von mehr als 500 Seiten einem Unterkapitel gewidmet, das summarisch von Kooperation, Wettbewerb und Konflikt handelt; wobei der Konflikt vornehmlich als auflosend betrachtet wird: er wird charakterisiert als »die Aufhebung der

27 George A. Lundberg, The Foundations of Sociology (New York: The Macmillan Co., 1939).

Kommunikation zwischen zwei einander entgegenstehenden Parteien«. Fiir Lundberg bedeutet Kommunikation das Wesen des sozialen Prozesses, und da »ein U nterlassen von Kommunikation das Wesen von Konfliktsituationen ist«, muB der Konflikt eine rein dysfunktionale Erscheinung sein. Lundbergs ganzes System ist auf Anpassung ausgerichtet. Soziologie wird explizite definiert als Beschaftigung mit »den Techniken der Anpassung in der Kommunikation, die von menschlichen Gruppen entwickelt wurden«. Unter »Anpassung« versteht Lundberg die Situation, in der die Aktivitaten eines Organismus in einem Gleichgewicht zur Ruhe kommen; das Gleichgewicht seinerseits wird als das »Normale« in jeder sozialen Situation bezeichnet. Mit diesen definitorischen Voraussetzungen kann Lundberg verstandlicherweise im Konflikt nur ein negatives und auflosendes Phanomen sehen. Wenden wir uns einem anderen Soziologen von Rang zu, dann finden wir, daB das Vermeiden von Konflikt (der als »soziale Krankheit« definiert wird) und die Forderung des »Gleichgewichts« oder der »Zustand der Zusammenarbeit« (die als »soziale Gesundheit« de:finiert wird) hauptsachlich das Programm von Elton Mayo und seiner industriesoziologischen Schule ausmachen. F. J. Roethlisberger, einer der Prominentesten aus dieser Schule, formuliert das Problem so: Wie kann ein gut funktionierendes Gleichgewicht so aufrecht erhalten werden zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen in einem Industrieunternehmen, daB keine Gruppe aus der Organisation ausbrechen und gegen die iibrigen in Opposition treten wird?2B Mayas ausgepragte Unfahigkeit, Interessenkonflikte zu verstehen, wird in allen seinen Schriften deutlich. Die gesamten Studien Mayos wurden mit der Zustimmung und in Zusammenarbeit mit dem Management durchgefi.ihrt. Sie waren darauf ausgerichtet, dem Management bei der Losung seiner Probleme zu helfen. Fiir Mayo vertrat das Management die zentralen Zwecke der Gesellschaft, er hat daher nie die Moglichkeit in Betracht gezogen, daB ein Industriesystem auch gegen28 F. J. Rocthlisberger, Bctriebsfuhrung und Arbeitsmoral (Koln und Opladen: Westdeutscher Verlag, 1954).

satzliche Interessen enthalten konnte, die durch unterschiedliche Haltungen und »Logiken« bestimmt sind. Zu ahnlichen Ergebnissen kommen wir, wenn wir untersuchen, wie Lloyd Warner den sozialen Konflikt behandelt. Auch hier verbliifft uns die hauptsachlich negative Bewertung des sozialen Konflikts. Obwohl hier tatsachlich der individuelle Wettbewerb als der Faden der amerikanischen demokratischen Struktur (im Gewebe des sozialen Klassensystems) erscheint29, wird der soziale Konflikt - besonders der Klassenkonflikt - als die Stabilitat zerstorend betrachtet und als eine Bedrohung fur die Struktur der amerikanischen Gesellschaft angesehen. Wahrend Lloyd Warner sich von Elton Mayo darin unterscheidet, daB er eine Form des sozialen Konflikts im Detail behandelt hat 3o, stimmt er doch vollig mit Mayas Auffassung iiberein, wenn er den sozialen Konflikt als ein Phanomen sieht, das einzig Bindungen auflost und zerstort. Ein der Anthropologie entstammender Hang in Warners Werk zur Stabilitat, Harmonie und Integration der Struktur macht den Konflikt zu einem ausschlieBlich auflosenden und desintegrierenden Phanomen. Eine »Klassenanalyse«, wie sie von Warner und seinen Freunden betrieben wird, besteht in der Identifizierung verschiedener Schichten von Individuen innerhalb einer Gemeinschaft, die ahnliche soziale Positionen und ahnlichen Rang einnehmen und naher miteinander verkehren. Die Dimension verschieden groBer Macht, ungleicher Chancen im Leben und unterschiedlicher Interessen unter den Mitgliedern der Gemeinschaft bleiben fast vollig unbeachtet. Dadurch ist das Hauptgewicht von der Frage des Konflikts oder des potentiellen Konflikts auf die Fragen der Zugehorigkeit verschoben. Wenn der Konflikt iiberhaupt behandelt wird, dann als pathologischer Zustand, der den Normalzustand des gesellschaftlichen Gleichgewichts stort und vereitelt. Kurt Lewin, der letzte, den wir hier diskutieren wollen, hat

29 Vgl. W. Lloyd Warner und Mitarbeiter, Democracy in Jonesville (New York: Harper, 1949), Kapitel XVI. 30 W. Lloyd Warner and J. 0. Low, The Social System of the Modern Factory (New Haven: University Press, 1947).

einc etwas komplexere Vorstellung. Er konzentriert sein Interesse auf die Analyse des Lebens kleiner Gruppen und scheint dabei eine eigenartig widerspriichliche Haltung dem Gruppenkonflikt gegeniiber entwickelt zu haben. Zum einen betont Lewin, wenn er die Situation der Minderheitengruppen- etwa der Juden - diskutiert, die Notwendigkeit, die Gruppenidentitat militant zu bekraftigen, da dies das einzige Mittel sei zu iiberleben und sich der Angriffe der Umwelt zu erwehren. Lewin erkannte, daB bei den Juden, wie bei allen unterprivilegierten Gruppen, »nur die Anstrengungen der Gruppe selber setzen die Emanzipation der Gruppe durch«Jt. Lewin trat hier fiir eine streitbare Haltung ein, indem er die Notwendigkeit unterstrich, sich entschlossen im Konflikt zu engagieren, urn die Existenz der Gruppe zu erhalten und zu sichern. Auf der anderen Seite taucht nur wenige Jahre, nachdem diese kampferischen Artikel entstanden waren, ein vollkommen anderer Ton in Lewins Werk auf. Er befalh sich immer noch mit Konflikten, aber eher damit, sie zu vermeiden als sie auszufechten. In diesem neuen Zusammenhang gilt als gegeben, daB soziale Konflikte dysfunktional und desintegrierend sind und daB der Sozialforscher die Aufgabe hat, sie moglichst weitgehend zu verhindern. »Welche Einheit des Gruppenlebens wir auch untersuchen«, so meinte Lewin, »ob wir an Nationen oder die internationale Politik denken; an das Wirtschaftsleben, ... an rassische oder religiose Gruppen, ... an ein Unternehmen und die Beziehungen zwischen Betriebsleitung und Arbeiterschaft, ... wir finden ein kompliziertes Netz von ... konfligierenden Interessen«32. Aber nun werden diese Kon:flikte ausschlie6lich im Hinblick darauf behandelt, wie sie durch »soziales Management« vermieden werden konnen. »Die Notwendigkeit der Forschung fur die soziale Praxis wird am besten als Forschung fur die soziale Fi.ihrung oder Leitung gekennzeichnet«33. 31 Kurt Lewin, Die Losung sozialer Konr1ikte (Bad Nauheim: Christian Verlag, '953), s. 227. 32 Kurt Lewin, The Research Cente>· for Group Dynamics, Sociometry Monographs No. 17 (New York: Beacon House, 1947), p. 7· 33 Kurt Lewin, »Action Research and Minority Problems«, Journal of Social Issues, II (1946), p. 34-36.

Es ist bezeichnend, daB - soviel wir wissen - Lewins friihere Betonung der positiven Funktionen des Konflikts von seinen Schiilern nicht aufgenommen wurde, wahrend sie die dysfunktionalen Aspekte des Konfliktverhaltens weit starker hervorhoben als er es jemals getan hatte. Tatsachlich ist der wesentliche Inhalt dessen, was man heute mit dem dunklen Begriff »Gruppengeschicklichkeit« (»group skills«) ausdriickt, das Vermeiden von Konflikt. Die generelle Auffassung der Gruppe friiherer Lewinschiiler, die jetzt im Research Center for Group Dynamics und im Bethel Workshop arbeiten, ist die, daB der Konflikt ein dysfunktionales soziales Phanomen sei. Unter dieser Grundvoraussetzung beachten diese Forscher vor allem die emotionalen Faktoren, die Verstehen und Kommunikation blockieren. Sie neigen dazu, die echten Konflikte, die mi::iglicherweise dem »blockierten Verstehen« zugrundeliegen, zu iibergehen.

III

Die Diskussion iiber verschiedene wichtige Soziologen der Gegenwart hat ergeben, daB diese sich mit der soziologischen Analyse des Konflikts weniger befassen als die Vater der amerikanischen Soziologie. Wir stellen fest, daB eine Beschaftigung mit diesem Phanomen, wenn essie iiberhaupt gibt, vorwiegend auf die Verminderung von Konflikt ausgerichtet ist. Weit davon entfernt, den Konflikt als moglicherweise notwendigen und positiven Faktor aller sozialen Beziehungen anzusehen, neigen diese Soziologen dazu, ihn als bloB auflosende Erscheinung zu betrachten. Die vorherrschende Tendenz ist der Versuch, »Wege der Obereinstimmung« zu finden und gegcnseitige Anpassung durch weitgehende Verhinderung von Konflikten zu ermi::iglichen. An anderer Stelle haben wir einige Griinde fiir die Verschiebung der Aufmerksamkeit und der Bewertung des Problembereiches, der uns hier interessiert, im einzelnen diskutiert. Hier konnen wir nur einige wenige Faktoren, die relevant scheinen, aufzahlen, ohne die notwendigen Beweise fiir unsere Oberzeugung anzufiihren. Am wichtigsten ist vielleicht die Wandlung in der Stellung der Soziologen in den letzten Jahrzehnten. Der Aufschwung der angewandten Sozialwissenschaften wahrend

dieser Zeit und die damit verbundenen Moglichkeiten fi.ir Soziologen, mit auBerakademischen Organisationen zusammenzuarbeiten, rangiert in dieser Frage an erster Stelle. Wahrend fri.iher Soziologie eine fast ausschlieBlich akademische Disziplin war, brachten die letzten J ahrzehnte den Aufschwung der angewandten Soziologie und das Nutzbarmachen der Forschungsergebnisse in der Soziologie und auch ihres Forschungspersonals durch verschiedene offentliche und private Bi.irokratien. Indem sich die amerikanischen Soziologen immer mehr von »rein« akademischer Forschung abwandten, in der sie ihre eigenen Probleme zu formulieren pflegten, und sich der angewandten Forschung zugunsten offentlicher und privater Bi.irokratien widmeten, verzichteten sie weitgehend auf die Freiheit, ihre eigenen Probleme zu wahlen; Probleme, die sie als Wissenschaftler interessiert haben wi.irden, wurden ersetzt durch solche ihrer Kunden. Wenn ein Soziologe in einem Unternehmen oder fi.ir ein Ministerium arbeitet, findet eine Wandlung sowohl seines Publikums als auch der Beziehung von Soziologie und Publikum statt. Zweifellos hatte auch das fri.ihere Publikum EinfluB auf das Selbstbild des Soziologen, es bildete ja den Markt fi.ir seine Bucher; aber es hatte keine Moglichkeit, die Auswahl der Probleme, die er traf, direkt zu beeinflussen; im Gegensatz dazu ist das neue Publikum oft nicht nur Publikum, sondern auch Arbeitgeber. Daraus ergeben sich zweierlei Konsequenzen: 1) Von einem Soziologen, der eine Verbindung mit offentlichen oder privaten Bi.irokratien eingeht, wird erwartet, daB er Probleme behandelt, die von denen vorgegeben sind, die die Entscheidungen treffen; 2) diese Probleme diirften vorwiegend, wie Merton und Lerner nachgewiesen haben, »die Erhaltung der bestehenden institutionellen Ordnung«34 betreffen. Die Entscheidungsgewaltigen sind nati.irlich daran interessiert, Strukturen der Organisation, durch die sie und in denen sie Macht und EinfluB ausi.iben, zu erhalten und, wenn moglich, noch zu verstarken. Jeder Konflikt, der innerhalb dieser Strukturen 34 Robert K. Merton, and Daniel Lerner, •Social Scientists and Research Policy•, in Lerner and Lasswell, The Policy Sciences (Palo Alto: Stanford Univerlity Press, 19p), p. 1.93. 30

aufkommt, wird ihnen als dysfunktional erscheinen. Durch Interessen unci Gefi.ihle der bestehenden Ordnung fest verbunden, neigen die leitenden Personlichkeiten dazu, Abweichungen von dieser Ordnung als das Ergebnis psychischen Fehlverhaltens zu sehen unci Konfliktverhalten als das Resultat solcher psychologischer Faktoren zu erktiren. Sie werden sich deshalb wahrscheinlich eher mit »Spannungen« befassen als mit denjenigen Aspekten des Konfliktverhaltens, die die Notwendigkeit anzeigen konnten, die Grundstrukturen der Institution selbst zu verandern. Auch werden die leitenden Personlichkeiten wahrscheinlich die Dysfunktionen des Konflikts eher im Hinblick auf die Gesamtstruktur sehen, ohne den Funktionen des Konflikts fiir bestimmte Gruppen oder Schichten innerhalb des Ganzen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Wir hatten Gelegenheit, ahnliche Auffassungen bei Soziologen wie etwa bei Mayo kennenzulernen. Wir behaupten nicht, daG diese Forscher einfach die Betrachtungsweise der leitenden Personlichkeiten iibernahmen, unter deren Aufsicht sie ihre Studien machten; aber wir hoffen klar gemacht zu haben, daE sie die Problemauswahl der leitenden Personlichkeiten akzeptieren unci deren Perspektiven in bezug auf die Konfliktphanomene teilten. Dies erkHirt jedoch nicht hinreichend, warum die Mehrzahl der heutigen Soziologen, die nicht im Bereich der angewandten Wissenschaft tatig sind, die Beschaftigung mit dem Konflikt aufgegeben haben. Da hier nicht der Ort fiir eine ausfiihrliche Darlegung des Problems ist, mochten wir nur das Verschwinden jenes autonomen Reformpublikums in den letzten Jahrzehnten erwahnen, das fiir die friihere Periode kennzeichnend war. AuGerdem erinnern wir an den EinfluG einer Forschung, die von Stiftungen lebt, wobei diese ein deutliches Widerstreben zeigen, eine Forschung zu unterstiitzen, die moglicherweise Reformen begi.instigt; und wir denken dabei auch an die allgemeine politische Atmosphare in einer Periode des kalten Krieges und auch an die Furcht vor dem sozialen Konflikt und den Ruf nach Einigkeit, die die gegenwartigen Geistesrichtungen weitgehend zu durchdringen unci zu bestimmen scheinen.

Die VemachHissigung der Untersuchung des sozialen Konflikts und spezifischer seiner Funktionen im Unterschied zu seinen Dysfunktionen kann weitgehend aus dem Rollenwandel der amerikanischen Soziologen in den letzten Jahrzehnten erktirt werden. Im Zusammenhang mit dem 'Wandel eines reformfreudigen Publikums zu einem Auditorium, das aus auf Stabilitat bedachten Administratoren und Biirokraten besteht, mit dem Dbertritt vieler Soziologen aus akademischen und wissenschaftlichen in auBerakademische und technische Rollen, stellten wir eine Abnahme der Beschaftigung mit der Konflikttheorie fest und eine Tendenz, die Konfliktanalyse durch Untersuchungen iiber »Spannungen« und psychologisches Fehlverhalten zu ersetzen. Wahrend friiher die amerikanischen Soziologen sich vornehmlich an eine Zuhorerschaft von konfliktinteressierten Gruppen richteten - Rec..'-Itsanwalte, Reformer, Poliker -, fanden spatere amerikanische Soziologen ihr Publikum hauptsachlich bei Gruppen und Berufen, die auf Starkung der gemeinsamen Werte aus waren und den Gruppenkonflikt auf ein Minimum beschranken wollten: Sozialfiirsorger, Experten fiir »seelisch-geistige Gesundheit«, Fuhrer religioser Gruppen, Erzieher ebenso wie offentliche und private Verwaltungsbeamte. Die relativ geringe Wirksamkeit von Reformbewegungen in der spateren Periode und das gleichzeitige Aufbliihen einer Biirokratie, die die Dienste von Sozialforschern bei ihrer Verwaltungstatigkeit benotigte, trugen dazu bei, diese V erschiebung im Publikum hervorzurufen. Damit verbunden war bei vielen Soziologen auch die Wandlung ihres Selbstbildes: statt als selbstbewuBte Fiirsprecher von Reformen sahen sie sich jetzt als »Feuerwehr« und Experten fiir zwischenmenschliche Beziehungen. Zeitgenossische Soziologen neigen dazu, sich auf bestimmte Aspekte des Sozialverhaltens zu konzentrieren und lassen dann andere, die durchaus von gleicher theoretischer Bedeutung sein konnen, auBer acht. Wir werden einen dieser vernachlassigten Aspekte der soziologischen Theorie aufnehmen, indem wir eine Reihe von Thesen, die sich mit den Funktionen des sozialen Konflikts befassen, aufmerksam betrachten.

IV

Eine Moglichkeit zur Ausarbeitung einer Theorie des sozialen Konflikts konnte darin bestehen, einige zentrale Begriffe der klassischen soziologischen Literatur zu entnehmen und sie fiir die weitere KHirung zu benutzen, indem man sie mit verfiigbaren Forschungsergebnissen und relevantem empirischen Material in Zusammenhang brachte. Dieses Verfahren hat den Vorzug, den theoretischen Leistungen einer friiheren Soziologengeneration eingehendere Beachtung zu verschaffen und dabei gleichzeitig die sorgfaltige Lektiire der nachfolgenden Schriften zu verlangen, urn so eine angemessenere neuerliche Spezifizierung der Ausgangsthemen zu erreichen. Diese Verfahrensweise wandten wir jedoch nicht an; statt dessen entschlossen wir uns, allein die Thesen abzuleiten, die aus Simmels klassischer Arbeit tiber den »Streit«35 sich ergeben. Der Grund fiir eine solche enge Beschrankung unserer wichtigsten Quelle ist zum Teil rein pragmatisch. Es schien uns zum Zweck der Darlegung ergiebiger, einem einzelnen Autor mit einer konsistenten allgemeinen Orientierung zu folgen, als zwischen verschiedenen Autoren hin- und herzuwechseln, deren Auffassungen auseinandergehen mogen. Entscheidender aber ist der Grund, daB Simmels Aufsatz iiber den Konflikt - auch er profitiert von Simmels allgemeiner Zustimmung zur Analyse sozialer Phanomene in Begriffen interaktiver Prozesse- den fruchtbarsten Beitrag in der allgemeinen Diskussion des sozialen Konflikts darstellt. Wenn wir so unsere Studie gleichsam im Werk Simmels verankern, impliziert das selbstverstandlich nicht, daB wir in seinen Beitragen die Grenze der Spekulation und des Denkens iiber den Konflikt erblickten. Im Verlauf unserer Diskussion wird deutlich werden, daB einige seiner Formulierungen relativ grob sind, gemessen an spateren Arbeiten theoretischer wie auch empirischer Art. In einer ganzen Reihe von Fallen wurde die Grenze des Wissens iiber den Konflikt iiber die von Simmel erreichte Linie hinausgeschoben. Fiir unsere Zwecke brauchen wir nicht allen Windungen des 35 Georg Simmel, »Der Streit•, in SfJziologie (Leipzig: Duncker und Humblot, r9o8), Kapitel IV, S. 247 ff.

33

Simmelschen Denkens zu folgen; die Thesen, die diskutiert werden sollen, erschopfen nicht einmal den Inhalt seiner Arbeit tiber den Streit. Wir beabsichtigen viel eher, in Simmels umfangreichem Aufsatz nur jene Thesen zu bestimmen, die flir eine aktuelle Theorie der Funktionen des sozialen Konflikts besonders relevant scheinen. Dies ist keine geistesgeschichtliche Studie; wir sind hier nicht an der Analyse von Schriften interessiert, die der Vergangenheit angehoren, sondern an der Nutzanwendung dieses Erbes. Soziologisches Theoretisieren muB standig die Beachtung jener Beitrage der Vergangenheit einbegreifen, die den Schllissel fiir eine Erweiterung des Wissens abgeben; daflir sind :wahrscheinlich nur bestimmte Teile des Werkes eines klassischen Theoretikers von Nutzen. Simmel wuBte das gut, er schrieb in sein Tagebuch: »lch weiB, daB ich ohne geistigen Erben sterben werde (und es ist gut so). Meine Hinterlassenschaft ist wie eine in harem Gelde, das an viele Erben verteilt wird, und jeder setzt sein Teil in irgend einen Erwerb urn, der seiner Natur entspricht: dem die Provenienz aus jener Hinterlassenschaft nicht anzusehen ist« 36• Die Neigung Simmels, bisher unverbundene aber doch einleuchtende Erkenntnisse miteinander zu verknlipfen, wurde oft vermerkt. Jose Ortega y Gasset hat die Besonderheit des Simmelschen Denkens treffend charakterisiert: »Dieser scharfe Verstand - eine Art philosophischen Eichhornchens - machte den Gegenstand, den er wahlte, niemals selbst zum Problem; sondern nahm ihn als eine Plattform hin, urn darauf das wundervolle Spiel seiner Analysen zu exekutieren« 37 • Simmels Vorstellungen haben keinen allgemeinen theoretischen Rahmen wie die von Marx oder Freud. So kann, obwohl in Simmels Werk eine Theorie in nuce sich finden laBt, diese Theorie wirkungsvoller bestimmt werden, wenn man ihr die zentralen Gedanken anderer Soziologen zu diesem Thema einverleibt. Wenn wir Simmels Thesen untersuchen, werden wir sie auch mit wichtigen Gedanken anderer Sozialtheoretiker konfrontie36 Georg Simmel, »Nachgelassenes Tagebuch«, in Logos, lnternationale Zeitschrift fur Philosophie der Kultur, VIII (1919), S. r2r. 37 Jose Ortega y Gasset, »Um einen Goethe von innen bittend« (Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1949), S. rr.

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ren, und zwar in der Absicht, sie zu illustrieren, zu modifizieren oder zu entkraften. Wir beschaftigen uns damit, jene Behauptungen zu erhellen, die innere Konsistenz einer jeden zu prlifen und den logischen Bezug aller zueinander. Wir wollen uns nicht vorwiegend mit der Verifizierung befassen; dies ware nur moglich, wenn man die Theorie einer systematischen empirischen Untersuchung unterzoge. Simmels Aufsatz, dem wir uns jetzt zuwenden, wird durch die zentrale These bestimmt, daB der Konflikt eine Form des Sozialisation sei. Das meint wesentlich, daB- wir paraphrasieren hier die ersten Seiten des Aufsatzes- keine Gruppe vollig harmonisch sein kann, sie ware denn ohne Entwicklung und Struktur. Gruppen verlangen Disharmonic ebenso wie Harmonie, Auflosung wie Vereinigung; Konflikte in einer Gruppe sind nicht einfach zerstorende Faktoren. Gruppenbildung ist das Ergebnis beider Arten von Prozessen. Die Auffassung, der eine ProzeB zerschlage, was der andere aufbaue, so daB schlieBlich als Resultat die ausgeflihrte Subtraktion des einen vom andern librigbleibe, beruht auf einem MiBverstandnis. Im Gegenteil, beide, die »positiven« und die »negativen« Faktoren schaffen Gruppenbeziehungen. Konflikt und Kooperation haben soziale Funktionen. Weit davon entfernt, notwendig dysfunktional zu sein, ist ein gewisses MaB an Konflikt ein wesentliches Element fur die Gruppenbildung und den Bestand des Gruppenlebens. Die folgenden Thesen ergeben sich aus dieser grundlegenden Auffasssung von den Funktionen des sozialen Konflikts.

35

Zweites Kapitel Konflikt und Gruppengrenzen

These r:

Gruppenfestigende Funktionen des Konflikts »Ein gewisses Maft von Mifthelligkeiten, innerem Auseinandergehen und aufteren Kontroversen ist mit alledem, was das Band schlieftlich zusammenhalt, organisch verbunden ... Auf der andern Seite tritt die durchaus positive tmd integrierende Rolle des Antagonismus an Fallen hervor, wo die Struktur durch die Scharfe und sorgfaltig konservierte Reinheit sozialer Einteilungen und Abstufungen charakterisiert wird. So beruht das indische Sozialsystem nicht nur auf der Hierarchic der Kasten, sondern auch direkt auf ihrer gegenseitigen Repulsion. Feindseligkeiten hind ern nicht nur die Abgrenzrmgen innerhalb der Gruppe am allmahlichen Verschwimmen ... sie geben Klassen und Personlichkeiten oft erst ihre gegenseitige Stellung, die diese nicht oder nicht so gefunden hatten ... wenn etwa die objektiven Ursachen der Feindseligkeit nicht von dem Geflihle und den Auftenmgen der Feindschaft begleitet waren«t.

Zunachst ist eine Klarung notwendig. Simmel springt zwischen soziologischen und psychologischen Feststellungen hin und her; er diskutiert personliche Autonomie und dann Gruppenautonomie und verdunkelt so die Tatsache, dag Personlichkeit und soziales System keinesfalls identisch sind, auch wenn sie zum Teillibereinstimmen mogen und ineinander libergehen 2 • Die genetische

1 Simmel, Der Streit, S. 25r. 2 Vgl. dazu Talcott Parsons und Edward A. Shils, Motives and Systems of Action«, in Toward a Ge.ural Theory of Action (Cambridge: Harvard University Press, r9p), besonders p. ro9.

Psychologie3 und die Psychoanalyse haben viele Beweise dafiir gesammelt, daB der Konflikt ein auBerst wichtiger Faktor fur die -Bildung der vollen Ich-Identit:it und Autonomie ist, das heiBt fur die vollige Abhebung der Personlichkeit von der Umgebung. Doch ist dieses Problem nicht Gegenstand unserer Studie, die ja vornehmlich das Verhalten von Individuen in Gruppen behandeln will. Wir wollen deshalb Gefi.ihle der »Gegnerschaft und der Repulsion« nur dort erwahnen, wo sie Teil eines »social pattern« sind, das heiBt wo sie regelmaBig auftreten. Individuelles, rein idiosynkratisches Verhalten hat keinen Raum in der Analyse strukturierter sozialer Systeme. Wenn wir den soziologischen Gehalt der These betrachten, stellen wir fest, daB es Simmel urn zwei unterschiedliche Phanomene geht, wenngleich ein Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Er sagt erstens, der Konflikt setze Grenzen zwischen Gruppen innerhalb eines sozialen Systems, indem er das GruppenbewuBtsein und das Gefiihl der Absonderung von anderen starke und so die Gruppenidentitat innerhalb des Systems schaffe. Zweitens bemerkt er, gegenseitige »Repulsionen« erhielten das ganze soziale System, weil sie ein Gleichgewicht zwischen seinen verschiedenen Gruppen herstellten. Zum Beispiel ermoglichen Konflikte zwischen indischen Kasten deren Trennung und Unterscheidung voneinander einerseits und gewahrleisten andererseits die Stabilitat der gesamten indischen Sozialstruktur, indem sie die Forderungen rivalisierender Kasten im Gleichgewicht halten. An anderer Stelle hat Simmel den gruppenfestigenden Charakter des Konflikts noch starker betont4• Diese Erkenntnis ist natiirlich nicht neu. Khnliche Feststellungen lassen sich bei Sozialtheoretikern seit der Antike zitieren. William Graham Sumner, der zur gleichen Zeit schrieb wie Simmel, sagte in seiner Abhandlung iiber die in-group- und outgroup-Beziehungen im wesentlichen dasselbe 5 • Da diese Erkenntnis allgemein bekannt ist, braucht sie nicht in aller gegenwartigen soziologischen Theorie enthalten zu sein, wie etwa in derjenigen von Parsons. Wahrend er in seinem jlingBesonders die Arbeiten von Jean Piaget. 4 Simmcl, Soziologie, op. cit. S. 6ro-rr. 5 Sumner, Folkwa)•s, op. cit. p. I2-J3·

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sten Werk 6 betont, daB soziale Systeme dem »grenzenerhalten.den« Typus angehoren, d. h. daB sie die Schrank en zwischen sich und der Umgebung bewahren mi.issen, wenn sie die Konstanz des »pattern« gewahrleisten wollen, unterlaBt er es, den Konflikt in diesem Zusammenhang iiberhaupt zu erwahnen7. Dieser Funktion des Konflikts, Gruppenidentitat zu schaffen und zu bewahren, wurde von Theoretikern vom Range eines Georges Sorel und Karl Marx durchaus Rechnung getragen. Sorels Eintreten fi.ir die Gewalt muB ganz und gar in diesem Sinne verstanden werden; er kannte die enge Verbindung zwischen Konflikt und GruppenzusammenhaltB. Er wuBte, daB die Arbeiterklasse nur dann ihren eigenen Charakter bewahren konnte, wenn sie dauernd im Kampf mit dem Mittelstand lag. Allein durch die Aktion und in ihr konnen die Mitglieder sich ihrer Klassenidentitat bewuBt werden. Seinem Beharren darauf, daB die Sozialisten, denen er sich zurechnet, humanitaren Bewegungen auf seiten der herrschenden Klassen opponieren mi.issen, liegt das soziologische dictum zugrunde, daB solche MaBnahmen zu einer Verminderung des Klassenkonflikts fi.ihren wiirden und damit zu einer Schwachung der Klassenidentitat. Auch fi.ir Marx konstituieren sich Klassen einzig durch Konflikt. Individuen konnen objektiv gleiche Positionen in der Gesellschaft einnehmen, aber der Gemeinsamkeit ihrer lnteressen werden sie sich nur durch den Konflikt und in ihm bewuBt. »Die einzelnen lndividuen bilden nur insofern eine Klasse, als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andere Klasse zu fi.ihren 6 Talcott Parsons, The Social System, op. cit. p. 481. Vgl. auch Talcott Parsons and Edward A. Shi!s in Towa1·d General Theory of Action (op. cit., p. ro8); beide betonen die entscheidende Bedeutung der die Grenzen bewahrenden Mechanismen fiir die Erhaltung des Gleichgewichts sozia!er sowie biologischer Systeme, aber sie versaumen es, den Konflikt als einen solchen Mechanismus zu erwahnen. 7 Der Begriff der Abgrenzungen, den Simmel benutzt, scheint der Erhe!lung zu bediirfen. Mit Abgrenzung wird hier die Unterscheidung einer genau bestimmten Ansammlung von Individuen von anderen so!chen Ansammlungen gemeint, und zwar insofern, a!s diese Individuen eine Gruppe mit mehr oder weniger anha!tender Interaktion und von verhaltnismalliger Bestandigkeit im Aufbau bilden. Der Begriff impliziert nicht, daB diese Unterscheidung auf unveranderlichen Strukturen der Beziehungen zwischen Gruppen beruht oder dall der Dbertritt von Personen von der einen zur and ern Gruppe unmoglidt ist; nur verhaltnismallige Bestlindigkeit des Gruppenmodells und klar bestimmte Mitgliedschaft sind impliziert. 8 Georges Sorel, Dber die Gewa!t (Innsbruck: Universitats-Verlag Wagner, r928).

haben; im iibrigen stehen sie einander selbst in der Konkurrenz wieder feindlich gegeniiber«9. Im allgemeinen scheinen die Soziologen zu akzeptieren, daB die Unterscheidung zwischen »uns, der Wir-Gruppe oder der in-group und allen anderen, der Fremdgruppe oder der outgroup«10 durch und im Konflikt gemacht wird. Dies beschrankt sich nicht auf den Klassenkonflikt, obwohl Klassenkonflikte vielen Beobachtern das einleuchtendste Beispiel zu sein scheinen. Nationale und ethnische Konflikte, politische Konflikte oder Konflikte zwischen verschiedenen Ressorts der Verwaltung liefern genauso relevante Beispiele. Simmel sagt weiter, Gegnerschaft und Antagonismus hielten das gesamte System auch deshalb aufrecht, weil sie eine Balance seiner einzelnen Teile herstellten. Dies kommt zustande, nach Simmel, weil Angehorige der gleichen Schicht oder Kaste von einer Solidaritat zusammengehalten werden, die aus ihrer gemeinsamen Abneigung und Ablehnung der Mitglieder anderer Schichten und Kasten sich ergibt. Auf diese Weise wird auf Grund der Aversion, die die verschiedenen Mitglieder von Untergruppen innerhalb des Gesamtsystems gegeneinander hegen, eine Hierarchie von Positionen erhalten. Diese Ansicht bedarf naherer Qualifizierung. Wie herausgestellt wurde11, konnen AuBengruppen- die ja nicht notwendig Zielscheibe der Feindseligkeit sein miissen- unter gewissen Voraussetzungen auch in positiver Beziehung zur Innengruppe stehen. Die AuBengruppe kann ebenso anerkannt und als Vorbild betrachtet wie abgelehnt werden. Nur unter ganz bestimmten Bedingungen fallt ein Wetteifern mit der AuBengruppe weg, beispielsweise in einem strengen Kastensystem wie etwa dem indischen, wo es nahezu keine soziale Mobilitat gibt und die

9 Karl Marx, »Die deutsche Ideologie«, in: Die Friihschriften, ed. von Siegfried Landshut (Stuttgart: Kroner Verlag, I953), S. 395· ro

Sumner, Folkways, op. cit. p. u.

11 Robert K. Merton and Alice S. Kitt, »Contributions to the Theory of Reference Group BehaviorKaste< gesteigerte >standische< und die bloB >ethnische< Scheidung differieren in ihrer Struktur darin, daB die erstere a us dem horizontalen unverbundcnen N ebeneinander der letzteren ein vertikales soziales Obereinander macht ... In ihrer Wirkung differieren sie eben darin: daB das ethnische Nebeneinander, welches die gegenseitige AbstoBung und Verachtung bedingt, jeder ethnischen Gemeinschaft gestattet, ihre eigene Ehre fiir die hiichste zu halten, in der Kastengliederung (aber) ein soziales Untereinander, ein anerkanntes >Mehr< an >Ehre< zugunsten der privilegierten Kasten und Stiinde mit sich bringt.« (Max Weber, Wirtschaft tmd Gesellschaft, S. 685).

14 Lloyd Warner and Paul S. Lunt, The Social Life of Modern Community (New Haven: Yale University Press, 194t), bes. p. rq-r6.

die Statusgruppen auflosen, weil die Grenzen zwischen ihnen und der Umwelt verschwanden; aber eben diese Grenzen werden dadurch flie:Eend gehalten, da:E die soziale Mobilitat nach oben das kulturelle Ideal solcher Gesellschaften ist. Aus diesem Grunde werden die Gefiihle der Feindschaft zwischen den Klassen, die fur eine offene Klassengesellschaft typisch sind - ganz im Unterschied zu einem Kastensystem -, oft leicht zu Ressentiments 15 • Es ist keine ursprungliche Ablehnung der Werte oder Gruppen, gegen die diese Gefiihle geria1tet sind, sondern viel eher trifft die Geschichte von den sauren Trauben zu: man sehnt sich heimlich nach dem, was man verurteilt. Es sollte nicht iibersehen werden, da:E Simmel nicht ausdriicklich zwischen feindlichen Gefiihlen und deren tatsachlicher Manifestation unterscheidet. Es besteht da eine sehr deutliche Differenz zwischen dem indischen Kastensystem, wo Antagonismen nicht zu offenem Konflikt fiihren, und der amerikanische Klassengesellschaft, wo der Konflikt (zum Beispiel zwischen Management und Arbeiterschaft) haufig ist und mit ihm gerechnet wird. Ungleiche Verteilung von Privilegien und Rechten mc.g feindliche Gefiihle hervorrufen, aber sie fiihrt nicht notwendig zum Konflikt. Eine Unterscheidung zwischen Konflikt und feindseligen Gefi.ihlen ist notig und wesentlich. Konflikt im Unterschied zu feindseliger Haltung oder entsprechenden Gefiihlen findet immer in der Interaktion zwischen zwei oder mehreren Personen statt. Feindliche Haltung ist eine Voraussetzung dafiir, einen Konflikt einzugehen; Konflikt dagegen ist immer eine »Trans-Aktion« 16 • Ob feindliche Gefiihle zu Konfliktverhalten fiihren, hangt zum Teil davon ab, ob die ungleiche Verteilung von Privilegien 15 Vgl. Max Scheler, »Das Ressentiment im Aufbau der MoralenAbreaktion< als therapeutisch entscheidender Faktor betrachtet. Es ist wahr, da.B eine Befreiung von bisher blockierten Emotionen stattfindet ... , auf diese Weise kann jedoch keine wahre und dauerhafte Beendigung des Verteidigungskampfes erreicht werden.... Zuvor gebundene Energien miissen nicht nur in einer einzigen Handlung frei werden, auch neue, durch Triebe hervorgerufene Spannungen miissen ebenso gut immer wieder gelost werden konnen«.21 Wenn ein Konflikt, wie Simmel sagt, »die Luft reinigt«, dann konnen zwar Institutionen, die allein der Abreaktion von Ag19 Sigmund Freud, •Das Unbcwullte•, Band X, S. 279· 20 Vgl. Marxens beriihmte Bemerkung in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie: •Die Aufhebung (der Religion als) des illusorischen Gliicks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Gliicks. Die Forderung, die Illusion iiber seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarfNeck-beziehungAch-

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tung vor dem Feind< pflegt da auszubleiben, wo die Feindschaft sich uber fruheren Zusammengehorigkeiten erhoben hat. W o nun gar noch soviel Gleichheit weiterbesteht, dafl Verwechslungen und Grenzverwischungen moglich sind, da mussen die Differenzpunkte mit einer Scharfe herausgehoben werden, die oft gar nicht durch die Sache selbst, sondern nur durch jene Gefahr gerechtfertigt wird«l. Simmels Feststellung, enge Bindungen und groBes Engagement verstarkten den Konflikt, w,enn er iiberhaupt ausbreche, folgt aus den Ergebnissen, die in der vorausgegangenen Diskussion dargelegt wurden. Man hat gesagt, die Ambivalenz, die in engen Beziehungen immer vorhanden ist, riihre von der Unterdriickung feindseliger Empfindungen her (die ihrerseits auf die zahlreichen Gelegenheiten zum Konflikt in solchen Bez,iehungen zuriickgefiihrt werden), die ZU auBern die Betreffenden aus Furcht vor den negativen Folgen solcher Konflikte vermeiden. Wenn das »Liebesobjekt« gleichzeitig das »HaBobjekt« ist, ist es verstandlich, daB ein Konflikt aile Affekte der Personlichkeit mobilisieren kann und daB die Beziehung durch den sich daraus ergebenden Konflikt zerbrochen werden konnte; daher also die Neigung, jene Gefiihle zu unterdriicken. Wir erinnern uns, daB eine friihere Erorterung iiber die verstarkende Wirkung der nicht-realistischen Elemente in echten Konflikt:situationen zu der Hypothese fiihrte, daB die lntensitat des Konflikts wahrscheinlich durch eine solche Beimengung zunehme. So ist cine groBere lntensitat des Konflikts in jenen Beziehungen zu erwarten, in denen die Partner dazu gebracht wurden, feindselige Empfindungen zu unterdriicken; umgekehrt werden dann .sehr wahrscheinlich diese angestauten Gefiihle den Konflikt heftiger machen, wenn er ausbricht. In Gruppen, die sich nur an einen peripheren Teil der Personlichkeit ihrer Mitglieder wenden oder, urn Parsons' Termino-

1 Simmel, Der Streit, S. 273 ff.

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logie2 zu benutzen, in Gruppen, in denen Beziehungen funktiona! spezifisch unci affektiv neutral sind, konnen Konflikte weniger hart und heftig sein als in solchen, wo die Bindungen diffus und affektiv sind und die ganze Personlichkeit ihrer Teilnehmer in Anspruch nehmen. Dies legt nahe, daG Konflikte in Gruppen wie etwa dem Rotary Club oder in der Handelskammer wahrscheinlich weniger stlirmisch sind als in religiosen Sekten oder in radikalen Parteien vom kommunistischen Typus. Organisationen dieser Art streben danach, die ganze Personlichkeit einzuschlieGen, daher ist hier das Band zwischen den Mitgliedern viel starker als in Gruppen, in denen Teilbeziehungen vorherrschen. Wenn die ganze Personlichkeit beansprucht ist, dann ist auch die Wahrscheinlichkeit groGer, daB nicht-realistische Elemente in echte Konfliktsituationen hineingeraten. Deshalb neigen diese Gruppen dazu, Konflikte zu unterdrlicken; wenn sie dennoch ausbrechen, sind sie starker und leidenschaftlicher. Dies erklart, wie wir noch sehen werden, die Haufigkeit von Spaltungen unci Trennungen in solchen Gruppen. Individuen, die intensiv am Leben der Gr:uppe teilnehmen, setzen sich auch flir die Erhaltung der Gruppe ein. Wenn sie sehen, wie einer sich von ihnen lost, mit dem sie Sorgen und Verantwortung im Gruppenleben geteilt haben, reagieren sie wahrscheinlich heftiger auf solche »Treulosigkeit« als weniger engagierte Mitglieder. So kommt Simmel zu einem zweiten Punkt: Abtrlinnigkeit wird von einer intimen Gruppe als Bedrohung ihrer Einheit angesehen. Spater w:erden wir untersuchen, wie Gruppen, wenn sie vvn anderen bedroht werden, gezwungen werden konnen, »zusammenzurlicken«. Eine ahnliche Reaktion ist bei der Verteidigung der Int:imgruppe gegen eine Bedrohung von innen zu beobachten. Tatsachlich mag die Reaktion, wie Simmel sagt, unter diesen Umstanden starker sein, weil der innere »Feind«, der Abtrlinnige oder der Haretiker, nicht nur die Werte und Interessen der Gruppe in Frage stellt, sondern auch ihre Einheit an sich bedroht. Abtrlinnigkeit bedeutet und symbolisiert ein Imstichlassen jener MaGstabe der Gruppe, die als lebenswichtig 2 In Talcott Parsons and Edward A. Shils, Toward a General Theory of Action, op. cit.

81.

fiir ihr Fortkommen, wenn nicht fiir ihre Existenz angesehen werden 3 • Wir haben weiter oben behauptet, der Konflikt mit einer AuBengruppe bestimme die Grenzen der Innengruppe. Umgekehrt droht Abtriinnigkeit die Grenzen der etablierten Gruppe z,u zerstoren. Deshalb muB die Gruppe den Abtriinnigen mit all ihrer Macht bek:i,mpfen, weil er symbolisch- oder sogar tatsachlich - ihre Existenz bedroht. Zum B.eispiel richtet sich Apostasif gegen den Bestand der Kirche selbst, deshalb war auch die Anklage gegen Apostaten in den Verlautbarungen der Kirchenvater oder bei den Rabbinern seit der Zeit der Makkabaer so heftig 4 • Der Abtriinnige starkt die AuEengruppe, deren Anhanger er wird, nicht nur, wie Simmel herausstellt, weil es ihm unmoglich ist zuriickzukehr.en und er deshalb in seiner Loyalitat der neuen Gruppe gegeniiber bestandiger sein wird als jene, die schon immer dazu gehort haben, sondern auch weil er ,ihr eine gesteigerte Dberzeugung von der Richtigkeit ihrer Sache g,ibt. Dies macht ihn in den Augen seiner friiheren Freunde gefahrlicher als irgend ein anderes Mitglied der AuBengruppe. AuBerdem wird der Abtriinnige seiner Loyalitat der neuen Gruppe gegeniiber 111icht n:ur Nachdruck verleihen, indem er sich fiir ihre Verteidigung einsetzt und fiir ihre Werte zu Felde zieht, sondern er wird, wie Max Scheler betont hat, es auch als sein Hauptziel ansehen, »eine fortlautende Kette von Racheakten gegen seine geistige Vergangenheit zustande zu bringen« 6 • So hat der Angriff auf die Werte seiner ehemaligen Gruppe mit seinem Aus3 Siehe Paul Miliukov, »Apostasis«, Encyclopaedia of the Social Sciences, II p. u8-3r.

4 Wenn eine Gruppe einmal ihre Ordnung gefunden hat und ihre Existenz keine Frage mehr ist, kann sie sich einen milderen Standpunkt gegeniiber Renegatentum leisten. Fiir die moderne katholische Kirche ist »das Abgehen vom Glauben nicht mehr ein heftiger Schlag gegen den Bestand der Gruppe« (ibid. p. 130). Solange eine Gruppe noch urn Anerkennung kampft, mull sie aile ihre Krafte gegen die Gefahren mobilisieren, die von innen drohen. Das heiflt, die Scharfe der Reaktion auf den »inneren FeindWeltanschauungaufheben< und also nicht kumulativ wirken• (Robin M. Williams, Die Amerikanische Gesellschaft, Stuttgart: Verlag Gerd Hatje, 1953, S. 493).

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Wenn wir den Hinweisen von Simmel und Ross folgen, sehen wir, daG v:ielfache Gruppenzugehorigkeit der Individuen eine Vielzahl von Konflikten schafft, die die Gesellschaft durchkreuzen. Solche partielle T eilnahme kann dann eine Art Ausgleichsmechanismus ergeben, der tiefe Spaltungen einer einzigen Achse entlang verhiitet. Die Interdependenz konfligierender Gruppen und die Vielfalt nicht-kumulativer Konflikte bieten ein, wenn auch natiirlich nicht das einzige, Hemmnis gegen einen grund1egenden Bruch der Dbereinstimmung in einer offenen Gesellschaft. Starren Systemen, wie den gegenwartigen totalitaren, mag es gelingen, wie oben angedeutet wurde, aggressive Gefiihle zum Teil durch Ventil-Einrichtungen zu kanalisieren, wie institutionalisierten Antisemitismus oder Xenophobic. Immerhin schafft ihr Mangel an Mechanismen zur Wiederanpassung an veranderte Bedingungen unzahlige Ge1egenheiten zum Konflikt und somit ZJu Feindseligkeiten, die moglicherweise direkt die Dbereinstimmung bedrohen. F1eXjible Systeme dagegen, die das Auftreten von Konflikt erlauben, verringern die Gefahr eines Bruchs in der Dbereinstimmung. Wenn das stimmt, dann fiihrt das AuGern und die Abreaktion von Aggressionen im Konflikt zu wechselseitiger und einseitiger Anpassung unter den verschiedenen Partnern. Institutionalisierte Kanale, in denen solche Konflikte ausgetragen werden konnen, scheinen einen wichtigen »Ausgleichsmechanismus« in der Gesellschaft darzustellen. Wechselnde Verhaltnisse von Starke, die im und durch den Konflikt zwischen verschiedenen Gruppen sich zeigen, konnen durch kontinuierliche Anpassung so gelenkt werden, daG die Grundstruktur flexibel genug bleibt, urn innere Spannungen auszuhalten. So ist also in solchen flexiblen Systemen die Gefahr von Konflikten, die die grundlegende Dbereinstimmung storen, auf ein Minimum beschrankt. Unsere Folgerungen iiber die Funktionen des Konflikts in Gesellschaften und in weniger komplexen Beziehungen sind so im wesentlichen dieselben. Obwohl enge Beziehungen haufige Gelegenheiten zum Konflikt schaffen, zeigen sie Tendenzen, diese Konflikte auch zu unterdriicken. Wenn indes Konflikte 95

trotz Unterdriickung vorkommen, tendieren sie dazu, die Beziehung zu zerstoren, weil sie wahrscheinlich dank der totalen Einbeziehung der Personlichkeit und wegen der angesammelten und unterdriickten Aggressionen besonders intensiv sind. In ahnlicher Weise fiirchten und unterdriicken Gesellschaften, die die totale individuelle Hingabe ihrer Mitglieder fordern, den Konflikt, sind dafiir aber von der Gefahr zerstorerischer Ausbriiche bedroht. Pluralistische Gesellschaften, die auf vielfacher Gruppenzugehorigkeit a.ufgebaut sind, neigen dazu, durch vidfache und vielfaltige Konflikte zwischen Gruppen zusammengehalten zu werden, in die die Personlichkeiten der Mitglieder nur partiel! einbezogen sind. Wir konnen jetzt sagen, daB feindliche Empfindungen nicht immer umgelenkt werden oder in Ambivalenz munden miissen, wenn die Gruppe oder Gesellschaft erhalten werden soU. Weit davon entfernt die grundlegende Beziehung zu zerschlagen, kann direktes KuBern von feindlichen Gefiihlen eine Quelle der Integration sein, wenn di.e Teilnahme eher partiell ist als total. Ambivalenz oder Verschiebung pflegt viel haufiger dort aufzutreten, wo die Beziehung eng ist und wo die Partner fiirchten, irgendein Angriff werde plOtzlich ihre Grundlage bedrohen. Unzufriedenheit, die sich auBert, wo immer und wann immer sie auftritt, die nicht angestaut werden muB und n:icht kanalisiert wird in .einer groBen Spaltung, tragt dazu bei, Gesellschaft und Gruppen zu erhalten. Wir formulieren Simmels These folgendermaBen neu: Konflikt kann dazu dienen, auflosende Elemente aus einer Beziehung zu entfernen und die Einheit w;iederherzustellen. Insofern Konflikt die Auflosung von Spannung zwischen Gegnern ist, hat er stabilisi.erende Funktionen und wird zum integrierenden Bestandteil der Beziehung. Indes sind nicht alle Konflikte positiv funktional fiir eine Beziehung, nur jene, die Ziele, Werte oder Interessen betreffen, die nicht den Grundvoraussetzungen zuwiderlaufen, auf denen die Beziehung gegriindet ist. Lock.er struktunierte Gruppen und offene Gesellschaften schaffen Schutzvorr:ichtungen gegen jene Art von Konflikt, die den grundlegenden Konsensus bedrohen wiirde, indem sie Konflikte zulassen; dabei beschranken sie die Gefahr von Divergenzen

iiber ihre fundamentalen Werte auf ein Minimum. Die Interdependenz antagonistischer Gruppen und das Kreuz und Quer der Konflikte innerhalb dieser Gesellschaften, die »das soziale System zusammenklammern« helfen, da die Konflikte sich gegenseitig aufheben, verhindern so die Desintegration einer einzigen entscheidenden Spaltung wegen. Die folgende These betrifft noch einmal die Beziehung Konflikt und Gruppenstruktur, fiihrt aber einen zusatzlichen Faktor ein, namlich den der Stabilitat einer Beziehung.

These 8: Konflikt als Index der Stabilitat von Beziehungen » ... Ihnen niemals nachzugeben, ... ist keineswegs

immer Sache der echtesten und tiefsten Zuneigung ... kommt vielmehr gerade bei Gesinnungen vor, ... denen die letzte, unbedingteste Hingabe des Gefiihls fehlt . ... Die empfundene Unsicherheit in der Basis solcher Verhaltnisse bewegt uns, bei dem W unsche, sie um jed en Preis aufrechtzuerhalten, oft zu ganz iibertriebenen Selbstlosigkeiten, zu einer gleichsam mechanischen Sicherung ihrer durch prinzipielles Vermeiden jeder Konfliktmoglichkeit. W o man der Unwiderruflichkeit und Vorbehaltlosigkeit des eigenen Gefiihls gewift ist, bedarf es dieser unbedingten Friedfertigkeit gar nicht, man weift, daft keine Erschiitterung bis zu dem Fundament des Verhaltnisses dringen kann, ... «22

Simmel behauptet in dieser These, daB das Fehlen von Konflikt innerhalb einer Beziehung nicht als Index fiir deren Stabilitat gelten kann. Er sagt also nicht, das Bestehen eines Konflikts zeige notwendig fundamentale Stabilitat an, sondern nur, daB, 22

Simmel, Der Streit, S. :1.75.

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feindliche Empfindungen in einer Beziehung vorausgesetzt, diese Empfindungen eher im Konflikt sich auBern wurden, wenn die Beziehung stabil ist. Damit behauptet Simmel, daB Aggressionen, die in einer Beziehung entstanden sind, eher geauBert werden, wenn die Partner die Stabilitat ihrer Beziehung kennen; denn wenn sie ihrer sicher sind, werden sie dazu neigen, ihren Gefuhlen freien Lauf zu lassen. Wenn jedoch die Beziehung so ist, daB die einzelnen ihre Auflosung befiirchten mussen, wenn ein Konflikt auftritt, werden sie versuchen, die Aggressionen zu unterdrucken oder zu verschieben. Die Grundvoraussetzung in Simmels Feststellung beruhrt einen zentralen Punkt der soziologischen Methode. Simmel sagt, es sei notwendig, hinter die VerhaltensauBerungen zu schauen, urn das volle AusmaB der sozialen Wirklichkeit zu erfassen. So kann man nach Simmel das Fehlen von KonHikt in einer Beziehung nicht zum Zeichen dafiir nehmen, daB die Beziehung stabil und sicher oder frei von potentiell auflosenden Spannungen ist. Wir mussen uns mit den latenten ebenso wie mit den manifesten Elementen innerhalb einer Beziehung beschaftigen, wenn ihre volle Bedeutung analytisch erhellt werden soll23 • Wenn also ermittelt werden soll, ob eine Beziehung stabil ist, so genugt es nach Simmel nicht zu fragen, ob Konfliktelemente offen vorhanden The American Soldier< op. cit. Zum Verhaltnis von Zentralisierung und Konflikt in groBen Organisationen bleibt Robert Michels' Soziologie des Parteiwesens das klassische Werk. Siebe auch Philip Selznick, »Foundations of the Theory of Organization«, Am. J. Soc., XIII (1948), p. 25-35. Was hier zum Verhaltnis von Zentralisierung und Gruppenstruktur angesichts von auBerem Konflikt gesagt wurde, stimmt nicht vollig tibercin mit dem, was Michels »das eherne Gesetz der Oligarchic« nennt. Wir stimmen mit Michels darin tiberein, daB Zentralisierungstendenzen in groBen Organisationen, besonders wenn sie standig im Kampf mit anderen Gruppen liegen, weder willktirlich noch zufallig noch vortibergehend, sondern der Natur der Gruppe eigentlimlich sind und im Wesen ihrer Konfliktbeziehungen liegen. Jedoch zwingt die Anerkennung der Existenz und Relevanz von Zentralisierungstendenzen nicht zur Auffassung, dail die Mehrheit der Menschen, •ewig minorenn, sich .. , durch eine grausame Fatalitat der Geschichte dazu vorherbestimmt, gezwungen sehen, die Herrsdtaft einer kleinen Minderheit aus ihrem SchoBe tiber sid1 ergehen zu lassen und nur als Piedestal flir die GroBe der Oligarchic zu dienen• (a.a.O., S. 36t/362). Eine Reihe neuerer Studien sagt, ausgleichende Tendenzen, z. B. die Ideologic einer Gruppe und die Interessen der Mitglieder seien entscheidende Variable (Seymour Lipset, Agrarian Socialism [Berkeley: University of California Press, 1950] und Rose Laub, »An Analysis in the Early German Socialist Movement•, nicht publizierte Master's Thesis, Columbia University, 1951).

IIO

Wenn es einer Gruppe an grundsatzlicher Obereinstimmung fehlt, fuhrt auBere Bedrohung nicht zu starkerem Zusammenhalt, sondern zu allgemeiner Apathie, und dadurch ist die Gruppe von Desintegration bedroht. Untersuchungen iiber die Wirkung der groBen Depression auf Familien haben zum Beispiel gezeigt, daB solche, in denen es vor der Depression an innerer Solidaritat fehlte, apathisch reagierten und zerbrachen, wahrend solidarische Familien tatsachlich gestarkt wurden22. Mangel an Obereinstimmung oder an Solidaritat ist nicht gleichbedeutend mit Divergenzen und Konflikten innerhalb der Gruppe. Wenn die Gruppe auf Bedrohung von auBen mit inneren Divergenzen iiber das Verhalten wahrend des Konflikts reagiert, zeigt das, daB die zur Debatte stehende Streitfrage wichtig genug ist, urn die Gruppenmitglieder gegeneinander aufzubringen. Diese Situation unterscheidet sich wesentlich von jener, in der die Mitglieder einfach die auBere Bedrohung nicht beachten und gleichgiiltig bleiben. Die von Robin Williams gemachte Unterscheidung scheint hier erhellend: »Fiir eine solche Gruppe, die >gut funktioniertgut funktionierenecclesia purasozialer Gleichheit< ware, indes wird damit >begri.indetSOZiale Gleichheit< zuri.ickgewiesen wird, weil sie eben solche Heiraten mit sich brachte«so. Furcht vor den Schwarzen, die bei weitem nicht vom tatsachlichen Verhalten des Negers herriihrt, ist ein Mittel, das StatusSystem intakt zu halten und alle Mitglieder der weiBen Gruppe urn ihren »Status« zu scharen51, Unseres Wissens muB das, was wir hier i.iber die Bezi,ehung zwischen Starrheit der Struktur und der Suche nach einem Fdnd gesagt haben, immer noch verifiziert werden, auBer in der Erforschung der kleinen Gruppen52 • Aber die Hypothese scheint der Untersuchun.g wahl wert. 49 Frank Tannenbaum, Darker Phases of the South (New York: G. P. Putnam's Sons, I924), pp. 8-9. 50 Myrdal, op. cit. p. 59r.

51 DaB diese Furcht vor dem Neger bei den Demagogen aus dem Siiden eine der Lieblingsdevisen zur Manipulation ist, muB hier nicht weiter erortert werden. 52 Vgl. die Bemerkung K. Lewins in »Die Losung sozialer Konflikte«. 131

So miiBte eme Studie tiber die kommunistische Partei versuch,en ZQl bestimmen, in welchem AusmaB auBere Bedrohung.en fiir die Gruppe objektiv vorhanden sind und in welchem AusmaB dMasse< in der Gewalt einer abstrakten MasseKraft< einem glorreichen >letzten Ziel< entgegengetrieben wird«. »lm Grunde beruht die Uberzeugung des Intellektuellen . . . auf einem tiefverwurzelten Glauben, daB die Arbeiterschaft irgendwie immer das >erwahlte GefaB< dessen ist, was die Macht auch immer sein mag, die das Schicksal der Gesellschaft bestimmt« 12. An anderer Stelle fahrt Perlman fort, »Abstraktion« von allem Spezifischen und Unmittelbaren fi.ihrte zu verstarktem Kampf. Joseph Sebumpeters Angriff auf die Rolle des Intellektuellen in der Arbeiter11 Zur Soziologie der Intellektuellen siehe Robert Michels, »Intellectuals« Encyclopaedia of the Social Sciences, VIII, pp. rrS-126, besonders der ausgezeichneten Bibliographie wegen. Auch Karl Mannheim Ideologic und Utopie bringt eine gute Bibliographie; vgl. auch Max Wcbers Diskussion der Rolle der Intellektuellen in religiosen Bewegungen. Vgl. auch Theod. Geiger, Aufgaben und Stellung der Intelligenz in der Gesellschaft (Stuttgart: Ferd. Enke, 1949). 12 Selig Perlman, A Theory of the Labor Movement (New York: The Macmillan Co., 1928), p. 28o-8r.

bewegung wird hicr verstandlich: Die Intellektuellen, so Sebumpeter, »verliehen der Bewegung den sprachlichen Ausdruck, sie lieferten ihr Theorien und Schlagworte ... gaben ihr das SelbstbewuBtsein und anderten dadurch ihre Bedeutung ... Indem sie schlieBlich selbst den bUrgerlichsten Gewerkschaftspraktiken eine revolutionare Richtung gaben, radikalisierten sie sie naturgemaB«13. Man konnte ohne weiteres andere Beispiele als die aus der Arbeiterbewegung anfUhren, urn diesen Aspekt der Rolle der Intellektuellen bei der Verstarkung des Konflikts zu erhellen. Noch viele Studien miissen gemacht werden, bevor die Soziolo,gen mit einiger Sicherheit sagen konnen, unter welchen Umstanden Intellektuelle, indem sie die Ideologic fUr eine Bewegun.g schufen und systematisierten und ihr dadurch eine kollektive Orientierung gaben, bei der ideologischen Umbildung von Bewegungen und somit bei der Vertiefung der Konflikte dieser Stromungen mit gegnerischen Schichten und Gruppen eine zentrale Rolle gespielt haben. Wir nehmen uns jetzt die Ansicht Simmels vor, daB gemeinsame Ablehnung des »Personlichen« zwischen zwei Parteien fUr den Konflikt immer ein vereinheitlichendes Element zwischen ihnen bilde. Es wird sofort deutlich, daB sich seine Beispiele auf zwei verschiedene Konflikttypen beziehen. Einer dieser Typen tritt auf, wenn Parteien in Verfolgung eines gemeinsamen Ziels darUber streiten, welches die besten Mittel seien, es zu erreichen. Mit der wissenschaftlichen Kontroverse fUhrt Simmel hier ein einleudltendes Beispiel an. Die Gegner suchen beide nach der Wahrheit, und heiden ist die das sie gewonnen werden Erforschung und das RichtmaB, soll, in den Methoden, dem Ethos der Wissenschaft und ihrem ge13 Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (Miinchen: Leo Lehnen, 1950), S. 248. Schumpeter indes beachtet nicht, wie es dazu kam, daB europaische Klassenstrukturen es den Intellektuellen erlaubten, ihre besondere Rolle im Konflikt zu spielen, wahrend in Amerika diese Rolle auf ein Minimum reduziert war. Die Strenge des europaischen Klassensystems hatte eine Intensivierung des Klassenkampfes zur Folge, der Mangel eben dieser Strenge in Amerika begiinstigte den Pragmatismus der amerikanischen Arbeiterbewegung. Nur wenn man diesen Strukturunterschied in Betracht zieht, ist die unterschiedliche Position der Intellektuellen auf den heiden Kontinenten zu begreifen.

setzten Ziel gemeinsam: die Erweiterung gesicherter Erkenntnis14. Gegensatzliche theoretische Behauptungen ziehen ihre Protagonisten in Konflikte iiber moglicherweise sich gegenseitig ausschlieBende Interpretationen, aber der Konflikt schlieBt bier nicht nur einen gemeinsamen Bezugspunkt und die Hinnahme allgemeiner Regeln wie in den Fallen ein, auf die wir im nachsten Kapitel eingehen wollen, sondern auch ein gemeinsames Ziel. Simmel spricht auch von Streit, in dem die vereinheitlichende Funktion nicht in der Akzeptierung eines gemeinsamen Ziels und gemeinsamer Methoden, es zu erreichen, durch beide Parteien liegt, sondern allein in der Ablehnung von eigenniitzigen Motiven durch beide und einem gemeinsamen Mitwirken an der iiberindividuellen Sache. Dieser Fall unterscheidet sich vom ersten nicht nur graduell, wie Simmel meint. Tatsachlich kann die Wirkung der Objektivierung hier genau das Gegenteil von Vereinheitlichung sein: sie zieht einen scharfen Trennungsstrich zwischen den Gegnern, mit dem Ergebnis, daB jeder urn so mehr danach trachtet, den anderen durch intensiven Kampf zu bezwingen. Simpsons Kritik 15 scheint hier zu gelten: zunachst einmal ist jede Partei in sich selbst integriert. Eine revolutionare Arbeiterbewegung, die darauf aus ist, die bestehenden Eigentumsverhaltnsse zu stiirzen und eine Unternehmerorganisation, die mit ihrer Verteidigung beschaftigt ist, konnen beide darin iibereinstimmen, »personliche« Argumente und Animositaten abzulehnen (man fragt sich iibrigens, ob das immer das Fall ist), doch ist dieser »gemeinsame Boden« von zweitrangiger Bedeutung, weil sie in diesem Punkt ja gerade iibereinstimmen, urn ihre diametral entgegengesetzten Ziele zu verfolgen. Wenn die Objektivierung, von der Simmel spricht, zu einem Zusammenbruch des Konsensus fiihrt, dann betrifft das »gemeinsame Element« im Konflikt nur sehr oberflachliche Bereiche der gesamten Beziehung. Es besteht nur in der Obereinstimmung, gewisse Kampfmethoden auszuschlieBen, wie etwa personliche Verleumdung. In seinem Verlauf hat der Kampf eine 14 Siehe Robert K. Merton, »Science and Democratic Social Theory and Social Structure, op. cit. p. 307-16. 15 George Simpson, Conflict and Community, op. cit. p. 25-26.

in Social

Integration innerhalb jeder Partei zum Teil auf Grund der Ablehnung von Werten und Zielen der andern zur Folge. In den meisten Konflikten jedoch, ·einschlieBlich der fi.ir eine i.iberindividuelle Sache gefiihrten, sind andere verbindende Momente vorhanden oder werden im Lauf des Konflikts .geschaffen. Objektivierung ist ein vereinheitlichender Faktor nur dann, wenn er mit anderen verbindenden Elementen zusammen auftritt, wie einem gemeinsamen Ziel. Im nachsten Kapitel kommen weitere »sozialisierende Faktoren«, die der Konflikt schafft, zur Sprache. Urn Simmels These neu zu formulieren: Konflikte, in denen die Teilnehmer wissen, daB sie nur Vertreter eines Kollektivs oder einer Gruppe sind, nicht fiir sich selhst kampfen, sondern fiir die !deale der Gruppe, die sie reprasentieren, konnen radikaler und unerbittlicher sein als solch.e, die aus personlichen GrUnden ausgefochten werden. Durch Ausschaltung des Personlichen kann der Konflikt verscharft werden, weil modi:fizierende Elemente, die personliche Faktoren normalerweise mit sich bringen, fehlen. Die moderne marxistische Arbeiterbewegung ist ein Beispiel fiir die radikalisierende Wirkung der Objektivierung des Konflikts. Streng ideologische Ausrichtung kommt eher in starren als in flexiblen, anpassungsHihigen Strukturen vor. Objektivierung des Konflikts kann ein vereiruheitlichendes Moment fiir die streitenden Parteien sein, wenn beide das gleiche Ziel verfolgen: in wissenschaftlichen Kontroversen zum Beispiel, in denen es allein urn die Wahrheit geht.

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Siebentes Kapitel Konflikt vereinheitlicht

These 13: Konflikt bindet die Gegner aneinander »Wenn ein solcher Kampf schlechthin auf Vemichtung geht, so nahert er sich allerdings dem Grenzfall des Meuchelmordes, in dem der Beisatz des vereinheitlichenden Elements gleich Null gew01·den ist; sobald dagegen irgendeine Schonung, eine Grenze der Gewalttat vorhanden ist, liegt. auch schon ein sozialisierendes Moment, wenn auch nur als zuruckhaltendes vor. Kant behauptete, jeder Krieg, in dem die Parteien sich nicht irgendwelche Reserven in dem Gebrauch moglicher Mittel auferlegten, miiftte schon aus psychologischen Grunden ein Ausrottungskrieg werden . ... Fast unvermeidlich flicht sich ein Element von Gemeinsamkeit in die Feindseligkeit, 'WO das Stadium der offenen Gewalt irgend einem anderen V erhaltnis gewichen ist, das vielleid?t eine vollig unve1·minderte Feindlichkeitssumme zwischen den Parteien aufweist . . . . 1-rtan vereinigt sich, um zu kampfen, und man kampft unter der beiderseitig anerkannten Herrschaft von Normen und Regeln«t. Simmel stellt hier zwei verschiedene aber miteinander zusammenhangende Behauptungen auf. Er sagt, gerade das Eintreten in einen Konflikt mit einem Gegner schaffe Beziehungen, wo vorher keine bestanden. Konflikt wird als verbindendes Element z,wischen Parteien gesehen, die zuvor vielleicht in keinedei Beziehung zueinander standen. AuBerdem behauptet Simmel, der K.onflikt lasse Regeln und Normen entstehen, die seinen Verlauf und die Formen, in denen er ausgetragen werde, 1 Simmel, Der Streit, S. 258 u. 264.

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einschrankten. Diese Behauptungen wollen w1r nacheinander untersuchen. Der Definition nach bedeutet, einen Konflikt mit einer anderen Partei einzugehen, dag zu dieser Partei eine Beziehung geschaffen wurde. Simmel sagt indes mehr als nur dies. Er meint, dag, wenn einmal durch Konflikt Beziehungen geschaffen sind, andere Arten der Beziehung nachfolgen konnen. An anderer Stelle schreibt er, dag »die gegenseitigen Beziehungen primitiver Gruppen fast immer feindliche seien«, so dag »auf fruhen Kulturstufen der Krieg beinahe die einzige Form des Kontakts mit Fremdgruppen uberhaupt ist«. Wahrend dies sicherlich eine Dbertreibung ist angesichts der neueren anthropologischen Erkenntnisse2, ist der Krieg tatsachlich, in primitiverer oder modernerer Form, einer der Wege, Kontakt zwischen Gruppen herzustellen. Krieg hat oft zur gegenseitigen Befruchtung von vorher unverbundenen Kulturen gefiihrt (wie zum Beispiel die romische Geschichte und die Geschichte des modernen Imperialismus ausgiebig zeigen) und hat Beziehungen hergestellt, wo keine bestanden. Simmel wugte naturlich, daB Kriege haufig mit der volligen Vernichtung des einen Gegners endeten; so wurden einige amerikanische Indianerstamme und andere fri.ihe Kulturen fast ganz zerstort. Simmel meint nur, ein Krieg neige dazu, andere Formen der Interaktion zu ermoglichen, auger unter jenen extremen Bedingungen, wo er dem Angriff des Morders auf sein Opfer gleicht. Obwohl Analogien zwischen so umfassenden sozialen Phanomenen wie einem Krieg und den vergleichsweise weniger komplexen Form der Interaktion immer gewagt sind, glauben wir zu Recht, hier auf ahnliche Prozesse in den zwischenmenschlichen Beziehungen hinweisen zu di.irfen. Kinderpsychologen haben herausgefunden, daB Spannung und Konflikt haufig just die Art sind, in der Kinder Beziehungen ankni.ipfen 3 • Nachdem sie zu2 Vgl. Malinowskis Aufsatz iiber den Krieg, op. cit. siehe auch Joseph Schneider »Primitive Warfare: A Methodological Note«, American Sociological Review, XV, p. 772-77.

3 Vgl. »Aggressives Verha!ten kann dem Kind als Mittel dienen, seinen Weg in eine Gruppe zu finden, sich die Aufmerksamkeit eines anderen Kindes zu verschaffen• (Arthur T. Jersild, Child Psychology, New York: Prentice Hall, 1947, p. 147).

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nachst urn ein Spielzeug gestritten haben, konnen Kinder, die vorher fiireinander fremd waren, nachher gemeinsam damit spielen. Ein Kind, das in der Konfliktbeziehung gepruft wurde, kann danach zum Spielkameraden werden4 • Das Verhalten von Erwachsenen bietet eine Menge ahnlicher Beispiele. Der Konflikt scheint eines der Mittel zu sein, .sich iiber einen zunachst unbekannten Menschen Kenntnis zu verschaffen, und so eine Basis fiir andere Formen der Interaktion abzugeben. So fuhrt feindliche Interaktion spater oft zu freundschaftlicher Interaktion, der Konflikt ist dabei das Mittel, den bislang Unbekannten zu »pri.ifen« und »kennenzulernen«. Der Fremde wird einem im Kampf vertraut. Simmels zweite Behauptung war, da£ - au£er in einigen Ausnahmefallen - schon allein die Tatsache, da£ man in einen Konflikt eintritt, fi.ir die gemeinsame Akzeptierung von Regeln so1.1gt, die den Verlauf der Feindseligkeiten bestimmen. Solche Regeln tragen zur Sozialisierung der streitenden Parteien bei, indem sie heiden Beschrankungen auferlegen. In erster Linie bezeichnet gerade der Ausbruch des Konflikts normalerweise, da£ ein gemeinsames Streitobjekt vorhanden ist. Gabe es keine gemeinsamen Interessen an irgend einem Objekt, konnte kaum ein Konflikt entstehen, da nichts da ware, um das man streiten konnteS. Weiter sagt Simmel, Konflikt finde im allgemeinen innerhalb eines gemeinsamen Ganzen von Normen und Regeln statt, und 4 Vgl. K. M. Bridges, The Social and Emotional Development of the Pre-School Child (London: Kegan Paul, r93r); er zeigt, daB aggressives Verhalten bei einem Kind, das neu in eine Gruppe kommt, zum Teil ein Mittel ist, seine neue soziale Umgebung zu erforschen, wobei seine Annaherungsversuche natiirlich ebenso .i'i.uBerungen von Feindlichkeit einschlieBen wie jede andere I'orm des Verha!tens. 5 Alfred Vierkandt (Gesellschaftslehre, S. 307-oS) driickt einen ahnlichen Gedanken aus: man kann sich einem Angriff gegeniiber nur verwundbar fiihlen, wenn man in irgend einer Weise vom Gegner abhangig ist. Wenn man einem Gegncr vollig unzuganglich gegeniibersteht, fiihlt man sich nicht verwundbar. Das Ich kann nur verwundet werden, wenn man dem Gegner das Recht zugesteht, iiber den Wert der eigenen Person mitzusprechen. So ist der soziale Konflikt meist, mit der vorhergenannten Ausnahme, abhangig von der gegenseitigen Anerkennung der Parteien. V gl. auch T. S. Eliots Bemerkung, daG »echte Blasphemie ... das Ergebnis eines partiellen Glaubens ist, sie ist fiir den vollkommenen Atheisten ebenso unmoglich wie fiir den vollkommenen Christen• (Selected Essays, New York: Harcourt, Brace & Co., I950, P· 373).

fiihre zur Errichtung oder Erweiterung solcher Norrnen und Regeln. Ein Konflikt dariiber, wern ein Stuck Land gehore, irnpliziert, daB beide Parteien den Gedanken des Rechts auf Eigenturn anerkennen, ebenso wie die allgerneinen Regeln tiber die Ausiibung dieser Rechte. Sie streiten nicht urn das Prinzip, sondern urn seine Anwendung irn speziellen Fall. Eigenturnsgesetze bestirnrnen den Rahmen des Konflikts, wenn nicht sogar ganz konkret die Schritte der Parteien. Eigenturnsgesetze, die von heiden Parteien anerkannt werden, bilden ein vereinheitlichendes Band zwischen ihnen. Hierher gehort Durkheirns Erorterung des »nichtvertraglichen Elements im Vertrag« 6 • Durkheirn stellt dabei fest, daB selbst in rein »interessenbestimmten Marktbeziehungen« ein »V ertrag allein in sich nicht geniigt, sondern nur rnoglich ist dank einer Regelung des Vertrags, die urspriinglich gesellschaftlich ist« 7 • Vertragliche Beziehungen werden im Zusarnmenhang mit Normen geschaffen, die vor dcm V ertrag schon bestehen und in ihrn nicht spezifiziert werden. Die integrierende Kraft des Zusamrnenhalts, die in einem System von Vertragsbeziehungen liegt, riihrt dann nicht vom gegenseitigen Vorteil der Parteien bei der Transaktion her, sondern vom Bestehen einer »organischen Solidaritat«, die vorhanden war, ehe das Geschaft in Angriff genommen wurde. Gesetze und Gebrauche bestirnmen gerneinsarn den V ertrag; ohne sie wiirde der V ertrag, statt die Gesellschaft zu integrieren, zu zerstorerischem Zank fiihren. Was fiir den Vertrag gilt, gilt nach Simmel auch fiir den Konflikt: im allgemeinen wird er in einem System von bindenden Normen ausgetragen und hat so die Elemente seiner eigenen Begrenzung und Regulierung bereits in sich 8 . Indes geht Simmel

6 Emile Durkheim, De la Division du Travail Social. Besonderes Buch I, Kapitel 7· 7 ibid. p. 198. 8 Malinowski sagt in einem Abschnitt, der dem oben zitierten direkt folgt: (»An Anthropological Analysis of War«), »Das eigentliche Wesen einer Institution indes besteht darin, daB sie sich auf eine Charta griindet, in der fundamentale Regeln niedergelegt sind, die ... genau die Rechte, Hoheitsrechte und Pflichten aller Partner klar bestimmen ... Das heiBt nicht, daB die Menschen nicht streiten, argumentieren und disputieren ... Zuerst und zuvorderst heiBt es, daB aile solchen Dispute im Rahmen legaler oder quasi legaler Diskurse stattfinden« (p. 287).

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einen Schritt weiter. Er sagt, im Verlauf des Konflikts wiirden dauernd neue Normen geschaffen und die altenmodifiziert. Durch neue Situationen, die der Konflikt schaffe, flir die es noch keine oder nur wenig Normen gebe, werde er zum Anreiz fur die Schaffung neuer Normen und Regeln. Hier lohnt es sich, wenigstens oberflachlich die reiche Literatur i.iber die Regeln in der Kriegflihrung zu betrachten9. Was wir i.iber das gemeinsame System von Normen, innerhalb derer Konflikte im allgemeinen ausgetragen werden, gesagt haben, scheint auf die Kriegflihrung nicht anwendbar, in der die Parteien verschiedene oder gegensatzliche Institutionen und Normen haben. Versuche, die Mittel des Kriegs zu beschranken, sind offensichtlich so alt wie der Krieg selbst. Wenn beide Seiten gemeinsame Normen anerkennen, wird der Konflikt vorhersagbar, was sonst nicht der Fall sein wiirde. Beide Seiten verlangen danach, sich auf MaiSstabe zu stiitzen, die ihnen erlauben, die Konsequenzen ihrer kriegerischen Handlungen zu berechnen. Die Regeln der Kriegflihrung lassen den Be griff der »begrenzten V erantwortung« entstehen, so daiS vollige V ernichtung des Besiegten unwahrscheinlich ist. Khnliche Funktionen haben die Dbereinklinfte iiber die Behandlung der Kriegsgefangenen. Die »Schulung« der Soldaten vor Kriegsausbruch gibt ihnen den Respekt vor solchen Normen ein, daiS sie, einmal im Krieg, die Grenzen dessen, was beide Parteien als angemessenes (vorhersagbares) Verhalten betrachten, nicht iiberschreiten. Da uernde V eranderungen in den T echniken der Kriegfiihrung schaffen neue Situationen, die neue Normen erfordern. Man denke an die Schaffung neuer Regeln fiir Bombardement, biologische Kriegfiihrung, Gaskrieg und ahnliches. Natlirlich werden Regeln nicht immer gleich aufgenommen und akzeptiert von den Streitenden, wie die jiingsten Diskussionen iiber die Anwendung von Atomwaffen zeigen. Auf jeden Fall iiben neuartige Kriegssituationen auf die Gegner den Druck aus, ein Minimum an Regeln und Normen zu akzeptieren; denn so la£t sich die Wirkung der neuen Methoden der Kriegfiihrung ungefahr abschatzen. 9 Vgl. Quincy Wright, A Study of War (Chicago: University of Chikago Press, 1942), Band II.

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Was i.iber den Krieg zwischen Gegnern gesagt wurde, die kulturell auf verschiedener Stufe stehen, gilt urn so mehr fi.ir Konflikte innerhalb ein und derselben Kultur; sie lassen neue Normen und Regeln in neuen Situationen entstehen. K. N. Llewellyn und A. Adamson Hoebel beleuchten diesen Punkt in ihrer Studie i.iber Konflikt und ProzeBrecht in primitiver Rechtsprechung: »Stockung oder Storung«, so schreiben sie, »dramatisieren eine >Norm< oder einen >NormenkonfliktNorm< in jenes auf besondere Weise legale Etwas, das wir einen >anerkannten Imperativ< nennen konnen«to. »Denn in jeder Konfliktsituation - und Konfliktsituationen stellen das juristische Problem par excellence dar- folgt dem Trieb die Herausforderung. Herausforderung verlangt bewuBtes Formulieren von Streitfragen, bewuihe Schritte, urn zu i.iberzeugen oder auf anderem Wege i.iberlegen zu sein .... Ein Fall von Unruhe ist dramatisch, er bleibt in Erinnerung . . . seine Losung, ist sie einmal gefunden, schreit nach Wiederholung wie wenige Phanomene im Leben« 11 • Der Konflikt, wie er hier gesehen wird, belebt bestehende Normen und schafft einen neuen Rahmen von Normen, in dem die Kontrahenten kampfen konnen. In Max Webers Diskussion i.iber Rechtssoziologie findet s.ich eine ahnliche Formulierung. Weber fragt: »Woher stammt das Neue?« (im Gewohnheitsrecht). Er stellt fest: »Man wird antworten: es entstand durch Knderung der auBeren Existenzbedingungen, welche Knderungen der bisher empirisch geltenden Einverstandnisse nach sich ziehen. Die bloBe Anderung der i:iuj]eren Bedingungen ist dafi.ir aber weder ausreichend noch 10 K. N. Llewellyn, and A. Adamson Hoebel, The Cheyenne Way (Norman: University of Oklahoma Press, 1942), p. 2. 11 ibid. p. 278.

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unentbehrlich. Entscheidend ist vielmehr stets em neuartiges Handeln, welches zu einem Bedeutungswandel von geltendem Recht oder zur Neuschaffung von Recht fiihrt. An diesem, im Erfolg, rechtumbildenden Handeln sind nun verschiedene Kategorien von Personen beteiligt. Zunachst die einzelnen Interessenten eines konkreten Gemeinschaftshandelns. Teils um unter >neuen< auEeren Bedingungen seine Interessen zu wahren, ganz ebenso aber auch, um unter den alten Bedingungen sie besser als bisher ZU wahren, andert der einzelne Interessent sein Handeln, insbesondere sein Gemeinschaftshandeln. Dadurch entstehen neue Einverstandnisse oder auch rationale Vergesellschaftungen mit inhaltlich neuem Sinngehalt, die dann ihrerseits wieder neue rein faktische Gewohnheiten entstehen lassen«12. Obwohl Weber im weiteren Falle betrachtet, in denen Gesetze einen anderen Ursprung haben als in den Handlungen von einzelnen Beteiligten, geniigt es fiir unseren Zweck herauszustellen, daB nach Weber auch ein ZusammenstoE von Interessen (allgemein verstanden, nicht im okonomischen Sinne) zur Schaffung und Modifizierung des Gesetzes fiihre. Diese Beobachtungen iiber die gesetzesschaffenden Aspekte des Konflikts treffen wohl eher auf das Common Law zu als auf andere Gesetzesarten. Dean Roscoe Pound, der iiber das Common Law schreibt, meint: »Wichtig (an der Methode gerichtlicher Prazedenzfalle) fiir verbindliches Rechtsmaterial ist das Vertrauen in die gerichtliche Entscheidung tatsachlicher Streitfalle«13, und Walton H. Hamilton schreibt iiber das Gerichtsverfahren: »Der Charakter des Gerichtsverfahrens ist durch die Institution des Prozesses bestimmt . . . In der Instanz werden die Verfahren durch Regeln bestimmt; im gesamten Recht werden die Regeln durch die Verfahren bestimmt«14. Wir brauchen kaum im Detail darzutun, daB legislatives Inkraftsetzen von neuem, gesatztem Recht gerne in Bereichen 12 Max Weber, Rechtssoziologie, Soziologisdte Texte, Bd. 2 (Neuwied: Ludtterhand Verlag, 1960, S. 175). 13 Roscoe Pound, •Common Law«, in Encyclopaedia of the Social Sciences, Vol. IV, p. 54· 14 Walton H. Hamilton, »Judicial Process•, in Encyclopaedia of the Social Sciences, Vol. VIII, p. 450.

auftritt, in denen Konflikt die Notwendigkeit fur die Schaffung neuer Regeln deutlich gemacht hat. Jedes Lehrbuch tiber das Gesetzgebungsverfahren oder sogar die bloge Zeitungslektiire bietet ausgiebige Dokumentation. Niitzlich ware die Untersuchung des Verhaltnisses vom Auftreten von industriellem Konflikt und den Gesetzen, die die Beziehungen von Arbeiterschaft-Management bestimmen1 5 oder des Verhaltnisses von Gefangenenrevolten und Strafreform. Der Beitrag der Zeugen Jehovas zur Neudefinition biirgerlicher und religioser Freiheiten in den letzten zehn Jahren, die ganz offen eine Reihe von Reglementierungen und Polizeiverordnungen herausforderten, sollte eingehender betrachtet werden. Konflikt kann »produktiv« sein auf zweierlei miteinander verwandte Weise: r. er fiihrt zur Modifizierung und Schaffung von Gesetzen; 2. die Anwendung neuer Regeln lagt neue institutionelle Strukturen entstehen, die dazu da sind, jene neuen Regeln und Gesetze durchzusetzen16. Simmels These spricht von einer dritten vereinheitlichenden Funktion des Konflikts, die auch bei Llewellyn und Hoebel auftaucht: Konflikt bringe den Kontrahenten und der Gemeinschaft uberhaupt Normen und Regeln ins Bewuihsein, die bis zu diesem besonderen Konflikt schlummerten. Es eine weit.ere auffallende :A;_hnlichkeit zwischen den Theorien von Simmel und Durkheim. Durkheim stellt in seiner beriihmten Erorterung des Verbrechens die Behauptung auf, dag das V erbrechen eine »normale« Erscheinung sei, nicht nur weil es eng verbunden sei mit den grundlegenden Hedingungen sozialen Lebens, so dag bestammte Formen der Verletzung normativer Regeln bestimmten Gesellschaftstypen entsprechen 17 , sondern

15 Vgl. die ausgczeichnetc Erorterung dieses Punktes bei 0. Kahn-Freund, ''Intergroup Conflicts and their Settlement«, British Journal of Sociology V (Sept. !954> pp. !93-227.

16 Die voraufgehende Diskussion wmde anf legale Normen nnd Regcln beschrankt. Es leuchtet ein, daB sie anch anf Sitten zutriffl: (wie Max Weber im angefiihrten Zitat andeutet). Es ist iiberfliissig, hier eine Hypothese zu untersuchen, die von den meisten Soziologen akzeptiert scheint. 17 Dieser Aspekt des Dnrkheimschen Gedankens wurdc von Parsons erlautert in Structure of Social Action, op. cit. p. 375.

rp

auch weil es funktionale Bedeutung fur die Integration aller Gesellschaften habe: »Das Verbrechen bringt aufrechte Gemuter zusammen und einigt sie« 18 . Indem es die Geflihle der Gemeinschaft gegen die Verletzung von Regeln aufbringt, tragt das Verbrechen dazu bei, so Durkheim, die Geflihle von Gemeinsamkeit neu zu beleben und zu erhalten; es ist ein »Faktor der o:ffentlichen Gesundheit, ein integrierender Bestandteil einer jeden gesunden Gesellschaft«19, Man braucht nur das »Verbrechen«, das manchmal eine Ausformung des Konflikts darstellt, durch »Konflikt« im allgemeinen zu ersetzen, urn zu Simmels Bedeutung der integrierenden Funktion antagonistischen Verhaltens zu kommen20, Bei Simmel zeigt der Konflikt, wie bei Durkheim das V erbrechen, die Notwendigkeit der Anwendung von Regeln, die, ware kein Konflikt aufgetreten, vergessen geblieben waren wie Grenzsteine zwischen Nachbarn, die nie uber die Grenzen ihres Besitzes in Streit gerieten. Diej,enigen, die sich auf Streit einlassen, heben grundlegende Normen, die Rechte und Pflichten der Burger bestimmen, ins BewuBtsein21. So verstarkt der Konflikt die Teilnahme am sozialen Leben. Gerade das BewuBtsein der Notwendigkeit von Normen, die ihr Verhalten bestimmen, laBt die Kontrahenten erkennen, daB sie derselben Gruppe angehoren. 18 19

Emile Durkheim, De Ia Division du Travail Social, p. 70. Emile Durkheim, Regeln der soziologischen Methode. Soziologische Texte, Bd. 3 (Neuwied: Luchterhand Verlag, r965), S. '57· 20 Eine Passage in Simmels Soziologie, die nicht direkt vom Konflikt handelt, macht seine Vcrwandtschaft mit Durkheim noch klarer: »Attacken und die Anwendung von Gewalt unter den Mitgliedern einer Gemeinsduft haben den ErlaB von Gesetzen zur Folge, die solches Verhalten verhindern sollen. Obwohl diese Gesetze allein aus dem Egoismus der Individuen entstehen, driicken sie dennoch die Solidaritat und die Gemeinsamkeit der Interessen jener Gemeinschaft aus und mad1en sie gleidJzeitig allen bewuBt«. 21 Die gleiche Auffassung wird von George Herbert Mead vertreten in »The Psychology of Punitive Justice«, American Journal of Sociology, XXIII (1928), pp. 577-602: »Die feindliche Ha!tung dem Gesetzesbrecher gegeni.iber hat den einzigen Vorteil, alle Mitglieder der Gemeinschaft in der emotionalen Solidaritiit der Agression zu vereinen.• »Ohne das Kriminelle wi.irde wohl der Zusammenhalt der Gesellschaft verschwinden und die universellen Gi.iter wtirden in sich gegenseitig ablehnende, individuelle Teile zerfallen. Das Kriminelle ... ist verantwortlich fur eine Art Solidaritat, die unter solchen sid1 entwicke!t, deren Ha!tung andernfal!s a11f Intcressen zentriert ware, die kaum etwas gen1einsam haben« (ibid. p. 191).

Simmels These wird gelegentlich so interpretiert, da£ das, was tatsachlich die Parteien verbindet, ni.cht der Konflikt als solcher sei, sondern da£ es mehr die gemeinsamen W erte sind - so da£ Integration eher durch gemeinsame Werte als durch Konfliktverhalten erklart werden mi.isse. Dies ist keine befriedigende Inverbindende \verte oder Norterpretation22. Simmel zeigt, men durch den Konflikt bewu6t gemacht werden, so da£ Konflikt- weit davon eatfernt, nur beilaufig die gemeinsamen 'werte zu bestatigen- eine »Agentur« ist, durch die diese Werte gestarkt werden. Diese Diskussion i.iber die Modifizierung und Bildung von Normen im und durch den Konflikt la6t uns jetzt die Griinde deutlicher erkennen, weshalb Konflikt fur die Gesellschaft funktiona! sein kann. Wie wir bald im einzelnen nach genauer sehen werden, ist der Konflikt ein Mechanismus, durch den eine Anpassung an veranderte Bedingungen geleistet werden kann. Eine fl.exible Gesellschaft profitiert vom Konfliktverhalten insofern, als dieses Verhalten durch die Bildung und Modifzierung von 22 \\fir miissen George Simpsons Kritik an Simmels Konflikttbcorie ausnebmen. Nach Simpson (Conflict and Community, op. cit. p. 26) gibt Simmel, obwohl er versichert, Integration durch Konflikt sei gemeinschaft!iche Integration, tatsac.l,.Jich Beispicle von Konflikt, der nicht innerhalb einer Gemeinschaft sich abspielr, sondcrn zwischen Gruppen, die keine gemeinsame Basis haben. Solche nicht-gemeinschaftlichen Gruppcn konnen zwar in sich selbst starker gceint sein, sagt Simpson, aber der Konflikt liiJlt sie einsamer zuriick als sie es vorher waren. Hier werden die siegreiche und d;e besiegte Gruppe integriert, aber jede in sicb selbst. Fiir Simpson impliziert Simmel (er formuliert die These jedoch nicht aus), da£ nur Gruppen, die ab initio Tcil der gleichen Gemeinschaft sind, durch Konflikt integriert werden. Es ist nicht richtig, wcnn man sagt, alle Beispiele Simmels kamen aus »nicht-gemeinschaftlichen" Gruppen; einige behandeln die Ehe und Verwandtschaftsbeziehung en, die Gemeinschaften par excellence sind. Simmel sagt Uberdies, da£ Konflikt als solcher ein soziaEsierendes Element sogar zwischen urspriinglich nicht kommunizicrenden Gruppen sei, und er belegt dies durch Bcispiele. Die zentrale Schwache an Simpsons Argument rlihrt - gcnauer betrachtet - daher, da£ er eine strenge Dichotomie zwischen gemeinschaftlichen und nicht-gemeinschaft!ichen Gruppierungen aufbaut. Zugehorigkeit zu spezifischen Gemeinsduften ist in verschiedenen Situationen verschieden definiert; und Grenzlinien zwischen Gemeinschaften sind nicht starr, sondern variieren im Gegenteil unter anderem je nach den strittigen Punkten des Konflikts, wie Simmcl cs in seiner ersten These gezeigt hat. I'iir gewisse Zwecke konnte es von Nutzen sein, zwischen gemeinschaftlichen und nicht-gemeinschaftlichen Konflikten zu unterscheiden, vorausgesetzt man vergiilt nicht, da£ dies hochstens eine Frage des Grades ist und nicht der Art und da£ die Grenzen dessen, was die Parteien als gemeinsd1aftlich anerkcnnen, dauernd schwanken (vgl. Simmel, Soziologie, Kapitel VI, iiber die VerKnderung einer Konstellation innerhalb einer Gruppe je nach Situation).

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Normen ihre Kontinuitat auch unter veranderten Bedingungen garantiert. Ein starres System dagegen wird dadurch, es keinen Konflikt zulaGt, die notwendige Anpassung verhindern und so die Gefahr eines katastrophenartigen Zusammenbruchs aufs auGerste erhohen. Wir formulieren Simmels These neu: Konflikt kann neue Arten von I nteraktion zwischen Gegnern schaffen, sogar bei solchen, die zuvor ganz ohne Kontakt waren. Gewohnlich tritt er innerhalb eines Normenbereichs auf und schreibt die Formen fur seinen Ablauf vor. Konflikt wird zum Anreiz bei der Einsetzung von Normen und Regeln und Institutionen und wird so zum Agenten bei der Sozialisierung der heiden streitenden Parteien. AuEerdem reaktiviert der Konflikt in Vergessenheit geratene Normen und verstarkt dadurch die T eilnahme am sozialen Leben. Als Anreiz zur Bildung und Modi:fizierung von Normen ermoglicht der Konflikt die Neuanpassung von Beziehungen an veranderte Bedingungen.

These r4: Interesse an der Einigkeit des Feindes »Angesichts des unvergleichlichen Nutzens einer einheitlichen Organisation fur den Kampfzweck mochte man glauben, jede Partei mii/5te das auf5erste Interesse daran haben, da/5 die Gegenpartei dieser Einheit entbehre. Dennoch gibt es einige Falle des Gegenteils; die Form der Zentralisation, in die die Kampfsituation die Partei drangt, wachst iiber die Partei selbst hinaus und veranlaf5t sie, auch den Gegner am liebsten in dieser Farm sich gegeniiber zu sehen. In den Kampfen der letzten ]ahrzehnte zwischen Arbeitern und Arbeitgebern hat dies aufs unverkennbarste Platz gegriffen« 23 •

23

Simmel, Der Streit, S. 308.

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Die vorhergehende These behauptete, der Konflikt neige dazu, ein gemeinsames Moment zwischen den Gegnern einzufiihren, indem er beide den Normen und Regeln des Kampfes unterwerfe. Jetzt sagt Simmel, daft es zum Wunsch nach Einigung oder vielleicht nach Zentralisierung ihrer selbst und des Gegners kommen konne, da jede Partei wi.inscht, die andere moge nach den gleichen Normen handeln wie man selbst. Das Paradox, das dem Wunsch immanent ist, der Gegner moge eine vorteilhafte Organisation haben, erklart Simmel folgendermaBen: jeder der Kontrahenten mochte es mit dem Gegner auf einer Stufe von Konflikttechniken zu tun haben, die er seiner eigenen internen Struktur fiir angemessen halt. Fiir eine moderne Armee ist es schwierig, mit den Taktiken von Guerillabanden zurechtzukommen; eine vereinigte Gewerkschaft hat Schwierigkeiten, wenn sie mit einzelnen Finnen von Kleinunternehmern Konflikte austragen muft. Es kann gut sein, daft ein Streitender wiinscht, sein Gegner moge einen ebenso guten Zusammenhalt aufweisen wie er selbst, um die Losung des Konflikts zu erleichtern. Trotz alLem enthalt Simmels Position noch Elemente eines unaufgelosten Paradoxes. Es ist einleuchtend und Simmel weift das, daft ein General, der eine zentralisierte Armeeorganisation hat, den Gegner nicht dabei unterstiitzen wird, eine gutgedrillte Armee aufzubauen, ehe er sich daranmacht, dessen Land zu iiberrennen; ebensowenig wird ein nach wirtschaftlichen Wirren noch nicht wieder erholtes Unternehmen dazu beitragen, eine vereinigte Arbeiterorganisation aufzubauen, um mit den eigenen Arbeitern zu verhandeln. Das Prinzip des divide et impera kennzeichnet recht haufig solche Situationen. Die These scheint nur anwendbar, wenn der Streit auf einer Ebene stattfindet, auf der die Parteien eine gewisse Gleichheit der Starke erreicht haben. Wenn ein straff organisierter Gegner auf einen schwach organisierten trifft, wie es in den Kolonialkriegen oder in ArbeiterUnternehmer-Beziehungen der Fall war, bevor es Gewerkschaften gab, dann ist der Starke nicht geneigt, die Einigung des Schwachen voranzutreiben. In ahnlicher Weise verlangt in einer totalitaren Gesellschaft die Machtkonzentration oben eher die Atomisierung als die Vereinigung inneren Widerstands. Wo der Gegner nicht als Opponent gesehen wird, der in der Lage 1

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ist, moglicherweise gefahrlich zu reagieren, sondern nur als ohnmachtiges Opfer, scheint Simmels Beobachtung nicht zuzutreffen. Wenn jedoch ungefahr ein Gleichgewicht der Macht herrscht, wie in pluralistischen Gesellschaften mit vielerlei Gruppen, kann der Gegner mit seiner straffen Organisation es tatsachlich vorziehen, daB der schwachere nicht mit »unkonventionellen Waffen« kampft (was einer anderen Organisationsstruktur entsprache), sondern Waffen benutzt, die den seinen ahnlich sind, damit man nach vergleichbaren Regeln kampfen kann. Urn diese Behauptung nach ihrem Wert zu befragen und urn sie zu beweisen, werden wir uns auf die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und -nehmern in der Industrie konzentrieren. Andere Gebiete wie die Kriegsstrategie scheinen gleichfalls relevante Beispiele zu liefern. Es scheint reichliche Beweise daflir zu geben, daB die Einigung des Managements mit der der Gewerkschaften Schritt halt, wobei die heiden Gruppen sich gegenseitig bedingen, da auBerer Kon:flikt den Zusammenhalt einer jeden starkt. Frederik H. Harbison und Robert Dubin haben dazu bemerkt: »Starke auf seiten der Industrie flihrt zu Starke auf seiten der organisierten Arbeiterschaft. Auch das Umgekehrte ist richtig. In der Kohlenindustrie zum Beispiel machte der zunachst regionale, dann nationale Druck der vereinigten Bergarbeiter eine starke Arbeitgeberorganisation zum Zwecke gemeinsamen Verhandelns notwendig. In jeder Industrie, in der die einzelnen Unternehmen klein sind und sie als Gruppe der vereinigten Macht einer starken mternationalen Vereinigung gegenliberstehen, ist Verhandeln der Unternehmer auf gemeinschaftlicher Basis oft die einzige Moglichkeit gegenseitigen Schutzes ... V erhandlungen zwischen graBen Gewerkschaften und groBen Unternehmen flihren hau:fig zu innerer Zentralisierung in der Planung und den Richtlinien der Politik auf beiden Seiten«24. Mehr noch, Simmels These besagt auch, das gemeinsame System von Regeln, worin moderne Gewerkschaften und Unternehmungsleitungen operieren, lasse schlieBlich beide daran interessiert sein, daB der andere die Regeln sogar in der Konflikt24 Frederik H. Harbison, and Robert Dubin, Patterns of Union Management Relations (Chicago: Science Research Associates, r947), p. r84.

situation einhalt. Urn den Regeln gerecht zu werden, braucht man eine einheitliche und disziplinierte Organisation. So hat z. B. Samuel Gompers, der Vater der amerikanischen Arbeiterorganisation, bestandig den ZusammenschluB der Arbeitgeber begiinstigt. Er schrieb: »Wir begriigen den Zusammenschlug der Arbeitgeber. Denn wir wissen, wenn es eine Organisation gibt, die auf rationaler Basis gegriindet ist, dann ist die Moglichkeit der Einigung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern Ebenso sollen nach dem Kriege deutsche Gewerkschaften die amerikanische Militarregierung gebeten haben, dem Arbeitgeberverband die Reorganis.ierung zu gestatten, doch wohl urn jemand zu haben, mit dem sie verhandeln konnten 26 • Wenn Arbeiterschaft-Management-Beziehungen formalisiert und zur Routine werden, befaBt sich jede Partei damit, »aus der Reihe tanzende« Mitglieder auf der andern Seite zu unterdriikken. C. Wright Mills fiihrt Vertrage an, in denen die Gewerkschaftsfiihrer dem Management Garantien gegen wilde Streiks geben, »Arbeiter, die wilden Streikparolen folgen, werden bestraft. DaB keine Streiks entstehen, dafiir sind Unternehmen und Gewerkschaft gleich verantwortlich. Sie sorgen gegenseitig fur Disziplin, und beide disziplinieren die unzufriedenen Elemente unter den organisierten Arbeitnehmern«27. Zwischen Gewerkschaft und Management besteht Obereinstimmung darin, ihre Beziehungen gegen Storungen zu schiitzen, die nicht-autorisierte Sprecher hervorrufen konnten. So ist jede Seite an der einheitlichen Struktur der andern interessiert28 • Die Gewerkschaften scheinen sich oft darin einig zu sein, daB Verhandlungen erfolgreicher mit organisierten Arbeitgebern 25 Samuel Gompers, Labor and the Employer (New York: E. P. Dutton & Co., 1920), p. 43· 26 Vgl. Clark Kerr, »Collective Bargaining in Postwar Germany•, Industrial and Labor Relations Review, V, 1952, pp. 323-42. 27 C. Wright Mills, The New Men of Power (New York: Harcourt, Brace & Co., 1948), p. 224-25. 28 Eine interessante Studie dazu stammt von Clark Kerr und George Halverson, Lockheed Aircraft Corp. and International Association of Machinists, Case Study No. 6 of Causes of Industrial Peace (Washington: National Planning Association, 1949), in der die Autoren beschreiben, wie Management und Gewerkschaftsfiihrung wahrend des Krieges zusammenarbeiteten, urn eine Minderheit von linken Mitgliedern aus Arbeit und Position zu verdrangen und »freundschaftliche Beziehungen• zu 1 57

geflihrt werden konnen. Das erkHirt, warum »in der liherwaltigenden Mehrheit der Falle ... die Gewerkschaften der Bildung von Arbeitgeberverbanden nicht entgegengetreten sind, sondern sie sogar willkommen hieBen, und in einigen Fallen organisierten sid? die A,-beitgeber sogar auf Anraten und mit Hilfe der Gewe,-kschaft«29. In einer Reihe von Fallen, zum Beispiel in der Bekleidungsindustrie, haben die Gewerkschaften die Arbeitgeber gezwungen, Verbande zu schaffen, damit die Gewerkschaft nicht mit vielen verschiedenen kleinen Unternehmern zu verhandeln brauchte. Diese wenigen Hinweise zeigten, daB die Umstande, unter denen Simmels These zutrifft, zu beachten sind30. Die wichtigste Einschrankung, die gemacht werden muB, haben wir zu Beginn dieser Diskussion erwahnt: Jeder Partei liegt an einer Vereinheitlichung der andern nur, wenn ein relatives Gleichgewicht der Starke zwischen ihnen erkennbar vorhanden ist. Die Unterscheidung, die Mills zwischen »wirklichen« und »vermeintlichen« Konservativen31 macht, scheint sich auf diese Einschrankung zu beziehen. Der »vermeintliche« konservative Flligel der amerikanischen Geschaftswelt, der die Macht der Gewerkschaften anerkennt, hat die Notwendigkeit, mit ihnen zu leben, akzeptiert und mochte nun, daB die Struktur der Gewerkschaften seiner eigenen gleicht, so daB sie auf ein gemeinsames System von Normen bauen konnen 32. Die wirklichen Konservativen haben noch bewahren. Siehe auch Clark Kerr und Lloyd Fishers Erorterung des San FranziskoExperiments iiber »Multi-Employer Bargaining« in Insight into Labor Issues, herausgegeben von Richard A. Lester und Joseph Shister (New York: The Macmillan Co., 1942), p. 26-61. 29 Joel Seidman, Union Rights and Union Duties (New York: Harcourt, Brace & Co., 1943), p. 78. Hervorhebung stammt von mir. 30 Arbeitsbeziehungen in Europa, besonders in England und in Deutschland, bieten sogar noch bessere Beispiele, da sie viel Hinger durch zentralistische Vereinbarungen unter den jeweiligen Arbeitnehmer- oder Arbeitgeberorganisationen beherrscht wurden. 31 C. Wright Mills, The New Man of Power. 32 Vgl. Georges Sorels Bemerkung: »Solange wie es keine sehr reichen, kr1Htig zentralisierten Gewerkschaften gibt .•• ist es durchaus unmoglich zu wissen, wieweit die Gewalt gehen kann. Gambetta beklagte sich dariiber, daB der franzosische Klerus ohne Kopf sei; er hatte gewiinscht, daB sich innerhalb seiner eine Auslese herausbildete, mit der die Regierung ..• in Auseinandersetzungen eintreten konnte. Der

das Gefiihl, dag ein annaherndes Gleichgewicht der Macht zwischen ihnen und den Arbeitern nicht besteht und dag die Gewerkschaften schwach genug sind, urn zerschlagen werden zu konnen. Die Diskussion beschrankte sich auf Arbeiterschaft-Management-Beziehungen. Sie scheint anwendbar auch auf andere Falle, zum Beispiel auf die Beziehungen zwischen bundesstaatlichen Verwaltungsbehorden und ihrem Publikum. Die Biirokratisierung einer Gruppe fiihrt zu einer Biirokratisierungstendenz bei ihrem Gegner. Philip Selznicks Arbeit tiber das Unternehmen der Tennessee Valley Authority33 dokumentiert ausfiihrlich das Dilemma einer Organisation, die als dezentralisierte gedacht unci aufgebaut war und im Konflikt mit lokalen und regionalen Gegnern gezwungen ist, sich allmahlich an so zentralisierte Organisationen anzupassen wie an die amerikanische FarmerOrganisation. Zentralistische unci biirokratische Organisationen ziehen es vor, sowohl wahrend des Konflikts als auch bei der nachfolgenden Anpassung mit anderen biirokratischen Organisationen zu verhandeln. Simmels These neu formuliert: Angesichts der Vorteile, die eine einheitliche Organisation bietet, wenn man den Konflikt gewinnen will, konnte man annehmen, jede Partei wiinsche intensiv die Abwesenheit von Einigkeit in der gegnerischen Partei. Doch gilt dies nicht iiberall. Wenn ein relatives Gleichgewicht zwischen den heiden Parteien besteht, dann ist einer einigen Partei ein einiger Gegner lieber. Gewerkschaften haben haufig viel lieber mit Arbeitgeberverbanden verhandelt als mit einzelnen Arbeitgebern. Obwohl Streiks in solchen Fallen sich ausdehnen und langer dauem konnen, ziehen es beide Parteien vor, daB die Form des Konflikts ihren eigenen strukturellen Erfordernissen entsprechen moge. Nur in Verhandlungen mit rcprasentativen Arbeitgeberorganisationen konnen die Arbeiter sicher sein, daB das Ergebnis nicht von unabhangigen Kraften aufs Spiel gesetzt wird; unci entsprechend verhandeln auch die Arbeitgeber lieber mit einheitlichen Syndikalismus besitzt keinen Kopf, mit dem man nutzbringend Diplomatic fiihren konnte« (Uber die Gewalt, op. cit. S. Sr). 33 TVA and the Grass Roots, op. cit. 1

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Arbeiterorganisationen, die »unbotmaBige« oder autonome Mitglieder kontrollieren konnen. Wenn man ·einer diffusen Menge von Feinden gegeniibersteht, kann man zwar mehr Einzelsiege verzeichnen, aber man kommt sehr selten zu entscheidenden Ergebnissen, die eine Linger dauernde Beziehung erhalten. Daraus erklart sich das offensichtliche Paradox, daB jeder der heiden Gegner den Vorteil des Feindes als seinen eigenen sieht. Wir haben weiter oben festgestellt, daB fortgesetztes Engagement im Konflikt beide Parteien gemeinsame Regeln akzeptieren laBt, die den Verlauf des Konflikts bestimmen. Jetzt konnen wir hinzufiigen, dag der Konflikt unter den beschriebenen Umstanden auch nach einer gemeinsamen Organisationsstruktur verlangt, damit diese gemeinsamen Regeln leichter angenommen und eingehalten werden konnen. Da der echte Konflikt ganz bestimmte Resultate anstrebt, haben die Streitenden auch kein Interesse daran weiterzumachen, wenn die Ziele erreicht sind. Zentralisierung der inneren Struktur jeder Partei garantiert, dag - sind die Ergebnisse einmal da - dann Friede geschlossen und auch erhalten werden kann, solange dieselben Bedingungen vorherrschen. Dies fiihrt zu einer weiteren Frage: wie laBt sich die jeweilige Macht - als Grundlage von Frieden - bestimmen? Wir werden diese Frage in der nachsten These erortern.

These IJ: Konflikt schafft und erhalt das Gleichgewicht der Macht »Das wirksamste Mittel, Streit zu vermeiden, namlich die exakte Kenntnis der jeweiligen Starke zweier Parteien, wird haufig gerade nur durch das tatsachliche Austragen des Konflikts erreicht«3 4 • Simmel scheint hier ein weiteres Paradox vorzutragen: das wirksamste Abschreckungsmittel gegen Konflikt ist die Kenntnis der 34 Dieser Satz ist einem Manuskript entnommen, das der Obersetzung von Albion Small zugrunde lag. Vgl. American Journal of Sociology, IX, p. 50I. !60

Starke des anderen, die oft nur durch Konflikt moglich ist. Und doch enthalt, wie wir sehen werden, dieses Paradox Elemente von groBer Bedeutung fiir die Theorie des Konflikts. Das Paradox erklart sich aus der Tatsache, daB Konflikte im Unterschied zu anderen Formen der Interaktion immer Macht involvieren und daB es schwierig ist, die jeweilige Macht und Starke des Feindes 'einzuschatzen, bevor ein Konflikt die Frage geklart hat. Gleich welche Ziele die gegnerischen Parteien verfolgen, Macht (die Chance, das Verhalten von anderen seinen eigenen Wiinschen gemaB zu beeinflussen) 35 ist notig, um sie zu erreichen. Wir miissen hier zwischen Streit und Wettstreit unterscheiden 36 . In einem Wettstreit kann der Sieger bestimmt werden nach vorher festgelegten Kriterien, an denen die Kampfenden gemessen werden. Derjenige, der den Kriterien am erfolgreichsten gerecht wird - der schnellste Laufer, der wirkungsvollste Schreiber, der beste Springer -, wird zum Sieger erklart. Im Streit dagegen stehen den Gegnern nicht von Anfang an solche Kriterien zur Verfii:gung. Das bedeutet natiirlich nicht, daB sie gar nicht existieren. Zweifellos haben Gesellschaften ihre Mechanismcn fur die Zuerkennung und Anpassung gegensatzlicher Forderungen und fiir die Zuteilung von Mitteln nach einer Art »Verdienstskala«. E thische und gesetzliche Vorschriften bc:schranken die ungleiche Verteilung von Rechten zwischen Gruppen und Individuen. Eine der Hauptfunktionen der Regierung ist es, Interessengegensatze zu schlichten. Indes, da es selten vollkommene Dbcreinstimmung gibt zwischen dem, was Gruppen und Individuen tun miissen, und dem, was sie tun mochten, ist die Behauptung von Starke die wirksamste Moglichkeit, Forderungen aufzustellen, solang·e deutliche Diskrepanzen bestehen zwischen dem MaB an Macht, Status und Reichtum, den Gruppen haben und dem, von dem sie meinen, er stehe ihnen zu. Eine Gruppe, die unfahig ist, ihre Interessen 35

Vgl. Max Weber, \Virtschaft und Gesellschaft.

36 Vgl. Robert Bierstedt, »An Analysis of Social Power«, American Sociological Review, XV (1950), pp. 730-38.

zu vertreten, wird bei den anderen keine Beachtung fur ihre Anspruche finden. Sumner formuliert es in seiner gewohnten Sprodheit so: »Keine Doktrin, daB wirkliche Anpassung von Interessen aus dem freien Spiel der Interessen sich ergebe, kann meinen, daB ein vernachHissigtes Interesse so zu seinem Recht komme« 37 • Verstanden zu werden und andere zum Zuhoren zu bewegen, ist nicht unabhangig vom Besitz der Macht, mit der man seinen Argumenten Nachdruck verleihen kann3 8 • Im Unterschied zum Wettstreit hangt beim Streit das »Verdienst« zumindest teilweise von der Behauptung der Macht ab. Wenn so zwei streitende Gruppen zugleich den Anspruch auf ein gegebenes Objekt erheben, kann er zumindest ebensosehr durch das jeweilige AusmaB an Macht, das die Streitenden besitzen, einem von ihnen zubestimmt werden wie durch irgend ein normativ festgelegtes MaB an Notwendigkeit39. Wenn der Konflikt vermieden werden soll, mussen einige andere Mittel zur Verfugung stehen, urn die jeweilige Macht zu sichern. Indes will es scheinen, daB ohne wirkliche Ausubung nur wenige Typen der Macht mit einiger Genauigkeit beurteilt werden konnen. Im okonomischen Bereich kann finanzielle Macht (hier getrennt von gesellschaftlicher Macht) wahl relativ leicht eingeschatzt werden, da Geld das allgemeine WertmaB ist. Fur das Einschatzen der nichtokonomischen Macht steht jedoch kein allgemeines MaB, dem Gelde vergleichbar, zur Verfugung. »Kein Tauschmittel ist denkbar, das kampfende Macht in der gleichen Weise abschatzen lieBe wie Geldmunzen es im okonomischen Bereich erlauben« 40 • Macht ist also viel schwieriger zu taxieren als Reichtum. Simmel meint, eben diese Schwierigkeit steHe eines der Hindernisse dar, den Konflikt zu vermeiden. Es ist notwendig, zwischen Konflikt und gegensatzlichen Interessen zu unterscheiden, die aus den jeweiligen Positionen von 37 Sumner, What the Social Classes Owe to Each Other (New York: Harper Bros., x883), p. 89 38 Siehe dazu den luziden Kommentar von Will Herberg, »When Social Scientists View Labor« Commentary, XII (1951), pp. 593-95· 39 Siche Reinhold Niebuhr, Moral Man and Immoral Society, op. cit. 40 Harold D. Lasswell, »Compromise«, Encyclopaedia of the Social Sciences, IV, pp. 147-49. Unsere Diskussion verdankt auch vie! Wilbert Moore, Industrial Relations and the Social Order, op. cit., besond. Kap. XVI.

Personen oder Gruppen innerhalb der sozialen Struktur entstehen. Nimmt man die jeweiligen Rollen von Arbeitern und Managern in einer kapitalistischen Gesellschaft, kann man die Interessen von Arbeitern und Managern als antagonistisch bezeichnen. Doch vermag -der Konflikt zwischen ihnen nur gelegentlich, wie in Lohnverhandlungen und Streiks, ihre Beziehungen zu charakterisieren. A.hnlich konnen auf internationaler Ebene Nationalstaaten mit gegensatzlichen lnteressen nur zu bestimmten Zeiten in Konflikt geraten. Diese Unterscheidung macht Simmels These verstandlich. Wenn die Starke des Gegners gemessen werden konnte, ehe der Konflikt ausbricht, konnten antagonistische lnteressen so ausgeglichen werden; wo aber keine Mittel dafiir vorhanden sind, kann nur offener Konflikt exakte Kenntnis der jeweiligen Starke vermitteln. Da Macht oft nur zu ermessen ist, wenn sie tatsachlich ausgeiibt wird, kann ein Ausgleich haufig erst erreicht werden, nachdem die Kontrahenten ihre jeweilige Starke im Konflikt gezeigt haben. Bemiihungen urn MaBigung oder Schlichtung bei Interessengegensatzen stoBen auf die Schwierigkeit, daB eine Einschatzung der tatsachlichen Machtverhaltnisse zwischen den Kontrahenten kaum moglich ist, ehe die Macht eines jeden durch den Kampf festgestellt wurde. »Der Vermittler«, sagt Simmel, »wird die Vereinigung nur zustande bringen, wenn nach dem Glauben jeder Partei das Verhaltnis der Feindseligkeitsgriinde zu dem Vorteil des Friedens, kurz: wenn die reale Sachlage ... es rechtfertigt«41. Die Schwierigkeit, Macht zu taxieren, erklart, warum die streitenden Parteien haufig zur »Feuerprobe« Zuflucht nehmen, urn die Einschatzung zu ermoglichen. »Weil exakte Kenntnis der jeweiligen Starke oft nur im offenen Kampf erlangt werden kann, mag dies das einzige Mittel sein, heiden zuzusichern, daB sie alle Vorteile, die sie durch Zwang genieBen konnten, erhalten« 42 . Wenn andere Mittel tatsachlich nicht vorhanden sind oder man annimmt, es gebe sie nicht, ist die einzige Moglichkeit, die 41

Simmel, Soziologie, S. 104. 42 E. T. Hiller, Principles of Sociology (New York: Harper, 1933), p. 329·

Macht der streitenden Parteien einzuschatzen, »die Waffe als letzten Ausweg zu benutzen«. So fiihren unvereinbare Ziele und Interessen in der Industrie zum Kampf, der dazu beitdigt, die jeweilige Starke der Parteien festzustellen. Wenn der Konflikt das ergiebigste Mittel ist, die jeweilige Starke gegensatzlicher Interessen auszumachen, dann ist es offensichtlich, daB solcher Konflikt ein wichtiger Ausgleichsmechanismus innerhalb einer Gesellschaft sein kann. Wie E. T. Hiller in seiner brillanten soziologischen Analyse des Streiks gesagt hat: »Der Streik ist ein Test der okonomischen Ausdauer- ein Prozess der Zermiirbung - bei dem das Ergebnis durch die jeweiligen Mittel der Streitenden bestimmt wird« 43. »Jeder taxiert die Grenzen seiner eigenen Mittel im Vergleich zu denen seines Gegners und miBt seine unvermeidlichen Verluste an seinen moglichen Gewinnen« 44 . »Wenn einGleichgewicht in denMitteln der streitenden Parteien eintritt, nehmen die Feindseligkeiten ein Ende. Die dann folgende Dbereinkunft griinde nicht auf der Anwendung anerkannter Prinzipien, sondern auf Gewalt, wobei jeder die besten Bedingungen erzwingt, die er innerhalb der Grenzen von Normen und Institutionen der alles einschlieBenden Gesellschaft fordern kann«4s. »Wenn wahrend Zeiten des industriellen Friedens Spannungen das bestehende Gleichgewicht so stark storen, daB offener Streit entsteht, muB die Dbereinstimmung aus dem neuen Ausgleich aller Krafte kommen, die auf das Problem EinfluB haben«46. Eine Zermiirbungsprobe kann so dazu beitragen, die jeweilige Starke der Parteien zu ermitteln, und ist diese einmal bekannt, sind Dbereinkiinfte zwischen den Kontrahenten leichter moglich. Es kann zum Streit kommen, weil die Gegner eine fruhere Dbereinkunft verwerfen, da sie den Machtverhaltnissen zwischen ihnen nicht mehr entspricht. Nachdem die jeweilige Macht der Gegner im Konflikt und durch ihn bestimmt wurde, kann 43

Hiller, The Strike, op. cit., p. I95·

45

ibid. p. !98. ibid. p. 206. ibid. p. 192.

44 46

ein neues Gleichgewicht hergestellt werden, und die Beziehung kann auf dieser neuen Basis weitergehen47. Wir formulieren Simmels These neu: Der Konflikt priift die Machtverhaltnisse zwischen gegnerischen Parteien. Dbereinkiinfte sind zwischen ihnen nur moglich, wenn jeder seine eigene Starke und die des anderen kennt. Indes kann, so paradox es klingen mag, diese Kenntnis sehr haufig nur durch den Konflikt erlangt werden, da andere Mechanismen, um sie festzustellen, nicht verfiigbar zu sein scheinen. Folglich kann also Kampf ein wichtiges Mittel sein, den Zustand des Ungleichgewichts zu verhindern, indem er die Basis der Machtverhaltnisse verandert. Zu den Schliissen, die wir oben zogen, kommen wir jetzt auf anderem Wege wieder: der Konflikt kann, statt zerstorend und auflosend zu wirken, tatsachlich ein Mittel des Ausgleichs sein und dadurch die Gesellschaft funktionsfahig erhalten. In diesem Kapitel wurden dreierlei Weisen erortert, in denen der Konflikt zwischen den Gegnern Verbindungen herstellt: I. er schaffi und modifiziert allgemeine Normen, die fiir die Wiederherstellung der Beziehung notig sind; 2. eine gewisse Gleichheit an Starke vorausgesetzt, bringt er beide Parteien in dem Konflikt zu dem gemeinsamen Interesse, der Gegner moge in seiner Struktur mit der eigenen Organisation zusammenpassen, damit die Kampftechniken ausgeglichen seien; 3· er macht die Einschatzung der jeweiligen Macht moglich und wird so zum Ausgleichsmechanismus, der die Gesellschaft erhalt und festigt. Im folgenden Kapitel wollen wir einen anderen Aspekt der integrierenden Funktionen des sozialen Konflikts diskutieren.

47 Zeitgenossische politische Wissenschaftler waren, wohl weil sie haufig in den politischen Kampf einbezogen sind, dem Konflikt in der politischen Sphare gegeniiber viel aufgeschlossener als andere Sozialforscher in ihrer Analyse des sozialen Prozesses. Eine Reihe von neueren Studien, meist angeregt durch Arthur F. Bentleys Klassische Untersuchung The Process of Government (neu herausgegeben, Bloomington Ind: Principia Press, 1949), haben explizit die ausgleichenden Funktionen des Konflikts zwischen politischen Parteien analysiert. Vgl. David B. Truman, The Governmental Process (New York: A. A. Knopf, 1951) und Bertram M. Gross, The Legislative Struggle (New York: McGraw-Hill Co., 1953). Vgl. auch V. 0. Key, P()litics, Parties and Preswre Groups, op. cit.

Achtes Kapitel Konflikt verlangt nach V erbtindeten

These 16: Konflikt schaffi Vereinigungen und Koalitionen » ... daft durch ibn (den Konflikt) nicht nur eine

bestehende Einheit sich in sich energischer konzentriert, und alle Elemente, die die Schiirfe ihrer Grenzen gegen den Feind verwischen konnten, radikal ausscheidet - sondern daft er Personen und Gruppen, die sonst nichts miteinander zu tun batten, uberhaupt zu einem Zusammenschluft bringt . .. So ist die Vereinigung zum Zweck des Kampfes ein so unziihlige Male erfahrener Vorgang, daft manchmal schon die blofte Verbindung von Elementen, auch WO sie ZU keinerlei aggressiven oder uberhaupt streitmiiftigen Zwecken geschlossen ist, anderweitigen I nstanzen als bedrohlicher tmd feindseliger Akt erscheint. Die vereinheitlichende Macht des Kampfprinzips zeigt sich nie stiirker, als wenn es eine zeitliche oder sachliche Enklave aus V erhiiltnissen der K onkurrenz oder Animositiit herausschneidet. Der Gegensatz zwischen dem sonstigen Antagonismus und der momentanen Kampfgenossenschaft kann unter besonderen Umstiinden sich so zuspitzen, daft fur die Parteien gerade die Absolutheit ihrer Feindschaft die direkte Ursache ihrer V ereinigung bildet. lnnerhalb des kollektivistischen Streitinteresses gibt es freilich noch eine Abstufung: ob sich die Vereinheitlichung zum Kampfzweck auf Angriff und Verteidigung oder nur auf die Verteidigung bezieht. Dies letztere ist wahrscheinlich bei der Mehrzahl der Koalitionen von schon bestehenden Gruppen der Fall, namentlich wo es sich um sehr viele oder voneinander sehr verschiedene Gruppen r66

handelt. Der Defensivzweck ist das kollektivistische Minimum, wei! er auch fur jede einzelne Gruppe und fur jedes Individuum die unvermeidlichste Bewahrung des Selbsterhaltungstriebes ist. ]e mehr und je mannigfaltigere Elemente sich vereinigen, desto geringer ist ersichtlich die Zahl der Interessen, in denen sie sich begegnen .. .«1. Fri.ihere Thesen betrafen die vereinheitlichenden Funktionen des Konflikts innerhalb entstehender oder bereits existierender Gruppen und den sozialisierenden Effekt des Konflikts auf Gegner, die zuvor in keiner Verbindung zueinander standen. Die jetzige These behandelt die vereinheitlichende Funktion des Konflikts aus einem anderen Gesichtswinkel: Konflikt fiihrt zur Bildung von Gruppen und Koalitionen zwischen Parteien, die sonst nichts miteinander zu tun hatten. Wenn verschiedene Parteien einen gemeinsamen Gegner haben, entsteht ein einigendes Band zwischen ihnen. Simmel befaBt sich hier mit dem, was Sumner die »antagonistische Kooperation« genannt hat: »Kampf urns Leben«, der nach Sumner die Bestrebungen aller Individuen in allen Gesellschaften bestimmt, fi.ihrt zur Kooperation, weil jeder einzelne feststellt, daB er seine Ziele eher erreicht, wenn er sich mit andern zusammentut. »ZusammenschluB ist das \Vesen der Organisation, und Organisation ist die groBe Devise fi.ir vermehrte Macht, die durch eine Reihe von ungleichen und verschiedenen Gruppen, die sich zu einem gemeinsamen Zweck vereinigt haben, geschaffen wird«. »Treffend nannte man diesen ZusammenschluB antagonistische Kooperation. Er besteht in der Vereinigung zweier Personen oder Gruppen urn eines wichtigen gemeinsamen Interesses willen, wobei geringfi.igigere Interessengegensatze zwischen ihnen unterdri.ickt werden«2. Als Beispiel dieser »antagonistischen Zusammenarbeit« moge dienen, daB konkurrierende Unternehmer feststellen, daB sie als Unternehmer gegeni.iber den Interessen anderer Gruppen 1 Simmel, Der Streit, S. 316-rS. 2

Sumner, Folkways, op. cit. pp. rG-17.

gewisse lnteressen gemeinsam haben und dann zusammengehen, urn diese zu verteidigen, wahrend sie in anderer Hinsicht einander weiterhin bekampfen und getrennt bleiben. Gegnerschaft zu einem gemeinsamen Feind kann in doppelter Beziehung ein verbindendes Moment sein. Entweder fiihrt sie zur Bildung neuer Gruppen mit bestimmten Grenzen, Ideologien, Pflichten und gemeinsamen Werten, oder sie bewirkt statt dessen nur Vereinigungen, die im Kampf gegen eine gemeinsame Bedrohung bloB ein Mittel sind. Das Entstehen solcher Verbindungen von sonst isolierten Individuen stellt ein »Minimum« an V ereinigung dar. Simmels Betonung der Funktion des Konflikts bei der Bildung von Vereinigungen weist auf einen vereinheitlichenden Aspekt des Konflikts hin, der oft auBer Acht gelassen wird. Selbst die Bildung nur temporarer Verbindungen kann zu groBerem Zusammenhalt und besserer Organisation eines sozialen Systems fiihren. Konflikte mit den einen haben Vereinigung mit den andern zur Folge. In der modernen westlichen Gesellschaft tragen die Konflikte durch solche Vereinigungen dazu bei, die soziale Isolierung und Atomisierung zu vermindern, von der Sozialkritiker lange Zeit so viel Aufhebens machten. Tocqueville schrieb iiber das Amerika von I 830: »Jeder ist vereinzelt und schwach«3, und gibt damit einer Auffassung Ausdruck, die immer und immer wieder von den folgenden Generationen ausgesprochen wurde. Wie Max Weber jedoch klar gesehen hat, war jedoch die amerikanische Gesellschaft »niemals ein solcher Sandhaufen ... sie war unterschiedslos durchsetzt mit >Exklusivitaten< aller Art« 4 • Viele dieser bienenfleiBigen Vereinigungen in der amerikanischen Gesellschaft waren entstanden, urn Konflikte auszutragen, die aus besonderen Interessen erwuchsen5• Interessenkonflikte, 3 Tocqueville, Demokratie in Amerika, II, S. 355· 4 Max Weber, Soziologie, Analysen, Politik, op. cit. S. 393· 5 Nicht aile Vereinigungen kommen wegen eines Konflikts zustande, obwohl die meisten wahrend ihres Bestehens einen Konflikt erleben. Nicht aile gemeinsamen Interessen implizieren Konflikt mit anderen Interessen, man denke an HobbyGruppen.

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die sich aus rein materiellen Erwagungen »isolierter Individuen« ergaben, hatten die nicht vorhergesehene Folge, Gruppen und Verbande zu schaffen, die mit eben jener Isolierung des Individuums, die Tocqueville storte, fertig werden sollten. Was Durkheim von neuen Arten kooperativer Organe erwartete, wurde his zu einem gewissen Grade durch die Vielzahl der Verbande erreicht, die aus den vielfaltigen Konflikten der amerikanischen Gesellschaft entstanden waren. »Eine Nation kann nur bestehen, wenn ... eine ganze Reihe von Sekundargruppen in sie verwoben sind, die den Individuen nahe genug sind, urn sie weitgehend in ihre Handlungssphare zu ziehen und sie so in den allgemeinen Strom des sozialen Lebens zu reiBen« 6 • In dem der Konflikt zeitweilige Vereinigungen entstehen HiBt, vermag er die verschiedenen Elemente der Gesellschaft aneinander zu binden. Er fiihrt zu gemeinsamem Handeln und verleiht dem, was Elton Mayo den »Staub der Individuen« genannt hat, Form und Ordnung. Wahrend in sozialen Systemen, die durch festgelegten Status bestimmt sind, das Individuum fest und sicher in genau bestimmte Positionen eingebettet ist, werden in der modernen westlichen Gesellschaft bewegliche Individuen, die nach Position und Status streben, auf ihre eigenen Mittel verwiesen. Zweckgerichtete Verbande machen in der modernen Gesellschaft aus Kampf Ordnung, bringen Form in das, was sonst Chaos ware und sozialisieren Individuen, indem sie ihnen durch den Konflikt die Regeln der sozialen Ordnung beibringen. In dieser Arbeit haben wir nachdriicklich betont, daB der Konflikt dazu beitragt, gleichgesinnte Individuen in mehr oder weniger bestandige Gruppen zusammenzufassen, die ihre eigenen Normen entwickeln (und oft wohl auch ihre eigenen Ideologien). Auf jeden Fall betrachten wir jetzt Gebiete, wo solche relative Dauer des Gruppenlebens wegen gewisser Faktoren in der Sozialstruktur nicht zustande kommt, etwa wegen des extrem individualistischen Charakters einer Kultur. Dann kann der Konflikt hochstens die Vereinigung sonst isolierter Individuen bewirken, die eines besonderen Zieles wegen zusammen kampfen. 6 Vorwort zur zweiten Ausgabe der »Division du p. XXXIII.

op. cit.

Der Unterschied zwischen amerikanischen und europaischen politischen Parteien ist am besten zu begreifen, wenn man die unterschiedliche Wirkung des Konflikts auf zwei Typen der Sozialstruktur hin betrachtet. In Europa haben Interessengegensatze im allgemeinen zur Bildung von dauerhaften Gruppierungen gefi.ihrt, urn den politischen Kampf zu fi.ihren. Wegen des starken Bandes, durch das die Mitglieder sich vereint wissen, haben diese Gruppen weithin auch besondere Ideologien entwickelt, die den Gemeinschaftssinn der Mitglieder starken und daher den Kampf zweckbestimmt machen. Die europaische politische Partei ist im allgemeinen durch ihre eigenen Normen und Werte und durch eine starke Teilnahme ihrer Mitglieder charakterisiert. Die amerikanische politische Partei kommt eher einer Vereinigung von sonst divergierenden Interessen nahe als die typisch europaische W eltanschauungspartei7 , obwohl Parteitreue zu bestimmten - vielleicht nur vage empfundenen- Parteiwerten nicht vollig fehlt 8• In den Vereinigten Staaten, wo jede Spur feudaler Elemente fehlt, und die vielleicht das vollkommenste Beispiel einer kapitalistischen Gesellschaft bilden, ist die wesentlich individualistische Orientierung auf den Erfolg gi.instig fi.ir jene Art Gruppenbildung, in der die r·Aitglieder nichts anderes verbindet als der unmittelbare Zweck, der im Augenblick verfolgt wird. Nachdruck auf den Pragmatismus und Eine Kultur, die die Zweckrationalitat legt und die das Erfolgsstreben des einzelnen mit hohen Pramien auszeichnet, wird hochstwahrscheinan freiwilligen Zusammenschli.issen zu ni.itzlich einen lichen Zwecken hervorbringen. Dies erklart eine erstatUnliche Er-

7 Wie Edward A. Shils in •Socialism in America• (University Observer I, 1947, p. 99) sagt: »Der Amerikaner identifiziert sich nicht Ieicht mit umfassenden Kollektividiten; er neigt dazu, in seinem Urteil tiber die Tagesereignisse pragmatisch niichtern zu sein. Sein Kriterium ist: >Was ist fur mich drin?< oder >flir unswas< wird nach dem Einkommen der Giiter und ganz bestimmen Vergniigungen umgrenzt. Eine gewisse, nicht reduzierbare Sensivitat furs Doktrinare ist fiir die politische Haltung notwendig, die jencm Typ von politischer Partei zugrunde liegt, die durch die gemeinsame Anerkennung von Prinzipien zusammengehalten wird.« 8 Vgl. Paul F. Lazarsfeld, Bernard Berelson und Hazel Gaudet, Wahlen und Wiihler. Soziologische Texte Bd. r8 (Neuwied, Luchterhand 1967) iiber die Rolle von Parteitradition im Wahlverhaltcn.

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scheinung in der amerikanischen Politik, das AusmaB, in dem die politische Partei durch eine noch lockerere Form von Vereinigung oder Koalition erganzt wird: die »pressure-groups«, wenn diese nati.irlich auch in Europa nicht fehlen. Pressure-groups bestehen aus Individuen oder Gruppen, die sonst nichts miteinander zu tun haben oder sich sogar entgegenstehen, die sich aber z,usammentun, urn die Politik in einer Richtung zu beeinflussen, die ihre Anhanger wiinschen9. Ebenso wie der Konflikt isoli.erte Individuen zu einer Vereinigung bringen kann, vermag er auch isolierte Gruppen und Verbande .zu einer Form von Koalition zu veranlassen 10 • Die vielen regionalen oder partikularen Interessengruppen in den Vereinigten Staaten wurden unter dem Druck der Existenzbedrohung oder der Notwendigkeit, ac:f nationaler Ebene groBere Wirksamkeit zu erlangen, dazu gebracht, zu koalieren und mit anderen Gruppen, die die gleichen Interessen hatten, zusammenzugehen. Dies zeigt z. B. die Geschichte der einzelnen amerikanischen Farmerverbande, die durch Konflikt dazu gezwungen wurden, sich in nationalen Verbanden zusammenzuschlieBen. Wie in Europa oft Koalitionen das einzige Mittel darstellten, durch das in einem Vielparteiensystem die unterschiedlichsten Programme und Richtungen wirksam vereint werden konnten, so waren in Amerika die Koalitionen haufig der einzige \Y/eg, divergierende Interessen in Konfliktsituationen wirksam zu vereinen. Die Interessenkoalition der Arbeiter aus dem Norden mit den Bauern aus dem Siiden unter Roosevelt in den dreiBiger Jahren illustriert diesen ProzeB. Der Interessenverband, dessen Aufgabe es ist, bestimmte Geg9 Eine ausgezeichnete Eriirterung der Funktion von Pressure Groups bringt V. 0. Key, Politics, Parties and Pressure Groups, op. cit. 10 Ein eigenwilliger Beohachter der amerikanischen politischen Szene hat neulich gcschrieben: »Jede amerikanische Politik ist eine Politik der Koalition- die hiirlid1e Suche nach Programmen und Aufrufen, die verschiedene Wahlergruppen vereinigen«. Und weiter: »Die amerikanische politische Partei ist ein mikhtiger Magnet, der eine erregende Vielfalt von konfligierenden Elementen in eine danernd widerspruchsvolle Koalition zusammenzieht« (Samuel Lubell, The Future of American Politics (New York: Harper, 1952), pp. 139 und 202). Vgl. auc.l, die erstaunliche Charakterisierung der amerikanischen Politiker durch einen anderen Politik-Wissenschaftler: »Wie die Tanzer in einem •Virginia Reel< (Tanz) bilden sich Gruppen, gehen auseinander, treffen einander wieder und fin den zu neuen Kombinationen zusammen« (James M. Burns, Congress on Trial [New York: Harper, 1949] p. 33).

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ner zu bekampfen oder bestimmte Interessen gegen andere Interessen zu verteidigen, ist typisch fur eine Gesellschaft, in der die generelle Betonung des IndividueHen die Bildung dauerhafter Gruppen erschwert, die ja weit mehr an Hingabe und Teilnahme von ihren Mitgliedern »verlangen« 11 • Im Unterschied zu dauerhafteren Typen der Gruppenbildung und Vereinigung erlaubt die Koalition ein Zusammengehen von Elementen, die wegen ihrer gegenseitigen Antagonismen sich jeder anderen Art von Vereinigung entzogen. Obwohl sie die unstabilste Form des Zusammenschlusses ist, hat sie den entscheidenden Vorteil, dort noch eine V ereinigung zu ermoglichen, wo sie sonst unmoglich ware. Simmel hebt hervor, daB besonders Defensivverbindungen nur jenes Minimum an vereinheitlichenden Elementen enthalten, das fiir den Kampf notwendig ist, weil die Mitglieder solcher Koalitionen haufig nur ein einziges gemeinsames Interesse haben: das Interesse als unabhangige Einheiten »zu iiberleben«. Allein das Ziel der Selbsterhaltmng zwingt sie, eine Vernunftehe einzugehen. Ein solches Minimum an Dbereinstimmung haben wir in einer ganzen Reihe von internationalen Koalitionen. Der Krieg gegen Nazi-Deutschland brachte eine Allianz zustande zwischen Nationen mit den verschiedensten, ja den gegensatzlichsten Interessen und Werten - einschlieBlich dem demokratischen, kapi11 Der Uotersdtied zwisdten der europaisdten und der amerikanisdten Arbeiterbewegung, der auslandisdte Beobadtter so haufig iiberrasdtt hat, kann zum Teil audt vom Zogern der Amerikaner herriihren, dauerhafteren Gruppen beizutreten. Die amerikanisdte Gewerksdtaftsbewegung entstand vornehmlidt als lockere Vereinigung von Arbeiterverbanden, die beim Versudt, den Arbeitsmarkt auf ihrem speziellen Gebiet zu kontrollieren, die Notwendigkeit erkannten, Koalitionen und Vereinigungen mit anderen Arbeitergruppen einzugehen, die im Konflikt mit ihren Arbeitgebern ahnlidte Ziele verfolgten. Die urspriinglidten Gewerksdtaften ihrerseits wurden anfangs hauptslichlidt von jenen gebildet, die glaubten, ihre individuellen Ziele erfolgreidter zu erreichen, mdem sie eine gemeinsame Front gegen ihre Arbeitgeber bildeten. Im Laufe ihrer Entwicklung haben die Gewerkschaften und ihre Verbande mehr den Charakter einer Bewegung angenommen, d. h. eine lose Verbindung von Individuen und Gruppen wurde zu einer Einheit mit gemeinsamen Pflidtten, Ideologien und Zielen, die die unmittelbaren, materiellen Ziele transzendierten. Heute fordert die Bewegung von ihren Mitgliedern zumindest in gewissen entsdteidenden Punkten das Opfer unmittelbarer materieller Leistungen zugunsten von Gruppenzielen. Jedodt untersdteidet sidt die amerikanisdte Arbeiterbewegung immer nodt von der europaisdten durdt das Beharren, auf dem Element der »Koalition« und des »Zusammensdtlusses«.

talistischen Amerika, einer Anzahl von Staaten, die kapitalistisch aber nicht demokratisch sind und dem stalinistischen RuBland, das weder kapitalistisch noch demokratisch ist. Die gemeinsame Gefahr, die von allen gesehen wurde, loschte voriibergehend andere Differenzen aus. Jeder Teilnehmer kampfte urn sein Leben, aber urn zu iiberleben, muBte er Koalitionspartner urn Hilfe angehen, die ahnlich bedroht waren. Nur wer die internationale Lage naiv betrachtete, konnte glauben, diese Koalition dauere unverandert fort, auch wenn der gemeinsame Gegner beseitigt sei und eine Allianz aus Selbsterhaltungsgriinden an Bedeutung veri oren haben wiirde. Der Krieg erzwang Vereinigung; a her nur die einfachste Form der V ereinigung, die Koalition, war jener Situation angemessen, in der einige der Partner auBer dem Feind wenig gemeinsam hatten12, Allgemeiner ausgedriickt, je groEer die strukturelle oder kulturelle V erschiedenhei t derer, die eine Koali tion eingehen, des to mehr werden wahrscheinlich ihre lnteressen - abgesehen von jenem unmittelbaren einen Zweck- divergieren, wenn nicht gar antagonistisch sein. Wenn eine solche Koalition nicht auseinanderfallen soll, muE sie versuchen, an jenen Zwecken, deretwegen sie gebildet wurde, festzuhalten. An anderer Stelle sagt Simmel zur Struktur groEer Gruppen: »mit wachsendem Umfang des Kreises werden die Gemeinsamkeiten, die jeden mit jedem zu der sozialen Einheit verbinden, immer weniger reichhaltig«. »Bindende Festsetzungen jeglicher Art miissen urn so einfacher und weniger umfanglich sein, je groEer unter iibrigens gleichen Umstanden der Umkreis ihrer Geltung sein soll«13. In groEen Gruppen, die viele divergierende Elemente einschlieEen, muE laut Simmel das gemeinsame Band auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner griinden, wenn die Gruppe nicht zerbrechen soll. Die zur Debatte stehende These sagt dasselbe im Hinblick auf die Koalition sonst einander fremder oder feind12 Nachdem dies niedergeschrieben war, stie!len wir auf folgenden Satz Churchills: ·Die Zerstorung der deutschen Milidtrmacht hatte eine grundlegende Veranderung der Beziehungen zwischen dem kommunistischen Ru!lland und den westlichen Demokratien zur Folge. Sie hatten ihren gemeinsamen Feind verloren, der nahezu das einzige Band zwischen ihnen gewesen war