Textgeschichte und Rezeption der plautinischen Komödien im Altertum [Reprint 2013 ed.] 3110173360, 9783110173369

Die Komödien des römischen Dichters Plautus wurden nach dessen Tod erneut auf die Bühne gebracht, von Philologen erklärt

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Textgeschichte und Rezeption der plautinischen Komödien im Altertum [Reprint 2013 ed.]
 3110173360, 9783110173369

Table of contents :
Vorwort
Einleitung
I. Uraufführungen und Wiederaufführungen
1. Der Komödientext zu Lebzeiten des Plautus
1.1. Entstehungsvoraussetzungen
1.2. Aufführungen, Autographen, Überlieferungsbedingungen bis zum Tod des Plautus
2. Der Text in der Zeit zwischen Plautus’ Tod und der ersten Wiederaufführung: Die Plautuskenntnis des Terenz
3. Die Wiederaufführungen des Plautus seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts
3.1. Der Zeitraum. Die erste Wiederaufführung: Der Prolog der Casina
3.2. Charakteristika der Plautusbearbeitung
3.3. Eingriffe in übernommene Textpartien?
II. Die erste Gesamtausgabe
1. Chronologische Fixierung: Die ersten Plautusleser Lucilius und Accius
2. Charakterisierung der Epoche: Philologie in Rom am Ende des zweiten Jahrhunderts v. Chr
2.1. Suet. gramm. 2
2.2. Das Anecdoton Parisinum
3. Die Anlage der Ausgabe
3.1. Gesamtumfang und Textbeschaffenheit. Interpolationen. Arbeitsweise des Herausgebers
3.2. Kritische Zeichen
3.3. Kolometrie
4. Zusammenfassung
III. Die Rezeption der Erstausgabe von Accius bis Verrius Flaccus
1. Literaturgeschichtliche Rezeption
1.1. Der βίος des Plautus
1.2. Literaturkritik
1.3. Die Chronologie der frühlateinischen Literatur
1.4. Varros de actis scaenicis und die Plautus- und Terenzdidaskalien
2. Echtheitskritische Studien zum plautinischen Corpus
2.1. Die Verfasser der plautinischen ‚Indices‘ und die Kriterien der Echtheitskritik
2.2. Varros de comoediis Plautinis
3. Formen der Plautuserklärung
3.1. Fachschriften
3.2. Plautuskommentare
3.3. Plautusglossare
3.4. Zusammenfassung
4. Plautusrezeption in grammatischen Schriften
5. Plautusrezeption in antiquarischen Schriften
6. Zusammenfassung
IV. Die Plautuszitate bei Varro, Cicero und Verrius Flaccus und die handschriftliche Überlieferung
1. Die Plautuszitate Varros
2. Die Plautuszitate in der rhetorica ad Herennium und bei Cicero
2.1. Die rhetorica ad Herennium und Ciceros de inventione
2.2. Die übrigen Plautuszitate bei Cicero
3. Die Plautuszitate bei Verrius Flaccus
V. Die weitere Wirkung bis zum Einsetzen der archaisierenden Bewegung: Plautusrezeption im ersten und frühen zweiten Jahrhundert n. Chr
1. Die Rezeption der archaischen Literatur von Verrius Flaccus bis Probus
2. Die grammatische Tätigkeit des Probus und seine Bedeutung für den Plautustext
3. Die archaische Literatur in flavischer und trajanischer Zeit
VI. Die ‚varronische‘ Auswahlausgabe
1. Entstehungsvoraussetzungen: Plautusrezeption in hadrianisch-antoninischer Zeit
2. Chronologische Fixierung
3. Ausstattung der Ausgabe: Szenentitel und Personensiglen
3.1. Systematik, Herkunft und Funktion der Szenentitel und Sprechersiglen
3.2. Chronologische Fixierung
4. Ausstattung der Ausgabe: Didaskalien und nicht-akrostichische Argumenta
4.1. Die Verbindung von Didaskalien und metrischen Argumenta in der Terenzüberlieferung und im Bodmer-Papyrus des Menander
4.2. Die Terenz- und Plautusdidaskalien
4.3. Die nicht-akrostichischen Plautusargumenta: Überlieferung und Datierung
4.4. Herkunft und Funktion der metrischen Argumenta
5. Zusammenfassung
VII. Die Rezeption der ‚varronischen‘ Auswahl bis zum Einsetzen der direkten Überlieferung
1. Eine Ausgabe des Caecus und die Rezeption der ‚varronischen‘ und nicht-‚varronischen‘ Stücke in der grammatischen Tradition
2. Der Kommentar des Sisenna zu den ‚varronischen‘ Stücken
2.1. Die Entstehungszeit des Kommentars
2.2. Anlage und Umfang des Kommentars
2.3. Prosodische und metrische Interpretamente
2.4. Grammatische Interpretamente und ihre Rezeption bei Nonius
2.5. Text- und echtheitskritische Interpretamente
2.6. Zusammenfassung
3. Die Rezeption der ‚varronischen‘ Stücke im Schulunterricht der Spätantike
3.1. Plautus kein Autor des Grammatikunterrichts
3.2. Plautus und die frühlateinischen Autoren im Rhetorikunterricht: Ein Überblick
3.3. Plautuslektüre im Unterricht des vierten Jahrhunderts: Hieronymus, Donat und Servius
3.4. Ausblick
4. Plautus und die archaisierende Senardichtung der Spätantike
4.1. Das Wissen der spätantiken Metriker
4.2. Das Weiterleben der frühlateinischen Dramenmetren bei Liebhabern und Dichtern
4.3. Der ludus septem sapientum des Ausonius
4.4. Die akrostichischen Plautusargumenta
4.5. Zusammenfassung
VIII. Der Archetypus der direkten Überlieferung und seine Zeugen
1. Ein Codex als Archetypus der direkten Überlieferung
1.1. Die beiden Zeugen: Der Ambrosianus und die antike Vorlage der Palatini
1.2. Geteilte Langverse als Beweis für eine gemeinsame Codexvorlage
2. Die Korruptelen des Archetypus: Gemeinsame Fehler in A und P
2.1. Glossierung/Eingriffe zur Verständnishilfe
2.2. Weitere absichtliche Eingriffe: Änderungen von nicht Verstandenem, vermeintliche Verbesserungen oberflächlicher Verderbnisse
2.3. Normalisierung/Modernisierung
2.4. Mechanische Fehler
3. Die Provenienz des Archetypus und das Alter seiner Verderbnis
4. Die Plautustexte des Nonius und ihr Verhältnis zum Archetypus der direkten Überlieferung
4.1. Nonius’ Exemplar der 21 ‚varronischen‘ Stücke
4.2. Nonius’ Ausgabe von Amphitruo, Asinaria und Aulularia
5. Die Varianz der beiden antiken Ausgaben
IX. Die Hiate des Plautustextes
1. Plautinische und nachplautinische Hiate: Die Bedeutung des Hiats für die Überlieferungsgeschichte des Plautus
2. Mehrung des Hiates durch Überlieferungsfehler
2.1. Hiate als Sonderfehler der palatinischen Tradition: Das Zeugnis des Ambrosianus
2.2. Hiate als Sonderfehler des Archetypus: Das Zeugnis der indirekten Überlieferung
3. Plautinische Hiate
3.1. Hiate in der Erstausgabe: Die Zitate bei Varro und Verrius Flaccus
3.2. Der Hiat bei den frühlateinischen Szenikern
3.3. Der metrische Hiat in der frühlateinischen Dichtung
4. Folgerungen für die Behandlung der überlieferten Hiate des Plautuscorpus
Ergebnisse und Folgerungen
1. Mouvance, Konsolidierung, Depravation: Die drei Phasen der Überlieferungsgeschichte des Plautus im Altertum
2. Das Schicksal des Plautustextes im Licht der Überlieferungsbedingungen der antiken Literatur
3. Folgerungen für die Kritik
Literaturverzeichnis
Register
1. Sachen, Namen, Wörter
2. Stellen

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Marcus Deufert Textgeschichte und Rezeption der plautinischen Komödien im Altertum

w DE

G

Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte Herausgegeben von Gustav-Adolf Lehmann, Heinz-Günther Nesselrath und Otto Zwierlein

Band 62

Walter de Gruyter • Berlin • New York 2002

Textgeschichte und Rezeption der plautinischen Komödien im Altertum

von

Marcus Deufert

Walter de Gruyter • Berlin • New York

2002

Gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft

@ Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt Die Deutsche Bibliothek — Cataloging in Publication Data Deufert, Marcus: Textgeschichte und Rezeption der plautinischen Komödien im Altertum / von Marcus Deufert. - Berlin ; New York : de Gruyter, 2002 (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte ; Bd. 62) Zugl.: Göttingen, Univ., Habil.-Schr., 2000/2001 ISBN 3-11-017336-0

© Copyright 2002 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Ubersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen Printed in Germany Umschlaggestaltung: Christopher Schneider, Berlin

O T T O N I ZWIERLEIN MAGISTRO

Vorwort Die folgende Untersuchung wurde im Wintersemester 2000/2001 von der Philosophischen Fakultät der Universität Göttingen als Habilitationsschrift angenommen. Meinen Gutachtern, den Professoren Siegmar Döpp, Ulrich Schindel, Klaus Nickau, Gustav Adolf Lehmann und Klaus Grubmüller, danke ich für die zügige Lektüre des Manuskripts. Ihr kritisches Urteil hat die Arbeit sehr gefordert; besonders Herrn Schindel und Herrn Nickau verdankt sie zudem wichtige Berichtigungen und Ergänzungen. Die Mühen des Korrekturlesens haben die Kollegen und Kommilitonen Hans BernsdorfF, Sascha Fenz, Jonas Grethlein, Uwe Heinemann, Manfred HofFmann, Aniela Knoblich, Kersten Lison, Jens Michners, Christoph Schünemann und Diane WolfF mit mir geteilt; Klaus Fetkenheuer hat das gesamte Manuskript mit großer Sorgfalt durchgesehen; Ulrich Klauer besorgte die Druckvorlage und berichtigte eine Vielzahl von Fehlern, die bis zum Ende stehengeblieben waren. Ihnen allen gebührt mein herzlicher Dank. Meinen Kollegen Robert Gramer (Bonn, jetzt Wuppertal) und Marcus Beck (Halle) danke ich für die große Liebenswürdigkeit, mit der sie über Jahre meinen bibliographischen Anfragen nachgegangen sind. Zahlreiche Üljerlegungen dieser Arbeit habe ich in Göttingen in statu nascendi mit Rolf Heine und Gerrit Kloss besprechen können; ihnen beiden gilt darüber hinaus mein besonderer Dank dafür, daß sie stets ein offenes Ohr hatten für ihren in vielen fachlichen und praktischen Fragen der Lehre Rat suchenden jüngeren Kollegen. Für die Aufnahme der Arbeit in die .Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte' bin ich den Herausgebern zu Dank verpflichtet; Heinz-Günther Nesselrath hat wichtige Hinweise gegeben, die der endgültigen Fassung sehr zugute kamen. Weiter gilt mein Dank der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Übernahme der Druckkosten und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung für die Verleihung eines Feodor-Lynen-Forschungsstipendiums, das es mir ermöglichte, in Ruhe das Register zu erstellen und die Drucklegung der Arbeit abzuschließen. Zwei Gelehrten will ich schließlich besonders danken: Siegmar Döpp hat die Untersuchung von Beginn an mit Interesse und Rat begleitet und mir in unseren gemeinsamen Oberseminaren großzügig Raum gewährt, schwierige Probleme eingehend durchzusprechen. Seine heitere Art und seine zuverlässige Unterstützung in allen schwierigen Situationen schufen

VIII

Vorwort

ein Klima, unter dem ein unbeschwertes Forschen möglich war. Darüber hinaus hat er auch in Zeiten großer eigener Belastung seinem Assistenten stets den Freiraum gelassen, der unentbehrlich ist, damit umfangreiche wissenschaftliche Arbeiten zum Abschluß gelangen können. Otto Zwierlein hat die Anregung zu dieser Arbeit gegeben und ihren Werdegang auch nach meinem Wechsel von Bonn nach Göttingen und trotz eigener drängender Forschungen mit der mir vertrauten kritischen Aufmerksamkeit verfolgt. Er hat das gesamte Manuskript, teilweise in stark divergierenden Fassungen, gelesen. Wie sehr die Arbeit von seiner Kennerschaft der römischen Komödie profitierte, bedarf kaum eines Wortes. Seit nunmehr zehn Jahren fordert er meinen wissenschaftlichen Werdegang, wie kein zweiter hat er mein philologisches Arbeiten geprägt. Es ist mir eine Freude, ihm als kleines Zeichen der Dankbarkeit dieses Buch zu widmen. Otto Zwierlein hat mir über das in den vier Abhandlungen vom Anfang der neunziger Jahre Mitgeteilte hinaus die bisherigen Ergebnisse seiner echtheitskritischen Analyse des Corpus Plautinum zur Verfügung gestellt. Sie markieren insofern einen Höhepunkt der Echtheitskritik, als sie den gesamten anstößigen oder auffälligen Versbestand des notorisch überarbeiteten Plautuscorpus zusammenstellen wollen. Eine endgültige Trennlinie zwischen dem echten Plautus und dem Bearbeiter seiner Stücke ist freilich noch nicht gezogen, und so müssen beim jetzigen Stand der Forschung sämtliche Aussagen über das .Plautinische' vorläufig bleiben, mögen sie die sprachliche und metrische Gestaltung eines einzelnen Verses oder den Witz, Bau und Gedankengang einer Szene oder eines ganzen Stückes betreffen. Dem ist in der folgenden Untersuchung dadurch Rechnung getragen, daß Verse aus verdächtigen Partien mit einem Sternchen (*) gekennzeichnet sind, wenn auf sie echtheitskritisch nicht näher eingegangen wird. Die Arbeit selbst beansprucht keinen Fortschritt in der Echtheitskritik. In den Kapiteln I und II ist vorausgesetzt, daß hinreichend unechtes Versmaterial zur Verfugung steht, um in allgemeinen Zügen die Arbeitsweise des Bühnenbearbeiters und die TextbeschafFenheit der ersten Gesamtausgabe des Corpus würdigen zu können; in Kapitel IX, daß genügend authentisches Versgut vorhanden ist, um einen Aspekt der Metrik des Plautus, seine Handhabung des Hiats, historisch einordnen zu können. Die Kapitel III bis VIII, der umfangreichste Teil der Untersuchung, verfolgen das Schicksal des Komödiencorpus von der Erstausgabe bis zum Einsetzen der handschriftlichen Tradition; das überlieferungsgeschichtliche Hauptergebnis, daß der Plautustext in diesem Zeitraum weniger Schaden gelitten hat, als man seit Leo gemeinhin annimmt, mag optimistisch stimmen für die Zukunft weiterer plautinischer Forschungen. Göttingen/London, im März 2002

Marcus Deufert

Inhalt Vorwort Einleitung I. UraufRihrungen und WiederaufRihrungen

VII i i8

1. Der Komödientext zu Lebzeiten des Plautus 1.1. Entstehungsvoraussetzungen 1.2. AufRihrungen, Autographen, Überlieferungsbedingungen bis zum Tod des Plautus

20

2. Der Text in der Zeit zwischen Plautus' Tod und der ersten Wiederaufführung: Die Plautuskenntnis des Terenz

25

3. Die Wiederaufführungen des Plautus seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts 3.1. Der Zeitraum. Die erste Wiederaufführung: Der Prolog der Casina 3.2. Charakteristika der Plautusbearbeitung 3.3. Eingriffe in übernommene Textpartien? II. Die erste Gesamtausgabe

i8 i8

29 29 32 35 44

1. Chronologische Fixierung: Die ersten Plautusleser. Lucilius und Accius

44

2. Charakterisierung der Epoche: Philologie in Rom am Ende des zweiten Jahrhunderts v. Chr. 2.1. Suet. gramm. 2 2.2. Das Anecdoton Parisinum

48 48 50

3. Die Anlage der Ausgabe 3.1. Gesamtumfang und Textbeschaffenheit. Interpolationen. Arbeitsweise des Herausgebers 3.2. Kritische Zeichen 3.3. Kolometrie

54

4. Zusammenfassung

61

54 58 59

X

Inhalt

III. Die Rezeption der Erstausgabe von Accius bis Verrius Flaccus

63

1. Literaturgeschichtliche Rezeption 1.1. Der ßio? des Plautus 1.2. Literaturkritik 1.3. Die Chronologie der frühlateinischen Literatur 1.4. Varros de actis scaenich und die Plautus- und Terenzdidaskalien

65 65 71 84

2. Echtheitskritische Studien zum plautinischen Corpus 2.1. Die Verfasser der plautinischen .Indices' und die Kriterien der Echtheitskritik

96

88

2.2. Varros de comoediis Plautinis

96 104

3. Formen der Plautuserklärung 3.1. Fachschriften 3.1.1. Varros quaestiones Plautinae 3.1.2. Eine Fachschrift des Servius Clodius

107 107 107 iii

3.2. Plautuskommentare 3.3. Plautusglossare 3.4. Zusammenfassung

115 117 121

4. Plautusrezeption in grammatischen Schriften

121

5. Plautusrezeption in antiquarischen Schriften

126

6. Zusammenfassung

137

IV. Die Plautuszitate bei Varro, Cicero und Verrius Flaccus und die handschriftliche Überlieferung

139

1. Die Plautuszitate Varros

139

2. Die Plautuszitate in der rhetorica ad Herennium und bei Cicero . x.i.DicrhetoricaadHerenniumunAC{ccTosdeinventione

..

2.2. Die übrigen Plautuszitate bei Cicero

151

155

3. Die Plautuszitate bei Verrius Flaccus

158

V. Die weitere Wirkung bis zum Einsetzen der archaisierenden Bewegung: Plautusrezeption im ersten und frühen zweiten Jahrhundert n. Chr. . 176 1. Die Rezeption der archaischen Literatur von Verrius Flaccus bis Probus

176

2. Die grammatische Tätigkeit des Probus und seine Bedeutung für den Plautustext

183

3. Die archaische Literatur in flavischer und trajanischer Zeit

192

....

151

Inhalt

XI

VI. Die .varronische' Auswahlausgabe

200

1. Entstehungsvoraussetzungen: Plautusrezeption in hadrianisch-antoninischer Zeit

200

2. Chronologische Fixierung

213

3. Ausstattung der Ausgabe: Szenentitel und Personensiglen 3.1. Systematik, Herkunft und Funktion der Szenentitel und Sprechersiglen 3.2. Chronologische Fixierung 4. Ausstattung der Ausgabe: Didaskalien und nicht-akrostichische Argumenta 4.1. Die Verbindung von Didaskalien und metrischen Argumenta in der Terenzüberlieferung und im Bodmer-Papyrus des Menander 4.2. Die Terenz- und Plautusdidaskalien 4.3. Die nicht-akrostichischen Plautusargumenta: Überlieferung und Datierung 4.4. Herkunft und Funktion der metrischen Argumenta . . . .

217

226 232

5. Zusammenfassung

236

VII. Die Rezeption der .varronischen' Auswahl bis zum Einsetzen der direkten Überlieferung

224

224 225

238

1. Eine Ausgabe des Caecus und die Rezeption der .varronischen' und nicht-,varronischen' Stücke in der grammatischen Tradition 2. Der Kommentar des Sisenna zu den ,varronischen' Stücken . . . . 2.1. Die Entstehungszeit des Kommentars 2.2. Anlage und Umfang des Kommentars 2.3. Prosodische und metrische Interpretamente 2.4. Grammatische Interpretamente und ihre Rezeption bei Nonius 2.5. Text- und echtheitskritische Interpretamente 2.6. Zusammenfassung 3. Die Rezeption der ,varronischen' Stücke im Schulunterricht der Spätantike 3.1. Plautus kein Autor des Grammatikunterrichts 3.2. Plautus und die frühlateinischen Autoren im Rhetorikunterricht: Ein Überblick 3.3. Plautuslektüre im Unterricht des vierten Jahrhunderts: Hieronymus, Donat und Servius 3.4. Ausblick 4. Plautus und die archaisierende Senardichtung der Spätantike 4.1. Das Wissen der spätantiken Metriker

217 221

240 245 245 246 246 250 253 255 256 256 258 260 269

..

270 271

XII

Inhalt 4.2. Das Weiterleben der frühlateinischen Dramenmetren bei Liebhabern und Dichtern 4.3. Der ludm Septem sapientum des Ausonius

4.4. Die akrostichischen Plautusargumenta 4.5. Zusammenfassung

273 277

283 290

VIII. Der Archetypus der direkten Überlieferung und seine Zeugen . . . 293 1. Ein Codex als Archetypus der direkten Überlieferung 293 1.1. Die beiden Zeugen: Der Ambrosianus und die antike Vorlage der Palatini 293 1.2. Geteilte Langverse als Beweis für eine gemeinsame Codexvorlage 296 2. Die Korruptelen des Archetypus: Gemeinsame Fehler in A und P 2.1. Glossierung/EingrifFe zur Verständnishilfe 2.2. Weitere absichtliche Eingriffe: Änderungen von nicht Verstandenem, vermeintliche Verbesserungen oberflächlicher Verderbnisse 2.3. Normalisierung/Modernisierung 2.4. Mechanische Fehler 3. Die Provenienz des Archetypus und das Alter seiner Verderbnis .

302 303 308 310 311 316

4. Die Plautustexte des Nonius und ihr Verhältnis zum Archetypus der direkten Überlieferung 320 4.1. Nonius' Exemplar der 21 ,varronischen' Stücke 321 4.2. Nonius' Ausgabe von Amphitruo, Asinaria und Aulularia 328 5. Die Varianz der beiden antiken Ausgaben 329 K . Die Hiate des Plautustextes

340

1. Plautinische und nachplautinische Hiate: Die Bedeutung des Hiats für die Überlieferungsgeschichte des Plautus 340 2. Mehrung des Hiates durch Überlieferungsfehler 344 2.1. Hiate als Sonderfehler der palatinischen Tradition: Das Zeugnis des Ambrosianus 344 2.2. Hiate als Sonderfehler des Archetypus: Das Zeugnis der indirekten Überlieferung 347 3. Plautinische Hiate 358 3.1. Hiate in der Erstausgabe: Die Zitate bei Varro und Verrius Flaccus 360 3.2. Der Hiat bei den frühlateinischen Szenikern 362 3.3. Der metrische Hiat in der frühlateinischen Dichtung . . . 367 4. Folgerungen für die Behandlung der überlieferten Hiate des Plautuscorpus 377

Inhalt Ergebnisse und Folgerungen

XIII 382

1. Mouvance, Konsolidierung, Depravation: Die drei Phasen der Überlieferungsgeschichte des Plautus im Altertum

382

2. Das Schicksal des Plautustextes im Licht der Überlieferungsbedingungen der antiken Literatur

389

3. Folgerungen für die Kritik

393

Literaturverzeichnis

397

Register 1. Sachen, Namen, Wörter

407 407

2. Stellen

417

Einleitung Wer sich ein sicheres Urteil über den Textzustand eines antiken Autors verschaffen will, darf nicht bei der kritischen Prüfung der erhaltenen handschriftlichen Überlieferung stehen bleiben, sondern muß sich ein möglichst vollständiges Bild vom Schicksal des Textes in jenem Zeitraum verschaffen, der die Entstehung des Werkes von seinen ältesten erhaltenen oder rekonstruierbaren Zeugen trennt. Diese Einsicht veranlaßte bereits im 17. Jahrhundert den Oratorianer Richard Simon zu zusammenhängenden Darstellungen der frühen Textgeschichte des Alten, später auch des Neuen Testaments, um die erhebliche, theologisch brisante Varianz zu erklären, die die hebräischen, griechischen und lateinischen Zeugen des Bibeltextes in sich und g^eneinander aufweisen'; unter dem Einfluß der Bibelkritik steht im 18. Jahrhundert Friedrich August "Wolf, der in seinen 1795 in Halle gedruckten .Prolegomena ad Homerum' die erste antike Textgeschichte eines paganen Autors schreibt^. Über Homer hinausgehend legt dann am Ende des 19. Jahrhunderts Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff in zahlreichen Arbeiten die generelle Bedeutung textgeschichtlicher Untersuchungen für die griechische, zumal die voralexandrinische Literatur dar'. Mit berechtigter Polemik wendet er sich gegen eine philologische Kritik, die dank der im 18. Jahrhundert bereits in Ansätzen, im 19. dann systematisch ange-

' R. Simon, Histoite critique du texte du Vieux Testament, Paris 1678; ders., Histoire critique du texte du Nouveau Testament, Paris 1689. Vgl. R. Pfeiffer, Die Klassische Philologie von Petrarca bis Monunsen, München 1982, 163 f., wo zugleich festgehalten ist, wie gering die Wirkung war, die Simon auf die Klassische Philologie ausgeübt hat. Zu einem möglichen Einfluß Simons auf Richard Bendeys Vorstellung von der fhihen Textgeschichte des Neuen Testaments vgl. E. J . Kenney, The Classical Text. Aspects of Edltingin the Age of the Printed Book, Berkeley 1974, 99, Anm. 3; zu Bendeys geplanter Ausgabe des Neuen Testaments und seinen textgeschichdichen Vorüberlegungen vgl. R. Jebb, Bendey, London 1909,157 ff., wo ich 158 Simons Untersuchungen erstmals von einem Klassischen Philologen kurz gevtrürdigt finde. ^ Zur Würdigung der Wolfechen Prolegomena und dem Einfluß, den der Theologe J . G. Eichhorn mit seiner .Einleitung ins Alte Testament', Leipzig 1780-1783 auf ihn ausübte, s. jetzt die .Introduction' der englischen Übersetzung: R A . Wolf, Prolegomena to Homer (1795), transl. ... by A. Grafton, G. W. Most, J. E. G. Zetzel, Princeton 1985, 3 ff^ ' Die hier gegebenen Ausführungen über Wilamowitzens textgeschichdiche Untersuchungen fügen sich gut in das allgemeinere Bild, das M. Landfester, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff und die hermeneutische Tradition des 19. Jahrhunderts, in: Philologie und Hermeneudk. Zur Geschichte und Methodologie der Geisteswissenschaften, hrsg. v. H. Flashar, K. Gründer u. A. Horstmann, Göttingen 1979,155 ff. über dessen Stellung zur Philologie des 19. Jahrhunderts zeichnet.

2

Einleitung

wendeten stemmatischen Methode^ aus der handschriftlichen Überlieferung zwar die sekundären Lesarten auszusondern weiß, den im Idealfall aus ihr abgeleiteten mittelalterlichen oder spätantiken Archetypus dann aber mehr oder minder gleichsetzt mit einer Abschrift des Autorenexemplars, in das sich lediglich Schreibversehen - etwa Auslassungen, Glossen, Verstellungen, Buchstaben- und "Wbrtverwechslungen - eingeschlichen haben, wie sie in der mittelalterlichen Überlieferung haufenweise hervortreten. In der frühen Phase seiner Überlieferung ist ein Text ganz anderen Veränderungen ausgesetzt als den Verderbnissen, die sich innerhalb eines kontinuierlichen Abschreibeprozesses ansammeln; gerade die voralexandrinischen Autoren, auf die Wilamowitz sein besonderes Augenmerk richtet, weil sie ihre Werke nicht in einer eigenen Buchausgabe vorlegen konnten, „haben eine Entwicklung von Jahrhunderten durchgemacht, ehe sie den Grad von Festigkeit erlangten, den Horaz und Vergil und vorher Arat und Kallimachos ihren Werken durch die solide Buchausgabe gegeben haben. Demnach verschiebt sich das was man wagen darf und was man erreichen kann."' In den Untersuchungen über die Textgeschichte der homerischen Epen® und der archaischen Lyrik steht denn auch ganz die voralexandrinische Phase im Vordergrund, in der die durch keine maßgebliche Buchausgabe geschützten Texte in Folge eines lebendigen Rezeptionsprozesses modernisiert, weiterund umgedichtet worden sind. Dagegen ist in Wilamowitzens umfangreichster textgeschichtlicher Studie, der .Geschichte des Tragikertextes'^, auch die nachalexandrinische Periode bis zum Ausgang der Antike mitbehandelt; in ihr tritt dann besonders deutlich der zweite Gewinn hervor, den textgeschichtliche Untersuchungen abwerfen, wenn sie die gesamte dem Archetypus vorangehende Periode umfassen: Sie klären nicht nur den Textzustand eines Werkes in den verschiedenen Phasen seiner Tradition und dokumentieren die aus der offenen Überlieferung zu Beginn resultierende Distanz gegenüber der ursprünglichen Form, sondern zeichnen darüber hinaus auch ein Bild davon, wie die konkrete Gestalt zustande gekommen ist, in der ein Autor handschriftlich überliefert ist (ob vollständig oder in einer Auswahl, kommentiert oder unkommentiert), und erläutern, nach welchen Gesichtspunkten etwa eine Auswahl vorgenommen oder ein Autor kommentiert worden ist.

Vgl. S. Timpanaro, La genesi del metodo del Lachmann, Padua '1981 und zuletzt mit abgewogenem Urteil C. O. Brink, Klassische Studien in England. Historische Reflexionen über Bendey, Porson und Housman, Stuttgart/Leipzig 1997,194 S. ' U. von Wilamowitz-MoellendorfF, Die Textgeschichte der griechischen Lyriker, Abh. d. königl. GeseU. d. Wiss. Gött., Phil.-hist. Kl. N. F. IV Nr. 3, Berlin 1900, 3 f. ^ U. von Wilamowitz-MoellendorfF, Homerische Untersuchungen, Berlin 1884, 286 fF. 7 U. von Wilamowitz-MoellendorfF, Euripides Herakles, i. Bd.: Einleitung in die griechische Tragödie, Darmstadt 1969 (urspr. Berlin 1889), 121 fF.; zahlreiche Einzelergebnisse finden sich bereits in Wilamowitzens ,Analecta Euripidea', Berlin 1875,131 fF, allerdings noch nicht in die systematische Form einer historischen Untersuchung gefaßt.

Einleitung

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Die Bedeutung, die "Wilamowitz textgeschichtlichen Untersuchungen beimißt, wird aus seinen Schriften immer wieder ersichtlich: Seine großen kritischen Ausgaben begleiten Untersuchungen über die antike Textgeschichte (mit Ausnahme des Kallimachos, der wie Arat, Vergil, Horaz mehrfach als ein Autor genannt ist, dessen Text \'on Anfang an durch eine Buchausgabe geschützt ist'); seine der Zahl nach wenigen, doch stets auf Grundsätzliches zielenden Rezensionen in den ,Göttingischen Gelehrten Anzeigen' nutzt er für über die besprochenen Arbeiten hinausgehende Überlegungen zur frühen Textgeschichte etwa des Piaton und des griechischen Romans'. In seiner ,Geschichte der Philologie' sieht er den Hauptwert der Wolfschen ,Prolegomena ad Homerum' nicht in der ,Homerischeri Frage' liegen, „sondern in der Erschließung der Scholien, also der Geschiclite des Textes"'®. Schließlich sind die Lehren, die aus der antiken Überlieferungsgeschichte für den Text eines Autors zu ziehen sind, in den philologischen Katechismus aufgenommen, den Wilamowitz in seinen autobiographischen .Erinnerungen' mitteilt". Seine textgeschichtlichen Forschungen haben nachhaltig gewirkt: Ihre Bedeutung für eine historisch fundierte Textkritik ist ebenso epochal wie die seit dem 19. Jahrhundert systematisch durchgeführte stemmatische Methode"; unter anderem haben sie die Erforschung antiker Textvarianz und Textabänderung, deren Ausmaß nach und nach sichtbar werden, auf eine neue Grundlage gestellt''. Als besonders dringend erachtete Wilamowitz textgeschichtliche Untersuchungen für die frühgriechische Literatur, die eine besonders lange Phase der Unsicherheit durchlaufen hat. Ihrem Schicksal kommt auf römischer Seite am nächsten die Überlieferung der plautinischen Komödien: Zwischen ihren Uraufführungen und den beiden antiken Ausgaben, aus denen der Text zu konstituieren ist (dem in Teilen erhaltenen Mailänder Palimpsest und der anti' Vgl. neben dem oben abgedruckten Zitat ans der .Textgeschichte der griechischen Lyriker' etwa U. von Wilamowitz-MoellendorflF, Die Textgeschichte der griechischen Bukoliker, Berlin 1906, 129; dagegen ist fiir Theokrit, dessen Gedichte nicht in einer von ihrem Autor veranstalteten Ausgabe gesammelt sind, wieder die „Überlieferung im Altertum" eigens untersucht. 9 Vgl. U. Schindel, Wilamowitz in den GGA, GGA 234,1982, i fF. (v. a. 6 f.). U. von Wilamowitz-MoellendorfF, Geschichte der Philologie, Leipzig 1921, 48; ähnlich auch R. Pfeiffer, Die Klassische Philologie von Petrarca bis Mommsen, 215-217. " U. von Wilamowitz-Moeliendorff, Erinnerungen 1848-1914, Leipzig 1928,102. " V g l . R. Pfeiffers eindrucksvolle Würdigung in seinem .Nachruf auf Ulrich von WilamowitzMoeliendorff', in: R. Pfeiffer, Ausgewählte Schriften (hrsg. v. W. Bühler), München i960,271 f. K. Büchner, Überlieferungsgeschichte der lateinischen Literatur des Altertums, in: H. Hunger (Hrsg.), Geschichte der Textüberlieferung, Bd. i, München 1961, 313 läßt zu Recht mit Lachmann die „Epoche der Textrezension", mit Wilamowitz die „Epoche der Textgeschichte" beginnen. Zur Bedeutung Lachmanns vgl. die oben, Anm. 4 genannte Literatur. '' Zur neueren Echtheitskritik und zur Bedeutung, die sie antiken Texteingriffen beimißt, vgl. Verf, Pseudo-Lukrezisches im Lukrez. Die unechten Verse in Lukrezens „de rerum natura". Berlin/New York 1996,6 ff., dens., Lukrez und Marullus. Ein kurzer Blick in die Werkstatt eines humanistischen Interpolators, RhM 142, 1999, 210 ff. und zuletzt C. Gnilka, Prudentiana L Critica. München/Leipzig 2000 (s. darin das Register IIL Interpolationswesen).

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ken Quelle des mittelalterlichen Archetyps der palatinischen Tradition), stehen ungeföhr 600 Jahre Überlieferung, für die keine direkten Zeugen greifbar sind. Beide Ausgaben tradieren eine identische Auswahl von 21 Stücken aus einem ursprünglich viel größeren Corpus. Plautus verfaßte seine Komödien für eine einmalige AufRihrung, besorgte aber keinen Lesetext. Der Verbreitung in Buchform geht eine Phase voran, in der die Stücke auf den römischen Bühnen wiederaufgeführt worden sind. Kein erhaltener lateinischer Dichter weicht in den Formen, im Idiom und in der Prosodie stärker von den bis in die Spätantike maßgeblichen Augusteern ab. Die Gefahren, die dem Text unter diesen Verhältnissen drohen, liegen unmittelbar auf der Hand. So ist es fast eine Selbstverständlichkeit, daß Wilamowitzens Göttinger Kollege Friedrich Leo seine 1895 gleichzeitig mit der Ausgabe und zu deren Stütze veröffentlichten ,Plautinischen Forschungen' mit einem Kapitel über die „Geschichte der Überlieferung der plautinischen Komödien im Altertum" eröffnet'^. Auf knapp sechzig Seiten entwirft Leo eine geschlossene, den gesamten Zeitraum umgreifende Skizze der antiken Textgeschichte des Plautus, vor deren Hintergrund erst das Verhältnis zwischen der in der direkten Überlieferung greifbaren Textfassung und dem ursprünglichen Text der plautinischen Komödien sichtbar wird. In diesem Kapitel sieht Leo den Plautustext fünf Phasen durchlaufen''. In der ersten (von Plautus' Tod bis etwa 100 v. Chr.) zirkulierten die Komödien als Bühnentexte, waren somit willkürlichen Eingriffen, vor allem Erweiterungen und Kürzungen ausgesetzt, die Bearbeiter bei Neuinszenierungen vorgenommen haben. Erst um 100 v. Chr. sei der gesamte Nachlaß von 130 Komödien wissenschaftlich herausgegeben worden; dieses kritische Interesse habe dann bis zum Ende der Republik fortbestanden und unter anderem eine echtheitskritische Auseinandersetzung mit dem plautinischen Nachlaß hervorgerufen, in deren Folge nur 21 Stücke von allen Kritikern übereinstimmend als echt befunden wurden. In der dritten Phase, von der frühen Kaiserzeit bis Probus, sei dann das wissenschaftliche und literarische Interesse an Plautus zunehmend geschwunden, seine Texte seien schließlich in Rom verloren gegangen. Erst in flavischer Zeit, der vierten Phase, habe mit dem Grammatiker Probus die philologische Tätigkeit erneut eingesetzt. Dabei mußte Probus für eine neue kritische Ausgabe erst das Textmaterial aus der Provinz beschaffen, wo die Texte nur von Liebhabern rezipiert worden und ohne wissenschaftlichen Schutz verwahrlost seien. Dieses uneinheidiche Textmaterial habe Probus in seiner Ausgabe konservativ behandelt, auch evidente Korruptelen im Text nicht verbessert, F. Leo, Plautinische Forschungen zur Kritik und Geschichte der Komödie, Berlin 1895. Im folgenden ist allen Zitaten und Verweisen die 2. Auflage (Berlin 1912) zugrunde gelegt. Der Einfluß von Wilamowitzens textgeschichtlichen Forschungen auf Leo ist unverkennbar; knapp hervorgehoben hat ihn bereits E. Norden in seiner Besprechung der .Plautinischen Forschungen' in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 50,1896, 463. ' ' Die hier gegebene Zusammenfassung lehnt sich eng an Leos eigene an, die er in den G G A 166, 1904, 358 ff. gibt; der rafHniert-verschlungene Weg, auf dem er in den Plautinischen Forschungen 1-57 zu seinen Ergebnissen gelangt, kann hier unmöglich nachgezeichnet werden.

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sondern nur durch adnotatio gekennzeichnet. Auf dieser vielfach verderbten Ausgabe des Probus basiere dann eine Auswahlausgabe aus hadrianischer Zeit, die allein die 21 von den republikanischen Gelehrten übereinstimmend für echt befundenen Stücke aufgenommen habe. Diese Ausgabe betrachtet Leo als den Archetypus der direkten Überlieferung, auf den die gemeinsame Verderbnis der beiden antiken Ausgaben, des Ambrosianus und der Quelle der Palatini, zurückgeht. In der fünften Phase, während des dritten und vierten Jahrhunderts, seien auf Grund des weiter bestehenden Interesses neue Ausgaben der 21 Stücke entstanden, in denen das Bemühen, den schwer verderbten Text lesbar zu machen, zu erheblichen Eingriffen geführt habe. Dies schlägt sich in der Varianz nieder, die der Ambrosianus und die Quelle der Palatini trotz ihres gemeinsamen Archetypus voneinander aufweisen. An Leos Darstellung beeindrucken die Geschlossenheit und Konsequenz, mit der er drei Schichten der Textverfälschung (verursacht durch die Willkür der Bühnenbearbeiter, durch die Verwahrlosung in der Provinz und durch die freie Emendation spätantiker Rezensenten) isoliert, diese historisch fixiert und einerseits in der gemeinsamen, andererseits in der individuellen Verderbnis der beiden antiken Ausgaben dokumentiert. Die Geschlossenheit seines Bildes von der Textgeschichte des Plautus im Altertum tritt besonders deutlich hervor, wenn man es mit den auf Punktuelles beschränkten und unvollständigen Vorstellungen vergleicht, die sich die vorangegangene Plautusphilologie von dem Zustandekommen der Tradition gemacht hat'®. Daß in der mittelalterlichen Überlieferung nur wenige Stücke eines ursprünglich viel größeren plautinischen Corpus bewahrt sind, welches in der Antike echtheitskritisch heftig umstritten war, erörtert erstmals ausfuhrlich der Paduaner Humanist Sicco Polentonus im zweiten Buch seiner scriptorum illmtrium Latinae linguae libri XVIII, die in zwei Ausgaben, einer ersten Fassung von etwa 1426 und der endgültigen von spätestens 1437, erhalten sind'^; nach Sicco dann Georgius Merula in dem Abschnitt „de vita comoediisque Plauti excerpta quaedam ex auctoribus gravissimis" seiner 1472 in Venedig gedruckten ersten Gesamtausgabe der Komödien des Plautus. Beide Gelehrte stützen sich vor '^Zur Geschichte der neuzeitlichen Plautusphilologie bis in das frühe 19. Jahrhundert noch immer grundlegend F. Ritsehl, Ueber die ^ i t i k des Plautus. Eine bibliographische Untersuchung, RhM 4,1835,153 fF. und 485 fF.j nachgedruckt und mit Nachträgen versehen in Ritschis Opuscula philologica, Bd. 2, Leipzig 1868, i fF. Für Hilfe bei meinen eigenen Nachforschungen danke ich Felix Gaertner (Oxford). Zur Entstehungsgeschichte des Werkes und den handschriftlichen Zeugen der beiden Ausgaben s. B. L. Ullman (ed.), Sicconis Polentoni scriptorum illustrium Latinae linguae libri X V i n , Rom 1928, XII sqq.; der Plautusabschnin ist nach der zweiten Ausgabe bei Ullman, ?• 53>i-55.i6 gedruckt, nach der ersten Ausgabe bei F. Ritsehl, Parerga Plautina, 633 fF. In der ersten Fassung schreibt Sicco ausdrücklich, daß nur acht Komödien erhalten sind; in der zweiten unterbleibt eine explizite Angabe: Zwischen den beiden Ausgaben liegt das Jahr 1430, in dem Giordano Orsini den Codex D nach Rom brachte und Italien zwölf neue Stücke des Plautus schenkte.

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allem auf das für die frühe Textgeschichte wichtige Kapitel 3,3 der Noctes Atticae des Gellius; wie dort sind auch bei Sicco und Merula jene 21fabulae Varroniame hervorgehoben, die Varro und den vorangehenden Kritikern für fraglos echt gegolten haben. Merula vermerkt außerdem, daß bei Gellius umfangreiche Zitate aus Plautusstücken gegeben sind, die nicht zu den 21 Varroniame zählten; eine Verbindung zwischen den Varroniame und den zwanzig von ihm aus der handschriftlichen Überlieferung edierten sieht er jedoch noch nicht. Die Identität der erhaltenen Stücke mit den Varroniame vermutet als erster Simon Charpentarius in seiner in Lyon gedruckten Ausgabe von 1513'®, der auch eine erste, höchst dürftige Sammlung der Fragmente der verlorenen Stücke vorlegt''. Eine begründete Identifizierung der 21 Varronianae mit dem handschriftlich erhaltenen Corpus gelang dann loachimus Camerarius, der in seiner Basler Ausgabe von 1552 erstmals den ältesten Zeugen der palatinischen Tradition, den heutigen Codex Vaticanus Pal. lat. 1615 (B), ausgewertet hat. In dessen Subscriptio zum Truculentus, dem 20. und letzten überlieferten Stück, ist als weiteres die Vidularia für einen Vorgänger der palatinischen Tradition bezeugt: Plauti Truculentus explicit, incipit Vidularia. Hieraus folgert Camerarius^®: „eae (seil. Varronianae sunt), ut opinor, quae adhuc extant: et praeter illas insuper Vidularia, cuius et in nostro veteri libro nomen exaratum cernitur, sed in hac inscriptione ille finitur, cum magno crimine inertis et pigri scriptoris, qui non addiderit ad titulum etiam fabulam."" Nach dem Zustandekommen der ,varronischen' Auswahl und dem Überlieferungsschicksal der Stücke außerhalb der Auswahl fragt Camerarius ebenso wenig wie Georgias Fabricius, der für den Basler Nachdruck des Camerarischen Textes von 1558 die Fragmentsammlung des Charpentarius stark erweitert". Erst Friedrich Ritsehl erkennt in denfabulae Varronianae die 21 von allen republikanischen Echtheitskritikern bis hinab zu Varro übereinstimmend als echt akzeptierten Stücke des Plautus: In seiner Interpretation des Kapitels 3,3 der Noctes Atticae des Gellius ist die durch die Wiederaufführungen im zweiten Jahrhundert hervorgerufene Echtheitsproblematik, die sich für die römischen Grammatiker ergab, ebenso behandelt wie die Das Titelblatt seiner Ausgabe lautet: „M. Plauti sarssinatis comedie XX vaironiane ex antiquis recentioribusque exemplaribus invicem coUatis diligentissime emendate"; in seiner „Viu Plauti" rechnet Charpentarius „illas XX quas in praesentiarum habemus" ganz selbstverständlich und ohne weitere Ausfuhrungen zum Grundstock der von den bei Gellius genannten antiken Echtheitskritikern als echt akzeptierten Stücke. Nach der 21. Varroniamfragter aber nicht. Auf den Truculentus folgt die die Sammlung einleitende Bemerkung: „Ex multis Plauti comoediis amissis haec reperiuntur citatae a gravissimis authoribus M. Tulio (sie!) C. Au. Gellio Nonio Marcello Festo Pompeio et Prisciano quae ordine linerarum disposuimus." Das alphabetische Anordnungsprinzip ist bis heute gleichgeblieben. " In den übrigen Handschriften der Palatini ist das incipit des neuen Stückes fortgelassen. " S. 900 in Anschluß an die Adnotationes zum Truculentus. " S. 913 ff. werden unter dem Titel „loci ex XLI amissis Plauti comoediis, a grammaticis citati" Fragmente und Testimonien aus 41 verlorenen Stücken ohne eirJeitende Bemerkungen und Erklärungen vorgelegt; die ganz ungleiche Verteilung der Zitate auf die einzelnen Jahrhunderte bleibt unerkannt.

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Verfahrensweisen und Ergebnisse der Gelehrten, die die echten von den Plautus fälschlich zugeschriebenen Stücken sondern wollten^'. Aus den von Ritsehl initiierten^, von seinen Schülern F. Winter^' und G. Goetz^® zum Abschluß gebrachten Fragmentsammlungen und den sie begleitenden quellenkritischen Untersuchungen geht schließlich hervor, daß seit dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert mit wenigen Ausnahmen allein die ,varronischen' Stücke rezipiert werden. Aus diesem Quellenbefund schloß dann erst Friedrich Leo, daiß in hadrianischer Zeit eine maßgebliche Auswahlausgabe entstanden ist, die sich auf die 21 übereinstimmend für echt befundenen Stücke beschränkte, deren Einfluß in der Folgezeit die übrigen Stücke verdrängt hat^7. Über eine andere wichtige Phase der Textgeschichte, die der ungefähr eine Generation nach dem Tod des Dichters einsetzenden Wiederaufführungen, legt der Prolog der Casina ein explizites Zeugnis ab, dessen Sprecher in den Versen 5-20 die erneute Inszenierung des .alten', d. h. bereits früher aufgeführten, Stückes rechtfertigt. Daß die Wiederaufführungen im überlieferten Plautustext ihre Spuren in Zusätzen wie eben diesen nachträglichen Prologversen hinterlassen haben, bemerkt als erster der Mailänder Rechtsgelehrte Andreas Alciatus (1492-1550), der im sechzehnten Kapitel des sechsten Buchs seiner 1536 in Pavia gedruckten „Parerga iuris sive obiter dicta"^® Anspielungen auf Gesetze bei Plautus behandelt, darunter auch die Bemerkungen *Cas. 69-76 über das Recht der Sklaven auf Ehe. In diesem Zusammenhang spricht er den gesamten Prolog dem Plautus ab und weist ihn auf der Grundlage von Vers 72 et hic in nostra terra fin Apulia f , den er in der Form et hic in terra nostra Etinae in Apulia liest, einem Schauspieler aus Apulien zu^^^ sieht in ihm also einen aus einer Wiederaufführung hervorgegangenen Zusatz. Seitdem gilt der Casinaprolog vielen Kritikern als unecht'®, ohne daß sich jedoch das bei Alciatus erkennbare F. Ritsehl, Die Fabulae Varronianae des Plautus, in: F. Ritsehl, Parerga zu Plautus und Terenz. Erster Band, Leipzig 1845, 73 ff. ^ F. Ritsehl, Deperditarum Plauti &bularum fragmenta, Opuseula philologica, Bd. 3, Leipzig 1877,177 ff. Plauti &bularum deperditarum fragmenta, coli. F. Winter, Bonn 1885. Macci Plauti Cistellaria, ree. F. Schoell. Aceedunt deperditarum febularum fragmenta a G. Goetz recensita, Leipzig 1894,125 ff.; die quellenkritisehen .Epilegomena' dort 189 ff. PF, 18 ff Nachgedruekt in Bd. 4 der Opera omnia, Basel 1582; das unten gegebene Zitat dort Sp. 447. Zu Aleiatus vgl. zuletzt V. W. Callahan, ,Andrea Aleiati', in: Contemporaries of Erasmus, hrsg. V. P. G. Bietenholz, Bd. i, Toronto 1985, 23 ff. (mit Lit.). in prologo Casinae, quem Apulus aliquis comoedus Plautinae fabulae praefixit." Welehe Teile des Casinaprologs eeht, welehe nachplautinisch sind, ist bis heute umstritten; vgl. zuletzt W.-W. Ehlers, Zum Prologschluß der Casina, in: Dissertatiunculae critieae. Festschrift G.-C. Hansen, Würzburg 1998,183 ff. Vgl. z. B. Valens Acidalius, In comoedias Plauti quae exstant divinationes et interpretationes, Frankfurt 1607, in denen 124 der Casinaprolog bezeichnet ist als ein „Prologus quem Plauti non esse satis constat, sed talem mehereule, euius nee pudere ipsum possit". Die beiden Urteile des Alciatus und des Acidalius sind dann anonym wiedergegeW in der Ausgabe von lohannes Pareus (Frankfurt 1610), ihnen namentlich zugesehrieben in den Ausgaben von Friderieus

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Bewußtsein um Textzusätze aus antiken WiederaufRihrungen aufrecht hält und zu einer entsprechenden Einschätzung vergleichbar signifikanter früher Zusätze fuhrt. Ganz unhistorisch verfährt etwa Camerarius mit dem Schluß des Poenulus, für den sämtliche Handschriften in Folge einer Wiederaufführung eine Doppelfassung aufweisen: Er gibt in seiner Ausgabe nur den ersten Schluß, der alter exitus bleibt in seinem Text ebenso ungedruckt und unerwähnt wie die meisten der in den Handschriften nicht überlieferten Humanistensupplemente - ein einheidich überlieferter antiker Zusatz ist hier gleich behandelt wie die nur in den Ausgaben überlieferten Zusätze des 15. und 16. Jahrhunderts''! Echtheitskritisch konsequent durchgearbeitet werden die plautinischen Komödien erstmals von dem französischen Jesuiten Fran9ois Guyet (1575-1655), dessen adnotiertes Handexemplar, die 1621 in Wittenberg erschienene Ausgabe von Jan Gruter, der zweisprachigen Plautusausgabe von Michael de Marolles (Paris 1658) zugrunde liegt'^. In ihr sind rund 635" Verse ohne weitere Begründung als unecht gekennzeichnet''^. Daß Guyet von den frühen Wiederaufführungen wußte und zumindest einen Teil der von ihm getilgten Verse den Bühnenbearbeitern zuwies, macht seine Bemerkung zu dem nachgestellten Götterprolog der Cistellaria wahrscheinlich, dessen Echtheit er in Zweifel zieht und den er mit dem Casinaprolog vergleicht": „Hic Prologus Plauti utrum Sit dubitari potest: nihil enim dicit quod scena praecedenti a Lena tactum non Sit, praeterea loco alieno hic positus est, quare et alienus esse nec Plautinus videtur, nec miretur quisquam additum fiiisse Prologum huic Comoediae, cum et Casinae idem acciderit." Alciatus' Einschätzung des Casinaprologs als eines Taubmanus (Wittenberg 1605) und Jan Gruter (Wittenberg 1621), das des Alciatus auch in der Ausgabe von Johannes Gionovius (Leiden 1624), der Plautusvulgata bis ins 19. Jahrhundert. Alle Ausgaben (bis heute) drucken den Casinaprolog freilich ohne kritische Kennzeichnung, d. h. genauso wie den echten Plautustext. '•Vgl. Ritsehl, Opuscula philologica, 113 und O. Zwierlein, Zur Kritik und Exegese des Plautus I. Poenulus und Curculio, Mainz 1990, 56 ff.; zu den Humanistensupplementen vgl. L. Braun, Scenae Suppositiciae oder Der tische Plautus, Göttingen 1980. Vgl. hierzu E. Benoist, Le Piaute de Franfois Guiet, Mäanges Graux, Paris 1884, 461 ff., der die erste Hälfte von Guyets auf zwei Teile umgebundenem Handexemplar entdeckt und eine vollständige Kollation seiner Noten zur Cistellaria mitgeteilt hat. Benoist weist mit Nachdruck auf die Ungenauigkeit hin, mit der MaroUes Guyets Tex^estaltung wiedergibt. Dennoch ist Guyets Handexemplar bis heute nicht vollständig nachkollationiert worden. " Die meisten Verse (78) sind im Miles Gloriosus getilgt, nämlich (nach der Zählung Lindsays): 24,73 f., 77,95,132,155,186,189a, 205,216 f., 219-225,271,403-406,438,466 f., 478-480,485, 546,599, 621 f., 625, 643f. 707, 710,714 f., 779, 786-788, 850 f., 854, 894-5, 945.1006.1045 f.. 1049,1086-1093,1287-1289,1295 f., 1416-1424. Die von H. D. Jocelyn, Gnomon 68,1996,403 gemachten Angaben über Guyets Athetesen im Miles sind unvollständig. Nicht mitgerechnet sind der für unecht befundene Casinaprolog und der verdächtigte Prolog der Cistellaria. Mit wenig Verständnis beschreibt MaroUes die Athetesen Guyets als „vers ..., que ce sfauant homme a iugez inutiles, ou superflus, ou supposez"; er bestätigt damit Wilamowitzens Urteil, der in seiner .Geschichte der Philologie' (27) Guyet voller Anerkennung als seiner Zeit weit voraus einschätzt. " Zitiert nach Benoist, 472.

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Zusatzes eines ^pulus aliquis comoedus" war Guyet aus Gruters Kommentar bekannt'®; es liegt auf der Hand, daß er sich Aldatus' aus dem Prologtext selbst unmittelbar hervorgegangene Anschauung zu eigen gemacht hat, also mit Zusätzen in Folge der WiederaufRihrungen rechnete und durch seine Athetesen zu beseitigen suchte. Auf ein methodisch gesichertes Fundament stellt die Echtheitskritik jedoch erst im frühen 19. Jahrhundert Friedrich Osann, der über den Casinaprolog hinaus die antiken Zeugnisse für Wiederaufführungen der Komödien des Plautus und Terenz zusammenstellt und aus ihnen die Notwendigkeit ableitet, die überlieferten Texte auf nachträgliche Interferenzen aus der Bühnenpraxis hin zu u n t e r s u c h e n ' 7 . Die Tatsache, daß die Komödien des Plautus in ihrer überlieferten Form Entstellungen aufweisen, die durch die WiederaufRihrungen verschuldet sind, ist seitdem allgemein anerkannt; das Ausmaß der „retractatio" bleibt freilich bis heute umstritten'®. In die Phase der WiederaufRihrungen verlegte Friedrich Ritsehl schließlich auch eine durchgreifende Modernisierung der plautinischen Sprache, als er, gestützt durch seine Forschungen zu den frühlateinischen Inschriften, in seinen .Neuen Plautinischen Excursen' zur Vermeidung des Hiats die systematische Einfuhrung des auslautenden -d in den Ablativformen, aber auch bei Adverbien wie z. B. interea{d) und peregre{d) forderte". In Anschluß an bei Plautus vereinzelt überliefertes med und ted hatte bereits Camerarius zur Hiatvermeidung diese Formen aus me und te hergestellt. Nachdem dann erstmals lustus Lipsius Quint, inst. 1,7,12 a Latinis veteribus d plurimis in verbis adiectum ultimum als Beleg für die Existenz des auslautenden -d im frühen Latein in Anschlj^ gebracht hat^°, wurde der Buchstabe von Guyet und Friedrich Bothe (in seiner vierbändigen Plautusausgabe, Berlin 1809-1811) willkürlich und ohne Konsequenz zur Hiatvermeidung an jede vokalische Endung angehängt^. Im Gegensatz zu Bothe, der mit einem allmählichen Verlust der alten Form durch den gesamten Zeitraum der antiken und mittelalterlichen Überlieferung rechnete^^. Dort ist im Kommentar zu Beginn des Casinaprologs das Uneil des Aldatus ausgeschrieben: ^ c i a t u s Parerg. lib. 6:16. hunc prologum ait Apulum aliquem comoedum Plautinae fahuke praefixisse." F. Osann, Analecta Critica poesis Romanorum scaenicae reliquias illusttantia, Berlin 1816, 141fr. ''Vgl. z. B. G. Goetz, Dittographien im Plautustext nebst methodischen Folgerungen, Act. See. Phil. Lips. 6,1876, 233 fF.; A. Thierfelder, De rationibus interpolationum Plautinarum, Leipzig 1929 und zuletzt O. Zwierlein, Zur Kritik und Exegese des Plautus I-IV, Mainz 1990-1992. " F. Ritsehl, Neue Plautinische Excurse. Erstes Heft: Auslautendes D im alten Latein, Leipzig 1869. Zur Problematik s. unten, 38-40. L Lipsius, Antiquarum lectionum commentarius, Antwerpen 1575, p. 62, wo Lipsius seine palmare (von den Quintilianherausgebern bis heute Späteren zugewiesene) Konjektur Duilio in foro in Quint. 1,7,12 begründet. Vgl. hierzu B. Maurenbrecher, Forschungen zur lateinischen Sprachgeschichte und Metrik. Heft L Hiatus und Verschleifimg im alten Latein, Leipzig 1899,107 ff. ^ In Band FV p. 14 zu Amph. prol. 149: „huius (seil, litterae d usus) vero paucissima apud eum

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lokalisiert Ritsehl die Verderbnis in der frühesten Phase der Textgeschichte: Da weder die handschriftliche noch die Sekundärüberlieferung des Plautus (von med und ted abgesehen) irgendwelche auf -d auslautenden Formen bezeuge, müsse der Verlust vor dem Erschließen des Plautustextes durch die republikanischen Grammatiker erfolgt sein, somit in die vorangehende Periode der Wiederaufführungen fallen'^'. Dieser Überblick zeigt, daß Leo zu Recht den Anspruch erhebt, als erster eine „historisch begründete recensio des Plautustextes"''^ vorgelegt zu haben: Vor ihm gibt es keine zusammenhängende Theorie von dem Zustandekommen der handschriftlichen Tradition des Plautus, dementsprechend auch keine prinzipiellen Überlegungen über die Distanz, die zwischen den plautinischen Autographen und den Zeugnissen der direkten Überlieferung liegt. Auch Friedrich Ritsehl war bei all seinen grundlegenden Verdiensten fiir die Konstitution des Plautustextes noch nicht zu einem durchgehenden historischen Verständnis der Tradition gelangt. In den Prolegomena zu seiner 1848 erschienenen ersten Ausgabe des Trinummtis, die als erster Text mit der über Jahrhunderte verfestigten Vulgata bricht und allein auf der Grundlage unabhängiger handschriftlicher Überlieferung konstituiert ist, schließt Ritsehl aus den beiden antiken Ausgaben — dem 1815 von Mai''' entdeckten, aber erst von Ritsehl für die Textkritik systematisch ausgenutzten Mailänder Palimpsest und der von ihm erkannten antiken Vorige der palatinischen Tradition - wegen der gemeinsamen Verderbnisse auf einen gemeinsamen Archetypus, den er in das vierte Jahrhundert zu datieren scheint^®. Ritsehl hat keinerlei Zweifel daran, aus dem Text des Archetypus durch Emendation den ursprünglichen des Plautus herstellen zu können, auch wenn sich die angewendeten Mittel von der ersten zur zweiten Ausgabe des Trinummus (Leipzig 1871) etwa bei der Beseitigung der fiir unplautinisch befundenen Hiate signifikant verschieben: Wurden sie in der ersten Ausgabe durch Wortergänzungen, Umstellungen und Konjekturen (also unter Voraussetzung von Fehlern, wie sie in der mittelalterlichen Überlieferung reichlich dokumentiert sind) behoben, so dient ihrer Beseitigung in der zweiten Auflage, die durch die ,Neuen Plautinischen Excurse' vorbereitet ist, das Einsetzen des auslautenden -d. So stark die beiden Ausgaben voneinander abweichen, so sehr hat Risehl stets an der Überzeugung festgehalten, die ,ipsa verba' des Plautus wiederhergestellt zu haben. Überlegungen zur Textgeschichte, wie sie (seil. Pkutum) monumenta tum magistrorum vetetum prava diligentia, cum priscae loquelae ac scripturae reliquias ex oculis discipulorum amoverent, tum iibrariorum Christianorum ignorantia oscitantiaque reliquerunt." Auslautendes D, 109 fiF. -MF. Leo, PF, I. A. Mai, M. Acci Plauti fragmenta inedita, Mailand 1815. ^^ F. Ritsehl, .Prolegomena de rationibus criticis gtammaticis prosodicis metricis emendationis Plautinae' in der Ausgabe des Trinummus (Bonn 1848), VII-CCXLVI; wieder abgedruckt in den Opuscula philologica V, Leipzig 1879, 285 £F., dort zum Archetypus und seinen Zeugen 299 ff., zur Datierung des Archetypus 300 f.

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am Ende der .Neuen Plautinischen Excurse' zum Ausdruck kommen, haben keinen eigenständigen Wert und fuhren nicht zur prinzipiellen Frage nach der Zuverlässigkeit des im Archetypus gebotenen Textes, sondern dienen ganz dem Zweck, eine systematisch vorgenommene Form der Verbesserung (in diesem Fall das Einsetzen früher Formen) methodisch zu rechtfertigen. Es ist diese optimistische Überzeugung, durch Emendation von den Textzeugen zum Autor selbst gelangen zu können, mit der Leo in seiner ,Geschichte der Überlieferung der plautinischen Komödien im Altertum' entschieden bricht. Nach seiner Vorstellung ist der Text in jenem Zeitraum, der zwischen den Uraufführungen und der handschriftlichen Überlieferung liegt, in einer "Weise Abänderungen unterlegen, die mit den Mitteln der Kritik letztlich nicht rücl^ngig zu machen sind: Wer aber emendiren will, der soll sich bewußt sein, daß er über zwei Phasen wilder Überlieferung hinwegemendin, in deren erster der Text durch willkürliche, in der zweiten durch mechanische Änderungen entstellt worden ist; daß zum Abschluß beider Perioden der Text fixirt worden ist wie ihn die Zeit gestaltet hatte. Wer das bedenkt, der wird oft die Unmöglichkeit erkennen wahrhaft zu emendiren, öfter sich mit dem Geschäft des Philologen begnügen, das mehr als Kunst ist, und interpretiren, das heißt den Gedanken des Dichters verstehen; das ist mehr als die Form herstellen in der der Gedanke ausgesprochen war.'^^

Leos Textgeschichte und ihre Konsequenzen - die aus tieferer historischer Einsicht abgeleitete Selbstbescheidung gegenüber der vorliegenden Tradition, die Abkehr von den „paläographischen Manipulationen''^® der vorangegangenen Gelehrtengeneration, die Hinwendung zur Interpretation - wurden von einflußreicher Seite als ein methodologisches Lehrstück fiir die Latinistik gefeiert^'. Sie haben auf die Folgezeit nachhaltig gewirkt: Auf ein Jahrhundert, in dem die Kritik des Plautus „geradezu im Mittelpunkt der lateinischen Philologie"'® gestanden hatte, folgte ein Jahrhundert, in dem die Plautusforschung, zumal nach dem Auftauchen umfangreicher Papyrusbruchstücke aus Menander, Fr^en der Interpretation beherrschten, insbesondere nach dem Verhältnis des Plautus zu den griechischen Vorlagen sowie den römischen und individuellen Elementen in seinen Stücken''. Demgegenüber traten Arbeiten 47 F. Leo, PF, 55 f. f p . Leo, PF. 62. So insbesondere E. Norden in seiner enthusiastischen Besprechung der .Plautinischen Forschungen' in der Zeitschrift für das Gymnasialwesen 50,1896, 462 ff.; vgl. auch Wilamowitz, Textgeschichte der griechischen Lyriker, 4. E. Norden, Kleine Schriften zum klassischen Altertum, hrsg. v. B. Kytzler, Berlin/New York 1966,128. ' ' Nach Leos eigenen Arbeiten in dem Kapitel .Plautus und seine Originale' in den .Plautinischen Forschungen' 87 ff. und in seiner .Geschichte der römischen Literatur'. Berlin 1913, 93 ff. grundlegend E. Fraenkel. Plautinisches im Plautus. Berlin 1922 (ital. Übers, mit Nachträgen: Element! Plautini in Plauto, Florenz i960); zu Forschungen aus neuerer Zeit vgl. K. Gaiser. Zur Eigenart der römischen Komödie: Plautus und Terenz gegenüber ihren griechischen

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zur Textkritik, aber auch zur plautinischen Sprache, Prosodie und Metrik, wie sie im 19. Jahrhundert blühten, zunehmend in den Hintergrund, da ihnen durch die Ergebnisse der Leoschen Textgeschichte das sichere Fundament entzogen schien: Aus einer so tiefgehend verderbten Überlieferung, wie sie in Leos Augen für Plautus vorliegt, lassen sich schwerlich sichere Aussagen über sein Idiom, seinen Satz- und Versbau ableiten. Auf Leos Textgeschichte beruft sich daher auch bis heute die kühle Skepsis, die den energischen Bemühungen entgegengebracht wird, der Überlieferung den ursprünglichen Komödientext des Plautus abzugewinnen'^. Leos Rekonstruktion der Textgeschichte des Plautus im Altertum ist freilich nicht ohne Widerspruch geblieben. An der Bedeutung, die er dem Grammatiker Probus für die Überlieferung des Plautus beimaß, wurden rasch Zweifel laut"; daß Leo den Archetypus, den er in die hadrianische Zeit datierte, zu früh angesetzt hat, ist inzwischen nachgewiesen worden''*. Gleichwohl gilt seine Untersuchung bis heute als „the basic study of the history of the text in Antiquity"" - gewiß deshalb, weil es noch immer an einer neueren überzeugenden Darstellung über den gesamten Zeitraum der vorhandschriftlichen Überlieferung fehlt, die die gemeinsame Verderbnis und die individuelle Varianz, die die beiden antiken Ausgaben, aber auch die Zitate der antiken Sekundärüberlieferung aufweisen, aus der Geschichte des Textes überzeugend erklärt. Eine solche Gesamtdarstellung versuchte W. M. Lindsay in seinem Buch ,'Ihe ancient editions of Plautus''^ zu geben, in dem er in der Textrezension des Ambrosianus weitestgehend den ursprünglichen Wortlaut des Plautus, in der palatinischen Rezension hingegen den durch die Wiederaufführungen verfälschten „revival text" erhalten sieht: der Ambrosianus gehe unmittelbar auf Plautus selbst, die Palatini auf einen Textzustand der späten Republik zurück; beide Ausgaben seien lediglich durch spätere grammatische Tätigkeit zu einem gewissen Grad verfälscht und einander angeglichen worden. Lindsays Rekonstruktion scheitert jedoch an den von ihm zu Unrecht hartnäckig bestrittenen gemeinsamen Vorbildern, A N R W 1 1 , Berlin/New York 1972,1027 fF. und P. G. M c C . Brown, Gnomon 67, 1995, 676 ff. Vgl. H. D. Jocelyns Besprechung von O . Zwierlein, Zur Kritik und Exegese des Plautus I, in: Gnomon 6j, 199}, 126: „Leos account of the text... has in fiict highly disturbing implications for anyone who wants to isolate the 'real' Plautus." " Vgl. z. B. die Zweifel in den Besprechungen der .Plautinischen Forschungen' durch O . Seyffert, BPhW 16, 1896, 236 £ und H. Schenkl, D L Z 18, 1897, 213 f.; mit gewichtigeren Einwänden dann I. Aistermann, De M . Valerii Probi Berytii vita et scriptis, Diss. Bonn 1909,7 £ C . Questa, Numeri innumeri. Ricerche sui cantica e la tradizione manoscritta di Plauto, Rom 1984, 23-129; eine spätere Datierung hatte bereits G . Pasquali, Storia della tradizione e critica del testo, Florenz ^971, 339 £ vermutet. " R. Tarrant, .Plautus', in: L. D . Reynolds (Hrsg.), Texts and Transmission. A Survey of the Latin Classics. Oxford 1983. 302. Oxford 1904. Z u Lindsays Plautusforschungen vgl. H. D. Jocelyn, W. M. Lindsays Oxford Career. in: H. D . Jocelyn (Hrsg.), Aspects of nineteenth-century British Classical Scholarship. Liverpool Classical Papeis No. 5, Liverpool 1996, i i o £

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Fehlern des Ambrosianus und der Palatini, die sich nur dadurch erklären lassen, daß beide Ausgaben von einer gemeinsamen (bereits verderbten) Vorlage abhängen57. Sie hat in der Folgezeit zwar erstaunlich viel Beachtung gefunden; eine ernstzunehmende Alternative zu Leos Erklärung für das Zustandekommen der handschriftlichen Tradition gibt sie aber nicht''. G. Pasquali deutet in seinem knappen Abriß der plautinischen Textgeschichte Modifizierungen gegenüber Leo lediglich in Thesen an, versucht aber keine umfassend begründete Neubewertung der Tradition''. Wichtige Vorarbeiten hierfür leisten aus jüngerer Zeit neben den bereits erwähnten Arbeiten von Questa^° drei reichhaltige Aufsätze von H. D. Jocelyn über die indirekte Überlieferung des Pseudolu^^, die freilich zuvörderst den Wert der Zitate für die Konstitution des Pseudolustextes prüfen und in ihrer Beschränkung auf ein Stück nicht zu einer Neubewertung der Überlieferung des gesamten Corpus gelangen können. An Leos grundsätzlich skeptischer Einschätzung der Überlieferung scheint Jocelyn auch nach seinen eigenen Untersuchungen festzuhalten®^. Der hier skizzierte Forschungsstand rechtfertigt eine erneute Untersuchung der Geschichte des Plautustextes im Altertum. Das Wissen um das Schicksal des Textes in seiner frühen Phase ist, wie Leo gelehrt hat, unentbehrliche Voraussetzung für die Einschätzung der handschriftlichen Überlieferung; jedes Edieren auf der Grundlage der Handschriften ist blauäugig, wenn es nicht mit einer genauen Vorstellung von der frühen Textgeschichte einhergeht. Die Kritik, die an Leo laut wurde, und die unsicheren und hypothetischen Punkte, die in seiner Rekonstruktion nachgewiesen wurden, geben Anlaß zu der Hoffnung, ein neues Bild vom Zustandekommen der Tradition zu gewinnen, das den lähmenden Skeptizismus überwindet, zu dem Leos Textgeschichte führte. Jede Neueinschätzung hat freilich nur dann eine Möglichkeit zu bestehen, wenn sie den gesamten Zeitraum von den Uraufführungen bis zum Einsetzen der direkten Überlieferung berücksichtigt; jede Rekonstruktion muß, was bislang allein Mit Verweis auf die gemeinsamen Fehler hat bereits Leo in seiner Besprechung des Buches in GGA 166, 1904, 358 fF. Lindsays Thesen widerlegt; Lindsays zahlreiche Erwiderungen (zusammengestellt von H. D. Jocelyn, W. M. Lindsays Oxford Career, iii, Anm. 113) fruchten nichts. ''Vgl. zuletzt zu Recht H. D. Jocelyn, Studies in the Indirect Tradition of Plautus' Pseudolus I: Ruiinus, Pliny, Varro, in: Filologia e forme letterarie. Studi ofFerti a Francesco della Corte, Bd. II, Urbino 1987, 58 f. mit unäingreicher Forschungsliteratur in Anm. 13. " Storia della tradizione e critica del testo, 331-354^°Vgl. oben, Anm. 54. Neben dem oben zitierten Au^atz s. H. D. Jocelyn, Studies in the Indirect Tradition of Plautus' Pseudolus II: Verrius Flaccus' De significatu uerborum, in: Studi di filologia classica in onore di G. Monaco, Bd. II, Palermo 1991, 569 ff, Studies in the Indirect Tradition of Plautus' Pseudolus III: The Archaising Movement', Republican Comedy and Aulus Gellius' NoctesAtticae, in: Vir bonus discendi peritus. Studies in Celebration of Otto Skutsch's eightieth birthday, BICS Suppl. 51, London 1988,57 ff Vgl. oben, Anm. 52.

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Leo gelungen ist, eine Erklärung finden für die gemeinsame und individuelle Verderbnis der vorliegenden Überlieferung. Das Material, über das eine neue Untersuchung zum jetzigen Zeitpunkt verfugt, ist gegenüber dem, auf das Leo 1895 zurückgreifen konnte, kaum erweitert. Die Zeugnisse der Sekundärüberlieferung liegen seit der großen, 1894 fertig gestellten Teubnerausgabe Ritschis und seiner Schüler Schoell, Goetz und Loewe^' vollständig gesammelt vor. Die Kollation des Ambrosianus gilt seit Studemunds 1889 veröffentlichter Abschrift als abgeschlossen^'^. Ein 1919 bekannt gemachtes Unzialfragment aus der Vidularia entlarvte nach vorangehenden Zweifeln der Paläographen eine chemische Untersuchung als neuzeitliche Fälschung®'. Erweitert wurde lediglich die Kenntnis über das antike Exemplar der Palatini durch Lindsays Entdeckung der Duarenschen Kollationen des verlorenen Codex Turnebi in einem in der Bodleian Library aufbewahrten Exemplar der Plautusausgabe des Gryphius (Lyon 1540): Der dem mittelalterlichen Archetypus der Palatini stemmatisch gleichwertige Codex Turnebi weist eine Reihe von Fehlern der palatinischen Handschriften als mittelalterlich aus, von denen das antike Exemplar noch frei war®®. Dagegen erwiesen sich die interessanten Lesarten einer fragmentarisch erhaltenen, vermeintlich mittelalterlichen Handschrift (Duke University Nr. 123) als Humanistenkonjekturen, nachdem das Fragment zu Recht in das 15. Jahrhundert herabdatiert worden ist®7. Eine jüngere Arbeit über jene Handschriften der palatinischen Tradition, die die ersten acht Stücke überliefern, hat deren Stemma modifiziert und macht eine weitere Untersuchung zur mittelalterlichen und frühhumanistischen Plautustradition erforderlich; auf die Textgeschichte im Altertum bleibt dies aber ohne Auswirkung®^. T. Macci Plaut! Comoediae. recensuit instrumento critico et prolegomenis auxit Fridericus Ritschelius sociis operae adsumptis Gustavo Loewe Georgio Goetz Friderico Schoell, l o Faszikel, Leipzig 1871-1894. Der erste Faszikel, Ritschis zweite Ausgabe des Trinummus, wurde 1884 von Schoell neu bearbeitet. ^••W. Studemund, Codicis rescripti Ambrosiani apographum, Berlin 1889; aber zuletzt A. Gratwick, Brauchen wir einen neuen Plautus?, in: E. Stärk-G. Vogt-Spira, Dramatische Wäldchen. FS für E. Leftvre zum 65. Geburtstag, Hildesheim/Zürich/New York 2000, 327 f. und 343. H. Degering, Über ein Bruchstück einer Plautushandschrift des vierten Jahrhunderts, Sitzungsb. preuss. Ak. Wiss. 1919, 468 ff. und 497 ff.; das Ergebnis der chemischen Überprüfung ist mitgeteilt von E. Norden, Das gefälschte Plautusblatt, Sitzungsb. preuss. Ak. Wiss. 1924, 163. Eine kurze Anspielung auf diese Fälschung findet sich bei Wilamowitz, Geschichte der Philologie, i8. ^^ Vgl. M. L. Lindsay, The Codex Turnebi of Plautus, Oxford 1898 (mit Facsimile); ders., Plauti codicis Senonensis (T) lectiones, Philologus Suppl. 7, 1899, 119 ff. (Zusammenstellung der Lesarten). Vgl. C. Questa, Un codice Plautino fiilsamente creduto del sec. X-XI, Maia 35,1983,151 ff. (gegen R. Tarrant, .Plautus', 304). ® K. H. Chelius, Die Codices minores des Plautus. Forschungen zur Geschichte und Kritik, Baden-Baden 1989.

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Wenn daher die folgende Untersuchung bei einer im Kern unveränderten Quellenlage zu einer überzeugenden Neudarstellung der Textgeschichte des Plautus gelangen soll, muß sie anders vorgehen, als es Leo tat. Von skeptischen Stimmen ist sein textgeschichdiches Kapitel der .Plautinischen Forschungen' als eine „Konstruktion"®' oder auch eine „Theorie''^® bezeichnet worden. Dagegen hat sich Leo energisch zur Wehr gesetzt; im Nachtrag zur zweiten Ausgabe der ,PIautininischen Forschungen' spricht er von einer „historischen Untersuchung", in der „alles sichere Schritte" sind^'. Der Eindruck einer Konstruktion drängt sich trotzdem auf, freilich nicht weil Leo die Textgeschichte des Plautus isoliert oder abstrakt behandelt hat oder seinem eigenen Grundsatz untreu geworden ist, daß „jede Geschichte eines lateinischen Textes ein Teil der Geschichte und Kultur des römischen Volkes und nur im Zusammenhang mit dieser zu verstehen ist"7^. Auch wenn die Begriffe ,Nachleben' oder gar .Rezeptionsgeschichte' nicht fallen, ist die Textgeschichte durchgehend in diesem umfassenderen kulturgeschichtlichen Zusammenhang gesehen, indem die Gestalt, die der Text zu einer bestimmten Zeit annimmt, festgemacht ist an den jeweils zu einer Zeit in Erscheinung tretenden Benutzern oder Rezipienten des Textes - etwa Theaterdirektoren, Grammatikern oder Liebhabern unterschiedlichen Bildungsstandes. Den Charakter einer Konstruktion verleiht seiner Darstellung nicht die Vernachlässigung der historischen Verhältnisse^', sondern vielmehr die schematisierende Generalisierung, mit der Leo die maßgeblichen Zeitströmungen zu erlassen und aus ihnen als geradezu zwangsläufig wirkenden Faktoren die Gestaltung des Plautustextes abzuleiten sucht, dabei jedoch die individuellen Rezeptionsdokumente vielfach unbehandelt läßt. So entsteht in aller Kürze ein Gesamtbild vom Ablauf der Überlieferung, das ohne Widersprüche bleibt und durch seine Geschlossenheit beeindruckt, sich aber gerade wegen seines Modellcharakters der Einzelkritik geradezu entzieht, die bezeichnenderweise dort angesetzt hat, wo Leo zum einzigen Mal ein Rezeptionsdokument ausfuhrlich interpretierend behandelt: an Suetons Darstellung der philologischen Tätigkeit des Probus^^. Grundsätzlich bedenklich wird Leos Verzicht auf eine Behandlung der individuellen Zeugnisse dann, wenn sie sich nicht den entworfenen Grundtendenzen fugen. So leitet er aus der (unbestreitbaren) antiarchaischen Strömung der frühen Kaiserzeit den Verlust der O . Seyffert, B P h W 16,1896, 238. ^"•W. M . Lindsay, Classicai Review 10,1896, 207; ebenso in seinen Ancient Editions', 144. PF, 58 und 60. So beurteilt sie auch Norden, 2^itschrift für das Gymnasialwesen 50, 1896, 462 fF., der Leos Textgeschichte als eine bewiesene historische Tatsache zusammen&ßt. PF, 60. In diese Richtung zielen die von K. Büchner, Überlieferungsgeschichte der lateinischen Literatur des Altertums, 311 fF. erhobenen Bedenken gegen die textgeschichdichen Arbeiten Wilamowitzscher Prägung; doch ist weder bei Leo noch bei Wilamowitz (man denke etwa an das Tyrtaios-Kapitel in der Textgeschichte der griechischen Lyriker!) die Textgeschichte von der jeweiligen ^ i t g e s c h i c h t e isoliert betrachtet. PF, 23 fF.; zur Kritik vgl. oben, 12 mit A n m . 53.

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frühlateinischen Dichtung in Rom ab, aus der (ebenso unbestreitbaren) Dominanz des Terenz im Rhetorikunterricht der Spätantike die Nichtbehandlung des Plautus. Beide Schlüsse sind voreilig; für beide Epochen lassen sich Zeugnisse für ein Nachwirken des Plautus anfuhren. Die folgende Untersuchung ist somit von Grund auf anders angelegt als die Darstellung Leos. Sie nimmt ihren Ausgang von den überlieferten Rezeptionsdokumenten selbst, den Zitaten und Imitationen, den antiken Urteilen und Interpretationen der Komödien. Für ihre Auswertung bilden die jeweiligen literarischen Strömungen, die Ausrichtung der Grammatik und die Vorlieben der Schule den Hintergrund. Insbesondere aus dem reichen exegetischen Schrifttum zu Plautus, das bislang einseitig als antikes Hilfsmittel für die neuzeidiche Erklärung des Komödientextes herangezogen, aber nicht hinreichend als den Primärtext ihrer 2^it vermittelnde und aktualisierende Literatur verstanden worden ist^', kommt das Interesse zum Vorschein, auf das die plautinischen Komödien in der Antike gestoßen sind; die Ausrichtung und Ziele der Erklärung gestatten ihrerseits Rückschlüsse auf die Breite seiner Rezeption, den Bildungsstand seiner Leser und schließlich die Geföhrdung, der ein Text in den Händen seiner Leser ausgesetzt ist. Arbeiten aus jüngster Zeit, die der Ausrichtung und den Grundsätzen der Exegese der wichtigsten erhaltenen römischen Kommentare gewidmet sind^®, haben auch für das Verständnis der Rezeption der Primärautoren einen beträchtlichen Gewinn abgeworfen^^. Daher scheint es vielversprechend, derart ausgerichtete Untersuchungen auch für die größtenteils nur fragmentarisch erhaltenen Reste der antiken Plautuserklärung anzustellen. Wenn auf diese Weise erstmals die Rezeptionsgeschichte der plautinischen Komödien im Altertum zusammenhängend aus den Dokumenten selbst erarbeitet wird^®, so sollte bereits dies den gegenüber Leos knapp gefaßtem Abriß Zur theoretischen Klärung dieser Funktion von kommentierender Literatur waren wichtig M. Foucault, Die Ordnung des Diskurses, Frankiiirt 1991,18 fF. [innzösische Erstausgabe Paris 1972] und die Arbeiten Jan Assmanns über die dem Bedürfnis nach Erinnerung erwachsene Speicherfunktion von Schriftlichkeit; vgl. etwa A. und J. Assmann-C. Hardmeier (Hrsg.), Schrift und Gedächtnis. Archäologie der literarischen Kommunikation I, München 1983; J. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und polltische Identität in fnihen Hochkulturen, München 1992. Speziell zum Kommentar vgl. zuletzt die Auisatzsammlungen von J. Assmann-B. Gladigow (Hrsg.), Text und Kommentar. Archäologie der literarischen Kommunikation IV, München 1995 und von G. W. Most (Hrsg.), Commentarles - Kommentare, Göttingen 1999. R. Jakobi, Die Kunst der Exegese im Terenzkommentar des Donat, Berlin/New York 1996; A. Uhl, Servlus als Sprachlehrer. Zur Sprachrichtigkeit in der ex^etischen Praxis des spätantiken Grammatikerunterrlcha, Göttingen 1998 (wichtig bereits das Serviuskapltel in dem Buch von R. A. Kaster, Guardians of Language: The Grammarian and Society in Late Antlqulty, Berkeley 1988, 169 fF.); S. Diederich, Der Horazkommentar des Porphyrio im Rahmen der kalseizeltlichen Schul- und Bildungstradition, Berlln/New York 1999. n Vgl. zuletzt zu Servlus D. Fowler, The Virgil commentary of Servlus, in: C. Martindale (Hrsg.), The Cambridge Companion to Virgil, Cambridge 1997, 73 fF. Eine wichtige Vorarbeit für eine entsprechend angelegte Rezeptionsgeschichte des Ennlus hat jüngst H. Prinzen, Ennius im Urteil der Antike, Stut^art/Weimar 1999 geleistet, der

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beträchtlich angewachsenen Umfang rechtfertigen, den die folgende Untersuchung angenommen hat. Ihr letzter Zweck freilich bleibt die Rekonstruktion der Textgeschichte und die aus ihr gewonnene Neubewertung der Überlieferung, in der die Veränderungen festgeschrieben sind, die der Text in den Händen seiner Benutzer erÜtten hat. Die aus der Rezeption abgeleitete Textgeschichte muß sich zu jedem Zeitpunkt an dem Textzustand selbst bewähren, wie er aus den Zitaten, später auch aus der gemeinsamen und individuellen Verderbnis der direkten Uberüeferung ersichtlich wird. Eine Synthese gibt erst das Schlußkapitel. Wenn darin gefolgert ist, daß der "Wi^ von den erhaltenen Textzeugen zurück zum Autor nicht hofihungslos verbaut ist, die Verderbnisse der Komödien des Plautus sich in denselben Bahnen bewegen wie die zahlreicher anderer antiker Autoren auch, die etablierten Mittel emendatorischer Kritik bei jenem nicht weniger greifen als bei diesen, so gründen diese Schlüsse auf dem zuvor dargelegten Material, und eine Untersuchung, die hoffentlich eines Tages als Vorarbeit für eine neue kritische Ausgabe des Plautus dienen kann, hat ihr Ziel erreicht.

die einzelnen Uneile eingehend bespricht und am Ende die Entwicklung der literarischen Wertschätzung des Ennius nachzeichnet. Eine Rezeptionsgeschichte muß darüber hinaus die grammatische Literatur und die Zitate systematisch miteinbeziehen.

I. UraufRihrungen und Wiederaufführungen I. Der Komödientext zu Lebzeiten des Plautus i.i. Entstehungsvoraussetzungen Als Plautus spätestens seit dem Ausbruch des zweiten punischen Krieges begann, Komödien im griechischen Gewand für die römischen Bühnen zu verbissen', war die Palliata als literarische Form des römischen Dramas bereits fest begründet. Livius Andronicus, Verfasser einer lateinischen Version der Odyssee sowie Übersetzer und Interpret griechischer Texte^, hatte im Jahr 240 auf den ludi Romani erstmals ein Stück in lateinischer Sprache auf die Bühne gebracht'; spätestens seit 235 inszenierte auch Naevius in Rom Tragödien und mit besonders großem Erfolg Komödien'^. Mit den Komödien beider Dichter, die griechische Vorlagen übertragen, scheint Plautus vertraut: Von den zwei namendich gesicherten fabulae palliatae des Livius (Gladiolm und Ludius) ist jeweils ein Bruchstück bei Festus überliefert; die Stelle aus dem Gladiolus ist im Curculio imitiert'. Der Einfluß des Naevius auf Plautus ist bei aller Spärlichkeit der Fragmente gesichert durch eine Vielzahl sprachlicher Wendungen und Versgestaltungen, die ihre Entsprechungen bei Plautus haben^. Die für ' Vgl. Gell. 17,21,46, der das floruit des Plautus non nimium lange nach dem Ausbruch des zweiten punischen Krieges ansetzt. Gellius' Quelle ist Varros Schrift de poetis (vgl. H. Dahlmann, Studien zu Varro ,De poetis', Mainz 1963, 46 f.), wo wahrscheinlich das Jahr der ersten Aufluhning einer Komödie des Plautus genannt war. ^ Für sein nihil amplius quam Graecos interpretari rückt ihn Suet. gramm. 1,1-2 in seinem Abriß über die Entstehung der Grammatik in Rom an die erste Stelle; zur Bedeutung von interpretari siehe jetzt Kaster z. St. 3 Zu diesem Epochenjahr siehe E. Fraenkel, .Livius Andronicus', RE suppl. V, 1931,598 f. + Zu den Zeugnissen (Gell. 17,21,44-45 (nach Varro) und Cic. Brut. 60) s. Leo, PF, 67-69. Zu seinem Erfolg als Komödiendichter gegenüber Livius vgl. nur den Katalog des Volcacius Sedigitus fi'g. i Courtney (Naevius steht darin auf Platz drei der besten Komiker; Livius ist nicht erwähnt) und Leo, PF, 90, Anm. i. ' Vgl. Liv. Andr. com. 1 pulicesne an cimices an pedes? responde mihi, mit *Curc. 500 ... cimices pedesque puUcesqiu. Die beiden Stellen sind gemeinsam aufgeführt bei Fest. 230,18 ff. Zu dem seltenen Wort pedis fiir pediculus ,Laus' vgl. neben der Festusstelle HiLL X i, 978,36 ff. Den beiden Stellen vergleichbare Zusammenstellungen parasitärer Insekten finde ich in der griechischen Komödie nur noch Aristoph. Plut. 537 cpSetpüv x' (xpi9(ji6v x a l xcovconcov x a l (JiuXXßv in einem Zusammenhang belegt, wo keine Übertragung der Schädlinge auf den Menschen erfolgt. ^ Eine einschlägige Zusammenstellung mit vorzüglichen Erläuterungen gibt E. Fraenkel, .Naevius', RE Suppl. 6,1935, 628-630.

I. Der Komödientext zu Lebzeiten des Plautus

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Plautus charakteristische Vielfalt der Metra im Unterschied zur griechischen Nea ist bei Naevius bereits vorgeprägt^, ebenso die Vorliebe für adjektivische Komödientitel auf -aria (seil, fabuldf. Hinsichtlich der literarischen Technik bezeugt Terenz (Andr. 15-21) für Naevius, Plautus und Ennius die Kontamination', den Fragmenten des Naevius selbst ist mit Sicherheit bereits eine Romanisierung der Vorlagen, das Einmischen römischer Lebenswirklichkeit in die Welt der vornehmlich in Attika spielenden griechischen Originale zu entnehmen, die auch für Plautus charakteristisch ist'°. Die Gemeinsamkeiten machen deudich, daß Plautus mit den Stücken des Livius und insbesondere denen des Naevius genau vertraut war". Da er deren Komödien nicht in einer Buchausgabe (die es nicht gab") studieren konnte, dürfen wir schließen, daß der gebürtige Umbrer*' Plautus bei seiner Ankunft in Rom im Umfeld der dort wirkenden Bühnendichter den Theaterbetrieb aus erster Hand kennenlernte'^, sich dort insbesondere auch die griechische Sprache aneignete*', deren sichere Beherrschung seine meisterhafte Bearbeitungstechnik hinreichend beweist, wie sie jetzt durch die Entdeckung der Fragmente aus Menanders Alq ^^artaTtöv, der Vorlage der Bacchides, unmittelbar hervortritt'^. Ob man aus der Abhängigkeit des Plautus insbesondere von Naevius schließen darf, daß er bei dem älteren Komiker in die Lehre gegangen ist, sei dahingestellt - auf Grund ähnlicher Übernahmen hat die antike biographische ^ E. Fraenkel, .Naevius', 632-634. ' E . Fraenkel, .Naevius', 632. Für Naevius bezeugt sind die Titel Carbomria, Clamidaria, CoroUaria, Nervularia [Ritsehl; Herularia codices Nonii 151,1], TesHcularia, Tunicukria. 9 Zum Begriff und zur Terenzstelle s. unten. 26 f. Naev. com. 21 folgt auf die Frage qtus heri apttd te? die Antwort Praenestini et Lanuvini hospites. Vgl. Leo. PF, 93; Fraenkel. .Naevius'. 631 f. " Zum Einfluß des Livius und Naevius auf den Werdegang des Plautus knapp bereits Leo, GRL, 95-

" Zur Zeit des Plautus gab es in Rom noch kein Buchwesen und keine Bibliotheken; vgl. die Testimonia bei Funaioli. GRF, XXV ff. und C. Wendel. .Das griechisch-römische Altertum', Handbuch der Bibliothekswissenschaft, Bd. 3, Wiesbaden 1953,111 f. Aus Ter. Hec. 13, 24-27 geht hervor, daß es auch noch für die Komödien des Caecilius keine andere Form der Veröffentlichung gab als die AufRihrungen selbst. '' Festus 274,12 f nennt das umbrische Sarsina als Gebunsort; die Auskunft stammt wohl aus Varros de poetis und dürfte auf die AufRihrungsunterlagen der festgebenden Beamten zurückgehen; vgl. Leo, PF, 81. '"•Nach Gell. 3,3,14 hat Plautus vor seiner Tätigkeit als Bühnendichter sein Geld in operis anificum scaenicorum verdient, womit wohl eine Tätigkeit gemeint ist, die der des heutigen Regieassistenten entspricht. Die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses ist freilich nicht gesichen; s. unten. 68-71 (dort auch Anm. 42 zum Verständnis des schwierigen Ausdrucks). ''Angesichts der durch Sueton bezeugten Vermitdung der griechischen Literatur durch Livius Andronicus scheint es mir nicht berechtigt, die Frage, vtrie sich Plautus seine Kenntnis der griechischen Komödie erworben hat, mit G. E. Duckworth. The Nature of Roman Comedy, Princeton 1952. 51 als ..one of the puzzles of ancient literature" zu bezeichnen. Zu den Fragmenten des AI? ^^aitaxöv (POxy 4407) s. jetzt die Ersuusgabe von E. W. Handley in Bd. 54 der Oxyrhynchus-Papyri, London 1997.14 ff.; zur Bearbeitimgstechnikdes Plautus s. Zwierlein I. 24 ff. und IV. 248 ff.

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I. Urauffiihrungen und Wiederaufführungen

Tradition Menander als einen Schüler des Alexis betrachtet'^ in jedem Fall steht Plautus in der von Livius Andronicus begründeten und von Naevius mit großem Erfolg fortgesetzten Tradition der Palliata. Es mag Zufäll sein, daß die Anspielung Mil. 211 f. auf die Inhaftierung des Naevius (und damit auf das Ende von dessen dramaturgischer Tätigkeit in Rom)'* die früheste sichere Datierung eines plautinischen Stückes zuläßt; in jedem Fall drängt sich der Eindruck auf, daß Plautus im letzten Jahrzehnt des dritten vorchrisdichen Jahrhunderts in die Nachfolge des Naevius als des fuhrenden Vertreters der Palliata in Rom getreten ist.

1.2. Auffuhrungen, Autographen, Überlieferungsbedingungen bis zum Tod des Plautus Die plautinischen Dramen kamen auf den jährlich stattfindenden öffentlichen Spielen in Rom (den Ludi Romani, Ludi Plebei, Ludi Apollinares [seit 212], Ludi Megalenses [mit szenischen Auffuhrungen wohl seit 194]) auf die Bühne, die von den kurulischen und plebeischen Ädilen und dem städtischen Praetor gegeben wurden; weitere Möglichkeiten zu Aufführungen boten die an einen konkreten historischen Anlaß gebundenen, also unregelmäßig stattfindenden Votivspiele für Tempelweihungen und Triumphe sowie Totenfestspiele''. Die festgebenden Beamten, deren weitere politische Karriere auch vom Erfolg der auf den Spielen gebotenen szenischen Darbietungen abhängig war, überließen die Inszenierung der Stücke einem Theaterdirektor, dem dominus gregis, der eine Truppe von Schauspielern leitete, mit diesen das Stück einstudierte und (wie etwa Ambivius Turpio) selbst mitauftrat. Das Stück erwarb er in Absprache mit den festgebenden Beamten von einem Dichter, der sein Manuskript an den Schauspieldirektor für einen festen Kaufpreis abtrat, der vom späteren Erfolg oder Mißerfolg der Aufführung unabhängig war. Mit dem Verkauf ging das Stück des Dichters in den Besitz des Schauspieldirektors über, der seinerseits je nach dem Erfolg der Aufführung von den festgebenden Beamten entlohnt wurde^°. Diese notierten in ihren Amtsbüchern Titel und Autor des Stückes Men. test. 3 K.-A. (aus einem anonymen Traktat Tcepl x o i J K p S t a « ; ) : a u v 8 i a T p t ( l > a ( ; 5 e Tot 7toXX& AXe^iSi Onö XO,

21 22 23

niÄYEipe, xoOxwv oC(8ev, oCi8e ßoiiXonai."

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Hier hat der Bearbeiter aus dem ursprünglichen Schluß von Vers 23 oOx ol8', fe'cpTiv das Versende oüxouv, ^'971 seines eigenen Verses 22 gewonnen; in seiner 101 Vgl. D. P^e, Select Papyri III: Literary Papyri. Poetry, London 1950, 261 ff.

3- WiederaufRihrungcn des Plautus

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Fassung von Vers 23 hat er dann der Variation wegen oüx ol8',fe'cpT)vdurch oü ^iav6(iva) ersetzt. Ein vergleichbares Verfahren des Piautusbearbeiters hätte zur Folge, daß seine Zusätze entweder unentdeckt bleiben müßten oder ihr Herauslösen auch eine Beseitigung ursprünglich plautinischer Textsubstanz nach sich zöge. So wenig dies für die Plautusbearbeitung ausgeschlossen werden kann, so sehr weist jedoch die aus den Interpolationen sichtbar werdende Bearbeitungstechnik in eine andere Richtung'"'. Statt einer Scheu vor Wiederholungen, die den Stratonbearbeiter veranlaßt hat, Vers 23 umzuformen, zeigt der Plautusbearbeiter vielmehr eine Vorliebe daiur, an den Nahtstellen seiner Zusätze die plautinische Formulierung aufzugreifen und mit ihr seinen Zusatz einzuleiten. Ganz deutlich tritt diese Technik beispielsweise in dem Zusatz Bacch. 393b-403a hervor, wo der Bearbeiter die Anknüpfung seines Zusatzes 393b sedeccum video incedere genau nach den Worten formuliert, mit denen im ursprünglichen Zusammenhang der Monolog des Mnesilochus in 403b sedeccos video incedere fortgesetzt war*®! Die dankbar aufgegriffene plautinische Formulierung liefert den Ausgangspunkt fiir den Einschub von zweiter Hand. Dieses Verknüpfungsverfahren, das in zahlreichen weiteren Einschüben ebenfalls zum Vorschein kommt"°5, deutet auf einen das Original fortsetzenden, nicht auf einen dieses umschreibenden Bearbeiter. Eine Modernisierung der plautinischen Metrik durch den Bühnenbearbeiter vermutete A. Thierfelder in zwei interpolierten Versen'®^, die in enger Anlehnimg an den Wortlaut des jeweils ursprünglichen Verses diesen offensichtlich allein wegen der bereits bei Terenz nicht mehr nachweisbaren metrischen Lizenzen in den loci J a c o b s o h n i a n i ' ° 7 ersetzen sollen. So vermeidet Trin. 788 ff. (P) (sed epistulas quandq opsignatas ^mt} sed qMpm opsignatas attuhmt epistulas, nonne arbitraris ... adulescentulum ... Signum novisse?

788 788a

789

der interpolierte Vers 788 die in dem (von den Palatini einheidich überlieferten) Vers 788a in attulerit vorliegende Kürze in der vierten Hebung des Senars; As. 249 ff. (P) henle vero, Libane, nunc te meliust experpscier atque argento cgmparandfi fingere

fiUlaciam.

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S. hierzu auch Zwierlein I, 81, Anm. 152 und II, 235. Vgl. hierzu Zwierlein IV, 249 fF. Vgl. vorläufig Zwierleins Register FV, 351 „Verfiigungstechnik der Bearbeiter durch Wiederaufgreifen eines Stichwortes". Im Orestes des Euripides sind die interpolierten Verse 588-590 mit dem An&ngswon von 591 öp^? eingeleitet; in den Phoenissen beschließt der Vokativ Kpeov, das Schlußwort von Vers 867, auch die Interpolation 868-880. A. Thierfelder, De rationibus interpolationum Plautinarum, Leipzig 1929, 86 f. Benannt nach ihrem Entdecker H. Jacobsohn, Quaestiones Plautinae metricae et grammaticae, Diss. Göttingen 1904.

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I. Urauffiihrungcn und WiederaufRihrungcn iam diu estfactum, quam discesti ab ero atque abiisti adforum. igitur imeniundo argento utfingeresfaUaciam.

scheint 252 eine versprengte (und vielleicht in Folge eines nachträglichen Harmonisierungsversuches am Anfang verderbte) Ersatzfassung für 250 zu sein, in dem die in fingere vorliegende kurze Silbe in der sechsten Hebung des Septenars beseitigt werden sollte. Die nicht mehr verstandene Lizenz der plautinischen Metrik hat an beiden Stellen den Interpolator veranlaßt, den jeweiligen Vers unter möglichst engem Anschluß an den ursprünglichen Wortlaut zu normalisieren. Das von Thierfelder angesetzte hohe Alter der beiden interpolierten Verse beide finden sich in Partien, fiir die der Ambrosianus nicht zur Verfugung steht - ist jedoch keineswegs gesichert. Denn der Plautusbearbeiter gestattet sich den Hiat an der Jacobsohnschen Lizenzstelle in dem sicher interpolierten'"' Septenar Merc. 619 nec tibi istuc magis dividiaest quam mihi hodiefuif, kurze Silbe läßt an dieser Stelle zweimal der Togatendichter Titinius zu (45 parasitos amovi, lenonem aedibüs absterrui-, 105 ipsus quidem hercle ducere sane nevolt)-, kurze Silbe und Hiat der in der Zeit der Wiederaufführungen wirkende Togatendichter Afranius (176 venire et mecum speratum adducerey°^. Man sieht, wie eine von Terenz gemiedene metrische Lizenz in der Togata ebenso weiterlebt wie bei dem (an der Togata geschulten) Plautusbearbeiter"®. All dies spricht dafür, die beiden metrischen Ersatzfassungen nicht den Bühnenbearbeitern, sondern erst sehr viel späteren Interpolatoren zuzuweisen"'. Eine Modernisierung der plautinischen Sprache infolge der Bühnenbearbeitungen wurde schließlich insbesondere von den Gelehrten vermutet, die zur Behebung des Hiats auch nicht bezeugte archaische Formen in den Plautustext einsetzten, von denen bereits Varro und Cicero keine Kenntnis mehr hatten, die also bereits in den Texten des ersten vorchristlichen Jahrhunderts vollständig beseitigt gewesen sein müssen. Besonders ausfuhrlich ist diese Überlegung entfaltet in Ritschis Untersuchung über Auslautendes D im alten Latein'"^, in der Ritsehl die Schauspieler und Regisseure für den vermeintlichen Verlust des von ihm für Plautus (zur Hiatvermeidung) geforderten auslautenden -d"^ Vgl. oben, 33,Anm.87. 109 5 hiatu qui in &agmentis priscae poesis Romanae invenitur, Diss. Göttingen 1917, 79 (F., wo weitete Belege für Hiat und brevis in longo in den Jacobsohnschen Lizenzstellen bei den frühen Szenikern gesammelt sind. Vgl. auch unten, 362-376. Zu späten, von der Überlieferung dokumentierten Revisionen des Metrums s. unten, 331 f. Dagegen bereits unmittelbar nach dem Erscheinen T. Bergk, Auslautendes D im alten Latein. Ein Beitrag zur lateinischen Granunatik, Halle 1870. "3 Daß diese Formen auf Inschriften zur Zeit des Plautus noch bezeugt sind, besagt in Wahrheit nichts für die Sprache des Plautus, da sich auf Inschriften Archaismen länger halten; s. B. Mau-

3- Wiederaufführungen des Plautus

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in den Ablativformen, zudem auch in Imperativformen und bei Präpositionen und Adverbien, verantwortlich macht: Wird sich nun jemand vorstellen, dass fiir irgend eine nachplautinische Auffuhrung Plautinischer Stücke... irgend ein dominus gregis, sei es noch im 6ten oder schon im 7ten Jahrhundert, werde seine Schauspieler eine Sprache haben reden lassen, die den Zuschauern der Gegenwart als eine durchaus fremdartige, lächerlich altfränkische vorkommen musste? ... einzelne verschollene Alterthümlichkeiten konnten sogar als pikante Würze wirken und ein behagliches Wohlgefallen erregen ..., aber ... ein (über med ted hinaus) durchgefuhnes Ablativ-^/ wäre späteren Ohren ohne Zweifel unerträglich gewesen."^

Doch wenn sich Ritsehl in derselben Abhandlung die Verstechnik des frühlateinischen Dramas einheitlich vorstellt, daher die aus der Beseitigung des auslautenden -d resultierenden Hiate dem Bühnenbearbeiter ebenfalls nicht zutraut und för ihn eine zusätzliche, den Hiat vermeidende Umformung des ursprünglichen Verses verlangt"', so zeigt sich die Unhaltbarkeit seiner Vermutung, daß die Beseitigung archaischer Formen den Bühnenbearbeitern zuzuweisen sei. Die Überlieferung würde uns eine Textfassung darbieten, in der der Bearbeiter zwar den plautinischen Archaismus ausgemerzt, seine eigene Alternative aber noch nicht niedergeschrieben hätte - gewissermaßen eine Zwischenstufe des Textes, die in Wirklichkeit nie existiert hat. Ritschis eingehende Untersuchung der handschriftlichen Bezeugung von med und W " ® weist bereits auf die Zeit, in die der Verlust der archaischen Formen zu datieren ist: die Grammatiker lulius Romanus (bei Charisius p. 143,20 ff. Barwick) und Diomedes gramm. I 441,17 bezeugen ted für Cure, i; doch von den rund 140 Stellen, an denen die Herausgeber zur Hiatvermeidung med und ted im Plautuscorpus schreiben, sind nur rund 30 in den Handschriften sicher überliefert"^. An den verbleibenden Steilen weisen bisweilen oberflächliche Korruptelen auf das ursprüngliche auslautende -d hin, an mehr als der Hälfte der Stellen aber sind med und renbrecher, Hiatus und Verschleiftmg im alten Latein, Leipzig 1899, iiofF. und M. Leumann, Lateinisclie Laut- und Formenlehre, München 1977, 228 f.; zu Archaismen in der Sakral-, Gesetzes- und Kuralsprache s. Hofmann-Szantyr, 769. Auslautendes A iio. In Parerga, iii f. hatte er noch ganz anders (und richtig) argumentiert. " ' S . seine Überlegungen auf S. 84f. zur Behebung des Hiats in Poen. 1051. "^Auslautendes A 21 ff. Die Belege auch bei Neue-Wagener' II, 353. Hingegen gibt die Plautusüberlieferung keinen Hinweis auf sed, da der „eine sichere Beleg", den die „Überlieferung gerettet" hat (so Ritsehl, Auslautendes D, 33; vorsichtig zustimmend auch Maurenbrecher, 119), Mil. 1275, nicht anzuerkennen ist: sed quid (illa) vult mefacereU # ad sed easY> {adseuteas CD). Ritsehl bezeichnet die CD-Variante als eine „begrifiFlich richtige Correctur"; in Wahrheit überliefert sie den authentischen Text des Plautus, der auf eine Frage mit dem Verb .wollen' in der Antwort stets ut mit Konjunktiv setzt (s. Lodge s. v. ,volo. E seq. stä/iunct. in responso (II 912) und s. V. ,ut post verba cupiendi in responsis (II 933)), während die Verwendung des bloßen Konjunktivs bei Lodge nicht verzeichnet ist. B überliefert eine triviale Minuskelkorruptel {ut verschrieben als d). Vgl. Maurenbrecher, 118 iF., der aber auch zeigt, daß sich in die Überlieferung falsches med und ted an Stellen eingeschlichen hat, wo die Metrik die Synaloephe verlangt.

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I. UraufRihrungen und WiederaufRihrungen

ted durch bloße Konjektur aus me und te hergestellt. Im Ambrosianus ist die alte Form praktisch vollkommen verschwunden"®; der Archetypus der Palatini hat mehr bewahrt, wovon uns die aus ihm hervorgegangenen Handschriften nur noch ein unvollständiges und uneinheitliches Bild bieten"'. Hier wird also ein Korruptionsprozeß greifbar, der aus einem fehlenden Verständnis für die archaische Sprache und die Metrik der Komödien resultiert, der frühestens im zweiten nachchristlichen Jahrhundert beginnt und der von da an freilich durch die gesamte Spätantike fortdauert"®. Daß Ritschi den Verlust der vermeintlich auf -d auslautenden Ablativformen nicht in eben dieser Zeit ansetzte, sondern gerade in der frühesten Phase der Überlieferung, liegt daran, daß sie den Grammatikern und der Sekundärüberlieferung unbekannt sind, sie also, wenn sie tatsächlich einmal vorhanden waren, aus dem Text vollständig verschwunden sein mußten, bevor die philologische Beschäftigung mit dem Plautustext einsetzte"'. Doch Ritschis Schluß ist falsch: Denn hätten die Bearbeiter das auslautende -d (von med und ted einmal abgesehen) tatsächlich systematisch und spurlos ausgemerzt, dann müßten die Handschriften statt der Hiate einen im einfechsten Fall mit einer Vielzahl vokalisch anlautender Monosyllaba interpolierten, jedenfalls einen metrisch einwandfreien Text überliefern; weitergehende Vermutungen, eine spätere Phase der Überlieferung hätte aus Abneigung gegen die Synaloephe diese Monosyllaba wieder eliminiert und den Hiat bereitwillig zugelassen, verbieten sich von selbst*". Gegen die Annahme einer durchgreifenden sprachlichen Modernisierung der plautinischen Komödien in der Phase der WiederaufRihrungen spricht schließlich eine weitere Beobachtung. Wenn etwa Ritsehl den i^itraum zwischen Plautus' Tod und den Wiederaufführungen als einen charakterisiert, in dem sich „in stillem, doch stetigem Fortschritt die stärkste Wandelung der lebendigen Sprache vollzogen" habe, „wie uns ja selbst die kaum ein Vierteljahrhundert jüngere Terenzische Sprachgestalt im Vergleich mit der Plautinischen anschaulich macht""', so trifft ein solches Urteil in Wahrheit nur mit ganz erheblichen Einschränkungen zu: Denn vieles von dem, was bei Terenz nicht mehr belegt ist, was er in dem Bestreben, in seinen Komödien die gehobene Alltagssprache seiner Zeitgenossen festzuhalten, gemieden hat, weil es sich um eine veraltete oder auch zu niedere Form der Umgangsprache handelte, begegnet trotzdem Ritsehl, Auslautendes D, 22; Maurenbrecher 119, Anm. 2. Die von Ritsehl, Auslautendes D, 25 ff behandelten Stellen sprechen für sich. Dazu unten, 316-320. Gegen ein vermeindich weiteres Indiz, das bereits zu Ciceros Zeit verdrängte noenu in Trin. 705, s. unten, 156 f. "'Leos Vermutung (PF, 5), das Eindringen des Hiats in den Plautustext sei durch die „im Beginn der augusteischen Zeit beginnende Abneigung gegen die Synalöphe befördert" worden, hat schon Seyffert (BPhW 16, 1896, 237) als ein ,Austreiben des Teufels durch Beelzebub" verworfen; zum Hiatproblem imd zu Leos verfehlter Charakterisierung der Zeit zwischen Verrius Flaccus und Probus als einer Phase der Verwahrlosung s. unten, 183-186 und 353-35J. Ritsehl, Auslautendes D, 109 f.; ähnlich bereits in den Prolegomena CXLIII*.

3- WiedcraufRihrungen des Plautus

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weiter in Übereinstimmung mit Plautus in der nachterenzischen Bühnendichtung, vor allem in der Togata, aber auch in verdächtigen Partien des Plautuscorpus'^. Ich stelle im Folgenden eine Reihe von sprachlichen Erscheinungen zusammen, die die spätere Bühnendichtung mit Plautus gemein hat, obwohl sie von Terenz gemieden sind. Bei Terenz nicht mehr zu belegen ist das Verbum baetere (= ire) mit seinen C o m posita"'; gleichwohl findet es sich in den wenigen Fr^menten der Togata und der Atellane"^, und von den insgesamt rund zwanzig Belegen im Plautuscorpus steht zumindest Pseud. 254 in einer verdächtigen Partie. Das nach Plautus und Ennius nicht mehr belegte Simplex specer^^'^ übernimmt der Bearbeiter in Bacch. 399, wohin er die Wendung specimen specitur aus Gas. 516 überträgt"®. Von Terenz gemiedenes interibf'^'^ kennt auch Afranius (138); im zweiten Jahrhundert nach Christus verwenden es wieder die Archaisten' Gellius 9,3,6 und Apuleius apol. 73. Daher wird man auch die Pseud. 573a in P überlieferte Variante interea [interibi A ] keineswegs auf den Schreiber des „'revival' text"''° zurückfuhren wollen, sondern auf einen späteren Glossator. Was die Formenlehre des Verbs betrifft, so beschränkt Terenz die Aoristformen''' auf wenige formelhafte Wendungen aus der Gesetzessprache und auf die noch in der Kaiserzeit belegten Formen faxo, faxim etc.''^. In der

"^Vgl. Duckworth, 68 fF. Über den Einfluß des (wohl aus Wiederaufführungen bekannten) Plautus auf die Togatadichter s. Leo, GRL, 380 fF.j über den Einfluß der Togatadichter auf den Bearbeiter des Plautus s. Zwierlein II, 228 iF. Das Wirkungsverhältnis dürfte ein wechselseitiges gewesen sein. S. ThLL II, 1679,36 ff., wo die Composita genannt sind. Aus diesem und den Folgeartikeln zu den Composita ist auch zu entnehmen, daß die Überlieferung das Verb insgesamt nur selten verderbt hat. "^Titinius 17perbiteres-, Pompon. 150 betet [vetet codd. Nonii, corr. Palmer]. Nach Varro ling. Lat. 6,82 ein verbum antiquum, das er mit Enn. ann. 408 Skutsch belegt; zu specere s. Skutsch z. St. Ein weiteres Indiz gegen die Echtheit des Passus Bacch. 393b-403a, dessen auch sonst centohaften Charakter Zvtierlein IV, 248 ff. hervorgehoben hat. Das oflensichdich vulgäre Wort fuhren im Plautuscorpus nur Sklaven im Munde, vgl. W. Ax, Dehiatu, 16 £ '3° Lindsay, Ancient Editions, 74 zieht diese Möglichkeit ebenso in Erwägung wie Petersmann zu Stich. 371, wo P interim (nicht interea, wie Petersmann im Kommentar versehendich angibt) überliefert. Daß interim an der Stichusstelle erst später Glossierung zuzuschreiben ist, beweist die Bezeugung von interibi in dem von Ritsehl, Opusc. II, 266 edierten, in einem Teil der Priscian-Handschriften nach Buch 14 seiner institutiones grammaticae überlieferten glossarium Plautinum. Glossierung weist P vielleicht auch in Mil. 104 auf, wo dem unsinnigen interiuit möglicherweise nicht interibi, sondern interim ut (so B') zugrundeliegt. An allen weiteren der insgesamt neun Belegstellen ist interibi nicht glossiert worden. ''' Zu diesen s. Leumann, 343 f.; Neue-Wagener' III, 506 ff. mit reichem Material. S. Dziatzko-Hauler, Phormio, 72; zur späten Bezeugung vonfaxofaxim etc. s. Neue-Wagener' III. 507.

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I. Uraufführungen und WiederaufRihrungen

Togata blühen sie freilich weiter'^', und auch der Plautusbearbeiter scheint sie nicht zu scheuen'''^. Die Plautus ganz geläufigen Konjunktivformen'" o. ä. meidet Terenz nahezu vollständig; er erlaubt sich lediglich an einer Stelle, Hec. 6io, die Verwendung v o n ^ t in der festen, bereits bei Plautus Pseud. 432 belegten und dann wieder bei den Archaisten Fronto p. 139,7 v. d. H. und Apuleius Apol. 92 begegnenden Verbindung ^ r f ^ a r . Freilich finden wir fiiam Titinius 'i'i,fuas Afranius 280 und fiMnt *Pseud. 1029''^. Der Vokativ puere statt apokopiertem puer begegnet nach Plautus''^ und Caecilius (100) in der Palliata nicht mehr''', wohl aber noch in der Togata des Afranius (193) und in *Bacch. 577, wo Asin. 382 f. imitiert zu sein scheint. Jeweils einmal im Plautuscorpus belegt sind die bei Terenz fehlenden Formen ibus (Mil. 74) und hibtts (Cure. 506), doch bezeugt Nonius 486,15 ff. ibus fiir Titinius (59) und den Atellanendichter Pomponius (104). Die oben untersuchten Formen med und ted verwendet Terenz bereits nicht mehr; sie sind auch in den Fragmenten der nachplautinischen Szeniker nicht überliefert, sondern nur konjiziert - wahrscheinlich zu Recht in Titinius 65, wo die Überlieferung des Nonius 157,8 auf ursprüngliches ted [tet codd.] deutet. Wieviele der im Plautuscorpus überlieferten bzw. hergestellten Belege auf das Konto des Bearbeiters gehen, muß vorerst offenbleiben. Die archaische Form des Genitivs der Substantiva der ersten Deklination auf spondeisch zu messendes -ai ist in den Plautushandschriften in noch höherem Maß beseitigt als die Formen med und ted: Einer einzigen sicher bezeugten Stelle''^ stehen mindestens 30 gegenüber, wo die Wiederherstellung dieser Form •"Afranius 83 formnassint, 264 mactassint. Neue-Wagener i.e. verzeichnen spätere Bel^e u.a. bei Cicero, Lukrez, Catull und Fronto. ' « V g l . Zwierlein IV. 291. Ich zähle für das Corpus über zwanzig, in den Hss. kaum oder nur oberflächlich verderbte Belege fiir alle Formen außer fuamm und fuatis. Die Formen begegnen häufiger in den Langversen, in den Senaren fast nur am Versende; vgl. H. Hafiter, Untersuchungen zur altlateinischen Dichtersprache, Berlin 1934, 115 f. Überliefen sind nur Formen des Simplex; ob in Mil. 595 auch die Form eines Compositums (defiuu [Leo] bzw. eUfiutm [Zwierlein]) einzuführen ist, bleibt unsicher. '3« S. Zwierlein III, 190 ff. Es gibt insgesamt 20, von den Handschriften nur selten zu puer verderbte Belege; die Form wird von Prise, gramm. II 301,1 mit *Merc. 930 Egomet me moror. tu, puere, abi hinc intro ocius als plautinisch ausgewiesen. '''Vgl. Leumann, 92 f. Für Terenz ist puere weder in den Handschriften (was angesichts der guten Überlieferungsl^e bei Plautus - nur an drei der 20 Belegstellen ohne handschriftliche Bezeugung - schwer ins Gewicht fällen muß) noch durch die Graimnatiker bezeugt. An zwei Stellen (Ter. Eun. 624, Hec. 719) ist ptiere in der modernen Vulgata seit Erasmus hergestellt; zu beiden Stellen hat Bendey nicht weniger ökonomische Konjekturen votgeschlagen; neben Bentleys Kommentar ad locos v. a. A. G. Engelbrecht, Studia Terentiana, Wien 1883,17. Der Eunuchus-Yjimmsntax von L. Tromaras (Hildesheim 1994) kennt offensichdich noch nicht einmal das Problem. Poen. 51; der Text der Handschriften B und D comoediais inodiosi fuhrt nach Abzug der

3- Wiederaufführungen des Plautus

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die nächstliegende Heilung eines metrisch korrupten Verses darstellt. In den Terenzhandschriften ist -ai überhaupt nicht überliefert: Terenz hat die Form wegen ihres archaisch-schwerfälligen Klangs wohl ebenso vollständig gemieden''^' wie die weiteren Komiker nach ihm'^^. Gleichwohl schreiben die Herausgeber wohl zu Recht comoediai in *Cas. 30 und Dianai in *Bacch. 3i2'45. Die angeführten Beispiele belegen, daß ein Bearbeiter der plautinischen Komödien kaum Anlaß hatte, die plautinische Sprache an der des Terenz zu messen und das, was bei diesem fehlte, bei jenem modernisierend zu beseitigen. Sein ein, zwei Generationen nach Plautus lebendes Publikum verstand die Eigentümlichkeiten der plautinischen Komödiensprache'"*^, kannte vieles aus der Togata und der Atellane und hatte offensichtlich Gefallen daran - sonst wäre die Casina nicht wiederaufgeführt worden oder doch zumindest nach ihr kein weiteres Stück des Plautus mehr, sonst hätte der Bearbeiter in seinen eigenen Zusätzen nicht auf Schritt und Tritt Besonderheiten des plautinischen Sprachgebrauchs nachgeahmt. Der Verlust der alten Formen gehört einem sehr viel späteren Zeitraum der Überlieferung an. Was es bei Plautus an alten Formen gab, haben die Grammatiker gewissenhaft verzeichnet, und die Überlieferung hat sie selbst in den Fällen von auslautendem -d und -ai, die aus naheliegenden Gründen besonders leicht verlorengehen bzw. normalisiert werden konnten, nicht vollständig verdrängt.

mittelalterlichen Korruptelen auf comoediai sin odiost. Zu Stellen, wo die Korruptel auf -ai hinweist (z. B. Aul. 295 filiae in nuptiis P; filiai nuptiis corr. Scaliger) s. Leo, PF, 342. Erneut bezeugt ein Grammatiker (Victorinus gramm. VI 147,24) die Form fiir Plautus (Mil. 103). S. Leo, PF, 342 fF., der insgesamt 42 Fälle anerkennt, '•f Ritschi hat sie bekanndich in den Prolegomena zum Trinummus (CXLIII* und CCCXXVff.) dem Terenz gänzlich abgesprochen - gegen Bendey, der sie an fünf Stellen (Andr. 439, Haut. 515, 893, Phorm. 597, Hec. i) wieder einseate. Vgl. zuletzt Leo, PF, 353 f. S. das Material bei Neue-Wagener' 1,19 ff. In der Hexameterdichnmg lebt sie weiter bis Vergil, und in Form eines Enniuszitates bis Persius (Pers. 6,9). 't' Zu den von Anspach getilgten Versen Bacch. 312-314 Zwierlein IV, 229 ff.; Gas. 30 eröffnet die didaskalische Angabe des notorisch überarbeiteten Prologs der Casina. ' ^ E s sei daran erinnert, daß noch der junge Gicero (vgl. leg. 2,59) ganz selbstverständlich das Zwölftafelgesetz auswendig lernte, noch Horaz (epist. 2,1,69 ff-) aü Schulbuben die carmina des Livius Andronicus von seinem Lehrer Orbilius eingebleut wurden.

II. Die erste Gesamtausgabe I. Chronolo^sche Fixierung: Die ersten Plautusleser. Lucilius undAccius Wahrend oben sehr wahrscheinlich gemacht werden konnte, daß Terenz die Komödien des Plautus noch nicht in Form eines Buchtextes vorgelegen haben, lassen sich etwa ab dem letzten Drittel des 2. Jahrhunderts v. Chr. Plautusfoctf nachweisen. Als frühester sicher faßbarer Leser des Plautus tritt für uns Lucilius in Erscheinung, aus dessen Plautuszitaten und -anspielungen in seinen Satiren deutlich wird, daß ihm zumindest ein Teil der plautinischen Komödien aus eigener Lektüre bekannt gewesen ist. Sämdiche Übernahmen finden sich in den frühesten Satirenbüchern 26-30, und zwar ausschließlich in trochäischen Septenaren oder iambischen Senaten': die Kunst, Teile eines Senars oder Septenars in einen Hexameter zu integrieren, ist in der römischen Literatur erst für Horaz, für Lucilius noch nicht sicher nachzuweisen^. Den sichersten Hinweis auf seine Plautuslektüre' gibt Lucilius durch die wörtliche Übernahme des gewiß nicht sprichwördichen Verses Merc. 397, der in einem längeren, die Aufgaben einer Sklavin beschreibenden Passus steht und der dem Lucilius wohl kaum aus einer Aufführung im Gedächtnis hängen geblieben sein kann: Ugnum caedat.pensumfaciat, aedis verrat, vapulet. Diesen Vers bezeugt Nonius zweimal als Vers des Lucilius (736 Marx) ausdrücklich für dessen 27. Satirenbuch'^. Im übrigen finden sich in den trochäischen Septenaren der Bücher 26 und 27 die plautinischen Versklauseln adamores tuos (Stich. 736 [tr^] = Lucil. 612) und mutuum mecum facit (Trin. 438 [ia^]) in der leichten Variation mutuum hoc mecum facis (Lucil. 692) sowie der Versanfang bis zur Dihärese ceterum qui sis qui non sis (*Trin. 994 [tr^] in der leichten Variation ceterum ' Dasselbe gilt weitgehend auch (ur die Terenzanspielungen des Lucilius; zu diesen s. W. Krenkel, Zur literarischen Kritik bei Lucilius, Wiss. Zeit«Jir. d. Univ. Rostock 7,1957/58,271 fF., wo die Anspielung Lucil. 1128 Marx auf den Senar Phorm. 373 keinen Einfluß auf die Versgestaltung des lucilischen Hexameters hat. ^ S. hierzu R. Kassel, Dichterspiele, Kl. Sehr., 121 ff. ' Im folgenden werden nur die augenfälligsten Übernahmen aufgeführt; weiteres Material bieten die Apparate von Marx und die Erläuterungen von Krenkel; s. auch den (nicht vollständigen) ,Index auctorum' s. v. Plauti imitatio bei Marx I, loo sowie Zwierlein III, 88, Anm. 236. ••Non. 271,30 unter dem Lemma caedere und 420,10 unter dem Lemma vemre. In beiden Letiunata wird Plautus nicht zitiert; ein Überlieferungsfehler oder ein Fehler des Nonius scheinen auf Grund der Doppelbezeugung ausgeschlossen; vgl. Marxens Kommentar zur Stelle. Lucil. 653 zitiert &st wördich Pacuvius 112, Lucil. 1190 fast wördich Ennius var. 14 Vahlen.

I. Die ersten Plautusleser

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quidiquid} sitquidnon sit (Lucil. 700). Der iambische Senar Lucil. 771 orationem facere compendipotes aus dem 28. Buch ist nach den Senaten Plaut. Poen. 351 si sapias curam hauefacere compendipotes und *Most. 60 orationis operam compendi face gestaltet. Durch diese evidenten Übernahmen ist gesichert, daß zumindest von einzelnen Stücken des Plautus bereits in den frühen zwanziger Jahren des zweiten Jahrhunderts vor Christus Buchtexte existiert haben'. "Wahrend die Plautuslektüre des Lucilius aus den Überresten seiner eigenen Dichtung deutlich wird, erfahren wir von der Auseinandersetzung seines Zeitgenossen Accius mit Plautus in einem auf Varro zurückgehenden Bericht bei Gellius^: Dessen drittes Kapitel im dritten Buch seiner Noctes Atticae ist die wichtigste Quelle fiir die früheste philologische Auseinandersetzung mit den plautinischen Komödien. Mit L. Aelius Stilo, Volcacius Sedigitus, Servius Clodius^, Aurelius Opillus®, L. Accius und L. Manilius sind sechs Verfasser von indices genannt, in denen die unter Plautus' Namen laufenden Komödien in echte und unechte geschieden wurden'. Eine genaue Chronologie der genannten Gelehrten ist nicht möglich; ihre Schaffenszeit liegt eng beisammen, da Varro sogar den Ältesten, Accius, noch persönlich gekannt hat*®. Dem Erstellen solcher Listen muß notwendigerweise eine Phase vorangegangen sein, in der die für einen Autor bezeugten Werke - im Fall des Plautus die bei den Schauspieldirektoren hinterlassenen Stücke - möglichst vollständig gesammelt und den Gelehrten zugänglich gemacht worden sind. Binnen eines halben Jahrhunderts haben sich zumindest die von Varro genannten sechs Gelehrten daran gemacht", den Nachlaß der plautinischen Komödien echtheitskritisch zu überprüfen; Varro selbst konnte ihre Arbeiten aufgreifen und zum Abschluß bringen. Dies gestattet den Schluß, daß ihnen allen im wesendichen dasselbe Material, eine den unter Plautus' Namen gehenden Nachlaß möglichst vollständig zusammenfassende Ausgabe, zur Verfugung gestanden hat. Aus dem index des Accius, den dieser wahrscheinlich innerhalb seiner Didascalica aufgestellt hat, gibt Gellius (3,3,9) durch die Vermittlung Varros ein wörtliches Zitat": 'Bei allem Streit um die Chronologie des Lucilius scheint die Entstehung der frühesten Satirenbücher 16-30 zwischen etwa 130 und 123 gesichen; vgl. J. Christes, Lucilius, in: Die römische Satire, hrsg. v. J. Adamietz, Oarmstadt 1986, 67 fF. und U. W. Scholz, Der frühe Lucilius und Horaz, Hermes 114,1986, 335 fF. ^Gellius' Quelle ist Varros Abhandlung de comoediU Plautinis-, vgl. Gell. 3,3,9 und unten, 104-107. 7 Zur schwankenden Schreibweise Clodius/Claudius s. Kasters Kommentar zu Suetons de grammaticis et rhetoribus, 70. ' Zu diesem (in der Überlieferung oft zu Opilius verderbten) Namen s. jetzt Kaster, uo f. ' Vgl. hierzu unten, 96 f. •°S. Ritsehl, Parerga, 238 ff., Leo, GRL, 362-368 und 384-391 und L. Holford-Strevens, Aulus Gellius, Oxford 1988,116: „All these writers belong to Varros boyhood or his youth." " Zu einem weiteren möglichen Verftsser eines index s. imten, 96, Anm. 225. " Frg. 19 Funaioli. Zu den Didascalica als Quelle s. unten, 97 mit Anm. 230.

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II. Die erste Gesamtausgabe

M. tarnen Varro in libro de comoediis Plautinis primo Accii verba haec ponit: "Nam nec 'Geminei lenones nec 'Condalium nec'Anus Plauti, nec 'Bis compressa nec 'Boeoti unquamfitit, nequeadeo'Agroecwneque 'Commorientes'Macci Titi." Aus dem Zitat geht hervor, daß Accius die genannten Stücke in Textausgaben vor sich hat. Dies beweist die ungewöhnliche Nachstellung des Praenomens in der Genitivform Macci Titi, bei der es sich um eine dichterische Freiheit handelt''. In einer Prosaschrift'-^ wie den Didascalica erklärt sie sich allein als ein Zitat, im Zusammenhang des Textes als Zitat aus einer ,didaskalischen' Angabe innerhalb eines Prologs einer Plautus zugeschriebenen Komödie''. Denn auch in den überlieferten Stücken begegnet als Autorenangabe neben der Formel Maccus bzw. Plautus vortit barbare mit nachfolgender Titelangabe'^ einmal, *Merc. 9 f., die bequeme Versklausel Macci Titi mit vorausgehender Titelangabe: graece haec vocatur Emporos Philemonis / eadem latine Mercator Macci Titi^"^. Mit Plauti bzw. Macci Titi zitiert Accius also aus den didaskalischen Angaben in den Prologen der von ihm dem Plautus abgesprochenen Stücke, wie Leo richtig erkannt hat, der auch den Gedanken erschlossen hat, der bei Accius dem Zitat vorangegangen sein muß: Auch der Name Plautus in den Prologen beweist die Echtheit eines Stückes nicht: „denn weder Trotz der ,Signatur' eines Plautus bzw. Titus Maccus hält Accius die Stücke Gemini lenones, Condalium, Anus, Agroecus und Commorientes ebenso für unecht wie die Bis compressa und Boeotia, in deren Prologen eine vergleichbare Zuweisung an Plautus offensichtlich fehlte"'. Für die Bis compressa gibt es keine weiteren Zeugnisse; für die Boeotia bezeugt Varro zweimal, daß sie auch einem anderen Dichter, Aquilins oder Atilius^°, zugeschrieben wurde: zunächst Gell. 3,3,4 (nach Varros de comoediis Plautinis) nam cum (seil. Boeotia) in illis una et vipnti non sit et esse Aquili [Atilii Popma] dicatur, nihil tamen Varro dubitavit, ' ' S. Skutscii zu Enn. ann. 329 mit Literaturangaben und Beispielen. Die Versuche, das Accius-Zitat als Verse zu schreiben, hat erstmals Bücheler (RhM 35,1880, 441) zurückgewiesen; zusammen&ssend s. jetzt E. Courtney, The Fragmentary Latin Poets, Oxford 1993, 60. '' Zu den echtheitskritischen Vorbehalten gegenüber den didaskalischen Angaben in den Prologen s. oben, 28, Anm. 60. •*Asin. nAsinariam voltesse\ Trin. 20 nomen Trinummo fecit. '^Eine auf Vollständigkeit bedachte Fragmentsammlung sollte daher ^Agroecus und Commorientes jeweils als frg. I Macci Titi geben. Ein ähnlicher Genitiv Plauti ist in den Prologen nicht Uberliefert (Muret hat Plauti in Poen. 54 zu Unrecht hergestellt: Die Erwähnung des Plautus in diesem Vers verlangt eine entsprechende des Dichters des griechischen Originals (ganz anders ist daher Mil. 86 f. formuliert), weshalb vor 54 eine Lücke anzusetzen ist; vgl. Leos Apparat imd Maurachs Kommentar z. St.). " V g l . Leo, PF, 34, Anm. i; GRL, 388. ' ' So Leos (PF, 34, Anm. i; GRL, 388, Anm. 4) richtige Deutung, die dem Satzbau und der Stellung von Plauti Rechnung trägt. Seine Überseaung (GRL, 388) ist ungenau. Zur Namensfnige s. Ritsehl, Parerga, 11 f. Der Name Aquilius ist nur durch die Gelliusstelle bezeugt; für den Palliatendichter Atilius mit ziemlicher Sicherheit (s. Ribbeck, CRP, 37 f.) drei Verse. Ist er identisch mit Atilius Praenestinus, dem Bearbeiter des Terenz? Zu diesem siehe oben, 29 und 34.

I. Die ersten Plautusleser

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quin Plauti foref, des weiteren Varro ling. Lat. 6,89 accensum solitum eiere Boeotia ostendit, quam comoediam faliif" esse dicunt, hoc versu. Wie es zu der Unsicherheit bei der Zuordnung kommen konnte, ist für uns nicht ersichdich; möglicherweise hat Atilius das Stück des Plautus in einer eigenen Bearbeitung auf die Bühne gebracht und dabei als sein eigenes beansprucht". In dem von hohem Selbstbewußtsein geprägten Satz des Accius zeigt sich für dessen echtheitskritisches Vorgehen ein formaler Ansatz (Stücke, deren Prologe Plautus als Verfasser ausweisen, und Stücke, in denen dies nicht der Fall ist), vor allem aber geht aus dem Satz hervor, daß Accius die Stücke (zumindest deren Prologe) vergleichend gelesen hat. Dies aber setzt eine den möglichst kompletten Nachlaß umfassende Ausgabe voraus, welche zu dem Zeitpunkt, als Accius seine Didascalica verfaßte, bereits vorgelegen haben muß^'. Diese Ausgabe provozierte eine echtheitskritische Analyse des gesamten Nachlasses, wie sie sonst für keinen weiteren Autor der lateinischen Literatur bezeugt ist. Da uns für die Datierung der Didascalica des Accius genaue Anhaltspunkte fehlen^, läßt sich auch der Zeitpunkt nicht genau bestimmen, seit dem der plautinische Nachlaß erstmals in einer vollständigen Ausgabe vorlag. Aus den Plautuszitaten bei Lucilius darf auf eine Gesamtausgabe nicht geschlossen werden; sie geben aber einen Anhaltspunkt für den Zeitraum, in dem sich das Sammeln und Umschreiben des Nachlasses in eine Buchausgabe vollzogen hat. Erste Stücke lagen bereits um 130 v. Chr. als Buchtexte vor; andere haben wohl noch in den zwanziger Jahren durch Wiederaufführungen Zusätze erhalten^'. So wird man die Jahre etwa zwischen 130 und 120 als den Zeitraum ansetzen dürfen, in dem der Nachlaß gesammelt und als Buchtext vorgelegt wurde; das so zustande gekommene Textcorpus ist die Grundlage für die beginnende Plautusphilologie in Rom.

"Aquilii Tutnebus, Atilii Popma; denkbar ist freilich auch die von Ritsehl, Parerga, 12 vorgeschlagene E r ^ z u n g / t / » (Plauti, alHAquilii). " Z u Unsicherheiten über den Verfesser griechischer Dramen auf Grund von Neubearbeitungen s. R. Kassel, Kl. Sehr., 314 (mit Literatur). Neben den in dem Zitat genannten Stücken müssen Accius in jedem Fall die 21 Komödien vorgelegen haben, die in die handschriftliche Überlieferung eingegangen sind, quas (seil. Varro) idcirco a ceteris segregavit, quoniam duhiosae non erant, set consensu omnium Plauti esse censebanmr (Gell. 3,3,3). ^ Zur Datierung vgl. unten, 84 mit Anm. 144. ^'S. oben, 31.

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II. Die erste Gesamtausgabe

2. Charakterisierung der Epoche: Philologe in Rom am Ende des zweiten Jahrhunderts v. Chr 2.1. Suet. gramm. 2 Die erste Ausgabe des Plautus fällt somit in die Zeit, die Sueton in seinem in drei Stufen gegliederten historischen Abriß über die Etablierung der ars grammatica in Rom^® als die zweite Phase bezeichnet, in der das eigentliche Studium grammaticae begann. Diese Phase läßt Sueton von der Gesandschaftsreise des Krates (wahrscheinlich nach dem römischen Sieg bei Pydna, also 167^7) bis zum Auftreten des Aelius Stilo dauern, mit dem die dritte Phase beginnt. Die Abgrenzung nach oben ist zwar durch einen Synchronismus konstruiert - den Aufenthalt des Oberhaupts der .Schule' von Pergamon verbindet er mit dem Tod des Ennius, den Sueton nach Livius Andronicus als Hauptvertreter der Grammatik in der ersten Phase genannt hat - , trotzdem dürfte der Zeitansatz für den eigentlichen Beginn der grammatischen Schulung in Rom im wesendichen richtig bestimmt sein^®. Hauptkennzeichen dieser zweiten Phase ist nach Sueton, daß in ihr die Publikation, also die Bekanntmachung lateinischer Dichter durch Granunatiker erfolgt - in der ersten Phase war dies noch Sache der Dichter selbst gewesen —, die Philologie also zu einer selbständigen Disziplin wird. Die Publikation erfolgte entweder mündlich durch Vorlesen und Erläutern oder schriftlich durch die Gestaltung von Leseausgaben. Aus dieser Beengtheit der Grammatik als bloßer .Editionsphilologie' erklärt sich einerseits die Einschränkung (2,2), das große Vorbild foates sei nur einseitig imitiert worden {hactenus tamen (seil. Cratem) imitati), andererseits auch der Gegensatz zur dritten Phase, in der instruxerunt auxeruntque ab omni parte grammaticam L. Aelius Lanuvius generque Aeli Ser. Clodius (3,1). Über die Tätigkeit dieser Förderer teilt Sueton keine Einzelheiten mit; doch weisen die sonstigen Zeugnisse Aelius Stilo als einen Gelehrten von großer Breite aus^', weshalb Sueton mit ihm die Etablierung der Grammatik in Rom zum Abschluß kommen läßt. Offensichtlich erst in der dritten Phase kommt die grammatische Tätigkeit über eine Publikation von Texten hinaus'®. Daß Suetons Charakterisierung der zweiten Phase so wenig von der Philologie des Krates, den die Zeugnisse eher als ^ Die Struktuiierung von Suetonspraelocutio nacli initium, incremmtum undftosder angrammatica dürfte aufVarros Buch de grammatica innerhalb seiner disciplinarum ÄÄnZY zurücl^ehen! vgl. Leo, PF, 30, Anm. i und v. a. Dahlmann, Varro ,De poetis', 39 ff; Kasters Skepsis (45 f.) geht wohl zu weit. Zum umstrittenen Datum s. jetzt T. Viljamaa, Suetonius on Roman Teachers of Granunar, ANRW II 33.5,1991,384J, Anm. 87; Kaster zu Suet. grairun. 2,1 (S. 59 f.). ^ S. Leo, PF, 30 f. und Viljamaa, 3845. Fragmente und Testimonia bei Funaioli, p. 51-76; das Spektrum seiner grammatischen Tätiglwit, das u. a. auch antiquarische, etymologische und wohl sogar syntaktische Arbeiten um&ßte, beleuchtet Kaster zu Suet. gramm. 3,1 (mit Literatuiangaben). Dem entspricht Suetons späteres Urteil über Probus (gramm. 24,2), er sei aufgrund seiner Tätigkeit, dem mendare, distinguere, adnoure seiner exemptaria, sali huic nee uUi praeterea

2. Philologie in Rom am Ende des 2. Jh. v. Chr.

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Exegeten denn als Editor ausweisen, beeinflußt scheint'', unterstreicht erneut, daß die chronologische Fixierung künstlich ist; dies mindert aber keineswegs die Glaubwürdigkeit von Suetons Bericht, der die wesendichen Erscheinungen dieser Phase mitteilt, ohne sie nachträglich an die Haupttätigkeit des vermeintlichen Initiators anzugleichen. Die einzige BuchveröfFentlichung, die Sueton gramm. 2 bezeugt, ist Lampadios'^ Ausgabe von Naevius' bellum Punicum, für das erst dieser eine Einteilung in sieben Bücher besorgte". Lampadios Ausgabe muß sich letzdich durchgesetzt haben: Varros Zeitgenosse Santra kennt eine Ausgabe des Naevius in sieben Büchern neben der alten einbändigen (frg. 5 Funaioli)''»; die späteren Grammatiker zitieren (mit Ausnahme des fünften Buches) aus allen sieben Büchern des bellum Punicum^''. Den Ruhm des Lampadio als Herausgeber bezeugen noch im zweiten nachchrisdichen Jahrhundert Fronto und Gellius, die den hohen Wert einer von Lampadio besorgten Ausgabe der Annalen des Ennius hervorheben'^. Suetons Bemerkung über diese eine Ausgabe darf daher als repräsentativ gelten für vergleichbare Editionen jener Zeit, in der die zunehmend unter griechischen Einfluß kommende römische Kultur sich ihres literarischen Erbes bewußt wurde, sich dessen annahm und sich mit ihm auseinandersetzte'^. Ein solches Bewußtsein für die literarische Leistung Roms läßt sich seit den sechziger Jahren nachweisen: In seiner Auseinandersetzung mit dem Bühnenkonkurrenten Luscius Lanuvinus beruft sich Terenz auf die Meister der römischen Komödie Naevius, Ennius und Plautus; der Dichter des unechten Gw/WÄ-Prologs kann die Zeit der Erstaufführung stolz als eine Periode desflospoetarum bezeichnen, und der Togatendichter Afranius bringt (wohl ebenes in einem Prolog) seine Hochachtung vor Terenz zum Ausdruck. grammaticae parti deditus. Kaster, 265 faßt zu Recht pars in 3,1 und 24,2 niclit als ein Iconicretes ixepoq der arsgrammatica auf, sondern im weiteren Sinn als „aspect of grammatical endeavour". " S. Kaster, 62. Zur PliÜologie des Krates s. PfeifFer, Geschichte, 289 ff Eine genaue Datierung ist nicht möglich; doch gibt es keinen Grund, Suetons Zuweisung in die zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts in Zweifel zu ziehen. " Zu dem Ausdruck uno volumine et continenti scriptura expositum s. oben, 22, Anm. 31. Vgl. zuletzt Suerbaum, Zum Umfeng der Bücher, IJ4 und Kaster, 64 f "Vgl. Suerbaum, Zum Um&ng der Bücher, 154. '^Bei dem Fronto p. 15,14ff van den Hout genannten Lampadionis... manu scripta e[xem]pla handelt es sich, wie der Vorsatz deudich macht, um ein in der Hand des Lampadio geschriebenes Exemplar der Annalen des Ennius; Gell. 18,5,11 spricht im Zusammenhang von Ennius' Annalen von einem kostbaren Uber, quemfere constahat Lampadionis manu emendatum. J. E. G. Zetzel, Emendavi ad Tironem, HStCPh 77,1973, 225 ff. hat wahrscheinlich gemacht, daß es sich bei dieser wie bei anderen von berühmten Gelehrten besorgten Ausgaben, denen die Archaisten des 2. Jh.s n. Chr. so emsig nachjagten, um Rilschungen handelt; doch verlieren die beiden Stellen damit keineswegs ihre Beweiskraft dafür, daß von Lampadio tatsächlich eine einflußreiche Enniusausgabe besorgt wmrde. Denn sonst häne eine Fälschung keinen Sinn. Zu gefälschten Autographen bzw. alten Ausgaben vgl. noch Lukian. Ind. 4 und Dion Chrys. 21,12. S. hierzu aus neuerer Zeit vor allem S. E Bonner, Education in Andern Rome, London 1977, 47 ff.; E.S. Gruen, The Hellenistic World and the Coming of Rome, Berkeley 1984, 250 fE; E. Rawson, Intellectual Life in the Late Roman Republic, London 1985, 66 ff.

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II. Die erste Gesamtausgabe

Während in diesen Äußerungen lediglich ein Bewußtsein fiir eine eigene Literatur deudich wird, das keine unmittelbaren Rückschlüsse auf Verbreitung der genannten Autoren in Textausgaben gestattet, setzen schließlich die Satiren des Lucilius Ausgaben der Komiker Plautus, Caecilius und Terenz, aber auch des Tragikers Pacuvius voraus''. Im Gegensatz zur Epik, fiir deren Verbreitung die Dichter selbst durch eigene Vorträge, vielleicht auch durch Abschriften, sorgten", waren die Dramen zunächst lediglich für ihre Aufführung bestimmt gewesen; ihrer Veröffentlichung mußte zunächst ein Sammeln des sich im Besitz der Schauspieldirektoren befindlichen Nachlasses vorangehen. Die philologischen Voraussetzungen fiir das Sammeln, Herausgeben und schließlich auch das Bewerten von Literatur schuf ebenfalls der wachsende Einfluß der griechischen Kultur in Rom. Infolge der römischen Eroberungen der hellenistischen "Welt kamen in großer Zahl griechische Gelehrte nach Rom. So konnten dort die philologischen Arbeitsmethoden der alexandrinischen Philologie heimisch werden. Die Einteilung des als ein Buch hinterlassenen bellum Punicum in sieben Bücher durch Lampadio, von der Sueton berichtet, entspricht dabei der vielleicht erst in hellenistischer Zeit^® erfolgten Einteilung von Ilias und Odyssee in 24 Bücher.

2.2.

Anecdoton Parisinum

Einen weiteren Hinweis auf eine unter dem Einfluß der alexandrinischen Philologie stehende Editionstätigkeit im Rom der späten Republik gibt die unter dem Titel „Notae XXI quae versibus apponi consuerunt" überlieferte erste der beiden Listen kritischer Richen des Anecdoton Parisinum^, der einzige aus der Antike erhaltene Notentraktat, der ausdrücklich auch römische Philologen ' ' S. C. Cichorius, Untersuchungen zu Lucilius, Berlin 1908, ivj ff., 171 ff. und W. Krenkel, Zur literarischen Kritik bei Lucilius, 249 ff. ' ' Vgl. Leo, GRL, 357, der allerdings Ausmaß und Bedeutung eines kommerziellen Buchmarktes im Rom des 2. Jahrhunderts v. Chr. weit überschätzt; siehe dagegen die wichtigen Bemerkungen bei E. Rawson, Intellectual Life, 40 ff. S. O. Taplin, Homeric Soundings, Oxford 1992, 285 f. und Hillgruber zu [Plut.] de Homero 2,4, wo es heißt, daß die Bucheinteilung der homerischen Epen 611Ö TÜv YPOi^liaTUCÜv xüv nepl Aplorotpxov vorgenommen worden sei. ••"Die beiden von Theodor Mommsen 1844 im Codex Parisinus Lat. 7530 (geschr. 779 n. ehr; s. S. F. Bonner, Anecdoton Parisinum, Hermes 88, i960, 356, Anm. 5) entdeckten Listen edierte erstmals Theodor Bergk 1845 unter dem Titel Anecdoton Parisinum [= Kleine Schriften I, Halle 1884, 580 ff.]; den m. E. besten Text bietet A. Reifferscheid in seiner Ausgabe der Suetonfragmente (Leipzig 1860), 137 ff. Eine grundlegende neuere Analyse des Traktats bietet H. D. Jocelyn, The Annotations of M. Valerius Probus (II), C Q 35, 1985, 149 ff. (mit umfangreicher Bibliographie), dort sind S. 159, Anm. 135 Fundstellen für neuere Konjekturen verzeichnet. S. weiter P. L. Schmidt, Suetons .Pratum' seit Wessner, ANRW II 33.5, Berlin/New York 1991, 3815 f. und im Handbuch der lateinischen Literatur der Antike, hreg. v. R. Herzog und P. L. Schmidt, Bd. 4, München 1997, 39 f.

2. Philologie in Rom am Ende des 2. Jh. v. Chr.

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nennt, die in ihren Texten von kritischen Zeichen Gebrauch gemacht haben^^: Auf die Liste der 21 Zeichen und ihrer Namen folgt der Satz: His solis (seil, notis) in adnotationibus fhennii lucii et historicorumf usi sunt fvarrus hmniushaeliusaequaef etpostremo Probus, qui iUas {in}^^ Virgilio etHoratio etLucretio apposuit, ut Homero Aristarchus. Im folgenden wird die Funktion eines jeden Zeichens erklärt, am Ende der Erklärungen ist bei fünf Zeichen nochmals ausdrücklich die Verwendung durch römische Philologen festgehalten: Nach der Erklärung der Zeichen asteriscus und asteriscus cum obelo heißt es: item Probus etantiqui nostri-, nach der Erklärung der diple aperistiktos-. similiter in nostris auctoribus Probus-, nach der Erklärung der diple periestigmene-. fin hisf et nostri ea usi sunt-, nach der Erklärung des antisigma cum puncto-, sie et apud nostros. Insgesamt ergeben die 21 Zeichen der ersten Liste^ jedoch kein einheidiches System, können also nicht sämtlich nebeneinander von einem Philologen in einem Text angewendet worden sein. Vielmehr sind in dieser Liste wahrscheinlich drei voneinander unabhängige Systeme von Zeichen kombiniert^': Die ersten zwölf Zeichen sind die von Aristarch in seiner Homerausgebe verwendeten. Bei den nächsten vier handelt es sich um metrische Zeichen, die in der griechischen Chorlyrik zur Anwendung kamen. Die letzten fiinf implizieren ästhetische Werturteile oder Zweifel an der Richtigkeit des Textes'^®. Die vorliegende Zusammenstellung der Zeichen mag der römische Bearbeiter, wahrscheinlich Sueton in seiner Schrift de notis^'^, selbst vorgenommen oder in seiner griechischen Vorlage bereits vorgefunden haben. Sonst hat er die griechische Vorlage offensichtlich kaum revidiert^, lediglich die Angaben über diesen s. A. Gudeman, .Kritische Zeichen', RE, 22. Halbband, 1922, 1916 fE; Jocelyn, Probus II, 149-151.

in delevi coli. Isid. etym. 1,21,1 netae autem versihus apponuntur... vipnti et sex (qui illas item iam Steup). +tAuf die zweite Liste des Anecdoton Parisinum unter dem Titel „Notae simplices", die ein in sich geschlossenes System von i ; (sich mit denen der ersten Liste teilweise überschneidenden) Zeichen bietet, gehe ich hier nicht ein, da in ihr der Gebrauch dieser Zeichen seitens römischer Grammatiker nicht explizit erwähnt ist. Sie kann unmöglich mit der ersten Liste zu einem Gesamtsystem vereinigt werden; gegen diese Vermutung Bergks s. Jocelyn, Probus II, 153 f. Jocelyns eigene Annahme, eben diese zweite Liste enthalte die von Probus angewendeten Zeichen, hat keinerlei Wahrscheinlichkeit: vgl. Kaster, 247. S. hierzu Jocelyn, Probus II, 97 fF. 4« Das 21. Zeichen, der alogus, ist im Anecdoton nicht erklärt; vgl. aber Isidor 1,20,27: alogus nota ad mendas adhibetur. Jocelyn, Probus II, 157 f. vermutet zu Unrecht, die letzten vier Zeichen seien ursprünglich in Kommentaren verwendet worden: gerade die ancorae erscheinen regelmäßig in griechischen literarischen Papyri; vgl. K. McNamee, Sigla and Select Marginalia in Greek Literary Papyri, Brüssel 1992,11 ff. Vgl. jetzt zusammen&ssend K. Sallmann, HLL IV, 39 f. ^ Beispiele für den Gebrauch der Zeichen bei griechischen Autoren (etwa des obelus und der diple aperistiktos bei Homer) sind beibehalten und nicht durch lateinische ersetzt: das einzige lateinische Beispiel, der Gebrauch der aversa obelismene in Verg. Aen. 10,88, wirkt ebenfalls

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II. Die erste Gesamtausgabe

die Verwendung der Zeichen in der römischen Philologie hinzugesetzt. Dabei wird aus dem Text des Anecdoton nicht deutlich, welche der 21 aufgeführten Zeichen von den republikanischen Grammatikern und von Probus benutzt worden sind; die Anwendung aller genannten 21 Zeichen aufgrund des Einleitungssatzes zu postulieren ist ebenso abwegig*' wie sie allein auf die Zeichen zu beschränken, deren Gebrauch durch die Römer das Anecdoton nach der Erklärung des Zeichens ausdrücklich hervorhebt. Wie unzuverlässig der Traktat in dieser Hinsicht ist, zeigt am besten die Erklärung der diple periestigmene, für die das Anecdoton die Funktion angibt, die das Zeichen bei Aristarch hatte, wo sie auf eine Auseinandersetzung mit Zenodot hinweist (140,4 ff. Reifferscheid): diple periestigmene apponebatur, qme Zenodotus Ephesius non recte adiecerat aut detraxeratautpermutaverat. fin hisp° etnostriea usisunt Die Schlußbemerkung fin bist et nostri ea usi sunt ist im Anschluß an die gegebene Erklärung barer Unsinn: Entweder ist (für die ursprüngliche Fassung des Traktates) vor ihr eine Lücke anzunehmen, in der eine Funktionsübertragung des Zeichens durch die römischen Philologen dargelegt wurde; wahrscheinlicher ist die Bemerkung aber wohl verstellt und gehörte ursprünglich zu einem anderen Zeichen. Aus den im Anecdoton genannten republikanischen Philologen, die von den Zeichen Gebrauch machten, hat die schwer korrupte Überlieferung keinen einzigen mit letzter Sicherheit bewahrt. Sehr wahrscheinlich ist lediglich Hertzens Wiederherstellung von^^Ä«^ (also Aelius Stilo) aus fbaeliusf-, der darüber hinausgehende Vorschlag Bonners, der Varro, Servius (i. e. Servius Clodius), Aelius aeque schreibt, bleibt trotz der großen Zustimmung, die er gefunden hat'", ganz unsicher und darf nicht zu weitergehenden Vermutungen - etwa über die Einfuhrung der kritischen Zeichen durch Aelius Stilo - verleiten'^. Mit größerer Sicherheit lassen sich die Namen der Autoren wiederherstellen, in deren Texten die Zeichen angewendet wurden. Für fhennii luciif hat bereits Bergk richtig Ennii Lucilii geschrieben; umstritten ist bis heute der Ausdruck bistoricorum. Leo und Jocelyn haben ihn in der Bedeutung .Historiker' akzeptiert. Die Verwendung kritischer Zeichen in den Ausgaben griechischer Historiker wie ein nachträglicher Zusatz in den ursprünglich griechischen Zusammenhang. ••'Vgl. Jocelyn, Probus II, 156 f. über die Zeichen obelus cum aversa und diple supeme ohekta, die in der im Anecdoton beschriebenen Funktion für römische Texte undenkbar sind, da sie Periodenende und den Wechsel von Strophe und Antistrophe markieren, also für griechische Chorlyrik bestimmt sind. 5° Zu dieser Korruptel s. unten, 53. S. F. Bonner, Anecdoton, 354 fF.; zustimmend J. E. G. 2;et2el, Latin Textual Criticism in Antiquity, Salem (New Hampshire) 1984, 15; E. Pöhlmann, Einführung in die Überlieferungsgeschichte und in die Textkritik der antiken Literatur, Bd. I: Altertum, Darmstadt 1994, 47; skeptisch h i n g ^ e n Jocelyn, Probus II, 159, Anm. 135, der zu Recht auch aequae in cruces setzt: das Adverb aeque gibt keinen befriedigenden Sinn; man erwartet einen weiteren Gelehnen. So Bonner, Anecdoton 357 f., der die bereits in Marxens Prolegomena zu dessen Ausgabe des Auetor ad Herennium, p. 138 geäußerte Vermutung ausbaut, Aelius Stilo sei als erster Römer bei seiner Begegnung mit Dionysios Ihrax auf Rhodos mit den kritischen Zeichen vertraut gemacht worden.

2. Philologie in Rom am Ende des 2. Jh. v. Chr.

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ist gesichert", für die römische Philologie fehlen dagegen entsprechende Hinweise''^. Da andererseits gerade für Plautus eine textkritische Beschäftigung der römischen Grammatiker greifbar ist", hat man historicorum in der Bedeutung ,dramatische Dichter' verstanden'® oder durch Konjekturen wie Lucian Müllers scaenicorum oder F. Schoells weitgehend übersehenes, paläographisch sehr ansprechendes histrionicorum zu verbessern versucht'^. Gegen diese Konjekturen darf man nicht mit Bonner auf Isid. etym. 1,21,1... quasque (seil, notas) antiqui ad distinctionem scripturarum canninibus et historiis adposuerunt verweisen, da das Anecdoton Parisinum und Isidors Kapitel über kritische Zeichen mindestens einen weiteren gemeinsamen Fehler in der Schlußbemerkung zur diple peristigmene teilen. Dort heißt es fin hisf et nostri ea usi sunt, wo man unter der Voraussetzung, daß die Bemerkung verstellt ist, für das korrupte in his am ehesten item vermuten darf'®: ebenso kann sich daher auch eine weitere Korruptel in die gemeinsame Mitderquelle'^ (einen Auszug aus Suetons Traktat de notis) eingeschlichen haben, auf die Isidors historiis und historicorum im Anecdoton zurückzufuhren sind. Das Anecdoton Parisinum bezeugt, daß republikanische Philologen nach griechischem Vorbild ihre Textausgaben lateinischer Autoren mit Zeichen versehen haben; welche von den 21 erklärten Zeichen zur Anwendung kamen, ist nicht ersichtlich. Daß diese Zeichen auch in den Texten dramatischer Dichter, etwa des Plautus, zur Anwendung kamen, ist nicht sicher bezeugt, aber naheliegend und wahrscheinlich.

" S. schol. Thuc. 3,84 Tot (oßeXioiieva ouSevl TÖV ^^TIV/ITÖV SSO^E 6ouxu8t8ou stvai; zur Verwendung der Diple in Papyrusfragmenten griechischer Historiker s. E. G. Turner, Greek Papyri, Princeton 1968,117; zu einem OTCÖIIVTIIXO des Aristarch zu Herodot in PAmherst II 12 (3. Jh. n. Chr.) s. PfeifFer, Geschichte, 274 f. Bonner, Anecdoton, 355. " S. Zetzel, 17 und unten, 96 fF. und 164-168. So erstmals Bonner, Anecdoton, 356 f., dem Zetzel, 16 f. und E. Pöhlmann, Einfuhrung in die Überlieferungsgeschichte, 47 gefolgt sind. Doch die von Bonner angeführten Belege sind wohl zu spät, als daß man für Sueton die Verwendung von historici im Sinne von scaenici akzeptieren darf. Vorgeschlagen in der Praefiitio seiner Ausgabe des Truculentus, p. XXXVI, Anm. i. ''Vgl. die Bemerkungen item Probus et antiqui nostri (zum asteriscus) und item antiqui nostri et Probus (zum asteriscus cum obelo) im Anecdoton. Das korrupte in his überliefert auch der Notentraktat im Codex Monacensis Clm 14 429, weshalb ausgeschlossen werden kann, daß der Fehler jeweils unabhängig entstanden ist. Eine Abschrift des Münchner Traktats, das insgesamt Isidor näher steht als dem Anecdoton, bietet H. Kettner, Kritische Bemerkungen zu Varro und lateinischen Glossaren, Programm der Klosterschule Rotzleben, Halle 1868. " Zu dieser Mitderquelle s. P. Weber, Quaestionum Suetonianarum capita duo, Diss. Halle 1903, 13 fF.

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II- Die erste Gesamtausgabe

3. Die Anlage der Ausgabe 3.1. Gesamtumfeng und TextbeschaflFenheit. Interpolationen. Arbeitsweise des Herausgebers Nach Gell. 3,3,11 waren zur Zeit Varros rund 130 Komödien^® unter dem Namen des Plautus bekannt; die Rundung dürfte Gellius selbst nach einer exakten Liste vorgenommen haben, die Varro in seiner Schrift de comoediis Plautinis gegeben hat^'. Zu diesen rund 130 Stücken gelangte ihr Herausgeber durch Nachforschungen bei den römischen Theaterdirektoren, in deren Besitz sich die Texte befanden. Das Streben nach einer möglichst vollständigen Sammlung der Hinterlassenschaft dokumentiert neben dem großen Gesamtumfang des Corpus auch der Textzustand der noch heute erhaltenen Stücke selbst. Sicherster Beweis hierfür sind Doppel- oder Ersatzfassungen, also jene Versgruppen, die miteinander konkurrieren und die sich daher für eine einzelne Auffuhrung gegenseitig ausschließen. Ein derartiger Überlieferungsbefund ist Beweis fiir die nachträgliche rezensorische Tätigkeit eines Herausgebers, dem von einem Text mindestens zwei Fassungen zur Verfügung stehen, die er in seiner Ausgabe zu bewahren sucht und nebeneinander stellt. Eben dieses Editionsverfahren ist charakteristisch für die von Aristophanes besorgten Ausgaben der griechischen Tragiker und Ursache dafür, daß die Überlieferung der griechischen Tragödie Verse aus späteren Bearbeitungen der Stücke, die sogenannten Schauspielerinterpolationen, bewahrt hat. Aristophanes hat dabei die von ihm jeweils für sekundär befundene Textfassung mit einem kritischen Zeichen versehen und somit kenntüch gemacht; während die Verse im weiteren Überlieferungsvorgang erhalten blieben, gingen die Zeichen verloren und haben lediglich vereinzelt ihre Spuren in den Scholien hinterlassen^^. Ebenso wie für die griechische Tragödie hat auch für Plautus die Forschung Doppel- und Ersatzfassungen ausfindig gemacht, die Bühnenbearbeitungen zuzuschreiben sind; aus ihnen geht hervor, daß alle uns überlieferten Stücke des Plautus mindestens einmal wiederaufgeführt worden sind^', daß also der Herausgeber des Plautus mindestens zwei Textfassungen miteinander verwoben hat. Ein anerkanntes Beispiel sind die Verse Mil. 226-228, die der Bearbeiter als kürzende Ersatzfassung für den echten Szenenteil 200-225 verfaßte und unmittelbar auf 199 folgen ließ®'^. Der Herausgeber hat die Ersatzfassung unmittelbar auf die ursprüngliche folgen lassen, wo sie die handschriftliche Überlieferung bis heute bewahrt.

Feruntur autem sub Plauti nomine comoediae circiter centum atqtie triginta. Bei der Anga Servius praef. in Aen. 11. 88 sq. ed. Harv. Plautum alii dicunt scripsüsefabulas XXI, alii XL, alii

C dürfte die Zahl loo als Abrundung der 130 aufzufassen sein; vgl. Ritschl, Parerga, iz6. S. hierzu unten, 104-107. ^^ Vgl. hierzu Wilamowitz, Einleitung, 148 fF.; zuletzt H.-C. Günther, Exercitationes Sophocleae, Göttingen 1996, 9z ff. Vgl. Ihierfelder, 153 f. und Zwierlein I, 40 f. '^tS. jeut Zwierlein II, 24 ff.

3- Anlage der Ausgabe

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Daß die aus den Wiederaufführungen hervorgegangenen Bearbeiterzusätzc bereits in die erste Buchausgabe eingegangen und seit ihr fester Bestand der Plautusüberlieferung sind, beweisen auch die Piautuszitate in Värros de lingua Latina und in Verrius Flaccus' de verborum significatu: Zwar sind beide Werke wohl mehr als 50 bzw. 120 Jahre nach der Erstausgabe des Plautus entstanden, doch greifen beide Grammatiker für ihre Zitate nicht auf einen von ihnen selbst erstellten Text^', in zahlreichen Fällen überhaupt nicht unminelbar auf eine Plautusausgabe zurück, sondern auf Piautuszitate, die sie in älteren grammatischen und glossographischen Arbeiten vorfanden. Diese Zitiertechnik ist zwar schuld an vielen Ungenauigkeiten im Wordaut; andererseits ermöglicht sie uns einen direkten Zugriff auf den frühesten Buchtext der plautinischen Komödien, den Text, den die erste Gelehrtengeneration benutzt hat®®. In welch hohem Umfang in beiden Schriften Verse aus dem Plautuscorpus angeführt werden, die unter echtheitskritischem Verdacht stehen, wird das vierte Kapitel dokumentieren. Hier genügt es, je einen sicheren Fall hervorzuheben: Varro zitiert in ling. Lat. 7,60 aus dem Mercator den Vers 619, der der interpolierten Ersatzfassung 619-624 angehört®^; Verrius Flaccus zitiert mindestens zweimal (Fest. 166,30 ff. und 444,15 ff.) aus der Aulularia den Vers 595, der in dem interpolierten Passus 592-598 steht®®. Die Interpolationen waren also bereits in die erste Textausgabe eingeflossen. Entscheidend für das Verständnis der Textbeschaffenheit dieser Ausgabe (und damit überhaupt der Plautusüberlieferung) sind die Authentizität des herangezogenen Materials und das Editionsverfahren des Herausgebers. \C^rend die Erstausgaben des Menander und Terenz, in deren Überlieferung sich Bühnenbearbeitungen so gut wie gar nicht niedergeschlagen haben, unmittelbar auf die Dichtertexte selbst zurückgegangen sein müssen®', während weiter die Für eine Plautusausgabe Varros, deren Existenz oft behauptet worden ist, gibt es kein einziges Zeugnis; aus ling. Lat. 9,106 quodPlauti auf Uhrarii mendum si est, non ideo analog^ sedqui scripsit est repnhendendus geht, wie bereits Ritsehl, Auslautendes D im alten Latein, m gesehen hat, mit hoher Wahrscheinlichkeit hervor, daß er zum 2^itpunkt der Ab&ssung dieser Schrift noch keine Ausgabe gemacht hat, sondern sich auf einen Text stützt, der von einem Kopisten stammt und für dessen Konstituierung Varro nicht selbst verantwordich ist. Zu Datierung, Vorlagen und Zitierpraxis in den beiden genannten Werken s. unten, 139-151 und 158-175. S. Leo und Enk z. St. «'Vgl. Stockenz.St. «'Zu Menander vgl. Wilamowitz in seinem Kommentar zu den Epitrepontes, S. 6, den der Textzuwachs durch den Bodmer-Papyrus voll und ganz bestätigt hat. Eine Interpolation wurde - m. E. zu Unrecht - allein in Sam. 606-611 (desunt in B) vermutet: s. E Perusini, Nota a Menandro, Samia 606-611, in: Musa locosa (Festschr. Thierfelder), Hildesheim/New York 1974, 68 fF. Auf eine frühe Buchausgabe des Menander weisen die auf Aristophanes zurückgehenden didaskalischen Angaben zum Dyskolos (s. Handleys Kommentar, 123) und die Didaskalien in POxy 1235 (hierzu unten, 90 f.) hin, ebenso das Kolophon am Ende des Sikyonios in PSorb 2272 aus dem späten 3. Jh. v. Chr. (s. Kassels Ausgabe z. St. und Pfeiffer, Geschichte, 160) hin. Zu den wenigen auf Bühnenbearbeitungen zurückzuführenden Terenzinterpolationen s. Zwierlein I, 49ff. In der ebenMs um 100 v.Chr. einsetzenden

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II. Die erste Gesamtausgabe

alexandrinischen Gelehrten bei ihren Ausgaben der griechischen Tragiker und des Aristophanes Zusätze aus den Bühnenexemplaren ergänzend einem weitgehend die Originalfassungen widerspiegelnden Buchtext hinzufugen konnten^®, standen dem Erstherausgeber des Plautus hingegen ausschließlich die Texte der Bühnendirektoren zur Verfugung. Wenn er nur auf einen Bühnentext zurückgreifen konnte, so hatte er keine weitere Kontrolle; und die Qualität des Textes hängt von dem Ausmaf? der Bearbeitung ab, die dem Stück widerfahren ist. Bei mehreren Bühnentexten hat der Herausgeber, wie die Doppel- und Ersatzfassungen zeigen, versucht, divergierende Fassungen möglichst vollständig aufzunehmen. Dieses Bestreben zeigt sich am deutlichsten in der umfangreichsten Ersatzfassung, dem doppelten Schluß des Poenultts. Gerade über ihn hat Leo, der das gesamte der Erstausgabe zur Verfugung stehende Material sehr skeptisch beurteilte^', resignierend festgestellt: „Der echte Schluß vermudich ging verloren, was bei dem In- und Ubereinanderschieben verschiedener Versuche, wie die Überlieferung es aufweist, nicht verwunderlich ist. Erst Zwierlein hat sich gegen Leos skeptische Haltung, der sich die nachfolgende Plautusphilologie weitgehend angeschlossen hat^', gewandt und gezeigt, daß der in den Handschriften zuerst überlieferte Schluß 1322—1371, den bereits die Verwendung des iambischen Senars als nachplautinisch ausweist, als eine Ersatzfassung aus dem ursprünglichen Schluß, dem sogenannten .alter exitus' (1372-1422) des Poenulus entwickelt ist, der der plautinischen Praxis entsprechend in trochäischen Septenaren (1398-1422) ausklingt. In die interpolierte Ersatzfassung ist ein vier Verse umfassender Auftrittsmonolog (1338-41) integriert, dessen Echtheit bereits Leo sehr wahrscheinlich gemacht hat^^ und in dem Zwierlein den ursprünglichen Beginn der echten Schlußszene sieht. Demnach folgt auf 1321 der ursprüngliche Schluß mit den Versen 1338-41 und 1372-1422. Ein für die weitere Plautuskritik besonders wichtiges Ergebnis Zwierleins besteht darin, daß er Leos Skepsis zurückweist, dem „In- und Übereinanderschieben verschiedener Versuche, wie die Überlieferung es aufweist"^', den ursprünglichen Text abgewinnen zu können; vielmehr ist in der gegebenen Überlieferung die unechte Fassung selbständig neben der originalen bewahrt. Seine Wiederherstellung der Schlußszene kommt daher ohne das Ansetzen von Lücken und ohne konjekturales Abändern des Wortlautes an den Schnittstellen aus. Aus diesem Resultat wird das Verfahren des Erstherausgebers sichtbar, der aus dem ihm zugänglichen Material keinen künstlichen Lesetext kontaminiert hat, sondern die divergierenden Fassungen möglichst vollständig nebeneinanTerenzphilologie, über die die Suetonvita berichtet, spielen Fragen der Echtheit keine Rolle. Vgl. Wilamowitz, Einleitung, 130-33; Günther, Exercitationes Sophocleae, 105. 7'S. PF, 30 und 54 f.; GRL, 358; ähnlich auch Jocelyn, Gnoraon 65,1993,126. PF, 175, Anm. 3; vgl. auch GRL, 358. Eine Doxographie bei Zwierlein I, 59.

^tPEiS?-

PF, 17J, Anm. 3.

3- Anlage der Ausgabe

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der zu bewahren suchte^^. Der von Zwierlcin erschlossene Textbefund, daß aus einer 50 Verse umfassenden Ersatzfassung vier echte Verse isoliert und mit dem umliegenden echten Text verbunden werden müssen, deckt sich mit dem im Oxoniensis Bodl. Canon. bewahrten Textbestand der sechsten Satire Juvenals, wo die echten Verse 366-373 von den Interpolationen O1-O34 und 373a-b umgeben und nach oben wie unten von ihren echten 7\nschlüssen abgeschnitten sind. Aus dem doppelten Schluß des Poenulus wird deutlich, daß der Erstherausgeber zunächst einen Text mit dem unechten Schluß ausschrieb und an diesen aus einem anderen Exemplar den ursprünglichen Schluß - wahrscheinlich einschließlich der Verse 1338-1341 vor 1372 - anhängte. Die Doppelfassung kennzeichnete er dann wohl mit dem antisiffna cum puncto, von dem es Anec. Parisin. 140,10 ff. Reifferscheid heißt: ponebatur, cum eiusdem semus versus duplices essent et dubitaretur, qui potius kgendi. sie et apudnostros. So läßt sich auch das Vorgehen des Erstherausgebers in den übrigen Stücken rekonstruieren: Er schrieb nach einer ersten Vorlage den Text ab und ergänzte in einem zweiten Arbeitsgang die aus anderen Exemplaren neu hinzukommenden Verse an den freien Stellen auf recto oder verso seiner Papyrusrolle. Die Reinschrift erfolgte dann in einem dritten Arbeitsgang, bei dem die ergänzten Verse an ihrer jeweiligen Stelle aufgenommen, wahrscheinlich mit kritischen Zeichen versehen worden sind. Die hier aus dem Textzustand der Handschriften erschlossene Arbeitsweise des Erstherausgebers ist gut vergleichbar mit der Arbeitsweise Philodems an seinem Academicorum index-. Mit PHerc 1021 ist ein Textzeuge erhalten, der ein frühes Konzept dieser Schrift tradiert. Als eine beidseitig beschriebene, mit 2^ichen versehene Materialsammlung geht sie dem eigentlichen Buch voran und dokumentiert so den zweiten von uns erschlossenen Arbeitsgang des Plautusherausgebers. In PHerc 164 liegt dagegen ein Fragment aus einer ,Abschrift der abschließenden Edition' vor, also dem endgültigen Text, den Philodem publizieren ließ und der dem Text der Erstausgabe des Plautus entspricht, nachdem der dritte Arbeitsgang abgeschlossen war^®. Es ist dabei durchaus möglich, daß in der Erstausgabe die Verse 1338-1341 nochmals vor 1372 geschrieben waren und vielleicht wegen ihrer Kennzeichnung als Wiederholung erst in einer späteren Phase der Überlieferung eliminien wurden. Umgekehrt fehlen in A aus dem unechten Schluß die Verse 1333-1335 (= 1382-1384); die möglicherweise als Wiederholungen gekennzeichneten Verse standen im Archetypus vermudich am Rand, von wo der Urheber der A-Redaktion nur die ersten drei Worter an das Ende von 1332 angeflickt hat; vgl. Zwierlein I, 17^^ Die Echtheit der 1899 von E. O. Winstedt entdeckten Plusverse war lange Zeit umstritten (ältere Literatur bei R. Tarrant, Juvenal', in: Texts and Transmission, 203, Anm. 22); die Unechtheit ist jetzt erwiesen durch J . Willis, luvenalis male auctus, Mnemosyne 42, 1989, 441 ff. Vgl. die höchst aufschlußreiche Analyse von T. Dorandi, Den Autoren über die Schulter geschaut. Arbeitsweise und Autographie bei den antiken Schriftstellern, ZPE 87, 1991, 15 ff.; das Zitat dort S. 17.

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II. Die erste Gesamtausgabe 3.2. Kritische Zeichen

Auf die oben vermutete Verwendung von kritischen Zeichen durch den Erstherausgeber des Plautus gibt die direkte Überlieferung, deren Zeugen keine Spuren von ihr aufweisen^', lediglich einen indirekten Hinweis durch ihr Schwanken im Versbestand. Sowohl der Ambrosianus wie die Palatini überliefern individuell jeweils Verse und Versgruppen, die in der anderen Rezension fehlen. Eine Reihe sicher früher Interpolationen wird durch die Auslassung in einer der beiden Rezensionen sofort kenntlich®®: In der letzten Szene der Captivi läßt der Ambrosianus die Verse 1016—22 aus; der Zusatz dient der Verdeutlichung und emotionalen Intensivierung der von Plautus knapp gestalteten Schlußszene®'. Ebenfalls mit Sicherheit einer WiederaufRihrung zuzuschreiben sind die Verse Stich. 48-57®^, deren Fehlen in A sich am einfachsten mit der Annahme einer ursprünglichen kritischen Adnotierung erklären läßt. Gleiches gilt auch für die in A fehlenden Verse Bacch. 540-551, deren Unechtheit seit dem Auftauchen der Fragmente aus Menanders Ale; ^^aKaTÖv endgültig feststeht®'. Aus einem Zeugnis des lulius Romanus®'^ ist das Fehlen dieser Versgruppe auch in anderen Ausgaben zu erschließen, woraus eine kritische Adnotation noch wahrscheinlicher wird. Umgekehrt bezeugt allein der Ambrosianus die unechten Verse Most. 940-945®'. Es ist evident, daß es sich bei diesen Divergenzen nicht um Zufölligkeiten handeln kann®®, daß vielmehr jene berechtigten Auslassungen Folge einer ehemaligen kritischen Kennzeichnung jener Verse sind, die der erste Herausgeber der Vollständigkeit halber aufgenommen, aber als nicht Die von Schoell in der Prae&tio seiner Ausgabe des Truculentus p. 34 f. festgestellten Verderbnisse der Palatini in diesem Stück gehen auf ein Zeichen zurück, das den Sprecherwechsel innerhalb eines Verses markierte; mit der kritischen Adnotation der Erstausgabe hat dies trotz Lindsay, Ancient Editions, 82 nichts zu tun. S. Zwierlein 1 , 1 6 ; 40. ' ' Zu den sprachlichen Anstößen der interpolierten Verse s. Zwierlein IV, 157; IV, 321, Anm. 714. Leo (im App. z. St.) betrachtete sie als Teil eines alternativen Schlusses (-1009, 1016-1022, 1024-1028), der den echten Schluß (-1015,1023-1028) ersetzen sollte. S. Petersmann z. St. ' ' Die Fragmente wurden erstmals vorgestellt von E. Handley, Menander and Plautus. A Study in Comparison, London 1968; sie sind jetzt von Handley als POxy 4407 vollständig kritisch ediert und kommentiert in Band 54 der Oxyrhynchus-Papyri, London 1997. Zu deren Relevanz für die Bacchidesinterpolation s. Zwierlein 1,28 f. mit weiterer Literatur. Leo, PF, 131 und Pasquali, 334 haben sich getäuscht, wenn sie gegen die Auslassung des Ambrosianus einwendeten, die Partie sei, so Pasquali, „troppo menandrea per non essere originaria": sie haben sich von dem moralisch-sentenzenhaften Zug des Passus in die Irre fuhren lassen, der für den Plautusbearbeiter nicht untypisch ist. In der Nachfolge Leos und in ofFensichdicher Unkenntnis der Fragmente des A I ? ^^anoTÖv betont noch 1981 Zeczel, 243 den vermeindich menandreischen Charakter der Verse. Charisius p. 266,11 Harwick, hierzu s. unten, 253-25J. ' ' S. Fraenkel, Plautinisches, 139, Anm. I. Wie so oft greift der Bearbeiter am Anfeng und Ende seines Zusatzes auf den echten Plautus in unmittelbarer Umgebung zurück: heus senex (940) nach heus vos pueri (939); eloquar (945) nach ita loqttor (946). So bereits Thierfelder, 3.

3- Anlage der Ausgabe

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plautinisch kenntlich gemacht hat. Die Urheber unserer beiden Rezensionen hatten noch Kenntnis von dieser kritischen Adnotierung; vermutlich fanden sie in Kommentaren entsprechende Hinweise, die sie zu Auslassungen veranlaßten®7. In der ambrosianischen Rezension sind insgesamt mehr Verse unterschlagen, was gut zu der gesamten Anlage dieser Ausgabe paßt, die von spätantiker Grammatikertätigkeit stärker beeinflußt ist als die palatinische Rezension®®; freilich läßt auch sie von der Plautusbearbeitung, wie sie jetzt zunehmend zum Vorschein kommt, allein die Spitze eines Eisbergs sichtbar werden. 3.3. Kolometrie Die oben in Analogie zu der Ausgabe von Menanders Sicyonius bereits für die Autographen des Plautus vermutete stichische Schreibweise der iambischen Senare und der Langverse'' ist für den Text der ersten Gesamtausgabe sicher zu erschließen. Dies beweisen jene zahlreichen Plautuszitate bei Varro und Verrius Flaccus, in denen der zitierte Text keine syntaktische Einheit bildet, sondern sich die Abgrenzung des Zitates allein aus der stichischen Ausschreibung des Textes erklärt: Anfang und Ende des Zitates fallen mit Versanfang und Versende zusammen. Zwei besonders augenfällige Beispiele dürften genügen: Aus den (in der direkten Überlieferung nur in A'® erhaltenen) iambischen Senaten Cist. 405 f , non quasi nunc haec sunt hic limaces, lividae, /febriculosae, miserae amicae, osseae zitiert Varro ling. Lat. 7,64, einer älteren Fachschrift folgend'', zunächst Vers 405, um danach das Adjektiv Umax zu erklären; daß in das Zitat das Adjektiv lividae noch aufgenommen ist, die folgenden Adjektive hingegen nicht mehr, erklärt sich allein aus dem Versende hinter lividae. Aus dem zusammenhängenden Satz des Ballio Pseud. 265-267 nam si sacruficem summo lovi / atque in manibus exta teneam, ut poriciam, interea loci / si lucri quid detur, potius rem divinum deseram zitiert Verrius Flaccus (Fest. 242,19 ff.) in der Glosse poriciam die ohne den Zusammenhang unverständlichen und unkonstruierbaren Worte atque in [manibus exta teneam, ut poricijam, interea loci allein aus dem Grund, da sie genau den trochäischen Septenar 266 umfassen. "Weit wichtiger ist Leos Beobachtung einer kolometrischen Abtrennung der Cantica in der ersten Gesamtausgabe des Plautus'^, die für die Originalmanuskripte noch mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden konnte''. Leo ist es gelungen, aus zwei Plautuszitaten in Varros de lingua Latina eine Vgl. hierzu unten, 253-255. " Vgl. unten, 329-339. ' ' S. oben, 22. Der Anfang von 405 ist in A nicht lesbar, sicher jedoch das letzte Wort des Verses lividae-, s. Studemunds Apographum, fol. 244'. Zu dieser s. unten, in-115. Cantica, 6 f. Vgl. auch Questa, Numeri innumeri, 75-79. 93S.oben, 22f.

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II. Die erste Gesamtausgabe

mit der Kolometrie der erhaltenen Plautushandschriften übereinstimmende Kolometrie der Erstausgabe zu erschließen: Varro ling. Lat. 7,1z zitiert als Beleg für vtdere in der Bedeutung von curare Plaut. Men. 352: inius para, cura, vide.

quodopustfiat. So ist der Vers, die Verbindungeines iambischen Quaternars und eines anapästischen Binars, in P't abgeteilt, und so scheint er auch in dem Varro zugrundeliegenden Plautustext abgeteilt gewesen sein, da die für den Beleg überflüssigen Worte quod opustfiat, die den anapästischen Binar bilden, wohl lediglich aus dem Grund mitzitiert sind, daß „sie mit in der Zeile standen"''. Ebenso sind ling. Lat. 7,99'® die Verse Cist. 8 S. pol isto quidem nospretio /facile optanti estfrequentare'^^ / tibi utilisque habere: / ita in prandio nos lepide ac nitide / accepisti apud te, ut Semper meminerimus^^ bis accepisti zusammenhängend

zitiert, wobei die in P genau eine Verszeile füllenden Worte tibi utilisque habere ausgelassen sind. Auch wenn die Auslassung von Vers 9 nicht unbedingt als ein Versehen Varros zu werten ist'', dem es allein um die Bedeutung von frequentageht, erklärt sich der Schnitt am besten, wenn in seinem Text die ausgelassenen Worte in Übereinstimmung mit P genau einen Vers umfaßt haben. Aus diesen beiden Stellen - die weiteren Zitate aus den Cantica sind weniger aussagekräftig^®' - wird deutlich, daß Varro und der antiken Quelle der Palatini cüesselbe kolometrische Schreibweise der Cantica zugrunde liegt. Ebenso liegt eine weitgehende kolometrische Übereinstimmung zwischen dem antiken Exemplar der Palatini und dem Ambrosianus für die von ihnen gemeinsam bezeugten Cantica vor'°^. So geht die kolometrische Gliederung der Cantica

In A ist Fol. 408' zwischen 345 und 357 ^ z i i c h unleserlich, doch entsprechen die anzusetzenden Zeilen genau der Aufteilung in P, wenn man eine Freizeile für den Szenentitel nach 350 (entsprechend etwa der Freizeile nach Men. 272) annimmt; s. Studemunds Apographum z. St. " Leo, Cantica, 6; vgl. jetzt allerdings Gratwick z. St. Varro scheint an dieser Stelle unmittelbar einen Text der Cistellaria zu benutzen und nicht von einem früheren Gtammatiker abhängig zu sein; vgl. unten, 116 f. So ist Vers 8 m. E. zu schreiben; s. unten, 146 f. ''Verstrennung nach P; A ist vollständig verloren. " So Leo, 6, der übenreibend von „unentbehrlichen Worten" spricht. Vers 9 kann vor allem dann ausgelassen werden, wenn optanti in 8 richtig hergestellt ist; denn dann ist die syntaktisch erforderliche Ergänzung im Dativ bereits gegeben, die ansonsten erst tibi in 9 leistet. Er paraphrasiert frequentare mit curare ut adsimus-, ebenso wie zu Beginn der Glosse frequens mit qui adest assiduusfere et quam oportet. Gas. 206-207 amet, sine quod übet idfaciat, quando tibi nil domi delicuom est ist in B (A ist verloren) und von den neueren Herausgebern als ein Vers (das Metrum ist unsicher; s. Questas Ausgabe der Gantica im Apparat z. St.) ausgeschrieben; er wird vollständig von Varro ling. Lat. 7,106 zitien, dem es an der Stelle allein um die Erklärung von deliquus geht, so daß etwa sine amet für das Zitat ohne weiteres hätte fehlen können. Bei Verrius Flaccus verdient das Zitat des Verses 'Bacch. 1088 [an^] stulti, stolidi,fatui,fiingi, bardi, blenni, buccones Beachtung, der bei Paulus p. 32,10 in dem mit stultos paraphrasierten Lemma blennos vollständig zitiert ist. Das Ausschreiben aller Wörter forden kaum das Verständnis von blennus und erklärt sich am plausibelsten damit, daß sie bereits in der Vorlage des Verrius als ein Vers ausgeschrieben waren; zur Vorliebe des Verrius, metrische Einheiten auch ohne Rücksicht auf den Sinn zu zitieren, s. Jocelyn, Indirect Tradition II, yj^.passim. '°^Vgl. jetzt Questas Ausgabe, wo Abweichungen und Übereinstimmungen jeweils in einem

4. Zusammen&ssung

6l

in den beiden Zweigen der Überlieferung letztlich bereits auf die Erstausgabe des Plautus zurück; es gibt keinen Hinweis, daß zwischen der Erstausgabe und der handschriftlichen Überlieferung eine durchgreifende Neugestaltung der Kolometrie stattgefunden hat'°'. Die formale Gestaltung der Cantica in der Erstausgabe hat der Ambrosianus noch gewahrt, indem er Langverse ev ^x9eaei, Kurzverse äv eioGeoei schreibt. Der Ambrosianus bietet den Text der Cantica in einer graphischen Gestaltung, wie sie für die Chorlyrik des Aristophanes in der Ausgabe vorlag, auf die Heliodor für seinen metrischen Kommentar zurückgriflF'®'*. Daß diese äußere Form der Darbietung keine Erfindung aus der Zeit des Heliodor ist, nach welcher der Text des Ambrosianus nachträglich gestaltet wurde'"', haben die Papyrusfunde des letzten Jahrhunderts gezeigt. Das vermeintlich .Heüodorsche' System, die Ausrückung von Langversen und die Einrückung von Kurzversen, findet sich bereits in Papyri des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts'®^ und geht vielleicht auf Aristophanes von Byzanz zurück'®^. Das hohe Alter der Kolometrie ist deshalb so bedeutend, weil ein tieferes Verständnis der metrischen Struktur der Cantica zum letzten Mal bei Varro festgestellt werden kann'°®; wäre die Kolometrie der Handschriften jünger, verdiente sie kein Vertrauen. Bei Übereinstimmung zwischen A und P greifen wir die Kolometrie der Erstausgabe, von der abzuweichen es ähnlich guter Gründe bedarf wie etwa von der auf Aristophanes von Byzanz zurückgehenden Kolometrie der Pindarhandschriften'®'.

4. Zusammenfassung

Der Überlieferungsbefund des plautinischen Corpus weist die Phase der Erstherausgeberschaft als eine des Sammeins und Zusammenschreibens des verstreuten, Lesern bislang nicht zugänglichen plautinischen Nachlasses aus. Der Herausgeber folgt bei der Textdarbietung dem Vorbild der alexandrinischen ersten Apparat festgestellt sind. Die ursprüngliche Kolometrie von P ist fast ausschließlich und oft bereits in entstellter Form aus der Handschrift B ersichtlich; zu den Indizien, sie auch bei nicht mehr geteilten Versen etwa aus Spatien oder Großbuchstaben zu erschließen, s. Questa, Numeri innumeri, 23 ff. und unten, 297. '03 So auch Leo, Cantica, 7. Zu diesem Kommentar vgl. J. W. White, The Verse of Greek Comedy, London 1912,384 fF. Dies war die Hypothese von W. Studemund, Zur Kritik des Plautus, Festgruß der philol. Gesellschaft zu Wurzburg an die XXVI. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner, Würzbui^ 1868,49. 106 Vgl. hierzu Questa, Numeri innumeri, 72 f. S. Pfeiffer, Geschichte, 228 ff.; doch vgl. oben, 23, Anm. 33. •"'Vgl. F. della Cone, Varrone metricista, in: Varron (Entr. Hardt 9), Genf 1963, 148f. Zur Unkenntnis der metrischen Struktur der Cantica in der Spätantike s. unten, 248-250. 109 Vgl. Pfeiffer, Geschichte, 231 ff. Die neue Ausgabe der plautinischen Cantica von C. Questa (Urbino 1995) folgt dieser Vorgabe mit erfolgreicher Konsequenz.

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II. Die erste Gesamtausgabe

Philologen: Divergierende Fassungen eines Stückes wurden - unter möglichst vollständiger Bewahrung des gesamten Versbestandes - in ein Exemplar aufgenommen, nebeneinander gestellt und durch kritische Zeichen voneinander abgegrenzt; die Cantica werden in kolometrischer Gliederung geschrieben. Eine solche, aus der Überlieferung erschlossene, editorische Tätigkeit stimmt zu den Zeugnissen, die über die Philologie in Rom am Ende des 2. Jahrhunderts v.Chr. Auskunft geben. Anlage, Anspruch und insbesondere der Umfang der Erstausgabe machen deutlich, daß diese unmöglich für den um die Jahrhundertwende ohnehin kaum entwickelten Buchhandel"" und damit auch nicht für ein breiteres Lesepublikum bestimmt war, dem ein gereinigter Lesetext weniger, besonders populärer Stücke genügt hätte. Sie war bestimmt für die weitergehenden Forschungen einer kleinen, untereinander im regen Austausch stehenden Gruppe von Gelehrten"', und über diesen Kreis hinaus dürfte das gesamte Corpus von schließüch rund 130 (in ebensovielen Rollen ausgeschriebenen) Komödien keine Verbreitung gefunden haben. Man darf in Accius vielleicht den Initiator dieser Ausgabe sehen, der das Material für seine Didascalica benötigte; das Sammeln und Ausschreiben mag er einem in der Grammatik ausgebildeten Sklaven überlassen haben. Von Accius, der wohlhabend genug war, sich eine maximaformastatua"^ im Tempel der Camenen errichten zu lassen, berichtet Plinius, er habe den Grammatiker Daphnis an Marcus Scaurus für den höchsten Preis (700000 Sesterzen) verkauft, der je für einen in Sklaverei geborenen Mann bezahlt wurde"'; als vema wuchs Daphnis mit der lateinischen Sprache auf, sein hoher Verkaufspreis ergibt sich gewiß zunächst aus seiner Kenntnis der griechischen und lateinischen Literatur, aber wohl auch aus seiner Vertrautheit mit den Methoden der griechischen Grammatik. Sein Name steht hier nur stellvertretend für andere, die ähnliche Voraussetzungen mitbrachten und durch ihre Editionstätigkeit die Voraussetzungen schufen für die weiteren grammatischen Studien, die wir in Rom seit dem Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts nachweisen können.

Vgl. Rawson, Intellectual Life, London 1985,42 fF. Vgl. L. Holford-Strevens, Aulus Gellius, Oxford 1988,116 und unten, 64 f Plin. nat. hist. 34,19. Plin. nat. hist. 7,128. Nach Suet. gramm. 3,5 wurde Daphnis fiir denselben Preis von Quintus Catulus gekauft; Kaster, 82 f. vermutet plausibel eine zweite Transaktion des Daphnis von Scaurus an Catulus. Als Datum zieht Kaster die fnihen Neunziger in Erwägung; der berühmte Grammatiker sollte Catulus bei dessen literarischen und antiquarischen Arbeiten unterstützen. Die Berichte des Plinius und Sueton ergänzen sich und lassen auf eine gemeinsame Quelle schließen. Nahe liegt Varros de grammaticis, die gemeinsame Quelle für Suet. gramm. 3,3 (wenige Zeilen zuvor) und Plin. nat. 25,24.

III. Die Rezeption der Erstausgabe von Accius bis Verrius Flaccus Mit der Fixierung einer ersten Gesamtausgabe ist das Weiterleben des Plautus auf der Bühne gewiß nicht erloschen; trotz der abnehmenden Bedeutung der Palliata gegenüber der Togata, der Atellane und vor allem gegenüber dem Mimus' sind Wiederaufiuhrungen von Komödien im griechischen Gewand in der Zeit der späten Republik sicher bezeugt^. Außer mindestens einer Wiederaufführung des Psmdolus, wohl spätestens im Jahr 76', gibt es jedoch auf weitere Neuinszenierungen des Plautus keine sicheren Hinweise^. Selbst wenn es im ersten vorchristlichen Jahrhundert und im Zeitalter des Augustus mehr WiederaufRihrungen gegeben haben sollte, als die eher spärlichen Quellen vermuten lassen', haben diese nach der Fixierung des Plautustextes durch die Erstausgabe überlieferungsgeschichtlich wohl kaum mehr einen Einfluß gehabt, wie der Vergleich der handschriftlichen Überlieferung mit den Plautuszitaten im ersten vorchristlichen Jahrhundert zeigen wird®. 'Vgl. Leo, GRL, 3 6 9 f f ; Duckworth, 68ff. ^ Zu den Cicero-Zeugnissen s. J. Blänsdorf, Das Bild der Komödie in der späten Republik, in: Musa locosa (Festschrift für A. Thierfelder), hrsg. v. U. Reinhardt und K. Sallmann, Hildesheim/New York 1974,141 ff.; zu Varro res rust. 2,11,11 s. M. D. Reeve, .Terence', in: Texts and Transmission, 412 mit Anm. 4.

' Vgl. Cic. Q. Rose. 20: mm BaUionem illum improbissimum etperiurissimum lenonem cum agit

(seil. Rosaus), agit Chaeream, wo aus cum apt wohl auf mehrere AufRihrungen zu schließen ist. Zur Datierung der Rede etwa auf das Jahr 76 s. Ciceron, Discours Tome I, edd. H. de la Ville de Mirmont-J. Humbert, Paris ^973,145. In Phil. 2,15 setzt Cicero voraus, daß den Hörern seiner (freilich nie gehaltenen) Rede der leno Ballio aus dem plautinischen Pseudolus eine bekannte Figur ist. + Eine WiederaufRihrung des Trinummus etwa für das Jahr 55 ist aus in Pis. 61 (zur Datierung der Rede s. B. A. Marshall, The date of delivery of Cicero's in Pisonem, C Q 69,1975, 88 ff.) nicht sicher zu erschließen, da dort das Zitat von Trin. 419 für den Zuhörer auch ohne Kenntnis des Kontextes verständlich und witzig ist. Der Trinummus dürfte zudem mehr als andere Stücke des Plautus einem Lesepublikum bekannt gewesen sein; s. unten, 77 f. ' Es gibt lediglich zwei Zeugnisse über Wiederaufführungen von Komödien in augusteischer Zeit; diese werden von J . Griffin, Latin Poets and Roman Life, London 198;, 200 ff. überschätzt: Hör. epist. 2,1,60-62 dürfte entsprechend seiner Polemik gegen die alleinige Hochschätzung der veteres poetae (hierzu unten, 78-82) deren Präsenz auf der zeitgenössischen Bühne gehörig

überzeichnen; das Zeugnis Suet. Aug. 89,1 deUctabatur (seil. Augustus) etiam comoedia veteri et saepe eam exhibuit spectaculis publicis, kann sich in seinem Zusammenhang nur auf die

griechische Komödie beziehen. Ziun Abreißen der Bühnenproduktion vollständiger Komödien und Tragödien in der Kaiserzeit vgl. jetzt G. Heldmann, Die griechische und lateinische Tragödie und Komödie in der Kaiserzeit, Wujbb 24, 2000,185 ff. unten, Kap. IV.

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III. Rezeption der Erstausgabe

Für die Zeit der späten Republik und des frühen Prinzipats vorrangig erkennbar ist eine intensive Plautusrezeption in einem engen Kreis römischer Gelehrter, die vor allem in literarhistorischen, echtheitskritischen, grammatischen und antiquarischen Studien ihren Niederschlag gefunden hat. Die Fragestellungen und Ergebnisse dieser Forschungen darzulegen, teilweise auch die zum größten Teil verlorenen Schriften zu rekonstruieren, in denen diese Forschungen niedergelegt waren, wird Aufgabe dieses Kapitels sein. Das mit Accius uns sichtbar gewordene Studium der plautinischen Komödien setzt voraus, daß die seit dem lernen Drittel des 2. vorchristlichen Jahrhunderts entstehende Gesamtausgabe des Plautus zumindest innerhalb eines gelehrten Kreises eine gewisse Verbreitung gefunden hat. Daß diese Ausgabe von rund 130 Stücken über den nur wenig entwickelten, gerade für lateinische Texte notorisch unzuverlässigen und überhaupt viele Wünsche offen lassenden römischen Buchmarkt^ verbreitet wurde, ist von vornherein auszuschließen; andererseits gab es eine öffentliche Bibliothek, die den Gelehrten das Material zugänglich machen konnte, in Rom frühestens im Jahr 39 V. Chr.*. Mit größter Wahrscheinlichkeit erfolgte daher die Verbreitung der Plautusausgabe zumindest in dem Zeitraum etwa bis zu Varros Tod durch private Abschriften, die die Gelehrten selbst besorgen ließen - eine auch ansonsten für die späte Republik gut bezeugte Praxis der Veröffendichung und Verbreitung von Büchern: In Ciceros Hortensius bittet ein Gesprächsteilnehmer den Lucullus um ein Verzeichnis seiner Tragikertexte, wohl um sie mit dem Bestand seiner eigenen Bibliothek abzugleichen und sich gegebenenfalls Abschriften ihm fehlender Stücke besorgen zu lassen'; noch im Jahr 46 ließ Cicero seinen Orator durch Privatabschriften verbreiten'". Dazu paßt, daß zumindest ein Teil der Gelehrten, die sich mit Plautus befaßten, zueinander in einem nahen, oft freundschaftlichen Verhältnis standen. Der junge Varro widmet Accius seine Schrift de antiquitate litterarum^^, Aelius Stilo war Lehrer und Freund Varros" und Schwiegervater des Servius Clodius''. Es liegt auf der Hand anzunehmen, daß sich diese Gelehrten gegenseitig die Bü^ S. E. Rawson, Intellectual Life, 42 ff. ' Zur Geschichte der öffendichen Bibliodieken in Rom s. C. Wendel, ,Das griechisch-römische Altemun', 119 ff.; dort zur Gründung einer ersten öffendichen Bibliothek im Atrium Libertatis durch Asinius Pollio. ' S. Hort. frg. 35 Straume-Zimmermann [= Non. 396,27ff.]: qmre veUm dari mihi, LucuUe, iubeas indicem tragicorum, utsumam, qui forte mihi desunt mit Straume-Zimmermanns Kommentar z. Sc. Cic. fin. 3,10 und Plut. Luc. 42 berichten von der Großzügigkeit, mit der Lucullus seine Bibliothek gebildeten Interessenten zugänglich machte. '°Cic. fäm. 12,17,2 (an Cornificius): dicamtuis, uteumißäL librum), sivelint, describant adteque mittant. Zu diesem und weiteren Rillen von Privatpublikationen s. Rawson, Intellectual Life, 43-

" Vgl. H. Dahlmann, ,M. Terentius Varro', RE Suppl. VI, Stuttgart 1935,1218 und J. Oangel, Accius grammairien?, Latomus 49,1990, 37. " Die Zeugnisse bei Kaster, 69 f. '' Suet. gramm. 3,1; vgl. auch Kaster, 70 ff.

I. Literaturgeschichtliche Rezeption

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eher ihrer Bibliotheken mit ähnlicher Großzügigkeit zur Verfugung stellten'^, mit der etwa Lucullus und Atticus Gelehrten die Benutzung ihrer privaten Sammlungen gestatteten''. Ebenso ist zumindest für die echtheitskritischen, etymologischen oder grammatischen Spezialuntersuchungen zunächst kaum eine Verbreitung über den Buchmarkt anzunehmen; auch für diese Werke ist eine VeröfFendichung in Form privater Abschriften zu vermuten. Varro, allein aus dessen Vermitdung uns eine Reihe von gelehrten Werken aus republikanischer Zeit kenntlich sind, hat sie benutzt und ohne Zweifel selbst besessen; über ihn, den Caesar mit dem Aufbau einer ersten öffentlichen Bibliothek in Rom beauftragte'^ gelangte zumindest ein Teil der grammatischen Fachschriften in die ersten öffendichen Bibliotheken der späten Republik und des frühen Prinzipats, in die auch nach Varros Tod gelehrte Fachschriften aufgenommen wurden'^. So erklärt es sich, daß etwa noch Gellius in der 75 von Vespasian eingeweihten Bibliothek des Templum Pacis den commentarins de proloquiis des Aelius Stilo oder die gelehrten Briefe des Sinnius Capito'® lesen konnte"'.

I. Literaturgeschichtliche Rezeption i.i. Der ßbi9)> maculosa maculosioraque quam nutricis pallium (159,13 f.)^^, nihil Sit hoc simili similius^"^ (91,16), res ipsa testis est (166,21 = Aul. 421), tenue subtemen nerit^ (236,11 f.), tibi uxorem, ut recteproveniat, favebunt etfamiliam ... liberis ... augebunt^^ (178,9f.), velpatrono velprecatore^° (189,17). Die hier ausgeschriebenen Übernahmen zeigen, daß sich Frontos Plautusimitation in Die hier gegebenen Plautusübernahmen des Fronto sind dem Testimonienapparat van den Houts entnommen; manches mußte freilich bei einer kritischen Prüfung durch den ThLL und den Computerthesaurus wegMen. So hätte, um den gravierendsten Fall zu nennen, zu 153,15 nicht auf Plaut. Asin. 708 verwiesen, dagegen die Behandlung von 153,15 tolutares-m,i confingere (ein Fragment des Laberius? [= Laberius 178-182 Bonaria]) durch E. Hauler, WSt 39, 1917,122 ff. in dem doch sonst so reichhaltigen Apparat nicht verschvi^iegen werden dürfen. So ist ihm das Verb elavere p. 58,11 f. - zu Unrecht (vgl. ThLL V 2,327,18 ff.: Plautus verwendet das Verb nirgends im Präsensstamm, stattdessen die Formen von eluere) — ein Plautimim verbum, das Adverb exradicitus p. 153,13 f. in eindeutiger Anspielung an Most. 1112 ein verbum Plautinotatum-, p. 228,1 f. wird piscam hanuitili et saxatili Rud. 299), 228,10 f. locum lubricum (vgl. Mil. 852) als plautinisch ausgewiesen. Daß es sich um tatsächliche Übernahmen handelt, legt nicht nur die eigene Programmatik des Fronto nahe; gerade die unten (204, Anm. 31) zusammengestellten sprichwörtlichen Übernahmen decken sich eben stets mit der Formulierung des Plautus und nicht mit der von anderen Autoren gewählten. Vgl. Poen. 355 f. nisi illam mihi um tranquilkmfacis / quam mare olimst, quam ibi alcedo pullos educitsuos. Mil. 180 nihili bestiam-, Mil. 285 nihili nequam bestiam. " Vgl. Truc. 216 magisque adeo ei comiliarius hic amicust quam auxiliarius. Vgl. Pseud. 694 dulcia atque amara apud te sum elocutus omnia. ^ Diese Verbindung sonst nur bei Plautus: Amph. 155, Men. 94, Poen. 1409, Rud. 715. Rud. 115 impudicum et inpudentem-, die Verbindung der beiden Adjektive gibt es sonst nicht mehr. Cicero har. resp. i gebraucht impudicam impudentiam, ^^ *Bacch. 434 tam maculosum quam est nutricis pallium. Amph. 446 nihil hoc similist similius. *Merc. 518 subtemen tenue nere. Vgl. Truc. 384 f. quom tu es aucta liberis / quomque bene provenisti salva. 30 Pseud. 606 precator etpatronus-, weitere Verbindungen der beiden Nomina sind nicht belegt.

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V I . Die .varronische' Auswahlausgabe

seinen Briefen keineswegs auf verba insperata et inopimta beschränkt; er nimmt auch plautinische "Wendungen auf, die aus ganz geläufigen Worten zusammengesetzt sind: cito et cursim und inpudens atque impudica sind fraglos wegen ihrer Klangfülle, bestiae nihili wegen der Drastik, Formulierungen wie res ipsa testis est, cum amico ... velim, an alcedo ... liheris^^ wegen ihres sprichwörtlichen Charakters aufgenommen. Frontos Plautusimitation darf daher nicht einfach mit dem Wunsch zu archaisieren erklärt werden'^; die Übernahmen sind ebenso wie überhaupt die zahlreichen sprichwörtlichen Wendungen, die übrigen Dichterzitate, die Gräzismen und die eigenen Wortbildungen" - Mittel einer Stilisierung der Briefe, derer sich auch Cicero in gleicher Weise bedient hat, dessen Korrespondenz Fronto höchste Anerkennung zollt und die er eifrig exzerpiert'^, und die später, eben wegen ihrer Anwendung durch Cicero, lulius Victor nachdrücklich empfiehlt (rhet. p. 106,14 ff. Giomini-Celentano): Graece aliquid addere litteris suave est, si id neque intempestive neque crebrofacias: etproverbio uti non ipioto percommodum est, et versiculo autparte versus... quodgenus apudM. Tullium multa sunt Wenn daher bei Fronto der Anteil plautinischer "^rter und Wendungen gegenüber denen anderer frühlateinischer Autoren wie Cato und Ennius deutlich hervorragt", liegt dies vielleicht nicht nur an dem uns heute vorliegenden Überlieferungszustand der frühlateinischen Literatur, sondern auch daran, daß von Fronto ganz überwiegend die private Korrespondenz'^ erhalten ist. Auf sie fällt auch fast vollständig die nachweisbare Plautusimitation; in den (fireilich sehr spärlichen) Resten seiner Reden - der beiden Deklamationsstückchen laudes fumi et pulveris und laudes neglegentiae sowie der gratiarum actio - und in den principia historiaefindetsich nichts Plautinisches, im bellum Parthicum lediglich eine plautinische Wendung, magnum et maturum malum^'' (223,6). So trägt die Plautusimitation zum kunstvoil-kolloquialen Stil der Briefe Frontos bei; der jüngere Plinius hätte sich über manche von ihnen vielleicht '' S. jeweils Otto, Sprichwörter, s. v. res (i), mel (3), alcedonia. Schindel, Archaismus als EpochenbegrifiF, 334 ff. hat in übergeordnetem Zusammenhang gezeigt, daß ein Archaisisieren um seiner selbst willen weder von Fronto noch überhaupt in der Literatur des zweiten nachchrisdichen Jahrhunderts angestrebt wird. Wie ein fimkdonsloses Archaisieren wirklich aussieht, zeigt ein Text wie die perverse praefatio Anth. 6 Shackleton Bailey, der p. VII f. die weithin akzeptierte Daderung des Textes (nach Placidus) mit gutem Grund in Frage gestellt hat. " Zu den (die übernommenen archaischen Wörter numerisch überragenden) Neubildungen Frontos s. R. Marache, Mots nouveaux et mots archai'ques chez Fronton et Aulu-Gelle, Rennes 1957,17 ff.; an der palmaren Konjektur Plautinotato (p. 153,13) wird niemand zweifeln, seitdem (spätestens) Hauler, WSt 39,1917,122 Cic. Att. i,i6,ifloccifacteon zum Vergleich herangezogen hat: wie Cicero gestattet sich auch Fronto eine hybride Neubildung in seiner Korrespondenz; vgl. Holford-Strevens, 157. hierzu Schwierczina, 28 f. mit den einschlägigen Stellen. 3'S. Schwierczina, 12,19, 21. Auch die akephalen Lehrbriefe de ebquentia geben sich bewußt kolloquial. 37 Pseud. 234 makm rem magnam et maturam. Auch auf ein anderes Nomen bezogen ist die Verbindung der beiden Adjektive sonst nicht belegt.

I. Entstehungsvoraussetzungen

205

ähnlich geäußert wie über die angeblichen Briefe der Gattin des Pompeius Saturninus: Plautum vel Terentium metro solutum lep credidi (1,16,6). Die hohe Bewunderung fiir das Latein des Plautus, die Anerkennung für dessen labor studiumque et periculum verba industrius quaerendi legitimieren die Aufnahme seiner "Wendungen in die eigene Literatur. Das "Werturteil über die plautinische Stilkunst ist zugleich ein Indiz für die papierene Künstlichkeit der von Fronto angestrebten Kolloquialität in seinen Briefen: Wer die kreative Sprachfindung des Plautus und der anderen frühlateinischen Autoren als labor studiumque et periculum verba industrius quaerendi, als ein mühsames Schreibtischstudium betrachtet, überträgt auf die "Vergangenheit ganz unhistorisch die eigene Praxis, die den umgangssprachlichen Ausdruck nicht auf der Straße einfängt, sondern aus Exzerpten und Wortlisten zusammenschreibt. Mit diesem Urteil und der daraus folgenden Konsequenz, Plautus in der eigenen Literatur imitieren zu dürfen, steht Fronto nicht allein; Gellius teilt, wie bereits gezeigt wurde, seine Theorie, Apuleius seine Praxis'®. "Vielleicht noch in Karthago, spätestens in Rom hat Apuleius eine Bildung genossen, die die Lektüre derfrühlateinischenAutoren wieder einschloß". Bereits in seiner 158/159 vor dem Gouverneur der Provinz Africa in Sabratha gehaltenen Verteidigungsrede, seinem ältesten uns erhaltenen "Werk'^", zitiert er (teils wördich, teils paraphrasierend) von den frühlateinischen Autoren Ennius, Caecilius, Cato, Afranius und Lucilius'*'. Plautus selbst wird weder genannt noch direkt zitiert, doch Apuleius versteht geschickt plautinische "Wendungen in seine rhetorische Argumentationsstrategie einzubinden''^, in der die eigene literarische Bildung bewußt als ein Mittel der Verunglimpfung der tölpelhaften Prozeßgegner eingesetzt ist^': So wird die biedere Aufforderung des Kochs *Aul. 398 f. Dromo, desquamapisces. tu ... murenam exdorsua! in die sarkastische Parenthese apol. 42,1 quis enim fando audivit ad ma^ca malejicia desquamari et exdorsuari \d,i^ Vgl. hierzu vor allem L. Callebat, L'archajsme dans les „Metamorphoses" d'Apulie, REL 42, 1964, 346 fF. " Zum Einfluß der &ühlateinischen Literatur auf Apuleius insgesamt s. S. Mattiacci, Apuleo e i poeti arcaici, Festschrift A. Ronconi Bd. i, Florenz 1986,159 ff.; dies., Note sulla fortima di Accio in Apuleio, Prometheus 20,1994, 53 ff. Die Spezialumeisuchung über die Plautusübernahmen von A. H.J.V.M. Desenine, De Apulei studiis Plautinis, Neumagen 1898 ist als (freilich kritisch zu benutzende) Materiaisammlung noch immer hilfreich. Zu Leben und Werkchronologie s. jetzt K. Sallmann, HLLIV, 293 f. S. Jocelyn, Indirect Tradition III, 64, Anm. 78; das A&aniuszitat (frg. 221 Ribbeck) apol. 12,5. ^ Die Bedeutung der Plautusimitation in der Apologie ist in den jüngeren Untersuchungen von L. Callebat, La prose d'Apulfe dans la De Magia, WSt 97,1984,143 ff und S. Mattiacci, Apuleo e i poeti arcaici, 192 ff. nicht gebührend hervorgehoben worden und soll hier ausführlicher dargestellt werden als die weit besser dokumentierte Plautusimitation in den Metamorphosen. Das Material erschließt sich jetzt leicht über den Stellenindex der kommentierten Ausgabe von Pro se de magia von V. Hunink, Amsterdam 1997. In aller Deudichkeit nachgewiesen von U. Schindel, Die Verteidigungsrede des Apuleius, in: Literatur und Recht. Literarische Rechtsf^e von der Antike bis in die Gegenwart, hrsg. v. U. Mölk, Göttingen 1996,13 ff.

2O6

VI. Die .varronische' Auswahlausgabe

squamari et exdorsari F, com Casaubonus] piscis solere? umgeformt; weiter liegt sehr wahrscheinlich der Formulierung apol. 54,6 idomne ... e ceUapromptaria in^_rumai^uejnÄudiciumpr^^^ Plaut. Amph. 156 epromptaria cella d!^XQ]nar_^_flagruTn zugrunde. Die rüde Aufforderung des frechen Sklaven Tranio an seinen Herrn Theopropides, dem Wucherer das Geld vors Gesicht zu werfen (Most. 619) (seil, iube) obic{i illi) argentum ob os impurae_beluae gießt Apuleius apol. 89,2 in die Wendung quae (seil, tabulae) iam tibi ob os obiciuntur^ um, mit der er dem Kläger Aemilianus die Geburtsurkunde der Pudentilla übergibt; wenn er ihn im folgenden wie einen quadrupulator behandelt (89,4), so mag er diesen Vergleich ebenfalls dem plautinischen Zusammenhang verdanken. Pseudolus' anerkennende Worte für den gewieften Simia *Pseud. 1020 f. {scW..formido)ne malus itm erga me sit ut erga illumfuit, / ne inre_ secumia nunc mi obvortat comua überträgt Apuleius ironisch auf einen harmlosen Brief Pudentillas, der jetzt zu seinen Ungunsten ausgelegt werden soll (apol. 81,1): superest ea pars epistulae, qtiae similimjpro_me_scripta in memet ipsum vertitcornua^^. Apol. 22,6 gebraucht Apuleius erstmals mendicabulum in der Bedeutung .Bettler', fraglos unter dem Einfluß des ebenfalls in einem scharf kontrastierenden Vergleich stehenden singulären periphrastischen Ausdrucks hominum mendicabula in Aul. 703'^®. Auch das Substantiv frutex, auf den ungehobelten Tölpel angewendet, ist nur Most. 13 und apol. 66,6 belegt, wo an beiden Stellen der Gegner in einen unauflösbaren Widerspruch verwickelt wird, nachdem bereits zuvor seine rusticitas eigens Erwähnung gefunden hat. Erneut sieht man sofort, daß die Plautusimitation mit funktionslosem Archaisieren nichts zu tun hat; die endegenen, pointierten Wendungen demonstrieren die intellektuelle Überlegenheit des Apuleius, ihre drastische Schärfe ist eines der vielen literarischen Mittel, mit denen Apuleius die unterlegenen Ankläger demontiert. Die übernommenen Wendungen stehen zum großen Teil in den Sprechpartien der gewitzten Sklaven, die mit den danistae, senes und lenones ebenso souverän und überlegen umgehen wie Apuleius mit seinen Klägern - es liegt auf der Hand, welche Partien dieser fiir die Ausgestaltung seiner Rede mit besonderer Aufmerksamkeit durchgesehen hat. Die gröbsten Derbheiten des Plautus (vgl. etwa Most. 619) weiß Apuleius (apol. 89,2) freilich auszusparen, läßt sie einen ihm ebenbürtigen Leser, freilich nicht den Kläger, selbst ergänzen'^7. Die Plautusimitation bot sich für die Apologie besonders an und ist dementsprechend in diesem Werk des Apuleius (von den Metamorphosen abgesehen) am häufigsten nachzuweisen. Die philosophischen Schriften sind dagegen von Die Verbindung obicere ob os nur an diesen beiden Stellen; auch obicere oh ansonsten nur noch Plaut. Mil. 148. «VgLZwierlein III, 192 f. Den plautinischen Ausdruck hat Stocken: z. St. schön erklärt; zu weiteren Belegen für mendicabulum in der Bedeutung .Bettler' s. ThLL VIII, 705,54 ff. Apuleius hat seine ursprüngliche Gerichtsredefraglosüberarbeitet und in der jetzt überlieferten Fassung für ein literarisch gebildetes Lesepublikum veröffentlicht; vgl. U. Schindel, Die Verteidigungsrede des Apuleius, 13 ff.

I. Entstchungsvoraussetzungen

207

plautinischen Wendungen völlig frei; allein in de deo Socratis wird (in bester platonischer Tradition) Vers 4 aus dem Miles in der dem Zusammenhang angemessenen verkürzten Form praestringens oculorum aciem hostibus als Beleg für die Unsichtbarkeit der daemones zitiert, die fila corporum possident... splendida ... usque adeo, ut radios omnis nostri tuoris ... splendore reverberent (Socr. II p. 145). Auch in seinen epideiktischen Reden scheint Apuleius auf die Übernahme plautinischer "Wendungen verzichtet zu haben'^', doch finden sich in den erhaltenen Auszügen zwei wörtliche Zitate aus dem Truculmtus, die in den jeweiligen Reden die Argumentation unterstützen und ihnen Witz und Anschaulichkeit verleihen: In flor. 2,2 wird Truc. 489pluris estocuktus testis unus qmm auriti decem zunächst wörtlich zitiert und dann von Apuleius in pluris est auritus testis unus qttam oculati decem umgeschrieben, um den Gedanken in Einklang mit der Auffassung des Sokrates zu bringen, erst in einem prüfenden Gespräch werde die wahre Schönheit eines Menschen ersichdich. In flor. 18,1-3 versetzt Apuleius sich und sein großes, in einem offensichtlich schmucklosen Hörsaal versammeltes Publikum gedanklich in die Kurie oder die Bibliothek der Stadt Karthago; dabei rechtfertigt er diesen kühnen Gedanken mit der Praxis des Prologsprechers im Truculentus, aus dem er die drei ersten Verse wörtlich zitiert. Der enorme Einfluß, den die römische Komödie und vor allem Plautus auf die Sprache der Metamorphosen des Apuleius ausgeübt hat, ist von L. Callebat reich dokumentiert und zusammenfassend als Mittel einer literarischen Erhöhung der umgangsprachlich gestalteten Partien des Romans gedeutet worden'^9. Die Imitationstechnik im einzelnen aufzuarbeiten, ist hier nicht der Ort; wenigstens ein Beispiel soll jedoch verdeudichen, wie Apuleius bei der Übernahme eines komischen Motivs auch in der sprachlichen Gestaltung wieder (wie Horaz'°) auf die römische Komödie und nicht (wie Persius'') auf die griechischen Originale zurückgreift. In met. 4,7,4 findet sich unter den Vorwürfen, die die heimkehrenden Räuber ihrer alten Haushälterin entgegenschleudern, auch die gerade in der Komödie weidlich ausgekostete notorische Trunksucht der Alten; die Formulierung des Vorwurfs - quae diebus ac noctibus nil quicquam rei quam merum saevientivmtritm soles aviditer ingurgitare — gestaltet er nach der zumindest in den überlieferten plautinischen Komödien ergiebigsten Szene, Cure. I 2, wo der Weg zu der Geliebten nur über die (mit viel Wein zufriedenzustellende) leaena fuhrt und der Sklave Palinurus 128 f seinem verliebten Herrn die Bemerkung steckt: hoc vide ut ingurgitat iWpHTdiv.ßß. merum avariter, fa^tutj^plmU. Z u Überschneidungen in der Lexis zwischen denfloridaund Plautus s. S. Mattiacci, Apuleo e i poeti arcaici, 192 ff. Sermo Cotidianus dans les M^tamorphoses d'Apulee, Caen 1968,473 ff.; z u s a m m e n ^ e n d zu den verschiedenen Stilebenen des Romans zuletzt S. Harrison, Apuleius' Metamorphoses, in: G. Schmeling, The Novel in the Ancient World, Leiden/New York/Köln 1996, 505 f. 5° S. oben, 81 mit Anm. 1x4. 5'S. oben, 180.

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VI. Die .varronische' Auswahlausgabe

Mit Fronto und Apuleius besitzen wir zwei Autoren, die mit den plautinischen Komödien aus erster Hand vertraut sind, die in ihren eigenen Werken von der Sprache des Komikers Gebrauch machen und diese in ihre eigenen Werke einfließen lassen. Die Imitationskunst des Apuleius setzt, wie oben für die Apologie gezeigt wurde, auch einen Leser voraus, der die plautinische Vorbildstelle kennen muß, um Schärfe und Witz der apuleischen Argumentation voll erfiissen zu können. Wir dürfen für diese Zeit auf eine durch den Rhetorikunterricht frontonischer Prägung vermittelte Kenntnis des Plautus, aber auch auf ein generelles Interesse an diesem Autor bei einem Lesepublikum in einem Ausmaß schließen, das es zuvor (auch in der Zeit der späten Republik) nicht gegeben hat. Das große Interesse an der archaischen Literatur spiegelt sich auch in den grammatischen Schriften dieser Zeit. Die wohl vor allem von Plinius in seiner Schrift de dubio sermone zusammengestellten Schwankungen im Formenbestand und im genus der Substantiva werden insbesondere durch die Werke de dubiis generibus und de Latinitate des Flavius Caper weitervermittelt und fließen von dort (samt den frühlateinischen Dichterzitaten) in die erhaltenen grammatischen Schriften, etwa des Charisius und Priscian, ein'^. Viel bezeichnender sind die ausschließlich dem altlateinischen Sprachgebrauch gewidmeten Schriften ETpwtiaxeic;

sive commentaria lectionum antiquarum des Caesellius V i n d e x , de

usu antiquae lectionis des Velius Longus, schließlich die von Festus zumindest a n g e k ü n d i g t e n priscorum verborum cum exemplis libri u n d sein erhaltener A u s -

zug aus Verrius Flaccus' de verborum significatui All diese Werke unterstützen den Studenten in seinem Bemühen, sich die altlateinische Lexis anzueignen, sie zu begreifen und dann entsprechend den Forderungen des Fronto in die eigenen Reden und Schriften einströmen zu lassen; sie ergänzen oder ersetzen (mit nützlichen Beispielen versehen) die eigene Lektüre, die eigenen Exzerpte und Phrasensammlungen". Wie sehr die praktische Brauchbarkeit der Wörter gegenüber dem Ideal allumfassender Gelehrsamkeit in den Vordergrund tritt, zeigt der selbst eingestandene Maßstab, nach dem Festus den Verrius Flaccus epitomiert (242,30 fF.): ... propositum habeam ex tanto lihrorum eius numero intermortua tarn et sepulta verba atque ipso saepe confitente nullius usus aut auctoritatis praeterire, et reliqua quam brevissime redigere in lihros admodum paucos.

Daß seiner Epitomierung mehr noch als die sprachlich-etymologischen die antiquarisch-historischen Erörterungen zum Opfer fielen, läßt ein Vergleich der Festus-Glossen mit den noch erhaltenen direkten Zitaten aus Verrius bei Gellius erahnen'^. Wie dann eine mangelhafte Umsetzung des in diesen Zur großen Wirkung und Rezeption des Caper s. P. L. Schmidt, HLLIV, 232 fF. » Vgl. hierzu den Überbhck von P. L. Schmidt, HLL IV, 218 fF. '••Vgl. nur Verrius Flaccus frg. 3 Funaioli [= Gell. 5,17,1-2] aus der Glosse atri dies mit Festus 186,26 fF. Eine der Gelliusstelle vergleichbar um&ngreiche antiquarische Erörterung findet sich

I. Entstehungsvoraussetzungen

209

Werken gegebenen Materials in die Redepraxis aussehen kann, zeigt Gellius 11,7,1-6, der einen Anwalt wegen des vermeindich archaisch klingenden Satzes hic eques Romanus apludam edit etfloccesbibit verspottet, weil in ihm den Handbüchern entnommene Phrasen ungeschickt zusammengeflickt sind''. Die Anekdote mag wahr oder erfunden sein - Gellius erzählt sie fraglos, weil sie für seine Zeit symptomatisch ist. Ganz auf den praktischen Nutzen und die unmittelbare Anwendung ausgerichtet sind auch die durch die Vermittlung des Romanus im Kapitel de adverbio der arsgrammatica des Charisius p. 233 fF. Harwick überlieferten Komikerglossen des Arruntius Celsus'^, die mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem Kommentar dieses Grammatikers zum Phormio des Terenz stammen'^. Die Leistung des Konmientars besteht nach Ausweis der Charisiusstellen lediglich in der glossierenden Erklärung einzelner entlegener Wörter oder Wendungen des Phormio, zu deren Verdeutlichung bisweilen entsprechende Belege aus anderen Komikern, u. a. auch Plautus, mitgeteilt werden: Aus Glossen wie Char. p. 287,29 fF. 'hic viciniae' Terenüus in Hecura (immo Phorm. 95); ubi Celsus 'adverbialiter' inquit ut domi militiaeque': Plautus in Bacchidibus (205) 'proxime viciniae'. Char. p. 276,21 fF.'publicitusTerentius in Phormione (978) 'nonne hoc publicitus; ubi Celsus '(antiqui et publicitus) et claritus' inquit 'dicunt, nos publice clareque dicimus'. Titinius in Setina (122 R.).- 'statui statuam publicitus' {sed} et Plautus in Bacchidibus (312) 'in aede Dianae publicitus aurum servant', idem in Amphitryone {161) 'itaperegre adveniens hospitio publicitus'. idem in eadem (1027) ('an foris censebas nobispublicitus praeberier').'^ im gesamten Festus nicht. " In seiner Rechtfertigung des Ausdrucks verweist der Anwalt nur auf die Primärquellen, Plautus' Astraba für apltida und Caecilius' Polumeni fürflocces-,aber die Einbettung verrät das Handbuch

(11,7,5): legerat autem ille 'apludam vetms rusticosfirumentifittjvrem dixisse ... item 'flocces'

audierat prisca voce significare vinifaecem e vinaceis expressam — Eben nach dem Material

eines Werkes wie de usu antiquae lectionis hat Gellius seine Anekdote gestaltet; vgl. auch Hosius' Prae&tio seiner Gelliusausgabe, p. XLIV. ' ' Zu Datierung und Werk dieses (im neuen Handbuch der lateinischen Literatur nicht berücksichtigten) Grammatikers s. vor allem P. Wessner, Aemilius Asper. Ein Beitrag zur römischen Literaturgeschichte, Halle 190$, 14 ff. und Schanz-Hosius III, 174. Die Fragmente sind (teilweise unvollständig) zusammengestellt bei Wessner, Aemilius Asper, 14 £ Einen Terenzkommentar des Arruntius Celsus vermutete Bendey zu Andr. 1,1,43; eher eine lexikalische Schrift de verbispriscis hingegen Ritsehl, Parerga, 370; Wessner läßt die Frage offen. Für einen Kommentar (statt einer lexikalischen Schrift) sprechen folgende Überlegungen: I. Sämdiche (sechs) Terenzglossen stammen aus dem Phornüo. 2. Char. 268,19 ff. Barwick wird die Sprecherverteilung in Phorm. 643 erörtert, was in einem lexikalischen Werk kaum denkbar ist. 3. Char. 276,7 ff. Barwick werden zu Phorm. 82 nacheinander zwei \(%rter erklärt, was am natürlichsten zu einem fordaufenden Kommentar stimmt. ^ So glaube ich diese in der Überlieferung (s. Barwicks App. z. St.) arg zerrüttete Glosse in Analogie zu den übrigen Celsus-Glossen bei Charisius herstellen zu dürfen; zu den Anstößen des überlieferten Textes s. Ritsehl, Parerga, 368 ff., dem die Ergänzungen zu verdanken sind und dessen Interpretation den W ^ zur Heilung geebnet hat, dessen eigene Umstellungen aber noch nicht ans Ziel fuhren.

2IO

VI. Die .varronische' Auswahlausgabe

Char. 276,7 fF. perditepro valde (Ter. Phorm. 82) 'eam amare coepitperdite. mm ita Arruntius Celsus et addit 'antiqui enim dicebant arderepro amare. wird unmittelbar deutlich, daß die Erklärungen zugleich auch als Gedächtnisstützen zur Aneignung des aldateinischen Ausdrucks dienen können, der Benutzer des Kommentars, in der Kenntnis der genauen Bedeutung und im Vertrauen auf die Belege, in seine eigene Rede publicitus, lokatives viciniae und transitives ardere einfließen lassen kann, um sie mit einem vermeintlich archaischen, aus guten literarischen Quellen abgesicherten Ausdruck aufzuputzen. Tatsächlich findet sich publicitus bei den Komikern, in den Annalen des Ennius und bei Lucilius, dann erst wieder bei Gellius und Apuleius. Seine eigene Geschichte hat die leider nicht ganz eindeutige Erklärung antiqui enim dicebant ardere pro amare in Zusammenhang mit Phorm. 82 eam \hanc codd. Terenti recte] amare coepit perdite, wo das Zitat und die direkte Terenzüberlieferung einhellig das ohne jeden Zweifel richtige, in der Komödie idiomatisch mit perdite verbundene Verb amare überliefern''. Gleichwohl scheint Arruntius Celsus in seinem Bestreben, durch den Kommentar aldateinische Phraseologie zu vermitteln, transitives ardere in der Bedeutung .jemanden glühend lieben' als eine altlateinische Ausdrucksform anzusehen. Wahrscheinlich hat er in Gedanken in der Komödie transitiv verwendete Verben wie (de)perire mit dem intransitiven Ausdruck amore ardere (Ter. Eun. 72) kontaminiert und sich als Vergilkenner^° an den Anfang der zweiten Eklogeformosumpastor Corydon ardebat Alexin erinnert, wo Vergil erstmals - aus gutem Grund und unter Einfluß bukolischer Liebesdichtung des Hellenismus^' - ardere transitiv gebraucht. Ich will nicht ausschließen, daß Gellius unter Einfluß eines derartigen Mißverständnisses eine archaische Wendung zu gebrauchen meint, wenn er 6,8,3 schreibt: (seil, delphini) pueros ... arserun^^. Ähnliche Kommentare wie der des Arruntius Celsus zum Phormio dürften in jener Zeit auch zu Plautus entstanden sein®' - seine Komödien wurden nicht länger ausschließlich in Schriften behandelt, die an Fachgrammatiker gerichtet waren, sondern wurden in trivialen, auf den praktischen Unterricht abgestimmten Werken - Kommen" S. TliLL X 1,1177,32 £F. Angesichts der idiomatischen Wendung und der eindeutigen Überlieferungslage hätten die Herausgeber der Oxoniensis des Terenz Phorm. 82 niemals ardere in den Text setzen dürfen. Gleichwohl ist Phorm. 82 (ohne Angabe der Überlieferung) im OLD s. V. ardere 7b als erste Belegstelle für die transitive Bedeutung „to be in love with" zitiert! ^ Zu seinen Glossen zum 11. Buch der Aeneis s. Wessner, Aemilius Asper, 15. ^'S. Clausenz.St. ^^ Die transitive Konstruktion findet sich nach Vergil und vor Gellius nur Hör. carm. 4,9,13 und Mart. 8,63,1, der wörtlich die Vergilklausel ardehat Alexin zitiert. Der von Ritsehl, Parerga, 375 für Terentius Scaurus vindizierte Plautuskommentar beruht auf einer Interpolation der Aldina; vgl. Keils Apparat zu Rufin. gramm. VI 561,2. Ob das dort vermittelte Interpretament des Scaurus zum Pseudolus einem Kommentar oder einer anderen grammatischen Schrift enmommen ist, muß daher offen bleiben; Jocelyn, Indirect Tradition III, 61 und R L. Schmidt, HLLIV, 226. Zu dem wohl in etwas spätere Zeit Menden Plautuskommentar des Sisenna s. unten, 245-256.

I. Entstehungsvoraussetzungen

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taren oder altlateinischen Phrasensammlungen — von den Grammatikern für ein weiteres Publikum aufbereitet. Schließlich werden in jener Zeit die aldateinischen Autoren nicht nur von den Grammatikern über lexikalische Werke und Kommentare den Dilettanten vermittelt, diese gerieten sich auch selbst als kompetente Grammatiker und Kenner des altlateinischen Sprachgebrauchs. Der Kaiser Hadrian, der seine intellektuelle Überlegenheit und Verachtung der professores omnium artium ofFensichdich gern zur Schau stellte®'*, gibt eine Kostprobe seines Sprachvermögens in einem bei Charisius p. 271,10 ff. über die Vermitdung des Romanus erhaltenen Fragment aus dem ersten Buch seiner sermones, in denen er ofFensichdich seinen Disput mit Fachleuten der Grammatik, in diesem Fall mit Terentius Scaurus, festgehalten hat®'. Der Abschnitt, in dem er einen Plautusvers behandelt, sei hier kurz analysiert: ohiter divus Hadrianus sermonum libro primo quaerit an Latinum sit: 'quamquam' inquit 'apud Laberium (158 Ribbeck) haec vox esse dicatur, et cum Scaurus Latinum esse neget, addit quia veteres 'eadem' soliti sint dicere, non addentes 'via', ut sit xaia eXXeit|;iv, utPlautus (*Bacch. 49) inquit, 'eadem biberis, eadem dederotibiubi biberis savium'. Die Streitfrage, an obiter Latinum sit, wird man so verstehen dürfen, ob ohiter in einem lateinischen Satz eigenständig auftreten darf (wie ein Adverb) oder ob es (wie eine Präposition) einer Ergänzung durch ein Nomen bedarf®®. Wenn Hadrian die Verwendung von obiter allein akzeptiert und es als einen elliptischen Ausdruck für obiter viam (oder gar obiter viaY) erklärt, hält er obiter offensichtlich ursprünglich für eine Präposition, die aber in Ellipse (unter Wegfall von viam bzw. via) die Funktion eines Adverbs übernehmen kann. Als Beispiel für die Ellipse von via zitiert er dann *Bacch. 49, wo eadem statt eadem via verwendet sei. Das Beispiel ist zunächst ganz unglücklich gewählt, da eadem keine Präposition ist (Hadrian hätte beispielsweise besser mit circiter argumentiert!). Für uns aber ist bedeutender, daß er den Vers zwar richtig zitiert, aber in höchst amüsanter Weise gründlich mißversteht: zu eadem ist nicht via, sondern opera zu ergänzen, der Vers bedeutet nicht,... eben dort, wo du trinkst, will ich dich küssen (seil, auf den/mit dem Mund!)', sondern vielmehr ,... in eben der Zeit, die du mit Trinken verbringst, will ich dich Hist. Aug. Hadr. 15,10 fF.; allgemein vgl. R. Syme, Hadrian the Intellectual, Roman Papers VI, Oxford 1991,103 fF. Mit Jocelyn, Indirect Tradition III, 62, Anm. 47 den Titel sermones mit Suet. gramm. 24,4 ... inter longos ac vulgares sermones legere quaedam (seil, solebat) in Verbindung zu bringen und aus diesem Grund Probus gar als Lehrer des Hadrian in Erwägung zu ziehen, scheint angesichts des in dem Fragment deutlich erkennbaren dialogischen Charakters der Schrift ganz abwegig. Man wird sie sich ähnlich wie die zahlreichen dialogisch gestalteten, grammatische Probleme erörternden Kapitel des Gellius vorzustellen haben. ^ Z u dieser Auf&ssung stimmt, daß die Glosse obiter bei Charisius in dem Abschnitt de adverbio steht, der Text am Ende der Glosse (271,20 fF.), der dem Romanus gehört, auf eine eingehendere Behandlung in dem Abschnitt de consortio praepositionum innerhalb seiner d(popnat verweist.

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VI. Die .varronische' Auswahlausgabe

auch küssen'. Wer das plautinische Idiom derart verkennt, braucht tatsächlich 30 Legionen, um als Grammatiker ernstgenommen zu werden^^i Bestes Zeugnis für den Enthusiasmus gebildeter Dilettanten für Fragen der aldateinischen Dichtung und Sprache legen jedoch die Noaes Atticae des Gellius ab, in denen Gestalten wie Fronto, Favorinus, Sulpicius Apollinaris und Gellius selbst (sehr oft auf Kosten anonym bleibender grammatic^^) in allen aul^eworfenen Fragen zur aldateinischen Literatur Entscheidungskompetenz beanspruchen, ihr Material freilich zum großen Teil von Gellius aus älteren Fachschriften in den Mund gelegt bekommen, welches richtig auszuwerten ihm nicht immer gelungen ist^'. In den in Athen zusammenkommenden römischen Tafelrunden (Gell. 18,2), die sich an qmestiones convivales erfreuen und um den Preis eines Uber veteris scriptoris und eines Lorbeerkranzes über eine sententia poetae veteris lepide obscura rätseln, etwa über den Gebrauch von frustra in einer Satire des Ennius oder die Belegstelle fiir das Verb verare (Enn. ann. 374 Skutsch), ist der (an den Kreis um Sir William Temple erinnernde) gleichermaßen gebildete wie enthusiastische Dilettantismus des Gellius und seiner Zeitgenossen besonders entlarvend porträtiert. Das Bild der Plautusrezeption, das sich für die hadrianische Zeit ergeben hat, ist in sich geschlossen und steht im scharfen Kontrast zu dem oben für die späte Republik skizzierten. War dort die Beschäftigung mit dem Komiker weitgehend auf einen engen Kreis weniger Gelehrter beschränkt, die sich mit literaturgeschichdichen, echtheitskritischen, grammatischen und antiquarischen Problemen des Dichtertextes auseinandersetzten, so wird er hier von einem sehr viel weiteren Kreis rezipiert, der Plautus mit großer Begeisterung, aber oft ohne echtes Verständnis las: Die stilistische Programmatik des Fronto und seine praktische Umsetzung in den Briefen, die nachweisbare Plautusrezeption in den Werken des Apuleius, die trivialisierenden Kommentare und Werke zur altlateinischen Lexik, schließlich das enthusiastische Interesse gebildeter Dilettanten an Plautus wie an den übrigen altlateinischen Dichtern — all dies weist auf eine bis dahin nicht erreichte Verbreitung der plautinischen Komödien an den Rhetorikschulen und unter einem Lesepublikum hin, welches eines bequemen Lesetextes bedarf Spätestens in frühantoninischer Zeit liegt, wie wir jetzt zeigen wollen, ein solcher Text vor.

Dies gegen jüngere Darstellungen, die die Glosse bei Charisius offensichdich nicht verstehen und in Hadrian tatsächlich einen ernsthaften Grammatiker sehen. ^ S. z. B. 6,17,18,9,19,10 und vgl. Holford-Strevens, 107-110 und 123-115. S. hierzu Jocelyn, Indirect Tradition III, 68 fF. mit einer sehr au^chlußreichen Analyse der Quellenverarbeitung durch Gellius in 20,6.

2. Chronologische Fixierung

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2. Chronolo^che Fixierung Oben wurde der bei Gellius 3,3 bewahrte Auszug aus Varros Schrift de comoediis Plautinis als wichtiges Dokument für die früheste Phase der Überlieferungsgeschichte der erstmals in einer Gesamtausgabe vereinigten Komödien und als Quelle für die unmittelbar einsetzende intensive echtheitskritische Auseinandersetzung mit dem gesanunelten Nachlaß des Plautus ausgewertet^®. Den Titel von Varros Schrift de comoediis Plautinis kennen wir allein aus Gellius; sie wird sonst nirgends erwähnt und ist auch in Hieronymus' Katalog der Werke Varros (test. 23 Funaioli) nicht aufgeführt. Ebenso hängt unser Wissen über die echtheitskritische Auseinandersetzung, in deren Folge von den insgesamt rund 130 Stücken nur 21 allgemeine Anerkennung fanden, fast ausschließlich an Gellius. Sieht man von dem Kapitel 3,3 seiner Noctes Atticae, einem kurzen weiteren Hinweis Gell. 11,7,57' und den aus Gell. 3,3 geschöpften Einzelbemerkungen bei Nonius und Macrobius ab^^, gibt es auf den gelehrten Streit um den plautinischen Nachlaß nur einen knappen Hinweis bei Varro ling. Lat. 6,89^' und eine ganz isoliert stehende Bemerkung in der Einleitung des Servius zu seinem Aeneiskommentar^^. Sonst bleibt diese Problematik bei den Grammatikern unberücksichtigt; in der gesamten verbleibenden Sekundärüberlieferung der verlorenen Komödien des Plautus fehlt jeder explizite Hinweis auf eine Strittigkeit der Authentizität eines zitierten Stücks. Für Gellius hingegen und, wenn die einleitende Bemerkung nicht völlig frei erfunden ist, für einige gebildete Zeitgenossen^' ist die varronische Schrift, vor allem der darin von Varro vertretene echtheitskritische Ansatz von größter Bedeutung. Diese Gelehrten geben nichts auf die 21 sogenannten Varronianae, jene kleine Schnittmenge der in sämtlichen vorvarronischen indices akzeptierten Stücke, sondern vertrauen in der Echtheitsfrage vielmehr einer den Stücken innewohnenden Qualität: non indicibus ... crediturum, sed ipsi Plauto moribusque ingeni atque linguae eius. Eben diese norma iudicii, so Gellius weiter, hat auch Varro angelegt, indem er adductusfiloatqtie facetia sermonis Plauto congruentis über die 21 Komödien hinaus weitere Stücke für den echten Plautus in Anspruch nahm. Die hohe Bewertung eben dieses Kriteriums paßt zu der genauen Vorstellung von der Stilkunst des Plautus, von seiner elegantia, die sich Fronto, ein anonymer Dichter aus seinem Kreis und Gellius selbst verschafft zu ^ S. oben, 45-47. Zu dieser Stelle unten, 215 f. Non. p. 69,24 fF., Macr. Sat. 2,1,11; die Stellen zitien und behandelt Ritsehl, Pareiga, 122, Anm. ** und 131. Hierzu vgl. oben, 47. ^••Vgl. oben, 104, Anm. 276. 3,3,1: verum esse comperior, quod quosdam bene Utteratos homines dicere audivi, qui plerasque Plauti comoedias curiose atqtte contente lectitarunt... Daß es sich bei den fiir Plautus begeistenen litterati doch wohl nur um Gelehne seit hadrianischer Zeit handeln kann, hat der im vorangegangenen Kapitel gegebene Überblick sehr wahrscheinlich gemacht.

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VI. Die .varronische' Aiiswahlausgabe

haben überzeugt sind^^; und es muß offenbleiben, ob Gellius an dieser Stelle unter den echtheitskritischen Kriterien, die Varro in de comoediis Plautinis angel^ hat, die Stilkritik einseitig und ungebührend (etwa gegenüber der Echtheitskritik nach biographisch-historischen Gesichtspunkten) in den Vordergrund gerückt hat77. Entscheidend für die Plautuskritik im 2. Jahrhundert ist die Frage, weshalb sich diese litterati überhaupt genötigt sahen, die Echtheit solcher Stücke zu rechtfertigen, die etwa von Varro selbst, aber auch von Verrius Flaccus und dem älteren Plinius als plautinisch rezipiert wurden, und aus denen noch im Jahr 143 in einem Brief an Fronto p. 28,9 ff. der junge Marc Aurel den Colax selbstverständlich als ein Stück des Plautus zitiert, dessen Lektüre ihm gewiß Fronto ans Herz gelegt hat^®. Auf diese Frage kann es nur eine Antwort geben: Sie alle reagieren in polemischer Ablehnung auf eine Plautusausgabe, die von jenem mechanischen Kriterium, der Akzeptanz in allen indices, den Ausgang nahm und nur die 21 Stücke vereinte, die auch von Varro als eine geschlossene Gruppe von fraglos als echt anerkannten behandelt waren, dagegen alle anderen ausschloß, darunter auch diejenigen, für deren Echtheit Varro im weiteren Verlauf seiner Schrift de comoediis Plautinis plädierte. Es wird nicht sichtbar, wie eng sich Gellius bei seiner Argumentation für die Echtheit der Stücke Boeotia (3,3,4-5), Nervolaria (3,3,6) und Fretum (3,3,7-8) an Varro angeschlossen hat, ob er diese Stücke überhaupt noch selbst gelesen oder die Zitate aus der Behandlung Varros übernommen hat^'. Die Angabe in 3,3,6, Gellius habe zur Zeit seines Studiums bei Favorinus, also in der Mitte der vierziger Jahre'°, die in ihrer Zuordnung an Plautus umstrittene Nervolaria gelesen, deren Echtheit dann Favorinus durch einen einzigen Vers, frg. VII Leo, erwiesen sah, ist angesichts der nachweisbar reichen Auseinanderseuung, die gerade diesem Vers in der grammatischen Tradition widerfahren ist, ganz unglaubwürdig*'; doch dürfen wir aus der durchweg feststellbaren Tendenz des Gellius, auch in seinen fingierten Dialogen historische Glaubwürdigkeit Vgl. hierzu oben, 201. Vgl. hierzu oben, 104 f. mit Anm. 277. Goetz, Epilegomena, 190 und 194 zweifelt (ohne weitere Begründung) daran, daß das Zitat direkt aus einem Plautustext stanunt. In demselben Zusammenhang zitiert Marc Aurel auch Enn. trag. inc. 382 Jocelyn und Naev. com. inc. IV Ribbeck. Die Verse haben jedoch keine sprachliche Gemeinsamkeit, können also nicht aus einer grammatischen Quelle stammen. Sie scheinen vielmehr von dem Prinzen selbst wegen des gemeinsamen Gedankens (der Mächtige erhält von Schmeichlern unaufrichtige Ratschläge) als eine Folie zusammengestellt, von der aus er Fronto für seine Aufrichtigkeit ihm gegenüber danken kann. Für eine entsprechend angelegte Sentenzensanunlung scheint zumindest das Zitat aus dem Colax (drei Verse) zu lang. Für varronische Herkunft plädieren wohl zu Recht Winter, 4 und Goetz, Epilegomena, 194; zu dem Fragment aus der Boeotia s. auch Leo, PF, 154, Anm. i, wo gegen Ritsehl, Parerga, 208 nachgewiesen ist, daß sich für Varro nicht von selbst die Unechtheit der zitierten Partie ergeben mußte. Vgl. Holford-Strevens, Chronology of Aulus Gellius, 95 f. ' ' Hierzu s. oben, 113.

2. Chronologische Fixierung

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anzustreben und Anachronismen zu vermeiden®^, schließen, daß die ,varronische' Ausgabe in jener Zeit bereits vorhanden war. In dieser Zeit erfolgte vielleicht auch die kritische Ablehnung durch jene bene litterati homines, die das Übereinstimmen der indices als Ausgangspunkt für eine Ausgabe des Plautus ablehnen. Natürlich können wir nicht annehmen, daß die neue Ausgabe bereits vorhandene Plautustexte unmittelbar verdrängt hat, daher auch nicht aus der unbefangenen Lektüre des Colax als eines Stückes des Plautus durch Marc Aurel einen terminuspost quem für die Auswahlausgabe ableiten. Trotzdem weisen die Zeugnisse übereinstimmend auf denselben Zeitraum; sie legen nahe, die Auswahlausgabe auf den Anfang der Regierungszeit des Antoninus Pius zu setzen®'. Wie stark diese Ausgabe gewirkt hat, zeigt neben der weiteren Sekundärüberlieferung durch die Grammatiker vom Ende des 2. Jahrhunderts an, die mit wenigen Ausnahmen keine nicht-,varronische' Komödie mehr aus erster Hand zitieren'"*, auch die sonstige Auswertung des Plautus durch Gellius. Sieht man von dem Kapitel 3,3 ab, dann leisten seine noctesAtticae ansonsten so gut wie nichts für das Verständnis der nicht-,varronischen' Komödien. Zitate aus solchen finden sich nur drei: Trigemini frg. I Leo in 6,9 und zwei Zitate aus unbekannten Stücken (fab. inc. XXVI und XXVII Leo) in 18,12 - in beiden Kapiteln gibt Gellius Auszüge aus grammatischen Fachschriften (vielleicht aus Plinius' de dubio sermon^^), in die er gegen den Anspruch seiner praefatio, unterhaltend schreiben zu wollen, überhaupt nicht redigierend eingegriffen, sondern das Material seiner Quelle unbearbeitet weitervermittelt hat®^. Sonst wird (von 3,3 abgesehen) als einziges nicht-,varronisches' Stück die Astraba in 11,7,3 erwähnt, wo Gellius einen Anwalt für den aus Lexika zusammengeschriebenen Satz eques Romanus apludam edit etfloccesbibit verspottet, der die Verwendung des Wortes apluda mit seinem Vorkommen in der Astraba des Plautus rechtfertigt'^. Gellius verstärkt seinen Spott durch den süffisanten Einwurf 11,7,5 ^^ Plauti es^^-. Durch den echtheitskritischen Zweifel an diesem nicht-,varronischen' Stück entzieht er dem Wort apluda das Privileg, bei dem elegantissimus poeta belegt zu sein. Wenn sich Gellius an dieser Stelle an die Autorität der Varronianae hält und an der plautinischen Urheberschaft dieses von Varro höchstwahrscheinlich für authentisch befundenen Stückes®' in einem Zusammenhang zweifelt, wo es ihm dienlich ist, so zeigt dies überdeudich, wie '^Zu diesem wichtigen Gesichtspunkt s. L.A. Holford-Strevens, Chronology of Auius Gellius, 93-

' ' Leo, PF, 19 datiert die Ausgabe vielleicht etwas zu früh in die hadtianische Zeit; an der allgemeinen Richtigkeit seiner Beobachtung ändert dies freilich nichts. S. hierzu unten, 240-244. S. Hosius' Praefedo p. XXXV, Anm. 9; LV, Anm. 4. So zu Recht bereits Jocelyn, Indirect Tradition III, 68. Zur Stelle s. oben, 208 f. Der «-Satz sollte in den Ausgaben in Parenthese gesetzt werden, denn die Worte gehören nicht der indirekten Rede des Anwalts, sondern geben den Kommentar des Gellius. «9 Vgl. ling. Lat. 6,73; 7,66.

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VI. Die .varronische' Auswahlausgabe

wenig aufrichtig sein Einsatz für die nicht-,varronischen' Stücke in 3,3 ist, aber auch, wie vollständig er sich mit der Autorität der neuen Ausgabe abgefunden hat. Die durch sie vermittelten Komödien setzt er als den seinen Lesern vertrauten Plautus voraus. Den beiden in einer Masse grammatischen Materials mitvermittelten Zitaten aus nicht-,varronischen' Stücken stehen insgesamt 25 Zitate aus 17 der 21 erhaltenen Komödien gegenüber'®, darunter sämtliche, die in Dialoge unter Gelehrten und Grammatikern eingebettet sind''. Als Gellius mit großer "Wahrscheinlichkeit in den späten Siebzigern'^ seine 20 Bücher Noctes Atticae veröffentlichte, rechtfertigt er sein Werk als eine Lektüre, die seinen Kindern in den von ihrer Arbeit freien Mußestunden Erholung und Entspannung gewähren soll (praef. i); zu diesem Zweck hat er aus der Fülle des Materials, das er sein Leben lang gesammelt hat, nur solches aufgenommen, quae... ingenia prompta expeditaque ad honestae eruditionis cupidinem utiliumque artium contemplationem celerifacilique compendio ducermt... (praef. 12). Diesem Ziel entspricht nur zu gut, daß sich in den Noctes Atticae die Auseinandersetzung mit Plautus fast ausschließlich auf die Stücke beschränkt, die seinen Kindern und anderen Lesern gleicher Bildung aus eigener Lektüre bekannt sein konnten, also jener Stücke, die die ,varronische' Auswahlausgabe aufgenommen hatte". Der Erfolg dieser Ausgabe scheint in ihrer Ausstattung begründet zu sein, der Art, wie sie den Komiker einem Lesepublikum zugänglich machte. Sie wollen wir jetzt beschreiben.

Bei Gellius nicht zitiert sind Captivi, Curculio, Mercator und Vidularia. Die weitgehende Beschränkung auf Zitate aus den Varronianae bedeutetfreilichnicht, daß diese Zitate unmittelbar Plautustexten entnommen sein müssen (vgl. Jocelyn, Indirect Tradition III, 68); aber Gellius hat eben aus dem Material seiner grammatischen Quellen ganz bewußt Zitate aus Stücken ausgew^ihlt, die er bei seinen Lesern als bekannt oder zumindest leicht zugänglich voraussetzen konnte. ' ' S. z. B. 6,17 über die Bedeutung von obnoxius, 19,8 über den Singular delicia. '^Vgl. Holford-Strevens, Chronology ofAulus Gellius, loiff. "Jocelyn, Indirect Tradition III, 68 resümiert zu Recht: „It could be that Gellius tended to select citations of the 'Varronian' scripts from his source material to a greater degree than even Varro himself had done." Die in dieser Feststellung mitschwingende Verwunderung braucht nicht zu teilen, wer sich von Varros eigener Echtheitskritik und von dem historischen Zustandekommen der Varronianae eine richtige Vorstellung verschafft hat; vgl. hierzu oben, 104-107. - Der vielgebrauchte Ausdruck „varronische Auswahl" (u. ä.) ist in dieser Arbeit beibehalten, .varronisch' dabei stets in Anführungszeichen gesetzt, um deutlich zu machen, daß die Auswahl tatsächlich eine von Varro zusammengestellte Gruppe von Stücken um&ßt, keinesw^ aber sämdiche Stücke, die Varro für echt be&nd, vor allem aber, daß diese Ausgabe nicht von Varro selbst besorgt wurde.

3- Szenentitel und Personensiglen

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j. Ausstattung der Ausgabe: Szenentitel und Personensiglen 3.1. Systematik, Herkunft und Funktion der Szenentitel und Sprechersiglen Wir haben oben für die am Ende des zweiten vorchrisdichen Jahrhunderts veranstaltete Erstausgabe des plautinischen Corpus aus der Sekundärüberlieferung erschlossen, daß bereits in ihr die handschriftlich einheidich überüeferten Bearbeiterzusätze aus den Wiederaufifuhrungen in der zweiten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts (teilweise wohl mit kritischen Zeichen versehen) aufgenommen waren, da diese Zusätze von den Grammatikern der späten Republik rezipiert wurden. Ebenso ergab sich für diese Ausgabe insbesondere aus Varros Plautuszitaten dieselbe kolometrische Schreibweise der Cantica, die noch heute aus der handschriftlichen Überlieferung hervortritt'"*. Beide Überlieferungszweige stimmen bei aller Abweichung im einzelnen auch in der Einteilung der Komödien in Szenen überein", die voneinander durch Überschriften getrennt sind. In diesen Szenentiteln sind die Namen der in der angesetzten Szene auftretenden Personen gemeinsam mit den Rollen, die sie spielen (also adulescens, senex, servus, parasitus, Uno, meretrix etc.) als eine Einheit verzeichnet'®. In beiden Rezensionen in sich uneinheitlich behandelt sind die Personen, die bereits in der vorangegangenen Szene aufgetreten waren: sie werden im neuen Szenentitel teilweise erneut genannt, teilweise unter idem subsumiert, teilweise bleiben sie ganz unerwähnt. In der ursprünglichen Fassung scheint der Szenentitel bei dem Hinzutreten einer neuen Person(engruppe) zu einer bereits auf der Bühne agierenden nur die neu hinzukommenden Personen verzeichnet zu haben. Im Zuge der weiteren Überlieferung wurden in beiden Rezensionen die Szenentitel unabhängig ausgebaut und um die bereits anwesenden Personen, die entweder mit idem oder auch namendich genannt werden, ergänzt'^. Neben Namen und Rolle waren die Personen in den Szenentiteln mit Sprechersiglen in Form von griechischen Buchstaben gekennzeichnet, die die Personen in der Reihenfolge ihres ersten Auftretens in der Handlung S. oben, 5$ zu den Interpolationen und 59-61 zur Kolometrie. " Z u den Abweichungen s. B. Bader, Szenentitel und Szeneneinteilung bei Plautus, Diss. Tübingen 1970,104 fF. An den abweichenden Stellen berücksichtigt P beim Neuansetzen von Szenen zumeist die Abgänge von Personen; A (in Übereinstimmung mit der ursprünglichen Fassung) hingegen die Zutritte. Die ÜberlieferungsdifFerenzen zwischen A und II &ßt Jachmann, Geschichte des Terenztextes, 48 richtig zusammen; die Einzelheiten bei Bader, 15 ff. In A sind die ursprünglich mit Rötel geschriebenen Rollenangaben nach der Palimpsestierung nahezu vollständig verloren, aber durch die verbliebenen Freizeilen sicher greifbar. Vgl. hierzu Bader, 68 ff., der für die ursprüngliche Fassung zu Recht an die Praxis in PBodmer IV aus der ersten Hälfte des 4. Jh.s n. Chr. (Menanders Dyskolos) erinnert, eine Person bei ihrem ersten Auftritt nüt Namen und Rolle vorzustellen. Gut vergleichbar ist die Entwicklung der Szenentitel in der Überlieferung der Tragödien Senecas; vgl. O. Zwierlein, Prolegomena zu einer kritischen Ausgabe der Tragödien Senecas, Mainz 1983, 249 ff. (mit Literatur).

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VI. Die .varronische' Auswahlausgabe

durch2älilten. Diese Siglen waren dann den jeweiligen Sprechpartien der Personen innerhalb des Stücks vorangesetzt''. Noch Leo hat die von Spengel entwickelte These vertreten, daß die Bezeichnung der Rollen in den Überschriften und die sich aus ihr ergebende Szeneneinteilung der Komödien überlieferungsgeschichtlich der Phase der Wiederaufiuhrungen angehören, daß also die Szenenüberschriften aus Bühnenexemplaren in die Plautusüberlieferung eingedrungen sind''; dagegen halten Jachmann und Bader das überlieferte System für unvereinbar mit der lebendigen Bühnenpraxis und weisen die gesamte Szeneneinteilung einem Herausgeber zu, der die Komödien ausschließlich als Lesetexte behandelt hat'°°. Zu Gunsten der Ansicht Jachmanns ausschla^ebend ist vor allem die Behandlung von Statisten und Nebenrollen (Küchenjungen, Gepäckträger, weitere Sklaven und Dienerinnen) in den Szenentiteln'®'. Für einen Bühnendirektor sind diese Rollen wichtig; er muß über Schauspieler verfugen, die als Statisten in noch so untergeordneten Rollen gemeinsam mit den Protagonisten auf der Bühne auftreten, bisweilen aufwendig gekleidet sind'°^ und in der Zeit ihres Auftritts nicht für andere Rollen zur Verfugung stehen. Für einen Leser hingegen (und für einen Herausgeber, der die Szenentitel nicht aus der Bühnenpraxis, sondern aus seinem Leseeindruck erstellt) sind die Nebenrollen unterschiedlich auffällig; am deudichsten treten sie hervor, wenn sie selbst sprechen, ganz unauffällig sind sie, wenn sie nur einmal kurz angeredet werden. Gerade aber von diesem Grad der Auffälligkeit hängt ihre Aufnahme in den Szenentitel ab, wie ein paar willkürlich ausgewählte Beispiele zeigen können. Most. II 2 nennt der S. hierzu K.-U. Wahl, Sprecherbezeichnungen mit griechischen Buchstaben in den Handschriften des Plautus und Terenz, Diss. Tübingen 1974,15 fF.: In A sind die ursprünglich mit Rötel geschriebenen Sprechersiglen in den Szenentiteln vollständig verloren, in den Textpartien bei Sprecherwechsel innerhalb des Verses durch die spatia im Um&ng von jeweils einem Buchstaben sowie durch Korruptelen sicher greifbar. Für II sind vor allem aus T und P Reste des ursprünglichen Systems in den Szenentiteln und in den Textpartien greifbar; es ist weitgehend durch ein jüngeres (im Griechischen erstmals in PBerlin 9908 [Telephos des Euripides ftg. 149 Austin] aus dem 2.Jh. n. Chr. greifbares) System verdrängt, das in den Textpartien die Sprecher durch den oder die ersten Buchstaben des Eigennamens abkürzt, teilweise offensichtlich auch durch ein nicht-numerisches Siglensystem, wie es v. a. der Bembinus des Terenz durchgehend aufweist; vgl. Wahl, 23 ff. (für Plautus), 74 ff. (für Terenz). Eine signifikante, bereits von Goecz-Loewe z. St. erkannte und von Leo, PF, 7 hervorgehobene Gemeinsamkeit teilen A und n in Poen. 474, wo nach einem Sprecherwechsel am Versanfang von den Worten des Lycus volaticorum hominum? itanest? das erste Wort volaticorum in beiden Rezensionen zu Evolaticorum verderbt ist. In der ursprünglichen Fassung stand dem Vers die griechische Sigle E für Lycus als dem fünften Sprecher voran. Der Fehler ms^ A und II durch den gemeinsamen Archetypus vermittelt, kann aber auch in beiden Rezensionen imabhängig vonstatten gegangen sein. " A. Spengel, Scenentitel und Scenenabteilung in der lateinischen Komödie, SB Bayr. Ak. Wiss., München 1883, 257 ff.; Leo, PF, 15 mit Anm. i. Jachmann, Geschichte des Terenztextes, 45 ff. Jachmanns der Terenz- und Plautusüberlieferung gemeinsam abgewonnene Erkenntnisse hat Bader, 57 ff. für Plautus weiter ausgebaut. Z u den folgenden Überlegimgen Jachmann, Terenztext, 49 und Bader, 66 f. S. Jachmann, Terenztext, 49.

3- Szenentitel und Personensiglen

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Szenentitci hinter Vers 430 nur die sprechenden Personen Theopropides und Tranio; daß der heimkehrende Herr auch zwei Gepäckträger bei sich hat, geht ledigUch aus einer Nebenbemerkung 467 f. TR . . . iube illos illinc ambo abscedere. / TH abscedite hervor. So wie hier bleiben die meisten stummen Nebenrollen in den Szenenüberschriften unberücksichtigt'®'. Die Ausnahmen ergeben sich aus der besonderen Bedeutung einer stummen Nebenrolle, die auch dem Leser gegenwärtig sein muß, so etwa in der Szene Pseud. FV 4, wo im Szenentitel hinter 1037 neben den Protagonisten Simia und Pseudolus auch Phoenicium mit der Rollenangabe meretrix (BT) bezeichnet ist. Phoenicium ist in dieser Szene wie im ganzen Psetidolus stumm, doch Simia spricht sie gleich in 1038 namentlich an. Weiter ist ihre Befreiung aus dem Haus des Kupplers ein wesentlicher Bestandteil der Dramenhandlung - ihre Aufnahme in den Szenentitel ist daher nicht überraschend. Konstant erscheinen die Nebenfiguren dann im Titel, wenn sie sprechen; so sichert dem Sklaven des Lysimachus sein Sätzchen numquid ampliiis? in 282 die Aufiiahme in den Szenentitel Merc. II 2 hinter 272 als lorarius. Es ist überdeutlich, daß für einen Bühnendirektor die drei Nebenrollen in Most. II 2, Pseud. IV 2 und Merc. II 2 von gleicher Bedeutung sind, hingegen haben sie fiir einen Leser ganz unterschiedliche Signifikanz, woraus sich erklärt, daß die Gepäckträger (wie die meisten stummen Personen) unerwähnt bleiben, Phoenicium aber und der Sklave des Lysimachus Erwähnung finden. Das Bestreben, in den Szenentiteln die sprechenden Personen vollständig zu erfassen, geht so weit, daß bisweilen auch solche Personen verzeichnet werden, die auf der Bühne gar nicht auftreten, sondern hinterszenisch sprechen. So erscheint im Titel Aul. IV 7 Phaedria virgo (P), deren Schreie bei den Geburtswehen 691 f. perii, mea nutrix. obsecro te, uterum dolet. / luno Lucina, tuam fidem! aus dem Bühnenhintergrund zu hören sind; im Titel von Gas. II 2 erscheint die Magd Pardalisca (AP), die 147 ihrer ins Haus zurücksprechenden Herrin Cleustrata antwortet'®! In der lebendigen Bühnenpraxis hätte die Aufnahme dieser auf der Bühne nicht auftretenden Figuren eher für Verwirrung gesorgt'®'; für den Leser hingegen ist die Aufnahme in den Szenentitel wichtig, damit er die Sprechanteile der richtigen Person zuteilen kann'°^. Aus dem Anspruch einer Leseausgabe erklärt sich auch das Ansetzen neuer Szenen an Stellen, wo Personen weder auf- noch abtreten, sondern sich allein die Art der Gesprächsfuhrung ändert: die Szene Aul. III 6 ist allein deshalb angesetzt, weil Megadorus und Euclio in ein Wechselgespräch treten, während Das Belegmaterial ist bei Badet, 58 fF. vollständig aufgearbeitet. S. Jachmann, Terenztext, 48 f. und unter Ausbreitung des gesamten Belegmaterials Bader, 57 fF. So zu Recht Jachmann, Terenztext, 50, wo dieselbe Praxis in den Szenentiteln des Terenz nachgewiesen ist. "'Ahnlich belanglos, ja störend für die Bühnenpraxis ist die Aufnahme der lorarii in den Titel der Szene Most. V i hinter 1040, in der nach einem Monolog des Tranio 1041fif.der aus dem Haus tretende Iheopropides zu den im Haus versteckt bleibenden, in das Bühnengeschehen also gar nicht eingreifenden Sklaven zurückspricht; dem Leser macht der Titel hingegen klar, an wen Theopropides seine Worte 1064 fF. richtet.

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V I . Die gvarronische' Auswahlausgabe

in III 5 Megadorus einen Monolog gehalten hat, den Euclio aus dem Bühnenhintergrund kommentierte. Die neue Szene Capt. II 3 erklärt sich daraus, daß ab Vers 251 Hegio, Philocrates und Tyndarus gemeinsam sprechen, während sich in II 2 Hegio mit den beiden auch räumlich getrennten Gefangenen einzeln unterhalten hat. Für das lebendige Bühnenspiel sind diese Szenenneuansätze belanglos, da dieselben Schauspieler weiter auf der Bühne agieren; einem Leser sind sie jedoch eine große Hilfe, da er durch den Szenenwechsel auf die veränderte Gesprächssituation aufinerksam gemacht wird, die sich dem Zuschauer bei der Aufluhrung durch das Bühnengeschehen von allein ergab'°7. Überhaupt erklären sich alle Bestandteile dieses Systems - die Angabe von Personenname und Rolle, die Einteilung in Szenen nach den oben benannten Gesichtspunkten und die Markierung der Sprecher innerhalb des Dramentextes durch Personensiglen - aus dem Anliegen eines Herausgebers, den Komödientext einem Lesepublikum möglichst anschaulich zu erschließen, ihm die Informationen zu geben, die der Zuschauer bei der AufRihrung unmittelbar vor Augen hat. Die Angabe der Rollen klärt den Leser von Anfang an auf über Charakter und Funktion einer im folgenden sprechenden Person, welche sich dem Zuschauer aus der Kostümierung und dem Bühnenspiel ergaben. Die Angabe des Namens verschafft im vorhinein Klarheit über die im Dialog angeredeten Personen, die im lebendigen Spiel durch die actio gewährleistet ist. Die Sprechersiglen innerhalb des Textes legen die Redeanteile der auftretenden Personen fest und markieren dem Leser die ursprünglichen Sprechanteile: Der Zuschauer hört an der Stimme, wer spricht; der Leser bedarf einer entsprechenden Angabe, wobei nicht ausschlaggebend ist, ob die Worte auf oder hinter der Bühne fallen. Auftritte und Abgänge, insbesondere aber auch Wechsel von Monolog mit Zwischenbemerkungen aus dem Hintergrund in einen Dialog (Aul. III 6) und Änderungen der Dialogführung (Capt. II 3) ergaben sich dem Zuschauer ganz selbstverständlich aus der gespielten Handlung, dem Leser verhilft der angesetzte Szenenwechsel zu einer dementsprechenden Vorstellung'®®. Die Leistung, die der für die Szenenüberschriften und Sprechersiglen verantwortliche Herausgeber vollbracht hat, entspricht etwa dem Arbeitsschritt, den ein moderner Herausgeber zwischen Transskription und (Lese-)Ausgabe eines Diese beiden Erklärungen nach Jachmann, Terenztext, 50 f. gegen Leo, PF, 15, Anm. i, der entsprechend seiner Vorstellung von der Herkunft der Szenentitel aus der Bühnenpraxis die Szenenneuansätze in Aul. III 6 und Capt. II 3 als „Fehler der Überlieferung" aui&ssen mußte. Für keine der beiden Erklärungen der Herkunft der Szenentitel zu veranschlagen sind m. E. die durch den Wechsel des Metrums hervorgerufenenen Szenenwechsel (z. B. Mil. III 2; weitere Beispiele bei Bader, 91fiF.).Sie lassen sich gleichermaßen mit den Bedürfhissen eines Regisseurs (wegen der unterschiedlichen Musikgestaltung) wie mit denen eines Lesers rechtfertigen: denn daß auch diese noch auf den Wechsel des Metrums achteten, zeigen die von Rufin exzerpierten metrischen Glossen im Plautuskommentar des Sisenna; hierzu unten, 246-250. '"•Den Anspruch, durch die Szenenüberschriften das ursprüngliche Bühnenspiel dem Leser nahezubringen, teilt der hierfür verantwortliche Herausgeber mit dem Verf^er des oben, 115 f. erschlossenen Kommentars zum Pseudolus und Donat in seinen Noten zur UK^xpiou;; vgl. Jakobi, Kunst der Exegese, 8 ff.

3. Szenentitel und Personensiglen

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frühen dramatischen Papyrustextes vollzieht. In beiden Fällen ist der vorliegende Text Grundlage für alle weiteren Angaben, aus ihm sind die Rollen abgeleitet und die Personennamen geschöpft'"'. Nach dem Sinnzusammenhang werden die entweder gar nicht oder nur durch Zeichen getrennten Sprechanteile auf die einzelnen Rollen aufgeteilt, wird der Leser durch die Szeneneinteilung auf Veränderungen innerhalb der Handlung hingewiesen. Daß es bei der Verteilung der Sprechanteile zu Fehlern, bei dem Ansetzen von Szenen und der Gestaltung der Szenentitel zu Inkonsequenzen kommen mußte, ist unumgänglich"". Dennoch war die Verständniserleichterung, die dieses System dem Leser verschaffte, enorm, und es liegt auf der Hand, daß eine derart ausgestattete Ausgabe zumindest auf dem Buchmarkt ältere Textausgaben leicht verdrängen konnte.

3.2. Chronologische Fixierung Alles spricht dafiir, dieses System dem Herausgeber zuzuweisen, der in späthadrianischer oder frühantoninischer Zeit eine Auswahlausgabe der 21 ,varronischen' Stücke veranstaltete, die sich, wie oben gezeigt wurde, trotz anfänglicher Proteste von gelehrter Seite spätestens zur Zeit der Abfassung von Gellius' Noctes Atticae durchgesetzt hat"'. Für die Zeit vorher war (von der Erstausgabe abgesehen) keine eingreifende Editionstätigkeit eines Herausgebers nachweisbar; daß die Einfuhrung dieses Systems nicht zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt ist, sondern bereits zur Zeit der Abfassung der Noctes Atticae vorgelegen haben muß, hat Bader nachgewiesen"^: In insgesamt zehn Szenentiteln erscheint in den Handschriften der palatinischen Rezension die Rollenangabe lorarius bzw. lorarii (Bacch. IV 7, Capt. 12, II 1, III 5, Men. V 7, Merc. II 2, Most. V i, Pseud. 12, Rud. III 4, III 6) zur Bezeichnung von mit Riemen (zum Schlagen bzw. zum Fesseln) ausgestatteten Sklaven. Plautus selbst gebraucht diesen Begriff nicht, bezeichnet diese vermeindich privilegierten Sklaven ebenfalls als servF^. Überhaupt ist das Wort lorarius in der hier vorliegenden Bedeutung (mit Ausnahme der gleich zu behandelnden Gelliusstelle) in der römischen Literatur nirgends belegt; in der Alltagssprache hießen lorarii, wie die Inschriften zeigen, die Hersteller, nicht die Träger von lora^^*. Bei lorarius in der Bedeutung ,Riementräger' handelt es sich um einen in Analogie zu den zahlreichen Substantiven hierzu Bader, 109 ff., wo auch die Tendenz in beiden Rezensionen nachgezeichnet ist, im Komödientext anonym bleibende Rollen nachträglich mit Namen zu versehen. Daß auch Donats Noten zur Onöxpiai; vollständig aus dem Terenztext gezogen sind, hat Jakobi, Kunst der Exegese, 12 ff gezeigt; ebenso die entsprechenden Angaben in den Aristophanesscholien: vgl. Rutherförd, A Chapter in the History of Annotation, 118 ff. Vgl. hierzu zusammen^end Jachmann, Tererjztext, 52; im einzelnen Bader, 98 ff. und 137 ff. •"Vgl. oben, 215f. '"Bader, 150 ff S. hierzu Bader, der exempli gratia auf Most. 1038 verweist. " 4 S . 1 h L L V I I 2,1675,67 ff.

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VI. Die .varronische' Auswahlausgabe

und Adjektiven auf -arius im Corpus PlautinunF'^ gebildeten Neologismus des Herausgebers, dem die lora der Sklaven so charakteristisch erschienen, daß er ihren Trägern eine eigene Rollenbezeichnung zuwies. Die Bezeichnung lag besonders nahe für die Szenentitel in den Captivi, wo Hegio 657 f. die für die Bewachung der Gefangenen verantwordichen Sklaven auffordert, einige lora aus dem Haus zu holen, um Tyndarus zu fesseln, und für den Szenentitel Most. V I hinter Vers 1040, nachdem der von Tranio hinters Licht geführte Theopropides 1038 von Simo servorumque operam et lora erbeten hat und 1064 ff. ins Haus zurücksprechend die Sklaven auffordert, sich zunächst versteckt zu halten, aber auf seinen Ruf herauszustürmen und Tranio, den er ordentUch durchzubleuen gedenkt, zu fesseln. Ähnliche Aufgaben haben, ohne daß der Begriff lora fällt, auch der Sklave Artamo Bacch. IV 7, der Chrysalus fesselt (vgl. Bacch. 799), und die Sklaven Sparax und Turbalio Rud. III 4-6, die auf Geheiß ihres Herren Daemones den leno Labrax zwar nicht mit Riemen, sondern erst mit Faustschlägen (vgl. Rud. 710,731) und schließlich mit Knüppelhieben (vgl. 798 f , 834 ff.) in Schach halten. Leicht begreifliche Mißverständnisse scheinen in Pseud. I 2 vorzuliegen, wo die im Titel lorarii genannten Sklaven selbst unter den lora ihres Herren Ballio zu leiden haben (vgl. Pseud. 145,155), ebenso in Men. V 7, wo die Sklaven den Menaechmus nicht zu fesseln, sondern an seinen Gliedern zu packen und zum Arzt wegzuschleppen versuchen. Es ist überdeudich, daß der Herausgeber die Rollenbezeichnungen (ebenso wie die Namen) allein aus dem Text ableitet und bei seiner Sonderbezeichnung für die Riemen tragenden Sklaven vom Zusammenhang gelegentlich in die Irre geführt wird"^. Auch in den Szenentiteln der Terenzüberlieferung begegnet die Rollenbezeichnung loraritts, allerdings nur einmal in dem Titel Andr. V 2, und dort allein in der (bei der Tradierung der Titel und Sprechersiglen sehr konservativen) Handschrift Florenz Laut. 38.24 (D) aus dem 10. oder 11. Jahrhundert"^, als Rollenbezeichnung für den Sklaven Dromo, der auf Geheiß seines Herren Simo auf die Bühne stürmt, um den Sklaven Davus zu fesseln und ins Haus zu schleppen (vgl. Andr. 865 ff.) - seine Rolle entspricht also genau der der lorarii in der Plautusüberlieferung. Vgl. allein die 18 auf -arius gebildeten Beru&bezeichnungen in Aul. 508-522; s. weiter Leumann, 297 f. Bader, 151 scheint mir daher zu Unrecht von dem Herausgeber unter lorarii „alle SklavenStatisten" bezeichnet wissen zu wollen. Ganz unpassend ist die Bezeichnung allein in dem Szenentitel Merc. II 2, wo Lysimachus seinen Hacken schleppenden Sklaven mit den Worten 277 f. auls Land schickt: i tu hinc ad villam atque istos rastros vilico / Pisto ipsifacito coram ut nodos in nutnum. Hat der Herausgeber so oberflächlich gearbeitet, daß er aus dem in Majuskeln und scriptura continua geschriebenen coram ein lora herauslas? Zur Überlieferung des Titels s. Umpfenbachs App. zur Stelle (der Bembinus fehlt); zum konservativen Charakter der Handschrift D bei der Vermitdung der Titel und Sigla s. Jachmann, Terenztext, 50 und Reeve, .Terence", in: Texts and Transmission, 417; vgl. auch Wahl, 74, der bei der Tradierung der Sigla in Andria und Adelphoe auf die große Übereinstimmung zwischen dem Bembinus und D hinweist. Die Handschriften G und b (teste Prete) schreiben in dem Titel Andr. V 2 servus für lorarim — eine ofFensichdiche Vereinfachung.

3- Szenentitel und Personensiglen

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Mit eben dieser erst von dem Herausgeber in den Szenentiteln eingeführten Wortbedeutung von lorarius ist nun aber Gellius vertraut, wenn er 10,3,19 über die Bestrafung der im Zweiten Punischen Krieg von Rom abgefallenen Einwohner von Bruttium schreibt: itaque hi sequebantur ma^stratus, tamquam in scaenicis fabulis qui dicebantur lorarii, et quos erant iussi vinciebant aut verberabanf^^. Aus diesem Satz geht hervor, daß Gellius das weder bei den Szenikern noch sonst in der Literatur belegte Wort lorarius aus Textausgaben kannte, die mit Szenentiteln versehen waren, in denen Sklaven, die die Aufgabe hatten, andere mit Riemen zu fesseln oder zu schlagen, als lorarii bezeichnet waren. Mit gutem Grund hat Bader daher aus der VeröfFendichung der Noctes Atticae einen terminus ante quem für die Einführung der Szenentitel in die Texte der Dramatiker gewonnen, zu deren ursprünglichem Bestand auch die Rollenbezeichnung lorarius gehörte"'. Die von dem plautinischen Wort lorum und in Analogie zu den zahlreichen Substantiven auf -aritis bei Plautus geprägte Neubildung lorarius paßt dabei vorzüglich in die Zeit der oben erschlossenen .varronischen' Auswahlausgabe, eine Zeit, in der zahlreiche in Analogie zu alten Wörtern gebildete Neologismen belegt sind"°. Somit greifen wir in dem Veranstalter der .varronischen' Auswahlausgabe auch den Urheber jenes Systems von Sprecher- und Rollenbezeichnungen, Personensiglen und Szeneneinteilungen, das dem für Plautus so aufgeschlossenen Lesepublikum der späthadrianischen und antoninischen Zeit einen gut verständlichen Text geboten und dadurch die Verdrängung anderer Ausgaben bewirkt hat"'. Die von Jachmann mit allem Nachdruck hervorgehobene Identität des Systems der Szeneneinteilung in der Überlieferung des Plautus und Terenz erhält durch die gemeinsame Verwendung der Rollenbezeichnung lorarius eine weitere lexikalische Stütze. Jachmanns verfehlte These, daß die Szeneneinteilung beider Autoren auf den Philologen Probus zurückgeht'", ist nach den hier vorgelegten Ergebnissen wohl dahingehend zu revidieren, daß der in beiden Fällen mit Blick auf ein Lesepublikum vorgenommene editorische Eingriff in 10,3,19 mag aus Verrius Flaccus' Schrift de obscuris Catonis stammen, wie Hosius, p. XL (wohl wegen Verrius Flaccus frg. i Funaioli [= Gell. 17,6,3]) vermutet hat; der der Veranschaulichung dienende Satz tamquam ... lorarii gehön ohne Zweifel Gellius selbst. Questas Einwand (Numeri innumeri, 168 und 188), daß der Begriff lorarii in A nicht fällt, ist angesichts der oben bemerkten Tatsache, daß in den Szenentiteln von A die Rollenbezeichnungen durch die Palimpsestierung nahezu vollständig verloren sind, nicht schlagend. So sind, um allein bei Bildungen auf -arius zu bleiben, erstmals bei Fronto belegt hibliothecarius, fidicularius, olfactarius (vgl. R. Marache, Mots nouveaux et mots archai'ques, $3 ff.), erstmals bei Gellius coniectarius, festucarius, gesticularius, usmrius (Marache, Mots nouveaux et mots archai'ques, 184 f.) Baders Überlegung (151), die Einfuhrung der Szenenüberschriften müsse ein gutes Stück Zeit vor Gellius gelegen haben, da Gellius statt dicebantur hätte dicuntur sagen müssen, wenn er sich des sekundären Charakters der Szenentitel bewußt gewesen wäre, scheint für Gellius zu scharf. Für ihn war lorarius fraglos ein verbum PUutinissimum. Terenztext, 72 ff. Dagegen s. oben, 183-189 (zu Plautus), gegen die Annahme einer maßgeblichen Terenzausgabe des Probus vgl. Reeve, .Terence', in: Texts and Transmission, 414.

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V I . Die .varronische' Auswahlausgabe

die hadrianisch-antoninische Zeit föilt, und, wenn nicht einem gemeinsamen Herausgeber, so doch wohl einer gemeinsamen Schule zuzuweisen ist. Für die Annahme einer gemeinsamen Provenienz spricht auch die Ausstattung der Ausgaben des Plautus und Terenz mit Didaskalien und Argumenta, denen wir uns jetzt zuwenden wollen.

4. Ausstattung der Ausgabe: Didaskalien und nicht-akrostichische Argumenta 4.1. Die Verbindung von Didaskalien und metrischen Argumenta in der Terenzüberlieferung und im Bodmer-Papyrus des Menander Neben den Szenenüberschriften teilt die Plautus- und Terenzüberlieferung auch die gemeinsame Ausstattung mit den Stücken vorgeschalteten didaskalischen Angaben und metrischen Argumenta. Auch diese Bestandteile lassen sich bei Plautus trotz der uneinheitlichen Überlieferung sehr wahrscheinlich mit der .varronischen' Auswahlausgabe aus hadrianischer oder antoninischer Zeit in Verbindung bringen, bei Terenz wohl sogar einer nach denselben Prinzipien gestalteten, wahrscheinlich etwas früher entstandenen Gesamtausgabe zuweisen"'. Den Terenzstücken sind im Bembinus und in den calliopischen Handschriften Didaskalien und in beiden Rezensionen identische, jeweils zwölf Verse umfassende Argumenta in iambischen Senaten vorangesetzt'^; die Datierung der Argumenta in die erste Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts ist gesichert durch die im Bembinus überlieferte Angabe ihres Verfassers Sulpicius Apollinaris, der als Lehrer des Gellius und Grammatiker bekannt ist"'. Als Vorbild für die Ausstattung der Komödien mit didaskalischen Angaben und Argimienta sind entsprechend gestaltete griechische Textausgaben zu vermuten"®, von denen uns aus etwas späterer Zeit ein Exemplar in dem am Anfang des 4. Jh.s n. Chr. geschriebenen PBodmer IV"7 vorliegt. Dem in diesem PapyrusDie Aiustanung der .varronischen' Aiuwahlausgabe mit Didaskalien und Argumenta vermutet auch Leo, PF, 21 f. ' ^ Z u den Unterschieden in den Didaskalien in beiden Rezensionen s. oben, 88 f. und 94 f.; zu den insgesamt geringfügigen Varianten in den Argumenta s. jeweils Umpfenbachs Apparat. Zu Sulpicius und der Zeit seines Wirkens s. P. L. Schmidt, HLL IV, 229 f. Die Angabe des Bembinus verdient Vertrauen, denn anders als etwa Aristophanes von Byzanz, der in der griechischen Überliefenmg oft als Verfesser der metrischen Argumenta genannt wird, scheint Sulpicius Apollinaris, den Gellius lediglich in einem Kapitel (20,6) Terenz beiläufig zitieren läßt und den Donat in seinem Terenzkommentar nirgends erwähnt, zu unbedeutend, als daß er sich einem späteren Verfesser als granunatische Autorität anböte. " ^ S o zu Recht W.J.W. Koster, De Aristophane Byzantio argumentorum metricorum auctore, Festschrift Novotny, Prag 1962,46. Zu den Datierungsansätzen des Bodmer-Codex s. den Menander-Kommentar von GommeSandbach, 47 und G. Cavallo-H. Maehler, Greek Bookhands of the Early Byzantine Period (A. D. 300-800), London 1987,16.

4- Didaskalien und nicht-akrostichische Argumenta

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kodex überlieferten Text von Menanders Dyskolos geht ein ebenfalls zwölf Verse umfassendes, dem Aristophanes von Byzanz zugeschriebenes Argumentum in komischen Trimetern sowie die Didaskalie in Prosa voran; hinzu kommt noch ein Personenverzeichnis, das die sprechenden Personen unter Angabe ihrer Rolle in der Reihenfolge der Bühnenauftritte zusammenstellt. Personenverzeichnisse fehlen zwar in den römischen Komikerausgaben, doch wird ihr praktischer Nutzen fiir den Leser durch die Szenentitel kompensiert, die eine Person bei ihrem ersten Auftritt mit Namen und Rolle in einer Konsequenz verzeichnen, die in dem Bodmer-Papyrus des Dyskolos nicht gegeben ist"®. Als der Schreiber des Bodmer-Papyrus A/»«, Dyskolos und Samia in alphabetischer Reihenfolge in seinem Codex zusammenstellte, lagen ihm die (vielleicht noch auf Rollen geschriebenen) Stücke in unterschiedlicher Ausstattung vor; denn für Aspis und Samia fehlen metrische Hypotheseis und didaskalische Angaben"'. Auch die Korruptelen in der Hypothesis und der Didaskalie''° datieren die Entstehungszeit dieser Bestandteile gegenüber dem Bodmer-Codex ein gutes Stück nach unten, so daß wir mit gutem Grund bereits für das zweite nachchrisdiche Jahrhundert eine Rolle des Dyskolos ansetzen dürfen, welche den Text in ähnlicher Form wie jetzt der Bodmer-Codex präsentierte und, ebenso wie vergleichbar ausgestattete Ausgaben, Vorbild für den Herausgeber der Terenzstücke war. 4.2. Die Terenz- und Plautusdidaskalien Anders als bei Terenz sind die Argumenta und Oidaskalien bei Plautus nicht einheitlich überliefert. Didaskalien sind nur im Ambrosianus und nur für Psetidolus und Stichus überliefert'^'; sie sind von derselben Hand geschrieben wie der Plautustext und gehören offensichdich (anders als die Argumenta) zum ursprünglichen Bestand des Ambrosianus. Wie die Terenzdidaskalien sind auch die zu Plautus aus Varros Schrift de actis scaenicis geschöpft, welche das didaskalische Material nach Festen geordnet bot''^. Aus dieser Schrift zogen die Verfasser der Didaskalien ihre Angaben und brachten sie in die Form, die der Ambrosianus in der Didaskalie zu Stichus, der Bembinus in der Didaskalie zu Adelphoe und Hautontimorumenos in genauer Übereinstimmung bieten'". Die identische Form bei der Präsentation der Angaben ist wie das identisch gestaltete System der Szenenüberschriften ein Indiz für die Herkunft beider Ausgaben Vgl. hlenu Bader, 144 fr. S. Austin in seiner Ausgabe, S. 4 und 30, jeweils Anm. i. '3° Zu diesen s. Handleys Kommentar, 122 fF. Zur Überlieferungslage s. oben, 88. Vgl. hierzu oben, 94-96. Sie vollzogen somit denselben Arbeitsschritt wie Aristophanes, als er aus den 5i5aaxaXtai des Aristoteles das didaskalische Material für seine 6no6£aei(; der griechischen Szeniker zog; vgl. Wilamowia, Einleitung, 147.

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VI. Die .varronische' Auswahlausgabe

aus einer gemeinsamen Schule in hadrianischer oder frühantoninischer Zeit. Gerade für Plautus liegt es nahe, den Urheber der Auswahlausgabe mit dem Verfasser der Didaskalien in Verbindung zu bringen. Das Kriterium für die Auswahl und das Material fiir die Didaskalien beruhen jeweils auf Schriften Varros, de comoediis Plautinis und de actis scaenicis, deren Rezeption ansonsten denkbar gering ist''-*. Das Wiederaufgreifen von de comoediis Plautinis um die Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus ist durch Gellius gesichert, die hier angenommene Benutzung von de actis scaenicis fugt sich nicht weniger gut in eine Zeit, die die Schriften der spätrepublikanischen Grammatiker wieder intensiv, insbesondere zur Epitomierung heranzieht'" und in der Gellius dem von ihm selbst intensiv ausgewerteten Varro den ersten Platz unter den römischen Grammatikern zuweist"'^. Die Didaskalien sind (im Gegensatz zu den als Verständnishilfe für den Leser verfaßten Szenentiteln und Argumenta) eine wissenschaftliche Zugabe der ,varronischen' Auswahlausgabe, die eine historische Einordnung der Stücke gestattete und an ihre Herkunft aus der Bühnenpraxis erinnerte. Der Herausgeber hat sie gewiß zunächst nach dem Vorbild griechischer Dramentexte aufgenommen; daß aber auch gute römische Kommentatoren bei der Erklärung der als Lesetext rezipierten Stücke deren ursprüngliche Herkunft aus der Bühnenpraxis nicht aus dem Auge verloren und bei der Interpretation mitberücksichtigt haben, zeigt der Terenzkommentar des Donat in aller Deutlichkeit''^. Der Aufnahme der Didaskalien in einen Lesetext steht daher nichts im Wege. Umgekehrt ist leicht verständlich, daß gerade diese Angaben in der späteren Überlieferung aus fehlendem Verständnis verderbt''® oder eliminiert werden konnten. Wieviel mehr als die spärlichen Reste im Ambrosianus die .varronische' Auswahlausgabe ursprünglich noch geboten hat, ist nicht mehr zu erschließen. 4.3. Die nicht-akrostichischen Plautusargumenta: Überlieferung und Datierung Beide Rezensionen des Plautus tradieren in Senaten verfaßte Argumenta, ohne daß sich in beiden auch nur ein einziges identisches findet. Allein die Palatini überliefern zu allen Stücken (mit Ausnahme der am Anfang durch mechanischen Verlust verstümmelten Bacchides) akrostichische Argumenta, die daher von Anfang an zur Ausstattung der den Palatini zugrundeli^enden Ausgabe Vgl. oben, 92 (zur Rezeption der acta scaenica) und 213 (zur Rezeption der comoediae Plautinae). V^. oben, 208-212. Zu Gellius' enthusiastischer Varrorezeption s. Holfbrd-Strevens, 116 fF.; zu den von Gellius benutzten granunatischen Schriften Varros s. Kretzschmer, 44 fF. Für Donats Bezugnahme auf das ursprüngliche Bühnenspiel s. Jakobi, Kunst der Exegese, 10 f.; Donats Interesse an der ursprünglichen Bühnenherkunft der Terenzstücke zeigt sich insbesondere in seinen die Didaskalien auswertenden und erläuternden prarfationes. ' ' ' Zur Verderbnis in den Terenzdidaskalien s. oben, 94 f.

4- Didaskalicn und nicht-akrostichischc Argumenta

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gehören dürften''^; weiter nicht-akrostichische Argumenta zu Amphitruo (10 Verse), Aulularia, Mercator, Miles (jeweils 15 Verse'"*"). Im Ambrosianus ist vollständig erhalten ein nicht-akrostichisches Argumentum zu Pseudoltis (15 Verse), weiter spärliche Reste von ebenfalls nicht-akrostichischen Argumenta zu Persa und Stichus (erkennbar sind Spuren von 14 bzw. 9 Versen). In beiden Rezensionen sind die nicht-akrostichischen Argumenta sekundär'''^ und aus anderen Quellen - denkbar sind mit Argumenta ausgestattete Ausgaben oder auch poetische Anthologien"''^ - nachträglich ergänzt: Im Ambrosianus sind sie von einer zeitgenössischen zweiten Hand in Ünzialschrift nachgetragen"'*', wo die Handschrift vor dem Stück den erforderlichen Freiraum bot't^. In den Palatini fehlen sie zu den meisten Stücken und sind uneinheidich angeordnet (bei Amphitruo und Aulularia gehen die nicht-akrostichischen Argumenta den akrostichischen voran, bei Mercator und Miles folgen sie ihnen), was beides auf ihre sekundäre Herkunft hinweist. Während also in der Terenzüberlieferung durch die gemeinsame Überlieferung in beiden Rezensionen der Ursprung der Didaskalien und der Argumenta in einer früheren Ausgabe gesichert ist, gibt die Plautusüberlieferung keinen derartigen Hinweis. Doch weisen im Gegensatz zu den jüngeren Akrosticha"*' die nicht-akrostichischen Plautusargumenta in der metrischen Technik, der sprachlichen Gestaltung und schließlich der Erzähltechnik eine enge Verwandtschaft mit den Terenzargumenta des Sulpicius auf, die eine Datierung in das zweite nachchristliche Jahrhundert und eine Entstehung im Zusammenhang mit der ,varronischen' Ausgabe wahrscheinlich macht'"*^. So Lindsay, Early Editions, 87; anders R. Raffeelli, Prologhl, Perioche, Didascalie nel Terenzio Bembino (e nel Plauto Ambrosiano), Scrittura e Civild 4,1980, 98 f., der eine nachträgliche Inkorporation in die palatinische Tradition vermutet, da die Argumenta zu Asinaria, Casina und Pseudolus hinter den Prologen geschrieben sind. Die Unordnung kann aber auch durch nachträgliche Überlieferungsstörungen entstanden sein; denkbar ist zudem, daß die Akrosticha ursprünglich am An&ng der Handschrift zusammenstanden (ebenso gingen offensichdich in PVindob G 29 779 die Argumenta geschlossen den Sophoklesstücken voran; vgl. W. Luppe, R Vindob. G 29 779 - ein Sophokles-Kodex, WSt 19,1985, 89 £F., zusammen&ssend 103) und erst nachträglich den einzelnen Stücken vorangesetzt wurden. Merc. arg. 16 gehört nicht zu diesem Argumentum; vgl. Leo im App. z. St. Vgl. hierzu Lindsay, Ancient Editions, 87. Vgl. etwa die Anth. Lat. i-za Shackleton Bailey (s. dort p. DC zu deren einheidicher Überlieferung) zusammengestellten hexametrischen Inhaltsangaben zu den Werken Vergils. Zur Datierung der Hände s. jetzt R. RaflFaelli, Prologhi, 70, Anm. 93 und 78, Anm. 125. Offensichdich nicht genutzt hat die zweite Hand die freie Seite am Ende von Epidicus (vgl. Studemund, Apographum, zu fol. 280*). Zu diesen s. unten, 283-289. '-t^ Daß die nicht-akrostichischen Argumenta in A und P von einem gemeinsamen Verfiisser stammen, wird durch den Text des Argumentum zu Pseudolus (die zu Persa und Stichus sind zu stark fragmentiert, als daß Angaben über ihren Text möglich wären) nahegelegt: Metrik, Sprache und Gestaltung dieses Argumentum entsprechen denen in P; ebenso wie in den Argumenta in P sind in dem Pseudolus-Ai^xiaeatam in A die Terenzargumenta des Sulpicius voraussetzt (vgl. unten, 228 zur Verwendung von mox)i der Verfesser der akrostichischen

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VI. Die .varronischc' Auswahlausgabe

Mit den nicht-akrostichischen Argumenta, insbesondere ihrer Datierung, hat man sich seit R. Opitz''^^, der sie in das zweite Jahrhundert n. Chr. setzte, und Lindsay, der einen radikalen Skeptizismus empfelil'^*, nicht mehr befaßt''^'. Einen sicheren Terminus post quem gibt die Verwendung des Verbs vitiare in arg. Aul. 5 und 11, da sie die Terenzargumenta des Sulpicius voraussetzt: vitiare ist im Corpus Plautinum nicht belegt, welches stattdessen stuprare, zumeist comprimere oder auch vim facere bietet. Terenz dagegen ist das Wort ganz geläufig; er gebraucht es insgesamt sechsmal''®. Die Verwendung von vitiare in der spezifischen Bedeutung ,einem Mädchen Gewalt antun' ist nach Terenz auf wenige Autoren beschränkt'''; fraglos hat Sulpicius, der vitiare (arg. Andr. 2, Eun. 10, 12, Hec. 11, Ad. 7, 12) lediglich einmal (arg. Hec. 2) durch den ebenfalls Terenz (Hec. 283, Ad. 296, 308) endehnten Ausdruck Vitium obtuUt variiert, das Verb direkt aus Terenz entnommen''^. Wenn dann der Verfiisser der Plautusargumenta seinerseits in arg. Aul. 4 f. einsfiliam /Lyconides vitiarat und 11 qui virginem vitiarat schreibt, so ist angesichts der zahlreichen weiteren sprachlichen Überschneidungen klar, daß er das Verb vitiare den Terenzargumenta, wahrscheinlich arg. Ad. 7 f. vitiaverat/eidemAeschinus civem Atticam perpauculam verdankt. Bei den weiteren signifikanten sprachlichen Übereinstimmungen ist dementsprechend jeweils Sulpicius als Vorbild fiir den Verfasser der Plautusargumenta anzusehen: weder bei Plautus noch bei Terenz belegt ist conlocare in der Bedeutung .verheiraten'; die Verfesser der Argumenta gebrauchen das Verb in dieser Bedeutung und in identischer Konstruktion; vgl. arg. Eun. 10 fF. Atticy^J_dvUreperjti^_fiat^_ conlocat / vitiatam ephebo und arg. Aul. 13 fF. Euclip__._._._laetmque natam conlocat Lyconidi. Weiter verwenden beide das seltene Adverb insperato an gleicher Versstelle vor dem schließenden Creticus in Synaloephe (arg. Andr. 11 insperato adgnitam und arg. Aul. 14 insperato invenit), das erstmals bei Lucilius (1093), dann erst wieder bei Apuleius (Apul. met. 9,38,6) belegt ist'"; beide benutzen schließlich zur Reihung zeitlich aufeinanderfolgender Handlungen ausschließlich mox in der bei Plautus und Terenz nicht vorkommenden Bedeutung ,bald darauf' (arg. Aul. 13, Mil. 12, Pseud. 8; arg. Andr. 11, Haut. 4, Ad. 10), dagegen nirgends tum oder tunc^^^. Argumenta, die in eine spätere Zeit gehören, imitiert die nicht-akrostichischen Argumenta in P ebenso wie das Pseudolus-Ai^imentam in A; vgl. unten, 283-289. De argumentorum metricorum latinorum arte et origine, Leipziger Studien zur Classischen Pliilologie 6,1883, 204 fiP. Ancient Editions, 87: „of the date (seil, of the non-acrostichic arguments)... we know nothing." Opitz folgen (ohne weitere Begründung) Ussing, Prolegomena, 149, Leo, PF, 14 und 21 f., Pasquali, Storia, 332, Anm. 4 und zuletzt P. L. Schmidt, HLL IV, 618; Lindsays Skepsis teilt beispielsweise Bader, 152 ff. Formen von vitiare Ad. 467, 686, Eun. 654,704, 858, 953. '5' Das O L D verzeichnet Belege bei Varro, Ovid, Seneca Maior und Tacitus. Vgl. nur arg. Ad. 7 f. vitiaverat / eidem Aeschinus civem Atticam perpauculam mit Eun. 857 f. an paullum hoc esse tibi videtur, virpnem / vitiare civem? Vgl. ThLL VII1,1949,30 ff. '5'» Die Beispiele nach Opitz, der 227 f. weitere Übereinstimmungen veizeichnet.

4- Didaskalien und nicht-akrostichische Argumenta

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Neben den sprachlichen Übereinstimmungen verbinden die Terenz- und Plautusargumenta auch Gemeinsamkeiten in der Prosodie und Verstechnik. Obwohl sich beide Verfasser inhaltlich und sprachlich bei ihren Zusammenfassungen eng an Vorbildverse aus den Komödien selbst anlehnen'", sind die Argumenta beider so gut wie frei von prosodischen Archaismen''^; beide stehen weiter unter dem Einfluß der wahrscheinlich in der augusteischen Tragödie entwickelten Technik, den römischen Senar nach dem Vorbild des griechischen Trimeters, also mit reiner Senkung im zweiten und vierten Fuß zu gestalten''^. In den Senaten des Plautus und Terenz scheint der Anteil reiner Trimeter nur etwa 15 % zu betragen''®, bei Sulpicius beträgt der Anteil reiner Trimeter 28 % , bei dem Verfasser der Plautusargumenta 24 % , was etwa der Technik des Phaedrus entspricht'''. Strenger als Phaedrus, wenngleich nicht mit der Konsequenz Senecas, meiden die Verfesser der Argumenta die Synaloephe in der Penthemimeres'^°: Phaedrus läßt sie im ersten Fabelbuch insgesamt 23mal zu; uneingeschränkt offenbar vor einem Monosyllabum (17 Fälle), sechsmal vor einem mehrsilbigen Wort (2,23; dann jeweils vor einem mit Präfix anlautenden Wort 9,6,11,6,20,4,20,5,31,12). In den Plautusargumenta begegnet Synaloephe an dieser Stelle nur fünfmal: einmal (arg. Mil. 8) vor einem Monosyllabum, viermal vor mehrsilbigem Wort (arg. Merc. 8 und, jeweils vor mit Präfix anlautendem Wort, arg. Merc. 12, arg. Mil. 4, arg. Pseud. 7), bei Sulpicius ebenfalls einmal vor Monosyllabum (arg. Haut. 5) und dreimal vor mehrsilbigem Wort •5S Zu den jeweiligen Übernahmen s. die Konunentare. Vgl. Opitz, 214 f. Zulässig sind wohl die dem terenzischen Vorbild folgenden prosodischen Hiate arg. Andr. 4 nam dliam und arg. Aul. 2 cüm opibus. Der Verfesser der Plautusargumenta gestattet sich nach plautinischem Vorbild einmal einsilbig langes ei (arg. Mil. 12); von den Herausgebern einhellig akzeptien ist die einmalige lambenkürzung von senex in arg. Aul. 8 durus senex vix promittit atque auLte timens, wo indes weiter die anapästische Bildung des zweiten Fußes mißfallt, die der Verfasser der Plautusargumenta (ebenso wie Phaedrus; vgl. P. Langen, Ueber die Metrik des Phädrus, RhM 13,1858, 203) nur zuläßt, wenn der Anapäst den An&ng eines viersilbigen Wortes (arg. Amph. 6; arg. Pseud. 15) bildet. Vermutlich ist vix ab eine aus ai^. Aul. i senex avarus vix sibi credens Euclio geholte Interpolation (oder als Dittographie nach senexTj zu tilgen. Zu den prosodischen und metrischen Archaismen der akrostichischen Argumenta s. unten, 286-289. '57 Vgl. hierzu R. Tariant, Senecan Drama and its Antecedents, HStClPh 82,1978,258. Den Weg hat vielleicht Cicero in seinen Übersetzungen griechischer Trimeter bereitet; vgl. B. Axelson, Kleine Schriften zur lateinischen Philologie, Lund 1987, 230, wo für das dritte Element ein eindeutiges Vorwiegen der Kürze (70 %) ermittelt ist. Vgl. Opitz, 213, der 144 Senare bei Terenz und 216 bei Plautus zugrunde legt und Gratwicks Menaechmenkommentar, 258 f., der die ersten 400 Senare der Menaechmen untersucht hat. Für Plautus ist der Prozentsatz bei beiden nahezu identisch. Die Zahlen nach Opitz, 213, der für die ersten 72 Verse des ersten Fabelbuches einen Anteil von knapp 24% reiner Trimeter ermittelt hat. Opitzens Angabe bestätigt eine genauere Statistik für das dritte Element, das Phaedrus im ersten Fabelbuch zu 59 % kurz gestaltet Axelson, Kl. Sehr., 230), der Ver&sser der Plautusargumenta nach meiner Berechnung zu rund 61 %, Plautus selbst hingegen nur zu rund 40 % (vgl. Gratwick, 44). Bei Seneca liegt die Quote für die Synaloephe in der dritten Senkung bei unter einem Prozent; vgl. Zwierlein, Prolegomena zu Seneca, 205 und 214 fF.

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VI. Die .varronischc' Auswahlausgabe

(arg. Haut. 3, arg. Phor. 11 und vor mit Präfix anlautendem Wort arg. Eun. 9). "Weiter vermeidet der Verfasser der Plautusargumenta wie Phaedrus, Seneca und Sulpicius in der Penthemimeres und auch sonst streng den Hiat'^S was eine Abgrenzung der Datierung nach oben zuläßt: Denn für den Verfasser der späteren, von den nicht-akrostichischen abhängigen, akrostichischen Argumenta ist dieser Hiat ebenso sicher belegt wie in inschriftlichen Senaten seit dem späten 2. Jahrhundert n. Chr.'®^. Auch in der Sprache der Plautusargumenta finden sich Erscheinungen, die vor dem zweiten Jahrhundert n. Chr. kaum denkbar sind'®': das Partizip Perfekt Passiv von stiadere (arg. Aul. 6) ist nicht vor Apuleius belegt'®^, die vulgäre Konstruktion von obsecrare mit Infinitiv (arg. Aul. 11) findet sich erst in der Vetus Latina und bei Tertullian'®'. Mit den Autoren des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts teilt der Verfasser die Vorliebe für altlateinische Wörter und beschränkt sich dabei keineswegs auf Plautus, von dem er in den meisten Fällen abhängig ist. Neben dem von Sulpicius übernommenen Adverb imperato^^^ ist vor allem das Verb protelare (arg. Merc. 12) signifikant, das nach Terenz, Turpilius und Sisenna erst wieder bei Fronto und Apuleius v o r k o m m t ' ^ 7 . Hierzu paßt das hapax legomenon subditicius arg. Pseud. 13, das der Verfasser der Argumenta in Analogie zu den zahlreichen aus dem PPP und der Erweiterung -icius zusammengesetzten Adjektiven bei Plautus'®' ebenso selbständig neu bildet wie beispielsweise Fronto rogaticius oder Gellius praedaticius^^^. Besonders aufschlußreich ist schließlich die zweimalige Verwendung des Wortes cacula als Rollenbezeichnung für Harpax, den Burschen des Soldaten Polymachaeroplagides, im Argumentum des Pseudolus 13 und 14: ... minas... dat (seil. Pseudolus) subditicio caculae cum symbolo; lenonem fallit sycophantti^° cacula.

14

Das seltene Wort cacula für den Offiziersburschen begegnet im Pseudoltis selbst nicht, wo statt dessen das Synonym calator (1009) vorkommt (der falsche Zu den prosodischen Hiaten s. oben, Anm. 156 und Opitz, 213 f. Arg. Merc. 6 und 15 sind ofiFensichtlich korrupt; den Hiat visam \ Antipho / cum amaret in der Klausel von arg. Phorm. 7, den Dziatzko-Hauler nicht mit vergleichbaren Hiaten in den (späteren) akrostichischen Plautusargumenta hätten rechtfertigen dürfen, hat Opitz, 214 elegant beseitigt: visam cum Antipho I amaret. Zum Abhängigkeitsverhältnis und zu den Hiaten s. unten, 283-289. Opitz, 216 ff. Ich gehe nur den signifikanten Hinweisen nach. '^•»Arg. Aul. 6 Megadorus a sorore suasus-, ganz ähnlich Apul. met. 5,6,6 (seil. Psyche) sororum consilio suasa. '«'Vgl. ThLL 1 X 2 , 1 7 6 , 4 7 f f . •««Vgl. oben, 228. Vgl. O L D s . v . S. Leumann, 301 mit Literatur. '«9 S. R. Marache, Mots nouveaux et mots archaiques, 55 und 190. sycophanta Ritsehl: secophantacie sive secophantaue A.

4- Didaskalien und nicht-akrostichische Argumenta

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Harpax verliest den Brief des Soldaten): Harpax calator mens est, ad te qui venit, welchen der Verfasser des Argumentum seinem Vers 9 venit calator wliPäTif^^ 2ugrundelegt'7^. Während calator neben der Pseudolusstelle noch zweimal (Merc. 852 und Rud. 335) im Corpus Plautinum belegt ist, findet sich cacula allein *Trin. 721 video cacuLtm militarem me futurum haud longius-, in der weiteren Literatur nur noch Accius ann. frg. 2 Courtney: calones fumulique metelliqu^'^^ cacuLteque sowie zweimal in den Szenentiteln II 2 (P) und rV 7 (PT) des plautinischen Pseudolus jeweils als Rollenbezeichnung für den echten Harpax'^^. Für das evident werdende Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Szenentiteln und dem Argumentum des Pseudolus hat bereits Bader die Priorität der Szenentitel vermutet, da die Rollenbezeichnungen in den Szenentiteln öfters aus Plautusbelegen anderer Stücke gespeist sind. Der Urheber des Szenentitels hat die Rollenbezeichnung cacula aus Trin. 721 ebenso geholt wie die Rollenbezeichnung choraffds im Szenentitel Cure. IV i aus *Pers. 159 bzw. *Trin. 858, die Bezeichnung chlamydatus im Szenentitel Asin. II 4 aus den in Poenulus, Pseudolus und Rtldens (vgl. Lodge z. St.) vorkommenden Belegen'^'. Diese Vermutung wird gestützt durch die unterschiedliche prosodische Messung von cacula bei Plautus und dem Verfasser des Argumentum. Während das erste a bei Plautus und bei Accius kurz ist, mißt es der Verfasser des Argumentum (wahrscheinlich in Analogie zu calator) lang'^^, verdankt also das ihm unbekannte Wort cacula nicht einer direkten Lektüre der Trinummusstelle, sondern den Szenentiteln, aus denen die Prosodie des Wortes cacula nicht hervorgeht. Damit ist die Priorität der Szenentitel vor den Argumenta gesichert, aus der sich auch die pointierte Bezeichnung sycophanta cacula für Simia, den falschen Harpax, in arg. 14 erklärt: Denn wie cacula die Rolle des echten Harpax, so bezeichnet sycophanta die Rolle des falschen Harpax Simia in den Szenentiteln IV i und IV 4! Aus der Verwendung von vitiare arg. Aul. 5 und 11 und von cacula arg. Pseud. 13 und 14 hat sich mit Sicherheit ergeben, daß dem Verfasser der nicht-akrostichischen Plautusargumenta die Terenzargumenta des Sulpicius und eine mit Szenentiteln ausgestattete, also die ,varronische', Plautusausgabe vorliegen. Die weiteren sprachlichen und metrischen Beobachtungen empfehlen, die Plautusargumenta zeitlich nahe an die Terenzargumenta und damit nahe an die Entste•7' Das Attribut ist dem unmittelbar vorangehenden Vers 1004 ita tniUtaris disciplinast entnommen; ein Einwirken von Trin. 721 braucht daher nicht angenommen werden. Hiervon abhängig ist das (im Zusammenhang unverständliche) venit Harpax verus in Vers 8 des akrostichischen Argumentum. '73 Zur Prosodie von -que s. Courtney, Fragmentary Latin Poets, 57. 174 Vgl. ThLL III 10,35 fF., wo die Belege in den plautinischen Szenentiteln übersehen sind. Konjiziert ist cacula noch Cic. Att. 5,21,4. Oben nicht mitgerechnet habe ich die aus Plautus und Accius geschöpfen Belege der Glossographen. '75 S. Bader, 195 f. mit weiteren Beispielen. '7^ In Vers 13 ist die Überlieferung sicher; in Vers 14 ist zwar fsecophantacief korrupt, der schließende Creticus cacula jedoch scheint unantastbar.

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VI. Die .varronische' Auswahlausgabe

hungszeit der ,varronischen' Ausgabe heranzurücken; auch wenn die Übereinstimmungen zwischen den beiden Argumenta nicht ausreichen, Sulpicius als den gemeinsamen Verfesser anzusetzen, scheint es berechtigt, eine gemeinsame Provenienz zu vermuten und die Entstehung der Plautusargumenta im Umkreis des als Lehrer und Grammatiker einflußreichen Sulpicius a n z u s e t z e n ' 7 7 .

4.4. Herkunft und Funktion der metrischen Argumenta Wie die römische zu Plautus und Terenz, bietet die griechische Überlieferung in iambischen Trimetern verfaßte Argumenta zu Sophokles, Aristophanes und Menander: die handschriftliche Überlieferung zu sämtlichen Stücken des Aristophanes mit Ausnahme der ThesmophoriazuserP* (jeweils 10 Verse) und zum Oidipus Rex (16 Verse) und Philokut

(9 Verse) des Sophokles'79; die Papy-

rusüberlieferung die vollständig bewahrten Hypotheseis zu Menanders Heros aus dem Kairo-Kodex und zu Menanders Dyskolos aus dem Bodmer-Codex (jeweils 12 Verse) sowie Reste von sieben Versenden einer vielleicht ebenfalls 16 Verse umfassenden, mit der handschriftlich überlieferten nicht identischen Hypothesis zu Sophokles' Oidiptis Tyrannos aus einem Wiener Papyruscodex des vierten oder fünften Jahrhunderts. Dabei weisen die Überlieferungsträger aller drei mit metrischen Hypotheseis versehenen Autoren zumindest einen Teil der Hypotheseis explizit dem Grammatiker Aristophanes von Byzanz zu: die Aristophaneshandschriften sämtliche Hypotheseis mit Ausnahme derjenigen der Wolken und der Lysistrat^, der Laurentianus des Sophokles die Hypothesis des Oidipus

Tyrannos, der B o d m e r - K o d e x die des Dyskolo^^^.

Der naheliegenden Vermutung, daß die römischen Argumenta nach dem Vorbild der griechischen Vershypotheseis gestaltet sind, steht deren Datierung nicht entgegen. Die extremen Spätansätze des 19. Jahrhunderts, als Nauck, Schneidewin und Dindorf die metrischen Hypotheseis zu Sophokles und Ari'77 So auch Opitz, 229; Ritsehl (Op. phil. V, 525) hatte Sulpicius als den Vetfesser der nicht-akrostichischen Plautusargumenta in Erwä^ng gezogen. •78 Daß dieses fehlt, ist wohl erst späterer Uberlieferung zuzuschreiben; vgl. Radermachers Komm, zu den Fröschen, 79. '79 Die beiden Sophokles-Hypotheseis stammen, wie die unterschiedliche Verstechnik beweist, von verschiedenen Verfessern; vgl. Radermacher, 81 f. und Koster, 43. Die Hypothesis des Oidipus imitiert den strengen Bau des tragischen Trimeters; die Hypothesis des Philoktet gestattet wie die Hypotheseis zu Aristophanes und Menander die Auflösungen des komischen Trimeters. Wohl eben&lls ein Fehler der Überlieferung; denn sie stammen von demselben Verfesser wie die übrigen metrischen Hypotheseis; vgl. Radermacher, 80 ff. '®'Das Material ist zusammengestellt bei Koster, 43 f (mit Lit.) und bei A.W.A.M. Budö, Hypotheseis, 40 ff.; die Hypothesis des Oidipus Tymnnos in PVindob G 29779 (Eistedition 1932) hat erst Luppe, Sophokles-Kodex, 89 fF. erkannt; vgl. jetzt auch van Rossum-Steenbeek, Greek Readers' Digests?, 34 f. Nicht berücksichtigt habe ich das in elegischen Distichen verfeßte Argumentum zu Sophokles' Oedipus Coloneus.

4- Didaskaiien und nicht-akrostichische Argumenta

233

stophanes in byzantinische Zeit datierten, haben neuere Untersuchungen zur Sprache und Metrik widerlegt, die eine Entstehung in hellenistischer Zeit nicht mehr ausschließen lassen'®^; die Gattung der metrischen Hypotheseis ist schließlich durch die Menanderhypotheseis im Bodmer- und im I^ro-Codex als antik erwiesen. Alle metrischen Argumenta beschränken sich ausschließlich darauf, den Inhalt des jeweiligen Stückes zusammenzufassen'®'; sie gehören daher zu den erzählenden Hypotheseis, in denen im Gegensatz zu den ,aristophaneischen' gelehrte Angaben und ästhetische Wertungen fehlen'®'^. Im Vergleich zu den erzählenden Hypotheseis in Prosa, die zumindest bei Euripides auf eigenständige, als mythologische Kompendien dienende Sammlungen von Inhaltsangaben zu sämdichen Stücken zurückzugehen scheinen'®', sind die Vershypotheseis wesentlich knapper und weniger genau'®^. Eine besonders aufföilige Gemeinsamkeit zwischen den lateinischen Argumenta und den metrischen Hypotheseis zu Sophokles und Menander, die die aristophaneischen Hypotheseis auf Grund der Kompositionstechnik der Komödien nicht teilen können, ist die Behandlung der dem eigentlichen Stück vorangehenden Vorgeschichte. Sie wird in den Hypotheseis stets miterzähk, ohne daß der Anfang des Dramas von ihr abgesetzt ist; tatsächlich steht sie in den Argumenta vieler Stücke, zumal jener ohne exponierenden Prolog, im Vordergrund. Die Hypothesis des Philoktet widmet der Vorgeschichte acht Verse und reduziert den eigentlichen Inhalt der Tagödie auf einen Vers'®^; in den Argumenta zum Oidiptis Tyrannos, zum Heros, zum Phormio, Amphitruo und Pseudolus ist der Vorgeschichte etwa derselbe Raum zugestanden wie dem eiVgl. nach G. Michel, De fiibularum graecarum argumentis metricis, Diss. Gießen 1908, 6 ff. jent V. a. Koster, 43 ff., der sich gar für die Audientizität der aristophaneischen Verfesserschaft ausspricht; dagegen gleich unten, 235 f. Zu den Datierungsansätzen im 19. Jahrhundert s. Bude, 40 ff. ' ' ' Dies gilt auch für die Hypothesis der Wolken, wo in den beiden letzten Versen T6 Se 8pä;jia TOOTO T ^ C OXTIC 7to»^OE94 und 96; zu Lucan 10,1,90. Inst. 10,1,87 Macer et Lucretius legendi quidem, sed non ut phrasin (id est corpus eloquentiaej faciant. Hat bislang wirklich niemand die eingeklammerten Worte als ein evidentes Glossem getilgt? Den Terminus phrasis verwendete Quintilian bereits ganz selbstverständlich in 10,1,42, ohne eine Erklärung für notwendig zu befinden; die Wendung corpus eloquentiae ist aus 12,2,9 hanc artem (seil, phiksophiani^... in corpus eloquentiae adducat entnommen, wo der Ausdruck selbstverständlich nicht die elocutio als Teil der Rhetorik bezeichnet, sondern das rhetorische System in seiner Gesamtheit (ähnlich auch 8 prooem. 22). Fronto p. $6,23 rechnet Lukrez zu den in der Wortwahl sorg^tigen und daher nachahmenswerten Autoren. J. Zetzel, Latin Textual Criticism, 243 findet das Auftauchen des Plautus in einer ZusammensteUung von Schulautoren so unwahrscheinlich, daß er sogar einen Irrtum des Hieronymus in Erwägung zieht. Ich halte das für ausgeschlossen - angesichts der bei Hieronymus sicher nachweisbaren Plautuskenntnis und -begeisterung H. Hagendahl, Latin Fathers and the Classics, Göteborg 1958, 269 f. und unten, 267 f.), aber auch angesichts des Zusammenhangs der Argumentation des Hieronymus, der hier Parallelen zu seinem Verfahren in Erinnerung ruft, die Rufin und ihm unmittelbar gegenwärtig sein müssen. Zu der Zitatverteilung in den Vergilkommentaren vgl. R. B. Lloyd, Republican Authors in Servius and the Scholia Danielis, HStClPh 65, 1961, 291 ff.; zu der im Terenzkommentar s. unten, 265 mit Anm. 140. '^Zum Streit um die Provenienz des über Servius hinausgehenden Materials der Servius-auctusScholien s. zuletzt P. L. Schmidt, HLL V, 150 f. " ' D i e Angaben zu den Vergilkommentaren nach Lloyd, Republican Authors, 314f.; die zum Terenzkommentar von mir.

202

VII. Rezeption der .varronischen' Auswahl

dagegen nur einmal der Addictus Serv. auct. georg. 1,124 zitiert; bei 14"® von Donat und Servius ohne Titelangabe mitgeteilten Bruchstücken aus Plautus, die nicht durch die direkte Überlieferung identifizierbar sind, muß jeweils offen bleiben, ob es sich um ungenaue Wiedergaben nachweisbarer Verse handelt'^^, um Zitate aus den umfangreichen, erst nachträglich auf mechanischem Überlieferungsweg verlorenen Teilen der 21 oder tatsächlich um Zitate aus Versen nicht-,varronischer' Komödien. Die unverkennbare Präsenz des Plautus in Form der ,varronischen' Auswahl in den Konmientaren des vierten Jahrhunderts tritt in besonderer Schärfe dann hervor, wenn wir bedenken, daß in den Kommentaren Stücke aus wohl ebenfalls in hadrianischer Zeit entstandenen Auswahlausgaben aus anderen frühlateinischen Bühnendichtern so gut wie nicht berücksichtigt sind. Solchen Auswahlen hat Leo wegen der signifikanten Häufung von Zitaten bei Charisius, Diomedes und Nonius mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Naevius die Tragödien Lycurgus und Dame, die Komödien Agitatoria, Acontizomenus, Corollaria, Figulus, Gymnasticus, Tarentilla zugewiesen, aus Ennius die Tragödien Hectoris Lytra, Eumenides, Telephuf^*-. kein einziges dieser Stücke wird von Donat oder Servius erwähnt oder zitiert. Nahezu dasselbe gilt für die weiteren von Nonius aus erster Hand zitierten Stücke des Pacuvius, Accius, Turpilius, Afranius und Novius, die ebenfalls auf Auswahlausgaben schließen lassen"'. Von diesen insgesamt mindestens 58 bei Nonius aus erster Hand zitierten Stücken begegnet bei Servius keines, bei Donat fünf, aus diesen jedoch vier mit lediglich einem Zitat: Pacuvius' Hermiona (Serv. auct. Aen. 5,40), Accius' Bacchae (Serv. auct. Aen. 12,605), Pelopidae (Serv. auct. Aen. 5,40) und Philoctetes (Serv. auct. Aen. 9,619). Dreimal zitiert Donat (Serv. auct. Aen. 1,44; 1,88; Ad. 871) Accius' Clutemestra. Der Schluß daraus ist unausweichlich: Keine Auswahl aus frühlateinischen Bühnendichternfindetin den Konmientaren des Donat und Servius irgendeine Berücksichtigung, kein einziges frühlateinisches Stück ist besonders hervorgehoben. Gegenwärtig ist einzig und allein Plautus in Form der ,varronischen' Auswahl - offenbar deshalb, weil diese Auswahl im Schulunterricht eine Rolle spielte, dieser Autor, als einziger frühlateinischer Bühnendichter, noch im Unterricht gelesen wurde. Der grundsätzliche Vorzug des Plautus gegenüber anderen frühlateinischen Autoren kommt freilich nicht allein in der ungleich größeren Häufigkeit von Zitaten zum Ausdruck. Seine hervorgehobene Stellung als Schulautor erhellt vor allem dann, wenn wir nach der Herkunft und der Funktion der Plautuszitate in den Kommentaren fragen. Für Servius ist sicher, daß die Belege aus " « F r g . L I I I - L > C V I Winter. Vgl. Winter zu frg. U l i , frg. LVII, frg. LXIII und frg. X L X V . " ' P F , 10. " ' V g l . Lindsay, Nonius Marcellus' Dictionary, j S . Leo konnte diese Stücke noch nicht mit heranziehen, weil vor Lindsays Untersuchung die Herkunft der Zitate aus Textausgaben noch nicht geklärt war; vgl. unten, 320 f.

3- Rezeption im Schulunterricht der Spätantike

263

der friihlateinischen Literatur geschlossen aus seiner unmittelbaren Vorlage, dem Vergiikommentar des Donat, stammen''". Aber auch Donat bezeichnet seinen Vergiikommentar in dem Einleitungsbrief an Munatius p. i Hardie als munns conlaticium und beschreibt sein Verfahren als ein de multis (d. h. aus den Werken früherer Vergilforscher) pauca decerpere. An der Herkunft der Masse etwa der Zitate aus Ennius und dem bellum Poenicum des Naevius aus zweiter Hand besteht kein Zweifel'''. Auffallend ist freilich die Verteilung der Zitate. In den über Servius hinausgehenden Teilen der Scholia Danielis finden sich 52 Enniuszitate, dagegen 73 Plautus- und 85 Terenzzitate''^; eine Verteilung, die der des ursprünglichen Donatschen Vergilkommentars entsprechen dürfte. Die Herkunft der Enniuszitate erklärt sich leicht: in der wohl seit tiberischer Zeit einsetzenden ywrftz-Literatur der obtrectatores Vergilii wurde Ennius als wichtige römische Vorlage Vergils systematisch ausgewertet'"; daß das von den obtrectatores gesammelte Material unter anderen Vorzeichen in die spätestens mit Cornutus beginnende Vergilerklärung, ebenso in lexikalische und glossographische Werke einfloß, liegt auf der Hand. Donat stand fiir das Material aus Ennius eine Vielzahl von Quellen zur Verfügung. Eine Erklärung dagegen verlangt die im Vergleich zu Ennius numerisch deutlich höhere Frequenz der Zitate aus den Komikern Plautus und Terenz, die als Vorbilder für Vergils Dichtung nicht in Frage kommen und, anders als die frühlateinischen Epiker und Tragiker, von den obtrectatores Vergilii gar nicht oder zumindest nicht systematisch ausgewertet worden sind''-*. Sie müssen aus einer anderen Tradition in die Vergilkommentierung eingeflossen sein. Für die Terenzzitate ist die Erklärung einfach: Wie Vergil ist er in der gesamten Kaiserzeit Schulautor; Aemilius Asper im zweiten und Donat im vierten Jahrhundert kommentierten beide sowohl Terenz als auch Vergil, berücksichtigen bei der Erklärung des Sprachgebrauchs des einen den des anderen Autors. Entsprechend wird Terenz im Vergiikommentar des Donat nicht (wie etwa vielfach Ennius) zitiert, um eine Übernahme Vergils nachzuweisen, sondern ganz überwiegend um den vergilischen Sprachgebrauch mit dem des anderen Schulautors zu vergleichen, Unterschiede und (weit häufiger) Gemeinsamkeiten festzustellen. In Erläuterungen wie z. B. Serv. auct. Aen. 3,216 'foedissima' hic turpis ut Terentius ''°Vgl. hierzu Lloyd, Republican Authors, 291 fF., wo überall gezeigt ist, wie ungenau Servius bei der Wiedergabe der Zitate und bei der Angabe der Herkunft verfahrt. Er sammelt nicht eigenständig, sondern stutzt von anderen gesammeltes Material zusammen. Entsprechend dem Zuschnitt auf den Elementarunterricht ist in seinem Vergiikommentar Terenz (im Vergleich zu Plautus) prozentual deudich häufiger zitiert als in dem anspruchsvolleren Kommentar Donats. '''Vgl. Jocelyn, Ancient Scholarship I, 282 (mit Lit.). Zu den Zitaten aus dem bellum Poenicum des Naevius in den Scholia Danielis vgl. H. T. Rowell, Aelius Donatus and the D Scholia on the bellum Punicum of Naevius, YCISt 15,1957,113 fF. Zahlen nach Lloyd, Republican Authors, 294, 314, 318. '»Vgl. hierzu oben, 182 f. Vgl. hierzu Jocelyn, Ancient Scholarship H, 136. In Macrobius' letzdich ganz auf dem Material deryürfti-Sammler beruhenden sechsten Buch der Satumalia sind Plautus und Terenz nirgends zitiert.

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VII. Rezeption der .varronischen' Auswahl

in Eunucho ist die Masse der Terenzzitate im Donatschen Vergilkommentar eingebettet; sie sollen das Auge der Lernenden für den Sprachgebrauch der Musterdichter schulen. Aus dieser Absicht heraus ist die hohe Zahl der Terenzzitate bei Donat unmittelbar verständlich, gleich ob er sie mehrheidich aus einem ähnlich ausgerichteten Vorläuferwerk übernimmt oder aus eigener Kenntnis setzt'". Überraschend ist, daß den vielen Plautuszitaten im Donatkommentar insgesamt die gleiche, ganz überwiegend der Spracherklärung dienende Funktion zukommt wie den Terenzzitaten''^. Auch sie sollen vorrangig den vergilischen Sprachgebrauch erläutern: Aus Plautus wird beispielsweise eine von Vergil verwendete Form oder eine Wortbedeutung belegt (z. B. Serv. auct. Aen. 1,191 'turbam multitudinem ... Plautus in Amphitruone ...); für ein von Vergil metaphorisch gebrauchtes Wort wird aus Plautus die Grundbedeutung nachgewiesen (z. B. Serv. auct. Aen. 2,206 die Grundbedeutung des von Vergil zur Bezeichnung der Kämme der Seeschlangen gebrauchten iubae: 'iubae autem proprie equorum sunt. Plautus in Amphitruone...); Plautus wird herangezogen, um auf weitere, aus dem vergilischen Zusammenhang nicht sichtbar werdende Bedeutungsmöglichkeiten eines Wortes hinzuweisen (z. B. Serv. auct. Aen. 2,357 zu catulique-, sane catuli non solum canum sed et serpentum ut... (georg. 3,438) ... Plautus etiam suum ...). Plautus wird also von Donat aus dem gleichen Grund zitiert wie Terenz, lediglich mit dem Unterschied, daß trotz der etwas geringeren Gesamtzahl an Zitaten mit Plautus häufiger der vergilische Sprachgebrauch als ,altertümlich' charakterisiert wird''^. Solche Noten, die Donat bevorzugt mit veteres dicebanf^* einleitet, sind auf den Sprachhorizont der Schüler seiner Zeit zugeschnitten: Eine dem Schüler nicht bekannte Form, Wortbedeutung, Konstruktion etc. wird ihm nicht nur erklärt, sondern als früher üblich vorgestellt und durch die Belege als in ihrer Zeit korrekt erwiesen'". Plautus ist für Donat in kaum geringerem Maß als ' ^ ^ n dem ganz auf die elementaren Bedürfnisse des Grammatikuntertichts zugeschnittenen Werk des Servius ist der Anteil des Schulautors Terenz an der Gesamtmenge der Zitate dementsprechend noch deudich höher. Vgl. Lloyd, Republican Authors, 123 ff. ''^Vgl. auch Lloyd, 316 (zu Plautus) u n d Jocelyn, Ancient Scholarship I, 281 mit Anm. 4 (zu Terenz). Gelegentlich werden beide Komiker von Donat als Quelle für fi-ührömische Realien angeführt; vgl. zu Plautus Jocelyn, Indirect Tradition 1,63, Anm. 35; zu Terenz z. B. Serv. auct. georg. 3,305. Z u der antiquarischen Auswertung des Plautus in republikanischer Zeit vgl. oben, 126-137. M i t Terenz belegt Donat den Sprachgebrauch als altertümlich nach meiner Zählung an 10 Stellen (ecl. 7,31; georg. 1,225, 1.248, 4.444! Aen. 1,6, 1,657, 3.477. 4.435.12.34i. 12,694); mit Plautus an 15 Stellen (ecl. 5,58; georg. 1,189, 4.17°; Aen. 1,16,1,233,1.543.1.636. 4.424, 4,608, 8,127, 8.632, 9,399, 9,641, 9,693,11,361). Zur Formulierung der antiquitas-'üotea bei Donat und Servius s. A. Uhl, Servius als Sprachlehrer, 419, A n m . 31. ' " V g l . z. B. Serv. auct. Aen. 8,127 veteres et'precorUli' pro'precorpro illo dicebant: Plautus in Amphitruone Z u dieser Funktion der antiquitas-'iiatta bei Servius s. A. Uhl, Servius als Sprachlehrer, 432 ff.; die bei Servius oft hinzutretende spracheizieherische Funktion, ein Warnen vor mechanischem Nachahmen des Sprachgebrauchs der Alten (Uhl zitiert z. B.

ecl. 1,29 antiqui enim'post''ante' 'circum' etiam ablativo iungebant, quod hodie facere m

3- Rezeption im Schulunterricht der Spätantike

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der Schulautor Terenz eine Autorität, aus der die Sprachrichtigkeit Vergils nachgewiesen werden kann. Eine ganz ähnliche Funktion haben die gut 70 Plautuszitate und -erwähnungen im Terenzkommentar Donats. Auch hier dienen sie ganz vorrangig dazu, eine sprachliche Erscheinung bei Terenz mit einem weiteren Beleg abzusichern. Am häufigsten erklärt Donat Terenz aus Terenz selbst, gelegendich auch aus Vergil und anderen Schulautoren, regelmäßig aber eben auch aus Plautus als einzigem frühlateinischen Autor'"*®. Hinweise, daß es sich um einen veralteten Sprachgebrauch handelt, finden sich seltener als im Vergilkommentar''*'; mit Plautus belegte antiquarische Angaben fehlen ganz. Anders als im Vergilkommentar nutzt Donat hingegen die bei Autoren gleicher Gattung naheliegende Möglichkeit, die Kunst der beiden Palliatendichter zu vergleichen. Zwar unterbleibt eine explizite Synkrisis, aber eine Zusammenstellung vergleichender Bemerkungen läßt für Donat auf eine Wertschätzung des Plautus schließen, die an die Urteile der republikanischen Kritiker anknüpft"'*^. In der Note zu Ad. 986,3 bene in postremo dignitas personae huius (seil. Demeae) servata est, ut non perpetuo commutata videretur, ut Truculenti apud Plautum wird an Plautus die uneinheidiche Charakterzeichnung des Sklaven Truculentus kritisiert, um hiervon die von Donat an Terenz wiederum vielfach gelobte Kunst abzuheben, das Ethos einer Figur durchgehend zu wahren'^J. Mangelnde Ökonomie in der Handlungsfuhrung, wohl aber auch ein Fehlgriff in der Charakterzeichnung''^^ scheinen Plautus in der Note zu Eun. 694,1 vorgeworfen: AGEDVM HOC MIHI haec Plautina sunt, cum in iisdem longa sit disputatio; sed mire a Terentio proforuntur ad eius exemplum et quod est plus carent Plautinis nu^. Verglichen

possumus), fehlt hingegen bei Donat - ein weiterer Bel^ für die von Jakobi, Kunst der Ex^ese, 85 und 88 mit Recht so hervorgehobene Unterschiedlichkeit der Ausrichtung, die zwischen dem elementaren Serviuskonunentar und den an ältere, grammatisch vorgebildete Schüler gerichteten Donatkommentaren besteht. Ein Blick auf die Komödie genügt: Von den Palliatadichtern wird Naevius einmal, Caecilius funfinal zitiert; von den Dichtern der Togata einmal Afi-anius, von den Atellanendichtern einmal Pomponius. Den nachträglichen Redaktionen des Donatkommentars mag manches fhihlateinische Dichterzitat zum Opfer geMen sein; aber die ganz hervorgehobene Stellung des Plautus unter den fnihlateinischen Autoren, wie sie auch in dem Vergilkommentar deudich ist, geht auf Donat zurück, nicht auf seine Überlieferung. "fleh finde nur fünf Belege: Don. Andr. 147 ILLE INSTAT FACTVM Plautus (Merc. 242) 'imtare factum simia'. et est (xpxaio[ji6(;. Don. Andr. 750,2 'miror veteres pro 'nescio ponebant, nam admiratio ab ignorantia descendit. Plautus ... (Aul. i). Don. Eun. 328 quia veteres 'ni'pro 'ne'ponebant et 'ne'pro 'non ut Plautus (Men. 110) 'nistulta sis'pro 'ne'et 'nevult'pro 'non vult'. Don. Eun. 671,2 QVID VESTIS MVTATIO sie veteres. Plautus in Trinummo (709) 'quid tibi interrogatio aut (in) consilium huc accessio? Don. Hec. 321,1 pavere et timere et ad corporis et ad animiperturbationem veteres refmbant. Plautus in Bacchidibus... (106). Zu deren Urteil vgl. oben, 75 f. •t' Vgl. Jakobi, Kunst der Exegese, 160 ff. H4 Zu diesen beiden Kategorien der Exegese bei Donat und ihrer Herkunft vgl. Jakobi, Kunst der Exegese, 156 f. und 166 ff.

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VII. Rezeption der .varronischen' Auswahl

werden offenbar die strukturell ähnlichen Verhörszenen'-^' Eun. IV 4 (ab Vers 694) und *Men. IV 2 (ab Vers 609). "Wahrend bei Terenz der Eunuch Dorus unter dem strengen Verhör durch Phaedria mit der Wahrheit über den Tausch des Gewandes rasch herausrückt und die Identität des vermeintlichen Eunuchen schnell geklärt ist, wehrt bei Plautus der zur Rede gestellte Ehemann Menaechmus die Vorwürfe des Parasiten, ein Gewand seiner Frau an eine Hetäre verschenkt zu haben, beharrlich ab; zudem ergeht sich die betrogene Ehefrau in dem fünffach vorgetragenen Vorwurf an ihren Mann nugas a^s, wodurch der Zorn der verletzten Gattin ins Lächerliche gezogen wird. Andere Aspekte plautinischer Dichtung finden jedoch durchaus die Anerkennung des Donat. Im Zusanmienhang mit seiner Etymologie von TtpoXoyoc; Phorm. praef. i,ii wird die Stellung des Prologs vor dem Beginn der dramatischen Handlung (so immer bei Terenz) zwar als die sich aus dem Wortsinn ergebende eigentliche erachtet, die Praxis des nachgestellten Prologs aber nicht verkannt und mit Plautus' Miles Gbriostis und ceteri magnae auctoritatis veteres poetae - Donat denkt wahrscheinlich an die griechischen Originale - belegt. Von dem summum poetae Vitium, sich bei sprechenden Namen zu vergreifen, nimmt Donat Ad. 26.1 ausdrücklich die scherzhafte Benennung per dvTtcppaoiv heraus, für die er als Beispiel den "Wucherer ,Misargyrides' der plautinischen Mostellaria anfuhrt. Mehrfach wird Plautus dort zitiert, wo Donat Terenz für eine gelungene Formulierung lobt, das Lob somit in gleicher "Weise auf den älteren Komiker fällt: Ad. 907 für den Einsatz des Plurals zur Steigerung, Phorm. 484 für die metaphorische Bezeichnung des Bordells als palaestra. Zweimal zeigt Donat, wie es Terenz im Eunuchus gelingt, die Lächerlichkeit des Soldaten Thraso dadurch zu unterstreichen, daß er ihm einen Solözismus (emoriri statt emori 432) oder eine gewichtige, dementsprechend besonders lächerlich klingende Sentenz {omniaprius experiri quam armis sapientem decet 789) in den Mund legt. Zum Vergleich wird an beiden Stellen auf die Sprechweise des plautinischen Miles gloriosus verwiesen: Eun. 432 disciplina est comicis ut stultas sententias ita etiam vitiosa verha ascrihere ridiculis imperitisque personis ut Plautus (Mil. 74) 'ibus denumerem Stipendium' inquit ex persona militis-, Eun. 789,1 animadverte quantam vim habeant ad delectandum in comoediis severae sententiae, cum ab ridiculis personis proferuntur. quäle est apud Plautum, ubi miles suam formam admirans ait (Mil. 68) 'nimia est miseria nimis pulchrum esse hominem'. Mag sich Donat an der fehlenden Einheitlichkeit mancher plautinischer Figuren wie des Truculentus gestoßen, mag ihm die Preisgabe von Handlungsökonomie und "Wirklichkeitsnähe einer Figur wie der hintergangenen Ehefrau in den Menaechmi zugunsten einer platteren Oberflächenkomik mißfallen haben, so ist auf der anderen Seite unverkennbar die Anerkennung für die Sprachkunst des Plautus, die gerade bei der Darstellung einer lächerlichen Figur wie der des Miles ihre volle Kraft entfaltet. Vgl. Jakobi, Kunst der Ex^ese, 129, Anm. 332 und Wessner in der Appendix seiner Ausgabe z. St. Eine direkte Abhängigkeit des Terenz von Plautus ist freilich nicht ersichdich.

3- Rezeption im Schulunterricht der Spätantike

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Mit seiner Einschätzung des Plautus knüpft Donat an die oben behandelten Plautusurteile aus vorhorazischer Zeit an''^^. Schon Varro hatte in der Charakterzeichnung und der Handlungsfiihrung andere Komiker dem Plautus vorgezogen, diesem jedoch in der sprachlichen Gestaltung die Palme zuerkannt. Das Latein des Plautus war für Aelius Stilo die Sprache der lateinisch sprechenden Musen, Cicero bewunderte in ihm das elegans, urbanum ingeniosumfacetum genus iocandi, das er dem Witz der alten attischen Komödie und der sokratischen Dialoge zur Seite stellte. Donat lobt es explizit, wie wir gesehen haben, nur an wenigen Stellen in seinem Terenzkommentar; umso deutlicher tritt die indirekte Anerkennung hervor, wenn er Plautus zur sprachlichen Erklärung der kanonischen Schulautoren konsequent heranzieht. Das plautinische Belegmaterial mag aus eigener Lektüre oder aus älteren Kommentaren eingeflossen sein'47; die in beiden Kommentaren gleiche Handhabung seiner Komödien geht ohne Zweifel auf Donats eigene Einschätzung des Plautus als einer sprachlichen Autorität zurück. Daß ein für seine Sprache so geschätzter Autor wie Plautus im Rhetorikunterricht gelesen wurde, in dem, wie uns Quintilian lehrt, die Dichterlektüre vor allem dazu diente, die elocuHo des Schülers zu fordern, liegt auf der Hand. Das explizite Zeugnis des Schülers Hieronymus und die Handhabung des Plautus in den Kommentaren seines Lehrers Donat stützen sich gegenseitig: Plautus gehörte zu den Autoren, die im Unterricht des späten vierten Jahrhunderts von fortgeschrittenen Schülern gelesen worden sind. Wie bei Donat greifen wir auch bei seinen Zeitgenossen eine Übereinstimmung mit dem positiven Plautusurteil der spätrepublikanischen Kritiker. In Anschluß an sein Lob für die proprietas der Sprache des Terenz, der den semantischen Unterschied zwischen incusare und accusare genau wahre, schreibt Servius Aen. 1,410 einschränkend: sciendum tarnen est Terentium propter solam proprietatem omnibus comicis esse praepositum, quibus est quantum ad cetera spectat inferior. Der Nachweis des sermo purm steht ganz im Vordergrund der sprachlichen Analyse, der Donat die Komödien des Terenz in seinem Kommentar unterzieht''^', aber schon die einleitende, in ihrer schulmeisterlichen Bestimmtheit für Servius charakteristische Formulierung sciendum tarnen esf^^ macht deutlich, daß Servius dieses Urteil nicht gedankenlos übernommen. Vgl. oben, 75 f. Erinnert sei an den Vergilkommentar des Terentius Scaurus, für den aus Rufin gramm. VI 561,2 zwar kein Plautuskommentar mit Sicherheit nachgewiesen werden kann, auf jeden Fall aber eine Beschäftigung mit der plautinischen Prosodie (vgl. oben, 210, Anm. 63 und 24;); daß die Terenzkommentatoren Aemilius Asper und Helenius Acro des ausgehenden 2. Jahrhunderts Plautus zur Terenzerklärung herangezogen haben, dürfen wir mit großer Sicherheit vermuten. Die Varianten in den von Donat zitierten Versen lassen keine Schlüsse auf die TextbeschaiFenheit zu; ihre Ungenauigkeit (von Lloyd, Republican Authors, 316 f. unterschätzt) erklärt sich zum größten Teil aus Gedächtniszitaten. Die einheidiche direkte Überlieferung (AP) wird von Donat nirgends eines sicheren Fehlers überfuhrt; es gibt keine Übereinstimmung in einem signifikanten gemeinsamen Fehler. Vgl. Jakobi, Kunst der Exegese, 109 ff. ' « V g l . A. Uhl, Servius als Sprachlehrer, iii.

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VII. Rezeption der .varronischcn' Auswahl

sondern sich zu eigen gemacht hat. Welche Qualitäten er an welchen anderen Komikern schätzte, verrät uns Servius nicht; von den römischen kann wohl nur Plautus in Frage kommen, für den sich als Gegensatz zu der proprietas der terenzischen Sprache eben eine größere Kraft der plautinischen Komödiensprache anbietet, die auch bei Donat ihre Anerkennung gefiinden hat. Wördich schließt sich dann Hieronymus dem Urteil der republikanischen Kritiker an, der als Schüler Plautus gelesen hat und in seinem Werk durch Zitate und Anspielungen seine Vertrautheit mit dessen Komödien bekundet''®. In seiner 395/96 verfaßten epistola adPammachium de optimagenere interpretandi rechtfertigt Hieronymus seine Übersetzung eines griechischen Schreibens des Eusebius von Cremona gegen die Angriffe von Kritikern, indem er sich für seine freiere, die Vorlage nicht Wort für Wort, sondern dem Sinn nach und literarisch angemessen wiedergebende Übersetzungspraxis auf das Vorbild etwa Ciceros und der römischen Komiker beruft"''. Epist. 57,12,3 kommentiert er dann die vermeindiche Musterüberseaung des ersten Satzes, die seine Kritiker vorschlagen, mit der sarkastischen Bemerkung: haec est Plautina eloquentia, hic lepos Atticus et Musarum ut dicunt eloquio conparandm\ Angespielt ist in diesem Satz auf das Urteil Quintilians über die römische, insbesondere die plautinische Komödie (inst. 10,1,99 f.): licet Varro Musas, Aeli Stilonis sententia, Plautino dicat sermone locuturasfiiisse,si Latine loqui vellent... sermo ipse Romanus non recipere videatur illam solis concessam Atticis venerem. Hieronymus stellt freilich das quintiliansche Urteil auf den Kopf und schließt damit an das der republikanischen Kritiker, mit (seil, lepos) Musarum ut dicunt eloquio comparandus fast wörtlich an Aelius Stilo an. Anders als er selbst sind seine Kritiker weit entfernt, in ihren Übersetzungen ein Latein zuwege zu bringen, das jener plautinischen Sprachfertigkeit nahekommt, in der der attische Witz übertragen und die Sprache der römischen Musen angeschlagen ist. Es ist diese Wertschätzung, die Rufin dazu verleitet, in Hieronymus einen totus Plautinae ... eloquentiae sectator zu sehen''^. Das Anknüpfen an das Plautusbild der spätrepublikanischen Kritik erklärt auch, weshalb allein Plautus, dessen Lektüre noch Fronto in einem Atemzug neben der etwa des Ennius, Naevius, Accius und Caecilius empfohlen hat, Eingang in den spätantiken Unterricht finden konnte. Sein sermo, dessen sich die Musen bedient hätten, wollten sie lateinisch sprechen, wird - anders als etwa der des als hoffnungslos veraltet geltenden Ennius'" - immer noch als '5° Die Zitate und Anspielungen sind gesammelt und besprochen von H. Hagendahl, Latin Fathers, 269 fF. '5'Vgl. hierzu G. J . M. Bartelink, Hieronymus. Uber de optimo genere interpretandi. Ein Kommentar, Leiden 1980, i ff. Rufin. apol. adv. Hier. 2,13; H. Marti, Übersetzer der Augustin-Zeit, München 1974,194. '53 Vgl. die von Jocelyn, Virgils Use of Republican Latin Poetry I, 283 f. aus Macrobius zusammengestellten Urteile über Vergils lateinische Vorbilder (insbesondere über Ennius), die nicht einfach aus einer antiarchaischen Quelle kopiert sind, sondern, wie Jocelyn in einem schönen Nachweis deutlich macht, das Urteil von Macrobius' Zeit spiegeln.

3- Rezeption im Schulunterricht der Spätantike

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lesenswert empfunden'''*. Weshalb man Plautus und nicht etwa Caecilius zur Erklärung der Klassiker Terenz und Vergil herangezogen hat, liegt auf der Hand: Caecilius mag zwar nach Auffassung Varros in der Handlungsfuhrung Plautus überlegen gewesen sein, als malus auctor Latinitati^^^ ist er, anders als Plautus, für einen im wesentlichen auf die Lexis ausgerichteten Unterricht ungeeignet''^. So ist die Berücksichtigung des Plautus im Unterricht der Donatzeit nicht als ein Nachwirken des Archaismus zu betrachten; Plautus ist als einziger frühlateinischer Autor in einen sonst klassizistischen, um Autoren des ersten vorund nachchristlichen Jahrhunderts zentrierten Lektürekanon aufgenommen, weil seine Sprache in Anschluß an die Urteile der republikanischen Kritiker als stilistisch musterhaft empfunden wurde.

3.4. Ausblick Eine Behandlung des Plautus im kaiserzeitlichen Rhetorikunterricht ist jetzt für das zweite und vierte Jahrhundert gesichert. Im Rahmen des neu entfachten Interesses an der frühlateinischen Literatur wurde Plautus im zweiten Jahrhundert neben anderen alten Dichtern gelesen, im vierten Jahrhundert dagegen als einziger neben Terenz, weil man seinen Stil in Anschluß an die Urteile der Kritik der späten Republik noch immer schätzte. Für den dazwischenliegenden Zeitraum, zumal die zweite Hälfte des dritten Jahrhunderts, stehen nur wenige Zeugnisse über die Lektürepräferenzen des Rhetorikunterrichts zur Verfugung. Einen Fingerzeig auf eine Kontinuität der Plautuslektüre vom zweiten bis in das späte vierte Jahrhundert gibt allein der in der Mitte des dritten Jahrhunderts anzusetzende Horazkommentar des Porphyrio. Bei den von ihm zur Horazerklärung herangezogenen Autoren zeigen sich bereits ähnliche Präferenzen wie bei Donat'57. Die aus dem Elementarunterricht bekannten Autoren Terenz, Vergil und Sallust dominieren; unter den frühlateinischen aber hat Plautus, von Lucilius als literarischem Vorbild für die Satirendichtung des Horaz aus naheliegenden Gründen abgesehen''®, bereits eine vorrangige Stellung. Für die Eine interessante Parallele liefern die Stildebatten der italienischen Humanisten, von denen zumindest ein Teil, fraglos an die antiken Urteile anknüpfend, Plautus als stilistisches Muster anerkannte; F. Grewing, Lateinische Grammatik und Stilistik in der Renaissance. Zu Adriano Castellesi, De sermone Latino et modis Latine loquendi, Trier 1999, v. a. 66 ff. Vgl. oben, 76, Anmerkungen 95 und 96. 15« Vergleichbar ist im Griechischen das Schicksal der Komödien des Menander, der an den byzantinischen Schulen wohl deshalb nicht mehr gelesen wurde, weil sein Stil unter den Beschuß der strengen Attizisten geraten war; vgl. z. B. W. G. Arnott im ersten Band seiner Loeb-Ausgabe des Menander, London 1979, XXIII f Hierzu grundlegend S. Diederich, Der Horazkonmientar des Porphyrio, 317 ff., auch wenn die Verfesserin das Ausmaß der eigenen Lektüre des Porphyrio g^enüber dem ihm durch vorangehende Kommentare tradierten Material bisweilen überschätzen mag. Lucilius kommt eine gattungsbedingte Sonderstellung zu ähnlich der des Ennius im Vergilkommentar des Donat.

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VII. Rezeption der .varronischen' Auswahl

Spracherklärung des Horaz werden von den frühen Autoren nur Ennius und, deutlich häufiger, Plautus zitiert, für die Anwendung von Stilfiguren allein Plautus'59. Besonders hervorzuheben ist die Erklärung zu Horazens Verwendung von maritus im Sinn von maritalis carm. saec. 20: maritam autem legem Plautina videtur (seil. Horatitis) auctoritate dixisse. similiter enim et ilU locutus est ubi aitsenex (Epid. 180)'pulchraedepol dos pecunia est' et alter respondet 'quae quidem non marita est'pro eo quod est: quae non maritalis est. Plautus hat hier den Rang einer sprachlichen Autorität'®", sein Beleg legitimiert die gegen den tistis seiner Zeit verstoßende adjektivische Verwendung von maritus bei Horaz. Die Anzeige des Sprecherwechsels in dem Epidicus-TÄtat, die wir in dieser Form sonst erst bei seinem Zeitgenossen lulius Romanus finden, läßt vermuten, daß Porphyrio dieses Zitat eigener Lektüre verdankt'®'. Einen sicheren Nachweis für die Plautuslektüre an der Schule seiner Zeit liefert die Behandlung des Plautus im Kommentar des Porphyrio wohl nicht; die Einschätzung des Plautus als einer sprachlichen Autorität zeigt aber, daß er für die Lektüre grundsätzlich in Frage kam. In jedem Fall ist Leos zu Beginn dieses Kapitels zitierte Einschätzung über die Plautuslektüre im kaiserzeidichen Schulunterricht zu revidieren. Zum verbindlichen Autorenkanon des Grammatikunterrichts gehörte Plautus nie, wohl aber zählt er zu den Dichtern, die im fortgeschrittenen Unterricht vom zweiten bis ins fünfte Jahrhundert fakultativ gelesen wurden. Zumindest seit dem dritten Jahrhimdert scheint er unter diesen ßikultativen Autoren der einzige frühlateinische gewesen zu sein. Nur für ihn ist ein kaiserzeidicher Kommentar nachweisbar, der in seiner Erklärung auch an die Praxis der Schulkommentare anknüpft.

4. Plautus und die archaisierende Senardichtung der Spätantike Neben der oben behandelten Berücksichtigung des Plautus im Rhetorikunterricht ist für die Spätantike noch eine zweite Form der Plautusrezeption nachweisbar, auf die bereits aus den prosodisch-metrischen Glossen im Kommentar des Sisenna geschlossen wurde. Offensichtlich gab es Leser, die nicht nur an der plautinischen Sprache interessiert waren, sondern seine Komödien auch als metrische Dichtung zu begreifen suchten. Diese gewiß auf wenige Liebhaber beschränkte Rezeption ist indirekt nachweisbar in jenen Senaten der Spätantike, in denen sich prosodische und metrische Besonderheiten der frühlateinischen Bühnendichtung (etwa Synizesen, lambenkürzungen, Langmessungen von klassisch kurzen Endsilben, Hiate und kurze Endsilben im locus Jacob'59 Ähnlich auch bei Donat; z. B. Ad. 761 für die Figur der aci>|jio[T07ioi(a. Zu Recht hervorgehoben von S. Dlederlch, Der Horazkommentar des Porphyrio, 321. "«'Vgl. oben, 242f.

4- Die archaisierende Senardichtung der Spätantike

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sohnianus) finden, die sich nur als direkte Imitationen der frühlateinischen Verstechnik erklären lassen. Diese Besonderheiten häufen sich in zwei (auch sprachlich und inhaltlich von Plautus abhängigen) spätantiken Dichtungen, dem ludus septem sapientum des Ausonius und den akrostichischen Plautusargumenta; die Technik dieser Verse ist besonders auflföllig, wenn man ihnen das theoretische Wissen um den frühlateinischen Senar, wie es in den metrischen Fachschriften der Spätantike zu Tage tritt, entgegenstellt und sie mit jenen Gedichten vergleicht, die zwar auch in den Metra der frühen Bühnendichtung verfaßt sind, jedoch von prosodischen und metrischen Besonderheiten der archaischen Dichtung keinen oder so gut wie keinen Gebrauch machen. Die sich vor diesem Hintergrund abzeichnende Verskompetenz des Ausonius und des Akrostichadichters kann schließlich als Maßstab dafür dienen, wieviel Verständnis fiir den Bau der plautinischen Sprechverse wir von jenen beiden spätantiken Rezensenten erwarten dürfen, die ungefähr gleichzeitig mit Ausonius die beiden in direkter Überlieferung greifbaren Plautusausgaben veranstaltet haben.

4.1. Das Wissen der spätantiken Metriker Das theoretische Wissen der Spätantike um die frühlateinische Verskunst ist bestenfalls rudimentär. Donat verzichtet in seinem Terenzkommentar auf eine metrische Interpretation der Komödien; daß er versucht hat, sie mit seinen Schülern in Versen zu lesen, dürfen wir bezweifeln'^^. Der Grammatiker Rufin deutet den eigendichen Zweck seines commentarium in metra Terentiana erst in der Schlußbemerkung an (gramm. VI 565,1 ff.), wo er gelehrte Autoritäten von Cicero bis luba zusammenstellt, die mensuram esse in fabulis Terentii et Plauti et ceterorum comicorum et tra^corum dicunt. Sein Zunftgenosse Priscian nennt dann gleich zu Beginn als Beweisziel seiner Schrift de metrisfabularum Terentii, die Komödien des Terenz gegen entsprechende Zweifel als metrische Dichtung zu erweisen; spätestens seit dem fünften Jahrhundert wurde dies offensichdich bestritten'^'. Was die beiden Grammatiker unter ausgiebigen Rückgriffen auf ältere Gelehrte bis hinab zu Caesius Bassus und Varro'®'^ zum Verständnis auch nur der Sprechverse an Wissen zusammentragen, ist unzureichend. Von der altlateinischen Prosodie ist gerade noch bekannt, daß die frühen Dichter subtrahunt eam (seil, litteram s) in metrisfrequenter^^^.Im iambischen Senar kennt Erinnert sei erneut an das Adnotat zu Ad. 60, in dem Donat die Verwendung des Iterativum clamitans nach saepe ausdrücklich lobt: aber wie kann er venit ad me saepe clamitans 'quid agis, Micio als Senar gelesen haben? Priscian ist, wie er selbst gramm. III 418,10 fF. sagt und wie die um&ngreichen Zitate aus Ennius, Accius und Turpilius zeigen, von älteren Quellen abhängig; offen muß bleiben, ob er auch mit dem Anliegen seiner Schrift unmittelbar an eine Vorige anknüpft. Rufin gramm. VI 555,1 fF. und 22 fF.; möglicherweise jedoch beide aus zweiter Hand. Prise, gramm. III 419, 5 f. Die prosodische Lizenz, daß schließendes -s keine Position bildet, erlaubt sich in der Spätantike der anonyme Verfasser des um 400 geschriebenen Carmen de

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VII. Rezeption der .varronischen' Auswahl

man in Anschluß an frühere Metriker Semiquinaria und Semiseptenaria als Zäsurstellen'^^, der Vers selbst wird als aus sechs iambischen Füßen bestehend beschrieben, dessen letzter rein sein muß, während in den übrigen der lambus durch den Tribrachys, Spondeus, Daktylus oder Anapäst ersetzt werden darP^^. Die Freiheit bei der Bildung der eigendich rein zu haltenden geraden Senkungen'^® wird bei den römischen Komikern mit dem Bestreben entschuldigt, in ihren Versen den cotidianus sermo nachzugestalten'®', wie dies bereits Cicero getan hatte'^®. Gerade für das Verständnis der frühlateinischen Dramenverse erweist sich die Beschränktheit der antiken Metriker als verhängnisvoll, die zwar Quantitäten zu messen und auf Füße und Metra aufzuteilen wissen, aber nicht danach fragen, wie sich die Quantitäten auf die den Vers bildenden "Worter verteilen, so daß ihnen im griechischen Hexameter etwa das Gesetz von Hermann und im tragischen Trimeter das Gesetz von Porson, in den iambisch-trochäischen Sprechversen des römischen Dramas die Gesetze von Bendey—Luchs, von Hermann—Lachmann und von Ritsehl verborgen bleiben mußten: An einem exempli gratia gebildeten, monströsen Vers wie armd virumqui cano qutpedtbus abit domüm hätten sich die römischen Metriker wohl intuitiv gestoßen, und doch handelt es sich um einen ,Senar', der ihren theoretischen Anforderungen entspricht. Ohne ein Wissen um jene Gesetze, die die Auflösung der Elemente in Doppelkürzen, die iambische bzw. spondeische Gestaltung eines Fußes nach Wertform und Versstelle regeln, muß der Senar zwangsläufig in ein geradezu beliebiges Gebilde zerfließen, das trotz seiner fast grenzenlosen Freiheit das quantirierende Schema nur allzu oft dann doch nicht zu erfüllen scheint, wenn lambenkürzungen und weitere Eigenheiten der frühlateinischen Prosodie der zunehmend mühsamer erlernten klassischen Silbenmessung'^' zuwider laufen. Unter diesen Voraussetfiguris (zur Datierung vgl. Schindel, Zum,Carmen de figuris', 94 flF.). Prise, gramm. III 420,8 f. (aus luba). Vgl. z. B. Prise, gramm. III 418,1 fF. Die Unterschiede in der Bildung der geraden Senkungen zwischen der griechischen Tragödie (und Seneca), der griechischen Komödie und dem römischen Drama sind den römischen Metrikern nicht genau bekannt. Bei der Forderung nach reinen geraden Senkungen geht man offensichtlich von der griechischen Tragödie aus; das Wissen um die freiere Bildung dieser Elemente im komischen Trimeter der Griechen scheint als Entsprechung zu der völligen Freiheit im komischen Senar herangezogen zu werden (vgl. Ter. Maur. 2140-2x42), so daß die fi-ühe römische Tragödie, die die Stellen nicht anders behandelt als die Komödie, unerwähnt bleibt, weil sie nicht ins Schema paßt. Vgl. auch W. Süss, Querolus, 67. i«9 Vgl. z. B. Rufin. gramm. VI 557,25 (aus Victorinus); Prise, gramm. III 420,4 £ (aus Asmonius); ähnlich der von beiden zitiene Terentianus Maurus 2232flF.:sed qui pedestres fabulas socco

premunt, / ut qtiae bquuntur sumpta de vita putes, / vitiant iambum tractibus spondiacis / et in secundo et ceteris aeqtu locis. Orat. 184 at comicorum senarii propter similitudinem sermonU sie saepe sunt ahiecti, ut nonnumquam vix in eis numerus et versus intellep possit. Zum nachträglichen Erlernen der klassischen Prosodie seit dem vierten Jahrhundert J. Leonhardt, Dimensio syllabarum. Studien zur lateinischen Prosodie- und Verslehre von der

4- Die archaisierende Senardichtung der Spätantike

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Zungen scheint ein metrisches Begreifen der frühlateinischen Bühnendichtung kaiun mehr möglich.

4.2. Das Weiterleben der frühlateinischen Dramenmetren bei Liebhabern und Dichtern Weder das Grammatikerwissen noch die Behandlung der Metrik im Terenzkommentar des Donat legen nahe, daß der spätantike Granunatik- und Rhetorikunterricht eine Kenntnis der aldateinischen Verskunst vermitteln konnte'^^. Wenn jedoch auf der anderen Seite noch im fünften Jahrhundert Rufin aus dem Plautuskommentar des Sisenna metrische Interpretamente exzerpieren kann, diese also trotz der Vernachlässigung der Metrik in der Schule aus dem Kommentar nicht weggeschnitten waren, müssen wir mit einer Rezeption der aldateinischen Dichtung durch Liebhaber auch außerhalb der Schule rechnen, die die metrischen Interpretamente heranzogen, ofFensichdich also bemüht waren, die alten Verse zu verstehen. Eine gewisse Vorstellung einer solchen Rezeption außerhalb der Schule durch Liebhaber kann eine Stelle in einem Brief des Sidonius Apollinaris vermitteln. Sidonius schreibt von der gemeinsamen Terenzlektüre mit seinem Sohn (epist. 4,12,1 £):

nuper egofilittsquecommunis Terentianae Hecyrae sales ruminabamus; studenti (seil. filio) assidebam naturae meminem et profissionis oblitus, quoque absolutius rhythmos comicos incitata docilitate sequeretur, ipse etiam fabulam similis argumenti, id est Epitrepontem Menandri, in manibus htä>ebam. legebamus pariter laudabamus iocabamurque... Vater und bereits erwachsener Sohn'73 lesen Terenz fernab von aller schulmeisterlichen Pedanterie, sie gehen nicht der Grammatik und den Wortbedeutungen nach, sondern erfreuen sich am Witz der Hecyra. Offensichtlich will der Vater aber auch das Ohr des Sohnes für die Verse des Terenz gewinnen; damit sich dieser besser an den Rhythmus des komischen Verses gewöhnen kann, zieht er Menanders Epitrepontes hinzu'74, weil der komische Trimeter des Griechen metrisch einfacher und rhythmisch einprägsamer ist als der Senar Spätantike bis zur frühen Renaissance, Göttingen 1989,13 fF. Dies ist die Ansicht F. Leos, G G A 158,1896, 783: „Terenz wurde in der Schule gelesen und dadurch die Kenntnis des altlateinischen Verses den Gebildeten bewahrt, noch etwa zwei Jahrhunderte über Ausonius hinaus." Vgl. A. Loyens Bemerkung in seiner Bud^-Ausgabe der Briefe zur „Chronologie des lettres" S. 252, wo der Brief zwischen 470 und 474, die Geburt des Sohnes auf ungefähr 453 angesetzt wird. An der Faktizität dieser Aussage wird man trotz der ofFensichdich geringen Belesenheit des Sidonius im Griechischen mit A. T. Horvath, Education, 154 f. kaum zweifeln dürfen; vgl. C. E. Stevens, Sidonius Apollinaris and his Age, Oxford 1983, 3 f.

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V I I . R e z e p t i o n d e r .varronischen' A u s w a h l

des R ö m e r s ' 7 5 . In der Schule hat der Junge ofFensichdich keinen Eindruck von den Versen des Terenz erhalten, der Vater, den seine eigene Dichtung als vollkommen sicher in der klassischen Prosodie und Metrik a u s w e i s t " ^ ^ , holt dies in einer gemeinsamen Lektürestunde nach. Wie wir in Sidonius einem Dichter des späten fünften Jahrhunderts begegnen, für den zum vollen Genuß der terenzischen Komik auch ein Erfassen seiner rhythmi zählt, so dürfen wir rückschließend ein ähnliches Bemühen auch für jene Autoren vermuten, die in ihrer eigenen Dichtung wieder frühlateinische Metra verwenden. In diesem Zusammenhang haben wir bereits oben die wohl in hadrianischer Zeit entstandenen nicht-akrostichischen Argumenta zu Terenz und Plautus behandelt, die erstmals wieder seit den Fabeln des Phaedrus in Senaren abgefaßt sind, ohne daß freilich prosodische oder metrische Besonderheiten des Frühlateinischen in nennenswerter Weise nachgeahmt sind'77. Dasselbe gilt ganz mehrheitlich für die weiteren, vielfach nur in indirekter Überlieferung oder in Anthologien greifbaren Gedichte, die in den Versen der frühlateinischen Bühnendichtung geschrieben sind. Septimius Serenus verwendet frg. 7 Courtney den cretischen Quaternar, frg. 21 den anapästischen Septenar, ohne daß jedoch ein direkter Anschluß an Plautus festgestellt werden kann, da beide Versmaße auch in den Menippeen Varros vorkommen und die Fragmente im Umfeng von jeweils nur einem Vers keine prosodischen Besonderheiten aufweisen, die eine direkte Anlehnung an Plautus beweisen könnten. Apuleius, den bereits seine Prosaschriften als vorzüglichen Plautuskenner ausgewiesen haben, zeigt auch in seinen Dichtungen deutliche Anklänge an die plautinische Sprache'^®; Prosodie und Metrik der beiden im Senar verfaßten Gedichte frg. 2 Courtney (8 Verse) und frg. 7 Courtney (24 Verse) haben jedoch keine Besonderheiten des frühen Latein'^?. Als eine solche ist die Zulassung des Hiats zu werten, der sich in der Senardichtung seit dem zweiten Jahrhundert wieder in Übereinstimmung mit der plautinischen Technik findet'*®. Die bevorzugte Versstelle ist zunächst die Penthemimeres, wo der Hiat in einer '75 So bereits Süss, Querolus, 68 f.; anders Loyen, der in seiner Bud^-Ausgabe rhythmos comicos mit „les techniques de la comddie" übersetzt und S. 229, Anm. 43 ein inhaltlich vergleichendes Lesen der beiden Komödien vermutet, ähnlich wie dies Gellius 2,23 mit Menander und Caecilius betreibt. Die erforderlichen Belege für diese alles andere als naheliegende Deutung von rhythmos comicos bleibt er freilich schuldig. 176 Vgl. zuletzt N . Delhey, Apollinaris Sidonius, Carm. 22: Burgus Pontii Leontii. Einleitung, Text u n d Kommentar, Berlin/New York 1993, 30 fif. '77Vgl. oben, 229f. Vgl. Courtney, F r ^ m e n t a r y Latin Poets, 373. '79 Vgl. auch Courtney, Fragmentary Latin Poets, 393, wo zu frg. 2 bemerkt ist, daß Apuleius in diesem Gedicht der Praxis der Tragödien Senecas folgt, die Senkung des fünften Fußes lang zu bilden. Z u m Hiat bei Plautus u n d den übrigen frühen Szenikern vgl. unten, 358-377.

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nach 126 geschriebenen stadtrömischen Inschrift begegnet: CLE 29 [= 124 Courtney], 8 und 10 folioqtie multo \ adque ungumto marcido nigrum Falemum \ aut Setinum aut Caecubunfi^, ebenso in Vers 10 des Grabepigramms des Komödienschreibers Bassulus CLE 97 [= 63 Courtney] aus trajanischer oder hadrianischer Zeit, vos in sepukhro \ hoc elo^um incidit^^-, er findet sich schließlich sogar in Versen solcher Autoren, die in Anschluß an die Technik des griechischen Trimeters bestrebt sind, die geraden Senkungen rein zu halten'^'. Stärker archaisierende Züge trägt die in 32 iambischen Senaten verfaßte, in vier Miscellanhandschriften überlieferte precatio terrae (Anth. Lat. 4 Shackleton Bailey)'^4, deren Verfasser, soweit der schwer verderbten Überlieferung zu trauen ist, dreimal (Vers 5, 10, 23) den Hiat in der Penthemimeres (jeweils vor et) zuläßt, darüber hinaus aber zwei weitere prosodisch-metrische Besonderheiten des frühen Lateins aufweist. In Vers 17 tu \ illa vere gentium et divum parens steht das die Senkung bildende tu im Hiat'®' wie oft im Plautuscorpus, darin einmal an derselben Versstelle (Trin. 582): tu | istuc cura quod iussi. | ego iam hic erd^^. Vers 20 te, diva, adoro tuumque ego numen invoco mißt der Verfasser der precatio das Pronomen tuum in Synizese, die nur in der frühlateinischen Literatur geläufig ist'®^. Gar nicht wiederbelebt wird schließlich der trochäische Septenar in seiner frühlateinischen Form'*®: Gewiß ist Apuleius mit diesem Vers vertraut genug. ' ' ' Dieselbe Inschrift enthält einen weiteren Hiat in Vers 6 nach schwerer Interpunlction:

I ovantes ...

sum.

Das Grabepigramm archaisiert auch in der Sprache; vgl. Courtneys Kommentar zu ipsus (Vers und mortem sum potfitusj (Vers 8). Prosodie und Metrik teilen jedoch, vom Hiat abgesehen, keine weiteren Besonderheiten des aldateinischen Senars. Ungefähr zehn der 159 Trimeter, die im frühen fünften Jahrhundert Martianus Capella in sein Werk nuptiisphiblogiae etMercurii einlegt, haben Hiat in der Penthemimeres; vgl. F. Ritsehl, Auslautendes D, 123 f., Anm. *; zu einheidich überlieferten Hiaten in der Überlieferung der Tragödien Senecas, die die für die beiden antiken Traditionen A und E verantwortlichen Herausgeber unangetastet ließen, vgl. unten, 357, Anm. 82. ''4 Zur Überlieferung und Einschätzung des Textzustandes grundlegend E. Norden, Kl. Sehr., Berlin 1966, 232 ff., wo S. 239 das Gedicht in die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts datiert wird. Die in den Handsclitiften in Anschluß an die precatio terrae überlieferte precatio herbarum wird hier mit Norden und Shackleton Bailey nicht als Senardichtung a u % e ^ t . ' ' ' I n seiner überlieferten Fassung akzeptiert den Vers E Leo, GGA 158, 1896, 787, Anm. i; Schneiders Ergänzung tu (es) ist freilich auch stilistisch erwünscht; vgl. Vers 19. Diese und weitere Stellen bei Leo, PF, 335, Anm. i. Vgl. z. B. C. E W. Müller, Plautinische Prosodie, 148 £; Leo, PE 349. Anm. 2. Zu dem hier gegebenen Überblick vgl. vor allem L. Cadow, Pervigilium Veneris (edited with a Translation and a Commentary), Brüssel 1980, 36 fr.; A. Cameron, The Pervigilium Veneris, in: La poesia tardoantica: tra retorica, teologia e politica. Atti del V corso della scuola superiore 3)

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VII. Rezeption der .varronlschen' Auswahl

daß es ihm flor. 2,2 mühelos gelingt, den plautinischen Septenar Truc. 489 fluris est oculatus testis unus quam auriti decem

umzuschreiben in: pluris est auritus testis unus qttam oculati decem,

um den Gedanken des Verses in Einklang mit der Auffassung des Sokrates zu bringen, erst in einem prüfenden Gespräch werde die wahre Schönheit eines Menschen ersichtlich. Aber die erhaltenen trochäischen Septenare des Florus (frg. 3 Coiu-tney), des Tiberianus (frg. 4 Courtney), des Ausonius (Ecl. 10 p. 100 Green), in den septetn sapientum sententiae eines unbekannten Verfassers (p. 675 Verse 29-35 der Ausoniusausgabe von Green) und im Pervigilium Veneris sind sämtlich frei von prosodischen Archaismen. Die Dichter meiden tendenziell lange Silben in den ungeraden Senkungen (manche konsequent in der dritten Senkung)'®'; aufgelöste Elemente finden sich im Vergleich zum frühlateinischen Septenar ungleich seltener, ungleich seltener wird auch die Elision zugelassen; der Hiat (auch der Dihäresenhiat, ein ganz markantes Kennzeichen des frühlateinischen Septenars) ist praktisch vollständig gemieden''®: Die Technik der Verse ist die des trochäischen Tetrameters, nicht die des frühlateinischen Septenars'''. Dieser kurze Überblick hat bereits gezeigt, daß von den Versen der frühlateinischen Bühnendichter am ehesten die Technik des Senars in der Spätantike Nachahmer findet. Die Verfasser der Inschriften und derprecatio terrae lassen im Senar, bevorzugt in der Penthemimeres, den Hiat wieder zu, der für zahlreiche frühe Szeniker (aber nicht für Terenz) gesichert ist; in Analogie zu Plautus und Terenz mißt der Verfasser der precatio terrae das Pronomen tuum als Monosyllabum in Synizese, wie Plautus (aber nicht Terenz) setzt er vielleicht auch tu in den Senkungshiat. Eine viel weitergehende Häufung von prosodischen und metrischen Phänomenen des frühlateinischen Senars, darunter auch solchen, die Terenz meidet, findet sich in zwei spätantiken Texten, deren Abhängigkeit von Plautus nicht nur metrisch, sondern auch sprachlich und inhaltlich unmittelbar hervortritt: in dem ludus Septem sapientum des Ausonius und in den in der palatinischen Tradition den Plautuskomödien vorangestellten akrostichischen Argumenta.

di archeologia e civiltä medievali, htsg. v. S. Costanza, Messina 1984, zij fF. und Counney, Fragmentary Latin Poets, 380 f. '"'Vgl. Courtney, Fragmentary Latin Poets, 380.

'9° Überliefert ist der Dihäresenhiat Tiberianus 4,9 Courtney omnium regina odorum \ et cobrum Lucifer, vgl. zudem Courtney zu Serenus frg. 6. ' ' ' Vgl. Cameron, 218, der die Verse im wesendichen als trochäischen Tetrameter deutet, deren Ver&sser „feitfreeto permit themselves the occasional impure trochee". Courtney, Fragmentary Latin Poets, 381 erinnert an die gelegentlichen metrischen Verstöße in den Tetrametern des Teientianus Maurus und des Prudentius.

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4.3. Der ludm Septem sapientum des Ausonius

Durch die DedikationsformeMt^^ontM^ consulDrepanioproconsuli ist zumindest die dem Ludus vorgeschaltete Widmungselegie (1-18) auf das Jahr 390 datiert. Die folgenden 219 Senare verteilen sich auf einen Prologus, der dem römischen Publikum das Auftreten der septem sapientes palliati ankündigt (19-51), einen Ludius, der den Zuschauern die Sprüche der sieben Weisen im griechischen Original und in lateinischer Übersetzung kurz ins Gedächtnis ruft (52-72) und die sieben Weisen selbst, die nacheinander monologisch ihren Spruch in beiden Sprachen aufsagen und erklären (73-230). Seine intime Kenntnis des Plautus''^ macht Ausonius im Ludus mehrfach deutlich. Der Auftrittsvers des Chilon lumbi sedendo, oculi spectando dolent (131) ist wörtlich aus Men. 882 genommen, die Formulierung, in der Chilon die Geschwätzigkeit des Solon kritisiert (134 f.) — unam trecentis versibus sententiam / tandem peregit — aus Pers. 410 f trecentis versibus / tuas impuritias traloqui nemo potest hergeleitet'''. Den archaischen Konjunktivfuat kennt Terenz nur in der sprichwörtlichen Verbindung^rffiuit (Hec. 610); in Übereinstimmung mit Plautus verwendet ihn dagegen Ausonius 197 sed nemo quisquam tarn malus iudexfuat! quin synonym mit sit. Die archaische Infinitivform dixe (58) fand Ausonius wohl nur im Plautus überliefert'94, analog hierzu bildet er eigenständig scripse (52) ohne Vorbild bei den Alten. Die Thematik des Prologs ist plautinisch, nicht terenzisch; er reflektiert nicht über die Situation des Dichters, sondern fuhrt in das folgende Schauspiel ein. Der Exkurs des P r o b ^ über die unterschiedliche Funktion des Theaters in Athen und Rom (22-41), die über das eigentliche Spiel weit hinausgeht und den Charakter der PalUata als einer aus der Fremde ins Römische übertragenen literarischen Form reflektiert, erinnert an die Ausfuhrungen des Prologus der Casina (*68-78), der das Publikum über die unterschiedlichen Ehegesetze in Rom und Griechenland belehrt. Die Formelhaftigkeit, mit der die griechischen Weisen ihren Spruch erst auf Griechisch und dann in ihrer Fremdsprache, in lateinischer Übersetzung geben, kehrt die Formelhaftigkeit um, mit der die Prologsprecher der plautinischen Komödien den griechischen Titel der Vorlage in ihrer Muttersprache wiedergeben'''. Für die Verstechnik des Ludus hat man längst bemerkt, daß Ausonius im Gegensatz zu all seinen übrigen iambischen Gedichten, in denen die Technik Zur Terenzkenntnis, auf die hier nicht weiter eingegangen zu werden braucht, vgl. Greens Kommentar, 597 und Pretes Similienapparat. Bemerkt von F. Marx, Ausonius', R E 4,1896, 2J74; vgl. zudem Pretes Similienapparat. ''^Amph. 1034 VII Leo (aus Nonius in der Glosse exiuran), Poen. 961 (AP); dagegen ist Ter. Hec. 845 dixe Konjektur Bendeys, die gesamte antike Überlieferung (der Bembinus und die Calliopiani) schreibt dixisse. Weitere Verben mit verkürzten Formen des Infinitiv Perfekts bei A. Ernout, Morphologie historique du Latin, Paris '1953, 214. •''Vgl. z. B. die Worte des Thaies im Ltidus 180£ (en) iyyüa.- Ttotpot 8' aTa Graece dicimus; / Latinum est 'sponde; noxa (sed) praesto tibi' mit den Wonen des Prologsprechers Palaestrio *Mil. 86 f Graece huic nomen est comoediae, / id ms Latine'gloriosumdidmus.

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VII. Rezeption der .vaironischen' Auswahl

des griechischen Trimeters streng eingehalten ist, bewußt archaisiert''^. Sein enger Anschluß an die Technik des plautinischen Senats, der an sich wegen der evidenten sonstigen Anlehnung an Plautus auf der Hand liegen müßte, wird jedoch trotz des energischen Einspruches, den Brandes, Leo und zuletzt Süss'^^ erhoben haben, von den Herausgebern des Ausonius bis heute mit Konjekturen überdeckt. Streitpunkt ist immer noch vor allem die Zulassung des Hiats. Wie seine Vorgänger akzeptiert auch der neueste Herausgeber R. P. H. Green''' zwar den Zäsurhiat in dem wördich von Plautus übernommenen Vers 131 /umit sedendo, | oculi spectando dolent,

tilgt aber alle verbleibenden rund zehn Hiate, die die Überlieferung des Ludtis bietet. Gerade wegen der unleugbaren Verdienste, die Greens kommentierte Gesamtausgabe fiir lange Zeit zu einem unentbehrlichen Standardwerk der Ausoniuskritik machen werden, scheint es angebracht, erneut die Argumente gegen eine verfehlte, den Hiat und andere Besonderheiten des frühlateinischen Verses beseitigende Textgestaltung vorzutragen, die den von Ausonius gesuchten Anschluß an die plautinische Verstechnik verwischt'". Zur Verteidigung des Hiats bei Ausonius scheinen mir die beiden folgenden Stellen besonders geeignet, die ich in ihrer überlieferten Form gebe: MEXCTT) TÖ JTÄV Periandri | est Corinthii meditationem | esse totum quiputat.

65

tzeXETT) TÖ jcäv qui dixi \ et dictum probo fmeditationem \ esse totum quod recte geras.

215

Die Verse 65 f. spricht der Ludius in seiner knappen Einführung aller Sprüche der sieben Weisen; 215 f dann Periander, der im folgenden seinen Spruch erklären wird. Es scheint evident, daß der identische Anfang in der Übersetzung des griechischen Spruches meditationem esse totum von Ausonius bewußt gesetzt wurde und nicht durch Überlieferungsstörungen zustandegekotrunen ist. Trotzdem stellt Green mit Vinet in Vers 66 um zu esse meditationem, um den Hiat zu beseitigen, und emendiert den (metrisch sicher korrupten) Vers 216, einen Vorschlag W. H. Friedrichs aufgreifend"®, zu meditationem esse omne quod recte geras. Friedrichs EingriflF ergibt einen Vers, der für Plautus und Terenz Grundlegend W. Brandes, Beiträge zu Ausonius. Wiss. Beilage zum Jahresbericht des Herzoglichen Gymnasiums zu Wolfenbüttel 1895, Wolfenbüttel 1895,19 ß. und Leo, GGA158,1896, 780 in deiner Besprechung von Brandes' Abhandlung. Die Arbeiten von Brandes und Leo sind in der vorangehenden Anm. genannt; Süss polemisiert gegen die emendatorische Versglättung in seinem bereits mehrfech zitierten Aufsatz .Querolus', 65 £ The Works of Ausonius, Oxford 1991. In seiner Neubearbeitung des Textes für die Oxoniensis von 1999 verkürzt Green gegenüber der kommentienen Ausgabe den Apparat, die Textkonstitution bleibt im wesentlichen unverändert. •99 Daß Plautus in erheblich höherem Maße als Terenz den Hiat zuläßt, wird unten, 358-377 gezeigt. Mitgeteilt von B. Snell, Leben und Meinungen der Sieben Weisen, München 1938,176.

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tadellos ist, aber nicht der Technik des Ausonius entspricht. Im Gegensatz zu den römischen Dramatikern und in Übereinstimmung mit der späteren Senardichtung, insbesondere den akrostichischen Plautusargumenta, verzichtet Ausonius darauf, die Zäsur durch Synaloephe zu verdunkeln^®'. Er erlaubt an dieser Stelle ausschließlich die Synaloephe mit einem Monosyllabum, so daß die Pause hinter diesem eintreten kann^°^. Die Synaloephe wendet Ausonius, gerade im Vergleich zu den frühen Komikern, grundsätzlich selten an^°', eine drei Wörter umfassende doppelte Verschleifung findet sich im Ludus nur dreimal, und zwar so, daß die durch die Doppelverschleifung zustandegekommene "Wörterverbindung vor der Zäsur endet oder nach ihr beginnt^®^: rer(um) omni(um) esse | primum tempus autumat

208

relinquo regem | bell(um) ill(e) in Persas parat

106

per millepossem \ currer(e) exempl(a) utprohem.

182

Friedrichs Konjektur ist demnach abzulehnen; an der Richtigkeit der identisch überlieferten Versanßinge in 66 und 216 meditationem \ esse totum besteht kein Zweifel. 216 ist dann am Ende durch die von Ugoletus vorgenommene Tilgung von recte ins Lot zu bringen: Das Adverb recte gehört nicht in die den griechischen Spruch möglichst wörtlich wiedergebende Übersetzung, sondern ist bereits Interpretation und tatsächlich aus der anschließenden Erklärung Perianders hergeleitet: is quippe solus rei gerendae est ^cax meditatur omne quiprius negotium.

217

Die Weisen scheiden bei der Darlegung ihrer Sprüche stets genau zwischen der zuerst erfolgenden möglichst wörtlichen Übersetzung auf der einen und anschließender interpretierender Ausfuhrung auf der anderen Seite, besonders deutlich Bias, der seinen Spruch zunächst übersetzt (189 f.) dixi ol TiXeioxoi xaxot: /Latine dictum suspicor'pluresmalt, um im folgenden 191 ff. alles daran zu setzen, sein apodiktisches Ürteil zu relativieren. In 216 ist somit recte als ein das Metrum sprengendes, aus 217 hergeleitetes, aber zu Unrecht in die Übersetzung (die noch keine Interpretation sein soll) eingeschobenes Glossem zu streichen. Ist aber der Zäsurhiat hinter meditationem gesichert, so wird man auch die weiteren Hiate nicht prinzipiell verwerfen dürfen. Zu den Hiaten in der Penthemimeres in den bereits ausgeschriebenen Versen 66, 131, 216 und denen in der Hephthemimeres in 65 und 215 kommen hinzu, ebenfalls in Vgl. oben, 229 f. sowie unten, 286 f. und 354. 24 nohis pudendum hoc, non etAtticis quoque-, 115 gyrum per omnem et destrui ardentem pyranr, 128 quodque uni dictum est, quisque sihi dictumputef, 195 totus bonorum est. hostium tellus habet-, 201 abeo. valete etplaudite, plures boni. Zur Gestaltung der Zäsur vgl. auch Brandes, 23. Vgl. Brandes, 25. Brandes, 25.

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VII. Rezeption der .varronischen' Auswahl

der Hephthemimeres^°': neque me esse primum, verum | unum existumd^ laudat Solonem, Croesum | in amicis habet Bios Prieneus dixi \ o'i nXeioTOi xaxoi

j6 123 189

sowie in der Trithetnimeres: Mytilena \ ortus Pittacus sum Lesbiu^'^.

202

und wohl auch in 42 sed quid ego \ istaec? non hac causa huc prodii,

wo trotz 129 ego iam peregi, qua de causa huc prodii Mertens von Green aufgenommene Ergänzung hac (de) verkehrt ist: Ausonius läßt keinen Wortschluß nach dem zweiten Fuß hinter istaec darf daher nicht der zweite Fuß enden, sondern muß die Penthemimeres erreicht sein. Somit ist mit der Überlieferung Hiat zwischen ego und istaec anzusetzen^®'. Neben dem Hiat läßt Ausonius im Ludus eine zweite metrische Besonderheit des frühen Lateins zu, die bei Plautus, aber nicht mehr bei Terenz belegt ist. Er gestattet, die Hebung vor der schließenden Dipodie, also im locus Jacobsohnianus"°, durch eine kurze Silbe zu bilden. Das sicherste Beispiel bietet Vers 201 aheo. valete etplaudite, plures honi,

wo trotz Green kaum anzunehmen ist, daß die Schlußsilbe von plaudite durch Position gelängt ist, da im Ludus muta cum liquida keine Position bildet^". Dieselbe Lizenz mit einer ganz ähnlichen Verbform erlaubt sich Ausonius Ludus 196: hostium tellus habet, dixisse quos me credite, plures malos.

195

Bias schränkt die generelle Aussage seines Spruches ol TCXEIOTOI xaxot ein: er wolle, er hätte ihn nie gesagt, der Spruch habe ihm nur Feindschaft eingebracht, das Theaterpublikum wolle er hiervon ausnehmen (i9i-i95a), nur für Feindesland treffe er zu (i95b-i96b). Es ist offensichtlich, daß in dem parenthetischen Zum Hiat in Hephth- und Tridiemimeres bei Plautus s. unten, 374 und 361, Anm. loi. Green schreibt mit Schenk! (nec) vero intum existumo; aber welche Doppelung entsteht dann zu 81 ne primus esset ne vel imus quispiam\ Denkbar ist im übrigen auch Hiat hinter unum im locus Jacobsohnianus. Green ergänzt mit Mertens ego vor ortus und schreibt im Kommentar: „this Supplement is supported by 1. 147" [,Cleobulos ego sum, parvae civis insulae). Aber viel näher steht dem Vers doch 214: Ephyra creatus huc Periander prodeo\ Festgestellt von Brandes, 26 f.; vgl. auch Leo, GGA ij8,1896, 785. Leo, GGA 158,1896, 788, Anm. i vergleicht den (allerdings wohl korrupt überlieferten) Vers Plaut. Men. 719 non ego | istaecflagitiapossum perpeti. Zu Hiat und kurzer Silbe an dieser Versstelle bei Plautus vgl. unten, 341. "'Vgl. Leo, GGA 158,1896, 789 mit Anm. 3.

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Relativsatz {dixisse quos me credite) nur der Imperativ seine Berechtigung hat: Bias fordert das Publikum auf zu glauben, er habe mit seinem Spruch nur die Landesfeinde gemeint; unmöglich kann er davon ausgehen, daß das Publikum ihm dies abnimmt. Das richtige credite steht in P, es wurde in V und H unabhängig zu creditis verderbt, weil man sich an dem Imperativ im Relativsatz störte"^. Für den korrupt überlieferten Vers 108 at nie captans funens instar sui

hat Leo wahrscheinlich gemacht, daß die zweite Hälfte fiineris instar sui heil ist, die vierte Hebung vor der Schlußdipodie also erneut von einer kurzen Silbe gebildet wird"'. Neben diesen spezifisch plautinischen, bei Terenz nicht nachweisbaren Besonderheiten hat der Ludus weitere prosodische Eigenheiten, die er mit den Versen beider Komiker teilt. Einsilbig in Synizese mißt er rei (217,225), suas (47), diu (133) und die Schlußsilben von aureis (93)"'^. Ohne jeden Anstoß richtig überliefert ist Vers 105 dictum moleste Croesus accepit. ego relinquo regem,

105

wenn wir annehmen, daß Ausonius die Langmessung der Perfektendung der dritten Person Singular bei den Komikern beobachtet und nachgeahmt hat"'. Schließlich ist auch die Anwendung der lambenkürzung im Ludus durch zumindest einen kaum antastbaren Beleg gesichert"®: MiUsitts sum Thaies, aquam quiprincipem rebus creandis dixi.

163

An der Messung von aquam als Pyrrhichius kommt man nicht vorbei, denn die von allen Herausgebern übernommene Umstellung der Pariser Ausgabe von 1513 Milesius Thaies sum, aqmm führt zu einem beispiellos gebauten Vers ohne Zäsur mit ansonsten nicht nachweisbarem Wbrtende nach der ersten Dipodle und in der Versmitte. Die Kürzung eines iambischen Wortes nach starker Green druckt creditis mir der Begründung „credite... would be very awkward inside die relative clause". Aber Ausonius kannte Stellen wie Ter. Haut. 576 f. apud alium ipsius facti pudet, / ne ineptus, ne protervus videar, quod illum facere credito. Zum Imperativ im Relativsatz vgl. auch Hofinann-^zantyr, 570 f. Leo, GGA 158, 1896, 789, der am Versanfeng stat ille spectans schreibt. Zum Versschluß vergleicht Süss, Querolus, 65 Aus. Parent. praef. (B), 10 (p. 26 Green) voce eiere animas fiineris instar habet. Daß Ausonius im Pentameter die Schlu&ilbe von fiineris kurz mißt, ist selbstverständlich. Vgl. Leo, GGA 158,1896, 790. Die Synizesen werden von Green nicht beanstandet. "'Vgl. Leo, GGA 158,1896, 788. Green setzt Cruces um accepit ego. Seine Forderung nach einer Präsensform ist unbegründet; die Tempora wechseln auch 99 despexit, alium quaerit. inveni Aglaum. Das emphatische Pronomen ego steht in Antithese zu Croesus, dessen Name an dieser Stelle erstmals seit Vers 91 wieder föllt. Molossisches Wort vor iambischen Schlußwort hat Ausonius öfters im Ludus-, z. B. 26 sortito data, 45 lauiiatos viros. Vgl. Leo, GGA 158,1896,790; akzeptiert auch von Süss, Querolus, 65.

282

VII. Rezeption der .varronischen' Auswahl

Zäsur (hier der Hephthemimeres) begegnet dagegen, wie wir unten sehen werden, regelmäßig in den akrostichischen Argunienta"^. Mit Leo nehme ich Kürzung eines iambischen Wortanfangs in Vers 213 an, die erneut hinter der Hephthemimeres stattfindet: tempus me abire ne sim mölestus: plaudite. Die Verkürzung der zweiten Silbe von molestus konnte Ausonius bei Plautus mehrfach finden"®, etwa in der ersten Szene des Miles (69): moUstai sunt: orant, amhiunt, exopsecrant. Greens Textgestaltung, die einem Vorschlag Schenkls folgt, ist abzulehnen: tempus me abtre, molestus ne sim: plaudite. Der zerrissene Anapäst, den Ausonius vielleicht überhaupt nicht zugelassen hat"', ist hier doppelt unerträglich, weil er die von Ausonius im Ludus so nachhaltig angestrebte Hauptzäsur zerstört"®. Ebenso ist wohl auch in 132 Leos Messung mit lambenkürzung der mit zerrissenem Anapäst vorzuziehen: lumhi sedendo, oculi spectando dolent manendo Sölonem, quoadadsese recipiat.

131

Die Kurzmessung des ablativischen -o erlaubt sich Ausonius im Ludus nirgends; die Iktierung Sölonem legt zudem die plautinische Vorbildstelle nahe (Men. 882 f.): lumbi sedendo, oculi spectando dolent / manendo medicum. In Analogie zu molestus faßt Ausonius auch Solonem als Anapäst"'. In der Summe gelingt Ausonius im Ludus gewiß kein vollkommen getreues Abbild des frühlateinischen Senars. Dreimal läßt er doppelten iambischen Versschluß zu"S zweimal steht ein tribrachisches Wort im Versanfang"', ohne Not meidet er iambischen Wortschluß im zweiten Fuß^^. Synaloephe findet ungleich seltener statt als im archaischen Senar. Entscheidend aber ist das in seinen Vgl. unten, 289. Die Belege bei Drexler, lambenkürzung, 238. Vers 175 messen die meisten Herausgeber is igitur ego sunt, causa sed in scaenam fuit% Leo dagegen ohne zerrissenen Anapäst mit lambenkürzung ... sed in ... Positionslanges in wird bei Plautus von vorangehendem Monosyllabum oft gekürzt; von sed z. B. Mil. 852 sed in cilla eratpaulum nimis loculi lubrici. In höchstem Maße bedenklich ist jedenMs, wenn Green in Vers 100 den zerrissenen Anapäst erst per coniecturam einfuhrt. Streben nach der Penthemimeres vgl. Brandes, 23; in 213 muß sie, wie die Syntax des Verses zeigt, hinter abire eintreten. Denkbar ist freilich auch die Messung manendi Söldnern. 71 venit Sobn\ 112 Sobn, Solan-, 162 venit Thaies. 20 hodie in orchistram ...; 223 ag(re voUntem ... iH Vgl. Leo, GGA158,1896,785. Umstritten ist seine Messung der griechischen Sentenzen. Anders als Brandes, 29, Leo, GGA 158,1896, 787 und Süss, Querolus, 66 glaube ich, daß Ausonius den Ausdruck (icXeTT) xo näv (6;, 215) als iambischen Dimeter, nicht als erste Vershälfte (bis zur Penthemimeres) verstanden hat; vgl. insgesamt Süss, 66 und Green, 598.

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283

Imitationen zum Ausdruck kommende positive Wissen um die Besonderheiten dieses Verses: um zahlreiche längst nicht mehr realisierte Synizesen, um die Langmessung der Perfektendung der dritten Person Singular, um die Möglichkeit der Verkürzung einer iambischen Silbenfolge, schließlich um den Hiat und die Lizenz vor der schließenden Dipodie. Die Kenntnis bezieht er nicht aus den theoretischen Schriften der Metriker, sie ist den frühlateinischen Versen selbst (die beiden letztgenannten Freiheiten den plautinischen Versen) abgeschaut, vielleicht auch durch einen Kommentar wie den des Sisenna vermittelt, aus dem wir oben entsprechende Noten producitur/corripitur metri causa nachgewiesen haben, in denen prosodische und metrische Besonderheiten der plautinischen Sprechverse zwar nicht mehr erklärt, aber doch konstatiert sind^^'. Wertet man den Ludus als Zeugnis für das Verständnis der alten szenischen Metrik, so ist das Ergebnis überraschend günstig"^. Ausonius steht mit dieser Kenntnis nicht allein. Wenn er in der Widmungselegie seinen Freund, den Redner und Dichter Pacatus Drepanius,^^7 auffordert, den Ltidus nach der Manier eines Aristarch oder Zenodot kritisch durchzumustern, so ist für diesen ein vergleichbares Wissen über die alte Senartechnik vorausgesetzt. Sicherfeßbarist ein vergleichbares Verständnis schließlich in den vielleicht zu etwa derselben Zeit entstandenen akrostichischen Plautusargumenta, denen wir uns jetzt zuwenden wollen.

4.4. Die akrostichischen Plautusargumenta Oben wurde gezeigt, daß im zweiten nachchristlichen Jahrhundert Sulpicius Apollinaris und etwas später ein von diesem abhängiger Anonymus nicht-akrostichische metrische Argumenta zu den Komödien des Terenz und Plautus verfaßt haben, die als „Verse zum Auswendiglernen" den Stücken in einer jeweils zuvörderst für die Zwecke der Schule ausgestatteten Leseausgabe vorangestellt waren"®. Nur die Plautusüberlieferung weist neben diesen eine zweite Reihe von akrostichischen Argumenta auf, die zu den nicht-akrostichischen in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis stehen: dies zeigen zahlreiche sprachliche Übereinstimmungen, die sich nicht auf das gemeinsame Vorbild, nämlich die plautinischen Komödien, zurückfuhren lassen"'. Die Richtung der AbVgl. oben, 246-150 und Leo, GGA158,1896, 789. " « S o Süss, Querolus, 66. Zu dessen Vita vgl. C. E. V. Nixon-B. S. Rodgers, In Praise of Later Roman Emperors, Berkeley 1994, 437 fF.; seine Dichtung ist verloren, wird aber von Ausonius in den Praefationes variae 4,11 f. (p. 5 Green) in den höchsten Tönen gelobt: quem pluris faciunt novem sorores / quam cunctos alias Marone dempto. In seinem Panegyricus auf Iheodosius (Paneg. 2) liegt der Aufreihung 42,1 ignem laminas crucem culleum vielleicht Plaut. Asin. 548 lamminas crucesque (im Zusammenhang weiterer Foltermittel) zugrunde. Vgl. oben, 234-236. Sie sind zusammengestellt bei Opitz, 260 ff. Besonders signifikant ist arg. acr. Merc. 4 confinpt servos emptam matripedisequam und arg. Merc. 5 f servos pedisequam I ab adulescente matri

284

VII. Rezeption der .varronischen' Auswahl

hängigkeit ist umstrinen: Opitz vertritt die Priorität der nicht-akrostichischen Argumenta und weist die Akrosticha mit ganz unzureichenden Gründen dem Fronto zu^'°; das umgekehrte Verhältnis vermutet hingegen SeyfFert, der die Akrosticha in das frühe erste Jahrhundert v. Chr. datiert und als Vorlage für die nicht-akrostichischen Argumenta ansieht^'\ Das Abhängigkeitsverhältnis ist das einzige feste Kriterium für einen Datierungsansatz der Akrosticha^'^ und muß hier erneut behandelt werden, da weder Seyffert noch Opitz die entscheidenden Hinweise ausgewertet haben. Die Priorität der nicht-akrostichischen Argumenta legt bereits eine gemeinsame Formulierung in den y4«/«/anÄ-Argumenten nahe. Vers 4 f. des nichtakrostichischen Argumentum lautet eimfiliam /Lyconides vitiarat-, das Akrostichon schreibt Vers 3 Lyconides istius vitiatfiliam. Wir haben oben gesehen, daß die nicht-akrostichischen Argumenta von den Terenzargumenta abhängig sind und daß der Anonymus von Sulpicius das bei Plautus nicht belegte Verb vitiare übernommen hat^". Hingegen fehlt für ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Akrosticha und den Terenzargumenta ansonsten jede Spur. Also muß der Dichter der Akrosticha Vers 3 seines Aulularia-Ai^menxum nach dem Vorbild des nicht-akrostichischen Argumentum gestaltet haben. Weiter geht aus einem Vergleich der Erzähltechnik die Priorität der nichtakrostichischen Argumenta klar hervor. Ihr Verfasser ist durchweg in der Lage, die Vorgeschichte des Dramas, auf die er besonderen Wert legt^^'^, und das Handlungsgerüst im wesendichen richtig zu erzählen. Die in wenigen Worten zusammengefaßten Szenen greifen ineinander und ergeben ein verständliches Ganzes, für das Gesamtverständnis weniger Wichtiges wird ausgespart. Ganz anders ist das Ergebnis für die Akrosticha. Ihr Dichter faßt im wesentlichen dieselben Szenen zusammen wie sein Vorbild, weicht aber von diesem mehrfech ab; teilweise geschieht dies aus Gutdünken, teilweise weil er zu größerer Kürze verpflichtet ist - die Verszahl ist durch die Buchstabenzahl des Titels festgelegt — mit dem katastrophalen Resultat, daß der Inhalt des Stückes völlig unverständlich wird. Ein Vergleich der beiden Argumenta des Psettdolus macht dies deutlich^". (ait) emptam ipsius, wobei pedisequa im Mercator nirgends und bei Plautus überhaupt nur zweimal (Asin. 183, Aul. 807) vorkommt; weiteres wird im folgenden zur Sprache kommen. Opitz, 261 f. (zur Prioritätsfrage); 275 ff. (zur Verfasserfrage). JAW 47,1886,22 f. Seyfferts Hauptargimient, die in den Akrosticha zum Votschein kommende Kenntnis der plautinischen Prosodie sei „später als 100 Jahre nach dem Tod des Dichters" schwerlich denkbar, erledigt sich jetzt mit einem Hinweis auf den Lndm des Ausonius. Daß die Sprache der Akrosticha für die Datierung nichts hergibt, hat Seyffert, JAW 47,1886, 23 zu Recht betont. ^33 Zu dieser und weiteren Übernahmen des Anonymus vgl. oben, 228. ^34Vgl.oben, 233f. ^35 Ein Vergleich der übrigen Argumenta fällt nicht wesentlich anders aus; ich habe den Pseudolus gewählt, um zu zeigen, daß das nur in A überlieferte nicht-akrostichische Argument ebenso Vorbild für das Akrostichon ist wie die übrigen in den Palatini überlieferten nicht-akrostichischen Argumenta. Dies ergibt gleichzeitig ein weiteres Indiz fiir die gemeinsame, einheitliche

4- Die archaisierende Senardichtung der Spätantike Calidoms iuvenis m(eretricem Phomiciun^^^) e(fiictim deperihat, nummorum indigus; eandem miks, qui vipnti mulierem minis mercatus abiit, sqlvit quindecim. scortum reliquit ad lenonem ac symbolum, ut qm attulisset signum sirnile_cet^o cum pretiosammaveherH lW*H?T?mfyaesentisnumerat quindecim miles minas Simul consignat symbolum, utPhoenicium Eidet qm eum cum relicuo adferat.

285 arg. Pseud. i

5

arg. acr. Pseud. i

Der Verkürzung durch den Verfasser des Akrostichons ist zunächst die für die eigendiche Dramenhandlung grundlegende Voraussetzung, die Liebe des mittellosen Calidorus zu der Hetäre Phoenicium, zum Opfer gefallen. Wem und wofür der Soldat sein Geld bezahlt, kann man erst nachträglich aus dem «f-Satz erraten^'7. In Vers 3 ist cum relicuo nach cum pretio in Vers 7 der Vorlage gemacht und nur verständlich, wenn man die Verse 3 f. des nicht-akrostichischen Argumentum kennt. mox missus ut prehendat scortum a milite venit calator militaris. hunc dolo adgreditur adulescentis servus Pseudolus t^Tl^MmJ^pnkAtriensisj symbolum aufyn minas(que) quinque acceptas mutuas dat mbditicwct^Lu cum symbolo; lenonem fallit sycophanta cacula. Venientem caculam intervortit symbolo DicßT^-^TumjeBAllionis. Pseudolus Opemque erili ita tulit^^'^; nam SimmiM Leno mulierem, quemÜMpppsuit, tradidit.

arg. Pseud. 8 10

arg. acr. Pseud. 4

Vers 5 des Akrostichons klingt für den Leser, der das Stück nicht kennt, geradezu absurd; inhaltlich ist dicens Syrum se Ballionis Pseudolus aus dem klaren Pseudolus / tamquam lenonis atriensis hergeleitet. Der Anfang von Vers 6 trägt in unverständlicher Form nach, was das nicht-akrostichische Argumentum Provenienz aller nicht-akrostichlschen Argumenta, gleich ob sie nur in A oder in P überliefert sind. Ritschis Ergänzung ist durch Calidoms iuvenis und servm Pseudolus (lo) gesichert; oben, 236. ^37 Markenzeichen des Akrostichadichters ist sein ungenauer Gebrauch der Pronomina: Vets 3 eum (seil, symbolum), V. 7 quem (seil. Simmiarnj is (seil. Pseudolus). Dies rührt daher, daß er nicht vom Plautustext allein ausgehend eine verständliche Zusammen&ssung des Komödieninhalts gibt, sondern vor dem Hintergrund des nicht-akrostichischen Argumentum schreibt, in dem an jeder Stelle alle Personen klar erkenndich sind. ^3' Der Autor kontaminien unter Verzicht auf das fiir das Verständnis unerläßliche fiUo die Versklausel erili filio (2. B. Pseud. 395, 413, 673) mit dem geläufigen Idiom opemfirreaücui (z. B. Bacch. 638, Mil. 1387, Rud. 617).

286

VII. Rezeption der .varronischen' Auswahl

in den beiden ersten Versen erzählt hat. Der Ausdruck subditicio caculae des nicht-akrostichischen Argumentum ist nach venit calator mÜitaris und in der Einbettung acceptas mutuas dat... cum symbolo klar; die hieraus hervorgehende Wendung Simmiae... quem is supposuit des Akrostichons dagegen nicht. scorto Calidorus potitur, vino Pseudoltis. Venit Harpax vems^^^: res palam copioscitur Senexque argentum quod eratpactus reddidit.

arg. Pseud. 15 arg. acr. Pseud. 8

Das nicht-akrostichische Argumentum ist gekonnt zu Ende geschrieben: scorto Calidorus potitur schließt den Kreis mit den beiden Anfangsversen, mit den Schlußworten vino Pseudolus ist das anschließende Festgelage klar umrissen. Im Akrostichon ist der vorletzte Vers aus dem Vorangehenden vielleicht mit Mühe noch verständlich; völlig unvorbereitet trifft den Leser dagegen der letzte Vers, der den Inhalt des fünften Aktes andeutet: die Einlösung der "Wette, die zwischen Pseudolus und Simo im ersten Akt abgeschlossen war. Auf sie am Anfang hinzuweisen hat der Verfasser des Akrostichons versäumt, weil sie in seiner Vorlage, dem nicht-akrostichischen Argumentum, aus gutem Grund unerwähnt geblieben war (sie ist für das Verständnis des Handlungsgerüstes überflüssig und hätte die Erzählung unnötig kompliziert gemacht). Der hier skizzierte Verlauf der Abhängigkeit, von Ordnung zu Unordnung, von den nicht-akrostichischen zu den akrostichischen Argumenta, duldet keinen Zweifel. Die Akrosticha können somit nicht vor etwa der Mitte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. verfaßt sein; einen sicheren Terminus ante quem gibt es nicht, da das im Terenzkommentar des Donat zu Andr. 610 gegebene Zitat aus dem akrostichischen Argumentum der Asinaria (Vers 3) kaum der ursprünglichen Kommentierung angehört^®. In der Datierung nach unten sind wir somit frei. Kommen wir jetzt zur Metrik der Akrosticha. Von den 166 Versen haben 161 eine stark markierte Zäsur in der Penthemimeres^. Diese duldet überhaupt Gemacht nach arg. 9 venit calator militaris. ^ Das entsprechende Interpretament im Terenzkommentar PRETFVM OB STVLTITIAM sie et Plautus (arg. Asin. 3) locutus est'pretiumob asinos'pro 'asinorumpretium. ist von Wessner kursiv gedruckt; auf eine entsprechende Anfrage gab mir R. Jakobi folgende freundliche Antwort (7. April 1999): „In der Tat kann das Interpretament An. 610.2.18-20 W. in der jetzigen Form nicht Teil der ursprünglichen Kommentierung Donats gewesen sein, zerreißt es doch die geschlossene Note 610.1 (nämlich die differentia mit abschließendem Veigilbeispiel), deren Zusanmiengehörigkeit durch Serv. Aen. 9,230 bzw. 12,351, der ebenso erklärt und seinerseits An. 610 zitien (also Donats Vergilkommentar), bewiesen wird. Damit ist Donat aber noch nicht aus dem Spiel: Die Note könnte authentisch sein und vom Redaktor, der zwei Donat-Exemplare zusammengeschusten hat, an bischer Stelle plaziert sein. In der Regel arbeitet aber dieser Bearbeiter sauberer; also ist das Interpretament wohl später in die Donat-Überlieferung aus einer Randglosse irrtümlich in den Text eingedrungen, so wie An. 607.5 (bei W. gesperrt) aus Priscian III 184,6 stammt." ^ Vgl. Opitz, 266.

4- Die archaisierende Senardichtung der Spätantike

287

keine Synaloephe mehr (auch nicht mit einem Monosyllabum), dag^en in mehr als zwanzig Versen den Hiat wie etwa arg. acr. Aul. i: aulam repertam | auriplemm

| Euclio^.

In arg. acr. Aul. i ist zusätzlich auch Hiat vor dem schließenden Creticus gesetzt, wo der Akrostichadichter Synaloephe^' und Hiat zuläßt; den Hiat in folgenden Versen: conserv(am) uxorem duo conservi \ expetunt obduxe scortum. tum Charinum \ exfuga retrahit sodalis, postqu(am) amicam | invenit. clam sibi supposuit clandestino \ editum.

arg. acr. Gas. i arg. acr. Marc. 7 arg. acr. Merc. 8 arg. acr. Truc. 4

Auch nach der Trithemimeres kennt er den Hiat (neben der Synaloephe^): et inibi \ emit olim amissum filium. Menaechmum \ omnes civem credunt advenam et eidem | Uli militi dorn datust.

arg. acr. Capt. 5 arg. acr. Men. 8 arg. acr. Mil. 4

Ebenso im locus Jacobsohnianus vor der schließenden Dipodie, wo sich erneut auch Synaloephe findet^': Curculio missu Phaedromi | it Cariam^^ imprudens iuvenis. compressae \ ac militis.

arg. acr. Cure, i arg. acr. Epid. 5

W i e Plautus und Terenz kennt der Verfasser der Akrosticha den prosodischen Hiat hinter Monosyllaba, die den ersten Teil einer aufgelösten Hebung bilden^7: mercator Siculus, quot \ erant gemini id dum I er(o) amanti servos mmtiare volt

filii

arg. acr. Men. i arg. acr. Mil. 2

Hinzu kommen die von der Plautusüberlieferung oft bezeugten prosodischen Hiate hinter zweisilbigen W ö r t e r n ^ : utpetat argentum. ib^^ \ eluditanulo

arg. acr. Cure. 2

^^Zum Hiat vgl. R. Klotz, Metrisches zu Plautus Casina, NJPhP 143, 1891, 829 f. Aus der Vermeidung der Synaloephe in der Zäsur erwächst die Notwendigkeit, einen Vers wie arg. acr. Amph. 2 wie folgt zu messen: mutavitsese \ in form(am) eius coniups. Z. B. arg. acr. Men. 10 i se cognoscumfratrespostrem(o) invicem, Mil. 13 ultra abeat orat, dornt muUa, ips(e) in domo. ^ Z. B. arg. acr. Mil. i meretric(em) Athenis Ephesum miles avehit. Z. B. arg. acr. Asin. i amanti argentofili(o)awdliarier. Pylades' Er^zung (in) Cariam ist inhaltlich verkehrt; vgl. Leo zu Plaut. Cure. 67. Zahlreiche Beispiele (mit fragwürdiger Deutung) bei Lindsay, Early Latin Verse, 244 ff. Daneben steht das Monosyllabum (wie auch bei Plautus) in Synaloephe z. B. arg. acr. Pseud. 3 et det leno qu(i) eüm cum Mcu(o) adferat. ^ Zu diesem Hiat vgl. Leo, PF, 335 mit Anm. 2; Lindsay, Early Latin Verse, 248 ff. Wie in der Plautusüberlieferung findet sich auch bei dem Ver&sser der Akrosticha neben dem Hiat die Synaloephe; z. B. arg. acr. Most. 2 omnemque absente rem su(o) absumit patre-, arg. acr. Rud. 2 ub(i) erant erilisfiliaecrepundia. ^'Vgl. z. B. Plaut. Most. 1179 ibi | utrumque, et hoc et illudpoteris ulcisciprobe.

288

VII. Rezeption der .varronischen' Auswahl

und vielleicht I arcessit erunf-''^ \ Athenis etforat.

arg. acr. Mil. 5

und hinter einem die Senkung bildenden Monosyllabum^'^: re I omni inspecta compressoris servolus.

arg. acr. Aul. 7

Sieht man von der synaloephefreien Gestaltung der Penthemimeres ab, so zeigt der Verfasser der Akrosticha ansonsten jenes Nebeneinander von Hiat und Synaloephe, das ihm die Plautusüberlieferung geboten hat und das zumindest zum großen Teil auf den Dichter selbst zurückzufuhren ist^". Er läßt den Hiat, im Verhältnis zur Synaloephe, häufiger zu als die Plautusüberlieferung, will also dieses markante (etwa dem Terenz fremde) Charakteristikum des plautinischen Verses besonders stark zur Geltung bringen. Der Hiat ist freilich nicht die einzige prosodisch-metrische Besonderheit, die der Verfasser in seiner Plautusimitation den eigenen Versen einverleibt. In Synizese liest er ei (arg. acr. Amph. 4, arg. acr. Trin. 6), eidem (arg. acr. Mil. 4), eum (arg. acr. Merc. 6, arg. acr. Pseud. 3), sui (arg. acr. Pers. 4), suipte (arg. acr. Rud. 4), stws (arg. acr. Most, r, arg. acr. Pers. i), duo (arg. acr. Gas. i) und ait (arg. acr. Most. Er hat ein sicheres Beispiel für die ursprüngliche Langmessung einer Verbalendung, vielleicht nicht durch Zufall in einem locus Jacobsohnianus: tradit vicino; eum putät uxor sihi.

arg. acr. Merc. 6

Besonders auffällig ist die Anwendung der lambenkürzung. Diese beschränkt er fast ausschließlich auf zwei Versstellen. Am Versanfangfindensich Verkürzung eines iambischen Wortes: manu misit emptos puer siptuennis

arg. acr. Most, i arg. acr. Poen. i

und Verkürzung nach Monosyllabum bzw. Präfix: suh impirio vivens sed invinta gnata subomdta suadet.

arg. acr. Asin. 2 arg. acr. Epid. 8 arg. acr. Pers. 4

Für alle lambenkürzungen lassen sich leicht Parallelen aus Plautus anfuhren^''.

Die Possessivpronomina meus tuus suus stehen oft im Hiat; vgl. Müller, Plautinische Prosodie, 699 ff.; freilich nicht so, daß eine Endung auf -m allein die Hebung bildet. Vielleicht ist {is) süom zu schreiben; is süo arg. acr. Capt. 6. Vgl. z. B. Plaut. Amph. 6%l non soleo ego somniculose \ eri \ imperia pmequi-, Plaut. Asin. 28

erum | in ohsidione linquet, inimicum animos auxerit.

Vgl. J. Pelz, Der prosodische Hiat, Diss. Breslau 1930,15 ff. Vgl. hierzu unten, 358-377. Die meisten Stellen hat bereits Opitz, 264 zusanmiengestellt. Puer septuennis (wie der ganze Vers) wörtlich aus Plaut. Poen. 66; zu manu s. H. Drexler, lambenkürzung, 130 (eiste Senkung des Scnars Plaut. Poen. 1102), zur Silbenverkürzung hinter

4- Die archaisierende Senardichtung der Spätantike

289

Die zweite Stelle, an der der Akrostichadichter bevorzugt lambenkürzung gestattet, ist die Stelle nach der Penthemimeres, wo er iambische Worter pyrrhichisch mißt: Sicyonia aeque \ pdritpueUam avos patemus | fdcit Menaichmum tandem compressae | pdter cognöscit

arg. acr. Cist 3 arg. acr. Men. 4 arg. acr. Truc. 9

Bis aufparit finden sich sämdiche Wörter auch bei Plautus gekürzt^'^. Möglicherweise sind hier weitere Verse hinzuzuzählen, wo auch Synizese denkbar ist: requirit quae sint \ dit vicini ei det Uno | qu(i) ium cum relicu(o) ddferdt.

arg. acr. Most. 9 arg. aa. Pseud. 3

Vielleicht auch (mit Hiat in der aufgelösten Hebung) arg. acr. Pseud. 7: lenö multerem, \ quhn is suppösuit, trddidit.

Gewagter, aber mit der plautinischen Handhabung in Einklang ist die lambenkürzung arg. acr. Rud. i: retipiscator di mar(i) extrdxit vidulurrP-'>T.

Insgesamt kommt der Akrostichadichter der plautinischen Senartechnik noch näher als Ausonius. Durch die häufigere Zulassung der lambenkürzung, die häufigere und vielföltigere Setzung des Hiates, auf der anderen Seite durch die zahlreicheren Synaloephen repräsentiert er stärker als Ausonius den plautinischen Vers in seiner Vielfalt. Anders als Ausonius setzt er kein tribrachisches Wort an den Versanfang, wohl aber korrekt ein daktylisches^'®. Wie Ausonius meidet er streng spondeischen Wortschluß am Ende der ersten Dipodie, nicht aber (im Gegensatz zu Ausonius und in Übereinstimmung mit der frühen Technik) den iambischen Wortschluß^''. So unföhig der Verfasser der Akrosticha auch war, den Inhalt einer plautinischen Komödie verständlich zusammenzufassen, so weist ihn nicht nur seine Sprache, in der die Komödienvorlagen centonenhaft ausgeschlachtet sind^®°, als vorzüglichen Plautuskenner aus, sondern auch die Metrik seiner Verse, die der plautinischen Technik erstaunlich nahekommt. sub und sed vgl. C. F. W. Müller, Plautinische Prosodie, 281 fF. Zur Kürzung von Wortern, die dem (bei Plautus und Terenz nicht belegten) subomata prosodisch gleichwertig sind, vgl. Drexler, lambenkürzung, 229 ffi Vgl. Drexler, lambenkürzung, 35 £F. (zu iambischen Verbformen der drinen Person Singular),

140 (zu pater).

Vgl. C. F. W. Müller, Plautinische Prosodie, 281 ff. Zu Ausonius vgl. oben, 282; daktylisches Won am Versanfäng in arg. acr. Cist. i camprimit

adulescens Lemnius Sicyoniam.

Zur Meidung des Spondeus s. Opitz, 264; iambisches Wonende ist wegen der nahezu obligatorischen Zäsur natürlich selten, vgl. aber arg. acr. Capt. 4 tantum studem ut natum (captum)

recuperet, arg. acr. Pseud. 5 dicem Syrum se Ballionis Pseudolus.

Einschlägig hierzu die Zusammenstellungen bei Opitz, 249 ff.

290

VII. Rezeption der .varronischen' Auswahl 4.5. Zusammenfassung

Mit Ausonius in seinem Ltidtis und dem Verfasser der akrostichischen Plautusargumenta, die nicht vor der Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts geschrieben sein können, fassen wir zwei spätantike Dichter, denen ihre intime Kenntnis der plautinischen Komödien ermöglicht, den frühlateinischen Senar mit einer Vielzahl seiner metrischen und prosodischen Freiheiten wiederzubeleben, die der Literatur- und Alltagssprache längst abhanden gekommen sind. Beide Verfasser teilen einige aufFäUige Gemeinsamkeiten. Die sichere lambenkürzung, die Ausonius Ludus 163 Milesius sum Thaies, \ dquam qui pnncipem hinter der Hephthemimeres vornimmt, entspricht ziemlich exakt der Vorliebe des Akrostichadichters, ein iambisches Wort hinter der Penthemimeres zu kürzen wie z. B. arg. acr. Truc. 9 tandem compressae \ pdter cognöscit omnia. Wie Ausonius in Analogie zu dem plautinischen dixe die archaische Infinitivform scripse bildet, so bildet der Akrostichadichter in Analogie zu adduxe (Rud. 1047) die Form obduxe (arg. acr. Merc. 7). Beide wissen, daß die Zäsurstellen den Hiat begünstigen, beide behandeln durch die Zulassung einer kurzen Silbe bzw. des Hiats die vierte Hebung vor der schheßenden Dipodie mit der für Plautus charakteristischen Freiheit. Damit soll freilich nicht eine gemeinsame Verfasserschaft in Erwägung gezogen werden - die markanten Unterschiede wurden oben hervorgehoben - , auch nicht unbedingt eine Gleichzeitigkeit der beiden Texte. Sicher ist jedoch, daß Ausonius und der Akrostichadichter ein ähnliches Verständnis für die plautinische Prosodie und Metrik entwickelt, vielleicht beide denselben Kommentar benutzt haben, der sie in gleicher Weise auf bestimmte Freiheiten der plautinischen Metrik aufmerksam gemacht hat. In der Imitation dieser Freiheiten ist dann der Akrostichadichter weiter gegangen als Ausonius. Die beiden Autoren gemeinsamen metrischen Besonderheiten sollten sie beide (vor allem aber Ausonius^^') in der Zukunft vor vorschnellen, den Hiat und andere metrisch-prosodische Archaismen beseitigenden Konjekturen schützen. Das Bemühen um ein Verständnis der plautinischen Metrik haben wir oben mit den Interessen gebildeter Liebhaber in Verbindung gebracht, nicht hingegen mit den Anliegen der Schule. Beide hier behandelten Texte scheinen mir nichts mit dem spätantiken Schulbetrieb zu tun zu haben. Für den Lttdtis ist zwar mehrfach vermutet worden, er sei für Lehrzwecke der Schule bestimmt gewesen^®^. Doch legt bereits die auf 390 datierbare Widmungselegie des damals Die Flut von Konjekturen, mit denen man im 19. Jahrhundert versuchte, den Hiat in den Akrosticha zu beseitigen, schwemmt die Apparate der Ausgaben von Leo und Lindsay zu Recht nicht mehr auf. ^^^ So z. B. Süss, Querolus, 65 und Green, 597.

4- Die archaisierende Senardichtung der Spätantike

291

etwa achtzigjährigen Ausonius eine Spätdatierung des gesamten Stückes nahe, lange nachdem Ausonius seine Lehrtätigkeit beendet hat: Die Aufforderung an Drepanius, das Stück nach Art der alexandrinischen Philologen strenger Kritik zu unterziehen, macht es unwahrscheinlich, daß der Text bereits Jahrzehnte zuvor abgefaßt worden ist. Zudem scheint mir der Spott, den der Prologus über die römischen Verhältnisse ausgießt, in denen der heitere Bereich des Theaters räumlich streng getrennt ist von den ernsthaften Bereichen des öffentlichen Lebens, Ausonius' eigene Lebenserfahrungen als einer Persönlichkeit des politisch-öffentlichen Lebens zu reflektieren. Auch in den sich an seine Lehrtätigkeit anschließenden Zeiten hoher öffentlicher Beanspruchung hat sich Ausonius die Muße für kunstvoll-scherzhafte Gelegenheitsdichtung nicht nehmen lassen, das Ernste mit dem Heiteren verbunden, eine Trennung der beiden Bereiche für sich abgelehnt^^'. Wie der Prologus die räumliche Trennung zwischen der heiteren Komödie und der Ernsthaftigkeit des öffentlichen Lebens kritisiert, so scheinen die Sieben Weisen selbst diese Trennung zu überwinden: Indem sie ihre im Kern doch praktische, den in der Öffentlichkeit stehenden Mann betreffende Weisheit als palliati in Vers und Sprache der plautinisch-terenzischen Komödienfiguren vortragen, wird dieser Weisheit unverkennbar eine komischheitere Seite abgewonnen. Der alte Ausonius, selbst ein heiterer politischer Weiser, scheint in seinem Ltidus gegenüber dem Freund Drepanius eine gewisse Lebensbilanz zu ziehen. Mit dem Schulbetrieb hat das Stück nichts zu tun. Auch für die Akrosticha ist jede Verbindung zum Schulbetrieb strikt abzulehnen. Als Einfuhrungen in die Stücke sind sie, wie die Analyse des Pseu^/«j-Argumentum deutlich gemacht hat, völlig untauglich; anders als ihre Vorlagen, die nicht-akrostichischen Argumenta, geben sie einem Schüler keine Hilfe, sind überhaupt nur für jemanden verständlich, der die plautinischen Komödien bereits kennt. Es handelt sich um eine bloße Spielerei: Der Verfasser will in der selbstauferlegten Einschränkung, die das Akrostichon mit sich bringt, plautinischer Sprach- und Verskunst möglichst nahekommen. Eine Tradierung dieser Verse unabhängig von einer sie begleitenden Textausgabe scheint undenkbar, und es liegt nahe, die Verfasserschaft der Akrosticha in Verbindung zu bringen mit dem Ursprung der palatinischen Tradition^®^. Eine Entstehung um 400 oder etwas später ist, wie der Ludus zeigt, keineswegs aus metrischen Gründen auszuschließen. Wenn der Urheber der palatinischen Rezension auch Verfasser der Akrosticha war, so haben wir einen Beleg für die metrische Kompetenz eines spätantiken Plautusherausgebers. Die Annahme eines insgesamt Vgl. V. a. Greens schöne Bemerkungen in seiner Einleitung, XV fF.; ähnlich auch Liebermann, HLLV,277ff. So schon Lindsay, Ancient Editions, 87. Die Beobachtung von R. Rafiäelli, Prologhi, 98 f., daß die Akrosticha in P teilweise verstellt sind (die zu Asinaria, Casina und Pseudolus stehen hinter den Prologen), spricht nicht wirklich gegen die hier vertretene Annahme einer gemeinsamen Entstehung dieser Verse mit dem Archetypus der palatinischen Tradition; vgl. oben, 227, Anm. 139.

292

VII. Rezeption der .varronischen Auswahl

durchaus hohen Verständnisses für die frühlateinische Dichtung hilft in jedem Fall zu erklären, wie es in der Spätantike nach der Spaltung des Archetypus zu jener zunächst erstaunlich scheinenden Varianz in jeweils metrisch korrekten Versen kommen konnte, die der Ambrosianus und die Palatini aufweisen. Über sie wird im nächsten Kapitel kurz zu handeln sein.

VIII. Der Archetypus der direkten Überlieferung und seine Zeugen In den beiden vorangegangenen Kapiteln haben wir gezeigt, daß im Zuge des neuerwachten Interesses an der archaischen Literatur in der ersten Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts eine Auswahlausgabe aus Plautus veranstaltet wurde und daß die durch diese Ausgabe vermittelten 21 Stücke in der weiteren Spätantike im Rhetorikunterricht und von Liebhabern rezipiert wurden. Greifbare Folge dieses fortdauernden Interesses sind zwei spätantike Plautushandschriften, die in ihrem ursprünglichen Zustand die 21 Stücke der .varronischen' Auswahl umfaßt haben. Vor allem diesen beiden Ausgaben gilt die jetzt folgende Untersuchung. Sie gehen nicht direkt und unabhängig auf die Auswahlausgabe aus hadrianischer Zeit zurück; zwischen jenen und dieser hat eine weitere Ausgabe gestanden. Diese Ausgabe, der Archetypus der direkten Überlieferung, bestand nicht mehr aus Rollen, sondern war, wie aus einer formalen Innovation hervorgeht, ein Codex. Diesem Codex sind die Fehler zuzuweisen, die in den beiden erhaltenen Überlieferungsträgern in identischer Form vorliegen. Die beiden Plautusausgaben des Nonius, die sich aus den Zitaten in seinem Lexikon de compendiosa doctrina nachweisen lassen, scheinen (möglicherweise über eine gemeinsame Zwischenquelle) aus demselben Archetypus gespeist wie die beiden Zeugen der direkten Überlieferung. Die Verderbnis des Archetypus gestattet ihrerseits Rückschlüsse auf dessen Textbeschaffenheit und Provenienz und ermöglicht eine Antwort auf die Frage, inwieweit die Verderbnis des Archetypus alt, etwa aus der Auswahlausgabe hadrianischer Zeit ererbt ist oder erst im Verlauf der späteren Überlieferungsgeschichte in seinen Text eingedrungen ist. Zum Schluß soll schließlich die Varianz erklärt werden, die die beiden Zeugen der direkten Überlieferung trotz ihrer späten gemeinsamen Quelle voneinander aufweisen.

I. Ein Codex als Archetypus der direkten Überlieferung i.i. Die beiden Zeugen: Der Ambrosianus und die antike Vorlage der Palatini Dank Studemunds aufopferungsvoller Edition steht uns der Codex Ambrosianus als der erste unabhängige antike Zeuge der direkten Plautusüberlieferung

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

unmittelbar vor Augen'. Die Handschrift ist in Capitalis Rustica geschrieben und umfaßt 19 Zeilen pro Seite. Ihre Schrift scheint in das fünfte Jahrhundert zu gehören^. Geschrieben wurde der Codex in Italien'; über den genauen Entstehungsort der Handschrift ist nichts bekannt. Wahrscheinlich befand sie sich im siebten Jahrhundert in Bobbio'^, wo sie von einer irischen Hand mit den Libri Regum wiederbeschrieben wurde. Schwieriger zu fassen ist das Aussehen der antiken Vorlage der palatinischen Rezension. Die erhaltenen Handschriften sind deutscher Provenienz und setzen mit dem späten 10. Jahrhundert ein. Sie gehen zurück auf einen wenig älteren, in Minuskel geschriebenen Hyparchetypus (P), der 33 Zeilen pro Seite umfaßt hat'. Stemmatisch von gleichem Wert wie P, aber etwas älter ist der verlorene Codex Turnebi (T), den Turnebus in dem Kloster Saint Colombe in Sens entdeckt hat und dessen Lesarten zum Teil in Turnebus' Adversaria (Paris 1564/1565) veröffentlicht sind. Von Fran^ois Duaren, einem Freund des Turnebus, angefertigte Kollationen dieser Handschrift zu Persa, Poenulus und zu Teilen von Bacchides, Pseudolus und Rudens finden sich in einem Exemplar der Plautusausgabe des Gryphius (Lyon 1540), das Lindsay in der Bodleiana entdeckt hat^. T und P gehen auf eine gemeinsame Vorlage zurück; ob diese antik oder mittelalterlich war, ist noch nicht geklärt^. Näheres läßt sich über das antike Exemplar aussagen, von dem die Vorlage von T und P kopiert wurde: T und P überliefern gemeinsam die Verse Pseud. 1205-1207 nicht nur an ihrer richtigen Stelle, sondern zusätzlich bereits hinter 1161'; daraus ist zu schließen, daß der Schreiber ihrer Vorlage ein Exemplar benutzt hat, das 21 Zeilen pro Seite umfaßte. Dieser Schreiber hat nach Pseud. 1161, dem letzten Vers einer ' W. Studemund, Codicis rescripti Ambrosiani apographum, Berlin 1889. ^So bereits Niebuhr (vgl. Ritschl, Op. phil. V, 286); entscheidend dann E.A. Lowe, Codices Latini Antiquiores III, Oxford 1938, 23, Nr. 345; die Frühdatierungen - Mai hatte ihn dem 2., Leo, Lindsay und Pasquali dem 4. Jahrhundert zugeordnet - sind hin^ig. 3 Vgl. Lowe, loc. cit. 4 Endgültig gesichert ist freilich auch dies nicht; B. Bischoff, Paläographie des rönüschen Altertums und des abendländischen Mittelalters, Berlin ^986,113, Anm. 5. ' Aus B für den Poenulus nachgewiesen durch Lindsay in seinem Cd^tt'fx'-Kommentar, 3 f. Hierzu stimmt genau die Versetzimg von Asin. 51 hinter 83 (d. h. um genau 33 Verse) in allen Palatini. Den Korruptionsvorgang hat Zwierlein 1,42 richtig erklän; er bestätigt aufs schönste Lindsays auch von Tarrant, Plautuf, 306 übernommenes Stemma: Anders als in den letzten 12 Stücken (also auch im Poenulus) stammt B in den ersten acht Stücke nicht direkt aus P, sondern (ebenso wie die übrigen Zeugen für die ersten acht Stücke) aus einer Zwischenquelle (Lindsays P®'^): der in P ausgelassene und am Rand nachgetragene Vers Aul. 51 war in P®^ an der falschen Stelle (hinter 83) eingefugt, wo ihn jetzt die erhaltenen palatinischen Handschriften haben. ' Die bekannten Details brauchen nicht wiederholt zu werden; s. W. M. Lindsay, The Codex Turnebi of Plautus, Oxford 1898. Die Lesarten der Kollation veröffentlichte Lindsay, Plauti codicis Senonensis (T) lectiones, Philologus Suppl. 7,1899,119 ff.; Nachträge und Berichtigungen in JAW 130,1906,117, Anm. *. Vgl. auch A. Klotz, Die Plautushandschrift des Adrianus Turnebus, Philologus 95,1943,121 ff. 7 Zu dieser Schwierigkeit s. C. Questa, Per un'edizione dello Pseudolus, StIFC 38,1966,12 £ ' Vgl. hierzu Lindsay, Ancient Editions, 79, Anm. m.

I. Ein Codex als Archetypus der direkten Überlieferung

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rechten Seite seiner Vorlage, eine Seite überblättert und ist mit 1205-1207 fortgefahren, bevor er seinen Fehler bemerkte, die Seite zurückschlug und an der richtigen Stelle, mit Vers 1162, weiterschrieb. Blattversetzungen und sich entsprechende Blattbeschädigungen in den Stücken Casina und Mostellaria fuhren erneut auf einen Vorfahren von P mit einer Zeilenzahl von 20 bis 21 Versen pro Seite^. Hinter T und P wird so ein antikes Exemplar (II) mit 20-21 Zeilen pro Seite sichtbar, von dem ihre gemeinsame Vorlage kopiert wurde'°. Diese befand sich im neunten Jahrhundert in Zentralfrankreich, vielleicht in Orleans"; aus ihr vmrde zunächst der Codex T kopiert, der in Frankreich blieb und nach Sens gelangte, später dann P (ob noch in Frankreich oder bereits in Deutschland, ist nicht zu ermitteln), der Stammvater der erhaltenen palatinischen Überlieferung. Zu der praktisch identischen, indes wenig signifikanten Zeilenzahl pro Seite" kommt eine weitere, etwas wichtigere Gemeinsamkeit zwischen dem Ambrosianus und der antiken Vorlage der Palatini''. Der in Capitalis Rustica geschriebene Ambrosianus zeigt die in dieser Schriftart auch sonst gelegendich zu findende isT-formige Bildung des Buchstaben daß auch die antike Quelle der Palatini das // in der Form eines K schrieb, zeigen die in B am Anfang der Bacchides noch erhaltenen, geradezu diplomatischen Minuskelumschriften 105 kinc, 107 kuic, 108 kac, iio koc usw. Die Bacchides sind das erste Stück in B, das direkt aus P kopiert ist, dessen Buchstaben die erste Hand von B am Anfang diplomatisch wiedergibt. Diese Eigenwilligkeit erlaubt nicht nur, ein in Capitalis Rustica geschriebenes Exemplar als Vorlage für die Palatini zu erschließen, sie legt auch nahe, möglichst wenig Zwischenstufen zwischen P (der Vorlage von B) und dem antiken Exemplar in Capitalis Rustica anzusetzen, da Verschreibungen so einfacher Wörter wie hinc etc. kaum unkorrigiert über mehrere Überlieferungsstufen fortbestehen können''. Weitaus signifikanter als die bislang festgestellten buchtechnisch-paläographischen Gemeinsamkeiten sind die Übereinstimmungen in der Anordnung 'Vgl. O. Seyffert, JAW 80, 1895, 236ff. (mit Lit.) sowie Lindsays Apparat zu Gas. 911-928/ 941-948, 966-972/983-991 und zu Most. 601-604. Hierzu passen die gemeinsamen Majuskellcorrupteien in T und P; vgl. hierzu C. Questa, Per un'edizione dello Pseudolus, 4-12. "Vgl. Pasquali, Storia, 332. " Eine Zeilenzahl von etwa 20 pro Seite begegnet in spätantiken Handschriften überaus häufig; vgl. Zwierleins Prolegomena zu den Tragödien Senecas, 47 (mit Lit.). •'Auf sie weist W.M. Lindsay, The Palatine Text of Plautus, Oxford 1896,17f. hin; vgl. jetzt C. Questa, Per un'edizione delle Bacchides, RCCM 5,1963, 221 f. Vgl. B. Bischoff, Paläographie, 81, der als Beispiel den Codex Puteanus des Prudentius (Parisinus Bibl. Nat. Lat. 8084; Abbildung CLA V 571a) aus dem sechsten Jahrhundert anfuhrt. Zu A7//-Vertauschungen vgl. zudem Zwierlein, Prolegomena zu einer kritischen Ausgabe der Tragödien Senecas, 22. •'So zu Recht Lindsay, Palatine Text, 18 und Questa, Per un'edizione delle Bacchides, 220f., wo vermerkt ist, daß an zahlreichen Stellen die graphische Eigenheit in B bereits von zweiter Hand beseitigt ist.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

der Stücke in beiden Ausgaben; sie war in den ursprünglichen Ausgaben, die A und II repräsentieren, alphabetisch'®, wobei nur der Anfangsbuchstabe berücksichtigt ist. Innerhalb der Buchstaben M und P ist die weitere Ordnung unterschiedlich, sie ist jedoch gleich für den Buchstaben C, wo beide Ausgaben die Reihenfolge Captivi, Curculio, Casina, Cistellaria haben. Angesichts der geringen Stabilität, die andere spätantike und mittelalterliche Überlieferungen bei der Anordnung separater Stücke zeigen'^, ßLllt, wie Leo zu Recht betont hat'®, nicht die Verschiedenheit in den mit M und P beginnenden Stücken, sondern die Gemeinsamkeit in den mit C beginnenden Stücken ins Gewicht; sie gibt einen ersten Hinweis auf eine gemeinsame Codexvorlage, da eine Ausgabe in Rollen zwar die alphabetische Grundanordnung wahren kann, wenn etwa die Rollen in xeiixT) zusammengelegt sind'', aber kaum eine ganz willkürliche Anordnung innerhalb der Buchstaben.

1.2. Geteilte Langverse als Beweis fiir eine gemeinsame Codexvorlage Eine wirklich signifikante Übereinstimmung, die auf eine gemeinsame Codexvorlage für den Ambrosianus und die Quelle der Palatini schließen läßt, ist die an zahlreichen Stellen identische Zweiteilung von Langversen^°: Verse, die eine Zahl von etwa 45 bis 50 Buchstaben überschreiten, sind nicht in einer Zeile geschrieben, sondern auf zwei Zeilen so aufgeteilt, daß der die Zeile überschreitende Rest in die Mitte eingerückt gesetzt wird. Diese Zweiteilung '^Vgl. hierzu Lindsay, Ancient Editions, 85: Daß in A Trinummus und Truculentus hinter Mmaechmi stehen, ist ein bloßer Überlieferungsfehler von A; daß in dem antiken Exemplar der Palatini die Bacchides hinter Aulukria, nicht (wie in P) hinter Epidicus standen, beweist der Verlust des Schlusses der Aulukria und des Anfangs der Bacchides. Die Umstellung wurde vorgenommen, da in Bacch. 213 f. der Epidicus erwähnt ist. Trotz eines gemeinsamen Archetypus aus dem dritten oder vierten Jahrhundert sind die Tragödien Senecas in der A- und £-Tradition ohne erkennbares Prinzip verschieden angeordnet (s. Zwierleins Oxoniensis, praefetio, p. VI). Trotz eines gemeinsamen Archetypus, wahrscheinlich aus dem drinen Jahrhundert (vgl. jetzt Grant, Studies in the Textual Tradition of Terence, 15) ordnet der Bembinus die Terenzstücke Andr., Eun., Haut., Phorm., Hec., Ad. Von den beiden antiken AbkömmUngen von E hatte A die Anordnung Andr., Ad., Eun., Phorm., Haut., Hec., r dagegen Andr., Eun., Haut., Ad., Hec., Phorm.; doch haben einige A-Handschiiften die Abfolge von F. Vgl. Reeve, Terence', 416, wo weitere Handschriften mit abweichenden Ordnungen verzeichnet sind. Die große Stabilität in der Abfolge der Komödien des Aristophanes ist wohl doch dem hohen Einfluß des Konunentars des Symmachos zuzuschreiben, der sich in diesem auf fiüher behandelte Stellen zurückbezieht; vgl. insbesondere Wilamovntz, Einleitung, 180 f.; wohl zu skeptisch dagegen A. Gudeman, .Symmachos' (Nr. 10), RE II 7, 1931.1139 fPF, 16. ' ' Vgl. hierzu B. Snell, Zwei Töpfe mit Euripides-Papyri, Hermes 70,1935,119 ff. ^°Sie wurde erstmals für die unten, 298 besonders hervorgehobene Szene Stichus W1 bemerkt von O. Seyffert, Die Plautinische Mostellaria im Archetypus der Palatinen, BPhW 12, 1892, 253 und als Beweis für einen gemeinsamen Archetypus gewertet. Aber eist in jüngerer Zeit hat C. Questa, Numeri innumeri, 23-129 aus der „bipartizione" eine Codexvorlage erschlossen.

I. Ein Codex als Archetypus der direkten Überlieferung

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ist im Ambrosianus noch direkt greifbar; für II kann sie indirekt aus allen Zeugen erschlossen werden, wenn sie gemeinsam den in A in die nächste Zeile gerückten Rest auslassen, ansonsten nur vereinzelt aus dem ältesten Zeugen, dem Codex Vaticanus Pal. lat. 1615 (B) aus dem späten 10. Jahrhundert, wenn in ihm der ursprünglich umbrochene Zeilenrest fälschlich mit dem folgenden statt dem vorangehenden Vers verbunden ist oder der Umbruch in der Vorlage dadurch sichtbar wird, daß der erste Buchstabe der ursprünglich neuen Zeile als Majuskel geschrieben bzw. das erste Wort der ursprünglich zweiten Zeile durch ein spatium vom letzten Wort der ursprünglich ersten Zeile abgesetzt ist. Außer in der Plautusüberlieferung finden sich vergleichbare Versteilungen in der antiken Überlieferung im Bembinus des Terenz" und in einigen wenigen Unzialhandschriften christlicher Autoren". Da hingegen derartige Versteilungen in der Textüberlieferung auf Papyrusrollen nicht begegnen, hat Questa die Einführung der Versteilung mit den formalen Gegebenheiten des Codex in Verbindung gebracht: Dieser gewährt anders als die Rolle Langversen nicht beliebig Platz nach rechts, sondern macht den Umbruch der Verszeile vor dem rechten Seitenende ab einer bestimmten Länge erforderlich^'. Da es sich weiter bei dieser Teilung um eine rein buchtechnische, damit letztlich willkürliche Erscheinung handelt, hat Questa zu Recht identische Versteilungen in A und n als Beweis für eine gemeinsame Codexvorlage gedeutet; in dieser war eben jene Zweiteilung vorgenommen, die A vielfach gewahrt hat und die im Codex B wenigstens indirekt noch sichtbar ist^. Ich gebe zunächst eine Zusammenstellung jener Verse, in denen der in A umbrochene Zeilenrest in den Palatini ausgelassen ist: Epid. 710 (tr^) quor dare ausu's? # quia mi libitum est. # qtiae haec, malum, impudentiast? ist in A zwischen malum und inpudentiast geteilt; in P ist impudentiast ausgelassen. Men. 1139 (tr7) eamdedihuic. #hanc, dicis, frater, pallam, quam ego habeo? # (haec east.) trennt A hinter habeo (der Text der nächsten Zeile ist nicht lesbar); in P endet der Vers wider das Metrum in habeo. Mil. 178 (tr7) meperisse. #ubiabit, conclamo: 'heus, quidagistuinquam 'integulis!' ist in te^lis in A in die Mitte einer neuen Zeile gerückt; in tegulis fehlt in P. Mil. 402 (ia^) nescio qui credam egomet mihi iam, ita quodvidisse credo rückt A credo in die Mitte einer neuen Zeile; credo fehlt in P. Poen. 860 (tr^) neqtie erum meum adeo. # quem ament i^tur? # aliquem, dignus qui siet. teilt A hinter aliquem-, in P ist dignus qui siet ausgelassen. ^ Vgl. Questa, Numeri innumeri, 48 f. und vor allem R. Ra£&elli, Ricerche sui versl lunghl dl Plauto e dl Terenzlo, Pisa 1982,161 ff. " Hierzu s. unten, 300; sie sind zusammengestellt bei Questa, Numeri innumeri, 43, Anm. 18. Vgl. Questa, Numeri innumeri, 41 ff. Die folgenden Angaben sind für den Ambrosianus Studemunds Apographum entnommen, für B einem Mikrofilm; Abkürzungen und kleinere Fehler der Handschriften sind nicht vollständig verzeichnet. Questa hat in .Numeri innumeri' nur ausgewählte Beispiele vorgestellt.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

Identische Versteilung in A und der antiken Vorlage der Palatini ist weiter aus dem Zeugnis von B für die folgenden Verse sicher zu erschließen: Cas. 979 (tr7) Bacchae hercle, uxor. # Bacchae? # Bacchae hercle, vxor - # nugatur sciens rückt A nugatur sciens in die Mitte einer neuen Zeile; B fol. 63* verbindet nugatur sciens mit dem folgenden Vers 980. Mil. 271 (tr7) nam illic estPhilocomasio custos meus conservos qui itforas trennt A hinter CONSERWS-, B fol. iii"^ hat ein umfangreiches spatium zwischen conseruus und (korruptem) atque it foras. Most. 8j7 (tr^) sequere hoc me igitur # equidem haud usquam a pedibus apscedam tuis trennen A und B fol. 93* hinter pedibus, der Rest abscedam tuis ist in A in die Mitte, in B an den Anfang der nächsten Zeile gesetzt. Pers. 272 (an®) schreibt A richtig und mit folgender Trennung: PENSVMMEVMQVODDATVMESTCONFECINVNCDOMVM PROPERO#MANEETSIPROPERAS

B fol. 163* mit Korruptel, aber wohl mit identischer Trennung: Pensum meum quoddatumsi confeci nunc prodomum mane et siproperas.

Pseud. 740 (tr7) quid si opus sit ut dulce promat indidem, ecquid habet? # rogas? rückt A rogas in eine neue Zeile; in B fol. 139"^ ist rogas mit 741 verbunden, das erste Wort von 741, Murrinam, mit Anfangsmajuskel geschrieben. Pseud. 906 (an®) tum me et Calidorum servatum volunt esse et lenonem extinctum setzt A extinctum in die Mitte der nächsten Zeile, in B fol. 140* ist das "Wort durch ein spatium abgesetzt, sein Anfangsbuchstabe als Majuskel geschrieben. Rud. 227 (an'') sind in A und B fol. 172^ identisch neque magU solae terrae solae sunt quam haec loca / atque hae regiones getrennt; auch B schreibt den Versrest eingerückt in eine neue 2^ile. Auffallend viele identische Versteilungen begegnen in der Szene Stich. IV 2 (tr7), wo B i88'-i88* die Seitengestaltung einer früheren Vorlage geradezu diplomatisch wiederzugeben scheint, in der wie in A die Verse zweigeteilt mit Einrückung des Restes in die Mitte der neuen Zeile geschrieben waren. Genau übereinstimmende Teilungen finden sich Stich. 605 nam illic homo tuam hereditatem inhiat, quasi esu / riens lupus. Stich. 622 nam hicquidemgenium meliorem {m. g. P) tuom nonfades, leamus, tu. Stich. 635 numquam edepolme vivom quisquam in crastinum/inspicietdiem. Auf identische Zweiteilung in der Vorlj^e scheinen auch jene Stellen zu deuten, wo in A und B die Schnittstellen geringfügig verschoben sind: *Cas. 6^6-64.6^ (an®) ere mi ... # quid vis mea me ancilla? # nimium saevis. # numero dicis trennt A NVME i [RODICJIS-, B fol. 61^ trennt hinter saevis und verbindet den Rest mit Vers 647, hat aber zwischen num und erodicis ein spatium und schreibt den Anfangsbuchstaben des ersten Wortes

I. Ein Codex als Archetypus der direkten Überlieferung

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von 647 {sed) in Majuskel. Gas. 804 (tr^) nam quidillaec nunc tarn diu intus remorantur remeligines? ist in A REMI/LIGINES getrennt, in den Palatini fehlt das Schlußwort des Verses. Mil. 259 (tr7) numquid aliud? # intro ut abeas. # abeo. # et quidem ego ibo domum rückt AIBODOMVM in die Mitte einer neuen Zeile; B ego ibo domum an den Anfang einer neuen Zeile. Mil. 1030 (an7) aliquam mi partem hodie operae des denique: iam tandem ades filicof endet in A die Zeile mit TAN[DE]M, die nächste ist nicht zu lesen, die übernächste enthält Vers 1031; in B fol. 118^ ist tandem adest ilico wider das Versmaß mit 1031 verbunden. Pers. 172 (an®) nam equidem te iam sector quintum hunc annum, quam interea credo teilt A hinter quom, B fol. 162^ schreibt den Anfangsbuchstaben von korruptem interiam in Majuskel. Pseud. 201 (tr®) id tibiprofecto taurusfiet.# nimis sermone huius ira incendor teilt A IRA/ INCEN[DOR], in B fol. 134^ ist der Anfangsbuchstabe von ira als Majuskel geschrieben. Pseud, 215 (tr®) ibi tibi adeo lectus dabitur ubi tu hau somnum capias, sed ubi sind in A die letzten Buchstaben EDVBI in deudich kleinerer Schrift geschrieben^', in B fol. 134'' sind sed ubi mit dem folgenden Vers 216 verbunden. Pseud. 223 (tr7) reprehendam hercle ego cuncta una opera, nisi quidem hodie tu omnia rückt A DEMTVHAECOMNIA^^ in die nächste Zeile, in B fol. 134^ ist quidem tu hodie omnia mit dem nächsten Vers verbunden. Pseud. 230 (an®) Pseudole, non audis quae hic loquitur? # audio, ere, equidem atque animum advorto trennt A hinter equidem, B fol. 134* hinter ere. Die abgetrennten Versenden füllen in A und B jeweils eine eigene Zeile. Pseud. 389 (tr^) optumum atque aequissimum oras. #propera, adduchominem cito teilt A ADDVCKO / MINEMCELERITER, B fol. 136' läßt ein spatium zwischenpropera waAAdhuc, welches mit Anfangsmajuskel geschrieben ist. Pseud. 574 (an®) proluppiter, utmihi, quidquidago, lepide omniaprospereque eveniunt teilt A hinter prospereque-, in B fol. 137^ ist der Anfangsbuchstabe von prospereque als Majuskel geschrieben. Pseud. 593 (an7) lubet scire quid hic veniat cum machaera et huic quam rem agat, hinc dabo insidias teilt A hinter quam, B fol. 137^ hinter rem. Pseud. 910 (an®) tum pol ego interii, homo si ille abiit, neque hoc opus quod volui hodie efficiam ist in A hinter quod getrennt, in B fol. 140* ist der Anfangsbuchstabe von quod als Majuskel geschrieben. Trin. 1049 (tr7) qui nil meriti; quippe eorum ex ingenio ingenium horum probant teilt A KO / RVMPROBANT-, in B fol. 200' fiillt horum probant den Anfang einer neuen Zeile. Schließlich in der bereits oben hervorgehobenen StichusSTJcnt FV 2: Stich. 61s ... percussum /velim A:percus/sum velim B. Vgl. hierzu Questa im Apparat z. St. und in Numeri innumeri, 56, Anm. 21, 86. Der Text von A ist Icorrupt.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

Stich. 624 ... quin si ius / seris A : quin / iusseris B. Stich. 6z$ ... summam / in crucetn A : sum / ma in crucem B. Stich. 637-640: neque ego hoc committam ut me esse omnes mortuum / dicant fame A : neque ego hoc committam ut homines mortuum / medicant fame B, was fiir den Archetypus auf eine folgendermaßen geteihe Textdarbietung fuhrt: neque ego hoc committam, ut me esse homines mortuum /dicant fame. An den Stellen Gas. 646, 804, Pseud. 215, 223, Stich. 624 und Trin. 1049 scheint mir wahrscheinlich, daß A die ursprüngliche Teilung innerhalb eines "Wortes bewahrt hat^^^ während in einer B vorangehenden Überlieferungsstufe der palatinischen Tradition die ursprüngliche Teilungsstelle an ein Wortende v e r l ^ worden ist; der umgekehrte Fall begegnet Stich. 613,625. An den übrigen Stellen hegen die Teilungsstellen in A und B jeweils um ein Wort auseinander. Diese typographischen, damit letzdich willkürlichen Übereinstimmungen zwischen A und B lassen kaum den Schluß zu, daß sie in A und II voneinander unabhängig bei der Umschrift von der Rolle in den Codex eingeführt worden sind, sondern weisen auf eine gemeinsame Codexvorlage, deren Seitenbreite einen Zeilenumbruch nach etwa 45-50 Buchstaben erforderlich machte^®. Daß die Zahl durch das Format eines individuellen Codex bedingt ist und nicht auf eine festgesetzte Norm zurückzufuhren ist, zeigen die weiteren erhaltenen Handschriften, in denen Versteilungen vorgenommen sind. Der Bembinus des Terenz teilt im allgemeinen erst Verse, die mehr als 50 Buchstaben umfassen^'; der Unzialcodex Mailand Ambros. D 36 sup. (saec. VI, Prudentius) trennt die iambischen Trimeter des Uber Cathemerinon bereits bei Versen mit weniger als 30 Buchstaben'®, der Unzialcodex Mailand Ambros. R 57 sup. (saec. VII, Sedulius) trennt offensichtlich sämtliche Hexameter des carmen paschale, da seine Zeilen kaum mehr als 20 Buchstaben umfassen''; in München Clm 29033a, dem Fragment einer in der Minuskel von Luxeuil geschriebenen Handschrift aus dem frühen achten Jahrhundert, sind die Hexameter des carmen paschale bei einer Länge ab etwa 40 Buchstaben getrennt'^. In allen Fällen scheint die Teilung der Verszeile von der individuellen Seitenbreite einer Handschrift abzuhängen; die Schreiber von A und II haben jedoch die Teilung offensichdich nicht dem Format ihres Codex angepaßt, sondern zumindest in den oben zusammengestellen Versen die Teilungsstellen ihrer Vorlage gewahrt. Grund hierfür war Vgl. die in A und B identische Zweiteilung esu / riens Stich. 605. Dies die Überlegung von Questa, Numeri innumeri, 53 f. und 115-117. Vgl. Rafifaelli, Versi lunghi, 167-169. ' ° Z . B. Cath. 7,199, 203; diese und zahlreiche weitere Beispiele sind den Abbildungen 12 und 13 in dem Aufsatz von C. Questa, II Metro e il Libro, in: II libro e il testo, Atti del convegno internazionale, Urbino 1984, 339 fF. zu entnehmen. Zu der Handschrift vgl. zuletzt C. Gnilka, Prudentiana I, München/Leipzig zooo, 136, Anm. 23. 3'S. die Abbildung in Chatelain I, pl. XXIX, wo der Text der Verse carm. pasch. 5,349-376 abgebildet ist. So etwa carm. pasch. 2,139,141! R- Raffiielli, La pagina e il testo, in: II libro e il testo, 4 und die Tafel 4 in seinem Auäatz.

I. Ein Codex als Archetypus der direkten Überlieferung

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gewiß die fehlende Sicherheit in der plautinischen Metrik: Die Kopisten des Archetypus wußten noch von der seit der Erstausgabe bestehenden Einrückung von Kurzversen innerhalb der polymetrischen Cantica", konnten von dieser jedoch das rein typographisch bedingte Einrücken des überschüssigen Restes gebrochener Langverse - bezeichnenderweise handelt es sich sehr häufig um Anapäste - nicht mehr unterscheiden. So haben sie beides bewahrt und das äußere Erscheinungsbild des Archetypus unverändert weitergegeben'^. Nach der Erstausgabe des gesamten Corpus in der Zeit des Accius und der .varronischen' Auswahlausgabe aus hadrianischer oder frühantoninischer Zeit ist die eben erschlossene Umschrift der 21 Stücke in einen Codex die dritte und letzte sicher und einheidich greifbare Fixierung des Plautustextes vor dem Einsetzen der direkten Überlieferung. Alle drei Stufen wurden unter anderem durch in der handschriftlichen Überlieferung einheitlich tradierte editorische Innovationen erschlossen. Der Erstausgabe wurde mit großer Wahrscheinlichkeit die kolometrische Schreibweise der Cantica zugewiesen, der ,varronischen' Auswahl die Einfuhrung der Szenentitel, der Codexvorlage schließlich die Zweiteilung von Langversen. Erstausgabe und ,varronische' Auswahl tragen beide den Stempel eines grammatisch gelehrten Editors. Der Erstherausgeber hat nicht nur die Kolometrie eingeführt, er hat überhaupt den gesamten Nachlaß nach den Maßstäben der alexandrinischen Philologie ediert, konkurrierende Fassungen aus den verschiedenen Bühnenexemplaren zusammengestellt und mit kritischen Zeichen versehen. Der Urheber der .varronischen' Auswahl folgt bei seiner Zusammenstellung des neuen Corpus einer Fachschrift Varros und wertet für die Didaskalien eine weitere Schrift desselben Grammatikers aus. Von diesen beiden Editionen unterscheidet sich die eben rekonstruierte Codexvorlage insofern, als ihr gelehrte Innovationen fehlen, sie allein aus einer typographischen Eigenheit zu erschließen ist. Trotz ihrer offensichdich großen Wirkung haben wir bei ihr - anders als bei der Erstausgabe und der ,varronischen' Auswahl - nicht das Recht, eine eigendiche Rezension anzusetzen. Vielmehr spricht ihr Textzustand, wie die folgenden Seiten beweisen werden, gegen eine rezensorische Tätigkeit durch einen Grammatiker: Der Text der 21 Stücke ist mit einer Vielzahl trivialer Fehler übersät; die 21 Rollen, die die Grundlage für den Text der Codexausgabe bildeten, waren zudem, wie der unterschiedliche Grad an Glossierung nahelegt, von unterschiedlicher Qualität.

33 Daß man diese spätestens seit dem dritten Jahrliundert nicht mehr zu analysieren wußte, zeigen die oben, 248-2^0 behandelten Interpretamente aus dem Kommentar des Sisenna. '^Vgl. hierzu auch Questa, Numeri innumeri, 59-63; zur ursprünglichen Kolometrie der Erstausgabe vgl. oben, J9-61.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen 2. Die Korruptelen des Archetypus: Gemeinsame Fehler in A und P

Am Anfang seiner .Plautinischen Forschungen' (7-13) hat Leo dem Ambrosianus und den palatinischen Handschriften gemeinsame Verderbnisse zusammengestellt und aus ihnen eine gemeinsame Vorlage abgeleitet. Die grundsätzliche Richtigkeit seines Ergebnisses, das Lindsay hartnäckig, aber ohne Erfolg bestritten hat'', ist heute allgemein anerkannt'® und durch die oben erschlossene gemeinsame Codexvorlage der direkten Überlieferung bestätigt worden. Bis heute fehlt jedoch eine fehlertypologische Auswertung der Korruptelen des Archetypus der Plautusüberlieferung, die im folgenden vorgenommen werden soll. Die gemeinsame Verderbnis zerfällt im wesentlichen in zwei Hauptgruppen. Zum einen handelt es sich um absichdich in den Text gesetzte oder ursprünglich als Hilfe über den Text gesetzte und nachträglich integrierte Glossen, die in erster Linie der Erleichterung des Textverständnisses für den Leser dienen sollten und die in zahlreichen Fällen das Metrum sprengen. Diese Form der Verderbnis hat eine besonders enge Parallele in den einhellig überlieferten Textentstellungen der ebenfalls zweigeteilten Terenzüberlieferung'7. Die andere Gruppe umfaßt Sinn, Syntax und Metrik zerstörende Korruptelen, die nicht bewußten Eingriffen zuzuschreiben, sondern auf einen sorglosen Umgang mit der Tradition zurückzufuhren sind. Vor allem diese Korruptelen bestätigen die oben geäußerte Vermutung über das Zustandekommen des Archetypus: Dieser ist nicht aus einer grammatischen, sondern aus einer Schul- bzw. Liebhabertradition gespeist; in ihm ist kein Versuch unternommen, die Textschäden einer sorglosen Tradition zu beseitigen.

" D a Lindsay den Ambrosianus auf die UraufRihrungen des Piautus, die Palatini auf den Text der Wiederaufführungen zurückfuhren wollte, mußte er die gemeinsamen Korruptelen entweder leugnen oder so emendieren, daß der angenommene Fehler unabhängig in beiden Traditionen entstehen konnte. Beides hatte fatale Folgen fiir die Textgestaltung der Oxoniensis, wie jeder bemerken wird, der die im folgenden behandelten korrupten Stellen in ihr vergleicht. '^Wichtig war die Arbeit von E. Sicker, Novae quaestiones Plautinae, Philologus Suppl. 11,1908, 179 fF.; vgl. dann noch G. Pasquali, Storia della tradizione, 337 fF., Questa, Numeri innumeri, 51 ff., Tarrant, .Piautus', 305 (., Jocelyn, Indirect Tradition I, 58 £ (mit weiterer Literatur). Diese ist systematisch aufgearbeitet von P. Fehl, Die interpolierte Recension des Terenztextes, Diss. Köln 1938.

2. Die Korruptelen des Archetypus

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2.1. Glossierung/EingrifFe zur Verständnishilfe Durch die frühe Sekundärüberlieferung bei Varro und Verrius Flaccus wurden bereits oben zwei verdeudichende Eingriffe in den ursprünglichen Plautustext nachgewiesen, die sich über eine gemeinsame Quelle in die direkte Überlieferung eingeschlichen haben: in *Pseud. 955 und (unter Zerstörung des Metrums) in Truc. 213'®. Wie häufig der Plautustext durch absichtliche Glossierung leichter verständlich gemacht werden sollte, zeigt die folgende Zusammenstellung. In Pseud. 627 gibt sich Pseudolus gegenüber Harpax als Hausverwalter des abwesenden Ballio aus, um ihm das Erkennungszeichen zu entwenden: ... res rationesque eri Ballionis curo, argentum accepto {expenso} et quoi debet dato.

627

Dieser einfache Septenar ist durch Glossierung in ein metrisches monstrum verwandelt: das Eindringsei ist ganz offensichdich expenso (ich zahle aus), das den umständlichen, aber gut plautinischen Ausdruck quoi debet dato (ich gebe, wem er schuldet)'', glossiert, an dem vielleicht das intensivum datare Schwierigkeiten bereitete. Expensare sprengt nicht nur das Metrum, es handelt sich zudem um ein Verb, das vor dem ausgehenden 2. Jahrhundert n. Chr. nicht belegt ist, sondern erstmals bei dem Juristen Scaevola vorkommt, der von jedem Verdacht zu archaisieren frei ist^°. Die Glosse dürfte demnach erst im dritten Jahrhundert entstanden sein'*'. Eine ebenfalls späte, das Metrum störende Glosse ist einheitlich überliefert in Poen. 3j6 qtMin mare olimst, quam ihi \ alcyo pullos educit suos,

wo das richtige frühlateinische Wort alcedo noch im Text des Promo (cf p. 229,1 £ van den Hout) nicht durch seine später geläufigere griechische Form ersetzt war^^. ' ' Vgl. oben, 149 f. und 171 f. " Men. 929, Rud. 1371. ••"ThLL V 2,1647,79 ff- Der Glossator dachte an Wendimgen wie Most. 304 ratio accepti atque expensi Truc. 73 accepta dico, expensa ne qui censeat. Die Bildung expensare scheint auch neben den Intensiva acceptare und datare fiir Plautus unmöglich: Neben expendo kennt Plautus pendo, adpendo, dependo, impendo, suspendo, aber von keinem dieser Verben das entsprechende Intensivum. Als einzige Intensivform ist Bacch. 971 dispensentur überliefert, freilich in dem verdächtigen Zusammenhang 966-972, den Zwierlein IV, 43 £ einem späten Bearbeiter (seinem ,Bearbeiter II') zuweist. ^Es war schlimm, daß Lindsay, Andern Editions, 118 unter dem Zwang, die gemeinsame Korruptel in A und P zu leugnen, in Pseud. 627 eine „pet-form" wie Balli einsetzen wollte, die dann unabhängig in das korrekte Ballionis umgewandelt wurde; nicht weniger schlimm ist, daß jetzt Willcock, einen Vorschlag Bettinis aufgreifend, argentum tilgt, also unplautinisches expenso neben bedeutimgsgleichem qttoi debet dato hält und ganz offensichdich res rationesque eri als Objekt zu accepto, expenso, dato versteht. ^^ Die Stelle wird unten, 351 im Hiatkapitel textkritisch geklän.

304

VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

Ähnlich geartet ist Pers. 386 (die Tochter des Saturio gibt ihrem Vater, der sie vorgebhch an den Kuppler verkaufen möchte, zu bedenken, daß das Gerede hierüber ihr bei einer späteren Hochzeit schaden könnte): necessitate me mala utfiamfacis. verum videto, me ubi voles nuptum dare, ne haecfama faciat repudiosas nuptias. SAT Tace, stulta. non tu nunc hominum mores vides?

VIRG

385

quoivis modi hic cum {mala} fama facile nuhitur: dum dos sit, nullum Vitium vitio vortitur.

Saturio argumentiert, daß es bei dem jetzigen Zustand der Sitten auf den Ruf nicht mehr ankommt, wenn nur die Mitgift stimmt. Mit quoivis (= cuiusvis*^) modi fama greift Saturio haec fama aus 384 auf; durch die aus 382 geholte Glosse mala, die unschön in Konkurrenz zu dem Genitivus qualitatis quoivis modi steht, wird die Satzaussage im Sinne des folgenden Verses nullum Vitium vitio vortitur präzisiert, der dann jeglicher Funktion entbehrt^. Stich. 254 ist das Metrum durch eine syntaktische Glosse aus den Fugen geraten (Crocotium schwindelt dem Parasiten Gelasimus einen falschen Auftrag ihrer Herrin Panegyris vor): CROC Panegyris orare iussit fte utp^ opere maximo mecum simitu ut ires ad sese domum. ... G E L quid igitur me volt? CROC tritici modios decem rogare opinor {te volt}. GEL mene, ut ab sese petam?

247

253

Um das Metrum zu heilen, schreibt Lindsay mit Bothe se för sese, welches nicht nur durch die Emphase geschützt ist^^, sondern insbesondere durch vorangehendes sese in 249 in gleicher Versposition. Mit Gruter ist vielmehr te volt zu tilgen, das den Infinitiv rogare syntaktisch ein&igt. Die Ellipse ist nach vorangehendem me volt? freilich ohne jeden Anstoß; vgl. Merc. 868: quid me voltis? # ire tecum. # alium comitem quaerite. Des weiteren habe ich in Stich. 248 orare für metrisch korrektes, aber offensichdich sprachwidriges rogare geschrieben, da Plautus an allen sieben vergleichbaren Stellen (Gas. 21, 531, Epid. 721, Mil. 75, Most. 421, 752) opere maximo (bzw. magno, tanto etc.) orare ut setzt. Eine Form von rogare hat die ursprüngliche von orare Most. 682 in A, Pers. 321 in P ersetzt^^; Stich. 248 ist die Glosse archetypisch. 43S.Woytekz.St. Ahnlich wird Most. 227 fama in 228 zu bona fama präzisiert. Opere maximo gehört nicht in den »/-Satz, sondern zu orare iussit, wie die bei Petersmann z. St. gesammelten Belege, zudem auch 150 f., 154 (propera atque actutum redt!) zeigen. Gut ist Guyets te nunc-, Most. 752 nunc te hoc orare iussit opere maximo. So Petersmann z. St. Zu den beiden Stellen vgl. unten, 331. Zu weiteren Stellen, wo orare durch rogare ersetzt ist, vgl. ThLL DC 2, i036,60fF.

2. Die Korraptelcn des Archetypus

305

Unmittelbar vor Augen tritt die das Metrum zerstörende Glossierung Trin. 302 tuis servivi servitutem imperiis, {et} praeceptis, pater. und Pseud. 836 terrestrispeaides cicimalindro condio, {aut} hapalocopide aut cataractria # at te luppiter,

835

wo durch eingeschwärztes et bzw. aut das Asyndeton'^' beseitigt ist, weiter Poen. 1317 {qur non} (quin) adhibuisti, dum istuc loquere, tympanum?, wo quin durch die Glosse qur non verdrängt isr*'; ebenso deudich ohne Störung des Metrums Mil. 149 faciemus ut quod viderit non viderit, wo Priscian gramm. II 200,11 den richtigen Versschluß ne viderit bewahrt hat'®. Metrisch gestört ist weiter Pseud. 372: verum quamquam multa malaque dicta dixistis mihi, nisi mihi hodie attuUrit miles quinque quas debet minas, sicut haec estpraestituta summa ei argento dies, si id non adfert, posse opinorfacere me officium meum.

372 375

Vers 372 verdankt seine Form einer Korrektur Ritschis; A überliefert verum quamquam multa malaque in me dicta dixistis tarnen-, P sed quamqtiam multa mala quae in me dicta dixistis mihi. Im Archetypus war die Glosse in me neben den ofFensichdich erklärungsbedürftigen Dativ mihi getreten''. In beiden Rezensionen wurde der Vers unabhängig weiter umgeschrieben: P versucht, durch sed für verum das Metrimi notdürftig herzustellen; A ersetzt zur Verdeudichung der Konstruktion des Satzes das überflüssig gewordene mihi durch tarnen. Wahrscheinlich ebenso durch Glossierung unmetrisch geworden ist Pseud. 833 (der Koch prahlt): nam ego cocilendrum quando in patinas irulidi aut cepolendrum aut maccidem aut secaptidem, eaepse sese {patinae} fervefaciunt ilico.

831

Zur asyndetischen Verbindung zweier begrifflich verwandter Substantiva s. Brix-NiemeyerConrad zu Trin. 30z.; zur Beseitigung des Asyndetons durch spätantike Interpolatoren s. P. Fehl, Die interpolierte Recension des Terenztextes, 55 ff., 73 ff. Unsicher ist Poen. 1116 (AP) sed i dtepie evoca {atque del. Pareus); vgl. Maurach z. St. Dieselbe Glossierung auch Pseud. 501, wo A nicht vorhanden ist. Die schlagende Parallele ist Mil. 199 (... consulo... quem doium... conscTvo pAttm... ) id Visum ut ne Visum siet; vgl. Sicker, 231, wo weitere Stellen der Plautusüberlieferung gesammelt sind, an denen ne durch non verdrängt ist. Usener, Kl. Sehr. II, 120 f. erinnert an Donats Erklärung von Ter. Ad. 95 f. haec quam illi, Micio,

dico tibi dico: 'Uli'pro 'in iUum' et 'tibi'pro 'in te'.

3o6

VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

Die hier gedruckte Form hat 833 S. Bugge'^ gegeben, der m. E. zu Recht eaepse sese aus (durch Haplographie entstelltem) eapse se (A) bzw. vereinfachtem eae ipsae sese (P) herstellt" und das das Metrum sprengende patinae als ein aus 831 genommenes erklärendes Glossem getilgt hat'l Ein Indiz ftir das junge Alter der Verderbnis können jene durch Glossierung unmetrisch gewordenen Verse geben, in denen das Eindringsei in A und P an verschiedene Stellen geraten ist oder in einer der beiden Traditionen Echtes verdrängt hat". In diesen Fällen besteht die Möglichkeit, daß die Glosse im Archetypus noch nicht in den Vers integriert, sondern interlinear oder am Rand notiert war. Ein sicherer Fall ist Pseud. 124 (auf die Aufforderung des Pseudolus, auf beiden Augen ruhig zu schlafen, in oculum utmmvis conquiescito, entgegnet Calidorus mit der Frage): oculum arme in aurem? #At hoc pervolgatumst minus.

Die Frage oculum anne in aurem? ist in dieser Form von Bendey hergestellt, P überliefert unmetrisches oculum utrum anne in aurem, A utrum an in aurem,

wohinter sich utrum anne in aurem in der Vorlage von A verbergen mag. Zur Normalisierung der Doppelfrage war im Archetypus utrum über oculum gesetzt'^; in P trat des Glossem neben oculum, in A hat es den ursprünglichen Text verdrängt'7. Von dieser Stelle ßillt Licht auf den unmetrischen Vers Trin. 660 (Lysiteles reagiert auf die Ablehnung seines Angebotes durch Lesbonicus, dessen Schwester auch ohne Mitgift zu heiraten): at operam perire meam sie et te haec (om. A) dicta corde spemere perpeti nequeo

660

Ausgehend vom Text des Ambrosianus wollte Brix durch die Tilgung von sie das Metrum ins Lot bringen; vor dessen Entdeckung hatten Camerarius corde, Bothe dicta getilgt, Hermann am Versanfang zu at meam sie perire operam Beiträge zur textkritik der plautinischen komödien, Philologus 31,1872, 256 f. " Zu eaepse s. Leumann, 471 und (zur Prosodie [ohne Synizese]) Questa, Introduzione, 114; zur Verderbnis in P s. Bugge, 257; zur Verderbnis von eumpse zu eum ipsum im Archetypus s. unten, 310. Zur Interpolation des Subjekts in der Überlieferung des Terenz und der Tragödien Senecas s. Fehl, 30 und 69. Andere Verbesserungsversuche des Verses überzeugen nicht. Guyets ipsae se patinae darf nach dem Hinzukommen des Ambrosianus gar keine Wahrscheinlichkeit mehr beanspruchen; an Bergks eae sepse patinae mißfallt das stark archaisierende Pronomen (vgl. Skutschs Ennius-Kommentar, 64 und Enk zu Plaut. Truc. 160), das an dieser Stelle nicht angemessen ist. " Zu abweichender Wortfolge als Indiz für Interpolation in der Terenzübetlieferung s. Fehl, 32. Zu vergleichbaren Interpolationstendenzen in der Überlieferung des Terenz vgl. Fehl, 72 f. So bereits völlig richug Leo, PF, 11. Zur dtitö xoivoö-Stellung der Präposition vergleicht Leo im App. z. St. Asin. 163 solns soUtudine ego tedatque ab egestate ahstuli-, weitere Belege bei Sicker, 230, Anm. 45.

2. Die Korruptelen des Archetypus

307

umgestellt. Sicker hat sowohl sie wie auch corde mit guten Belegen gegen die Tilgung geschützt und zu Recht mit Bothe dicta als ein aus 655 omnia ego istaec quae tu dixti scio gezogenes Glossem verdächtigt''. Wie in Pseud. 124 ist in P das Glossem neben sein Bezugswort getreten und hat es in A verdrängt''. Aus diesem Grund scheint Bothes Tilgung ökonomischer als Hermanns Umstellung, die gleichfalls einen tadellosen Vers ergibt. In A und P abweichende Wortstellung endarvt des weiteren ein Glossem in Pseud. 189, das unter Verdrängung des Ursprünglichen zumindest in A einen tadellosen Vers hinterlassen hat. Ballio fordert seine Hetäre Hedylium auf, die reichen Getreidehändler auszunehmen, quihus cunctis montes maxumi frumenti acervi sunt domi. quibtts cunctis montes maxumi acervi frumenti sunt domi.

(A) (P)

In diesem Vers steht die unplautinische Glosse acervfi° in Konkurrenz zu metaphorisch gebrauchtem montes, das bei Plautus in der übertragenen Bedeutung .große Menge' häufiger vorkommt als in der Grundbedeutung ,Berg'^'. Zur Herstellung des iambischen Oktonars hat Ritsehl nach der Tilgung von acervi am Versende frumenti sunt (structi) domi geschrieben, wie es entsprechend den in der letzten Anmerkung zusammengestellten Parallelen Sinn und Sprachgebrauch verlangen. Der Verlust des Prädikats erklärt sich indes am plausibelsten mit einem Versende wie zum Beispiel frumenti (exstructfi'^} sunt domi-. In der gemeinsamen Vorlage stand wahrscheinlich acervi als Erläuterung für montes maximifrumentiinterlinear frumenti bzw. exstructi-, die Glosse ist dann in A und II an verschiedener Stelle in den Vers gesetzt worden und hat das Prädikat verdrängt. Schwer zu beurteilen ist *Cas. 778 (Pardalisca spricht über zwei ihrer Mägde): Sicker, 434; zu sie ,so ohne weiteres' vergleicht er Merc. 785 f. necpol ego patiar sie me nuptam tarn mak / rneasque in aedis sie seorta obductarier, zu eorde spemere verweist er auf idiomatisches eorde amare. " Zum Interpolationstyp, der Zufugung des Nomen zu einem dieses vetretenden Pronomen, s. Fehl, 30 ff., 69 f. ^Acervus ist nur noch Gas. 126 (AP) post autem ruri nisi tu acervom ederis überliefert. M. E steht dieser Vers innerhalb des stark überarbeiteten Passus 117-143 in einem sicher unechten Zusammenhang (126-129 delendi!). Ob acervom, das auch den übrigen Komikern fremd ist und an dieser Stelle ohne einen bestimmenden Genitiv sehr bedenklich ist, zudem korrupt ist (man mag an nisi tu ervom {com)ederis denken; andere Versuche in der Appendix zu Schoells editio maior), will ich offenlassen. Vgl. Aul. 701 qui aureos montes colunt, Epid. 84 in te inruont montes mali, Mil. 1065 argenti montes, non massas habet, Most. 3J2 f. maeroris montem maximum ... conspieatus sum. Die letzte Stelle zeigt, daß der Verdacht der Unechtheit in Pseud. 189 nicht auf maxumi ausgedehnt werden darf. ^^Vgl. Men. 100 ff. ipsus escae maxumae / eeriates cenas dat, ita mensas exstruit, / tantas struiees concinnat patinarias, Pseud. 162 tu argentum eluito, exstruito. Bergk versuchte frumenti aggesti sunt domi.

3O8

VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

novi ego illas fambas estricesf: corbitam cibi comesse possunt. Das Metrum erfordert Lomans Korrektur ambestrices, das neben dieser Stelle allein bei Ammianus Marcelinus 29,3,3 belegt ist. Nachdem in 769 von der Zweizahl der Mägde die Rede war, lag es nahe, das von dem gleichfalls sehr seltenen Verb ambedere^^ abgeleitete Substantiv ambestrices in ambas estrices aufzulösen, dabei mit estrices ein ansonsten zwar unbelegtes, aber von edere leicht ableitbares Wort zu akzeptieren. Ob es sich um eine unbewußt vollzogene Veränderung oder um bewußte Glossierung handelt, ist nicht zu entscheiden.

2.2. Weitere absichdiche Eingriffe: Änderungen von nicht Verstandenem, vermeindiche Verbesserungen oberflächlicher Verderbnisse Während in den oben zusammengestellten Fällen die Glossierung bzw. Interpolation an schwierigen Stellen des Plautustextes ansetzte, die durch den Eingriff erklärt bzw. beseitigt werden sollten, der ursprüngliche Sinn also erfaßt und in vereinfachter Form wiedergegeben wurde, werden im folgenden Stellen behandelt, wo der eingreifende Leser den ursprünglichen Text (bisweilen auf Grund einer trivialen Korruptel) nicht mehr verstanden und auf Kosten des ursprünglichen Gedankens umgeschrieben hat: *Most. 580 reddetume igiturfaenus? # freddetur nuncf (recte reddetume). abi vmrde die Partikel -ne in ihrer affirmativen Bedeutung®'^ nicht mehr erkannt und in unmetrisches nunc umgewandelt. In Poen. 876 rectius / ftacitus tibi resistamf (recte tacitas tibi res sistam) quam quod dictum est mutae mulieri wurde durch Haplographie entstelltes res sistam als resistam gefaßt, was die Änderung des bezuglosen tacitas in tacitus nach sich gezogen hat. Ähnlich möchte ich die schwierige Stelle Pseud. 1127 einordnen (Ballio hält Harpax für einen Freier, dem er viel Geld abzunehmen hofft): ... iam admordere hunc mihi luhet. 1125 SiM iamne illum comessurus es? BAL dum recens est fdum daturf, dum calet, devorari decet iam. iirj dum datur dum calet P : dum calet dum datur A | iam vel tarn A: tarn P Wie die umgebenden Verse 1126-1130 beweisen, ist 1127 als baccheischer Tetrameter zu messen^'; für den Ausdruck in Cruces ist also ein lambus bzw. ein Insgesamt nur sechs Belege: der erste Plaut. Merc. 239, der letzte Tac. ann. 15,5; vgl. ThLL I, 1836,39 ff Richtig erkläR im MosteUaria-Yjiinmaaai von E. Sonnenschein zu Vers 508; Leo begründet seine (von Lindsay und Ernout zu Unrecht verschmähte) Konjektur in Hermes 18,1888, 574 f. Lindsay und Willcock, die glauben, den A-Text halten zu dür&n, messen 1127 als Verbindung

2. Die Korruptelen des Archetypus

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Spondeus oder Daktylus erforderlich. Gleichzeitig wird man eine Konjektur wie Ussings dum dat nur als Notlösung bezeichnen können, da der Ausdruck aus der von Ballio konsequent durchgehaltenen Speisemetaphorik herausfiele. Abzulehnen ist auch Goetzens blasses, nach 1124 hic homo meus est überflüssiges homo, das die Ausgewogenheit der dum-^iti& empfindlich stört®®. Da kein metrisch und in die Speisemetaphorik passendes Verb gefunden ist, scheint Leos Heilungsversuch bislang der mit Abstand beste: er schreibt dator - .solange er frisch ist, soll er serviert werden; solange er heiß ist, gehört er verschlungen'. Der nicht mehr verstandene Imperativ Futur des Passivs wurde in datur verschrieben und dann durch dum notdürftig in die Konstruktion eingefügt (.solange Geld gegeben wird'); A hat dann nachträglich die dum-^ixue. in eine vernünftigere Ordnung zu bringen versucht. Besser als dator scheint mir jedoch wegen der Satzharmonie und des Reims in diesem gesucht klangvoll gestaltenen Vers die Konjektur darf'T\ Die Korruptel ist dann so zu erklären, daß dum versehentlich nach vorangehendem dum recens wiederholt®' und in einem nächsten Schritt der Infinitiv Passiv dari in datur abgewandelt wurde. Unmetrisch und sinnlos ist Pseud. 880 quin ftu illosf inimicos potius quam amicos vocas? vocas P : tuas vel tuos A

Der prahlende Koch rät Ballio, lieber seine Feinde als Freunde zum Essen einzuladen; dank seiner Kochkünste könne er sich dieser entledigen, ohne daß sie es merken (881 ff.). Der Vorschlag von Lorenz, tuos für das korrupte tu ilbs zu schreiben, wird gestützt durch die weitere Korruptel in A, wo vocas durch tuos verdrängt zu sein scheint. Grund fiir die Interpolation von tu illos war der nicht verstandene prägnante Gebrauch von vocare ,zum Essen einladen'; in der durch die Interpolation erzwungenen Konstruktion von vocare mit dem doppelten Akkusativ schließt illos noch einigermaßen an 878 f an; der folgende Witz des Koches wird freilich völlig unverständlich. Zweimal scheint nach Ausfall der richtigen eine falsche Präposition im Archetypus ergänzt: Epid. 108 captivam ... Idepraeda es mercatus steht nach Ausfall von de (durch Haplographie?®') die falsche Präposition irP° im Archetypus; Studemunds Verbesserung ist durch die bei Leo im Apparat genannten von cretischem Trimeter mit trochaischem Monometer - eine Verbindung, für die Questas .metrorum conspectus' keine einzige Parallele aufweist. ^ Empfohlen auch von Sicker, 233 f., der homo durch dum datur verdrängt sieht, das die beiden plautinischen dum-Säxxt ersetzen sollte. Die asyndetische, auf Reim zielende Struktur der Verse 1126 f. wird auch in *ii28 f. fortgesetzt. Reimende Infinitive um decet gruppiert Plautus auch in Most. 53 f., Poen. 674. Zu dieser im Archetypus mehrfeci bezeugten Form der Korruptel s. unten, 311 f. Zum Korruptelentyp ,Haplographie im Abstand' s. U. Schindel, Ein unidentifizienes „Rhetorik-Exzerpt": der lateinische Theon, Nachr. Ak. Wiss. Gött., I. Phil.-hist. Kl., Nr. 2, 1999, 79Von Duckworth z. St. vergeblich verteidigt; vgl. Sicker, 243.

3IO

VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

Stellen gesichert. Weniger sicher ist der Text des Archetypus in *Trin, 538 si omnia ex me {ex me Kampmann a me A : tnea CD : me B) audiveris festzustellen: Nach dem Ausfidl des fraglos richtigen ex'^^ scheint im Archetypus interlinear a ergänzt gewesen zu sein; zwischen den Zeilen stand es wohl auch noch in P, in dessen Abkömmlingen es entweder übergangen oder an der falschen Stelle eingesetzt wurde. Zweimal scheint qttam in seiner syntaktischen Funktion nicht verstanden worden und in nam abgeändert worden zu sein: Poen. 1049 agedutn huc ostende (seil, tesseram). estparprobe, quam habeo domi hat die Unfähigkeit, aus tesseram in 1047 ein eius zu par zu ergänzen, zu der Textänderung gefuhrt; Truc. 185 ut exspectatus / peregre advenisti, quam, obsecro, cupiebat te era videre! wurde die Funktion von quam (statt geläufigem ut) als äddamativer Partikel neben dem Verb verkannt^^. 2.3. Normalisierung/Modernisierung Stets auf der Schwelle zwischen absichtlicher und unbewußter Abänderung stehen die nicht wenigen Modernisierungen und Normalisierungen der plautinischen Formen^'. Die Stellen sprechen zumeist für sich, und ich brauche nur auszuschreiben: 1. Nomen: Pers. 572 ferream seram atque fanulumf (recte anellunif^. Poen. 878 pericfujlo, Trin. 848 numm{or}um-, umgekehrt Pseud. 584 vostr(or}um. Poen. 365 mea{e} delicia{ep'>\ die Genitivform auf -ai verderbt zu -a-, Poen. 432; verderbt zu -ae\ Merc. 692, Mil. 552, Mil. 1154, Pseud. 98, Stich. 537, Trin. 492; verderbt zu -i\ Epid. 508; verderbt zu -ti\ Poen. 1045; feum ipsumf (recte eumpse) Truc. 114, Truc. 133. 2. Verbum: Trin. 428 ai{e}bas, Poen. 464, Poen. 900 ai{e}bat, Mil. 66 ai{e}bant-, Most. 794 duc{e)\ Trin. 41 even{i}af, Mil. 497 expur{i)gare, Mil. 497 expur{i)ges\ Vgl. Sicker, 242 f. Vgl. Hofmann-Szantyr, J89; zu quam obsecro hat Seyfiert, Philologus 29,1870, 409, dem die Konjektur zu verdanken ist, u. a. Amph. 299 obsecro hercle, quantus et quam validus est! und Gas. 852 opsecro, ut valentulast! verglichen. 73 Diese Fehler werden natürlich nur sichtbar, wenn sie das Metrum verletzen oder wenn Nebenüberlieferung hinzutritt. Die Dunkelziffer ist hier vermutlich besonders hoch; man vergleiche nur die unten, 331 f. individuell für A und P behandelten leichten Eingriffe zur Beseitigung der lambenkürzung. Im Vergleich zu häufigem anulus ist die alternative Diminutivform anellus sehr selten; vgl. ThLL II, insgesamt nur sechs (z.T. textkritisch unsichere) Belege; in der Literatur der Kaiserzeit nur Tert. spec. 2 konjiziert, aber nirgends überliefert. Zur Verdrängung der Diminutiva durch das gewöhnlichere Grundwort individuell in A und P vgl. Sieker, 240 f. 75 Den Singular bezeugt fiir diese Stelle explizit Gell. 19,8,6; Poen. 389 ist der Singular delicia in P richtig überliefert, in A zu deliciae verderbt.

2. Die Korruptelen des Archetypus

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Most. 832 ludificat{ur}\ Bacch. 511, Gas. 540, Pers. 343, Poen. 1169, Trin. 422 opino{r}\ Poen. 902 5ur{ru}ptus. 3. Sonstiges: Most. 1069 astufteh Poen. 1176 iUi{c}\ Stich. 388 post{e)'^S Pseud. 641 {quamsi A : quam P), Trin. 266 qua{m}sP'^\ Pseud. 382 similiter statt simulter. Gas. 683, Poen. 329, Poen. 1289, Pseud. 268, Stich. 1937® ut(i}.

2.4. Mechanische Fehler Dieser numerisch weit größten Gruppe gemeinsamer Verderbnisse hat Lindsay jede überlieferungsgeschichtliche Signifikanz abgesprochen, da Korruptelen dieser Form auch individuell in beiden Überüeferungszweigen in hohem Maße nachweisbar sind und daher an den gemeinsamen Stellen unabhängig entstanden sein können. Dies ist in jedem Einzelfall ohne Zweifel möglich und verhindert sichere Angaben über den unterschiedlichen Grad der trivialen Verderbnis in den einzelnen Stücken. Da jedoch durch die bislang erzielten Ergebnisse ein gemeinsamer Archetypus der beiden Überlieferungszweige bereits gesichert ist, wird man auch einen großen Teil der gemeinsamen trivialen Korruptelen auf den Archetypus selbst zurückfuhren dürfen. Die folgende Zusammenstellung sucht die Fehler zu typologisieren; jede Korruptel ist nur einmal aufgeführt, auch wenn sie unterschiedlichen Fehlertypen zugerechnet werden kann. I. Antizipationsfehler und Perseverationsfehler^': Epid. 568 iube fAcropolistidemf (recte Telestiden?°) hucprodirefiliam anteaedis meam-, Most. 984 is velHerculi conterere quaestum fpotestf (rectepossiet)^^. Poen. 331 et secunda tu {in} secundo salve in pretio. Poen. 922 fero} unipotius intus ero odio. Pseud. 683 stulti haud scimus, frustra ut s{cHmus. Pseud. 1128 f. improbi augent; /poplo strenuo, mi timprobil*^ usui sint. Stich. 292 nam pedibus ire non queo. ergo fnamf (recte iani) revortar. - Weniger sichere Fälle: Gas. 819 vir te vestiat, tu virum {dejspolias, Mil. 699 haec atque fhuiusf (ex 700, recte horum) similia alia damna. Poen. 352 ego fnuncf (ex 351, recte non) te eurem? Poen. Vgl. Leo im App. z. St. ^ Vgl. Brix-Niemeyer-Conrad zu Trin. 266. Vgl. Petersmann z. St. 79 Z u dieser oft wenig beachteten Form der Korruptel s. Leo, PF, 7 mit Anm. i. Sicker, 201 fE, 208 f.; dasselbe Phänomen in der Lukrezüberlieferung dokumentien K. Müller im Apparat zu Lucr. 6,131; in Senecas Tragödien B. Axelson, Korruptelenkult, Lund 1967,26 fF. und Zwierleins ,Kritischer Kommentar' (s. im Index unter .Fehlertypen'). Da zwei Verse später tatsächlich Acropolistis statt Telestis das Haus verläßt, hat der Schreiber Versehendich den fälschen Namen gesetzt, der in 503 g e M e n war. Möglich ist auch, daß der Name in einer ursprünglich vollständigeren Fassung des Szenentitels IV 2 (hinter 569) stand und von dort in 568 antizipiert vmrde. Verderbt unter der Nachwirkung von est in 981 (am Versende!) und 983? Vgl. aber Zwierlein III, 211 mit Anm. 475, der 1128 f. tilgt und improbi beläßt.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

1245 et praedicabo quo modo {vos} (ex 1246, 1247) furta faciatis multa. Poen. 1322 qui{d} tibi lubido est (ex 1320?), Pseud. 132 egreditur fpenitusf (recte intus), periuri caput. Stich. 248 rogare iussit te futf^^ opere maximo ... ut ires. Stich. 311 experiarforesm cubiti fgnf (recte ÄC) pedesplus vakant, Trin. 186 hascine {mep^ propter res maledicas famas ferunt. Trin. 296 nefut colas neve imbuas ingenium. Trin. 509 nam is de fstultitiis meist (sie A, stultitia mea P, recte divitiis meisY^ / soltis superfit praeter vitam relicuos. — Eine weitere Wortinterpolation (ohne sichtbare Ursa^e): Trin. 495 {an} mirum quin tu illo tecum divitiasferas. 2. Aus Buchstabenverdoppelungen hervorgegangene falsche Wörter/Formen: Poen. 669 accur{r}es-, Poen. 885 mortalis sciat AB : mortali sciat C D recte; Stich. 389 ridicul{os}issumos-. Stich. 225 parasito{s} sinam-. Stich. 704 kcti{ci)s, Trin. 530 red{d}it. 3. Wortauslassungen (zum großen Teil Haplographien):®^ Capt. 912 fqtiasi lupus esuriens metui ne in me faceret impetun?T, Gas. 72 et hic fin nostra terra inApuliaf*, Gas. 571 prius et (perjcontarier. Gas. 786 tandem ut veniamus (rus) luci-. Gas. 955 hac dabo protinam (me) etfitgiam, Mil. 602 (consultum) consilium, Mil. 707 mea bona mea (in)'^ morte, Mil. 1162 fiicete {et) laute, Most. 851'° nilpericli est, age {modo), Most. 854 Tranio age, canem istam aforibus{aliquis) abducatface, Most. 962 ei {mihi) occidi, Poen. 691 quia {a)-, Poen. 1189 quasque {e), Poen. 1005 si {ita) esfi^, Pseud. 1327 mecum {i) potatum. Stich. 44 aliter / {in)^'^ nos fiuiant quam aequomst. Stich. 357 {y^) lectos stemite^^, Trin. 757 ei {rei) reperiatur, Trin. 773 gerere {re)m, Truc. 374 {semper) plus pollicere quam ego abs te postulo {a te postulo P : abs te posco aut postulo A; cf. Enk adloc.).

' ' S. oben, 304, Anm. 45. So P; A bietet dafür die metrische Konjektur hasce mihi. ' ' Es liegt ein Echofehler vor: Die richtige Klausel divitiis meis ist unter Einfluß der Klausel stultitia mea (507) im Archetypus zu stultitiis meis verderbt worden; in P wurde der Numerus des falschen Ausdrucks nachträglich normalisiert. Mehrere Wörter sind in Stich. 45 und 243 ausgeMen, wo jeweils zwei Verse in einen unmetrischen verschmolzen sind; unsicher ist Pers. 271; vgl. Woytek z. St. Durch Wortausfäll um einen Fuß zu kurz; E r ^ z u n g unsicher {esuriens (ille) Leo). " Zu Emendationsversuchen s. Leos und MacCarey-Willcocks Apparate z. St. Daß in unentbehrlich ist, zeigt Leo im App. z. St. Statt mit Lindemann bona in morte schreibe ich tona mea in morte wegen des Rhythmus, des Reimes (vgl. im selben Vers didam ... partiarn) und der überhaupt an Wiederholungen reichen Redeweise des Periplectomenus in diesem Passus. Zur Prosodie von mea in (ein longum beziehungsweise Doppelkürze) Gas. 103 tuam in provinciam, Pseud. 575 meo in pectore. Zum Text von A an dieser und der folgenden Stelle vgl. Studemunds Apographum, fol. 337^ Vgl. jetzt Maurach z. St. Vgl. Amph. 184 bene... in mefecemnf, Loc%e s. v. ,in' (I 78z). Weises E r ^ z u n g von vos ist wegen folgendem alii... aUi (3;$ f ) erwünscht; die paläographisch noch näherliegende Ergänzung von vos hinter lectos verbietet wohl die bei Plautus übliche Wortstellung, der bei der Verbindung von vos und Imperativ das Objekt nie voranstellt.

2. Die Korruptelen des Archetypus

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4. Durch (meist haplographiebedingte) Buchstabenauslassungen hervorgerufene falsche Wörter/Formen: Men. 1156 fore (ejquidem die septimi, Mil. 379 fenestra nisi cla{t)rata, Mil. 386 Palaestrioni(s) somnium-, Mil. 482 servitute{m) serviat, Mil 591 festiva{m} mulier operam-, Poen. 455 abi{i} illim, Pseud. 42 li(g}num^^, Pseud. 583 perfidi{i}s, Pseud. 598 quid ARD: qui id C recte, Pseud. 1167 ludo(s} suppositiäum, Pseud. 1050 nequa{m) homo, Rud. 537 me (ejlavisse, Stich. i6j attdi{ti}tavi?^. Stich. 282 eraeque (e}genti. Stich. 312 ma{lum magjnum, Truc. 272 qui{a} accepisti. 5. Vertauschung ähnUcher "Worter und Formen:'® Bacch. 487 ut fopinorf {opera Bücheler fort, recte'^) ilUus inspectandi mi esset maior copia-, Epid. 704 fateor datas (seil, minas tri^ntd) / et e{g}o argento illam me etnisse atnicamfilifidicinam-,Merc. 759 immo hercle tu fistucf (recte istic) ipse-, Mil. 34 auribus / fperaudiendaf (recte peraurienda C) sunt. Mil. 794 sed fhaecquaef (recte ecquae) ancilast illi-, Mil. 1152 fprosenseritf (rectepraesenserit), Most. 599 quoisortem accipere iam lice{bi}t^^\ Pers. 379 scis fnamf (recte iam) tibi quaepraecepi?-, dieselbe Korruptel Stich. 292 ergo fnamf revortar. Poen. 315 immo etiam in media oculo paullum sordest. # cedo sis de{x}teram^^-, Poen. 1225 in ius vos fvolo f (recte vocö^°°)\ Stich. 334 fmihinf {mihi in P, recte meiri) fastidis, propudiose\ Stich. 529 quam dudum in partum venis? / # fhucf (recte hauy°^ longhsume\ Stich. 593 quin tu(m) stans obstrusero aliquid strenue (Wegfäll des w-Kompendium in einer Vorlage des Archetypus?'®^).

Einen von diesem Fehler des Archetypus noch freien Text benutzt Ausonius epist. 20a p. 220,15 Green. Lindsays Konjektur ist gut begründet von Petersmann z. St. Ursache ist zumeist entweder die Ersetzung des endegeneren durch das geläufigere Wort oder ein unmlnelbarer Textzusammenhang, der das tische Wort evoziert. Von Glossierung kann man hingegen nicht sprechen, weil die eingesetzten Worte keinen Sinn ergeben. Eine strenge Trennung dieser von der folgenden Kategorie (Buchstabenvertauschungen) ist nicht immer möglich. Vgl. jetzt Zwierlein IV, Anm. 432. Grund der Korruptel ist wahrscheinlich die geläufige Verbindung ut opinor (11 Belege im Corpus Plautinum). Den Fehler mag die bei Plautus ganz geläufige Verbindung von iam mit dem Futur verursacht haben; im näheren Zusammenhang etwa Most. 587. Die Verbindung licet iam dagegen auch Trin. 32. " Verursacht durch die geläufige Verbindung cedo eUxteram; vgl. Cure. 307, Merc. 149, Poen. 315. 100 Ygj jgj^j Maurach z. St. Den Fehler verursacht hat wohl die geläufige Verbindung vos volo; vgl. Cist. 148, Cure. 148, Mil. 1267, Poen. 1211. Vgl. aber auch zur Majuskelvertauschung von C/L O. Ribbeck, Prolegomena critica ad P. Vergili Maronis opera maiora, Leipzig 1866, 239 und Zwierleins Kritischen Kommentar, 485. Vermudich ist die häufige Verbindung von huc und venire (ungeföhr 60 Belege im Corpus Plautinum) schuld an der Verderbnis, obwohl sowohl y W - wie CA'-Vertauschungen in Majuskelschriften nachzuweisen sind; vgl. Ribbecks Prolegomena Critica, 236 und Zwierleins .Kritischer Kommentar', 483 f. und 486. '°^Vgl. Sicker, 213.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

6. Buchstabenvertauschungen'°': A/U: Trin. 295 flatitantf (recte lutitant). B/D: Poen. 670 fpraesidif (recteprae sibi). ^FV (phonetisch bedingt'"'^): Mil. 1419 fbenisf°^ (recte venis). Stich. 695 tvivimusf (recte bibimus). C/D/G/O/Q: Gas. 964 fsubicitaref (recte subi^tare), Merc. 458 fquidamf (recte quoidam [= cuidam])-, Pers. 173 fquis sive cuisf (recte ovis)-, Pseud. 988,989,991 (jeweils Formen von Polymachaeroplacides statt von Polymachaeroplapdes), Stich. 221 hcos (recte logos). D/T'°®: Trin. 296 ftef (recte de) artibus gratiasfacio. E/I: Mil. 156, Mil. 722, Stich. 191 (jeweils Formen von diffringere ersetzt durch Formen von defringere). F/S: Epid. 455 ffarciasf {Ttcx.e.sarcias). I/L: Bacch. 951 tUlorumf ixectc Iliorum), Poen. 952 fmelffratris AB : meijratris G D recte, Stich. 282 ffnalorumf AR : maiorum GD recte, Trin. 311 fiubetf (recte lubet). NA^: Mil. 721 fcecidissetnef (recte cecidissetve). 7. Falsche Endungen (zumeist Angleichungsfehler): Gas. 625 tanta ifacthf (recte factu) modo mira miris modU / intus vidi-, Epid. 496 ffandumf (eandum P, recte fando) ego istunc numquam audivi ante hunc diem, Men. 212 qme mi adposita in mensalml milvinam suggerant, Men. 263 huic urbi nomen Epidamno inditu(m)st, Men. 573 uti quiquesunt!optimi, fmaximif (recte maxime) morem habent hunc, Mil. 57 (seil, te) virtute et forma et factis finvictissimisf (recte invictissumum)-, Mil. 67 pompam illafm} praeterducerem-, Mil. 254 Vera ut esse credat quae fmentibitt^t {mentibimur, correctum in B)'°7. Mil. 700 damna multa mulierum me wcore prohibent, mihi quae huius similes sermones seraMt. Mil. 740 nihil mepaenitet iam quanto {quantum A) fsumptum f (recte sumptui)fiierimtibi-, Mil. 808 nempe eandem quae dudum constitutast # Fax! abi{s}}°^, Mil. 826 quid vis? # quifdl lubitum est illi condormiscere? Most. 786 unde is ! # quo{d) me miseras, adforo omne impetratum. Most. 1049 senatum fcongerronanf (recte congerronum) convocem. Pers. 330perpetuo fcibop°^ (recte cibus) / ut mihi supersif, Pers. 371 me dignu{m}st dicere, Pers. 581 es{t}ne tu huic amicus?"°-, Pers. 591 tu quidem hercle hämo stultus esft} pueriliter. Poen. 351 si '03 2u vergleichen sind die Listen von Majuskelvertauschungen, die Ribbeck, Prolegomena Critica, 231 iF., Zwierlein, Kritischer Kommentar, 481 iF. (dort auch ein Verzeichnis der neueren Literatur) und M. Marcovich, Alcestis Barcinonensis. Text and Commentary, Leiden 1988, HO fF. zusammengestellt haben. Es gelten hier dieselben Vorbehalte wie die oben, Anm. 96 ausgesprochenen. «04 Vgl. Zwierlein, Kritischer Kommentar, 498. Daß dies die Lesart des Archetypus (oder seiner Quelle) gewesen sein muß, die in A und P unterschiedlich abgeändert wurde, hat Leo, PF, 9 f. sicher nachgewiesen. Zur D/T-Vertauschung im Papyrus der Alestis Barcinonensis s. Marcovichs Ausgabe, iio. Die Verderbnis wurde von Lindsay vergeblich veneidigt; vgl. oben, 148, Anm. 64. Oder stand im Archetypus aheasi Die Buchstabenreste in A können nach Studemund auch als ahes gedeutet werden; zur Verdrängung des Imperativs durch den Konjunktiv s. Fehl, 94 f. Abis wäre dann metrische Konjektur in P. '"'Von Woytek z. St. vergeblich verteidigt. Zu dieser Form der Korruptel - ein als Subjekt ge&ßtes Praedicativum bzw. (so unten Trin. 263) ein Vokativ zieht den Wechsel des Prädikats in die dritte Person nach sich - in der Überlieferung des Terenz und Juvenal vgl. Fehl, 103 f.

2. Die Korruptclen des Archetypus

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sapias, curam hancfacere compendipotesft}. Poen. 853 haudamicefacis, qui cum onere offer{a}s moram"^. Poen. 695 fillumf (rectc illud) possum festivom-, Poen. 1265 nam vostra nutrix fprim^f (prima Bentley'") im cognovit, Pseud. 185 hoc factufmlst Optimum, ut nomine quemque appellem suo\ (vielleicht) Pseud. 306 (mit weiterer Korrupte!): non est iustm (recte usii) quisquam amat^, Pseud. 331 mi etiam currendu(m}stprius-, Pseud. 582 mea industria et malitiafraudulentfifa, Pseud. 671 nam haec (seil, epistula) allata comu copia{e)st, Pseud. 910 tum pol ego interii, homo si ille qbiit, neque hoc opus quod voluihf^^^ hodie efficiam. Pseud. 1000 (seil, epistolarri) imaginefmt obsignatamx Stich. 359 aliipiscisdepurgate, quos piscator attuli{t}. Stich. 444 eum fverberabundum abducantf (recte verberabundi adducant) domi. Trin. 85 lovi ...ex Capitolio, fquodf (recte qut) in columine astat summo, Trin. 263 mille modis Amor ignorandus{t}, Trin. 425 trapezitae milk darchumarum fOlympicumt (recte Olympico). Truc. 317 verum ego illum, quamquam violentust, spero inmutari pote{st}. 8. Falsche Wortfolge"": Vielleicht mit Absicht wurde auf Kosten der Metrik die Wortreihenfolge Poen. 279 quoi rei? # ad fundas viscus ne adhaeresceret geändert, wo in den Handschriften die Subjunktion ne an den Anfang des Antwortsatzes gezogen ist {ne adfundas viscus adheresceret AP); ähnlich liegt der Fall Most. 1043 nam erus me postquam rus misit, futfiliumf (recte filium ut) suom arcesserem. Dagegen sind wohl rein mechanisch verderbt: Men. 201 fhaud herculesf (recte Hercules haud), Merc. 521 fmatura iam inde aetatef / quom scis facere ofßcium tuom {iam inde (a) matura aetate Luchs), Pers. 319 possim in bubile reicere (rectepossim reicere in bubile)-, vielleicht Rud. 763 iam hercle tibi fmessis in orefietf mergispugneis (fiet in ore messis Sonnenschein"'); Stich. 474 fhercle mef (recte me hercle). 9. Mechanische Verswiederholungen und -Versetzungen"^: Merc. 842 f., die beiden ersten Verse, mit denen Eutychus V 2 auftritt, erscheinen in A und P bereits hinter 598; sie waren vermutlich in einer Vorlage des Archetypus zu 601 am Rand notiert, wo Eutychus ebenfalls auftritt und die Szene dieselbe Figurenkonstellation (Charinus/Eutychus) aufweist. Spätestens Wahrscheinlich wurde cum als Konjunktion aufgefaßt, das Prädikat aus diesem Grund in den Konjunktiv gesetzt. ' " D i e Konjektur ist freilich nicht ganz sicher; vgl. Sieker, 240, der primulum cognovit me vorschlägt. voluit ego in P ist Sonderfehler; T schreibt in Übereinstinunung mit A allein voluit. Wahrscheinlich zu Unrecht wurde die Wortstellung von den Herausgebern korrigiert in [Plaut.] Pseud. 1305; Zwierlein III, 24. Marx ergänzt stattdessen messis (tuo) in ore. Vgl. Zwierlein I, 42 ff., wo auch Versetzungen au%enommen sind, für die A nicht vorhanden ist. Daß eine Reihe von ihnen auf den Archetypus zurückgeht, ist wahrscheinlich, aber nicht beweisbar. Fälle, wo die Versstörung des Archetypus nicht sicher mechanisch zu erklären ist, sind übergangen; vgl. hierzu Zwierlein I, 43 ff. Zu Poen. 706 ff. vgl. Zwierlein I, 20; zu Trin. 361, 369, 368 vgl. jeweils Leo im Apparat z. St.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

im Archetypus war das Verspaar fälschlich hinter 598 integriert"^. Ebenso wurde zu dem Vers Stich. 282, der eraeque egenti subveni beginnt, der gedanklich ähnliche Vers Stich. 303 eramque ex maerore eximam, benefacta maiorum meum (seil, exaugeam) notiert, dessen zweite Hälfte herufacta maiorum meum dann in 282 hinter subveni eingedrungen ist"®. Wahrscheinlich hat das Eindringsei die ursprüngliche zweite Vershälfte des iambischen Oktonars 282 verdrängt"'. Die Richtigkeit der von Acidalius vorgenommenen Umstellung Stich. 375, 374 wird bewiesen durch die einheitliche Dialogführung 374,376-388 (Pinacium nennt die von Epignomus von der Reise mitgebrachten Kostbarkeiten; Gelasimus reagiert auf sie - von der letzten abgesehen — mit Entzücken) und durch den abschließenden Vers 389 revorram hercle hoc quod converri modo des Gelasimus, der seinem einleitenden hercle vero capiam scopas atque hoc convorram lubens 375 entspricht. Ursache für die Umstellung war das Homoioteleuton lubens 373, 375. Ebenso hat das Homoioteleuton postea Trin. 766, 770 den hinter 770 gehörenden Vers Trin. 767 nach vorn hinter 766 gezogen.

5. Die Provenienz des Archetypus und das Alter seiner Verderbnis Eine Strecke öden Wegs liegt hinter uns. Die Verderbnis des Archetypus wurde in größtmöglicher Vollständigkeit erfaßt. Selbst wenn manches übersehen, manche Korruptel nicht richtig bewertet ist, ergibt sich aus der Zusammenstellung ein deutliches Bild vom Textzustand des Archetypus. Was neben den Glossen, die ihre genaue Entsprechung im Archetypus der Terenzüberlieferung haben, unmittelbar ins Auge fällt, ist das Ausmaß der trivialen Verderbnis, die hohe Zahl an metrisch verderbten oder sinnentstellten Versen, die unter Haplound Dittographien, Antizipations- und Perseverationsfehlern, mechanischen Angleichungen, Wort- und Buchstabenvertauschungen gelitten haben. Der Archetypus ist das Werk eines sorglosen Schreibers bzw. eines Schreibers, der auf nachlässige Vorlagen zurückgegriffen hat. Die hier registrierten Fehlertypen mögen zunächst an mittelalterliche Überlieferungen erinnern, doch auch in antiken Textausgaben sind sie keineswegs unbekannt. Die Verderbnis der Senecaüberlieferung, ihres Archetypus und ihrer beiden antiken Hyparchetypi Vgl. Leo, PF, 12 und Zwierlein 1,19. In 282 ist dann dem Zusammenliang entsprechend meum naclitiäglich zu tuom abgeändert worden. " ' S o Leo, PF, II. Petersmann und Questa messen 282 nach der Tilgung des Eindringsels als akatalektischen iambischen Quaternar. Der Sinnzusammenhang erforden tatsächlich keine Ergänzung, doch stört der Quaternar innerhalb der ihn umgegebenden Langverse 274-287, die auch gedanklich eine Einheit bilden. Der katalektische trochäische Quaternar 288 markiert als Kurzvers die Unterbrechung der Monodie des Pinacium durch Gelasimus. Man wird also auch in 282 einen iambischen Oktonar vermuten und erwartet eine weitere an sich selbst gerichtete AufForderung des Gelasimus, seiner besorgten Herrin Hilfe zu bringen.

3- Die Provenienz des Archetypus

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A und E, ordnet sich in dieselben Fehlertypen ein, wie sie oben für die Plautusüberlieferung erstellt sind"°; in dem Bodmer-Codex Menanders aus dem frühen 4. J h . " ' und mehr noch in dem dxeAlcestis Barcinonensis überliefernden Miscellancodex PBarc Inv. Nos. 158-161 aus der 2. Hälfte des 4. Jh.s'" greifen wir mit Händen antike Textausgaben, die mit typologisch gleichen Fehlern übersät sind wie der Archetypus der Plautusüberlieferung. Sämtliche Typen der trivialen Korruptel finden sich auch individuell in A und P wieder"^'; und so wenig man ausschließen darf, daß in den ein oder anderen Fehler beide Rezensionen unabhängig verfallen sein mögen, so sehr muß man umgekehrt angesichts der für A und II feststellbaren Tendenz, ihre Vorlage u. a. auch aus weiteren Quellen zu verbessern'^, stets auch mit der Möglichkeit rechnen, daß manch trivialer Fehler des Archetypus in A oder II verbessert ist, die nur in einer Rezension bewahrte Korruptel demnach den Text des Archetypus wiedergibt. Beide Erscheinungen dürften sich die Waage halten; an dem stark verderbten Textzustand des Archetypus selbst besteht kein Zweifel. Aus den Beobachtungen über das Wesen der Verderbnis des Archetypus ergibt sich unmittelbar, daß Leo ihren Ursprimg falsch erklärt hat'^': Er führt die gemeinsamen Korruptelen auf das im hohen Maß defekte Textmaterial zurück, das sich Probus aus den Provinzen beschafft und in seiner geradezu diplomatisch konservativen Ausgabe zwar mit kritischen Zeichen versehen, sonst aber unemendiert stehen gelassen hat. Aus der Ausgabe des Probus seien die Fehler (und ihre Markierung mit kritischen Zeichen'^^) in die hadrianische Auswahlausgabe gewandert, die er als die letzte gemeinsame Quelle vor der Spaltung der Überlieferung in den Ambrosianus und die Palatini ansetzt. Tatsächlich ist die gemeinsame Verderbnis sehr viel jünger, sie geht auf die mit wenig Sorgfalt, gewiß nicht von einem gelehrten Grammatiker erstellte Codexvorlage der direkten Überlieferung zurück, die kaum vor dem vierten Jahrhundert anzusetzen ist. Allein wegen der Trivialität der Verderbnis hat bereits Pasquali den Archetypus gegenüber Leos Ansatz ins dritte Jahrhundert Vgl. die Er&ssung der Senecaverderbnis im Index von Zwierieins Kritischem Kommentar s. v. .Fehlertypen', 504 flf. S. C . Austins .Index mendorum et notabilium variorum' in seiner Ausgabe von Aspis und Samia, 60 flF. Zur Fehlertypologie s. den .Index of scribal errors' in der Ausgabe von M. Marcovich, Leiden 1988,110 ff., der seinen Wen troa der in vielem fragwürdigen Textgestaltung durch Marcovich nicht verliert. Vgl. W. M. Lindsay, An Introduction to Latin Textual Emendation Based on the Text of Plautus. London \%^(,,passim. Vgl. unten, 3i9-339'^5Vgl.PF.i8ff.,49, 51. 54. 59 f. Dies ist aus dem Satz zu schließen, mit dem Leo, PF, 7 seine Zusammenstellung der A und P gemeinsamen Verderbnisse einleitet: „Ich werde dabei alles beiseite lassen, wovon man auch nur vermuten kann, daß es einem gebildeten Leser der Antoninenzeit erträglich gewesen wäre." - Leo vermutet für den Archetypus einen in der Tradition des Probus stehenden Text, in dem die Korruptelen durch kritische Zeichen totgestellt, aber nicht emendiert waren; vgl. PF, 56 £

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

herabdatieren wollen"^; der erst von Questa erschlossene Codex als Archetypus der direkten Plautusüberlieferung bestätigt, daß Pasquali die gemeinsame Verderbnis der Plautusüberlieferung grundsätzlich richtig eingeschätzt hat. Zudem beweisen an Stellen wie Pseud. 627, Poen. 356 und Pseud. 42 die späten Belege für das interpolierte Wort bzw. die richtige Lesung der Sekundärüberlieferung, daß die Fehler erst nach dem Zustandekommen der ,varronischen' Auswahl in den Text eingedrungen sind"®. Naheliegend ist auch die Folgerung, die Pasquali für die Provenienz des Archetypus aus der großen Wirkung zieht, die er als Stammvater der direkten Überlieferung und wohl auch der beiden Plautustexte des Nonius"' trotz seiner trivialen Verderbnis entfalten konnte. Es handelt sich offensichdich um das Exemplar eines umsatzstarken spätantiken Buchhändlers, der seine einmal aus Rollen in den Codex umgeschriebene Ausgabe der 21 ,varronischen' Stücke des Plautus in hoher Stückzahl vervielföltigen und verbreiten ließ''°. Damit ist freilich noch nicht ausgeschlossen, daß manche Fehler des Archetypus tatsächlich aus der ,varronischen' Ausgabe stammen. Die Stellen, aus denen Leo dies durch die Übereinstimmung des Archetypus und der Sekundärüberlieferung im Falschen nachweisen wollte, sind jedoch höchst fragwürdig"''. Pers. I, Poen. 443 und Poen. 1113 ist die Verderbnis nicht gesichert''^; sichere gemeinsame Korruptel in A und P liegt allein in Poen. 1179 vor (Adelphasium beschreibt in anapästischen Quaternaren die Pracht des Venusheiligtums): farabus murrinus, omnis odor,

1179

complebat. haud sordere visust festus dies, Venus, nec tuom fanum. 1179 ut supra A : arabius murrinusque dor (odor D) P : arabus myrrinus odor Charisius p. 157,15 Barwick

Den metrisch korrupten Vers 1179 sucht Leo zu heilen, indem er am Anfang arabus zu aras tus verbessert: arabus wäre dann eine alte Korruptel, die vor dem Zustandekommen des Archetypus bereits in dem von lulius Romanus bzw. seiner Quelle benutzten Plautustext gestanden haben muß. Zu Recht fordert er ein Objekt zu complebat, stößt sich aber ohne Grund an dem Adjektiv arabus, das er für unplautinisch hält. Doch taucht das Adjektiv arabus nicht erst beim älteren Plinius auf, wie Maurach im Komm. z. St. behauptet, Storia della tradizione, 337flF.;seine Überlegungen folgen im wesentlichen denjenigen, nach denen G. Jachmann, Geschichte des Terenztextes, 77flF.den Archetypus der Terenzüberlieferung datiert hat. " ' V g l . oben, 303 (bis) und 313. " ' V g l . unten, 320-329. '3° Z u Pasqualis Vorstellung der „edizione commerciale" s. dessen Storia, 338; Zustimmung bei Questa, Numeri, 51 f. und Tarrant,,Plautus', 305 f. '"PF,i8.Anm.2. Pers. I hat Woytek die Überlieferung verteidigt, sie ist jetzt auch von Questa in seiner Ausgabe der Cantica akzeptiert; Poen. 443 scheint mir der Hiat vor dem schlie&nden Creticus Oedipo legitim (vgl. unten, i^i-ynY, zu Poen. 1113 s. unten, 380.

3- Die Provenienz des Archetypus

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sondern bereits bei Lucilius 586 in der Wendung arabus artemd^^^. Wie gut das Adjektiv paßt, hat jüngst Zwierlein aus Stellen wie Hieokr. 15,114 Suplw 8e Hiipto xp'Joei' diXdßaaTpa und Plaut. Mil. 412 Arabico fiimificem odore n a c h g e w i e s e n ' ' ^ . Gleichzeitig wendet Zwierlein gegen Leos Objekt aras ein, daß in 265 und 319 von nur einem Altar der Venus die Rede war. Faßt man sämdiche Erwägungen zusammen, so liegt folgende Heilung nahe: (aram) drabus, mürrinus, ömnis od6r I compUhat.

Im Archetypus wäre nach dieser Vermutung'" aram durch Haplographie ausgefallen; sonst ist der Vers in A richtig, in P mit weiterer Korruptel überliefert; bei Charisius wird das Zitat aus einer Vorlage verkürzt wiedergegeben, in der der Text noch richtig überliefert war. Ein früher gemeinsamer Fehler läßt sich jedenfalls durch diese Stelle nicht belegen. So bestätigt auch die Sekundärüberlieferung, worauf der bisherige Gang der Überlieferungsgeschichte hingedeutet hat: Der .varronischen' Auswahlausgabe aus hadrianischer oder frühantoninischer Zeit, veranstaltet von einem Gelehrten, der Varros de comoediis Plautinis und wohl auch dessen de actis scaenicis herangezogen hat, lagen gute, seit der (Ende des 2. Jh.s v. Chr. veranstalteten) Erstausgabe durch eine grammatische Tradition geschützte Texte zugrunde; der ursprüngliche Text der Auswahl dürfte kaum schlechter gewesen sein als der der Erstausgabe. Der Archetypus hingegen ist ein Buchhändlerexemplar; in ihm sind Rollen in einen Codex umgeschrieben, die die Benutzerspuren von 150 oder mehr Jahren Plautuslektüre in der Schule und durch Liebhaber mit sich tragen. Der hieraus hervorgehende Text ist vielfältig durch oberflächliche Eingriffe und sorglose Schreibfehler entstellt. Es sind dies störende, gleichwohl harmlose und durch Emendation zu beseitigende Fehler, wie sie in vielen erhaltenen bzw. rekonstruierbaren Textausgaben jener Autoren zu finden sind, die in ähnlichen Kreisen wie Plautus rezipiert worden sind. Damit ist auch klar, daß die ohnehin nicht stark ins Auge fallende Schwankung in der Zahl der mechanischen oder durch Modernisierung verursachten Verderbnisse innerhalb der einzelnen Stücke keine Rückschlüsse zuläßt auf eine unterschiedliche Textgeschichte oder Rezeption vor dem Zustandekommen der ,varronischen' Auswahl aus hadrianischer Zeit''®. Derartige Schwankungen geben bestenfalls einen Hinweis auf den Grad der Verderbnis der dem Archetypus unmittelbar vorangehenden Texte, können aber auch erst auf die individuelle Sorgfalt des bzw. der für den Archetypus verantwortlichen Schreiber zurückgehen. In dieser Hinsicht signifikant ist allein das unterschiedliche Ausmaß der Glossierung innerhalb der einzelnen Stücke. Diese Form der Verderbnis, S. Marxens Komm. z. St. Umstritten ist die Buchzuweisung, aber nicht der Wordaut. Zwierlein I, Aimi. 287. Schwierig ist bei dieser (ebenso wie bei Leos) Textherstellung das Verständnis von omnis in der Bedeutung von Jeglicher weiterer'; vgl. aber Rud. 215 mit Leos Anmerkung im Apparat. Dies gegen entsprechende Andeutungen Leos, PF, 13.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

die der Archetypus der Plautusüberlieferung erneut in enger Übereinstimmung mit der Überlieferung anderer Autoren teilt''^, geht auf bewußte Eingriffe von Lesern zurück; die Häufigkeit ihres Auftretens ist demnach ein Gradmesser fiir die Rezeption eines Stückes. Es fallt auf, daß wir im Psettdoltts sieben bewußte, das Leseverständnis erleichternde Glossen ausfindig machen konnten, dagegen nur drei im Poenulus, in keinem weiterem Stück mehr als zwei. Dies stimmt zu unseren oben bereits für das erste vor- und nachchrisdiche Jahrhundert gemachten Beobachtungen von der bevorzugten Rezeption des Pseudoltis als Schultext"'®; diese scheint auch in der Spätantike fortbestanden und zu einer überdurchschnittlichen Glossierung dieses Stückes gefuhrt zu haben. 4. Die Plautustexte des Nonius und ihr Verhältnis zum Archetypus der direkten Überlitferung Nonius Marcellus, der wohl um 400''' sein zwanzig Bücher umfassendes lexikographisches Werk de compendiosa doctrina verfaßte, ist der einzige spätantike Grammatiker, für den feststeht, daß er in beträchtlichem Umfuig frühlateinische Autoren gelesen und für seine Schrift exzerpiert hat. Seit Lindsays'^° grundl^ender Untersuchung über die Quellenbenutzung des Nonius steht fest, daß die Plautuszitate in der conpendiosa doctrina aus drei Quellen gespeist sind: indirekt durch die Vermitdung grammatischer Schriften und direkt aus zwei verschiedenen Plautusexemplaren, von denen das eine die 21 .varronischen' Stücke umfaßte, das zweite die drei ersten Stücke Amphitruo, Asinaria und Aulularia. Dank der mechanischen Quellenbenutzung des Nonius kann die jeweilige Herkunft eines Plautuszitates mit großer Wahrscheinlichkeit bestimmt werden. Der Umfeng der Zitate ermöglicht es, das Verhältnis der beiden '37 Vgl, Fehl, passim und die oben zusammengestellten Parallelen, '3'Vgl. hierzu oben, 115 f. und 177-179. Zur Datierung des Nonius (um 400) vgl. Verf., Zur Datierung des Nonius Marcellus, Philologus 145,2001,137 ff gegen P. T. Keyser, Late authors in Nonius Marcellus and other evidence of his date, HStClPh 96,1994, 369 ff., der einen Frühansatz (um 200) vertritt, wonach auszuschließen wäre, daß der Text des Nonius aus demselben Archetypus gespeist sein kann wie A und P. Ein in meinem Au6atz nicht berührtes Argument Keysers für die Frühdatierung, die Charakterisierung des Nonius als peripateticus in der Inscriptio der Handschriften (vgl. Keyser, 380 f.), erledigt jetzt der Hinweis auf ThLL X i Fase. X, 1488,58 ff. (mit Lit.). Nonius Marcellus' Dictionary of Republican Latin, Oxford 1901; derselbe hat in dem Aufsatz De Plauti exemplaribus a Nonio Marcello adhibitis, Philologus 63, 1904, 273 ff. die Plautuszitate zusammengestellt, die Nonius seinen beiden Ausgaben entnommen hat. Die neuere Untersuchimg von D. C. White, The method of composition and sources of Nonius Marcellus, Studi Noniani VIII, 1980, m ff. hat Lindsays Ergebnisse im wesendichen bestätigt. Zwar kann nicht ausgeschlossen werden, daß das eine oder andere Plautuszitat, das Lindsay einer grammatischen Quelle zuweist, nicht doch aus seinen Plautusexemplaren stammt und erst durch die Noniusüberlieferung versprengt bzw. von Nonius nachträglich außer der Reihe eingefugt wrurde; aber an der prinzipiellen Richtigkeit der Dreiteilung, die Lindsay fiir die Herkunft der Plautuszitate vorgenommen hat, besteht kein Zweifel.

4- Die Plautustexte des Nonius

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Plautusausgaben des Nonius zu den Trägern der direkten Überlieferung und damit auch zu ihrem Archetypus näher zu bestimmen. 4.1. Nonius' Exemplar der 21 ,varronischen' Stücke Bei dem Exemplar der .varronischen' Stücke, dem Nonius knapp 250 Zitate aus sämtlichen 21 Komödien entnimmt, handelte es sich wahrscheinlich um einen Codex, wie die mechanische Gleichförmigkeit, mit der die Stücke konsequent in ein und derselben Reihenfolge zitiert werden, nahelegt'"*'. Die Stücke sind wie in A und P alphabetisch nach dem ersten Buchstaben angeordnet; die Ordnung im Buchstaben A {Amphitmo, Asinaria, Aulularia) stimmt mit der in P überein, sonst jedoch in keinem weiteren Buchstaben. Daß das .varronische' Exemplar des Nonius sowie A und P letzdich aus einer gemeinsamen Quelle gespeist sind, geht aus den beiden folgenden Bindefehlern'+^ in den anapästischen Oktonaren Pseud. 183 f hervor (Ballio beschimpft seine Hetären):

... improbae, vini modo cupidae estis: eo vos vestros tpanticesque adeof madefactatis, quam ego sim hic siccus. 183 vini Beroaldus : »no A (ut videtur) P Non. 394,35, 500,19 || 184 vestrospanticesque adeo AS : vestrosque adeopantices Non. 394,361 nutdrfactatis Non. 394,36: madrfecistish-. madrfaciti : tnad^actisQXi Der in 183 überlieferte Ablativ statt des von Beroaldus zu Recht hergestellten Genitivs vini ist sprachwidrig"»^; wenn Nonius 500,9 explizit vino Pseud. 183 zitiert, um die Konstruktion von cupidus mit ablativus pro genetivo zu belegen, so bezeugt er hiermit für uns lediglich mit Nachdruck die Korruptel seines Textes, ohne daß seine Feststellung für die Kritik irgendwie verbindlich wäre'"*'. Der Fehler erklärt sich wahrscheinlich als Antizipation der folgenden Endung modo bzw. eo. Schwieriger zu beurteilen ist der Text in 184. Inhaltlich und metrisch sind die konkurrierenden Fassungen der direkten Überlieferung Vgl. Verf., Zur Datierung des Nonius, 148 f. Hinzu kommen die texdo-itisch unsicheren Verse Men. 223 (vgl. Gratwicks Komm. z. St.) und Pers. 169 (vgl. Woyteks Komm. z. St.). Zum Text des Ambrosianus s. Studemunds Apographum im App. z. St. Cupidus wird bei Plautus (vgl. Lodge I 340) wrie in der gesamten Latinität mit dem Genitiv, in der Spätantike vereinzelt mit dem Akkusativ, nii^ends jedoch mit dem Dativ oder Ablativ verbunden; vgl. ThLL IV, 1425,49 fF. Questa verteidigt jetzt die Überlieferung im App. z. St. mit dem Hinvtreis auf ThLL IV 1425,50 f., wo in Wirklichkeit der Pseudolusvers mit Beroaldus' Konjektur vini als B e l ^ für cupidus mit Genitiv aufgeführt und lediglich auf die falsche Überlieferung hingewiesen ist. Es ist dies nicht die einzige Stelle, wo Nonius eine Korruptel seines Textes als B e l ^ fiir eine vermeindiche sprachliche Besonderheit eines Autors anfuhrt, auch ist er nicht der einzige antike Grammatiker, dem derartige Schnitzer unterlaufen; vgl. bei Nonius z. B. noch 210,20 und allgemein E. Hedicke, Zu Nonius, Hermes 57,1922,150 ff.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

und des Nonius, die jetzt Questa aufgenommen hat, gleichwertig; doch scheint die Wortfolge in der von der direkten Überlieferung gegebenen Form natürlicher und der vermudich lediglich durch ein Versehen verursachten Fassung des Nonius überlegen. Entscheidend ist, daß der Text unabhängig von der "Wortfolge nicht in Ordnung ist: vos kontrastiert dem ego in dem adversativen quomSitz', es muß also Subjekt sein und darf nicht durch -que mit dem Objekt pantices zu dem auch inhaldich ganz schiefen Ausdruck vos vestros ... panticesqiie bzw. vestrosque ... pantices verbunden werden'^®. Zur Heilung des Verses darf man an dem Versauftakt vos vestros nicht rütteln; Konjekturen wie Baiers sprachwidriges vos rgstrof*'' panticesque bzw. Ricottilis geradezu wie eine Glosse anmutendes vos ventres panticesque dürfen als schlechter Notbehelf gelten. Man würde sich mit der bereits in der Humanistenhandschrift F vollzogenen Tilgung von -qtie begnügen und ansonsten der direkten Überlieferung folgen, wie es Goetz in der editio maior tut, wäre nicht auch adeo an dieser Stelle unerklärbar'-*' und wegen des erneuten adeo in 185 verdächtig''^'. Alles spricht somit fiir Leos nur zögernd vorgetragene, m. E. schlagende Konjektur eo vos vestros pantices madide madefactatis, für die er auf Pseud. 1297 non vides me ut madide madeam? verweisen kann''". Madide wurde, vielleicht unter Einfluß von 185, zu qu(e) adeo verderbt. Auch wenn Leos Verbesserung nicht letzte Sicherheit beanspruchen kann, ist die gemeinsame Korruptel in jedem Fall durch das falsche -qtie gesichert. Auf einen gemeinsamen Archetypus weisen weiter die Bindefehler zwischen dem Plautustext des Nonius und den Palatini hin, wo der Ambrosianus nicht vorhanden ist: Amph. 187 potiremur (recte poteremur), Asin. 807 quot puras (recte pure) habuerit, Asin. 867 is apud scortum corruptelae e{s)t liberis, Capt. 690 peri(i}t, Mil. 1078 qui{n} milk annorum perpetuo vivont, Poen. 49 fsum (om. B) factusfinitorf (rectefinitorfactussunt),Pseud. 762 ex (mea) sententia. Das genauere Verhältnis zwischen dem Plautustext des Nonius und den beiden Vertretern der direkten Überlieferung hat zuletzt Pasquali zu bestimmen versucht, der das Exemplar des Nonius für unabhängig von dem Archetypus der direkten Überlieferung erachtete'''. Der Text des Nonius und der Archetypus seien beide aus der Auswahlausgabe aus hadrianischer Zeit hervorgegangen und somit stemmatisch gleichwertig. Den erforderlichen Nachweis von Bindefehlern zwischen A und P, von denen der Text des Nonius frei ist, kann Pasquali Verbindungen wie Cure. 628 tamqmm me et genium meum (seil, servo te) oder Trin. 394 sed

hoc me unum comolatur atque animum meum sind nicht vergleichbar. Das Maskulinum statt des Neutrums ist bei Plautus und, soweit ich sehe, auch sonst nirgends belegt. '•''Vgl. Langen, Beiträge, 147. '•»'In 185 nunc adeo hoc factust optumum ist nunc adeo in der gut bezeugten idiomatischen Bedeutung ,jetzt, um der Sache ein Ende zu machen' gebraucht; vgl. Langen, Beiträge, 146. '5° Leos Überlegung vorangegangen war Ussing; vgl. dessen Konmi. z. St. Storia della tradizione e critica del testo, 341-343.

4- Die Plautustexte des Nonius

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jedoch nicht erbringen, da er die Überlieferungslage an den beiden Stellen, die er zum Beweis heranzieht, falsch beurteilt hat: So ist für Pseud. 382 exossabo ego iüum simulter itidem ut murenam coquos. ego iüum simulter Non. 170,21: e. i. similiter A : similiter e. i. P

zwar anzuerkennen, daß Nonius an dieser Stelle die frühlateinische, nur an dieser Stelle belegte Adverbform simultef^^ bewahrt hat, die in der direkten Überlieferung durch die geläufige Form similiter verdrängt ist'". Das Zitat hat Nonius jedoch nicht aus seiner Plautusausgabe''^ sondern aus einer grammatischen Quelle, der ein älterer, uns heute nicht mehr greifbarer Text zugrunde liegt. Dasselbe gilt auch für das (von Pasquali nicht herangezogene) Zitat von Poen. 365 bei Non. 100,20: Gegen falsches deliciae von AP bezeugt Nonius den richtigen Singular delicia-, doch besagt dies nichts für seinen Plautustext, da Nonius seine Bemerkung über den Singular und das Zitat direkt Gell. 19,8,6 entnommen hat'". An der zweiten Stelle, Pseud. 864, ist die Noniusvariante entgegen Pasqualis Einschätzung gegenüber dem Text der direkten Überlieferung sekundär. Der Vers steht, wie Fraenkel und jüngst Zwierlein gezeigt haben''®, in einem verdächtigem Passus, der die 855-860 gegebenen Anweisungen Ballios an seinen Sklaven, auf den vermeintlich klauwütigen Koch Obacht zu geben, fortsetzt - zum einen, um sie zu verdeutlichen, zum anderen, um eine obszöne Schlußpointe anzubringen: quoquo hic spectabit, eo tu spectato simuk si quo hic gradietur, pariter progredimino; manum si protollet, pariter proferto rrMnum. suom si quid sumet, id tu sinito sumere; si nostrum sumet, tu teneto altrinsecus. si iste ibit, ito, stabit, astato simuU si conquiniscet istic, conquiniscito.

860

864 conquiniscito A : conquiniscito simul P : ceveto simul Non. 84,18

Fraenkel, dem sich Pasquali anschließt, hat bestritten, daß die Schlußpointe durch das Verbum conquiniscere (sich niederbeugen), dem er jede obszöne Vgl. als Analogon die von Paul. 77,6 bezeugten Adverbbildungen zu facilis: facul antiqui dicebant etfaculter pro facile. Zur Umstellung in P s. unten, 332. ''^Vgl. Lindsay, Nonius Marcellus' Dictionary, 55: Der Plautusvers ist der einzige Beleg in der Glosse simulter pro similiter, kann also kein Anhängselzitat sein. Die umliegenden Zitate aber schließen aus, daß Nonius an dieser Stelle seinen Plautustext benutzt. '"Aus SeyfFerts Zusammenstellung der wichtigen Abweichungen bei Nonius vom gemeinsamen Text von A und P in JAW 63, 1890, 3 f. sind weiter als für den nonianischen Plautustext irrelevant (da nicht ihm entnonunen) folgende Stellen zu streichen: Pers. 347, Pers. 348, Rud. 533, Stich. 144, Trin. 410. E. Fraenkel, Kl. Beitr., 45ff.tilgt 863 f.; Zwierlein III, 165 fF. streicht zudem noch 861 f.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

Bedeutung abspricht, zum Ausdruck kommen kann, und daher dem von Nonius tradierten ceveto, das die Sache klar macht, den Vorzug gegeben. Conquiniscere ist im Plautuscorpus nur noch Cist. 657 und einmal in der Atellane des Pomponius 171 belegt. Während an der Pomponiusstelle tatsächlich kein obszöner Hintersinn zu spüren ist, wird man ihn Cist. 657 faciundum est puerile officium: conquiniscam adcistulam (der Sklave Lampadio spricht den Vers zu sich selbst, nachdem er das Kästchen mit den Erkennungszeichen entdeckt hat) wegen puerile officium nicht bestreiten dürfen''^. Ganz eindeutig ist die Beleglage für das ebenfalls nur zweimal aus Pomponius nachweisbare Verb obquiniscere, das Nonius 84,14 neben conquiniscere stellt, um beide Verben mit inclinari wiederzugeben: Für Pomp. 148 f. ut nullum civem pedicavi per dolum, / nisi ipsus orans ultra qui oquinisceret mag man einwenden, daß die obszöne Bedeutung sich erst aus dem nahen pedicare ergibt; aber Pomp. 125 f. bleiben durchgehend metaphorisch: ^ j nisi nunc aliquis subito ohviam occurrit mihi, / qui oquiniscat, quo compingam terminum in tutum locurn^^*. Aus der Kaiserzeit ist das conquiniscere und obquiniscere bedeutungsgleiche reflexive inclinare ebenso einschlägig belegt wie das aktivische incurvare (,jemanden zurechtbiegen')''?. Stilistisch ist die durch Nonius vermittelte Variante fraglos unterlegen: Die von Plautus entwickelte, in *863 fortgesetzte Stil- und Gedankenfigur, nach der Zäsur das Prädikat des «-Satzes in der Imperativ-Futurform des gleichen Verbs antithetisch aufzugreifen, wird durch ceveto aufgegeben'®", ohne daß dies - anders als in 861 f. - inhaltlich erforderlich wäre. Dabei geht auch die durch die Gleichheit der Verben gesicherte Gleichheit der Bewegungen verloren'®'. Zudem ist cevere erst kaiserzeitlich belegt; es begegnet erstmals auf einer pompejischen Wandschmiererei, dann bei Persius, Martial und Juvenal'®^. Die Lesart des Nonius scheint somit in jeder Hinsicht sekundär, trägt „ganz das Gepräge einer erläuternden Glosse, die das ambivalente conquiniscito auf den obszönen Nebensinn fesdegen wollte"'®'. Für die Unabhängigkeit des von Nonius benutzten Plautustextes beweist sie nichts'®^. So Zwierlein III, 165; vgl. auch J. N. Adams, Ihe Latin Sexual Vocabulary, London 1980, 163. Fraenkel, 48, Anm. i verweist für seine .harmlose' Deutimg auf antike Abbildimgen in gebückter Haltung spielendet Kinder; in seinem Buch .Plautinisches im Plautus' 42, Aimi. 2 erinnert er zudem an F. Skutschs Nachweis (Kl. Sehr., 388), daß officium bei Plautus nicht nur eine Pflicht, sondern auch eine bloße Tätigkeit bedeuten kann. Aber ein solches puerile officium ist doch wohl das Spielen mit dem Inhalt der Kiste selbst und nicht das Niederbücken zu der Spielzeugkiste. '58 Zu conpingam terminum in tutum locum (= pedicerri) vgl. Adams, 29. Ein vergleichbar derber, in sich nicht weniger schlüssiger metaphorischer Ausdruck ist *Pseud. 1182 gewagt. •59 Vgl. Adams, 191 f. V^. Zwierlein III, 166, Anm. 404. Die Gnmdbedeutung von cevere gibt schol. Fers. 1,87 molles etobscaenos clunium motus significat. Vgl. auch Fraenkel, Kl. Beitr., 45. '«^Vgl.ThLLIII, 982,27 fF. So Zwierlein III, 166, Anm. 404. Vielmehr könnte man umgekehrt von dem in P überlieferten conquiniscito simul auf einen

4- Die Plautustexte des Nonius

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Auch sonstfindeich keine signifikanten Fehler der direkten Überlieferung, von denen der Plautustext des Nonius frei ist. Auf einen solchen deutet am ehesten die Überlieferung in dem bereits oben behandelten Vers Pseud. 184, wo in der zweiten Hälfte Nonius allein das plautinische hapax legomenon madefactatis bewahrt hat'®', das in den beiden Vertretern der direkten Überlieferung durch Formen des geläufigeren Tnadtfacere verdrängt zu sein scheint. Statt maeUfactatis steht in A metrisch korrekt, aber mit falschem Tempus madefecistis-, die Lesart von P ist leider nicht zu rekonstruieren, da seine gleichwertigen Abkömmlinge B und die Vorlage von CD in madefacitis und madefactis gespalten sind. Man kann hieraus für den Archetypus von A und P auf die unmetrische Glosse madefacitis schließen, die in B gewahrt, in CD oberflächlich verderbt und in A metrisch ,verschlimmbessert' worden ist; ebenso gut denkbar ist aber auch, daß die gemeinsame Quelle von A, P und dem nonianischen Plautusexemplar madefactatis las, das in A durch madrfecistis ersetzt, in der Überlieferung von P in das unsinnige madefactis verderbt und von B in das inhaldich richtige, aber metrisch falsche madefacitis verbessert wurde. Hier muß es bei einem mit liquet bleiben. Ansonsten ist der Text des Nonius lediglich von ein paar trivialen Fehlern der direkten Überlieferung frei, wo jeweils anzunehmen ist, daß A und P unabhängig in denselben Fehler verfallen sind oder daß der Fehler der Vorlage in dem Noniusexemplar berichtigt wurde: Mil. 1407 bewahrt Nonius 9,22 die assimilierte Form dispennit^^^ {dispendite AB : distendite CD); Pers. 421 ist wahrscheinlich richtiges lurcho edax^^'^ im Plautusexemplar des Nonius 11,6 als lurco edax, in A als lurche edax, in P als lurchedax überliefert. In vergleichbaren Trivialitäten steht jedoch auch P allein im Richtigen gegen den gemeinsamen Fehler in A und Nonius: Epid. 223 f quid erat induta? an regillam induculam an mendiculam? / # inpluviatam {impluviata A, Non. 548,24), ut istaec faciunt vestimentis nomina-, umgekehrt A allein gegen P und Nonius: Mil. 1322 nam tu quemvispotis esfacere utafluat (fluat P, Non. 305,14) facetii^^^. Interessanter, aber für das Verhältnis der drei Ausgaben letztlich nichts besagend sind die Varianten in lexikalischen Raritäten des Plautustextes. Schon bei der Behandlung der Zitate bei Verrius Flaccus haben wir festgestellt, daß sich die antike Plautusphilologie seit ihren Anfängen mit entlegenen Wörtern befaßt gemeinsamen Archetypus schließen, in dem conquiniscito mit ceveto simul glossien war: A übernimmt den ursprünglichen Text, das Noniusexemplar die Glosse, in P sind beide Fassungen gemischt. Mit vergleichbaren Interlinearglossen wurde oben, 306-308 eine Reihe von Divergenzen in A und P erklärt; mit einer solchen läßt sich auch die Varianz in Pseud. 154 quam terginum hoc meum P : quam hoc terpnum meum Non. 227,18: quam terpnum am ein&chsten erklären: Im Archetypus stand hoc über terginum. Die Sache bleibt für Pseud. 864 freilich unsicher, da simul in P auch mechanisch aus 858 oder 863 übernommen sein kann. '^'Die Bildung madrfactare hat ihre exakten Entsprechungen in den plautinischen Bildungen

callrfactare und frigifactart.

Vgl. Brix-Niemeyer z. St. '«7Vgl.Woytekz.St. Vgl. Brix-Niemeyer z. St. Die gleiche Konstruktion auch Pseud. 191 mit Ablativ ist dagegen bei Plautus nicht belegt.

utfrumentoafluam-, fluere

meu

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

hat und daß aus den lexikographischen und etymologischen Arbeiten Varianten hervorgegangen sind, die entweder über den Archetypus oder vermittelt durch Kommentare und Glossare in die beiden antiken Textausgaben eingeflossen sind, die uns in A und P erhalten sind'^'. Die ursprüngliche Lesart ist somit bisweilen nur in einem Überlieferungszweig erhalten, ohne daß die falschen Varianten der anderen Zweige Signifikanz hätten. So hat Nonius einmal das Ursprüngliche bewahrt in dem von Singulärem strotzenden, wahrscheinlich nachplautinischen Kleiderkatalog Epid. 229-235*7°, der die römischen Etymologen seit den Anfingen beschäftigt hat'^' und den Nonius zweifach, in Buch XrV de genere vestimentorum und in Buch XVII de colore vestimentorum, ausgewertet hat. Epid. 232 subparum aut subnimium, ricam, basilicum aut exoticum ist das bei Non. 540,10 bewahrte subnimium, eine spontane, auf dem Wortspiel nimium — purum beruhende Witzbildung neben als sub-parum aufgelösten supparum^^^, sicher richtig'^J; stattdessen überliefern P subminiam und A subnimniam, wohinter sich der Versuch eines Erklärers verbirgt, das ihm unverständliche subnimium als ein von minium hergeleitetes, auf ricam zu beziehendes Farbadjektiv zu fassen. Umgekehrt überliefert jedoch an zwei Stellen nur P die lexikalische Rarität, wo in A und dem Text des Nonius Glossen aufgenommen sind. Bereits oben behandelt wurde Mil. 1180 id {seil, palliolum) conexum in umero laevo, exfafillato bracchio, wo nur P das ursprüngliche eo^afillato bewahrt hat, im Text des Nonius die, wie das Zeugnis des Paulus 69,25 zeigt, bereits in republikanischer Zeit entstandene Glosse expapillato aufgenommen war, die Nonius in Abhängigkeit von einer älteren grammatisch-glossographischen Tradition erklärt'74. Diese oder die mit vergleichbarer Absicht gemachte Glosse expalliolato war auch im Ambrosianus a u f g e n o m m e n ' 7 5 . Nahezu identisch ist die Überlieferungslage für Trin. 251, wo Lysiteles das Personal der Geliebten nennt, für das der Liebhaber aufkommen muß: vestiplica, unctor, auri custos, flahelliferae, sandaligerulae cantrices, cistellatrices, nuntii, renuntii: raptatores panis etpeni.

Für das erste Wort ist überliefert vestiplice in P, vestispica in A und vestispici bei Non. 12,12 ff., wo die Erklärung vestispici appellabantur vestium custodes servi. Vgl. unten, 329 f. '70 V ^ . Leo im App. z. St. Vgl. die Parallelerklärungen in Varros de lingua Latina und Verrius Flaccus' de significatu verhorum, die Ussing in seinem Konunentar anfiihrc. Zu supparus vgl. Housman, Classical Papers, III, 996 fF. Vgl. Duckworths Komm. z. St.; zur vergleichbaren Neubildungen vgl. Marx zu Rud. 423. Non. 103,3 f- expapillato bracchio, quasi usqueadpapillam renudato-, vgl. Paulus 69,2; expapillato bracchio, exerto: quod cum fit, papilla nudatur. Die Übereinstimmung legt nahe, daß Nonius ein Scholion zur Verfugung stand, in dem die alte Erklärung verarbeitet war; wir haben oben, 2;i-253 wahrscheinlich gemacht, daß dieses aus dem Kommentar des Sisenna statiunt. Zur Stelle vgl. oben, 167.

4- Die Plautustexte des Nonius

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quodfrequenti diligentia vestis inspiciant vorangeht und noch zwei weitere Belege aus Afranius' Vopiscus und Varros Menippea Pappus für vestispica folgen. Die aus der Überlieferung der Palatini gewonnene Variante vestiplicäP^ ermöglicht, 251-253 als ein trochäisches System von zehn Metren zu messen; dagegen verlangt die Variante vestispica eine höchst fragwürdige Interpretation der Verse als ein iambisches System'77. Pür vestiplica spricht weiter die Mil. 695 in verwandtem Zusammenhang von Periplectomenus unter den von ihm zu bezahlenden Gehilfinnen einer Ehefrau genannte plicatrix, die .Kleiderfalterin': der Passus Mil. 695-698 gehört wahrscheinlich dem nachplautinischen Bearbeiter'^S; an die Trinummusstelle hat ihn die Mil. 693 genanntepraecantrix erinnert, aus ihr interpoUert er die .Kleiderfalterin' in den Miles-Zusammenhang, bildet dabei in Analogie zu praecantrix und coniectrix (693) das sonst nur noch einmal inschriftlich belegte plecatrix. Aus den bei Nonius angeführten republikanischen Belegen für vestispica dürfte die Plautusvariante fiir das endegene, vereinzelt inschriftlich, in der Literatur nur Quint, decl. 363 them. und 363,2 bezeugte vestiplicäP'^ hervorgegangen sein; in reiner Form ist sie in A erhalten, bei Nonius wohl unter dem Einfluß des Lemmas zu vestispici verderbt. Der von Nonius benutzte Plautustext enthält somit keine Varianten, die ihn als einen der gemeinsamen Quelle der direkten Überlieferung gleichwertigen Zeugen ausweisen. Vielmehr scheinen alle drei Exemplare aus einer gemeinsamen Quelle, nämlich dem oben behandelten Archetypus, gespeist, sonst aber voneinander unabhängig"®". Jeder der drei Zeugen enthält eine Vielzahl von Fehlern, die durch die Ubereinstimmung der beiden anderen im Richtigen behoben werden'®'. Wenn jeder Zeuge ganz vereinzelt das richtige gegen einen gemeinsamen Fehler der beiden übrigen überliefert, so ist auch dies eine Erscheinung, die uns aus anderen dreigeteilten Überlieferungen vertraut Ein Singular ist zweiMos gefordert; der Plural setzt mit Absicht erst in flabeüiferae ein und dient der Steigerung der Aufzählung; vgl. F. Leo, Vestipica, Mäanges Boissier, Paris 1903, 357. Vgl. Leo, Vestipica, 357. Es ergäbe sich die Abfolge eines scheinbar hyperkatalektischen iambischen Oktonars und eines trochäischen Septenars (nachweisbar etwa Amph. 1067 und Bacch. 971 f.), abgeschlossen von einem iambischen Dimeter. Singulär bei dieser Interpretation wäre, daß der erste iambische Dimeter wegen der langen Schlußsilbe von auri nicht rein wäre. Leos Versuch, neben vestispica eine alte, v u l ^ e Nebenform vestipica anzusetzen, hat in der inschriftlichen Überlieferung keine Stütze; vgl. Fraenkel, Plautinisches im Plautus, 140, Anm. 3. •78Vgl.Zwierlein II, 238 f 179 Vgl. Leo, Vestipica, 355 und OLD s. v. vestispica und vestispicus. ' ' ° S o bereits im wesentlichen Leo, PF, 16, der freilich diese gemeinsame Quelle mit der Auswahlausgabe hadrianischer Zeit identifizierte, nicht mit dem oben erschlossenen spätantiken Archetypus. Da diese Stellen für das Verhältnis der drei Zeugen nichts besagen, sind sie hier nicht weiter behandelt, sondern nur zusammengestellt. Individuelle Fehler in A (gegen P und Nonius): Men. 223, Mil. 397 {dorsum totum : dorsus totus), Pers. 390, Pers. 408, Poen. 500, Pseud. 1300, Stich. 502, Truc. z68; in P (gegen A und Nonius): Gas. 167, Epid. 230, Mil. 397 (gesserit : gesserim), Mil. 835, Mil. 1407, Poen. 855, Pseud. 674, Pseud. 738, Stich. 241, Trin. 1; in Nonius (gegen A und P): Epid. 559, Pers. 304, Poen. 312, Poen. 908, Pseud. 319, Stich. 348, Stich. 366.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

ist: In Anschluß an seinen Nachweis, daß das Stemma von Vegetius' epiP)Tna rei mikaris dreigeteilt ist, hat M. D. Reeve die vereinzelte Übereinstimmung zweier Zeugen im Falschen folgendermaßen erklärt'®^: „Where I follow a single witness against the agreement of the other two, I blame the agreement on coincidential error in these two, successful conjecture in the Single witness or variants in the early stages of transmission." In welchem Maße man gerade in dreigeteilten antiken Überlieferungen mit allen drei Möglichkeiten rechnen muß, zeigen in aller Deutlichkeit die Epigrammata Martials, aus denen der jüngste Herausgeber eine eindrucksvolle Liste von fast hundert Stellen herausgezogen hat, wo jeweils ein Zweig das Richtige gegen den gemeinsamen Fehler der beiden übrigen bewahrt hat'®'.

4 . 2 . N o n i u s ' A u s g a b e v o n Amphitruo, Asinaria u n d

Aulularia

Aus seiner kleinen, nur die A-Stücke umfassenden Ausgabe gibt Nonius rund 175 Zitate. Obwohl in den erhaltenen Teilen des Ambrosianus die A-Stücke nicht enthalten sind, läßt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ausmachen, daß auch diese Ausgabe aus dem gemeinsamen Archetypus stammt. Der Text dieser Ausgabe stimmt mehrfach mit dem der Palatini in Fehlern überein, die typologisch genau den von uns für den Archetypus festgestellten entsprechen: A m p h . 1 7 9 hic qui vema natus est qu{a}eritur,

A s i n . 7 7 volo amari {amori P )

fobsecutum {-tarn c o d d . N o n i i ) f-^^ illius, volo amet mepatrem\ A s i n . 2 4 7 dignos indignos {indignos o m . N o n . ) adire atque experiri fcerturmtf V a h l e n bene) mihi-, A u l . 445 ita me bene amet Lavema, A u l . 562 ma^

fcuriosamf

(ex 248? unumst

(utiy^^ te iam, nisi reddi\

(recte curioneni) nusquam esseullam beluam.

Noch einen Schritt weiter fuhrt eine Variante in dem Vers Asin. 172'®®, den die Palatini im richtigen Wordaut überliefern: par pari datum hostimentumst, opera pro pecunia.

Nonius zitiert diesen Vers zweimal: 3,27 aus dem ,varronischen' Exemplar mit dem Wortlaut par pari hostimentum datum est, opera pro pecunia,

erneut dann 529,2 aus der kleinen Ausgabe mit dem Wordaut'®^: par pari hostimentum datum, opera pro pecunia. M. D. Reeve, Notes on Vegetius, PCPS 44,1998,182 fF.; das Zitat 217. Martialis Epigrammata, ed. D. R. Shackleton Bailey, Stuttgart 1990, VIII ff. Über mehr als eine Variante mag man streiten, aber Lindsays editorischer Grundsatz „when the two best of the trio agree, they should be right" ist nicht länger gültig. Zur Stelle vgl. zuletzt A. Gratwick, Paternal obsequelia: Some passages of Plautus, Nonius and Terence, Hermes 129, 2001, 59 f., der ohseculum konjiziert. Vgl. oben, 145 f. Auf sie hat bereits Lindsay, De Plauti exemplaribus, 274, Anm. 1 hingewiesen. ''7 Zur jeweiligen Herkunft der Zitate vgl. Lindsay, Nonius Marcellus' Dictionary, 11 und 31.

5- Die Varianz der beiden antiken Ausgaben

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In beiden Exemplaren des Nonius ist offensichtlich die Wortstellung wider das Metrum normalisiert, sie sind somit durch einen Bindefehler miteinander verknüpft. Ob die beiden Exemplare des Nonius (vielleicht erst in seiner afrikanischen Heimat angefertigte) Abschriften einer gemeinsamen Vorlage sind oder die kleine Ausgabe direkt aus der vollständigen hervorgegangen ist, muß offenbleiben'®®; wichtig ist allein, daß auch die kleine Ausgabe des Nonius keine Textfassung repräsentiert, die von dem gemeinsamen Archetypus unabhängig ist'®'.

j. Die Varianz der beiden antiken Ausgaben Auf den ersten Blick stärker als die gemeinsame Verderbnis fallt die Varianz ins Auge, die in den beiden antiken Ausgaben, der Vorlage des Ambrosianus und der Quelle der palatinischen Tradition, zu greifen ist. Insbesondere das Schwanken im Versbestand, die Varianten in lexikalischen Raritäten, die bereits durch Verrius Flaccus dokumentiert sind, nicht zuletzt auch die zahlreichen Abweichungen im Wordaut von in beiden Fassungen metrisch korrekt dargebotenen Versen haben dazu verleitet, den Ursprung der beiden Traditionen bis in die republikanische Zeit hinabzurücken''®, ja einen gemeinsamen Archetypus überhaupt zu leugnen und den Text des Ambrosianus aus den Urauffiihrungen, den der Palatini aus den Wiederaufführungen abzuleiten'''. All diese Theorien sind durch den oben nachgewiesenen Archetypus hinfällig: Beiden Rezensionen liegt eine gemeinsame Codexvorlage zugrunde; ihr jeweiliger Ursprung fällt dementsprechend in das vierte, vielleicht erst in das frühe fünfte Jahrhundert''^. In den vorangegangenen Kapiteln haben wir die Voraussetzungen aufgezeigt, unter denen sich die große Varianz der beiden Ausgaben trotz ihres späten Archetypus und ihrer dementsprechend noch späteren Entstehung erklärt: Aus der jeweiligen Benutzung eines Kommentars wie dem des Sisenna, in dem ein durch die ursprüngliche kritische Adnotierung hervorgerufenes Schwanken im Versbestand verzeichnet und die Grammatikertätigkeit der republikanischen Die Auslassung von est in der kleinen Ausgabe besagt für das Verhältnis der beiden Texte nichts; die Varianten in dem ebenMs aus beiden Ausgaben zitierten Vers Aul. 336 sind so oberflächlich, daß sie sämtlich erst der Noniusüberlieferung zugeschrieben werden können. Das (durch den Archetypus in Codexform gesicherte) junge Alter dieser Ausgabe legt nahe, daß es sich bei dieser Quelle des Nonius trotz des geringen Um&ngs eben&Us um einen Codex gehandelt hat. Ein solcher, drei Stücke um&ssender Codex hat seine genaue Entspechung in dem Bodmer-Codex des Menander, der die Stücke Dyscolus und Samia enthielt. So z. B. T. Bergk, Beiträge zur lateinischen Grammatik, 128 ff; B. Baier, De Plauti &bularum recensionibus Ambrosiana et Palatina conunentatio critica, Breslau 1885,117 ff (zusammen&ssendi82f.). ' ' ' Lindsay, Ancient Editions, 35 ff. und 57 ff. Der Codex Ambrosianus aus dem fünften Jahrhundert stellt nicht selbst eine eigene Rezension dar, sondern ist eine in vielem ohne Sorgfeit und Verständnis aus einer Rezension hervorgegangene Abschrift. Zwischen Rezension und Abschrift ist ein gewisser Zeitraum anzusetzen.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

Zeit verarbeitet war, erklären sich die uneinheitliche Bezeugung auch früher Interpolationen aus der Zeit der WiederaufRihrungen ebenso wie die Varianten in lexikalischen Raritäten, die aus den unterschiedlichen Erklärungsund Etymologisierungsversuchen der frühen Grammatiker hervorgegangen sind'95. Die hierdurch hervorgerufene Varianz ist nicht als Indiz für das hohe (republikanische) Alter beider Traditionen zu werten, sondern ist Folge nachträglicher Kontamination. Neben die aus der gelehrten Tradition hervorgegangenen Varianz tritt diejenige, wo in jeweils einer der beiden Traditionen der Text abgeändert ist. Sie ist von Baier''4 in großem Umfang dokumentiert und von Fehl''' zur Erklärung desselben Phänomens in den beiden Überlieferungszweigen des Terenz herangezogen worden. Hier wie dort dienen die Eingriffe zumeist der Glättung, Verdeutlichung, Erleichterung und Modernisierung des ursprünglichen Textes. Die Beseitigung archaischer oder weniger geläufiger Formen, Wörter und Wendungen machen die Hauptmasse spätantiker Texteingriffe aus. Die Herausgeber greifen jedoch vielfach auch in die Syntax ein: Elliptische Wendungen werden ausgefüllt, asyndetische Satzglieder miteinander verbunden. Modus, Person und Tempus der Verben, Numerus und insbesondere Kasus der Nomina normalisiert. Unter solchen Eingriffen hat, wie oben dokumentiert ist, bereits der Archetypus vielfach gelitten; sie gehen in beiden Rezensionen in großem Umfang weiter. Diese in der Spätantike aus vielen Überlieferungen bekannte Form der Textdepravation''^ braucht an dieser Stelle für die Plautusüberlieferung nicht systematisch aufbereitet zu werden, zumal das von Baier zusanunengestellte Material leicht in die von Fehl entwickelten Kategorien eingeordnet werden kann. Wie nahe solche erleichternden Texteingriffe liegen mußten, zeigen besonders deutlich solche Stellen, wo das Interpolament übereinstimmt mit den Erklärungen, die spätantike Kommentare und Glossare für eine archaische oder entlegene Formulierung geben: Vgl. oben, 113 und 164-168. Ebenso gut möglich ist, daß bereits der Archetypus auf Grund eben dieser Tradition Varianten trug und ehemals kritisch gekennzeichnete Verspartien am Rand mit sich schleppte. Mit nachträglicher Kontamination des Archetypus und Sekundärquellen wie Kommentaren und Glossaren rechnet einseitig Leo, PF, 16 ff. und 5z; Randzusätze und Varianten im Archetypus vermuten (oft mit starken Indizien aus der Überliefenmg) an zahlreichen Stellen O. Seyffert, Zur Überlieferungsgeschichte der Komödien des Plautus, BPhW 16, 1896, zjzff. und 283 ff. und Zwierlein I, 15 ff. Beide Einflüsse, die letztlich auf dasselbe hinauslaufen, können auch zusammen eingewirkt haben. '94 De Plauti fabularum recensionibus Ambrosiana et Palatina commentatio critica, Breslau 1885. Die interpolierte Recension des Terenztextes, Diss. Köln passim, v. a. 63 ff. Neben der Arbeit von Fehl zu Terenz sind insbesondere zu nennen: zu Martial W. Schmid, Spätantike Textdepravationen, Ausgewählte philologische Schriften, Berlin/New York 1984, 400 ff., zu Juvenal U. Knoche, Handschriftliche Grundlagen des Juvenaltextes, Philologus Suppl. 33,1, 1940, 194 ff. und 317 f. sowie G. Jachmann, Textgeschichdiche Studien, hrsg. v. C. Gnilka, Königstein im Taunus 1982, 746 ff., zu Seneca O. Zwierlein, Prolegomena zu einer kritischen Ausgabe der Tragödien Senecas, Wiesbaden 1983.

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- Ter. Andr. 55 quodplerique omnes faciunt adulescentuli kommentiert Donat plerique omnes: dpxaia[iö(; est. mm errat qui 'plerique' TtapeXxov intellegit... hoc enim pro una parte orationis dixerunt veteres ... Trin. 29 schreiben die Herausgeber zu Recht ita plerique omnes iam sunt intermortui-, der Ambrosianus überliefert dagegen plerique homines, die Palatiniplerumque omne^^'^. - In den spätantiken Glossaren wird orare vielfach durch rogare wiedergegeben'9', umgekehrt rogare nie durch orare. Zudem gibt Arusianus Messius § 400 della Casa orare te als Entsprechung für die auf das Frühlateinische beschränkte Konstruktion orare tecum an. Pers. 321 ist der Versschluß quod mecum dudum orasti (A) in P umgeschrieben zu quod me dudum rogasti-, umgekehrt ist Most. 682 der in P richtig erhaltene Versanfang bonum aequomque oras in A umgeschrieben zu bonum aequomque rogas. Bereits oben haben wir gezeigt, daß im Archetypus Stich. 248 orare durch rogare verdrängt war'?'. Daß dieses erleichternd-modernisierende Umschreiben der Überlieferung in beiden Rezensionen die Metrik der Verse an vielen Stellen nicht aus dem Lot gebracht hat^°°, darf trotz des späten Zeitpunktes, für den wir diese Eingriffe ansetzen, nicht verwundern, nachdem oben nachgewiesen worden ist, wie gut Ausonius und der Akrostichadichter die plautinische Metrik beherrschen. Zudem leitete, wie wir oben gesehen haben, der Plautuskommentar des Sisenna - anders als etwa der Terenzkommentar des Donat - den Leser zu einer metrischen Interpretation der Sprechverse an, so daß es (offenbar im Gegensatz zur Terenzüberlieferung^°0 in beiden Rezensionen, vor allem im Ambrosianus, nicht an Versuchen fehlt, metrisch schwierige Verse (an Stellen, wo der Kommentar vielleicht schwieg oder Unklarheit bekundete) in vereinfachter Form zu geben^°^. Ein besonders bezeichnendes Beispiel für die vielfältigen Gesichtpunkte, unter denen die Umformung eines Verses vorgenommen wird, liefert der Ambrosianus in Trin. 328: bhie volo igo illifäcere, si tu nön nevis. # nemp(e) de tuo? bäie volo Ülifdcere, nisi tu nön vis. # nimpe di tuo?

(P) (A)

Der Redaktor beseitigt die lambenkürzung eg(o) ill- sowie die ihm nicht mehr bekannte, in nempe bei Plautus jedoch obligatorische^®' Apokope des '97 Das Beispiel nach Fehl, 129 f. '9' Gloss. IV 133,45, rV 265,37, IV 418,13. Vgl. oben, 304. 200 ^ j f scheint beispielsweise durchaus denkbar, daß der Redaktor des Ambrosianus Most. 682 bon(um) aequömque rdgas gemessen hat, ebenso wie der Akrostichadichter arg. Pers. 4 subomdta am An&ng des Senats schreibt. Vereinfechung der Metrik ist bei Fehl nicht als ein Motiv für TexteingrifFe in die Terenzüberlieferung behandelt. Beispiele aus beiden Traditionen bei Baier, 18 fF. und 73 ff. Nachgewiesen von F. Skutsch, Plautinisches und Romanisches. Studien zur Plautinischen Prosodie, Leipzig 1892, 30 ff.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

auslautenden -e-, zudem ersetzt er archaisches nevis durch das regelmäßige non vis. Umgekehrt ist in der palatinischen Rezension Pseud. 382 exossdbo ego illüm similiter^* itidem ut murenam coquos. am Anfang umgestellt zu exossabo similiter eg(o) illum, um die Kürzung der ersten Silbe von illum zu vermeiden. Darüber hinausgehend greift der Redaktor des Ambrosianus auch freier in das Metrum ein: In i e iambischen Senare Truc. 246-250 sind durch einen Bühnenbearbeiter zwei fragwürdige baccheischen Quaternare 248 £ eingeschwärzt^°'; zudem fand der Redaktor des Ambrosianus in seiner Vorlage in Vers 246 wahrscheinlich agrestis mit rusticus glossiert: beides hat ihn offensichtlich dazu bewogen, den gesamten Passus in trochäische Septenare umzuschreiben^°®. Ebenso hat er Epid. 164 f., die Schlußverse der in trochäischen Septenaren gefaßten Szene 104-165, in iambische Oktonare umgeformt^°7. Derart weitgehende Eingriffe dürfen für einen Redaktor des späten vierten oder frühen fünften Jahrhunderts nur auf den ersten Blick verblüffen. An der erforderlicher Verskompetenz besteht kein Zweifel, die Eingriffe selbst haben ihre schlagende Parallele in den metrischen Umgestaltungen, die kurz vor 400 der e-Redaktor in den Tragödien Senecas vornimmt, wenn er z. B. die daktylischen Tetrameter Herc. 0.1944 ff. in anapästische Dimeter umformt^®®. Die Fähigkeit beider Herausgeber, ihren Ersatzfessungen eine metrisch korrekte Form zu geben, hat Gelehrte wie Baier und vor allem Lindsay dazu veranlaßt, für zahlreiche Varianten Schauspieler aus der Zeit der Wiederaufführungen verantwordich zu machen^®'; gerade im Anschluß an Lindsay hält sich bis heute vielfech die Annahme von frühen „Schauspielervarianten""°, ohne daß freilich eine Erklärung dafür gesucht wird, auf welchem Weg Varianten des zweiten Richtig bei Nonius simulter, die Glosse similiter gehön bereits dem Archetypus: vgl. oben, 323. Zu dieser einhellig anerkannten Interpolation s. Enks Komm. z. St. loSygj juleßt Questas Apparat z. St. ^ Zur Überlieferungslage vgl. Lindsay, Ancient Editions, 40; bei der Beurteilung der beiden Fassungen hat G. Jachmann, Zur aldateinischen Prosodie, Glotta 7,1916,42, Anm. i den Text des Ambrosianus zu Recht als „konsequente, trivialisierende Interpolation" bezeichnet. In der ursprünglichen Fassung der Palatini spricht Epidicus 164 - theatralisch wirkungsvoll - zu sich selbst in der zweiten Person; im Ambrosianus sind die Verben normalisierend in die erste Person gesetzt. Nachträgliche Normalisierung der Person begegnet auch in der Terenzüberlieferung; vgl. Fehl, 102 fF. Duckworths Einwände gegen den P-Text sind haidos; in 163 ist, wenn man 164 f. nicht doch mit Weise zu tilgen hat, statt mihi (sie A : om. P) vielleicht tibi zu schreiben. Zum Wechsel des Versmaßes hat ihn vielleicht der Schluß des nachfolgenden Canticums 166-195 bewegt, wo Epidicus erneut zu sich selbst spricht: zuerst in trochäischen Septenaren (192 £), die beiden Schlußverse 194 f. jedoch in iambischen Oktonaren. 208 Ygj Zwierlein, Prolegomena zu einer kritischen Ausgabe der Tragödien Senecas, 25 zu Umformungen des Metrums und 38 zur Datierung von e. Baier, De Plauti läbulanmi recensionibus, 117 ff; Lindsay, Ancient Editions, 57 ff Schauspielervarianten vermuten z. B. Pasquali, Storia, 342 in Pers. 347, Petersmann in Stich. 632, 633, Woytek in Pers. 597; vgl. zuletzt Jocelyn, Gnomon 65,1993,126.

5- Die Varianz der beiden antiken Ausgaben

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vorchristlichen Jahrhunderts in Handschriften des fünften nachchristlichen Jahrhunderts gelangt sein können. Viele der von Lindsay für den .Revival Text' in Anspruch genommenen Wort- und Ausdrucksänderungen erklären sich dagegen unmittelbar als erleichternde Eingriffe eines spätantiken Herausgebers, der metrisch gut genug geschult war, das Versmaß zu wahren: - Bacch. 519 quam si ad sepulcrum mortuo narres logos

(A)

ist der Versschluß in P zu dicat iocos umgeschrieben"'. Logos in der Bedeutung .(alberne) Geschichte' ist nicht nur Plautus, sondern auch noch Terenz und dem 103 V. Chr. verstorbenen Turpilius (frg. 11) geläufig - kein Bühnenbearbeiter des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts hat ein Motiv, das Wort durch iocos zu ersetzen"^. Dagegen sind im Zuge spätantiker Texterleichterung beispielsweise auch bei Martial die aus dem Griechischen stammenden Wörter nympha (6,43,2) und laena (14,126,2) in jeweils einem der spätantiken Hyparchetypi durch unda und togula ersetzt^''. - *Pseud. 315 ist die richtige A-Fassung d{ meliöra fäxint. #fdce quod ti rogdmus, Bdllio

in P umgeschrieben zu di melius facidnt. #fac höc qmd ti rogdmus, Bdllio.

Lindsay merkt an: „Faciant might be a gloss ... but not here, for the metre is consulted in the variant." Doch auch hier greifen wir mit Händen spätantike, nicht republikanische Textdepravation: Archaisches (aber noch von Accius und Afranius verwendetes) faxint ist durch faciant ersetzt, die Imperativform face ist normalisiert, das Metrum durch die äußerst triviale Interpolation von hoc gerettet"'^. Nicht immer lassen sich die Motive für die redaktionellen Eingriffe so klar fassen wie an den bislang behandelten Stellen. So wurden noch in jüngerer Zeit, vielfach in Anschluß an Lindsay, an einer Reihe von Stellen wegen der vermeintlichen Gleichwertigkeit der alternativen Fassungen Eingriffe aus frühester Zeit durch Schauspieler vermutet. Keine der angeführten Stellen ist jedoch beweiskräftig: "'Auch die Peisonenänderung dürfte in P im Zuge nachträglicher Normalisierung erfolgt sein; vgl. Leos Apparat z. St. Auf den prosaischen Ausdruck dicat iocos (vgl. Gell. 4,10,4) brachte ihn die bei Plautus achtmal belegte Wendung dicen per iocum. ^•'Vgl. Schmid, Spätantike Textdepravationen, 426. Zu der nämlichen Erscheinung in der Juvenalüberlieferung s. Jachmann, Textgesch. St., 787 fiF. "4 Die Varianten in diesem Vers hat Zwierlein III, 110 f. geklärt; zur Interpolation des Pronomens vgl. auch Fehl, 53 ff.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

- Pers. 347 f. geben A und P in der folgenden, richtigen Form nam adpaupertatem si admigrant infamiae, gravior paupertasfit,fidessublestior, die auch von Festus 378,4 bestätigt wird, wo die beiden Verse in der Glosse [sublesta antiquji dicebant infir[ma et tenuiä''^^] zitiert sind; allein das sehr seltene admigrant^^^ ist in das geläufige immigrant verschrieben. Eben diese beiden Verse zitiert auch Nonius 177,8 fF. aus einer grammatischen Quelle in der Glosse sublestum estleve,fnvolum\ jedoch in folgender Fassung: nam ubi adpaupertatem accessit infamia, paupertas graviorfit,fidessublestior. Pasqualis Deutung, daß die Noniusvariante in 347 (die in 348 läßt er unberücksichtigt) „non puö essere Variante recente, inventata per la lettura", der Vers vielmehr „sorto sul palcoscenico" sei, „quando admigrant in questo senso cominciö a parere strano""^, ist schon deshalb ganz unwahrscheinlich, weil der Vers aus einer grammatischen Quelle des Nonius stammt"^, die - wie das gemeinsame Lemma nahelegt - letztlich auf Verrius Flaccus oder Festus zurückgeht. Den Ersatz des typisch plautinischen, bildhaft starken Ausdrucks admigrant infiimiae^^^ durch accessit infamia (der Tempuswechsel hat den Ersatz von si durch ubi nach sich gezogen) erwartet man nicht von einem Bühnenbearbeiter, der gerade an diese Elemente des plautinischen Stils anschließt und in seinen eigenen Verszusätzen eine oftmals kühnere Metaphorik wagt"°; vielmehr paßt sie zu einem um Verständniserleichterung bemühten Grammatiker"', zumal diesen in dem Zitat allein die Bedeutung des Adjektivs sublesta interessiert. Auf einen Grammatiker deuten auch die Wahl des Singulars infitmia statt des seltenen Plurals"^ und die Normalisierung der Wortstellung in 348. Das vereinfachende Umschreiben ist hier so systematisch betrieben, daß man die v^bweichungen kaum einem Gedächtnisfehler bzw. einer Zitierungenauigkeit zuschreiben sollte; der umarbeitende Grammatiker wollte dem Leser den Weg zum eigendichen Ziel, dem Schlußwort sublestior, so leicht wie möglich machen. Daß der Vers 347 tadellos ist, mit der Form accessit sogar einen prosodischen Archaismus aufweist, mag ein ganz unbeabsichtigter Zufall sein"'. Die Er^zungen größtenteils nach Paulus 379,2 sublesta infirma et tenuia. "«Vgl.Woytekz.St. Storia delia tradizione, 342. " ' V g l . Lindsay, Nonius Marcellus' Dictionary, 56. Vergleichbar ist etwa das Bild von dem im Laufschritt (mit weit auseinander gestreckten Füßen) in die Luft au&teigenden Rauch Pseud. 841 (F. Vgl. z. B. Zwierlein III, 105; IV, 135. " ' Z u r Beseitigung bildhaft-metaphorischer Ausdrucksweise in der Martialüberlieferung vgl. W. Schmid, Spätantike Textdepravationen, 423, 433 f. Schön gerechtfertigt von Woytek z. St. Zu weiteren, teilweise metrisch korrekten, Versen mit starken Abweichungen, die Nonius seinen grammatischen Quellen verdankt, s. Lindsay, Ancient Editions, 25 f.

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- Zu der Varianz in Stich. 631 lamne abierunt? Gelasime, vide, nunc consilio caro opust. lamne abiisti? Gelasime vide quid es capturus consili.

(A) (P)

fragt Lindsay: „Which is right? And what could be the motive of the change? Or are both Plautine?" Diese Einschätzung macht sich Petersmann im Kommentar z. St. zu eigen; "Wbytek (zu Pers. 597) rechnet zwar nicht mit einer Autorenvariante, aber doch mit einer Schauspielervariante. Zunächst ist sicher, daß am Versanfang P mit iamne abiisti das Ursprüngliche bewahrt hat: In der zweiten Person ist die Frage des verzweifelten, um sein Essen geprellten Parasiten noch an den ihn im Stich lassenden Epignomus gerichtet, dem Gelasimus hinterherruft^^. Sie ist somit fraglos lebhafter formuliert als in der dritten Person, wodurch Gelasimus die Frage an sich selbst bzw. an das Publikum richten würde. Zudem wäre bei einer Formulierung in der dritten Person Plural, die nicht nur den eben abgegangenen Epignomus, sondern auch dessen Bruder Pamphilippus, der bereits nach 623 die Bühne verlassen hatte, einschließt, ein beide Personen aufgreifendes Demonstrativpronomen zu erwarten"'. Die Variante abierunt verdeutlicht auf der Textebene explizit, daß Gelasimus allein auf der Bühne ist; denn allein aus dem Text ging durch den letzten Satz des Pamphilippus 623 deos salutabo modo.posteadte (seil. Epignomuni) continuo transeo nur indirekt hervor, daß dieser hierauf in sein Haus geht. Einer solchen Verdeudichung bedarf kein Zuschauer im Theater, der Pamphilippus hat abgehen sehen, wohl aber ein Leser, der sich das Bühnengeschehen aus dem Text vor seinem geistigen Auge rekonstruieren muß. Damit ist die Provenienz der Variante geklärt"®. Auch in der zweiten Vershälfte bewahrt P mit quid es capturus consili das Ursprüngliche, an das allein im folgenden Vers egone? tune anschließt. Möglicherweise hat sich der A-Redaktor an der lambenkürzung quid es gestoßen, sicher aber — und dies ist wohl der eigendiche Grund für den Eingriff — an der Formulierung des indirekten Fragesatzes im Indikativ. Normalisierende Modusänderungen in indirekten Fragesätzen begegnen in der Terenz- und ^^ Ebenso ruft Truc. 634 der Soldat Stratophanes der Hetäre Phronesium, die ihm um eines anderen Liebhabers willen die Gunst verwehrt und vor ihrer Tür stehen läßt, iarrnie abiisti hinterher. Vgl. Men. 876 iamne isti abierunt?, womit die Ehefrau, die 853 abgegangen war, und ihr Vater, der nach 875 die Bühne verlassen hat, bezeichnet sind. Aus der Stelle geht hervor, daß Leos Argument g^en iamne abierunt im App. zu Stich. 631 („Pamphilippus iam abierat v. 623") nicht entscheidend ist. Auch im Singular bezeichnet Plautus bei entsprechenden Fragen in der dritten Person diese namendich oder durch ein Demonstrativpronomen: Gas. 794 iamne abiit illaec? Men. 333 iamne abiit (illic)? Merc. 791 iamne abiit Syra? Die einzige Ausnahme ist Men. 550, wo immerhin ein Adverb steht und (dies ist singulär) die Frage zudem beantwortet wird: iamne abiit intro? abiit, operuitßnts. Ein weiterer Grund, die zweite Person zugunsten der dritten zu verdrängen, ist vielleicht darin zu sehen, daß abiisti an Epignomus gerichtet ist, sämdiche folgende Äußerungen des Gelasimus in der zweiten Person dagegen an die eigene Person. Erneut ist der Wechsel für den Zuschauer sofort klar, der Leser freilich muß genau mitdenken.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

Plautusüberlieferung r e g e l m ä ß i g " ^ ; eben einen solchen Moduswechsel im indirekten Fragesatz ninmit der A-Redaktor erneut zwei Verse später in 633 vor: vidm, henignitates hominum utperiere etprothymiae?,

WO Statt periere in A perierint steht. Da der Redaktor in 631 aus metrischen Gründen es nicht durch sis ersetzen wollte"®, formuliert er (vielleicht in Erinnerung an Pseud. 601 novo consilio nunc mihi opus est) den Versschluß um zu nunc consilio caro opust. Erneut ist spätantike Textdepravation mit Händen zu greifen. - Zur Varianz in Merc. 251 ego enim lugere atqtie ahductam illam aegre pati ego enim lugere atqtie illam ahductam conqueri

(A) (P)

bemerkt Lindsay (60): „The reason for the discrepancy is not obvious, unless it be the mere result of a transposition of ahductam and illam in a stage-copy or elsewhere"; auch Woytek (zu Pers. 597) fuhrt die Variante auf eine Schauspielerinterpolation zurück. Vergleicht man beide Fassungen, so ist die im Ambrosianus vorliegende Konstruktion schwieriger: sie verlangt, zu ahductam die Kopula esse zu ergänzen. Eben diese ist in der Terenz- und Plautusüberlieferung häufig, vielfach auch gegen das Metrum, in den Text i n t e r p o l i e r t " ? . Der P-Redaktor wahrt dagegen das Metrum, indem er aep'e pati durch conqueri ersetzt, so daß illam ahductam-, zumal in dieser normalisierten "Wonstellung, als direktes Objekt zu lugere und conqueri konstruiert werden kann. Gleichzeitig meidet er die in der Spätantike offenbar nur ganz vereinzelt gebrauchte Verbindung aegre patP^^ und läßt seinen Vers mit einem cretischen Wort enden, wie dies die spätantiken Senardichter deutlich häufiger tun als Plautus selbst^''. — A m schwierigsten zu beurteilen ist die Varianz in Pers. 597 ne fernere hanc te emisse dicas me impulsore aut inlice ne temere hanc te emisse dicas stiasu atque impulsu meo

(A) (P)

Erneut fragt Lindsay (62): „Which is Plautus' Version? If the play was twice performed in his lifetime, both may be his"; erneut rechnet Woytek mit einer Schauspielerinterpolation. Sowohl für die Konstruktion mit dem Ablativus absolutus als auch für die mit dem kausal gefärbten Instrumentalis lassen S.Fehl, 86 fr. In 633 maß er wahrscheinlich die zweite Silbe von prothymiae kurz. Prudentius gestattet sich entsprechende Freiheiten nicht selten; vgl. demnächst S. Döpp, HLL VI, am Ende des Prudentius-Artikels im Abschnitt C 5 (mit Lit.). Vgl. Fehl, 26. ^'"ihLL I, 943,80 fF. und X 1, 727,10 fF. weisen aegre pati nach Tacitus nur noch einmal bei Sulpicius Severus nach. Im Ludus endet rund jeder 3. Vers mit cretischem Won, in den Akrosticha beträgt der Anteil rund 55 %; in den zufaUig ausgewählten Senaten Pseud. 1-132 (dialogisch) und Truc. 22-94 (monologisch) nur rund v j %.

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sich aus Plautxis einschlägige Parallelen anfuhren^'^. Für die Ursprünglichkeit der P-Variante spricht meines Erachtens die raffinierte Stichworttechnik^" des Passus: Toxilus redet dem leno Dordalus eindringlich zu, das Mädchen, das der vermeintliche Perser Sagaristio verkaufen möchte, selbst zu prüfen: Tox quo genere aut qua in patria nata sit aut quibus parentibus, ne fernere hanc te emisse dicas suasuatquejmpulm_r^^ volo tepercontari. DOR quin laude, inquam, consilium tuom. Tox nisi molestum est, percontari hanc paucis hic volt. SAG maxime, i^oarbitratu.

596

Die Worte suo arbitratu des Sagaristio sind ein bewußtes, kaum von zweiter Hand in den Text gebrachtes Echo auf stiasu atque impulsu meo. Grund fiir den Ersatz des Ausdrucks suasu atque impulsu meo war wohl kein grammatikalischer (beide Konstruktionen sind in der Latinität durchgehend nachweisbar), sondern ein lexikalischer. Das Substantiv suasus ist in der gesamten lateinischen Literatur selten; Plautus hat es nur an dieser Stelle^'^ einmal Terenz in Phorm. 730, dann erst wieder ganz vereinzelt die nachklassische Prosa (Apuleius, Tertullian, Ulpian)^". Das suasu entsprechende Substantiv inlex ist dagegen gerade in der Spätantike gut belegt^'®; der Redaktor hat das seinen Lesern leicht verständliche Wort bei entsprechender Umformulierung des Gesamtausdrucks (vielleicht in Erinnerung an Pers. 408, wo Toxilus den leno Dordalus als inlex beschimpft) auf Kosten des obsoleten suasus in den Text gesetzt, das seinerseits (wie der Terenzbeleg beweist) einem Zuschauer des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts kaum Verständnisschwierigkeiten bereitet haben dürfte. Die Varianz zwischen der Textfassung des Ambrosianus und der antiken Quelle der Palatini ist jetzt erklärt. Wo die beiden Ausgaben in alten Lesarten oder in der Bezeugung früher Interpolationen schwanken, geht dies auf die gelehrte Tätigkeit der republikanischen Grammatiker zurück, die durch Kommentare und Glossare an die beiden Rezensenten vermittelt wurde oder sich bereits im Archetypus in Form von Varianten und Randzusätzen niedergeschlagen hatte. Die übrige Varianz erklärt sich aus der Tendenz beider Rezensenten zur Erleichterung und Normalisierung ihrer Vorlage, einer Tendenz, die überall aus der Überlieferung solcher lateinischer Dichter sichtbar wird, für die mindestens zwei antike Handschriften erhalten oder rekonstruierbar sind. Die Annahme von Schauspielervarianten, die überlieferungsgeschichtlich kaum erklärlich wären, ist nirgends erforderlich. Hinter vermeindicher Gleichwertigkeit der VariVgl. Leos Apparat z. St.; z. B. Most. 916 me suasore atque impulson id factum audacter dicito und Cas. 775 illarum oratu faciunt. Zur plautinischen Stichworttechnik s. Zwierlein I-IV, passim sowie die jeweiligen Indices. Vielleicht hat Plautus das Substantiv suasus für diese Stelle geprägt, um seinen (früheren?) Ausdruck me suasore atque impulsore an dieser Stelle auf suo arbitratu abzustimmen. S. Dziatzko-Hauler zu Ter. Phorm. 730. »'«S.ThLLVII I, 367,47 fF.

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VIII. Der Archetypus und seine Zeugen

anten und Willkürlichkeit der Textabänderung zeigte sich letztlich eben doch die Tendenz zur Glättung und zur Texterleichterung. Die formale Beschaffenheit des Archetypus, der bereits ein Codex war, gebietet, die Tätigkeit der beiden Rezensenten nicht vor dem vierten Jahrhundert anzusetzen. An der Kompetenz, die Umformungen metrisch korrekt zu gestalten, dürfen wir angesichts der Verse des Indus Septem sapientum und der akrostichischen Plautusargumenta nicht zweifeln. Für eine Datierung der beiden Rezensionen etwa in das späte vierte Jahrhundert spricht zudem die bekannte Tatsache, daß sich in diesem Zeitraum eine reiche Editionstätigkeit an den paganen Klassikern im Kreise der gegen das übermächtig werdende Christentum gerichteten römischen Aristokratie entfaltet^'7. Das bekannteste Beispiel ist die Nikomachische Rezension des Livius; in der Dichtung entstehen die Ausgaben des Martial durch Gennadius (der antike Archetypus der ß-Handschriften), des Persius durch Sabinus (der antike Archetypus der beiden a-Handschriften), des Juvenal durch Nicaeus^'®. Erschlossen ist für diese Zeit die e-Redaktion der Tragödien Senecas^", und auch die calliopische Rezension des Terenz dürfte in diesen Zeitraum fallen^®. In keiner dieser Ausgaben unterbleibt eine nachträgliche Textrevision durch den Herausgeber. Die beiden Plautusausgaben fugen sich gut in ihren Kreis. Bemerkenswert ist zuletzt, daß trotz der in beiden Ausgaben sichtbar werdenden Tendenz, den Text zu bessern und (u. a. auch metrisch) zu glätten, die oben festgestellte gemeinsame Verderbnis (auch in metrisch korrupten Versen) noch so deutlich greifbar ist. Sich darüber wundern aber hieße, für die antiken Plautusrezensenten bei ihrer Textbearbeitung eine Konsequenz vorauszusetzen, wie sie auch in der Neuzeit vor dem 19. Jahrhundert nur vereinzelt anzutreffen ist. Mit dem uns irritierenden Nebeneinander von sehr freier Konjektur imd gedankenlos-mechanischer Weitergabe evidenter Korruptelen stehen die beiden Plautusausgaben nicht allein^. Daß in den uns erhaltenen 2^ugen beider Traditionen die individuelle Verderbnis gegenüber dem Text des Archetypus stark angewachsen ist, bedarf schließlich gar keiner Erklärung: Was wir haben. Vgl. hierzu Zwierlein, Prolegomena zu einer kritischen Ausgabe der Tragödien Senecas, 38, wo neben den hier genannten noch weitere Ausgaben angefuhn sind. Die Bedeutung des Nicaeus für die Formierung der stark interpolierten Vulgat-Tradition muß ofFen bleiben: jede Bedeutung hat ihm Housman in seiner Lucanausgabe, XVI ff. abgesprochen; Knoche, Handschriftliche Grundlagen des Juvenaltextes, 46 ff. schließt dagegen nicht aus, daß die Vulgata auf Nicaeus zurückgeht. Vgl. Zwierlein, Prolegomena zu einer kritischen Ausgabe der Tragödien Senecas, 24 ff. Vgl. zuletzt J. N. Grant, Studies in the Textual Tradition of Terence, 15 ff. und M. D. Reeve, ,Terence', in: Texts and Transmission, 413. ^ In den Tragödien Senecas zeigen beide Rezensionen die Tendenz zur Interpolation, trotzdem bleiben in beiden die metrisch defekten Trimeter Herc. f 19 und Phaedr. 510 unangetastet stehen. Die an Interpolationen so reichen Martialhyparchetypi ß und y (der dritte fehlt fiir das Epigramm) überliefern in identischer Fassung das unmetrische Hemiepes ab hoc occisus 2,84,4. Die Erklärung, die Leo, PF, 53 für die nämliche Erscheinung in der Plautusüberlieferung gibt, ist so künsdich wie möglich: Systemadsche recensio im Lachmannschen Sinn darf von einem antiken Editor nicht erwartet werden.

j. Die Varianz der beiden antiken Ausgaben

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sind lediglich Abschriften der Ausgaben, im Archetypus der Palatini eine mittelalterliche, im Ambrosianus eine antike, von der wir nicht wissen, über wie viele Zwischenstufen sie auf die eigentliche Ausgabe zurückgeht.

IX. Die Hiate des Plautustextes I. Plautinische und nachplauHnische Hiate: Die Bedeutung des Hiats fiir die Überlirferunpgeschichte des Plautus Die Frage nach der Ursprünglichkeit der in den Plautushandschriften überlieferten Hiate ist alt und bis heute nicht geklärt. Vergleicht man Plautus und Terenz, so weist die Überlieferung des jüngeren Komikers ungleich weniger Hiate auf: Sieht man von den prosodischen Hiaten der das erste Element einer aufgelösten Hebung bildenden Monosyllaba ab, hat der Terenztext in rund 6070 Versen lediglich rund 30 gut bezeugte Hiate'. Dagegen finden sich in den rund 20 500 Versen des Plautus etwa 1160 Hiate überliefert; auch nach Abzug der rund 260 prosodischen Hiate verbleiben noch immer ungeföhr 900^. Nachdem erstmals %lades in seiner 1506 in Brescia erschienenen Plautusausgabe den überlieferten Hiaten den Kampf angesagt hat, ringt die Plautusphilologie um Kriterien, genuin plautinische Hiate von den erst durch Überlieferungsschäden entstandenen zu scheiden, schwankt zwischen nahezu voUständiger Akzeptanz und nahezu restloser Tilgung'. In den letzten hundert Jahren hat sich die von Richard Klotz in seinen ,Grundzügen altrömischer Metrik'^ vorgenommene Einteilung der Hiate in prosodische, metrische und logische bewährt, wohl nicht zuletzt, weil sich jeder dieser drei Kategorien zumindest ein Typus von Hiat zuweisen läßt, der heute einhellig als plautinisch akzeptiert ist. ' Vgl. Leo, PF, 2 f., Anm. 2, wo die jeweilige Überlieferungslage in aller Kürze genau bestinimt ist. Leo hat die konsequente Beseitigung all dieser Hiate gefördert; später haben sie A. Kloa, Der Hiatus bei Terenz, Hermes 60,1925, 317 fF. und W. A. Laidiaw, The Prosody of Terence, London 1938, 82 fF. größtenteils zu verteidigen versucht. Eine neuere Untersuchung fehlt. ^ Die Angabe nach Maurenbrecher, Hiatus und Verschleifung, 235. Es sei ausdrücklich vermerkt, daß ich die von Maurenbrecher exakt ermittelten Zahlen nur fiir eine grobe Schätzung verwende, die fiir meine Zwecke vollauf genügt. ' Einen vorzüglichen Überblick über die ältere Forschung gibt Maurenbrecher, 3 fF.; fiir die Behandlung im 20. Jahrhundert s. G. Maurach, Ein System der Plautushiate, Acta Classica 14, 1971» 37 ff-; L. Ceccarelli, Prosodia e metrica latina arcaica 1956-1990, Lustrum 33,1991,261 ff. ••Leipzig 1880, 102ff.; seine Einteilung haben in neuerer Zeit im wesendichen übernommen H. Drexler, Einfiihrung in die römische Metrik, Darmstadt 1967, 46 ff., C. Questa, Introduzione alla metrica di Flauto, Bologna 1967,86 ff., S. Boldrini, Prosodie und Metrik der Römer, Stuttgart/Leipzig 1999, 55 ff. Klotzens Systematisierung gehen voran insbesondere die Arbeiten von K. Linge, Quaestionum Plautinarum Uber I: de hiatu in versibus Plautinis, Breslau 1817 und A. Spengel, T. Maccius Plautus: Kritik, Prosodie, Metrik, Göttingen 1865; Klotzens Fortschritt gegenüber den älteren Arbeiten besteht darin, daß er sich über das Sammeln des Materials hinaus verstärkt um eine Erklärung der Hiate bemüht hat.

1. Plautinische und nachplautinische Hiate

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So sind seit Bendqr' allgemein für Plautus und Terenz die prosodischen Hiate hinter vokaiisch bzw. auf -m auslautenden Monosyllaba akzeptiert, wenn die im Hiat stehende Silbe den ersten Teil einer aufgelösten Hebung bildet und durch den Hiat gekürzt wird. Anzuerkennen sind bei Plautus wohl auch die Hiate hinter einsilbigen Wörtern, die allein die Senkung bilden^. Umstritten ist dagegen, ob die Regel der prosodischen Hiatkürzung auch auf mehrsilbige "Worter ausgedehnt werden darf, wenn deren Schlußsilbe den ersten Teil einer aufgelösten Hebung bildet^, und ob iambische Worter im prosodischen Hiat stehen dürfen, wenn sie eine aufgelöste Hebung oder Senkung bilden'. Unter den metrischen Hiaten sind seit Bentley und Hermann einhellig akzeptiert die Hiate in den Dihäresen der asynartetisch gebauten Langverse'. Ihre Zulässigkeit ist erwiesen durch das etwa in den iambischen Langversen sicher feststellbare analoge Phänomen, daß die Hebung vor der Dihärese durch eine kurze Silbe gebildet werden kann, also genauso behandelt wird wie die letzte Hebung eines jeden iambischen Verses, die gleichfalls durch eine kurze oder eine lange Silbe gebildet werden und zu der ersten Silbe des nächsten Verses im Hiat stehen darf Weitgehend akzeptiert sind metrische Hiate an den Jacobsohnschen Lizenzstellen'°, also hinter der zweiten Hebung des trochäischen Septenars und vor der schließenden Dipodie im iambischen Senar und trochäischen Septenar. Erneut ist vor all diesen Lizenzstellen brevis in longo zulässig. Umstritten ist, ob insbesondere der iambische Senar außer dem locus Jacobsohnianus weitere Stellen kennt, an denen metrischer Hiat zulässig ist. Unter logischen Hiaten sind schließlich die Hiate vereint, die nicht an die Wortform (wie die prosodischen Hiate) und die Versstelle (wie die metrischen Hiate) gebunden sind, sondern bei denen sich das durch den Hiat ausgelöste kurzfristige Innehalten des Versflusses aus dem inhaltlichen Zusammenhang des Textes erklären läßt. Einhellig akzeptiert unter der Vielzahl der etwa bei Aufzählungen, bei Antithesen, in syntaktischen Einschnitten etc. vermuteten logischen Hiate ist allein der ebenfalls von Hermann" festgestellte Hiat bei Sprecherwechsel, der (ebenso wie die metrischen Hiate) dadurch gedeckt ist, daß eine Hebung vor dem Sprecherwechsel durch eine kurze Silbe gebildet sein darf". ' De metris Terentianis P"ler Leipziger Ausgabe 1791. Vgl. J. Pelz, Der prosodische Hiat, Diss. Breslau 1930. «Vgl. Pelz, 15ff. 7 Vgl. Pelz, 48 ff. ' Vgl. R. Klotz, Grundzüge, 126 ff. und Lindsay, Early Latin Verse, 248 ff. ' G. Hermann, Elementa doctrinae metricae, Leipzig 1816, 87 ff. (zum trochäischen Septenar), 149 f., i6o (zu den iambischen Langversen), 206 f. (zum cretischen Quaternar). Den Dihäresenhiat lassen auch die anapästischen Septenare und Oktonare (vgl. Questa, Introduzione, 234, 237) und (wenngleich selten) die baccheischen Quaternare (vgl. Questa, Introduzione, 216) zu. Systematisch bekämpft hat die Dihäresenhiate wohl allein C. F. W. Müller, Plautinische Prosodie, 542 ff. H. Jacobsohn, Quaestiones Plautinae metricae et grammaticae, Diss. Göttingen 1904. " Elementa doctrinae metricae, 190. " V g l . Lindsay, Early Latin Verse, 237; Questa, Introduzione, 146 f.

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K . D i e Hiate des Plautustextes

Die verbleibenden Hiate haben im 19. Jahrhundert insbesondere Hermann in seiner Ausgabe des Trinummm (1800), Ritschi in seinen frühen, 1848-1854 entstandenen Ausgaben von Bacchides, Menaechmi, Mercator, MiUs Gloriosus, Mostellaria, Persa, Pseudolus, Stichus, Trinummus sowie C. F. W. Müller'' mit den Mitteln der sogenannten .niederen Kritik''* bekämpft, d. h. insbesondere durch Wortumstellungen, Wortergänzungen und Konjekturen. Ritschi selbst leitete dann in den sechziger Jahren einen Umschwung ein, indem er einen Großteil der Hiate durch das Einsetzen archaischer Sprachformen, etwa des auslautenden -d im Ablativ, zu beseitigen suchte''. Den Ansatz Ritschis griff noch Leo auf, der zwar nicht wie jener in der zweiten Auflage des Trinummtts das auslautende -d in den Text setzte, dem ursprünglichen -d in den Ablativformen jedoch ebenso hiatverhindernde Wirksamkeit zuerkannte wie auslautendem -m in allen Formen und auslautendem -ae im Genitiv Singular und Nominativ Plural der ersten Deklination'®. Einem methodisch Leo vergleichbaren Weg folgten etwa zur selben Zeit Birt, der anlautendem h- konsonantische und somit Hiat verhindernde Kraft zuerkannte'^, und Maurenbrecher, der die Häufigkeit der einzelnen im Hiat stehenden auslautenden Vokale getrennt nach Kürze und Länge, Hebung und Senkung sowie nach dem Vorkommen in ein- und mehrsilbigen Wörtern untersuchte und die überlieferten Hiate mit wenigen Ausnahmen (etwa nach langem auslautenden -e in der Senkung) wegen der großen Zahl von Belegen für plautinisch erklärte'®. Von diesen vorwiegend die Wortform in Betracht ziehenden Theorien, die die Klotzsche Einteilung um eine weitere Kategorie, den .sprachlichen' Hiat'', erweitern, hat wohl nur Leos Verteidigung des Hiats hinter dem Genitiv Singular auf -ae (= -at) der ersten Deklination allgemeine Anerkennung gefunden. Auf größere Zustimmung stießen dagegen jene Arbeiten, die in den Kategorien des metrischen und logischen Hiats arbeiteten: Als metrische Hiate wurden neben denen in den Dihäresen und den bereits oben erwähnten in den Jacobsohnschen Lizenzstellen weitere Hiate an Stellen zugelassen, an denen die Überlieferung den Hiat in großer Häufigkeit aufweist (im iambischen Senar etwa in der dritten und fünften Senkung). Der Hiat wurde hier mit der Zusammensetzung des Verses aus metrischen Kola gerechtfertigt, an deren " Plautinische Prosodie, Berlin 1869, 481 fF. '^Den TcpÜToi; süpexi^? dieses vielgebrauchten Ausdrucks ausfindig zu machen habe ich mir keine Mühe gemacht. Vorangegangen war das Studium der altlateinischen Inschriften, deren Sprachformen er in den Plautustext einsetTen zu dürfen meinte. Seine in der zweiten Auflage des Trinummus niedergelegte Neubehandlung des Plautustextes (Leipzig 1871) rechtfertigt er insbesondere in der Schrift über .Auslautendes D im alten Latein" (Leipzig 1869); dagegen s. oben, 38-40. '«Vgl. PF, 330fF. und 338 ff., wo Leo auch zu zeigen versucht, daß auch der Dativ Singular der ersten Deklination den Hiat nicht zuläßt. T. Birt, Beiträge zur lateinischen Grammatik. IV. Lieber den Lautwerth des Spiritus H, RhM 54.1899, 40 fF. und 201 fF. ' ' B. Maurenbrecher, Hiat und Verschleifimg; zusammen&ssend 229 fF. '9 Die vielleicht nicht ganz glückliche Bezeichnung nach Maurach, System der Plautushiate, 53 fF.

I. Plautinische und nachplautinische Hiate

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Grenzen er ebenso wie in der Dihärese gestattet sei^°. Vorangehende Versuche, überlieferte Hiate als logische zu rechtfertigen, hat insbesondere G. Maurach fortgesetzt und in ein System zu bringen versucht. Er unterscheidet zwischen dem aflFektischen Hiat, der dem auf den Hiat folgenden Wort einen besonderen emotionalen Nachdruck verleiht, und dem klärenden Hiat, der neue Satzteile oder für das Verständnis wichtige Wörter hervorhebt^'. Dabei greift er die Untersuchungen zum metrischen Hiat auf: Der fakultative kommatische Bau des Verses läßt den Hiat an bestimmten Versstellen zu; dieser wird freilich vom Dichter um eines bestimmten Effektes willen bewußt gesetzt. Nicht die mechanische Betrachtung der Versstelle, sondern die Interpretation hat bei der Entscheidung über die Ursprünglichkeit eines Hiats das letzte Wort". Wegen der großen Zahl der Hiate ist die Frage nach deren Ursprung untrennbar verknüpft mit der Frage nach der Zuverlässigkeit der Plautusüberlieferung und somit mit der Textgeschichte der Komödien des Plautus. Herausgeber wie Ritsehl und Leo, die den Großteil der überlieferten Hiate Plautus absprechen, müssen die Zuverlässigkeit der Überlieferung grundsätzlich in Frage stellen. Für Leo, der erkannt hat, daß der Hiat mit den von Ritsehl angewendeten, vergleichsweise einfachen Mitteln der sogenannten niederen Kritik bzw. durch das Einsetzen archaischer Formen nicht vollständig beseitigt werden kann, sind gerade jene Verse, die - vom Hiat abgesehen - keine metrischen, sprachlichen oder inhaltlichen Anstöße aufweisen, Ergebnis einer Umgestaltung, die den plautinischen Komödien in den Händen von Liebhabern in der Provinz widerfahren seien; deren Texte wiederum seien das einzige Material gewesen, auf das Probus am Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts habe zurückgreifen können^'. Entsprechend verzichtet er darauf, die von ihm für unplautinisch befundenen Hiate zu verbessern^ und gibt sich mit der Form des Verses zufrieden, wie sie Probus vorgefunden haben muß. Hingegen ziehen etwa Maurenbrecher und Maurach, die mit wenigen Ausnahmen die So vor allem P. Friedländer, Zum plautinischen Hiat, RhM 62,1907, 75 fF. und O . Immisch, Zur Frage der Plautinischen Cantica, SB Ak. Heidelberg, 1923; zusammen&ssend A. Klotz, Zur Verskunst des altrömischen Dramas, Wüjbb 2,1947,339 ff.; in jüngster Zeit A. S. Gratwick in seinem Kommentar der Meruuchmi (Cambridge 1993), 52 ff. und 253. " In vielem war ihm hierin W. M . Lindsay, Early Latin Verse, Oxford 1922,239 ff. vorangegangen, der freilich seine Einzelbeobachtungen nicht systematisiert hat. " V g l . Maurach, System der Plautushiate, 39-41, 66. Vgl. PF, I ff. Verantwortlich für die Einfuhrung des Hiats macht er S. 5 die seit augusteischer Zeit sichtbar werdende Abneigung gegen die Synaloephe. ^Ebenso auch die Ritschl-Schüler Goetz und Schoell in ihrer editio minor, Leipzig 1892-96; vgl. die resignierende Bemerkung in der Prae&tio von Faszikel 2, p. III sq.: „quonun (i. e. an Unsicherheiten) magnam molem esse in hoc maxime scriptore et temporum et histrionum, granunaticorum, librariorum iniuriis pessime habito periti et sciunt neque mirabuntur. qua depravatione cum inter alia hiatus foedissimi et alienissimi ab arte Flautina haud rare orti sint, eiusmodi locos in hac editione plerumque per lineolam { designavimus: non quod tolerandos esse putemus, sed quia in corruptela certa et simplici dubia variaque saepe emendatio adhiberi potest."

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K . Die Hiate des Plautustextes

überlieferten Hiate für plautinisch erklären^', entsprechend optimistische Folgerungen für die Zuverlässigkeit der Plautusüberiieferung; Maurach setzt das Ergebnis seiner Untersuchung ganz bewußt in Kontrast zu Leo, sieht durch sein System der Hiate bestätigt, daß „unser Plautustext nicht zu den heillos verderbten gehört"'^^. Alle Untersuchungen, die aus der Masse der überlieferten Hiate die plautinischen herauszusondern und zu rechtfertigen suchen, müssen zwangsläufig auf das Versmaterial zurückgreifen, welches die Überlieferung zur Verfügung stellt. Der Zustand der Überlieferung wird dabei (von Leo abgesehen) zumeist nicht hinreichend kritisch in Betracht gezogen; insbesondere nicht klar geschieden, für welche Belegverse der Wortlaut sich nur auf das Zeugnis der Palatini stützen kann, für welche dagegen auch das Zeugnis des Ambrosianus herangezogen werden kann und somit wenigstens der Text des Archetypus der direkten Überlieferung gesichert ist. Die indirekte Überlieferung wird, wenn überhaupt, nur einseitig, dem eigenen theoretischen Ansatz entsprechend, berücksichtigt, ihr Verhältnis zur handschriftlichen Überlieferung nicht bestimmt. Die hier folgende Untersuchung geht das Problem der Plautushiate zunächst ausschließlich von ihrer überlieferungsgeschichdichen Seite erst am Ende, wenn der Überlieferungsbefund geklärt ist, wird für den metrischen Hiat eine versgeschichdiche Erklärung versucht.

2. Mehrung des Hintes durch Überlieferun^fehler 2.1. Hiate als Sonderfehler der palatinischen Tradition: Das Zeugnis des Ambrosianus In seiner aufschlußreichen, von der nachfolgenden Forschung nicht gebührend berücksichtigten Breslauer Dissertation ,De hiatu Plautino' aus dem Jahr 1906 hat E. Krawczynski die vom Ambrosianus und den Palatini gemeinsam bezeugten Teile der plautinischen Komödie auf die individuellen Hiate in jeder der beiden Rezensionen hin untersucht. Dabei hat er gegenüber dem Archetypus eine Zunahme von insgesamt rund 80 Hiaten im Ambrosianus und von rund Maurenbrecher, Hiatus und Verschleifluig, 231 fF. verwirft rund 80 Hiate, die sich mit einfachen Emendationen beseitigen lassen; Maurach, 57 ff. untersucht systematisch den besonders hiatreichen Poenulus, in dem er lediglich einen Hiat als mit dem von ihm entworfenen System unvereinbar verwirft. ^^ System der Plautushiate, 66. Methodisch hat ein solches Vorgehen bereits Lindsay, Andern Editions, 121 gefordert; seine eigene Behandlung krankt jedoch an der fundamental verfehlten Vorstellung von der Überliefenmg der plautinischen Komödien (Übereinstimmung von A und P im Hiat besagt eben nichts für Plautus selbst, sondern lediglich etwas für den Plautustext des spätantiken Archetypus) und an einer für den Herausgeber des etwa gleichzeitig erscheinenden Oxford-Textes überraschenden UnvoUständigkeit in der Darbietung des Materials.

2. Mehrung des Hiates durch Überlieferungsfehler

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HO Hiaten in den Palatlni festgestellt^®. Ursache für das Entstehen der Hiate sind an fast sämtlichen Stellen dieselben mechanische Verderbnisse, wie sie oben für den Archetypus systematisiert worden sind und wie sie in geicher Weise individuell in A und P und in jeder anderen Überlieferung auftreten: Wortverderbnisse, fehlerhafte Wortfolge und Wortauslassungen, gelegentlich auch Glossierung. Die höhere Zahl in den Palatini erklärt sich sofort aus dem jüngeren Alter der Rezension, deren einzelne Vertreter unmittelbar vor Augen fuhren, daß der Hiat ebenso wie die übrigen Korruptelen kontinuierlich von Abschrift zu Abschrift anwächst^'. Vor allem das Ergebnis hinsichtlich der zusätzlichen Hiate der Palatini ist für überlieferungsgeschichtliche, aber auch sämtliche den plautinischen Hiat betreffende Untersuchungen von großer Relevanz: wenn der Ambrosianus, der für weniger als ein Drittel des Plautustextes zur Verfügung steht, über 100 Hiate als Sonderfehler der Palatini ausweisen kann, wird man in den verbleibenden, nur von P bezeugten Teilen eine vergleichbar große Zahl an Hiaten vermuten müssen, die als bloße Sonderfehler dieser Tradition zu eliminieren sind und von denen der spätantike Archetypus noch frei war. Nur wenige der von Krawczynski angeführten klaffenden Verse sind aufgrund weiterer Anstöße evident korrupt'®; die große Mehrheit weist, vom Hiat abgesehen, keine wirklichen Anstöße auf. Aus diesem Resultat hat Krawczynski zu Recht gefolgert, daß eine konservative, den Hiat etwa mit der Versstelle rechtfertigende Behandlung in den nur von P überlieferten Teilen Gefahr laufen muß, Korruptelen zu verteidigen, da ein großer Teil der durch A als falsch erwiesenen Verse in P den Hiat an den angenommenen Lizenzstellen aufweist''. Derselbe Vorbehalt gilt freilich in noch höherem Maße für das von Maurach entwickelte System, wenn er mit seinen Kategorien des affektischen, des klärenden und des sprachliche Hiates'^ die „eindeutig überlieferten Hiate"" des Poenulus mit einer einzigen Daß der klaiFende Vers jeweils der Icorrupte ist, hat Krawczynski für jeden Einzelfall nachzuweisen gesucht; in der Uberwiegenden Mehrheit der Stellen ist seine Argumentation überzeugend, so daß das Material hier nicht erneut vollständig ausgebreitet werden muß. Vgl. Lindsay, Early Latin Verse, 223 wo gezeigt ist, daß der in P einhellig bezeugte Hiat in Rud. II durch die Lesart des codex Turnebi behoben wird, der Text der antiken Vorlage der Palatini noch hiat&ei war; zu Hiaten als individuellen Sonderfehlern von B bzw. der Vorlage von C D vgl. Krawczynski, 46 f. und Lindsay, Early Latin Verse, 223. So z. B. Trin. 62, in dem Hermann vor Entdeckung des Ambrosianus den Sinn richtiggestellt und nur den Wordaut verfehlt hat; Krawczynski, 22. ''Vgl. Krawczynski, 50£ '^Der sprachliche Hiat, der mit Maurachs zwei Spielarten des logischen Hiates in keiner Verbindung steht, wird 53 f behandelt; dort wird eine Reihe von mit h- oder vokalisch anlautenden \Cortern zusammengestellt, die in großer Häufigkeit auf eine im Hiat stehende Silbe folgen. Vom sprachlichen Hiat wird nur festgestellt daß er „gut überliefert" sei, erklärt wird er nicht. " Maurach, System der Plautushiate, 65. S. 37, Anm. 2 spricht er von „rund 80 Hiate(n) in Leos Text" (gemeint sind die von Leo durch einen Apex gekennzeichneten und von ihm größtenteils für unplautinisch befundenen; vgl. Leos praefätio zu seiner ersten Ausgabe des Plautus, Berlin 1885, VIII), S. 57 dann von 74 Hiaten. In der anschließenden Behandlung sind dann jedoch

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K . Die Hiate des Plautustextes

Ausnahme fiiir plautinisch erachtet, darunter alle 29 Hiate in den nur von P bezeugten Versen^^, für die man doch wohl mit gutem Grund vermuten darf, daß sich unter ihnen manch einer findet, der als Sonderfehler der palatinischen Tradition zu verwerfen ist''. In welchem Maße sein System, das in Deutschland viel Zuspruch gefunden hat'®, anfällig ist, tatsächliche Verderbnisse nicht nur zu rechtfertigen (dieser Gefahr ist auch die Theorie vom metrischen Hiat ausgesetzt), sondern geradezu als vom Dichter bewußt gesetzte Kunstgriffe auszudeuten, beweisen nicht zuletzt im Poenulus selbst die vom Ambrosianus als Sonderfehler der Palatini aufgedeckten Hiate, die zwanglos Maurachs System der Hiate bestätigten und mit weiteren Beispielen versähen, wenn nicht der Ambrosianus den Überlieferungsfehler offenbarte. So bietet P in Poen. 362 ein Beispiel für Maurachs Unterkategorie des Hiats vor affektischen Adverbien'^: dum te expecto, neque | usquam aliam mihi paravi copiam neque istuc usquam apparet.

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Dennoch druckt Maurach selbst die hiatfreie Fassung des Ambrosianus: dum te expecto, neque ego usqttam aliam mihi paravi copiam neque istuc umquam apparet. Diese ist zweifellos richtig, da sie eine schwierige, aber für Plautus sehr gut nachweisbare Form der Wortfolge wahrt, in der ein zu mehreren Prädikaten gehörendes Subjekt erst in Verbindung mit dem zweiten Prädikat erscheint'®. Erneut im Poenulus (Vers *I369) überliefert P einen klaffenden, ansonsten aber untadeligen Vers, dessen Hiat sich anstandslos in die Kategorie des Hiats vor affektbetontem Adjektiv einsortieren läßt'': nur 67 erfaßt. Ich zähle insgesamt 83 Hiate und vermisse in Maurachs Zusammenstellung die Hiate in 44,105,120, 485, 651, 782, 791, 835, 862, 866, 985,1042,1051,1054,1137,1327. Anders als Leo in seiner Behandlung der Hiate im Poenulus PF, 2 ff. unterscheidet Maurach nie zwischen im Archetypus und nur in P bezeugten Hiaten; in seinem Forschungsüberblick bleibt die Arbeit von Krawczynski unerwähnt. " Innerhalb der 852 in A und P bezeugten Verse des Poenulus haben in 13 nur die Palatini den Hiat, der Ambrosianus hingegen den hiatfteien und unverderbten, auch von Maurach aufgenommenen, Text. Auf die 570 nur in P überlieferten Verse entfallen 29 Hiate. Rein statistisch müßte A für die nicht erhaltenen Teile etwa 7 P-Hiate beseitigen. Maurach selbst hebt in seinem späteren Aufeatz .Vorliterarische Einflüsse auf die aldateinische Metrik', in: Studien zur vorliterarischen Periode im frühen Rom, hrsg. v. G. Vogt-Spira, Tübingen 1989, 72, Anm. 4 die Zustimmung hervor, die seinem System in Woyteks Kommentar des Persa und in Stockerts Konunentar der Aulularia widerfehren ist. Von einem entscheidenden Beitrag zum Verständnis der Erscheinung des Hiats spricht jetzt gar G. Korzeniowski, Gnomon 72, 2000, 678. Zu Recht eher skeptisch urteilt dagegen über Maurachs allzu elastischen Kategorien L. Ceccarelli, 262. Vgl. Maurach, System der Plautushiate, 51. ' ' Die Erscheinung ist gut behandelt von F. Leo, Kleine Schriften 1,95 f., der u. a. Epid. 217 quam

adportam venia, atque ego illam illi video praestolarier vergleicht.

" Vgl. Maurach, System der Plautushiate, 51; ein von ihm zitiertes Beispiel ist Bacch. 301 auferimus

aurum \ omne.

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2. Mehrung des Hiates durch Überlieferungsfehler

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malum postremo \ omne ad Unonem redit. Richtig (und von Maurach auch in seinen Text aufgenommen) ist jedoch zweifellos erneut die hiatfreie Fassung des Ambrosianus: malum postremo omne ad lenonem reccidit. In den Palatini ist, wahrscheinlich mit Absicht, das ungewöhnliche reccidit durch das ganz geläufige redit verdrängt^®. Die Beispiele von hiatbelasteten Versen, die ohne weiteren Anstoß sind und eine Erklärung des Hiats in den Kategorien Maurachs zulassen, dennoch aber durch das Zeugnis des Ambrosianus als Sonderfehler der palatinischen Tradition entlarvt werden, lassen sich ohne Mühe mehren^. Zwangsläufig müssen somit in den nur von P überlieferten Teilen Verse vorliegen, in denen der Hiat zwar auf Überlieferungsfehler zurückgeht, aber trotzdem das System bestätigt. Wenn Maurach die achtzig Hiate des Poenulus ohne Beachtung der Überlieferungslage praktisch ohne Ausnahme auf Plautus zurückfuhrt, um dann der Überlieferung zu entnehmen, „wie peinlich genau Plautus seine Verse gebaut hat", so täuscht dies eine falsche Sicherheit fiir den Großteil des Corpus vor, dessen Überlieferung nicht durch den Ambrosianus gefestigt ist. Die unendliche triviale Verderbnis der Palatini belegt der Ambrosianus mit jedem Blatt, das aus ihm erhalten ist; sie führt umittelbar vor Augen, welch große Aufgabe noch immer an die sogenannte niedere Kritik gestellt ist. Der Hiat ist eine sichere Folgeerscheinung, bisweilen (wie in den oben behandelten Fällen Poen. 362 und 1369) das einzige äußere Indiz für die Verderbnis. Zu beheben sind diese Hiate nur mit den Mitteln der vielgeschmähten niederen Kritik.

Z.2. Hiate als Sonderfehler des Archetypus: Das Zeugnis der indirekten Überlieferung Aus der Untersuchung Krawczynskis geht hervor, daß in den nur durch die Palatini bezeugten Teilen des Plautustextes eine große Zahl von Hiaten überliefert ist, die als Sonderfehler dieses Zweigs der Überlieferung zu verbuchen und durch Emendation zu beseitigen sind. Freilich täuscht sich Krawczynski über einen anderen Aspekt der Überlieferung, wenn er glaubt, daß „hiatuum -»o Das Verb recidere begegnet außer in diesem Vers, der in den unechten (vorangestellten) Schluß des Poenulus gehört, sonst nur noch einmal in dem von C. F. W. Müller, Plautinische Prosodie, 228 f. getilgten Vers *Men. 520 omnes in te istaec recident contumeliae. Zur schwankenden Prosodie der ersten Silbe von recidere vgl. F. Marx, Molossische und bakcheische Wortformen in der Verskunst der Griechen und Römer, Abh. Ak. Leipzig 37,1922, 36 und 38. So gibt P für Gas. 599 (seil, nempe tute dixeras) tuam arcessituram esse \ uxorem meam ein treffliches Beispiel für Maurachs klärenden Hiat. Moritz Haupt (RhM i, 1842,469) hat anders gedacht, hinter uxorem ein weiteres (durch Haplographie ausge&llenes) uxorem ergänzt und ist durch den Ambrosianus glänzend bestätigt worden.

348

DC. Die Hiate des Plautustextes

Palatinorum magna pars sublata est lectionibus palimpsesti"'^^ - tatsächlich bestätigt der Ambrosianus durch Übereinstimmung mit den Palatini für den Text des Archetypus insgesamt weit mehr Hiate, als er beseitigt^'. Die 2 ^ 1 e n des Poenulus sprechen erneut für sich: in den 852 gemeinsam überlieferten Versen stimmen A und P in über 50 Hiaten überein; nur 13 Hiate in P werden durch A als nacharchetypische Sonderfehler ausgeschieden. Da freilich das Eindringen der Hiate in P auf Überlieferungsfehler zurückzuführen ist, wie sie von typologisch gleicher Art auch im Archetypus in großer Zahl auftreten — Wortvertauschungen, -auslassungen und -Verderbnisse, bisweilen auch Glossierung^ - , so ist mit Gewißheit zu folgern, daß weitere Hiate des Plautustextes erst auf die Nachlässigkeit einer Liebhabertradition zurückgehen, die seit dem zweiten Jahrhundert faßbar ist und in deren Folge der Text des Archetypus durch Glossen und vor allem mechanische Korruptelen geschädigt ist. Die Sekundärüberlieferung kann diesen Korruptionsvorgang allerdings nur ganz vereinzelt dokumentieren'*': An einer Stelle ist der Hiat durch das Vorliegen des Ambrosianus für den Archetypus gesichert; an den übrigen stehen jeweils nur die Palatini zur Verfügung, so daß letztlich offenbleiben muß, ob der Hiat bereits im Archetypus verankert war oder als Sonderfehler der Palatini zu betrachten ist. Das Material ist erneut fehlertypologisch geordnet. Ich beginne mit Auslassungsfehlern: *Aul. 354 (P): Cererin, Strobile, \ hasfacturi nuptias. Den Hiat in der Penthemimeres, den die Palatini bieten, behebt das Zitat bei Macrobius Sat. 3,11,2''®, wo die vom Sinn und Stil geforderte Kopula sunt ••^S. 50. Zu einer ähnlichen, später revidierten Ansicht Ritschis unter dem ersten Eindruck der Neuentdeckung und ihren Folgen für die Beurteilung des Hiats s. unten, 358 f. Dies haben zu Recht gegen Krawczynski hervorgehoben Friedländer, Zum plautinischen Hiat, 82 f. und Leo, PF, 334, Anm. i. Leo hat in dieser Hinsicht die Überlieferung im Kern immer richtig beurteilt, wie bereits aus der prae&tio der ersten Ausgabe, Berlin 1885, VII hervorgeht: „nam quod codex rescriptus hiatus Palatinorum multos toUit adfcrre nolo: non parvum quidem hoc, sed singula, non rem ipsam tangit." Vgl. oben zu Poen. 1369. +5 Die mir bekannten Zusammenstellungen von C. F. W. Müller, Plautinische Prosodie, 481 fF., R. Klotz, Grundzüge, 174 und Krawczynski, 45 f. nehmen auch unsichere Stellen auf, wo entweder das Zeugnis der Sekundärüberlieferung nicht eindeutig oder die hiatfreie Fassung der Sekundärüberlieferung keineswegs überlegen ist. Einen absurden Text auf Grundlage der den Hiat aufhebenden Sekundärüberlieferung empfiehlt Lindsay, Early Latin Verse, 223 für *Truc. 562. ^ A u c h Festus 500,9 f ist der Vers mit sunt facturi zitiert; überliefert ist er fi-eilich nur in der Handschrift U (dem Autographen des Polizian), während ihn die übrigen von Lindsay herangezogenen Renaissancehandschriften (der entsprechende Quaternio des Farnesianus ist verloren) auslassen; Lindsays App. z. St. Der Eindruck drängt sich auf, daß Polizian den Vers unter Einfluß des Macrobius-Zitats ergänzt hat. Im Zitat des anschließenden Verses 355 fehlt in den übrigen Festushandschriften das Verb am Versende; der Festuscodex des Polizian schreibt wie Macrobius metrisch falsches video für richtiges intelUgo der Plautushandschriften.

2. Mehrung des Hlates durch Überliefemngsfehler

349

vor facturi erhalten ist^^. Bacch. 35 (P) überliefern die Palatini mit Hiat quidsi \ hocpotis est, ut taceas, ego loquar # lepitU licet.,

den das Zitat bei Charisius p. 265,ij Barwick quid si hoc potis est, ut tu taceas, ego loquar. # lepide.

beseitigt; damit bietet es gleichzeitig eine Textfassung, in der die Antithese tu taceas - ego loquar weit wirkungsvoller ausformuliert ist. Die Auslassung von tu nach ut geht auf eine triviale Haplographie zurück. Eine Verstellung von -que hat den Hiat in dem schwierigen Vers Cure. 3 (P) verschuldet, den m. E. Leo richtig behandelt hat. Auf die Frage seines Sklaven, wohin er diese Nacht gehe, antwortet Phaedromus: quo Venus Cupidoque imperat, suadet Amor.

Die direkte Überlieferung schreibt stattdessen Cupido und suadetque-, Cupidoque überliefern Non. 421,18 (aus seiner Ausgabe der 21) und Serv. auct. Aen. 4,194; wie die direkte Überlieferung hat Nonius suadetque, Servius auctus (also Donat) dagegen suadet. Beide antike Grammatiker behandeln mit identischem Belegmaterial'*® den semantischen Unterschied zwischen Cupido und Amor, zu dem Curculio-Was bemerkt Donat zu Recht: dicendo 'imperat' violentiam ostendit, 'suadet' addendo moderationem significat. Die von Plautus angestrebte Antithese kommt jedoch dann am besten zur Geltung, wenn imperat und suadet asyndetisch gegeneinander stehen; weiter ist dann eine Venus und Cupido verbindende Konjunktion erwünscht^', damit nicht der Eindruck einer bloßen Reihung aufkommt. Eine falsche Verbform verursachte den Dihäresenhiat in Bacch. 95 (P): ego sorori meae cenam hodie dare volo viaticam: eo tibi argentum iuheo iam \ intus ecferri foras. tu facito opsonatum nobis sit opulentum opsonium.

95

Bacchis teilt Pistoclerus ihren Plan mit, für ihre heimkehrende Schwester ein Essen zu geben; zu diesem Zweck will sie im Haus den Befehl erteilen, daß dem Pistoclerus Geld herausgebracht wird, damit er den Einkauf besorgen kann. Die in diesem Zusammenhang erwartete Futurform iubebo, die den Hiat Vgl. Stocken z. St.; C. F. W. Müller, Plautinische Prosodie, 482 schreibt an dieser Stelle wohl wirklich einmal zu Recht: „Sunt auszulassen könnte den Dichter doch nichts veranlasst haben als das Bestreben möglichst undeudich zu sein, um nur einen Hiat anbringen zu können." ^ Das Abhängigkeitsverhältnis ist nicht geklärt; vgl. P. L. Schmidt, HLL V, 157 (mit Lit.). Die Verbindung von Mutter und Sohn in der Form Venus Cupidoque erinnert an die überaus häufigen Komplementärverbindungen wie di deaeque, lupiter diqut etc.; vgl. auch Rud. 624 Veneri Veneriaeque antistitae. Den Singular imperat hat Leo im App. z. St. gut gerechtfertigt; vgl. zudem *Most. 163 f. tum mihi Amor et Cupida / in pectus perpluit meum.

350

IX. Die Hiate des Plautustextes

verhindert, überliefert Charisius p. 261,15 Barwick'®; daß sie richtig ist, beweist der ganz ähnliche Zusammenhang M e n . 1 7 4 , w o Menaechmus dem Parasiten Peniculus seinen Plan mitteilt, den der Gattin entwendeten Mantel der Hetäre Erotium zu geben und bei ihr ein gemeinsames Essen anzuordnen: nunc ad amicam drferetur hanc meretricem Erotium. mihi, tibi atque Uli iuheho iam adparari prandium. # eu.

174

A n beiden Stellen steht iubebo vor der Dihärese; hinter ihr steht iam, das an beiden Stellen mit dem folgenden Infinitiv zu verbinden ist''. Ebenfalls eine falsche Verbform verschuldet den Dihäresenhiat in *Asin. 895 (P): nauteam bibere malim, si necessum | est, quam ilkm oscukrier,

895

den Nonius 8,9 f. (aus seiner kleinen Ausgabe) hiatfrei und grammatisch korrekt mit necesse sit zitiert'^. Eine falsche Form des Nomens verursacht den Hiat vor dem Schlußcreticus in M e n . l o i

(P):

escae maxumae cerialis cenas dat, ita mensam \ exstruit, tantas struices concinnatpatinarias.

100

Vers loi zitiert Festus 4 0 8 , 2 7 mit der den Hiat meidenden Variante mensas. D e r Plural ist gewiß ungewöhnlich", er paßt aber zu der pompösen Redeweise Am Versanfang überliefern die Charisiushandschriften und P übereinstimmend ego statt von Hermann zu Recht hergestelltem eo. Der Fehler dürfte unabhängig entstanden sein; daß in der Charisiusüberlieferung in dem isoliert zitierten Vers eo in ego verderbt wurde, liegt ganz nahe. 5' So auch Lüdge 1729 f.; zu intus erferriforas vgl. ThLL VII 2,102,50 fF. Leo vermischt beide Fassungen und schreibt necessum sif, vgl. aber Trin. 144 ut mihi necesse Sit iam id tibi concredere. Nach dem Konjunktiv im Hauptsatz ist auch Konjunktiv im «-Satz zu erwarten; vgl. Cic. div. 2,11 quem (seil, soritarn), si necesse sit, Latino verbo liceat acervaUm appellare und vor allem Quint. 8,5,34 • • • et, si necesse sit, veterem illum honorem dicendi malim quam istam novam licentiam. Falsches est statt sit an derselben Versstelle überliefert P auch Poen. 855 ut enim ubi mihi vapulandum \ est, tu corium sufferas, wo A und Nonius 397,4 richtiges sit bewahrt haben. Plautus trennt die Kopula nie durch Dihäresenhiat von ihrem Prädikatsnomen: die mir bekannten scheinbaren Ausnahmen Most. 1090 und Pers. 715 sind aus anderen Gründen sicher korrupt, Pseud. 715 wird P durch A korrigiert. Ganz anders ist Amph. 350 quid apud hasce aedis negoti \ est tibi? # immo quid tibi est zu bewenen, wo quid... negoti und est tibi zusammengehören. " In der Bedeutung .Speisetafel' ist mensa im Corpus Plautinum von dieser Stelle abgesehen stets im Singular verwendet, etwa in den Verbindungen mit auferre und adponere-, vgl. Lodge s. v. (II 40). In der Verbindung mit extruere ist mensa im Singular gebraucht bei Lucil. 441 f. Marx nam sumptibus magnis / extructa ampliter atque (opibus) cum accubimus mensa-, zu pluralischem mensas extruere vgl. jedoch Cic. Tusc. 5,62 aderant unguenta coronae, incendebantur odores, mensae conquisitissimis epulis extruebantur, Ov. Met. 11,119 f- gaudenti mensas posuere ministri / extructas dapibus.

2. Mehrung des Hiates durch Überlieferungsfehler

351

des die üppigen Gelage seines Herrn ausmalenden Parasiten. Zudem wird pluralisches mensas exstruit durch tantas struices weitergeführt, und mensas scheint wegen der lautlichen Anklänge zu cenas und tantas ... patinarias bewußt gesetzt. Die falsche Normalisierung mensam kann unbewußt oder mit Absicht erfolgt sein. Sicher absichtliche, den Hiat verursachende Glossierung ist zumindest an einer Stelle, Poen. 356 (AP), im Archetypus der direkten Überlieferung nachweisbar: iam hercle tu periisti, nisi illam mihi tarn tranquillam facis quam mare olimst, quam ibi \ alcyo pullos educit suos.

355

Mit alcyo überliefern A und P die ins lateinische transkribierte griechische Bezeichnung für den Eisvogel dXKU(iv, die erstmals bei Pacuvius trag. 393 auftaucht und dann in der römischen Literatur der Kaiserzeit geläufig ist'"*. Die Variante erzeugt neben dem prosodischen Hiat quam \ ibi einen weiteren Hiat nach der dritten Senkung ibi | alcyo. Varro ling. Lat. 7,88 und Paulus 7,8 bezeugen dagegen für das Frühlateinische die Übersetzung alcedo für dXxuj"" Terenz 26-, Urteil des Volcacius Sedigitus Aristoteles: Einfluß seiner Schrift Tiepl TtoiT)über ihn 72f. TÜv auf die biographische Schriftstellerei Caecilius Epirota: liest als erster Grammatiker der Römer 66-, seine 8i8aaxaXtai 90,92zeitgenössische (neoterische) Dichter in sei9$-, seine dnopl^lJiaTO 'Otirjpixa 107f.-, seiner Schule ne vö^iiixa ßopßopixd 128 Caesellius Vindex: SxptotxaTeic; 208 Arruntius Celsus: Kommentar zu Terenzens Phormio

Caeslus Bassus: Behandlung der frühlateinischen Metrik 182

209-211

artifices scaenici öS*''-

apz6Ktri zitierte Stücke i j f , U m & n g der Zitate Herkunft der Zitate Zitierweise f.-, Vielfiilt der Verderbnisse in seinen Plautuszitaten 140-142; Fehler durch die Varro-Überlieferung verursacht 142-, Zitierungenauigkeiten und -versehen 142f; absichdiche Änderung des zitierten Textes 143/; Verderbnisse in seinem Plautustext 144; keine Übereinstimmung mit der direkten Überlieferung im Falschen 144; seine Zitate beseitigen Fehler der direkten Überlieferung 1 4 ; i^o; sein Text frei von einer Wortinterpolation des Archetypus der Plautusüberlieferung J^^f.; seine Zitate beweisen die relaüve Zuverlässigkeit der handschriftlichen Plautusüberlieferung i s o f ; sein Terenztext frei von einer Interpolation der direkten Überlieferung Vegetius: dreigeteilte Überlieferung der epitoma rei militaris 328 Velius Longus (Grammatiker) iiof., 208 Veniu als Schutzgottheit der Gärten? 131/. Vergil: seine Aeneis verdrängt spätestens in tibetischer Zeit die annales des Ennius als S c h u l t e x t m da ars grammatica Aes Remmius Palaemon häufiger zitien als alle anderen Autoren zusammen//tf'; des Plagiats beschuldigt durch die ohtrectatons Verplii 182, 263-, Überlieferung des Vorproöms und der Helena-Episode der Aeneis 2$$^-, Textgeschichte 390f.

Verrius Flaccus: Bedeutung für die Vermitdung gelehner Literatur aus spätrepublikanischer Zeit J2r, sein Werk de verborum significatui Entstehungszeit und Quellen i s 8 f ; Überlieferung durch Exzerpierung j j ^ / ; zitierte Plautusstücke j6of.-, seine Plautuszitate {161-174) bestätigen die relative Zuverlässigkeit der direkten Überlieferung iSi, 174f.-, fehlerhafte Plautuszitate verursacht durch Überlieferungsschäden oder Zitierversehen 162-164; seine Zitate spiegeln Erklärungs- und Verbesserung^ersuche republikanischer Gelehner zu lexikalischen Raritäten wider {164—168), die zum Teil von der direkten Überlieferung au^enommen wurden/tfS; Übereinstimmung seiner Plautuszitate mit der direkten Überlieferung im Falschen? 168-170; seine Plautuszitate bestätigen Hiate der direkten Überlieferung 171, beseitigen Fehler der direkten Überlieferung 170f"^'', überfuhren die handschriftliche Überlieferung der späteren Glossierung 171-174 Volcacius Sedigitus: liher depoetis 6$f.; Rangliste der römischen Palliatendichter 66, 7174; beeinflußt durch die Tradition der Tiepl TSxviTÖv-Schrifien/2; Urteil über Naevius und Caecilius 72f.; Urteil über Plautus 73; Kritik an der traditionellen peripatetischen Literaturästhetik? 7 j / ; Lebensbeschreibung des Plautus 66; sein echtheitskritischer indexz\iV\z\itas4$,97; Urteil über die Wr^tf des Terenz 66,72^^ Wilamowitz-MoellendorfF, Ulrich von: Arbeiten zur Textgeschichte 1-3 Wolf, Friedrich August: Prolegomena ad Ho-

i^Tixi^liaTa-Schriften 107f. Zwölftafelgesetz: von Cicero auswendiggelernt 43^^; von Aelius Stilo erläutert /a/'^'

417

2. Steilen

2. Stellen Accius:

Ausonius IG4S-47\

frg. (Funaioli): i8

20

(Forts)-.

parent. praef. (B) 10 (p. 26 Green)

SS

praef. var. 4,11 f. (p. 5 Green)

ann. frg. 2 Courtney

2}0f.,

tri^. (Ribbeck'): 57 366-, 84 i^r; 267 Aelius Stilo (frg. Funaioli): 44 lopf.-,

51 öj*^''

Aftanius (Ribbeck'): 25 /ji^"«; 83 1635^5/; 176

}66

Caecilius (Ribbeck^): 9 1 1 0 0 215 2(ft9

Caesius Bassus (frg. Mazzarino): 2 1 8 2 ; 6,278 ff.

138 41;

193^2; 2 6 4 4 2 ' " ; i j 4 } 6 6 ;

280 42-, 309 ^rfif

182 carmina Latina epigraphica (Bücheler): 29,6-10

274/.*'^'; 97.10 27s

A n e c d o t o n Parisinum (p. Reifferscheid): 1 3 7 , 9 1 4 1 , 7 ^ 0 - 0 ; 13S.${. l8g">;

140,10 ff.

Cassiodorus: chron. (p. Monunsen) 128 87

Anthologia Latina (Shackleton Bailey): 4,17 2/y,

inst. 1,15,7 2S7fCharisius (p. Barwick): 132,8ff. 12;f.;

4.20275

124/.;

Apuleius: apoi.: 22,6 2(wf; 42,120sf.,

66,6 2O6\

}S2f.-,

81,1 2O6\

73 4I\

^4,6206; 89,2 2o6\

143,20ff. 3Pi

139,17 256,27f.

240f; 258,10ff. 2S0, 2^2f.-, 161,9 164,17S.2^0f.-, i66,i2s}-2sy, 168,19ff.2y4; 176,7 ff. 20pf.-, 176,11 ff. 209f.-,

flor.: 2 , 2 2 0 7 , 2 7 5 / ;

18,1-3

241 f.-,

283,15ff. 242-,

240";

met.: 4,7,2 207; 5,6,6

282,24f.

285,20f. 250, 2 J 2 / ;

187,19ff.209f; 197,2$ ff.

285,24ff.250-253;

207 Socr. II p. 145

251,7 241;

271,10 ff. 2 / 7 / ; 271,20 ff. 2/i^®; 273,11240/;

Z%4 2o6\ 3 47^\ I04f-i i M 4 6 f . , 2 i 4 ; 3,3,6 3.3.7-8 3.3.9 3.3.1° •ro^: 3 . 3 . " 3 . 3 . 1 2 ^ 7 ! l o s f ; 3,3,14 1^^,68-71,106f.\ 3,3,15 ( « / ; 4,7/p//; 4,7,1 /j)3; 4,17,11 235"''; 5,20,2/233'3; 5,21,10 ff. /233'3; 6,7,3/p/; 6.9 6,17,420/; 9,3,6 4/; 9,9,12/?3; 10,3,19223; 11,7,1-6 20*/*"; 11,7,32/5/; 11,7,5 2/3,2/5/; 12,2,3-12/*o/; 12,4 (J7»37; 13,23,12 /07^97; 13,23,19 ////*313; 17,21,42-49 *tf/; 18,2 2/2; 18,5,11 18,9,4 //o/; 18,12 2/5; 19,8,6 323 Hesiodus: erg. 304 //3333 Hesychius: x 824

1054 p^^s«

Hieronymus: adv. Rufin. 1,16 260f. chron. (p. Helm): 135 f. 68f.-, 137 86 epist. 57,12,3 268 Histotia Augusta: Hadr. 16,5 f. 200' Horatius: ars 268-274 78f. carm. 4,9,13 2/0^^ epist.: 2,1,49 2,1,58 f. 7/®; 2,1,60-62 6}h 2,1,69 ff. 43"^; 2,1,168-1767?/ sat.: 1,4,8-11

i,io,(*i-8) 186^^

Isidorus: orig.: 1,20,27 5/+®; 1,21,1

8,7,7 25i>"3

lulius Victor: rhet. (p. Giomini-Celentano): 105,5 ff. 2SS>', 106,14 ff. 204

419

2. Stellen lustinus: praef. 4 luvenalis: S7l

*6,Oi-Oj4S7l

*6,373a-b

6,451S-199

Labetius: 178-182 Bonatia Livius Andronicus: canii. (Blänsdorf): 13(fSf.; 10^tf»'''; 11 ii%44f.\ 6^x44f.-, 700 44f.-, 736^4; 7714S\ Macroblus: Sat.: 2 , 1 , 1 1 3 , 1 1 , 2 348f.\ 3,13-18 244-, 6,1,4 W " « Maniiius: 5,471-477179f . Manialis: 5,10/^ft 8 , 6 3 , 1 8 , 6 9 / p f t 11,90 I98f. Martianus Capella: rhet. p. 453,1 Halm 2$^ Menander: test. K.-A.:3ao'7; $290f.-, 83JJ>;"°; 103737« arg. Epitr. 80 Eun.test.IVK.-A.rfo^ Hier. test. I K.-A. 80 Sam. *6o6-6ii Sic. 169 näh"Naevius: carm. (Blänsdorf): 6,3 jSy, 8,2 10 15 }68f.\ 16

38

com. (Ribbeck'): 2119'°; 27 }6$f.\ 52 ^rfif; 121 /5j/; 129 /i^ com. Inc. IV Ribbeck' 214I* trag. (Ribbeck'): 6112i/, i64-366\ 62 / NeUi Carmen-, frg. i Ribbeck' 12}/^'S« Nonius (p. Mercier): 3,27}28f.-, 8,9 f. ^50; 9,3 ff. 2^2f.-, 9,22}2S-, 1 1 , 6 1 2 , 1 2 f F . 3 2 6 f . - , 84,14 84,18523/; 100,20525; i03,3f.52^"74; 152,4 f./.^j/; 145.13-r/^; 170,21523; 177,8 ff. }}4-, 178,25ff.2J2/; 179,29 f. 2J2/; 284,28 f. 145f--, 305.14 3-2J; 500,9521/; 529,252«/; 539,35 ff.255"; 540,10 52 149/, 374-, 1004 23/'7'; 1009 Merc.: *9 f. "6227/; 181377/; ^51 230/; ^1020f. 20(f; '102942; 1127308/.;

2. Stellen Plautus {Forts.): Pseud. {Forts.)-. 1205-12072^)^/; 1218-12207/;

Porcius Licinus (frg. Courtney): i 86^^^-, 2 66-, i}6

- 3tg.: 1 1 - 1 % 284-286-, 92}of.; 10236-, I4[.2}0f - arg. acr.: 1-9 284-286-, 3 28^^^, 28p-, 5

- did.: Zeile 9 Studemund - tit. scaen.: I 2 221-, IV 4 21p Rud.: 2272^8; 11052-^7*®;

1156

I2S-, *vn2i74 - arg. acr.: 1289-, 2

- tit. scaen.: III 4 227; III 6 22/ Satyrio fig. II Leo 124 Sitellitergus frg. II Leo 114 Stich.: *48-57 s8-, *9i 164-, 135 24^°-, 248 }04>}}i\ 2S4)04; }74f-i-r