Text, Kontext, Klartext: Festschrift für Niklas Holzberg zum 70. Geburtstag: Festschrift Für Niklas Holzberg Zum 70. Geburtstag 3110563495, 9783110563498

Die Festschrift präsentiert die Ergebnisse der Tagung „Vestis variata. Texte und Strukturen - Motive und Intertexte"

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Text, Kontext, Klartext: Festschrift für Niklas Holzberg zum 70. Geburtstag: Festschrift Für Niklas Holzberg Zum 70. Geburtstag
 3110563495, 9783110563498

Table of contents :
Vorwort
Inhalt
Poeta, amator, philologus – Catch me if you can
Attisches Salz oder von der Schwierigkeit, Aristophanes zu übersetzen
Weise Sprüche zum Essen: Kommunikationsformen beim philosophischen Symposium
Feuer der Liebe
Clodia, Lesbia und die Kritik Catulls an Politik und an Politikern
Et Vergilium faciamus impudentem
Quod epistulis eius ostenditur
Martial und Juvenal
Briseis an Achill
„Ein Herbarium, welches die Blüthen des Volksgeistes, freilich in getrocknetem Zustande aufweist“: Etymologien und Eigennamen im Griechisch-Lexikon

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Text, Kontext, Klartext

Göttinger Forum für Altertumswissenschaft

Beihefte Neue Folge Herausgegeben von Bruno Bleckmann, Thorsten Burkard, Gerrit Kloss, Jan Radicke und Markus Schauer

Band 9

Text, Kontext, Klartext Festschrift für Niklas Holzberg zum 70. Geburtstag Herausgegeben von Markus Schauer und Johannes Zenk

ISBN 978-3-11-056349-8 e-ISBN (PDF) 978-3-11-056484-6 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-056377-1 ISSN 1866-7651 Library of Congress Control Number: 2018944103 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Druck und buchbinderische Verarbeitung: CPI books GmbH, Leck www.degruyter.com

Vorwort Am 24. Juni 2016 fand zu Ehren des großen Latinisten Niklas Holzberg – genau an seinem 70. Geburtstag – am Institut für Klassische Philologie der OttoFriedrich-Universität Bamberg eine Tagung statt, die unter dem Catullschen Motto Vestis variata stand und dem Thema „Texte und Strukturen – Motive und Intertexte“ in der antiken und neulateinischen Literatur galt. Es ging also um jene literaturwissenschaftlichen Aspekte, die Niklas Holzberg während seines langen Forscherlebens besonders ins Zentrum seiner Arbeit gestellt hat. In der vorliegenden Festschrift, die angesichts des großartigen Lebenswerks des Jahrhundertphilologen Niklas Holzberg, der mit seinem über ein halbes Tausend Titel umfassenden wissenschaftlichen Gesamtwerk in den letzten Jahrzehnten wie kaum ein anderer Forschung und Lehre der Klassischen Philologie angeregt und geprägt hat, nur als eine bescheidene Dankesgabe gelten kann, sind nun die Vorträge seiner Kollegen, Freunde und Schüler versammelt, die auf der Bamberger Tagung zu Ehren des hochverdienten Jubilars gehalten und diskutiert wurden. Eine angemessene Würdigung des wissenschaftlichen Werkes von Niklas Holzberg an dieser Stelle würde jeden Rahmen sprengen. Stattdessen sei auf den Beitrag von Melanie Möller verwiesen, der auf etwas ungewöhnliche Art in das umfangreiche Schrifttum* von Niklas Holzberg einführt: humorvoll, augenzwinkernd und unprätentiös – eben auf eine Weise, wie es dem Jubilar, der jeden Kult um seine Person weit von sich weisen würde, wohl am ehesten behagen dürfte. Dennoch seien neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten an dieser Stelle besonders seine Verdienste darum genannt, daß das Fach Latein in der Öffentlichkeit sichtbar bleibt. Niklas Holzberg läßt es sich nicht nehmen, auf unzähligen Lehrerfortbildungen zu wirken, als begnadeter Übersetzer die antiken Texte einem großen Publikum näher zu bringen und als vielgelesener Sachbuchautor die Ergebnisse seiner Forschung Studierenden, aber auch dem gebildeten Laien anschaulich zu vermitteln. Er ist ein Arbeiter am Text, den er aus dem jeweiligen literarischen Kontext facettenreich und vielschichtig erschließt, und der bei seinen Interpretationen stets Klartext spricht. Dafür sind ihm seine zahllosen Leser dankbar. Dieses gesellschaftliche Engagement für sein Fach, das Niklas Holzberg mit dem wissenschaftlichen zu verbinden weiß,

|| * Vgl. dazu das Publikationsverzeichnis auf der persönlichen Website von Niklas Holzberg: http://www.niklasholzberg.com/Homepage/Hauptseite.html (für den Inhalt der verlinkten Seiten übernehmen die Herausgeber keine Haftung).

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VI | Vorwort

kann nicht hoch genug veranschlagt werden und hat ihn zu einem weltbekannten Latinisten gemacht. Es war kein Zufall, daß der Geburtstag des großen Gelehrten an der Universität Bamberg gefeiert wurde, denn nach seiner Zeit als Professor an der Universität München von 1982 bis 2011 wurde das Bamberger Institut für Klassische Philologie die neue wissenschaftliche Heimat von Niklas Holzberg, wo er seine Lehrtätigkeit fruchtbar fortsetzen konnte. Für seine engagierte und hervorragende Lehre sind die Kolleginnen und Kollegen und die Studierenden der Universität Bamberg sehr dankbar. Wir, die Herausgeber der Festschrift, aber auch Frau Legutke und Frau Dr. Pirrotta vom Verlagshaus De Gruyter, wünschen Dir, lieber Niklas, im Namen all Deiner zahlreichen Schülerinnen und Schüler, Freunde und Freundinnen, Kolleginnen und Kollegen nicht nur der Universität Bamberg, sondern aus der ganzen Welt alles Gute und noch viele Jahre für Deine wissenschaftliche Arbeit, ohne die die Klassische Philologie nicht den Stellenwert in Wissenschaft, Schule und Gesellschaft hätte, den sie heute hat. Vielen Dank dafür!

Bamberg, im Frühjahr 2018 Markus Schauer und Johannes Zenk

Inhalt Melanie Möller   Poeta, amator, philologus – Catch me if you can | 1  Bernhard Zimmermann   Attisches Salz oder von der Schwierigkeit, Aristophanes zu übersetzen | 15  Thomas Schirren   Weise Sprüche zum Essen: Kommunikationsformen beim philosophischen Symposium | 27  Markus Schauer   Feuer der Liebe  Überlegungen zu einer Metapher im Spannungsfeld von Katachrese und Anachrese | 63 Niels Christian Dührsen   Clodia, Lesbia und die Kritik Catulls an Politik und an Politikern | 77  Regina Höschele   Et Vergilium faciamus impudentem  Die textuelle Defloration eines jungfräulichen Dichters | 95 Margot Neger   Quod epistulis eius ostenditur  Die narrative Funktion von Briefen in antiken Prosaerzählungen | 121 Sven Lorenz   Martial und Juvenal | 153  Wolfgang Kofler   Briseis an Achill  Rezeptionsästhetische und motivgeschichtliche Überlegungen zu Ovids drittem Heroidenbrief und Joseph Reschs Agamemnon suimet victor | 173 Kai Brodersen   „Ein Herbarium, welches die Blüthen des Volksgeistes, freilich in getrocknetem Zustande aufweist“: Etymologien und Eigennamen im GriechischLexikon | 195

 

Melanie Möller

Poeta, amator, philologus – Catch me if you can Niklas Holzberg zum 24. Juni 2016 Trimalchio, der gewitzte Schlemmer aus Sybaris mit Zweitwohnsitz in München, streift einsam durch die Straßen der bayrischen Metropole. Wo waren bloß all die anderen? Kein Encolp, kein Giton, kein Ascylt in Sicht, kein pedantischer Rhetor Agamemnon, kein aufdringlicher Dichterling Eumolp, erst recht keine rassige Circe, Chrysis oder Doris. Wie er sie alle vermisste! Diskret enttäuscht, verabschiedet er sich von der leisen Hoffnung, hier irgendwo Personal aus dem Figurenkabinett seines Gebieters Petronius Arbiter zu treffen. Und darüber hinaus? Er konnte die Welten ja transzendieren. Vielleicht traf er einen anderen der Literaturstars der griechischen oder römischen Antike, von denen ihm sein Gebieter oft vorgeschwärmt hatte? Doch nein, nur einige Schemen von verlotterten Gestalten oder torkelnden Neureichen (wie er ja selbst einer war), die sich noch in den Straßen dieser Wahlheimat herumdrückten. Keine poetae docti, keine amatores, keine philologi von Rang; dabei sucht er händeringend nach einer interessanten Persönlichkeit Er tigert durch Viertel mit lustigen Namen wie „Maxvorstadt“ und flaniert gemächlich die „Schleißheimer Straße“ entlang. Haha, was für ein Name! Diese Deutschen – hatten sie nichts von den Griechen oder Römern mit ihren klangvollen Vokabeln gelernt? Warum gab es hier keine „Trimalchio-Allee“? Überhaupt – was war das gleich für ein Völkchen, wie kam er hier her? Trimalchio konnte sich beide Fragen nicht beantworten. Irgendwie fiel ihm diese Gesellschaft wieder ein, bei der er eine zentrale Rolle spielte. Aber noch bevor sich sein Gedankenpuzzle zusammensetzen konnte, stand er wie ein begossener Pudel in einem Regenschwall, dessen Aufziehen unser in der literarischen Welt verhafteter Protagonist einfach nicht bemerkt hatte. Dieser zwingt ihn zur Einkehr – er schleicht in einen Hausflur, dessen Tür sich ihm wie von Zauberhand öffnet. Im Haus wiederum steht eine weitere Tür einen Spalt breit offen; unser Hauptdarsteller, ein begeisterter Anhänger von Paraklausithyra, wirft sich auf die Schwelle und hebt an zu sprechen, dann zu singen – keine Reaktion. Schließlich dringt er diskret in die dunkle Wohnung ein. Da hört er jemanden leise schnarchen. Trimalchio entdeckt in einem nachthellen Zimmer einen friedlich schlafenden Mann. War das etwa Willibald Pierckheimer, dieser „Autodidakt, der Schule macht“? Oder Hans Sachs? Trimalchio wusste es nicht, und er

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hatte auch keinen Schimmer, wer diese beiden Typen waren, deren Namen ihm soeben in den Sinn gekommen waren. (Sie werden jetzt schon bemerken, verehrte Leserinnen und Leser, dass sich die Autorin einer allzu vertrauten persona bedient, um ihr Elogium, den Versuch einer Würdigung von Niklas Holzbergs umfangreichem Werk und nicht enden wollendem Schaffensdrang, zu präsentieren. Satirische Einlagen dürfen da natürlich nicht fehlen. Folgen wir also weiter den Spuren unserer Helden!)

Trimalchio schleicht durch die Wohnung und steht vor einer riesigen, von einem fahlen Lichtschein erhellten Bibliothek. Neugierig geworden, horcht er, ob der Kerle nebenan noch schläft: diskretes Schnarchen. Trimalchio wagt es also: Er knipst das elektrische Licht an. Und siehe da – er ist überwältigt. Vorsichtig zieht er ein paar Bücher hervor – immer wieder derselbe Name: Niklas Holzberg. Wer sollte das sein? Etwa der harmlos wirkende Kerle im Nebenzimmer? Der sah doch ganz normal aus und nicht wie ein Gelahrter. Und von denen kannte Trimalchio einige: dicke ältere Herren mit schwingenden Krawatten und ordiniertem Gesicht, von beeindruckender severitas und zugleich stupender Lächerlichkeit. Was hatten diese Typen nicht schon alles über ihn, Trimalchio, seine Freunde und seinen Papa (poeta) Petronius, herauszufinden versucht! Trimalchio schmunzelt bei der Erinnerung daran. Was aber waren das für Werke, die er da in gewaltigen Mengen vor sich sah? Sein kundiger Blick lehrt ihn rasch: Unter den Büchern befanden sich Monographien, Übersetzungen, Bilinguen. Natürlich auch diverse Klassiker der Weltliteratur und allerlei raumgreifende Studien – die hatten dem friedlichen Schläfer bestimmt sogenannte Kollegen verehrt! Trimalchio konnte ein Lied von solchen Gaben singen … Dann gab es da Aufsätze in unermesslicher Zahl, dazu Rezensionen. Die jüngsten Exemplare waren in der Tat ganz frisch! Das erstaunte Trimalchio: Ihm war zu Ohren gekommen, dass sich die meisten Gelehrten im Laufe der Zeit zu schade dafür seien, sich noch mit den Texten anderer abzugeben. Gleiches hatte er auch über die Tätigkeit des Übersetzens vernommen und, vor allem, übers Bibliographieren. Doch hier fand er sein Vorurteil widerlegt: Dieser da schien sich für die Bildung der Gesellschaft krummzulegen! Ungeschickt fingert Trimalchio an einem dicken Stoß Zettel herum und befördert eine brandneue Bibliographie zu Vergil zutage. Aha, das musste wohl die sein, die jüngst im world wide web – Trimalchios Freunde hatten ihn in dieses eingeführt – für wahre Begeisterungsstürme gesorgt hatte. Trimalchio wendet sich wieder den Texten des Niklas Holzberg zu und stellt fest, dass die ältesten aus dem Jahr 1973 datierten. So lange war der Kerle schon dabei, wow! Trimalchio warf wieder einen

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Blick in die Schlafkammer und staunt – den hätte er glatt für jünger (als sich selbst) gehalten. Trimalchio wühlt sich behend durch die Textberge. Auf Ordnungskriterien (Alphabet, Chronologie, Themen o.ä.) nimmt er dabei keine Rücksicht, denn derlei interessiert ihn nicht: Schließlich steht er selbst jenseits zeiträumlicher Kategorien; er war allenfalls ein Anhänger des ordo artificialis (und sozusagen ein wandelnder Chronotop). Ja, hatte dieser Typ denn gar keine bevorzugten Themen? Der bestellte ja mehr oder weniger alle Felder! Römer, Griechen, Deutsche! Und alle Genres bediente der auch! Trimalchio ist bass erstaunt. Ehrfürchtig tauft unser Sprachgenie den Schläfer im Geiste philologus doctissimus. Obwohl sich Trimalchio von Natur aus eher für Entlegenes erwärmen kann, bleibt er doch zunächst bei vertrauten Namen hängen, die ihm vor allem auf Buchrücken entgegenleuchten. Er greift nach Catull, Vergil, Horaz, Ovid natürlich, nach Roman und Fabel: Alles so informative wie gewitzte, tiefschürfende wie federleichte Gesamtschauen. Kein Wunder, dass diese Bücher zum Teil in mehreren Auflagen erschienen waren. Richtige Bestseller!, staunt Trimalchio. Hatte er nicht gehört, dass die Hüter des Alten nur auf Nebenschauplätzen kämpften? Brach dieser hier etwa kühn die Regel? Gierig nimmt Trimalchio überall Kostproben. Zunächst greift er nach Catull, den er nicht nur insgeheim für einen Seelenverwandten hält. Zuerst prüft er die Übersetzungen: Mal sehen, was der Kerle nebenan draufhatte. Denn bei Catull musste man nicht nur in der Lage sein, die derben Bilder adäquat in die Zielsprache zu übertragen, sondern auch sensibel genug, den poetischen Tiefgang wiederzugeben. Und die hellenistischen Hintergründe musste man kennen! Trimalchio studiert. Hängen bleibt er vor allem bei carmen 2, einem dieser Lesbia-Gedichte, carmen 85, dem knappen ‚Psychogramm‘, und carmen 94, seinem „Liebling“ mentula. Hier konnte er die vergleichende Probe aufs Exempel machen. Und: Ja, der hatte den Dreh tatsächlich gefunden: die notwendige Sensibilität und eine klare, auch drastische Sprache, alles da. Nebenbei schien der Übersetzer auch als einer der ersten kapiert zu haben, dass uns Catull, dieser windige Bursche, mit seiner Lesbia nur zum Narren halten wollte. Von wegen Clodia, dieser Einfaltspinsel von Apuleius! Lesbia war offenbar postfaktisch, ein fake, war „womanofacture“. Ois fiction. Yeah, fiction party, wiehert Trimalchio – und bremst sich erst wieder, als es im Nebenzimmer knarzt. Zum Glück ist niemand zu sehen. Wie viele sind dem Catull auf den Leim gegangen, herrje! Dieser hier nicht. Nüchtern, lakonisch und sachlich kommentiert er unter anderem im Nachwort zur Ausgabe, dass wir keine historische Person Catull im Text vorfänden, sondern einen „ich-sagenden Dichter“, der „als Liebhaber auch den vir mollis spielt und dabei oft sogar wie eine Frau

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spricht“, was „bei aufmerksamer Lektüre leicht zu bemerken“sei.1 Recht hatte der. Und „aufmerksame Lektüre“ schien so ein Stichwort bei ihm zu sein. Auch in „Der Dichter und sein erotisches Werk“ fand Trimalchio das Veroneser Bürschchen gut erfasst: Das konnte man schön an der Deutung des jambisch gewendeten Abschieds des Autors von seinen Lesern erkennen. Hier ging es offenbar um die Aufforderung zum second reading. Man sollte möglichst viel durch das Buch reisen … ein literarischer homo viator sein – das war ja eigentlich exakt das, was Trimalchio seit Jahrhunderten (Jahrtausenden) tat. Freilich, ein bißchen weit ging der Kerle da vielleicht doch manchmal – überall witterte er sexualisierte Wortspiele, was Trimalchio persönlich allerdings gut gefiel. Am stärksten beeindruckt Trimalchio jedoch die eminent antibiographistische Tendenz in den Catulldeutungen dieses Niklas (wie er ihn in Gedanken jetzt auch manchmal nannte). Da konnte gar nicht oft und deutlich genug Tacheles geredet werden: Hatte Trimalchio nicht erst kürzlich einen Aufsatz in der Hand gehalten, indem einer die biographischen Bezüge in Catulls carmen 64 offenlegen wollte? Weil der das Psychogramm der klagenden Ariadne anders nicht hätte erstellen können? Miser Catulle! Trimalchio hätte hier gerne noch weitergelesen, aber das Werk des philologus war so opulent, dass er unbedingt zum nächsten Exemplar greifen musste. Nach Catull zog er nun Vergil aus dem Schrank, ach Gott, diesen verklemmten Parthenias! Was hatte der Philolog’ denn mit dem zu schaffen? Alle drei VergilWerke hatte der übersetzt, nach der Aeneis 2015 sind auch Bucolica und Georgica auf den Markt gekommen. Und das alles auch noch in eleganten Hexametern – obwohl der Übersetzer auch hier wieder von einer Zielsprachenorientierung getrieben schien. Die Texte waren sehr gut lesbar! Und wie stets gab es überall so bündige wie informative Erläuterungen. Interessant fand Trimalchio auch das bei Beck erschienene Buch zu Vergil: Wir erfahren darin, dass sich hinter dem „Eklogenland“ durchaus kein naives Paradies befindet, sondern eine Utopie, in die noch dazu die römische Realität eingedrungen sei.2 Na, das schien Trimalchio doch mal ein interessanter, weil eben auch nüchterner Blick auf den leidgeplagten Parthenias zu sein (was hatte er mit Horaz über den gekichert, wenn die Princeps-Truppe nicht dabei war, sondern auf Wolke sieben schwebte oder mit dem Höllenhund irgendwo in der Unterwelt unterwegs war. Meistens verschwanden sie doch nur mit Charon in der nächstbesten Schänke und beklagten die Schlechtigkeit und Banalität der literarischen wie historischen Welt seit ihrem Ableben). Aber wie stand es mit der Aeneis, diesem hochgelobten und

|| 1 Holzberg (2009a) 261. 2 Vgl. dazu Holzberg (2016).

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heißumstrittenen Geniestreich des augusteischen Dichterfürsten? Der doctissimus würdigt ihre kosmologische wie polyhistorische Seite. Vor allem aber widmet er sich dem Konzert der verschiedenen Rollen und Stimmen des Dichters. Die typologische Aeneis-Deutung findet er ganz gescheit (wie Trimalchio übrigens selbst auch). Die im Werk zu beobachtende Vernetzung von mythischer mit historischer Zeit hält Trimalchio für ebenso transparent dargelegt wie die Wirkweisen von Allegorie und Symbolismus (two and further voices), wobei sich der philologus weitgehend mit dem berühmten Vergil-Forscher Werner S. in Einklang weiß. Niklas Holzberg blendet aber auch die augusteische Verstrickung Vergils nicht aus, wie ihn ja überhaupt die Figur des Augustus als Referenten der Texte immer wieder reizt; jedoch warnt er vor vereinfachenden Identifikationen wie im Falle jenes berüchtigten Knaben aus der 4. Ecloge. Auch eine Deutung des merkwürdigen Finales der Aeneis scheut Niklas Holzberg nicht: Dass Aeneas dem Turnus den Garaus macht, habe narrativische wie sachlogische Gründe und sei letztlich „menschlich“ nachvollziehbar. In Horaz fassen wir mit Niklas Holzberg einen Meister der römischen persona-Kunst, nämlich ein Ensemble aus Stellvertreterfiguren, die ein „poetisches Ich“, keinen „realen Autor“ freilegen.3 Auch an den hat sich Niklas also übersetzerisch herangewagt: Von den Satiren bietet er gar eine originalgetreue Prosaübersetzung.4 Trimalchio nimmt Stichproben bei seinen Lieblingssatiren 1, 8, dem Priap mit Blähungen, und 1, 9, der sog. „Schwätzersatire“, die Trimalchio aus naheliegenden Gründen besonders interessierte. Ha, der nahm kein Blatt vor den Mund, und trotzdem wirkte das genau, elegant und schmissig. Von dem Buch zur römischen Liebeselegie hatte Trimalchio schon mal gehört. Das wurde auch in seinen Kreisen viel gelesen, weil es so reich an Witz, Pathos und Ironie war. Hier kam jeder auf seine Kosten! Zwar hatte Niklas Holzberg ein offenes Ohr für die im Text aufscheinenden potentiellen Anliegen der herrschenden Klasse: „da sich der römische Machtdiskurs … im Sexualdiskurs widerspiegelte …“5: Und doch blieb er behutsam bei der Unterstellung von Systemkritik, da häufig die entscheidenden Textbelege fehlten. Hier musste man Wunschdenken beziehungsweise das Kontrafaktische von Fakten klar unterscheiden (wer wüsste das besser als Trimalchio, der doch in der Zeit dieses verrückten Nero großgeworden war?). Auch gefällt Trimalchio der unaufgeregte Umgang des Niklas mit literaturtheoretischen Begrifflichkeiten. Was er zu Properz geschrieben findet, bestätigt ihn indes in seiner eigenen Einschätzung: dessen „verschraub-

|| 3 Holzberg (2009b) 8f. 4 Vgl. zur Übersetzung Holzberg (2011) 9. 5 Holzberg (2006) 22.

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te Syntax“, oh je! Aber sehr deutlich hebt Niklas die Relevanz der intertextuellen Spielereien im Werk des Properz hervor, und in das textkritische Chaos zum 2. Buch bringt er die bestmögliche Ordnung. Trimalchio fällt ins Auge, dass der Kerle ein starkes Interesse für Struktur- und Kompositionsprinzipien hegte. Gut, denn das war den Alten sehr wichtig gewesen! Bleibt noch zu erwähnen, dass Niklas das verbale poeta/amator-Konstrukt in unser aller Sprachschatz eingeführt hat, dessen Grundlagen er aus dem kunstvollen elegischen Wertesystem bezieht. (In Trimalchios Kreisen pflegte man sich eigentlich gar nicht mehr namentlich, sondern nur mit diesem terminus technicus anzureden. Das hatte den Vorteil, dass sich eigentlich jeder angesprochen fühlte, wenn es bisweilen auch ein wenig Verwirrung stiftete.) Mit bebenden Fingern greift Trimalchio schließlich nach den von Niklas verfassten Büchern zu Ovid, seinem vierten Lieblingsautor nach Aristophanes, Lukian und Catull, ja, Ovid, dieses von der kleinlichen philologischen Wertung so lange verkannte Genie. Die Übersetzung der Amores mitsamt den einführenden Worten schon zeigen Trimalchio, dass Niklas seinem Publikum diesen Autor trefflich erschlossen hatte. In Ovid finden wir einen Meister im Schaffen von Gegenwelten, einen Aufsprenger von Gattungsgrenzen, den vielleicht facettenreichsten Anspielungskünstler mit einem ausgeprägten Hang zur – künstlerischen – Selbstreflexion und mit subtilem psychologischen Gespür. Ganz richtig liest Niklas schon die „Amores [mit ihrem raffinierten Amor-Roma-Palindrom] als Grundbaustein des ovidischen Lebenswerkes“.6 In seiner Ovid-Monographie hebt Niklas auch die beständige Rekurrenz des Meisters auf die weibliche Sicht der Dinge hervor – in den Heroides, in der Ars und in den Remedia amoris vor allem erweist sich der berühmte praeceptor amoris als Therapeut für beide Geschlechter. Niklas’ Metamorphosen-Buch ist nun auch wieder ein richtiger hotseller (in 2. Auflage) – sicher, weil er Ovid auf die Schliche gekommen ist: Offenbar ist Ovid davon ausgegangen, dass die Leser sein carmen perpetuum et deductum von Anfang bis Ende studieren. Wir erfahren vieles zum generic crossing dieses fortlaufenden, fein gesponnenen Gedichtes. Auch widmet sich Niklas dem illustren Nachleben, unter anderem bei so außergewöhnlichen Autoren wie Ted Hughes in den „Tales from Ovid“. Niklas’ Zugang zeichnet hier wie dort eine fruchtbare komparatistische, eben philologische Perspektive aus. Für bahnbrechend hält Trimalchio den Aufsatz „Playing with his life: Ovid’s ‚Autobiographical‘ References“: Man beachte die weise gesetzten Anführungszeichen um ‚Autobiographical‘ … Ovid ist Regisseur auch seiner Lebenskunst, und wir sind nolens, volens, seine (Mit)spieler (auch || 6 Holzberg (22014) 235.

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Trimalchio gehört dazu). Gerade will Trimalchio zu einem auf Ovids Exil bezogenen Aufsatz namens „Aktäons Strafe“ greifen, da leuchtete ihn in oranger Reclamoptik etwas Anderes entgegen: Aristophanes Vögel! Druckfrisch von 2016! Aus dem Griechischen übersetzen konnte der auch! Doch gab es da noch mehr: einen weiteren todschicken Beckband: „Aristophanes. Sex und Spott und Politik“ (wer hat sich denn diesen Titel ausgedacht? Ein Kumpel von Eumolp?, fragt sich Trimalchio kopfschüttelnd). Das Buch zum frechen Verspotter gesellschaftlicher Größen, vor allem des Langweilers Sokrates, (der ihm, Trimalchio, ständig auflauerte, mit dem Gehstock den Weg versperrte und ein Gespräch aufzuzwingen versuchte) durchblättert Trimalchio besonders gern und lange, da er auf der Suche nach neuen Schimpfwörtern („Aischrologien“) war, mit denen er lästige selbsternannte Gefährten – und davon gab es leider reichlich – beleidigen wollte, um sie vielleicht endlich und ein für alle Mal loszuwerden … (Doch konnte Trimalchio seinen Blick nicht von den „Vögeln“ abwenden. Unwillkürlich stieg ihm der verlockende Duft gebratener Flugtiere in die Nase.) Trimalchio sammelt sich und stellt wie nebenbei fest, dass die Texte dieses Niklas H. in viele Sprachen übersetzt worden waren: englisch, niederländisch, polnisch, slowenisch, italienisch … War der etwa auch noch polyglott? Die meisten Altphilologen, die er kannte, stotterten doch nur rum … Trimalchio selbst war inzwischen zehnsprachig. (Wenn der Kerle aufwachte, würde er die Probe aufs Exempel machen und ihn auf Niederländisch um eine Flasche Wein bitten). Zwei Bücher hatte Trimalchio noch nicht angeschaut: das über den Roman und die Fabel. Da er auch noch die Aufsatzstapel durchwühlen wollte, beschränkte er sich auf einen kurzen Blick in den „antiken Roman“ (während er ein Exemplar der „Fabel“ unter sein Leibchen schob, um es später zu studieren, sobald er wieder zu Hause war. Er war nämlich auch stets auf der Suche nach neunmalklugen Sprüchen). Zum Roman greift er auch deshalb, weil er hofft, selbst darin vorzukommen. Und er wird nicht enttäuscht! Noch dazu befand er sich in illustrer Gesellschaft: Da taucht er neben Typen wie Xenophon, Chariton, Lollianus, Apuleius, Iamblich, Longos und Heliodor auf. Und natürlich spielte er eine Sonderrolle. Denn für die anderen hatte Niklas rasch ein stereotypes Handlungsschema ausgemacht: Die Hauptrolle übernahm in der Regel ein Liebespaar, das vorübergehend getrennt wird und allerlei Unbilden wie Intrigen und stürmische Reisen aushalten musste, bevor es zu Wiedervereinigung und happy end kam. Niklas vergleicht den plot so frech wie zutreffend mit dem moderner TVSchmonzetten, Seifenopern und Groschenromanen, bietet aber auch einen höchst informativen gattungstheoretischen Überblick. Von Niklas lernt Trimalchio aber auch, dass man zwischen dem weiteren modernen Roman-Begriff, der

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historisch gewachsen sei, und einem etwas engeren der Antike differenzieren müsse. Damit zeigt Niklas wie nebenbei die (historische) Dynamizität von Gattungen bzw. Gattungsbegriffen auf. Trimalchio jedenfalls findet sich in die „komisch-realistischen“ Romane eingeordnet und freut sich über diese ihm treffend erscheinende Rubrik. Was fällt ihm da nicht noch alles vor die Füße: Aufsätze zu Aesop und Polybios, zu Martial, zu Phaedrus in der Literaturkritik seit Lessing, zur Anthologia Graeca; einen schönen Band mit anregenden Texten namens „Applaus für Venus“ durchblättert er ehrfürchtig. Huch, da waren ja auch die Oberlangweiler Cornelius Nepos und Curtius Rufus sowie – beim Teutates! – Sallust, dieser gelockte eitle Pfau, der immer allen anderen etwas in die Schuhe schob, nur nicht sich selbst. Und, ui, noch mehr dröge Kost: Wie kam dieser unterhaltsame Philolog dazu, „die ethnographischen Exkurse in Caesars bellum Gallicum als erzählstrategisches Mittel“ in Augenschein zu nehmen? (Sollte es diesem Niklas etwa gelungen sein, dem alten Glatzkopf, der sich laut Trimalchios (Fünft)Lieblingsautor Sueton gerne die einzig verbliebene Haarsträhne quer über den Scheitel kämmte und den berühmten Lorbeerkranz obendrauf pfropfte, etwas Interessanteres abzugewinnen als sein strategisches Geschick?) Niklas H. nahm die Ekphrasis, ein Lieblingskind der Narratologen unter den Literaturwissenschaftlern, ins Visier und rief Wegweisendes zur Bedeutung des Commentarius ins Gedächtnis: So liefert er wie nebenbei einen fundierten Beitrag zur Gedächtnistheorie bzw. zum ‚kulturellen Gedächtnis‘, ohne großes Aufhebens um die(se) Theorie zu machen. Interessant scheint ihm besonders der beständige Wechsel des Erzählerstandpunktes, der Verfremdungs- und Fragilitätseffekte spiegele. Die zahlreichen Wandermotive im Text waren jedenfalls wohl wichtiger als „authentische Aussage(n)“: Dies zielte auf einen Kern in der Holzberg-Forschung, wie Trimalchio alsbald bemerkt, nämlich Kunst/Literatur gegen Leben und Realität abzugrenzen, ohne poststrukturalistisch, gar dekonstruktivistisch, zu argumentieren. Das gelang ihm auch deshalb so gut, weil er sich bestens mit den literarischen Motiven – also mit der Literatur und ihrer Geschichte – auskannte. So hatte er die besten Voraussetzungen, immer wieder auch Literaturvergleiche anzustellen und die Methoden der Intertextualität anzuwenden (Trimalchio prüfte das z.B. auch am Vergleich der Historia Apollonii regis Tyrii mit der Odyssee). Gierig versucht Trimalchio, mehrere Texte gleichzeitig herauszuziehen. Die Bibliographien fallen ihm auf den Kopf: Er findet sich unter einem Meer von dicht und doppelseitig bedruckten Blättern begraben. Zu allem Übel stürzt auch der provisorische Katalog der Pierckheimer-Papiere obendrauf. Wird sich Trimalchio aus diesem Gewirr jemals wieder befreien können? Oh je, es schnauft

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und knatscht nebenan. War der etwa aufgewacht? Trimalchio lauscht ängstlich und versteckt sich sicherheitshalber im Kühlschrank. Glück gehabt, der Atem nebenan geht wieder ruhig – und Trimalchio kommt wieder raus, mit kalten Extremitäten. So angenehm temperiert (es war ja Sommer), wagt er sich ans Schwerpunktthema Rezeption: Dort findet er einige Humanisten und Reformatoren wie Beatus Rhenanus, Melanchthon, Georg Aemilius. Diese Typen hatte Trimalchio bisher als wenig unterhaltsam eingeschätzt. So konnte selbst jemand wie er sich täuschen! Dann fand er etwas zu diesem verrückten Liebespaar, „Tristan und Isolde“, und wieder die highlights Willibald P. und Hans S. (die Trimalchio nun beinahe schon liebgewonnen hatte). An denen interessierte Niklas auch ihre Bodenständigkeit, wie unter vielen anderen ein Jubiläumsbeitrag zeigt: „500 Jahre Hans Sachs: Grobe und gelehrte Leute“. Niklas nutze auch Jubiläen geschickt, um seine Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis zu vermitteln (Trimalchio musste bei der gestelzten Formulierung, die jedermann jetzt so unbedarft im Munde führte, schon wieder schmunzeln). Ja, sogar Brückenschläge zwischen Universität und Schule wagte dieser Niklas immer wieder, um den Leuten zu zeigen, wo es langging. Was er schrieb – hier etwa zu den Briefen des geschwätzigen Cicero – war immer kurz, knackig und informativ. Das gefiel Trimalchio (bei anderen…). Auch legte Niklas in Bezug auf die Schullektüren besonderes Augenmerk auf die Rezeption der Antike, um seinen bildungspolitisch verantwortlichen Zeitgenossen klarzumachen, wie relevant die Vergangenheit war, in deren Mittelpunkt sich Trimalchio wähnte (er überzeugte sich u.a. an „Klassiker im altsprachlichen Unterricht … Original oder Übersetzung“ und an „Von Cato bis Carolus. Anregungen zur Lektüre lateinische Bios“). Und zur Sprachgeschichte hatte der auch einiges beigetragen – Trimalchio erfreute sich vor allem an Stücken wie „Latein ist nicht nur Kriegsgetümmel“ oder „Neugriechisch und Eurolatein“. Ausschütten vor Lachen wollte sich Trimalchio (er musste das ja aber unterdrücken) über das KuriositätenKabinett der „griechischen falschen Freunde“: „Verzeihung, ist das hier eine idiotische Versammlung?“, oder „Ich möchte bitte einen Eimer Asbest!“ Überrascht nimmt Trimalchio zur Kenntnis, dass es auch Gedenkreden aus der Feder seines philologus gab. Das hätte er nicht gedacht – so wenig, wie der sich zu verbiegen schien. Mussten also schon besondere Typen sein, auf die der den feierlichen Ton anstimmte. Gut, da gab es eine Lobrede auf Christoph Ransmayr, diesen Österreicher, der einen ziemlich unterhaltsamen Lebensroman über Ovid verfasst hat. Das schien wohl eher eine Pflicht gewesen zu sein: Niklas musste für eine Preisverleihung an der Bayrischen Akademie der Schönen Künste ran. Der philologus machte daraus eine pfiffige laudatio, die beinahe beiläufig

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einen pointierten Überblick über das Schaffen Ovids bietet, das AntikeModerne-Paradigma beleuchtet und zu der klugen Beobachtung kommt, dass beide, der poeta und sein poeta, Ovid und Ransmayr eben, ihre herausragende „psychologische Beobachtungskunst“ eine. Ach, und dann war da noch der Gedenktext auf seinen geschätzten Lehrer Alfred Heubeck; diesem hatte er auch schon einen Fest-Beitrag verehrt zu einem, wie Trimalchio fand, knochentrockenen Thema, nämlich zur Frage der „Datierung der Gyges-Tragödie“, in welchem er sich skeptisch zeigt, ob man auf der Grundlage von Fragmenten überhaupt methodisch abgesicherte literarhistorische Einordnungen vornehmen könne. Ausführlicher widmet sich Trimalchio Niklas’ „Porträt über Alfred Heubeck“ anlässlich von dessen Tod, denn plötzlich stellt sich Trimalchio die Frage, ob dieser kluge Schläfer überhaupt ordentlich ausgebildet worden war? Ja, von wem denn, was war passiert? Schließlich war wohl dieser Heubeck entscheidend, von dem Trimalchio bei Niklas mit Begeisterung liest, dass er Kettenraucher und schon dadurch ein untypischer Altphilologe gewesen sei. Aus dem pointierten Porträt erfährt Trimalchio auch, dass sich dieser Heubeck wohl auf die Grundlagen-Ausbildung konzentriert hatte (wie er, Trimalchio, selbst insgeheim auch, wenn er auch immer etwas Anderes suggerierte); der war ein Schulmann gewesen, dessen Herz auch dann noch für die gymnasiale Ausbildung schlug, als er Professor in Erlangen wurde. Nur wollte er die Studenten nicht mit seiner Spezialforschung behelligen, die er säuberlich von seiner auf tiefgründige Basiswissensvermittlung angelegten Lehre trennte – womöglich eine Art alter ego unseres philologus hier? Jedenfalls in puncto ‚Basiswissenvermittlung‘, die Niklas allerdings auch in seiner Forschung im Blick hatte und dadurch gerade nicht von der Lehre separierte. Und eine gewisse Bodenständigkeit und Uneitelkeit schien die beiden zu verbinden (obwohl: Hier war sich Trimalchio nicht ganz sicher, ob das auf seinen neuen Helden zutraf. Das mag vor allem daran liegen, dass er selbst mit jeder Form von Bescheidenheit überhaupt nichts anzufangen wusste). Jedenfalls glaubt Trimalchio zu verstehen, warum den Niklas gerade dieser Lehrer so berührte, und er blickte selbst mit einer Träne im Knopfloch zum Schlafzimmer hinüber. Trimalchio staunt noch mehr, als er bemerkt, dass sich Niklas neben Gedenkschriften und Beiträgen zur Wissenschaftsgeschichte auch an die Politik gewagt hatte. Genau wie sein Meister Petronius, der sich auf geschickte Weise mit diesem irren Brandstifter und Klampfenmann Nero angelegt hatte – so hatte dieser hier sich ordentlich was getraut, als er sich mit der Rolle der Münchner Klassischen Philologie in der NS-Zeit befasste. Sogleich ist Trimalchio gefesselt von dem Aufsatz „Antike Texte in Studium und Flugblatt. Philologischer Semi-

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naralltag und Weiße Rose an der Universität München 1941–45“ (obwohl Trimalchio inzwischen fließend Englisch konnte, las er doch lieber die deutsche als die englische Fassung [unter dem Obertitel „Lycurgus in Leaflets and Lectures“]). Hier erfuhren die mutigen Aktionen der Weiße-Rose-Mitglieder um Sophie und Hans Scholl eine Würdigung, nicht zuletzt auch deshalb, weil deren grundlegende Systemkritik in den traurig-berühmten Flugblättern sich auch deutlich auf klassische staats- und gesellschaftspolitische Texte bezog bzw. diese zitierte (darunter Aristoteles’ Politik, Ciceros de legibus, Augustinus’ Civitas dei, die Texte von Lycurg und Solon, die oft mit deutschen Klassikern kombiniert waren). Niklas stellte deutlich heraus, wie peinlich die LMU auf die Flugblattaktionen reagierte, indem sie die Vertreiber vom Studium ausschloss, bereits verliehene Doktortitel aberkannte oder propagandistische GegenVeranstaltungen organisierte, um die Weiße-Rose-Mitglieder mit dem Stigma des „verbrecherischen Einzelgängers“ zu versehen. Dabei geht Niklas sensibel zu Werke und sucht gezielt auch nach expliziten oder auch nur impliziten Formen des Widerstandes über die Institution der Weißen Rose hinaus. Besonders interessierte ihn, wie denn wohl die ortsansässigen Klassischen Philologen reagiert haben, wo doch sogar deren Textcorpora so prominent zitiert wurden? Nun, Niklas zog die Institutschronik zurate, die für den entscheidenden Zeitraum vorliegt. Jedoch: Dort ist eigentlich nur der Seminaralltag dokumentiert, so, als passierte nichts drumherum. Ganz Elfenbeinturm, ganz prätendierte Weltfremdheit. Unermüdlich forschte Niklas weiter, angetrieben von der Hoffnung, dass, wenn nicht die Professoren, so doch vielleicht wenigstens die Studenten irgendwie kritisch reagiert hätten; ein Anzeichen dafür fand er immerhin in der Auswahl der Stücke zur Aufführung bzw. Rezitation von Chorliedern für das (wahrscheinliche) Seminar-Weihnachtsfest 1943: Es handelt sich um drei Lieder aus Sophokles’ König Ödipus und Antigone sowie Aischylos’ Sieben gegen Theben, in denen Krieg nicht verherrlicht, sondern kritisch dargestellt wird. Immerhin eine implizite Art der Kritik. Nach dieser herben Kost sehnt sich Trimalchio, dessen Augenlider über der ganzen Leserei auch schon ganz schwer geworden sind, nach etwas Erholung. Zu seiner großen Freude entdeckt er einen Bereich, den er für die ‚Schmuddelecke‘ dieser Bibliothek hält. Er greift beherzt zu Schriften mit Titeln wie „Die erotische Dichtung der Römer“, „Texte zur Nacktheit in erotischen Gedichten des klassischen Altertums“, nach einem noch frischen Aufsatz „Prüde Antike? Das Übersetzen der Lust im Text“ (2015) sowie nach allem, was mit dem corpus Priapeorum zu tun hat, und schmökert und lässt sich stimulieren. So hat er schließlich wieder genug Kräfte gesammelt, um einen letzten: den entscheidenden Schritt zu wagen. Schon längst hatte er mit einem Auge entdeckt, dass es

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dort – über das Roman-Buch hinaus – auch Texte über ihn selbst, Trimalchio aus Sybaris, gab. Mit zitternder Hand greift Trimalchio in den Stapel und zieht heraus, was seine klobigen Finger fassen können. Besonders begeistert ihn auch hier die Übersetzungsleistung. Spontan gerät Trimalchio in eine feierliche Stimmung. Er blättert sich zur Cena vor und rezitiert leise die Kapitel 32,1–34, die seinen Einzug in Szene setzten (ja, daran erinnerte er sich nur zu gerne, vor allem an sein Lob auf den Wein und die Kürze des Menschenlebens: Er war eben auch ein großer Philosoph, das hatte ja auch der Philolog‘ hier erkannt). In Kapitel 39 wurde seine Bildung gepriesen: herrje, er war nun mal blitzgescheit, und das war hier auch im Deutschen trefflich erfasst. Unser philologus hatte aber auch die vulgärlateinischen Partien grandios übertragen, er musste wohl ein arbiter elegantiae sein wie sein Meister Petronius. Im Nachwort und in den anderen ihm gewidmeten Schriften erwog dieser Niklas, dass er, Trimalchio, womöglich doch als Karikatur des damals amtierenden Kaisers konzipiert sei. Haha, jaja, da war schon was dran. Der karikierte war aber natürlich der bessere, der wahre Kaiser! Bei aller Aufgeregtheit, die sich inzwischen eingestellt hatte, nahm Trimalchio doch ruhig zur Kenntnis, dass das Werk, dem er entstammte, auch in sorgfältiger und umfassender Weise literarhistorisch verortet wurde. Niklas hatte auch hier alle möglichen expliziten oder implizit-parodistischen Referenzen erwogen. Hui, der kannte sich aus. Sogar den wilden Philosophen Nietzsche zitierte der – vor dem hatte Trimalchio immer ein wenig Angst, seitdem der tote Gott sich an diesem gerächt und ihn in den Himmel Trimalchios versetzt hatte, wo er unentwegt Pferde, am liebsten den Pegasus, umarmte. Dieser Nietzsche hatte jedenfalls laut Niklas zu Lebzeiten die narrative „Geschwindigkeit“ des Petronromans ›entdeckt‹.7 Endlich gerät Trimalchio auch an verlässliche Informationen über diese Gesellschaft, von der er – das kam ihm nun wieder in den Sinn – schon oft gehört, die er aber noch nie besucht hatte. Ihretwegen hatte er sich ja in München niedergelassen, an einer dieser legendären Partys wollte er endlich einmal teilnehmen, am liebsten natürlich auf der bevorstehenden 25-Jahres-Feier dabei sein! Was diese Gesellschaft, die unter dem Namen Petronian Society Munich Section 1991 als „Tochtergesellschaft“ der amerikanischen Petronian Society gegründet worden war, so besonders und für Trimalchio so passend machte, konnte man am besten im Gründungsmanifest nachlesen, wo sich der Verfasser – schon wieder unser Philologe hier – über die Betulichkeiten deutscher Vortragseinladungen lustig macht und das unbürokratische procedere der PSMS dagegen abgrenzt. Die Gäste kommen für ihre Reisekosten selbst auf, sie näch|| 7 Holzberg (2013) 415.

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tigen bei Münchner Gastfreunden, die Party lebt von Spenden und dem köstlichen Ambiente des Lyrikkabinetts in der Amalienstraße. Das klang für Trimalchio nach funfunfun, er wollte am liebsten direkt hin, seine Beine zuckten schon im Tanzrhythmus (obwohl doch von Musik gar keine Rede war. Aber er kam eben aus der musikalischen Antike und war ein wenig aus der Zeit gefallen). So einfach das klang, so reizend war es doch auch: Die PSMS besteht laut Selbstvorstellung aus einer „Gruppe von Freunden der antiken Poesie und Prosa“ mit Interesse „für literarische Werke im engeren Sinne“, v.a. weniger populäre, nicht (nur) die Klassiker der „edlen Einfalt und stillen Größe“. Erfreulich unkonventionell!, dachte selbst Trimalchio, und doch wunderte er sich, dass es bis zum Zeitpunkt seiner Lektüre über 180 Vorträge gab: Denn er hätte das für umme nicht gemacht! Oder vielleicht doch? Wegen Niklas H. und seiner tollen Truppe? Spätestens als er in die ingeniösen Einladungen zu den Vortragsabenden hineinliest, die in einem beachtlich dicken Mäppchen gesammelt sind oder doch sein könnten, hat er keine Zweifel mehr, dass er umsonst gekommen wäre – ja, vielleicht sogar noch was draufgelegt hätte, um dabei zu sein, wäre er denn früher schon mal eingeladen gewesen. Denn da sprach ja dieser Niklas in seiner Perspektive! Und traf exakt seinen Ton! Trimalchio bekam es beinahe ein wenig mit der Angst zu tun: Hatte der seine gut versteckte persona irgendwo aufgetrieben? Oder die seines Meisters? Schlimmer noch: Hatte der ihn etwa durchschaut? War ihm, dem genialen Trimalchio, da jemand auf die Schliche gekommen? Wenn einer, dann dieser hier, dachte Trimalchio in einem plötzlichen Anfall von Zufriedenheit Zwar hatte Trimalchio nicht viel Biographisches über den Herrn da nebenan in den Schränken gefunden. Doch am Ende stand er wieder vor dessen Bett und wusste: Das musste der wahre poeta, amator, philologus sein. Er trug offenbar mit Bravour seine vestis variata. Spontan kam Trimalchio der Titel eines nicht uninteressanten Hollywood-Films in den Sinn, den er vor vielen Jahren einmal, den nervigen Eumolp im Schlepptau, im Kino gesehen hatte: „Catch me if you can“. Verstanden hat er nicht viel, weil Eumolp mal wieder ununterbrochen auf ihn eingeredet hatte. Der Filmtitel schien ihm trotzdem gut auf diesen hier zu passen, weil er einen seiner methodischen Leitsätze veranschaulichte, den der nicht-biographischen, auf die persona-gebundenen Entzugsgesten fokussierten Deutung von (nicht nur antiken) Texten. „Einfangen“, „Catchen“, konnte auch Trimalchio den nicht, obwohl er einer der wenigen zu sein schien, bei denen es sich lohnen würde. Aber Trimalchio wusste nun, dass Niklas ihm und der Welt, aus der er kam, gewachsen war. Er wandte sich schon zur Tür, da warf er zufällig noch einen Blick auf einen Buchrücken und las das Geburtsdatum des Niklas Holzberg. Nanu, dachte Trimalchio, der

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24.6. – das ist doch heute? Aufgeregt griff er nach einem Kugelschreiber – er kannte sich mit diesen Dingern nicht gut aus – und schrieb mit wackligen Buchstaben in seinem sehr rudimentären Deutsch einen Gruß auf einen Zettel: „Herzlichen Glückwunsch, lieber amator, poeta, philologus! Dein Trimalchio“. Mit einem zufriedenen Seufzer trollte sich Trimalchio und entschwand wieder in die Ewigkeit.

Bibliographie Holzberg, N. (Hg. und Üs.) (2009a): C. Valerius Catullus: Carmina/Gedichte, Lateinisch – deutsch, Düsseldorf. Holzberg, N. (Hg. und Üs.) (2009b): Horaz. Dichter und Werk, München. Holzberg, N. (Hg. Und Üs.) (2011): Q. Horatius Flaccus: Satiren, Lateinisch – Deutsch, Mannheim (Sammlung Tusculinum). Holzberg, N. (Hg. und Üs.) (2013): Petronius Arbiter, Satyrische Geschichten/Satyrica, Lateinisch – Deutsch, Berlin. Holzberg, N. (Hg. und Üs.) (22014): Publius Ovidius Naso: Liebesgedichte/Amores, Lateinisch – Deutsch, Berlin/Boston (Sammlung Tusculum). Holzberg, N. (Hg. und Üs.) (2016): Publius Vergilius Maro: Hirtengedichte – Bucolica. Landwirtschaft – Georgica, Lateinisch – Deutsch, Berlin/Boston (Sammlung Tusculum).

Bernhard Zimmermann

Attisches Salz oder von der Schwierigkeit, Aristophanes zu übersetzen I. Neben der Komik einer Komödie, die sich aus der Handlung und Sprache sowie der sich daraus ergebenden Charakterisierung der dramatis personae ergibt, bleiben uns Philologen, die wir uns seit Aristoteles dramatischen Texten vorwiegend in der analytischen Lektüre und nicht im Theater annähern,1 wesentliche Dimensionen verborgen: all das, was sich aus der Inszenierung und Vertonung ergibt und was nach Aristoteles nicht zur eigentlichen Kunst des Dichters gehöre (Poetik c. 6, 1450b15–20). Zwar sei die musikalische Ausgestaltung (μελοποιία) das größte Genuss bereitende Mittel bei einer Aufführung (μέγιστον τῶν ἡδυσμάτων), und die Inszenierung (ὄψις) könne am meisten eine psychagogische Wirkung entfalten, aber eine Tragödie müsse auch ohne diese optischen und akustischen Mittel und ohne Schauspieler allein in der Lektüre ihre Wirkung entfalten. Dass der Inhalt eines Stücks nicht von der Inszenierung zu trennen ist, fand erst in den letzten Jahrzehnten vor allem mit Oliver Taplins The stagecraft of Aeschylus (Oxford 1977) nach zaghaften Anfängen in den 40er Jahren2 Eingang in das philologische Bewusstsein. Der Primat, den Aristoteles der Handlungskonzeption (μῦθος) und – damit einhergehend – der literarischen Qualität und überhaupt dem literarischen Charakter einer Tragödie zuschreibt, bestimmte bis weit in das 20. Jahrhundert den Zugang zu dramatischen Texten der Antike, zu Tragödien wie Komödien. Bezeichnend ist die Auffassung von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff in der Einleitung seines Kommentars zur aristophanischen Lysistrate im Rückblick auf seine wissenschaftlichen Vorgänger:3 „Die Versuche, über die äußere Gestalt der Szene, über Masken, Zahl der Schauspieler u. dgl. Allgemeines zu ermitteln, sind nicht zum Ziel gelangt. Das ist auch viel weniger wichtig, als Schritt für Schritt die Handlung zu verfolgen, die sich aus

|| 1 Vgl. Aristoteles, Poetik c. 26, 1462a11–13: διὰ γὰρ τοῦ ἀναγιγνώσκειν φανερὰ ὁποία τίς ἐστιν. 2 Vor allem Reinhardt (1948). 3 Wilamowitz-Moellendorff (1927) 7.

https://doi.org/10.1515/9783110564846-003

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den Worten ergibt.“ Wenig später4 unterstreicht er seinen aristotelischen Blick auf die Komödie, wenn er schreibt: „Über die Äußerlichkeiten der Aufführung soll man möglichst wenig wissen wollen.“ Alles Wesentliche lasse sich – so Wilamowitzʼ Auffassung – aus dem Text herauslesen: „e verbis poetarum satis certo colligi actionem“.5 Szenische Rekonstruktionen gehören nach dieser Auffassung nicht zum philologischen Handwerk, sondern zu dem des Übersetzers, wie die TragödienÜbersetzungen, die Wilamowitz nach 1898 in steter Regelmäßigkeit, mit ausführlichen Regieanweisungen versehen, herausgibt,6 eindrücklich zeigen.7 Diese Trennung zwischen Übersetzer und Philologen, die Wilamowitz in eigener Person demonstriert, wurde in der angelsächsischen Gräzistik nie so praktiziert,8 da sich eine szenische Interpretation – so die vollkommen richtige Überzeugung – nur auf der Basis einer kommentierenden Lektüre der Stücke unter Einbeziehung der Realien des attischen Theaters des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. seriös durchführen lasse. Allerdings kommt Wilamowitz seinem eigenen Anspruch, alles Theatralische in seinem Lysistrate-Kommentar unberücksichtigt zu lassen, keinesfalls nach. Immer wieder äußert er sich zu Fragen der Inszenierung, z.B. zu Maske und Kostüm (z.B. S. 122, 127) oder zu stummem Spiel (S. 127). Es ist eigentlich naheliegend, dass aus der Übersetzungsarbeit, bei der man verpflichtet ist, den Lesern den Text als Theaterstück mit Regieanweisungen zugänglich zu machen, ein wissenschaftliches Interesse an Gegebenheiten

|| 4 Wilamowitz-Moellendorff (1927) 23f. 5 Wilamowitz-Moellendorff (1914) XXXIV. 6 Zu Wilamowitz und dem Theaterbetrieb der Vor- und Nachkriegszeit vgl. Flashar (22009) 109–114. 7 Wilamowitz-Moellendorff (61910) 4f. sieht seine Übersetzungen als ein Medium an, seine wissenschaftlichen Ergebnisse vor „das breite Publikum zu bringen“, wobei er sein Publikum keineswegs in den Bildungsbürgern sucht: „Ich wende mich gerade mit besonderem Zutrauen an die, welche sich den Wahn Griechisch gelernt zu haben nicht erst abzugewöhnen brauchen. Nicht den Nachbetern einer abgestandenen Kunstlehre noch den bildungssatten Décadents, sondern denen, die unverdorben und meinethalben ungebildet nach dem reinen Lebenswasser einer großen echten Kunst dürsten, will ich dienen, indem ich ihnen einige solche Werke vermittle, so gut ich kann.“ 8 Ich verweise nur auf die heute immer noch wertvollen zweisprachigen kommentierten Ausgaben des aristophanischen Gesamtwerks von B.B. Rogers, London 1902–1916 und von W.JM. Starkies Acharner (London 1909), Wolken (London 1911), Wespen (London 1897). Aktuell sind vor allem S. Halliwells Aristophanes-Übersetzungen zu nennen (bisher 2 Bände, Oxford 2015/2016).

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des attischen Theaters entspringt.9 Im Idealfall gehen visualisierende Übersetzung im Sinne von Pseudo-Longins εἰδωλοποιία,10 Rückgewinnung des theatralischen Kontexts und Interpretation eine fruchtbare Symbiose ein, wie dies Niklas Holzbergs Komödienübersetzungen und sein Aristophanes-Buch paradigmatisch vor Augen führen.11

II. Im Gegensatz zum Übersetzer einer Tragödie sieht sich ein Komödienübersetzer einer Vielzahl von Problemen ausgesetzt, die sich ihm bei der tragischen Schwester nicht stellten. Aristophanische Witze und vor allem Wortspiele sind nicht immer unmittelbar verständlich,12 die zahlreichen Anspielungen auf aktuelle historische, soziale und kulturelle Ereignisse und Personen bedürfen der Erklärung, die Polyphonie der Gattung Komödie, die in der Einbeziehung aller möglicher sprachlicher Register und in der kritisch-parodischen Auseinandersetzung mit anderen Gattungen ihren Ausdruck findet, lassen sich nur schwierig einem heutigen Leser in einer Übersetzung nahebringen.13

|| 9 So jedenfalls bei H.-J. Newiger, der nach seiner zusammen mit P. Rau vorgenommenen Bearbeitung von Ludwig Seegers klassischer Aristophanes-Übersetzung (1845–1848, München 1968) sich intensiv mit den Aufführungsbedingungen des griechischen Dramas befasste; die Arbeiten sind zugänglich in Newiger (1996). Eine vierbändige Übersetzung des Gesamtwerks aus der Feder von P. Rau 10 Pseudo-Longin 15, 1. Wenn ein guter Dichter – so Horaz im Augustus-Brief (epist. 2,1,213) – wie ein Magier in der Lage sein müsse, seinen Rezipienten allein durch die Bilder schaffende Kraft seiner Worte bald nach Theben, bald nach Athen zu versetzen, gilt dies in höherem Maße für einen guten Übersetzer, der seinem Leser nicht nur fremde Orte, sondern auch fremde Zeiten nahebringen muss. 11 Wolken (2014), Vögel (2013), Lysistrate (2009), Das Frauenfest (2011), Frösche (2011), alle bei Reclam erschienen. Schon 1983 erschien Die Frauen in der Volksversamnmung (zusammen mit D. Bremer und G.U. Feller, München). Als eine für die Aufführung gemachte Übersetzung ist zu erwähnen: M. Fuhrmann, Aristophanes, Die Wolken, Zürich 1977. Die Verbindung von ‚theatralischer Visualisierung‘, historisch-politischer Kontextualisierung und nahebringender Interpretation leistet N. Holzberg (2010) in seiner Monographie Aristophanes. Sex und Spott und Politik. 12 Vgl. z.B. Holzberg (2010) 178 zu Frösche 303f. und der Notwendigkeit des WitzKommentars, wodurch natürlich die Pointe des ursprünglichen Wortspiels verloren gehen muss. 13 Vgl. Wieland (1813), 63 (zu Acharner 729ff.): „Der größte Theil des attischen Salzes dieser Scene ist für die meisten Leser unserer Zeit entweder ganz verdünstet, oder dumm geworden. …

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Eine Dimension der Komik lässt sich, wenn überhaupt, nur mit Hilfe von Anmerkungen gewinnen – eine Dimension, die einem typischen Element der aristophanischen Komödie, dem Aprosdoketon, entspringt. Bei den komischen Aprosdoketa befinden wir uns in dem Zwischenbereich zwischen sprachlicher Komik und einer schwer zu fassenden Form der Komik, die sich aus dem Erwartungshorizont des zeitgenössischen Publikums ergibt, das mit bestimmten stereotypen ‚Bauformen‘ der Komödie ebenso vertraut war wie mit der musikalischen und choreographischen Ausgestaltung eines Stücks. Sprachliche Aprosdoketa14 finden sich häufig als obszöne Durchbrechungen eines pathetisch-erhabenen Kontexts, wie z.B. in den Thesmophoriazusen (39– 62). Euripides’ Verwandter unterbricht die tragisch-bombastische Ankündigung der Epiphanie des Tragikers Agathon durch seinen Haussklaven in derben Zwischenbemerkungen.15 Schwieriger sind die Aprosdoketa in den Rittern wiederzugeben, die in dem ständigen Wechselspiel verwurzelt sind, das Aristophanes zwischen dem Vordergrund der Handlung, dem Privathaushalt des alten Herrn Demos, und dem immer durchscheinenden Hintergrund, dem Staatshaushalt des Demos der Athener, ablaufen lässt.16 So steht z.B. in den Versen 58–60 statt dem erwarteten μυρσίνη, ‚Myrtenzweig‘, auf das Gerbergewerbe Kleons bezogen βυρσίνη (,Lederriemen‘), statt τὰς μυίας (‚die Mücken‘) τοὺς ῥήτορας (‚die Redner‘ in der Volksversammlung).17 Eine besondere Spielart des sprachlichen Aprosdoketon liegt vor, wenn „statt eines erwarteten Appellativum ein Proprium gebraucht wird. Die genannte Person muss eine Eigenschaft haben, welche auch das erwartete Appellativum ausdrückt“.18 In den Fröschen (48) erzählt Dionysos mit obszönem Unterton „ich ging an Bord – auf Kleisthenes“ (als sei Kleisthenes der Name eines Schiffes).19

|| Mit allem dem ist eine genialische Laune in dieser Scene, die den Versuch, so viel als möglich davon in der Übersetzung zu erhaschen, vielleicht entschuldigen kann. Noch etwas Belustigendes, das für uns verloren geht, ist der grobe bäuerische Dialekt der Megarer, der sich gegen den attischen gerade so verhielt, wie der baierische oder österreichische gegen den meißnischen, und zur Vollständigkeit der Darstellung des Megarers unentbehrlich ist.“ Wieland lässt in seiner Übersetzung den Megarer keinen deutschen Dialekt sprechen, dies wird dann Seeger tun. In Holzbergs Übersetzung der Lysistrate sprechen die Spartaner Altbairisch (vgl. seine Anmerkung auf S. 163). 14 Vgl. die Zusammenstellung von Filippo (2001/2) 57–143. 15 Vgl. Napolitano (2007) 49–53. 16 Newiger (1957) 11–17. 17 Vgl. Newiger (1957) 16; Napolitano (2007) 53–57. 18 Froehde (1898) 179. 19 Vgl. Holzbergs Erklärung der Stelle in seiner Übersetzung der Frösche, 77.

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Sprachliche und metrische Aprosdoketa finden sich in Passagen, in denen ein typisch chorlyrisch-tragisches Metrum wie Dochmien oder Daktyloepitriten einen zu den erhabenen Gattungen unpassenden Inhalt tragen. So gleitet der Chor der Ritter in den Versen 1264–1273 nach dem eröffnenden, seiner Rolle angepassten Pindar-Zitat (Fr. 89a M.), durch das sie sich und ihren Bildungsanspruch von der ‚Saubildung‘ (986 ὑομουσία) Kleons absetzen, in derben persönlichen Spott ab, um sich am Ende der Ode nochmal zum hohen Stil aufzuschwingen20 und dadurch die für die aristophanische Lyrik typische Spannung von hohem und niederem Stil zu schaffen. Man muss annehmen, dass diese Spannung nicht nur in der metrisch-sprachlichen, sondern auch in der musikalischen Gestaltung ihren Niederschlag fand. Strukturelle Aprosdoketa liegen vor, wenn der Dichter die Parallelität typischer Bauformen der Komödie bewusst durchbricht oder stereotype Elemente einsetzt, ohne dass der dadurch zu erwartende Handlungsfortgang eintritt. So ruft in den Wespen Philokleon den Chor zu Hilfe (197), ohne dass dieser wie in den vergleichbaren Szenen in den Rittern oder im Frieden erscheint. In der an den Choreinzug anschließenden epirrhematischen Syzygie (334–402), die den Ausbruchsversuch des im Haus eingesperrten Philokleon zum Inhalt hat, ist der reguläre Aufbau gestört. Während der erste Teil alle erforderlichen Teile aufweist (Ode 334–345, Katakeleusmos 346f., Epirrhema 348–357, Pnigos 358–364), fehlt im zweiten Teil das Antipnigos. In V. 395 erwacht Bdelykleon und versucht, den Ausbruchsversuch seines Vaters zu vereiteln. Das Aprosdoketon in der Handlung findet also seinen Widerhall in der Struktur, in dem unerwarteten Durchbrechen der regulären Abfolge der einzelnen Elemente. Ein drittes strukturelles Aprosdoketon findet sich schließlich im Anschluß an den epirrhematischen Agon. Durch die Sphragis (725–728) des Chores wird das Publikum zu der Annahme verleitet, die Sache sei nun endgültig entschieden und Philokleon endlich bekehrt, von seinem unwürdigen Treiben als Richter abzulassen. Es folgt eine antistrophische Komposition (729–759) – Ode des Chors, Anapäste Bdelykleons, Antode des Chors –, doch statt der erwartbaren Anapäste bricht zu aller Erstaunen Philokleon in ein tragisches Lamento aus. Überhaupt sind die Wespen insgesamt als strukturelles Aprosdoketon gebaut, da die Zuschauer nach ihrer Theatererfahrung bis zur Parabase Bdelykleon für den komischen Helden halten müssen, bis in der zweiten Hälfte des Stücks der ständig jünger werdende Philokleon die Oberhand gewinnt. Dieses Spiel, das Aristophanes in den Wespen mit seinen theatererfahrenen Zuschauern treibt, kann in einer Übersetzung für das heutige Publikum nicht erschlossen werden; die Überra|| 20 Vgl. Zimmermann, (1985) Bd. 2, 175–178; Totaro (2000) 29–61.

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schungseffekte können allerdings durch die Inszenierung in die Handlung hineingeholt werden. Rätsel21 und Aprosdoketa gehen eine fruchtbare Verbindung ein, wenn – ähnlich wie bei strukturellen Aprosdoketa – durch den Titel die Erwartung des Publikums in eine bestimmte Richtung gelenkt und dann enttäuscht wird, oder wenn durch den Titel dem Publikum gleichsam ein Rätsel vorgegeben wird, das im Verlauf der Handlung aufgelöst wird.22 So werden in den Fröschen die Zuschauer durch den Titel des Stücks, den sie am Proagon erfahren haben, geradezu genötigt, das Stück in der Tradition der Tierchöre anzusiedeln, werden aber in dieser Erwartung radikal enttäuscht, da der tatsächliche Chor des Stücks aus dem Mystenchor besteht und der Nebenchor der Frösche (209–268) eventuell nicht einmal zu sehen war.23

III. Bei der Wiedergewinnung des ‚größten Genussmittels‘ (μέγιστον τῶν ἡδυσμάτων), der Vertonung eines Stückes (μελοποιία) kann neben den wenigen inneren Didaskalien, die die Wirkung der Musik beschreiben oder in irgendeiner Weise die Musik und den Gesang charakterisieren, die metrische Interpretation Anhaltspunkte für eine musikalische Deutung einer Passage liefern. In den Thesmophoriazusen reagiert Euripidesʼ Verwandter auf Agathon, den er und Euripides bei der Komposition eines von Frauen gesungenen Hymnos (101–129) belauschen, sichtlich angeregt, mit Entzücken (130–133):24

|| 21 Im Frieden wird im Prolog den Zuschauern als Rätsel gestellt, welcher seltsamen Beschäftigung die Sklaven nachgehen (47 αἰνίττεσθαι). Rätsel gehören zum Dionysoskult, vgl. Seaford (1984) 41f.; Voelke (2001) 273–283. 22 Die gerade bei den comici minores häufigen Doppeltitel gehen kaum auf den Autor zurück, sondern lassen sich aus den Bedürfnissen des Buchhandels und der Bibliotheken erklären; vgl. Sommerstein (2010) 19 Anm. 27; Liste aller Doppeltitel auf S. 26f. Mit szenischen Rätseln, die der Titel des Stücks gleichsam den Zuschauern aufgibt, dürften auch die anderen Komiker gespielt haben: man denke an die Krapataloi (Unterweltsdrachmen) des Kratinos, die Minenarbeiter des Pherekrates oder den Marikas des Eupolis. 23 Vgl. Zimmermann (1985) Bd. 1, 165–167. Zur Unsichtbarkeit des Nebenchores vgl. Holzberg (2010) 177f. 24 Übersetzung Holzberg (2011) 12.

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Wie lieblich war das Lied, ihr hehren Genetylliden, wie lieblich duftend und vollzungig und tief in den Mund geküsst, so dass mir beim Zuhören direkt bis zum Hintern hinab ein Kitzel kroch.

Die durch die Errungenschaften der Neuen Musik25 des ausgehenden 5. Jahrhunderts geprägte, polymetrische Arie Agathons muss schmachtend, effeminiert und deshalb sexuell anstachelnd geklungen haben – und dies umso mehr, als der Tragiker, da er in Frauenkleidern einen Frauenchor komponiert, im Falsett gesungen haben muss. Das Paradestück für diese modernen Kompositionen ist die Arie des panischen phrygischen Sklaven im euripideischen Orestes (1369–1502). Als Haussklave Helenas war er Kastrat (1528) und sang dementsprechend ebenfalls im Falsett. Betrachtet man die Metren von Agathons Arie, fällt auf, dass die Monodie Variationen des ionischen Metrums aufweist – des Metrums also, das insbesondere für den Osten, für Exotisches und Dionysisches steht.26 Eine vergleichbare musikalische, dem Text inhärente Didaskalie findet sich in den Wespen. Bdelykleon hält seine beiden Haussklaven, die seinen Vater Philokleon daran hindern sollen, seiner Lieblingsbeschäftigung, zu Gericht zu sitzen, nachzugehen, zu besonderer Wachsamkeit an, da demnächst in aller Herrgottsfrühe mit der Ankunft der alten Freunde des Alten zu rechnen sei. Kurz nach Mitternacht pflegten diese zu erscheinen, Fackeln in den Händen haltend und „altmodischhonigsüßsidonischphrynicheische Lieder wimmernd“ (220f. μινυρίζοντες μέλη / ἀρχαιομελισιδωνοφρυνιχήρατα). Und die Alten entsprechen in ihrem Auftritt ganz der Ankündigung Bdelykleons. Zunächst (230–247) rezitieren sie Verse in katalektischen iambischen Tetrametern, dem Versmaß, das den Gang alter Leute rhythmisch untermalt.27 In der schlammigen Straße (248 πηλός) ins Rutschen und damit aus dem Tritt kommend, wechseln sie zu synkopierten iambischen Tetrametern (248–271); die Synkope ist rhythmischer Ausdruck für das Straucheln der alten Männer. In den Versen 273–289 gehen sie dann in Gesang über, der in einer Mischung von Ionikern und Daktyloepitriten gehalten ist; in den Versen 291–316 wechseln sie zu reinen Ionikern. Zwei der wenigen Fragmente, die von Phrynichos, dem älteren Zeitgenossen des Aischylos erhalten sind, lassen die Vermutung zu, dass Aristophanes im Gesang der alten Richter tatsächlich die metrische und damit auch musikalische Form der phrynicheischen Tragödien imitierte: In den wenigen überlieferten Fragmenten || 25 Die „Ameisengänge“ (100) verweisen auf die an Rhythmenwechsel reiche Kompositionsform dieser Zeit. 26 Vgl. Zimmermann (1985) Bd. 2, 22–29; Zimmermann, (1987) 124–132. 27 Vgl. Perusino (1968).

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sind Daktyloepitriten in Fr. 13, katalektische ionische Tetrameter in Fr. 14 bezeugt.28 Typisch für die aristophanische Lyrik ist, wie Michael Silk in einer einflussreichen Arbeit herausgearbeitet hat,29 die Spannung von hohem und niederem Stil, die nicht nur in der sprachlichen, sondern auch in der metrischen und damit in der musikalischen Gestaltung ihren Niederschlag fand. Besonders deutlich wird das in der Arie des Wiedehopfs und den Liedern des Vogelchors in den Vögeln. Vogelkönig und Vogelchor bedienen sich durchweg der lyrischchorlyrischen Koine und der dazu passenden, aus Tragödie und Chorlyrik bekannten Metren. Vor allem Dochmien (230, 234, 239, 242), aber auch die zahlreichen daktylischen Kola sind als Signal für hohe Poesie aufzufassen. Die Lieder müssen dementsprechend in der dazu passenden musikalischen Form vorgetragen worden sein, zu der nun ganz und gar nicht das immer wieder dazwischengeschobene Vogelgezwitscher passt. Die Vögel schwingen sich, ihrer Natur entsprechend, in die Höhen der Lyrik auf, können ihre Vogelnatur aber nicht verleugnen, die sich in ständigem Gezwitscher Ausdruck verschafft.

IV. Eng verbunden mit Rhythmus und Musik ist im griechischen Drama der Tanz. Nach einer bei Athenaios überlieferten, vielleicht auf Aristoteles zurückgehenden Nachricht seien die Tragiker der ersten Generation Thespis, Pratinas und Phrynichos ‚Tänzer‘ (ὀρχησταί) genannt worden, nicht nur weil in ihren Dramen der Chor und Tanz des Chores eine herausragende Rolle gespielt, sondern auch weil sie selbst als Tanzlehrer gewirkt hätten.30 Wie diese Tänze ausgesehen haben, ist umstritten. In der Komödie finden sich allerdings Passagen, in denen wir gleichsam von einer ‚Metaorchestik‘, einer impliziten Poetik des Tanzes, sprechen können, in der nicht nur Tanzformen (σχήματα) und -schritte, sondern auch ihre Wirkung beschrieben werden. Die Parodos des Friedens ist voller Äußerungen über die Tanzfiguren, die der vom Protagonisten herbeigerufene Chor in Vorfreude auf die nahende Friedenszeit vollführt. Immer wieder weisen die Choreuten mit deiktischen Pronomina und termini technici der Orchestik auf ihre Tanzkünste hin (323f. σχῆμα,

|| 28 Snell/Kannicht (1986) 77. 29 Silk (1980) 99–151. 30 Thespis, Testimonium 11, in: Snell/Kannicht (1986) 63.

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σχηματίζειν, 325 χορεύειν, 326, 329f. ὀρχεῖσθαι, 328 ἑλκύσαι, 332 σκέλος ῥίπτειν).31 Zuallererst ist die Tanzeinlange burlesker Ausdruck der ungezügelten Freude all derer, die unter dem Krieg am meisten zu leiden hatten: der ‚Friedensberufe‘, der Handwerker und Händler, und vor allem der Bauern, die, aus ihren angestammten Ländereien vertrieben, eingepfercht in der Stadt leben mussten, wie dies eindrucksvoll der Historiker Thukydides (2,16) beschreibt, aber auch der Metöken, der Bewohner Athens, die ohne Bürgerrechte, aber steuerpflichtig in der Stadt lebten, der Fremden und der Inselbewohner, ja überhaupt aller Menschen. Die Friedenssehnsucht ist derart groß, dass sich die Freude über die bevorstehende Friedenszeit in geradezu animalischer Weise äußert, vom Körper der Herbeieilenden Besitz ergreift. Die Choreuten sind ihrer selbst nicht mächtig. Ihre Gliedmaßen bewegen sich, ohne dass sie ihnen Einhalt gebieten können.32 Sie ‚treten aus sich heraus‘, befinden sich in einer wahren ‚Ekstase‘, gleichsam in Trance. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf den religiösen Rahmen, in den dramatische Aufführungen in Athen eingebettet waren: in die beiden, dem Gott der Fruchtbarkeit, des Weines und der Grenzüberschreitung geweihten Frühjahresfeste der Lenäen und der sich über fünf Tage erstreckenden Großen (oder Städtischen) Dionysien, die das zentrale Fest des demokratischen Athen waren. Der Chor erscheint nicht nur in seiner in diesem Stück aufgrund der Vielgestaltigkeit schwer fassbaren dramatischen Rolle als Friedensunterstützer, sondern gleichzeitig als dionysischer Komos (κῶμος), und beide Rollen gleiten im weiteren Verlauf immer wieder ineinander über, Vordergrund (Handlung des Stücks) und Hintergrund (dionysischer Kontext) ergänzen und stützen sich ständig.33 Eine vergleichbare Tanzszene findet sich am Schluss der Wespen. Der Umerziehungsprozess, den der Sohn Bdelykleon seinem Vater Philokleon angedeihen lässt, erstreckt sich über mehrere Runden. Am Ende führt der Sohn den Vater in die bessere Gesellschaft ein, um ihn dadurch von seiner Gerichtsbesessenheit (φιλοοδικία) abzubringen. Der letzte Teil der Komödie zeigt, wie die Erziehung des Alten zum Bonvivant allzu gut angeschlagen hat. Laut randalierend, mit einer Flötenspielerin im Arm, erscheint Philokleon, angetrunken und verfolgt von einer Brotverkäuferin und zwei athenischen Bürgern, die er unterwegs angepöbelt hat. Der Chor beneidet Philokleon zwar wegen seines neuen

|| 31 Zu den Termini vgl. S.D. Olson, Aristophanes, Peace, Oxford 1998, 136 (mit weiteren Belegen). ἑλκύσαι scheint ‚heftig tanzen‘ zu bedeuten. 32 Vgl. V. 334: ἀλλὰ καὶ τἀριστερόν τοί μ’ ἐστ’ ἀναγκαίως ἔχον. „Auch das linke Bein muss sich – ich kann nichts dafür – zwanghaft noch in die Luft werfen.“ 33 Zu den dionysisch-kultischen Dimensionen des Tanzes vgl. Bierl (2001) 11–104.

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Lebensstils, andrerseits ist er jedoch äußerst verunsichert und verleiht der Hoffnung Ausdruck, dass der alte Freund sein Ohr vernünftigen Ratschlägen nicht verschließen möge, und preist die rührende Fürsorge, die Bdelykleon seinem Vater angedeihen lässt, über alle Maßen (1450–1473). Kaum ist der Chor verstummt, erscheint der Sklave Xanthias, um von weiteren Verrücktheiten des alten Herrn zu berichten. Ohne Unterlass führe Philokleon schon die ganze Nacht hindurch im Hause altmodische tragische Tänze aus seiner Jugendzeit auf und verkünde lauthals, er werde die modernen Tänzer wie Karkinos und seine Söhne34 mit seiner Vitalität ganz alt aussehen lassen (1478–1481). Die Komödie schließt nach dieser Vorankündigung mit einer furiosen Tanzburleske. Philokleon führt, begleitet von professionellen Tänzern, unter aberwitzigen Verrenkungen und Verdrehungen in dionysischer Ekstase den Chor aus der Orchestra hinaus. Wie es für ihn in seinem Richterberuf kein Maß gab, so treibt er auch die neue, ihm anerzogene Lebensart bis zum Exzess. Die Funktion der Tanzeinlage im Schlussteil (Exodos) der Wespen ist ebenfalls wie in der Parodos des Friedens auf mehreren Ebenen zu suchen. Zunächst endet die Komödie mit einem wahren Bühnenspektakel, durch das dem Publikum und vor allem dem Schiedsrichtergremium, die über die Platzierung der fünf zur Aufführung gelangten Stücke zu entscheiden hatten, die Komödie des Aristophanes in guter Erinnerung bleiben sollte. Doch auch inhaltlich ist die Exodos in den Gesamtzusammenhang des Stücks integriert. Die burleske Tanzdarbietung des Philokleon stellt den Höhepunkt der allzu gut angeschlagenen Umerziehung des Alten durch seinen Sohn dar. Philokleon erweist sich als unverwüstlicher Repräsentant jener Generation der Marathonkämpfer, gegen die die dekadente Gegenwart, vertreten durch Karkinos und seine Söhne, ohne Chance bleibt. Damit kommt wie häufig bei Aristophanes in der Gegenüberstellung von ‚alt‘ und ‚modern‘ eine kritische Linie mit ins Spiel. Die Karkiniten werden von Philokleon in ihrer Schwäche höhnisch verspottet und als Vertreter der modernen tragischen Tanzmode bloßgestellt. Auffällig ist, dass sich in den Versen 1516ff. Verben häufen, durch die Kreisbewegungen beim Tanz ausgedrückt werden,35 ist doch der κύκλιος χόρος, der ‚Rundtanz‘, der Dithyrambos also, die Ausgangsbasis der modernen Musik und des modernen Tanzes des

|| 34 Vgl. Biles/Olson (2015) 506. Karkinos, der wie sein Sohn Xenokles auch als Tragödiendichter tätig war, werden als τραγῳδοί, ‚Tragödiendarsteller‘, eingeführt (1480f.). Es ist durchaus möglich, dass sie als ‚visiting stars‘ in der Komödie des Aristophanes auftraten. Die choreographischen Termini und die parodischen Bezüge zur Tragödie werden ausführlich diskutiert von Roos (1951) 21–202. 35 V. 1517 βεμβικίζειν, 1523 ταχὺν πόδα κυκλοσοβεῖτε, 1529 στρόβει, παράβαινε κύκλῳ.

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ausgehenden 5. Jahrhunderts v. Chr.36 Indem Philokleon Karkinos und seine Söhne in Grund und Boden tanzt, erweist sich letztlich die alte Tanzkunst der modernen überlegen und damit auch die alte tragische Dichtkunst eines Thespis, des Gründungsvaters der Tragödie, und eines Phrynichos der neuen, modernen eines Karkinos.

V. Ich sehe nur zu gut voraus, was für eine widerliche Wirkung die bis um Ekel pöbelhaften Scenen zwischen dem Wursthändler und Paphlagonier, und die auch in der behutsamen Übersetzung nicht immer und ganz vermeidbaren Obscönitäten, wovon diese Komödie (wie alle unseres Dichters) wimmelt, auf Leser von Geschmack und Sittlichkeit machen müssen. Was ich in dieser Rücksicht für mich selbst zu sagen hätte, liegt in meinem Zwecke; zur Rechtfertigung des Dichters habe ich nichts zu sagen, als daß er für Zuhörer arbeitete, bey denen er, wie arg er es auch machte, keiner Rechtfertigung bedurfte. Unangenehm genug, daß alles das, worin er alle anderen komischen Dichter aller Völker und Zeiten hinter sich zurück läßt, eine Frucht ist, zu deren Genuß man nur auf einem oft sehr schmutzigen Wege, wo man alle Minuten über Pfützen wegsetzen muß, gelangen kann. Es ist einmahl nicht anders.

Christoph Martin Wieland beschreibt in der Einleitung seiner Übersetzung der Ritter des Aristophanes (Wien 1814), wie er es 1794 bereits bei der Übertragung der Acharner getan hatte,37 mit deutlichen Worten das Dilemma, in dem sich ein Übersetzer des Aristophanes befindet. Vieles wirkt auf einen heutigen Leser wie auf einen des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts befremdlich, vieles entspricht nicht den ästhetischen oder gar moralischen Kriterien, mit denen wir Texte lesen. Wieland reizte es trotzdem, die Ritter zu übersetzen, diese „merkwürdigste und interessanteste“ der aristophanischen Komödien,38 einerseits deshalb, weil man an diesem Stück am besten den „heillosen inneren Zustand“ Athens erfahren könne, andrerseits weil auch diese Komödie ein herausragendes Erzeugnis des „attischen Salzes“, des attischen Witzes und Esprits, sei.39 Jede Generation braucht demnach, wenn man Wielands Überlegungen weiterdenkt, einen neuen Aristophanes, eine neue Übersetzung des attischen Dichters, die ihn in die Gegenwart hineinholt und trotzdem in seiner Ferne belässt.

|| 36 Vgl. dazu Zimmermann (22008) 125f. 37 Vgl. Wieland (1813). 38 Wieland (1814) 15f. 39 Wieland (1814) 5.

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Thomas Schirren

Weise Sprüche zum Essen: Kommunikationsformen beim philosophischen Symposium Einsichten bewahren! – Weisheit und Weisheitsliteratur Es gehört mittlerweile zu den Gemeinplätzen von Festreden im akademischen Rahmen, dass der Universität eine gesellschaftliche Führungsfunktion zukomme, weil wir in einer Wissensgesellschaft lebten und die Forschungs- und Lehreinrichtungen zu den lebenswichtigen Organen dieser Gesellschaft gehörten. In Anbetracht der Bedeutung, die das Wissen heute hat, muss man daher auch fragen, ob es beim Wissen Unterschiede gibt; hierarchisiert sich das Wissen gar? Zu den Denkern, die sich mit solchen Fragen beschäftigt haben, gehört Aristoteles, der in der Metaphysik 1,1–2 die Frage nach dem Wissen stellt, das die Formen der Kognition, von der Wahrnehmung bis zum Wissen um die Ursachen, hierarchisch strukturiert. sophia ist das Wissen um die höchsten Ursachen und je weiser einer ist, desto besser kann er über die Ursachen von etwas Auskunft geben. Welche Ursachen machen dann die Weisheit im prägnanten und höchsten Sinne aus, fragt sich Aristoteles weiter: „Da wir diese Wissenschaft suchen, wäre zu betrachten, welches Ursachen- und welches Prinzipienwissen die sophia ausmacht.“ (Met. 1,2, 982 a4–6) Dazu verhört er zunächst die Meinungen und verbreiteten Annahmen über die sophia: Diese kann darin bestehen 1) alles zu wissen (πάντα ἐπίστασθαι); 2) Schwieriges zu wissen; 3) Wissen um seiner selbst willen anzustreben; oder es ist 4) ein Leitungs- oder Führungswissen.1 Es gibt also nicht nur die Wissensgesellschaft als ein System, das sich durch Wissen strukturiert und durch Wissen funktioniert, sondern es gibt auch das Wissen, das durch das System festgelegt und bewertet wird. Nach dem, was Aristoteles phänomenologisch feststellt, kann man sich durch Wissensmasse herausheben, also durch Quantität, aber auch durch Qualität, wenn es ein besonders schwieriges Spezialwissen ist, das man beherrscht; oder es ist die Hal-

|| 1 Dazu instruktiv Hahn (1991) bes. 47–53.

https://doi.org/10.1515/9783110564846-004

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tung des Wissenden, die auszeichnet: wer das Gewusste nicht dem Utilitätsprinzip unterwirft, steht in einer Gesellschaft höher, die das honestum dem utile vorzuziehen geneigt ist. Qualität des Wissens kann aber auch auf eine besondere Form des Wissens gehen, nämlich eine, die den Wissenden befähigt, im sozialen Rahmen hervorzutreten und andere aufgrund seines Wissens zu leiten. Es ist dieses Wissen, das die Weisheit auch als ein Relevanzwissen kennzeichnet. Verständlich die Hoffnung, die politischen Führer möchten doch über solches Wissen verfügen! Denn als Wissenswissen ist die Weisheit dadurch ausgezeichnet, dass sie weiß, wie man mit dem Wissen umgehen sollte. Die Selbststeuerung des Wissenden löst das Wissen zugleich von seiner operativen Funktion und macht es in einem Reflexionsprozess gewissermaßen in der zweiten Potenz verfügbar. Dann kann einer sogar sagen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“, und macht sich damit nicht lächerlich, vielmehr alle anderen, die dieses Wissenswissen nicht erlangt haben und nur über vermeintliches Wissen verfügen. Wenn sich solcherart die Weisheit nicht mit Sachverhalten abgibt, sondern zugleich zeigt, wie man mit Wissen umgeht, führt es auf den Wissenden als eine handelnde Person und thematisiert somit dessen Habitualität. Denn die Weisheit ist ein Wissen, das in besonderem Maße ‚gehabt‘ und ‚gehalten‘ wird. Es liegt im Wesen der Weisheit, dass sie als Sonderwissen, das auffällt, bewahrt werden möchte. Seit den orientalen Hochkulturen war die Bewahrungsform der Spruch. Weisheit widersetzt sich Systematisierungen, sie blitzt auf, und im Versuch der Archivierung geht bereits das Wertvollste verloren, nämlich die Verbindung zum Wissensträger und zur Situation, in der sie auf- und einleuchtete. Das mag der Grund sein, warum die sententia zum apophthegma wurde; denn dieses hält den Sprecher immerhin fest und manchmal auch die Situation, in der er sich äußert, daher die lateinische Übersetzung des memorabile.2 In der Chrie, die den Gebrauchswert im Namen trägt (χρεία), wird dann das Dictum eingekleidet und interpretiert: eine rhetorische Aufgabe, die aber auf die moralische Besserung derer setzt, die sich ihr unterziehen. Andere Formen, in denen sich die Weisheit bewahrt, sind Beispiel und Fabel. Katalogisiert indessen sind sie der Weisheit so fern, wie die präparierten Insekten dem Leben, aus dem sie genommen sind. Im alten Orient bildet die sogenannte Weisheitsliteratur den Anfang eines Logosoptimismus, der sich mit einer prägnanten Formulierung über die allgemein obwaltende Dumpfheit der Lebensvollzüge erheben möchte. Im Spruch wird eine Situation sprachlich gefasst und gelöst. Die Weisheit atomisiert sich und kann wie ein Kleinod archiviert werden. Eine Systematik der Sprüche ist || 2 Schirren (2010).

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denn auch nicht erkennbar. Doch sucht man die Verbindung des Handelnden mit dem Kosmos als Garant der Ordnung. Bei Hesiod ist dieses Begründungsverhältnis von Wohlverhalten in der Theogonie und in den Erga als Weltordnung und deren Übertragung in den Bereich der menschlichen Herstellung und Handlung evident. Andere Beispiele wären Theognis und Heraklit. Besondere Berühmtheit indessen haben die sogenannten Sieben Weisen erlangt, die selbst gar nichts geschrieben haben, aber mit Sprüchen verbunden wurden, die eine geradezu emblematische Kennzeichnung bewirkten.3 Bruno Snell hat auf eine Liste geschlossen, die dem Diogenes Laertius vorlag, als er diese Denker an den Anfang seiner Philosophen-Bioi stellte (Snell 1971, 12): Thales: Erkenne dich selbst; Solon: Nichts allzu sehr; Chilon:4 Bürgschaft – schon ist Verderben; Pittakos:5 Erkenne den richtigen Augenblick; Bias:6 Die meisten sind schlecht; Kleobulos:7 Maß ist das Beste; Periandros:8 Alles ist Übung / Sorgfalt.9

|| 3 Siehe Burkert (2013) bes. 108–110. 4 Ephor des Jahres 556/55; tyrannenfeindliche Politik in Sparta; Hdt. 7,235; Pl. Prot. 343 a; DL 1,68. 5 Staatsmann auf Lesbos (Mytilene); geb. vielleicht 651/0 v.Chr.; nach Beendigung der Bürgerkriege legte er sein Amt nieder. 6 Aus Priene, kadmisches Geschlecht; Aufruf zu einer Gesamtpolis gegen die Perser (Hdt. 1,170); Kontakt mit Amasis nur bei Plutarch.; Mor. 296a: legt einen langen Konflikt zwischen Samos und Priene bei. 7 Tyrann von Lindos, 7.–6. Jh. v. Chr. nach DL 1,89 ᾄσµατα καὶ γρίφους εἰς ἔπη τρισχίλια („Lieder und Rätsel, ungefähr 3000 Verse“). Sprüche bei DK 1, p. 63,1–12; Anth. Pal. 14,101 überliefert ein Rätselgedicht, das jedoch auch seiner Tochter Kleobuline zugesprochen wird, die ebenfalls als Dichterin überliefert wird (Fr. 1–2 bei West 1992: 50–51); das dieser bei Athenaios 448b zugeschriebene Rätsel führt Arist. Rhet. 3,2 1405a34 ohne Autor unter die Rätsel aufgrund von Homonymie bzw. Anymie auf, im Symposium (im Folgenden CSS) des Plutarch wird es in Kap. 10 p. 154b–c gelöst. 8 Sohn des Kypselos; heiratet Melissa, die Tochter des Tyrannen von Epidauros; 40 Jahre Tyrann von Korinth; überlebt alle Angehörigen und stirbt mit über 80 Jahren (DL 1,94–95); hart, aber herzlich, daher auch einer der Sieben Weisen (Hdt. 5,92); (diolkos) DL 1,99 berichtet vom Plan, den Isthmos zu durchstechen (was eine typische Tyrannenaufgabe wäre, s. Phil. VS p. 552,13–17; Plut. Caesar 58,8; Suet. Cal. 21; Suet. Nero 19); bezeugt ist der diolkos, eine Zugvorrichtung für Schiffe über Land, s. De Libero (1996) 172; die Kolonie des illyrischen Apollonia und Epidamnos werden von ihm und seinem Sohn Lykophron gegründet. Periander erobert Epidauros, als Lykophron gegen den Vater streitet; Schiedsrichter im Agon zwischen Athen und Mytilene um Sigeion (Hdt. 5,95; Arist. Rhet. 1375b; DL 1,74); Gastfreund des Thrasybul von Milet (Hdt. 5,92); hält eine Leibwache (Hdt. 5,92); unterwirft Korkyra (Hdt. 3,53), rächt sich, nachdem der Sohn getötet worden ist (Hdt. 3,48). Äußert sich kritisch gegen den Luxus; Erhaltung der Bauern gegen Verstädterung; s. ausführlich RE 19,1 (1937) 704–717 (Schachermeyr) und De Libero (1996) 151–178.

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Vor dem Hintergrund der frühgriechischen Philosophie wird erkennbar, dass praktische Maximen formuliert werden, die ein Maßhalten fordern und Regulative in den Folgen des Handelns suchen. Die Werke Hesiods entsprechen kaum zufällig den beiden Themen orientalischer Literatur, nämlich der Weisheits- und der kosmogonischen Literatur. Die Lebenserfahrungen dieser frühen Weisen sind weniger wirklichkeitsferne Moralforderungen als lebensnahe Handlungsanweisungen, die darauf zielen, die Konsequenzen allen Tuns zu bedenken. Sich vor Schaden zu schützen, indem man auf das Ende und die Folgen des Handelns blickt, kennzeichnet eine Moralistik, die das richtige Handeln im Wissen begründet. Ein solches Wissen zielt auf Beständigkeit und Dauer des Lebens.10

Man hat in dieser Beständigkeit zugleich ein philosophisches Moment erkannt, das später zu den sogenannten Kardinaltugenden geführt habe.11 Es legt sich daher die Frage nahe, wie sich die Rezeption gerade der Sieben Weisen in der institutionalisierten und populären Philosophie vollzieht. Insbesondere der Peripatos ging diesen Zeugnissen nach, weil Aristoteles in der Meinung der Mehrheit oder der Weisen sachdienliche Hinweise für die Wahrheit erkannte.12

|| 9 Eine neue Edition der „Worte der Sieben Weisen“ als „Zeugnis volkstümlicher griechischer Ethik“ bei Althoff/Zeller (2006) bes. zur Überlieferungsgeschichte im Peripatos 10–51. Eine Sammlung zu den Sieben Weisen hat auch Engels (2010) vorgelegt. In diesem Interesse bekundet sich gegenwärtig das Bedürfnis nach einer Hierachisierung und Orientierung in der Wissensgesellschaft; auch Busine (2002) geht der Überlieferung in einigen Stationen nach, 93–102 auch auf Plutarchs CSS. 10 Bremer (2013) 83. 11 Die sogenannten Kardinaltugenden sind zuerst bei Platon in der Politeia konzeptualisiert: Klugheit (σοφία/sophía oder φρόνησις/phrónesis), Tapferkeit (ἀνδρεία/andreía), Selbstbeherrschung (σωφροσύνη/sophrosýne), Gerechtigkeit (δικαιοσύνη/dikaiosýne, Politeia 427e ff.; 442b–d), Cicero übersetzt sie durch sapientia bzw. prudentia, fortitudo, temperantia und iustitia. 12 Das begründet auch sein Interesse an der Doxographie, mit der Aristoteles jeden Forschungsgegenstand einzuleiten pflegt, dabei leitet ihn methodisch und wissenschaftstheoretisch seine Auffassung von den ἔνδοξα/endoxa als dem landläufigen Verständnis und dem, was sich zunächst bietet. Der Spruch des Weisen kann selbst, obwohl er ein besonderes Wissen ist, nicht dieser Evidenz entbehren, die den Gesprächspartner naiv aussehen lässt, wie Platon das prägnant formuliert hat: „[Der Spartaner als lakonisch sich Äußernder] wirft ein knappes, prägnantes, denkwürdiges Wort ein, wie ein gefährlicher Speerwerfer, so dass, wer sich mit ihm unterhält, nicht besser als ein Kind dasteht.“ (Prot. 342e2–4).

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Diogenes Laertius und die Erzählungen von den Sieben Weisen Im Zuge seiner großangelegten, geradezu universalhistorischen Philosophiegeschichte am Leitfaden der Biographien kommt DL auch auf die Sieben Weisen zu sprechen; er nennt sie in 1,13 nur „die Weisen“ (οἱ σοφοί) und unterscheidet von diesen schließlich (1,122) die eigentlichen Philosophen, die er mit den ionischen Naturphilosophen anheben lässt.13 In 1,40, im Rahmen der Biographie des Thales, macht er einen Exkurs über die Sieben Weisen: Ausgehend vom Spruch des Thales, γνῶθι σαυτόν, von dem Antisthenes von Rhodos in den Diadochai behaupte,14 er stamme von Phemonoe, der mythischen Tochter des Apollon,15 doch habe ihn sich Chilon zu eigen gemacht (ἐξιδιοποιήσασθαι), scheint es gerade die Problematik eindeutiger Zuordnungen zu sein, die ihn veranlasst, ganz allgemein (καθολικῶς) über diese sagenumwobenen Weisen zu sprechen. Damon von Kyrene (FHG 4,377) soll im Zuge seiner allgemeinen Kritik gerade auch die Weisen scharf angegriffen haben,16 Dikaiarch habe sie als weder weise noch philosophisch, sondern als verständige Menschen, die Gesetze erlassen hätten, tituliert. Dies ist natürlich als ein hohes Lob des Peripatetikers zu verstehen, da er dem bios praktikos den Vorzug gab.17 Dikaiarch soll vier fixe Kandidaten benannt haben, nämlich Thales, Bias, Pittakos und Solon; aus weiteren sechs aber könne man die restlichen drei auswählen, nämlich aus Aristodem, Pamphylos, Chilon, Kleobulos, Anacharsis und Periander. Hermippos nennt kurzerhand 17 Weise. Zur besseren Übersicht seien die hier von DL genannten Gruppen nebeneinandergestellt:

|| 13 Zur Benennung dieses „collegiums“ s. RE 2A 2 (1923) 2242–2243: οἱ ἑπτά, ἑπτὰς σοφῶν, οἱ ἑπτὰ σοφοί, σοφισταί. 14 FGrHist 3, 508 mit Kommentar: Antisthenes von Rhodos gehört ins 3./2. Jh. v. Chr. DL zitiert seine Diadochai (Abfolge von Philosophen bzw. deren Schulen) mehrmals: 2,39; 2,98; 2,134; 6,77; 6,87; 7,168; 9,6; 9,27; 9,35; 9,38; 9,39; 9,57. = FGrHist 3, 508 F 3–15. Obwohl man keinen Beweis für die Identität hat, ist seit Schwartz, RE 1 2537–2538, auch keine Widerlegung dieser Hypothese erfolgt, der auch Jacoby folgt, dagegen jedoch Mejer (1978) 63–64, der eher ans Ende des 1. Jh. datieren möchte. In DL 1,40 scheint Antisthenes an alternative Zuschreibungen zu denken, in diesem Fall statt des Protophilosophen Thales auch Chilon und die Prophetin Phemonoe. Die übrigen Referenzen bei DL beziehen sich vor allem auf den Kyniker Diogenes, Krates, Demokritos. 15 So auch Pausanias 10,5,7; Strabo 9,3,5. 16 Damon von Kyrene sonst unbekannt, s. RE 4,2 s.v. Damon Nr. 16, 2072 (Schwartz), nicht zu verwechseln mit Damon historicus FGrHist 3 Nr. 389. 17 So Wehrli (21967) 50–52.

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Übersicht Gruppierungen Hermippos F6

Platon Prot. 343a

Dikaiarch F32

Demetrius (Stob. 3,1,172)

DL 1,13

1

Solon

Thales

Thales

Kleobulos

Thales

2

Thales

Pittakos

Bias

Solon

Solon

3

Pittakos

Bias

Pittakos

Chilon

Periander

4

Bias

Solon

Solon

Thales

Kleobulos

5

Chilon

Kleobulos

Kleobulos

Pittakos

Chilon

6

Myson

Myson

Pamphylos

Bias

Bias

7

Kleobulos

Chilon

Chilon

Periander

Pittakos

8

Periander

Periander

Anacharsis

9

Anacharsis

Anacharsis

Myson

10

Akusilaos

Pherekydes

11

Epimenides

Epimenides

12

Leophantos

[Peisistratos]

13

Pherekydes

14

Aristodem

15

Pythagoras

16

Lasos/Hermio neus

17

Anaxagoras

Aristodem

Daraus erhellt, dass die ersten vier Plätze mit nur geringen Abweichungen in der Reihenfolge festgelegt sind, erst ab dem fünften Platz treten Abweichungen auf, aber auch diese variieren nur gering: immer dabei sind daher auch Chilon, Kleobulos, Pittakos, Myson und Anacharsis, während Pythagoras und Epimenides kaum dazu gezählt werden.18 Ein sonst unbekannter Archetimos aus Syrakus19 habe von einer Zusammenkunft der Weisen berichtet, zu der Kypselos von Korinth, der Vater des

|| 18 Zu Einzelheiten des Kataloges RE 2 A2 (1923) 2243–2247. Den Skythen Anacharsis hat Ephoros hinzugefügt, er scheint die Weisen in seiner Geschichte Griechenlands behandelt zu haben, s. FGrHist zu F182 (FGrHist 2 C Kommentar, 87), das legt jedenfalls Diodor 9,26 nahe; Anacharsis könnte als Beispiel des κατὰ φύσιν lebenden Barbaren, der so die Position des Kynikers präfiguriert, fungieren. 19 In FHG 4,377 wird nur diese Stelle (DL 1,40) genannt. Jacoby, FGrHist 3b Komm. Noten, 46– 47 (Nr. 315 Architimos) denkt über eine mögliche Identifikation nach, unser Archetimos wäre dann auch ins 4. Jh. zu datieren, aber es bliebe bei Kypselos von Korinth, andernfalls hätte der

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Periander, eingeladen und an der er auch selbst, Archetimos, teilgenommen habe (DL 1,40). Ephoros verlegt diese Zusammenkunft nach Sardeis an den Hof des Kroisos,20 allerdings ohne Thales, wie betont wird; auch im Panionion von Mykale habe eine solche Versammlung stattgefunden21 sowie in Korinth und Delphi.22 Theophrast scheint ebenfalls ein Symposium der Sieben Weisen in seiner Schrift über die Trunkenheit erwähnt zu haben.23 Daraus hat man geschlossen, dass es eine frühere Erzählung eines Gastmahles gegeben haben müsse, die später Nachahmer gefunden habe.24 Ob hier eine Umdeutung einer Erwähnung bei Herodot vorgenommen wurde, der erzählt, nach Sardeis seien, als Kroisos auf dem Gipfel seiner Macht war, die „Sophisten“ seiner Zeit gelangt, aber nicht gemeinsam, sondern einzeln, wurde vermutet.25 In der Darstellung der Sieben Weisen, die die griechische Philosophie eröffnen, folgt DL dieser Reihe:

|| Autor die Weisen in Arkadien bei einem namensgleichen König zusammenkommen lassen. Zur Namensform ebd. Anm. 5. In FGrHist 4,a p. 378, Nr. 1098 wird wiederum Archetimos von Syrakus aufgenommen, doch bleibe er „completely obscure“, er sei vielmehr wohl ein rein fiktiver Autor, um einen Gewährsmann für das Symposium bei Kypselos zu haben. 20 Diese Darstellung kann man bei Diodor 9,2. und 9,26–27 finden, der sich wohl auf Ephoros bezieht, so Jacoby zu FGrHist 70 F181. 21 Wohl nach Hdt. 1,170. 22 So Pausanias 10,24,1. 23 Athen. 11,463c nennt sie συµποτικὰς ὁµιλίας. Denn der Wein vertreibe im Alter den Trübsinn. 24 Siehe auch Platon, Prot. 343 b. 25 RE 2A 2 (1923) 2253; Hdt. 1,29 κατεστραµµένων δὴ τούτων [καὶ προσεπικτωµένου Κροίσου Λυδοῖσι], ἀπικνέονται ἐς Σάρδις ἀκµαζούσας πλούτῳ ἄλλοι τε οἱ πάντες ἐκ τῆς Ἑλλάδος σοφισταί, οἳ τοῦτον τὸν χρόνον ἐτύγχανον ἐόντες, ὡς ἕκαστος αὐτῶν ἀπικνέοιτο. Vgl. Diodor 9,26.

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Darstellung der Weisen nach DL in seiner Philosophenbiographie 1,22–122 im Vergleich mit der ersten Listung in 1,13 Darstellung des DL

DL 1,13

Plutarch Convivium

Thales 1,22–44

Thales

Thales

Solon 1,45–67

Solon

Bias

Chilon 1,68–73

Periander

Pittakos

Pittakos 1,74–81

Kleobulos

Solon

Bias 1,82–88 [ohne Brief]

Chilon

Chilon

Kleobulos 1,89–93

Bias

Kleobulos

Periander 1,94–100

Pittakos

Anacharsis

Anacharsis 1,101–105

Anacharsis

Myson 1,106–108 [ohne Brief]

Myson

Epimenides 1,109–115 [ohne Brief]

Pherekydes

Pherekydes 1,116–122

Epimenides

Er hält sich damit an die eigene Listung in 1,13, ändert jedoch die Reihenfolge, so dass nur drei Positionen gleich besetzt sind. Doch ist klar, dass er sie als eine definierte ‚Gruppe‘ (s. u. Anm. 29) der Weisen beschreibt; und dem entspricht es denn auch, wenn er in diese Darstellung einige Briefe einflicht. Für Diogenes ist nun signifikant, dass bei der Vorstellung der Sieben Weisen (DL 1,22–1,122) oftmals der Kennspruch mit einem Brief verbunden wird: „Chilon sagte: ‚Bürgschaft, und schon ist Verderben‘. Es gibt aber auch folgendes Brieflein von ihm: ‚Du schreibst uns von einem Heereszug ins Ausland, dass du selbst ausrücken willst; ich aber glaube, dass für einen Alleinherrscher es auch daheim gefährlich ist und preise den Tyrannen glücklich, der zuhause an Altersschwäche stirbt.‘“ (DL 1,73) Wie bei fast allen anderen (außer Myson und Epimenides, merkwürdigerweise aber auch Bias, der doch zum sicheren Kreis der Sieben gezählt wurde) der Sieben Weisen bekommt auch Chilon seinen Spruch.26 Dann folgt ein angeblich überlieferter Brief. Wie es aussieht, hat Dio-

|| 26 Thales: 1,40; Solon 1,63; Pittakos 1,79; Kleobulos 1,93; Periander 1,99; Bias hat keinen Brief und auch keinen Kennspruch (der ihm von anderen zugesprochene ‚die meisten sind schlecht‘ wird zitiert, aber nicht herausgehoben, sondern findet sich in einer Fülle von anderen Sprüchen); Anacharsis werde mit dem Spruch (DL 1,104): Beherrsche die Zunge, den Bauch und das Geschlecht abgebildet. Von Myson und Epimenides wird weder Spruch noch Brief gegeben, von Pherekydes wird ebenfalls kein Spruch, aber ein Brief an Thales (DL 1,122) gegeben, womit sich eine Art Ringkomposition erkennen lässt, denn auch von Thales wird ein Brief an Phe-

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genes hier einen Briefroman zerpflückt und auf einzelne Berichte verteilt; es muss aber auffallen, dass beim Philosophenbiographen der Spruch dem Brief vorausgeht, ohne dass irgendeine wie auch immer geartete Verknüpfung erkennbar würde. Die fehlende Verbindung könnte darauf hinweisen, dass DL hier glaubt Authentisches zu bieten, das eine Einkleidung unnötig mache.27 Nachdem Snell versucht hat, den Briefroman zu rekonstruieren, wobei Solon in dessen Zentrum gestanden habe,28 unterscheidet Dührsen mehrere Gruppen oder Kapitel in diesem Roman: nämlich Perianderbriefe, Solonbriefe und Ionierbriefe. Zu den Perianderbriefen zählen die folgenden:

Abb. 1: Perianderbriefe

Themen sind also: Furcht des Tyrannen rührt von der falschen Herrschaftsform; Machtkalkül sichert aber auch tyrannische Herrschaft; Perianders Totschlag seiner Frau Melissa, Warnung an Prokles, den Enkel nicht abspenstig zu machen (was historisch der Fall war); Todesgefahr für Tyrannen. Es ist bemer-

|| rekydes zitiert (DL 1,43–44). Und beide Briefe nehmen aufeinander Bezug, denn es geht um Publikationsprobleme eines Buches von Pherekydes. 27 So Dührsen (1994) 85–86. 28 Snell (41971) 128–139.

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kenswert, dass alle diese Themen in Plutarchs „Gastmahl der Sieben Weisen“ in irgendeiner Weise aufgenommen werden. Das lässt darauf schließen, dass entweder diese Themen als Topoi zum Thema der Weisen gehören, die immer schon mit politischen Fragen befasst waren, wie auch aus der älteren Tradition evident ist, oder dass Plutarch sogar diesen Briefroman kannte. Um diesen Verdacht zu erhärten, bräuchte man allerdings noch engere Parallelen. Immerhin könnten beide Autoren derselben Epoche angehören, jedenfalls, wenn man den Anonymus nicht in den Hellenismus setzt, sondern in die Kaiserzeit.29 Überliefert sind bei Diogenes aber auch noch einige Skolien, die die Vorstellung eines Gastmahles der Weisen illustrieren sollen.30 Auffallend häufige Themen sind hier der Wert der Rede: statt langer Reden, suche man nach dem Einen, das weise und treffend ist (DL 1,35. 91); man möge jeden genau prüfen, ehe man ihm vertraut, allzu leicht plant einer mit lauterer Miene Schlimmes (DL 1,61). Nur im Kairos ist daher erkennbar, was einer wirklich ist (DL 1,71). Habe man mit Schlechten Umgang, so wappne man sich gegen Doppelzüngigkeit (διχόµυθος; vgl. DL 1,61). Auch diese Thematik finde sich vertieft im CSS von Plutarch. Der plaudernde und feiernde Weise ist entweder schon demaskiert oder er korrigiert das Bild des Weisen. Solche Ambivalenzen gehören zu den impliziten Darstellungsprinzipien des Diogenes. Wesentlich für Diogenes ist zudem eine Rezeption (weniger Durchdringung und Gestaltung) der langen peripatetischen Tradition, in der die Weisen und ihre Sprüche stehen. Ausgangspunkt für Aristoteles ist dessen Wissensbegriff einerseits,31 das Interesse an der Gnome als rhetorischem Beweismittel (pistis) andererseits.32 Im Peripatos hat man dieser Sammlung von Weisheit entsprechend hohes Interesse entgegengebracht, was sich in den Exzerpten der Sammlung des Demetrios von Phaleron bei Stobaios niederschlägt. Für einen Mann wie Demetrios mochten die Weisen als Verbindung von Wissenschaft und Besonnenheit oder auch nur als Exempla politischer und praktischer Besonnenheit besondere Identifikationsmöglichkeiten geboten haben, da er ja auch als Redner und Politiker wirkte.33

|| 29 So gegen Dührsen (1994) Asper (2006) 100; als Argument dient eine eher vage soziologische Einordnung der ‚Gruppe‘ der Sieben in das Identifikationsmodell der Zweiten Sophistik, das sich „als typisch griechische Weigerung verstehen“ lasse, „die Gegenwart als Alternative zu einer glorifizierten Vergangenheit zu begreifen“. 30 Zur literarischen Einordnung der Skolia, die sich im Supplementum Hellenisticum (ed. Parsons/Lloyd-Jones 1983) Fr. 521–529 finden, s. auch Martin (1993) 113–114. 31 Dazu s. o. S. 27 ff. 32 Arist. Rhet. 2,21 unterscheidet verschiedene Formen der „allgemeinen Aussage“ der Gnome. 33 Demetrius, der Schüler des Theophrast, sammelte Aussprüche der Sieben Weisen (τῶν ἑπτὰ σοφῶν ἀποφθέγµατα Fr. 114 Wehrli); legte die wohl älteste Sammlung von äsopischen

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Dieses philosophische Interesse an den frühen Formen praktischer Klugheit ist sicherlich wirkungsmächtiger gewesen als Fragen der griechischen Identitätskonstruktion im Kaiserreich. Es liegt vielmehr ganz im Zuge einer solchen Sammlung von Weisheit, wiederum einen narrativen Rahmen zu schaffen, in welchem sich die Weisheit evident und erfahrbar machen lässt.34 Die Sammlung steht dem Leben zu ferne. Das mochte ein Motiv gewesen sein, warum sich in der Kaiserzeit ein Traditionalist wie Plutarch dieser alten Überlieferung zuwandte.35

Plutarchs Gastmahl der Sieben Weisen (CSS) In eine platonisch anmutende Szenerie treten wir im Gastmahl der Sieben Weisen Plutarchs, wenn der Seher Diokles (das ergibt sich erst aus CSS 149d) seinem Freund Nikarchos klagt, wie bald die dahineilende Zeit schon jüngsten Ereignissen das Dunkel des Vergessens überwirft,36 in dem dann Lug und Trug

|| Fabeln an (Αἰσώπεα) Fr. 112 Wehrli; verfasste zwei Bücher über Staatskunst (περὶ τῶν πολιτικῶν Fr. 126 Wehrli); eine Rhetorik (Fr. 156, 172 Wehrli); ein Buch Chrien (Fr. 113 Wehrli); er war als makedonischer Statthalter in Athen (317–307) auch politisch tätig, nach der Flucht wurde er politischer Berater von Ptolemaios I Lagu in Alexandria, s. dazu Wehrli (1984) 559– 563. 34 Die literatursoziologischen Überlegungen von Asper (2006) muss das nicht ausschließen, stellt sie vielmehr in einen doxographischen Horizont. 35 Die dem Plutarch zugeschriebenen Apophthegmata der Herrscher und Heerführer (Βασιλέων ἀποφθέγµατα καὶ στρατηγῶν Mor. 172–208b) und der Spartaner (Ἀποφθέγµατα Λακωνικά Mor. 208a–242d) zeigen dasselbe Interesse an Spruchweisheiten, kontextualisieren sie aber nicht. Man kann sich gut vorstellen, dass Plutarch solche Sammlungen vorlagen, als er selbst, sei es biographisch oder moralphilosophisch wie im CSS arbeitete, wie in der Teubnerausgabe (Plutarchi Moralia vol. 2) p. 110 ansprechend vermutet wird. F. Fuhrmann geht in seiner Budé-Ausgabe noch weiter und tritt für die Echtheit dieser Schrift ein (Plutarque Œuvre Morales, tome 3 [1988] 3–17). Wie auch immer man dazu steht, sicher ist das hohe Interesse an Apophthegmata in der Kaiserzeit, in welchen sich die Griechen wiederum als praktische Ratgeber und mit Bildungsgut empfehlen konnten. Zur Stellung Plutarchs zur späteren Zweiten Sophistik und deren Bildungsprogramm s. Schmitz (2014), Beck (2014). 36 Jazdzewska (2013) 307–309 erkennt hierin bereits eine Anspielung auf die Todesthematik (σκότος im homerischen Sinne), die später weiter ausgeführt wird, bleibt aber eine weitere Deutung schuldig. Ich sehe hier eine Betonung der Memoria an den Gesprächen der Weisen, die auf eine Überwindung der Sterblichkeit, indem das Weise tradiert wird, auch wenn die weisen Individuen gestorben sind, verweist, und zwar natürlich besonders für den Zeitgenossen des Autors, der nun ein Gespräch aus so langer Distanz rezipieren wird. Das kehrt den Beruf des Sehers als Künder des Zukünftigen, wie er sich aus 149d ergibt, herum: Der Seher

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gedeihen. So auch beim Gastmahl der Weisen, an dem nicht die Sieben alleine, sondern mehr als doppelt so viele Weise beisammen saßen (siehe Übersicht!), er selbst sei als Freund des Periander von Korinth dabei gewesen,37 da er mit diesem wegen der Wahrsagerei verkehre (διὰ τὴν τέχνην). Thales aber habe sich bei ihm als Gastfreund aufgehalten. Da derjenige, der von diesem Gastmahl erzählt habe, selbst nicht dabei gewesen sei, wolle er nun einen wahrheitsgetreuen Bericht geben, denn in seinem Alter dürfe man dergleichen nicht länger aufschieben (146 b–c).38 Wer nun annähme, dass damit die Einleitung zu einem irgendwie historisch-authentischen Dialog gegeben werde, wird indessen enttäuscht, denn Wilamowitz (1890) 196 konstatiert: Die Versuchung, seiner Novelle archaisches Colorit zu geben und Leute des 6. Jahrhunderts einzuführen, ist ihm gar nicht gekommen. Er hat keinen archäologischen Roman geschrieben, sondern Solon und Thales ruhig sich tragen und betragen lassen, als wären sie Papa Lamprias und Schwager Soklaros. Aber für poetisches Schaffen war Plutarchos noch viel weniger begabt als für geschichtliches Urtheil, und gar einen Stoff, so einfach er auch war, zu dramatisiren, ging weit über seine Kräfte.

Wilamowitz merkt noch an: Nichts ist bezeichnender, als dass Plutarch seine Personen lachen und immer wieder lachen lasst, offenbar weil er zeigen will, wie witzig sie ihre Reden finden und wie wohl ihnen Allen ist. Dem Leser kommt das freilich schliesslich recht albern vor, nam risu inepto res ineptior nullast.

In einer jüngeren Studie von Aalders (1977) wird diese Einschätzung eines historischen Anachronismus bestätigt: Moreover Plutarch, in whose biographies chronology is not his strongest point, in this dialogue does not refrain from chronological improbabilities and even blatant impossibilities: Solon can hardly have been contemporary with the kings Croesus and Amasis, and

|| kündet aus einer fernen Vergangenheit für die Zukunft der Rezipienten in der Gegenwart ihrer Lektüre. Die Tatsache, dass des Diokles Einsichten ja zutreffen, verleiht ihm als Erzähler besonderes Gewicht und zwar jenseits der historischen Unzuverlässigkeit, auf die es dem Autor gerade nicht ankommt. 37 Mit der Wendung CSS 146b–c οὔτε γὰρ µόνων, ὡς ὑµεῖς ἀκηκόατε, τῶν ἑπτὰ γέγονε τὸ συµπόσιον, ἀλλὰ πλειόνων ἢ δὶς τοσούτων könnte direkt auf Hermippos Fr. 6 Wehrli angespielt sein, s. o. Seite 31. Defradas (1985) 321 erkennt in dieser Einleitung ebenfalls eine Anspielung an andere Darstellungen der Sieben Weisen: „On peut supposer que, dans cette introduction Plutarque vise des récits de la rencontre des Sept Sages antérieurs au sien.“ 38 Mit der Wendung τὸ γῆρας οὐκ ἀξιόπιστον ἐγγυήσασθαι τὴν ἀναβολὴν τοῦ λόγου ist natürlich auf den Spruch ἐγγύα· παρὰ δ᾿ ἄτη, angespielt, der dem Chilon zugeschrieben wird.

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Periander can by no means have been a contemporary of those kings. Solon’s ideas about the soul and about the desirability of restricting one’s diet to a minimum (158 b ff.) can hardly stem from the historical Solon and are even not found in Plutarch’s Life of Solon. […] Chilon’s snub at the political influence of rhetors in Athens (154 f) is inappropriate for Chilon’s own times. (Aalders 1977: 29–30)

Gleiches stellt Defradas in seiner kommentierten Budé-Ausgabe fest: Le banquet des Sages est un cadre commode et traditionnel pour développer très librement des discussions philosophiques qu’on pourrait aussi bien exposer dans un traité suivi. Le souci de la couleur historique ne se rencontre guère chez Plutarque, mème dans ses ouvrages historiques. (Defradas 1954/1985: 29)

Für den Literaturhistoriker und Historiker ist das alles misslich, denn der Zufall will es, dass diese „Novelle“ die einzige vollständige zum Sagenkreis der Sieben Weisen ist. Diese Sage ist, so ist sich von Wilamowitz gewiss, nach den epischen Dichtungen entstanden, in Ionien, und zunächst nicht schriftlich fixiert. Erst spät sei die literarische Fixierung erfolgt,39 wie bei Aisopos, der von diesen Weisen nicht zu trennen ist und auch in Plutarchs CSS mit von der Partie ist. Aalders kommt in seiner Interpretation zu dem Schluss, dass Plutarch durchaus versuche, die Szenerie in ein historisches Timbre zu tauchen, allerdings ist es das Timbre des 5. Jh., nicht des 6. oder gar 7. Jh. Damit entspricht er freilich ganz dem Umgang, den die Sophisten in der späteren Kaiserzeit mit der griechischen Geschichte pflogen. Und so kann es nicht verwundern, dass Plutarch insbesondere Herodots Bild der Weisen aufnimmt.40 Aber darf man von Plutarch überhaupt historische Korrektheit erwarten?41 Könnte man die Versicherung des Diokles (von dem wir sonst nichts wissen, doch s. Anm. 74) nicht auch ganz anders verstehen, nämlich als das Gegenteil: Es werde gerade keine historisch korrekte, sondern eine anderen Maßstäben unterworfene Darstellung gegeben, genauso wie Platon dies in seinem Dialogen tut. Paton bemerkt lapidar im Apparat der Teubner-Ausgabe an: „cap. 1 apparet convivii Platonici imitatio“. Und in der Tat ist es dort die Unterhaltung von zweien, die selbst nicht beim legendären Symposium des Agathon dabei waren, || 39 S. RE II A2 (1923) 2252; so auch Snell (1966) 117–118 und Snell (41971) 123. 40 Aalders (1977) 35: 147d ~ 5,92 Hdt.; 151e ~ 2,172; 155b ~ 1,29 Arion; Leben der Skythen 155a ~ 4,46; 156a ~ 6,84. 41 Seine Bemerkung in Solon 27, dass die Begegnung von Kroisos mit Solon historisch unmöglich ist, solle ihn nicht darin hindern, diese Geschichte zu erzählen, die so trefflich den Charakter Solons, insbesondere seine Megalophrosyne, zu illustrieren vermag; schließlich seien sich die Chronologen bis zu seinen Tagen nicht einig und die Geschichte hätte doch gute Zeugen; Plutarch denkt hier sicherlich vor allem an Herodot.

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doch fand dies nicht erst kürzlich statt, wie der Gefährte glaubt, sondern vor Jahren; auch Apollodor, der Erzähler dieses Symposiums, war noch zu jung, vielmehr erfuhr er es von Aristodem; und Apollodor, der der Philosophie besonders zugetan war, ließ sich diesen Bericht durch Sokrates bestätigen. Für die historischen Personen, die dort auftreten, heißt dies: sie sind grundsätzlich platonischer Fiktion unterworfen! Und das gilt wohl auch für das Gastmahl der Sieben, nein: über 14! Der Autor will sich also gerade von jeglichem historischen Ballast befreien und das Gastmahl nach eigenen Regeln erzählen.42 Aune sieht dieses insbesondere in einer modellhaften Literarisierung des Symposiums, wie es zu Zeiten des Autors gesehen und abgehalten wurde, worin insbesondere die Rolle der Philosophie auch in populären Formen hervortritt;43 weitere Ingredienzen sind Urbanität und Decorumsfragen. Die Weisen als Intellektuelle nähern sich durch diesen literarischen Rahmen den populären Strömungen. Daraus sucht Plutarch eine protreptische Dynamik zu gewinnen, wie noch zu zeigen sein wird. In der jüngeren Zeit hat man im Zuge der Beschäftigung mit der Symposialliteratur und dem Symposion als kulturellen Einrichtung diesen Dialog wiederentdeckt, was der tieferen, vor allem vorurteilsfreien Interpretation und Durchdringung des Werkes sehr förderlich war.44 In der vorliegenden Deutung möchte ich jedoch nicht dem diptychalen Aufbau (CSS Kap. 1–12; 13–21) folgen, den man als mehr oder weniger gelungene Verbindung eines mehr doxographisch brachylogischen (nämlich im Ausgang der Dicta) und eines fiktional freieren Teiles mit platonischer Deutung überlieferter Philosopheme zu charakterisieren versucht hat,45 sondern thematologisch verfahren. Denn man kann in dieser novellesken Erzählung mehrere Themenkomplexe erkennen, die einerseits aufeinander aufbauen, andererseits sich überschneiden und über andere hinweg verbinden lassen. Beginnen wir mit dem Symposium.

|| 42 Auf diese von Speyer (1971) 131–149; bes. 44–84, als „Mittel der Echtheitsbeglaubigung“ zusammengestellten Motive, die als Fiktionalitätssignale deutbar sind, verweist Aune (1978) 51–52. 43 Aune (1978) 79–82. 44 Martin (1993), Mossman (1997), Jazdzewska (2013), Klotz/Oikonomopoulou (2011), Klotz (2014), Kim (2009). 45 Kim (2009).

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Symposium Die eigentliche Erzählung beginnt nicht erst vor Ort, also im Lechaion (CSS 146d–e), dem Hafen von Korinth, wohin Periander geladen hatte, sondern als Diokles mit Thales von einem Gespann, das der Tyrann von Korinth ausgesandt hatte, abgeholt werden sollte; doch da der Philosoph die Kutsche lächelnd entlässt, geht man zu Fuß durch das Land und vermeidet den Stau der Hauptstraße;46 dabei trifft man auf Neiloxenos aus Naukratis,47 der mit einigen ungelösten Rätseln unterwegs zu Bias von Priene ist, der auch nach Korinth eingeladen worden ist. Damit kündigt sich eine der in diesem Text immer wieder gepflogenen Kommunikationsformen an, nämlich die des Rätsels, das den Weisen gestellt wird.48 Denn auch der gemeinsame Weg lässt solche Kommunikationsformen entstehen; da sie hier aber Erzählungen zweiter Stufe sind,49 nehmen sie die Gestalt von Anekdoten an; als solche jedoch geben sie das Schema vor, in dem sich die Weisen zu bewähren haben. Aune hat die Struktur folgendermaßen gefasst: Frage an den Weisen (Problem); Antwort des Weisen; Lob der Weisheit durch andere. Diesen Themen auf dem Weg nach Korinth ist nun aber gemein, dass sie insofern Negativthemen sind, als sie alle nicht zum Symposium zu passen scheinen (CSS 146f–147e): Die nonverbale Antwort des Bias auf die Bitte, er möge den schlechtesten Teil eines Opfertieres heraustrennen und

|| 46 Man könnte auch an eine Illustration des dem Chilon bei Stob. 3,1,172 γ (= Stobaeus ed. Hense 3, 1894: 116) gegebenen Wortes ἐπὶ τὰ δεῖπνα τῶν φίλων βραδέως πορεύου, ἐπὶ δὲ τὰς ἀτυχίας ταχέως denken. 47 Zwar behauptet Strabo eine spätere Datierung der griechischen Kolonie in Naukratis, aber die archäologischen Zeugnisse belegen eine griechische Präsenz am Ende des 7. Jh., s. DNP 8 (2000) 747–749 (A. Möller). 48 Dazu Konstantakos (2004) bes. 86–104: Plutarch greift hier auf eine ältere orientalische Tradition zurück, die sich auch im AT niedergeschlagen hat, wenn die Begegnung von Salomon und der Königin von Saba zunächst mit Rätseln beginnt, die Salomon als weise erweisen (1 Könige 10,1–13); älter scheint eine sumerische Tradition zu sein; die Griechen haben sie von den Ägyptern übernommen; Amasis ist eine Figur, um die sich solche Geschichten anlagern konnten (Hdt. 2,172–174, dazu Müller (1989); Konstantakos (2005) bes. 14–24. Eine ältere, aber sehr gute Zusammenstellung zum Rätsel bietet RE 1A (1920) 62–125, bes. 88–90 zu den verschiedenen Begriffen im Griechischen. Für unseren Zusammenhang hervorzuheben ist das Interesse, das schon Aristoteles auch an dieser Form genommen hat (Po. cap. 22, 1458 a26) und das von den Schülern (Klearchos Fr. 84–95 Wehrli 1969) weiterverfolgt worden ist. Der γρῖφος ist eigentlich ein Fischernetz, in dem der Gesprächspartner stumm gefangen wird, wenn er keine Antwort weiß. Im Kontext des Symposions s. Athen. 474 d–f, 455 d. 49 Nach Genette (1998) 165 nämlich als Erzählung in der Erzählung, also Metadihegese; manche Erzählungen sind heterodihegetisch-intradihegetisch, manche auch homodihegetischintradihegetisch, ebd. 178.

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den besten zurücksenden, war die Heraustrennung der Zunge, die zurückgeschickt wird.50 Der zweite unpassende Themenkomplex: die Tyrannen. Denn Neiloxenos, der ungebetene Gast des Symposiums,51 erzählt, dass Bias, der auch die geometrischen Fertigkeiten des Thales bei der Vermessung der ägyptischen Pyramiden bewundere,52 von vermeintlichen Antworten des Thales berichtet habe, die bewiesen, dass er nicht davor zurückschrecke, die Tyrannen öffentlich zu kritisieren, wie z.B., auf die Frage, welches das größte Paradox sei, er die Antwort gegeben habe: „Ein greiser Tyrann.“ Und gefragt, was das schlimmste wilde Tier sei, habe er gesagt: „Der Tyrann.“ –, was das schlimmste Haustier? –: „Der Schmeichler.“ Doch Thales dementiert: Das seien gar nicht seine Antworten, die da unter seinem Namen kolportiert würden;53 Pittakos von Mytilene

|| 50 Parallelen in Plut. Mor. 38c, wo die Redegabe ebenfalls als ambivalent angesehen wird. In Mor. 506c gibt Plutarch den Spruch dem Pittakos. Aune (1978) 84–85 sieht in unserer Stelle nur die Schlagfertigkeit des Bias thematisiert, verkennt aber den Witz, der eben in der Heraustrennung und Zurücksendung der Zunge besteht und also genau der sprachlich ausgedrückten Ambivalenz entspricht: „Ἱερεῖον“, εἶπεν, „ἔπεµψεν αὐτῷ, κελεύσας τὸ πονηρότατον ἐξελόντα καὶ χρηστότατον ἀποπέµψαι κρέας. ὁ δ᾿ ἡµέτερος εὖ καὶ καλῶς τὴν γλῶτταν ἐξελὼν ἔπεµψεν·“ (146f) Dass Antworten auch nonverbal ausfallen können, gehört zu den Bestimmungen der Chrie. Zur Handlungschrie s. Quintilian, Inst. or. 1,9,4. Vgl. aber auch die Antwort des Anacharsis in DL 1,105 auf die Frage, was bei Menschen ein Gut und (zugleich?) ein Übel ist: Die Zunge! Zu diesem Rätsel umfassend mit Bezug zu möglichen orientalischen Quellen Konstantakos (2004) 97–104; 120–128 mit reichem Belegmaterial; eingewandt sei nur die Übersetzung 97 „to cut off and send back that part of it which is simultaneously the best and the worst“. Denn so ambivalent ist erst die Antwort des Bias, die Frage geht deutlich auf zweierlei. Auch in Mor. 38c bezieht sich das ὁµοῦ auf die gemeinsame Rücksendung, nicht auf die paradoxe Prädikation. Dazu R. Kühner, Ausführliche Grammatik der gr. Sprache, Satzlehre, Hannover 3 1898, 2,100 Fälle solcher Verbindungen von Partizip und verbum finitum mit καί. Kim (2009) 486 erinnert an die Schlagfertigkeit, die Sokrates den frühen Weisen zuerkennt, deren Opfer sich wie dumme Kinder fühlten, Plat. Prot. 342d5–343b. 51 Zu diesem topischen Inventar s. Martin (1931) 66–67; Neiloxenos ist eher ein ἐπίκλητος denn ein ἄκλητος. 52 Diese mathematische Kompetenz hebt Plutarch als Platoniker besonders hervor, s. auch Hershbell (1986) 184–185; DL 1,27; Plin. NH 36,82. 53 Nun ist aber gerade dieses Dictum auch bei DL 1,36 dem Thales zugeschrieben und Plutarch selbst gibt ihm diesen Spruch in De deo Socratis 578 d. εἶτ᾿ οὐχ ὑπέρευ Θαλῆς ὁ παλαιὸς ἀπὸ ξένης ἐλθὼν διὰ χρόνου τῶν φίλων ἐρωτώντων ὅ τι καινότατον ἱστορήκοι ‘τύραννον’ ἔφη ‘γέροντα’. Ebenso in Quomodo amicus ... 61c–d ὅθεν οὐδ’ ὁ Βίας ἀπεκρίνατο καλῶς τῷ πυθοµένῳ τί τῶν ζῴων χαλεπώτατόν ἐστιν, ἀποκρινάµενος ὅτι τῶν µὲν ἀγρίων ὁ τύραννος, τῶν δ’ ἡµέρων ὁ κόλαξ. ἀληθέστερον γὰρ ἦν εἰπεῖν ὅτι τῶν κολάκων ἥµεροι µέν εἰσιν οἱ περὶ τὸ βαλανεῖον καὶ περὶ τὴν τράπεζαν, ὁ δ᾿ εἰς τὰ δωµάτια καὶ τὴν γυναικωνῖτιν ἐκτείνων ὥσπερ πλεκτάνας τὸ πολύπραγµον καὶ διάβολον καὶ κακόηθες ἄγριος καὶ θηριώδης καὶ δυσµεταχείριστος. In CSS aber eine Kritik an der Antwort; das könnte erklären, warum sie

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habe sie dem Myrsilos gegeben; Pittakos kannte sich aus mit Tyrannen, hatte er doch in Mytilene den Tyrannen Melanchros beseitigt und später gar die Alleinherrschaft niedergelegt, nachdem die Polis beruhigt war (vgl. CSS 147b–c). Seine, des Thales, Antworten waren weniger politisch: Ein alter Kapitän ist das größte Paradox, doch wie der Knabe, der den Hund treten möchte, aber die Stiefmutter trifft, akzeptiert er diese Kolportage als „auch nicht übel.“ In dieser Korrektur wird die Problematik einer Überlieferung thematisch, die oftmals ein und dieselben Sprüche verschiedenen Weisen gibt; der Witz soll darin bestehen, dass die Sprecher selbst die vermeintlich eigenen Sprüche aufgesagt bekommen und die Autorschaft richtig stellen können; zugleich aber auch in der Beifälligkeit, mit der sie diese quittieren, die Gruppe vor den Einzelnen rücken: Es spielt keine Rolle, wem der Spruch gehört, da die Gruppe homogen ist, ganz im Sinne des κοινὰ τῶν φίλων. Das Thema ‚Tyrann‘ gehört in den größeren Bereich der Politik, die ja ein traditionelles Symposiumsthema ist, worüber später ausführlicher zu handeln ist (s. u. Seite 25 ff.). Eine Verflechtung mit dem Thema ‚Symposium‘ ergibt sich dadurch, dass Thales den Gastgeber Periander dafür lobt, dass er trotz seiner väterlichen Vorbelastung als Tyrann sich mit den klügsten Leuten umgebe und den Rat des Thrasybul, die höchsten Ähren zu kappen, gerade nicht befolgt habe.54 Wenn Thales dies damit begründet, dass eine Herrschaft umso besser sei, je besser die Beherrschten seien, während die Tyrannen wie über Tiere herrschen wollten, so nimmt er einen Topos aus dem politischen Diskurs des 5./4. Jhd. auf, der uns bei Xenophon fassbar ist. In der Erziehung des Kyros stellt sich der Erzähler die Frage, warum die Herrschaft der Menschen untereinander vielfach schwieriger und schlechter sei als die Herrschaft der Menschen über die Tiere, etwa beim Hirten.55 Nun unterbricht sich aber Thales, der diese Debatte leitet, indem er das ganze Thema als unpassend für ein Mahl eines Tyrannen disqualifiziert. Man müsse sein Ethos (ἦθος) umso besser darauf vorbereiten, als dieses wertvoller als der Körper ist, für dessen Putz die Sybariten die Frauen bereits ein Jahr früher einzuladen pflegen (p. 302,27–303,13 ed. Paton). Hier klingt bereits das Thema Leib – Seele an, das am Ende des Dialoges zu einem fulminanten Abschluss geführt wird. Aber ein passenderes Thema wird zu|| abgewiesen und dem Pittakos gegeben wird. Nun sagt aber später Thales gerade selbst, dass er es für das Glück des Herrschers halte, wenn dieser als Greis eines natürlichen Todes sterbe (CSS 152 a). 54 CSS 147c–d (p. 302,19–20 ed. Paton) Hdt. 5,92 η lässt den Rat annehmen: „da zeigte er seine ganze Schlechtigkeit“. DL 1,100 gibt nur den Rat des Thrasybul; Arist. Pol. 1284 a26–38 dreht das wiederum um: hier gibt Periander den Rat dem fragenden Boten des Thrasybul. 55 Xenophon, Inst. Cyr. 1,2. Ähnlich Arist. Pol. 3,17 1288 a15ff.

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nächst nicht gesucht, sondern die Bedeutung des richtigen Themas wird damit begründet, dass man auch unpassende Speisen beim Gastmahl ablehnen dürfe und ein unangenehmer Nachbar könne einem nicht nur das Mahl verderben, sondern zu bleibender Verstimmung führen. Denn während man auf Reisen und im Felde den Nachbarn wohl oder übel tolerieren müsse, sei ein Gastmahl eine durchaus freiwillige Zusammenkunft. Das Skelett, das die Ägypter als memento mori bei ihren Symposien aufzustellen pflegten,56 sei zwar ein unangenehmer Geselle, aber er erinnere daran, das kurze Leben nicht durch Unbilden (wie falsches Thema und falscher Nachbar) unerträglich lang zu machen. Hier ist sicherlich an den Leser zu Plutarchs Zeit zu denken, der im gesellschaftlichen Leben immer wieder zu Gastmahlen geladen wird; die Umdeutung des memento mori zu einem Kommunikationsgebot beim Symposium ist Ausdruck dafür, wie hoch symposiastische Geselligkeit bewertet worden ist. Doch darf dabei nicht übersehen werden, dass das memento in ein ganzes Netz von literarischen Anspielungen eingebunden ist, das die Sterblichkeit thematisiert. Sie steht zumal im Zusammenhang mit dem platonischen Phaidon. Dadurch aber wird auch die unmittelbare symposiastische Aufforderung, das möglicherweise jähe Ende zu bedenken, das manche der Anwesenden bald ereilen wird,57 transzendiert und zu einer philosophischen Mahnung erweitert: Befreie dich von der Sterblichkeit deines Körpers!58 Aber zunächst bleibt dies im Hintergrund und es scheint nur die symposiastische Deutung thematisch zu werden, wenn sich der missratene natürliche Sohn des Thrasybul, Alexidemos, beschwert, dass ihm keine würdige Kline zugewiesen sei (p. 305,10–15 ed. Paton). Thales überführt diese Beschwerden in ein astrologisches Terrain, indem er sich über die Vorstellung amüsiert zeigt, dass man wie die Planeten nach den Häusern taxiert werde.59 Diese Antwort

|| 56 CSS 148a–b = p. 303,22–304,5 ed. Paton; s. Hdt. 2,78; Plut. De Iside 17 (Mor. 357); Luc. Luct. 21; Petron. 34; dazu die Kommentierung von Lloyd (1976) 335–337, in der auch ägyptische Quellen dieser durchaus ägyptischen Gepflogenheit genannt werden. 57 Melissa wird von Periander getötet, die näheren Umstände bleiben dunkel; Anacharsis wird brutal in Skythien umgebracht, weil sein griechischer Habit wiederum den Skythen zuwider ist (Hdt. 4,77, vgl. CSS 148c), Aisopos wird in Delphi, wohin er ja unterwegs ist, (CSS 150a) von einer aufgebrachten Menge von einem Felsen gestürzt, wie Plutarch in Mor. 556f–557a erzählt: Jazdzewska (2013) 309–310; Mossman (1997) 126. 58 Jazdzewska (2013) 307 spricht von der Intention Plutarchs, „to infuse the CSS with the notion of death and mortality.“ 59 Mit den οἶκοι bzw. domicilia sind in der antiken Astrologie die Tierkreiszeichen benannt, in denen sich die Planeten unterschiedlich ‚wohlfühlen‘, d.h. wirksam werden. RE 2 (1896) 1804 (Riess); Bouché-Leclercq, L’astrologie grecque, (Paris 1899) 182–192, für unseren Zusammen-

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zeigt wiederum die Ausgrenzung des schlechten Tyrannen bzw. dessen ungehobelten Nachwuchses durch den Weisen, das hier in einem typischen Symposiumsthema zur Sprache kommt,60 die aber ironisch mit einer wissenschaftlichen Frage überhöht wird. Doch die Figur, die als der „Gekränkte“ zum topischen Inventar der Symposienliteratur zählt,61 wird noch benötigt, um die Festgemeinde als homogen erscheinen zu lassen, jedenfalls als durchaus untyrannisch, trotz der vielen Alleinherrscher, die gekommen sind.62 Nun aber, wo alle Symposiasten versammelt sind, stellt sich die Frage der Sitzordnung. Thales weiß, wer sich darüber beschwere, mache sich gleichermaßen beim Gastgeber wie beim Nachbarn unbeliebt. Es gelte auch nicht das Prinzip der absoluten Platzierung, wie der Tyrannensohn Alexidemos nicht verstehen wollte, sondern das der relativen: Wer ist mein Nachbar und wie passen wir zusammen? – das ist die Frage. Das ist dann schon eine erotische Frage, oder jedenfalls freundschaftliche (φιλία). Doch sei das alles nur λόγος!, empört sich der uneheliche Tyrannensohn – und das heißt für diesen: bloßes Gerede und Geschwätz. Denn er sehe ja selbst, wie die Weisen nur so nach Anerkennung lechzen. Abgang des

|| hang ist insbesondere die Rede von Erhöhungen und Erniedrigungen relevant, die Planeten in entsprechenden Zeichen erfahren (ὑψώµατα, ταπεινώµατα vgl. 305,17–18 ed. Paton). 60 Vgl. Plut. Quaestiones convivales 1,2. Mor. 615c–619a diskutiert genau diese Frage, ob der Einladende den Gast platzieren dürfe oder dieser selbst sich seinen Platz suchen könne. Alexidemos zeigt seinen schlechten Charakter, indem er sich über die Nachbarn beschwert, ohne auf deren charakterliche oder symposiastische Vorzüge zu achten. Sein Fehler besteht darin, dass er den moralischen Wert der Gäste nicht erkennt. Thales macht sich zwar einerseits über Alexidemos lustig, indem er seinen Wunsch mit astrologischer Häuserlehre ad absurdum führen möchte, andererseits aber vertreibt er so gerade den Alexidemos als einen unpassenden Gast zur Erleichterung aller. Feine Nuancierungen! 61 Das zeigt mit guten Beispielen, darunter auch unsere Stelle hier im CSS des Plutarch, Martin (1931) 101–106, der die Notwendigkeit dieser Figur hervorhebt, die ja offenbar von Plutarch nur zu diesem Zweck fingiert worden ist; grundsätzlich zustimmend: DNP 11 (2001) s.v. Symposion-Literatur 1139 (H. Görgemanns). 62 Leão (2009) 517–520 erkennt freilich dennoch eine Ausgrenzung Perianders aus dem Kollegium der Weisen, in der eine ältere Dichotomie einer positiveren Korinthischen und einer negativeren, wie sie Herodot überliefert und an die Plutarch verschiedentlich anknüpft, rekonstruierbar sei: „Although Plutarch concedes him some deference along with the interventions he makes during the symposion, the tyrant of Corinth thus fails to exhibit the serenity characteristic of someone who is at peace with his conscience, certainly because of the excesses already perpetrated, which constitute a clear sign that he will continue to reveal in the future the same propensity to immoderation.“ (519)

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Störenfrieds.63 Der Weise resümiert: Schon als Knabe habe sich dieser nicht beherrschen können und einen ganzen Mischkrug Wein mit kostbarem Gewürz ausgetrunken, was den Vater damals sehr betrübt habe. Und nichts charakterisiert den Sprössling besser als seine Kritik am Logos, der, wenn von den Weisen gepflogen, in ganz andere Dimensionen gelangen kann, wie der weitere Verlauf noch zeigen soll.64 Der Vorwurf, dass die Weisen doch sehr menschlichen Regungen unterlägen, gehört in die Situation der Philosophie in Rom und erlebte gerade in der frühen Kaiserzeit eine besondere Blüte. Hier waren es insbesondere die Kyniker, die als Performanzphilosophen und Tyrannenkritiker den Argwohn der Herrschenden auf sich zogen und ihnen gehörig auf die Nerven gingen.65 Wenn etwa Thales sich zu Fuß aufmacht und den Wagen verschmäht, so könnte das auch als zur Schau gestellte Bedürfnislosigkeit ausgelegt werden.66 Diesem Verdacht aber zuvorzukommen, mag gerade die Korrektur am ihm fälschlich zugeschrieben tyrannenkritischen Apophthegma dienen – auch wenn Thales später wieder genau dasselbe zu Protokoll geben wird. Die später noch auszuführende naturwissenschaftliche Kompetenz des Thales (s. u. Seite 23) könnte auch in diesem Zusammenhang gesehen werden. Jedenfalls ist der Vergleich mit den astrologischen Häusern der Ägypter durchaus kritisch und herabsetzend gegenüber Alexidemos gemeint, der ja schon im Namen trägt, dass er sich vom Volk fernhält (so beschwert er sich, neben dem Flötenspieler Ardalos zu sitzen, ein Platz, für den Thales sogar gezahlt hätte, wie er versichert, als er diesen später einnimmt, CSS 149f). Zunächst also beweist Alexidemos sein schlechtes Ethos, aber indem er sich gerade über die falsche Platzierung beschwert, mag man sich fragen, was seinen ethischen Makel gerade ausmacht. Hatte nicht auch Thales gerade eingeräumt, dass man der richtigen Platzierung großen Wert beimessen müsse? Alexidemos zeigt sich also gerade darin als nicht zugehörig, dass er die Frage der Zugehörigkeit unangemessen stellt. Ziemlich raffiniert! Ironisch fragt daher Thales: Was denn für ein Übel entstanden sei, wenn Alexidemos nicht mit speisen wolle?

|| 63 p. 306,3–6 ed. Paton; darin den deutlichsten Kontrast zu Eumetis, der Tochter des Kleobulos von Lindos, bildend, die Thales als besonders besonnen (φρόνηµα θαυµαστόν), weise und φιλάνθρωπος preist (p. 304,26–29 ed. Paton). 64 S. Kap. 13, 156d, wo die Musen den Logos als Mischkrug in die Mitte der Symposiasten stellen, um so Freude, Spiel und Ernst auszuschenken. 65 Dazu Schirren (2017) Abschnitt III. 66 Aune (1978) 82–83. Im Dialog wird aber diese geläuterte, leicht ironisierte Position durch Anacharsis, den Barbaren ausgefüllt, der sich von Kleobuline die Haare kämmen lässt, als die Gäste eintreffen (148e–f).

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Die Frage der Sitzordnung mündet schließlich in eine Fabel, die Aisopos, der zu Füßen des Solon, also in der Position des Sklaven, auf einem niederen Schemel sitzend, zum Besten gibt67: wie sich der Maulesel einmal im Spiegel betrachtete und sich als Hengst fühlte und stolz einhertrabte, aber dann merkte (συµφρονήσας 150a), dass er eben doch nur ein halbes Pferd sei und sich als Maulesel zufrieden geben müsse.68 Das Rätselraten ist gewissermaßen ein Leitthema des Dialoges, da es das gesellige Beisammensein und die Kompetenz des Weisen verbindet: Denn was sollen Weise, wenn sie sich treffen, anderes tun, als ihre Kompetenz durch das Aufgeben und Lösen von Rätseln unter Beweis zu stellen?69 Hier gilt das agonistische Miteinander, das in der Überlieferung der Sieben Weisen durch die Dreifußaffäre paradox ausgedrückt ist.70 Darauf einstimmend fragt Thales den Erzähler Diokles, warum er den Bias nicht schon darüber informiert habe, dass Amasis durch Neiloxenos Rätsel geschickt hat, die Bias lösen solle, solange er noch nüchtern sei. Bias scherzt, er sei schon in Angst wegen dieser Aufgabe, vertraue aber auf den Dionysos Lysios, dass er ihm auch bei dieser Aufgabe beistehe. Dem Erzähler fällt bei diesen ausgelassenen Scherzen, die den Alexidemos Lügen strafen, auf, dass der Tyrann von Korinth das Mahl besonders frugal ausgerichtet hat, wie auch der Schmuck der Gattin bescheiden ist. Da Periander sonst für seine Kostbarkeiten berühmt ist, denkt sich der Erzähler, dass der Tyrann sich nun mit Einfachheit und Bescheidenheit herausputzen will

|| 67 Gäste konnten ihren Sklaven zum Gastmahl mitbringen, der hinter der Liege ad pedes sitzen musste: Sen. benef. 3,27,1; Mart. 12,87,2; Petron. 54,3; 68,4. Vgl. auch Xen. Symp. 1,8. Jazdzewska (2013) 311 erinnert aber auch an die Situation im Phaidon 89a–b, wo Phaidon, der Berichterstatter der letzten Stunden, zu Füßen des Sokrates sitzt. 68 Diese Fabel (vgl. Aisop Nr. 157 Halm; Nr. 285 Hausrath/Hunger) nimmt also das ungebührliche Verhalten des νόθος aufs Korn, der sich den Habitus des rechtmäßigen Abkömmlings anmaßt. Doch Chilon wiederum hält dem Aisopos vor, dass er, obwohl noch geringer an Geburt, dennoch den besser Geborenen hinter sich lässt: τύνη βραδύς, καττρέχεις τὸν ἡµίονον, s. Wilamowitz (1890) 213. 69 Das Wissen des Weisen möchte sich also performieren, s. Martin (1993) 115–116: „By performance, I mean a public enactment, about important matters, in word or gesture, employing conventions and open to scrutiny and criticism, especially criticsm of style“; Konstantakos (2004) und (2005), Hose (2012). Im CSS wird das Rätselthema dreifältig entwickelt und immer wieder unterbrochen, s. Adrados (1996) 128–130. 70 Diod. 9,3; DL 1,27. 31. 32. 82; Plut. Solon 4; Val. Max 4,1 ext. 7. Dazu RE 2 A2 (1923) 2249– 2250.

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(ἐκαλλωπίζετο λιτότητι καὶ σωφροσύνῃ 150d).71 Er scheint also diesem Habitus zu misstrauen. Zum Thema Symposium gehört auch die kleine Erörterung über die Flöte und das geeignetste Flötenmaterial (Kap. 5; ebenso über den Wein in Kap. 13) und schließlich über das Essen (Kap. 15). Diese Themen werden immer reicher und zumal paradoxal entfaltet: Deutlich ist aber auch eine protreptische Absicht, denn in Kap. 16 hält Solon ein Plädoyer für den gänzlichen Nahrungsverzicht.72 Diese Themen kommen erst nach Aufhebung der Tische zur Sprache; doch so paradox sie auch wirken mögen, scheinen sie doch dem Plan des Dialoges einer stufenweise Hinführung von der Physik des leiblichen Lebens zur Metaphysik der Seele zu folgen.

Erotik Zentrales Thema des Platonischen Symposium, aber auch des Xenophontischen ist die Erotik;73 demgegenüber ist bei den Weisen davon weniger die Rede. Erotik passt eben nicht zum Weisen, denn er liebt allenfalls die Weisheit. Periander, so heißt es zu Beginn, sei nach dem Selbstmord der Mutter (προεµένης τὸν βίον) so betrübt gewesen, dass er der Aphrodite, der er ein Heiligtum im Lechaion geweiht habe, nicht mehr geopfert habe; ein Traum seiner Frau Melissa jedoch mahnt ihn, den Kult wieder aufnehmen.74 Und vielleicht soll auch das || 71 Hdt. 5,92 η Periander befiehlt den Korintherinnen, ihre Kleider und Schmuck zu verbrennen; Herakleides Pontikos berichtet von seinem Einschreiten gegen Luxus in Korinth, FHG 2,213: δούλων κτήσεις καὶ τρυφὴν ὅλως περιαιρῶν. Die dort dem Pontikos zugeschriebenen Fragmente könnten allerdings auch dem Herakleides Lembos gehören, der auch über die Sieben Weisen geschrieben hat, das vermutet Daebritz in RE 8 (1913) 490, der in dessen Diadochai auch Thales und Periander aufgenommen meint, was den politischen Interessen des Herakleides entspräche; zur doxographisch-biographischen Bedeutung des Herakleides Mejer (1978) 40–42; 62ff. DNP 5 (1998) 375–376 Herakleides Nr. 16 (Lembos). 72 Eine gewisse Ähnlichkeit der Argumentation, wenngleich zugespitzt auf den Fleischverzehr, findet sich am Ende von Plut. Περὶ σαρκοφαγίας Kap. 6/7. Dort wird die negative Auswirkung auf die geistigen Kräfte durch Fleischverzehr begründet, während im CSS durch Solon allgemein das Essen und Verdauen kritisiert wird. 73 Vgl. auch Mossman (1996) 126–127, die darauf hinweist, dass es im CSS Plutarchs entgegen der literarischen Tradition nur um die heterosexuelle Liebe geht. 74 Die Urteile über Periander sind in der Antike meist negativ. Herodot scheint eine Tradition zu kennen, die die Depravation auf den negativen Einfluss des Thrasybul zurückführt, dessen Antwort auf die Frage des jungen Tyrannen hier erwähnt wird; allerdings habe er den Rat, die Hervorragenden zu töten, nicht akzeptiert (147d). Dennoch ist die Erwähnung der engen Verbindung mit der Mutter heikel (µετὰ γὰρ τὸν ἔρωτα τῆς µητρὸς αὐτοῦ προεµένης τὸν βίον

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Symposium dieser Vernachlässigung abhelfen, das in der Nachbarschaft des Aphrodite-Heiligtums stattfinden wird (s. CSS Kap. 2). Nun ist Freundschaft, φιλία, zweifellos für ein gelungenes Symposium nötig; aber Eros scheint eher gedämpft zu werden. Vielleicht sogar bekämpft oder jedenfalls domestiziert? Das könnten folgende Bemerkungen nahelegen: Kaum sind die Gäste im Andron angelangt, als Thales von Periander zu einem sensationellen Fund gerufen wird, den er begutachten soll (149 c–e). In einer Ledertasche wird ihm ein neugeborenes Fohlen gezeigt, das jedoch zwiegestaltig ist, nämlich mit menschlichem Oberkörper und menschlicher Stimme, aber mit einem Pferdeleib. Thales fixiert den jungen Hirten und sagt zum Erzähler (der ja Priester ist), er möge nun die Götter wegen drohender Zwietracht besänftigen. Der Erzähler pflichtet bei und fürchtet, dass sich diese Zwietracht sogar bis zur Ehe und dem Nachwuchs des Periander verbreiten möchte, noch ehe man die Göttin Aphrodite besänftigen könne, da diese schon das Zweite omen sehen lasse.75 Nachdem Thales das τέρας begutachtet hatte, trifft er auf Periander und empfiehlt ihm ein Reinigungsopfer, wie der Erzähler Diokles es vorschlägt, bemerkt aber gleich, dass es besser sei, junge Männer nicht mit dem Hüten von Stuten zu betrauen oder ihnen wenigsten Frauen mitzugeben. Mit diesem eher unverdeckten Hinweis auf die Erotik, die als Ursache dieses τέρας aufscheint, folgt Plutarch der Tradition des Platonischen Symposium, dass die Heilkunst sich im Wesentlichen mit der Physiologie des sexuellen Verlangens beschäftigt. Thales vertritt als Natur-

|| 146d), denn ein gewisser Aristipp (wahrscheinlich Ps.-Aristipp) behauptete in seiner Skandalschrift περὶ παλαιῆς τρυφῆς, er habe mit dieser sexuell verkehrt (DL 1,96); Parthenios hat im 17. Brief diese Geschichte ausgestaltet; dort wird Periander ohne Wissen verführt, aber nachdem er seine Mutter erkannt hat, will er sie töten; das aber misslingt und diese tötet sich selbst. Auf dieses Ereignis ist hier angespielt. In der weiteren Tradition wird Perianders moralischer Fall zum Tyrannen auf dieses Erlebnis als Aition bezogen. Radermacher (1942) hat diese Geschichte aber auf den Sieger Diokles bezogen; diese von Aristoteles erzählte Anekdote (Pol. 1274 a32–37) sei dem Plutarch bekannt gewesen; hat er den Berichterstatter deshalb Diokles genannt? Die weiteren sexuellen Verirrungen des Tyrannen Periander (er soll auch mit dem Leichnam der von ihm im Affekt getöteten Frau Melissa verkehrt haben, Hdt. 5,92 ζ), schmücken dieses Thema nur aus. χρώµενος ὁµιλίαις ὑγιειναῖς ἄχρι γε νῦν καὶ συνουσίας ἀνδρῶν νοῦν ἐχόντων ἐπαγόµενος lässt allerdings erkennen, dass Periander noch nicht gänzlich von tyrannischen Anwandlungen geschützt ist und unter der väterlichen Vorbelastung leidet. Dieses Motiv auch schon im Briefroman DL 1,99. Bei dem Namen Diokles könnte man allerdings eher an den Biographen aus Magnesia denken, der für Diogenes Laertios eine Rolle spielt (2,54. 82) und als Biograph auch dem Plutarch bekannt sein mochte. 75 Dieses ist ein vaticinium ex eventu, denn er tötete seine Frau Melissa und zog sich so den Hass seiner Söhne zu, so die Darstellung bei Hdt. 3,50–53; in DL 1,94 tötet der Tyrann die Schwangere im Affekt, dazu die Überlegungen von De Libero (1996) 163–165.

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forscher also die Heilkunst.76 Dieser Hinweis auf sodomitische Verirrungen der Hirten ist nun aber von ambivalenter Natur. Denn es ist nicht so, dass Thales als Aufklärer wie Anaxagoras ein vermeintliches portentum/τέρας als durch natürliche Ursachen entstanden zeigt, so die oberflächliche Lesart, die sich an die Erklärung der Sonnenfinsternis bei Herodot anschließt,77 sondern die Sorge des Priesters (und Erzählers!) wird sich ja als sehr berechtigt erweisen. Schließen sich die beiden Erklärungen nun aus? In der Perikles-Vita78 findet sich ein paralleler Passus über Anaxagoras: Dieser wird zu einem portentum geholt und er erklärt das eine Horn eines Bockes, indem er den Schädel spaltet und auf eine anomale Hirnstruktur verweist. Die Priester deuten es als Hinweis darauf, dass die Konkurrenz zwischen Perikles und Thukydides bald beendet sein wird, was kurze Zeit später auch wirklich passiert. Begründung: Man muss zwischen αἰτία und τέλος unterscheiden: die Natur gibt die Ursache, die Götter zeigen damit aber das telos an. Naturerklärung und Divination schließen sich also gerade nicht aus, sondern ergänzen einander.79 Es ist aber hervorzuheben, dass die Erotik hier und auch im weiteren Geschehen auch von ihrer problematischen Seite gesehen wird; in dem Maße, wie auch auf Periander ein trübes Licht erotischer Verirrungen fällt, das durch die omina noch verstärkt wird, gewinnen auch seine tyrannischen Aspekte mehr Kontur.80 Auf der anderen Seiten stehen die Weisen als all diesem enthoben. Schließlich noch ein letztes erotisches Thema. Ausgehend von einem Distichon des Solon, „Die Werke der Kyprosgeborenen sind mir jetzt lieb und des Dionysos und der Musen, die den Männern Frohsinn verleihen“ (Fr. 26 West), fragt Pittakos den Mnesiphilos, warum Solon denn nicht trinke (Kap. 13). Nach

|| 76 Auf diesen Zusammenhang macht Martin (1931) 81 aufmerksam, der Euryximachos’ Worte im Platonischen Symposium 186 c–d heranzieht: ἔστι γὰρ ἰατρική, ὡς ἐν κεφαλαίῳ εἰπεῖν, ἐπιστήµη τῶν τοῦ σώµατος ἐρωτικῶν πρὸς πλησµονὴν καὶ κένωσιν, καὶ ὁ διαγιγνώσκων ἐν τούτοις τὸν καλόν τε καὶ αἰσχρὸν ἔρωτα, οὗτός ἐστιν ὁ ἰατρικώτατος. Andererseits aber ist auch an den Vorsokratiker Thales, also den Naturphilosophen zu denken, s. Hershbell (1986) bes. 177–184. Der echte Arzt Kleodoros dagegen vertritt den common sense, s. u. Seite 56. 77 Hdt. 1,74: Thales sagt dem Heer die Sonnenfinsternis voraus und nimmt diesem so die Panik. 78 Plut. Perikles 6. Es fällt auf, dass dieser Abschnitt gerade zeigen soll, wie aufgeklärt sich Perikles gab und durch die naturwissenschaftliche Erklärung die Deisidaimonia überwand. 79 Diese Doppelstruktur wird von Aune (1978) 89–90 völlig verkannt, wenn er den Rationalismus des Thales gegen die Deisidaimonia des Diokles ausspielt. 80 Auch De Libero (1996) 164 vermutet ein typisches Interpretationsmuster tyrannischer Wut, das aus den vagen Angaben bei Herodot im 4. Jh. diese Geschichten gesponnen hat (Herakleides Pontikos Fr. 144 Wehrli). Die Gewalt gegen die Mutter des gemeinsamen Kindes könnte in einer Linie mit dem Inzest als Perversion des Lebens gesehen werden (DL 1,94).

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einem Zwischengeplänkel erklärt Mnesiphilos, dass es bei diesen Werken der Götter zwischen dem Mittel und dem Zweck zu unterscheiden gelte (τὰ πρὸς τὸ τέλος, τὸ τέλος); und so gäben Aphrodite und Dionysos Mittel, um zur φιλοφροσύνη zu gelangen, es gehe aber nicht um diese Mittel selbst, also Wein und Sex, sondern darum, was dadurch mit den Menschen geschieht; und wenn sie, wie die hier versammelten sophoi, auch ohne diese Hilfsmittel diese φιλοφροσύνη/philophrosyne erreichen, umso besser. Wein solle man daher nur in Maßen genießen, und lieber aus dem Logos schöpfen, der als Mischkrug für alle in der Mitte stehe.81 Der Begriff des Zwecks oder des Endes war oben schon als ein Charakteristikum der Weisheitsliteratur angesprochen worden; und Herodot lässt Solon genau das dem verblendeten Kroisos sagen, man müsse bei allem auf das Ende schauen, wenn man es beurteilen wolle.82 Doch ist dieser Gedanke hier anders ausgeführt, indem es um den Unterschied zwischen Mittel und Zweck geht. Es ist aber gerade der Zweck, der einen klugen, d.h. maßvollen Umgang mit den Mitteln erfordert. Auf diese Weise setzt der Erzähler einen Akzent, mit dem die Figur des großen Zechers, auf die hier durch Periander, der dem Chilon einen großen Krug zutrinkt, der diesen dem Bias weitergibt (Kap. 13, 155e1–2) angespielt wird,83 durch weise Mäßigung konterkariert wird. Wir können an die eingangs erwähnte Moralistik lebensnaher Handlungsanweisungen erinnern.

Politik Außer dem oben schon erwähnten Paradox vom alten Tyrannen finden sich aber noch weitere politische Themen; signifikant sind sie besonders dort, wo es eigentlich um Weisheitsthemen im engeren Sinne geht. So leitet Periander das Rätsel, das der Ägypter vom Pharao Amasis mitgebracht hat, mit den Worten ein, dass die bisherigen Unterhaltungen als vertraute dem Unbekannten aus Ägypten weichen müssten: Bias soll an diesen unbekannten Rätseln aus Ägypten seine Weisheit beweisen (Kap. 6). Dieser so eingeleitete ἀγών oder ἅµιλλα σοφίας (151b) ist aber seinerseits ein Weisheitsagon zwischen Amasis und dem König der Äthioper; nachdem dieser dem Pharao immer unterlag, will der Äthioper dem Pharao ein letztes Rätsel geben; sollte er es lösen, so wolle er ihm || 81 Der Mischkrug, aus dem ausgeschenkt wird, dient als Symbol der Gleichheit im Symposium (DNP 4 1998: 802 [Gastmahl]); die Metapher vom Logos bezeichnet die daraus geschenkte Parrhesie als herrschaftsfreien Diskurs; s. o. Anm. 64. 82 Hdt. 1,32,9 σκοπέειν δὲ χρὴ παντὸς χρήµατος τὴν τελευτὴν κῇ ἀποβήσεται. 83 Martin (1931) 106–113.

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Land und Städte seines Reiches vermachen, im anderen Falle müsse der Ägypter Elephantine zurückgeben.84 Die Aufgabe aber besteht darin, das Meer leerzutrinken (ἐκπιεῖν µε κελεύων τὴν θάλασσαν). Bias berät sich kurz mit Kleobulos und macht sich dann über diese Frage lustig: „Als König über so viele Menschen und im Besitze des besten Landes will er für einige unbedeutende armselige Dörfer das Meer leertrinken? […] Er soll dem Äthioper sagen, dass er die Zuflüsse ins Meer absperren soll, bis er das dann verbliebene Meer ausgetrunken habe.“ (151c–d) Nun ist dieses Rätsel aus anderem Kontext bekannt, Aisopos löste es, wie im Aisopos-Roman geschildert auf die gleiche Weise.85 Es gehört zu den ἀµήχανα wie einen Esel zu scheren oder einem Delphin das Schwimmen zu lehren.86 Wie also soll es gelöst werden? Hier führt ein litauisches Märchen auf den richtigen Pfad, nämlich das vom Mädchen, das den König austrickst. Auch dieses Märchen beginnt mit superlativen Rätselfragen, die die kluge Tochter eines armen Schluckers lösen kann; dadurch hätte sie sich nun 6000 Rubel verdient, die als Preisgeld ausgesetzt waren. Der König will das Geld aber nicht zahlen und stellt eine weitere Aufgabe, die gänzlich unerfüllbar ist: sie soll aus einer Flachsschäbe87 hundert Stück Leinwand spinnen. Die Tochter ist aber um eine Lösung dieser Aufgabe nicht verlegen und fordert, dass der König ihr aus einem Kehrbesen eine Werkstatt baue; als dieser das nicht kann, kontert die

|| 84 Elephantine war eine Insel im oberen Nillauf (unterhalb des ersten Katarrhaktes), und galt traditionell als Grenze zwischen Äthiopien und Ägypten. Dort wurden zu Beginn der 26. Dynastie sogenannte Nilometer eingerichtet, von denen Strabo 17,1,48 berichtet: Ἡ δὲ Συήνη καὶ [ἡ] Ἐλεφαντίνη ἡ µὲν ἐπὶ τῶν ὅρων τῆς Αἰθιοπίας καὶ τῆς Αἰγύπτου πόλις, ἡ δ᾿ ἐν τῷ Νείλῳ προκειµένη τῆς Συήνης νῆσος ἐν ἡµισταδίῳ καὶ ἐν ταύτῃ πόλις ἔχουσα ἱερὸν Κνούφιδος καὶ νειλοµέτριον, καθάπερ Μέµφις. ἔστι δὲ τὸ νειλοµέτριον συννόµῳ λίθῳ κατεσκευασµένον ἐπὶ τῇ ὄχθῃ τοῦ Νείλου φρέαρ, ἐν ᾧ τὰς ἀναβάσεις τοῦ Νείλου σηµειοῦνται τὰς µεγίστας τε καὶ ἐλαχίστας καὶ τὰς µέσας· συναναβαίνει γὰρ καὶ συνταπεινοῦται τῷ ποταµῷ τὸ ἐν τῷ φρέατι ὕδωρ. Daher wird die Wahl gerade dieser Insel als Geschenk vielleicht nicht zufällig gewesen sein. Mit dem von Bias vorgeschlagenen Absperren der Zuflüsse würden die Pegel natürlich sehr ansteigen. Zur ägyptischen Tradition des Königsrätsels Konstantakos (2004) 91–93. 85 Aisopos-Roman (ed. Karla 2001) §69–71. Xanthos verspricht, vom Weine trunken, einem Schüler, der ihn fragte, ob ein Mensch wohl das Meer leertrinken könne, dies selbst zu tun und wettet sein Haus und seinen Ring darauf; am nächsten Tage bittet er ernüchtert Aisopos zu helfen, was dieser bereitwillig tut, indem er dem Schüler aufträgt, alle Flüsse abzusperren, denn er habe nur versprochen, das Meer, so wie es ist, auszutrinken, nicht aber das unter ständigem Zustrom der einmündenden Flüsse stehende Meer. Zu diesem Rätsel Konstantakos (2004) 124–126; (2005). 86 Dazu Radermacher (1908) 445–464 u. 531–555, hier 538–540 („Unmögliches als Strafe“), wo auch unsere Stelle als „echter Schwank“ erwähnt wird. 87 Nach Grimm, Deutsches Wörterbuch, 14, 1948, s. v. Schäbe, bezeichnet das Wort „die holzigen theile, die beim brechen des flachses abgesondert werden.“

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Kluge: „So ist’s auch nicht möglich, Herr König, aus deiner einen Flachsschäbe so viel Leinwand zu machen!“88 Die Reaktion der Weisen auf diese Antwort des Bias entspricht dem eingangs erwähnten Muster des Preises nach erfolgtem Beweis der Weisheit.89 Und so sagt Chilon zu Neiloxenos: „Ehe das Meer verschwunden ist, weil es ausgetrocknet wurde, melde dem Amasis, er solle nicht danach streben, soviel Salzwasser zu vergeuden, sondern vielmehr die Königsherrschaft seinen Untertanen süß und trinkbar zu machen. Darauf nämlich verstehe sich Bias besonders und dafür sei er der beste Lehrer: Wenn Amasis das gelernt habe, dann brauche er keine goldenen Fußbecken vor seinem Volk zu zeigen,90 sondern sie werden ihm alle dienen und lieben, weil er ein guter König ist.“ Aus dem Rätsel wird unversehens ein Fürstenspiegel; Periander fühlt sich besonders angesprochen und sekundiert: „Solche Erstlingsgaben schulde man dem König, Mann für Mann, wie Homer das ausdrückt.“ (151e) Die Rede von der „betrüblichen Bulle“ (ἀχνυµένη σκυτάλη), die dieses Rätsel überbringe, verweist auf das Risiko solcher Themen in tyrannischen Diktaturen. Weitere Rätsel folgen, die die Frage nach dem besten König stellen. Die Antworten gehen alle in eine eher tyrannenfeindliche Richtung, denn, wie Solon weiß, beliebt mache sich ein König immer dann, wenn er aus der Königsherrschaft eine Demokratie mache. Periander resümiert, dass eigentlich alle versammelten Weisen von der Macht abrieten. Aisopos gibt sich elenktisch und bedauert, dass man solche Diskurse lieber jeder für sich zu Ende führen solle und man sich nicht zu einem freundschaftlichen Ankläger der Alleinherrschaft machen solle. Dem hält Solon, freundschaftlich den Dichter am Kopfe berührend,91 entgegen:92 „Glaubst du nicht, wer davon überzeugen könne, dass es besser sei, nicht zu herrschen als zu herrschen, den Herrscher gemäßigter und den Tyrann anständiger (ἐπιεικέστερον) machen kann?“ Dazu zitiert nun Aiso|| 88 Leskien (1882) 471–472, darauf verweist Radermacher (1908) 540 Anm. 1. 89 In diesem Sinne antwortet auch Aisopos in der Aisopos-Vita, wenn er sagt (§71 ed. Karla 2001): „Samier, ihr wisst, dass es viele Flüsse und immerfließende Gebirgsbäche gibt, die sich ins Meer ergießen; ich habe aber nur abgemacht, das Meer auszutrinken; nicht auch die Flüsse, die hineinfließen. Dieser Schüler da soll also hingehen und die hineinfließenden Wasser umlenken und dann will ich das Meer austrinken.“ Hier wird deutlicher als im CSS des Plutarch das adynaton des völligen Absperrens aller Flüsse bezeichnet. 90 Vgl. Hdt. 2,172; dazu s. Kontantakos (2004) 91 Anm. 16 („Bilderrätsel“); Amasis zeigt sich in diesem Bericht des Herodot als weise, indem er eine entsprechende Handlung vornimmt und diese erklärt, womit er sich die Verehrung der Untertanen sichert. Amasis soll aber diesen Weisheitsbeweis noch überbieten. 91 Plat. Phaid. 89b. 92 Martin (1931) erkennt in dieser Geste freilich eine erotische, mit der der Topos des Liebespaares beim Symposium zitiert werde.

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pos einen Vers des Solon, der geradewegs das Gegenteil zu sagen scheint: „Glücklich die Stadt, die auf einen Herold hört.“ „Ja“, entgegnet Solon, „auf einen, nämlich das Gesetz, hören alle, da sie die Demokratie haben! Du aber magst zwar die Krähen und Dohlen verstehen, aber Gottes Stimme verstehst du nicht recht, wenn du glaubst, dass es der Stadt mit Gott am besten geht, wenn sie auf einen hört, selbst aber es für einen Vorzug des Symposiums hältst, wenn alle über alles reden können.“ (152c–d) Zu den politischen Themen gehört natürlich auch die Frage nach der besten demokratischen Verfassung (πολιτεία ἰσονόµος Kap. 11); der Begriff der ἰσονοµία nimmt den des 6. Jhd. auf, dasselbe gilt für ἰσηγορία.93 Im darauf folgenden Kap. 12 geht es um die beste Hauswirtschaft. Das kehrt die Reihenfolge um, in der vom Hauswesen ausgehend die beste Staatsform entworfen wird, wie dies Xenophon und Aristoteles machen.94 Die sieben Antworten der Weisen zur Frage der Verfassung fasst Periander darin zusammen, dass alle diejenige Demokratie loben, die der Aristokratie am ähnlichsten sei.95 Das ist wohl nicht nur eine persönliche Überzeugung des Plutarch, es entspricht auch den Überlegungen des Aristoteles in seiner Politik.96 Und am Ende dieser Bedingungen für das beste Hauswesen steht das Apophthegma des Chilon, es müsse das Haus einer monarchisch geführten Stadt gleichen; und er zitiert dafür Lykurg, der auf die Forderung nach einer Demokratie entgegnet, man möge damit im eigenen Hause anfangen! Auch das hat deutliche Parallelen bei Aristoteles.97 Für die Erzählung ergibt sich daraus, dass das Symposium als Ort der politischen Diskussion erscheint, den es auch historisch in der Archaik beanspruchen konnte. In der Elegie wurden gerade solche weltanschaulich-politischen Themen diskutiert.98

|| 93 154 c–d; Hdt. 5,78. 94 Arist. Pol. 1,1 und EN 1160a8–30. 1161b11–1162a33. Aristoteles legt Wert darauf, dass sich die philia in der kleinsten Einheit konstituiert und die politeia bzw. polis davon getragen wird. Auch eine Schrift wie der Oikonomikos des Xenophon wäre hier zu nennen, und zwar gerade wegen seiner Idealisierung der zwischengeschlechtlichen Arbeitsteilung, dazu Pomeroy (1994) 31–40. Aristoteles polemisiert deutlich gegen all jene, die in den verschiedenen Teilgemeinschaften des Staates immer dieselbe Form erkennen wollen und glauben, dass sich diese nur quantitativ, nicht qualitativ unterschieden. 95 p. 154e ed. Paton; unter den Apophthegmata, die man dem Periander zuschrieb, findet sich auch δηµοκρατία κρεῖττον τυραννίδος, was möglicherweise durch diesen Ausspruch im CSS illustriert werden sollte. 96 Arist. Pol. 3, 1288 a15; dazu Weber (1959) 32ff. (nach Aalders [1977] 36). 97 Arist. Pol. 1, 1252 b16; das betont zu Recht auch Aalders (1977) 36–37 mit weiteren Belegen. Vgl. aber auch Xen. Mem. 3,6,14. 98 Bowie (1986) 13–35.

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Weisheit Wie sich schon in den bisher besprochenen Themenkreisen zeigte, spielt gerade die Weisheit in CSS eine zentrale Rolle. Sie lässt sich, wie beim portentum von der Wissenschaft durchaus unterscheiden, denn es geht nicht um die Erklärung mittels Ursachen, sondern um einen eher intuitiv erkannten Zusammenhang, der durch einen prägnant formulierten Spruch zur Sprache kommt.99 Das Rätsel, das Bias löste, lag wohl noch auf einer gewissen Grenze, denn man kann immerhin einen Ursachebegriff erkennen (Zuflüsse machen das Meer aus); dennoch scheint die Kategorie des adynaton eher für eine Weisheitsaufgabe zu sprechen. Jedenfalls ist die Form des Rätsels das Ressort der Weisheit. Besonders aber ist die fortführende Korrektur, Amasis sollte seinen Untertanen die Herrschaft süß machen, ein echter Weisheitsspruch. Die Weisheit wird aber zumal agonal thematisch, und zwar in einer doppelten Form: Es gibt den Agon der Sachverhalte oder Dinge und den Agon der Weisen, unter den Dingen den Superlativ zu entdecken, d.h. den ersten Platz der Wissenden zu erringen.100 Und so schließt an das Rätsel, nach einer Unterbrechung über die beste Verfassung wiederum eine superlative Frage an, die durchaus archaisches Kolorit hat, denn auch Kroisos fragte den Weisen Solon, wer der Glücklichste sei, und Solon konnte ihm aus dem Stegreif die top three nennen. Neiloxenos liest also aus dem Brief die Fragen vor, die Amasis dem Äthioper stellte und die er nun von den versammelten Weisen beantworten lassen möchte: Was ist – das Älteste; – das Schönste; – das Größte; – das Weiseste; – das Gemeinste; – das Nützlichste; – das Schädlichste; – das Stärkste; – das Leichteste? Nachdem die Antworten des Äithioper verlesen worden sind, fragt Thales, wie Amasis diese Antworten angenommen habe; manche habe er akzeptiert, manche aber nicht, entgegnet Neiloxenos. Denkt man an die „Was-ist-x-Frage?“ aus den Sokratischen Dialogen, so sind die Antworten von bemerkenswerter Kürze und auch ohne diskursiv-dialektische Umschweife gegeben: So ist die Zeit das Älteste, Licht das Schönste etc. Thales hat an allen Antworten etwas auszusetzen, kommt aber auch mit wenig Dialektik auf bessere Antworten: Denn wie kann Zeit das Älteste sein, wenn sie sich in die drei Zeitstufen aufteilt? Wenn das Licht das Schönste || 99 Siehe oben Anm. 12. 100 Eine andere Form sieht Aune (1978) 66–67: Unterschieden werden eine gnomische, agonale und paradoxale Weisheitsgeschichte. Die Weisheitsgeschichte (wisdom story) weist zwei strukturale Momente auf: 1) Das Problem; 2) die durch den Weisen gebotene Lösung. In dieser Weisheitsgeschichte wird der Weise entweder für seinen gelungenen Spruch gelobt oder er wird einem Test unterzogen oder er beweist seine Weisheit durch eine praktische Antwort. Zu den superlativen Rätseln s. auch Konstantakos (2004) 126–128; (2005) 21–24.

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ist, was ist dann mit der Sonne? Das Weiseste für die Wahrheit zu halten ist genauso, kritisiert Thales, wie das Licht Auge zu nennen. Thales eigene Antworten sind daher noch mit einer Minimal-Begründung versehen (153 c–d): Was ist das Älteste? – Gott, denn er ist ungeworden. Was das Größte? – Topos, denn alles ist der Kosmos, aber der Topos umfasst diesen usw. In der Darstellung des Thales bei Diogenes Laertius finden sich in 1,35 auch solche, zum Teil identischen Apophthegmata:101 Das Älteste ist der Gott: denn er ist ungeworden; das Schönste ist der Kosmos: denn er ist ein Werk Gottes; das Größte ist der Ort, denn er fasst alles (πάντα χωρεῖ). Darauf folgen narrativ eingekleidete Apophthegmata, die deutlich als Chrienvorlagen erscheinen: „Er sagte, es unterscheide sich der Tod nicht vom Leben. ‚Warum stirbst du dann nicht?‘ – ‚Weil es keinen Unterschied macht.‘ Zu dem, der wissen will, was vorher geworden ist, Nacht oder Tag: ‚Die Nacht‘, sprach er, nämlich einen Tag früher.“ Auch diese Antworten sind keineswegs naturphilosophische, sondern gefallen sich in einer gewissen Schlagfertigkeit und Lust an der Paradoxie.102 In diesen Fragen berühren sich Doxographie und Topik, Philosophie und Rhetorik. Die Doxographie hat naturphilosophische Themen rubriziert und mit den mehr oder weniger passenden Antworten der Doxai bestückt; die Rhetorik hat Material gesammelt, um daraus Chrien zu stricken.103 Eine solche ausgeführte Chrie wäre etwa das ausführliche Plädoyer des Nahrungsverzichts, den Solon in Kap. 16 ausführt. In Kap. 15 wird die Frage gestellt, ob es nicht das größte Gut sei, überhaupt keiner Nahrung zu bedürfen. Daraus ließe sich folgender Kopfsatz einer Chrie formulieren: Auf die Frage, was das größte Gut sei, antwortete er, überhaupt keiner Nahrung zu bedürfen (πρὸς τὸν πυθόµενον τί τὸ µέγιστον ἀγαθῶν ἐστι, ἔφη τὸ µήδ᾿ ὅλως τροφῆς δεῖσθαι). Zunächst spricht der Arzt Kleodoros dagegen: Ohne Essen würde das ganze Hauswesen zusammenbrechen und es gäbe keine Gottesverehrung mehr. Man hätte auch keine Träume mehr, in denen man die Götter vernähme, weil man mit hungrigem Bauch nicht schlafen könne, wie ihm der Erzähler Diokles beifällt. Wer nichts mehr esse, der vernachlässige seinen Körper und so auch sich selbst. Kleodoros gibt sich so als Vertreter des common sense und hat es leicht gegen das Thema des genus admirabile zu sprechen.104 Solon übernimmt den

|| 101 Zur kompositorischen Form s. oben die Überlegungen von Kim (2009); s. o. Seite 44. 102 Siehe o. Anm. 12. 103 Das Interesse an diesen kleinen Formen mag insbesondere Demetrios befördert haben, s. o. Anm. 33. 104 Dazu Historisches Wörterbuch der Rhetorik 9 (2009) s. v. Vertretbarkeitsgrade 1115–1131; die wichtigsten antiken Quellen Quint. inst. 4,1,40; Rhet. Her. 1,5; Cic. inv. 1,20.

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schwierigeren Part, wenn er dafür spricht: Er beginnt mit einem exemplum, die Ägypter nehmen als erstes die Innereien aus dem Leichnam und werfen diese als unbrauchbar in den Nil. Dann folgt Tötungsverbot der Orphiker, das aber abgelehnt wird, weil nur die völlige Autarkie den Menschen für Höheres befreit. Wer aber noch isst, der schöpft wie die Danaiden ständig Nahrung in einen unermüdlich verdauenden Körper.105 Erst wenn die Seele sich von diesem Dienst befreit, kann sie sich Höherem widmen. Die gerade hochgehobenen Tische dienen nun als exemplum ante oculos, denn erst wo das Essen abgeräumt ist, könne man sich auf philosophische Gespräche mit den Anwesenden verlegen. Auch die Götter speisen nicht, denn sie sind unsterblich. Wieder kommt das schon erwähnte Argument von Mittel und Zweck: Man isst nicht, um zu opfern, sondern die Nahrungsaufnahme ist eine Notwendigkeit, die freilich mehr Leid als Lust schaffe. Zwar braucht der Mensch die Nahrung, aber dadurch fällt er auch der Sterblichkeit anheim. Irgendwie fiele es nicht schwer, diese Argumentation zu widerlegen, denn man kann ja nur deshalb die Unterhaltung so beschwingt führen, weil man vorher gegessen hat. Die Tatsache, dass die Frauen in Kap. 13, 155 d–e, das Symposium verlassen haben, bevor diese philosophischen Gespräche begonnen wurden, zeigt aber doch, dass es Plutarch damit ernst sein mochte. Doch welchen Reim soll man sich auf diese abschließende Diskussion machen? Mit dieser Paradoxie ist der Dialog indes noch keineswegs zu Ende. Vielmehr schließt sich ein außerhalb des Symposiums geschehenes Paradox an. Noch in seinem Schlussplädoyer für die Nahrungslosigkeit betritt Gorgos, der Bruder des Gastgebers, das Bankett in der Rolle des „späten Gastes“106 und erzählt zunächst nur Periander etwas, das dieser jedoch bald der ganzen Festgesellschaft berichten lassen will, allerdings zögere er noch, habe doch Thales gerade die Regel gegeben, man müsse das Wahrscheinliche sagen, das Unmögliche (ἀµήχανα) aber verschweigen. Dem entgegnet nun Bias, dass Thales auch gesagt habe, man solle den Feinden selbst das Wahrscheinliche nicht glauben, während man den Freunden sogar das Unwahrscheinliche glauben müsse (160 d–e). Freunde aber seien die Vernünftigen, wie hier versammelt. Der zunächst rhetorische Umgang mit dem Wahrscheinlichen wird so auf eine höhere Ebene

|| 105 Der Kommentar von Defradas (1985) 340, Anm. 5, verweist auf die in Ostia gefundenen Wandbilder, die so genau in die Lebenszeit des Plutarch (45–125) fallen, dass die hier den Weisen zugeordneten Weisheiten zu den Verdauungsvorgängen, z.B. Ut bene cacaret ventrem palpavit Solon; Durum cacantes monuit ut nitant Thales. etc. in einer deutlichen Parallele zum gänzlichen Nahrungsverzicht stehen, für den Solon sich hier stark macht. 106 Martin (1931) 94–95.

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der Metaphysik gehoben, wo die Vernünftigen wissen, dass die Regeln des normalen Menschenverstandes an Grenzen stoßen. Und die waren ja auch schon mit dem Plädoyer für den Nahrungsverzicht erreicht. Nun erzählt der Hinzugekommene, dass Delphine den Sänger Arion an den Strand getragen hätten, „wie einen Kahn in den Hafen“ (161e) und dieser sei wohlbehalten abgestiegen und habe erzählt, dass die Seeleute, in deren Schiff er gereist sei, ihn hätten töten wollen, da habe er sich ins Meer gestürzt und sei von den Delphinen gerettet worden. Der Erzähler nimmt mit dieser unerhörten Begebenheit, die für den novellesken Einschlag des Dialoges steht,107 eine Erzählung des Herodot auf und kennzeichnet sie als göttlichen Eingriff (ἐοικέναι θείᾳ τύχῃ 162b). Auf eine weitere Wundergeschichte von Hesiods Leichnam folgt eine letzte Geschichte von der ebenfalls wundersamen Rettung der Tochter des Smintheus und des Enhalos. Als nämlich die schöne Tochter dem Poseidon geopfert werden soll, umschlingt sie ein verliebter Jüngling und beide sinken ins Meer. Sie kommen darin aber nicht um, sondern sie werden von Delphinen gerettet. Noch andere Wunder könne man von Enhalos, dem Mann aus dem Meer, erzählen. Doch alle diese zeigen nur eines, nämlich die Einsicht des Thales, dass die Seele sich im ganzen Kosmos und allen seinen Teilen verteile.108 Denn so wie die Seele den Körper lenke und leite, sei sie selbst wiederum das beste Werkzeug Gottes. Wenn dafür gerade auch die wundersame Errettung des Vaters von Periander, Kypselos, stehe, so schließt sich der Kreis. Denn damit ist auch die Tyrannis von Gottes Gnaden und die Diskussionen um die beste Herrschaft erhalten einen deutlichen Fingerzeig.109

Resümee Die erzählten Gespräche führen über für das Symposium typische erotischpolitische Themen allenthalben zu metaphysischen Ausblicken. Im Fest, das

|| 107 Schachermeyr in RE 19,1 (1937) 706–707 identifziert acht „Novellismen“ in der Perianderüberlieferung, darunter auch diese Ariongeschichte, die auch bei Herodot keine Kritik an Periander erkennen lässt. 108 In der Doxographie wird dies auf Aristoteles zurückgeführt, so DL 1,24; vgl. Aristoteles De an. 1,2, 405 a19–21; Schol. in Plat. Remp 600a (=A3 DK); De an. 1,5 411 a7–8 (=A22 DK). Am Magneten zeige sich diese Allbeseeltheit durch das Bewegungsprinzip. Thales wird so für Plutarch zu einem idealen Weisen, der Naturforschung, Mathematik und Metaphysik zusammenbringt, s. auch Hershbell (1986) 184–185. 109 Siehe auch Aalders (1977) 38–39.

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hier zelebriert wird und zu dem ein Potentat eingeladen hat, wird auf Metaaspekte des Feierns und der Gemeinschaft abgehoben. Das Feiern und das Gespräch sollen die Leiblichkeit transzendieren. Denn wenn hinter dem menschlichen Handeln immer wieder göttliche Leitung erkennbar wird, dann muss man dem Göttlichen in einem selbst, nämlich der Seele, besondere Bedeutung beimessen und dies von der Leiblichkeit befreien. Soweit die interpretatio platonica. Die Form, in der dies gestaltet wird, orientiert sich erkennbar an rhetorischen Formen der Textproduktion, angefangen vom Spruch und dessen Deutung zur Chrie als einer ausgeschmückten Argumentation. Der Autor scheint damit die Apophthegmata wieder in einen narrativen Rahmen einbringen zu wollen, aus dem sie ursprünglich – diese Fiktion jedenfalls wird ja explizit oder implizit erkennbar – extrahiert worden sind. Die Rubrizierungen der Doxographie, die das Inventar rhetorischer lumina für die Gelehrsamkeit bildet, stehen so in einen künstlichen Licht der Fiktion, das immer merklich wird. Der philosophisch ambitionierte Autor möchte offenbar den belehrenden Charakter nicht aufgeben, die Diät der knappen rubra aber etwas garnieren, indem er die Stückchen mit allerlei Beigaben und narrativen Soßen verfeinern will. Für die Ästhetik dieser Stücke ist das ein wesentlicher Zug, der nicht einfach als Geschmacklosigkeit denunziert werden sollte, solange dabei das Geschmacksurteil selbst unbestimmt bleibt. In der Zeit des Plutarch liegt das Wissen um die philosophische Tradition längst in Auszügen und handlichen Formen vor, so handlich und zugänglich, dass die Originale kaum gebraucht werden und verschwinden. Der Anspruch des besonderen Wissens der Weisen, die nichts geschrieben haben, aber viel, vor allem Besonderes gewusst haben, beschäftigt den philosophischen Laien wie den Fortgeschrittenen gleichermaßen. Wenn man die Weisen nicht einander Briefe schreiben lässt, dann müssen sie ein Symposium abhalten, um ihre Weisheit im Agon zu beweisen. Dieser Agon kann nur in paradoxen Erkenntnissen gipfeln – das sind die Weisen der Exzeptionalität ihres Wissens schuldig. Einen anderen Weg der Referenz und Reverenz hat jener gewählt, der die Weisen mit markigen Latrinensprüchen in einem Esszimmer in Ostia porträtieren ließ (o. Anm. 105). So enthoben die Weisen des plutarchischen Symposium sich dünken, so brutal werden sie zu Connaisseuren des Allzumenschlichen degradiert, die bereitwillig ihr Wissen in den Dienst der Ratsuchenden stellen. Die Parodie wirkt derb, allzu derb. Demgegenüber möchte der Erzähler des CSS eine philosophische Perspektive behalten. Die Komik entsteht hier nur durch die Interaktion der Weisen, deren hohe Wertschätzung jedoch die Späße und Neckereien in einem gewissen Rahmen halten. Das garantiert auch der Seher, der das ganze Symposium, gewissermaßen in einer umgekehrten Prophezei-

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ung,110 der Nachwelt bewahrt. Die dichterische Freiheit, die sich der Autor damit nimmt, steht aber im höheren Dienst der Philosophie, die auch Unterhaltung nicht verschmäht, wenn die Richtung klar markiert ist.

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|| 110 Siehe o. Anm. 36 und 74.

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Markus Schauer

Feuer der Liebe Überlegungen zu einer Metapher im Spannungsfeld von Katachrese und Anachrese Die modernen Metaphern ‚Feuer der Liebe‘, ‚Liebesglut‘, ‚vor Liebe brennen‘, ‚glühender‘ Verehrer, ‚Feuer und Flamme sein‘ etc. gehen auf eine lange antike Tradition zurück. Im Folgenden soll diese Metaphorik näher vorgestellt und der Frage nachgegangen werden, welche poetologischen Ausformungen dieses Motiv in der antiken erotischen Literatur erfahren hat. Nach einer kurzen theoretischen Betrachtung von Metaphorik generell soll es in der vorliegenden Skizze darum gehen, am konkreten Beispiel der Feuermetapher zwei unterschiedliche Verwendungsweisen von Metaphorik aufzuzeigen, die für die antike erotische Literatur exemplarisch sind. Das ‚Feuer der Liebe‘ ist dafür besonders geeignet, weil allgegenwärtig und sehr variantenreich. Nach den Vorstellungen der antiken Rhetorik stellt eine Metapher, soweit sie nach den Regeln der Analogie funktioniert, eine Abbild- oder Ähnlichkeitsrelation zwischen zwei Begriffen her.1 Es gibt also ein tertium comparationis, auf das die Metapher abhebt, um Sachverhalte zu erklären oder zu veranschaulichen: In dem Satz „Das Feuer der Liebe verzehrte ihn“ etwa wird die destruktive Wirkung der Liebe auf Körper und Seele des Liebenden mit der alles verzehrenden Wirkung des Feuers in Analogie gesetzt. Moderne Metapherntheorien sehen in der Metapher mehr als nur ein Stilmittel. Sie hinterfragen den bloßen Tropencharakter der Metapher und sehen in der metaphorischen Ausdrucksweise einen interaktiven bzw. kognitiven Vorgang, bei dem komplexe Relationen zwischen zwei Vorstellungen hergestellt werden.2 Hilfreich ist in diesem Zu-

|| 1 Nach Aristoteles (poet. 1457b7 ff.; rhet. 1406b f., 7, 1411a) handelt es sich bei einer Metapher um einen verkürzten Vergleich mit einem entsprechenden tertium comparationis. In dieser Substitutionstheorie ist die Metapher eine rhetorische Figur (Tropos), die darin besteht, daß ein uneigentlicher Ausdruck für einen eigentlichen Ausdruck steht. Zur Bedeutung der Metapher in der antiken Wissenschaft und Philosophie vgl. Bremer (1980). 2 Vgl. zur Metapherntheorie Haverkamp (1980, 21996). Ferner Peil (52013). Vgl. die Interaktionstheorie, in der „zwei unterschiedliche Vorstellungen in einen gegenseitigen aktiven Zusammenhang“ (Haverkamp [1996] 34) gestellt werden (begründet von I. A. Richards; darauf aufbauend Black [1954]). Die Interaktionstheorie kann als eine Vorstufe zur kognitiven Metapherntheorie gelten, die von konzeptionellen Metaphern ausgeht, die einen wiederkehrenden Bezug zwischen bildlichem Quell- und Zielbereich etablieren (vgl. Lakoff/Johnson [1980]).

https://doi.org/10.1515/9783110564846-005

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sammenhang auch die in der neueren Forschung etablierte Vorstellung von „Bilderfeldern“, die in einen „Bildspenderbereich“ und einen „Bildempfängerbereich“ geteilt werden.3 Derselbe Bildspenderbereich bringt für denselben Bildempfängerbereich eine Vielzahl an metaphorischen Varianten hervor, die dank der Konzeptionalisierung der Relation dieser beiden Bereiche vom Rezipienten unmittelbar verstanden werden: ‚heiße‘ Liebe, ‚erkaltete‘ Leidenschaft, eine Liebe neu ‚entfachen‘ etc.4 Metaphorische Sprechweisen sind somit keineswegs der literarischen oder gar der poetischen Sprache vorbehalten, sondern sind kennzeichnend für Sprache überhaupt. Auch der alltägliche Wortschatz enthält zahlreiche verblasste oder tote Metaphern, die mangels eines eigenen Ausdrucks für eine Sache in den Sprachgebrauch eingegangen sind, z.B. ‚Tischbein‘, ‚Flaschenhals‘, ‚Apfelstrudel‘, oder die zum sprachlichen Klischee geworden sind, wofür gerade die Feuermetapher besonders typisch ist, z.B. ‚gebrochenes Herz‘ oder ‚feuriger Liebhaber‘. Bei diesen Ausdrücken ist das tertium comparatonis, der andere Bereich, dem die Metapher entnommen ist, dem Sprechenden nicht mehr bewusst. Die Metapher in dieser Funktion eines bloßen Signifikanten heißt in der Antike Katachrese. Nun ist aber auch, und darauf soll im Folgenden der Fokus liegen, das Gegenteil möglich. Eine Katachrese kann nämlich wiederbelebt und wörtlich genommen werden und so einem metaphorischen Klischee neue Bedeutung verleihen. Der Bildgeber übernimmt die Regie über den Gebrauch der Metapher, deren Bildlichkeit gegenüber dem Signifikanten so sehr an Eigenleben gewinnen kann, dass die Abbild- oder Ähnlichkeitsrelation verletzt wird: ‚Das Feuer der Liebe verzehrte ihn so vollkommen, dass von ihm nur ein Häuflein Asche übrigblieb, das der Wind sogleich verwehte.‘ Eine solche Metapher, die den Dienst am Bildempfänger verlässt, sodass die Bildlichkeit der Metapher den Signifikanten dominiert statt umgekehrt, möchte ich Anachrese nennen.5

|| 3 Vgl. Weinrich (1976). Zum Terminus Bildfeld vgl. Peil (2013) 75. 4 Bei den genannten Beispielen sind nach Peil (2013) 518 die Bereiche des Bildspenders und Bildempfängers „gekoppelt“, so dass z.B. bei Genitivmetaphern wie ‚Feuer der Liebe‘ nicht von Ersatz des eigentlichen durch einen uneigentlichen Ausdruck die Rede sein könne. Es kommt aber darauf an, was genau substituiert wird: In der angeführten Genitivmetapher könnte man den uneigentlichen Ausdruck ‚Feuer‘ durchaus auch als Ersatz für den eigentlichen Ausdruck ‚Empfindung/Gefühl‘ oder ‚Heftigkeit‘ auffassen. Ebenso wäre es möglich, auch die anderen hier gebrachten Beispiele mit der bloßen Substitutionstheorie kompatibel zu machen. 5 Der Begriff Anachrese ist, soweit ich sehe, noch nicht in diesem Sinne eingeführt und soll hiermit als Stilmittel etabliert werden. Peil (2013) 517 spricht in diesem Zusammenhang von „Expansionen“: „Ex-Metaphern können durch Expansionen ‚revitalisiert‘ werden.“

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Das bewußte metaphorische Spiel im Spannungsfeld zwischen Kata- und Anachrese ist indes ein durchaus verbreitetes Stilmittel,6 das unterschiedliche Wirkungen zur Folge hat. Der Rezipient wird je nachdem irritiert, überrascht, amüsiert oder unterhalten. Die Anachrese kann als Sprachspiel bzw. Sprachwitz figurieren: ‚Als er versehentlich mit seinem Fuß das Tischbein berührte, versetzte ihm der Tisch unwirsch einen Fußtritt.‘ Oder: ‚In seiner Wut steckte er den Korken so fest in den Flaschenhals, daß die Flasche blau anlief und erstickte.‘ Oder: ‚Der saftige Apfelstrudel sog zunächst ihre Blicke an, dann sie selbst und verschlang sie schließlich für immer.‘7 In der antiken Literatur wird der sprachliche Spielraum zwischen Kata- und Anachrese dazu genutzt, um gängige Bilder zu modifizieren, bekannte Motive zu variieren, kurz um einen Text zu rhetorisieren: Wenn der Schriftsteller angesichts von tradierten Klischees um neue Ausdrucksformen ringt, wenn im Rahmen intertextueller und motivgeschichtlicher aemulatio Sprachkunst wichtiger wird als der Inhalt, kann ein freies Spiel der Metaphern entstehen, in welchem die strenge aristotelische Trennung zwischen proprie und translate verschwimmt. Am Beispiel der bekannten Metapher vom ‚Feuer der Liebe‘ läßt sich gut zeigen, wie die antiken Schriftsteller der erotischen Literatur immer neue Wege suchten, die sprachlichen Möglichkeiten dieser Metaphorik auszuschöpfen. Die Feuer-Metapher übernimmt dabei verschiedene Funktionen: Sie dient (a) als Metapher im eigentlichen Sinne der Beschreibung der (physischen/psychischen) Symptome der Liebe, erscheint in der einschlägigen Motivgeschichte als (b) erstarrte Katachrese, die wiederum auf dem Wege einer (c) Anachrese aufgebrochen und literarisch belebt werden kann. (a) Zur Metapher im eigentlichen Sinne: Zunächst zum bekannten Gedichtfragment, in dem die Dichterin Sappho bzw. ihr lyrisches Ich heftige Verliebtheit schildert. Hier veranschaulicht die Feuer-Metapher die körperlichen Symptome (frg. 31 Lobel/Page):

|| 6 Manche Stilblüten bieten natürlich auch unfreiwillige Komik: ‚Man konnte es beinahe hören, wie bei ihren Worten sein Herz brach.‘ In Stilblütensammlungen wird man häufig den Fall finden, dass durch das Zusammentreffen mehrerer miteinander nicht kompatibler verblasster Metaphern oder Katachresen die eigentliche Bedeutung beider wieder hörbar wird, wie etwa: ‚Da steckt ein Wurm drin, der bald hohe Wellen schlagen wird‘. 7 Eine Anachrese kann auch im Rahmen eines Zeugmas ihren Sprachwitz entfalten: ‚Der Jäger gähnte und neben ihm der Abgrund.‘ Beim gähnenden Abgrund handelt es sich um eine Katachrese, die durch die Juxtaposition des gähnenden Jägers anachrestisch empfunden wird.

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Φαίνεταί μοι κῆνος ἴσος θέοισιν ἔμμεν’ ὤνηρ, ὄττις ἐνάντιός τοι ἰσδάνει καὶ πλάσιον ἆδυ φωνείσας ὐπακούει καὶ γελαίσας ἰμέροεν, τό μ’ ἦ μὰν καρδίαν ἐν στήθεσιν ἐπτόαισεν, ὠς γὰρ ἔς σ’ ἴδω βρόχε’ ὤς με φώναισ’ οὐδ’ ἔν ἔτ’ εἴκει, ἀλλ’ ἄκαν μὲν γλῶσσα †ἔαγε λέπτον δ’ αὔτικα χρῶι πῦρ ὐπαδεδρόμηκεν, ὀππάτεσσι δ’ οὐδ’ ἒν ὄρημμ’, ἐπιρρόμβεισι δ’ ἄκουαι, †έκαδε μ’ ἴδρως ψῦχρος κακχέεται† τρόμος δὲ παῖσαν ἄγρει, χλωροτέρα δὲ ποίας ἔμμι, τεθνάκην δ’ ὀλίγω ’πιδεύης φαίνομ’ †αι ἀλλὰ πὰν τόλματον ἐπεὶ †καὶ πένητα† Es scheint mir jener gleich den Göttern zu sein, der Mann, der dir gegenüber sitzt und aus der Nähe dich hört süß reden und lachen voll Liebreiz – fürwahr, das hat mir das Herz in der Brust verstört; wenn ich nämlich zu dir blicke, kurz nur, kann ich nicht mehr sprechen, sondern die Zunge ist gelähmt, und ein feines Feuer läuft plötzlich unter der Haut durch, mit den Augen kann ich nichts mehr sehen, und es dröhnt in den Ohren, Schweiß rinnt mir hinunter, und Zittern ergreift mich ganz, grüner als Gras bin ich, und fast einer Toten gleich, so scheine ich selbst mir.

Die Sprecherin beschreibt ihre Gefühle fast durchgehend über eine körperliche Symptomatik, die sie an sich feststellt: Sie hat Herzklopfen, ihre Stimme versagt, ihr wird heiß unter der Haut und schwarz vor den Augen, die Ohren rauschen, sie schwitzt, zittert und wird fahl oder grünlich im Gesicht8 – die körperlichen Reaktionen sind so stark, dass sie sich dem Tode nahe fühlt. Von der Geliebten erfahren wir übrigens nur, dass sie eine angenehme Stimme und süßes Lachen hat. Sappho verwendet kein Wort, das eine Emotion oder ein Gefühl

|| 8 Vgl. Thome (1994) 26.

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beschriebe, sondern sie schildert die körperlichen Epiphänomene ihrer Gefühle beinahe wie ein Arzt – ungeschönt und nahezu schmucklos: Nur je einmal gebraucht sie einen Vergleich (grüner als Gras) und – eine Metapher (Feuer unter der Haut): Sappho verbalisiert eines der Symptome der Verliebtheit als feines Feuer, das unter der Haut prickelt. In diesem Fall steht die Feuer-Metapher ganz im Dienste des zu bezeichnenden körperlichen Gefühls, parallel zu den anderen Erscheinungen wie Ohrensausen und Sprachlosigkeit, die bei ihr die Symptomatik der Verliebtheit ausmachen. Der Hinweis auf den hinunterlaufenden Schweiß zeigt, dass die Liebende eine Art Hitzewallung verspürt, zu der die Analogie zum feinen Feuer passt. Sapphos Ausdrucksweise ist hier durchaus nicht lyrisch in Metaphern schwelgend, sondern vielmehr prägnant und präzise und intendiert offensichtlich eine realistische Beschreibung, die auch vor Hässlichem (grünes Gesicht, Schweiß) nicht zurückschreckt. Noch etwa 600 Jahre später lobt Pseudo-Longin, dem wir auch die Überlieferung dieses Gedichtes verdanken, gerade den Realismus dieser Liebesdarstellung: Sappho stelle die Affekte der Liebesleidenschaft anhand der Symptome dar, wie sie im wirklichen Leben vorkämen; alle Liebenden würden solche Symptome zeigen.9 Das Bild des Feuers präzisiert hier als Metapher im eigentlichen Sinne die physische Symptomatik der Liebe, die nach antiker Auffassung durchaus als eine eigene Krankheit galt. Die physisch erlebte Liebessymptomatik, die Sappho so treffend beschrieben und in deren Zusammenhang sie auch die Feuermetapher gestellt hat, ist

|| 9 Ps.-Longin. 10,1 f. Sapphos Gedicht fand auch das Interesse Catulls, denn dieser hat einen Großteil des Fragments ins Lateinische übertragen – eines seiner bekanntesten Gedichte. Die erotische Feuermetapher übernimmt er fast wörtlich: tenuis sub artus / flamma demanat (Cat. 51, 9 f.). – Bei Gellius (19,9,11) sind die folgenden Verse des Valerius Aedituus (1. Jh. v.Chr.) überliefert (Blänsdorf FPL, 31995): Dicere cum conor curam tibi, Pamphila, cordis, quid mi abs te quaeram, verba labris abeunt, per pectus manat subito mihi sudor: sic tacitus, subidus, dum pudeo, pereo. Wenn ich, Pamphila, dir die Not meines Herzens zu sagen suche, dann fehlen meinen Lippen die Worte, was ich von dir will. Über die Brust rinnt mir plötzlich der Schweiß: so bin ich, sprachlos, erregt, voller Scham, und gehe zu Grunde. Auch Valerius Aedituus zeigt dieselbe Liebessymptomatik wie einst Sappho und bricht beim Anblick seiner Pamphila in Schweiß aus. Allerdings fehlt die Feuer-Metapher.

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zur poetischen Konvention geworden. Dazu hat sicherlich auch beigetragen, dass man Sapphos Beschreibung der Liebessymptome als adäquat empfand, weil sie – wie Pseudo-Longin angemerkt hat – durch eigene Erfahrung unmittelbar nachvollziehbar sind. Die körperliche Symptomatik der prickelndfiebrigen Hitzewallung veranschaulicht die Feuermetapher so überzeugend, dass sie zum Klischee geworden ist – nicht nur in der griechisch-römischen Antike.10 (b) Zur Katachrese: Die zum Klischee erstarrte Feuermetapher ist auch in der hohen Literatur weit verbreitet, z.B. in der römischen Liebeselegie, die ohnehin gerne mit Chiffren arbeitet. Katachresen passen offenbar zur artifiziellen Sprache der augusteischen Dichter. Ovid etwa, eigentlich ein Meister der Variation, greift gerne die erotische Feuermetaphorik im Sinne einer Katachrese auf. Er bzw. sein elegisches Ich schildert in den Amores etwa eine unruhige Nacht und sinnt darüber nach, ob er sich etwa verliebt habe (Ov. am. 1,2,1–8): Esse quid hoc dicam, quod tam mihi dura videntur strata neque in lecto pallia nostra sedent, et vacuus somno noctem – quam longa! – peregi,

|| 10 Die Metapher vom Feuer der Liebe liegt so nahe, dass es unsinnig wäre, sie auf einen bestimmten Urheber bzw. Urheberin zurückführen zu wollen. Sie ist auch in anderen Kulturen zu finden, z.B. in der klassischen Liebesdichtung des Islam. So ist ein arabisches Gedicht aus dem siebten Jahrhundert nach Christus erhalten, in dem ein gewisser Urwa ibn Hizam seiner Geliebten Afra gegenüber seine Gefühle folgendermaßen beschreibt (vgl. die Ausgabe al-Qāriʾ, S./ibn Aḥmad al-, Ǧ. (1961): Maṣariʿ al-ʿuššāq, Beirut, Bd. 1, 318.): Beim Gedanken an dich überkommt mich ein Zittern, das mir zwischen der Haut und den Knochen hindurchkriecht. Kaum erblick ich dich, so bin ich verwirrt und fast außerstande, Antwort zu geben.  Ich sprach zum Kundigen (ʿarrāf) der Yamāma: „Behandle mich! Gelingt es dir, mich zu heilen, bist du wirklich ein Arzt! Hab ich doch weder ein Fieber noch hat ein Dschinn mich berührt!“ Leider jedoch ist mein himyaritischer Onkel ein Lügenbold! (Übersetzung nach: Bürgel, Ch./Behzadi, L.) Der bloße Gedanke an die Geliebte genügt schon, um eine ähnliche Liebessymptomatik, wie sie bei Sappho beschrieben wird, auszulösen: Das Zittern, das unter der Haut durchkriecht, erinnert stark an das wie Feuer unter der Haut prickelnde Gefühl bei Sappho. Und beim Anblick der Geliebten ist der Araber gleichfalls so verstört, dass auch ihm die Sprache versagt. Wir müssen hier keine intertextuellen Bezüge zu Sappho und der poetischen Tradition, die von ihr ausgeht, herstellen, sondern können davon ausgehen, dass die gleichen körperlichen Symptome durch ähnliche Sprachbildern ausgedrückt werden.

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lassaque versati corporis ossa dolent? nam, puto, sentirem, siquo temptarer amore: an subit et tecta callidus arte nocet? sic erit: haeserunt tenues in corde sagittae, et possessa ferus pectora versat Amor. cedimus an subitum luctando accendimus ignem? cedamus: leve fit, quod bene fertur, onus. Wie soll ich es beschreiben, dass mir das Lager so hart scheint, und auf dem Bett nicht festsitzen mag das Leintuch. Schlaflos habe ich die Nacht verbracht – wie lange war die! – und die müden Knochen im Leib, da ich mich oft wälzte, tun mir weh. Ich müsste es doch, meine ich, merken, wenn Liebe mich heimsuchte. Oder sie schleicht sich heimlich und listig ein und setzt mir zu? – Das wird es sein. Die zarten Pfeile hängen schon in meinem Herzen, und Amor wütet in meiner Brust, die er erobert hat. Soll ich ihm weichen oder entflamme ich durch Widerstand das plötzliche Feuer erst recht. Ich weiche: Leicht wird die Last, die gut getragen wird.

Von den bekannten Liebessymptomen sind hier zunächst nur Unruhe und Schlaflosigkeit genannt, ihnen gilt die – wie bei den vorigen Beispielen – realistische Schilderung des ‚Krankheitsbildes‘. Die Feuermetapher tritt zwar ebenfalls auf, wird hier aber gerade nicht mit körperlichen Symptomen in Verbindung gebracht. Bei Sappho haben wir gesehen, wie das Bild der Liebesglut für tatsächliche körperliche Begleiterscheinungen der Liebe steht. Dadurch, dass bei ihr die Metapher vom Liebesfeuer ausgemalt und mit der Beschreibung physischer Symptome wie Schweißausbrüchen und Hitzewallungen kombiniert war, wurde anschaulich vor Augen geführt, wofür die Feuermetapher steht. Bei Ovid dagegen bleibt der Bezug zu körperlichen Hitze-Symptomen unausgesprochen. Das Bild des Liebesfeuers ist von der Symptombeschreibung in den Bereich der Diagnose gerückt und steht in einer Reihe unterschiedlicher Liebesmetaphern, die alle ebenso konventionell und ebenso losgelöst von der körperlichen Symptomatik sind wie das Bild des im Herzen steckenden Amorpfeils – auch hier fehlt die Auflösung des Bildes, dass sich der Liebende wie verwundet fühlt. Der Amorpfeil und das Liebesfeuer sind im Sinne von Katachresen zu bloßen Synonymen für Liebe geworden: Statt accendimus ignem könnte Ovid, würde es metrisch möglich sein, auch sagen: concitamus amorem.

(c) Zur Anachrese: Wenn jedoch dem metaphorischen Bildgeber ein eigener Stellenwert zugestanden wird, sei es, dass mit der Bildlichkeit Ernst gemacht oder ein Spiel getrieben wird, dann haben wir es mit einer Anachrese zu tun, die motivgeschichtlich immer wieder variiert und überboten werden kann. Dies sei am Beispiel eines der bekanntesten Liebesromane der Antike gezeigt, in dem

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Longos die Liebesgeschichte der beiden Hirtenkinder Daphnis und Chloe erzählt. Er schildert, wie sich Daphnis und Chloe, obwohl sie nicht einmal den Namen der Liebe kennen, in einander verlieben. Als Daphnis von Chloe einen ersten Kuss erhalten hat, der, wenn auch kunstlos, durchaus die Qualität hatte, ‚seine Seele zu entflammen‘, wird seine Reaktion folgendermaßen beschrieben (Long. 1,17,2–18,1): Δάφνις δὲ ὥσπερ οὐ φιληθείς, ἀλλὰ δηχθεὶς σκυθρωπός τις εὐθὺς ἦν καὶ πολλάκις ἐψύχετο καὶ τὴν καρδίαν παλλομένην κατεῖχε καὶ βλέπειν μὲν ἤθελε τὴν Χλόην, βλέπων δὲ ἐρυθήματι ἐπίμπλατο. […] οὔτε οὖν τροφὴν προσεφέρετο πλὴν ὅσον ἀπογεύσασθαι· καὶ ποτόν, εἲ ποτε ἐβιάσθη, μέχρι τοῦ ἂν διαβρέξαι τὸ στόμα προσεφέρετο. σιωπηλὸς ἦν ὁ πρότερον τῶν ἀκρίδων λαλίστερος [...]· ἠμέλητο καὶ ἡ ἀγέλη· ἔρριπτο καὶ ἡ σῦρινξ· χλωρότερον τὸ πρόσωπον ἦν πόας θερινῆς [...]. Daphnis aber war plötzlich ganz traurig, als ob er nicht geküsst, sondern gebissen worden wäre. Er schauderte oft zusammen; hielt seine Hand auf sein klopfendes Herz, immerzu wollte er Chloe sehen; und wenn er sie sah, wurde er rot. […] Er nahm nun auch keine Speise mehr zu sich, sondern kostete nur davon, auch keinen Trank, und wenn er gezwungen wurde, netzte er nur die Lippen. Früher war er redseliger als die Zikaden, nun wurde er schweigsam. […] Er vernachlässigte die Herde und spielte nicht mehr auf seiner Syrinx. Sein Gesicht wurde blasser als Gras im Sommer […].

Die sapphische Liebessymptomatik – ‚blasser‘ bzw. eigentlich ‚grüner als Gras‘ ist eine unübersehbare Anspielung auf Sappho – ist bei Longos um die Begleiterscheinungen der Appetitlosigkeit und Antriebslosigkeit erweitert, was damit zusammenhängt, dass Sappho eine Momentaufnahme ihrer Liebesgefühle gibt, Longos aber auch Symptome der Verliebtheit nennt, die sich erst über Tage hinweg entwickeln können. Magerkeit aufgrund fehlenden Appetits und Antriebslosigkeit sind neben der Blässe die typischen, in der antiken Literatur immer wiederkehrenden Symptome der Verliebten.11 Obgleich die Schilderung sehr ausführlich ist, fehlt an dieser Stelle das Feuer, für das Longos, wie wir noch sehen werden, einen besonderen Auftritt vorgesehen hat. Obwohl Sappho in der Ich-Form ihre Gefühlslage beschreibt, schildert sie ihre Gefühle nur als körperliche Begleiterscheinungen, Longos hingegen gibt tiefere Einblicke in die Psyche seiner Protagonisten. Er lässt den Leser am aufgewühlten und ratlosen Zustand des Hirtenjungen teilhaben (Long. 1,18,2): Τί ποτέ με Χλόης ἐργάζεται φίλημα; χείλη μὲν ῥόδων ἁπαλώτερα καὶ στόμα κηρίων γλυκύτερον, τὸ δὲ φίλημα κέντρου μελίττης πικρότερον. [...] ἀλλὰ τοῦτο φίλημα καινόν. ἐκπηδᾷ μου τὸ πνεῦμα, ἐξάλλεται ἡ καρδία, τήκεται ἡ ψυχή, καὶ ὅμως πάλιν φιλῆσαι

|| 11 Literatur dazu unten in Anm. 12.

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θέλω. ὢ νίκης κακῆς· ὢ νόσου καινῆς, ἧς οὐδὲ εἰπεῖν οἶδα τὸ ὄνομα. ἆρα φαρμάκων ἐγεύσατο Χλόη μέλλουσά με φιλεῖν; πῶς οὖν οὐκ ἀπέθανεν; [...] Δάφνις δὲ μαραίνεται. [...] Was tut mir nur Chloes Kuss an? Ihre Lippen sind zarter als Rosen, ihr Mund süßer als Honig, ihr Kuss aber herber als der Stachel einer Biene […] doch dieser Kuss ist von neuer Art. Mein Atem geht schnell, mein Herz schlägt wie wild, meine Seele zerschmilzt, und doch will ich wieder küssen. Oh unseliger Sieg! O neuartige Krankheit, von der ich nicht einmal den Namen weiß. Hat Chloe etwa Gift gekostet, ehe sie mich küsste? Warum starb sie dann aber nicht? […] Daphnis aber welkt dahin.

Chloe geht es ähnlich wie Daphnis (Long. 1,13,5 f.): Ἄση δὲ αὐτῆς εἶχε τὴν ψυχὴν καὶ τῶν ὀφθαλμῶν οὐκ ἐκράτει καὶ πολλὰ ἐλάλει Δάφνιν· τροφῆς ἠμέλει, νύκτωρ ἠγρύπνει, τῆς ἀγέλης κατεφρόνει· νῦν ἐγέλα, νῦν ἔκλαεν· εἶτα ἐκάθευδεν, εἶτα ἀνεπήδα· ὠχρία τὸ πρόσωπον, ἐρυθήματι αὖθις ἐφλέγετο [...]. Trauer umfing ihre Seele, die Augen gehorchten ihr nicht mehr und oft murmelte sie: Daphnis. Nahrung verweigerte sie, bei Nacht wachte sie, die Herde vernachlässigte sie, bald lachte sie, bald kamen ihr Tränen, nun wieder sprang sie auf, ihr Gesicht war blass und dann wieder flammend rot […].

An Liebessymptomen kommen bei Chloe Schlaflosigkeit und Unruhe hinzu. Wie zuvor Daphnis, so lässt der Erzähler auch Chloe selbst zu Wort kommen (Long. 1,14,1 f.): Νῦν ἐγὼ νοσῶ μέν, τί δὲ ἡ νόσος ἀγνοῶ· ἀλγῶ, καὶ ἕλκος οὐκ ἔστι μοι· λυποῦμαι, καὶ οὐδὲν τῶν προβάτων ἀπόλωλέ μοι· κάομαι, καὶ ἐν σκιᾷ τοσαύτῃ κάθημαι. [...] πόσαι μέλιτται κέντρα ἐνῆκαν [...]· τουτὶ δὲ τὸ νύττον μου τὴν καρδίαν πάντων ἐκείνων πικρότερον. Jetzt bin ich krank; aber was es für eine Krankheit ist, weiß ich nicht. Ich fühle Schmerz und habe doch keine Wunde; ich bin traurig, und doch ist mir keines meiner Schafe umgekommen. Ich glühe und sitze doch in so kühlem Schatten. […] Wieviele Bienen haben mich gestochen […] aber was mir jetzt das Herz zersticht, das tut weher als alles andere.

Longos stellt die Liebe als Krankheit dar – eine Vorstellung, die bei Sappho trotz aller geschilderten körperlichen Symptome so nicht zum Ausdruck kommt. Bei Chloe klingt die Feuermetapher gelegentlich unter den anderen Symptomen an und lässt besonders an der zuletzt zitierten Stelle mehr an ein Fieber als an Liebesleidenschaft denken. Die Auffassung von Liebe als Krankheit ist auch sonst in der Antike und im Mittelalter weit verbreitet: Dem entsprechend wer-

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den auch immer wieder Empfehlungen gegeben, wie die Liebe zu heilen sei.12 Longos greift die Idee, dass die Liebe geheilt werden müsse, auf, indem er seine Protagonisten immer stärkere ‚Heilmittel‘ anwenden lässt. Da es für Daphnis und Chloe die erste Liebe ist und sie nicht aufgeklärt sind, verfallen sie nicht von selbst auf die naheliegendste Lösung. Schließlich erklärt ihnen ein alter Hirte, Philetas, wer der allmächtige Gott Eros sei, was er anrichtet und welche Heilmittel es gegen ihn gäbe (Long. 2,7,7): Ἔρωτος γὰρ οὐδὲν φάρμακον, οὐ πινόμενον, οὐκ ἐσθιόμενον, οὐκ ἐν ᾠδαῖς λαλούμενον, ὅτι μὴ φίλημα καὶ περιβολὴ καὶ συγκατακλινῆναι γυμνοῖς σώμασι. Denn gegen Eros ist kein Kraut gewachsen, gegen ihn hilft kein Trank, keine Speise, kein Zauberspruch, sondern nur Kuss und Umarmung und nackt beieinanderzuliegen.

Wie an den zitierten Stellen bereits deutlich wurde, ist auch die Feuer-Metapher bei Longos zu finden: Sowohl Chloe als auch Daphnis empfinden die Liebe als inneres Verbrennen. Doch es bleibt nicht bei der üblichen Symptomschilderung. Anders als bei Sappho dient die Metapher nicht der Beschreibung einer körperlichen Empfindung, sondern hat ein Eigenleben entwickelt: Longos berichtet uns nämlich an einer Stelle, wie Daphnis auf das Gefühl der Liebesglut reagiert: (Long. 1,23,2): Ὁ μὲν δὴ Δάφνις θαλπόμενος τούτοις ἅπασιν εἰς τοὺς ποταμοὺς ἐνέβαινε [...]· πολλάκις δὲ καὶ ἔπινεν, ὡς τὸ ἔνδοθεν καῦμα σβέσων. Da stieg Daphnis von alldem durchglüht oft in die Flüsse […] oft trank er auch, um die Glut in seinem Inneren zu löschen.

Sollte Daphnis das Brennen tatsächlich so wörtlich empfunden haben, dass er konkrete ‚Löschversuche‘ unternimmt? – Oder versucht vielmehr Longos so die bisherige poetische Konvention der Feuermetapher zu überbieten? Letzteres liegt nahe; jedenfalls nimmt der Erzähler für diesen Einfall sogar einen Widerspruch in Kauf: Während Daphnis hier durch Trinken den inneren Brand zu löschen sucht, verweigert er an anderer Stelle ja sowohl Essen als auch Trinken. Es wird deutlich, dass hier ein charmantes Spiel mit der Bildlichkeit, die der Feuermetaphorik innewohnt, betrieben wird: Der Vergleich der Liebesempfindung mit Feuer wird so wörtlich genommen, dass die Feuermetapher, eine Kunstfigur der Darstellungsebene, bis in die Handlungsebene hineinwirkt: Die

|| 12 Braungart (1980f.), Giedke (1983), Funke (1990). Zur Liebeskrankheit bei Longos vgl. Bierl (2009).

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Metapher wird zu einem echten Handlungs-Motiv. Longos hat die Feuermetapher, die zu einer Katachrese zu erstarren drohte, revitalisiert und dabei eine gewisse Komik in Kauf genommen, wie sie auch im Genre des idealisierenden Liebesromans durchaus vorkommen kann13. Auch in der römischen Literatur beobachten wir einen vergleichbaren anachrestischen Umgang mit der erotischen Feuermetapher: Der Präneoteriker Porcius Licinus (um 2. Hälfte 2. Jh. v.Chr.), bei Gellius überliefert (19,9,13), treibt das anachrestische Spiel mit dieser Metapher auf die Spitze (Blänsdorf FPL, 3 1995): Custodes ovium tenerae propaginis, agnum, quaeritis ignem? ite huc: quaeritis? ignis homost. si digito attigero, incendam silvam simul omnem, omne pecus flammast, omnia qua video. Ihr Wächter der Lämmer, des Nachwuchses der Schafe, [gemeint sind Hirten] Feuer sucht ihr? Kommt her! Sucht ihr noch? Das Feuer ist ein Mann. Wenn ich nur mit dem Finger daran rühre, so entzünde ich sogleich den gesamten Wald, und alles Vieh ist Flamme und alles, wohin ich sehe.

Der liebende Hirt brennt offenbar vor Liebe so sehr, dass sein bloßer Finger als Feuerzeug eingesetzt werden kann, um ein Lagerfeuer anzuzünden, ja es besteht sogar die Gefahr, dass der Liebende in seiner Liebesglut einen Waldbrand entfacht, wenn er um sich blickt.14 Im Wettstreit von Dichtern, ein Motiv immer wieder zu variieren und zu steigern, überlagert die Darstellungsebene mit ihren Ausdrucksmitteln das Geschehen auf der Handlungsebene, die Feuermetaphorik gewinnt – im Sinne von Intertextualität – ein Eigenleben. Die Ursprungsbedeutung einer Metapher kann aber nicht nur im sprachspielerisch-hyperbolischen Sinn einer Anachrese wiederhergestellt werden, sondern auch, um das tertium comparationis und die darin liegende Wahrheit wieder bewusst zu machen. Ovid, der Sprachspiele liebt, gibt hierfür im unmittelbaren Anschluss an die schon zitierte Amores-Stelle ein schönes Beispiel (Ov. am. 1,2,7–12): vidi ego iactatas mota face crescere flammas et vidi nullo concutiente mori. verbera plura ferunt, quam quos iuvat usus aratri, detractant prensi dum iuga prima, boves.

|| 13 Vgl. Holzberg (2001) 131; zu den Gattungscharakteristika 20 ff. 14 Vgl. die ähnliche Motivik in dem anonymen Epigramm Anth. Pal. 9,15 und 16,209.

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Habe ich doch schon gesehen, dass bei geschwungener Fackel das Feuer durch die Bewegung wächst und habe ich gesehen, dass sie verlöscht, wenn sie niemand schwingt.

Der Vergleich mit der Fackel, die nur durch Bewegung in Brand gehalten wird, ist einer unter mehreren, die den Gedanken illustrieren sollen, dass es besser sei, sich freiwillig einer Zwangssituation zu fügen als sie durch Widerstand zu verschlimmern. Wie der willige Ochse weniger Schläge erhält als der störrische, wie das folgsame Pferd die Zügel weniger spürt als das bockende, so lodert die Fackel weniger heftig, wenn sie nicht bewegt wird und packt Amor den, der seine Liebe akzeptiert, weniger hart als den, der sich dagegenstemmt. An dieser Stelle revitalisiert Ovid die Katachrese vom Feuer der Liebe, das er bei Widerstand gegen Amor in sich entfachen würde, insofern, als der Vergleich mit der geschwungenen Fackel die ursprüngliche Bildlichkeit, die in der Katachrese steckt, aufgreift und somit eine assoziativ gelungene Brücke zu den folgenden Vergleichen vom Zugochsen und Reitpferd baut. Die „Fackel“ fungiert hier also als eine Weiterentwicklung des „Liebesfeuers“, jedoch nicht im Sinne einer Ausmalung von Symptomen, die ein hilfloses Opfer Amors erleidet, sondern als ein von der Liebessymptomatik unabhängiges Beispiel, das dem Sprecher vielmehr hilft, die Naturgesetzlichkeit seines Erlebens rational zu reflektieren und darauf auch rational zu reagieren. Die Bildlichkeit der Metapher wird hier in ganz anderer, nicht-anachrestischer Weise reaktiviert als bei Longos, nämlich so, dass der Sprecher sich ihrer bewusst wird, ihre zugrundeliegende Wahrheit oder Wirksamkeit erkennt und gerade dadurch zu einer Lösung seines Problems findet.

Bibliographie Bierl, A. F. H. (2009): Der griechische Roman – ein Mythos?: Gedanken zur mythischen Dimension von Longos’ Daphnis und Chloe, in: Dill, U./Walde, C. (Hgg.): Antike Mythen. Medien, Transformationen und Konstruktionen, Berlin/New York, 709–739. Black, M. (1954): Metaphor. Proceedings of the Aristotelian society 55, 273–294. Braungart, G. (1980f.): De remedio amoris. Ein Motiv und seine Traditionen von der Antike bis Enea Silvio Piccolomini und Johannes Tröster, Archiv für Kulturgeschichte 62f., 11–28. Bremer, D. (1980): Aristoteles, Empedokles und die Erkenntnisleistung der Metapher, Poetica 12, 350–376. Funke, H. (1990): Liebe als Krankheit in der griechischen und römischen Antike, in: Stemmler, T. (Hg.): Liebe als Krankheit. 3. Kolloquium der Forschungsstelle für europäische Lyrik des Mittelalters, Tübingen, 11–30. Giedke, A. (1983): Die Liebeskrankheit in der Geschichte der Medizin, Düsseldorf. Haverkamp, A. (1980, 21996) (Hg.): Theorie der Metapher, Darmstadt. Holzberg, N. (2001): Der antike Roman, Düsseldorf/Zürich.

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Lakoff, G./Johnson, M. (1980): Metaphors we live by, Amsterdam/Philadelphia. Peil, D. (52013): s. v. Metapher und Metapherntheorien, in: Nünning, A. (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, Stuttgart, 517–520. Thome, G. (1994): Die Funktion der Farben bei Horaz, Acta Classica 37, 15– 39. Weinrich, H. (1976): Allgemeine Semantik der Metapher, in: Ders., Sprache in Texten, Stuttgart, 276–290, 317–327.

Niels Christian Dührsen

Clodia, Lesbia und die Kritik Catulls an Politik und an Politikern Noch bis vor wenigen Jahrzehnten hatte sich die Klassische Philologie bei Catull fast gänzlich dem historisch-biographischen Interpretationsansatz und der Realienforschung verschrieben.1 Dabei ging man von der Annahme aus, dass Catull in vielen seiner Gedichte eigene Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitet habe, sodass die Texte nur dann vollkommen verständlich seien, wenn es gelinge, ihren historischen Hintergrund, ihre konkreten Anlässe und Entstehungsbedingungen zu rekonstruieren und alle in ihnen vorhandenen Bezüge auf die reale Lebenswelt des römischen Dichters zu verifizieren. Nach Programm und Methode führte der Ansatz dazu, dass Catulls Verse als poetischer Ausdruck und Spiegel seines Lebensweges gelesen wurden. Das Augenmerk richtete sich darauf, den Gedichten wichtige Daten zur Biographie des Dichters und alle nur greifbaren Hinweise auf dessen äußeren und inneren Entwicklungsgang zu entnehmen. Inzwischen ist die historisch-biographische Methode nicht einfach nur aus der Mode gekommen, sie erscheint zweifelhaft und unfruchtbar, weil sie sich in endlosen Erörterungen komplizierter Einzelprobleme festgefahren hat, ohne je irgendwo gesicherte Ergebnisse zu liefern, so etwa schon bei der Frage, in welche chronologische Reihenfolge die erhaltenen Gedichte Catulls zu bringen sind. Außerdem kann der Ansatz auch auf einer tieferen Ebene, in den theoretischen Grundlagen, wenn nicht überholt, so doch überaltert erscheinen. Das Vorhaben, zwischen Leben und Werk des Dichters eine Art Kausalverhältnis aufzudecken, leitet sich wahrscheinlich aus der sogenannten Lebensphilosophie her, genauer aus dem im Zusammenhang mit ihr einst von Wilhelm Dilthey unternommenen Versuch der Grundlegung der historisch-interpretierenden Geisteswissenschaften.2 Meist allerdings wird der historisch-biographischen Forschung bei Catull eher der Vorwurf gemacht, sie sei zu stark von der Wirklichkeitsauffassung und dem Wissenschaftsmodell einer anderen philosophi-

|| 1 Vgl. zum Folgenden den Forschungsüberblick bei Heine (1975) 1–15. Als eine der letzten großen Hervorbringungen der historisch-biographischen Forschung zu Catull sei genannt: Wiseman (1985). 2 Vgl. als berühmtes Beispiel für die Anwendung der historisch-biographischen Methode, aus der Feder des Meisters, Dilthey (11905, 1991).

https://doi.org/10.1515/9783110564846-006

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schen Lehre beeinflusst, des Positivismus.3 Die Kritik betrifft dabei vor allem zwei Punkte. Nach positivistischer Auffassung beruht alles menschliche Wissen auf der Beobachtung und Beschreibung einfacher Tatsachen. Dieser schlichte Ansatz mag als erkenntnistheoretische Grundlage für die naturwissenschaftliche Forschung ausreichend sein; für das Verstehen und Erklären literarischer Werke dagegen erscheint er vor allem wegen der impliziten Annahme, die Funktion der Sprache beschränke sich weitgehend auf die Beschreibung wirklicher Sachverhalte und Strukturen, nur begrenzt tauglich. Was der historisch-biographischen Interpretation bei Catull daher mit dem Positivismusvorwurf vorgehalten wird, ist vor allem, dass sie das Konzept von Deskription und Repräsentation als angeblicher Hauptfunktion der Sprache unangemessen auf den Bereich der Produktion und Rezeption lyrischer Verse übertrage. Inhalt und Absicht von poetischen Texten wie denjenigen Catulls würden vollkommen unterbestimmt und geradezu verkannt, wenn man meine, es gehe in ihnen vorrangig oder sogar ausschließlich um die beschreibende Wiedergabe gewisser Teilstücke einer Wirklichkeit, die einst in einer älteren, mittlerweile untergegangenen Kultur erfahrbar war. Das entscheidende Merkmal poetischer Literatur sei vielmehr ihr grundsätzlich fiktionaler Charakter und der hohe Anteil an frei erfundenen Figuren und Motiven und an phantasievoll arrangierten plots. Ein typisches Kennzeichen der positivistischen Wissenschaft ist ferner die Haltung der distanzierten, unbeteiligten Neutralität, die der Forscher gegenüber seinen Gegenständen zu wahren habe, um sie möglichst objektiv so, wie sie an sich sind, erkennen zu können. In Verbindung mit diesem Objektivitätsideal interesseloser Neutralität wird dem Positivismus auf wissenschaftskritischer Ebene oft als Defizit vorgehalten, dass er es bei der Beobachtung und Feststellung von Tatsachen nur zu häufig versäume, darauf zu achten, ob die Tatsachen überhaupt interessant und wissenswert sind. Eben dieser spezifisch antipositivistische Verweis auf den Aspekt der Relevanz – gleichbedeutend mit der Ermunterung, die neutrale Haltung aufzugeben und bei den Gegenständen der Forschung wertend zwischen wichtigen und unwichtigen zu unterscheiden – kehrt in der Kritik an der historisch-biographischen Catull-Forschung unübersehbar wieder, und zwar in dem Vorwurf, dieser Art der Forschung entgehe offenbar, wie wertlos und unbedeutend die von ihr gesicherten historischen Fakten seien. Für das Verständnis der wesentlichen Inhalte und Aussagen der Catull’schen Lyrik sei es vollkommen unerheblich, ob hinter den von Catull

|| 3 Vgl., stellvertretend für viele andere, Heine (1975) 3, es werde allmählich „die Abneigung gegenüber den Methoden und Ergebnissen dieser positivistischen Philologie immer lauter“.

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erwähnten Begebenheiten eigene Erlebnisse und Erfahrungen des Dichters oder auch andere reale Vorgänge ständen, die vielleicht noch als historische Tatsachen verifiziert werden können. Catulls Gedichte stellten Fiktionen dar, die im Prinzip aus sich selbst verständlich und erschließbar seien, und deshalb sei der Rückgriff auf vermeintlich inhaltskonstituierende außerliterarische Referenzen meist überflüssig und methodisch verfehlt.4 Die angeführten Kritikpunkte, dass die historisch-biographische Forschung sich bei Catull mit irrelevanten außerliterarischen Fakten beschäftige und dabei grundsätzlich verkenne, dass Catulls lyrische Texte gar keinen historischdeskriptiven, sondern vielmehr einen fiktiven Inhalt hätten, der zureichend im Kontext literarischer Diskurse erfassbar sei, stammen, wie kaum gesagt werden muss, aus der jüngeren Catull-Forschung, die sich in vielem von der modernen Literaturwissenschaft beeinflusst zeigt. Die programmatische Abkehr von der historisch-positivistischen Tatsachenermittlung deutet darauf hin, dass es sich bei dem inzwischen weithin akzeptierten und vollzogenen Übergang zur literaturwissenschaftlichen Interpretationsweise nicht bloß um ein begrenztes Geschehen im Gehege spezialisierter Einzelforschung handelt, um die Erprobung neuartiger Fragestellungen, Deutungsansätze oder Herangehensweisen etwa, die aufgeschlossene Altphilologen von einer Nachbarwissenschaft übernommen haben. Ein plakatives Fazit wie dies, die jüngsten Fortschritte in der Behandlung der römischen Poesie seien durch den Schwenk von Mimesis zu Semiosis erzielt worden (also durch eine semiotisch fundierte Überwindung des Verständnisses von Literatur als einer Abbildung der Wirklichkeit)5, ist ein Indiz, dass der Vorgang insgesamt komplexer ist. Er hat mit einer gewachsenen Kenntnis der vielfältigen, flexiblen Möglichkeiten der Sprache und anderer Zeichensysteme zu tun und berührt grundlegende erkenntnistheoretische Fragen wie die nach dem Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit. Es würde an dieser Stelle jedoch zu weit führen genauer zu analysieren, inwiefern eine gegenüber dem positivistischen Modell bereits gewandelte Auffassung von der wissenschaftlichen Erfassbarkeit der Wirklichkeit hier – vermittelt durch die an theoretischer und methodischer Grundlagenreflexion stärker interessierte Literaturwissenschaft – aus dem Umkreis der philosophischen Postmoderne verzögert auf die Klassische Philologie einwirkt. Es wäre allerdings auch übertrieben, den Richtungsstreit zwischen der positivistischen und der postmodernen Wissenschaftsauffassung, der in der Philo-

|| 4 Vgl. die Zitate von Vertretern der entsprechenden Forschungsposition bei Heine (1975) 4. Ähnlich in neuerer Zeit z.B. Holzberg (2000) bes. 28–30 und (2002) bes. 16–23. 5 Vgl. Holzberg (2000) 28.

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sophie als Konkurrenz zweier gegensätzlicher, kaum miteinander vermittelbarer Positionen erscheint, in der gleichen Form auf die Situation in der CatullForschung zu übertragen, als stellten auch dort der alte historisch-biographische und der neue literaturwissenschaftliche Interpretationsansatz zwei einander ausschließende Alternativen dar, zwischen denen nur im Sinne eines Entweder-Oder entschieden werden könne. Die meisten Catull-Interpreten, also auch fast alle von denen, die im Sinne des literaturwissenschaftlichen Ansatzes den grundsätzlich fiktionalen Charakter der Catull’schen Lyrik hervorheben, sind keineswegs so unrealistisch, dass sie nicht sähen, dass gleichwohl viele Verse Catulls in der einen oder anderen Weise auf das historische Umfeld des Dichters bezogen sind. Daher nähert sich die Forschung derzeit einem vermittelnden Standpunkt an, auf dem zugestanden wird, dass die literaturwissenschaftliche Interpretation bei manchen Gedichten durch die historische Rekonstruktion der Lebensverhältnisse, die in Rom zur Zeit Catulls herrschten, produktiv ergänzt werden kann.6 Dabei werden, meist ohne ausdrückliche systematische Einteilung, verschiedene Arten der Bezugnahme Catulls auf die damalige Gesellschaft und Kultur unterschieden. Trotz der weitgehenden Ablehnung der historisch-biographischen Methode wird auch von der jüngeren Catull-Forschung anerkannt, dass Catull aus seinem zeitgenössischen soziokulturellen Umfeld gewisse abstrakte Schemata in seinen Gedichten aufgreift und bearbeitet, so etwas wie römische Wertvorstellungen, moralische Normen, typische Einstellungen und Erwartungen, Verhaltensformen und Rollenmuster von Angehörigen bestimmter Schichten der damaligen Gesellschaft. Darüber hinaus erwähnt er aber immer wieder auch – und das ist dann ungleich konkreter – einzelne Personen, Örtlichkeiten oder Dinge aus seiner alltäglichen Umgebung oder überhaupt aus der römisch-antiken Lebenswirklichkeit. Mit derart konkreten Bezugnahmen verfährt die Forschung ganz unterschiedlich, entscheidend ist der Aspekt der Relevanz. Bei den politischen Invektiven etwa, mit denen Catull verlogene, korrupte oder auch machthungrige Führungsfiguren des römischen Staates angreift, ist unstrittig, dass die genannten Persönlichkeiten schon wegen ihrer herausragenden individuellen Bedeutung – Männer wie Cäsar, Pompeius und einzelne ihrer Anhänger – in den Gedichten nicht zufällig auftauchen und etwa austauschbar wären, son-

|| 6 Vgl. z.B. Haig Gaisser (2012), die im Sinne des literaturwissenschaftlichen main-stream wiederholt betont, dass Catulls Dichtung „vor allem eines ist: Fiktion“ (9), andrerseits aber gelegentlich doch differenzierend einräumt, dass das historische Umfeld Catulls so genau erforscht werden muss „wie nur möglich, bevor wir auch nur ein einziges seiner Gedichte verstehen können“ (27).

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dern, im Gegenteil, dass es für das genaue und vollständige Verständnis von Catulls Attacken unbedingt wichtig ist zu wissen, aus welchem Grund oder Anlass und bezogen auf welchen konkreten historisch-politischen Zusammenhang jene Gestalten in den Versen erwähnt werden. Bei den politischen Gedichten steht es im Übrigen auch außer Frage, dass es Catull um etwas Anderes ging als um ein unterhaltsames Spiel mit traditionellen sujets, das auf den literarischen Diskurs beschränkt blieb. Mit den politischen Invektiven war zweifellos in der römischen Öffentlichkeit eine bestimmte Wirkung intendiert, die es bei der Interpretation herauszufinden gilt.7 Anders ist es bei den Gedichten mit privatem Inhalt. Bei ihnen kann man sich ernstlich fragen, wie viel denn davon abhängt, ob eine in ihnen genannte Person wirklich damals in Rom existiert hat oder ob sie vom Dichter erfunden ist; ob Catull eine bestimmte Örtlichkeit oder Gegend, die er erwähnt, jemals selbst besucht oder ob er von ihr aus anderen Quellen erfahren hat; ob ein Ereignis, das er schildert, wirklich stattgefunden hat oder ob es etwa nach einer literarischen Vorlage gestaltet ist. Für den Inhalt und das Verständnis vieler Liebes- und Freundschaftsgedichte, Trink- und Spottverse scheint es völlig belanglos zu sein, ob es reale Gegenstücke zu den in ihnen vorkommenden Dingen oder Personen gegeben hat und ob sich das durch historische Nachforschungen noch aufklären und bestätigen lässt oder nicht. Aufgrund derartiger Erwägungen sind moderne Interpreten Catulls insbesondere auch bei dem Kranz der Liebesgedichte um die Frauengestalt der Lesbia inzwischen zu ganz anderen Urteilen gelangt als die ältere, historisch-biographische Forschung. Während es dieser wie selbstverständlich als ausgemacht galt, dass Catull in den Lesbia-Gedichten wie in einem poetischen Tagebuch den Verlauf einer von ihm selbst durchlebten Liebesgeschichte in allen Höhen und Tiefen wahrheitsgetreu festgehalten habe, vertreten manche moderne Autoren die genau gegenteilige Auffassung, dass möglicherweise alles an dieser Romanze vom Dichter erfunden ist – von den einzelnen Szenen, die als typische Stadien einer Liebesbeziehung bereits in der Tradition der erotischen Lyrik topisch vorgegeben waren, bis zur Figur der Geliebten, deren Bild Catull teils unter Verwendung literarischer Versatzstücke, teils im Anhalt an gesellschaftlich etablierte Stereotypen || 7 Zu den politischen Texten Catulls vgl. einführend Haig Gaisser (2012) 14–16 sowie 202 mit Anm. 9. Noch eingehender versucht Konstan (2007) nicht nur jeweils Anlass und Inhalt der Kritik zu ermitteln, die Catull an einigen Größen der römischen Politik übt, sondern auch allgemein den politisch-moralischen Standort, von dem aus der Dichter sich zu Wort meldet. Dagegen ist der Beitrag von Marino (2006) trotz des vielversprechenden Titelschlagworts „Personenkritik“ aufgrund der – leicht widerlegbaren – Annahme des Verfassers, Catull habe kein Interesse an politischen Vorgängen gehabt, für den vorliegenden Aufsatz unbrauchbar.

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weiblichen Rollenverhaltens entworfen habe, nicht ohne gelegentlich an den tradierten Formen und Mustern auch einiges abzuwandeln oder spielerisch ins Gegenteil zu verkehren.8 Die meisten neueren Interpreten sind allerdings noch einer anderen, dritten Ansicht, die aus den beiden vorher genannten gewissermaßen zusammengesetzt ist. Danach habe Catull in der Geschichte seiner Liebe zu Lesbia einiges fingiert, einiges aber auch nach eigenen Erlebnissen gestaltet.9 Der Grund für diese Annahme ist ein vereinzelter Hinweis in der späteren antiken Literatur10, dass es für Catulls Lesbia ein reales historisches Vorbild gegeben habe, eine gewisse Clodia, die heute von den meisten Forschern mit der als römische femme fatale berüchtigten Gattin, späteren Witwe, des wohlhabenden und einflussreichen Senators Q. Caecilius Metellus Celer identifiziert wird. Auch wenn letztlich unklar ist, was es mit dem antiken Hinweis auf jene Clodia auf sich hat, aus welcher Art von Überlieferung er stammt und ob die Nachricht überhaupt verlässlich ist, sprechen einige Anzeichen in Catulls Gedichten doch dafür, die bei verschiedenen lateinischen Autoren häufiger erwähnte Clodia Metelli als Vorbild für die Gestalt der Lesbia anzunehmen.11 Nach den vorangegangenen Darlegungen dürfte klar sein, dass es nicht unbedingt attraktiv und verlockend ist, heutzutage in einer von der modernen Literaturwissenschaft beherrschten Forschungslandschaft noch einmal den alten historisch-biographischen Ansatz aufzugreifen und sich den Vorwurf positivistischer Engstirnigkeit zuzuziehen. Trotzdem soll auf den folgenden Seiten der Versuch unternommen werden, die bisherige Beweisführung, die von der historischen Forschung zu Gunsten der Identifizierung von Lesbia mit Clodia, der Ehefrau des Q. Caecilius Metellus Celer, entwickelt wurde, durch weitere Argumente und Indizien anzureichern und noch stärker zu unterstützen. An dem Versuch kann vor allem der folgende Aspekt neu und vielleicht auch interessant erscheinen: Die Frage nach einem möglichen realen Vorbild für die Gestalt der Geliebten bei Catull wurde bisher ausschließlich im Zusam-

|| 8 So vor allem Holzberg (2000); vgl. dens. (2002) 33–39. 9 So z.B. Skinner (1983), Haig Gaisser (2012). 10 Dazu vgl. unten S. 86. 11 Die besagte Clodia hatte bekanntlich noch zwei Schwestern, die ebenfalls den Namen Clodia trugen. Die daraus zeitweilig erwachsene Forschungsdiskussion zu referieren, erspare ich mir hier und gehe, wie inzwischen nahezu alle Interpreten, schon aus Gründen der Wahrscheinlichkeit davon aus, dass das Vorbild für Lesbia, wenn überhaupt, die bekannteste der drei Schwestern war, die Gattin des Metellus. Zur Geschichte des Lesbia/Clodia-Problems in der Forschung vgl. kurz Beck (1996) 209–210, mit einer Liste der Anhänger der Identitätshypothese (210 Anm. 704) und einer Liste ihrer Gegner (209 Anm. 703).

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menhang mit den Gedichten des Lesbia-Zyklus behandelt. In einem derart engen Rahmen konnte aber durchaus zweifelhaft bleiben, wie viel es überhaupt zum Verständnis der Gedichttexte beitragen würde, falls es gelingen sollte, jene Frage zu klären. Im Extremfall drohte, selbst wenn sich Lesbias bürgerliche Identität historisch sicher ermitteln ließ, im Ergebnis nicht mehr herauszukommen als das folgenlose und herzlich unbedeutende Wissen um einen vereinzelten Sachverhalt aus den Skandalregionen der römischen Oberschicht in der Endphase der Republik. Das Neue an dem folgenden Identifikationsversuch ist demgegenüber jedoch, dass – zumindest als eine bedenkenswerte Möglichkeit – gezeigt werden kann, dass die Identität von Lesbia und Clodia unter Umständen mehr ist als ein isoliert dastehendes historisch-biographisches Faktum aus dem privaten Lebensumkreis Catulls, und zwar deshalb, weil sie eine inhaltlich wichtige Schlüsselfunktion auch für einige der politischen Texte hat, in denen Catull bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im Rom seiner Zeit kritisch attackiert. Die Argumentation stützt sich auf zwei Gedichte, die bisher meist getrennt behandelt wurden – das eine als Teil des Lesbia-Zyklus, das andere als eine der politischen Invektiven Catulls – und bei denen daher, wenn ich in den einschlägigen Kommentaren und Monographien zu Catull nichts überlesen habe, die Möglichkeit einer inhaltlichen Verbindung bislang noch nicht erkannt ist.12 Es handelt sich um carmen 49 und carmen 58, die hier zum leichteren Verständnis nebeneinandergesetzt seien:

|| 12 Als grundlegend für die konkreten Interpretationen dieses Aufsatzes und außerdem auch als hilfreich für die Erschließung der wichtigsten kontroversen Positionen innerhalb der CatullForschung seien die folgenden Titel angeführt: Heine (1975), Syndikus (11984, 2001), Beck (1996), Holzberg (2000) und (2002), Thomson (2003), Skinner (2007), Haig Gaisser (2012). In einigen Büchern über Catull, die zu Recht häufig zitiert werden (z.B. Fitzgerald [1997], Krostenko [2001]), werden die von mir entwickelten Zusammenhänge nicht berührt. Dass die mögliche Verbindung zwischen Catull. 49 und 58 bisher, wie es scheint, noch nicht bemerkt wurde, ist den detaillierten Forschungsübersichten von Beck (1996) bes. 45, 158, 207–213, 305, zu entnehmen. Beck selbst (207–213) ist der Sache, wenn ich richtig sehe, von allen Interpreten am nächsten gekommen (bes. 212), doch auch er hat den Zusammenhang letztlich nicht erblickt. Wie sehr es das übliche Verfahren ist, Catulls Liebeslyrik und die Gedichte politischen Inhalts strikt auseinander zu halten, zeigen z.B. gewisse Äußerungen von Konstan (2007) 82.

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Catull. 49

Catull. 58

Disertissime Romuli nepotum, quot sunt quotque fuere, Marce Tulli, quotque post aliis erunt in annis, gratias tibi maximas Catullus agit, pessimus omnium poeta, tanto pessimus omnium poeta, quanto tu optimus omnium patronus.

Caeli, Lesbia nostra, Lesbia illa, illa Lesbia, quam Catullus unam plus quam se atque suos amavit omnes, nunc in quadriviis et angiportis glubit magnanimi Remi nepotes.

Beredtester unter den Enkeln des Romulus, so viele leben und gelebt haben, Marcus Tullius, und so viele später noch in anderen Jahren leben werden, größten Dank sagt dir Catull, der schlechteste Dichter von allen, um so viel der schlechteste Dichter von allen, als du der beste Advokat von allen bist.

Caelius, unsere/meine Lesbia, jene Lesbia, jene Lesbia, die Catull als einzige mehr als sich selbst und alle Seinigen geliebt hat, zieht nun an Straßenkreuzungen und in engen Gassen, den Enkeln des weitherzigen Remus die Vorhaut zurück.

Ähnlich wie andere Lyriker stellt auch Catull durch sprachliche Reminiszenzen absichtsvoll Zusammenhänge zwischen bestimmten Gedichten seiner Sammlung her.13 Als wechselseitiger Querverweis, der die beiden Texte zu einem Gedichtpaar verknüpft, kann hier die Rede von den „Enkeln des Romulus“ (Catull. 49) bzw. „des Remus“ (Catull. 58) angesehen werden14, also von den Römern als Nachfahren des Brüderpaars, das nach der Legende die Stadt gegründet hat. Zugleich kann es sein, dass mit der Erwähnung der Stadtgründer für beide Gedichte – also auch für den Abgesang auf die einstige Geliebte (Catull. 58) – ein gemeinsamer politischer Kontext angezeigt werden soll. Auf eine intendierte Zusammengehörigkeit der Texte deutet auch die auffällige Position der Verweis-

|| 13 Zahllose Beispiele dafür bei Beck (1996) passim. Zur Funktion solcher Beziehungen, die sinnerhellend wirken und so den Leser einer antiken Gedichtsammlung zu immer neuen Textkombinationen anregen, vgl. Haig Gaisser (2012) 37–38, 137 u.ö. 14 Ähnlich nimmt Catull auch andernorts (mit vergleichbarer Ironie: Catull. 28,15; Catull. 29,5 u. 9; nicht ironisch dagegen: Catull. 34,22) auf Romulus bzw. Romulus und Remus Bezug, doch nirgends mehr, wie hier in carmen 49 und carmen 58, in der formelhaft anmutenden Verbindung mit nepotes.

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formeln, einmal am Anfang (Catull. 49,1), einmal am Schluss (Catull. 58,5) eines Gedichts. Auf die Frage, inwiefern die beiden Gedichte möglicherweise in ihrem Inhalt konkret miteinander verbunden sind, kann es eigentlich nur eine einzige Antwort geben. Sie ist so augenfällig, dass es mehr als verwundert, dass der Zusammenhang, der hier vorliegen könnte, nicht längst schon bemerkt wurde, zumal er, bezogen auf andere Catull-Gedichte, seit langem bei den Versuchen, die Identität Lesbias zu ermitteln, im Zentrum der Debatte steht: Beide Gedichte scheinen sich, wenn man sie so unmittelbar nebeneinander liest, auf Ciceros Verteidigung des M. Caelius Rufus zu beziehen, die Catull im Jahre 56 v. Chr. in Rom miterleben konnte.15 Caelius war damals – wohl mit dem Ziel, ihn politisch auszuschalten – mehrerer Gewaltverbrechen angeklagt. Dabei trat Clodia, damals schon Witwe des Senators Q. Caecilius Metellus Celer und zugleich eine der Schwestern des berüchtigten Volkstribunen und Bandenchefs P. Clodius Pulcher, als Belastungszeugin gegen Caelius auf. Cicero als Anwalt von Caelius nutzte vor Gericht die Gelegenheit, sich bei seinem politischen und persönlichen Erzfeind P. Clodius Pulcher, der zwei Jahre zuvor für Ciceros Verbannung gesorgt hatte, genüsslich zu revanchieren, indem er dessen Schwester als Zeugin mit allen Tricks rhetorischer Darstellung und juristischer Argumentationskunst fragwürdig machte. Das gelang ihm dadurch, dass er in seiner Verteidigungsrede für Caelius die ohnehin schon skandalumwitterte Clodia – und damit indirekt auch ihren Bruder und überhaupt die ganze Clodier-Familie – in aller Öffentlichkeit in den Schmutz zog. Cicero ließ sich über Clodias Neigung zu sexuellen Abenteuern aus, zu denen, Gerüchten zufolge, auch ein inzestuöses Verhältnis mit ihrem Bruder P. Clodius Pulcher gehörte; er schürte den Verdacht, Clodia habe ihren kurz zuvor verstorbenen Ehemann Metellus umgebracht; und er unterstellte, dass Clodia dem angeklagten Caelius vor allem deshalb schaden wollte, weil der eine Affäre mit ihr beendet hatte. Aufgrund der intimen Beziehungen, die zwischen dem Angeklagten und der Zeugin der Anklage bestanden hatten, musste Cicero in seiner Argumentation ständig mit dem Problem kämpfen, dieselbe Sache mit zweierlei Maß zu messen: Was er Clodia in der Pose des aufgebrachten Sittenrichters als Neigung zur Untreue vorhielt, musste er im gleichen Atemzug bei Caelius als verzeihliche Schwäche eines für weibliche Reize empfänglichen jungen Mannes entschuldigen. Bei den Angehö-

|| 15 Zum Prozess gegen Caelius und zu Ciceros Verteidigungsrede und ihrer rhetorischen Strategie vgl. Stroh (1975) 243–303; Skinner (1983) 275–276 u. 286, mit weiterer Lit.; Wiseman (1985) 54–91.

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rigen des Gerichtshofes hatte er mit dieser Doppelstrategie gleichwohl Erfolg: Caelius wurde freigesprochen. Wie bereits angedeutet, bei dem Versuch, im historischen Umfeld Catulls ein reales Vorbild für die Figur der Lesbia zu finden, ist die Forschung längst auf den Prozess gegen Caelius und auf die in ihn verwickelten Personen aufmerksam geworden. Auf die Spur gebracht wurde man dabei durch ein vereinzeltes Zeugnis von Apuleius16, wonach Catull den Namen Lesbia für eine gewisse Clodia eingesetzt habe. Die weiteren Schritte in der Catull-Forschung waren dann zum einen, dass Ciceros Beschreibung der Clodia, der Witwe von Metellus, mit dem Bild der Lesbia bei Catull verglichen wurde, wobei sich vor allem eine gewisse Ähnlichkeit im Frauentyp beobachten ließ; und zum anderen, dass in Catulls Gedichten nach Anzeichen für eine Rivalität zwischen dem Liebhaber der Lesbia, also Catull, und anderen Männern gesucht wurde, die im damaligen Rom mit der historisch-realen Clodia Metelli angeblich Affären hatten. Zu einem sicheren Ergebnis hat diese Suche bisher nicht geführt, doch ist nicht auszuschließen, dass von einer Konkurrenz um die Gunst derselben Dame zwischen Catull und Caelius in carmen 77 und zwischen Catull und P. Clodius Pulcher, dem, wie erwähnt, ein Verhältnis mit seiner Schwester nachgesagt wurde, in carmen 79 die Rede ist.17 Wie sich nun – zwecks Erhärtung der Hypothese, dass es sich bei der Lesbia Catulls um die von Cicero verleumdete Schwester des P. Clodius Pulcher handeln könnte – an die Zeugnisse, die bislang von der Forschung herangezogen wurden, die oben vorgelegten Gedichte carmen 49 und carmen 58 anschließen lassen, das ergibt sich nach allem, was bis hierher referiert wurde, nahezu von selbst: In carmen 4918 ist der angesprochene Marcus Tullius natürlich kein anderer als Cicero. Vor dem Hintergrund des Prozesses gegen Caelius wird verständlich, warum Catull, auffällig genug, Cicero hier nicht als einen hochrangigen Politiker und verdienten Ex-Konsul anredet, sondern – betont mit dem letzten Wort des Gedichts – als praktizierenden Rechtsanwalt („patronus“). Ebenso lässt sich das Rätsel, wofür denn Catull sich bei Cicero bedanke, unter den entwickelten Voraussetzungen auf eine Weise lösen, die denkbar einleuchtend ist, um nicht zu sagen: auf die einzige Weise, die zu Catulls Art der Dichtung passt. || 16 In apol. 10 verteidigt sich Apuleius gegen den Vorwurf, in Liebesgedichten Pseudonyme gebraucht zu haben, mit dem Argument, man müsse dann auch Catull anklagen, weil der für Clodia den Namen ‚Lesbia‘ verwendet habe. 17 Vgl. kritisch zu diesen Argumentationen der historisch-biographischen Forschung Holzberg (2000) bes. 29–30 und (2002) 16–18. 18 Zur Interpretation von Catull. 49, vor allem auch zu kontrovers diskutierten Einzelproblemen, vgl. Kroll (51968) 88–89; Syndikus (11984, 2001) 247–250; Thomson (2003) 322–324.

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Die Gattung Dankgedicht erscheint hier ins Sarkastisch-Ironische abgewandelt. Catull sagt „Danke, das hast du gut gemacht“ dafür, dass Cicero Catulls Freundin vor aller Welt durch den Dreck gezogen hat.19 Der Superlativ als Anrede für den unbestreitbaren Meister der lateinischen Prosa (V. 1), die ehrwürdige DreiZeiten-Formel für die unvergleichliche geschichtliche Größe (V. 2–3), die scheinbar devote Selbstverkleinerung Catulls, als sei er ein hilfsbedürftiger Klient des so viel mächtigeren Patrons (V. 5–7), die faustdick aufgetragene Imitation ciceronianischer Rhetorik, die hier kein hoher Stil, sondern bloß hohles Pathos ist (V. 5–7), in all dem kann man Signale sehen für das, was Catull in seinem älteren, hochdekorierten Mitbürger als dessen wahre Natur erkennt und durchschaut, nämlich gerade nicht die unbeirrbare moralische Standhaftigkeit eines Konsuls, der Republik und Vaterland vor politischem Umsturz bewahrt hat, sondern, im Gegenteil, die Eitelkeit und Verlogenheit eines erzkonservativen, biedermännischen Karrieristen von wenig mehr als durchschnittlicher Intelligenz, der, zu Selbstlob neigend und blind gegenüber seinen eigentlichen Triebfedern, als Anwalt vor Gericht kein Mittel scheut, um zuallererst den persönlichen Erfolg und die Durchsetzung der eigenen Interessen sicher zu stellen. Ein weiteres Problem in carmen 49, das sich ebenfalls mit Hilfe der Annahme der Identität von Clodia und Lesbia plausibel lösen lässt, ist die Frage, was in den Schlussversen denn der Gegenstand des Vergleichs von Dichter und Anwalt, poeta und patronus, ist. Wenn sich carmen 49 tatsächlich auf Ciceros Rede für Caelius bezieht, liegt es nahe, hier so etwas wie einen von Catull inszenierten literarischen Konkurrenzkampf zwischen ihm selbst und Cicero zu sehen, bei dem es darum geht, wer von beiden das Bild der attraktiven Clodia angemessener, gerechter, wahrheitsgetreuer gezeichnet hat – der von politischem Machtkalkül und persönlichen Rachegelüsten geleitete Advokat in seiner Gerichtsrede oder der von einer real existierenden Venus überwältigte20 Poet in seinen Lesbia-Gedichten. Wie bei dieser Alternative die Entscheidung aus Ca-

|| 19 Offenbar unfähig sich vorzustellen, dass die Parodie inhaltlich genau in diesem Punkt liegen könne, hat z.B. Kroll (51968) 88 (mit Ablehnung der m.E. richtigen Auffassung eines ungenannten älteren Philologen) einen Bezug von carmen 49 auf Ciceros Rede für Caelius ausdrücklich für unmöglich erklärt: Diese Annahme schlage „der einfachsten Wahrscheinlichkeit ins Gesicht […]. Auch hätte Cicero einen solchen Dank gar nicht verstehen können: dieser muß sich vielmehr […] auf eine wirkliche Gefälligkeit beziehen“. Ähnlich haben auch andere gemeint, Anlass des Gedichts müsse trotz des ironischen Tons, den Catull anschlägt, letztlich etwas gewesen sein, wofür sich der Dichter ernsthaft und aufrichtig bedanken wollte (vgl. Syndikus [11984, 2001] 248 Anm. 2). 20 Zu dieser Erfahrung Catulls und ihrem frühgriechischen Vorbild bei Sappho: Schmitt (2001) bes. 60–63.

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tulls Sicht auszufallen hat, daran lässt er in carmen 49 keinen Zweifel; nur verlangt er dem Leser soviel an Verständnis ab, dass dieser selbstständig in der Lage sein muss, die ironische Tonlage des Gedichts wahrzunehmen und entsprechend die superlativischen Wertungen in V. 5–7 gegeneinander auszutauschen. Wenn man, wie hier, carmen 49 und carmen 58 unter der Annahme eines parallelen Bezugs auf Ciceros Caelius-Rede als zwei komplementär zusammengehörige Texte zu interpretieren versucht, hat man an einigen Stellen, die an sich mehrere unterschiedliche Auffassungen zulassen, nur mehr eine einzige Option, für die man sich aus Gründen der Konsistenz zu entscheiden hat. So muss man in carmen 58, um zu diesem Gedicht überzugehen,21 in dem angeredeten Caelius (V. 1) nicht einen andernorts von Catull erwähnten (Catull. 100,1), ansonsten aber unbekannten Freund aus Verona annehmen, sondern selbstverständlich den von Cicero verteidigten M. Caelius Rufus.22 Entsprechend ist danach das Possessivpronomen nostra (V. 1) nicht, wie sonst oft bei Catull,23 als pluralis maiestatis im Sinne von „meine Lesbia“ aufzufassen, sondern wörtlich in der Bedeutung „unsere Lesbia“, weil, wie bereits dargelegt, beide im Gedicht genannten Männer, Caelius wie Catull, möglicherweise – wenn auch wohl zu unterschiedlichen Zeiten – mit derselben Frau liiert waren.24 Die eigentliche Mitteilung des Gedichts, dass die früher – eventuell von beiden – geliebte Freundin „jetzt“ das Leben einer Hure führe (V. 4–5), enthält unzweifelhaft die Beschreibung eines gesellschaftlichen Abstiegs. Das muss jedoch nicht unbedingt so verstanden werden, dass die einstige Geliebte inzwischen wirklich als Nutte auf den Strich geht und damit ihr Geld verdient. Mit dem pointiert gesetzten zeitlichen Kontrast in V. 4 könnte auch gemeint sein, dass sie „jetzt“, nämlich nachdem Cicero in seiner Rede für Caelius alle Details ihres Privatlebens enthüllt hat, in den Augen der römischen Öffentlichkeit und im Gerede der Leu-

|| 21 Zu den Problemen, die sich im Einzelnen bei der Interpretation von Catull. 58 stellen, vgl. Kroll (51968) 103; Syndikus (11984, 2001) 279–282; Beck (1996) 207–213; Thomson (2003) 342– 343. 22 Zu älteren Vertretern dieser Annahme Syndikus (11984, 2001) 279 Anm. 3; Beck (1996) 208– 210 mit Anm. 702 u. 705. 23 Stellensammlung bei Syndikus (11984, 2001) 280 Anm. 5; vgl. auch Beck (1996) 210 mit Anm. 707. 24 Zu dieser Auffassung von „nostra“ ältere Forschungsliteratur bei Beck (1996) 210 Anm. 706, der die Möglichkeit gleichwohl ablehnt, wie vor ihm schon Syndikus (11984, 2001) 280.

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te auf das Niveau einer Straßenhure herabgesunken ist.25 Einen versteckten Bezug zum Caelius-Prozess weist bei Catull möglicherweise auch die Wortwahl in quadriviis „an Straßenecken, an Kreuzungen“ auf: Lautlich – und mittelbar auch inhaltlich – könnte dies einen Anklang darstellen an den verächtlichen Ausdruck, den Caelius selbst vor Gericht für Clodia gebraucht haben soll26 und der den niedrigen Preis nannte, für den die sexsüchtige Nymphomanin angeblich für jedermann zu haben war: quadrantaria „die für ein Viertel-As“.27 Nach all dem mag man aus dem Vokativ „Caeli“, mit dem Catull in carmen 58,1 unvermittelt und geradezu barsch einsetzt, nicht nur einen Aufschrei wegen Lesbias Niedergang,28 sondern mehr noch einen Ton der fassungslosen Entrüstung eben über Caelius heraushören, der von Catull offenbar nicht zufällig angeredet wird.29 Catulls Vorwurf könnte darin bestehen, dass Caelius es nicht verhindert hat, dass die frühere Freundin durch seinen Anwalt Cicero derart schonungslos diffamiert wurde, oder auch darin, dass Catulls Andenken an das, was die Liebe seines Lebens gewesen war – in carmen 58 blickt er bereits auf die Geschichte zurück30 – , durch die von Cicero und Caelius in Gang gesetzte Schmutzkampagne restlos zerstört worden ist. Ohne auf weitere Einzelheiten einzugehen31, sei abschließend lediglich noch vermerkt, dass auch die Verteilung der Namen von Romulus und Remus

|| 25 Vgl. bei Cicero, Pro Caelio den wiederholten Hurenvergleich in Wendungen wie meretricio more (38); meretriciis amoribus (48); in meretricia vita (49); vita institutoque meretricio (50); oder auch, gleich zu Beginn der Rede, opibus meretriciis (1). 26 Vgl. Quint. inst. 8,6,53; Plut. Cic. 29; darauf anspielend schon Cic. Cael. 62. 27 Zu der möglichen Beziehung zwischen in quadriviis und quadrantaria vgl. z.B. auch schon Kroll (51968) 103; Skinner (1983) 276 mit Anm. 12; Beck (1996) 210. Ein Viertel-As betrug in Rom damals das Eintrittsgeld in öffentliche Bäder, in denen auch Prostituierte verkehrten, vgl. dazu Skinner (1983) ebd. Zu überlegen wäre ferner, ob in Catull. 5,2–3 die Aufforderung an Lesbia, das Gerede „allzu strenger alter Männer“ (senum severiorum) so gering zu schätzen wie „ein einziges As“, nicht als eine Replik auf die öffentliche Verleumdung Clodias durch ihren Spitznamen zu verstehen und darüber hinaus auch auf Ciceros Rede für Caelius zu beziehen ist: In der Rede konfrontiert Cicero zuerst Clodia, danach Caelius in einer Kette von Prosopopoiien (Cic. Cael. 33 ff.) mit Figuren von Vätern und Erziehern, die regelmäßig als senes bezeichnet werden (z.B. 36; 38); im gleichen Zusammenhang werden die Begriffe severus und severitas mehrfach für althergebrachte Formen der Erziehung verwendet (z.B. 33; 35; 37). 28 So Kroll (51968) 103; ähnlich Syndikus (11984, 2001) 279. 29 Vgl. Beck (1996) 208. 30 Zu dem Kontrast zwischen dem Perfekt der abgeschlossenen Vergangenheit amavit (V. 3) und nunc (V. 4) vgl. z.B. Commager (1965) 228–231; Syndikus (11984, 2001) 281; Thomson (2003) 342. 31 Dazu gehören einige kleinere Text- und Verständnisprobleme, die im Rahmen der hier entwickelten Interpretation noch zu behandeln und vielleicht sogar zu klären wären, z.B. in

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auf die beiden Gedichte nicht allein aus metrischen Gründen so vorgenommen ist; sie passt vor allem inhaltlich zu der hier vorgestellten Interpretationsmöglichkeit: Romulus als der lauterere, stärkere Charakter und überhaupt als heldenhafte Lichtgestalt der römischen Frühzeit begegnet in carmen 49, weil es ohne Zweifel zu dem von Catull karikierten, altrömisch getönten Selbstverständnis eines Cicero gehörte, sich eher als Enkel von Romulus denn von Remus zu sehen. Umgekehrt ist es in carmen 58 einzig sinnvoll, wenn dort die wechselnden Liebhaber einer durch zahllose Affären in Verruf geratenen Lebedame in eben dem Stil, in dem über so etwas in einer Stadt geredet wird, als Enkel des Remus bezeichnet werden, also des moralisch weniger gefestigten der beiden Gründer Roms. Zusammengefasst ergibt sich aus den angestellten Beobachtungen und Überlegungen das folgende Bild: In carmen 49 nimmt Catull mit der namentlichen Nennung Ciceros unbestreitbar Bezug auf eine prominente historische Persönlichkeit, einen bekannten Anwalt und bedeutenden Politiker, der zur damaligen Zeit in Rom aktiv war. Damit aber kann, vorsichtig formuliert, nicht ohne weiteres ausgeschlossen werden, dass in carmen 49 auf Vorgänge angespielt wird, die historisch wirklich stattgefunden haben und vom Dichter keineswegs erfunden sind. Als ein reales, historisches Ereignis, um das es in carmen 49 gehen könnte – und danach bei einem politikkritischen Text zu forschen, wird auch von der modernen Catull-Interpretation nicht als positivistisch diskreditiert32 –, lässt sich von carmen 58 her der Gerichtsprozess gegen Caelius aus dem Jahre 56 v. Chr. wahrscheinlich machen, in dem Cicero als Verteidiger auftrat und in dem er – im Zusammenhang mit der damals noch schwelenden Auseinandersetzung zwischen einstigen Gegnern und Anhängern der Catilinarischen Verschwörung – eigene politische Ziele zu erreichen suchte. Deutlicher als in carmen 49 wird in carmen 58, dass der Punkt, an dem Catull mit seiner Kritik an Cicero und an dessen Verhalten im Caelius-Prozess ansetzt, die moralisierende Herabwürdigung der Zeugin Clodia und ihres freizügigen Lebensstils ist. Ganz gleich, wie viel sich Catull an der Liebesgeschichte mit

|| Catull. 49,7 die Doppeldeutigkeit von omnium patronus: „der beste Anwalt von allen (Anwälten oder Klienten?)“ (dazu Syndikus [11984, 2001] 249 Anm. 10; Holzberg [2002] 58–59; Stroh [2011] 333–334); in Catull. 58,1 die alternative Lesart Lesbia vestra, die in den ältesten und besten Handschriften überliefert ist (dazu Beck [1996] 207 Anm. 696; Thomson [2003] 133 u. 343); in Catull. 58,5 die Vieldeutigkeit von glubit („abziehen“ in sexueller und in finanzieller Hinsicht), magnanimi/-os („edelmütig“, „hochherzig“ und „weit-, offenherzig“, „spendabel“), nepotes („Enkel“, „Nachfahren“ und „Freier“, „Playboys“), wozu neuerdings lesenswert ist: Muse (2009). 32 Vgl. oben S. 80–81.

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Lesbia nur ausgedacht hat, wie groß der Anteil an Fiktion ist, interessant ist an dem möglichen Zusammenhang von carmen 49 und carmen 58, dass die – hier nun anzunehmende – Identität von Clodia mit ihrem lyrischen Gegenstück Lesbia Catull in seinen Gedichten in eine Position bringt, in der er als Ex-Lover der grande dame von der politisch motivierten Attacke, die Cicero gegen Clodia gestartet hat, indirekt mitbetroffen erscheint. In der Rolle eines früheren Liebhabers, der Clodia ganz anders kennengelernt hat, als Cicero sie darstellt, bekommt Catull die Gelegenheit, seine eigene, von privaten und persönlichen Erfahrungen und nicht von politischen Interessen bestimmte Sicht der Dinge, mit der er unmittelbar authentisch und nicht so verkrampft wirkt wie Cicero, dessen tendenziösen Unterstellungen und Übertreibungen entgegen zu halten. Dabei protestiert Catull nicht nur im Namen der frei ausgelebten Liebe gegen Ciceros moralisierenden Eingriff in die Privat- und Intimsphäre. Seine Kritik an Ciceros Verhalten im Prozess gegen Caelius hat ihrerseits eine tiefere politischmoralische, soziale und, wenn man will, auch psychologische Dimension; denn es ist wohl nicht falsch, wenn man behauptet, dass Catull, anders als es in der Politik üblich ist, grundsätzlich für zwischenmenschliche Beziehungen eintritt, die von Aufrichtigkeit und Solidarität getragen und nicht strategisch zu bestimmten Zwecken instrumentalisiert sind. Diesem schönen, wenn auch wohl ewig utopisch bleibenden Traum sind – zumindest zwischen den Verszeilen – so manche Stücke seiner Liebeslyrik und nicht zuletzt all seine Freundschaftsgedichte gewidmet. Bevor man der hier entwickelten Möglichkeit der Interpretation von carmen 49 und carmen 58 als zweier inhaltlich verbundener Texte allzu schnell zustimmt, scheint es allerdings ratsam, noch einmal auf die eingangs angedeuteten Vorbehalte und Einschränkungen zurückzukommen. Eingeräumt werden muss, dass die vorgetragene Interpretation von bestimmten, durchaus anfechtbaren Voraussetzungen abhängig und daher keineswegs zwingend ist. In carmen 49 lässt sich der Bezug auf den Caelius-Prozess bestreiten, denn es könnte auch sein, dass sich Catull aus irgendeinem anderen Anlass spöttisch bei Cicero bedankt.33 Was carmen 58 betrifft, kann der Interpretation gleich beim ersten || 33 In der Forschung sind dazu einige überlegenswerte Vorschläge entwickelt worden. Knoche (11958) 143 vermutet, dass Catull in carmen 49 auf Ciceros bekannt abfällige Urteile über die junge Lyriker-Generation (z.B. Tusc. 3.45; Att. 7,2,1) reagiert; Thomson (2003) 322–323 stellt sich als eine Situation vor, auf die sich carmen 49 beziehen lässt, dass Cicero ein eigenes Gedicht an Catull zur Prüfung gesandt habe, der sich nun einerseits dadurch geehrt fühle, andrerseits aber auch sagen möchte, dass er das Gedicht nicht so gut finde; nach Konstan (2007) 80–81 greift Catull mit seinem sarkastischen Spott in carmen 49 Cicero wegen eines politischen Seitenwechsels in den Jahren 56–54 v. Chr. an; denn nachdem Cicero zuvor gegen Vatinius, einen

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Wort des Gedichts der Boden entzogen werden, wenn man sich weigert, die Gleichsetzung des angesprochenen Caelius mit dem von Cicero verteidigten M. Caelius Rufus mitzumachen. Es gibt dann zwar keinen erkennbaren Grund mehr, warum sich Catull hier ausgerechnet an einen Caelius wendet; aber vielleicht erschöpft sich der Sinn der wenigen Verse wirklich darin, dass rein deskriptiv nur eine beklagenswerte Station auf dem langen, gewundenen Weg der Liebe von Catull und Lesbia dem Leser vor Augen geführt werden soll. Zu guter Letzt lässt sich auch leugnen, dass die beiden Gedichte carmen 49 und carmen 58 durch die Erwähnung von Romulus und Remus überhaupt aufeinander bezogen sind – eine solche Motivparallele muss nichts bedeuten, es könnte sich um einen reinen Zufall handeln. Kritiker, die den Vorschlag zur Interpretation der beiden Gedichte nach allen Regeln der Kunst zerfetzen wollen, werden zweifellos noch eine Reihe weiterer Argumente entdecken, die sich bestens dazu eignen.34 Nur sollte dann, im Gegenzug, auch die Verlustrechnung aufgemacht werden. Wenn man der Annahme zuneigt, Lesbia sei von Catull als Figur der Geliebten frei erfunden und nicht nach dem Vorbild der historischen Clodia gemodelt, sollte man sich bewusst sein, dass dann in einigen Gedichten von Catull der historisch konkrete Bezug auf politische Vorgänge in Rom und auf das Verhalten führender Staatsmänner wegfällt. Wenn man dagegen für die alternative Annahme eintritt, also dass Catull bei der Gestalt der Lesbia an Clodia gedacht hat, ist das Interessante daran weniger – so weit lässt sich der Vorwurf der positivistischen Neutralität gegenüber belanglosen Fakten durchaus nachvollziehen – der gewonnene Einblick in das who is who der römischen high society, durch den allenfalls die Lust an Klatsch- und Tratschgeschichten befriedigt wird. Wichtiger und folgenreicher ist die Annahme der Identität von Lesbia und Clodia – und da erscheint der Positivismusvorwurf dann unangemessen – in anderer Hinsicht, nämlich insofern, als sich erst mit Hilfe dieser Annahme bestimmte Aussagen Catulls, die in den Kontext seiner Kritik an den Verhaltensweisen bedeutender Politiker gehören, aufdecken und entschlüsseln lassen.

|| bekannten Anhänger Cäsars, agiert hatte, trat er plötzlich als Verteidiger von Vatinius auf, als dieser von Catulls Freund Calvus angeklagt wurde (vgl. dazu auch Catull. 14,1–3; 52; 53). 34 Dazu gehört allerdings nicht die Vermutung von Stroh (1975) 265 ff., 396–398, Cicero habe in der Rede für Caelius dessen Affäre mit Clodia strategisch zu bestimmten Beweiszwecken erfunden. Unabhängig davon, ob man Strohs Argumentation zu folgen bereit ist, spricht seine Vermutung nicht unbedingt gegen die hier vorgetragene Auffassung von carmen 58; umgekehrt, diese könnte eher noch zur Bestätigung der Stroh’schen Hypothese herangezogen werden, was aber hier unausgeführt bleiben mag.

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Denn, das sollte man sich immer wieder vor Augen halten, wo bewegte sich Catull sonst, wenn er sich in Rom – und sei es auch größtenteils im Gefilde der erotisch-poetischen Phantasie – auf eine Affäre mit einer gut vernetzten Tochter aus nobelstem Hause und Gattin oder Witwe eines allseits respektierten Senators einließ, als in nächster Nähe zu dem engen Kreis der führenden Politiker und höchsten Repräsentanten des Staates, die in der Untergangsphase der Republik teils mit, teils ohne Rücksicht auf den Senat um die Verteilung der Macht kämpften? Es ist zwar wahr, Catull hält in seinen Gedichten den traditionellen römischen Wertvorstellungen, zu denen zuallererst das Engagement für den Staat zählte, epikureisch entspannt und entwaffnend sympathisch die Welt des privaten, kulturell verfeinerten Daseinsgenusses entgegen. Zu leben und zu feiern verstand er, keine Frage, doch war er darum noch lange nicht politisch desinteressiert. Er hat mit wachem Geist und scharfem Blick in der Hauptstadt das politische Tagesgeschehen verfolgt und mit einer bedingungslosen Liebe zur Wahrheit, die noch stärker war als die zu den Frauen, seine riskanten Kommentare hinter der Maske des närrischen, unbedarften Poeten versteckt. Wenn er als ein Trabant der Venus auf seiner Bahn mit den Interessensphären der mächtigsten Männer seiner Zeit kollidierte, war das exakt vorausberechnet, auch wenn es wie ein Unfall aussah. Über den Späßen seiner nugae liegt, der Eindruck trügt nicht, auch ein Schatten sorgenvoller Unruhe, mitunter echten Aufgebrachtseins, und es wäre sicherlich nicht schlecht, wenn man sich mit den politischen Bezügen bei Catull noch intensiver auseinandersetzte.35 Von der Forschung verlangt das eigentlich nur Eines, die Bereitschaft, in der Textur seiner Gedichte nicht bloß mit unterhaltsam fingierten plots, sondern gelegentlich auch mit einem Einschlag historisch-politischer Realität zu rechnen. Das war’s eigentlich, was hier gezeigt werden sollte, tribus cartis doctis, Iuppiter, et laboriosis.

|| 35 Zur Einarbeitung in den Stand der Forschung ist diesbezüglich zu empfehlen: Konstan (2007) mit reichem Literaturverzeichnis.

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Literaturverzeichnis Beck, J.-W. (1996): ‚Lesbia‘ und ‚Iuventius‘: Zwei libelli im Corpus Catullianum. Untersuchungen zur Publikationsform und Authentizität der überlieferten Gedichtfolge, Göttingen (Hypomnemata 111). Commager, S. (1965): Anmerkungen zu einigen Gedichten Catulls, in: Heine (1975), 201–240. Dilthey, W. (11905, 1991): Das Erlebnis und die Dichtung, Leipzig. Fitzgerald, W. (1997): Catullan Provocations. Lyric Poetry and the Drama of Position, Berkeley/Los Angeles/London. Haig Gaisser, J. (2012): Catull. Dichter der Leidenschaft. Aus d. Engl. v. Hartz, C., Darmstadt. Heine, R. (1975): Catull, Darmstadt (WdF 308). Holzberg, N. (2000): Lesbia, the Poet, and the Two Faces of Sappho. „Womanufacture“ in Catullus, PCPhS 46, 28–44. Holzberg, N. (22002): Catull. Der Dichter und sein erotisches Werk, München. Knoche, U. (11958): Erlebnis und dichterischer Ausdruck in der lateinischen Poesie, in: Heine (1975), 133–149. Konstan, D. (2007): The Contemporary Political Context, in: Skinner (2007), 72–91. Kroll, W. (51968): C. Valerius Catullus, Stuttgart. Krostenko, B.A. (2001): Cicero, Catullus and the Language of Social Performance, Chicago/London. Marino, S. (2006): Personenkritik bei Sallust und Catull. Konträre Lebensentwürfe im Rom der ausgehenden Republik, AU 49, 35–44. Muse, K. (2009): Fleecing Remus’ Magnanimous Playboys. Wordplay in Catullus 58.5, Hermes 137, 302–313. Quinn, K. (21999): The Catullan Revolution, London. Schmitt, E.A. (2001): Catull. Überwältigung durch Liebe, in Schmitt, E.A. (Hg.): Musen in Rom. Deutung von Welt und Geschichte in großen Texten der römischen Literatur, Tübingen, 51–64. Skinner, M. B. (1983): Clodia Metelli, TAPhA 113, 273–287. Skinner, M. B. (Hg.) (2007): A Companion to Catullus, Malden/Oxford/Carlton. Stroh, W. (1975): Taxis und Taktik. Die advokatische Dispositionskunst in Ciceros Gerichtsreden, Stuttgart. Stroh, W. (2011): Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom, Berlin. Syndikus, H.P. (11984, 2001): Catull. Eine Interpretation. Erster Teil. Die kleinen Gedichte (1– 60), Darmstadt. Thomson, D.F.S. (2003): Catullus. Edited with a Textual and Interpretative Commentary, Toronto. Wiseman, T.P. (1985): Catullus and His World. A Reappraisal, Cambridge.

Regina Höschele

Et Vergilium faciamus impudentem Die textuelle Defloration eines jungfräulichen Dichters „de seriis ludicrum“ Nicolao septuagenario Innerhalb der letzten Jahrzehnte hat sich in der Klassischen Philologie einiges getan: Lange Zeit vernachlässigte, da als trivial oder epigonal eingestufte Autoren sind vermehrt zum Gegenstand wissenschaftlichen Interesses geworden, während uns moderne literaturwissenschaftliche Methoden vielfach einen neuen Zugang zu kanonischen Texten eröffnet haben. Dass nicht jeder dazu bereit ist, an den Sockeln der Klassiker zu rütteln, mag wenig verwundern – das Ausmaß der Empfindlichkeit mancher Gelehrter bezüglich der von ihnen verehrten Autoren hingegen schon. Niklas Holzberg, der sich während seiner langen Karriere nicht nur erfolgreich um die Erschließung zu Unrecht ignorierter Texte bemüht, sondern auch viele Klassiker auf erfrischend neue und unkonventionelle Weise behandelt hat, bekam einst eine besonders drastische Reaktion auf seine mangelnde Ehrerbietung zu spüren: Kurz nachdem ich seine Bekanntschaft gemacht hatte, klagte er darüber, dass jede Nacht gegen 3 Uhr früh sein Telefon klingelte, sich aber, wann immer er abhob, niemand am anderen Ende der Leitung meldete. Von ἀγρυπνία geplagt, bat er die Telekom um Hilfe, woraufhin eine Fangschaltung installiert wurde und nach mehreren weiteren Anrufen der Anonymus endlich identifiziert werden konnte. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem nächtlichen Störenfried um einen namhaften Philologen, den Holzberg mit einem Catullvortrag so verstört hatte, dass er, schwer traumatisiert, auf Rache sann. Nachdem man ihm solche fernmündlichen Angriffe untersagt hatte, begann er damit, seine tela infesta alle Jahre wieder pünktlich zur Weihnachtszeit in Form schreibmaschinengetippter Karten zu versenden, die zur „Erinnerung an die Afterphilologie“ aufriefen. Auch wenn Vorträge zu antiken Autoren nur selten solch extreme Reaktionen nach sich ziehen, stößt man doch immer wieder auf erstaunliche Sensibilitäten. An und für sich ist so ein anonymer Anrufer freilich etwas durchaus Begehrenswertes, darf er doch als Zeichen dafür gelten, dass Niklas Holzberg mit seiner Arbeit überkommene Ideen ordentlich aufgerührt, ja vielleicht sogar so manches Weltbild ins Wanken gebracht hat. Und zu jedem wahren Klassiker gehört nun einmal, wie wir gleich noch sehen werden, eine solide Anzahl von obtrectatores. Was nun genau skandalträchtig daran sein soll, obszöne Elemente bei einem

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ohne jeden Zweifel obszönen Dichter aufzuzeigen, ist mir bis heute ein Rätsel. Was wäre erst gewesen, hätte er gewagt, eine so altehrwürdige Gestalt wie Vergil mit dergleichen in Verbindung zu bringen? Nun, auch das hat er – wie sollte es denn anders sein? – gewagt, und als wiederum ich vor ein paar Jahren es wagte, einen Essay zu Vergils Eklogen und der Gattung Mimus mit einem Verweis auf ein von Niklas Holzberg besprochenes Martial-Gedicht abzuschließen, entging ich nur äußerst knapp den Fängen der Zensur. In dem Zweizeiler des römischen Epigrammatikers (9,33) wird eine ganz spezielle Art von performance thematisiert. Er lautet: Audieris in quo, Flacce, balneo plausum, Maronis illic esse mentulam scito. Wenn du, Flaccus, in irgendeinem Bad Applaus vernimmst, so wisse, Maros Schwanz ist dort.

Erweckt das Epigramm bis zur Mitte des zweiten Verses den Eindruck, als ginge es um Applaus für eine Gedichtrezitation,1 so wird in dessen zweiter Vershälfte klar, was in Wahrheit Begeisterungsstürme beim Bade-Publikum hervorruft: die riesige mentula eines gewissen Maro. Der besondere Witz des Textes liegt, wie Holzberg nachgewiesen hat, darin, dass die Namen des Adressaten und Protagonisten die beiden römischen Klassiker Quintus Horatius Flaccus und Publius Vergilius Maro evozieren.2 Dabei wird nicht zuletzt suggeriert, der „Schlappschwanz“ Flaccus könne sich hinsichtlich seiner Penisgröße kaum mit dem „großen“ Vergil messen. Als ich nun gegen Ende meines Aufsatzes dieses Epigramm anführte, um zu zeigen, wie ein antiker Autor Vergilius ipse in einer mimushaften Szene imaginierte, wurde ich von Herausgeberseite dazu gedrängt, den Hinweis auf Martial zu unterdrücken sowie den Schluss meines Artikels umzuschreiben, und zwar mit folgender Begründung: „Reference to Vergil’s dick would be an uncomfortable first for Vergilius“. Erst nachdem ein Expertengremium von Vergilianern zu Rate gezogen worden war und ich mich dazu bereit erklärt hatte, das Gedicht selbst nur in einer Fußnote zu zitieren sowie das Wort mentula unübersetzt zu lassen, konnte der Text abgedruckt werden.3

|| 1 Vgl. Kuppe (1972) 116. 2 Vgl. Holzberg (2011). Selbst wenn es sich bei dem Adressaten vordergründig um einen Zeitgenossen Martials handelt, der in seinen Epigrammen 22 Mal Erwähnung findet (vgl. Henriksén 2012 ad 9,33,1) lässt sein cognomen in Verbindung mit demjenigen Vergils eindeutig an Horaz denken; vgl. Henriksén (2012) 148–149. 3 Vgl. Höschele (2013).

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Diese erstaunliche Form von Prüderie im Umgang mit Vergil vonseiten einer philologischen Fachzeitschrift des 21. Jahrhunderts steht in markantem Gegensatz zu dem in der Antike weitverbreiteten, nicht nur bei Martial greifbaren Phänomen eines obszönen Vergils, mit dem ich mich im Folgenden näher auseinandersetzen möchte. Dabei geht es mir nicht etwa um den Vergiltext als solchen, sondern um das, was zeitgenössische und spätere Leser mit Vergil angestellt haben. Denn egal, wie unangenehm diese Idee für so manchen Vergil-Verehrer sein mag, in der Antike wurde der römische Nationaldichter mehr als jeder andere zum Opfer einer vielfachen „Obszönifizierung“. Wie wir sehen werden, nahm das frivole Spiel mit Vergil die unterschiedlichsten Formen an: vom biographischen Konstrukt über intertextuelle Erotisierung und obszöne Umdichtungen bis hin zur semantischen Umkodierung ganzer Vergilverse durch deren gezielte Dekontextualisierung. Ziel des vorliegenden Aufsatzes ist es, einen ersten Überblick über die verschiedenen Arten der lasziven Vergil-Rezeption zu geben und deren Komik vor dem Hintergrund der antiken Vergilkritik zu beleuchten.4

Der „jungfräuliche“ Vergil als homo eroticus und erotischer Dichter Dass gerade Vergil immer wieder aufs Neue in solcher Weise rezipiert wurde, hängt gewiss mit seinem Status als Klassiker und Schulautor zusammen.5 Darüber hinaus dürfte insbesondere der angeblich tadellose Charakter des Dichters, aufgrund dessen man ihm antiken Viten zufolge den Spitznamen „Parthenias“ verlieh sowie sein nomen gentile mit dem lateinischen Wort virgo in Verbindung

|| 4 Eine erschöpfende Behandlung des äußerst vielschichtigen Phänomens ist innerhalb dieses Rahmens kaum möglich, weshalb ich eine größer angelegte Studie zum Thema „Dirty Vergil“ plane. 5 Vgl. Pecere (1975) 25 zur Vergilparodie bei Petron und den Satirikern: „Che tali prestiti siano presi preferibilmente da Virgilio si spiega con la dignità di ‚classico‘ riconosciuta al poeta mantovano e con il culto della sua opera, dichiarata universalmente valida“. In ähnlicher Weise lud auch der griechische Klassiker Homer zu obszönen Parodien ein. So legt etwa Priap in Priap. 68 eine sexuelle Interpretation der beiden Epen vor (vgl. Höschele 2008), und Nikarch AP 11,328 wandelt die Aufteilung des Kosmos in Il. 15,187ff. in eine triporneia-Szene um (vgl. Magnelli 2005).

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brachte,6 dazu eingeladen haben, seine Verse mit einem schlüpfrigen Sinn zu unterlegen und ihn selbst als alles andere denn jungfräulich zu entlarven.7 Dies schlägt sich sowohl in der biographischen Tradition, die Vergil u.a. einen Ehebruch mit Plotia Hieria, der Gattin des Varius Rufus, nachsagte,8 als auch in poetischen Porträts des Dichters nieder. So impliziert Martial, wie gesehen, frech, dass die wahre Größe des vates, den er wiederholt mit Adjektiven wie magnus, summus oder immensus kennzeichnet,9 in den beeindruckenden Dimensionen seiner mentula begründet liegt. In der Welt des Epigrammatikers, der zu Beginn seines Oeuvres programmatisch erklärt, dass Bücher non sine mentula gefallen könnten (1,35,5),10 besteht generell eine enge Verquickung zwischen Dichtung und männlichen Genitalien, die nicht nur als Symbol für eine bestimmte Form von Poesie, sondern auch als Inspirationsquelle fungieren können. In diesem Sinne hat Andreas Heil, in Anknüpfung an Niklas Holzberg, zudem argumentiert, dass der erste Eindruck, in 9,33 gehe es um eine Gedichtrezitation, so falsch nicht sei: Maros viel bewundertes membrum virile emblematisiere einen bestimmten Teil seines dichterischen Korpus, namentlich die Vergil postum zugeschriebene Priapeendichtung,11 als deren Verfasser der römische vates hier rückwirkend „in den Club der obszönen Dichter aufgenommen, und damit zu einem Vorläufer Martials stilisiert“ wird.12 Einer etwas andersgearteten Assoziation von Penis und Poesie begegnen wir in 4,14, wo Martial seinen Zeitgenossen Silius Italicus dazu auffordert, die ihm || 6 Vgl. Vita Suetoniana-Donatiana § 11. Cetera sane vita et ore et animo tam probum constat, ut Neapoli „Parthenias“ vulgo appellatus sit; Vita Serviana, Brugnoli/Stok (1997) 150: Adeo autem verecundissimus fuit, ut ex moribus cognomen acciperet; nam dictus est „Parthenias“, omni vita probatus. Der Name Vergilius wurde möglicherweise volksetymologisch mit dem Sternzeichen der Jungfrau (Virgo) verknüpft; vgl. Brugnoli/Naumann (1990) 577. Wie Brown (1963) 103 erkannt hat, spielt Vergil selbst im Rahmen einer akrostichon-artigen Sphragis (georg. 1,429–433) mit dem lateinischen Adjektiv virgineus (georg. 1,430) auf seinen griechischen Spitznamen an. Vgl. nun auch Stok (2017). 7 Weniger wahrscheinlich halte ich Stoks (2010) 115 Hypothese, dass der Spitzname in Reaktion auf anzügliche Anekdoten zu Vergils Sexualleben entstand. In jedem Fall konnte die Spannung zwischen dem Namen und der Unterstellung eines unmoralischen Lebenswandels zu komischen und apologetischen Zwecken genutzt werden. 8 Vgl. Suerbaum (1983). 9 Vgl. 4,14,14 (magno ... Maroni), 11,48,1 und 12,67,5 (magni ... Maronis), 12,3,1 (summoque Maroni), 14,186,1 (immensum Maronem) mit Holzberg (2011) 71. 10 Zu der in 1,35 formulierten Programmatik vgl. Lorenz (2002) 24–27. 11 Die VSD nennt unter Vergils iuvenilia auch Priapeia. Bei diesen handelt es sich, wie Holzberg (2004) überzeugend argumentiert hat, um die drei den Epigrammen des Catalepton vorausgehenden Priapeen, die dem pseudo-vergilianischen libellus zuzurechnen sind. 12 Heil (2013) 114.

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eigene severitas kurzfristig abzulegen (paulum seposita severitate, V. 6), um sich der Lektüre von Martials saturnalischer Kleinpoesie widmen zu können.13 Das Verhältnis zwischen den beiden Flaviern wird am Ende des Gedichts mit dem von Catull und Vergil gleichgesetzt: Martial malt sich anachronistisch aus, wie Ersterer es vielleicht auf ähnliche Weise wagte, Letzterem seinen passer zukommen zu lassen (V. 13–14): sic forsan tener ausus est Catullus / magno mittere Passerem Maroni. Zunächst einmal ist damit natürlich der die passer-Gedichte enthaltende libellus gemeint,14 aber die sexuelle Konnotation des Spatzes, die Catulls c. 2 und 3 zugrunde liegt und von Martial mehrfach evoziert wird,15 schwingt m.E. auch hier unbedingt mit.16 Obgleich der als tener charakterisierte Kleindichter dem großen Maro längenmäßig unterlegen ist, schreckt er vor erotischen Avancen nicht zurück – Größe allein ist schließlich nicht alles.17 Wird der Zusammenhang von sexueller und dichterischer Potenz in diesen Epigrammen nur andeutungsweise, wenngleich kaum verkennbar, suggeriert, präsentiert Martial das Sexualleben Vergils in 8,55 explizit als Grundbedingung seines Schaffens. Von Flaccus dazu befragt, warum es in der heutigen Zeit keine epischen Dichter vom Rang eines Vergils mehr gäbe, erklärt Martial, dass es an entsprechenden Förderern fehle. Denn Maecenas habe jenem nicht nur finanziellen Reichtum zugesichert, sondern ihm auch den Knaben Alexis überlassen, der eine solch stimulierende Wirkung auf ihn ausübte, dass er sogleich die Bukolik hinter sich ließ und arma virumque zu singen begann.18 Der in ecl. 2 von Corydon begehrte Alexis wird hier als reale Person und Sexualpartner Vergils begriffen, der angeblich jungfräuliche Dichter in einen Knabenliebhaber transformiert.

|| 13 Vgl. V. 10–12: nostris otia commoda Camenis, / nec torva lege fronte, sed remissa / lascivis madidos iocis libellos („Widme deine freie Zeit meinen Camenen, und lies meine in frivolen Witzen getränkten Büchlein nicht mit finsterer, sondern mit entspannter Stirn“). Zum Kontrast zwischen epischem Ernst und symposialer Heiterkeit in dem Epigramm vgl. Neger (2012) 301–304. 14 Als Inzipit des auf das Proöm folgenden Gedichts konnte passer als Buchtitel verwendet werden. 15 Zur obszönen Deutung von Catulls passer vgl. Giangrande (1975), Nadeau (1984), Hooper (1985). Zum catullianischen passer bei Martial vgl. Neger (2012) 62–68. 16 Entgegen Mindt (2013) 147, die eine sexuelle Konnotation von passer in diesem Gedicht ohne überzeugende Argumente abstreitet. 17 Cf. Nadeau (1984) 863: „While, sexually, it implies that Catullus’ passer (sens. obsc.) was of more modest proportion than Virgil’s (and therefore Martial’s than Silius’), on the other hand, tener, in its stylistic sense, is the epithet proper to erotic poetry. There is therefore the implication that Martial’s poetry is more exciting (sexually) than Silius’.“ 18 Zu dem Gedicht vgl. Obermayer (1998) 44–47, Neger (2012) 282–289 und Mindt (2013) 110– 116.

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Martial ist im Übrigen nicht der Einzige, der Vergil erotisches Verlangen nach einem puer delicatus zuschreibt; vielmehr scheint er hier (und anderswo19), in etwas abgewandelter Form, die biographische Tradition zu reflektieren, der zufolge Asinius Pollio dem Dichter seinen eigenen puer Alexander zum Geschenk machte.20 Auch wenn Vergil als Verfasser der Aeneis eine Gattung vertritt, von der Martial sich dezidiert abgrenzt, erscheint somit sein dichterisches Schaffen wie auch seine Person ganz im Sinne des epigrammatischen Genres sexualisiert. Eine generische Annäherung Vergils an das erotische Oeuvre eines anderen Autors finden wir auch bei Properz, der im letzten Gedicht seines 2. Buches einem von Liebe ergriffenen Freund vom Verfassen episch-tragischer Dichtung abrät und stattdessen die Komposition leichter Verse ans Herz legt. Eingebaut in seine literar-erotischen Ausführungen ist eine umfassende Hommage an Vergil (2,34,61–80), dessen soeben im Entstehen begriffene Aeneis Properz schon jetzt als „etwas Größeres denn die Ilias“ (nescio quid maius nascitur Iliade, 2,34,66) anpreist. Begibt sich Vergil mit seinem Epos auf ein dem Elegiker fremdes Terrain, so ist die erotische Welt der Eklogen weitaus eher mit Properzens Poetik vereinbar, und es ist somit kein Zufall, dass er in seiner Hommage dessen bukolischem Werk sowohl proportional als auch absolut das größte Gewicht verleiht: Wie Richard Thomas beobachtet hat,21 entsprechen in diesem Abschnitt den 12 Büchern der Aeneis (man darf davon ausgehen, dass der Umfang des Epos bereits bekannt war) sechs Verse und den vier Büchern der Georgica nach demselben Prinzip zwei, während die Eklogen in direkter Relation zu ihrer Zehnzahl in zehn Versen abgehandelt werden.22 Von einer Obszönifizierung Vergils können wir in diesem Fall freilich nicht sprechen, doch bereitet die Verlagerung des Fokus auf den erotischen Teil seines Oeuvres tendenziösen Formen der Lektüre und Repräsentation vergilianischer Dichtung den Weg. Auffällig ist, dass Properz die erotischen Elemente der Aeneis vollständig ausblendet und das Epos so der elegischen Welt diametral entgegenstellt.23 An Properz anknüpfend24 geht Ovid in Tristia 2 einen Schritt weiter: In seinem Versuch, die Ars Amatoria gegenüber Augustus zu verteidigen, bietet er || 19 5,16,12; 6,68,6; 7,29,7; 8,63,1; 8,73,10. 20 Vgl. VSD §9, Servius zu ecl. 2,1 und 15, Apul. apol. 10. 21 Vgl. Thomas (1996) 241–244. 22 Zur Repräsentation von Vergils Dichtung in Properz 2,34 vgl. O’Rourke (2011), der bemerkt (488): „... the elegist’s strategy of tendentious exclusion and misrepresentation constructs Virgil as a poet both like und unlike Propertius“. 23 Vgl. O’Rourke (2011) 471–473. 24 Zur Relation der Ovid-Passage zu Properz vgl. Barchiesi (1997) 27–28.

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eine ganze Literaturgeschichte sub specie amoris25 mit dem Argument, dass andere ja auch straflos von ähnlichen Dingen gesungen hätten. Selbst die vom Prinzeps so geschätzte Aeneis wird in diesem Sinne vereinnahmt (trist. 2,533–536): Et tamen ille tuae felix Aeneidos auctor contulit in Tyrios arma virumque toros, nec legitur pars ulla magis de corpore toto, quam non legitimo foedere iunctus amor. Doch selbst der glückliche Autor deiner Aeneis hat die Waffen und den Mann in ein karthagisches Bett verfrachtet, und kein Teil des gesamten Werkes wird mehr gelesen als die Geschichte von der widerrechtlichen Liebesvereinigung.

Ovid behauptet hier nicht nur, dass kein Teil der Aeneis so oft gelesen werde wie das von Ehebruch handelnde 4. Buch,26 sondern verwandelt auch, wie Richard Tarrant es markant formuliert hat, das Inzipit des Epos in ein obszönes Hendiadyoin27: aus den Waffen und dem Mann wird entsprechend der weitverbreiteten sexuellen Konnotation von arma der „mit einer Erektion bewaffnete“ Mann.28 Einer solch obszönen Umdeutung von Vergils eigenen Worten werden wir im Folgenden noch häufiger begegnen. In den besprochenen Passagen wird der jungfräuliche Dichter somit gezielt als homo eroticus bzw. als Vertreter einer leichten Muse präsentiert. Als Autor von „Verslein, denen der nötige Ernst fehlt,“ erscheint Vergil auch bei Plinius, der in epist. 5,3 seine eigenen versiculi severi parum (5,3,2) mit dem Hinweis darauf verteidigt, dass die „gelehrtesten, gewichtigsten und unantastbarsten Männer“ (doctissimos gravissimos sanctissimos homines, 5,3,3) ebenfalls dergleichen komponiert hätten. Es folgt ein langer Katalog berühmter Staatsmänner und Schriftsteller, an dessen Ende Vergil zusammen mit Nepos, Accius und Ennius genannt

|| 25 So die Formulierung Contes (1994) 357. Das telos von Ovids Literaturgeschichte ist die erotische Elegie; frühere Texte und Genres werden von ihm rückwirkend als proto-elegisch interpretiert; vgl. Ingleheart (2010) 21–24. 26 Vgl. Barchiesi (1997) 27: „The adjective legitimo is in marked assonance with the verb legitur, and this echo suggests (a great socioliterary truth) that only stories of ilLEGitimate love (the Ars has been incriminated for singing the praises of extramarital relationships) are pleasurably LEGible“ 27 Tarrant (2002) 24. 28 Vgl. auch Barchiesi (1997) 27: „Tyrios toros, a poetic and ironic plural, multiplies the Phoenician (luxurious, sensual, exotic) and Carthaginian (anti-Roman) loves of Aeneas, and by means of the hyperbaton makes them enclose arma virumque: now the part (Aeneid 4) contains the whole, and epic is subordinated to eros.“

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wird.29 Auch wenn aus dem Brief nicht hervorgeht, welche „Verslein“ Vergils gemeint sind, ist gut möglich, dass Plinius sich nicht auf dessen eigentliches Oeuvre bezieht, sondern auf pseudepigraphe Texte, die den römischen Nationaldichter als Verfasser frivoler Gedichte imaginieren; vielleicht denkt er sogar ganz konkret an Teile des uns erhaltenen Catalepton.30 Der sich als Jugendwerk Vergils ausgebende libellus umfasst neben den oben erwähnten Priapeen nicht nur einige Erotika, sondern auch mehrere Invektiven derb-obszönen Inhalts.31 Es handelt sich bei der Sammlung offensichtlich um den poetischen lusus eines Anonymus, der uns durch die Edition fiktiver iuvenilia den hehren Klassiker in gänzlich ungewohntem Licht vorführt: als jungen, stark von Catull inspirierten Dichter, der die Macht des Eros am eigenen Leib zu spüren bekommt und vor verbaler Aggressivität gegen ihm unliebsame Personen nicht zurückschreckt.32 Im Rahmen des vorliegenden Artikels kann ich diesem faszinierenden literarischen Konstrukt nicht näher nachgehen,33 doch es steht festzuhalten, dass sich in der so erzeugten Vision eines ursprünglich lasziven Vergil das auch sonst zu beobachtende Bestreben manifestiert, seine biographische und dichterische persona zu sexualisieren.

Rückwirkende intertextuelle Erotisierung Eine weitere Form intertextueller Erotisierung kann durch die Evokation vergilianischer Verse in einem frivolen, die Seriosität des Modells unterminierenden Kontext erfolgen. Eines der wohl bekanntesten Beispiele hierfür liefert wiederum

|| 29 Plinius’ Apologie steht in der Tradition Catulls, dessen carmen 16 den Unterschied zwischen Dichtung und Lebensführung zum ersten Mal programmatisch formuliert. Markiert wird diese Affinität nicht zuletzt durch den Ausdruck versiculi severi parum, der Catulls [versiculi] molliculi et parum pudici (16,8) evoziert. Eine ähnliche Verteidigung seiner Poesie, mit expliziter Bezugnahme auf den Neoteriker, findet sich in epist. 4,14; vgl. Marchesi (2008) 71–78. 30 Vgl. Peirano (2012) 79 Anm. 22. 31 Bezeichnend für die lange Zeit ausschließlich an der Echtheitsfrage interessierte Forschung ist, dass insbesondere die jambischen Gedichte aufgrund ihrer Obszönität dem im Sinne der biographischen Tradition als jungfräulich-rein betrachteten Vergil abgesprochen wurden. So etwa Westendorp Boerma (1963) 77–78 zu catal. 13: epodus tam obscenus est, ut minime conveniat in eum, qui adeo laudabatur ob castitatem pudicitiamque, ut Parthenias vulgo appellaretur. 32 Dass das Catalepton als Werk eines Vergil impersonator für eine lineare Lektüre konzipiert ist, hat Holzberg (2004) und (2005) überzeugend nachgewiesen; ihm folgt Peirano (2012) Kap. 2. Vgl. auch Holzberg (im Druck). 33 Vgl. hierzu Höschele (in Vorbereitung).

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Ovid, der in seiner Ars Amatoria die berühmten Worte der Sibylle hoc opus, hic labor est (Aen. 6,129) auf eine völlig andersgeartete Situation überträgt: Laut dem praeceptor amoris besteht die eigentliche Kunst und Herausforderung nicht, wie in der Aeneis, im Wiederaufstieg aus der Unterwelt, sondern darin, ein Mädchen ohne Geschenke ins Bett zu bekommen. Denn „damit sie nicht umsonst gegeben hat, was sie gab, wird sie weiterhin geben“ (Ov. ars 1,454): ... facilis descensus Auerno: noctes atque dies patet atri ianua Ditis; sed reuocare gradum superasque euadere ad auras, hoc opus, hic labor est. (Verg. Aen. 6,126–129) … leicht ist zum Avernus der Abstieg: / Tag und Nacht steht offen die Pforte des düsteren Pluto; / aber zurückzulenken den Schritt und ans Licht zu gelangen, / das ist Arbeit, ist Mühe.34 Hoc opus, hic labor est, primo sine munere iungi; ne dederit gratis quae dedit, usque dabit. (Ov. ars 1,453–454)

Diese Stelle findet man in der Literatur immer wieder als Musterbeispiel für Ovids Kunst der Parodie angeführt,35 doch beschränken sich die Bemerkungen i.d.R. auf die bloße Feststellung der Anverwandlung – das volle Ausmaß des intertextuellen Witzes hat hingegen, soweit ich sehe, bislang niemand gewürdigt. Dieser besteht m.E. nicht nur in der Diskrepanz zwischen den beiden Kontexten, sondern darin, dass Ovid die Katabasis-Szene Vergils rückwirkend mit einer obszönen Konnotation versieht. Denn assoziiert man bei der Lektüre von Sibylles Rede den entsprechenden Passus der Ars, dann lassen sich ihre einleitenden Worte „leicht ist zum Avernus der Abstieg: / Tag und Nacht steht offen die Pforte des düsteren Pluto“ (Aen. 6,126–127) auch als Chiffre für sexuelle Penetration und leichte Verfügbarkeit lesen.36 In diesem Sinne korrigiert Ovid also gleichsam die Behauptung der Sibylle: Auch wenn das Eindringen bei Gabe reichlicher Geschenke (so die metaphorische Umdeutung von Dis!) leicht sein mag, komme es nun einmal darauf an, primo sine munere iungi. Ironischerweise scheint sich, wie

|| 34 Alle Übersetzungen von Aeneis-Passagen sind Holzberg (2015) entnommen. 35 Vgl. z.B. Hollis (1977) ad loc, Steudel (1992) 117–118, Tarrant (2002) 24, Fulkerson (2016) 50. 36 Schwitter (2016) 197 beobachtet Ähnliches im Zusammenhang mit Ausonius’ weiter unten zu betrachtendem Cento nuptialis und spricht treffend von einer „Rückkoppelung der erotischen Aktualisierungen auf den Prätext selbst“.

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Markus Janka beobachtet hat,37 Apoll in Ovids Metamorphosen bei seinem Versuch, die junge Sibylle zu verführen, gerade nicht an diese Lehre gehalten zu haben, wollte er sie doch durch reiche Geschenke zur Aufgabe ihrer Jungfräulichkeit bewegen (dum praecorrumpere donis / me cupit, met. 14,134–135). Ein Kontrast zwischen Apolls Verhalten und den Anweisungen des praeceptor amoris wird nicht zuletzt dadurch nahegelegt, dass die Sibylle Aeneas von den erotischen Avancen des Gottes beim Wiederaufstieg aus der Unterwelt berichtet. Durch Einbettung dieser Geschichte in die Anabasis-Szene verknüpft Ovid die so unterschiedlichen Anstrengungen und Mühen (hoc opus, hic labor) der beiden Texte auf intrikate Weise. Darüber hinaus lädt er uns nochmals zu einer obszönen Umdeutung der Vergilverse ein, indem er seine Sibylle sagen lässt: si mea virginitas Phoebo patuisset amanti („wenn meine Jungfräulichkeit Phoebus in seinem Begehren offen gestanden hätte“, met. 14,133). Denn eben dieses Verb, patere, wird bei Vergil vom Tor des Hades (patet atri ianua Ditis) verwendet. Dessen permanente Öffnung, die sich vor dem Hintergrund der Ars als Metapher für sexuelle Verfügbarkeit verstehen lässt, steht in markantem Kontrast zur „Verschlossenheit“ der Sibylle.

Obszöne Vergiliana in pompejanischen Graffiti Während Ovids arte allusiva dem Prätext auf spielerisch-suggestive Weise einen erotischen Sinn unterlegt, finden sich unter pompejanischen Graffiti einige explizit obszöne Umdichtungen vergilianischer Verse bzw. Verspartien. In dem ersten Beispiel, das ich betrachten möchte, unterläuft die der Aeneis entstammende Junktur stagna refusa (Aen. 1,125–126) eine erstaunliche Metamorphose: An die Stelle der am Meeresgrund befindlichen Wasser, die durch den Sturm zu Beginn des Epos aus tiefster Tiefe heraufgewirbelt werden (imis / stagna refusa vadis), tritt eine gänzlich andersgeartete Flüssigkeit (CLE 956 = CIL IV 2066 mit S. 215, 465, 704): [moles] multa mihi curae cum [pr]esserit artus, has ego mancinas, stagna refusa, dabo.

Der Text des am Hause von Holconius Rufus (VIII 4,4) angebrachten Graffito gibt einige Rätsel auf, da er nicht nur lückenhaft ist, sondern auch über eine merkwürdige Syntax verfügt und obendrein ein Hapax legomenon (mancina) enthält.

|| 37 Janka (2007) 230.

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Doch dürfen wir mit Bücheler (ad CLE 956,2), der mancina von manus (Hand) herleitet,38 davon ausgehen, dass der Sprecher sich, wann immer seine Glieder von Sorgen niedergedrückt werden (V. 1), durch Masturbation Erleichterung verschafft39: Aus den stagna refusa der Aeneis ist das Ejakulat eines sich selbst befriedigenden Mannes geworden, aus dem epischen, das ganze Meer aufwühlenden Sturm eine stürmische Handbewegung. Während hier eine vergilianische Junktur durch Verwendung in einem obszönen Kontext eine neue, sexuelle Bedeutung erhält, verwandelte ein gewisser Zosimus den Beginn von Vergils 3. Ekloge durch geringfügige Modifikation eines Wortes in eine Aufforderung zum Geschlechtsverkehr. Anstelle von dic mihi, Damoeta, cuium pecus? an Meliboei („Sag mir, Damoetas, wem gehört das Vieh hier? Etwa dem Meliboeus?“) lesen wir auf einer im Viridarium des M. Casellius Marcellus befindlichen Säule (CLE 405; CIL IV 5007 = 3299, 3300): Det mihi Damoeta felicior quam Phasiphae. Haec omnia scripsit Zosimus. Damoetas soll’s mir geben, und er wird beglückter als Pasiphae sein. All dies hat Zosimus geschrieben.40

Nicht nur evoziert Zosimus das Inzipit von ecl. 3, sondern er preist seine Potenz auch ganz nach bukolischen Kriterien an, wenn er behauptet, Damoetas besser befriedigen zu können als der mythische Stier Pasiphae.41 Darüber hinaus fasst er, wie ich vorschlagen möchte, dessen Namen volksetymologisch als Kombination des lateinischen Imperativs da mit dem griechischen Personalpronomen μοι auf. In seiner Interpretation bedeutet „Da-moe-tas“ also nichts anderes als „Gib’s mir“ und repliziert somit den Beginn des Graffito (det mihi). Dieses zweisprachige Wortspiel wiederum passt bestens zu der Tatsache, dass der lateinische Text höchstwahrscheinlich von einem griechischen Sklaven verfasst wurde, der in unmittelbarer Nähe weitere lateinische und griechische Graffiti angebracht hat (CIL

|| 38 Ihm folgt auch der TLL zu mancina. 39 Bücheler verweist zu V. 2 auf Martial 9,41, wo ebenfalls im Zusammenhang mit Masturbation von einer Hand die Rede ist: numquam futuis sed paelice laeva / uteris et Veneri servit amica manus („du fickst niemals, sondern benutzt deine Linke als Mätresse, und deine Hand dient dir als Freundin in der Liebe“). Varone (2002) 94 übersetzt das Graffito wie folgt: „When the weight of cares oppresses my limbs, I use my left hand to let the liberating gushes spurt out“. 40 Es handelt sich um das einzige mit einer Autorsignatur versehene vergilianische Graffito, vgl. Joly (1978) 97. Die Vokativform Damoeta wurde fälschlicherweise für den Nominativ beibehalten. 41 Vgl. Varone (2002) 134.

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IV, 5007–5052) (seine Schreibwut verleitete della Corte dazu, Zosimus als „saccente greculo grafomane“ zu bezeichnen).42

Conticuere omnes und die Jagd nach vergilianischen cacemphata In den beiden genannten Beispielen haben wir es eindeutig mit einem Virgile immoralizé zu tun. Im Falle eines weiteren Vergilzitats, das sich in Pompeji erstaunlicher Beliebtheit erfreute, ist eine sexuelle Konnotation nicht sogleich ersichtlich, wird aber zumindest einmal durch den Fundort nahegelegt. Es überrascht wenig, dass unter allen Vergilversen, die an pompejanische Wände gekritzelt wurden,43 das Inzipit der Aeneis (arma virumque) am häufigsten, nämlich 16 Mal, anzitiert wird.44 Fast genauso oft (nämlich 14 Mal) begegnen wir dem Beginn des zweiten Buches, wo das allgemeine Verstummen der in Didos Palast versammelten Gäste angesichts von Aeneas’ einsetzender Rede beschrieben wird: conticuere omnes intentique ora tenebant („Alle schwiegen nun still, und die Mienen waren voll Spannung“). Zitiert werden fast immer nur das einleitende Verb oder auch die beiden ersten Worte; nur einmal ist der Vers bis intentiq ausgeschrieben (CIL IV 3889). Gewiss spiegelt sich in der häufigen Wiedergabe dieser zwei Inzipits der besondere Bekanntheitsgrad der beiden ersten Aeneis-Bücher wider, der nicht zuletzt daher rührt, dass in der Schule die Anfangspartien eines Werks eingehender behandelt wurden als der Rest. Dabei ist die Junktur arma virumque vermutlich schnell auf ähnliche Weise in den Volksmund eingegangen wie etwa Shakespeares „to be or not to be“, das vielen auch ohne Kenntnis des Hamlet geläufig ist. Selbst wenn das zweite Buch der Aeneis ebenfalls zur Schullektüre diente, so mutet es auf den ersten Blick seltsam an, dass das weitaus weniger markante conticuere omnes fast ebenso häufig zitiert wird wie arma virumque. Freilich mag sich ein gewisser Witz ergeben, wenn man die Bemerkung „alle waren sie still“ mit Kristina Milnor als eine Art ironischen Meta-Kommentar zum inschriftlichen Stimmengewirr benachbarter Graffiti versteht: „The joke of writing ‚everyone was silent’ on a wall – especially a wall which most of the time also contained other graffiti – is not just to nudge the reader to recall happy days in the schoolroom

|| 42 Della Corte (31965) 196. 43 Vgl. hierzu allgemein Della Corte (1940); Hoogma (1959); Milnor (2014) 233–272. 44 Vgl. die Appendix in Milnor (2014) 263–268.

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consuming Virgil’s poem; it also serves to call attention to the lack of silence, or the lack of a lack of speech, which is represented by the presence of the words on the wall.“45 Einen komischen Effekt hat das conticuere, wie ich meine, ganz bestimmt in dem Fall, wo es zusammen mit einer Vielzahl obszöner Schmierereien an einer Wand des größten pompejanischen Bordells, dem lupanar von Africanus und Victor, erscheint (CIL IV 2213). Aus derselben Hand stammen drei weitere, unmittelbar daneben angebrachte Graffiti (IV 2210–12): „ich will arschficken“ (piidicarii volo), „wir haben’s gesehen“ (vidimus hoc) und „Siegerin Victoria – leb wohl“ (Victrix Victoria ave). Da nun auch rundherum in allen möglichen Variationen vom „Ficken“ die Rede ist, kann man gar nicht umhin, conticuere in irgendeiner Form zum Geschehen im lupanar in Bezug zu setzen. Was genau alle zum Verstummen gebracht haben soll, bleibt allerdings offen: Ist es das Staunen über die sexuelle Potenz eines sich hier verewigenden Freiers, haben wir uns das Stillschweigen als Folge von irrumatio zu denken (wie in Cat. 74), oder ist hier jemand einfach froh, dass im Nachbarzimmer nach besonders lautstarkem Sex endlich Ruhe eingekehrt ist? Welche Intention auch immer hinter dem Vergilzitat gesteckt haben mag – eindeutig lässt sich diese kaum mehr bestimmen –, der Ort seiner Anbringung lädt auf jeden Fall dazu ein, das Verstummen als Reaktion auf sexuelle Handlungen zu begreifen. Von Bedeutung mag in diesem Kontext zudem sein, dass das Inzipit von Buch 2 offenkundig auch in einer Variante zirkulierte, die aufgrund ihrer potentiellen Doppeldeutigkeit als anstößig empfunden wurde. So führt der Grammatiker Marius Plotius Sacerdos die zweite Vershälfte in der Lesart arrectique ora tenebant als Beispiel für eine Aischrologie an, bei der obscenis verbis etwas an sich Unanstößiges (honestum intellectum) zum Ausdruck gebracht wird (im Gegensatz zum so genannten cacemphaton, wo harmlose Worte etwas Unanständiges bezeichnen).46 Liest man nun arrecti anstelle von intenti, so lässt sich der Vers auch wie folgt verstehen: „Es verstummten alle und hielten, mit steifem Schwanz, ihr Antlitz gerichtet auf...“ Könnte eine solche Assoziation hinter der Beliebtheit der conticuere-Graffiti stecken? Leider lässt sich nicht nachweisen, wie weit verbreitet diese Version war und ob sie vor 79 n. Chr. überhaupt schon || 45 Milnor (2014) 251. Ähnlich selbstreflexiv ist ein an mehreren Orten angebrachtes Gedicht, dessen Sprecher sich darüber wundert, wieso die Wand vor lauter Graffiti noch nicht eingestürzt ist: admiror o pariens te non cecidisse [ruin]is / qui tot scriptorum taedia sustineas (CLE 957 = CIL IV 1904, 2461, 2487). 46 Ars Grammatica 1,9 (GL 6,453,19–23): De aeschrologia. Aeschrologia est verborum turpitudo, non intellectus, ‘conprime sis iram’ et ‘arrectique ora tenebant’ et Cicero ‘teneat nunc Metellus testes meos’. Inter cacenphaton ergo et aeschrologian hoc est, quod cacenphaton honestis verbis turpem continet sensum, aeschrologia vero obscenis verbis honestum exprimit intellectum.

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existierte. In allen auf uns gekommenen Handschriften ist ausschließlich intenti überliefert, und das einzige Graffito, das mehr als die beiden Anfangsworte des Verses zitiert, bietet ebenfalls intenti. Der einzige Beleg für arrecti findet sich also in einem vermutlich Ende des 3. Jhs. n. Chr. verfassten Traktat. In allen von mir eingesehenen Ausgaben der Aeneis ist arrecti nicht einmal als varia lectio erwähnt – einzig Ribbeck spekuliert in seinen Prolegomena, arrecti sei obtrectatoris nescio cuius malignitate an die Stelle von intenti gesetzt worden.47 Diese These halte ich jedoch für verfehlt, da Vergilkritiker,48 wie wir gleich noch sehen werden, ja gerade am überlieferten Text Anstoß nahmen, diesen jedoch nicht aus Böswilligkeit umdichteten, um ihn hinterher kritisieren zu können. Doch wie erklärt sich nun, dass Sacerdos die Lesart arrecti vorlag? Entstammt sie etwa einer Vergilparodie und hat sich zeitweise in die Überlieferung eingeschlichen? Oder könnte es sein, dass Vergil selbst ursprünglich arrecti geschrieben hatte? Immerhin benutzt er dasselbe Partizip Perfekt mehrmals in ähnlichem Zusammenhang, wo es um (mentale) Gespanntheit geht: Aen. 1,152 (silent arrectisque auribus astant); Aen. 1,579 (his animum arrecti dictis); Aen. 2,303 (arrectis auribus asto), Aen. 5,643 (arrectae mentes). Auch wenn es sich kaum belegen lässt, so ist angesichts dieser Parallelen m.E. zumindest denkbar, dass arrecti auf Vergil selbst zurückgeht, diese Lesart jedoch aufgrund ihrer potentiellen Anstößigkeit durch das auf den ersten Blick unverfänglichere intenti ersetzt und verdrängt wurde.49 Es ist in jedem Fall bemerkenswert, dass der in Pompeji vielerorts, nicht zuletzt in einem Bordell, anzitierte Vers auch in einer Variante existierte, welche die Vorstellung einer regelrechten Massenerektion hervorrufen konnte. Dass bereits in der Antike Versuche unternommen wurden, solche double entendres durch

|| 47 Ribbeck (1866) 211. 48 Zu Vergils obtrectatores vgl. Görler (1987). 49 Das Partizip intentus ist freilich auch vergilianisch: Aen. 5,137: intenti exspectant signum; Aen. 7,380: intenti ludo exercent; Aen. 3,716: intentis omnibus; Aen. 7,251: intentos volvens oculos. Sowohl das Verb tendere als auch damit verbundene Formen (wie tentigo und intentus) konnten allerdings ebenfalls mit Bezug auf eine Erektion verwendet werden (siehe Adams 1982, 21); vgl. z.B. Martial 11,58,1 (cum me velle vides tentumque, Telesphore, sentis) und Hor. sat. 1,5,83–84 (… somnus tamen aufert/intentum veneri). Diomedes Ars 1 (Keil p.376,10–11) bemerkt sogar, dass der Wagen, mit dem Götterbilder bei den Zirkusspielen transportiert wurden, tensa – und nicht tenta – genannt werde, da man in dem sakralen Kontext ein cacemphaton vermeiden wolle (sed quia cacemphaton videtur, deorum vehiculum tensam dixerunt, ne verbum turpe sonaret in sacris). Da jedoch kein antiker Grammatiker Vergil für die Verwendung des Partizips intenti kritisiert, ist anzunehmen, dass dieses nicht in dem selben Maß zu obszönen Assoziationen einlud wie arrecti.

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Konjektur aus dem Vergiltext zu tilgen, wird im Übrigen durch eine Notiz des Servius Auctus belegt, der zufolge Probus und Carminius mit eben diesem Ziel ein Wort in Aen. 8,406 emendierten. Die beanstandete Passage beschreibt, wie Venus und Vulcan miteinander schlafen, nachdem die Göttin ihren Gatten um Waffen für Aeneas gebeten hat: optatos dedit amplexus placidumque petivit coniugis infusus gremio per membra soporem Er ... gewährte ihr die ersehnte Umarmung und suchte, hinein sich versenkend, / in den Schoß der Gemahlin, sanften Schlaf in den Gliedern.

Probus und Carminius hielten die Form infusus für ein cacemphaton, da das Wort, auf Vulcan bezogen, dessen Samenerguss evozieren könnte, weshalb sie das Partizip, zu infusum abgeändert, lieber mit dem Schlaf (soporem) verbanden.50 Interessanterweise fand diese lectio sogar Eingang in die handschriftliche Tradition (der Vergilius Romanus liest infusum, und im Vergilius Palatinus wurde der Akkusativ durch einen Corrector am Rand wiederum zu einem Nominativ abgeändert). Im Gegensatz zu den zwei Kritikern hielten, Aulus Gellius (9,10) zufolge, der in hadrianischer Zeit lebende Dichter Annianus und viele andere eben diese Passage für besonders geglückt und bewunderten Vergil dafür, wie er die Vereinigung von Vulcan und Venus – eine Sache, welche die lex naturae offen darzustellen verbiete – durch wohlgewählte Worte (puris honestisque verbis) auf dezente Weise zu umschreiben verstand (verecunda translatione verborum). Ihre Einschätzung teilend, zeigt Gellius wenig Verständnis für die Kritik des Annaeus Cornutus, der selbst an diesen Versen etwas auszusetzen fand und meinte, Vergil habe sich bei der Wahl des Wortes membra „ein bisschen zu unvorsichtig“ (paulo incautius) ausgedrückt. Im Übrigen scheint die gesamte Passage so manchem Leser ein Dorn im Auge gewesen zu sein, da Venus hier vom eigenen Gatten Hilfe für ihren unehelichen Sohn erbittet. So spricht etwa Servius ad Aen. 8,373 von einem „unmoralischen Anliegen“ (petitio inpudica), und bei Macrobius (1,24,6) heißt es sogar, Vergil hätte die Aeneis zu Recht verbrennen wollen, um seinen Ruf zu wahren – denn neben vielen anderen im Epos enthaltenen pudenda sei insbesondere das Vorgehen der Venus in Buch 8 verurteilenswert.51

|| 50 Probus vero et Carminius propter sensum cacemphaton „infusum“ legunt, ut sit sensus: dormiit cum conjuge dormiente, id est petiit soporem infusum etiam conjugis gremio. Zu der Stelle vgl. Georgii (1891) 364–365. 51 qui enim moriens poema suum legavit igni, quid nisi famae suae vulnera posteritati subtrahenda curavit? Nec immerito. Erubuit quippe de se futura iudicia, si legeretur petitio deae precantis

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Dass sich die Gemüter an einer Sex-Szene entzündeten, mag wenig verwundern. Die Jagd nach vergilianischen cacemphata machte jedoch keineswegs hier Halt, sondern erstreckte sich auf das gesamte Werk und nahm z.T. aberwitzige Formen an. Vergil wurde nicht nur für unglückselige Lautkonstellationen wie Dorica castra (eine das Verb ca-care evozierende Junktur52) gerügt, sondern man identifizierte auch an allen möglichen Stellen frivole double entendres, wie z.B. im Falle des goldenen Zweiges, den die Sibylle unter ihrem Gewand versteckt hält (ramum qui veste latebat, Aen. 6,406).53 Ja, Celsus ging sogar so weit, Vergils Beschreibung des sturmgepeitschten Meeres in den Georgica (incipiunt agitata tumescere, georg. 1,357) für anstößig zu erklären (Quint. 8,3,47). Quintilian, der die obsessive Suche nach cacemphata verurteilt und das Problem nicht bei den Autoren, sondern bei den Lesern sieht,54 bemerkt hierzu lapidar: „Wenn man [Celsus’ Kritik] akzeptiert, dann lässt sich überhaupt nichts mehr mit Sicherheit sagen“.55 Freilich kann man sich ganz gut vorstellen, wie pubertierende Schuljungen sich über eben solche Ausdrücke amüsierten und mit derartigem Leseverhalten konfrontierte Grammatiker entsprechend sensibilisiert waren.56

|| filio arma a marito cui soli nupserat nec ex eo prolem suscepisse se noverat. („Denn indem er sein Werk im Sterben dem Feuer vermachte, was suchte er anderes zu bezwecken, als der Nachwelt bezüglich seines Ruhms mögliche Angriffspunkte zu entziehen? Und Grund dazu hatte er; trieb es ihm doch bei der Vorstellung künftiger Urteile über sich selbst die Schamesröte ins Gesicht, wenn man läse, wie die Göttin für ihren Sohn Waffen von ihrem Gatten erbat, mit dem allein sie verheiratet war und von dem sie, wie ihr wohl bewusst war, keinerlei Nachwuchs hatte“). 52 Vgl. Serv. ad Aen. 2,27 (siehe auch Aen. 6,88; Achaica castra, 2,462; glauca canentia, georg. 2,13; caeca caligine, Aen. 3,203). Zur Lautwiederholung in Ausdrücken wie Dorica castra, vgl. Godel (1984). 53 Diomedes Ars 2 Keil 1, p. 451,7 zu Aen. 6,406. Er wertet im Übrigen auch Sallusts arrexit animos militum als Aischrologie (p. 451,2). 54 8,3,45: quam culpam non scribentium quidem iudico sed legentium. 55 quod si recipias, nihil loqui tutum est. Die Georgica-Verse zählen für ihn zu den Worten quae longissime ab obscenitate absunt. 56 Zum Umgang mit Obszönität bei römischen Grammatikern und Rhetoren vgl. Ziolkowski (1998), der bemerkt (49): „Probably because grammarians and rhetoricians had to cope daily with the highly limited but sexually supercharged and cloacally inclined imaginations of adolescent boys, they also attended closely to double meanings that might be found laughable or shocking and that probably occurred unintentionally“.

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Obszöne Umkodierung vergilianischer Verse Während jene den römischen Dichter für seinen unachtsamen Wortgebrauch tadelten, machten sich verschiedene Autoren gerade einen Spaß daraus, Vergils Worte zu obszönifizieren. Wir haben bereits gesehen, wie einzelne Junkturen bzw. Verspartien durch Einbettung in einen lasziven Kontext eine sexuelle Bedeutung annehmen konnten. Ausonius geht in einem seiner Epigramme etwas weiter, indem er einen kompletten Vers der Aeneis zweckentfremdet: Die Worte, mit denen Vergil Didos verzweifelte Versuche, Aeneas zurückzugewinnen, beschreibt (Aen. 4,415), erscheinen hier auf eine Frau namens Crispa übertragen, die keine sexuelle Praktik unversucht lässt (Ep. 75 Green): improbe Amor, quid non mortalia pectora cogis! ire iterum in lacrimas, iterum temptare precando cogitur et supplex animos summittere amori, ne quid inexpertum frustra moritura relinquat. Ruchloser Amor, wozu zwingst du nicht die Herzen der Menschen! / Wieder zu weinen und wieder mit Bitten es auch zu versuchen, / treibt sie’s, und ihren Stolz demütig der Liebe zu beugen, / um nichts unversucht, ehe sie stirbt – und dann sinnlos –, zu lassen. (Aen. 4,412– 415) Subscriptum picturae mulieris impudicae Praeter legitimi genitalia foedera coetus repperit obscenas veneres vitiosa libido, Herculis heredi quam Lemnia suasit egestas, quam toga facundi scaenis agitavit Afrani, et quam Nolanis capitalis luxus inussit. Crispa tamen cunctas exercet corpore in uno: deglubit, fellat, molitur per utramque cavernam ne quid inexpertum frustra moritura relinquat. Unter dem Bild einer schamlosen Frau geschrieben Neben der fruchtbaren Vereinigung legitimen Geschlechtsverkehrs / hat die lasterhafte Lust auch unzüchtige Formen der Liebe entdeckt: / das, wozu der Mangel an Alternativen auf Lemnos den Erben des Herkules trieb, / das, was die Stücke des beredten Afranius in römischer Tracht auf der Bühne zum Besten gaben, / und das, womit gefährliche Dekadenz die Einwohner Nolas brandmarkte.57 / Crispa jedoch praktiziert sie alle in einem einzigen

|| 57 Die drei Verse verweisen auf die in V. 7 explizit genannten Sexualpraktiken (V. 3: Masturbation, V. 4: Analverkehr, V. 5: fellatio); vgl. Kay (2001) 221 ad loc. und Mondin (2003–2004) 229.

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Körper: / Sie wichst, lutscht Schwänze und wird durch beide Öffnungen bearbeitet, / damit sie nicht vergebens, wenn’s ans Sterben geht, irgendetwas unversucht zurücklässt.

Luca Mondin hat in seiner exzellenten Analyse des Ausonius-Epigramms gezeigt, wie die Transformation der karthagischen Königin in die sexuell ungezügelte Crispa das bereits in Vergil angelegte (und in späterer Literatur immer wieder evozierte) Bild einer sich erotischer Leidenschaft hemmungslos hingebenden Dido auf skoptisch-epigrammatische Weise weiterentwickelt58: „Crispa insomma non è tanto una ‚anti-Didone‘, quanto piuttosto una Didone completamente, e oseremmo dire felicemente, disinibita“.59 Auch Didos Vereinigung mit Aeneas gehört schließlich keineswegs zu den legitimi genitalia foedera coetus (V. 1). Mit dieser Formulierung spielt Ausonius wohl auf Ovids Charakterisierung ihrer Liebe als non legitimo foedere iunctus amor (trist. 2,536) an.60 Darüber hinaus hat er, wie ich vorschlagen möchte, in einem besonders frechen intertextuellen Witz das in der Tristia-Passage (2,535) erwähnte „Korpus“ Vergils (corpore toto) in den für alle Sexualpraktiken verfügbaren „Körper“ Crispas (in corpore uno) verwandelt – konkreter könnte man die Obszönifizierung von Vergils Werk gar nicht darstellen! In jedem Fall suggeriert Ausonius’ Epigramm, dass Dido Aeneas zum Bleiben hätte bewegen können, wäre sie nur im Schlafzimmer ähnlich experimentierfreudig gewesen – anstatt sich auf Tränen und Bitten zu beschränken, hätte sie sich lieber auf einen improbus Amor (Aen. 4,412) im Sinne von Ausonius’ obscenae veneres (V. 2) einlassen sollen. Zwei gleichfalls von Dido handelnde Verse der Aeneis (6,469–470) werden bei Petron (innerhalb des ersten uns erhaltenen Vergil-Cento) auf Enkolps mentula bezogen: Von Impotenz geplagt, will der Erzähler der Satyrica sich an seinem Penis zunächst durch Kastration rächen (Petron. 132,8),61 weist ihn dann jedoch einfach verbal zurecht, woraufhin dieser ebenso ungerührt zu Boden blickt und schweigt wie Dido bei ihrer Begegnung mit Aeneas in der Unterwelt (Petron. 132,11): Illa solo fixos oculos aversa tenebat Nec magis incepto vultum sermone movetur Quam lentae salices lassove papavera collo.

|| 58 In einem anonymen griechischen Epigramm (APlan 151), das in den Epigrammata Bobiensia (45) frei ins Lateinische übertragen ist, beklagt Dido sich sogar über den ihr von Maro zugefügten Rufmord: Sie habe Aeneas nie zu Gesicht bekommen, da sie nach dem Tod ihres Gatten Selbstmord beging. 59 Mondin (2003–2004) 239. 60 Vgl. S. 101. 61 Zu Vergil-Reminiszenzen in dem sotadeischen Gedicht vgl. Fedeli (1989) 213–214.

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Hielt er abgewandt den Blick auf den Boden geheftet und, als ich anhob zu reden, verzog nicht mehr er die Miene als die biegsame Weide und Mohn mit erschlaffendem Halse.

Die Gleichsetzung der mentula mit dem Schatten der karthagischen Königin ist bei aller komischen Irreverenz durchaus passend, da Enkolps sexuelles Versagen einer Todeserfahrung ähnelt und er seinem Penis vorwirft, ihn vom Himmel in die Unterwelt gezerrt zu haben (me in caelo positum ad inferos traheres, Petron. 132,10).62 Der Schlussvers des Gedichts, in dem von biegsamer Weide und schlaffem Mohn die Rede ist, setzt sich aus zwei vergilianischen Halbversen zusammen (ecl. 3,83+Aen. 9,436) und tritt, wie vielfach beobachtet wurde,63 deshalb an die Stelle des auf Aen. 6,470 folgenden Verses, da der dortige Vergleich mit hartem Granit und marpesischem Marmor (quam si dura silex aut stet Marpesia cautes, Aen. 6,471) in Bezug auf einen schlaffen Penis höchst ungeeignet wäre. Soweit ich sehe, wurde bislang hingegen nicht bemerkt, dass die Substitution Didos durch einen Körperteil eine ähnlich geartete, in die Gegenrichtung verlaufende Substitution der Aeneis widerspiegelt: In eben der Rede, auf welche Dido mit Schweigen reagiert, evoziert Aeneas bekanntlich die von Catulls Locke an Berenike gerichteten Worte (66,39): invita, o regina, tuo de vertice cessi (~ invitus, regina, tuo de litore cessi, Aen. 6,460). Über den Effekt, den das Zitat in Vergils Unterweltsszene hat, wurde in der Forschung viel gerätselt.64 Wie auch immer wir die Anspielung der Aeneis deuten mögen, Petron antwortet m.E. auf die Assoziation des trojanischen Heros mit einer Haarlocke, indem er Dido im Umkehrverfahren mit einem anderen membrum corporis gleichsetzt. Der intertextuelle Dialog erweist sich als noch komplexer, wenn man bedenkt, dass das Abschneiden der Locke innerhalb von Catulls Oeuvre als Analogon zur Selbstkastration des Attis in c. 63 konzipiert und thematisch mit der Impotenz der catullischen persona verbunden ist.65 Während in allen bisher betrachteten Beispielen Vergilverse entweder durch Umdichtung oder Rekontextualisierung anstößig gemacht werden, bietet Auso-

|| 62 Vgl. Fedeli (1989) 213–214, Conte (1997) 193 Anm. 36, Schmeling (2011) ad loc. 63 Vgl. z.B. Connors (1998) 32–33 und Pollmann (2004) 84. 64 Einer der besten Beiträge ist nach wie vor Wills (1998). 65 Vgl. Höschele (2009) 128–129.

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nius mit seinem Cento nuptialis das absolute Non-Plus-Ultra der Obszönifizierung66: ein ausschließlich aus vergilianischen Versen und Verspartien zusammengesetztes Gedicht, das die anschaulichste und brutalste Sex-Szene der gesamten antiken Literatur enthält. Gegenstand des Cento ist die wohl ins Jahr 374 n. Chr. zu datierende Hochzeit von Gratian und Constantia. Laut einleitender Epistel wurde Ausonius von Kaiser Valentinian, dem Vater des Bräutigams, im Rahmen eines poetischen agon zur Komposition des Gedichts angehalten. Die Epistel enthält ausführliche Bemerkungen zur Cento-Technik und entwickelt eine Theorie der Gattung verbunden mit einer Apologie für den anzüglichen Inhalt des vorliegenden Textes.67 Sowohl die programmatischen Äußerungen wie auch das Cento selbst verdienten es, ausführlich analysiert zu werden; aus Platzgründen werde ich mich jedoch auf einige Beobachtungen beschränken. Was den Text des Ausonius so interessant macht, ist nicht nur das schiere Ausmaß seiner parodistischen Vergilrezeption, sondern auch und vor allem, dass er explizit über sein Vorgehen nachdenkt. An und für sich widerstrebe es ihm ja, „die Würde des vergilianischen Gedichts durch solch scherzhafte Materie in den Dreck gezogen zu haben“ (piget equidem Vergiliani carminis dignitatem tam ioculari dehonestasse materia, epist. 5), aber gegen den Willen des Kaisers sei er einfach nicht angekommen. Die ersten 100 Verse seines Gedichts beschreiben das Brautpaar und die Hochzeit bis zum Eintritt ins Schlafzimmer; hieran schließt sich die so genannte Imminutio („Schmälerung, Degradierung“) an, deren 31 Verse die äußerst blutige Entjungferung der Braut schildern. Zunächst wird der Leser jedoch in einer Parecbasis vor einem Fortsetzen seiner Lektüre gewarnt, da im Folgenden alle Geheimnisse des Schlafzimmers und Bettes preisgegeben würden (cetera quoque cubiculi et lectuli operta prodentur), und zwar „aus demselben Autor zusammengetragen, so dass wir gleich doppelt erröten, da wir selbst Vergil schamlos machen“ (ab eodem auctore collecta, ut bis erubescamus, qui et Vergilium faciamus impudentem). Wie gelingt es Ausonius, mit rein vergilianischem Textmaterial eine wilde Sex-Szene darzustellen? Nun, er macht sich gängige Sexualmetaphern zunutze,

|| 66 An dieser Stelle sei auch auf das in der Anthologia Latina überlieferte Cento (14 Riese) verwiesen, das die Entführung Europas mit vergilianischem Versmaterial schildert, diesem jedoch durch intertextuelle Bezüge auf Ovid eine erotisch-obszöne Bedeutung unterlegt; vgl. ClémentTarantino/Klein (im Druck). Von Ausonius’ Cento inspiriert ist das 68 Verse umfassende, ebenfalls pornographische Details enthaltende Epithalamium Fridi des Luxorius (6. Jh. n. Chr.), auf das ich im Folgenden allerdings nicht weiter werde eingehen können; zu Luxorius’ Cento vgl. McGill (2005) 92–114, der bemerkt (105): „In his obscene passage, Luxurius seeks to lower Virgil by applying him to sexual subject matter, and to do so using Ausonius as his intermediary“. 67 Vgl. Pollmann (2004) 80–83, McGill (2005) 1–6, 92–95, Schwitter (2016) 205–210.

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indem er u.a. von Krieg und Waffen handelnde Verse der Aeneis zur Schilderung des Bettgeschehens verwendet.68 Wenn es gleich zu Beginn von den Gatten heißt, nova proelia temptant (V. 102), so dürfen wir hierin einen selbstreflexiven Verweis auf die Umwandlung der epischen Kämpfe in eine neue Form von Scharmützel sehen. Der Halbvers entstammt dem dritten Buch der Aeneis (3,240), wo es um den Kampf der Helden gegen die Harpyien geht. Bezeichnenderweise beginnt der unmittelbar folgende Vers in der Aeneis mit dem Wort obscenas, das zur Charakterisierung der Vogelfrauen dient,69 und ich glaube, dass Ausonius uns hier (wie auch anderswo) dazu einlädt, den Kontext des Zitats mitzulesen. Vergil fungiert somit nicht einzig als bloßer Wortlieferant, sondern Ausonius tritt auch immer wieder in einen wirklichen intertextuellen Dialog mit seinem Prätext.70 In diesem Fall ist, wie ich vorschlagen möchte, von Bedeutung, dass die nova proelia explizit als „obszön“ bezeichnete Kreaturen involvieren, die den Helden ihre Speisen rauben und alles durch ihre dreckige Berührung besudeln (diripiuntque dapes contactuque omnia foedant / immundo, Aen. 3,227–228). Vergil selbst gibt uns somit ein Bild für Ausonius’ poetisches Verfahren an die Hand, das eben darin besteht, dem Verfasser der Aeneis Verse zu entreißen und das hehre Material zu beschmutzen. Während die obtrectatores Kritik an vergilianischen cacemphata übten, nutzt Ausonius dergleichen Doppeldeutigkeiten zu seinen Zwecken,71 und es ist wohl kaum ein Zufall, dass der berüchtigte goldene Zweig (ramum qui veste latebat, V. 105) im Schlafzimmer Gratians zum Einsatz kommt. Ganz besonders amüsant ist, wie Ausonius den Polyphem beschreibenden Vers monstrum horrendum, informe, ingens, cui lumen ademptum (Aen. 3,658) zur Schilderung des aus Sicht der Braut riesig und bedrohlich wirkenden membrum virile verwendet (V. 108) – die Wahl des Verses ist nicht zuletzt deshalb passend, weil man in der Antike den Penis als

|| 68 Zu Ausonius’ Spiel mit lateinischem Sexualvokabular vgl. Adams (1981). Wie Fowler (1987) 196 beobachtet hat, erinnert Vergils Schilderung von Camillas Tod (Aen. 11,804ff.), der Ausonius mehrere Verse entnimmt, an eine Defloration; hier enthält also bereits der Prätext sexuelle Untertöne. 69 Aen. 3,240–241: invadunt socii et nova proelia temptant, / obscenas pelagi ferro foedare volucris („Gegen sie stürmen die Freunde, probiern eine neue Gefechtsart, / wollen die scheußlichen Vögel des Meers mit dem Schwerte zuschanden / schlagen.“) 70 Hinds (2014) 189–197 führt brillant vor, wie Ausonius den Kontext der von ihm verwerteten vergilianischen Verse semantisch funktionalisiert. 71 Pollmann (2004) 84 spricht von der „intentional application of a stylistic fault criticised by the grammarians“; Schwitter (2016) setzt sich ausführlicher mit diesem Aspekt des Gedichts auseinander.

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einäugiges (sprich kyklopenhaftes) Wesen begriff.72 Die Vagina der Braut wiederum erscheint mit dem Eingang zur Unterwelt gleichgesetzt (hic specus horrendum, V. 113 = Aen. 7,568),73 was die Penetration zu einer Art Katabasis macht – ein Bild, das uns bereits durch Ovids hoc opus, hic labor est suggeriert worden ist. Insgesamt lässt sich die Deflorationsszene als imminutio in doppeltem Sinne begreifen: Es findet hier nicht einzig die Entjungferung der Braut statt, sondern auch diejenige des jungfräulichen Dichters.74 Ausonius’ äußerst explizite Darstellung des Geschlechtsverkehrs, die nicht das geringste Detail verhüllt lässt, steht in markantem Gegensatz zu Vergils eigener Umschreibung der Vereinigung von Venus und Vulcan, für die er laut Aulus Gellius allgemein bewundert wurde. In seinem Epilog, der nochmals eine Apologie für den Inhalt des Gedichts bietet, nennt Ausonius eine Reihe früherer Autoren, die ähnlich laszive Texte verfassten – den krönenden Abschluss dieser Liste bildet Vergil selbst, der, obgleich als Parthenias bekannt, sowohl den Koitus von Venus und Vulcan wie auch die Begattung von Herdentieren beschrieben habe.75 An sich könne, so Ausonius, niemand etwas an seinem Gedicht auszusetzen haben, da es vollständig dem Vergil entstamme (de Vergilio arcessitum sciat). „Deshalb soll, wem dieses unser Spiel nicht gefällt, es nicht lesen, oder, wenn er’s gelesen hat, so soll er’s vergessen, oder er soll’s, auch wenn er’s nicht vergisst, so doch verzeihen“.76 Dies ist, wie ich meine, ein exzellentes Motto für das gesamte, sich über Jahrhunderte erstreckende, alle möglichen Formen annehmende Projekt des Virgile immoralizé, das in Ausonius’ Cento seinen Höhepunkt findet. Er selbst nennt sein opusculum „aus Unverbundenem zusammengesetzt, aus Verschiedenem eines, aus Ernstem etwas Lustiges, aus Fremdem das unsere“ – de seriis ludicrum, das hat sich auch Niklas Holzberg auf seine Fahne geschrieben, der sich sein Leben lang lieber mit komisch-unterhaltsamen Texten als mit Aristoteles und Co. auseinandergesetzt hat und seit jeher dem Ernst der deutschen Universität mit petronianischem Geist zu begegnen sucht. Und dafür verdient er einen noch viel größeren Applaus als Maro.

|| 72 Vgl. Martial 9,37,10; zu V. 108 vgl. Adams (1981) 205 und McGill (2005) 107. 73 Vgl. Rücker (2012) 72–74 und Hinds (2014) 194. 74 Vgl. Hinds (2014) 194: „just what is being ‚impaired’ or ‚diminished’: the bride’s virginity or, in this section more than in any other, Virgilian diction and dignitas.“ 75 dictum causa pudoris, qui in octavo Aeneidos, cum describeret coitum Veneris atque Vulcani, atque αἰσχροσεμνίαν decenter immiscuit? quid? in tertio Georgicorum de summissis in gregem maritis nonne obscenam significationem honesta verborum translatione velavit? 76 noster non placet, ne legerit, aut cum legerit, obliviscatur, aut non oblitus ignoscat…

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Margot Neger

Quod epistulis eius ostenditur Die narrative Funktion von Briefen in antiken Prosaerzählungen Seit einigen Jahren wird in der Forschung zur antiken Epistolographie das Augenmerk verstärkt auf die literarische Struktur von Briefen und Briefsammlungen gelegt, und so gelingt es immer besser, Rückschlüsse auf das Verhältnis der Epistolographie zu anderen Gattungen zu ziehen.1 Bei der Analyse und Interpretation von Briefkorpora wie denjenigen Ciceros, Senecas, Plinius des Jüngeren sowie Briefsammlungen aus der Spätantike spielen literarische Kriterien nunmehr eine zunehmend bedeutende Rolle.2 Neben genuinen Briefsammlungen sind jedoch auch andere Genres, in denen Kommunikation durch Briefe thematisiert wird, aufschlussreich für die Einstellung der Griechen und Römer zur Epistolographie. In jüngerer Zeit haben sich einige Studien mit der Funktion von Briefen auseinandergesetzt, die in längere narrative oder dramatische Texte eingebettet sind. Wie sich zeigt, sind die literarischen Strategien vielfältig, mit denen die Epistolographie in Gattungen wie Geschichtsschreibung, Biographie, Roman, Epos und Drama integriert wird.3 Gerade in der lateinischen Historiographie und Biographie gibt es hier immer noch viel zu tun, wie ein Blick auf die Werke eines Livius, Sallust, Tacitus, Curtius Rufus sowie Cornelius Nepos und Sueton zeigt: Sehr häufig streuen diese Autoren die Briefkorrespondenz verschiedener Figuren in ihre Erzählungen ein, um Handlungen und Ereignisse zu illustrieren, der Darstellung größere Authentizität zu verleihen,4 Personen zu charakterisieren oder Handlungsschauplätze miteinander zu verbinden. Nicht selten stellt das Abfassen, Senden, Lesen oder Abfangen von Briefen einen wichtigen Punkt im Verlauf der Handlung dar. Der Schwerpunkt kann hierbei auf dem Inhalt eines Briefes liegen, der in indirekter oder direkter Rede wiedergegeben wird, oder auf materiellen Aspekten und dem Vorgang der Zustellung

|| 1 Dieser Niklas Holzberg gewidmete Beitrag soll auch eine Reminiszenz sein an den Briefwechsel zwischen dem verbannten Ovid und seinen Freunden in Rom, den der achtjährige Daniel Holzberg in seine Ovid-Biographie (Titel: „A little bit about Ovid“) eingelegt hat. 2 Zu Cicero vgl. Hutchinson (1993) und (1998); zu Seneca Maurach (1970); Wilson (2001); Henderson (2004); zu Plinius Ludolph (1997); Marchesi (2008); Gibson/Morello (2012); zur spätantiken Epistolographie vgl. Van Waarden/Kelly (2013); Sogno/Storin/Watts (2017). 3 Vgl. Rosenmeyer (2001); Morello (2006); Trapp (2006); Galtier (2008); Ash (2013); Hodkinson/Rosenmeyer/Bracke (2013); Barbiero (2014). 4 Vgl. Hodkinson/Rosenmeyer/Bracke (2013), 14–15.

https://doi.org/10.1515/9783110564846-008

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des Schreibens. Besonders dann, wenn der Inhalt eines Briefes wiedergegeben wird, handelt es sich um eine Art „Erzählung in der Erzählung“,5 die von einem internen Verfasser geschrieben und einem internen Leser rezipiert wird. Briefe erfüllen zudem oft ähnliche Funktionen wie in narrative Texte eingelegte mündliche Figurenreden und dienen so als Mittel zur Fokalisierung. Der Hauptunterschied zur mündlichen Rede ist freilich die kommunikative Situation, für die beim Brief die räumliche Trennung der Korrespondenten sowie der zeitliche Abstand zwischen Komposition und Senden bzw. Empfangen und Lesen des Schreibens konstitutiv sind. Gerade diese besondere Form der Kommunikation beinhaltet großes Potenzial für die narrative Ausgestaltung durch antike Autoren. Was die in historiographische Werke eingelegten Figurenreden betrifft, so sind sich die meisten modernen Forscher mehr oder weniger einig, dass es sich wohl zumeist um vom betreffenden Autor fingierte Worte handelt, die – nach dem rhetorischen Prinzip des verisimile – dem Charakter des Sprechers oder der jeweiligen Situation angemessen sind.6 Es dürfte hingegen weniger häufig einen Fall geben, bei dem ein antiker Historiker auf verlässliche Quellen zum genauen Wortlaut einer Rede zurückgreifen konnte bzw. wollte. Bei schriftlich abgefassten Briefen ist die Frage nach Historizität oder Fiktion natürlich etwas schwieriger zu beantworten, da ja die Briefe vor allem von bedeutenden Persönlichkeiten in Archiven aufbewahrt und eingesehen werden konnten.7 Dennoch gibt es natürlich auch hier Spielraum für amplificatio oder gar Fiktion, und somit steht zu vermuten, dass viele der in antike Prosawerke eingelegten Briefe vom jeweiligen Autor erfunden oder zumindest seinen Darstellungsintentionen entsprechend adaptiert wurden.8 Da eine umfassende Analyse aller relevanten Historiographen und Biographen im Rahmen dieses Beitrags natürlich nicht möglich ist, seien im Folgenden einige Autoren aus der Kaiserzeit näher betrachtet, deren Werke in etwa um dieselbe Zeit entstanden sind wie die Briefsammlung des jüngeren Plinius: Sueton, Plutarch und Tacitus. Auch Curtius Rufus, dessen Datierung nach wie vor umstritten ist, bei dem es sich aber möglicherweise um einen älteren Zeitgenos-

|| 5 Zur „embedded narrative“ vgl. De Jong (2014), 34–37. 6 Vgl. Tzounakas (2005); Pausch (2010), 1–13; Suerbaum (2015), 221–247. 7 Rosenmeyer (2001), 53: „In most cases, the reader is willing to suspend disbelief for the sake of entertainment: direct speech offers dramatic liveliness and convincing characterization. But the textual nature of an inscription or a letter complicates the matter…“ 8 Vgl. Wallace-Hadrill (1983), 91: „The letters that appear in ancient historians are usually fictional compositions like the speeches”; Martin/Woodman (1989), 193.

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sen dieser Autoren handelt,9 soll hier Berücksichtigung finden. An den genannten Literaten möchte ich nachzeichnen, wie sie die Epistolographie jeweils in den narrativen Kontext ihrer Genres integrieren und wie sich diese eingelegte Korrespondenz zu den aus der antiken Brieftheorie10 und -praxis bekannten Gattungskonventionen verhält.

Sueton und Plutarch Michael Trapp hat in einem wichtigen Aufsatz gezeigt, dass antike Biographen Briefe häufig zur Charakterisierung der betreffenden Figur bzw. zur Authentifikation des über sie Gesagten einbauen.11 So erfahren wir etwa in Suetons Vita des Iulius Caesar im Rahmen der Ausführungen über Caesar als editor von Zirkusspielen im Jahre 52 v. Chr.12 Folgendes (Iul. 26,3): Tirones neque in ludo neque per lanistas, sed in domibus per equites Romanos atque etiam per senatores armorum peritos erudiebat, precibus enitens, quod epistulis eius ostenditur, ut disciplinam singulorum susciperent ipsique dictata exercentibus darent. Neulinge ließ er weder in der Gladiatorenschule noch durch Gladiatorenmeister, sondern in Privathäusern durch römische Ritter und sogar waffenkundige Senatoren ausbilden, wobei er eindringlich bat –, das machen seine Briefe deutlich – dass sie das Training der Einzelnen übernahmen und ihnen selbst beim Üben Kommandos gaben.

Für seine munera, die Caesar während seiner Abwesenheit in Gallien stiftete, wollte er Anfänger im Gladiatorenkampf (sog. tirones) nicht in Gladiatorenschulen, sondern in Privathäusern durch römische Ritter und sogar waffenkundige Senatoren ausbilden lassen, was er Sueton zufolge durch Bittbriefe erreicht haben soll.13 Der Biograph suggeriert uns hier, dass ihm diese Briefe vorlagen

|| 9 Vorschläge für die Datierung reichen von Augustus bis in die Zeit der Severer, wobei die meisten Forscher die Regierungszeit des Claudius oder Vespasian bevorzugen; einen Curtius Rufus erwähnen Plinius (epist. 7,27) und Tacitus (ann. 11,20–21); vgl. Holzberg (1988) 88, Müller (2016) 13. 10 Zur antiken Brieftheorie vgl. Thraede (1970); Malherbe (1988). 11 Trapp (2006), 335–337; zur Charakterisierung von Kaisern bzw. Tyrannen durch ihren Umgang mit Briefen vgl. Zadorojnyi (2006). 12 Zu der betreffenden Passage in Kap. 26,2–3 der Caesar-Vita vgl. Beck (2015) 43–45. 13 Vielleicht sind die in Iul. 56,6 erwähnten epistulae ad familiares gemeint; vgl. Butler/Cary (1927) 77, Brutscher (1958) 105 bezweifelt den Wahrheitsgehalt dieser Stelle, da die Adligen

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(quod epistulis eius ostenditur). Später in derselben Biographie äußert sich Sueton noch eingehender über Caesars Briefkorrespondenz (56,6): Seine Briefe an den Senat seien noch erhalten, wobei Sueton hier insbesondere eine formale Auffälligkeit interessiert (Iul. 56,6): Epistulae quoque eius ad senatum extant, quas primus videtur ad paginas et formam memorialis libelli convertisse, cum antea consules et duces non nisi transversa charta scriptas mitterent. Es sind auch noch seine Briefe an den Senat vorhanden, die er als erster in Kolumnen und in das Format eines Memoirenbüchleins übertragen zu haben scheint, während Konsuln und Feldherren sie zuvor nur auf Querseiten geschrieben schickten.

Caesar wird hier als primus inventor einer neuen Form von Post aus dem Heerlager an den Senat charakterisiert. Worin genau diese Neuerung liegt, hat den Interpretatoren dieser Stelle einiges an Kopfzerbrechen bereitet. Roberts erklärt die Junktur transversa charta mit „across the breadth of the papyrus…with the lines at right angles to the axis of the roll“.14 Im Unterschied zu dieser Praxis seiner Vorgänger habe Caesar laut Roberts die Form eines Papyrus-Kodex für seine Briefe gewählt.15 Ebbeler wiederum übersetzt transversa charta mit „with writing running into the margins“ und versteht unter dem Begriff memorialis libellus eine Briefsammlung in Buch-Form, die für ein breiteres Publikum bestimmt war.16 Wenngleich der genaue Sinn dieser Passage nach wie vor unklar ist, so wird zumindest deutlich, dass uns Caesar in der Biographie als Innovator auf dem Gebiet der offiziellen Briefkorrespondenz präsentiert wird. Im Rahmen seiner Schilderung von Caesar als Literat setzt sich Sueton außerdem als gewissenhafter Forscher in Szene, der seine Aussagen mit Belegmaterial bzw. durch Autopsie zu stützen weiß.17 Dies gilt auch für seine Ausführungen zu Caesars Briefen ad Ciceronem und ad familiares, die sich ebenfalls durch eine Besonderheit auszeichnen: Geheime Nachrichten, die nur der Empfänger lesen sollte, || selbst zu infames geworden wären; Beck (2015) 44 hält entgegen, dass es sich nur um eine einmalige Tätigkeit handle. 14 Roberts (1933) 140. 15 Roberts (1933) 141–142. 16 Ebbeler (2003) 9–11; vgl. Butler/Cary (1927) 120, Schauer (2016) 248; die Junktur transversa charta könnte auch bedeuten, dass auf der Rückseite des Blattes geschrieben wurde, wie ein Scholion zu Juvenal (6,483: …longi relegit transversa diurni) nahelegt: ratiocinium diurnum accipit in transversa charta scriptum (ed. Wessner [1931]). 17 Vgl. Ebbeler (2003) 9: „…as Hadrian’s ab epistulis in charge of imperial correspondence, it is possible, even likely, that Suetonius had access to the imperial archives and was utilizing autopsy when he described Caesar’s letters.“

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waren Sueton zufolge in Chiffren verfasst, die man dekodieren konnte, wenn man immer den vierten Buchstaben des Alphabets, also beginnend mit D für A, austauschte, und dieses System dann auf das restliche Alphabet anwendete (D = A, E = B, F = C usw.) – in der Kryptologie ist dieses System mittlerweile als sogenannte „Caesar-Chiffre“ bekannt.18 Später habe auch Augustus eine ähnliche Chiffre verwendet (Aug. 88): quotiens autem per notas scribit, B pro A, C pro B ac deinceps eadem ratione sequentis litteras ponit; pro X autem duplex A („So oft er aber eine Geheimschrift anwendete, setzte er B für A, C für B und daraufhin nach demselben Prinzip die folgenden Buchstaben; für X aber ein doppeltes A.“) Von einer weiteren Innovation Caesars auf dem Gebiet der Epistolographie berichtet uns Plutarch (Caes. 17,8): λέγεται δὲ καὶ τὸ διὰ γραμμάτων τοῖς φίλοις ὁμιλεῖν Καίσαρα πρῶτον μηχανήσασθαι, τὴν κατὰ πρόσωπον ἔντευξιν ὑπὲρ τῶν ἐπειγόντων τοῦ καιροῦ διά τε πλῆθος ἀσχολιῶν καὶ τῆς πόλεως τὸ μέγεθος μὴ περιμένοντος. Es heißt auch, dass Caesar als erster die Idee gehabt habe, sich brieflich mit seinen Freunden zu unterhalten, wenn er auf die persönliche Unterredung über dringende Angelegenheiten wegen der Fülle an Geschäften und der Größe der Stadt nicht warten konnte.

Dem griechischen Biographen zufolge habe Caesar als erster epistulae ad familiares innerhalb Roms verschickt, wenn ihm keine Zeit für eine persönliche Unterhaltung blieb. Mit seiner Schilderung illustriert Plutarch hier die in der epistolographischen Theorie etablierte Vorstellung vom Brief als halbierter Dialog bzw. Gespräch unter Abwesenden.19 Reminiszenzen an die antike Brieftheorie finden sich auch in einer anderen Biographie Plutarchs, in der Caesar auftaucht, diesmal allerdings in der Rolle des Empfängers (Cat. min. 24,1–3): εἰ δὲ δεῖ μηδὲ τὰ μικρὰ τῶν ἠθῶν σημεῖα παραλιπεῖν ὥσπερ εἰκόνα ψυχῆς ὑπογραφομένους, λέγεται, τότε πολλὴν ἅμιλλαν καὶ μέγαν ἀγῶνα πρὸς τὸν Κάτωνα τοῦ Καίσαρος ἔχοντος καὶ τῆς βουλῆς εἰς ἐκείνους ἀνηρτημένης, δελτάριόν τι μικρὸν ἔξωθεν εἰσκομισθῆναι τῷ Καίσαρι. τοῦ δὲ Κάτωνος εἰς ὑποψίαν ἄγοντος τὸ πρᾶγμα καὶ διαβάλλοντος εἶναί τινας τοὺς κινουμένους, καὶ κελεύοντος ἀναγιγνώσκειν τὰ γεγραμμένα, τὸν Καίσαρα τῷ Κάτωνι προσδοῦναι τὸ δελτάριον ἐγγὺς ἑστῶτι. τὸν δ᾽ ἀναγνόντα Σερβιλίας τῆς ἀδελφῆς ἐπιστόλιον ἀκόλαστον πρὸς τὸν Καίσαρα γεγραμμένον, ἐρώσης καὶ διεφθαρμένης ὑπ᾽ αὐτοῦ, προσρῖψαί τε τῷ Καίσαρι καὶ εἰπεῖν, ‘κράτει, μέθυσε,’ καὶ πάλιν οὕτως ἐπὶ τὸν ἐξ ἀρχῆς λόγον τραπέσθαι.

|| 18 Vgl. Gell. 17.9.1; Butler/Cary (1927) 120–121; Kippenhahn (2006). 19 Vgl. Demetr. de eloc. 223; Ebbeler (2003) 13; Zadorojnyi (2006) 363.

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Man darf ja auch die kleinen Anzeichen des Charakters nicht übergehen, wenn man gleichsam ein Bild der Seele entwirft: Es wird erzählt, dass Cato und Caesar damals in einen heftigen Kampf und eine intensive Auseinandersetzung verwickelt waren und der Senat ihnen gespannt zuhörte, als ein kleines Brieflein von außerhalb zu Caesar gebracht wurde. Als Cato die Sache in Verdacht ziehen wollte und die Vermutung aussprach, dass sie etwas mit den Verschwörern zu tun hätte und eine Verlesung des Schreibens forderte, da soll Caesar Cato, der in seiner Nähe stand, das Brieflein überreicht haben. Als dieser wiederum einen unzüchtigen Brief von seiner Schwester Servilia an Caesar las, die in ihn verliebt und von ihm verführt worden war, soll er Caesar den Brief zurückgeworfen und gesagt haben „Behalt ihn, Trunkenbold“ und mit seiner Rede wieder begonnen haben.

Während einer hitzigen Debatte zwischen Cato und Caesar im Rahmen der Senatssitzung, in der über den Umgang mit den Verschwörern um Catilina beraten wurde, kam es angeblich zu dem von Plutarch erzählten Zwischenfall.20 Der Biograph leitet die Anekdote, für die er sich auf das Hörensagen beruft (λέγεται), mit dem Hinweis ein, dass er für die Schilderung des Charakters auch Kleinigkeiten (τὰ μικρὰ τῶν ἠθῶν σημεῖα) berücksichtigen wolle bei seinem Versuch, ein Bild der Seele zu entwerfen (εἰκόνα ψυχῆς ὑπογραφομένους). In dieser Hinsicht stehen sich Biographie und Briefliteratur offenbar sehr nahe, denn in seiner Abhandlung Περὶ ἑρμενείας bzw. de elocutione fordert Demetrios21 Folgendes von der Epistolographie: πλεῖστον δὲ ἐχέτω τὸ ἠθικὸν ἡ ἐπιστολή… σχεδὸν γὰρ εἰκόνα ἕκαστος τῆς ἑαυτοῦ ψυχῆς γράφει τὴν ἐπιστολήν („Der Brief soll sehr viel Charakterspezifisches enthalten…Denn nahezu als Bild seiner Seele verfasst ein jeder einen Brief“).22 Es ist vielleicht kein Zufall, dass Plutarch einen narrativen Abschnitt, in dem ein Brief eine entscheidende Rolle spielt, mit einer Formulierung einleitet, die an Aussagen antiker Brieftheoretiker erinnert. Im Unterschied zu den Ausführungen bei Demetrios illustriert der Brief in Plutarchs Cato-Biographie nur am Rande den Charakter seiner Verfasserin – den Inhalt beschreibt nur das Adjektiv ἀκόλαστον als erotisch bzw. unzüchtig –, sondern dient vielmehr als ein Requisit in einer Art Komödie oder gar Mimus im Senat, in dem Cato der Jüngere und Caesar die Hauptprotagonisten sind. Caesar ist hier sozusagen der cultus adulter, der blamierte Cato entspricht – allerdings als Bruder Servilias – dem vir stultus und Servilia spielt die Rolle

|| 20 Auch in Plutarchs Brutus (5) wird davon berichtet; es handelt sich um die Senatssitzung vom 5. Dezember 63 v.Chr.; vgl. Sall. Cat. 50–54; Cic. Att. 12,23,1; Affortunati (2004) 59, Harders (2008) 174. 21 Zum Problem der Datierung des Demetrios – zwischen dem 3. Jh. v. Chr. und 1. Jh. n. Chr. – vgl. Fornaro (1997). 22 Zum Topos vom Brief als Spiegel der Seele vgl. Thraede (1970) 23–24, Müller (1980).

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der callida nupta.23 Die Anekdote über den Brief Servilias, den Caesar angeblich während der Senatsdebatte mit Cato erhalten hat, wird nur bei Plutarch in der Cato- und Brutus-Vita erzählt,24 während andere Quellen, die von der betreffende Senatssitzung bzw. von Caesars Verhältnis mit Servilia handeln, davon schweigen. Statt einer historischen Tatsache dürfte Plutarch hier wohl eine Klatschgeschichte über Caesar und Servilia aus einem anderen Kontext herausgegriffen und in die Narration über die Konfrontation zwischen Cato und Caesar im Senat integriert haben, um die Dramatik der Episode zu steigern.25 Zurück zu den Kaiserbiographien Suetons: Während insbesondere in den Viten der julisch-claudischen Dynastie zahlreiche Briefe auftauchen, kommen sie in den Lebensbeschreibungen späterer Kaiser immer seltener vor.26 Besonders viele Briefe finden sich in der Biographie des Augustus, und Sueton ist es auch, der uns die meisten Informationen über die Korrespondenz dieses Kaisers liefert,27 wobei es insbesondere die private Seite des Augustus ist, die Sueton zu interessieren scheint:28 So wird etwa in der Rubrik über das Sexualleben des Octavian folgender Brief des Marcus Antonius zitiert, den dieser noch vor dem endgültigen Zerwürfnis verfasst haben soll (Aug. 69,2): Scribit etiam ad ipsum haec familiariter adhuc necdum plane inimicus aut hostis: „Quid te mutavit? quod reginam ineo? uxor mea est? nunc coepi an abhinc annos novem? tu deinde solam Drusillam inis? ita valeas, uti tu, hanc epistulam cum leges, non inieris Tertullam aut Terentillam aut Rufillam aut Salviam Titiseniam aut omnes. an refert, ubi et in qua arrigas?“

|| 23 Zum Figuren-Repertoire im Mimus vgl. Ov. Trist. 2,497ff.; zu Sex und Ehebruch als beliebter Mimus-Stoff vgl. Reynolds (1946); Panayotakis (2010) 10 mit Anm. 19. 24 In der Version im Brutus (5,3) findet sich der Hinweis, dass Caesar den Brief schweigend las (τὸν μὲν ἀναγινώσκειν σιωπῇ), was die Dramatik der Episode verstärkt; zur lauten und leisen Lektüre in der Antike vgl. Busch (2002). 25 Pelling (2002) 51: „…the story of Servilia’s letter may well have come from the special reading – biographies, pamphlets, and memoirs – which Plutarch undertook for Cato and Brutus“; Affortunati (2004) 50: „probabilmente non è autentico“; vgl. Harders (2008) 176–178, die außerdem darauf hinweist, dass an der Senatssitzung am 5. Dezember 63 v.Chr. auch Servilias Gatte Silanus anwesend war und sogar als erster das Wort ergriff, seine Person bei Plutarch aber keine Rolle spielt. 26 Zur Briefkorrespondenz bei Sueton vgl. Wallace-Hadrill (1983) 87–96; dass zumindest manche der von Sueton erwähnten Briefe nicht der historischen Realität entsprechen, vermutet Schmidt (1989) im Zusammenhang mit dem Brief, den Otho vor seinem Tod angeblich an Neros Witwe Messalina verfasst haben soll (Otho 10,2). 27 Die Fragmente der Augustus-Korrespondenz finden sich bei Malcovati (1969). 28 Vgl. Wallace-Hadrill (1983) 91; Zadorojnyi (2006) 368–370.

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Er schreibt an ihn auch dies noch in freundschaftlichem Ton und noch gar nicht wie ein Gegner oder Feind: „Was hat Dich verändert? Dass ich die Königin bumse? Ist sie meine Frau? Hab ich jetzt begonnen oder vor neun Jahren? Bumst Du etwa nur die Drusilla? Es möge Dir so gut gehen, dass Du, wenn Du diesen Brief liest, nicht schon Tertulla oder Terentilla oder Rufilla oder Salvia Titisenia oder alle zusammen gebumst hast. Oder macht es einen Unterschied, wo und bei welcher man eine Erektion hat?“

Der hier wiedergegebene Briefwechsel lässt sich ins Jahr 33/32 v.Chr. datieren.29 Sueton präsentiert uns die Worte des Marcus Antonius in direkter Rede, wobei insbesondere die obszöne Ausdrucksweise (inire, arrigere) des Triumvirn hervorsticht.30 Damit steht der Stil dieses Briefes natürlich in auffälligem Gegensatz zu dem, was antike Theoretiker fordern (καθόλου δὲ μεμίχθω ἡ ἐπιστολὴ…ἐκ δυοῖν χαρακτήροιν τούτοιν, τοῦ τε χαρίεντος καὶ τοῦ ἰσχνοῦ: „Alles in allem soll der Brief eine Kombination sein…aus folgenden beiden Stilmerkmalen, dem Anmutigen und Schlichten“),31 und auch sonst finden sich obszöne Ausdrücke in der antiken Epistolographie eher selten.32 Die Passage hat jedoch bislang vor allem als Dokument für die Ehe zwischen Mark Anton und Kleopatra das Interesse der Forschung auf sich gezogen.33 Mark Anton rechtfertigt sich hier in einem noch freundschaftlich (familiariter) verfassten Schreiben für seine mittlerweile neunjährige Liaison mit Kleopatra, an der Octavian offenbar Anstoß nahm,34 und wirft diesem vor, neben seiner Frau Livia Drusilla ebenfalls mehrere Geliebte zu haben, die sogar namentlich aufgezählt werden. Was die Frage

|| 29 Das erste Treffen zwischen M. Antonius und Kleopatra fand 41 v. Chr. statt, und in seinem Brief spricht M. Antonius von einer bereits neun Jahren währenden Liaison, weshalb als Datum der Briefkomposition die Zeit zwischen Frühjahr 33 und Frühjahr 32 v. Chr. in Frage kommt; s. Kraft (1967) 496–497; vgl. Carter (1982) 191, Louis (2010) 450. 30 Vgl. Louis (2010) 450; vgl. Ov. Rem. 401–402: gaudia ne dominae, pleno si corpore sumes, / te capiant, ineas quamlibet ante velim; Suet. Nero 12,2: Inter pyrricharum argumenta taurus Pasiphaam ligneo iuvencae simulacro abditam iniit. 31 Demetr. de eloc. 235. 32 Eine Ausnahme bildet Ciceros Brief ad fam. 9,22 (= 189 SB) an Paetus, wo die Einstellung der Stoiker zum Obszönen diskutiert wird; der Brief suggeriert, dass Paetus in seinem vorangegangenen Schreiben den Begriff mentula gebraucht hat (9,22,2: quod tu in epistula appellas suo nomine, ille tectius ‘penem’); vgl. Shackleton Bailey (1997) II, 330–334; Plinius der Jüngere thematisiert den Gebrauch obszöner Sprache in Gedichten in der Tradition Catulls (epist. 4,14), den er selbst allerding vermeiden will (4,14,4: quae nos refugimus); vgl. außerdem die Prosaepistel zu Martials erstem Epigrammbuch; zu als obszön empfundenen Begriffen allgemein vgl. Adams (1982). 33 Vgl. die Diskussion bei Kraft (1967). 34 Mark Anton war mit Octavians Schwester Octavia verheiratet, von der er sich 32. v. Chr. scheiden ließ; vgl. Plut. Anton. 57,4f.; Dio 50,3,2; 50,26,2; Butler/Cary (1927) 191.

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nach dem Beziehungsstatus zwischen Mark Anton und Kleopatra betrifft, macht es einen entscheidenden Unterschied, wie man nach dem Satz uxor mea est interpungiert. Mehrere Interpreten haben sich mittlerweile dafür ausgesprochen, dass man hier statt einem Punkt ein Fragezeichen setzen soll, da sich eine Frage besser in den Gedankengang des Textes einfüge als eine Aussage: Antonius wollte zu diesem Zeitpunkt noch abstreiten, dass Kleopatra den Status einer Ehefrau (uxor) hatte; vielmehr vergleiche er die ägyptische Herrscherin hier mit den Mätressen, mit denen auch Octavian neben Livia außereheliche Liebschaften unterhielt.35 Davon, dass Mark Anton die Affäre mit Kleopatra zwar offen zugab, sie aber nicht als Ehefrau bezeichnen wollte, berichtet auch Plutarch (Ant. 31,3): ἐδόκει δὲ καὶ Φουλβίας ἀποιχομένης χηρεύειν Ἀντώνιος, ἔχειν μὲν οὐκ ἀρνούμενος Κλεοπάτραν, γάμῳ δὲ οὐχ ὁμολογῶν, ἀλλ᾽ ἔτι τῷ λόγῳ περί γε τούτου πρὸς τὸν ἔρωτα τῆς Αἰγυπτίας μαχόμενος. Nach dem Tod der Fulvia galt auch Antonius als Witwer, wobei er nicht leugnete, dass er Kleopatra als Geliebte hatte, allerdings nicht von einer Ehe sprechen wollte, sondern zumindest noch mit der Bezeichnung diesbezüglich gegen die Liebe zur Ägypterin ankämpfte.

Für Plutarchs Schilderung bilden allerdings nicht die Jahre kurz vor Actium, sondern das Jahr 40 v. Chr. den Hintergrund, und der griechische Biograph streut diese Passage in seine Ausführungen zur Zeit kurz vor der Eheschließung Mark Antons mit Octavia ein. Die inhaltlichen und zum Teil auch verbalen Parallelen zur Stelle bei Sueton36 lassen aber, wie Moles argumentiert, vermuten, dass den beiden Biographen derselbe Brief votlag,37 auf den Plutarch allerdings in seiner Vita an einem anderen chronologischen Punkt zurückgreift – Moles spricht hier von einer für Plutarch typischen Strategie des „displacement of items“.38 Sueton berichtet in seiner Augustus-Vita nach dem Zitat des Briefes nichts mehr darüber, wie Octavian auf das Schreiben des Mark Anton reagierte. Dem Biographen geht es insbesondere darum, die Rubrik der adulteria Augusti mit

|| 35 Butler/Cary (1927), 191; Kraft (1967); Moles (1992). 36 Vgl. ἔχειν μὲν οὐκ ἀρνούμενος Κλεοπάτραν und reginam ineo, γάμῳ δὲ οὐχ ὁμολογῶν und uxor mea est? Moles (1992) 245. 37 Pelling (1988) 4 datiert die Entstehung von Plutarchs Antonius-Vita in die Zeit zwischen 110 und 115 n.Chr., Suetons Kaiserviten dürften etwa eine Dekade später erschienen sein; vgl. Wallace-Hadrill (1983) 1–2. 38 Moles (1992) 246.

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einem unterhaltsamen Beleg zu bereichern, der den zum Teil derben Gesprächston zwischen Mark Anton und Octavian illustriert. Den Unterhaltungsfaktor sollen die Briefe des Augustus wohl auch in anderen Rubriken steigern: In Kap. 71,2–4 bringt Sueton direkte Zitate aus Briefen an Tiberius und seine Tochter, in denen es um Augustus’ Vorliebe fürs Würfelspiel geht, in Kap. 76 finden sich direkte Brief-Zitate, in denen Augustus mitteilt, was er wann gegessen hat, und in Kap. 87–88 versucht Sueton, anhand von Briefen die eigenwillige Ausdrucksweise und Orthographie des Augustus zu belegen. Es liegt daher nahe zu vermuten, dass Sueton Abschriften der Augustus-Briefe im Palast-Archiv einsehen konnte.39 Als Biograph gibt er sich jedenfalls alle Mühe, beim Leser den Eindruck von der Authentizität seiner Darstellung zu festigen. Durch die Integration von Briefwechseln verschiedener Kaiser suggeriert Sueton seinen Rezipienten außerdem, dass sie den historischen Figuren beim Schreiben oder Lesen eines Briefes über die Schulter schauen können. Ob die Briefe des Augustus, von denen auch andere Autoren wissen, in publizierter Form oder nur für einen eingeschränkten Personenkreis zugänglich waren, lässt sich leider nicht eindeutig beantworten.40

Tacitus Das Beispiel Suetons und Plutarchs hat gezeigt, dass Briefe bzw. Brief-Zitate in den Biographien in erster Linie als Anekdotenmaterial zur Unterhaltung dienen und darüber hinaus die Autorität des Biographen als Spezialist auf seinem Gebiet festigen sollen. Wie sieht es nun bei antiken Geschichtsschreibern aus? Weniger protokollartig als in den Viten Suetons ist bekanntlich die Darstellung der römischen Kaiser bei Tacitus, der als Meister der Psychologisierung und Charakterzeichnung gelten darf41 und Briefe immer wieder kunstvoll in die Narration einbettet, um etwa in den Annalen die Verschlagenheit und Verworfenheit einzelner Figuren zu illustrieren. Insbesondere Kaiser Tiberius taucht häufig als Verfasser und Empfänger von Briefen auf;42 im Rahmen seiner

|| 39 Vgl. Wallace-Hadrill (1983) 92: „There is little doubt that he consulted at least some of these letters in the palace“. 40 Vgl. Wallace-Hadrill (1983) 91–96. 41 Einen Vergleich der Erzählstrategien bei Tacitus und Sueton bietet Holzberg (2015). 42 In den Tiberius-Büchern der Annalen sind eingelegte Briefe besonders häufig; vgl. Morello (2006) 332: „…Tacitus’ Tiberian narrative remains epistolographically dense to a degree which is unusual among other biographers and historians of Tiberius’ regime and even within Taci-

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Briefkorrespondenz mit anderen Persönlichkeiten, die in den Annalen ebenfalls negativ gezeichnet sind ‒ etwa der Thrakerkönig Rheskuporis oder der Prätorianer-Präfekt Sejanus ‒, wird er meist als der Schlauere und geistig Überlegene charakterisiert. Seine Briefe, die oft in einem ironischen oder satirischen Ton abgefasst sind,43 sind von Verschlagenheit gekennzeichnet. Hinterlist ist auch das Leitmotiv der Erzählsequenz ann. 2,64–67 über Rheskuporis: …Rhescuporim quoque, Thraeciae regem, astu adgreditur (ann. 2,64,2: „…auch gegen Rheskuporis, den Thrakerkönig, ging er mit List vor“) heißt es in Vorgriff auf die folgende Narration. In ann. 2,65–66 wird berichtet, Rheskuporis habe seinen Neffen Cotys, mit dem er die Herrschaft über Thrakien teilte,44 unter falschem Vorwand zu einem Gastmahl gelockt und dann gefangen genommen. In einem Brief an Tiberius versucht Rheskuporis jedoch, seine wahren Beweggründe zu verbergen: Thraeciaque omni potitus scripsit ad Tiberium structas sibi insidias, praeventum insidiatorem (2,65,4: „Und nachdem er sich ganz Thrakiens bemächtigt hatte, schrieb er an Tiberius, man habe einen Anschlag auf ihn geplant, er sei dem Verräter jedoch zuvorgekommen“).45 Der Darstellung des Rheskuporis schenkt Tiberius nur vordergründig Glauben, und seine Antwort in auffällig sanftem Ton lässt schon vermuten, wie die Sache ausgehen wird (2,65,5): molliter rescriptum, si fraus abesset, posse eum innocentiae fidere; ceterum neque se neque senatum nisi cognita causa ius et iniuriam discreturos: proinde tradito Cotye veniret transferretque invidiam criminis. Freundlich schrieb er zurück: Wenn keine Hinterlist vorhanden sei, könne er auf seine Unschuld vertrauen. Im Übrigen werde weder er selbst noch der Senat ohne gerichtliche Untersuchung über Recht und Unrecht entscheiden. Daher solle er Cotys übergeben, herkommen und die Anschuldigung eines Verbrechens von sich weisen.

Tacitus gibt die Worte des Kaisers, der die betrügerischen Absichten seines Gegenübers längst durchschaut hat, in indirekter Rede wieder: Tiberius ermuntert Rheskuporis dazu, auf seine Schuldlosigkeit zu vertrauen, sofern keine

|| tus’ own oeuvre“; 333: „It seems…that Tacitus has made a deliberate literary decision to depict his protagonist as a writer of letters and to punctuate and illustrate his Tiberian narrative with those letters – as he does with the speeches“; vgl. Zadorojnyi (2006) 364: „Tiberius’ tyranny is on the increase hand-in-hand with his writing“. 43 Zum satirischen Potenzial der Tiberius-Briefe bei Tacitus vgl. Ash (2013). 44 An Cotys ist Ov. ex Pont. 2,9 gerichtet; vgl. Koestermann (1963–68) I, 376–377. 45 Die Taktik des Rheskuporis erinnert an diejenige Jugurthas in Sall. Iug. 15,1; vgl. Koestermann (1963-68) I, 379.

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Arglist vorhanden sei – für den Leser ist die Ironie hier unverkennbar.46 Auf den Brief reagiert der Thraker mit Furcht und Zorn (2,66,1: inter metum et iram): Da er, so Tacitus, lieber eines begangenen denn begonnenen Verbrechens angeklagt werden will, tötet Rheskuporis seinen Neffen und fingiert dann die Version vom Selbstmord des Cotys (2,66,1: mortemque sponte sumptam ementitur). Aufs Täuschen versteht sich auch Tiberius, der bei seiner Strategie bleibt (2,66,2: nec tamen Caesar placitas semel artes mutavit) und Pomponius Flaccus als Statthalter nach Moesien sendet, damit dieser von dort nach Thrakien geht und Rheskuporis unter Vorspiegelung von Freundschaft überlistet (arta cum rege amicitia eoque accomodatiorem ad fallendum) und dazu bringt, in den Bereich der römischen Besatzung zu kommen. Rheskuporis lässt sich von allerlei Versprechungen tatsächlich einwickeln, wird verhaftet und nach Rom gebracht als Angeklagter. Der in die Annalen integrierte Briefwechsel zwischen Rheskuporis und Tiberius inszeniert einen Akt der misslungenen und gelungenen Täuschung: Während der Versuch des Rheskuporis, Tiberius zu überlisten und sich ganz Thrakiens zu bemächtigen, vom Kaiser durchschaut wird, gelingt es Tiberius, der sich in der Kunst der dissimulatio als überlegen zeigt, sein Gegenüber zu täuschen.47 In Buch 4 der Annalen gibt Tacitus den Briefwechsel zwischen Tiberius und Sejanus wieder (39–40). Inwieweit es sich hier um authentische oder fiktive Briefe handelt, wurde in der Forschung viel diskutiert; während etwa Syme von einer Erfindung des Historikers ausgeht,48 zieht Levick in Erwägung, dass Tacitus den originalen Wortlaut seiner Quelle beibehielt.49 Eine eindeutige Entscheidung ist hier natürlich schwer zu fällen, doch kann man m.E. davon ausgehen, dass Tacitus die Kunst der Ethopoiie50 gut genug beherrschte, um diesen

|| 46 Zur Ironie bei Tacitus vgl. etwa Syme (1958) 206: „Irony is all-pervasive“. 47 Bei Sueton wird Rheskuporis unter jenen Personen aufgelistet, die Tiberius durch List nach Rom lockte (Tib. 37,4): per blanditias atque promissa extractos ad se non remisit („Leute, die er durch Höflichkeiten und Versprechen zu sich gelockt hatte, ließ er nicht wieder zurück“). Die Erzählung über Rheskuporis hat eine Entsprechung in der Passage über König Archelaos von Kappadokien, der unter falschem Vorwand nach Rom gelockt wird (Tac. ann. 2,42,3: elicit Archelaum matris litteris) und dort nach Anklage im Senat den Tod findet (finem vitae sponte an fato implevit); zur dissimulatio als kommunikative Strategie des Tiberius vgl. Schulz (2015). 48 Syme (1958) 702: „The letter to Sejanus (IV.40) was invented by the historian. It would not be the masterpiece it is if he had not studied authentic documents with loving care“. 49 Levick (1976) 165: „…the second letter encapsulates words and phrases characteristic of Tiberius; either Tacitus so thoroughly understood his subject that consciously or unconsciously he could clothe an invented letter in language suitable to its purported author, or he faithfully preserved expressions actually found by him or his source in original documents.“ 50 Zur Ethopoiie vgl. etwa Helzle (1997) 22–36.

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und andere Briefwechsel nach dem Prinzip des verisimile zu gestalten und in die Narration einzufügen. Die Korrespondenz zwischen Tiberius und Sejan, in der beide Briefpartner jeweils ihre wahren Absichten zu verbergen suchen, zeigt den Kaiser abermals als jemanden, der seinem Gegenüber im Tarnen und Täuschen überlegen ist: Durch ihre Position genau in der Mitte von Buch 4 steht diese Korrespondenz an einem zentralen Punkt innerhalb der Sejan-Narration.51 Der Prätorianer-Präfekt gewinnt immer mehr an Einfluss und bittet Tiberius schließlich in einem Brief,52 dessen Inhalt Tacitus in ungefährem Wortlaut, wie er sagt (4,39,2: eius talis forma fuit), und in indirekter Rede wiedergibt, um die Einwilligung zur Heirat mit Livilla, der Witwe des Drusus und Schwiegertochter des Tiberius.53 Sejan verfasst mehr oder weniger ein Empfehlungsschreiben für sich selbst:54 Nach einer captatio benevolentiae und Lobpreisung von Tiberius’ Güte weist Sejan darauf hin, dass auch Augustus bei der Verheiratung seiner Tochter römische Ritter in Erwägung gezogen habe. So solle Tiberius auch im Falle der Livia an Sejanus denken, der gar nicht nach einer höheren Stellung strebe, sondern die Verwandtschaft mit dem Kaiser als höchste Ehre ansehe. Als weiteres Argument für die Ehe führt er an, dass das Kaiserhaus und Livias Kinder gegen die Anfeindungen der Agrippina geschützt werden müssen. Besonders mit dem letzten Argument meint Sejanus offenbar, bei Tiberius punkten zu können. Dieser antwortet daraufhin in zwei Briefen (4,40): Im ersten Schreiben lobt er Sejans pietas und gibt vor, mehr Bedenkzeit zu benötigen (4,40,1: tempus tamquam ad integram consultationem). Den Inhalt des zweiten Briefes – Syme bezeichnet ihn als „masterpiece of hidden meanings and convoluted deception“55 ‒ referiert Tacitus dann ausführlicher zunächst in indirekter Rede: Als Princeps müsse Tiberius bei Entscheidungen nicht nur seine eigenen Interessen, sondern auch die öffentliche Meinung mitberücksichtigen. Die Feindschaft zwischen Livia und Agrippina werde durch die Heirat Livias noch heftiger aufflammen – quid si intendatur certamen tali coniugio? (4,40,3) Alle weiteren Argumente, mit denen Tiberius die Bitte Sejans abschmettert, gibt Tacitus dann in direkter Rede wieder (4,40,4–7): Falleris enim, Seiane, si te mansurum in eodem ordine putas; Livia, die mit C. Caesar und Drusus verheiratet war, werde schwerlich an der Seite eines römischen Ritters alt werden wollen, und so könne Seja|| 51 Vgl. Martin/Woodman (1989) 193. 52 Trotz der Anwesenheit des Tiberius im Rom war es üblich, sich schriftlich an den Kaiser zu wenden (ann. 4,39,1: moris quippe tum erat quamquam praesentem scripto adire.) 53 In ann. 4,3 berichtet Tacitus vom Ehebruch der Livia mit Sejan, der sie zum Gattenmord angestachelt habe. 54 Vgl. Martin/Woodman (1989) 193. 55 Syme (1958) I, 320.

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nus auch nicht auf seinem bisherigen Posten verbleiben. Auch Sejans Argument bezüglich der Heiratspolitik des Augustus entkräftet Tiberius: Dieser habe bei der Verheiratung seiner Tochter zwar auch an römische Ritter gedacht, dann aber Marcus Agrippa und schließlich Tiberius selbst auserwählt. Atque ego haec pro amicitia non occultavi (7), schreibt Tiberius, der hier vorgibt, im Interesse Sejans zu argumentieren. Seinen Brief beendet er mit der versöhnlichen Ankündigung, sich weder Sejans noch Livias Absichten widersetzen und sich zu gegebener Zeit für die Gesinnung und Leistungen Sejans öffentlich erkenntlich zeigen zu wollen. In weiterer Folge berichtet Tacitus von den erfolgreichen Bemühungen Sejans, Tiberius dazu zu bringen, Rom zu verlassen, um seinen eigenen Einfluss zu stärken – u.a. auch durch Kontrolle von Tiberius’ Schriftverkehr (4,41). Schon Koestermann hat darauf hingewiesen, dass der in das vierte Annalen-Buch eingelegte Briefwechsel zwischen Tiberius und Sejan eine retardierende Funktion innerhalb der Narration vom Aufstieg, Machtzuwachs und Fall des Prätorianer-Präfekten hat: Bereits hier wird erzähltechnisch auf den späteren Sturz Sejans vorbereitet, bei dem ebenfalls ein Brief eine wichtige Rolle spielt – die betreffende Passage in Buch 5 der Annalen ist allerdings nicht erhalten.56 Am Ende von Buch 6, mit dem Tacitus die Regierungszeit des Tiberius beschließt, findet sich das berühmte Fazit über die Entwicklung von Tiberius’ Charakter von hoffnungsvollen Anfängen unter Augustus über List und Verstellung hin zur völligen Entblößung seines wahren grausamen Wesens (ann. 6,51,3): postremo in scelera simul ac dedecora prorupit postquam remoto pudore et metu suo tantum ingenio utebatur („Schließlich stürzte er sich zugleich in Verbrechen und Schandtaten, nachdem er Scham und Furcht abgelegt hatte und nur mehr sein eigentliches Wesen hervorkehrte“). In diese Phase fällt auch die Ermordung zahlreicher Personen, wie etwa des Drusus, Sohn des Germanicus und der älteren Agrippina (ann. 6,23,2–24). Auch hier spielt ein Brief eine zentrale Rolle: Nachdem Drusus in seinem Verließ im Palatin den Hungertod gestorben war, geht Tiberius noch auf den toten Enkelsohn los und wirft ihm Unzucht, feindselige Gesinnung gegen den Staat und anderes vor. Die Handlungen und Worte des Drusus, die im Gefängnis aufgezeichnet worden waren,57 lässt Tiberius sogar im Senat vorlesen (6,24,1):

|| 56 Koestermann (1963–68) II, 134; vgl. Cass. Dio 58,9,5; 58,10,1–7; Suet. Tib. 65,1. 57 Koestermann (1963–68) II, 297 vermutet, dass diese Protokolle im Senatsarchiv lagen und sich spätere Historiker darauf stützen konnten.

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…recitarique factorum dictorumque eius descripta per dies iussit, quo non aliud atrocius visum: adstitisse tot per annos, qui vultum, gemitus, occultum etiam murmur exciperent, et potuisse avum audire, legere, in publicum promere vix fides, nisi quod Attii centurionis et Didymi liberti epistulae servorum nomina praeferebant, ut quis egredientem cubiculo Drusum pulsaverat, exterruerat. …und er ließ tägliche Protokolle seiner Taten und Worte vorlesen, was als Höhe an Scheußlichkeiten erschien: Dass so viele Jahre lang Leute dabei waren, die seinen Gesichtsausdruck, sein Stöhnen, ja sogar unterdrücktes Murmeln aufzeichnen sollten, und dass der Großvater das hören, lesen, ja sogar öffentlich bekanntmachen konnte, hätte man kaum glauben wollen, wenn nicht die Briefe des Zenturio Attius und des Freigelassenen Didymos die Namen der Sklaven angeführt hätten, wie ein jeder Drusus, wenn er aus dem Schlafzimmer gehen wollte, geschlagen und eingeschüchtert hatte.

Dass Tiberius zu einer derartigen Abscheulichkeit in der Lage war, hätten die Zuhörer kaum glauben wollen, wenn nicht noch zwei Briefe hinzugekommen wären, die das Ganze belegten. Der betreffende Zenturio ging dabei so weit, seine eigenen Worte sowie die des sterbenden Drusus, der alle möglichen Verwünschungen ausstieß, detailliert aufzuzeichnen (6,24,2): etiam sua verba centurio saevitiae plena, tamquam egregium, vocesque deficientis adiecerat („Sogar seine eigenen Worte, die voller Grausamkeit waren – als ob das etwas Hervorragendes wäre – sowie die Worte des Sterbenden hatte der Zenturio hinzugefügt“). Die Reaktion der Senatoren auf diese Brief-Rezitation ist bezeichnend (6,24,3): obturbabant quidem patres specie detestandi: sed penetrabat pavor et admiratio, callidum olim et tegendis sceleribus obscurum huc confidentiae venisse ut tamquam dimotis parietibus ostenderet nepotem sub verbere centurionis, inter servorum ictus extrema vitae alimenta frustra orantem. Die Senatoren schrien freilich dagegen unter dem Anschein der Verwünschung. Doch es durchdrang sie zugleich Angst und Bewunderung, dass der einst schlaue und sich auf das Verbergen von Verbrechen verstehende Mann so viel an Selbstvertrauen gewonnen hatte, dass er gleichsam die Wände entfernte und seinen Enkel unter den Schlägen eines Zenturio und zwischen den Hieben von Sklaven zeigte, wie er vergeblich um die geringsten Lebensmittel bettelte.

War dissimulatio bisher ein wesentliches Merkmal der kommunikativen Strategie des Tiberius, so verzichtet er nun aufs Sich-Verstellen. Anders verhalten sich die Senatoren, die zumindest äußerlich den Schein wahren, indem sie gegen die Schmähungen, die der sterbenden Drusus angeblich gegen das Kaiserhaus ausgestoßen hatte, protestieren. Innerlich hingegen ruft die Brief-Rezitation bei den Senatoren gleichzeitig pavor und admiratio hervor über den kaiserlichen Exhibitionismus; die Szene erinnert ein wenig an die Aufführung einer Tragödie

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im Theater, insofern als das Bild vom „Entfernen der Wände“ (dimotis parietibus) dem Fallen des Vorhangs gleicht und dem Publikum eine leidende Figur gezeigt wird (ostenderet), die ähnliche Gefühle wie ἔλεος und φόβος auslöst.58 Mehr als die Figuren auf der Bühne sind hier allerdings die anwesenden Senatoren Schauspieler (specie), deren Reaktion den Senat beim Leser in keinem guten Licht erscheinen lässt. Briefkorrespondenz dient auch in den Nero-Büchern zur Charakterzeichnung und Dramatisierung. Lug und Trug kennzeichnen die schriftliche Kommunikation Neros in Buch 14 der Annalen, wo von der Ermordung der jüngeren Agrippina berichtet wird. Nachdem diese nach dem missglückten SchiffsAttentat erkannt hat, dass sie durch einen heuchlerischen Brief ihres Sohnes (14,6,1: fallacibus litteris) nach Baiae gelockt worden war, um auf einem präparierten Schiff zu sterben, kommt sie dann in ihrer eigenen Villa tatsächlich durch Neros Handlanger zu Tode. Im Anschluss schreibt Nero aus Neapel einen Rechtfertigungs-Brief an den Senat (14,10,3–11,3): Agrippina habe nach einem missglückten Anschlag auf sein Leben Selbstmord begangen. Schon zu Lebzeiten sei Agrippina durch ihr Machtstreben eine Gefahr für Kaiser und Senatoren gewesen, ihr Tod nütze dem Gemeinwohl (14,11,2: publica fortuna exstinctam referens). Als Nero dann auch noch den angeblichen Schiffbruch als einen Zufall schildert, schreitet Tacitus als Erzählinstanz ein und nimmt die Reaktion der Leser dieses Briefes vorweg (14,11,2–3):59 namque et naufragium narrabat; quod fortuitum fuisse, quis adeo hebes inveniretur, ut crederet? aut a muliere naufraga missum cum telo unum, qui cohortes et classes imperatoris perfringeret? ergo non iam Nero, cuius immanitas omnium questus anteibat, sed Seneca adverso rumore erat, quod oratione tali confessionem scripsisset. Denn er berichtete auch vom Schiffbruch; dass der ein Unfall war – wer könnte so schwachsinnig sein, das zu glauben? Oder dass von einer schiffbrüchigen Frau ein Einzelner mit einer Waffe geschickt wurde, der die Kohorten und Flottenmannschaften des Kaisers durchbrechen sollte? Daher kam nicht mehr Nero, dessen Unmenschlichkeit die Klagen aller übertraf, sondern Seneca ins üble Gerede, da er mit einer solchen Darstellung gleichsam ein Geständnis verfasst habe.

Erst nach der Wiedergabe des Brief-Inhaltes erfahren wir, sozusagen als aprosdóketon, dass gar nicht Nero selbst, sondern Seneca der Verfasser war.

|| 58 Vgl. Aristot. Poet. Kap. 6, 1449b 24–25. 59 Ker (2012) 321: „…the audience’s reaction to the text being delivered intrudes before the text itself can be concluded“.

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Dieser gerät nun in Verruf nicht nur wegen einer möglichen Mittäterschaft,60 sondern weil er einen derartig unglaubwürdigen Text geschrieben hat. Wie Tacitus uns hier suggeriert, ist für die Rezipienten des Briefes im Senat offenbar weniger der Muttermord selbst ein Skandal, sondern die Rhetorik des von Seneca verfassten Schreibens.61

Curtius Rufus Zwischen Biographie, Historiographie und Roman ist die Alexander-Geschichte des Curtius Rufus anzusiedeln,62 die hier zum Abschluss betrachtet werden soll. An mehreren Stellen in den Historiae Alexandri Magni erfüllen Briefe eine wichtige Funktion innerhalb des Handlungsverlaufes. So streut Curtius etwa einen Briefwechsel zwischen Alexander und dem Perserkönig Dareius ein, der in die Zeit nach der Schlacht von Issos fällt (4,1,7–14).63 Nachdem Alexander offenbar schon zu einem früheren Zeitpunkt superbae litterae des Perserkönigs erhalten hat (3,5,12),64 muss er sich nun während des Aufenthalts in Marathos erneut über den hochmütigen Ton seines Kontrahenten ärgern (4,1,7: litterae…quibus ut superbe scriptis vehementer offensus est); insbesondere ist Alexander darüber entrüstet, dass Dareius in dem Schreiben sich selbst als rex bezeichnet, diesen Titel aber bei Alexanders Namen weglässt (…Dareus sibi regis titulum nec eundem Alexandri nomini adscripserat). Den Wortlaut des Dareius-Briefes (4,1,7–9), in dem dieser von Alexander die Freilassung seiner Mutter, Gattin und Kinder gegen ein gewaltiges Lösegeld fordert (postulabat autem magis quam petebat), referiert Curtius in indirekter Rede, die Antwort Alexanders (4,1,10–14) hingegen nimmt deutlich mehr Raum ein und wird in direkter Rede wiedergegeben;

|| 60 Tacitus hält sich hierüber lange bedeckt, während Seneca bei Cassius Dio schon von Anfang an in die Anschlagspläne gegen Agrippina involviert ist (Dio 62,12,1–2). 61 Vgl. Ker (2012) 321. Eine Sentenz aus Senecas Brief wird bei Quintilian (inst. 8,5,18) zitiert: facit quasdam sententias sola geminatio, qualis est Senecae in eo scripto, quod Nero ad senatum misit occisa matre, cum se periclitatum videri vellet: ‘salvum me esse adhuc nec credo nec gaudeoʼ; zu Seneca als Neros „Ghostwriter“ vgl. Tac. ann. 13,3,1 und 17,3; Koestermann (1963–68) IV, 47. 62 Porod (1987); Currie (1990); Kuhlmann (2016); Wulfram (2016a). 63 Vgl. Arr. An. 2,14; Iust. 11,12,1–2; Diod. 39,1–2; Helmreich (1927) 95–98; Atkinson (1980) 271–277; Wulfram (2002) 60–70. 64 Der Brief wurde vermutlich in einem der verlorenen Bücher des Curtius erwähnt; in dem Curtius-Supplement aus dem Mittelalter, das Buch 1 und 2 ersetzt, wird dieser Briefwechsel genauer beschrieben (Smits 334–366); Wulfram (2002) 66–68.

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der Übergang erfolgt dabei mit den Worten contra Alexander in hunc maxime modum rescripsit (4,1,10: „Darauf antwortete Alexander im wesentlichen folgendermaßen“), was sich als Hinweis auf die nun folgende Ethopoiie verstehen lässt – denn eigentlich ist es ja Curtius, der diesen Brief verfasst.65 Er beginnt mit der Grußformel Rex Alexander Dareo S., kehrt also die (nach Alexanders Auffassung impertinente) Anrede im Dareius-Brief um, indem nun Alexander, nicht aber Dareius den Titel rex erhält.66 Alexander rekapituliert zunächst das Unrecht, das von den Persern gegen die Griechen und Makedonen verübt worden war (4,1,10–12) und rechtfertigt seinen Feldzug als Verteidigungskrieg (4,1,13: repello igitur bellum, non infero). Trotzdem stellt er Dareius in Aussicht, Milde walten zu lassen, sollte dieser sich unterwürfig zeigen (si veneris supplex). Am Ende des Briefes erinnert Alexander seinen Gegner daran, dass er es nicht nur mit einem König, sondern auch mit seinem eigenen König zu tun habe (4,1,14: De cetero, cum mihi scribes, memento non solum regi te, sed etiam tuo scribere!).67 Zumindest teilweise scheint Alexanders Zurechtweisung Erfolg zu haben, denn nach der Eroberung von Tyros (4,2–4) erhält er einen weiteren Brief des Perserkönigs (4,5,1–6), der nun immerhin die Titulatur als König berücksichtigt (4,5,1: litterae…tandem ut regi scriptae);68 Dareius bietet Alexander seine Tochter Stateira als Ehefrau an (4,5,1), warnt ihn vor jugendlicher Selbstüberschätzung (4,5,2–5) und schließt den Brief mit einer Drohung (4,5,6: se vero ad ipsum vocare desineret: namque illius exitio se esse venturum). Ähnlich wie vorhin ist auch hier nicht in erster Linie Dareius, sondern Curtius als der eigentliche Epistolograph anzusehen, der die Worte des Perserkönigs nach dem Prinzip des verisimile arrangiert.69 Dies darf auch für die Antwort Alexanders gelten, die er dem Briefboten nach der Brieflektüre ausrichtet (4,5,7–8). Mit den Worten

|| 65 Damit soll die Historizität einer schriftlichen Korrespondenz zwischen Alexander und Dareius natürlich nicht bestritten werden; vgl. Atkinson (1980) 271: „It is reasonable to accept that there was an exchange and that versions of these letters circulated in Alexander’s day.“ 66 Zu den historischen Hintergründen im Zusammenhang mit dem Titel vgl. Atkinson (1980), 271–272, der festhält: „Curtius appears to have used the point to aid in the characterisation of Darius and Alexander“ (272). 67 Vgl. Arr an. 2,14,9: καὶ τοῦ λοιποῦ ὅταν πέμπῃς παρ᾽ ἐμὲ, ὡς πρὸς βασιλέα τῆς Ἀσίας πέμπε… 68 Vgl. Arr. an. 4,25,1; Iust. 11,12,3–4; Diod. 39,1; 54,1–2; Helmreich (1927) 99–104. 69 Vgl. Atkinson (1980) 320: „As for Darius’ letter most of what follows…is literary invention, with details foreshadowing later episodes. The phraseology is consistent with Curtius’ phraseology in other parts of the Histories, which means that the rhetoric running through the letters and speeches is essentially Curtius’ own work.”

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reges quidem haec invicem scripserant beschließt Curtius Rufus den in Buch 4 eingelegten „Briefroman“ der Könige.70 Ein weiterer Briefpartner Alexanders ist sein General Parmenion, der als Verfasser einer schriftlichen Warnung in Buch 3 auftaucht. Die Erzählung über Alexanders Kälteschock nach seinem Bad im Fluss Kydnos und die anschließende Behandlung durch den Arzt Philipp gehört sicherlich zu den bekanntesten Passagen im Werk.71 Die Episode stellt, wie Niklas Holzberg gezeigt hat,72 eine kunstvoll komponierte narrative Einheit dar und lässt sich in Anfangs-, Mittel- und Schlussteil gliedern bzw. kann sogar als eine Art Drama in fünf Akten gelesen werden. Die Handlung spielt zunächst am Fluss bzw. im Heerlager, wo nach dem Kälteschock Alexanders große Bestürzung herrscht (3,5,1–8). Schauplatz des längeren Mittelteils ist das tabernaculum des Makedonenkönigs, in dem sich außer Alexander noch Ärzte und amici aufhalten (3,5,9–6,15), während der kürzere Schlussteil wieder im Lager vor dem Heer spielt (6,16–20). Der Mittelteil wiederum, auf den ich mich nun konzentrieren möchte, besteht aus drei Handlungsabschnitten: Im ersten (5,9–6,3) erfahren wir von Alexanders Erwachen, seinen Sorgen über seine Lage und seiner Unterredung mit Freunden und Ärzten, von denen er ein schnell wirkendes Heilmittel fordert. Während die restlichen Anwesenden Alexander davor warnen, ein ungetestetes Mittel einzunehmen, erklärt sich Philipp aus Arkananien bereit, die gewünschte Medizin zu beschaffen,73 allerdings müsse sich Alexander noch drei Tage gedulden (6,3: post diem tertium medicamentum sumpturus). Diese Wartefrist dient erzähltechnisch als retardierendes Moment, mit dem Curtius die Spannung74 erhöht und die Voraussetzung für eine neue Entwicklung schafft, die den zweiten Abschnitt des Mittelteiles prägt (6,4–5): Inter haec a Parmenione fidissimo purpuratorum litteras accipit, quibus ei denuntiabat ne salutem suam Philippo committeret: mille talentis a Dareo et spe nuptiarum sororis eius esse corruptum. Ingentem animo sollicitudinem litterae incusserant et, quidquid in utramque partem aut metus aut spes subiecerat, secreta aestimatione pensabat: Unterdessen erhält er von Parmenion, dem treusten seiner Hofleute, einen Brief, in dem dieser ihn davor warnte, sein Wohl dem Philipp anzuvertrauen; er sei von Dareios durch

|| 70 Zu Alexander-Roman und Alexander-Briefen vgl. Holzberg (1994) 6–7; zu Briefen in Plutarchs Alexander-Biographie vgl. Hamilton (1961). 71 Zu dieser Passage vgl. Atkinson (1980) 146–169; Porod (1987) 75–98; Holzberg (1988). 72 Holzberg (1988). 73 Zur Figur des Arztes bei Curtius vgl. Schulze (2016). 74 Laut Macherei (2016) 221–222 ist diese dreitägige Frist kaum mit medizinischen Überlegungen zu begründen, sondern hat eine rein narrative Funktion.

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tausend Talente und die Hoffnung auf eine Ehe mit dessen Schwester bestochen worden. Der Brief hatte eine gewaltige Beunruhigung bei ihm ausgelöst, und wozu auch immer Furcht oder Hoffnung ihn tendieren ließen, das wog er bei sich selbst im Geheimen ab.

Die Lektüre von Parmenions Brief, dessen warnender Inhalt in indirekter Rede wiedergegeben wird – Philipp sei von Dareios bestochen worden – löst bei Alexander eine gewaltige Verunsicherung aus, und es folgt ein innerer Monolog (6,5–6), der sein Hin- und Herschwanken zwischen metus und spes aus der Figurenperspektive durch eine Reihe von Dubitativen zum Ausdruck bringt.75 Schließlich entscheidet sich Alexander, niemandem vom Inhalt des Briefes zu erzählen und ihn versiegelt unter sein Kissen zu legen (6,7: …nulli quid scriptum esset enuntiat epistulamque sigillo anuli sui impresso pulvino, cui incubabat, subiecit). Wurden zuvor die Worte Parmenions referiert, so steht nun der Brief als Objekt im Vordergrund. Der letzte Handlungsabschnitt des im tabernaculum spielenden Teils der Kydnos-Episode ist abermals durch einen Hinweis auf die dazwischenliegende Zeitspanne abgesetzt (6,8–10): Inter has cogitationes biduo absumpto inluxit a medico destinatus dies, et ille cum poculo, in quo medicamentum diluerat, intravit. Quo viso, Alexander levato corpore in cubili epistulam a Parmenione missam sinistra manu tenens accipit poculum et haurit interritus; tum epistulam legere Philippum iubet, nec a vultu legentis movit oculos, ratus aliquas conscientiae notas in ipso ore posse deprehendere. Ille epistula perlecta plus indignationis quam pavoris ostendit, proiectisque amiculo et litteris ante lectum: "Rex", inquit… Nachdem unter solchen Überlegungen ein Zeitraum von zwei Tagen vergangen war, brach der vom Arzt festgesetzte Tag an, und dieser trat mit dem Becher, in dem er das Heilmittel aufgelöst hatte, herein. Als er ihn gesehen hat, richtet sich Alexander in seinem Lager auf, hält in der linken Hand den von Parmenion geschickten Brief, nimmt den Becher und trinkt unerschrocken. Dann lässt er Philipp den Brief lesen, ohne die Augen vom Gesicht des Lesenden abzuwenden, da er glaubte, irgendeinen Ausdruck des Gewissens auf dem Antlitz selbst erfassen zu können. Dieser zeigt nach der Lektüre des Briefes mehr Entrüstung als Furcht und sagt, nachdem er Mantel und Brief vor das Bett geworfen hat, „König…“

Die Dramatik dieser Szene im tabernaculum wird durch die beiden Akteure Alexander und Philipp sowie zwei Requisiten, mit denen jeder ausgestattet ist (Medizin-Becher und Brief), erzeugt. Alexander, der zuvor noch von Verunsiche-

|| 75 In den Paralleltexten – Arrian Anab. 2,4,7–11; Plutarch Alex. 19; Diodor 17,31,4–6 und Iustin. 11,8,3–9; Val. Max. 3,8,6 – fehlt diese Beschreibung der Reaktion Alexanders; vgl. Porod (1987) 89; zur internen Fokalisierung in der Passage 3,6,5–8 als Anzeichen für die Fiktionalität der Erzählweise vgl. Kuhlmann (2016) 62–63.

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rung gequält war, zeigt sich Philipp gegenüber nun unerschrocken: In der linken Hand hält er den Brief, mit der anderen nimmt er den Becher entgegen und trinkt. Erst dann lässt er Philipp den Brief lesen und beobachtet ihn dabei genau; während Philipp den Brief liest, versucht Alexander wiederum in der Miene des Arztes zu lesen, wie der hier gebrauchte Begriff notae, der sich auch auf Buchstaben beziehen kann, suggeriert.76 Die Reaktion des Arztes auf die Lektüre steht jedoch in auffälligem Gegensatz zu derjenigen, wie sie zuvor Alexander an den Tag gelegt hatte: Statt sollicitudo auszulösen (6,5), ruft der Brief nun indignatio hervor, und Philipp kündigt in seiner darauf folgenden Rede an, dass Alexanders Genesung die Vorwürfe Parmenions entkräften würden. Tatsächlich tritt, nach einer kurzen Retardation (das Mittel löst starke Nebenwirkungen aus), die angekündigte Besserung ein und Philipp ist rehabilitiert. Anders als dem Arzt Philipp ergeht es dem Perser Sisenes, der sich Alexanders Heer angeschlossen hat und von dessen Schicksal wir im darauffolgenden Kapitel lesen. In der Sisenes-Episode (3,7,11–15) ist abermals ein Brief ein wichtiges Requisit, das den Handlungsverlauf beeinflusst bzw. zur Dramatisierung genutzt wird. Diese Passage scheint bewusst als Gegenstück zu der zuvor betrachteten Episode über den Parmenion-Brief komponiert zu sein;77 während Curtius Rufus mit seiner Erzählung über die Ereignisse am Kydnos die ParallelÜberlieferung an Dramatik und Psychologisierung deutlich überbietet, findet sich die Erzählung von Sisenes sogar bei ihm allein und dürfte seine eigene kreative Zutat zum Alexander-Soff sein.78 In der Einleitung der Erzählsequenz, wo die Vorstellung des Sisenes erfolgt, wird dem Leser durch verbale Bezüge suggeriert, eine Parallele zwischen dem Perser und dem Arzt Philipp herzustellen (7,11).79 Nach dem Zwischenfall am Kydnos befindet sich das Makedonenheer nun auf dem Marsch nach Issos, als Sisenes ein Brief zum Verhängnis wird (7,12–14): Huic epistulam Cretensis miles obsignatam anulo, cuius signum haud sane notum erat, tradidit. Nabarzanes, praetor Darei, miserat eam hortabaturque Sisenem, ut dignum aliquid nobilitate atque moribus suis ederet: magno id ei apud regem honori fore. Has litteras Sise-

|| 76 OLD 1191–1192, s.v. 77 Vgl. Atkinson (1980) 187: „Curtius’ elaboration of this episode provides a tale to balance the story of Parmenion’s letter against Philipp“. 78 Vgl. Wulfram (2016b) 135; auch Arrian erwähnt einen Sisenes als Mittelsmann des Dareius, der mit dem Lynkesten Alexander Kontakt aufnehmen soll; vgl. Atkinson (1980) 183–187. 79 erat in exercitu regis Sisenes Perses…exilium patria sede mutaverat, secutus deinde in Asiam Alexandrum, inter fideles socios habebatur; vgl. 6,1: erat inter nobiles medicos ex Macedonia regem secutus Philippus, natione Acarnan, fidus admodum regi.

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nes, utpote innoxius, ad Alexandrum saepe deferre temptavit; sed, cum tot curis apparatuque belli regem videret urgueri, aptius subinde tempus exspectans suspicionem initi scelesti consilii praebuit. Namque epistula, priusquam ei redderetur, in manus Alexandri pervenerat, lectamque eam et ignoti anuli sigillo inpresso Siseni dari iusserat ad aestimandam fidem barbari. Qui quia per conplures dies non adierat regem, scelesto consilio eam visus est suppressisse et in agmine a Cretensibus haud dubie iussu regis occisus. Ihm übergab ein kretischer Soldat einen Brief, der mit einem ganz unbekannten Ringzeichen gesiegelt war. Nabarzanes, der Feldherr des Dareios, hatte ihn geschickt und forderte Sisenes auf, etwas seines Adels und seines Charakters Würdiges zu vollbringen; das würde ihm beim König großes Ansehen einbringen. Diesen Brief wollte Sisenes, der ja unschuldig war, Alexander mehrmals überbringen. Da er aber sah, wie der König von so vielen Sorgen und der Rüstung zum Krieg belastet wurde, und daher auf einen besseren Zeitpunkt wartete, machte er sich verdächtig, ein Verbrechen zu planen. Denn bevor ihm der Brief übergeben wurde, war er in die Hände Alexanders geraten, der ihn las, mit einem unbekannten Ringsiegel versah und Sisenes geben ließ, um die Treue des Barbaren zu prüfen. Weil dieser den König mehrere Tage lang nicht aufgesucht hatte, schien er den Brief aus verbrecherischen Absichten heraus unterschlagen zu haben und wurde im Heerzug von Kretern, zweifellos auf Befehl des Königs, getötet.

Sisenes ist trotz seiner persischen Herkunft ein treuer Gefolgsmann Alexanders. Von einem kretischen Soldat80 wird ihm ein Brief mit unbekanntem Siegel überreicht, der sich als Schreiben des persischen Feldherrn Narbazanes entpuppt; dieser fordert seinen Landsmann auf, einen Anschlag auf Alexander zu verüben. Sisenes will Alexander diesen Brief überreichen, wartet den richtigen Zeitpunkt jedoch zu lange ab – aus Respekt vor dem König.81 Wie in der Passage über den Parmenion-Brief spielt auch hier der Zeit-Faktor eine entscheidende Rolle: In 3,6 muss Alexander drei Tage auf die Einnahme des von Philipp verordneten Medikaments warten, und so kann der warnende Brief Parmenions vorher eintreffen. In 3,7 zögert Sisenes mehrere Tage (3,7,14: complures dies), Alexander den Brief zu überreichen, was ihn verdächtig macht und sein Todesurteil bedeutet. Der Brief war Alexander nämlich zuvor schon zugespielt (vermutlich durch denselben Kreter), geöffnet und erst dann mit einem unbekannten Siegel an Sisenes weitergeleitet worden, um seine Loyalität zu testen. Durch das Motiv des vermeintlichen Anschlags und den Brief als die Handlung prägendes Requisit ist diese Episode mit derjenigen über Philipp verbunden; es werden jedoch unterschiedliche Reaktionen Alexanders auf verdächtige Briefe dargestellt: Während er Philipp mehr infolge von temeritas denn aus Freund-

|| 80 Zum negativen Ruf, in dem die Kreter in der Antike standen, vgl. Cic. rep. 3,15; Ov. Ars 1,298; Lucan 8,872; Atkinson (1980) 184. 81 Behrwald (2016) 272 bezeichnet Sisenes als „Opfer seiner Höflichkeit“.

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schaftsgefühlen vertraut,82 lässt er den unschuldigen Sisenes ermorden. Im Unterschied zur stark dramatisierten Philipp-Episode wird die Handlung hier etwas nüchterner und in einem höheren Erzähltempo geschildert: Es fehlen direkte Reden, und wir erfahren auch nichts darüber, dass es zu irgendeinem Zeitpunkt zu einer direkten Konfrontation zwischen Sisenes und Alexander kam. Stattdessen beseitigen ihn kretische Soldaten auf Alexanders Befehl, wie Curtius bekräftigt, während des Marschs. Die Erzählung vom Tod des Sisenes dient unter anderem auch dazu, Alexander mit Dareius zu kontrastieren: Gleich im folgenden Kapitel lesen wir, wie der Perserkönig mit seinen griechischen Söldnern verfährt (3,8). Nachdem diese Dareius geraten hatten, sein Herr zurückzuziehen bzw. aufzusplittern, kam es zu heftigen Protesten der Höflinge des Dareius, die in dem Vorschlag der griechischen Soldaten einen Verrat vermuteten und sie als warnendes Exempel töten wollten. Dareius lehnt dies jedoch mit folgender Begründung ab (3,8,5): At Dareius, ut erat sanctus ac mitis, se vero tantum facinus negat esse facturum, ut suam secutos fidem, suos milites iubeat trucidari („Aber Dareius mit seinem ehrwürdigen und sanften Charakter lehnte es ab, ein derartiges Verbrechen zu begehen und diejenigen, die in seiner Obhut standen, seine Soldaten, niedermetzeln zu lassen“). Der Vergleich der Sisenes-Episode mit dieser Szene zeigt, dass Alexanders negative Charakterzüge bereits in der ersten Pentade (Buch 3– 5) angedeutet werden.83 Eine Brief-Intrige wird bei Curtius auch noch an einer anderen Stelle gesponnen: Diametral zur Episode vom warnenden Brief Parmenions in Buch 3 steht die Erzählung von der Ermordung Parmenions in Buch 7, wo das Motiv des epistolaren Komplotts seinen Höhepunkt zu erreichen scheint. Nachdem Parmenion in Buch 6 von Alexander als Mitwisser an der Verschwörung seines Sohnes Philotas verdächtigt worden war – ein abgefangener Brief dient hier als Beweis (6,9,13–15) – beauftragt Alexander in Buch 7 Parmenions Freund Polydamas, Folgendes zu tun (7,2,15–16): „Proficiscere in Mediam, et ad praefectos meos litteras scriptas manu mea perfer. Velocitate opus est, qua celeritatem famae antecedas. Noctu pervenire illuc te volo; postero die, quae scripta erunt, exsequi. Ad Parmeniona quoque epistulas feres; unam a me, alteram Philotae nomine scriptam: signum anuli eius in mea potestate est; si pater credit a filio inpressum, cum te viderit, nihil metuet.“

|| 82 Vgl. Holzberg (1988) 97. 83 Zu der in der Curtius-Forschung häufig artikulierten Ansicht, dass Alexander in der ersten Pentade (3–5) noch positiv und in der zweiten (6–10) negativ dargestellt wird, vgl. Holzberg (1988) 99.

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„…Brich auf nach Medien und überbringe meinen Befehlshabern einen von meiner Hand geschriebenen Brief. Du musst dich beeilen, damit du schneller bist als das Gerücht. Ich möchte, dass du dort in der Nacht eintriffst. Am folgenden Tag soll der Inhalt des Schreibens ausgeführt werden. Auch dem Parmenion sollst du Briefe überbringen: Einen von mir, einen anderen, der im Namen des Philotas verfasst ist; sein Ringsiegel ist in meinem Gewahrsam. Wenn der Vater glaubt, es handle sich um das Siegel des Sohnes, wird er nichts befürchten, wenn er dich sieht.“

Polydamas soll also insgesamt drei Briefe überbringen: Einen von der Hand Alexanders an seine Offiziere, einen von Alexander an Parmenion und einen gefälschten Brief des inzwischen schon hingerichteten Philotas, ebenfalls an Parmenion. Das Siegel, über welches Alexander verfügt, ist dabei ein wichtiger Garant für die vermeintliche Authentizität des Schreibens.84 Polydamas begibt sich daraufhin in arabisches Gewand gekleidet und in Begleitung zweier Araber auf Kamelen durch die Wüste nach Medien, wo er am elften Tag (undecimo die) ankommt (7,2,17–18). Bevor er seine Ankunft in Parmenions Lager ankündigen lässt, legt Polydamas wieder seine Makedonentracht an. In der Nacht (19: quarta vigilia) überreicht er das erste Schreiben Alexanders dem Kleander (praetor regius), und man beschließt, am nächsten Morgen zu Parmenion zu gehen. Dieser empfängt voll Freude den vermeintlichen Freund in einem königlichen Lustgarten und ist neugierig auf Nachrichten von Alexander – quippe longo intervallo nullam ab eo epistulam acceperat. Der locus amoenus und die Freude Parmenions stehen in starkem Kontrast zum Mordkomplott, das kurz vor seiner Ausführung steht (7,2,23–27): Spatiabatur in nemore Parmenion medius inter duces, quibus erat imperatum litteris regis, ut occiderent. Agendae autem rei constituerant tempus, cum Parmenion a Polydamante litteras traditas legere coepisset. Polydamas procul veniens, ut a Parmenione conspectus est, vultu laetitiae speciem praeferente ad conplectendum eum cucurrit; mutua tum salutatione functi, Polydamas epistulam a rege scriptam ei tradidit. Parmenion vinculum epistulae solvens, quidnam rex ageret requirebat. Ille ex ipsis litteris cogniturum esse respondit. Quibus Parmenion lectis: “Rex”, inquit, “expeditionem parat in Arachosios. Strenuum hominem et nunquam cessantem! Sed tempus saluti suae tanta iam parta gloria parcere.” Alteram deinde epistulam, Philotae nomine scriptam, laetus, quod ex vultu notari poterat, legebat. Tum eius latus gladio haurit Cleander, deinde iugulum ferit, ceteri exanimum quoque confodiunt.

|| 84 Mit dem Motiv der Fälschung, des Siegels und des Mordes, der durch mehrere Briefe vorbereitet wird, ähnelt diese Passage derjenigen bei Herodot über die Ermordung des Oroetes (Hdt. 3,126–128); vgl. Rosenmeyer (2001) 50–51. Zur literarischen Fälschung allgemein vgl. Speyer (1971).

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Parmenion spazierte im Hain zwischen den Offizieren, denen durch den Brief des Königs aufgetragen war, ihn zu ermorden. Für die Ausführung der Tat hatten sie jenen Zeitpunkt festgesetzt, an dem Parmenion die von Polydamas überbrachten Briefe zu lesen begonnen hätte. Als Polydamas aus der Ferne herankam und von Parmenion erblickt wurde, setzte er eine heitere Miene auf und eilte, um ihn zu umarmen. Nachdem sie sich gegenseitig begrüßt hatten, übergab ihm Polydamas den vom König verfassten Brief. Während Parmenion das Briefband löste, fragte er, wie es dem König ginge. Jener antwortete, das werde er aus dem Brief selbst erfahren. Als Parmenion ihn gelesen hatte, sagte er: „Der König bereitet einen Feldzug gegen die Arachosier vor. Was für ein tatkräftiger und niemals ruhender Mann! Aber es ist Zeit, dass er nach dem Erwerb so großen Ruhms auf seine Sicherheit achtet.“ Den zweiten Brief, der in Philotas’ Namen geschrieben war, las er dann voll Freude, wie sich an seinem Gesicht erkennen ließ. Da durchstieß ihm Kleander die Seite mit dem Schwert, stach ihm dann noch in die Kehle, und die Übrigen durchbohrten ihn, als er schon tot war.

Die drei von Alexander mitgegebenen Briefe dienen hier als Instrumente zur Ausübung des Mordes sowie als Mittel zur Ablenkung des Opfers: In der zuvor betrachteten Rede Alexanders an Polydamas wurde noch nicht erklärt, wie diese Briefe genau gegen Parmenion eingesetzt werden sollten, und so ist die Erwartungshaltung beim Leser entsprechend gesteigert. Die Mord-Szene wird eingeleitet von einem Bild des in den königlichen Gärten spazierenden Parmenion, was ein wenig an eine römische otium-Szenerie erinnert, die zum Schauplatz einer Bluttat wird.85 Man könnte hier etwa an die Exekution der Messalina denken, die bei Tacitus in den Lukullischen Gärten von einem Tribun erstochen wird (ann. 11,37–38). Anders als Messalina, die ihr Ende herannahen sieht, ist Parmenion völlig ahnungslos. Die Antwort des Polydamas auf Parmenions Frage, wie es Alexander denn ginge, wirkt doppeldeutig: Seine Worte „Das wirst du aus dem Brief selbst erfahren“ weisen schon auf die tödliche Wirkung dieses Schreibens voraus. Parmenions Wiedergabe des BriefInhalts und seine Bemerkungen zu Alexanders Ruhelosigkeit dienen als retardierende Elemente, wohingegen seine Empfehlung, Alexander solle sich um seine Sicherheit kümmern (tempus saluti suae…parcere), einen bitter-ironischen Beigeschmack hat: Dem Leser, der hier natürlich mehr weiß als die handelnde Figur, ist klar, dass Alexander inzwischen niemanden geringeren als Parmenion für eine Bedrohung seiner Sicherheit hält.86 Mit dem Bild des Parmenion, der den gefälschten Brief seines Sohnes liest, ist ein deutlicher Rückbezug zu der || 85 Auch Ovid kreiert in den Metamorphosen häufig loci amoeni, bevor er eine Vergewaltigung oder Verwandlung schildert; vgl. Bernstein (2011). 86 Der Begriff salus korrespondiert mit 7,1,12, wo Alexander von seiner Mutter brieflich vor den Freunden des Philotas gewarnt worden war: igitur olim sibi esse suspectos matris suae litteris, quibus esset admonitus, ut ab his salutem suam tueretur.

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Szene hergestellt, wo Philipp den Brief Parmenions liest, denn beide Passagen spielen mit dem Motiv des Lesens aus der Mimik: Suchte Alexander zuvor nach Anzeichen für Philipps schlechtes Gewissen (3,6,9: aliquas conscientiae notas), lässt sich Parmenions Freude über das vermeintliche Schreiben seines Sohnes aus seiner Miene ablesen (laetus, quod ex vultu notari poterat); wie es scheint, lesen sowohl Philipp als auch Parmenion den jeweiligen Brief leise.87 Die tragische Ironie der Passage in Buch 7 besteht nun darin, dass Parmenion genau im Moment seiner trügerischen Freude erdolcht wird.

Resümee Der vorliegende Beitrag hat versucht, einen Eindruck zu vermitteln von der Bandbreite der Funktionen, die Briefe bzw. Briefkorrespondenz im Rahmen von narrativen Prosatexten, insbesondere Biographie und Historiographie, erfüllen können. Briefe bilden einerseits „embedded narratives“, sofern ihr Inhalt wiedergegeben wird, und dienen somit ähnlich wie Reden oder Monologe zur Fokalisierung auf die Figurenperspektive, oder sie sind andererseits als soziales bzw. physisches Phänomen, in der Narration präsent.88 Das Beispiel Suetons hat verdeutlicht, dass Briefe in der Biographie sowohl als Belegmaterial für unterhaltsame Anekdoten dienen als auch für die Selbstdarstellung des Biographen als Autorität auf seinem Gebiet eine wichtige Rolle spielen, insofern als dieser seinen Lesern Detailwissen etwa über Briefstil und Orthographie einer Persönlichkeit sowie die Autopsie von Quellen suggeriert. Zudem liefern die verstreuten Hinweise in der Biographie zur Briefkorrespondenz historischer Figuren wie Caesar und Augustus aufschlussreiche Informationen zur Entwicklung der antiken Epistolographie, zu der insbesondere Caesar einen wichtigen Beitrag geleistet zu haben scheint, wenn man seiner Darstellung als inventor verschiedener Formen der Korrespondenz Glauben schenkt.89 Stärker als Sueton schöpft Plutarch in seinen Biographien das dramatische Potenzial von Briefen aus, wie aus der oben diskutierten Anekdote über Caesar und Cato hervorgeht: Hier sind nicht nur Form und Inhalt des Briefes von Bedeutung, sondern auch der Akt seiner Zustellung im Senat, Catos verfehlte Spekulationen über die Adressanten noch vor dem Öffnen des Schreibens, sowie der Akt der Lektüre. Zu Fokalisie|| 87 Vgl. Atkinson (1980) 259 mit weiteren Belegen zum silent reading; s.o. Anm. 24. 88 Vgl. Rosenmeyer (2013). 89 Ebbeler (2003) versucht, Caesars Status als Epistolograph in der Literaturgeschichte stärker zu etablieren.

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rung und Dramatisierung nutzen auch Tacitus und Curtius Rufus die Briefkorrespondenz der handelnden Figuren. Neben dem Inhalt, Wortlaut oder der Materialität eines Briefes bieten auch die mit dem Senden, Überbringen, Empfangen und Lesen verbundenen Aspekte wie Verzögerung, Abfangen, Fälschen und Missdeuten den Autoren die Möglichkeit, den Handlungsverlauf spannender zu gestalten. In den betrachteten Texten fällt auf, dass die in die Narrationen integrierten Briefwechsel zumeist ganz anders geartet sind als wir es aus der Theorie und Praxis der antiken Epistolographie kennen: Während von Briefen ein einfacher und anmutiger Stil gefordert wird, sie als Spiegel der Seele, Ausdruck des Charakters, wichtige Medien zur Bewahrung der amicitia und halbierte Dialoge gelten, konfrontieren uns Biographen und Historikern häufig mit einer Art „alternativer Epistolographie“: So begegnen uns etwa Briefe mit obszönem Inhalt, und wir bekommen immer wieder das destruktive Potenzial der epistolaren Korrespondenz vor Augen gestellt, etwa wenn sich die Briefpartner gegenseitig zurechtweisen und bedrohen (Alexander und Dareius bei Curtius) oder Briefe immer wieder als Mittel, Dokumente oder Requisiten für Trug, List und Heuchelei dienen.90 Diese Aspekte sind für die Gestaltung längerer Narrationen offenbar interessanter als die in der Epistolographie ansonsten herrschenden Konventionen. Zusätzlich zu den mittlerweile verstärkten Bemühungen um die literarische Erforschung antiker Briefsammlungen und ihrer Interaktionen mit anderen Gattungen dürfte eine systematische Analyse dieser „alternativen Epistolographie“, wie sie uns in historiographischen und biographischen Werken präsentiert wird, weitere wichtige Erkenntnisse über die Einstellung antiker Autoren und Rezipienten zu den Möglichkeiten und Grenzen des epistolaren Genres liefern.

|| 90 Vgl. Trapp (2003) 41: „Tragedy, history, and the novel are full of instances of epistolary deceit and harm“.

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Sven Lorenz

Martial und Juvenal Dass es sprachliche und thematische Ähnlichkeiten zwischen den Epigrammen Martials und den Satiren seines etwas jüngeren Zeitgenossen Juvenal gibt, ist in der Forschung häufig bemerkt worden.1 Beginnen möchte ich mit zwei Texten, die häufig als Beispiel für Juvenals Umgang mit Martials Epigrammen genannt werden. Martials Gedicht 1,20 lautet folgendermaßen: Dic mihi, quis furor est? turba spectante vocata solus boletos, Caeciliane, voras. quid dignum tanto tibi ventre gulaque precabor? boletum qualem Claudius edit, edas. Sag mir, was ist das für ein Wahnsinn? Die eingeladene Menge schaut zu, und ganz allein verschlingst du, Caecilianus, Champignons. Was werde ich mir für dich wünschen, was dein so großer Magen und dein Schlund verdienen? Einen Pilz, wie Claudius ihn aß, sollst du essen.

Hier geht es um das Thema der mensa inaequalis, also um Kritik an einem geizigen Gastgeber, der seine Gäste nicht an den Köstlichkeiten, die ihm vorgesetzt werden, teilhaben lässt. Die Gäste, die entsprechend ihrer geringen gesellschaftlichen Bedeutung einfach als undifferenzierte Masse dargestellt werden (V. 1: turba),2 erhalten offenbar weniger gute Speisen. So wünscht der erzürnte Epigrammatiker, der geizige Caecilianus solle solche Pilze essen wie Kaiser Claudius. Und dieser soll bekanntlich an einem von seiner Frau Agrippina vergifteten Pilzgericht gestorben sein.3 Das Thema der mensa inaequalis behandelt auch Juvenal in seiner fünften Satire. Dort lesen wir unter anderem (5,146–148): vilibus ancipites fungi ponentur amicis, boletus domino, sed quales Claudius edit ante illum uxoris, post quem nihil amplius edit.

|| 1 Vgl. zusammenfassend die Berichte über die jüngere Forschung zu Martial und Juvenal von Lorenz (2003) 262–264 und Kißel (2013) 180–183; zuletzt Watson/Watson (2015) 117–120. 2 Santorelli (2013) 20. 3 Suet. Claud. 44,2; Tac. ann. 12,67.

https://doi.org/10.1515/9783110564846-009

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Den Freunden von niedrigem Rang wird man zweifelhafte Pilze vorsetzen, dem Herrn Champignons – aber solche, wie Claudius sie aß (bevor er die von seiner Frau aß, worauf er nichts mehr aß).4

Der thematische Rahmen ist bei Juvenal ganz ähnlich wie bei Martial. Außerdem greift die Formulierung quales Claudius edit Martials qualem Claudius edit auf. Und der Umstand, dass bei Juvenal zwei aufeinanderfolgende Verse auf edit enden, ruft edit, edas am Schluss von Martials Epigramm in Erinnerung. Es spricht vieles dafür, dass Juvenal hier sprachlich und inhaltlich auf Martial anspielt.5 Und wenn wir den bestehenden Thesen zur Datierung glauben, kann man davon ausgehen, dass tatsächlich der jüngere Juvenal durchweg von dem älteren Martial beeinflusst wurde und nicht umgekehrt.6 Während Martial nun den Ausdruck „einen Pilz, wie Claudius ihn aß“ als Beschreibung für einen vergifteten Pilz verwendet, bezeichnet dieselbe Formulierung bei Juvenal offenbar ein Pilzgericht von so hoher Qualität, dass selbst der als Feinschmecker bekannte Kaiser es gerne aß,7 bevor dann auch hier der Pilz, mit dem Agrippina Claudius vergiftete, erwähnt wird. Wer sich nun daran erinnert, dass Martial dem geizigen Gastgeber den Tod wünscht, der wird sich bei der Lektüre von Juvenals quales Claudius edit die Frage stellen, ob der Satiriker nicht einen ähnlichen Wunsch impliziert (auch wenn anders als bei Martial kein Konjunktiv den bösartigen Wunsch ausdrückt).8 Wenn wir Martials Epigramm kennen, beeinflusst dies also unser Verständnis der Juvenalstelle.9

|| 4 Die Übersetzungen aus Juvenals Satiren stammen aus Lorenz (2017). 5 Wilson (1898) bemüht sich um eine Kategorisierung der Anspielungen in inhaltliche Parallelen und wörtliche Anklänge. Bei 5,146–148 liegen beide Phänomene vor. 6 Zur relativen Datierung Anderson (1970) 5. Zudem ist es communis opinio, dass die drei Epigramme, in denen Martial einen Freund namens Iuvenalis anspricht, an den zukünftigen Verfasser der Satiren gerichtet sind (7,24; 91; 12,18). Möglicherweise zeigen die in den Gedichten enthaltenen Hinweise auf Invektiven und weitere Themen der Satire, dass Juvenal sich bereits in jungen Jahren mit der Gattung Satire befasste; vgl. Neger (2012) 254–260; Mindt (2013) 186f.; zu möglichen Rückschlüssen auf Juvenals sozialen Status, die man aus den drei Epigrammen ziehen könnte, s. Armstrong (2012) 59–62. 7 Santorelli (2013) 20; vgl. Colton (1991) 200f. „Ein Pilz, wie Claudius ihn aß“, dürfte eine geläufige Umschreibung für einen giftigen Pilz gewesen sein (vgl. bereits Macleane [1857] 103). So vermutet Citroni (1975) 76, dass Juvenal seine Leser durch die Verwendung des Ausdrucks mit der Bedeutung „ein besonders hochwertiges Pilzgericht“ zunächst überraschte, bevor dann die Erwähnung von Claudius’ Ehefrau das Thema des Vergiftens wieder ins Spiel bringt. 8 Vgl. Braund (1996) 299f.: „This suggests that the emperor’s death would suit this tyrannical host too.“ 9 Ein weiteres Beispiel für eine Juvenalstelle, die man anders verstehen dürfte, wenn man den martialischen Prätext kennt, ist Iuv. 7,69f. nam si Vergilio puer et tolerabile desset / hospitium,

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Die Anzahl der Stellen im Werk Juvenals, an denen Themen behandelt werden, die wir auch bei Martial finden, oder an denen Formulierungen Juvenals an Martials Sprachgebrauch anklingen, ist sehr hoch. Harry Wilson stellte bereits Ende des 19. Jahrhunderts fest: „In all the field of Roman literature there are perhaps no two writers who are more closely related or throw more light on the other than Martial and Juvenal“.10 Henry Nettleship vermutete gar eine Zusammenarbeit beider Dichter bei der Entstehung ihrer Werke.11 Und Robert Colton listet in seiner sehr umfangreichen Dissertation zum Thema fast 450 Stellen auf, an denen Juvenal seiner Meinung nach einen Einfluss Martials zeigt.12 Die bislang in der Forschung vollzogenen Vergleiche zwischen den Werken beider Dichter sind jedoch zumeist auf die Interpretation einzelner Stellen beschränkt oder bleiben in ihren Schlussfolgerungen im Allgemeinen. So wurde Juvenal vor allem in der älteren Forschung eine stärkere rhetorische Prägung attestiert als Martial, und außerdem meinte man in den zornigen Tiraden des Satirikers gegen Normverletzer eher ein moralisches Anliegen zu erkennen als bei dem spöttischen Epigrammatiker.13 Auch hat man herausgearbeitet, dass gerade die früheren Satiren Juvenals zahlreiche Bezüge zu Martials Epigrammen aufweisen, und die geringere Bedeutung Martials für Juvenals spätere Satiren als Zeichen der zunehmenden Reife Juvenals als Künstler und Denker interpretiert.14

|| caderent omnes a crinibus hydri, / surda nihil gemeret grave bucina. („Denn wenn Vergil seinen Sklaven nicht hätte und keine erträgliche Unterkunft, dann würden alle Schlangen aus den Haaren fallen, und die Kriegstrompete würde verstummen und nicht mehr ihr erhabenes Klagen ertönen lassen.“). Hier wird behauptet, dass selbst Vergil, wenn er nicht materiell abgesichert gewesen wäre und keinen Sklaven gehabt hätte, keine großartigen Darstellungen – u. a. die der Furien mit ihren Schlangenhaaren – gelungen wären. Dabei dürfte die Erwähnung des puer („Knabe“, „Sklave“) konkret auf den von Vergil geliebten Alexis bezogen sein (anders Courtney [1980] 358f.). Offenbar greift Juvenal hier nämlich einen Scherz Martials auf, der den Knaben in komischer Verzerrung als die eigentliche Inspiration des Epikers darstellt: Erst die erotische Anziehungskraft des Alexis habe Vergil dazu veranlasst, seine großen Werke – unter anderem die Aeneis – zu verfassen (Mart. 8,55,12–16; vgl. dazu Lorenz [2010] 415f.). 10 Wilson (1898) 193. 11 Nettleship (1887) 54. Dagegen führte Friedlaender (1895) 46 die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Werken darauf zurück, dass Martial und Juvenal über ähnliche Themen schrieben, die teilweise aus denselben Zeitumständen erwachsen seien. 12 Colton (1991). 13 So z. B. Friedlaender (1895) 46; Wilson (1898) 193. 14 So Colton (1991) 489 (s. jedoch die Kritik von Kißel [2013] 183); vgl. bereits Wilson (1898) 195: „On general principles this is just what we would expect, for a writer is always less independent in his early than in his later period“. Vor allem in den Satiren der ersten beiden Bücher Juvenals hat man außerdem zahlreiche Darstellungen ausgemacht, die auf die Zeit Domitians

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Eine detaillierte Auseinandersetzung mit Juvenals literarischem Vorgehen bei der Anverwandlung von Martials Epigrammen bot dann Harold Masons 1962 erschienener Beitrag „Is Juvenal a Classic?“. Für Mason ist Juvenal so stark von Martial beeinflusst, dass er regelrechte „rewritings of Martial“ anbiete.15 Dagegen versucht William Anderson in seiner Antwort auf Mason zu zeigen, dass Juvenal die Texte seines Vorgängers in den Satiren gerade zu etwas Neuem werden lässt.16 Unter den zahlreichen Forschungsbeiträgen zu Martial und Juvenal weisen die Aufsätze von Mason und Anderson am ehesten den Weg zu einem Vergleich der beiden Dichter, der deutlich machen könnte, wieweit das Zusammenspiel der Epigramme und der Satiren die Lektüre dieser Gedichte prägen und unser Verständnis der Texte beeinflussen kann. Eine systematische und umfassende Untersuchung, welche Funktion die Anklänge an Martial im Werk Juvenals haben, gibt es bislang jedoch nicht. Auch die umfangreiche Arbeit von Colton bietet eben kaum tiefer gehende Analysen, sodass seine Arbeit vor allem als Materialsammlung nützlich ist.17 Angesichts der großen Anzahl von Stellen, an denen Juvenals Satiren eine Auseinandersetzung mit den Epigrammen Martials zeigen, kann ich hier natürlich auch keine umfassende Untersuchung zum Thema bieten, sondern allein Vorschläge machen, in welche Richtung eine solche Untersuchung gehen könnte. Anhand weniger Beispiele möchte ich andeuten, wie Juvenal bei der Auseinandersetzung mit den Epigrammen verfährt und welchen Effekt die entsprechenden Stellen auf die Leser haben können. Dabei schließe ich an den Beitrag von Anderson an, der vor allem Juvenals dritte Satire betrachtet. In diesem Gedicht geht es um die Qualen, welche die weniger begüterten Bürger in Rom ertragen müssen. Darüber beklagt sich ab Vers 21 eine Figur namens Umbricius, der sich gerade daranmacht, die Stadt zu verlassen. Über weite Strecken der Satire führt also nicht Juvenals satirischer Sprecher das Wort, allerdings ähneln

|| verweisen – also auf die Zeit Martials, die bei der Publikation der Satiren schon einige Jahrzehnte zurückgelegen haben dürfte; dazu: Townend (1973). 15 Mason (1962) II: 69; vgl. in der Folge die Feststellung von Townend (1973) 149, „that virtually all of Juvenal’s vivid reportage of everyday life in Rome was in fact a matter of literary borrowing“; außerdem Bramble (1982) 602: „Martial is Juvenal’s senior, and, as we have said, his work covers the twenty years which provided the satirist with the matter for much of his first two books — the twenty-year period during which the satirist still listened.“ 16 Anderson (1970). 17 Colton (1991); vgl. Kißel (2013) 182.

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die Auffassungen des Umbricius denen des Satirikers in vielen Punkten.18 Umbricius ereifert sich unter anderem darüber, dass Überfremdung, Sittenlosigkeit und Betrug in Rom herrschten. Wie auch in anderen Satiren Juvenals werden kurze Szenen aneinandergereiht, die schlaglichtartig zeigen, was die Menschen in der Stadt durchmachen. Anderson beginnt seine Untersuchung mit der Stelle, an der Umbricius schildert, wie die Unterkunft eines armen Cordus bei einem Brand zerstört wurde, worauf dieser vollkommen mittellos dasteht (3,197–211). Darauf lesen wir, was passiert, wenn das Haus eines Reichen niederbrennt: Überall herrsche große Bestürzung, und viele Menschen wollten helfen (V. 215–222): ardet adhuc, et iam accurrit qui marmora donet, conferat inpensas; hic nuda et candida signa, hic aliquid praeclarum Euphranoris et Polycliti, haec Asianorum vetera ornamenta deorum, hic libros dabit et forulos mediamque Minervam, hic modium argenti. meliora ac plura reponit Persicus orborum lautissimus et merito iam suspectus tamquam ipse suas incenderit aedes. Es brennt noch, und schon kommt einer angelaufen, um Marmor zu spenden und Baumaterial zusammenzutragen. Dieser wird nackte, strahlendweiße Standbilder liefern, dieser irgendein Meisterwerk von Euphranor und Polyklet und sie alte Prachtstücke aus Asiens Göttertempeln, dieser Bücher, ein Bücherregal und mittendrin ein Minervabild und dieser eine Ladung Silber. Noch bessere Sachen und noch mehr bekommt Persicus als Ersatz, der vornehmste der Kinderlosen und zu Recht schon verdächtig, sein Haus selbst angezündet zu haben.

Der Gedanke, dass ein wohlhabender Hausbesitzer seinen Besitz durch den Verlust der Immobilie sogar vergrößern könnte – heute würden wir von Versicherungsbetrug sprechen –, findet sich auch in Martials Epigramm 3,52: Empta domus fuerat tibi, Tongiliane, ducentis: abstulit hanc nimium casus in urbe frequens. conlatum est deciens. rogo, non potes ipse videri incendisse tuam, Tongiliane, domum?

|| 18 In der Forschung wurde viel darüber diskutiert, ob es sich bei Umbricius um einen (historischen oder fiktiven) Freund des Satirikers und somit möglicherweise um dessen Sprachrohr oder gar selbst um ein Opfer des satirischen Spotts handelt; vgl. die Zusammenfassung der Diskussion bei Kißel (2013) 225–231.

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Du hattest dein Haus für 200.000 gekauft, Tongilianus. Dieses raubte dir ein in Rom allzu häufiges Unglück. Eine Million brachte man zusammen. Da frage ich: Kann es nicht so scheinen, dass du, Tongilianus, dein Haus selbst angezündet hast?

Beide Texte nehmen eine überraschende Wendung: In Martials Epigramm wird aus dem scheinbaren Opfer einer Katastrophe ein Krimineller. Bei Juvenal reagieren die wohlhabenden Menschen mit übertriebener Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit auf den Brand, und erst am Ende der Passage erfahren wir, dass diese Leute die Gunst eines noch Reicheren gewinnen wollen, um ihn zu beerben. Anderson sieht jedoch darin einen zentralen Unterschied zwischen Martials und Juvenals Auseinandersetzung mit dem Thema, dass die zitierten Verse Juvenals nur ein Stück in einer umfassenderen Darstellung sind: Wir lesen eben vorher, welches Schicksal der arme Cordus erleiden muss, und erst im Kontrast mit dieser bitteren Darstellung entfalten – so Anderson – die Verse über den nur scheinbaren Verlust eines reichen Hausbesitzers ihre volle Bedeutung.19 Doch noch ein weiterer Aspekt verdient Beachtung: Die zitierte Passage aus der dritten Satire erinnert auch in ihrer Binnenstruktur an Martials Epigramme. Bekannt ist die von Lessing herausgearbeitete Zweiteilung vieler Epigramme in den Aufbau einer Erwartung und einen diese Spannung auflösenden Aufschluss in einer Pointe, wodurch die Erwartung entweder bestätigt oder auch enttäuscht wird.20 Auch Juvenal erzeugt mit der Darstellung des Verhaltens der Bürger eine Erwartungshaltung und löst diese durch die Erklärung, dass es sich um Erbschleicher handelt, sowie die Vermutung, dass Persicus sein Haus selbst angezündet haben mag, humorvoll auf. Interessant ist die sprachlich-stilistische Gestaltung der Passage:21 Von den Handlungen der Menschen wird zunächst in kurzen Hauptsätzen berichtet; allein der knappe Relativsatz qui marmora donet (V. 215) unterbricht die parataktische Darstellung. Der in V. 216b einsetzende lange Satz ist mit seiner Aufzählung der Dinge, welche die Menschen bereitstellen, syntaktisch besonders einfach. Dabei erzeugt die hic/haec-Anapher (V. 216– 220) den Eindruck, dass unablässig weitere Objekte herangeschafft werden.22 Doch mit der Fokussierung auf die Figur des Persicus ändert sich der Stil der

|| 19 Anderson (1970) 12–18. 20 Zu Erwartung und Aufschluss bei Martial: Holzberg (2002) 86–97; für eine Modifikation dieses Konzepts s. Watson (2006). 21 Zur stilistischen Analyse vgl. auch Anderson (1970) 2f. 22 Ähnlich Braund (1996) 211: „Repetition with anaphora of hic emphasises the number of benefactors.“ Es verdient Erwähnung, dass an dem Wechsel von hic und haec Anstoß genommen wurde. Möglicherweise sind die zahlreichen Versuche zur Konjektur berechtigt; vgl. Nisbet (1989) 288f.

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Passage: Die Anaphern bleiben aus, und die Ausführungen zu Persicus erfolgen in einem zweieinhalb Verse umfassenden Satzgefüge mit zwei Enjambements und einem vergleichenden Nebensatz. Dabei entspricht der im Vergleich mit dem Vorangehenden kompliziert anmutende Satzbau dem Inhalt: Erst nach und nach erhalten wir in über die Verse verteilten Begriffen die relevanten Informationen zu Persicus (Persicus ... lautissimus ... suspectus ... ipse) und damit die Auflösung, um was für eine Person es sich hier handelt. Die Auflösung – also die Begründung für das Verhalten der Menschen – hebt sich somit sprachlich und stilistisch von den vorangehenden Versen ab, und das kommt auch bei Martial mehrfach vor, zum Beispiel in dem eben zitierten Epigramm 3,52. Auch dieses Gedicht reiht zunächst in unverbundenen Hauptsätzen die Ereignisse „Kauf des Hauses“ – „Verlust des Hauses“ – „Bereitstellung einer Entschädigung“ aneinander, bevor die Syntax der abschließenden anderthalb Verse unübersichtlicher wird:23 So hängt von potest der Infinitiv videri mit einem davon eingeleiteten NcI ab, und auch hier gibt es in der Schlusspointe erstmals im Gedicht ein Enjambement. Ein noch deutlicheres Beispiel für die unterschiedliche sprachliche Ausgestaltung von „Erwartung“ und „Aufschluss“ ist das Epigramm 5,42. Auch dort werden zunächst Geschehnisse in knappen, unverbundenen Sätzen dargestellt (V. 1–6): Callidus effracta nummos fur auferet arca, prosternet patrios impia flamma lares; debitor usuram pariter sortemque negabit, non reddet sterilis semina iacta seges; dispensatorem fallax spoliabit amica, mercibus extructas obruet unda rates. Ein schlauer Dieb wird aus der aufgebrochenen Geldkiste die Münzen rauben, es wird eine gottlose Flamme das vom Vater geerbte Haus zerstören, ein Schuldner wird die Zinsen und zugleich das geliehene Geld leugnen, das unfruchtbare Feld wird die ausgestreuten Saaten nicht zurückgeben, den Geldverwalter wird eine betrügerische Freundin berauben, die mit Waren beladenen Schiffe wird eine Welle versenken.

Hier gibt es keine fortlaufende Handlung: Die Erwartung wird dadurch aufgebaut, dass die Leser vor die Frage gestellt werden, warum Martial all diese Darstellungen von möglichen materiellen Verlusten präsentiert. Aufschluss darüber bietet erst das letzte Distichon (V. 7f.):

|| 23 Anders Fusi (2006) 361, demzufolge die beiden Distichen die zwei Teile des Gedichts ausmachen. Dabei lässt Fusi aber außer Acht, dass V. 3a inhaltlich und sprachlich zu V. 1f. gehört.

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extra fortunam est quidquid donatur amicis: quas dederis solas semper habebis opes. Außerhalb des Schicksals liegt alles, was man den Freunden schenkt. Nur die Reichtümer, die du weggibst, wirst du immer haben.

Auf die Schilderungen möglicher Verluste folgt der Aufruf, den eigenen Wohlstand mit Freunden zu teilen. Und in der Forschung wurde diskutiert, ob es sich hier um ein womöglich philosophisch begründetes Bekenntnis zur Freundschaft oder um eine dreiste Bettelei um materielle Unterstützung handelt – auch dafür gibt es ja bei Martial zahlreiche Beispiele.24 In jedem Fall ist der Schluss des Gedichts sprachlich von den ersten sechs Versen abgehoben: Diese bestehen jeweils aus einem Hauptsatz, während die beiden Verse des Schlussdistichons jeweils einen Relativsatz enthalten. Zudem steht in V. 7 das Prädikat zum ersten Mal nicht im Futur I. Schließlich enthalten die Verse 1–6 jeweils ein Hyperbaton von Substantiv und Adjektiv oder Partizip beziehungsweise in V. 3 zwei gesperrt stehende Substantive im gleichen Kasus. Das ist in V. 7 nicht der Fall. Insgesamt unterscheidet sich V. 7 in seiner stilistischen Ausgestaltung deutlich von den vorangehenden Versen, und so wird dem Leser noch klarer, dass nun ein neuer Gedanke – gewissermaßen das Schlussresümee des Gedichts – einsetzt.25 Es sieht so aus, als hätte auch Juvenal sich in der zitierten Passage um eine sprachlich-stilistische Unterscheidung des gedanklichen Ablaufs bis zur überraschenden Pointe bemüht – eine Technik, die er von Martial übernommen haben könnte. Eine weitere Stelle aus Juvenals dritter Satire, die zu unserem Verständnis der Auseinandersetzung Juvenals mit Martial beitragen kann, sind die Verse 131–136, wo die übermächtige Konkurrenz der Reichen beklagt wird, wenn es um Frauen geht: divitis hic servo cludit latus ingenuorum filius; alter enim quantum in legione tribuni accipiunt donat Calvinae vel Catienae, ut semel aut iterum super illam palpitet; at tu, cum tibi vestiti facies scorti placet, haeres et dubitas alta Chionen deducere sella. Hier steht der Sohn von Freigeborenen dem Sklaven eines Reichen unterstützend zur Seite. Der schenkt nämlich Calvina oder Catiena so viel, wie in einer Legion die Tribunen er-

|| 24 Lorenz (2011) 291; vgl. Spisak (2007) 50. 25 Lorenz (2011) 291f.

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halten, um einmal oder auch noch einmal auf ihr zappeln zu dürfen. Du dagegen gerätst ins Stocken, wenn dir das Gesicht einer bekleideten Hure gefällt, und zögerst, Chione von ihrem hohen Stuhl wegzuführen.

Servus divitis dürfte eine abwertende Bezeichnung für einen Freigelassenen sein, der selbst zu Reichtum gelangt ist und daher Patron eines weniger begüterten Freigeborenen ist.26 Der Freigelassene gewinnt mit großen Geschenken römische Damen für sich, während der Freigeborene sich nicht einmal den Besuch bei einer Prostituierten wie der hier genannten Chione leisten kann. Die sella, von der er Chione gerne wegführen würde, ist wahrscheinlich ein erhöhter Sitzplatz, auf dem sich die Prostituierte ihren Kunden anbot.27 Auch diese Passage dürfte von Martial beeinflusst sein, und zwar von Epigramm 3,30, in dem das Verschwinden der sportula, der finanziellen Unterstützung für Klienten, beklagt wird. Sportula nulla datur; gratis conviva recumbis: dic mihi, quid Romae, Gargiliane, facis? unde tibi togula est et fuscae pensio cellae? unde datur quadrans? unde vir es Chiones? cum ratione licet dicas te vivere summa, quod vivis, nulla cum ratione facis. Die sportula wird nicht mehr ausgegeben. Umsonst kannst du nur noch als Gast am Gelage teilnehmen. Sag mir, Gargilianus, was machst du nun in Rom? Woher nimmst du deine Toga und die Miete für deine finstere Kammer? Woher kommt der Viertelas [der Eintritt für das Bad]? Womit bezahlst du es, Chiones Kerl zu sein? Auch wenn du sagst, dass du höchst vernünftig lebst: Dass du überhaupt lebst, ist vollkommen unvernünftig.

Die hier ausgedrückte Klage, dass es für die armen Klienten keinen vernünftigen Grund mehr gebe, überhaupt noch zu leben, ähnelt insgesamt dem Ton der dritten Satire, und so mag dieses Epigramm – ebenso wie weitere Epigramme Martials zum Thema – einen Einfluss auf Juvenals Gedicht gehabt haben.28 Dass Juvenal zudem eine Figur namens Chione auftreten lässt, welche sich der Arme nicht leisten kann, ist offenbar eine direkte Anspielung auf Martial. Wie gesagt, sieht Anderson in Juvenals Verbindung verschiedener Einzelszenen zu einem großen Ganzen einen zentralen Unterschied zu Martials ver-

|| 26 Courtney (1980) 173f. 27 Manzella (2011) 223f. 28 Dazu Mason (1962) 35f. Klagen über die schlechte Situation der Klienten gibt es bei Martial aber natürlich auch in weiteren Epigrammen. Grazzini (2016) 149–151 verweist insbesondere auf Mart. 10,10.

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einzelten Epigrammen.29 Tatsächlich ist Martials Epigramm 3,30 aber nicht bloß ein Einzelgedicht, sondern es ist eines der zahlreichen Epigramme in Buch 3, die sich mit der bejammernswerten Lage der Klienten befassen und somit aus verschiedenen Blickwinkeln ein vielschichtiges Bild des Patronats in Rom zeichnen.30 Doch die Tatsache, dass die Gedichte Martials auch ihren eigenen Kontext haben, wurde – soweit ich sehe – in Forschungsbeiträgen zu Martial und Juvenal bislang noch gar nicht beachtet. Da es immer wieder mehrere, häufig über das ganze Buch verteilte Epigramme zum selben Thema gibt – die Forschung spricht hier von Zyklen –, können die Leser der Epigrammbücher gar nicht anders, als sich ständig zu fragen, ob das jeweils nächste Gedicht ein bereits bekanntes Thema aufgreift oder ob es etwas ganz Neues bringt.31 Und Martial spielt mit dieser ständigen Erwartungshaltung seiner Leserschaft, wenn er teilweise Gedichte zum gleichen Thema nebeneinanderstellt, noch häufiger aber thematische Übergänge von einem Gedicht zum nächsten andeutet und somit gerade die Erwartung auf eine Fortsetzung des letzten Epigramms weckt, diese dann aber enttäuscht. Solche Übergänge – oder auch angetäuschten Übergänge – von einem Epigramm zum nächsten können ganz vielfältige Formen haben. Ich möchte nur kurz anhand weniger Epigramme skizzieren, wie Martial dabei verfahren kann;32 sie gehören zu den Gedichten am Beginn des ersten Buchs, die – wie Niklas Holzberg gezeigt hat – als „Paradeepigramme“ die Funktion haben, verschiedene Themen von Martials Werk vorzustellen:33 Epigramm 1,7 vergleicht das columba-Gedicht von Martials amicus Stella mit Catulls passer-Gedichten – eine wichtige Stelle in der Debatte, ob die Deutung vom obszönen passer gerechtfertigt ist.34 Auf den – ausgerechnet an einen Maximus gerichteten – „Größenvergleich“ zwischen Taube und Spatz lässt Martial mit 1,8

|| 29 Vgl. Anderson (1970) 18: „Although Mason rightly points out the common use of wit by Juvenal and Martial and frequently of the same witty situations, it does not follow that, because Martial’s brief epigrams cannot develop themes and must limit themselves to mere verbal manipulation, Juvenal’s broader scope must be similarly confined and represented as Martial set ‘to a different tune.’“ 30 Dazu ausführlich Merli (1998); zur Rolle von 3,30 in Buch 3: 145f. 31 Zu den verschiedenen Konzepten des Epigrammzyklus sowie zu Formen des „arrangement of the Epigrammaton libri“ s. Lorenz (im Druck). 32 Vgl. für eine ausführlichere Darstellung Lorenz (im Druck). 33 Holzberg (1988) 36f.; Holzberg (2002) 37–39. 34 Vgl. zu der Diskussion, ob Catulls passer eine Chiffre für den Penis des Dichters ist oder inwieweit Catulls passer-Gedichte von Martial auf diese Weise verstanden wurden, die bei Lorenz (2003) 222f. genannte Literatur; weiterhin Lorenz (2007) 424–426.

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ein Gedicht folgen, in dessen erster Zeile wieder das Adjektiv magnus vorkommt. Hier wird ein offenbar der stoischen Philosophie anhängender Decianus dafür gelobt, dass er im Gegensatz zu früheren Vertretern des Stoizismus wie dem „großen Cato“ darauf verzichtet, sich das Leben zu nehmen – eine sonderbare Reduzierung der stoischen Philosophie auf den Selbstmord. Ein ganz anderes Thema wird dann in 1,9 behandelt, wo ein Cotta dafür verspottet wird, dass er „hübsch“ (bellus) sein möchte, aber somit nur „lächerlich“ (pusillus) ist. Sprachlich knüpft 1,9 an 1,8 an, denn das häufige Vorkommen von Formen von velle und nolle in 1,8 wird mit vis in 1,9,1 fortgesetzt. Zudem beschreibt das in 1,8 für Cato verwendete Adjektiv magnus nun den lächerlichen Cotta, dessen Name vielleicht nicht zufällig dieselben Vokale, aber in unterschiedlicher Reihenfolge enthält.35 Und – um noch ein Beispiel zu bringen – das bekannte Epigramm 1,10 greift dann den markanten Klang des Schlussverses von 1,9 mit seinem zweifachen Doppel-L auf: Nach den Adjektiven auf -ellus und -illus treten im ersten Vers zwei Protagonisten mit den Namen Gemellus und Maronilla auf; hier geht es übrigens auch um einen Erbschleicher, denn Gemellus liebt Maronilla nur wegen ihres Hustens, der ihn hoffen lässt, dass er sie bald beerben wird. All diese Gedichte haben thematisch wenig oder nichts miteinander zu tun. Sprachlich und klanglich gehen sie aber durchaus ineinander über, werfen somit immer wieder die Frage auf, ob es nicht auch einen inhaltlichen Zusammenhang geben mag, und manchmal gibt es den ja auch. In jedem Fall sorgen sie für ein kontinuierliches Leseerlebnis, bei dem Erwartung und Aufschluss auch über die Grenzen einzelner Gedichte hinaus eine Rolle spielen. Ich denke, dass auch bei der Lektüre der Satiren Juvenals derartige Erwartungshaltungen von Bedeutung sind und dass Juvenal für die Gestaltung solcher Übergänge viel von Martial gelernt haben mag. So dürften sich auch Juvenals Leser bei der teilweise sehr raschen Abfolge der einzelnen Szenen immer wieder fragen, was wohl als nächstes kommen mag, und teilweise werden sie dabei auch auf eine falsche Fährte gelockt. Dies ist natürlich auch in anderen Satirentexten, u. a. in den Sermones des Horaz, der Fall. Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass die Verbindung der oft unvermittelten Abfolge von Einzelszenen mit Techniken der Pointierung auf einen Einfluss Martials zurückgeht, dass Juvenal also von den Epigrammen Martials gelernt hat, wie man derartige Übergänge von einer Szene zur nächsten als wahre Herausforderung für die Rezipienten gestalten kann.

|| 35 Vgl. Fitzgerald (2007) 79: „a Cato with the vowels reversed“.

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Ein besonders abrupter Übergang in Juvenals dritter Satire vollzieht sich von der zuvor zitierten Stelle über die Unfähigkeit des Klienten, sich die Prostituierte Chione zu leisten, zu der folgenden Szene, in der es nun darum geht, dass Arme als Zeugen nicht ernst genommen werden (V. 137–146). Die Passage beginnt mit Umbricius’ Ausruf: da testem Romae („Benenne in Rom einen Zeugen“). In der Folge betont er, was für eine ehrwürdige Angelegenheit eine Zeugenaussage vor Gericht in Rom immer war, und beschreibt in einer ernüchternden Antiklimax, dass Zeugen tatsächlich nur dann ernst genommen werden, wenn sie wohlhabend sind. Ja, den armen Zeugen nehme man nicht einmal ihre Schwüre bei den Altären der Götter ab. Der Wechsel aus der Umgebung eines Bordells zu einer Gerichtsverhandlung kommt überraschend,36 und zudem beginnt die Darstellung des Zeugenaufrufs ohne jede erklärende Überleitung. Auch wenn es sich bei testem dare um eine typische Wendung der Gerichtssprache handelt,37 frage ich mich, wie lange wohl ein Zeitgenosse Juvenals, der die Satire zum ersten Mal las oder hörte, gebraucht haben mag, bis ihm vollends klar war, worum es nun überhaupt geht. Somit ist der Vorschlag von Neil Adkin, hier könne ein Wortspiel mit testiculi vorliegen,38 nicht abwegig. Angesichts des zuletzt präsenten erotischen Kontexts mögen einige Rezipienten bei da testem zunächst an einen Ausdruck wie das von Oliver Kahn geprägte Diktum „Wir müssen Eier zeigen!“ gedacht haben, bevor nach und nach deutlich wird, dass wir es nun mit einem ganz anderen Kontext zu tun haben als in den vorangehenden Versen. Das wäre dann eine Manipulation der Lesererwartungen, wie sie eben auch die Leser von Martials Epigrammen immer wieder erfahren. Einige Leser mögen hier auch an eine weitere Bedeutung von testis gedacht haben, denn im erotischen Kontext kann das Substantiv auch „einen Zuschauer beim Sex“ bezeichnen. Zum Beispiel wird in Martials Epigramm 1,34 eine Lesbia dafür angegriffen, dass sie beim Sex die Tür offenlässt, weil sie gerne Zuschauer habe. Dieses Verhalten wird dann von dem der Prostituierten abgegrenzt (V. 5–8): at meretrix abigit testem veloque seraque raraque Summemmi fornice rima patet. a Chione saltem vel ab Iade disce pudorem: abscondunt spurcas et monumenta lupas.

|| 36 Vgl. Manzella (2011) 224: „Il satirico ci conduce ora dai fetidi lupanari alle ariose aule di tribunale.“ 37 Manzella (2011) 225. 38 Adkin (2004/05) 284–286.

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Dagegen vertreibt eine Professionelle mit Vorhang und Riegel den Zeugen, und nur selten steht im Bordell des Summemmius ein Spalt offen. Lerne wenigstens von Chione oder von Ias Schamgefühl: Selbst die versauten Huren verbergen sich in Grabmälern.

Testis ist also ein in erotischen Kontexten durchaus gängiger Begriff mit verschiedenen Bedeutungen. Da nun bei Juvenal ein erotischer Kontext unmittelbar vorausgeht, halte ich es für wahrscheinlich, dass etliche Leser an dieser Stelle zunächst glaubten, dass der erotische Kontext weiterhin besteht, und erst beim Weiterlesen den – ziemlich drastischen – Themenwechsel realisierten. Und falls sie Martials Epigramme gut kannten, könnte der Umstand, dass Martial ausgerechnet eine Prostituierte namens Chione im Zusammenhang mit Zuschauern beim Sex erwähnt, diese Assoziation noch verstärkt haben. Im unmittelbaren Anschluss an Juvenals Darstellung der Situation von Gerichtszeugen in Rom folgt in der dritten Satire dann eine Beschreibung der entwürdigenden, ärmlichen Kleidung der armen Leute (V. 147–151): quid quod materiam praebet causasque iocorum omnibus hic idem, si foeda et scissa lacerna, si toga sordidula est et rupta calceus alter pelle patet, vel si consuto volnere crassum atque recens linum ostendit non una cicatrix? Und was soll man dazu sagen, dass eben dieser Arme allen Leuten Material und Anlässe für Witze bietet, wenn sein Mantel hässlich und abgerissen ist, wenn seine Toga schmutzig ist und der eine Schuh im zerrissenen Leder ein Loch hat oder wenn nach dem Zunähen dieser „Wunde“ ein dicker neuer Faden zu sehen ist an dieser „Narbe“ (und es ist nicht die einzige).

Diese Stelle erinnert an Martials Epigramm 1,103. Dort wird ein Scaevola daran erinnert, dass er gelobt hat, er werde „großzügig und glücklich“ leben, sofern ihm die Götter seinen Wunsch nach Reichtum erfüllten. Doch nachdem Scaevola zu Reichtum gekommen ist, lebt er schlechter als zuvor (V. 5–12): sordidior multo post hoc toga, paenula peior, calceus est sarta terque quaterque cute: deque decem plures semper servantur olivae, explicat et cenas unica mensa duas, et Veientani bibitur faex crassa rubelli, asse cicer tepidum constat et asse Venus. in ius, o fallax atque infitiator, eamus: aut vive aut decies, Scaevola, redde deis! Viel schmutziger ist seitdem deine Toga, noch schlechter dein Umhang. Das Leder deines Schuhs ist drei oder viermal geflickt worden. Von zehn Oliven wird der größere Teil immer

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aufbewahrt, und ein einziger Tisch bietet Platz für zwei Mahlzeiten. Getrunken wird der dicke Bodensatz des Rotweins aus Veji, nur einen As kostet dich der lauwarme Erbsenbrei und nur einen As die Liebe. Vor Gericht wollen wir ziehen, du Betrüger und Wortbrüchiger! Entweder lebe, Scaevola, oder gib den Göttern ihre Million zurück!

Auch Juvenals Beschreibung der verschlissenen Kleidung und der geflickten Schuhe dürfte von Martial beeinflusst sein.39 Zudem könnte die Erwähnung einer besonders billigen Prostituierten – eine solche ist mit der „Venus für einen As“ gemeint – Juvenals Darstellung des Armen inspiriert haben, der sich die Dienste Chiones nicht leisten kann. Einige Rezipienten der dritten Satire mögen auch einen Bezug zu der unmittelbar vorangehenden Passage über die Zeugen hergestellt haben: Dort hieß es ja, einem Armen unterstelle man, dass er die Strafen der Götter für Meineide nicht fürchte. In Martial 1,103 wird nun ein in scheinbarer Armut lebender Reicher dafür „angeklagt“, dass er gegenüber den Göttern meineidig war. Ob die Rezipienten solche Bezüge zu Martial wahrnehmen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie vertraut sie mit Martials Dichtung sind. Wer bei der Lektüre dieser Juvenalstelle die Verbindungen zu Martial herstellt, der ist aber auf jeden Fall besser auf das vorbereitet, was Umbricius als nächstes erzählt, denn auch dort spielen Emporkömmlinge, die ihres Reichtums nicht würdig sind, eine wichtige Rolle. Zunächst bietet uns Umbricius eine allgemeine Aussage über die Armut (V. 152–153a): nil habet infelix paupertas durius in se quam quod ridiculos homines facit. Nichts Entwürdigenderes hat die unheilvolle Armut an sich, als dass sie die Menschen lächerlich macht.

Noch im selben Vers beginnt dann eine neue Szene, und diese setzt wieder ohne jede Überleitung ein (V. 153b–158): „exeat“, inquit, „si pudor est, et de pulvino surgat equestri, cuius res legi non sufficit, et sedeant hic lenonum pueri quocumque ex fornice nati, hic plaudat nitidus praeconis filius inter pinnirapi cultos iuvenes iuvenesque lanistae.“

|| 39 Colton (1991) 115–117.

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„Der soll rausgehen“, sagt jemand, „wenn er Anstand besitzt, und sich von dem Sitzplatz der Ritter erheben, dessen Besitz gemäß dem Gesetz nicht ausreicht. Und hier sollen die Knaben der Zuhälter sitzen, die aus irgendeinem Kellerbordell stammen, hier soll der herausgeputzte Sohn eines Auktionators zwischen den fein hergerichteten Jungs eines Gladiators und den Jungs eines Gladiatorentrainers Beifall klatschen.“

Die Aufforderung exeat platzt mit einem regelrechten Knalleffekt in die Erzählung hinein und trifft den Leser ebenso unvermittelt wie den Armen, der mit diesen Worten hinausgeworfen wird. Allerdings ist es für Rezipienten, welche die Satire zum ersten Mal lesen oder hören, wieder nicht ganz einfach, zu verstehen, worum es überhaupt geht: Wer spricht hier wen an, und welcher Raum soll verlassen werden? Erst durch die Formulierung de pulvino surgat equestri dürfte so langsam deutlich werden, dass es um die gemäß der Lex Roscia Theatralis für Ritter reservierten Sitzreihen im Theater geht (allerdings ist die Junktur pulvinus equester singulär). Und von diesen Sitzplätzen wird der hier angesprochene Arme verwiesen, weil er eben nicht das für die Zugehörigkeit zum Ritterstand notwendige Vermögen besitzt. Stattdessen nehmen auf den Rittersitzen Emporkömmlinge Platz, die ähnlich wie Scaevola aus Martials Epigramm 1,103 erst kürzlich in den Ritterstand aufgestiegen sind. Für den Fall, dass einzelnen Lesern oder Hörern diese Situation noch immer nicht klargeworden ist, lässt Juvenal Umbricius eine Erklärung nachreichen, in welcher der Urheber dieses Gesetztes, der Tribun Lucius Roscius Otho (67 v. Chr.), namentlich genannt wird (V. 159): sic libitum vano, qui nos distinxit, Othoni. So gefiel es dieser Niete Otho, der die Unterscheidung zwischen uns vorgenommen hat.

Noch nicht geklärt ist die Frage, wer hier in wörtlicher Rede spricht, also wem Umbricius den Rauswurf des Armen und die Einladung der Emporkömmlinge in den Mund legt. Die meisten Kommentatoren geben inquit mit „sagt jemand“ wieder.40 Dagegen versteht Frederick Williams als Subjekt zu inquit (V. 153) konkret die unmittelbar zuvor genannte personifizierte Armut.41 Das ist zwar denkbar, und Williams nennt Belege für eine missgünstige Paupertas. Rezipienten, die mit Martials Epigrammen vertraut sind, dürften aber einen anderen Sprecher annehmen. Martial thematisiert die Erneuerung der aus der Zeit der Republik stammenden Lex Roscia durch Kaiser Domitian in einem Zyklus von

|| 40 Zusammenfassend Manzella (2011) 240f. 41 Williams (1983); zustimmend Kißel (2013) 243f.

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acht Epigrammen seines fünften Buchs.42 Dort macht Martial sich einen Spaß daraus, auf unterschiedliche Weise zu beschreiben, wie „falsche“ Ritter entlarvt und des Raums verwiesen werden. Dabei werden in den Epigrammen immer wieder die Saalordner Leitus und Oceanus genannt, welche die Aufgabe haben, Menschen, die nicht über das Vermögen eines Ritters verfügen, von den für Ritter reservierten Sitzplätzen zu vertreiben. Wer die Darstellung der kompromisslosen Saalordner bei Martial kennt, dürfte fast automatisch davon ausgehen, dass ein solcher auch die bei Juvenal wiedergegebene wörtliche Rede spricht.43 Und diese Rede gleicht sich dann mit ihrer Beschreibung der neureichen Ritter von zweifelhafter Provenienz immer mehr der sarkastischen Stimme des Satirikers – beziehungsweise des Umbricius – an. Juvenals Leser, die Martial gut kennen, dürften also auch diese Stelle anders verstehen und schneller erkennen, worum es hier geht, als diejenigen, die mit den Epigrammen nicht vertraut sind. Trotzdem nähert sich Martial dem Thema ganz anders als Juvenal. Dessen Figur Umbricius hat konsequent die Leiden der Armen im Blick. Martials Sprecher zeigt zwar auch punktuell Sympathie für diejenigen, welche von den Ritterbänken vertrieben werden, und es ist bemerkenswert, dass die Lex Roscia-Epigramme ebenfalls in einem Buch stehen, in dem immer wieder soziale Schwierigkeiten der weniger Begüterten zur Sprache kommen.44 Aber vor allem amüsiert sich Martial über die Aufdeckung „falscher“ Ritter, die sich bei den Ritterbänken eingeschlichen haben. Ein Aspekt, der bei einem detaillierten Vergleich der beiden Dichter genauer untersucht werden müsste, wäre die Frage, ob Juvenal Martial an einigen Stellen gewissermaßen „korrigiert“. Immerhin spottet Martial oft über die Leute, deren Leid Juvenal anprangert. Oder sollen wir Juvenals Zorn vielleicht gar nicht so ernst nehmen und seine Proteste gegen das Leid der einfachen Bürger vielleicht eher als unterhaltsame Vorführung dieser Menschen sehen? Dann wäre Juvenals Ansatz ganz ähnlich wie bei Martial.45

|| 42 5,8, 14, 23, 25, 27, 35, 38, 41; außerdem: 3,95 und 6,9; dazu Lorenz (2002) 144–146, Canobbio (2011) 141–145. 43 Ebenso wäre es denkbar, dass einer der Umsitzenden den weniger begüterten Zuschauer zum Gehen auffordert – etwa, um ihm die Konfrontation mit dem nahenden Saalordner zu ersparen. Das ist nämlich die Situation in Martials Epigramm 5,25, das folgendermaßen beginnt: „Quadringenta tibi non sunt, Chaerestrate: surge, / Leitus ecce venit: sta, fuge, curre, late.“ („Du hast die Vierhunderttausend nicht, Chaerestratus: Erheb dich! Sieh nur, Leitus kommt. Steh auf, lauf weg, beeil dich, versteck dich!“). 44 Dazu Lorenz (2002) 144–149. 45 An der vorliegenden Stelle ist natürlich auch zu beachten, dass eben nicht Juvenals satirischer Sprecher, sondern Umbricius spricht und dass es zwischen diesen beiden Figuren neben

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Zweifellos weist gerade die dritte Satire besonders viele thematische Berührungspunkte zu den Epigrammen Martials auf, und so wurde sie als das Gedicht bezeichnet, in dem Juvenal am deutlichsten auf Martial Bezug nimmt.46 Dennoch sollten die anhand von Satire 3 beobachteten Merkmale der Auseinandersetzung Juvenals mit den Epigrammen auch für die Untersuchung der Intertextualität mit Martial in weiteren Satiren relevant sein. Und wie gesagt wäre eine ausführlichere Untersuchung des Verhältnisses von Juvenals gesamtem satirischem Werk zu Martials Epigrammen notwendig. Dabei würde es sich meiner Meinung nach anbieten, von den folgenden Thesen auszugehen und diese zu überprüfen: 1. Juvenal übernimmt von Martial nicht nur sprachliche Wendungen und inhaltliche Details, sondern auch das Konzept einer Darstellung des römischen Alltags in vielen kleinen Szenen, die gemeinsam ein großes Ganzes bilden. 2. Zumindest punktuell ist Juvenal durch Martials Technik von Erwartung und Aufschluss beeinflusst und erzeugt so seinerseits Pointen, wie wir sie aus den Epigrammen kennen. 3. Vor allem aber dürfte für Juvenal das Epigrammbuch ein Vorbild gewesen sein, in dem man nie genau weiß, was als nächstes folgen wird, sodass die Abfolge der einzelnen Szenen in den Satiren auch mit Überraschungen verbunden sein kann und soll. 4. Für die Lektüre der Satiren ist es wichtig, dass wir einige Stellen bei Juvenal anders verstehen, wenn wir die Epigramme kennen. Es wäre zu untersuchen, inwieweit Juvenal bei seiner Leserschaft die Kenntnis der Epigramme vorausgesetzt haben könnte. Und es gibt natürlich noch weitere Aspekte, auf die ich hier nicht eingehen konnte, die aber ebenfalls von Bedeutung sind – wie etwa der zuvor erwähnte Umstand, dass die frühen Satiren Juvenals deutlich mehr gemeinsame Themen mit Martial aufweisen als die späteren, in denen vermehrt philosophische Inhalte eine Rolle spielen. Auch auf die Frage, inwieweit die Epigramme bereits von

|| allen Ähnlichkeiten auch Unterschiede geben mag. So liest Grazzini (2016) 157–159 die Kritik an der Lex Roscia als Ausdruck einer allgemeinen Unzufriedenheit des Umbricius mit sozialer Ungerechtigkeit, die auf eine plebejische Abstammung des Umbricius zurückzuführen sei. Armstrong (2012) 68f. weist allerdings darauf hin, dass Umbricius sich tatsächlich bei den Ritterbänken zu befinden scheint (oder dies zumindest vorgibt), er also durchaus wohlhabend sein könnte. 46 So Grazzini (2016) 149.

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früheren Satirentexten beeinflusst sein mögen,47 die natürlich auch einen Einfluss auf Juvenal hatten, kann ich hier nicht eingehen und auch keinen Vergleich zwischen Martials persona und der persona – oder auch: den personae – Juvenals48 anstellen. Auch wenn Juvenal mehr als ein „rewriting“ der Epigramme bietet – wie Mason es formulierte –, dürfte der Einfluss der Epigramme zumindest auf einzelne Satiren jedoch immens sein. Eine systematische Untersuchung der Funktion von Juvenals Auseinandersetzung mit Martial und die Diskussion der Frage, wie diese die Wahrnehmung der Rezipienten beeinflussen mag, könnte uns somit noch viel über Juvenals literarisches Konzept verraten.

|| 47 Vgl. Merli (2006) 257f. zum Einfluss der Satiren des Horaz auf Martial. In ihrem Abschnitt zu Martials „Verhältnis zur Satirendichtung“ konzentriert sich Johannsen (2006) 140–148 vor allem auf den Aspekt der persönlichen Invektive, den sie offenbar als ein zentrales Merkmal der satirischen Dichtung ansieht. Grundsätzlich werden die Epigramme Martials in der Forschung häufig als „satirisch“ bezeichnet – ein Eindruck, der aber auch durch die intensive Auseinandersetzung Juvenals mit Martial entstanden sein kann; zu dieser Problematik vgl. Anderson (1970) 8f. 48 Dass Juvenals satirischer Sprecher unterschiedliche Haltungen und Argumentationsweisen zeigt, ist in der Forschung ausgiebig gewürdigt worden; vgl. zur wechselnden Charakterisierung des „speaker“ zusammenfassend Braund (1988) 180–198, zur persona-Diskussion Lorenz (2017) 12–22. Merli (2006) 268f. weist zudem darauf hin, dass Juvenals Sprecher kaum aktiv an den beschriebenen Handlungen teilnimmt; dies ist bei früheren Satirikern und auch bei Martial anders.

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Wolfgang Kofler

Briseis an Achill Rezeptionsästhetische und motivgeschichtliche Überlegungen zu Ovids drittem Heroidenbrief und Joseph Reschs Agamemnon suimet victor Ich möchte meine Ausführungen mit einem gemeinsamen Freund von Niklas Holzberg und mir beginnen: Peter Bing. Er hat 1995 in einem Antike und Abendland-Aufsatz zu Kallimachosʼ Epigrammen einen neuen literaturwissenschaftlichen Terminus geprägt: den des Ergänzungsspiels.1 Mit diesem Begriff beschreibt er den rezeptionsästhetischen Prozeß, der dann in Gang kommt, wenn sich ein Leser einem Epigramm gegenübersieht, das zwar so tut, als sei es eine Inschrift, sich in Wahrheit aber nicht an dem Ort befindet, an dem es vorgibt angebracht zu sein. Diesen fehlenden Kontext evoziert das Gedicht durch die Nennung einiger Details. Um die Glaubwürdigkeit der von ihm konstruierten außertextlichen Realität zu erhöhen, strebt es jedoch keine Vollständigkeit an: Der Leser erhält im Prinzip nur einige wenige Hinweise – und den Auftrag, den Rest aus seinem Weltwissen oder seinen literarischen Kenntnissen zu supplementieren. Erst wenn dieser Vorgang glückt, hat er den Text verstanden. Je nach Art und vor allem Fülle der Angaben ist dieser Prozeß mehr oder weniger komplex, auf jeden Fall stellt die erfolgreiche Kontextualisierung des Epigramms eine Art Belohnung für den Leser dar, wobei hier sicher auch der Weg das Ziel ist: Insgesamt kann man auf jeden Fall davon sprechen, daß das Ergänzungsspiel zu einem wesentlichen Teil mitverantwortlich für das ästhetische Vergnügen ist, das uns Epigramme bereiten. Der von Bing geprägte Begriff verdankt seinen Erfolg nur zum Teil der überaus sympathischen Tatsache, daß er eine weitere deutsche Benennung in den Thesaurus der englischsprachigen Literaturkritik einführt und so eine Tradition fortsetzt, die immer wieder für hippe nomenklatorische Effekte sorgt. Von größerer Bedeutung ist die Anwendbarkeit des ihm zugrundeliegenden Konzepts, die weit über das Epigramm hinausgeht. Sicher: Durch ihre in der Inschriftlichkeit begründete Materialität ist die „kleinste“ literarische Gattung natürlich prädestiniert für „Spielchen“, die mit der Grenze zwischen Realität und Fiktionalität experimentieren. Dennoch ist das Prinzip auch anderswo wirksam, und || 1 Bing (1995). Zum Begriff auch Petrovic (2005) 31; einen Überblick über verwandte Ansätze bieten Baumbach/Petrovic/Petrovic (2010) 9–19.

https://doi.org/10.1515/9783110564846-010

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zwar überall dort, wo Texte nicht nur auf außerliterarische Wirklichkeiten verweisen, sondern diese erst erschaffen. Im Grunde ist der Begriff des Ergänzungsspiels ein spätes Kind der Ingardschen und Iserschen Leer- oder Unbestimmtheitsstelle,2 d.h. wir können ihn – wenn wir ganz konsequent sind – auf alle literarischen Texte anwenden. Diese Diskussion brauchen wir hier natürlich nicht zu führen, ich darf aber zumindest ganz kurz und exemplarisch auf die Lyrik verweisen, wo besonders in Zusammenhang mit jener horazischer Prägung oft davon gesprochen wird, daß es für das Verständnis von Gedichten unerläßlich sei, daß sich der Leser die kommunikative Situation vergegenwärtige, in die der Text eingeschrieben ist und die sich über Fragen wie die folgenden bestimmen läßt: Wer spricht wo und wann zu wem? Was ist der Inhalt und die Funktion des Gesagten? Hierauf hat bereits Johann Gottfried Herder im zweiten seiner Briefe über das Lesen des Horaz, an einen jungen Freund hingewiesen: Melodieen und Sylbenmaße aber machen noch nicht den lyrischen Dichter; seine Anmut und Grazie muß uns anmutige Bilder vorführen, die uns zu huldreichen Gesinnungen beleben. Zu diesem Zweck wählt jede Ode sich eine Situation und stellet sie dar; sie wird ein Gemälde. Da dies Gemälde aber aus den Saiten der Lyra hervorgeht, die eine Muse belebet, so ist es notwendig ein sich bewegendes, beseeltes Gemälde, ein Ganzes mit Anfang, Mittel und Ende. Sei die Situation, die es schildert, eine innere oder äußere; ohne diesen Fortgang der Idee, ohne diesen Flug der Muse, der sich zu verirren scheint und doch nie verwirret, ist die Ode ein Stativ, oder was sie sonst sein mag, nur kein Gesang, keine Ode. […] In jeder horazischen Ode also suche dir, mein Freund, die geistige Situation auf, die der Dichter darstellen und beleben wollte; suche in ihr seinen Standpunkt, seine Laufbahn, sein Ziel; dann siehe wie er seinen Lauf nahm, wie schwer oder leicht er ihn vollendet.3

Eine Gattung, die sich in Hinblick auf das Ergänzungsspiel ebenfalls als sehr fruchtbar erweist, ist jene des poetischen Briefs. Verantwortlich hierfür ist, daß – ähnlich wie beim Epigramm und aufgrund der Tatsache, daß der Verfasser einer Epistel eine viel konkretere Entität ist als ein oft nur vage greifbarer Erzähler – leicht eine gewisse Materialität vorgetäuscht werden kann, indem z.B. explizit auf die beim Verfassen der Epistel verwendeten Beschreibstoffe und Schreibutensilien Bezug genommen wird oder – das ist fast noch deutlicher –

|| 2 S. Gutzwiller (1998) 7–8. Ein systematischer Versuch, sich der Gattung unter der Perspektive der Rezeptionsästhetik und mit ihrer Terminologie anzunähern, findet sich bei Meyer (2005) 1– 23. 3 S. Herder (2000) 745–746. Auf diese Stelle aufmerksam geworden bin ich durch Lefèvre (1983) 28.

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die näheren Umstände Erwähnung finden, unter denen das Schreiben an seinen Adressaten gelangt. Manchmal tut der Brief auch so, als sei er eine Antwort auf eine vorausgegangene Epistel. Deren Inhalt ist dem Leser natürlich nicht bekannt, er kann ihn aber erschließen – eben via Ergänzungsspiel. Viele Beispiele hierfür finden sich – um bei dem bereits vorher genannten Autor zu bleiben – in den Briefen des Horaz. Zu nennen ist aber auch Seneca, der in seinen an einen einzigen Adressaten gerichteten Epistulae morales ad Lucilium einen Briefwechsel konstruiert, von dem der Leser nur die eine Hälfte zu Gesicht bekommt und die andere rekonstruieren muß.4 Etwas anders funktioniert das in den Heroidenbriefen von Ovid. Diese reagieren nämlich nicht auf eine vorausgegangene Epistel, sondern entspringen dem Impetus der Schreiberinnen selbst:5 Manchmal entschließen sich diese gerade deshalb dazu, einen Brief an ihren Mann oder Geliebten zu verfassen, weil sie schon lange nichts mehr von ihm gehört haben. Das bedeutet aber nicht, daß es hier kein Ergänzungsspiel gibt, denn der Leser muß in den meisten Fällen zunächst einmal erraten, wer hier eigentlich wem schreibt. Die Überschriften, die sich in den Manuskripten finden und den Absender im Nominativ und den Adressaten im Dativ nennen, stehen nämlich im Verdacht, späte Zugabe zu sein.6 Ebenso mißtraut man einigen Anfangsdisticha, in denen in kreativen Abwandlungen der in lateinischen Briefen gewöhnlicherweise verwendeten Grußformeln die Verfasserin des Schreibens und sein Empfänger angeführt werden.7 Für die Überlegungen, die ich hier anstellen möchte, müssen wir diese Fragen aber nicht entscheiden, denn auch dann, wenn klar ist, wer wem schreibt, sprich: in welchem Mythos wir uns befinden, ist das Ratespiel noch lange nicht zu Ende. Der kundige Leser wird nämlich weiterbohren. Dies hängt damit zusammen, daß Ovid die Heroidenbriefe nicht nur in irgendwelche Standardversionen der jeweiligen Mythen eingeschrieben hat, sondern sich zumeist auf einen ganz bestimmten Prätext bezieht und bei dem Rezipienten die Frage provoziert, an welcher Stelle dieser Vorlage die jeweilige Heroine zum calamus gegriffen hat. Ein prominentes Beispiel hierfür ist gleich der erste Brief, den die von || 4 Für eine diesen Aspekt ins Blickfeld nehmende Analyse der ersten Briefe der Sammlung s. Kofler/Soldo (2012). 5 Ausnahmen sind die – wohl später publizierten – Episteln 16 bis 21. Sie bilden drei Briefpaare, in denen das zweite Schreiben auf das erste antwortet. 6 Zur Diskussion s. Barchiesi (1992) 65–66. 7 Allerdings sind auch hier die Namen oft nicht direkt genannt; die von Canace an Macareus gerichtete Epistel 11 z.B. operiert mit Patronymen: Aeolis Aeolidae quam non habet ipsa salutem / mittit et armata verba notata manu. Zu dem Distichon vgl. Kofler (2017b) 90, Anm. 13.

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zwanzig Jahren Warten entnervte Penelope an ihren Gatten richtet. Durch über das Gedicht verstreute intertextuelle Hinweise auf die Odyssee ist es uns möglich, die – fiktive – Abfassungszeit des Briefes ziemlich genau zu terminieren, und zwar zwischen dem von Homer in 17,107–165 referierten Gespräch zwischen Penelope und Telemach und dem am nächsten Tag folgenden Freiermord.8 Ein besonders gefinkelter Leser, Duncan F. Kennedy,9 glaubt noch mehr zu wissen, nämlich wer der Bote war, dem Penelope den Brief für ihren Gatten mitgeben wollte: Seiner Meinung nach handelt es sich um jenen kretischen Bettler, mit dem Odysseusʼ Frau ebenfalls am Tag vor der Vergeltung gesprochen hatte. Genau so steht das natürlich nicht im Text, in den Versen 59–62 berichtet Penelope aber, daß sie allen Reisenden, die Ithaka in der letzten Zeit angelaufen hätten, Briefe an Odysseus mit auf den Weg gegeben habe. Warum also – so folgert Kennedy – nicht auch in diesem Fall? Die Konsequenz dieser Annahme ist auf jeden Fall klar. Da hinter dem Bettler – wie wir wissen – der verkleidete Odysseus selbst steckt, wird die bereits durch die zeitliche Terminierung des Briefes offensichtliche Ironie noch weiter verstärkt. Bis Kennedy wußte der Leser, der sich erfolgreich am Ergänzungsspiel beteiligt hatte, daß das Schreiben, das den in der Ferne herumstreunenden – solche Unterstellungen macht Penelope durchaus – Gatten zur Heimkehr motivieren sollte, deshalb obsolet ist, weil er sich bereits in Ithaka aufhielt. Nun soll er sich besagten Brief auch noch selbst überbringen: Der Leser, der sich das über den Vergleich mit Homer herbeikombiniert hat, wird durch ein zusätzliches Lächeln belohnt. Ein ähnliches Supplementieren von Informationen aus einem Subtext findet sich in Heroides 3. Wir bleiben hier immer noch bei Homer, statt der Odyssee ist dieses Mal jedoch die Ilias an der Reihe. Die Verfasserin des Briefes ist Briseis, die sich bei Achill darüber beschwert, daß er ihre Rückholung aus den Zelten des Agamemnon mit zu wenig Engagement betreibe. Man könnte in Zusammenhang mit diesem Text vieles besprechen. So ist er allein schon deshalb lesenswert, weil er ein besonders schönes Beispiel dafür liefert, wie die Epistulae Heroidum das Gender-Profil der römischen Liebeselegie umkehren, indem sie die Frauen und nicht die Männer in die Rolle des bzw. der unglücklich Verliebten versetzen. Zudem treibt der Dichter – das hat schon der Jubilar in seinem Ovid-Buch hervorgehoben10 – in diesem Text ein geniales Spiel mit

|| 8 Knox (1995) 87. 9 Kennedy (1984) 416–419; s. auch Steinmetz (1987) 141, Lindheim (2003) 39 und Fulkerson (2005) 38. 10 Holzberg (1997) 86; vgl. auch Barchiesi (1992) 26–28 und Hoffmann/Schliebitz/Stocker (2009) 299. Zu dem Brief s. auch Jacobson (1971) und Kelly (1999).

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der Semantik des servitium amoris. Er führt den im Kontext der Liebeselegie nämlich übertragen gebrauchten Begriff auf seine ursprüngliche Bedeutung zurück, indem er nun eine richtige serva zum Liebessklaven bzw. zur Liebessklavin macht. Man könnte fast sagen, daß Ovid hier ein Aition des vielleicht bekanntesten Topos der römischen Liebeselegie bietet. Das alles zu verfolgen, würde an dieser Stelle aber zu weit führen. Mich interessiert vielmehr die Art und Weise, in der Ovid Bezug auf die Ilias nimmt, und inwieweit der lector doctus diese Links dazu nutzen kann, um mehr über die Situation zu erfahren, aus der heraus der Brief geschrieben ist. Zahlreiche Anspielungen in dem Schreiben machen nämlich klar, daß Briseis es als Reaktion auf das Scheitern der im neunten Buch der Ilias erzählten Presbeia verfaßt hat, über die sie sich bis ins Detail informiert zeigt.11 Dies erklärt auch, weshalb das Mädchen einen so tiefen Groll gegen ihren Geliebten empfindet, hatte sie naturgemäß doch große Hoffnungen in die Gesandtschaft gesetzt, weil die Geschenke, mit denen Agamemnon Achill ködern wollte, auch sie selbst einschlossen.12 Um so größer ist ihre Enttäuschung, als sie erfährt, daß Achill stur bleibt und nicht nachgeben will. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Ich glaube, daß wir den eigentlichen Auslöser von Briseisʼ Entscheidung, Achill zu schreiben, noch genauer fassen können. Schauen wir uns dazu die Verse 57–68 genauer an, die unmittelbar auf jene folgen, in denen die verliebte junge Frau ihrem indignierten Unverständnis darüber Ausdruck verleiht, daß Achill Agamemnons Angebot ausgeschlagen hat: Quin etiam fama est, cum crastina fulserit Eos, te dare nubiferis lintea velle Notis. Quod scelus ut pavidas miserae mihi contigit aures, sanguinis atque animi pectus inane fuit. Ibis et – o miseram! – cui me, violente, relinquis? Quis mihi desertae mite levamen erit? Devorer ante, precor, subito telluris hiatu aut rutilo missi fulminis igne cremer, quam sine me Pthiis canescant aequora remis, et videam puppes ire relicta tuas!

|| 11 Vgl. v.a. die Verse 27–40. 12 Bei Homer wird das in Il. 9,131–132 und 273–274 explizit gesagt, im Briseis-Brief geht es aus den Versen 29 und 55–66 hervor.

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Si tibi iam reditusque placent patriique Penates, non ego sum classi sarcina magna tuae.13 Ja, es geht sogar das Gerücht, dass du, wenn morgen Eos aufgegangen sein wird, die vollen Segel in die wolkenbringenden Südwinde stellen wirst. Als diese Ruchlosigkeit mir Unglücklichen vor die ängstlichen Ohren kam, da flohen mir Blut und Mut aus der Brust. Du wirst gehen und – o ich Elende – wem wirst du mich, du Rasender, zurücklassen? Wer wird für mich in meiner Verlassenheit ein sanfter Trost sein? Ich flehe darum, plötzlich von einem Erdspalt verschlungen oder vom rötlichen Feuer eines geschleuderten Blitzes verbrannt zu werden, bevor das Meer ohne mich aufschäumt durch die phtiischen Ruder und ich, zurückgelassen, deine Schiffe enteilen sehe. Wenn dir schon der Gedanke an die Rückkehr und an die väterlichen Penaten gefällt, so bin ich doch für deine Flotte kein großes Gepäck.14

Wenn Briseis annimmt, daß Achill am nächsten Tag zurück in die Heimat segeln will, dann entspringt ihr Entschluß, ihrem Geliebten zu schreiben, wahrscheinlich nicht nur der Empörung über seine Weigerung, sie zurückzunehmen, sondern vor allem der Angst, daß er sie alleine bei Agamemnon zurückläßt und damit alles vorbei ist. Ihr Brief läßt sich demnach als Panikreaktion interpretieren, als ein letzter Versuch, den endgültigen Abschied von ihrem Geliebten zu verhindern. Für unsere Deutung ist es nun wichtig zu sehen, daß auch diese Information bei Homer steht und daß sie uns dabei hilft, den Kontext des Schreibens noch schärfer herauszupräparieren. Diese beiden Punkte muß ich hier jedoch etwas genauer ausführen: Besonders die Information, daß Achills Absicht, nach Hause zu fahren, bei Homer nachzulesen ist, bedarf einer Präzisierung. Im Gespräch mit dem Verhandlungsteam des Agamemnon äußert Achill diese Drohung nämlich nur in einem ersten Moment (Il. 9,356–361 und 417–429). Im weiteren Verlauf der Unterredung relativiert er sie aber wieder und sagt zu Phoinix (617–619): […] σὺ δ᾽ αὐτόθι λέξεο μίμνων εὐνῇ ἔνι μαλακῇ· ἅμα δ᾽ ἠοῖ φαινομένηφι φρασσόμεθ᾽ ἤ κε νεώμεθ᾽ ἐφ᾽ ἡμέτερ᾽ ἦ κε μένωμεν.15 […] doch du bleibe und lege dich hier auf ein weiches Lager! Sobald sich das Morgenrot zeigt, wollen wir überlegen, ob wir heimkehren oder hierbleiben sollen!16

|| 13 Den lateinischen Text der Heroides entnehme ich Dörrie (1971). 14 Die Heroides-Übersetzungen stammen aus Hoffmann/Schliebitz/Stocker (2009); an jenen Stellen, an denen der ihnen zugrundeliegende lateinische Text von dem Dörries abweicht, habe ich entsprechende Adaptionen vorgenommen. 15 Text der Ilias nach West (1998–2000).

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Ein paar Verse weiter scheint er das Vorhaben gänzlich vergessen zu haben. An Aias richtet er nämlich folgende Worte (650–653): Οὐ γὰρ πρὶν πολέμοιο μεδήσομαι αἱματόεντος, πρίν γ᾽ υἱὸν Πριάμοιο δαΐφρονος, Ἕκτορα δῖον, Μυρμιδόνων ἐπί τε κλισίας καὶ νῆας ἱκέσθαι κτείνοντ᾽ Ἀργείους, κατά τε σμῦξαι πυρὶ νῆας. Denn ich werde nicht eher an den blutigen Kampf denken, als bis der Sohn des klugen Priamos, der göttliche Hektor, zu den Hütten und Schiffen der Myrmidonen gelangt, indem er die Argeier weiter erschlägt, und bis er die Schiffe verbrennt, so daß sie in Flammen und Rauch verschwelen.

Für uns ist es nun wichtig, daß Odysseus zur ursprünglichen, seine Abreise androhenden Version zurückkehrt, als er nach dem Ende der Gesandtschaft bei Agamemnon eintrifft und ihm das Ergebnis der Unterredung mit dem Peliden referiert (677–685): Ἀτρεΐδη κύδιστε, ἄναξ ἀνδρῶν Ἀγάμεμνον, κεῖνός γ᾽ οὐκ ἐθέλει σβέσσαι χόλον, ἀλλ᾽ ἔτι μᾶλλον πιμπλάνεται μένεος, σὲ δ᾽ ἀναίνεται ἠδὲ σὰ δῶρα. Αὐτόν σε φράζεσθαι ἐν Ἀργείοισιν ἄνωγεν ὅππως κεν νῆάς τε σαῷς καὶ λαὸν Ἀχαιῶν. Αὐτὸς δ᾽ ἠπείλησεν ἅμ᾽ ἠοῖ φαινομένηφι νῆας ἐϋσσέλμους ἅλαδ᾽ ἑλκέμεν ἀμφιελίσσας. Καὶ δ᾽ ἂν τοῖς ἄλλοισιν ἔφη παραμυθήσασθαι οἴκαδ᾽ ἀποπλείειν, […] Ruhmvollster Atride Agamemnon, Feldherr des Heeres! Der Mann dort ist nicht bereit, die Flammen des Zornes zu löschen, nein, seine Wut wächst noch, er weist dich ab samt deinen Geschenken und fordert dich auf, allein, ohne ihn, inmitten der Argeier darüber nachzudenken, wie du die Schiffe und das Heer der Achaier noch bewahren könntest. Er selber drohte damit, er wolle, sobald sich die Morgenröte zeige, seine doppelgeschweiften Schiffe mit den schönen Ruderbänken ins Meer ziehen. Auch allen anderen, sagte er, möchte er raten, wieder nach Hause zu fahren, […]

Es müssen genau diese Worte gewesen sein, die Briseis in Panik versetzt haben. Ob sie in Ovids Vorstellung selbst zugegen war, als Odysseus im Zelt des Agamemnon Bericht erstattete – Homer deutet in den Versen 669–671 an, daß man sich dort gerade zum Trinken getroffen hatte –, oder die Information von jemanden hat, der an der Zusammenkunft teilnahm, muß offenbleiben. Dennoch

|| 16 Die in diesem Beitrag gebotenen Ilias-Übersetzungen folgen Scheibner (2000).

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legt Ovid den Entstehungskontext des Schreibens sehr genau fest, denn es ist klar, daß Briseis sich ziemlich bald nach dem Auftritt des Odysseus ans Schreiben gemacht hat, da der Brief Achill ja noch vor dem Morgengrauen erreichen mußte, wenn er ihn umstimmen und von seinen Heimfahrtsplänen abhalten sollte.17 In diesem Zusammenhang erscheint mir noch etwas wichtig: Die präzise Kontextualisierung der Situation, in der Briseis die Epistel verfaßt, ist nicht gelehrter Selbstzweck, sondern dient auch der Intensivierung des tragischen Geschehens, das sich vor dem geistigen Auge des Lesers entfaltet. Heroides 3 zeichnet sich nämlich durch eine markante Ironie aus: Gerade dadurch, daß Briseis an Achills Ehre und Liebe appelliert, macht sie eine dauerhafte Verbindung zwischen dem Geliebten und sich unmöglich. Denn wenn er Agamemnons Angebot akzeptiert, muß er wieder in den Kampf zurück, in dem er – wie er auch selbst weiß – sterben wird. Mit anderen Worten: Der dritte Heroidenbrief wird Achill töten. Vor diesem Hintergrund erhalten die Liebesbezeugungen der Briseis natürlich einen ganz bitteren Beigeschmack. Er wird noch spürbarer, wenn wir einen Blick auf die genaue Abfolge der Ereignisse nach der Presbeia werfen. Daß Achills Absage in dem Bericht des Odysseus viel drastischer klingt als die Äußerungen, die er bei der Verabschiedung der Gesandtschaft von sich gibt, haben wir bereits oben gesehen. Warum der Ithaker hier derart von der Wahrheit abweicht, ist aber unklar. Es ist interessant, daß die Unstimmigkeit bereits den antiken Kommentatoren aufgefallen ist, die neben einigen schwerfälligen Erklärungen sogar eine Athetese in Betracht ziehen.18 Eine solche Maßnahme ist natürlich überzogen, und so bietet es sich vielleicht eher an, die Diskrepanz dadurch zu erhellen, daß Odysseus hier einfach schlampig referiert. Diese Lö-

|| 17 Einige Gelehrte – z.B. Barchiesi (1992) 210 – vertreten die Auffassung, Briseis habe den Brief kurz vor der Rückkehr des Odysseus verfaßt. Angesichts der Tatsache, daß die Drohung abzureisen am Ende der Presbeia zurückgenommen und erst im Bericht des Odysseus wieder aufgegriffen wird, ist das aber nicht gut möglich. Daß Briseis vor Odysseusʼ Eintreffen von den Ergebnissen der Verhandlungen erfährt, scheint im übrigen auch deshalb schwierig, weil nach den Gesprächen alle Gesandten außer Phoenix, der die Nacht im Lager der Myrmidonen verbringt, direkt zu Agamemnon zurückkehren (656–657). Wenn wir unsere Lektüre der Epistel tatsächlich auf der Folie der Ilias vollziehen, dann bietet sich also nur das Referat des Odysseus als vernünftiger terminus post quem an. Dagegen spricht auch nicht, daß Briseis in Vers 57 als Informationsquelle ganz vage die fama angibt: In diesem Punkt braucht sie Achill gegenüber keine genauen Angaben zu machen. Zudem würde eine präzisere Auskunft die durch das Ergänzungsspiel aufgebaute Spannung ruinieren. 18 Scholion bT ad Il. 9,682–683.

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sung befriedigt aber nicht wirklich. Viel eher handelt es sich wohl um eine bewußte Verbiegung der Tatsachen – von einem ἀνήρ πολύτροπος ließe sich das jedenfalls ohne weiteres erwarten: Vielleicht wollte Odysseus ja vermeiden, daß Agamemnon, dessen falsche Einschätzung von Achills Verhalten bereits erhebliches Unglück über die Griechen gebracht hatte, sich zu sehr in Sicherheit wiegt, und statt dessen erreichen, daß er vielleicht noch etwas weiter auf den Peliden zugeht. Oder war er noch perfider, und der eigentliche Adressat seiner kleinen Lüge sollte gar nicht Agamemnon sein, sondern die arme, unsterblich in Achill verliebte Briseis? Es war ja gar nicht so unwahrscheinlich, daß auch sie früher oder später von seinem Bericht Kunde erhalten und daraufhin vielleicht nach einem Weg suchen würde, um mit Achill in Kontakt zu treten und ihn umzustimmen. Das ist aber wohl zu viel der Spekulation. Dennoch scheint mir eines klar: Die Worte, die Ovid Briseis niederschreiben läßt, legen es unzweifelhaft nahe, daß es Odysseusʼ Version der Presbeia ist, die ihr zu Ohren gekommen ist, d.h. dessen Strategie war – direkt oder indirekt – erfolgreich, denn er erhält bei der Lösung des Konflikts jetzt Schützenhilfe durch die schöne Sklavin. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, daß Achills Verbleib vor Ort nicht nur für die direkt am Geschehen Beteiligten wünschenswert erscheint, sondern auch für den Plot der Ilias unbedingt erforderlich ist. Denn nur so kann es zum Waffentausch mit Patroklos und allen weiteren aus diesem resultierenden Ereignissen kommen. Der Briseis-Brief ist also nicht nur – wie wir weiter oben gesehen haben – ein Aition für das servitium amoris, sondern – wenn man den Text im Sinn eines Ergänzungsspiels korrekt in der Ilias verortet – auch eines für den Tod ihres Protagonisten Achill. Wir haben nun einige allgemeine Beobachtungen zum Leser der Heroides und den von ihm benutzten hermeneutischen Strategien gesagt. Nun möchte ich einen konkreten Ovid-Rezipienten unter die Lupe nehmen. Dazu begeben wir uns in das Bischofsstädtchen Brixen, wo in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein Mann namens Joseph Resch lebte.19 Bei ihm handelt es sich um einen der bedeutendsten Intellektuellen, die in jener Zeit in Südtirol wirkten. 1716 in Hall in Nordtirol geboren, finden wir ihn bereits im Alter von zehn Jahren südlich des Brenners, wo er das Hochfürstliche Gymnasium zu Brixen besuchte. Danach studierte er Philosophie und Kirchenrecht an der Universität Innsbruck. Um seiner geistlichen Berufung nachzukommen, kehrte er wieder nach Brixen zu-

|| 19 Zu der im Folgenden kurz angerissenen Biographie von Resch vgl. ausführlicher Rosbichler (1808), Sinnacher (1821), Grass (1962), Kühebacher (1982), Šubarić/Schaffenrath/Kennel (2012) 756–758 und demnächst einen Beitrag von Egon Kühebacher und Stefan Zathammer in: Kofler/Wirthensohn/Zathammer (im Druck).

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rück und absolvierte dort das Priesterseminar. Im Jahr 1741 empfing er die Weihen und fand nach einem knappen Jahr, in dem er als Hilfspriester in Stilfes bei Sterzing tätig war, eine Anstellung als Präfekt und Lehrer in seiner ehemaligen Schule. Neben seiner Unterrichtstätigkeit widmete er sich nun verstärkt der Wissenschaft, besonders der Kirchengeschichte. Vor allem seine Annales Ecclesiae Sabionensis nunc Brixinensis, eine methodisch herausragende Darstellung der historischen Anfänge der Diözese Brixen, verschafften ihm großes Ansehen. Die ersten beiden Bände des dreiteiligen Werkes erschienen 1757 und 1759 und waren wohl mit ausschlaggebend dafür, daß er 1761 einen Ruf auf den Lehrstuhl für Kontroverstheologie an der Universität Innsbruck erhielt. Leider scheiterten die Verhandlungen im letzten Moment, was Resch in große Bedrängnis brachte, da er seine Stelle am Gymnasium schon gekündigt hatte. Er blieb aber dennoch in Brixen und schlug sich in den nächsten Jahren mehr schlecht als recht durch. 1766 erhielt er eine Lehrkanzel als Professor der Heiligen Schrift am Priesterseminar Brixen, seine prekären ökonomischen Verhältnisse verbesserten sich aber erst 1775, als er in seiner Wahlheimat zum Hofbibliothekar ernannt wurde und ein Benefizium erhielt, das einträglicher war als jenes, das er bis zu diesem Zeitpunkt genossen hatte. Bis zu seinem Tod im Jahr 1782 arbeitete Resch fieberhaft an zahlreichen Projekten. Er prägte viele junge Wissenschaftler in der Region: Manche sehen in ihm den Begründer einer eigenen Brixner Historikerschule.20 Unter Joseph Reschs Namen ist nun auch ein stattliches Korpus von in der Mehrzahl neulateinischen Dramen überliefert, die zur Aufführung am Hochfürstlichen Gymnasium bestimmt waren.21 Die Entstehungszeit der Stücke reicht

|| 20 S. hierzu besonders Grass (1962) 179–180. 21 Von den insgesamt 14 erhaltenen Stücken liegen elf in Handschriften der Bibliothek am Priesterseminar Brixen und drei im Druck vor. Die Texte sind philologisch noch nicht erschlossen und deshalb weitgehend unerforscht. Die einzige Arbeit ist Mutschlechner (1975–1976). Die Dissertation bietet eine weiter ausgreifende Darstellung des Brixner Schultheaters im 18. Jahrhundert und bemüht sich, einen kurzen Überblick über die einzelnen Stücke zu geben und sie in Bezug zum konkreten Spielbetrieb zu setzen. Unterstützt von meiner Mitarbeiterin Theresa Rothfuß gelang es mir vor kurzem, Fördergelder zu beschaffen, um die Dramen online zu edieren und zu übersetzen. Nähere Informationen zu dem Projekt mit dem Namen „Brixner Schultheater im 18. Jahrhundert: Edition und Übersetzung der neulateinischen Dramen von Joseph Resch“ finden sich auf https://www.uibk.ac.at/projects/schultheater-resch/, 20.03.2018. Wir kennen übrigens die Periochen von zwei weiteren Stücken, eines Sanctus Lucanus und einer Scanderbegi victoria, wobei der Text des zweiten wohl erst in den letzten Jahrzehnten verlorengegangen ist. Mutschlechner jedenfalls lag die Handschrift noch vor. Im Rahmen des Projekts haben wir auch eine kleine Tagung zu Reschs Dramen und ihrem kultur-

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von 1745 bis 1761 und fällt somit mit Reschs Wirken als Lehrer und Präfekt an der Schule zusammen. Die Dramen sind keine reinen Jesuitenstücke, weil es dem Orden trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen war, sich in Brixen niederzulassen. Dennoch stehen sie in der Tradition des Jesuitentheaters. Dies sieht man unter anderem an den Sujets, die sich mit jenen decken, die wir auch auf zeitgenössischen Jesuitenbühnen finden:22 Einige Stücke behandeln Historisches (Jugurtha, 1746, Albuinus, 1748, Adiatorix, 1752, Ludovicus, 1754, Constantini hostia, 1757–1758, Jesus Gondarenus, 1759, Innocentia coronata, 1761) oder bringen Heilige aus der Region auf die Bühne (Sanctus Lucanus, 1747, Sanctus Ingenuinus, 1749), andere wiederum fallen in die Gattung des Meditationsspiels (Peccator deicida, 1745, Pastor bonus, 1748, Pius Samaritanus, 1750)23 oder befassen sich in satirischer Form mit Bildungsfragen (Rhetorica, 1751, Praemia Aureliani, 1753).24 Zu guter Letzt gibt es noch ein Drama mit einem Thema aus der klassischen Mythologie: Das Werk mit dem Titel Agamemnon suimet victor, „Agamemnon, der Bezwinger seiner selbst“, 1750,25 behandelt den Streit um Briseis und ist deshalb hier von Interesse für uns.26 Ich möchte zum Plot des Agamemnon nur das Allernotwendigste sagen: Er folgt in groben Zügen den Entwicklungen der Ilias, reichert die Handlung aber durch neue Elemente an, z.B. durch eine zweite Liebesgeschichte: Chryseis ist nämlich mit dem Trojaner Tyndaros verlobt – solche Motivverdoppelungen finden wir im Theater der Zeit, das gerne mit Steigerungen arbeitet, ja öfter.27 || und literaturgeschichtlichen Kontext veranstaltet, aus der demnächst der Sammelband Kofler/Wirthensohn/Zathammer (im Druck) hervorgehen wird. 22 Zum neulateinischen Theater, das ja weitgehend Schultheater ist, vgl. Valentin (1978) und (1983–1984) sowie die Beiträge in Bloemendal/Ford (2008), Bloemendal/Norland (2013) und Ford/Taylor (2013). 23 Das sind die drei – in einer Sammelausgabe – gedruckten Stücke, s. Resch (1751). 24 Zu diesem nicht so seltenen Typus s. Tilg (2008) 187–188 und Rädle (2013) 226–231. 25 Der Band, in dem sich das Stück in der Bibliothek des Priesterseminars Brixen befindet, trägt die Signatur Sem F20. Er enthält auch die bei dem bischöflichen Hofdrucker Johann Kassian Krapf in Brixen produzierte Perioche. 26 Ich brauche nicht zu sagen, daß ich diesen Ausflug in die Neolatinität an dieser Stelle auch deshalb wage, weil Niklas Holzberg zu dem Boom dieser in den letzten Jahren so erfolgreichen Sparte unseres Faches beigetragen hat. Die wichtigsten Impulse in diese Richtung hat er bereits in einer frühen Phase seiner Laufbahn mit seinem Pirckheimer-Buch (Holzberg [1981]) gegeben. Dieses behandelt zwar primär den griechischen Humanismus, hat aber natürlich auch die Beschäftigung mit der neulateinischen Literatur befördert, und zwar nicht nur mit jener der Renaissance, sondern weit darüber hinaus! 27 Hier ist vor allem der Einfluß der Barockoper zu nennen. Dabei dient ihr die Einführung eines zweiten Liebespaares zumeist als komische Folie für das erste; ein frühes Beispiel ist Claudio Monteverdi, der im Ritorno d’Ulisse in patria dem Odysseus und der Penelope die

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Eine weitere Änderung besteht darin, daß der beleidigte Achill nicht nur den Feldzug bestreikt, sondern Agamemnon sogar damit droht, zu den Trojanern überzulaufen. Am Ende wird aber alles gut: Der Atride gibt nach – deshalb ist er suimet victor –, und die beiden Liebespaare finden zueinander. Uns interessiert an dieser Stelle aber besonders die erste Szene im fünften Akt. Wir befinden uns im Zelt des Achill, in das Patroklos eintritt, nachdem Briseis bereits im dritten Akt zu Agamemnon gebracht worden ist. Der besseren Verständlichkeit willen schicke ich voraus, daß Resch Teile der dritten Heroidenepistel kurzerhand in seinen Agamemnon transponiert: Patroklos führt den Brief nämlich mit sich, und Briseis’ ehemaliger Herr und Geliebter liest dann auch gleich aus ihm vor. Achilles et Patroclus ACH. An certa nobis nuntias certa fide? Briseis ad tentorium Atridae sui iam ducta? PAT. Perlege litteras, quas clanculum petivit ad te mittier! ACH. Quis has tibi? PAT. Manus fidelis. ACH. Nec mihi ignota haec manus. (Legit litteras Briseidis.) „Quam legis, a rapta Briseide littera venit, vix bene barbarica Graeca notata manu.“28 Devoveo Graecas litteras, Graecas notas et verba celeres per fretum ferant Noti. „Quascumque aspicies, lacrimae fecere lituras, sed tamen et lacrimae pondera vocis habent.“29 Non moveor hisce lacrimis, nempe et mihi ex aere triplici pectus obductum riget. Didicere lacrimas feminae, has in promptu habent quocumque plorant tempore et quovis modo. „Non, ego poscenti quod sum cito tradita regi, culpa tua est, quamvis hoc quoque culpa tua est.“30 Quid? Quod tu Atridae tradita es, culpae meae adscribere audes? „Sed data sum, quia danda fui. Non repetor: Cessas, iraque lenta tua est.“31

|| verliebten Diener Eurymachos und Melantho an die Seite stellt. Wir finden die Konstellation aber auch anderswo; für das deutsche Theater etwa vgl. Lessings Minna von Barnhelm mit den Liebespaaren Tellheim und Minna sowie Werner und Franziska. 28 Ov. epist. 3,1–2. 29 Ov. epist. 3,3–4. 30 Ov. epist. 3,7–8.

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Quereris, in Agamemnonem32 cur ira fuerit lenta? Quid tela et gladii, quid profuissent arma? Quid victoribus incuteret hasta Pelias Atridis metum? „Qua merui culpa fieri tibi vilis, Achille, quo levis a nobis tam cito fugit amor?“33 Nec causam ob aliam facta es ita vilis mihi, nisi quia Graeca es. Nescio culpam alteram. „Perdere quos melius possis, Neptunia praebent Pergama; materiam caedis ab hoste pete! Me modo, sive paras impellere remige classem, sive manes, domini iure venire iube!“34 Neptunia mihi Troia materiam dabit caedis in Achivos, non in Electrae genus, ferrumque, quantum sustuli in Teucrum caput, tantum in Pelasgos acuam. In inviso grege magnos acervos sternam et evertam omnia. Achilles und Patroklos ACH. Meldest du uns Zuverlässiges in zuverlässiger Treue? Wurde Briseis schon zum Zelt ihres Atriden geführt? PAT. Lies den Brief durch, den sie bat, heimlich zu dir zu bringen! ACH. Wer gab ihn dir? PAT. Eine treue Hand.

|| 31 Ov. epist. 3,21–22. Zur Frage, warum Resch hier den zweiten Teil des Hexameters ausgelassen hat, vgl. die folgende Anmerkung. 32 Dieser Versteil und jener, der vor dem vorausgehenden Ovid-Zitat zu lesen ist (adscribere audes?), ergeben zusammen einen Trimeter. Daß das so intendiert ist, wird durch das Layout der Handschrift unterstützt, welche nach audes? einen Gedankenstrich bietet und Quereris, in Agamemnonem einrückt, wobei die am Anfang der Verszeile entstehende Lücke durch zwei lange vertikale Striche gefüllt wird. Peter Riemer hat mich in der Diskussion meines Referats jedoch darauf aufmerksam gemacht, daß auch adscribere audes und Sed data sum, quia danda fui als e i n Vers, und zwar als jambischer Senar, gelesen werden können. Abgesehen von dem Umstand, daß sich diese Beobachtung ein wenig mit der fehlenden Einrückung von Sed data sum, quia danda fui spießt, spricht nichts dagegen, daß die beiden Lösungen koexistieren können und Teil eines Spiels sind, mit dem der Autor seine metrische Kompetenz beweisen will. Prosodie und Metrik waren nämlich Steckenpferde von ihm: Er hat sogar Lehrbücher zu diesen Gebieten verfaßt, s. Resch (1748) und (1750); vgl. dazu Kompatscher/Korenjak (2012) 799–800. Die Verbindung von adscribere audes und Sed data sum, quia danda fui würde im übrigen auch erklären, warum Resch Ov. epist. 3,21 nur unvollständig zitiert und auf Tot noctibus absum verzichtet. Möglicherweise kommt ihm das auch deshalb entgegen, weil er so die in der Formulierung anklingende erotische Note eliminieren kann. 33 Ov. epist. 3,41–42. 34 Ov. epist. 3,151–154.

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ACH. Diese Hand ist mir nicht unbekannt. (Er liest Briseisʼ Brief vor.) „Das Schreiben, das du liest, kommt von der geraubten Briseis, in schlechtem Griechisch abgefaßt von barbarischer Hand.“ Ich hasse, was auf griechisch geschrieben ist, die schnellen Südwinde mögen alle griechischen Buchstaben und Wörter auf dem Meer zerstreuen! „Alle Flecken, die du siehst, stammen von meinen Tränen. Aber Tränen können dasselbe sagen wie Worte.“ Ich lasse mich von diesen Tränen nicht beeindrucken, denn auch mein Herz ist umgeben von einer Schicht aus dreifachem Erz. Die Frauen haben gelernt zu weinen, und sie können dies immer, ganz egal, zu welcher Zeit und auf welche Weise. „Daß ich dem König auf seine Forderung hin schnell übergeben worden bin, ist nicht deine Schuld – obwohl auch das deine Schuld ist.“ Was? Du wagst es, mir anzulasten, daß du dem Atriden übergeben worden bist? „Ich bin übergeben worden, weil ich übergeben werden mußte. Jetzt aber werde ich nicht zurückgeholt. Du bist müßig, und dein Zorn träge.“ Du beschwerst dich, daß mein Zorn auf Agamemnon träge ist? Was hätten dir Geschosse und Schwerter, was dir Waffen genützt? Warum sollte die Lanze vom Berg Pelion den siegreichen Atriden Angst einflößen? „Durch welche Schuld habe ich verdient, dir so unbedeutend zu werden, Achill? Wohin ist unsere Liebe so schnell und leicht verflogen?“ Aus keinem anderen Grund bist du mir so unbedeutend geworden, außer daß du eine Griechin bist: Ich weiß keine andere Schuld.35 „Das neptunische Pergamon bietet dir Menschen, die du besser vernichten kannst. Morde in den Reihen des Feindes! Mir gegenüber gebärde dich als Herr und befiehl mir zu kommen, sei es, daß du die Flotte mit dem Ruder antreiben wirst, sei es, daß du bleibst!“ Das neptunische Troja wird mich tatsächlich zum Morden veranlassen, aber ich werde die Griechen niedermetzeln und nicht das Geschlecht der Elektra,36 und ich werde mein Schwert, das ich gegen das Haupt der Trojaner erhoben habe, in gleicher Weise gegen die Griechen schärfen. In deren verhaßter Schar werde ich haufenweise Leichen auftürmen und alles vernichten.37

Was das Verhältnis zu Ovid betrifft, erscheinen mir zunächst einmal zwei Dinge bemerkenswert. 1. Resch situiert den Text nicht wie der römische Dichter im Moment seiner Entstehung, sondern – und das ist eine ganz witzige Umdrehung – in jenem seiner Rezeption: Mit Achill präsentiert er uns gleichsam einen lector in actu, und zwar nicht irgendeinen, sondern den, für den das Schreiben bestimmt ist. 2. Dadurch daß Patroklos den Brief zu Achill bringt, beantwortet er

|| 35 Diese Stelle ist inhaltlich ein Problem, weil sie dem Beginn des Briefes widerspricht, in dem sich Briseis als Barbarin bezeichnet. Wie Thomas Gärtner mir per litteras electronicas mitteilt, könnte der Widerspruch so aufzulösen sein: Achill sind die Griechen mittlerweile derart zuwider, daß alles, was ihn auch nur im entferntesten an dieses Volk erinnert, Aversionen in ihm erregt. Briseis ist zwar keine Griechin, benutzt in der Fiktion des Briefes aber die griechische Sprache. In seinem gegenwärtigen Zustand reicht das für Achill aus, um sie zu hassen. 36 Hier sind die Trojaner und die Atlastochter Elektra gemeint, die nach einer Affäre mit Zeus den trojanischen Stammvater Dardanos geboren hatte. 37 Die hier gebotenen Übersetzungen aus Reschs Agamemnon folgen im Wesentlichen jener von Judith Sailer, die das Stück im Rahmen einer Diplomarbeit transkribiert, ins Deutsche übertragen und mit Anmerkungen versehen hat (Sailer [2016]).

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eine Frage, die sich den Lesern zahlreicher Heroidenepisteln aufdrängt. Es ist jene nach dem Weg, auf welchem die Schreiben zu ihren Empfängern gelangen sollen. Manche Briefe halten hier durchaus eine Antwort bereit. Die PenelopeEpistel hat uns weiter oben ein Beispiel dafür gegeben, wie das Thema der Übermittlung des Schreibens sogar für eine Pointe genützt werden kann. Andere Briefe strapazieren die Vorstellungskraft der Leser und deren Vertrauen in das Funktionieren der Post in mythologischer Zeit aber gehörig. So braucht es schon einige Phantasie, um sich vorzustellen, wie das Schreiben der inhaftierten Hypermestra in Heroides 14 aus dem Kerker zu Lynkeus gelangen kann. Da hat es das Publikum des Briseis-Briefs sicher leichter. Auch wenn Ovid nichts Bestimmtes über die von der armen Sklavin anvisierten Überbringungsmöglichkeiten verlautbaren läßt, so wird der Leser mit der Möglichkeit rechnen, daß sie im stark frequentierten Zelt des Agamemnon recht bald auf eine vertraute Person treffen wird, der sie den Brief mitgeben kann. Klar gesagt wird das aber nicht. Das bietet Resch die Gelegenheit, in die Bresche zu springen und die Leerstelle zu füllen: Der Überbringer ist Patroklos, auf dessen besondere Nähe zu Briseis der römische Dichter in den Versen 23–24 zumindest sanft hingewiesen hat. Damit hat Resch Ovid gewissermaßen ausgeschrieben. Ich möchte unsere Passage jedoch nicht nur als kreatives neulateinisches Rezeptionszeugnis verstanden wissen, sondern sie auch an meine Ausführungen zum Ergänzungsspiel zurückbinden. Auf den ersten Blick hat sie natürlich nicht viel damit zu tun, zumal es sich bei dem Agamemnon suimet victor ja um ein Drama handelt, das durch die Pragmatik der Aufführung nur eingeschränkte Anforderungen an die Imaginationskraft seiner Rezipienten stellt. Zudem haben wir hier in puncto Rückgriff auf ein intertextuelles Vorbild eine völlig andere Situation als in Heroides 3 vor uns. Denn Ovid paßt seinen Text sozusagen in einen anderen – i.e. in den von Homer – ein und verschafft dem Leser, der den Beziehungen zwischen den beiden Werken auf die Schliche kommt, ein ästhetisches Vergnügen, das in seiner Intensität der relativ großen Komplexität dieser intertextuellen Links entspricht. Resch hingegen nimmt einen anderen Text – i.e. den Briseis-Brief – und paßt diesen in seinen eigenen ein. Dabei wird der erste Text – wie wir gesehen haben – eigentlich nur recycelt, der Genuß des Rezipienten beschränkt sich demnach im Prinzip auf einen Wiedererkennungseffekt, der keine sensationellen Glücksgefühle auslösen dürfte. Ein Grund für diese doch recht unterschiedliche Vorgangsweise dürfte unter anderem darin liegen, daß das Publikum des neulateinischen Schultheaters eine andere Bildungsstruktur aufweist als das von Ovid. Viele Zuseher konnten ja gar kein Latein – deshalb die zum Teil volkssprachigen Periochen –, zudem machte die einmalige Anwesenheit bei einer einzelnen Theateraufführung ein

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intensives Nachdenken über den Text im Sinne eines Riffaterreschen hermeneutic readings ohnehin unmöglich.38 Trotzdem dürfen wir die Angelegenheit nicht banalisieren und zu sehr vereinfachen. Auch im katholischen Schultheater gab es durchaus solche Leser. Dies waren etwa Autorenkollegen am selben Gymnasium, die sich im Publikum wiederfinden und auch speziellere Anspielungen goutieren konnten – möglicherweise, weil ihnen die Stücke schon vorab zugänglich gemacht worden waren. Ebenso wichtig waren Kollegen an anderen Standorten. Die Autoren neulateinischer Schulstücke pflegten untereinander ja ein intensives Netzwerk, in dem sie Stücke austauschten, gegenlasen und weiterentwickelten. Ich bin der festen Überzeugung, daß wir den rezeptionsästhetischen Mechanismen neulateinischer Dramen erst dann gerecht werden, wenn wir das aus diesen Personen gebildete Publikum in die Interpretation der Texte miteinbeziehen. Im Fall unseres Beispiels könnte ihnen nämlich etwas aufgefallen sein, das doch für eine etwas komplexere Rekontextualisierung des Ausgangstextes spricht. Ich meine hier folgendes: Die antike Literaturtheorie kannte ein Konzept, nach dem der Brief gleichsam ein halbierter Dialog ist. Der Kronzeuge hierfür ist Demetrios, der in seinem Werk Περὶ ἑρμηνείας, Über den Stil, eine entsprechende Äußerung von Artemon, dem antiken Herausgeber der Aristoteles-Briefe, zitiert (223): ᾿Αρτέμων μὲν οὖν ὁ τὰς ᾿Αριστοτέλους ἀναγράψας ἐπιστολάς φησιν, ὅτι δεῖ ἐν τῷ αὐτῷ τρόπῳ διάλογόν τε γράφειν καὶ ἐπιστολάς· εἶναι γὰρ τὴν ἐπιστολὴν οἷον τὸ ἕτερον μέρος τοῦ διαλόγου. Artemon, der Herausgeber der Aristotelesbriefe, fordert, Brief und Dialog in derselben Weise zu verfassen; denn der Brief sei gleichsam die eine Hälfte des Dialogs.

Dieses theoretische Konzept ist relativ weitverbreitet und liegt z.B. Ciceros Behauptung zugrunde, Briefe seien amicorum colloquia absentium, „Gespräche mit abwesenden Freunden“ (Phil. 2,7).39 Denken wir es weiter, kommen wir unweigerlich zum Schluß, daß der Brief eine Art „Mangelgattung“ ist, da ihm doch eine Hälfte abhandengekommen ist.40 Genau dieses Defizit behebt Resch nun aber, indem er Briseisʼ Brief dialogisiert und mit Achills Antworten versieht, wobei es in diesem Zusammenhang nicht unwichtig ist, daß das Drama die dialogische Gattung par excellence ist.

|| 38 Vgl. Riffaterre (1978) 1–22, bes. 4–6. 39 Zu dem Konzept vgl. Thraede (1970) 162–165. 40 S. hierzu auch Kofler (2016) bes. 178–180.

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Was hat das nun aber mit einem Ergänzungsspiel zu tun? Um diese Frage zu beantworten, wenden wir unseren Blick am besten noch einmal zurück: Wie ich weiter oben zu zeigen versucht habe, wollte Ovid, daß der Leser die Situation, in die Heroides 3 eingeschrieben ist, supplementiert, indem er den Brief in seinen ursprünglichen Kontext, d.h. in das neunte Buch der Ilias überführt. Bei Resch funktioniert das anders: Die Überführung, die er den Leser des Agamemnon suimet victor vornehmen läßt, ist keine intertextuelle, sondern erfolgt allein auf der Ebene der literarischen Theorie. Mit anderen Worten: Der Leser, der erkennt, daß Resch den Brief dialogisiert und so seinem „ursprünglichen“ Gattungsprofil annähert, rekonstruiert keine Handlungslinie, sondern einen gattungsgeschichtlichen bzw. -typologischen Diskurs. Zum Abschluß noch eine letzte Beobachtung! Sie soll wieder zeigen, wie Resch mit Ovid verfährt bzw. wie er einen Impuls von dem römischen Dichter aufzunehmen und zu verstärken weiß. Ausgehen werde ich dabei wieder von der ersten Szene des fünften Aktes, dann aber zur nächsten weiterschreiten und auch andere Stellen einbeziehen. Wie wir gesehen haben, lautet eines der von Resch verwendeten Zitate wie folgt: „Sed data sum, quia danda fui. Non repetor: Cessas, iraque lenta tua est.“

Daß Resch diese Passage übernimmt, verwundert nicht. Die ira Achillis spielt im dritten Heroidenbrief nämlich auch sonst eine prominente Rolle.41 Die vorliegende Stelle ist aber besonders interessant: Mit der Anspielung auf die μῆνις Ἀχιλῆος – die in der den Beginn der Ilias bildenden Wortverbindung Μῆνιν ἄειδε nach antiker Praxis und gleichsam als Metonymie einen Alternativtitel zu der eigentlichen Bezeichnung des Werks bildet42 – setzt Ovids Briseis ihren Geliebten (und somit natürlich auch das ihm gewidmete Werk des göttlichen Dichters Homer) herab und hält ihm eine elegische ira entgegen, die sie von ihm als || 41 Vgl. 85–90: Vince animos iramque tuam, qui cetera vincis! / Quid lacerat Danaas inpiger Hector opes? / Arma cape, Aeacide, sed me tamen ante recepta, / et preme turbatos Marte favente viros! / Propter me mota est, propter me desinat ira, / simque ego tristitiae causa modusque tuae, „Der du alles Übrige besiegst, besiege auch Unmut und Zorn! Warum metzelt der rastlose Hector die griechischen Streitkräfte hin? Greif zu den Waffen, Aeacide, doch nimm mich vorher zurück und verwirre die Männer und bedränge sie unter dem Beistand des Mars! Um meinetwillen entstand der Zorn, um meinetwillen möge er sein Ende finden, und ich sei Ursache von Anfang und Ende deiner Traurigkeit!“ 42 Skeptisch hierzu allerdings Schröder (1999) 16–20. Ich habe ihre Einwände lange geteilt, tue dies mittlerweile aber nicht mehr; siehe hierzu auch Kofler (2017a) 115, Anm. 31.

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gedemütigten Liebhaber fordert. Es ist, als ob sie sagen wollte: „Du bist trotz deines berühmten, von Homer besungenen Zorns nur ein Schlappschwanz. Komm und zeig, wozu du richtig imstande bist!“ Resch insistiert ebenfalls auf dem Thema. Abgesehen von dem eben besprochenen ira-Zitat aus den Heroides kommt er auch in anderen Szenen auffällig oft auf Achills Zorn zu sprechen.43 Dabei übernimmt er nicht die von Ovid konstruierte und letzten Endes poetologisch intendierte Spannung zwischen einer iliadischen und elegischen μῆνις, sondern paßt das Motiv an die dramatischen Erfordernisse seines eigenen Stückes an. Die ira des neulateinischen Achill erscheint nämlich nicht als Alternative zur homerischen μῆνις, sondern als deren mit Pathos aufgeladene Übersteigerung, die durch den Plan, zu den Trojanern überzulaufen, bereits an furor grenzt. Dies belegen nicht zuletzt die Worte, mit denen der in der nächsten Szene auftretende Nestor Achills Reaktion auf die Lektüre von Briseisʼ Schreiben44 quittiert: Quid vult sibi isthaec littera? Quid adhuc fremis, magnanime Achille? Reprime furibundum impetum! […] Saturnius tibi Iupiter Troiam dabit per arma posse excindere, et totam solo aequare, ne vel quidquam in everso Ilio Troiae queat superesse, ne nomen quidem. At animum et iram vince, qui vincis alia!45 Agamemnona irae paenitet, reddet tibi Briseidem, placabit offensum ducem.

|| 43 Akt 3, Szene 4: EURYBATES: Achille, ne suscenseas!, „Achill, gerate nicht in Zorn!“, Akt 3, Szene 7: MENTOR: Dive Pelides, tuas / sedare tricas caelitus missa venio. / Saturnia iubet candidis ulnis dea, / ut mitigetur animus irarum ferax! / Quare age quiesce, obtempera, siste impetum!, „Göttlicher Pelide, ich komme, vom Himmel geschickt, um deinen Verdruß zu lindern. Die weißarmige Göttin Juno befiehlt, daß sich dein von Zorn wildes Herz beschwichtige. Gib also Ruhe, gehorche und laß ab von deinem Angriff!“, Akt 3, Szene 9: THETIS: Tu interim in bello ab Achivis abstine, / iramque tuo preme in pectore!, „Du [sc. Achill] bleib unterdessen den Griechen im Krieg fern und unterdrücke den Zorn in deiner Brust!“, Akt 4, Szene 5: ACHILLES: Nec mihi minore pectus hoc ardet face / communem in hostem, „In meiner Zornesflamme brennt mir das Herz nicht weniger gegen den gemeinsamen Feind [s. Agamemnon]“, Akt 5, Szene 3: ACHILLES: […] adeo / tumescit animus ira in Atriden, „[…] so sehr schwillt das Herz mir im Zorne gegen deinen [sc. Menelaosʼ] Atriden-Bruder“. 44 Daß der Brief bei Achill einen derartigen Wutausbruch auslöst, ist zumindest auf den ersten Blick erstaunlich. Man muß hier sicher berücksichtigen, daß die puella ihm in dem Schreiben massive Vorhaltungen macht. Dennoch würde man sich in einem elegischen Kontext eine andere Reaktion von einem Liebhaber erwarten. 45 Hier liegt übrigens ebenfalls ein Zitat aus Heroides 3 vor, s. den in Anm. 41 zitierten Vers 85.

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At aestuantis pectoris fluctus doma! Was will sie mit diesem Brief? Was schnaubst du denn noch, edler Achill? Unterdrücke deine Wut! […] Jupiter, der Sohn des Saturn, wird es dir gewähren, daß du Troja mit Waffengewalt auslöschst und die ganze Stadt dem Erdboden gleichmachst, so daß nach Ilions Vernichtung wohl nichts mehr übrigbleibt, nicht einmal der Name. Du aber, der du alles andere besiegst, bezwinge nun auch dein Herz und deinen Zorn! Agamemnon reut sein eigener Zorn, er wird dir Briseis zurückgeben, und er wird dich, den erzürnten Fürsten, besänftigen. Du aber glätte die Wogen deines aufschäumenden Gemüts!

Wir haben weiter oben gesehen, daß Resch die von Ovid installierte poetologische Komponente des ira-Thema wegläßt. Das ist aber nicht unbedingt ein Nachteil, denn er fügt das Motiv statt dessen in einen Diskurs ein, die dem Sujet und der Absicht seines Stückes näherliegt: in jenen über die Tugend der Selbstbeherrschung und -überwindung. Ich erinnere in diesem Zusammenhang daran, daß wir es hier mit einem Stück in der Tradition des Jesuitentheaters zu tun haben, dem moralische Empfehlungen ja immer ein besonderes Anliegen waren. Besonders die Kontrolle über die Leidenschaften war ja ein beliebtes, weil auch pädagogisch verwertbares Thema.46 Dabei brauchen wir uns nicht von dem Umstand beirren lassen, daß in der Großanlage des Dramas offenbar Agamemnon der ist, der seine Leidenschaften besiegen muß. Ich gebe zu: Vor dem Hintergrund der μῆνις Ἀχιλῆος würde man sich natürlich ein Stück erwarten, das mehr auf Achill zugeschnitten ist. Resch hat hier aber anders entschieden, und ich will ihm das eigentlich gar nicht vorwerfen. Statt dessen möchte ich dazu anregen, diese Verschiebung zum Anlaß zu nehmen, die Entstehung des Stücks aus einer heuristischen Perspektive zu betrachten. Und hier sind wir eben wieder bei Ovid. Ich würde nämlich die These wagen, daß dessen BriseisBrief mit seiner kreativen Weiterentwicklung des Homerischen μῆνις-Themas die Konzeption des Resch-Dramas grundlegend affiziert hat, und zwar in dem Sinn, daß der Kampf des Menschen gegen seine Leidenschaften nicht nur am Beispiel von Achill, sondern auch an jenem von Agamemnon durchdekliniert wird. Vielleicht will Resch hier den Dichter der Ilias sogar ein wenig herausfordern. Denn während dessen – ich sage es noch einmal: titelgebende! – μῆνις nur jene von Achill meint, befällt die ira in dem neulateinischen Text auch sei-

|| 46 Es gab im 18. Jahrhundert zahlreiche Stücke, die den Zusatz sui victor im Titel führten und einen Herrscher auf die Bühne bringen, der persönliche Interessen für eine höhere Sache hintanstellt. Eines dieser Dramen, das Resch sicher gekannt hat, war der Publius Cornelius Scipio sui victor (Erstaufführung 1725) des unter anderem in Innsbruck tätigen Anton Claus. In seiner Einleitung zur Edition dieses Werks geht Wirthensohn (2016) 48–49 näher auf die Tradition der Sui-victor-Stücke ein.

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nen Konkurrenten und zeigt so, daß die fehlende Kontrolle über die Leidenschaften ein Problem ist, das die Welt ganz grundsätzlich betrifft.47

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|| 47 Martin Bauer, Simon Wirthensohn und Stefan Zathammer haben den vorliegenden Beitrag einer kritischen Lektüre unterzogen. Ich danke ihnen für zahlreiche Anregungen.

Briseis an Achill | 193

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Kai Brodersen

„Ein Herbarium, welches die Blüthen des Volksgeistes, freilich in getrocknetem Zustande aufweist“: Etymologien und Eigennamen im Griechisch-Lexikon Zu den vielen Verdiensten von Niklas Holzberg gehört die Vermittlung seiner Begeisterung für die Antike an die nächsten Generationen.1 Doch wie kann man – um ein Griechisch-Lexikon zu zitieren – eine antike griechische „Person oder Stadt oder Gegend dem Herzen des … Schülers näherbringen“?2 Eine heute meist belächelte Antwort auf diese Frage findet sich in den nach wie vor benutzten Griechisch-Lexika des 19. Jahrhunderts, etwa in den zwischen 1843 und 1897 acht immer wieder erweiterten Ausgaben des berühmten Oxforder Greek-English Lexicon von Liddell und Scott, in dem Βόσπορος mit „properly Oxford“ übersetzt wird, oder in dem zwischen 1863 und 1870 publizierten und seinerzeit weit verbreiteten Wörterbuch der griechischen Eigennamen von Gustav Benseler, das die Übertragung „Ochsenfurth“ empfiehlt. Waren solche auf Etymologien gestützten Übersetzungen von Eigennamen nur ein Spaß oder bloß ein individuelles Hobby?3 Oder haben sie einen tieferen intellektuellen und politischen Sitz im Leben?

Der Jammerwoch Es brillig war. Die schlichte Toven Wirrten und wimmelten in Waben; Und aller-mümsige Burggoven Die mohmen Räth’ ausgraben.

|| 1 Versionen dieses Beitrags wurden bei der Tagung Etymological Thinking in the 19th and 20th Centuries, Taylor Institution (Department of Italian Studies), Universität Oxford, am 7.10.2015, und bei der von Niklas Holzberg, München, ins Leben gerufenen und nach wie vor getragenen Petronian Society Munich Section am 16.12.2015 vorgestellt. Mein Dank gilt den an den engagierten Diskussionen Beteiligten sowie insbesondere Nicola Gardini (Oxford), Michael Hotz (München), Markus Schauer (Bamberg) und, of course, dem Jubilar. 2 Benseler (1863) vii. 3 So Anon. (1891) 464 „jest“; Masson (1981) 198 (= 1990, 368) „hobby“.

https://doi.org/10.1515/9783110564846-011

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„Bewahre doch vor Jammerwoch! Die Zähne knirschen, Krallen kratzen! Bewahr’ vor Jubjub-Vogel, vor Frumiösen Banderschnätzchen!“ Er griff sein vorpals Schwertchen zu, Er suchte lang das manchsam’ Ding; Dann, stehend unten Tumtum Baum, Er an-zu-denken-fing. Als stand er tief in Andacht auf, Des Jammerwochen’s Augen-feuer Durch tulgen Wald mit wiffeln kam Ein burbelnd Ungeheuer! Eins, Zwei! Eins, Zwei! Und durch und durch Sein vorpals Schwert zerschnifer-schnück, Da blieb es todt! Er, Kopf in Hand, Geläumfig zog zurück. „Und schlugst Du ja den Jammerwoch? Umarme mich, mein Böhm’sches Kind! O Freuden-Tag! O Halloo-Schlag!“ Er chortelt froh-gesinnt. ...4

1872 publizierte MacMillan’s Magazine die Studie eines gewissen Thomas Chatterton mit dem Titel The Jabberwock Traced to Its True Source, die dem Autor dazu dient, als Vorlage für das im Jahr zuvor im dem Buch Through the LookingGlass des Lewis Carroll (Charles Lutwidge Dodgson, 1832–1898) publizierte Gedicht vom Jabberwocky eine deutsche Ballade von Theodor Körner (1791– 1813) zu erweisen. Sie fehle in dessen 1814 posthum veröffentlichen Werk „Leyer und Schwert“ („lyar [sic] and sword“), sei Chatterton aber bei einer Totenbeschwörung von einem Mann namens Hermann von Schwindel offenbart worden. Nicht die euhemeristische Deutung im englischen Jabberwocky, sondern die deutsche Vorlage sei ursprünglich; sie handle von dem „Jammerwoch“ Napoleon I. und dem über ihn siegreichen „Böhm’schen Kind“ (von Carroll irrig als „beamish boy“ übersetzt) Erzherzog Karl. In einen noch weiteren Zusammenhang stellte diese These dann wohl im selben Jahr in einem Brief an Carroll der Kirchenmann und Philologe Robert Scott (1811–1887, seit 1879 Dean of Rochester), der – ganz in der Diktion seiner

|| 4 Chatterton (1872) 337f.

Etymologien und Eigennamen im Griechisch-Lexikon | 197

Zeit – in der „Saga“ ein universelles indogermanisches Erbe der „Aryan race“ sah: Are we to suppose, after all, that the Saga of Jabberwocky is one of the universal heirlooms which the Aryan race at its dispersion carried with it from the great cradle of the family? You must really consult Max Müller about this. It begins to be probable that the origo originalissima may be discovered in Sanscrit, and that we shall by and by have a Iabrivokaveda. The hero will turn out to be the Sun-god in one of his Avatars; and the Tumtum tree the great Ash Ygdrasil of the Scandinavian mythology.5

Die Suche nach der origo originalissima wird hier mit dem aus Dessau stammenden und in Oxford lehrenden Max Müller (1823–1900) in Verbindung gebracht, dessen Vorlesungen an der Royal Institution, etwa On the Principles of Etymology 1863, viel Aufmerksamkeit erregt und ihm 1868 die eigens eingerichtete Professur für „Comparative Philology“ in Oxford eingebracht hatten. Etymologie und die Suche nach der „true source“ hatte sich im 19. Jahrhundert zu einer bedeutenden Wissenschaft entwickelt, die einen bisher verschlossenen Zugang zum gemeinsamen Erbe der indogermanischen Völker eröffne.6

Liddell und Scott Das eingangs zitierte Gedicht, das unter dem Pseudonym Thomas Chatterton erschien, stammt tatsächlich wie der eben zitierte Brief ebenfalls von Robert Scott, und Lewis Carroll’s Buch Through the Looking-Glass, and What Alice Found There ist von Alice Liddell (1852–1934) inspiriert, der Tochter des Kirchenmanns und Philologen Henry George Liddell (1811–1898), der seit 1855 Dean of Christ Church, Oxford, war. Liddell und Scott waren nicht nur befreundet, sondern auch durch ihre gemeinsame Arbeit an A Greek-English Lexicon eng verbunden7 – und werden bis heute oft in einem Atemzug genannt.

|| 5 Zitiert in Collingwood (1899) 143; dort 144f. auch eine lateinische Version des Gedichts, die der Neutestamentler Augustus Arthur Vansittart (1824–1882) schuf. 6 Zu den dabei erkennbaren Ideologien vgl. etwa Ducœur (2009). 7 Ein schöner Beleg ist ein Brief Liddells an Scott vom Juli 1842: „You will be glad to hear that I have all but finished Π, that two-legged monster, who must in ancient times have worn his legs a-straddle, else he could never have strode over so enormous a space as he has occupied and will occupy in Lexicons“ (Thompson (1899) 74f.); s. dazu Abb. 1.

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Abb. 1: Handzeichnung von Henry George Liddell: Der Lexikon-Buchstabe Π (aus Thompson (1899) 75)

Schon zeitgenössische Verse nahmen die Zusammenarbeit der beiden aufs Korn; sie lauteten etwa: Two men wrote a Lexicon, Liddell and Scott; One half was clever, and one half was not. Give me the answer, boys, quick to this riddle, Which was by Scott and which was by Liddell?8

Die Entstehungsgeschichte des Greek-English Lexicon von Liddell und Scott ist inzwischen recht gut erforscht.9 Es beruhte auf dem Handwörterbuch der griechischen Sprache von Franz Passow (1786–1833), das (seinerseits auf der Grundlage des älteren Handwörterbuchs von Johann Gottlob Schneider)10 erstmals 1819 und 1823 in zwei Bänden erschienen war und 1825, 1827 sowie 1831 neue Auflagen erlebt hatte. Die 1843 in Oxford publizierte erste Ausgabe des Werks von Liddell und Scott hieß in der Tat auch A Greek-English Lexicon, based on the

|| 8 Calder III (1989) 265; eine andere Version zitiert Kitchell Jr. (1988) 51: „Two men wrote a Lexicon, Liddell and Scott; / Some parts were clever, but some parts were not. / Hear, all ye learned, and read me this riddle, / How the wrong parts wrote Scott and the right parts wrote Liddell.“ S. auch Kitchell Jr. (1989). 9 Vgl. v. a. Glare (1997); Lee (2010); Stray (2010); Imholtz (2013). 10 Zu solchen Übernahmen in der Lexikographie s. allg. Zgusta (1988).

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German work of Francis Passow.11 Der Verweis auf Passow blieb auch in den nächsten Ausgaben, der zweiten von 1845 und der dritten von 1849, bestehen und wurde erst ab der vierten Ausgabe 1855 gestrichen, doch blieb das Lexicon noch lange als „the Oxford Passow“ bekannt.12 Zu Liddells Lebzeiten erschienen insgesamt acht Ausgaben des GreekEnglish Lexicon (1843, 1845, 1849, 1855, 1861, 1869, 1883 und 1897), die sich jeweils deutlich voneinander unterschieden. Seit der zweiten Ausgabe (1845) wurde das damals recht neue Griechisch-Deutsche Handwörterbuch von Wilhelm Pape (1842) herangezogen, seit der fünften (1861) auch die zweibändige Neubearbeitung von Passows Handwörterbuch durch Valentin Rost und Johann Friedrich Palm (1841 und 1857).13 Zudem kamen den neuen Ausgaben jeweils zahlreiche eigene Recherchen von Liddell und Scott, aber auch viele Verbesserungsvorschläge von Korrespondenten14 und namentlich von Henry Drisler (1818– 1897) zugute, die dieser seit 1846 für die amerikanischen Ausgaben des Lexicon beigetragen hatte, in die er nicht nur Corrigenda und Addenda eingearbeitet, sondern dem Titelblatt zufolge auch „the insertion in alphabetical order of the proper names occurring in the principal Greek authors“ geschaffen hatte. Eigennamen nämlich hatte die Vorlage von Liddell und Scott, das Handwörterbuch von Passow, nicht geboten; sie waren daher in der ersten Ausgabe 1843 auch nicht enthalten. Drislers Arbeit kulminierte 1889 in der amerikanischen Version der sieben Jahre zuvor publizierten siebten englischen Ausgabe, die laut Titelblatt dank Drislers Kooperation erneut „revised and augmented“ sei. Drisler wurde folgerichtig dann auch in der achten englischen Ausgabe (1897) auf dem Titelblatt genannt. In demselben Jahr starb Drisler, ein Jahr später Liddell; Scott war bereits zehn Jahr zuvor verstorben. Eine Neubearbeitung des deutschen Handwörterbuchs von Passow, die auf Vermittlung von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff 1899 Wilhelm Crönert (1874–1942) übertragen worden war und an der auch Paul Maas (1880–1964) und Karl Mittelhaus (1877–1946) als Mitarbeiter und Wolf Aly (1881–1962) und

|| 11 Die Anglisierung des Vornamens Franz blieb unerklärt. Vgl. Lee (2003) 355; Imholtz (2013) 128. 12 Vgl. etwa Drisler (1867) ix. Auf die Lebenswelt der Bearbeiter des Lexicon verweisen auch Einträge wie „ἐπίσκυρος, ὁ, ball-game … resembling Rugby football“ (bei Passow steht nur „eine Art Ballspiel“); vgl. Glare (1997) 210. 13 Vgl. Imholtz (2013) 128. 14 Vgl. etwa die zunehmend ungehaltenen Äußerungen von Basil Gildersleeve (1882) 515 und (1898) 233 („Liddell and Scott were even greater sinners than the average lexicographer“); weiteres bei Glare (1997) 208.

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Ernst Fraenkel (1881–1957) als Helfer mitwirkten,15 erlebte bis 1914 die ersten drei Lieferungen (bis zum Lemma ἀνά) und wurde dann eingestellt.16 Eine Neubearbeitung des Oxforder Greek-English Lexicon wurde noch später begonnen und Henry Stuart Jones (1867–1939) und Roderick McKenzie (1887–1937) übertragen; sie erschien als neunte Ausgabe in zehn Lieferungen zwischen 1925 und 1940 und ist seither unverändert lieferbar; ein Supplement kam 1968 heraus. Ja, die Unterschiede zwischen den früheren Versionen des Greek-English Lexicon sind sogar einmal gerichtsmassig geworden: 1993 argumentiert in einem als „Colorado Gay Rights Case“ berühmt gewordenen Gerichtsverfahren Martha Nussbaum (*1947), dass eine Passage in Platons Nomoi 636c, in der homosexuelle Akte als τόλμημα bezeichnet werden, ein Beleg dafür sei, dass dort „homosexual acts between consenting males ... are attested as received with great approval“; als wissenschaftlichen Beleg für ihre Auffassung führte sie nicht ganz redlich ein „Lexicon of the Ancient Greek Language“ von „Liddell & Scott“ an – allerdings mit einem falschen Titel und offenbar in einer frühen Ausgabe, denn ab der neunten, 1940 abgeschlossenen und seither maßgeblichen Ausgabe findet sich im Greek-English Lexicon auch die Bedeutung von τόλμημα als „shameful act“.17

Etymologien im Griechisch-Lexikon Das Greek-English Lexicon von Liddell und Scott entstand, wie wir gesehen haben, in der Zeit des wachsenden Interesses an vergleichender Philologie und Etymologie. Seit 1833 erschienen Etymologische Forschungen auf dem Gebiete der Indo-Germanischen Sprachen von August Friedrich Pott (1802–1887), der in jenem Jahr die neu geschaffene Professur für Allgemeine Sprachwissenschaft in Halle übernahm; sein zweibändiges Werk Die Personennamen, insbesondere die || 15 Die Geschichte dieses Unternehmens und seiner Beteiligten lohnte eine eigene Untersuchung: Crönert, der aus einer wohlhabenden Winzerfamilie stammte, konnte nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr auf seine apl. Professur in Straßburg zurückkehren und zog sich als Privatgelehrter in den Schwarzwald zurück; Mittelhaus übernahm in Breslau 1939 die Redaktion der Realencyclopädie und erlebte im Zweiten Weltkrieg die Vernichtung von deren Archiv; Aly trat 1931 als erster Freiburger Hochschulangehöriger der NSDAP bei und wurde bald Mitglied der SA; aufgrund ihrer jüdischen Abstammung verloren Maas 1934 in Königsberg und Fraenkel 1936 in Kiel ihre Professuren; Maas floh 1939 nach Oxford, wo er u. a. bei der Fertigstellung der neunten Ausgabe des Greek-English Lexicon half. 16 Ruprecht (1935) 230f. 17 Mehr zu diesem Prozess bei Mendelsohn (1996) 39; vgl. Clark (2000) 4.

Etymologien und Eigennamen im Griechisch-Lexikon | 201

Familiennamen und ihre Entstehungsarten, auch unter Berücksichtigung der Ortsnamen kam 1853–1859 heraus.18 Wilhelm Pape (1807–1854), Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, publizierte 1836 ein Etymologisches Wörterbuch der griechischen Sprache zur Übersicht der Wortbildung nach den Endsylben geordnet. Georg Curtius (1820–1885), der an den Universitäten in Prag, ab 1854 in Kiel und ab 1862 in Leipzig Klassische Philologie lehrte, brachte 1845 das Werk Die Sprachvergleichung in ihrem Verhältniss zur classischen Philologie heraus; einflussreich waren dann vor allem seine Grundzüge der griechischen Etymologie (1858–1862, 5. Ausgabe 1879). Von dem in Oxford lehrenden Sprachwissenschaftler Max Müller (1823–1900) schließlich war schon die Rede.19 Etymologische Angaben fanden sich bereits in der ersten Ausgabe des Greek-English Lexicon, für die Potts Etymologische Forschungen (1833–1836) herangezogen wurden,20 nicht aber Papes aufgrund der nicht-alphabetischen Anordnung schwer zu nutzendes Etymologisches Wörterbuch (1836). Noch im Vorwort zur vierten Ausgabe 1855 schrieben die Autoren freilich zurückhaltend: We have introduced some Comparative Etymology, by quoting kindred Roots from Sanscrit, and other of the great family of Indo-European Tongues: but here it must be at once confessed, that we have done no more than call attention to the subject; we have endeavoured to stimulate curiosity, not to satisfy it.

Im Vorwort zur fünften Ausgabe 1861 waren sie zuversichtlicher geworden: For the fifth edition ... the philological information was recast in the light of G. Curtius’ Griechische Etymologie (1858).

Im Vorwort zur siebten Ausgabe 1883 hieß es sodann: The science of Comparative Philology has made such rapid progress since the publication of our First Edition (1843), – in which we had adopted for our textbook the valuable Etymologische Forschungen of Professor A. F. Pott, – that it was necessary entirely to recast this portion of our work. And in doing so we availed ourselves of the Grundzüge der griechischen Etymologie of Georg Curtius, an excellent summary of the most approved results of modern inquiry into the relations of the Greek language to Sanskrit, Latin, Gothic, Old High German, Lithuanian, the Ecclesiastical Slavonic, and other cognate languages. We inserted these results in a compendious form.

|| 18 Zu Pott vgl. Bense/Meiser/Werner (2006). 19 Nach Imholtz (2013) 126 ermutigte Müller seine Oxforder Kollegen Liddell und Scott zu größerer Berücksichtigung der Etymologien. 20 So Liddell und Scott 1883 im Vorwort zur siebten Ausgabe.

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Scotts eingangs zitierter Scherzartikel zum „Jammerwoch“ entstand 1872 also just während der Vorbereitung dieser siebten Ausgabe (die sechste war 1869 erschienen) und traf ganz den Zeitgeschmack. Allerdings vermochten die im Lexicon gebotenen Etymologien nicht alle Nutzer des Werks zu überzeugen. In einer Würdigung Liddells anlässlich seines Rücktritts vom Amt des Dean zu seinem 80. Geburtstag hieß es denn auch: German philologists have criticized, perhaps justly, the etymological soundness of the book. ... It used to be ... stated that the derivative of συκοφάντης from the practice of illegal importation of figs into Attica was a mere figment. The austere gravity of the two Deans cancelled this jest, as soon as it was revealed to them. No one, we believe, ever ventured in their presence to comment on their explanation of ἄλοχος.21

Die erste Etymologie (von συκοφάντης) war offenbar als Witz eingefügt worden,22 die zweite im Oxford des 19. Jahrhunderts einigermaßen gewagt, denn sie erklärt ἄλοχος mit „ἀ-copul.“ – und „copul.“ galt als anstößig,23 was man den beiden Kirchenmännern Liddell und Scott kaum zutrauen wollte: Bei Passow hatte hier nur „ἀ Bdtg. 2“ gestanden, was „ein zugleich, zusammenseyn wie ἅμα“ ausdrücke.24 Im Vorwort zur neunten Ausgabe des Lexicon, die – wie gesagt – 1925 bis 1940 Henry Stuart Jones und Roderick McKenzie bearbeiteten, heißt es sodann: After careful consideration it was decided that etymological information should be reduced to a minimum. A glance at Boisacq’s Dictionnaire étymologique de la langue grecque will show that the speculations of etymologists are rarely free from conjecture; and the progress of comparative philology since the days of G. Curtius (whose Griechische Etymologie was the main source drawn upon by Liddell and Scott) has brought about the clearance of much rubbish but little solid construction.

|| 21 Anon. (1891) 464. 22 Zu Witzen in Lexika s. allg. Brodersen (2005 und 2015a und 2015b). 23 Neil O’Sullivan (Perth, WA) verdanke ich den Hinweis auf den Eintrag futuo in Lewis und Short (1879) 798, der nicht nur durch die Umschreibung, sondern auch durch den Zusatz auf die Lebenswirklichkeit von Altphilologen hinweise: „futuo, ui, utum ...: to have connection with a female (rare)“. – Bei der Vorlage von Lewis und Short (1879), Freund (1844) II 710, hieß es hinsichtlich der Bedeutung direkter, doch im Blick auf die Lebenswirklichkeit noch pessimistischer „ein Frauenzimmer beschlafen (sehr selten)“. 24 Passow (1819) 55 bzw. 1.

Etymologien und Eigennamen im Griechisch-Lexikon | 203

Immerhin blieb die Etymologie von ἄλοχος erhalten,25 und eine Etymologie wurde verändert: Hatte es bis zur achten Ausgabe von 1897 im Lemma Βόσπορος geheißen Βόσπορος, ὁ, (βοὸς πόρος Opp. H. 1.617) properly Oxford,26

schrieben Jones und McKenzie nun ohne jede Erklärung Βόσπορ-ος, ὁ, (βοὸς πόρος Opp. H. 1.617) wrongly expld. by the Greeks as Ox-ford.

Falsch ist diese (bei Oppian, Halieutika 1,617 vorausgesetzte und etwa bei Dionysios Periegetes 140f. gebotene) Erklärung nicht; sie gilt auch als etymologisch plausibel27 – wollten sich die Herausgeber also (wie einst ihre Vorgänger mit dem „figment“ der Etymologie von συκοφάντης) einfach einen Witz machen, was die Großschreibung des Ortsnamens ja durchaus nahelegt? Und heute? In seinem 2010 publizierten Aufruf Releasing Liddell-Scott-Jones from its past vertritt John A. L. Lee (*1942) die Auffassung, man solle in einem derart befreiten Lexikon zu den Etymologien vorwiegend „routine information or none at all“ bieten.28 Es scheint, dass Jones’ Auffassung von 1925 anhält, die Etymologie bringe lediglich „much rubbish but little solid construction“.

Eigennamen im Griechisch-Lexikon Liddell und Scott, deren Lexicon auf dem von Passow beruhte, hatten in der ersten Ausgabe von 1843 keine Eigennamen aufgenommen; ein Jahr zuvor (und damit zu spät für die englischen Bearbeiter) war das vierbändige Handwörterbuch der griechischen Sprache von Wilhelm Pape erschienen, das neben zwei Bänden Griechisch-Deutsch und einem Deutsch-Griechisch auch ein Wörter-

|| 25 Stray (2010) 112f. n. 11 zitiert einen 1903 von Henry Jackson, Cambridge, an Oxford University Press gesandten Brief, man möge in der Neuauflage des Lexikons, in der Angaben zu den Etymologien zurückgedrängt werden sollten, wenigstens die Etymologie von ἄλοχος stehen lassen. 26 Vgl. Drisler (1867) s.v.: „strictly ox-ford“. 27 Vgl. Boisacq (1916) 128; Kretschmer (1938) 29: „Βόσπορος ist mit Hyphäresis aus *Βοόσπορος entstanden ... und bedeutet in der Tat ‘Rinderfurt’, mythologisch auf die Io-Kuh bezogen“. Dieser Deutung folgt auch Chantraine (1968) 187. 28 Lee (2010) 133; 137 n. 28 verweist er darauf, dass „much of the information“ bei Chantraine 1968–1980 zu finden sei.

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buch der griechischen Eigennamen bot und damit sowohl Passow als auch Liddell und Scott überbot. Bereits 1846 fügte deshalb – wie wir gesehen haben – Henry Drisler in die erste amerikanische Ausgabe „proper names“ ein. Vorwiegend auf Wunsch des Verlags, der das Wörterbuch der griechischen Eigennamen auch separat als Ergänzung zu anderen Lexika verkaufen konnte,29 blieb es in Papes Handwörterbuch auch bei der zweiten Ausgabe 1849–1850 bei dieser Trennung. Nach Papes Tod 1854 wurden die Bände Deutsch-Griechisch und Griechisch-Deutsch von Maximilian Sengebusch 1859 bzw. 1880 neu bearbeitet; letztere sind wiederholt nachgedruckt worden und bis heute lieferbar. Papes Wörterbuch der griechischen Eigennamen war eine Neuerung; es sollte freilich „kein Sachlexicon über alte Geographie und Geschichte werden“, weshalb Pape „besonders die sprachliche Seite im Auge“ hatte.30 Weiter Pape: Sollte nun so die sachliche Erklärung zurücktreten, so könnte mit um so größerm Recht der Mangel einer sprachlichen gerügt werden, zumal da die deutsche Sprache in ihrer Fruchtbarkeit und Bildungsfähigkeit theils eine große Zahl mehr oder weniger den griechischen entsprechende Namen besitzt, theils das Fehlende bei einiger Gewandtheit und einigem Muthe des Uebersetzers leicht ersetzen kann. Wirklich dringen sich manche Uebereinstimmungen in den Namen beider Sprachen so von selbst auf, daß dem Verf. fast wider seinen Willen Andeutungen darüber entschlüpft sind. Durchführen aber wollte er solche Uebersetzung der Namen nicht, weil theils der äußere Umfang des Buchs dadurch zu sehr angewachsen wäre, da besonders, wenn mehrere ähnliche Namen sich darboten, zwischen denen die Wahl schwer war, oder eine Umschreibung erst den Sinn richtig andeuten zu können schien, der Raum nicht gespart werden durfte, theils auch mancher darin ein müßiges Spiel der Laune gefunden und die Kritik auf ein Feld hinübergezogen hätte, wo andere Proben der Erfindungskraft zu geben nicht schwer, vollkommen Entsprechendes darzustellen fast unmöglich ist. Es mögen daher die einzelnen Andeutungen in der folgenden Uebersicht der Personennamen genügen. Wer Interesse an der Sache hat, wird überdies auch so viel Kenntniß von der Sprache haben, daß er sich selbst das Fehlende ergänzt.31

Die Neubearbeitung von Papes Wörterbuch der griechischen Eigennamen übernahm Gustav Benseler (1806–1868); seine Arbeit erschien in vier Teilen (Α–Δ 1863, Ε–Κ 1865, Λ–Π 1867 und, nach seinem Tod von seinem Sohn fertiggestellt,

|| 29 So erklärt Pape in der Vorrede zur zweiten Ausgabe 1849, „daß dieser Theil auch einzeln verkauft wird, da er auch neben andern Wörterbüchern zu benutzen ist“. Dass 1832 ein Griechisch-Deutsches Wörterbuch der mythologischen, historischen und geographischen Eigennamen von Gottlob Christian Crusius (1785–1848) erschienen war, bleibt unerwähnt. 30 Pape (1842) vi. 31 Pape (1842) vi.

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Ρ–Ω 1870). Benseler sr.32 teilte Papes Zögerlichkeit bei der Übersetzung von Eigennamen nicht: Eine neue und für Manche vielleicht sonderbare Erscheinung ist endlich die hier zum ersten mal in dieser Ausdehnung versuchte Uebersetzung der griechischen Eigennamen (bei den lateinischen, orientalischen und barbarischen ist dies absichtlich unterlassen und nur dann, wenn die Alten bereits selbst eine Erklärung geben, dieselbe beigefügt worden). Auch hier hat Pape, wie seine Vorrede zeigt, das Richtige gefühlt, sich aber von der Ausführung durch Gründe abbringen lassen, welche ich nicht anerkennen kann. Denn wenn er sagt, der Umfang des Werks würde dadurch zu sehr angewachsen sein, so glaube ich, daß derselbe kaum um mehr als ein Vierzigtheil dadurch angewachsen ist, und wenn er ferner hinzufügt, es möchte wohl Mancher darin nur ein müßiges Spiel der Laune finden, nun so ist diese Befürchtung allerdings gegründet, kann aber gegen die überwiegenden Gründe für eine Uebersetzung nicht in die Wagschale fallen. Denn wenn schon der Umstand, daß die Handschriften und Herausgeber bei manchen Namen weit aus einander gehen, und dann in vielen Fällen der Sinn d. h. also die Uebersetzung des Namens entscheiden muß, dafür spricht, wenn ferner die erdichteten Namen, wie sie oftmals bei Dichtern und zwar schon bei Homer vorkommen, wenn Wortspiele mit ihnen und darauf begründete Sprichwörter die Uebersetzung gradezu erheischen, so giebt es doch auch noch andere Gesichtspunkte, welche mich dazu veranlaßten, weder die Mühe zu scheuen, die manche dieser Uebersetzungen machte, noch die Gefahr zu fürchten, zu den Blößen, welche jeder Lexicograph der Kritik, die sich an Einzelnes heften kann, bietet, der Tadelsucht hierdurch ein ganzes weites Feld zu öffnen, wo sie sich nach Herzenslust herumtummeln kann, wenn sie sonst will. Denn ist seiner Natur nach jedes Lexicon ein Herbarium, welches die Blüthen des Volksgeistes, freilich in getrocknetem Zustande aufweist, und gehören die Namen zu den am meisten charakteristischen Blüthen dieses Volksgeistes, so wird ein Lexicon, welches dies am eindringlichsten und getreuesten veranschaulicht, auch seinem Zwecke am besten entsprechen. Und eben dies kann und wird nach meiner Ansicht am besten eine Uebersetzung der griechischen Eigennamen wo möglich in wirklich vorkommende deutsche leisten, sie wird von selbst zu einer vergleichenden Onomatologie der beiden Völker werden und zur bessern Kenntniß des Charakters dieser Völker einen nicht unwichtigen Beitrag liefern. Der Umstand, daß manche dieser deutschen Uebersetzungen dem griechischen Namen nicht in allen seinen Beziehungen entsprechen, hat hierbei umso weniger zu sagen, als dieß auch bei den meisten übrigen Wörtern der Fall ist. Nun hilft man sich hier zwar gewöhnlich durch mehrere Wörter, die den Inhalt des betreffenden Wortes erschöpfen sollen, und Pape scheint auch bei den Namen ein solches Verfahren für nöthig gehalten zu haben, indessen da hier die Uebersetzung weniger für das praktische Bedürfniß des Verständnisses einzelner Stellen gegeben wird, glaubte ich der nöthigen Raumersparung wegen davon absehen zu können. – Fehlt es doch andrerseits auch nicht an deutschen Na-

|| 32 Anders sein Sohn: Benseler jr. (1870) xv: „Die von meinem Vater jedem griechischen Eigennamen beigefügte etymologische Erklärung und deutsche Uebersetzung habe ich nicht gewagt.“

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men, die den griechischen so vollkommen entsprechen, daß ich sogar hoffe, es werde manche meiner Uebersetzungen mit der Zeit auch in die Schullexica und Schulen Eingang finden und so die betreffende Person oder Stadt oder Gegend dem Herzen des deutschen Schülers näher bringen... Vorläufig bemerke ich bloß, daß ich bei den deutschen Namen und ihrer Erklärung meist Potts trefflichem Werke über die Personennamen gefolgt bin...33

Das „Herbarium, welches die Blüthen des Volksgeistes, freilich in getrocknetem Zustande aufweist“ und von dem Benseler hoffte, es werde „auch in die Schullexica und Schulen Eingang finden“, bietet eine Vielzahl von Übersetzungen antiker Eigennamen. Der Verweis auf das schon genannte Werk Die Personennamen, insbesondere die Familiennamen und ihre Entstehungsarten, auch unter Berücksichtigung der Ortsnamen von August Friedrich Pott (1853–1859) zeigt – wie bei Liddell und Scott – den großen Einfluss der Etymologie, die nun auch zur Erklärung von Eigennamen herangezogen wird. So bietet Benseler Übersetzungen wie folgende: Aischylos Alexander Andros Antibios Antigonos Borikos Bosporos Damasos Dikaiopolis Eleutheroi Epope Erethymion Eretria Euripides Helene Hellespont Herodotos Hesiod Hippokleides Hippokrates Homer Ithake Kandaon Kleitomache Kleitomachos Kydathenaios

Leidig Wehrmann Mannheim Ludwig Adelbert Nördlingen Ochsenfurth Siegfried Tegernburg (Tegernsee) Franken Wartburg Hartmut Ruderstädt Reischer Lintswind Stralsund (Helle = Strehlke) Fröhling (Fraua = Hera) Richtsteig Chlodomir Ritterich Gissel Zeitz Lohengrim Klothilde Ludwig Oldenburger

|| 33 Benseler sr. (1863) vi–vii.

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Kydimachos Lysimachos Nikolaos Oidipus Pella Perikles Sappho Seleukos Sophokles Sounion Sparta Theben Thesprotoi Thessalia Thukydides Zeuxippos

Ludwig Hatfried Sieger Jachmann Graustein Roland Clara (Helle) Brunck Reimer Raschenberg Leiningen Bühl (Hügelstadt)/Wunderburg Hermunduren Gernsheim Göppert (Gott glänzend) Stuttgard (Stutenverbinder)

Benselers Hoffnung, dass in der Schule heute von Siegfried und Lohengrim statt von Damasos und Kandaon gesprochen wird, von Leiningen und Bühl statt von Sparta und Theben, von Gissel und Richtsteig statt von Homer und Hesiod, von Ochsenfurth und Zeitz statt von Bosporos und Ithake und von Franken und Sieger statt von Eleutheroi und Nik(o)la(o)s,34 hat sich nicht erfüllt. Ja, die von ihm schon geahnte Kritik35 findet ihren Ausdruck in Aussagen wie folgender von Olivier Masson: Une partie tout à fait démodée est constituée par les „etymologies“ et surtout par les „traductions“ germaniques ou pseudo-germaniques.36

Und so hielt man Benselers Übersetzungen für nicht mehr als nur ein individuelles „hobby“,37 womit man zum einen übersah, dass sie dem Zeitgeschmack entsprachen – auch Liddell und Scott übersetzten, wie wir gesehen haben, „βόσπορος“ mit „properly Oxford“ –, zum anderen aber dem Autor nicht gerecht wurde.

|| 34 Dass Benseler den Namen Ξυλούρης nicht eindeutschte, lag freilich nur daran, dass er in der Antike nicht belegt ist. 35 Vgl. Benseler sr. (1863) viii, anerkennend zitiert von Zgusta (1988) 151. 36 Masson (1981) 195 (= Masson (1990) 365). 37 Masson (1981) 198 (= Masson (1990) 368).

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Der Dresdner Maiaufstand 1849 und der Volksgeist Benseler hatte auch einen ganz eigenen, in seiner Biographie38 liegenden Grund für sein Interesse am „Volksgeist“: 1806 als Sohn eines Schriftsetzers in Freiberg/Sachsen geboren, studierte er 1824–1831 in Leipzig und kehrte als Gymnasiallehrer nach Freiberg zurück. Während der Revolution von 1848/49 engagierte er sich für die liberalen Kräfte, galt als ausgezeichneter Redner und wurde zum Abgeordneten in die II. Kammer des Sächsischen Landtags in Dresden gewählt. Am 3. Mai 1949 brach in Dresden der sogenannte Maiaufstand aus, der am 4. Mai zur Flucht des Königs und aller Minister führte und vom 7. bis 9. Mai durch preußische und sächsiche Truppen unter Oberst Friedrich von Waldersee niedergeschlagen wurde.39 Zu den Aufständischen gehörten etwa Gottfried Semper (1803–1879), der Architekt des 1841 eingeweihten Dresdner Hoftheaters, der nun den Barrikadenbau leitete,40 ebenso sein Freund Richard Wagner (1813– 1883), der als Kapellmeister am Hoftheater im Dienst des Hofes stand. Als Abgeordneter war Benseler ein noch prominenterer Aufständischer und gehörte wie der an der Kreuzschule lehrende Altphilologe Hermann Köchly (1815–1876) am 8. Mai als eines der „noch anwesenden ehemaligen Mitglieder der Sächsischen Volkskammer“ der provisorischen Regierung an.41 Nach dem 9. Mai gelang Semper die Flucht nach Paris; später war er in London, Zürich und Wien tätig. Wagner floh in die Schweiz, weiter nach Paris und zurück nach Zürich. Köchly gelang die Flucht nach Brüssel und von dort in die Schweiz (wo er 1851 eine Professur für Klassische Philologie an der Universität Zürich übernahm). Benselers Fluchtpläne hingegen scheiterten. Er wurde im heimischen Freiberg gefangengenommen und nach zweijähriger Untersuchungshaft zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Frau erwirkte erst später eine Strafmilderung (in der Haft übersetzte er u. a. die Reden des Isokrates) und schließlich 1855 eine vorzeitige Entlassung. Benseler bemühte sich anschließend erfolglos um Stellungen im Ausland und zog dann mit seiner

|| 38 Dazu allg. Benseler jr. (1870); Anon. (1875). 39 Vgl. allg. Schattkowsky (2000). 40 Vgl. Waldersee (1849) 25: „Nach Anleitung des, viele Königliche Gnaden-Beweise mit hochverrätherischem Undank belohnenden, Schloß-Baumeisters Semper waren sie auf das sorgfältigste erbaut ...“ 41 Waldersee (1849) 49.

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Familie nach Leipzig, wo er ein unpolitisches und recht ärmliches Leben als Privatlehrer, Schriftsteller und Privatgelehrter führte; er starb 1868. Semper, Wagner, Köchly und Benseler gehörten in Dresden also zu jenem in Heinrich Heines Gedicht Im Oktober 1849 beschriebenen „starken Wind“ des Mai 1849. Später schuf Gottfried Semper wichtige Bauten und lieferte schließlich die Pläne für das heute nach ihm benannte Dresdner Opernhaus, mit dem das einst von ihm entworfene, dann abgebrannte Hoftheater von 1841 ersetzt wurde. Richard Wagners Opernschaffen galt und gilt als besonders „deutsch“. Hermann Köchly publizierte gemeinsam mit einem anderen Alt-1848er, Wilhelm Rüstow, den er als Mit-Exulanten in Zürich kennenlernte, die Sammlung „Griechische Kriegsschriftsteller“.42 Und Gustav Benseler? Er verwendete seine Energie nicht auf irgendein „Hobby“, sondern darauf, durch die Etymologiegestützte Eindeutschung griechischer Eigennamen „die betreffende Person oder Stadt oder Gegend dem Herzen des deutschen Schülers näher (zu) bringen“. Er sah in seinem Lexikon eben „ein Herbarium, welches die Blüthen des Volksgeistes, freilich in getrocknetem Zustande aufweist“.

Gelegt hat sich der starke Wind Poetischer hat die Stimmung, die dieser Arbeit zugrunde liegt, wohl nur Heinrich Heine in seinem eben erwähnten Gedicht Im Oktober 1849 gefasst: Gelegt hat sich der starke Wind, Und wieder stille wird’s daheime; Germania, das große Kind, Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume. Wir treiben jetzt Familienglück – Was höher lockt, das ist vom Uebel – Die Friedensschwalbe kehrt zurück, Die einst genistet in des Hauses Giebel. Gemütlich ruhen Wald und Fluß, Von sanftem Mondlicht übergossen; Nur manchmal knallt’s – Ist das ein Schuß? – Es ist vielleicht ein Freund, den man erschossen.

|| 42 Zu Köchly und Rüstow s. Brodersen (2017) 27–29 und ausführlich Brodersen (2018).

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Vielleicht mit Waffen in der Hand Hat man den Tollkopf angetroffen (Nicht jeder hat so viel Verstand Wie Flaccus, der so kühn davongeloffen).43 ... Es klirrt mir wieder im Gemüt Die Heldensage, längst verklungen, Das eisern wilde Kämpenlied – Das Lied vom Untergang der Nibelungen. Es ist dasselbe Heldenlos, Es sind dieselben alten Mären, Die Namen sind verändert bloß, Doch sind’s dieselben „Helden lobebären“. ... Anständ’ge Bestien sind es doch, Die ganz honett dich überwunden; Doch wir geraten in das Joch Von Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden. Das heult und bellt und grunzt – ich kann Ertragen kaum den Duft der Sieger. Doch still, Poet, das greift dich an – Du bist so krank und schweigen wäre klüger.44

Es scheint ein weiter Weg von Heines Im Oktober 1849 zum Jammerwoch. Doch waren (nicht nur in der Person von Max Müller) die deutschsprachigen Länder und das England des 19. Jahrhunderts im Interesse an den „alten Mären“ ebenso wie an den Etymologien und Eigennamen als Zugängen zum Volksgeist verbunden. Die Revolutionen von 1848/49 ließen England freilich weitgehend unberührt, und so arbeiteten die Kirchenmänner Liddell und Scott in jener Zeit unbeirrt an immer neuen Ausgaben des Greek-English Lexicon. Benseler hingegen war ein Heinescher „Tollkopf“ gewesen, dessen Waffen bis 1849 nicht in der Hand gelegen hatten, sondern Worte gewesen waren. Anders als andere am Aufstand Beteiligte hatte er aber nicht, wie Heine das ironisch formuliert, „so viel Verstand / wie Flaccus, der so kühn davongeloffen“, sondern zog sich in

|| 43 Horaz, Carmina 2,7,10; zu Horaz s. grundlegend Holzberg (2009). 44 Heinrich Heine, Im Oktober 1849, zitiert nach der Ausgabe von Bartelt und Destro (1991) (III 1, 117–119 Text; III 2, 839–844 Kommentar).

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und nach den Jahren der Haft in die Antike und namentlich in das Studium ihrer Eigennamen zurück. Politisch äußerte Benseler sich nicht mehr – „Du bist so krank und schweigen wäre klüger“ –, doch in der durch Etymologien gestützten Übertragung von Eigennamen sah er die Möglichkeit, dass sie so „von selbst zu einer vergleichenden Onomatologie der beiden Völker werden und zur bessern Kenntniß des Charakters dieser Völker einen nicht unwichtigen Beitrag liefern“ werden. Ganz im Sinne der 1848er sah er noch als gescheiterter Revolutionär nicht nur die alten Griechen, sondern eben auch die heutigen Deutschen als ein Volk mit einem gemeinsamen Charakter und – wenn es dank der getrockneten Blüten des Volksgeists im Herbarium des Griechisch-Lexikons gelingt, die Antike dem Herzen der Schüler näherzubringen – auch einer gemeinsamen Zukunft.

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