Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit: Der schwierige Umgang mit einer politisch-ideologisch belasteten Entwicklungsphase [1. Aufl.] 9783658306151, 9783658306168

Der Band versammelt zentrale Texte von Carsten Klingemann zur Geschichte der Soziologie in Deutschland. Der Schwerpunkt

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German Pages XIV, 341 [337] Year 2020

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Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit: Der schwierige Umgang mit einer politisch-ideologisch belasteten Entwicklungsphase [1. Aufl.]
 9783658306151, 9783658306168

Table of contents :
Front Matter ....Pages I-XIV
Front Matter ....Pages 1-1
Einleitung (Carsten Klingemann)....Pages 3-11
Front Matter ....Pages 13-13
Soziologie in Deutschland vom Ende der Weimarer Republik, über die NS-Zeit, bis zur frühen bundesrepublikanischen Nachkriegszeit unter besonderer Berücksichtigung ihrer Etikettierung als „Jüdische Soziologie“ (Carsten Klingemann)....Pages 15-86
Rekursive Kopplung von sozialwissenschaftlich-soziologischer Bevölkerungsforschung und Bevölkerungspolitik im Dritten Reich (Carsten Klingemann)....Pages 87-93
Die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm und die nationalsozialistische Germanisierungspolitik (Carsten Klingemann)....Pages 95-109
„Volksgemeinschaft“ ? – Der Nationalsozialismus als Projekt der Moderne und seine rationale Soziologie (Carsten Klingemann)....Pages 111-125
Front Matter ....Pages 127-127
Akademische Vergangenheitspolitik als Selektionsprozess – am Beispiel von Karrieren führender westdeutscher Soziologen (Carsten Klingemann)....Pages 129-140
Lars Clausens Blick auf die Karriere von Soziologen im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik (Carsten Klingemann)....Pages 141-156
Die Verweigerung der Analyse des Nationalsozialismus in der westdeutschen Soziologie: Zur Kontinuität empirischer Soziologie vor und nach dem Ende des NS-Regimes (Carsten Klingemann)....Pages 157-177
Der Mythos der Amerikanisierung der westdeutschen Soziologie durch den Import der Empirischen Sozialforschung: Das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und der Beitrag ehemaliger Reichssoziologen zu dessen empirischer Soziologie (Carsten Klingemann)....Pages 179-193
Zur Rezeption von Karl Mannheim im Kontext der Debatte um Soziologie und Nationalsozialismus (Carsten Klingemann)....Pages 195-218
Der Oberförster jagt den Nazijäger. Rufmord als letztes Mittel der Vergangenheitsbewältigung (Carsten Klingemann)....Pages 219-237
Front Matter ....Pages 239-239
Zur Rezeption Max Webers durch Helmut Schelsky im Kontext der Leipziger Schule der Soziologie (Carsten Klingemann)....Pages 241-251
Max Weber-Rezeption zum Ende der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit – Christoph Steding und seine Kritiker aus Politik und Wissenschaft (Carsten Klingemann)....Pages 253-265
Ursachenanalyse und ethnopolitische Gegenstrategien zum Landarbeitermangel in den Ostgebieten: Max Weber, das Institut für Staatsforschung und der Reichsführer SS (Carsten Klingemann)....Pages 267-280
Front Matter ....Pages 281-281
Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz, das Gesellschaftsganze mit dem Instrument der Demoskopie zu erfassen – unter besonderer Berücksichtigung ihrer Kooperation mit Gerhard Schmidtchen (Carsten Klingemann)....Pages 283-296
Front Matter ....Pages 297-297
Leibniz-Forschung und die Preußische Akademie der Wissenschaften im Kontext der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik – Ein wissenschaftssoziologisches Modell (Carsten Klingemann)....Pages 299-323
Front Matter ....Pages 325-325
Schluss (Carsten Klingemann)....Pages 327-338
Back Matter ....Pages 339-341

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Carsten Klingemann

Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit Der schwierige Umgang mit einer politisch-ideologisch belasteten Entwicklungsphase

Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit

Carsten Klingemann

Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit Der schwierige Umgang mit einer politisch-ideologisch belasteten Entwicklungsphase

Carsten Klingemann Universität Osnabrück Osnabrück, Deutschland

ISBN 978-3-658-30615-1 ISBN 978-3-658-30616-8  (eBook) https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­ bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von allgemein beschreibenden Bezeichnungen, Marken, Unternehmensnamen etc. in diesem Werk bedeutet nicht, dass diese frei durch jedermann benutzt werden dürfen. Die Berechtigung zur Benutzung unterliegt, auch ohne gesonderten Hinweis hierzu, den Regeln des Markenrechts. Die Rechte des jeweiligen Zeicheninhabers sind zu beachten. Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informa­ tionen in diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag, noch die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral. Lektorat: Cori A. Mackrodt Springer VS ist ein Imprint der eingetragenen Gesellschaft Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH und ist ein Teil von Springer Nature. Die Anschrift der Gesellschaft ist: Abraham-Lincoln-Str. 46, 65189 Wiesbaden, Germany

Inhalt

Abkürzungen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

VII

Teil I 1 Einleitung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

3 11

Teil II 2

2.1

2.2 2.3 2.4 2.5 2.6

Soziologie in Deutschland vom Ende der Weimarer Republik, über die NS-Zeit, bis zur frühen bundesrepublikanischen Nachkriegszeit unter besonderer Berücksichtigung ihrer Etikettierung als „Jüdische Soziologie“  . . . . . . . . . Zum Stellenwert der Soziologie im Spektrum der Kulturwissenschaften seit der Wende zum 20. Jahrhundert bis zu den frühen 30er Jahren  . . . . . . . . . . . . . . . . . „Jüdische Soziologie“ in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Bundesrepublik Deutschland  . . . . . . . . . . . . Soziologen als Objekte und Akteure nationalsozialistischer Wissenschaftspolitik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziologische Expertise in ausgewählten Politikfeldern  . . . . . Soziologie in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit  . . . . Funktionen ehemaliger Reichssoziologen bei der ‚Neugründung‘ der westdeutschen Soziologie  . . . . . . . . . . . . . . . . .

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15

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17

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22

. . . . . .

38 47 61

. .

67 V

VI Inhalt

2.7

Die Rolle ehemaliger Reichssoziologen in institutionellen Neugründungen während der Besatzungsherrschaft  . . . . . . . . 2.8 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.9 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rekursive Kopplung von sozialwissenschaftlichsoziologischer Bevölkerungsforschung und Bevölkerungspolitik im Dritten Reich  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1 Einleitung: Judenforschung im Nationalsozialismus als Wissenschaft  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2 Sozialwissenschaftliche Bevölkerungsforschung zwischen fehlendem politischen Anwendungsbezug und außeruniversitärer Professionalisierung im Kontext der NS-Raumpolitik  . . . . . . . 3.3 Bevölkerungssoziologie als ‚reine‘ Wissenschaft und als Prototyp rekursiver Kopplung  . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4 Soziologische Volkstheorie als Assimilationsstrategie versus Rassen- und Vernichtungskrieg  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.6 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

70 76 78

3

Die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm und die nationalsozialistische Germanisierungspolitik  . . . . . . 4.1 Soziologen – „die geistigen Urheber der Untaten“  . . . . . . . 4.2 Die NS-Bevölkerungspolitik als „praktische biologische Soziologie“  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3 Max Hildebert Boehms Volkskörperforschung als „zentraler Erkenntniszweig der NS-Bevölkerungspolitik“  . . . . 4.4 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

.

87

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87

.

89

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90

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91 92 93

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95 95

. .

96

4

„Volksgemeinschaft“ ? – Der Nationalsozialismus als Projekt der Moderne und seine rationale Soziologie  . . . . . . . . 5.1 Einleitung: Die Soziologie verweigert sich ihrer Fachgeschichte im Nationalsozialismus und dessen Analyse  . . . . . . . . . 5.2 Volksgemeinschaft und Volksgemeinschaftssoziologie  . . . . 5.3 Nationalsozialismus und Modernität: Der Ansatz Ralf Dahrendorfs  . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.4 Nationalsozialismus und Modernität: Moderne Agrarpolitik  . 5.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.6 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . 97 . . 107

5

. . . 111 . . . 111 . . . 113 . . . .

. . . .

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115 117 123 123

Inhalt VII

Teil III 6

Akademische Vergangenheitspolitik als Selektionsprozess – am Beispiel von Karrieren führender westdeutscher Soziologen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.1 Das gesellschaftlich-politische Umfeld, in dem die Entnazifizierung der Hochschulen stattfand  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.2 Entnazifizierung im Hochschulbereich  . . . . . . . . . . . . . . . 6.3 Ansätze zur Erklärung der Mechanismen des Selektionsprozesses  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.4 Wege der Rückkehr auf Professorenstellen  . . . . . . . . . . . . . 6.5 Ausgewählte Fälle ge- und misslingender Rückkehr von Soziologen auf Professuren  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.6 Zur Erklärungskraft der Modelle und die Demokratisierung der Nachkriegssoziologie, des Wissenschaftssystems und der Gesellschaft durch ehemalige Reichssoziologen  . . . . . . . . 6.7 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lars Clausens Blick auf die Karriere von Soziologen im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik  . . . . . . . 7.1 Clausens Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus an der Macht und deren spätere Reflexion  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.2 Clausens Perspektiven auf die Soziologie unter NS-Herrschaft  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.3 Die Leipziger Schule der Soziologie und Karl Heinz Pfeffers Buch über Die deutsche Schule der Soziologie  . . . . . . . . . . . . . . 7.4 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

129 129 130 130 132 133

136 138

7

Die Verweigerung der Analyse des Nationalsozialismus in der westdeutschen Soziologie: Zur Kontinuität empirischer Soziologie vor und nach dem Ende des NS-Regimes  . . . . . 8.1 Die Verweigerung einer Analyse des Nationalsozialismus in der deutschen Soziologie  . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8.2 „Soziologie des Nationalsozialismus“ ohne NS-Gesellschaft ? – Konturen einer aktuellen Debatte  . . . . . . . . . . . . . . . 8.3 Der „radikale geistige Neuanfang“ der Nachkriegssoziologie durch die Hinwendung zur empirischen Soziologie  . . . . . . . 8.4 Nationalsozialismus: Ein Projekt der Moderne und seine moderne Soziologie  . . . . . . . . . . . . . . . . . 8.5 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. 141 . 141 . 142 . 150 . 154

8

. . 157 . . 157 . . 158 . . 161 . . 172 . . 173

VIII Inhalt

9

Der Mythos der Amerikanisierung der westdeutschen Soziologie durch den Import der Empirischen Sozialforschung: Das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und der Beitrag ehemaliger Reichssoziologen zu dessen empirischer Soziologie  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.1 Empirische Sozialforschung als „amerikanischer Import“ und das Soziographische Institut an der Universität Frankfurt am Main vor und nach 1945  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.2 Nachkriegssoziologie in Frankfurt am Main und deutsche empirische Sozialforschung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.3 Die Germanisierung der Amerikanisierung  . . . . . . . . . . . . 9.4 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zur Rezeption von Karl Mannheim im Kontext der Debatte um Soziologie und Nationalsozialismus  . . . . . . . . . . . . 10.1 Karl Mannheim als Propagandist der „action directe“ und als Repräsentant der neuen Blüte der deutschen Soziologie am Ende der Weimarer Republik  . . . . . . . . . . . . . . . . 10.2 „Jüdische Soziologie“ und der Nationalsozialismus  . . . . . . . 10.3 Wissenssoziologie – Relativismus/Relationismus – NS-Weltanschauung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.4 Karl Mannheim und die empirische Wende der deutschen Soziologie  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10.5 Literatur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. 179

. 179 . 181 . 187 . 190

10

. . 195

. . 195 . . 200 . . 205 . . 212 . . 216

11

Der Oberförster jagt den Nazijäger. Rufmord als letztes Mittel der Vergangenheitsbewältigung  . . . . . . . . . . . . . . . . 11.1 Vorbemerkung (2020)  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11.2 Alfred Weber und das Institut für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg (InSoSta)  . . . . . . . . . . . . . . 11.3 Ferdinand Tönnies, Leopold von Wiese, Max Graf zu Solms und Max Weber hinterrücks gemeuchelt ?  . . . . . . . . . . . . 11.4   Reichssoziologie-Debatte im International Journal of Politics, Culture and Society  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11.5  Reichssoziologen und die Nachkriegssoziologen-​Generation: ein harmonisches Verhältnis  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11.6 „Auge um Auge, Zahn um Zahn !“ – Dirk Kaeslers neuer Ethik-Kodex  . . . . . . . . . . . . . . . . . 11.7 Literatur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. 219 . 219 . 220 . 222 . 226 . 230 . 234 . 235

Inhalt IX

Teil IV 12

Zur Rezeption Max Webers durch Helmut Schelsky im Kontext der Leipziger Schule der Soziologie  . . . . . . . . . . . . . . . 12.1 Vorbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12.2 Max Weber in Leipzig um 1930  . . . . . . . . . . . . . . . . . 12.3 Max Weber-Konjunktur nach 1933  . . . . . . . . . . . . . . . 12.4 Helmut Schelsky „in der geistigen Nachfolge Max Webers“  . . . 12.5 Literatur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . . . . .

Max Weber-Rezeption zum Ende der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit – Christoph Steding und seine Kritiker aus Politik und Wissenschaft  . . . . . . . . . 13.1 Christoph Stedings Mission und Max Weber  . . . . . . . . . . . 13.2 Die „Reichsfeindschaft“ bei Max Weber und Christoph Steding  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13.3 Stedings Bücher im Weltanschauungskampf nationalsozialistischer Institutionen – auch der Reichsführer SS Heinrich Himmler ist involviert  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13.4 Stedings Reichsidee aus der Sicht der ‚Frankfurter Schule‘  . . . . 13.5 Politisierung der Wissenschaft und Verwissenschaftlichung der Politik bei Max Weber  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13.6 Literatur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . . . . .



241 241 241 244 247 249

13

Ursachenanalyse und ethnopolitische Gegenstrategien zum Landarbeitermangel in den Ostgebieten: Max Weber, das Institut für Staatsforschung und der Reichsführer SS  . 14.1 Vorbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14.2 Die Rolle des Ethnischen in Max Webers Stellungnahmen zur „Polenfrage“  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14.3 Die Studie des Instituts für Staatsforschung  . . . . . . . . 14.4 Fazit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14.5 Literatur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. 253 . 253 . 255

. 257 . 260 . 261 . 264

14

. . . . 267 . . . . 267 . . . .

. . . .

. . . .

. . . .



268 271 278 278

X Inhalt

Teil V 15

Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz, das Gesellschaftsganze mit dem Instrument der Demoskopie zu erfassen – unter besonderer Berücksichtigung ihrer Kooperation mit Gerhard Schmidtchen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15.1 Der „Merkmalsbereich“ der Demoskopie/Meinungsforschung und die politische Macht  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15.2 Soziologie, Meinungsforschung und Demokratie  . . . . . . . . 15.3 Öffentliche Meinung und Herrschaft  . . . . . . . . . . . . . . 15.4 Kritik der Öffentlichen Meinung und die Hilflosigkeit der Soziologie  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15.5 „Gruppendiskussion“ als neues Verfahren der Umfrageforschung am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main  . . . . . . 15.6 Öffentliche Meinung als „soziale Haut“: Schutz der Gesellschaft und Instrument sozialer Kontrolle bei Elisabeth Noelle-Neumann und Norbert Elias  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15.7 Literatur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . 283 . . 283 . . 284 . . 286 . . 288 . . 291

. . 293 . . 295

Teil VI 16

Leibniz-Forschung und die Preußische Akademie der Wissenschaften im Kontext der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik – Ein wissenschaftssoziologisches Modell  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16.1 Einleitung: Politisierung von Wissenschaft als Verlust von Wissenschaftlichkeit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16.2 Rekursive Kopplung: Politisierung von Wissenschaft und Verwissenschaftlichung von Politik  . . . . . . . . . . . . . . . 16.3 Die Interdependenz von außeruniversitärer Professionalisierung und akademischer Institutionalisierung  . . . . . . . . . . . . 16.4 Wissenschaft und Politik als Ressourcen für einander  . . . . . . 16.5 Fazit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16.6 Literatur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . 299 . . 299 . . 303 . . . .

. . . .



310 314 318 321

Inhalt XI

Teil VII 17 Schluss  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17.1 „Endgültige Zurückweisung der These, dass es während der NS-Zeit eine Soziologie gab“  . . . . . . . . . . . . . . . . 17.2 US-amerikanische empirische Soziologie und die Nicht-Existenz empirischer Sozialforschung im Dritten Reich  . . . . . . . . . 17.3 Völkische oder wissenschaftliche Sozialforschung ?  . . . . . . . 17.4 Literatur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . 327 . . 327 . . 329 . . 330 . . 337

Drucknachweis  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339

Abkürzungen

Archiv Aufl. Az. Bl. CIC DFG DGS Diss. e. V. Fn. H. IfD IfS InSoSta Jg. MWG N. F. NSDAP o. J. o. O. PAW RAG Red. REM RfR

=  Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik = Auflage = Aktenzeichen = Blatt/Blätter =  Counter Intelligence Corps =  Deutsche Forschungsgemeinschaft =  Deutsche Gesellschaft für Soziologie = Dissertation =  eingetragener Verein = Fußnote = Heft =  Institut für Demoskopie, Allensbach =  Institut für Sozialforschung, Frankfurt am Main =  Institut für Sozial- und Staatswissenschaften, Heidelberg = Jahrgang =  Max Weber Gesamtausgabe =  Neue Folge =  Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei =  ohne Jahr =  ohne Ort =  Preußische Akademie der Wissenschaften =  Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung = Redaktion =  Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volks­ bildung =  Reichsstelle für Raumordnung XIII

XIV Abkürzungen

RKFDV SD

=  Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums =  Sicherheitsdienst der SS Sp. = Spalte SS = Schutzstaffel Vol. = Volume zit. n. =  zitiert nach [z. B. Name] =  Ergänzung von mir […] =  Auslassung von mir

Teil I

1

Einleitung

In den letzten Jahren ist eine bemerkenswerte Fülle an Publikationen zur Geschichte der deutschen beziehungsweise deutschsprachigen Soziologie erschienen. Dabei ist auf den einen oder anderen Text von mir verwiesen worden. Es wäre durchaus reizvoll, einige spezielle Interpretationen aufzugreifen und zu diskutieren. Im Folgenden sollen aber nur vier ausgewählte Positionen schwerpunktmäßig berücksichtigt werden, da sie jeweils eine Gesamtbeurteilung meiner Sicht der Reichssoziologie vornehmen. In dem jüngst erschienenen Buch Volksgemeinschaft 1933 – ​1945. Zur Entstehung und Bedeutung eines politischen Schlagworts von Dieter Gessner wird mein Ansatz in den Zusammenhang der seit einigen Jahren anhaltenden Debatte über die Frage, ob die nationalsozialistische Gesellschaft tatsächlich eine „Volksgemeinschaft“ war, gestellt (2019). Eine wichtige Rolle spielt dabei die Annahme, dass die „völkischen Wissenschaften“ nicht nur weltanschauliches Beiwerk waren. So weist Gessner der Soziologie eine herausragende Funktion zu, indem er „bei der Behandlung der ‚Deutschen Soziologie‘“ diese „als spiritus rector der völkischen Wissenschaften“ herausstellt (2019, S. 19). Meiner Meinung nach hat es nie eine „Deutsche Soziologie“, die mit einem großen „D“ geschrieben werden muss, gegeben. Mir ist auch nicht bekannt, dass andere „völkische Wissenschaften“ sich eine „Deutsche Soziologie“ als Vorbild genommen hätten. Deswegen kann ich Gessners Beschreibung meiner Rolle bei der Aufarbeitung der im NS-Staat praktizierten Soziologie nur widersprechen, wiewohl er mich sehr wohlwollend beurteilt: „Das Verdienst, die Rolle der Soziologie bei der Entwicklung einer völkischen Wissenschaftskonzeption erstmalig untersucht zu haben, fällt dem Soziologen Carsten Klingemann zu. Diese Zuweisung ist Teil seines Widerspruchs gegen die über lange Jahre vertretene These vom Ende der Soziologie im Jahre 1933. Klingemann belegt nicht nur die Weiterentwicklung der Soziologie über 1933 hinaus zu einer © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_1

3

4 Einleitung

anwendungsbezogenen Wissenschaft, sondern er beschreibt auch den für unsere Argumentation entscheidenden Prozess der ‚Soziologisierung‘ einer Reihe von Wissenschaften in den 30er und 40er Jahren.“ (2019, S. 19) Allerdings vertrete ich gerade nicht die Sichtweise einer „völkischen Wissenschaftskonzeption“, sondern das genaue Gegenteil. In allen meinen Publikationen seit 1981 versuche ich deutlich zu machen, dass die empirische Sozialforschung zwar von einer völkischen oder gemeinschaftsfixierten beziehungsweise agrarromantischen Problemstellung als Anlass für Forschungsprojekte ausgegangen ist, aber bei deren Durchführung die Vorstellungen einer vermeintlich etablierten Volksgemeinschaft mit den widersprüchlichen sozialen Realitäten konfrontierte. Deswegen wird häufig in der Weise ausgewichen, dass von „Volkwerdung“ schwadroniert wird, um die Fiktion einer „völkische Wissenschaft“ retten zu können. Das hat den Vorteil, dass nicht geprüft werden muss, inwieweit insbesondere die empirisch Soziologie eben nicht als Pseudo-Wissenschaft abzuqualifizieren ist, sondern als Wissenschaft ernstgenommen werden muss, die gerade deswegen dem NS-Regime nützlich sein konnte. Generellen Widerspruch habe ich tatsächlich gegen die bis heute vertretene These vom Ende der Soziologie im Jahr 1933 eingelegt. Allerdings habe ich nicht pauschal von einer Weiterentwicklung der Soziologie über 1933 hinaus gesprochen, sondern die Modernisierung soziologischen Arbeitens durch dessen Empirisierung hervorgehoben. Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich bei Nachbardisziplinen durch deren Soziologisierung, worauf Gessner mit Nachdruck hinweist, da es sich um einen für seine Argumentation „entscheidenden Prozess“ handele. Gessner bezieht sich auf das Kapitel Thesen zur Soziologisierung sozialwissenschaftlicher Fächer und des philosophischen Denkens während des Dritten Reichs (Klingemann 1996, S. 217 – ​231). Dort werden Soziologisierungsformen in der Erziehungs-, Geschichts- und Rechtswissenschaft der Beschreibung einer spezifischen Erscheinungsform der Soziologisierung des philosophischen Denkens angeschlossen. Den synoptischen Ausführungen der Grundannahmen der Konzeptionen einer Philosophischen Anthropologie von Theodor Litt, Max Scheler, Helmuth Plessner, Erich Rothacker und Arnold Gehlen folgt eine spezielle Darstellung des Verhältnisses von Gehlen und Gunther Ipsen. Zusammenfassend wird eine Parallele zu ähnlichen Tendenzen der Empirisierung sozialwissenschaftlicher Nachbardisziplinen angenommen, die von mir als „eine Hauptkomponente des Trends ihrer Soziologisierung bezeichnet wird.“ (1996, S. 219) Schon 1986 hatte ich weitere Soziologisierungsprozesse in Nachbardisziplinen wie der Geographie, insbesondere Sozialgeographie und Raumforschung, der Volkskunde und den Wirtschaftswissenschaften beschrieben. Ihr gemeinsames Merkmal war ihre Neuausrichtung auf konkrete Problemstellungen in verschiedenen Politikfeldern (1986, S. 235 – ​252). So ist Gessner zuzustimmen, dass ich die nach 1933 praktizierte Soziologie vornehmlich als anwendungsbezogene sehe,

Einleitung 5

wiewohl es auch nicht anwendungsbezogene Soziologien gab. Allerdings muss der Grund für den „Prozess der ‚Soziologisierung‘ einer Reihe von Wissenschaften in den 30er und 40er Jahren“ darin gesehen werden, dass diese dadurch eben ihrerseits anwendungsbezogen werden sollten. Den Aspekt der Anwendungsorientierung greift auch Nicole Holzhauser auf, indem sie die Frage aufwirft, ob „die Soziologie an den Universitäten – in welchem Umfang ? – weiter existierte oder außerhalb der Universitäten sogar erst spezifische Varianten anwendungsorientierter Sozialforschung hervorgebracht hat (Klingemann 1996, S. 9).“ (2015, S. 134) Dieses Zitat ist eine grobe Verfälschung meiner Argumentation. Ich schrieb nicht, dass „die Soziologie […] sogar erst spezifische Varianten anwendungsorientierter Sozialforschung hervorgebracht hat.“ Ich schrieb, „daß die nationalsozialistische Erscheinungsform des Staatsinterventionismus‘ sogar erst spezifische Varianten anwendungsorientierter Sozialforschung hervorgebracht hat, die in Analogie zur Entwicklung in der Psychologie als Ergebnis außeruniversitärer Professionalisierung zu bezeichnen sind und die mit entsprechenden Rückwirkungen auf die akademische Soziologie verbunden waren.“ (1996, S. 9) Es ist evident, dass ich gerade keinen wissenschaftszentrierten Ansatz vertrete, wonach die Soziologie allein aus sich selbst heraus neue Varianten anwendungsorientierter Sozialforschung generiert. Allerdings erklärt Holzhauser, dass es noch eines erheblichen Forschungsaufwandes bedürfe, um meine Position weitergehend zu untersuchen: „In Zusammenhang mit den Fragestellungen und Forschungsprogrammen in diesem Feld scheint es aufgrund seiner Bedeutung für den gegenwärtigen Stand der Debatte und ihre historische Entwicklung angezeigt, Carsten Klingemann detaillierter zu würdigen.“ (2015, S. 134) Diese Würdigung erfolgt anhand von Zitaten aus einer sehr positiven und drei äußerst negativen Bewertungen meiner Arbeiten. Daraus folgt: „Sollten diese Kritiken zutreffen und sollte das Werk von Klingemann ein Beispiel für den (Zu-)Stand dieses Forschungsfeldes im Allgemeinen darstellen, scheint es wissenschaftstheoretisch und methodologisch weiteren Klärungsbedarf zu geben.“ (2015, S. 134) Dieser Klärungsbedarf wird leider nicht befriedigt, da Holzhauser sich nicht weiter mit dem Werk von Klingemann befasst, sondern auf den folgenden Seiten ihres Aufsatzes die von Otthein Rammstedt kreierte Kontinuitäts-These einer „methodenkritischen Revision“ unterzieht, die zeige, „dass sich der als zentral erachtete Befund einer hohen Kontinuität der Soziologie über die verschiedenen politischen Systeme hinweg nicht, wie behauptet, empirisch klar belegen lässt.“ (2015, S. 129) Dabei widerlegt Holzhauser sehr überzeugend die von Rammstedt behauptete personelle Kontinuität. Im Rahmen einer Sammelrezension von drei Büchern kommt Holzhauser dann noch einmal beiläufig auf Klingemanns jahrelang verfolgtes Forschungsprogramm zu sprechen, das die „sozialtechnologische Soziologie, so rudimentär sie

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gewesen sein mag, mühsam freigelegt“ habe, was „sehr verdienstvoll“ sei (2016, S. 354). „Allerdings gibt es nach wie vor vorhandene systematische Lücken, weithin unbeantwortete basale theoretische und empirische Fragen sowie methodologische Probleme.“ (2016, S. 354) Als Quelle gibt Holzhauser ihren hier bereits zitierten Aufsatz aus dem Jahr 2015 an, in dem sich eine ähnliche Formulierung findet. Allerdings wird auch durch diese Wiederholung nicht geklärt, worin die benannten Defizite nun konkret bestehen. Vielleicht erfährt man das, sobald ihre Dissertation Eine Frage der Definition ? Soziologie und Nationalsozialismus – Befunde zu einer problematischen Disziplingeschichte, mit der sie 2014 promoviert wurde, publiziert sein wird. Ergänzend zu Gessners und Holzhausers Gesamteinschätzungen meiner Arbeit sei noch auf eine andere Variante der Generalkritik verwiesen, die sich allerdings nur auf einen, jedoch zentralen Aspekt meiner Argumentation bezieht. In seinem über 500 Seiten starken Werk Historische Bevölkerungsforschungen. Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert wendet sich Alexander Pinwinkler erstens gegen die – so Pinwinkler – besonders von Rainer Mackensen vertretene These, wonach das „Konstrukt Bevölkerungswissenschaft“ als eigenständiges Entwicklungssubjekt verschwunden sei. Zweitens kritisiert er die vermeintliche Dichotomisierung von nicht ideologischer Fachwissenschaft und biologisch-rassischer Pseudo-Wissenschaft, wie ich sie vertreten würde: „Eine ex post erfolgende Differenzierung zwischen einer – vermeintlichen – ‚Realsoziologie‘ oder sozialwissenschaftlichen Bevölkerungswissenschaft auf der einen und einer biologischrassischen ‚Volkstumsforschung‘ auf der anderen Seite betrachte ich für die hier verfolgten Fragestellungen ebenso wenig als weiterführend.“ (2014, S. 14) Als Beleg verweist Pinwinkler in einer Fußnote auf meinen Text Konzeption und Praxis sozialwissenschaftlicher Bevölkerungswissenschaft in ihren Beziehungen zu Raumforschung und Geopolitik im Dritten Reich (2006; wieder abgedruckt in Klinge­ mann 2009, S. 165 – ​191). Es ist mir nicht ersichtlich, wieso dieser Text überhaupt als Beleg herhalten kann. Er beginnt nämlich mit der Zwischenüberschrift Politisch induzierte Kontroversen um Bevölkerungswissenschaft als „Volkskunde“. Der erste Satz lautet: „Dieses Kapitel befasst sich mit der Frage, welche innerwissenschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen die akademische Institutionalisierung und außeruniversitäre Professionalisierung der Bevölkerungswissenschaft als Disziplin im Dritten Reich förderten oder behinderten.“ (2009, S. 165) Deswegen geht Pinwinklers Verweis auf meine Position völlig ins Leere, wenn er schreibt: „Denn die politische Brisanz von Wissenschaften im ‚Dritten Reich‘ ergab sich – so die zweite These – wesentlich gerade aus der Verbindung von tatsächlich oder vermeintlich sachbezogenen Forschungen mit biologisierenden Studien zum deutschen ‚Volkskörper‘ und rassistischen bevölkerungspolitischen Praktiken.“ (2014, S. 14) Die Formulierung dieser Aussage bleibt überdies erklä-

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rungsbedürftig, wenn unterschieden wird zwischen „tatsächlich oder vermeintlich sachbezogenen Forschungen“. Welche wissenschaftliche Qualität zeichnen tatsächlich sachbezogene Forschungen aus ? Es muss demnach nicht politischideologisch kontaminierte Forschungen gegeben haben. Und genau die stehen im Zentrum meines Ansatzes, weil ich der Meinung bin, dass gerade sie dem NS-Regime nützlich sein konnten und nicht professoral-weltanschauliche Phrasendrescherei. Diese Position vertritt auch Volker Kruse, der sich mit Walter Christaller und seiner Theorie der zentralen Orte befasst hat. Christaller habe seit 1939 für den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums an der Übertragung der Theorie der zentralen Orte auf die eroberten Räume im Osten gearbeitet: „Er arbeitete an der Planung der Besiedlung des ‚Warthegaus‘, dessen polnische Einwohner vertrieben worden waren, und seit 1941 am ‚Generalplan Ost‘, in den auch Christallers Theorie der zentralen Orte einging. Christaller wird daher von Aly und Heim […] zu den ‚Vordenkern der Vernichtung‘ gezählt.“ (2018, S. 245) Die Machthaber des Dritten Reichs „benötigten keine politischen Ideologien, sonder methodische hochwertige Sozialforschung.“ (2018, S. 245) Diese Sichtweise habe ich 1992 unter dem Titel „Social-Scientific Experts – No Ideologues. Sociology and social research in the Third Reich“ vertreten, wobei ich den politisch-institutionellen Kontext thematisiert habe, in den auch Christaller eingebunden war (1992, S. 127 – ​154). Volker Kruse weitet, ausgehend von Christaller, seine Sicht der Rolle von Soziologie im Dritten Reich folgendermaßen aus: „Ebenso wenig wie eine spezifisch nationalsozialistische Mathematik mit eigenen Methoden gab es eine spezifisch nationalsozialistische Soziologie mit eigenen Methoden. Wohl aber ist eine Soziologie bzw. Sozialwissenschaft, die im Dienst der verbrecherischen Politik des Dritten Reichs stand, deutlich erkennbar.“ (2018, S. 245) Kruse bezieht sich dann auf Karl Acham, der folgende Funktionen der Soziologie unterscheide: Weltanschauungsfunktion, Aufklärungsfunktion, Ausbildungsfunktion und Dienstleistungsfunktion. Die Soziologie im Dritten Reich reduziere sich – so Kruse – im Wesentlichen auf die Dienstleistungsfunktion für die Machthaber. „Sie bedurften nicht des zeitdiagnostischen Orientierungswissens und nicht der wissenssoziologischen Aufklärung, wohl aber waren sie zur effektiven Herrschaftsausübung und zur Umsetzung ihrer verbrecherischen Politik auf sozialwissenschaftliches Expertenwissen angewiesen. Je höher das professionelle theoretische und forschungstechnische Niveau der Sozialwissenschaften, desto nützlicher sind sie für die diktatorische Machthaber.“ (2018, S. 245) Diese Position kann ich uneingeschränkt teilen. Ergänzt werden müsste nur, dass sozialwissenschaftliches Wissen nur dann diese Funktion erfüllen konnte, wenn es seinen Wissenschaftscharakter nicht zugunsten einer Weltanschauungsfunktion aufgegeben hat.

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George A. Lundberg hat bereits 1947 die Abhängigkeit der Politik – auch und gerade die autokratischer Regime – von der Wissenschaft sehr prägnant auf den Punkt gebracht: „Democratic as well as autocratic regimes […] occasionally and temporarily declare that they intend to get along without science and scientists. History clearly shows that when political regimes have taken that position, it is the regimes and not the scientists that yield in the end.“ (1947, S. 94) Lundberg bezieht somit eine generalisierende Perspektive über alle Unterschiede politischer Systeme hinweg, wenn es darum geht, die Durchsetzungskraft von Wissenschaft als kulturelles System gegenüber politischen Systemen zu fixieren. Ausdrücklich gilt dies auch für den Faschismus: „The whole point is that science is a far stabler and more fundamental ‚cultural system‘ than communism, fascism, capitalism, or New Dealism.“ (1947, S. 94) Dies haben auch nationalsozialistische Wissenschaftspolitiker nicht nur einsehen müssen, sondern geradezu zum Programm erhoben, wenn es zum Beispiel um die Gründung der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin und des eigenständigen Auslandswissenschaftlichen Instituts ging. Die Studierenden, die den neuen Diplomabschluss eines Auslandswissenschaftlers oder den neuen Titel eines Doktors der Auslandswissenschaft erwerben, wurden nicht zu Propagandisten einer Großgermanischen Reichsidee indoktriniert, sonder als interdisziplinär geschulte Experten für Belange eines von Deutschland dominierten Europas (Botsch 2005). Es ist ein besonderes Zeichen nationalsozialistischer Wissenschaftspolitik, dass interdisziplinäre Forschungsverbünde gegründet wurden wie etwa die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, in deren 51 Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung zahlreiche Soziologen, zum Teil als Leiter mitgearbeitet haben. Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung kooperierte eng mit der staatlichen Reichsstelle für Raumordnung, so dass es zu einer Politisierung der Wissenschaft und einer Verwissenschaftlichung der Politik kam. Deswegen lassen sich auch keine hochschulpolitischen Strategien identifizieren, die fachspezifische Konzepte verfolgten. Darum hat Ulrike Jureit vollkommen recht, wenn sie bezüglich meines 2009 erschienenen Buchs Soziologie und Politik. Sozialwissenschaftliches Expertenwissen im Dritten Reich und in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit feststellt: „Eine systematische und an den bisherigen wissenschaftshistorischen Ergebnissen orientierte Disziplingeschichte liefert dieses Buch nicht.“ (2010, S. 87) Wie schon der Titel des Buchs ausweist, geht es darin um die Rolle sozialwissenschaftlichen Expertenwissens vor und nach 1945. Und dies geschieht in entschiedener Distanzierung vom Konzept einer „völkischen Soziologie“, wie es im Schlusskapitel weiter ausgeführt wird. Der vorliegende Band trägt den Titel Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit: Der schwierige Umgang mit einer politisch-ideologisch belasteten Entwicklungsphase. Hier werden also As-

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pekte aufgegriffen, die sich mit der Entwicklung einer ‚Disziplin‘ oder eines ‚Faches‘ Soziologie beziehungsweise von speziellen Soziologien befassen. So wird rekonstruiert, in welchen Zusammenhängen Soziologie als „jüdische Soziologie“, ausgehend von der Weimarer Republik bis in die Bundesrepublik, etikettiert wurde. Dem geht die Erörterung voraus, inwieweit Der Beauftragte des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP (Amt Rosenberg) Soziologen kontrollierte, aber auch förderte und als Gutachter einsetzte. Darunter befanden sich nach 1945 einflussreiche Fachvertreter. Im Kapitel über soziologische Expertise wird in ausgewählten Politikfeldern des NS-Staates die Rolle von Soziologen in der Agrarforschung sowie in der Ost- und Westforschung behandelt. Auch von hier aus lässt sich ein Bogen schlagen zu dem anschließenden Kapitel, da die dort aktiven Soziologen nach 1945 die neue Flüchtlingssoziologie, aber auch die Industrie- und Familiensoziologie maßgeblich gestalteten, wie sie auch in universitären Neugründungen in den drei westdeutschen Besatzungszonen und West-Berlins die sozialwissenschaftlichen Abteilungen dominierten. Zum Thema Bevölkerungswissenschaft und NS-Bevölkerungspolitik sind viele fachspezifische, nicht soziologische Arbeiten erschienen. Hier geht es um die Frage, ob eine dezidiert sozialwissenschaftlich-soziologische Bevölkerungsforschung eine Rolle in der NS-Bevölkerungs- und Raumpolitik gespielt hat, und ob insbesondere die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm tatsächlich für die NS-Germanisierungspolitik instrumentalisiert werden konnte. Die in den letzten Jahren erschienene historische Literatur zum Verhältnis einer rückwärtsgewandten Utopie zu einer realexistierenden Volksgemeinschaft ist kaum noch zu überschauen. Hier wird die Debatte konfrontiert mit einer soziologischen Sicht des Nationalsozialismus an der Macht, die dessen Modernität und – beispielhaft – die modernen Ansätze der Agrarsoziologie im Dritten Reich thematisiert. Die Nachkriegskarrieren dieser ehemaligen Reichssoziologen waren dadurch gekennzeichnet, dass diejenigen, die nicht gegen die Regeln des kollegialen Umgangs verstoßen hatten, ihre akademische Laufbahn fortsetzen und im Fall von Nachwuchssoziologen starten konnten. Dennoch lag ein Schatten auf der sich konstituierenden westdeutschen Soziologie, der über Jahrzehnte im Sinne des „kommunikativen Beschweigens“ (Hermann Lübbe) als modus vivendi zwischen ehemaligen Reichssoziologen und den leider nur wenigen Remigranten – mit der Ausnahme René Königs – konsequent ignoriert wurde. Der Kieler Soziologe und ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Lars Clausen, stellt allerdings eine spezielle Ausnahme dar. Das mag daran gelegen haben, dass er Assistent des wohl berüchtigtsten ehemaligen Reichssoziologen, nämlich Karl Heinz Pfeffer war. Clausen kam in einer Vorlesung immer wieder auf Pfeffer und andere prominente Reichssoziologen wie etwa Hans Freyer, häufig anekdotenhaft, zu sprechen. Ansonsten wurde der Mythos der Amerikanisierung der westdeut-

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schen Soziologie durch den Import der empirischen Sozialforschung gepflegt. Die Amerikanisierung der westdeutschen Soziologie stellt sich bei näherer Betrachtung allerdings als deren Germanisierung heraus. Andere Strategien, den Einfluss von ehemaligen Reichssoziologen zu negieren, sind zum Beispiel darin zu sehen, dass René König je nach Bedarf Karl Mannheim einerseits beschuldigt, die Weimarer Soziologie nachhaltig beschädigt, andererseits ihm aber attestiert, ihr zu neuer Blüte verholfen zu haben, die dann vom Nationalsozialismus zerstört worden sei. Eine weitere Variante dieser Negierungsstrategie, wie sie Dirk Kaesler und andere inszeniert haben, besteht darin, aus der Aufklärung der Anfälligkeit von Soziologen für den Nationalsozialismus pseudo-ethisch verbrämte Ablenkungsmanöver zu machen. Max Weber ist bekanntlich in verschiedenen Kontexten sehr kontrovers bezüglich seiner politischen Ansichten („plebiszitäre Führerdemokratie“) und des Aufkommens sowie der staatlichen Etablierung des Nationalsozialismus diskutiert worden. Hier werden drei spezielle Aspekte des Verhältnisses von Weber und Soziologie erörtert. Einmal geht es um die Weber-Rezeption von Helmut Schelsky im Kontext der sogenannten Leipziger Schule der Soziologie, wobei dargestellt wird, dass Weber auch im Dritten Reich in Leipzig nicht Anathema war. Wie schon früher dargelegt (Klingemann 1996) war Weber nach 1933 nicht verpönt. Hier wird nun die besondere Affinität des nach 1933 als großen Denker gefeierten Christoph Steding mit seiner Idee der „Reichsfeindschaft“ der Deutschland umgebenden, wenn nicht gar umzingelnden neutralen Staaten behandelt. Max Weber wird als Inspirator der Reichsfeindschafts-Idee Stedings vorgestellt. Das dritte Weber-Thema befasst sich mit der von ihm offensiv vertretenen Position einer zu bekämpfenden Polonisierung des deutschen Ostens. Verglichen wird Webers Analyse mit der des von Reinhard Höhn geleiteten Berliner Instituts für Staatsforschung, die der Reichsführer SS Heinrich Himmler in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums in Auftrag gegeben hatte. Die Ergebnisse der Studie, die sich weitgehend mit denen Webers decken, veranlassten Himmler einen Katalog von drastischen Zwangsmaßnahmen für den Umgang mit Polen in den von Deutschland okkupierten polnischen Gebieten zu erlassen. Einen Zeitsprung stellt das anschließende Kapitel dar, das Elisabeth NoelleNeumanns Ansatz, das Gesellschaftsganze mit dem Instrument der Demoskopie zu erfassen, behandelt. Es geht dabei um den Versuch, den Wissenschaftsanspruch der Demoskopie zu begründen, indem das Verfahren der „Gruppendiskussion“ des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main sowie das Konzept der sozialen Kontrolle bei Noelle-Neumann und Norbert Elias vergleichend herangezogen werden. Im Kapitel über die Leibniz-Forschung im Kontext der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik wird ein wissenschaftssoziologisches Modell

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vorgestellt, das, bestehend aus drei Ansätzen, zeigen soll, wie durch deren Kombination das spezifische Verhältnis von Wissenschaft und Politik im Dritten Reich analysiert werden kann. Es handelt sich dabei um das Modell der „rekursiven Kopplung“, also der Politisierung der Wissenschaft und der Verwissenschaftlichung der Politik, sowie das Konzept der Interdependenz von außeruniversitärer Professionalisierung und akademischer Institutionalisierung einer Wissenschaft, was durch die Sichtweise, dass Wissenschaft und Politik „Ressourcen für einander“ sein können, ergänzt wird. Zum Schluss wird Christian Flecks Proklamation „Endgültige Zurückweisung der These, dass es während der NS-Zeit eine Soziologie gab.“ im Zusammenhang mit der bereits angekündigten Position, wonach es eine „völkische Sozialforschung“ im Nationalsozialismus gegeben habe, diskutiert.

1.1 Literatur Botsch, Gideon. 2005. „Politische Wissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg. Die „Deutschen Auslandswissenschaften“ im Einsatz 1940 – ​1945. Paderborn. Gessner, Dieter. 2019. Volksgemeinschaft 1933 – ​1945. Zur Entstehung und Bedeutung eines politischen Schlagwortes. https://doi.org/10.1007/978-3-658-24709-6. Holzhauser, Nicole. 2015. Definitorische und methodologische Probleme bei der Analyse der soziologischen Disziplinentwicklung zur Zeit des Nationalsozialismus. Österreichische Zeitschrift für Soziologie 40: 129 – ​146. Holzhauser, Nicole. 2016. Jenseits von Mythen, Heuristiken und Metaphern – Soziologiegeschichte als integraler Bestandteil der Soziologie. Soziologische Revue 39: 350 – ​364. Jureit, Ulrike. 2010. Wissenschaft und Politik. Der lange Weg zu einer Wissenschaftsgeschichte der „Ostforschung“. Neue Politische Literatur 55: 71 – ​88. Klingemann, Carsten. 1986. Vergangenheitsbewältigung oder Geschichtsschreibung ? Unerwünschte Traditionsbestände deutscher Soziologie zwischen 1933 und 1945. In Ordnung und Theorie. Beiträge zur Geschichte der Soziologie in Deutschland, Hrsg. Sven Papcke. Darmstadt, S. 223 – ​279. Klingemann. Carsten. 1992. Social-Scientific Experts – No Ideologues. Sociology and social research in the Third Reich. In Sociology Responds to Fascism, Hrsg. Stephen P. Turner, und Dirk Käsler. London – New York, S. 127 – ​154. Klingemann, Carsten. 1996. Soziologie im Dritten Reich. Baden-Baden. Kruse, Volker. 2018. Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg und die deutschsprachige Nachkriegssoziologie. In Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie, Bd. I, Hrsg. Stephan Moebius, und Andrea Ploder. Wiesbaden, S. 229 – ​250. https://doi.org/10.1007/978-3-658-07614-6. Lundberg, George A. 1947. Sociology versus Dialectical Immaterialism. The American Journal of Sociology LIII: 85 – ​95. Pinwinkler, Alexander. 2014. Historische Bevölkerungsforschungen. Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert. Göttingen.

Teil II

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Soziologie in Deutschland vom Ende der Weimarer Republik, über die NS-Zeit, bis zur frühen bundesrepublikanischen Nachkriegszeit unter besonderer Berücksichtigung ihrer Etikettierung als „Jüdische Soziologie“

Diese Darstellung der Entwicklung der Soziologie in Deutschland vom Ende der Weimarer Republik bis zur frühen Nachkriegszeit legt ihren Schwerpunkt auf die Zeit des Dritten Reichs, die im wohlverstandenen Sinne historisiert werden muss. Deswegen geht es ihr dabei hauptsächlich um das Verhältnis von Soziologie und Politik (Wagner 1990). Die grundlegende Annahme ist somit, dass diese Entwicklungsphase integriert ist in den säkularen Prozess der Versozialwissenschaftlichung der Politik und der Politisierung der Sozialwissenschaften als elementarem Kennzeichen der modernen Wissensgesellschaft (Weingart 2001; 2003). Gerade das totalitärverbrecherische NS-Regime stellt eine besondere Form des Staatsinterventionismus dar, zu dessen zentralen Funktionsprinzipien, wie bei allen anderen Varianten auch, die Nutzung sozialwissenschaftlichen Expertenwissens zählt (Klingemann 1996; allgemein: Raphael 1996). Dies setzt eine außeruniversitäre Professionalisierung der Soziologie (z. B. in der Ostforschung) voraus, die ihrerseits einhergeht mit einer Förderung der empirischen Sozialforschung (z. B. in der Sozialstruktur- und Sozialraumforschung (Gutberger 1996), was wiederum deren akademische Professionalisierung und Institutionalisierung voranbringt (z. B. Gründung des Soziographischen Instituts an der Universität Frankfurt am Main). Für die Wissenschaftslandschaft allgemein bedeutete der Erste Weltkrieg eine Weichenstellung hin zu einer stärkeren „rekursiven Kopplung“ von Wissenschaft und Politik, die im Nationalsozialismus geradezu einen Kulminationspunkt erreichte. „Selten ist das sowohl instrumentelle als auch legitimatorische Wechselverhältnis zwischen Politik und Wissenschaft jedoch deutlicher greifbar als im Nationalsozialismus, als die Politisierung von Wissenschaft und die Verwissenschaftlichung von Politik konvergierten.“ (Szöllösi-Janze 2004, S. 99 f.) © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_2

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Soziologie in Deutschland vom Ende der Weimarer Republik

Die deutsche Soziologie als unerwünschter universitärer Zuwachs hinkte dieser Entwicklung hinterher. Wie gezeigt wird, betätigten sich Soziologen als Kriegsverherrlicher und nach verlorenem Ersten Weltkrieg als Revisionspropagandisten. Ansonsten ist die Soziologie der Weimarer Republik als „weltferne Wissenschaft“ (Sven Papcke) zu charakterisieren, die sich durch einen Mangel an empirischer Orientierung sowie nur geringer Institutionalisierung und fehlender Professionalisierung auszeichnet. Die Darstellung des Diskurses um die „jüdische Soziologie“ in Weimarer Republik, Drittem Reich und Bundesrepublik Deutschland beleuchtet die Selbstbezüglichkeit als ein wesentliches Merkmal deutscher Soziologie. In der anschließenden Schilderung der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik gegenüber einzelnen Fachvertretern werden das breite Spektrum von Akteuren und damit das Fehlen einer zentralen Entscheidungsinstanz sichtbar. Es treten auf: Der Beauftragte des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP (Alfred Rosenberg) mit seinem Hauptamt Wissenschaft, der Hauptstelle Soziologie und dem Amt Wissenschaftsbeobachtung und -wertung, aber auch wissenschaftspolitische Akteure auf lokaler, Gau- und Reichsebene, darunter neben Ministerialbeamten Vertreter des Hochschul-, Gau- und Reichsdozentenbundes, verschiedener anderer NSDAP-Ämter, des Sicherheitsdienstes der SS und höchstpersönlich der Gauleiter Fritz Sauckel, Alfred Rosenberg, der Stellvertreter des Führers Rudolf Heß und schließlich der Leiter der Parteikanzlei Martin Bormann. Die Rolle soziologischer Expertise in bestimmten Politikfeldern des NS-Staates wird unter folgenden Aspekten analysiert: a.) Arbeitsgebiete der Agrarsoziologie (Landflucht, Stadt-Land-Beziehungen, Aussiedlung, Notstandsgebiete, Landarbeiterfragen, unterbäuerliche Schichten) im „Altreich“ bis Kriegsbeginn, b.) soziologische Ostforschung im Kontext des 14. Internationalen Soziologie-Kongresses, des Handwörterbuchs des Grenzund Auslanddeutschtums, der Reinhard Heydrich-Stiftung in Prag und im militärischen Geheimdienst („Abwehr II“) und c.) soziologische Westforschung in legitimatorischer Diktion und als realsoziologische Information. In der frühen Nachkriegszeit gründeten ehemalige Reichssoziologen als politik-beratende Flüchtlingssoziologen eine eigenständige spezielle Soziologie, daneben spielten sie eine wichtige Rolle in der Industrie- und Familiensoziologie und übernahmen leitende Funktionen bei der ‚Neugründung‘ der westdeutschen Soziologie. Besondere Berücksichtigung findet schließlich ihre Rolle in den während der Besatzungsherrschaft gezielt zur Förderung von Demokratie und Wissenschaft gegründeten akademischen Institutionen.

Zum Stellenwert der Soziologie 17

2.1 Zum Stellenwert der Soziologie im Spektrum der Kulturwissenschaften seit der Wende zum 20. Jahrhundert bis zu den frühen 30er Jahren Für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist es nicht sinnvoll, von einer nationalstaatlich definierten „deutschen Soziologie“ zu sprechen. Deutsche und österreichische Soziologen prägten das Bild einer deutschsprachigen Soziologie, während 1907 die Soziologische Gesellschaft in Wien und 1909 die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) gegründet wurden. Dennoch ist es richtig, deutschen – im Sinne von deutschsprachigen – Soziologen dieser Zeit eine über den nationalen Referenzrahmen weit hinausreichende Geltung zuzusprechen. Den Status einer etablierten und anerkannten Wissenschaft im Kanon der Kulturwissenschaften konnte die Soziologie – trotz einer Förderung von politischer Seite – aber bis zum Ende der Weimarer Republik nicht erringen. Im Gegenteil, die Vertreter des tradierten universitären Fächerspektrums waren unnachgiebig bemüht, ihr den Status einer akademischen Disziplin zu verwehren. Als eindrucksvolles Beispiel mag dafür die Kampfschrift des Historikers und Staatswissenschaftlers Heinrich von Treitschke Die Gesellschaftswissenschaft aus dem Jahr 1859 angeführt werden. Die Soziologie beanspruchte angeblich ein ureigenes Arbeitsfeld – die Gesellschaft. Das wurde als Bedrohung seitens der Staatswissenschaft empfunden, und Treitschke dekretierte mit deutlich staatspolitischer Untermalung: „Der Satz von der Untrennbarkeit von Staat und Gesellschaft ist streng festzuhalten: er rettet die Notwendigkeit des Staates“ (von Treitschke 1980, S. 72). Und damit das Monopol der Staatswissenschaft ! Diese äußerst einflussreiche Polemik wurde 1980 als Nachdruck von Sven Papcke wieder veröffentlicht. Er kommentierte in seinem Vorwort lapidar: „Mit dieser Lösung hat Treitschke in Deutschland die Etablierung der Soziologie bis 1918 entscheidend behindert […]“ (Papcke 1980, S. XII). Die universitäre Institutionalisierung der Soziologie wurde natürlich auch dadurch nachhaltig gehemmt, dass etwa die Nationalökonomen nicht bereit waren, Soziologie als Prüfungsfach und als Hauptfach bei Promotionen in ihren Studiengängen zuzulassen. Das hinderte aber zahlreiche namhafte Soziologen nicht daran, sich vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg besonders staatstragend, um nicht zu sagen nationalistisch und chauvinistisch zu gebärden. Das wohl prominenteste Beispiel für einen wissenschaftlich begründeten Nationalismus ist die Ikone der internationalen Geltung deutscher Soziologie: Max Weber. Dabei stellt Weber die wissenschaftliche Argumentation ganz bewusst in den Dienst der Begründung von Machtpolitik, die insbesondere auf klassischen Topoi des Volkstumskampfes in Grenzgebieten basiert, in denen sich ethnische Mehrheitsverhältnisse durch Wanderung oder militärisch-politisch verursachte Veränderungen von Grenzverläufen verschieben. Dieses spezifische Verhältnis

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von Soziologie und Realpolitik wird im Kapitel Ursachenanalyse und ethnopolitische Gegenstrategien zum Landarbeitermangel in den Ostgebieten: Max Weber, das Institut für Staatsforschung (Berlin) und der Reichsführer SS näher dargelegt. Das von Weber geförderte Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik bringt Hans Joas prägnant zum Ausdruck: „Das Überleben der Nation und ihre Selbststeigerung, ‚Emporzüchtung‘, sind der Wert, dem Wissenschaft und Politik zu dienen haben.“ (Joas 1989, S. 189) Damit stand Weber aber nicht allein. Die DGS, der er zwar schon frühzeitig den Rücken gekehrt hatte, erklärte gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, „die Kräfte und Mittel der Gesellschaft in den Dienst der Aufklärung des neutralen Auslands“ stellen zu wollen (zit. n. Papcke 1985, S. 139). Mithin also in den Dienst der Propaganda. Mit akribischem Fleiß hat Papcke die bellizistischen Verlautbarungen vieler prominenter und auch weniger bekannter Soziologen zusammengestellt. Er kommt zu dem Schluss, fast ausnahmslos tauchten alle „in die Kriegshysterie ein – ohne Wenn und Aber.“ (Papcke 1985, S. 139) Dazu gehörten Wilhelm Jerusalem, Robert Michels, Franz Oppenheimer, Johann Plenge, Max Scheler, Georg Simmel, Werner Sombart, Ferdinand Tönnies, Ernst Troeltsch, Alfred Vierkandt sowie Alfred und Max Weber. Während Papcke den Akzent auf das Irrationale dieses Engagements legt, wird bei Dirk Käsler ein anderer Aspekt sichtbar, ihr professorales Selbstverständnis ‚als über den Parteien stehend‘. Ihre kämpferische Attitüde ist durch ihre Eigenschaft, Wissenschaftler zu sein, geadelt: „einige unserer frühen deutschen Soziologen fungieren an hervorragender Stelle als Lieferanten der Legitimationsideen und Legitimationsformeln für die vielfältigen innen- und außenpolitischen Zielsetzungen der Führung des Deutschen Reiches im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg.“ (Käsler 1984, S. 487) So lässt sich Max Webers Denken der Kriegszeit auf die Formel bringen: „Demokratisierung nach englischem Vorbild also als Mittel für eine imperiale Weltpolitik […].“ (Joas 1989, S. 191) Dabei dachte Weber an eine Führerdemokratie, in der der gewählte Führer weitgehende Vollmachten hat, aber auch plebiszitär entmachtet werden kann. Eine Idee, deren Gefährlichkeit sich bald realhistorisch erweisen sollte. Es stellt sich in diesem Zusammenhang generell die Frage, inwieweit Soziologen sich analytisch professioneller und politisch weitsichtiger mit dem aktuellen Tagesgeschehen auseinandersetzten als der gut informierte und interessierte Zeitgenosse. Am Beispiel Georg Simmels zeigt Uwe Barrelmeyer, wie die von den deutschen Soziologen allgemein geteilte geisteswissenschaftliche Orientierung eine unbeabsichtigte propagandistische Dysfunktionalität seiner wissenschaftlichen Kriegsvorträge hervorruft: „Die gewählte Diktion und die vorgetragenen Inhalte der Vorträge trug[en] der kriegsbedingten ‚Desillusionierung‘ der zivilen und militärischen Zuhörerschaft nur ungenügend Rechnung und verfehlt[en] so den Erwartungshorizont der Zuhörer.“ (Barrelmeyer 1994, S. 182)

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Den Anspruch, Orientierungswissen zu liefern und als Sinnstifter zu fungie­ ren, konnten die deutschen Soziologen unter Verweis auf ihre kulturphilosophischen Deutungen der deutschen Mission zur Bekämpfung zivilisatorischer Dekadenz wohl nicht mehr retten. Umgekehrt wären Simmels ernüchterte Zuhörer besser geeignet gewesen, zu einer realsoziologischen Einschätzung der Ursachen des Krieges und der bevorstehenden Niederlage zu gelangen. Nur, kaum war der Krieg verloren, sorgte Max Weber dafür, wie in einer Rede am 2. Januar 1919 in Heidelberg deutlich wird, dass der Zugang zu einer adäquaten Analyse der Kriegsursachen und der deutschen Niederlage verbaut wurde: „Der Krieg war unabwendbar; er mußte ausgefochten werden, weil es die deutsche Ehre gebot.“ (zit. nach Mommsen 1974, S. 347) Sein ganzes, tief nationalistisch durchtränktes Bestreben gipfelte in der Forderung, „aus dem Friedensvertrag einen Fetzen Papier zu machen.“ (zit. n. Mommsen 1974, S. 345) Zwar starb Weber schon 1920, aber das Revanchedenken war unter deutschen Soziologen weit verbreitet. Theodor Geiger, einer der wenigen der SPD angehörigen Soziologen, meinte noch 1932, es gebe keinen guten Deutschen, „der nicht alles daran zu setzen bereit wäre, um Dasein und Geltung unseres Volkes wiederherzustellen.“ (zit. n. Papcke 1986, S. 173) Das Trauma des ‚Schandvertrags von Versailles‘ infiltrierte nicht nur das Denken Webers und Geigers, es generierte eine eigenständige Arbeitsrichtung, die sich ebenso wissenschaftlich wie politisch-agitatorisch mit Nation, Volk/Volkstumskampf und dem Grenz- und Auslanddeutschtum befasste. Das Kapitel Die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm und die nationalsozialistische Germanisierungspolitik geht dem näher nach. Schon 1965 verwies Ralf Dahrendorf auf die „thematischen Vorlieben der Nationalsozialisten, die einige integre Soziologen teilten.“ (Dahrendorf 1965, S. 119) Jedoch verbleibt diese Beschreibung des Verhältnisses von Soziologie und Nationalsozialismus an der Oberfläche, weil die Rolle sozialwissenschaftlichen Expertenwissens in Politikfeldern des NS-Regimes völlig ausgeblendet wird. Vorab muss deshalb darauf eingegangen werden, inwieweit die Weimarer Soziologie überhaupt eine professionelle zeitdiagnostische Kompetenz entwickelt hatte. Wie andere auch, geht Sven Papcke bei der Begründung seiner Formel von der „weltfernen Wissenschaft“ von der Tatsache aus, dass diese Entwicklungsphase der Soziologie vom Kampf um ihre Anerkennung als akademisches Fach geprägt war. Wie anders ist der erbitterte Kampf um die Werturteilsenthaltsamkeit sonst zu verstehen. Um nicht länger als „Wortmaskenverleihinstitut“ geächtet werden zu können, musste der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit offensiv vertreten werden. Allerdings führe das zu einer frühen Vergreisung des noch jungen Faches. Die Fixierung auf die Erlangung akademischer Reputation erwirke eine trotzige Abweisung wirklichkeitsnaher Forschungsaufgaben, was einen rapiden Rückzug aus tagespolitisch bedeutsamen Fragestellungen mit sich bringe, was Papcke schließlich

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vom „Autismus der Soziologie“ sprechen lässt. Diese „fachspezifische Weltferne der deutschen Soziologie“ (Papcke 1986, S. 184, 185, 189, 190, 204) blieb nicht ohne Folgen für die politische Kultur der ersten deutschen Demokratie. Nun mag man Papcke entgegenhalten, dass er einfach der noch weitgehend unkonfigurierten Einrichtung namens Soziologie zu viel zumutet. Symptomatisch ist, dass der erste Lehrstuhl nur für Soziologie erst 1925 mit Hans Freyer an der Universität Leipzig besetzt wurde, einem Jugendbewegten, dessen Ideal politischer Herrschaft die schwache Republik wahrhaftig nicht gerecht werden konnte. Nur war eben die institutionelle Verfasstheit der Soziologie selbst noch ebenso schwach wie der Staat selbst. Man kann mit M. Rainer Lepsius ‚der‘ Soziologie eigentlich noch gar nichts zurechnen. „Die Soziologie zeigte in den zwanziger Jahren keine dominante Gestalt, sie entwickelte sich in vielen Milieus durchaus uneinheitlich. Auch innerhalb der lokalen Zentren der Soziologie in der Weimarer Republik bestand kaum eine paradigmatische Einheitlichkeit. Dies galt für Berlin ebenso wie für Wien. Aber auch die überschaubaren Zentren wie Heidelberg, Frankfurt, Köln und Leipzig waren wissenschaftsgeschichtlich nicht homogen.“ So gesehen ist die Rede von einem Kollektivsubjekt Soziologie gegenstandslos. „Am Anfang der Weimarer Republik besaß die Soziologie kein klares Selbstverständnis, und nur wenige verstanden sie als eine empirisch fundierte Einzelwissenschaft.“ Aber diese Beschreibung ihres Zustands zu Beginn der Weimarer Republik gilt bis zu deren Ende: „mit der von den Fachsoziologen befürworteten und betriebenen Institutionalisierung der Soziologie verbindet sich kein klares Selbstverständnis über Fragestellung, Methode und Funktion der Soziologie.“ (Lepsius 1981a, S. 11, 12) Damit korrespondiert andererseits die vage bis ablehnende Fremdwahrnehmung der Soziologie seitens des etablierten Hochschulsystems. So wurde, wie bereits erwähnt, der nur der Soziologie gewidmete Lehrstuhl erst 1925 besetzt, und bis zum Ende der Weimarer Republik kamen nur vier weitere hinzu. Allerdings wurde Soziologie auch von zahlreichen Vertretern anderer Statusgruppen und Fächer gelehrt. In quantitativer und qualitativer Hinsicht fasst Lepsius seine Beobachtungen schließlich zusammen: „In den zwanziger und dreißiger Jahren war die Soziologie noch unzulänglich als Disziplin ausdifferenziert und so mangelt es an institutionellen Kriterien. Die ‚soziologische Perspektive‘ entfaltet sich nach dem Ersten Weltkrieg in einer breiten Streuung über die Disziplinen und wird vielfach von Personen außerhalb des Universitätskontextes getragen.“ (Lepsius 1981b, S. 463) Dennoch kam es in gewisser Weise zu einer Institutionalisierung. Erhard Stölting, der sich intensiv mit der akademischen Soziologie während der Weimarer Republik befasst hat, untersuchte insbesondere die Mechanismen dieses Institutionalisierungsprozesses und der Herausbildung einer Identität der Disziplin, die ja schließlich über Fachzeitschriften, Hochschullehrerstellen und eine Standesorganisation, die DGS, aber über keinen eigenen Studiengang mit einem aka-

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demischen Abschluss verfügte: „Die akademische Soziologie jener Zeit hatte kein Monopol auf ihren Gegenstand, so daß die Vorstellung einer Entwicklungsmechanik zunehmender Spezialisierung entfällt. Sie verfügt auch über keine Einheitlichkeit der Methoden und Gegenstände, und damit über keinen gemeinsamen Begriff von ‚Soziologie‘. Die Annahme, daß sich die Institutionalisierung an irgendeinem ‚Paradigma‘ festmachte, entfällt damit ebenfalls.“ Hiermit hat Stölting wissenschaftsinterne Handicaps benannt, die eine erfolgreiche Institutionalisierung behinderten. Im Anschluss daran erwähnt er externe Faktoren: „Schließlich gab es kaum ökonomische oder politische Aufgaben, die die Soziologie als Disziplin exklusiv übernommen hätte. Die Diskussion der großen gesellschaftspolitischen Themen jener Zeit – Revolution und Reform, Sozialpolitik, Klassenverhältnisse, Machtverhältnisse, Arbeitslosigkeit und ihre sozialen Folgen usw. – verblieb weitgehend in ihrem traditionellen Kontext: der Nationalökonomie und der politischen Presse.“ (Stölting 1986, S. 5 f.) Damit hat er unbewusst das entscheidende Moment ihrer Unterentwicklung angesprochen. Die deutsche Soziologie war nicht außeruniversitär professionalisiert, so dass von dort keine Impulse für ihre akademische Institutionalisierung inhaltlicher Art ausgehen konnten. Diese beschränkte sich sozusagen auf symbolische Repräsentanz, eine Existenz durch Selbstthematisierung. Das sollte sich nach 1933 dramatisch ändern ! Misst man den Entwicklungsstand einer nationalen Soziologie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts an der wegen ihrer empirischen Ausrichtung als modernste geltenden Soziologie der USA, dann erscheinen als entscheidende Faktoren für die Rückständigkeit der deutschen Soziologie deren traditionelle geisteswissenschaftliche Orientierung und die fast völlige Abstinenz an empirischer Sozialforschung. Der Geschäftsführer der DGS, Leopold von Wiese, leitete zwar die Abteilung für Soziologie im Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften der Stadt Köln. Er widmete sich aber vornehmlich der Perfektionierung seiner „Beziehungslehre“, die sich durch große Praxisferne auszeichnete. Empirische Forschungsprojekte, die er gerne als Exkursionen mit Studenten durchführte, waren rein akademische Fingerübungen ohne außeruniversitäre Resonanz (von Alemann 1976). Empirisch orientierte Arbeiten, die einen gewissen Anspruch erhoben, auf politische Diskussionen Einfluss nehmen zu wollen, wurden hingegen von der sozialrechtlichen und der sozialpolitischen Abteilung des Forschungsinstituts für So­zialwissenschaften durchgeführt (Gorges 1986). Nicht nur das Kölner Beispiel, auch eine Gesamtbilanz der praktizierten empirischen Sozialforschung während der Weimarer Republik zeigt, dass es sie zwar gab. Der Beitrag der Soziologe war dabei zum Beispiel aber geringer als der der Mediziner. „Empirical social research as we define it today, existed in abundance in Germany in the period between 1914 and 1933. However […] it was conducted almost exclusively by non-sociologists.“ (Schad 1972, S. 97) So bettelte auch der Leiter des Hamburger soziologischen Se-

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minars Andreas Walther, der sich am Vorbild der amerikanischen Stadtsoziologie orientierte, während der Weimarer Republik vergeblich um finanzielle Unterstützung. Eine Chance, seine mit sehr viel Aufwand erstellte soziologische Infrastruktur zur Durchführung von Slumsanierungen in Hamburg für die direkte Anwendung aufzubereiten, erhielt er gleich nach Hitlers Machtantritt. Er brauchte sie nur im Sinne der nationalsozialistischen sozialhygienischen Vorstellungen – Identifizierung „gemeinschädlicher Gebiete“ – zu verschärfen (Roth 1987). Als ersten Schritt zur „Institutionalisierung der Soziologie in angewandter Form“ in Deutschland, der aber zu nichts geführt habe, bezeichnet ein amerikanischer Fachkollege die Beschäftigung eines gelernten Soziologen außerhalb der Hochschulen (Shils 1975, S. 141). Dabei handelt es sich um den ehemaligen Assistenten von Leopold von Wiese, den habilitierten Soziologen Willy Gierlichs, der als „Sachbearbeiter für polizeiliche Soziologie“ am Polizei-Institut in BerlinCharlottenburg tätig war. Gierlichs entfaltete allerdings nach 1933 zusammen mit von Wiese rege Aktivitäten am Soziologischen Seminar der Universität Köln und brachte es schließlich bis zum Sonderführer im NS-Führungsstab des Oberkommandos der Kriegsmarine. Im Kapitel Kölner Soziologie während des Nationalsozialismus werden die Spezifika dieser außergewöhnlichen Symbiose von Soziologie und Politik verkörpert durch Gierlichs im Detail vorgestellt (Klingemann 1996). Leila Zenderland von der California State University in Fullerton wiederum hat die internationalen Kontakte von Gierlichs anhand reichen Archivmaterials rekonstruiert (Zenderland 2013).

2.2 „Jüdische Soziologie“ in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Bundesrepublik Deutschland 2.2.1 „Jüdische Soziologie“ in der Weimarer Republik Gierlichs ist ein treffendes Beispiel für die Öffnung bis 1933 blockierter Karrieren von Nachwuchssoziologen. Nicht selten wurden diese Blockaden mehr oder weniger offen auf die Überrepräsentation von Juden zurückgeführt. So auch von Max Hildebert Boehm, der sich noch 1937 darüber erregt, dass auf der Tagung der DGS im Jahr 1928 in Zürich das Thema „Die Wanderung“, einer der beiden Hauptgegenstände der Veranstaltung, zwei „jüdischen Forschern“ anvertraut worden war, und „auch der dritte von vier Hauptrednern war Jude.“ (Boehm 1937, S. 922). René König, einer der prominentesten Nachkriegssoziologen, eröffnete seine Ausführungen über den Beitrag des Judentums zur Soziologie mit folgenden Worten: „In den zwanziger Jahren ging in Deutschland eine scherzhafte Anekdote um, die

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das Verhältnis der Soziologie zum Judentum betraf. Sie stammte aus Heidelberg und wurde dem hervorragenden jüdischen Germanisten Friedrich Gundolf zugeschrieben, so daß wir sie als politisch unverdächtig übernehmen und unseren Erörterungen voranstellen können. Diese Anekdote lautet folgendermaßen: nach einem Soziologenkongreß (wahrscheinlich dem von 1924 in Heidelberg) seufzte Gundolf: ‚Jetzt weiß ich wenigstens, was Soziologie ist ! Soziologie ist eine jüdische Sekte‘“. (König 1963, S. 5) Es sei dahingestellt, inwieweit die Tatsache, dass viele frühe deutsche Soziologen jüdischer Herkunft waren, eine solche ironische Zuspitzung oder gar das ernst gemeinte Konstrukt eines jüdischen Entstehungs-Milieus (Dirk Käsler) legitimiert. Belegbar ist am Beispiel des evangelisch getauften, von polnischen Juden abstammenden Georg Simmel, inzwischen ein Klassiker der Soziologie, wie seine von Antisemiten und Freunden gleichermaßen als typisch jüdisch charakterisierte äußere Erscheinung als mit seinem Auftreten als Intellektueller und Soziologe korrespondierend bezeichnet wurde (Wiehn 1989; Rehberg 1989; Köhnke 1989). Dies führte zu einer Jahrzehnte dauernden Verhinderung seiner Berufung auf einen Lehrstuhl. Dass ein ‚jüdisches‘ Erscheinungsbild Karrieren Behindern oder sogar verhindern konnte, wird hinsichtlich seiner Physignomie und seinen Körperbewegungen von Paul F. Lazarsfeld behauptet. Seine erste Ehefrau Marie Jahoda sagt, dass er in der „Social Demokratic Party“ keine Chance hatte, „Paul was so obviously Jewish.“ Elizabeth Schilder, eine Partei-Aktivistin und Freundin der Lazarsfelds hat bestätigt, dass eine „sensitivity in the Party at the Jewish people“ zu beobachten war, und „Paul by his exterior was a typ of Jew, his movements were very Jewish. An intellectual Jew.“ (Morrison 2008, S. 184) Antisemitische Ressentiments gehörten allgemein zum akademischen Alltag der Wilhelminischen und Weimarer Zeit und wurden gelegentlich generalisierend gegen die Soziologie als neues Universitätsfach gerichtet. Der renommierte Romanist Ernst Robert Curtius formulierte die einzelnen Aversionselemente gekonnt kombinierend: „Die Verflechtung des deutschen Judentums mit sozialistischen oder marxistischen oder ‚submarxistischen‘ Gesellschaftslehren ist natürlich selbst ein soziologischer Tatbestand von erheblicher Bedeutung.“ (Curtius 1932, S. 86) Diese Ausführungen aus dem Jahr 1932 richten sich – wie schon frühere Angriffe – vorgeblich nur gegen alle Formen des Soziologismus, zielen in der Tat aber auf die Soziologie als solche, wobei er hauptsächlich den jüdischen Soziologen Karl Mannheim ins Visier nimmt. Die Auseinandersetzung zwischen Curtius und Mannheim ist treffend als „Kontroverse am Abgrund“ bezeichnet worden, da sie von Curtius antisemitisch aufgeladen worden war. „Der Nationalsozialismus nahm Platz auf einem schon weitflächig durchseuchten Boden.“ (Hoeges 1994, S. 91) An der Universität Frankfurt am Main, wo schon das Institut für Sozialforschung als jüdische Hochburg galt, lehrte ab 1930 auch Mannheim

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als Nachfolger des jüdischen Soziologen Franz Oppenheimer, und sein Assistent Norbert Elias war ebenfalls Jude. Nach der Erinnerung des ehemaligen Studenten Karl Korn fiel dort „das Wort von der Soziologie als einer jüdischen Wissenschaft.“ (Wiggershaus 1986, S. 132) Es ist davon auszugehen, dass nicht öffentliche antisemitische Ressentiments immer virulent waren, denn jüdische Kollegen antizipierten dies und wandten sich gegen die Berufung weiterer Juden (Schuster 1987). Es darf dabei nicht vergessen werden, dass große Teile der Studentenschaft, schon bevor der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund die Bühne betrat, bereits ausgesprochen antisemitisch eingestellt waren. Studentenorganisationen nahmen jüdische Kommilitonen nicht auf, und Studentenausschüsse beziehungsweise Studentenkammern beschlossen einen Numerus Clausus für jüdische Studenten. Allerdings gab es bis 1933 keine staatlichen Zugangsbeschränkungen (Grüttner 1995). Trotz dieses antijüdischen Klimas sind bislang keine studentischen Störungen von Lehrveranstaltungen oder gar Angriffe auf jüdische Soziologen bekannt geworden. Allerdings spielten in der Kampagne gegen den Statistiker und engagierten jüdischen Pazifisten Emil Julius Gumbel, Mitglied des Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg, der Direktor des Instituts Alfred Weber und das Mitglied Arnold Bergstraesser eine fragwürdige Rolle (Klingemann 1996). Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass vor 1933 im akademischen Raum durchaus von der Soziologie als jüdischer Wissenschaft die Rede war. Nur fehlt es bislang an Beweisen, dass sie von einem mit einem Amt betrauten Nationalsozialisten – mit einer noch zu schildernden Ausnahme – in diffamierender Absicht öffentlich als solche bezeichnet wurde. Das wäre auch kontraproduktiv gewesen, da nicht nur ständesoziologische Konzepte von Nationalsozialisten an prominenter Stelle propagiert wurden. Als Heft 1 der Nationalsozialistischen Bibliothek gibt Gottfried Feder 1927 Das Programm der NSDAP und seine weltanschaulichen Grundgedanken heraus. Darin wird eine der wohl bekanntesten und erfolgreichsten NS-Parolen – „Gemeinnutz vor Eigennutz“ – aus dem Universalismus des Soziologen Othmar Spann abgeleitet: „Mit unübertreff‌licher Meisterschaft hat Othmar Spann, Wien, der frühere Rektor der Wiener Universität, in seinem Buche ‚Der wahre Staat‘ und in seiner ‚Gesellschaftslehre‘ die soziologischen Grundlagen des heutigen individualistisch gebauten Staates im Gegensatz zu dem Hochziel der universalistischen Ordnung der Gesellschaft wissenschaftlich begründet. Wir Nationalsozialisten haben schlicht und einfach die jedermann verständliche Formel dafür geprägt: Gemeinnutz vor Eigennutz.“ (Feder 1932, S. 28) Ebenfalls in der Nationalsozialistischen Bibliothek erscheint schon in der Weimarer Republik als Heft 16 der „Grundriß einer nationalsozialistischen Volkswirtschaftstheorie“, in dem die Forderung der „Aufrechterhaltung der gesunden

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Mischung von Klein-, Mittel- und Großbetrieben auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens“ (Gottfried Feder) als „Folgerung der ständepolitischen Soziologie des Nationalsozialismus“ bezeichnet wird (Buchner 1933, 5. Aufl., S. 33). 1930, im ersten Jahrgang der „Nationalsozialistischen Monatshefte“, der „Wissenschaftlichen Zeitschrift der NSDAP“, die von Adolf Hitler herausgegeben wurde (Schriftleitung: Alfred Rosenberg), wird unter Berufung auf den französischen Soziologen René Worms die Entwicklung der Soziologie „zur Philosophie der sozialen Einzelwissenschaften“ proklamiert. „Das Hauptverdienst der Soziologie liegt in der organischen Zusammensetzung gegenüber liberalistischer Zersplitterung.“ (Roesch 1930, S. 422) In diesem Zusammenhang ist es auch nicht mehr verwunderlich, dass Hitler im Februar 1932 ausgerechnet zum Professor für „Organische Gesellschaftslehre und Politik“ an der TH Braunschweig ernannt werden sollte, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Erst 1981 wurde der Dienstvertrag unter den „privatesten Papieren“ Hitlers, die für ihn „offensichtlich große nostalgische Bedeutung“ besessen haben sollen, gefunden (Overesch 1981, S. 85 f.). Nach dem regimetreuen Hamburger Soziologen Andreas Walther ist es ausge­rechnet der Führer, der die „beschimpfte Flagge“ der Soziologie hochhält. „Das Wort ‚soziologisch‘ wird überdies weiterhin unbefangen gebraucht, auch in Reden des Führers und seiner nächsten Mitarbeiter.“ (Walther 1939, S. 36) Hitler spricht zum Beispiel vom „soziologischen Begriff des Arbeiters“, den es zum Ehrentitel der Arbeit zu adeln gelte (Domarus 1962, S. 351). Bereits die geradezu begeisterte Berichterstattung des „Völkischen Beobachters“ über das Soziologentreffen in Jena 1934 und der Erfolgsbericht des „Westdeutschen Beobachters. Amtliches Organ der NSDAP und sämtlicher Behörden“ über „Das soziologische Seminar“ an der Universität Köln vom Mai 1935 (Klingemann 1996; van Dyk und Schauer 2015) – und erst recht die noch zu schildernde Modernisierung der deutschen Soziologie durch die Förderung der empirischen Sozialforschung während des Dritten Reichs – lassen das von René König kolportierte Klischee von der „Tiefe des Hasses der Nationalsozialisten gegen die Sozialwissenschaftler und Soziologen“ und die Rede von Theodor W. Adorno von der „Feindschaft des Hitler und seiner intellektuellen Fronvögte gegen die Soziologie als Wissenschaft“ (König 1981, S. 143; Adorno 1959, S. 257) als interessierte Legendenbildungen erscheinen.

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2.2.2 „Jüdische Soziologie“ im Dritten Reich und in der Bundesrepublik Deutschland Erstaunlich ist, dass diese Legende auch ungeprüft als Tatsache Eingang in die spätere Soziologiegeschichtsschreibung gefunden hat. Dirk Käsler stellt ohne einen einzigen Beleg die Behauptung auf: „Es darf eben nicht […] vergessen werden, daß es eines der zentralen ‚Argumente‘ der nationalsozialistischen Propaganda gegen eine bestimmte Auswahl früher deutscher Soziologen und gegen eine bestimmte Art von Soziologie war, daß es sich bei ‚der Soziologie‘ um eine im Grunde genommen ‚jüdische Wissenschaft‘, d. h. ‚undeutsche‘ Wissenschaft handele.“ (Käsler 1984, S. 358 f.) Die Unhaltbarkeit dieser Tatsachenbehauptung wird insbesondere dadurch sichtbar, dass Käsler durch Unterstreichung (hier: kursiv) hervorhebt, es handele sich um eine bestimmte Auswahl und eine bestimmte Art von Soziologie, gegen die die nationalsozialistische Propaganda vorgegangen sei. Zumindest dafür hätte es wohl das eine oder andere nachweisbare Zitat geben müssen. Nun könnte es ja sein, dass die nationalsozialistische Propaganda nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler die Soziologie durch ihre Etikettierung als jüdisch zu diskreditieren trachtete. Aber auch für diesen Zeitraum ist bislang kein Hinweis auf eine derartige Auslassung der NSDAP oder anderer NS-Instanzen und offizieller Repräsentanten des Regimes gefunden worden – hingegen aber von Vertretern des Faches selbst. Es ist dem 81-jährigen Ferdinand Tönnies, der schon während der Weimarer Republik als einer der ganz wenigen deutschen Soziologen öffentlich gegen die Nationalsozialisten aufgetreten war (Rode und Klug 1981), zu verdanken, dass die DGS nicht mit der Belastung leben muss, aus Opportunismus die jüdischen Mitglieder ihres Rates, ihrem höchsten Gremium, ohne Not ausgeschlossen zu haben. Dies hatten zwölf Teilnehmer einer außerordentlichen Ratssitzung im August 1933 beschlossen. Dieser Beschluss ist einer von mehreren, die gefasst worden waren, um die vom 1. Schriftführer der DGS, Leopold von Wiese, geplante Strategie der Selbstgleichschaltung zur Verhinderung einer Gegengründung umsetzen zu können. Der Wortlaut des Beschlusses klingt unverfänglich, bedeutete aber den Erlass eines DGS-eigenen Arier-Paragraphen, da entschieden wurde, „zunächst nur die bisherigen Ratsmitglieder, soweit sie nicht wegen Beurlaubung oder Übersiedlung ins Ausland ausscheiden, wiederzuwählen.“ (Klingemann 1996, S. 18) Auf dieser Sitzung wurde auch ein neues Organ, ein „Geschäftsführender Ausschuß“, gegründet mit dem neuen Präsidenten Werner Sombart als Nachfolger von Ferdinand Tönnies, Hans Freyer als „Beisitzer“ und von Wiese als 1. Schriftführer. Nachdem Tönnies, der an der Sitzung teilgenommen hatte, erklärte, er sei dort überrumpelt worden und er erkenne den genannten Beschluss und die Wahl des Ausschusses nicht an, traf dieser sich im September 1933 in Sombarts Berliner Wohnung und hob die Beschlüsse auf. Damit war zwar der Beschluss, die

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durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April 1933 aus den Hochschulen vertriebenen jüdischen und die emigrierten oder entlassenen Kollegen auf kaltem Wege auch noch aus der DGS auszuschließen, vom Tisch. Aber die spezielle ‚Judenfrage‘ der DGS war noch nicht gelöst. Der Kieler Soziologe und Ratsmitglied, Ludwig Heyde, unterbreitete Sombart in einem in dessen im Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem überlieferten Nachlass ein Schreiben vom 27. Dezember 1933 auch einen Vorschlag, um zu einer „Verständigung“ mit den Gegnern der auszuschaltenden alten Leitung der DGS zu kommen. Auf seiner Vorschlagsliste lautet der Punkt „7., alle in Deutschland verbliebenen Mitglieder der bisherigen Ges. f. S. werden grundsätzlich übernommen, soweit die Neugründungs-Versammlung nicht aufgrund begründeter Einsprüche gegenteilig entscheidet; Nichtariertum allein bildet nicht ausreichenden Einspruchsgrund, doch ist einer erneuten Verjudung grotesken Ausmaßes unbedingt auszuweichen und für die Zukunft vorzubeugen.“ Diese groteske Furcht vor einer Verjudung nach fast einem Jahr NS-Herrschaft kann nicht als realitätsferne Obsession eines einzelnen Fachvertreters abgetan werden. Bis zum Ende des NS-Regimes ließ das Thema „jüdische Soziologie“ prominente Reichssoziologen nicht ruhen. Dabei kam es aber auch zu einer Verschiebung in Richtung der speziellen Thematik „Juden und die westliche Soziologie“. Gut zwei Monate nach Hitlers Regierungsantritt reagiert der Direktor des Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg, Carl Brinkmann, auf eine Anfrage des kurzzeitig im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda tätigen Philosophen und Soziologen Erich Rothacker, der auf der Suche nach geeigneten Mitarbeitern ist. Brinkmann möchte gerne die „Doppelfront gegen liberalistisches Laissez-faire einerseits und marxistische Entwürdigung von Volk und Staat andererseits“ verstärken. „Leider: Ihre Frage ist sehr schwer zu beantworten, weil in unserem Fach unter sehr starkem jüdischen Einfluss auch der Fachpresse und der Unterrichtsverwaltungen die begabtesten Kräfte meist zum Liberalismus oder Marxismus gegangen sind.“ So Brinkmann in einem im Nachlass Rothackers in der Universitätsbibliothek Bonn überlieferten Schreiben vom 6. April 1933. Entsprechende öffentliche Auslassungen sind von Brinkmann nicht bekannt. Das gilt auch für den international bekannten Ethnologen und Soziologen Richard Thurnwald, der aber 1936 die Errichtung eines Instituts für Völkerforschung an der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität mit zeitgemäßer Begründung beantragte. Als Politikberater war er schon Mitglied des Ausschusses für Kolonialrecht an der Akademie für Deutsches Recht, der Reichskolonialabteilung und des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition zur Planung des Arbeitseinsatzes ausländischer Arbeiter. Er empfahl sich selbst nun als Direktor des allerdings nicht etablierten kolonialpolitisch ausgerichteten Instituts, indem er (u. a.) auf seine nationalsozialistische Gesinnung

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und seinen Kampf vor 1933 gegen die „völlig marxistisch talmudistisch verseuchte Soziologie, wie sie von einer Gruppe besonders Frankfurter Juden“ vertreten wurde, verwies (Timm 1977). In dem Bestreben, die eigene Soziologie zu propagieren und protegieren zu lassen, ist der eigentliche Grund zu sehen, auch nach 1933 immer wieder das Gespenst einer jüdischen Soziologie aufleben zu lassen. 1939 sind gleich vier Wortmeldungen zu vermerken, von denen nur die von Heinz Maus, der bei Max Horkheimer am Institut für Sozialforschung studiert hatte, den Versuch einer Entmystifizierung der Formel darstellt. So wie er bemüht ist, deutlich zu machen, dass Ferdinand Tönnies, Ernst Troeltsch und Max Weber nur als Materialisten im Sinne einer wirklichkeitswissenschaftlichen Analyse der Gesellschaft zu bezeichnen seien, so wären andere Denksysteme nicht über die Religionszugehörigkeit einzelner Vertreter zu definieren: „Der Materialismus kann auch nicht darum als jüdisch plakatiert werden, weil zu seinen Theoretikern neben Engels Marx gehörte. Wenn es auch jüdische Soziologieprofessoren gab wie Marxisten, die Juden waren, so ist deshalb noch nicht die Soziologie eine jüdische zu schimpfen, der flugs die reine Lehre introjiziert werden müsse.“ (Maus 1939/40, S. 170) Wiewohl Maus in diesem Aufsatz auch für die Kritische Theorie wirbt, plädiert er gleichzeitig für den Einsatz von „materialistischen Methoden in der Sozialforschung“, wie sie von Andreas Walther in Anlehnung an die amerikanische Stadtsoziologie praktiziert werden. Maus wendet sich 1940 an Walther mit der Idee, bei ihm mit „einer Art Handbuch soziologischer Arbeitsmethoden“ zu habilitieren. Dazu kommt es nicht, aber die Idee setzt er später als Inspirator und auch Mitarbeiter des dann von René König herausgegebenen Handbuchs der empirischen Sozialforschung um (Klingemann 2009, S. 274). Andreas Walther selbst wendet sich 1939 in seiner Programmschrift Die neuen Aufgaben der Sozialwissenschaften gegen das „Paradepferd der deutschen Soziologie des letzten Jahrzehnts vor dem Umbruch“, das „‚gescheite‘ Theoretisieren“, was nun aber in der „nationalsozialistischen Revolution versunken“ sei. Dabei räumt er ein, die Soziologie habe „verhältnismäßig viel mehr Arbeiter verloren als jede andere Wissenschaft.“ Der Grund dafür ist: „Das intellektualistische Theoretisieren hatte besonders viele Juden auf das soziologische Feld gezogen.“ (Walther 1939, S. 35) Wenn jedoch nur Theorie gebraucht werde, reiche wohl der „sehr kleine Restbestand“ an soziologischen Arbeitern, „denn die kann auch von einem einzelnen ausgebaut werden.“ Nicht aber die von ihm praktizierte empirische Soziologie. „Soziographische Erhebungen dagegen, die sehr gebraucht worden wären, bedürfen einer Kooperation vieler Arbeiter, deren jeder immer nur ein Teilstück beizusteuern vermag.“ (Walther 1939, S. 36) Gleich zu Beginn der NS-Herrschaft hatte Walther – wie bereits erwähnt – mit großen Finanzmitteln ausgestattet und durchgeführt von zwölf Mitarbeitern eine

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„Sozialkarthographie“ der „gemeinschädlichen Regionen“ Hamburgs zur Vorbereitung von Flächensanierungen erstellt. Das eigentliche Ziel war es, „gemeinschädliche“ Familien und einzelne Individuen ausfindig zu machen, um zu verhindern, dass sie nach der Vertreibung aus ihren Wohnungen andere Viertel zu ‚sozialen Krankheitsherden‘ machen, sie mussten vorher ‚ausgemerzt‘ werden. Ansatzweise wurden Walthers Planungsvorgaben umgesetzt, aber mit dem GroßHamburg-Gesetz von 1937 wurde die Abriss-Politik durch andere städtebauliche Prioritäten ersetzt. Andreas Pfenning, Assistent am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg und Mitarbeiter im SS-Oberabschnitt Südwest, sieht in seinem auch 1939 erscheinenden Pamphlet Vom Nachteil und Nutzen der Soziologie für die Politik eine „nicht geringe Berechtigung darin, die Soziologie als die ‚Wissenschaft der Juden‘ zu bezeichnen.“ (Pfenning 1939, S. 124) An den Hochschulen sei die Soziologie „Domäne des Judentums“ gewesen, „wie das Beispiel des ehrwürdigen Max Weberschen Instituts in Heidelberg etwa zeigte.“ (Pfenning 1939, S. 124 f.) Gegen diese destruktive Soziologie, die auch „die äußerst wichtige Waffe der Marxisten“ war, setzt Pfenning sein Konzept einer „Ganzheitssoziologie“ auf rassisch-völkischer Grundlage. Sie soll eine „biologische Soziologie“ sein, um die „rassenhygienische Gesellschaft“, ein Begriff den Pfenning vom Soziologen Wilhelm Emil Mühlmann entlehnt haben will, zu errichten. Als „Sicherheitssoziologie oder Polizeisoziologie“ wird sie „für eine moderne Gesamtordnung zur unabwendbaren Notwendigkeit.“ Als Korrelat dazu fordert Pfenning schließlich eine „Wehrsoziologie“. Und so kommt er zu dem Schluss: Die Soziologie „hat für die Politik eine eminent praktische Bedeutung, und es wäre sehr zu überlegen, ob es nicht zweckmäßig sein würde, von Staats wegen eine Art soziologischer Observatorien einzurichten, wie das in andern Zusammenhängen früher schon einmal von einem Soziologen vorgeschlagen worden ist.“ (Pfenning 1939, S. 124 – ​128). Der Kieler Soziologe Rudolf Heberle, Schwiegersohn von Ferdinand Tönnies, der schließlich wegen politischer Unerwünschtheit und eines nicht arischen Großelternteils emigrieren musste, hatte 1934 in seinem Aufsatz Aufgaben und Anwendung der Soziologie in der Landschaftsforschung geltend gemacht, dass gerade eine „autoritäre Regierung, die auf das Vertrauen und die Zustimmung des Volkes aufbaut“, ein Interesse an der „Analyse der an der politischen Willensbildung beteiligten Gruppen“ haben müsse und schlug unter Verweis auf Wilhelm Heinrich Riehl die Einrichtung von „soziographischen (wie wir heute sagen würden) Beobachtungsstationen in allen deutschen Landschaften“ vor (Heberle 1934, Sp. 1420, 1421 f.). Andreas Pfenning selbst ist nicht mehr zur Umsetzung seiner Vorstellungen gekommen, da er nur für gut ein Jahr die Assistentenstelle innehatte. Er wurde 1941 eingezogen und blieb verschollen (Klingemann 1996; Schultes 2010). Karl Heinz Pfeffer hingegen konnte ebenfalls 1939 schon auf Erfolge der neuen Soziolo-

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gie hinweisen. Die alte Soziologie hingegen war als „Kampfmittel der westeuropä­ ischen Überfremdung gegen das deutsche Volk gebraucht“ worden, in ihr hatten „die Juden eine willkommene Waffe“ gefunden. Die „westliche Soziologie“ als solche wurde „wesentlich von Juden getragen“, besonders „die Juden in der Soziologie vertraten die Meinung, daß eigentlich nur die Intelligenz, d. h. die Soziologen, d. h. die jüdischen Soziologen über den Fortgang der Geschichte zu ihrem Endziel zu entscheiden hätten.“ Der alten (nichtjüdischen) Soziologie konzedierte er immerhin eine gewisse Fruchtbarkeit, „wo sie ihre Erfahrungen bei der nüchternen Aufnahme sozialer Tatbestände, bei der ‚Soziographie‘, zur Verfügung stellt.“ Inzwischen habe sich aber auch eine eigentliche soziologische Volksforschung entwickelt, die sich um eine umfassende Untersuchung völkischer Gemeinschaften bemühe. „Diese Volksforschung, die echte Soziologie, hat sich zunächst in der Erforschung auslandsdeutscher Volksgruppen erprobt, dann aber auch die Völker, in denen deutsche Volksgruppen leben, untersucht, um schließlich als Auslandskunde das Auge des kämpfenden Volkes auf seine Umgebung darzustellen.“ (Pfeffer 1939, S. 419 – ​427) Kurz nachdem dieser Aufsatz erschienen war, wurde Pfeffer Professor für Volks- und Landeskunde Großbritanniens an der neu gegründeten Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität und später deren Dekan sowie amtierender Präsident des Auslandswissenschaftlichen Instituts. In enger Kooperation mit dem Sicherheitsdienst der SS wurde dort dann eine soziologisch orientierte Auslandskunde betrieben (Botsch 2006). Für Gunther Ipsen sind 1941 die jüdischen Soziologen auf internationaler Ebene eine Gefahr. In einem Bericht an das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung betont er, für wie wichtig er „den wissenschaftspolitischen Einsatz der deutschen Soziologie“ trotz der Verschiebung des 14. Internationalen Soziologenkongresses, der für 1939 geplant war, hält. „Wenn nichts anderes, so bewiese die starke Verjudung der internationalen Soziologie ihre hervorragende Bedeutung als politische Schlüsselstellung in der Wissenschaftsarbeit […].“ So Ipsen in einem im Bestand des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung im Bundesarchiv Berlin überlieferten Schreiben vom 23. 12. ​1941. Erstaunlicherweise ließ Ipsen zumindest in einem Fall die ‚jüdische‘ Wissenschaftsbezeichnung Soziologie zu: „Der Antrag auf diese Venia [für Soziologie] wurde von mir in Übereinstimmung mit meinem Habilitationsvater Arnold Gehlen gestellt, wobei Gunther Ipsen, Korreferent meiner Habilitationsarbeit, mir sehr offen sagte, daß er, wenn ich auf diese ‚jüdische‘ Wissenschaftsbezeichnung Wert lege, er sich in diesem Fall nicht querlegen wolle, aber daß er mir eine Venia für ‚Volkslehre‘, die er selbst vertrat, entschieden verweigern würde.“ (Schelsky 1980, S. 427). Diese Aussage macht allerdings nur dann Sinn, wenn Ipsen befürchten musste, dass Schelsky vorhatte, ‚jüdische‘ Wissenschaft betreiben zu wollen, für die er das Etikett der ‚arischen‘ Volkslehre nicht ge-

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statten wollte. Wie ernst Ipsen den Kampf gegen die jüdisch-westliche Soziologie nimmt, wird im Zusammenhang mit Helmut Schelskys retrospektiver Darstellung der Funktion der angeblichen Haltung des NS-Regimes gegenüber der „jüdischen Soziologie“ nochmals aufgegriffen. Alfred Baeumler, Pädagogik-Professor, Philosoph und Leiter des Hauptamtes Wissenschaft in der Behörde von Alfred Rosenberg als Beauftragter des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP (genannt: Amt Rosenberg) sieht ein Jahr später die Angelegenheit zumindest auf nationaler Ebene entspannter. Er meint zwar auch, in der republikanischen Ära sei die „Soziologie als Judenwissenschaft aufgezogen“ und „politisch zur Bekämpfung des Rassegedankens eingesetzt“ worden. Es bestehe aber keine Gefahr mehr, dass eine „reine Umweltwissenschaft die Köpfe verwirrt.“ (zit. nach Tilitzki 2002, S. 640) Baeumler ist zwar als Leiter des Hauptamtes Wissenschaft auch als Wissenschaftspolitiker zu sehen, der das Klischee von der Soziologie als Judenwissenschaft aufgreift, aber gerade nicht gegen einen bestimmten Soziologen oder die universitäre Soziologie einsetzt ! Eine besondere Variante der Instrumentalisierung der Rede von der jüdischen Soziologie bietet Andreas Predöhl, Wirtschaftswissenschaftler und Direktor des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. In seinem Plädoyer für eine anwendungsorientierte Wirtschaftswissenschaft wehrt er sich gegen die „bei Methodologen beliebte politische Beurteilung eines Forschers nach der Art, wie er seine Denkinstrumente formuliert“, dies sei eine „Methode, die bedenklich an die jüdische Wissenssoziologie Mannheimscher Prägung erinnert.“ (Predöhl 1943, S. 81) Hier wird also die sonst gegen jüdische Soziologen gerichtete Strategie der Ausschließung als Instrument der Abwehr gegenüber arischen Methodologen genutzt. Das Kapitel Zur Rezeption von Karl Mannheim im Kontext der Debatte um Soziologie und Nationalsozialismus geht ausführlich auf die Etikettierung der Soziologie Mannheims als „jüdisch“ ein. Selbst noch angesichts des baldigen Endes des Nationalsozialismus hat die Strategie der Stigmatisierung der ‚jüdischen‘ Soziologie aus eigennützigen Motiven nicht. ausgedient. Der bereits emeritierte Soziologe Max Rumpf, der auch den Anspruch erhob, eine eigene Volkssoziologie begründet zu haben, beklagt in dem von führenden Wissenschaftspolitikern wie Paul Ritterbusch, ständiger Vertreter des Amtschefs Wissenschaft im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, und Walter Gross, Nachfolger Baeumlers als Leiter des Hauptamtes Wissenschaft im Amt Rosenberg, herausgegebenen Deutschen Wissenschafts-Dienst, die Soziologie habe sich „bei uns, gewiß nicht immer, aber allzu oft, allzu leicht verführbar, mit unverantwortlichem Individualismus ‚liberalistischer‘ oder mit Sozialismus jüdisch-marxistischer Prägung leichtfertig eingelassen.“ Und Rumpf, der selbst vom Amt Rosenberg, das die Kontrolle über alle Volkskundler anstrebte, wegen seiner nicht willkommenen volkskundlichen Position heftig kritisiert wor-

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den war, begrüßt, dass die „vergleichende Allerweltssoziologie“ in „ihrer Sünden Blüte“ den „Totenschein“ zu recht ausgestellt bekommen habe und preist die Existenz „einer frisch wieder hergestellten deutschen Volkssoziologie“ (Rumpf 1944, S. 3) – also seine eigene. Der Jenaer Soziologe Max Hildebert Boehm (Klingemann 2009), der seinen Antisemitismus auch schon in Publikationen vor 1933 öffentlich pflegte, kam schließlich in einer illustren Runde auf das Thema jüdische Soziologie zu sprechen, um es taktisch für eine Kritik an bestimmten Erscheinungsformen der Soziologie im Nationalsozialismus instrumentalisieren zu können. Im Kapitel Die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm und die nationalsozialistische Germanisierungspolitik wird seine nonkonformistische Position herausgearbeitet. Anfang Dezember 1944 lud Otto Ohlendorf, offiziell als Ständiger Vertreter des Staatssekretärs im Reichswirtschaftsministerium zu einem Soziologentreffen in jene Villa am Großen Wannsee ein, in der die berüchtigte Wannsee-Konferenz stattgefunden hatte. Die Villa, das Gästehaus des Sicherheitsdienstes der SS (SD), stand Ohlendorf als Chef des SD-Inland zur Verfügung, und viele der Geladenen hatten enge Beziehungen zum SD oder waren dessen Mitarbeiter. Ohlendorf, der in den dreißiger Jahren Assistent am Institut für Weltwirtschaft in Kiel gewesen war (Sowade 1989), betrieb mit der sogenannten Lebensgebietberichterstattung im Sicherheitsdienst eine Art Meinungsforschungsinstitut. Er bezeichnete sich im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess als Soziologe. Eingeladen wurden Soziologen und weitere Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler zur „Arbeitsbesprechung des Reichswirtschaftsministeriums über soziologische Fragen und Aufgaben“. Das Hauptreferat hielt Boehm über Lage und Aufgaben der Soziologie. Boehm verwies auf den „starken Widerstand“, der sich „in der konservativen Welt der Universitätswissenschaften“ vor dem Ersten Weltkrieg gegen die „Einbürgerung“ der Soziologie erhoben habe, da man in ihr „mit mehr oder minder Recht ein formalistisch verdünntes, sehr stark von jüdischen Elementen getragenes spielerisches Geisteselement“ gesehen habe. Boehm teilt die Auffassung: „Das sind zweifellos Fehlentwicklungen, die wir nicht leugnen können […].“ Aber: „Jedenfalls hat es die Soziologie nicht leicht gehabt.“ In der Weimarer Republik sei dann „eine zwar nicht so erhebliche aber immerhin nach außen sichtbare und unbeschreibbare Scheinkonjunktur entstanden.“ Auf die „skandalösen Zustände des Frankfurter Instituts [für Sozialforschung]“ wolle er nicht besonders eingehen, nur: „So ist die Soziologie in den Ruf gekommen, […] eine jüdische Wissenschaft zu sein. Anständige nationale Kreise lehnten sie ab. Die Weimarer Republik hat sie begünstigt.“ Und damit leitet er über, um auf ihn störende Elemente der Entwicklung der Soziologie im Nationalsozialismus anspielen zu können. „Also kann der Schluß gezogen werden, daß die Soziologie ein etwas faules Unternehmen ist und nicht in das nationalsozialistische Reich hineingehört. Das ist etwas primitiv ausgedrückt.

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Ich möchte aber dennoch sagen, daß diese Gefühlskomplexe eine ziemliche Bedeutung gehabt haben.“ Boehm kritisiert zum Beispiel, es seien durch die Auslandswissenschaftliche Fakultät Nachwuchskräfte abgezogen worden. Da aber mit Karl Heinz Pfeffer deren Dekan anwesend ist, zeigt sich Boehm konziliant. „Es ist natürlich zu begrüßen, daß in der Beziehung ein etwas breiterer Auslauf für den Nachwuchs der Soziologie entstanden ist.“ Weiterhin fehle es „an einem brauchbaren und überlegten Einbau von Soziologie und Volkslehre in die Prüfungsordnung.“ (Boehm 1944) Damit spielt er auf seine eigene Situation an der Universität Jena an. Dort war er isoliert worden wegen seiner Kritik an Alfred Rosenberg („pseudoreligiöse Blutmystik“, Boehm 1932, S. 23), und weil seine abgehobene Volkslehre im Gegensatz zu den vielen erfolgreich empirische Sozialforschung betreibenden Kollegen bei politischen Akteuren auf Ablehnung stieß. Boehm nutzte also den Rekus auf die jüdische Soziologie, die im Dezember 1944 nun wirklich nicht mehr gefährlich sein konnte, in Kombination mit der zutreffenden Schilderung der Aversion der etablierten Universitätsfächer, um seine missliche Lage in Jena zu verschleiern und seinen anwesenden Widersachern wie Karl Heinz Pfeffer und Hans Joachim Beyer die Leviten zu lesen. In allen geschilderten Fällen, in denen die Rede von der jüdischen Soziologie war, handelt es sich fast ausschließlich um Fachkollegen oder Vertretern benachbarter Fächer, die aus Eigeninteresse mit diesem Topos operieren. Die einzige Ausnahme bildet Alfred Baeumler, der aber gerade die Angelegenheit für obsolet erklärt. Auf dem Feld der Sprachregelungen bleiben noch die Bemühungen des von Hans Freyer mit der Arbeit Student und Revolution im Hauptfach Soziologie 1934 promovierten Gerhard Krüger zu erwähnen. Der ehemalige Führer der Deutschen Studentenschaft und Bundeshochschulinspekteur des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes war ab 1936 (bis 1942) Reichsamtsleiter in der dem Stellvertreter des Führers unterstellten Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums. Krüger unterstand deren „wissenschaftliche Abteilung“, mit der als Cheflektor die Redaktionsarbeiten an der ab 1936 erscheinenden achten Auflage von Meyers Lexikon kontrollierte, wie er mir in einem Schreiben vom 1. Juni 1984 mitteilte. Auf seine durchaus einflussreiche wie auch wechselvolle Karriere als NS-Multifunktionär verweisen die beiden PersonenArtikel in den Lexika von Christian Zentner und Friedemann Bedürftig (1985, S. 335 f.) sowie von Michael Grüttner (2004, S. 100 f.). Nach Auskunft von Krüger gab es keine offiziell festgelegte Sprachregelung, wie mit Soziologiethemen umzugehen sei, man war vielmehr bestrebt, sich gegenüber konkurrierenden Kontrollinstanzen wie etwa dem Amt Rosenberg zu behaupten. Bezeichnend ist dabei, dass Alfred Baeumler sogar versuchte, mit einem negativen Gutachten Krügers Berufung an die Universität Posen zu verhindern. Die Willkür nationalsozialistischer Wissenschaftspolitik konnte dazu führen, dass vom Amt Rosenberg kriti-

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sierte Sozialwissenschaftler von Krüger geschont wurden – und umgekehrt. Max Hildebert Boehm wurde vom Amt Rosenberg in der Person von Alfred Baeumler attackiert und von der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums in der Person von Gerhard Krüger protegiert, wie der Artikel über Boehm in Meyers Lexikon belegt (1936, Sp. 1519). Es lag im Ermessen von Krüger, wie das Thema „jüdische Soziologie“ in Meyers Lexikon abgehandelt wurde. Der Artikel Rechtssoziologie klärt darüber auf, dass diese früher „Tummelplatz vielfach jüdisch-marxistischer […] und liberalistischer Soziologen“ war und zählt zu letzteren Max Weber (Meyers Lexikon 1942, Sp. 139). Nachdem auch der Artikel Religionssoziologie feststellt, dass diese vielfach das Feld ausschließlich „in ‚Milieu‘ denkender, bes. marxistischer und liberalistischer Wissenschaftler“ gewesen sei, fährt er fort: „Nach Anfängen bei Herder und Schleiermacher hat dann Max Weber die Bez. R. fest eingeführt und ihre Aufgaben systematisch und geschichtlich umfassend dargestellt; neben Sombart und Troeltsch ist er so ihr eigentl. Begründer.“ (Meyers Lexikon 1942, Sp. 304) Zusammenfassend lässt sich sagen, dass neben einer Würdigung der Leistungen Webers als einziger Kritikpunkt seine „liberalistische“ Ausrichtung auftaucht. Einen Personen-Artikel zu Max Weber gibt es nicht, da das Erscheinen von Meyers Lexikon mit dem neunten Band und dem Lemma Soxhlet 1942 eingestellt wurde. Zum Thema jüdische Soziologie sind aber andere PersonenArtikel aussagekräftig. Die Analyse des „jüdischen Mischlings“ Max Scheler ist „mit Sprunghaftigkeit des Denkens, mangelnder wiss. Grundlegung und bedenklichstem weltanschaul. Schwanken verquickt.“ (Meyers Lexikon 1942, Sp. 1016) Und Emile Durkheim – „jüd. Abstammung“ – als „Vertreter einer restlos mechanistischen und damit typisch jüdischen Gesellschaftstheorie“ gebrandmarkt, ist damit „Vertreter eines – nur marxistischem Denken gemäßen – Soziologismus.“ (Meyers Lexikon 1937, Sp. 354) Damit repräsentiert Durkheim Krügers wissenschaftlichen Hauptfeind, wie er es in seinem in der Reihe Schriften der Bewegung im Zentralverlag der NSDAP erscheinenden Pamphlet Wo steht die Wissenschaft ? aus dem Jahr 1937 in der ihm eigenen Art formuliert: „In keiner Wissenschaft ist wohl durch den nationalsozialistischen Umbruch die Krisis und bisherige Fehlentwicklung so deutlich sichtbar geworden wie gerade in der Soziologie. Es gibt keinen Vertreter dieser Wissenschaft, der nicht irgendwie von der völlig falschen Denkweise, die hier unter Einfluß des Marxismus Eingang gefunden hat, angekränkelt wäre.“ (Krüger 1937, S. 13) Bei den über fünfzig Artikeln über deutsche und ausländische Soziologen wird – wie gezeigt – vermerkt, wenn es sich um einen Juden oder jüdischen Mischling handelt. Da der letzte Band des Lexikons mit den Artikeln „Soziologie“ und „Volkswissenschaft“, auf die mehrfach in anderen Artikeln verwiesen wird, kriegsbedingt nicht mehr erschienen ist, kann nicht sicher gesagt werden, welchen Stellenwert dem ‚jüdischen Denken‘ bei einer Ge-

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samtbeurteilung der Soziologie zugewiesen worden wäre. Im Neuen Brockhaus, dessen Redaktion auch parteiamtlicher Kontrolle unterlag, wird unter dem Lemma Soziologie nur auf das Lemma Gesellschaftslehre, Gesellschaftswissenschaft, Soziologie verwiesen (Brockhaus 1942, S. 252; 1941, S. 216) Dort gibt es keine Anspielungen auf eine ‚jüdische Soziologie‘ (Klingemann 2009, S. 360 – ​386). Wie aus der vorangegangenen Darstellung des Umgangs mit der Formel ‚jüdische Soziologie‘ ersichtlich geworden sein dürfte, lässt sich auch hier nicht im mindesten eine Strategie der nationalsozialistischen Propaganda erkennen, wonach, wie Käsler meint, „es sich bei ‚der Soziologie‘ um eine im Grunde genommen ‚jüdische Wissenschaft‘, d. h. ‚undeutsche‘ Wissenschaft handele.“ (1984, S. 358 f) Diese unbelegte Behauptung leistet nur einer in der Soziologen-Zunft allerdings geschätzten Legendenbildung interessierte Dienste, die eine realistische Einschätzung der Generierung und Nutzung sozialwissenschaftlichen Expertenwissens auch unter nicht demokratischen Verhältnissen verbietet. Es gibt meines Wissens nur einen Fall, in dem der Vorwurf, jüdische Soziologie zu betreiben, von nationalsozialistischen Wissenschaftspolitikern eingesetzt wurde, um eine Karriere – unterer Ausschluss der Öffentlichkeit – zu beenden. Betroffen war allerdings ein Wissenschaftler, der selbst auch hochrangiger Wissenschaftspolitiker war. Es handelt sich dabei um den schon erwähnten Prof. Heinrich Harmjanz, der sich mit der volkskundlich-soziologischen Arbeit Mensch, Volk und Ding 1936 in Königsberg habilitiert hatte, und zusammen mit dem befreundeten Soziologen Gunther Ipsen die Zeitschrift für Volkskunde herausgab. Harmjanz war als beurlaubter Lehrstuhlinhaber in Königsberg (später Frankfurt am Main) Leiter des Ministeramtes im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) sowie persönlicher Referent des Ministers und steuerte die Personalpolitik im Bereich der Geisteswissenschaften. Gekrönt wurde die steile Karriere des SS-Obersturmbannführers durch seinen Posten als Abteilungsleiter (Volkskunde und Volksforschung) im Ahnenerbe, der Lehr- und Forschungsgemeinschaft der SS, die im Laufe des Krieges ganz im Gegensatz zu ihrem Namen auch ein Ort moderner – zum Beispiel auf brutalen und tödlichen Menschenversuchen mit KZ-Häftlingen basierender – Naturwissenschaft wurde. Über Jahre bekämpften sich Harmjanz und die Mitarbeiter von Rosenbergs Arbeitsgemeinschaft für deutsche Volkskunde dermaßen unerbittlich, so dass sich sogar Rosenberg selbst und der Reichsführer SS Heinrich Himmler, der Harmjanz schützte, einschalteten. Obwohl es so schien, als ob Rosenbergs Volkskundler sich geschlagen geben müssten, konnten sie Harmjanz schließlich doch noch stürzen. Nachdem der Vorwurf willkürlicher, nationalsozialistische Grundsätze missachtender Personalpolitik in mindestens 50 Fällen nicht beweiskräftig belegt werden konnte, wurde Harmjanz in einem SS-Ehrengerichtsverfahren durch das Amt Rosenberg wegen nachgewiesener Plagiate in seiner Habilitationsschrift zu

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Fall gebracht (Heiber 1966, S. 647 – ​653). Verursacht wurde dies durch das große Interesse von Wilhelm Longert, dem Leiter der Hauptstelle Soziologie im Amt Rosenberg, einem ehemaligen Anhänger des Wiener Soziologen Othmar Spann, an den französischen Soziologen Emile Durkheim, Henri Lévy-Bruhl und dem österreichischen Soziologen Wilhelm Jerusalem, alle drei jüdischer Herkunft. Als „ehrenamtlicher Mitarbeiter“ des SD hatte Longert enge Beziehungen zum Leiter der Abteilung III C („Kulturelle Fragen“) des SD-Leitabschnitts Berlin, Dr. phil. nat. habil. Helmut J. Fischer. Dieser schrieb mir am 28. August 1982: „Voller Aufregung kam eines Tages Longert zu mir und berichtete mir, er habe die Habilitationsschrift ‚Mensch, Volk und Ding‘ von Harmjanz durchstudiert und darin eine Reihe von Stellen entdeckt, die offensichtlich bei dem französischen Soziologen Lévy-Bruhl abgeschrieben waren. Hier hatte also ein Exponent der SS ausgerechnet bei einem Juden ein Plagiat begangen.“ (Fischer 1984, S. 169 – ​173) Das Ahnenerbe und der SD waren zwar Institutionen der SS, auf wissenschaftspolitischem Gebiet konkurrierten sie jedoch. Der SD sah nun seine Chance gekommen, zusammen mit dem Amt Rosenberg das Ahnenerbe in die Schranken zu verweisen. Nach der Kontaktaufnahme zwischen SD-Leitabschnitt Berlin und Hauptamt Wissenschaft schrieb Rosenberg einen Brief an den Leiter der Partei-Kanzlei Martin Bormann. Darin hieß es, Harmjanz stehe „mit seinen Veröffentlichungen ‚auf dem Boden der jüdischen Soziologie‘, zweitens stütze er sich in seinem Hauptwerk fast ausschließlich auf jüdische Autoren, drittens habe er in eben diesem Werk ganze Partien plagiatorisch, vom Juden Jerusalem‘ abgeschrieben, ohne die Quelle zu nennen.“ (Heiber 1966, S. 651) Wenngleich hier das Amt Rosenberg die Losung „jüdische Soziologie“ erfolgreich gegen einen Parteigenossen und SSFührer einsetzen konnte, ist mir kein Fall bekannt, in dem es oder andere Wissenschaftspolitik betreibende NS-Institutionen mit der Kampfformel gegen ‚die‘ Soziologie vorgegangen sind. Dennoch eignet sie sich vorzüglich, um die Wissenschaftsgeschichtsschreibung in die erwünschte Richtung zu lenken. So macht es 1980 auch Helmut Schelsky, der einem anonymen Kollektivsubjekt eine bestimmte Haltung gegenüber ‚der‘ Soziologie zuschreibt. „Die ‚Soziologie‘ als Fach und Bezeichnung war dem machtergreifenden System derart belanglos und von ihm als vermeintlich ‚jüdische‘ Wissenschaft abgeschrieben, daß sich eine ‚Gleichschaltung‘ gar nicht lohnte, sondern daß man das Fach und seine Kennzeichnung als solche verschwinden lassen wollte.“ (Schelsky 1980, S. 426) Dafür ließ sich bislang kein Beweis finden. Das Gegenteil ist anzunehmen, wie das Beispiel Gunther Ipsen bereits zeigte. Wie ernst Ipsen, der durch den mit ihm befreundeten Harmjanz einen direkten Zugang zum Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung auf oberster Ebene hatte, die Bedeutung der „westlichen Soziologie“ nahm und geradezu als Bedrohung herausstellte, wird bei den Vorbereitungen des für 1939 in Bukarest geplanten 14. Internationalen Soziologenkongresses

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deutlich. Er intervenierte direkt bei dem Veranstalter des Kongresses Prof. Gusti. Darüber berichtet er in dem im Bestand des Reichswissenschaftsministeriums im Bundesarchiv Berlin überlieferten Schreiben vom 21. 1. ​1939 dem Reichswissenschaftsminister, der ihn zum Delegationsleiter bestimmt hatte: „Die Tagesordnung ist entsprechend unseren Wünschen so festgelegt worden, dass die inhaltlichen Fragen der ländlichen Soziologie in die Mitte gerückt wurden und dass auch unsre neuere bevölkerungswissenschaftliche Arbeit zur Geltung kommen soll.“ Anfang Februar lässt er einen weiteren Bericht an das Reichswissenschaftsministerium folgen. Dort macht er darauf aufmerksam, dass sich für Gusti wegen seiner politischen Involviertheit in die rumänische „Königsdiktatur“ die „wissenschaftliche Unterstützung seitens der ‚westlichen Demokratien‘ als besonders erwünscht“ darbiete. Er hat darum in einer Amerikareise 1938 eigens zu werben versucht und ich zweifle nicht, dass ihm diese Hilfe seitens jener Gruppen gerne gewährt wird, die im Südosten einen ‚Damm gegen Deutschland‘ aufzurichten versuchen: organisatorisch z. B. die Rockefeller Foundation, im Einzelnen eine Reihe amerikanischer Sozialanthropologen, Agrarsoziologen usf; dazu jene Kräfte, die ihrerseits mit den Amerikanern zusammenarbeiten, in England, vor allem auch die polnischen Soziologen, sodann unmittelbar in politischer Absicht die Franzosen. Umso wichtiger ist es andererseits, dass wir das Feld nicht kampflos dem Gegner überlassen, sondern unsererseits auch wissenschaftlich antreten.“ In Ipsens Argumentation wird sehr gut sichtbar, welches Gewicht der Betonung der politischen Bedeutsamkeit der Soziologie zukommt. Und lange noch nach der kriegsbedingten Absetzung des Kongresses, Ende 1941, erklärt Ipsen gegenüber dem Reichswissenschaftsminister, er nehme an, dass die Amerikaner „die Führung einer soziologischen Internationale anstreben.“ Und er stellt fest: „Ich halte nach wie vor den wissenschaftspolitischen Einsatz der deutschen Soziologie für besonders wichtig.“ Daran anschließend präsentiert Ipsen eine Liste mit Maßnahmen zur „Sammlung und Straffung der deutschen Soziologie“, um deren „Stosskraft und Einsatzbereitschaft zu erhöhen.“ Wodurch die deutsche Soziologie für den „Zweikampf mit den USA“ gerüstet werden soll. Denn die „Verantwortung der Wissenschaft im deutschen Machtbereich“ liege klar zu Tage. Ipsen hat in diesem Sinne im besetzten Paris bereits zur „Neuordnung der internationalen Zusammenarbeit nach dem Wegfall des Int. Inst. [für Soziologie]“, wie er sie versteht, beigetragen. „Ich habe dazu unterrichtende Vorarbeit durch meinen Mitarbeiter, Dozent Dr. Haufe, im Winter 40/41 in Paris machen lassen durch Einsicht in Arbeit und Bestände des Int. Inst. und Fühlungnahme mit einzelnen besonders daran beteiligten franz. Soziologen.“ Dabei agierte Ipsen nicht eigenmächtig, denn: „Dr. Haufe ist dabei in Tuchfühlung mit dem Vertreter des Reichsministers vorgegangen, der zwecks Einsicht in die internationalen wissenschaftlichen Einrichtungen zum Militär-Befehlshaber Paris abgestellt war.“

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2.3 Soziologen als Objekte und Akteure nationalsozialistischer Wissenschaftspolitik Es hat sich also gezeigt, dass die Parole von der „jüdischen Soziologie“ in der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Bundesrepublik Deutschland von Vertretern von Nachbardisziplinen, aber mehrheitlich von Soziologen selbst verwendet wurde. Sie diente dabei der Abwehr der Soziologie als unerwünschter Konkurrentin auf der akademischen Bühne oder zur Erlangung von persönlichen Vorteilen sowie der hagiographischen Legendenbildung. Die wissenschaftspolitischen Auseinandersetzungen um die Soziologie in der NS-Zeit drehten sich um andere Themen. Ihr besonderes Kennzeichen war, dass dabei Soziologen sowohl als Objekte wie auch als einflussreiche Akteure auftraten. Sehr gut sichtbar wird auch die polykratische Struktur der häufig neben- und gegeneinander agierenden Institutionen, die eben nicht hierarchisch organisiert waren. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, das bezeichnenderweise erst zum 1. Mai 1934 geschaffen wurde, verfügte formal zwar über die letztendlich gültige Entscheidungsbefugnis wurde aber immer wieder instrumentalisiert oder gar von Parteiinstanzen majorisiert: „Die entscheidende Frage, wer bei Meinungsverschiedenheiten das letzte Wort haben würde, das Ministerium oder der ‚Stellvertreter des Führers‘, ließ der offizielle Erlass [aus dem Jahr 1935 über dessen Beteiligung bei der Ernennung von Beamten] offen, denn diese Frage war lange Zeit heftig umstritten. Schließlich musste sich das Reichswissenschaftsministerium jedoch den Forderungen von Heß und Bormann beugen. Auf der Rektorenkonferenz im Dezember 1937 verkündete [der stellvertretende Leiter des Amtes Wissenschaft im Reichswissenschaftsministerium] Wacker die Kapitulation des Ministeriums: ‚Gegen eine Entscheidung des Stellvertreters des Führers selbst steht uns keine Stellungnahme zu‘. Damit verfügte die Partei faktisch über: ein Vetorecht bei Berufungen und anderen wichtigen Personalentscheidungen.“ (Grüttner 2003, S. 86) Dazu kam es aber nur, wenn man sich auf den unteren Ebenen nicht einig war. Denn es sollte bedacht werden, dass die Beteiligten insbesondere auf den höheren Ebenen auf Informanten aus den Hochschulen und außeruniversitären wissenschaftlichen Einrichtungen angewiesen waren. An Entscheidungsfindungsprozessen in Hochschuldingen konnten neben den Kultusministerien der Länder auch der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund und der Nationalsozialistische Deutsche Dozentenbund auf lokaler, Gau- und Reichsebene, der Reichsstatthalter/Gauleiter, das Amt Rosenberg, der Sicherheitsdienst der SS oder eben der Stellvertreter des Führers bzw. die Partei-Kanzlei beteiligt sein. Das führte paradoxerweise aber auch dazu, dass Hochschulen ihre Handlungsspielräume nutzen konnten, um so zum Beispiel die wissenschaftliche Eignung

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von Stellenbewerbern stärker zu berücksichtigen als politisch-weltanschauliche Linientreue oder passende Lippenbekenntnisse. „In der Tat sind Lehrstuhlbesetzungen gegen den Willen der Fakultäten nach 1937 relativ selten gewesen. Eine Ausnahme bildeten jene Hochschulen, in denen bestimmte Partei-Potentaten eine beherrschende Stellung gewonnen hatten. Dazu zählten Universitäten wie Königsberg oder Jena, wo die Gauleiter unabhängig vom Ministerium ihre eigene Personalpolitik betrieben, ebenso wie die Universität Halle, die zeitweise unter die Fuchtel Alfred Rosenbergs geriet.“ (Grüttner 2003, S. 86) Nur sorgte nicht zuletzt der Nachwuchsmangel allgemein für ein Umdenken: „Die wachsende Nachwuchsknappheit machte eine rigorose, politisch ausgerichtete Personalpolitik praktisch unmöglich, wenn das Kriterium der fachlichen Qualifikation nicht völlig in den Hintergrund treten sollte. Dadurch verbesserten sich auch für Wissenschaftler, die als ‚politisch unzuverlässig‘ galten, die Chancen zu avancieren, sofern sie nicht offen als Gegner des Nationalsozialismus in Erscheinung traten.“ (Grüttner 2003, S. 87) Eine weitergehende Nazifizierung einer Hochschule hat immer nur dann stattgefunden, wenn vor Ort die Hochschulangehörigen sie selbst tatkräftig initiierten und vorangetrieben haben. So lassen sich an vielen konkreten Beispielen die kontroversen bis antinomischen Positionen der diversen Wissenschaftspolitik betreibenden Stellen gegenüber Soziologen oder ihren Arbeitsrichtungen nachweisen. Dabei werden hier ganz bewusst jene Fälle nicht berücksichtigt, in denen es nicht um die fachwissenschaftliche Tätigkeit eines Soziologen oder das Fach selbst ging, sondern um Denunziationen, die häufig nur den einzigen Zweck hatten, die eigene Karriere zu fördern. So wurde Hans Freyer, der gerne, aber fälschlich als „Führer“ der regimetreuen Soziologen portraitiert wird, observiert und in Berichten als Feind des Nationalsozialismus, der er auch nicht war, hingestellt (Muller 1987, S. 285 – ​290).

2.3.1 Alfred Rosenberg, Der Beauftragte des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP: Förderer und Kontrolleur von Soziologen – und seine Gegenspieler Schon während der NS-Zeit war Amt Rosenberg die gebräuchliche Kurzbezeichnung für die Dienststelle Rosenbergs als Beauftragter des Führers, der aber über die Erziehung der NSDAP weit hinausgehende Kompetenzen als Autor des in Millionenauflage verbreiteten Buches Der Mythos des 20. Jahrhunderts beanspruchte. Insbesondere hatte er die Hochschulen im Auge, die im Sinne seines kruden rassentheoretischen Weltbildes umgeformt werden sollten. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sich der sogenannte Chef-Ideologe und Haus-Philosoph

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der NSDAP für Sozialwissenschaftler interessierte, die sich ihrerseits für lizenzierte wissenschaftliche Weltanschauungsexperten hielten. Sozialwissenschaftler waren involviert in die wissenschaftliche und ideologisch-politische Begutachtung von Kollegen durch das Amt Rosenberg, insbesondere durch dessen Hauptstelle Soziologie, waren Mitglieder des Philosophischen Arbeitskreises, gutachteten für das Amt Schrifttumspflege, beteiligten sich an der Etablierung der Hohen Schule der NSDAP, nahmen aktiv Teil an der Osttagung der deutschen Wissenschaft, waren Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der bolschewistischen Weltgefahr, arbeiteten für das Reichskommissariat Ostland sowie für das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die Zentrale für Ostforschung (Klingemann 1996, S. 232 – ​276). Das Amt Rosenberg hatte zwischen sechs und neun Abteilungen (Ämter/ Hauptämter) mit permanent wechselnden Unterabteilungskonstellationen (Hauptstellen, Stellen, Hilfsstellen). Mit der Überprüfung der ideologisch-politischen Zuverlässigkeit von Sozialwissenschaftlern befasste sich neben dem Kulturpolitischen Archiv im Amt für Kunstpflege, dem Amt Weltanschauliche Information und dem (Haupt-)Amt Schrifttumspflege in erster Linie das (Haupt-)Amt Wissenschaft mit seinen beiden (Unter-)Ämtern Wissenschaftsbeobachtung und -wertung sowie Wissenschaftsplanung und dessen bereits erwähnte Hauptstelle Soziologie. Bis 1938 wurden die Geschäfte des Amtes Wissenschaft (ab 1941 Hauptamt) vom Pädagogik-Professor Alfred Baeumler praktisch allein geführt. Dann erst erhielt er die nötigen finanziellen Mittel, um einen einigermaßen funktionsfähigen Apparat mit den zwei Unterämtern aufzubauen. Jedoch wurde bereits nach einem Jahr bei Kriegsbeginn das Personal wieder stark reduziert, so dass Baeumler zeitweilig wieder allein tätig war. Nur wenige hauptamtliche Mitarbeiter kehrten an ihre Arbeitsplätze zurück, so dass ab 1941 wohl nie mehr als sechs Mitarbeiter außer dem Büropersonal beschäftigt waren. Seit Ende 1942 waren dann offensichtlich nur noch drei hauptamtliche Wissenschaftskontrolleure tätig. Bevor die Hauptstelle Soziologie 1941 gegründet wurde, befassten sich bereits verschiedene andere Stellen des Amtes Rosenberg gutachterlieh mit Sozialwissenschaftlern. Dabei handelt es sich um politisch-weltanschaulich engagierte Fachvertreter, die zum Teil selbst für das Amt Rosenberg anderweitig tätig waren. So holten die Unterämter ihre Auskünfte untereinander wechselseitig ein oder forderten Stellungnahmen bei anderen NS-Behörden an, äußerten sich (hin und wieder auch kritisch) über die Linientreue der von ihren Kollegen als Lektoren beschäftigten oder als Schützlinge protegierten Sozialwissenschaftler und versuchten, im allgemeinen Kompetenzgerangel ihnen genehme Kandidaten auf akademische Posten zu schieben. Grundsätzlich ist aber festzuhalten, dass die für Hochschulpolitik zuständigen Stellen des Amtes Rosenberg trotz umfangreicher Karteien und bereitwillig kooperierender Zuarbeiter in den Hochschulen unter

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einem beträchtlichen Informationsdefizit litten. Im Gegensatz zu Schutzbehauptungen aus der Nachkriegszeit hatte der wissenschaftspolitische Einfluss des Amtes Rosenberg allein wegen der wenigen kompetenten Mitarbeiter und fehlenden Informationen über Personen, Disziplinen und Institutionen keine gravierende Folgen im Hinblick auf die tradierten Strukturen und Funktionsprinzipien des Hochschulsystems. Das Amt Wehrmachtsschulung bezog sich zum Beispiel noch Anfang 1944 in einer im Institut für Zeitgeschichte München überlieferten Anfrage an das Amt Wissenschaftsbeobachtung und -wertung auf Informationen, wonach ausgerechnet Gunther Ipsen, der seit Kriegsbeginn von seiner Wiener Professur beurlaubt und aktiver Frontoffizier sowie NS-Führungsoffizier war, nicht nur fälschlicherweise als „Nichtparteigenosse“ gemeldet sei, sondern auch „sehr starke Bindungen zum Judentum habe, aber außerordentlich geschickt sei, seine negative Einstellung zu verbergen.“ Der Leiter des Amtes Wissenschaftsbeobachtung und -wertung Dr. Wolfgang Erxleben kennt demgegenüber Ipsens Zivilberuf (Professor für Philosophie und Volkslehre) sowie seine Wiener Adresse und erwähnt das „gute Niveau“ seiner „Arbeiten zur Soziologie der Landbevölkerung“, die allerdings „weltanschaulich jedoch nicht ganz in unserer Linie“ lägen. In der politisch brisanten Frage nach Ipsens angeblichem Philosemitismus, den die bereits berichteten und zumindest dem Reichswissenschaftsministerium bekannten antisemitischen Handlungen Ipsens definitiv ausschließen, ist Erxleben wie sein Kollege vom Amt Wehrmachtsschulung auf Spekulationen angewiesen. „Ipsen gehört zum Kreise um Hans Freyer, Leipzig, zur Zeit Budapest, so daß mir seine Einstellung zum Judentum durchaus verständlich wäre. Positive Unterlagen hierüber besitze ich jedoch nicht.“ Als Leiter des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts in Budapest erstellte unterdessen Freyer unter zeitweiliger Beteiligung seines Assistenten Helmut Schelsky Dossiers für das Auswärtige Amt über die politische Zuverlässigkeit und die ‚rassische‘ Abstammung ungarischer Gelehrter, wobei bereits über so genannte Halbjuden negative Stellungnahmen erfolgten (Schäfer 1990). Die Arbeitsweise der Rosenbergschen Wissenschaftskontrolleure gleicht im Bereich der Sozialwissenschaften häufig dem Modell eines sich selbst beschäftigenden Apparats. Das lässt sich sehr gut illustrieren anhand der Auseinandersetzungen von drei hochrangigen Mitarbeitern des Amtes mit einem Vortrag von Arnold Gehlen, den er am 15. Januar 1943 vor der Deutschen Philosophischen Gesellschaft über Probleme einer Philosophie der Geschichte gehalten hat. Er war dem Amt kein Fremder, da er wohl schon 1933 Lektor der Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums wurde, aus der sich in mehreren Schritten das Hauptamt Schrifttumspflege entwickelte. Als Gehlen seinen Vortrag hielt, waren Dr. Bernhard Payr vom Hauptamt Schrifttumspflege sowie Erxleben und Eberhard Lemke vom Hauptamt Wissenschaft zugegen. Lemke rügt in seinem Bericht

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zu Gehlens Vortrag die „Ungeschichtlichkeit seines Denkens“, die ihn zu einer falschen Einschätzung der NS-Bewegung kommen lasse, während Erxleben, der seine Kritik als Ergänzung der Berichte von Lemke und Payr deklariert, ganz auf einen methodologischen Vergleich mit Max Weber abstellt. „Er, Gehlen, will Geschichtsphilosophie als eine Wissenschaft betreiben, die induktiv und empirisch vorgeht, d. h. als empirische Geschichtsphilosophie. Er bediente sich dabei der Methode, aus dem empirischen Forschungsmaterial das Typische herauszuheben und von den besonderen Feststellungen der empirischen Einzelforschung abzusehen – einer Methode, wie sie Max Weber bereits entwickelt hat.“ Der Vergleich mit Weber fällt für Gehlen ungünstig aus. „Während Max Weber, an den er sich anlehnte, von sehr konkreten geschichtlichen Anliegen ausgegangen war, landete Gehlen bei einer zwar geistreichen, im Grunde aber unfruchtbaren Nebeneinanderstellung und abstrakten Zusammenordnung geschichtlicher Typen.“ (Bericht 1943a, Bl. 39) Interessant ist nicht nur die Max Weber von Erxleben entgegengebrachte Wertschätzung, deutlich wird auch, dass bereits innerhalb einer NS-Institution unterschiedliche Auffassungen herrschten, die sich im Gegeneinander der ideologischen Tugendwächter anderer Instanzen vervielfachen konnten. Noch heftiger waren die Auseinandersetzungen zwischen ihnen, wenn Mitarbeiter des jeweiligen Konkurrenzunternehmens angegriffen wurden. Das Beispiel des bereits bekannten Andreas Pfenning mag dies illustrieren. Im Kampf um die Monopolstellung des Amtes Rosenberg als des einzig legitimen Hüters der NS-Weltanschauung fertigte das Hauptamt Wissenschaft „auf Veranlassung des Reichsleiters“ (Rosenberg) einen Verriss für die Mitteilungen zur weltanschaulichen Lage des Buches Staatswissenschaft und Revolution des regimetreuen Nachwuchssoziologen Pfenning an. Es wurde als „unter wissenschaftlichen und weltanschaulichen Gesichtspunkten unzureichend“ beurteilt (Weltanschauung und Wissenschaft, o. D.) und als „Schwärmerei“ abgetan (Wissenschaftlicher Vortrupp, o. D.). Pfenning war also in den Augen der Rosenbergschen Weltanschauungsexperten keinesfalls der berufene Chefprogrammatiker oder gar der Repräsentant einer genuin nazistischen Staatswissenschaft und Gesellschaftstheorie. Sein Buch war überdies in der von Ernst Krieck, NS-Vorzeige-Professor in den ersten Jahren des Dritten Reichs sowie Rektor der Universitäten Frankfurt am Main und Heidelberg, herausgegebenen Reihe Weltanschauung und Wissenschaft erschienen. Das Amt Rosenberg mochte sich aber mit Kriecks Anspruch, Schöpfer einer wirklich wissenschaftlich fundierten NS-Philosophie zu sein, nicht abfinden (Heiber 1966, S. 584). Nach allem, was bekannt ist, blieb dieser Angriff des Amtes Rosenberg auf den Krieck-Schützling folgenlos. Im Fall Eduard Baumgarten konnte es hingegen sogar eine Karriere retten. Nach 1933 wurden innerakademische Konkurrenzkämpfe gern mit Hilfe des Heranziehens von früheren Zitationen jüdischer und als politisch belastet geltender

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Autoren oder durch Denunziation anrüchiger politischer Wahlverwandtschaften ausgefochten. Martin Heidegger glaubt, in seiner Privatfehde mit dem Neffen Max Webers, Eduard Baumgarten, durch einen Verweis auf Weber siegreich sein zu können. Er steigert diese Methode allerdings noch, indem er Baumgarten, der nach einem Zerwürfnis auf die Habilitation bei Heidegger verzichtet, auch noch zeitgemäß in Sippenhaft nimmt. Baumgarten hat seit April 1933 einen Lehrauftrag an der Universität Göttingen. Ende 1933 trifft dort bei der Dozentenschaft ein Gutachten Heideggers ein: „Dr. Baumgarten kommt verwandtschaftlich und seiner geistigen Haltung nach aus dem liberaldemokratischen Heidelberger Intellektuellenkreis um Max Weber. Während seines hiesigen Aufenthaltes war er alles andre als Nationalsozialist. Ich bin überrascht zu hören, daß er in Göttingen Privatdozent ist, denn ich kann mir nicht denken, aufgrund welcher wissenschaftlichen Leistung er zur Habilitation zugelassen wurde.“ (zit. n. Farías 1987, S. 283) Heidegger führt weiter einen sehr lebhaften Verkehr mit einem jüdischen Professor an und rät von einer Aufnahme Baumgartens in die SA und Dozentenschaft ab. Und obwohl der Dozentenschaftsleiter zusätzlich gegen Baumgarten, der in den USA gelehrt hatte und sich über den Pragmatismus habilitieren wollte, dessen anhaltende „Veramerikanisierung“ vorbringt und es für falsch hält, dass ausländische Studenten gerade durch Baumgarten über den Nationalsozialismus und die Verhältnisse in Deutschland unterrichtet werden, wird Baumgarten habilitiert und im Sommer 1937 zum Dozenten ernannt. Möglich wurde dies durch Baumgartens enge Beziehung zu Alfred Baeumler, der ihn im Auftrag Alfred Rosenbergs in eine exklusive Gruppe von Nachwuchsphilosophen beruft, die eine genuin nationalsozialistische Philosophie begründen soll. Heideggers Gutachten hatte Baumgartens Karriere in Göttingen quasi schon beendet, als. es doch noch gelangt, die Dozentenschaft umzustimmen, da „Baumgarten inzwischen die Unterstützung des NS-Philosophen Baeumler gefunden“ hatte. „Danach verlief das Weitere reibungslos. Die Dozentenschaft setzte sich nun über die ‚ungünstigen Auskünfte aus Freiburg‘ hinweg […].“ (Dahms 1987, S. 183) Es sollte aber nicht lange dauern, da brauchte Baumgarten wiederum Baeumlers Hilfe. Der 1936 neu berufene Göttinger Philosophie-Professor Hans Heyse nimmt eine von Baumgarten betreute Dissertation eines Ausländers über Max Webers Religionssoziologie zum Anlass, seinen Dominanz-Anspruch geltend zu machen. In dieser Auseinandersetzung werden neben dem NS-Dozentenbund, der ein Ehrengerichtsverfahren gegen Baumgarten (inklusive Duellforderung von Baumgarten) anstrengt, auch andere Parteidienststellen eingeschaltet, und Baumgarten beantragt schließlich ein Parteigerichtsverfahren gegen sich selbst. Es endet nach langem Hin und Her mit Freispruch, der damit begründet wird, dass das Amt Wissenschaft (Baeumler) festgestellt habe, dass Baumgarten „nur seiner Überzeugung Ausdruck verliehen“ habe. „Grundsätzlich sehen wir keinen

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Anlaß, in einem solchen Falle, wo in zulässiger Form und mit Begründung für eine wissenschaftliche Überzeugung eingetreten wird, ein Parteiverfahren durchzuführen.“ Baeumler hatte in seiner Stellungnahme unter anderem geschrieben: „Wenn sich auch unsere heutigen Ansichten von denen Max Webers radikal unterscheiden, so läßt sich doch nicht bestreiten, daß die wissenschaftliche Grundhaltung Max Webers in ihrem Charakter und ihren letzten Ansichten deutsch gewesen ist, und dass die geschichtliche Bedeutung des Werkes von Max Weber eine Auseinandersetzung mit ihm auch heute noch rechtfertigt.“ (Klingemann 1996, S. 180 – ​185) Damit hatte Baeumler Baumgartens Charakterisierung Webers als in politischer Hinsicht nationalbewusstem Deutschen auf den Wissenschaftler Weber übertragen. Dadurch war wiederum Baumgartens politische Zuverlässigkeit parteiamtlich attestiert worden. Im Fall Baumgarten konnte das Amt Rosenberg somit seine Durchsetzungsfähigkeit demonstrieren. Dies wäre auch im Fall des Jenaer Soziologen Max Hildebert Boehm zu erwarten gewesen, der 1932 (wie bereits erwähnt) in seinem Buch, Das eigenständige Volk, Rosenbergs Mythos als „pseudoreligiöse Blutmystik“ geschmäht hatte (Boehm 1932, S. 23). Boehm wurde trotzdem zum 1. Oktober 1933 als ordentlicher Professor für Volkstheorie und Volkstumssoziologie an die Universität Jena berufen und gilt seitdem in der Wissenschaftsgeschichtsschreibung als „NS-Star“ (Helmut Heiber). Ob Boehm dieses Etikett zu Recht angeheftet wurde, untersuche ich ausführlich in einem Kapitel über die Soziologie in Jena während des Dritten Reichs (Klingemann 2009, S. 132 – ​164). Durch die Schilderung der Aktivitäten der vielen sich mit Boehm beschäftigenden Instanzen soll einerseits geprüft werden, ob die Rede vom einflussreichen volkstheoretischen Vordenker Boehm begründet ist, und andererseits soll dadurch exemplarisch gezeigt werden, wie Wissenschaftspolitik im NS-Ämterchaos stattfand. Bereits unmittelbar nach seiner Berufung wurde Boehm vom Jenaer SD (auch mit Hilfe seines Assistenten) observiert, und Jenaer Kollegen begannen zu intrigieren. Der lokale Dozentenbund wie auch regionale wissenschaftspolitische Institutionen (wie das Thüringische Volksbildungsministerium und die Gaudozentenbundführung) und auf Reichsebene das Amt Rosenberg legten Akten an. Neben dem Boehm protegierenden Gauleiter Fritz Sauckel waren schließlich mit dem Fall auf höchster Ebene Alfred Rosenberg, Rudolf Heß und Martin Bormann persönlich befasst. Boehms örtlicher Gegenspieler war Lothar Stengel von Rutkowski, Mitglied der NSDAP seit 1930, SS-Sturmbannführer, Leiter der Abteilung Lehre und Forschung am Thüringischen Landesamt für Rassewesen, Gauhauptstellenleiter im Rassenpolitischen Amt der NSDAP des Gaus Thüringen und ab 1940 Dozent für Rassenhygiene, Kulturbiologie und rassenhygienische Philosophie an der Universität Jena. In seiner Habilitationsschrift Was ist ein Volk ? Der biologische Volksbegriff. Eine kulturbiologische Untersuchung, seine Definition und seine Bedeu-

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tung für Wissenschaft, Weltanschauung und Politik rechnet er 1940 mit Boehms Volkslehre ab. (Die Überschrift des ersten Kapitels in Boehms eigenständigem Volk lautet bezeichnenderweise Was ist ein Volk ? ) Dabei lässt es aber Stengel von Rutkowski nicht bewenden. Als formell stellvertretender – de facto aber maßgeblicher – Gaudozentenbundführer zielt er auf die „völlige ‚Erledigung‘“ Boehms ab, wie dieser sich ausdrückt. Seitdem Boehm 1937 einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP gestellt hatte, intervenierten zahlreiche Parteidienststellen. Eingeschaltet wurde auch das sich sehr zögerlich verhaltende Amt Rosenberg, das die Sache eigentlich für erledigt hielt, nachdem Boehm seinen Antrag in einem längeren Schreiben an Gauleiter Sauckel zurückgezogen hatte. Nach weiterem Drängen des Gaupersonalamtsleiters erklärte Baeumler laut einem im Bestand des Amtes Rosenberg im Bundesarchiv Berlin überlieferten Schreiben aus dem Sommer 1938, „dass die von mir zum Ausdruck gebrachte Stellungnahme zu der weltanschaulichen Haltung des Prof. Max Hildebert Boehm, soweit sie in seinen wissenschaftlichen Werken zum Ausdruck kommt, von Reichsleiter Rosenberg persönlich und ausdrücklich gebilligt wird. Die Theorie des Volkes, die M. H. Boehm vertritt, entbehrt jeder klaren Stellung zu dem Grundgedanken unserer Weltanschauung, dem Rassegedanken. Wir können nicht einen Mann in die Partei aufnehmen, dessen geistige Haltung uns immer wieder von neuem zu Ablehnungen veranlassen müsste.“ Das Verhalten von Baeumler und Rosenberg sollte eigentlich erstaunen lassen, hatte doch der Gaudozentenbundführer Boehms Kritik an Rosenberg eine herausragende Rolle in seinem Dossier zugewiesen, indem er Rosenbergs Mythos mit der nationalsozialistischen Weltanschauung (contrafaktisch und völlig konträr zur uninteressierten oder sogar abschätzigen Haltung führender Nationalsozialisten dem Mythos gegenüber) gleichsetzte: „Wenn M. H. Boehm die nationalsozialistische Weltanschauung als ‚pseudoreligiöse Blutsmystik‘ – man überlege sich den infernalischen Haß, den diese Wortbildung ausströmt – bezeichnet, dann ist das keine Nebenfrage sondern die Kardinalfrage.“ Man gewinnt den Eindruck, dass das Amt Rosenberg zu einer Stellungnahme gedrängt werden musste, obwohl seine vertraulichen Mitteilungen zur weltanschaulichen Lage vor Boehms 1936 erschienenem ABC der Volkstumskunde. Der Begriffsschatz der deutschen Volkslehre für Jedermann bereits im Juni 1937 gewarnt hatten, wie auch im selben Jahr die Zeitschrift Volk und Rasse erklärte, dass das ABC „vom Standpunkt nationalsozialistischer Weltanschauung scharf abgelehnt werden muß.“ Im Herbst des Jahres stellte außerdem der Leiter des Amtes Schrifttumspflege im Amt Rosenberg missbilligend fest, Anhängern von Boehm sei es geglückt, „selbständige Gemeinschaften auf dem Boden des Nationalsozialismus zu bilden.“ In dem 1938 vom Amt Rosenberg herausgegebenen „Leitfaden für die Schulungs- und Erziehungsarbeit der NSDAP“ mit dem Titel „Deutsche Volkskunde im Schrifttum“, der alle missliebigen Volkskundetheoretiker parteiamtlich zensiert, wird Boehms Volkslehre

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schließlich in Anspielung auf seine früheren national-konservativen Aktivitäten als „Herrenclubideologie“ gebrandmarkt (Arbeitsgemeinschaft 1938, S. 10). Das Amt Rosenberg war sicherlich ein Hauptgegner Boehms, spielte aber mit seinen Interventionen dennoch nicht die entscheidende Rolle. Eine andere, mit dem Amt Rosenberg heftig konkurrierende hochschulpolitische Kontrollinstanz hatte nämlich zuvor eindeutig Stellung bezogen. Wie den Unterlagen über Boehm im Berlin Document Center im Bundesarchiv Berlin zu entnehmen ist, hatte, zwei Monate bevor Baeumler gegenüber dem Gaupersonalamtsleiter seine Ablehnung der Aufnahme Boehms zum Ausdruck brachte, im April 1938 der Reichsdozentenbundführer das Amt für Mitgliedschaftswesen der Reichsleitung der NSDAP gebeten, von der Aufnahme Boehms abzusehen. Wie nicht anders zu erwarten, benutzte er Informationen des Dossiers des Gaudozentenbundführers, führte aber zusätzlich an, dass der SD mitgeteilt habe, Boehm sei „als Vertreter der nationalsozialistischen [sic] Tendenz reaktionärer Prägung und als hervorragender Aktivist bekannt.“ Keine drei Wochen später zog Boehm am 5. Mai seine Meldung zur Mitgliedschaft zurück. Die späteren Versuche des Gauleiters Sauckel, Boehm in die Partei aufnehmen zu lassen, scheiterten an keinem geringeren als dem mächtigen Leiter der Partei-Kanzlei Martin Bormann. Der eigensinnige Volkstumsideologe Boehm war damit in seine Schranken verwiesen worden, der sozialwissenschaftliche Experte für Ostfragen wurde damit jedoch keineswegs überflüssig. Nachdem Rosenberg doch noch exekutive Befugnisse als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete bekam, wollten seine Beamten nicht auf Boehms Spezialwissen verzichten. So war Boehm zum Beispiel Teilnehmer an der vom Hauptamt Wissenschaft in Verbindung mit dem Dozentenbund im März 1942 in Berlin durchgeführten „Osttagung deutscher Wissenschaftler“, auf der „politische, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Fragen der Forschung im Neuaufbau des Ostens“ (Härtle 1943) behandelt wurden. Rückblickend stellte Boehm mit Genugtuung fest, dass er sich in der Auseinandersetzung mit dem weltanschaulichen Großinquisitor Rosenberg auf dessen „ostpolitischen Clan“ stützen konnte, der ihn „als Sachverständigen“ honorierte, wie er in einem in seinem Nachlass im Bundesarchiv Koblenz befindlichen Brief an Reinhard Bollmus im Januar 1967 festhielt. Als Ostexperte, der im Gegensatz zu den verbohrten Rassentheoretikern aus ökonomischen und herrschaftstechnischen Gründen für eine großzügige Assimilation der nach NS-Doktrin rassisch minderwertigen Slawen eintrat, wurde er auch weiterhin in der Akademie für Deutsches Recht geschätzt. Das von ihm zusammen mit Karl Christian von Loesch geleitete Institut für Grenz- und Auslandstudien in Berlin-Steglitz stieg – wie noch gezeigt wird – nach Kriegsbeginn gar zu einer bevorzugten Institution der sozial­ wissenschaftlichen Politikberatung in allen ‚volkspolitisch‘ wichtigen Fragen der Ostpolitik auf. Dieselbe pragmatische Einstellung findet man auch bei der SS. In

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dem vom Reichsführer SS und Chef des Sicherheitshauptamtes herausgegebenen Sonderbericht. Zersetzung der nationalsozialistischen Grundwerte im deutschsprachigen Schrifttum seit 1933 vom Juni 1936 wird Boehms Kritik an der nationalsozialistischen „Rasseidee“ zwar angeprangert (Der Reichsführer-SS, S. 39). Im Krieg erarbeitete das Institut für Grenz- und Auslandstudien aber zusammen mit dem Rasseamt der SS das Verzeichnis der Völker, Volksgruppen und Volksstämme auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR, das 1942 in zweiter Auflage herausgegebenen werden musste, weil die Nachfrage von SS, Wehrmacht, Parteidienststellen und Besatzungsbehörden dies verlangte. In dieser pragmatischen Haltung gegenüber sozialwissenschaftlichem Expertenwissen ist ein Grundprinzip nationalsozialistischer Wissenschaftspolitik zu sehen.

2.4 Soziologische Expertise in ausgewählten Politikfeldern 2.4.1 Soziologische Agrarforschung im „Altreich“ bis zum Kriegsbeginn Wenn man das Verhältnis von Sozialwissenschaften und Nationalsozialismus angemessen beurteilen will, muss man die sich dynamisch wandelnden Rahmenbedingungen etwa für soziologische Expertise in konkreten Politikfeldern untersuchen. Zu Beginn der NS-Herrschaft waren dies primär die Agrar- und Siedlungspolitik (insbesondere Stadt-Land Beziehungen), Landesplanung sowie die Sanierung von Notstandsgebieten im so genannten Altreich, später verschoben sich die Tätigkeitsfelder in Richtung Ost- und Westpolitik sowie Bevölkerungsund Raumpolitik. Ende 1935 wurden die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) und ihr administratives Pendant, die Reichsstelle für Raumord­ nung (RfR) gleichzeitig gegründet. Sie organisierten reichsweit die Projekte von 51 Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung durch die Vorgabe von verbindlichen Forschungsthemen und finanzierten sozialwissenschaftliche Projekte in bis dahin unbekannten Größenordnungen. Damit wurde zum ersten Mal in Deutschland ein übergeordneter Forschungsverbund etabliert, der gleichzeitig mit einer Planungsbehörde strukturell verbunden war. In diesem Kontext wurde die außeruniversitäre Professionalisierung der empirischen Soziologie forciert, wovon wiederum deren akademische Institutionalisierung profitierte. So förderte zum Beispiel die RfR empirische Untersuchungen der Leipziger Soziologen über die unterbäuerliche Bevölkerung der sächsischen Oberlausitz, den Landesausbau im Drömling, die Notstandsgebiete der Oberlausitz und die Bevölkerungs- und Berufsgliederung im Arbeitsamtbezirk Leipzig. In ihrer für die RfR 1937 angefertigten Denkschrift Die unterbäuerliche Schicht in den Dörfern der

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Sächsischen Oberlausitz kamen Karl Heinz Pfeffer und Theodor-Andreas Michael, der bei Hans Freyer mit einer Fallstudie über Dorf und Industrie promoviert hatte, zu ganz anderen Schlussfolgerungen über die Ursachen der viel beklagten Landflucht als die heute regelmäßig zitierten Blut-und-Boden-Theoretiker, die die Industrialisierung zur Hauptschuldigen der erbbiologischen Degeneration des deutschen Volkes im Zuge der Abwanderung guter Erbsubstanz von Land und deren Untergang im. Prozess der Verstädterung erklärten. Pfeffer und Michael halten demgegenüber als Ergebnis ihrer empirischen Ermittlung der Ursachen von Landarbeitermangel und der Entstehung von Notstandsgebieten fest: „Der gewerbliche Landeausbau hat also nicht die Landwirtschaft ihrer Arbeitskräfte beraubt, sondern im Gegenteil die Ansässigkeit von Familien erst ermöglicht. […] Das inhaltliche Gesamtergebnis zeigt, dass die ausreichende Versorgung eines Gebietes mit landwirtschaftlichen Arbeitskräften nicht durch Industrieferne und nicht durch Verhinderung des Abzugs sichergestellt worden ist, sondern durch wirtschaftliche und nichtwirtschaftliche Landbindung einer unterbäuerlichen Schicht.“ (Pfeffer und Michael 1937, S. 30, 31)) Diese Sichtweise hatte Pfeffer im Rahmen einer reichsweit angelegten empirischen Erhebung über die Lage der Landarbeiter im Auftrag des Reichslandwirtschaftsministeriums beziehungsweise des Reichsnährstandes gewonnen. Seit 1934 hatten er und Freyer Kontakte zum Sonderbeauftragten für Landarbeiterfragen des Reichsbauernführers. Die Durchführung dieser Untersuchung ermöglichte weitgehend der mit Pfeffer befreundete Erlanger Soziologe Karl Seiler, der zu der Zeit selbst zwei große Erhebungen zur Landflucht und sozialen Lage der Landbevölkerung in Franken für die RAG durchführte, aber noch nicht habilitiert war und die Reichsuntersuchung deshalb nicht selbst leiten konnte, wie einem Briefwechsel zwischen Pfeffer und Seiler in dessen Nachlass im Stadtarchiv Nürnberg zu entnehmen ist. Pfeffers Denkschrift, Ergebnisse einer Erhebung über die Lage des Gesindes in Deutschland, wurde dem Reichsnährstand eingereicht und soll in die gesetzlichen Regelungen zur Landarbeiterfrage eingeflossen. sein. Die Leipziger Agrarsoziologen hatten weitere enge Kontakte zum agrarpolitischen Apparat. Hans Linde, der an der Landarbeiteruntersuchung mitgewirkt hatte, wurde Unterabteilungsleiter im Stabsamt des Reichsbauernführers und erstellte dort in Kooperation mit der RAG und dem Forschungsdienst der Landbauwissenschaften eine größere Studie über die strukturellen Ursachen der Arbeitseinsatzschwierigkeiten in der Landwirtschaft (Linde 1939). Seit 1934 führte Seiler, der zu der Zeit hauptberuflich noch als Lehrer tätig war, sehr aufwendige und methodisch innovative Erhebungen über die soziale Lage der Landarbeiter und des Gesindes in Franken durch. Für seine von der RAG außergewöhnlich gut dotierten Projekte stellte er bis zu fünf Mitarbeiter ein, die sich auf die Zuarbeit von zahllosen ehrenamtlichen Mitarbeitern im gesamten

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Gau Franken stützen konnten, die vor Ort die erforderlichen Daten anhand präziser Anweisungen und entsprechender Erhebungsinstrumente sammelten. Die zuständigen Stellen der Landesplanungsgemeinschaft Bayern, des Reichsnährstands sowie die Instanzen der staatlichen Aministration und der NSDAP wirkten dabei mit. Der Gaubeauftragte für Siedlung und Landesplanung des Gaues Franken, der Planungsreferent des Reichsstatthalters Bayern und die Zentrale der bayerischen Landesplanung in München befassten sich mit Seilers Forschungsberichten und Publikationen. Weiterhin bestanden personelle Kontakte zu administrationseigenen Forschungseinrichtungen und Planungsbehörden. Der von Hans Freyer promovierte Soziologe Walter Hildebrandt, der bereits zusammen mit Pfeffer die Leipziger Untersuchungen zur Landarbeiterfrage durchgeführt hatte, leitete mit Seiler die Arbeiten zur Landflucht in Franken und wurde danach Mitarbeiter in der Berliner Zentrale der RAG. Für Seiler selbst wurde schließlich ein Lehrstuhl für Soziologie an der Nürnberger Hochschule für Sozialwissenschaften eingerichtet (Klingemann 1996). Die hier geschilderten Aktivitäten Leipziger Agrarsoziologen und jener Karl Seilers stehen exemplarisch für die Politisierung der Wissenschaft und die Verwissenschaftlichung der Politik. Dieses Muster lässt sich aber auch generell in der Interdependenz von moderner Agrarpolitik und moderner Agrarsoziologie nachweisen (Klingemann 2009, S. 109 – ​122). Auch am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg (Klingemann 1996, S. 120 – ​158) war eine Verschränkung von Forschung und politischer Zwecksetzung deutlich ausgeprägt. Projekte zu verschiedenen Themen wurden im Laufe der Jahre im Auftrag der RAG (auch als Stipendien), aber auch für den Reichsnährstand (Landesbauernschaft Baden) und die Studien­ gesellschaft für Nationalökonomie (wissenschaftliche Forschungsstelle des Reichsbauernführers) erstellt. Dabei wurden die Bearbeiter später häufig übernommen. Mit Kriegsbeginn wurden auch hier Forschungsprojekte explizit in den Dienst der Expansionspolitik gestellt, was im Folgenden exemplarisch dargestellt wird. Der persönliche Assistent des Direktors Carl Brinkmann und RAG-Stipendiat, Max Ernst Graf zu Solms-Roedelheim, hatte 1939 mit der innovativen Arbeit Die Einflüsse der Industrialisierung auf 14 Landgemeinden bei Karlsruhe promoviert und auch Auftragsarbeiten für die Forschungsstelle des Reichsbauernführers durchgeführt. Als er einberufen werden sollte, stellte der Rektor auf Anregung des Instituts einen Antrag auf Unabkömmlichkeit, da Solms-Roedelheim „im Auftrag und gemäß den Richtlinien der Reichsstelle für Raumordnung im Rahmen ihres kriegswichtigen Forschungsprogramms mit der Untersuchung über die Aussiedlungsmöglichkeiten aus dem Klein- und Zwergbauerntum sowie der Siedlerreserve an nachgeborenen Bauernsöhnen und Landarbeitern Nordbadens befaßt ist.“ Dem Antrag wurde stattgegeben. Am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften ist neben vielen anderen Arbeiten also auch die typische Verflechtung

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einer Forschungseinrichtung mit Planungsinstanzen bis hinauf zur höchsten Ebene zu beobachten. Einen ganz besonderen Fall der politischen Institutionalisierung einer universitären Forschungseinrichtung stellt das Soziographische Institut an der Universität Frankfurt am Main unter der Leitung von Ludwig Neundörfer dar (Klingemann 1996, S. 87 – ​102). Es wurde im Frühjahr 1943 gegründet, um dem Großvorhaben einer grundlegenden Umgestaltung der Agrarstruktur im Altreich durch Aussiedlung und Begründung moderner Sozialstrukturen durch Wiederansiedlung in den „neuen Ostgebieten“ eine universitäre Basis zu verschaffen. Ab 1937 war Neundörfer als Heidelberger Dezernent für Stadtplanung zugleich Bezirksplaner für Nordbaden und von 1939 bis Ende 1940 Bezirksplaner und stellvertretender Landesplaner beim Reichsstatthalter Baden. 1940 folgte er „dem Ruf zur Übernahme der Reichsarbeiten zur Umsiedlung“. In einem Bericht vom August 1943 zog Neundörfer eine Bilanz der bis dahin abgeschlossenen Arbeiten: „Das Archiv Bestandspläne umfaßt genaue soziographische Angaben über 586700 Haushalte aus allen Teilen des Reiches. […] Von den 4500 Richtgemeinden dieser Planung sind 3126 in Bestand und Wunschbild fertiggestellt und liegen die Pläne von 1862 Gemeinden ausgefertigt in den Schränken des Archivs. Außerdem ist umfangreiches Volkskartenmaterial vorhanden für das Westwallgebiet, die lothringischen Landstädte, das Kohlenrevier des Warndt, das Umsiedlungsgebiet Südkärntens, die Notstandsgebiete der Rhön, Niederschlesiens und Thüringens. Erste Ansätze für die Erfassung der Volkstumsprobleme in Danzig-Westpreußen und Wartheland, schließlich Untersuchungen über die Wohnverhältnisse alter Leute in Frankfurt und München. Der Herstellungswert dieses Materials beträgt RM 300 000.“ (Bericht 1943, S. 1) Das Großprojekt der Erstellung eines „Reichsgutachtens“, bei dem das Reich in „250 Räume gleicher Art“ eingeteilt werden sollte, konnten Neundörfers Daten sammelnde „Arbeitsstellen Bestandspläne“ in Berlin, Wien und Frankfurt am Main, die dem Reichsnährstand unterstellt waren und von diesem zusammen mit der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung betreut wurden, vom Umfang her und im Hinblick auf eine wissenschaftliche Auswertung nicht allein leisten. Da Neundörfers Arbeiten außerdem seit 1941 zunehmend den Kompetenzbereich des Reichsführers SS Heinrich Himmler in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums berührten und er für ihn Gutachten erstellte, sollte ein entsprechend ausgestattetes Forschungsinstitut geschaffen werden, das insbesondere die wissenschaftliche Auswertung der Bestandspläne wahrzunehmen hatte. Zwei Stiftungen, an denen die Stadt Frankfurt und die Universität beteiligt waren, stellten das Kapital für die Stiftung zur Erforschung des deutschen Volksaufbaus zur Verfügung. Das Reichswissenschaftsministerium genehmigte umgehend die Errichtung des Soziographischen Instituts, woraufhin

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Neundörfer im Februar 1943 den Leiter der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung Prof. Ritterbusch über die zukünftige Kompetenzverteilung informierte: „Als unmittelbar beteiligt haben neben der Reichsarbeitsgemeinschaft der Chef des Planungshauptamtes des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums Prof. Konrad Meyer, der zugleich Planungsbeauftragter für Siedlung und ländliche Neuordnung beim Reichsernährungsminister, Reichsbauernführer und Reichsamt für das deutsche Landvolk ist, und die Reichsabteilung II A 4 des Reichsnährstands zu gelten.“ Indem Neundörfer umgehend dem Kurator seiner Universität mitteilte, dass in Kürze in Berlin „die entscheidenden Besprechungen zwischen den Prof. Ritterbusch und Konrad Meyer in meinem Beisein stattfinden“ werden, wird deutlich, dass Himmler über Konrad Meyer entscheidenden Einfluss auf das Institut nehmen konnte. Konrad Meyer repräsentiert in idealer Weise das Prinzip der rekursiven Kopplung von Sozialwissenschaft und Politik (Heinemann 2006; Kegler und Stiller 2017). Das Soziographische Institut erlebte eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte, die keineswegs infolge der zunehmenden militärischen Niederlagen abbrach. Denn inzwischen hatten die obersten Planungsinstanzen sich mehr und mehr von den „neuen Ostgebieten“ ab- und dem Altreich zugewandt. Daraufhin bearbeitete das Institut im Rahmen des im Frühjahr 1944 gegründeten Arbeitsstabes Wiederaufbau beim Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion zahlreiche Aufträge. Im Juni 1944 gründete Neundörfer mit Vertretern der RAG, des Reichsnährstands und des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums einen Beirat zur fortlaufenden Koordination der Arbeit des Instituts: „Weitere Forschungsaufträge, die auf Anregung des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums zu übernehmen sind, würden ebenfalls von dieser Seite zu finanzieren sein.“ Auch bei der Absicherung der Zukunft des Instituts gegen Kriegsende half der Reichskommissar, indem er dafür sorgte, dass es im März 1945 in die eigentlich nur für natur- und technikwissenschaftliche Einrichtungen gedachte „Wehrforschungsgemeinschaft“ aufgenommen wurde: „Die wichtigsten Mitarbeiter gelten als Schlüsselkräfte‘“ und konnten deswegen nicht eingezogen werden ! Am 1. April 1945 nahm Neundörfer „nach 10tägiger erzwungener Abwesenheit“ (Jahresbericht 1945/46, S. 1) seine Tätigkeit im Institut wieder auf. Das Institut wurde noch vor der Kapitulation von der amerikanischen Militärregierung mit der Aufstellung einer Wohnungshaushaltskartei zur Wohnraumlenkung und als Vorarbeit für Planungen beauftragt. Neundörfer war neben seinen akademischen Ämtern als Direktor des Instituts, Professor für Soziologie der Erziehung sowie Präsident der Hochschule für Erziehung an der Universität Frankfurt wohl einer der herausragenden (Politik-)Berater Westdeutschlands. Der politische Systemumbruch von 1933 hatte ihm die Umsetzung seines bereits zuvor entwickelten

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Konzepts sozialwissenschaftlich angeleiteter Sozialplanung ermöglicht, das an der Einheit des Haushalts analytisch ansetzte und eine individuenbezogene Intervention anstrebte. Er entwarf dieses Modell modernster Sozialtechnik nicht als fanatischer Anhänger des Nationalsozialismus. Er war weder in der NSDAP noch in einer ihrer zahlreichen Gliederungen. Sein Ziel war die Schaffung einer besseren Gesellschaft, wobei er die Vernachlässigung der Interessen und Rechte beplanter Individuen in Kauf nahm. Neundörfer und das Soziographische Institut repräsentieren den Prototyp einer innovativen, anwendungsorientierten empirischen Soziologie, deren politischer Erfolg durch ihre außeruniversitäre Professionalisierung während des Nationalsozialismus initiiert wurde und sich in der Bundesrepublik in anderer Form als Beratungswissenschaft etablieren konnte.

2.4.2 Soziologische Ostforschung Die bislang geschilderten Einsatzfelder sozialwissenschaftlichen Expertenwissens lagen (bis auf einige des Soziographischen Instituts) geographisch alle im Altreich mit den Schwerpunkten Agrarstruktur (insbesondere Landflucht, Stadt-Land-Beziehungen, Aussiedlerreserven), Notstandsgebiete sowie Landes- und Siedlungsplanung. Mit Kriegsbeginn wurden neue Arbeitsgebiete durch die Expansionspolitik erschlossen. Die Ermittlung von Aussiedlerpotentialen aus den westlichen Landesteilen, Sozialraumforschung in den einverleibten oder besetzten Territorien und die Untersuchung der deutschen Volksgruppen sowie anderer ethnischer Minderheiten in Europa rückten nun in das Zentrum der politikberatenden Forschungsarbeit (Klingemann 2009, S. 71 – ​108). Das bis dahin permanent unterfinanzierte Institut für Grenz- und Auslandstudien in Berlin-Steglitz, das aber über einen von staatlichen und Parteidienststellen hochgeschätzten Fundus an Daten- und Kartenmaterial über ethnische Verhältnisse nicht nur in Ost- und Südosteuropa verfügte, erlebte eine bis dahin undenkbare Förderung (Klingemann 1996, S. 71 – ​86). Die Mitglieder des Instituts bearbeiteten Forschungsaufträge vom Auswärtigen Amt, dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, dem Oberkommando der Wehrmacht und dem Reichssicherheitshauptamt. Sie kooperierten mit der Akademie für Deutsches Recht, dem Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, insbesondere aber mit Dienststellen des Reichsführers SS wie dem Rasseamt des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS, der Volksdeutschen Mittelstelle des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums und dem Sicherheitsdienst-Inland. Schließlich wurde das Institut, das der Dienstaufsicht des Reichsinnenministe­ riums unterstanden hatte, im Mai 1944 dem Amt VI/G des Reichssicherheitshauptamtes, also dem Auslandsnachrichtendienst unterstellt. Gefragt waren die

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Mitarbeiter des Instituts hauptsächlich wegen ihrer Spezialkenntnisse als Ost- und Minderheitenexperten. So wurde 1942 der von Karl Heinz Pfeffer mit einer geheim gehaltenen Arbeit über Bauerntum und Volkstum in Estland promovierte Gerhard Teich zur Beratung eines vom Reichssicherheitshaupt erstellten Entwurfs des Generalplans Ost herangezogen. Dabei wurden nämlich „Fragen der Eindeutschung, insbesondere in den baltischen Ländern“ behandelt (Bericht 1942, S. 293). Nicht nur im Institut für Grenz- und Auslandstudien bot die Ostforschung in empirischer Arbeit ausgewiesenen Soziologen vielfältige Arbeitsmöglichkeiten, wie im Folgenden dargelegt werden soll. Die politisch bewusste Steuerung der Ostforschung in eine dezidiert sozialwissenschaftliche Richtung wird 1940 durch die Bekanntmachung des Kriegsprogramms der RAG in ihrer Zeitschrift Raumforschung und Raumordnung unter der Überschrift „Besiedlung der Ostgebiete durch bäuerliche Kolonisation aus dem Altreich“ offiziell zum Ausdruck gebracht. Die forschungsstrategische Zielsetzung lautete: „Gegenwärtig besteht unter den beteiligten Stellen Einigkeit darüber, daß es notwendig ist, alle Landschaften des Reiches und auch diejenigen der Ostmark und des Sudentengaues einzubeziehen, da es sich nicht mehr allein darum handelt, Grundmaterial für die Beantwortung der Frage der Aussiedlungsmöglichkeiten zu gewinnen, sondern zugleich die. Untersuchungen so anzusetzen, daß sie auf lange Sicht die soziologisch bedeutsamen Tatsachen für die Beurteilung der Gesamtstruktur der betreffenden Gebiete hinsichtlich vor allem der bäuerlichen Verhältnisse darbieten.“ Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik wurde dezent als eine Frage der „Form“ behandelt: „Über die Form der Untersuchungen darf ausgesprochen werden, daß sich nicht nur eine enge Arbeitsgemeinschaft der zentral beteiligten Stellen, sondern dementsprechend auch regional in den Untersuchungsgebieten ein enges Zusammenarbeiten zwischen den beteiligten Verwaltungs- und politischen Stellen und der Wissenschaft ergeben hat. Für das Untersuchungsziel sind einmal die Gesichtspunkte des Reichsführers SS in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, sodann die Erlasse der RfR, des Reichsbauernführers und Reichsernährungsministeriums, sowie die Anweisungen des Obmanns der RAG an die Untersuchungsleiter maßgebend.“ (Glatzel 1940, S. 183, 184) Den klassischen Fall einer institutionellen Zusammenführung angewandter akademischer Agrarsoziologie und politisch-administrativer ‚Neuordnungs‘-Planung repräsentiert der habilitierte Soziologe Herbert Morgen. Er lehrte als Dozent an der Universität Berlin und leitete die Abteilung Bodenordnung und ländliche Soziologie an deren Institut für Agrarwesen und Agrarpolitik, dessen Direktor SS-Oberführer Prof. Dr. Konrad Meyer gleichzeitig Leiter des Planungsamtes des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums war. Als Geschäftsführer des Forschungsdienstes, der dem Reichslandwirtschaftsministerium und

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dem Reichswissenschaftsministerium unterstand und die Arbeit von sieben Reichsarbeitsgemeinschaften der Landwirtschaftswissenschaften koordinierte sowie Forschungsprojekte finanzierte, saß Morgen an einer Schaltstelle nationalsozialistischer Forschungspolitik. Als Leiter einer Kommission, die im Auftrag des Reichskommissars sozio-ökonomische Bestandsaufnahmen in den ehemals russischen Kreisen des okkupierten Polens durchführte, entwickelte er einen dezidiert soziologischen Ansatz fernab jeglicher Bauernromantik: „Die neuen Ostgebiete in Zukunft als reine Agrargebiete mit damit begründeter einseitiger Sozialstruktur anzusehen, wäre vollkommen abwegig.“ (Morgen 1941, S. 397) Morgens moderne Sicht wurde in Himmlers Planungsstab offensichtlich geschätzt, da er auch einer der Autoren der dort entworfenen Variante des Generalplans Ost ist (Rössler und Schleiermacher 1993).

2.4.3 Zur politischen Funktion soziologischer Ostexperten im Kontext des 14. Internationalen Soziologiekongresses in Bukarest, im Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums, im militärischen Geheimdienst („Abwehr II“) und in der Reinhard-Heydrich-Stiftung in Prag Ergänzend zu der obigen Darstellung der strategischen Planung des Einsatzes deutscher Soziologen auf dem für 1939 geplanten Internationalen Soziologiekongress in Bukarest durch den designierten Delegationsleiter Gunther Ipsen sei erwähnt, dass er bereits im Februar 1938 das Reichswissenschaftsministerium darauf hingewiesen hatte, es sei auf dem Kongress mit einem „starken Anteil politisch wirksamer und wichtiger Männer“ zu rechnen, so dass es falsch sei, „ein solches Feld der Werbung unseren politischen Feinden – Juden, Volksfrontgruppen, Liberalen und Marxisten – zu überlassen.“ Diesem Abwehrzweck diente auch das Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums (Klingemann 2009, S. 85 – ​92) wie es Karl Heinz Pfeffer bei der Proklamation des Erwachens einer neuen deutschen Soziologie darstellt. Es ist nämlich nicht nur die „sichtbarste Leistung dieser eigentlichen deutschen Soziologie“, es hat auch eine klare politische Vorbildfunktion: „Die deutsche Soziologie kann nur dann die ihr auch International gebührende Schlagkraft erhalten, wenn wie hier die systematischen und empirischen, die einzelwissenschaftlichen und politischen Bemühungen zusammenschlagen.“ (Pfeffer 1939, S. 428) Dies war nun aber nicht der verzerrte Blick eines Vertreters der Soziologie auf das Handwörterbuch, das doch von Historikern herausgegeben wurde. Carl Petersen, einer der Herausgeber, schlägt im Sommer 1936 vor, „Ipsen, als einem der wesentlichsten Mitarbeiter in Sachen Ostartikel“ mit dem man einig sein müsse, zu Besprechun-

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gen einzuladen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass außer Ipsen auch seine Assistenten Helmut Klocke und Helmut Haufe sowie andere ursprünglich Leipziger Soziologen wie Hans Freyer, Karl Heinz Pfeffer, Hans Linde und Gerhard Teich als Autoren oder aber insbesondere auch als Kontrolleure die Ausrichtung des Handwörterbuchs wesentlich mitbestimmten. Dessen politische Bedeutung wird allein schon daraus ersichtlich, dass Heinrich Himmler persönlich als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums und seine Forschungsorganisation Das Ahnenerbe die Arbeit am Handwörterbuch sicherstellten. Zu den Mitgliedern der Delegation für den Internationalen Soziologie-Kongress gehörten auch die ausgewiesenen Ostexperten Hans Raupach und Helmut Klocke. Klocke, ehemaliger Mitarbeiter am Ungarn-Institut der Universität Berlin, wurde als Berater für das Auswärtige Amt herangezogen, um den Ersten Wiener Schiedsspruch mit vorzubereiten, insbesondere mit Blick auf die neue Grenzziehung zwischen Ungarn und der Slowakei. Hans Raupach, Dozent für Völker- und Staatenkunde Südosteuropas an der Universität Halle/Saale, beschreibt die Aufgaben seiner Gruppe von etwa 25 sozialwissenschaftlichen Ostexperten im militärischen Geheimdienst („Abwehr Il“) mit folgenden Worten: „Als Gruppe A II wird im folgenden eine Gruppe von deutschen Intellektuellen bezeichnet, die auf der Grundlage einer gemeinsamen Erziehung, Erfahrung und kollektiver wissenschaftlicher Arbeit versuchte, ihre Konzeption osteuropäischer Zusammenarbeit in der Kriegsführung der deutschen Wehrmacht durchzusetzen. […] Die meisten Mitglieder haben […] irgendwelche wissenschaftlichen Beiträge zur Kenntnis Osteuropas geleistet. […] Die Aufgabe von Abw. II war die militärpolitische Bewertung und Ausnutzung der politischen, insbesondere der nationalen und sozialen Spannungen beim Gegner. Obwohl eine besondere Abteilung die Aufgabe hatte, Sabotagehandlungen im Rücken des Gegners durchzuführen, war bei der überwiegenden Mehrheit der Abteilung die Ansicht herrschend, dass eine kluge Führung oppositioneller Gruppen und ihre Steuerung als einer latenten Gefahr für den feindlichen Staat ein viel wirksameres Kampfmittel war, als die Inszenierung höchst kostspieliger und bei den geringen deutschen Einsatzmitteln nur sporadischer Sabotageunternehmen. Allerdings wurde auch erkannt, dass die Steigerung oppositioneller Bewegungen zu eigentlichen Kampfhandlungen (Partisanentätigkeit) die ultima ratio der Führungstätigkeit der Abteilung sein musste.“ (Raupach 1949, S. 1, 4) Während das sozialwissenschaftliche Expertenwissen in der militärischen Abwehr zur Destabilisierung der östlichen Länder durch Instrumentalisierung oppositioneller und autonomistisch-separatistischer Bewegungen eingesetzt wurde, sollte es in der Reinhard-Heydrich-Stiftung in Prag die deutsche Machtposition im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren stabilisieren und langfristig eine völlige Assimilation der rassisch als ebenbürtig geltenden Tschechen ermöglichen

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helfen. Diese Position vertrat auch ihr wissenschaftlicher Leiter Prof. Hans Joachim Beyer, der sich sonst nicht nur als radikaler Antisemit, sondern auch als ausgesprochener Polenhasser auszeichnete (Roth 1997; Kubu 2004). In seinem Aufsatz, Ghetto oder Assimilation ? Die amerikanische Soziologie und ostmitteleuropäische Volkstumsfragen, musste er trotz rassenmystischer Vernebelungen festhalten: „Wenn auch jede Umvolkung mit einem Gesinnungswandel beginnt, so sind doch rassische Faktoren für den Verlauf bestimmend. Diese Feststellung darf nicht mißverstanden werden: Die Rasse als solche wirkt nicht assimilierend.“ Mit anderen Worten „erleichtert eine rassische Verwandtschaft die Angleichung, während rassische Fremdheit zu einer Pseudoassimilation führt.“ (Beyer 1942, S. 344) Konkret bedeutet dies für die politisch erwünschte allgemeine Assimilationsfähigkeit der Tschechen, dass er eine „außerordentliche Stärke des deutschen Blutanteils im Tschechentum“ (Beyer 1942, S. 4) postuliert und im Gründungskonzept der Reinhard-Heydrich-Stiftung als Ziel ihrer Forschungsarbeit die „geistige und gesinnungsmäßige Eingliederung der slawischsprachigen Bevölkerung Böhmen und Mährens, insbesondere der Jugend ins Reich“ (zit. n. Wiedemann 2000, S. 74) festlegt. Diesen Ansatz vertrat auch Karl Valentin Müller, der 1941 zum Professor für Sozialanthropologie und Direktor des Instituts für Sozialanthropologie und Volksbiologie an der Deutschen Karls-Universität bestellt wurde. Schon bevor die Reinhard-Heydrich-Stiftung ein Jahr später gegründet werden sollte, publizierte er Grundsätzliche Ausführungen über das deutsche und tschechische Volkstum in Böhmen und Mähren. Er beginnt den Aufsatz mit einer Feststellung, die so mancher NS-Rassenideologe als eklatanten Verstoß gegen das Dogma, ausschließlich die Rassenzusammensetzung bestimme alle Eigenschaften eines Volkes, empfunden haben dürfte: „Dem Verhältnis des deutschen zum tschechischen Volkstum wird man nur gerecht, wenn man sich vorher klarmacht, daß Völker – und vor allem kleine Völker – in erster Linie kulturelle Bekenntnisgemeinschaften sind, deren blutsmäßiger Aufbau rasch und nachhaltig wandelbar ist, so daß sich das charakteristische und geistige Profil desselben Volkes in wenigen Geschlechterfolgen wesentlich verändern kann.“ (Müller 1941, S. 488) Bei seinen dann folgenden Ausführungen fließt viel Blut (hin und her), und der Glaube an die prägende Kraft rassischer Urherkunft wird gepflegt – allerdings mit dem Ziel, die Ebenbürtigkeit von Tschechen und Deutschen zu beweisen. Dafür zieht Müller als Belege Grabfunde, Genealogien des Adels, deutsche Stadtgründungen, die Auszählung von Namen und Aufschriften auf Grabsteinen, deutsche Zuwanderungen und Familiennamen sowie die Angaben auf den aktuellen „Haushaltskarten“ für die Zuweisung von Lebensmitteln und anderen Gütern heran. Schließlich steht fest: „Zusammenfassend kann bezüglich des Grades der Bluts- und Abstammungsgemeinschaft der Deutschen und Tschechen gesagt

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werden, daß – sowohl nach der kultur-, sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Erfahrung und schließlich auch nach dem rassebiologischen Erscheinungsbild – die Ober- und Mittelschicht dem deutschen Durchschnitt entsprechen; es wäre freilich wichtig, hier nach Ständen und Gewerben, aber auch nach Gegenden genaueren Einblick zu erhalten. Sehr stark dem deutschen Bilde angenähert erscheinen bereits die gehobenen Arbeiterschichten und – wohl in gebietsweise verschiedenem Grade – der Bauernstand. In etwas geringerem Maße vom deutschen Sippenerbe beeinflußt zeigt sich die Schicht der ungelernten Arbeiter und Tagelöhner, auch hier verschieden nach Ort und Gewerbezweig.“ (Müller 1941, S. 496) Allerdings entwickelt er in einer Denkschrift zur „Umvolkung“ für die „Neuordnung des südosteuropäischen Raums“ im Auftrag von Staatsminister Karl Hermann Frank, dem nach Heydrichs Tod eigentlichen Machthaber im Protektorat, ein Modell der „teilweisen Entschlackung“ des deutschen Volkstums durch „Rückvolkung“ der „leistungsmässig minderebenbürtigen Sippen“ an das „slawische Ausgangsvolkstum“ und die Heranziehung geeigneter „Leistungsträger der fremden Volkstümer“ zur Abgrenzung eines deutschen „Herrenvolks“ von einem „Vasallenvolkstum“ (Voigt 1973, S. 373 ff.). Für den in Böhmen geborenen Müller kamen andere Optionen der Aussiedlung oder Umsiedlung der Tschechen nicht infrage, er setzte auf langfristige Assimilation. So ist auch dem Resümee einer in jüngerer Zeit erschienen Darstellung der Rassenforschung und Oststudien an der Deutschen (Karls-)Universität in Prag zuzustimmen: „Die politisch bedingte Forschung konzentrierte sich vor allem auf die Fragen der Eindeutschung der Bevölkerung und den Nachweis einer bestimmten Bedeutung der deutschen Kultur in Böhmen.“ (Misková 1999, S. 53). Deshalb spielten für Müller auch die quasi-offizielle Rassentheorie Hans F. K. Günthers mit ihrem Grundgedanken der Aufnordung des deutschen Volkstums oder der insbesondere vom Reichsführer SS gepflegte Germanenkult keine Rolle. Müllers Rassismus besteht eigentlich aus dem Glauben, gegebene Sozialhierarchien seien biologisch, das heißt erblich bedingt, aber in jeder „Rasse“, ob Vasallen- oder Herrenvolkstum, vorhanden und zumindest im Fall der Slawen und Deutschen ohne rassenschädigende Folgen kreuzbar, da sich dieses Geschehen entweder unter leistungsmäßig ‚ebenbürtigen‘ Deutschen und Tschechen oder aber im als sozial minderwertig etikettierten unteren Segment abspielt, woraus sich das Vasallenvolkstum aus Tschechen, aber auch aus Deutschen rekrutiert.

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2.4.4 Soziologische Westforschung Wie in der soziologischen Ostforschung spielte auch in der soziologischen Westforschung (Klingemann 2009, S. 35 – ​70) der Germanenkult keine Rolle, während sich etwa bei den Landeshistorikern alles um die germanische Prägung Nordostfrankreichs sowie die Sprach-, Volkstums- und Kulturbodengrenze drehte. Soziologen befassten sich mit ganz Frankreich betreffende Themen, hauptsächlich aber mit konkreten Problemstellungen an der Westgrenze. und im okkupierten ElsaßLothringen. Der ehemalige Heidelberger Soziologe Ernst Wilhelm Eschmann, Assistent von Alfred Weber, hielt seit 1934 an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin regelmäßig Lehrveranstaltungen zu Frankreich-Themen ab, sprach in öffentlichen Vorträgen über französische Innen- und Außenpolitik und habilitierte sich mit der Arbeit Die Führungsschichten Frankreichs. Von den Capetingern bis zum Ende des Grand Siècle. 1943 wurde er Professor für Volks- und Landeskunde Frankreichs an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin sowie Leiter der Frankreich-Abteilung des Auslandswissenschaftlichen Instituts. Seine Lehrveranstaltungen sind gut besucht, es werden Diplomarbeiten zu französischen Thematiken (auch eine Dissertation zur Erlangung des neu geschaffenen Doktors der Auslandswissenschaften) angefertigt, und die Frankreich-Abteilung widmet sich neben der Behandlung diverser Einzelthemen auch der Dauerbeobachtung der innen- und außenpolitischen Ereignisse Frankreichs und erstattet „Zeitberichte“. Auf dieser Grundlage erstellt Eschmann regelmäßig einen umfangreichen Frankreich-Beitrag für das Jahrbuch für Weltpolitik. Er unternimmt Studienreisen nach Frankreich und Vortragsreisen in Deutschland und hat noch Zeit genug, in den Münchner Neuesten Nachrichten propagandistische Artikel zu publizieren. Er knüpft Kontakte zum Sicherheitsdienst der SS, da er auf einer Dienstreise erfahren hat, dass es beim SD in Paris eine Reihe von Einsatzmöglichkeiten für Frankreich-Experten gibt. Schließlich wird er im Auftrag des Auswärtigen Amtes Leiter der Zweigstelle des Deutschen Instituts in Marseille. Abschließend lässt sich sagen, dass abgesehen von Eschmanns Habilitationsschrift seine Frankreichschriften nicht als genuin soziologische Problematisierungen von innerfranzösischen Fragen, der deutschfranzösischen Beziehungen oder speziell der Westgrenze zu sehen sind, sie stellen allerdings eine interessante Quelle für eine politisierte Darstellung der Beziehungen Deutschlands zum besetzten Teil Frankreichs und zur Vichy-Regierung dar. Die Lage an der Westgrenze wurde aber von anderen Soziologen bis zum Kriegsbeginn fachwissenschaftlich untersucht. Behandelt wurden sozio-ökonomische Fragen der Landwirtschaft (Landflucht, Nachwuchs), die Aussiedlungsmöglichkeiten aus den Realteilungsgebieten, die Notstandsgebiete und die

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Stadt-Land-Beziehungen. Als Ausnahme ist aber auch eine historisierende Großreichsromantik wie auch die eigenartige Vermengung von realsoziologischer Analyse mit Blut-und-Boden-Mystizismus zu beobachten. Schon Ende der zwanziger Jahre hatte Gunther Ipsen mit seinem Aufsatz Lothringen und die europäische Geschichte in gewohnt blumiger Redeweise Lothringen als „gemeinsame Mitte des werdenden Abendlandes“ imaginiert. Diese Begeisterung für seine ureigenste Schöpfung – „Lothringen und Europäertum decken einander.“ (Ipsen 1929, S. 287, 290) – hinderte ihn andererseits nicht an einer realistischen Einschätzung der aktuellen Situation. In seinem Aufsatz Die volkspolitische Lage des deutschen Bergbaus der Gegenwart für das Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums aus dem Jahr 1933 schildert er durchaus sachlich die sozialen Folgen des „Aufbaus des französischen Industriekörpers“ nach der Abtretung Lothringens an Frankreich, der sich für ihn allerdings primär wegen des Zuzugs von italienischen und polnischen Arbeitern als „Umvolkung“ („Zersetzung“ der deutsch-französischen Sprachgrenze) darstellt (Ipsen 1933, S. 382). Sein bereits im Kontext der Ostforschung aufgetretener Schüler Helmut Klocke, der für den Artikel über die Wirtschafts- und Sozialentwicklung Elsaß-Lothringens in der Reichslandzeit verantwortlich ist, sieht drei Jahre später die volkspolitischen Verschiebungen ganz anders. Schon die „Wiedervereinigung mit dem Reich“ (1871) habe infolge einer forcierten Industrialisierung zwar zu einer italienisch-polnischen Zuwanderung geführt, aber die deutsch-französische Sprachgrenze werde in Lothringen wegen der ebenfalls stattfindenden Zuwanderung rheinländischer Bergleute und deutsch-lothringischer Bevölkerung nach Westen verschoben, was das Deutschtum gestärkt habe. Indem er aber betont, dass die ins Land gekommene binnendeutsche Beamten und Offiziersschicht keinen Kontakt zu den „breiten Volksmassen“, insbesondere zur „deutschbewußten“ Volksschullehrerschaft aufgenommen habe, erweckt sein Artikel nicht den Eindruck, die „Wiedergewinnung“ des Landes habe insgesamt eine Stärkung des Deutschtums bewirkt (Klocke 1936, S. 387 f.). Der ebenfalls bereits im Kontext der Ostforschung erwähnte Max Hildebert Boehm gibt sich in seinem 1942 erscheinenden Buch Lothringerland. Anderthalb Jahrtausende Grenzlandschicksal zwischen Argonnen und Vogesen hinsichtlich des verlorengegangenen Deutschtums Lothringens keiner Illusionen hin, reklamiert das Land aber erst recht für Deutschland, ohne allerdings eine konkrete Grenzziehungslinie vorzuschlagen. In seinem Aufsatz Landschaft und Volkstum im lothringischen Raum (Boehm 1941) erhebt er jedoch klare annexionistische Forderungen wie auch in seiner Denkschrift Grundlagen der Grenzführung im lothringischen Raum. Sie stammt aus dem Jahr 1941 und soll dem Gauleiter Westmark Josef Bürckel vorgelegen haben. Nur hatte dieser im selben Jahr schon längst öffentlich in seinem Beitrag Gau Westmark im Kampf geformt für das Festbuch Elsaß und Lothringen Deutsches Land die „Wie-

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dereingliederung Lothringens in das Reichsgebiet“ gefeiert (zit. n. Muskalla 1995, S. 332). Nichtsdestotrotz haben sich Auswärtiges Amt, Propagandaministerium, Innenministerium, SD-Ausland und der Militärbefehlshaber in Frankreich SSBrigadeführer Dr. Best im Oktober 1941 mit der Frage befasst, ob es politisch vertretbar sei, Boehms Lothringerland zu veröffentlichen. Es könne „als Programm der Deutschen Regierung ausgedeutet“ werden und sich „daher als ein Störungsmoment in den gegenwärtigen deutschfranzösischen Beziehungen erweisen und von der antideutschen Propaganda dem französischen Volk als Beweis für die weitgehenden Absichten des Reiches in territorialer Beziehung vorgehalten werden.“ Trotz dieser Querelen erschien das Buch 1942. Gauleiter Bürckel schätzte Boehm auf jeden Fall als Experten, da er persönlich mit ihm Fragen der Westraum-Forschung besprochen hatte und ihn im Mai 1944 zu weiteren Gesprächen nach Lothringen einlud, wie es in einem im Universitätsarchiv Jena überlieferten Schreiben Bürckels an den Rektor der Universität Jena dokumentiert ist. Nur bei Unterhaltungen mit hochrangigen NS-Politikern blieb es bei dem bereits erwähnten Ludwig Neundörfer auch im Fall seiner Westforschung nicht. Sein Soziographisches Institut bearbeitete den Auftrag Bürckels als Chef der Zivilverwaltung Lothringen, Wiederaufbaugutachten für eine Reihe lothringischer Landstädte zu erstellen. Die daraufhin entwickelten Planungsvorgaben sind ansatzweise beim Wiederaufbau der durch Kriegseinwirkungen und nachträgliche planmäßig durchgeführte Teilzerstörung von Dörfern in der „Westwallzone“ umgesetzt worden. Konstitutiv für die Wiederaufbauplanung war die Ermittlung der Aussiedlungsmöglichkeiten aus den Freiteilungsgebieten, wodurch auch gezielt die Siedlerreserven für den Osten bestimmt werden sollten. Hiermit hat man einen Beleg, dass West- und Ostforschung eng verzahnt waren, was im Fall des Soziographischen Instituts eindeutig auch durch die Aufträge des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums erwiesen ist. Damit war das Soziographische Institut direkt in die Umsiedlungs-, Vertreibungs- und Vernichtungspolitik involviert. Dem Gauleiter von Hessen-Nassau Jakob Sprenger gegenüber erklärte Neundörfer laut einer im Archiv des Instituts für Gemeinwohl überlieferten Aktennotiz vom März 1943: „Die Besiedlung des wiedergewonnenen und des neugewonnenen Ostraumes und die Neuordnung der Landwirtschaft im Altreich bedingen einander und sind auf das engste mit einander verbunden.“ Als Ostforscher hat sich Neundörfer nach 1945 nicht mehr betätigt, jedoch konnte sein Institut – wie bereits berichtet – ohne Unterbrechung weiterarbeiten, so auch für die amerikanische Militärregierung. Als empirischer Westforscher blieb Neundörfer hingegen auch später noch aktiv. 1956 wurde er vom Europarat in eine Expertengruppe berufen, die „die Probleme der Anpassung der Daseinsformen der in den zurückgebliebenen Gebieten Europas lebenden Menschen an die neuen allgemeinen Lebensbedingungen studieren sollte.“ Dazu erstellte das Soziographische In-

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stitut einen Atlas social et économique des régions de l’Europe, „Herausgeber ist Professor Neundörfer, der Europarat hat das Patronat über das Werk übernommen.“ (Soziographisches Institut 1958, S. 738, 739 f.) Nicht nur Neundörfer, auch andere Soziologen, die sich schon vor 1945 zum Zweck der Politikberatung der empirischen Sozialforschung zugewandt hatten, fanden in der Bundesrepublik gute Arbeitsmöglichkeiten und gehörten damit zu den Modernisierern der überkommenen traditionellen deutschen Soziologie.

2.5 Soziologie in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit 2.5.1 Flüchtlingssoziologie und Politikberatung Ludwig Neundörfer verfügte über exklusives Datenmaterial, das er in der geschilderten Reichsuntersuchung für ländliche Regionen und in der Wiederaufbauplanung für urbane Agglomerationen gewonnen hatte, so dass er als Flüchtlingssoziologe, Planer und Berater für die mit Flüchtlingsfragen auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene befassten Institutionen eine herausragende Rolle spielen konnte. Sein Soziographisches Institut war zum Beispiel mit Fragen der Unterbringung und Integration von Flüchtlingen auf lokaler Ebene für die Stadt Frankfurt am Main und die Insel Sylt, auf Länderebene für hessische und niedersächsische Landkreise und auf nationaler Ebene mit den Auswirkungen des Flüchtlingssiedlungsgesetzes befasst. Das Soziographische Institut arbeitete schon vor der Kapitulation des Dritten Reichs für die amerikanische Militärregierung und war später maßgeblich an der Erstellung des nach dem amerikanischen Bankier Christian Sonne benannten Sonne-Report („Die Eingliederung der Flüchtlinge in die deutsche Gemeinschaft“) für die ECA, Technical Assistance Commission (Marshall-Plan) beteiligt. Schließlich erhielt die amerikanische National Planning Association eine Überblicksdarstellung zur Flüchtlingsfrage. Wie immer man die Einflussmöglichkeiten sozialwissenschaftlicher Politikberatung einschätzen mag, wenn einem Soziologen in der Nachkriegszeit diese zugesprochen werden können, dann Ludwig Neundörfer wegen seines durch empirische Sozialforschung erworbenen Informationsmonopols, das er gesellschaftspolitisch einzusetzen weiß. Max Hildebert Boehm hat zwar diese Arbeitsweise nicht gepflegt, hatte aber als erfahrener Minderheitenexperte einen durch Fakten gesicherten Blick auf die realpolitischen Umstände der Zwangsmigration von Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen. In einer Reihe von Aufsätzen, in denen er nüchtern feststellt, „Heimat im alten Sinn – also gerade das Gut, dessen Verlust die Heimatvertriebenen beklagen – ist in dieser veränderten Welt zu einem romantisch verklärten, aber existenziell fragwürdigen Gebilde geworden“ (Boehm 1951a, S. 173), außerdem sei dem

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Flüchtling „die Heimat selber hinter ihm (eben als Heimat) vernichtet“ (Boehm 1951b, S. 30), wird deutlich, dass er zum Beispiel mit Verweis auf die erfolgreiche berufliche Integration der Flüchtlinge davon ausgeht, dass deren endgültige „Eingliederung“ unvermeidlich ist. Ganz im Gegensatz zur Vertriebenenideologie der Landsmannschaften und des „Blocks der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ analysiert Boehm – trotz vereinzelter Rückgewinnungsphrasen – realistisch den Verlauf des Assimilationsprozesses und ist als Gründer der Nordostdeutschen Akademie und des Nordostdeutschen Kulturwerks in Lüneburg dessen aktives Element. Noch eindeutiger belegte Eugen Lemberg, selbst ein Flüchtling, durch seine wissenschaftlichen Publikationen die von Vertriebenenverbänden heftig attackierte Auffassung, dass der Assimilationsprozess bereits wenige Jahre nach der Zuwanderung weit fortgeschritten war. Sie beruht auf den Erkenntnissen, die er durch seine empirischen Erhebungen über Integrationsverläufe in Hessen gewonnen und schon 1950 in seinem Buch Die Entstehung eines neuen Volkes aus Binnendeutschen und Ostvertriebenen der Öffentlichkeit vorgestellt hatte. Der Untertitel Untersuchungen zum Strukturwandel von Land und Leuten unter dem Einfluss des Vertriebenen-Zustromes zeigt an, dass Lemberg eine dezidiert soziologische Perspektive eröffnen wollte. Im Vorwort heißt es: „Das Flüchtlings- oder Vertriebenenproblem ist nicht nur ein Problem der Flüchtlinge oder Vertriebenen, sondern eines der Gesellschaft der neuen Heimat. Sie wandelt ihre Struktur. Dieser Strukturwandel ist eben Gegenstand der vorliegenden Arbeiten.“ (Lemberg 1950, S. 5) Auf diesen und vielen weiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen bauten seine gesellschaftspolitischen Schriften auf, wie etwa jene über Die Ausweisung als Schicksal und Aufgabe. Zur Soziologie und Ideologie der Ostvertriebenen aus dem Jahr 1949, in der er programmatisch integrationspolitische Forderungen erhob. Für die Vertriebenen aus den „ehemals sogenannten auslandsdeutschen Gebieten“ sei es dort sinnvoll gewesen, ihre Sprache und Eigenart unter allen Umständen gegen die Assimilation zu verteidigen. „Hier ist eine solche Verteidigung sinnlos. Die früheren Volksgruppen, in zahllose Splitter auseinandergesiedelt und unter die binnendeutsche Bevölkerung verteilt, werden sich weder als Stämme mit ausgesprochener Eigenart noch als Volksgruppe mit politischer Idee und Physiognomie halten.“ Deswegen wendet sich Lemberg auch gegen die „von den Eltern gepflegte Heimatsehnsucht“, die Jugendliche und Kinder „als falsche Sentimentalität“ empfanden. Er verurteilt den in Rundbriefen gepredigten „Fanatismus“ und Bestrebungen, die Vertriebenen „zu einer Art Sekte, zu einem Veteranenverband“ werden zu lassen, die zu „Trägern einer Restauration“ würden. Er setzt sich hingegen für ein neues „politisches Weltbild“ ein, das „nicht auf den noch so begreiflichen Sehnsüchten und Ressentiments der Vertriebenen aufgebaut werden“ könne. Und er stellt nüchtern fest: „Ohne Verzicht auf persönliche und nationale Interessen geht das

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nicht.“ Für den „Bau eines neuen Europa“ müssten sich die Vertriebenen „auf eine neue Ebene großräumigen, übernationalen Denkens begeben, Lösungen für alle entwerfen.“ (Lemberg 1949, S. 30, 49, 50, 53, 50, 23) Wie schon bei Neundörfer und Boehm zu beobachten war, vertreten die ehemaligen Reichssoziologen als Flüchtlingssoziologen eine wissenschaftlich modernen Ansatz und eine politisch ausgesprochen progressive Position. Dies gilt auch für Elisabeth Pfeil, die schon 1948 auf den durch die Zuwanderung hervorgerufenen Individualisierungsschub hingewiesen und damit eine erst in den achtziger Jahren modisch gewordene soziologische Perspektive eröffnet hat. „Eine Abwandlung der Sozialordnung etwa lag ja längst in der Luft. Was wir die soziologische Offenheit der Flüchtlingssituation nannten, dies, dass der Flüchtling im sozialen Leben nicht mehr gilt durch ererbte oder erworbene Stellung, sondern einzig durch das, was er leistet und ist, es hebt das alte gesellschaftliche Gefüge auf. Er muss bereit sein, von seinem Beruf elastisch überzuwechseln in ein anderen. Die Flüchtlingsjugend findet keine durch Erbe oder Beziehungen vorgezeichneten Berufsbahnen vor. Sie muss ihren Weg selbst bahnen […].“ (Pfeil 1948, S. 160) Pfeils zahlreiche flüchtlingssoziologische Arbeiten sind nicht auf das „Schicksal“ der Flüchtlinge fixiert, sondern thematisieren fortlaufend Fragen der gesellschaftlichen Bedingungen für eine gelingende Integration. Mit ihrem 1952 erscheinenden Aufsatz Soziologische und psychologische Aspekte der Vertreibung legt sie eine sehr subtile empirische Analyse des Zusammenhangs zwischen Heimatverlust und Integration vor, die sie gleichzeitig in einen gehaltvollen soziologischen Deutungsrahmen stellt. „Mit der Aufhebung der heimatlichen Ordnung waren Wertordnung und Weltordnung schlechthin in Frage gestellt.“ Im Gegensatz zu den Auswanderern nach Übersee, von denen bekanntlich viele nach relativ kurzem Aufenthalt oder im Alter wieder zurückkehrten, und den Abwanderern vom Land in die Stadt, die sich beide aus einem sozialen Gefüge ablösen, handle es sich bei den Vertriebenen um dessen erzwungene Auflösung, so dass eine allmähliche innere und äußere Loslösung nicht möglich war. Es gab auch kein Ziel, es sei denn das der Rückkehr. Die Vertriebenen mussten nicht nur einen geographischen Ortswechsel vollziehen, sie kamen auch in ein „fremdes ‚kommunales Milieu‘“, die überwiegende Mehrzahl wurde auf dem ‚flachen Land‘ untergebracht, ohne Siedlungs- und Arbeitsmöglichkeiten, in. entlegenen Gegenden ohne regelmäßige Verkehrsverbindungen. Das kann „als Symbol genommen werden für die soziologische Situation nach der Ankunft: Der Vertriebene ist von der Mitte an den Rand der Gesellschaft geraten. Zu Hause stand die Welt rund um ihn; er selbst, seine Familie, sein Dorf, seine Gegend lagen in der Mitte der Welt (keineswegs an ihrem Rande, wie die Westdeutschen die Ostprovinzen liegen sahen).“ Dadurch gerät der Vertriebene ins „Eigentlich“, der eigent­ lich alles hat und kann wie die Einheimischen, er ist nur am falschen Ort und unerwünscht. Aber bei ihren empirischen Untersuchungen des Vereinslebens und

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des Heiratsverhaltens beobachtet sie eindeutige Tendenzen gelingender Integration und entwickelt ein dreistufiges Modell der Überwindung dieses „Lebens im Uneigentlichen“: „Eingliederung“ als objektiv soziologischer Befund“, „Einleben“ als „seelischer Vorgang“ und „Assimilierung“ als „niemals ganz einseitiger Vorgang“, der einer „langen Zeit, wahrscheinlich mehrerer Generationen“ bedarf (Pfeil 1952, S. 65). Damit nimmt Pfeil eine Erkenntnis vorweg, die angeblich erst mehr als dreißig Jahre später formuliert worden sein soll, wonach es sich bei der Behauptung einer schnellen Integration um einen Mythos handelt (Lüttinger 1986). Ein besonderes Kennzeichen ihrer Flüchtlingssoziologie ist dabei die systematische Thematisierung erkenntnistheoretischer und methodologischer Probleme wie etwa in ihrem Aufsatz über die deutsche Flüchtlingsforschung, in dem sie das Verhältnis von Deutung und Empirie aufgreift: Die durch „Schau“ gewonnenen „Einsichten bedürfen fortlaufend der Bestätigung oder der Korrektur durch Messung und Zählung. Alles drängt zur empirischen Forschung […].“ (1951, S. 15). Dieser Aufsatz, der sich nicht nur mit Problemen einer angemessenen soziologischen Herangehensweise befasst, ist ein hervorragendes Beispiel für eine frühe Selbstreflexion nach wie vor aktueller methodologischer Probleme einer empirischen Soziologie mit theoretischem Anspruch. Diese kommt eben nicht mehr „mit alten Begriffen von Stand und Klasse“ aus. Tradierte soziologische Kategorien sind „zwar brauchbare Instrumente erster Analysen“, aber heute wird bestätigt, was Pfeil schon 1951 aussprach, dass „am Gegenstande selbst das Instrument neu bestimmt werden muss.“ (Pfeil 1951, S. 8) Die analytische Tiefe und das hohe Reflexionsniveau der auch vom quantitativen Umfang her beeindruckenden Arbeiten erlauben es meines Erachtens davon zu sprechen, dass die Flüchtlingssoziologie als eine eigenständige spezielle Soziologie in Westdeutschland von ehemaligen Reichssoziologen begründet worden ist. Im Hinblick auf die wissenschaftliche Bearbeitung von Vertreibungsfolgen wurde schon 1959 festgehalten: „Dabei sind es vornehmlich Soziologie und Sozialpsychologie, Jugend- und Familiensoziologie, die in dem Vertriebenenproblem eine Verpflichtung erkannten (E. Pfeil, E. Lemberg, M. H. Boehm, K. V. Müller, H. Schelsky).“ (Krallert-Sattler 1959, S. 637) Damit werden nur die bekanntesten einer größeren Zahl von ehemaligen Reichs- und nunmehrigen Flüchtlingssoziologen erwähnt, es wird aber deutlich, dass es ihre Domäne war, da sich zum Beispiel die zurückgekehrten exilierten Soziologen dieses Themas nicht annahmen (Klingemann 2009, S. 287 – ​320). Bis auf ganz wenige Ausnahmen mieden es auch die Nachwuchssoziologen. Jahrzehnte später wurde dann Migrationssoziologie zu einem Karrierefach. Doch mit der zwar nur allmählich erfolgenden, schließlich aber umfassenden Assimilation der Flüchtlinge und Vertriebenen bestand kein politisch administrativer Bedarf mehr an flüchtlingssoziologischer Beratung und das Thema wurde fallengelassen.

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2.5.2 Industrie- und Familiensoziologie Allerdings kann das hier beschriebene Muster einer Modernisierung der westdeutschen Soziologie durch eine von ehemaligen Reichssoziologen entscheidend mitgetragene theoriegestützte Empirisierung auch in anderen Feldern beobachtet werden. So gestalteten sie die Familiensoziologie und die Industriesoziologie in der unmittelbaren Nachkriegszeit maßgeblich mit. Nur die Sozialforschungsstelle in Dortmund war (neben dem Frankfurter Institut für Sozialforschung) auf dem Gebiet der Industriesoziologie der einzig „fest institutionalisierte Träger soziologischer Forschung“, wie Burkhart Lutz und Gert Schmidt feststellen. Sie verweisen auf die Ausführungen des Gründers der Sozialforschungsstelle Otto Neuloh, der in deren ersten Zehnjahresbericht (1946 – ​1956) „die Dominanz industriesoziologischer Fragestellungen explizit formuliert.“ Wenn sie dann betonen, „im ersten Nachkriegsjahrzehnt“ seien „mehrere große empirische Arbeiten spezifisch industriesoziologischer Orientierung“ im Rahmen der Sozialforschungsstelle entstanden, wird wiederum deutlich, dass auch auf diesem Gebiet ehemalige Reichssoziologen die empirische Sozialforschung zusammen mit Nachwuchssoziologen etablierten. „Mit Otto Neuloh, Wilhelm Brepohl, Hans-Paul Bahrdt, Heinrich Popitz, Carl Jantke u. a. hat die Mehrheit der frühen Industrieforscher in Westdeutschland zumindest zeitweise in der SFS [Sozialforschungsstelle] eine Basis für ihre Arbeit gefunden.“ (Lutz und Schmidt 1977, S. 155) Weiterhin seien selbst die nicht unmittelbar als Industriesoziologie ausgewiesene Untersuchungen nach 1950 „thematisch stark auf Probleme der Industriearbeit und der sozialen Folgen von Industrialisierung konzentriert“ gewesen. Schließlich gründete Helmut Schelsky eine „Forschergruppe zur Untersuchung der Problematik von Berufsausbildung und Jugendarbeitslosigkeit“, deren Studien in dem von ihm 1952 herausgegebenen Band Arbeitslosigkeit und Berufsnot der Jugend dokumentiert sind. Nach Beendigung der Untersuchung wurde die Forschergruppe aufgelöst, aber einige ihrer Mitglieder machten als Soziologen Karriere. Fast zeitgleich war Schelsky zusammen mit seinem Assistenten Gerhard Wurzbacher an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg (später: Hochschule für Wirtschaft und Politik) als einer der Gründer der empirischen Familiensoziologie tätig. 1951 erschien Wurzbachers Buch Leitbilder gegenwärtigen deutschen Familienlebens und 1953 Schelskys Buch Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart. Die empirische Basis der Studien bildeten die 1949/50 von Studenten erstellten 164 Monographien von ihnen bekannten Familien, die sie anhand einer „ausführlichen Beobachtungs und Befragungsanweisung“ beschreiben mussten. Rückblickend hob Wurzbacher hervor: „Es gilt an dieser Stelle festzuhalten, daß gegenüber der gegenwärtig häufiger anzutreffenden Ansicht, die bundesdeutsche Soziologie der ersten Nachkriegsjahrzehnte sei hauptsächlich von der nachholen-

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den Übernahme amerikanischer Theorien und Methoden gekennzeichnet gewesen, für die Hamburger Familienuntersuchungen auf jeden Fall nicht zutrifft. Sie knüpften bei aller selbstverständlichen Diskussion amerikanischer Literatur an bisherigen deutschen Arbeiten und an Le Play an und wiesen diese Zusammenhänge in einer ausführlichen kritischen Methodenvorstellung und -reflexion nach. Sie wurden auch in organisatorisch-finanzieller Hinsicht nicht von amerikanischen Stellen angeregt oder unterstützt […]. Wir begannen vielmehr mit äußerst begrenzten finanziellen und personellen Mitteln und waren auch deshalb auf die intensive Mitarbeit der Studierenden angewiesen.“ (Wurzbacher 1987, S. 224) In einer Gesamtdarstellung der deutschen Familiensoziologie nach dem Zweiten Weltkrieg heißt es zur Entwicklung der ersten Jahre nach Kriegsende: „Die erste Phase soll die Jahre von 1946 bis 1955 umfassen und lässt sich als Phase der Konstituierung des familiensoziologischen Gegenstandes sowie der Familiensoziologie als wissenschaftliche Disziplin bezeichnen. Wie auch bereits von Weber-Kellermann, Nave-Herz, Vaskovics und Tyrell resümiert, kam der Familiensoziologie im ersten Jahrzehnt der Nachkriegszeit eine zentrale Bedeutung zu. Diese erstreckte sich sowohl auf den öffentlichen Diskurs als auch auf die Stellung innerhalb der Soziologie.“ (Schmidt 2002, S. 384) Hinsichtlich des öffentlichen Diskurses findet sich bei Wurzbacher der Verweis auf die Rolle von Familiensoziologen als Experten in Multiplikatoren-Kreisen und als Politikberater (1987, S. 229 f.) Wurzbachers eigene innovative Leistung wird von Uwe Schmidt gewürdigt, wenn er der Einschätzung von Weber-Kellermann darin folgt, „dass insbesondere die sozialisationstheoretischen Arbeiten von Claessens und Wurzbacher von Bedeutung für die deutsche Familiensoziologie waren und bereits zu Beginn der sechziger Jahre die erste Phase der Differenzierung des familiensoziologischen Gegenstandsbereiches einleiteten.“ (2002, S. 394) Den Zeitpunkt der Wirksamkeit seines innovativen Arbeitens kann man allerdings viel früher verorten. Auf einem „Arbeitsseminar“ des UNESCO-Instituts für Sozialwissenschaften in Köln, dessen Forschungsdirektor er war, aus dem Jahr 1952 referierte er über die von ihm und Renate Pflaum (später: Mayntz) verantwortete Studie Das Dorf im Spannungsfeld industrieller Entwicklung, die 1954 erschien. Die Analyse des sozialstrukturellen Wandels des Dorfes und der ganzen Gesellschaft führt zu einer (angeblich erst Jahrzehnte später entdeckten) Erkenntnis, die Wurzbacher schon 1952 auf die Formel bringt: „Individualisierung der Eingliederung des Einzelnen in die Gesamtgesellschaft.“ (Arbeitsseminar 1952, S. 2) Dabei wird explizit herausgestellt, dass alle Bevölkerungsgruppen von diesem „Individualisierungsvorgang“ betroffen sind (Wurzbacher 1953/54, S. 35). Die empirischen Forschungen ehemaliger Reichssoziologen – wie auch schon exemplarisch an der Flüchtlingssoziologie gezeigt – strahlten also weit über diesen Arbeitsbereich hinaus. Christoph Weischers Resümee seiner Darstellung der empirischen Sozialforschung „in der

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‚Gründungsphase‘ (1949 – ​1965)“ kann nur zugestimmt werden: „So hat die empirische Sozialforschung für die Etablierung der Soziologie als akademische Disziplin eine Schlüsselrolle gespielt“, wobei natürlich der Nachsatz, „umgekehrt hat aber diese akademische Etablierung auch zu einer Konsolidierung und Kanonisierung der empirischen Sozialforschung beigetragen“, ebenfalls richtig ist (Weischer 2004, S. 228). Die Gründung eines „Fachausschusses betreffend empirische Soziologie“ in der DGS, die ausgerechnet von Elisabeth Pfeil und Elisabeth NoelleNeumann betrieben wurde, beunruhigte Rene König deswegen sehr (Klingemann 2009, S. 278).

2.6 Funktionen ehemaliger Reichssoziologen bei der ‚Neugründung‘ der westdeutschen Soziologie Die Hinwendung zur empirischen Sozialforschung nach 1945 im Sinne einer demokratiefördernden Tatsachenforschung ist schon früher als zentrales Merkmal der Nachkriegssoziologie hervorgehoben worden. Als Träger dieses Impulses werden üblicherweise die amerikanischen Berater in Deutschland und jene Nachwuchssoziologen bezeichnet, die am deutsch-amerikanischen Austauschprogramm teilgenommen hatten. Hingegen hat M. Rainer Lepsius bereits 1979 eine stärker differenzierende, an Entwicklungsphasen orientierte Gesamtdarstellung vorgelegt. Zu den im Zeitraum von 1945 bis 1949 Aktiven zählt er auch Erwin von Beckerath, Friedrich Bülow, Carl Brinkmann, Hans Freyer, Georg Jahn, Alfred Müller-Armack, Heinz Sauermann, Erik von Sivers, Graf Solms, Hans Lorenz Stoltenberg, Walter Taeuber, Richard Thurnwald, Georg Weippert und Leopold von Wiese. Daraus folgt für Lepsius: „So wurde die Soziologie in den ersten Nachkriegsjahren wieder belebt von den Vertretern einer Generation, die zwischen 1865 und 1885 geboren worden war, den Nationalsozialismus und den Krieg in Deutschland überlebt hatte und in den liberalen Traditionen der zwanziger Jahre wurzelte.“ (Lepsius 1979, S. 31) Viele der Genannten hatten allerdings den Nationalsozialismus nicht nur überlebt, sondern sich ganz im Gegensatz zu einer liberalen demokratischen Tradition zum Teil als anwendungsorientierte Sozialforscher für politische Zwecke profiliert. So zum Beispiel Carl Brinkmann, Friedrich Bülow, Alfred Müller-Armack, Heinz Sauermann und Georg Weippert, die in die nationalsozialistische Planungsforschung zur Vorbereitung der sogenannten Neuordnung des „neuen deutschen Ostens“, das heißt in die Expansions- und Germanisierungspolitik eingebunden waren (Klingemann 2009, S. 71 – ​108). Die eigentliche Neugründung fand nach Lepsius aber erst in den fünfziger Jahren statt, wobei sie allerdings auf erhebliche Hemmnisse stieß wie Vorbehalte der Fakultäten und staatlichen Behörden sowie einen angeblichen Mangel an fachlich qualifi-

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zierten Wissenschaftlern trotz der Rückkehr von Emigranten, so dass er resümieren kann, direkt nach dem Krieg habe „die Soziologie keine besondere Förderung erfahren.“ (Lepsius 1979, S. 33) Bereits 1950 hatte hingegen Helmut Schelsky zu Recht darauf hingewiesen, dass nicht ein Mangel an geeigneten Nachwuchskräften zu beklagen sei, sondern – und damit durchaus in Übereinstimmung mit Lepsius – das Fehlen von Stellen (Schelsky 1950/51, S. 9 f.). Dass diese Sicht zutreffend ist, wird auch dadurch deutlich, dass Lepsius neben den ‚Wiederbelebern‘ zu den Neubegründern etliche Fachvertreter zählt, die auch während des Dritten Reichs als Sozialwissenschaftler tätig oder ausgebildet worden waren wie Eduard Baumgarten, einflussreicher Interpret Max Webers im Dritten Reich wie in der Nachkriegszeit, Wilhelm Brepohl, Leiter der Forschungsstelle für das Volkstum im Ruhrgebiet, die nach 1945 zu einem Baustein der Sozialforschungsstelle in Dortmund wurde, Arnold Gehlen, Gunther Ipsen, zentrale Figur der Sozialforschungsstelle Dortmund, Carl Jantke, Hans Joachim Lieber, Hans Linde, Gerhard Mackenroth, ein prominenter Begründer der westdeutschen Bevölkerungssoziologie, Wilhelm Emil Mühlmann, Begründer einer innovativen Kombination von Ethnologie und Soziologie und nach Schelsky, König und Otto Stammer an vierter Stelle der beliebtesten Doktorväter von Nachwuchssoziologen (Sahner 1982, S. 75), Karl Valentin Müller, bis 1945 Durchführung von Forschungsaufträgen der Reinhard-Heydrich-Stiftung in Prag und bereits 1946 Leiter des Instituts für Begabungssoziologie am niedersächsischen Kultusministerium, Elisabeth Pfeil, wichtigste Begründerin der westdeutschen Stadtsoziologie, Erich Reigrotzki, nach 1945 am UNESCO-Institut für Sozialwissenschaften, Helmut Schelsky, Max Ernst Graf zu Solms-Roedelheim, Gerhard Wurzbacher (an sechster Stelle der Doktorväter von Nachwuchssoziologen) sowie Werner Ziegenfuß, 1956 Herausgeber des Handbuchs der Soziologie. Lepsius erwähnt somit mehr als zwei Dutzend Sozialwissenschaftler, die zu seinen Gruppen der Wiederbeleber und Neubegründer zählen, die allerdings nur einen Teil jener Soziologen ausmachen, die sowohl vor wie nach 1945 aktiv waren. So gibt der ehemalige wissenschaftliche Leiter der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung Friedrich Bülow 1955 (zusammen mit Wilhelm Bernsdorf) das erste Wörterbuch der Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg heraus, in dem an die zwanzig auch während der NS-Zeit fachwissenschaftlich tätige Sozialwissenschaftler vertreten sind. 1955 geben Gehlen und Schelsky Soziologie. Ein Lehr- und Handbuch zur modernen Gesellschaftskunde heraus, von den neun Beiträgen stammen sechs von ehemaligen Reichssoziologen, darunter Karl Heinz Pfeffer, dem letzten Dekan und Präsidenten der unter der Ägide des Sicherheitsdienstes der SS stehenden Auslandswissenschaftlichen Fakultät und des Auslandswissenschaftlichen Instituts der Universität Berlin. Dieses Lehrbuch und das Wörterbuch von Bernsdorf und Bülow bespricht Jürgen Habermas in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wobei er unter der Überschrift Come back der deutschen So-

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ziologie dem Lehrbuch bescheinigt, „Soziologie mit Sachlichkeit und Autorität“ „vorbildlich“ zu präsentieren und über „den neuesten Stand der deutschen Soziologie“ zu informieren. Dabei hebt er unter anderem die Beiträge von Gehlen, Schelsky, Pfeil und Mackenroth hervor und verweist auf die „hervorragenden Monographien“ der beiden zuletzt Genannten (Habermas 1955), die diese auf der Basis ihrer Arbeit im Nationalsozialismus geschrieben hatten. Bereits 1952 hatte Max Horkheimer seinen Survey of the Social Sciences in Western Germany im Auftrag der Library of Congress vorgelegt. Allein für den Zeitraum von Oktober 1950 bis September 1951 listet er 350 sozialwissenschaftliche Publikationen auf. Weiterhin benennt er dort etwa sechzig auch schon vor 1945 aktive Sozialwissenschaftler, obwohl er einleitend zutreffend feststellt, dass die Soziologie nach dem Kollaps des Dritten Reichs „went through a very difficult period. Here and there, there was a tendency to ‚keep it on ice‘, and as late as 1948 the representatives of the legal and economic faculties resisted setting up a Department of Social Science that was to be based on sociology alone.“ (Horkheimer 1952, S. IX) Die dem von Horkheimer dokumentierten Zeitraum (1950 bis 1951) vorangehenden Aktivitäten insbesondere auch vieler ehemaliger Reichssoziologen hat Dolf Sternberger in Der Stand der sozialwissenschaftlichen Forschung und Lehre in der Bundesrepublik Deutschland (1950) und in Research in Germany on Pressing Social Problems. A Social Science Survey of German Social Issues (1951) festgehalten. Allein diese drei LiteraturDokumentationen, die auch gelegentlich Auskunft geben über die institutionelle Verortung der Autoren und Autorinnen zeigen, dass trotz der bekanntlich restriktiven Arbeitsbedingungen der Nachkriegszeit von einem Stillstand fachwissenschaftlicher Arbeit nicht die Rede sein kann. Die folgenden Ausführungen mögen das bekräftigen. Nur ein Jahr nach dem Handbuch von Gehlen und Schelsky und dem Wörterbuch von Bernsdorf und Bülow erscheint der erste Band des insgesamt zwölfbändigen Handwörterbuchs der Sozialwissenschaften. Unter den dreizehn Herausgebern sind auch Erwin von Beckerath, Carl Brinkmann, Horst Jecht und Leopold von Wiese, die einen großen Kreis von weiteren Sozialwissenschaftlern aus der NS-Zeit zur Mitarbeit heranziehen. Dazu gehören insgesamt drei Dutzend ehemalige Reichssoziologen. Davon sollen nur jene erwähnt werden, die auch von René König – neben anderen ehemaligen Reichssoziologen – als Mitarbeiter des Herausgebers der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 1959 aufgeführt werden: Friedrich Bülow, Arnold Gehlen, Wilhelm Emil Mühlmann, Alfred Müller-Armack, Ludwig Neundörfer, Helmut Schelsky, Leopold von Wiese und Gerhard Wurzbacher. König teilt im „Geleit“ zum Gesamtregister der Jahrgänge 1 bis 29 der Kölner Zeitschrift für Soziologie mit, jene seien von der Mitarbeit ausgeschlossen worden, „die seinerzeit die entscheidenden Schritte dazu unternommen haben, daß die alten Kölner Vierteljahreshefte [sic] für Soziologie

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ihr Erscheinen einstellen mußten.“ (König 1967, S. 3) Diese Feststellung ist erstaunlich, weil die Kölner Vierteljahrshefte ohne Beteiligung von Reichssoziologen, sondern aus Geldmangel eingestellt wurden, andererseits die von König zur Mitarbeit Herangezogenen, und dazu gehören auch noch Carl Jantke, Karl Valentin Müller, Max Graf zu Solms und Max Ernst Graf zu Solms-Roedelheim aktive Sozialwissenschaftler während der NS-Zeit waren. Bereits vor seinem Erscheinen feierte Horkheimer das Handwörterbuch als großartiges Beispiel für die Neuorientierung der deutschen Soziologie „from an almost entirely theoretical and descriptive approach to one in which empirical research is extensively applied.“ (Horkheimer 1952, S. 67) Aber nicht nur diese Innovation steht in Zusammenhang mit der Gruppe der Ehemaligen. So ist Max Weber auf etwa 170 Seiten nach Karl Marx der am häufigsten genannte Sozialwissenschaftler. Vorgestellt wird er von jenen Kollegen, die ihn auch schon vor 1945 in Deutschland behandelt haben.

2.7 Die Rolle ehemaliger Reichssoziologen in institutionellen Neugründungen während der Besatzungsherrschaft 2.7.1 In der amerikanischen Besatzungszone und im amerikanischen Sektor von Berlin Die entscheidenden Protagonisten der frühen Nachkriegssoziologie sind somit vornehmlich die fachwissenschaftlich tätigen Daheimgebliebenen. Dennoch heißt es auch in Uta Gerhardts Abhandlung über die Wiederanfänge der Soziologie nach 1945 wiederum: „Wissenschaftliche Soziologie gab es in Deutschland nach 1933 nicht mehr.“ Konsequenterweise „musste eine Wissenschaft Soziologie überhaupt erst wieder entstehen.“ Während Gerhardt früher deren Wiederentstehung hauptsächlich mit der Einführung der bis dahin in Deutschland (vermeintlich) unbekannten Technik der Meinungsumfrage begründete, argumentiert sie jetzt mit der von den Militärregierungen geförderten „neuen institutionellen Verankerung der Soziologie der ersten Nachkriegszeit“, wobei der Soziologie eine wichtige Rolle „zur Förderung von Demokratie und Wissenschaft“ zukam (Gerhardt 2006, S. 32, 34, 103, 37). Diese Aussagen stehen in einem eklatanten Widerspruch zu ihren im selben Text getroffenen anderen – historisch richtigen und wichtigen – Feststellungen, da in denen deutlich wird, wie groß das Potential fachwissenschaftlicher Kompetenz schon vor 1945 war: So wird die Sozialforschungsstelle in Dortmund erwähnt und zwar als „anschauliches Beispiel der unvermerkten Anknüpfung an die nationalsozialistische Vergangenheit“ (S. 64), es gelang „zahlreichen Fachvertretern, die zunächst an der SFSD [Sozialforschungsstelle] tätig waren an sozio-

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logische Institute der Universitäten berufen zu werden […].“ (S. 65) „Einer eher geringen Zahl ehemaliger Emigranten standen eine beträchtliche Anzahl ehemaliger Nationalsozialisten gegenüber.“ (S. 105) „Allerdings konnten nur zwei dieser Rückkehrer Lehrstühle im Fach Soziologie in Deutschland besetzten.“ (S. 33) Die „‚deutsche Soziologie‘, die sich aus der Zeit des Nationalsozialismus erhalten oder in der Nachkriegszeit wieder formiert hatte […].“ (S. 96) Ebenso die internationale Soziologenorganisation Institut International de Sociologie, „wo ehemalige Nationalsozialisten zahlreich mitwirkten […].“ (S. 97) Indem Gerhardt hauptsächlich deren politische Belastung hervorhebt, wird das eigentliche Problem verdeckt, dass sie als Fachwissenschaftler dem NS-Regime nützlich waren. Zur institutionellen Entwicklung in den drei Westzonen heißt es: „Am Ende der Militärregierungszeit im Jahr 1949 war das Fach Soziologie in der amerikanischen Zone immer noch nicht weit entwickelt; über gewisse Anfänge war man nicht hinaus gelangt. Die Universität Frankfurt hatte einen Lehrstuhl für Soziologie eingerichtet, der seit 1945 mit Heinz Sauermann besetzt war.“ (Gerhardt 2006, S. 50) Mit Sauermann, der schon vor 1945 einen neuen sozialwissenschaftlichen Studiengang entworfen hatte und auch den ersten Nachkriegssoziologentag sowie die Rückkehr des Instituts für Sozialforschung maßgeblich mit organisierte, benennt Gerhardt einen bereits in der Weimarer Republik und während des Dritten Reichs fachwissenschaftlich tätigen Soziologen. Da auch das Soziographische Institut und sein Leiter Ludwig Neundörfer ohne Unterbrechung weiterarbeiten, sogar schon vor der Kapitulation für die amerikanische Besatzungsmacht, ist Frankfurt das beste Beispiel für fachwissenschaftliche Kontinuität. Im amerikanischen Sektor Berlins wurde 1948 die Freie Universität gegründet. Der neu geschaffene Lehrstuhl für Soziologie wurde aber erst 1951 mit dem während der NS-Zeit nicht als Soziologe tätigen Otto Stammer besetzt. Jedoch vertrat Friedrich Bülow die Soziologie (und Nationalökonomie) an der Freien Universität seit ihrer Gründung. Er lehrte ab 1937 an der Universität Berlin und war seitdem – wie berichtet – auch der wissenschaftliche Leiter der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung. Zusammen mit Wilhelm Bernsdorf gab er 1955 das erste Wörterbuch der Soziologie heraus. In der Festschrift zu seinem 70. Geburtstag würdigt Otto Stammer die Leistungen Bülows als erster gewählter Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät mit den Worten: „Wenn der Soziologie in dieser Fakultät heute ein angemessener Platz neben den traditionellen Fächern der Volkswirtschaftslehre und der Betriebswirtschaftslehre eingeräumt worden ist, so ist es nicht zuletzt das Verdienst des verehrten Jubilars, der die ersten Bausteine zur Errichtung des Instituts für Soziologie legte und an der systematischen Entwicklung eines sozialwissenschaftlichen Lehr- und Forschungsbetriebes sowie an der Ausarbeitung der neuen Diplomprüfungsordnung für Soziologen lebhaften Anteil genommen hat.“ Stammer zählt ihn „zu den Be-

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gründern der Raumforschung in Deutschland“, wobei Bülow „zur Soziologie des Raumes von theoretischer Warte aus und in empirischer Einzelbeobachtung Stellung genommen“ habe (Stammer 1960, S. 22, 32 f.). Eine zutreffende Einschätzung der theoretischen wie empirischen Kompetenz Bülows, der zusammen mit Sauermann und Neundörfer, die sich auch durch diese Eigenschaften auszeichnen, neben weiteren ehemaligen Reichssoziologen die Soziologie in der amerikanischen Zone während der ersten Nachkriegszeit repräsentiert. Neundörfer ist überdies langjähriger Leiter der Arbeitsgemeinschaft Sozialwissenschaftlicher Institute, die nach dem Urteil von Heinz Sahne „Beträchtliches für die Institutionalisierung der Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg geleistet hat.“ (1999, S. 20)

2.7.2 In der britischen Besatzungszone Die britische Militärregierung hat durch die Institutionalisierung der Soziologie nach Gerhardt einen geschichtsmächtigen Strukturwandel ausgelöst: „Der Forderung, die modernen Sozialwissenschaften zu Trägern der Umgestaltung sowohl Deutschlands insgesamt als auch der Wissenschaftspraxis der Universitäten zu machen, entsprach die britische Militärregierung durch eine Politik spezieller Neugründungen. Im Zeitraum 1948 – ​1949 wurden eine Akademie und eine Hochschule gegründet, die speziell auf Sozialwissenschaften ausgerichtet waren. In Hamburg entstand 1948 die Akademie für Gemeinwirtschaft, und in Wilhelmshaven entstand 1949 die Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft. Erste Lehrstühle für Soziologie wurden an den Universitäten Köln und Kiel 1948 und 1949 (wieder) eingerichtet und bald auch (wieder) besetzt. Insgesamt konnten in der Zeit der Militärregierung vier Lehrstühle für Soziologie erhalten oder geschaffen und mit qualifizierten Bewerbern besetzt werden – wobei allerdings zu sagen ist, dass drei dieser Bewerber ihre Qualifikation während des Nationalsozialismus erworben hatten. Unter den vier neuen Lehrstuhlinhabern war ein einziger Emigrant. Die drei anderen hatten im Nationalsozialismus Professuren innegehabt, für Sozialphilosophie und Soziologie (Schelsky, bis 1945), Soziologie (Max Ernst Graf Solms, bis 1945) und Nationalökonomie (Mackenroth, bis 1941). […] Die ersten Vertreter des Faches Soziologie der britischen Besatzungszone – mit Ausnahme König und auch möglicherweise Mackenroth – gehörte also zum Kreis derjenigen, die im Nationalsozialismus geduldet oder sogar für die NSDAP tätig gewesen waren. In Köln wurde von Wiese reaktiviert, der im Jahr 1933 und 1934 vergeblich versucht hatte, die Soziologie vor der Gleichschaltung durch den Nationalsozialismus zu bewahren.“ (Gerhardt 2006, S. 63 f.) Auch Mackenroth und von Wiese, der mit seinem Versuch zur Selbstgleichschaltung der DGS gescheitert war, hatten während des Dritten Reichs umfangrei-

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che fachwissenschaftliche Aktivitäten entfaltet. An der Akademie für Gemeinwirtschaft lehrten Schelsky als Ordinarius und Gerhard Wurzbacher als sein Assistent, die bekanntlich wegweisende Forschungsprojekte durchführten. Gerhardt betont die besondere Bedeutung der institutionellen Neugründungen während der Militärregierungszeit, in denen der Soziologie eine wichtige Rolle „zur Förderung von Demokratie und Wissenschaft“ zukam (Gerhardt 2006, S. 37). Dazu zählt sie auch die Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft in Wilhelmshaven (später: Hochschule für Sozialwissenschaften). Sie wurde 1949 gegründet, um mehr Arbeiterkindern und Personen ohne Abitur den Weg zu einem akademischen Abschluss zu eröffnen. Dort waren tätig: Max Ernst Graf zu Solms-Roedelheim, promovierter Soziologe und während der NS-Zeit Assistent am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg; sowie Horst Jecht, DGS-Mitglied vor 1933 und nach 1945, ab 1943 dessen Direktor; und Hans Raupach, habilitierter Soziologe, ab 1934 Dozent für Völker- und Staatenkunde Südosteuropas an der Universität Halle/Saale und später Mitglied einer Gruppe sozialwissenschaftlicher Ostexperten im militärischen Geheimdienst (Abwehr II) im Oberkommando der Wehrmacht. Weiterhin lehrten in Wilhelmshaven: Ernst Rudolf Huber, Staatsrechtler und während der NS-Zeit Gegner der tradierten Soziologie; Peter Hofstätter, 1941 Habilitation für Psychologie und von 1937 bis 1943 Heerespsychologe; Wilmont Haacke, 1942 bis 1946 Direktor des Instituts für Zeitungswissenschaft an der Universität Freiburg im Breisgau und Hermann Bollnow, Sozialhistoriker, Dozent an der Universität Göttingen seit 1944. Wie man sehen kann, spielten für diese Reform-Hochschule insbesondere sozialwissenschaftliche Fachvertreter eine Rolle, deren fachwissenschaftliche Karriere im Dritten Reich begann. Ein weiterer Wilhelmshavener, Friedrich Lenz, bis 1933 Professor der Staatswissenschaften an der Universität Gießen, hingegen wurde Ende des Jahres trotz massiver. Unterstützung durch nationalsozialistische Studenten wegen seiner Zugehörigkeit zum Lager der „National-Bolschewisten“ zwangspensioniert „Die Gießener SS nannte ihn einen eng mit Moskau verbündeten Kommunisten und intensiven Agitator marxistischer Ideen. ‚Dieser Mann müßte unbedingt von dem Lehrstuhl für So­ zialwissenschaft und damit von Gießen überhaupt verschwinden.‘“ Jedoch wurde er zu Beginn des Jahres 1941 von Legationsrat Dr. Adam von Trott zu Solz ins Auswärtige Amt geholt. „Hier war er bis Ende 1944 als freiwilliger wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Für das Honorar kam eine private Vereinigung außerhalb des Auswärtigen Amtes auf.“ (Berding 1982, S. 608, 609) Diese ist mir nicht bekannt, jedoch schrieb Lenz wiederholt für die von Franz Alfred Six herausgegebene Zeitschrift Politische Wissenschaft und traf sich auch persönlich mit ihm im Juli 1944 „wegen meines Buches“, wie Lenz in einem im Bundesarchiv Berlin überlieferten Schreiben Barbara Pischel mitteilt. Six, Leiter der Kulturpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, war als Amtsleiter im Reichssicherheitshauptamt („Gegner-

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forschung“) zuvor auch Gründer der Auslandswissenschaftlichen Fakultät und des Auslandswissenschaftlichen Instituts und gab als dessen Präsident auch nach Aufnahme seiner Tätigkeit im Auswärtigen Amt die Politische Wissenschaft heraus. Bei dem genannten Buch könnte es sich um jenes handeln, von dem es heißt: „Einige Monate vor Kriegsende druckte der Scientia-Verlag in Zürich ‚Die Friedenspläne der alliierten Mächte‘.“ (Berding 1982, S. 609) Denkbar wäre, dass Lenz damit im Auftrag des Auswärtigen Amtes im „neutralen Ausland“ indirekt deutsche Interessenpositionen darstellen sollte. Nach Kriegsende musste er seine 1947 übernommene Professur an der Humboldt-Universität aufgeben und Berlin Ende 1948 „unter dramatischen Umständen verlassen.“ Aber: „Bereits 1949 übernahm er eine Gastprofessur an der kurz zuvor gegründeten ‚Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft‘ in Wilhelmshaven-Rüstersiel. Am 9. Februar 1953 erfolgte die Ernennung zum Honorarprofessor. Lenz hat nicht wenig dazu beigetragen, daß diese Nachkriegsgründung rasch Ansehen gewann, ihren Status verbessern konnte und in ‚Hochschule für Sozialwissenschaften‘ umbenannt wurde.“ (Berding 1982, S. 610) Der erste Rektor der Hochschule Wolfgang Abendroth zählte außer Graf zu Solms-Roedelheim nur noch Lenz zu seinen Verbündeten gegenüber den anderen politisch belasteten und „nationalistisch und konservativ“ eingestellten Professorenkollegen. „Er hatte sich während des Dritten Reiches nicht angepaßt […].“ (Abendroth 1976, S. 209) Es wird berichtet, es habe sogar „Untersuchungen durch die Gestapo“ gegeben, nur wäre damit die außergewöhnliche wissenschaftliche Karriere von Lenz während des Nationalsozialismus nicht hinreichend beschrieben. Auch wenn Lenz sich nicht angepasst hat, konnten seine erstaunlichen außerdeutschen Aktivitäten eventuell doch nationalen Interessen dienen, die im nationalsozialistischen Sinne zumindest instrumentalisierbar waren. „Den Kriegsausbruch erlebte Lenz im Ausland, wo er von 1937 bis 1940 über kriegswirtschaftliche und außenpolitische Themen arbeitete – außer im Haag und an der ‚London School of Economics‘ hauptsächlich in der Washingtoner ‚Library of Congress‘. Auszüge seines 700seitigen Manuskripts über ‚Total War. A Structural Analysis of its Economic, Technological and Cultural Effects‘ erschienen in englischen und amerikanischen Zeitschriften. Aufgrund seiner Arbeit über ‚Deutschland zwischen West und Ost, Grundlegung und Kritik der deutschen Mitteleuropa-Pläne‘ erwarb er an der American University Washington den ‚Master of Arts‘.“ (Berding 1982, S. 609) Wie immer man das Engagement von Lenz vor 1945 bewerten mag, danach hat er als Mitglied der Hochschule für Sozialwissenschaften und Leiter des EMNIDInstituts in Bielefeld die von Uta Gerhardt herausgehobene Aufgabe der Umgestaltung Deutschlands befördert. Dies gilt für alle hier erwähnten Mitglieder der von Gerhardt aufgeführten wissenschaftlichen Institutionen, die während der bri-

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tischen Besatzungsherrschaft gegründet wurden. Und dies waren fast ausschließlich daheimgebliebene Sozialwissenschaftler.

2.7.3 In der französischen Besatzungszone Für die französische Besatzungszone erkennt Gerhardt spezifische Innovationen, bei denen die Soziologie eine zentrale Rolle spielte: „Die Entwicklung der Soziologie in der französischen Zone umfasste zwei Vorgänge […]. Zum einen wurde in Speyer bereits bei der Gründung der Verwaltungshochschule eine ordentliche Professur für Soziologie eingerichtet. Diese Professur war ein Novum der Ausbildung höherer Verwaltungsbeamter in Deutschland. (Die Professur wurde mit Arnold Gehlen besetzt, einem Hochschullehrer, der allerdings bis 1945 im Amt gewesen und Philosophie gelehrt hatte.) Die Akademie [der Wissenschaften und Literatur zu] Mainz nahm zwei Soziologen als Gründungsmitglieder auf und wählte einen, von [sic] Eckert, zu ihrem Vizepräsidenten; auch darin lag ein Novum der Wissenschaftskultur. (Die zwei Soziologen lehrten an der neu gegründeten Mainzer Universität und hatten nicht emigrieren müssen; Emge war im Jahr 1939 Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften geworden, […].)“ (Gerhardt 2006, S. 72 f.) Bei „von Eckert“ handelt es sich um Christian Eckert, der aber nicht nur Ge­ heimer Regierungsrat war, worauf Gerhardt sich beschränkt. Er war auch Gründungsrektor der Universität Köln, Schatzmeister der DGS, Geschäftsführender Direktor des aus drei Abteilungen bestehenden Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften (Direktor der soziologischen Abteilung: Leopold von Wiese) und zusammen mit von Wiese Mitherausgeber der Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie. Er hatte sich in der Weimarer Republik als Vertreter der katholischen Zentrumspartei profiliert und wurde im September 1933 entlassen, um nach Interventionen im Februar 1934 in den Ruhestand versetzt zu werden. Nur hält Frank Golczewski fest: „Er hat sich in dieser ersten Hälfte des Jahres 1933 als ein – ja ich glaube, man kann ruhig sagen: Scharfmacher – in nationalsozialistischer Hinsicht – betätigt. Das fiel umso leichter, als von der Partei aus Peter Winkelnkemper als Kommissar für die Universität eingesetzt worden ist, der als staatlicher nationalsozialistischer Aufpasser auch die Geschäftsführung des Universitätskurato­ riums übernahm, ohne weiter das Kuratorium einzuberufen. Winkelnkemper war Doktorand von Eckert gewesen und Eckert hat in diesen ersten Monaten, ja sagen wir ganz vorsichtig, Winkelnkemper beratend zur Seite gestanden, sodaß derjenige, der die pluralistische demokratische Universität von 1919 gegründet hatte, auch gleichzeitig den Wandel von 1933 partiell mit zu verantworten hatte.“ (Golczewski 1988, S. 11) Nach 1945 konnte Eckert nun wieder an deren Redemokratisierung

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mitwirken. Das gilt auch für Carl August Emge, von dem Gerhardt nur berichtet, dass er 1939 Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften wurde. Allerdings war Emge, der bereits 1931 in die NSDAP eingetreten war, schon 1932 als erster Nationalsozialist vor der ‚Machtergreifung‘ Universitätskurator geworden, in Jena. Bis zu seiner Entbindung vom Amt im Jahr 1942 war er nicht nur wissenschaftlicher Leiter der Akademie für Deutsches Recht. Deren Gründer, der Reichsrechtsführer und Generalgouverneur Polens, Hans Frank, übertrug Emge für die Dauer des Krieges die ihm vorbehaltenen Befugnisse als Präsident, und so war er auch mitverantwortlich für den Geheimbericht Rechtsgestaltung deutscher Polenpolitik nach volkspolitischen Gesichtspunkten (1940), der im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gegen Frank als Beweismittel vorgelegen hat. Ab 1950 wurde die Soziologie an der Universität Mainz auch von Wilhelm Emil Mühlmann vertreten, der als Berliner Privatdozent insbesondere im Umfeld von Alfred Rosenberg in seiner Eigenschaft als Beauftragter des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP sowie anderer Behörden Rosenbergs tätig war und auch Kontakte zum Sicherheitsdienst der SS hatte. Mit Gehlen, Emge und Mühlmann waren im Nationalsozialismus sehr exponierte Sozialwissenschaftler in der (ehemaligen) französischen Zone tätig, an Institutionen, die nach Gerhardt als „Vorbilder für ein demokratische Bildungswesen“ wirken sollten.

2.8 Fazit Damit ist die Soziologie in allen drei Westzonen im Hinblick auf ihre von den Besatzungsmächten geförderte Etablierung an den von Gerhardt genannten Institutionen (Universität Mainz, Verwaltungsakademie Speyer, Universität Frankfurt am Main, FU Berlin, Akademie für Gemeinwirtschaft Hamburg, Sozialforschungsstelle Dortmund und Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft in Wilhelmshaven) fast ausschließlich von Fachvertretern getragen worden, die schon vor 1945 als solche tätig waren. Dies gilt auch für etliche andere universitäre und außeruniversitäre Institutionen, die Gerhardt nicht erwähnt. Dass die von den Besatzungsmächten angestrebte „Förderung von Demokratie und Wissenschaft“ durch zum Teil politisch schwer belastete Soziologen erfolgte, ist darauf zurückzuführen, dass sie wegen ihrer fachwissenschaftlichen Aktivitäten im Dritten Reich als Wissenschaftler geeignet erschienen. Und sie waren auf jeden Fall überzeugte Antikommunisten, was zu Zeiten des Kalten Kriegs gleichbedeutend war mit Demokrat sein. Nach diesem Muster verfuhr auch Talcott Parsons, als er im Sommer 1948 in Zusammenarbeit mit amerikanischen und Geheimdiensten europäischer Länder

Fazit 77

Russland-Experten für das Russian Research Center an der Harvard Universität in Deutschland rekrutieren wollte. Darunter war auch der ehemaliger Leningrader Professor Nicholas Poppe, der ab 1943 Mitarbeiter des auf Russland-Forschung spezialisierten Wannsee-Instituts war, das dem Auslandsnachrichtendienst des Reichssicherheitshauptamtes unterstand. Der amerikanische Militärgeheimdienst, Counter Intelligence Corps (CIC), hatte auf Poppes Karteikarte „Nothing Derogatory“ (Diamond 1992, S. 92) vermerkt, obwohl ihm und dem englischen Geheimdienst bekannt war, dass die Sowjetunion dessen Auslieferung forderte. In einer Gesamtbewertung des Handelns von US-Geheimdiensten, der Harvard Universität und Stiftungen gegenüber belasteten sozialwissenschaftlichen Russland-Experten kommt Charles Thomas O’Connell zu dem Schluss: „Experts on the Soviet Union – no matter how unsavory their wartime past – were to be exploited for their supposed detailed knowledge of various facets of the Soviet regime.“ O’Connell ist der Meinung, dass Parsons damit seine „own conception of science as a profession patterned around norms of disinterestedness, universalism, and a strong commitment to cognitive rationality“ infrage stellte (O’Connell 1990, S. 231, 226). Das ist sicherlich richtig, nur hat sich die Generierung und Nutzung sozialwissenschaftlichen Expertenwissen nie nach Parsons’ realitätsfremden Vorstellungen gerichtet, sondern funktioniert nach dem Prinzip der rekursiven Kopplung. Nach Meinung von Uta Gerhardt leistete das CIC die „Kärrnerarbeit an der politischen Säuberung“ der westdeutschen Universitäten (Gerhardt 2006, S. 40). Es engagierte und schützte aber auch Klaus Barbie, wohl wissend, warum er der „Schlächter von Lyon“ genannt wurde. Im Hinblick auf die Frage nach dem fachlichen Potential von Wissenschaftlern aus dem Dritten Reich ist wichtiger, dass das CIC unter anderem auch die über 600 deutschen Wissenschaftler kontrollierte, die im Rahmen von Project Paperclip von den Amerikanern rekrutiert oder von einer Indienstnahme durch die sowjetische Besatzungsmacht abgehalten werden sollten (Herrmann 1999, S. 371). Das CIC bediente sich auch prominenter sozialwissenschaftlicher Ostexperten wie Theodor Oberländer, Franz Alfred Six und vieler anderer, so auch des als Südosteuropa-Experte habilitierten Soziologen Franz Ronneberger, vor 1945 Dozent an der Hochschule für Welthandel in Wien, der für das Auswärtige Amt und als Mitarbeiter des SD-Ausland für das Reichssicherheitshauptamt einen Nachrichtendienst zu deren sozialwissenschaftlich fundierter Information und Beratung über die politische und gesellschaftliche Situation in Ländern Südosteuropas betrieb (Klingemann 2009, S. 227 – ​255). Die amerikanischen, britischen und französischen Hochschuloffiziere wussten, dass sie es nicht mit, wie Gerhardt meint, Vertretern der während des Nationalsozialismus „vorgeschriebenen Pseudowissenschaft“ (Gerhardt 2006, S. 103) zu tun hatten und überließen ihnen deswegen als Fachleuten die ‚Neugründung‘ der westzonalen Soziologie. So sah es auch die zweite Generation der Nachkriegssoziologie, die darauf verzichte-

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te, ihre Dozenten, Doktor- und Habilitationsväter, Institutschefs und Karrierehelfer nach ihrer politischen Vergangenheit zu befragen. Darin kann auch der Grund dafür liegen, dass die Nachkriegssoziologie sich nicht mit dem Nationalsozialismus befasst hat. „It cannot be denied that these pioneers of German sociology in general, and of political sociology in particular, missed a unique chance of taking over the role of a historical macro-sociologist, institutionalizing empirical research on the rise and structure of the National Socialist regime and enlightening the citizenship about the ‚secrets‘ of their past.“ (Nedelmann 1997, S. 161) Nicht nur „the citizenship“, die beiden Generationen der ehemaligen Reichssoziologen, aber auch die der Nachwuchssoziologen hätten sich selbst aufklären müssen. Dies gilt auch für ihr Verhältnis zu den USA. Kaesler schreibt, einige der Reichssoziologen („Schelsky and others“) „criticized the supposedly increasing importance of empirical social research, plus von Wiese’s domination by American influence, which would cause an ‚American turn‘ in German sociology […].“ (Kaesler 2002, S. 167) Darin sind weder ein elementarer Antiamerikanismus und erst recht kein Indiz für antidemokratische Tendenzen zu sehen. Vielleicht wäre es besser gewesen, jene Nachwuchssoziologen, „directed to the West“, hätten statt einer Überidentifikation mit den „American allies, in their role as victors over National Socialism“ ihrerseits eine gewisse Distanz gewahrt. Dann wären sie nicht zu „uncritical, or even conservative, defendors of the Federal Republic“ geworden und ihre demokratischen Überzeugungen wären in den späten sechziger Jahren nicht transformiert „into an ideological defense mechanism against the utopian ideals“ der rebellierenden Studenten (Nedelmann 1997, S. 163). Im Hinblick auf ihre Reaktionen auf die Studentenbewegung kann ihnen Professionalität nicht nachgesagt werden – aber das ist eine andere Geschichte.

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Rekursive Kopplung von sozialwissenschaftlich-soziologischer Bevölkerungsforschung und Bevölkerungspolitik im Dritten Reich

„Selten ist das sowohl instrumentelle als auch legitima­ torische Wechselverhältnis zwischen Politik und Wissenschaft jedoch deutlicher greif bar als im Nationalsozialismus, als die Politisierung von Wissenschaft und die Verwissenschaftlichung von Politik konvergierten.“ (Szöllösi-Janze 2004, S. 99 f.)

3.1 Einleitung: Judenforschung im Nationalsozialismus als Wissenschaft Das vorangestellte Motto von Margit Szöllösi-Janze konkretisiert die von Peter Weingart definierte Beziehung von Wissenschaft und Politik in der modernen Wissensgesellschaft als „rekursive Kopplung“ in Bezug auf deren Verhältnis während des Nationalsozialismus. Die folgenden Ausführungen sollen erläutern, in welcher Weise die Aufsätze von Hansjörg Gutberger über Ein Fallbeispiel der ‚rekursiven Kopplung‘ zwischen Wissenschaft und Politik: Ludwig Neundörfers soziographische Bevölkerungsforschung-/planung (2009) und von Sonja Schnitzler über Fallbeispiel für rekursive Kopplung: Das Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik (1934 – ​1944) (2009) sowie das Kapitel in diesem Band über Die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm und die nationalsozialistische Germanisierungspolitik den Ansatz der rekursiven Kopplung auf ihre jeweiligen Einzelthemen anwenden und komplementäre Sichtweisen entwickeln. Als zweites analytisches Instrument wird der auch für die Karriere anderer akademischer Disziplinen im Nationalsozialismus geltende Zusammenhang thematisiert, wonach die universitäre Institutionalisierung eines Faches von seiner erfolgreichen außer© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_3

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Rekursive Kopplung

universitären Professionalisierung maßgeblich mitbestimmt wird. Um die heuristische Potenz dieses Vorhabens vergleichend zu verdeutlichen, wird einleitend auf die Judenforschung im Dritten Reich eingegangen. Die Auseinandersetzung mit den Bevölkerungswissenschaften während des Dritten Reichs ist nach wie vor durch Berührungsängste einerseits sowie durch Tabuisierungen und verordnete politische Korrektheit andererseits belastet. Dies gilt auch für die Aufarbeitung der Judenforschung im NS-Staat. Dirk Rupnow, der dazu eine Bestandsaufnahme vorgelegt hat, hebt deswegen nochmals zu Recht hervor, dass die bis heute akzeptierte „Konstruktion einer eindeutigen Dichotomie von Wissenschaft und ‚Pseudo-Wissenschaft‘“ sowohl eine Ausweich- wie auch Ausgrenzungsstrategie darstellt. Mit derselben Berechtigung wendet er sich andererseits gegen die andauernde Tradition der Selbstverhinderung einer sachgerechten Analyse des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik im Nationalsozialismus. „Zugleich zeigt sich mit der allerdings verständlichen Fixierung auf direkte Verbindungen von Wissenschaft und Vernichtungspolitik streckenweise noch in den jüngeren Debatten eine eigentümlich verengte Wahrnehmung, die die grundsätzliche Problematik des Verhältnisses von Wissenschaft, Ideologie und Politik ohne weiteres nicht wahrnimmt.“ (Rupnow 2004, S. 115) Rupnow geht demgegenüber davon aus, dass „in der NS-Judenforschung von Anfang [an] Propaganda, Politik und Wissenschaft kaum unterscheidbar ineinander verwoben“ waren. Und wiewohl es bereits eine wissenschaftliche Beschäftigung mit jüdischer Geschichte in Deutschland gegeben habe, stellt die NS-Judenforschung deren „erste deutliche Verankerung in der akademischen Landschaft dar.“ (Rupnow 2004, S. 126, 127) Das Feld der Judenforschung war wie zum Beispiel auch die Bevölkerungswissenschaft nicht homogen, sondern transdisziplinär. Dennoch ließen sich nach Rupnow bestimmte Charakteristika herauskristallisieren, „die cum grano salis den gemeinsamen Denkstil der NS-Judenforschung ausmachen, das Denkkollektiv der Judenforscher miteinander verbinden.“ (Rupnow 2004, S. 122) Dieses Denkkollektiv wurde allerdings von der Geschichte als „Leitwissenschaft innerhalb der transdisziplinären Judenforschung“ dominiert – komplementär zur so genannten Endlösung der Judenfrage.

Sozialwissenschaftliche Bevölkerungsforschung 89

3.2 Sozialwissenschaftliche Bevölkerungsforschung zwischen fehlendem politischen Anwendungsbezug und außeruniversitärer Professionalisierung im Kontext der NS-Raumpolitik Den von Ludwik Fleck begründeten wissenschaftstheoretischen Ansatz, Denkstile und Denkkollektive zu identifizieren, hat im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts ‚Bevölkerung‘ vor, im und nach dem ‚Dritten Reich‘ Hansjörg Gutberger fruchtbar umgesetzt und für die Beurteilung der sozialwissenschaftlichen Bevölkerungsforschung eine neue Perspektive erschlossen. Er untersuchte – orientiert an Wissenschaftsstandorten – die Leipziger Bevölkerungsforschung, die Frankfurter Sozialstatistik, die Kieler Demographie sowie die bevölkerungswissenschaftliche Gruppe um Friedrich Burgdörfer am Statistischen Reichsamt und Bayerischen Statistischen Landesamt und die Breslauer anthropologisch-sozialbiologische Schule um Egon Freiherr von Eickstedt. Im Gegensatz zur herrschenden Auffassung konnte er herausarbeiten, dass es auch bei den vermeintlich biologistisch oder rassentheoretisch argumentierenden Vertretern der sozialwissenschaftlichen Bevölkerungsforschung, was wegen ihrer naturalistischen Metaphorik allerdings nahe liegend schien, tatsächlich um etwas anderes ging – nämlich ein stratifikatorisches Gesellschaftsmodell, von dem sie erhofften, dass es im Nationalsozialismus etabliert werden könne. „Gemeinsam war den Vertretern der deutschen [sozialwissenschaftlich orientierten] Bevölkerungslehre auch, dass sie das NS-Rassenvokabular dazu benutzten, um sozial definierte Grenzen und Statusunterschiede zwischen Menschen als ‚natürliche‘ Hierarchien auszuweisen. Deshalb finden wir in der damaligen Bevölkerungsforschung immer wieder Arbeiten, die gerade nicht von einer Legitimationsbeschaffung für die nationalsozialistische Rassen-Ideologie oder für spezifische Sozialutopien der Nationalsozialisten zeugen, sondern von dem Versuch abgeleitet wurden, der sozialen Ungleichheit in Gesellschaften generell Legitimation zu verschaffen oder die soziale Statussicherung ‚ethnischer‘ Gemeinschaften sozialtechnologisch zu regulieren.“ (Gutberger 2006, S. 166) Hiermit wird deutlich, dass diese Studie bereits den Aspekt der politischen Resonanz- und Anschlussfähigkeit der untersuchten Denkstile berücksichtigt. Eine Ausweitung auf die Frage nach einem möglichen Anwendungsbezug erübrigte sich, da diese Variante akademischer Bevölkerungswissenschaft nicht über die Voraussetzungen für eine außeruniversitäre Professionalisierung etwa im Kontext der nationalsozialistischen Siedlungs- und Expansionspolitik verfügte. Zu einer rekursiven Kopplung von Wissenschaft und Politik kam es nämlich nur dann, wenn Bevölkerungsplaner wie Ludwig Neundörfer, der in Hansjörg Gutbergers Aufsatz exemplarisch vorgestellt wird, im neuen Praxisfeld der

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Raumforschung und Raumordnung ihr Expertenwissen einbringen konnten. Die politische Verantwortlichkeit einer solchen bevölkerungspolitisch relevanten sozialwissenschaftlichen Raumforschung bewertet Gutberger, indem er den transdisziplinären Charakter der erstmalig im Nationalsozialismus in bis dahin nicht gekannter Form etablierten Forschungsnetzwerke hervorhebt. Denn man könne nicht einzelne Disziplinen für die Abwege der Bevölkerungsplanungen während des Dritten Reichs haftbar machen. Es handele sich vielmehr darum, „dass sich verschiedene Wissenschaftler zu einer sozialtechnischen Anwendung ihrer Erkenntnisse vor allem in den neuen raumbezogenen Einzeldisziplinen – Siedlungskunde, Landesplanung, Raumforschung, mit Abstrichen auch Geopolitik – zusammengefunden haben.“ (Gutberger 2009, S. 317)

3.3 Bevölkerungssoziologie als ‚reine‘ Wissenschaft und als Prototyp rekursiver Kopplung Die Spezifika der rekursiven Kopplung bevölkerungssoziologischer Ansätze behandelt die Untersuchung von Sonja Schnitzler über das Herausgebergremium des Archivs für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik (Archiv) und dessen soziologische Anteile. Schließlich skizziert sie das Bild eines sozialwissenschaftlich qualifizierten Exponenten der nationalsozialistischen Bevölkerungsund Rassenpolitik in der Person von Dr. Fritz Arlt. Die hochrangigen Vertreter der nationalsozialistischen Bevölkerungs- und Rassenpolitik im Herausgebergremium der Zeitschrift nehmen zum Teil auch Funktionen im Hochschulbereich wahr und publizieren selbst alle im Archiv. Damit wird die bereits durch den Namen der Zeitschrift ostentativ proklamierte rekursive Kopplung von Wissenschaft und Politik institutionell abgesichert. Die inhaltsanalytische Auswertung relevanter Beiträge der Zeitschrift rundet den Befund ab: „In sämtlichen bevölkerungssoziologischen Texten des Archivs zeigt sich eine Vermischung von ideologischen Annahmen und soziologischer Arbeitsweise, eine Melange aus soziologischen Aspekten und Avancen an die politischen Verhältnisse […].“ (Schnitzler 2009, S. 331) Fritz Arlt hatte bei den Leipziger Soziologen Hans Freyer und Arnold Gehlen studiert und wurde 1936 von Gehlen promoviert. Die Amalgamierung seiner Aktivitäten in Wissenschaft und Politik repräsentieren exemplarisch das Prinzip der rekursiven Kopplung. Mitglied der NSDAP und SA schon vor 1933 (später auch der Waffen-SS) war er unter anderem 1939 Leiter der Abteilung Bevölkerungswesen und Fürsorge der Regierung des Generalgouvernements, die auch zuständig war für ‚Judenangelegenheiten‘, 1940 Chef des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP in Oberschlesien und gründete dort die Hauptstelle Praktische Bevöl-

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kerungspolitik, und ebenfalls 1940 wurde er Leiter der Außenstelle Oberschlesien des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums. Andererseits leitete er auch dessen Zentralinstitut für Landesforschung sowie die Sektion für Rassen- und Volkstumsforschung am Institut für Deutsche Ostarbeit in Krakau, der ein Referat ‚Judenforschung‘ angegliedert war. Außerdem nahm er einen Lehrauftrag für Rassenkunde an der Universität Breslau wahr und publizierte in einer Buchreihe, die von einem Geographieprofessor der Reichsuniversität Posen herausgegeben wurde. Bereits 1938 war als so genanntes Beiheft des Archivs sein Buch Volksbiologische Untersuchungen über die Juden in Leipzig erschienen, das noch heute als Quelle von jüdischen Genealogen empfohlen wird. Sonja Schnitzlers Resümee lautet, dass im Hinblick auf das Archiv die Bereiche Wissenschaft und Politik nur schwer zu separieren seien, sie waren wechselseitig „Ressourcen füreinander“ (Ash 2002). Es kam zu einer partiellen Verwissenschaftlichung der Politik, Wissenschaftler schlossen mit der Politik einen ‚faustischen Pakt‘ (Mommsen 1999). Mit Sheila Faith Weiss, die sich mit den Beziehungen zwischen Humangenetik und Politik im Dritten Reich befasst hat, lässt sich sagen, Wissenschaftler dienten dem NS-Regime dann am besten, wenn sie weiterhin versuchten, bestmögliche Forschung zu leisten (Weiss 2004). Speziell bezüglich der Bevölkerungssoziologie im Archiv vermutet Sonja Schnitzler allerdings, dass deren „praxispolitische Relevanz“ zu relativieren sei, während die Schriftleiterin des Archivs, Elisabeth Pfeil, bevölkerungssoziologische Expertise vermittelt über die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung leisten konnte. Insgesamt gesehen, kann davon ausgegangen werden, dass der Nutzen, den die Wissenschaft aus der rekursiven Kopplung zog, größer gewesen ist als umgekehrt ihre Nützlichkeit als Beraterin der Politik beziehungsweise als deren Legitimationsinstrument.

3.4 Soziologische Volkstheorie als Assimilationsstrategie versus Rassen- und Vernichtungskrieg Für die soziologische Volkstheorie Max Hildebert Boehms trifft diese Aussage in abgewandelter Form zu. Boehm profitierte anfänglich davon, dass die Nationalsozialisten an die Macht kamen, indem er noch 1933 den neu errichteten Lehrstuhl für Volkstheorie und Volkstumssoziologie an der Universität Jena erhielt. Aber bereits zu diesem Zeitpunkt wurde er von zahlreichen Institutionen des NS-Regimes als gefährlicher volkstheoretischer Kontrahent verdächtigt und beobachtet (Klingemann 2009, S. 132 – ​164). Aber er war nicht nur das. Seine Idee eines nicht durch Staatsgrenzen fragmentierten ‚eigenständigen Volkes‘ eignete sich für eine Beratung von nationalsozialistischen Volkstumspolitikern, die die Besiedlung osteuropäischer Territorien gemäß ihrer Rassenlehre durchführen woll-

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ten, gerade nicht. Der bekennende Antisemit Boehm plädierte leidenschaftlich für eine umfassende Assimilation der von Rassenfanatikern als Untermenschen stigmatisierten Slawen. Er lehnte auch gegenüber hochrangigen nationalsozialistischen Volkstumspolitikern deren rassenideologisch motivierte Planungen gegenüber Millionen von Slawen kategorisch ab. Als Berater des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete hat er eventuell dessen Konzept der ‚Dekomposition‘ der Sowjetunion wissenschaftlich unterstützen können, indem er die Instrumentalisierung der Eigenständigkeitsbestrebungen der durch Stalins Nationalitätenpolitik geknebelten Volksgruppen empfahl. Da aber das von Alfred Rosenberg geleitete Reichsministerium dessen Dekompositionskonzept nicht gegen Heinrich Himmlers konträre rassenideologisch orientierte Ostpolitik hatte durchsetzen können, wäre auch Boehms Politikberatung obsolet gewesen. Von einer Verwissenschaftlichung der Rosenbergschen Programmatik durch Boehms Volkstheorie ist jedenfalls bislang nichts bekannt. Eine rekursive Kopplung hat es nur in der Form gegeben, als dass sich das von Boehm gegründete Institut für Grenz- und Auslandstudien in Berlin, dessen politische Ausrichtung aber zur fraglichen Zeit von seinem amtierenden Direktor Karl Christian von Loesch und nicht von Boehm als seinem Stellvertreter bestimmt wurde, der SS-Doktrin des Rassen- und Vernichtungskrieges unterworfen hatte (Klingemann 1996, S. 71 – ​86).

3.5 Fazit Die Befunde der drei Fallstudien aus dem Gebiet der sehr heterogenen und nicht von den Sozialwissenschaften dominierten Bevölkerungswissenschaften und ihrer Funktionen in Politikfeldern des NS-Regimes bestätigen einerseits generell die im vorangestellten Motto getroffenen Aussagen eines instrumentellen und legitimatorischen Wechselverhältnisses von Politik und Wissenschaft während des Dritten Reichs überhaupt. Andererseits belegen sie, dass im Nationalsozialismus die Politisierung der Wissenschaft und die Verwissenschaftlichung der Politik in einer außerordentlichen Art und Weise konvergierten. Sie machen darüber hinaus deutlich, wie differenziert und widersprüchlich sich dieses Verhältnis gestaltete, so dass sich jede generalisierende und ausschließlich moralisierende Rede von der systemkonformen Rolle der sozialwissenschaftlich-soziologischen Richtung im Nationalsozialismus verbietet.

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3.6 Literatur Ash, Mitchell. 2002. Wissenschaft und Politik als Ressourcen für einander. In Wissen­ schaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahmen zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Hrsg. Rüdiger vom Bruch, und Brigitte Kaderas, 32 – ​51. Stuttgart. Gutberger, Hansjörg. 2006. Bevölkerung, Ungleichheit, Auslese. Perspektiven sozialwissenschaftlicher Bevölkerungsforschung in Deutschland zwischen 1930 und 1960, Wiesbaden. Gutberger, Hansjörg. 2009. Ein Fallbeispiel der ‚rekursiven Kopplung‘ zwischen Wissenschaft und Politik: Ludwig Neundörfers soziographische Bevölkerungsforschung/-planung. In Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts „Bevölkerung“ vor, im und nach dem „Dritten Reich“. Zur Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft, Hrsg. Rainer Mackensen, Jürgen Reulecke, und Josef Ehmer, 297 – ​320. Wiesbaden. Klingemann, Carsten. 1996. Soziologie im Dritten Reich. Baden-Baden. Klingemann, Carsten. 2009. Soziologie und Politik. Sozialwissenschaftliches Expertenwissen im Dritten Reich und in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit. Wiesbaden. Mommsen, Hans. 1999. Der faustische Pakt der Ostforschung mit dem NS-Regime. Anmerkungen zur Historikerdebatte. In Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Hrsg. Winfried Schulze, und Otto Gerhard Oexle, 265 – ​273. Frankfurt am Main. Rupnow, Dirk 2004: Judenforschung im Dritten Reich, Wissenschaft zwischen Ideologie, Propaganda und Politik. In Historische West- und Ostforschung in Zentraleuropa zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg – Verflechtungen und Vergleich, Hrsg. Matthias Middell, und Ulrike Sommer, 107 – ​132. Leipzig. Schnitzler, Sonja. 2009. Fallbeispiel für rekursive Kopplung von Wissenschaft und Politik: ‚Das Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik‘ (1934 – ​1944). In Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts „Bevölkerung“ vor, im und nach dem „Dritten Reich“. Zur Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft, Hrsg. Rainer Mackensen, Jürgen Reulecke, und Josef Ehmer, 321 – ​ 344. Wiesbaden. Szöllösi-Janze, Margit 2004: Politisierung der Wissenschaften – Verwissenschaftlichung der Politik. Wissenschaftliche Politikberatung zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus. In Experten und Politik. Wissenschaftliche Politikberatung in geschichtlicher Perspektive, Hrsg. Stefan Fisch, und Wilfried Rudloff, 79 – ​100. Berlin. Weingart, Peter. 2001. Die Stunde der Wahrheit ? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. Weilerswist, Weingart, Peter. 2003. Wissenschaftssoziologie. Bielefeld. Weiss, Sheila F. 2004. Humangenetik und Politik als wechselseitige Ressourcen. Das Kaiser Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik im „Dritten Reich“. http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/KWG/Ergebnisse/Ergebnis​ se17.pdf

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Die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm und die nationalsozialistische Germanisierungspolitik

4.1 Soziologen – „die geistigen Urheber der Untaten“ Das Verhältnis von soziologischer Volkstheorie und nationalsozialistischer Germanisierungspolitik wird unter der Fragestellung betrachtet, inwieweit es zu einer Politisierung der Soziologie und der Soziologisierung der Politik gekommen ist. Wie prägt sich also auf diesem Feld das Funktionsprinzip moderner Wissenschaft, die „rekursive Kopplung“ aus (Weingart 2001, 2003). Folgt man Herwig Birg, so kann die Beantwortung der Frage nicht schwer fallen. Im Juli 2005 hat er in einem Interview den „Missbrauch der Demographie im Nationalsozialismus, „Rassenhygiene“ und „Eugenik“ eindeutig hergeleitet. Die „geistigen Urheber der Untaten“ der Nationalsozialisten hatten nämlich „die ganze Palette der späteren rassistischen Maßnahmen, die die Nazis umgesetzt haben“, bereits 1924 im Handwörterbuch der Staatswissenschaften vorformuliert. „Und darunter waren wiederum die Soziologen führend: es gibt nicht nur eine Eugenik, also die Ausmerzung biologisch unwerten Lebens, es gibt auch eine „Eubiotik“, wie die Soziologen das genannt haben, also die Ausmerzung des aus gesellschaftspolitischer Sicht minderwertigen Lebens (Eubiotik ist auch ein Stichwort in diesem Lexikon von 1924). Das mag einer der Gründe sein, warum die Soziologie heute so Distanz hält: weil sie die Disziplin ist, die die größte Schuld auf sich geladen hat ! Nicht die Biologen, die Genetiker, die Soziologen haben die Kultivierung des menschenleeren Raums im Osten geplant, die Regionalplanung damals für die deutsche Armee, wie man die eroberten Gebiete mit ‚rassisch hochwertigen‘ Bauernfamilien besiedelt: das waren alles soziologische Planungen.“ (Birg 2005, ohne Paginierung)

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_4

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Die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm

4.2 Die NS-Bevölkerungspolitik als „praktische biologische Soziologie“ Rammstedt teilt sogar ausdrücklich mit, dass Hans Freyer, seine Ikone der Deutschen Soziologie, „vorsichtig jeden Verweis auf Rasse“ vermeide und der in Sachen Deutscher Soziologie angeblich nicht minder exponierte Werner Sombart „Rasse“ als „soziologisches Phänomen“ verspotte. Dennoch fährt Rammstedt ungerührt fort, „so schien trotzdem ‚Rasse‘ zum Angelpunkt der Theorie der Deutschen Soziologie geworden zu sein, Dies war um so reibungsloser geschehen, da sich die Deutsche Soziologie der nationalsozialistischen Weltanschauung überantwortet hatte und nun von der NSDAP vorgeschrieben bekam, was ‚Rasse‘ zu heißen habe.“ (Rammstedt 1986, S. 124) Als Beleg verweist Rammstedt ausgerechnet auf den Jenaer Soziologen Max Hildebert Boehm, dessen Buch Volkskunde aus dem Jahr 1937 dem „theoretischen Selbstverständnis“ der rassenfixierten Deutschen Soziologie Ausdruck verliehen habe (Rammstedt 1986, S. 89). Tatsächlich hatte Boehm schon 1932 die Rassendoktrin des obersten NS-Weltanschauungshüters, Alfred Rosenberg, in seinem Buch Das eigenständige Volk als „pseudoreligiöse Blutmystik“ denunziert (Boehm 1932, S. 23) und wurde deswegen später nicht in die NSDAP aufgenommen, obwohl der Thüringer Gauleiter Fritz Sauckel sich vehement für Boehm eingesetzt hatte (Klingemann 2009, S. 132 – ​164). Auch als Mitglied der Akademie für Deutsches Recht, dessen Präsident der Generalgouverneur des besetzten (Rest-)Polens Hans Frank war, wies Boehm als Politikberater – worauf noch zurückzukommen ist – jede rassenkundlich begründete Repressionspolitik gegenüber den Slawen zurück (Klingemann 2009, S. 71 – ​108). Das völlig untaugliche Fallbeispiel Max Hildebert Boehm nimmt Rammstedt zum Anlass, die Soziologie im Dritten Reich als Rassenwissenschaft auszugeben. „Die Forcierung der Sozialanthropologie wird von hier aus ebenso verständlich wie die Deutungen der sozialen Realität mittels ‚Blutsgemeinschaft‘ und ihrer Wertung mittels ‚Rassenhygiene‘.“ (Rammstedt 1986, S. 124) Als Referenztext zitiert Rammstedt bezeichnenderweise das Buch Sippenkunde, Gedanken und Lehren zum Aufbau einer Wissenschaft von der Blutsgemeinschaft aus dem Jahr 1936 von Erich Murr. Allerdings ist Murr in den während der NS-Zeit erscheinenden Bänden von Kürschners Deutschem Gelehrten-Kalender aus den Jahren 1935 und 1940/41 und auch später überhaupt nicht verzeichnet, geschweige denn als Soziologe, Das hindert Rammstedt aber nicht daran, die Definition seiner Deutschen Soziologie als Rassenlehre nochmals zu bekräftigen: „Mit der Ausrichtung auf die rassisch bedingte natürliche Ganzheit Volk vermeinte die Deutsche Soziologie ihre Wissenschaft um „180 Grad gewendet“ zu haben.“ (Rammstedt 1986, S. 124) Schließlich verkündet Rammstedt unter Berufung auf Andreas Pfenning (Rammstedt 1986, S. 124), der in der Soziologie während der NS-Zeit allerdings

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keine Rolle gespielt hat (Klingemann 1996, S. 143 f.; Schultes 2010, S. 195, 320), aber als Protégé von Ernst Krieck, des Rektors der Universität Heidelberg, und als Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der SS in Baden sich in Pamphleten zur politischweltanschaulich korrekten Soziologie ausließ: „Volk wurde erst einmal der Idee nach mit Rasse gleichgesetzt.“ (Rammstedt 1986, S. 124) Das ist schon eine erstaunliche Behauptung, da doch gerade der Kronzeuge Boehm Volk und Rasse kategorisch unterschied. Damit aber nicht genug, die Soziologie ist nach Rammstedt die alles dominierende bevölkerungswissenschaftliche Leitdisziplin des Dritten Reichs: „[…] selbstbewusst maßte sich die Deutsche Soziologie an, die gesamte Bevölkerungspolitik – und nicht nur sie – einfach als praktische biologische Soziologie auszugeben […].“ (Rammstedt 1986, S. 125) Diesen Satz mag Herwig Birg bei Rammstedt gelesen haben. Merkwürdig ist nur, dass ihm als Bevölkerungswissenschaftler nicht aufgefallen ist, dass Rammstedt nicht einen einzigen Beleg dafür vorweist, dass die Deutsche Soziologie tatsächlich eine Rolle für die primär an der Rassenideologie orientierte Bevölkerungspolitik gespielt hat. Das ist allerdings auch nicht weiter verwunderlich, da es einen solchen Beleg gar nicht geben kann. Wenn Soziologen im Kontext bevölkerungspolitischer Strategien gefragt waren, dann gerade nicht als Rassentheoretiker oder rassenkundliche Eignungsprüfer – etwa für die Eindeutschung Volksdeutscher –, dafür standen in großer Zahl Vertreter anderer Disziplinen oder geschulte SS-Männer zur Verfügung, sondern als Experten der empirischen Sozialforschung, deren Kenntnisse für die Planung und Durchführung der Sozial- und Raumpolitik allerdings von einer Vielzahl nationalsozialistischer Institutionen sehr geschätzt wurden.

4.3 Max Hildebert Boehms Volkskörperforschung als „zentraler Erkenntniszweig der NS-Bevölkerungspolitik“ Aber selbst wenn man nicht wie Rammstedt von einer die Bevölkerungspolitik beherrschenden biologischen Deutschen Soziologie ausgeht, sondern die konkrete Rolle von Soziologen im Kontext bevölkerungspolitischer Strategien des NSRegimes analysieren will, kann es zu einer Hypostasierung ihrer tatsächlichen Einflussmöglichkeiten kommen. So stellt Ingo Haar zu Recht die Bedeutung von Eugenikern, Anthropologen und Sozialhygienikern als Träger des bevölkerungswissenschaftlichen Ordnungsdenkens heraus. Er sagt aber auch: „Das biopolitische Paradigma beanspruchte Interdisziplinarität und doktrinäre Geltung, Die Sozialwissenschaften konnten sich dem problemlos anschließen.“ (Haar 2005a, S. 349) Als Vertreter der Sozialwissenschaften werden Gunther Ipsen mit seiner

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Rede zum Thema Blut und Boden aus dem Jahr 1933 im Rahmen der nationalpolitischen Vorträge der Kieler Studentenschaft über das unlängst erlassene preußische Gesetz zum Erbhofrecht (Ipsen 1933a) sowie mit seinem Artikel Bevölkerungslehre aus demselben Jahr im Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums (Ipsen 1933b) und insbesondere Max Hildebert Boehm vorgestellt. Demnach begründete Boehm durch sein „Volksgruppen-Paradigma“ (neben Friedrich Burgdörfer mit seiner Bevölkerungsstatistik) die „interdisziplinäre ‚Volkskörperforschung‘.“ Sie sei „zentraler Erkenntniszweig dieser NS-Bevölkerungspolitik“ zur „Ausweitung des deutschen ‚Lebensraumes‘.“ Dabei gehe es neben der Erfassung der jüdischen Mischlinge und Mischehen um die Abgrenzung der Auslandsdeutschen gegen andere Völker, „insbesondere gegen Slawen.“ (Haar 2005a, S. 353) Schließlich strebe es der NS-Staat an, „die Abstammungslinien ganzer Bevölkerungsgruppen in Europa festzuhalten, und etwaige jüdische oder als fremd apostrophierte Verwandtschaftslinien in eigens dafür vorgesehenen Volkstumskatastern einzufassen.“ (Haar 2005a, S. 354) Und um deutlich zu machen, dass die Bemühungen von Volkstumsspezialisten um eine Regelung der ethnischen Segregation nicht nur akademische Gedankenspiele waren, schließt Haar an das vorstehende Zitat die Aussage an: „Das Zentrum dieser Überlegungen bildete der Ausschuss für Nationalitätenrecht in der Akademie für Deutsches Recht […].“ Dieser Ausschuss zeichnete sich tatsächlich dadurch aus, dass maßgebliche Volkstumspolitiker und Minderheitenexperten wie Max Hildebert Boehm dort gemeinsam Konzepte der volkspolitischen Lösung etwa der „Polenfrage“ diskutierten. Dafür wurde der Unterausschuss für Fragen der Assimilation und Dissimilation des Ausschusses für Nationalitätenrecht 1940 gegründet. Dessen erste Sitzung im Juni 1940 leitete Werner Hassellblatt, Rechtsberater des Verbandes der deutschen Volksgruppen in Europa, der schon zuvor die jetzt auch dort zu besprechende Denkschrift Rechtsgestaltung deutscher Polenpolitik nach volkspolitischen Gesichtspunkten vorgelegt hatte. Weitere Teilnehmer waren Dr. Werner Essen, im Reichsministerium des Innern zuständig für Litauen, später Ministerialrat und Abteilungsleiter im Reichskommissariat Ostland, sowie Assessor Dr. Benninghaus von der Volksdeutschen Mittelstelle des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums und Max Hildebert Boehm. Im Gegensatz zu den anwesenden Volkstumspolitikern vertrat Boehm keineswegs eine rassistische Position, sondern hält ihnen in der Diskussion vor: „Wir leben ja nicht mehr im völkischen Jahrhundert, sondern im imperialistischen […].“ Daraus folgert er hinsichtlich der von ihm geforderten deutschen Haltung gegenüber den Polen: „herein ins deutsche Volk.“ (Schubert 2002, S. 581) Die Kategorie „Blut“ als Exklusionsinstrument bemüht der bekennende Antisemit Boehm ausschließlich gegenüber den Juden: „Der Begriff deutsches Blut war ausgezeichnet, um uns gegen die

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Juden abzugrenzen. Aber gegenüber den Randbevölkerungen, die das identische Blut haben mit dem entsprechenden deutschen, kommen wir nicht weiter. Das wäre reine Fiktion.“ (Schubert 2002, S. 580) Bei der Darlegung seiner Vorstellungen zur Assimilationspolitik gegenüber den Slawen macht er unmissverständlich deutlich, dass für die imperialistische Expansionspolitik Blut irrelevant ist: „Ich habe den Vorzug, in einer slawischen, aber deutsch sprechenden Bevölkerung zu leben; denn die Thüringer sind Slawen. […] Es sind eben Assimilierte, die der Blutsubstanz nach fremd sind und eine depravierte Spielart des Deutschen abgeben, die sich durch 1000 Jahre erhalten hat. Zu dieser Spielart gehören Richard Wagner, Fichte, Klinger, die wir als Prototypen des Deutschtums zu bezeichnen pflegen.“ (Schubert 2002, S. 578) Und Boehm führt ein starkes Argument für die Assimilation der Polen im deutschen Herrschaftsbereich an: „Wir brauchen Millionen von Menschen in den Industriezentren.“ (Schubert 2002, S. 578) Werner Essen kann dem nichts Adäquates entgegenhalten und versucht es ausweichend mit völkisch-politischem Moralismus: „Die Argumente, die Sie vorbringen, Herr Professor Boehm, sind Argumente der Wirtschaft, und sie sind stark genug. Ich möchte nun an Ihre volkspolitischen Gedankengänge appellieren, dass wir uns hier zusammenschließen müssen, um den anderen Gesichtspunkt zur Geltung zu bringen. Eine andere Stelle tut das heute nicht. Man geht, auch wenn man diese Worte des Führers kennt, mit der Brutalität der Wirtschaft oder der Organisation oder der geistigen Einstellung von früher darüber hinweg. Wir müssen hier die ureigensten Gedanken des Führers so stark wie möglich unterstützen.“ (Schubert 2002, S. 579) Boehm kontert in aller Offenheit gegenüber den Vertretern der einflussreichsten volkstumspolitischen Institutionen: „Sie haben keine positive Lebensform für die Menschen konstruiert.“ (Schubert 2002, S. 579) Dennoch versucht Essen es noch einmal, Boehm zum Komplizen eines Vernichtungskonzeptes zu machen: „Herr Boehm, wenn Sie Ihren Gedankengang weiter verfolgen, müssen Sie sich zu einem Schutzpatron der fremden Völker aus unserem Interesse aufschwingen. Ich glaube, man muss aus unserem Interesse an Ihren Stolz appellieren, dass auch Sie gegen die Assimilierung sind, dass sich die Leute geistig-körperlich konsolidieren.“ (Schubert 2002, S. 579) Boehm spricht aus, was damit gemeint ist: „Es läuft doch mehr oder weniger auf den biologischen Mord an diesen Völkern hinaus.“ (Schubert 2002, S. 579) Daraufhin sieht sich Essen zu einer entlarvenden Relativierung im Sinne des bekannten Plans der „Verschrottung durch Arbeit“ genötigt: „Nein, das sind nur diejenigen, die in die Arbeit hereingenommen werden.“ (Schubert 2002, S. 579) Essen kommt damit aber nicht weiter, weil der Vertreter der Volksdeutschen Mittelstelle des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums Benninghaus unverhohlen ausspricht, wie sich Rassenpolitiker die Lösung tatsächlich

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vorstellen: Doch, darauf läuft es hinaus. Nehmen wir ruhig die krasse Formulierung. Im Grunde hat Herr Boehm recht. Wenn es uns möglich wäre, wäre das der Idealzustand, dass wir auf dieser etwas unchristlichen Basis den Siedlungsraum der Tschechen und den neuen Siedlungsraum der Polen innerhalb der Reichsgrenzen dezimieren.“ (Schubert 2002, S. 579) Was das wiederum – ganz abgesehen von dem von ihm abgelehnten Genozid bedeuten würde, wird von Boehm umgehend klargestellt: „Es ist keine Völkerordnung, die dabei herauskommt.“ (Schubert 2002, S. 579) Seine Lösung der Polenfrage lautet hingegen: „Wir sollten ihnen gute Aufstiegschancen im deutschen Volk geben […].“ (Schubert 2002, S. 581)

4.3.1 „Das eigenständige Volk“ – „offen für rassistische Sozialtechniken“ und die Praxis der NS-Germanisierungspolitik Diese Position vertrat Boehm aber nicht nur offensiv gegenüber maßgeblichen Akteuren der nationalsozialistischen Volkstumspolitik hinter verschlossenen Türen, sondern auch in seinen publizierten Texten. So auch in seinem von Ingo Haar herangezogenen Hauptwerk aus dem Jahr 1932 Das eigenständige Volk. Unter Verweis auf die erste Textseite dieses Buchs behauptet er: „Boehms Katalog der Kriterien, die Eigenständigkeit also die ethnische Homogenität eines Volkes festzulegen, war offen für rassistische Sozialtechniken, durch die sowohl die ‚Volksgenossen‘ als auch die ‚Volksfremden‘ identifiziert werden sollten.“ (Haar 2000b, S. 442 f.) Weder auf der angegebenen Referenzseite noch im Buch überhaupt findet man „Boehms Katalog der Kriterien, die Eigenständigkeit, also die ethnische Homogenität eines Volkes festzulegen.“ Tatsächlich geht es Boehm um „die Entdeckung des Volkes als einer eigenständigen, in die Politik und Geschichte hinwirkenden Wesenheit. Das volkliche Prinzip erwachte im Widerstand gegen das staatliche zu seinem geschichtlichen Selbstbewusstsein.“ Boehm 1932, S. 9) Boehm kann auch nicht als Vertreter einer bevölkerungswissenschaftlichen Spezialforschung bezeichnet werden, die sich „insbesondere gegen Slawen“ richtete, wie Haar unter Verweis auf Boehms Stellungnahme zu den Nürnberger Rassengesetzen behauptet. „Das von ihm konstatierte soziologische Phänomen der Mischehe zwischen Angehörigen zweier Volkstümer begriff er als eine ernste Bedrohung für das von ihm angestrebte einheitliche Volk.“ (Haar 2005a, S. 353 f.) Genau das Gegenteil ist richtig. Bevor Boehm die rassenpolitische Kernformel der Nürnberger Rassengesetze kommentiert, hält er 1938 in seinem Beitrag für eine Festschrift nämlich folgendes fest: Die „Elementarrassenlehre der Gegenwart (etwa im Sinne von Hans F. K. Günther)“ besage, „dass zwischen den benachbarten europäischen Völkern – ganz besonders natürlich in den Heimatschlägen des

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Grenzvolkes eine weitgehende Blutgemeinschaft über die Volksgrenzen hin weg wirksam ist. Dieselben rassischen Urelemente, aus denen unser Volkskörper aufgebaut ist, sind (in andersartiger Verteilung und unterschiedlicher konstitutiver Bedeutung) auch bei anderen Völkern wirksam geworden, denen gegenüber wir uns im Volkstumskampf trotzdem in unserem Volksbestande zu behaupten und zu bewähren haben.“ (1938, S. 141) Der kann aber nach Boehms Auffassung nicht erfolgreich sein, wenn man benachbarte Völker wegen vermeintlich rassischer Minderwertigkeit diskriminiert. Dies wird durch Boehms direkt an das Zitat anschließende Ausführungen zu der zentralen Formel vom „deutschen oder artverwandten Blut“ des Reichsbürgergesetzes und des Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre mit aller Deutlichkeit klargestellt: „Der Begriff des ‚deutschen und artverwandten Blutes‘ in den Nürnberger Gesetzen trägt diesem Tatbestand eindeutige Rechnung. Er dient unserer blutmäßigen Abgrenzung gegen fremde Rassen und lässt die Möglichkeit eines organischen Volkstumswechsels, indem er von der Rahmenrasse oder Rassenfamilie der Arier ausgeht, auf dem Boden artverwandter Völker offen. Die enge rassische Verbundenheit zwischen Deutschen und Dänen in Schleswig ist nur ein besonders ausgeprägter Sonderfall. Für den sich in vielen Grenzgebieten Parallelen aufzeigen lassen.“ (1938, S. 141) Damit erklärt Boehm auch den „organischen Volkstumswechsel“ mit den „artverwandten Slawen“ in aller Öffentlichkeit für möglich. Aber damit nicht genug. Allen Rassenfanatikern wird die rassenpolitische Tragweite der Bestimmung „artverwandtes Blut“ drastisch vor Augen geführt, indem er fortfährt: „Es sind mithin sogar Fälle denkbar, in denen auch die Verlockung zum Volkstumswechsel mit rassischen Beweggründen arbeiten kann.“ (1938, S. 141) Das ist zum Beispiel der Fall, wenn ein deutscher protestantischer Schlesier eine arisch erscheinende katholische Polin als Ehefrau einer deutschen evangelischen, weniger arisch erscheinenden Schlesierin vorzieht. Boehms volkstums- und rassenpolitische Klarstellung der Formel „deutsches oder artverwandtes Blut“ aus dem Jahr 1938 geht allerdings konform mit dem ArierMythos der NS-Rassendoktrin und ihrer ursprünglichen rechtlichen Kodifizierung. Denn im Blutschutzgesetz heißt es in Paragraph 1 (und sinngemäß auch im Reichsbürgergesetz): „Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen und artverwandten Blutes sind verboten.“ (Gesetz 1935 I, S. 1146 ff.) Zum Zeitpunkt der Verkündung der Nürnberger Rassengesetze im Jahr 1935 war ihren Autoren offensichtlich noch nicht bewusst, was die Bestimmung „artfremdes Blutes“ für gravierende Folgen für eine nicht nur die Juden diskriminierende Rassenpolitik haben könnte. Mit der teilweisen Einverleibung westpolnischer Gebiete in das Reichsgebiet und der Installation des Generalgouvernements wurde sie für die Germanisierungspraxis allerdings zum Problem. Im März 1942 machte der Chef des Stabshauptamtes, der SS-Gruppenführer Ulrich Greifelt, gegen-

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über dem Reichsführer SS Heinrich Himmler nachdrücklich darauf aufmerksam, dass „die gesamte deutsche Rassengesetzgebung auf dem Begriff ‚artverwandtes Blut‘ aufgebaut ist“, und sich aus Himmlers Vorschlag, diesen durch den Begriff „europäisches Blut“ zu ersetzen, „außerordentliche Schwierigkeiten ergeben, weil alle Verordnungen und gesetzlichen Bestimmungen geändert werden müssten.“ (Der Reichskommissar 1942a) Der Anlass für Himmlers Vorschlag war die von ihm selbst als dringlich angesehene Änderung des Begriffs „artverwandtes Blut“. So heißt es in der von ihm als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums am 23. März 1942 erlassene Anordnung „Änderung des Begriffes ‚artverwandtes Blut‘.“ „Bisher wird in der Rassenpolitik und im Sprachgebrauch das Blut ‚aller‘ Völker, die geschlossen in Europa siedeln, als ‚artverwandt‘ bezeichnet. Damit sind z. B. auch die Polen, Russen, Madjaren oder Portugiesen ebenso dem deutschen Blut artverwandt, wie die germanischen Völker. Diese Regelung baut auf der falschen Voraussetzung auf, dass die rassische Struktur aller europäischen Völker der des deutschen Volkes so eng verwandt ist, dass für den Blutskörper des deutschen Volkes die Gefahr einer Rassenverschlechterung bei Vermischung nicht gegeben ist. Dies trifft aber keineswegs zu. Die Gefahr der Rassenvermischung droht dem deutschen Volke nicht nur durch irgendwelche artfremden, sondern durch eine Vermischung mit dem Blut nichtstammesgleicher Völker in Europa, vor allem mit dem Slawentum.“ (Der Reichskommissar 1942b) Die rassenpolitische Lösung wird in der Weise gefunden, dass der Begriff „artverwandt“ aufgeteilt wird in „deutsches und stammesgleiches (= germanisches) Blut“ und „artverwandtes – nicht stammesgleiches Blut“. Zu letzterem „gehört das Blut aller nichtgermanischen europäischen Völker, soweit nicht einzelne Menschen bzw. Sippen dieser Völker als stammesgleich anzusprechen sind, also alle slawischen, romanischen, keltischen und baltischen Völker“. (Der Reichskommissar 1942b) Damit war insbesondere die in großem Umfang auf Himmlers Geheiß bereits geübte Praxis der „Rückdeutschung polonisierter Deutschstämmiger“ und der „Umvolkung rassisch wert voller Polen“ legitimiert. Große Verbreitung fand diese Anordnung in der Broschüre Nationalsozialistische Fremdvolkpolitik von Egon Leuschner, Reichsschulungsbeauftragter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, die als Tornisterschrift des Oberkommandos der Wehrmacht herausgegeben wurde. „Sie wendet sich an den deutschen Soldaten, weil er schon jetzt im Kriege, im Umgang mit fremden Völkern die Haltung zu zeigen hat, die für den deutschen Menschen selbstverständlich werden muss, wenn wir unsere europäische Aufgabe erfüllen wollen.“ (Groß 1943, S. 3) So Dr. Gross (= Groß), der Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP (Uhle 1999), dort in „Zum Geleit“. In einer anderen undatierten Ausgabe dieser Broschüre, die das Rassenpolitische Amt selbst wohl früher herausgegeben hat, erklärt er, sie ist „für die politischen Leiter der NSDAP bestimmt, um ihnen, von deren Wirken

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die Haltung der Nation abhängt, Rüstzeug für die Beantwortung von Fragen und für die Lenkung der Auffassung der Volksgenossen zu geben. Sie soll über diesen Kreis hinaus nicht selbst an die Öffentlichkeit getragen werden.“ (Groß o. D., S. 3) Ich bezweifele, dass die politischen Leiter der NSDAP große Mühe aufwenden mussten, um die Volksgenossen von der vermeintlichen Minderwertigkeit der Slawen zu überzeugen (vgl. Müller 2007). Es ist umgekehrt so, dass Himmlers Wille, den letzten Tropfen germanischen Blutes zu retten (Zellhuber 2006, S. 37) auf breite Ablehnung stieß. In der genannten Broschüre Nationalsozialistische Fremdvolkpolitik wird dieser Tatbestand offen ausgesprochen: „In bestimmten Gegenden des Altreichs sind auf dem Lande in den letzten Monaten polnische Familien als Landarbeiter angesiedelt worden, die nicht unter die einschränkenden Polenbestimmungen fallen und für dauernd sesshaft bleiben sollen. Aus rassenbiologischer Unkenntnis ist diese vom Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums getroffene Maßnahme vielfach mit Befremden und mit einem Gefühl des Unbehagens aufgenommen worden.“ (Leuschner 1943, S. 42) Bereits im Juni 1940 machten deswegen Angehörige des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS eine Inspektionsreise in Norddeutschland, die auch dazu genutzt wurde, „um Vorbehalte gegen die Umgesiedelten auszuräumen und eindringlich darauf zu verweisen, dass es sich hier um ‚wertvollstes Blut‘ handelte.“ (Esch 2003, S. 190) Für Max Hildebert Boehm war das hingegen kein Problem, da assimilierte Slawen, wie die erwähnten Thüringer, gute Deutsche waren. Es ist daher unverständlich, wieso Ingo Haar ihm und Arthur Moeller van den Bruck nachsagt: „Ihnen erschien das deutsche Volk als kulturbringendes Herrenvolk, während Slawen als Angehörige minderwertiger Nationen abgestuft wurden.“ (Haar 2000a, S. 90) Demgegenüber hat bereits 1939 der dem Sicherheitsdienst der SS nahestehende Soziologe Karl Heinz Pfeffer Boehms Lehre vom eigenständigen Volk als gefährlich gebrandmarkt. Dies geschieht bezeichnenderweise, indem Pfeffer in seinem Pamphlet Die deutsche Schule der Soziologie ihr vorwirft: „Sie fragt nicht nach der Geschichtsfähigkeit der Völker, sie vergisst ihren eigenen Ansatz zu einer rassischen Wertlehre, indem sie jeder eigensprachigen Menschengemeinschaft nur allzu willig den Ehrennamen ‚Volk‘ zubilligt.“ (Pfeffer 1939, S. 41) Diese Kritik könnte man noch als bekanntes Professorengezänk abtun. Aber Pfeffer fährt mit einer Bemerkung fort, die Boehm nach 1945 zu Recht als politisch bedrohliche Attacke („Volksschädling“) gewertet hat: „Sie ist besonders von slawischer Seite denn auch sehr gern gegen das deutsche Volk eingesetzt worden, dem sie doch eigentlich dienen wollte.“ (Pfeffer 1939, S. 41) Als Pfeffer dieses rassendogmatische Verdikt über Boehms Volkslehre im Jahr des deutschen Überfalls auf Polen verkündete, konnte er nicht ahnen, dass die danach praktizierte Volkstumspolitik gegenüber verschiedenen slawischen Gruppen sich pragmatisch darüber hinwegsetzen würde.

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Die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm

Die, wie Michael Esch sagt, „rassistische Logik“ der nationalsozialistischen Germanisierungspolitik bestand nämlich darin, „das ‚höhere Blut‘ anhand höherer Leistungsfähigkeit“ festzustellen und nicht anhand genetischer Rasseanlagen, die ja die „Eignungsprüfer“ überhaupt nicht bestimmen konnten (Klingemann 2009, S. 210 – ​226). Der Hintergrund für diese Eindeutschungsstrategie war „der Bedarf der deutschen Wirtschaft an Arbeitskräften“, was, um ein Beispiel zu nennen, „in Oberschlesien zur großzügigen Einschreibung polnischer Bergarbeiter in die Deutsche Volksliste sowie zur Einführung der Kategorie der ‚Leistungspolen‘ führte.“ (Esch 2003, S. 187 f.) Auf die Abhängigkeit der Eindeutschungsquoten von agrar- und industriepolitischen Zielen des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums haben Götz Aly und Susanne Heim schon früh hingewiesen (Aly und Heim 1991). Christian Gerlach berichtet von der deutschen Herrschaftspraxis in Weißrussland, wonach „Polen, obwohl als besonders feindlich eingestuft, als Führungskräfte in der Hilfsverwaltung und in den Betrieben“ eingesetzt wurden. Aber nicht nur das, man habe „zum Schluss sogar polnische Partisanen gefördert, weil sie antisowjetisch eingestellt waren.“ (Gerlach 1999, S. 99) Auch gegenüber den Weißrussen selbst wurde eine der Rassenideologie widersprechende Haltung eingenommen, wie Gerlach betont: „Von den allgemeinen Vorgaben der nationalsozialistischen Rassenkunde her war die relativ positive politische Einschätzung der Weißrussen kaum zu begründen.“ (1999, S. 100) Im Sinne der NS-Rassensystematik waren sie nämlich eine Mischform ostbaltischer und osteuropider Rassen mit leichten nordischen Beimengungen. Die positive politische Einschätzung wurde allerdings nicht eigenmächtig von den lokalen Besatzungsfunktionären vertreten, sondern folgte aus den von höchster Stelle vorgegebenen Germanisierungszielen. „Bereits am 12. September 1940 war von Himmler als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums bestimmt worden, Weißrussen könnten wie Russen, Tschechen u. a. nach individueller Überprüfung „eingedeutscht“ werden.“ (Gerlach 1999, S. 100) Diese Linie vertrat auch das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete unter der Leitung von Alfred Rosenberg, dessen volkstumspolitische Ansichten Himmler ansonsten überhaupt nicht teilte. Mit Gerlach kann man das Prinzip des nicht nur für Weißrussland zu beobachtenden rassenpolitischen Pragmatismus‘ dahingehend kennzeichnen, dass „der so genannte Rassenstandpunkt (außer bei wenigen Gralshütern) nach den politischen Notwendigkeiten ausgerichtet“ wurde (1999, S. 100). Auch Himmler musste einsehen, dass insbesondere ökonomische Notwendigkeiten wie der allgemeine Arbeitskräftemangel rassenideologische Dogmen aushebelten, was im Kapitel Ursachenanalyse und ethnopolitische Gegenstrategien zum Landarbeitermangel in den Ostgebieten: Max Weber, das Institut für Staatsforschung (Berlin) und der Reichsführer SS näher ausgeführt wird.

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4.3.2 Das Konzept der „Dekomposition“ zur Durchsetzung der deutschen Suprematie im Osten und Max Hildebert Boehms Volkstheorie Alfred Rosenberg richtete seine Ostpolitik bekanntlich nicht am UntermenschenFeindbild, sondern an seinem (durchaus rassenideologisch unterlegten) Konzept der „Dekomposition“ der Sowjetunion aus (Zellhuber 2006). Damit sollte die Etablierung der deutschen Suprematie im Osten durch die Instrumentalisierung der antisowjetischen und antikommunistischen Eigeninteressen der ethnischen Gruppen, Völker und Nationalitäten erreicht werden, Hier hätte eventuell das Modell des eigenständigen Volkes von Max Hildebert Boehm virulent werden können. Und vielleicht ist es das sogar. Denn 1967 sagt Boehm in einem in seinem Nachlass im Bundesarchiv Berlin als Durchschlag überlieferten Schreiben an Reinhard Bollmus, er konnte sich trotz der Verfolgung durch Gegner in Rosenbergs „Weltanschauungsladen“ als Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP auf dessen „ostpolitischen Clan“ als Reichsminister für die besetzten Ostgebiete stützen, der ihn „als Sachverständigen honorierte.“ 1967 hatte Boehm wohl keine Veranlassung, sich kontrafaktisch mit der Zuarbeit für das Ministerium des hingerichteten Hauptkriegsverbrechers zu brüsten. Beweise für die Richtigkeit seiner Aussage liegen mir allerdings nicht vor. Es gibt aber Sachverhalte, die Boehms Darstellung stützen. Das von Boehm gegründete Institut für Grenz- und Auslandstudien in Berlin-Steglitz, dessen Leiter zum Zeitpunkt des gegen die Sowjetunion geführten Vernichtungskrieges Karl Christian von Loesch war, während Boehm als stellvertretender Leiter fungierte (Klingemann 1996, S. 71 – ​86), gab 1942 in zweiter Auflage die Broschüre Völker, Volksgruppen und Volksstämme auf dem ehemaligen Gebiet der UdSSR heraus. Mitherausgeber war der Reichsführer SS, Rasseamt. Die Autoren waren Dr. Gerhard Teich vom Institut für Grenz- und Auslandstudien, der später das Heinrich Himmler exklusiv zuarbeitende Wannsee-Institut leitete (Botsch 2000), und Dr. Heinz Rübel vom Rasseamt (Heinemann 2003, S. 200). Im Vorwort wird sechzehn Beratern gedankt, darunter neun Professoren und sechs Promovierten. Max Hildebert Boehm wird nicht genannt. Das ist jedoch gut nachvollziehbar, da sein Konzept des eigenständigen Volkes mit dieser vom Rassenverständnis der SS geprägten Darstellung nicht kompatibel ist. In der Einleitung führt von Loesch dazu aus: „[…] den wenigsten unter den aufgeführten volklichen Gemeinschaften der UdSSR kommt überhaupt der Rang eines eigenständigen Volkes zu.“ Das mag für viele Kleinstethnien sicherlich zutreffen, aber er geht noch einen Schritt weiter: „Selbst wenn ihnen große Zahlen von Menschen zugerechnet werden dürfen (sogar hunderttausende, wie einigen ostfinnischen Stämmen), sind sie doch nicht

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Die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm

als ‚Völker‘ im Sinne mitteleuropäischer Begriffsbestimmungen anzusehen. Nicht einmal die Weißruthenen, denen manche zehn Millionen Volkszugehörigkeit zurechnen, können als voll ausgebildetes Volk gelten, sondern höchstens als ein werdendes.“ (von Loesch 1942, S. XI) Damit bestreitet von Loesch selbst den Weißrussen einen Anspruch auf Auto­ nomie und stellt sie rassenpolitisch zur Disposition. Dabei macht er aber nicht halt. Durchaus instrumentalisierbar im Sinne einer schrankenlosen Lebensraumpolitik heißt es anschließend: „Sogar an die Volklichkeit der staatstragenden Russen darf man mitteleuropäische Maßstäbe nicht anlegen; sie sind als Volkspersönlichkeiten weniger scharf umrissen und eigenbewusst als die zahlenmäßig weit schwächeren Esten, Letten und Litauer.“ (von Loesch 1942, S. XI) Aus dieser volkstumstheoretischen Sicht gibt es keinen Grund mehr, auch nur eine der Nationalitäten, selbst im europäischen Teil der Sowjetunion zu respektieren. Dass die Broschüre die äußerst detaillierte amtliche sowjetische Darstellung übernimmt, die wegen ihrer „künstlichen nationalen Aufsplitterung zum Zwecke besserer Beherrschung jedes einzelnen Teiles“ (Gerhard von Mende) längst entlarvt ist, „liegt nur im Praktischen, denn das Taschenbuch soll allen, die mit den Völkern der UdSSR zu tun haben, die Möglichkeit geben, sich rasch zu unterrichten und von der Vielfältigkeit der völkischen Erscheinungen ein Bild zu gewinnen, Wer nämlich bei Besuchen von Gefangenenlagern oder bei Rücksprache mit Arbeitskräften nach der Herkunft fragt, wird vielfach nur die Lokalbezeichnung ermitteln können, dagegen nicht die wissenschaftlichen Großgemeinschaftsbezeichnungen, die ja ein Ergebnis der Abstraktion sind.“ (von Loesch 1942, S. XIII) Ich gehe nicht davon aus, dass von Loesch in der Einleitung zu diesem wirklich praxisorientierten Taschenbuch elementare wissenschaftstheoretische Fragen erörtern wollte. Er erkennt aber an, dass als potentielle Überläufer befragte Kriegsgefangene sich sehr wohl „volklich“ zuordnen können, dies aber die deutsche Besatzungsverwaltung nicht in die Lage versetzt zu entscheiden, ob sie zu einer „völkischen Erscheinung“ gehören, die als deutsch freundlich eingeschätzt wird. Damit erkennt von Loesch zwar implizit an, dass es im Sinne des Eigenständigkeitstheorems wichtig ist zu erfahren, inwieweit völkisches Selbstbewusstsein vorliegt. Ihm geht es aber darum, die mit Fremdvölkischen befassten Stellen dahingehend zu instruieren, deren antisowjetische Haltung herauszufinden, um sie instrumentalisieren zu können. Karl Christian von Loesch und Max Hildebert Boehm waren volkstumstheoretische und volkstumspolitische Weggefährten, aber nur von Loesch hat sich auf die jegliche Eigenständigkeit negierende Auslieferung der Völker im Osten eingelassen. Damit ist es in seinem Fall zu einer Politisierung bevölkerungswissenschaftlichen Expertenwissens gekommen. Eine Verwissenschaftlichung der Besatzungsherrschaft kann ich nicht erkennen. Vielmehr haben die „wissenschaftlichen

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Großgemeinschaftsbezeichnungen“ über die tatsächlich existierenden ethnischnationalen Selbstverortungen der Völker im Osten hinweggetäuscht. Im Fall Max Hildebert Boehm ist es zu einer rekursiven Kopplung gekommen, wenn er tatsächlich als „Sachverständiger“ für das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete gearbeitet hat. Nur konnte sein Konzept der Nutzung der Eigenständigkeitsbestrebungen der Völker im Osten nicht zum Tragen kommen, da das Ministerium sich nicht gegen den SS-Apparat Heinrich Himmlers durchsetzen konnte, dem Hitler die Allzuständigkeit für Siedlungsfragen (inklusive Vertreibung und Völkermord) zugesprochen hatte.

4.4 Literatur Aly, Götz, und Susanne Heim. 1991. Vordenker der Vernichtung, Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Hamburg. Beyer, Hans Joachim. 1942. Die deutsche Schule der Soziologie. Rezension von Karl Heinz Pfeffer. Die deutsche Schule der Soziologie (1939). In Deutsches Archiv für Landes- und Volksforschung 6: 189 f. Birg, Herwig. 2005. Interview mit Das Helium. Hochschulmagazin, Zeppelin University, 27. 07. ​2005 (ohne Paginierung); www.zeppelin-university.de/deutsch/aktuelles_ presse/helium/radar/Birg_Interview.php. Boehm, Max Hildebert. 1932. Das eigenständige Volk. Volkstheoretische Grundlagen der Ethnopolitik und Geisteswissenschaften. Göttingen. Boehm, Max Hildebert. 1938. Volkstumswechsel und Assimilationspolitik. In Festschrift für Justus Wilhelm Hedemann, 134 – ​158. Jena. Botsch, Gideon. 2000. Der SD in Berlin-Wannsee 1937 – ​1945. Geheimes Wannsee-Institut, Institut für Staatsforschung und Gästehaus der Sicherheitspolizei und des SD. In Villenkolonien in Wannsee 1870 – ​1945. Großbürgerliche Lebenswelt und Ort der Wannsee-Konferenz, Hrsg. Norbert Kampe, 70 – ​95. Berlin. Der Reichskommissar (1942a) für die Festigung deutschen Volkstums, Stabshauptamt an den Reichsführer SS, 11. März 1942; Bundesarchiv Berlin, NS 19/3680. Der Reichskommissar (1942b) für die Festigung deutschen Volkstums. Änderung des Begriffs „artverwandtes Blut“, Anordnung, 23.III.42; Bundesarchiv Berlin, NS 19/3680. Elster, Alexander. 1926. Eugenik und Eubiotik, (Sozialbiologie). Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Bd. 3: 891 – ​911. Esch, Michael G. 2003. Migrationssteuerung im totalen Staat: die Umwandererzentralstelle im besetzten Polen 1939 – ​1945. In Migration steuern und verwalten. Deutschland vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Hrsg. Jochen Oltmer, 177 – ​206. Göttingen. Gerlach, Christian. 1999. Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944. Hamburg.

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Die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm

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„Volksgemeinschaft“ ? – Der Nationalsozialismus als Projekt der Moderne und seine rationale Soziologie

5.1 Einleitung: Die Soziologie verweigert sich ihrer Fachgeschichte im Nationalsozialismus und dessen Analyse Anlässlich des Jenaer DGS-Kongresses im Jahr 2008 war die Soziologie im NSStaat im Rahmen einer Ausstellung zur Jenaer Soziologie im Dritten Reich thematisiert worden. Daraus entwickelte sich die 160 Seiten starke Publikation zur Soziologie im Nationalsozialismus, die Silke van Dyk und Alexandra Schauer erarbeitet haben (2010; 2. Aufl. 2015). Dem damaligen Präsidenten der DGS HansGeorg Soeffner war es ein besonderes Anliegen, dass die Geschichte der Soziologie während des Nationalsozialismus aufgearbeitet wird. Deswegen hatte er für den Jubiläumskongress, der 2010 in Frankfurt am Main stattgefunden hat, eine Gesprächsrunde zu diesem Thema geplant, die aber nicht zustande gekommen ist. Soeffner hat aber die Gelegenheit genutzt, in seiner Eröffnungsrede zum Jubiläumskongress in der Paulskirche das Thema gebührend aufzugreifen (2012, S. 49 f.). Das wollten die örtlichen Veranstalter angeblich auch, jedoch wurde die während des Dritten Reichs an der Frankfurter Universität praktizierte Soziologie in der Kongress-Ausstellung marginalisiert und bagatellisiert oder ganz verschwiegen. Das ist erstaunlich, da doch schon seit Längerem eine ausführliche Dokumentation darüber vorliegt (Klingemann 1996, S. 87 – ​119). Deswegen glaube ich auch nicht, wie es Ludger Pries als Sprecher des Organisationskomitees dieses Kongresses formuliert, dass „inzwischen Konsens bezüglich der deutschen Soziologie insgesamt sein dürfte: Sie war während des Nationalsozialismus weder aufgelöst noch vollständig emigriert.“ (2012, S. 10 f.) Inwieweit dieser Sachverhalt gerade bezüglich der Rolle zutrifft, die jene an der Sozialforschungsstelle Dortmund tätigen ehemaligen Reichssoziologen für die © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_5

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„Volksgemeinschaft“ ? – Der Nationalsozialismus als Projekt der Moderne

Nachkriegssoziologie gespielt haben, lässt Pries offen. Er stellt zwar mit Recht fest: „Die Bedeutung der Sozialforschungsstelle für die Geschichte der deutschen Nachkriegssoziologie kann kaum überschätzt werden.“ (2012, S. 11) Aber auf der Liste der 22 von ihm genannten wissenschaftlichen Mitarbeiter der Sozialforschungsstelle, die sich wie „ein ‚Who is Who‘ der deutschen Nachkriegs-Soziologie“ lese (2012, S. 12), findet sich mit Hans Linde nur einer der 14 von mir als ehemalige Reichssoziologen identifizierten Mitarbeiter. Dabei waren es gerade die schon sehr früh an der Sozialforschungsstelle tätigen und im Dritten Reich sehr exponierten Gunther Ipsen, Elisabeth Pfeil, Carl Jantke und Karl Heinz Pfeffer, die als Mitbegründer der Flüchtlings- und Stadtsoziologie sowie der Industrie- und Entwicklungsländer-Soziologie der westdeutschen Soziologie wie auch der modernen Sozialgeschichtsschreibung innovative Impulse verliehen haben. Außerdem waren sie über die Ausbildung und Beschäftigung vieler Mitglieder der Nachkriegsgeneration, insbesondere auch der von Pries genannten Dortmunder, sehr einflussreich (Adamski 2009). Inzwischen hat Pries die Karriere des Dortmunder Migrationssoziologen Wilhelm Brepohl vor und nach 1945 skizziert (2014). Wenn die Entwicklung der Soziologie in den Westzonen und in Westdeutschland im Hinblick auf ihre Modernisierung angemessen aufgearbeitet werden soll, müsste meines Erachtens geklärt werden, inwieweit die vielen bereits vor 1945 fachwissenschaftlich Tätigen eben keine „völkische“ Soziologie oder gar Anti-Soziologie betrieben haben, sondern durch die Empirisierung der Soziologie schon vor 1945 als Erneuerer im Dienst der NS-Diktatur zu bezeichnen wären. Auf der anderen Seite haben sie nach 1945 allein durch ihre dominante Präsenz und ihren Einfluss auf die nächste Soziologen-Generation nicht nur eine Selbstreflexion des Faches verhindert, sondern damit auch die fachwissenschaftliche Analyse des Nationalsozialismus. Schon 1965 hatte Ralf Dahrendorf festgehalten: „Die Soziologie muß, um mit der bitteren Erfahrung des Nationalsozialismus fertigzuwerden, dies in einem doppelten Sinne tun: wissenschaftshistorisch, aber auch wissenschaftlich. Nicht nur sie selbst, sondern auch der Nationalsozialismus als historische Möglichkeit ist ihr Thema.“ (1965a, S. 121) Dieser Selbstverpflichtung ist die Soziologie aber nicht nachgekommen. 1987 sieht Thomas Herz die Ursachen dafür in folgenden Zusammenhängen: „Die, welche im Lande blieben – Arnold Gehlen, Hans Freyer, Karl Valentin Müller, Karl H. Pfeffer u. a. – hatten kein Interesse an der Analyse des Verbrecherregimes, das sie direkt oder indirekt gestützt und mit dem sie sich arrangiert hatten.“ An diese durchaus zutreffende Aussage knüpft Herz eine in der Soziologiegeschichtsschreibung bis heute immer wieder bestrittene Erkenntnis: „Sie wurden reinstalliert und bestimmten teilweise den Wiederaufbau der Soziologie nach dem zweiten Weltkrieg.“ Und dann stellt er eine Vermutung an, deren Brisanz überhaupt nicht überschätzt werden kann, da sie bis heute im Selbstverständnis der Soziologie völlig verdrängt

Volksgemeinschaft und Volksgemeinschaftssoziologie 113

wird: „Die Ausblendung des Nationalsozialismus aus der Forschung war vermutlich der Preis für diese Integration sowie für die Etablierung des Faches an den Universitäten.“ (1987, S. 566) Leider ist Thomas Herz schon Mitte der neunziger Jahre verstorben. Seine Auseinandersetzung mit Diskursen über den Nationalsozialismus hätte sonst vielleicht die Selbstreflexion des Faches entscheidend vorantreiben können. Diese ist in jüngster Zeit, initiiert von Michaela Christ und Maja Suderland, nachhaltig belebt worden. Das Kapitel Die Verweigerung der Analyse des Nationalsozialismus in der westdeutschen Soziologie. Zur Kontinuität empirischer Soziologie vor und nach dem Ende des NS-Regimes in diesem Band greift dabei einen meines Erachtens wichtigen Aspekt auf. Neun Jahre später hat schließlich M. Rainer Lepsius im Rahmen einer Adhoc-Veranstaltung auf dem gemeinsamen Kongress der Deutschen, Österreichischen und Schweizer Gesellschaft für Soziologie in Freiburg im Jahr 1998 eine Erklärung für die selbst auferlegte Abstinenz geboten. Nachdem er festgestellt hat, dass die Soziologen den Nationalsozialismus den Historikern überlassen haben, benennt er dafür methodische und konzeptionelle Ursachen. Der methodische Grund sei, dass wegen der historischen Abgeschlossenheit des Nationalsozialismus Umfrageforschung nicht anwendbar war, aber von den Soziologen auch andere Methoden wie retrospektive Interviews und Dokumentenanalyse „kaum eingesetzt“ worden seien. Und konzeptionell habe die vergleichende Systemanalyse „kein Interesse“ gefunden, denn: „Die ‚positive‘ Bezugsgesellschaft der Bundesrepublik und ihrer Soziologie waren die Vereinigten Staaten. In dem Maße, in dem die Bundesrepublik Anschluss an den Westen fand, konnten die Institutionen der demokratischen Industriegesellschaften als gültige Rahmenbedingungen gelten.“ (2000, S. 17) Damit hat Lepsius sicherlich zwei wichtige Ursachen benannt, nur spielte meiner Meinung nach der allgemein zu beobachtende selbst auferlegte Zwang zum „kommunikativen Beschweigen“ (Hermann Lübbe) auch in der Nachkriegssoziologie die Hauptrolle. Die Daheimgebliebenen und die leider zu wenigen zurückgekehrten Emigranten waren sich generell – mit der Ausnahme der Skandalisierung spektakulärer Einzelfälle wie Hans Freyer, Gunther Ipsen oder Karl Valentin Müller und Karl Heinz Pfeffer – darin einig, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Letztere aus der nur zu berechtigten Angst vor dem nicht nur latenten universitären Antisemitismus.

5.2 Volksgemeinschaft und Volksgemeinschaftssoziologie Dabei half und hilft bis heute, dass die im Nationalsozialismus betriebene Soziologie häufig als Volksgemeinschaftssoziologie abgetan wird. Damit korrespondiert, dass auch von soziologischer Seite nicht die moderne nationalsozialistische

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Leistungs- und Konsumgesellschaft, basierend auf rassenideologisch-eugenischer und sozialhygienischer Repression, Exklusion und genozidaler Elimination, als tatsächlich verwirklichte ‚Volksgemeinschaft‘ erkannt wird (Bavaj 2003; Wiesen 2011). Dementsprechend wird der im NS-Regime praktizierten Soziologie attestiert: „Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verbreitete sich der Begriff der Volksgemeinschaft als ein analytisches Konzept insbesondere auch weiter in den Gesellschaftswissenschaften, aus denen er ursprünglich entstammte und durchsäuerte in hohem Maße die Rechts- und Verwaltungssprache.“ (Götz 2012, S. 61) Als Quelle für diese Aussage verweist der Autor auf seinen eigenen Artikel Volksgemeinschaft im Handbuch der völkischen Wissenschaften (2008, S. 713 – ​721). Dort findet man allerdings nur den nicht überzeugenden Hinweis auf Max Hildebert Boehm und Georg Weippert, aber keinen Beleg für die Verbreitung des Begriffs Volksgemeinschaft als ein analytisches Konzept in den Gesellschaftswissenschaften, zu denen ja die Soziologie nicht erst an letzter Stelle zählen dürfte. Die moderne empirische Soziologie war im Nationalsozialismus keine völkische, wiewohl sie von völkischen Vorgaben ausging. Nur sollte man weltanschauliche Phraseologie und konkrete soziologische Expertise nicht gleichsetzen. Aber bis heute wird in der Soziologie-Geschichtsschreibung der politisch korrekten Sprachregelung gefolgt, als hätten die Nationalsozialisten tatsächlich eine ihren anachronistischen Ideen gemäße Volksgemeinschaft verwirklicht. Die seit etwa 15 Jahren in der Geschichtswissenschaft anhaltende breite Diskussion um Volksgemeinschaft hat dahingehend auch keine Klärung gebracht, wie der soeben erschienene Band Der Ort der ‚Volksgemeinschaft‘ in der deutschen Gesellschaftsgeschichte ausführlich dokumentiert (Schmiechen-Ackermann et al. 2018). Wenn man aber dem Artikel Volkstum und Volksgemeinschaft eines Sammelbandes folgt, der mit den Legenden des Nationalsozialismus aufräumen will, ist nach Astrid Voß unter Volksgemeinschaft zu verstehen: „Sie war dem deutschen Volk angeblich wesensgemäß, weil sie dem fiktiven germanischen Ständestaat nachgebildet war. Die gesellschaftliche Position, so wurde versprochen, sollte nicht mehr von Bildung, Vermögen, Besitz oder Nicht-Besitz von Produktionsmitteln abgeleitet werden, sondern auf einer postulierten natürlichen Ungleichheit der Menschen beruhen. Die bestehenden Klassengegensätze der kapitalistischen Industriegesellschaft wurden per definitionem einfach für nicht mehr existent erklärt, soziale Widersprüche verschleiert.“ (1990, S. 191) Hiermit wird die Volksgemeinschaft als propagandistisch erzeugte Fiktion vorgestellt, wiewohl es einige Zeilen später heißt: „Um die Volksgemeinschaftsideologie wirksam im Bewußtsein zu verankern, mußte permanent der Beweis ihrer Existenz angetreten werden. Ein Mittel dazu waren die von den Nationalsozialisten durchgeführten Massenveranstaltungen, zu denen die Fest-, Gedenk- und Feiertage genügend Anlaß gaben. Die Volksgemeinschaft wurde unüberseh- und -hörbar inszeniert: Fackelzüge,

Nationalsozialismus und Modernität: Der Ansatz Ralf Dahrendorfs 115

Aufmärsche, Reden schmolzen die Menge zu einem gefügigen Block zusammen und bewirkten Rauschzustände, in denen jegliches kritische Denken ausgeschaltet wurde.“ (1990, S. 192) Diese Beschreibung bestimmter Elemente der NS-Herrschaftspraxis ist sicherlich zutreffend, wenn auch nicht erschöpfend. Ihre Sichtweise steigert die Autorin noch mit folgenden Worten: „Da die Volksgemeinschaft aller rationaler und realer Grundlagen entbehrte, entwickelte sie so den sakralen Charakter einer Kult- und Weihegemeinschaft, die sich im Krieg mühelos in eine eingeschworene Kampfgemeinschaft wandelte.“ (1990, S. 192) Indem die NS-Gesellschaft sakralisiert und ihr alle rationalen und realen Eigenschaften abgesprochen werden, ist allerdings einer soziologischen Sozialstruktur-Analyse des Dritten Reichs scheinbar jeglicher Zugang verbaut. Dasselbe passiert, wenn man wie Hans-Ulrich Wehler eine „ausgesprochen Hitler-zentristische Interpretation“ des NS-Systems (Hans Mommsen) vorlegt. Dem hält Michael Wildt entgegen: „Wehler unterschätzt meines Erachtens die politisch-kulturellen Veränderungen, die durch die Erosion des Rechts, das Durchbrechen normativer Grenzen und einen von der Regimespitze geförderten erbund rassenbiologischen Utilitarismus bewirkt werden. Etliche Funktionseliten, die ihren Tatendrang stets durch Gesetze, bürokratische Gängelei und moralische ‚Humanitätsduselei‘ eingeengt glaubten, sahen sich nun in der Lage, ihre monströsen Pläne zu realisieren. Endlich wähnte sich der Philosoph an der Macht, der Architekt am Entwurf der Welthauptstadt, der Arzt in der Rolle des Gestalters des menschlichen Lebens, der Demograph als Völkerordner oder der Theologe als Religionsstifter. Das Projekt, nicht nur Deutschland ‚rassisch‘ neu entstehen zu lassen, sondern ganz Europa völkisch neu zu ordnen, jene Faszination, nicht nur andere, schönere Welten zu entwerfen, sondern auch schreckliche Wirklichkeit werden zu lassen, hat Intellektuelle, Akademiker, Wissenschaftler scharenweise zu willigen Stützen des NS-Regimes werden lassen.“ (2004, S. 4) Mit seiner Betonung der Rolle der „selbständig und eigenverantwortlich“ handelnden modernen Eliten, womit über „das Modell der charismatischen Herrschaft“ hinausgewiesen werde, öffnet Wildt hingegen wieder den Weg zu einer soziologischen Analyse.

5.3 Nationalsozialismus und Modernität: Der Ansatz Ralf Dahrendorfs Schon 1965 hatte Ralf Dahrendorf gezeigt, welche Schritte auf diesem Weg zurückzulegen wären. Man findet sie in seinem Buch Gesellschaft und Demokratie in Deutschland im 26. Kapitel, das den bezeichnenden Titel trägt Das nationalsozialistische Deutschland und die soziale Revolution. Gleich zu Beginn stellt er kurz und bündig fest: „Der Nationalsozialismus hat für Deutschland die in den Ver-

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„Volksgemeinschaft“ ? – Der Nationalsozialismus als Projekt der Moderne

werfungen des kaiserlichen Deutschlands verlorengegangene, durch die Wirrnisse der Weimarer Republik aufgehaltene soziale Revolution vollzogen.“ (1965b, S. 432) Was ist nun unter sozialer Revolution zu verstehen ? Auch hier bleibt er seinem minimalistischen Stil treu und erklärt direkt anschließend: „Der Inhalt dieser Revolution ist die Modernität.“ Der Weg in die Modernität sei immer ein gewaltsamer und für die Betroffenen schmerzhafter Prozess, den die Nationalsozialisten einleiten mussten, „um sich an der Macht zu halten.“ (1965b, S. 433) Konkret bedeutet dies, sie mussten „die überlieferten – und in ihrer Wirkung antiliberalen – Loya­ litäten zu Region und Religion, Familie und Korporation zerbrechen, um ihren totalen Machtanspruch durchzusetzen.“ Dabei verklärt Dahrendorf die Nationalsozialisten nicht zu selbst ernannten Heilsbringern der Moderne, denn: „Hitler brauchte die Modernität, so wenig wie er sie mochte.“ (1965b, S. 434) Aber – so Dahrendorf in seiner empirischen Argumentation – die Beseitigung der Länderrechte griff eine charakteristische Tradition deutscher Sozialstruktur an, da die regionalen Bindungen an Bedeutung verloren. Die Gleichschaltung von staatlicher Bürokratie und Justiz verwandelte den hergebrachten Charakter der Einrichtungen selbst. Ebenso wie der Reichspräsident neutralisiert wurde, beseitigten die „neuen Herren“, wie sie Dahrendorf häufig tituliert, auch die autonomen Institutionen der Wirtschaft und die Unabhängigkeit der Presse. Während üblicherweise lediglich das Diktatorische an diesen Maßnahmen hervorgehoben wird, sieht Dahrendorf darin den Ersatz organischer Sozialgefüge durch mechanische Gebilde, die Menschen werden dadurch „einander gleichgemacht“ mit dem Ziel der Schaffung der neuen Rolle des Volksgenossen. Die angeordnete Bewegung der Menschen von ihren Wohnorten weg „durch Massenorganisationen der Partei und ihrer Gliederungen sowie der Wehrmacht mit der Folge der „Einschmelzung der Schichten“ machte „Ungleiches gleich und Zugeschriebenes erwerbbar“ und hatte „insofern spezifisch moderne Züge“. Sozialistische Gewerkschaften, studentische Verbindungen wurden aufgelöst, religiöse Bindungen gelockert, die Funktion der Familie auf die Aufgabe der Reproduktion der Bevölkerung reduziert und durch die Hitler-Jugend von außen kontrolliert, was die Jugend durchaus zu schätzen wusste. Dahrendorf ist sich dabei der „Grenzen“ dieser von ihm postulierten sozialen Revolution allerdings bewusst und räumt ein, dass sich viele Institutionen und Individuen ein gewisses Maß an „Eigenleben“ bewahren konnten. Er betont auch: „Moralisch hätte der Weg in die Modernität kaum brutalere, unmenschlichere Züge haben können, als er sie in Deutschland gewann.“ (1965b, S. 446). Aber er beharrt darauf: „Es konnte keinen Rückweg hinter die Revolution der nationalsozialistischen Zeit mehr geben.“ (1965b, S. 448) Wenngleich Dahrendorfs Position nicht unumstritten geblieben ist, und es in den achtziger und neunziger Jahren eine kaum zu überschauende Debatte der Modernisierungsthese, getragen von Historikern, gegeben hat, so bin ich dennoch

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der Meinung, dass er ein – wenn auch lückenhaftes – Programm für eine genuin soziologische Analyse des Dritten Reichs vorgegeben hat. Es gilt somit nicht, was Maurizio Bach dekretiert hat, dass die Soziologie es letztlich nur vermöge, „mit den ihr eigenen Fragestellungen und theoretischen Modellen das von der Geschichtswissenschaft aufgearbeitete ‚Material‘ zu re-interpretieren.“ (2012, S. 26) Demgegenüber müsste das Dahrendorfsche Programm in der Weise ergänzt werden, dass sich die Soziologie in forschungsstrategischer Verknüpfung mit ihrer eigenen Modernisierung und ihrer gesellschaftlichen Modernisierungsfunktion während des Nationalsozialismus auseinandersetzt. Nur muss gesagt werden, dass Dahrendorf zwar programmatisch diese Forschungsstrategie einfordert, die NS-Soziologie selbst aber dahingehend beschreibt, es habe eine „völkische Soziologie“ und „Abirrungen weniger verantwortlicher Kollegen“ gegeben, aber auch solche, „die ohne sich korrumpieren zu lassen, in Deutschland blieben. Das trifft ausgerechnet auf die von ihm genannten Richard Thurnwald und Alfred Vierkandt nicht zu. Und das gilt auch für Alfred Weber und Leopold von Wiese, denen er konzediert, dass sie angeblich „ohne Zugeständnisse zu machen“, die Nazizeit überlebt hätten. Dann habe es noch „einige integre Soziologen“ gegeben, die jedoch die „thematischen Vorlieben der Nationalsozialisten teilten“, so dass Demographie, bestimmte Fragestellungen der Ethnologie, soziologische Fragestellungen der Erblehre, Fragen der Raumplanung und die Agrarsoziologie nach 1945 diskreditiert gewesen seien (1965a, S. 119).

5.4 Nationalsozialismus und Modernität: Moderne Agrarpolitik Die Auffassung, dass die Agrarsoziologie diskreditiert gewesen sei, wurde auch noch Jahrzehnte später vertreten (Ziehe 2005). Das korrespondiert mit der Behauptung, wie sie in dem bereits erwähnten Artikel über Volkstum und Volksgemeinschaft aufgestellt wird, wonach die propagandistisch verbreitete Bauerntümelei und Schollenmystik die tatsächlich praktizierte Agrarpolitik bestimmt hätte, wenn es heißt: „In der Blut-und-Boden-Ideologie, mit der die tatsächlichen sozialen und wirtschaftlichen Mißstände auf dem Lande ignoriert wurden, manifestierte sich die agrarromantische Vorstellung vom bodenverwurzelten, gesunden Bauern, der zum Urbild quasi naturhafter Verwurzeltheit der Deutschen im Germanentum erhoben wurde.“ (Voß 1990, S. 190) Diese Position steht in krassem Widerspruch zur Praxis der nationalsozialistischen Agrarpolitik (Klingemann 2009, S. 109 – ​122). Der Reichslandwirtschaftsminister und in Personalunion Reichsbauernführer Richard Walther Darré war zwar auf die Fundierung einer deutschen Herren-

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rasse auf der Basis des bäuerlichen Blutquells als Neuadel aus Blut und Boden, so der Titel seines rassentheoretischen Programms, fixiert. Allerdings steuerte sein als Technokrat geltender Staatssekretär Herbert Backe die Politik des Reichslandwirtschaftsministeriums im Sinne der industriezentrierten Vierjahresplan-Behörde Hermann Görings. Darrés Amtsenthebung im Jahr 1942 dokumentierte diesen Sachverhalt schließlich auch öffentlich. Aber selbst der Rassenmystiker Darré hatte schon 1939 eingestanden, dass der ländliche Gen-Pool durch Landflucht auch nach der Machtübernahme weiter austrocknete. „Der Gesamtverlust der Landwirtschaft an Arbeitskräften in den letzten Jahren kann also auf mindestens 700 000 bis 800 000 beziffert werden“ (zit. n. Streb und Pyta 2005, S. 66). Dass diese Berechnung unvollständig war, betonte Josef Müller, der selbst von einem fränkischen 50-Hektar-Hof stammt, Autor eines real-soziologischen Buches über die deutsche Landwirtschaft und Mitarbeiter des Reichskuratoriums für die Technik in der Landwirtschaft war, das auch 23 vollständig elektrifizierte Versuchsdörfer betrieb. Müller verwies darauf, dass die Familienangehörigen mit eingerechnet werden müssten, so dass davon auszugehen sei, dass entgegen der Blut-und-Boden-Propaganda bereits bis Ende der dreißiger Jahre etwa eine Million Menschen vom Land abgewandert waren (1940, S. 8). Dementsprechend beschleunigte sich der Urbanisierungsprozess. Auch das Gesetz über die Neubildung deutschen Bauerntums von 1933 konnte diese Entwicklung nicht stoppen. David Schoenbaum, dessen Standardwerk über die Modernisierungsprozesse im Dritten Reich mit dem Titel Die braune Revolution 1980 auch auf Deutsch erschien, kommentiert dies mit den Worten: „Was dabei herauskam, war das Gegenteil aller ideologischen Phantasien.“ (1980, S. 205). Als scheinbarer Beweis für die Durchsetzung einer rassisch-eugenischen Bauernpolitik wird dennoch gerne das Reichserbhofgesetz angeführt. Jedoch hat bereits 1979 Friedrich Grundmann der Erbhof-Politik ihr „weitgehendes Scheitern“ attestiert. Es sei den nationalsozialistischen Agrarideologen nicht gelungen, den langfristigen Trend zur Entagrarisierung aufzuhalten oder gar umzukehren, die bäuerliche Wirtschafts- und Lebensform dauerhaft zu konservieren, die Abwanderung aus der Landwirtschaft zu beenden und die ländliche Geburtenrate zu erhöhen (1979, S. 151). Damit hat sich später nochmals sehr gründlich Daniela Münkel befasst und bei ihrer Untersuchung der praktischen Durchführung der Erbhofpolitik ebenfalls herausgefunden, „daß die Umsetzung des Reichserbhofgesetzes ab 1933 wenig mit dem ideologisch begründeten Ziel einer rückwärtsgewandten, das Bauerntum stilisierenden Utopie gemein hatte.“ (1996, S. 577) So seien etwa kleine unrentable Erbhöfe geopfert und eine Konzentration auf mittlere und größere Betriebsgrößen vorangetrieben worden, wodurch das fast völlige Verschwinden von Kleinstbetrieben in der Nachkriegszeit im Sinne eines Modernisierungsschubs eingeleitet worden war. Die Anwendung des Reichserbhofgesetzes förderte den

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industriegesellschaftlich basierten Strukturwandel – das wohl wesentlichste Element jedes Modernisierungsprozesses. Und das wollte das NS-Regime auch gar nicht verheimlichen, sondern präsentierte die Erfolge seiner Modernisierungspolitik offensiv an sehr prominenter Stelle. Unter der Schlagzeile „Neue Großsiedlungen wollen versorgt sein“ verkündete im Juli 1939 der Völkische Beobachter: „Wir sind aus dem Stadium der Arbeiterwohnbaustätten, der Stadtrandsiedlungen, der landwirtschaftlichen Kleinsiedlungen zur umfassenden industriellen Erschließung mit dem daraus folgenden Bedarf an industriellen Großsiedlungen gekommen. Heute wird diese Phase bereits von einer neuen überholt: durch den planmäßigen Bau neuer Mittel- und Großstädte“ (zit. n. Schoenbaum 1980, S. 222). Angesichts der Tatsache, dass gerade im Agrarsektor gravierende Moderni­ sierungseffekte – trotz weithin verbreiteter Rückständigkeit und immer größerer Belastung der auf den Höfen kriegsbedingt zunehmend allein wirtschaftenden Frauen – beobachtet werden können, stellt sich die Frage, welche Rolle eine empirisch orientiert Agrarsoziologie eventuell in diesem Prozess gespielt haben mag. In den „wenigen Jahren“ des Dritten Reichs haben nach Meinung der ausgewiesenen Experten für die NS-Agrarpolitik Leonardo Corni und Horst Gies die Konzentration der Betriebsgrößenstruktur, die Produktions- und Produktivitätssteigerungen durch einen höheren Mechanisierungsgrad, der steigende Düngemittelverbrauch und neuartige Konservierungstechniken „Schritte in Richtung moderner Formen der Landwirtschaft“ bedeutet. „Auch Rationalisierungs- und Standardisierungsmaßnahmen im Bereich der Verarbeitung und Vermarktung von Nahrungsmitteln machten im Staat Hitlers ebenso Fortschritte, wie damals erstmals intensive Marktforschung in der Ernährungswirtschaft stattfand.“ (1997, S. 594) Und welche Rolle spielt dabei die Soziologie ? Der bereits erwähnte Hans Linde, der als promovierter Agrarsoziologe im Stabsamt des Reichsbauernführers tätig war, hat in einem Aufsatz aus dem Jahr 1939 die Auswirkungen dieser politischen Modernisierungsstrategie auf die Entwicklung der Agrarsoziologie treffend zum Ausdruck gebracht, wobei sowohl die Modernisierung der Soziologie durch die Förderung der empirischen Sozialforschung wie auch die rekursive Kopplung von Sozialwissenschaften und Politik, das heißt die Politisierung der Wissenschaft und die Verwissenschaftlichung der Politik, gut sichtbar werden, wenn er sagt: „Die unmittelbare Förderung der ländlichen Soziologie durch das Reich geschieht auf Grund ihrer notwendigen inneren Verzweigung nicht durch die Einrichtung großer Institute und wissenschaftlicher Apparate, sondern durch die Finanzierung von konkreten Forschungsvorhaben, deren Bearbeiter im Forschungsdienst [das ist die Zentrale von sieben Reichsarbeitsgemeinschaften mit 130 Arbeitskreisen der Landwirtschaftswissenschaften] und in der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung [die 51 Hochschul-

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arbeitsgemeinschaften für Raumforschung organisierte] zusammengeschlossen sind.“ (1939, S. 418) Diese Form der Forschungsförderung war für die deutschen Sozialwissenschaften absolut neuartig, da hier zum ersten Mal interdisziplinär ausgerichtete Forschungsverbünde reichsweit institutionalisiert worden sind. In beiden Netzwerken waren Soziologen an forschungspolitischen Schaltstellen etabliert und an zentralen Forschungsprojekten beteiligt. Das gilt insbesondere auch für die empirische Agrarsoziologie. Dies ist deswegen erwähnenswert, wenn man dabei die Rückständigkeit der deutschen Agrarsoziologie in der Weimarer Republik bedenkt. Demgegenüber ist es ausgerechnet Hans F. K. Günther, allgemein bekannt als „Rassen-Günther“, dem 1935 eine „Anstalt für Rassenkunde, Völkerbiologie und ländliche Soziologie“ an der Universität Berlin eingerichtet wurde, der eine Modernisierung der deutschen Agrarsoziologie nach amerikanischem Vorbild fordert. In seiner Rede zum 126. Jahrestag der Berliner Universität am 4. November 1936 über Aufgaben einer Ländlichen Soziologie im völkischen Staate erklärt er: „Bei Begründung einer Ländlichen Soziologie in Deutschland werden wir Deutsche viele Anregungen verwerten können, die uns die nordamerikanische Rural Sociology geben kann. In Nordamerika besteht wirklich schon eine Ländliche Soziologie, zusammengefaßt in einer größeren Zahl wertvoller Lehrbücher und Einzeluntersuchungen. Es fehlt aber in den Vereinigten Staaten auch nicht an der Städtischen Soziologie und an der Ländlich-Städtischen Soziologie (Rural-​Urban Sociology). Die zur Erkenntnis der Lebensvorgänge, der Siebungs- und Auslesevorgänge zwischen Land und Stadt notwendig sind.“ (1937, S. 121) Für die Jahre nach 1936 sind dann allerdings verschiedene innovative Ansätze zur Stadt- und zur Stadt-Land-Soziologie zu verzeichnen. Und selbst Gunther Ipsen, der gegen Ende der Weimarer Republik den Bauern noch definierte als „Eheherr, Gatte, Vater“ und „ganz wesentlich Gemeinschaft mit der Erde und ihren Geschöpfen“ (1928/29, S. 32), entwickelt 1941 Vorschläge für die geplante Flurbereinigung des durch Freiteilung geprägten Neckarlandes, die alle die Ausrichtung der Landwirtschaft auf die strukturellen Bedingungen forcierter industrieller Expansion zum Ziel haben (Ipsen 1941). Damit steht Ipsen jedoch nicht allein, weil auch andere Mitglieder der so genannten Leipziger Schule der Soziologie, die anfänglich Volkwerdungslyrik produziert hatten, jedoch im Kontext ihrer Forschungsprojekte, die sie im Auftrag verschiedener NS-Behörden durchführten, realitätsbezogene empirische Agrarsoziologie praktizierten. Der als Repräsentant der irrational-faschistischen Leipziger Soziologie (Schäfer 1990) geltende Karl Heinz Pfeffer, bei dem Hans Linde 1935 an einer Erhebung zur sozialen Lage der Landarbeiter in Deutschland mitgearbeitet hatte, stellte seinem Aufsatz über die Notwendigkeit der totalen Volksforschung, der ein typisches Elaborat völkischer Soziologie zu sein scheint, folgendes Zitat voran: „Es muß als

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ein Mangel bezeichnet werden, daß sich die Kreise, die sich als Aufgabe die Ergründung des Wesens unseres Bauerntums gesetzt haben, bisher zum großen Teil darauf beschränkten, das Bauerntum der alten Art zu erforschen, das in seinen Lebensäußerungen schon der Vergangenheit angehört. Man hat dort sehr oft eine Vorliebe für das Urtümliche im bäuerlichen Wesen und vergißt, daß es im Vergehen begriffen ist. Man trauert zu oft dem Verfall dieses nicht mehr Zeitgegebenen nach und ist sich nicht bewußt, daß auch das Bauerntum als eine lebendige Gruppe im Volkskörper den Gesetzen des Werdens und Wandels unterworfen ist, daß es den Weg seiner Entwicklung gehen, daß in ihm Altes sterben und neuen Formen Platz machen muß.“ (zit. n. Pfeffer 1941, S. 408) Bezeichnend ist, dass dieses Zitat aus dem 1940 erscheinenden Buch Deutsches Bauerntum zwischen Gestern und Morgen des schon erwähnten Josef Müller, Mitarbeiter des Reichskuratoriums für die Technik in der Landwirtschaft, stammt. Herausgegeben wurde es vom Rassenpolitischen Amt der NSDAP bei der Gauleitung Mainfranken, das offensichtlich an realsoziologischer Expertise interessiert war. Pfeffer schließt sich Müllers Sicht mit den Worten an: „Die deutsche Volksforschung muß sich von ‚ländlich-konservativer‘ Romantik endgültig frei machen und darf gerade für unser Bauerntum sich nicht mit einem bloßen ‚Beharren‘ und ‚Erhalten‘ im Sinne Riehls zufrieden geben.“ (1941, S. 420) Diese Position hat Pfeffer allerdings bereits seit 1934 im Rahmen empirischer agrarsoziologischer Untersuchungen zum Beispiel zur Landarbeiterfrage bezogen. Die als Planungsbehörde 1935 eingerichtete Reichsstelle für Raumordnung förderte folgerichtig finanziell von 1936 bis 1938 empirische Untersuchungen der Leipziger Soziologen über die unterbäuerliche Bevölkerung der sächsischen Oberlausitz, den Landesausbau im Drömling, die Notstandsgebiete der Oberlausitz und die Bevölkerungs- und Berufsgliederung im Arbeitsamtsbezirk Leipzig. In ihrer für die Reichsstelle für Raumordnung 1937 angefertigten Denkschrift Die unterbäuerliche Schicht in den Dörfern der Sächsischen Oberlausitz kamen Karl Heinz Pfeffer und Theodor-Andreas Michael, der bei Freyer mit einer Fallstudie über Dorf und Industrie promoviert hatte, zu ganz anderen Schlussfolgerungen über die Ursachen der viel beklagten Landflucht als die heute regelmäßig zitierten Blutund-Boden-Theoretiker, die die Industrialisierung zur Hauptschuldigen der erbbiologischen Degeneration des deutschen Volkes im Zuge der Abwanderung guter Erbsubstanz vom Land und deren Untergang im Prozess der Verstädterung erklären. Pfeffer und Michael halten demgegenüber als Ergebnis ihrer empirischen Ermittlung der Ursachen des Landarbeitermangels und der Entstehung von Notstandsgebieten fest: „Der gewerbliche Landesausbau hat also nicht die Landwirtschaft ihrer Arbeitskräfte beraubt, sondern im Gegenteil die Ansässigkeit von Familien erst ermöglicht, aus denen sich die Landarbeiterschaft immer wieder ergänzen kann. […] Das inhaltliche Gesamtergebnis zeigt, dass die ausreichende

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Versorgung eines Gebietes mit landwirtschaftlichen Arbeitskräften nicht durch Industrieferne und nicht durch Verhinderung des Abzugs sichergestellt worden ist, sondern durch wirtschaftliche und nichtwirtschaftliche Landbindung einer unterbäuerlichen Schicht.“ (1937, S. 30, 31) Wenngleich Pfeffer insbesondere für seine völkischen Kampf-Schriften bekannt ist, war seine empirische Agrarsoziologie realitätsbezogen und rational, sie war modern. Und es ging um die Modernisierung der sozialen Verhältnisse auf dem Lande. Die Leipziger angewandte Agrarsoziologie stellt dabei keinen Einzelfall dar. Mit der Gründung des Soziographischen Instituts an der Universität Frankfurt am Main werden ganz andere Dimensionen erreicht. Dabei ist zu beobachten, wie die außeruniversitäre Professionalisierung der empirisch-angewandten Soziologie zu ihrer akademischen Institutionalisierung führt. Der Dekan der Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät fasst diesen Vorgang in einem im Archiv der Universität Frankfurt am Main überlieferten Schreiben vom 12. November 1942 prägnant zusammen: „Im Januar 1940 wurde auf Veranlassung des Reichsnährstandes und der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung in Zusammenarbeit mit den Planungsbehörden eine Untersuchung der Lebensgrundlagen des deutschen Landvolks begonnen. Ziel der Arbeit war, Unterlagen für die Neuordnung der landwirtschaftlichen Verhältnisse im Altreich zu schaffen. Die Untersuchung erfaßt rund 5000 Richtgemeinden mit 1,4 Millionen Haushalten und 5 Millionen Volksgenossen und wird nach der Methode von Dr. Ludwig Neundörfer durchgeführt, dem auch die Leitung der gesamten Arbeiten übertragen wurde. Die Stadt Frankfurt am Main stellte mietweise ein Haus zur Verfügung, die nötigen Mittel gibt der Reichsfinanzminister. Gleichzeitig wurde auf unseren Antrag hin mit Entschließung vom 16. 7. ​1940 des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Dr. Ludwig Neundörfer beauftragt, in der Fakultät Landesplanung und Umsiedlung in Vorlesungen und Übungen zu vertreten.“ Bei der geographischen Begrenzung des Untersuchungs- und Planungsraumes auf das Altreich ist es nicht geblieben. Die Arbeiten des Soziographischen Instituts in Frankfurt und seiner Außenstellen in Berlin und Wien wurden mit der Siedlungsplanung in den ‚neuen Ostgebieten‘ verknüpft. Neundörfer wurde zum Politikberater im Umfeld des Reichsführers SS Heinrich Himmler in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums. Doch schon vor Himmlers Selbstmord kooperierte das Soziographische Institut mit der amerikanischen Besatzungsbehörde zum Zweck der Unterbringung von Flüchtlingen in Hessen auf der Basis seines soziographischen Datenmaterials. Der exklusive Zugriff darauf ermöglichte Neundörfer die Fortsetzung seiner Karriere als Politikberater auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Als Institutsleiter, Professor, Präsident der Hochschule für Erziehung an der Universität Frankfurt und langjähriger Leiter der Arbeitsgemeinschaft sozialwissenschaftli-

Fazit 123

cher Institute, befreundet mit Max Horkheimer, war Neundörfer nicht nur eine außergewöhnliche Nachkriegskarriere beschieden, er repräsentiert darüber hinaus perfekt den neuen Typus des professionalisierten Soziologen (Klingemann 1996, S.  103 – ​119).

5.5 Fazit Die Modernisierung der Soziologie im Dritten Reich durch ihre politisch initiierte Empirisierung und die Modernisierung der Gesellschaft im und durch den Nationalsozialismus sollten in ihrer Interdependenz – wie schon sehr früh von Ralf Dahrendorf 1965, dann 1987 von Thomas Herz und jetzt wieder von Michaela Christ gefordert – wissenschaftshistorisch und fachwissenschaftlich untersucht werden.

5.6 Literatur Adamski, Jens. 2009. Ärzte des sozialen Lebens. Die Sozialforschungsstelle Dortmund 1946 – ​1969. Essen. Bach, Maurizio. 2012. ‚Drittes Reich‘ und Soziologie. Was kann die Soziologie zum Verständnis der nationalsozialistischen Führerdiktatur beitragen ? Soziologie, 41: 19 – ​27. Bavaj, Riccardo. 2003. Die Ambivalenz der Moderne im Nationalsozialismus. Eine Bilanz der Forschung. München. Christ, Michaela. 2011. Die Soziologie und das „Dritte Reich“. Weshalb Holocaust und Nationalsozialismus in der Soziologie ein Schattendasein führen. Soziologie, 40: 407 – ​431. Corni, Gustavo, und Horst Gies. 1997. Brot – Butter – Kanonen. Die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Diktatur Hitlers. Berlin. Dahrendorf, Ralf. 1965a. Soziologie und Nationalsozialismus. In Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus, Hrsg. Andreas Flitner, 108 – ​124. Tübingen. Dahrendorf, Ralf. 1965b. Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. München. Götz, Norbert. 2008. Volksgemeinschaft. In Handbuch der völkischen Wissenschaften: Personen, Institutionen, Forschungsprogramme, Stiftungen, Hrsg. Ingo Haar, und Michael Fahlbusch, 713 – ​721. München. Götz, Norbert. 2012. Die nationalsozialistische Volksgemeinschaft im synchronen und diachronen Vergleich. In ‚Volksgemeinschaft‘: Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im ‚Dritten Reich‘ ?, Hrsg. Detlef SchmiechenAckermann, 55 – ​67. Paderborn. Grundmann, Friedrich. 1979. Agrarpolitik im Dritten Reich. Anspruch und Wirklichkeit des Reichserbhofgesetzes. Hamburg.

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„Volksgemeinschaft“ ? – Der Nationalsozialismus als Projekt der Moderne

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Teil III

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Akademische Vergangenheitspolitik als Selektionsprozess – am Beispiel von Karrieren führender westdeutscher Soziologen

6.1 Das gesellschaftlich-politische Umfeld, in dem die Entnazifizierung der Hochschulen stattfand Die anfänglich sehr rigide Entlassungspolitik, insbesondere in der amerikanischen Zone, stand schon früh im Widerspruch zur Strategie, deutsche Stellen die Entnazifizierung durchführen zu lassen. Zu bedenken ist dabei auch, dass zeitgleich der Ost-West-Konflikt sich zuspitzte, und im Kontext des beginnenden Kalten Kriegs wurden andere Prioritäten gesetzt. So schützten und nutzten zum Beispiel amerikanische Geheimdienste schwer belastete deutsche Geheimdienstexperten, darunter auch Wissenschaftler. Die allgemeine Unzufriedenheit mit dem Entnazifizierungsverfahren lässt sich nicht nur auf die Ablehnung von vermeintlicher Siegerjustiz zurückführen. Allein der quantitative Umfang des Vorhabens, alle NSDAP-Mitglieder und die ihrer angeschlossenen Verbände sowie andere Funktionsträger einer Überprüfung zu unterziehen, ließ das Vorhaben fragwürdig erscheinen. Die Volksweisheit, Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen, bringt nicht einfach ein Ressentiment zum Ausdruck. Da nämlich zuerst die massenhaften Fälle der kaum oder gering Belasteten verhandelt wurden, die häufig durch viele Instanzen und vor verschiedene Gremien gingen, und nicht selten mit verhältnismäßig hohen Strafen endeten, während die Fälle der stark und sehr schwer Belasteten zurückgestellt wurden, musste der Eindruck einer systematischen Ungerechtigkeit entstehen. Denn inzwischen hatte sich das Pönalisierungsklima wegen der genannten Bedingungen gewandelt, so dass „die zurückgestellten Fälle der Schwer- und Schwerstbelasteten […] entweder nicht mehr zur Verhandlung kamen oder mit lächerlich niedrigen Einstufungen versehen wurden.“ (Herbert 1995, S. 164). Diese prinzipielle Ungerechtigkeit brachte – neben zahllosen speziellen Mängeln – das gesamte Entnazifizierungsverfahren in Miss© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_6

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Akademische Vergangenheitspolitik als Selektionsprozess

kredit. Es sei noch ein besonders anschauliches Beispiel für dessen Fragwürdigkeit herausgegriffen. Im Januar 1951begnadigte der amerikanische Hohe Kommissar John McCloy 89 in Landsberg einsitzende Kriegsverbrecher, darunter auch zum Tode verurteilte Einsatzgruppenführer (Frei 1995, S. 28).

6.2 Entnazifizierung im Hochschulbereich Die Entnazifizierung im Hochschulbereich war nach Ansicht von Mitchell Ash ursprünglich von Sicherheitsbedürfnissen und dem Bestreben geleitet, „mittels einer groß angelegten Säuberung des öffentlichen Dienstes den Weg zu einer umfassenden ‚Demokratisierung‘ der deutschen Gesellschaft […] vorzubereiten.“ Dabei handelte es sich aber um reine Absichtserklärungen, denn, so fährt Ash fort: „Dieser hehren Zielsetzung schienen allerdings die Ausbeutungs-, Entnahme- und Rekrutierungsprogramme der Alliierten zu widersprechen. Aktionen wie die ‚Operation Paperclip‘ der Amerikaner, die T-Force-Operationen der Briten oder die Entnahme ganzer Forschungs- und Produktionsbetriebe und der Abtransport vieler ‚Spezialisten‘ vor allem im Luftfahrtbereich durch den sowjetischen Geheimdienst begannen schon vor der Entnazifizierung und gerieten mit ihr zu spezifischen Zeitpunkten in Konflikt.“ Resümierend hält er fest: „Der Wissenschaftler-Transfer durch die Alliierten unterminierte die Entnazifizierung vor Ort durch die Umgehung der deutschen Behörden, die jetzt die eigentliche Verantwortung dafür hatten.“ (Ash 1995, S. 906 f.) Das bedeutet für Ash nicht, dass es keine Entnazifizierung in der Wissenschaft gegeben habe, er plädiert vielmehr in Anlehnung an Mark Walker für eine alternative Definition von Entnazifizierung. Wobei natürlich berücksichtigt werden muss, dass jede Nachkriegskarriere ihre Besonderheiten aufweist, wie beispielsweise die Studien über den Historiker Ulrich Crämer (Jedlitschka 2006), den Staatsrechtler Ernst Rudolf Huber (Grothe 1999) und den besonders prominenten Fall des Historikers Wilhelm Mommsen (Nagel 1998) belegen.

6.3 Ansätze zur Erklärung der Mechanismen des Selektionsprozesses Unter Entnazifizierung soll nach Ash die „Entflechtung von Wissenschaft und Wissenschaftlern aus ihren früheren kollaborativen Zusammenhängen und ihre Neuverflechtung in andere politische Verhältnisse“ verstanden werden. Diesen Vorgang nennt er „Umgestaltung von Ressourcenkonstellationen“, wobei die Ressourcen finanzieller, apparativ-institutioneller, kognitiv-konzeptioneller oder

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auch rhetorischer Art sein können. Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik ist reziprok, das heißt, Politiker und Wissenschaftler nehmen sich wechselseitig als Ressourcen in Dienst, wodurch die relative Autonomie der Wissenschaft zu einer Verhandlungssache wird – unabhängig vom Charakter des politischen Systems (Ash 1995, S. 904 f.). Damit wird die Sicht, die Wissenschaft sei im Nationalsozialismus missbraucht oder pervertiert worden, überwunden und ihr Eigeninteresse und ihre Initiative zur Beschaffung von staatlich-politischen Ressourcen betont. Für den hier darzustellenden Selektionsprozess nach 1945 ist es aber wichtig, den vor 1945 verwandten Varianten der Ressourcenbeschaffung besondere Beachtung zu schenken. So wurde abgestraft, wer „Aufstiegsregeln und Umgangsformen der Zunft mißachtet“ hatte, wie Thomas Etzemüller bezüglich kompromittierter Historiker festhält (2002, S. 139). Schon 1965 hat der Tübinger Rechtsprofessor und Mitglied des Staats- und Verwaltungsgerichtshofs von Baden-Württemberg Otto Bachof als nicht geduldete Formen der Ressourcenbeschaffung benannt, wenn der „Geist der Wissenschaft verraten“ wurde, „aus Konjunktur oder Schwäche den Machthabern nach dem Munde geredet wurde“ oder „gar Kollegen denunziert oder aus dem Amt gebracht“ wurden (1965, S. 208). So sieht es dann 1989 auch der Historiker Winfried Schulze: „Wer den Nationalsozialisten die Einsetzung in die Professur ohne fachliche Qualifikation verdankte, konnte allerdings nicht mit der Unterstützung der Zunft rechnen.“ (1989, S. 128) Exemplarisch beschreibt Bernd Weisbrod für die Universität Göttingen die Grundprinzipien des Selektionsprozesses in seinem Aufsatz mit dem anschaulichen Titel Das Moratorium der Mandarine als Verfahren der Selbstentnazifizierung der Wissenschaften in der Nachkriegszeit – so der Untertitel. Bei der Verwandlung von Belasteten in Mitläufer durch den universitären Unterausschuß für die politische Überprüfung des Lehrkörpers wurde eine Exklusionslinie gezogen: „Als des Professorenamtes unwürdig wurden eigentlich nur solche Kollegen befunden, die von Anfang an keine gewesen waren, jedenfalls nach den Regeln der universitären Selbst-Kooptation.“ (2004, S. 269). Das galt zum Beispiel für einen Historiker, der mit Hilfe des Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschlands gegen das Votum der Fakultät eingesetzt worden war, oder auch für die Protagonisten der Deutschen Christen, die ohne akademische Titel berufen worden waren. Die politische Säuberung erscheint somit als „eine einfache Wiederherstellung professioneller Standards“, nur, hebt Weisbrod hervor, konnten die „Regeln des Mandarinentums“, gegen die zu verstoßen, normalerweise die Exklusion zur Folge hatte, auch politische Verfehlungen heilen. Und so hält er schließlich fest, dass die geheiligten Regeln „politisch weitgehend indifferent waren“ (2004, S. 270).

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Akademische Vergangenheitspolitik als Selektionsprozess

6.4 Wege der Rückkehr auf Professorenstellen Jedoch mussten nicht nur hochschulintern, sondern auch vor einer interessierten Öffentlichkeit und in politischen Auseinandersetzungen Wege der Re-Etablierung geebnet und legitimiert werden. Ein großes Problem stellte dabei die Behandlung der Flüchtlingshochschullehrer gegenüber den „amtsverdrängten“ beziehungsweise „unterbringungsberechtigten“ Hochschullehrern der Westzonen und später Westdeutschlands dar. Markus Mößlang hat dies in seiner Untersuchung der 493 in Bayern zumindest zeitweilig wohnenden Flüchtlingshochschullehrer gezeigt, von denen 317 als Vertriebene, Flüchtlinge beziehungsweise DDR-Zuwanderer zwischen 1945 und 1961 an einer bayerischen Hochschule – zum Teil nur vorübergehend – ihren Beruf ausübten. In diesem Zusammenhang verweist er auf etwa 20 „politische Fälle“, die es bundesweit gab, bei denen keine Aussicht auf Wiedereinstellung bestand. Er nennt den ehemaligen Leiter des für den Sicherheitsdienst der SS arbeitenden Wannsee-Instituts, Michael Achmeteli, und Walther Wüst, ehemaliger Rektor der Universität München sowie Präsident beziehungsweise Kurator der Lehr- und Forschungsgemeinschaft der SS, „Das Ahnenerbe“ (2002: 333). Eine ähnlich schlechte Position hatten jene, die in den Listen der „Bundesausgleichsstelle beim Bundesinnenministerium zur Durchführung des Gesetzes zu Artikel 131 GG“ aufgeführt waren. Sie galten als „Bodensatz“, als „negative Auslese“ (2002, S. 333). Ansonsten war das im April 1951 vom Bundestag einstimmig verabschiedete Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen sehr hilfreich für jene politisch belasteten, nun aber unterbringungsberechtigten Professoren, ihrem Wunsch nach Wiederverwendung Nachdruck zu verleihen (Frei 1995, S. 25). Jedoch versuchten die Universitäten, unerwünschte Kandidaten fernzuhalten, gerade weil auch viele vertriebene und zugewanderte Hochschullehrer, darunter natürlich auch häufig politisch belastete, aufgenommen werden mussten. Bis zum Wintersemester 1952/53 waren zum Beispiel 705 von denen wieder an Hochschulen in Westdeutschland untergekommen. Andererseits standen Ende 1952 noch 270 unterbringungsberechtigte Hochschullehrer in den Listen der Bundesausgleichsstelle, die aber längst nicht alle Berechtigten erfasst hatte. Und die bayerischen Universitäten weigerten sich sogar, dieser auf Koordinierungsfunktionen beschränkten Einrichtung freie Stellen auch nur zu melden (Mößlang 2002, S. 325 f.). Auch daraus erklärt sich, dass manche Professoren sofort wieder eingestellt wurden und andere über zehn Jahre warten mussten. „So war von den insgesamt 157 in Bayern ansässigen Flüchtlingshochschullehrern, die im November 1951 noch nicht bzw. nicht in einer ihrer früheren Position entsprechenden Tätigkeit untergekommen waren, bis Ende 1952 kein einziger infolge des Bundesgesetzes zu

Ausgewählte Fälle 133

Art. 131 eingestellt worden.“ (2002, S. 326) Dabei gilt für die bayerischen Hochschulen, dass sie „‚im wesentlich höheren Maße, als es […] zu erwarten war‘, kwStellen [künftig wegfallend] für vertriebene und geflohene Hochschullehrer und nicht für die ehemaligen Kollegen beantragt hatten.“ (2002. S. 332). Im Vorteil waren generell jene, die bereits als Lehrbeauftragte, außerplanmäßige oder Honorarprofessoren eine Lehrtätigkeit ausübten und dann für eine kw-Stelle vorgeschlagen wurden. Bei den Personen, die den Status eines Professors zur Wiederverwendung innehatten, hing nach Mößlang die Berufung auf eine kw-Professur „vor allem von fachlichen Gesichtspunkten ab“, das „entscheidende Kriterium“ war „der wissenschaftliche Marktwert des jeweiligen Hochschullehrers“ (2002, S. 333). Nur der hing wiederum auch davon ab, inwieweit eine allgemeine politische Rehabilitation und die Aufnahmebereitschaft in der Zunft gegeben waren.

6.5 Ausgewählte Fälle ge- und misslingender Rückkehr von Soziologen auf Professuren Karl Heinz Pfeffer hatte sich unter den Soziologen als Scharfmacher einen fragwürdigen Ruhm erworben und außerdem als Dekan der vom Sicherheitsdienst der SS kontrollierten Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin und als geschäftsführender Präsident des Auslandswissenschaftlichen Instituts außergewöhnlich exponiert. Obwohl er nicht nur ab 1951 Leiter der Abteilung Auslandsforschung im Bremer Ausschuss für Wirtschaftsforschung und danach Leiter der Forschungsstelle für Länderkunde in Hamburg und am dortigen Weltwirtschaftsarchiv tätig war sowie einen Lehrauftrag für gesellschaftswissenschaftliche Auslandskunde an der Hamburger Universität innehatte und schließlich ab 1959 noch eine Professur an der Universität Lahore in Pakistan wahrnahm, wurde er erst 1962 wieder ordentlicher Professor, dieses Mal auf der ersten deutschen Professur für Soziologie der Entwicklungsländer an der Universität Münster, nachdem er davor schon an der Sozialforschungsstelle der Universität Münster mit Sitz in Dortmund beschäftigt gewesen war. Dieser ungewöhnlich gewundene Weg zu einer ordentlichen Professur war wohl auch deswegen notwendig geworden, weil der einflussreiche Kölner Soziologe und Remigrant, René König, Pfeffers Wiederberufung vehement bekämpfte. Überdies hatte Pfeffer sich mit zahlreichen äußerst fragwürdigen Ausführungen in seinem 1956 erscheinenden Handwörterbuch der Politik, über das eine heftige publizistische Debatte entbrannte, erneut angreifbar gemacht. Pfeffer hatte vor wie nach 1945 gegen Zunftregeln verstoßen. Und so war er zwar im Dritten Reich durch aktivste politische Anpassung und geschickte Ressourcennutzung, zum Beispiel jener des Sicherheitsdienstes der SS, sehr erfolgreich gewesen, hatte aber danach trotz massiver Netzwerkhilfe ebenso massive Schwierigkeiten mit

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Akademische Vergangenheitspolitik als Selektionsprozess

einer reibungslosen Neuanpassung. Dies dokumentiert sehr anschaulich sein umfangreiches Plädoyer in eigener Sache (Pfeffer 1962) das unter anderem auch eine Reaktion auf ein DDR-Pamphlet über seine Person war (Komitee 1962). Franz Ronneberger, der für den Auslandsnachrichtendienst des Reichssicherheitshauptamtes einen Informationsapparat für Südosteuropa betrieben hatte, erging es nach 1945 ähnlich. Nachdem er über zwei Jahre vom britischen Geheimdienst und dem amerikanischen Militärgeheimdienst Counter Intelligence Corps interniert worden war, bedurfte es einer Karenzzeit von zehn Jahren als Mitarbeiter der Westfälischen Allgemeinen Zeitung, akademischer Zwischenstationen und einer erneuten Habilitation, bis er 1964 als Professor zur Wiederverwendung Ordinarius für Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg werden konnte (Klingemann 2009, S. 227 – ​255). Erhellend ist im Vergleich dazu auch der Fall des ehemaligen Jenaer Rechtswissenschaftlers und Soziologen Franz Wilhelm Jerusalem, der nicht nur Distanz zum politischen System gehalten, geschweige denn mit dem Sicherheitsdienst der SS zusammengearbeitet hatte. – Was aber nicht für seinen ehemaligen Assistenten Prof. Reinhard Höhn gilt, dem Begründer der Lebensgebietberichterstattung des Sicherheitsdienstes der SS, bekannt unter der Bezeichnung Meldungen aus dem Reich, der nach 1945 nicht wieder eine Professur erhielt. – Jerusalem hatte nach seiner Flucht aus Jena an der Universität Frankfurt am Main im Sommersemester 1946 einen Lehrauftrag an der rechtswissenschaftlichen Fakultät mit Zustimmung des amerikanischen Universitätsoffiziers Edward Y. Hartshorne übernommen, wurde aber im Rahmen einer erneuten Überprüfung im November des Jahres von der Militärbehörde entlassen, da man den endgültigen Bescheid der Spruchkammer abwarten wollte. Jerusalem wurde in die Gruppe der Entlasteten eingereiht. Aber bevor das Urteil schriftlich vorlag, war der Nachfolger von Hartshorne, der Soziologe Howard Becker, ein Schüler des (auch) nach 1945 sehr einflussreichen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Leopold von Wiese (Borggräfe 2018), informiert worden. Becker hatte aus Protest 1934 gegenüber dem neuen Präsidenten Hans Freyer seinen Austritt aus der Deutschen Gesellschaft für Soziologie als korrespondierendes Mitglied erklärt. Becker war über die Angriffe Jerusalems in den Jahren 1933/34 auf den alten Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und insbesondere auf von Wiese, der als sogenannter Schriftführer die wichtigste Position innehatte, bestens unterrichtet. Die von Reinhard Höhn im Hintergrund organisierte, vom Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Franz Wilhelm Jerusalem, aber getragene Attacke hatte das Ziel der Übernahme der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (Klingemann 1996, S. 11 – ​ 51; Borggräfe und Schnitzler 2014; van Dyk und Schauer 2015). Und das hatte von Wiese nicht vergessen. Obwohl der Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät sich nachdrücklich für Jerusalem einsetzte und sogar persönlich, aber vergeblich

Ausgewählte Fälle 135

versuchte, von Wiese umzustimmen, wurde Jerusalems Entlassung nicht rückgängig gemacht (Hammerstein 1989, S. 769 ff.). Jerusalem hatte sich als einfaches Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie formal zum Anführer einer fachwissenschaftlich und standesethisch nicht legitimierten Gang gemacht und damit ein elementares akademisches Prinzip verletzt. Leopold von Wiese konnte sowohl sein privates Rachebedürfnis mit der Hilfe seines Schülers und mächtigen Universitätsoffiziers stillen, aber so auch die Zunftordnung wieder herstellen (Borggräfe und Schnitzler 2014, S. 460). Hielt aber jemand auch unter den Bedingungen des sich etablierenden Nationalsozialismus die professionellen Spielregeln ein, dann war auch von Wiese bereit, ihm bei der Rückkehr in das akademische Leben zu helfen. Es war nämlich ausgerechnet der Ende 1933 gewählte Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Hans Freyer, aber eben der Kompromisskandidat zwischen der radikaleren Gruppe um Jerusalem und jener um ihn selbst (Schnitzler 2018, S. 858). Von Wiese und Freyer kooperierten nach dessen Wahl, dann legte Freyer die DGS still. Gleich nach ihrer Neugründung fragte von Wiese, ob Freyer ihr wieder angehören wollte, dieser bat um Aufschub. Schon 1949 trat er als Referent auf der maßgeblich von Leopold von Wiese initiierten Anthropologisch-soziologischen Konferenz in Mainz auf. Die Publikation der Vorträge und Diskussionsberichte gab von Wiese zusammen mit Karl Gustav Specht, dann sogar im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Soziologie heraus (Pinn und Nebelung 1990, S. 183, 217). Bis dahin hatte Freyer, Autor des als Programmschrift geltenden Buches Revolution von rechts aus dem Jahr 1931, hauptsächlich zahllose Artikel für den zweibändigen Kleinen Brockhaus erarbeitet (Klingemann 2009, S. 360 – ​386)), auf Konferenzen der Evangelischen Kirche gesprochen und in konfessionell orientierten Zeitschriften publiziert. Seine weitere Rehabilitierung verlief über die Stationen der prominenten Auftritte auf dem vom späteren DGS-Präsidenten Helmuth Plessner – eben erst aus dem Exil zurückgekehrt – geleiteten 3. Deutschen Kongress für Philosophie im Jahr 1950 und seine Begrüßungsreden auf den Historikertagen 1951 und 1956. Bereits 1953 wird Freyer auf Initiative des Münsteraner Professors für Wirtschaftswissenschaften Andreas Predöhl, während des Dritten Reichs Direktor des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, im Alter von 66 Jahren als Emeritus in die Universität Münster aufgenommen und lehrt dort – hoch geehrt – bis 1963 (Muller 1987, S. 355 ff.). Vorausgegangen war, dass von Wiese bereits im April 1951 Freyer brieflich mitteilte, er gehe davon aus, „daß Sie von Anfang an wieder Mitglied gewesen sind.“ (van Dyk und Schauer 2015, S. 145) Von Wiese teilte offensichtlich nicht die Auffassung, Freyer sei der Erfinder einer nazifizierten „Theorie der Deutschen Soziologie“, wobei diese Kreation mit einem großen „D“ geschrieben werden muss, wie es Otthein Rammstedt noch Jahrzehnte später kolportierte (1986, S. 76). Ganz im Gegenteil, war Freyer für von Wiese ein honoriger Kollege.

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Akademische Vergangenheitspolitik als Selektionsprozess

6.6 Zur Erklärungskraft der Modelle und die Demokratisierung der Nachkriegssoziologie, des Wissenschaftssystems und der Gesellschaft durch ehemalige Reichssoziologen Zum Abschluss sollen noch einige Gedanken zur Einordnung der Befunde in den Kontext der erwähnten Erklärungsansätze für den Selektionsprozess und die Survival-Idee, wonach die am besten Angepassten („the fittest“) ihre Karriere erfolgreich fortsetzen können, vorgebracht werden. Es hat sich gezeigt, dass die für andere Disziplinen oder im Fall der Göttinger Universität gefundenen Kriterien der In- oder Exklusion auch für Soziologen gelten. Verstöße gegen die Regeln des Mandarinentums wurden geahndet und konnten eine weitere Karriere nach 1945 massiv be- oder sogar verhindern. Anpassung an professionelle Standards wie Kollegialität und Wissenschaftlichkeit wurde sowohl vor wie nach 1945 erwartet. Das Modell der Entflechtung und Neuverflechtung von Wissenschaftlern aus alten in neue politische Verhältnisse konnte auch hier beobachtet werden. Es ist mir kein Fall bekannt, bei dem versucht wurde, die nun geltenden demokratischen Spielregeln zu ignorieren. Bei Karl Heinz Pfeffer dauerte der Lernprozess allerdings etwas länger. Die Umgestaltung von Ressourcenkonstellationen erfolgte reibungslos zum Beispiel von der Finanzierung durch die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung und den Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, Heinrich Himmler, hin zur amerikanischen Militärregierung, wie es Ludwig Neundörfer mit seinem Soziographischen Institut an der Universität Frankfurt am Main schon Wochen vor der Kapitulation gelang (Klingemann 1996, S. 87 – ​102). Karenzzeiten und die Bewährung auf Positionen unterhalb der Ebene eines Ordinariats ermöglichten schließlich auch mehr oder minder stark Belasteten die Rückkehr auf eine angemessene Stelle. Eine besondere Rolle haben neben der Besetzung von Universitätsstellen dabei außeruniversitäre Einrichtungen gespielt, die von den Westalliierten speziell als Agenturen der Demokratisierung des deutschen Wissenschaftssystems und der gesamten Gesellschaft gefördert wurden. Das dient Uta Gerhardt (2006) als Beweis dafür, dass die Soziologie in den Westzonen neu gegründet wurde. Die folgende Skizzierung der Berufungspolitik zeigt indes, dass sowohl an Universitäten wie auch an außeruniversitären akademischen Einrichtungen die ehemaligen Reichssoziologen absolut dominierten. In der amerikanischen Zone war es an der Frankfurter Universität der Soziologe Heinz Sauermann, der für die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung und die Reichstelle für Raumordnung gearbeitet hatte und nun als Dekan sich erfolgreich um die Rückkehr des Instituts für Sozialforschung bemühte. An der Freien Universität Berlin war es Friedrich Bülow, ehemaliger wissenschaftlicher

Zur Erklärungskraft der Modelle 137

Leiter der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, der in den ersten Nachkriegsjahren allein die Soziologie vertrat. In der britischen Zone war es schon gleich nach Kriegsende der ehemalige Professor an der Reichsuniversität Straßburg Gerhard Mackenroth, der an der Universität Kiel das Fach Soziologie lehrte. Als spezielle Einrichtungen sind zu nennen die Hamburger Akademie für Gemeinschaft (später: Hochschule für Wirtschaft und Politik), an der Helmut Schelsky, Gerhard Wurzbacher und Elisabeth Pfeil als Soziologen/in arbeiteten, wobei Wurzbacher und Pfeil (Schnitzler 2006) bereits vor 1945 fachwissenschaftlich tätig waren. In Wilhelmshaven wurde die Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft (später: Hochschule für Sozialwissenschaften) gegründet, an der Horst Jecht, Hans Raupach und Max Ernst Graf zu Solms-Roedelheim zu Professoren ernannt wurden, die schon vor 1945 ihr Expertenwissen in verschiedenen Politikfeldern des NS-Regimes eingesetzt hatten. An der Sozialforschungsstelle Dortmund, die von der Rockefeller Foundation großzügig unterstützt wurde, und schon sehr früh mit angloamerikanischen Kollegen zusammenarbeite, waren im Laufe der Zeit 13 ehemalige Reichssoziologen tätig, die in NS-spezifischen Institutionen gearbeitet hatten, wie zum Beispiel Hans Linde im Stabsamt des Reichsbauernführers. Linde hatte sich an die ZunftRegeln gehalten und wurde Soziologie-Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Sein Kollege als Abteilungsleiter an der Sozialforschungsstelle, Gunther Ipsen, hatte diese Regeln vor und nach 1945 mit Vorsatz sträflich verletzt, eine Professur blieb ihm konsequenterweise versagt. In der französischen Zone vertritt an der neu gegründeten Universität Mainz Wilhelm Emil Mühlmann, der im Kontext der Dienststellen von Alfred Rosenberg verschiedene Aufgaben wahrgenommen hatte (Michel 1992), die Soziologie. Trotz seiner ideologisch-politischen Positionierung galt er als qualifizierter Soziologe und Ethnologe. Er wurde sogar als möglicher DGS-Präsident gehandelt und war als Heidelberger Soziologie-Professor zuständig für die Vorbereitung des Soziologentages der DGS im Jahr 1964 – der sogenannte Max-Weber-Kongress. Bei der Gründung der Akademie der Wissenschaften zu Mainz spielen Christian Eckert, der ehemalige Leiter des Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften an der Universität Köln und dort 1933 wesentlich an deren Gleichschaltung beteiligt, sowie Carl August Emge, NSDAP-Mitglied seit 1931 und Wissenschaftlicher Leiter der vom Generalgouverneur Rest-Polens, Hans Frank, gegründeten Akademie für Deutsches Recht eine wichtige Rolle. Der Lehrstuhl für Soziologie an der neu gegründeten Verwaltungshochschule in Speyer wird mit Arnold Gehlen besetzt, dessen NS-Karriere auch zum damaligen Zeitpunkt allseits bekannt gewesen sein dürfte. Es ist, anders als Uta Gerhardt suggeriert, so, dass gerade die Genannten, die alle mehr oder weniger politisch belastet waren, den Prozess der Demokratisie-

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Akademische Vergangenheitspolitik als Selektionsprozess

rung des Hochschulsystems und der Gesellschaft mitgetragen haben und die Etablierung der Soziologie voranbrachten. Die drei westlichen Militärregierungen erkannten deren fachwissenschaftliche Kompetenz und wurden darin bestätigt, dass ihre Anpassungsfähigkeit sie zu guten, in der Regel eher konservativen Demokraten machen würde, was im Eingangskapitel ausführlich dargelegt wird. Das Survival-Prinzip funktionierte, und die hier erwähnten, wie auch viele andere ehemalige Reichssoziologen, prägten – neben den leider nur wenigen zurückgekehrten Emigranten – die erste Nachkriegsgeneration westdeutscher Soziologen. Diese haben zwar versäumt, sich mit deren brauner Vergangenheit auseinanderzusetzen („kollegial abgesicherte Vergangenheitsverdrängung“; Rehberg 1992, S. 41), sie konnten aber auch darauf vertrauen, dass die ehemaligen Reichssoziologen im Rahmen der Neuverflechtung von Wissenschaft und Politik sich an demokratische Spielregeln gewöhnen mussten (Klingemann 2009, S. 259 – ​286).

6.7 Literatur Ash, Mitchell G. 1995. Verordnete Umbrüche – Konstruierte Kontinuitäten: Zur Entnazifizierung von Wissenschaftlern und Wissenschaften nach 1945. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 43: 903 – ​923. Bachof, Otto. 1965. Die „Entnazifizierung“. In Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus. Eine Vortragsreihe der Universität Tübingen, Hrsg. Andreas Flitner, 195 – ​216. Tübingen. Borggräfe, Henning. 2018. Die Ausdifferenzierung der westdeutschen Soziologie nach 1945 im Spiegel der Untergruppen, Fachausschüsse und Sektionen der DGS. In Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie. Band 1: Geschichte der Soziologie im deutschsprachigen Raum, Hrsg. Stephan Moebius, und Andrea Ploder, 868 – ​887. Wiesbaden. Borggräfe, Henning, und Sonja Schnitzler. 2014. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und der Nationalsozialismus. Verbandsinterne Transformationen nach 1933 und 1945. In Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven, Hrsg. Michaela Christ, und Maja Suderland, 445 – ​479. Frankfurt am Main. Etzemüller, Thomas. 2002. Kontinuität und Adaption eines Denkstils. Werner Conzes intellektueller Übertritt in die Nachkriegszeit. In Akademische Vergangenheitspolitik. Beiträge zur Wissenschaftskultur der Nachkriegszeit, Hrsg. Bernd Weisbrod, 123 – ​146. Göttingen. Frei, Norbert. 1995. Das Problem der NS-Vergangenheit in der Ära Adenauer. In Rechtsradikalismus in der politischen Kultur der Nachkriegszeit. Die verzögerte Normalisierung in Niedersachsen, Hrsg. Bernd Weisbrod, 19 – ​31. Hannover.

Literatur 139

Gerhardt, Uta. 2006. Die Wiederanfänge der Soziologie nach 1945 und die Besatzungsherrschaft. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte. In Soziologie an den deutschen Universitäten: Gestern – heute – morgen, Hrsg. Bettina Franke, und Kurt Hammerich, 31 – ​114. Wiesbaden. Grothe, Ewald. 1999. Eine „lautlose“ Angelegenheit ? Zur Rückkehr des Verfassungshistorikers Ernst Rudolf Huber in die universitäre Wissenschaft nach 1945. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47: 980 – ​1001. Hammerstein, Notker. 1989. Die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von der Stiftungsuniversität zur staatlichen Hochschule, Bd. 1, 1914 bis 1950. Neuwied-Frankfurt am Main. Herbert, Ulrich. 1995. Rückkehr in die Bürgerlichkeit ? NS-Eliten in der Bundesrepublik. Rechtsradikalismus in der politischen Kultur der Nachkriegszeit. Die verzögerte Normalisierung in Niedersachsen, Hrsg. Bernd Weisbrod, 157 – ​173. Hannover. Jedlitschka, Karsten. 2006. Wissenschaft und Politik. Der Fall des Münchner Historikers Ulrich Crämer (1907 – ​1992). Berlin. Klingemann, Carsten. 1996. Soziologie im Dritten Reich. Baden-Baden. Klingemann, Carsten. 2009. Soziologie und Politik. Sozialwissenschaftliches Expertenwissen im Dritten Reich und in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit. Wiesbaden. Komitee zur Untersuchung der Verhältnisse an westdeutschen Universitäten an der Karl-Marx-Universität Leipzig. 1962. Die wissenschaftliche und politische Karriere des Dr. phil. habil. Karl Heinz Pfeffer, Professor für Soziologie der Entwicklungsländer an der Universität Münster, o. O.; o. J. (ca. 1962). Michel, Ute. 1992. Wilhelm Emil Mühlmann (1904 – ​1988) – ein deutscher Professor. Amnesie und Amnestie: Zum Verhältnis von Ethnologie und Politik im Nationalsozialismus. In Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1991, Hrsg. Carsten Klingemann et al., 69 – ​117. Opladen. Mößlang, Markus. 2002. Flüchtlingslehrer und Flüchtlingshochschullehrer. Eine Studie zur Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen im bayerischen Bildungswesen 1945 – ​1961. München. Muller, Jerry Z. 1987. The Other God That Failed. Hans Freyer and the Deradicalization of German Conservatism. Princeton, New Jersey. Nagel, Anne Chr. 1998. „Der Prototyp der Leute, die man entfernen soll, ist Mommsen“. Entnazifizierung in der Provinz oder die Ambiguität moralischer Gewißheit. Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung 10: 55 – ​91. Pfeffer, Karl Heinz. 1962. Plädoyer in eigener Sache. O. D., o. O. (ca. 1962). Kopie in meinem Besitz. Pinn, Irmgard, und Michael Nebelung. 1990. Kontinuität durch Verdrängung. Die „anthropologisch-soziologischen Konferenzen“ 1949 – ​1954 als ein „vergessenes“ Kapitel der deutschen Soziologiegeschichte. In Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1990, Hrsg. Heinz-Jürgen Dahme et al.: 77 – ​218. Opladen. Rammstedt, Otthein. 1986. Deutsche Soziologie 1933 – ​1945. Die Normalität einer Anpassung. Frankfurt am Main.

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Akademische Vergangenheitspolitik als Selektionsprozess

Rehberg, Karl-Siegbert.1992. Auch keine Stunde Null. Westdeutsche Soziologie nach 1945. In Wissenschaft im geteilten Deutschland. Restauration oder Neubeginn nach 1945 ?, Hrsg. Walter H. Pehle, und Peter Sillem, 26 – ​44. Frankfurt am Main. Schnitzler, Sonja. 2006. Elisabeth Pfeil und das „Blaue Archiv“. Aspekte einer Bevölkerungssoziologie im Nationalsozialismus. In Bevölkerungsforschung und Politik in Deutschland im 20. Jahrhundert, Hrsg. Rainer Mackensen, 203 – ​219. Wiesbaden. Schnitzler, Sonja. 2018. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie zur Zeit des Nationalsozialismus. In Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie, Band 1: Geschichte der Soziologie im deutschsprachigen Raum, Hrsg. Stephan Moebius, und Andrea Ploder, 848 – ​865. Wiesbaden. Schulze, Winfried. 1989. Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945. München. van Dyk, Silke, und Alexandra Schauer. 2015. „… daß die offizielle Soziologie versagt hat“. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. Wiesbaden. Weisbrod, Bernd. 2004. Das Moratorium der Mandarine. Zur Selbstentnazifizierung der Wissenschaften in der Nachkriegszeit. In Nationalsozialismus in den Kulturwissenschaften, Band 2, Leitbegriffe – Deutungsmuster – Paradigmenkämpfe. Erfahrungen und Transformationen im Exil, Hrsg. Hartmut Lehmann, und Otto Gerhard Oexle, 259 – ​279. Göttingen.

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Lars Clausens Blick auf die Karriere von Soziologen im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik

7.1 Clausens Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus an der Macht und deren spätere Reflexion In diesem Kapitel greife ich aus der kaum überschaubaren Fülle der von Clausen präsentierten Vorlesungsthemen einige heraus, die sich mit bestimmten Soziologen befassen, die zum Teil schon in der Weimarer Republik, dann im Dritten Reich und nach 1945 in Westdeutschland als Fachvertreter aktiv waren. Neben dieser notgedrungen selektiven Darstellung individueller Karrieren werden auch institutionelle Sachverhalte unter der Fragestellung „Kontinuität oder Bruch ?“, wie sie Clausen behandelt, diskutiert und dabei mit Sichtweisen aus der Soziologiegeschichtsschreibung konfrontiert. Ich versuche, jede Beckmesserei zu vermeiden, auch um, und da schließe ich mich Jan-Frederick Bandel und Klaus R. Schroeter an, die den überarbeiteten Text, Meine Einführung in die Soziologie (im Folgenden: Einführung), in Kooperation mit Bettina Clausen dankenswerterweise herausgegeben haben, ihm nicht „den Charme des spontanen, gelegentlich digres­ sions-, immer aber zuspitzungsfreudigen mündlichen Erzählens zu nehmen.“ (2015, S. 9 f.). Außer der Einführung ziehe ich Artikel aus der Wikipedia heran, die Clausen unter dem Pseudonym „€pa“ bearbeitet hat, das wir mit freundlicher Genehmigung von Bettina Clausen lüften dürfen. So bezeichnet Clausen den fünfjährigen Clausen als „kleinen Nazi“ (2015, S. 24; im Folgenden nur noch Angabe der Seitenzahl des Zitats) aufgrund folgender Selbstbeobachtung. Clausen, dessen Erinnerungen bis ins zweite Lebensjahr zurückgehen, musste als bereits mit fünf Jahren eingeschulter Knirps für das Winterhilfswerk, wie alle Schulkinder, Altpapier sammeln. In einem Wohnhaus klingelt er an einer Tür mit deutschem Namen auf dem Türschild, nicht aber an der Tür im Flur gegenüber mit dem für ihn verdächtigen Namen „De Vries“. Von der © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_7

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Lars Clausens Blick auf die Karriere von Soziologen

Bewohnerin dieser Wohnung danach gefragt, sagt er: „Ich dachte, Sie sind Ausländer. Und dann sind Sie doch gegen uns.“ (25) Die Frau war, trotz ihres rassenideologisch unbedenklichen Namens, konsterniert und beunruhigt. Clausen begriff, dass er NS-Spezifisches unbewusst gelernt und angewandt hatte. Eine Gehirnwäsche in entgegengesetzter Richtung verdankte der Elfjährige einige Jahre später dem Buch Die Bevölkerung hatte Verluste von Alfred Dormanns, das ihm die Augen für die Realität der Konzentrationslager öffnete: „Ich wurde also im Winter 1946/47 ein entschiedener Antinazi.“ (38) Aus dieser Bemerkung und anderen Andeutungen lässt sich schließen, dass Clausen der Führer wohl nicht so sehr fehlte wie manchen Mitbürgern, aber auch er das Gelernte nicht so schnell löschen konnte (47). Die Kenntnis dieser autobiographischen Reflexionen scheint mir für ein Verstehen seines Umgangs mit ehemaligen Reichssoziologen und der NS-Soziologie hilfreich zu sein.

7.2 Clausens Perspektiven auf die Soziologie unter NS-Herrschaft Wie blickt nun Clausen auf die Soziologie im Dritten Reich ? Er kennt zwei Perspektiven: eine „von oben“ und eine auf die Person gerichtete. Seine Sicht von oben erweist sich hin und wieder als etwas pauschal. So heißt es, die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) sei „1933 gleichgeschaltet“ (107) worden, ohne dass man erfährt, wer sie gleichgeschaltet hat und wie sie in diesem Modus weitergeführt wurde. Bekannt ist, dass es eine Gruppe um den Jenaer Soziologen Franz Wilhelm Jerusalem und seinen Assistenten Reinhard Höhn gab, die eine feindliche Übernahme vorbereiteten, der Leopold von Wiese, der amtierende Geschäftsführer der DGS, mit seiner Strategie der Selbstgleichschaltung entgegenwirken wollte. Beide Initiativen scheiterten, sodass Hans Freyer als Kompromisskandidat die DGS stilllegte (Borggräfe und Schnitzler 2014). Damit war aber nicht die Soziologie stillgelegt. Nichtsdestotrotz bevorzugt Clausen eine weitere Sicht von oben, die er allerdings mit vielen Anderen teilt: „Unter den Nazis war Soziologie etwas, das sehr kleingeschrieben wurde.“ (106) Diese Feststellung trifft er, nachdem er gerade berichtet hat, dass Helmut Schelsky, ein Nazi, wie er sagt, die venia legendi unbedingt für Soziologie haben wollte, obwohl sein „Habilitationsvater“, wie Clausen formuliert, davon nicht sehr erbaut war, aber resigniert zustimmte (106). Den Namen des Habilitationsvaters nennt Clausen nicht. Es ist Gunther Ipsen, den manche für den schlimmsten der ehemaligen Reichssoziologen halten. Ipsen, der hervorragende Kontakte zum Reichswissenschaftsministerium hatte, war auch der Chefplaner der Teilnahme deutscher Soziologen am Internationalen Soziologie-Kongress in Bukarest, der 1939 stattfinden sollte, aber ausfiel.

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Seit Anfang der fünfziger Jahre war Ipsen ein sehr einflussreicher Abteilungsleiter, man sagt, der heimliche Chef der Sozialforschungsstelle Dortmund (Adamski 2009). Bis Helmut Schelsky, der ihm in der Wehrmacht unterstellt war, dort Direktor wurde, und damit Ipsens Vorgesetzter, was dieser nicht akzeptieren konnte und die Sozialforschungsstelle verließ. Deswegen konnte Clausen, der einige Jahre nach Ipsens Weggang angestellt wurde, ihn dort zumindest nicht mehr kennenlernen. Eine weitere Variante seiner Sicht von oben auf die Soziologie im NS-Staat garniert Clausen mit dem ihm eigenen Sinn für Ironie. Im Kontext der Darstellung der Entwicklung der empirisch orientierten Nachkriegssoziologie hält er als deren Ausgangspunkt fest: „In Deutschland gab es keine empirische Sozialforschung, außer der Geheimen Staatspolizei natürlich, im ‚Dritten Reich‘.“ (119) Meines Wissens hat die Geheime Staatspolizei keine empirische Sozialforschung betrieben. Es könnte sich aber um die sogenannte Lebensgebietberichterstattung im Sicherheitsdienst der SS handeln, die der bereits erwähnte Reinhard Höhn dort etablierte. Sie wurde unter seinem Nachfolger Otto Ohlendorf als Meldungen aus dem Reich weitergeführt, um unabhängig von der NSDAP und anderen NS-Institutionen Daten über Meinungen und Einstellungen zu den tatsächlichen Verhältnissen mithilfe eines reichsweiten Informanten-Netzes erheben zu können, was vielen NSGrößen missfiel. Dieses Meinungsforschungsinstitut der Diktatur, das nach Höhn der als Kriegsverbrecher hingerichtete Otto Ohlendorf leitete, ging zusammen mit seinen Meldungen aus dem Reich unter, und Reinhard Höhn verlor seine Professur an der Berliner Universität. Aber über seine später gegründete Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Bad Homburg hielt er engen Kontakt zu dem bereits erwähnten Gunther Ipsen und auch zu dem Nachwuchssoziologen Karl Martin Bolte (Klingemann 2012, S. 422 – ​424). Höhn, Ipsen und Bolte hatten ein gemeinsames Interesse an der empirischen Automationsforschung (Klingemann 2009, S.  259 – ​261). Empirische Sozialforschung wurde nicht erst auf Initiative der amerikanischen Besatzungsmacht betrieben, was auch Clausen weiß. Im Zusammenhang mit seinem Abriss der Aktivitäten von Soziologen, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland blieben, erwähnt er Andreas Walther: „Es blieb Andreas Walther in Hamburg, eigentlich der erste moderne Methodenmann in Deutschland. Der machte Stadtsoziologie, viele facts, Kriminalitätsbelastungen von Hamburg-Barmbek usw. Das hörten die Nazis ganz gerne.“ (179) Andreas Walther, ein international anerkannter Max Weber-Experte, hatte sich in den zwanziger Jahren mit der Chicagoer empirischen Soziologie vor Ort vertraut gemacht. Für Hamburg entwickelte er ein sozial-kartographisches Modell der Erfassung von Devianz und Delinquenz zur Vorbereitung von Flächensanierungen Hamburger Slum-Viertel. Im Zuge der Etablierung der NS-Diktatur er-

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hielt er großzügige Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft und konnte so zwölf Mitarbeiter einstellen, die Daten aus öffentlichen und nichtöffentlichen Quellen sammelten sowie in großem Umfang selbst in den Quartieren erhoben (Roth 1987). Über ehemalige Mitarbeiter sind Ergebnisse in die Hamburger Stadtplanung eingeflossen. Als weiteren Daheimgebliebenen erwähnt Clausen Heinz Maus, bis 1933 Schüler Max Horkheimers, der während der NS-Herrschaft zeitweilig in Oslo gearbeitet hatte, aber auch von dem bereits erwähnten Hans Freyer geschützt wurde, wie Clausen hervorhebt. Was ihm wohl nicht bekannt war, ist, dass Maus sich 1940 bei Andreas Walther habilitieren wollte – und zwar mit „einer Art Handbuch soziologischer Arbeitsmethoden“. Zur Habilitation bei Walther ist es nicht gekommen, aber die ihm von Maus vorgetragene Idee ist der Ursprung des Handbuchs der empirischen Sozialforschung, das später René König herausgegeben hat. König wurde nach Karl Gustav Specht von Maus als Juniorpartner aufgenommen. König bedankt sich im Vorwort der ersten Auflage bei Maus für seine Initiative und gibt das Handbuch ausdrücklich „unter Mitwirkung von Heinz Maus“ heraus (Klinge­ mann 2009, S. 274). Maus, der sich auch für eine Stelle im Arbeitswissenschaftlichen Institut der Deutschen Arbeitsfront interessierte, das selbst sozialstatistische Erhebungen organisierte, war also der Meinung, dass die Soziologie schon im Nationalsozialismus über ein vorzeigbares Repertoire von Arbeitsmethoden verfügte. Wie das praktisch aussah, lässt sich am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg (InSoSta) veranschaulichen, das Carl Brinkmann nach dem Ausscheiden Alfred Webers ab 1933 allein leitet. Den Personenartikel zu Carl Brinkmann legte Clausen am 14. September 2006 in der Wikipedia an. Er teilt dort mit, dass Brinkmann ein deutscher Soziologe und Volkswirt war, der „vornehmlich im Gebiet der Sozialökonomie und Makrosoziologie publizierte.“ Dabei belässt es Clausen, er nimmt keine inhaltlichen Veränderungen und Ergänzungen mehr vor. In seiner Einführung wird Brinkmann, soweit ich sehen kann, überhaupt nicht erwähnt. Was Clausen dazu veranlasst haben könnte, den Wikipedia-Artikel anzulegen, entzieht sich meiner Kenntnis. Jürgen Oetting, der eine mehrjährige Kommunikation über Wikipedia mit Clausen pflegte, sieht den Grund darin, dass eine möglichst vollständige Liste von Soziologen angestrebt wurde (Oetting 2016). Für eine Auseinandersetzung mit Fragen empirischer Soziologie im Nationalsozialismus wären Brinkmanns professionelle Aktivitäten als Direktor des InSoSta und als Mitgründer und Mitglied des Heidelberger Instituts für Großraumwirtschaft sehr aufschlussreich gewesen (Klingemann 1996, S.  120 – ​158). Aus dem InSoSta stammt nicht nur der spätere Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller, von dem Clausen sagt, „der war Nazi“ (180). Auch Max Ernst Graf

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zu Solms-Roedelheim, der Neffe des Marburger Soziologen Graf Solms kam aus dem InSoSta als ehemaliger persönlicher Assistent Brinkmanns. Bei ihm hatte er mit der empirischen Arbeit über Die Einflüsse der Industrialisierung auf 14 Landgemeinden bei Karlsruhe 1939 promoviert, war Stipendiat der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung und erstellte zwei Arbeiten zur badischen Siedlungsgeschichte für die Studiengesellschaft für Nationalökonomie, wissenschaftliche Forschungsstelle des Reichsbauernführers (Klingemann 1996, S. 147). Solms-Roedelheim hält engen Kontakt zu seinem Onkel Graf Solms, insbesondere bei der Arbeit an seiner Habilitationsschrift, die er bei Brinkmann einreichen will. Sie trägt den Titel Frage nach der Aussagekraft von Max Webers Protestantismus-These. Es handelt sich um eine historisch-empirische Arbeit, was schon im Untertitel Eine kritische Untersuchung anhand der mühlhauser Industriegeschichte zum Ausdruck kommt. Sein Onkel Graf Solms hat sich über Jahrzehnte sehr intensiv mit Max Weber beschäftigt, im Sommersemester 1935 hält er sogar ein Seminar über Webers Protestantische Ethik ab. Auch wenn Graf Solms eine eher randständige Figur in der Soziologen-Szene war, zeigt auch schon dieser Tatbestand, dass Weber nicht vergessen war. Was sich aber noch deutlicher darin ausdrückt, dass Graf Solms und sein Neffe 1947 und 1948 je einen Sammelband von Schriften Webers herausgeben. Solms-Roedelheim wird nach 1945 Professor an der Hochschule für Arbeit, Politik und Wirtschaft in Wilhelmshaven, im Zuge ihrer Integration in die Universität Göttingen wird er dort Professor für Soziologie. Für seinen Onkel hätte sich fast schon 1944 die Möglichkeit ergeben, an der Universität Hamburg einen Lehrstuhl für Soziologie zu bekommen. Der bereits erwähnte Hamburger Soziologe Andreas Walther lässt sich 1944 emeritieren und schlägt auch Solms als seinen Nachfolger vor. Im langwierigen Verlauf des Verfahrens der Wiederbesetzung publiziert Solms im Juli 1944 seinen Aufsatz Formen des zwischenmenschlichen Lebens mit dem Untertitel Soziologie als exakte Fachwissenschaft im Hamburger Tageblatt, das als Untertitel Zeitung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei trägt. Obwohl sich Andreas Walther für Solms einsetzt, kommt er nicht zum Zuge (Klingemann 1996, S. 167 f.). Der Lehrstuhl bleibt vakant, bis ihn einige Jahre später Clausens Doktorvater Helmut Schelsky besetzt. Wenngleich Clausen also nicht ganz recht hat, wenn er sagt, Solms habe die ganzen zwölf Jahre nicht publiziert (108), so stellt aber dessen Aufsatz in der Zeitung der NSDAP alles andere als eine Anpassung an deren weltanschauliche Vorgaben dar. Solms bezeichnet darin Psychologie und Historie als ältere Schwestern der Soziologie, die zusammen mit den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften „die Ausgangswissenschaften der monumentalen Soziologie Max Webers“ seien, „sie müssen den Weg künftiger Soziologie mit zunehmender Grundsätzlichkeit in allen ihren Teilproblemen auf Schritt und Tritt begleiten.“ (1944, S. 3) Ob Solms sich mit dem Aufsatz geschadet hat, ist mir nicht bekannt. Laut

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Clausen war er „ein untadeliger Anti-Nazi“ (108). Auf jeden Fall hielt er auf Distanz zum NS-Regime (Klingemann 1996, S. 159 – ​170), nachdem er 1933 noch als Privatdozent das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat unterschrieben hatte (Bekenntnis 1933). Aus dem InSoSta kam auch Carl Jantke, den Clausen als einen seiner soziologischen Lehrer bezeichnet. Er sei zwar langweilig gewesen, aber sachlich sehr interessant. „Er war damals der Sozialgeschichtler überhaupt in Deutschland.“ (Klingemann 2009, S. 352 – ​356) Außerdem „machte er auch die erste Industriesoziologie nach dem Krieg überhaupt: Bergmann und Zeche.“ (119) Clausen berichtet, dass Jantke immer erzählt habe, „wie er in der Hand ein amerikanisches Methodenbuch hatte, während er die Arbeiter befragte.“ Wie man dem Vorwort zu Bergmann und Zeche von Walther G. Hoffmann, dem Direktor der Sozialforschungsstelle, entnehmen kann, leitete der Initiator der Gründung der Sozialforschungsstelle, Otto Neuloh, die Feldarbeit. Sie wurde von vier promovierten Mitarbeitern durchgeführt, darunter ein Arzt, der gleichzeitig im Heilrevier des Betriebs tätig war, und eine Frau. Weiterhin heißt es im Vorwort: „Nachdem einzelne Teilberichte im Entwurf vorlagen, übernahm Dr. Jantke die Aufgabe, den Gesamtbericht in der vorliegenden Form zu erstatten.“ (1953, Vorwort) Es war von vornherein nicht „eine im Stichprobenverfahren durchzuführende Befragung der gesamten Untertagebelegschaft“ geplant, sondern eine „‚pilot-study‘, die sich auf bestimmte begrenzte Bezirke des Arbeitslebens untertage“ beschränkt (Jantke 1953, S. 3): „Die Befragungen untertage erfolgten unter Zugrundelegung des Frageschemas, das jeder Mitarbeiter beherrschen mußte. Nach der Zusicherung, daß die Anonymität gewahrt würde, nahmen die Bergleute keinerlei Anstoß daran, daß Notizen gemacht wurden […].“ (1953, S. 9) Weiterhin wurden Bergmannsfrauen in ihren Wohnungen befragt: „Die Gespräche mit den Bergmannsfrauen fanden in der Weise statt, daß unsere Hausbesuche stets unangemeldet erfolgten. Die Fragen waren hier nach Abfolge und Formulierung so gehalten, daß sie nach aller Vermutung die Befragten veranlassen würden, von sich aus über die sie bewegenden Probleme zu sprechen.“ (1953, S. 9) Die Befragungen untertage und entsprechende Beobachtungen wurden vor Ort während der jeweiligen Schicht im Sommer 1950 durchgeführt, wobei sich eine sehr vertraute Atmosphäre entwickelte. Die amerikanischen Kollegen Conrad M. Arensberg, Max Ralis und Nels Anderson gaben wertvolle Ratschläge, heißt es im Vorwort. Von einem amerikanischen Methodenbuch ist nicht die Rede, es wäre untertage und in den Wohnungen der Bergmannsfrauen, an beiden Untersuchungsorten hat sich Jantke auch nie aufgehalten, wohl auch deplaciert gewesen. Die Studie Bergmann und Zeche wurde wie andere empirische Untersuchungen in dieser Zeit durchaus von amerikanischen Kollegen unterstützt, durchge­

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führt wurden sie aber mit ad hoc entwickelten Instrumenten. Warum Jantke – in der Erinnerung von Clausen – die Legende vom Import der empirischen Sozialforschung aus den USA bedient, ist mir unbekannt. Aber abgesehen davon, stellt sich die Frage, wie es möglich war, dass Jantke das von der Rockefeller Stiftung finanzierte empirische Großprojekt in druckreife Form bringen konnte, obwohl seine Dissertation und seine Habilitationsschrift eher historische Arbeiten waren, wenn auch mit durchaus soziologischen Anteilen. Es mag einmal daran liegen, dass er sich bereits seit 1936 im Rahmen der Hochschularbeitsgemeinschaft für Raumforschung an der Universität Königsberg an „Erhebungen über ländliche Wohnverhältnisse in Ostpreußen beteiligte.“ (Adamski 2009, S. 113) Außerdem war er vor seiner Einstellung an der Sozialforschungsstelle in Dortmund im Jahr 1949 am Soziographischen Institut an der Universität Frankfurt am Main tätig, das ohne Unterbrechung durch das Kriegsende in großem Umfang sozial-empirische Erhebungen durchführte. Während des Dritten Reichs arbeitete das Soziographische Institut für den Reichsführer SS Heinrich Himmler in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums. Noch vor der deutschen Kapitulation arbeitete das Soziographische Institut für die amerikanische Besatzungsmacht (Klingemann 1996, S. 87 – ​102). Clausen sah Jantke als empirischen Sozialforscher in der Tradition der Human-Relations-Untersuchungen, speziell der Hawthorne-Studie (120 f.). Dass Jantke schon 1931 in die NSDAP eingetreten war und an der Universität Königsberg als staatlicher Dozentenschaftsleiter und Dozentenbundsführer des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbunds fungiert hatte (Klingemann 2009, S. 352), war Clausen offenbar unbekannt oder nicht erwähnenswert. Jedoch betont er zu Recht dessen herausragende Qualifikation als Sozialhistoriker und Soziologe. Warum Clausen keinen Artikel zu Jantke in der Wikipedia anlegte, ist mir unbekannt. Aufgefallen ist mir, dass er ihn auch erst recht spät der Liste der Mitarbeiter an der Sozialforschungsstelle hinzufügt, die er ja fortlaufend ergänzt hat. Clausen legte den Artikel über die Sozialforschungsstelle am 16. November 2005 an, Jantke wird aber erst am 18. März 2009 aufgenommen. Zur Funktion der Sozialforschungsstelle als Zwischenstation in der Karriere belasteter NS-Soziologen äußert er sich in dem Artikel nicht. Jürgen Oetting fügt am 8. März 2014 das Kapitel Neugründung mit Kontinuität zur NS-Sozialforschung ein, vier Jahre nach Clausens Tod. Es wäre spannend gewesen, ob, beziehungsweise wie er darauf eingegangen wäre. Zum Direktor der Sozialforschungsstelle, Helmut Schelsky, bei dem Clausen, wie bereits erwähnt, promoviert, und der für ihn „mein großer Meister“ ist, hat er sich in seiner Einführung deutlich geäußert: „Auch Schelsky war […] Nazi“, allerdings, wie Clausen ergänzt, „ein Studenten-Nazi.“ (139) Diese Aussage trifft er völlig unerwartet in der fünften Vorlesung zum Thema „Ralf Dahrendorf und die

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Normalität des sozialen Wandels“. Es geht dabei um eine spezielle Form des sozialen Wandels, die Clausen mit einer, wie er es nennt, „Schelsky-Anekdote“ illustriert. Am 30. Januar 1933 sei Hans Freyer ins Seminar gekommen und habe gesagt: „Rousseau hat gewonnen.“ Und zwar der Rousseau, der „aus Versehen eine Figur gezeugt“ habe, und zwar die wahre Inkarnation der revolutionären Tugend der Französischen Revolution: Robespierre, der Mann der September-Morde (139 f.). In dieser Passage seiner Vorlesung kommt Clausen nicht wieder auf Schelsky zu sprechen, es geht ihm jetzt um Freyer. „Freyer war Nazi“, heißt es kurz und bündig. Rousseau hat mit Hitlers Machtübernahme gewonnen, weil der nun quasi als Nachfolger Robespierres den „Terror der Tugend“ als Staatsräson etabliert. „Was gut für Deutschland ist, ist gut für alle. Alles andere wird umgelegt. Wenn das so ist, kann man auch ein KZ einrichten, ist ja tugendhaft.“ Mit diesem Vorlauf beschreibt Clausen das Verhältnis des Nazis Freyer zu den Nazis an der Macht: „Man kann sich also vorstellen, auf welchen Wegen Freyer eine solche Nazi-Kritik angebracht hat. Selbstverständlich wurde er nie deutlicher, er war ein furchtsamer Mann und hat es ja auch gut überlebt.“ (140) Wenn man bedenkt, dass Clausen über Freyer auch sagt, er „stand von allen den Nazis am nächsten“ (108), dann mag deutlich werden, dass Clausen bei der Aufstellung der Rangfolge großer und größter Nazi-Soziologen flexibel ist, was noch wieder aufgegriffen wird. Das mag auch daran liegen, dass Clausen Freyer persönlich kannte, er besuchte dessen Oberseminar an der Universität Münster (109). Freyer war laut Clausen im persönlichen Umgang „durch und durch liberal. Er hat keine Leute ans Messer geliefert und eben auch Marxisten behalten.“ (108) Ob es mehrere Marxisten waren, ist fraglich, aber auf jeden Fall hat Freyer den Marxisten Heinz Maus geschützt. Hans Linde, auf den noch zurückzukommen ist, berichtet unter Berufung auf Maus, dass während ihrer gemeinsamen Zeit an Freyers Leipziger Institut, die Gestapo sich auf dessen Spur gesetzt habe und bei der Durchsuchung seiner Wohnung Schriften von Marx, Lenin und Ernst Niekisch fand. Freyer habe Maus „‚herausgepaukt‘, indem er die inkriminierte Literatur zum Material von ihm veranlaßter wissenschaftlicher Arbeiten erklärte.“ (Linde 1981, S. 112) Maus verstand sich – wie bereits erwähnt – als Schüler Max Horkheimers. Freyer, der ja auch von Clausen als ein sehr vorsichtiger Mann geschildert wird, hat also trotz seiner weltanschaulich-politischen Nähe zum Nationalsozialismus menschliche Stärke gezeigt. Maus hat Freyers Haltung gegenüber dem NS-Regime in einem Brief vom Januar 1939 an Horkheimer in der Weise geschildert, dass im Gegensatz zum öffentlich vorgetragenen „dicken Konformismus“ seine „privaten Ansichten“ ganz andere seien (Klingemann et al. 1995, S. 263). Maus stand demnach zumindest zeitweilig in einem relativ engen persönlichen Kontakt zu Freyer. Dennoch halte ich es für verfehlt, ihn als Angehörigen der Leipziger Schule der Soziologie zu bezeichnen, wie es schon in der ersten Version des Wikipedia-Artikels

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zur Leipziger Schule vom 2. Juli 2004 behauptet wird. Richtig ist aus meiner Sicht, wie es in dem Artikel heißt, dass Freyer „im Nationalsozialismus eine bedeutende Chance zur Wirksamkeit sah“, und einige der sich um ihn scharenden „Gelehrten“ auch „politisch aktive Nazis“ waren. Clausen hat einmal sehr energisch in diesen Artikel eingegriffen. Am 23. Ja­ nuar 2009 löscht ein mittlerweile gesperrter Autor den bereits zitierten, inzwischen modifizierten Satz: „Freyer sah im Nationalsozialismus eine Chance zur Wirksamkeit; einige seiner Schüler waren auch politisch aktive Nationalsozialisten.“ Noch am selben Tag macht Clausen diese Löschung rückgängig. Politisch aktiv konnten Freyers Schüler durch ihr Engagement in unterschiedlichen Feldern sein. Entweder direkt in einer Institution der NSDAP wie zum Beispiel Helmut Schelsky im NS-Studentenbund oder als Sozialwissenschaftler wie Hans Linde. Er trat im November 1933 in die SS ein, die er später auf eigenen Wunsch wieder verließ. Nach der Aufhebung der allgemeinen Aufnahmesperre wird er dann zum 1. Mai 1937 Mitglied der NSDAP. Beide Mitgliedschaften bezeugen aber keine politischen Aktivitäten. An der Universität Leipzig war er zu der Zeit Hilfsassistent im Institut für landwirtschaftliche Betriebslehre, die einzige Tätigkeit Lindes während des Dritten Reichs, die Clausen in dem von ihm angelegten Wikipedia-Artikel über Linde erwähnt. Danach war er Sachbearbeiter der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung an der Universität Leipzig, wie er in seinem im Bestand des ehemaligen Berlin Document Center (Bundesarchiv Berlin) überlieferten Lebenslauf vom 1. Mai 1938 angibt. Ab Oktober 1938 ist er „Sachbearbeiter im Stabsamt des Reichsbauernführers für Bevölkerungspolitik in der Abteilung F 1“. Zum 1. April 1939 wird er zum Rasse- und Siedlungshauptamt der SS versetzt. Er publiziert unter anderem mehrfach in der Fachzeitschrift Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik, im Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums wie auch in Odal. Zeitschrift für Blut und Boden. Ab September 1956 ist er Abteilungsleiter an der Sozialforschungsstelle Dortmund und später auch Mitglied im Methodenausschuss der Deutschen Gesellschaft für Soziologie sowie Professor für Soziologie in Karlsruhe. Linde repräsentiert das Prinzip der rekursiven Kopplung, also der Politisierung der Wissenschaft und der Verwissenschaftlichung der Politik, in idealer Weise. Er ist maßgeblich an der Begründung der modernen Sozialgeschichtsschreibung beteiligt, wofür ihn schon seine 1937 eingereichte Dissertation Piassutten, Kreis Ortelsburg. Ein Beitrag zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft in Süd-Ostpreußen prädestinierte. Die Nationalsozialistische Bibliographie, herausgegeben von der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS.-Schrifttums, die Texte daraufhin beurteilt, ob sie der Verteilung und Vertiefung des nationalsozialistischen Gedankenguts dienen, schreibt zu Lindes Dissertation, die 1939 überarbeitet als Beiheft des Archivs für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungs-

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politik unter dem Titel Preußischer Landesausbau. Ein Beitrag zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft in Süd-Ostpreußen am Beispiel des Dorfes Piassutten/Kreis Ortelsburg erscheint: „Verf. sieht den ‚Preußischen Landesausbau‘ als das Wachstumsgesetz des bäuerlichen Dorfes unter der preußischen Verfassung des 18. u. 19. Jh. bis zur Massenabwanderung als Folge ländlicher Übervölkerung. ‚Landesausbau, nicht Landnahme geschieht hier, weil der Lebensraum schon in den Zusammenhang des Landes eingegliedert war.‘ Im Ergebnis der Untersuchung erscheint das Schicksal dieses masurischen Dorfes beispielhaft für das politische Werden des deutschen Volkes. Die Arbeit ist zugleich ein wertvoller Beitrag zur Bevölkerungsgeschichte des deutschen Ostens.“ (Anonym 1942, S. 8) Diese Kurzbesprechung übernimmt an mehreren Stellen wörtlich Passagen aus dem Vorwort zur Dissertation. Das hat aber keiner der beiden Gutachter, Hans Freyer oder Hans-Jürgen Seraphim, geschrieben, sondern Gunther Ipsen, der seit 1931 Dorfforschungen durchführte, in deren Kontext Lindes Arbeit entstanden war. Ipsen schildert deren sachlichen Gehalt, den er, wie üblich, in seinem eigenen Sprachstil präsentiert, wenn sich zum Beispiel „eine neue Staatlichkeit und ihr tragendes Volkstum selbst erschafft aus züchtendem Willen.“ (1939, S. IV) Rückblickend schreibt Linde, das Vorwort habe den „hellen Zorn“ des mit Ipsen befreundeten Heinrich Harmjanz erregt, da es den in mehrfacher Hinsicht inopportunen Inhalt der Arbeit „mit seinem [Ipsens] guten Namen verbunden habe.“ Harmjanz habe die „Vernachlässigung der ‚völkischen Stellung [Piassuttens] als Grenzdorf ‘“ durch Linde missfallen (1981, S. 122, 129). Harmjanz war als habilitierter Volkskundler mit soziologischer Ausrichtung Referent für Geisteswissenschaften im Reichswissenschaftsministerium, später persönlicher Referent und Leiter des Ministeramtes des Reichwissenschaftsministers Bernhard Rust. Er gab zusammen mit Ipsen die Zeitschrift für Volkskunde heraus, in der seine Mängel-Rüge an Lindes Dissertation erschienen war. Harmjanz verlor mit dem Ende des Dritten Reichs seine Professur und arbeitete nach 1945 als Lateinlehrer. Ipsen wurde als Reichsdeutschem seine Wiener Professur entzogen, er konnte sich bekanntlich in der Sozialforschungsstelle Dortmund etablieren.

7.3 Die Leipziger Schule der Soziologie und Karl Heinz Pfeffers Buch über Die deutsche Schule der Soziologie Für das 1959 erscheinende Internationale Soziologenlexikon schreibt Linde den Artikel über Ipsen. Bei der Gelegenheit „führte ich“, wie Linde 1981 sagt, „den Terminus ‚Leipziger Schule‘ ein.“ (1981, S. 117) „Die von H. Freyer begründete und geführte Leipziger Schule der deutschen Soziologie verdankt ihm entscheidende Impulse und Programme der realsoziologischen Forschung (Soziologie der Bevöl-

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kerung, des deutschen Volkstums, der ländlichen Gesellschaft, Mittel- und Osteuropas) und einer Ökologie der industriellen Welt.“ (1959, S. 239 f.) Jahre später hielt Freyer eine Tischrede anlässlich der Antrittsvorlesung Lindes. Dabei habe er erfahren, „wie sehr dieser Satz Freyer ganz und gar gegen den Strich gegangen war.“ (1981, S. 117) In der zweiten neubearbeiteten Auflage des Internationalen Soziologenlexikons aus dem Jahr 1984 heißt es dann dementsprechend: „Die von H. Freyer begründete Leipziger Soziologie verdankt ihm entscheidende Impulse und Programme […].“ (Linde 1984, S. 385) Nachdem Linde 1981 den Ursprung der Redeweise von der Leipziger Schule der deutschen Soziologie aufgeklärt hatte, fand im April 1982 eine Tagung mit dem Titel Gab es eine ‚Leipziger Schule‘ der Soziologie und Sozialphilosophie ? in Aachen statt. Auf Anregung von Helmut Schelsky hatte Hans Linde zusammen mit KarlSiegbert Rehberg, dem Verwalter des wissenschaftlichen Nachlasses von Arnold Gehlen und Herausgeber der Gehlen-Gesamtausgabe, zu der Tagung eingeladen (1983, S. 4). Der Tagung diente als Grundlage für die freien Diskussionsrunden ein Grundsatzreferat Schelskys. Das von Rehberg als Manuskript vorgelegte Protokoll besteht, basierend auf einer Tonband-Aufzeichnung, aus wörtlichen Zitaten und Paraphrasierungen in indirekter Rede. Lars Clausen war einer der 17 teilnehmenden Fachwissenschaftler. Er erwähnt im Zusammenhang mit dem Begriff „Herrschaftswissen“ Karl Heinz Pfeffer. Zu dem „könne er exemplarisch sagen, daß dieser wirklich ein Nazi gewesen sei – ‚alle Entschuldigungen haben da in meinen Augen nicht zugreicht und vor seinen auch nicht‘.“ (1983, S. 43) Im Interview mit Ursula Pasero und Wolf R. Dombrowsky war Pfeffer Jahre später für ihn ein „Nazi, der bereut hat !“ (Clausen 1995, S. 258) Die Hörerinnen seiner Einführung erfahren, dass er „vom größten Nazi unter den deutschen Professoren: Karl Heinz Pfeffer“ spreche (178 f.). Allerdings habe sich Pfeffer einer studentischen Vollversammlung gestellt und sagte, ich bin Nazi und ich sehe das heute so […].“ (182). Diese Episode hat er auch in den Wikipedia-Artikel über Pfeffer eingebracht. Ein „Rückblick“ Schelskys auf die Tagung wurde dem Protokoll als „Nachbemerkung“ angehängt. Der zweite Punkt des Rückblicks befasst sich mit der Leipziger Schule der Soziologie und lautet: „Die Antwort auf die Frage ‚Gab es eine ‚Leipziger Schule‘ der Soziologie und Sozialphilosophie ?‘ ist in kennzeichnender Weise zwiespältig beantwortet worden: Alle Älteren, die selbst noch in Leipzig studiert oder gewirkt hatten, verneinten ganz entschieden die Existenz einer solchen ‚Schule‘. Die Jüngeren, von denen keiner mehr in Leipzig studiert hatte, also die ‚Enkel‘, haben sich der heute gängigen Soziologie-Geschichtsschreibung, wie sie etwa durch die Auffassungen von Wolf Lepenies (Geschichte der Soziologie. 4 Bde. Frankfurt a. M. 1981) oder Rainer Lepsius (Die Entwicklung der Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 – ​1967. In KZfSS-Sonderheft 21 (1979), S. 25 – ​70) repräsentiert werden, angeschlossen, oft wider Willen, denn sie selbst

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verstehen sich untereinander keineswegs als ‚Schule‘, würden dies sogar entrüstet ablehnen. Hier findet eine entlastende Mumifizierung der Väter und Großväter durch die Enkel statt […].“ (Rehberg 1983, S. 49) Was Schelsky mit „entlastende Mumifizierung“ meint, bleibt für mich ein Rätsel. Eine Mumie kann einerseits für ewige, aber neutralisierte Existenz stehen und schützt so die Enkel. Es gibt aber auch den todbringenden Fluch, den Mumien bei Berührung aktivieren. Clausen sah das ganz anders: „Jedenfalls war die Leipziger Schule die einzige wirklich blühende Schule der Soziologie.“ (111) Andererseits sind der historiographische und der heuristische Nutzen des Konzepts Schule oder Denkschule äußerst umstritten (vgl. Moebius 2018). Schelsky weist die Gleichsetzung der Leipziger Schule mit Pfeffers Die deutsche Schule der Soziologie durch M. Rainer Lepsius strikt zurück. Freyer habe diesen Begriff nie gebraucht. „Das sei vor allem die Begriffsprägung eines ‚damals in Leipzig von uns allen als peinlich empfundenen Buches von Pfeffer‘ (1939) gewesen.“ „In diesem Buch komme Freyer nur ein einziges Mal vor […].“ (Rehberg 1983, S. 21) Der Titel des peinlichen Buches lautet bekanntlich Die deutsche Schule der Soziologie, jedoch stellt sich die Frage, war das Buch in toto peinlich ? Pfeffers Sohn, Prof. Georg Pfeffer, Berlin, schrieb mir am 20. Juli 2016, dass „bei den vielen Angriffen wegen seiner Vergangenheit (die nach 1956 einsetzten) immer wieder die ‚deutsche Schule der Soziologie‘ genannt wurde […].“ Sein Vater habe jedes Mal erklärt, dass das wegen seiner antisemitischen Prägung besonders kritisierte Vorwort gar nicht von ihm, sondern von Helmut Schelsky stamme, ohne dass der Autor namentlich ausgewiesen worden sei. Georg Pfeffer ist darüber hinaus der Meinung, eine „Textanalyse dürfte schnell den Autor des Vorworts von dem des Hauptteils unterscheiden“, wie er mir am zweiten August 2016 schrieb. Aus meiner Sicht gibt es noch weitere Indizien für Schelskys Autorenschaft. Im besagten Vorwort heißt es, dass die „heutige deutsche Soziologie“ sich „im Gewande verschiedener anderer Wissenschaften“ verberge. Diese Feststellung halte ich für sehr bedeutsam, da sie der Legende vom Ende der Soziologie durch die NSMachtübernahme auf spezifische, aber eindeutige Weise widerspricht, außerdem korrespondiert sie mit Schelskys Wunsch, die venia legendi für das Fach Soziologie zu bekommen. Hinzu kommt ein weiteres Indiz, das für Schelsky als Autor spricht. Im besagten Vorwort verbirgt sich also die Soziologie Ende der dreißiger Jahre im Gewande verschiedener anderer Wissenschaften. Im Juli 1950 hält Schelsky auf einer Tagung fest, „daß es sehr wohl eine angewandte Soziologie in Deutschland noch gegeben hat.“ Und dazu führt er aus: „Die Träger waren ganz andere Wissenschaften […].“ (Schelsky 1950/51, S. 6) Inhaltlich lässt sich somit eine komplette und in der Formulierung eine fast identische Übereinstimmung der beiden Zitate feststellen. Es kommt noch hinzu, dass in dem Vorwort zu Pfeffers deutscher Schule der Soziologie von einer solchen keine Rede ist, sondern

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von der „heutigen“ und „gegenwärtigen“ Soziologie sowie von „einem lebendigen System der deutschen Volkslehre“. Alle genannten Indizien zusammengenommen, erscheint die Autorenschaft Schelskys als höchst wahrscheinlich. In dem von Marta Mierendorff verfassten Artikel über Pfeffer für das 1959 erscheinende Internationale Soziologenlexikon wird seine deutsche Schule der Soziologie kommentarlos aufgeführt. Allerdings heißt es amüsanter Weise: „Einer bestimmten Schule gehört Pf. nicht an.“ (Mierendorff 1959, S. 436) In der zweiten Auflage aus dem Jahr 1984 wird Mierendorff nicht mehr als Autorin genannt, sondern die Redaktion des Lexikons, die den zitierten Satz ins Imperfekt setzt, da Pfeffer ja inzwischen verstorben war. Weiterhin wird der Satz hinzugefügt: „In der Zeit des ‚Dritten Reiches‘ vertrat er nationalsozialistische Anschauungen.“ (Red. 1984, S. 659) In Otthein Rammstedts Deutscher Soziologie, die mit einem großen „D“ geschrieben werden muss, spielt Pfeffer eine Hauptrolle als Protagonist dieser Deutschen Soziologie als „‚Waffe‘ des NS-Regimes“ (1986, S. 114). Clausen hatte im Wikipedia-Artikel zu Rammstedt zwar die Charakterisierung René Königs als „altersmilde“ gelöscht, aber dessen harsche Kritik an Rammstedt nicht angerührt. Clausen und Rammstedt kannten sich, Rammstedt hat sogar einen Beitrag zur Festschrift anlässlich Clausens sechzigstem Geburtstag beigesteuert (1995). Jedoch lässt sich meines Wissens in Clausens Einführung, aber auch in seinen Beiträgen und Bearbeitungen mit NS-Bezug in der Wikipedia kein Hinweis auf Rammstedts Buch finden. Clausen verzichtete in den Wikipedia-Artikeln häufig auf die Angabe von Quellen, obwohl er starke Statements abgab, wie zum Beispiel im Wikipedia-Artikel vom 16. April 2006 über Freyer und dessen Haltung im Jahr 1933: „Er begrüßte die Machtübernahme durch den Nationalsozialismus und versuchte, Einfluss auf ihn zu nehmen. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten stürzte er den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Ferdinand Tönnies, und wurde sein Nachfolger, desaktivierte jedoch die Gesellschaft.“ Die Vorgänge um die Beendigung der Präsidentschaft von Tönnies sind sehr komplex, insbesondere Freyers Aktivitäten spielen sich auf verschiedenen Bühnen ab. Tönnies stürzte er jedoch nicht. Hätte Clausen bei Rammstedt nachgeschlagen, so wäre er auf dessen Spekulationen über die Eingliederung der DGS in die NSDAP gestoßen. Rammstedt beruft sich auf Leopold von Wieses Aussage gegenüber Earle Edward Eubank, der von Wiese am Wochenende vom fünften bis siebten Januar 1935 in seinem Haus in Cincinatti zu Gast hatte. Zu Freyers Rolle als neuer Präsident der DGS soll von Wiese gesagt haben: „He was elected President of the German Sociological Society because he was regarded by the party as ‚safe‘. Under him the Society fits into the party.“ (Käsler 1991, S. 152) Dabei ist zu bedenken, dass Eubank sich während des Gesprächs (wie auch bei Gesprächen mit anderen „Makers of Sociology“) Notizen machte, um sie dann in eine Art Protokoll zu ver-

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Lars Clausens Blick auf die Karriere von Soziologen

wandeln. Deutsch beherrschte er nicht. Von der abenteuerlichen Idee einer Eingliederung der DGS in die NSDAP ist in den zur Verfügung stehenden seriösen Quellen keine Rede. Rammstedt kommentiert den letzten Satz mit den Worten, „wenn hier auch von Wiese wohl falsch informiert war […].“ (1986, S. 19) Es fragt sich, wer von Wiese falsch informiert haben sollte ? Näher liegt die Vermutung, dass Eubank, sicher unbeabsichtigt, eine Mär in die Welt gesetzt hat. Manche Quellen sind trübe, manche Sekundärliteratur schießt übers Ziel hinaus. Clausen vertritt die Sichtweise einer Stilllegung der DGS durch Freyer zu Recht. Seine Einführung und seine Beiträge in der Wikipedia sind reiche Quellen, deren Ausschöpfung erst begonnen hat.

7.4 Literatur Adamski, Jens. 2009. Ärzte des sozialen Lebens. Die Sozialforschungsstelle Dortmund 1946 – ​1969. Essen. Anonym. 1942. Kurzbesprechung von Hans Linde: Preußischer Landesausbau. Ein Beitrag zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft in Süd-Ostpreußen am Beispiel des Dorfes Piassutten, Kreis Ortelsburg. Leipzig. In Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des NS.-Schrifttums, Hrsg. Nationalsozialistische Bibliographie, 4. Beiheft. Hochschulschrifttum. Verzeichnis von Dissertationen und Habilitationsschriften. Berlin. Bandel, Jan-Frederik, und Klaus R. Schroeter. 2015. Vorbemerkung. In Lars Clausen: Meine Einführung in die Soziologie. 15 Vorlesungen in freier Rede. Frankfurt am Main – Basel, S. 9 f. Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. Überreicht vom nationalsozialistischen Lehrerbund, Deutschland/Sachsen. O., o. J. (1933). Bernsdorf, Wilhelm. 1959. Internationales Soziologenlexikon, Hrsg. (in Verbindung mit Horst Knospe). Stuttgart. Borggräfe, Henning, und Sonja Schnitzler. 2014. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und der Nationalsozialismus. Verbandsinterne Transformationen nach 1933 und 1945. In Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven, Hrsg. Michaela Christ und Maja Suderland, 445 – ​479. Berlin. Clausen, Lars. 2015. Meine Einführung in die Soziologie. 15 Vorlesungen in freier Rede. Herausgegeben von Jan-Frederik Bandel, und Klaus R. Schroeter unter Mitwirkung von Bettina Clausen. Frankfurt am Main – Basel. Clausen, Lars. 1995. Wohin treibt das Schiff ? Soziologische Betrachtungen in stürmischen Zeiten. Ein Interview mit Lars Clausen. Interviewer: Ursula Pasero und Wolf R. Dombrowsky. In Wolf R. Dombrowsky, und Ursula Pasero, Hrsg. Wissenschaft, Literatur, Katastrophe. Festschrift zum sechzigsten Geburtstag von Lars Clausen, 247 – ​267. Opladen.

Literatur 155

Clausen, Lars (€pa). Bearbeiter von (hier berücksichtigten) Artikeln in der Wikipedia über Carl Brinkmann, Hans Freyer, Carl Jantke, Hans Linde, Karl Heinz Pfeffer, Otthein Rammstedt. Dombrowsky, Wolf R., und Ursula Pasero, Hrsg. 1995. Wissenschaft, Literatur, Katastrophe. Festschrift zum sechzigsten Geburtstag von Lars Clausen. Opladen. Hoffmann, Walther G. 1953. Vorwort. In Carl Jantke. Bergmann und Zeche. Die sozialen Arbeitsverhältnisse einer Schachtanlage des nördlichen Ruhrgebiets in der Sicht der Bergleute. Ohne Seite. Tübingen. Ipsen, Gunther. 1939. Vorwort. In Hans Linde. Preußischer Landesausbau. Ein Beitrag zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft in Süd-Ostpreußen, III – V. Leipzig. Jantke, Carl. 1953 (in Verbindung mit W. Kleiber, O. Neuloh, H. Paul, R. Schmitz). Bergmann und Zeche. Die sozialen Arbeitsverhältnisse einer Schachtanlage des nördlichen Ruhrgebiets in der Sicht der Bergleute.Tübingen. Käsler, Dirk. 1991. Sociological Adventures. Earle Edward Eubank’s Visits with European Sociologists. New Brunswick – London. Klingemann, Carsten. 1996. Soziologie im Dritten Reich. Baden-Baden. Klingemann, Carsten. 2009. Soziologie und Politik. Sozialwissenschaftliches Expertenwissen im Dritten Reich und in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit. Wiesbaden. Klingemann, Carsten. 2012. Karl Martin Boltes Version. Soziologie 41: 422 – ​424. Klingemann, Carsten, Michael Neumann, Karl-Siegbert Rehberg, Ilja Srubar, und Erhard Stölting. Hrsg. 1995. Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1993. Opladen. Linde, Hans. 1937. Piassutten, Kreis Ortelsburg. Ein Beitrag zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft in Süd-Ostpreußen. Diss., Universität Leipzig. Linde, Hans. 1939. Preußischer Landesausbau. Ein Beitrag zur Geschichte der ländlichen Gesellschaft in Süd-Ostpreußen am Beispiel des Dorfes Piassutten. Leipzig. Linde, Hans. 1959. Artikel Gunther Ipsen. In Internationales Soziologenlexikon, Hrsg. Wilhelm Bernsdorf, 239 f. Stuttgart. Linde, Hans. 1981. Soziologie in Leipzig 1925 – ​1945. In Soziologie in Deutschland und Österreich 1918 – ​1945. Materialien zur Entwicklung, Emigration und Wirkungsgeschichte, Hrsg. M. Rainer Lepsius, 102 – ​130. Opladen. Linde, Hans. 1984. Artikel Gunther Ipsen. In Internationales Soziologenlexikon, Hrsg. Wilhelm Bernsdorf, und Horst Knospe, 385. Stuttgart. Mierendorff, Marta. 1959. Artikel Karl Heinz Pfeffer. In Internationales Soziologenlexikon, Hrsg. Bernsdorf, 435 f. Stuttgart. Moebius, Stephan. 2018. Schulen, Akteure und regionale Zentren in der frühen Geschichte der bundesrepublikanischen Soziologie. Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie. Band 1: Geschichte der Soziologie im deutschsprachigen Raum, 255 – ​287. Wiesbaden. Oetting, Jürgen. 2016. „Cool, ein Taucher“. Lars Clausen als Wikipedia-Autor. In Tönnies-Forum, 25: 33 – ​38. Pfeffer, Karl Heinz. 1939. Die deutsche Schule der Soziologie. Leipzig. Rammstedt, Otthein. 1986. Deutsche Soziologie 1933 – ​1945. Die Normalität einer Anpassung. Frankfurt am Main.

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Lars Clausens Blick auf die Karriere von Soziologen

Rammstedt, Otthein. 1995. Georg Simmels „Fremder“. In Wissenschaft, Literatur, Katastrophe. Festschrift zum sechzigsten Geburtstag von Lars Clausen, Hrsg. Wolf R. Dombrowsky, und Ursula Pasero, 268 – ​284. Opladen. Red. 1984. Artikel Karl Heinz Pfeffer. In Internationales Soziologenlexikon, 2. Bd., Hrsg. Wilhelm Bernsdorf, und Horst Knospe, 659. Stuttgart. Rehberg, Karl-Siegbert. 1983. Protokoll, vorgelegt von Karl-Siegbert Rehberg unter Mitwirkung von Irmgard Pinn und Elfriede Üner. Arbeitstagung der FritzThyssen-Stiftung: Gab es eine ‚Leipziger Schule‘ der Soziologie und Sozialphilosophie ?, am 29. und 30. April 1982 im Gästehaus der RWTH Aachen. Roth, Karl Heinz. 1987. Städtesanierung und „ausmerzende“ Soziologie. Der Fall Andreas Walther und die „Notarbeit 51“ der „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“ 1934 – ​1935 in Hamburg. In Rassenmythos und Sozialwissenschaften in Deutschland. Ein verdrängtes Kapitel sozialwissenschaftlicher Wirkungsgeschichte, Hrsg. Carsten Klingemann, 370 – ​393. Opladen. Schelsky, Helmut. 1950/51. Lage und Aufgaben der angewandten Soziologie in Deutschland. Soziale Welt 2: 3 – ​14. Solms, Max Graf. 1944. Formen des zwischenmenschlichen Lebens. Soziologie als exakte Fachwissenschaft. Hamburger Tageblatt. Zeitschrift der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei 16, 29. Juli, Nr. 206, Ausgabe A, 3.

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Die Verweigerung der Analyse des Nationalsozialismus in der westdeutschen Soziologie: Zur Kontinuität empirischer Soziologie vor und nach dem Ende des NS-Regimes*

8.1 Die Verweigerung einer Analyse des Nationalsozialismus in der deutschen Soziologie Über die Rolle der von mir so genannten ehemaligen Reichssoziologen und einer Reichssoziologin beim Aufbau der westdeutschen Nachkriegssoziologie habe ich – abhängig vom jeweiligen speziellen Kontext – schon mehrfach berichtet (Klinge­ mann, 1981, 1986, 1996, 1999, 2008, 2009, 2012b). Deshalb möchte ich hier kurz die Grundlinien der Entwicklungen meiner bisherigen Forschungen im Sinne der durch die Themenformulierung vorgegebenen Grenzen umreißen. Danach lege ich an einem aktuellen Fall der Verschleierung der braunen Vergangenheit deutscher Soziologen – auf nur vereinzelt auftretende Soziologinnen wird gesondert hingewiesen – und an einigen ausgewählten Beispielen bereits im NS-Regime empirisch arbeitender Soziologen dar, inwieweit ein Zusammenhang besteht zwischen der Verweigerung der Nachkriegssoziologen, den Nationalsozialismus und das Dritte Reich fachwissenschaftlich aufzuarbeiten, und dem Beitrag dieser ehemaligen Reichssoziologen für die Modernisierung der westdeutschen Soziologie eben durch deren Empirisierung. Zu dieser Empirisierung kam es durch die außeruniversitäre Professionalisierung soziologischen Expertenwissens in diversen Politikfeldern des Dritten Reiches, wobei empirische Sozialforschung insbesondere in der Raumordnungs-, *

Abdrucknachweis: Carsten Klingemann, „Die Verweigerung der Analyse des Nationalsozialismus in der westdeutschen Soziologie. Zur Kontinuität empirischer Soziologie vor und nach dem Ende des NS-Regimes“, in: Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven. Herausgegeben von Michaela Christ und Maja Suderland. © Suhrkamp Verlag Berlin 2014.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_8

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Die Verweigerung der Analyse des Nationalsozialismus

Agrar-, Siedlungs- und Bevölkerungspolitik, aber auch in der Arbeits- und Wirtschaftspolitik zum Einsatz kam. Ausgestattet mit diesen speziellen Kenntnissen, waren es diese Soziologen, die in den nach 1945 entstehenden Hochschul- und außeruniversitären Instituten die empirische Forschung maßgeblich gestalteten. Da aber bis heute behauptet wird, dass die Modernisierung der westdeutschen Soziologie durch deren Amerikanisierung erfolgt sein soll, wird dieser Zusammenhang nach wie vor bestritten und mit der absoluten Unverträglichkeit von Soziologie und Nationalsozialismus begründet. Das erklärt auch die selbst auferlegte Abstinenz gegenüber einer soziologischen Analyse des Nationalsozialismus als Sozial- und Gesellschaftssystem. Hätte man sich an eine solche Aufarbeitung gewagt, wäre das zwischen den bereits im NS-Staat fachwissenschaftlich tätigen Soziologen und den zurückgekehrten exilierten Fachvertretern wirksame Schweigegelübde in Gefahr geraten, da man dann über die Rolle der Soziologie im NS-Regime hätte reden müssen. Für das Verständnis und die Auseinandersetzung mit der jüngsten Debatte zum Ort des Nationalsozialismus in der Soziologie, so der Titel der von Michaela Christ und Maja Suderland auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2012 in Bochum veranstalteten Podiumsdiskussion, an der neben Renate Mayntz, Peter Imbusch, Michael Becker und Maurizio Bach auch ich teilgenommen habe, erscheint mir dies als sehr hilfreich.

8.2 „Soziologie des Nationalsozialismus“ ohne NS-Gesellschaft ? – Konturen einer aktuellen Debatte Zunächst möchte ich mit Blick auf eine jüngst innerhalb der deutschen Soziologie entbrannte Debatte um jenen Ort des Nationalsozialismus in der Soziologie aufzeigen, welche gegenläufigen Argumentationslinien hierbei kenntlich werden, bevor ich mich im folgenden Abschnitt genauer mit den Ursprüngen der von mir kritisierten Perspektive befassen werde. Die Debatte wurde durch einen Aufsatz ausgelöst, den Michaela Christ unter dem Titel Die Soziologie und das „Dritte Reich“. Weshalb Holocaust und Nationalsozialismus in der Soziologie ein Schattendasein führen (Christ 2011) in Soziologie. Forum der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, veröffentlichte. Für die Klärung des Selbstverständnisses der Soziologie hat Michaela Christ meines Erachtens eine elementare Frage gestellt: „Weshalb wurden und werden gerade diejenigen gesellschaftlichen Prozesse und das soziale Handeln der verschiedenen Akteure, welche zu Krieg, Diktatur und Massenmord führten, ausgerechnet in der Wissenschaft von der Gesellschaft nur am Rande beachtet ?“ (2011, S. 412) Sie antwortet darauf, indem sie eine Verknüpfung herstellt zwischen der Vernachlässigung der Aufarbeitung der eigenen Geschichte des Faches während der NS-

„Soziologie des Nationalsozialismus“ ohne NS-Gesellschaft ? 159

Herrschaft und bestimmten Paradigmen der Nachkriegssoziologie, die den Blick auf das Dritte Reich verstellt hätten. Dass diese Verknüpfung dringend hergestellt werden sollte, belegt der Kommentar zu Christs Ausführungen von Maurizio Bach, der die von Christ zu Recht monierte systematische Vernachlässigung der Geschichte des Fachs im Dritten Reich\ souverän bestätigt, indem er ihre innovative Idee in seinem Kommentar noch nicht einmal erwähnt (2012). Dafür will er sich mit der Frage beschäftigen, was die Soziologie „zum Verständnis der nationalsozialistischen Führerdiktatur beitragen“ könne. Das ist ein durchaus legitimes Unterfangen. Nur signalisiert bereits das Diktum „nationalsozialistische Führerdiktatur“ den eingeschränkten Horizont der Analyse, die eine nicht auf den Hitler-Mythos fixierte soziologische Perspektive ausschließt. Es ist aber weder akzeptabel, die soziologischen Zuständigkeiten darauf zu beschränken, noch dass zu dessen Legitimation die Argumentation von Christ verfälscht wird. Wie es bei Bach zum Beispiel hinsichtlich der von Christ registrierten „Inkommensurabilität von Soziologie und Nationalsozialismus“ zu beobachten ist (2011, S. 419). Sie behauptet nämlich nicht, dass diese Inkommensurabilität „ein angemessenes soziologisches Verständnis der nationalsozialistischen Gesellschaft“ verhindere (Bach 2012, S. 20). Sie verweist vielmehr auf die von Wolf Lepenies notierte „eigenartige Übereinstimmung von Emigranten und ehemaligen Nazi-Mitläufern“ (1985, S. 405) bezüglich der geteilten Inkommensurabilitätsannahme. Aus dem sich dadurch verfestigenden Bild „der Soziologie als anti-nationalsozialistische Disziplin“ sei „die nahezu vollkommene Vernachlässigung der NS-Gesellschaft und der von ihr begangenen Verbrechen“ gefolgt (Christ 2011, S. 420). Während Christ Bach zufolge „die faschistische Gewalt in toto außerhalb des Gesellschaftlichen“ stelle (2012: 19), ist für Christ die NS-Gesellschaft im Gegenteil dadurch charakterisiert, dass in ihr „nicht Gewalt ein Mittel der Politik, sondern in der Politik Gewalt war“ (2011, S. 427). Bachs Behauptung bekommt allerdings dann einen Sinn, wenn man sieht, dass sie dazu dienen soll den von Bach vertretenen Ansatz einer herrschaftssoziologischen Faschismusanalyse zu propagieren: „Soziologische Faschismusforschung ist infolgedessen, neben der zu Schichten- und Klassenanalyse, primär Herrschaftssoziologie.“ (2012, S. 22) Hier ist vorab festzustellen, dass es mehr als problematisch ist, eine soziologische „Faschismusforschung“ zu propagieren, da die spezifische Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus zum Beispiel nicht mit der Herrschaftspraktik des italienischen Faschismus in einen Topf geworfen werden darf, da dann entweder der Nationalsozialismus verharmlost wird oder aber Mussolinis Regime kontrafaktisch auf dieselbe Stufe mit der des staatlichen NS-Terrors gehoben wird. Bachs apodiktische Setzung, soziologische Faschismusforschung müsse Herrschaftssoziologie sein, wird vor allem von Soziologen, die den Nationalsozialismus als Projekt der Moderne untersuchen, nicht geteilt.

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Die Verweigerung der Analyse des Nationalsozialismus

Er versucht sie zu begründen, indem er Christ attestiert, sie visiere eine „falsche Analyseebene“ an (2012, S. 21). Bevor die richtige Analyseebene bekanntgegeben wird, räumt er allerdings ein: „In der Tat ist es schwierig, überzeugende soziologische Analysen des Dritten Reiches zu finden, wenn man allgemein die ‚deutsche Gesellschaft‘ jener Zeit in den Blick nimmt.“ (2012, S. 21) Daraus folgt nun aber nicht die Bestimmung einer Analyseebene, die der Soziologie als Gesellschaftswissenschaft adäquat wäre, denn, so Bach, das „Hitler-Regime war zuvörderst ein politisches Gebilde, und zwar eines der besonderen Art“ (2012, S. 22), Ergo: „Nicht die Gesellschaft im Allgemeinen ist nach meinem Dafürhalten eine geeignete Bezugsebene für die Analyse des Nationalsozialismus.“ (2012, S. 22) Nun fragt man sich aber, wie eine „Soziologie des Nationalsozialismus“, die „primär die spezifischen Herrschaftsverhältnisse und Machtprozesse in den Fokus nehmen“ soll (2012, S. 22), ohne Analyse der Gesellschaft funktionieren könnte. Denn, wenngleich das „Hitler-Regime“ selbstverständlich ein „politisches Gebilde“ war, ist es für dessen soziologische Bestimmung unerlässlich, dass die das politische System tragende Gesellschaft fachwissenschaftlich untersucht wird. Der Nationalsozialismus als ein Ensemble aus Gesellschaft und sie teilweise gewaltsam okkupierenden Apparaten von Staat, NSDAP und Sonderstäben lässt sich nicht verstehen, wenn man sein Funktionieren ausschließlich auf das Charisma Hitlers und dessen herausragende Machtfülle reduziert beziehungsweise als „Ergebnis der sukzessiven Charismatisierung des Deutschen Reiches nach Hitlers Machtergreifung“ deutet (2012, S. 24, 25), da die Massenloyalität noch zahlreiche andere Quellen hatten wir zum Beispiel Hans Dieter Schäfer, Gudrun Brockhaus, Götz Aly und S. Jonathan Wiesen in ihren Beschreibungen des Alltags im Dritten aufschlussreich schildern (Schäfer 1984/2009; Brockhaus 1997; Aly 2005; Wiesen 2011). Weiterhin belegen jüngere historisch-soziologische Publikationen etwa zur „Neuen Staatlichkeit“ des NS-Regimes (Hachtmann 2007, 2011), zu den Sondergewalten des NS-Staats (Hachtmann und Süß 2006), zu seiner Deutung als „Mobilisierungsdiktatur“ (Werner 2013) oder aber als „prekärer Staat“ (Reichardt und Seibel 2011) sowie zur Frage der Etablierung einer „Volksgemeinschaft“ (Schmiechen-Ackermann 2012; Reeken und Thießen 2013) sehr überzeugend die begrenzte Reichweite des Charisma-Modells. Die Fixierung auf den Hitler-Mythos verhindert vielmehr, dass die im Dritten Reich initiierten Modernisierungsprozesse überhaupt in den Blick genommen werden. Dazu zählt dann selbstverständlich auch die Modernisierung der Soziologie. Konsequenterweise heißt es bei Bach deswegen, „dass in der unmittelbaren Nachkriegszeit für manche gerade mit einer Hinwendung zur empirischen gegenwartsdiagnostischen und an Modernisierungsprozessen interessierten Soziologie sich die Zäsur mit der NSZeit auch biographisch am überzeugendsten vollziehen und ein radikaler geistiger Neuanfang erreichen ließ.“ (2012, S. 26) Als vermeintlicher Beleg werden ohne

Der „radikale geistige Neuanfang“ der Nachkriegssoziologie 161

weitere Erläuterungen zwei Sammelbände mit Erinnerungen westdeutscher Soziologen der Nachkriegszeit (Fleck 1996; Bolte und Neidhardt 1998) angegeben (2012, S. 26, Fn. 6). Da nun aber der radikale geistige Neuanfang durch die Hinwendung zur empirischen gegenwartsdiagnostischen und an Modernisierungsprozessen interes­ sierten Soziologie ausgelöst worden sein soll, stellt sich die Frage, wer diese empirische Soziologie betrieben und die Soziologen der Nachkriegsgeneration ausgebildet hat, sodass es zu einem radikalen geistigen Neuanfang überhaupt kommen konnte. Die Frage kann im Folgenden nur ansatzweise mit Verweis auf einige jener ehemaligen Reichssoziologen und eine Reichssoziologin beantwortet werden, die bereits vor 1945 Erfahrungen mit empirischer Soziologie gesammelt hatten und danach diese in der deutschen Soziologie vor 1933 kaum etablierte Ausrichtung weiter pflegten.

8.3 Der „radikale geistige Neuanfang“ der Nachkriegssoziologie durch die Hinwendung zur empirischen Soziologie Um die personellen und institutionellen Kontinuitätslinien von der deutschen empirischen Soziologie während der NS-Zeit bis hin zur gegenwärtigen deutschen Soziologie nachzuzeichnen, soll hier insbesondere auf die Sozialforschungsstelle in Dortmund, die Rolle ehemaliger Reichssoziologen für die Gruppenstudie des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main und dessen enge Beziehungen zum Institut für Demoskopie in Allensbach am Bodensee eingegangen werden. Außerdem sollen die Mitarbeit eines politikberatenden NS-Agrarsoziologen an der Darmstadt-Studie Anfang der 1950er Jahre und die Gründung des Fachausschusses für Methodenfragen in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie durch Elisabeth Noelle-Neumann und Elisabeth Pfeil thematisiert werden. Um die Auseinandersetzung mit der jüngsten Debatte zum Ort des Nationalsozialismus in der Soziologie besser verständlich zu machen, werde ich hier zudem auf den sehr unterschiedlichen Umgang mit der NS-Fachgeschichte durch die ebenso bekannten wie einflussreichen Vertreter der ersten Nachkriegskohorte westdeutscher Soziologen, Karl Martin Bolte und M. Rainer Lepsius, verweisen.

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Die Verweigerung der Analyse des Nationalsozialismus

8.3.1 Sozialforschungsstelle Dortmund Das folgende Beispiel stellt keinen Ausnahmefall dar. Hans Paul Bahrdt, der (später) von dem ehemaligen Reichssoziologen Wilhelm Emil Mühlmann habilitiert wurde, berichtet, dass er von Heinrich Popitz als studentische Hilfskraft an die Sozialforschungsstelle Dortmund geholt wurde. „Unter der Leitung von G.[unther] Ipsen und Elisabeth Pfeil fand damals eine Wohnungswunsch-Befragung unter Bergleuten statt. Als Interviewer und später auch durch Hilfsarbeiten bei der Auswertung hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, empirische Sozialforschung kennenzulernen. […] Uns fehlte Routine in der empirischen Forschung. Zwar versuchten wir uns mit den damals in Deutschland wenig bekannten Methoden der Sozialforschung vertraut zu machen, Aber unter dem Zeitdruck erfanden wir manches selbst und behielten dann auch unsere hausgemachten Termini bei.“ (1996, S. 37, 38) Gunther Ipsen, dessen empirische Arbeiten schon vor 1945 international bekannt waren, trat als überzeugter Nationalsozialist und weltanschaulicher Kontrolleur der NS-Soziologie auf. Später dominierte er zeitweilig die Sozialforschungsstelle Dortmund, an der nach meiner Zählung 14 ehemalige Reichssoziologen tätig waren (Adamski 2009). Darunter Elisabeth Pfeil, die vor 1945 als Schriftleiterin der auch soziologisch einschlägigen Fachzeitschrift Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik Projekte empirischer Soziologie förderte und selbst betrieb (Schnitzler 2012). Schon vor ihrem Eintritt in die Sozialforschungsstelle machte sie sich einen Namen als führende Vertreterin der Flüchtlingssoziologie, einer eigenständigen Teildisziplin der westdeutschen Soziologie, die für etwa 15 Jahre fast ausschließlich von ehemaligen Reichssoziologen und ihren Schülern auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene betrieben wurde und ein außergewöhnliches Netzwerk der Politikberatung – auch in internationalen Institutionen – repräsentierte (Klingemann 2009, S. 287 – ​320). An der Sozialforschungsstelle Dortmund waren mit Gunther Ipsen, Hans Linde und insbesondere Carl Jantke drei Soziologen tätig, die unter der Ägide von Werner Conze mit Otto Brunner und anderen die moderne Sozialgeschichtsschreibung in der Bundesrepublik etablierten. Ausgehend von der ursprünglich ideologisch hochgradig kontaminierten Volksgeschichte, entwickelte sich die Sozialgeschichtsschreibung, indem schon während des Dritten Reichs die Volksgeschichte durch ihre Empirisierung soziologisiert wurde, das heißt durch die Hinwendung zu den konkreten sozialen Verhältnissen der bislang in der traditionellen Historiografie marginalisierten bürgerlichen und unterbürgerlichen Schichten (Klingemann 2009, S. 340 – ​359). Neben der Flüchtlingssoziologie waren es hauptsächlich die sich gerade gründenden speziellen Teildisziplinen der Industrie- und Familien- beziehungsweise

Der „radikale geistige Neuanfang“ der Nachkriegssoziologie 163

Jugendsoziologie, in denen bereits etablierte, aber auch Nachwuchssoziologen empirisch arbeiten konnten. Die Sozialforschungsstelle Dortmund war (neben dem Frankfurter Institut für Sozialforschung) auf dem Gebiet der Industriesoziologie der einzige „fest institutionalisierte Träger soziologischer Forschung“ (Lutz und Schmidt 1977, S. 155), und dort entstanden bekanntlich Standardwerke der empirischen Soziologie. Dabei spielte Hans Linde, ein von Hans Freyer 1939 promovierter Agrarsoziologe, der als Mitarbeiter im Stabsamt des Reichbauernführers und im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS empirische Studien durchgeführt hatte, eine spezielle Rolle hinsichtlich der Prägung der in der Sozialforschungsstelle betriebenen empirischen Projektforschung. Jens Adamski hält es mit Blick auf die Behauptung, die Empirische Sozialforschung sei nach 1945 aus den USA importiert worden, zu Recht für bezeichnend, „dass mit Hans Linde ein Forscher mit der Ausarbeitung eines Gliederungs- und Verlaufsplans für empirische Untersuchungen beauftragt wurde, der schon seit vielen Jahren über politische Systemgrenzen hinweg über praxisbezogene Erfahrungen verfügte. Schlüssig erscheint die Amerikanisierungsthese selbst im Hinblick auf die Arbeiten der Sozialforschungsstelle folglich nur vor dem Hintergrund einer methodischen Ergänzung bzw. Abrundung eines wissenschaftlichen Prozesses, der durchaus in Konkurrenz zu geisteswissenschaftlichen Traditionen stand, aber bereits mehrere Jahre vor 1945 begonnen hatte und nach einen neuen ‚westernisierten‘ gesellschaftspolitischen und kulturellen Rahmen erhielt.“ (Adamski 2009, S. 140) An der Sozialforschungsstelle, deren Existenz elementar von amerikanischen Finanzmitteln abhing, wurde, begleitet von der Mitarbeit amerikanischer Gastkollegen, der „geistige Neuanfang“ also maßgeblich durch ehemalige Reichssoziologen mit Erfahrung in empirischer Forschung, von denen hier nur einige erwähnt werden konnten, getragen.

8.3.2 Das Frankfurter Institut für Sozialforschung Wie erfolgte dieser „Neuanfang“ am Institut Für Sozialforschung in Frankfurt am Main, das ebenfalls massiv von amerikanischen Geldern gestützt wurde und an dem amerikanische Kollegen ebenfalls mitarbeiteten ? Ab Beginn der 1950er Jahre war das Institut für Sozialforschung mit der legendären Gruppenstudie, auch Gruppenexperiment genannt, befasst (Pollock 1955). Mit diesem Projekt sollten Ideologie und Mentalität der besiegten Deutschen wie auch sozialpsychologische Determinanten etwa zu Fragen der militärischen Niederlage, des Genozids an den europäischen Juden, zu individueller oder kollektiver Schuld, zu völkerpsychologischen Stereotypen, Nationalismus, Kapitalismus, Demokratie und Westorientierung ermittelt werden. Es stellt sich die Frage, ob die aus dem amerika-

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nischen Exil zurückgekehrten Institutsmitglieder Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Friedrich Pollock die amerikanischen Methoden einführten. Diese Frage wird im Kapitel Der Mythos der Amerikanisierung der westdeutschen Soziologie durch den Import der Empirischen Sozialforschung: Das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und der Beitrag ehemaliger Reichssoziologen zu dessen empirischer Soziologie umfassender behandelt. Hier werden im Folgenden spezielle Aspekte behandelt. Die wichtigste Voraussetzung für die erfolgreiche Durchführung einer Gruppendiskussion ist die Bestimmung eines geeigneten Grundreizes. Die Idee, für das Projekt des Instituts für Sozialforschung einen fiktiven Brief eines Besatzungsoffiziers zu wählen, stammt von Gerhard Wurzbacher (Demirović 1999, S. 361), der im Dritten Reich empirische Forschungserfahrungen bei der Durchführung seiner Studie Die Entwicklung der Sozialstruktur des Kreises Flatow von 1773 bis 1937 und die Auswirkungen auf die völkische Zusammensetzung der Bevölkerung gesammelt hatte, mit der er 1939 an der Berliner Universität promoviert worden war. René König war begeistert und nannte den fiktiven Brief „ein kleines Meisterwerk“ (Demirović 1999, S. 361). Nach 1945 war Wurzbacher Forschungsleiter am UNESCO-Institut für Sozialwissenschaften in Köln, sein Assistent war Erwin K. Scheuch, und mit Renate Pflaum (später Mayntz) publizierte er 1954 die innovative Gemeindestudie Das Dorf im Spannungsfeld industrieller Entwicklung. Eine weitere wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Durchführung einer Gruppendiskussion ist, dass Gruppen gebildet werden, deren Mitglieder sich auch im realen Leben zusammenfinden könnten. Es war der schon in der Weimarer Republik als Fachvertreter ausgewiesene Soziologe Heinz Sauermann, der im Dritten Reich ebenfalls Erfahrungen mit empirischen Erhebungen gesammelt hatte, der erfolgreich darauf drang, „natürliche Gruppen“ auszuwählen (Demirović 1999, S. 359). Nachdem das Datenmaterial der Gruppenstudie vorlag, musste dessen Auswertung organisiert werden. Nach Aussage von Ludwig von Friedeburg, der an der Auswertung teilgenommen hatte und später geschäftsführender Direktor des Instituts wurde, war es so, „daß es unter 6 – ​7 Studierenden nur einen einzigen gab, der schon ein Examen gemacht hatte. Der Leiter der Gruppe hatte ein erstes juristisches Staatsexamen absolviert. Wir saßen um einen Tisch herum und versuchten, Exemplare der Gruppeninterviews zu analysieren.“ Dieser Leiter war Diedrich Osmer, den von Friedeburg als „den für die empirische Arbeit im Institut zuständigen Mann“ bezeichnet und der nebenbei eine Stellung „im Klaviergeschäft Kaiser in der Goethestraße“ innehatte (2010, S. 309). Osmer hatte seine Kompetenzen in empirischer Sozialforschung am Institut Demoskopie in Allensbach erworben, das von Erich Peter Neumann und Elisabeth Noelle-Neumann geleitet wurde. Elisabeth Noelle-Neumann schreibt in ihren Erinnerungen: „Mit

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Dietrich [recte: Diedrich] Osmer hatte ich schon als Jugendliche in Berlin Tennis gespielt und getanzt. Nach dem Krieg hatte er keine richtige Arbeitsstelle. Ich nahm ihn am allensbacher Institut auf und vermittelte ihn […] nach Frankfurt.“ (2006, S. 195) Die genauen Umstände, unter denen Osmer die Methoden der Meinungsforschung im Kontext des Instituts für Demoskopie kennengelernt hat, sind zum Teil noch unklar. Zu vermuten ist, dass er ab Spätsommer 1949 in Kontakt mit dieser modernen Form der empirischen Soziologie kam. Noelle-Neumann hatte sich schon in der NS-Zeit mit der amerikanischen Meinungsforschung gründlich befasst (1940). Diese Umstände mögen die im Folgenden zitierte Aussage von Theodor W. Adorno, wie sie von Ralf Dahrendorf kolportiert wird, plausibilisieren. Dahrendorf, dem Horkheimer angeboten hatte, sein Assistent zu werden, berichtet, dass er am 1. Juli 1954 von Adorno im Institut empfangen und gebeten wurde, die Gruppenstudie auszuwerten. „Bislang sei damit einer beauftragt worden, der sich als ‚stupider Marktforschungstyp‘ erweise. Ich solle mir doch das Material einmal ansehen; denn er, Adorno, hoffe, dass ich mehr daraus machen würde als der Marktforscher, der dann entlassen werden könne.“ Diese Aufgabe missfiel Dahrendorf: „Ich ging damals zu dem ‚stupiden Marktforscher‘ und berichtete ihm, dass er hier wohl keine Zukunft hätte, dass ich aber aller Wahrscheinlichkeit nach vor ihm gehen würde“ (Dahrendorf 2004, S. 170). Und so kam es, Dahrendorf kündigte noch vor Ablauf seines ersten Frankfurter Monats. Allerdings verfügte Ludwig von Friedeburg über entsprechendes Wissen. Er studierte nach seiner Tätigkeit als jüngster U-Bootkommandant des Dritten Reichs und als Nachkriegsminenräumer Psychologie in Freiburg im Breisgau und arbeitete bei Robert Heiss, der 1938 einen Lehrauftrag für Psychologie und Charakterkunde sowie die Leitung des Instituts für experimentelle Psychologie an der Universität Köln wahrgenommen und von 1939 bis als Heeres- und Luftwaffenpsychologe gearbeitet hatte, bis er 1943 zum Professor für Philosophie und Psychologie in Freiburg ernannt wurde (Geuter 1984, S. 570). Im Rahmen seines Psychologie-Studiums machte von Friedeburg „ein erstes Praktikum“ am Institut für Demoskopie in Allensbach (2010, S. 308). Laut Noelle-Neumann hatten Horkheimer und Adorno sie „1951 eingeladen, [s]ich an der Universität Frankfurt/M. zu habilitieren.“ In einem Brief aus dem Jahr 1954 an Adorno habe sie demgegenüber vorgeschlagen, dass „die Habilitationspläne […] auf Friedeburg übertragen werden sollten. […] Adorno nahm den Vorschlag an.“ (1992, S. 51, 52) In ihren Erinnerungen stellt sie den Vorgang erstaunlicherweise so dar, dass Horkheimer, zu der Zeit Rektor der Universität, ihr versprochen habe, „ich würde einen Lehrstuhl erhalten, wenn ich mich für den Wechsel nach Frankfurt entschied, doch ich wollte nicht, statt dessen schlug ich ihm vor, einen jungen Allensbacher Mitarbeiter in Frankfurt aufzunehmen. Adorno akzeptierte meinen Vorschlag. 1954

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ging Friedeburg nach Frankfurt.“ (2006, S. 194 f.) In seinem Nachruf auf von Friedeburg erklärt hingegen Klaus Allerbeck: „Adorno holte ihn an das Institut für Sozialforschung (2010, S. 588). Die Rollenverteilung zwischen Horkheimer und Adorno bei Noelle-Neumanns Habilitationsprojekt bedarf noch weiterer Klärung. In Freiburg wiederum hatte von Friedeburg auch Soziologie studiert, und zwar bei Eduard Baumgarten, der nicht nur ein Neffe von Max Weber, sondern auch ein Experte für dessen Werk und Wirkung schon während des Nationalsozialismus war. Da er andererseits während des Dritten Reichs auch als talentierter Nachwuchs-Philosoph mit Spezialkenntnissen des amerikanischen Pragmatismus galt, war er Mitglied eines illustren Philosophen-Kreises, den Alfred Rosenberg, seines Zeichens Beauftragter des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP, einberufen hatte (Klingemann 1996, S. 179 – ​ 186). Eine gewisse Nähe des Projekts Gruppenstudie zu Personen mit fachwissenschaftlichen Wurzeln im Dritten Reich lässt sich also nicht übersehen. Dazu kommen noch andere Wurzeln. Der Rechtsanwalt und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Hellmut Becker wird als „juristischer und politischer Chefberater“ des Instituts Für Sozialforschung bezeichnet (Albrecht 1999b, S. 445). Er hatte sich darüber hinaus auch einen Namen als Bildungssoziologe gemacht und wurde später Gründer und Direktor des Max-Planck-Instituts Für Bildungsforschung in Berlin. Als er Anfang der 1950er Jahre Horkheimer kennenlernte, hatte er sich bereits andere Meriten erworben. Er war Verteidiger des Ex-Staatssekretärs im Auswärtigen Amt Ernst von Weizsäcker vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal und hatte sich überdies energisch dafür eingesetzt, dass die amerikanischen Todesurteile gegen die SS-Einsatzgruppenführer Otto Ohlendorf und Martin Sandberger nicht vollstreckt würden (Weinke 2009, S. 94). Im Fall Ohlendorfs allerdings vergeblich. Beckers Mitgliedschaft in der NSDAP ist allgemein wohl erst in jüngerer Zeit bekannt geworden. Er hatte beste Beziehungen zu den alten Eliten und konnte so Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft für die Präsentation der Gruppenstudie vermitteln (Albrecht 1999a, S. 162). Mit Prof. Dr. Rudolf Gunzert, vor wie nach 1945 Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Frankfurt, zählte ein Angehöriger der alten Eliten und Mitglied der NSDAP (seit 1933) sogar zur Leitung des Instituts (ab 1957), die er sich auch zu dem Zeitpunkt mit Adorno und von Friedeburg teilte, als diese das Institut durch die Polizei von Studenten räumen ließen (Demirović 1999, S. 348; Lauermann 2010, S. 62; Wiggershaus 1986, S. 702). Die Beteiligung von Sauermann und Wurzbacher zeigt, dass Soziologen, die schon vor 1945 empirisch gearbeitet hatten oder wie im Fall von Friedeburgs von ihnen ausgebildet worden waren, entscheidenden Anteil an dem Gelingen der Gruppenstudie hatten. Es stellt sich nun die Frage, wie die Methoden-Ausbildung

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in den ersten Nachkriegsjahren in Frankfurt neben der bereits erwähnten Tätigkeit von Diedrich Osmer für die Studierenden allgemein organisiert wurde. Dazu erteilt von Friedeburg eine sehr aufschlussreiche Antwort. Nachdem er in Freiburg über Die Umfrage als Instrument der Sozialwissenschaften promoviert hatte, bat man ihn in Frankfurt um den ersten Teil seiner Dissertation, der speziell Methodenfragen behandelt (von Friedeburg 1952). 1953 erschien die Dissertation, gekürzt um das Methoden-Kapitel, unter dem Titel Die Umfrage in der Intimsphäre auch im Buchhandel. Sie basiert auf einer Untersuchung, die das Institut für Demoskopie in Allensbach 1949 in Verbindung mit der Zeitung Wochenend durchgerührt hatte: „Nach diesem [Teil „A. Umfrage als Gruppen-Untersuchungsmethode“] wurde dann auch hier am Institut die Umfrageforschung gelehrt.“ (2010, S. 310) Nach seiner weiteren Tätigkeit in Allensbach wurde von Friedeburg mit Jahresbeginn Leiter der Abteilung für empirische Sozialforschung des Frankfurter Instituts und erhielt einen entsprechenden Lehrauftrag an der Universität (von Friedeburg 2010, S. 312), womit deutlich wird, dass die Frankfurter empirische Soziologie wesentlich auf den durch das Institut für Demoskopie germanisierten amerikanischen Methoden beruht. Diese Auffassung vertrat schon 1950 Oscar W. Riegel, der im Auftrag des amerikanischen Außenministeriums im Sommer 1950 westdeutsche Umfrageinstitute besuchte. In seinem Report on a Survey of Public Opinion Research and Training in West Germany, June – ​September 1950. 30. October 1950 heißt es über Noelle-Neumann: „She is, in a fairly complete sense, self-made, having developed whatever skill she possesses by trial and error and from books. This may be healthy for German public opinion research, in the long view, but it does not seem particularly favorable for an enlargement of American influence or example in the field of German polling.“ (Riegel 1950, S. 97) Zu den für die Methoden-Vermittlung in Frankfurt wichtigen Trägern von psychologischem und soziologischem Basiswissen zählen Eduard Baumgarten, Robert Heiss, Franz Wilhelm Jerusalem, Ernst Michel, Elisabeth Noelle-Neumann, Heinz Sauermann, Leopold von Wiese und Gerhard Wurzbacher, sodass man den Eindruck gewinnen könnte, das Institut Sozialforschung sei der bevorzugte Ort für ein Stelldichein in der NS-Zeit aktiver Sozialwissenschaftler beziehungsweise ihrer Schüler gewesen. Und der Eindruck trügt nicht, denn an den Tagungen im Institut zu Fragen der empirischen Forschung nahmen nicht nur Ludwig Neundörfer, Noelle-Neumann und Wurzbacher teil. Auch Carl Brinkmann, Direktor des während des Dritten Reichs in großem Umfang empirische (Auftrags-)Forschung betreibenden Instituts für Sozial- und Staatswissenschaft an der Universität Heidelberg, und Karl Valentin Müller, der neben seiner Professur an der Reichsuniversität Prag dort auch Abteilungsleiter an der Reinhard-Heydrich-Stiftung war, für die er historisch-empirische Studien zu Assimilationsprozessen im Reichspro-

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tektorat Böhmen und Mähren durchführte, und der bei Horkheimer den „Eindruck eines respektablen Empirikers“ hinterließ (Klingemann 2009, S. 274), gaben sich die Ehre.

8.3.3 Die Darmstadt-Studie, der Fachausschuss für Methodenfragen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und die Vertreter der ersten Nachkriegskohorte in der westdeutschen Soziologie Die Bereitschaft zum Konsens ging im Fall Adornos so weit, dass er gemeinsam mit dem Gießener Agrarwissenschaftler Max Rolfes Doktorarbeiten betreute, die im Rahmen der Darmstadt-Studie entstanden (Arnold 2010). Rolfes war einer der Mitautoren des Generalsiedlungsplanes, einer radikalisierten Fortführung des im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess als Beweismittel vorgelegten Generalplans Ost. Von Rolfes’ Mitautorenschaft kann Adorno aller Wahrscheinlichkeit nach nichts gewusst haben, aber die öffentlich zugänglichen Publikationen von Rolfes aus der NS-Zeit dokumentieren seinen Beitrag zur nationalsozialistischen Lebensraumplanung (Klingemann 2009, S. 21 f.) Sie zeigen allerdings auch, dass Rolfes die Expansionsplanung für eine durchgreifende Modernisierung der Landwirtschaft nutzen wollte. Damit war er prädestiniert, insbesondere die drei agrarsoziologischen Untersuchungen der Darmstadt-Studie zu betreuen. Die Initiative zu dieser Studie und deren fortlaufende Unterstützung verdanken sich dem außergewöhnlichen Engagement des amerikanischen Soziologen und damaligen Mitarbeiters der US-Besatzungsverwaltung Nels Anderson. Der erfolgreiche Abschluss der neun Teilprojekte lässt sich aber nicht auf die Übernahme amerikanischer Methoden reduzieren, wie Alexia Arnold (2010) überzeugend dokumentiert. Auch hier ist Amerikanisierung als Germanisierung amerikanischer Impulse zu verstehen. Weiterhin war die Darmstadt-Studie, die als „Reorientations-Projekt“ zur „Demokratisierung der entstehenden Bundesrepublik“ beitragen sollte (Arnold 2010, S. 44), sehr gut geeignet, politisch belastete Mitarbeiter durch deren Einbindung in ein wissenschaftlich anerkanntes Projekt zu rehabilitieren. Der erste Projektleiter, der Marburger Volkswirtschaftler Hans-Georg Schachtschabel, war schließlich „von November 1939 bis mindestens Juli 1943 ehrenamtlicher Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der SS in Halle“ (Arnold 2010, S. 134) gewesen, wiewohl er auch Schwierigkeiten mit NS-Behörden hatte (Arnold 2010, S. 133 f.). Die Mitarbeiterinnen Irma Kuhr, vor 1945 „Volkspflegerin“ und Geschäftsführerin des Instituts für Volksgesundheit in Marburg (Gerhardt 2007, S. 214), sowie Anneliese Mausolff, die beide durch Spruchkammerbescheid (Weihnachtsam­

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nestie beziehungsweise Jugendamnestie) entnazifiziert worden waren (Gerhardt 2007, S. 214), dürften durch ihre Beteiligung an diesem Projekt im Gegensatz zu vielen Deutschen schnell eine positive Einstellung gegenüber der Siegermacht gewonnen haben. Das wäre in der Tat ein Beispiel für einen „radikalen geistigen Neuanfang“. Solche „Neuanfänge“ fanden allerdings regelmäßig in Kooperation von ehemaligen Reichssoziologen und Nachwuchswissenschaftlern statt. Dabei kam es zu recht denkwürdigen Kombinationen. So hatte der ehemalige Assistent des Jenaer Soziologen Franz Wilhelm Jerusalem, Reinhard Höhn, die Angriffe auf die alte Leitung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zum Ende der Weimarer Republik maßgeblich organisiert und sich für die systemkonforme Ausrichtung des Jenaer Soziologentreffens im Januar 1934 sehr engagiert (van Dyk, und Schauer 2015). Bevor er Professor und Leiter des für den Reichsführer SS Heinrich Himmler in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums arbeitenden Instituts für Staatsforschung in Berlin wurde, hatte er mit der Lebensgebietberichterstattung im Sicherheitsdienst der SS ein spezielles Meinungsforschungsinstitut, Meldungen aus dem Reich, der besonderen Art gegründet. Noch im Dezember 1944 bereitete er im Auftrag des Chefs des Sicherheitsdienstes-Inland, Otto Ohlendorf, ein weiteres Soziologentreffen im Gäste­ haus des Sicherheitsdienstes am Großen Wannsee, Ort der Wannsee-Konferenz, vor. Dennoch fand er nach 1945 wieder Anschluss an die Soziologie. Und zwar über Gunther Ipsen und Karl Martin Bolte. Dieser war längere Zeit für Höhns Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Bad Harzburg tätig. Über Vorträge für Führungskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung „bekam ich Mitte der 50er Jahre Kontakt zur Deutschen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft e. V. (DVG), Hamburg. Deren Mitglieder hatten sich zum Ziel gesetzt, in der Wirtschaft der Bundesrepublik zeitgemäße Führungsstile bekannt zu machen sowie über die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen der Bundesrepublik und deren Entwicklung zu informieren, in deren Rahmen es zu führen galt. Man lud mich zu Vorträgen ein, die sich mit dem zweiten Teil dieses Anliegens befassten, und ich wurde als Referent dafür immer weitergereicht. So kam u. a. auch eine jahrelange Vortragstätigkeit im Rahmen der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft, Bad Harzburg, zustande, einer Gründung der DVG.“ (1998, S. 100) Geschäftsführendes Präsidialmitglied der DVG war zu dieser Zeit Reinhard Höhn. Vermittelt wurde diese Tätigkeit Boltes vermutlich über Gunther Ipsen, der an der Sozialforschungsstelle Dortmund die Projekte zur Automationsforschung leitete. In seinem Bericht über die Vorbereitung der Untersuchung zur „Umsetzung von Arbeitskräften und Berufswechsel unter der Automation im industriellen Großbetrieb“ hält Rainer Mackensen als Abteilungsassistent fest, dass für die

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Durchsicht der einschlägigen Literatur „Dr. Karl Martin Bolte aus Kiel, der sich als Forschungsgruppenleiter empirischer sozialwissenschaftlicher Untersuchungen unter Prof. Dr. G. Mackenroth bewährt hatte, auf die Dauer von zwei Monaten (Sept./Okt. 1956) in der Sozialforschungsstelle Dortmund beschäftigt“ worden sei (1957, S. 3). Im November des Jahres fand dann in der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft ein Seminar zum Thema „Die Automation in Westdeutschland“ statt. Neben Ipsen und Bolte vertraten von den 35 Teilnehmern auch Heinz Kluth und Stephanie Münke das Fach Soziologie, wie einer „Teilnehmerliste zum Seminar ‚Die Automatisierung in Westdeutschland‘“ im Archiv der Sozialforschungsstelle Dortmund aus dem November 1956 zu entnehmen ist. Boltes Hinwendung zur empirischen Soziologie fand also in unmittelbarer Nähe zu den Reichssoziologen Gerhard Mackenroth (Henßler und Schmid 2007) und Gunther Ipsen sowie dem dadurch rehabilitierten Reinhard Höhn statt. Bolte wurde zu einem der führenden Vertreter der (west-)deutschen Soziologie (Klingemann 2012). Die akademische Institutionalisierung der Empirischen Sozialforschung betrieben Elisabeth Noelle-Neumann und Elisabeth Pfeil, die sich schon in der NSZeit professionell mit empirischer Forschung befasst hatten, nicht nur als Professorinnen und im Fall Noelle-Neumanns auch über ihr Institut für Demoskopie in Allensbach, wie der oben erwähnte Karrierebeginn Ludwig von Friedeburgs belegt. Sie waren es, die in den 1950er Jahren als Mitglieder des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) den ersten Versuch unternahmen, die Empirische Sozialforschung auch verbandsorganisatorisch zu verankern. In einem Schreiben aus dem Jahr 1958 an Helmuth Plessner als Vorsitzenden der DGS sorgte sich René König über „einige beunruhigende Nachrichten betreffend die Gründung eines Fachausschusses betreffend empirische Soziologie durch Noelle-Neumann und Frau Pfeil im Rahmen der deutschen Gesellschaft für Soziologie“. Darauf antwortete Plessner: „Ihre Befürchtungen in Punkto Frau NoelleNeumann in Ehren, doch sehen Sie wahrscheinlich, wenn auch nicht zu braun, so doch zu schwarz. Die Sache ist aber für einen Mann wie Sie wirklich nicht schwer. Sie erinnern sich, dass Frau Noelle in Meinberg die Anregung zu diesem Ausschuss gab und in Göttingen die Anregung wiederholte. Darauf ist sie von uns allen ermuntert worden, die Sache ins Rollen zu bringen und zwar nicht zuletzt im Hinblick auf das Projekt von Frau Pfeil.“ (König und König 2000, S. 266) Dass die beiden ihre Aktivitäten in einem bekannten Netzwerk ehemaliger Reichssoziologen entfalteten, wird durch Plessners Sottise über das Braun-Sehen bestätigt. Dieses Netzwerk stellte den allgemeinen Rahmen dar, in dem die Fachsozialisation von Nachwuchssoziologen stattfand. Die USA-Aufenthalte einiger aus dieser Kohorte mögen deren geistigen Neuanfang beflügelt haben, die weit überwiegende Mehrheit musste sich mit der Omnipräsenz ehemaliger Reichsso­ ziologen arrangieren. Ein Neuanfang war dennoch möglich, wie der Karriere-

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beginn von M. Rainer Lepsius zeigt: „Neben der Assistententätigkeit beauftragte mich Friedrich Lütge, als Vorstandsmitglied eines außeruniversitären Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsrecht, eine Studie über die soziale Stellung des Meisters im Industriebetrieb durchzuführen. So führte mich ein Zufall zur Industrie- und Betriebssoziologie.“ (2008a, S. 93) Instituts- und Projekterfahrung hatte Lütge schon vor 1945 als Direktor des Instituts für Wohnungs- und Siedlungswesen an der Handelshochschule Leipzig gesammelt. Zum Beispiel erhielt er 1943 vom Reichsforschungsrat (Deutsche Forschungsgemeinschaft) einen mit 2000 Reichsmark sehr gut dotierten Forschungsauftrag zum Thema Rassische, volkswirtschaftliche und soziale Bedeutung des Eigenbesitzes für Arbeiter und Handwerker, wie es in Dokumenten zu Lütge im Bestand des ehemaligen Berlin Document Center im Bundesarchiv Berlin überliefert ist. Neben Lütge hatte es Lepsius – hier stellvertretend für die junge Generation der Nachwuchssoziologen genannt – während seiner Studien- und frühen Berufsjahre mit etlichen ehemaligen Reichssoziologen als Lehrern, Vorgesetzten und Kooperationspartnern zu tun (Klingemann 2009, S. 17 f.) Darüber hat er erst in jüngster Zeit ausführlich berichtet und erläutert, wie die Nachkriegsgeneration den geistigen Neubeginn gestaltet hat, ohne zu fragen, wie es um den alten Geist der zahlreichen nach wie vor aktiven Soziologieprofessoren steht. Auf die Frage von Martina Löw nach der Beziehung zu den Soziologen, „die schon während des Nationalsozialismus tätig waren“, verweist Lepsius auf die Kenntnis der Bedingungen des Überlebens im Nationalsozialismus („opportunistische Konformitätsbereitschaft“, „wenigstens symbolischer Gesinnungsnachweis“) seitens der Jüngeren. „Insofern standen alle älteren Professoren unter einem latenten Verdacht, der nur durch ihr gegenwärtiges Verhalten aufgehoben wurde.“ (2008b, S. 33) Die beiden Alterskohorten waren sich demnach einig: „Bekenntnisse oder Rechtfertigungen des Verhaltens und der Gesinnung in der Nazizeit gab es nicht und wurden auch nicht verlangt.“ (2008b, S. 33) Als Erklärung für das Stillhalten der Nachwuchssoziologen führt Lepsius bezeichnenderweise an: „Die jüngeren Soziologen kannten die Ambivalenzen, in denen sich die Älteren bewegt hatten, es fehlte ihnen aber jener moralische Rigorismus, der erst 20 Jahre später aufbrach.“ (2008b, S. 34) Dieses Fehlen stellt offensichtlich kein Defizit dar. Es könnte sein, dass die Jüngeren wie Lepsius (Jahrgang 1928) noch die charismatisch legitimierte Oppression von Lehrern oder die durch „schneidige Reden“ aufgeladene Außeralltäglichkeit der Rekrutierung Gleichaltriger für die Waffen-SS selbst erlebt hatten (2008b, S. 28 – ​31), sodass sie die älteren Professoren nicht als Sympathisanten geschweige denn als Mittäter, sondern als Opfer wahrnahmen, Denn: „Wäre nicht der 20. Juli gewesen, das deutsche Volk hätte sich ohne Zeichen des Widerstandes dem Willen des charismatischen Führers bis zu seinem eigenen Untergang gebeugt.“ (Lepsius

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1993, S. 117) Hier zeigen sich die Grenzen des Charisma-Modells, das Maurizio Bach und andere in immerwährender Aufblähung dieses Aufsatzes von Lepsius zum allein gültigen Ansatz der Analyse des Nationalsozialismus erklären.

8.4 Nationalsozialismus: Ein Projekt der Moderne und seine moderne Soziologie Das Charisma-Modell verhindert einen tiefer gehenden soziologischen Blick, da es den Nationalsozialismus auf eine raffinierte Herrschaftstechnik reduziert, wodurch zum Beispiel der Holocaust einer soziologischen Bearbeitung entzogen wird (Becker 2013). Neben M. Rainer Lepsius hat sich noch ein anderer westdeutscher Soziologe aus dessen Alterskohorte um eine soziologische Analyse des Nationalsozialismus verdient gemacht. Das ist Ralf Dahrendorf, der – allerdings nicht allein, aber schon sehr früh (Bauman 1992; Prinz und Zitelmann 1991; Schoenbaum 1980) – den Nationalsozialismus als Projekt der Moderne behandelte: „Der Nationalsozialismus hat für Deutschland die in den Verwerfungen des kaiserlichen Deutschland verlorengegangene, durch die Wirrnisse der Weimarer Republik aufgehaltene soziale Revolution vollzogen.“ (Dahrendorf 1965a, S. 432) Ebenfalls sehr früh, 1965, hat er sich zum Thema Soziologie und Nationalsozialismus geäußert, wobei er exakt Michaela Christs Anliegen formulierte: „Die Soziologie muß, um mit der bitteren Erfahrung des Nationalsozialismus fertigzuwerden, dies in einem doppelten Sinne tun; wissenschaftshistorisch, aber auch wissenschaftlich. Nicht nur sie selbst, sondern auch der Nationalsozialismus als historische Möglichkeit ist ihr Thema.“ (Dahrendorf 1965b, S. 121) 1988 formulierte dann Zygmunt Bauman seine Kritik am Versagen der Soziologie: „Sociologists have so far failed to explore in full the consequences of the Holocaust for the extant model of modern civilization and the logic of the civilizing process.“ (Bauman 1988, S. 469) Damit wird die Möglichkeit einer völlig anderen Bestimmung des Grundprinzips der Funktionsweise des Nationalsozialismus eröffnet. Es gebe keinen Zweifel daran, „that the Nazi-perpetrated genocide was a legitimate outcome of rational bureaucratic culture“ (Bauman 1988, S. 469). Nur wenige Jahre später fasst Harald Welzer diesen Ansatz programmatisch mit folgenden Worten; „Man beginnt, Labels wie ‚Zivilisationsbruch‘ oder ‚Rückfall in die Barbarei‘ mit Vorsicht zu betrachten und die scheinbar so rückfällige, atavistische, barbarische Gesellschaft des Faschismus zurückzuordnen in eine Geschichte der Moderne, die nach vollendeter Rationalität, Effizienz und Funktionalität strebt. In diese Moderne gehört die nationalsozialistische Gesellschaft als eine, die, mit Klaus Dörner, nur noch auf Rationalität gestellt sein soll, alles andere als Ballast abschüttelt und damit auch Träume der Aufklärung verwirklicht.“ (Welzer 1993 S. 8)

Literatur 173

Wenn man diese Forschungsstrategie umsetzen will, ist es unerlässlich, auch die Rolle der Wissenschaften im Dritten Reichs entsprechend zu bestimmen. Das gilt in besonderem Maße für die Soziologie, die zwar auch Volkwerdungsmystik verbreitete und sich an der Glorifizierung des Führer-Charismas beteiligte, andererseits aber sozialwissenschaftliches Expertenwissen für die Planungspraxis des NS-Staates, insbesondere im Rahmen empirischer Groß-Forschungsprojekte, bereitstellte, wie es sie bis dahin in der deutschen Soziologie nicht gegeben hatte. Indem sie sich selbst modernisierte, war sie beteiligt am Prozess der Modernisierung der NS-Gesellschaft und der dazu benötigten administrativ-politischen Instrumente, zu denen die Einrichtung völlig neuer Kooperationsformen von Wissenschaft und Politik, gerade auch im Bereich der Sozialwissenschaften, zählt. So kam es zu einer qualitativ neuen „rekursiven Kopplung“ (Weingart 2001, S. 139 – ​159), also zu einer forcierten Politisierung der Wissenschaft und einer Verwissenschaftlichung der Politik, wie es sich exemplarisch zeigt in der 1935 gleichzeitig erfolgenden Gründung der staatlichen Reichsstelle für Raumordnung und der universitären Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung, die die Projekte von 51 Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung koordinierte (Gutberger 1996; Mai 2002). Im Kapitel Leibniz-Forschung und die Preußische Akademie der Wissenschaften im Kontext der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik. – Ein wissenschaftssoziologisches Modell wird das Konzept der rekursiven Kopplung vergleichend mit zwei anderen Modellen zur Beschreibung des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik verortet. Es handelt sich dabei einmal um das Prinzip der Interdependenz von außeruniversitärer Professionalisierung und akademischer Institutionalisierung und zum zweiten um jene Wechselbeziehung, wonach Wissenschaft und Politik Ressourcen für einander sind.

8.5 Literatur Adamski, Jens. 2009. Ärzte des sozialen Lebens. Die Sozialforschungsstelle Dortmund 1946 – ​1969. Essen. Albrecht, Clemens. 1999a. Vom Konsens der 50er zur Lagerbildung der 60er Jahre. Horkheimers Institutspolitik. In Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Hrsg. Clemens Albrecht, Günter C. Behrmann, Michael Bock, Harald Homann, und Friedrich H. Tenbruck. 132 – ​168. Frankfurt am Main – New York. Albrecht, Clemens.1999b. Im Schatten des Nationalismus. Die politische Pädagogik der Frankfurter Schule. In Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Hrsg. Clemens Albrecht, Günter C. Behrmann, Michael Bock, Harald Homann, und Friedrich H. Tenbruck, 387 – ​ 447. Frankfurt am Main – New York.

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Der Mythos der Amerikanisierung der westdeutschen Soziologie durch den Import der Empirischen Sozialforschung: Das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und der Beitrag ehemaliger Reichssoziologen zu dessen empirischer Soziologie 9.1 Empirische Sozialforschung als „amerikanischer Import“ und das Soziographische Institut an der Universität Frankfurt am Main vor und nach 1945 Wenn von einer Amerikanisierung der westdeutschen Nachkriegssoziologie die Rede ist, wird damit üblicherweise erstens unterstellt, dass während des Dritten Reichs überhaupt keine Soziologie existiert habe. Zweitens bedeute Amerikanisierung gleichzeitig eine Modernisierung der deutschen Soziologie durch die Übernahme der in den USA entwickelten Methoden. Dies sei drittens dem Engagement der aus dem Exil zurückgekehrten Fachvertreter und amerikanischen Beratern zu verdanken. Als Beleg für die Aktualität und Argumentationsstrategie dieser Position seien drei knappe Statements von Uta Gerhardt aus jüngerer Zeit, darunter aus ihrem Abstract auf der DGS-Homepage zur Forumsveranstaltung Soziologische Zeit-Spiegelungen – Die Frankfurter Soziologentage in Retrospektive, zitiert. So heißt es 2009: „Für die empirische Sozialforschung war der Wissenschaftstransfer aus den USA ein Neuanfang.“ (2009, S. 334) Während hier also allgemein ein Zusammenhang zwischen Neuanfang und empirischer Sozialforschung hergestellt wird, lautet es im Abstract konkretisierend: „Erst die Rückkehr der Emigranten setzte den eigentlichen Neuanfang etwa zur Zeit der Gründung der Bundesrepublik.“ (2010, S. 152) Hier wird der Neuanfang kausal mit der Remigration in Beziehung gesetzt – erstaunlicherweise zu einem Zeitpunkt, als von den Remigranten bestenfalls Max Horkheimer und René König bereits ihre Professoren-Stellen erhalten haben konnten. In Gerhardts zitiertem Aufsatz aus dem Jahr 2009 wird schließlich der Neuanfang inhaltlich bestimmt: „Als ‚amerikanischer Import‘ wurde die Sozialforschung ein Ausgangspunkt für die Wiederkehr der wirklichkeitsadäquaten Gesellschaftsanalyse.“ (2009, S. 355) Hiermit wird behauptet, dass © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_9

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der nationalsozialistische Staat kein Interesse an realistischen Informationen über die Sozialverhältnisse in seinem Herrschaftsbereich gehabt habe. Dass das Gegenteil richtig ist, belegt die Gründung des Soziographischen Instituts an der Universität Frankfurt am Main durch Ludwig Neundörfer während des Dritten Reichs (Klingemann 1996; Mai 2002; Ziemann 2003). Neundörfer hatte als Stadt- und Landesplaner gearbeitet, als er zu Beginn des Jahres 1940 vom Reichsnährstand und der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung beauftragt wurde, in Zusammenarbeit mit den Planungsbehörden die „Lebensgrundlagen des deutschen Landvolks“ reichsweit mithilfe der von ihm entwickelten soziographischen Methode zu untersuchen. Um die mit diesem empirischen Erhebungs- und kartographischen Darstellungsverfahren von den drei Arbeitsstellen in Frankfurt, Berlin und Wien gewonnenen enormen Datenmengen auswerten und für die Planung anwendbar machen zu können, wurde im Frühjahr 1943 das Soziographische Institut an der Universität Frankfurt gegründet, an der Neundörfer auch einen Lehrauftrag erhielt. Das Soziographische Institut arbeitete für und unter der besonderen Protektion des Reichsführers SS Heinrich Himmler in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, der Planungsunterlagen für das ‚Altreich‘, die ‚neuen deutschen Ostgebiete‘, aber auch für das okkupierte Elsaß-Lothringen benötigte. Als sich die deutsche militärische Niederlage abzuzeichnen begann, finanzierte Himmler auch die Flüchtlingsforschung des Instituts, das schon vor der Kapitulation auch von der amerikanischen Militärregierung dafür bezahlt wurde, aus seinem reichen Fundus Unterlagen für die Unterbringung von Flüchtlingen in Hessen (und bald in ganz Westdeutschland) bereit zu stellen. Das Soziographische Institut arbeitete also gleichzeitig mit Himmlers Geldern und denen der Amerikaner. Neundörfer wurde einer der führenden Protagonisten der sich etablierenden politisch relevanten Flüchtlingssoziologie, die für mindestens 15 Jahre von mehr als einem Dutzend ehemaliger Reichssoziologen als Spezialdisziplin getragen wurde (Klingemann 2009, S. 287 – ​320). Später war er einer der führenden Politikberater der jungen Bundesrepublik, die er selbst auf internationaler Ebene vertrat. Aber auch im wissenschaftlichen Kontext wurde seine Soziographie wahrgenommen. Auf der häufig als besonders wichtig dargestellten Tagung über Empirische Sozialforschung in Weinheim 1951 präsentierte er sein soziographisches Erhebungsverfahren vor internationalem Publikum. Kein Geringerer als Theodor W. Adorno lobte den damit zu erzielenden „ungeheuren Gewinn an Konkretion“ (Klingemann 1996, S. 100). Da die Ehepaare Neundörfer und Horkheimer eng befreundet waren, kann Neundörfer als perfekt rehabilitiert gelten, obwohl seine subtile empirische Sozialforschung im Dienst Himmlers als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums gestanden hatte.

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9.2 Nachkriegssoziologie in Frankfurt am Main und deutsche empirische Sozialforschung Das ist einer der Hintergründe, vor dem die Fragen beantwortet werden sollen, welche Akteurskonstellationen den Neuaufbau der Soziologie in den drei Westzonen beziehungsweise Westdeutschlands und West-Berlins getragen haben, und inwieweit das treibende Moment dabei wirklich die so genannte Amerikanisierung war. Der erste Versuch, die Frankfurter Soziologie zu amerikanisieren, schlug jedenfalls fehl. Im Frühjahr 1948 kam der prominente Vertreter der Chicagoer Schule, Everett C. Hughes, im Rahmen eines Professoren-Austauschprogramms zwischen Chicago und Frankfurt in diese Stadt. Seinem Verständnis von Soziologie entsprach es, dass die Studierenden ins Feld gehen. Deswegen war er wohl auch von Neundörfers empirischer Stadtforschung beeindruckt (Fleck 2007, S. 453). Hughes konnte die Studierenden aber nicht zu eigener Feldforschung bewegen (Fleck 2007, S. 453). Jedoch gab er nicht auf und kam 1952 und 1958 wieder zurück. Allerdings gelang es ihm auch dabei nicht, seine Vorstellung von Soziologie zu übermitteln, wie es in einer Gesamtbeurteilung seines Engagements heißt: „Weder reicht die Zeit, noch hat er die Freiheit – trotz und wegen der mangelnden Institutionalisierung des Fachs –, geschweige denn die Unterstützung von Kollegen oder deren Anerkennung, um eigenständige Forschungsvorhaben zu verwirklichen bzw. die Studierenden systematisch ins Feld zu schicken; letztlich resigniert er und empfiehlt das Ende des Programms, setzt sich aber gleichzeitig für die Etablierung der empirischen Sozialforschung außerhalb des Bannkreises der Universität ein.“ (Raith 1999, S. 145) Damit war das Engagement von Hughes an sein Ende gelangt. Es kommt hinzu, dass schon seit dem Sommer 1946 Sauermann, Neundörfer sowie Ernst Michel und Franz Wilhelm Jerusalem soziologische Seminare angeboten haben (v. Friedeburg 1996, S. 15). Der Rechtsoziologe Jerusalem hatte während des Dritten Reichs an der Universität Jena durchgängig soziologische Lehrveranstaltungen abgehalten (Klingemann 2009, S. 123 – ​132). Zu Beginn der NS-Herrschaft hatte er aktiv dazu beigetragen, dass die alte DGS-Leitung, repräsentiert durch den Präsidenten Ferdinand Tönnies und den Schriftführer Leopold von Wiese, abgesetzt wurde (Klingemann 1996, S. 11 – ​51; van Dyk, und Schauer 2015; Schnitzler 2018). Wenngleich Jerusalem sich während der NS-Zeit nicht als Anhänger des Regimes besonders profiliert hatte, nahm ihm von Wiese seinen Amtsverlust und die damit vereitelte Chance, die DGS nach 1933 weiterzuführen, übel. Mithilfe des mit ihm seit langem befreundeten amerikanischen Soziologen Howard Becker, der auch von Wieses Hauptwerk ins Englische übersetzt hatte und derzeitiger amerikanischer Hochschuloffizier für Hessen war, sorgte von Wiese

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dafür, dass Jerusalem keine feste Anstellung an der Universität Frankfurt bekam (Hammerstein 1989, S. 769 ff.). Leopold von Wiese hingegen, der seine Strategie der Selbstgleichschaltung der DGS erfolglos betrieben hatte und während des Dritten Reichs ein Jahr lang in Paris die erbeuteten Akten des französischen Außenministeriums auswertete, lehrte viele Jahre am Institut für Sozialforschung (IfS). Ernst Michel war bis 1933 Leiter der Akademie der Arbeit in Frankfurt und Honorarprofessor für Betriebssoziologie und -psychologie an der Universität. Er machte in der NS-Zeit eine Ausbildung an dem von Mathias Göring, einem Neffen von Hermann Göring, geleiteten Institut für Tiefenpsychologie und Psychotherapie in Berlin und arbeitete danach als Psychotherapeut. Von 1946 bis 1957 lehrte er wiederum an der Universität Frankfurt Betriebssoziologie und -psychologie (Rasch 1980, S. 286). Bevor das IfS 1950 nach Frankfurt zurückkehrte, wurde dort also schon Soziologie gelehrt, wobei die Veranstaltungen von Neundörfer über den Wiederaufbau durchaus empirisch ausgerichtet gewesen sein dürften. Wiewohl bereits vor 1945 an der Universität empirische Soziologie betrieben wurde, gilt nach wie vor, dass erst mit der Neueröffnung des IfS die Empirische Sozialforschung Einzug hielt. René König, der als deren wichtigster Förderer in Westdeutschland gilt, erklärte anlässlich der Eröffnungsfeier des Instituts: „Die Wiedererrichtung des Instituts für Sozialforschung in Deutschland bedeutet also einmal die Garantie für eine vollkommene sachgetreue Vermittlung der amerikanischen Sozialforschungsmethoden […].“ (zit. n. Albrecht 1999a, S. 157). Indem König diese Redeweise Ende 1951 öffentlichkeitswirksam über Die Neue Zeitung verkündet, findet der Mythos von der Amerikanisierung der deutschen Soziologie durch die Einführung der Empirischen Sozialforschung seine frühe Beglau­ bigung. Zu diesem Zeitpunkt war das Institut bereits seit einem Jahr mit der legendären Gruppenstudie, auch Gruppenexperiment genannt, befasst. Mit diesem Projekt sollten Ideologie und Mentalität der besiegten Deutschen wie auch sozialpsychologische Determinanten etwa zu Fragen der militärischen Niederlage, des Genozids an den europäischen Juden, zu individueller oder kollektiver Schuld, zu völkerpsychologischen Stereotypen, Nationalismus, Kapitalismus, Demokratie und Westorientierung ermittelt werden. Es stellt sich die Frage: Welche Rolle spielten dabei die amerikanischen Methoden ? Die wichtigste Voraussetzung für die erfolgreiche Durchführung einer Gruppendiskussion ist die Bestimmung eines geeigneten Grundreizes. Die Idee, für das Projekt des IfS einen fiktiven Brief eines Besatzungsoffiziers zu wählen, stammt von Gerhard Wurzbacher (Demirovic 1999, S. 361), der im Dritten Reich empirische Forschungserfahrungen bei der Durchführung seiner Studie Die Entwicklung der Sozialstruktur des Kreises Flatow von 1773 bis 1937 und die Auswirkun-

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gen auf die völkische Zusammensetzung der Bevölkerung gesammelt hatte, mit der er 1939 an der Berliner Universität promoviert worden war. René König war begeistert und nannte den fiktiven Brief „ein kleines Meisterwerk“ (Demirovic 1999, S. 361). Eine weitere wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Durchführung einer Gruppendiskussion ist, dass Gruppen gebildet werden, deren Mitglieder sich auch im realen Leben zusammenfinden könnten. Es war der bereits erwähnte Heinz Sauermann, der im Dritten Reich ebenfalls Erfahrungen mit empirischen Erhebungen gesammelt hatte, der erfolgreich darauf drang, „natürliche Gruppen“ auszuwählen (Demirovic 1999, S. 359). Nachdem das Datenmaterial der Gruppenstudie vorlag, musste dessen Auswertung organisiert werden. Nach Aussage von Ludwig von Friedeburg, der an der Auswertung teilgenommen hatte und später Geschäftsführender Direktor des Instituts wurde, war es so, „dass es unter 6 – ​7 Studierenden nur einen einzigen gab, der schon ein Examen gemacht hatte. Der Leiter der Gruppe hatte ein erstes juristisches Staatsexamen absolviert. Wir saßen um einen Tisch herum und versuchten, Exemplare der Gruppeninterviews zu analysieren.“ Dieser Leiter war Diedrich Osmer, den von Friedeburg als „den für die empirische Arbeit im Institut zuständigen Mann“ bezeichnet, und der nebenbei eine Stellung „im Klaviergeschäft Kaiser in der Goethestraße“ innehatte (2010, S. 309). Diese empirische Arbeit konnte Osmer organisieren, weil er von der Leiterin des Instituts für Demoskopie in Allensbach, Elisabeth Noelle-Neumann, die Verfahren der Meinungsforschung vermittelt bekommen hatte. Im Kapitel Die Verweigerung der Analyse des Nationalsozialismus in der westdeutschen Soziologie: Zur Kontinuität empirischer Soziologie vor und nach dem Ende des NS-Regimes werden die Beziehungen zwischen dem IfS mit Osmer sowie Ludwig von Friedeburg und dem Institut für Demoskopie mit Elisabeth Noelle-Neumann ausführlicher behandelt. Ralf Dahrendorf, dem Horkheimer angeboten hatte, sein Assistent zu werden, berichtet, dass er am 1. Juli 1954 von Adorno im Institut empfangen und gebeten wurde, die Gruppenstudie auszuwerten. „Bislang sei damit einer beauftragt worden, der sich als ‚stupider Marktforschungstyp‘ erweise. Ich solle mir doch das Material einmal ansehen; denn er, Adorno, hoffe, dass ich mehr daraus machen würde als der Marktforscher, der dann entlassen werden könne.“ Diese Aufgabe missfiel Dahrendorf: „Ich ging damals zu dem ‚stupiden Marktforscher‘ und berichtete ihm, dass er hier wohl keine Zukunft hätte, dass ich aber aller Wahrscheinlichkeit nach vor ihm gehen würde.“ (2004, S. 170) Und so kam es, Dahrendorf kündigte noch vor Ablauf seines ersten Frankfurter Monats. Dahrendorfs Kündigung ist wohl unstrittig, nur wer denn dieser stupide Marktforscher gewesen sein mag, ist nach wie vor ungeklärt. Zu den Mitarbeitern an der Gruppenstudie zählte auch Gerhard Schmidtchen, der nach seiner Tätigkeit am IfS ein enger Mitarbeiter von Elisabeth Noelle-Neumann am Institut für Demoskopie (IfD) wurde. Er schrieb

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den fachwissenschaftlichen Bestseller Die befragte Nation (1959) und wurde später Professor für Sozialpsychologie und Soziologie an der Universität Zürich. Im Kapitel Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz, das Gesellschaftsganze mit dem Instrument der Demoskopie zu erfassen – unter besonderer Berücksichtigung ihrer Kooperation mit Gerhard Schmidtchen wird dessen Konzept der Umfrageforschung ausführlicher behandelt. Allerdings verfügte auch Ludwig von Friedeburg über einschlägiges Wissen. Er studierte nach seiner Tätigkeit als jüngster U-Boot-Kommandant des Dritten Reichs und als Nachkriegsminenräumer Psychologie in Freiburg im Breisgau und arbeitete bei Robert Heiss, der 1938 einen Lehrauftrag für Psychologie und Charakterkunde sowie die Leitung des Instituts für experimentelle Psychologie an der Universität Köln wahrgenommen und von 1939 bis 1942 als Heeres- und Luftwaffenpsychologe gearbeitet hatte, bis er 1943 zum Professor für Philosophie und Psychologie in Freiburg ernannt wurde (Geuter 1984, S. 570). Im Rahmen seines Psychologie-Studiums machte von Friedeburg „mein erstes Praktikum“ am IfD in Allensbach (v. Friedeburg 2010, S. 308), das bekanntlich von Elisabeth NoelleNeumann geleitet wurde, die sich schon während der NS-Zeit mit der amerikanischen Meinungsforschung gründlich befasst hatte (Noelle 1940). In Freiburg wiederum hatte von Friedeburg auch Soziologie studiert und zwar bei Eduard Baumgarten, der nicht nur ein Neffe von Max Weber, sondern auch ein Experte für dessen Werk und Wirkung schon während des Nationalsozialismus war. Da er andererseits während des Dritten Reichs auch als talentierter Nachwuchs-Philosoph mit Spezial-Kenntnissen des amerikanischen Pragmatismus galt, war er Mitglied eines illustren Philosophen-Kreises, den Alfred Rosenberg, Der Beauftragte des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP, einberufen hatte (Klingemann 1996, S. 179 – ​186). Eine gewisse Nähe des Projekts Gruppenstudie zu Personen mit fachwissenschaftlichen Wurzeln im Dritten Reich lässt sich also nicht übersehen. Dazu kommen noch andere Wurzeln. Der Rechtsanwalt und Vorstandsmitglied der DGS Hellmut Becker wird als „juristischer und politischer Chefberater“ des IfS bezeichnet (Albrecht 1999b, S. 445). Er hatte sich darüber hinaus auch einen Namen als Bildungssoziologe gemacht und wurde später Gründer und Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Als er Anfang der fünfziger Jahre Horkheimer kennen lernte, hatte er sich bereits andere Meriten erworben. Er war Verteidiger des Ex-Staatssekretärs im Auswärtigen Amt Ernst von Weizsäcker vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal und hatte sich überdies energisch dafür eingesetzt, dass die amerikanischen Todesurteile gegen die SSEinsatzgruppenführer Otto Ohlendorf und Martin Sandberger nicht vollstreckt würden (Weinke 2009, S. 94) – im Fall Ohlendorfs allerdings vergeblich. Beckers Mitgliedschaft in der NSDAP ist allgemein wohl erst in jüngerer Zeit bekannt ge-

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worden. Er hatte beste Beziehungen zu den alten Eliten und konnte so Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft für die Vorstellung der Gruppenstudie vermitteln (Albrecht 1999a, S. 162). Mit Prof. Dr. Rudolf Gunzert, vor wie nach 1945 Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Frankfurt, zählte ein Angehöriger der alten Eliten und Mitglied der NSDAP (seit 1933) sogar zur Leitung des Instituts (ab 1957), die er sich auch zu dem Zeitpunkt mit Adorno und von Friedeburg teilte, als diese das Institut durch die Polizei von Studenten räumen ließen (Demirovic 1999, S. 348; Lauermann 2010, S. 62; Wiggershaus 1986, S. 702). Die Beteiligung von Sauermann und Wurzbacher zeigt, dass Soziologen, die schon vor 1945 empirisch gearbeitet hatten, oder wie im Fall von Friedeburgs von ihnen ausgebildet worden waren, entscheidenden Anteil an dem Gelingen der Gruppenstudie hatten. Es stellt sich nun die Frage, wie die Methoden-Ausbildung in den ersten Nachkriegsjahren in Frankfurt neben der bereits erwähnten Tätigkeit von Diedrich Osmer für die Studierenden allgemein organisiert wurde. Dazu erteilt von Friedeburg eine sehr aufschlussreiche Antwort. Nachdem er in Freiburg 1952 über Die Umfrage als Instrument der Sozialwissenschaften. Zur Methode und Verwendung der Umfrage unter besonderer Berücksichtigung der Umfrage in der Intimsphäre promoviert hatte (1952), die 1953 gekürzt unter dem Titel Die Umfrage in der Intimsphäre auch im Buchhandel erschien, bat man ihn in Frankfurt um den ersten Teil seiner Dissertation, der speziell Methodenfragen behandelt und auf einer Untersuchung basiert, die das IfD 1949 in Verbindung mit der Zeitung Wochenend durchgeführt hatte: „Nach diesem [Teil A. Umfrage als Gruppen-Untersuchungsmethode] wurde dann auch hier am Institut die Umfrageforschung gelehrt.“ (2010, S. 310) Nach seiner weiteren Tätigkeit in Allensbach wurde von Friedeburg mit Jahresbeginn 1955 Leiter der Abteilung für empirische Sozialforschung des Frankfurter Instituts und erhielt einen entsprechenden Lehrauftrag an der Universität (2010, S. 312), womit deutlich wird, dass die Frankfurter empirische Soziologie wesentlich auf den durch das Institut für Demoskopie germanisierten amerikanischen Methoden beruht. Zu den für die Methoden-Vermittlung in Frankfurt wichtigen Trägern von psychologischem und soziologischem Basiswissen zählen Eduard Baumgarten, Robert Heiss, Franz Wilhelm Jerusalem, Ernst Michel, Elisabeth Noelle-Neumann, Heinz Sauermann, Leopold von Wiese und Gerhard Wurzbacher, so dass man den Eindruck gewinnen könnte, das IfS sei der bevorzugte Ort für ein Stelldichein von in der NS-Zeit aktiven Sozialwissenschaftlern beziehungsweise ihrer Schüler. Und der Eindruck trügt nicht, denn an den Tagungen im Institut zu Fragen der Empirischen Sozialforschung nahmen nicht nur Neundörfer, NoelleNeumann und Wurzbacher teil, auch Carl Brinkmann und Karl Valentin Müller gaben sich die Ehre. Brinkmann war während des Dritten Reichs Direktor des Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg und

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akquirierte beachtliche Summen an Drittmitteln, sodass dort in dieser Zeit über dreißig Nachwuchskräfte als Assistenten, Projektmitarbeiter und Doktoranden beschäftigt werden konnten. Ein später sehr bekannter Assistent Brinkmanns war der Bundeswirtschaftsminister Professor Karl Schiller. Die empirischen Auftragsarbeiten am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften lieferten Planungsvorlagen für verschiedene NS-Institutionen, die ihrerseits wiederum ehemalige Mitarbeiter des Instituts einstellten (Klingemann 1996, S. 120 – ​158). Karl Valentin Müller war Mitarbeiter einer besonders prominenten wissenschaftlichen Einrichtung des NS-Regimes, die den Namen Reinhard-HeydrichStiftung trug (Wiedemann 2000). Müller hatte sich in der NS-Zeit für Soziologie habilitiert und in den vierziger Jahren einen Lehrstuhl für Sozialanthropologie an der Universität Prag im so genannten Reichsprotektorat Böhmen und Mähren inne. Als Abteilungsleiter in der Reinhard-Heydrich-Stiftung, die diesen Namen erhielt, nachdem der Reichsprotektor Heydrich an den Folgen eines Attentats verstorben war, hatte der gebürtige Böhme Müller die Aufgabe übernommen, empirische Daten zu gewinnen, die es ermöglichen würden, die tschechische Bevölkerung als anthropologisch weitgehend gleichwertig mit der deutschen anzuerkennen. Man kann ihn folglich als Assimilationssoziologen bezeichnen, wobei er die als erbbiologisch und leistungsmäßig minderwertig geltenden Deutschen und Tschechen einer gemeinsamen Unterschichtkategorie zuordnete, aber keine Maßnahmen für nötig hielt, diese an Eheschließung und Nachwuchszeugung zu hindern (Klingemann 2009, S. 92 – ​98). 1946 gründete er „auf Veranlassung von Minister Dr. h. c. Adolf Grimme ein Institut für Begabtenforschung am Niedersächsischen Kultusministerium, das empirische Grundlagen für die Neugestaltung des Schulwesens unter besonderer Berücksichtigung der Begabtenförderung erarbeiten sollte.“ (zit. n. Klingemann 1996, S. 315) Müllers Anliegen war es nun, empirisch exakt die so genannte Begabungsreserve der Jugend zu ermitteln und – in Analogie zur geschilderten Selektion der anthropologisch und leistungsmäßig Minderwertigen im Reichsprotektorat – die Unbegabten auszusortieren. Das Institut wurde bald in Institut für empirische Soziologie umbenannt und erhielt eine eigenständige Rechtsform. Bereits 1950, unmittelbar nach der Rückkehr des IfS, bestand die Absicht, mit Müller ein gemeinsames Forschungsprojekt durchzuführen. Knapp zwei Jahre später befürwortete Horkheimer gegenüber dem Niedersächsischen Kultusministerium dessen Förderung und erklärte, Müller vermittele den „Eindruck eines respektablen Empirikers“ (Demirovic 1999, S. 387). Alex Demirovic hat schon 1988 vor dem Hintergrund des „kommunikativen Beschweigens“ (Hermann Lübbe) der NS-Vergangenheit festgestellt, es gebe einen „Konsens, der verblüffenderweise sogar Emigranten und ehemalige Vertreter einer NS-nahen Soziologie verbindet.“ (1988, S. 71)

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Die Bereitschaft zum Konsens ging im Fall Adornos sehr weit, als er gemeinsam mit dem Gießener Agrarwissenschaftler Max Rolfes Doktorarbeiten betreute, die im Rahmen der Darmstadt-Studie entstanden. Rolfes war einer der Mitautoren des Generalsiedlungsplanes, einer radikalisierten Fortführung des im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess als Beweismittel vorgelegten Generalplans Ost. Von Rolfes Mitautorenschaft kann Adorno aller Wahrscheinlichkeit nach nichts gewusst haben, aber die öffentlich zugänglichen Publikationen von Rolfes aus der NS-Zeit dokumentieren seinen Beitrag zur nationalsozialistischen Lebensraumplanung (Klingemann 2009, S. 21 f.). Sie zeigen allerdings auch, dass Rolfes die Expansionsplanung für eine durchgreifende Modernisierung der Landwirtschaft nutzen wollte. Damit war er prädestiniert, insbesondere die drei agrarsoziologischen Untersuchungen der Darmstadt-Studie zu betreuen. Die Initiative zu dieser Studie und deren fortlaufende Unterstützung verdanken sich dem außergewöhnlichen Engagement des amerikanischen Soziologen und damaligen Mitarbeiters der US-Besatzungsverwaltung Nels Anderson. Der erfolgreiche Abschluss der neun Teilprojekte lässt sich aber nicht auf die Übernahme amerikanischer Methoden reduzieren, wie Alexia Arnold (2010) überzeugend dokumentiert. Auch hier ist Amerikanisierung als Germanisierung amerikanischer Impulse zu verstehen. Weiterhin war die Darmstadt-Studie sehr gut geeignet, politisch belastete Mitarbeiter zu rehabilitieren. Der erste Projektleiter, der Marburger Volkswirtschaftler Hans-Georg Schachtschabel, war schließlich auch ‚ehrenamtlicher‘ Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der SS gewesen, wiewohl er auch Schwierigkeiten mit NSBehörden hatte (2010, S. 133 f.). Die Mitarbeiterinnen Irma Kuhr, vor 1945 „Volkspflegerin“ und Geschäftsführerin des „Instituts für Volksgesundheit“ in Marburg, sowie Anneliese Mausolff, die beide durch Spruchkammerbescheid („Weihnachtsamnestie“ beziehungsweise „Jugendamnestie“) entnazifiziert wurden (Gerhardt 2007, S. 214), dürften durch ihre Beteiligung an diesem Projekt im Gegensatz zu vielen Deutschen schnell eine positive Einstellung gegenüber der ehemaligen Siegermacht gewonnen haben.

9.3 Die Germanisierung der Amerikanisierung Über den Stellenwert der Darmstadt-Studie für die Entwicklung der Empirischen Sozialforschung gibt einer ihrer Mitarbeiter indirekt eine prägnante Einschätzung: Gerhard Baumert, der zwei Untersuchungen über Jugend und Familie zu den Veröffentlichungen der Darmstadt-Studie beigesteuert hatte, und neben Herbert Kötter der einzige Teilnehmer war, der sich nach Abschluss der Studie fachwissenschaftlich betätigte, nämlich als wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Instituts für Volksumfragen, hielt 1958 in der Kölner Zeitschrift für Sozio-

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logie und Sozialpsychologie in einem Beitrag über die Stellung der sogenannten Meinungsforschung in Deutschland fest: „Die Bemühungen um eine Überprüfung der Auswahlverfahren (bei Repräsentativ-Befragungen) konnten allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß in Deutschland die empirische Sozialforschung und ganz speziell die sogenannte Meinungsforschung sich in den vergangenen Jahren weithin in einem Zustand der Isolierung und der Sterilität befanden.“ Im Anschluss an dieses Zitat nennt Baumert drei positive Ausnahmen – ohne die Darmstadt-Studie zu erwähnen –, um dann nochmals zu betonen: „Abgesehen von diesen und einigen anderen Ansätzen blieb die Forschung in simplen Umfrageverfahren stecken. Der Vorwurf der Oberflächlichkeit traf sie zu Recht.“ (1958, S. 392, 393) Und für die Darmstadt-Studie gilt, was über die Förderung eben dieses American-style social science research durch die RockefellerStiftung von David J. Staley gesagt wurde. Der mit einem Stipendium der Stiftung 1949 an die Sozialforschungsstelle in Dortmund entsandte Conrad M. Arensberg, Soziologieprofessor an der Columbia-Universität, entdeckte schnell, „that transferring American methods did little good if these methods lacked legitimacy and purpose in a German context“ (1995, S. 262). Basierend auf der Korrespondenz, die Arensberg mit der Stiftung führte, zieht Staley den Schluss: „Arensberg’s task was to legitimate American methods, but this could only be accomplished by fitting them within an already established context of German social research“ (1995, S. 263). Und trotz der Anerkennung von Erfolgen der Stiftung, „to foster American-style social science research in Germany“, und beim Aufbau der Soziologie in Westdeutschland muss schließlich die begrenzte Reichweite der gesellschaftlichen Demokratisierungsdimension der Soziologie durch deren Amerikanisierung konstatiert werden: „More significantly, the quest to ‚democratise‘ German culture through sociology fell short of expectations. The Rockefeller Foundation could neither ‚democratise‘ nor ‚Americanise‘ German social science.“ (1995, S. 264) Diese Einschätzungen decken sich in bezeichnender Weise mit zeitgenössischen Urteilen amerikanischer Soziologen. So stellte bereits 1959 anlässlich des 50. Jubiläumsjahrs der Gründung der DGS William J. Goode, 1954 Gastprofessor an der FU Berlin, später Präsident der American Sociological Association, fest, die Soziologie der Vereinigten Staaten habe „nur wenig Einfluß auf die deutsche Soziologie gehabt, und diese hat auf die amerikanische Soziologie überhaupt keine Wirkung ausgeübt.“ (1959, S. 166) Diese Aussage wird noch im selben Jahr von Howard Becker, prominenter Schüler von Leopold von Wiese und Übersetzer seines Hauptwerks ins Englische, in der Weise kommentiert, wenn „ein amerikanischer Soziologe jeden deutschen Einfluß energisch bestreitet, so ist diese Behauptung vielleicht dadurch zu erklären, dass der Autor, wie mir bekannt ist, Deutsch nur mit großen Schwierigkeiten liest.“ (1959, S. 92)

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Paul F. Lazarsfeld, dem man das nicht nachsagen kann, der aber genauso wie Goode „ein gewisses Missbehagen über ‚Amerikanismus‘ in der Soziologie“ konstatiert, benennt 1960 im Vorspruch zur neuen Auflage der Marienthal-Studie die Hintergründe für die wechselseitige Nicht-Rezeption: „Man darf nicht vergessen, dass wir in den Staaten ungefähr 3000 lehrende Soziologen haben; die Majorität entspricht deutschen Studienräten, und sie sind es, die meistens in den Zeitschriften schreiben.“ Sie sind aber „gewöhnlich Jahre hinter den wesentlichen Entwicklungen an den Universitäten zurück“, während die Bücher der Professoren „im Ausland wenig gelesen“ werden. Weiterhin sind die „amerikanischen Methoden in den letzten Jahren vor allem von unabhängigen Meinungs- und Marktforschungs-Institutionen aufgegriffen worden“, was „die akademischen Kollegen dann in einen amerikanisch-deutschen Gegensatz umdeuten.“ (1960, S. 20, 21) Und an dieser Situation haben die aus dem Exil nach Westdeutschland zurückgekehrten Soziologen auch nichts ändern können. Man muss dabei allerdings bedenken, dass nur sechs Remigranten, wie Uta Gerhardt zu Recht betont, tatsächlich die entscheidende Position eines Lehrstuhlinhabers für Soziologie (zum Teil zusammen mit Philosophie) besetzen konnten, davon zwei erst Ende der fünfziger Jahre (2007, S. 104, 157). Es handelt sich um Theodor W. Adorno, Emerich Francis, Max Horkheimer, René König, Julius Kraft und Helmuth Plessner, wobei Kraft bereits wenige Jahre nach seiner Ernennung an der Frankfurter Universität verstarb. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Remigranten auf den ersten sechs Soziologentagen nach dem Krieg von 1946 bis 1956 so gut wie nicht in Erscheinung traten. Das gilt auch für die angeblich von ihnen importierte Empirische Sozialforschung: „Die empirische Sozialforschung und ihre Entwicklung, oft als das prägende Moment der Soziologie der fünfziger und sechziger Jahre bezeichnet, hat in den Soziologentagen der DGS in diesem Zeitraum (außerhalb der Fachausschüsse) keinen Niederschlag gefunden.“ (2004, S. 190) Christoph Weischer spricht deswegen in seinem Standardwerk zur Geschichte der Empirischen Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschland von einer „nachvollziehenden Entwicklung“, für die der amerikanische Einfluss nicht entscheidend war: „Es gab zunächst nur wenige eigenständige Beiträge zum Methodendiskurs. Dennoch fand keineswegs eine schlichte ‚Übernahme‘ der ‚amerikanischen Methoden‘ statt; die Forschungsarbeiten der fünfziger Jahre zeichneten sich vielmehr durch einen vielfältigen Mix von Methoden aus.“ (2004, S. 191) Dabei spielten Elisabeth Noelle-Neumann und Elisabeth Pfeil, die sich schon in der NS-Zeit professionell mit empirischer Sozialforschung befasst hatten, eine sehr wichtige Rolle. Sie waren es, die in den fünfziger Jahren als Mitglieder des Vorstands der DGS den ersten Versuch unternahmen, die Empirische Sozialforschung zu institutionalisieren. In einem Schreiben aus dem Jahr 1958 an Helmuth

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Plessner als Vorsitzenden der DGS sorgte sich René König über „einige beunruhigende Nachrichten betreffend die Gründung eines Fachausschusses betreffend empirische Soziologie durch Noelle-Neumann und Frau Pfeil im Rahmen der deutschen Gesellschaft für Soziologie.“ Daraufhin antwortete Plessner: „Ihre Befürchtungen in Punkto Frau Noelle-Neumann in Ehren, doch sehen Sie wahrscheinlich, wenn auch nicht zu braun, so doch zu schwarz. Die Sache ist aber für einen Mann wie Sie wirklich nicht schwer. Sie erinnern sich, dass Frau Noelle in Meinberg die Anregung zu diesem Ausschuß gab und in Göttingen die Anregung wiederholte. Darauf ist sie von uns allen ermuntert worden, die Sache ins Rollen zu bringen und zwar nicht zuletzt im Hinblick auf das Projekt von Frau Pfeil.“ (Klingemann 2009, S. 278) Dass die beiden ihre Aktivitäten in einem Netzwerk ehemaliger Reichssoziologen, unterstützt auch von Remigranten und Nachwuchssoziologen, entfalteten, wird nicht nur durch Plessners Sottise über das Braun-Sehen evident, sondern sollte auch am Beispiel der Frankfurter Nachkriegs-Soziologie deutlich geworden sein: Auch hier fand eine Germanisierung der Amerikanisierung statt.

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Der Mythos der Amerikanisierung der westdeutschen Soziologie

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Zur Rezeption von Karl Mannheim im Kontext der Debatte um Soziologie und Nationalsozialismus

10.1 Karl Mannheim als Propagandist der „action directe“ und als Repräsentant der neuen Blüte der deutschen Soziologie am Ende der Weimarer Republik 1981 veröffentlichte René König eine überarbeitete und um einen Epilog ergänzte Fassung seines 1959 zuerst erschienenen Aufsatzes über die Situation der emigrierten deutschen Soziologen in Europa. König betont dort, dass die Gründe für die Emigration von Soziologen nicht nur in ihrer politischen Einstellung oder „‚rassischen‘ Zugehörigkeit“ zu sehen seien. Es gebe auch Gründe, „die im Charakter der Soziologie selber liegen“. Für die „westlich“ orientierten Soziologen „mußte das antihumanitäre Moment im Nationalsozialismus Grund genug sein, Deutschland zu verlassen.“ Als westlich werden jene Soziologen von ihm bezeichnet, die „ihre Ahnenreihe in England, Frankreich und den Vereinigten Staaten sehen.“ Überdies sei alle „ernst zu nehmende Soziologie zumeist westlich orientiert“ gewesen (1959/81, S. 116). Alle drei Annahmen Königs halte ich für äußerst problematisch, insbesondere die letzte. Soviel sei gesagt, dass im Fall von Karl Mannheim zumindest die westliche Soziologie Englands und der USA große Schwierigkeiten hatten, ihre Erbschaft in Mannheims Soziologie wiederzuentdecken. Den Entschluss zu emigrieren, fasste Mannheim wohl nicht, weil er 1933 – ebenso wenig wie König selbst – das antihumanitäre Moment im Nationalsozialismus, dem er bekanntlich nur einige Monate gab, realistisch einschätzte, sondern weil er von den Nazis seines Lebensunterhalts beraubt worden war. René König unterscheidet die Emigranten, die nach Amerika gingen, von jenen, die in Europa Zuflucht fanden. Während das bisherige Deutschlandbild der Amerika-Emigranten sich in der Entfernung vielfach sogar noch „leicht romantisch überhöhte, als sei Deutschland noch immer die einzige Lebenszelle der Kul© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_10

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Zur Rezeption von Karl Mannheim

tur“, erfuhren die meisten Emigranten nach Europa, „daß das bisher völlig naiv angenommene Urteil von der führenden Stellung der deutschen Wissenschaft ganz einfach nicht stimmte“ (1959/81, S. 135). Dies zeige sich sehr deutlich bei Karl Mannheim, der insbesondere mit Bezug auf sein Verhältnis zu Karl Marx in England eine sehr tiefgreifende Umwandlung erfahren habe „Gewiß ist Mannheims Leistung während seiner deutschen Periode für die Soziologie des Wissens wichtig gewesen. Es läßt sich aber schlechterdings nicht leugnen, daß die gleiche Problematik mit wesentlich größerer Klarheit rund fünfundzwanzig Jahre früher von Emile Durkheim und Lucien Lévy-Bruhl in Frankreich und von Ludwig Gumplowicz sowie Wilhelm Jerusalem in Österreich aufgegriffen worden war; ähnliche Ansätze lassen sich bei Georges Sorel sogar bis 1889 (in seinem Werk Le procès de Socrate) zurückverfolgen. Überdies kann man auch mit Leichtigkeit zeigen, daß die vielen Unklarheiten bei Mannheim gerade durch seine Abhängigkeit von Marx und seinem spezifisch deutschen philosophischen Hintergrund bedingt sind. In dem Augenblick, da man die Problematik der soziologischen Bedingtheit bestimmter Denk- und Wissensformen mit epistemologischen Fragen verband, war jedes sinnvolle Forschen auf diesem Gebiet verschüttet. Der ganze Ansatz mußte sich entweder selber auflösen; denn wenn alles Wissen situa­ tionsbedingt ist, ist es auch das Wissen davon, womit seine Sinnlosigkeit besiegelt ist. Oder der allgemeine und totale Ideologieverdacht konnte als einzige Alternative die der ‚action directe‘, der ‚Löwenlösung‘ der Tat provozieren, wie gerade Rauschning mehrfach hervorgehoben hat, womit ebenfalls die Position des Wissens als solche ausgelöscht ist“ (1959/81, S. 135 f.). Abgesehen von diesen politisch fatalen Folgen konnte Mannheims Vorgehen überdies auch wissenschaftlich „nur äußerst unfruchtbar sein, was auch dadurch belegt wird, daß sich weder die Ideologienlehre noch die Soziologie des Wissens in der ursprünglichen Form als entwicklungsfähig erwiesen haben“ (1959/81, S. 136). Im Hinblick auf die von ihm behauptete Nähe des Mannheimschen Denkens zum Faschismus verschärft König sein Urteil sogar noch: „Wenn man bedenkt, daß etwa Mannheim durch seine extremen Formulierungen wesentlich zur Glorifizierung der action directe beigetragen hat, die ein zentrales Element aller Formen des Faschismus bis hin zum Bolschewismus darstellt, so könnte man solche Affinitäten auch in Mannheims deutscher Periode aufweisen, wie es übrigens schon Rauschning getan hat, der den ganzen Prozeß der nationalsozialistischen Durchdringung der deutschen Kultur als Revolution des Nihilismus bezeichnete“ (1959/81, S. 139). Diese Aussage trifft König im Zusammenhang seiner Diskussion der Kritik des dänischen Soziologen Svend Ranulf an Theodor Geiger, der im Exil auch eine Wandlung seiner wissenschaftlichen Grundposition durchgemacht habe. Ranulfs Kritik aus dem Jahr 1946 richtete sich laut König gegen die phänomenologischen

Karl Mannheim als Propagandist der „action directe“ 197

Hintergründe der Geigerschen Wissenschaftstheorie. Gleichzeitig wies Ranulf auf Affinitäten zwischen Phänomenologie und Nationalsozialismus hin (König 1959/​ 81, S. 137 f.), Es mag daher nicht uninteressant sein zu sehen, wie Geiger wiederum die Folgewirkungen der politischen Implikationen der Mannheimschen These der notwendigen Seinsverbundenheit des Denkens beschreibt. Geiger nimmt Bezug auf einen Aufsatz von Andreas Pfenning, der über seine Funktion als Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der SS (SD) im Abschnitt Südwest und als Intimus des prominenten NS-Pädagogen, -Philosophen und SD-Wissenschaftskontrolleurs Ernst Krieck eine Assistentenstelle am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg erhielt (Klingemann 1996, S. 143 f.). In Kriecks Programm- und Kampf-Organ Volk im Werden schreibt Pfenning 1936 einen Aufsatz mit dem Titel Zum Ideologie-Problem. Dort erklärt er alles zu Ideologie, was sich nicht an dem Wert der rassisch-völkischen Selbstbehauptung und Selbstverwirklichung orientiert. „Das Enthüllungsprinzip nimmt seinen Weg über Fichte und Hegel zu Marx, bis es in der Gegenwart vom Rassegedanken aus eine ungeahnte Verbreiterung erfahren hat, während die Basis selbst, der Rassegedanke, dem totalen Ideologieverdacht entzogen bleibt“ (1936, S. 504 f.). Geiger kommentiert dies mit den Worten: „Karl Mannheim ist durch seinen Pan-Ideologismus zum unfreiwilligen Waffenschmied dieser nazistischen Afterphilosophen geworden“ (1949, S. 142). In den Kritischen Bemerkungen zum Begriffe der Ideologie in der Vierkandt-Festschrift verschärft Geiger wenige Seiten später noch seine Kritik an der These der notwendigen Seinsverbundenheit des Denkens: „Diese Mannheimsche These hat geradezu katastrophale Folgen gezeitigt. Jeder beliebige Charlatan kann sie aufgreifen und zur Scheinrechtfertigung seiner willkürlichen Behauptungen und ‚Deutungen‘ mißbrauchen. Ein Beispiel für viele ist der eingangs genannte A. Pfennig [sic !]. Ganz allgemein hat der pan-ideologische Lehrsatz Wasser auf die Mühlen der Intuitionismus gegossen, den Erkenntnis-Defaitismus mit einem theoretischen Argument versehen“ (1949, S. 153 f.). Geiger fügt jedoch hinzu, dass Mannheim diese Folgen weder beabsichtigt noch vorausgesehen habe. Weiterhin sei die „Gemeingefährlichkeit“ einer Lehre kein Argument gegen sie. Aber Mannheims Lehre von der konstitutiv-notwendigen Seinsverbundenheit sei schlicht „unrichtig“ (1949, S. 154). Geistige Erzeugnisse müssten demnach als Manifestationen der Sozialstruktur ihrer Zeit datierbar sein, seien es aber nicht. Man könne vielmehr gegen den Geist der Zeit und seine eigene Soziallage denken. Bezeichnenderweise hatte Mannheim in seiner Vorlesung bereits als Grundmuster der Reaktion auf Ideologie und Utopie die Übernahme der These des totalen Ideologieverdachts bei gleichzeitiger Immunisierung der eigenen Position, genau wie es Pfenning macht, beschrieben, „Sämtliche Kritiken [sagen]: sehr interessant, aber schrecklich gefährlich, gefährlich für alle Parteien. Erst die akademische Welt, dann der Kommunismus, zum Teil der Sozialismus, dann die

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Zur Rezeption von Karl Mannheim

katholische Kirche. Sämtliche Positionen [präsentieren sich] mit der nämlichen typischen Geste[,] ohne Unterschied. Sie besteht darin[, daß gesagt wird]: Die Analyse können wir brauchen. Sie ist eine gute Erfindung. Allerdings wir sind nicht ideologisch, wir sind absolut. Wir haben die absolute Position. Dieses Buch machen wir mit, wir müssen uns daran bereichern lassen, wir nehmen auch die Methode auf, aber [wir wenden sie] nur beim Gegner [an]. Unsere Position ist absolut“ (1930, S. 98). Die Frage, wie ‚brauchbar‘ Mannheims Lehre für die Begründung der NS-Ideologie wirklich war, wird trotz der von ihm beobachteten Instrumentalisierung wohl nie eine konsensuelle Klärung erfahren. Allerdings haben König und Geiger übereinstimmend Mannheim als geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus dargestellt, aber auch das Herzstück seines Denkens, die Wissenssoziologie, als „äußerst unfruchtbar“ bzw. „unrichtig“ bezeichnet. In beiden Fällen scheinen mir die Urteile daraus zu resultieren, dass sie eine echte Auseinandersetzung mit der Soziologie im Nationalsozialismus scheuen. Mit Andreas Pfenning hat sich Geiger einen Auftragspamphletisten herausgegriffen, der für die tatsächlich praktizierte Soziologie und Sozialforschung weder am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg noch für jene des Dritten Reichs überhaupt von Bedeutung ist. Die von ihm attestierte Gemeingefährlichkeit der Mannheimschen Lehre wird meines Erachtens maßlos überschätzt. Soweit ich es beurteilen kann, brauchten die nationalsozialistischen Weltanschauungshüter keine Schützenhilfe durch den Mannheimschen Pan-Ideologismus. Politische Bedeutung bekamen hingegen die empirisch arbeitenden Sozialforscher, die als Politikberater den Neuordnungsplanungen der NSMachthaber zuarbeiteten. Hier könnte eine Ethik-Debatte ansetzen, die sich allerdings nicht ausschließlich einzelnen Reichssoziologen zuwenden sollte, sondern den Missbrauchsmöglichkeiten einer das Individuum anvisierenden empirischen Ordnungs-Soziologie im allgemeinen. Diesen Aspekt der Geschichte der Soziologie im Dritten Reich hat René König auch in seinen letzten Stellungnahmen nicht wahrgenommen. 1984 hat er seine wohl drei Jahrzehnte aufrechterhaltene Position, die Soziologie sei 1933 brutal zu einem völligen Stillstand gebracht worden, dennoch relativiert. Das Ende der Soziologie sei zwar eingetreten, weil sie ihre wesentlichste Aufgabe vergessen habe, dazu beizutragen, dass der Mensch lerne, „seine Freiheit im Sinne des Prinzips Hoffnung zu realisieren“ (1984, S. 4). Es habe aber ein „fellachenhaftes Nachleben“ gegeben. Das bedeutet, dass es nach 1933 „noch eine Beschäftigung mit dem Sozialen geben kann, insbesondere unter ‚instrumentellen‘ Aspekten, die sowohl vorals auch nach-soziologisch sind, nachdem der Kampf um die Menschenwürde vergessen wurde und das Soziale einzig noch im Dienste von Wirtschafts- und Sozialplanung, Verwaltung und Manipulation der Massen im Sinne der Erhaltung der bestehenden Gewalten studiert wird. Soziotechnik und ihre soziographischen

Karl Mannheim als Propagandist der „action directe“ 199

Hilfsmittel sind aber ebenso wenig Soziologie[,] wie auch die Institutionen kein Leben zu schaffen vermögen“ (1984, S. 4). Zu dieser partiellen Wendung kommt es, weil König den zwei Positionen, die Helmut Schelsky gegenüber der Soziologie im Dritten Reich eingenommen hat, entgegentreten will. Seit seiner Ortsbestimmung der deutschen Soziologie von 1959 hat Schelsky die These vertreten, die deutsche Soziologie sei bereits vor 1933 am Ende gewesen. Allerdings hatte er keine Probleme damit, seit 1950 auch darauf hinzuweisen, dass es nach 1933 durchaus ernst zu nehmende Sozialforschung gegeben hat (Schelsky 1950/51). Ab 1980 hat Schelsky dann deren Existenz wiederholt herausgestellt. Dies veranlasste König dazu, seine ambivalente Haltung aufzugeben. Es gelingt ihm mit Hilfe einer abenteuerlichen Volte in der Beurteilung Mannheims. Ähnlich verfährt er mit Siegfried Landshut, den er 1961 noch als linken Ideologen bezeichnet hatte, der Hand in Hand mit rechten Ideologen die Propagierung der politischen Aktion betreibe. 1984 zählt er Landshut dann zu den Erneuerern der sonst als antiquiert apostrophierten deutschen Soziologie, die „partiellen Selbstmord“ am Ende der Weimarer Republik begangen habe (1984, S. 10). Im Fall Karl Mannheim revidiert König sein Urteil innerhalb von drei Jahren. Während 1981 Mannheims wissenschaftliches Vorgehen noch – wie bereits erwähnt – äußerst unfruchtbar und nihilistisch war, repräsentiert es 1984 eine neue Blüte: „Was in Deutschland vom Nationalsozialismus getroffen wurde, war also keineswegs eine im Zustande des ‚Verendens‘ befindliche herkömmliche und im Alltagstrott der Routine verkommene Soziologie, sondern vielmehr eine neue Blüte, ein neu sich anbahnender Frühling. Genau dieser wurde jedoch, wie ich gesagt habe, ‚um 1933 brutal zum völligen Stillstand gebracht‘.“ (1984, S. 7). Es sei am Rande vermerkt, dass König dieses Selbstzitat in dem Aufsatz von 1984 viermal präsentiert. Den Neuanfang könne man 1928 auf dem sechsten Soziologentag in der Person des Heidelberger Privatdozenten Karl Mannheim erleben. Ohne ein Wort über die drei Jahre zuvor erfolgte wissenschaftliche wie politische Vernichtung Mannheims zu verlieren, bringt König zur Begründung der von ihm Mannheim zugeschriebenen Hoffnungsträgerfunktion ein Zitat von sich selbst aus dem Jahr 1961. „Ich habe schon andernorts und vor längerer Zeit andeutungsweise zeigen können, wie Mannheim mit Hilfe der Soziologie der Erkenntnis ‚die verabsolutierten Antinomien zu vernichten‘ und ‚die erzwungene Alternative in ihrer Erzwungenheit und Vorläufigkeit durchsichtig zu machen‘ suchte. In dieser Hinsicht bahnt sich hier eine echte Überwindung der alten Werturteilsdebatte an“ (1984, S. 9). Was König verschweigt ist, dass er 1961 feststellte, dass dieser Versuch Mannheims „mit wenigen Ausnahmen nur Widerspruch hervortreibt. Damit wurde nicht nur ein Ansatz zur ‚objektiven Soziologie‘ in Deutschland unmöglich gemacht, sondern vielmehr auch die Möglichkeit zur Selbsterkenntnis der deutschen Gesellschaft im Sinne einer Situationserklärung, was unendlich viel

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wichtiger gewesen wäre“ (1961, S. 113 f.). Mit dieser Aussage lässt sich natürlich keine von Mannheim repräsentierte neue Blüte, ein Neuanfang beweisen, sondern nur das Gegenteil. Deswegen ist es verständlich, dass König diese Schlussfolgerung 1984 unterschlägt. Unverständlich ist es, wie im Anschluss an dasselbe vorgetragene Zitat nun daraus eine echte Überwindung der alten Werturteilsdebatte abgeleitet werden kann. Die Absicht ist ohne weiteres zu erkennen. Mannheim wird als der große Gegenspieler zur gerontokratischen Honoratiorengesellschaft der DGS aufgebaut, der die sozialwissenschaftlich orientierte Soziologie vom Marxismus-Verdacht befreien kann und die Blockade- und Stagnationshaltung der Gerontokraten mit einem neuen Paradigma aufbrechen will, aber scheitert, wie König selbst erklärt: „Daß das Establishment bereits beim nächsten Soziologentag die Bremse zog und Mannheim selbst auch nicht mehr teilnahm, da er sich mißverstanden glaubte und auch tatsächlich nicht verstanden worden war, widerspricht dieser Deutung nicht nur nicht, sondern bestätigt sie im Gegenteil“ (1984, S. 15). Vermutungen darüber, was gewesen wäre, wenn Mannheim im Jahr 1928 obsiegt hätte, sind müßig, Zu bezweifeln ist allerdings Königs an das Zitat anschließende Beweisführung, die Mannheim als Begründer einer „politischen Soziologie“ vorstellt und auf dem Feld der Politik stattfindet, womit sie zum Zweck der Neubewertung Mannheims zurückführt. Nach König machten nämlich die Abhandlungen Das konservative Denken, Ideologie und Utopie sowie der Handwörterbuchartikel Wissenssoziologie Mannheim „bei den Nationalsozialisten zur persona non grata“ (1984, S. 15).

10.2 „Jüdische Soziologie“ und der Nationalsozialismus Königs Behauptung soll im Folgenden in verschiedenen Kontexten geprüft werden, da sie auch zu einer Stereotype der Soziologiegeschichtsschreibung geronnen ist, so ist zum Beispiel Dirk Käsler davon überzeugt, „daß zwischen der ‚Jüdischheit‘ einer bedeutungsvollen Fraktion der frühen deutschen Soziologen und deren wissenschaftlicher Produktion“ eine Beziehung besteht. Nur: „Es darf eben nicht, und das ist die entgegengesetzte Extremposition, vergessen werden, daß es eines der zentralen ‚Argumente‘ der nationalsozialistischen Propaganda gegen eine bestimmte Auswahl früher deutscher Soziologen und gegen eine bestimmte Art von Soziologie war, daß es sich bei ‚der Soziologie‘ um eine im Grunde genommen ‚jüdische Wissenschaft‘, d. h. ‚undeutsche‘ Wissenschaft handele (1984, S. 358 f.). Käsler verzichtet allerdings darauf, auch nur ein Beispiel für diese „nationalsozialistische Propaganda“ zu geben. In Bezug auf Königs Behauptung stellt sich somit einmal die Frage, ob es Nationalsozialisten als politische Funktionsträger gab, bei denen sich Mannheim zu einer persona non grata hat machen können. Zum an-

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deren könnte es sein, dass König mit dem Nationalsozialismus sympathisierende Wissenschaftler meinte, die Mannheim wegen seiner Publikationen ablehnten. Vielleicht ist das Ausbleiben einer Rezeption der Mannheimschen Soziologie nach 1933 in Deutschland auch zurückzuführen auf das Verdikt „jüdische Wissenschaft“ oder auf die fehlende Umsetzbarkeit seiner Soziologie in eine Konzeptualisierung empirischer Sozialforschung oder auf Mannheims Vertreibung und die seiner Frankfurter Schüler. Die Meinung, dass „die Nazis“ die Soziologie als solche vernichten wollten, ist weit verbreitet. Theodor W. Adorno spricht von der „Feindschaft des Hitler und seiner Fronvögte gegen die Soziologie als Wissenschaft“ (1959, S. 257). Bei den amerikanischen Beobachtern Howard Becker und Harry E. Barnes folgten die Beurteilungen der Chancen der deutschsprachigen Soziologie offensichtlich ihren jeweiligen politischen Gesamteinschätzungen des NS-Regimes. Mitte der dreißiger Jahre wird eine stärkere Behinderung des bekannten langsamen Wachstums der Soziologie als akademische Disziplin in Deutschland und Österreich neben der Vordenker-Rolle für den Nationalsozialismus von Othmar Spann und der Mitläuferschaft Werner Sombarts sowie der gravierenden Behinderung der „Cologne school“ festgestellt. Anfang der vierziger Jahre schildern die von Becker verfassten Überblicke das bekannte Bild einer durch Emigration ausgezehrten und sonst zurückgezogenen Soziologie der Altvorderen im Kontrast zu den Karrieren der jungen Nazi-Soziologen. Im Rückblick siegt dann das Klischee der wissenschaftsfeindlichen nationalsozialistischen Machthaber über historische Fakten: „The Nazis hated no intellectual enterprise more deeply than the sociological.“ (1961, S. XXXVI) Von R. J. Baker wird schließlich 1939 zum ersten Mal der gegenseitige Ausschluss von nationalsozialistischer Weltanschauung und soziologischem Erkenntniswillen behauptet: „The social sciences have met with harsher treatment at the hands of the National Socialists, not just because of the political views of the social scientists, but because of their sociological method of thought“ (1939, S. 103). Bei Becker und Barnes wird überdies die Wissenssoziologie direkt verdrängt durch eine Nazi-Variante: „At present, of course, there is no German sociology of knowledge in Germany. All that is permitted is a biology of knowledge; if ‚Aryan‘ you think one way; if ‚Semitic‘ another. Consequently Mannheim and others like him are compelled to work abroad“ (1961, S. 927). Nach allem, was bislang bekannt ist, wurde Mannheim nicht entlassen, weil er als Semit anders dachte. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das die „Säuberung“ des gesamten öffentlichen Dienstes zum Ziel hatte und Mannheims Entlassung ermöglichte, kannte keine Kriterien für arisches oder semitisches Denken. Es konnte somit auch nicht Mannheims Wissenssoziologie als semitisch definieren und damit seine Entlassung begründen. Wenn Becker und Barnes nur noch eine Bio-

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logie des Wissens als erlaubt bezeichnen, reproduzieren sie allerdings nicht mehr als die weltanschauliche Dogmatik, nicht aber die Praxis rassentheoretischer Argumentation von Soziologen. Denn selbst dort, wo Soziologen wie Karl Valentin Müller rassentheoretisch argumentieren, bedeutet dies nicht zwangsläufig Biologismus. Wenn Müller im Auftrag der Reinhard-Heydrich-Stiftung in Prag die Germanisierungsfähigkeit der Tschechen untersucht, sind es ausdrücklich deren den Deutschen ähnliche soziale Kompetenzen, die es erlaubten, sie „rassentheoretisch“ auf dieselbe Stufe zu stellen (1939, 1941). Der wissenschaftliche Leiter der Reinhard-Heydrich-Stiftung, Hans Joachim Beyer, ebenfalls Soziologe, verfährt nach demelben Muster, wenn es gilt, die geschlossene Gruppe der polonisierten „Walddeutschen“ im Generalgouvernement als deutschstämmig zu definieren. Ihre vorbildliche Wirtschaftsweise ist nämlich ganz eindeutig von der „polnischen Wirtschaft“ zu unterscheiden (1942). Die Nazi-Tiraden über die Besonderheiten des jüdischen Denkens, Philosophierens wie auch der jüdischen Wissenschaft sind hinlänglich bekannt. Insbe­ sondere die Soziologie soll von „den Nationalsozialisten“ als „jüdische Wissenschaft“ angegriffen worden sein. Richtig ist wohl, dass bereits vor 1933 eine bedenkenswerte Beziehung zwischen Soziologie und Judentum hergestellt worden ist, wie auch René König einleitend zu seinem Aufsatz Der Beitrag des Judentums zur Soziologie berichtet. „In den zwanziger Jahren ging in Deutschland eine scherzhafte Anekdote um, die das Verhältnis der Soziologie zum Judentum betraf. Sie stammte aus Heidelberg und wurde dem hervorragenden jüdischen Germanisten Friedrich Gundolf zugeschrieben, so daß wir sie als politisch unverdächtig übernehmen und unseren Erörterungen voranstellen können. Diese Anekdote lautet folgendermaßen: nach einem Soziologenkongreß (wahrscheinlich dem von 1924 in Heidelberg) seufzte Gundolf: ‚Jetzt weiß ich wenigstens, was Soziologie ist ! Soziologie ist eine jüdische Sekte‘.“ (1963, S. 5). Inwieweit die Soziologie tatsächlich entscheidend durch ein genuin jüdisches Denken geprägt worden ist, kann ich hier nicht diskutieren (vgl. Wiehn 1989). Die Reichssoziologen Max Hildebert Boehm, Carl Brinkmann, Ludwig Heyde, Gunther Ipsen, Karl Heinz Pfeffer, Max Rumpf, Richard Thurnwald u. a. benutzten hingegen die Formel von der jüdischen Soziologie als Kampfbegriff. Bislang ist mir allerdings nur ein Fall bekannt, dass ein prominenter Nationalsozialist sich ihrer auch bediente. Alfred Rosenberg konnte sich dadurch gegen seinen Widersacher Heinrich Harmjanz, Professor für Volkskunde in Königsberg und Frankfurt am Main, durchsetzen. Als Abteilungsleiter in der Lehr- und Forschungsgemeinschaft der SS, „Das Ahnenerbe“, hatte Harmjanz, der in Personalunion als persönlicher Referent des Reichswissenschaftsministers zuständig war für das Gebiet der Geisteswissenschaften, verhindert, dass Rosenberg die Volkskunde majorisieren konnte. Dies führte zu einer langen und erbitterten Fehde, die

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Rosenberg überraschenderweise mit Hilfe des Sicherheitsdienstes der SS gegen den hohen SS-Führer Harmjanz gewinnen konnte. Er teilte Himmler mit, Harmjanz stehe „mit seinen Veröffentlichungen ‚auf dem Boden der jüdischen Soziologie‘, zweitens stütze er sich in seinem Hauptwerk fast ausschließlich auf jüdische Autoren, drittens aber habe er in eben diesem Werk ganze Partien plagiatorisch, vom Juden Jerusalem abgeschrieben, ohne die Quelle zu nennen“ (Heiber 1966, S. 651). Die nötigen Informationen für diese Intervention bei Himmler erhielt Rosenberg von Dr. Wilhelm Longert, dem Leiter der Hauptstelle Soziologie, die ihm als Beauftragter des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP unterstand. Longert, ein ehemaliges Mitglied des Kreises um Othmar Spann konnte sich wiederum auf ein einschlägiges Gutachten des Ethnologen und Soziologen Wilhelm Emil Mühlmann stützen (Klingemann 1996, S. 246 – ​256). Mit der Parole „jüdische Wissenschaft“ operierten also fast ausschließlich Soziologen. Dass irgendeine der sich in Sachen Wissenschaftspolitik für kompetent haltenden Stellen des NS-Regimes einen Soziologen als Vertreter der jüdischen Wissenschaft Soziologie attackiert hat, ist mir bislang nicht bekannt. Es ist jedoch hinreichend belegt, dass jüdische Aspiranten auf SoziologieHochschullehrerstellen traditionell diskriminiert wurden. So hat auch der 1929 ausbrechende „Krieg um Mannheim“ anlässlich der von ihm angestrebten Einbürgerung deutlich antisemitische Untertöne. Als Mannheim hingegen 1930 den Lehrstuhl von Franz Oppenheimer übernehmen sollte, brachte das Kuratorium der Universität Frankfurt, das Hans Kelsen favorisierte, Einwände vor, die rein sachlichen Charakter hatten. Die von Mannheim vertretene Richtung der Soziologie habe für die Studenten recht geringen Wert. „Für unsere Studierenden wertvoll wäre ein nationalökonomisch oder juristisch orientierter Soziologe, Professor Mannheims Orientierung ist aber philosophisch. Dabei ist seine Ausdrucksweise für Personen, die nicht gut philosophisch vorgebildet sind, schwer verständlich“ (zit. n. Hoeges 1994, S. 62). Bei Mannheims Heidelberger Habilitation hatten zuvor die späteren Reichssoziologen Carl Brinkmann und Erich Rothacker positiv gegutachtet bzw. für die Annahme votiert, während Ernst Robert Curtius sich enthielt. Im Kontext der scharfen Kontroverse zwischen Curtius und Mannheim, die nach beider Weggang von Heidelberg ausbrach, sah Curtius durchaus einen Zusammenhang zwischen Judentum, Marxismus und Soziologie. „Die Verflechtung des deutschen Judentums mit sozialistischen oder marxistischen oder ‚submarxistischen‘ Gesellschaftslehren ist natürlich selbst ein soziologischer Tatbestand von erheblicher Bedeutung“ (1932, S. 86). Hiervon ausgehend, bescheinigt er dann bekanntlich dem submarxistischen Mannheim Destruktivität und Nihilismus. Destruktivität, Nihilismus und zersetzender Relativismus wurden auch von vielen nationalsozialistischen Weltanschauungs- und Wissenschaftsbeauftragten dem jüdischen Denken vorgeworfen. Es soll nun geprüft werden, ob entsprechende

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Vorwürfe die Rezeption der Mannheimschen Wissenssoziologie nach 1933 unterbanden, wie Becker und Barnes, aber auch andere behaupten. Es ist deswegen auf den oben bereits von Theodor Geiger erwähnten Heidelberger Soziologie-Assistenten Andreas Pfenning zurückzukommen. Wiederum in dem von Ernst Krieck herausgegebenen Kampforgan Volk im Werden schreibt der von Erwin von Beckerath promovierte Pfenning 1939 einen programmatischen Aufsatz mit dem Titel Vom Nachteil und Nutzen der Soziologie für die Politik. Er plädiert vehement für die Förderung einer „Sicherheitssoziologie“, „Polizeisoziologie“, „Wehrsoziologie“ und für „soziologische Observatorien“ als Bestandteile einer „Ganzheitssoziologie“. Diese habe eben nichts mehr gemeinsam mit der tradierten Soziologie „einer bestimmten Observanz“, die eine geistige Waffe des arrivierten Judentums gewesen sei. „Es lag daher eine nicht geringe Berechtigung darin, die Soziologie als die ‚Wissenschaft der Juden‘ zu bezeichnen. Ein Blick auf die Quellgebiete dieses Denkens mußte eine solche Charakteristik noch verstärken: an den Hochschulen und Instituten war die Soziologie Domäne des Judentums, wie das Beispiel des ehrwürdigen Max Weberschen Institutes in Heidelberg etwa zeigte. Von hier aus wurde das Heer der jüdischen Literaten und Politiker, das sich auf alle Gruppen als ‚freischwebende Intelligenz‘ niedergelassen hatte, mit Kampfund Giftstoffen reichlich versorgt“ (1939, S. 125). Selbst wenn Pfenning Mannheim nicht namentlich nennt, liegt der Verdacht nahe, dass er Mannheim – wenn auch nicht allein meinte. In anderen Fällen wurde Mannheim direkt angesprochen. In einem programmatischen Aufsatz aus dem Jahr 1943 über Wirtschaftswissenschaft als praktische Wissenschaft wendet sich Andreas Predöhl, vor wie nach 1945 der Soziologie verbunden, dagegen, dass die politische Beurteilung eines Forschers danach erfolgt, wie er seine Denkinstrumente formuliert. Dies sei eine Methode, „die bedenklich an die jüdische Wissenssoziologie Mannheimscher Prägung erinnert“ (1943, S. 81). 1948 berichtet Alfred von Martin, dass er seinen Aufsatz Zur Soziologie der Gegenwart, in dem er auch auf Mannheims Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus einging, 1936 zunächst einmal zurückerhielt. Der Schriftleiter des Archivs für Kulturgeschichte, der Oberassistent am Leipziger Institut für Kultur- und Universalgeschichte Herbert Schönebaum (Muller 1987, S. 243, 286 f.), hätte zur Begründung geschrieben: „Der Aufsatz enthält zuviel Lob der (jüdischen) Soziologie Mannheims und kann so nicht veröffentlicht werden“ (1948, S. 254). Diese Aussage ist glaubwürdig, da auch noch in der 1937 dann gedruckten Fassung Mannheim sehr positiv dargestellt wird. Zur Frage der Organisation der Massen heißt es abschließend: „Und entsprechend der Wandlung der Massengesellschaft von der Stufe der freien Konkurrenz zu der Stufe der Regulierung oder Planung treten, wie z. B. auch Mannheim erkennt, an die Stelle der demokratischen die Diktaturtendenzen, die an sich durchaus die gebotene Form politischer Rationalisierung –

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mindestens sein können“ (1937, S. 118). Die Aussage von Martins ist auch deshalb glaubwürdig, weil er mit Erich Rothacker die Möglichkeit abklärt, den Aufsatz in dessen Deutscher Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte zu publizieren, da der Abdruck im Archiv für Kulturgeschichte, das von Walter Goetz herausgegeben wird, zu lange auf sich warten lässt. Um eventuellen Bedenken Rothackers vorzubeugen, teilt von Martin in einem im Nachlass Rothacker in der Bonner Universitätsbibliothek verwahrten Schreiben vom 12. September 1936 mit: „Die politische ‚Gefahrenzone‘ des Themas dürfte vermieden sein, wie ja auch Prof. Goetz keinerlei Anstand nahm, den Artikel anzunehmen“ (v. Martin an Rothacker). Es muss offen bleiben, ob es sich dabei tatsächlich um die Fassung handelt, die von Martin auf Verlangen des Schriftleiters in Sachen Mannheim entschärft hat. Auf jeden Fall nimmt von Martin in der Fassung seines Aufsatzes aus dem Jahr 1948 eine subtile, aber entscheidende semantische Korrektur vor, wenn es nun heißt: „Und entsprechend der Wandlung der Massengesellschaft von der Stufe der freien Konkurrenz zu der Stufe der Regulierung oder Planung treten, wie zum Beispiel auch Mannheim erkennt, an die Stelle der demokratischen die Diktaturtendenzen, die an sich als die gebotene Form politischer Rationalisierung erscheinen können“ (1948, S. 250). Es ist schon ein Unterschied, ob Diktaturtendenzen eine gebotene Form politischer Rationalisierung sein können oder nur als solche erscheinen. Damit ist von Martin gegenüber Mannheim rücksichtsvoller als viele andere Kritiker, die an seinen Planungsutopien deutliche antidemokratische Elemente entdecken (Tibi 1973 und als Gegenposition Kettler und Meja 1997). Die antiindividualistischen Momente hat schon 1935 Leopold von Wiese schonungslos angeprangert. Mannheims Totalplanung der Menschen zeuge von einer „Hybris des Willens zur Menschenumbiegung“, er sei ein vom „Dämon des Willens zur Macht“ getriebener Mensch. Allerdings konzediert von Wiese ein Umdenken Mannheims, das erfolgte, als „der von ihm ersehnte ‚Umbau‘ begann, aber in einer anderen Weise erfolgte, als ihm vorgeschwebt hatte“ (1935, S. 568), Bezeichnenderweise sah von Wiese in diesem NS-Umbau weniger Gefährdungspotentiale für den Menschen, als darin, dass die Idee der totalen Planung in Amerika Anklang fände, wie er 1935 Louis Wirth in einem Brief mitteilte (Kettler und Meja 1995, S. 204).

10.3 Wissenssoziologie – Relativismus/Relationismus – NS-Weltanschauung Karl Mannheim wurde also in Deutschland nach 1933 noch wahrgenommen. Es stellt sich die Frage, ob es offizielle oder offiziöse Sprachregelungen angesichts der umfassenden Kontrolle der Literaturproduktion im Umgang mit ihm gab. Im Phi-

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losophischen Wörterbuch, das Heinrich Schmidt 1934 in neunter Auflage herausgab, wird unter dem Stichwort Wissenssoziologie auf den Artikel Wissen verwiesen. Dort wird nach der Erwähnung der Wissensformen Max Schelers gesagt: „Die inneren Bezüge dieser Wissensform mit der gesellschaftlichen Struktur einer Zeit oder Gesellschaftsform suchte Scheler, wie schon vorher Jerusalem, zum Gegenstand eines Teiles der Soziologie zu machen, der sog. Wissenssoziologie.“ Neben zwei Titeln von Scheler wird als Referenz nur noch Mannheims Ideologie und Utopie erwähnt (1934, S. 732) Heinrich Schmidt, der noch im Vorwort zu dieser neunten Auflage selbstbewusst erklärt hatte, dass das in mehr als 2000jähriger Arbeit aufgehäufte Gedankengut der Philosophie nicht so wertlos sei, „als heute mancher Verächter von Vernunft, Intellekt und Wissenschaft meint“, verstarb 1935. In der zehnten Auflage ist die zitierte Passage und der Verweis auf Mannheim nicht mehr enthalten. Entscheidend dafür dürften die politisch-wissenschaftlichen Ambitionen der beiden neuen Herausgeber Werner Schingnitz und Joachim Schondorff sein. Schingnitz war Universitätsdozent und Assistent am Philosophischen Institut der Universität Leipzig, Mitglied der NSDAP und Sachbearbeiter für Philosophie und Weltanschauung in der Kulturpolitischen Abteilung der NSDAP des Kreises Leipzig, weiterhin Pressewart der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation an der Universität Leipzig und Stabsleiter der Gaufachschaft I im Nationalsozialistischen Lehrerbund, aus dem später der NS-Dozentenbund hervorging. Außerdem betätigte er sich als fanatischer Wanderprediger der Deutschen Glaubensbewegung, so der Sicherheitsdienst der SS, der seine politische Karriere aber für gescheitert hielt (Leaman 1993, S. 76). Schondorff legte 1936 in der von Schingnitz herausgegebenen Reihe „Studien und Bibliographien zur Gegenwartsphilosophie“ eine gut sechzigseitige Grundlegung einer volkswissenschaftlichen Lehre vom Menschen vor. Diese, wie Schingnitz im Vorwort schreibt, „Grundlegung einer soziologischen Anthropologie“ zog als Material die Kriegsbriefe deutscher Studenten heran (Schondorff 1936a, S. VIII). 1939 meldete sich Schondorff in der Zeitschrift Die Tat wieder mit dem Anliegen der Erneuerung der deutschen Soziologie in dem Aufsatz Zur Krisis der Soziologie, die auch in den großen personellen Verlusten gesehen wird und nicht durch eine Unterordnung der Soziologie unter Volkstheorie zu lösen sei (Schondorff 1939). In diesem Aufsatz präsentierte Schondorff Teile des Schlusskapitels seiner Schrift Grundlegung einer volkswissenschaftlichen Lehre vom Menschen. Diese wiederum ist bis auf das nämliche Schlusskapitel identisch mit seiner ebenfalls 1936 erschienenen Dissertation Das Typensoziogramm. Ein Beitrag zur Fragestellung einer soziologischen Menschentypik (1936b), die von Walther Malmsten Schering, dem späteren Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Alfred Vierkandt, und Nicolai Hartmann angenommen wurde.

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Im Vorwort zur zehnten von ihnen bearbeiteten Auflage des Philosophischen Wörterbuchs teilen Schingnitz und Schondorff mit, dass „der Gesichtspunkt der weltanschaulichen Wertung stärker als bisher in den Vordergrund treten“ musste, und bedanken sich für die Unterstützung durch einen Herrn Dr. Lutz von der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums, auf die noch zurückzukommen ist (1943). Im Artikel Relationismus heißt es, dieser bezeichne „die philos., bes. erkenntnistheoretische Überzeugung, die nur die Erkenntnis von Beziehungen zw. Dingen und zw. Begriffen als möglich anerkennt, ja zuletzt alle Substanz (Wirklichkeit) in Relationen (Beziehungen) auflöst, eine Denkweise, die bes. der jüdischen Philosophie anhaftet, u. a. in der Marburger Schule“ (1943, S. 485). Die Wissenssoziologie oder Karl Mannheim tauchen hier nicht auf. Im zwei Spalten langen Artikel über Max Scheler, als jüdischer Mischling etikettiert, wird die „Soziologie des Wissens“ als eines seiner Hauptarbeitsgebiete bezeichnet, „wo er je nach ihren Grundeinstellungen zu Gott, Welt, Wert, Wirklichkeit, Leben eine Reihe von Typen des religiösen, metaphysischen, wissenschaftlichen Denkens unterschied und ihren Zusammenhang mit bestimmten Formen gesellschaftl., praktisch-staatl. und wirtschaftl. Lebens herauszustellen suchte“ (1943, S. 503). Die weiteren Ausführungen des Artikels sind frei von antisemitischen Diffamierungen ? Im selben Jahr wie das Philosophische Wörterbuch erscheint auch Die deutsche Philosophie der Gegenwart von Gerhard Lehmann, der von Max Scheler regelrecht fasziniert ist. „Überhaupt ist Scheler, diese gewaltsame, leidenschaftliche, uneinheitliche, zweideutige Natur, Asket und Genußmensch, Erotiker und Politiker, Christ, Halbjude und mehrfacher Konvertit, eher ein Instinkt- als ein Denkphänomen: was besagen soll, daß auch noch seine üppig wuchernde kognitive Phantasie von vitalen Triebkräften gespeist ist und in immerwährender Aufregung gehalten wird“ (1943, S. 308). Lehmann weist eine Doppelqualifikation als Soziologe und Philosophiehistoriker aus. Als Mitarbeiter an Karl Dunkmanns Institut für angewandte Soziologie in Berlin und Autor des Archivs für angewandte Soziologie und des von Dunkmann 1931 herausgegebenen Lehrbuchs für Soziologie und Sozialphilosophie lernte René König Lehmann Anfang 1933 als Rezensenten des Lehrbuchs kennen. Nach Königs Meinung erlag Lehmann der Versuchung des Nationalsozialismus „völlig hemmungslos, was besonders abstoßend in seinem späteren Buch über die Philosophie der Gegenwart zum Ausdruck kommt“ (1959/81, S. 46). König gibt nicht nur den Titel des Buches nicht ganz korrekt an und verlegt sein Erscheinen um acht Jahre vor (1959/81, S. 57), sein Gesamturteil trifft zumindest auf die Darstellung Schelers und dessen Wissenssoziologie nicht zu. Und in seinen Ausführungen über die Soziologie des Wissens in Dunkmanns Lehrbuch würdigt Lehmann neben kritischen Passagen Mannheims Ideologie und Utopie als „ersten, ernstzunehmenden Vorstoß gegen die Kulturwerttheorie

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(1931, S. 280). Seit 1930 war Lehmann Mitarbeiter der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Bearbeiter des Kant-Nachlasses. Mit Kants Nachlaßwerk und die Kritik der Urteilskraft (Berlin 1939) habilitierte er sich bei Alfred Baeumler. An dessen Institut für politische Pädagogik der Universität Berlin und in Baeumlers Hauptamt Wissenschaft des Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP, genannt Amt Rosenberg, ist Lehmann ebenfalls tätig. Wenngleich er das Buch Die deutsche Philosophie der Gegenwart wohl nicht, wie es heißt als „Angestellter“ des Amtes Rosenberg (Laugstien 1990, S. 109) geschrieben hat, so ist doch davon auszugehen, dass es die Billigung des Leiters des Hauptamtes Wissenschaft hatte. Zu Schelers Soziologie und Wissenssoziologie schreibt er: „Schelers Soziologie beruht endlich auf der, hinsichtlich ihrer anthropologisch-metaphysischen Bedeutung soeben angedeuteten Differenz von Ideal- und Realfaktoren, ‚Geist‘ und ‚Trieb‘. Von ihr aus gelangt sie zur Gegenüberstellung von Kultursoziologie (Geistlehre) und Realsoziologie (Ursprungslehre der menschlichen Triebe): in beiden Fällen steht menschliches Handeln zur Bestimmung, – durch ideale Ziele gerichtetes Handeln, und durch Triebe auf reale Veränderungen von Wirklichkeiten gerichtetes Handeln. Die ‚Wissenssoziologie‘ gehört zur Kultursoziologie. Ihre Grundvoraussetzung ist freilich nicht so sehr der Unterschied, wie der Zusammenhang, die Verflochtenheit von ‚Geist‘ und ‚Trieb‘ die Existenz des Geistes in einer jeweils konkreten Vielheit von ‚unendlich mannigfachen Gruppen und Kulturen‘, die geschichtliche Veränderung, Variabilität der ‚Wissensformen‘ im sozialen Prozeß“ (1943, S. 315). Schelers Wechsel von der Religionsphilosophie zur Wissenssoziologie sieht Lehmann als Ausdruck einer konsequenten Verfolgung seines Erkenntnisprogramms. „Das Erstaunliche, daß er von der Religionsphilosophie sogleich hinüberwechselt zur Wissenssoziologie (Schriften zur Soziologie und Weltanschauungslehre 1923 f., Soziologie des Wissens 1924, Die Wissensformen und die Gesellschaft 1926), verliert sich etwas, wenn man die ähnliche Verbindung der Thematik schon im Genius des Krieges oder im zweiten Teil des Formalismus betrachtet. Und auch das Weiterdrängen zur philosophischen Anthropologie (Die Stellung des Menschen im Kosmos 1928, Philosophische Weltanschauung 1929) ergibt sich aus dem systematischen Bezug aller dieser Fragen zur Grundfrage nach dem Wesen des Menschen“ (1943, S. 309 f.). Lehmann kommt damit zu einer Würdigung Schelers, die im Widerspruch steht zu Königs apodiktischem Urteil. Was die Rezeptionsverläufe der Wissenssoziologie betrifft, zieht Lehmann für Scheler ein knappes Fazit. „Seine Wissenssoziologie – programmatisch und substanzarm, wenn man sie mit Webers Soziologie vergleicht – hat keine Nachfolge gefunden“ (1943, S. 308), Lehmann führt dafür keine weiteren Gründe an, sein Befund scheint aber nicht politisch kontaminiert zu sein. Das ist auch in anderen Fällen einer MannheimKritik zu beobachten. So ist die Übernahme des Verdikts, „geistiger Nihilismus“,

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das Nikolaus Monzel nach einer längeren Diskussion der Mannheimschen Wissenssoziologie von Curtius übernimmt, nicht politisch-ideologisch, sondern religiös-sozialethisch motiviert (1939, 207 – ​216). Eine partei-offizielle Einschätzung stellt der Artikel Max Scheler in Meyers Lexikon aus dem Jahr 1942 dar, in dem er als „Philosoph und Soziolog, jüd. Mischling“ vorgestellt wird (Bd. 9, 1942, Sp. 1016). Die Darstellungen in Meyers Lexikon sind deshalb als partei-offiziell zu bezeichnen, weil im Bibliographischen Institut in Leipzig die Redaktion des Lexikons direkt durch einen vor Ort präsenten Cheflektor der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums kontrolliert wurde, der sich wiederum auch mit den verschiedenen Stellen des Amtes Rosenberg ins Benehmen setzte. Der erste Band des sogenannten NaziMeyer erschien 1936, der letzte Band aus dem Jahr 1943 endet mit dem Eigennamen Soxhlet. Die angekündigten Artikel über Soziologie, Volkswissenschaft oder Max Weber sind kriegsbedingt nicht mehr erschienen. Die Artikel über Agrarsoziologie, soziologische Anthropologie, Beziehungslehre, Gemeinschaft, Gesellschaft, Religionssoziologie oder Ausführungen zum Idealtypus wie auch die bei unsystematischer Durchsicht bislang über fünfzig identifizierten Artikel über Soziologen sind allerdings sehr aufschlussreich. Als erster Cheflektor der Partei­ amtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums, die eigentlich die Aufgabe hatte zu verhindern, dass unerwünschte Publikationen über die NSDAP und ihre Gliederungen erscheinen, fungierte Gerhard Krüger. Er war 1928 in die Partei eingetreten und von 1931 bis 1933 als Führer der Deutschen Studentenschaft sichtbares Symbol der großen Akzeptanz des Nationalsozialismus unter Deutschlands Studenten (vgl. die Artikel Gerhard Krüger in: Meyers Lexikon, Bd. 6, 1939, Sp. 1646 und in: Zentner und Bedürftig 1985, S. 335 f.). 1934 promovierte er bei Hans Freyer in Leipzig mit der Arbeit Student und Revolution (Muller 1987, S. 296). Als Reichsamtsleiter der Parteiamtlichen Prüfungskommission veröffentlichte er 1937 die Kampfschrift Wo steht die Wissenschaft ?, in der er durchgängig die „Lehre von der Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft“, das heißt, das Wertfreiheitspostulat attackierte (Krüger 1937). Dennoch gibt es in Meyers Lexikon keinen Artikel über Karl Mannheim. Zu Scheler heißt es, seine „rass. Zwiespältigkeit fand ihren Niederschlag in seinem gesamten Philosophieren, in dem farbiger Stil, überraschende Einfälle und die Fähigkeit zu eindringlicher, bes. psycholog., Analyse mit Sprunghaftigkeit des Denkens, mangelnder wiss. Grundlegung und bedenklichem weltanschaul. Schwanken verquickt sind“ (Bd. 9, 1943, Sp. 1016). Die weiteren Ausführungen bedienen sich bekannter Stereotype, erwähnen das Thema Wissenssoziologie jedoch nicht. Eine Instrumentalisierung der Wissenssoziologie, wie Theodor Geiger und René König behaupten, erfolgte hier zumindest nicht.

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Allerdings wird Scheler neben Charlotte Bühler, Hans Kelsen, Helmuth Plessner, Georg Simmel und anderen im Artikel Judentum zu jenen Vertretern „jüdischen Denkens“ gezählt, „die das Gedankengut arischer Philosophie talmudisch verzerrten u. mißbrauchten“ (Bd. 6, 1939, Sp. 606). Gleichlautend die Diktion im Artikel Relativismus, der ist nämlich „eine die moderne liberalistisch-individualist. Rat- bzw. Grundsatzlosigkeit bes. deutlich verkörpernde Geisteshaltung, aus Veranlagung und zu Zersetzungszwecken vom Judentum mit Absicht und Berechnung eingenommen“ (Bd. 9, 1942, Sp. 290). Der Artikel Relationalismus (nicht Relationismus !) gleicht jenem bereits zitierten aus dem Philosophischen Wörterbuch weitgehend. Es handelt sich demnach um den in der Philosophie vergeblichen Versuch, „alle gewachsene, lebendige Wirklichkeit entinhaltlicht und entlebendigt als Geflecht bloßer, abstrakter Relationen (Beziehungen) aufzufassen, eine bes. dem jüd. Geiste naheliegende zersetzende Denkweise, auch Funktionalismus genannt“ (Bd. 9, 1942, Sp. 290). Karl Mannheim wird auch hier nicht namentlich erwähnt, kann aber im Sinne des Destruktivitätsdiskurses seit Curtius als mitbetroffen gedacht werden. Das Reizwort „zersetzend“ veranlasst jedenfalls Nico Stehr und Volker Meja in ihrem Aufsatz Sozialwissenschaftlicher und erkenntnistheoretischer Diskurs: Das Problem des Relativismus der orthodoxen Kritik an der Wissenssoziologie vorzuwerfen, sie unterschätze „die Gefahr einer Monopolisierung von Diskurs“ (1985, S. 268). Als Begründung führen sie an: „Totalitäre politische Systeme gehören notwendigerweise zu den erbittertsten Gegnern des Relativismus. Sie stilisieren den Relativismus gern in der beschriebenen vulgären Art und Weise. So spricht etwa die der Preisfrage der Preußischen Akademie der Wissenschaften von 1936 – ‚Die inneren Gründe des philosophischen Relativismus und die Möglichkeit seiner Überwindung‘ – beigefügte Erläuterung von der ‚zersetzenden‘ Wirkung des Relativismus“ (1985, S. 268). Diesen Hinweis finden sie in dem mit dem zweiten Preis ausgezeichneten Buch von Johannes Thyssen Der philosophische Relativismus (1941). In dem Buch von Eduard May Am Abgrund des Relativismus, das mit dem ersten Preis ausgezeichnet worden war, erfährt man, dass Eduard Spranger und Nicolai Hartmann die Preisrichter waren und Hartmann das Preisthema vorgeschlagen hatte (1941, S. 5 f.). Den, wie Spranger rückblickend schrieb, die Frage beunruhigte, „ob unsere Zeit nicht von der Krankheit des Relativismus schon stark angefressen sei“ (1960, S. 442). Das erklärt wohl auch, dass sich in dem von Hartmann herausgegebenen Band Systematische Philosophie von 1942 ein 130seitiger Beitrag über Das Problem des Relativismus befindet, der aber keinen Bezug zu Mannheim herstellt (Wein 1942). Über das Verhalten von Spranger und Hartmann im Dritten Reich gibt es zumindest im Fall Spranger sehr unterschiedliche Meinungen (Keim 1995, S. 169 – ​173; zu Hartmann vgl. Haug 1989). Nur wäre es falsch, sie als Inkarnation „totalitärer politischer Systeme“ oder auch nur des na-

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tionalsozialistischen zu bezeichnen. Thyssens Buch erschien 1955 in dritter Auflage wiederum mit der Erläuterung der Preisfrage. In der ersten Auflage von 1941 kommt Thyssen zu folgenden Ergebnissen: „Aber nicht nur sehr allgemeine Schwierigkeiten der philosophischen ‚Sache‘, nämlich des philosophischen Gegenstandsbereichs überhaupt, kamen hier in Sicht, sondern das große Positive gegenüber der relativistischen These: es gibt einen prinzipiell erkennbaren Gegenstandsbereich der Philosophie, der Widerspruch der Systeme ist Verfehlen des Erfassungsziels, nicht Ausdruck berechtigter Schöpferkraft der verschiedenen Subjekte“ (1941, S. 194). Dabei erkennt auch Thyssen die Notwendigkeit eines nicht allgemeinen Relativismus an, der aus fachlichen Divergenzen und Widersprüchen resultiert. „Es gehört auch dazu die Weckung des ‚kritischen‘ Sinnes: Grenzen des Erkennens anerkennen, heißt nicht, alles philosophische Erkennen oder gar alles menschliche Erkennen überhaupt relativieren“ (1941, S. 195). Auf den letzten Zeilen des Buches wird nochmals deutlich, dass Thyssens Beharren auf wissenschaftlich gesicherter philosophischer Erkenntnis eben keine Selbstverpflichtung auf irgendwelche NS-Werte bedeutet. „Wenn schließlich die Akademie noch fragt, was sich mit den ‚Möglichkeiten der Überwindung‘ ‚gegebenenfalls erreichen lasse‘, so haben wir das teils eben gesagt: Irrtümer lassen sich widerlegen und Wahrheitsmomente auch des Relativismus anerkennen und aufnehmen. Aber es ist schon viel, sich in beschränktem Raum mit Sicherheit zu bewegen und zu wissen, daß die Intention aller großen Philosophen der Vergangenheit, Wirklichkeit zu erfassen, nicht eine Illusion war, sondern daß die Möglichkeit philosophischen Erkennens so sicher da ist wie am ersten Tag, da das Philosophieren begann (1941, S. 195). Der Gewinner des ersten Preises, der Physiker Eduard May, bedankt sich im Vorwort seiner Preisschrift beim Präsidenten der Preußischen Akademie der Wissenschaften, SS-Oberführer Professor Dr. Theodor Vahlen, für das nochmalige Lesen der Fahnenkorrektur und seine günstige Beurteilung sowie bei dem einschlägig bekannten Anhänger einer ‚Deutschen Physik‘, dem Philosophen Hugo Dingler. Die „rassisch-völkische Bedingtheit des Erkenntniserwerbs“ ist May wohl auch bereit anzuerkennen. Er wendet sich aber dagegen, „allein schon das Streben nach einer absoluten, überzeitlichen und von allen menschlich-allzumenschlichen Bedingtheiten gereinigten Wahrheit in Grund und Boden zu verdammen“ (1941, S. 295). In seiner Schlußbetrachtung bekennt er: „So haben wir denn dem ‚Rationalismus‘ das Wort geredet ! Zwar nicht dem philosophiegeschichtlich so genannten Rationalismus des 17. und 18. Jahrhunderts, wohl aber jener übergreifenden und überzeitlichen rationalen Weltauffassung, die an dem Ideal der absoluten Wahrheit festhält und die Möglichkeit, ihr in einem unendlichen Fortschrittsprozeß näherzukommen, durch die Voraussetzung eines Grundstocks unveräußerlicher Aprioritäten sicherstellt. Daß wir damit in schroffen Gegensatz zu allen

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empiristischen und positivistischen Strömungen treten, braucht nicht besonders betont zu werden“ (1941, S. 293). Daran anschließend scheut er sich nicht, den gern als einen der Exponenten der NS-Philosophie herausgestellten Ernst Krieck frontal anzugreifen. „Gegensätzlich zu uns scheinen aber auch solche Richtungen zu sein, die sich zwar von jedem Empirismus und Positivismus weit entfernt glauben, in ihrer Wahrheitstheorie jedoch bedeutsame Übereinstimmungen mit empiristisch-positivistischen Lehren aufweisen. Wir denken insbesondere an die neue ‚Heidelberger Schule‘ unter der Führung von E. Krieck, die sich gerade in allerjüngster Zeit sehr heftig gegen den Begriff absoluter, überzeitlicher Wahrheit gewendet hat“ (1941, S. 293 f.). Besonders pikant wird es, wenn er in seinem Plädoyer für den Rationalismus schließlich als Zeugen ausgerechnet Philipp Lenard heranzieht. „Tatsächlich bricht ja das rationale Wahrheitsstreben bei jedem echten Forscher mit elementarer Gewalt durch, und ich möchte nicht versäumen, die schönen Worte hierherzusetzen, mit denen Ph. Lenard, der doch gewiß nicht zum ‚Gegentypus‘ gezählt werden darf, den bleibenden Kerngehalt der rationalen Wahrheitsidee getroffen hat: ‚Wahr ist, was in unserem Geist übereinstimmt mit jener, von den Willkürlichkeiten unseres Geistes unabhängigen Wirklichkeit. Wahr ist nicht, was hier oder da sich bewährt, sondern was sich immer bewähren muß, weil es der allzusammenhängenden Wirklichkeit entnommen ist‘.“ (1941, S. 297). So kommt Lenard, der mit seiner ‚Deutschen Physik‘ immer das Paradebeispiel für den Sieg des Irrationalismus im Nationalsozialismus abgibt, zu unerwarteten Ehren als Retter des Rationalismus.

10.4 Karl Mannheim und die empirische Wende der deutschen Soziologie In ihrem Text über Die Rationalisierung des Irrationalen verteidigen Kettler, Meja und Stehr Karl Mannheim gegen die bekannten Irrationalismus-Vorwürfe, indem Sie ihn als Fels in der von der deutschen Intelligenz der Weimarer Republik selbst erzeugten irrationalen Brandung beschreiben. „Obwohl Mannheim auf seine Aussenseiterrolle in Weimar und auf die besonderen Einsichten, die sie ermöglichte, stolz war, war er dennoch ein eher aussergewöhnlich typischer Repräsentant der jüngeren Generation der Weimarer Intellektuellen, wie der ausserordentliche Erfolg von Ideologie und Utopie im Jahre 1929 verdeutlicht. Die Zerstörung der Weimarer Republik vernichtete und vertrieb diese vitale intellektuelle Gemeinschaft“ (1989, S. 36). Dass es viele Intellektuelle gegeben hat, die mit Mannheim debattierten, ist überzeugend belegt. Ob sie eine Gemeinschaft darstellen, ist angesichts der Schärfe der Kritik an Mannheim zu bezweifeln. Die Frage ist deshalb auch, ob Mannheim der typische Repräsentant der jüngeren Generation der Wei-

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marer Intellektuellen sein konnte ? Die Frage stellt sich, weil, wie bereits erwähnt, auch René König Mannheim eine ähnliche Rolle zuschreibt: die des Erneuerers der selbstmordgefährdeten traditionellen deutschen Soziologie. Mannheims eigene Ausführungen über die deutsche Soziologie der Weimarer Zeit aus dem Jahr 1934 lassen vermuten, dass er zumindest eine Gruppe jüngerer Soziologen am Werk sah, die das noch von vielen älteren nicht überwundene methodologische und philosophische Stadium deutscher Soziologie hinter sich gelassen hatten. Amüsant ist, dass ausgerechnet der Gerontokrat Leopold von Wiese gegenüber Earle Edward Eubank um etwa dieselbe Zeit Mannheim genau dieser Gruppe traditioneller deutscher Soziologen zurechnet (Kettler und Meja 1995, S. 241). Von den neun 1934 von Eubank befragten deutschen und österreichischen Soziologen (darunter Alfred Weber, Franz Oppenheimer, Ferdinand Tönnies und Alfred Vierkandt) zählt ihn keiner zu den „Machern“ der Soziologie. Von Wiese meint, er sei „einer unserer begabtesten jungen Männer“ (Käsler 1985, S. 162). Bemerkenswerterweise sieht Mannheim die Wende der deutschen Soziologie in der Neuorientierung auf die empirische Sozialforschung, „Among the more representative members of the younger generation of German sociologists we can discern a real striving after empirical investigation, although this empiricism is a complicated conception“ (Mannheim 1934, S. 18). Diese Position bekräftigt er nochmals, indem er die Notwendigkeit geschlossener soziologischer Systeme, Leopold von Wiese exemplarisch anführend, zurückweist. „Our need is neither for an abstract classificatory system nor for methodological reflections on the nature of sociology, but for a concrete analysis of past and contemporary events“ (Mannheim 1934, S. 22). Mannheim hat, wie soeben erwähnt, selbst eingeräumt, dieses empirische Programm sei „a complicated conception“. Aber nicht nur das, es ist auch fraglich, ob Mannheim der Richtige gewesen wäre, um als Anführer dieser empirisch orientierten jungen Soziologen fungieren zu können. Dietrich Rüschemeyer konstatiert Mannheim rückblickend ein „völliges Desinteresse an den Methoden zur empirischen Überprüfung wissenssoziologischer Hypothesen“ (1981, S. 415). 1931 lehnte die Rockefeller-Foundation seinen Antrag auf Forschungsförderung mit der Begründung ab, die Arbeit seiner Studenten sei „insufficiently empirical“ (Kettler und Meja 1995, S. 241). Vertreter der Frankfurter Schule, die die empirische Sozialforschung als konstitutiv für das Programm des Instituts für Sozialforschung betrachteten, waren sicher befangen, was Mannheims Marx-Interpretation anbelangt. 1930 sah aber Max Horkheimer auch in Mannheims davon natürlich prinzipiell nicht zu trennender Wissenssoziologie keinen geeigneten Ansatz, gesellschaftliche Wirklichkeit zu erfassen. „Die soziologischen Begriffe werden bei Mannheim durchgängig so verflüchtigt, daß sie schließlich für das Verständnis des gesellschaftlichen

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Lebens nicht mehr zu verwenden sind. Eine ‚Zeitdiagnose‘, die hauptsächlich mit den unklaren idealistischen Vorstellungen dieser Wissenssoziologie arbeitet, muß ein höchst einseitiges Bild geben. Sie erhebt zwar den Anspruch, daß von ihr ‚unsere gesamte Seins- und Denklage im Querschnitt erfaßt‘ werde, aber dieser Querschnitt läßt die wichtigsten Teile der gesellschaftlichen Wirklichkeit unberührt“ (1930, S. 293). Die 1937 von Theodor W. Adorno formulierte Kritik fällt noch schärfer aus. Mannheim liefert die soziologische Theorie „in letzter Instanz der privaten Weltanschauung“ aus. Die Mannheimsche Soziologie „bleibt Symptomdenken nicht nur in der Elitentheorie. Sie überschätzt durchwegs die Bedeutung der Ideologien gegenüber dem, wofür sie einstehen.“ Dem ist verschwistert „der Vulgärmaterialismus bürgerlicher Praxis: während die Fassade, wäre es auch bloß durch den Glanz, den ihr die Betrachtungsweise verleiht, bestätigt bleibt, ist es die wahre Überzeugung dieser Soziologie, daß im Innern des Hauses keine Regung gedeihen könnte, die über dessen abgesteckten Umfang ernstlich hinausdrängte“ (1937, S. 40, 41). Diese Auffassung vertrat Adorno zu einem Zeitpunkt, als er sich bereits im Exil befand. Eine ähnliche Position findet sich auch bei Heinz Maus, der im NS-Regime versuchte, als Soziologe zu überleben. Maus, der sich bei dem empirisch arbeitenden Hamburger Soziologen Andreas Walther mit einer Bestandsaufnahme der Ansätze und Instrumente der empirischen Sozialforschung habilitieren wollte, ein Unternehmen, das als Ursprungsidee des Handbuchs der empirischen Sozialforschung bezeichnet werden kann (Klingemann 1998, S. 70 f.), stellte 1940 das Scheitern der Wissenssoziologie vor der Wirklichkeit fest. „Die Wissenssoziologie ist, wie einer ihrer bedeutendsten Vertreter [das ist Mannheim] gesteht, von einem ‚überbetonten Historismus‘ zu einer Geistesphilosophie von höchst zweifelhaftem Werte gelangt (besonders deutlich bei Scheler), die die gesellschaftliche Sphäre verflüchtigt und deren geschichtlich wirkende Kräfte als ‚ideologische‘ zu entmächtigen sucht. Ihre spiritualistische Bodenlosigkeit wird durch eine Beigabe positivistisch-historistischer und sonstiger Daten nicht behoben, sondern markiert: Den Nachweis dessen, was sie Seinsgebundenheit nennt und womit sie den Radikalismus ihres Verfahrens sichern will, weist vielmehr zentral auf die Ohnmacht ihrer alles verstehenden Methode, deren Artung zu einer ‚Suspension der Entscheidungen‘ führt“ (1940, S. 14). Diese Kritik hält Maus auch in seinem Nachruf auf Mannheim aufrecht. Obwohl er sich dort als seinen Schüler und Mannheim selbst als einen deutschen Soziologen mit „Weltruf “ bezeichnet, ist für ihn insbesondere der Artikel Wissenssoziologie in Vierkandts Handwörterbuch der Soziologie von 1931 ein Beleg der „formalistischen Sophistik“ Mannheims (Maus 1947). Mannheim hält in seinem Schlusswort auf dem sechsten Soziologentag fest, dass die Diskussionsteilnehmer „die zentralen Fragen, die mir heute in einer Gesellschaft für Soziologie wichtig gewesen wären, irgendwie in den Hintergrund

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geschoben“ haben (Verhandlungen 1929, S. 119). Dies richtet sich vermutlich vornehmlich an seine älteren Kritiker, die seiner Meinung nach nicht zu einer empirischen Neuorientierung bereit sind, wie er 1934 in seinem Aufsatz über die Weimarer Soziologie schreibt. „The criticism levelled against Freyer by the younger generation of sociologists is due just to this, that, though he gave to sociology the securest foundation, he did not fill in with empirical matter the framework he constructed“ (1934, S. 22). In direktem Anschluss daran erklärt Mannheim, dass Max Webers „manner of empirical investigation has become representative.“ Ebenso wenig wie man aber erfährt, wer denn zu der Gruppe der jungen an empirischer Soziologie interessierten Soziologen gehört, bleibt offen, wer Webers empirische Untersuchungsmethode am Ende der Weimarer Republik praktiziert hat. Es sei abschließend darauf hingewiesen, dass im selben Jahr, in dem Mannheims Aufsatz erscheint, unter der Leitung und aktiven Beteiligung von Hans Freyer eine große empirische Untersuchung der Landarbeiterfrage aufgenommen wird. Im Auftrag des Sonderbeauftragten für Landarbeiterfragen des Reichs­ bauernführers und in Kooperation mit dem Erlanger Soziologen Karl Seiler wurde über mehrere Jahre ein Forschungsprojekt in verschiedenen Gebieten Deutschlands durchgeführt. Es standen außergewöhnlich große Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Verfügung, die über die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung vergeben wurden und eine bis dahin nicht gekannte Form sozialwissenschaftlicher Politikberatung ermöglichten (Klingemann 1996, S. 291 – ​293), Dies ist ein frühes Beispiel für die empirische Wende in der deutschen Soziologie nach 1933. Die Liste späterer bundesrepublikanischer Soziologen, die sich bereits während der NS-Herrschaft der empirischen Soziologie widmeten, ist lang. Die Modernisierung der Nachkriegssoziologie ist somit auch dem ungeheuren Bedarf an Fakten und Analysen nationalsozialistischer Administrationen und Planungseinrichtungen sowie der Bereitschaft vieler bekannter Soziologen geschuldet, ihr Expertenwissen zur Verfügung zu stellen. Eine empirische Wende vollzieht sich demnach nur, wenn die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen günstig sind. Die bereits in Agonie liegende Weimarer Republik bot keine günstigen Voraussetzungen, aber auch in England und insbesondere in den USA wurde Mannheim nicht als Vertreter einer empirisch-anwendungsbezogenen Sozialforschung wahrgenommen. Christian Fleck sieht eine Ursache für die dennoch wohl vorhandene „ursprüngliche Attraktivität der Mannheimschen Wissenssoziologie“ in der Schwäche konkurrierender Ansätze. So hätte eine Theorie, die einen Beitrag zur Deutung der Gegenwart zu liefern versprach, Verbreitung finden können, auch wenn sie zum Zeitpunkt, zu dem sie Anhänger fand, eines im weitesten Sinn anwendbaren „Algorithmus“ entbehrte (2000, S. 249). Die Stilisierung Mannheims hingegen zu einem verhinderten Modernisierer der verknöcherten deutschen Soziologie durch deren Empirisierung versperrt den Blick auf das ele-

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mentare Moment der Entstehung und Entwicklung von Soziologie: ihre politische Institutionalisierung, auch unter nicht demokratischen Verhältnissen.

10.5 Literatur Adorno, Theodor W. 1937. Neue wertfreie Soziologie. Aus Anlaß von Karl Mannheims „Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus“ (1937). In Theodor W. Adorno, Vermischte Schriften I (Gesammelte Schriften, Bd. 20/1). Frankfurt am Main. 1986, 13 – ​45. Adorno, Theodor W. 1959. Zum gegenwärtigen Stand der deutschen Soziologie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 11: 257 – ​280. Baker, R. J. 1939. National Socialism and the Social Sciences. The Sociological Review 31: 89 – ​109. Becker, Howard, und Harry Elmer Barnes. 1961. Social Thought from Lore to Science. Gloucester. Beyer, Hans Joachim. 1942. Rassische Kräfte in der Umvolkung. Deutsches Archiv für Landes- und Volksforschung 6: 1 – ​16. Curtius, Ernst Robert. 1932. Deutscher Geist in Gefahr. Stuttgart – Berlin. Fleck, Christian. 2000. Karl Mannheim im Mahlstrom: Die Vorlesung von 1930 – ein Beitrag zur Gegenwartsdiagnostik ? In Karl Mannheims Analyse der Moderne. Mannheims erste Frankfurter Vorlesung von 1930. Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1996, Hrsg. Martin Endreß, und Ilja Srubar. Opladen, 241 – ​262. Geiger, Theodor.1949. Kritische Bemerkungen zum Begriffe der Ideologie. In Gegenwartsprobleme der Soziologie. Alfred Vierkandt zum 80. Geburtstag, Hrsg. Gottfried Eisermann. Potsdam, 141 – ​155. Hauer, Eugen, Werner Ziegenfuß, und Gertrud Jung, Hrsg. 1937. Philosophen-Lexikon. Berlin. Haug, Wolfgang Fritz. 1989. Nicolai Hartmanns Neuordnung von Wert und Sinn. In Deutsche Philosophen 1933, Hrsg. Wolfgang Fritz Haug. Hamburg, 159 – ​187. Heiber, Helmut. 1966. Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands. Stuttgart. Hoeges, Dirk. 1994. Kontroverse am Abgrund: Ernst Robert Curtius und Karl Mannheim. Intellektuelle und „freischwebende Intelligenz“ in der Weimarer Republik. Frankfurt am Main. Horkheimer, Max. 1930. Ein neuer Ideologiebegriff ? In Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 2: Philosophische Frühschriften 1922 – ​1932. Frankfurt am Main. 1987, 271 – ​294. Käsler, Dirk. 1984. Die frühe deutsche Soziologie 1909 bis 1934 und ihre Entstehungs-Milieus. Eine wissenschaftssoziologische Untersuchung. Opladen. Käsler, Dirk. 1985. Soziologische Abenteuer; Earle Edward Eubank besucht europäische Soziologen im Sommer 1934. Opladen. Keim, Wolfgang.1995. Erziehung unter der Nazi-Diktatur. Bd. I: Antidemokratische Potentiale, Machtantritt und Machtdurchsetzung. Darmstadt.

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Zur Rezeption von Karl Mannheim

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Der Oberförster jagt den Nazijäger. Rufmord als letztes Mittel der Vergangenheitsbewältigung

11.1 Vorbemerkung (2020) Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Rezension meines Buchs Soziologie im Dritten Reich (1996a) von Dirk Kaesler, die unter dem Titel Unedles Waidwerk: Alfred Weber wird beschuldigt. Der Nazijäger Carsten Klingemann präsentiert eine infame Strecke in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. Februar 1997 (Kaesler 1997a) erschienen ist. Das von Kaesler eingereichte Manuskript trägt den Titel „Endlich entlarvt: Alfred Weber hat sich doch mit den Nazis akkomodiert. Der Nazijäger Carsten Klingemann präsentiert eine infame Strecke“. Dieser Text ist in Soziologie. Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Heft 3/1997, (Kaesler 1997b, S. 28 – ​32) abgedruckt worden, versehen mit einer umfangreichen Einleitung unter dem Titel „Soziologie und Nationalsozialismus. Über den öffentlichen Gebrauch der Historie“ (Kaesler 1997c, S. 20 – ​28). Da es mir bei der Darstellung professioneller Aktivitäten von Soziologen während der NS-Zeit nach Meinung von Oberförster Kaesler, Unedles Waidwerk, anscheinend tatsächlich nur darum geht, Alfred Weber (und andere Repräsentanten der deutschen Soziologie) nicht nur ohne von Kaesler zu erteilender Jagdlizenz, sondern auch noch aus niederen Beweggründen zur Strecke zu bringen, muss zunächst auf den Zusammenhang zwischen meiner Schilderung der Geschichte des Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg Anfang der dreißiger Jahre und der anwendungsorientierten Sozialforschung in Politikfeldern des NS-Regimes – über die mein Buch hauptsächlich handelt – eingegangen werden.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_11

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Der Oberförster jagt den Nazijäger

11.2 Alfred Weber und das Institut für Sozialund Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg (InSoSta) Alfred Weber musste zum Thema werden, weil seine angebliche „Zwangsemeritierung“ (Schmitt 1995, S. 227) als Beweis für die gezielte Vernichtung der Soziologie durch die Nazis angeführt wird. Dass Weber um Emeritierung nachsuchte, ist meines Wissens durch meine Archivrecherchen erstmals bekannt geworden. Sie erfolgte auf die Angriffe nationalsozialistischer Studenten und der Heidelberger NS-Presse, die allerdings ihre Stoßkraft erst durch die in Reaktion darauf Weber zugefügte „zweimalige Demütigung durch seine eigene Universität“ (Kaesler 1997, S. 29) erhielten. Um die politische Atmosphäre am InSoSta zu beleuchten und die 1933 zu beobachtende Bereitschaft auch nach 1945 bekannter Soziologen zu demonstrieren, sich dem NS-Regime anzudienen, sei nachdrücklich darauf verwiesen, dass der 1937 in die Emigration gezwungene Arnold Bergstraesser, Webers ehemaliger Assistent, als Geschäftsführer des InSoSta an einer dieser Demütigungen entscheidend mitgewirkt und Weber im Jahr 1933 überdies direkt persönlich zum Rücktritt aufgefordert hat, um seine eigene Weiterarbeit am Institut zu erleichtern. Es ist nur zu verständlich, dass Weber nach 1945 alles tat, um Berg­ straessers Rückkehr an das InSoSta – erfolgreich – zu verhindern. Es geht mir also nicht, wie Kaesler behauptet, darum, den Mythos der Standhaftigkeit Webers zu erschüttern. Bergstraesser meinte, seine national-konservativ geprägte Soziologie nationalsozialistischen Vorstellungen anpassen zu können, womit einer systemkonformen Soziologie die Möglichkeit gegeben wäre, der ihrer nun endlich wieder selbst bewussten Nation dienen zu können. Diese Strategie wurde von anderen Soziologen mit Erfolg umgesetzt. Bergstraesser scheiterte, weil nationalsozialistische Studentenfunktionäre und Kollegen der Heidelberger Universität ihn als Nicht-Arier für ungeeignet hielten, Deutschlands nationalpolitische Erneuerung sozialwissenschaftlich voranzubringen. Entgegen der bis heute vielfach akzeptierten Selbsttäuschung der Soziologie, als Aufklärungswissenschaft immun gegen totalitäre Politikmodelle zu sein, dominierte am Ende der Weimarer Republik auch am InSoSta der antidemokratische Zeitgeist: „Auch im INSOSTA, der ehemals linksliberalen Hochburg, hatte sich nach dem Weggang Lederers [1913] der Wind erkennbar gedreht; in der Person Bergstraessers versammelte sich zeitgemäßer Opportunismus und Überzeugungstäterschaft zu einer fatalen Kombination. […]; mit Gumbel sah Weber aber das gesamte Institut in Misskredit gebracht und die Grenze politischer und moralischer Rigorosität erreicht; der theoretisch unambitionierte Brinkmann hatte aus seinen Antipathien gegen Gumbel nie einen Hehl gemacht.“ (Giovannini 1990, S. 286) Die Entlassung des jüdischen Pazifisten und Sozialisten Emil Julius

Alfred Weber und das Institut für Sozial- und Staatswissenschaften 221

Gumbel durch den Entzug der venia legendi im Jahr 1932 erfolgt nach einer beispiellosen Kampagne von NS-Studenten, die in Heidelberg besonders stark waren, um diese zu besänftigen. Möglich wurde die Entlassung durch eine – wie auch Weber forderte – disziplinarrechtliche Beurteilung der „Persönlichkeit“ Gumbels, die für ein akademisches Lehramt als „nicht würdig“ befunden wurde (Jansen 1991, S. 38 f.). Ausschlaggebend war, dass Weber und Bergstraesser sich in ihrem nationalen Ehrgefühl durch die – tatsächlich nie konkret nachgewiesenen – antimilitaristischen Äußerungen Gumbels auf einer Versammlung sozialistischer Studenten verletzt fühlten. Es geht also nicht darum, das von Kaesler zitierte Diktum Klaus von Beymes, Weber sei ein tadelloser Antifaschist gewesen, in Frage zu stellen. Um mir eine „hinterhältige Vorgehensweise“ gegenüber Alfred Weber nachsa­ gen zu können, unterschlägt Kaesler nicht nur Weber betreffende Aussagen von mir, sondern verfälscht auch einige: Weber richtet sein Emeritierungsgesuch nicht, wie Kaesler behauptet, an den Heidelberger Rektor, sondern an das Badische Kultusministerium im unterstellten Glauben, damit dessen „Wunsch“ zu entsprechen (Klingemann 1996a, S. 127 f.) Er bittet nicht, wie ich in angeblich denunziatorischer Absicht behaupte, „erst lediglich um die Beurlaubung für das Sommersemester 1933“, sondern, wie ich ausdrücklich mitteile, „gleichzeitig“ um Beurlaubung und Emeritierung (Klingemann 1996a, S. 128). Ich komme nicht, wie Kaesler behauptet, nach der Schilderung der Aktivitäten von Carl Brinkmann, Arnold Bergstraesser, Andreas Pfenning und Horst Jecht „unvermittelt zum Schluß: ‚Auf jeden Fall konnte sich Weber mit den neuen Machtverhältnissen akkomodieren.‘“ Diese Aussage treffe ich vielmehr relativierend, nachdem ich die sehr scharfen Angriffe gegen Weber von Heinz Maus aus dem Jahr 1939 und des exilierten Ludwig Marcuse im Pariser Neuen Tagebuch von 1935 referiert habe, der Weber der offenen Kollaboration mit den Nazis beschuldigt (Klingemann 1996a, S. 155 f.). Und der „ganze Abschnitt“, den ich angeblich der Hakenkreuzfahnen-Episode widme, umfasst tatsächlich ganze zwei Seiten von 39 über das InSoSta. Mit der Beschreibung der Situation des InSoSta, die sich nicht auf Alfred Weber beschränkt, sollte vielmehr darauf hingewiesen werden, dass die Rede von der Soziologie als einer sich gegen antidemokratische, totalitäre oder faschistische Politikmodelle selbst immunisierenden Wissenschaft durch die Aktivitäten der Direktoren Alfred Weber und Carl Brinkmann, des Geschäftsführers Arnold Bergstraesser und der Assistenten Ernst Wilhelm Eschmann und Giselher Wirsing (prominente Repräsentanten des antirepublikanischen Tat-Kreises) Anfang der dreißiger Jahre am InSoSta nicht bestätigt wird. Und der Institutsbetrieb nach 1933 zeigt, dass die im Rahmen einer international vergleichenden Untersuchung aufgestellte These, die Entstehung und Entwicklung der Soziologie sei nur im Kontext ihrer politischen Institutionalisierung zu verstehen (Wagner 1990), gerade für die NS-Zeit gilt. In

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Der Oberförster jagt den Nazijäger

diesem Zeitraum waren dort Carl Brinkmann, Ernst Wilhelm Eschmann, Carl Jantke, Horst Jecht, Antonio Montaner, Gerhard Rittig, Heinz Sauermann, Karl Schiller, Max-Ernst Graf zu Solms-Roedelheim, Walter Waffenschmidt, Friedrich Wagner und Kurt Walz (zusammen mit mindestens zwanzig Assistenten und wissenschaftlichen Hilfskräften) tätig, die danach (fast ausschließlich) als Professoren der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in der Bundesrepublik wirkten. Ich betreibe nicht die „Entlarvung“ der „bürgerlichen Soziologie“, indem ich „präfaschistische“, „profaschistische“ und „faschistische“ Äußerungen von „Soziologen“ sammele. Diese Vokabeln benutze ich nachweislich nicht zur Charakterisierung des Nationalsozialismus (Klingemann 1984), denn meine These lautet, dass auch gerade jene Sozialwissenschaftler im Nationalsozialismus weiterarbeiten konnten, die nicht unbedingt gläubige Anhänger der NS-Ideologie waren, wohl aber bestimmte nationalpolitische Zielsetzungen des NS-Regimes teilten. Deshalb ist es abwegig zu behaupten, ich konstruierte „ein untadelig antifaschistisches Verhalten“ als moralisierendes Kriterium. Eine politisierende „bürgerliche“ Soziologie ist kritisch zu betrachten, ohne dass sie als nur schlecht getarnte Vorform einer „faschistischen“ denunziert werden muss ! Dass Kaesler sich nicht die Mühe machen will, meine Sicht einer politikorientierten anwendungsbezogenen Sozialforschung im Dritten Reich zu erkennen, mag daraus ersichtlich werden, dass er den eben referierten Vorwurf im Wortlaut bereits 1984 vorgebracht, aber ganz eindeutig mich damit nicht gemeint hat (Kaesler 1984, S. 5). Nur ebenso wenig, wie ich ihm in meinem 1981 publizierten Text, den er in anderer Hinsicht kritisiert, einen Anlass für diese Behauptung geboten habe, ist das in meinen späteren Texten geschehen.

11.3 Ferdinand Tönnies, Leopold von Wiese, Max Graf zu Solms und Max Weber hinterrücks gemeuchelt ? Vielleicht gelingt es nun aber Kaesler, meine „verleumderische Diffamierungskampagne“ durch die „Rekonstruktion einer systematischen Denunziation und des subtilen Rufmordes“ an Ferdinand Tönnies, Leopold von Wiese, Max Graf zu Solms und Max Weber zu belegen. Zu Ferdinand Tönnies berichte ich, dass er als einer der ganz wenigen deutschen Soziologen während der Weimarer Republik ostentativ in die SPD eintrat und noch nach dem 30. Januar 1933 öffentlich die Nazis attackierte und sich zäh gegen Leopold von Wieses Strategie wehrte, die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) durch Selbstgleichschaltung ‚zu retten‘. Ich verweise ausdrücklich darauf, dass es Tönnies war, der gegen den Widerstand von Wieses dafür sorgte, dass ein hauptsächlich die jüdischen Mitglieder des Rates der DGS in Zukunft ausschließender Beschluss durch das neu installier-

Ferdinand Tönnies, Leopold von Wiese, Max Graf zu Solms und Max Weber 223

te „Dreimännerkollegium“ (Werner Sombart, Hans Freyer, Leopold von Wiese) zurückgenommen wurde: „Nur Ferdinand Tönnies, der keine Kompromisse eingehen wollte, widersetzte sich, die Nazi-Politik der Ausschaltung jüdischer und politisch mißliebiger Kollegen selbst zu vollziehen.“ (Klingemann 1996a, S. 18) Der pensionierte Tönnies wird aus dem Staatsdienst entlassen und muss bis zu seinem Tod 1935 mit einer drastisch gekürzten Rente auskommen. Leopold von Wiese hingegen entfaltet zusammen mit seinem Schüler Willy Gierlichs beachtliche professionelle Aktivitäten am Soziologischen Seminar der Universität Köln. Dazu gehört ein größeres empirisches Forschungsprojekt im Auftrag einer staatlichen Institution, was auf die allgemeine Tendenz der Empirisierung der Soziologie nach 1933 verweist. Dieser Sachverhalt oder aber auch von Wieses Mitgliedschaft in der Archivkommission des Auswärtigen Amtes, die in Paris die erbeuteten Akten des französischen Außenministeriums auswertete, muss neben anderen Aktivitäten dokumentiert werden und kann wohl kaum als Denunziation oder Rufmord bezeichnet werden. Meine Ausführungen zu Max Graf zu Solms habe ich zuerst als Referat in Marburg auf einem Symposium anlässlich des 100. Geburtstages und 25. Todestages von Solms in Anwesenheit einiger seiner Schüler und Familienangehörigen vorgetragen. Der Nachdruck dieses Textes im Tagungsband wird von den Herausgebern folgendermaßen kommentiert; „Carsten Klingemann fragt nach Berührungspunkten zwischen Solms und den in politischen Kontexten arbeitenden Sozialwissenschaftlern und rekonstruiert, dass Einbindung wie Loslösung der Solmschen soziologischen Position im Dritten Reich sich aus einem hartnäckigen Bestreben ergeben, seine Gesellungslehre unter den obwaltenden Machtverhältnissen zu vervollkommnen.“ (Fechner und Claas 1996, S. 18) Ebenso wenig wie für meine Darstellung Alfred Webers, Ferdinand Tönnies’ und Leopold von Wieses stimmt Kaeslers Behauptung bezüglich Max Graf Solms, ich rückte sie „in die gedankliche Nähe der Nazi-Ideologie“. Meine Ausführungen über Varianten einer anwendungsorientierten, auf Politikberatung zielenden Sozialforschung gehen überdies gerade umgekehrt von einer strukturellen weltanschaulichen Indifferenz sozialwissenschaftlicher Analyse und Expertise aus, die allerdings immer dann passend ideologisch eingekleidet werden können, wenn sie etwa für Strategien der Volkstumspolitik akzeptabel sein sollen. So wurden Fragen der Assimilation von Bevölkerungsteilen in einverleibten oder besetzten Gebieten Mitteleuropas unter Gesichtspunkten sozialer Nützlichkeit diskutiert, wobei scheinbar prädominante rassenpolitische Zielsetzungen instrumentell adaptiert wurden. Hier ergibt sich seine Parallele zu Max Webers einerseits nüchterner und zeitlich invarianter Analyse der Polenfrage in Ostelbien und andererseits ihrer wechselnden tagespolitisch determinierten Umsetzung in national- und volkstumspolitische Forderungen, insbesondere hin-

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Der Oberförster jagt den Nazijäger

sichtlich der polnischen Wander- und Saisonarbeiter (Klingemann 1996b). Wenn ich nun über die Rezeption Max Webers in der Reichssoziologie berichte, bin nicht ich es, der ihn „in die gedankliche Nähe der Nazi-Ideologie“ rückt, sondern schildere unter anderem Bestrebungen von Soziologen zum Beispiel in Auseinandersetzungen um den Anspruch, die einzig ideologisch korrekte Wissenschaft zu betreiben, NS-Weltanschauungshütern Max Weber als politisch unverdächtig erscheinen zu lassen. Und das ist sicherlich möglich, wie Stephen P. Turner, zusammen mit Dirk Kaesler Herausgeber des Bandes Sociology Responds to Fascism (Turner und Käsler 1992), in seinem Beitrag zu dem Band darlegt: „The list of affinities between sociology and fascist ideas is long.“ (1992, S. 7) Er nennt Emile Durkheims „model of a ‚normal‘ corporativist society“, um dann auf Max Weber zu sprechen zu kommen: „There are many very direct connections between fascist ideas and early Weber’s enthusiasm for the leadership state presaged Michels’ embrace of Mussolini as the capo carismatico.“ (1992, S. 7) Diese Aussage trifft Turner im Zusammenhang seiner Beschreibung der drei „stages in sociology’s relation to fascism“. Weber wird dabei bezüglich „the stage of the making of climates of opinion“ erwähnt. Die zweite Stufe war „the actual use of sociological ideas to legitimate and criticize the emerging fascist movements“ (1992, S. 7). Die dritte Stufe, der er meine Beschreibung der Reichssoziologie (Klingemann 1992, S. 127 – ​154) zuordnet, war „the period in which sociologists attempted to serve the regimes technically rather than ideologically“ (1992, S. 8). Dies könne als Opportunismus oder im Glauben an die Progressivität und oppositionelle Substanz der Soziologie als Verrat betrachtet werden. „But the easy absorption of sociologists and social researchers into the apparatus of the Nazi systems of academic patronage, documented by Klingemann, suggests otherwise, Sociologists participated in the Nazi order in large numbers and for the same kinds of reasons as sociologists participate in schemes of subsidized scholarship today.“ (1992, S. 8) Damit hebt Turner einen Aspekt hervor, den ich selbst häufig eher indirekt thematisiere, wenn dargelegt wird, dass NS-Planungsinstitutionen nicht interessiert waren an als Wissenschaft ausgegebener Weltanschauungsarbeit, sondern sozialwissenschaftliches Expertenwissen schätzten, so dass zum Beispiel der politisch verdächtige Walter Christaller vom Reichsführer SS Heinrich Himmler persönlich protegiert wurde, um seine empirisch-induktiv entwickelte Theorie der zentralen Orte zu einer anwendungsfähigen Planungswissenschaft umgestalten zu können (Rössler 1990; Gutberger 1996). Turner setzt noch einen weiteren besonderen Akzent im Hinblick auf die Modernisierung der Soziologie während der NS-Zeit: „If anything, the Nazis were modernizers of sociology: they brought the machinery of subsidized scholarship and publication in empirical sociology and substantive research significantly closer to present empirical models of re-

Ferdinand Tönnies, Leopold von Wiese, Max Graf zu Solms und Max Weber 225

search subsidy and relations with the State. As Klingemann shows, there was even a great deal of continuity in personnel in the sociology of the Federal Republic (1992, S. 8). Die Behauptung einer personellen Kontinuität kann wohl kaum bestritten werden, wenn man bedenkt, daß etwa hundert Soziologen sowohl vor wie nach 1945 professionell tätig waren. Unerklärlich ist, wie Kaesler, der meinen Aufsatz zusammen mit Turner ins Englische übertragen hat, nun schreiben kann, ich bezöge zur These der restlosen Auflösung der Soziologie durch die Nazis eine „radikale Gegenposition, die eine bruchlose Kontinuität der deutschen Soziologie behauptet“. Auf die Tatsache der Unterbrechung bestimmter Traditionen der Soziologie in Deutschland vornehmlich durch die Vertreibung jüdischer Fachvertreter und die Unterdrückung weiterer missliebiger Soziologen habe ich in meinen Publikationen immer wieder verwiesen, so auch in meinem von Kaesler mit übersetzten Beitrag (Klingemann 1992, S. 130). Noch aberwitziger wird es, wenn Kaesler fortfährt: „Die Soziologie der Wilhelminischen Epoche und der Weimarer Zeit habe, so die These, direkt in eine ‚Nationalsozialistische Soziologie‘ geführt. Carsten Klingemann vertritt diese Position besonders konsequent.“ Es gibt keine Veröffentlichung von mir, in der ich eine „Nationalsozialistische Soziologie“ präsentiere. Umgekehrt, mein Anliegen ist es, darauf aufmerksam zu machen, dass gerade der bis 1933 in der deutschen Soziologie nicht übliche Einsatz der empirischen Sozialforschung den entscheidenden Bruch darstellt. Eine „Nationalsozialistische Soziologie“ hat es nicht gegeben, aber neben einer Vielzahl von Ansätzen und Varianten einer sich weltanschaulich dem NS-Regime anbiedernden Soziologie eine empirisch orientierte Soziologie, die über politikneutrale Ansätze und Instrumente verfügte, mit deren Hilfe nationalsozialistische Politikprogramme entscheidungsvorbereitend operationalisiert werden konnten, wie exemplarisch die Arbeit des Soziographischen Instituts an der Universität Frankfurt am Main belegt. Deswegen spreche ich ganz bewusst – wie auch im Band von Turner und Käsler – von Reichssoziologie. Anstatt sich mit diesen Hauptthesen des zu besprechenden Buches auseinanderzusetzen, zitiert Kaesler sich selbst, ohne dies allerdings kenntlich zu machen, aus seinem Aufsatz von 1984 (S. 5), in dem er meinen ersten Text zum Thema Soziologie und Nationalsozialismus aus dem Jahr 1981 kritisiert: „Klingemann will beweisen, daß ‚die‘ Gesellschaftswissenschaften ganz generell über eine immanente Bereitschaft verfügen, selbst totale Herrschaftsansprüche zu legitimieren oder sich ihnen zumindest zu unterwerfen.“ Zum damaligen Zeitpunkt hatte sich mir das weite Feld der tatsächlich praktizierten Sozialforschung noch nicht erschlossen, was erst durch die ab 1985 einsetzende Archivarbeit in Gang gebracht wurde. Seitdem ist in meinen Texten keine Rede von einer Legitimierung des NS-Regimes durch Soziologie und deren ideologische Unterwerfung. Dies hätte Kaesler spätes-

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tens bei der Übersetzung meines Aufsatzes von 1992 bemerken oder aber den Ausführungen seines Mitherausgebers Turner entnehmen können: „Like Spann, the German sociologists who sought to provide ideological justifications for Nazism discovered that once in power the Nazis had a strong interest in preserving the purity of their own doctrine and little or none in ‚legitimation‘.“ (1992, S. 8) Wenn Kaesler sich echte Sorgen machen will um die behauptete politische Jungfräulichkeit der „bürgerlichen“ Soziologie, sollte er den Verweis von Turner auf die professionelle Gleichartigkeit von im Nationalsozialismus praktizierter und US-amerikanischer Kriegssoziologie ernst nehmen: „[…] the parallels between sociology in this third stage in Germany and the case of American wartime sociology should be noticed. One might suppose that the conditions which led sociologists into involvement with the Nazi regime described by Klingemann were unique to Germany and the Nazi system. But in both Germany and the United States, sociologists as experts and technicians attempted to contribute to national purposes, and were so employed. The areas of work were largely the same: studies of morale, aid in the administration of occupied territory, and the training of officers.“ (1992, S. 8) Turners Position wird bestätigt durch Talcott Parsons und Bernard Barber, die zwar feststellen, dass Wirtschaftswissenschaft, Psychologie und vorrangig Anthropologie einen großen Anteil an professioneller Partizipation am Krieg vorweisen können: „Still, the war gave sociologists a larger opportunity than ever before to show what they could do, and good advantage was taken of the opportunity.“ (Parsons und Barber 1948, S. 249)

11.4  Reichssoziologie-Debatte im International Journal of Politics, Culture and Society Eine weitere Möglichkeit, die Qualität der im NS-Staat betriebenen Sozialforschung einzuschätzen, besteht in der Herausarbeitung der Differenz zur Nachkriegssoziologie. Kaesler ist dem bewusst ausgewichen, da er hätte diskutieren müssen, was ehemalige Reichssoziologen außer ihrer politischen Loyalitätsbeziehung nach 1945 sonst noch hätten austauschen müssen. Da die Autoren Guenther Roth, Larry Carney und Robert Jackall im Rahmen des Symposions Sociology Confronts Ideology: A Symposion on the Challenge of Fascism im International Journal of Politics, Culture and Society (7, 1994: 461 – ​492) über das Buch von Turner und Käsler sowie den von Uta Gerhardt 1993 herausgegebenen Band Talcott Parsons on National Socialism unter Bezugnahme auf meinen Beitrag darauf eingehen, sollen ihre Positionen hier diskutiert werden, insbesondere weil Kaesler mir unehrenhafte Motive unterstellt, wenn es mein „unausgesprochenes Ziel“ sei,

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„die Kontinuitäten zwischen der NS-Soziologie und ihrer bundesdeutschen Nachfolge zu zeigen“. Larry Carney referiert meine Befunde zur Sozialforschung im NS-Staat, um dann festzuhalten: „To add sobering insult to injury, Klingemann documents the strong continuities at the level of personnel of the war-time sociological establishment and the organization of sociological work in the postwar Federal Republic.“ (1994, S. 477) Robert Jackall geht noch einen Schritt weiter und zieht einen Vergleich zur Situation in den USA: „Klingemann notes too how many of sociologists who staffed the bureaucracies of the Nazi State went on to respectable research positions in the post-war German Federal Republic. Exactly parallel developments occurred in the United States both during and after the war.“ (1994, S. 486 f.) Und ähnlich wie Zygmunt Bauman sieht er in dieser Verfügbarkeit so­ zialwissenschaftlichen Expertenwissens ein Merkmal der Moderne: „In short, along with the rest of the stratum of technocrats and experts typical of modern states, most sociologists’ god was modernity and their religion was rationalization; they simply put their expertise at the service of whatever regime happened to be in power.“ (1994, S. 487) Für Guenther Roth hingegen „sociology is tantamount to free inquiry into the nature of modern society“. Selbstverständlich war „sociology as free critical inquiry“ erst wieder „after the defeat of Nazi totalitarianism“ möglich (1994, S. 461). Zu fragen bleibt, wer diese Soziologie betrieben hat. Roth erwähnt die von mir gezählten mehr als hundert „‚sociologists‘“, die aber von ihm nicht zufällig in Anführungszeichen gesetzt werden und nach 1945 „mostly useless research“ durchführten (1994, S. 466). Man fragt sich dann aber erstaunt, warum ausgerechnet die Rockefeller Foundation von 1949 bis 1953 „praktisch alle Mitarbeiter“ der Sozialforschungsstelle an der Universität Münster mit Sitz in Dortmund durch Forschungsprojekte finanzierte (Weyer 1984, S. 217). Die Sozialforschungsstelle, eine idealtypisch zu nennende Einrichtung empirischer Auftragsforschung und Politikberatung, bot dreizehn ehemaligen Reichssoziologen, darunter während der NS-Zeit stark exponierte wie Gunther Ipsen, Karl Heinz Pfeffer oder Wilhelm Brepohl, die bereits vor 1945 empirische Sozialforschung betrieben hatten, die Möglichkeit zur Weiterarbeit, aber diente auch anderen wie Carl Jantke, Hans Linde oder Elisabeth Pfeil, die ihre Ausbildung und erste Anstellung noch während des Dritten Reichs erhielten, als Zwischenstation in ihrer Nachkriegskarriere. Roth betont demgegenüber, das Institut Sozialforschung in Frankfurt am Main und das Institut für sozialwissenschaftliche Forschung in Darmstadt seien „the first important empirical institutes“ gewesen (1994, S. 466). Das Darmstädter Institut wurde von der amerikanischen Militärregierung finanziert und sollte unter anderem empirische Forschungstechniken mit Hilfe einiger amerikanischer Sozialwissenschaftler als Berater in Westdeutschland bekannt machen. Von deut-

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Der Oberförster jagt den Nazijäger

scher Seite waren der Leiter der Akademie der Arbeit (Frankfurt am Main), als Vertreter des Instituts für Sozialforschung Theodor W. Adorno und Max Rolfes vom Institut für landwirtschaftliche Betriebslehre der Universität Gießen sowie Hans Georg Schachtschabel als Leiter des Instituts, das 1952 aus Geldmangel geschlossen wurde, beteiligt. Rolfes war bereits vor 1945 Direktor seines Instituts und Mitarbeiter am expansionistischen und damit genozidalen Generalsiedlungsplan, Schachtschabel hatte 1937 promoviert, 1940 habilitiert und war dann bis 1945 Privatdozent an der Universität Halle/Saale, 1952 wurde er Professor an der Wirtschaftshochschule Mannheim. In seiner Rezension der Festgabe für Leopold von Wiese fordert er, dass die deutsche Soziologie, die er als problemlösende Wissenschaft versteht, „schlechthin realbezogener werden muss“ (1950, S. 7). Solche Transferleistungen können nicht von der Disziplin als solcher, wohl aber von einzelnen Fachvertretern durchaus erbracht werden, wie das Beispiel eines Mitarbeiters an der Darmstadt-Studie zeigt. Die in diesem Rahmen 1952 erstellte Dissertation von Herbert Kötter über Struktur und Funktion von Landgemeinden im Einflußbereich einer deutschen Mittelstadt wird als besonders gelungen bezeichnet (Stauffer 1954). Adorno und Rolfes schrieben dazu eine Einführung, in der sie das Anliegen der Darmstadt-Studie erläuterten. Kötter, dem eine beachtliche akademische Karriere gelang, zu der auch politikberatende Funktionen (Mitglied in zwei Wissenschaftlichen Beiräten von Bundesministerien und Direktor der FAO in Rom) gehörten (Zeh 1984), schrieb später den Beitrag Zur Soziologie der Stadt-Land-Beziehungen für den 10. Band des von René König herausgegebenen Handbuchs der empirischen Sozialforschung. Dort finden sich im Jahr 1977 als Referenz in der „Ausgewählten Literatur“ folgende ehemalige Reichssoziologen: Wilhelm Brepohl, Carl Brinkmann, Otto Brunner, Gunther Ipsen, Hans Linde, Gerhard Mackenroth, Elisabeth Pfeil, Georg Weippert und Gerhard Wurzbacher. Auch Konrad Meyer, früher Professor und Direktor des Instituts für Agrarwesen und Agrarpolitik an der Universität Berlin, Leiter der Reichsarbeitsgemeinschaft Raumforschung und wegen seiner Tätigkeit als Amtschef der Planungsabteilung des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums (Heinrich Himmlers spezielle Behörde für Siedlung und Germanisierung der Ostgebiete), die auch die Arbeit einer Gruppe von Wissenschaftlern zur Erstellung des Generalplans Ost (Rössler 1990; Rössler und Schleiermacher 1993) koordinierte, in Nürnberg angeklagt, ist mit einer Monographie aus dem Jahr 1964 vertreten (Kötter 1977). Wenn René König zum 10. Band einleitend feststellt, es gebe heute (1977) „im strengen Sinne keine Landsoziologie mehr im Gegensatz zur Stadtsoziologie“ (1977, S. VI), so formuliert er eine Erkenntnis, die gut ein Dutzend Jahre zuvor am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg fruchtbar gemacht wurde. Die bei Carl Brinkmann von dem späteren Göttinger Sozio-

 Reichssoziologie-Debatte 229

logen Max Ernst Graf zu Solms-Roedelheim 1939 eingereichte Dissertation Die Einflüsse der Industrialisierung auf 14 Landgemeinden bei Karlsruhe behandelt mit Hilfe verschiedener quantitativer und qualitativer empirischer Datenerhebungsund analyseverfahren auf eine auch heute noch lehrreiche Weise – insbesondere im Hinblick auf die gescheiterte nationalsozialistische (Land-)Frauenpolitik – das Stadt-Land-Verhältnis (Solms 1939). Bereits in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre kam Graf Solms infolge seiner empirischen Forschungen zu Erkenntnissen, die die Diskrepanzen zwischen den proklamierten archaischen Idealen der nationalsozialistischen Ideologie und den Erfordernissen einer dynamischen kapitalistisch-staatsinterventionistischen Wirtschaftsordnung aufdeckten, Befunde, die Herbert Kötters Untersuchung bestätigt. Eine durch marktwirtschaftliche Rationalität definierte Modernisierung (auch der Landwirtschaft) war das Kennzeichen der NS-Ökonomie, auch wenn es Guenther Roth strikt bestreitet: „Yet there never has been a ‚totalitarian regime based on a dynamic capitalist society‘ – certainly not Nazi Germany !“ (1994, S. 465) Das Dritte Reich steht in der Kontinuitätslinie einer „korporatistischen Marktwirtschaft“, die Werner Abelshauser in diversen Schriften nachgezeichnet hat (1993). Dieser Sachverhalt, den ich als „säkularen Staatsinterventionismus“ bezeichne, ist nicht zu verwechseln mit der bekannten Dimitroff-Formel, wonach der Faschismus lediglich Agent der ‚reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals‘ sei. Meine Bestimmung der Soziologie – in Übersetzung – als „administrative discipline“, die von Guenther Roth kategorisch zurückgewiesen wird („an incomprehensible statement“) reduziert die Soziologie im Nationalsozialismus eben nicht im Sinne einer orthodox-kommunistischen Festlegung auf eine „bürgerliche Legitimationswissenschaft“. In Übereinstimmung mit ‚faschismustheoretisch‘ wohl unverdächtigen Vertretern eines staatsinterventionistischen Modells der NS-Ökonomie wie Ludolf Herbst (1994) und Hans-Erich Volkmann (1990) behaupte ich – in gewisser Nähe zu Max Horkheimers allerdings mehr interessenpolitisch ausgerichtetem Diktum, Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen. (1939, S. 115) – dass gerade das Weiterbestehen der Antinomie von ökonomischer und politischer Rationalität im NS-Staat auch den ‚Bedarf ‘ an sozialwissenschaftlicher Aufarbeitung der daraus resultierenden Steuerungsprobleme erzeugte und Fachvertretern neue Arbeitsmöglichkeiten verschaffte. Die Analyse der So­ zialwissenschaften im Nationalsozialismus darf nicht ungewollt einer reifizierenden Selbstdarstellung des NS-Regimes zuarbeiten, sondern muss die praktizierte Sozialforschung im Sinne Martin Broszats „historisieren“ (1985). Auch wenn es stimmen sollte, dass heute die „top positions (C-4 professorship) in Germany are still gained by writing big theoretical treatises“ und die von Hunderten von Hochschul-Soziologen verfolgten Interessen „not the slightest

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Der Oberförster jagt den Nazijäger

administrative utility“ aufweisen (Roth 1994, S. 462), bleibt die Frage, ob nicht die kaum noch zu quantifizierende Auftragsforschung und anwendungsorien­ tierte Sozialwissenschaft innerhalb und außerhalb des Hochschulsystems die gesellschaftlich und politisch wirksamere ist. Big theoretical treatises mögen Besetzungskommissionen beeindrucken und die disziplinäre Prestige-Skala bestimmen, gesellschaftspolitischen Einfluss gewinnt Soziologie aus einem nicht wissenschaftszentrierten Blickwinkel, wenn ihre Ergebnisse transformierbar sind etwa in massenmediale Kampagnen oder politische Strategien und Handlungsprogramme. Ein solches Verständnis anwendungsorientierter Sozialforschung vertrat die 1946 gegründete Arbeitsgemeinschaft sozialwissenschaftlicher Institute, deren Vorsitzender wohl nicht zufällig mehrere Jahre Ludwig Neundörfer war, dessen Soziographisches Institut an der Universität Frankfurt am Main die entwickeltste Form sozialwissenschaftlicher Politikberatung ohne Unterbrechung auch nach 1945 repräsentierte.

11.5  Reichssoziologen und die Nachkriegssoziologen-​ Generation: ein harmonisches Verhältnis The „renewal of German sociology“ nach 1945 war für Guenther Roth „a liberating fact“ (1994, S. 466) Selbst wenn auch 1950 offener und latenter Antisemitismus am Darmstädter Institut (Weyer 1984, S. 326 f.), an der Universität Frankfurt am Main gegenüber dem Institut für Sozialforschung (Wiggershaus 1986, S. 514, 520 ff.) und an der Universität Göttingen gegenüber Helmuth Plessner und Dietrich Goldschmidt (1998, S. 11) noch nicht überwunden war, so ging die Erneuerung der Soziologie dennoch voran. Wie groß der Anteil ehemaliger Reichssoziologen daran war, ist noch nicht dokumentiert – auch deshalb, weil deren Aktivitäten vor 1945 noch längst nicht hinlänglich bekannt sind. Hier können nur Beispiele aufgegriffen werden, die im Zusammenhang mit Stellungnahmen zu meinen Ausführungen vorgebracht worden sind. Über das Darmstädter Institut und die Sozialforschungsstelle Dortmund ist schon berichtet worden. Am Institut für Sozialforschung lehrte Leopold von Wiese, verkehrte Karl Valentin Müller, und mit Rudolf Gunzert wurde ein bereits vor 1945 als Wirtschafts- und Sozialstatistiker ausgewiesener Exponent der administrativen Sozialwissenschaft im Dritten Reich Direktor des Instituts. In verschiedenen Publikationen habe ich weitere Varianten personeller Kontinuität und neuer Arbeitsgebiete (zum Beispiel Flüchtlingssoziologie), die hier aber nicht nochmals aufgegriffen werden sollen, dargestellt. Da aber das Argument von Guenther Roth, ehemalige Reichssoziologen hätten nach 1945 „mostly useless research“ betrieben, variiert auch von Kaesler vorgebracht wird, um die Existenz von Sozialforschung vor 1945 bestreiten zu können,

Reichssoziologen und die Nachkriegssoziologen-Generation 231

ist es wohl spannend zu untersuchen, wie die Einschätzung ihrer fachwissenschaftlichen Qualifikation ausfällt, wenn Angehörige der NachkriegssoziologenGeneration, die die allgemeine Abqualifizierung der Reichssoziologie teilen, in direktem Kontakt mit ihnen gestanden haben. Eine vielversprechende Möglichkeit scheinen dazu die „autobiographischen Notizen“ von 17 Nachwuchssoziologen zu bieten, obwohl, wie der Herausgeber einleitend mitteilt, seine Auswahl notwendiger Weise begrenzt war (Fleck 1996). Sechs Berichte stammen von Soziologen, die in Österreich, der DDR, der Schweiz und in Schweden studiert haben und so kaum mit ehemaligen Reichssoziologen in Kontakt kommen konnten. Von den verbleibenden elf finden sich schließlich bei neun Fachvertretern mehr oder minder stark ausgeprägte Beziehungen. Erstaunlich ist, dass bis auf eine Ausnahme, auch heute keiner von ihnen sich die Frage stellt, unter welchen Bedingungen ihre Doktor- und Habilitationsväter, Vermittler von Stipendien, Assistenten-, Geschäftsführer- und Professorenstellen ihre Fachkompetenz vor 1945 erworben und ausgeübt haben. Obwohl somit nur neun einschlägige biographische Skizzen vorliegen, wird dennoch deutlich, dass die von Guenther Roth als befreiend erlebte Erneuerung der Soziologie maßgeblich mitgetragen wurde von einem Netzwerk ehemaliger Reichssoziologen. Friedrich Fürstenbergs Doktorvater Carl Brinkmann war der Leiter des anwendungsorientierten und direkt Auftragsforschung für NS-Institutionen betreibenden Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg. Er tritt als Fürsprecher für ein Fulbright-Stipendium auf, ermutigt zur Habilitation, während Leopold von Wiese, bei dem auch Hans Albert und M. Rainer Lepsius studieren, für die Aufnahme in die DGS sorgt und der frühere Königsberger Soziologe Georg Weippert ihn habilitiert und zum Geschäftsführer eines Forschungsinstituts macht. Dessen ehemaliger Königsberger Kollege Carl Jantke (davor Assistent am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften) vermittelt Heinz Hartmann eine Gastprofessur in Hamburg, als Helmut Schelsky ein Freisemester nimmt. Dieser wiederum macht ihn zum Direktor an der Sozialforschungsstelle Dortmund und habilitiert ihn zusammen mit Hans Freyer als Zweitreferenten. Bei Renate Mayntz finden sich entsprechende Beziehungen nicht dokumentiert, jedoch lässt sich dem Internationalen Soziologenlexikon entnehmen, dass sie (noch als Renate Pflaum) als wissenschaftliche Assistentin am UNESCO-Institut für Sozialwissenschaften in Köln mit den Forschungsleitern Gerhard Wurzbacher und Erich Reigrotzki in den fünfziger Jahren zusammenarbeitete (Schäfers 1984, S. 560). Reigrotzki hatte vor 1945 bei Carl Brinkmann an der Universität Berlin studiert. Gerhard Wurzbacher hatte sich mit seiner aus außenpolitischen Gründen 1939 sekretierten Dissertation über Die Entwicklung der Sozialstruktur des Kreises Flatow von 1773 – ​1937 und die Auswirkungen auf die völkische Zusammensetzung der Bevölkerung als innovativer Forscher ausgewiesen, indem er so-

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Der Oberförster jagt den Nazijäger

zialhistorische und empirische Forschungsmethoden kombinierte. Mayntz und Wurzbacher waren „an einer der wichtigsten Gemeindestudien der frühen 50er Jahre“ beteiligt (Schäfers 1984, S. 560). Als Wurzbacher, der vor seiner Tätigkeit am UNESCO-Institut Mitarbeiter Schelskys in Hamburg war, Nachfolger von Gerhard Mackenroth (bis 1945 Reichsuniversität Straßburg) in Kiel wird, habilitiert er den ehemaligen Assistenten des früh verstorbenen Mackenroth, Karl Martin Bolte, der zwischenzeitlich an einem Forschungsprojekt der Sozialforschungsstelle in Dortmund mitgewirkt hat, und hält mit ihm gemeinsame Oberseminare ab. Bolte arbeitet auch mit dem ehemaligen Institutsleiter an der Reinhard-HeydrichStiftung in Prag, Karl Valentin Müller, und mit Hans Linde, ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stabsamt des Reichsbauernführers, später an der Sozialforschungsstelle in Dortmund, zusammen. Er wird dann in Hamburg Nachfolger von Schelsky und Carl Jantke, in den dreißiger Jahren Assistent am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften an der Universität Heidelberg, danach Dozent an der Universität Königsberg, nach 1945 am Soziographischen Institut von Ludwig Neundörfer in Frankfurt am Main, danach Mitarbeiter der Sozialforschungsstelle Dortmund. Von dem ehemaligen Königsberger Professor Eduard Baumgarten erhält Dietrich Rüschemeyer eine Assistentenstelle angeboten, nachdem er bei dem früheren Kieler Reichssoziologen Ludwig Heyde und (ebenso wie Hans Albert und M. Rainer Lepsius) bei Gerhard Weisser (1943 Habilitation an der Universität Rostock) studiert hat. Bei Alfred Müller-Armack hat Rüschemeyer (ebenso wie M. Rainer Lepsius) zum ersten Mal Max Weber kennengelernt, über dessen Idealtypus-Konzeption eine große Debatte während der NS-Zeit lief, an der Müller-Armack und Georg Weippert intensiv beteiligt waren. Lepsius bezeichnet Schriften (auch vor 1945 angefertigte) von Otto von Zwiedineck-Südenhorst und Walter Eucken, neben Müller-Armack und anderen einer der „Väter“ der Sozialen Marktwirtschaft, als richtungsweisend. Er wird Assistent bei Friedrich Lütge, der sich 1937 habilitierte, 1940 Professor an der Handelshochschule Leipzig wurde und Mitglied der Arbeitsgemeinschaften für Sozialpolitik und Wirtschaftsgeschichte in der Akademie für Deutsches Recht war, die vom Reichsrechtsführer Hans Frank, dem späteren Generalgouverneur (Rest-)Polens zu Zwecken der Politikberatung gegründet worden war. In den diversen Ausschüssen und Arbeitsgemeinschaften der Akademie betätigten sich etwa 40 Soziologen, darunter sehr viele auch nach 1945 bekannte. Hans-Joachim Lieber betont, dass die Seminare bei Walther Malmsten Schering, Ordinarius für Soziologie und Dozentenführer der Universität Berlin, keine Weltanschauungsveranstaltungen, sondern fachlich ausgerichtet waren, zum Beispiel über „Max Webers Herrschaftstypologie“ handelten. Im Januar 1945 war Weber dann auch Gegenstand des Prüfungsgesprächs mit Schering im Promotionsverfahren. Der auch schon vor 1945 in Berlin lehrende Soziologe Friedrich

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Bülow, ehemaliger wissenschaftlicher Leiter der im großen Stile unter Beteiligung zahlreicher Soziologen zu Politikberatungszwecken empirische Sozialforschung betreibenden Reichsarbeitsgemeinschaft Raumforschung, betreute Liebers Habilitation für das Fach Soziologie. Nach der Habilitation bildeten Lieber und Bülow, bei dem auch Dieter Claessens studierte, zusammen mit Otto Stammer und dem aus dem Exil zurückgekehrten Ernst Hirsch ein jedes Semester wiederholtes soziologisches Kolloquium. Bei der Beschreibung von Aktivitäten der in dem von Fleck herausgegebenen Band erwähnten Reichssoziologen konnten aus Platzmangel nur einige ihrer politikbezogenen Tätigkeiten benannt werden, die aber dem Nachwuchs nicht ganz verborgen geblieben sind, wie Bolte indirekt festhält: „‚Vergangenheitsbelastungen‘ aus der Zeit des Nationalsozialismus wurden tendenziell eher ‚runtergespielt‘.“ Der dann folgende Satz stellt dem immer wieder reklamierten Selbstreflexionspotential der Aufklärungswissenschaft Soziologie allerdings kein gutes Zeugnis aus: „Sie konnten von ‚Jüngeren‘ seinerzeit z. T. auch nur schwer erkannt und beurteilt werden, weil diese Vergangenheit in der Literatur noch nicht ausreichend aufgearbeitet worden war.“ (Bolte 1996, S. 152) Umso erstaunlicher ist es, dass diese Literatur auch für die Abfassung der referierten „autobiographischen Notizen“ – selbst von Bolte – nicht genutzt worden ist. Auch Hans Paul Bahrdt bemerkt erst 1984, dass es 1945 „sehr wohl eine ganze Menge Soziologen und Soziologie gegeben hat“ (1984 S. 523). Nur, Bahrdt hätte sich schon sehr früh fragen können, ob man deren „Produkte“, wie er es auch noch 1984 tut, pauschal als „unbedeutend“ (1984 S. 523) abqualifizieren kann. Im Sommersemester 1945 hatte er in Leipzig eine Lehrveranstaltung von Hans Freyer über Nietzsches Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben belegt, dann in Göttingen bei dem Sozialhistoriker Bollnow (Privatdozent seit 1944) und bei Werner Conze, der maßgeblich die Grundlagen für die neue Teildisziplin Sozialgeschichte bereits vor 1945 schuf, studiert, sein Dissertationsthema (Herder) von seinem Lehrer („die wichtigsten Lehrveranstaltungen“; Bahrdt 1996, S. 33) Kurt Stavenhagen (1941 ordentlicher Professor an der Reichsuniversität Posen) erhalten und damit nach Stavenhagens Tod bei Helmuth Plessner promoviert. An der Sozialforschungsstelle Dortmund nahm er unter der Leitung der einschlägig qualifizierten Realsoziologen Gunther Ipsen und Elisabeth Pfeil an einer Wohnungswunsch-Befragung von Bergleuten teil. Habilitiert wurde er von Wilhelm Emil Mühlmann, dem eine besondere Rolle in der Geschichte der Reichssoziologie zukommt (Michel 1992). Mühlmanns im Dritten Reich entwickelte Konzeption der Verbindung von Soziologie und Ethnologie lobt Bahrdt in einem Leserbrief in der Wochenzeitung Die Zeit, den er zur Verteidigung Mühlmanns geschrieben hat, als dieser mit Zitaten aus seinen früheren Publikationen und wegen der Ablehnung einer jüdischen Doktorandin angegriffen wurde: „Ich wüßte niemand in

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Der Oberförster jagt den Nazijäger

der Bundesrepublik, der seine Schule im Augenblick ersetzen könnte.“ Dann wendet er sich gegen „ein Perfektionsstreben hinsichtlich der Vergangenheitsbewältigung, das in Deutschland doch vergeblich sein wird. Diese Ansicht mag manchem ZEIT-Leser zynisch erscheinen. Sie ist es auch.“ (Bahrdt 1963, S. 23.) Angesichts der nicht zu übersehenden persönlichen Nähe zu einer Reihe prominenter ehemaliger Reichssoziologen als Lehrer und Vorgesetzte mag man kaum glauben, dass Bahrdt sein Verdikt der Unbedeutendheit der Soziologie vor 1945 aufrechterhalten hätte, wenn er die Leistungen aller (nicht nur Stavenhagens und Mühlmanns) von ihm genannten Reichssoziologen ebenso bewertet hätte. Dies wird auch dadurch bestätigt, dass sein Großstadtbuch von 1961, das als Kritik insbesondere auch der durch ihre Großstadtpolitik allerdings erledigten Großstadtfeindschaft der Nazis angelegt ist, diese wohl nur zu leisten vermag, weil es in großem Umfang von den Arbeiten der Reichssoziologen Willy Hellpach, Gerhard Mackenroth und Elisabeth Pfeil zehrt. Auch unter dem Gesichtspunkt des hohen Informationswertes der Sozialforschung im Dritten Reich für dessen soziologische Analyse kann ich Hans Paul Bahrdt nicht zustimmen, das Thema sei „nicht abendfüllend“. Aber nicht nur die Vertreter der Nachkriegssoziologen-Generation, auch viele der folgenden wollen von einer echten Auseinandersetzung mit der tatsächlich praktizierten Sozialwissenschaft nichts wissen, wie Kaeslers hysterische Reaktion schlagend beweist.

11.6 „Auge um Auge, Zahn um Zahn !“ – Dirk Kaeslers neuer Ethik-Kodex Die von Kaesler seiner Rezension vorangestellten Ausführungen Soziologie und Nationalsozialismus. Über den öffentlichen Gebrauch der Historie verfehlen ebenso das Thema wie schon die Rezension selbst. Zum Zweck der Vorwärtsverteidigung – er gesteht die Exekution von „Entehrungs-Sanktionen“ offen ein – gelingt es ihm allerdings, deren Ignoranz- und Arroganzniveau noch zu überbieten. Es wird zum Beispiel wiederum kontrafaktisch behauptet, ich machte Leopold von Wiese und Erich Rothacker einen „Vorwurf “, der jeweils unbelegt bleibe. Ich treffe hingegen Aussagen, die sehr wohl belegt werden. Kaesler fühlt sich zu seinen „Entehrungs-Sanktionen“ berechtigt, weil ich seine Erwartungen in die Beantwortung von „vier Fragekomplexen“ nicht erfüllt hätte: „[…] so war es mir mit meiner Rezension ein Anliegen zu verdeutlichen, daß Klingemann mit seiner Arbeit diesen in mich nicht befriedigender Weise nachgekommen ist“. (1997 S. 24) Nur beziehen sich drei der vier Fragen nicht auf das Thema des Buches; und zur Frage „Was taten und dachten deutsche Soziologen während der Zeit des Nationalsozialismus ?“ hat er meine Antworten nicht zur Kenntnis nehmen wollen.

Literatur 235

Es bleibt ihm somit nichts anderes übrig, als seiner Hinrichtungs-Rezension das Mäntelchen einer Scheinlegitimation umzuhängen: „[…] wer anderen Wissenschaftlern die Ehre abschneidet, muss damit rechnen, dass auch ihn Entehrungs-Sanktionen im Wissenschaftssystem drohen.“ (1997 S. 26) Um zu verhindern, dass sich auch in anderen Fällen selbsternannte Scharfrichter dadurch in ihrem Tun legitimiert fühlen könnten, sollte die Ethik-Kommission der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und des Berufsverbandes Deutscher Soziologen öffentlich erklären, dass „Entehrungs-Sanktionen“ elementar gegen die Präambel und die Sätze I A, (l) und I A, (7) ihres Ethik-Kodexes verstoßen. (Nachtrag 2020: Das ist natürlich nicht geschehen.)

11.7 Literatur Abelshauser, Werner. 1993. Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt am Main. Bahrdt, Hans Paul. 1963. Leserbrief. Die Zeit, Nr. 50, 13.12.: 23. Bahrdt, Hans Paul. 1984. Vom Nutzen und Nachteil der Soziologie-Historie für das Leben. Soziale Welt 35: 522 – ​526. Bahrdt, Hans Paul. 1996. Selbst-Darstellung. Autobiographisches. In Hans Paul Bahrdt. Himmlische Planungsfehler. Essays zu Kultur und Gesellschaft. München, 21 – ​56. Bauman, Zygmunt. 1988. Sociology after the Holocaust. The British Journal of Sociology 39: 469 – ​497. Bolte, Karl Martin. 1996. Wie ich Soziologe wurde. In Christian Fleck, Hrsg. Wege zur Soziologie nach 1945. Autobiographische Notizen. Opladen, 141 – ​159. Broszat, Martin. 1985. Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus. Merkur, H. 435: 373 – ​385. Carney, Larry. 1994. Sociology in the Throes of Fascism: Parsonian Meliorism and the Myths of Triumphalism. International Journal of Politics, Culture and Society 7: 469 – ​483. Fechner, Rolf, und Herbert Claas. 1996. Der erste seines eigenen Weges. In Verschüttete Soziologie. Zum Beispiel: Max Graf zu Solms, Hrsg. Rolf Fechner, und Herbert Claas, S. 11 – ​19. Fleck, Christian. 1996. Hrsg. Wege zur Soziologie nach 1945. Autobiographische Notizen. Opladen. Giovannini, Norbert. 1990. Zwischen Republik und Faschismus. Heidelberger Studentinnen und Studenten 1918 – ​1945. Weinheim. Goldschmidt, Dietrich. 1998. Kritik aus praktischer Vernunft. Erneuerung des Bildungswesens – eine Sisyphus-Anstrengung ? In Karl Martin Bolte, und Friedhelm Neidhardt, Hrsg. Soziologie als Beruf. Erinnerungen westdeutscher Hochschulprofessoren der Nachkriegsgeneration. Baden-Baden, 7 – ​27. Gutberger, Jörg. 1996. Volk, Raum und Sozialstruktur. Sozialstruktur- und Sozialraumforschung im „Dritten Reich“. Münster.

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Der Oberförster jagt den Nazijäger

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Teil IV

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Zur Rezeption Max Webers durch Helmut Schelsky im Kontext der Leipziger Schule der Soziologie

12.1 Vorbemerkung Bei meiner Beschäftigung mit der Weber-Rezeption während des Dritten Reichs hatte ich mich zwar auch schon mit den Leipzigern Hans Freyer, Arnold Gehlen und Karl Heinz Pfeffer befasst (Klingemann 1996, S. 171 – ​216) – aber nicht mit Helmut Schelsky. Es soll nun untersucht werden, welche Stellung er in diesem Dreigestirn, ergänzt um Gunther Ipsen, eingenommen hat. Beginnen möchte ich deswegen mit der Auswertung von Texten, die sich biographisch und werkgeschichtlich mit Hans Freyer, Arnold Gehlen, Gunther Ipsen, Karl Heinz Pfeffer und Helmut Schelsky als Mitglieder der „Leipziger Schule der Soziologie“ befassen. Ich benutze dieses soziologisch amorphe Etikett (Rehberg 2001, S. 301 – ​337), um einen Rahmen zur Verfügung zu haben, der es erlaubt, die Bezüge zwischen diesen fünf Protagonisten hinsichtlich ihrer Max Weber-Rezeption zu ermitteln. Auf diese Weise versuche ich heraus zu destillieren, wie Schelsky Weber kennen gelernt und für sein Verständnis von Soziologie aufbereitet haben könnte. Dabei werden sowohl Selbst- wie Fremdzuschreibungen herangezogen.

12.2 Max Weber in Leipzig um 1930 Ich beginne mit den Fremdzuschreibungen. Elfriede Üner hat in vielen Schriften, dich ich hier nicht alle berücksichtigen kann, das Phänomen Leipziger Schule der Soziologie in verschieden Varianten über eine Reihe von Generationen beschrieben. Dabei spielt der Rekurs auf Weber eine nicht unerhebliche Rolle – wenngleich auch nicht immer. So stellt sie in ihrem Aufsatz über Freyer und Gehlen auf ihren zwei differenten Wegen bei der Suche nach Wirklichkeit keinen Bezug © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_12

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Zur Rezeption Max Webers durch Helmut Schelsky

zu Weber her. Sie vermerkt aber, dass – mit den Worten von Schelsky aus seiner „Ortsbestimmung der deutschen Soziologie“ – der von ihm reklamierte Realitätsdrall „ganz auf die ‚Wiederherstellung und Wiederentdeckung der sozialen Wirklichkeit im personalen Schicksal und Handeln des einzelnen‘“ gehe (1994, S. 161) Dabei kommt Schelsky im Jahr 1959 allerdings völlig ohne Bezugnahme auf die Handlungstheorie von Weber aus. Der Titel ihres Aufsatzes aus dem Jahr 2006 über den expliziten und impliziten Diskurs zwischen Max Weber und der Leipziger Schule, macht hingegen schlagend deutlich, dass Weber doch eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielt. Auf deren erste Generation, das Leipziger Positivistenkränzchen, gegründet im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, gehe ich – thematisch bedingt – nicht näher ein. Zur Rezeption Webers in den zwanziger Jahren heißt es dann: „Max Webers Werk stand von Hans Freyers erstem Seminar als Privatdozent der Universität Leipzig im SS 1920 („Einführung in die Probleme der Soziologie“) an im Zentrum der Soziologieausbildung. Die Zeitzeugen bestätigen übereinstimmend ‚Wir sind alle wissenschaftlich mit Max Weber aufgewachsen‘.“ (2006, S. 225) Später werden auch Arnold Gehlen, Gunther Ipsen (Sehestedt von Gyldenfeldt 2008, S. 438) und Karl Heinz Pfeffer (Middell 2005, S. 727) Lehrveranstaltungen zu Webers Soziologie anbieten. Nicht nur in der Lehre allein spielte Weber für Freyer eine wichtige Rolle, denn: „Freyer nimmt […] Max Weber für sein eigenes Programm der ‚Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft‘ voll in Anspruch.“ (Üner 2006, S. 229) Dieser Auffassung ist auch Jerry Z. Muller: „Weber’s practice of sociology […] was very close to Freyers own conseption of sociology als Wirklichkeitswissenschaft.“ (1987, S. 173). Aber auch Gehlen, der 1930 für ein Semester Assistent an Freyers Institut war, stelle in seiner Dissertation den von seinem Doktorvater Hans Driesch verschwiegenen Bezug zu Weber her. Und, wie Elfriede Üner anschließend an diese Aussage betont, geht Gehlen weit darüber hinaus: „Gehlen führt Max Weber bereits in dieser Dissertation auf als einen der modernen Denker […]“. (2006, S. 233) Sie gibt dann weitere Belege dafür an, dass Webers Werk für Gehlens philosophische Anthropologie wichtiges Material lieferte. Schließlich verweist sie darauf, dass Talcott Parsons, dem ja eine besonders wichtige Rolle für die Rezeption Webers in den USA und seine vermeintliche Wiederbelebung in Deutschland zugeschrieben wird, Hans Freyers Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft als sehr nützlich für sein Werk „The Structure of Social Action“ bezeichnet hat. Es handelt sich um die Unterscheidung von „three great classes of theoretical systems“: „The closest approach of this classification ist that of Freyer (Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft) into Naturwissenschaft, Wirklichkeitswissenschaft und Logoswissenschaft. The present formulation owes a good deal to this scheme, though it differs in certain respects.“ (Parsons 1937, S. 762).

Max Weber in Leipzig um 1930 243

Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich Schelsky bereits als Student in seinem berüchtigten Traktat Sozialistische Lebenshaltung aus dem Jahr 1934 auf Weber beruft, um seine Sicht des Verhältnisses von Staat, Führer und Volk zu bestimmen: „Der Staat, der nur darum in allen Lebensgebieten als Organisator seine Aufgaben erfüllen kann, weil er der Inbegriff aller Macht eines Volkes ist, die er durch ‚das Monopol legitimer Gewaltanwendung‘ (Max Weber) auf sich konzentriert hat, gibt diese Macht an die anderen Aufgabengebiete des Volkes weiter und damit an die Menschen, die den einzelnen Aufgabengebieten des Volkes vorstehen und die den Staatsführern als den Verwaltern der Mission des Volkes und damit den Inhabern der obersten Gewalt persönlich verantwortlich sind. Die Macht leitet sich also letzten Endes nur von der Mission des Volkes her.“ (1934, S. 37) Diese Konstruktion findet sich auch bei Freyer in seiner Kampfschrift, Revolution von rechts, wenn es heißt: „Hier empört sich nicht eine unterdrückte Gesellschaftsklasse und nimmt dabei in unbewußter oder wohlüberlegter Taktik den Weg über den Staat. Sondern hier erwacht inmitten des Systems der industriellen Gesellschaft das Volk zu politischem Leben: es wird geschichtlicher Wille, es wird Staat, – und in dieser wachen und festen Form beginnt es seinen Angriff gegen das vergangene Prinzip, das die Gegenwart beherrscht. Das heißt: ‚von rechts‘.“ So Freyer im Jahr 1931 (S. 61); ein Jahr zuvor war seine „Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft“ erschienen. Ihr bescheinigt Uta Gerhardt: „Freyers Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft war Höhepunkt der Rezeption Webers durch die Soziologie der Zeit der Weimarer Republik; das Buch ist zuweilen noch heute Vorbild kritischer Exegese Weberschen Denkens. Am Ende des ersten Jahrzehnts der Professionalisierung der Soziologie überblickte Freyer die Lehren der gesamten Disziplin.“ (Gerhardt 2001, S. 377) Diese Aussage steht in einem bezeichnenden Widerspruch zu folgender Behauptung Gerhardts, die sich in demselben Buch findet: „Sie [Weber und Simmel] machten zeitgenössisch wenig Furore, aber nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie Anstoß für den Aufschwung der modernen Soziologie. Dieser Aufschwung geschah bekanntlich in den USA; er brachte schließlich Weber […] von dort zurück nach Deutschland.“ (2001, S. 17) Wenige Jahre später wurde sich Uta Gerhardt bewusst, dass die Einschätzung der hervorragenden Bedeutung von Freyers Weber-Rezeption am Ende der Weimarer Republik nicht in Einklang zu bringen ist mit ihrer Behauptung der Nicht-Existenz von Soziologie im Nationalsozialismus, in der ja Hans Freyer eine besondere Rolle spielte und Max Weber nicht ad acta gelegt hat. Daraufhin verweist sie exakt auf diese Ausführungen in ihrer eigenen Publikation, um jetzt damit aber „Freyers inadäquate Rezeption der der Soziologie Max Webers“ zu belegen (2007, S. 13). Die umfangreiche Rezeption Webers vor (Fogt 1981), während – fachgeschichtlich wie auch politisch – und nach dem Dritten Reich macht deutlich, dass Weber nie aus

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Deutschland verschwunden war. Das hat Uta Gerhardt einige Jahre später auch bemerkt, jedoch auf die ihr eigene Arte kommentiert: „Nach der Machtergreifung des Nationalsozialismus wird Weber in der nun regimekonformen Soziologie bekanntlich nur noch gelegentlich erwähnt und allenfalls bruchstückhaft und zudem meist abwertend abgehandelt.“ (2014, S. 139) Wie im Folgenden dargelegt werden soll, wurde Weber nicht nur noch gelegentlich und allenfalls bruchstückhaft erwähnt, im Gegenteil – und mit Wertschätzung.

12.3 Max Weber-Konjunktur nach 1933 Es ist allerdings schon seit Längerem bekannt, dass es in der Weimarer Republik und gerade im Dritten Reich eine fachgeschichtlich wie politisch spannende Auseinandersetzung mit Weber gegeben hat. Vor diesem Hintergrund soll nun geschildert werden, in welchen Zusammenhängen Weber bei Freyer, Gehlen, Ipsen und Pfeffer während der NS-Herrschaft auftauchte, in deren unmittelbarer Nähe sich Schelsky bewegte. Beginnen wir mit Arnold Gehlen (Klingemann 1996, S. 194 – ​198, mit allen Nachweisen). Als sein Vortrag über Probleme der Geschichte, den er vor der Deutschen Philosophischen Gesellschaft am 15. Januar 1943 gehalten hatte, beurteilt werden sollte, griff Wolfgang Erxleben auf Max Weber zurück. Erxleben war von Alfred Baeumler 1937 mit einer Arbeit über Dilthey promoviert worden und leitete nun das Amt Wissenschaftsbeobachtung und -wertung in dem von Baeumler geleiteten Hauptamt Wissenschaft in Alfred Rosenbergs Dienstelle des Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP, das unter seiner Abkürzung Amt Rosenberg besser bekannt ist. Neben Erxleben hatten auch noch zwei weitere Mitarbeiter des Amtes Rosenberg an Gehlens Vortrag teilgenommen. Dr. Bernhard Payr, Leiter des Hauptamtes Schrifttumspflege, für das Gehlen und Schelsky als Lektoren tätig waren, und Eberhard Lemke vom Hauptamt Wissenschaft. Lemke rügte in seinem Bericht über Gehlens Vortrag die „Ungeschichtlichkeit seines Denkens“. Erxleben, der im Gegensatz zu Lemke weniger dogmatisch war, stellte seine Kritik ganz auf einen Vergleich mit Weber ab. „Er, Gehlen, will Geschichtsphilosophie als eine Wissenschaft betreiben, die induktiv und empirisch vorgeht, d. h. als empirische Geschichtsphilosophie. Er bediente sich dabei der Methode, aus dem empirischen Forschungsmaterial das Typische herauszuheben und von den besonderen Feststellungen der empirischen Einzelforschung abzusehen – eine Methode, wie sie Max Weber entwickelt hat.“ Erxleben bezieht Gehlens von Lemke gerügte Ungeschichtlichkeit nicht auf die von diesem unterstellte Missachtung der braunen Akteure, sondern sieht darin ein methodologisches Problem. Gehlen mache im

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Zusammenhang mit dem Begriff des Typus die Anmerkung, „daß die Forschungsmethode, die die typischen Möglichkeiten feststelle, nicht die Behauptung einschließen soll, daß in der Geschichte nichts Neues mehr vorkommen könne. Diese Bemerkung zeigt zweifellos am besten das Ungenügende an der geschichtsphilosophischen Methode von Gehlen. – Gehlen gelangte im Verlauf seiner Ausführungen nur zu rein abstrakten geschichtlichen Parallelen, nicht aber zur Frage nach dem wirklichen geschichtlichen Grund solcher Parallelen und damit überhaupt nicht zur Frage nach der Geschichte. – Während Max Weber, an den er sich anlehnte, von sehr konkreten geschichtlichen Anliegen ausgegangen war, landete Gehlen bei einer zwar geistereichen, im Grunde aber unfruchtbaren Nebeneinanderstellung und abstrakten Zusammenordnung geschichtlicher Typen.“ Wer von den beiden, Erxleben oder Gehlen, nun der bessere Weber-Kenner ist, möchte ich offen lassen. Erxlebens Kritik an Gehlen, die Max Webers empirisch-historisch fundierte Idealtypenkonstruktion preist, steht jedenfalls im Kontext des von Alfred Baeumler verfolgten Programms einer Soziologisierung der Philosophie (Klingemann 1996, S. 217 – ​231). Während man im Amt Rosenberg Webers Idealtypen-Modell offensichtlich schätzte, hielt der als Prototyp des NS-Soziologen geltende und in Leipzig Soziologie lehrende Karl Heinz Pfeffer anscheinend nicht viel davon. In seinem Buch Die deutsche Schule der Soziologie aus dem Jahr 1939 zählt er Weber zu den Vertretern eine „Spielart“ der Formalsoziologie, die überholt sei, und erklärt kategorisch: „Max Weber entleerte seine historisch gewonnenen Idealtypen immer wieder zu einer Systematik der möglichen Begriffe.“ (1939, S. 127) Dem widerspricht ganz entschieden Hans Joachim Beyer, Führer im Sicherheitsdienst der SS und Professor an der Universität in Prag sowie dort wissenschaftlicher Leiter der Reinhard-Heydrich-Stiftung. Er sagt: „Max Weber läßt sich allerdings trotz seiner Bindungen an Nominalismus und ökonomischen Imperialismus wohl nicht […] mit dem Satze abtun, daß er historisch gewonnene Idealtypen immer wieder zu einer Systematik der ‚möglichen Begriffe‘ entleere; auf jeden Fall kommt die heutige deutsche Volkslehre nicht an der Verpflichtung vorbei, von ihm für das Zeitalter der Großtechnik einiges zu lernen.“ (1942, S. 189) Doch diesen Rat brauchte Pfeffer gar nicht mehr. Denn sobald er sich nicht vordergründig als antisemitischer Propagandist einer weltanschaulich einwandfreien Volkslehre gerierte, griff er als empirischer Sozialforscher auf Max Webers Erkenntnisse und Arbeitsweise zurück. Bereits 1934, als Pfeffer zusammen mit dem Erlanger Soziologen Karl Seiler eine groß angelegte empirische Erhebung zur Lage der Landarbeiter und des Gesindes für den Reichsbauernführer durchführte, riet er seinem Kollegen: „Lies doch mal Max Webers zwei Aufsätze in seinen ‚Ges. Aufsätzen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte‘.“ Dabei handelt es sich um die bekannten einschlägigen Texte zur ländlichen Arbeitsverfassung und über Ent-

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wicklungstendenzen in der Lage der ostelbischen Landarbeiter. Und im Jahr 1939, als er Weber in der zitierten Schrift öffentlich für unbrauchbar erklärte, schrieb er an Seiler: „Max Weber hat als Soziologe doch sehr ordentlich Wirtschaftsgeschichte gemacht. Meine Vorlesungen sind voll davon.“ (Klingemann 1996, S. 206) Diese Auffassung propagierte Pfeffer sogar in einem durchaus speziellen Umfeld. Im Dezember 1944 lud der Ständige Vertreter des Staatssekretärs im Reichswirtschaftsministerium Otto Ohlendorf zu einem Soziologentreffen in jene Villa am Großen Wannsee ein, in der die berüchtigte Wannsee-Konferenz stattgefunden hatte (Klingemann 1996, S. 207 f.) Die Villa, das Gästehaus des Sicherheitsdienstes der SS, stand Ohlendorf als Chef des Sicherheitsdienstes-Inland zur Verfügung. Ohlendorf, der in den dreißiger Jahren Assistent am Institut für Weltwirtschaft in Kiel gewesen war, betrieb mit der so genannten „Lebensgebiet-Berichterstattung“ im Sicherheitsdienst eine Art Meinungsforschungsinstitut und bezeichnete sich im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess als Soziologe. Auf dieser „Arbeitsbesprechung des Reichswirtschaftsministeriums über soziologische Fragen und Aufgaben“, hielt der Jenaer Soziologe Max Hildebert Boehm das Hauptreferat und der Wiener Soziologe Franz Ronneberger das Co-Referat. In der Diskussion kam Pfeffer auf Weber zusprechen: „Die entscheidenden Ansätze zu einem deutschen soziologischen Denken, überhaupt zum Klarwerden über das, was in Deutschland vorliegt, sind, ob man die Leute nun leiden mag oder nicht, doch die, die der Verein für Sozialpolitik und die große Enquete Max Webers eingeleitet haben, die fotographische Methode, die gar nicht klar genug sein kann.“ (Klingemann 1996, S. 208) Die Formulierung „fotographische Methode“ hatte Pfeffer von Ronneberger übernommen. Ob es legitim ist, mit Max Webers empirischer Soziologie den Begriff „fotographische Methode“ zu assoziieren, muss offen bleiben. Aber, wie dem auch sei, damit stellt sich Pfeffer in eine Weber-Tradition, wie Freyer sie schon 1937 in seiner kleinen Schrift Gesellschaft und Geschichte vorgegeben hatte: „[…] und wer von uns heutigen wäre nicht in irgendeinem Sinne sein Nachfolger oder wenigstens sein Bewunderer […].“ (1937, S. 1) Und bereits 1934 hatte er auf die Frage des amerikanischen Soziologen Earle Edward Eubank nach den Machern („Makers“) der Soziologie in Deutschland geantwortet: „Max Weber: he must come first, for he has given ‚the first Sociology which Germany has to export‘.“ (Käsler 1991, S. 92) 1939 bot sich dann für Freyer anlässlich des 14. Internationalen Soziologenkongresses, der in Bukarest stattfinden sollte, erneut die Chance, seine Wertschätzung Webers zu dokumentieren. Der Leiter der deutschen Delegation Gunther Ipsen plante, „unserer nationalsozialistischen Volkslehre“ dort ein angemessenes Forum zu verschaffen, um nicht „Juden, Volksfrontgruppen, Liberalen und Marxisten“ das Feld zu überlassen, wie er sich in einem im Bundesarchiv Berlin überlieferten Brief Freyer stellt seinen Beitrag über „Soziologie der Herr-

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schaft“ ganz auf den liberalen Weber ab. „Max Webers Sätze [aus „Wirtschaft und Gesellschaft“, C. K.], Herrschaft spiele bei den meisten Arten des Gemeinschaftshandelns eine sehr erhebliche Rolle, auch da, wo man nicht sofort daran denke; in ausserordentlich vielen Fällen sei sie es, die aus einem amorphen Gemeinschaftshandeln erst eine rationale Vergesellschaftung erstehen lasse oder die wenigstens das Gemeinschaftshandeln erst forme und namentlich seine Ausgerichtetheit auf ein ‚Ziel‘ überhaupt eindeutig determiniere, – erweisen sich für jede realistische Betrachtung der sozialen Welt als durchaus gültig.“ (1940, S. 39) Nun ist der Kongress wegen des deutschen Überfalls auf Polen zwar ausgefallen, viele Beiträge, wie eben der von Freyer, sind aber publiziert worden. Dort kann man nachlesen, dass nach Freyer „echte Herrschaft“ nur dort als gegeben angenommen werden könne, „wo das Eigeninteresse der Herrschenden tatsächlich das Interesse der Ganzheit, die durch die Herrschaft gebildet wird, repräsentiere“, dies sei „auch auf zwischenvölkische Verhältnisse, d. h. auf Imperien“ anwendbar (1940, S. 47). Vielleicht kann man aus dieser mehrdeutigen Aussage sogar eine Distanzierung von der NS-Lebensraumpolitik herauslesen, die möglicherweise auch Schelskys früheres vehementes Engagement für das NS-Regime tangiert haben könnte.

12.4 Helmut Schelsky „in der geistigen Nachfolge Max Webers“ Auf jeden Fall dürfte Schelsky die ursprünglich Leipziger Atmosphäre der WeberBewunderung und -Rezeption durch Freyer, Gehlen, Ipsen und Pfeffer verspürt haben. Viele Jahre später bezeichnete er sich als „in der geistigen Nachfolge Max Webers“ stehend (1983, S. 51), und in der Einleitung zu seiner Kampfschrift über Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen erklärt er: „Wir wollen dabei an die in unserer Wissenschaft fast klassisch zu nennenden Begriffsbestimmungen Max Webers über Macht und Herrschaft anknüpfen.“ (1977, S. 21) Was er dann auch ausführlich zelebriert, um insbesondere unter Heranziehung von Webers Herrschaftssoziologie die „gegenwärtigen Formen der Intellektuellenherrschaft“ angehen zu können (1977, S. 10). Aber ist er damit ein Weberianer ? In der mehr als drei Jahrzehnte nach Leipzig stattfinden heftigen Auseinandersetzung mit M. Rainer Lepsius über die westdeutsche Soziologie und ihre Vorgeschichte erhebt sich Schelsky dann hinsichtlich der Bedeutung Webers für deren Entwicklung zu dessen Ehrenretter: „man könnte die ‚deutsche Soziologie‘ nach 1945 als einen geistigen Diadochenkampf um das Erbe Max Webers darstellen. Umso enttäuschender ist mir Ihre Darstellung der ‚deutschen Soziologie‘, die weder in der ‚Ausgangslage‘ [1933 – ​1944 !, C. K.] noch in der Kennzeichnung nach 1945 Max Weber beachtet und damit der geistigen Entwicklung des Faches nicht

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gerecht wird.“ (1980, S. 421) Damit gibt Schelsky übrigens auch einen deutlichen Hinweis auf die Weber-Rezeption im Dritten Reich ! Ob es wirklich Diadochenkämpfe gegeben hat, müsste wohl noch geklärt werden. Schelskys heroischer Einsatz für Weber muss überdies grundsätzlich irritieren. Denn in seinem von der Fachgeschichtsschreibung immer wieder herangezogenen Werk Ortsbestimmung der deutschen Soziologie aus dem Jahr 1959 ist – wie bereits angesprochen – keine Rede von Max Weber. Es beansprucht aber „eine Erfahrungsanalyse einer konkreten sozialen Wirklichkeit, und keine ‚Wesensschau‘ einer Wissenschaft“ zu sein (1959, S. 8) Daraus könnte geschlossen werden, dass Schelsky sich selbst gegenüber denselben Vorwurf erheben müsste wie gegen Lepsius, da Weber offensichtlich bedeutungslos ist für die westdeutsche Soziologie. Dem steht wiederum entgegen, dass Schelsky zum Beispiel zehn Jahre später Horst Baier mit der Arbeit Von der Erkenntnistheorie zur Wirklichkeitswissenschaft habilitierte, die den Untertitel trägt: Eine Studie über die Begründung der Soziologie bei Max Weber (Baier 169). Die Auseinandersetzung mit Weber war für Baiers Karriere wie für die vieler anderer Nachwuchssoziologen sehr hilfreich. Wie sieht das die Sekundärliteratur ? Dort scheint Weber nur eine ganz marginale Rolle für Schelskys Werk und Wirkung zu spielen. Gerhard Schäfer, der sich bekanntlich schon länger mit Schelsky beschäftigt, ist bisher publizistisch, soweit ich sehen kann, nicht auf das Verhältnis von Schelsky zu Weber eingegangen. Das gilt in gewisser Weise auch für Karl-Siegbert Rehbergs gemeinsame Behandlung von Gehlen, Freyer und Schelsky als „Klassiker der Soziologie“, in den von Dirk Kaesler so betitelten Bänden. Rehberg erkennt aber vier Gemeinsamkeiten, die alle drei Autoren teilten. Eine davon sei, dass sie „eine nicht-weberianische Handlungstheorie entworfen“ hätten (1999, S. 73). Für den von Dirk Kaesler und Ludgera Vogt herausgegebenen Band Hauptwerke der Soziologie stellt Rehberg Schelskys Sammelband Auf der Suche nach Wirklichkeit aus dem Jahr 1965 vor. In diesem Zusammenhang macht er darauf aufmerksam, dass sich Schelsky von Weber abgrenze: „Hatte M. Weber alle Herrschaft an Legitimation gebunden, so behauptet Schelsky, daß die moderne Technik keiner Legitimität mehr bedürfe: ‚mit ihr ‚herrscht‘ man, weil sie funktioniert und solange sie optimal funktioniert.‘“ (2000, S. 371). Der als Weber-Experte bekannte Dirk Kaesler stellt in seinem Artikel über Schelsky für die Neue Deutsche Biographie überhaupt keinen Bezug zu Weber her (Kaesler 2005). Ebenso verfährt Bernhard Schäfers. Jüngst hat Schäfers, von dem es heißt, er habe Schelsky besonders nahe gestanden, anlässlich dessen 25. Todestages eine Erinnerung publiziert. Demnach sorgt „eine Art ‚Schweigespirale‘“ dafür, dass an Schelskys Werk nicht angeknüpft werde. Schäfers meint aber, dass es durchaus „Themen in der Allgemeinen und etlichen Speziellen Soziologien gibt, bei denen die neuerliche Rezeption lohnt.“ (2009, S. 58) Das mag stimmen, allerdings könnte eine neuerliche Beschäftigung mit seinen handlungstheoreti-

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schen Überlegungen – trotz der hier dokumentieren zahlreichen Berührungspunkte Schelskys mit Weber – wohl nur darauf hinauslaufen, die schon von Rehberg thematisierte Differenz zu bestätigen, denn Schelsky war kein Weberianer. Diese Aussage muss dahingehend eingeschränkt werden, dass Schelsky es offensichtlich zwar vermied, seine Argumentationen inhaltlich explizit auf Weber zu stützen oder aber Weber ‚weiterzuentwickeln‘. Dennoch hat er sich intensiv mit ihm befasst. In seinem umfangreichen Nachlass, der an der Universitäts- und Landesbibliothek Münster verwahrt wird, findet man zum Beispiel Materialien und Aufzeichnungen für ein Seminar über Weber (Wintersemester 1964/65), über Herrschaft nach Weber, Arbeit und Beruf, das Verhältnis von Weber und Rickert, zum Werturteilsstreit, zur Rechtssoziologie und aus Marianne Webers Biographie ihres Mannes. Auf eine Auswertung habe ich verzichtet, weil diese Art der Beschäftigung Schelskys mit Weber meines Erachtens keine prägenden Auswirkungen – trotz der erwähnten vielen Referenzen in seiner Abrechnung mit der Intellektuellenherrschaft – auf seine Soziologie hinterlassen zu haben scheint. Dennoch ist evident, dass Schelsky sich seit seiner Studentenzeit mit Weber auseinandergesetzt und ihn instrumentell genutzt hat. 1955 schreibt er zusammen mit Arnold Gehlen in der Vorbemerkung zu dem von ihnen gemeinsam herausgegebenen Band Soziologie. Ein Lehr- und Handbuch zur modernen Gesellschaftskunde, eine „‚übergreifende‘ Theorie ist vorläufig nicht zu bieten.“ (1955, S. 9) Ein solcher Versuch müsste nämlich immer wieder auf die eigene Fragwürdigkeit hinweisen, so insbesondere auch „auf die fragwürdige Anwendbarkeit sehr vieler Kategorien aus dem großen Werk Max Webers auf die heutigen Verhältnisse – des bisher umfassenden systemnahen Entwurfes.“ (1955, S. 9 f.) So kann man Distanz und gelichzeitige Nähe zum großen Max Weber elegant demonstrieren.

12.5 Literatur Baier, Horst. 1969. Von der Erkenntnistheorie zur Wirklichkeitswissenschaft. Eine Studie über die Begründung der Soziologie bei Max Weber. Unveröffentlichte Habilitationsschrift. Münster/Westf. Beyer, Hans Joachim. 1942. Die deutsche Schule der Soziologie. Rezension von Karl Heinz Pfeffer, Die deutsche Schule der Soziologie. Deutsches Archiv für Landesund Volksforschung 6: 189. Fogt, Helmut. 1981. Max Weber und die deutsche Soziologie der Weimarer Republik: Außenseiter oder Gründervater ? In Soziologie in Deutschland und Österreich 1918 – ​1945. Materialien zur Entwicklung, Emigration und Wirkungsgeschichte, Hrsg. M. Rainer Lepsius, 245 – ​272. Opladen. Freyer, Hans. Revolution von rechts. Jena. Freyer, Hans. 1937. Gesellschaft und Geschichte. Leipzig – Berlin.

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Freyer, Hans. 1940. Beiträge zur Theorie der Herrschaft. In Lavori del XIV Congresso Internazionale di Sociologia Bucuresti. Communicazione, Serie A – Le unita sociali, Vol. V., 39 – ​48. Gehlen, Arnold, und Helmut Schelsky, Hrsg. 1955. Soziologie. Ein Lehr- und Handbuch zur modernen Gesellschaftskunde. Düsseldorf – Köln. Gerhardt, Uta. 2001. Idealtypus. Zur methodischen Begründung der modernen Soziologie. Frankfurt am Main. Gerhardt, Uta. 2007. Denken der Demokratie. Die Soziologie im atlantischen Transfer des Besatzungsregimes. Vier Abhandlungen. Stuttgart. Gerhardt, Uta. 2014. Wirklichkeit(en). Soziologie und Geschichte. Baden-Baden. Ipsen, Gunther. 1933. Das Landvolk. Ein soziologischer Versuch. Hamburg. Käsler, Dirk. 1991. Sociological Adventures. Earle Edward Eubank’s Visits with European Sociologists. New Brunswick – London. Kaesler, Dirk. 2005. Helmut Wilhelm Friedrich Schelsky. Neue Deutsche Biographie 22: 659 – ​661. Klingemann, Carsten. 1996. Soziologie im Dritten Reich. Baden-Baden. Middell, Matthias. 2005. Weltgeschichtsschreibung im Zeitalter der Verfachlichung und Professionalisierung. Das Leipziger Institut für Kultur- und Universalgeschichte 1890 – ​1990, Bd. 2. Von der Kulturgeschichte unter Walter Goetz zur historischen Soziologie Hans Freyers. Leipzig. Muller, Jerry Z. 1987. The Other God that failed. Hans Freyer and the Deradicalization of German Conservatism. Princeton, New Jersey. Parsons, Talcott. 1937. The Structure of Social Action. A Study in Social Theory with Special Reference to a Group of Recent European Writers. New York – London. Pfeffer, Karl Heinz. 1939. Die deutsche Schule der Soziologie. Leipzig. Rehberg, Karl-Siegbert. 1999. Hans Freyer (1887 – ​1969), Arnold Gehlen (1904 – ​1976), Helmut Schelsky (1912 – ​1984). In Klassiker der Soziologie, Bd. 2. Von Talcott Parsons bis Pierre Bourdieu, Hrsg. Dirk Kaesler, 72 – ​104. München. Rehberg, Karl-Siegbert. 2000. Helmut Schelsky. Auf der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze. Düsseldorf – Köln 1965. In Hauptwerke der Soziologie, Hrsg. Dirk Kaesler, und Ludgera Vogt, 367 – ​372. Stuttgart. Rehberg, Karl-Siegbert. 2001. Aktion und Ordnung. Soziologie als Handlungslehre: Leipziger Klassiker-Lektüren. In Sinngeneratoren. Fremd- und Selbstthematisierung in soziologisch-historischer Perspektive, Hrsg. Cornelia Bohn, und Herbert Willems, 301 – ​337. Konstanz. Schäfers, Bernhard. 2009. Helmut Schelsky – ein Soziologe in der Bundesrepublik. Soziologie 38: 48 – ​59. Schelsky, Helmut. 1934. Sozialistische Lebenshaltung. Leipzig. Schelsky, Helmut. 1959. Ortsbestimmung der deutschen Soziologie. Düsseldorf – Köln. Schelsky, Helmut. 1977. Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen. München. Schelsky, Helmut. 1980. Zur Entstehungsgeschichte der bundesdeutschen Soziologie. Ein Brief an Rainer Lepsius. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 32: 417 – ​456. Schelsky, Helmut. 1983. Politik und Publizität. Stuttgart-Degerloch.

Literatur 251

Sehestedt von Gyldenfeldt, Christian. 2008. Gunther Ipsen zu VOLK und LAND. Versuch über die Grundlagen der Realsoziologie in seinem Werk. Berlin. Üner, Elfriede. 1994. Hans Freyer und Arnold Gehlen: Zwei Wege auf der Suche nach „Wirklichkeit“. In Zur geisteswissenschaftlichen Bedeutung Arnold Gehlens. Vorträge und Diskussionsbeiträge des Sonderseminars 1989 der Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer, Hrsg. Helmut Klages, und Helmut Quaritsch, 123 – ​162. Berlin. Üner, Elfriede. 2006. Der explizite und implizite Diskurs zwischen Max Weber und der „Leipziger Schule“ – ein Arbeitsbericht. In Das Faszinosum Max Weber, Die Geschichte seiner Geltung, Hrsg. Karl-Ludwig Ay, und Knut Borchardt, 219 – ​239. Konstanz.

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Max Weber-Rezeption zum Ende der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit – Christoph Steding und seine Kritiker aus Politik und Wissenschaft

13.1 Christoph Stedings Mission und Max Weber Anfang des Jahres 1938 erscheint posthum das 772 Seiten umfassende Buch Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur von Christoph Steding. Ermöglicht wurde dies durch zwei Stipendien. 1932 wird das erste vom deutschen Komitee der Rockefeller-Stiftung bewilligt und 1936 das zweite durch das gerade erst in Berlin gegründete Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands (Heiber 1966, S. 506). Im Antrag an die Rockefeller-Stiftung hatte Steding die hinter seinem Projekt zur Haltung der neutralen Länder gegenüber Deutschland stehende Idee folgendermaßen formuliert: „Basel, der Haag, Kopenhagen reichen sich so in symbolischer Weise die Hand und schließen den Ring um Deutschland, ‚kreisen es ein‘ und bereiten geistig seine Niederlage vor, lange bevor es politisch eingekreist war und im Weltkrieg zusammenbrach. Es läßt sich daran die Vermutung knüpfen, daß wohl auch bei reichsdeutschen Historikern und entsprechenden Soziologen und Philosophen ein ähnliches politisches Ethos und Pathos wiederkehrt, wie es in Nietzsche, in Georg Brandes lebt.“ (zit. n. Frank 1938, S. XXIX) In einem zeitgleich verfassten Manuskript benennt Steding als Ziel seiner Mission die Begründung einer neuen politischen Geschichtsschreibung: „So wie in dem Menschenalter von 1830 und 1870 die Historiker die repräsentativen Gelehrten der Nation waren, so werden sie es jetzt wieder sein. Sie lösen die Philosophen wie die Nationalökonomen und die von der Nationalökonomie herkommenden Soziologen ab. Besonders den Nationalökonomen und den Soziologen muß man zurufen: Herunter vom Glockenturm ! Ihr habt ausgeläutet ! Eure Rolle ist heute deswegen ausgespielt, weil nicht mehr die Wirtschaft das Schicksal der Welt ist. Das war in den beiden letzten Menschenaltern so … das ist jetzt vorbei. Die Politik wird wieder das Schicksal und auch aus diesem weiten Grun© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_13

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Max Weber-Rezeption zum Ende der Weimarer Republik

de wird der Historiker somit der repräsentative Gelehrte der Nation.“ (zit. n. Frank 1938, S. XXVII f.) Das ist ganz im Sinne von Professor Walter Frank, dem Präsidenten des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, der seinen Schützling für seine Strategie der Beherrschung der Historiker-Zunft instrumentalisieren will. Als Steding kurz vor der Fertigstellung seines Manuskripts an einem Nierenleiden stirbt, wird es von Frank für die Publikation bearbeitet und als Schrift seines Reichsinstituts herausgegeben. In einem umfangreichen Nachruf mit dem pathetischen Titel Christoph Steding. Ein Denkmal würdigt er ihn unter Rückgriff auf Zitate aus Stedings Dissertation über Politik und Wissenschaft bei Max Weber, die 1932 erschienen war. Steding hatte nach einem Studium an verschiedenen Universitäten, unter anderem auch bei Martin Heidegger, die Arbeit bei Wilhelm Mommsen in Marburg eingereicht. Darin teilt er zwar die damals propagierte Liberalismus-Kritik. „Aber: mit solchen heute noch durchaus notwendigen, destruierenden Ausführungen über den Liberalismus – wie sie in klassischer, kaum überbietbarer Form bei Moeller van den Bruck vorliegen – werden vornehmlich nur die Entartungsformen der Nachkriegsjahre getroffen, nicht aber der gesamte Liberalismus, vor allem nicht solche Männer wie Max Weber.“ (1932, Vorwort) Denn, da das von den entgegengesetzten sozialen Systemen des Ostens und Westens eingekeilte Deutschland gezwungen sei, sich auf seine eigene nationale Sendung zu besinnen, müsse auf Männer wie Max Weber zurückgegriffen werden (1932, Vorwort). Zwei von Frank zusammengefügte Zitate über Weber zur Heroisierung Stedings lauten bei diesem: „Das Leben jedes Menschen, der nur vom Dämon sich treiben läßt, völlig unbekümmert um die üblichen ‚bürgerlichen‘ Weisen der Existenz, ist immer Hazard.“ Und: „Tod und Teufel waren auf lange Jahre hindurch die einzigen Weggenossen dieses eisernen Ritters.“ (1932, S. 50, 51) Frank ergänzt nach deren Zitation: „Die Sätze gehören nicht nur in die Biographie Max Webers, sondern auch in die Biographie Christoph Stedings.“ (1938, S. XVII) Allein die Tatsache, dass der Präsident des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands geradezu einen Max Weber-Kult pflegt, mag ein Indiz dafür sein, dass die bis heute mit Nachdruck vertretene Auffassung, Weber sei nach seinem Tod in Vergessenheit geraten und im Dritten Reich sogar posthum noch Persona non grata gewesen, bezweifelt werden muss.

Die „Reichsfeindschaft“ bei Max Weber und Christoph Steding 255

13.2 Die „Reichsfeindschaft“ bei Max Weber und Christoph Steding Es bleibt festzuhalten, dass Steding allein schon durch die Verarbeitung der nach Webers Tod über ihn erschienenen umfangreichen Sekundärliteratur dokumentiert, dass er nicht vergessen worden war. Die Qualität dieser Dissertation beurteilt Wilhelm Hennis 1998 im Rahmen einer Sammelbesprechung neuer Weber-Literatur mit folgenden Worten: „Wie turmhoch steht das Niveau der Auseinandersetzung unmittelbar nach Webers Tod (ich nenne nur Alexander von Schelting, Karl Löwith, Siegfried Landshut – ja selbst den später so wirren und verbohrten Nazi Christoph Steding –, auch die frühen Vordreiunddreißigerarbeiten von Leo Strauss und Eric Voegelin) über der sogenannten ‚Rezeption‘ nach 1945, als man begann, den universalen Anreger und Fragesteller auf die Flaschen eines ‚Faches‘ zu ziehen.“ (1998, S. L44) Steding seinerseits pflegt seinen Kult um Weber, der aus dessen genialer Amalgamierung von Wissenschaft und Politik entspringt: „Er war als Wissenschaftler wie als Politiker von überindividueller, nationaler, ja europäischer Bedeutung.“ (1932, S. 9) Dass es sich dabei nicht um eine groteske Überstilisierung Webers handelt, mag folgende Einschätzung von Uta Gerhardt belegen: „[…] Steding, der aus Weber die mutmaßlich charismatische Persönlichkeit macht, was seine Theorie zur Apotheose der plebiszitären Führerdemokratie verklärt – da erscheint Webers Denken als das wissenschaftliche Plädoyer für eine Führerherrschaft.“ (2014, S. 163) Stedings Orientierung an Weber setzt sich – trotz aller ambivalenten Würdi­ gungen – auch in seinem Werk Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur fort. Weber wird auf 48 Seiten erwähnt, Hitler hingegen nur auf 30. Aller­dings kommen Johann Jakob Bachofen, Karl Barth, Otto von Bismarck, Jakob Burckhard, Stefan George, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johan Huizinga, Sören Kierkegaard und insbesondere Friedrich Nietzsche auf eine höhere Zahl an Nennungen. Das ist natürlich seiner Mission geschuldet, will Steding doch zeigen, wer geistesgeschichtlich die Grundlagen für die Krankheit der europäischen Kultur legt. Die – außer Hegel – genannten Großdenker und viele andere, wie etwa Thomas Mann, konvergieren in ihrer reichsfremden Propagierung des Unpolitischen mit der Haltung der reichsfeindlichen Neutralität der germanischen Randstaaten. Diese Haltung findet man ausgehend von der deutschsprachigen Schweiz, mit Basel als Zentrum der geistigen Bekämpfung des Reichs, über die Niederlande bis zu den skandinavischen Ländern, und sie wird selbst innerhalb Deutschlands, zum Beispiel in Stedings Niedersachsen, als Reichsfremdheit kultiviert. Und auch Max Weber ist nicht davor gefeit, das Reich, das er retten will, zu verraten: „Max Weber, der aus dem pietistischen, unter täuferischen Einflüssen stehenden Westfalen nicht weit der holländischen Grenze kam und in Heidelberg

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zu seiner ganzen Größe heranwuchs, ist eine der edelsten und tragischsten Gestalten des wilhelminischen, insofern verschweizerten und verniederländerten Zeitalters, weil er ein glühender Patriot war und das Reich immer größer und mächtiger haben wollte, durch seine Mittel aber notwendig das Reich von sich abziehen und in das Verderben führen mußte.“ (Steding 1942, S. 274) Hiermit stellt Steding Max Weber in die Reihe der Feinde des Reiches, das unterging und nicht wieder auferstehen kann, solange die Neutralitätshaltung der germanischen Randstaaten wirksam ist. Nun könnte man sagen, dass es nicht lohnt, sich mit dieser fixen Idee von Steding weiter zu befassen. Jedoch hat bereits 1939 Theodor Heuss, den bekanntlich eine große Nähe zu Weber auszeichnet, gemeint: „Dabei ist es nun so, daß in der Grundkonzeption des Werkes eine bedeutende und fruchtbare Frage steckt: wie haben die ‚neutralen‘ Staaten, zumal die in ihrer Substanz germanischen Länder, Schweiz, Holland, Skandinavien auf das ‚Reich‘ reagiert, seine Gründung, seine Politik, überhaupt auf sein Dasein ?“ (1939, S. 261) Wenn man Heuss folgt, wäre es also voreilig, Steding einfach als Spinner abzuqualifizieren. Bei der Schilderung der akademischen Laufbahn des Bauernsohns aus einem Dorf nahe Bad Nenndorf, der ein Prädikatsstaatsexamen abgelegt hatte, wird üblicherweise gesagt, dass er eine Generalkritik an der Methodologie der herrschenden Geschichtsschreibung am Beispiel ihrer Darstellung der Kultur Javas in seiner geplanten Dissertation leisten wollte. Als jedoch der von ihm deswegen angesprochene Völkerkunde-Professor dieses Ansinnen schroff zurückwies, habe Steding als Ersatz-Thema Wissenschaft und Politik bei Max Weber gewählt. Unklar ist, wie er dann auf das Thema der Reichsfeindschaft der Neutralen, erst gegen Bismarck, schließlich erweitert gegen das Dritte Reich gekommen ist. Meine These lautet, dass Max Weber der Ideen-Geber, der Inspirator war. In der „Vorbemerkung“ zu seinem Weber-Buch führt Steding nämlich die Romantiker an, „die Weber selbst zeitlebens als seine ‚Feinde‘ betrachtet hat.“ (1932, S. 7) Aber „Bismarck und seine Mitarbeiter, die Industrieriesen“ verdrängten die unpolitischen Romantiker aus Deutschland: „Es scheint kein Zufall zu sein, daß der ‚deutsche Geist‘ sich in dieser Zeit dahin flüchtete, wo das kleinstaatliche Idyll der Romantikerzeit weiterlebte, etwa in die deutsche Schweiz.“ (1932, S. 7 f.) Und auf dieses Zitat folgt unmittelbar Stedings Formulierung seiner Idee der geistigen Fundierung der Reichsfeindlichkeit: „Basel, von dem aus Nietzsche oder Burckhardt ihre vom starken Ressentiment erfüllten Anklagen gegen das ‚Reich‘ richteten, ist der symbolische Name für diese mit dem Geist der Romantik eng verwandte Geistigkeit.“ (1932, S. 8) Wenn Steding hier in seiner Dissertation Basel als Hort der Reichsfeindlichkeit erwähnt, wird er später die Verschweizerung als größtes Übel, als Wesensmerkmal der Neutralen brandmarken. Weber hat im Kontext seiner Überlegungen zu den Voraussetzungen für die Entstehung eines „Nationalgefühls“ eine Definition von Nation und des Gefühls, einer solchen anzugehören, vorgenommen. Dabei

Stedings Bücher im Weltanschauungskampf 257

erklärt er: „Die Schweizer sind keine eigene ‚Nation‘, wenn man auf die Sprachgemeinschaft oder die Kulturgemeinschaft im Sinne der Gemeinsamkeit literarischer oder künstlerischer Kulturgüter sehen will.“ (1976, S. 243 f.) Jedoch konzediert Weber, dass das verbreitete starke Gemeinschaftsgefühl nicht nur durch Loyalität gegen das politische Gemeinwesen motiviert sei, sondern auch „durch Eigenart der ‚Sitten‘“ (1976, S. 244). Aber nicht nur den Schweizern, auch den Belgiern, Luxemburgern und Liechtensteinern mangelt es an Nationalgefühl. Woran liegt das ? Weber benennt folgende Gründe: „Nicht die quantitative ‚Kleinheit‘ des politischen Verbandes ist dafür maßgebend, daß wir den Namen auf ihn anzuwenden Bedenken tragen: – die Holländer sind uns eine ‚Nation‘ –, der bewußte Verzicht auf die ‚Macht‘, den jene ‚neutralisierten‘ politischen Gemeinwesen vollzogen haben, läßt uns unwillkürlich jenes Bedenken auftauchen.“ (1976, S. 243) Wenn Weber nicht die Holländer erwähnt hätte, könnte der Satz auch von Steding sein. Für ihn bilden aber gerade Basel und Amsterdam eine Achse, die sich in die skandinavischen germanischen Randstaaten verlängert. Dennoch sehe ich Weber als dessen Inspirator, was durch Rückgriff auf die bereits erwähnte „Eigenart der ‚Sitten‘“ der Schweizer belegt werden soll. Indem Weber sie anführt, legt er den Keim für Stedings Theorie der Reichsfeindschaft der Neutralen. Diese Sitten, die – so Weber – „subjektiv als weitgehend gemeinsam empfunden werden und ihrerseits sehr stark durch die sozialen Strukturgegensätze, namentlich gegen Deutschland, überhaupt aber gegen jedes ‚große‘ und daher militaristische politische Gebilde mit seinen Konsequenzen für die Art der inneren Herrschaftsstruktur, bedingt, daher auch durch die Sonderexistenz allein garantiert erscheinen.“ (1976, S. 244) Wenn ich Weber richtig verstehe, sieht er in dieser „Sonderexistenz“ der Neutralität keine akute Gefahr für Deutschland. Das macht den Unterschied zu Steding aus. Weber bemüht sich also um eine Klärung des Begriffs „Nation“ und kommt zu einer Definition der Neutralen, die Steding übernimmt. Für ihn aber führen das fehlende Nationalgefühl und der damit einhergehende bewusste Machtverzicht zur Reichsfeindschaft.

13.3 Stedings Bücher im Weltanschauungskampf nationalsozialistischer Institutionen – auch der Reichsführer SS Heinrich Himmler ist involviert Stedings Reich sorgte für heftige Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Institutionen des NS-Regimes, die jeweils für sich die Zuständigkeit reklamierten, zu bestimmen, was eine weltanschaulich-politisch korrekte nationalsozialistische Wissenschaft sei. Helmut Heiber hat diesen Kleinkrieg um Stedings Werk auf gut dreißig Seiten seines Buches über Walter Franks Reichsinstitut minutiös geschil-

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dert. Die Hauptstreitpunkte waren Stedings Diffamierung Nietzsches als Reichsfeind und seine – wiewohl Antisemit – Verächtlichmachung der NS-Rassenlehre. Gegen das Reichsinstitut traten sowohl das Reichsaußenministerium wie auch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda an, weil sie negative Reaktionen der Neutralen fürchteten. Insbesondere aber echauffierten sich verschiedene Unter-Ämter in Alfred Rosenbergs Behörde Der Beauftragte des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP. Darunter das Hauptamt Wissenschaft, das von dem Philosophie-Professor Alfred Baeumler, dem lizensierten Nietzsche-Experten, geleitet wurde. Allerdings gab es auch positive Einschätzungen des Buches wie etwa durch die Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums, die von Philipp Bouhler geleitet wurde. Er hatte am Hitler-Putsch teilgenommen und war Leiter der Kanzlei des Führers der NSDAP sowie Beauftragter des Euthanasie-Programms (Heiber 1966, S.  501 – ​532). Auch in der SS gab man sich aufgeschlossen. Ein im Bundesarchiv Berlin überliefertes achtseitiges, von SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich, Chef des Sicherheitshauptamtes, unterschriebenes, von ihm wohl aber nicht selbst angefertigtes Gutachten vom 19. Januar 1939 kommt zu dem Schluss: „Steding hat sich mit seinem Buch das Ziel gesetzt, ‚von der durch die Tat Hitlers geschaffenen Ebene aus die reichsfremde und reichsfeindliche geistige Welt unserer Anrainer mit den Mitteln der Wissenschaft aus den Angeln zu heben‘ und dadurch an der ‚geistigen Aufrüstung‘ mitzuarbeiten. Dies ist ihm gelungen, mag er auch in der Leidenschaft des Kampfes manchmal ungerecht sein wie etwa in der einseitigen Stellungnahme gegen Nietzsche oder Herder oder in schroffen staatlichen, von Hegel abgeleiteten Formulierungen, in denen ‚Volk‘ und ‚Rasse‘ zu kurz kommen.“ Aus dieser Bewertung leitet der Gutachter folgende Empfehlung ab: „Dem Buch Stedings kommt aussergewöhnliche Bedeutung zu. Es kann vor allem dem politischen Führerkorps und der studentischen Jugend scharfe Waffen für den weltanschaulichen Kampf an die Hand geben, weil es in überzeugender Weise die politische Tat gegenüber den Mächten der ‚reinen‘ Kultur wieder in ihre Vorrechte einsetzt.“ Der Briefkopf dieses Schreibens lautet Der Reichsführer SS. Der Chef des Sicherheitshauptamtes und ist wiederum an den Reichsführer SS gerichtet. Heinrich Himmler antwortet am 1. Februar 1939: „Lieber Heydrich ! Von Ihrer Stellungnahme zu dem Werk ‚Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur‘ von Christoph Steding habe ich Kenntnis genommen. Dieses Buch als Schulungsmaterial herauszugeben halte ich für verfrüht.“ Himmler hält also Anfang Februar 1939 die Publikation für nicht opportun, was angesichts der Tatsache, dass die Wehrmacht ein gutes halbes Jahr später Polen überfällt, nachvollziehbar ist. Allerdings übernimmt der Autor des Gutachtens Stedings Argumentation hinsichtlich der Rolle des Westfälischen Friedens. Er schreibt nämlich: „Steding

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geht davon aus, dass die germanischen Randgebiete ihre staatliche Selbständigkeit dem Erlahmen der Reichsidee und der Reichsgewalt verdanken; seit dem Westfälischen Frieden 1648 und damit der gesetzlichen Festlegung der Machtlosigkeit des Reiches gehört es ‚zum Glaubensbekenntnis des Europäertums, dass die Mitte, das Herz Europas, ein politisches Vakuum ist‘.“ Diese Aussage nimmt Himmler zum Anlass, Heydrich mit einer wissenschaftlichen Klärung zu beauftragen: „Ich gebe jedoch dem Sicherheitshauptamt den Auftrag, den Frieden von 1648 einmal wissenschaftlich genau zu studieren u. bitte persönlich um Empfehlung eines kurzgefassten Buches, in dem der Text dieses Vertrages mit kurzen Erklärungen und Karten enthalten ist. Sollte es dieses Buch nicht geben, bitte ich um Vorlage einer entsprechenden Denkschrift des Sicherheitshauptamtes mit Kartenmaterial.“ Ob eine solche Denkschrift angefertigt wurde, ist mir nicht bekannt. Die Bedenken Himmlers zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gegen eine Veröffentlichung des Buches haben offenbar später jedoch keine Rolle mehr gespielt, da es stark gekürzt sogar den Frontsoldaten per Feldpost-Ausgabe zur Verfügung gestellt wurde. Hinsichtlich des großen Interesses im Amt Rosenberg an Stedings Weber-Dissertation könnte vermutet werden, dass Weber eventuell eine besondere Rolle beizumessen ist. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass Stedings Weber-Präsentation die Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten NS-Weltanschauungsexperten angeheizt hätte, da sich dafür keine Hinweise finden ließen. Allerdings gab es eine sehr scharfe Kontroverse zwischen den genannten und etlichen weiteren Hütern der NS-Ideologie um eine Dissertation über Max Weber, die ein Amerikaner bei Webers Groß-Neffen Eduard Baumgarten geschrieben hatte, was hier aber nicht weiter behandelt werden soll (Klingemann 1996, S. 179 – ​186). Helmut Heiber verweist aber in seinem über tausend Seiten dicken Mammut-Werk über Walter Frank und sein Reichsinstitut darauf, dass im Amt Rosenberg eine Liste der Stedingschen Nietzsche-Ketzereien kompiliert wurde, „und in Bibliotheken, Antiquariaten und beim Verlag bemühte man sich bereits im Dezember 1938 um ein Exemplar von Stedings Schrift über Weber, auf die offenbar ein Kenner aufmerksam gemacht hatte, – dann wurde das dortige, so belastende Vorwort abgeschrieben.“ (1966, S. 527) Nur blieb auch das folgenlos. Rosenberg, Heydrich und Himmler hatten wohl andere Sorgen. Allerdings zeigte Hans Frank, sehr erfolgreicher Rechtsanwalt Hitlers in der Kampfzeit, inzwischen Generalgouverneur Rest-Polens, ein besonderes Interesse an Weber, wie Dokumenten im Bundesarchiv Berlin zu entnehmen ist. Er bezeichnete sich gegenüber Marianne und Alfred Weber als Max Weber-Schüler und bat die beiden – vergeblich – um einen Erinnerungstext für seine Zeitschrift anlässlich dessen 20. Todestags. Heydrich starb an den Folgen eines Attentats, Himmler und Walter Frank begingen Selbstmord, Alfred Rosenberg und Hans Frank wurden hingerichtet. Ste-

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ding war bereits 1938 verstorben, ist aber nach wie vor Gegenstand kontroverser Bewertungen. Er spielt in verschiedenen Diskursen, auch bei prominenten Soziologen, eine erstaunliche Rolle.

13.4 Stedings Reichsidee aus der Sicht der ‚Frankfurter Schule‘ In seiner Rezension des Stedingschen Buches über das Reich, die im Jahrgang 1939/40 der Zeitschrift für Sozialforschung (Studies in Philosophy and Social Science) erscheint, drängt sich Günther Stern, der spätere Günther Anders, der Eindruck auf, bei diesem Beispiel nationalsozialistischer Metaphysik handele es sich weniger um eine philosophische als um eine psychiatrische Diskussion. Dennoch widmet er dem Buch mehr als fünf Seiten und bescheinigt dem Autor eine außerordentliche philosophische und ganz allgemein intellektuelle Begabung – selbst in ihrer vermeintlich pathologischen Erscheinungsform. Er bestätigt auch, dass Stedings Fanatismus weder völkischer noch rassischer Fanatismus sei, sondern im Gegenteil sei er sogar anti-völkisch, weil er eben auf die metaphysische Reichsidee fixiert sei. Stern schließt seine Rezension mit einer Liste von Stedings Hassobjekten, die alle in Reichsfeindschaft ausmünden (1939/40, S. 464 – ​469). Ein Jahr später erscheint Adornos Aufsatz Spengler Today ebenfalls in der Zeitschrift für Sozialforschung (Studies in Philosophy and Social Science). Darin bescheinigt er der Liberalismus-Kritik Stedings, zusammen mit jener von Ludwig Klages, Arthur Moeller van den Bruck und Ernst Jünger, dass sie in mancher Hinsicht der vom linken Flügel kommenden überlegen sei (1941, S. 318). Mit den Reichsideen von Moeller van den Bruck, Stefan George und anderen beschäftigt sich auch Franz L. Neumann, ein weiterer prominenter Vertreter der sogenannten Frankfurter Schule, in seinem berühmten Werk Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus. Er sucht bei Steding nach dessen Letztbegründung des Reichs und sieht sie darin, dass nicht Rasse, Volk oder Staat, sondern nur das Reich bleibe. „Es ist seine eigene Rechtfertigung.“ (1977, S. 175) Und unter Bezugnahme auf die Rezension von Stern, der das Verhältnis Martin Heideggers zu seinem „Schüler“ Christoph Steding diskutiert, hält Neumann fest: „Die philosophischen Wurzeln dieses Arguments sind in der Existenzphilosophie Heideggers zu finden.“ (1977, S. 175) Steding konstruiere aus den Überresten des Heideggerschen transzendentalen Solipsismus einen nationalen Solipsismus. In einem unveröffentlichten Kommentar zu Neumanns Behemoth tritt wiederum Max Horkheimer dieser Ableitung der Selbstbegründung des Reichs entschieden entgegen. Abgesehen von der Tatsache, dass Steding bei Heidegger studiert habe, sei es ziemlich schwer, eine solche sehr spezielle Nazi-Ideologie wie das Reich mit Heideggers Lehre zu verbinden (Erd

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1985, S. 147). Soweit ich sehen kann, hat es nach dieser Auseinandersetzung führender Repräsentanten der Frankfurter Schule mit Steding keine weitere mehr gegeben.

13.5 Politisierung der Wissenschaft und Verwissenschaftlichung der Politik bei Max Weber Während Steding hier von der Bildfläche verschwindet, ist er in anderen Zusammenhängen, wie in der Weber-Sekundärliteratur präsent. Dabei kommt immer wieder Carl Schmitt ins Spiel. Der hat natürlich die Gelegenheit genutzt, seine eigenen Vorstellungen von Neutralität und Neutralisierungen anlässlich einer Rezension von Stedings Buch im Jahr 1939 auszubreiten. Doch 1948 geht er wegen seiner damaligen Steding-Eloge nun in seinem Glossarium mit sich selbst ins Gericht. In seiner Selbstreflexion über Utopie und humanistische Neutralisierungen heißt es, er müsse „meinen Eifer für das Un-Buch Christoph Stedings besser analysieren“ (Schmitt 1991, S. 95). Während Schmitt nachdenklich wird, gilt er dem international bekannten Weber-Experten, Günther Roth, als jemand, der Weber zwar Hochachtung entgegenbringe, aber eine Nazi-Kritik an Weber repräsentiere, die einige Parallelen zur marxistischen Kritik an Weber aufweise. Da aber Schmitts Kritik schwer zu fassen sei, hält sich Roth an Stedings – wie er sagt – direkte und typische Kritik. Diese, und auch die marxistische, seien sich nämlich einig in ihrer Verwerfung der positivistischen Soziologie, für die Max Weber exemplarisch stehe. Beide Kritik-Varianten zeichnen sich nach Roth durch eine vulgäre Wissenssoziologie aus. So etwa Steding, wenn er Webers Beschäftigung mit dem Konfuzianismus auf die deutsche Besetzung Kiautschous zurückführe. Im Zuge seiner Darlegungen zur Parallelität nazistischer und marxistischer Weber-Kritik (1965, S. 216 – ​218) erwähnt er, ohne ihn einer der beiden Positionen zuzuordnen, auch Wolfgang Mommsen, der Webers soziologische Analyse als politische Ideologie interpretiert habe. Dabei verweist Roth auf die Stellungnahmen zu Mommsens Buch von Reinhard Bendix, Karl Löwenstein und Paul Honigsheim, die es heftig kritisieren (1965, S. 220). In der zweiten überarbeiteten und erweiterten Auflage seines inkriminierten Buchs über Max Weber und die deutsche Politik kritisiert Mommsen daraufhin Stedings Weber-Bild als unangemessen und behauptet, dass Steding schon in seinem Buch aus dem Jahr 1932 Weber „aus dem Blickwinkel des Faschismus“ (1974, S. 444) dargestellt habe. Im jetzt folgenden Zitat wird besonders deutlich, dass Mommsens Kennzeichnung von Stedings Weber-Interpretation als „faschistisch“ erfolgt, um seine eigene Position zu immunisieren: „Der Verfasser gesteht, daß ihm nichts ärgerlicher war, als zu sehen, daß die hier erneut vorgelegte Interpreta-

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tion des Politikers Max Weber von einer Reihe von Autoren, die der neopositivistischen Sozialwissenschaft nahestehen, mit der faschistischen Deutung Stedings und der katholisch-fundamentalistischen Kritik von Leo Strauß und Erich Vögelin zusammengeworfen wurde, während sie gleichzeitig einen objektiven Standpunkt für sich in Anspruch nehmen.“ (1974, S. 455) Man fragt sich, ob Mommsen nicht seinen Vater, Stedings Doktorvater, hätte konsultieren sollen, inwieweit dieser einen Unterschied zwischen der vermeintlich faschistischen Sichtweise seines Promovenden und der seines Sohns hätte feststellen können. Denn zumindest eine Gemeinsamkeit teilen Mommsen und Steding hinsichtlich der Janusköpfigkeit Webers als Wissenschaftler und als Propagandist einer plebiszitären Führerdemokratie. In ihrem Aufsatz über den Beitrag von Mommsen an der Entstehung der Max Weber-Gesamtausgabe halten Edith Hanke, Gangolf Hübinger und Wolfgang Schwentker fest: „In diesem Sinne wies Mommsen auch die Kritik namentlich Karl Löwensteins und Günther Roths zurück, er habe in seinem Buch den Politiker mit dem Wissenschaftler Max Weber in eins gesetzt. Diese Trennung hielt er für artifiziell; sie diene nur dazu, das wissenschaftliche Werk Max Webers gegenüber politischen Einwänden zu immunisieren. Für Mommsen stand dagegen außer Frage, dass Webers ‚soziologisches Werk auf einer spezifischen geistigen und gesellschaftlichen Grundhaltung beruht, die auch eine politische Seite besitzt‘.“ (2010, S. 228) Damit erscheint Mommsen als der Wiedergänger Stedings. Dem hatte 1933 ein (nur mit dem Kürzel „hu“ ausgewiesener) Rezensent seines Weber-Bandes attestiert, es lasse sich bei „ihm eine gewisse Identität von Politik und Wissenschaft nachweisen: die Politik wird scientifiziert, die Wissenschaft politisiert.“ (1933, S. 249) Aber noch Jahrzehnte nach dem Erscheinen von Stedings Weber-Buch wird die Selbst-Politisierung Webers bestritten, um ‚linke‘ Weber-Kritik zu diskreditieren. So charakterisiert René König Siegfried Landshut, der bekanntlich aus NaziDeutschland fliehen musste, mit folgenden Worten als intellektuellen Wegbereiter des Nationalsozialismus: „Die Ideologisierung des Denkens in den zwanziger Jahren ist am Ende so weit getrieben, daß die Ideologien austauschbar werden. Im Jahre 1929 [sic ?] erscheint [sic ?] fast gleichzeitig Siegfried Landshuts ‚Kritik der Soziologie‘ und Hans Freyers ‚Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft‘. Beide führen sie den Marxschen Ansatz der Gesellschaftskritik radikal durch, ebenso den Übergang von der Hegelschen Idealdialektik zur klassenkämpferischen Realdialektik von Marx: Beide kämpfen sie gleichermaßen gegen die Tradition des Rationalismus (und damit gegen Max Weber).“ (1961, S. 112) Dieses Urteil fällt König im Jahr 1961. Im selben Jahr erscheint die von ihm mit angenommene Dissertation von Johann Dieckmann unter dem Titel Max Webers Begriff des „Modernen Okzidentalen Rationalismus“. Der andere Referent ist der Kölner Philosophie-Professor Karl-Heinz Volkmann-Schluck, ein literarisch aus-

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gewiesener Nietzsche- und Heidegger-Experte, wenn nicht gar -Verehrer. Die Dissertation von Dieckmann ist sehr stark von dessen Diktion durchdrungen. Aber auch König prägt dem Text seinen Stempel auf. Dieckmann bezieht sich auf die Weber-Darstellung in Christoph Stedings beiden Büchern. Im Hinblick auf den Begriff des Rationalismus, der für seine eigene Dissertation zentral ist, formuliert er dann den Haupteinwand gegen Stedings Weber-Kritik: „Stedings von S. Landshut übernommene Feststellung, der wichtige Begriff des Rationalen im Denken Webers sei vornehmlich ökonomisch bedingt, verkennt, daß Webers Begriff des Rationalismus äußerst vielseitig ist und sich über alle Bereiche des neuzeitlichen kulturellen Lebens erstreckt.“ (1961, S. 48) Auffällig ist, dass Dieckmann hier keine Quelle angibt. Überdies ist bemerkenswert, dass Landshut, der sich bekanntlich intensiv mit Weber auseinandergesetzt hat, sonst in der ganzen Dissertation nicht herangezogen wird. Ich schließe daraus, dass Königs Einfluss hier wirksam geworden ist. Joachim Radkau hat die „Gestalt von Christoph Steding“ als das „merkwürdigste Phänomen der Weber-Rezeption im Nationalsozialismus“ bezeichnet (2005, S. 847). Auf Radkau wird in dem Wikipedia-Artikel über Christoph Steding verwiesen, wonach Walter Frank, der Herausgeber von Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur, die Gelegenheit nutzte, um in seinem Vorwort „Max Weber für den Nationalsozialismus zu reklamieren.“ (letzter Aufruf 04. 11. ​2018) Auf den angegebenen Seiten bei Radkau (2005, S. 848 f.) findet man aber keine entsprechende Aussage, vielmehr heißt es: „Implizit reiht Walter Frank mit diesen Worten [„Ritter zwischen Tod und Teufel“] Weber unter die Wegbereiter des Dritten Reiches ein.“ (2005, S. 849) Als angeblichen Beleg führt Radkau dabei an: „Darauf verweist Klingemann: Soziologie im Dritten Reich, S. 201 f.“ (2005, S. 996) Bei mir findet sich dort jedoch keine noch so kleinste Andeutung diesen Inhalts (1996, S. 201 f.) In dem Abschnitt über Die latente Max-Weber-Konjunktur in NSDeutschland verweist Radkau mehrfach auf meine Ausführungen (2005, S. 846 – ​ 849), allerdings spreche ich auf den fast 50 Seiten des Kapitels Max Weber in der Reichssoziologie nicht von einer latenten, sondern von einer höchst manifesten Max Weber-Konjunktur im Dritten Reich (1996, S. 171 – ​216). Meine Meinung ist, dass Steding ein denkwürdiges Phänomen nicht nur für die NS-Zeit, sondern bereits in der Weimarer Republik und sogar noch in der Bundesrepublik Deutschland ist. Dass Carl Schmitt auch noch nach 1945 nicht mit ihm abgeschlossen hatte, ist bereits erwähnt worden. Aber auch sein Jahrzehnte langer Gesprächs- und Korrespondenz-Partner Johannes Winckelmann konnte den exakt bereits seit zehn Jahren verblichenen Steding nicht vergessen. Der Max Weber-Forscher und -Herausgeber tauscht sich immer wieder und sehr gründlich mit Carl Schmitt aus, wenn es um seine eigenen Texte über Weber und die Herausgabe der Weber-Werke geht.

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Max Weber-Rezeption zum Ende der Weimarer Republik

Anfang März 1948 werden in einem Brief an Schmitt, überliefert in seinem im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf verwahrten Nachlass, verschiedene Themen bezüglich der Texte von Weber, Schmitt und Winckelmann selbst angesprochen sowie beklagt, dass Marianne Weber altersbedingt nicht mehr in der Lage sei, weiterhin Weber-Texte publikationsreif zu machen. Auch wird erwähnt, dass der Marburger Soziologe Graf Solms eine kleine Ausgabe mit Weber-Texten sowie eine fast geschlossene Bibliographie seines Schrifttums herausgegeben hat. Daran schließt sich völlig unvermittelt Winckelmanns nach wie vor glühender Ärger über Steding an: „Die Steding’sche Dissertation habe ich auch besessen, habe mich aber über diesen Kerl seinerzeit furchtbar erbost, am meisten über das schamlose Pamphlet, das aus seinem Nachlass einen Guss aus dem Unratkübel auf die spätabendländische Kultur ausschüttet.“ Winckelmann und Schmitt waren sich nach 1945 in der Ablehnung Stedings einig. Und in dem zukünftig richtigen Umgang mit Max Weber auch, wie Schmitts Nachlass zu entnehmen ist. So schreibt Winckelmann im Sommer 1948 an Schmitt bezüglich einer von ihm erarbeiteten Gliederung für eine Neuauflage von Wirtschaft und Gesellschaft: „Ich hoffe, dass Sie mir darin recht geben werden.“ Winckelmann bedankt sich überdies bei Schmitt für eine außerordentliche Anregung bezüglich seines geplanten Aufsatzes über Legitimität und Legalität in Max Webers Herrschaftssoziologie, die „ein Zeugnis höchst individuellen Gedankenaustausches“ darstelle. Was an Max Weber Interessierte nach 1945 Neues auf Deutsch lesen konnten, war also hauptsächlich von Winckelmann-Schmitt inspiriert. Schmitts Einfluss auf die frühe Nachkriegsrezeption Webers ist meiner Meinung nach bislang nicht hinreichend beachtet worden.

13.6 Literatur Adorno, Theodor W. 1941. Spengler Today. Zeitschrift für Sozialforschung (Studies in Philosophy and Social Science) 9: 305 – ​325. Dieckmann, Johann. 1961. Max Webers Begriff des „Modernen Okzidentalen Rationalismus“. Düsseldorf. Erd, Rainer, Hrsg. 1985. Reform und Resignation. Gespräche über Franz L. Neumann. Frankfurt am Main. Frank, Walter. 1938. Christoph Steding. Ein Denkmal. In Christoph Steding. 1942. Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur, XL – ​XLVIII. Hamburg. Gerhardt, Uta. 2014. Wirklichkeit(en). Soziologie und Geschichte. Baden-Baden. Hanke, Edith, Gangolf Hübinger, und Wolfgang Schwentker. 2010. Die Entstehung der Max Weber-Gesamtausgabe und der Beitrag von Wolfgang J. Mommsen. In Geschichtswissenschaft im Geist der Demokratie. Wolfgang J. Mommsen und seine Generation, Hrsg. Christoph Cornelißen, 207 – ​238. Berlin.

Literatur 265

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Ursachenanalyse und ethnopolitische Gegenstrategien zum Landarbeitermangel in den Ostgebieten: Max Weber, das Institut für Staatsforschung und der Reichsführer SS

14.1 Vorbemerkung Ein unzulässiger Rückzug auf angeblich anthropologisch Vorgegebenes wird gewöhnlich jenen vorgeworfen, deren politische Position gegenüber ‚ethnischer‘ Differenzierung als biologistisch oder rassistisch bezeichnet wird, weil sie sachlich nicht begründet und unwissenschaftlich sei. Im Folgenden wird deshalb geprüft, ob beziehungsweise in welcher Weise bei Max Weber, dem Institut für Staatsforschung und dem Reichsführer SS Heinrich Himmler sozialwissenschaftliche Untersuchungsergebnisse über die Ursachen des Landarbeitermangels im ‚deutschen Osten‘ mit ethnisierend-rassistischen Topoi des Volkstumskampfes verknüpft werden. Auf die vielfältigen Aspekte der Behandlung von „Rasse“ bei Weber, wie sie zum Beispiel von Ay (1993), Honigsheim (1948), Manasse (1947), Schmuhl (1991) oder Wobbe (1996) diskutiert werden, kann hier nicht weiter eingegangen werden. Einleitend wird die Rolle des Ethnischen in Max Webers Stellungnahmen zur „Polenfrage“ dargestellt. Dem schließt sich ein Vergleich von zwei aufeinander bezogenen Texten an. Dabei handelt es sich einmal um eine Untersuchung der preußischen Politik zur Ansiedlung von Landarbeitern im Osten, die vom Institut für Staatsforschung an der Universität Berlin 1940 erstellt wurde. Auf der Grundlage dieser von ihm in Auftrag gegebenen Studie, die das Scheitern der preußischen Ansiedlungspolitik dokumentiert, entwickelte dann der Reichsführer SS in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums seine Konzeption einer Landarbeiteransiedlungsstrategie in den „Ostprovinzen“ und in den zu erobernden Gebieten, die er Hitler persönlich vorlegte. Als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums dirigierte Himmler die gesamte NS-Volkstumspolitik (Aly 1995; Aly und Heim 1991; Heinemann 2003; Koehl 1957; Madajczyk 1988; Müller 1991; Rössler und Schleiermacher 1993; Wasser 1993). © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_14

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14.2 Die Rolle des Ethnischen in Max Webers Stellungnahmen zur „Polenfrage“ Die bekannte Zentriertheit des Weberschen Denkens um den nationalen Machtstaat als politischem Ideal stellt den Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen dar (Mommsen 1974; Mommsen und Aldenhoff 1993). Diese Ausrichtung auf Nationalität bedeutet für Webers Analyse der Situation im preußischen Osten, dass nicht die Rentabilität der landwirtschaftlichen Betriebe ein objektives, wertfreies Urteilsprinzip sein kann, sondern das Interesse an der Erhaltung des Deutschtums. Er plädiert deswegen für Staatsinterventionen, die die Voraussetzungen für eine selbst genügsame, nicht für den Markt produzierende Betriebsstruktur schaffen sollen, da die weltmarktabhängigen Gutsbetriebe auf polnische Wanderarbeiter angewiesen sind. Im Rahmen der Enquete des Vereins für Sozialpolitik über die Verhältnisse der Landarbeiter in Deutschland setzte sich Weber zu Beginn der neunziger Jahre bekanntlich erstmalig systematisch mit der Lage der Landarbeiter in den ostelbischen Gebieten auseinander (Mommsen und Aldenhoff 1993; Riesebrodt 1984, 1985; Tribe 1983. Zu diesem Zeitpunkt (1892) begnügt er sich noch damit, die ‚ethnische‘ Komponente seiner politisch brisanten Schlussfolgerungen in moderater Weise vorzubringen. „Keinesfalls darf aber vergessen werden, daß alle diese Formen [der Seßhaftmachung] für die Arbeiter nur die Bedeutung von Durchgangsstadien haben sollen: die wichtigste Frage ist, ob ihnen ein Aufsteigen in den Bauernstand ermöglicht werden kann, und damit läuft die ländliche Arbeiterfrage für den Osten in die Frage der inneren Kolonisation aus, die ich hier nicht zu behandeln habe. – Vom Standpunkte des Arbeiterinter­ esses aus ist nur noch eins zu sagen, nämlich: daß es für alle solche Maßnahmen in einem Falle zu spät werden kann, und zwar dann, wenn die Mobilisierung der Arbeiterschaft durch Fortdauer des Importes fremder Arbeitskräfte ungehindert weitergeht und so zahlreichen Großbetrieben ein Dasein gefristet wird, welches wirtschaftlich und nationalpolitisch vom Übel ist. Dann wird die Verdrängung der deutschen Arbeiterschaft weiter gehen und mit dem Deutschtum und der Wehrkraft des sich entvölkernden Ostens auch das zur Kolonisation berufene Menschenmaterial verloren gehen.“ (1984a, S. 926) Doch in dem Moment, wo Weber sich als Ehrenretter der Junker und Großgrundbesitzer, deren rein gewinnorientierte Einstellung gegenüber der Beschäftigung von Landarbeitern aus Kongresspolen er aus nationalpolitischen Gründen heftig kritisiert, missverstanden sieht, bezieht er deutlich Stellung. Dabei argumentiert Weber scheinbar mit dem Ethnischen als einer Kategorie sui generis: 1894 spricht er von „einer slavischen Überfluthung, die einen Kulturrückschritt von mehreren Menschenaltern bedeuten würde“ (1984b, S. 458), und davon, dass der polnische Kleinbauer an Boden gewinne, „weil er gewissermaßen das Gras

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vom Boden frißt, nicht trotz, sondern wegen seiner tiefstehenden physischen und geistigen Lebensgewohnheiten.“ Es findet somit ein negativer Ausleseprozess statt, den die „Nationalität“, wie es in seiner vielzitierten Freiburger Antrittsrede heißt, für sich entscheidet, „welche die größere Anpassungsfähigkeit an die gegebenen ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen besitzt.“ (1984c, S. 553) Diese Formulierungen mögen für empfindliche Ohren vielleicht sozialdarwinistisch klingen, können aber genauso gut als soziologisch-wertfrei angesehen werden. Diese bei Weber selbst angelegte Ambivalenz wird deutlich, wenn er einige Zeilen später erläutert, auf welche Weise eine menschliche Gemeinschaft ihre Anpassungsfähigkeit verlieren kann: „Nicht immer – das sehen wir – schlägt, wie die Optimisten unter uns meinen, die Auslese im freien Spiel der Kräfte zu Gunsten der ökonomisch höher entwickelten oder veranlagten Nationalität aus. Die Menschengeschichte kennt den Sieg von niedriger entwickelten Typen der Menschlichkeit und das Absterben hoher Blüthen des Geistes- und Gemütslebens, wenn die menschliche Gemeinschaft, welche deren Träger war, die Anpassungsfähigkeit an ihre Lebensbedingungen verlor, es sei ihrer sozialen Organisation oder ihrer Rassenqualitäten wegen. In unserem Fall ist es die Umgestaltung der landwirtschaftlichen Betriebsformen und die gewaltige Krisis der Landwirtschaft, welche der in ihrer ökonomischen Entwicklung tiefer stehenden Nationalität zum Siege verhilft.“ (1984c, S. 554 f.) Er fordert deswegen die Aufsiedlung eines erheblichen Teils des Großgrundbesitzes, die flächendeckende Einrichtung von kleinen Bauernstellen und die Schließung der Grenzen für polnische Wanderarbeiter. Zwanzig Jahre später sieht sich Weber mitten im Weltkrieg einer veränderten europäischen Machtkonstellation gegenüber. Die „schwerste Zukunftsgefahr“ für Deutschland erblickt er im imperialistischen Zarenreich. Nun gebietet das staatspolitische Interesse die Schaffung eines freien Polens als Rückendeckung gegen die großrussische Despotie, wobei es sich freilich eng an das Deutsche Reich anzulehnen hätte. Davon versprach sich Weber außerdem eine bessere Einbindung der preußischen Polen. Er schlägt neben der Gewährung der Kulturautonomie für die Polen auch die Abgrenzung von lokalen Siedlungsgebieten für Deutsche und Polen sowie die freiwillige Umsiedlung von Deutschen aus dem Königreich Polen und umgekehrt vor. Wie wurde Weber vom Polenfeind zum Polenfreund ? Ich meine mit Hilfe einer kulturalistisch anmutenden Kehrtwende. In der Frankfurter Zeitung schreibt er am 25. Februar 1917: „Daß das Vordringen der Polen auf Kosten der Deutschen im Osten sich vollzog gerade infolge der größeren Kulturarmut der ersteren, die sich ausdrückte in geringeren Lohnforderungen der polnischen Arbeiter und geringerem Mindestbodenbedarf der polnischen Bauern, – diese fatale Beherrschung der Nationalitätenkonkurrenz durch das ‚Prinzip der billigeren Hand‘ war seinerzeit ein triftiger Grund für uns Deutsche, die Ansiedelungspolitik der preußischen Regierung zu unterstützen.“ (1984d, S. 198) Eigentlich müss-

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te nun gefragt werden, welche Ursachen die größere Kulturarmut hervorgerufen haben. Davon will Weber, der ein sich Deutschland unterordnendes ‚freies‘ Polen als Rückendeckung gegen Russland schaffen möchte, aber nichts mehr wissen. So stellt er fest, die wirtschaftliche Mobilmachung des Polentums habe in ihren Kampforganisationen dazu geführt, „daß von einer ‚Konkurrenz der durch Kulturlosigkeit billigeren Hand‘ heute nicht mehr wie früher geredet werden darf “ (1984d, S. 199).Webers ethnisierende Redeweise der 90er Jahre ist nun scheinbar aufgegeben worden, sein machtpolitisches Nationalstaatsdenken erklärtermaßen nicht – und das kann jederzeit reethnisiert werden. Denn der Beweis, die eigent­ lich aus ethnischen Gründen billigere polnische Arbeitskraft sei nun genauso teuer wie die deutsche, wird nicht erbracht. Umgekehrt, am 1, März 1917 wendet sich Weber wieder in der Frankfurter Zeitung energisch gegen die preußische Fideikommissvorlage: „Das Interesse der Plutokratie an billigen Arbeitern und das Interesse des Deutschtums sind unvereinbar.“ (1984e, S. 209) Und bereits in seiner Nürnberger Rede – „An der Schwelle des dritten Kriegsjahres“ – für den Deutschen National-Ausschuss am 1. August 1916 hatte Weber zu erkennen gegeben, dass er sich nach wie vor eine Lösung des Polenproblems nur als ethnische vorstellen konnte: „Seit 23 Jahren versuche ich vergebens, es durchzusetzen, daß die fremden Arbeiter aus Deutschland ausgewiesen würden.“ (zit. n. Mommsen 1974, S. 508, 510) Um auch die Arbeiterschaft nationalpolitisch ansprechen zu können, argumentiert selbst noch der Polenfreund Weber ethnopolitisch. Nach dem verlorenen Krieg entfaltete Weber dann eine radikal-chauvinistische Agitation, um zu verhindern, daß der neu zu gründende polnische Staat auch durch Gebietsabtretungen zulasten Deutschlands entsteht. Mit „revolutionären Gewaltmitteln“, nach heutigem Sprachgebrauch also durch Partisanenkrieg, sollte sich insbesondere auch die „akademische Jugend“ allen Gebietsforderungen widersetzen. „Wer in der drohenden deutschen Irredenta nicht bereit ist, revolutionäre Methoden anzuwenden und Schafott und Zuchthaus zu riskieren, der soll sich künftig nicht einen Nationalisten nennen.“ Da die von ihm verachtete und karikierte sozialistische Revolution dafür gesorgt habe, dass man „heute nicht einmal eine Division gegen die Polen“ senden könne, fordert er öffentlich zum Volksaufstand auf: „Der Osten kann und soll zu den Waffen greifen und der Reichsregierung den Gehorsam verweigern: ‚zwingt uns, wenn ihr könnt‘.“ (beide Zitate n. Mommsen 1974, S. 336 f., 338) Angesichts dieser nationalistischen Grundhaltung ist es nicht weiter Verwunderlich, dass Weber auch in der Frage der Zulassung polnischer Saisonarbeiter zu seiner ursprünglichen ethnisierenden Sichtweise, die er tatsächlich wohl nie aufgegeben hatte, wieder zurückkehrte. Im Rahmen der Beratungen im Auswärtigen Amt zur Vorbereitung der Friedensverhandlungen im Jahr 1919 wandte er sich energisch gegen die von industrieller Seite geforderte Grenzöffnung. „Es ist ge-

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sagt worden, es steht zu fürchten, daß die Polen darauf bestehen werden, daß wir ihre Arbeiter nach Deutschland hereinlassen müssen, weil das das sicherste Mittel zur Polonisierung des ganzen deutschen Ostens ist. Wir haben ein Interesse an der absoluten Grenzsperre gegen jeden polnischen Arbeiter […].“ (Weber 1988, S. 263; Konno 2004) Die Strategie der Ethnisierung sozialer oder politischer Konflikte löst diese nur scheinbar – selbst im Fall eines weitgehend realisierten Genozids –, wie alle bekannten Fälle ethnischer Säuberung (jene Hitlers und Stalins eingeschlossen) belegen. Dennoch wird von dem englischen Soziologen Keith Tribe im Jahr 1983 Webers volkstumspolitische Instrumentalisierung seiner unbestreitbar zutreffenden Analyse des sozioökonomischen Strukturwandels der ostelbischen Landwirtschaft als hellsichtige Prognose gefeiert: „No matter how crude und reactionary Weber’s attitude to the Poles in Germany might seem, from the point of view of the ‚German national interest‘ he was quite right – after all, the greater part of ‚Germany east of the Elbe‘ is now part of the State of Poland, if not (as is the case of East Prussia), part of the Soviet Union. The ‚threat from the East‘ no longer takes the Shape of Polish migrant workers, but that of a vision of a permanent visitation of Warsaw Pact tanks.“ (1983, S. 212) Die Panzer des Warschauer Pakts konnten aber nur deshalb so weit nach Westen vorrücken, weil Volkstums- und Lebensraumstrategen sich das zwischenzeitlich freie Polen mit dem von Weber so gefürchteten russischen Imperialismus geteilt hatten, in der irrigen Annahme, die polnische Ethnie als Träger polnischen Nationalstaatsbewusstseins endgültig auslöschen zu können. Man kann Tribe hingegen darin zustimmen, dass Webers wissenschaftlicher Zugriff eminent politisch ist. „Max Weber’s agrarian writings are value-free in a strictly Weberian sense. Not in the modern (American) sense of being neutral; but in the sense that their scientificity is open to argument and evaluation.“ (1983, S. 217) – Es kommt nur auf die im Zeitalter überholten Nationalstaatsdenkens richtige Deutung der scheinbar die ethnische Identität gefährdenden Umstände an. Die von Weber seit Beginn der neunziger Jahre beschworene Polonisierungsgefahr im Osten ließ ihn die deutlich stärker ausgeprägten antirussischen Ressentiments der Polen im Vergleich zu deren antideutschen 1919 völlig verkennen.

14.3 Die Studie des Instituts für Staatsforschung Direktor des Instituts war ab 1935 der 1904 geborene Reinhard Höhn. Er war Jurist, verdiente seinen Unterhalt als Repetitor und hatte sich nebenbei als Volksgemeinschaftssoziologe profiliert. Als unbezahlter Assistent des Rechtswissenschaftlers und Soziologen Franz Wilhelm Jerusalem an der Universität Jena wollte er seine

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stockende Universitätskarriere durch die letztlich gescheiterte Machtübernahme in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und die Organisation eines Soziologentreffens von Sympathisanten des NS-Regimes Anfang 1934 in Jena voranbringen. Nach seiner Habilitation im selben Jahr wurde er erst in Heidelberg und 1935 dann an der Universität Berlin zum Professor ernannt. Dieser Karrieresprung gelang ihm mit Hilfe der SS. Im Sicherheitsdienst der SS, dem er seit 1932 angehörte, baute er ein Meinungsforschungsinstitut der Diktatur, die sogenannte Lebensgebietsforschung und -berichterstattung, auf und hatte als Amtschef des Referats Kulturpolitik großen Einfluss auf das Wissenschaftsministerium. Er war überdies mit dem Reichsführer SS Heinrich Himmler eng befreundet und fungierte als dessen Rechtsberater. Ab Kriegsbeginn arbeitete das Institut für Staatsforschung exklusiv für den Reichsführer SS, insbesondere in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums. Mit ungewöhnlich hohen Summen wurden die zahlreichen Forschungsprojekte und Auftragsarbeiten des Instituts von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert. Das Institut bearbeitete regelmäßig Fragen aus dem Aufgabenbereich des Reichskommissars für Festigung deutschen Volkstums (Klingemann 1996). Bei der Studie des Instituts handelt sich um den „Archivbericht Nr. 14“ aus dem Projekt „Auswertung der Erfahrungen der deutschen Ostsiedlung bis zur Machtergreifung“, mit dem Betreff-Vermerk: „Die Ansiedlung von Landarbeitern“. Das Manuskript ist mit der Paraphe Himmlers auf den 8. Juni 1940 datiert, umfasst 14 maschinengeschriebene, nicht paginierte Seiten und ist mit „Höhn“ unterzeichnet. Verwendet wurden Zeitungsartikel, Denkschriften, Berichte der preußischen Ansiedlungskommission und Akten von Ministerien. Es ist im Bundesarchiv Berlin im Bestand „Persönlicher Stab Reichsführer SS“ (NS 19/3282) überliefert.

14.3.1 Zur Argumentationsweise des Archivberichts 14.3.1.1 Ursachen der Polonisierung Neben allgemeinen Gründen für die Stadt- und Westwanderung werden speziell für die Landarbeiter deren „rückständige und zum Teil unwürdige Lebensverhältnisse auf den Gütern des Ostens“ (S. 1) hervorgehoben. Dabei werden sowohl materielle Missstände wie auch die schlechte Behandlung der Arbeiter benannt. Die Hauptursache für das massenhafte Zuströmen polnischer Arbeiter wird in der großen Nachfrage nach billigen Arbeitskräften seitens der Großbauern und des Großgrundbesitzes und in der Genügsamkeit der polnischen Arbeiter gesehen. Da sich mit dem Anwachsen der Zahl der polnischen Arbeiter auch Angehörige zahlreicher anderer Berufe, selbst Akademiker, etablieren, kommt es zu einer

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nachhaltigen Polonisierung. Der Archivbericht stellt somit ausschließlich sozialökonomische Ursachen für die Abwanderung deutscher und das Zuströmen polnischer Arbeiter heraus. 14.3.1.2 Maßnahmen der preußischen Siedlungspolitik, die der Abwanderung entgegenwirken sollten 14.3.1.2.1 Ansiedlung auf Arbeiterstellen mit Spatenkultur, mit einer sehr kleinen Fläche eigenen Landes Diese Strategie ist aus nationalpolitischer Sicht ein Misserfolg, da die Arbeiterstellen für deutsche Landarbeiter nicht attraktiv waren. Die Arbeitsbedingungen als Lohnarbeiter bei Großbauern und Gutsbesitzern waren schlecht und die Kosten für die Bewirtschaftung der kleinen eigenen Fläche konnten von den ohne Kapital zuziehenden Landarbeitern nicht aufgebracht werden. „Wer aber über etwas Geld verfügte und die Absicht hatte, im Osten zu siedeln, der wollte auch seine soziale Lage verbessern und unabhängig sein und war nicht geneigt, Lohnarbeit zu verrichten. Wenn er eine Arbeiterstelle übernahm, so sah er das nur als Übergang an.“ (S. 5) 14.3.1.2.2 Ansiedlung in Arbeitermiethäusern für mittellose Arbeiter Diese Maßnahme war in gewisser Weise erfolgreich, da Rückwanderer aus deutschen Siedlungsgebieten in Russland etwa ein Drittel der Mietstellen in Anspruch nahmen, Welche Erfahrungen lassen sich nun aus der preußischen Siedlungspolitik gewinnen ? Die Haupterkenntnis lautet: „Falsch war es, daß die preußischen Siedlungsbehörden im wesentlichen von wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgingen und dem Großgrundbesitz sowie den Großbauern um jeden Preis berufliche Landarbeiter zur Verfügung stellen wollten. Die Ansiedlungsbehörden gerieten dadurch in Widerspruch zu ihren eigenen Zielen und Grundsätzen: Die Ostsiedlung konnte nur leben, wenn ein immer neuer Zustrom von siedlungswilligen und siedlungsfähigen Leuten in die Provinzen kam; bei den Landarbeitern mußte aber dieser beste Trieb, Bauer zu werden, künstlich unterdrückt werden. Sie sollten möglichst nicht Bauer werde, sondern sollten an ihre kleine und unzulängliche Scholle gefesselt werden.“ (S. 8, teilweise im Original unterstrichen) Als Hauptursache für das Scheitern der Anwerbung von deutschen Landarbeitern wird also die Ausrichtung der staatlichen Siedlungspolitik an den wirtschaftlichen Interessen der Großgrundbesitzer benannt. Um erfolgreich zu sein, müss-

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ten nach Aussage des Berichts die Interessen der Anzusiedelnden berücksichtigt werden: „Es hat sich bei der Ansiedlung immer wieder gezeigt, daß die künstliche, gegen den Willen der Beteiligten und nur aus augenblicklichen wirtschaftlichen Gesichtspunkten hervorgegangene Anlage sich nicht bewährt hat. Die Aufstiegsmöglichkeiten waren künstlich verbaut.“ (S. 9 f.) Wenn mit ökonomischen Anreizen gearbeitet werden soll, so müssten diese zielgerichtet sein: „Unwirksam geblieben sind auch rein wirtschaftliche Maßnahmen wie die Verleihung von Prämien an Gutsbesitzer für die Ansiedlung von deutschen Arbeitern auf Rentengütern oder Prämien an Arbeiter, die sich in den Provinzen Posen und Westpreußen niederlassen. Das Richtige wäre es, daß dem Arbeiter Aussicht auf billigen Landerwerb gemacht wird. […] Um so eher ist dann die Gewähr dafür gegeben, daß sich der Zustrom zur Landarbeiterstelle immer erneuert.“ (S. 10) Es wird abschließend festgehalten, dass das Gesamtergebnis der Siedlungspolitik „außergewöhnlich dürftig“ ist. „Jedenfalls haben die Siedlungsversuche aller beteiligten Siedlungsunternehmer nicht entfernt hingereicht, den Abzug der Landarbeiter aus dem Osten auch nur entfernt wieder auszugleichen.“ (S. 14)

14.3.2 Bewertung der Ergebnisse des Archivberichts Der Bericht kommt bei der Benennung der Hauptursachen des Scheiterns der Ansiedlungspolitik zu demselben Ergebnis wie Max Weber. Im Rahmen der Auswertung der Enquete des Vereins für Sozialpolitik zur Lage der Landarbeiter stellt Weber fest, dass die Abwanderung der deutschen Landarbeiter in erster Linie eine Folge des Zusammenbruchs der älteren patriarchalischen Sozialordnung war, die sich im Zuge des Vordringens kapitalistischer Formen der Wirtschaftsführung unvermeidlich ergab. Seine Analyse des Verhältnisses zwischen dem Anteil des Großgrundbesitzes an der gesamten Fläche eines Gebietes und der Rate der abgewanderten Deutschen erbringt für ihn den Beweis, dass „der landwirtschaftliche Großbetrieb des Ostens der gefährlichste Feind unserer Nationalität, daß er unser größter Polonisator ist.“ (1984 f., S. 177) Deswegen wendet sich Weber nicht nur gegen die Fideikommissvorlage. Um diese Entwicklung zu stoppen, fordert er unter anderem auch die Sperrung der Grenzen für polnische Wanderarbeiter und hätte unter bestimmten Voraussetzungen auch keine Bedenken, junge Arbeitskräfte durch Zwangsmaßnahmen an der Abwanderung zu hindern: „Gäbe es technisch durchführbare Mittel, dem wirksam vorzubeugen, so würde ich an einem Eingriffe in das vermeintliche allgemeine Menschenrecht der freien Disposition über sich selbst gewiß am letzten Anstoß nehmen“ (1984 f., S. 185). Während Weber jedoch einräumt, dass eine solche Maßnahme eine nicht durchsetzbare Vielzahl von Staatseingriffen vor-

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aussetzen und nach sich ziehen würde, scheint es für Höhn in seinem Beitrag in der Festgabe für Heinrich Himmler über den Kampf um die Wiedergewinnung des deutschen Ostens nur an übertriebenem Liberalismus gelegen zu haben, dass der „Strom nach dem Westen“ nicht aufgehalten wurde. „Das freie Bestimmungsrecht des einzelnen, seine Freizügigkeit sowie Freiheit der Berufswahl und des Berufswechsels standen dem liberalen Gewissen der Regierenden höher als die Zukunft des deutschen Ostens.“ (Höhn und Seydel1941, S. 65) In diesem gut hundertseitigen Aufsatz werden einerseits in Übereinstimmung mit der Studie des Instituts für Staatsforschung die Gründe für das Scheitern der preußischen Ansiedlungspolitik benannt, andererseits wird aber unter Verweis auf deren angeblich partielle Erfolge der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die aktuelle „zielsichere Ostsiedlung“ nicht scheitern werde.

14.3.3 Heinrich Himmlers Ausführungen Der ebenfalls im Bestand Persönlicher Stab Reichsführer SS überlieferte achtseitige Text, neben einer früheren Fassung vom 19. Juni 1940 mit Korrekturen von Himmlers Hand, beginnt mit dem Satz: „Ein Archivbericht Nr. 14 über die Auswertung der Erfahrungen der deutschen Ostsiedlung bis zur Machtergreifung befaßt sich mit der Frage der Ansiedlung von Landarbeitern.“ Datum: 24. 6. ​1940, Führer-Hauptquartier. Das Führer-Hauptquartier befand sich zu der Zeit („Frankreichfeldzug“) auf dem Kniebis im Schwarzwald. Das Manuskript ist mit besonders großen Schreibmaschinentypen geschrieben, die für Texte benutzt wurden, die Hitler vorgelegt werden sollten. Schluss: „Der Reichsführer SS.“ Handschriftlich ist vermerkt: „korrigiertes Ex.“; „d. Führer im Zug von Freiburg i. Br. n. Ottersweier vorgelegt. 30. VI. 40. Der Führer sagte, daß es Punkt für Punkt richtig wäre.“ Abgezeichnet mit der Paraphe Himmlers. Welche Lehren zog nun Heinrich Himmler aus den Feststellungen, die das Institut für Staatsforschung retrospektiv durch Archivrecherche in Übereinstimmung mit der zeitgenössischen Sichtweise Max Webers getroffen hatte ? Im Weiteren soll vornehmlich geprüft werden, in welcher Weise Himmler historisch gesicherte sozialwissenschaftliche Befunde in seine Konzeption der Ostsiedlung aufnahm. Er übernahm die Feststellung des völligen Scheiterns der staatlichen Maßnahmen. Als Ursache dafür bezeichnete er jedoch nicht die dominanten wirtschaftlichen Interessen des Großgrundbesitzes, sondern die „unmöglichen“ politischen Verhältnisse, das heißt die Gegensätze zwischen Konservativen und So­zialdemokraten sowie zwischen Katholiken und Protestanten. Es wird aber deutlich, dass er weiß, wo das eigentliche Problem liegt, wenn er unvermittelt fortfährt: „Trotzdem erscheint es mir notwendig, zu diesen Fragen Stellung zu neh-

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men, da ich weiss, dass auch heute bei manchen Stellen die Ansicht vertreten wird, dass man im Osten und im Gesamtreich ohne ansässige Fremde (polnische u. a.) Arbeiter nicht auskommen könne, und daß man die ansässigen Fremden aus wirtschaftlichen Gründen immer behalten müsse.“ (S. l) Dieser Auffassung stellt er seine rassenpolitisch motivierten Wunschvorstellungen entgegen: 1) Rassenmischung aus ökonomischen Gründen darf es nicht geben, da nicht nur die Ostgebiete, sondern das ganze Reich dadurch bedroht werden. 2) Die Deutschwerdung eines Landes wird nur erreicht, wenn das Land „in einem genügenden Umfang“ mit geeigneten deutschen und germanischen Bauern besiedelt wird und auch die städtischen Siedler rassisch, erbgesundheitlich und politisch nach besten Bluts- und Weltanschauungsgesichtspunkten ausgelesen werden. 3) Die sogenannte „fremde“ Bevölkerung in den eingegliederten Ostgebieten soll bis auf ein Achtel „gutrassiger“ Nichtdeutscher, die ins Reich zu „verpflanzen“ sind, nach und nach ausgesiedelt werden. Diesen rassenpolitischen Zielen steht jedoch der Bedarf an billigen, das heißt polnischen Arbeitskräften entgegen, solange deutsche Landarbeiter nicht bereit sind, zu den gegebenen Konditionen bei Großbauern und Gutsbesitzern zu arbeiten. An eine konsequente Aufteilung des Großgrundbesitzes denkt Himmler nicht, im Gegenteil: „Auch im endgültigen Zustand werden immer genügend Güter verschiedenster Größen bleiben und der politischen Führungsschicht die wirtschaftliche Existenz und die Möglichkeit, ihre Aufgaben zu erfüllen, geben. Diese Güter dürfen in allen übergeordneten Stellungen (wie Vorarbeiter, Vögte, Schweizer, Schäfer u. ä.) und als bodenständige, bleibende Landarbeiter nur Deutsche haben. Sie werden wie viele andere Güter in Deutschland die Möglichkeit haben, für Bestellung und Ernte östliche (polnische) Wanderarbeiter zu bekommen.“ (S. 4) Wie sollen nun aber die nicht nur für die Güter der nationalsozialistischen Führungsschicht benötigten deutschen Landarbeiter gewonnen werden ? Zur Beantwortung dieser Frage bezieht sich Himmler wieder direkt auf den Archivbericht. Die Zielsetzung der preußischen Siedlungspolitik, nicht selbständige Landarbeiter auf winzigen eigenen Parzellen auf Dauer zu halten, erklärt er für nicht erstrebenswert. Denn: „Kein tatenwilliger und arbeitstüchtiger Deutscher oder Germane wird nach Ostland gehen, um dort für die Zeit seines Lebens für sich und seine Kinder eine Landarbeiterstelle zu erwerben.“ (S. 50 f.) Deswegen entwickelt Himmler ein Alternativ-Modell. Danach soll derjenige im Alter von 28 bis 30 Jahren einen Siedlungshof erwerben können, der nach Wehrpflicht oder SS-Dienst zwei Jahre als unverheirateter Knecht bei einem Bauern und anschließend drei bis

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acht Jahre als verheirateter Landarbeiter oder Vorarbeiter auf einem Gut tätig war. Zweifel an der Praktikabilität dieses Modells hegt Himmler nicht, er stellt kurz und bündig fest, dass „durch diese Regelung ein bäuerlicher Gesinde- oder Landarbeitermangel im Osten nicht auftreten können“ wird (S. 6 f.). Himmler setzt dabei voraus, dass immer wieder junge Menschen „auf neue Äcker“ hinausgeschickt werden können, er geht also davon aus, dass bei Bedarf neue Territorien erobert werden. Denn: „Die Siedlung eines gesunden Volkes darf nie stille stehen.“ (S. 6) So wird aus Himmlers Konzept zur Lösung des Landarbeitermangels ein im Prinzip unbegrenztes Expansionsprogramm. Für das im Archivbericht und von Max Weber analysierte Problem des chronischen Landarbeitermangels, der aus der zunehmenden Durchkapitalisierung der Landwirtschaft und ihrer Abhängigkeit vom Weltmarkt resultiert, stellt Himmlers Modell allerdings nur eine Scheinlösung dar. Selbst im Kontext eines konsequent staatsinterventionistisch organisierten und auf Autarkie ausgerichteten nationalen Agrarmarktes wäre es nur zeitlich begrenzt funktionstüchtig gewesen, da es zu einer kumulativen Verschwendung nationaler Ressourcen geführt hätte. Dass Himmler die von ihm skizzierte volkstumspolitisch ideale Agrarstruktur tatsächlich nicht mit der Realität einer leistungsstarken und international konkurrenzfähigen Landwirtschaft identifizierte, verdeutlichen seine Ausführungen über die „Deckung des Kräftebedarfs für Arbeiten, die stossweise Massen von Menschen beanspruchen“ (S. 6). Himmler stand also noch 40 Jahre später vor demselben Problem wie Max Weber. Weber wollte die Konkurrenz billiger polnischer Arbeitskräfte durch die Sperrung der Grenzen ausschalten und dadurch die Polonisierung stoppen. Er konnte seine Vorstellungen nicht durchsetzen, da die wirtschaftlichen Interessen des Großgrundbesitzes und der Industrie größeres politisches Gewicht hatten. Auch Himmler musste sich eingestehen, dass die Wirtschaft auch noch sieben Jahre nach der sogenannten Machtergreifung auf seine rassenpolitischen Zielvorgaben keine Rücksicht nehmen würde, wenn es darum ging, billige Arbeitskräfte nutzen zu können. Dass sein geschildertes Modell die in großer Zahl benötigten Arbeitskräfte innerhalb und außerhalb des Agrarsektors nicht annähernd bereitstellen würde, war ihm offensichtlich bewusst. Um aber die von ihm als größtes Übel gefürchtete Rassenmischung, die der massenhafte Einsatz ausländischer Arbeiter mit sich bringen würde, zu verhindern, verkündete er ein „heiliges, für alle Zeiten gültiges Gesetz bei der Verwendung dieser fremdrassigen Wanderarbeiter“ (S. 6 f.). Punkt 3 dieses Gesetzes lautet: „unmöglich und verboten ist jede geschlechtliche Vermischung zwischen diesen fremdrassigen und germanischen Menschen.“ Um die blutsmäßige Vermischung mit Fremdrassigen zu unterbinden, sah er für den Geschlechtsverkehr zwischen ihnen und Deutschen nach Geschlecht, Rasse und Freiwilligkeit des Geschlechtsaktes differenziert Konzentrationslager oder Todesstrafe vor.

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Diese drakonischen Maßnahmen erschienen Himmler aber nicht als hinreichend. um die Rassenmischung auch tatsächlich unterbinden zu können, da er zu Recht befürchtete, dass die Wirtschaft im Prinzip nicht nur indifferent gegenüber seiner Blutsmystik, sondern auch nicht gezwungen war, Lohnhierarchien und Lohndifferenzierungen ethnisch zu begründen. Deswegen lauteten die Punkte 1 und 2 des heiligen Gesetzes bei der Verwendung fremdrassiger Wanderarbeiter: „unmöglich und verboten ist jede wirtschaftliche Gleichstellung mit germanischen Menschen“ – „unmöglich und verboten ist jede gesellschaftliche Gleichstellung.“ Himmler schätze die Macht der Wirtschaft als sehr groß ein, denn er hielt direkt im Anschluss an die drei Punkte des heiligen Gesetzes fest: „Jeder Versuch von seiten der Wirtschaft, der in den ersten Jahren und Jahrzehnten kommen wird, dieses Grundgesetz zu durchbrechen, muss – wenn nicht daran unser Volk zu Grunde gehen soll – mit den schärfsten Strafen wie Einziehung des Vermögens, in schlimmeren Fällen mit der Todesstrafe geahndet werden. Die Parteiorganisation und die deutsche Arbeitsfront müssen die unbeugsamen Garanten für diesen Sozialismus des guten Blutes sein.“ (S. 7)

14.4 Fazit In der Analyse der ökonomischen, sozialen und politischen Ursachen des Landarbeitermangels stimmen die Wissenschaftler Max Weber und die des Instituts für Staatsforschung weitgehend überein, während im Hinblick auf national- und volkstumspolitische Strategien die Politiker Weber und Himmler den deutschen Anspruch – in freilich unterschiedlicher Weise – mit Hilfe rassenideologischer Begründungen durchsetzen wollen. Beide setzen auf den von Weber als Kern der Rassenvorstellung benannten Effekt der Mobilisierung des Gemeinschaftsglaubens – in diesem Fall an das Deutschtum.

14.5 Literatur Aly, Götz. 1995. „Endlösung“. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden. Frankfurt am Main. Aly, Götz, und Susanne Heim. 1991. Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Hamburg. Ay, Karl-Ludwig. 1993. Max Weber und der Begriff der Rasse. Aschkenas 3: 189 – ​218. Heinemann, Isabel. 2003. „Rasse, Siedlung, deutsches Blut“. Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Europas. Göttingen.

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Teil V

Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz, das Gesellschaftsganze mit dem Instrument der Demoskopie zu erfassen – unter besonderer Berücksichtigung ihrer Kooperation mit Gerhard Schmidtchen

15.1 Der „Merkmalsbereich“ der Demoskopie/ Meinungsforschung und die politische Macht Zur Erläuterung ihres Ansatzes rekurriert Elisabeth Noelle-Neumann auf Émile Durkheim, der den Begriff der faits sociaux, der sozialen Tatsachen, eingeführt habe, um abstrakte Gruppen beschreiben zu können. Das bedeutet: „Die Sätze der empirischen Sozialforschung beziehen sich nicht auf jedes Individuum, aber sie machen Aussagen über alle Mitglieder einer durch Merkmale definierten Gruppe.“ (Noelle-Neumann und Petersen 2000, S. 14) Das Individuum interessiert Noelle-Neumann in diesem Zusammenhang nur als Merkmalsträger, sodass diejenigen, die das erhobene Umfragematerial auswerten, über keine Informationen zu den Befragten verfügen dürfen. Der „Einzahlbereich“ des Individuums, so Noelle-Neumanns Begriff‌lichkeit, bleibt qualitativen Ansätzen der empirischen Sozialforschung vorbehalten. Für die quantitative Zwecksetzung ihrer empirischen Analyse zählt nur der „Merkmalsbereich“, oder auch „Mehrzahlbereich“ genannt, wiewohl das von Noelle-Neumann geleitete Institut für Demoskopie in Allensbach (IfD) immer wieder auch qualitative Untersuchungen, insbesondere auch Pilotstudien, durchgeführt hat. Dieser Merkmalsbereich ist „die Perspektive der Herrscher, Heerführer, der Bürokratie – und der Sozialwissenschaftler“ (2000, S. 54). Schon Georg Simmel habe festgehalten, dass bei der Beschreibung von Herrschaftsverhältnissen der einzelne Mensch nur partiell einbezogen werde. Direkt im Anschluss daran wird unmissverständlich erklärt, dass souverän ist, wer den Merkmalsbereich für seine Zwecke nutzen kann, wiewohl dadurch das Image – auch jenes der Meinungsforscher – Schaden nehmen könne: „Daß alle diese Tätigkeiten mit einem gewissen Odium behaftet sind, kann sich vielleicht aus der von alters her vorhandenen engen Verknüpfung zwischen © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_15

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Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz

Denken im Merkmalsbereich und Macht erklären. Wer eine größere Zahl von Menschen verwalten und lenken will, ist zum Mehrzahldenken gezwungen, und umgekehrt: Denken im Mehrzahlbereich ermöglicht die Machtausübung.“ (2000, S. 54 f.) Wer exklusiv über Daten des Gesellschaftsganzen verfügt, ruft nicht nur Widerwillen, sondern eventuell sogar Widerstand gegen die Umfrageforschung und den damit verbundenen Machtanspruch hervor, der ja durchaus „Härten“ mit sich bringen könne. Aber – so Noelle-Neumann nochmals ohne Umschweife – anders ist „keine Verwaltung, keine Untersuchung, die einer großen Zahl von Menschen gilt, keine ‚Ordnung‘ ohne dieses Denken im Mehrzahlbereich möglich“ (2000, S. 55). Gerhard Schmidtchen, Autor des fachwissenschaftlichen Bestsellers Die befragte Nation und nach seiner Tätigkeit als Assistent am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main (IfS) langjähriger enger Mitarbeiter am IfD, erklärt ebenso unbefangen und offen, wie er die gesellschaftspolitische Rolle der Demoskopie einschätzt, indem er darlegen will, „wie man mit Hilfe demoskopischer Kenntnisse Macht gewinnt, und sodann, wie man mit Hilfe empirischer Methoden Macht anwendet.“ (1965, S. 38) Das Ziel seiner Untersuchung sei es, den Ort im politischen Prozess zu bezeichnen, an dem sich die Wirkungen der Umfrageforschung beobachten ließen. Es geht ihm also darum herauszufinden, wie Entscheidungen getroffen werden. Jedoch stehen dabei zwei Hemmnisse im Wege. Erstens: „Allgemein publizierte Ergebnisse der Umfrageforschung werden in der Politik zwar beachtet, aber sie sind für konkrete politische Entscheidungen nicht ohne weiteres von Belang, weil ihnen meistens der aktuelle und sachliche Bezug zu den Problemen fehlt, die bei einer Entscheidung zu berücksichtigen sind. Diese Anforderungen kann nur Auftragsforschung erfüllen.“ (1965, S. 37) Nun ist allerdings allgemein bekannt, dass Auftragsforschung nicht öffentlich praktiziert wird, sodass zweitens bedacht werden muss: „Es ist nicht immer ganz leicht, den Weg der Umfrageergebnisse im politischen Entscheidungsprozeß zu verfolgen. Welche Rolle sie gespielt haben, läßt sich oft nur noch indirekt ermitteln, von den Wirkungen her beurteilen.“ (1965, S. 37)

15.2 Soziologie, Meinungsforschung und Demokratie Wenn Noelle-Neumann von demoskopischen Untersuchungen spricht, die eine große Zahl von Menschen betreffen, so stellt sich die Frage, wie die Soziologie sich dazu verhält. Vorab soll M. Rainer Lepsius hinsichtlich der Beziehung von Meinungsforschung und Soziologie zu Wort kommen. In einem Aufsatz über die Entwicklung der westdeutschen Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg hält er fest, die Soziologie habe bis zum Jahr 1967/68 „ihre feste gesellschaftliche Funktion im

Soziologie, Meinungsforschung und Demokratie 285

Bereich der empirischen Forschung vor allem auf dem Gebiet der Meinungsforschung erhalten.“ (1979, S. 54) Im Gegensatz zu einigen Vertretern der Zunft, die sich als Verächter der Meinungsforschung hervortun, ist sie für Lepsius im Jahr 1979 also kein Schmuddelkind, mit dem man besser nicht spielen sollte. 1961 hatte er allerdings in seiner bekannten Denkschrift zur Lage der Soziologie und der Politischen Wissenschaft, die er im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft verfasst hatte, den großen Meinungsforschungsinstituten zwar konzediert, dass sie „vielfach soziologisch relevante Umfragen“ betrieben, außerdem habe die Soziologie interessantes Material zu erwarten, „aber nur in begrenztem Umfang wissenschaftliche Beiträge“ (1961, S. 49). Diese abgrenzende Positionsbestimmung des Faches ist durchaus nachvollziehbar, sollte doch „der Anspruch auf die Institutionalisierung der wissenschaftlichen Selbstreflektion der Gesellschaftsordnung“ seitens der noch randständigen Soziologie durch die Denkschrift untermauert werden (1961, S. 19). Aber bereits 1953 hatte Lepsius in einem Zeitungsartikel mit dem Titel Was kann die Soziologie ? die Meinungsforschung für eben jene vereinnahmt. Er nennt drei Varianten soziologischer Arbeit. Die „statische Strukturanalyse“, die „dynamische Verlaufsanalyse“ und die „Soziotechnik“. Von der Soziotechnik könne man sich „wichtige Hilfsmittel zur Bewältigung gegenwärtiger Probleme erwarten.“ Ja, und um zu zeigen, was die Soziologie kann, beruft sich Lepsius auf die Meinungsforschung, sie sei „bereits so weit ausgebaut und erprobt, daß zu überlegen wäre, ob man ihre Methoden nicht auch rechtlich organisiert zur Ermittlung des politischen Willens der Bürger benutzen sollte.“ Lepsius fährt dann fort, um den möglichen Nutzen der Meinungsforschung für die repräsentative Demokratie im Sinne einer Integration plebiszitärer Elemente zu propagieren: „Staatswesen mit 50 Millionen oder gar ein europäischer Staatenbund mit 200 Millionen Einwohnern können nur auf einer repräsentativen Demokratie fußen. Das bedeutet, daß der Volkswille nur in bestimmten Abständen unmittelbar zum Ausdruck kommen kann. Man könnte nun mit Hilfe einer zeit- und kostensparenden Befragung einer Stichprobe, eines sorgfältig ausgewählten Querschnittes durch die Bevölkerung, sich zwischendurch des Volkswillens versichern und so eine Art unmittelbarer Demokratie auf neuer Verfahrensweise erreichen.“ Allerdings betont auch Lepsius – ähnlich wie Noelle-Neumann – den herrschaftstechnischen Aspekt der Soziotechnik, wenn es heißt: „Wie uns nur die naturwissenschaftliche Technik die Mittel bieten konnte, um die großen Entfernungen zu überwinden, so kann uns nur die Soziotechnik die Mittel liefern, die großen Mengen von Menschen, die unsere heutige Gesellschaft charakterisieren, zu bewältigen.“ (alle drei Zitate aus Lepsius 1953, S. 9). Die Bewältigung der großen Mengen von Menschen, übrigens eine frappierende semantische Übereinstimmung mit Noelle-Neumanns Diktion, also der Massen, war acht Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur ein zentrales Thema nicht nur für die Soziologie. Aber gerade ihr wurde die Befähigung

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Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz

zugeschrieben, Massen im Sinne von Gefahrenabwehr zu lenken. Dass diese Gefahr als real angesehen wurde, zeigt das zweite Beispiel, das Lepsius anführt, um das Können der Soziologie zu illustrieren: „Die moderne Propagandaforschung, um noch ein Beispiel zu erwähnen, hat durch ihre Bedeutungs- und Aufnahmeanalysen uns die Mittel an die Hand gegeben, um auch der Gefahr der Massensuggestion zu begegnen.“ (1953, S. 9)

15.3 Öffentliche Meinung und Herrschaft Diese Formulierung lässt allerdings offen, an welche Gefahren und an welche Massensuggestionen Lepsius dabei gedacht hat. Eine böswillige Deutung könnte unterstellen, dass Lepsius der Soziologie die Befähigung zuschreibt, die Masse, oder anders ausgedrückt, die Öffentliche Meinung – im Sinne einer Objektivierung öffentlichen Meinens – mithilfe der Umfrageforschung zielgerichtet manipulieren zu können. Wenn dem so wäre, hätte ihn dieselbe Kritik von Jürgen Habermas treffen müssen wie Gerhard Schmidtchen. Habermas beschließt nämlich seinen Klassiker Strukturwandel der Öffentlichkeit bemerkenswerter Weise mit dem Kapitel über das Verhältnis von Umfrageforschung und Öffentlicher Meinung. Darin spielt Schmidtchen eine prominente Rolle in der Hinsicht, dass seine Aussagen zur Öffentlichen Meinung und Umfrageforschung als Gegenposition aufgebaut werden zu den Begriffen der kritischen Publizität und räsonablen Kommunikation, wie sie von Habermas immer wieder emphatisch bemüht werden. Dabei zitiert er durchaus Formulierungen von Schmidtchen wie jene, Öffentliche Meinung sei das Korrelat zur Herrschaft, oder ließe sich als Verhaltensweisen bezeichnen, die geeignet seien, Strukturen, Praktiken und Ziele der Herrschaft zu modifizieren oder aber auch zu konservieren. Habermas resümiert aber dennoch unter Heranziehung eines Zitats aus Schmidtchens bereits erwähntem Buch: „Öffentliche Meinung wird von vornherein im Hinblick auf jene Manipulation definiert, mit deren Hilfe die politisch Herrschenden jeweils versuchen müssen, ‚die Dispositionen einer Bevölkerung mit politischer Doktrin und Struktur, mit der Art und den Ergebnissen des fortlaufenden Entscheidungsprozesses in Einklang zu bringen‘.“ (1976, S. 286 f.) Indem Habermas dem Zitat von Schmidtchen seine Auffassung über dessen angebliche Definition der Öffentlichen Meinung als Objekt der Manipulation im Interesse der politisch Herrschenden voranstellt, verfälscht er Schmidtchens Position. Denn bei dem ist im ersten, von Habermas weggelassenen, Teil des Zitats überhaupt keine Rede von der Öffentlichen Meinung, es heißt vielmehr: „Die Kontinuität einer politischen Entwicklung, der Charakter der politischen gesellschaftlichen Evolution, unter Umständen das Ausmaß der Gewaltandrohung, die tendenzielle Vergrößerung oder Einschränkung von Freihei-

Öffentliche Meinung und Herrschaft 287

ten hängt eben davon ab, wieweit es langfristig gelingt, die Dispositionen einer Bevölkerung mit politischer Doktrin und Struktur, mit der Art und den Ergebnissen des fortlaufenden Entscheidungsprozesses in Einklang zu bringen.“ (Schmidtchen 1959, S. 265) Angesichts dieser Vorgehensweise fällt es schwer zu glauben, dass Habermas sein Postulat einer diskursiven Kraft des besseren Arguments selbst ernstgenommen hat. Da Habermas ein vielgelesener Autor und massenmedial prominenter Meinungsführer ist, kann man nur festhalten, dass er mit einer solchen gravierenden Verfälschung die Öffentliche Meinung – und eben nicht nur die der direkten Habermas-Rezipienten – vorsätzlich manipuliert hat. Unter Verweis auf ein Beispiel, das Noelle-Neumann zur Illustration des Einflusses des Meinungsklimas auf Individuen anführt, fallen – so Habermas – alle Verhaltensweisen beliebiger Gruppen unter die Kategorie „Öffentliche Meinung“, „wenn sie nur für die Ausübung sozialstaatlicher Herrschafts- und Verwaltungsfunktionen relevant sind.“ (1976, S. 287) Dennoch will Habermas am Begriff der Öffentlichen Meinung im „komparativen“ Sinne festhalten, um Meinungen nach dem Grad ihrer Öffentlichkeit empirisch messen zu können, denn eine solche empirische Feststellung sei „das zuverlässigste Mittel, um zu gesicherten und vergleichbaren Aussagen über den demokratischen Integrationswert eines tatsächlichen Verfassungszustandes zu gelangen.“ (1976, S. 288) Habermas unterscheidet dabei modellhaft zwei politisch relevante Kommunikationsbereiche, die „informellen Meinungen“ (auf drei Ebenen) sowie die „formellen Meinungen“, von ihm auch „quasi-öffentliche Meinung“ genannt. Zwischen beiden Bereichen stellen die Massenmedien eine Verbindung her, indem sich politisch Mächtige „beim mediatisierten Publikum um plebiszitäre Folgebereitschaft bemühen.“ (1976, S. 291) Dabei handele es sich aber nicht um eine „im strengen Sinne öffentliche Meinung“, denn die könne sich nur herstellen, wenn die beiden Kommunikationsbereiche durch kritische Publizität vermittelt würden, was wiederum auf dem Weg der Teilnahme der Privatleute an einem über die organisationsinternen Öffentlichkeiten geleiteten Prozess der formellen Kommunikation hergestellt werden könnte. Als Beispiele für mögliche organisationsinterne Öffentlichkeiten nennt er – vollkommen realitätsfern – Parteien und öffentliche Verbände. Sein Modell gewinnt auch dann nicht an Realitätsnähe, wenn er gleich anschließend auf Charles Wright Mills rekurriert, der aus der Gegenüberstellung von „Publikum“ und „Masse“ empirisch brauchbare Kriterien für eine Definition der Öffentlichen Meinung gewonnen habe. Diese Definitionen sind aber für sein Anliegen de facto unbrauchbar. Und so kann Habermas sein Buch auch nur mit einer Beschwörung enden lassen, wonach der Kommunikationszusammenhang eines Publikums sich nur in der Weise herstellen lasse, „daß der förmlich kurzgeschlossene Kreislauf der ‚quasi-öffentlichen‘ Meinung mit dem informellen Bereich der bisher nicht-öffentlichen Meinung durch eine in organisationsinternen Öffent-

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Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz

lichkeiten entfachte kritische Publizität vermittelt wird.“ (1976, S. 294) Habermas knüpft an diese Sicht eines Kommunikationszusammenhangs des räsonierenden Publikums die Hoffnung, dass durch eine derartige öffentliche Kontroverse sich „Zwangsformen eines durch Druck erzeugten Konsensus“ lockern würden. Nur verrät uns Habermas nicht, wie denn die Vermittlung durch kritische Publizität konkret von statten gehen soll. Drei Jahre, bevor Habermas sein völlig weltfremdes Modell präsentiert, hat Schmidtchen in seinen Ausführungen über das Normative im Begriff der öffentlichen Meinung am Beispiel der elitären Position von Wilhelm Hennis allen idealistisch-anachronistischen Ansätzen eine zuweilen ironisierende Abfuhr erteilt: „Die Bevölkerung darf ‚raunen‘, aber das zählt nicht.“ (Schmidtchen 1959, S. 241)

15.4 Kritik der Öffentlichen Meinung und die Hilflosigkeit der Soziologie Wilmont Haacke, ein früher Vertreter der jungen westdeutschen Publizistikwissenschaft mit früherer umstrittener Karriere während der NS-Diktatur (Scharf 2006), kommt unter einem ähnlichen Gesichtspunkt auf Schmidtchen zu sprechen. Er sieht ihn, den er „Konsulent Gerhard Schmidtchen“ nennt, „wie es in allen ‚public relations‘-Fibeln einheitlich heißt“, als Experten für Rezepte, die eine Vertiefung publizistischer Wirkung ermöglichen können sollen. Haackes Aufsatz trägt den Titel Meinungsbildung durch Unterhaltung. Folgerichtig zieht er jene Ausführungen Schmidtchens heran, in denen die Maxime „gut ist populär“ (bei Schmidtchen: gut und populär, 1959, S. 246) sowohl für die Beschreibung der Funktion der Gestalter der Medien, aber auch für die der Politiker als leitendes Motiv ihres Handelns bezeichnet wird. Die Massenmedien haben demnach die Aufgabe der Integration des Publikums auf durchaus hohem Niveau, während die Präsentation der Politik die Aufgabe habe, die Bevölkerung langfristig zu integrieren (Haacke 1962, S. 54). Nur, wie soll die langfristige Wirkung „unterhaltender Publizistik“ erfasst werden ? Haacke meint, kurzfristige Einwirkungen ließen sich „durch die üblichen Methoden der Meinungsforschung leicht nachweisen, tief- oder lange wirkende Folgen nur schwer.“ (1962, S. 55) Um den Umfang der noch zu lösenden Aufgabe zu demonstrieren, beruft er sich auf Elisabeth Noelle-Neumann, die 1950 festgehalten habe, „daß der Kommunikationsprozeß in unserer heutigen Gesellschaft überhaupt nicht analysiert […] werden kann, wenn wir nicht auch soziologische Vorgänge und Strukturen studieren.“ (1962, S. 55) Zu diesem Zeitpunkt, Anfang der sechziger Jahre, vertrat Noelle-Neumann noch die Position der schwachen Medienwirkungen, mit Massenmedien könne man keine Bekehrungen erreichen.

Kritik der Öffentlichen Meinung und die Hilflosigkeit der Soziologie 289

Aber sie hatte bereits das Gesellschaftsganze im Auge, indem sie die Öffentliche Meinung nicht als ein Phänomen sui generis verstanden wissen will, wie es im folgenden, auch von Haacke gebrachten Zitat deutlich wird: „Die ‚Öffentliche Meinung‘ ist keineswegs ein rein geistiges, nicht einmal an Worte, an den sprachlichen Ausdruck gebundenes Phänomen, sondern ein soziales. Das heißt, die Massenmedien haben es mit einer ‚Öffentlichen Meinung‘ zu tun, die auf das Vielfältige mit der gesamten sozialen und politischen Struktur eines Gemeinwesens verwoben ist.“ (Noelle 1960, S. 220; Haacke 1962, S. 55) Dieser Ansatz scheint mir deutlich soziologischer zu sein als der, den der Soziologe und ausgewiesene Max Weber-Experte Georg Weippert in seinem Artikel Öffentliche Meinung 1964 im Handwörterbuch der Sozialwissenschaften vorstellt. Er geht von der Anonymität des „erfragten Meinens“ der Meinungsforschung aus und erklärt: „Die Qualität dieses unveröffentlichten Meinens ist im Prinzip eine spezifisch andere als die des öffentlichen Meinens. Keine wie immer geartete Generalisierung durch Umfragen ermittelter Befunde führt demnach zu dem, was etwa der Geschichtsschreibung, der verstehenden Soziologie, der Kulturanthropologie, nicht zuletzt einer verantwortlichen Journalistik als Analyse des Sinngehaltes einer konkreten öffentlichen Meinung vorschwebt und aufgegeben ist.“ (1964, S. 34) Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube, es ist seit 1964 dabei geblieben, dass die Analyse des Sinngehalts einer konkreten Öffentlichen Meinung nach wie vor der verstehenden Soziologie nur vorschwebt, ihr also weiterhin aufgegeben ist. Weippert selbst kommt unter Verweis auf Hegel und Wilhelm Hennis nicht über die Definition der Öffentlichen Meinung als „transpersonale Sinneinheit“ hinaus, wenn es heißt: „In der Tat kann die heute weithin allgemeine Verwechselung des ‚Meinens der Vielen‘ (Hegel) mit der ‚öffentlichen Meinung‘ als einer transpersonalen Sinneinheit – sehr zum Nachteil der wahren politischen Erfordernisse – zu einer ‚Verdrängung‘ dieser durch jenes führen (Hennis).“ (1964, S. 34) Erstaunlicherweise folgt im direkten Anschluss an dieses Zitat das Bekenntnis, die Bedeutung der Umfrageforschung für die Politik wie für die Wissenschaft sei „gleichwohl erheblich“ (1964, S. 34). Weiterhin sei eine im Dienste theoretischer Fragestellung stehende Meinungsforschung fähig, Materialien zur Überprüfung und Kritik theoretischer Sätze, fallweise dogmatischer Thesen und ideologischer Positionen zu liefern (S. 34 f.). Mit dieser doch überraschenden Wende endet das Kapitel über Öffentliche Meinung und Meinungsforschung. Begonnen hatte es mit einem Verweis auf die Begriff‌lichkeit „Umfrageforschung“ nach Gerhard Schmidtchen. Bei dieser Gelegenheit weist Weippert deren mitlaufenden Anspruch, an die Stelle bisheriger Bemühungen um die Erfassung der Öffentlichen Meinung treten zu können, kategorisch zurück. Demnach ist die Meinungsforschung also in der Lage, theoretische Sätze zu überprüfen und zu kritisieren, sie vermag sogar „einen wertvollen Beitrag zur Grundlagenforschung der Sozialwissenschaften zu bieten“,

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Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz

aber die Öffentliche Meinung als „Phänomen des objektiven Geistes“ kann sie nicht erfassen. Aber wie nun diese „transpersonale Sinneinheit, ein Sinnganzes mit inhaltlicher Bestimmtheit“ (1964, S. 33) empirisch dingfest gemacht werden könnte, verrät uns Weippert nicht. Diese Kombination einer vernichtenden Kritik an den etablierten Methoden der Meinungsforschung zur Ermittlung der Öffentlichen Meinung mit der nicht eingestandenen Hilflosigkeit, eine konkret umsetzbare Alternative vorzulegen, findet man nicht nur bei dem Soziologen Weippert. Ebenfalls 1964 (nach 1961) veröffentlichte der prominente Soziologe Helmut Schelsky, der Noelle-Neumann eng verbunden war, wieder seine Gedanken zur Rolle der Publizistik in der modernen Gesellschaft. Einleitend stellt er fest, die Öffentliche Meinung sei eine „Illusion“, eine „Berufsideologie“ der Publizisten. Die Vorstellung einer Öffentlichen Meinung sei inzwischen aufgehoben, weil erstens fast alle Menschengruppen publizistisch erfasst werden, es somit kein homogenes meinungstragendes Publikum mehr gebe. Zweitens sei der moderne Mensch in seinem Alltag von Ton und Bild umstellt. Außerdem könne die sogenannte Öffentliche Meinung bewusst und planmäßig gemacht werden, es komme zu einer Bewusstseinsformierung, die dem Meinungsträger selbst gar nicht bewusst werde (1961, S. 311 f). So würden Meinungen gebildet, die von einer neuen wissenschaftlichen Disziplin, der Meinungsforschung, untersucht werden. Und schon schlussfolgert Schelsky: „Diese empirisch vorgehende Wissenschaft hat bezeichnenderweise den Begriff einer ‚öffentlichen Meinung‘ völlig fallenlassen und bezeichnet das, was sie mit ihren Methoden der Befragung als Auswirkung aller Art von Publizität erforscht, eben als ‚Meinungen‘.“ (1961, S. 312) Für Schelsky steht fest, „daß es keine öffentliche Meinung gibt“, was ihm die Formulierung seiner These ermöglicht: „Publizistik ist die notwendige Kommunikationsform abstrakter Sozialorganisationen.“ (1961, S. 312) Die Träger der Meinungen sind diese sozialen Gruppen, die Schelsky mit Arnold Gehlen „Auditorien“ nennt. Meinungsbildung erfolgt also in den Auditorien. Deswegen könne man die Illusion der Öffentlichen Meinung ruhig aufgeben, stattdessen gebe es eine andere Aufgabe der Publizistik: „Publizität ist das Blut, das durch die Adern der modernen Sozialorganisationen pulst und in ihrem Kreislauf diese am Leben erhält.“ (1961, S. 313) Hat Schelsky damit wirklich gezeigt, dass es keine Öffentliche Meinung gibt ? Ich glaube nicht. Denn die „Publizität“ jeder der ungezählten Sozialorganisationen ist ja kein nur innerorganisatorisches Phänomen, sondern wird öffentlich sichtbar – und bildet aggregiert ein hochkomplexes Phänomen eigener Art, das neben der Publizität vieler anderer Meinungsmacher steht. Es könnte damit Bestandteil der von Schelsky voreilig verabschiedeten ominösen Öffentlichen Meinung sein.

„Gruppendiskussion“ als neues Verfahren 291

15.5 „Gruppendiskussion“ als neues Verfahren der Umfrageforschung am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main Um die Öffentliche Meinung geht es auch am wieder errichteten Institut für Sozialforschung (IfS), das mit der Methode der Gruppendiskussion einen alternativen Weg ihrer empirischen Erfassung beschreiten will. Bei den Arbeiten zur Gruppenstudie treffen sich Gerhard Schmidtchen, zu der Zeit Assistent am IfS, und Diedrich Osmer, der – wie schon erwähnt – in engem Kontakt zu Noelle-Neumann steht. Es gab einen regen Wechsel von Nachwuchswissenschaftlern, wie etwa Ludwig von Friedeburg zwischen dem IfS und dem Institut für Demoskopie (IfD). Schmidtchen beschreibt seine Zusammenarbeit mit Gretel Adorno am IfS sehr anschaulich: „Die erste Phase der Arbeit an der Gruppenstudie bestand im Verschlüsseln, wobei für jeden Teilnehmer an den Diskussionen ein Blatt angelegt wurde. Die Klassifikationsprobleme wurden in unserem Keller-Großraumbüro diskutiert. So entwickelten wir ein Methodenverständnis für die qualitativen Probleme, die mit dem Versuch der Quantifizierung verbunden waren. Auch Magarete Karplus, also Frau Gretel Adorno, hat mitgewirkt, immer luzide praxisnah und mit schnellem Witz. Sehr kollegial war sie und von allen geschätzt, wir vermißten sie, wenn sie nicht bei uns war. In der zweiten Phase der Untersuchung ging es um die quantitative Auswertung der auf IBM-Lochkarten übertragenen Daten. Im Herbst 1951 war das neue Institutsgebäude fertig. In dessen Keller war eine Fachzählsortiermaschine aufgestellt, ein technisches Wunder. Aufgrund meiner Erfahrungen im Jugendbeirat [in Wiesbaden, C. K.] war mir die Logik dieser Geräte vertraut. Gretel Adorno und ich bildeten das Team, das sich der asketischen Arbeit annahm. Bald vollführten wir Auswertungskunststücke, indem wir sortierte Gruppen in Form von Lochkarten-Stapeln nach neuen Kriterien durchzählten und so Zusammenhängen auf die Spur kamen. Diese Zusammenarbeit ging über Monate.“ (2007, S. 28) Bevor Schmidtchen eine Professur für Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität Zürich übernahm, war er der führende Sozialwissenschaftler am Institut für Demoskopie. Diedrich Osmer seinerseits ist der übergeordnete Organisator der Tätigkeiten der vielen Mitarbeiter an der Gruppenstudie. Er ist ein Jugendfreund von NoelleNeumann, arbeitet am Institut für Sozialforschung im Auftrag des Instituts für Demoskopie und promoviert bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno 1953 mit der Dissertation Die Gruppendiskussionsmethode, ein neues Verfahren der empirischen Soziologie. Zur Rolle Osmers bei den Arbeiten an der Gruppenstudie findet sich eine erste Annäherung im Kapitel Der Mythos der Amerikanisierung der westdeutschen Soziologie durch den Import der Empirischen Sozialforschung:

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Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz

das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und der Beitrag ehemaliger Reichssoziologen zu dessen empirischer Soziologie. Der Titel weist schon darauf hin, dass eine Alternative zu den bekannten Methoden der Meinungsforschung entwickelt werden soll. Osmer, der zu dieser Zeit auch als sehr engagierter Vermittler zwischen Adorno und Horkheimer sowie Noelle-Neumann fungiert, die sich auf Anregung von Horkheimer bei Adorno mit der Arbeit Der Begriff des Mehrzahlbereichs und seine Bedeutung für die Demoskopie habilitieren will, schildert in seiner Dissertation einleitend sehr detailliert die am Institut für Sozialforschung vertretene Kritik an der sogenannten positivistischen Meinungsforschung. So will er dem nachgehen, „ob die eingeschliffene Technik der Erforschung öffentlicher Meinung das leistet, was sie zu leisten verspricht.“ (1953, S. 4) Ihr „demokratisches Potential“ sei „nicht so fraglos“ wie angenommen (8), es gebe die Tendenz, Subjekte in Anhängsel, Agenten des Getriebes zu verwandeln (9). Öffentliche Meinung werde als Gebiet der gegenwärtigen Sozialforschung bevorzugt, aber nicht reflektiert (10), obwohl die Bestimmung einer repräsentativen Stichprobe vom Begriff der Öffentlichen Meinung abhängig sei (11). Die Meinungsforschung unterscheide nicht zwischen einer Meinung, die eine adäquate Beziehung auf den Sachverhalt vorweise oder aber nicht (12). Sie vertrete die vulgäre These, jeder habe seine Meinung und das Recht dazu, „ohne diese Weisheit als Verfallsform des Gedankens der geistigen Autonomie zu durchschauen“ (14). Der Begriff des Meinens umfasse Bewusstseinsinhalte von ganz unterschiedlicher Qualität (14). Der Widerspruch zwischen dem „Meinungszwang“ und der Unfähigkeit zum Meinen verführe zahlreiche Individuen dazu, Stereotype zu nutzen. Auf Befragen werde eine Meinung vorgebracht, die man gar nicht habe. Die Meinungsforschung sehe von den realen Differenzen gesellschaftlicher Macht und Ohnmacht ab. Aber: „Jeder Gewitzigte weiß, daß in weitem Maße Meinungen ‚gemacht‘ werden. Der von der Meinungsforschung zugrunde gelegte Begriff der öffentlichen Meinung jedoch bietet keinerlei Ansatz dafür, die gemachte Meinung von der der machenden, die mächtigen und sich durchsetzenden Anschauungen von den hilflosen und oftmals dumpfen zu unterscheiden.“ (19) Öffentliche Meinung sei „ein Stück Ideologie“, da sie formale Gleichheit der Subjekte als in der Tat Gleiche annehme. Die gesellschaftliche Macht sei in die Analyse der öffentlichen Meinung „hineinzuwägen“ (23). Individuelle Meinung sei nämlich in Wahrheit ein höchst Abgeleitetes und Vermitteltes, das „geistige Klima“, der „objektive Geist“, demgegenüber das Primäre (24) und zwar im Sinne der „Vorherrschaft des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Produktionsapparates über den Konsum: auch über den vorgeblich geistigen.“ (25) Die Verhältnisse selbst werden vom einzelnen als „dinghaft geronnen und verselbständigt erfahren“, was ihn zur Anpassung zwingt. „Dem einzelnen gegenüber ist die öffentliche Meinung ein Objektives als Ausdruck der gesellschaftlichen Totalität.“ (26)

Öffentliche Meinung als „soziale Haut“ 293

Greift man diesen Satz positivistisch auf, dürfte die empirische Erfassung der Öffentlichen Meinung möglich sein. Das ist eine Position, die Noelle-Neumann unermüdlich vertreten hat, jedoch mit der Einschränkung, es fehle noch an ausreichenden Daten, die aber ja fortwährend erhoben würden – und nicht nur durch ihr Allensbacher Institut. Diese Position stellte Osmer schon 1953 in seiner Dissertation radikal infrage: „Man vertröstet sich auf eine Zukunft, in der so viel empirisches Material gesammelt sei, daß die Frage nach dem Wesen der öffentlichen Meinung dadurch sich schlichte, und verblendet sich dagegen, daß die Richtung des Tatsachensammelns, von dem man sich die Klärung verspricht, bereits einen Begriff der öffentlichen Meinung voraussetzt, der der Realität nicht angemessen ist.“ (27) Osmer konzediert der Meinungsforschung zwar, dass sie Hypothesen formuliere und teste, die sich aber nur „nach dem Maßstab des atomistisch-summativen Verfahrens“ verifizieren oder falsifizieren ließen (27 f.). Damit werde aber die Zuverlässigkeit der scheinbar so objektiven Forschungsmethoden selber tangiert. Andererseits räumt Osmer ein, dass es auch in einer nivellierten und atomistischen Gesellschaft „etwas wie öffentliche Meinung gibt. Der Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen, daß die atomistische Methode der gegenwärtigen statistischen Meinungsforschung gerade diesem Zustand gerecht wird.“ (21) Und schließlich heißt es sogar: „Solche Kritik soll nicht das Umfrageverfahren als solches diskreditieren. Seine Erfolge sind unbezweifelbar und ebenso, daß die handfeste Methode überall dorthin gehört, wo handfeste Daten gesucht werden.“ (40) Nach dieser abenteuerlichen Volte fragt man sich, wo denn diese handfesten Daten zu suchen wären, vielleicht hinter dem totalen Verblendungszusammenhang ?

15.6 Öffentliche Meinung als „soziale Haut“: Schutz der Gesellschaft und Instrument sozialer Kontrolle bei Elisabeth Noelle-Neumann und Norbert Elias Für die Frankfurter Kritischen Theoretiker stand fest, dass nur sie es vermögen, hinter den totalen Verblendungszusammenhang zu schauen, aber suchte dort nicht auch schon Noelle-Neumann nach einer Lösung, wie mithilfe der Umfrageforschung gesellschaftliche Totalität empirisch dingfest gemacht werden könnte ? Und zwar mittels ihrer Konzeption der „sozialen Haut“, wonach die Öffentliche Meinung die Gesellschaft schütze wie eine Haut, indem sie diese zusammenhalte, während das Individuum an seiner sozialen Haut leiden könne, weil es sie ja als soziale Kontrolle empfinde. So ist nach Noelle-Neumann – unter Rückgriff auf Rousseau – die Öffentliche Meinung der Feind des Individuums, aber der Schutz der Gesellschaft (1980, S. 260). Diesen Blick auf die gesellschaftsintegrierende

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Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz

Funktion der Öffentlichen Meinung als soziale Kontrolle, verdankt Noelle-Neumann einer Reihe namhafter Soziologen (Floyd H. Allport, Richard T. LaPiere, Niklas Luhmann, Edward A. Ross und viele andere). Für Noelle-Neumanns Ansatz spielen ihre Annahmen, das Individuum unterliege einem Konformitätsdruck und leide unter Isolationsfurcht, eine zentrale Rolle, um soziale Kontrolle konzeptionell und empirisch erfassen zu können. Bei Norbert Elias ist es die „Verflechtungsordnung, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt; sie ist es, die dem Prozeß der Zivilisation zugrunde liegt.“ (1977, S. 314) Das bedeutet, dass der einzelne gezwungen werde, sein Verhalten immer differenzierter, immer gleichmäßiger und stabiler zu regulieren. So, wie Noelle-Neumann mit der Isolationsfurcht argumentiert, verfährt auch Elias, wenn er die Funktionsweise des Selbstzwangs erläutert: „Das Gewebe der Aktionen wird so kompliziert und weitreichend, die Anspannung, die es erfordert, sich innerhalb seiner ‚richtig‘ zu verhalten, wird so groß, daß sich in dem Einzelnen neben der bewußten Selbstkontrolle zugleich eine automatisch und blind arbeitende Selbstkontrollapparatur verfestigt, die durch einen Zaun von schweren Ängsten Verstöße gegen das gesellschaftsübliche Verhalten zu verhindern sucht […].“ (1977, S. 317) Wenngleich Elias die Funktionsweisen des Selbstzwangs weitgehend psychoanalytisch erläutert, nimmt auch bei ihm eine spezielle Va­ riante der Öffentlichen Meinung eine zentrale Rolle ein. Es ist die „höfische Meinung“. Sie bestimmt den „Kurswert der Menschen“, denn der Königshof ist „eine Art Börse“. Und, „wie in jeder ‚guten Gesellschaft‘ bildet sich beständig im Austausch der Menschen eine ‚Meinung‘ über den Wert jedes Einzelnen […].“ Elias beschreibt dann die Interdependenzen zwischen den Handlungen der Beteiligten „im Geflecht der höfischen Meinungen; es erfordert eine genaue Differenzierung des eigenen Verhaltens entsprechend diesem Verflechtungswert.“ (1977, S. 371) Damit wählt Elias eine ihm eigene Formulierung für die Rolle der sozialen Kontrolle bei der Integration der Individuen in die Gesellschaft. Noelle-Neumann geht davon aus, dass die Öffentliche Meinung Konformität erzwingt. „Das ist ihre Funktion.“ Aber dieses starke Statement relativiert sie umgehend. Denn die ungeschriebenen, also nur psychologisch wirkenden Gesetze, die die Grundlage der Einheit eines Staates – bei Elias des Königshofes – bilden, „gibt der einzelne sich in einem geordneten Staat selber. Sie sind andererseits auch ‚Folge der allgemeinen Gesinnung und Tätigkeiten‘.“ Dabei verweist Noelle-Neumann auf Platon (1966, S. 11). Hiermit formuliert sie in ihrer Terminologie den Zusammenhang, der für Elias in seinem Modell des Zivilisationsprozesses die zentrale Rolle spielt: Der Prozess wird – neben der Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols – getragen gesellschaftlichen Zwang zum Selbstzwang; Fremdzwänge verwandeln sich in Selbstzwänge (1977, S. 312). Was Elias die „Verflechtungsordnung“ nennt, heißt bei Noelle-Neumann „Öffentliche Meinung“. Beide

Literatur 295

Begriffe benennen einen Mechanismus, der gesellschaftliche Inte­gration ermöglicht. Die Frage ist, wie kann man diesen gesellschaftlichen Integrationsprozess empirisch untersuchen, ohne auf die Redeweise einer opaken Totalität auszuweichen ? Die von Elias gewählte Vorgehensweise ist für heutige funktional differenzierte Gesellschaften nur bedingt geeignet. Noelle-Neumann erklärt demgegenüber ganz selbstbewusst, wie das Gesellschaftsganze der Moderne durch Meinungsforschung empirisch zugänglich gemacht werden kann: „Für die Massengesellschaft ist die Demoskopie ein unentbehrliches Hilfsmittel geworden, weil man sich über die so groß und abstrakt gewordene Gesellschaft, die der unmittelbaren Beobachtung entrückt ist, anders nicht zuverlässig informieren kann.“ (1963, S. 318) Auch wenn aktuell neue Phänomene partieller Öffentlicher Meinung wie etwa Filterblasen, Echokammern oder das Darknet zu beobachten sind, wird die Demoskopie nicht obsolet.

15.7 Literatur Elias, Norbert.1977. Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2. Bd., Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Frankfurt am Main. Haacke, Wilmont. 1962. Meinungsbildung durch Unterhaltung. In Die öffentliche Meinung. Publizistik als Medium und Faktor der öffentlichen Meinung, Hrsg. Martin Löffler, 31 – ​56. München – Berlin. Habermas, Jürgen. 1976. Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Neuwied – Berlin. Klingemann, Carsten. 2013. Der Mythos der Amerikanisierung der westdeutschen Soziologie durch den Import der Empirischen Sozialforschung: Das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und der Beitrag ehemaliger Reichssoziologen zu dessen empirischer Soziologie; in diesem Band, Kapitel 9. Lepsius, M. Rainer. 1953. Was kann die Soziologie ? Die Neue Zeitung. Die Amerikanische Zeitung in Deutschland 9, Nr. 62, 14./15.03. Lepsius, M. Rainer. 1961. Denkschrift zur Lage der Soziologie und der Politischen Wissenschaft. Wiesbaden. Lepsius, M. Rainer.1979. Die Entwicklung der Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 bis 1967. In Deutsche Soziologie seit 1945. Entwicklungsrichtungen und Praxisbezug, Hrsg. Günther Lüschen, 25 – ​70. Opladen. Noelle, Elisabeth.1960. Die Wirkung der Massenmedien. Bericht über den Stand der empirischen Studien. Publizistik. Festschrift für Emil Dovifat, 212 – ​223. Bremen. Noelle-Neumann, Elisabeth. 1963. Umfragen in der Massengesellschaft. Einführung in die Methoden der Demoskopie. Reinbek bei Hamburg. Noelle, Elisabeth. 1966. Öffentliche Meinung und Soziale Kontrolle. Tübingen. Noelle-Neumann, Elisabeth. 1980. Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. München – Zürich.

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Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz

Noelle-Neumann, Elisabeth, und Thomas Petersen. 2000. Alle, nicht jeder. Einführung in die Methoden der Demoskopie. Berlin – Heidelberg – New York. Osmer, Diedrich. 1953. Die Gruppendiskussionsmethode, ein neues Verfahren der empirischen Soziologie. Dissertation. Universität Frankfurt am Main. Scharf, Wilfried. 2006. Wilmont Haacke: Wissenschaftliche Karriere und Bedeutung für das Fach. In 50 Jahre Publizistik, Hrsg. Christina Holtz-Bacha, Arnulf Kutsch, Wolfgang R. Langenbucher, und Klaus Schönbach, 113 – ​143. Wiesbaden. Schelsky, Helmut. 1961/1964. Gedanken zur Rolle der Publizistik in der modernen Gesellschaft. In Helmut Schelsky. Auf der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze, 310 – ​327. Düsseldorf – Köln. Schmidtchen, Gerhard. 1959. Die befragte Nation. Über den Einfluß der Meinungsforschung auf die Politik. Freiburg im Breisgau. Schmidtchen, Gerhard. 1965. Die befragte Nation. Über den Einfluß der Meinungsforschung auf die Politik. Frankfurt am Main – Hamburg. Schmidtchen, Gerhard. 2007. Der Gesang des Denkens. Mein Weg zu Adorno. In Adorno-Portraits. Erinnerungen von Zeitgenossen, Hrsg. Stefan Müller-Doohm, 24 – ​ 39. Frankfurt am Main. Weippert, Georg.1964. Öffentliche Meinung. In Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, 8. Bd., 29 – ​36. Stuttgart – Tübingen – Göttingen.

Teil VI

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Leibniz-Forschung und die Preußische Akademie der Wissenschaften im Kontext der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik – Ein wissenschaftssoziologisches Modell

16.1 Einleitung: Politisierung von Wissenschaft als Verlust von Wissenschaftlichkeit Meine Darstellung des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik im Dritten Reich beschränkt sich auf die Rekonstruktion von zeitgenössischen und wissenschaftsgeschichtlichen Blicken auf die Preußische Akademie der Wissenschaften (PAW) und einige ihrer Leibniz-Aktivitäten. Dabei wird der Wandel der wissenschaftsgeschichtlichen Problematisierung dieser Thematik in den letzten drei Jahrzehnten im Mittelpunkt stehen und im Rahmen eines wissenschaftssoziologischen Modells interpretiert. Diese Vorgehensweise soll mit einem Beispiel illustriert werden. 1979 erschien von dem dreibändigen Werk über die Geschichte der Berliner Akademie der Wissenschaften in der Zeit des Imperialismus der dritte Teil Die Jahre der faschistischen Diktatur 1933 bis 1945 von Conrad Grau, Wolfgang Schlicker und Liane Zeil (Grau et al. 1979). Zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik allgemein findet sich dort die Formel von der „Wissenschaftsfeindlichkeit des Faschismus“, und es ist die Rede von „der antihumanen Pseudogelehrsamkeit und des verbrecherischen Missbrauchs der Wissenschaft“, schließlich wird der „unüberwindbare Gegensatz zwischen Faschismus und Wissenschaft“ postuliert (1979, S. 160, 114, 161). Speziell die PAW wiederum habe eine „verstärkte wissenschaftspolitische Offensive des Faschismus“ getroffen, wiewohl an mehreren anderen Stellen des Textes die „wissenschaftspolitische Randstellung der Akademie“ betont wird (1979, S. 65, 131; 146 f, 158, 161). Nichtsdestotrotz wird diese Position weiter zugespitzt, wenn es heißt: „Der faschistische Präsident [Theodor Vahlen] und sein Direktor [Helmuth Scheel] halfen auf ihre Weise bei dem Bestreben, den extremsten Antihumanismus und die Barbarei des Faschismus pseudowissenschaftlich einzukleiden.“ (1979, S. 114) © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_16

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Leibniz-Forschung und die Preußische Akademie der Wissenschaften

Wenn man sich dieser Sichtwiese anschließt, erübrigte sich allerdings jede weitere Beschäftigung mit dem Thema. Jedoch haben Grau, Schlicker und Zeil selbst schon Hinweise darauf gegeben, dass das Verhältnis von Wissenschaft und Politik, gerade im Hinblick auf die PAW, wesentlich komplexer ist und einer entsprechend differenzierten Analyse bedarf, wie ihre Beurteilung der wissenschaftlichen Unternehmen der Akademie belegt. Sie konstatieren: „Trotz mannigfacher Schwierigkeiten konnten auch während der faschistischen Herrschaft viele Unternehmen wissenschaftliche Leistungen von Bedeutung vorlegen.“ (1979, S. 285) Diese Feststellung wird von ihnen schließlich sogar noch weiter detailliert, wobei sie in Kauf nehmen, dass sie ihre bereits zitierte These von der wissenschaftspolitischen Randständigkeit der Akademie selbst demontieren, wenn sie auf die „Widersprüchlichkeit der Stellung der Akademie im Gefüge der faschistischen Wissenschaftspolitik und Forschungsorganisation“ verweisen: „Einerseits versuchten führende Kräfte, bestimmte Unternehmen im Sinne der faschistischen Wissenschaftspolitik umzufunktionieren und über die Unternehmen verstärkten Einfluß auf die wissenschaftliche Arbeit der Akademie zu gewinnen, andererseits konnten die traditionellen Unternehmen, für die der Faschismus wenig Interesse zeigte, relativ planmäßig fortgesetzt werden.“ (1979, 287 f.) Wenngleich diese Aussage ein starkes Aufbegehren gegen die in der DDR verordnete Redeweise von der Knebelung und Pervertierung ‚wahrer‘ Wissenschaft durch die nationalsozialistische Wissenschaftspolitik dokumentiert, bleibt es nach wie vor ein Rätsel, was man sich unter dem Faschismus vorzustellen hat, der großes oder in diesem Fall geringes Interesse an wissenschaftlichen Belangen zeigt. Conrad Grau hat 1993, also vierzehn Jahre und einen Mauerfall nach der Gemeinschaftspublikation, eine Gesamtdarstellung der Geschichte der PAW vorgelegt. Darin hebt er hervor, dass der Politisierung der Akademie im Dritten Reich „gewisse Grenzen gesetzt waren“, dass sie auch nach der Einsetzung der neuen Akademieleitung im Jahr 1939 „nicht völlig gleichgeschaltet“ war und bei ihren wissenschaftlichen Unternehmen „wissenschaftliche Gesichtspunkte die vorherrschenden“ waren (1993, S. 234, 238, 242). Damit wird deutlich, dass das immer prekäre Verhältnis von Wissenschaft und Politik auch und gerade unter diktatorischen Bedingungen eine grundsätzliche Unterscheidung in echte Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaft nicht zulässt. Dieser Befund soll aber nicht rein deskriptiv fortgeschrieben, sondern anhand eines Ensembles von wissenschaftssoziologischen Zugängen konzeptionell eingefasst werden. Bevor diese Konzeption für die Analyse des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik im Dritten Reich vorgestellt wird, sollen aber vorher noch zwei andere Erklärungen für die Widersprüchlichkeiten in der Bewertung der Politisierung von Wissenschaft nach 1933 angeführt werden. Bei der durchaus ehren- und respektvollen Würdigung der akademiehistorischen Arbeiten von Conrad Grau

Einleitung 301

spricht Bernhard vom Brocke von seinem Ingrimm „über die marxistisch-leninistische Sauce, die Grau über sein solide recherchiertes Faktenmaterial ausgoß.“ (2008, S. 10) Das ethische Verdikt, wie es Grau über den Faschismus allgemein zu Recht verhängte, schloss nämlich pauschal die ‚bürgerliche Wissenschaft‘ als seine potentiell immer schon willfährige Handlangerin mit ein. Das ermöglichte es auch, die ‚bürgerliche Wissenschaft‘ nach 1945 mithilfe einer platten Kontinuitätsbehauptung weiterhin als offen faschistisch oder zumindest latent faschistoid vorführen zu können. Dieser ‚von oben‘ verordneten Sprachregelung musste sich Conrad Grau beugen, wollte er weiter in der DDR forschen und publizieren. Inwieweit er tatsächlich, wie vom Brocke ursprünglich vermutet hatte, ein „marxistisch-leninistischer Hardliner“ (2008, S. 10) war, soll dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall hat Grau unter dieser Sauce auch nachdrücklich dokumentiert, dass man die Rolle der Wissenschaft im Dritten Reich als Wissenschaft und nicht als Weltanschauungsersatz untersuchen muss. Deswegen reicht der Verweis vom Brockes auf die marxistisch-leninistische Sprachregelung nicht aus. Es muss um die generelle Bestimmung von Wissenschaftlichkeit in unterschiedlichen politischen Systemen gehen. Als zweiter Ansatz, die Widersprüchlichkeiten in der Bewertung der Politisierung der Wissenschaft aufzulösen, soll jener von Hubert Laitko aus seinem Aufsatz über Conrad Grau und die Akademiegeschichtsschreibung angeführt werden. Demnach hat das bereits erwähnte dreibändige Werk von Grau, Schlicker und Zeil den Durchbruch Graus in der öffentlichen Wahrnehmung als Akademiehistoriker und seiner Forschungsstelle als Institution bedeutet. Deswegen will Laitko es entsprechend würdigen und schreibt: „Gewiss bediente sich dieses Werk, wie es damals in der DDR üblich war, des Rahmens der allgemeinen marxistisch-leninistischen Geschichtsschematik, doch es wäre kaum produktiv, diesem Umstand hier größere kritische Aufmerksamkeit zuzuwenden, denn der Neuheitswert der Untersuchung lag jenseits dieses Rahmens, der vor allem in der zur Eingliederung des akademiehistorischen Geschehens in die allgemeine Geschichte verwendeten Makroperiodisierung zum Ausdruck kam; der eigentliche kognitive Gehalt der Arbeit lässt sich relativ leicht aus diesem Kontext herauslösen.“ (2008, S. 45) Damit präsentiert Laitko eine andere Variante, die Dialektik der Politisierung der Wissenschaft und der Verwissenschaftlichung der Politik aufzulösen, diesmal allerdings hinsichtlich der Verhältnisse in der DDR. Ohne auf die sich hier bietende Möglichkeit einer vergleichenden Perspektive weiter einzugehen, soll nur Laitkos Basisargument aufgegriffen werden. Demnach wäre es also möglich, zwischen einer ideologischen, also unwissenschaftlichen Geschichtsschematik und deren eigentlichem kognitiven Gehalt, somit ihrem wissenschaftlichen Kern, zu unterscheiden. Wenngleich diese Auffassung nicht nur von Laitko vertreten wird, tendiert meines Erachtens die Wissenschaftsgeschichtsschreibung inzwischen

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Leibniz-Forschung und die Preußische Akademie der Wissenschaften

dazu, statt einer kategorischen Unterscheidung von reiner Wissenschaft und ideologisch-politisierter Pseudo-Wissenschaft zu folgen, das Spektrum der gemeinsamen Auftritte von Wissenschaft und Politik in seiner bislang noch nicht überschaubaren Vielfalt zu erforschen. Wie ein solches Vorgehen aussehen kann, soll im Folgenden anhand des Modells einer Kombination von drei wissenschaftssoziologischen Ansätzen demonstriert werden. Dabei wird zu deren Illustration jeweils Bezug genommen auf wissenschaftshistorische Darstellungen der PAW beziehungsweise auf ihre Leibniz-Aktivitäten. Es handelt sich bei den drei Ansätzen erstens um das Prinzip der „rekursiven Kopplung“, also um die Politisierung der Wissenschaft und die Verwissenschaftlichung der Politik, wie es Peter Weingart entwickelt hat (2001; 2003). Ich habe versucht, es auf verschiedene Erscheinungsformen der Soziologie im Nationalsozialismus und in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit anzuwenden (Klingemann 2009). Zweitens wird die Formel von der Interdependenz der außeruniversitären Professionalisierung und der akademischen Institutionalisierung einer Fachwissenschaft herangezogen, wie sie Ulfried Geuter am Beispiel der Psychologie im NS-Staat dargestellt hat (Geuter 1984). Dieser Ansatz hat viele meiner Ausführungen zur Soziologie im Dritten Reich angeleitet (Klingemann 1996). Die sich aus dieser Interdependenz entwickelnde Dynamik impliziert überdies eine Modernisierung der Disziplin, da sie dadurch auch als angewandte Wissenschaft außeruniversitär einsetzbar wird. Diese Sichtweise wird hier auf entsprechende Bestrebungen der PAW bezogen. In einem engen Zusammenhang damit steht der von Mitchell G. Ash begründete dritte Ansatz, der thematisiert, dass Wissenschaft und Politik auf ganz unterschiedliche Weise „Ressourcen für einander“ sein können (Ash 2002; 2006). Wenn nun die Tauglichkeit der drei Ansätze für eine Bestimmung des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik im Fall der PAW und ihrer Leibniz-Aktivitäten geprüft werden soll, handelt es sich um einen ersten Versuch, bei dem Primär- und Sekundärtexte herangezogen werden, die, das sei bereits vorweg gesagt, die Bedingungen für den in den Ansätzen jeweils postulierten Zusammenhang nicht oder nur zum Teil erfüllen können müssen. Es geht nicht darum, Belege dafür zu finden, dass das Modell der Verknüpfung der Ansätze universelle Geltung hat. Vielmehr soll geklärt werden, welchen heuristischen Nutzen es haben könnte.

Rekursive Kopplung 303

16.2 Rekursive Kopplung: Politisierung von Wissenschaft und Verwissenschaftlichung von Politik In diesem Sinne wird jetzt der Ansatz der rekursiven Kopplung mit einer Aussage von Wolfgang J. Mommsen über den Einfluss der Politik auf die PAW konfrontiert. Mommsen stellt fest, die „große Mehrzahl der Akademieprojekte, namentlich die Langzeitvorhaben, entzog sich jeglicher Politisierung“ (2000, S. 21). Das gilt meines Erachtens in besonderer Weise für die Leibniz-Edition, da sich deren Verleger Otto Reichl, der mit sehr großen finanziellen Problemen zu kämpfen hatte, zwar Ende 1934 an Alfred Rosenberg, den Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP (Amt Rosenberg), und an andere politische Funktionsträger des NS-Regimes wendet, von dieser Seite aber kein Einfluss ausgeübt wird. In einem im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Bestand der Leibniz-Kommission überlieferten Brief Reichls an Paul Ritter vom 7. Dezember 1934, dem die Denkschrift Die Leibnizausgabe der Preussischen Akademie der Wissenschaften beigeschlossen ist, behauptet Reichl, er habe die Denkschrift „auf Wunsch des Herrn Alfred Rosenberg angefertigt […].“ Reichl wandte sich auch direkt an Adolf Hitler, jedoch auch ohne Erfolg (Leaman 2013, S. 82). Im Sinne der Logik der rekursiven Kopplung wurde damit zwar im zweiten Jahr der NS-Herrschaft eine Politisierung der Leibniz-Ausgabe angestrebt, jedoch reagierten Vertreter der politischen Klasse nicht wie erwünscht. Allerdings versuchten diverse (Unter-)Ämter des Amtes Rosenberg, die sich damit beschäftigten, die ‚wahre‘ Lehre der nationalsozialistischen Weltanschauung in der Wissenschaft durchzusetzen (Klingemann 1996, S. 232 – ​276; allgemein zum Amt Rosenberg Bollmus 2006), dieses Ansinnen auch im Hinblick auf die Leibniz-Rezeption und -Darstellung zur Geltung zu bringen. Inwieweit dadurch Wissenschaft politisiert wurde und die Wissenschaftspolitik des Amtes Rosenberg verwissenschaftlicht wurde, soll im Folgenden diskutiert werden. Laut seiner im Bundesarchiv Berlin/Berlin Document Center, überlieferten PersonalKarte des Amtes Rosenberg kündigt Erich Hochstetter im August 1942 nach fast einem Vierteljahrhundert seiner Mitarbeit an der Leibniz-Ausgabe, um im Amt Rosenberg ab Oktober als „wiss. Mitarbeiter/außerpl.“ die Möglichkeit zu „selbständiger wissenschaftlicher Arbeit“ zu nutzen, wie Christian Tilitzki aus seinem Kündigungsschreiben zitiert. Bekannt geworden ist von seiner Tätigkeit im Amt Wissenschaft des Amtes Rosenberg nur ein im Bundesarchiv Berlin überliefertes positives eineinhalbseitiges Gutachten vom 29. Juni 1943 über den Hamburger Philosophie-Professor Hermann Noack, der auch Mitglied war im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, der den Kunstraub in den von Deutschland besetzten Territorien skrupellos betrieb (Leaman 1994, S. 244). Tilitzki vermutet durchaus be-

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Leibniz-Forschung und die Preußische Akademie der Wissenschaften

rechtigt, dass Hochstetter „zur Vorbereitung personalpolitischer Vorschläge für Berufungsverfahren herangezogen wurde.“ (2002, S. 754) Diesen doch einschneidenden Wechsel aus der Wissenschaft in die politische Wissenschaftskontrolle schilderte Hochstetter später auf seine eigene Art. In seinem Aufsatz Zur Geschichte der Leibniz-Ausgabe berichtet er, Josef Ehrenfried Hofmann sei im „Herbst 1939“ an die Stelle von Paul Ritter als Leiter der LeibnizAusgabe gesetzt worden, um dann fortzufahren: „Ein Vierteljahr später kündigte der Bearbeiter des Philosophischen Briefwechsels [also Hochstetter selbst] seine Mitarbeit an der Ausgabe auf.“ (1966, S. 655) Diese zeitliche Ungereimtheit konnte ich bislang nicht aufklären. Allerdings sind weitere Vorgänge im Amt Rosenberg mit Bezug zu Leibniz besser belegt. Im Mai 1938 sandte Prof. Alfred Baeumler in seiner Eigenschaft als Leiter des Amtes Wissenschaft ein im Bundesarchiv Berlin überliefertes fünfseitiges Gutachten über die Arbeit Historisch-philosophische Untersuchung und Darstellung der Philosophie J. G. Fichtes von Dr. Ernst von Bracken an Prof. Rudolf Mentzel, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die von Bracken zwei Jahre lang ein Stipendium gewährt hatte. Baeumler kommt schon im Anschreiben zu einem Ergebnis, „das erschreckend ist.“ Die deutsche Geistesgeschichte verwandle sich in einen „Faschingsrummel“, was im Gutachten weiter ausgeführt wird: „Der wirkliche Zusammenhang ist dem Verfasser völlig verborgen, gerade die wesentlichen Persönlichkeiten fehlen: Luther, Paracelsus und Leibniz. Nichts ist für den Verfasser, der nur die ausgetretenen Pfade kennt, charakteristischer als das völlige Übersehen von Leibniz, der für Fichte schlechterdings entscheidend ist. Was der Verfasser über die Zeit vor Leibniz beibringt, ist lediglich schlechte Paraphrase schlecht ausgewählter Textstellen.“ Aber Baeumler kann seine Abscheu über diese „wissenschaftliche Pornographie“ sogar noch steigern, weil der Schluss zu ziehen sei, Spinoza und Mendelssohn gehörten zum deutschen Volk: „Entweder hat Ernst von Bracken jeweils völlig vergessen, was er auf der Seite vorher geschrieben hat, oder er ist wirklich der Ansicht, dass Spinoza und Mendelssohn zum deutschen Volke gehören. Im ersten Falle ist er ein Objekt der Psychiatrie, im zweiten Falle ein Objekt der Gestapo. In keinem Falle kann der Verfasser dieser Arbeit Gegenstand der Förderung für eine wissenschaftliche Institution sein, die vom Dritten Reich unterhalten wird. Aus diesem Grunde ist die Vorlage der Akten des Falles von Bracken zu verlangen.“ Fünf Tage, nachdem Baeumler sein Gutachten abgeschickt hatte, führte er mit von Bracken eine Unterredung und gestattete ihm, zu „Fragen“ schriftlich Stellung zu nehmen. Von Bracken bringt daraufhin in seinem Schreiben vom 27. Mai 1938 vier Sachverhalte vor, von denen an erster Stelle als notwendig angesehen wird: „die deutsche Geistesgeschichte noch schärfer gegen rassefremde Faktoren abzugrenzen;“ und an dritter Stelle wird erklärt: „die Bedeutung, wel-

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che insbesondere Leibniz und Baumgarten für die Psychologie der Empfindungen Sulzers, Tetens’ und Eberhards sowie für die Entfaltung der Persönlichkeitsidee im 18. Jahrhundert gehabt haben, eingehend zu würdigen“. Offensichtlich änderte dieser Kotau, der auch die Zurückweisung von Zweifeln „in meine nationalsozialistische Gesinnung“ einschloss, nichts. Die DFG teilte am 13. Juni 1938 von Bracken mit, dass sie sich leider nicht in der Lage sehe, ihm ein weiteres Forschungsstipendium zu bewilligen. Etwa ein Jahr später, im Februar 1939, wird Dr. Heinz L. Matzat von Baeumler als Leiter des Amtes Wissenschaft eingeladen, an einer „Philosophischen Arbeitstagung“ auf Schloss Buderose in der Nähe von Guben teilzunehmen. Matzat hatte bei Martin Heidegger mit der Dissertation Unterlagen über die metaphysischen Grundlagen der Leibnizeschen Zeichenkunst, die 1938 erschienen war, promoviert, sich dann aber von Heidegger gelöst, so dass er für den Philosophen-Kreis um Alfred Rosenberg akzeptabel wurde. Auf dieser 1. Philosophischen Arbeitstagung des Amtes Wissenschaft, die vom 12. bis 19. März 1939 stattfand, und an der auch Reichsleiter Rosenberg teilnahm, hielt Matzat ein Referat mit dem Titel „Leibniz“ (Leaman 1994, S. 245; Tilitzki 2002, S. 955 – ​957). Ende März 1939 sandte er dem Amt Wissenschaft die im Bundesarchiv Berlin im Bestand NS 15/222 (Bl. 137 – ​145) überlieferte Zusammenfassung seines Referats, die er auf neun Seiten handschriftlich niedergelegt hatte. Sie trägt keinen Titel und behandelt verschiedene Themen. Vier Monate später wurde mit einem Anschreiben vom stellvertretenden Leiter des Amtes Wissenschaft, Heinrich Härtle, auf Blatt 134 ein einseitiges „Gutachten über Dr. H. L. Matzat, München“ an das Amt Schrifttumspflege des Amtes Rosenberg geschickt. Darin wird die drastische Kritik von Prof. Heinrich Scholz zitiert, die er in der Deutschen Literaturzeitung an der Dissertation von Matzat geübt hatte. Zu dessen Vortrag auf Schloss Buderose wird festgehalten: „Sein Referat über Leibniz bewies wieder seine wissenschaftliche Unklarheit, die Unfruchtbarkeit seiner abstrakten Methoden und seine Unsicherheit gegenüber den weltanschaulichen Grundlagen philosophischer Arbeit. Er stellte eine unübersichtliche, bloße Aufzählung Leibnizescher Begriffe dar. Es war der allgemeine Eindruck, dass Matzats Teilnahme keine Bereicherung unserer Arbeitstagung bedeutete.“ Folgerichtig heißt es im direkten Anschluss daran, dass er an der für Oktober geplanten zweiten Tagung nicht mehr teilnehmen sollte. Bemerkenswerterweise stand die Ablehnung durch das Amt Wissenschaft jedoch einer Karriere im Amt Rosenberg nicht entgegen, das ihn schon wenige Monate später, zum 1. Ja­ nuar 1940, einstellte (Leaman 1994, S. 255). Da es bei dieser ersten Philosophischen Arbeitstagung des Amtes Wissenschaft geblieben ist, könnte nur spekuliert werden, ob sich Matzat noch zu einem Leibniz-Experten hätte entwickeln können. Auf jeden Fall war für die geplante zweite Tagung das Thema Leibniz an Dr. Hans

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Leibniz-Forschung und die Preußische Akademie der Wissenschaften

Schmoldt, Assistent an der Universität Halle/Saale und seit Juni Mitarbeiter des Amtes Rosenberg, vergeben worden (Leaman 1994, S. 256, 255, 245). Auf der Arbeitstagung Europa und die deutsche Philosophie des Kriegseinsatzes der Geisteswissenschaften (Hausmann 1998), Fachgruppe Philosophie, die vom 21. bis 23. Oktober 1942 in Nürnberg stattfand, wurde das Thema Leibniz und Euro­ pa von dem Assistenten an der Universität Frankfurt am Main, Dr. Otto Hagelstein, behandelt, während das Referat Die Auseinandersetzung von Leibniz in seinen Nouveaux Essais mit Locke der Mitarbeiter des Amtes Rosenberg, Dr. Alfred Klemmt, hielt. Klemmt war von 1930 bis 1940 zunächst als Dozent, später auch als Leiter der Abteilung Staats- und Kulturphilosophie der (Deutschen) Hochschule für Politik in Berlin tätig. Er hatte bei Ernst Troeltsch mit der Dissertation Georg Simmel. Eine kritische Charakterstudie und Erläuterung der Grundprobleme der gegenwärtigen Philosophie (1922) promoviert (Selling 1976, S. 87 – ​89) und war dann an drei Versuchen zu habilitieren gescheitert (Tilitzki 2002, S. 651 f.). Als 1940 die Auslandswissenschaftliche Fakultät an der Universität Berlin unter der Ägide des Sicherheitsdienstes der SS (SD) gegründet wurde (Botsch 2005), erhielt Klemmt nicht den Lehrstuhl für Staats- und Kulturphilosophie, den er schon sieben Jahre vertreten hatte, sondern der von Arnold Bergstraesser promovierte und von Ernst Krieck habilitierte Friedrich Wagner, der zuvor hauptamtlich im Leitabschnitt München des SD als „Referent für Wissenschaft und Hochschule, Schule und Erziehung“ tätig gewesen war (Klingemann 1996, S. 245). Auch die im Institut für Zeitgeschichte (München) überlieferte Anfrage von Alfred Baeumler vom 20. April 1940 bei dem Königsberger Philosophie-Professor Eduard Baumgarten, Teilnehmer an der Buderoser Tagung und Schützling von Baeumler, ob er Klemmt für eine Stelle an der Universität Königsberg vorschlagen könne, blieb ohne Erfolg. Ab dem 1. Juni 1940 war Klemmt dann „Honorarempfänger“ des Amtes Rosenberg im Rahmen eines Forschungsauftrags zur Geschichte des europäischen Liberalismus (Leaman 1994, S. 257; Tilitzki 2002, S. 651). Zwei Jahre später trat er als Repräsentant des Amtes Rosenberg auf. Der Nationalsozialistische Deutsche Dozentenbund veranstaltete vom 2. bis 5. Juni 1942 in Augsburg eine Tagung („Lager“) der Altertumswissenschaften, auf der Klemmt das Wort ergriff, das ihm aber nach halbstündiger Rede, ohne zur Problemstellung zu gelangen, bei der Ankunft des Reichsdozentenführers entzogen wurde, so dass das Amt Rosenberg vom „Fall Klemmt“ sprach (Losemann 1977, S. 105). Im Frühjahr 1940 hatte das Amt Rosenberg anlässlich seiner im Bundesarchiv Berlin überlieferten „Stellungnahmen zu den Besetzungsvorschlägen für die Auslandswissenschaftliche Fakultät an der Universität Berlin“ bescheinigt: „Klemmt ist bestrebt, in seiner Staats- und Kulturphilosophie die Anschauungen des Nationalsozialismus zu vertreten.“ Inwieweit sich diese mit Klemmts persönlicher Einschätzung der Bedeutung von Leibniz für eine noch zu kreierende Wirklichkeits-

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philosophie deckt, ist mir unbekannt. Aber in seinem Vortrag über Wissenschaft und Philosophie im Dritten Reich aus dem Jahr 1937 im „Ferienkurs für Ausländer“ an der Deutschen Hochschule für Politik ging es Klemmt um nichts Geringeres als um „die einzige, aber auch überwältigend großartige Aufgabe einer systematischen Wirklichkeitsphilosophie“ (1938, S. 18). Klemmt geht aus von einer „einheitlichen und ganzheitlichen Wirklichkeit“. Leibniz gehöre zu jenen Vertretern wahrhaft deutschen Denkens, die das „innerste Gefüge der Wirklichkeit“ zu erfassen strebten, jedoch versuche er (wie auch Hegel) deren Gesetzmäßigkeit und Beschaffenheit „spiritualistisch“ zu erkennen, was aber nicht mehr angemessen sei, da die „Gesetzmäßigkeit des Seins“ als „aus verschiedenen relativ selbständigen Teilgesetzlichkeiten“ zu bestimmen sei (1938, S. 17, 14, 17, 18). Nach 1945 steht er Leibniz deutlich positiver gegenüber. In seinem 1952 erschienenen Band John Locke. Theoretische Philosophie befasst er sich vergleichend mit Leibniz zu Fragen der Naturauffassung, Individualität und zum Substanzbegriff (1952, S. 225 – ​231, 285 – ​292, 301 – ​309). Nach Tilitzki war dieser Text ein Teil der Liberalismus-Arbeit, den er im Rahmen seines vom Amt Rosenberg erteilten Forschungsauftrags erstellt hatte. Da der Gesamttext, „ein 600-Seiten-Opus“ (2002, S. 651), das Klemmt im Sommer 1944 an der Universität Göttingen (vergeblich) als Habilitationsschrift eingereicht hatte, offensichtlich nicht überliefert ist, muss offen bleiben, ob er diese positive Darstellung von Leibniz bereits am Ende der NS-Zeit vertreten hat. Zur Ergänzung der bisherigen Darstellung der inhaltlichen wie politisch-weltanschaulichen Auseinandersetzung des Amtes Rosenberg mit der Leibniz-Thematik soll abschließend der Fall des Philosophie-Professors Gerhard Stammler behandelt werden. Wie bei vielen anderen Wissenschaftlern zu beobachten ist, befassten sich gleich mehrere Unter-Ämter des Amtes Rosenberg mit diesem Leibniz-Forscher der Universität Halle an der Saale, die sich bekanntlich besonderer Zuneigung von Alfred Rosenberg erfreuen konnte. Zu Beginn des Jahres 1939 bat die Hauptstelle Kulturpolitisches Archiv des Amtes Rosenberg dessen Amt Wissenschaft um Auskunft, ob Stammler im Rahmen des Deutschen Volksbildungswerkes „für Vorträge über philosophische und weltanschauliche Themen eingesetzt werden“ könne. Das Amt Wissenschaft gab die Auskunft „von unserem Hallenser Gewährsmann“ weiter, wonach Stammler „in seiner philosophischen Arbeit eine merkwürdige Verwendung theologischer Begriffe betreibt und – wie der dortige Dozentenführer festgestellt haben soll – ein entsprechendes persönliches Verhalten an den Tag legt.“ Auf diesem im Bundesarchiv Berlin überlieferten Brief vom 22. März 1939 ist mit Datum vom 14. Juni handschriftlich vermerkt: „Vorgang wird vom Kulturpol. Archiv abschließend negativ beurteilt.“ Dennoch wird Stammler vom Reichsdozentenführer, wie dieser dem Kulturpolitischen Archiv schon Anfang April mitteilt, für geeignet gehalten, eingesetzt zu werden, da er seinen Austritt aus der „Bekenntnisfront“, das ist die nationalsozialistische Be-

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zeichnung für die Bekennende Kirche, erklärt habe, über „sehr gediegenes Wissen“ und – trotz nicht besonders produktiver und origineller wissenschaftlicher Tätigkeit – über die Fähigkeit verfüge, „seine Thesen klar und deutlich auseinanderzusetzen.“ Stammler hatte eine (nicht präzis datierbare) „Erklärung über mein Verhältnis zur ‚Bekenntnisfront‘“ abgegeben, in der er auf seine Mitgliedschaft in der NSDAP seit dem 1. Mai 1933 und seine dortige Tätigkeit als „politischer Leiter“ in seiner Ortsgruppe ab Januar 1934 sowie seine Mitgliedschaft im Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund („von Anfang an“) verweist. In seiner Erklärung begründete er, dass sein Beitritt zur Bekennenden Kirche im Jahr 1936 schon im Sinne des Nationalsozialismus war, da er zum Beispiel auf diese Weise den politischen Katholizismus bekämpfen zu können glaubte. Aber viele Entwicklungen ließen ihn erkennen, dass er seine Ziele nicht würde erreichen können: „Als mir kein Zweifel blieb, daß ich hier in ein Sammelbecken der politisch Unzufriedenen geraten war, mit denen ich eigentlich nichts zu tun haben wollte, trat ich am 6. Dezember 1937 aus der Bekennenden Kirche aus.“ Das Amt Wissenschaft war empört über die Stellungnahme des Dozentenbundes, der allerdings Stammler bereits von Dezember 1937 bis März 1938 ein Stipendium gewährt hatte (Leaman 1993, S. 81) und verlangte in einem Schreiben vom 24. April 1939 von der Hauptstelle Kulturpolitisches Archiv, bekanntlich ebenfalls ein Unter-Amt des Amtes Rosenberg, dass nur es selbst, wie bereits vereinbart, Anfragen an den Dozentenbund richte. Konsequenterweise blieb das Amt Wissenschaft in einem Schreiben an den Stab des Stellvertreters des Führers vom 21. März 1941 auch knapp zwei Jahre später bei seiner negativen Einschätzung Stammlers und brachte Leibniz ins Spiel, als es um die Besetzung von Lehrstühlen an der Universität Posen ging: „Stammler, Halle, Allgemeine Philosophie. Seine durch das Leibniz-Buch erwiesene wissenschaftliche Unsicherheit wird ergänzt durch eine weltanschaulich ziemlich bedenkliche sog. ‚Christuslogik‘. Stammler gehörte der Bekenntniskirche an.“ Diese Formulierung stammt vom stellvertretenden Leiter des Amtes Wissenschaft Heinrich Härtle, ehemaliger Schüler von Alfred Klemmt an der Hochschule für Politik, während der Leiter Alfred Baeumler im April 1941 formuliert: „Stammlers Buch über Leibniz ist von der Forschung aus sachlichen Gründen abgelehnt worden. Die vor einigen Jahren von Stammler veröffentlichte Logik, die von ihm selber als ‚Christurlugik‘ [gemeint ist: Christuslogik] bezeichnet wird, ist verworren. Stammler kann einen Lehrstuhl für Philosophie nicht wahrnehmen.“ Der Notiz ist nicht eindeutig zu entnehmen, was Stammler stärker disqualifiziert, die frühere sachliche Kritik an seinem Leibniz-Buch oder seine religiöse Bindung. Etwa eineinhalb Jahre später kommt dann aber das Amt Wissenschaftsbeobachtung und -wertung des nunmehrigen Hauptamtes Wissenschaft zu einer ganz anderen Bewertung. Eine Grundlage dafür ist das im Bundesarchiv Berlin über-

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lieferte Gutachten des Philosophie-Professors Heinrich Springmeyer von der Universität Halle an der Saale, dessen Karriere von Rosenberg nachhaltig gefördert wurde. Er hatte an der Tagung auf Schloss Buderose teilgenommen und war Hauptlektor für Philosophie im Amt Schrifttumspflege des Amtes Rosenberg (Leaman 1993, S. 80 f.). In dem Gutachten für das Amt Wissenschaftsbeobachtung und -wertung erklärt Springmeyer im Hinblick auf Stammlers wissenschaftliche Leistungen und Fähigkeiten, seine Charaktereigenschaften und seine politische Haltung für geeignet zur Übernahme eines planmäßigen philosophischen Lehrstuhls. Bezüglich der Leibniz-Schrift heißt es: „Eine 1930 erschienene kleine Monographie über Leibniz ist in mehreren Punkten mit Recht kritisiert worden, ist jedoch zumal im Zusammenhang der übrigen Arbeiten Stammlers nicht ohne Wert.“ Inwieweit die Begründung für eine nun positive Einschätzung des Leibniz-Buchs trotz der bestätigten Kritik logisch nachvollziehbar ist, muss offen bleiben. Der Tenor des Gutachtens erfüllt aber offenbar die Erwartungen des Amtes Rosenberg. Denn nach dem Dank an Springmeyer führt der Leiter des Amtes Wissenschaftsbeobachtung und -wertung Dr. Wolfgang Erxleben aus: „Stammler steht z. Zt. noch auf keiner Liste, so daß im Augenblick noch keine Möglichkeit gegeben ist, für ihn einzutreten. Jedoch werden wir bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit seine sachlich guten Leistungen gebührend hervorheben können.“ Dazu ist es allerdings nicht mehr gekommen. Stammler legte auch nach 1945 noch etliche philosophische Schriften vor und wurde stellvertretender Leiter der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. Die hier geschilderten Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten in der Beurteilung von Wissenschaftlern, die sich mit Leibniz befassten, sind typisch für die Arbeitsweise des Amtes Rosenberg und der ihm zuarbeitenden Wissenschaftler als Gutachter, wie es auch für zahlreiche Sozialwissenschaftler gezeigt werden konnte (Klingemann 1996, S. 232 – ​276). Das ließe sich daraus ableiten, dass die angesprochenen Hochschul-Politiker zwar eine Politisierung der Philosophie im Sinne einer Durchsetzung des Primats der NS-Weltanschauung anstrebten, eine Kodifizierung des Umgangs mit Leibniz aber noch nicht einmal im Konsens der Unter-Ämter des Amtes Rosenberg geschweige denn mit dem Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund erzielen konnten. Von einer Verwissenschaftlichung der Politik, wie sie in anderen Fällen durchaus zu beobachten ist, kann mit Bezug auf Leibniz auch nicht gesprochen werden. Wissenschaftspolitisch interessierte Vertreter des NS-Regimes haben Leibniz nicht als lohnendes Objekt der wissenschaftlichen Selbstlegitimation instrumentalisieren können. So kam es nicht zu einer rekursiven Kopplung. Wolfgang Mommsen liefert dafür einen Erklärungsrahmen, wenn er sagt: „Es kam hinzu, dass sich im Zuge der Aufrüstung das Gewicht immer mehr auf den Sektor der angewandten Forschung verlagerte, während sich die Akademie traditionell als Repräsentant der Grundlagenfor-

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schung verstand.“ (Mommsen 2000, S. 16) Daraus folgt, dass es zu einer nachhaltigen rekursiven Kopplung im Dritten Reich (nur) dann kam, wenn sich die politische Seite wissenschaftliche Leistungen mit Anwendungsreife erhoffen konnte. War dies gegeben, entwickelten sich daraus bis dahin in der deutschen Wissenschaftslandschaft unbekannte innovative Institutionen.

16.3 Die Interdependenz von außeruniversitärer Professionalisierung und akademischer Institutionalisierung Dieser Prozess soll mithilfe des zweiten wissenschaftssoziologischen Ansatzes erläutert werden, nämlich dem der Interdependenz von außeruniversitärer Professionalisierung und akademischer Institutionalisierung einer Fachdisziplin. Ulfried Geuter hat diesen Zusammenhang sehr erhellend am Beispiel der Etablierung der Psychologie als Fach an den deutschen Universitäten während des Dritten Reichs herausgearbeitet. Bis 1933 konnte man zwar Lehrveranstaltungen in Psychologie besuchen, einen eigenen Studiengang für Psychologie gab es aber noch nicht. Erst als das NS-Regime professionelle Psychologen mit Hochschulabschluss als Eignungsprüfer für Offiziersbewerber benötigte, wurde der Diplomstudiengang Psychologie an den sich heftig sträubenden Universitäten politisch etabliert (Geuter 1984). Dass dies kein Einzelfall ist, belegt die Errichtung der neuen Auslandswissenschaftlichen Fakultät an der Berliner Universität unter der Regie des Sicherheitsdienstes der SS. Dort konnte man nicht nur den neuen Abschluss eines Diplom-Auslandswissenschaftlers erwerben, es wurde auch der Titel eines Doktors der Auslandswissenschaften verliehen. Die für bestimmte Länder und Regionen zuständigen Dozenten der Fakultät, darunter der Direktor der PAW Helmuth Scheel, leiteten auch die entsprechenden Abteilungen des gleichzeitig gegründeten und mit einem sehr großen eigenen Etat ausgestatteten Auslandswissenschaftlichen Instituts (Botsch 2005). Das politische Interesse an sozial- und politikwissenschaftlich fundiertem Expertenwissen in allen das Ausland betreffenden Fragen führte so zu einer akademischen Institutionalisierung von beachtlichen Ausmaßen. Auch lassen sich signifikante Rückwirkungen der außeruniversitären Professionalisierung der empirischen Sozialforschung auf die akademische Sozio­ logie während des Nationalsozialismus beobachten. Empirisch arbeitende So­ ziologen in der Agrar- und Siedlungsplanung, der Raumforschung, der Ost- und Westforschung oder auch der Großstadtforschung wurden mit zum Teil außergewöhnlich hohen Drittmitteln sowie Lehrstuhl- und Institutsgründungen unterstützt. Zur Etablierung eines Soziologie-Studiengangs kam es – trotz verschiedener Versuche – nicht, jedoch stellt die Empirisierung der traditionellen Soziologie

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während der NS-Diktatur einen Modernisierungsschub dar, der auch nach 1945 weit reichende Auswirkungen hatte (Klingemann 1996; 2009). Hingegen kam es wider Erwarten nicht zur akademischen Institutionalisierung einer Bevölkerungssoziologie, da auf diesem Feld rassenideologische Vorgaben dem entgegenstanden. Das führte paradoxerweise dazu, dass sich zwar gleich nach dem Untergang des Dritten Reichs für etwa eineinhalb Jahrzehnte eine eigenständige Flüchtlingssoziologie etablierte, getragen von ehemaligen Reichssoziologen, der Bevölkerungssoziologie in Westdeutschland aber nur eine marginale Position zugebilligt wurde (Klingemann 2009, S.  165 – ​191, 287 – ​320, 321 – ​339). Inwieweit der Ansatz der Interdependenz von außeruniversitärer Professionalisierung und akademischer Institutionalisierung für die Bestimmung der wissenschaftspolitischen Stellung der Akademien, insbesondere für das Projekt der Gründung einer Reichsakademie der Deutschen Wissenschaften, herangezogen werden kann, soll nun behandelt werden. Peter Nötzoldt hat herausgestellt, dass dieses Projekt ab 1940 vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) intensiv vorangetrieben wurde, namentlich Ernst Heymann, Vizepräsident der Akademie, und Rudolf Mentzel, Amtschef Wissenschaft im REM und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, entwickelten ein gemeinsames Konzept für die Ausgestaltung einer solchen Reichsakademie nach dem Vorbild der alten Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft. Demnach stand dahinter das Motiv des REM, ein zusätzliches Netzwerk auf einer Ebene über der Universität zu installieren, um „eine unmittelbare, erlebbare Forschungsförderung vor Ort“ praktizieren zu können (2008, S. 103). Jedoch wurde die Umsetzung des Plans schon 1942 auf die Zeit nach dem Krieg verschoben. Als Gründe führt Nötzoldt an, dass die alten Akademien im geplanten Kleinen Senat die gewünschte Monopolstellung in diesem wichtigen Entscheidungsgremium nicht erlangen würden und die Parität von Natur- und Geisteswissenschaften in den Entscheidungsgremien überhaupt als gefährdet angesehen wurde, mit der Folge, dass die alten Akademien die Gründung sabotierten (2008, S. 101 – ​103). Nun stellt sich die Frage, ob diese Entwicklung auf das spezielle Verhältnis des REM zu den Akademien, respektive zur geplanten Reichsakademie zurückzuführen ist, oder ob sich hier ein Strukturmerkmal der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik erkennen lässt. Das Ziel war ja, die „unmittelbare, erlebbare Forschungsförderung vor Ort“ durch Errichtung neuer wissenschaftlicher Gesellschaften an jedem Hochschulort zu institutionalisieren (2008, S. 103). Meines Erachtens scheiterte die Aktion, weil zu befürchten war, dass sie hauptsächlich auf Kontrolle zielte. Denn konkrete Forschungsaufgaben oder gar Finanzmittel wurden nicht festgelegt beziehungsweise bereitgestellt, ebenso war nicht klar, in welchen Politikfeldern des Dritten Reichs deren mögliche Resultate hätten verwendet werden können.

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Dass aber so ein reichsweiter interdisziplinärer Forschungsverbund, der seine regionalen Forschungsprojekte an einem von einer Zentrale vorgegebenen Programm zu orientieren hatte, realisiert werden konnte, bewies das Akademie-Mitglied Konrad Meyer. Er wurde 1939 aufgenommen und hielt 1940 seinen Festvortrag zum Thema Bodenordnung als volkspolitische Aufgabe und Zielsetzung nationalsozialistischen Ordnungswillens (1941, S. 191 – ​209). Wolfgang J. Mommsen meint, mit diesem Festvortrag habe die Akademie den Arbeiten Meyers, wie auch der gesamten Ost- und Siedlungsforschung, mittels ihrer beiden eigenen Projekte zum Atlas des deutschen Lebensraumes in Mitteleuropa und über die Geschichte des Deutschtums im Osten ihr „beträchtliches wissenschaftliches Prestige zukommen“ lassen. In dieser Rede habe Meyer das nationalsozialistische Umsiedlungsund Aussiedlungsprogramm, das bekanntlich eine Vorstufe zur Vernichtung der europäischen Juden gewesen sei, „als großen Fortschritt gepriesen“ (2000, S. 18). Dieser Beurteilung des sachlichen Gehalts der Rede und ihrer moralischen Verurteilung kann ich mich nur anschließen. Was hier ergänzt werden soll, sind Aussagen zur sozialwissenschaftlichen Organisation dieses Ordnungsprogramms und ihrer Bedeutung für die Interdependenz von außeruniversitärer Professionalisierung und akademischer Institutionalisierung. Peter Th. Walther erwähnt in seinem Aufsatz über die „Arisierung“, Nazifizierung und Militarisierung der Akademie auch die Aufnahme Meyers in die Akademie und dessen Tätigkeiten als „Ordinarius für Agrarsoziologie“ an der Berliner Universität (2000, S. 110), als Agrarpolitiker und Urheber des berüchtigten Generalplans Ost. Damit wird zwar angedeutet, dass Meyer in den beiden Subsystemen Wissenschaft und Politik gleichzeitig agierte, seine Schlüsselstellung wird aber noch nicht recht sichtbar. Er bewegte sich nämlich darüber hinaus auch noch auf anderen Feldern nationalsozialistischer Wissenschaftsorganisation und Wissenschaftspolitik. Als Leiter der Planungsabteilung des Reichskommissariats für die Festigung deutschen Volkstums, das dem Reichsführer SS Heinrich Himmler unterstand und die sozioökonomische ‚Neuordnung‘ des ‚deutschen Ostens‘ und der okkupierten Territorien auf der Basis sozialwissenschaftlicher Expertise organisierte, bestimmte Meyer wissenschaftspolitische Weichenstellungen sogar selbst mit. Als Direktor des Instituts für Agrarwesen und Agrarpolitik in Dahlem verfügte er über einen eigenen Apparat, Wissenschaft und Politik zu amalgamieren, was sich schlagend in den dort entworfenen Varianten des Generalplans Ost manifestiert (Heinemann 2006, S. 45 – ​72). Die für das Wissenschaftssystem innovativste Leistung von SS-Oberführer Meyer lag allerdings darin, dass er maßgeblich eine bis dahin nicht gekannte wissenschaftliche Großforschungsorganisation als universitäres Pendant zu einer neuen staatlichen Fachbehörde mit gegründet hat. Ende des Jahres 1935 wurde die Reichsstelle für Raumordnung zusammen mit der von Meyer geleiteten Reichs-

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arbeitsgemeinschaft für Raumforschung geschaffen, welche schließlich 51 Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung mittels reichsweit verbindlicher Forschungsprogramme koordinierte (Venhoff 2000). Den fachspezifischen Verbund Forschungsdienst. Reichsarbeitsgemeinschaften der Landwirtschaftswissenschaft, dessen Oberaufsicht das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und das Reichswissenschaftsministerium wahrnahmen, leitete Meyer noch zusätzlich. Die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung repräsentiert exemplarisch die Interdependenz von außeruniversitärer Professionalisierung und akademischer Institutionalisierung, da neben der zentralstaatlichen Reichsstelle für Raumordnung alle an Planungen beteiligten Stellen in Staat und Partei auf allen gebietskörperschaftlichen Ebenen beteiligt waren und die Hochschulen darüber direkt, insbesondere aber über die Fonds der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit reichen finanziellen Mitteln versorgten. Dies geschah im Rahmen einzelwissenschaftlicher, aber auch interdisziplinärer Forschungsprojekte zu Zwecken der Politikberatung und über Stipendien sowie Werkverträge. Von dieser Form der Einzelförderung profitierte der wissenschaftlichen Nachwuchs in hohem Maße, wodurch viele Nachkriegskarrieren begründet wurden. Ermöglicht wurde diese bis dahin unbekannte Form der anwendungsbezogenen Projektforschung, weil die nationalsozialistische Expansionspolitik auf wissenschaftliches Expertenwissen angewiesen war. Das ist die Botschaft des Festvortrags von Konrad Meyer vor der Akademie im Jahr 1940. Sein propagandistischer Titel Bodenordnung als volkspolitische Aufgabe und Zielsetzung nationalsozialistischen Ordnungswillens löst selbstverständlich Abwehrreflexe aus, und zu Recht, denn auch seine weiteren Ausführungen sind immer wieder durch NS-Jargon geprägt. Auf der anderen Seite begründet er mit dieser Rede den Anspruch des Staates, die Agrarverhältnisse unter dem Deckmantel der Blut-und-Boden-Rhetorik nach politischen Gesichtspunkten ordnen zu wollen. Insbesondere „in den Ostgebieten“ stehen „Industrieförderung und Wirtschaftsbelebung“ im Vordergrund. Meyer spricht es unumwunden aus: Es „verdient die landwirtschaftlich-industrielle Mischkultur den Vorzug“. Und ganz im Gegensatz zur immer noch kolportierten Legende von der realpolitischen Dominanz der Bauernromantik und Schollenmystik stellt Meyer kategorisch fest: „Das Bauerntum ist trotz der in ihm ruhenden Kräfte der Beharrung nicht ein ewiges Bauerntum an sich“. Für die Modernisierung der Landwirtschaft hatte Meyer der Wissenschaft eine zentrale Rolle zugedacht, was er auch in seinem Festvortrag zum Ausdruck brachte. So heißt es einmal, sie „finde jetzt bei der Planung und Gestaltung ihren wirksamen Einsatz“. Dann bietet seine Rede für die Beziehung von außeruniversitärer Professionalisierung und akademischer Institutionalisierung eine prägnante Formulierung: „In der Landschaftsgestaltung und Land-

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schaftspolitik ist eine neue Wissenschaft im Entstehen.“ (1941, S. 192, 200, 202, 206) Diese Spezialdisziplin ist Teil eines allumfassenden Generalsiedlungsplans, an dem Sozialwissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen mitgearbeitet haben – und dabei die Vertreibung und Vernichtung von Millionen als unproduktiv oder überflüssig definierter Menschen als Grundvoraussetzung für eine solche Totalplanung einkalkulierten (Roth 1993, S. 25 – ​45). Zur Legitimation seiner wissenschaftlichen Planungsambitionen nimmt Meyer zu Beginn seines Festvortrags Leibniz in Anspruch: „Wohl wie kein anderer empfand Leibniz schmerzlich die trostlose Ohnmacht und Unordnung des deutschen Lebens nach dem Dreißigjährigen Krieg. Aus der Kraft seines Geistes und seines leidenschaftlichen Glaubens an Deutschland suchte daher Leibniz mit sicherem politischem Instinkt die Idee einer neuen Ordnung philosophisch zu konzipieren. Wir Deutsche wollen heute nicht vergessen, daß Leibniz’ Gedanke der ‚prästabilierten Harmonie‘ den Auftakt eines neuen Ordnungsdenkens bedeutete.“ Nur sei dieser Gedanke wegen der Ohnmacht des Reiches nicht auf fruchtbaren Boden gefallen, sondern er legte, aufgegriffen durch westliche Aufklärung und angelsächsischen Rationalismus, sogar „als philosophische Tarnung einer Weltanschauung den Grund […] zur Ideologie einer allein aus der Wirtschaft emporsteigenden Welt.“ Dieser „angeblichen Eigengesetzlichkeit und Selbststeuerung der Wirtschaft“ soll der nationalsozialistische Ordnungswillen ein Ende setzen (1941, S. 33, 43). Aus wissenschaftssoziologischer Sicht lässt sich hier der Ressourcenansatz heranziehen. Meyer nutzt – ob legitim oder nicht – Leibniz als rhetorische Ressource.

16.4 Wissenschaft und Politik als Ressourcen für einander Die Idee, dass Wissenschaft und Politik „Ressourcen für einander“ sein können, hat – wie bereits erwähnt – Mitchell G. Ash entwickelt. Demnach können Ressourcen finanzieller, kognitiver, apparativer, personeller, institutioneller und eben rhetorischer Natur sein. Dazu wird der traditionelle Wissenschaftsbegriff erweitert, also nicht auf kognitive Inhalte reduziert, und die früher gebräuchliche Unterscheidung von wissenschaftsexternen und wissenschaftsinternen Faktoren des Wissenschaftswandels aufgegeben. Dieser wiederum wird als Um- oder Neugestaltung von Ressourcenensembles begriffen. So können zum Beispiel Verbindungen zu oder Allianzen mit staatlichen Instanzen, aber auch Ideologien als Ressourcen mobilisiert werden. Ash nennt viele Beispiel aus den Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften für den „Versuch, den NS-Staat als Ressourcengeber für die eigene Forschung zu mobilisieren“, darunter die Grundlagenforschung des Kaiser-

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Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik sowie den bereits erwähnten Generalplan Ost (2002, S. 33, 43). Das Ressourcen-Modell geht also davon aus, dass Wissenschaftler im Zuge einer Selbstmobilisierung sich des Staates als Ressource bedienen, wie umgekehrt politische Instanzen sich wissenschaftliche Potentiale zunutze machen. Am Beispiel von Konrad Meyer wurde schon gezeigt, dass die Rollenverteilung nicht eindeutig war, sondern beide Rollen in Personalunion wahrgenommen werden konnten. Mit Bezug auf den Mathematik-Professor Theodor Vahlen soll jetzt ein Anwendungsbeispiel für das Ressourcen-Modell im Kontext der PAW und ihrer Leibniz-Edition entwickelt werden. In seiner Darstellung der „Umfunktionierung“ der Leibniz-Edition „nach dem ‚Führer-Prinzip‘“ geht Hans Poser von einem weitgehenden Fehlen der mathematisch-naturwissenschaftlichen Seite des Leibnizschen Werkes aus, um dann fortzufahren: „Dieses Manko sollte zum Ansatzpunkt einer Umstrukturierung der Editionspläne nach dem Willen des Nationalsozialismus werden.“ (2000, S. 385) Die Formulierung „nach dem Willen des Nationalsozialismus“ wird aus der Perspektive des Ressourcen-Ansatzes aufgegriffen. Dabei spielt Theodor Vahlen, der bis zum 1. Januar 1937 Leiter der Wissenschaftsabteilung im Reichswissenschaftsministerium und zugleich Vizepräsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft war, um Ende 1938 Präsident der PAW zu werden, die zentrale Rolle. Seine Funktionen und die anderer Akteure werden jedoch sehr unterschiedlich beschrieben und bewertet – auch im Hinblick auf die „Umbildung“ der Leibniz-Kommission und der Leibniz-Ausgabe. Im Jahr 1979 ist Vahlen für Grau, Schlicker und Zeil der Hauptprotagonist: Er „suchte alle Möglichkeiten, welche die Akademie bot, für sein Prestige auszunutzen und dabei seine Beziehungen zum faschistischen Wissenschaftsministerium zu verwenden. In der Leibniz-Gesamtausgabe erblickte er ein willkommenes Betätigungsfeld für seine Vorhaben. Der sehr schleppende Fortgang der Arbeit und ihre geringe Ausstrahlung in die Öffentlichkeit boten ihm Anlaß, die Auflösung der Leibniz-Kommission in ihrer damaligen Zusammensetzung zu betreiben. Bereits zu Beginn des Jahres 1939 wandte er sich in dieser Angelegenheit an das Ministerium. Dabei ging es ihm nicht allein um eine Umbildung der Kommission, sondern auch um personelle Veränderungen im Mitarbeiterstab. Das Ministerium ordnete daraufhin im November 1939 die Auflösung der Kommission an.“ (1979, S. 289) Folgt man dieser Darstellung, so ist Vahlens persönlicher Ehrgeiz das Motiv für seine Initiative, die allerdings auch auf objektiven Defiziten der Leibniz-Edition und ihrer Bearbeiterinnen und Bearbeiter gründet. Das Ministerium brauchte für die Verarbeitung seines Vorstoßes mehr als acht Monate. Aus der Sicht des Ressourcen-Ansatzes nutzte ein führender Nationalsozialist, unterstützt durch andere Regimeanhänger, das Ministerium, also den von ihresgleichen okkupierten Staat, als Ressource für seine eigenen Ambitionen. Davon profitierten auch

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die neuen Mitglieder der Leibniz-Kommission, die bis auf Nicolai Hartmann von Grau, Schlicker und Zeil als „die eifrigsten Vertreter der faschistischen Wissenschaftspolitik an der Berliner Akademie“ bezeichnet werden (1979, S. 289). Die anderen Mitglieder der Leibniz-Kommission nach ihrer ‚Umgestaltung‘ waren Ludwig Biberbach, Carl August Emge, Hermann Grapow, Georg Hamel und Ernst Anton Kraft. Gut zwanzig Jahre später übernimmt Hans Poser diese Darstellung der von Vahlen betriebenen Umstrukturierung der Editionspläne zugunsten der mathematisch-naturwissenschaftlichen Seite und bezeichnet sie ausdrücklich als „treffend“ (2000, S. 385). In demselben Band, in dem sein Aufsatz erscheint, bieten Wolfram Fischer, Rainer Hohlfeld und Peter Nötzoldt allerdings eine alternative Lesart zu der rein auf die Person Vahlens ausgerichteten. Im vierten Jahr nach der Machtübernahme sei es dem Reichswissenschaftsministerium gelungen, in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und im Reichsforschungsrat „wichtige Positionen zu besetzen und damit Einfluß zu gewinnen“. Aber der „Höhepunkt der direkten Einflussnahme des REM war zweifellos das Oktroyieren der neuen Akademieleitung Ende 1938.“ (2000, S. 555, 556) Hiermit beziehen Fischer, Hohlfeld und Nötzoldt eine konträre Position zu der sonst üblichen Charakterisierung des Ministeriums als politisch schwach. Hier könnte das Konstrukt der Interdependenz von außeruniversitärer Professionalisierung und akademischer Institutionalisierung zur Erklärung herangezogen werden. In dessen Logik hätte das Ministerium ein Interesse daran gehabt, die außeruniversitäre Forschung zu fördern, was aber nur indirekt über die Akademie positive Effekte auf Hochschuleinrichtungen hätte haben können. Die sind aber nicht eingetreten. Deswegen soll eine dritte Sichtweise herangezogen werden, die beide Positionen vereint. Peter Th. Walther geht davon aus, dass das REM bis 1937/38 verschiedene Planungen verfolgte, um die außeruniversitäre Forschung neu zu organisieren, und deshalb erst nach der Konstituierung des ersten Reichsforschungsrates im Jahr 1937 „die preußische Akademie Objekt ministerieller Politik wurde.“ Andererseits ist für ihn Vahlen „teils Motor der personellen und institutionellen Umgestaltung(spläne) im Wissenschaftsbereich, teils wohl auch Konkurrent einer Gruppe deutlich jüngerer Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager“ (2000, S. 90, 107). Damit wäre eine Verknüpfung der strukturellen Ebene des Ministeriums mit der Akteursebene in der Person Vahlens vollzogen. Nur ist ihm bereits 1934 die Forschungsabteilung des Ministeriums zugunsten der jungen Gruppe entzogen worden. Das wiederum spricht eher für die Sicht von Grau, Schlicker und Zeil, die Vahlen als ausschlaggebende Kraft nach seinem Ausscheiden aus dem Ministerium beschreiben. Das kommt auch in der Formulierung von Peter Th. Walther zum Ausdruck, der Vahlens späte Karriere als Präsident der Akademie „die eines Umgestalters“ nennt. Seine Präsidentschaft bedeute eben nicht nur eine „Nazi-

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fizierung“, sondern auch eine „Verjüngung“, die Handlungsfähigkeit sichere. Mit der Einsetzung des Direktors Helmuth Scheel werde weiterhin eine eigene Verwaltung für die PAW etabliert, was einen Schritt zu einer administrativen Professionalisierung darstelle (2000, S. 107, 111, 112). Daraus folgt, dass Nazifizierung auch Modernisierung beinhalten konnte. Wenn Hans Poser demgegenüber einwendet, dass hinter der von Josef Ehren­ fried Hofmann zielstrebig durchgeführten Umgestaltung der Leibniz-Edition „eine politische Motivation“ stand und „Fortschritte“ im Sinne neuer Bände nicht erzielt wurden, muss man bedenken, was er selbst vorträgt, dass diese auch nach dem Ende der NS-Herrschaft noch lange auf sich warten ließen (2000, S. 386). Für das erst 1976 erfolgende Erscheinen des ersten Bandes der mathematisch-naturwissenschaftlichen Reihen ist nach Menso Folkerts die „Umstrukturierung der Leibniz-Ausgabe während des Nationalsozialismus“ ein „wesentlicher Faktor“. Allerdings benennt er als „Hauptproblem“ dieser Reihen, dass während des Dritten Reichs die Bearbeiter Conrad Müller und Dietrich Mahnke, der überdies bereits 1939 verstarb, an auswärtigen Hochschulen tätig waren, und das Planstellen nicht eingerichtet wurden. Außerdem war wissenschaftliches Arbeiten wegen der Auslagerung der Materialien ab Sommer 1943 kaum noch möglich (2008, S. 24, 29, 37, 40). Daraus ließe sich schließen, dass die Effekte der Nazifizierung im Vergleich zu den säkular-strukturellen und den kriegsbedingten Hemmnissen relativ gering zu veranschlagen sind. Man könnte vielleicht sogar die These vertreten, dass die Leibniz-Edition von ihrer Politisierung zum Teil profitierte, da bei der Katalogisierung und durch das Erschließen umfangreicher, zum Teil unbekannter Dokumente und Quellen in weiten Teilen Europas erhebliche Fortschritte gemacht wurden. Wobei noch gründlich geklärt werden müsste, inwieweit die Zuarbeit in den betreffenden Ländern wirklich freiwillig war und kein Raubgut erbeutet wurde. Auf keinen Fall aber lässt sich eine rekursive Kopplung mit großen Gewinnen für die Wissenschaft erkennen. Der Etat der PAW wurde im Zeitraum von 1933 bis 1944 zwar um ein Viertel erhöht, wobei aber Projekte wie die Leibniz-Edition nicht nur wegen des Mangels an qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht nachhaltig gefördert werden konnten. Wollte man entsprechende Fortschritte ermöglichen, hätte es ganz anderer Dimensionen der finanziellen Förderung bedurft, wie durch den Vergleich mit dem Etat der Kaiser-WilhelmGesellschaft ersichtlich wird, der im selben Zeitraum verdreifacht wurde (Hachtmann 2007, S. 199).

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16.5 Fazit Dennoch sollte der Ansatz der rekursiven Kopplung herangezogen werden, weil dadurch gezeigt werden kann, welche Bedingungen gegeben sein müssten, damit mit einer Politisierung der Wissenschaft eine Verwissenschaftlichung der Politik einhergehen kann. So scheiterte der Versuch des Verlegers der Leibniz-Ausgabe, namhafte nationalsozialistische Politiker einzuspannen, an deren mangelndem Interesse. Der geschilderte permanente Kampf der Ämter des Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP um eine politisch-ideologisch korrekte Forschung über Leibniz belegt das Scheitern seiner systemkonformen Vereinnahmung. Schon zu Beginn der NS-Herrschaft wird anlässlich des im Archiv der Humboldt-Universität Berlin dokumentierten Habilitationsvorhabens von Dr. Katharina Heufelder mit dem Thema Die psychische Kausalität und ihre Bedeutung im Leibnizschen System die Unsicherheit im Umgang mit Leibniz deutlich. Dass politische Gründe für dessen Abbruch im Jahr 1934 eine Rolle gespielt haben, ist nicht zu übersehen. Nachdem Heinrich Maier in seinem Gutachten zur Habilitationsschrift vom 19. Juni 1933 sich für die Zulassung zu weiteren Habilitationsleistungen ausgesprochen hatte, gab Max Dessoir in seinem Gutachten vom 24. Juli 1933 zu bedenken, ob „bei dem Andrang zur Lehrbefugnis in Philosophie und im Hinblick auf die gegenwärtigen Verhältnisse“ die Anwärterin zugelassen werden solle, wobei er nicht verkenne, „dass in einigen früheren Fällen auch nichts Besseres vorgelegen hat“. Dessoir schließt sich dennoch dem Antrag von Maier an, fordert aber, „dass dem Colloquium ein erheblicher Einfluss auf das Ergebnis eingeräumt wird.“ Doch zu dem Colloquium kommt es nicht. Denn im Oktober 1933 bat der Dekan der Philosophischen Fakultät den Herrn Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung um Anweisung, ob das Habilitationsgesuch „weiter erledigt werden darf und ob mit der Genehmigung der evtl. Erteilung der venia legendi durch den Herrn Minister gerechnet werden kann.“ Denn: „Die neue Habilitationsordnung sieht die Habilitation von Frauen anscheinend nicht vor.“ Der Minister teilte im November 1933 der Philosophischen Fakultät mit, dass „mit der Erteilung der Genehmigung zunächst nicht gerechnet werden kann.“ Im August 1934 schrieb schließlich der Dekan an Katharina Heufelder, „daß die Philosophische Fakultät Ihren Antrag um Zulassung zur Habilitation abgelehnt hat.“ In der Zeit zwischen der Abgabe der beiden positiven Voten für die Zulassung und diesem Bescheid hatte allerdings Nicolai Hartmann in einem Sondervotum die Zulassung abgelehnt. Dem hatten sich nicht nur Alfred Baeumler, sondern auch Arthur Hübner und Alfred Vierkandt angeschlossen, während Wolfgang Köhler sowie Hermann Oncken um eine Kommissionssitzung gebeten hatten. Diesen Ereignisablauf kommentiert Tilitzki folgendermaßen: „Unabhängig von

Fazit 319

der voraussichtlichen Versagung der venia legendi durch das Ministerium kam das Verfahren im Juli 1934 ‚aus sachlichen Gründen‘ zu einem für Heufelder negativen Abschluß.“ (2002, S. 651) Die für das Zitat, „aus sachlichen Gründen“, angegebene Quelle enthält dieses nicht. Es ist auch nicht klar, aus welchen Gründen das Ministerium die venia legendi voraussichtlich versagen sollte. Es war bekanntlich die Philosophische Fakultät, die den Antrag abgelehnt hatte, aber vielleicht vom Ministerium dazu gedrängt worden war. Allerdings hatte Heufelder bereits jeweils drei Themenvorschläge für das Kolloquium und für die Antrittsvorlesung eingereicht. Da auch Alfred Baeumler, seit 1934 Referent für Philosophie und Geisteswissenschaften in der Hochschulkommission der NSDAP (Grüttner 2004, S. 18), abgelehnt hatte, stellt sich die Frage, inwieweit weltanschaulich-politische Hintergründe hinsichtlich des Leibniz-Themas eine Rolle gespielt haben könnten. Die Frage kann mit den bislang bekannten Daten nicht beantwortet werden. Leibniz war vermutlich aber schon zu Beginn des NS-Regimes ein Politikum, ohne dass dies außerhalb des akademischen Arkanums sichtbar wurde und Leibniz somit politisch nicht instrumentalisiert werden konnte. Für den zweiten Ansatz der Interdependenz der außeruniversitären Professionalisierung und der akademischen Institutionalisierung gilt dasselbe wie für jenen der rekursiven Kopplung. Der Plan, eine Reichsakademie der Deutschen Wissenschaft zu errichten, entspricht zwar dem Muster dieser Interdependenz, denn sie sollte zentral die Forschungsförderung an jedem Hochschulort organisieren. Da aber weder konkrete Forschungsvorhaben benannt wurden, noch zusätzliche Finanzmittel verfügbar waren, konnte der Verdacht aufkommen, dass nur eine weitere wissenschaftspolitische Kontrollinstanz geschaffen werden sollte. Die Anwendbarkeit des dritten Ansatzes, wonach Wissenschaft und Politik Ressourcen für einander sein können, zeigt sich einmal in Konrad Meyers Instrumentalisierung von Leibniz. Weiterhin nutzte Theodor Vahlen seine Präsidentschaft und die Umgestaltung von Leibniz-Kommission und Leibniz-Edition zur Organisation seiner späten dritten Karriere. Seine Aktivitäten bedeuten aber auch eine – ihn selbst ausgeschlossen – Verjüngung der Kommission, die Handlungsfähigkeit sicherte, und eine administrative Modernisierung durch Etablierung einer eigenen Akademie-Verwaltung. Die Leibniz-Ausgabe wiederum profitierte von diesen Interventionen trotz großer Hemmnisse, wie etwa die Entlassung des ‚Nicht-Ariers‘ Paul Schrecker, der frühe Tod von Dietrich Mahnke, der freiwillige Wechsel von Erich Hochstetter ins Amt Rosenberg, die Insolvenz des Verlegers und die Notwenigkeit der Einarbeitung von Josef Ehrenfried Hofmann als Nachfolger Paul Ritters sowie der Mangel an qualifizierten Nachwuchskräften, da immerhin Fortschritte bei der Katalogisierung und eine umfangreiche Akquirierung bislang unbekannter oder noch nicht erschlossener Dokumente und Quellen erzielt wurden.

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Allerdings heißt es in einem im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überlieferten Vermerk über eine Besprechung der Spitze der Akademie (Vahlen, Scheel, Bieberbach, Grapow, Hofmann) vom 10. März 1941, Herr Vahlen erkenne an, „dass die Leibniz-Ausgabe in der bisherigen Weise überhaupt nicht mehr weitergeführt werden kann. Er gesteht zu, dass die bisherigen Bände am Besten annulliert würden. Weiterhin deutet er an, dass es am zweckmässigsten wäre, dass ganze Leibniz-Unternehmen in den Aufgabenkreis der Reichsakademie zu übernehmen und damit eine grosszügige Planung und Finanzierung sicherzustellen.“ Wie bekannt, ist es zur Errichtung der Reichsakademie nicht mehr gekommen. Sie erschien aber zu Beginn des Jahres 1941 als viel versprechende Option. Man setzte offensichtlich auf die positiven Effekte einer außeruniversitären Professionalisierung. Das wird auch deutlich an dem Ergebnis einer Besprechung, an der Scheel, Grapow und Hofmann am 18. März 1941 teilgenommen haben, wie im Bestand Leibniz-Kommission der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überliefert ist. Als „eindeutiges Ziel“ wurde festgehalten: „Endgültige Annullierung der bisherigen Ausgabe. Der Bericht soll von Herrn Grapow der Leibniz-Kommission vorgelegt und dann der Gesamtakademie zur Weiterleitung an das Ministerium übergeben werden. Falls die Annullierung nicht vollzogen werden sollte[,] werden die 3 Herren an der LeibnizAusgabe nichts mehr unternehmen.“ Diese Strategie, der Leibniz-Ausgabe einen nicht nur nominalen Sonderstatus als nationale Aufgabe zu verschaffen, die Vahlen in seinen Ansprachen des Präsidenten auf den Leibniztagen, neben der Forderung nach umfassender Bücherzensur, 1940 und 1941propagierte (1941, S. 135 – ​145; 1942, S. 187 – ​192), blieb nicht nur wegen des Scheiterns der Reichsakademie-Pläne erfolglos. Am 9. Februar 1943 hatte nämlich SS-Oberführer im Stabe des Reichsführers SS Vahlen dem Reichsführer SS Heinrich Himmler brieflich mitgeteilt, wie seiner SS-Führerpersonalakte im Bundesarchiv Berlin, ehemaliger Bestand des Berlin Document Center zu entnehmen ist, seine Tätigkeit als Präsident sei „infolge der Einschränkungen entbehrlich geworden“, deswegen wolle er sich für wichtige Arbeiten in dessen Bereich zur Verfügung stellen. Zur Vorbereitung des Antwortschreibens Himmlers hatte der Reichsgeschäftsführer der SS-Lehr- und Forschungsgemeinschaft, Das Ahnenerbe, diesen Sachverhalt davon abweichend geschildert: „Im Zusammenhang mit den allerdings erfolgten Einschränkungen der Arbeiten der Preußischen Akademie der Wissenschaften wurde Vahlen nahegelegt, seine Entlassung zu erbitten, da man ihn sonst hätte abberufen müssen. Die Kräfte des Gedächtnisses haben Vahlen in letzter [Zeit] so verlassen, dass sich bei der Führung der Akademiegeschäfte und auch nach außen hin Schwierigkeiten und peinliche Situationen ergaben.“ Auch hieran erkennt man, dass die Preußische Akademie der Wissenschaften und die Leibniz-Ausgabe mindestens schon gut zwei Jahre vor

Literatur 321

der deutschen Kapitulation keine wissenschaftspolitische Protektion mehr genossen. Es kommt auf der Akteursebene nur noch hinzu, dass auch der Präsident für die Weiterführung der Geschäfte als ungeeignet erklärt wurde. Für das vorgelegte wissenschaftssoziologische Modell bedeutet dies, dass mit Bezug auf dessen drei Erklärungsansätze für das Verhältnis von Wissenschaft und Politik während des Dritten Reichs im Hinblick auf die Akademie und die Leibniz-Ausgabe gesagt werden kann, dass sie nur bedingt von der rekursiven Kopplung von Wissenschaft und Politik, hier vornehmlich repräsentiert durch das Amt Rosenberg, sowie der außeruniversitären Professionalisierung und dem Ressourcen-Tausch profitieren konnten. Vonseiten der Politik wiederum sind verschiedene Versuche der Politisierung unternommen worden, die jedoch ohne nachhaltige Wirkung blieben und andersherum auch keine Verwissenschaftlichung von Politik initiierten.

16.6 Literatur Ash, Mitchell G. 2002. Wissenschaft und Politik als Ressourcen für einander. In Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahmen zu Formationen, Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Hrsg. Rüdiger vom Bruch, und Brigitte Kaderas, 32 – ​51. Stuttgart. Bollmus, Reinhard. 2006. Das Amt Rosenberg und seine Gegner: Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. München. Botsch, Gideon. 2005. „Politische Wissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg. Die „Deutschen Auslandswissenschaften“ im Einsatz 1940 – ​1945. Paderborn. Brocke, Bernhard vom. 2008. Begrüßung und Einführung. In Der Historiker Conrad Grau und die Akademiegeschichtsschreibung. Wissenschaftliches Kolloquium zum Gedenken an Conrad Grau (1932 – ​2000) am 15. März 2003 in Berlin. Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften 98, Hrsg. Bernhard vom Brocke, und Hubert Laitko, 7 – ​15. Fischer, Wolfram, Rainer Hohlfeld, und Peter Nötzoldt. 2000. Die Berliner Akademie in Republik und Diktatur. In Die Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1914 – ​1945, Hrsg. Wolfram Fischer, Rainer Hohlfeld, und Peter Nötzoldt, 517 – ​566. Berlin. Folkerts, Menso. 2008. Die Leibniz-Edition zwischen Wissenschaft und Politik. In Kosmos und Zahl. Beiträge zur Mathematik- und Astronomiegeschichte, zu Alexander von Humboldt und Leibniz, Hrsg. Hartmut Hecht, Regina Mikosch, Ingo Schwarz, Harald Siebert, und Romy Werther, 23 – ​45. Stuttgart. Geuter, Ulfried. 1984. Die Professionalisierung der deutschen Psychologie im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main. Grau, Conrad. 1993. Die Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Eine deutsche Gelehrtengesellschaft in drei Jahrhunderten. Heidelberg.

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Teil VII

17

Schluss

17.1 „Endgültige Zurückweisung der These, dass es während der NS-Zeit eine Soziologie gab“ Ob es Christian Fleck tatsächlich gelingt, mit dem Aufsatz, der diesen markigen Titel trägt, die besagte These endgültig zurückzuweisen, soll im Folgenden geprüft werden. Den Nachweis will er führen, indem er drei Kriterien in Anlehnung an Edward Shils anführt, die erfüllt sein müssen, „um von der fortdauernden Existenz einer wissenschaftlichen Disziplin sprechen zu können […].“ (2019, S. 71): „Eine Minimaldefinition von wissenschaftlicher Disziplin umfasst drei Elemente: Es muss eine ausreichend große Zahl von Personen vorhanden sein, die sich vorrangig über die gemeinsame Arbeit definieren, wobei die Interaktionen untereinander dadurch stabilisiert werden, dass es eine professionelle Organisation gibt, deren Name den der Disziplin zitiert und die für einen regelmäßig möglichen Austausch unter ihren Mitgliedern sorgt, was erlaubt, die Erkenntnisse und eigenen Ideen der kritischen Prüfung anderer zu unterwerfen. Zweitens benötigen die schon initiierten Mitglieder jüngere InteressentInnen, denen sie das akkumulierte disziplinspezifische Wissen im Wege formalisierter Ausbildungsgänge weitergeben können. Drittens benötigt eine Disziplin eine stabile Finanzierung.“ Da behauptet werde, dass im Nationalsozialismus „die empirische Sozialforschung erblüht sei“, zieht Fleck dies als „weiteres Kriterium“ heran und stellt fest, „dass es bislang keinen einzigen Fund von halbwegs wirksamer Sozialforschung gegeben hat.“ (2019, S. 86) Falls Fleck allein meine Texte zu diesem Thema zur Kenntnis genommen hätte, hätten ihm einschlägige Funde auffallen können. In seinem Aufsatz erwähnt Fleck meine Arbeiten allerdings nicht. Flecks drei Kriterien, die erfüllt sein müssen, „um von der fortdauernden Existenz einer wissenschaftlichen Disziplin sprechen zu können“, taugen nicht, um © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8_17

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328 Schluss

die Existenz von Soziologie nach 1933 zu bestreiten, da von einer „fortdauernden Existenz“ einer Disziplin Soziologie gemäß diesen Kriterien schon vor 1933 nicht die Rede sein kann. Es gab zwar mit der Deutschen Gesellschaft für Soziologie eine „professionelle Organisation“, nur bestand die mehrheitlich aus Nicht-Soziologen. Das zweite Kriterium seien „formalisierte Ausbildungsgänge“. Auch dieses Kriterium ist nicht geeignet, um eine „fortdauernde“ Existenz von Soziologie nach 1933 zu bestreiten, da es vor 1933 in Deutschland nicht einen Ausbildungsgang von Soziologie gegeben hatte. Drittens benötigte „eine Disziplin eine stabile Finanzierung.“ (2019, S. 81) Und genau darüber verfügte die in der Weimarer Republik betriebene Soziologie nicht. Sie kämpfte mit nur mäßigem Erfolg um ihre Etablierung im tradierten universitären Fächerkanon. Und das Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften mit seiner soziologischen Abteilung unter der Leitung von Leopold von Wiese stand als städtische Institution schon vor dem Ende der Weimarer Republik wegen Geldmangels der Stadt Köln kurz vor der Schließung. Nun heißt es bei Fleck: „Erst wenn alle drei Kriterien vorhanden sind und nur solange alle drei gepflegt werden, können wir nach Ansicht von Edward Shils von der Existenz einer Disziplin sprechen.“ (2019, S. 81) Dazu ist zu sagen dass – wie dargelegt – alle drei Kriterien nicht erfüllt waren, so dass sie auch danach nicht weiter „gepflegt“ werden konnten. Allerdings erschlossen sich im Dritten Reich in verschiedenen Politikfeldern Arbeitsmöglichkeiten für Personen, die soziologisch-sozialwissenschaftliches Expertenwissen einbringen konnten. George Steinmetz hat diesen Sachverhalt jüngst prononciert auf den Punkt gebracht: „It was Nazism that turned German sociology into a utilitarien, ahistorical science serving immediate political concerns.“ (2017, S. 2) Fleck kommentiert diese Position: „dann mag schon sein, dass das, was die verbliebenen Soziologen nach 1933 taten, damit zutreffend beschrieben ist. Daraus wäre dann nur der Schluss zu ziehen, dass man sich mit dieser intellektuellen Sackgasse nicht weiter befassen muss […].“ (2019, S. 86) Fleck übersieht dabei, dass es sich bei den „verbliebenen Soziologen“ um jene handelt, die nach 1945 die Entwicklung der westdeutschen Soziologie dominierten, da leider nur wenige exilierte Soziologen wieder zurückkehrten. Und es waren die „verbliebenen Soziologen“, die zum Teil schon vor 1945, aber insbesondere in der Nachkriegszeit den Nachwuchs an bundesrepublikanischen Soziologen ausbildeten und zu Karrieren verhalfen. In einer Sackgasse befindet sich zum wiederholten Mal Christian Fleck, der die Realität nicht zur Kenntnis nehmen will.

US-amerikanische empirische Soziologie 329

17.2 US-amerikanische empirische Soziologie und die Nicht-Existenz empirischer Sozialforschung im Dritten Reich Wie bereits erwähnt, ist Fleck der Meinung, es habe bislang keinen einzigen Fund von halbwegs wirksamer Sozialforschung nach 1933 gegeben (2019, S. 86). Dem habe ich bereits widersprochen. Es stellt sich aber die Frage, wie sich die Lage vor 1933 darstellt ? Dazu hat Susanne Petra Schad schon 1972 in ihrem Buch Empirical Social Research in Weimar-Germany eine prägnante Position bezogen (Schad 1972). Zuerst stellt sie klar, dass es bemerkenswerte Beziehungen zwischen amerikanischen und deutschen Soziologen gegeben hat: „[…] we discovered that a sizable number of American sociologists were members of the German Sociological Society and occasionally participated at the meetings. Even more important is the fact that an equal number of German sociologists had visited the United States and thus had an opportunity to acquaint themselves directly with American research methods they did not incorporate them into their work.“ Für die erste Gruppe nennt sie: „Among others: E. L. Hayes, Albion Small, Howard Becker, F. H. Giddings, E. A. Ross, H. E. Barnes, Florian Znaniecki, Louis Wirth.“ Für die zweite Gruppe nennt sie: „Among others: Max Weber, Ferdinand Tönnies, Andreas Walt[h]er, Willy Gierlichs, Leopold von Wiese, Rudolf Heberle, Johanna Meuter, Greta Lorke and L. H. Geck.“ (1972, S. 4) Dabei ist besonders interessant, dass fast alle genannten deutschen Soziologen auch empirische Soziologie betrieben haben. Aber auch die deutschen Soziologen, die nicht die USA besucht hatten, konnten über den dortigen Stand der empirischen Soziologie informiert sein. Schad hat die Abteilung für Buchbesprechungen der Kölner Vierteljahrshefte für Soziologie für die Jahre 1924 bis 1934 ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, dass „roughly 90 % of the reviews during the years 1924 – ​1934 dealing with empirical studies and conducted in the United States, merely discussed the findings of these studies but not the methodology which had been employed.“ (1972, S. 4) Nun ist zwar nicht klar, wie viele Besprechungen amerikanischer empirischer Studien Schad ausgewertet hat, es dürfte aber deutlich geworden sein, dass deutsche Soziologen aufgrund persönlicher Kontakte und der erwähnten Buchbesprechungen nicht ahnungslos hinsichtlich der empirischen US-Soziologie gewesen sein können. Nach Meinung von Schad betrachteten deutsche Soziologen jedoch „empirical social research as a specifically American phenomenon.“ (1972, S. 5) Denn sie gingen davon aus, dass der amerikanische Soziologe davon überzeugt war, dass „truth“ nur empirisch zu verifizieren sei. Bei ihrer Erklärung der Haltung deutscher Soziologen gegenüber empirischer Forschung benennt sie meiner Meinung nach sehr treffend den Hauptgrund für die Distanzierung deutscher Soziologen von der empirischen Sozialforschung: „Since sociology did not meet the social

330 Schluss

and political demand for the collection of empirical data we have to assume that another field must have done so.“ (1972, S. 5) Die gesellschaftliche und politische Nachfrage nach „Non-sociological social research“ wurde demnach von den Disziplinen „psychology, psychiatry, medicine and education“ gedeckt (1972, S. 99 – ​ 147). Nach 1933 sorgte dann die Nachfrage nach empirischer Sozialforschung in diversen Politikfeldern des NS-Regimes dafür, dass sie in erheblichem Ausmaß von Soziologen gedeckt wurde.

17.3 Völkische oder wissenschaftliche Sozialforschung ? Die politische Nachfrage wurde initiiert von Volksgemeinschaftsvisionen für die Gestaltung einer genuinen NS-Gesellschaft jenseits von Stand und Klasse und rassisch homogen, eben völkisch. Nach außen gerichtet bedeutete die Volksgemeinschaftsideologie eine völkermörderische Ausrottungspolitik und die Sortierung der im Herrschaftsbereich des NS-Regimes verbleibenden Völker nach Anteilen „deutschen und stammesgleichen“, das heißt „germanischen“ Bluts sowie „artverwandten“ aber nicht „stammesgleichen Bluts“, das ist das Blut aller „nichtgermanischen europäischen Völker“. Zur Regelung von Beziehungen zwischen Angehörigen dieser Gruppen erließ der Reichsführer SS Heinrich Himmler in seiner Eigenschaft als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums detaillierte Anweisungen. Bezüglich der „Fremdrassigen“, gemeint waren insbesondere „fremdrassige Wanderarbeiter“, das sind Zwangsarbeiter, deren Arbeitskraft rücksichtslos ausgebeutet werden sollte, da die NS-Wirtschaft ohne sie sonst nicht funktioniert hätte, erließ Himmler, der diesen Sachverhalt nicht ignorieren konnte, ein „heiliges, für alle Zeiten gültiges Gesetz“: „unmöglich und verboten ist jede geschlechtliche Vermischung zwischen diesen fremdrassigen und germanischen Menschen.“ Im Kapitel 9 finden sich detaillierte Ausführungen zu Himmlers Problem, seinen Germanen-Kult mit den Notwendigkeiten der NS-Wirtschaft in Einklang zu bringen. Wenn man diese sehr speziellen Ausführungen zu Volk, Blut und Rasse als Ausgangspunkt für eine Beurteilung der Arbeitsmöglichkeiten von Soziologen/ Sozialwissenschaftlern nimmt, kann eigentlich nur die Existenz einer ‚völkischen Wissenschaft‘ angenommen werden. Diese Annahme könnte zum Beispiel allein dadurch Bestätigung finden, dass es ein zweibändiges Handbuch der völkischen Wissenschaften (Fahlbusch, Haar und Pinwinkler 2017) gibt. In der zweiten Auflage aus dem Jahr 2017 findet man in der Einleitung zum Teilband 1 von Uwe Puschner folgendes Statement: Es „begann unmittelbar mit der Machtübertragung an Hitler 1933 in den Universitäten und in neugegründeten nationalsozialistischen Forschungseinrichtungen die Institutionalisierung völkischer Wissenschaft, die unter

Völkische oder wissenschaftliche Sozialforschung ? 331

den Paradigmen der Rassenideologie und des Antisemitismus in sämtliche bestehende und neu entstehende Disziplinen ausgriff.“ (2017, S. 16) Der Titel der Einleitung beginnt mit der Formulierung Verwissenschaftlichung der Weltanschauung. Diese Formulierung negiert den kategorischen Unterschied von Wissenschaft und Weltanschauung. Eine Weltanschauung kann nicht verwissenschaftlicht werden, weil sie dann ja wissenschaftlich überprüfbar sein müsste. Dem entziehen sich Weltanschauungen aus gutem Grund. Wirksam sind Weltanschauungen, weil sie ein anti-wissenschaftliches Programm verfolgen. Und umgekehrt gibt es keine „völkische Wissenschaft“, weil Wissenschaft nur dann Wissenschaft ist, wenn sie nicht ideologisch, hier völkisch, kontaminiert ist. Inwieweit die Institutionalisierung völkischer Wissenschaft tatsächlich „in sämtliche bestehende und neu entstehende Disziplinen ausgriff“, kann ich nicht beurteilen. Für das Gebiet soziologisch/sozialwissenschaftlicher Arbeit kann ich jedoch festhalten, dass es zwar eine Reihe von Volkwerdungstheoretikern, die allerdings ganz bewusst nicht die Existenz einer bereits etablierten Volksgemeinschaft behaupteten, gegeben hat. Sie spielten aber in den Politikfeldern des Dritten Reichs aus anwendungsbezogener Sicht keine Rolle, sie wurden vielmehr von wissenschaftspolitischen NS-Institutionen ignoriert, zurückgewiesen oder miss­ trauisch observiert. Gefragt war hingegen realitätstüchtiges sozialwissenschaftliches Expertenwissen anstatt völkischer Phraseologie. Alexander Pinwinkler, einer der Herausgeber des Handbuchs der völkischen Wissenschaften, sieht das in seinem Buch über Historische Bevölkerungsforschungen (Pinwinkler 2014) ganz anders: „Eine ex post erfolgende Differenzierung zwischen einer – vermeintlichen – ‚Realsoziologie‘ oder sozialwissenschaftlichen Bevölkerungswissenschaft auf der einen und einer biologisch-rassischen ‚Volkstumsforschung‘ auf der anderen Seite betrachte ich für die hier verfolgten Fragestellungen ebenso wenig als weiterführend.“ (2014, S. 14) Diese ex post Differenzierung meint er bei mir vorzufinden. Dabei übersieht er, dass diese Differenzierung von den damaligen wissenschaftlichen und politischen Akteuren vorgenommen wurde, wenn zum Beispiel das Soziographische Institut an der Universität Frankfurt am Main oder die Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung gegründet werden. Pinwinklers Erläuterung seiner Position macht deutlich, dass diese eine künstlich konstruierte Einheit behauptet: „Denn die politische Brisanz von Wissenschaften im ‚Dritten Reich‘ ergab sich – so die zweite These – wesentlich gerade aus der Verbindung von tatsächlich oder vermeintlich sachbezogenen Forschungen mit biologisierenden Studien zum deutschen ‚Volkskörper‘ und rassistischen bevölkerungspolitischen Praktiken.“ (2014, S. 14) Die Annahme einer „Verbindung von tatsächlich oder vermeintlich sachbezogenen Forschungen mit biologisierenden Studien“ zeigt die Unhaltbarkeit seiner Position. Denn es müsste demnach ja sowohl die Verbindung tatsächlich sachbezogener Forschungen mit biologisierenden Studien oder nur

332 Schluss

vermeintlich sachbezogene Forschungen mit biologisierenden Studien. Wie die erste Variante aussehen könnte, wird nicht weiter ausgeführt. Als Beispiel für die, vermute ich, zweite Variante wählt Pinwinkler den Text Bevölkerung und Raum von Elisabeth Pfeil aus dem Jahr 1937, der „unzweideutig die erbbiologisch-rassenkundliche Argumentationsweise Pfeils“, beziehungsweise ihre „biologistische Wahrnehmungsweise von soziologischen Prozessen der Land-Stadt-Wanderung“ belege (2014, S. 85). Ich hatte demgegenüber, worauf Pinwinkler Bezug nimmt, Pfeil bescheinigt, dass sie sich „mit aller soziologischen Deutlichkeit im Hinblick auf die Bevölkerungswissenschaft gegen biologistischen Raumdeterminismus“ gewandt hatte (2009, S. 175). Begründet hatte ich diese Einschätzung damit, dass Pfeil festgehalten hat, dass der Raum der nordischen Rasse größer sei als der deutsche Raum, „von ihm allein her kann man daher die eigentümlichen Verhältnisse der deutschen Bevölkerung nicht erfassen“ (1937, S. 126). Damit verstößt sie gerade wegen der Rassen-Terminologie elementar gegen den Kult, der um die nordische Rasse als wertvollster Bestandteil des deutschen Volkes getrieben wurde. Damit wendet sie sich eindeutig – wie eben erwähnt – gegen biologistischen Raumdeterminismus. Diese Aussage Pfeils erwähnt Pinwinkler ebenso wie meine Bezugnahme darauf nicht. Elisabeth Pfeil greift auch in anderen Texten auf NS-Terminologie zurück, jedoch ist ihre Arbeit deswegen nicht als völkisch zu bezeichnen, da ihre fachwissenschaftliche Argumentation, insbesondere ihre Pionier-Leistung zur Entwicklung einer Soziologie der Großstadt, jeder biologistischen, also völkischen Sicht diametral widerspricht, wie Sonja Schnitzler detailliert herausgearbeitet hat (Schnitzler 2012). Damit steht aber Elisabeth Pfeil nicht allein da, auch bei Gunther Ipsen lässt sich Ähnliches beobachten, indem er exzessiv Bauerntümelei und Schollen-Mystik pflegt, andererseits aber eine sachbezogene, ideologiefreie agrarsoziologische Analyse in den Texten Die ländliche Gesellschaft im Industriesystem (1933) und Landvolk und industrieller Lebensraum im Neckarland (1941) liefert (Klingemann 2009, S. 118 f.) Wie schon bezüglich des Bevölkerungssoziologen Ipsen (Klingemann 2009, S. 339) formuliere ich auch hinsichtlich des Agrarsoziologen mein Gesetz vom doppelten Ipsen: „Der volkstumspolitische Schwärmer Ipsen unterliegt dem soziologischen Realisten, wenn es darauf ankommt.“ (2009, S. 118) Die Formulierung, „wenn es darauf ankommt“, soll zum Ausdruck bringen, dass Gunther Ipsen wie auch Elisabeth Pfeil und sogar der berüchtigte Reichssoziologe Karl Heinz Pfeffer zeitgemäße völkisch-biologistische Ideologie-Produktion betrieben, aber andererseits ihre Qualifikation als Fachwissenschaftler unter Beweis stellten. Dies wurde durchaus auch von zeitgenössischen Kollegen gesehen, als zum Beispiel Ipsen einen Antrag bei der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft zur Bewilligung von Reisegeldern für praktische Dorfforschungen gestellt hatte. David Hamann teilt mit, Leopold von Wiese „begutachtete den Antrag und stand

Völkische oder wissenschaftliche Sozialforschung ? 333

Ipsens Forschungsvorhaben grundsätzlich positiv gegenüber.“ (2013, S. 109) Max Sering, der Vorsitzende des über den Antrag entscheidenden Fachausschusses der Notgemeinschaft habe Ipsens Wandel von deduktiver, spekulativer Philosophie hin zur empirisch arbeitenden Soziologie hervorgehoben, was zur Bewilligung des Antrags geführt habe. Hamann stellt fest, dass Sering und von Wiese Ipsens Forschungsansatz „gleichermaßen als innovativ“ aufgefasst haben (2013, S. 112). An anderer Stelle räumt Hamann deswegen auch ein: „Zweifellos handelte Ipsen nicht nur im Sinne einer bloßen ‚Bauern- oder ‚Blut-und-Boden‘-Romantik, er war durchaus bereit, die Vorteile des technischen Fortschritts für das ‚Volkstum‘ nutzbar zu machen – jedoch nicht um den Preis der ideologisch aufgeladenen, autoritär-nationalsozialistischen Familienverfassung des Dorfes.“ Eben die so charakterisierte Familienverfassung wurde – entgegen der Intentionen des Erbhofgesetzes – von der praktizierten Agrarpolitik nicht konserviert. Es ist bekannt, dass Ipsen zwar weiterhin Bauern-Romantik produzierte, aber wusste, dass dies nicht mehr zeitgemäß war. Hamann versucht dennoch, das Klischee vom rückwärtsgewandten Ipsen zu retten: „Daher bleiben gesellschaftliche oder technische ‚Innovationsansätze‘ für die ländliche Gesellschaft bei Ipsen eine vernachlässigenswerte Größe – abgesehen von dem Vorschlag einer notwendigen und durch äußere Umstände erzwungenen Verbindung von Land und Industriesystem.“ (2013, S. 135) Aber dieser „Vorschlag“ belegt ja gerade, dass es diesen doppelten Ipsen gegeben hat. Nur, dem hält Hamann entgegen: „Klingemann zieht diesen Schluss allerdings aufgrund eines Vergleiches zwischen Ipsens Aussagen zur ‚Bevölkerung‘ von 1933, 1935 und 1972, nicht aus einer Analyse des persönlich-wissenschaftlichen Werdegangs von 1920 bis 1933, zudem impliziert seine Aussage auch indirekt, worauf es Ipsen angeblich ankam, nämlich auf die Begründung einer innovativen, praxisorientierte Bevölkerungslehre.“ (2013, S. 134) Dazu ist zu sagen, dass ich in dem von Hamann zitierten Band nicht nur drei, sondern 28 Texte von Ipsen ausgewertet habe, was durch einen Blick ins Literaturverzeichnis schnell erkannt werden kann (2009, S. 398 f.). Völlig unklar ist, warum ich eine Analyse des persönlich-wissenschaftlichen Werdegangs von 1920 bis 1933 hätte vornehmen müssen. Das Gesetz vom doppelten Ipsen formuliere ich mit Bezug auf Texte aus der NS-Zeit. Auf die abwegigen Spekulationen, was meine Aussage „indirekt“ hinsichtlich Ipsens tatsächlicher Absicht impliziere, gehe ich nicht ein. Das Gesetz vom doppelten Ipsen wurde auch im Hinblick auf die Wissensproduktion des Soziologen Franz Ronneberger, der gleichzeitig Wissen für seine akademische Karriere wie auch geheimdienstliches Wissen (Intelligence) für den Auslandsnachrichtendienst des Reichssicherheitshauptamtes auf empirischem Weg gewonnen hat. Bevor Andreas Kranebitter und Christoph Reinprecht auf Ronneberger zu sprechen kommen, stellen sie folgende Frage und geben selbst

334 Schluss

Antworten darauf: „Wozu dient die Konstruktion des Wissenschaftlers Ipsen gegen den Ideologen Ipsen, die Entscheidung darüber, welcher Ipsen welchem Ipsen unterliegt ? Den Wissenschaftler vom Ideologen Ipsen zu trennen, um etwa eine „ideologisch nicht kontaminierte[n] Analyse des Verhältnisses von Landwirtschaft und Industrie [Klingemann 2009, S. 118] zu konstatieren, reduziert die Frage der Kontaminationen letztlich auf oberflächliche Lippenbekenntnisse, konstruiert Ideologie und (empirische) Wissenschaft als einander äußerlich bleibende Gegensätze, wobei ein nicht-kontaminiertes Fachwissen lediglich politischen Gebrauch findet und geht Ipsens Selbstkonstruktion auf den Leim, der sich wie Ronneberger in der Nachkriegszeit selbst zum ‚doppelten Ipsen‘ macht, um als Fachwissenschaftler Ipsen seine Karriere an der Sozialforschungsstelle Dortmund und der Universität Münster nahezu bruchlos fortzusetzen. Es mögen zwei Seelen in seiner Brust gelebt haben, doch es gab nur einen Ipsen.“ (2019a, S. 22) Dazu ist zu sagen: Es geht nicht um oberflächliche Lippenbekenntnisse, sondern – wie bereits gezeigt – um realsoziologische Analysen Ipsens bezüglich des Verhältnisses von Agrarsektor und Industriesystem. Ideologie und Wissenschaft werden nicht als einander äußerlich bleibende Gegensätze konstruiert, sondern werden von Ipsen in den von mir kontrastierend herangezogenen Texte selbst getrennt. An sozialtechnologischen Lösungen interessierte NS-Institutionen legten keinen Wert auf professorale Weltanschauungsbelehrung, sondern auf ideologisch nicht kontaminiertes sozialwissenschaftliches Expertenwissen. Man geht Ipsens angeblicher postnationalsozialistischer Selbstkonstruktion nicht auf den Leim, wenn gezeigt wird, dass es den doppelten Ipsen schon vor 1945 gegeben hat. Es gab tatsächlich nur einen Ipsen, über dessen Seelenleben mir aber keine Informationen vorliegen, jedoch Schriften, die einerseits den Bauern-Romantiker Ipsen zeigen, andererseits den agrarsoziologischen Realisten. In diesem Zusammenhang stellen mir Kranebitter und Reinprecht eine weitere Frage, nach dem sie meine Sicht der Entstehung der modernen Sozialgeschichtsschreibung, wie folgt, zitieren: „Sie [Nachwuchssoziologen der NS-Zeit als spätere Wegbereiter der modernen Sozial­ geschichtsschreibung] sind ursprünglich geleitet von volkstumsideologischen und zum Teil antisemitischen Impulsen, entwickeln daraus aber […] sozialempirische Forschungsansätze, die eine Modernisierung der herkömmlichen Historiographie durch deren Soziologisierung einleiten (Klingemann 2009: 15).“ Die von Kranebitter und Reinprecht vorgenommenen Kursivsetzungen sollen verdeutlichen, dass die Problematik der Trennung „schon verbal“ auffalle. Darauf folgt die Frage: „Kann man ‚zum Teil‘ Nazi sein und ‚ursprüngliche‘ Impulse einfach ablegen ?“ (2019a, S. 22) Diese Frage ist falsch gestellt. Nachwuchssoziologen, spätere Wegbereiter der modernen Sozialgeschichtsschreibung, waren geleitet neben volkstumsideologischen Impulsen, „zum Teil“ auch von antisemitischen. Das heißt, dass unter diesen Nachwuchssoziologen „zum Teil“ auch welche waren,

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die von antisemtischen Impulsen geleitet waren. Der zweite Teil der Frage, kann man „‚ursprüngliche‘ Impulse einfach ablegen ?“, versucht, den ersten Teil zu retten, scheitert aber, da diese ursprünglichen Impulse, wie man etwa den soziologischen Anteilen im Rahmen volksgeschichtlicher Arbeiten entnehmen kann, teilweise bereits vor 1945 verdrängt wurden, so dass sie Grundlagen für die Gründung der modernen Sozialgeschichtsschreibung bilden konnten (Klingemann 2009, S.  340 – ​359). Kranebitter und Reinprecht meinen, dass „eine Trennung von politisch ‚kontaminierten‘ Geheimdienstwissen auf der einen und ‚reinem‘ Fachwissen auf der anderen Seite in der Realität nicht gegeben war – beides war im Gegenteil untrennbar miteinander verschmolzen.“ (2019a, S. 20) Diese Feststellung treffen sie unter Berufung auf „Habilitation und Rehabilitation Ronnebergers“, die dies „zeigen“ (2019a, S. 19 f.) Ronneberger hatte sich 1944 zum ersten Mal habilitiert und 1960 zum zweiten Mal. Es dürfte nicht einfach sein, seiner „Habilitation“ im Jahr 1960 nachzuweisen, dass sie Geheimdienstwissen und Fachwissen untrennbar verschmelze. Denn die für die Habilitation eingereichten Schriften behandeln einmal das Thema Verwaltung im Ruhrgebiet als Integrationsproblem und zweitens das Thema Staatsverfassungstendenzen der Südoststaaten seit 1945. Allerdings stellt sich die Frage, was mit „Rehabilitation“ überhaupt gemeint ist ? Kranebitter und Reinprecht ziehen mein Gesetz vom doppelten Ipsen heran, um Ronneberger die genannten Verschmelzungen nachweisen zu können. Ergänzt wird diese Instrumentalisierung noch durch die Pointe, dass ich damit den „postnazistischen Selbstkonstruktionen“ der Entlastung folge (2019a, S. 20). Dazu eignet sich das Gesetz nicht, da Ipsens Texte sich ideologiefixiert versus fachwissenschaftlich nicht unterscheiden lassen. Hingegen sehe ich bei Ronneberger eine „typische Verquickung von Intelligence und Wissenschaft“ (2009, S. 236). Ich stimme Peer Heinelt zu, dass die SS aus Ronnebergers wissenschaftlicher Karriere „nicht wegzudenken“ ist und nenne das eine „strukturelle Verquickung von Wissenschaft und Politik“ (2009, S. 227), was ich später im Vergleich mit den USA wieder aufgreife in einem Fazit unter dem Titel Zur Koexistenz von Sozialwissenschaft und Intelligence: USA – Drittes Reich (2009, S. 253 f.). Ronnebergers Berichte, unter anderem für den Auslandsnachrichtendienst des Reichssicherheitshauptamtes, sind nicht zu reduzieren auf Auslandsspionage, befinden sich aber eben in Koexistenz geheimdienstlicher Informationsbeschaffung und wissenschaftlicher Analyse. Deswegen lautete mein abschließender Befund hinsichtlich dieser Koexistenz: „daraus folgt aber auch, dass Sozialwissenschaft nicht als Ideologieproduzentin nützlich war, sondern als Wissenschaft dem NS-Regime diente, womit allerdings auch die nicht nur von Ronneberger verfolgte Verteidigungsstrategie, doch nur Wissenschaftler gewesen zu sein, zusammenbricht.“ (2009, S. 254 f.) Kranebitter und Reinprecht haben diesen Satz offensichtlich nicht zur Kenntnis

336 Schluss

genommen, denn sonst hätten sie mir nicht nachsagen können, dass ich „postnazistischen Selbstkonstruktionen“ gefolgt sei. 1958 veröffentlicht Ronneberger sein Buch Die Soziologie. Aufstieg einer Wissenschaft. Ein Leitfaden für Praxis und Bildung unter dem Pseudonym Stefan Lambrecht. Ronnebergers Korrespondenzstelle war auf dem von der SS konfiszierten Benediktinerstift St. Lambrecht in der Steiermark als Einrichtung des Reichssicherheitshauptamtes untergebracht. Dort befand sich auch eine Außenstelle des KZ Mauthausen. Kranebitter und Leinprecht stellen fest, das Buch von Stefan Lambrecht baue „nicht nur empirisch auf seinen geheimdienstlichen Forschungen zu Südosteuropa auf “ – ohne allerdings auch nur den kleinsten Beleg für diese Behauptung vorzulegen. Sie sehen darüber hinaus Kontinuitäten, die sich ergeben „auch im Verständnis, wofür Wissenschaft zu dienen habe.“ Die Soziologie habe demnach die Aufgabe, „die ‚soziale Ordnung zu heilen‘.“ Das Ergebnis „ist eine autoritäre Soziologie, eine Soziologie des Ordnungswissens.“ (2019a, S. 24) Das sieht René König, der weiß, dass es sich um ein Pseudonym handelt, ganz anders. Er ist voll des Lobes für Ronneberger und sein Buch. Lambrecht sei „ein zweifellos aufgeschlossener Kopf mit einem ausgeprägten Sensorium für gegenwärtig schwebende Frage.“ Die „Hauptfunktion“ des Buches sei die „Aufklärung interessierter Laien“ (1960, S. 138, 139). Kranebitter und Reinprecht befassen sich im Anschluss ihrer Interpretation des Ronneberger-Buches mit der „Frage der Kontaminierungen“, wobei „vor allem kognitive Kontinuitäten“ zur Debatte stünden. Wie schon mehrfach vorgetragen, scheint mir der Nachweis von kognitiver Kontinuität im Fall von Franz Ronneberger nicht gelungen zu sein. Diese Ausführungen von Kranebitter und Reinprecht stehen in der Einleitung zu dem von ihnen herausgegebenen Buch Die Soziologie und der Nationalsozialismus in Österreich. Dort findet sich auch der bereits diskutierte Beitrag von Christian Fleck Endgültige Zurückweisung der These, dass es während der NS-Zeit eine Soziologie gab neben dem von Andreas Kranebitter Alles auf Schienerl ? Adolf Günther, Walter Schienerl und das Erbe der NS-Soziologie in Wien. Wenn es ein Erbe der NS-Soziologie gab, müsste es logischerweise auch eine NS-Soziologie gegeben haben. Hat Christian Fleck sie übersehen ? Das ist unwahrscheinlich, denn schon 2014 hat der ihm wohl gut bekannte Christoph Reinprecht unmissverständlich festgestellt, es „bedeutete der österreichische Nationalsozialismus ab 1938 kein Ende der Soziologie, die NS-Herrschaft förderte vielmehr sogar, vor allem durch personalpolitische Entscheidungen, ihre Verankerung als Universitätsfach.“ (2014, S. 239) Aber nicht nur das, Andreas Kranebitter präsentiert sogar drei Sorten von Soziologie im Nationalsozialismus. Da ist einmal die „theoretisch orientierte Soziologie, die Otthein Rammstedt als ‚Deutsche Soziologie‘ bezeichnet hat […]. Dann gibt es eine „Variante einer NS-Soziologie […], die empirisches Expertenwissen produziert hätte.“ Und drittens kreier-

Literatur 337

ten Adolf Günther und Walter Schienerl „eine eigene Version der NS-Soziologie, die man als ‚NS-Soziologie‘ nicht retrospektiv zu entweder Sozialtechnologie oder Geschichtsphilosophie monolithisieren kann.“ (2019, S. 204). Die Endgültige Zurückweisung der These, dass es während der NS-Zeit eine Soziologie gab, scheint mir ins Leere gegangen zu sein.

17.4 Literatur Fahlbusch, Michael, Ingo Haar, und Alexander Pinwinkler. Hrsg. Handbuch der völkischen Wissenschaften. Akteure, Netzwerke, Forschungsprogramme. Teilband 1: Biographien. Berlin – Boston. Fleck, Christian. 2019. Endgültige Zurückweisung der These, dass es während der NSZeit eine Soziologie gab. In Die Soziologie und der Nationalsozialismus in Österreich, Hrsg. Andreas Kranebitter, und Christoph Reinprecht, 71 – ​92. [https:// doi.org/10.14361/97838839447338]. Hamann, David. 2013. Gunther Ipsen in Leipzig. Die wissenschaftliche Biographie eines „Deutschen Soziologen“, 1919 – ​1933. Frankfurt am Main. Klingemann, Carsten. 2009. Soziologie und Politik. Sozialwissenschaftliches Expertenwissen im Dritten Reich und in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit. Wiesbaden. König, René. 1960. Rezension von: Stefan Lambrecht, Die Soziologie. Stuttgart-Degerloch 1958. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 12: 139 – ​140. Kranebitter, Andreas. 2019. Alles auf Schienerl ? Adolf Günther, Walter Schienerl und das Erbe der NS-Soziologie in Wien. In Die Soziologie und der Nationalsozialismus in Österreich, Hrsg. Andreas Kranebitter, und Christoph Reinprecht, 191 – ​ 221. Bielefeld. [https://doi.org/10.14361/97838839447338]. Kranebitter, Andreas, und Christoph Reinprecht. 2019. Hrsg. Die Soziologie und der Nationalsozialismus in Österreich. Bielefeld. (https://doi.org/10.14361/97838839​ 44738]. Kranebitter, Andreas, und Christoph Reinprecht. 2019a. Soziologie und Nationalsozialismus in Österreich. Eine Einleitung. In Die Soziologie und der Nationalsozialismus in Österreich, Hrsg. Andreas Kranebitter, und Christoph Reinprecht, 9 – ​ 58. Bielefeld. [https://doi.org/10.14361/9783883944738]. Lambrecht, Stefan. 1958. Die Soziologie. Aufstieg einer Wissenschaft. Ein Leitfaden für Praxis und Bildung. Stuttgart-Degerloch. Pinwinkler, Alexander. 2014. Historische Bevölkerungsforschungen. Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert. Göttingen. Puschner, Uwe. 2017. Einleitung zur 2. Auflage: Verwissenschaftlichung der Weltanschauung. Völkische Aspirationen, Strategien und Rezeptionen in der langen Jahrhundertwende. In Handbuch der völkischen Wissenschaften. Akteure, Netzwerke, Forschungsprogramme, Teilband 1: Biographien, Hrsg. Michael Fahlbusch, Ingo Haar, und Alexander Pinwinkler, 8 – ​18. Berlin – Boston.

338 Schluss

Reinprecht, Christoph. 2014. Die österreichische Soziologie und der Nationalsozialismus. Aufbruch, Verdrängung und verletzte Identität. In Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven, Hrsg. Michaela Christ, und Maja Suderland. Berlin. Schad, Susanne Petra. 1972. Empirical Social Research in Weimar-Germany. Paris – The Hague. Schnitzler. Sonja. 2012. Soziologie im Nationalsozialismus zwischen Wissenschaft und Politik. Elisabeth Pfeil und das „Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik“. Wiesbaden. Steinmetz, George. 2017. The crisis of history and the history of crisis: historical sociology as a „crisis science“. Trajectories. Newsletter of the ASA. Comparative and Historical Sociology Section 29: 1 – ​5.

Drucknachweis

Die Kapitel des Bandes beruhen bis auf die Einleitung und den Schluss auf früheren Publikationen, die alle überarbeitet wurden. Sie werden hier in der Reihenfolge der Kapitel aufgeführt.

Soziologie [in Deutschland von der Weimarer Republik bis zur frühen Nachkriegszeit unter besonderer Berücksichtigung ihrer Etikettierung als „Jüdische Soziologie“ und als wissenschaftliche Ressource im NS-Staat]. In Jürgen Elvert und Jürgen Nielsen-Sikora (Hrsg.): Kulturwissenschaften und Nationalsozialismus. Stuttgart 2008. Rekursive Kopplung von sozialwissenschaftlicher Bevölkerungsforschung und Bevölkerungspolitik im Dritten Reich. In Rainer Mackensen, Jürgen Reulecke, und Josef Ehmer (Hrsg.): Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts „Bevölkerung“ vor, im und nach dem „Dritten Reich“. Zur Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft. Wiesbaden 2009. Die soziologische Volkstheorie von Max Hildebert Boehm und die nationalsozialistische Germanisierungspolitik. In Rainer Mackensen, Jürgen Reulecke, und Josef Ehmer (Hrsg.): Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts „Bevölkerung“ vor, im und nach dem „Dritten Reich“. Zu Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft. Wiesbaden 2009. „Volksgemeinschaft“ ? – Der Nationalsozialismus als Projekt der Moderne und seine rationale Soziologie. In Martina Löw (Hrsg.): Vielfalt und Zusammenhalt. Ver© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 C. Klingemann, Soziologie im Deutschland der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30616-8

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340 Drucknachweis

handlungen des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bochum und Dortmund 2012. Frankfurt am Main – New York 2014 Akademische Vergangenheitspolitik als Selektionsprozess [am Beispiel der Karrieren führender westdeutscher Nachkriegssoziologen]. In Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Frankfurt am Main – New York 2008 (CD-ROM). Lars Clausens Blick auf die Karriere von Soziologen im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik. In Stephan Lessenich (Hrsg.): Geschlossene Gesellschaften. Verhandlungen des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bamberg 2016. (http://publikationen.soziologie.de/). Die Verweigerung der Analyse des Nationalsozialismus in der westdeutschen Soziologie. Zur Kontinuität empirischer Soziologie vor und nach dem Ende des NSRegimes. In: Michaela Christ, und Maja Suderland (Hrsg.): Soziologie und Nationalsozialismus. Positionen, Debatten, Perspektiven. Berlin 2014. Der Mythos der Amerikanisierung der westdeutschen Soziologie durch den Import der Empirischen Sozialforschung: Das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und der Beitrag ehemaliger Reichssoziologen zu dessen empirischer Soziologie. In Hans-Georg Soeffner (Hrsg.): Transnationale Vergesellschaftungen. Verhandlungen des 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010. Wiesbaden 2012 (CD-ROM). Zur Rezeption von Karl Mannheim im Kontext der Debatte um Soziologie und Nationalsozialismus. In Martin Endreß, und Ilja Srubar (Hrsg.): Karl Mannheims Analyse der Moderne. Opladen 2000. Der Oberförster jagt den Nazijäger. Rufmord als letztes Mittel der Vergangenheitsbewältigung ? In Soziologie. Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, H. 3, 1997. Zur Rezeption Max Webers durch Helmut Schelsky im Kontext der „Leipziger Schule der Soziologie“. In Alexander Gallus (Hrsg.): Helmut Schelsky – der politische Anti-Soziologe. Eine Neurezeption. Göttingen 2013. Max Weber-Rezeption zum Ende der Weimarer Republik, im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit: Christoph Steding und seine Kritiker in Politik und Wis-

Drucknachweis 341

senschaft. In Stephan Lessenich (Hrsg.): Routinen der Krise – Krise der Routinen. Verhandlungen des 37. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Trier 2014. (http://publikationen.soziologie.de). Ursachenanalyse und ethnopolitische Gegenstrategien zum Landarbeitermangel in den Ostgebieten: Max Weber, das Institut für Staatsforschung (Berlin) und der Reichsführer SS. In Carsten Klingemann et al. (Hrsg.): Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1994. Opladen 1996. Elisabeth Noelle-Neumanns Ansatz, das Gesellschaftsganze mit dem Instrument der Demoskopie zu erfassen – unter besonderer Berücksichtigung ihrer Kooperation mit Gerhard Schmidtchen. In Stephan Lessenich (Hrsg.): Verhandlungen des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bamberg 2016 (http://publikationen.soziologie.de). Leibniz-Forschung und die Preußische Akademie der Wissenschaften im Kontext der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik – Ein wissenschaftssoziologisches Modell. In Wenchao Li, und Hartmut Rudolph (Hrsg.): „Leibniz“ in der Zeit des Nationalsozialismus. Stuttgart 2013.