Sündenschmutz und Herzensreinheit: Studien zur Metaphorik der Sünde in lateinischer und deutscher Literatur des Mittelalters 3770531272, 9783770531271

Das Vorhaben, die Sündenmetaphorik in der Literatur des Mittelalters zu erforschen, geht auf eine Anregung meines Lehrer

187 34 31MB

German Pages 744 Year 1996

Report DMCA / Copyright

DOWNLOAD FILE

Polecaj historie

Sündenschmutz und Herzensreinheit: Studien zur Metaphorik der Sünde in lateinischer und deutscher Literatur des Mittelalters
 3770531272, 9783770531271

Table of contents :
I. Einleitung
II. Der Wortschatz der Unreinheit (Überblick)
III. Verwendungsmöglichkeiten der Unreinheitsmetaphorik
IV. Begriffliches
V. Personen
VI. Der Leib des Menschen
VII. Gegenständliches
VIII. Räumliches
IX. Tiere
X. Schmutzmaterie
XI. Das Reinigen von Sünde
XII. Nachbetrachtungen
XIII. Anhang

Citation preview

MÜNSTERSCHE MITTELALTER-SCHRIFTEN Herausgegeben von G. ALTHOFF • K. GRUBMÜLLER • K. HAUCK P. JOHANEK • H. KELLER • CH. MEIER-STAUBACH J.-D . MÜLLER • F. OHLY • R. SCHMIDT-WIEGAND UND J. WOLLASCH

Band 73

WILHELM FINK VERLAG

Meinolf Schumacher

Sündenschmutz und Herzensreinheit Studien zur Metaphorik der Sünde in lateinischer und deutscher Literatur des Mittelalters

1996

Wilhelm Fink Verlag

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Schumacher, Meinolf: Sündenschmutz und Herzensreinheit: Studien zur Metaphorik der Sünde in lateinischer und deutscher Literatur des Mittelalters / Meinolf Schumacher. - München : Fink, 1996 (M ünstersche M ittelalter-Schriften ; Bd. 73) Zugl.: M ünster (Westfalen), Univ., Diss., 1994/95 ISBN 3-7705-3127-2 NE: GT Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, Vorbehalten. Dies betrifft auch die Vervielfältigung und Übertragung einzelner Textabschnitte, Zeichnungen oder Bilder durch alle Verfahren wie Speicherung und Übertragung auf Papier, Transparente, Filme, Bänder, Platten und andere Medien, soweit es nicht §§ 53 und 54 URG ausdrücklich gestatten.

ISBN 3-7705-3127-2 © 1996 Wilhelm Fink Verlag, München Herstellung: Ferdinand Schöningh GmbH, Paderborn

Vorbemerkung Das Vorhaben, die Sündenmetaphorik in der Literatur des M ittela lters zu erforschen, geh t auf eine Anregung m eines Lehrers Friedrich Ohly zurück. Die b isch öflich e S tu dienstiftun g »Cusanuswerk« u n ter stü tz te das Projekt mit einem Prom otionsstipendium . A uf Einladung von H orst W enzel konnte ich einige Kapitel in Vorträgen an der U niversität/G H S E ssen zur D isk ussion stellen . Im WS 1994/95 nahm die Philosophische Fakultät der W e s tfä lisc h e n W ilh elm s -U n iv er sitä t M ünster die vorliegende Studie als D issertation an. Für den Druck wurde der T ext geringfügig überarbeitet und gekürzt. Für Ermutigung, Kritik und auch für Geduld habe ich vielen zu danken — allen voran Herrn Ohly, d esse n Vertrauen in den Abschluß der Arbeit nie erlahmte, Renate Schneider, die beim Korrekturlesen half, und b eson ders meinen Eltern, ohne deren Verständnis d ieses w e it­ g e s te c k te Forschungsvorhaben nicht zu realisieren g e w e sen wäre. Da mein Vater das Erscheinen des Buches nicht mehr erleben konnte, sei es seinem Andenken nun gew idm et.

Dortmund, am 3. Mai 1995 M einolf Schumacher

Inhaltsübersicht I.

Einleitung 1. 2. 3. 4.

P hilologisch er A nsatz ................................................................................ Die M etaphorizität religiöser Sprache .............................................. F orschungsansätze der M etaphorologie .......................................... Forschungen zur Sündenmetaphorik .................................................. P. Ricœur (32); R. Knierim (3S); G. Röhser (37); F. Ohly (39) 5. Metaphernhäufung und Bildbruch ....................................................... 6. Personifikation und Personalmetapher .............................................. 7. Sünde — Laster — Gnade .......................................................................... 8. Metaphern und G laubensvorstellungen ........................................... 9. R eflexionen über M etaphorizität in den Q uellen ....................... 10. H erkunft und »Wahrheit« der Bildspender .................................... 11. R eligiöse Metaphorik und die Fachsprachen ................................. 12. Probleme der Gliederung des Gesamtvorhabens .......................... 13. Zur A uswahl der A utoren und T exte ............................................... 14. Zum Zitieren und Ü bersetzen .............................................................. 15. Unreinheit und Sünde (Einführendes) ............................................... II.

9 10 17 32 43 49 5S 57 62 64 66 69 73 74 76

Der W o rtsch a tz der Unreinheit (Überblick) 1. Lateinisch .......................................................................................................... a) im -m undus , im-munditia .................................................................. b) im -puru s , im -puritas .......................................................................... c) labes ........................................................................................................... d) naevus ......................................................................................................... e) macula, maculare .................................................................................. »Ohne Makel und Runzel« (Eph. 5,27) (91) f) contagio, contagium ........................................................................... g) contaminare , contaminatio ............................................................... h) (co-)inquinare, (co~) inquinatio ....................................................... i) polluere, pollu tio ................................................................................ j) sordes ......................................................................................................... k) spurcitia ..................................................................................................... 1) squ alor ........................................................................................................ 2. D eu tsch .............................................................................................................. a) un-rein, Un-Reinheit ........................................................................... b) un-sauber , Un-Sauberkeit ................................................................ c) un-lauter, Un-Lauterkeit .................................................................. d) be well en ..................................................................................................... e) besul(w)en ................................................................................................

80 80 82 83 85 86 93 94 95 96 97 98 98 99 99 100 101 102 104

In h a ltsü b e r s ic h t

2

f) g) h) i) j) k) 1) m) n) o) p)

besudeln .......................................................................................................... (be)smitzen, beschmeißen .................................................................... beschmutzen, Schm utz .......................................................................... Fleck, beflecken ........................................................................................ Mell, (be)meilen ......................................................................................... Makel ................................................................................................................ Mase ...........................................................................,...................................... K l u t e r ................................................................................................................ Unflat, u n f lä tig ........................................................................................... W ust ................................................................................................................... Dreck ..................................................................................................................

105 105 106 106 108 111 112 114 115 118 118

III. V e r w e n d u n g s m ö g lic h k e i t e n der U n r e in h e it s m e t a p h o r ik 1. S e x u e l l e s ................................................................................................................ a)

G e s c h le c h t li c h e s ü b er h a u p t ................................................................

120 120

Die R einheit der J u n g fra u en (123); » G o t t lie b t die Rein ­ h eit« (126); Die Z w i ll in g s f o r m e l » k e u s c h und rein« (128) b) W e ite r e r itu e lle » U n r ein h eiten « ....................................................... M e n s t r u a tio n c)

(133);

G eburt

(134);

T od

133

(135)

G e s c h le c h t li c h e V e r g e h e n ...................................................................

136

Die Sünde der Luxuria (136); K a t a lo g e vo n F le i s c h e s s ü n d e n (141); P r o s t i t u t i o n (143); I n z e s t (144); G e s c h le c h t s v e r k e h r zu v e r b o te n e r Z eit (145); E hebruch (14-8); S ak rileg (152); ’Das P r o b le m » w id ern atü rlich er« Sün d en (156); V e r g e h e n innerhalb der Ehe (156); P o llu tio n und M a st u r b a tio n (158); •H o m o s e x u a li t ä t (164); B e s t i a li t ä t (170) 2. W e i t e r e s .................................................................................................................. a)

171

M ord ..................................................................................................................

171

b) «Lüge (und andere »S ü n d en d e s M undes«) ................................

172

c)

Haß und N eid ................................................................................................. 173

d)

H o c h m u t ........................................................................................................ ... 174

e)

V ö lle r e i, T r u n k en h eit ............................................................................ .... 175

f)

H ab gier, Geiz ............................................................................................... ...177 Raub und D ie b s t a h l

g)

(177);

S im on ie

(176)

G ö t z e n d ie n s t , G la u b e n s v e r fe h lu n g e n ............................................ M agie

(181);

K e tz e r e i

179

(182)

IV. B e g r if f li c h e s 1. D as Innere d e s M e n s c h e n ........................................................................... ... 184 a)

E in fü h r e n d e s ....................................................................................................184

b)

S e e le .................................................................................................................. ...184

c)

G e ist, m ens , m u ot ................................................................................... ... 186

d)

H e rz ................................................................................................................... ...188 H e r z e n s r e in h e it und G o t t e s s c h a u (Mt. G o tt? (H iob 1,6) (195)

5,8) (192);

Sah S atan

Inhaltsübersicht

3

e) G ew issen .................................................................................................... 197 f) Gedächtnis ................................................................................................ 202 2. Gedanken, W orte, Werke ......................................................................... 203 a) Gedanken .................................................................................................. 203 b) W orte (Reden und Lieder) ............................................................... 206 Lieder (208); Gebet (209); Beichte (211) c) Werke ........................................................................................ ................ 213 V.

Personen 1. G ott, Engel und Dämonen ...................................................................... a) Gott ..............................................................................................................

215 215

b) Heidnische Götter ................................................................................ c) Christus ..................................................................................................... d) Engel ........................................................................................................... e) Teufel und Dämonen .......................................................................... 2. M enschen .......................................................................................................... a) Sünder ......................................................................................................... b) Jeder M e n s c h ........................................................................................... c) Kind .............................................................................................................. Nemo mundus a sorde... (Hiob 14,4f.) (228); Die Reinheit der Kinder (23S) d) P r i e s t e r ....................................................................................................... e) Maria ........................................................................................................... Jungfräulichkeit und »reines« Leben (239); Maria und die Erbsünde (Immaculata, conceptio ?) (244); Mariä Reinigung (246) f) Der A p o stel Johannes ....................................................................... g) Johannes der Täufer ........................................................................... h) Paulus .......................................................................................................... i) Joseph von Nazareth .......................................................................... j) Heinrich und Kunigunde .................................................................. k) Hiob ..............................................................................................................

217 217 221 223 227 227 227 228

236 237

247 251 252 255 255 257

VI. Der Leib des M enschen

1. Der reine und der b eflec k te Leib ................... !........... ...................... a) Der Leib ..................................................................................................... b) Leib und S e e le /G e is t .......................................................................... 2. Einzelne Körperteile ................................................................................... a) Einführendes ............................................................................................

259 259 261 262 262

b) Kopf ............................................................................................................. c) Gesicht .............................................................................. ......................... d) A ugen .......................................................................................................... e) Ohren ..........................................................................................................

264 265 271 274

4

I n h a lts ü b e r s ic h t

f) «Mund, Zunge, Lippen .......................................................................... ..275 g) Brust, Brüste .............................................................................................282 h) Vulva ........................................................................................................... ..283 i) Hände .......................................................................................................... ..283 B l ut a n d e r H an d (283); H änd e u nd W e rk e (285); Reine H ä nd e be im G eb et (287); H ä n d e w a s c h e n v o r d e m E s s e n (289); H ä n d e w a sc h e n als U n s c h u l d s b e t e u e r u n g (290); Li­ t u r g i s c h e H a n d w a sc h u n g e n 291); H ä n d e w a s c h e n im d e r S ü n d e r (Ps. 57,11) (293); »Eine H and , die re in ig t, re i n sein« (294)

j)

B lu t muß

Füße .............................................................................................................

295

Füße u n d W erk e (296); F üße u n d A f f e k te (297); Die F u ß ­ w a s c h u n g C h ris ti als »Taufe d e r A p o s te l« ? (298); F u ß ­ w a sc h u n g u nd S ün d en rein igu ng (299); Das Tilg e n k le in e r Sün de n (301); Das m a n d a tu m : F u ß w a s c h u n g in K l o s te r und L it urgie (302); A lttestam entliche Fußw asc h u n g en (304); E r n e u te s B e s c h m u tz e n (Ca nt. 5,3) (305)

b e r e it s

gew aschener

Füße

VII. G egen stän d liches 1. Kleider ...............................................................................................................

308

Reine u n d unr eine K leider (308); D er Leib a ls Kleid (310); Die s c h m u tz ig e n K leider des H o h e n p r ie s te r s J o s u a (Zeh. 3,3f.) (311); U n se re G e re c h tig k e it is t wie ein pannus m e n s tr u a ta e

(Jes.

64,6)

(313); T a u fk le id e r

(314)

2. Sack ...................................................................................................................... 3. Gefäß ................................................................................................................... T ö p fe

oh ne

D eckel

(321); Reinigen von G e fä ß e n

(322)

4. Glas ...................................................................................................................... Sp i e g e l g l as

und

S piegel

324

(325)

5. B ett ...................................................................................................................... Das B e t t m it T rä n e n w a s c h e n fl e c k e n des E h e b e tt e s (332)

(Ps.

6,7)

(328);

Das

s o l in tam ina tus

328

Be­

6. Erde ...................................................................................................................... 7. Luft ...................................................................................................................... 8. Sonne .................................................................................................................. Der Topos

318 319

335 337 338

(339)

9. Sterne ..................................................................................................................

344

VIII. Räumliches 1. 2. 3. 4.

Die »W elt« (mundus immundus) .......................................................... Land ..................................................................................................................... W ege ................................................................................................................... Stadt ................................................................................................................... Das

H i m m lisc he J e r u s a le m

347 350 350 353

(353)

5. Tempel ................................................................................................................

54

5

I n h a lts ü b e r s ic h t

6. Haus, W ohnung ............................................................................................. 7. Tierbehausungen ............................................................................................ a) Stall ............................................................................................................ b) Dachsbau ....................................................................................................

359 363 363 363

IX. Tiere 1. Schwein .............................................................................................................. R ü c kk e h r z u r S c h w ein es uh le

(2 P tr.

2,22)

2. Hund ................................................................................................................... red ire ad vo m itu m

(Prov. 26,11; 2 P tr.

2,22)

374

(374)

3. Katze ................................................................................................................... X.

366

(372)

379

Schm utzm aterie 1. Staub ................................................................................................................... 384 S t a u b u n d Erde (385); B eflecken se i t i g e n vo n S tau b (388)

m it

S ta u b

(387);

Be­

2. Schlamm, Morast, Lehm ..........................................................................

392

lutuni (392); lutuni f(a)ecis (394); lim u s (396); caenum (397); H ö r (398); M o t( t) (400); K o t (401); L e t t e (402); Schlamm (402)

3. M ist ...................................................................................................................... 403 »Das Vieh v e r f a u l t in se inem Mist« se i t i g e n von M ist (406)

(Joel 1,17)

(405); Be­

4. Blut ...................................................................................................................... 4 0 8 B l ut u nd S c h m u tz (408); Das M e n s t r u a l b l u t (410); s a n ie s , B l u t e i t e r, W u n d jau c he (Hiob 2,8) (411)

5. Schimmel .......................................................................................................... 416 6. Ruß ....................................................................................................................... 423 7. Pech ..................................................................................................................... 428 XI.

Das Reinigen von Sünde 1. Einführendes .................................................................................................... 2. V erw end un gsm öglichk eiten der Reinigungsmetaphorik ............ a) Taufe ........................................................................................................... b) Reue, Beichte, Buße ...............................;..................... ......................

432 433 433 433

Z u r M e t a p h o r iz it ä t des Reinigens d u r c h die Buße (437); W e r re i n i gt? (439); Maria A egy ptiaca (442); G re g o riu s (448)

c)

»Werke« ..................................................................................................... A lm o sen

(451):

F a s te n

(457);

G e bet

(460);

A lm o s e n

451



F a s t e n — G eb et (461); Die W erk e d e r B a rm h e r z ig k e it (462)

d)

Martyrium, Leiden ............................................................................... Ge duldig

ertragenes

Leiden; T rib u la tio

(464)

463

I n h a lts ü b e r s ic h t

6

e)

Reinigung im Jen seits (»Fegefeuer«) M e t a p h o r is c h e s

f)

»F egefeuer«

464

(470)

Gnade ......................................................... H e i l i g e r G e i st

(472);

C h ris tu s

470

(476); M a ri a

(477)

3. Reinigen mit W a s s e r .............. a) Reinigen mit T au fw asser De r

W o rtsch atz

des

481 481

Reinigens

m it

T aufw asser

(482);

W ovo n wird* g e re inig t? (485); P ro p h e tie n u n d Ty p o lo g ie n (487); C h ris ti T aufe im J o rd a n (494); Lob d e s W a s s e r s (502); W e sh a lb W a ss e r ? (503); »N icht jede s W a s s e r w ä s c h t e uch...« (505); Ä uße re und inne re Rein ig un g (506); Be­ s c h m u t z e n d e T a uf e n (508); Das T a u f w a s s e r a ls M e ta p h e r (508)

b)

Reinigen mit W eihw a sser ................................................................. Exkurs:

c)

Reinigen m i t H y s s o p

509

(511)

Reinigen mit Tränen ............................................................................

514

V e r s c h i e d e n e T r ä n e n (514); D er W o r t s c h a t z d e s R einigens m i t T r ä n e n (516); S ü n d e n t i lg u n g m i t R e u e t r ä n e n (518); T r ä n e n t a u f e (521); Lob d e r T r ä n e n (525); T r ä n e n g a b e (527); G o t t w ä s c h t m i t T r ä n e n (529); Die V e r p f l i c h t u n g d e r A u g en z u m W e i n e n (530); T r ä n e n s t e i g e n a us d e m H e r z e n a u f (530); H y p e r b o l i s c h e T r ä n e n (532); M e t a p h o r i s c h e T r ä n e n (535); Die T r ä n e n d e r M a r ia M a g d a l e n a (536); Die T r ä n e n d es P e t r u s (543); T r ä n e n d e r co m p a ss io u n d d e r F ü r b i t t e (54-7); Die T r ä n e n M aria s (550); Die T r ä n e n C h r i s t i (550)

4. Reinigen mit Blut ... a) Einführendes ..... b) Das Blut Christi

552 552 553

Das B l u t u n d die E u c h a r i s t i e (558); Das T a u f e (560); Das B l u t d e s L a m m e s (562);

Blut un d Das B l ut

die d es

P el ik a n s (565); N u r ein T r o p f e n (567); B i l d m i s c h u n g e n (569); W e r w ä s c h t ? (571); C h r i s t i B l u t s c h w e i ß (572); B l u t u n d W a s s e r a us C h r i s t i S e i t e n w u n d e (573)

c)

Das Blut der Märtyrer ...................................................................... W irkung en der T a u f e n (585)

d)

B lu tta u fe

(585)

Exkurs:

58 0

V e r s c h ie d e n e

Probleme der Reinigung mit Blut ............................................... ...587

5. Reinigen mit Wein und Milch .................................................................. 589

a) b)

Reinigen mit Wein ...................................................................................589 Reinigen mit Milch .............................................................................. ...590 B a de n d e r F üße in B u t t e r

(Hiob 29,6)

(591)

6. W aschen und Baden ................................................................................... a) W aschen und Baden des Körpers ................................................. Das Das

B a de w ese n (594); M en sc h e n w e rd e n g e b a d e t B ra u tb a d (597); Die K rüge d e r H o c h z e it z u

592 592

(596); Kana

(599); Biblische W a s c h b e c k e n (Ehernes M e e r u.a.) (601); W a sc h e n im Fluß (604); W a sc h e n in Q u e lle , Te ic h u n d B run ne n (604)

b)

Das W aschen von Kleidung ............................................................ E in w eic h en (612); S t r e c k e n (612); Ble ic he n (613); G r a p h i s c h e D a r s t e l l u n g e n d e r S ü n d e n w ä s c h e (616)

611

7

In h a ltsü b e r s ic h t

c)

W a sc h - und R ein ig u n g sm ittel..........................................................

617

Seife (617); Lauge (618); La uge nsa lz (622); Das W a lk e i— k r a u t (624) V ersc hie d en e R e in ig u n g sm itte l (624); W a s c h e n m it

S c h n e e w a ss e r

(624)

7. Fegen (mit dem Kehrbesen) .................................................................... Rut e

und

Besen

A l l e g o ri s c h e

Besen

(626);

A u sk eh re n

de s

H au se s

(631)

8. Getreidereinigung ......................................................................................... a) Dreschen und W orfeln ...................................................................... Die

W u rfsc h a u fe l

du rch

b)

626

(627);

d es

G e r ic h t s

D r e s c h e n — tr ib u la tio

(634);

633 633

Sündenreinigung

(637)

Sieben ..........................................................................................................

639

XII. Nachbetrachtungen 1. 2. 3. 4. 5. 6.

Materielle, rituelle und m etaphorische Unreinheit ................... ...642 A nalogieargum ente ..........................................................................................643 Erfahrungsargumente .....................................................................................645 Unreinheit und Erbsünde ............................................................................648 G öttliche Gnade — m en sch lich es Handeln ..................................... ... 649 Konstanz und W andel der Sündenmetaphorik (Ausblick) ...... ...650

XIII. Anhang 1. 2. 3. 4. 5. 6.

Abkürzungsverzeichnis ............................................................................... Literaturverzeichnis I: Q uellen ............................................................. Literaturverzeichnis II: Forschung ...................................................... R egister I: B ibelstellen ............................................................................. R egister II: Autoren und Werke ........................................................... R egister III: Wörter, Begriffe, Namen ..............................................

652 654 664 704 710 720

I. Einleitung 1. P h i l o 1o g i s c h e r A n s a t z

Ach Kirche , so heißt es einmal bei Arno Schmidt, — das is t A lles so unrealistisch: die Musik, die verkleideten Redner m it ihren unpassenden uralten Vergleichen.1 Der Vorwurf, »unrealistisch« zu sein, tr ifft neben der Kirchenmusik und der liturgischen Gewandung vor allem die religiöse Bildlichkeit. Dabei geh t es nicht so sehr darum, daß bei der Predigt g e ­ le g en tlich V ergleiche mißlingen; »unpassende« V ergleiche unterlaufen außer Predigern auch allen ändern Rednern und se lb stv erstä n d lich auch Dichtern. Mit »uralten« V ergleichen haben wir es — wie meine Arbeit an vielen S tellen zeigen wird — o ft in der Tat zu tun; aber kann A lter ein Kriterium sein für die Qualität eines sprachlichen A usdrucks? Das bei Arno Schmidt form ulierte Unbehagen gegenüber der religiösen Sprache e n t s te h t jedoch auch w eniger aus Ü berlegungen über die Stim m igkeit von Metaphern und er st recht nicht aus der Kenntnis ihres A lters heraus. A ls »unrealistisch« werden religiöse A ussa g en überhaupt em pfunden, da man ihnen nicht mehr zutraut, in uns b ew egend en Fragen Orientierung zu geben oder im Leiden zu t r ö s t e n .2 Wie w eit mit der T h eologie auch ihre Sprache in den Hintergrund gerückt ist, zeigt b eson ders deutlich der B egriff der »Sünde«. War vor einigen Jahren die Bedeutung schon fa st ganz auf den Bereich se x u e lle r V erfehlungen ein­ g e e n g t 3 — w er von einem »alten Sünder« sprach, m einte nur dies! —, so is t das W ort »Sünde« heute s e lb s t dort kaum noch zu finden. Im a ll­ gem einen Sprachgebrauch kennen wir nur noch den »Verkehrs-« und m ittlerw eile auch den »U m w eltsünder«, und wenn jemand bekennt, er habe »mal w ieder gesündigt«, dann bezieht sich das gewiß auf Speisen oder Getränke, die dem Ideal der schlanken Linie abträglich sind. Eine relig iö se K onnotation ist dabei kaum noch zu erkennen.4 Zudem findet innerhalb einer dem P o stu lat strenger W issen sch a ftlic h k eit fo lg en d en Theologie die Metaphorik nur noch w enig Platz, so daß die B eschäftigung

1

A rno Sc hm i dt , S e e la n d s c h a f t m it P o c a h o n ta s

2

g abe , Bd. 1/1, ed. WOLFGANG SCHLÜTER, Z ü ric h 1987, S. 391-437) S. 43S. Die t r ö s t e n d e F u n k tio n d e r M e ta p h o rik b e t o n t MICHEL, A lie n ilo q u iu m ,

3 4

(Ders., B a rg fe ld e r A u s ­

S. 3 4 4 -3 48 (§§ 377-382); zu dem K om plex d e r T r o s t t o p i k g r u n d ­ l e ge nd VON MOOS, C o n so la tio , m it re ich en B e le g e n z u r M e ta p h o rik . PIEPER, B e g ri ff d e r Sünde, S. 12. Zu d i e se n E n t w ic k lu n g e n RENATE BEBERMEYER, D e r Sü nd e n e ue Kle ide r. Ein a l t e s W o r t w ird zu m M o d e w o r t (Sp ra c h s p ie g e l 45, 1989, S. 138-143); IRMGARD FRANK, G la u b e n s b e k e n n tn is — G e b o te — Gnade. S ä k u l a r e r G ebr au ch c h r is tl ic h e r W ö r t e r z w e ita u s e n d J a h r e n a c h C h ri s t i G e b u rt (Geist u n d Zeit. W irk u n g e n d e s M i t t e l a l t e r s in L i t e r a t u r u nd Sprache. FS R o sw ith a W isnie w s k i, edd. CAROLA L. GOTTZMANN 417)

S. 410-412.

HERBERT KOLB, F r a n k f u r t

a. M.

u. a.

1991,

S.

399-

10

Ein leitu ng

mit den Metaphern für die Sünde in d o pp eltem Sinne unzeitgem äß ist: Mit der V o rstellu n g der Sünde sind uns ihre w eitgehend "zerbrochenen Bilder” fa st eb en so fremd gew orden wie die "Zeugnisse einer sterbenden Stam m eskultur".5 Dem A utor dieser Arbeit, der kein T h eologe ist, geh t es nicht darum, den V erlust einer noch der vorigen Generation vertrauten B ild w e lt6 zu beklagen oder sie wieder h erzu stellen . Er f o lg t allein dem p h ilo lo g isc h e n A nsatz, einen zentralen A u ssch n itt aus dem w eiten Feld der religiösen Bildlichkeit zu erforschen.

2. D i e M e t a p h o r i z i t ä t r e l i g i ö s e r S p r a c h e Da die M etapher7 traditionell in den Bereich der Rhetorik g eh ö rt,8 rich tet sich unsere an den Metaphern der Sünde in teressierte A ufm erk­ sam keit zunächst auf relig iö se Verkündigung und Kanzelberedtsam keit. Der Leser wird dazu vielleicht ein eher ex trem es Beispiel assoziieren: die »Kapuzinerpredigt«, die Friedrich Schiller nach einer Vorlage des Barock­ predigers Abraham a Santa Clara ( f 1709) in » W allen stein s Lager« ein­ gearbeitet hat. Darin heißt es:

Denn die Sund is t der M agnetenstein, D er das Eisen zieh et ins Land herein. A u f das Unrecht, da fo lg t das Übel, Wie die Trän a u f den herben Z w ieb el , H inter dem U k ö m m t gleich das Weh, Das is t die Ordnung im ABC.9

5

6

RUTH u nd LENZ KRISS-RETTENBECK, Reliquie und o r n a m e n ta e cc l e s i a e im S y m b o lk o sm o s d e r Kirche (O rn a m e n ta Ec c les ia e . K u n s t u n d K ü n s t l e r d e r Romanik, ed. ANTON LEGNER, Kat. K ö ln 1985, Bd. 3, S. 19-24) S. 19, zum » m un dus sy m bo lic u s « d e s A b e n d la n d e s ü b e rh a u p t . N oc h im J a h r 1929 g e s t a n d T. S. Eliot, D ante , d t. H. H. SCHAEDER ( Ders., W a s i s t ein K lass ike r? Cedition s u h r k a m p 33] F r a n k f u r t a. M. 1963, S. 49-114) S. 84, K a th o lik e n ein P lus b eim V e rs te h e n D a n te s zu: »Ich will n i c h t leug ne n, daß es in d e r Pra x is an v ie le n S te lle n f ü r e i ne n K a t h o like n le ic h te r is t, den Sinn zu e r fa s s e n , a ls f ü r d en g ew öhnlichen A g n o stik e r; aber das lie g t n ic h t d a ra n , daß de r K at ho l ik g l a u b t , s o n d e r n daß e r u n t e r r i c h t e t ist.« Dies lie ße s ic h

7 8

h e u t e ge wiß n i c h t m e h r b e h a u p te n . Ü b e r D e fi ni t ion en in f o r m ie r t LIEB, U m fan g. Ü b e r die »T ropen« LAUSBERG, H a ndb uc h, S. 2 82-3 07

(§§ 552-598);

DERS., E l e m e n t e , S. 63-79 (§§ 174-236). Ü b e r M e ta p h o rik im Sp a n ­ n u n g s f e l d von R h e tor ik un d P oetik RICOEUR, M e ta p h e r ; KURZ PELSTER, M e t a ph er; WESSEL, P ro blem e, Kap. B II: Die b e id e n H a u p t ­ 9

f u n k t i o n e n d e r M e ta p h e r in d e r t r a d it io n e ll e n R h e to rik u n d Po e tik . S c hille r, W a l l e n s te in s Lager 1,8 (Werke, edd. FRICKE - GÖPFERT, Bd. 2, S. 293). G oe the h a t t e am 5. O k t. 1798 A b r a h a m s B and »Reimb dich o d e r ich liß dich« (Luzern 1687) an S c h ille r g e s c h ic k t, g e w iß gle ich zu d e r K ap u zin e rp re d ig t b e g e is te r n wird.

d e r Sie

Die M eta p h o r iz itä t r e l i g iö s e r Sprache

11

A ls anregend und bis an die Grenzen des Komischen hin gehend auch u nterhaltsam erfüllen diese Verse gewiß die O rnatusfunktion der M eta­ pher.10 Aber sie haben auch einen argumentativen Charakter. Der Prediger will in Schillers Drama den zuhörenden Soldaten aufzeigen, daß der Krieg mit seinen Leiden eine Folge ihrer Sünden sei. Dabei s e t z t er »Eisen« sy n ek d och isch 11 für das m eist aus Eisen besteh en de Kriegs­ ger ä t,12 und d ieses s te h t wiederum m eto n y m isch 13 für die damit ange­ richtete Zerstörung. Die von Pater Abraham auch s o n s t gern verw endete M etapher der Sünde als M agnet (z.B.: die Sündt is t ein M agnet der s tra ff)1* m acht plausibel, w esh alb Sünden Leiden nach sich ziehen. D em selben Zweck dienen auch die beiden w eiteren A nalogien n otw en diger A ufeinanderfolge, w obei die Buchstabenargum entation einen kleinen S ch ö n h eitsfeh ler aufw eist; im d eu tschen A lphabet jed en falls f o lg t auf das U nicht »gleich« das W!15 Dennoch is t auch dies noch w eit ein­ leuchtender als die unm etaphorische Erklärung des Übels:

W oher k o m m t das? das will ich euch verkünden , Das schreibt sich her von euern Lastern und Sünden f Von dem Greuel und H eidenleben , Dem sich O ffizier und Soldaten e rg e b e n 16 Was allein als Behauptung kaum akzeptiert würde, erhält er st durch die 10 11

Dazu WESSEL, P rob lem e, S. 25-37. Z u r .Syne kdoc he LAUSBERG, H a ndb uc h, DERS., E l e m e n t e, S. 69-71 (§§ 192-201).

12

In Sc hi l le rs V orlage h a t t e es geheißen: Die Sünd i s t d e r M agn et, w e lc h e r das s c h a r p ff e Eysen und K r i e g s - S c h w e r d t in unsere Länder

13

14

S.

295-298

(§§

572-577);

z i e h e t (Sc hill e rs W erke. N a tio n a la u sg a b e , Bd. 8, e dd . HERMANN SCHNEIDER - LIESELOTTE BLUMENTHAL, W e im a r 1949, S. 477). Z u r M e t ony m i e LAUSBERG, H an db u ch , S. 292-295 (§§ 565-571); DERS., E l e m e n t e , S. 75-77 (§§ 216-225); MICHEL, A lie n ilo q u iu m , S. 158f. (§ 183). A b ra h a m a S a n t a Clara, Neue P re dig ten , ed. BERTSCHE, S. 169f.; d ers., W e rke , ed. BERTSCHE, Bd. 2, S. 181f.: dan die s in d t z i e h t nach sich die s t r a f f wie d e r inagnet das eisen; eb d. S. 231: d e r m a g n et z i t das eisen, a b e r die s in d t z i t die s t r a f f ; Bd. 3, S. 197: d e r M ag net z ie c h t das e ise n , d e r a g ste in den str o h a lm , die Sindt ab er die str a ff; d ers., Huy! u nd Pfuy! d e r W e lt, S. 57: Die Sûnd i s t h a lt eine W u rtz e l, aus de ro n ic h ts anders w â c h s e t als die Straff; Die Sûn dt i s t ein M agnet, d e r n ic h ts ande rs z ie h e t, als die Straff; Die Sûnd i s t eine Stim m , die keinen *ändern W iderhall hat, als die Straff; Die Sûnd i s t eine M u tte r , die n ic h ts anders ge b â h re t, als die S t r a f f (vgl.

15

W e rk e , Bd. 2, S. 102). Bei A b ra h a m h a t t e es p räz iser, geheißen: W e r hat den Türcken, diesen E rbfe ind g e z o g e n in Æsiam, in Europam, in Hungarn? Niemand an de rer als die Sünd, nach dem S im AB C f o l g t das T, nach d e r Sünd f o l g t d e r Türck (nach SCHNEIDER - BLUMENTHAL Cwie A. 12], S. 477). De r H inw eis a u f den tü r k is c h e n » Erb fe in d« p a ß te S c h ille r n ic h t

16

in

de n

R ahm en

des

D re ißi gj ä hri ge n Krieges. S c hi lle r, W a l l e n s t e i n s Lager Bd 2, S. 293).

(den 1,8

T ü rk e n k r ie g e n

(Werke,

edd.

v o ra u s g e h e n d e n )

FRICKE

-

GÖPFERT,

12

E in leitu ng

Metaphern einen g e w is se n U berzeu gun gsw ert. Die Strafe f o lg t n otw en dig au f die Sünde; diese A u ffa ssu n g von dem V erhältnis von Sünde und Sündenstrafe, das uns im mer wieder zu b esc h ä ftig en haben wird, zeig t sich b eso n ders im Bild des Magneten. Die Strafe ist in der Sünde s e lb s t a n g ele g t wie die m agnetisch e Kraft im Magneten; und so wie der Magnet die B ew egung des E isens verursacht, so bewirkt auch die Sünde ihre eigene Bestrafung. Die Metapher der Sünde als »M agnet der Strafe« form uliert a lso prägnant ein dynam isches Sündenverständnis, w elc h e s die T h eo lo g en recht u m ständlich als "schicksal wirkende Tatsphäre"17 oder gar "Dynamismus der sc h ic k sa lwirkenden Tat als in k ra ftsetzen d es, das Geschehen k onstituierend es Prinzip"18 zu um schreiben suchen. In einer anderen A u ffa s su n g dieses Zusam m enhangs la ssen sich Strafen sehr wohl als unabhängig von den Sünden denken: w enn Gott oder eine andere Instanz die Strafen für Sünden verhängt. Dies ist kaum anders v o r s te ll­ bar als in der juridischen Bildlichkeit eines Richters, der Vergehen g egen (seine) Gebote ahndet, Strafen jedoch vielleich t manchmal zur Bewährung a u s s e t z t oder sich auch ganz davon abbringen läßt. Daß wir auch hier er st über die Bildlichkeit A ufschluß darüber erhalten, was in einem so lc h e n Konzept »Sünde« m eint (nämlich einen strafw ürdigen T atbe­ stand), lieg t an der grundsätzlichen M etaphorizität religiöser Sprache.19 Thom as von Aquin behandelt das Problem unter der Frage, ob die hl. Schrift Metaphern gebrauchen dürfe ( Utrum sacra Scriptura debeat uti m etaphoris ) .20 Da sich ein erseits viele bildliche Reden in der Bibel finden la s s e n ,21 die Metaphorik jedoch andererseits der Poesie eigen sei, w elche (ihm) als die n iedrigste aller Erkenntnisw eisen g ilt,22 grenzt Thomas 17

KLAUS KOCH, Gibt es ein V e r g e lt u n g s d o g m a im

18

(Um da s Prinz ip d e r V e rg e lt u n g in Religion u n d R e c h t d e s A lte n T e s t a m e n t s , ed. KLAUS K OCH CWdF 125D D a r m s t a d t 1972, S. 130-180). KNIERIM, H a u p t b e g r if f e , S. 84; zu m ga n ze n P ro b le m » Ta t u n d T a t ­

19

A lte n T e s ta m e n t ?

f o l ge « (in A u s e i n a n d e r s e tz u n g m it KOCH) ebd . S. 73-91. Z u r B i ldl i c hke i t r e lig iö s e r S p rache u.a. SÖHNGEN, A n a lo g ie u n d M e t a p h e r; MOSER, S pra ch e un d Religion, bes. S. 8f.; BISER, S p ra c h th e o ri e ; ANTON GRABNER-HAIDER, S em io tik und Th e o lo g ie . R e l igiöse Rede z w is c h e n a n a ly tis c h e r un d h e r m e n e u ti s c h e r Ph ilo ­ so phi e , M ü n c h e n 1973; RICŒ U R - JÜNGEL, M e ta p h e r; ARNOLDDÖBEN, B i ld e rs p ra c h e d e r G nosis, S. 16-20. W e ite r e Lit. b e i OHLY, M e ta p h e rn für die S ü n d e n s tu fe n , S. 8. Vgl. CARL-FRIEDRICH GEYER, A rt. » M etap ho rik« (W ö r te rb u c h des C h r is te n tu m s , edd.

20

21

22

VOLKER DREHSEN u.a., G ü te r s lo h - Z ürich 1988, S. 805f.). T h o m a s von Aquin, S u m m a th e o l. 1,1,9, Bd. 1, S. 11-13; z u r M e ta p h e r b e i T h o m a s CURTIUS, L ite r a tu r , S. 224, 230f.; BISER, S p ra c h th e o rie , S. 77f.; HERWI RIKHOF, The C o n c e p t o f Churc h . A M e th o d o lo g ic a l In quiry i n t o t h e U se of M etaphors in Ec c le s io lo g y , Lo n d o n S h e p h e r d s t o w n 1981, S. 167-189. D am i t l ä ß t sic h na c h T h o m a s, S u m m a th e o l. 1,1,10, Bd. 1, S. 14, n o c h keine g e i s tig e S c h r if ta u s le g u n g b e g rü n d e n , da der se n s u s p a ra b o lic u s z um B u c h s ta b e n s in n zähle; dazu KREW1TT, M e ta p h e r, S. 452-456 (» A l l e g o risc he r u n d p a r a b o li s c h e r Sinn«). T h o m a s von Aquin , S u m m a th e o l. 1,1,9, Bd. 1, S. 12: Proc edere a u tem p e r sim ilitu d in e s varias e t r e p r a e s e n t a t i o n e s , e s t p ro p riu m p o e t i c a e , quae e s t infima i n t e r o m n es doc trina s.

13

Die M eta p h o r iz itä t r e l i g iö s e r Sprache

den th e o lo g is c h e n Metapherngebrauch funktional vom dichterischen ab:23 Während es dem D ichter um g efä llig e D arstellun g gehe, verwende die T h eologie Metaphern um des N utzens w illen und aus N otw end igkeit

(quod p o eta u titu r m etaphoris p r o p te r repraesentationem : repraesentatio enim n aturaliter homini delectabilis est. Sed sacra doctrina u titu r m e ta ­ phoris p r o p te r n ecessita tem e t u tilita tem ) . Der bei Thom as von Aquin vor allem religionsp ädagogisch er Rück­ sichtnahm e auf das b egrenzte m enschliche F a ssu ngsverm ögen für die g ö ttlic h e W ahrheit24 entspringende Gedanke von der N otw end igkeit der Metapher für die T h eologie findet bei Immanuel Kant seine th e o re tisch e Begründung. A usgehend von der Einsicht, daß m en sch lich es Erkennen aus Sinneswahrnehmung und Denken sich zu sa m m e n se tzt, muß Kant für Begriffe sinnliche Anschauung fordern, wenn ihnen »Realität« (im Sinne von »Inhalt«, »Sachgehalt«) zukom m en s o l l . 25 Bei em pirischen Begriffen gesch ieh t dies mit Beispielen; bei reinen V ersta n desb eg riffen (»Katego­ rien«) durch Schem ata;26 bei so lch en Begriffen jedoch, die Kant »Ver­ nun ftbegriffe« oder »Ideen« n en nt27 — so führt er in dem zentralen § 59 der »Kritik der U rteilskraft« aus28 —, ist dies unm öglich, da Begriffen wie »Freiheit« oder »Staat« schlechterdings keine Anschauung gegeben werden kann . Ihnen muß eine A nschauung u ntergelegt werden; die Versinnlichung g esch ieh t dann nicht v erm ittels einer direkten Anschauung , sondern nur nach einer Analogie m it derselben , d . i. der Übertragung der

Reflexion über einen Gegenstand der Anschauung a u f einen ganz ändern B e g riff dem vielleicht nie eine Anschauung direkt korrespondieren kann. D iese Übertragung nennt Kant »sym bolisch«, und er fo lg e r t aus den Ü berlegungen: W enn man eine so lc h e V o rstellu n g sa r t schon »Erkenntnis« nennen dürfe, so is t alle unsere Erkenntnis von G ott bloß sym b olisch . 23

Ein o n t o l o g i s c h e s M ißv e rh ä ltn is zum G e g e n s ta n d i s t b e id e n S p re c h ­ w e i se n e ige n, w en n au ch aus g e g e n s ä tz lic h e n G rü n d e n ; T h o m a s v on Aq uin, Sum m a t h e o l. 1-11,101,2, Bd. 2, S. 671: s ic u t p o e ti c a non ca piu n tur a ra tio n e humana p r o p t e r d e f e c tu m v e r it a ti s qui e s t in eis, ita etiam ra tio humana p e r f e c t e capere non p o t e s t divina p r o p t e r e x c e d e n te m ip so ru m v e r i t a t e m . Dies i s t eine e t w a s m ild e re V a ria n te

24 25

v o m a l t e n T op os »D ichter lügen«. Die e i n z e l n e n A r g u m e n te listet eine T ab elle a u f bei WESSEL, P r o b l e m e , S. 23. I m m a nu e l Ka nt , K ritik d e r re ine n V e rn u n ft, ed. RA TM UND SCHMIDT ( P h i lo so ph i sc h e Bibliothek 37a) H am b u rg 1976, S. 95 (A 51 / B 75f.); d o rt : Ohne Sin nlichkeit würde uns kein G eg en sta n d g e g e b e n , und ohne V er sta n d k e in e r g e d a c h t werden. Gedanken ohne Inhalt si n d leer, Anschauungen ohne B eg riffe s in d blind. Daher i s t es e b e n so n o tw e n d ig , seine B eg riffe sinnlich zu machen, (d. i. ihnen den G egen ­

26

s t a n d in d e r A nschauu ng beizufügen,) als seine Anschauungen sich ve rs tä n d lic h zu machen (d. i. sie u n te r B eg riff e zu bringen). Dazu in d e r »Kritik d e r re ine n V e rn u n ft« (wie A. 25) b e s . S. 196ff.

27

(A 137 / B 176 ff.). Ka nt , Kritik d e r reine n

28

V ernunft

(wie

A.

25),

S.

3 4 8 ff.

(A 312 /

B

368 ff.). K ant , Kriti k d e r U r t e i l s k r a f t , ed. WILHELM WEISCHEDEL, F ra n k ­ f u r t a. M. 1974, S. 294-299; dazu u.a. BLUMENBERG, Pa ra d ig m e n , S. lOf.

14

Ein leitu ng

Die Beispiele, die Kant für »Symbole« nennt, sind Beispiele für M eta­ phern;29 ich sehe mich deshalb nicht veranlaßt, ihm in seiner Term ino­ logie zu fo lg e n .30 Es gilt nun vielmehr, Kants Einsichten w eiterzuführen. W enn es stim m t, daß alle V o rstellu n g en von Gott m etaphorischer Art sind, wie ist dann die Tatsache zu erklären, daß es T h eo lo g en gibt, die lange von G ott reden und dabei kaum eine M etapher gebrauchen? Ich sehe nur zw ei M öglichkeiten: Entweder hat der A utor s e lb s t keine V o rstellu n g von Gott — oder aber er verrät sie nicht. Das erste wird man niemandem u n te r s te lle n w o llen , liefe es doch auf den V orw urf hinaus, nur alte Form ulierungen zu w iederholen, ohne zu w issen, w as sie bedeuten. Für den zw e iten Fall gibt es hingegen o f t gu te Gründe. So bedient man sich nicht nur in der W iss e n sc h a ft häufig verkürzter Formeln, weil man über die damit verbundenen V o rstellu n g en beim Leser Einverständnis voraus­ se tz e n kann. Beim Reden über Gott ist auch denkbar, daß sich jemand sein es (a llzu-)m en schlich en G o tte sb ild es schämt; oder er fürchtet, damit einem A nthropom orphism us Vorschub zu leisten. Zudem kann das Ideal diskursiver W issen sch a ftssp ra c h e der Grund dafür sein. Sieht man a lso einmal vom ged a n k en losen N achsprechen ab, so liegen der t h e o ­ lo g isch en Sprache auch dann Metaphern zugrunde, w enn diese nicht ausdrücklich genannt werden. Hans Blumenberg spricht bei so lc h im pliziten Metaphern von »Hintergrundmetaphorik«.31 Am Beispiel von »Säkularisierung« zeig t er auf, wie stark dieser Begriff in seiner Ent­ steh un g am R echtsakt der Enteignung (von Kirchengütern) orientiert ist; »hinter« dem B egriff ist auch dann eine Metaphorik aufzuspüren, w enn er unm etaphorisch verw endet wird.32 Ob nun im Sprechen über »Gott« die jew eiligen »Übertragungen« er st m ühsam vom P hilologen e r s c h lo ss e n 29

30

31

32

Zu K a n t s S t a a t s m e t a p h e r n an d ie s e r S te lle ( » b e s e e lte r K örp e r« vs. » M a sc hine / H a ndm ühle«) MEYER, M eta p h o rik , S. 134f.; DEMANDT, M e t a p h e rn , S. 273; PEIL, U n te r s u c h u n g e n , S. 5 80f.; STOLLBERGRILINGER, S t a a t , S. 220f. BLUMENBERG, P a radigm en, S. 10: "K ant h a t G rü nd e , d e n » n e u e rn L ogi ke rn« de n A u sd ru c k »Symbol« n ic h t zu ü b e rl a s s e n ; w ir h a b e n sie n i c h t m e hr, bzw. m e h r als einen, d iesen ü b e r l a s t e t e n A u s d ru c k m i t Z u re d e n z u v e rsc he n k en ." In e i ne m a n d e re n Sinn v e r w e n d e t LANGE, Spe ise , d ie s e n B e g riff, d e r d o r t de n bei SPITZ, M e ta ph or ik , als "M e ta p h o ris c h e G r u n d v o r­ s te l l u n g e n " b e z e ic h n e te n M od e lle n e n ts p r ic h t. BLUMENBERG, S ä k ula risie ru n g , S. 31: "Es is t d a s , w a s ich a ls H i n t e r ­ g r u n d m e t a p h o r i k zu b e sc h r e ib e n v e r s u c h t habe , eine in d e r B e g ri f f s ­ g e n e se w i rk sa m e A n leh nu ng , die in de m B e g r iff s e l b s t n ic h t m e h r p r ä s e n t i s t o d e r s o g a r d em D e f in itio n sb e d ü rf n is g e o p f e r t w e rd e n m uß, da s na c h s o li d e r T ra d itio n m e ta p h o r is c h e E le m e n te n ic h t z u lä ß t. M a n k ö n n t e von im p lik a tiv e r M e ta p h o rik sp re c h e n . " Ü b e r "O rg a n is c h e u n d m e c h a ni s c he H in te r g r u n d m e ta p h o r ik " DERS., Pa ra d ig m e n , S. 69-83; d o r t S. 69: "H aben w ir einen K u n st b a u s p e k u la ti v e r A u s s a g e n v o r un s, so w ird die I n t e r p r e t a t i o n un s e r s t d a n n » au fg e h en « , w e n n e s un s g e lu n g e n is t, na ch v o llz ie h e n d in d e n V o r s t e l l u n g s ­ h o r i z o n t de s A u to rs e in z u tr e te n , seine » Ü b e rtr a g u n g « a u s fin d ig zu m ac hen."

Die M eta p h o r iz itä t r e l i g iö s e r Sprache

15

w erden m üssen, oder ob ein A utor seine Metaphern s e lb s t deutlich zu erkennen gibt — in jedem Fall erhalten wir nur über die Betrachtung der für so lc h e Begriffe n otw en digen (Blumenberg: »absoluten«) Metaphern A ufschluß über die sich mit dem B egriff verbindenden V orstellun gen . Friedrich Ohly hat daraus die Folgerung g ezogen , daß eine "Er­ schließung des W es en s der Sünde1’ nicht von der Dogmatik zu erwarten se i.33 "Was Sünde ist, erfahren wir aus der Sündenmetaphorik, was Liebe aus der Liebesmetaphorik, und den Bedeutungsw andel und die B edeutungsbreite dieser A bstrakta aus dem h istorischen Wandel und Reichtum ihrer Metaphorik."34 Die Metaphorik der Sünde in m ö g lic h st großer Breite und Belegdichte aufarbeiten zu w o llen, is t deshalb keine p h ilo lo g isch e Marotte und kein p o sitiv istisch er S elbstzw eck; die A bsicht en tsprin gt der Erkenntnis, daß er st die ganze Fülle der Metaphern das Gemeinte annähernd erfaßt.35 Deshalb kann es auch nicht sinnvoll sein, von einer th e o lo g isc h e n Definition der Sünde auszugehen, um die je­ w eiligen Metaphern dazu zu suchen: Man fände immer nur illustriert, was man schon w eiß.36 W enn jedoch die Bedeutung von »Sünde« nicht vorgegeben ist und das W ort in vielen Belegen gar nicht vorkom m t, dann s t e ll t sich die Frage nach dem gem einsam en Bildempfänger. Paul Michel, der an gesichts der u nterschiedlichen Behandlung des Problems der Sünde in m ona stischer (metaphorisch) und sc h o la s tis ch er (definitorisch) T heologie sk ep tisch 33

OHLY, M e t a p h e r n f ü r die

S ü n d e n s tu fe n ,

S. 7; ebd.: "Die Sü n de o d e r,

u n b i b l i sc h g e sp ro c h e n , die S ch uld g e h ö r t zu d e n U r e r f a h r u n g e n d es M e n sc h se i n s wie die Zeit, die Liebe un d d e r Tod, d e re n a llg e m e in ­ g ü l t i g e D e fi ni t ion e n als u m so n i c h ts s a g e n d e r e m p fu n d e n w e rd e n , a ls

34

sie da s je weilig B es on de re d ie se r e x is te n t i e l l e n G ru n d e rf a h ru n g n ic h t e r f a s s e n könne n". OHLY, S c h ri ft e n , S. 34. PAUL MICHEL, (Rez.) F. Ohly, M e ta p h e r n f ü r die S ü n d e n s tu f e n un d die G e ge nw irk u ng en d e r Gnade (PBB 114, 1992, S. 326-329) S. 327: "S ünde g e h ö r t zu jen e n U r e r f a h r u n g e n , die b e g r i f f l i c h n i c h t f a ß b a r sind; a llf ä llig e D efi n itio n e n s in d e n tw e d e r d i r e k t a l s v e r b l a ß te M e ta p h e r n d u rc h s c h a u b a r o d e r e rw e is e n sich bei ih re r E r ö r t e r u n g als n u r a u f w e iter e M e ta p h e rn re d u z ie rb a r. In d e r V ie l f a l t d e r v e r w e n d e te n M e ta p h o rik z e ig t s ic h die V e rs c h ie d e n h e it d e r E rf a h r u n g s q u a li tä te n : S ündigsein w ird e r l e b t a ls V e rw u n d u n g , B e d r ü c k t w e rd e n von b e r g s c h w e r e r Last, G e f e s s e lts e in , B itte r n is , B ra nd u.a.m."

35

OHLY, Art . »Haus«, Sp. 973, zu den vielen M a rie n m e ta p h e rn : "Sie v e ra ns c ha u l i c h e n , wie die F ülle a lle r A s p e k te d es G ö ttl ic h e n n u r in d e r Sum m e d e r es b e z e ic hn e n de n Namen, A t t r i b u t e u. M e ta p h e rn a n n ä h e rn d e r f a ß t wird. Das vielseitig Ü b e rb e g re iflic h e w ird a n n ä h e rn d a u s s p r e c h b a r im ga nz en S p e k tr u m a ll e r a u f es a n w e n d b a re n B ez e ic h­ n ung e n. Die Summ e d e r M e ta p h e r n f ü r ein d e r e in d e u tig e n D e fin itio n d u rc h U n e rs c h ö p fl ic h k e it sich e n tz ie h e n d e s P h ä n o m e n wie G ö ttl ic h e s i s t d e r h ö c h s t e Grad d e r A n nä h e ru n g an seine v o lls tä n d ig e B e s c h re i­ b ung."

36

I n d e m e r zu w i s s e n g la u b t, daß es ne be n d e n n i c h tr e lig iö s e n Be­ d e u t u n g e n von »Sünde«, d en en v or a llem sein e A u f m e r k s a m k e it g ilt, n u r dieje nige gebe, die d e r "uns h e u te allein g e lä u fig e n d o g m a tis c h e n De finition" d e r Sünde e n ts p r e c h e (S. 1), b r in g t s ic h FRANK, Stu d ie n , s e l b s t um e ine n g ro ß e n Teil des E r tr a g e s se in e r A rb e it.

Ein leitu ng

16

ist, ob dort überhaupt vom selb en G egenstand g esproch en wird,37 b e str e ite t denn auch dem t h e o lo g isc h -d o g m a tisc h e n Begriff der Sünde, für die m eisten der hier zur Rede steh en den Metaphern ein a n g em essen er »Prädikator« zu sein,38 woraus für ihn fo lg t, daß es sich gar nicht um Metaphern handelt!39 Sinn und M öglichkeit unserer Arbeit wären g rundsätzlich b estritten , ließe sich d agegen nicht einiges einwenden. Michel will o ffenb ar nur so lc h e Fälle als Metaphern akzeptieren, in denen "ein A bstraktum m itte ls eines M o d ells veranschaulicht" wird;40 dies wäre gegeben, w enn ein T h eologe, der zu w is se n meint, w as »Sünde« ist, es in der Predigt seinen Hörern mit Bildern erläutert. Aber ist eine so lc h e Beschränkung der Metaphorik auf ihre didaktisch­ rh etorische Funktion sinnvoll? Spricht ein Mensch, der bekennt, sich »b efleckt« zu haben, nicht m etaphorisch? M ateriellen Schm utz m eint 37

MICHEL,

Rez.

(wie

A. 34),

S.

327:

"Das

g e s a g t , m o n a s t i s c h e r T ra d ition , w elch e

N e b e n e in a n d e r

von,

g ro b

m e ta p h o r is c h v on d e r Sü nd e

s p r i c h t , un d s c h o l a s t i s c h e r T rad ition , w elch e b e g r if f lic h ü b e r die Sünde sp r i c h t , l e g t die F rage nahe, ob d e nn ü b e r h a u p t v om s e lb e n P h ä n o m e n in z wei v e rs c h ie d e n e n P e rsp e k tiv e n , in z w ei » S p ra c h sp ie le n« g e s p r o c h e n w erde, o d e r ob n ic h t a lle n f a ll s d u rc h d e n je vei— s c hi e d e ne n S p r a c h z u g r if f zw ei v e rsc hie d e n e D inge zur Sp ra c h e k om m e n . (E t w a wie w e n n d e r eine B e tt f l a s c h e E in f ü lle n d e u n d P h y si ke r von W ä rm e s p rec he n: »w as B eh ag lic h k e it a u s s t r ö m t « »die E ne rgie d e r M o le ku la rb e w e gu n g « .)" 38

ein vs.

MICHEL, Al i e ni l oquium , S. 42f. (§ 040c): "G ew iss e P r ä d ik a to r e n s in d d ü r f t i g e ra t i o n a le D e c k m ä n te lc h e n f ü r G ru n d e rf a h ru n g e n . »Sünde« b e i sp i e l sw e i se i s t ein th e o l o g i s c h e r Behelf, d e r » P r o to k o lls ä tz e « d es r e li g i ö s e n E rl e b e n s »au f de n B e g riff b ring t« , d e r d a s G e m e in s a m e v on r e l i g i ö se n B e fin dlic hk e iten m it ein e r F o rm e l a b z u d e c k e n vei— s u c h t . F ü r A u s s a g e n wie »Ich fü h le mich b e fle c k t« ; »Ich h a b e eine V er fe h l u n g (u rsp rl des Ziels) begangen«; »Ich k o m m e m ir v e r ir rt vor, v om W e g a bg e k om m e n , ich habe mich ve r-g a n g e n « ; »Mich d r ü c k t eine Last«; »Ich k o m m e m ir v o r wie (in F esseln ) v e rs tr ic k t« ; »Ich bin wie kra nk« — f ü r s o lch e A u s s a g e n w erd en , s o b a ld sie r e k u r r e n t a u f t r e t e n o d e r s it u a t i o n s l o s fu n g ie re n können s o lle n , h a n d lic h e P r ä d i k a t o r e n wie »ich bin sündig« e in g e f ü h r t. D e r d o g m a tis c h e P r ä d i k a t o r g i b t vor, das zu nen ne n, w ov on die G la u b e n s r e d e e in g e s ta n d e n e r m a s s e n n u r b e h e lf s m ä s s ig s ta m m e lt . Die D o g m a tik k o p p e lt d en B e g ri ff ab von d e r u r s p r ü n g lic h e n sin n lic h e n Q u a lit ä t, d e u t e t ihn (Sünde i s t » e x is te n tie lle E n ts c h e id u n g g e g e n d e n g e o f f e n b a r te n W i l l e n G ot t e s«) und s t e l l t so lc h e A u s s a g e n a ls D e fin itio n e n hin. S o da nn k a n n m i t dem P r ä d ik a to r in einem d o g m a tis c h e n Sp ra c h s p ie l

39

w e i t e r o p e r i e r t w erden." MICHEL, Al ie ni loqu ium , S. 158 (§ 182): "Wir h a b e n s c h o n a u f je ne P r ä d i k a t o r e n wie »Sünde« hing ew iesen , die e in n o t d ü r f t i g e r H i l f s ­ b e g r i f f sind, um s o lc h e G ru n d e r fa h r u n g e n v e r e in h e itlic h e n d zu fa s s e n . Es w ä re wohl fa lsc h , w e nn m an in s o lc h e n Fä lle n d e n Sp ie s s u m ­ d r e h e n un d A u s d rü c k e wie »du k a n n s t den Sc h m u tz d e in e r S c h u ld

40

n ic h t a b w i sc h e n (vgl J e r 2,22) als m e t a p h o r i s c h b e z e ic h n e te . " MICHEL, A l ie ni lo quium, S. 158 (§ 182): " O f t i s t e s a lle rd in g s k a u m ( n ur a u f g r u n d s e h r a l t e r Ü b e r lie f e r u n g u n d i n t e r k u l t u r e l l e n V e r­ g leic hs) a u s z u m a c h e n , ob z u e r s t das G efühl w a r u n d n a c h h e r eine V e rb e g ri f fl i c h u n g s t a t t f a n d , o d e r ob ein A b s t r a k t u m m i t t e l s e in e s M o d e l l s v e ra n s c h a u lic h t w urde." D em nach w ä re e s a u c h d a n n n ic h t m e t a p h o r i s c h , w en n je m a n d ein G efühl m it B ild e rn zu u m s c h r e ib e n v e r s u c h t , weil e r n o c h keinen f e s t e n B e g riff d a f ü r h a t.

17

F o r s c h u n g s a n s ä t z e der M e t a p h o r o lo g ie

er ja nicht, sondern etwas, das wahrscheinlich mit einer Tat zu sam m en ­ hängt, die er nicht in Ordnung findet; daß dieses von ihm Gemeinte nicht mit einer t h e o lo g is c h e n Definition von »Sünde« zu sa m m en fä llt, ist durchaus m öglich, doch vermag ich nicht einzusehen, w esh alb nur klar D efiniertes Bildem pfänger sein kann. Auch mancher Prediger würde in einer d og m a tischen Formel nicht voll wiederfinden, w as er mit vielen Metaphern zu um schreiben sucht. Indem ich das mit den Metaphern Gemeinte nicht zur V orau ssetzun g, sondern zum G egenstand meiner U ntersuchung mache, kann ich auf th e o lo g isc h e Definitionen der Sünde in so w eit verzichten, als sie nicht s e lb s t m etaphorisch und damit B e le g ste lle n für mein Thema sind. Daß die E rgebnisse m ö g lic h st in nichtm etaphorischer Sprache form uliert w erden,41 fordert schon der Anspruch auf W iss en sch a ftlic h k eit. Be­ son ders p rob lem atisch is t die häufig zu beobachtende Neigung, in der­ se lb en Metaphorik »weiterzudichten«; W o lfg a n g Harms: "Dies ist dann ein gefährliches, weil ergebnisantizipierendes Verfahren, wenn dem Leser nicht R echenschaft darüber g egeben wird, w elch e S u g g estio n von so lch er Bildlichkeit in die w isse n sc h a ftlic h e Sprache übergeht und w iew eit die m öglichen w isse n sc h a ftlic h e n Ergebnisse dadurch eing een g t werden."42

3. F o r s c h u n g s a n s ä t z e d e r M e t a p h o r o l o g i e Seit langem is t Metaphorik ein b elieb ter Gegenstand w is s e n s c h a f t ­ licher Arbeiten. Die »Bibliographie zur antiken Bildersprache« (1964) le g t ein b eredtes Zeugnis ab von der Fülle der bis dato publizierten For­ schu ngen aus k la ssisc h e r Philologie, aus den B ibe lw isse n sc h a ften und aus der Patrologie und s c h lü s s e lt sie nach Bildspendern auf.43 Auch die 41

Na ch RÖHSER, M eta p h o rik , S. 22, e rw e ise s ic h "die U m s c h re ib u n g m i t n i c h t m e t a p h o r is c h e n A u sd rü c k e n — und n a t ü r l i c h a u c h di'e V e r­ w e nd un g von a nd ere n, »analogen« M e ta p h e r n C...D — a ls n a h e z u u n e in ­ g e s c h r ä n k t m öglich. A n g e s ic h ts d e r u n b e s t r e i t b a r e n E r k l ä r u n g s k r a f t s o l c h e r U m s c h re ib u n g e n e r s c h e in t m ir d e r S tr e it d a r ü b e r mü ß ig , ob d iese de n n n u n im v olle n Sinne » ad äqu ate« W ie d e rg a b e n vo n M e t a ­ phern

se ie n

oder

nicht."

Da

ich

in je d e r

H in sich t

skru p u lö ser

bin,

g e be ich z u b e de nk en , daß e t w a die be iden M e ta p h e rn v om S ü n d e r a l s »Kind« bz w. als »Glied des T eu fels « z w a r h ä u fig in d e r s e lb e n a rg u m e n ta ti v e n S to ß ri c h tu n g v e rw e n d e t w e rd e n (a lso im Sinne RÖHSERs »a nalog« sind), d u rc h ihre w e c h s e ls e iti g e E rs e t z u n g a b e r g e ra de da s v e r l o r e n ginge, w as sie u n te rs c h e id e t! N u r w e n n m a n a n s p r a c h l i c h e r G en au igk eit u n i n t e r e s s i e r t is t, k a n n m a n d a r ü b e r 42 43

h inw e g se h e n . WOLFGANG HARMS,

(Rez.)

G alinsky,

N a t u ra e

cursus

(AfdA

81,

1970, S. 1-5) S. 4. PÖSCHL - GÄRTNER - HEYKE, Bibliographie ; f ü r die n a c h f o lg e n d e n J a h re ke nn e ich kein e n ts p r e c h e n d e s H il f s m it t e l , e b e n s o w e n ig f ü r a n d e re Phi lologi en. Einen g e w iss e n E r s a tz b i e t e t die v o n MANFRED LURKER b e g r ü n d e t e »Bibliographie z u r S ymbolik , Ik o n o g ra p h ie u n d M yt hol og i e « (B aden-Baden 1968ff.); vgl. auc h SHIBLES, M e ta p h o r, u n d a ls E rg ä n z u n g M e t a p h o r.

d azu

VAN

NOPPEN

-

DE

KNOP

-

JONGEN,

18

Einleitu ng

O rientalistik44 und die neueren Philologien haben reichlich U nter­ suchungen zur Bildersprache v orgelegt. Sie sind hauptsächlich autorbzw. werkorientiert und verstehen sich als Beiträge zur »Stilistik« der jew eiligen Autoren. Da sie w eitgehend auf die h istorische H erleitung aus der Metapherntradition verzichten, sind A ussagen über Originalität, »Frische« oder »Lebensnähe« nur mit Vorsicht zu genießen. Soll darüberhinaus die Wahl der Bilder A ufschluß geben über die Persönlichkeit des Autors — also etw a nach B uffons in diesem Sinne verstandenem Le s ty le c'est l'homme —, dann is t Skepsis in besonderem Maße geboten. So wundert sich Eugenie Nußbaum, die ihre D issertation über »Metapher und Gleichnis bei Berthold von Regensburg« (1902) in eine "Charakteristik B ertholds, aus seinen Bildern geschöpft" münden läßt,45 über die vielen negativen Tiermetaphern in dem von ihr untersuchten d eu tschen Predigtwerk: "Von den edlen E igen sch aften des Hundes, seiner Treue, seiner A ufopferung hören wir nie. Die privilegierte S tellu ng dieses Freundes des M enschen scheint B. nicht au fg efa llen zu sein."46 Aus Bertholds Metaphorik ein ablehnendes Verhältnis den Tieren g e g e n ­ über h erau slesen zu w o lle n ,47 beruht auf einem grundsätzlichen Miß­ verständnis; nicht weil er etw a s g egen Tiere hätte (oder weil ihm deren p ositive E igen sch aften nicht a u fg efa llen wären), sondern um m en sch liche Sünden und Laster zu geißeln, greift Berthold zu Tier­ m etaphern, die ihm in der Regel die Tradition zur Verfügung s t e l l t e . 48 Und auch dann, wenn er s e lb s t eine neue Metapher prägte, ging es ihm dabei gewiß nicht darum, der T ierw elt gerecht zu werden oder seinen eigenen Gefühlen ihr gegenüber Ausdruck zu verleihen. Damit w ill ich nicht b estreiten , daß es sinnvoll sein kann, nach dem Verhältnis eines A utors zu den von ihm gew ä h lten Bild­ spendern zu fragen; doch muß dabei die A rgu m entationsab sicht eb en so berü ck sichtigt werden wie der Kreis der A dressaten und die Metaphern­ 44 45

A u f g e f ü h r t im L iter a tu rv e rz e ich n is Ä g y p t i sc h e n GRAPOW, A usd rü ck e. NUSSBAUM, M e tap h er, S. 73: "Da

von

SCHIMMEL,

zur

V e rb ild lic h u n g

Ste rn . je ne

Zu m Vor—

s t e l l u n g s k r e i s e h e ra n g e z o g e n w erden, die in d e r Seele a m m ä c h t i g s te n si nd, so ge w i nn en w ir d u rc h das Bild auch Ein blic k in die P e r s ö n ­ li c h k e i t .” 46 47

NUSSBAUM, M e ta ph e r, S. 34. NUSSBAUM, M e ta ph e r, S. 74f.: "Die Tiere d a g e g e n w ä h lt e r in ga nz a b g e b r a u c h t e r M anier zum Bilde, z u m e is t in r e c h t ä u ß e r lic h e r Vet— Wendung. Eine Zeit, die n ic h t einmal den M e n s c h e n f ü r ein re in e s u nd w ü rd i ge s G e sc h ö p f a n sie h t, k an n n a tu r g e m ä ß f ü r d a s W e s e n d e r T ie re kein l iebevoll v e r ti e f te s I n te r e s s e h a be n . So k o m m t e s, d aß B e rt h o l d s V e rgleiche aus d e r T ie rw e lt s e l t e n n u r eine w irk lic h e G run dl a g e ha be n. B e r th o ld fin d e t z.B. den Es el n ic h t d u m m , d e n H u n d n i c h t t r e u , den H ase n n ic h t feig. E r g ib t d e n Tie re n w illk üi—

48

lieh E i g e n s c h a ft e n , die e r ge rad e f ü r de n A u g e n b lic k b r a u c h t . ” Die O r i e n t i e ru n g an th e o lo g is c h e n A u t o r i t ä t e n w a r NUSSBAUM, M e t a p h e r, S. 74, n ic h t e n tg a n g e n : "A ußer a u s d e m g ro ß e n Buche d e r N a t u r z i t i e r t e r n u r no c h aus D ara us

z i e h t sie

d e r Bibel u n d

f ü r die M e ta p h o rik je d o c h

d en

keine

K irc h e n v ä te rn . "

S c h lü s s e .

19

F o r s c h u n g s a n s ä tz e der M e ta p h o r o lo g ie

tradition. Gegenüber diachron a n g eleg ten M etapherngeschichten bieten s o lc h e w erkbezogenen Studien die M öglichkeit zur v o llstä n d ig en Er­ fa ssu n g der Metaphorik eines A utors und g e s ta t te n detaillierte Analysen der Bilder im W erkzusamm enhang. Allerdings wird diese Chance häufig vertan. Doch s e lb s t w enn nur B e le g ste lle n — m eist nach Bildspendern g eo rd n et49 — gereiht werden, können sie als M aterialsam m lungen nützlich sein; die Lektüre der Q uellen ersparen so lc h e Arbeiten freilich nicht. Zu dem uns hier vor allem interessierenden Bereich der religiösen Metaphorik le g te im Jahr 1906 A ugu st W ünsche einen Überblick über »Die Bildersprache des A lten T estam ents« vor. In den le tz te n Jahren p ublizierte b eson ders Othmar Keel Studien zur Metaphorik der P salm en50 und des Hohen Liedes;51 mit ihrer archäologischen Zielrichtung streifen sie jedoch nur unsere Problematik. Zu den G leichnissen des Neuen T e sta m e n ts ist die Fachliteratur m ittlerw eile unüberschaubar;52 zu einzelnen Büchern oder Autoren bleibt die Studie von W erner Straub »Die Bildersprache des A p o ste ls Paulus« (1937) jedoch eher die A u s­ nahme. Die a p o sto lisch en Väter nahm 1961 Heinz Piesik sich zum Gegen­ stand einer M etaphernuntersuchung, Victoria A rnold-D öben 1978 den Manichäismus und 1986 die Gnosis. Von den Monographien zu einzelnen Kirchenvätern53 ist die Arbeit von Suzanne Poque (1984) hervorzuheben; sie s t e l l t aus dem großen Schatz der Bilder A ugu stins die Metaphern des Kampfes, des Gerichts, der G egensätze (wie » re ch ts/lin k s« ), des A u fstie g s und des Lichtes dar, wodurch zu unserem Vorhaben sich reichlich Berührungspunkte ergeben. Der zw eite große Kom plex von M etaphernuntersuchungen geh t von einem Bildspender aus und s t e ll t seine V erw end un gsm öglichk eiten in verschiedenen Zeiten, G attungen und Sprachen dar. Da dies an g esichts der Fülle der Belege en tw eder zu einem u ferlo se n Unternehm en oder aber zu einer als Traditionslinie a u sgegebenen Reihung einzelner Lese­ früchte führen würde, grenzen alle Autoren ihr Thema in mehr als einer Hinsicht ab. Mit Ausnahme der im engeren Sinne ek k lesio lo g isc h e n Metaphern führt Friedrich Ohly im Rahmen der ihm vom »Reallexikon für Antike und Christentum« g e s e tz te n zeitlichen Grenzen die Bild­ em pfängerbereiche für den Bildspender »Gebäude« exem plarisch vor 49

RÜEGG,

50 51

d a ra u f, die B e d e u tu n g e n d e r »M etap he rn« Davids m it a n z u g e b e n . KEEL, W e l t . KEEL, Blicke. Zu "M etonym ie und M e tap h e r" im A lte n T e s ta m e n t

David

von

A ug sb u rg ,

S.

47-55,

v e rz ic h te t

sogar

g a nz

a u c h KEDAR, Sem an tik, S. 165-180. Z u r bib l is c h e n M e ta p h o rik s in d a u c h die e i n sc h lä g ig e n W ö r t e r b ü c h e r e inz us e h e n , u n d z w a r in d e r Regel u n t e r de m jew eiligen B ild sp e n d e r als Stic h w o rt. 52

A ufgeführt

53

Al le gorie . Zu Kl e m e ns

in

der

von

u m fa n g re ic h e n

A lexandrien:

O ri ge ne s: LETTNER, S. 172-220.

Bibliog ra p h ie

TSERMOULAS,

B ildersprache;

zu

bei

KLAUCK,

B ild e rs p ra c h e ;

T e rtu llia n :

HOPPE,

zu

Sy nta x ,

20

E in le it u n g

(1986).54 W o lfg a n g Harms konzentriert sich bei seiner D arstellun g der »Bildlichkeit des W eges« auf die S ch eid ew egsitu ation (1970). Die m eisten Eingrenzungen finden auf der Seite der Bildem pfänger sta tt. Das S ch iff als Bild für Staat oder Kirche,55 das Buch als M etapher für W elt und Natur,56 Gefängnis, Grab und Kleid für den Leib des M enschen in seinem Verhältnis zu S eele57 — so lc h e A u ss ch n itte aus dem G esam t der Metaphorik finden in der le tz te n Zeit erfreulich reges In teresse. Bei ihnen muß durchaus nicht W illkür für die Ausw ahl bestim m end sein, da man sich an traditionellen Gruppierungen von Metaphern orientieren kann, die Harald Weinrich »Bildfelder« n en n t.58 In seinem A u fsa tz »Münze und W ort. U ntersuchu n gen an einem Bildfeld« (1958) ze ig t er auf, daß in den europäischen Sprachen die Sinnbezirke des F inanzwesens (bildspendendes Feld) und der Sprache (bildem pfangendes Feld) m eta ­ phorisch aufeinander bezo g en werden und zusam m en ein Ganzes bilden, in dem die Einzelm etapher »W ortmünze« nur eine S te lle einnimmt; da ihre »B ildstelle« darin allerdings zen tra l59 ist, benennt Weinrich das ganze Bildfeld nach ihr. W enn W einrichs B ildfeldk onzep t auch k ritisiert60 54

55 56

V o ra u s ging 1970 eine A rb e it » C o r a m a n t i s n o n a n g u s tu m « .

ü b e r die M e t a p h e r d e s W o h n e n s : V om W o h n e n im H e rz e n (DERS.,

S c h ri f t e n , S. 128-155). Die L i t e r a t u r da zu bei PEIL, U n te r s u c h u n g e n , S. 7 0 0 ff. SCHILLING, Im ag ines, S. 71-81 (mit älterer Lit.); ROTHACKER, Buc h d e r N a t ur; BLUMENBERG, L es ba rk eit; OHLY, Buch d e r N a tu r b ei Je a n Paul; DERS., Die W e lt als T e x t in d e r » G e mma ma gic a« d e s P s.-A b r a h a m von F r a n c k e n b e rg ( T e x t-E ty m o lo g ie . FS H e in ric h L a u s ­ b e rg , ed. ARNOLD ARENS, S t u t t g a r t 1987, S. 253-264); DERS., Neue

57

Z e ugen. Z.B. PIERRE COURCELLE, A rt.

»F lügel

(Flug)

d e r See le

I« (RAC 8,

Sp. 29-65); DERS., A rt. »G efängnis (der Seele)« (RAC 9, Sp. 294-318); DERS., A rt. »Grab d e r Seele« (RAC 12, Sp. 455-467); ALOIS KEHL, A rt . »Gewa nd (der Seele)« (RAC 10, Sp. 945-1025). 58

W EINRICH, Sprache, S. 276-294, 325ff. Dazu g r u n d le g e n d PEIL, Ü b e rl e g u n g e n , d e r (S. 212) "W einrichs V erz ic h t auf die genaue B e st i m m u n g de s sp ra c h lic h e n F eldes" un d d a m it "ein t h e o r e t i s c h e s De fi zit" d e r B i l d fe ld th e o rie k o n s t a t i e r t . A uch s o n s t se i sie n u r späi— lieh d i s k u t i e r t w orden : "Die P r a k ti k a b ili tä t d es B ild fe ld b e g rif fs s c h e i n t so e v i de n t zu sein, daß d e s s e n t h e o r e t i s c h e A b k lä ru n g k a u m

59

a l s B e d ürfn i s e m p f u n d e n w ird" (ebd. S. 209). WEINRICH, Sprache, S. 284; PEIL, U n t e r s u c h u n g e n , S. 24: "K o n s ti­ t u ti v f ü r ein B ildfeld i s t eine Z e n t r a l m e t a p h e r wie » S ta a ts s c h if f« o d e r eine m e t a p h o r is c h e L e itv o r s te llu n g wie d e r V e rg le ic h d es S ta a t e s m it e i ne m H i r t e n u n d s e in e r H erde." In PEILs U m s c h re ib u n g » m e ta ­ p h o ri s c h e L e i t v o r st e llu n g « ä u ß e r t sich die S c h w ie rig k e it, f ü r m a n c h e B i l d fe l d e r so p r ä g n a n te Z e n t r a l m e ta p h e r n wie » W o rtm ü n z e « zu f i nde n (»S t a a t sh e rd e « , » H e rd e n st a a t« ? ). RÖHSER, M e ta p h o rik , S. 20, s t e l l t e ä h nl i c he s f ü r das A u fs c h re ib e n v o n Sü n d e n f e s t, w o f ü r s ich

der

A u sd ru c k

» S ü n d e n re g is te r«

e in g e b ü r g e r t

h a t,

obw oh l

» Re gi ste r« n i c h t B ild s p e n d e r f ü r »Sünde« is t, s o n d e r n die Sün de al s ein (r e c h t s r e le v a n te r ) T a t b e s t a n d e r s c h e in t, d e r a u s p r o z e s s u a le n G rü n de n r e g i s t r i e r t w ird (dazu ebd. S. 55f.). Vgl. PEIL, Ü b e rle g u n g e n , 60

S. 219, A. 26. Z u r Kritik von WERNER INGENDAHL k r it is c h HOLGER A. PAUSCH, Die M e t a p h e r (W irkendes W o r t 24, 1974, S. 56-69) S. 61f.; WESSEL, P r o bl e m e , s. R e g is te r VI, s.v.; PEIL, Ü b e rle g u n g e n , S. 231-234.

F o r s c h u n g s a n s ä t z e der M e t a p h o r o lo g ie

21

und im Hinblick auf einen größeren Zusammenhang zw isch en Bildfeldern (»Bildfeldsystem e«) erw eite rt61 wurde, so hat es sich in der Praxis als n ü tzlich es O rdnungsschem a erw iesen, bei dem man sich jedoch bew ußt bleiben muß, daß diese »Familien von M etaphern«62 einander überlagern können,63 und daß im mer auch Einzelm etaphern m öglich sind, die nicht in einem Bildfeld ste h e n ,64 worin die Grenzen der »F eld-«65 wie die der V erw andtschaftsm etaphorik der »Familie« sich zeigen. In ihrer — tro tz inhaltlicher Einschränkung — am Bildspender orientierten F ragestellun g t r ifft sich diese Forschungsrichtung mit der m itte la lterlich en Bibelhermeneutik, die biblische (im w eiteren Sinn ver­ standene) »res« und ihre Proprietäten auf einen spiritu ellen Sinn hin b efra g t.66 W enn auch grundsätzlich zw isch en der A lle g o re se als einem e x e g e tisc h -h er m e n e u tisc h e n Verfahren der S ch rift- und im M ittela lter in zunehm endem Maße auch W eltd eu tu n g 67 auf der einen, und dem bis zur A llegorie rhetorisch oder dichterisch au sg esta ltba ren m etaphorischen Sprechen auf der anderen Seite, zu unterscheiden bleibt, so erw eist sich eine stren g e Trennung in vielen Fällen jedoch als undurchführbar.68 61

S CHLOß ACH, Z yk len the orie ; dazu PEIL, Ü b e rl e g u n g e n , S. 234-236.

WESSEL,

Pro b le m e ,

S.

105-107;

62

HARALD WEINRICH, A rt. »Bildfeld« (H WbPh 1, Sp. 921): "B. s in d F a m i li e n von M e ta p h e rn , die d u rc h die M e ta p h e r n tr a d i ti o n h a b itu e ll g e w o rd e n sind und b e s o n d e r s als D en km o d elle d ie ne n. W ä h re n d die

63

e i n z e l ne n M e t a p h e r n S p re c h a k te sind, g e h ö re n B. a ls p o te n ti e ll e Ge bilde de n S pra ch en (langu es im Sinne SAUSSURES) an." WEINRICH, Spra che, S. 286: "die B ild fe ld e r d e r Sp ra c h e lie g e n n ic h t

64

s a u b e r g e sc h i e d e n n eb en eina nd er; so n d e rn sie ü b e r la g e r n s ic h t e i l ­ we i se u nd h a b e n b isw e ile n einze lne M e t a p h e r n s t e ll e n g e m e in s a m . " WEINRICH, Sprache, S. 286: "Die beliebige, is o lie r te M e ta p h e r is t a l le z e i t m ögl ic h. A b er sie i s t s e lt e n e r , als m a n d e n k t, u n d — w a s w ic h t i g e r i s t — sie h a t ge w ö h n lich keine n E rf o lg bei d e r S p ra c h ­ g e m e i n s c h a ft ."

65

Z u r W o r t » fe l d « t h e o r ie u.a. HORST GECKELER, S t r u k t u r e l l e Se m a n ­ t i k un d W o r t f e l d th e o r ie , M ün c he n 21971, S. 84-176; z u d e n M e ta p h e r n (Feld, Mosaik, N etz, K ra ftf e ld ) ebd. S. 141ff. W ä h re n d GECKELER, S. 167, A. 278, j ed e n Z u sa m m e n h a n g m it dem » Bildfe ld« b e s t r e i t e t , lä ß t WEINRICH, A rt. (wie A. 62), das » W o r tf e ld « a u s d r ü c k lic h d a ­ f ü r Pa t e s t e h e n (dagegen auch WESSEL, P ro b le m e , S. 68, A. 290). Z u r A b g re n z un g PEIL. Ü b e rle g u n g e n , S. 211-216. Die A n re g u n g d u rc h C l a u d e l s champ de fig u re s (WEINRICH, S prach e , S. 283) g r i f f a u c h — w e n n a uc h w e n ig e r te r m in o lo g is ie r t — RECH, In bild, Bd. 1, S. 83,

66

auf: " die se s ga nze »Feld von Bildern« (Claudel) in d e n S ch ri ft e n" . D azu (m it der älteren L iteratu r) ne be n DE LUBAC,

h e ilig e n Exege se

m ê diê val e, e i n f ü h r e n d DERS., Sinn, sowie: FRIEDRICH OHLY, Vom g e i s t i g e n Sinn des W o r te s im M i t t e l a l t e r (DERS., S c h rifte n , S. 1-31). D ana c h u.v.a . KREWITT, M e ta ph e r, bes. S. 4 43 ff.; MEIER, P ro b le m d e r Q u a l i t ä t e n a l l e g o r e s e ; DIES., Ü be rle g u n ge n ; BRINKMANN, H e r m e ­ n e u t ik; WEHRLI, L ite ra tu r, S. 236-270; KELLER, W o r t u n d Fleisc h , b es. 177-210. Nach A b sc hlu ß d e r A rb e it e r sc h ie n d a s w ic h tig e Buch v on HORST WENZEL, H ö re n un d Sehen, S c h rif t u n d Bild. K u ltu r u nd G e dä c h t n i s im M i t te la lt e r , M ü nc he n 1995, d o r t b e s . S. 461-478 ( » C h ri st li c h e A l leg o rie — Typologie — M e h r fa c h e r Sc h rifts in n « ). 67 68

Vgl. MEIER, Gemma, Bd. 1, S. 31ff. Zu m P ro b l e m u.a. MEYER, M o s R oniarorum , S. 47f.

22

E in leitu ng

Ein großer Teil der Sündenmetaphorik findet sich im alleg o risch en K ontext der Bibelauslegung; auch nutzen um gekehrt Bußaufrufe, p a s to ­ rale Sendschreiben und Predigten das Verfahren der B ibelallegorese für ihre m etaphorische A rgumentation. Wie sich das Verhältnis von Metaphorik und A lle g o re se jew eils g e s ta lt e t, so ll uns als eine Leitfrage durch diese Arbeit b egleiten. Hier reicht ein Hinweis auf die Fruchtbar­ keit der p h ilo lo g isch en A lle g o rie fo rsc h u n g 70 für die M etaphorologie. Einige w enige Arbeiten, vor allem so lch e, die unser Thema berühren, so lle n als Beispiele genannt werden. So ze ig te der Romanist Manfred Bambeck in vielen kleinen Studien, daß sich m etaphorische W endungen in Sprichwörtern und in D ichtungen häufig vor dem Traditionshinter­ grund m ittela lterlich er E x e g ese versteh en la ss e n .71 Um den Ursprung von Motiven wie etw a »Wenn einen der T eufel reitet« (1982), »Auf einem fahlen Pferde reiten« (1980) oder »Die großen Fische fr e sse n die kleinen« (1981) zu klären, zeichn ete er d etailliert die A u sle g u n g sg e sch ic h te einzelner B ib elstellen nach, w esh alb diese Arbeiten über ihren eigen tlich en Anlaß hinaus als Bausteine zur Erforschung m ittela lterlich er A lle g o re se g elte n können. Auch Bambecks Bücher »Göttliche Komödie und Exegese« (1975) und »Studien zu Dantes 'Paradiso'« (1979) versam m eln w eita u sho len de Einzelstudien zur Bibelauslegung, mit denen sich nicht nur die schw ierigen D a n te -S te lle n erhellen lassen , zu deren Kom mentierung diese Beiträge verfaßt wurden. Gleiches g ilt für Reinildis Hartmanns a lleg o risch es W örterbuch zur Evangeliendichtung O tfrieds von W eißenburg (1975), das aufgrund der alphabetischen Anordnung des ahd. W o rtsc h a tze s als Handbuch (früh -)m ittelalterlicher Bildlichkeit b en utzt werden kann. A u fsä tze zur A lle g o re se und zur Metaphorik von Tieren72 und von 70

Eine u m fa n g re i c h e Bibliographie e n t h ä l t d e r v on WALTER H A llG h e r a u s g e g e b e n e A ll e g o r ie -S a m m e lb a n d (Forme n u n d Fu n k tio n e n , S. 739-775). Vgl. auch FRIEDRICH OHLY, S c h r ifte n , S. IX -X X X IV ; DERS., Z u r m e d iäv istisc h e n B e d e u t u n g s f o r s c h u n g ( M itte ilu n g e n d e s D e u t s c h e n G e rm a n is te n -V e r b a n d e s 33, 1986, H. 1, S. 3 -8).

71

E inige s da von i s t j e t z t n a c h g e d r u c k t in MANFRED BAMBECK, W ie s e l u n d W e rw o l f. T y p olo gis ch e S tre ifz ü g e d u rc h d a s r o m a n is c h e M i t t e l ­ a l t e r und die R e naissance, edd. FRIEDRICH WOLFZETTEL - H AN SJO ACHIM LOTZ, S t u t t g a r t 1990; d o r t (S. X V I-X X I) ein (le id e r lü c k e n ­ h a f t e s ) Sc hri ft e n v e rz e ich n is; dazu die B e s p re c h u n g e n von WILFRIED SCH O l l WINK (Mediaevistik 5, 1992, S. 267-270) und von m ir

72

( A rbi t ri um 12, 1994, S. 25f.). Z,B. E inhorn: EINHORN; Taube: BAMBECK, Stu d ie n , S. 147-154; Rabe u nd Ta ube: MESSELKEN; Taube: OHLY, S c h r ifte n , S. 4 8-92 ; Rabe: BAMBECK. Tod un d Rabe; RU BERG, V o g e lru fe ; Fro s c h : BAMBECK, Komödie, S. 76-90; DERS., P olemik; Eis vo ge l: HARMS, Eis vogel; Pelikan: GERHARDT, M e ta m o rp h o s e n ; REINITZER, K inder; Biene: MISCH, Apis; S chlange: SCHWAB, B e d e u tu n g e n d e r A sp is ; BAMBECK, H ornv ipern; H irs c h und S chlange: KOLB, H irs c h ; Biber: SCHUMACHER, Biber; Vögel: BAMBECK, K o mö die , S. 208-216; Hahn: MARTIN, Le coq; KRETZENBACHER, H a hn ; DERS., R e a l-B ild ­ w erke ; BAMBECK, P assag e; Fische: SCHUMA CHER, Sp rü n g e ; H und: GERHARDT, H und. Vgl. auch SCHMIDTKE, T ie r in te rp r e ta tio n ; HENKEL, Studie n; BRINKMANN, H e rm e n e u ti k , S. 101-116; Tiere; HESBERT, Le b e stia ire ; LEIBBRAND, Sp e c u lu m.

MICHEL,

23

F o r s c h u n g s a n s ä tz e der M e ta p h o r o lo g ie

Pflanzen73 liegen inzw ischen in größerer Anzahl vor. Die A u sle g u n g s­ g esch ich te des Paradieses in der abendländischen E x eg ese bis um 1200 s t e ll t e Reinhold R. Grimm (1977) m onographisch dar. Von G egenständen des täglichen Gebrauchs ist nun das »Bett« von Karin Lerchner (1993) gründlich erfo rsc h t (wodurch sich Überschneidungen mit meinem Kapitel VII, 5 ergeben). Wie auch E d elste in e,74 zu denen mehrere E inzelstudien verfaßt wurden,75 für die Sündenmetaphorik von Belang sein können, zeig t Christel Meier (1977) am Beispiel der Lithotherapie, bei der die A lle g o re se sich fa st v o llstä n d ig auf den Kom plex Mder Sündenkrankheit und ihrer H eilung durch Vergebung und Befreiung aus der Schuld” konzen triert.76 An Arbeiten über Körperteile (vgl. mein Kap. VI,2) ist die Monographie über das »Auge im M ittelalter« von Gudrun S ch leu sen er-E ichh olz (1985) schon w egen der Sündenm etapher der »Blind­ heit« hervorzuheben.77 Hildegard Elisabeth Keller behandelt in ihrer Studie über die Körperallegorien im »St. Trudperter Hohenlied« (1993) Hals, Zähne und ausführlich vor allem die Brüste der Braut, so w ie in der G esam tbeschreibung des Bräutigams (»Von Kopf bis Fuß«) d esse n Haupt, Augen, Wangen, Mund, Hände, Bauch, Beine und Füße. Gut s t e h t es nun um unsere Kenntnis von der Bedeutung der Zahlen im M ittelalter. Nach Arbeiten von Heinz Meyer zur Zah lenallegorese Gregors des Großen, Bedas und des Honorius A ug u sto du nensis (1975), so w ie von Rudolf Suntrup zur L itu rgieallegorese (1978),78 leg te n beide Autoren 1987 ein »Lexikon der m ittela lterlichen Zahlenbedeutungen« vor, das tro tz seiner Begrenzung auf biblische und liturgische Zahlen­ angaben und auf den Zeitraum bis etw a 1200 eine erstaunliche Fülle 73

N eben de n k u n s t h i s t o r i s c h e n S tu dien von LOTTLISA BEHLING z.B. SPITZ, Sc hi l frohr; BAMBECK, W eide nba u m ; RAHNER, Weide; BAMBECK, St udien, S. 124-132 (Lilie); K LIECHEN, Ein d rin g e n d e r P a ssi o n sb l u m e . Zur G a r te n a lle g o r e s e SCHMIDTKE, Stud ie n ; Die m e i s t e n A rb e i t e n b e rü c k s ic h tig e n die F u n k tio n a ls H e il- u n d Zau bei— p f la nz e n , z.B. RAHNER, M ythen, S. 116-121 (Moly u n d M a n d ra g o r a ).

74

Vgl. BRINKMANN, H e rm e n e u tik , S. 116-121. Z u r M e t a p h o ri k un d A lle g o re s e d e r E d e ls te in e u.a. ENGELEN, E d e l­ steine, S. 221-387; GERHARDT, E d e ls te in s t r o p h e n ; BRINKMANN,

75

H e rm e n e u t i k , S. 93-99. Z.B. K a rfunke l : ZIOLKOWSKI, K a r fu n k e lste in ; Sma rag d : SCHREINER, »Venus«; D i am a nt: OHLY, D iamant; Topas: BAMBECK, Stu d ie n , S. 115-123; Perle: OHLY, S c h rifte n , S. 274-311; DERS., La p o e s ia c o m e n e c e ss a ri o f r u t t o di un a s o f f e r e n z a (DERS., G e o m e tria e me m o ria . L e t t e r a e a l l e g o ria nel Medioevo, ed. LEA RITTER SANTINI, B o lo g n a

76 77

198S, S. 53-59). MEIER, Gem m a, Bd. 1, S. 374. V o rh e r ging SCH LEUSENER-EICH HO LZ,

B ed e u tu n g ;

DIES.,

N a tu r ­

w is se n s c h a ft. Ergänzendes in den B e sp re c h u n g e n vo n MARIA AUGUSTA COPPOLA (A rbitrium 5, 1987, S. 15-17) u n d CLAUDE LEC OUT EUX (E tudes G erm an iques 42, 1987, S. 78f.). Vgl. a u ch 78

SCHIPPERGES, W e l t des A uges. Die Z a h l e n a n g a b e n e r s c h li e ß t das R e g is te r bei SUNTRUP, B e d e u tu n g , S. 49 9 f.; vgl. a u ch DENS., Z a h le n b e d e u tu n g in d e r m i t te la l t e r li c h e n L it u r g i e a l l e g o r e s e 321-346).

(Archiv

für

L it u rg ie w is s e n s c h a ft

26,

1984,

S.

24

E inleitu ng

von Belegen th e o lo g isc h e r Zahlendeutung a u fs c h lü s s e lt .79 Das R egister der Bedeutungen informiert uns zum Beispiel darüber, daß die auf Sünde bzw. Sünder b ezo g en en Zahlen sich k ein esw e g s auf die »11« als transgressio legis beschränken, wie man aufgrund der berühm ten S te lle aus Schillers »Piccolomini« verm uten könnte: SENl. E ilf is t die Sünde. E ilf überschreitet Die zehn G ebote.80 Zum B edeutu ngsträger »Farbe« s t e h t ein ähnliches Projekt vor dem Abschluß, von dem ein Probeartikel aus dem Farbbereich »Rot« v o rlieg t.81 Er zeig t im Be­ d eu tu n g sr eg iste r mit seinem gu t b ele g te n Lemma »Sünde, Sünder, Vergebung« bereits an, wie eng sich dieses Lexikon mit einer u m fa ssen d en Erforschung der Sündenmetaphorik berührt, die als Sündenfarben vor a llem Rot und Schwarz, so w ie als K ontrastfarbe Weiß zu behandeln hätte; dem Grün als Farbe von Tugend und Gnadenstand korrespondiert dagegen keine Farbmetapher für die Sünde, sondern die zum vegetativen Bereich gehörende Metaphorik der Dürre und der F ruchtlosigkeit. Zur A lle g o re se hat die "funktional ihr n ahestehend e und s t o ff lic h zum Teil aus ihr sich sp eisen d e M etaphorik”82 noch einen w eiteren Be­ zug: Die Sprache des a lleg o risch en V orgehens ist s e lb s t w eitgehend m etaphorisch. Nachdem bereits Henri de Lubac an vielen S tellen seines grundlegenden W erkes »E x eg ese mêdiêvale. Les quatres sens de l'Ecriture« (1959-1964) auch die Metaphern für die Schriftsinne und ihr V erhältnis zueinander b erü ck sichtigt hatte, behandelte Klaus Lange 1966 in der Studie »Geistliche Speise. U ntersuchu n gen zur Metaphorik der Bibel­ hermeneutik« m it der N ahrungsbildlichkeit83 einen zentralen A u ssch n itt aus der Metaphorik der geistig en Schriftsinne, w elch e Hans-Jörg Spitz 1972 dann in seiner D issertation in ihrer ganzen Breite untersuchte. In ihren Arbeiten gelang es Lange und Spitz, das Ringen um das rechte Bibelverständnis im C hristentum anhand der verw endeten Metaphern 79

D azu

80

Z ah l e n im M i t t e la lt e r . B e m e rk un ge n zu m »Lexikon d e r m i tt e la l t e i— lie he n Z a h l e n b e d e u tu n g e n « (ZfdA 119, 1990, S. 5-22). S c hi l le r, Die Piccolomini I I / l (Werke, edd. FRICKE - GÖPFERT, Bd.

u.a.

ERNST

HELLGARDT,

Zur

a ll e g o r is c h e n

A u s le g u n g

der

2, S. 335); L i t e r a tu r z u r »11« MEYER - SUNTRUP, Lex ik on , Sp. 620. Eine V e rbi ndu ng s o lc h e r D e u tu n g e n m it d e r E lf a ls N a r re n z a h l vei— t r i t t MOSER, Elf. 81

MEIER - SUNTRUP, Zum Lexikon; z u r F arbe Blau HAAS, V isio n in Blau; zu de n F a rb e n d e r E d e ls te in e MEIER, G emma , Bd. 1, S. 142236; zu de n F a rbe n bei H ild e g a rd von Binge n MEIER, B e d e u tu n g ; zu de n F a rb e n in d e r jü d is c h e n Ü b e rl ie fe ru n g SCHOLEM, J u d a ic a III, S. 98-151; z u den F a rb e n in d e r c h r i s t l i c h e n Liturg ie SUNTRUP, F a rb e n b e d e u t u n g ; zu den F a rb en d e r B u c h st a b e n ERNST, Fa rb e u n d S c hri ft; v o rl ä u fi g sind w ir n o c h a u f ä lt e r e A r b e ite n a n g e w ie s e n wie WACKERNAGEL, F a r b e n - un d B lu m e n sp ra c h e ; HAUPT, F a r b e n ­ s ym bol ik.

82 83

OHLY, Z u r m e d iä v is tisc h e n B e d e u tu n g s f o r s c h u n g (wie A. 70), S. 5. Z u r S p e i se m e t a p h o rik ("als s p r a c h lic h e s R e fle x io n s m e d iu m f ü r die K o m m u n i k a t i o n z w isc h e n G o tt un d M ensch ", w e lc h e s w e it "ü b e r d en e u c h a r i s t i s c h e n K o n te x t" hinausw eise) W o r t un d Fl e isch, S. 395-451.

n u n a u s f ü h r li c h

KELLER,

25

F o r s c h u n g s a n s ä tz e der M e ta p h o r o lo g ie

aufzuzeigen, ja zum Teil er st durch die Betrachtung der Metaphorik zu erschließen. D ieses gegenüber den bisher b ehandelten Studien genau u m gekehrte Verfahren, an einem Bildem pfänger orientiert die en tsprechend en Bildspender zu erforschen, war beim damaligen F o rsch u n g ssta n d der M etaphorologie ganz und gar nicht se lb s tv e r ­ ständlich. Denn die H offnung, über die Bildlichkeit e tw a s über das damit Gemeinte zu erfahren, kann nur auf dem Gedanken einer eigenen E rkenn tnisleistu ng und w elta u fsc h ließ en d e n Funktion der Metapher gründen. W o man in ihr nur sprachlichen Schmuck für abgeklärte Sachverhalte sieht, kann sie vielleich t A ufschluß geben über die Phantasie, die Bildung und den Geschmack eines A utor oder seiner Zeit; über den Bildem pfänger s e lb s t erfährt man bei diesen A nsätzen kaum etw as. Das g elin g t nur dort, w o das Bezeichnete nicht von vornherein als klar u m rissen oder defi'nitorisch f e s t g e l e g t an gesehen wird. In seinem Bemühen, so lc h e als notw en dig und nicht b elieb ig 84 erkannte Metaphern auf ihre kaum anders zu form ulierende Bedeutung hin zu erforschen, t r ifft sich dieser von der Bibelauslegung kom m ende p h ilo lo g isch e A nsatz mit der »p hilosophischen M etaphorologie« Hans B lum en bergs.8S Von Kants Bestim m ung der Vernunftideen, denen für 84

OHLY,

S c hr i ft e n,

S.

XXIX:

P rinzip d e r a n t h r o p o lo g is c h e n

"Die

M e ta p h o rik

E r k e n n tn is

von

a ls der

h e r m e n e u tis c h e s in

Sp ra c h e

(auch

d e r D i c htung) u n d E rf a h r u n g h u n d e r t f ä l t i g v e rs c h ie d e n e n A u s le g u n g d e s je w e i li ge n Be ge gn en s m it de m P h än om en d e r Z e it b r ä c h te eine d u r c h Fü l le ü b e r r a s c h e n d e W e l t von M ö g lic h k e ite n

des

Z e ite r le b e n s

in s B e w uß t se i n, vo r w e lc h e r d e r V e rsu c h ein er a llg e m e in e n D e fin itio n v on Z e i t v e rs a g e n m ü ß te. Das gleiche g ilt f ü r die f a s t a u s s c h lie ß lic h

85

m e t a p h o ri s c h e Rede von e x is te n z ie lle n G ru n d e r f a h r u n g e n wie Sünde, Liebe o d e r T od. Die W ahl un d Zahl d e r M e ta p h e r n f ü r m e n s c h lic h e U rg e g e b e n h e i t e n s o lc h e r A rt, die in d e r G e sc h ic h te g le ic h w o h l a b g e ­ w a n d e l t n e u a r t i g ers c h e ine n , i s t n ic h t beliebig . Ih re A r t u n d Zahl e n t s p r i c h t de n A r te n ih r e r W e se n s z ü g e un d ih r e r E rf a h ru n g , die d u r c h die e n t s p r e c h e n d e n M e ta p h e rn z u r S prac h e g e la n g e n . " BLUMENBERGs A rb e ite n w e rd e n i n s g e s a m t g u t re z ip ie rt; es g ib t k a u m eine M e t a p h e r n u n te r s u c h u n g , die n ic h t a u f sie Bezug n ä h me . Eine V e rs c h i e b u n g d e r F r a g e s t e l l u n g e n BLUMENBERGs im V e rla u f d e r J a h re u n t e r s u c h t WESSEL, P ro blem e, S. 153-178: "Zwei e r k e n n t ­ n is o r i e n t i e r t e M e ta p h o ro lo g ie n ." An g rö ß e r e n B e s p re c h u n g s a u f ­ s ä tz e n se i e n ge na nn t: HARALD WEINRICH, (Rez.) B lu m e n b e rg , P a ra d i gm e n (G ö tting isc he G e le h rte A nzeigen 219, 1967, S. 170-174); GÖTZ MÜLLER, (Rez.) B lum en be rg, L e sb a rk e it (ZfdPh 101, 1982, S. 622-625); JOSE F KÖPPERSCHMIDT, Die E lo q u e n z d e r Dinge: R h e to r ik ­ g e s c h i c h t l i c h e A n m e rk u n g e n un d E rg ä n z u n g e n zu H a n s B lu m e n b e rg s »Die L e sb a rk e i t d e r W e lt« (Rhetorica 3, 1985, S. 105-136); JÖRG VILLWOCK, M y th o s u n d Rhe torik. Zum in n e re n Z usa m m enhang z w i sc h e n M yt h olo gie und M e ta p h o ro lo g ie in d e r P h ilo s o p h ie H a n s B l u m e n b e rg s (Ph ilos o p hisc h e R u n d sc h au 32, 1985, S. 68-91); DERS., Die B il de r d e r u n b e g r if fe n e n W a h r h e it (GRM, N.F. 36, 1986, S. 83-91); NORBERT BOLZ, (Rez.) Blu m en be rg , H ö h le n a u s g ä n g e (Ph ilo­ s o p h i sc h e R u nd sc h a u 37, 1990, S. 153-157); MICHAEL SCHUMANN, Die K ra ft d e r Bilder. G edan ken zu H ans B lu m e n b e r g s M e ta p h e r n ­ k u n d e (DVjs 69, 1995, S. 407-422); vgl. FRANZ JO SEF WETZ, B l um e n b e rg z u r E infü h ru n g , H a m b u rg 1993, b e s . S. 17-28.

Hans

26

E in leitu ng

uns M enschen keine Anschauung korrespondiert, als nur »sym bolisch« (= metaphorisch) vorstellbar, ausgehend, nahm Blumenberg Kants F e st­ ste llu n g eines F o rsch u n g sd esid era ts86 zum A nstoß für eine Reihe m etap ho ro log isch er Studien, die einen großen Teil seines w isse n sc h a ftlic h e n Œ uvres ausmachen, das in schon jetzt im posantem U m fang mit immer neuen A spekten und Themen vor uns sich ausbreitet. Zwar untersucht auch Blumenberg punktuell einzelne Bildspender: die »Q uellen«,87 den »Eisberg«,88 den »Schiffbruch«,89 das »Lesen«,90 den »Boden«91 und auch das »Lösegeld« als Hintergrundmetapher für den th e o lo g isc h e n Begriff der »Erlösung«.92 Zentral sind seine Bemühungen jedoch schon seit dem frühen A ufsa tz zum »Licht als M etapher der Wahrheit« (1957) auf die W ahrheitsm etaphorik konzentriert, auf Metaphern demnach für einen Begriff, der zwar häufig definiert wurde, in d e sse n D efinitionen aber V o rstellu n g en in der Regel nicht eingingen, die sich mit Metaphern von der »mächtigen«, »nackten« oder »ungeschm inkten« Wahrheit verbinden.93 Mit der p hilosoph ischen M etaphorologie w ill Blumenberg H ilfsm ittel b ere itstellen , mit denen sich herausfinden läßt, was ein Denker jew eils unter »Wahrheit« versteh t. Einen vorläufigen Höhepunkt haben Blum en­ bergs Bemühungen in einer m onum entalen Studie »Höhlenausgänge« (1989) gefunden, die Platons H öhlengleichnis eb en so behandelt wie darauf zurückgehende so w ie unabhängig davon en tsta n d en e analoge Gedanken­ experim ente in der abendländischen G e istesg e sch ic h te. Daß tro tz der vorgeführten V ielfalt von R ezep tionsfällen d ieses m etaphorischen T e x t­ s tü c k s noch w ich tige B elege insbesondere aus dem M ittela lter zu behandeln wären, habe ich in ergänzenden Beiträgen g ezeig t, die sich auch als Würdigung dieses b edeutenden W erkes le sen la s s e n .94 An älteren bed eu tu ngsorientierten Arbeiten kenne ich außer Harald W einrichs kurzer Arbeit über »Typen der Gedächtnismetaphorik« (1964)95 nur die Studie »Symbole der Kirche. Die E k k lesio lo g ie der Väter« (1964) von Hugo Rahner, dem es darum ging, die "altchristliche T heologie vom Verhältnis der Kirche zu Christus und zu seinem Kreuz in vier 86

87

88 89

K ant, Kritik d e r U r t e i l s k r a f t § S9 (wie A. 28), S. 296: Dies G es ch ä ft i s t bis j e t z t noch wenig auseinan der g e s e t z t worden, s o s e h r es auch eine ti e fe r e Un tersu chu ng v e r d ie n t; BLUMENBERG, Pa ra d ig m e n , S. 11. BLUMENBERG, B eo b a c h tu n g e n , h e i t, S. 473f. (E xkurs V).

190-195;

GADAMER,

W ahr­

S. 5ff.

BLUMENBERG, L esb ark eit. BLUMENBERG, Sorge, S. 95-121; vgl. DENS., B e o b a c h tu n g e n , S. 212-214. BLUMENBERG, M a tt h ä u s p a s s i o n , S. 51-59; vgl. e bd . S. 227-230.

93

BLUMENBERG,

94

NIERAAD, b i l d g e s e g n e t, S. 104-108. SCHUMACHER, H öh le n gle ic h n is; DERS.,

95

vgl.

BLUMENBERG, B e o b a c h tu n g en , S. 199-203. BLUMENBERG, B e o ba c htu ng e n, S. 171-190; DERS., Sc h iffb ru c h ; DERS., S orge ,

90 91 92

S.

P aradigm en,

s.

R e g is te r

s.v.

» W a h rh e it« ;

d a zu

Eyn m e y s te r .

L e i cht v e r ä n d e r t in WEINRICH, S prache, ASSMANN, M e t a p h o rik d e r E rinn eru n g .

S.

291-294;

je tz t

auch

27

F o r s c h u n g s a n s ä tz e der M e ta p h o r o lo g ie

Grundbildern darzustellen: die Kirche als M utterschoß des C hristus­ lebens auf Erden; die Kirche als Jungfrau auf dem Mond in ihrer bräutlichen Beziehung zur Sonne Christus; die Kirche als Quell des lebendigen W assers, das der Seitenwunde Christi en tström t; und end­ lich die Kirche als das S ch iff des Heils, das in Kraft des Kreuzes die Fahrt zur endzeitlichen Landung an getreten hat."96 Rahner beschränkt sich freilich in seinen gründlichen und materialreichen Studien vor allem bei der S ch iffa h rts- und Schiffbruchmetaphorik nicht im mer auf den Bildem pfänger »Kirche« und s t e ll t dann die ganze Bedeutungsbreite dieser Metaphern im C hristentum dar. Geändert hat sich die F orschu n gssituation seit dem Erscheinen des Buches von Spitz (1972) grundlegend. S te llte Michael Schilling 1979 noch f e st, den W eg, "einen Inhalt und seine variierenden m etaphorischen V o rstellu n g en zu untersuchen", seien "bisher erstaunlich w enig Arbeiten gegangen",97 so b esch reitet er ihn s e lb s t mit seinem Buch »Imagines Mundi«, in dem er die »Metaphorische(n) D arstellun gen der W e lt 98 in der Emblematik« in ihrem Verhältnis von Sprache und graphischer Dar­ ste llu n g u ntersucht, w obei er sich auf die E rgebnisse der Barock- und E m blem forschung stü tz e n kann. Schillings Zw eiteilung in positive (»Mundus a Deo creatus«) und negative (»Mundus malus«) W elt»bilder« mag man als zu grob m asch iges G liederungsschem a ablehnen; das D ies­ se its als "Ort der Bewährung und Läuterung" (S. 221-237) h ätte ein z e it­ g en ö ss isc h e r Christ gewiß nicht als ein »malum« b ew ertet, vielm ehr gerade in diesem Gedanken der R echtfertigung des Leidens als Reinigung von Sünden die h ö ch ste und w ich tig ste Funktion der »W elt« erblickt. Daß sich bei einer so lc h e n Pionierarbeit reichlich Ergänzungen vor allem hinsichtlich der Tradition einzelner Bilder finden lassen , spricht jeden­ fa lls noch nicht gegen diese Studie.99 Fast gleich zeitig mit Schillings D issertation erschien das Buch »M eta­ phern für Geschichte« des H istorikers A lexander Demandt (1978). W eit mehr noch als die Bücher von Spitz und Schilling — wie auch als das kurz darauf publizierte Buch von Jochen Schlobach »Zyklentheorie und Epochenm etaphorik (1980), das sich der »bildlichen Sprache der 96

RAHNER, Sym bole, S. 8. A uch RAHNERs ü b rig e S c h r if te n zur P a t ro l o g i e k ö n n e n e b e n s o d a n k b a r b e n u t z t w e rd e n wie die s e in e s L eh re rs DÖLGER. — N euere K irc h e n m e ta p h e rn bei J OSEF MEYER ZU SCHLOCHTERN, D u fte n d e H ö h le n — S c h a l l t o t e r Raum. Zur M e t a p h o ri k de s Raums in E kk le sio log ie u n d K irc h e n k ritik (Stim m e n

97 98 99

d e r Z e i t 210, 1992, S. 693-706). SCHILLING, Im agines, S. 20. Ei nen Ü b e rb l ic k ü b e r die M e ta p h e r n

für

»W e lt«

und

»Leben«

g ab

s c h o n KRANZ, W e l t und M en sc he nleb en . A n d e rs GERHARDT, W e lt - A n s i c h te n , d e re n E rg ä n z u n g e n s e h r h il f ­ r e i c h sind. T r o t z m a n c h e r Bed enk en is t das Buch in s g e s a m t r e c h t g u t a u f g e n o m m e n w orden ; z.B. KLAUS HABERKAMM (AfdA 92, 1981, S. S1-S5); DIETMAR PEIL (A rcadia 16, 1981, S. 2 00-203 ); DIETER SULZER (Fabula 22, 1981, S. lSSf.); PETER M. DALY (Daphnis 11, 1982, S. 820-826).

28

E inleitu ng

G e sch ich tsreflex io n in Frankreich von der Renaissance bis zur Frühauf­ klärung« w idm et —, wurde D em andts Arbeit über die engeren Fach­ grenzen hinaus zur Kenntnis genom m en und diskutiert;100 mit ihr trat erstm a ls die M etaphorologie in das B ew ußtsein eines größeren w is s e n ­ s c h a ftlich en Publikums. Allein schon darin, daß er den N utzen einer interdisziplinären, sich nicht mehr auf ihre Funktion in den Philologien oder als » p hilosoph ische H ilfs w is se n sc h a ft« (Blumenberg) b eschränken­ den M etaphernforschung a u fg e ze ig t hat, liegt ein Verdienst des Autors. Dem andt er sch ließ t die in seinem Buch behandelten Belege durch ein g em isc h te s Personen-, Bildem pfänger- und Bildspenderregister, das es als N achschlagew erk zur M etaphorologie zu b enutzen erlaubt und einige N achteile w ettm a ch t, die sich aus der recht w eitg e fa ß te n Gliederung in »Organische Metaphern«, »Jahres- und T ageszeiten-M etaphern«, »M eta­ phern der Bewegung«, »Metaphern aus der Technik« und »Metaphern aus dem Umkreis des Theaters« ergeben: Das »Buch der Natur« wird man unter »Theater-M etaphern im w eiteren Sinne« vielleich t noch suchen, die Jagd aber oder gar das Gericht ganz gewiß nicht. Das R egister zeig t aber auch allein schon mit seinen über vierzig Bild­ spendern für »Gott« (S. 494f.), daß Dem andt nicht nur »Metaphern für Geschichte« vorführt und auch seinen U n tertitel »Sprachbilder und G leichnisse im h isto r isc h -p o litisc h e n Denken« recht großzügig versteh t. Die A usw eitu n g der Thematik g eh t manchmal auf K osten von B eleg ­ dichte und interpretatorischer A u sw e rtu n g .101 Die Ausw ahl seiner Q uellen is t durch D em andts w isse n sc h a ftlic h e n F orschungsgang als A lthistoriker und K lassischer Philologe b estim m t, so daß zw isch en den Belegen aus Antike und Neuzeit das M ittela lter w eitgehend a u s fä llt.102 Das läßt die Frage nach Kontinuität oder D iskontinuität p o litisch er Metaphern unbe­ a n tw o rtet und w irft das Problem auf, ob so lc h w eitg esp a n n te F o rsch u n g s­ vorhaben von einem einzelnen W iss e n sc h a ftle r überhaupt noch b ew ä ltig t werden können, w enn er nicht in E klektizism us verfallen will.

100 An R e z e n si on e n z.B. ERNST VOLLRATH (AKG 60, 1978, S. 4 81f.); ARNO SEIFERT (H i st o risc h e Zs. 230, 1980, S. 104 f.); GERT HAENDLER ( T he ol o g i sc h e L it e r a tu r z e itu n g 106, 1981, S. 261-264); DIETMAR PEIL (GRM, N. F. 31, 1981, S. 245-249); WOLFGANG HARMS (A rcadia 17, 1982, S. 2 0 0 f .). 101 So b l e i b t o f t n u r Raum f ü r » In te r p re ta tio n e n « a l l e r k ü r z e s t e r A rt; z. B. S. 290: ”w i r k e n n e n das W o r t vom S a u st a ll a u s d e m M u n d e v on F ra nz J o s e f S t ra u ß (S ü d d e u tsc h e Z e itu n g 13. 2. 1975). Die Säue s in d die Bürge r." Diese m e h r a p h o r is ti s c h e n K o m m e n ta re t r a g e n fre ilic h z u r L e sb a rk e i t des Buches n ic h t w enig bei u n d d a m it w o h l a u c h zu s e i ne m E rf o l g . — Das M anko g e r in g e r N ac h w eis d ic h te s ie h t DEMANDT s e l b s t , d oc h e s b e r ü h r t ihn o f f e n s ic h t li c h nic h t; S. VI: "So b a ld a b e r die G ru ndl i ni e n rich tig g e z e ic h n e t sind, i s t die A u s f ü h ru n g d es G em ä l de s, wie A r i s t o t e l e s b e s c h r e ib t (Eth. Nie. 1098a), n u r n o c h eine Sache de s Fl e ißes. H ier w e rd e n a nd e re n a c h h e lf e n . ” 102 DEMANDT, M e t a p h e rn , S. 3, r e c h t f e r t i g t dies so: "Die m e is te n in d e r N eu z e i t ü b l i c h e n S p ra c h b ild e r sind au s d e r L e k tü re A u t o r e n un d d e r Bibel d ir e k t ü b e r n o m m e n w o r d e n . ”

der

a n tik e n

F o r s c h u n g s a n s ä t z e der M e t a p h o r o lo g ie

29

Von den auf Demandt fo lg en d en A rbeiten103 beschränkt sich die H ab ilita tion ssch rift von Dietmar Peil »U ntersuchungen zur S ta a ts- und H errschaftsm etaphorik in literarischen Z eugn issen von der Antike bis zur Gegenwart« (1983) deshalb auf sech s au sgew ä h lte Bildfelder (»Hirt und Herde«, »Bienenstaat«, »Staatskörper«, »Staatsm aschine«, » S ta a ts­ gebäude« und »S taatssch iff«), die ausführlich in ihrer Konstanz und in ihrem W andel, der Übernahme vorgegeb en er Traditionen wie auch der Abänderung durch einzelne Autoren behandelt werden. H istorische Dar­ s te llu n g der Traditionslinien verbindet sich mit der exem plarischen Interpretation einzelner Texte. Peils d etailliertes Inhaltsverzeichnis lie st sich teilw e is e wie eine k o m p lette Liste aller B ild stellen des jew eiligen B ildfeldes; es m acht das fehlende B ildregister fa st ü berflüssig, doch h ätte man sich ein ergänzendes Verzeichnis gew ü n sch t, aus dem er sic h t­ lich würde, w elche E inzelm etaphern — wie »Landesvater« oder »-m utter« für den männlichen oder w eiblichen H errscher104 oder den »Termiten­ s ta a t« 105 — Peil im V orbeigehen s o n s t noch behandelt. Seine gut d okum entierten Studien machen deutlich, in w elche Richtung sich h isto risch e M etaphorologie zu b ew egen hat, die den von Demandt geforderten "übergreifenden Blick"106 nicht mit Blindheit für das Einzelne erkaufen will. Daß andere Bilder vom Staat diesem Konzept zum Opfer fielen, läßt sich um so eher verschm erzen, als ergänzende Arbeiten bereits f o lg t e n 107 und wohl auch noch fo lg e n so llen . In ihrer R ezension verwies H elga Schüppert darauf, daß es sinnvoll wäre, beim Bild vom H errscher als Hirten "das Bild des g eistlich en Hirten stärker zu berück­ sichtigen [...], da hier die W urzel für manche Variante und W andlung dieses Bildfeldes zu finden" se i.108 Auch Peil bem erkt starke Über­ schneidungen der p o litisch en und der religiösen Metaphorik beson ders im M ittela lter .107 In unserem Fall ließe dies vor allem in der Medizin103 V ora us ging die von DEMANDT n ic h t b e rü c k s ic h tig e Stu d ie » M e c h a ­ n isc he un d o rg a n isc h e M e ta p h o rik p o l it is c h e r Ph ilo so p h ie « (1969) vo n AHLRICH MEYER. Z eitg le ic h e r s c h ie n STRUVE, E n tw ic k lu n g (1978). Von DEMANDT f o lg te : D e nkbilder; DERS., Das En d e d e s A lt e r tu m s in m e t a p h o r i s c h e r D e u tu n g (G ymnasium 87, 1980, S. 178-204); DERS., D er Fall R om s, bes. S. 181-188. Zum p o lit is c h e n » S te u e rm a n n « MEICHSNER, Logik; dazu DIETMAR PEIL (A rb itriu m S, 1987, S. 8-12). 104 PEIL, U n t e r s u c h u n g e n , z.B. S. 36, 42, 58f., 91 (Stie fv a te r), 158, 270f., 457f., 474 (M ü n d e l/V o rm u n d ), 487, 544; au c h PAUL M ÜNCH, Die » O b ri g k e i t im V a te r s ta n d « — zu D efinition u n d K ritik d e s » L a n d e s ­ v a t e rs« w ä h re n d d e r fr ü h e n N euzeit (Daphnis 11, 1982, S. 15-40). 105 PEIL, U n t e rs u c h u n g e n , S. 232. 106 DEMANDT, M e t a p h e rn , S. VI: "N ur dem ü b e r g re if e n d e n Blick z e ig t s i c h die S t r u k t u r d ieses P ro b le m fe ld e s." 107 PEIL, Concordia; DERS., Boot; DERS., Baum; DERS., hende; a u c h DERS., S tr e i t d e r Glieder. 108 HELGA SCHÜPPERT (Das h is t o r is c h - p o l it is c h e Buch 33, 1985, S. 134); im Auge h a t sie w o hl au ch ihre eigene D a r s te ll u n g DIES., K irc h e n ­ k r i ti k, S. 153-159. Re ze nsio ne n s o n s t von DIETER W U TTK E (Biblio­ g r a p hi e z u r Symbolik, Ik on o g ra p h ie un d M y th o lo g ie 18, 1985, S. 136f.); JOC H E N SCHLOBACH (A rbitrium 109 PEIL, U n t e rs u c h u n g e n , S. 164.

7, 1989, S. 133-139).

30

Ein leitu ng

metaphorik sich zeigen: D erselbe M ensch kann als Verbrecher ein krankes Glied am Staat(skörper) sein und g leich zeitig als Sünder am Leib der Kirche. Auch in der Schiffahrtsm etaphorik würden sich viele Ü bereinstim m ungen ergeben, wenn diese nicht eb en fa lls aus der vor­ liegenden Studie a u s g e s c h lo s s e n bleiben müßte. Indem sie Abhängigkeiten (vielleicht w e c h se ls e itig e r Art) und D ifferenzen kenntlich machen hilft, so ll meine Arbeit einen Beitrag le isten zu einem von Peil eingeforderten »Lexikon« h isto risch er M eta p h oro log ie,110 für das noch viele Einzelstudien erforderlich sein w erden.111 Gegenüber dem w eitau sholen den und V ergleiche erm öglichenden Verfahren Peils beschränkt sich Barbara S tollberg-R ilin ger in »Der Staat als Maschine. Zur p o litisch en Metaphorik des a b so luten F ürsten staats« (1986) wieder — von den Abgrenzungen zu org an o lo g isch en Metaphern a b gesehen — auf die D arstellun g eines B ildfeldes und grenzt dies zudem auf das d eu tsch e p o litisch e Denken des 18. Jahrhunderts ein. Solch eine K onzentration g eh t den Gefahren einer diachronen B etrach tun gsw eise aus dem W eg, die schon vom A nsatz her V o llstä n digk eit niem als er­ reichen kann. Heinz Meyer bezieht seine »Ü berlegungen zu Herders Metaphern für die G eschichte« (1981) fa s t au sn a h m slo s auf eine Schrift H erders.112 Auch Franziska W e s s e l behandelt tro tz Rück- und Querver­ w eisen die Minnemetaphorik in G ottfrieds »Tristan« (1984) w eitgehend in w erkb ezogen er B etrach tun gsw eise, w as ihr die M öglichkeit b ietet, d ieses Werk in seiner zentralen Metaphorik von allen Seiten her erschöp fend zu behandeln, so daß der »Tristan« nun als die m eta p h o ro lo g isch am b e ste n e r sc h lo ss e n e d eu tsche Dichtung des M ittela lters g elte n darf.113 110 Vgl. PEIL, U n t e r s u c h u n g e n , S. 896. 111 N ur b e d i n g t g e h ö r t das Buch von THOMAS MACH O ü b e r » T o d e s ­ m e t a p h e rn « (1987) hierher. D er A u to r b i e t e t w e it g e s p a n n te B e tr a c h ­ t u n g e n z um T he m a »Tod« u n t e r p h ilo s o p h is c h e n , p s y c h o lo g is c h e n ur*d k u l t u r k r i t i s c h e n G e s ic h ts p u n k te n ; an p h ilo lo g is c h e n U n te i— s u c h u n g e n i s t e r t r o t z de s Be fund es, "daß w ir v o m T o d s t e t s in M e t a p h e r n sp re c h e n " (S. 183), ka u m in te r e s s ie r t . E r b e h a n d e lt die g e da n k l i c he V e rb indu ng von Tod u n d G e b u r t (S. 234-24-9), v o n To d u n d S c h l a f (249-256), O h n m a c h t (2S6f.) un d T ra u m (257-267), B r a u tu n d H o c h z e i t s m e t a p h e r n (267-284), Bilder vo n A b s c h ie d u n d Reise (365-368), Schwa rz un d Weiß (379f.), sow ie die V o r s te ll u n g e n vom Tod a l s Jä g e r, S c h n it t e r un d S c h lä c h te r (390-394). M A C H O s B uc h r e p r ä s e n t i e r t eine Ten den z, den B e g riff » M etaph e r« in im m e r w e ite r e m Sinne zu ve rw e n d e n, so daß sc h lie ß lich a lle s d a r u n t e r f ä ll t , w a s zu ei nem T he m a si ch sa g e n läß t. Dazu au ch die R e z e n s io n v on JÖRG VILLWOCK (Zs. f ü r p h ilo so p h is c h e F o rs c h u n g 44, 1990, S. 344 -3 4 9). 112 J o h a n n G o t t f r i e d H er d e r, A uch eine P h ilo so p h ie d e r G e s c h ic h te d e r M e n sc h h e i t , ed. HAN S-G EO RG GADAMER, Frankfurt a.M. 1967. J e d o c h WESSEL, P rob lem e, S. 184, A. 16: " a u c h MEYER s e t z t zu d ia c h ro n e n R üc kblicke n an, w en n e r H e r d e r s s c h e in b a r im m a n e n te M e t a p h e r n k r i t i k als R ea ktion a u f den m iß b rä u c h lic h e n U m g a n g m it G e s c h i c h t s m e t a p h e r n d u r c h H e r d e r s Z e it g e n o s s e n v e r s tä n d lic h m a c h t" 113 R e z e n si on e n u.a. von TOMAS TO MA SEK (AfdA 97, 1986, S. 175-181); DENNIS H. GREEN (MLR 82, 1986, S. 527-S29); PAUL MICHEL ( A rbi t ri um 5, 1987, Ü be rl e g u n g e n .

S.

250-252).

Zum

th eo retisch en

Teil

auch

PEIL,

F o r s c h u n g s a n s ä t z e der M e ta p h o r o lo g ie

31

Die Erwägung, daß kein guter Dichter ein k o m p lettes Arsenal der T o p o sfo rsch u n g v orlegen w ill, s o ll t e uns jedoch nicht zum Verzicht auf eine historische Herleitung verführen. W enn auch ein Sprachteilnehmer sich in der Regel nicht des A lters und der g esch ich tlich en Implikationen seiner Metaphern bew ußt ist, so kann es doch der Philologe sein, der sich dumm s t e lle n müßte, sähe er davpn ab. Zumal bei älteren T exten wäre durch rein im manente Betrachtung gar nicht erkennbar, w elchen W is s e n s - und Bildungshorizont der jew eilige A utor hatte und bei seinen Lesern v o ra u ssetzen durfte; ob etw a s als A nspielung gem eint war und so a u fgefaß t werden mußte, erfahren wir erst, wenn wir die Geschichte einer Metapher einigermaßen überschauen. O ft läßt sich auch e r st aus diachroner Perspektive entscheiden, wie verblaßt oder t o p o s h a ft ein Bild zu einer Zeit war. Häufig erw eist sich, daß unbew ußt und in vertrauten W orten au sgesp rochen wurde, was uns heute allzu kühn er sch ein t.114 A llerdings kann die Aufarbeitung einer M etapherngeschichte — wie v o ll­ ständig oder lü ck en haft sie auch immer sein m öge — keine Interpretation ersetzen . Wenn erkannt wird, daß eine M etapher sich in eine Tradition s t e ll t , ist sie damit noch nicht verstanden; es hat sich im Gegenteil noch ein neues Problem für das V erstehen ergeben. Denn nun muß g eprüft werden, wie sich die M etapher zu ihrer Geschichte verhält: W iederholt sie gedankenlos oder bew uß t Vertrautes, beruft sie sich auf A lt-E hrw ü rd iges als A u to ritä tsa u sw eis, distanziert sie sich ironisch davon oder s e t z t sie eine bekannte A rgu m entationsform satirisch gegen sich selb er ein? Diese Fragen können wie die nach der S tellu ng der Metaphern im W erkzusam m enhang nur synchron behandelt werden, was jedoch die Kenntnis der Diachronie v o ra u ssetzt. Insofern hat die Dia­ chronie eine H ilfsfu n k tio n für das Interpretieren von Texten. D eshalb s o ll t e es nicht als Schwanken zw isch en verschiedenen M ethoden miß­ verstanden werden, w enn ich histo rische D arstellung im mer w ieder mit ausführlicherer Interpretation einzelner S tellen verbinde. A uf diese W eise h o ffe ich das W agnis eingehen zu können, einen F orschu n gsauf­ 114 Vgl. HARMS, (Rez.) G alinsky (wie A. 42), S. 1: "Denn eine M e t a p h e r n ­ g e s c h i c h t e i s t f ü r p h ilo lo g isc h e F r a g e s te ll u n g e n n ic h t z u l e t z t a u c h d e sh a l b e rgie big, weil ihre O b jek te s e h r o f t d e r b e w u ß te n R e fle x io n d es j e we i li ge n A u to rs e n t g a n g e n sind u n d e r s t a u s d e r Sic h t d es P h i lo l og e n als Beitrag zu einem ü b erin d iv id u e lle n th e m a ti s c h e n Z u sa m m e n h a n g e r k e n n b a r w erden." DEMANDT, M e ta p h e r n , S. 446, f o r m u l i e r t die s m e ta p h o ri s c h : "Wir e m p fa n g e n W o r te wie w o hlve i— s c h n ü r t e W e i h n a c h ts g e s c h e n k e un d reich en sie u n g e ö f f n e t w e ite r; sie e r f ü l l e n i hren Zw eck auch, ohne daß w ir sie a u s p a c k e n , a b e r w ir w i s s e n ni c ht , w a s sie e n t h a lt e n . Dies r e c h t f e r t i g t eine g e s c h ic h t ­ liche B e t r a c h t u n g von D enk bildern. N ur in d e r h is to r i s c h e n D ime n s io n e n t f a l t e t sic h d e r G e h a lt eines W o r te s , eines B e g riffe s , e in e r Vor— S te l l ung." De r V erg leich »hinkt« (WESSEL, P ro b le m e , S. 184, A. 16), d a e s r e c h t u n h ö fl ic h w äre, e r h a lt e n e W e i h n a c h ts p r ä s e n te u n g e ö f f n e t w e i t e rz u v e rs c h e n k e n ; es lä ß t sich an ihm u n s e r e A u f g a b e je d o c h s c h ö n i l l u s t r i e r e n : D er M e ta p h o r o lo g e i s t derjen ig e , d e r a u s N e u g ie rd e k ei nes

s o l c h e r P ak ete

ungeöffnet

läßt.

32

E inleitu ng

tra g 115 w en ig sten s te ilw e ise zu erfüllen, den Friedrich Ohly 1986 so formulierte: "Die Metaphorik des G ew issen s (wie der Sünde u. der Gnade, auch anderer th e o lo g isc h e r Begriffe) harrt noch der E rforschu ng.”116

4. F o r s c h u n g e n zur S ü n d e n m e t a p h o r i k Dazu sind nun so lc h e Arbeiten gründlicher zu betrachten, die sich m einem Thema bereits von anderer Seite her genähert haben. Da ist an e r ster S te lle die »Symbolik des Bösen« (»La Symbolique du Mal«, 1960) des fran zösisch en Philosophen Paul Ricœur zu nennen; es ist der zw eite Band eines auf drei Teile a n g eleg ten W erkes, das in d eu tsch er Sprache unter dem Titel »Phänom enologie der Schuld« er sc h e in t.117 Obw ohl Ricœur sich an anderen Orten zur Hermeneutik relig iö ser Sprache118 und zur Metaphorik überhaupt119 geäußert hat, ist er in diesem Buch w eniger an m eta p h o ro lo gisch en Problemen in teressiert als an einer Ideen­ g esch ich te der Schulderfahrung, die er in einen D reischritt »Makel — Sünde — Schuld« aufgliedert. Dabei sind »Makel«, »Schmutz« oder »Befleckung« nicht zu erst Metaphern für die Sünde, sondern ihre archaischen V orstufen, die einer »m agischen W elt« angehören (Kap. 1,1), w elche später eine veränderte religiöse Situation a b lö st mit ihrem Verständnis der »Sünde« als einer V erfehlung »vor Gott« (1,2). Während das »Schuldgefühl« (1,3) als ''vorgeschobene Spitze einer radikal indivi­ dualisierten" Erfahrung (S. 14) das alle M enschen um fa ssen d e Konzept der Sünde ab lö st, "korrigiert, ja revolutioniert die Sünde [ihrerseits] eine archaischere Schuld auffassun g, die vom »Makel«, der nach Art eines den M enschen von außen her b esch m u tzen d en Fleckens begriffen 115 A l l g e m e i n e r a u c h EBERHARD JÜNGEL, M e ta p h o r is c h e W a h rh e it. E r ­ w ä g u n g e n z u r t h e o lo g is c h e n Relevanz d e r M e ta p h e r a ls B e itra g z u r H e rm e n e u t i k e i n e r n a r ra tiv e n T he olo g ie (RICŒ U R - JÜNGEL, M e ta ­ p h e r, S. 71-122) S. 122: "Die A u sa r b e it u n g ein e r t h e o lo g is c h e n M e t a ­ p h o ro l o g i e i s t s o w o h l f ü r die D og m a tik als a u c h f ü r die P ra k tis c h e T h e o l ogi e ein d rin g e n d e s D e s id e r a t.” 116

OHLY, A rt . »H aus«, Sp. 1020; OHLY b e h a n d e lt d a s » H a u s d es Ge w isse ns«; f ü r Reinheit u n d B eflec k u n g v e rw e is t e r a u f CHADWICK, A rt . »Gewisse n«, Sp. 1035f.; re ich es M ate rial e n t h a l t e n die b e g r i f f s ­ g e sc h i c h t l i c h o r ie n ti e r te n S tud ien von STELZENBERGER; zu B e rn ­ h a rd KÖPF, E rf a h ru n g , S. 80f., 177f. (Buch d e s G e w is se n s ); z u r E i n z e l m e t a p h e r »G ew issensw u rm « LAU, Vermis con scientiae.

117 Im e r s t e n Teil g e h t es dem A u t o r um "den A u friß e in e r P h ilo s o ­ p h i sc h e n A n t h ro p o lo g ie ; die S tudie k r e i s t um d a s T h e m a d e r Fe h lb a rk e i t , d. h. d e r k o n s t i t u t i o n e l l e n S chw äc h e, die d a s Böse e r s t m ö g l i c h m a c h t ” (RICŒUR, F e h lb a rk e it, S. 8f.). D e r d r i t t e Band s o ll d e r P h i losop hi e d e r V er fe h lu n g g e w id m e t sein; e r lie g t o f f e n b a r a u c h im Ori gina l n o c h n ic h t vor. 118 PAUL RICŒUR, P h ilo so p h isc h e u nd t h e o lo g is c h e H e r m e n e u tik (DERS. - JÜNGEL, M e t a p h e r, S. 24-45); DERS., S te llu n g u n d F u n k tio n d e r M e t a p h e r in d e r b ib lisc h e n S prache (ebd. S. 4 5-70 ), 119

R ICŒUR, M e t a p he r; dazu RAIMUND FELLINGER - JÖRG VILLWOCK, Die M e ta p h e r als Ereignis (GRM, N.F. 26, 1976, S. 451-466).

F o r s c h u n g e n zur S ü nd en m etap horik

33

wird” (S. 14). Ricœur sieht also eine re lig io n sg esch ich tlich e Tendenz in der A u ffa ssu n g von Schuld als etw a s zu n äch st Äußerem, das sich zu ­ nehmend verinnerlicht, bis es schließlich nur noch im m ensch lichen Innern (als »Gewissensbiß« usw.) a n g esied elt ist; die Sünde als ein geb rochenes Verhältnis zw isch en M ensch und Gott s t e ll t als B eziehungs­ problem die Verbindung zw isch en diesen beiden Extrem en her: Außen (Makel) — A uß en /In nen (Sünde) — Innen (Schuld).120 Daß auch in der Sündentheologie häufig Bilder von Unreinheit und Schm utz Vorkommen, spricht für Ricœur nicht geg en sein Konzept; denn: "In den von der R elig io n sg esch ich te erfo rsch ten G e sellsch a fte n finden sich ständig Ü ber­ gänge von einer Schuldform in die andere" (S. 57); und die W iederauf­ nahme der B eflecku ngssym b olik in der Theologie der Erbsünde und des unfreien W illen s d eu tet er als "regressive Tendenz" (S. 107), g ew isserm aß en als Rückfall in ein ü berh oltes W eltb ild ,121 w obei dann der B efleckung nur noch Symbolsinn zu k o m m t.122 S ym b ol123 war die Befleckung freilich im mer schon; sie war "nie w örtlich ein Flecken; das Unreine war nie w örtlich das Schmutzige" (S. 44). "Wie hätte aber das Bild des Makels überleben können, wenn es nicht von Anfang an die Potenz des Sym bols gehabt hätte?" (ebd.). W enn auch durch B esch m utzu ngen im se x u e lle n Bereich oder durch Blut n ahegelegt, b ew eg t sich die V o rstellu n g des Makels doch "im Helldunkel einer quasi physischen Infektion, die auf eine quasi m oralische Unwürdigkeit zuläuft" (S. 44). Hier k om m t Ricœurs A u ffa ssu n g zum Tragen, nach der bereits die »primitivste« Sprache eine »Symbolsprache« sei: "der Makel b esa g t sich im Symbol des Fleckens, die Sünde in dem des verfeh lten Ziels, des krummen W eg es, der Grenzübertretung usw. Kurz, die eigen tlich e Sprache der Schuld erw eist sich doch als indirekt und bildhaft" (S. 15). 120 BÖCKLE, F u n d a m e n ta lm o r a l, S. 108-113 (»Symbolik d es Bösen«), p a r a p h r a s i e r t die T he se als "Bew egung von d e r E x t e r i o r i t ä t z u r I n te r io r i t ä t " (S. 111). 121 Dazu (b e s o n d e rs bei A ugu stin) PAUL RICŒUR, » Erb s ü n d e « — eine B e d e u tu n g sstu d ie (DERS., H e rm e n e u tik und Ps y c h o a n a ly s e . Der K o n fl i k t d e r I n t e r p r e t a t i o n e n II, dt. JOHANNES RUTSCHE, M ü n c h e n 1974, S. 140-161). 122 R IC ŒUR, Sym bo lik, S. 179: "Ich w age s o g a r z u s a g e n , daß die Be­ f l e c k u n g z u m re ine n Symbol w ird, w an n Csic] sie in k e in e r W e is e m e h r e ine n w i rklich en F lec ke n m eint, so n d e rn n u r d e n u n f re ie n W i l l e n b e d e u t e t . D er S y m bolsinn d e r B efleck u n g v o lle n d e t s ic h e r s t am E nde all se in e r W ied e ra u fn a h m en ." Vgl. DENS, Sch uld, S. 385: "Die Ide e von e tw a s Q u a s i- M a te r ie lle m , das v on A u ß e n h e r v e ru n ­ r ei n i gt , da s d u rc h u n s ic h tb a r e E ig e n s c h a f te n v e r l e t z t u n d s c h ä d ig t — d ie se Ide e b e s i t z t einen S ym b o lre ic htu m , ein P o te n tia l a n s y m b o ­ l i s c h e r A u s d r u c k s k r a f t, die da ra n zu e rk e n n e n Cistü, daß d ie s e s S ymbol u n t e r m e h r un d m e h r a ll e g o r is c h e n F o rm e n b is h e u te w eite i— 123

l e b t ." Z u m i n d e s t in d ie se r P hase seines L e b e n sw e rk s v e r s t e h t R IC Œ U R »Symbol« a l s M eta p he r; DERS., Schuld, S. 385: " U n t e r »Symbol« v e r s t e h e ich da bei einen sp ra c h lic h e n A us dru c k , d e r e in en G e g e n ­ s t a n d in e i n e r i n d ir e k te n W eise be ze ic h n e t, in d e m e r e tw a s b e z e i c h n e t , w a s die se n G e g e n s ta n d d ir e k t »meint« ."

a n d e re s

34

Ein leitu ng

Der U ntersuchung dieser bildhaften Sprache korrespondiert zum indest a n sa tzw eise eine so lc h e der Bilder der »Vergebung«. Auch sie e n tfa lte t, so Ricœur resümierend, eine G eschichte, "die derjenigen parallel läuft, die vom Makel zur Sünde und zur Schuld führt. Wir haben diese Ideen­ g esch ich te der Vergebung them a tisch a u fgegliedert in Reinigung, Barm­ herzigkeit ( chesed ) , Rechtfertigung; nun war aber diese Ideengeschichte an eine Ursym bolik angelehnt: w aschen oder w egnehm en, losbinden, befreien, lo sk a u fen usw." (S. 297). Da Ricœur alle (in traditioneller W eise von der A llegorie untersch ied en en )124 Symbole, in denen sich das jew eilige Bew ußtsein der Vergebung äußert, als aus Mythen abstrahiert erk en n t125 (und den M ythos s e lb s t als ein erzäh ltes Symbol an sieh t),126 b ehandelt er im zw eiten Teil seines Buches k onsequ en t mehrere Mythen, w ovon für uns beson ders die D isk ussion der biblischen S ün d en fa llg eschichte (Kap. 11,3), sow ie deren Verhältnis zum orphischen M ythos vom Fall der Seelen in die Körperwelt und d esse n Um deutung durch Platon (II,4f.) von In teresse ist. Insg esa m t liegt (von vielen w ichtigen Beob­ achtungen abgesehen) die Bedeutung des Buches vor allem darin, die Frage nach der Zuordnung von Metaphern zu b estim m ten Formen von Religion g e s t e llt zu haben. W enn man jedoch genauere Angaben h istorischer oder p h ilo lo g isch er Art erwartet, dann en ttä u sch t das Buch w e itg e g e n d .127 Daß die Unreinheit das ä lte s te Symbol der Schuld sei, ist eine in teressa n te (und wahrscheinlich auch richtige) These — 124 Vgl. RICŒUR, S ymbolik, S. 23f.:

die A lleg orie t e n d i e r t

z u r D e u tu n g

( A ll e gore se ), das Symbol s p r ic h t d u rc h sich s e lb s t. 125 RICŒUR, Sym bolik, S. 185: "Was als Makel, a ls Sün de , a ls Sc h u ld e r l e b t wird, b e d a r f d e r V e r m itt lu n g d u rc h eine s p e z if is c h e Sp ra c h e, die Spra c he

d e r Symbole.

O hne

die

H ilfe

d iese r

Sp ra c h e

w ü rd e

die

E rf a h ru n g s t u m m bleiben, dun ke l un d v e r s c h lo s s e n u m die in ih r n i s t e n d e n W i d e rs p r ü c h e (so g ib t sich die B e fle c k u n g zu v e r s te h e n al s e t w a s, da s von a uß e n h e r infiziert, und die Sün de a ls B ru c h e in e r B e zie hung un d als M ac h t usw .). Diese e l e m e n ta r e n Symb o le w a re n n u r d u rc h eine A b s t r a k ti o n zu gew innen, die sie d e r re ic h e n W e lt d e r M yt h e n e n t r i s s e n hat." 126 R ICŒUR, Sym bolik, S. 26: "Ich h a lt e den M y th o s f ü r eine A r t v on Sy mbol, ein in E r z ä h lf o r m e n tw ic k e lt e s S ymb ol, in e in e r Z e it u n d in e i ne m R aum a r t i k u lie r t, die nic h t e i n s c h a l tb a r s in d in Z e it u n d Raum d e r na c h k r i t i s c h e r M e th o d e b e g r if f e n e n G e s c h ic h te u n d G e o gra p hie ; s o i s t z u m B eispiel die V erb an n u ng ein U rs y m b o l m e n s c h lic h e r E n t f r e m d u n g , a b e r die G e sch ich te d e r A u st r e ib u n g A d a ms u n d Evas a us de m Pa ra dies is t eine m y th isc h e E rzä h lu n g z w e ite n G ra d e s , w e l c he P e rs o n e n , O rte , eine Zeit, s a g e n h a f te E p is o d e n ins Spiel b ri n g t ; die V e rba nn un g is t ein U rsy m b o l u n d n ic h t ein M y th o s , weil in i hr ein h i s t o r is c h e s Ereignis a n a lo g is c h s in n g e b e n d w u rd e f ü r die m e ns c hl i c he E n tf r e m d u n g ; a b e r diese E n tf r e m d u n g le g t s ic h eine p h a n t a s t i s c h e G es c hic h te zu, die V erba nn un g a u s d e m G a rt e n Eden, die a l s so l c h e in illo te m p o r e v o rg e fa lle n e G e s c h ic h te ein M y th o s is t." Vgl. DENS., F e hlb a rk e it, S. 7f. 127 R IC Œ UR z i e h t sich z u rü c k m it F o r m u lie ru n g e n wie: "Den Sin n a b ­ s t a n d z w i sc h e n Makel un d Sünde muß m an rich tig e in s c h ä tz e n : d ie s e r A b s t a n d i s t m e h r » p h ä n om e n o log isc h e r« als » h is to ris c h e r« O rd n u n g ” (Sym bolik, S. 57); d e n n o c h g e h t e r von e in e r f a k tis c h e n A u fe in a n d e r­ f o l ge aus.

35

F o r s c h u n g e n zur Sü nd en m etap horik

begründet wird sie jedoch nicht. Der A utor s e t z t sie eb en so s e l b s t ­ verständlich voraus, wie er die Behauptung für erw iesen hält, daß dieses Schuldm odell einem archaischen und m agischen W eltb ild ange­ höre, das von Furcht und Schrecken geprägt sei: "Kaum wird die B efleckung zu einer V orstellun g und schon ertrinkt diese in einer sp ezifisch en Furcht, die der R eflexion den Mund schließt; mit der Be­ flecku ng treten wir in das Reich des Schreckens ein" (S. 33; vgl. ebd. S. 44). Ricœur übernimmt offenbar aus der älteren r e lig io n sw issen ­ sc h a ftlich en Literatur128 ein Konzept, in das dann die einzelnen M eta­ phern eingeordnet w erden.129 Mit A bsicht nicht von einem vorgegebenen Schema, sondern vom W ortsch a tz der Sünde geh t der T h eologe R olf Knierim in seinem Buch über »Die H auptbegriffe für Sünde im A lten Testam ent« (1965) sow ie in en tsprechenden Lexikonartikeln a u s.130 Er diskutiert (in Auseinander­ setz u n g mit der bisherigen Forschungsliteratur) drei der h ä u figsten A u s­ drücke für die Sünde mit ihren A bleitungen und gliedert sein Buch formal nach dem sta tistisc h e n Befund des zahlenm äßigen Vorkom m ens in der S ch rift.131 An erster S telle s te h t dabei das Verb h t' und seine

128 B e so n d e rs a u f FREUD (»Totem und Tabu«) und LUCIEN LEVY-BRUHL b e r u f t sic h (mit e tw a s a n d e r e r A kz en tuieru n g ) ANSELM HERTZ, Ü b e r m a gi sc h e , m yth isc h e und ra tio n a le S c h u ld b e g rü n d u n g (Th e o lo ­ g i sc he Q u a r t a l s c h r i f t 155, 1975, S. 17-30), d o r t S. 17: "Die K la s s ifiz ie ­ r un g von S c h u l d v o r s te llu n g e n in m agisch e, m y th is c h e u n d ra tio n a le g e h t a u f eine, vo r a lle m in d e r E th n o lo g ie un d v on d e r Ps y c h o lo g ie e r a r b e i t e t e U n t e r s c h e id u n g in m ag ische , m y th is c h e u n d ra tio n a le S ta d i e n m e n s c h lic h e r B e w u ß tse in sb ild u n g z u rü c k . " N ac h H O N N EFELDER, P h i losop hie d e r S chuld, S. 41, h a t R IC Œ U R se in e E rg e b ­ n i sse "in i n t e n si v e r A u s e in a n d e r s e tz u n g m it d e n R e s u lt a te n der M y t h e n f o r s c h u n g un d d e r P s ych oan alyse" gew o n n e n . 129 An d i e se r S t e l l e muß eine e th n o lo g is c h e K ritik e in s e tz e n , die h ie r n i c h t g e l e i s t e t w e rd e n kann; a n s a tz w e is e bei DOUGLAS, R e inh eit, wo (S. 11) die B e d eu tun g d e r F u rc h t f ü r die U n r e in h e it s v o r s te ll u n g e n b e s t r i t t e n wird. Zu m »U nreinen« auch PARKER, M ia s ma , S. 2: "It is n o t a p r o d u c t o f t h e il l - f o c u s e d t e r r o r t h a t p e r m a n e n tly in v e s ts th e sa va ge m ind, b e c a u s e t h a t t e r r o r is an i n v e n tio n o f n in e te e n t h c e n t u r y a n t h ro p o lo g y ." 130 KNIERIM will m i t d e r " e ty m o lo g is ch e n u nd s e m a s i o lo g is c h e n A r b e it s ­ weise " de n F e h le r verm eiden, E rg e b n is s e v o rw e g z u n e h m e n : "Die G es c h i c h t e e i ne s B eg riffes zu sc h re ib e n b e d e u t e t in je d e m Fa ll, a u f e in v o rg e g e b e n e s S y ste m zu ve rz ic h te n u n d b e r e it zu sein, eine d i f f e r e n z i e rt e W ir k lic h k e it da a u f z u s u c h e n un d d a r z û s t e ll e n , wo sie e x i s t i e r t e " (H a u p tb e g rif fe , S. 15). 131 Die St u d i e n z u e in e r vie rte n V okabel n a hm KNIERIM n ic h t in die D r u c k f a s s u n g se ine s Buches a u f (vgl. H a u p tb e g ri f f e , S. 11). Es h a n d e lt s ich um hämäs »G e w a ltta t«; dazu HERBERT HAAG, A rt. hämäs (ThWbAT 2, Sp. 1050-1061); d o r t Sp. 1059: "S owo h l a ls s o z ia le r Frevel wie a ls u n g e r e c h te s G erich t wie e r s t r e c h t a ls B lu ts c h u ld r i c h t e t sic h hämäs n a c h s ä k u la r e r T ra d itio n Is r a e ls (vgl. Gen 4,9-12; Ex 22,26) l e t z t l i c h g eg en JH W H und f o r d e r t sein G e ric h t h e ra u s "; DERS., V o r de m Böse n, S. 34: "Die ganze P e r v e rs itä t d e r in Sü nd e vei— s trick ten ist

M e n sc h h e it,

die

das

S tr a f g e r i c h t

der

Gen 6,11-13 im B eg riff hämäs eing efangen . "

S i n tf lu t

p ro v o z ie rt,

36

E inleitu ng

Derivata.132 Nur se lte n steh e es in n ich t-m eta p h o risch en Zusam m en­ hängen; so bei Jdc. 20,16, wo von siebenhundert linkshändigen Kriegern die Rede ist: »Sie schleud erten mit Steinen und trafen genau, ohne zu fehlen«. In fa st allen ändern F ällen133 ist der Ausdruck stark fo rm elh a ft und b ezeichn et den religiösen Sachverhalt des »(sich) V erfehlens«. MIn diesem V erwendungsbereich wird der Begriff nur noch übertragen zur D isqualifizierung b estim m ter Vorgänge verw endet. Die Tatsache, daß der Begriff eine nicht näher definierte Tat form al und objektiv als Vergehen, V erfehlung disqualifiziert, m acht ihn zu einem u m fassen d en Oberbegriff für »Sünde«.”134 Da dieser W ortgebrauch des »Verfehlens« für Sündigen in der Bibelsprache w eit überwiegt, läßt sich nicht mit Sicherheit von Metaphorik sprechen; Knierim form uliert deshalb als »Grundbedeutung« eb en so vorsichtig wie umständlich: "das V erfehlen eines Zieles oder das Vergehen an diesem Ziel aufgrund einer zw isch en dem Handelnden und dem Ziel seines Handelns b esteh en d en Beziehung".135 Der zw eite A u s­ druck sta m m t aus der R echtssprache, w o man mit ihm verschiedene E ig en tu m s- und P ersonaldelikte zusam m enfaßte. Knierim gibt als Über­ setz u n g von pâesa' »Verbrechen« an.136 Das W ort meine "sich oder etw a s von jemand w egbrechen, mit ihm brechen, sich oder etw a s ihm entziehen, w egnehm en".137 Wird dieser juristische Fachausdruck zum th e o lo g isc h e n Begriff, dann erscheint die Sünde als R echtsbruch g e g e n ­ über Gott. Beim dritten b ehandelten W ort schließlich b ed eu tet d essen Verbform »beugen, krümmen, verkehren«; so in Ps. 37,7 »Ich bin g e ­

132 KNIERIM,

H a u p tb e g r if f e ,

S. 19-112; DERS., Art.

h t ’ »sic h

v e rfe h le n «

( T he ol o gi s c h e s H a n d w ö r te r b u c h z um A lte n T e s ta m e n t, edd. ERNST JENNI - CLAUS WESTERMANN, Bd. 1, M ü n c h e n - Z ü ric h 1971, Sp. 541-549); HAAG, V or dem Bösen, S. 28-31 (»Sünde: d a s Ziel v e r­ f eh le n«), vgl. ebd. S. 40; BÖCKLE, F u n d a m e n ta lm o r a l, S. 113-115; KLAUS KOCH, Art. hätä' (ThWbAT 2, Sp. 8 57 -870). 133 Bei Prov. 19,2 »W er h a s tig r e n n t, t r i t t fehl« (a n d e rs Vu lg ata!) is t e b e n f a l l s " d e r Ü b e rg a n g vom w ö rt li c h e n zu m ü b e r tr a g e n e n G e b ra u c h im Sinn de s v e rk e h r te n L e b e n sw a n d e ls d e u tlic h " (KNIERIM, A rt. ht.' Cwie A. 132], Sp. 543). 134 KNIERIM, A rt . ht' (wie A. 132), Sp. 543. 135 KNIERIM, H a u p t b e g ri f f e , S. 58. S k e p tis c h e r KOCH (wie A. 132), Sp. 859f.: "Als »sinnliche« G r u n d b e d e u tu n g w ird g e w ö h n lic h »(ein Ziel) v e rfe hl e n « a n g e s e t z t und d a f ü r Ri 20,16; S p r 8,35f.; 19,2; Hi 5,24 h e ra n g e z o g e n . Das is t jed o c h s p ä r lic h e s B ew e is m a te ria l a n g e s ic h ts d e s sc h o n J a h r h u n d e r te f r ü h e r im se m it. U m k r e is b e l e g te n r e lig iö s e n G e b ra u c h s. H a t es eine sinn lich e G r u n d b e d e u tu n g je g e g e b e n ? Bein­ h a l t e n die vie r a n g e f ü h r t e n S te lle n n ic h t e h e r ih r e r s e it s e in e n »übei— t r a g e n e n « G e b rau ch (vgl. d e u t s c h » V e rk e hrs s ü n d e r« )? " 136 KNIERIM, H a u p tb e g r if f e , S. 113-184; DERS., A rt. pâesa' » V e rb re c h en « ( T h e o l o g i sc he s H a n d w ö r te r b u c h Cwie A. 132], Bd. 2, 1976, Sp. 4 8 8 495) ; HAAG, V or dem Bösen, S. 32f. (Sünde: e tw a s v e r» b re c h e n « ); BÖCKLE, F u n d a m e n ta lm o r a l, S. 115f. 137 KNIERIM, H a u p tb e g r if f e , S. 181; ebd. S. 179f.: "Es z e ig t sic h s o m it, d aß d e r d e u t s c h e B eg rif f » br e c he n (mit), v e r b re c h e r is c h h a n d e ln « , » Ve rbre c he n« so w o h l W u rz e l p s ’ a m b e s t e n

e ty m o lo g is c h e n ts p r ic h t ."

als

au c h

s e m a s io lo g is c h

de r

37

F o r s c h u n g e n zur Sü nd en m etap horik

krümmt und t ie f g e b eu g t« .138 M etaphorische W endungen sind »das Recht verkehren« (Hiob 33,27) oder »verkehrten Sinnes sein« (Prov. 12,8; jew eils anders Vulgata!). Das m eist zur "formalen Disqualifizierung b estim m ter Handlungen, V erha ltensw eisen oder Zustände und ihrer F olgen — und dies in ausdrücklich th e o lo g isc h e n Zusam menhängen — verw endet (e)" Sub stan tiv139 'äwön findet sich in der Schrift überhaupt nur in m etaph o­ rischer Bedeutung, w esh alb man es o ft nur als »Schuld, Sündenschuld« ü b e r se tz t.140 An der sich auch hier aufdrängenden Frage, wie stark der Ausdruck als b ildhaft em pfunden wurde, ist Knierim seinem A nsatz gemäß nicht interessiert. D ennoch kann seine Arbeit als ein Beitrag zur M etaphorologie der Sünde angesehen werden, wenn auch durch die Be­ schränkung auf drei »Hauptbegriffe« die m eisten Einzelm etaphern des A lten T esta m e n tes bei ihm unberücksichtigt bleiben. Schon vom Titel her kom m t unserem Vorhaben ein Buch von Günter Röhser nahe: »Metaphorik und Personifikation der Sünde. Antike Sünden­ vo rste llu n g e n und paulinische Hamartia« (1987).141 Der A utor baut in seiner th e o lo g is c h e n D issertation auf den E rgebnissen von Knierim auf, ist jedoch w eniger als jener an einer p h ilo lo gisch en Bestandsaufnahm e interessiert; tro tz seiner Absicht, einen "Beitrag zur biblischen W o rt­ semantik" zu liefern (S. 1), ist sein primäres A nliegen (mit klar form u­ liertem "Beweisziel", S. 176) ein th e o lo g isc h e s; er w ill nachweisen, daß die in der ex e g e tis c h e n W is s e n sc h a ft verbreitete A uffa ssu n g , bei Paulus sei die Sünde eine »Macht«, in dieser Form zum indest nicht haltbar sei. Denn dadurch werde einer "allzu einseitigen B etrach tun gsw eise der Sünde Vorschub g e le is te t (Ohnmacht des Menschen!)", die dazu verleite, "logisch die konkrete Tatsünde der »Sündenmacht« n ach- und damit unterzuordnen" (S. 3). Um den "Macht- zu g u n sten des Tatbegriffs" in Frage zu s t e lle n (S. 4), so ll die Metaphorik der Sünde b etrachtet werden: "Sie erscheint als der eigen tlich e S ch lü ssel zu einer Neuorien­ tierung im Verständnis der paulinü sch en ] hamartia " (S. 5). Die M etapho­ rologie ist a lso M ittel für einen th e o lo g isc h e n Zweck. D ieses Konzept hält Röhser k o nsequ en t durch, wenn er sich nach einleitenden Teilen über "Grundlegende Merkmale des paulinischen Sündenbegriffs" (S. 7-18) und th eoretisch en Vorüberlegungen zur M etaphorologie (S. 19-28) dem "weiten Feld der antiken Sündenmetaphorik" zuw endet (S. 18). Dabei g eh t er zu n äch st eine Reihe au sg ew ä h lter Bildfelder durch; er s t e ll t die Sünde als »Last« (S. 29-39), als »Schmutz und Befleckung« (S. 39-48) 138 KNIERIM,

H a u p tb e g r if f e ,

S.

185-261;

DERS.,

A rt.

h eit« (T h e o l og i sch es H a n d w ö r te r b u c h Cwie A. HAAG, Vor de m Bösen, S. 31f. (Sünde: das BÖCKLE,

F u n d a m e n ta lm o r a l,

'äwön

» V e rk e h rt ­

136D, Sp. 24-3-249); G e ra d e k rü m m e n );

S. 116f.

139 KNIERIM, A rt 'äwön (wie A. 138), Sp. 244. 140 KNIERIM, A rt 'äwön (wie A. 138), Sp. 244. 14-1 R e z e nsi on von DIETER ZELLER (T heo logisch e

Revue

86, 1990,

Sp.

203f.). De r Sa m m e lb a n d M e tap h o rik un d M yth o s im N e ue n T e s ta m e n t, ed. KERTELGE (1990), b e r ü c k s ic h t ig t RÖHSERs A rb e it n o c h n ic h t.

38

E in leitu ng

und als G egenstand des »A ufschreibens im Himmel" (S. 4 8 -5 8 ) dar, b e ­ handelt das »W egnehmen« (S. 59-65) und das »Lösen« (S. 65-72) als "Metaphern der Sündenbewältigung", diskutiert die V o rstellu n g von der Sünde als »Krankheit« (S. 73-80) und vom »V erbergen/B edecken« und »E n th ü llen /A u fd eck en « der Sünde (S. 81-89); dann geh t es noch um "Metaphern einer (räumlichen) Bew egung in bezug auf die Sünde" (S. 98-95), so w ie um die vegetative Bildlichkeit der "Sünde als Frucht/Trieb bzw. als Pflanze" (S. 96-100). In einem w eiteren Schritt b earbeitet Röhser als "paulinische Hauptm etaphern für Sünde in Röm 5-7" die »HerrSklave«-M etaphorik (S. 104-115), die »Betrugsmetapher« (S. 115-119) und die »Metapher des Innewohnens« (S. 119-126). Der A utor e n tw ick elt dann in Teil III eine Theorie der Personifikation ("im H orizont einer neueren Rhetorik-Theorie", S. 177), in deren Rahmen er auch die "frühjüdischpaulinische P ersonifikation der Sünde" (S. 176) s t e llt. "Die p aulintische] Hamartia läßt sich innerhalb dieses Rahmens näher beschreiben als ein unh eilv o lles und todbringendes lebendiges W esen eigener Art, w elch es nichts anderes d a rstellt als den Inbegriff m enschlicher Tatverfehlungen, die mit vernichtender G ewalt auf den M enschen Zurückschlagen" (S. 177). W iew eit Röhser der Nachweis g elun g en ist, die Sünde sei bei Paulus ein personifizierter Tatbegriff, der g eeig n et sei, "die vo lle V erantw ortlichkeit des M enschen zu betonen" (S. 179), vermag ich nicht zu entscheiden; hält Röhser doch se lb e r fest: "Der Tatcharakter sch ließ t bei Paulus den Verhängnischarakter der Sünde nicht aus, sondern ein, eb en so wie er auch W o rt- und Gedankensünden so w ie b eson ders die sündige Begierde mit umfaßt" (S. 179f.). Hier sei nur gefragt, ob der (im re lig io n sw is s e n ­ sc h a ftlich en Sinn verwendete) Begriff »Hypostasierung« im Bereich der Metaphorik a n g em esse n ist. Indem Röhser ihn als O berbegriff für D ing­ m etaphern (ebenfalls problem atisch: "Vergegenständlichung" oder "Ver­ dinglichung"!), dynamische Metaphern ("Verlebendigung") und Personifika­ tionen s e t z t (S. 173f.), erhält er einen Zusam menhang der Personifikation m it den übrigen Metaphern, der s o n s t — so w e it er über die Gem einsam ­ keit m etaphorischer V o rstellu n g en h inausgeht — er st begründet werden müßte. Röhsers B eg riffssc h ö p fu n g e n "Wirklichkeitswert" und "Weltan­ schauungsmetaphern" werden w eiter unten zu kritisieren sein. Die A u s­ wahl seiner B elege ist für ihn als N eu testam en tler, der an der Rezeption seiner T exte in der G eschichte des C hristentum s grundsätzlich kein Inter­ e s s e zeig t (Exegeten der le tz te n hundert Jahre ausgenomm en!), von vorn­ herein begrenzt; aber auch dort, w o es um E in flü sse auf die Sündenm eta­ phorik bei Paulus geht, läßt sich das Auswahlprinzip nicht immer nach­ vollziehen. So kann ich nicht einsehen, w esh alb er auf Belege im Fall der Krankheitsmetaphorik fa st ganz verzichtet, w o sie nicht mehr oder nicht w eniger w ichtig wären als bei jedem anderen Bildfeld, das er behandelt. Durchaus überzeugend zieht Röhser s o n s t (auch w eniger bekannte) griechische T exte heran und kann bei aller V erschiedenheit von

F o r s c h u n g e n zur Sü nd en m etap horik

39

"jüdisch-christlichem Sündenverständnis und griechisch-hellenistischem Verfehlungsbegriff” (S. 28) doch viele Ähnlichkeiten und teilweise auch Abhängigkeiten nachweisen; hier gelingen ihm einige schöne Funde (z.B. die Sünde als »Holzwurm«, S. 161ff.). Beschränkung legte sich der Autor auch hinsichtlich der behandelten Metaphern auf. Das eine oder andere klingt zwar im Vorbeigehen an (Sünde .als »Feuer«, S. 87f.; Wiege­ metaphorik, S. 53); manches wird als Desiderat ausdrücklich benannt.142 Ein Kriterium für die Auswahl erfahren wir jedoch nicht. Allerdings ist Röhser sich bewußt, das Thema nicht abschließend behandelt zu haben: "Es bleibt also noch ein weites Feld für weitere Untersuchungen” (S. 102). Klar eingegrenzt hat sein Thema hingegen Friedrich Ohly in der Studie über »Metaphern für die Sündenstufen und die Gegenwirkungen der Gnade« (1990).143 Er ist — schon im Hinblick auf die von ihm ange­ regte vorliegende Arbeit (S. 8) — weniger an Metaphern für die Sünden­ erfahrung überhaupt interessiert, als an dem Spezialfall der Bilder eines mehrstufigen Fortschritts im Sündigen. Diese seit Augustinus bekannte Lehre von verschiedenen Stufen (gradus) der Versündigung (S. 11-27) ist bis zur Frühscholastik offenbar ausschließlich metaphorisch formuliert worden, und zwar in der Regel in exegetisch-schriftgebundenen Zu­ sammenhängen. Erschlossen war diese Lehre bisher nur bei Gregor dem Großen durch einen Aufsatz von Ferruccio Gastaldelli über den psycho­ logischen Mechanismus der Sünde in den »Moralia in lob« (1965), wo jedoch die Metaphorik für die ganze Reihe des Fortschreitens im Sündigen unbehandelt blieb (vgl. S. 18). Vor allem einer solchen fortgesetzten Metaphorik gilt jedoch Ohlys Aufmerksamkeit, weniger den unterein­ ander unverbundenen Einzelmetaphern, wofür als Beispiel Petrus von Cella ( f 1183) angeführt wird mit seinen Bildern vom Feuer der d e lecta tio , des Pechs der Einwilligung und des Vollzugs der Sünde, des Steins als Gewohnheit und Beharren, sowie des Lufthauchs als teu f­ lisches Zuflüstern in der Versuchung (aerem serpen tis sibilatio) (S. 7). Ausgangspunkt war für Ohly eine Stelle im Prolog des St. Trudperter Hohenliedes (vgl. S. 12):144

142 RÖ H SE R, M e t a p h o r i k , S. 102: D e r " E i n s t i e g in die E r f o r s c h u n g d e r a n tik e n S ü n d e n v o rs te llu n g e n e r h e b t k e in e sw eg s den A n s p ru ch , v o ll­ s t ä n d i g z u se in; viele ü b e r a u s w i c h t i g e u n d h ä u f ig e M e t a p h e r n w ä r e n n o c h z u n e n n e n u n d a u s z u w e r t e n , w ie z. B. die k u l t u r k r e i s ü b e r g r e i f e n d e W o r t v e r b i n d u n g »die S ü n d e a u s w i s c h e n « C...] o d e r d a s a u s a l l g e m e i n m e n s c h l i c h e r E r f a h r u n g s i c h n a h e l e g e n d e Bild d e s W a s s e r s (» Q u e lle « u n d » S t r o m « d e r S ü n d e n ). W a h r h a f t u n i v e r s a l s i n d w o h l a u c h die B i ld e r d e s W e g e s (»in die I r r e g e hen«) u n d d e s F a l le s ( W e l t a n s c h a u u n g s m e t a p h e r in g n o s t i s c h e n S y s te m e n !) ." 143 R e z e n s i o n e n u.a. v o n U W E W O L F F ( L u th e r i s c h e M o n a t s h e f t e 30, 1991, S. 4 2 8 f . ) ; PAUL M IC H E L (PBB 114, 1992, S. 326-329). 144 St. T r u d p e r t e r H o h e s l i e d 1,11-16, ed. M ENH ARDT, S. 123; in d i e s e r F o r m s c h o n bei OHLY , P r o l o g .

40

E inleitu ng

der tieuiJ inphahet de sa flô se h o ltz unde sw e r ze t ez zem ersten m it su g g estio n e. so brinnet ez uon delectatione, so g lû t ez als ein zandere uon consensu, so wirt ez ein ualwiske uon opere. der aske gen a zzet uon consuetudine, so wirt der menniske ein einualt höre. In fünf Stufen von der teuflischen Verführung, über das Gefallenfinden an der Sünde und die Zustimmung zu ihr, zum Vollzug in der Tat und zum gewohnheitsmäßigen Sündigen (Paul Michel: "vom ersten Gelüst bis zur Routine") wird hier im Bild eines Holzbrandes die schrittweise Zer­ störung des Menschen durch die Sünde vorgeführt. Ohly übersetzt: "Der Teufel entzündet das dürre Holz und schwärzt es zunächst mit der suggestio. Dann entflammt er es aus der delectatio. Dann erglüht es wie ein Zunder aus dem consensus. Dann wird es zur Asche durch das opus. Die Asche wird durchfeuchtet von der consuetudo. So wird der Mensch in einen einfachen Schmutz verwandelt" (S. 28). Der Mensch als »saftloses Holz« ist der in Brand setzenden Verführung wehrlos aus­ geliefert. Damit entspricht weniger der im Vergleich für das Erglühen der Zustimmung herangezogene »Zunder«, als gerade dieses »dürre« Holz der traditionellen Metapher vom fo m es p ecca ti für Erbsünde und Konkupiszenz, der Ohly einen eigenen Exkurs widmet (S. 41-45). "Ein auto­ nomes und effektives Gegenwirken des Menschen gegen den Brand der Sündenstufen wird an keiner Stelle in Betracht gezogen. Die Metapher erweckt den Eindruck seiner völligen Ohnmacht" (S. 39). Wohl aber bringt das St. Trudperter Hohelied das Gegenbild einer Eisenschmelze als Läuterungsprozeß des Menschen durch den Hl. Geist (S. 31ff.); doch bleiben beide Brandmetaphoriken auf der Bildseite untereinander unver­ bunden.145 Die damit aufgeworfene Frage nach Gegenmetaphern für die göttliche Gnade zieht sich auch durch Ohlys Untersuchung weiterer Bild­ bereiche der Sündenstufen.146 Augustins Heranziehen der Sündenfallmythe bei einer metaphorischen Argumentation147 (Schlange — Frau — 145 OH LY , M e t a p h e r n f ü r die S ü n d e n s t u f e n , S. 41: " Im H in b l ic k a u f d e s T e u f e l s H o l z f e u e r u n d a u f G o t t e s F e u e r d e r M e t a l l s c h m e l z e w a r ein e h a n d f e s t e B e g e g n u n g b e i d e r B r ä n d e n i c h t b i ld f ä h i g , d a d e r B r a n d v o n H o l z u n d E is e n , h i e r z u r A s c h e u n d d o r t z u r S c h m e l z e , k e in e H a n d ­ h a b e z u e in e m A u f e i n a n d e r w i r k e n b o t e n . Die G e g e n b i l d e r s t e h e n f ü r k o n t r ä r e M ö g l i c h k e i t e n d e r E r f a h r u n g , h i e r d e r G n a d e , d o r t d e r S ü n d e ." 146 OHLY , M e t a p h e r n f ü r die S ü n d e n s t u f e n , S. 56: " M e t a p h e r n f ü r die S ü n d e h a b e n ih re E n t s p r e c h u n g in M e t a p h e r n f ü r die G n a d e. I s t die S ü n d e K r a n k h e i t , b r i n g t die G n a d e H e i lu n g . I s t die S ü n d e S c h m u t z , w ä s c h t ih n die G n a d e ab. I s t die S ü n d e N a c h t , b r i n g t die G n a d e L ic h t, u n d s o f o r t in e i n e r l a n g e n Reihe. E s m ü ß t e e in e n w u n d e r n e h m e n , w e n n die B i ld e r v o m P ro z e ß d e r S ü n d e n s t u f e n d u r c h G e g e n b i l d e r v o n d e n G e g e n w i r k u n g e n d e r G n a d e u n b e a n t w o r t e t g e b l i e b e n w ä r e n ." 147 OHLY , M e t a p h e r n f ü r die S ü n d e n s t u f e n , S. 46, u n t e r s c h e i d e t d ies m e th o d is c h von e in e r A lle g o re s e d e r S ü n d e n fa llg e s c h ic h te .

F o r s c h u n g e n zur S ü nd en m etap horik

41

Mann) für die Stufen su gg estio — delecta tio — consensio, das in der abendländischen Theologie große Nachfolge fand (S. 46-55), bot aufgrund des bekannten Handlungsablaufs keine Möglichkeit, ändernd einzugreifen (vgl. S. 48). Dafür zog Augustin Vorgänge aus dem Neuen Testament heran; die drei von Jesus auferweckten Toten (S. 56-90) zeigen die Mög­ lichkeit eines gnadenhaften Erweckens auf allen Graden des Fortschritts in der Sünde an. Erstaunlich ist dabei, daß nicht etwa das Leben der Wiedererweckten, sondern "einzig die Befindlichkeit ihres Leichnams in der Stunde ihrer Auferweckung von Belang ist” (S. 57): in dom o = in corde; extra p o rta s = in fa c to : in sepulchro = in consuetudine. Vor allem bei Lazarus als dem dritten (»im Grabe«) Erweckten wirkt es mehr als befremdlich, wie allein die Aussage seiner Schwester Martha »Herr, er stinkt schon« (Jh. 11,39) ihn über die negative Bedeutung des üblen Geruchs zum Gewohnheitssünder machte, der er für ein Jahrtausend christlicher Exegese auch blieb.148 Für Ohly ist es ein "Skandalon", wie unschuldige Menschen, "von denen die Evangelien nicht die Spur von etwas Nachteiligem zu vermelden wissen" (S. 77), von der Exegese zu Sündern gemacht wurden, vergleichbar dem Schicksal des Urias, der als Gegner des christologisch gedeuteten David zum Teufel (S. 82-85), oder der Freunde Hiobs, die im Anschluß an Gregor den Großen zu Ketzern wurden (S. 85-87). Diese — formal wohl aus der Tropenlehre über­ nommene (S. 88-90) — Textexegese ex contrario zeigt die Grenzen der Allegorese auf und macht ihre Problematik in scharfer Form bewußt. Bilder menschlicher Lebensphasen (S. 91-97: Geburtsvorgang; S. 97f.: Lebensalter; S. 99: Generationenfolge) führen das Unausweichliche des Fortschreitens in der Sünde vor. Eine erweiterte Reihe von Sündenstufen im St. Trudperter Hohenlied — negligentia ziuhet uns uon gote, uiruitze uahet uns, d electatio bindet uns, consensus sleh et uns, consuetudo bigrebit uns, versmâhende g o tis vûlet uns, malitia bulueret uns149 — lenkt die Aufmerksamkeit auf ähnliches bei Bernhard von Clairvaux (S. 100-117) und dort besonders auf die Kampfmetapher (S. 112-114). Räumliches (S. 118-120: fünf Zugänge zu einem Teich; S. 120-124: sieben Brunnenschächte; S. 125f.: fünf Wände; S. 126-129: Wege; S. 129-131: ver­ schütteter Quell) gerät vor allem bei Bernhard, Hugo von St. Viktor und Hugo de Folieto in den Blick. Im Unterschied zu diesen teilweise in freier Metaphorik formulierten Bildern finden sich die Gebärden »Gehen — Stehen — Sitzen« (S. 132-138) ausschließlich in der Exegese (von Ps. 1,1). Weitere Bilder von angreifenden Tieren (S. 139-141: Heu­ schrecken; Hundsfliegen; Hunde), sowie von Dingen (S. 142-145: Kette; 148 OHLY , M e t a p h e r n f ü r die S ü n d e n s t u f e n , S. 74: " E r s t L u t h e r s C...3 L a z a r u s p r e d i g t z u m T ag v o r P a l m s o n n t a g 1539 b r i c h t e n t s c h i e d e n m i t d e r ü b e r t a u s e n d j ä h r i g e n T r a d i t i o n , w e n n sie v o n d e s A u f e r w e c k t e n S ü n d e n n i c h t s m e h r w e i ß .” 149 S t. T r u d p e r t e r H o h e s l i e d 4,12-15, ed. M E NH ARDT , S. 126; OHLY, M e t a p h e r n f ü r die S ü n d e n s t u f e n , S. 100.

42

Einleitu ng

Weinkriige; Pfennige; vgl. auch S. 146f.) sind dagegen nur teilweise durch Biblisches vorgeprägt. An den »Gregorius«-Dichtungen Hartmanns von Aue und Arnolds von Lübeck läßt sich das Verhältnis der Sünden­ stufen zu ähnlichen Stufenmodellen für die Liebe studieren (S. 148-156); Ohly sieht die — auch sonst häufig zu beobachtende — Analogie von Sünden- und Liebesmetaphern nicht in der Einstufung der Liebe als sündhaft, sondern in der "Identität der existentiellen Erfahrung der Wehrlosigkeit gegenüber der Liebe wie der Sünde" (S. 148f.).150 Im Rückblick (S. 157ff.) hält der Autor fest, daß den Sündenstufen zwar häufig Stufen des göttlichen Gnadenwirkens entgegengestellt werden, entsprechende Tugendreihen sich jedoch nicht finden ließen. "In der Hingegebenheit des Menschen an die Sünde ist die Erfahrung seiner Angewiesenheit auf die Gnade so total, daß einer Freiwerdung aus eigener Kraft kaum eine Chance eingeräumt wird" (S. 158). Dieses negative Menschenbild zeigt sich freilich nicht in allen Bereichen der Sündenmetaphorik. Hier ist es oft schon nahegelegt durch die Meta­ phorik folgerichtiger Abläufe oder biblisch-mythischer Reihenfolgen. In anderen Fällen wird dem Menschen durchaus eine Möglichkeit zu­ gebilligt, aus dem Zustand der Sünde sich zu befreien. Wo er auf­ gerufen wird, seine Sünden mit Tränen abzuwaschen, durch Almosen von Sünden sich freizukaufen, vom Fall wieder aufzustehen usw., da ist der Mensch auch dann zumindest mitbeteiligt, wenn die Gnade helfend hinzugedacht wird. Doch solche Metaphern entspringen eher pastoraler Notwendigkeit, weniger dem theologischen Grübeln über das Entstehen und die Entwicklung des Bösen im Menschen.

ISO OHLY , M e t a p h e r n f ü r die S ü n d e n s t u f e n , S. 153: "Die e x i s t e n t i e l l e G l e i c h a r t i g k e i t d e r E r f a h r u n g e n b e w i r k t e s a u c h , d a ß die S ü n d e n ­ m e t a p h e r n u n d die L i e b e s m e t a p h e r n w e i t g e h e n d i d e n t i s c h sin d . D o c h i s t n i c h t die e in e a u s d e r a n d e r e n h e r z u l e i t e n . W e c h s e l w i r k u n g e n s i n d f r e i l i c h m ö g li c h , o h n e d a ß die e t h i s c h e n W e r t u n g e n in d e n S e i t e n w e c h s e l e i n b e z o g e n w e r d e n m ü ß t e n . D e r v isus a m B e g in n d e r L i e b e s s t u f e n i s t w i l l k o m m e n , v e r w ü n s c h t d e r v isus a m B e g in n d e r S ü n d e n s t u f e n . " — Z u m n e g a t i v b e w e r t e t e n L i e b e s b r a n d a u c h W EN ZE L, F r a u e n d i e n s t , S. 65-71 ("D er B r a n d d e r S ü n d e " ). W e i t e r g e h e n d e A n a l o g i e n v o n F e u e r u n d S e x u a l i t ä t b e i BACHEL ARD, P s y c h o a n a ly s e .

M eta p hern häufu ng und Bildbruch

43

5. M e t a p h e r n h ä u f u n g u n d B i l d b r u c h Bei meinem eigenen Vorhaben, das von der bisherigen Forschung Angestoßene aufzugreifen und ins Mittelalter (und an einigen Stellen bis in die Neuzeit) zu führen, glaube ich die wichtigsten philologischen Begriffe voraussetzen zu können, ohne sie noch einmal definieren zu müssen. So verzichte ich weitgehend auf »Symbol«,151 nehme »Bild« und »Bildlichkeit« als Synonyme für »Metapher« und »Metaphorik«,1S2 sehe in »Allegorie« eine Großform der Metapher und unterscheide sie von der »Allegorese« als dem Interpretationsverfahren, einen Text als »allegorisch« zu verstehen. Es sollen nur dort Begriffsbestimmungen vorgenommen werden, wo Klarheit nicht immer vorhanden, für unser Thema jedoch notwendig ist. Von der Allegorie, bei der man »im Bild« bleibt, also Metaphern aus demselben Bildfeld syntaktisch verknüpft, sei zunächst die Metaphern­ häufung unterschieden. Damit ist nicht der verbreitete Fall gemeint, daß ein Redner im Verlaufe seines Vortrags viele Metaphern für unter­ schiedliche Sachverhalte gebraucht. Hier geht es vielmehr um mehrere nicht einem Bildfeld angehörende Bildspender für einen einzigen Bild­ empfänger.153 So heißt es in einer Grabrede des Gregor von Nazianz ( t um 390): »Des Menschen Leben, meine Brüder, ist der vorbeihuschende Augenblick des Lebendigen, ist unser Kinderspiel auf Erden, ein Licht­ schatten, ein fliegender Vogel, Spur eines fahrenden Schiffes, Staub, Nebelhauch, Morgentau und aufbrechende Blume«.154 Auch wäre das Sonett »Menschliches Elende« von Andreas Gryphius ( f 1664) zu nennen: Was sind wir Menschen doch? ein Wohnhauß grim m er Schmertzen Ein Ball des falschen Glücks / ein Irrlicht d iser Zeit. Ein Schauplatz herber A n g st / b e s e tz t m it scharffem Leid / Ein bald v e rsc h m e ltzte r Schnee und abgebrante Kertzen. Diß Leben fleucht davon wie ein G eschwätz und Schertzen. Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes K leid Und in das Todten-Buch der grossen S terblikeit Längst eingeschriben sind / sind uns aus Sinn und H ertzen. 151 Ic h v e r s t e h e d a r u n t e r n u r e in ü b e r s ic h h i n a u s w e i s e n d e s E r z ä h l ­ e l e m e n t (b zw. B i l d e l e m e n t in d e n g r a p h i s c h e n K ü n s te n ) . 152 Z u r T e r m i n o l o g i e u.a. BERNHARD A S M U T H , S e it w a n n g i l t die M e t a ­ p h e r a ls Bild? Z u r G e s c h i c h t e d e r B e g r if f e »Bild« u n d » B ild lic h k e it« u n d i h r e r g a t t u n g s p o e t i s c h e n V e r w e n d u n g ( R h e to r i k z w i s c h e n d e n W is se n sc h a fte n , ed. GERT UEDIN G C R h e to rik -F o rsch u n g e n 13 T ü b i n g e n 1991, S. 299-3 09). 153 W ES SE L, P r o b l e m e , S. 102, n e n n t sie " B i l d s p e n d e r - H ä u f u n g e n ” o d e r " B ild ste lle n -K o n g lo m e ra te "; e in g eb ü rg ert hat sich "M etap h ern Iso to p ien ". 154 G r e g o r v o n N a zia n z, O r a t i o V II,19, PG 35,777CD; d t . n a c h RAHNER, M e n s c h , S. 39.

44

E in le it u n g

Gleich wie ein e itel Traum leicht aus der A cht hinfällt / Und wie ein Strom verscheust / den keine Macht au ffh âlt: So muß auch unser Nahm / Lob / Ehr und Ruhm verschwinden / Was itzu n d A them h o lt / muß m it d er Lufft entflihn / Was nach uns kom men wird / wird uns ins Grab nachzihn. Was sag ich? wir vergehn wie Rauch von starcken W inden}35 Was patristische und barocke Autoren bei solchen Antworten auf die großen Fragen »Was ist die Welt?«, »Was ist der Mensch?« oder »Was ist das Leben?« außer der gemeinsamen Vanitas-Thematik verbindet, ist ein zum Ausdruck kommendes Ungeniigen am einzelnen Bild, dem allein offenbar nicht zugetraut wird, das Gemeinte genau zu treffen. Das ist nicht nur ein Problem der Relativität des Standpunkts, wie etwa bei Barthold Hinrich Brockes ( f 1747)156 oder beim polnischen Satiriker Adolf Nowaczyriski (+ 1944): »Für den Dialektiker ist die W elt ein Begriff, für den Melancholiker ein Traum, für den Ästheten ein Bild, für den Gelehrten ein Problem, für den Pessimisten ein Spiegel«.157 Es zeigt sich die grundsätzliche Schwierigkeit, so g u t es m it guten Gleich­ nissen m öglich i s t , zu sagen, was diese W elt eigentlich is t .158 Dies geht nur mit immer neuen Versuchen, die alle zusammen erst eine Antwort konstituieren; doch auch diese wird letztlich nicht als hinreichend empfunden ( Was sag ich?). Allerdings äußert sich in Metaphernhäufungen nicht immer ein ausgeprägtes Sprachbewußtsein, das — der Vorläufig­ keit und Begrenztheit unseres Sprechens von »Gott« oder »Welt« ein­ gedenk — nicht durch gefälligen und leicht verständlichen Stil159 über diese Problematik hinwegtäuschen will. Manche Redner, vor allem 155 A n d r e a s G r y p h i u s , M e n s c h l i c h e s E l e n d e ( G e d ic h te d e s B a ro c k , e dd. M A C H E - MEID , S. 115). B e le g e f ü r B a r o c k t e x t e z u r F r a g e » W a s i s t die W e l t ? » m i t d e m " a s y n d e t i s c h g e r e i h t e n S t a c c a t o d e r m e t a p h o ­ r i s c h e n A n t w o r t e n " b e i SCHILLING, I m a g i n e s , S. 9f. Z u H o f f m a n n s w a l d a u URS H E R Z O G , » W e i t e r s c h a u e n « . Z u H o f f m a n n s w a l d a u s »Die W e l t « (G e d ic h te u n d I n t e r p r e t a t i o n e n , Bd. 1: R e n a i s s a n c e u n d B a r o c k , ed. VO LK ER MEID CRUB 7890D S t u t t g a r t 1982, S. 356-36S). 156 B a r t h o l d H i n r i c h B r o c k e s , Die W e l t (D e rs, A u s z u g , S. 3 3 8 - 3 4 4 ); d a z u BLUMENBERG, L e s b a r k e i t , S. 182f.; n u r w e n ig e r g i b t HANS C H R IS T O P H B U C H , » U t p i c t u r a p o e s i s « . Die B e s c h r e i b u n g s l i t e r a t u r u n d ih re K r i t i k e r v o n L e s s i n g b i s L u k â c s , M ü n c h e n 1972, S. 69f. 157 A d o l f N e u w e r t N o w a c z y n s k i, D e r s c h w a r z e Kauz. E u l e n - S p i e g e l - G l a s S p l i t t e r , d t . KARL D E D E C IU S ( B i b li o t h e k S u h r k a m p 310) F r a n k f u r t a.M . 1972, S. 83. Z u m A u t o r KARL D E D E C IU S , P o l n i s c h e P r o f i l e , F r a n k f u r t a.M . 1975, S. 11-56. 158 J e a n Pa u l, A u s w a h l a u s d e s T e u f e l s P a p i e r e n 1,12 (W e r k e , ed. MILLER, Bd. I I / 2 , S. 241); d a z u OHLY , B u c h d e r N a t u r b e i J e a n P a u l, S. 197f. 159 W ES SE L, P r o b l e m e , S. 102f.: " N e b e n d e r f ü r s i c h a l l e i n w i r k u n g s ­ v o l le n , » b e s c h a u l i c h e n « B i l d s t e l l e h a t d a s B i l d s t e l l e n - K o n g l o m e r a t e in e e i g e n s t ä n d i g e s t i l i s t i s c h e F u n k t i o n : e s e r z e u g t e in e D y n a m ik v a r i i e r e n d e n I n s i s t i e r e n s u n d e r f o r d e r t e in r a s c h ü b e r f l i e g e n d e s , die B i ld e r z u e i n e r r e i c h e n g a n z h e i t l i c h e n A u s s a g e z u s a m m e n s c h a u e n d e s L e s e n , d a s f r e i l i c h in m a n c h e n F ä l l e n g e ü b t s e in w ill."

45

M etap h e rn h äu fu n g und Bildbruch

Prediger, greifen gern zu diesem M ittel,160 um mit neuen Formulierungen nach dem Prinzip der Variation immer wieder auf einen Punkt zurück­ kommen zu können. Neben dieser rhetorischen Intention, den Hörer oder Leser zu Begeisterung, Spendenfreude oder Schuldbewußtsein zu bewegen, findet emotionales Aufgewühltsein auch selbst seinen Aus­ druck in Häufungen von Metaphern. Da' einem Frischverliebten161 oder einem Trauernden kaum ein Bild angemessen sein kann, um seine Empfindungen auszudrücken, greift er zum nächsten Bild, mit dem er auch wiederum nicht zufrieden ist, und so weiter. Gleiches gilt für die Zerknirschung,162 weshalb die Metaphernhäufung eine charakteristische Bildform der Sprache des Sündenbekenntnisses ist. Bekenntnistexte wie Sündenklagen reihen verschiedene Sündenmetaphern, von nichtmetapho­ rischen, doch in der Regel toposhaften163 Formeln unterbrochen. In einer Schriftrolle aus Qumram heißt es: Ich bin ein Lehmgebilde, etwas mit Wasser Geknetetes, ein Ausbund von Schande und ein Quell von Abscheulichem, ein Schmelzofen der Schuld und ein Gebäude der Sünde, ein Geist des Irrtums, verdreht ohne Einsicht und erschreckt durch gerechte Gerichte.164 Alle Elemente dieses Bekenntnisses tragen dazu bei, die heillose Lage des Sünders aufzuzeigen, wozu hier auch die schwache und verächtliche Konstitution des Menschen in seinem Körper zählt. Am sparsamen oder opulenten Metapherngebrauch läßt sich übrigens nicht ablesen, wie 160 OHLY , A r t . » H a u s« , Sp. 958, b e m e r k t d ie s a m P r e d i g t s t i l d e s P e t r u s C h r y s o l o g u s ; a ls B e is p ie l se i g e n a n n t S e r m o 26,4, CCL 24, S. 150: E bri e t as e s t daemon b lan d u s , uenenum i n u i tat us h o s t i s , in lece brosa h o n e s ta tis

C y p ria n

von

K arth ag o ,

De

Euangelica p ra e c e p ta C...] f u n dam e nt a aedificandae

d o m in i c a

dulce, r ab ie s uoluntaria, e t p ud o r is iniuria. A u c h

o ra tio n e

1,

CCL

3A,

S.

90:

nihil su n t aliud quam ma g is te r ia diuina, spei, firm am en ta c orr o b o ra nd a e fidei,

n u t ri m e n t a foue n di cordis, gubern acula dirigendi itine ris, o b t ine ndae sa l ut is, quae dum d o ciles credentium m e n te s i n s t r u u n t , ad c a elestia regna p e r d u c u n t .

p ra e sid ia in te r r is

161 AYRE, I m a g e r y , S. 59; W ES SE L, P r o b l e m e , S. 103, A. 411. 162 H i n z u k o m m t w o h l a u c h d e r p s y c h o l o g i s c h e A s p e k t , d a ß e in v e r ­ l i e b t e r o d e r v o n G e w i s s e n s q u a l e n g e p e i n i g t e r M e n s c h k a u m die G e d u l d f ü r e in e S c h r i t t f ü r S c h r i t t a u s z u f ü h r e n d e A l l e g o r i e a u f b r ä c h t e . 163 W ES SE L, P r o b l e m e , S. 8 3 - 8 5 , b e o b a c h t e t ä h n l i c h e s in d e r L ie b e s t o p i k v o n H o f f m a n n s w a l d a u s G e d i c h t »A briß e in e s V e r l ie b t e n « ; vgl. a u c h d a s K a p i te l »Ich w e r d e v e r li e b t« v o n L u d w ig T ie c k , P e t e r L e b e r e c h t 1,6 (W e rk e , ed. MARIANNE THALM A NN, Bd. 1, M ü n c h e n 1963, S. 9 3 f .) . 164 Q u m r a n , 1 Q H 1,21-23 (M AIER - SC H U B E R T, Q u m r a n - E s s e n e r , S. 195); R ÖH SE R, M e t a p h o r i k , S. 14.

46

E inleitu ng

ernst ein Bekenntnis gemeint ist (während Übertreibungen sonst als zumindest ein möglicher Hinweis auf Satire oder Parodie gelten können). Sein undurchschaubares Spiel mit Scherz und Ernst treibt im 12. Jh. der Archipoeta in der sogenannten »Vagantenbeichte« (Carm. X; CB 191).165 In durchweg traditionellen Sündenmetaphern bekennt er seine Vergehen in der Liebe, beim Spiel und im Wirtshaus. 5.

Via lata gradior m ore iuventutis, Inplico m e viciis inm em or v irtu tis, Voluptatis avidus magis quam salutis, M ortuus in anima curam gero cutis.

Auch bei den Metaphern für das Bekenntnis (»Gift erbrechen«) und für die Besserung (»alt — neu/jung«) folgt der Erzpoet der in der Buß­ praxis üblichen Sprache. 22.

Sum locu tu s contra me, quicquid de me novi, Et virus evomui, quod tam diu fovi. Vita vetus displicet, m ores p lacen t novi; Hom o videt faciem, se d cor p a te t /oW.166

23.

Iam virtutes diligo, viciis irascor, Renovatus animo spiritu renascor, Quasi m odo genitus novo lacte pascor, Ne s it meum amplius vanitatis vas cor.

Aber trotz der schönen Versicherung, im Geiste »neugeboren« zu sein, bleibt man skeptisch, ob er die Tugenden nun wirklich so liebt und einen solchen Zorn auf die Laster hat, wie er beteuert. Denn im Be­ kenntnis ist kaum ein Bedauern über die Sünden zu spüren; gerade die Sündenmetaphorik rechtfertigt im Gegenteil erst sein im Präsens ge­ schildertes Handeln (»so bin ich«!):

165 A r c h i p o e t a , L ie d e r, ed. LA N G O SCH , S. 4 6 -52; k r i t i s c h e d i e r t v o n H E IN R IC H W A T E N P H U L - H E IN R IC H KREFELD, Die G e d i c h t e d e s A r c h i p o e t a , H e i d e l b e r g 1958, S. 73-83; K o m m e n t a r e b d . S. 138-147; in d e n A u s g a b e n d e r » C a r m i n a B u ra n a « a ls Nr. 191. D a z u u. a. M IC H A E LA LANGER, A r t . » E s t u a n s i n t r i n s e c u s « (KLL III, S. 3281); FRITZ W AG N E R, C o l o r e s r h e t o r i c i in d e r » V a g a n t e n b e i c h t e « d e s A r c h i p o e t a ( M i t t e l l a t e i n i s c h e s Jb. 10, 1975, S. 100-105); FRANCIS CAIRNS, T h e A r c h i p o e t ’s C o n f e s s i o n : S o u r c e s , I n t e r p r e t a t i o n a n d H i s t o r i c a l C o n t e x t (ebd. 15, 1980, S. 87-103); JO H A N N E S H A M A C H E R , Die » V a g a n t e n b e i c h t e « u n d ih r e Q u e l l e n (ebd. 18, 1983, S. 160-167); VOLLM A NN z u C a r m i n a B u ra n a , S. 1214ff.; vgl. S C H W IE T E R IN G , S c h r i f t e n , S. 203; BRINKMANN, Z u g ä n g e , S. 9f. 166 Z u d e r F a s s u n g » D e r M e n s c h s c h a u t in s A n g e s i c h t , G o t t a b e r ins H e rz « v o n 1 Sam . 16,7 s. Kap. VI,2c); zu » J u p i t e r « a n d i e s e r S t e l l e H U IZIN G A , H e r b s t , S. 476.

M etap h e rn h äu fu n g und Bildbruch 7.

47

Res e s t arduissima vincere naturam , In aspectu virginis m entem esse puram; Iuvenes non po ssu m u s legem sequi duram Leviumque corporum non habere curam.

8. Quis in igne p o situ s igne non uratur? Quis Papie demorans castus habeatur, Ubi Venus digito iuvenes venatur, Oculis illaqueat, facie predatur? Warnt die Moraltheologie mit dem Topos »Wer ins Feuer gesetzt wird, der brennt auch« sonst davor, sich zusehr mit dem anderen Geschlecht einzulassen,167 so kann dieselbe Formulierung hier von der entgegen­ gesetzten Intention in Dienst genommen werden. Beim Archipoeta ist es die Aussage, von seinen Lastern nicht lassen zu können — und wohl auch nicht zu wollen. Fast schon blasphemisch klingt vor diesem Hintergrund der als Trinklied bekanntgewordene168 Ausblick auf die »letzten Dinge« des Säufers: 12.

Meum e s t propositu m Ut sint vina proxim a Tunc cantabunt lecius »Sit Deus propicius

in taberna m ori, m orientis ori. angelorum chori: huic potatori!«

Das Beispiel des Archipoeta zeigt, daß aus Sündenmetaphern nicht immer ein echtes Sündenbewußtsein sprechen muß. Wo in späteren Jahr­ hunderten der Metapherngebrauch expandierte, konnte für echt gehalten werden, was gerade dieses Metaphernhäufen parodierte. Eine berühmte »Rabenaas«-Strophe hat lange die Gemüter mit der Frage bewegt, ob sie nicht doch einem alten Gesangbuche entstamme, wie der anonyme Autor behauptet hatte, den Manfred Koschlig als Friedrich Wilhelm W olff ( f 1864) identifizierte.169 W olff spielt laut Koschlig auf "die Arndt-Embleme Rost (Sinnbild der Sünde) und Zwiebel (Sinnbild der Reuetränen, Büßfertigkeit)" an, verknüpft aber die Vorstellungen, die in verschiedenen Emblemen zu Johann Arndts »Vom wahren Christentum« illustriert worden waren. Sonst führt er nur das Bild des »Hundes« für 167 D a z u u .a . SCHNELL, A n d r e a s C a p e l l a n u s , S. 153f. 168 In d e r F a s s u n g v o n G o t t f r i e d A u g u s t B u rg e r, Z e c h l ie d ( S ä m tl i c h e W e r k e , ed. W OL FG A N G V O N W U R Z B A C H , L eipzig [19023, Bd. 1, S. 53-55): Ich w ill ein st, bei Ja und Mein! Vor d em Zap fe n s te r b e n. .. , f e h l e n s ä m t l i c h e S t e l l e n m i t S ü n d e n m e t a p h e r n , w a s d e m Lied d e n C h a r a k t e r e i n e r B e ic h te n i m m t . D a z u FRITZ W AGNER, G o t t f r i e d A u g u s t B ü r g e r s » S ä u f e rl i e d « ( W ir k e n d e s W o r t 43, 1993, S. 167-173). 169 M ANFRED K O SCHLIG , D e r e m b l e m a t i s c h e Q u e l l g r u n d z u M ö r i k e s G e d i c h t e n »Das v e r l a s s e n e M ä g d le in « u n d » N u r zu!«. M it e in e m Blick a u f die R a b e n a a s - S t r o p h e b e i T h o m a s M a n n ( G u t e n b e r g - J b . 1979, S. 252-268) S. 26 5-2 68 (Lit.!)

48

E inleitu ng

den (reumütigen) Sünder weiter aus, zu dem die Assoziation »Knochen« offenbar von selbst sich einstellte; das übrige bleibt auf der Bildebene unverbunden. Welcher Leser hätte es einem pietistischen Gesangbuch nicht zugetraut, Verse zu enthalten,170 wie man sie in den »Budden­ brooks« zu einer feierlichen, glaubensfesten und innigen M elodie sang? Ich bin ein rech tes Rabenaas, Ein wahrer Sündenkrüppel, Der seine Sünden in sich fraß. A ls wie der R o st den Zwippel. Ach Herr, so nimm mich Hund beim Ohr, W irf m ir den Gnadenknochen vor Und nimm mich Sündenlümmel In deinen Gnadenhimmel/ 171 Häufungen von Metaphern geraten leicht in den Verdacht, »ver­ wirrend« und »inkonsequent« zu sein, was auch insofern zutrifft, Mals sie ein »optisches« Nachvollziehen unmöglich machen”.172 Doch darin, ein ge­ dankliches Verbinden der verschiedenen auf einen Bildempfänger be­ zogenen Bildspender untereinander erst gar nicht aufkommen zu lassen, liegt der entscheidende Unterschied zum Bildbruch.173 Heinrich Lausberg handelt das Problem unter dem Titel "übertriebener Gebrauch der Figuren” unter den Vitia gegen den »Ornatus« ab: "Hierher gehört auch die verpfuschte Allegorie, die in der Mengung von Metaphern besteht, 170 A U G U S T LANGEN, D e u t s c h e S p r a c h g e s c h i c h t e v o m B a r o c k bis z u r G egenw art (DPhA 21, Sp. 931-1396) Sp. 1007: "H einrich B re d o ( » P o e t i s c h e r T is c h « 1682) w e n d e t s i c h g e g e n die v e r s t i e g e n e B i ld l i c h ­ k e i t in P r e d i g t e n u n d h a t d a b e i M e g e r l e s » M e r c k s W ie n« im A uge: Nun ihr m eine Geliebten, w e r f f e t die Prügel e ure s G e b e ts , in die F e n st e r de s H i m m e ls , dam it die Scheiben d e r W o lfa r t und Gnaden h er un t e r falle n. D as e r i n n e r t a n j e n e P a ro d ie d e s p ietistisch e n

K i r c h e n l i e d s , die T h o m a s M a n n in die » B u d d e n b r o o k s « e i n g e s c h w ä r z t h a t ." D as P r o b l e m d e r P a r o d i e r u n g r e l i g i ö s e r M e t a p h e r n k a n n in m e i n e r A r b e i t n i c h t b e h a n d e l t w e r d e n ; e s k l i n g t n u r g e l e g e n t l i c h an. 171 T h o m a s M a n n , B u d d e n b r o o k s . V e r f a l l e i n e r F a m ilie, F r a n k f u r t a.M . 1979, S. 235 (Kap. V,S). 172 W ES SE L, P r o b l e m e , S. 102; ebd.: "Da d i c h t e r i s c h e E r f a h r u n g a b e r B ild s te lle n -K o n g lo m e ra te m e ist n u r d ann k o m p rim ie rt z u sa m m e n ­ s t e ll t , w en n jed e s ih re r B ild fe ld er lä n g s t e ta b l ie r t is t u n d w e d e r g e i s t i g e A n s t r e n g u n g n o c h a l l z u p l a s t i s c h e » o p t is c h e « V e r g e g e n ­ w ä rtig u n g m e h r h e rv o rru ft, t r i f f t d e r T adel des C haos und d e r D es­ o r i e n t i e r u n g in p s y c h i s c h e r H i n s i c h t n i c h t u n d k a n n in s e m a n t i s c h e r H i n s i c h t a u f g e f a n g e n w e r d e n , w e n n a ll e B i l d s p e n d e r d e n s e l b e n B ild ­ e m p f ä n g e r anzielen, an S te lle n d e r H ä u fu n g zu m al o f t m it s e h r ä h n lic h en In te n tio n e n ." 173 H i e r f ü r h a t sic h d e r B e g r i f f » K a t a c h r e s e « e i n g e b ü r g e r t , d e r in d e r a l t e n R h e t o r i k f ü r s o l c h e ( v e r b l a ß te n ) M e t a p h e r n g e b r a u c h t w u r d e , die im W o r t s c h a t z die S t e l l e e in e s e i g e n t l i c h e n A u s d r u c k s e i n g e ­ n o m m e n h a b e n (» T is ch b e in « , » A t o m k e r n « u sw .); d a z u LAUSBERG, H a n d b u c h , S. 288-291 (§ 562); DERS., E l e m e n t e , S. 6Sf. (§§ 178f.); VO N W ILPERT, S a c h W ö r te r b u c h , S. 380.

P e r so n if ik a tio n und P er so n a lm e ta p h e r

49

die sich nicht zu einer Allegorie einigen, sondern den verschiedensten Bereichen angehören (Quint. 8,6,50 inconsequentia rerum f o e d i s s i m a ) 17* Für ein gedankenloses Verknüpfen von Metaphern verschiedener Herkunft führt Gero von Wilpert das Beispiel einer Stilblüte an: »Der Zahn der Zeit, der schon so manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen«.175 Macht das in solchen Stilverstößen liegende Element von Komik den Bildbruch offensichtlich, so i s t ’ er in anderen Fällen nicht immer sogleich zu erkennen. Insbesondere das Häufen positiv besetzter Bilder täuscht leicht darüber hinweg, daß sie nicht zueinander passen. Die politische Rhetorik kann sich dieses suggestive Verfahren zunutze machen; den meisten Bildbrüchen wird man jedoch keinen manipulativen Charakter unterstellen. Sie entstehen häufig durch das Verblassen von Metaphern. Die Wendung »mit Sünden beladen sein« wird in einem Freidank-Spruch offenbar nicht als metaphorisch empfunden: Sw er m it sünden s î geladen, der so l sîn herze in riuwe baden.176 Doch trotz dieses Verblaßtseins läßt sich nicht übersehen, daß dieses Bild nicht »stimmt«, da eine »Last« sich nun einmal nicht abwaschen läßt, auch nicht im Bad der (Reue-)Tränen. So müssen wir diese Stelle zu den »mißlungenen Bildern«177 zählen, bei denen das Kriterium der »Stimmigkeit« der Bildebene, das wir offenbar unwillkür­ lich an metaphorische Rede anlegen,178 nicht erfüllt wird.

6. P e r s o n i f i k a t i o n u n d P e r s o n a l m e t a p h e r »Allegorie« nennt man auch häufig die Personifikation.179 Von ihr läßt sich in einem weiteren Sinne in allen Fällen sprechen, in denen Personen als Bildspender dienen, sei es für Begriffe, sei es für Gegen­ stände. Dazu gehören solche Stellen wie »Wer die Sünde tut, der ist 174 LAUSBERG, H a n d b u c h , S. SlSf. (§ 1073), h i e r S. S16; e b d . S. 515: D as u n g e z ü g e l t e S t r e b e n n a c h orn atu s se i d e r G r u n d f ü r d i e s e n F e h l e r , d e n m a n mala a f f e c ta tio n e n n e . 175 VO N W IL PERT , S a c h w ö r t e r b u c h , S. 380. 176 F r e i d a n k , B e s c h e i d e n h e i t 35,4 f., ed. BEZZ ENBERGER, S. 98. 177 JÜ R G E N C. T H Ö M IG , B i l d l i c h k e i t ( G r u n d z ü g e d e r L i t e r a t u r - u n d S p r a c h w i s s e n s c h a f t , e d d . H E IN Z LUDW IG ARNOLD VOLK ER SIN EM U S, Bd. 1, M ü n c h e n 41976, S. 187-199) S. 189 n e n n t sie die " w e i t ­ a u s a m h ä u f i g s t e n v o r k o m m e n d e B i l d l i c h k e i t ”; ebd.: " D avon h a n d e l t b i s h e r die w e n i g s t e w i s s e n s c h a f t l i c h e L i t e r a t u r , w ä h r e n d a n U n t e i — s u c h u n g e n ü b e r s u b l i m e B i ld l i c h k e i t a n s p r u c h s v o l l e r D i c h t u n g u n d ü b e r f o r m a l e K r i t e r i e n d e r M e t a p h o r i k k e in M a n g e l i s t . ” 178 A u s z u n e h m e n i s t d a v o n n e b e n d e r b e w u ß t e n M e t a p h e r n h ä u f u n g w o h l n u r d e r p o e tisc h e S o n d e rfall d e r » kühnen M etapher«. 179 D azu u.a. GALLE, P e r s o n i f i k a t i o n ; W A L T E R P Ö T S C H E R , A r t . » P e r s o ­ n i f ik a t io n « (KIP 4, Sp. 661-663); MEIE R, Ü b e r l e g u n g e n , S. 5 8 -6 4 ; DEM A NDT, M e t a p h e r n , S. 399 -4 0 5 ; BRINKMANN, H e r m e n e u t i k , S. 198-201; M IC H EL , A l i e n i l o q u iu m , S. 571-594. B e g r i f f s g e s c h i c h t l i c h e s be i T H E O D O R MAHLM AN N, A r t . » P e r s o n i f i k a t i o n , P e r s o n i f i z i e r u n g « ( H W b P h 7, Sp. 341-345).

50

Einleitu ng

der Sünde Knecht« (Jh. 8,34) oder »Der Tod ist der Sünde Sold« (Röm. 6,23), in denen aus Genitivkonstruktionen eine Personifikation sich in­ direkt erschließen läßt: die Sünde ist eine Herrin oder Sklavenhalterin; sie zahlt »Sold«, ist also jemand, der Menschen in Kriegs- oder anderen Lohndiensten hält. Weitere Vorstellungen personaler Art ergeben sich aus Verbmetaphern, wenn die Sünde »betrügt«, »schreit« oder »anklagt«. Diese abgeleiteten Personifikationen stehen sämtlich in Bildfeldern180 (Knechtschaft, Kriegsdienst, Rhetorik, Recht usw.), in deren Zusammen­ hang sie sich auch sinnvoll behandeln lassen; dagegen ist jedoch der Spezialfall einer Personifikation im engeren Sinne denkbar, in dem eine (auch so benannte) »Sünde« als handelndes Subjekt außerhalb metapho­ rischer Kontexte in Dichtung, Spiel und graphischen Künsten auftritt.181 Allerdings finden wir eine »Frau Sünde« im Gegensatz zur personifizierten »Welt« oder zum Tod als Sensenmann relativ selten; zwar werden einzelne Sünden und Laster (etwa die sieben »Todsünden«) nicht nur in Kampf-Allegorien recht häufig dargestellt; die »Sünde« selbst käme als Personifikationsallegorie wohl zu sehr dem Teufel in die Quere, der in jüdisch-christlicher Tradition bereits viele solcher Funktionen inne hat (Verführung, Betrug, Strafausübung), die man von einer Sünden­ personifikation erwarten würde. So wird es kein Zufall sein, daß Paulus im Römerbrief, wo die Sünde als handelnde Person auftritt, "jegliche Anklänge an die Satanologie vermeidet”;182 beide Vorstellungen stellen jeweils für sich eine Art Personifikation des Bösen dar und sind deshalb nur schwer miteinander zu vereinbaren. Günter Röhser hat mit seiner These gewiß recht, die Sünde im Römerbrief sei eine Personi­ fikation und damit ein Fall von Metaphorik; doch ist die Behauptung, es handele sich im Röm 5-8 um »Abstrakt-Personifikationen«,183 nicht um eine mythologische Konzeption der Sünde als »Macht«, damit noch keineswegs erwiesen: Die Sünde als »Macht« ließe sich ebenso personi­ fizieren wie jede andere Vorstellung, die sich mit »Sünde« verbindet. Allein die Tatsache der Personifikation läßt noch keine Rückschlüsse darüber zu, wie konkret oder abstrakt das Personifizierte zu denken ist. Wie bei allen anderen Formen der Metaphorik muß allerdings auch hier die Frage nach der Metaphorizität g e ste llt werden, also danach, wie bildhaft sie jeweils empfunden werden; in diesem Falle ist die Grenze zum Glauben bei sogenannten »Personifikationsgottheiten« überschritten:184 180 D a zu R Ö H SE R, M e t a p h o r i k , S. 166-169 ( P e r s o n i f i k a t i o n u n d B ild fe ld ). 181 Die P e r s o n i f i k a t i o n e n im e n g e r e n S in ne s t i f t e n d a g e g e n o f t s e l b s t e in e n b i l d f e l d a r t i g e n Z u s a m m e n h a n g , i n d e m sie K l e id u n g t r a g e n , sic h m i t B e g l e i t e r n u m g e b e n , H e r r s c h a f t a u s ü b e n , K in d e r z e u g e n , e in H a u s o d e r e in e n P a l a s t b e w o h n e n u s w .; d a z u OHLY , A r t . » H a u s« , Sp. 1029f. 182 RÖH SER, M e t a p h o r i k , S. 163. 183 RÖH SER, M e t a p h o r i k , S. 143; " T e r m i n o l o g i s c h m ö c h t e ich f ü r a ll e d ie s e G r ö ß e n in R ö m 5 - 8 die B e z e i c h n u n g » A b s t r a k t - P e r s o n i f i k a t i o n « v o r s c h l a g e n . D a m it w i r d e in m y t h o l o g i s c h e r V o r s t e l l u n g s h i n t e r g r u n d a u s d r ü c k l i c h v e r n e i n t ." 184 D a zu u.a. R Ö H SE R, M e t a p h o r i k , S. 138f., 172.

51

P er so n ifik a tio n und P er so n a lm e ta p h er

wenn etwa das personifizierte Glück zu einer als real genommenen Göttin Fortuna wird und damit zum Gegenstand von Verehrung. Abgrenzen müssen wir von Personifikationen auch ein sprachliches Phänomen, welches Ernst Robert Curtius als »Personalmetapher« bezeichnete.185 Auch hier sind Personen Bildspender, doch in solch blasser Form, daß sie kaum jemand als solche empfindet. Die Personalmetapher »Mutter« etwa kann durchaus durch nichtmetaphorische Ausdrücke wie »Ursache«, »Anfang«, »Urheberin« oder durch andere Metaphern wie »Haupt« oder »Wurzel« ersetzt werden. So ist bei Cicero die Philosophie die »Mutter der Künste«,186 nach Salvian der Zorn die »Mutter des Hasses«,187 nach Leo I. der Unglaube die »Mutter aller Irrtümer«,188 pflegt nach Gregor dem Großen die Sicherheit die »Mutter der Nach­ lässigkeit« zu sein.189 Bekannt war im Mittelalter der Satz der Benedikts­ regel, discretio, also die Fähigkeit der Unterscheidung, sei die »Mutter der Tugenden«;190 andere Autoren — wie Johannes Cassian191 oder Gregor192 — sagten dies von der Demut aus, manche auch von der Liebe,193 wozu Gregor die Lehre (doctrina) als »Amme« (nutrix) stellt, die ebenso 185 C U R T IU S , L i t e r a t u r , S. 141-144, w o B e le g e g e r e i h t w e r d e n . 186 C ic e ro , T u s c u l a n a e d i s p u t a t i o n e s 1,64, ed. B Ü CH N E R, S. 64: p h il o ­ sophia vero, omnium m a te r artium, d onum, ut ego, in ventu m deoru m?

quid

est

aliud

nisi,

ut

Plato,

187 Sa lv ia n v o n M a r s e i l l e , De g u b e r n a t i o n e Dei 111,12, CSEL 8, S. 46: ira m a t e r e s t odii, e t ideo sa lu a to r exc lu de re iram u o lu it, ne e x ira odium n asc e re tur. 188 Leo I., T r a c t . 69,1, CCL 138A, S. 419: In fidelita s quippe, quae omnium e s t m a t e r errorum, in m u lta s h abeat c olorare , distrahitu r.

opiniones,

quas

a r te

dic end i n e c e s s e

189 G r e g o r , M o r. X X IV ,11,27, CCL 143B, S. 1206: m a te r a ute m ne g le g e ntia e s o l e t e s s e s e c u r ita s ; d e r s ., Ep. VII,22, CCL 140, S. 474. 190 B e n e d i k t , R e g u l a 64,19, ed. STEIDLE, S. 174, v o m A b t: Hae c e r go aliaque t e s t i m on i a di s c re tion is m atr is

v irtu tu m

su men s ,

s ic omnia te m p e r e t

ut s i t e t f o r t e s q u od cupiant e t infirmi non refug ia nt. Z u r R e z e p t io n

BERG, G e s c h i c h t e , S. 29; V O IG T zu E g b e r t v o n L ü t t i c h , S. 109. 191 J o h a n n e s C a s s i a n , C o n l a t i o n e s X I X ,2,1, CSEL 13, S. 535: quae cum s i t u i rt ut um omnium m a te r ac to t iu s sp irita lis s tr u c tu r a e s o lid is s im u m f undam entum ; vgl. e b d . X V ,7,2, S. 433: h u m ilita s e r g o e s t omnium m agi st ra uirt utum, ipsa e s t c a e le st is aedificii fir m is s im um fund a ­ m ent um , ipsa e s t donum propriu m atqu e mag nific um s a lua to ris. 192 G r e g o r , M o r. X X I I I ,13,24, CCL 143B, S. 1162: H um ilita te m na mque quae m ag i stra e s t omnium m a terq u e uirtutum; e bd. X X X I V ,23,51, S.

1769: quia hu m i litatem , quae u irtu tu m m a te r e s t, ne s c iunt C...D quia a n te m o l e m fabricae h u m ilitatis fundamina non procurant; vgl. e b d . X X V ,16,36, S. 1261. 193 A ls A m b r o s i u s - Z i t a t bei P e t r u s L o m b a r d u s , S e n t. 111,23,3,2, Bd. 2, S. 142, bz w . 111,25,5,1, e b d . S. 158: caritas e s t m a te r omnium v irtutum; H i e r o n y m u s , Ep. 82,11, CSEL 55, S. 118: cu nctarum uir tutum m a te r e s t caritas; Leo I., T r a c t . 3 8,4 , CCL 138, S. 207: ip sa m m a tr e m uir tutum omnium c a ri t a t e m in s e c r e tis suae m e n tis inquirat; J u l i a n u s P o m e r iu s , De v i ta c o n t e m p l a t i v a 111,14,3, PL 59,495C: caritas, o mnis inq uina me nti m undati o, e t bo noru m omnium mater; T h o m a s v o n A q u in , S u m m a t h e o l o g i c a 11-11,23,8, Bd. 3, S. 148: caritas d ic itur finis e t m a te r virtutum; T h o m a s v o n C h o b h a m , S u m m a c o n f e s s o r u m , ed. B R O O M FIELD, S. 43: e t id eo dicitu r caritas m a te r omnium vir tutum; P r e d i g t e n , e d. W A C KERNA GEL, S. 36: w a n d minna i s t êin m u o t e r a lle r tuge nd on.

52

E in leitu ng

wie jene mit Geduld verbunden sein müsse: Ipsa namque quae m a ter e s t omnium cu sto sq u e virtutum, p e r im patientiae vitium virtus a m ittitu r charitatis. Scriptum quippe est: Charitas p atien s e s t (1 Kor. 13,4). Igitur cum minime e s t patiens, charitas non est. Per hoc quoque im patientiae vitium ipsa virtutum nutrix doctrina dissipatur.19* Die Liebe ist die »Mutter der Tugenden«195 freilich nur, wenn sie sich nicht auf diese Welt bezieht: A m o r Dei m a te r e s t omnium virtutum, am or saeculi m a te r e s t omnium vitiorum.196 Sah man in einzelnen Verfehlungen (oder in der Bosheit überhaupt)197 die Ursache für weitere oder gar für alle Sünden,198 dann ließen sich ganze Filiationsreihen aufstellen, was die Bildhaftigkeit etwas stärkte. Ähnliches gilt dann, wenn weitere Aspekte hinzukommen, wie der­ jenige der Herrschaft bei »Herrin/Magd« oder der des Vernachlässigens im Fall der »Stiefmutter«. Curtius: "Die Mütter, Stiefmütter, Begleite­ rinnen, Dienerinnen, Mägde der römischen Rhetorik haben im M ittel­ alter eine unübersehbare Nachkommenschaft gehabt.”199 Daß hier nicht im strengen Sinn personifiziert wird, zeigt sich schon darin, daß Personal­ metaphern auch für Personen gebraucht wurden (oder für solche Wesen, die man dafür hielt). Heißt Eva etwa »Sündenmutter«,200 dann wirft man 194 G r e g o r , Reg. p a s t . 111,9, PL 77,59CD; 195 G r e g o r , Ep. 11,40, CCL 14*0, S. 127: Hanc e rg o m a tr e m c u s to d e m q u e uirtutum C...D inc on cu ssa s ta b il it a te te n e a m u s ; Ep. V,46, S. 338f.: Quia enim

uirtut um

pro fe rtis ,

m a te r

quia ipsam

est

caritas,

idcirco

b o no s

o p er um

fr u c tu s

eoru n dem fru ctu u m

in m e n te ra dic e m t e n e t i s ; Ep. V II,28, S. 486; vgl. Ep. V I,61, S. 434: M a te r e t c u s t o s b o no rum o mnium c aritas, quae m u ltor u m corda uniendo c o n s tr in g it, a b s e n te m non a e s t i m a t eum quem m e n tis ocu lis h ab et p r a e s e n te m ; Ep. I X ,223, CCL 140A, S. 794: M agistra bonoru m omnium c a r ita s ; P s . - G r e g o r , In 7 p s. p o e n i t . 11,13, PL 79,565C: m a tre m virtu tu m c ha rita te m.

196 A l a n u s , S u m m a de a r t e p r a e d i c a t o r i a 20, PL 210,153AB. 197 G r e g o r , Reg. p a s t . 111,9, PL 77,61B: quia nimirum fr u s t r a indignatio, c la m o r

et

blasph emia

ab

ex terior ibu s

to llitu r ,

si

in

inte r io r ib us

v itiorum m a t e r malitia dominatur; e t in cas sum fo r a s ne quitia e x ra m is inciditur, si su rrectu ra m u ltip liciu s intus in ra dic e se rv a tur . 198 Z.B. T r u n k e n h e i t . O r i g e n e s , In Lv. h o m . 7,1, GCS 29, S. 371: So b r ie ta s vero omnium v i r tu tu m m a te r e s t, sic u t e contr a rio e b r ie ta s omnium v i t i oru m ; P e t r u s C h r y s o l o g u s , S e r m o 26,4, CCL 24, S. 150: E b r ie ta s c ae dis m ate r, par en s litiu m, fu roris gener, p etu la n tia e d e f o r m ite r e s t m agistra; I d s t e i n e r S p r ü c h e d e r V ä t e r 53 ( D i c h tu n g e n , ed. MAURER, Bd. 1, S. 87): A lli r su nden m u o d ir i s t drunkenheit; d e r S u fi n e n n t

d e n W e i n »die M u t t e r a l l e r S c h l e c h t i g k e i t e n « (S C H IM M E L , S t e r n , S. 219). M ü ß i g g a n g . B e r t h o l d v o n R e g e n s b u r g , e d d . PFEIF FE R - STROBL, Bd. 1, S. 481: Wan m iieze ke it is t a ller sünde n m uo te r . H a b g i e r . I s i d o r , S e n t . 11,41,4, PL 83,646A: Cupiditas omnium criminum m a te r est; vgl. H u g o v o n T r i m b e r g , R e n n e r 7 8 0 8 -1 0 , ed. EHRIS M A N N , Bd. 1, S. 326. H o c h m u t . S t r i c k e r , B î s p e l r e d e n 1,805, ed. SC H W A B , S. 70: a ll e r sunde n m u o te r hohvart; M ic h e l B eheim , G e d i c h t e 166,10, e dd. GILLE - SP RIEW ALD, Bd. 2, S. 95: ein m u t e r a lle r m is s e ta t. Neid. P e t r u s C h r y s o l o g u s , S e r m o 48,5 , CCL 24, S. 267: Jnuidia d e lic to r um u enenum , crim inu m

uirus, p e c c a to ru m

mater,

o rig o

uitiorum.

199 C U R T IU S , L i t e r a t u r , S. 141. 200 E va ä ls » S ü n d e n m u t t e r « b e i H a r s d ö r f f e r (DW b X / 4 , Sp. 1151). D e r A u s ­ d r u c k s o n s t b ei d e r D r o s t e , G e i s t l i c h e s J a h r . A m 1. S o n n t a g e im A d v e n t ( W e r k e , e d d . W E Y D T - W O E S L E R , Bd. 1, S. 698): Wie lie g t d e r Fluch Doch Uber allen, deren Hand

Noch rü h rt die S ü n d e n m u tte r Erde!

53

P er so n ifik a tio n und P er so n a lm e ta p h e r

ihr als »Mutter des M enschengeschlechts«201 vor, mit dem Sündigen begonnen zu haben.202 Auch der Teufel als »Vater der Lüge« (Jh. 8,44) ist dies im Sinne von »Urheber«;203 ebenso im Hinblick auf den Neid: Do wart des nidis vatir Lucifer ein eingil abitrunnigir.204 Wird dagegen der Sünder ein »Kind des Teufels« genannt, dann geht es um weitere Aspekte eines Verwandtschaftsverhältnisses (Abhängigkeit, Nachahmung usw.), die einen eigenen metaphorischen Komplex konstituieren. Eine weitere Metaphorisierung erfolgt zudem, wenn die Eigenschaft des Mutter­ werdens und -seins angeführt wird: »Wenn die Begierde schwanger ge­ worden ist, so gebiert sie die Sünde« (Jak. 1,15).205 Die (blasse) Personal­ metapher wird zur (lebendigeren) Personifikation. In diesem Fall beruht das Muttersein auf dem weiblichen Geschlecht des Metaphern wo rts, wie überhaupt häufig für Personalmetaphern und für Personifikationen abstrakter Begriffe gilt, daß sie weiblichen Geschlechtes sind. Es rührt daher, daß im Lateinischen die meisten Abstrakta weibliches Geschlecht besitzen; denn das Genus des Begriffs bestimmt durchweg den Sexus der Personifikation.206 Das Problem sei noch angeschnitten, ob es sich hier um Vermensch­ lichungen handelt.207 Franziska W essel etwa spricht bei der personi­ fizierten Minne davon, daß ihr "spezifisch menschliche Fähigkeiten zu-

201 J o h n M i l t o n , P a r a d is e L o s t 1,36 (D e rs., T h e C o m p l e t e P o e m s , ed. B. A. W R IG H T , L o n d o n 1980, S. 160): The M o th e r o f Mankind; d a ­ h i n t e r s t e h t die b i b l i s c h e E t y m o l o g i e Gn. 3,20: e t v o c a v it A d am n om e n uxoris suae Hava, eo qu od m a te r e s s e t c unc to r um

viventium. con­

202 T e r t u l l i a n , De p a t i e n t i a 5,18, CCL 1, S. 305: s i p rima de liq uit,

s e q u e n s e s t ut, quia prima, idcirco e t sol a s i t m a tr ix in o mne d el ic t um . Z u Ps. 26,10 P s . - H r a b a n , A l l e g o r i a e , PL 112,997A: »Mater«, p rim a m a t e r Eva, ut in Psalmis, »Pater me u s e t m a te r mea d imise r unt me« e t c., id e s t , Adam e t Eva p e c c a to me ex p o s u e r unt, e t C hr is tus r e d e m i t me; A l a n u s , D is t., PL 210,851D-852A. 203 Vgl. M a r n e r X V ,325, ed. ST R A U C H , S. 127: lü g ha t einen argen vater, l ü g hât

t u m b e r k in de

vil.

204 S u m m a t h e o l o g i a e 53f. ( G e d ic h te , ed. SCH R Ö D E R , Bd. 1, S. 32); FR EY­ TAG, K o m m e n t a r , S. 60-62. 205 RÖ H SE R, M e t a p h o r i k , S. 98. 206 Z u r B e s t i m m u n g d e s b i o l o g i s c h e n G e s c h l e c h t s d u r c h d a s g r a m m a ­ t i s c h e C U R T IU S , L i t e r a t u r , S. 142; RÖH SER, M e t a p h o r i k , S. 140; DIN ZELB ACHER, F r a u e n m y s t i k , S. 66. Da im I t a l i e n i s c h e n p e c c a to M a s k u l i n u m i s t , w i r d in I t a l i e n die S ü n d e a ls M a n n d a r g e s t e l l t , w a s zu S c h w i e r i g k e i t e n bei d e r Ü b e r s e t z u n g i l l u s t r i e r t e r W e r k e (z. B. Ripa) in s D e u t s c h e f ü h r t e . S c h o n a u f g r u n d d i e s e r R e g el l ä ß t e t w a die W eib lic h k eit d e r p e rs o n ifiz ie rte n Freih eit k ein erlei R ü c k s c h lü s s e a u f die F r e i h e i t d e r F r a u e n zu; vgl. DOLF OEHLER, L ib e r tê , L ib e rt ê C h ê rie . M ä n n e r p h a n t a s i e n ü b e r die F r e i h e i t . Z u r P r o b l e m a t i k d e r e r o t i s c h e n F r e i h e i t s - A l l e g o r i e (G e org B ü c h n e r , D a n t o n s T od. Die T r a u e r a r b e i t im S c h ö n e n , ed. PE T ER VON BECKER, F r a n k f u r t a.M . 1980, S. 91-105). Z u m G e s c h l e c h t d e r F re ie n K ü n s t e M IC H A E L EVANS. A l l e g o r i c a l W o m e n a n d P r a c t i c a l M en. T h e I c o n o g r a p h y o f t h e A r t e s R e c o n s i d e r d (M e dieva l W o m e n . FS R o s a l in d M. T. H ill, ed. DEREK BAKER, O x f o r d 1978, S. 305-329). 207 So z.B. GALLE, P e r s o n i f i k a t i o n , S. 1.

54

E inleitu ng

gesprochen” würden.208 Aber es gibt Belege, bei denen dies nicht ein­ deutig ist. Da ein Tier töten und g etötet werden kann, mag man auch an Tiere denken, wenn es heißt, »die Sünde tötete (jemanden)« oder »Christus tö tete die Sünde«.209 Zweifellos ist ein Tier210 (als Dämon?) bei Gn. 4,7 gemeint: »Wenn du aber nicht gut handelst, dann lauert die Sünde vor der Tür« (sin autem m ale sta tim in foribus peccatum aderit),211 was in Deutungen dann aber als ein »Anklopfen« der Sünde (an die Herzenstür) und damit als Fall von Personifikation verstanden wird: In foribus quippe peccatum a d est cum in cogitationibus p u ls a t,212 Günter Röhser spricht darum allgemeiner von "Prädikaten [...], die normalerweise nur Lebewesen zukommen".213 Doch wird man bei aller "Verwandtschaft von »anthropomorphisierender« und »Tiermetapho­ rik«"214 das Spezifische der Personifikation gerade darin sehen, daß sie als handelndes und sprechendes Wesen auftritt, was — sieht man vom fiktionalen Sonderfall der anthropomorph dargestellten Fabeltiere einmal ab — nur bei Menschen und bei menschlich gedachten Wesen der Fall sein kann. Das heißt jedoch nicht, daß sie deshalb auch individuelle und subjektive Züge verliehen bekommen müßte. "Personifikation", so Hennig Brinkmann, "ist nicht als Vermenschlichung, sondern als Ver­ leihung einer Rolle zu verstehen (wie es ja der Name sagt)".215 Tierische Aspekte aber kann die Personifikation erhalten, wenn zum Beispiel Lastergestalten aus Elementen verschiedener Lebewesen zusammenge­ setzt werden; bei solchen M ischgestalten aus Mensch und Tier (oder verschiedener Tierarten) sind jeweils Eigenschaften der einzelnen Tiere von Bedeutung,216 die gemeinsam mit der Funktion als handelndem Wesen die Personifikation zu einem "komplexen Sinnträger" (Christel Meier) werden lassen.217

208 W ESSE L, P r o b l e m e , S. 223. 209 Z.B. S c h a t z h ö h l e 54,3 ( S c h r i f t t u m , d t. RIESSLER, S. 1012): die H ö l l e n ­ f a h r t d e s M e s s i a s » z e r s t ö r t e die U n t e r w e l t , t ö t e t e die S ü n d e , b e ­ s c h ä m t e d e n S a t a n , b e t r ü b t e d e n T e u fe l...« . 210 E in d e u t i g Sir. 27,10(11) » D e r L öw e l a u e r t a u f B e u te ; s o a u c h die S ü n d e a u f a lle , die U n r e c h t t u n « ; V u l g a ta : leo venationi ins id ia tur seniper, s ic p e c c a t a

ope ra n tibu s in iqu itates.

211 Vgl. C o s m a s v o n Pra g , C h r o n i c a B o e m o r u m 11,45, M G H SS 9, S. 98: Fili mi, si bene egisti, n u lli m eliu s p e c c a t u m t uum in foribu s aderit.

212 213 214 215 216

quam

tib i erit:

sin

a ute m

male,

G r e g o r , M o r. IV,19,36, CCL 143, S. 186. R ÖH SE R, M e t a p h o r i k , S. 134. RÖH SER, M e t a p h o r i k , S. 135. BRINKMANN, H e r m e n e u t i k , S. 198. D a zu GERHARDT, I d e a l e r M a n n ; C U R S C H M A N N , F a c ie s p e c c a t o r u m ; vgl. a u c h ECKART CONRAD LUTZ, W a h r n e h m e n d e r W e l t a ls O r d n e n d e r D i c h tu n g . S t r u k t u r e n im O e u v r e O s w a l d s v o n W o l k e n ­ s t e i n (LJb, N. F. 32, 1991, S. 39-79). 217 MEIER, V e r g e s s e n , S. 172ff.; M IC H EL , A l i e n i l o q u iu m , S. 579f. (§ 615).

Sünde — L aster — Gnade

55

7. S ü n d e — L a s t e r — Gn a d e Da ich in dieser Arbeit nicht von Definitionen der Sünde — wie etwa Verstoß gegen ein ewiges (göttliches) Gesetz,218 Beleidigung G ottes219 oder Abkehr von ihm220 — ausgehe, muß ich für mein Thema auf der bildempfangenden Seite der Metaphorik abgrenzen, bei welchen Meta­ phern es sich um Sündenmetaphern handelt. Rolf Knierim stellte für das Hebräische fest, daß dort eine strenge Unterscheidung von »Sünde« und »Vergehen« nicht durchzuführen sei, da "Recht und Theologie in Israel eine intensive gegenseitige Durchdringung erfahren haben."221 Auch wenn mittelalterliche Autoren von »Verbrechen« oder »Delikt« sprechen«, dann wird nie nur der juristische Aspekt des Verstoßes gegen ein w elt­ liches Gesetz gemeint sein; die Tat richtet sich immer auch gegen Gebote Gottes. Gleiches gilt für Verfehlungen im moralisch-ethischen Bereich, für die ich den Begriff »Laster« verwende.222 Sie sind in g eist­ licher Literatur ebenfalls als Sünden zu verstehen, können aber — zum Beispiel in der Didaxe — auch außerhalb des Gott-M ensch-Bezuges ge­ dacht sein, worin ich den entscheidenden Unterschied zur »Sünde« erblicke. Während reine Lastermetaphern wohl den Gedanken der Besserung und den einer analogen (»spiegelnden«) Strafe nahelegen können, tendieren Sündenmetaphern zusätzlich zu einer entsprechenden Metaphorik von Vergebung und Gnade. Paul Ricœur meint gar, die Symbolik der Sünde ließe sich nicht vollständig erkennen, "wenn sie nicht retrospektiv vom Glauben an die Erlösung her betrachtet wird", weshalb er "jede Etappe der Symbolik der Sünde durch eine parallele Symbolik der Erlösung abzeichnen" w ill.223 Metaphern der göttlichen Gnade sind jedenfalls mit Sündenmetaphern oft unmittelbar verbunden, was bei Lastermetaphern nicht der Fall ist. Es liegt so im Wesen der Sünde begründet, wenn in meiner Arbeit Metaphern für »Gott«, »Gnade« »Vergebung« und »Erlösung« mitbehandelt werden müssen. Allerdings läßt sich einer Metapher nicht immer leicht anmerken, ob an eine innerweltliche oder an eine Verfehlung »vor Gott« zu denken ist; dieselben Bildspender können für beides stehen. So ist die »Wasser­ sucht« Metapher der Habgier als Laster und als Sünde;224 erst wo das 218 Z.B. A u g u s t i n u s , C o n t r a F a u s t u m 22,27, CSEL 25, S. 621: E rg o p e c c a tu m e s t fa c t u m uel dictu m uel con c u pitu m aliquid c o ntra a ete r na m le g em.

219 Z.B. T h o m a s v o n A q u in , S u m m a t h e o l . 1-11,71,6, Bd. 2, S. 456: a t h e o ­ l og i s c o n si d e ra tu r p e c c a tu m praecipu e secund um q uo d e s t o ffe n s a c on t ra Deum; a p h ilo s o p h o au tem morali, secund um q uo d c o n tr a r ia tur rationi; AU ER, B e le id ig u n g , S. 58. 220 Z.B. C o n c il i u m T r i d e n t i n u m (D ENZINGER - S C H Ö N M E T Z E R , E n c h i r i ­ d io n , S. 370, Nr. 1525): u t qui p e r p e c c a ta a D eo a v e rs i e ra nt C...D. 221 KNIERIM , H a u p t b e g r i f f e , S. 66. 222 D a b ei m u ß n i c h t i m m e r d e r A s p e k t d e s H a b i t u e l l e n m i t s c h w i n g e n , d e r d em » L a s te rh a fte n « o f t eig n e t. Z um A s p e k t d e r Schande u n d des E h r e n r ü h r i g e n FRANK, S t u d i e n , S. 2 5 (f.). 223 R IC Œ U R , S y m b o lik , S. 84. 224 D a zu u.a. N E W H A U S E R , Love o f M on e y.

56

E in leitu ng

antike Bild mitsamt seiner Bedeutung in die Allegorese der Heilung des Wassersüchtigen des Evangeliums eingebaut wird, macht die Heilungs­ metaphorik den Sündencharakter der Habsucht eindeutig. Oft erhalten wir Aufschluß darüber durch den Kontext, in dem die Metapher steht. Dabei bietet die Frage nach dem Glauben der jeweiligen Autoren allein noch kein Kriterium. Zwar greifen christliche Autoren oft Bilder heid­ nischer Schriftsteller auf und stellen sie in einen religiösen Zusammen­ hang; doch besagt die Herkunft einer Metapher aus dem paganen Bereich noch nicht, daß bei ihr der Gedanke einer Verfehlung gegenüber Gott oder den Göttern ursprünglich keine Rolle gespielt hätte. Josef Pieper wendet sich heftig gegen die verbreitete Lehrmeinung, die Vorstellung der »Sünde« sei an den jüdisch-christlichen Religionskomplex gebunden. Er zitiert Erwin Rohde, der von den Griechen sagte, in ihren guten Jahr­ hunderten seien sie unempfänglich gewesen für die Infektionskrankheit des Sündenbewußtseins, sowie Nietzsches These, nach der das griechische Altertum eine W elt ohne Sündengefühle war.225 Auch Günter Röhser hält es für notwendig, diese communis opinio zu revidieren; dazu soll die Metaphernforschung einen Beitrag leisten.226 Dies wird nur dann möglich sein, wenn in jedem Einzelfall überprüft wird, ob der Begriff »Sünde« hier angemessen ist oder nicht. Rohdes Metapher von der »Infektionskrankheit des Sündenbewußt­ seins« macht noch eine weitere Abgrenzung erforderlich. Was zunächst als originelles Bild erscheinen mag, ist nicht nur vor dem Hintergrund der im 19. Jahrhundert besonders beliebten organologischen Metaphorik zu sehen; die »ansteckende Krankheit« ist auch eine alte und verbreitete Metapher für die Sünde. Und dennoch bleibt hier ein wichtiger Unter­ schied festzuhalten. Während die Krankheit sonst Bild für den Zustand des Sünders war (und das Wissen um seine Krankheit Metapher des Sündenbewußtseins), geht es hier nun um das Phänomen, daß sich Menschen überhaupt als Sünder begreifen. Die Idee oder auch die Lehre der Sünde soll mit einer traditionellen Sündenmetapher verächtlich ge­ macht werden. Wie solche Metaphern der Religionskritik vornehmlich auf dieselben Bildspender zurückgreifen wie religiöse Metaphern, läßt sich besonders deutlich bei Friedrich Nietzsche zeigen. Auch bei ihm ist die Sünde eine Krankheit, jedoch ein Fall der Psychopathologie.227 Der Wurm der Sünde meint nicht das quälende (»nagende«) Erinnern einer schlechten Tat, sondern den unheilvollen Einfluß der Kirche, von der die

225 PIEPER, B e g r i f f d e r S ü n d e , S. 65-67. 226 RÖH SER, M e t a p h o r i k , S. 28. 227 N i e t z s c h e , Z u r G e n e a l o g ie d e r M o r a l 11,20 ( W e rk e , ed. S C H L E C H T A , Bd. 3, S. 327): Die »Sünde« — denn so l a u te t die p r ie s t e r l ic h e U m — d eut un g de s t ie r isch en » sch lech ten G ew issens « (de r r ü c k w ä r t s w en de t e n Grausamkeit) — i s t b ish er das g r ö ß te Ereignis in

ge­ der

Ge sc hi c ht e d e r kranken S eele ge w ese n : in ih r haben w ir das gefä hi — l i c h s t e und v e rh ä n gn isv olls te K u n s ts tü c k d e r religiöse!} I nte r p r e ta tio n.

57

M etap hern und G la u b e n s v o r s te l lu n g e n

Menschheit möglichst schnell befreit werden m üsse.228 Auch dies wäre der Akt einer »Erlösung«; so setzt Zarathustra sich an die Stelle des die (personifizierte) Sünde tötenden Christus, wenn er stolz verkündet: ich erw ürgte s e lb s t die Würgerin, die »Sünde« h eißt.229 Solches von der Metaebene der Religionskritik her vorgenommene Umkehren von Sünden­ metaphern gegen sie selbst bedürfte einer eigenen Untersuchung, bei der vor allem der Unterschied zum parodistischen Gebrauch religiöser Metaphern herauszuarbeiten wäre.

8. M e t a p h e r n u n d Gl a u b e n s v o r s t e l l u n g e n Manchen Leser wird bei der Lektüre das Problem beschäftigen, ob es sich bei vielen der hier vorgeführten Belege überhaupt um Metaphern handelt. Dabei geht es nicht nur um das Phänomen des Verblassens von Metaphern. »Sündenschuld« und »Sündenlast«, »in Sünde fallen«, ein Gebot »übertreten«, »Gewissensbisse«, »schmutziger Geiz« oder »schwere« und »leichte« Sünden, auch »himmelschreiendes Unrecht«, sind Formu­ lierungen, deren Bildkraft heute so schwach ist, daß man sie als »lexikalisierte« oder »Ex-Metaphern« bezeichnen kann. Ähnliches gilt für terminologisierte Metaphern, also solche zunächst als metaphorisch empfundenen Ausdrücke, die zu festen Begriffen in Fachsprachen wurden; so denkt ein Theologe beim »Sündenfall« in der Regel nicht an die Bild­ lichkeit des Fallens, überlegt sich bei der »Erbsünde« nicht, ob die Analogie zu einer »Erbschaft« überhaupt stimmig ist, und spätestens seit der Scholastik spürte er beim fom es p ecca ti wohl kaum mehr etwas von der Feuermetaphorik des Zunders. Auch der Jurist wird sich bei »niedrigen Beweggründen« keine Gedanken über die Bedeutung von »oben« und »unten« machen.230 Ob Metaphern als solche gelten, läßt sich für den heutigen Sprachgebrauch relativ leicht entscheiden; für ältere Texte sind wir auf Indizien angewiesen. Ausschließliche Verwendung als Einzel­ metapher, auf die nicht weiter eingegangen wird, sowie sich häufende Bildbrüche dürfen als recht sichere Hinweise auf das Verblaßtsein gelten. Die Möglichkeit des Auffrischens der Bildkraft durch "Rückführung der

228 N i e t z s c h e , D e r A n t i c h r i s t 62 (W e rk e , ed. S C H L E C H T A , Bd. 3, S. 681): D e r Wurm d e r Sünde zu m Beispiel: m it die K irche die M en sch h eit bereichert!

d ies e m

N o ts tä n d e

ha t

erst

229 N i e t z s c h e , A l s o s p r a c h Z a r a t h u s t r a III (W e rk e , ed. S C H L E C H T A , Bd. 2, S. 741). 230 F R IC K E , S p r a c h e d e r L i t e r a t u r w i s s e n s c h a f t , S. 85, A. 98, b e t o n t die B e­ d e u t u n g d i e s e r U n t e r s c h e i d u n g f ü r die W i s s e n s c h a f t s s p r a c h e : " H a r m ­ l o s i g k e i t wie h o h e V e r b r e i t u n g in w i s s e n s c h a f t l i c h e n K o n t e x t e n k a n n m a n C...3 a l l e i n d e n v e r b l a ß t e n M e t a p h e r n z u s p r e c h e n ; e in P h y s ik e r k a n n w o h l von » e le k tr o m a g n e tis c h e n W ellen « , n ic h t a b e r von » e le k tr o ­ m a g n e t i s c h e r B r a n d u n g « r e d e n ."

58

Ein leitu ng

Metapher auf den Boden ihrer Herkunft"231 ist immer in Betracht zu ziehen; solche Stellen sind oft sehr originell, haben etwas Überraschendes an sich und erinnern daran, daß jed e Sprache in Rücksicht g e istig e r Beziehungen ein W örterbuch e rb la sse te r Metaphern ist.232 Gerät beim Prozeß des Verblassens der Bildspender allmählich in Vergessenheit (und erinnert erst wieder das Auffrischen an ihn), so kann auch umgekehrt der Bildempfänger außer Acht geraten. Der klarste und einfachste Fall ist das Wörtlichnehmen von Meta­ phern, das meist, wie Uwe Ruberg bemerkte, in Dialogsituationen ange­ siedelt ist.233 Jemand versteht nicht (oder will nicht verstehen), daß eine Aussage metaphorisch gemeint ist, worin oftmals ein Element von Komik liegt. Da das Mißverständnis einer zunächst proprie genommenen Aussage in der Regel aufgeklärt wird, hebt allein schon das erneute Zurückkommen auf denselben Punkt die Aussage hervor und macht ihre Metaphorizität besonders deutlich: Wer sie unbeachtet überlesen hätte, wird durch das Richtigstellen ausdrücklich auf sie verwiesen. So zeigt etwa die Legende vom »geretteten Jüngling« überdeutlich, daß »Tod« eine Metapher für »Sünde« ist.234 Auf die Metaphorizität verweist auch das Konkretisieren oder Natu­ ralisieren von Metaphern. Hierbei wird ein Bild (oft hyperbolisch) weiter­ geführt, als ob es sich um eine nichtmetaphorische Aussage handelte.235 Friedrich Ohly zeigt am Beispiel des »Wohnens im Herzen«, wie m ittel­ hochdeutsche Dichter diese Liebesmetapher mit einem ausgeprägten Hang zum Detail beim Wort nehmen: "Das Herz wird ausgestattet mit Tür 231 OHLY , S c h r i f t e n , S. 129. D E M A NDT, M e t a p h e r n , S. 443 , b e s c h r e i b t d ie s in d e r M e t a p h o r i k d e r V e r e r b u n g ( M e n d e l s c h e G e se tz e !): " W e r m e i n t , d e r j e w e i l s g e w o n n e n e G r a d a n E i g e n t l i c h k e i t , d a s H e i m a t r e c h t im n e u en A n w e n d u n g s b e re ic h d e r H is to rie v e rb ie te es, jene A u s d rü ck e a ls M e t a p h e r n z u b e h a n d e l n , ü b e r s i e h t , d a ß Q u a l i t ä t e n d e s a l t e n H e r k u n f t s b e r e i c h e s s i c h i m m e r w i e d e r h e r a u s m e n d e l n . Die E r b l a s s u n g i s t k e in u n u m k e h r b a r e r V o r g a n g . V i e l m e h r l e u c h t e n e n t s c h w u n d e n e F a r b e n i n n e r h a l b d e r a l t e n K o n t u r e n p l ö t z l i c h w i e d e r a u f ( P l a to n , re p . 507A). Die B i ld l i c h k e i t k a n n s o g a r z u n e h m e n , die B e d e u t u n g s ­ e r b s c h a f t g e h t nie g a n z v e r l o r e n ." 232 J e a n Pa u l, V o r s c h u l e d e r Ä s t h e t i k SO ( W e r k e , ed. MILLER, Bd. 1/5, S. 184); DEM A NDT, M e t a p h e r n , S. 13: " J e a n Pa ul d a c h t e v o r a l l e m a n a n t h r o p o m o r p h e u n d o r g a n i s c h e S p r a c h b i l d e r , die e i n e r W e l t d e s A n i m i s m u s n i c h t a l s Ü b e r t r a g u n g e n e r s c h e i n e n ." 233 RUBERG, M e t a p h e r n , S. 206: " B e s o n d e r s im D ia lo g — n i c h t z u l e t z t im B ü h n e n d ia l o g — i s t die n aiv e o d e r die m u t w i l l i g e V e r w e c h s l u n g z w i s c h e n p r o p r i e - u n d m e t a p h o r i c e - B e d e u t u n g e in e s W o r t e s s e i t j e h e r Q u e l l e e r h e i t e r n d e r M i ß v e r s t ä n d n i s s e g e w e s e n ." 234 D a zu S C H U M A C H E R , J o h a n n e s u n d d e r R ä u b e r h a u p t m a n n . 235 W ESSE L, P r o b l e m e , S. 199: e s s i n d " M e t a p h e r n , die d e n B i ld s p e n d e r , ih n m u t w i l l i g p r o p r i e n e h m e n d , b i s z u s e i n e r K o n k r e t i s i e r u n g w e ite t— t r e i b e n , o h n e die b i l d e m p f a n g e n d e E b e n e g ä n z l i c h z u v e r l a s s e n , s o d a ß die m e t a p h o r i s c h e S p a n n u n g b e s t e h e n b l e i b t u n d b i s z u m Ä u ß e r s t e n g e d e h n t w ir d . In d i e s e r s p r a c h l i c h e n S c h w e b e z w i s c h e n e r n s t e m Spie l u n d g e s p i e l t e m E r n s t (OHLY) b e s t e h t d e r s p e z i f i s c h e Reiz d i e s e r F ig u r , d e r s o w o h l M i t t e l h ö c h s t e r V e r b l ü f f u n g s e in a ls a u c h , im W i t z d e r V e r f r e m d u n g , E r k e n n t n i s v e r m i t t e l n k a n n ."

M eta phe rn und G la u b e n s v o r s te l lu n g e n

59

und Schlüssel oder Riegel, später Dach und Wänden, erhält einen Sessel oder Thron, läßt sich absperren und verschließen, verriegeln und ver­ siegeln. Am Ende kann man die Liebe auf seine Wände schreiben."236 Hiervon ist die »realisierte« Metapher zu unterscheiden, wie Franziska W essel mit Recht hervorhebt. Erzählelemente, die auch für sich genom­ men verständlich und sinnvoll sind, lassen sich darüberhinaus auch metaphorisch verstehen. Das gilt für ganze Szenen (»epische Realisie­ rung«)237 wie für gegenständliche Einzelheiten, die "mit realistischer Wahrscheinlichkeit in den Erzählzusammenhang eingefügt" sind,238 doch gleichzeitig als über sich hinausweisende Symbole verstanden werden können. In beiden Fällen bleibt es dem Leser überlassen, ob er sich einen bildlichen Sinn erdeuten oder lieber auf der Ebene des Handlungsablaufs verweilen will. Anders als beim Wörtlichnehmen und Konkretisieren ist hier die Metaphorizität nur latent, abhängig vom Rezipienten und nicht eindeutig nachweisbar. Diese Begriffsabklärungen im Anschluß an Franziska W essel reichen nun aber nicht aus, um unser Problem zu lösen. Hat man die grundsätz­ liche Metaphorizität religiöser Aussagen akzeptiert, bleibt einem nur übrig, die Glaubensvorstellungen vom göttlichen Gericht als Wörtlich­ nehmen der Metapher des Richtens zu deuten. Glaube bestünde dann darin, die eigene Metaphorik nicht zu bemerken. Das kann nicht be­ friedigen. Diskutiert wurde dies beim Verhältnis von Metapher und Mythos. Dabei ging es nicht um die Frage, ob der Mythos als Quellgrund für Bildspender taugt; spätantike Mythenallegorese, typologische Inan­ spruchnahme heidnischer Götter und anderer mythologischer Figuren für Christliches, Anleihen an den Mythos beim Sprechen über Hölle und Teufel, sowie viele Einzelmetaphern geben darauf eine Antwort. Es ging weniger um den Mythos als Erzählform, als um die Annahme eines mythischen Denkens, in dem als Ausdruck einer früheren Bewußtseins­ stufe des Menschen (archaisch, primitiv, prälogisch usw.) die "ontolo­ gische Differenz von Zeichen und Bezeichnetem" nicht erkannt werden so ll.239 Wie weit solche Thesen durch ethnologische Forschungen, welche sich nicht von einem evolutionistischen Modell »vom Mythos zum Logos« leiten lassen, gestützt werden können, braucht hier ebensowenig behandelt zu werden wie die Frage, ob frühkindliche Bewußtseinsphäno­ mene damit parallel laufen. Wichtig ist nur die Konsequenz, "daß wir heute kaum zuverlässige Kriterien entwickeln können, um festzustellen, 236 OHLY, S c h r i f t e n , S. 130. 237 W ES SE L, P r o b l e m e , S. 199, n e n n t s o " F ä lle , b e i d e n e n h i n t e r d e m e p i s c h in S z e n e g e s e t z t e n B i l d s p e n d e r d e r b i l d e m p f a n g e n d e B e z u g s p u n k t v ö llig z u r ü c k t r i t t , s o d a ß e s d e r K o m b i n a t i o n s f ä h i g k e i t u n d - f r e u d i g k e i t d e s L e s e r s ü b e r l a s s e n b l e i b t , o b e r die b e t r e f f e n d e S z e n e m i t m e t a p h o r i s c h e m H i n t e r s i n n g e f ü l l t s e h e n o d e r sie n u r im e p i s c h e n W o r ts in n v e r s te h e n w ill.” 238 W E S SE L , P r o b l e m e , S. 203. 239 KOLLER, S e m io t i k , S. 222. Z u m » m y t h i s c h e n D e n k e n « s i n d v o r a l l e m die S t u d i e n v o n ERNST CASSIR ER z u b e r ü c k s i c h t i g e n .

60

Ein leitu ng

ob es für das mythisch strukturierte Bewußtsein so etwas wie Metaphern [...] gegeben hat bzw. welche Prädikatoren als metaphorisch zu qualifizieren wären."240 Wir können uns freilich nicht damit zufrieden­ geben, zu erkennen, daß hier ein ähnliches Problem wie bei manchen religiösen Metaphern beschrieben wird. Wer daran glaubt, daß Gott einst richten wird, sieht zwar nicht — wie beim Wörtlichnehmen — vom Bild­ empfänger »Gott« ab, wenn er vom »Richter« spricht und das Gerichts­ motiv weiter ausführt; er glaubt an Gott als Richter, trennt also eben­ falls nicht Zeichen und Bezeichnetes. Alfred Stuiber nennt den Fall »unechte Metapher«, "die sich äußerlich kaum von der echten (litera­ rischen) Metapher unterscheidet, aber mehr als ein bloße Ähnlichkeit" zur Grundlage hat, nämlich eine ursprüngliche Identität von Bild u. Wirklichkeit".241 Auch Günter Röhser ste llt fest, daß die antike Rhetorik­ theorie die meisten der in seinem (und meinem) Buch "zur Diskussion stehenden V orstellungs- und Redeformen niemals als »metaphorisch« bezeichnet" hätte.242 Um die Stellung solcher »Metaphern« in einem religiösen Weltbild genauer beschreiben zu können, sieht er sich deshalb gezwungen, das begriffliche Instrumentarium zu erweitern. Ohne viel Erläuterungen führt er den Ausdruck »Wirklichkeitswert« ein: "So hat dann z.B. das Bildfeld »Sündenlast« einen völlig anderen Wirklichkeits­ wert, wenn es aus seinem ursprünglichen dynamistischen Realitäts­ hintergrund [...] gelöst und zur Gebrauchsmetaphorik (»usuell«) geworden ist. Die Feldelemente haben in diesem Fall eine längere Geschichte hinter sich: von der »lebendigen« bzw. »wirklichen« oder »wahren« zur »abge­ storbenen« bzw. »verblaßten« oder » lexikalisierten« Metapher."243 Hier zeigt sich zunächst die Gefahr, zwei Ebenen miteinander zu vermengen; die Frage, ob eine Metapher »geglaubt« wird oder nicht, ist nicht identisch mit der nach dem Grad ihres Verblassens; zwar ist man sich in beiden Fällen der Metaphorizität nicht bewußt, doch — wie wir sahen — aus unterschiedlichen Gründen. Für Röhser wäre die »lebendigste« Metapher diejenige, bei der niemand merkt, daß sie eine Metapher ist, worin sie sich mit der »verblaßtesten« träfe; nur in der Zwischenphase des Verblassens würde Metaphorik überhaupt erkennbar sein, also im Prozeß ihres Verfalls. Eine »lebendige« als nicht abgenutzte und gerade 240 KOLLER, S e m io t i k , S. 232. 241 ALFRED STUIB ER, A r t . » B i ld e r s p r a c h e « (RAC 2, Sp. 341-346) Sp. 343. W ie die m e i s t e n A u t o r e n b e r ü c k s i c h t i g t a u c h ST U IB E R n u r die E n t ­ ste h u n g von M e tap h e rn aus re lig iö s-m y th isc h e n V o rste llu n g e n , nicht j e d o c h d e n u m g e k e h r t e n V o r g a n g ; ebd.: ”zB. s i n d u r s p r ü n g l i c h die D ä m o n e n e in e h e u l e n d e H u n d e m e u t e ; e r s t s p ä t e r w e r d e n die D ä m o n e n m i t H u n d e n n u r n o c h v e r g li c h e n . D ie se U n e c h t e n M e t a p h e r n b i l d e n e in e n k u l t u i — u. r e l i g i o n s g e s c h i c h t l i c h b e d i n g t e n S c h a t z v o n B ild ­ v o r s t e l l u n g e n , die n i c h t d e r f r e i e n E r f i n d u n g e n t s p r i n g e n w ie die l i t e r a r i s c h e n F o r m e n d e r B i l d e r s p r a c h e . A l l e r d i n g s g e h e n die u n e c h t e n M e t a p h e r n h ä u f i g in e c h t e ü b e r u. s t e l l e n e in e n g r o ß e n T eil d e r w e i t ­ v e r b r e i t e t e n S p r a c h b i l d e r ." 242 R Ö H SE R , M e t a p h o r i k , S. 26. 243 R Ö H SE R , M e t a p h o r i k , S. 24.

M etap hern und G la u b e n s v o r s te l lu n g e n

61

deshalb als bildhaft empfundene Metapher ist in seinem Konzept nicht vorgesehen.244 Doch auch, wenn man dies außer Acht läßt, erscheint mir der Begriff »Wirklichkeitswert« wenig hilfreich; das zeigt sich an Röhsers zweiter Begriffsschöpfung: 'Tür diejenigen Metaphern mit maxi­ malem Realitätsgehalt (= Wirklichkeitswert) werde ich in dieser Arbeit die Bezeichnung »Weltanschauungsmetaphern« verwenden (und gleich­ zeitig zur Diskussion stellen).”245 Der Ausdruck meint also Glaubens­ vorstellungen, die (noch) nicht als metaphorisch empfunden werden.246 Röhser fragt nun bei jedem Bildfeld nach dem »Wirklichkeitswert«, um zu bestimmen, wo es sich um »Weltanschauungsmetaphern« handele und wo nicht. Mit Begriffen aus der Religionswissenschaft247 legt er fest, welcher Ausdruck in einem geschlossenen religiösen Weltbild seinen Sitz habe. Dabei ist sein Vorwissen von der Religionsgeschichte, der er die Belege zuordnet, ausschlaggebend-,248 ein philologisches Kriterium gibt er dem Leser nicht an die Hand. Ein weiteres Problem ist mit dieser Orientierung an der Religionswissenschaft verbunden, wo es offenbar als ausgemacht gilt, das Mythisch-Unmittelbare sei immer auch das Ursprüngliche, aus dem Metaphorik erst als Spät- und Verfallsform ent­ stehe. Zwar räumt auch Röhser ein, es finde keine "allumfassende Ent­ wicklung in nur einer Richtung statt", aber nur, weil es Formen des »Ganzheitsdenkens« auch sonst in der Antike und teilweise bis heute

244 R Ö H SE R, M e t a p h o r i k , S. 25, b e g r ü n d e t d ie s d a m i t , d a ß e s h i e r n i c h t u m o r i g i n e l l e M e t a p h e r n g e h e ; a b e r wie w ä r e n a l t e M e t a p h e r n in s e i n K o n z e p t z u b r i n g e n , die s i c h ih re F r i s c h e b e w a h r t h a b e n ? Be­ d e n k l i c h i s t a u c h R Ö H S E R s A n n a h m e , a ll e in s c h o n die H ä u f i g k e i t i h r e s V o r k o m m e n s se i ein K r i t e r i u m d a f ü r , da ß e in e M e t a p h e r v o n i h r e m " R e a l i t ä t s h i n t e r g r u n d ” g e l ö s t se i (a ls o n u r g e r i n g e n W i r k l i c h ­ k e i t s w e r t b e s i t z e ) ; ebd .: " U s u e l l g e w o r d e n e M e t a p h e r n e r k e n n t m a n p rim ä r an d e r H ä u fig k eit ihres V o rk o m m en s; d ieses K riteriu m ist a l l g e m e i n a n e r k a n n t " ; vgl. S. 24. 245 R Ö H SE R, M e t a p h o r i k , S. 24 246 RÖ H SE R, M e t a p h o r i k , S. 25: " W a r u m w i r g l e i c h w o h l f ü r d i e s e »widei— s p e n s tig e « E rsc h ein u n g am B e g riff d e r M e ta p h e r f e s th a lte n , lie g t d a r i n b e g r ü n d e t , da ß a u c h h i e r die s i c h t b a r e V o r f i n d l i c h k e i t übei— s t e i g e n d e W i r k l i c h k e i t m i t e m p i r i s c h e r f a h r b a r e r W i r k l i c h k e i t (z. B. a u f s c h r e i b e n , e in e L a s t t r a g e n ) z u e i n e r E in h e i t v e r b u n d e n w ird . In d e r d a r i n e r r e i c h t e n B e s c h r e i b u n g e i n e r b e s o n d e r e n D i m e n s io n v o n W i r k l i c h k e i t e r b l i c k e ich die e i g e n t l i c h e L e i s t u n g v o n M e t a p h e r n ( i n s b e s o n d e r e r e li g i ö s e n .) ." 247 Z .B . " d y n a m i s t i s c h e s W i r k l i c h k e i t s v e r s t ä n d n i s " (S. 29); " s e i n e r u r ­ s p r ü n g l i c h e n r e l i g i ö s - m e t a p h o r i s c h e n K r a f t b e r a u b t " (S. 34); " G a n z ­ h e i t s d e n k e n " (S. 35); "C...D l e b e n d i g e r d y n a m i s t i s c h e r G r u n d e r f a h r u n g " (S. 36); "m y th isch e U n m itte lb a rk e it" (S. 37); "des h o lis tis ch d y n a m i s t i s c h e n W e l t b i l d e s " (S. 154). 248 D a b ei g e h t e r d o g m a t i s c h e r v o r a ls PAUL R IC Œ U R ; w ä h r e n d j e n e r f ü r se in e T h e s e , B e f l e c k u n g s e i i m m e r s c h o n e in » s y m b o l i s c h e r F le c k e n « g e w e s e n , d a s b e m e r k e n s w e r t e A r g u m e n t a n f ü h r t , a ll e u n s b e k a n n t e n R e i n i g u n g s r i t e n s e i e n s y m b o l i s c h e r A r t (R IC Œ U R , S y m b o lik , S. 44), t u t R Ö H S E R s o l c h e B e g r ü n d u n g e n a l s k r i t i k w ü r d i g ab, "w eil sie d e m R e a l i t ä t s g e h a l t d e s s e n , w a s ich m i t d e m B e g r i f f » W e l t a n s c h a u ­ u n g s m e t a p h e r « b e z e i c h n e t h a b e , n i c h t g e r e c h t w e r d e n " (S. 48).

62

Einleitu ng

gebe.249 Der umgekehrte Fall, daß Mythen250 und religiöse Vorstellungen aus Metaphern entstehen, indem man sich ihrer Metaphorizität nicht mehr bewußt ist, kommt hier überhaupt nicht in den Blick. Wir müssen aber immer damit rechnen, weshalb sich unsere Arbeit an manchen Stellen mit Forschungen der religösen Volkskunde (Kretzenbacher, Moser u.a.) berührt. Ein drittes Problem ergibt sich aus der Anwendung des Begriffs »Weltanschauung« auf das Phänomen der Personifikation. Nach seinem Ansatz konsequent bezeichnet Röhser als »weltanschauliche Personifikationen« "diejenigen Prosopopoiien, bei denen die Figur gar nicht als solche empfunden wird, sondern gleichbedeutend ist mit der Vorstellung eines wirklichen, selbständig existierenden Individuums [...]; dazu zählen mit Sicherheit Gott und die (olympischen) Götter, die Engel und Satan, die guten und die bösen Geister (Dämonen), die als — wenn auch in der Regel unsichtbare, mitunter in Tier- und Menschengestalt auftretende »Lebewesen« die Welt bevölkern.”251 Zählt man alle Glaubensvorstellungen mit zur Metaphorik, dann wird letztlich auch »Gott« zu einer — wenn auch »weltanschaulichen« — Metapher! Eine Abgrenzungsmöglichkeit von metaphorischen und nichtmetapho­ rischen Glaubensaussagen erhält man durch diese Begriffserweiterungen also nicht.252 9. R e f l e x i o n e n ü b e r M e t a p h o r i z i t ä t i n d e n Q u e l l e n Es gibt jedoch durchaus Kriterien für Metaphorizität. Dazu gehören Vergleichspartikel, Verben des Bedeutens und Milderungsformeln für als etwas zu kühn empfundene Bilder (ut ita dicam, »bildlich gesprochen«, »wenn das Bild erlaubt ist« usw.). Weit mehr als solche gelegentlich wohl auch unbewußt verwendeten Signale253 zeugen vom Bewußtsein der 249 R Ö H SE R, M e t a p h o r i k , S. 35. 250 D a s s a h m a n a u c h s c h o n e in m a l a n d e r s ; H E R M A N N USEN ER, Die P e rle . A u s d e r G e s c h i c h t e e in e s B ild e s (DERS., V o r t r ä g e u n d A u f s ä t z e , L eip ­ zig - B e rlin 1907, S. 217-231) S. 228: " M a n v e r g i ß t s o l e i c h t , d a ß d e r m e n s c h l i c h e G e i s t f ü r die G o t t h e i t n i c h t B e g r if f e , s o n d e r n n u r B ild e r z u r V e r f ü g u n g h a t , u n d d a ß d a s B ild d a d u r c h , d a ß e s a ls W a h r h e i t g e s e t z t u n d g e g l a u b t w ir d , e b e n z u d e m w ird , w a s w i r M y t h u s n e n n e n ." 251 RÖ H SE R, M e t a p h o r i k , S. 137. 252 S k e p t i s c h h i n s i c h t l i c h k l a r e r K r i t e r i e n a u c h OHLY , A r t. » H a u s« , Sp. 913f.: "Die S p r a c h e d e r G ö t t e r , D i c h t e r u. P h i l o s o p h e n d e r A n t i k e , die S p r a c h e G o t t e s , d e r P r o p h e t e n , E v a n g e l i s t e n u n d A p o s t e l in d e r Bibel, die S p r a c h e d e r T h e o l o g e n in d e r K irc h e u. die d e r i h r v e r b u n d e n e n D i c h t e r z e i g t M y t h i s c h e s u n d M e t a p h o r i s c h e s wie v e r s c h w i s t e r t . A n ­ g e s i c h t s e in e s G e f ü g e s u n a b s e h b a r e r V e r s c h r ä n k u n g e n in R a u m u. Z e i t v o n K u l t u. K u n s t , P h i l o s o p h i e u. D i c h t u n g s a m t a ll i h r e n G a t t u n g e n , v o n Z e i t g e i s t u. P r i v a t g e i s t g i b t e s k e in e a l l g e m e i n e n R e g e ln ." 253 Sie s i n d n u r s e l t e n G e g e n s t a n d d e r R e f le x io n ; z.B. G r e g o r , M o r. XX V , 10,25, CCL 143B, S. 12S0: In scriptu ra sacra »quasi« aliqua nd o p r o s imi lit udine , aliquando p r o u e ritate po n i consu e uit. L i t e r a t u r z u d e n die V e r g l e i c h u n g m o d e r i e r e n d e n F o r m e l n n e n n t M IC H E L , A l i e n i l o q u iu m , S. 197 (§ 221), d e u t s c h e B e is p ie le e b d . S. 182 (§ 204).

R e f le x io n e n über M eta p h o r iz itä t in den Q u e ll e n

63

Metaphorizität ausdrückliche Reflexionen darüber in den Quellen. Sie sind allerdings nicht häufig254 und entspringen in der Regel keinem theoretischen Interesse an metaphorologischen Fragestellungen; bei ihnen geht es fast durchweg um theologische Gefahren, die mit falschem Ver­ stehen verbunden sein könnten: Im Sprechen von Gott wird die Metapho­ rizität der Sprache zum Problem. Die Bibel, besonders das Alte Testament, bedient sich vieler Anthro­ pomorphismen.255 Eine menschliche Vorstellung von Gott im Hinblick auf seine Gestalt (z.B. »Gottes Angesicht«), sein Verhalten und Handeln (»Gott sprach«) und seine Empfindungen (»es reute Gott«) liegt nahe und ist verbreitet. Erstaunlicher sind eher die Hinweise der Kirchenväter, daß diese Stellen keineswegs wörtlich zu verstehen seien. Verständlich wäre dies noch bei zoomorphen Gottesbildern, bei denen die Grenze zur Verehrung von Tiergottheiten leicht überschritten werden könnte; ähn­ liches könnte auch für Gestirnsgötter gelten. Doch woher kommt gerade diese Aversion gegen ein menschliches Gottesbild in der Patristik? Der Hinweis auf das alttestamentliche Bilderverbot reicht hier eben­ sowenig aus wie der auf mögliche Kollisionen mit dogmatischen Aus­ sagen über Gott (Allwissenheit, Allmacht usw.). Unmittelbarer Anstoß wird wohl die Abgrenzung von der häretischen Gruppe der Audianer, die im 4. Jahrhundert einen Anthropomorphismus gelehrt haben soll, gewesen sein.256 Wenn diese gnostische Sekte257 auch wohl nie eine ernsthafte Bedrohung für die Kirche dargestellt hat, so fehlt eine Polemik gegen die »Anthropomorphiten« doch in kaum einem Ketzer­

254 OHLY , A r t . » H a u s« , Sp. 915, s p ü r t e sie in d e r G e b ä u d e m e t a p h o r i k n u r b e i H i l a r i u s u n d A u g u s t i n u s au f. 255 Z u m A n t h r o p o m o r p h i s m u s die A r t i k e l v o n KARL BETH (HDA 1, Sp. 4 7 2 - 4 7 9 ) ; GERARDUS VAN DER L E E U W (RAC 1, Sp. 4 4 6 - 4 5 0 ) ; G U ST A V M E N S C H IN G (RGG 31, SP. 424); G. S IE W E R T H - J. SC H ILD EN BERG ER - J. B. M E T Z (LThK 21, Sp. 376-3 87); G. L A N C Z K O W S K I - H. W . S C H Ü T T E - R. FABIAN (H W b P h 1, Sp. 376-378); s o w ie M IC H E L , A l i e n i l o q u iu m , S. 5 0 6 - 5 0 8 (§ 541); im Z u s a m m e n h a n g m i t d e m » A uge G o t t e s « S C H L E U S E N E R -E IC H H O L Z , A u g e , S. 10761110. 256 T h e o d o r e t v o n C y r u s , K i r c h e n g e s c h i c h t e IV ,10, d t. SEIDER, BKV 1/51, S. 217: A u d i a n u s m e i n t e , » d a s g ö t t l i c h e W e s e n h a b e e in e m e n s c h l i c h e G e s t a l t , u n d v e r m u t e t e , e s se i v o n k ö r p e r l i c h e n O r g a n e n u m ­ s c h l o s s e n , d a e r d e n S in n d e r H e i li g e n S c h r i f t n i c h t e r f a ß t e . Sie l e g t n ä m l i c h o f t d e r g ö t t l i c h e n T ä t i g k e i t die N a m e n m e n s c h l i c h e r O r g a n e bei, w eil h i e r d u r c h die L e u t e , w e l c h e d a s G e i s t i g e r e n i c h t f a s s e n k ö n n e n , l e ic h te r z u r E rk e n n tn is d e r g ö ttlic h e n V o rs eh u n g gelangen«. Die V o r s t e l l u n g s c h e i n t s i c h a u s d e r L e h r e d e r G o t t e b e n b i l d l i c h k e i t a u c h d e s m e n s c h l i c h e n L eib e s e n t w i c k e l t z u h a b e n ; vgl. O r i g e n e s , In Ep. a d Rom . 1,19, PG 14,872B: A n th ro po m o r p hita e , id e s t qui c o rpore a m hom inis imaginem, Dei e s s e imaginem dicunt. D a zu H E N R I­ CHARLE S P U E C H , A r t . » A u d ia n e r« (RAC 1, Sp. 910-915). 257 Ä h n l i c h e s g i l t a u c h f ü r die j ü d i s c h e Schi'ur-Koma-ISÆystik m i t i h r e m a u s g e p r ä g t e n A n t h r o p o m o r p h i s m u s ; d a z u S C H O L E M , G e s t a l t , S. 7-47; s o w ie DERS., M y s ti k , S. 68-72.

64

E inleitu ng

katalog.258 Der einzelne Christ wurde demnach zum Ketzer, wenn er die entsprechenden Stellen der Bibel wörtlich auffaßte und sich Gott (allzu-)menschlich vorstellte. Die Sorge um das Seelenheil treibt die Exegeten deshalb dazu, den Leser auf die Metaphorizität unseres Sprechens von Gott aufmerksam zu machen. Man muß also mit beidem rechnen: einem bewußt-distanzierten Verhältnis zu religiösen Metaphern, wie auch einem Wörtlichverstehen von Gottesbildern, wozu zumal die Volksreligion wohl immer neigt. Vielleicht hat aber auch dort die Befürchtung, in eine Ketzerei und damit in eine schlimme Sünde zu fallen, das Gespür für die Bildlichkeit der religiösen Sprache hier und da geschärft.

10. H e r k u n f t u n d » W a h r h e i t « d e r B i l d s p e n d e r Grundsätzlich können Bildspender allen Bereichen der Natur und des Menschenlebens entnommen werden; wichtig ist allein, daß ein »tertium comparationis« sich finden läßt — sei es in der Allegorese zu einem Bibelwort, sei es in nichtexegetischer Metaphorik im Hinblick auf eine intendierte Aussage, zu der ein Bild gewählt wird, das durchaus eben­ falls der Bibel entstammen kann. Bezieht jede Metaphorik ihre Argu­ mentationskraft auch daher, daß sie an Vertrautes anknüpft, um weniger Vertrautes damit zu stützen, so besagt dies keinesfalls, die Bildspender wären notwendig auch im Alltagsleben verankert.2S9 Vertraut kann einem sein, was er »nur« gehört oder gelesen hat. Gerade bei mittelalterlichen Autoren mit ihrer Orientierung an literarischen Autoritäten ist es oft unangemessen, danach zu fragen, ob eine Metapher auf persönlichen Augenschein zurückgehe;260 denn selbst dort, wo ein Autor eigene Er­ fahrung in seine Metaphorik einbringen konnte, folgt er in der Regel 258 I s i d o r , E ty m . VIII,5,32, ed. LINDSAY: Æn th rop o mo r p hita e d ic ti p r o eo, q u o d si m p l i c i t a te ru stica D eum h abere humana me mbra , divinis libris sc ripta su n t, arbitrantur; E p ip h a n i u s v o n

quae

in

S a la m is , A n a k e p h a l a i o s i s 111,1, PG 42 ,8 70B C ; A u g u s t i n u s , De h a e r . 50, CCL 46, S. 321f. G e n n a d i u s , L ib e r e c c l e s i a s t i c o r u m d o g m a t u m 4, ed. T lIRN ER, S. 90: nihil c o rp o ra liter effigiatu m , ut Æ n th r o p o mo r fus (PL 58,982B); H r a b a n , De univ. IV ,10, PL 111,97B. 259 D as r e l a t i v i e r t die A u s s a g e v o n M IC H EL , bil d e , S. 523, A. 1: " M e t a ­ p h e r n u n d G l e i c h n i s s e s i n d d e r O r t , w o A u t o r e n g e i s t l i c h e r T e x t e sic h au f A llta g se rle b n iss e a b stü tz e n , um A ussagen ü b e r tra n s z e n d e n ta le D in ge u n d G e s c h e h n i s s e z u m a c h e n . W ill m a n sie v e r s t e h e n , s o m u ß m a n B e s c h e i d w i s s e n u m die V e r a n k e r u n g d e s B i l d s p e n d e r s in s e i n e m u r s p r ü n g l i c h e n (u n b ild lic h e n ) V e r w e n d u n g s z u s a m m e n h a n g , m a n m u ß die s a c h k u n d l i c h e n I m p l i k a t i o n e n k e n n e n . M an a ch te auch darauf, wie N e u t e s t a m e n t l e r die G l e i c h n i s s e J e s u v o n d e r A r c h ä o l o g i e d e s B r a u c h t ü m l i c h e n h e r a u f r o l l e n . So m ü ß t e n z. Bsp. b e i B ild e rn a u s d e m B e r g b a u , d e r M e t a l l u r g i e ( » l ä u te rn « ), d e r J a g d , d e r J u r i s p r u d e n z u s w . die f a c h s p r a c h l i c h e n B e g r i f f s i n h a l t e a b g e k l ä r t w e r d e n ." 260 D ie se in ä l t e r e n U n t e r s u c h u n g e n b e l i e b t e F r a g e s t e l l u n g w i r d z.B. v o n SO H N S, V e r g l e i c h , s e l b s t a u f die t r a d i t i o n e l l s t e n M e t a p h e r n g e r i c h t e t .

H e r k u n ft und »W ahrheit« der B ild sp en d e r

65

bis in einzelne Formulierungen hinein ebenso seinen Vorlagen, wie er es in solchen Fällen tut, wo ein Selbsterleben aus heutiger Sicht ausge­ schlossen werden kann. Der Befund, daß Reales und Fabulöses oft un­ vermittelt und nur schwer unterscheidbar nebeneinander stehen, nimmt einer Aufgliederung in »Erlebtes« und »Nichterlebtes« ihre Berechtigung. Freilich wird unsere historische und philologische Neugier die Frage, was der Wirklichkeit entspricht und was nicht, nie aus dem Auge verlieren; zentral ist aber nicht die Frage, ob etwas »stimmt«, sondern ob man meinte, daß es stimme. Da man von beidem überzeugt war, leistet das objektiv falsche Wissen von der Auflösbarkeit des Diamanten durch Bocksblut261 genau denselben Dienst für die Metaphorik wie etwa das objektiv richtige Wissen von der heilenden Wirkung der Hundezunge, bei dem der Erfahrungsgehalt auch nicht viel größer gewesen sein dürfte. Die meisten Theologen sind aber ohnehin nicht sehr an der »Natur­ wahrheit« ihrer Bilder interessiert;262 diese dienen ihnen nur als Mittel der religiösen Verkündigung. Und ihre Leser oder Hörer hatten kaum die Möglichkeit (und wohl auch nicht die Motivation), die durch bedeutende Autoritäten verbürgten Aussagen zu überprüfen.263 Um ausfindig zu machen, was man von einer Sache wußte und als gewußt voraussetzen konnte, ist ein Blick in den Plinius oder Isidor oder in eine mittelalter­ liche Enzyklopädie deshalb ergiebiger als die Kenntnis neuerer For­ schungen zum selben Thema. Allerdings müssen wir vor allem bei der Allegorese von Bibeltexten mit dem ausdrücklichen Bestreiten der Naturwahrheit einer Aussage rechnen. So ist es für Origenes ein schlagender Beweis gegen die Geltung der mosaischen Speisegesetze, daß sie im wörtlichen Sinne unvernünftig oder unmöglich einzuhalten seien. Unvernünftig nennt er beispielsweise das Verbot, Geier zu essen (Lv. 11,14), da sich selbst in Hungerszeiten sowieso niemand dazu überwinde. Unmögliches enthalte das Gesetz hin­ gegen, wo es den Bockhirsch (»Tragelaph«), den es schlichtweg nicht geben könne, unter die reinen Tiere zählt (Dt. 14,5). Und vom Greifen, den der Gesetzgeber zu essen verbiete (Lv. 11,13; Dt. 14,12), habe man nie gehört, daß er jemals einem Menschen in die Hände gefallen

261 OHLY, D i a m a n t u n d B o c k s b l u t . 262 D i s k u t i e r t w u r d e d ie s a m B e is p ie l d e r N a t u r a l l e g o r e s e d e s » P h y s io l o g u s « : HENKEL , S t u d i e n , S. 139-146 (Der P h y s i o l o g u s — d a s Z o o l o g i e ­ b u c h d e s M i t t e l a l t e r s ? ) ; GRUBMÜLLER, W a h r h e i t s a n s p r u c h ; MEIER, A r g u m e n t a t i o n s f o r m e n , b e s . S. 14, A. 30. 263 A u c h n i c h t in s o l c h e n F ä l le n , bei d e n e n w i r v o n » F a b e lw e s e n « z u s p r e c h e n g e w ö h n t sin d , bei T ie r e n a ls o , die in d e r N a t u r n i c h t voi k o m m e n ; b e i M i s c h w e s e n v e r s c h i e d e n e r T i e r a r t e n ; b e i T ie r e n , die e s z w a r g i b t, j e d o c h n i c h t m i t d e n b e k a n n t e n E i g e n s c h a f t e n ; b e i M i s c h ­ w e s e n a u s M e n s c h u n d T ier; s o w ie b e i m o n s t r ö s e n M e n s c h e n r a s s e n . C H R IS T O P H GERHARDT, Gab e s im M i t t e l a l t e r F a b e l w e s e n ? ( W ir k e n ­ d e s W o r t 38, 1988, S. 156-171) l e h n t d e s h a l b d e n a u f F i k t i o n a l i t ä t z i e l e n d e n B e g r i f f » F a b e lw e s e n « f ü r d a s M i t t e l a l t e r g r u n d s ä t z l i c h ab.

66

Einleitu ng

sei.264 Auch für Gregor fordern im Literalsinn nicht akzeptable Bibel­ stellen 265 den Exegeten auf, die Aussage nicht wörtlich zu nehmen. So beim Streitroß von Hiob 39,25, welches »Vah« sagt, wenn es das Kampf­ horn erklingen hört: Quibus p ro fe c to uerbis e t illu d ostenditur, quod hoc loco a Domino de equo irrationabili nil dicatur. Neque enim uah dicere brutum animal p o te s t, se d dum asseritu r dicere quod omnino dicere non ualet, innuitur quem d esignet.266 Die Tatsache, daß ein Tier nicht reden kann, bringt Gregor dazu, von seiner programmatischen Absicht abzugehen, den Wortsinn der Schrift den geistigen Sinnen als ein festes Fundament zugrundezulegen.267 Auch nichtbiblische Allegorese kennt solches Distanzieren vom Auslegungsgegenstand; so gibt Alexander Neckham zwar eine ausführliche Deutung des W issens vom gejagten Biber, der sich seine »Hoden« abbeißen soll, wenn er den Jägern nicht mehr entkommen kann, weist aber gleichzeitig darauf hin, daß es sich hierbei um eine »lächerliche Volksmeinung« handele, die abzulehnen sei.268

11. R e l i g i ö s e M e t a p h o r i k u n d di e F a c h s p r a c h e n Dem Philologen ste llt sich noch ein weiteres Problem. Wenn die Bildspender den verschiedensten Bereichen menschlichen Wissens und Arbeitens entstammen, dann hat man es jeweils mit einem Wortschatz zu tun, der dem jeweiligen Bereich eigen ist und dem dort üblichen Gebrauch entspricht. Was ein Ausdruck etwa im Finanzwesen, in der Metall Veredlung, bei Juristen, Jägern, Landwirten oder Ärzten bedeutet, muß wissen, wer seinen metaphorischen Sinn verstehen will.269 Damit berührt sich eine historische Metaphorologie notwendig mit der Er­ forschung der Fachsprachen; sie ergänzt diese um Belege aus Texten, welche in der Regel nicht in ihren Blick geraten. Allerdings läßt sich nicht einfach von der Prämisse ausgehen, die Metaphorik böte ein getreues Spiegelbild des entsprechenden Fachsprachengebrauchs. Kaum ein Autor gehörte der Berufsgruppe an, aus deren Fachsprache er seine 264 O r i g e n e s , De p r i n c ip iis IV,3,2, e d d. GÖRGEMANNS - KARPP, S. 7 34 736; d o r t : Si vero etiam d e in po ssibilibu s leg ib us r e quir endum e s t, in ve nim us trage lafu m dici animal, qu od s u b s is te r e omnino non p o t e s t , q u o d i n t e r munda animalia edi iu be t M o ys es, e t g rifum, que m nullus u mquam m e m i nit vel audivit humanis manibus p o tu i s s e s uc c umb e r e , manducari p ro h ib e t leg isla to r.

265 Z u r A l l e g o r e s e a n s t ö ß i g e r S t e l l e n M IC H EL , A l i e n i l o q u iu m , S. 5 0 0 f f . 266 G r e g o r , M o r. X X X I ,33,69, CCL 143B, S. 1598; d a s S t r e i t r o ß b e z e i c h n e t h i e r d e n P r e d ig e r . 267 Vgl. G r e g o r , M o r., A d L e a n d r u m , CCL 143, S. 4: Mam p r imum quid em f u ndam e nt a h i storiae ponimu s; deinde p e r signific a tio ne m ty p ic a m in arcem fide i fabricam m e n tis erigimus; ad e x tr e m u m m o r a l i t a t i s gratiam, quasi su p e rd u c to aedific um c o lo r e

q uo que p e r ue s timu s .

268 D a zu S C H U M A C H E R , Biber. 269 H i e r a u f h a t HANS BAY ER m i t R e c h t m e h r f a c h (z.B. DERS., E th ik ) v e r ­ w ie s e n ; ich k a n n j e d o c h s e i n e r A r g u m e n t a t i o n n i c h t i m m e r f o l g e n .

R e lig iö se M etapho rik und die Fach sp rachen

67

metaphorischen Formulierungen bezog; und selbst wenn er sich in ihr gut auskannte, mußte er berücksichtigen, daß dies bei seinen Lesern nicht immer der Fall war. Spricht ein Theologe, der kein Arzt ist, zu nichtmedizinischen Hörern in Krankheitsmetaphern über die Sünde, wird man eine eher laienhafte Ausdrucksweise erwarten, die trotz aller Fach­ ausdrücke und aller Detailkenntnis allgemein verständlich bleibt. Weniger die Art, wie Ärzte untereinander über Krankheiten reden, ist für die theologische Metaphorik bildspendend, als diejenige, in welcher Ärzte zu Patienten darüber sprechen oder Patienten miteinander »fach­ simpeln«. Differenzen den eigentlichen Fachsprachen gegenüber ergeben sich zweitens durch die Quellen, aus denen die meisten der hier zur Rede stehenden Autoren ihr Wissen beziehen. Sie sind literarischer Art, oft sehr alt, und selbst bei zeitgenössischen Werken, etwa Enzyklopädien, handelt es sich oft um Texte, die aus älteren Werken kompiliert wurden — von Schriftstellern zudem, die in den meisten Bereichen, die sie be­ handelten, ebenfalls nicht als Fachleute schrieben. So ist durch dieses hohe Maß an Vermitteltheit ein »metaphorical lag« (Dietmar Peil)270 auch hier stets zu erwarten: Ein metaphorisch gebrauchter Fachausdruck besagt noch lange nicht, daß er zu diesem Zeitpunkt auch fachsprach­ lich noch aktuell war. Eine dritte Abgrenzung ergibt sich schon aus den unterschiedlichen Intentionen eines Predigers gegenüber denen eines Arztes oder eines Juristen. Er nimmt sich aus den Fachsprachen, was er für seine Zwecke verwenden kann, anderes dagegen läßt er fort. Deshalb verbietet es sich, aus der Beobachtung, daß in der Sünden­ metaphorik wenig von Piraten, doch viel vom Schiffsbauch und dem sich dort ansammelnden Wasser (sentina)271 gesprochen wird, zu schließen, dies sei auch in der Sprache der Seeleute der Fall. Unter­ schiedliche Absichten bringen auch unterschiedliche Gewichtungen im Wortschatz hervor. Zu berücksichtigen ist ferner ein gew isses sprach­ liches Eigenleben der religiösen Metaphorik. Die Sprache der Theologen ist selbst eine Fachsprache und reicht — ähnlich wie die Rechtssprache272 — weit ins allgemeine Sprachbewußtsein hinein; da sie zudem ausge­ sprochen langlebig ist, kann es Vorkommen, daß Metaphern in ihrer theologischen Verwendung den Menschen viel vertrauter sind, als es die Bildspender in den Fachsprachen jemals waren. Mit der Erforschung des theologischen Wortschatzes steht es jedoch nicht zum besten. Zwar liegen — etwa mit Maurers Buch zum »Leid« 270 PEIL, U n t e r s u c h u n g e n , S. 189, A. 85, v e r s u c h t d a m i t d e n R ü c k s t a n d des m e ta p h o risc h e n S p rach g eb rau ch s g e g en ü b e r dem n a tu rw is s e n ­ s c h a ftlic h e n F o r t s c h r i tt a n alo g zu m s o z io lo g is c h e n B e g riff » c u ltu ra l lag« z u b e n e n n e n . Die D i s k r e p a n z z w i s c h e n W i s s e n s c h a f t u n d M e t a ­ p h o r i k b e h a n d e l t a u c h BLUMENBERG, G e n e s is , b e s . S. 649ff.; OHLY , D e u s G e o m e t r a , S. 14f. 271 D a zu d e m n ä c h s t S C H U M A C H E R , W a s s e r im S c h iff. 272 S C H M ID T -W IE G A N D , F r e m d e i n f l ü s s e , S. 226f.: vgl. GRUBMÜLLER, A d v o c at u s, S. 158.

68

E inleitu ng

und mit Ohlys Arbeiten zur »Süße«273 — eine Reihe von Einzelstudien vor:274 von einer lexikographischen Erfassung sind wir jedoch noch weit entfernt. Zum Lateinischen ist das Wörterbuch »Ausdrucksformen der lateinischen Liturgiesprache bis ins 11. Jahrhundert« (1941) von Georg Manz zu nennen. Hinzu kommen die (Wort-) Register verschiedener Studien und Editionen.275 Den christlichen Wortschatz der deutschen Sprache allgemein nahm sich Friso Melzer zum Gegenstand zweier Wörterbücher (1951, 1965), die mit ihrer w eitgesteckten Thematik im philologischen Detail nur wenig ergeben.276 Besser dokumentiert ist August Langens auf den Wortschatz des deutschen Pietismus (1954, 21968j konzentrierte Darstellung; zu dem »negativen« Aspekt der Sündentheologie gibt auch sie jedoch (ihrem Gegenstand entsprechend?) kaum etwas her. Im Detail ergiebig sind einige der Überblicksartikel der »Deutschen Wortgeschichte« (31974—1978). Die Qualität der allge­ meinen Wörterbücher, auch der lateinischen (Thesaurus Linguae Latinae; Mittellateinisches Wörterbuch), ist recht unterschiedlich. So steht einer Reihe von hervorragenden Artikeln im »Deutschen Wörterbuch« oft eine völlige Ignorierung theologischer Ausdrücke gegenüber. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Die analog zum Begriff »Todsünde« aus pastoralen Gründen geprägte Metapher »Wundsünde«,277 die über den Katholischen Katechismus, dessen Sprüche von Millionen Kindern auswendig gelernt werden mußten, in der Sprache der Katechese zumindest dieses Jahr­ hunderts eine wichtige Stelle eingenommen hat, wird — soweit ich das sehe — von keinem Wörterbuch der deutschen Sprache gebucht. Anderes ließe sich ebenso anführen. Diesen Mißstand etwas zu mildern, versucht meine Arbeit, die sich auch als ein Beitrag zur historischen W ort­ forschung versteht. Das Register (Kap. XIII,6) soll das vorgeführte Material erschließen.

273 MA URER, Leid; OHLY , G e i s t ig e S ü ß e b e i O t f r i e d (DERS., S c h r i f t e n , S. 93-127); DERS., S ü ß e N ä g e l. 274 Zu u n s e r e r T h e m a t i k z.B. A H L Z W E IG , U n t e r s u c h u n g e n , zu » E r lö s e n « ; GAUPP, G e s c h i c h t e , zu »rein«; T SCH1RC H, S p i e g e l u n g e n , S. 24-7260, z u heilære; a u c h OHLY, B e it r ä g e z u m R o l a n d s l i e d , S. 109ff. (sich versûmen); e b d . S. 120ff. (ze g er ich te s tâ n , z e b u o z e stân). 275 H i e r i s t v o r a l l e m a n die R e g i s t e r im » C o r p u s C h r i s t i a n o r u m « o d e r bei MIGNE z u d e n k e n . H i l f r e i c h s i n d a u c h d e r R e g i s t e r b a n d z u r »D eutschen W o rtg e sc h ic h te « und der Indexband VO N MOOS, C o n s o l a t i o . — E l e k t r o n i s c h e H i l f s m i t t e l wie die C D - R O M - E d i t i o n d e r K i r c h e n v ä t e r h a b e ic h f ü r d i e s e s B u c h n o c h n i c h t b e n u t z t . 276 M O SER, S p r a c h e u n d R e lig io n , b i e t e t e in e n Ü b e r b l ic k ; die d o r t (S. 3) a n g e k ü n d i g t e " a u s f ü h r l i c h e r e U n t e r s u c h u n g " i s t w o h l n i c h t ei— s c h ie n e n . R e c h t p o p u l ä r n u n KLAUS S C H U L T E , V o n f r o m m e n W ö r t e r n u n d f r ü h e n G ö t t e r n , S t u t t g a r t 1993. 277 K a t h o l i s c h e r K a t e c h i s m u s d e r B i s t ü m e r D e u t s c h l a n d s , P a d e r b o r n o.J., S. 165.

69

P ro b le m e der G lied erung de s G es a m tv o rh a b e n s

12. P r o b l e m e d e r G l i e d e r u n g d e s G e s a m t v o r h a b e n s Die Schwierigkeit, das weite Feld der Sündenmetaphorik zu gliedern, teilt diese Studie mit anderen Metaphernuntersuchungen. Auch für Alexander Demandt stellte sich die Frage, Mob sich das Material nach Bildfeldern fügt. Die Gliederung ist die Antwort darauf."278 In seinem Ordnungsschema findet man jedoch weniger »Bildfelder« im Sinne Weinrichs, eher einzelne Bildspender, die nach recht großen Herkunfts­ bereichen (Technik, Theater usw.) zusammengefaßt sind. Darin ähnelt seine Gliederung stark dem traditionellen »lebensweltlichen« Schema, wie es jüngst noch einmal von Victoria Arnold-Döben vorgeführt wurde, welche die »Bildersprache der Gnosis«, in »Bilder des individuellen Erfahrungs­ bereichs«, »des familiären und häuslichen«, »des ländlichen und beruf­ lichen« sowie »des gesellschaftlichen Erfahrungsbereichs« auffächert. Vergleicht man dies etwa mit Eugenie Nußbaums Einteilung in »Natur« und »Der Mensch«, wobei sie die »Natur« gewissermaßen von »oben« herab in »Himmel und Gestirne«, »Feuer, Wasser usw.«, »Tiere«, »Pflanzen« und »Gestein« untergliedert, so zeigt sich bereits, daß über die »Ordnung« der Welt keineswegs Einvernehmen herrscht. Solche Ordnungen sind weniger durch eine außersprachliche Wirklichkeit vorge­ geben, sie entsprechen vielmehr weitgehend den Einteilungen des Wort­ schatzes, wie man sie nach »Sachgruppen« oder »Wortfeldern« vornimmt. Ob man dabei den Glauben zum Bereich des Individuellen zählt oder zum Gesellschaftlichen, oder ob man ihm eine eigene Sachgruppe »Religion. Das Übersinnliche«279 zubilligt; ob man mit der Natur beginnt oder mit dem Menschen — immer äußert sich im Ordnungswillen ein kleines Weltbild, das manchmal mehr über der W issenschaftler aussagt als über die Metaphern, die er behandelt. Für eine bedeutungsorientierte Studie wie die vorliegende kommt dieses Gliederungsmuster nicht in Frage. Gleiches gilt für eine statistische Gliederung nach der zahlen­ mäßigen Häufigkeit der Belege (Knierim); oder für eine Ordnung nach Bildformen wie bei Straub: »Bildwörter, Bildhafte Redewendungen, Ver­ gleiche, Metaphern, Bildsprüche, Gleichnisse«. Beide Verfahren wären, wie auch der fortlaufende Kommentar, nur an einzelnen Werken und Werkgruppen praktizierbar. Über die Gesamtstatistik von Metaphern in der Literatur können wir keine präzisen Aussagen machen. Und die Bild­ spender taugen für fast alle Bildformen (auf Ausnahmen wäre zu achten!). So ließe sich Übersichtlichkeit auf größerer Materialbasis nur durch ergänzende Behandlung der Bilder nach Herkunftsbereichen er­ langen. Mangelnde Übersichtlichkeit ist auch ein Manko der sehr nützlichen Arbeit von Grete Lüers zu Mechthild von Magdeburg (1926). Da sie das 278 DEM A NDT, M e t a p h e r n , S. 2. 279 FRANZ DO RNSE IFF, D e r d e u t s c h e B e r lin s 1959, S. 507 ff.

W o rtsch a tz

nach

Sachgruppen,

70

Ein leitu ng

von ihr gewählte alphabetische Vorgehen nicht konsequent einhält und ähnliche Bilder zusammenstellt, weiß man nie genau, wo man suchen so ll.280 Daß ein konsequent alphabetisches Ordnen ein gutes Nach­ schlagewerk zuwegebringt, hat Reinildis Hartmann mit ihrem OtfriedWörterbuch bewiesen (1975). Eine rein historische Gliederung nach dem Alter der jeweiligen Metaphern ist beim derzeitigen Forschungsstand nicht möglich. Es bliebe nur der Ausweg, sich an einem religionshistorisch-psychologischen Schema zu orientieren, wie es Ricœur getan hat. Da Weinrichs Bildfeldkonzept die bildspendende wie die bild­ empfangende Ebene gleichermaßen zu berücksichtigen fordert, wäre eine Ordnung nach Bildfeldern gewiß die beste. Das zeigt das Beispiel der Arbeit von Peil. Dessen Untersuchung ist aber vor allem deshalb so über­ sichtlich, weil er sich auf wenige Bildfelder beschränkt. Sollen viele Bildfelder behandelt werden, dann muß man ein bildfeldübergreifendes Ordnungsschema suchen. Im Anschluß an Jochen Schlobach schlägt Franziska W essel den Ausdruck »Bildfeldsysteme« für Gruppen solcher Bildfelder vor, die inhaltlich gleiche Funktionen erkennen lassen. Ihre Kapitelüberschriften »Minne als gewalttätige«, »als betörende«, »als dynamische Macht« usw. folgen diesem aus ihren theoretischen Über­ legungen gewonnenen Gliederungsprinzip. Es unterscheidet sich damit von den auf Gemeinsames der Bildspender abhebenden »Metaphorischen Grundvorstellungen« bei Spitz. Es ist aber auch nicht identisch mit jenem Gliederungsvorschlag, den Günter Röhser als Ergebnis (nicht als eigene Gliederung!) seiner Untersuchung über die Sündenmetaphorik unterbreitet: Ma) Sünde ist ein irgendwie umrissener konkreter Gegenstand oder S toff (Last, Schmutz), der vom Menschen abgetrennt oder/und vernichtet werden kann (wegnehmen, (auf)lösen); b) Sünde ist zugleich ein gefährliches Potential (Feuer, bedecken, auch: Last) oder ein gleichsam organisch belebtes Etwas (Pflanze), das dem Menschen Unheil bringt und das deshalb »gelöscht«, »bedeckt« oder auch »weggetragen« bzw. »entwurzelt« werden muß; c) Sünde ist ein objektiver Tatbestand oder Sachverhalt, der nicht ohne him m lisch-göttliche Reaktion bleiben kann (aufschreiben, anrechnen); d) Sünde ist ein krankhafter Zustand und bedarf der Heilung; e) Sünde ist eine schuldhafte Tat und bedarf der Vergebung (keine Metapher [..,]); f) Sünde ist tathafter Vorgang und daraus resultierender Zustand in einem (Befleckung); g) Sünde ist Bezugsgröße zielgerichter Bewegungen des Menschen (z.B. Umkehr, Flucht vor Sünde in einem umfassenden Sinne).”281 2 80 W e i t e r e K r i t i k p u n k t e s i n d g e s a m m e l t b e i M IC H EL , b ild e , S. S23, A. 1. 281 RÖ H SE R, M e t a p h o r i k , S. 101.

P ro b le m e der Gliederung des G esa m tv o rh a b e n s

71

Diese "semantischen Kategorien" benennen zwar wichtige Merkmale von »Sünde«, doch orientieren sie sich gerade darin vornehmlich am Bildspender. Nähme man sie als Gliederungsschema, so müßten die Bild­ spender (nicht Bildfelder) jeweils einer (oder mehrerer) der Kategorien zugeordnet werden. Das wäre ein ergebnisantizipierendes Verfahren mit der Gefahr, alle weiteren Aspekte außer Acht zu lassen. Dabei ergäbe sich noch ein weiteres Problem. Man wird gewiß mit Röhser überein­ stimmen, daß »Krankheit« einen »Zustand« meint, doch zeigen die Belege oft ein anderes Bild. Bei manchen Krankheitsbelegen geht es primär um einen »Stoff«: schlechte und überflüssige Säfte, Gift im Körper, »böses Blut«. Diesen Krankheitsstoff muß man entfernen, wenn jemand gesund werden soll, wie Schmutz beseitigt werden maß, wenn Sauberkeit ange­ strebt ist. Neben diesem wissenschaftsgeschichtlichen Hintergrund der »Säftelehre« wäre zudem der Krankheitsverlauf als ein »Vorgang« zu berücksichtigen. Behandelte man nun die Krankheit der Sünde jeweils unter den Merkmalen »Stoff« (wohl auch »Potential«), »Verlauf« und »Zustand«, dann müßte man auch in anderen Fällen ähnliche Auf­ splitterungen der Bildfelder (hier »Sündenkrankheit«) vornehmen, so daß sich keine übersichtliche Gliederung ergäbe. Ich folge deshalb weit­ gehend W essels praktikabler Zusammenfassung von »Bildfeldsystemen«, spreche jedoch lieber von argumentativen Hauptfunktionen der Sünden­ metaphorik, nach denen ich Bildfelder ordne, ohne damit einen objektiven oder statischen Charakter dieser Einteilung zu behaupten. Für die projektierte Gesamtdarstellung der Sündenmetaphorik ergibt sich danach folgende Übersicht: Bei einer überwältigenden Anzahl von Metaphern geht es vor allem darum, die Sünde schlecht zu machen. Das ist nicht selbstverständlich, da das Sündigen ja durchaus angenehm sein kann. Um an der negativen Bewertung keinen Zweifel aufkommen zu lassen, greifen vor allem Prediger zu Bildern von nahezu allem, was in einer Kultur als schlecht und abstoßend gilt: Dunkelheit, Schwärze, Schmutz, Gestank, Fäulnis usw. Auch Sündern stehen für die Bekenntnissprache diese Metaphern der Negativität zur Verfügung, mit denen sie sich demütigen und sich ihrer Schlechtigkeit bezichtigen können. Läßt sich mit diesen Metaphern im Grunde alles bezeichnen, was disqualifiziert werden soll, so gibt es eine weitere Gruppe von Bildfeldern, in denen das Negative an der Sünde näher charakterisiert wird. Der Sünder ist nicht, wie er sein soll: er ist wie ein Tier, er vergißt Gott, er ist fern von ihm, richtet zwischen Gott und sich eine Mauer auf, befindet sich auf dem falschen Weg; es sind Metaphern für das Verfehlen der (göttlichen) Bestimmung des Menschen. Im dritten Komplex empfinden die Menschen selbst ihre Sünde als ein Erleiden. Die Sünde nagt, beißt, sticht, schlägt, drückt wie eine Last. Diese Metaphern formulieren ein (häufig mit dem Begriff des Gewissens verbundenes) subjektives Sündenbewußtsein, während es

72

Ein leitu ng

bei den vorgenannten Bildern vornehmlich um die objektive Schlechtig­ keit der Sünde ging. Im vierten Bereich fasse ich Bilder zusammen, die den Menschen in der Sünde als fremdbestimmt erscheinen lassen, also als jemanden, der nicht Herr über seine Körper- und Verstandeskräfte ist: als Kranker, Wahnsinniger, Trunkener, Schlafender, Toter, als Sklave, Untertan oder Reittier, im Rachen, in den Klauen oder am Seil des Bösen. Hier ist eine große Bandbreite für die unterschiedlichen Grade der Verantwortlichkeit des Menschen zu untersuchen, vom völligen An­ gewiesensein auf die göttliche Gnade bis hin zu der Möglichkeit, solche Metaphern der Heteronomie zur Selbstrechtfertigung des Sünders zu verwenden. Zumindest taugen sie für die Versicherung, nicht allein ver­ antwortlich für die Sünde zu sein. Wie ein Mensch in solche Zustände der Unfreiheit gerät, läßt sich oft nicht mit Sündenmetaphern allein erklären. Es bedarf dazu der Bilder für das menschliche Leben in dieser W elt überhaupt, weshalb im fünften Komplex einige Bildfelder im größeren Rahmen zu behandeln wären. Beim Angewiesensein auf den Rat anderer (Rhetorik, Betrug) oder in Situationen von Krieg, Jagd und Schiffahrt geht es immer um die Gefahr, in Heterononie zu geraten und um die Möglichkeiten einer Befreiung daraus. Die letzte Entscheidung über die Heteronomie in der Ewigkeit fällt meistens in der Sprache des Rechts, die das menschliche Leben zum Gegenstand eines Gerichtsver­ fahrens macht, in dem Sünden rechtserhebliche Tatbestände sind. Diese Gesamtmetaphern des Lebens zwischen Gut und Böse beinhalten viele Glaubensvorstellungen (Gott als Richter; Heilige als Fürsprecher usw.), deren Metaphorizität jeweils zu prüfen ist. Schließlich wäre noch zu be­ handeln, wie weit die Quantifizierbarkeit von Sünden als metaphorisch gelten kann. Zumindest wo »viele« Sünden zu einem »Berg« sich »häufen«, oder wo »schwere« Sünden eine Waagschale niederdrücken, wird man davon ausgehen können, daß es sich um Metaphern der Quantität handelt (die in bekannten Legenden erzählerisch ausgestaltet sind). Solche Metaphern, bei denen es um Zahl, Maß oder Gewicht von Sünden geht, erscheinen teilweise ähnlich in anderem Bereichen. Eine Sünde muß »schwer« sein, um als »Last« zu »drücken«. Der Unterschied zwischen »schweren« und »leichten« Krankheiten (etwa Aussatz/A usschlag) ent­ hält schon eine Quantifizierung in sich und kann deshalb den Unter­ schied von schlimmen und weniger schlimmen Sünden bezeichnen. Die Bildfelder überschneiden sich schon von sich aus, weshalb auch ihre Zu­ sammenfassungen keine wohlunterschiedenen Bildfeld-Felder konstitu­ ieren Bei einer Gliederung in die argumentativen Funktionen des Abqualifizierens, des Aufzeigens einer Verfehlung, des Beklagens von Leid und Schmerz oder des Sichberufens auf Unfreiheit und Fremdbestimmt­ sein ist die Zielrichtung schwerpunktmäßig eine andere, was nicht aus­ schließt, daß einzelne Bilder auch für andere Funktionen sich eignen. Angesichts solcher Überschneidungen ist mit Bedacht von Haupt­

Zur A u sw a h l der A u to r e n und T e x te

73

funktionen die Rede, da der Blick offengehalten werden soll für Ver­ bindendes wie für die spezifischen Aussagemöglichkeiten der Bildfelder und Einzelmetaphern. Von diesem Projekt zur Erforschung der Sündenmetaphorik liegt mit dem Kapitel über die Sünde als Schmutz und Unreinheit nun ein erstes großes Teil stück vor. Ein zweites zur Sünde als Krankheit steht vor dem Abschluß. Die weiteren Studien sind zu einem großen Teil vorbereitet und können — wenn physische Kräfte und finanzielle Mittel es erlauben — zügig folgen. 13. Z u r A u s w a h l d e r A u t o r e n u n d T e x t e Zwei Kriterien für die Auswahl der herangezogenen Quellentexte verstehen sich von selbst: Die Texte müssen Sündenmetaphern ent­ halten, und ich muß sie gelesen haben. Rechenschaft geben will ich deshalb über meine Lektüre. Als unmittelbar über »Sünde« sprechende Texte waren für mich als Germanisten zunächst die altdeutschen Beichten und Sündenklagen auf ihre Metaphorik hin zu befragen. Auf Überein­ stimmungen mit der Sündenmetaphorik im »Gregorius« des Hartmann von Aue (und anderen »Gregorius«-Dichtungen) hatte Friedrich Ohly ebenso nachdrücklich verwiesen, wie auf solche mit lateinischen Sünden­ klagen und Bußschriften.282 Die Bußtraktate von Tertullian, Ambrosius, Pacian, Bachiarius, Laurentius von Novae und Viktor von Cartenna waren auf jeden Fall zu berücksichtigen, ebenso solche Texte von Augustinus und anderen Kirchenvätern, die für diese Thematik ergiebig zu sein ver­ sprachen. Da nicht die ganze Patristik behandelt werden konnte, konzen­ trierte ich mich mit den Werken Gregors des Großen auf ein umfang­ reiches Œuvre, das einerseits, am Ende der Patristik stehend, einen großen Teil der Theologie und Bildlichkeit der Kirchenväter in sich auf­ nimmt, sie andererseits durch seine starke Verbreitung und Wirksamkeit an das Mittelalter weitergibt, was besonders für Gregors Verständnis der Sünde283 gilt. Von Gregors »Moralia in lob« aus gerieten mit ihrer Rezeptions­ geschichte mittelalterliche Hiob-Kommentare in den Blick (u.a. Rupert von Deutz, Bruno von Segni, Albertus Magnus, Thomas von Aquin). Daß die Hiob-Exegese des Abendlandes kaum erforscht ist, erwies sich bei der Frage nach den Quellen für Gregors Auslegungen.284 An lateinischen Texten zog ich den in verschiedenen Rezensionen überlieferten HiobKommentar285 des Ps.-Hieronymus, den man seit Erasmus einem 282 OHLY , D e r V e r f l u c h t e , S. 23ff. 283 D a z u u.a. W EBE R, H a u p t f r a g e n , b e s . S. 223-256 ("Die s ü n d h a f t e Vei— irru n g des M enschen"). 284 Z u r m i t t e l a l t e r l i c h e n R e z e p t i o n d e s B u c h e s H io b u.a. W IELAND T, H io b; G L U T SC H , G e s t a l t H io b s ; H A U SE N , H iob; DATZ, G e s t a l t H i o b s ; vgl. KRETZE N BA CH E R, H i o b s - E r i n n e r u n g e n . 285 Vgl. BAUER, S c h o lia , S. 176f.

74

Einleitu ng

Philippus Presbyter zuschreibt,286 heran; ebenso die »Anmerkungen zum Buch Hiob« Augustins, die Hiob-Auslegung des Julian von Aeclanum, sowie die unter dem Namen des Origenes laufende Hiob-Schrift eines unbekannten Arianers aus dem 4. oder 5. Jahrhundert. Griechische HiobExegese (Didymus der Blinde, Johannes Chrysostomus) wird in deutscher Übersetzung zitiert, wo dies nicht möglich ist, in lateinischen Fassungen. Die syrischen und hebräischen Kommentare blieben mir sprachlich unzu­ gänglich. Neben diesem Durchgang durch die Hiob-Exegese und dem werk­ monographischen Ansatz bei Gregor dem Großen werden so unterschied­ liche Predigtcorpora wie die von Petrus Chrysologus, Caesarius von Arles und Bernhard von Clairvaux ausgewertet. Auch bei deutschen Predigten versuche ich dadurch, daß ich den Predigtsammlungen von Schönbach, Grieshaber und Jeitteles die Predigten Bertholds von Regens­ burg an die Seite stelle, eine allzu einseitige Ausrichtung auf eine theologische und homiletische Richtung zu vermeiden. Überhaupt bin ich bestrebt, bei der Auswahl der übrigen lateinischen und deutschen Autoren, über die das Autoren- und Werkregister (Kap. XIII,5) Aufschluß gibt, eine möglichst große Bandbreite von theologischen Strömungen und literarischen Gattungen zu berücksichtigen. Gelegentliche Ausblicke in die Neuzeit (etwa bei Abraham a Santa Clara) beanspruchen nicht, den Wandel der Sündenmetaphorik bis in die Gegenwart hinein zu verfolgen; sie sollen aufzeigen, in welche Richtung weitergearbeitet werden kann.

14. Z um Z i t i e r e n u n d Ü b e r s e t z e n Wenn in dieser Arbeit viele Belege sehr ausführlich zitiert erscheinen, dann soll das vor allem der besseren Lesbarkeit dienen; bloßes Buchen von Belegen, wie es bei Wiederholungen, Übernahmen und Parallelen unausweichlich ist, wäre dem Leser kaum zuzumuten, da er allzuviele Bücher um sich versammeln müßte, um dieses eine in kritischer Lektüre durcharbeiten zu können. So weit wie eben möglich werden die Zitate im Original gebracht. Dazu bewegen mich grundsätzliche Überlegungen zum Übersetzen von Metaphern. Am leichtesten geschieht dies dort, wo dieselbe Metapher in mehreren Sprachen existiert, wo ein Bildfeld also Sprachen übergreift; Harald Weinrich zeigte an der Wendung »ein Wort prägen«, wie diese Metapher sich problemlos in mehrere europäische

286 ECKART CON RAD LUTZ, S p i r i t u a l i s f o r n i c a t i o . H e i n r i c h W i t t e n w i l e r , se in e W e l t u n d s e i n »Ring« ( K o n s t a n z e r G e s c h i c h t s - u n d R e c h t s ­ q u e l l e n 32) S i g m a r i n g e n 1990, S. 306, s p r i c h t v o n " zw e i s p u r i o s e n , dem H iero n y m u s u n te rs c h o b e n e n H io b -K o m m e n ta re n des H o c h m itte l­ a l t e r s " , o h n e j e d o c h d ie s z u b e g r ü n d e n .

Zum Zitier en und Ü b e r s e t z e n

75

Sprachen übertragen läßt.287 In Fällen hingegen, bei denen die Sprache, in welche übersetzt werden soll, die zu übersetzende Metapher nicht kennt, läßt sie sich zwar in der Regel nachbilden, aber es geht dabei eine Veränderung mit ihr vor; war sie in der Originalsprache gebräuchlich oder gar verblaßt, so wirkt sie nun originell oder gar kühn.288 Jeder sprachbewußte Übersetzer kennt das Problem: Soll er eine Metapher dem Original nachbilden (und damit für seine eigene Sprache neuprägen), oder setzt er eine andere Metapher oder einen unmetaphorischen Aus­ druck an ihre Stelle? Bei schlechten Übersetzern ist auch damit zu rechnen, daß sie gedankenlos Metaphern verwenden, wo sich im Original keine (oder andere) finden. Deshalb können Belege, bei denen ich mangels anderer Ausgaben oder aufgrund meiner geringen Sprachkenntnisse auf Übersetzungen angewiesen bin, niemals denselben Stellenwert wie Originalbelege haben. Außer bei in dieser Hinsicht zuverlässigen Über­ setzungen sowie bei metaphorologischen Fachstudien verzichte ich hierbei deshalb weitgehend auf Einzelwortmetaphern und beschränke mich auf ausgeführte Metaphern, Allegoresen und ähnliche Großformen, die keinen Zweifel an der Metaphorizität zulassen. Kenntlich gemacht sind sie durch die typographische Kennzeichnung mit spitzen Anführungszeichen (»...«), während Originalzitate in Kursiv erscheinen. Ein Sonderfall ist die Bibel; die Vulgata sowie Zitate aus älteren lateinischen Bibelfassungen (»Vetus Latina«) werden als Originale behandelt, ebenso ältere deutsche Über­ tragungen (auch diejenige Luthers). Wenn Werke griechischer Kirchen­ väter nach den bei Migne abgedruckten (mittelalterlichen oder huma­ nistischen) lateinischen Übersetzungen angeführt werden, mag dies als Ermessensentscheidung umstritten bleiben. Wo solche Werke überhaupt nur lateinisch überliefert sind, kann man die Berechtigung kaum be­ streiten: Aufgrund der Übertragungen von Rufinus und Hieronymus tritt uns Origenes weitgehend als ein »lateinischer Kirchenvater« entgegen. Eine grundsätzliche Einschränkung ist allein arbeitsökonomisch be­ gründet: In diesem Buch werden nahezu ausschließlich Editionen zitiert, kaum Handschriften und Frühdrucke. Dies bedauert der Verfasser sehr, doch war es selbst im Rahmen eines zeitlich ausgedehnten Promotions­ vorhabens nicht anders zu leisten.

287 W E IN R IC H , S p r a c h e , S. 287; d a z u W ES SE L, P r o b l e m e , S. 72, vgl. S. 81. W E IN R IC H , a .a .O ., g e h t s o w e i t z u s a g e n : " M e t a p h e r n s i n d f o l g l i c h b e s s e r ü b e r s e t z b a r a ls W ö r t e r . W e l t i s t n i c h t g l e i c h m un d o , u n d T h e a t e r i s t n i c h t g l e i c h t e a t r o , a b e r W e l t t h e a t e r i s t Tea tr o d e l mundo. Die I n h a l t e s i n d v e r s c h i e d e n , a b e r die m e t a p h o r i s c h e A n a l o g i e ­ s t i f t u n g i s t i d e n t i s c h ." 28 8 V o r a l l e m bei Ü b e r s e t z u n g e n a u s o r i e n t a l i s c h e n S p r a c h e n (z.B. b e i SC H IM M E L , S te r n ) f r a g t m a n s i c h h ä u f ig , o b d e m o r i e n t a l i s c h e n L e s e r die B i ld e r e b e n s o a u s g e f a l l e n V o r k o m m e n , wie sie e s in d e r d e u t s c h e n S p r a c h e d e r N a c h d i c h t u n g sin d .

76

E in leitu ng

15. U n r e i n h e i t u n d S ü n d e ( E i n f ü h r e n d e s )

»Unreinheit« ist Metapher für »Sünde«. Doch nicht in jedem Fall bezieht sich die Unreinheit auf den Sündencharakter einer Verfehlung. Ein in didaktischer Literatur beliebtes Argument scheint das Unreinsein der Sünde geradezu aus dem Gott-M ensch-Bezug herauszunehmen: Wenn Sünde nicht Sünde wäre, so sollte man sie doch allein schon wegen ihrer Unreinheit meiden. Auch solche Handlungen, die theologisch als »Sünde« gelten, wären demnach bereits dann verachtenswürdig (»unrein«), wenn sie nicht gegen göttliches Gebot verstießen. So lautet etwa ein Spruch in Freidanks »Bescheidenheit«: 40,5

Ob sünd niht sünde wære, si s o lt doch sîn unmære durch vil manege unreinekeit, die man von der sünde s e i t 289

Ähnlich (und wohl danach) heißt es bei Hugo von Trimberg: 22859

Ob sünde niht sünde wêre Doch s ö lte si sîn unmêre Durch manigerJeie g rô z unflât Die diu sünde an ir hat.290

Sünden sind bereits im allgemein-ethischen Sinne (als »Laster«) schlecht, nicht erst in der transzendenten Perspektive des Glaubens. Mit dem Begriff des »Ästhetischen«291 hat das nur insofern etwas zu tun, als »unrein« oder »Unflat« für Abscheu und Geringschätzung steht, wobei diese negative Wertmetaphorik hier dem Appell dient, die Sünde in jeder Hinsicht für verachtenswert zu halten. Daß sich diese Unreinheit gleich­ zeitig auch theologisch verstehen läßt, wird deutlich, wenn eine Predigt auf den Spruch zurückgreift; die Sünde befleckt dann die »Seele« des Menschen: wanne were sünde nit sünde, sprichet ein lerere, noch danne sal d er m ensche die sünde Jaszen, von sie in ir s e lb e r unreine is t und m achet auch die sele unreine 292 Dennoch zeigen diese Stellen, daß sich die »Unreinheit« einer Sünde gerade nicht auf ihren Sündencharakter als Verfehlung vor Gott beziehen muß, sondern ebenso ihr Verachtetsein bei den Menschen bezeichnen kann. Umgekehrt vermag eine Verächtlichkeit vor Gott durchaus »Unrein­ heit« heißen, ohne daß bereits von »Sünde« die Rede sein müßte. Dies ist 289 F r e i d a n k , B e s c h e i d e n h e i t , ed. BEZZ ENBERGER, S. 103. 290 H u g o v o n T r i m b e r g , R e n n e r , ed. E H RIS M ANN , Bd. 3, S. 244. R O S E N PLENTER, Z i t a t , S. 418. 291 SINGER., S p r i c h w ö r t e r , Bd. 2, S. 181f. D e r H e r k u n f t u n d G e s c h i c h t e d ieses S p ru ch s so ll an a n d e re r S te lle n a c h g e g an g e n w erden. 292 N i k o l a u s v o n L a n d a u (Z U C H H O L D , S e r m o n e , S. 13).

Un re in heit und Sünde (Einführendes)

77

vor allem bei der rituellen (und kultischen) Unreinheit der Fall. Bestimmte Handlungen und Zustände schließen Menschen aus der Gemeinschaft aus und verbieten ihnen, in Gebet und Opfer der Gottheit nahezutreten. Erst durch genau vorgeschriebene Reinigungen (»Reinigungsriten«) werden sie wieder aufgenommen und erhalten ihre kultische Reinheit zurück.293 Bei solcher Verunreinigung kann es sich um Mord handeln, um Götzendienst oder um Ehebruch, allerdings auch um unabsichtliche Berührung eines Toten, Krankheit (vor allem Aussatz), ehelichen Geschlechtsverkehr, Menstruation oder Geburt. Eine sittliche Verfehlung scheint demnach nicht notwendige Voraussetzung zu sein für diese Art von »Unreinheit«, die man religionshistorisch mit dem Begriff des »Tabus« zu fassen ver­ suchte. Hier muß uns die Frage nicht weiter beschäftigen, ob »ursprüng­ lich« (also in »primitiv-mythischem« Denken) das »Heilige« und das »Unreine« nicht geschieden waren (wobei man in der zunehmenden Unter­ scheidung beider Bereiche ein evolutionistisches Kriterium für das Fort­ geschrittensein einer Religion erblickte).294 In biblischen und ändern schriftlichen Quellen jedenfalls steht das »Unreine« dem »Heiligen« schroff gegenüber. Im AT markiert der Unterschied von »rein« und »un­ rein« geradezu die Grenze zwischen »heilig« und »profan«; die Priester sollen »unterscheiden können zwischen heilig und profan, zwischen unrein und rein« (Lv. 10,10): ut habeatis scientiam discernendi in ter sanctum e t profanum, in te r po llu tu m e t mundum.295 Inwieweit solche »Unreinheit« als metaphorisch empfunden wurde, ist nicht leicht zu entscheiden; zunächst handelt es sich wohl um ein Phänomen, das oben unter dem Stichwort »Weltanschauungsmetapher« diskutiert wurde (s. S. 59-62); eine ethische Auffassung wird seit den Propheten (und den Pythagoreern) angenommen. Rituelle Unreinheit wurde aber gewiß niemals nur materiell verstanden. Wenn Körperflüssigkeiten (z.B. Blut, Sperma, Wundeiter) dabei durchaus eine Rolle spielten, so ließen sie sich doch durch einfaches Waschen nicht beseitigen; erst der Reinigungsritus stellte den ursprünglichen Zustand wieder her. Bei der Auswahl der »unreinen Tiere«, also derjenigen Tierarten, die das Gesetz zu Opfer und Verzehr verbot, war materielle Beschmutzung überhaupt kein Kriterium: es ging darum, ob ein Tier wiederkäut und gespaltene Hufe hat, und ob ein Fisch mit Flossen und Schuppen ausgestattet ist. Und dennoch galt genau dies als Unterscheidung zwischen »rein« und »unrein« (Lv. 11,47 ut differentias noveritis mundi e t immundi). In einem 293 Z u m b i b l i s c h e n W o r t s c h a t z PA SC H E N , Rein u n d U n r e in . 294 ELIADE, R e lig io n e n , S. 3 8 - 4 3 (§ 6 "Das T a b u u n d die A m b iv a le n z d e s Sa krale n*’); d a g e g e n DOUGLAS, R e in h e it, S. 19-24); vgl. a u c h PARKER, M i a s m a , S. l lf . u. 328-331 (A p p e n d ix 1 "The G r e e k f o r T a b o o " ). 295 L u t h e r , S c h r i f f t , ed. VOLZ, S. 217: Æuf f das j r k iind v nte r s c he id e n / was he ilig v nd vnheilig / was vnrein vnd rein is t. Vgl. D a m a s k u s ­ s c h r i f t VI,17f. (M AIER - SC H U B E R T , Q u m r a n - E s s e n e r , S. 177): »Zu t r e n n e n z w i s c h e n U n r e i n e m u n d R e in e m u n d z u u n t e r s c h e i d e n z w i s c h e n d e m H e i li g e n u n d d e m P ro fa n e n !« ; vgl. e b d . XII,19f. (S. 184).

78

E inleitu ng

metaphorologischen Schema, das nur materiellen (proprie) und imma­ teriellen (translate) Schmutz berücksichtigt, hat rituelle Unreinheit keinen Platz. Diese dritte Art von Unreinheit kann jedoch als Bildspender für Metaphern und als Auslegungsgegenstand für Allegoresen dienen. Rituelle Unreinheit bezeichnet dann die Sünde, so wie auch materieller Schmutz die Sünde bezeichnen kann. Im Gegensatz zu Metaphern mit materiellen Bildspendern steht bei dieser Metaphorik die ganze mythisch-symbolische Tradition solcher Befleckung im Hintergrund und wirkt auf das Bezeichnete ein. Bei der Erbsünde als »Unreinheit« hat Paul Ricœur dieses Problem bereits diskutiert (dazu o. S. 33). Auch wo es um Abwertung der Sexualität ging, ließ sich sprachlich an die alten Vorstellungen von ritueller Unreinheit anküpfen; ehelicher Beischlaf macht demnach ebenso »unrein« wie Geburt oder Tod. Während bei der Deutung der Speisever­ bote die Vorschriften nur in einem geistlichen Sinn weitergelten sollten, konnten vor allem im sexuellen Bereich Traditionen von ritueller Unrein­ heit neben deren geistlicher Deutung fortbestehen. So heißt es etwa in den Pseudo-Klementinen, daß Regeln wie die Enthaltsamkeit während der Menstruation oder das Reinigungsbad nach dem Geschlechtsakt beibe­ halten werden sollen: »Wenn das Sich-rein-Halten nicht zum (wahren) Gottesdienst gehörte, dann hättet ihr euch gern wie Mistkäfer im Schmutz gewälzt? Deswegen reinigt euer Herz vom Bösen durch himm­ lische Gedanken als Menschen, die als vernünftige Wesen über den un­ vernünftigen Tieren stehen, den Körper aber wascht mit Wasser. Denn das Sich-rein-Halten ist wahrhaftig nicht in der Weise erstrebenswert, daß die Reinheit des Körpers der Reinigung des Herzens vorauf geht, sondern die Reinheit soll dem Guten folgen.«296 Die rituelle Reinheit be­ hält ihren Wert, doch wird sie als Reinheit des Körpers der geistigen Reinheit als Gutsein untergeordnet. Nicht immer sind freilich die beiden Ebenen »rituell« bzw. »moralisch/theologisch« so deutlich unterschieden wie bei Isidor von Sevilla: In ter Peccatorem e t immundum, quod omnis p e c c a to r immundus est; non tamen omnis immundus peccator. Peccator enim e s t qui transgreditu r praecepta Dei, e t n ecesse e s t hunc e t im ­ mundum e sse quia transgreditur. Immundus autem e s t e t qui cum uxore sua dorm ierit, aut m ortuum te tig e r it, non tamen ideo p e c c a to r e s t.297 Daß diese »Unreinheit« auch dann etwas Negatives ausdrückt, wenn sie nicht die Sünde bezeichnet, versteht sich für Isidor von selbst. »Mit seiner Frau zu schlafen«, ist zwar nicht gerade eine Sünde, aber »unrein« ist es doch. Erst einmal als »unrein« bezeichnet, rückte Sexualität dann schnell in die Nähe der »Unreinheit« der Sünde. Die bisherigen Forschungen zur Unreinheitsmetaphorik setzen durch­ weg an dem gerade besprochenen Problem der rituellen Unreinheit an. 296 P s e u d o k l e m e n t i n e n , H X I,28,2 f. ( A p o k ry p h e n , ed. SC H N E E M E L C H E R , Bd. 2, s" 4 8 6 f . ) . 297 I s i d o r , D i f f e r e n t i a e 1,424, PL 83,53AB.

U n re in heit und Sünde (Einführendes)

79

Paul Ricœurs Konzept des »Makels« wurde schon behandelt; ebenso die Darstellung "Die Sünde als Schmutz und Befleckung" in Günter Röhsers Dissertation (o. S. 32-39). Das Buch »Purity and Danger« (engl. 1966; dt. 1985 als »Reinheit und Gefahr«) der Ethnologin Mary Douglas avancierte inzwischen zum Klassiker in Fragen ritueller Un­ reinheit.298 An literarischem Material überprüfte Robert Parker ent­ sprechende Vorstellungen aus dem frühen Griechenland (1983). In seiner Studie zur »Bildersprache der Apostolischen Vätern« (1961) ging Heinz Piesik kurz auf diese Thematik ein.299 Eine übergreifende Unter­ suchung zu diesem Thema gibt es bisher nicht.

298 Vgl. a u c h DOUGLAS, R itu a l, S. 108ff. 299 PIESIK , B i l d e r s p r a c h e , S. 19f.

II. Der Wortschatz der Unreinheit (Überblick) 1. L a t e i n i s c h a) i m - m u n d u s , i m - m u n d i t i a Das Nicht-Reine wird auch sprachlich häufig negativ bestimmt. Bei präfigierten Ausdrücken wie immundus und im m unditia1 sind deshalb jeweils die positiven Formen mundus und m unditia2 als Antonyme mit­ zudenken; zudem gehören andere Arten der Negation als die der Präfigierung hierher, etwa bei der altlateinischen Fassung der Hiobstelle 14,4-(f.) Nemo mundus a so rd e ..., die zum Schriftzeugnis für die Erb­ sündenlehre wurde (dazu Kap. V,2c). Auch das verbreitete Verb mundare »reinigen« (Variante emundare)3 setzt voraus, daß etwas zuvor »unrein« war. Die negativierte Form immundare, die dem deutschen »verunreinigen« entsprechen würde (dazu Kap. II,2a), konnte sich nur schwer durch­ setzen. Die Metaphorizität des Substantivs immundita ist oft recht schwach. In Bedeutungsangaben der Allegorese (z.B. Gregor zu Ex. 13,13: Per asinum quippe im m unditia, p e r ouem uero innocentia designatur)4 hat es eher den Charakter eines nicht-metaphorischen Synonyms von »Bos­ heit«, »Sünde« oder »Schuld« (z.B. Jak. 1,21 p r o p te r quod abicient.es omnem inmunditiam et abundantiam m alitiae). Wie munditia zwar ein allgemeines Freisein von Sünde meinen kann, jedoch vor allem als Keuschheit und Enthaltsamkeit verstanden wird, so bezieht sich auch immunditia bevorzugt auf Sexuelles. In christlicher Literatur wurde immunditia zudem zum Fachterminus für eine bestimmte Art von Un­ zuchtsünden. Das Problem war dadurch entstanden, daß die Bibel an mehreren Stellen immunditia als eigene Sünde neben die fornicatio stellt; so nennt Paulus unter den »Werken des Fleisches« fornicatio, inmunditia, luxuria (Gal. 5,19).s Im Sündenkatalog Kol. 3,5 steht die immunditia zwischen fornicatio und libido. Eph. 5,3 spricht von »Unzucht und jeder Unreinheit« (fornicatio [...] e t omnis immunditia). Dies machte Ab1 2 3 4 5

D a z u ThLL VII/1, Sp. 4 9 9 -5 0 3 . D a zu ThLL VIII, Sp. 1623-1633. D a z u ThLL V / 2 , Sp. 5 4 0 - 5 4 3 . G r e g o r , M o r. X X V II,18,38, CCL 143B, S. 1359. H ie ra u f b e r u h t d e r W eiß e n b u rg e r K a tec h ism u s (S p rach d en k m äler, ed. STEIN M EYER, S. 30): llitia carnis. a c u s ti th e s lichamen. Inmunditia. unhreinitha. Fornicatio, huar. Luxuria, fir in lus ti C...]; d a z u GILBERT DE SM ET, Z u m W e i ß e n b u r g e r K a t e c h i s m u s ( M e d iæ v a lia l i t t e r a r i a . FS H e l m u t d e B o o r, e d d . URSULA HENN IG - HERBERT KOLB, M ü n c h e n 1971, S. 39-53) S. 3 9 - 4 4 . S C H Ü T Z E IC H E L , W ö r t e r ­ b u c h , S. 213, g i b t z u unhreinida n u r » U n r e i n h e i t « an, s a g t a l s o n i c h t , um w elch e Sünde es sich h a n d e lt.

im-mundus , im-munditia

81

grenzungen notwendig. Eine Predigt an den Klerus unterscheidet mit Eph. 5,3 zwei grundsätzlich verschiedene Arten sexueller Verfehlungen; fornicatio meine die »natürlichen«, immunditia die »widernatürlichen« Sünden. Fornicatio naturalis e s t concubitus, se d illicitus. Fornicatio e st cum m eretrice; m ulier vero, sive adultera, sive concubina, m eretrix vocatur.6 Immunditia sei dagegen jene Schändlichkeit, die Männer mit Männern begehen: Immunditia e s t illa turpitudo quam m asculi in m asculos faciunt, quae m erito immunditia vocatur, quia e s t nimia m entis e t corporis spurcitia? Wegen dieser Sünde wurden Sodom und Gomorrha gestraft: Haec e s t illi immunditia quam acriter Dominus in duabus civitatibus vindicavit .8 Solche Bestimmungen gehen auf die Kommentare der Kirchenväter zu den Paulusbriefen zurück, etwa auf den (wohl Origenes folgenden) des Hieronymus zum Brief an die Galater (5,19): Secundum opus carnis, immunditia nuncupatur, e t eam com es luxuria sequitur. Quomodo enim in veteri Lege de nefandis criminibus, quae in occulto fiunt, e t ea nominare turpissim um e s t (ne e t dicentis os et aures audientium polluerentur) generaliter Scriptura com plexa est, dicens: »Verecundos, vel reveren tes facite filios Israel ab omni immunditia« (vgl. Lv. 15,31): sic in hoc loco caeteras extraordinarias voluptates, ipsarum quoque opera nuptiarum, si non verecunde, e t cum honestate, quasi sub oculis Dei fiant, ut tantum liberis serviatur, immunditiae e t luxuriam nominavit.9 Zu 2 Kor. 12,21 zitiert Thomas von Aquin kurz eine Glossa: Immunditia: id est, luxuria contra n atu ram }0 In manchen Fällen ist nicht leicht zu entscheiden, ob bei den auf Sexuelles sich beziehenden Formulierungen wie inmunditia fornicationis,u crimen (bzw. culpa12) inmunditiae13 oder absolutes im munditiau an Luxuria überhaupt oder in speziellem Sinn an »Widernatürliches« zu denken ist. Wo Gregor der Große in einer berühmten Filiationsreihe der Hauptsünden aus der Sünde der Völlerei auch die immunditia erwachsen läßt, wird er an nächtliche Pollution und vielleicht auch absichtliche Masturbation gedacht haben.1S In der Folge war aufgrund der terminologisierten Bedeutung von immunditia dann klar, daß »widernatürliche Unzucht« aus Völlerei und 6 7

11 12

H i l d e b e r t (?), S e r m o 92, PL 171,770C. H i l d e b e r t (?), S e r m o 92, PL 171,771A; vgl. P s . - A u g u s t i n u s , Ad f r a t r e s in e r e m o 47, PL 40,1326. H i l d e b e r t (?), S e r m o 92, PL 171.771B. H i e r o n y m u s , In Ep. a d Gal. 111,5, PL 26,415C; d a n a c h H r a b a n , In Ep. a d Gal., PL 112,354CD. T h o m a s v o n A quin , S u m m a t h e o l . 11-11,154,11, Bd. 3, S. 898; P e t r u s L o m b a r d u s , In II C o r. 12, PL 192,89 C ; BO SWELL, C h r i s t i a n i t y , S. 104. G r e g o r , In I Reg. 1,26, CCL 144, S. 69. G r e g o r , M o r. X III,28,32, CCL 143A, S. 686: Iu s ti uero dum b r e uita te m

13 14 15

G r e g o r , In I Reg. VI,26, CCL 144, S. 564. D a zu VAN ACKEREN, B e z e i c h n u n g e n , S. 38. G r e g o r , M o r. X X X I ,4 5 ,8 8 , CCL 143B, S. 1610:

8 9 10

suae

uitae c o n sid e ra n t, elation is

scu rrilitas,

e t imm u n ditia e c ulp a s

i nepta

la e titia ,

immunditia,

s e n su s

circa i n t e lle g e n tia m propagan tu r.

De

declinant.

uentr is

multilo q uium ,

ingluuie, h e b e tu d o

Der W o r t s c h a t z der Un rein heit

82

Trunkenheit e n t ste h e n könne (dazu Kap. III,2e). Obwohl das A bstraktum immunditia sprachlich geseh en negativ als Nicht-R einheit b estim m t wird, kann gerade dieser Ausdruck m etonym isch für dasjenige stehen, w as als b eschm utzend em pfunden wird, also für eine — freilich recht u nsp ezifisch e — Schmutzmaterie. In einer apokalyp­ tisch en Vision trägt die große Hure Babylon in ihrer Hand einen goldenen Becher, »voll mit dem Greuel und dem Schmutz ihrer Unzucht« (Apk. 17,4): plenum abominationum e t inmunditia fornicationis eius.16 Der »Becher« läßt an eine unreine F lü ssigk eit denken, die m etaphorisch für »Hurerei« steh t. Daß sie in einem »goldenen« Becher sich befindet, kann die A lle g o re se als heuchlerischen Betrug verstehen: Aurum enim sim ulatae

ueritatis p e r hypocrisin fingit, ut facilius ad inmunditiam fornicationis quem libet bibendum in u ite t} 7 Wer auf diese V ersuchung eingeht, der »trinkt« den Schmutz der Unzucht.

b) i m - p u r u s , i m - p u r i t a s Vieles von dem, was zu immundus g e s a g t wurde, gilt auch für das zu purus »rein« geb ildete impurus (mit dem Substantiv im p u rita s)}8 Wie mundus kann purus als »frei von« verw endet werden; etw a im Sinne allgem einer Sündhaftigkeit in Prov. 20,9: Quis p o te s t dicere mundum e s t co r m eum , purus sum a peccato? Verbreitet sind als Verben des Reinigens purgare und purificare , eb en so die Substativierungen purgatio und purificatio. Wie bei immundus, so scheint es zu impurus kaum je eine Verbform zu geben;19 m eist ist das W ort verbunden mit anderen Verben des Befleckens wie polluere.20 Obwohl impurus häufig im Bereich se x u e lle r V erfehlungen verw endet wird, ist keine sp ez ielle Sünde des F leisch es damit gem eint. Term inologisiert wurde im puritas freilich in anderer Hinsicht. Bei Gregor b ed eu tet puritas »Aufrichtigkeit« als Variante zu sim p licita s ; der Gegensatz impurus meint deshalb »verschlagen«, »unehrlich«. V erschlagene sind anders zu ermahnen als Aufrichtige (A lite r admonendi sunt sim p lices, atque a liter impuri ): admonendi sun t impuri, ut quam gravis sit, quem cum culpa sustinent, duplicitatis labor agnoscant 21 H euchler täuschen 16

Vgl.

L u th e r ,

S c h rifft,

B ec he r in d e r Hand /

ed. vol

VOLZ,

S. 2502:

G rewels

vnd

h a tt e

einen

g üld e n

vnd vn sa ub e r k e it j r e r Hurerey.

17 18 19

A m b r o s i u s A u t p e r t u s , In Apc. VIII, C C C M 27A, S. 652. D a zu ThLL VII/1, Sp. 724-727. Vgl. I s i d o r , Diff. 1,230, PL 83,34AB ( w e n n die L e s u n g ü b e r h a u p t k o r r e k t ist): fl a g ita re idem e s t qu od a cr iter inte r p e lla r e , fla g itia r e

20

B e r n h a r d , In vig ilia n a t i v i t a t i s D o m in i 3,3 ( O p e r a , e d d . LECLERCQ u.a ., Bd. 4, S. 214): Non enim ita se omni im p u r ita te p o l lu e r e n t , s i

v ero e s t

impurare.

Dom inum v e ntur u m sciren t vel formidarent; s e d non si ne re nt

21

v igilare nt

tam g ra v ite r p e rf o d i co n scien ti a s suas.

G r e g o r , Reg. p a s t . 111,11, PL 77,64B-D .

utiq ue e t

im - p u r u s

, in i-pu ritas

/

83

labes

so lc h e »Reinheit« äußerlich vor.22 Die »W eisen dieser W elt« verlachen die »Tugend der Reinheit«, die sie für Dummheit halten: Sed haec

iustorum sim plicitas deridetur quia ab huius mundi sapientibus puritatis uirtus , fatu itas creditur.23 Wenn Gregor von der culpa im pu ritatis24 spricht, ist diese »undurchsichtige« H altung gem eint, die an trübes W a sse r,25 vielleicht auch an unklare Luft öder trübes Glas denken läßt.

c) l a b e s V ielleicht von labere »gleiten, sinken« kommend, kann labes das auf etw as Gefallene meinen, also etw a »Fleck« oder »Makel«.26 Jedenfalls b ietet sich dieser wohl nur als Substantiv (meist im Singular) vor­ komm ende Ausdruck zum W ortspiel mit labere geradezu an; so bei Gregor zum lacus von Lam. 3,53: In lacum quippe uita labitur cum labe iniquitatis inquinatur.27 Neben labes iniquitatis 28 finden sich an erklären­ den Genitivbildungen etw a labes v itio ru m 29 labes p e c c a tß 0 oder labes p eccatorum .31 Der G ottm ensch Christus s te h t über uns Menschen, quia sine labe peccati.32 Die Form labes peccati wurde zu einem th e o lo g isc h e n Fachausdruck. Nach Ambrosius h a ftet mit dem Sündenfleck der Seele der Tod an: H abet etiam ipsa anima plerum que m ortem labe peccati — anima enim quae peccat ipsa m orietu r (vgl. Ez. 18,4).33 Im A nschluß an A ugustin heißt dann die Erbsünde labes.34 Rupert von Deutz war noch 22

G r e g o r , M o r. VIII,51,87, CCL 143, S. 4 50f.: uel sed

Per o mne namque q uo d fac i unt uel qu od loqu u n tu r, s im p lic ita te m e x te r iu s e xhib e nt, su b t i l i t a t e m in teriu s du p lic itatis callent; p u r i ta te m s up e r fic ie

s i m ul an t s e d s e m p e r m alitiam

23 24 25 26 27 28 29 30

su b spe cie p u r ita tis

o c c ulta nt.

G r e g o r , M o r. X ,2 9 ,4 8, CCL 143, S. 571. G r e g o r , Reg. p a s t . 111,11, PL 77,66B. BRUNO JU D IC (SC 382, S. 315): " s o u s l ’im a g e d ’u n e e a u qui n ’e s t p a s t r a n s p a r e n t e m a is t r o u b l e " . D a z u ThLL V I I/2 , Sp. 768-773; GEORG ES, Bd. 2, Sp. 515; W ALDE H O F M A N N , W ö r t e r b u c h , Bd. 1, S. 737f. G r e g o r , M o r. X X V I,36,65, CCL 143B, S. 1316. Beda, H o m . 1,24, CCL 122, S. 173: ab omni la b e iniq uita tis . A m b r o s i u s , In Lc. VII,141, CCL 14, S. 263: ab omni d e fa e ca ta la b e u itiorum ; P s . - A n s e l m , O r a t i o 6, PL 158,872C: ab omni la be v itiorum. A m b r o s i u s , In Lc. V,58, CCL 14, S. 155: S ed nisi tu p r ius inte rio ra tua uacue fe c eris ab omn i labe pecca ti, ne diss e n s io n e s c o n te n tio n e s que e x a dfe c t u tu o p ro d e an t, non p o t e s aliis fe r r e me d ic ina m ; P s . A u g u s t i n u s , A d f r a t r e s in e r e m o 9 (De ira e t odioY, PL 40,1251: O quanta,

f r a t r e s mei, hujus p e c c a ti labes!

31

H r a b a n , H o m . de f e s t i s 25, PL 110,50B; e b d . 30, PL 110,57A: ab omni

32 33 34

A u g u s t i n u s , De p e c c a t o o r i g in a l i 28,33, CSEL 42, S. 193. A m b r o s i u s , In Lc. VII,39, CCL 14, S. 228. A u g u s t i n u s , De p e c c a t o o r i g in a l i 4 0 ,4 6 , CSEL 42, S. 204:

la be p e c c a t o ru m p e r sanguinem m ed iator is n o s tr i e x p ia to s .

q uid

e r go

m irum e s t uel iniquum, ut in mun do spiritu i s u b d a tu r ho m o non p r o p t e r naturam, s e d p r o p t e r in mun ditiam suam, quam non e x o p er e diuino, s e d e x humana u olu n tate u enientem in originis la be c o n tr a x it, cum e t i p se sp i ritu s inmu ndus bonum sit, qu o d s p ir it u s , malum, q u o d in mundus ?

84

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

sicher, daß auch Maria nicht frei davon war: Cum enim e sse s de massa

quae in Adam corrupta est, haereditaria p ecca ti originalis labe non carebas .3S So kann es eine verständliche U m schreibung der beiden Arten von Sünden sein, wenn es in einer Deutung des zw eifachen Nennens von pulchra in Cant. 1,14 von der from m en Seele heißt: Quae bis dicitur pulchra, quia ab originali e t actuali labe e s t purgata.36 Spätere Erb­ sündenlehre unterschied davon den auch nach der Taufe verbleibenden fo m es p ecca ti der Konkupiszenz;37 Innozenz III. (?) hebt hervor, daß in b aptizato labes mundatur, s e d fo m es re lin q u itu r3Q Der Ausdruck labes m eint hier die Verächtlichkeit der Situation des nach dem Sündenfall in seinem Leib geborenen M enschen, w elcher der G o ttessch au unwürdig ist:

Labes e s t foeditas corporis, ex qua anima e st immunda, p r o p te r quam indigna e s t visione divina [...]. Et ab hac fo e d ita te vel immunditia pu rgatur anima parvuli ex aqua e t spiritu p e r b a p tism u m 39 Da zu dieser Bedeutung von labes offenbar keine Verbform existiert, wird der Ausdruck gern mit anderen Verben des Befleckens verbunden. Diejenigen, die sich dem Körper und irdischen Dingen hingeben, werden nach Laktanz zur Erde niedergedrückt und können die g ö ttlich en Gnadengaben nicht erlangen, »denn sie haben sich mit den Flecken der Laster besudelt«: hi uero quia se corpori rebusque terrenis addixerunt,

prem u n tu r in terram nec adsequi p o ssu n t diuini muneris gratiam, quia se uitiorum labibus inquinaueruntA0 Die V orstellu n g vom herabfallenden Staub s te h t wohl hinter der Formulierung des A m brosius, eine häretische Gemeinde sei zu verlassen, damit sie einen nicht mit dem Schmutz der Bosheit besprühe: Ita si qua e s t ecclesia, quae fidem respuat nec

apostolicae praedicationis fundamenta possid eat, ne quam labem perfidiae p o s s it aspergere, deserenda e s t .41 Christus hat sein »Fleisch« mit keiner Sünde befleckt: carnem suam nulla peccati labe maculauit ;42 er war 35 36 37 38

R u p e r t v o n D e u t z , In C a n t. I, PL 168,841C; OHLY , H o h e l i e d - S t u d i e n , S. 201. H o n o r i u s , In C a n t., PL 172,41SA; S C H L E U S E N E R - E I C H H O L Z , A u g e , S. 703. D a zu OHLY , M e t a p h e r n f ü r die S ü n d e n s t u f e n , S. 41-45. I n n o z e n z III. (?), In 7 p s . p o e n i t . , PL 217,1007C; e b d . 1007CD: quia t r a n si t re a t u s e t r em a n e t actu s, e t ideo re m iss u m e s t p o s t b a p tis mu m , q u o d ant e baptimu m , erat in te n su m . Nam e t s i non s i t d e le tu m ,

39

q uant um ad fo m ite m , e s t tamen d eletu m , qu a ntum ad la b e m , ut ja m p e r i ll ud ho m o o b li g e tu r ad c u lp a m , se d e x e r c e a tu r ad luc ta m. I n n o z e n z III. (?), In 7 p s . p o e n i t . , PL 217,1059C; vgl. eb d .: F omes a u t e m e s t inf i rm itas seu lan g u or n atu rae , qua ed am v id e lic e t p a s s ib ilis q u alitas, si v e quaedam privatio, ex qua prim i m o t u s p e c c a nd i s iv e c onc u pisc e ndi pr o ce d u n t. Et talis qu alitas vel p r iv a tio ma ne t e tia m post

40

bapt i sm u m .

L a k t a n z , De ir a dei 19,3, CSEL 27, S. 118; vgl. d e n s ., I n s t . IV ,26,11, CSEL 19, S. 379: it e m lab es e t maculas in qu ina to rum c o r p o r um re~ p urgauit . non exigua im m o r ta lis p o te n tia e opera: uerum id p o r te n d e b a t haec uis, quo d p e c c a to ru m labibu s ac u itiorum ma c ulis inq uina to s d o c trina eius purificatu ra e s s e t eru dition e iu s titia e .

41 42

A m b r o s i u s , In Lc. VI,68, CCL 14-, S. 198. A m b r o s i u s , De I o s e p h 3,13, CSEL 3 2 / 2 , S. 80.

lab es /

85

naevus

nulla enim labe pecca ti p o l lu t u s 43 Bei Vergil führt W a sse r - oder Feuerläuterung im Jen seits dazu, daß eine lange Zeit der Strafe s e lb s t einen verhärteten Flecken tilg t ( concretam exem it labem ).44 W o bei Johannes Cassian unter den paenitentiae fructus, p e r quos ad expiationem criminum peruenitur , Barm­ herzigkeit und Glaube als sündentilgend genannt werden, scheint an ein A uskochen von W äsche gedacht zu sein: nonnunquam misericordiae ac

fidei m erito labes excoquitur uitiorum secundum illud: »Per misericordiam e t fidem purgantur peccata« (Prov. 15,27 App.).45 S onst bleibt die Reinigungsmetaphorik m eist recht allgem ein .46 Die A p o stel, die der Herr »vom Flecken aller Sünden gereinigt« hat, sind nun »weißer als Milch« (vgl. Gn. 49,12): apostoli, quos dominus ab omni peccatorum labe

mundauit, candidiores su p er lac facti sunt, quos macula p o stea nulla fu scau it .47 Verbunden sein kann dies mit Heilungsm etaphorik (zu Ps. 6,3): Sed tu, Domine, animarum debilium velox medice, sana me, scilicet interius omni vitiorum labe em u n da 48 Christus nahm die Sünden der untergehenden W elt auf sich, um den Sündenfleck und den Tod aller »in sich« zu tilgen: ut pereuntis mundi peccata suscipiens

p eccati labem et omnium m ortem in se, qui uinci non p o sse t, aboleret.49

d) n a e v u s Ein Flecken ist auch naevus , allerdings eher ein Muttermal als eine äußerliche B eschm utzung. A ls angeborener Flecken meint er die Erb­ sünde.50 Freilich kann der Ausdruck durch die Genitivform naevus im puritatis 51 als Verunreinigung b estim m t werden; naevus offensionis ist d agegen u nsp ezifisch ein »Fehler, an dem man sich (mit Recht) stö ß t« .52 43 44

G r e g o r , M o r. X X IV ,2,3, CCL 143B, S. 1190. V e rg il, A e n e is V I,746, ed. GÖ TT E , S. 262; vgl. A m b r o s i u s , In Lc. V,90, CCL 14, S. 164: uel con creta n o s t e r sp ir itu s la b e p ur ae luc is

45

J o h a n n e s C a s s i a n , C o n i. X X ,8,1.5, CSEL 13, S. 561 u. 562f.; vgl. eb d. X X , 7,2, S. 560. G r e g o r , M o r. VIII,29,4 8, CCL 143, S. 420: d e te r s a fu nd itus la be p e c c a t i ; I s i d o r , S y n o n y m a 1,75, PL 8 3 ,8 4 4 C : Peccata tua Deus a te

uacuus alit m e n tem .

46

s u sp e n d a t , pe c c ata

tua laxan do

d im itta t,

criminum

tuo r um ma c ula s

abluat, ab omni te mali labe de te rg a t, li b e r e t te ab imm ine nti p e c c a t o ; vgl. C a s s i o d o r , In p s. 101,15, CCL 98, S. 907: quia p e r m i seric ordiam Ch risti mundandi erant, qui te rre na la be s o r d e b a n t ;

47 48 49 50 51

e b d . 118,170, S. 1135: a terren ae con cu piscen tia e la b e p ur g e tur . A m b r o s i u s , De P a t r i a r c h i s 4,25, CSEL 3 2 / 2 , S. 138f. P s . - G r e g o r , In 7 p s. p o e n i t . 1,2, PL 79,553C. A m b r o s i u s , In Lc. 11,40, CCL 14, S. 48. Z.B. P r e d i g t e n , ed. SC H Ö N B A C H , Bd. 1, S. 321: ab originali nevo. B e r n h a r d , In C a n t. 71,1,2 ( O p e ra , ed d . L ECLERCQ u.a ., Bd. 2, S. 215): cum i m p u ri t a t i s naevo.

52

Z.B. A m b r o s i u s , De o f f i c i i s m i n i s t r o r u m 1,74, g r u n d l o s e n R e nn en ): Nam p leru m qu e f e s tin a n te s

PL

16,45B

a nhelos

t o rq u e re ora, quibus si causa d e s it fe stin a tio n is nec ess ariae , e s t ju sta e

offe n sion is.

(vom

v id emus naevus

86

Der W o r t s c h a t z der U n reinheit

So wird man kaum Reinigungsmetaphorik annehmen dürfen, wenn es von Christus heißt, er habe das »Muttermal der Sünde« b ese itig t (neuum p ecca ti redem it ).53

e) m a c u l a , m a c u l a r e W eit häufiger als durch naevus wird ein »Flecken« der Sünde durch macula benannt.54 Die Bedeutungsbreite reicht von einer v erschm utzten oder verunstaltenden S te lle am Körper oder an einem Gegenstand bis hin zu allem, was schändlich und verächtlich ist (»Schandfleck« usw.). Deutlich auf die Sünde beziehen die macula Genitivbildungen wie macula culpae ,55 peccati macula ,56 macula crim in is57 Niemand vermag gänzlich ohne Sünden zu leben: m em en to te quia quamdiu uiuitis sine maculis uitiorum esse nequaquam p o te s tis .58 V öllig frei davon war nur Christus

{sine p ecca ti macula so lu s invenitur hom o Jesus Christus) 59 Auch ohne w eitere B estim m u n g60 kann macula stehen. »Ohne Makel« zu sein, ist ein Sch önh eitsattrib ut der Braut des H ohenlieds (4,7): to ta pulchra es amica mea et macula non e s t in te. Dies wurde in der E xe g ese auf ein Freisein von Sünde bezogen, auch im anagogischen Sinne:

amica to ta pulchra, hoc e s t Ecclesia regnans in omnibus ordinibus suis gloriosa. Et macula non e s t in ea, quia illa aula non recipit ullam peccati maculam, e t quia angeli sun t sine peccato, o p o r te t e t eos sine macula e sse peccati, qui eis sunt coaequandi .61 Bereits Sir. 31,8 spricht so vom Reichen, der frei bleibt von Sünde: beatus dives qui inventus e s t sine macula. In allgem einerer Formulierung ließ sich dies auf Christus b e ­ ziehen; zu macula bucht Alanus ab Insulis: D icitur criminalis culpa, unde in lib. Sapientiae [!]; »Beatus vir qui inventus e s t sine macula«. D icitur culpa, unde Christus dicitu r esse sine macula , id e s t immunis a culpa.62 A ls Flecken kann macula Metapher sein für leichte Ver­ 53 54 55

56

T e r t u l l i a n , De c a r n e C h r i s t i 16,4- v ar., CCL 2, S. 903 App.; H O P P E , S y n t a x , S. 176. D a z u ThLL VIII, Sp. 2 4 -3 0 ; OPEL T, P o le m ik , S. 138f. G r e g o r , Ep. 111,48, CCL 140, S. 194: quia quo d cum eius c o ns e ns u agatur, nullius cu lpae macula fu s c a tu r ; G r e g o r , M o r. X X X ,21,66, CCL 143B, S. 1536. P e l a g i u s , A d D e m e t r . 17, PL 30,31B; T h i e t m a r v o n M e r s e b u r g , C h r o n . 111,6, e d d . H O L T Z M A N N - T RILLM IC H , S. 90; A d a m v on St. V i k t o r , S e q u e n z e n 8 ,8 ,9 f., ed. W EL LNER , S. 68: Vetus h o s ti s p r o p u ls a tu r E t p e c c a t i macula.

57 58 59 60 61 62

G r e g o r , M o r. X V I,40,7 2, CCL 143B, S. 1320: e t bonae p o n d u s a ctio nis u e rt unt in m ac ulam crimin is . A m b r o s i u s A u t p e r t u s , H o m . de t r a n s f . D o m in i 1, C C C M 27B, S. 1005. P s .- G r e g o r , In 7 p s. p o e n i t . II, PL 79,562D. Z.B. A b s a l o n v o n S p r i n g i e r s b a c h , S e r m o 19, PL 211,117D: Tu e rg o q uicunque m aculam in te vides tu rp itu d in is , id e s t p e c ca ti. .. H o n o r i u s , In C a n t. , PL 172,420C. A l a n u s , D is t., PL 210,846B; vgl. H o n o r i u s , S p e c u l u m E c c l e s i a e , PL 172,987D: B e atus vir qui in ve n tu s e s t sine macula.

macula,

87

maculare

geh en ,63 wie auch für sch w er e:64 Sine macula, hoc est, sine m ortalibus

criminibus. Sed tamen discretionem facit in te r maculam, e t maculam id est, quia e ts i sine minutis esse non p o ssu m u s: tamen in majora incidere non debem u s .6S Hier wird auf Ps. 14,2 angespielt, w o es zu Beginn eines T ugendkatalogs, der die V orau ssetzun gen für den A ufen th alt im H eilig­ tum nennt, heißt: qui ingreditur sine macula e t operatur iu stitiam ,66 Aufgrund des »Eintretens« ließ sich die S te lle auf den Beginn des m enschlichen Lebens beziehen; für Bernhard von Clairvaux, der die Immaculata Conceptio Mariens nicht akzeptierte, war Christus der einzige Mensch, qui ingreditur sine macula.67 W o die M ak ellosigk eit als F olge der Taufe erscheint, geh t es vor allem um den Eintritt in die Christenheit; bei Gerhoh von Reichersberg wird mit dem zw eiten Teil des Psalm verses auch das rechte Handeln in Kirche und W elt hervor­ gehoben: Cui scilicet p e r baptism um ingredienti aufertur pecca ti originalis macula , quod e s t primum decus m ilitiae Christianae. Deinde loco

secundof ut actualis in eo s it ju stitia, non e s t illi vacandum, s e d operandum, quia tunc erit acceptus, si absque macula ingressus, vel C...] in Ecclesiam, vel in alicujus dignitatis ministerium, quod sine am bitionis macula illi e s t collatum , operatur ju stitia m .66 A llerdings ist die macula nicht immer Metapher für die Sünde selbst; die Sünde verursacht eine macula in der S e e le 69 oder auch im Gewissen: Simulatoria e s t illorum poenitentia, qui ex p a rte con fiten tu r peccata sua, e t ex pa rte nolunt ea confiteri: magis volentes ferre maculam conscientiae in conspectu Domini, quam in facie hominum de peccatis suis erubescere.70 Vor allem in sc h o la s tis ch er Literatur, wo Sündenakt und - f o l g e unterschieden werden, fungiert dieser Terminus nur für eine der Folgen, w elche der Sündenakt bew irkt.71 Thomas von Aquin behandelt die macula als e ffectu s p ecca ti (wobei er sie vom reatus poenae unterscheidet). Wie man im m ateriellen Bereich macula einen V erlust an Glanz durch Berührung mit einem anderen Körper 63

G regor,

In I Reg. 11,112,

CCL

144,

S. 180:

le uio ris

d e lic ti

ma cula s

in tue ntur.

64

A l a n u s , L ib e r p o e n i t e n t i a l i s 1,1, ed. LONGERE. S. 20: Je re mia s L...1 a

65 66

P s . - H i e r o n y m u s , B re v ia r iu m in p s ., PL 26,1259A; vgl. e bd. 904 C . Vgl. P s . - H i e r o n y m u s , B r e v ia r iu m in p s., PL 26,904B: In ho c e rg o n ullus ac cipit requ iem, nisi qui in g re d itu r sine m a c ula , e t o p e r a tu r

criminali m acula alienus.

justitiam :

qui i mmun is

est

ab

omni labe pec c a ti;

et

p r a e c e p ta

Dei

i n v i ol a b i te r c u st o die rit.

67 68 69

B e r n h a r d , In C a n t. 78,2,4 ( O p e ra , e d d . L ECLERCQ u .a., Bd. 2, S. 268). G e r h o h v o n R e i c h e r s b e r g , In p s., PL 193,823C. A l b e r t , In lo b , ed. W E IS S , Sp. 381 (zu H io b 33,9): »Mundus s um e go«, a radic e sc. peccati, quae libido e s t vel c o nc up is c e n tia , » et a b sq ue de lic to«, h o c e s t absqu e om ission is p e c c a to , » immac ulatus« , q u antum ad maculam,

70 71

quam fe c it p e c c a tu m in anima.

A b s a l o n v o n S p r i n g i e r s b a c h , S e r m o 17, PL 211,105D. Z u m P r o b l e m LANDGRAF, D o g m e n g e s c h i c h t e , Bd. IV /1 , S. 70-154 ("D er B e g r i f f d e s p e c c a tu m habituale") , m i t r e i c h e n B e le g e n f ü r macula.

88

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

nenne, so sei m etaphorisch die Sünde ein Berühren der Seele, das den d opp elten Glanz des natürlichen und des gnadenhaften Lichts beein­ trächtige: Unde ipsum detrim entum nitoris ex tali contactu proveniens , macula animae m etaphorice vocatu r72 Die läßliche Sünde bewirkt hin­ gegen keine macula an der Seele, sie behindert nicht die Fähigkeit des M enschen zum gu ten Handeln; w ohl aber läßt sie ihn w eniger im Glanz der Tugend erstrahlen: Peccatum autem veniale im pedit quidem nitorem actualem, non tamen habitualem ; quia non excludit neque diminuit habitum caritatis e t aliarum virtutum [...], s e d solum im pedit earum

actum. Macula autem im p o rta t aliquid manens in re maculata: unde m agis videtur pertinere ad detrim entum habitualis nitoris quam actualis . Unde, proprie loquendo, peccatum veniale non causat maculam in anima . Et si alicubi dicatur maculam inducere, hoc e s t secundum quid . inquantum im pedit nitorem qui e s t ex actibus virtutum .73 An anderer S te lle versucht Thomas, den U nterschied zw isch en den zw ei ver­ schiedenen Arten von Sünden mit dem Hinweis auf verschiedene Arten von maculae zu erklären: Ein Mangel an Schönheit la sse sich nicht abw aschen, w ohl aber ein Schm utzfleck; so können auch die Folgen der Todsünde nur von der Gnade g e tilg t werden, die Folgen der läßlichen Sünde hingegen auch vom m enschlichen Handeln: Et ideo ad tollendam

maculam m ortalis p ecca ti requiritur infusio gratiae: s e d ad tollendam maculam p eccati venialis, requiritur aliquis actus procedens a gratia p e r quem rem oveatu r inordinata adhaesio ad rem tem poralem .74 Zu macula geh ört die Verbalform maculare. Keine Laster b e flec k ten den Leib Christi (der auch durch Empfängnis und Geburt nicht verun­ reinigt wurde).75 »Wir« hingegen werden häufig mit Sünden b e fle c k t (quia m u ltip liciter m a c u l a m u r peccatis).76 Eine Variante zu maculare ist

comm aculare.77 Wie »ohne Makel« ist im m aculatus 78 ein A ttribut für das Freisein von Sünde (z.B. absque p e c c a to , uel im maculatum e t sine iniquitate fu isse m em orauit) ,79 Las A ugustinus in Hiob 15,14 quid e s t hom o ut s it sine crimine?,80 so bringt die V ulgata dafür die synonyme Formulierung:

quid e s t hom o ut im m aculatus sit e t ut iu stu s appareat natus de 72 73 74 75

T h o m a s v o n A q u in , S u m m a t h e o l . 1-11,86,1, Bd. 2, S. 559. Vgl. PIEPER, B e g r iff , S. 107f. T h o m a s v o n A q u in , S u m m a t h e o l . 1-11,89,1, Bd. 2, S. 579f. T h o m a s v o n A q u in , S u m m a t h e o l . 111,87,2, Bd. 4, S. 758. A m b r o s i u s , De p a e n i t e n t i a 1,3,13, CSEL 73, S. 125f.: Non enim s ic u t o m ne s hom ine s ex viri erat e t femin ae p e r m ix tio n e g e n e r a tus , s e d n at us de spiri tu sa n c to e t virgine inmacuJatum c o r p us s u s c e p e r a t , q u o d non so l u m n ulla vitia m acu laveran t , s e d ne c g e ne r a tio nis aut c o nc e p t io n i s c o n c re tio iniuriosa fu scaverat.

76 77 78 79

80

P s .- R i c h a r d v o n St. V i k t o r , In C a n t. 33, PL 196,502D. D a zu ThLL III, Sp. 1818; M lW b 2, Sp. 933f. D a z u ThLL VII/1 , Sp. 437f. Z.B. H i e r o n y m u s , Ep. 22,11, CSEL 54, S. 158: l o b de o carus e t te s ti m o n io ipsiu s in m a c ula tus e t s imp le x . G r e g o r , M o r. X X I II,17,32, CCL 143B, S. 1168. A u g u s t i n u s , A d n o t a t i o n e s in lo b , CSEL 2 8 / 3 , S. S40.

m acu la

, maculare

89

m u liere ?81 Die Aufforderung an die Gemeinde der Philipper, alles Geforderte ohne Murren und Zögern zu tun, ut sitis sine querella et sim plices filii Dei sine reprehensione (Phil. 2,15), zitiert Smaragd in der Form im m aculati sine reprehensione , und er kommentiert: O rnatissim os e t h on estissim o s Dei filios d o cet e t cupit e sse Paulus: m aculatus e s t enim qui peccat. Macula autem e s t ipsum scelus p eccati , quod operatorem suum com m aculat atque contaminat. Filii autem Dei inmaculati , adjuvante Deo, e t sine reprehensione vivere po ssu n t, si reprehensionibus opera digna non agunt, quamvis a m alevolis reprehendantur ,82 Der Ausdruck bezieht sich nicht nur auf den Fall, daß jemand gar nicht erst b eflec k t wurde; auch wer sich nach der Befleckung wieder reinigte, kann imm aculatus heißen. Mit H ilfe von Ps. 118,1 Beati inmaculati in via... mahnt ein Text aus St. Viktor: Tu autem si vis e sse beatus, e s to

immaculatus. Quis e s t im maculatus? Nunquam p o llu tu s vel ablutus; sanctus immaculatus, et sanctificatus im m aculatus . Primo qui non e s t aversus. Secundo qui e s t reversu s . Ille, quia non e s t praevaricatus; iste, quia e s t reconciliatus ,83 Daß es sich bei den maculae um Schmutz handelt, ist keine Frage, wenn so lc h e Flecken abgew aschen werden (sollen ).84 Mit seinem eigenen Blut tilg t e Christus die macula unserer Schuld (cruore proprio reatus n o stri maculam tersit).65 Häufig w asch en Tränen die maculae ab (dazu Kap. XI,3c). In den Sakramenten gesch ieh t dies unsichtbar.86 W o bei Tertullian Schmutz (vergebbare Sünden) b ese itig t werden kann, »Makel« (unvergebbare) jedoch nicht (carnem uel a sordibus purgare; a maculis 81

G r e g o r , M o r. X II,32,37, CCL 143A, S. 650: Eo ip s o enim quo d ic itur hom o, te rre nu s e x p rim itu r et infirmus: ho m o enim ab humo a p p e l l a t u s e st . Et q u o m od o e s s e u alet sine macula, qui s p o n te sua ad i n fi rm i t a t e m con cidit fa c tu s de terra? A l b e r t , In l o b , ed. W EIS S, Sp. 194: hoc e s t, ut im m ac u latu s e s s e p o s s it , cui ex te rre na c o n ­ v e rsat i one adhaerent maculae. Z u m »W eib« im z w e i t e n Teil s t e l l t

sc h n e ll

die

E rin n e ru n g

an

den

S ü n d e n fa ll

sich

ein;

A lb ert

(ebd.):

quae prim a sc. fu it pro p in a trix c or ru p tion is ; vgl. G r e g o r , a.a.O.: Primam quippe uiro in iu stitiam m u lier propina uit in p ar ad iso . Q uo ­ m od o e rgo i u st u s apparebit, qui de illa n atu s e s t quae inius titia e p r op i n at r i x e x s t i t i t ? Z u propin are » z u t r i n k e n «

82 83

84

85 86

SC H W A B , Eva. S m a r a g d , D i a d e m a 55, PL 102,652C, H u g o v o n St. V i k t o r (?), M i s c e l l a n e a 11,67, PL 177,627D. Vgl. P s .R ic h a r d v o n St. V i k t o r , In C a n t. 33, PL 196,502D: imma c ula ta m, id e s t a p e c c a t o ru m sor d ibu s a se m u n da tam ; C a s s i o d o r , In p s. 118,1, CCL 98, S. 1060: Ille enim so lu s n a tu ra liter im m a c u la tus e s t, qui p e c c a t a non habuit. S an cti enim imm acu lati fiu nt, quando ind ulg e ntia e munera c onse qu un tu r. I s i d o r , S y n o n y m a 1,42, PL 83,837A: fu ge jam v ita e maculam, fug e vitii c ul tum , crimen r em o ve a te; a va n itatis te ma lo coerce; fug e tu rpi t ud i ne m vitae, p u ri ta te m vitae tene; v e te r e s ma c ulas a b lue ; e b d. 1,75, PL 8 3 ,8 4 4 C : Deus C...H criminum tu oru m mac ula s abluat.

G r e g o r , M o r . 111,14,27, CCL 143, S. 132. H u g o v o n St. V i k t o r , De s a c r a m e n t i s l e g i s n a t u r a l i s e t s c r i p t a e d i a l o g u s , PL 176,34B: E s t p r o r s u s aliu d ibi p r a e te r id q uo d oc ulis c orp ore i s cernitur; e t ipsu m e s t qu od in v isibil ite r p e c c a to r u m ma c ula s m undat, e t languoribu s animarum me detu r.

90

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

enim non p o te s t) ,67 dort scheint macula ein M utterm al oder Brandmal zu sein. Bei Laktanz brennen sich die Sünder mit ihren Freveltaten »unauslöschbare« Male ein (Ineluibiles sibi maculas inusserunt) 68 Auch bei Leo dem Großen sind »Befleckungen« jed en falls erheblich leich ter zu tilgen: Et licet cotidiano Dei munere a diuersis contaminationibus emun­ demur, inhaerent tamen incautis plerum que animis maculae crassiores, quas o p ortea t diligentiore cura ablui e t inpendio maiore d e le r i89 O ft läßt sich nicht leicht entscheiden, ob eine macula als S ch m u tz­ fleck zu verstehen ist. S elb st dort, wo der Ausdruck stark term in ologisiert ist, oder w o er als D efek t b estim m t wird, kann über das Verb maculare die A ssoziation »Verunreinigung« en tste h e n , ohne daß eindeutig Schmutz gem eint sein müßte; so im Vergleich für die S ub stan zlosig keit der Sünde bei Hugo Ripelin: Peccati vero macula secundum rem nihil

est, e t tamen deform at animam, non p e r modum passionis, se d privationis: sicut truncatio m em bri deform at corpus e t m aculat 90 Auch bei Nikolaus von Kues, w o die macula neben dem reatus eine Folge der Sünde ist, s t e l l t zur Definition der macula als Privation von Schönheit schn ell Befleckungsm etaphorik sich ein: Macula privatio e s t pulchritudinis in anima ratione illiciti actus. Sicut corpus m aculatur ex contagione immundi, ita anima ex affectione prohibiti.9{ Der Ausdruck macula kann demnach auch dann eine V orstellu n g von Unreinheit erzeugen, w enn sie b ild logisch kaum nachzuvollziehen ist. D ieses Problem zeigt sich b eson ders beim f e h ler lo se n Lamm, das die israelitische Tradition als Opfertier fordert. Das Paschalamm mußte »ohne Fehler, männlich und einjährig« sein: erit autem agnus absque macula m asculus anniculus (Ex. 12,5). Als Opferlamm wurde nach Lv. 23,12 ein agnus inmaculatus anniculus g esch la ch te t, was zu m ind est in dieser lateinischen V u lgata-F assun g an »unbefleckt« in w eiterem Sinne denken läßt. Im Neuen T estam en t wird dann ausdrücklich das Fehlen von U n ­ reinheit (incontam inatus) hervorgehoben; nicht um einen vergänglichen Preis sind wir losg e k a u ft, sondern durch »das kostbare Blut Christi«: se d p re tio so sanguine quasi agni incontam inati e t inmaculati Christi (1 Ptr. 1,19). In der typ o lo g isch en Deutung des Lamms auf Christi Kreuzes­ tod und auf das Altarsakram ent ist dann das Freisein des G o tte sso h n s von jeglicher B efleckung durch die Sünde gemeint: Nos autem quia

innocentem, sanctum e t justum , e t sine omni contagione pecca ti Dei Filium esse credimus, agnum absque macula e t im m olam us e t s u m im u s 92 87 88 89 90 91

T e r t u l l i a n , De p u d i c i t i a 16,24, CCL 2, S. 1314. L a k t a n z , De ira Dei, e d d . KRAFT - W L O S O K , S. 78. Leo I., T r a c t . 88,3, CCL 138A, S. 548. H u g o R ip elin, C o m p . 111,3, S. 91. N i k o l a u s v o n K u e s, S e r m o 7,5 ( O p e r a o m n ia , Bd. 16, ed. RU D O L F HA U B ST , S. 121); e bd.: Tunc p e r d it n itor em divini luminis e t d e c o r e m g ratiae . E t Deus e s t vita e t munditia animae, quae s ic tunc e lo ng a ta c ad i t a Deo.

92

B r u n o v o n Segni, S e n t. IV ,9, PL 165,1002C.

macula

., maculare

91

» O h n e M a k e l und R u n z e l « (Eph. 5, 27) In der Brautschaftsm etaphorik des Epheserbriefes s t e l l t Paulus die Kirche als Frau ohne jeden S ch ön h eitsfeh ler dar; Christus reinigte und h eiligte die Kirche im W asserbad durch das Wort, ut exhiberet ipse sibi

gloriosam ecclesiam non habentem maculam aut rugam aut aliquid eiusmodi, s e d ut sit sancta e t inmaculata (Eph. 5,27).93 Obwohl mit ruga an dieser S te lle z w e ife llo s eine »Runzel« im Sinne einer H au tfälte (vgl. »die Stirn runzeln«) gem eint ist, die eine Braut eb en so verun stalten würde wie ein S ch m u tz- oder Farbfleck, ließ sich auch an eine Falte in T extilien denken, was in der Metaphorik des W aschens von Kleidung den Vorgang des Streckens der W äsche ins Bild rückt (dazu Kap. XI,6b). Daß Hiob seine Kleider zerriß (Hiob 1,20), d eu tet Gregor christologisch:

Quid enim uestim entum Domini nisi Synagoga e x s titit quae proph etis praedicantibus expectationi incarnationis illius adhaesit? Sicut enim his nunc u e stitu r a quibus diligitur, Paulo a tte sta n te qui ait: »Vt exhiberet sibi gloriosam Ecclesiam non habentem maculam aut rugam.« Quae enim maculam aut rugam non habere dicitur, p ro fe c to u estis rationalis e t p e r actionis munda e t p e r spem tensa m on stratu r.94 Auch s o n s t g e s e llt sich zur macula o f t eine R unzel.95 So spricht Williram zur M ak ellosigk eit der Braut von Cant. 4,7 von all denen, die der nîene hâbent dechêine maculam grauioris p ecca ti , noch nechêine rugam m endos$ d u p lic ita tis 96 Diese Deutung der Runzel auf die der A ufrichtigkeit (sim plicitas ) gegenü b erstehend en duplicitas als »U nehrlich­ keit«97 ist traditionell; sie knüpft wohl an die Beobachtung an, daß bei einer Falte das Tuch »doppelt« liegt (und ein Stück S to f f verborgen bleibt). Leo der Große spricht von der »Runzel der Lüge« ( quia catholica

integritas nec maculam perfidiae, nec rugam p o te s t habere mendacii),98 und er ermahnt dazu, auf die Seele achtzugeben, ne ulla eam macula iniquitatis ob fuscet, aut duplicis cordis ruga dedecoret 99 Gregor gibt zu den rugae von Hiob 16,9 als Bedeutung die duplicitas derjenigen an, deren W orte und Werke auseinanderfallen;

das

b estä tig e

Eph.

5,27:

Maculam quippe e t rugam non habet quae e t turpitudine operis e t duplicitate serm onis caret.wo Auch bei dieser D eutung scheint Gregor 93 94 95

D a z u STRAUB, B i l d e r s p r a c h e , S. 62f.; vgl. MANZ, A u s d r u c k s ­ f o r m e n , S. 285 (§ 567 macula e t ruga). G r e g o r , M o r. 11,34,55, CCL 143, S. 94. A d a m v o n St. V i k t o r , S e q u e n z e n 15,6,1-3, ed. WELLNER , S. 108 (M aria): Gaude, m a t e r ge nitoris, S im plex in t u s , munda fo ris , Carens ruga, macula.

96 97

W i l l i r a m v o n E b e r s b e r g , E x p o s i t i o , ed. BARTELE MEZ, S. 14. Z u r du pl i c i tas (cordis) M E Y E R - SU N T RU P, L e x ik o n , Sp. 98, 153f., 187f. u.ö . (s. R e g i s t e r Sp. 9 44 s.v. duplicitas). 98 Leo I., T r a c t . 65,1, CCL 138A, S. 395. 99 Leo I., T r a c t . 41,1, CCL 138A, S. 232f. 100 G r e g o r , M o r. X III,8,10, CCL 143A, S. 674; ebd.: Quid p e r r ug a s nisi d u p l ic i tas

de si gnatu r? Rugae itaqu e

su n t

sa nc ta e

E c cle sia e

qui in ea d u p l i cite r uiuunt, qui fidem uoc ib us c la ma nt, d e n e g an t ; d a n a c h k ü r z e r R u p e r t , In J o b , PL 168,1032D.

o mn e s

o p e r ib us

92

Der W o r t s c h a t z der U n re in h e it

eher an g estr e c k te W äsche zu denken als an ein f a lte n lo s e s G esicht,101 heißt es doch an anderer S te lle zur Kirche als Kleid Christi: Si enim

sancta Ecclesia uestim entum Christi non e sse t, Paulus p ro fe c to non diceret: »Vt exhiberet sibi gloriosam Ecclesiam non habentem maculam aut rugam«; id e s t , nec p e r peccatum habentem maculam, nec p e r duplicitatem rugam , quia p e r iustitiam munda est, e t p e r sim plicem intentionem tensa. Quae ergo abluta e s t ne habeat maculam , tensa e s t ne habeat rugam, utique uestis e s t } 02 Häufig bleiben beide E lem en te im Rahmen der U nrein h eitsm etaphorik ununterschieden. Der Bräutigam Christus w en det seine A ugen ab, weil er keine Unreinheit verträgt: Delicatus e s t sponsu s is te , nobilis

e t dives est, speciosus forma prae filiis hominum; e t ideo non nisi speciosam dignatur habere sponsam. Si viderit in te maculam sive rugam , sta tim avertit oculos. Nullam enim immunditiam p o te s t su stin ere.103 Die S te lle ließ sich für die Frage anführen, ob Sünder zur Kirche g e ­ hören oder nicht; Hieronymus: Ecclesia Christi gloriosa est, non habens

maculam neque rugam, aut quid istiusm odi. Qui ergo p e c c a to r e s t , e t aliqua sorde maculatus, de Ecclesia Christi non p o te s t appellari, nec Christo subjectus dici. Possibile autem est, ut quom odo Ecclesia quae prius rugam habuerat e t maculam, in juven tu tem e t munditiam p o ste a re stitu ta est, ita e t p e c c a to r currat ad medicum, quia non habent opus sani medico, s e d male habentes (vgl. Lk. 5,31), e t curentur vulnera ipsius, e t fiat de Ecclesia quae corpus e s t Christi.104 A llgem ein m eint das Freisein von maculae und rugae das Reinsein von Sünde105 und U n ­ glaube. Nach der Taufe durch den A p o stel Bartholom äus hat Indien keine Runzeln und Makel mehr: 40.9,1

M ox pellem m u ta t India Tincta baptism i gratia, Ruga carens e t macula C aelesti gaudet copula.106

101 Vgl. a b e r B r u n o v o n Segni, E xp . in J o b , PL 164,608A; E c cles ia enim, q u antum ad bonos, n equ e macu lam h abet, neq ue rugam. Se d quia h ae re t ic i e t c ae t eri iniqui filii Ecclesiae su n t, qui e t in lo c u tio n e s u nt d u pli ce s, e t m ala v e t u s t a t e s e n e s c e n te s , ru go s a fa cie m a tr is p u lc h r i­ tu di ne m am ise ru nt.

Ideo san cta Ecclesia ru ga s ha b ere p e r hib e tur .

102 G r e g o r , M o r. X X ,29,58, CCL 143A, S. 1046. 103 G u ig o II. d e r K a r t ä u s e r , S c a la c l a u s t r a l i u m 9,10, PL 184,481A. 104 H i e r o n y m u s , In Ep. a d E p h e s . 111,5, PL 26,564D-566A ; d a n a c h G r a t ia n , D ist. 1,70 de p e n i t ., ed. FRIEDBERG, Sp. 1179; vgl. T h o m a s v o n A q u in , S u m m a t h e o l . 111,8,3, Bd. 4, S. 79: S ed m u lti s unt, e tia m fid e le s , in quibus i nv e nitu r macula aut ruga pec ca ti. E rgo ne c e r it omnium f ide lium C h ri stu s caput\ d a z u (m it w e i t e r e n B e le g e n ) LANDGRAF,

D o g m e n g e s c h i c h t e , Bd. I V / 2 , S. 4 8 f f . 105 C a e s a r i u s v o n A r l e s , S e r m o 32,2, CCL 103, S. 141: Sic cum macula e t ruga intrare in vitam aeternam n em o p o te r i t . qua c o ns c ie ntia c api t ali bus crim inibu s o p p r e s s u s aliquis in tra tur u m s e e s s e c o nfid it, n isi se

e m e ndando e t elym os in a s

dando m u nd a v e r it?

106 A d a m v o n St. V i k t o r (?). S e q u e n z e n , ed. WEL LNER , S. 270.

contagio,

93

con tagiu m

f) c o n t a g i o , c o n t a g i u m Die Ausdrücke contagio und (als Nebenform) contagium 107 kom m en von contingere »berühren« und können deshalb eb en so das A nstecken mit einer Krankheit bezeichnen wie das B esch m utzen durch Kontakt mit Unreinem. Isidor definiert contagium a contingendo, quia quemquem tetig erit, p o llu it ,108 D iese Ausdrücke dienen häufig als verstärkende Bezeichnungen für »Sünde« oder »Laster«, b esonders in Genitiv­ b ild un gen .109 Isidor: Non d eb et vitia aliena corripere, qui adhuc vitiorum contagionibus se rv it .110 Vor allem gilt dies im Hinblick auf die Erb­ sü nd e.111 Christus allein war frei vom p ecca ti contagium ,112 Bei seiner M enschwerdung war keine fleisch lich e Lust im Spiel {quia e ts i su scep it carnem, non tamen ex carnis libidinosa contagione) .113 Es ist nicht leicht, sich von den »Berührungen« der W elt fernzuh alten.114 Die pro­ t e sta n tisc h e Liturgie b ittet Gott: Da, quaesumus, Domine, p opulo tuo

107 D a z u ThLL IV, Sp. 625-6 28; vgl. MANZ, A u s d r u c k s f o r m e n , S. 120f. (§ 184 c ont ag i o criminum, d e lic ti, pecca toru m ). 108 I s i d o r , E ty m . IV,6,18, ed. LINDSAY. 109 Z.B. A m b r o s i u s , De A b r a h a m 11,8,47, CSEL 32/1, S. 601: non e r go magnam m e rc e d em p r o m is is s e t Abrahae, nisi p ura m animam ab omni d e l i c t o ru m c ont ag ion e iudicauisset; O r i g e n e s , In Lv. h o m . 12,4, GCS 29, S. 462: s e d p e rm a n e t mu n du s ab om ni c o nta g io n e p e cc ati; G r e g o r , M o r. 1,22,30, CCL 143, S. 41: p e c c a ti contagio; A m b r o s i u s A u t p e r t u s , In Apc. VIII, C C C M 27A, S. 675: C aue te co nta gia p ec c at oru m ; E u g ip p i u s , V i t a s. S e ve rin i i n t e r c e t e ra i ni qu itatis suae contagia.

8,1,

ed.

NÜSSLEIN,

S.

46:

110 I s i d o r , S e n t. 111,32,1, PL 83,7 04A . 111 Z.B. A u g u s t i n u s , De p e c c a t o o r i g in a l i

13,14, CSEL 42, S. 175: de p a ruulis sine ullius uitii ex Ædam con tagion e na sc e ntib us; e b d . 12,13, S. 175; 37,42, S. 200: qu o d in fan tes etiam qui p e c c a r e non p o s s u n t, non

112 Leo

tam e n

I.,

sine p e c c a ti con tagion e nascuntur.

T rac t.

77,2,

CCL

138A,

S.

488;

vgl.

T rac t.

72,2,

S.

443:

S u sc e p i t n o s illa natura quae ad p rop ag in em n o s tr i g e ne r is a c o mmuni t r a m i t e non abru m peret, e t con tagiu m p e c c a ti in o m ne s ho mine s t r an se un t is e x c l u d ere t. — In d e r a l l e g o r i s c h e n D e u t u n g v o n H io b 2,3 G r e g o r , M o r. 111,14,26, CCL 143, S. 131: Frustra q uip pe a ff lic tu s e s t qui e t c ulpae ul tion e p r e s s u s e s t, e t cu lpae co n ta g io inquinatus non e s t . E b d . 111,14,27, S. 132: M e d ia to r eten im n o s t e r puniri p r o s e m e t i p s o non de b ui t quia n u llum culpae con tagiu m p e r p e tr a uit.

113 I s i d o r , S e n t. 1,14,3, PL 83,565B. Vgl. Leo I., T r a c t . 30,4 , CCL 138, S. 156: Supe rue nien te qu ippe in eam Spiritu s a n c to e t A lt is s im i o b u m brant e u i rt ute (vgl. Lk. 1,35), in co m m u ta b ile Dei Verbum de i n c on t am i nat o c o rpo re h abitu m sibi humanae carnis a d s u m p s it, quae e t nul lum c ont agiu m de con c u sp iscen tia trah e r e t, e t nihil e o rum quae ad animae c orp orisqu e n atu ram p e r ti n e t non habe re t.

114 C y p ria n , De m o r t a l i t a t e

23,

CCL

29 (von E n o ch ): Ho c fu it con t a g io s a e culi m e r uis s e 9, PLS 1,958: mundi huius c o n ta g io ­ terren is operib us mo rtuis; Beda, De t a b e r n a c u l o II, CCL 119A, S. 83: exinani te ip s um e t euacua ab omni c ont ag i one re rum mundanarum; e b d ., S. 8S: s a n c ti qui suo r um corda a u dit orum a t e r r e s tr ib u s con tagiis e x tra c ta ad c a e le s tia d e sid e ra nd a

p l a c u i ss e in c o n sp e c tu Dei transferri; A p o n i u s , In C a n t. nibus ultra se non re dd u n t

su sto llu n t.

de

3A,

h oc

S.

94

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

diabolica vitare contagia .11S Daß es um Unreinheitsm etaphorik geht, wird durch entsprechende A usdrücke deutlich; so fragt etw a Gregor: Sed quid est, quod in hac uita sine quauis tenuissim i contagii inquinatione p erag a tu r ?116 Häufig finden sich hier Verben des B e fle c k e n s.117 Mit R ein igu ngsw asser werden die w eg e n des Berührens von T oten rituell unreinen Menschen (dazu Kap. III,lb) besprengt: e t homines huiuscemodi contagione p o llu to s (Nm. 19,18). Auch w o s o n s t vom Reinigen die Rede ist, wird an eine Befleckung zu denken se in .118 Die Verb- und Adjektivformen contagiare und contagiosus scheinen vor allem im medizinischen Sinn als »an­ stecken« und »ansteckend« verw endet zu werden; in der B enediktsregel ist der A ussch luß eines M önchs als le tz te s Disziplinarm ittel vorgesehen, ne una ovis morbida omnem gregem con tagiet ,119

g) c o n t a m i n a r e , c o n t a m i n a t i o V erbreitet ist als Verb des Befleckens contaminare , das eb en falls ein Berühren meint, jedoch — wie auch das Substantiv contaminatio — außer auf B eflecken vor allem auf Schänden und Entehren zielt;120 »Knabenschänder« heißen deshalb puerorum contam inatores .121 Der M ensch b e f le c k t sich s e lb s t mit verschiedenen Sünden,122 die durch Genitivkonstruktionen näher b e stim m t werden k önnen.123 Papst Leo I.

115 M O SE R , S p r a c h e u n d R e lig io n , S. 47 ( K o l l e k t e n g e b e t d e s 2. S o n n ­ t a g n a c h M ic h a e lis ) ; ebd .: " D e r I n i f i n i t i v s a t z w i r d s e h r v e r s c h i e d e n w i e d e r g e g e b e n : die te u flis c h e Be flecku n g vermeiden; die te u flis c h e V ergi ft ung meiden; v o r a lle r List und G ew a lt d e s Te u fe ls verwahren; T e ufe ls E i n flü sse und ihre A n st e c k u n g m e id e n ”. 116 G r e g o r , M o r. 1,33,47, CCL 143, S. 50. 117 Z.B. A u g u s t i n u s , E n a r r . in p s. 104,34, CCL 4 0 , S. 1550: ne c i s t o s illi d es

suarum i niquit atu m

co n tag ion e po llu e ru n t.

118 Z.B. S iriciu s, Ep. 1,14,18, PL 13,1145A: quamvis s i t o mnium p e c c a to r u m c ont agi on e m un da ti ; B a c h i a ri u s , De r e p a r a t i o n e l a p s i 5, PL 20,1041C: Unde v ide s qu od sicu t p e c c a ti con tagion e maculamur, ita e x p u ls io n e ejus abluimur; T h e o p h i l u s v o n A l e x a n d r i e n ( H i e r o n y m u s , Ep. 98,3, CSEL 55, S. 187): t o t i s itaqu e uiribus animas n o s tr a s ab omni c o n ­ t agione

p u rg a n tes

dignas

c e le b r it a te ,

quae

inmine t,

p ra ep ar emus;

P e t r u s D a m ia n i, S e r m o 18,10, CCL 57, S. 116: a p e c c a to r u m s e c o n ­ t agio p e r ae dificationis fratern ae min isteriu m p ur ga nt.

119 B e n e d i k t , R e g u l a 2 8,8 , ed. STEIDLE, S. 116. 120 D a z u ThLL IV, Sp. 628-631; W ALDE - H O FM A N N , W ö r t e r b u c h , Bd. 1, S. 266f. M e d i z i n i s c h a u c h a ls S y n o n y m v o n c o nta g ia r e » a n s t e c k e n « . 121 T e r t u l l i a n , A p o l. X I ,12, CCL 1, S. 109 (von d e n G ö t t e r n ) . 122 A m b r o s i u s A u t p e r t u s , In A pc. II, C C C M 27, S. 112f.: Ælius u o lu p ta ti carnis se m e t i p s u m p r o s te r n e n s , gu lae in le c eb r is , fo r nic a tio nib us , a d ult eriis, uel e tiam inrationabilibu s in c e stis q u e a m p le x ib us f o e d a t uitae innocentiam; alius auaritiae ae stib u s anhelans, fu r tis , rapinis, fra udi bus, fa l s i s te st im o n iis h o m icidiisqu e s e m e tip s u m co nta mina t.

123 Z.B. P e t r u s L o m b a r d u s , S e n t. IV ,38,3,2, Bd. 2, S. 4 83 quae de re e xc u sabili con tam in ation em

( n a c h Leo I.):

criminis e le g e r unt.

c ontaminare ,

con tam in atio /

(co)inquinare,

(co)inquinatio

95

über die Fastenzeit: M ansuetudinis e t patien tiae, pacis e t tranquillitatis hoc tem pu s est, in quo exclusa omnium contam inatione uitiorum , p erp etu ita s nobis e s t obtinenda uirtutum ,124 Attributiv findet sich bei A ugu stinu s der Ausdruck contam inatus auch g e s te ig e r t als uita con­ tam inatissima e t consceleratissim a .12S C hristus kam nicht in diese W elt,

ut in p ecca tis n o stris contaminaretur, se d ut contam inatos m undaret.126 Die N egativform incontaminatus »unbefleckt« kann vor allem se x u e lle Reinheit meinen; zur V orschrift Lv. 21,14 Viduam autem e t eiectam e t contaminatam non accipiet heißt es etw a bei Origenes: Sponsa autem

Christi neque abiecta neque p olluta p o te s t esse, se d virgo incontaminata, incorrupta, munda.127 Im allgem einen Sinne von »sündenfrei« preist incontam inatus Hiob; in allen V ersuchungen blieb er standhaft und »un­ befleckt«: Sed incontaminatus perm ansit magnus ille adamantinus Job.126

h) ( c o - ) i n q u i n a r e , ( c o - ) i n q u i n a t i o Lat. inquinare meint b estreich en und beschm ieren (mit Farbe oder Schmutz), dann auch b efleck en und verunreinigen allgem ein .129 Gleiches gilt für die Form coinquinare und ihre A bleitun gen ,130 die eb en so wie inquinare als Verben des B eflecken gern mit ändern Bezeichnungen ver­ bunden werden. Etwa Apringius zu Apk. 3,4: Omnis enim qui non

inquinatur sorde peccati, cum Domino am bulat in albis e t dignus efficitu r ut Agni vestigia prosequ atur.131 Oder Isidor in seiner Sündenklage: nullum invenitur peccatu m , cujus sordibus non sim coinquinatus 132 In das Him m lische Jerusalem wird nichts B e flec k tes eingehen: nec intrabit in ea aliquid coinquinatum e t faciens abominationem e t mendacium (Apk. 21,27; dazu Kap. VIII,4). Den G egensatz von (co)inquinatus drückt in­ coinquinatus au s.133 Die Befleckung ist inquinatio (z.B. Sap. 14,26 animarum inquinatio ); auch als p ecca ti in q u in a tio 134 sceleris inquinatio 135 usw. So w ü n sch t Gregor einem Briefpartner, daß ihn der allm ächtige Gott von aller »Befleckung der Schuld« reinige {ab omnis culpae inquinationibus terg ea t).136 Ähnliches gilt für coinquinatio.137 124 Leo I., T r a c t . 42,2, CCL 138A, S. 240. 125 A u g u s t i n u s , De c i v i t a t e Dei 1,9, CCL 47, S. 9. 126 G o t t f r i e d v o n A d m o n t , De b e n e d i c t i o n i b u s J a c o b p a t r i a r c h a e 10, PL 174,1149A. 127 O r i g e n e s , In Lv. h o m . 12,6, GCS 29, S. 465. 128 P s .- O r i g e n e s , In J o b II, PG 17,469D. 129 D a zu ThLL VII/1, Sp. 1809-1815 (in qu in abiliter - inq uino s us ). 130 D a z u ThLL III, Sp. 1564f.; M lW b 2, Sp. 818f. 131 A p r i n g i u s , In A pc., PLS 4,1238f. 132 I s i d o r , S y n o n y m a 1,65, PL 83,842B. 133 D a z u ThLL V II/1 , Sp. 972. 134 G r e g o r , M o r. X X V I,37,68, CCL 143B, S. 1317. 135 V i c t o r v o n C a r t e n n a , De p o e n i t e n t i a 13, PL 17,986C. 136 G r e g o r , Ep. X I ,18, CCL 140A, S. 8 8 8 , 137 Z.B. P s . - J o h a n n e s C h r y s o s t o m u s , O p u s im p e r f . in M t. 21, PG 56,750: c a st iga ns

t e i p su m

ab omn i coin qu in ation e op e ris

mali.

96

Der W o r t s c h a t z der U n reinheit

Das häufig im Plural verw endete W ort inquinamentum meint dann mehr den (unspezifischen) Schmutz. Niemand s o lle ein Götzenbild in sein Haus holen, quasi spurcitiam d e testab eris e t velut inquinamentum ac sord es abominationi habebis (Dt. 7,26). G ott will nach dem Propheten Ezechiel die M enschen ab omnibus inquinamentis vestris reinigen (Ez. 36,25; vgl. 36,29). Paulus ruft dazu auf, sich »von aller Befleckung des F leisch es und des G eistes« zu reinigen: M undemus nos ab omni in­ quinamento carnis et spiritus (2 Kor. 7,1).138 Neben den Genitivformen mit peccatu m 139 finden sich die luxuriae inquinamenta (dazu Kap. III,lc) und die lasciuiae inquinamenta ;140 im Hinblick auf Gedankensünden kann von den inquinamenta cogitationis gesproch en w erden.141 Gregor ruft dazu auf, mundi hujus inquinamenta zu flie h e n .142

i) p o l l u e r e , p o l l u t i o A ls Verb des B efleckens dient häufig p o llu ere . Nicht in den Himmel gelangen diejenigen, die sich hier m it schlim m en Taten b e fle c k t haben ( qui hic se nequissim is actibus polluerun t ).143 Die Ursünde b e fle c k t die Seele der Kinder (ex originali peccato anima p o llu itu r p ro lis ).144 W egen der ursprünglichen Befleckung war kein M ensch in der Lage, für die Sünder vor Gott zu treten (als Argument für die Inkarnation): Omnes

uidelicet nos inimica illa persuasio in culpae contagium ab ipsa radice p o llu e ra t, nullusque erat qui apud Deum pro peccatoribus loquens, a pecca to lib er appareret, quia ex eadem m assa ed ito s aeque cunctos p a r reatus inuoluerat .14S W er sich mit einem Vergehen b e fle c k t (crimine pollutum ) weiß, der s o ll Buße tun, um in das H im m lische Jerusalem eingehen zu k önn nen.146 Den G egensatz von p o llu tu s bildet im p o llu tu s ,147 138 Vgl. A m b r o s i u s , De A b r a h a m 11,48, CSEL 32/1 , S. 602: o p o r t e t no s C...3 m undare animae n o str a e loc u m ab omni inq uinamento, p r o ic e r e s o rd e s m aliuole ntiae, si u olu mu s sp iritu m r e c ip e r e sa pientia e, quia »in m al iuolam animam non intrabit sapientia« (Sap. 1,4). 139 Z.B. O r i g e n e s , In Lv. h o m . 9,4, GCS 29, S. 424: cum e s s e s mund us, r ursum t e p e c c a ti in qu in amen to m ac u la sti e t e x v ir tu te ad libidinem, e x p u r i t a t e ad i mm u n ditiam declin asti.

140 G r e g o r , In I Reg. V,191, CCL 144, S. 539. 141 G r e g o r , M o r. 1,35,49, CCL 143, S. 51. 142 G r e g o r , In Ev, 1,12,1, PL 76,1118B. Vgl. P e t r u s C h r y s o l o g u s , S e r m o 167,6, CCL 24B, S. 1027: nulla inmunda mu nd i inquinamenta s e ntir e . Z u r » u n r e in e n W e l t « s. Kap. V III,1. 143 C a s s i o d o r , In p s. 125,6, CCL 98, S. 1171; vgl. G r e g o r , M o r. X X V ,10,27, CCL 143B, S. 1252: In c e ssa n ter C...3 s e prauis a c tio nib us p o lluu nt. 144 G r e g o r , M o r. X V ,51,57, CCL 143A, S. 785. 145 G r e g o r , M o r. X X IV ,2 ,4 , CCL 143B, S. 1191. 146 R ic h a r d v o n St. V i k t o r , In Apc. VII, PL 196,882A: Quicunque e r go s upe rnam H ie rusalem intrare volu erit, vel se p o s t a c c e p ta m g r a tia m imm ac ul at um c on se rv et, vel si se qu ocunque c rimine p o llu tu m n ov e rit, po e n i tud in e cordis, c o n fe ssio n e oris, la cry mar um, e t b o no rum o p e rum

s a t i s fa c tio n e

s to la m

147 D a z u ThLL VII/1, Sp. 649f.

su am d ilig e n te r mund are fe s t in e t.

p o ll u e r e

, p o ll u t io

/

97

so rd e s

Das Substantiv p o llu tio kann mit der Verbindung zum Materiellen und Irdischen148 einen b estim m ten A spekt der Sünde schlech th in b e­ zeichnen: Peccatum habet m ulta nomina. Vocatur enim »macula«, e t hoc quia imaginem animæ deform at. Item , »reatus«, quoniam ad pœnam

æ ternam obligat. Item, »pollutio«, e t hoc quantum ad contagionem contractam ex terrena d electa tio n e ,149 Term inologisiert ist »Pollution« noch heu te Bezeichnung für »Samenerguß«, sei er unbeabsichtigt, oder — als » S elb stbefleck un g« (Masturbation) — s e lb s t hervorgerufen. Stellen, an denen die Bibel in diesem Sinne von p o llu tio spricht, la ssen sich über das Verfahren der A lle g o re se als m etaphorische Befleckung durch die Sünde deuten; V orschriften für die Reinigung dienen dann als V erpflich­ tung zum W aschen mit den Tränen der Reue (dazu Kap. III,lc).

j) s o r d e s Die allgem eine Schm utzbezeichnung so rd e s 150 wird so häufig mit der Sünde in Verbindung gebracht, daß die Formulierung »zum früheren Schmutz zurückkehren« eine verständliche Umschreibung für den Rück­ fall in frühere Sünden i s t . 151 Verbreitet sind G enitivkonstruktionen152 wie so rd es p eccatoru m :1S3 Cur in peccati sordibus m anes? cur in voluntate peccandi p e r s is tis ?154 Der Sünder bekennt, er sei pleno omni sorde p ecca ti .15S Die ursprüngliche unsichtbare Schönheit der Seele wird durch so lc h e n »Schmutz der Sünden« sichtbar v er u n sta lte t.156 Als nominalen Ausdruck kennt das Mlat. außer so rd es die Abstraktbildung s o rd ita s ; wenn ein »Hirte der Kirche« bei seinen U ntergebenen Schmutz der Laster findet, dann s o ll er diesen so g le ic h beseitigen: e t si aliquam

in eis

vitiorum

so rd ita tem

inveneris,

citius

castigare

et

emendare

148 G r e g o r , M o r. X X I I,20,4 7, CCL 143A, S. 1127: Verba, enim Dei in te rra i ac e n t e s

audimus,

coniuncti,

cum

sa nc t oru m

in

p e c c a tis

p o si ti,

cum

te rr e na e

p o llu tio n i

uoce spiritalia p ra e c ep ta c o g no s c im us .

149 H u g o R ipelin, C o m p . 111,4, S. 91. 150 D a z u W ALDE - H O FM A N N , W ö r t e r b u c h , Bd. 2, S. 562f. 151 B ed a, H i s t . e c c l. IV,25 (23), ed. SPITZBART, S. 406: Verum p o s t o b itu m ip si us ab b a t i ssa e f ec e runt.

152 D a zu

MANZ,

c riminum,

redieru n t

ad p ristin as

A u sd ru ck sfo rm en ,

de l i c t oru m ,

S.

so rd e s ,

464-467

facinorum, p ec ca toru m ,

imm o

(§§

s c e le r a tio r ia

929-933

so rd es

v itio rum ).

153 Z.B. W i l l i r a m v o n E b e r s b e r g , E x p o s i t i o , ed. BARTELM EZ , S. 33; P s .A lk u in , De div. o f f . 39, PL 101,1242C: candidum e t p ur um e s s e d e b e t ab om ni so r d e p e c c a to r u m ; A p o n i u s , In C a n t. 3, PLS 1,858: quib us anima ab omni p e c c a to r u m

so rd e extersa.

154 I s i d o r , S y n o n y m a 1,38, PL 83,836B. 155 R e d e m p t u s , O b i t u s B. I s i d o ri , PL 81,31C. 156 V i c t o r v o n C a r t e n n a , De p o e n i t e n t i a 29, PL 17,1002AB: Quam nuda a t que d e fo rm i s anima n o st r a reman ebit, si n os eam s a lte m p o e n ite n tia e v e lam inibus e t c o n fe ssio n is amictibu s non obte g a m us ! nisi quia tu r p i­ tu dine m fe st i n a m u s abscon dere, e t animae o p erire non c o n te nd im us n u di t at e m , cujus cum s i t n a tu ra liter invisibilis p ulc hr itud o , f i e t p e c c a t o r u m so r d e de fo rm itas.

v isib ilis

98

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit *

s tu d e ,157 Neben dem Verb sordidare »beschm utzen« existieren die Formen sordere »schm utzig sein« und sordescere »schm utzig werden«, letztere in Apk. 22,11 qui nocet noceat adhuc e t qui in sordibus e s t sordescat adhuc. Der Ausdruck sordes wird s o n s t gern mit ändern Verben des B efleck en s verbunden, e tw a mit p o llu ere 158 oder inquinareA59 G ottes strengen Richterspruch muß erwarten, wer das W eih n a ch tsfe st »mit dem Schm utz der Laster beschm iert« b egeh t {qui sine rem edio poenitentiae

ad fe stiv ita te m Domini vitiorum sordibus inquinatus a ccesserit).160

k) s p u r c i t i a Lat. spurcitia entspricht etw a dt. »Unflat«, w obei das Adj. spurcus (aufgrund der V erw an dtschaft mit porcus »Schwein«?) außer »unflätig« auch als »schw einisch, säuisch« ü b ersetzt werden kann. Es geh t also um kräftige Ausdrücke für Unreinheit und Schmutz. So meint spurcitia die Unreinheit, die an einem Menschen haftet, der einen Toten berührte, sich aber nicht reinigen läßt (Nm. 19,13). Zudem b ezeichnet es den Inhalt der »getü nchten Gräber« von Mt. 23,27.

1) s q u a l o r Eine stark abwertende Bezeichnung für Schmutz ist squalor, wie bei dem Adjektiv squalidus wird das A bstoßende daran (etwa »starren vor Schmutz«) b e t o n t .161 Die Liturgiesprache kennt die squalores peccatorum und vitiorum.162 Nennt eine Predigt den m enschlichen Leib {caro misera e t putribilis) auch noch omni squalore peccatorum plena , dann geh t es darum, ihn vollen d s herabzuwürdigen.163 Die Genitivbildungen squalor p eccatorum 164 und squalor criminum 165 beziehen den Ausdruck deutlich 157 H o n o r i u s , In Pro v., PL 172,327A. 158 Z.B. C a s s i o d o r , In p s. 106,14, CCL 98, S. 977: a s u p e r s titio n u m suarum t e n e b ri s e d u x i t animas p e cc a to ru m

so r d e p o llu ta s .

159 Z.B. C a e s a r i u s v o n A r i e s , S e r m o 229,3, CCL 104, S. 907: noli tuam animam p e c c a t o ru m

sor dib u s inquinare.

160 H r a b a n , H o m . de f e s t i s 2, PL 110,12CD. 161 D a zu GEORG ES, Bd. 2, Sp. 2778 -2 7 8 0 ; vgl. W ALDE - H O FM A N N , W ö r t e r b u c h , Bd. 2, S. 582. 162 MANZ, A u s d r u c k s f o r m e n , S. 471 (§ 940 s q u a lo r e s facinorum, p e c c a t oru m , v i tioru m ). 163 P s . - A u g u s t i n u s , Ad f r a t r e s in e r e m o 49, PL 40,1333. 164 A b s a l o n v o n S p r i n g i e r s b a c h , S e r m o 14, PL 211,89B: Sunt m u lti c r imino si in

ho c

se c u l o

qui

terrena

quaerunt,

carnalia

s apiunt,

usq ue

adeo

s e p u l t i in vitiis, qu od n ec etiam oc u lo s p o s s u n t ad c o e lum levare: e t squa l ore p e c c a to ru m c o n fe c ti oblivis cu n tu r p a tr ia m c o e le s te m , ad quam de b e r e n t proficisci.

165 V i c t o r v o n C a r t e n n a , De p o e n i t e n t i a 13, PL 17,986C: animae ve ro tuae i n fe c t u m

squa l ore criminum.

spurcitia /

squalor /

99

un-rein, lln-Reinheit

auf den Bereich der Sünde. Gleiches ist gem eint, wenn squalor das Innere des M enschen b e s c h m u t z t .166 Aufgrund der Bedeutung »rauh« kann Origenes an die Angabe anknüpfen, Esau sei »wie mit einem Fell behaart« g ew e sen (Gn. 25,25): Esau war to tu s hirsutus e t horridus et, ut ita dicam, peccati e t nequitiae squalore c ircu m d a tu s}67 Die Verben squalere und squalescere meinen das Schm utzigsein bzw. -werden; ein B esch m utzen anderer wird hiermit nicht ausgedrückt.

2. D e u t s c h a) u n - r e i n , U n - R e i n h e i t Wie beim lateinischen, so so lle n auch beim deu tschen W ortschatz der Unreinheit zunächst so lc h e W örter v o r g e s t e llt werden, die das U n­ reinsein negativ ausdrücken. Am stärk sten verbreitet sind die N egationen von r e in }68 vor allem das präfigierte unrein}69 Sünder sind »böse und unreine« Menschen. In der H ölle wird D er bose mensch und unreyne 170 nicht nur für seine eigenen, sondern auch für die von ihm mitver­ schu ldeten (»fremden«) Sünden anderer gepeinigt. Ähnlich wie »arm« dient »unrein« häufig als Attribut zu »Sünder«. Ein Prediger ü b ersetzt Ps. 30,18 erubescant impii e t deducantur in infernum als: die bösen und die

unreinen sundere sulen sich Schemen und gevui~t werden in die ewige h e lle } 71 Maria — als Veilchen — neigt sich gnädig zu den »unreinen, schnöden« Sündern herab: Item, de foyle is natuerlike ghebughet unde ghekrum m et to der eerden. A lso bistu m oeder aller so etich eit overm its dyn ghenadighe herte gheneyghet to allen unreynen, snoden sunders, up dattu se m o g h est salich maken in tijt unde in e w ic h e it}72 Die Edelsteine büßen ihre Kräfte ein, w enn »unreine, sündige M enschen« sie anrühren.173 Substantivisch wird neben der Unreine später bevorzugt Unreinigkeit und Unreinheit verwendet. Zu den Genitivbildungen vor allem im Bereich gesch lec h tlic h e r Vergehen (dazu Kap. 111,1) komm en b ed eu tu n gsb e­ 166 J u l i a n

von

A eclan u m ,

In

lo b ,

CCL

A d u e rsu m p u ri t a te m uitae h o rr o r animi c u t i s c orr u pta credatur.

88,

u lcerum

S.

30

(zu

p ug na t,

ut

H io b de

9,30f.): s q ua lo r e

167 O r i g e n e s , In Gn. h o m . 12,4, GCS 29, S. 110. 168 Z u rein(e) BMZ I I / l , S. 659-652; LEXER, Bd. 2, Sp. 388 -3 9 2 ; D W b VIII, Sp. 680-7 10; GAUPP, G e s c h i c h t e ; HA RTM ANN , W ö r t e r b u c h , S. 339-341. 169 D a z u LEX ER , Bd. 2, Sp. 1926f.; D W b X I / 3 , Sp. 1261-1273. 170 M d. H i o b 8790, ed. KARSTEN, S. 142. 171 P r e d i g t e n , ed. S C H Ö N B A C H , Bd. 1, S. 37. 172 P s .- V e g h e , L e c t u l u s , ed. RA D EM A CH E R, S. 13. 173 K o n r a d v o n M e g e n b e r g , B u c h d e r N a t u r , ed. PFEIFFER, S. 472: auch w e rd e n t die k r e f t de r edeln stain belaidigt von de m handeln und von d em

angreife n d er unrainen sü ndigen men sche n.

100

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

stim m ende Reihungen mit »Übel« und »Sünde«.174 Auch im ab soluten Gebrauch ist deutlich, daß die Sünde gem eint ist, die den M enschen in die H ölle »versenkt«: mach ê mich reine, ê mîn unreine versenke mich in daz verlorne ta l .17S Verben des B esch m utzens sind hier unreinen , verunrein(ig)en17t und entreinen .177 Viele M enschen meiden zwar aus A n gst vor Kindern die o ffe n e »Unkeuschheit«, aber inwendig sin t si

vol unkäusch m it g ir und treibent ir unfuor m it küssen, m it unzimleichen reden und m it mærlein und verunreinent sich lesterleich und pœ sleich, da von nicht m êr ze reden i s t .178 Der Ausdruck »rein« ist häufig ein schm ückend es Beiwort, das V o ll­ kom m enheit in jeglicher Hinsicht ausdrückt, ohne daß primär an das Fehlen einer Befleckung gedacht w erden muß. Zudem kann »rein von (mhd. auch vor) Sünden« auch die Bedeutung »frei von Sünden« haben.179 Niemand k om m t in den Himmel, ern s î vor allen sünden also reine.180 Mit Taufe, Martyrium oder Buße wird man d er sünden aller sa m t ledic

und re in e }81

b) u n - s a u b e r , U n - S a u b e r k e i t Das d eu tsch e Adj. s a u b e r- scheint sich aus lat. sobrius »nüchtern« e n tw ick elt zu haben.182 Die D ifferenzen zu rein sind außer sp rach geographischen U nterschieden gering; so benennt sauber "weniger einen ursprünglichen als einen bew uß t herbeigeführten Z ustand”;183 und eine Verwendung als »frei von« wie bei rein gibt es nicht. Die präfigierte N egativform unsauber scheint sich bed eu tu ngsm äßig kaum von unrein zu

174 Z.B. P r e d i g t e n , ed. GRIESH ABER, Bd. 1, S. 150: w îse

als

unse r herre

im

selber

e r w a lte

Un(d) r e h t g e lic h e r B et hle e m die rainon un(d)

die hailigen s t a t. de e r da wu rde geborn . a ls o hâ t d e r b ö s e g a is t d em e n d e c ri st och e r w e ll e t die s t a t z e Babiloni. ûz d e r a lle z übel un(d) alliu sünde un(d) alliu unrainekait kom. d e e r da och w e r d e g eborn.

175 176 177 178

( P s .- ) W a l t h e r , G e d i c h t e 123,39f., e d d. L A C H M A N N - KU HN, S. 169. D a zu LEXER, Bd. 3, Sp. 281; D W b X II/1 , Sp. 2 036-2039 . D a z u LEX ER , Bd. 1, Sp. 579; vgl. D W b III, Sp. S82f. K o n r a d v o n M e g e n b e r g , B u c h d e r N a t u r , ed. PF EIFFER, S. 250, w o w o h l a n M a s t u r b a t i o n z u d e n k e n is t. 179 Z.B. B e r t h o l d v o n R e g e n s b u r g , e d d . PF EIF FE R - STROBL, Bd. 1, S. 199: e r w e r de als reine vo r sünden, als er was, herre, d ô du den m e nsc hen h e t e s t gesch affen; e b d . S. 411: sie s in t dannoch reine v o r g r ô ze n sünden; vgl. S. 397: Wan ir w e ll e t iu w e r he r z e niht reine machen

v o r d e r hôhvart.

180 H e r g e r MF 28,33 ( M i n n e s a n g s F r ü h l i n g , ed d . M O S E R - T E R V O O R E N , S. 52). 181 B e r t h o l d v o n R e g e n s b u r g , e d d . PF EIF FE R - STROBL, Bd. 2, S. 123. 182 D a zu BMZ I I / 2 , S. 718f.; LEXER, Bd. 2, Sp. 1283-128S; D W b VIII, Sp. 1848-1859. 183 J O H N HENNIG , S a u b e r ( M u t t e r s p r a c h e 82, 1972, S. 45-51) S. 47.

un-sauber, Un-Sauberkeit /

101

un-lauter, Un-Lauterkeit

u ntersch eid en .184 Das Substantiv U nsauberkeit 185 wird etw a in einer Variation des Spruchs »Wenn Sünde nicht Sünde wäre...« (s. S. 76) genannt: Jeronimus

spricht das sünd nicht sünd w er dennocht so w er sie m ir unmer von ir g r ö ss e r unsawbrickheit ,186 Aufgrund der »Unreinheit« des A u ssa tz es kann sich ein Paradigmengebet auf Christi A ussatzheilu ngen berufen bei der Bitte, die »U nsauberkeit m eines Herzens« zu reinigen: Herro gereine die unsuferi mis herzen aise dv gireindost die m is(el)suhtigen .187 Das Gift, das die Viper im »Physiologus« ausspuckt, bevor sie W asser trinkt, b ezeichn et die »Unsauberkeit«, mit der »wir« b efle c k t sind: Den uurm

scuîen uuir biledon: so uuir uuelJen drinkan daz g eistliche uuazzer, daz uns giscen ket uuirt fone dem o munde unserro euuarton, so sculen uuir uzspiuuen za lle r erist alle die unsuberheit, da m ite uuir beuuollen sin ,188 Relativ se lte n wird »unsauber« verbal (etwa »verunsäubern«);189 verbreitet hingegen ist säubern ,190 geleg e n tlic h mit anderen Verben des Reinigens verbunden. Christus hat die W elt mit seinem Blut gesü bert

un(d) geraint.i9{

c) u n - l a u t e r , U n - L a u t e r k e i t Der Ausdruck lau ter , luter*92 meint »rein« vor allem im Sinne von »klar« und »unvermischt«; er läßt an sauberes W a sser oder durch­ sich tiges Glas, doch auch an von allen Beimischungen gereinigtes Edel­ metall denken (»lauteres Gold«). Da eine M etallveredlung m eist mit Feuer gesch ieh t, ist die »Läuterung« o f t ein Brenn- und Schmelzvorgang. »Lauter« ü b ersetzt häufig purus im Sinne von sim plex als »ehrlich« und »aufrichtig« (z.B. »lautere Beichte«; dazu Kap. IV,2b). Die Negativform unlauter und das Substantiv U nlauterkeit193 beziehen sich außer auf die e n t g e g e n g e s e t z t e unredliche Haltung (noch heute z.B. in »unlauterer W ettbewerb«) vor allem auf Sexuelles: »Unlauterkeit« ist b eson ders im Frühnhd. eine Umschreibung für die Sünde der Luxuria (dazu Kap. III,lc); sie f o lg t im »Narrenschiff« aus dem Tanzen: 184 D a zu LEXER, Bd. 2, Sp. 1942; D W b X I / 3 , Sp. 1305-1311. 185 D W b X I / 3 , Sp. 1310, b u c h t a u s e in e m B i r g i t t e n d r u c k s e u b e rk e i t

186 187 188 189 190

(1502):

un-

de r sünd.

M a r t i n v o n A rn b e rg , G e w i s s e n s s p i e g e l , ed. W E R B O W , S. 97 A pp. R h e i n a u e r G e b e t e ( D e n k m ä l e r , ed. W ILH E L M , S. 65). P h y s i o l o g u s , ed. MAURER, S. 94. D a zu D W b X II/1 , Sp. 20 4 0 ; vgl. BMZ I I / 2 , S. 719: (be)unsûbere. Z.B. J o h a n n G e i le r v o n K a i s e r s b e r g (DW b VIII, Sp. 1858): s o ein m e nsc h

von l as tren

e rle e rt

und g e sa u fe rt

wirt.

191 P r e d i g t e n , ed. GRIESH ABER, Bd. 2, S. 115. 192 D a zu BMZ I, S. 1058-1060; LEXER, Bd. 1, Sp. 1996-1998; D W b VI, Sp. 3 7 8 -3 9 0 ; vgl. H E R M A N N KRINGS, A r t . » L a u t e rk e i t« (H W b P h 5, Sp. 4 7 - 4 9 ). 193 D a zu X I / 3 , Sp. 1123-1125; vgl. e b d . Sp. 731 ( un g e lä u te r t).

102

Der W o r t s c h a t z der U n reinheit 61,12

Vß dantzen vil vnratts en tsprin gt Do is t hochfart / vnd iippikeyt Vnd fü r l o u f f der v n lu tte rk e y t .194

Das Adj. »lauter« nähert sich o f t sehr — auch im Sinne »frei von (Sünde)« — dem Adj. »rein«, mit dem es gern zw e i- oder mehrgliedrige Formeln eingeht;196 Christi M enschheit war lu te r und reine an aller

hande sunde.197

d) b e w e l l e n Das Verb ahd. biwellan, mhd. bewellen hat sich nicht bis heute erhalten; bereits im späten Mhd. ist es vornehm lich nur noch in den Partizipformen bew ollen und vor allem unbewollen (auch als V o ll­ kom m enheitsattribut) p rä se n t.198 Der — vielleicht vom »Wälzen« ( volutari) der Schweine in ihrer Suhle (dazu Kap. IX,1) herstam m ende — Ausdruck meint »Beflecken«, auch »Schänden«, vor allem in se x u e lle r H in sich t.199 Der Beter der Würzburger Beichte bekennt, sich s e lb s t b e fle c k t zu haben: ih biuual mih fora ubilero lu sti ente daz ih m it minan ougun gisah daz m i urloubit niuuas.200 Ehebruch wird umschrieben als »jemandem die Frau b ew ellen « .201 Auch s o n s t ist »bew ellen« ein viel­ se itig e s Verb des B efleckens. Vor der Erlösung waren »wir« mit Sünden b e fle c k t {W ir waren auch envollen in den sunden bew ollen ).202 Erst Christus war frei davon: daz was d er ere ste man, der sih in A dam es sunden nie nebewal.203 Beim »Streit der T öchter G ottes« w en det die »Wahrheit« ein, es en tspreche nicht G ottes Gerechtigkeit, der m ensche der sich will ec liehen „ bew ollen hete m it den sünden, daz der mensche

iem er s o lte kom en fü r dîn reinez a n tlü tze in dînen himelischen sal zuo dînen ungemeilten e n g e in 204 Der hl. Laurenzius kann denjenigen h elfen, die m it nôtin unde m it angisten begriffin sin t unde m it sundin bew ollin 194 B r a n t, N a r r e n s c h i f f , ed. L EM M ER, S. ISO. 196 Z.B. P r e d i g t e n , ed. S C H Ö N B A C H , Bd. 1, S. r eine si von h o u b th a fte n

328:

daz

er

lu t e r

und

sünden.

197 P r e d i g t e n , ed. S C H Ö N B A C H , Bd. 1, S. 29. Vgl. K a i s e r c h r o n i k 9082, M G H D t. C h r o n . 1/1, S. 248: e r i s t so l u t e r und s ô raine. 198 D a zu BMZ III, S. 672f.; LEXER, Bd. 1, Sp. 2SS ( b e - w e ll e n ); Bd. 2, Sp. 1771 ( u n -b e \ v o l len ); Bd. 3 N a c h t r ., Sp. 80. — R eiz voll w ä r e e s , die G e s c h i c h t e d e s A u s s t e r b e n s d i e s e s W o r t e s z u s c h r e i b e n ; die voi— liegende A rb e it k an n dazu z u n ä c h s t n u r M a terial b e r e its te lle n . 199 Z.B. Die a l t d e u t s c h e G e n e s i s 8 6 0 f ., ed. DOLL MAYR, S. 25: s o b e ­ g inn e t im e go l l en

daz e r sich hat pew'ollen.

200 W ü r z b u r g e r B e ic h t e ( S p r a c h d e n k m ä l e r , ed. ST E IN M EYER, S. 316). 201 P r e d i g t e n , ed. S C H Ö N B A C H , Bd. 2, S. 93: e tt e lic h e n b e w ill e t e r daz wip.

202 V o n d e r Z u k u n f t G o t t e s 267f. (SCH W A B, T h e m a CID, S. 15). 203 E z z o l ie d 177f. ( G e d ic h te , ed. SC H R Ö D E R , S. 18). 20 4 B e r t h o l d v o n R e g e n s b u r g , ed d . PFEIF FE R - STROBL, Bd. 1, S. 199.

bewellen

103

sin t.205 Der Sünder bekennt: 5173

M it sunden was ich bewollen, Ich han g e le b t m it vollen Nach m e ins leibs g e l ü s t 206

schon die Engel sich vor dem Gericht fürchten, treun, wie geschiht uns armen sûndærn dann die m it vil manigen sünden bewollen sint!207 B efleckend wirkt die »Welt« (dazu Kap. VIII,1); die Sünder sind sere m it der w eit bew ollen und m it w e rltliehen sunden bekum ert.208 Die Juden b efle c k te n sich mit »unsauberen Werken« (die sih iu beuuullan m it unsuberen uuerchan) 209 Mit Unrecht b e fle c k t war der »Gott« A pollo, sow ie Kaiser Alexander, der ihm Opfer darbrachte: M it meine was bew ollen Der g o t vnd och sin dienist man .21° Gott gibt den Armen Wenn

nicht mehr Reichtümer, damit sie sich nicht »mit vielfältiger Bosheit« beflecken: 2780

Wan er chennet ir hercz und ir muet: Ob s y hieten den vollen, Ir hercze wurd e t bewollen An vil maniger boshait, Darum er in das gu et verse it.2X1

Der T eufel bem üht sich, die M enschen mit verschiedenen Sünden zu beflecken: 886

Ettelichen man ile t der Satanas b ew ellen , cheren ab d er g u te m it starchem ubermute, e t s liehen m it kire, den anderen m it nide. etlichen e r inzundet, daz er lihte zürnet.

205 S p e c u l u m E c c l e s i a e , ed. MELLBOURN, S. 88. 206 H e i n r i c h v o n B u rg e is , D e r S e e le R a t, ed. RO SEN FE LD , S. 96; e bd . 5330f., S. 99: (die Se ele) D e w sich h at bew a lle n M it m a nig e r p o s e r sunde!

207 P r e d i g t e n , ed. S C H Ö N B A C H , Bd. 2, S. 10. 208 ( P r o s a - ) L a n c e l o t , ed. R E IN HO LD KLUGE, Bd. 1 (DTM 42) B e rlin 1948, S. 2 4 7 f .; z u m K o n t e x t SP EC K EN B A C H , F o r m , S. 338f. 209 P h y s i o l o g u s , ed. M A URER, S. 94. 210 H u g o v o n L a n g e n s t e i n , M a r t i n a 4,102f., ed. KELLER, S. 10; vgl. e bd. 8 4 ,4 3 - 4 5 , S. 210: Die s e le v ersw ac h it M it sünd en g a r b e w o lle n Dur dinen g o t appollen. D e r R e im b e r e i t s K a i s e r c h r o n i k 103f., M G H D t. C h r o n . 1/1, S. 81. 211 H e i n r ic h v o n B u r g e is , De S e e le R a t, ed. ROSEN FELD , S. 53.

104

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

m it mislichen scuJden ile t e r mennesken p e wellen.212 S ubstantivische Bildungen la ssen sich früh nachweisen. Der ahd. »P hysiologus« spricht allgem ein von »Liebschaften und Hurerei und all den Befleckungen, die dem Teufel gefallen«: m it uuine unde m it höre unde m it allen dien beuuollennussedon , die dem o diuuele lihchent .213 W o die Jüngere bairische Beichte das Sündigen in piuuellida mines lichnamin bekennt, ist konkret Pollution oder M asturbation gem eint (dazu Kap. III,lc).214 Mit unbewollen wird häufig im m aculatus ü bersetzt, etw a bei Christus als »m akellosem (Opfer-)Lamm« (vgl. Kap. II,le).215 Die hl. Martina war von keiner Sünde befleckt: Behuot vor allim meine Uon svnden vnbewollin.216 Berthold von Regensburg ermahnt die jungen Leute, die »noch u n b ew ollen sind von Sünden« ( die noch unbewollen sin t m it sünden ), das Herz von tödlich en Sünden freizu halten.217 Auch ohne weitere B estim m ung ist unbewollen im Sinne von »sündlos« verständlich. Berthold von Regensburg predigt über die Seligen im Himmel: die sæ ligen

und die rehten die âne schulde und unbewollen bî unserm herren blîbent, d er s î da beschaffen h a t , daz sie nie kein tœ tlic h sünde begiengen und ouch niem er m êr keine begân wellent, und alliu diu kleinen kint, diu reh te g e to u ft w erdent, diu sin t alliu z e himele geschriben ,218

e) b e s u l ( w ) e n Wie bei bew ellen , so ist auch bei den Verben, die mit mhd. sol »Schmutzlache« Zusammenhängen, häufig an das W älzen vor allem von Schweinen in der »Sqhle« ged ach t.219 Doch es kann auch allgem ein er ein B esch m utzen damit ausgedrückt werden. W er sich hier mit Sünde b e­ fle c k te (sw er sich to r s te hie besuln m it sun tlich er unvlat), dem 212 Die a l t d e u t s c h e G e n e s i s , ed. DOLLMAYR, 1099, S. 32: w ant wir tu elen neheine wile iöch m i t nide,

m it

S.

25f.;

vgl.

ebd.

uns p e w e lle n

1097-

m it hûre

u b erm û te iöch m it kire.

213 P h y s i o l o g u s , ed. MA URER, S. 94; FRANK, S t u d i e n , S. 14. 214 J ü n g e r e b a i r i s c h e B e ic h te ( S p r a c h d e n k m ä l e r , ed. STEIN M EYER, S. 315). 215 P r e d i g t e n , ed. S C H Ö N B A C H , Bd. 1, S. 362: d e s s u l t ir g o t b itte n C...D daz e r uch bren ge ad cenam agni immacula ti, z u d e r W ir ts cha ft d es unbe wol l e ne n la m b is ; vgl. A pk. 19,9 beati qui ad cenam nuptia rum agni v oc at i sunt .

216 217 218 219

H u g o v o n L a n g e n s t e i n , M a r t i n a 180,38 f., ed. KELLER, S. 454. B e r t h o l d v o n R e g e n s b u r g , e d d . PF EIF FE R - STROBL, Bd. 1, S. 390. B e r t h o l d v o n R e g e n s b u r g , e d d . PFEIF FE R - STROBL, Bd. 2, S. 172. D a z u BMZ I I / 2 , S. 466f. (sol); LEX ER , Bd. 1, Sp. 221, 230; Bd. 2, Sp. 1053, 1293, 1294; D W b X / 4 , Sp. 1007-1009; vgl. D W b I, Sp. 1691. Vgl. v o m E b e r in M a r j o d o s T r a u m ( G o t t f r i e d , T r i s t a n 13532f., ed. RANKE, S. 170): m it sin em sch u m e s o l g e t e r d az b e t t e und al die b e t t e w a t .

besul(w)en /

besudeln /

(be)smitzen, beschnieißen

105

drohte der hl. A m brosius h eftig mit den Strafen der H ö lle .220 Die Vor­ ste llu n g von der Sünde, mit der jemand b efle c k t ist ( die grozen sunde [...], da e r vor was b esu lw et an),221 s te h t hier beson ders gern in der Metaphorik des b eflec k ten Kleides; die hl. Katharina w iderstand dem alden hellediebe, der manigen s û lt die kusche w at.222 Die »Weiße des Herzens«, w elch e die hl. Martha in Tugend bewahren w ill, läßt eben­ fa lls an ein w eißes Kleid denken: ires herzen wize w olde si nicht

besulen t u n 223 f) b e s u d e l n In nhd. Quellen wird d ieses Verb durch (be)sudeln verdrängt.224 Vor allem Luthers Bibelübersetzung (z.B. Sir. 23,16 vnd besuddeln sich nicht m it dieser Sünde) trug zur Verbreitung bei.225 Die Fürsten, so heißt es bei Grimmelshausen, s o lle n sich nicht s e lb s t m it denen Sünden

und Lastern besudlen welche sie zu straffen von G O tt g e s e tz t s e in d 226 Wenn schon Heilige w egen kleiner Sünden in »jener W elt« schlim m e Peinen erdulden m üssen, so Abraham a Santa Clara, wie werden e rst

wir bestehen bey dem gerechten G öttlichen R ichter / die wir uns stü n d ­ lich / ja ö ffte r s m it läszlichen Sünden besudlen 227

g) ( b e ) s m i t z e n , b e s c h m e i ß e n Das ahd. als bismîz(z)an überlieferte Verb mhd. s m itze n , später (be)schmeißen und (intens.) (b e)sch m itzen 228 mag w egen der B edeutu ngs­ verbindung »werfen« und »schmieren« an das V erputzen von Häuser­ wänden erinnern.229 Im frühen Nhd. handelt es sich um — gern auch von Luther gebrauchte — kräftige Ausdrücke, die vor allem an den A usw u rf von Kot (besonders bei Vögeln) denken lassen.

220 221 222 223 224

225

226 227 228

229

D a s P a s s i o n a l 2 49,22f., ed. KÖPKE; d a z u a u c h Kap. II,2n. D as P a s s i o n a l 6 0 8 ,4 f., ed. KÖPKE. D as P a s s i o n a l 669,64f., ed. KÖPKE. D a s P a s s i o n a l 333,32f., ed. KÖPKE. D a z u D W b I, Sp. 1690f.; X / 4 , Sp. 929f., 939-9 43; LEXER, Bd. 2, Sp. 1286; KLUGE, W ö r t e r b u c h , ed. SEEBOLD, S. 713. D o r t j e w e i l s z u m V e r h ä l t n i s z u sudel(er) »K och«. V gl. A d a m P e t r i s B i b e l g l o s s a r v o n 1523 (L u th e r, S c h r i f f t , ed. VOLZ, S. 260*): B esudlen: v eru n re in en /be flecken . Vgl. DIETZ, W ö r t e r b u c h , Bd. 1, S. 28S. G r i m m e l s h a u s e n , V e r k e h r t e W e l t , ed. FRANZ G U N T ER SIEVEKE, T ü b i n g e n 1973, S. 18. A b r a h a m a S a n t a C la ra , W e r k e , ed. BE RTSCH E , Bd. 2, S. 433. D a zu BMZ I I / 2 , S. 433; LEX ER , Bd. 1, Sp. 220; Bd. 2, Sp. 1006, 1017; D W b I, Sp. 1582-1584, 1585; IX, Sp. 1006-1009, 1103; DIETZ, W ö r t e r ­ b u c h , Bd. 1, S. 270f. KLUGE, W ö r t e r b u c h , ed. SEEBOLD, S. 642.

106

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

h) b e s c h m u t z e n , S c h m u t z Die heute im Nhd. als Bezeichnung für Verunreinigen und Unreinsein üblichen Ausdrücke beschm utzen und sch m u tzig werden als Ableitung vom Nomen Schm utz empfunden, was e ty m o lo g isc h geseh en nicht zu ­ trifft. Mhd. sm u (t)z wurde offenbar umgekehrt aus sm u tzen »beflecken« g eb ild e t.230 Die Belege für diese Metaphorik sind durchweg spät und erstaunlich selten . Die in der vorliegenden Arbeit als Bedeutungsangaben fungierenden Ausdrücke wie Sündenschm utz 231 überschneiden sich deshalb kaum mit entsprechenden W ortform en in den älteren d eu tschen Quellen.

i) F l e c k , b e f l e c k e n Von den nominalen Bezeichnungen für das Verunreinigtsein, von denen jew eils Verbformen für das Verunreinigen ab geleitet sind, sei zu ­ n ächst vleck(e), später Flecken , v o r g e s t e llt (wobei die Bedeutungen » S toffe tz en « und »Örtlichkeit« hier außer Acht g e la sse n werden k önnen).232 Adjektive beziehen »Fleck« deutlich auf die Sünde (»sündlicher Fleck«);233 »sündige Flecken« brachten Luzifer und seine G esellen zu Fall (D er m it sündigen vlecken M it sinen valgenozen Von himele wart verstozen ) ,234 Gleiches gilt für die Genitivbildung »Flecken der Sünden«235 wie für das Kom positum Sündenflecken ;236 in der Beichte verbergen die M enschen gern ihre »Sündenflecken«: 8358

man vint vil der lu te di ir bichte ein deckekleit machen also ich han g e se it do m ite si irre sundenvlecken beide sus und so bedecken.237

230 KLUGE, W ö r t e r b u c h , ed. SEEBOLD, S. 645; vgl. LEX ER , Bd. 2, Sp. 1020; D W b I, Sp. 1186; IX, Sp. 1136ff. 231 D W b X / 4 , Sp. 1138, b u c h t n u r e in e n B e le g b e i G ö r r e s . / 232 D a z u BMZ III. S. 3 3 7 f.; LEXER, Bd. 3, Sp. 3 8 8 -3 9 0 ; /D W b III, Sp. 1740ff. ' 233 R u d o l f v o n E m s , B a r la a m u n d J o s a p h a t 2 7 4 6 - 2 7 4 8 , ed. PFEIFFER, Sp. 70 (von C h r i s t u s ) : âne siin tlîch en vlec was e r âne s ünd e hie, s ô daz e r sünde nie be gie ; a u c h e b d . 15029f., Sp. 377: s u n d e r s ü n t lîchen v l e c geru o ch e rih ten înînen wec; P r e d i g t e n , ed. LEYSER, S. 120: sû nt l i c he vlecken. 234 H e i n r ic h v o n H e s l e r , A p o k a l y p s e 14264-14266, ed. H E L M , S. 209. 235 Vgl. H e ilig e R e g e l, ed. PR IE BSCH, S. 9: ane v le c k e to t l i c h e r sunden. 236 M e c h t h i l d , L ic h t 111,10, ed. N E U M A N N , S. 89: (die Seele) w ir t v o r g e r i c ht e g e zo g e n in bibe n d er sc h e m m e d e , das g o t von ir sünd en v le ke n i s t s o dike v rômede. B e le g e z u »S U n d en fle ck « : D W b X / 4 , Sp. 1138. 237 B r u n v o n S c h ö n e b e c k , H o h e s l i e d , ed. FIS C H E R , S. 250.

beschmutzen, Schmutz /

107

Fleck, beflecken

A dam es sundenvlec meint die Erbsünde.238 Adam es vlecken in Christus nicht finden zu können, erstaun te den T e u fel.239 Auch ohne ausdrück­ liche Bedeutungsangabe ist o f t verständlich, w elche Art von Flecken240 gem eint sind: Treges tu m ensche d er vlecken icht an dir. so bite g o t daz e r sie dir ab neme.2Ar{ Ein einzelner S ch m u tzfleck am Gewand ist eine kleine Sünde: Der hl. Anno darf in1 einer Him m elsvision »w egen eines Fleckens vor seiner Brust« {durch einin vlekke vure sînin brustin) den für ihn b estim m ten Thron nicht b esteigen, er muß zuvor den Kölnern gnädig ihre Schuld vergeben.242 Eine Predigt unterscheidet mit drei Arten von Flecken drei Arten von Sünden: Drier hand fleken sint: der e rste is t der den wir g eerb et hant

von ûnserm ersten v a tte r Adam, und den nim t d er t ô f ab. d er ander is t höbet sünde, der die hat. der d ritte is t tägliche sünde ,243 A ls Jung­ frau brachte Maria Jesus »ohne Flecken« zur Welt: ane vleckin si magit von ime ginas .244 Außer lat. macula wird hiermit auch labes übersetzt. Schreibt Papst Innozenz III. über die Verächtlichkeit der m enschlichen Empfängnis: Conceptus in pruritu carnis, in fervore libidinis, in fe to re luxurie: quodque deterius e s t in labe p eccati ,245 so paraphrasiert dies Hugo von Langenstein als: 116,93

Horint kvm b er langen Wie wir sin enpfangen In b ö ser akvste Uon dez fleischis g e lü ste In vnkivschir m ugent Von angeborner vntugent Fleischlichir kvnde In dem flecken der sünde.246

Die Verbindung Schandfleck verstärkt den A spekt des Beschä­ m enden.247 Luther ü b ersetzt Sir. 20,26 obprobrium nequa in homine 238 H e i n r ic h v o n H e s l e r , E v a n g e l iu m N ic o d e m i 2207, ed. HELM , S. 86. 239 H e i n r ic h v o n H e s l e r , E v a n g e l iu m N ic o d e m i 2220, ed. HELM , S. 87. 24 0 Vgl. H u g o v o n L a n g e n s t e i n , M a r t i n a 90,63, ed. KELLER, S. 226: D iv s v e z e ane fle c ken.

241 P r e d i g t e n , ed. LEYSER, S. 44. 242 A n n o l i e d 734 ( u .ff .) , ed. NELLMANN, S. 56(ff.); vgl. L a m p e r t v o n H e r s f e l d (ebd. S. ISO): s e d p a rte m can den tis v e s tim e n ti, eam s c ilic e t, qua p e c t u s

t e ge ba tu r,

sordida

quaedam ac fed a c a lig o o b d ux e r a t.

243 St. G e o r g e n e r P r e d i g e r , ed. RIEDER, S. 298. 244 W i l d e r M a n n , V o n c h r i s t l i c h e r L eh re 95 ( D i c h tu n g e n , ed. MAURER, Bd. 3, S. S8S). 245 I n n o z e n z III., De m i s e r i a h u m a n e c o n d i t i o n i s 1,1,3, ed. M A CCA RRO N E, S . 8. 246 H u g o v o n L a n g e n s t e i n , M a r t i n a , ed. KELLER, S. 294f. 247 LEX ER , Bd. 2, Sp. 656, 6S8; D W b VIII, Sp. 214Sf.; vgl. e b d . Sp. 2154 ( Sc handmal ; sc ha n d m ase ) . Z.B. B eer, N a r r e n s p i t a l , ed. ALEWYN, S. 69: ob ich gle ic h o f tm a ls meine eigene Schand e n td e c k e n und mich s e l b s t f ü r denjenigen anklagen werde, S c handfl ec ke n b e m a k e lt ge w es en .

d e ss e n

Leben

m it

ta us e nd

108

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

mendacium als DJe Lügen is t ein hessJicher Schandfleck / an einem M enschen ,248 Ein ganz schlim m er Sünder ist ein »Schandfleck der ganzen W e lt« ,249 w obei Berthold von Regensburg b eson ders an die Konkubinen der Priester denkt: Pfi, du schantflecke aller der w erlte, die da bi

gew îhten liuten ligent unde sich lâzen t ta sten m it den henden, da m ite man d er m eide sun handelt!250 A ls Bild nur schw er nachzuvollziehen ist es, w enn die Seele der Maria Magdalena in solch en Flecken wie im M orast »steckt«: 8113

si sach ir sele steken in schædlichen fleken und in hoptsunden tief, dez si do hin sich weschen lie f zu der erberm d brunnen.25{

Das Verb beflecken252 en tsprich t — b esonders seit dem Frühnhd. — lat. maculare. Gott s o ll geb eten werden, Daß er begangne Schuld / die uns b efleck t / verzeihe 253 Neben »befleckt« kann »fleckig« stehen: sw az vleckecht m it sunden is .254 Die N egation un befleckt , u n bevlecket255 ü b e rse tz t im m aculatus z.B. in Jak. 1,27 inmaculatum se cu stodire ab hoc saeculo bei Luther: Vnd sich von der W elt vnbefleckt behalten.256

j) M e i l, ( b e ) m e i l e n Für lat. macula s te h t im Mhd. häufig m eil257 (etwa in der Ü ber­ se tz u n g von Cant. 4,7 e t macula non e s t in te als nehain mail n ist in dii258), g eleg e n tlic h von dem ety m o lo g isc h fremden mal »Kennzeichen,

248 L u t h e r , S c h r i f f t , ed. VOLZ, S. 1780. 249 B e r t h o l d v o n R e g e n s b u r g , e d d . PF EIF FE R - STROBL, Bd. 1, S. 205: Owê , daz ie dehein t o u f û f dich k a m , du s c h a n tfle c k e a lle r dirre w e r l t e ; vgl. e b d . Bd. 2, S. 152, 182, 218. 250 B e r t h o l d v o n R e g e n s b u r g , e d d . PF EIF FE R - STROBL, Bd. 1, S. 452. 251 D e r S a e l d e n H o r t , ed. ADRIAN, S. 147. 252 D a z u LEX ER , Bd. 1, Sp. 250; Bd. 3 N a c h t r ., Sp. 79; D W b I, Sp. 1263; DIE TZ, W ö r t e r b u c h , Bd. 1, S. 225. 253 A n d r e a s G r y p h i u s , C a t h a r i n a v o n G e o r g ie n . T r a u e r s p i e l , ed. ALOIS M. HAAS (RUB 9751) S t u t t g a r t 1977, S. 100. 254 D a s P a s s i o n a l 4,72, ed. KÖPKE. 255 D a z u LEX ER , Bd. 2, Sp. 1770; D W b X I / 3 , Sp. 2 7 4 -27 7 (unb efle c k b a r u n b e fl e c k t h e i t ) . Z.B. S c h i ll e r , M a r i a S t u a r t V,7 ( W e r k e , e d d . FRIC KE - GÖ PFERT, Bd. 2, S. 671): Was w eih t den P r ie s t e r ein z um M und d e s Herrn? Das reine H e r z , d e r u n b e fle c k te W andel. 256 L u t h e r , S c h r i f f t , ed. VOLZ , S. 2457. 257 D a z u BMZ I I / l , S. 9 4 -96; LEX ER , Bd. 1, Sp. 2 0 7 6 -2 0 7 8 ; D W b VI, Sp. 1906f.; a u c h FRANK, S t u d i e n , S. 19-21, 181. 258 St. T r u d p e r t e r H o h e s l i e d 51,31, ed. M E N H A RD T , S. 180; vgl. P r e d i g t e n , ed. S C H Ö N B A C H , Bd. 1, S. 69: min vrûndinne, du bis g a r s c ho ne und re ine , dûne has kein mayle\ e b d . S. 72.

109

Meil, (be)meilen

Fleck« nicht u n tersch ied en .259 Genitivbildungen wie d er sunden mail 260 b estim m en diesen Flecken als Sünde. Der Teufel hielt uns in seinem »Kerker« gefan gen umb der sünden m aile .261 Maria wird angesprochen als Frowe ane sünden m eil.262 Die »Rose ohne Dornen« trug Jesus 9343

In reinem m agetuem e, Daz ir kuscheite blueme Niekein sunden mal e n tp fie n c 263

Die Sünde wäre ein schw arzer Flecken bei einer D eutung der Lilie auf die K euschheit Marias: Bi der lylyen is t bezeichent die kuscheit. wanne die

lylye is t wiz vnd en hat keinen sw arzen wlechel. A lso waz vnser vrowe sen t maria wiz vnd rein ane a ller slachte mayle der sûnde.264 Oder Sünder »liegen« in diesem Schmutz {und ligent in der sünden m a il)265 Ein reuiger Beter bekennt, »sündenmeilig« zu sein (was von mal ab geleitet sein könnte): sw ie gar ich sündenmælic si, doch wont in m ir der riuwe ein a st 266 Der geistlich e Stand n ü tzt einem M enschen wenig, wenn sein Herz »von Sünden meilig« ist: 4305

Blatten, kappen sin t nicht heilic: Ist daz herze von sünden meilic Und b e zze rt sich niht von tage ze tage M it bîhte und m it riwen klage, So is t diu arbeit ga r verlorn Daz pfaf fe od er münich is t hoch geschorn 267

Verwandt sind Formulierungen wie »Meil des L asters«268 oder schänden 259 Z u niâl BMZ Iî/1, S. 21-25; LEXER, Bd. 1, Sp. 2014f.; D W b VI, Sp. 1493f. 260 Z.B. Die a l t d e u t s c h e G e n e s i s S635, ed. DOLLMAYR, S. 169: âne s unte n meile; H u g o v o n L a n g e n s t e i n , M a r t i n a 84,2 8 , ed. KELLER, S. 210: S m ehe von d e r svnden meil; e b d , 160.54, S. 40 4: Uon s ine r s v nd e n meile; W i n s b e c k e 54,7, e d d . L EIT Z M A N N - R EIF FENSTEIN , S. 31: ie g r oe ze r w i rt de r sü nden meil; H e i n r ic h d e r T e i c h n e r , G e d i c h t e 389,126129, ed. N IE W Ö H N E R , Bd. 2, S. 150: aver w e r nic ht w illen ha t l azze n

von

261 262 263 264 265 266

d e r su nden

mail,

waz

den

ändern

ist

ein

hail,

daz

564,1463, Bd. 3, S. 53; 5 8 0 ,7 4 , S. 116. M ic h e l B eh eim , G e d i c h t e 3 8 8,5 2 8, e d d . GILLE - SPRIEW ALD, Bd. 3/1, S. 110. H u g o v o n L a n g e n s t e i n , M a r t i n a 80,59, ed. KELLER, S. 201. H e i n r ic h v o n H e s l e r , A p o k a l y p s e , ed. HELM , S. 138. P r e d i g t e n , ed. LEYSER, S. 37. K a u f r i n g e r , W e r k e 27,101, ed. SAPPLER, S. 254. W i n s b e c k e 76,6f., e d d . L E IT Z M A N N - REIF FENSTEIN , S. 43; vgl. H e i n ­ r i c h v o n H e s l e r , A p o k a l y p s e 11687f, ed. H ELM , S. 171: D ise a b e r die i s t im alz

unnutzpâr; e b d .

su nden m e l i c

Sich machen...

267 H u g o v o n T r i m b e r g , R e n n e r, ed. E H RIS M ANN , Bd. 1, S. 177. 268 Z.B. V o m H i m m e l r e i c h 7,29 ( D i c h tu n g e n , ed. MA URER, Bd. 1, S. 385): ane l a st e r (e )s meile; z u la st e r m e ili g JU N G B L U T H z u m A c k e r m a n n , Bd. 2, S. 45.

110

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

m eil ,269 auch »mordmeilig« (dazu Kap. III,2a). A uf die Erbsünde beziehen sich Formulierungen wie diu m eil , diu uns an geborn sin t von m ennischîicher brôde.270 O ft s t e h t »Meil« a b solu t für »Sünde«;271 ins Him m lische Jerusalem geh t nichts Unreines ein (vgl. Apk. 21,27; dazu Kap. VIII,4): diu buric nehein m eil d o lt.272 Das Verbrechen Kains nennt das »Anegenge« die michelen sunte und daz vil michel m e i l 273 Vor der S intflut »bereute« Gott, die M enschen ersch affen zu haben, wand er vil manic m eil s a c h 27Af W enn man sich von houbethaften mailen »beschneiden« so ll, dann sind damit schw ere Sünden gem ein t.275 Die Bedeutung kann durch ein z w e ites Glied der A ussage b estim m t werden; der hl. Laurenzius wurde mit Feuer gem artert, und was îdoch an im dehein m eil noh suntlichiu dinch 276 Häufig bezieht sich a b so lu te s m eil auf G esch lech tlich es, beson ders im Zusammenhang mit der Jungfrauen­ geburt: Jesus wart mensch von dem lautern rainen leib unser frawen an alleu mail 277 Beim Priester Wernher grüßt der Engel Maria mit den Worten: Aue , g o t g ru zze t dih Marie , div von allem m eile b ist frie 278 Auch der jungfräuliche Elias war unberührt uon allem m æile 279 Verbal finden sich neben meil(ig)en auch (sich) vermeil(ig)en 280 und b e m e ilig e n 281 W enn ein M ensch vom Teufel dazu gebracht wurde, das engeliske leben der Jungfräulichkeit zu verlassen, so hat er sich g e 269 Z.B. F r a u e n l o b XII,6,19, e d d . ST A CK M A N N - BERT AU, S. 541; J ö r i g e r ( L ie d e r d i c h te r , ed. CRAMER, Bd. 2, S. 105): hüt dich v o r sc hä nd en meil; vgl. JU N G B L U T H z u m A c k e r m a n n , Bd. 2, S. 168. 270 P r e d i g t e n , ed. JE IT T E L E S , S. 107. 271 S a n t e S e r v a ti e n L e b e n 193f., ed. W IL H E L M , S. 158: Do die m it manig em m æ i le waren b e st o b e n g o t æ in mu otich beg unde n loben. 272 H i m m l i s c h e s J e r u s a l e m 127 (G e d ic h te , ed. SCH R Ö D E R , S. 100); a n d e r e H e r a u s g e b e r ä n d e r n in mein; vgl. S a n t e S e r v a ti e n L e b e n 316f., ed. W ILH E L M , S. 161: in d er h imelisch en Syon, diu da d u ld e t dehæin masin.

273 A n e g e n g e 1577f., ed. N E U S C H Ä F E R , S. 95; d i e s k n ü p f t a n d a s M o tiv v o m B e f l e c k e n d e r j u n g f r ä u l i c h e n E r d e an; dô g e m e ilt e d az b lu o t die m age t re inen erde (1571f., e b d.). 274 A n e g e n g e 1800, ed. NEUSCHÄFERA S. 107. 275 K a i s e r c h r o n i k 9426, M G H D t. ChroVi. 1/1, S. 255. 276 P r e d i g t e n , ed. JE IT T E L E S , S. 128. 277 K o n r a d v o n M e g e n b e r g , B u c h d e r N a t u r , ed. PFEIFFE R, S. 310; P r e d i g t e n , ed. JE IT TE L ES , S. 129: ( C h r i s t u s ) d e r s i e r c hô s ûz a lle r dirre w e r l t im ze in e r m u o ter, daz si, u n bewolle niu an meil, ân sunde, ein sal w æ re des heiligen ge iste s; O s w a l d v o n W o l k e n s t e i n , L ie d e r 111,17f., e d d . KLEIN u.a ., S. 262: die in keu schlic he n hie g e b a r an w e und mail; vgl. e b d . 114,5-7. S. 287: de s s i g enas, m agt vor und nac h , von ainer sprach, Ave, an mail e m p fie n g , gebar.

278 P r i e s t e r W e r n h e r , M a r i a D 2417f., e d d . W ES LE - F R O M M , S. 119. 279 P r i e s t e r W e r n h e r , M a r i a D 1581, e d d . W E S L E - FR O M M , S. 88; die H s . A (1433, ebd.) l i e s t h i n g e g e n von allen weiben. 280 H a n s R o s e n p l ü t , R e i m p a a r s p r ü c h e 8,5 8, ed. R E IC H E L, S. 89: M e nsc h, wenn du dich m it su nden verm eiligst. Vgl. LEXER, Bd. 3, Sp. 176; D W b X II/1 , Sp. 852. 281 A b r a h a m a S a n t a C l a r a , W e r k e , ed. BE R TS C H E , Bd. 3, S. 191: das d e r Me nsc h, so von d e r e rb sin d t be m ailige t eingehen in das reich g o t t e s .

wor de n,

ohne ta u f nit khan

Makel

111

m eilegot, der tiu fel des lachot.282 In den Himmel kom m en nur die lûtern und die reinen , die von deheinen sünden sin t gem eiiet 283 Lat. im m aculatus en tsprich t dann auch ungemeil(ig)t usw .;284 so bei Christus als »m ak ellosem Lamm« (hier in der G o tte sk n e ch t-V isio n von Jes. 53,7): 8896 der uns allen verlîhet daz leben,

der wirt z e dem tô d e gegeben als ain ungem ailtez lembelin: ez en tu ot niht û f den m unt s î n 285 In der Beichte so ll der svnden mal abgew aschen w erden.286 Der Priester Wernher b itte t die G o ttesm utter, seine sinne und seine brust von aller slahte meile zu reinigen, um würdig über sie dichten zu können.287 Maria erfährt vom Engel bei der Verkündigung ihre h e ils­ g esch ich tlich e Bedeutung: 1571

du s o lt vertrîben al diu meil diu menschlich kiinne dô gevienc, dô ver Eva die sünde begienc 288

Kaum ist der Mensch durch die Taufe »rein von jedem Meil«, da beginnt ihm schon der Teufel nachzustellen: 828

So der man wirt g e tö ffe t, so is t er aller siner sunten b e strö ffe t, so is t e r reine an alle meile. so beginnet sin uaren der ê uerriet Adam en.289

k) M a k e l Gegenüber mhd. m eil s e t z t sich im Nhd. die im Spätmhd. auf­ tauchende Lehnbildung M akel — zum indest schriftsprachlich —

282 Die a l t d e u t s c h e G e n e s i s 8 4 6 f., ed. DOLLMAYR, S. 24. 283 A l b e r , T n u g d a l u s 2103-2105, ed. W AGNER, S. 183. 284 D a zu u.a. LEXER, Bd. 2, Sp. 1758, 1848, 1959; D W b X I / 3 , Sp. 2061; M E L LBO URN zu S p e c u l u m E c c l e s i a e , S. C X X X I. Vgl. H ü l z in g ( L ie d er­ d i c h t e r , ed. CRAMER, Bd. 2, S. 69): m it su nd en unfe rme ile t. 285 K a i s e r c h r o n i k , M G H D t. C h r o n . 1/1, S. 245 (als J e r e m i a s - Z i t a t ! ) . 286 B a v n g a r t , ed. UNGER, S. 284: Du s o l t rivlichen vnd d emûtic hliche n v nd e inv alt ic hli chen bihten vnd die b u zze a lso andahtichlichen s pre chen, d az d e r sv nde n mal g a r ab ge w as ch en werde.

287 P r i e s t e r W e r n h e r , M a ria 4 - 6 , e d d . W ES LE - FR O M M , S. 2. 288 B r u d e r P h ilip p , M a r i e n l e b e n , ed. R Ü CK ERT, S. 43. 289 Die a l t d e u t s c h e G e n e s i s , ed. DOLLMAYR, S. 24.

112

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

durch.290 Dabei nimmt »Makel« in der Regel m askulines Genus an, mit Ausnahme th e o lo g isc h e r Fachliteratur, in der von »einer Makel« (im Sinne der term in olo gisierten macula) die Rede sein kann. Außer macula ü b ersetzt »Makel« lat. lab es ,291 Ein späteres Kom positum ist Sünden­ m a k e l 292 Die Verbformen en tsprechen denen von m eil ( be m a k e ln 292 vermakeln293) , eb en so existiert zu im m aculatus die Form unverm akelt'295 etw a in einer D efinition von »heilig«: heiligk. is t als vil g e s a g t.

als rein, vnschuldig vn(d) vnuorm ackelt.296

1) M â s e Das (fast immer im Plural verwendete) W ort m â se297 bezeichnet neben einem (entstellenden) Flecken vor allem W unden und Narben. Narben sind gem eint, wenn es im »Erec« von einem P flaster heißt, es sch ü tze vor m âsen , so daß man der Haut nicht ansehen konnte, daß dort je eine Wunde g e w e se n wäre (vv. 5144-5147).298 Christus zeigte seinen Jüngern nach der A ufersteh un g die masen siner wunden,299 also seine Wundmale, die bis zum W eltgerich t erhalten bleiben: sein wunden die

waren g e h eilet, iedoch waren die masen da beliben und sint dennoch da und belibent da untz an daz ju n gist urteil.300 Der ungläubige Thomas sprach: Ihn g elo b ez niemer, ih engrife die wunden siner siten, unde ih gesehe die masen an sinen henden unde an sinen uuzen .301 Diese m edizinische V orstellu n g früherer V erwundungen kann m itschw ingen, wenn von den alten mâsen minre sunde die Rede is t .302

290 Zu » M a k e l« D W b VI, Sp. 1488f.; a l s ä l t e s t e S t e l l e g i l t F r a u e n l o b V,60,18, e d d . ST A CK M A N N - BERTAU, S. 424 (vom S ü n d e n f a ll ) : und von

de m m ak e l

wil Ich clagen.

291 Z.B. A b r a h a m a S a n t a C la r a , W e r k e , ed. BE RTSCH E , Bd. 1, S. 77 ( z u r U n b e f l e c k t e n E m p f ä n g n i s ) : non enim d e c e b a t Sanctuarium Dei in s e habe re aliquam labem, s. Thom: de Villan, dan e s z i m b t e d as das h e i l t u m b G otes in sich s o ll haben einige makl.

sich

nit,

292 A b r a h a m a S a n t a C la r a , W e r k e , ed. B E RTSCH E , Bd. 1, S. 465: sein gw is se n m it

e in er tetlich en

sin dte n m a kl

vervnrainiget.

293 294 295 296 297 298

D a z u D W b I, Sp. 1457. D a z u D W b X II/1 , Sp. 839. D a z u D W b X I / 3 , Sp. 2059. M a r c u s v o n W e id a , A u ß l e g u n g e , ed. VAN DER LEE, S. 63. D a z u BMZ I I / l , S. 85f.; LEXER, Bd. 1, Sp. 2 0 5 6 (f .) ; D W b VI, Sp. 1698f. H a r t m a n n v o n A ue, E re c , e d d . ALBERT LEIT Z M A N N u.a. (ATB 39) T ü b i n g e n 61985, S. 180. 299 P r e d i g t e n , ed. S C H Ö N B A C H , Bd. 2, S. 89. 300 P r e d i g t e n , ed. S C H Ö N B A C H , Bd. 2, S. 90. Vgl. B e r t h o l d v o n R e g e n s ­ b u r g , e d d . PF EIF FE R - STROBL, Bd. 2, S. 166: e r h e te iuch dannoch a lso l i e p , daz e r die mâsen u n geh eilet liez, d a rumb e daz e r iw e r niht v e rgæze .

301 P r e d i g t e n , ed. H O FFM A N N , S. 75; vgl. P r e d i g t e n , ed. GRIESHABER, Bd. 2, S. 36: e r seh e denne an sinen handen. die mâs a d e r wundo. 302 St. T r u d p e r t e r H o h e s l i e d 126,15, ed. M E NH ARDT, S. 265.

Mâse

113

A llgem ein ü b e rse tz t m âse lat. macula,303 auch im t h e o lo g isc h term in ologisierten Sinne.304 Zu Sap. 7,26 speculum sine macula heißt es im Hin­ blick auf Christus, D er da ein gew arer Spiegel ist, Aen flecken und aen alle masen i s t .30S Für die u nb efleckte Keuschheit der hl. Katharina gilt: ir kuschliche tugende bleib genzlich ane masen 306 Der Mensch s o ll Zusehen, das du h abest ein reine lu te r hertze, in dem kein flecke noch m ose der sünden sige 307 »Ohne Sündenmasen« war Christus auch im Sinn von »jungfräulich«: 235,49

Er was och ane getiusche ü il reine lu te r vnd kivsche Ein m agt ane svnden masen Dez wir die warheit la s e n 306

So ist das Verb (ver)masigen häufig Synonym zu vermailigen u sw .309 Marquard von Lindau erinnert daran, daß vn ser werk vnd begird sind verm assget vnd vnluter .310 Der M ensch so ll alle Orte meiden, da din reinekeit gem asiget und geunreinet m ag werden 3n Auch s o n s t wird die »Reinheit« b eflec k t (sw a s masen mag die rainikait gar der edel küschen ma i t ) 3i2 Der Kaiser in der Martina-Legende raste vor Ungeduld und b efle c k te seine Seele ( Von vngedult rasende Sin sele mazende ).313 Substantiviert wurde das Verb als vermâsegunge\ so verw endet Konrad Bömlin vermoseiunge der seien als Synonym für fle c k e ,314 Verschiedene Formen variieren unbemasigt als »unbefleckt«;214 Johann von S o e st betet: O g o t, myn schepfer, eyngher tro st, Von a ller m ackel om b em o st .316 303 K o n r a d v o n H e l m s d o r f , S p ie g e l 7S-78, ed. LINDQVIST, S. 2 (zu C a n t. 4,12): Das Got i r m âg tlich h erz b e sl o s s , Das e s w as a lle r mâ s e n bloss,

Und e s v e rs ig le t vesten klicli

Von allen s ünd en e we nk lic h.

304 Z.B. B e r t h o l d v. C h i e m s e e (DW b VI, Sp. 1906f.): z u m vierden l ä s z t die s ün d hi nder i r ain masen o d e r mail, die an m ens c hlic he m g e i s t hangt.

305 P i l g e r f a h r t 3579f., ed. BÖM ER , S. 81. 306 D as P a s s i o n a l 669,6 8 f., ed. KÖPKE. 307 K o n r a d S t r ö b e r ( ? ) , P f i n g s t m o n t a g s p r e d i g t ( S c h r i f t t u m , ed. RU H , Bd. 2, S. 118). 308 H u g o v o n L a n g e n s t e i n , M a r t i n a , ed. KELLER, S. 592. 309 LEXER, Bd. 3, Sp. 175; vgl. Bd. 1, Sp. 176 (bemâsen); Sp. 2057 (mâ s e n) . D W b X II/1 , Sp. 8 4 4 f . Vgl. z u K o n r a d v o n M e g e n b e r g , B u c h d e r N a t u r , ed. PFEIFFER, S. 396 (die L e u te , die ge m a ilig t s int m it unkäusch) die V a r i a n t e n v erm aligt u n d g e m a s e t (ebd. S. 542). 310 M a r q u a r d v o n L in dau, P r e d i g t z u M a r ia e G e b u r t ( S c h r i f t t u m , ed. RUH , Bd. 2, S. 63). 311 H e ilig e R e gel, ed. PRIE BSCH, S. 3. 312 D e r S a e l d e n H o r t 7355f., ed. ADRIAN, S. 134. 313 H u g o v o n L a n g e n s t e i n , M a r t i n a 83,39f., ed. KELLER, S. 208. 314 K o n r a d B ö m lin , U n u s e s t m a g i s t e r v e s t e r , C h r i s t u s ( S c h r i f t t u m , ed. RUH , Bd. 2, S. 86); R U H b u c h t d ies im G l o s s a r (S. 378) u n t e r » v e r m a s e g u n g « ; LEX ER , Bd. 3, S. 175, h a t vermâsung e. 315 Vgl. LEX ER , Bd. 2, Sp. 1848 (u n -g e m â s e t) ; Sp. 19S9 (u n -v e r m â s e t) ; D W b X I / 3 , S. 20S9 (u n verm aset - u n ve rm as ig t). 316 W IEGA ND, H a n d s c h r i f t , S. 88.

114

Der W o r t s c h a t z der Un rein heit

Maria ist ein Juter m aget v n b e m o se t317 Z w eifelsfrei handelt es sich bei mâsen um Schm utzflecken, w enn die Seele von ihnen gew aschen werden so ll:318 Darumb so wesch die selb ig rein, Das sie behalt der m osen kein.319 Freidanks Bitte, der Empfang der Eucharistie m öge »uns erläutern und reinigen«, heißt in Sebastian Brants Bearbeitung, Christi Leib und Blut Mach (uns) lu te r vnd von m osen reine.320 Nicht ins F egefeuer m üssen die V ollkom m enen, die do

g an tz g e la w te rt sint von allen masen.321

m) K l u t e r Die recht u nsp ezifisch e Schm utzbezeichnung k lû te r oder k lu te r322 — auch g e k lu te r323 — tritt vornehmlich in md. T exten auf, und zwar durch­ w eg im Reim auf luter, zum Beispiel im Hinblick auf die S ch uld losigk eit von Kaiserin Kunigunde (dazu Kap. V,2j): ir m uot der was vil lu te r von alles la ste rs k l u te r 324 Heinrich von H esler spricht mehrmals vom »falsch en Kluter«, w as an eine verfälschende Beim ischung des Edel­ m e ta lls denken läßt: 12650

Vor Gote is t kein lugene Noch is t kein velschlich k lu tte r Iz m uz sin allez lu tte r Swaz da sal vinden gnaden vunt.323

317 E l s ä s s i s c h e L e g e n d a A u re a , Bd. 1, e d d . W ILLIA MS - W IL L IA M S­ KRAPP, S. 532. 318 J o h a n n G e i le r v o n K a i s e r s b e r g (DW b VI, Sp. 1699): und die ma s e n d e r l a s t e r , s o e r an im s e lb s e rsieh t und erkent, durch b e s s e r un g a b ­ gesehen

und t ilgen

müg.

319 T h o m a s M u r n e r , B a d e n f a h r t , ed. M IC H EL S, S. 142. 320 S e b a s t i a n B r a n t, N a r r e n s c h i f f , ed. FRIED^TCH ZARNCKE, Ndr. D a r m ­ s t a d t 1964, S. 165 (A nhang); vgl. F r e i d a n k , B e s c h e i d e n h e i t 181,18, ed. BEZZ ENBERGER, S. 232; d a z u Kap. X I ,4 b »Das B l u t u n d die E u c h a r is t ie « . 321 M a r q u a r d v o n L in d a u , B u c h d e r z e h n G e b o t e , ed. VAN MAREN, S. 42. 322 D a z u LEXER, Bd, 1, Sp. 1641; B E C H S T E IN z u E b e r n a n d , H e i n r ic h u n d K u n i g u n d e , S. 58f.; HELM zu H e i n r ic h v o n H e s l e r , E v a n g e l iu m N ic o d e m i, S. LXXVII. 323 H e i n r ic h v o n H e s l e r , A p o k a l y p s e 21741-21743, ed. HELM. S. 319: d a s W e iß e a m S a r d o n i x (Apk. 21,20) Daz d u t e t irs herz en lu tte r , Wen sie nic ht m i t

dem g e c l u t t e r

D er w erlde

w o ld e

umme gen.

324 E b e r n a n d , H e i n r ic h u n d K u n i g u n d e 1427f., ed. BECH ST E IN , S. 58. 325 H e i n r ic h v o n H e s l e r , A p o k a l y p s e , ed. HELM. S. 185. Die E r b s ü n d e a ls vo m T e u f e l d e r Q u e l l e b e i g e m i s c h t e r S c h m u t z d e r s ., E v a n g e l iu m N ic o d e m i 3378-3 383, ed. HELM , S. 137: O w e me nsc he , din g e s p r inc daz hub sich e r s t vil luter; da m ac ht ich manic c lu t e r darunder, daz i z trü be wart; nu lu t e r t a b e r g o t dine art m it s i ne r e de l e n g e b o r t. » K lu te r « a ls s c h l e c h t e B e im i s c h u n g a u c h B ru n

v o n S c h ö n e b e c k , H o h e s Lied 5797f., ed. FIS CH E R, S. 175; e b d . 6641f., S. 200-, 12061f., S, 361.

KJuter /

Unflat, unflätig

115

Auch Substantivbildungen zu lu te r reimen auf d ieses Wort; so ist der T eufel »schwarz«, Wen her m it valschem k lu tte re Sin engelischen lü tte re Vorloz C...].326 Gleiches gilt vom »Läutern« als Verb des Reinigens: 8887

[...] man sal den gedanc Setzen in sulchen getw an c Daz man daz herze lü tte re Von allen valsehen k lu tte re .327

Ebenso s t e h t die Verbform beklûtern328 in diesem Reim. Uber das Sündigen nach der Reinigung durch die Taufe heißt es bei Heinrich von Hesler: 22518

Wen her is t ein selic man D er drinne wirt g e lu tte r t Und sich nicht sin t b e c lu tte rt M it ungebuzten sunden.329

n) U n f l a t , u n f l ä t i g Das noch heute vorkom m ende W ort Unflat330 ist ein kräftiger A u s­ druck für Unreinheit überhaupt wie b eson ders für b eschm utzend e Materie. Es findet sich häufig im M itte l- und Frühneuhochdeutschen zur negativen Bewertung von Sünde und Laster, was vor allem auch für die Adjektivform unflätig gilt, die noch in der Bedeutung von »unan­ ständig« (etwa in »u nflätiges Verhalten«) gebräuchlich ist. Die Vorsilbe »Un-« wird dabei offenbar nicht als N egation empfunden; die ohnehin selteneren positiven W ortform en mhd. vlât bzw. vlæ tic für Reinheit und Schönheit scheinen im t h e o lo g isc h e n oder eth isch en Sinn nicht verw endet worden zu sein.331 »Unflat« hebt den A spekt des A bstoß en den und Ekelerregenden an der Unreinheit hervor, w eshalb o f t A usscheidungen 326 327 328 329

H e i n r ic h v o n H e s l e r , A p o k a l y p s e 10881-10883, ed. HELM . S. 160. H e i n r ic h v o n H e s l e r , A p o k a l y p s e , ed. HELM. S. 131. D a zu H ELM zu H e i n r ic h v o n H e s l e r , E v a n g e l iu m N ic o d e m i, S. LXXV. H e i n r ic h v o n H e s l e r , A p o k a l y p s e , ed. HELM . S. 330; vgl. e b d . 18056f., S. 265. D e r s ., E v a n g e l iu m N ic o d e m i 4150-4159, ed. H ELM , S. 171: f ü r die E r l ö s u n g m u ß t e C h r i s t u s d e n M e n s c h e n in d e n T o d f o l g e n , und m u s t das v le isc h vornuwen,

daz in d er erden s chuld e,

w e nz iz

g a r irv ulde, daz iz von dem mein e w or d e l u te r unde reine, da e z wras m i t e b ec lu tert; die s e le ouch g e l u te r t in d e r h e lle w o rde v ast e , als iz g o l t in dem ta st e , da man iz inne r eine t.

330 D a zu u.a. KARL EULING (DW b X I / 3 , Sp. 5 44-5 6 5 ); BMZ 3, S. 335f.; LEXER, Bd. 2, Sp. 1975f. 331 D a z u LEXER, Bd. 3, Sp, 388; D W b III, Sp. 1728f.; LUISE BERTH OLD, A l t d e u t s c h e s W o r t g u t in d e r h e u t i g e n M u n d a r t (E rbe d e r V e r g a n g e n ­ h e it . FS K a rl H e l m , T ü b i n g e n 1951, S. 237-243) S. 241f.

116

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

des — gesun den wie kranken — Körpers damit gem eint sind und »un­ flätig« sich auf Krankheiten wie A ussatz, A u ssch la g usw. beziehen kann.332 Luther ü b e rse tz t die coinquinationes mundi (2 Ptr. 2,20) als vnflat der W elt.333 Tauler um schreibt Jes. 64,6 quasi pannus m enstruatae universae iu stitiae nostrae als Unser herre sprach durch Ysaiam: »üwer gereh tikeit is t ein unflat vor minen ögen«,334 Im Bildwort von den »getü nchten Gräbern« (Mt. 23,27) en tsprich t vnflat dem lat. omni spurcitia , mit denen sie a n g efü llt sind;335 eb en so finden sich in körper­ lichen Jungfrauen unkeusche Gedanken als unflad .336 Die hl. A gnes w e is t einen Verehrer, der sie verführen will, sc h r o ff ab: alle din g e s e lle sch aft is t m it sunden behaft und m it vleclicher unvlat.337 Auch s o n s t ist die U nkeuschheit ein »Unflat«: Diu s tin k e t ouch fü r den

almehtigen g o t und fü r alle sîn engele. Pfî, ti^nascher, so l man sulichen unflât von iu hœren!338 In einem Bordell (g e lä ste rt hus) erwerben Frauen ihren Lohn m it unvlat.339 Die hl. Luzia s o ll t e in einem Bordell das »keusche Kleid« ihres Leibes (dazu Kap. VII,1) mit solch em »U nflat« b e­ flecken: da so ld e si ir kusche wat besuln m it rec h te r unvlat.340 Am Teufel ist ein H öchstm aß von un f l â t 341 Mit dem »U nflat der b ösen Gedanken« b e sc h m u tzt er den Müßiggänger: Wann wer m usig g e t , in den

w irf e t er seinen unflat der pozen g ed a n ck en 342 Menschen, die »unflätig« leben, werden s e lb s t als »Unflat« b eschim pft. Nach dem sog. »Heinrich von Melk« wird von den unkeuschen Priestern m it ir wiben niemand gerettet: 731

war gidenchet manic unflat, daz si leb en t ane riwe, wan si de he ine triw e z e den ir wiben m er vindent?343

332 BAYER, E th i k , S. 398. 333 L u t h e r , S c h r i f f t , ed. VOLZ, S. 2420. Vgl. T a u l e r , P r e d i g t e n , ed. VETTER, S. 116: die w e i t m it a lle r ire unflat. 334 T a u l e r , P r e d i g t e n , ed. V ETTER, S. 73 ( h ie r v e r b u n d e n m i t Ez. 36,17). 335 L u t h e r , S c h r i f f t , ed. VOLZ , S. 2014: A b e r inw e n d ig s ind s ie v o lle r T odte nbe in / v nd a lles vn flats; vgl. z.B. H u g o v on T r i m b e r g , R e n n e r 18240, ed. EH RIS M A N N , Bd. 3, S. 53. 336 J o h a n n e s R o t h e , Lob d e r K e u s c h h e i t 411-414, ed. N E U M A N N , S. 12: die ouch an dem üb e sin t ku sch g e s t a l t unnd unk u s c he r g e d e nc k e n hand kein e nhalt, den g e m a le ten grebern si g lich s int, da man den unflad inne vint.

337 338 339 340 341

D as P a s s i o n a l B e rth o ld von D a s P a s s io n a l D as P a s s io n a l B e rth o ld von

112,9-11, ed. KÖPKE. R e g e n s b u r g , e d d . PF EIF FE R - STROBL, Bd. 2, S. 140. 8,7, ed. KÖPKE. 29,32f., ed. KÖPKE. R e g e n s b u r g , e d d . PF E IF FE R - STROBL, Bd. 1, S. 413:

Mû se ht , wie schoene diu lie h te sunne s î w ide r d e r unre insten k r o te n die i r ie g e sâ h e t , noch schcen er i s t ein k r o t e an dem

w id e r d em

un flâ te

de r

t iuv e l i s t.

342 M a r t i n v o n A rn b e rg , G e w i s s e n s s p i e g e l , ed. W E R B O W , S. 90. 343 H e i n r i c h v o n M e lk , P r i e s t e r l e b e n ( D i c h tu n g e n , ed. M AURER, Bd. 3, S. 301).

Unflat, unflätig

117

A ngelus Silesius begründet d ieses Schim pfwort in dem Epigramm Was

man is t das Liebt man: Jeds Liebet was es is t / der K äfer seinen m ist / Den unflat lib estu weil du ein unflat b is t ,344 Auch w enn es sich bei der Sünde nicht um etw a s V erbotenes handeln würde, dann s o ll t e sie dem M enschen verächtlich sein w egen vieler Arten von g rô z unflat Die diu sünde an ir h a t 345 (dazu Kap. 1,15). Wird hierbei das Negative am sündigen Handeln an sich b etont, so ist w ohl ergänzend dasjenige, was zwar ungehörig, doch nicht gerade Sünde ist, gem eint, wenn es von der D em ut heißt, sie h a zzet sünde und allen unflat .346 Eine verstärkende Umschreibung für »Sünde« ist die Genitivkonstruk­ tion vom unvlat der sünden .347 Heinrich von H esler b ittet Gott im Dichtergebet: Verbirc da unser sunden unvlat Und irbarme dich über din h a n tg e ta t .348 Berthold von Regensburg hält einer (hypothetischen) Kindsmörderin vor: Pfi dich, daz ie dehein t o u f ûf dich kam! W iltû der sünden unflat triben unde der arbeit niht lîden m it den kinden ?349 Die Bedeutungsangabe findet sich auch in Adjektivform als »sündlich«; ein Jüngling schloß sich den (schlechten) gesellen an, 240,5 3

die e r sach m it su n de(n) leben er gienc e gelich enneben an manigerhande m eintat m it suntlicher vnvlat der er vil p flach an aller s ta t.350

der Sünden {siner sünden unflêtikeit;351 H ym m elischer vater. beware vnßer h ertze vo(n) aller vnfletickeit. der sunde352) sow ie der Laster.353

Substantiviert wurde »unflätig« als »U nflätigkeit«

344 345 346 347 348 349 350 351 352 353

A n g e l u s S i l e s iu s , W a n d e r s m a n n VI,125, ed. GNÄDINGER, S. 266. H u g o v o n T r i m b e r g , R e n n e r 22861f., ed. EHRISM ANN , Bd. 3, S. 244. H u g o v o n T r i m b e r g , R e n n e r 12004, ed. EHRISM ANN , Bd. 2, S. 109. M e c h t h i l d , L ic h t VI,1, ed. N E UM ANN, S. 205. H e i n r i c h v o n H e s l e r , A p o k a l y p s e , ed. HELM , S. 2 A pp. B e r t h o l d v o n R e g e n s b u r g , P r e d i g t e n , e d d . PFEIF FER - STROBL. Bd. 1, S. 71. D a s A l t e P a s s i o n a l , ed. K. A. H A HN, F r a n k f u r t a .M . 1845; z u m M o tiv SCH UM A CHER, Jo h a n n e s. H u g o v o n T r i m b e r g , R e n n e r 18202, ed. EHRIS M ANN , Bd. 3, S. 51. M a r c u s v o n W e id a , A u ß l e g u n g e , ed. VAN DER LEE, S. 63; vgl. J o h a n n G e i le r v o n K a i s e r s b e r g (DW b X I / 3 , S. 564): die u n fle tig k e it d e r sünd. J o h a n n G e i le r v o n K a i s e r s b e r g (DW b X I / 3 , S. 564): in d e r unflä tik a it d e r l a st e r.

118

Der W o r t s c h a t z der U n rein heit

o) W u s t Der Ausdruck »W ust«3S4 s te h t — vor allem se it dem Frühnhd. — eb en fa lls häufig für Körpersekrete und andere Schmutzmaterien, wurde aber offenb ar als w eniger drastisch em pfunden als »Unflat«. A ls w üst im Sinne von »Kehricht« m ü sse n die Sünden mit dem »Besen der Beichte« z u sa m m e n g e fe g t werden (dazu Kap. XI,7).355 In der Metaphorik des »Tempels« für den Leib (dazu Kap. VIII,5) heißt es bei Johann Peter Titz (+ 1689):

Wo dein Leib vom W ust der Sünden Rein und sauber is t zu finden. Diesen W ohnplatz, dieses Haus Sieht ihm G o tt zum Tempel aus.356 Johann Arndt spricht vom W ust aller L a s te r 357 Das Kom positum »Sündenwust« findet sich zum Beispiel bei A ngelu s Silesius: Jch war m it Sûnden-W ust v e r ste llt und b lu ttig roth 358 Solcher »Wust« reimt o f t auf »Lust«:

So h ilf daß ich entzogen W erd ' aller falschen Freud ' und Lust Die mich m it vieler Siinden-W ust Gedenket a n zu ste k k e n 359

p) D r e c k Nur se lte n läßt sich in den Quellen die uns heute so vertraute S chm utzbezeichnung Dreck n ach w eisen.360 Ihre V erw an dtschaft mit dem »Mist« (dazu Kap. X,3) wird deutlich, w enn etw a Johannes Rothe

354 D a zu D W b X I V / 2 , Sp. 2 4 0 4-2417 , b e s . 2409-2411. 355 J o h a n n G e i le r v o n K a i s e r s b e r g (D W b X I V / 2 , S. 2410). 356 J o h a n n P e t e r T it z , C h r i s t l i c h e s t i l l e M u s ik ( G u s ta v N o ll, A r s e n a l . P o e s ie d e u t s c h e r M i n d e r d i c h t e r v o m 16. b is z u m 20. J a h r h u n d e r t , ed. BERND T H U M , B e rlin 1973, S. 594). 357 A r n d t , C h r i s t e n t u m 1,2,6, S. 12. 358 A n g e l u s S i l e s iu s , W a n d e r s m a n n VI,4,2, ed. GNÄDINGER, S. 244. Zu » S ü n d e n w u s t « D W b X / 4 , S. 1158. Z.B. N o v a lis , Die S ü n d f l u t h . E in b u r l e s k e s G e d i c h t (M A RGOT SEIDEL, F r i e d r ic h v o n H a r d e n b e r g (N ovalis), Die u n v e r ö f f e n t l i c h t e r e l i g i ö s e J u g e n d d i c h t u n g , Jb. d e s F r e i e n D e u t s c h e n H o c h s t i f t s 1981, S, 261-337) S. 331: D rum s p r ic h t d e r H e rr nur du sein f r o m m e r Kn ech t

H a st Sündenw'ust vermieden.

359 A n n a - S o p h i a v o n H e s s e n - D a r m s t a d t , J e s u s d e r S e e l e n f r e u n d ( K i r c h e n ­ lie d , e d d . F IS C H E R - T Ü M P E L , Bd. 5, S. 197). Vgl. die B e le g e D W b X I V / 2 , Sp. 2410f. 360 D a z u LEXER, Bd. 1, Sp. 460; D W b 26, Sp. 1337f.

Wust /

Dreck

119

die lat. M etapher saccus stercorum als sag vol dreckis ins D eu tsche überträgt (dazu Kap. VII,2). Eine w eniger sp ezifisch e Schm utzmaterie scheint der »Dreck« im Ndt. zu sein, z.B. in dem Traktat »Lectulus n o ste r floridus«; der M ensch konnte zwar von sich aus sündigen, sich aber nicht s e lb s t erlösen: Em selven m ochte he s to te n in den drecke

der sunden, m er nicht w eder reyne werden. Em selven doden, wonden, fenynen, vergheven, m er nicht w eder m aken ,361 Christus w o llt e als (göttliche) Sonne über »dieser elenden W elt« aufgehen, verluchtende unse duysterheit m y t syn claerheit, verdryvende unsen vor s t unde traecheit m yt syn heete m ynlicheit unde reynyngende allen dreck unser boesh eyt m yt syn er ghenadicheit .362

361 P s . - V e g h e , L e c t u l u s , ed. RA D EM A C H E R , S. 6. 362 P s .- V e g h e , L e c t u l u s , ed. RA D EM A C H E R , S. 12.

III. Verwendungsmöglichkeiten der Unreinheitsmetaphorik 1. S e x u e l l e s a) G e s c h l e c h t l i c h e s ü b e r h a u p t Die m enschliche Sexualität wird so häufig mit Unreinheit und B e flec k u n g 1 in Verbindung gebracht, daß es naheliegt, einen Überblick über V erw end un gsm öglichk eiten der U nreinheitsm etaphorik mit diesem Kom plex zu eröffnen. Freilich ist hierbei nicht immer deutlich, ob es sich um Belege handelt, die im eth isch en oder religiösen Sinn als Ver­ stö ß e gegen m en sch liches oder g ö ttlic h e s Gebot gem eint sind. In vielen Fällen ist es nicht einmal leicht zu entscheiden, ob es sich dabei um m etaphorische Rede handelt. A bscheu vor allem, was mit dem Körper und der Fortpflanzung zusam m enhängt, äußert sich auch s o n s t im W o rt­ schatz der Unreinheit, wie Jungfräulichkeit und Keuschheit als »Rein­ heit« gilt. Wie w eit der A spekt des Sündhaften bei dieser w ohl von den K örperflüssigkeiten her b estim m ten W o rtw a h l2 eine Rolle spielt, muß aus dem jew eiligen K on text heraus e r sc h lo ss e n werden. S elb st in t h e o ­ lo g isch er Literatur ist häufig nicht klar, ob »Unreinheit« Sünde meint, da das C hristentum se it früher Zeit nicht nur se x u e lle V erfehlungen wie Ehebruch oder Inzest verurteilt, vielmehr häufig — in verschiedener Form und Intensität — allem G esch lech tlich en sk ep tisch bis ablehnend gegenüber stand .3 Vor allem die a s z e tisc h -m o n a stisc h e n Traditionen sahen im Nachgeben körperlicher Begierden eine Hinwendung zum Irdischen und rückten die Sexualität als etw a s G eistfernes in die Nähe der Sünde. So s t e l l t David von A ugsburg die G otteslieb e als »das Reinste« der körperlichen Liebe als »dem U nsaubersten« entgegen: A lle vleischlîche g e lü ste müezen vliehen , sw â g o te s liebe in vliuzet, als diu

vin ster vor dem sunnenschîne. Daz rein este unde daz unsuberiste g e 1

2

3

R I C Œ U R , S y m b o lik , S. 36, i s t " v e r b l ü f f t ü b e r die T r a g w e i t e u n d S c h w e r e , die in d e r Ö k o n o m i e d e r B e f l e c k u n g d e n Ü b e r t r e t u n g e n d e s im S e x u a l b e r e i c h V e r b o t e n e n b e i g e m e s s e n w ird ; die V e r b o t e d e s I n z e s t , d e r S o d o m ie , d e r A b t r e i b u n g , d e r B e z i e h u n g e n in v e r w e h r t e n Z e i t e n — u n d m an c h m al au ch O r t e n — das a lle s i s t h ier so fu n d a m e n ta l, da ß d a s A u f b a u s c h e n d e s S e x u e l l e n g e r a d e z u d a s M e r k m a l d e s B e­ f l e c k u n g s s y s t e m s i s t , s o d a ß e s a u s s i e h t , a ls h a b e s i c h e i n s t in u n d e n k lic h er Z eit e in e un lö sb are S ch u ld g em e in sch a ft zw isch en S e x u a litä t u n d B e fle ck u n g g e k n ü p ft." R IC Œ U R , S y m b o lik , S. 107: " d e r s e x u e l l e A k t l i e f e r t ja, w ie a u c h die G e b u r t , ein e p h y s i s c h e G r u n d l a g e f ü r d a s S y m b o l d e r u n r e i n e n B e r ü h r u n g " ; e b d . S. 37; PARKER, M i a s m a , S. 55. Z u d i e s e m — p l a k a t i v a ls » S e x u a l f e i n d l i c h k e i t d e s C h r i s t e n t u m s « b e z e i c h n e t e n — P h ä n o m e n u.v.a. DENZLER, L u s t; BROW N, K e u s c h ­ h e it.

121

G e s c h le c h t l ic h e s über haupt

h ellent niht w ol m it einander. A lso mac gotlîchiu liebe unde vleischlîchiu liebe bi einander niht beliben: als vil diu eine zuo n im t, als vil nim t diu ander abe .4 Durch die Erbsündenlehre A u gu stins kam der Gedanke der Sündenübertragung durch den — an sich guten — G esch lech tsak t nach dem Fall der M enschen hinzu, wodurch auch eheliche Sexualität nicht frei bleiben konnte von Sünde. Da jedoch in der A useinandersetzung mit g n o stisc h e n A u ffa ssu n g en die Ehe als g o t t g e w o l lt e Institu tion und als Sakrament zum Bestandteil der kirchlichen Lehre gew orden war, ergab sich für viele T h eologen der Z w iespalt, aus d ogm atischen Gründen nichts auf die Ehe komm en lassen zu dürfen, während sie gleich zeitig doch nur se x u e lle En thaltsam keit h och sch ätzen k onn ten.5 Die Schwierigkeit, die »Unreinheit« von Verachtung und Abscheu von der einer Verfehlung vor Gott zu unterscheiden, zeigt sich b e isp ie ls­ w eise in der m ittelalterlichen Literatur über das Elend der »Conditio humana«. Bernhard von Clairvaux scheint den Menschen mit dem »schm utzigen« Z eugungsakt an sein ab stoß en des En tstehen erinnern zu w ollen, um ihn vor Hochm ut zu bewahren: In sordibus generamur , in tenebris confovemur, in doloribus parturim ur.6 Papst Innozenz III. läßt hingegen in einer s o n s t ähnlichen A rgum entation keinen Zweifel daran, daß auch bei ehelichem G eschlechtsverkehr der ekelerregende Schmutz auf Sünde und Schuld sich bezieht: Quis enim nesciat concubitum etiam

coniugalem nunquam omnino co m m itti sine pruritu carnis, sine fervore libidinis, sine fe to re luxurie? Unde semina concepta f edantur, m aculantur et vitiantur , ex quibus tandem anima infusa contrahit labem peccati, maculam culpe, sordem iniquitatis 7 In dieser Tradition wird gern au s­ drücklich an die Befleckung durch die Erbsünde erinnert: Fürwar du b ist gew esen vor deiner sch ö p fung ein vnraine m ateri vnd ain schnöder som / empfangen vnd geborn in (der) faulung des flaischs / in der süntliche begird der vnrainigkait vnd in vnkeüschen wercken / vn(d) das noch bö ser is t / in der befleckung vnd falle der erbsünde.8 Der Gedanke von der grundsätzlichen Sündhaftigkeit m enschlicher Zeugung findet sich häufig im Zusammenhang mit th e o lo g isc h e n A u s­ sagen über die Jungfrauengeburt. Nach Leo dem Großen u nterscheidet 4 5

6 7 8

D avid v o n A u g s b u r g , D e r S p ie g e l der T ugend ( M y s ti k e r , ed. PFEIFFE R, Bd. 1, S. 337). Z.B. z u G r e g o r d e m G r o ß e n W EBER, H a u p t f r a g e n , S. 232: " G r e g o r w o l l t e die E h e u n b e d i n g t a ls g u t u n d e i n w a n d f r e i d a r s t e l l e n , e m p f a h l a b e r in W i r k l i c h k e i t d o c h n u r d e n j u n g f r ä u l i c h e n S ta n d ." B e r n h a r d , F e ria IV h e b d o m a d a e s a n c t a e 6 ( O p e r a , e d d . LECLERCQ u.a ., Bd. 5, S. 60). I n n o z e n z III., De m i s e r i a h u m a n e c o n d i t i o n i s 1,3,1, ed. M A CCA RRO N E, S. 10. S p ie g e l d e r a r m e n s ü n d i g e n Se e le , ed. BOO N, fo l. A IIIV. Vgl. I n n o z e n z III., De m i s e r i a h u m a n e c o n d i t i o n i s 1,1,3, ed. M A CCA RRO N E, S. 8: Form atus e s t h o m o de pu lvere, de lu to , de cinere: q uo d q ue vilius e s t

de s p u rc issim o sp er m a te.

C on ce p tu s in p r ur itu

f e r v or e libidinis, in f e to r e luxurie: qu odqu e p ec c a t i. Z u r Ü b e r s e t z u n g s. Kap. II,2i.

d e te r ius

carnis,

est

in

in

lab e

122

V e r w e n d u n g s m ö g lic h k e ite n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

sich diese Empfängnis von allen anderen dadurch, daß sie nicht b efleckt, sondern reinigt: Et cum in omnibus m atribus non fiat sine peccati sorde conceptio, haec inde purgationem tra x it, unde concepit.9 Gregor der Große sieht in der S te lle Hiob 14,4 Quis p o te s t facere mundum de immundo conceptum sem ine? Nonne tu , qui so Jus es? einen Hinweis auf die Jungfrauengeburt. Die Menschwerdung Christi war schon deshalb »rein«, weil keine fleisch lich e Lust daran b eteiligt war: Neque enim ex

uiro e t femina, s e d ex sancto Spiritu e t Maria uirgine p rocessit. Solus ergo in carne sua uere mundus e x s titit qui delectatione carnis tangi non potu it, quia nec p e r carnalem huc delectationem uenit.w B efleckend wäre weniger der als unrein em pfundene Same g ew esen , als die beim G esch lech tsak t em pfundene Lust: H omo enim in corruptibili carne uiuens

habet e t tem ptationum imm unditias im pressas in sem etip so quia nimirum eas traxit ab origine. Ipsa quippe p r o p te r delectationem carnis eius conceptio immunditia e s t . 11 Gregors D eutung fand im M ittelalter viele Nachahmer, etw a Bernhard von Clairvaux: nisi tu qui so lu s sine omni illicita e t immunda conceptus es v o lu p ta te ?12 W enn Michel Beheim diese A u slegu n g für Laien in d eu tsche Verse bringt, dann e n t fä llt dabei der Gedanke der »Lust«: 159,60

w er m ag den rain gemachen, D er durch sundlichen, s wachen, unrainen sam enphangen ist? nieman wann du, herr Jesu Crist, wann du der aller rainist p ist. der unrain niemen rainigt ,13

Ein ähnliches Problem ergab sich in der Bewertung des in der Antike verbreiteten Brauchs, nach ehelichem G eschlechtsverkehr mit einer W aschung sich zu reinigen, bevor man einen heiligen Ort b e tr itt.14 K lem ens von Alexandrien hatte erklärt, daß so lc h e rituellen Reinigungen im C hristentum nicht mehr n ötig se ien .15 Gregor der Große (?) b estä tig t hingegen die V erpflichtung des Mannes, sich nach ehelichem Beischlaf 9 10 11 12

Leo I., T r a c t . 22,3, CCL 138, S. 94f. G r e g o r , M o r. X I ,52,70, CCL 143A, S. 627. G r e g o r , M o r. X I ,52,70, CCL 143A, S. 626, m i t B e r u f u n g a u f Ps. 50,7. B e r n h a r d , In vig ilia n a t i v i t a t i s D o m in i 4,2 (O p e r a , e d d . LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 221f.); eb d.: In ipsa radice e t origine mea in fe c tu s e t in quinat us sum; immunda e s t c on c ep tio mea, s e d e s t a quo t o l la tu r

13 14

M ic h e l B eh eim , G e d i c h t e , e d d . GILLE - SPRIEW ALD, Bd. 2, S. 49. D a z u DELLING, A r t . » G e sc h lec h ts v erk e h r« , Sp. 814, 828; vgl. PARKER, M ia s m a , S. 75. K l e m e n s v o n A l e x a n d r i e n , S t r o m . 111,12,82,6, BKV 11/17, S. 307: » d e n n f ü r d e n H e r r n i s t e s n i c h t n ö t i g , (in d i e s e r W e ise ) die G l ä u b i g e n v o n d e r K i n d e r z e u g u n g W e g g e h e n z u l a s s e n , n a c h d e m e r sie d u r c h die e in e T a u f e f ü r d e n g a n z e n e h e l i c h e n V e r k e h r g e r e i n i g t h a t.«

ista

15

c onfusio: i ps e eam

to ll i t ,

in quem so lu m

ips a non cadit.

123

G e s c h le c h t l ic h e s Überhaupt

vor Betreten der Kirche zu waschen; nicht weil die Ehe sündhaft sei, sondern weil es dabei ohne »W ollust« nicht abgehe (sine voluptate carnis fieri non p o t e s t ) } 6 Auch David, der w eder in Ehebruch noch in (anderer Art von) U nzucht gez eu g t war, bekenne, in U ngerechtigkeiten em pfangen und in Sünde geboren zu sein (Ps. 50,7).17 Die recht sp itz ­ findige U nterscheidung zw isch en der im Prinzip sü nd en losen Ehe und ihrem notw endig sündhaften V ollzug wird verständlich vor dem Hinter­ grund der V orstellu n g von einem ursprünglich »reinen« G e sc h le c h ts­ verkehr vor dem Sündenfall. A ugustinus hat das Konzept einer »Para­ d iesesehe« en tw ick elt, eines torus im m aculatus (Hbr. 13,4; dazu Kap. VII,5) der Stam meltern, die ohne jede Leid enschaft der Begierde (sine ullo inquieto ardore libidinis) N achwuchs hätten zeugen k önn en .18 Konkupiszenz und Lustbefriedigung sind damit Charakteristika des g e ­ fallenen Menschen, die den Sexualakt mit dem A spekt des Sündhaften b e la s t e n .19 Solche Differenzierungen wurden freilich nicht immer v orge­ nommen; G eschlechtsverkehr galt häufig grundsätzlich als »unrein«. Jed en falls war es eine unerhörte Ketzerei, zu behaupten, der G e sc h le c h ts­ akt sei von Natur aus eb en so »rein« wie E ssen und Trinken (ille enim

actus e s t pure naturalis, sicut com edere e t bibere).20

D ie R e i n h e i t d e r J u n g f r a u e n Bei einem Ideal se x u e lle r E n thaltsam keit21 ist das Vermeiden von G esch lech tsverk eh r an sich schon ein Erhalten von »Reinheit« und d e s ­ halb lobensw ert: O wol dich nû wart daz dich dîn m u o ter ie g etru o c 16

17

G r e g o r (?), Ep. X I,5 6a , MG H E pp. 2, S. 340; d a n a c h G r a t ia n , D ist. IV ,7 de p e n it ., ed. FRIEDBERG, Sp. 1248f.; P e t r u s L o m b a r d u s , S e n t. IV ,31,8,2, Bd. 2, S. 450. G r e g o r (?), Ep. X I,5 6a , M G H E pp. 2, S. 340; d a n a c h G r a t ia n , D ist. IV ,7 de p e n it ., ed. FRIEDBERG, Sp. 1249. Vgl. A m b r o s i u s A u t p e r t u s , In Apc. VI, C C C M 27A, S. 528: A.n f o r t e dicere quisquam a ud e b it in l e g i t i m o coniugio hanc inquin ation em de e s s e ? Misi enim in ip s o l e g i t i m o coniugio haec p e c c a ti inquinatio in e s s e t, neq ua quam Dauid P r oph e t a , de l e g iti m o utique coniugio c o n c e p tu s e t na tus , dic er et: »Ecce enim in in iqu itatibu s co n c ep tu s m a t e r mea«.

18

19

20

21

su m

e t in d e lic tis p e p e r it m e

A u g u s t i n u s , De G e n e s i a d l i t t e r a m I X ,3, CSEL 2 8 /1 , S. 271f.; d a z u M IC H A E L MÜLLER, Die L e h re d e s hl. A u g u s t i n u s v o n d e r P a r a d i e s e s ­ e h e u n d ih r e A u s w i r k u n g in d e r S e x u a l e t h i k d e s 12. u n d 13. Jahr— h u n d e r t s b is T h o m a s v o n A q u in ( S t u d i e n z u r G e s c h i c h t e d e r k a t h o ­ l i s c h e n M o r a l t h e o l o g i e 1) R e g e n s b u r g 1954; GRIM M, P a r a d i e s e s e h e . Vgl. HÄRING, F re i in C h r i s t u s , Bd. 2, S. 4 8 5 - 4 8 8 ; JO H A N N BAPTIST M ETZ, A r t . » K o n k u p i s z e n z « ( H a n d b u c h t h e o l o g i s c h e r G r u n d b e g r i f f e , ed. H E IN R IC H FRIES, Bd. 2, M ü n c h e n 1970, S. 4 8 9 -4 9 7 ). ERNST W E R N E R (T H E O D O R A B Ü T T N E R - E. W ., C i r c u m c e l l i o n e n u n d A d a m it e n . Z w e i F o r m e n m i t t e l a l t e r l i c h e r H ä r e s ie , B e rlin 1959, S. 102) a u s d e m P r o t o k o l l d e s V e r h ö r s e i n e r 1410 in B r ü s s e l a u f g e ­ g r i f f e n e n F ra u , die d a m i t die S ü n d l o s i g k e i t a u ß e r e h e l i c h e n G e ­ s ch lech tsv erk eh rs begründete. Vgl. u.a. H ENRY C H A D W IC K , A r t . » E n k r a t e i a « (RAC 5, Sp. 343-3 65); VILLER - RAHNER, A s z e s e , S. 41-59.

124

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

an dise w erlt sw ä du nü s itz e s t vor minen ougen, alle die ir reinekeit behalten hänt, die sie von ir m u o te r libe brähten. und also iem er willen hänt ze bliben unze an ir to t!22 Auch die Bibel k e n nt dieses Erhalten o der Verlieren von Reinheit durch G eschlechtsverkehr überhaupt; in der Johannes-A pokalypse folgen dem »Lamm« jene nach, die m it Weibern nicht b efleck t sind / denn sie sind Jungfrauen23 (Apk. 14,4): hii sunt qui cum mulieribus non sunt coinquinati, virgines enim su n t. Diese ganz aus m ännlicher Perspektive gesehene Verunreinigung durch Sexualität (»mit Frauen befleckt«) will Bruno von Segni au f den Umgang mit P ro stitu ie rte n und dam it auf eine sexuelle V erfehlung b esc h rä n k t w issen {Hi sunt, qui non m eretricibus , s e d ca stis conjugibus adhaeserunt) ,24 Dem s te h t freilich der W o rtla u t des Bibeltextes entgegen, der die »Unbe­ fleckten« ausdrücklich als »Jungfrauen« bezeichnet; auch durch Beischlaf in legitim er Ehe h ä tte n sie sich befleckt. Mit dieser E inschätzung der Ehe ist häufig eine U ntero rdn u ng der V erheirateten u n te r die L ebensform en der (keusch lebenden) W itw en und der jungfräulich Lebenden verbunden. Ein d e u tsc h e r Prediger bring t bei der D rei-Stände-L ehre des H onorius A u gu stodunensis das Kriterium des »B eflecktseins« fü r diejenigen, die beim Gericht einem U rteil u nte rw o rfe n werden: Drie ordenunge die sin t in dirre heiligen christenhait, die g enesent ouch vil wol alle dri an der sele, der is t idoch ie ainiu ob der ander, diu e rste ordenunge daz is t diu n iderste ordenunge, wan daz sin t alle laige lute, alle die die m it elicher hirat s itz e n t unde die ir e reh te behaltent, die gen esen t alle m it gerichte unde m it urtaile. diu ander ordenunge daz sin t alle die die sich m it d er w erlt e bew ollen heten unde nu chusclichen lebent, daz sint alle g u o te w itew en unde g u o te witewaere, die werdent alle m it gerihte unde m it urtaile behalten [...]. diu d ritte ordenunge daz sin t alle die die in dirre w erlt unbewollen sint, daz sint alle die heiligen maide, daz sint ouch alle die erw elten, wan die w erdent alle behalten vor gerichtes unde vor u r ta ile s 23 Im Himmel bilden die »reinen Jungfrauen«, neben den M ärtyrern und Bekennern eine eigene Gruppe von Heiligen, die um Fürsprache a n g efleh t w erden können: A lle reine magde, di m it sant 22 23 24

B e rth o ld v o n R egen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. lOSf. Luther, S c h r ifft, ed. VOLZ, S. 2497. Bruno von Segni, In Ape. IV, PL 165,682A; ebd. die D e u tu n g der Hurerei a u f die Häresie: H ae au tem mu lieres , ha e r e tic o rum s e c ta e i n t e l l i g u n t u r qu as, ve lu ti fe tid a s m er e tric e s , s a nc ti viri f u g ie n te s n ullum c um eis volu eru n t h abere con sortium ; unde et virgines dicuntur, qui i llis non adh aeseru nt, qui ve rbi Dei a d u lte r a to r e s a p pe ll antur.

25

Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 3, S. 192. Drei Stände auch ebd. S. 215; d o r t h e iß t e s v o n den c o n tin e n te s : diu d r i tt e ord enunge daz si n t elliu g a istlic h e lu te, daz sin t alle die die sich von dirre w e r l t dar zu o g e su n d e rt h a ben t unde sich da r z u o g e m ü z e t habe nt, daz si de m mugen.

al me h tigen

got

chu slichen

unde

raineclichen

g ed ie ne n

G e s c h le c h t l ic h e s üb erha upt

125

Marien sint, di suln wir hiut manen umb unser heil: sant M argareten, s. Lüciam, s. Juliänam und alle ir genoezinne.26 Der Lohn ist Jungfrauen allein schon aufgrund eines A nalogieargum entes sicher, v e rste h t es sich doch von se lb st, daß diejenigen im Himmel bede u te n d e r und glänzender sein werden, die in diesem Leben »reiner« sind: Et quid mirum, si in ca elestibus regnis sunt em inentiores atque clariores qui in hac uita sunt m undiores?27 Im Rahmen der B ra u tsch aftsm etaph orik ist der Lohn für die Jungfräulichkeit die dos. So w ollte eine Jungfrau ihren Leib »unbe­ fleckt von m ännlicher Berührung« fü r C hristus (als Bräutigam) bew ahren {ut corpusculum meum inmaculatum Christo a virili tactu servarem), der ihr das Paradies als M orgengabe versprach (qui mihi dotem p r o ­ m itte b a t paradisum) 28 Die hl. Agnes ist zuversichtlich, auch im Gemach des him m lischen Bräutigams eine reine Jungfrau zu bleiben (permaneo virgo sine sorde p u d ic a )29 Gegenüber einer form alen A uffassung wird häufig b e to n t, daß die Ju ng fräulichkeit nicht an sich verdienstlich sei, sondern e r s t als Ver­ zic h tsleistun g um des H immelreiches willen, also — wie das M artyrium — als ein im geistlichen Sinne v erstandenes Opfer: Videbitur ergo praecipue hostia vivens, e t sancta, e t Deo placen s, corpus e sse incontaminatum (vgl. Röm. 12,1).30 So kann es von einer Einsiedlerin heißen, sie sei 64 Jahre lang bem üht gewesen, sich dem himm lischen Bräutigam als keusche Jungfrau »darzubringen«: caelesti spon so se virginem castam conatur o fferre ac inmaculatam se plus, quam fragilitas humana perm isit, custodire stu d u it .31 Dazu ko m m t die A ufforderung, wirkliche Keuschheit als G nadengeschenk G ottes aufzufassen: »Wer heilig ist im Fleische soll sich nicht rühm en, in der Erkenntnis, daß es ein anderer ist, der ihm die E n th a ltsa m k e it verleiht«.32 Denn es gibt auch solche Jungfrauen, die dem Teufel lieb sind, daz sint die sich m aget uzen zeigen t und gebärent vor den Hüten sam sie reine m eide sin und tuon t in der heimelichen als unreiniu dinc und als heimelichiu dinc, daz ich sin niht gesagen ta r und halt unmügelichen ze sagen waere,33 Hier scheint B ert­ hold an »W idernatürliches« anzuspielen. S onst ist es m eist der H ochm ut, 26 27 28

P redigten , ed. JEITTELES, S. 130. A m b r o s iu s A u tp e r tu s , In Ape. VI, CCCM 27A, S. 532. G regor von T ours, H is to r. 1,47, ed. BÜCHNER, Bd. 1, S. 46; ih ren w e l t l i c h e n Bräutigam w ill sie an ihrer h im m lis c h e n d o s b e te il ig e n , w e n n er sic h zu einer J o s e f s e h e m it ihr in d ie s e m Leben e n t s c h lie ß t : Tarnen, si fe c eris, ut imm acu lati perm an ea m us in sa ec ulo, e g o tib i p a rt e m tribuam do tis, quae p ro m iss a m habeo a s p o n s o d o mino m e o Iesu C hri st o (S. 48).

29 30 31 32

33

H ro ts v it h a , P a ss io s. A g n e t i s 108 (Opera, ed. HOMEYER, S. 214). O rig e n e s, In Rom. IX ,1, PG 14,1205A; vgl. ebd. 1203C. T hie tm ar von M er se bu rg , Chron. VIII,8, ed. HOLTZMANN TRILLMICH, S. 4 4 8 . 1. K le m e n s b r ie f 38,2 (S c hriften d e s U r c h r i s te n tu m s , Bd. 1, dt. FISCHER, S. 73-75). Ä h n lic h e s bei O rig e n e s und Hieronym us: CHADWICK, Art. »Enkrateia« (wie A. 21), Sp. 364f. B e r th o ld von R e gen sb urg, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 188.

126

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

vor dem Jungfrau en g ew arnt werden, vor allem wohl die Verachtung der nicht e n th a ltsa m Lebenden.34 Manche Ehefrau ist »reiner« als schlechte Jungfrau en m it ihrer trü g e risc h e n Reinheit: 805

dirr maegde rainikait goJt schinet und is t kunterfait: maenig wip is t rainer in der e.35

Nur ohne Sünden im geistigen Bereich kann es wirkliche Reinheit geben (die dann allerdings jede andere Reinheit ü b e rtrifft).36 464,23

in der w erlt doch niht so reines i s t , so diu m agt an valschen list. nu prü evt wie rein die m eide sint: g o t was selb e der m eide kint.37

In der M etaphorik des O pferw esens läßt sich darauf verweisen, daß es nicht ausreichte, ein reines Tier darzubringen, es m ußte zudem frei sein von verschiedenen Gebrechen (vgl. Lv. 22,21ff.); ebenso dürfe eine Ju n g ­ frau nicht mit anderen Sünden b e fle c k t sein, wenn die E n th a ltsa m k e it ein w ohlgefälliges O pfer sein soll: nec rursum corpora virginum vel continentium , si aut superbiae macula, aut avaritiae sordibus, aut linguae maledicae, vel mendacii immunditia polluantur, hostiam sanctam e t Deo placentem putandi sunt ex sola virginitate corporis o b tu lis s e 38 Reform ato risc h e Kritik am M önchsgelübde b e s tr e ite t gerade die Id e n titä t von K euschheit und Jung fräulichk eit.39 G elegentlich ist das Bewußtsein vor­ handen, daß es nu r wenige M enschen sind, welche die Tugend der Ju n g ­ fräulichkeit in warer la w te rk e y t vnd w irdigkeyt vben od er halten. »Befleckt« wird diese Tugend an irem adell durch die verschiedenen A rten von Sünden, die von Jungfrauen begangen w erden.40

» G o t t l i e b t die R e i n h e i t « Die geistliche L iteratu r k e n nt einen Topos, der das Ideal der »Rein­ heit« ausdrücklich in den G ott-M en sch-B ezu g s te llt: »G ott (Christus) 34

A u gustin us,

Enarr.

in

ps.

75,16,

CCL

hu m ilis, quam m a ritata humilis; s e d uirgo s uperba.

35 36 37 38 39

S.

1049:

M e lio r

uirgo

humilis,

quam

De r Sae ld e n H ort, ed. ADRIAN, S. 14. Vgl. Leander von Sevilla, Re gula, PLS 4,1434. W o l fr a m von E sc h e n b ach , Parzival, ed. LACHMANN, S. 212. O rige n e s, In Rom. IX ,1, PG 14,1205B. Brenz, Der Prediger S alo m o, fo l. 7 4 r : Die k e u s c hh e it la u f f t durch a lle s t e n d t . Es will y e de r glau b ein rein h e r tz haben / d e m reinen h e rt z e n

so l l e n

alle

r e i ni gke it e u sse r lich

40

39,

m e lio r m a r ita ta

g lid e r

des

men sch en

die ns tlic h

sein

v nnd

sein

vo ln stre ck en .

Marquard v on Lindau, Buch der z eh n G eb ote, ed. VAN MAREN, S. 89f.

127

G e s c h le c h t l ic h e s überha upt

liebt die Reinheit (und h aßt die Unreinheit)«.41 Er heißt im »Ackermann« a ller reinigkelt Uebhaber, h a sser aller u nfletig k eit ,42 In einem BernhardZ itat ist die Rede von g o t der ein rech ter liebhaber is t aller rainichait.43 Dem lateinischen am ator m unditiae44 en tsp ric h t der »Liebhaber der Jun g ­ fräulichkeit« (am ator virginitatis) ,45 doch kann die geliebte »Reinheit« auch allgem einer als Freisein von Sünde* gem eint sein: unser herre g o t der neminnet niht so sere an uns so den reinen und den kuschen lip, dar umme so bew art uch von allen süntlichen dingen und geneiket uch unserme herren Jhesu Christo, so vordinet ir daz ewige him elriche.46 G ott sieht nicht auf äußere Schönheit: er g e rt des reinen herzin und des re in in libes die da unzündet sin von der minne und von der sü zze des alm echtigen g o tis .47 Christi Vorliebe fü r die jungfräuliche Reinheit zeigt sich schon darin, daß er von einer Jungfrau geboren werden w ollte: 13093

O magt, o höchgelobtiu magt, D er kiusche besunder hat behagt, Vor allen meiden dem herren aleine, Dem niht is t liep denne lü te r reine/48

Bei dem jungfräulichen A postel Johannes (dazu Kap. V,2g) e rk lä rt ein sim ilia-A rgum ent, weshalb er zum Lieblingsjünger C hristi wurde: ideo eciam pro ceteris diligi m eruit adeo, quia quodlibet sim ile diligit suum sim ile (vgl. Sir. 13,19). deus enim mundus e s t e t munda diligit corda e t corpora.*9 Johann von Soest dichtet über die H ochzeit zu Kana: 41

42 43 44

Dazu JUNGBLUTH zu Joha n nes von Saaz, Ac ke rm an n, Bd. 2, S. 234. — V erw and t i s t die F orm ulieru ng von G o tt als de m »Urheber« der Reinheit; a u c t o r mu n ditiae z.B. Gregor, Mor. X X I,2,5, CCL 143A, S. 1067f.; A m b ro s iu s A u t p e r tu s , De c o n f l i c t u vitiorum atque v irtu tu m 25, CCCM 27B, S. 927; Hraban, Hom . de f e s t i s 6, PL 110,17C: (C hristus ließ sic h von Johan nes taufe n,) ut d e m o n st r a r e t n o s tr a e munditia e e s s e auc tore m; P s.-Bern ha rd, T r a cta tu s de interiori d o m o 16,26, PL 184,522A: Scio e tiam quoniam si m e n te m meam c o g ita tio n e immund a p o l l u e r o , tibi, qui mu n ditiae a u c to r es, pla ce r e non valeo. — S e lt e n e r i s t a u c t o r purit atis; z.B. Bernhard, In adv en tu Domini 1,10 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 169). Johan nes von Saaz, Ack erm an n 34, ed. JUNGBLUTH, Bd. 1, S. 135. Martin von A m ber g, G e w i s s e n s s p i e g e l , ed. WERBOW, S. 98. Z.B. G aufredus Babion ( P s .- H il d e b e r t ) , Se rm o 1, PL 171,347C: A m a t o r enim m undit iae e t

45

46

s o b r ie ta tis

h e i t in di se m kv rzim a lli r ki vsc he ,

47 48

quem e x s p e c ta m u s .

z ite ,

wan t

e r ein

minnäre

ist

a llir reine

vnde

dem ir wartit.

Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 227. H ugo von Trimberg, Renner, ed. EHRISMANN, Bd. 2, S. 155. Vgl. Abraham a San ta Clara, W erk e, ed. BERTSCHE, Bd. 1, S. 513: dan C h ri st us i s t wollen

49

e s t D ominus

Z.B. B on if a tiu s, Ep. 94, ed. RAU, S. 316: Qui p a t e r e t a m a to r c a s te v i rgini tat is tuae; H ro ts v it h a , G allica nus 1,5,2 (Opera, ed. HOMEYER, S. 249): A m a t o r virgin itatis e t in sp ira to r c a s t ita tis , Christe... Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 238. Vgl. S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 10: Vermidet vberäzze, trv nc he nhe it, a nd e r b o s -

der g re ste

v e rm e n sc h t

liebh ab er d e r rein igke it,

werden als

SCHMIDTKE, G lo s s e n , S. 119.

a ls o

das e r nit hat

von Einer Jungfrauen. Vgl.

A. 37.

128

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

Wy wol g u t is t d er elich s to tt, Noch me doch g u t in hoherm g r o tt Ist jungfreuliche reynigheytt, In tughenden das h o g st bekleytt. D eshalber c r is ta s , g o tte s son, Johannen reyn w o lt by ym hon An lyp vnd se i g an tz onvers%rt, In aller reynigheyt b e w e rt, Dy dan g o t so n d er is t bequem Vnd o f f das h o g st fa st angenem.so In einer Laienethik wie dem »Renner« H ugos von Trimberg kann der Topos auf Eheleute angew endet werden, die in ihrem Stand »geziemend« leben sollen: 11840

Elich leben so l vil s te te Sin und wol sin reht behalten, Wil ez des him elriches walten. Got minnet alle reinikeit, Unzimlich leben was im ie le it.5i

Bei a ller H ochschätzung k örperlicher Jun gfräulichkeit wird doch im mer wieder ausdrücklich hervorgehoben, daß G o tt ein sündenfreies Herz noch m ehr schätze: 25 75

wanne g o te liebet nicht also sere di kuscheid di der m enschelicher licham treid, also di reinikeid di das h ertze had das nicht lid et der sünde u n fla d }2

Der Teufel wird entsp re c h e n d als derjenige bezeichnet, der alle Rein­ heit haßt: Wan der böß g e ist is t ein feigent aller reinikeit vnd k ü schheit,53

D ie Z w i l l i n g s f o r m e l » k e u s c h u n d r e i n « Wie »rein«, so s te h t ebenfalls der u n m etaphorische A usdruck »keusch« in der Spannung zwischen (sexueller) E nth a ltsa m k e it überh au pt und dem Vermeiden von sittlichen V erstößen vor allem, doch nicht a u s­

50 51 52 53

WIEGAND, H a n d sch rift, S. 52; vgl. SCHUMA CHER, Jahr, S. 4 4 4 . H u g o von Trimberg, Renner, ed. EHRISMANN, Bd. 2, S. 101. Joha n nes Rothe, Lob der K eu sc h h e it , ed. NEUMA NN, S. 73. Johann Geiler von K ais er sb er g, Die Em eis , fo l. 39v ; vgl. D ion ysiu s Cartu sia n us, Su mma de vitiis e t v irtu tib us 1,8, S. 29.

129

G e s c h le c h t l ic h e s üb erha upt

schließlich im geschlechtlichen Bereich.54 Ein kiusches wip meint keine en th a ltsa m e , sondern eine tre u e Ehefrau.ss Zwar ist auch im Lateinischen ca stita s ein G egenbegriff zur U nreinheit,56 doch scheint es d o rt keine so griffige Paarformel zu geben57 wie das w eitgehend synonyme »keusch und rein«, das seit dem M ittelh ochd eu tschen — auch adverbial und ge­ legentlich in u m g e k e h rte r Reihenfolge58 —' die der »Unreinheit« entg e g e n ­ g e se tz te H altu ng benennt. Karls K äm pfer im Glaubenskrieg werden für ihre aufrichtige B ereitschaft zum M artyrium gelobt: si waren kuske unde reine. den lip furten si ueile durch will in der sele. sine gertin nicht is mere wan durh g o t irsterbin, daz himelriche m it der m artire irwerben.59

77

Allgemein g e h ö rt zu Tugendkatalogen die Forderung: Ir sc u lt kiuschlich unt raeinclichen leben.60 Von Heiligen wird dies stereo ty p ausgesagt; so kann eine fü r jedes F est eines Bekenners passende Predigt pauschal aussagen: Sin lebn daz was kusche vnd reine.6{ Von Stephanus heißt es, er waz alz künsch und alz raine daz man in zu aim p r o b s t s a tz te über die vrowen.62 Insbesondere von Frauen wird dies gefordert: vor allen dingen söllen die frawen keüsch vnd rain sein.63 Dies gilt auch von der 54

55

Dazu u.a. DWb V, Sp. 651-655; THEO DOR FRINGS - GERTRAUD MÜLLER, K eu sc h (Erbe der V erg an gen h e it . FS Karl H elm , Tüb ingen 1951, S. 109-135); KOLB, V ie lfa lt. Vgl. P s.-J o h a n n e s C h r y s o s t o m u s , Opu s im perf. in Mt. 42, PG 56,874:

56

Vgl. Gregor, In I Reg. 174f., CCL 144, S. 526f.: Inmundi e r g o s p ir itu s

Sicut enim c a st a mulier, quae virum su um amat, nullum a mat alium... u a s t a t o r e s sunt: quia, si pu dica corda decipiunt, d e c e p ta te n e r o s flo r e s ta nt ae ui rt ut i s perdu n t. Qui itaqu e ab inm und itiis ad c a s tit a te m rede unt: quia cum diras daemon u m p o t e s t a t e s e ffu g iun t e t a p r o fun d o p e rd i t i on i s a sc e n d u n t , de manu u as tatoru m erui a p te me mo r a ntur .

57 V i e ll e ic h t Cicero, De natura deorum 1,3, edd. GERLACH - BAYER, S. 8-10: H aec enim omnia pu re atqu e c a s te tribue nda d e or um numini ita sunt... Vgl. Caesarius von A r ies , Sermo 228,1, CCL 104, S. 902: da G o tt in un s w o h n e n w ill, s o l l e n wir corpor a n o s tr a ab omni s o r d e luxuriae m unda vel ca sta iu g iter c u stodire, ut d eum in no b is d e le c t e t h abi t are ; ebd. 44,3, CCL 103, S. 196: ut vos p a s c ha lis s o lle m n ita s c a s t o s e t p u ro s in ven iat ; P a pst Zacharias (B onifatius, Ep. 61, ed.

RAU,

S. 184): Nam si mu n do s e t c a s to s h om i ci dio l i be ro s h abu eritis s a c e rd o te s.

58

Z.B.

beim

d ie nte n

59 60

P rie st er

Konrad

(MERTENS,

ab

fo r nic a tio ne

Predigtbuch ,

de m al me h tigen g o t reinechleichen

S.

221):

et vnd

v nd chiusclichen.

P fa f fe Konrad, R ola n d sl ied , edd. WESLE - WAPNEWSKI, S. 3. P redigten , ed. HOFFMANN, S. 89. Vgl. P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 234: ir s u l t ouch s e lb e kü sc h lic he und reinic lic he und g e t r ü w e l i c h e lebn.

61 62 63

omni

Predigten , ed. LEYSER, S. 123. St. G eor gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 322. A lb r e c h t von Eyb, Sp ie ge l, ed. KLECHA, S. 464.

130

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e ite n der U n r e in h e it sm e ta p h o r ik

E hefrau64 und von der Witwe: Ain w ittw e so! sin künsch und rain, Wan si so l niem er sin allain ,65 D asselbe ist gemeint, wenn es von T u rte l­ tau b en heißt: daz sin kusche und reine vogele.66 Die G o tte s m u tte r ist das Beispiel einer »keuschen und reinen« Frau: so kiusche unt ouch so reine wart nie küniginne me gesehen.67 W enn Eheleute nach diesem Prinzip Zusammenleben sollen, dann b e sa g t das nicht, sie m üßten auch e n th a lts a m sein: die denne rainclichen un(d) küscheclichen bi ier .e. sizzen t. diu .e. geva llet g o t wol. un(d) den kinden diu von in werdent geborn. den wil g o t sinen segen g e b e n 68 Keuschheit und E nth a ltsa m k e it fä llt dem M enschen nach dem Sündenfall nicht leicht; V ater Sigmund variiert mit der Paarformel den Paulinischen G eist/Fleisch -G egensatz: vnd also der g e ist w olt gern rein sin vnd kusch, daz is t dem fleisch g a n tz widrig.69 W enn man die Eucharistie em pfangen hat, dann soll man sich gerne h ieten , daz man kiusche unde reine blibe, da a n so n ste n der »unreine Teufel« von der Seele Besitz ergreife.70 Insbesondere in der Fastenzeit fo rd e rt C hristus von uns, daz wir kuschliche und reinicliche leben,71 ebenso im Advent: want ir in disen tagen chuschelichen unde raeinclich

64

P riester Konrad (MERTENS, Predigtb uch , S. 239): v nd wa s diu f r ö w e c husc he vnd re in e ; H einrich von Bur geis, Der S e e le Rat 43 3f., ed. ROSENFELD, S. 9: sein tu g e n th a f te s weib D e r c he usc he und raine i s t i r l e i b ; Paul Rebhun, Ein G e istlic h Spiel von der G o tfli r ch tig e n und k e u s c h e n Frauen Su san nen 111,3, ed. HANS-GERT ROLOFF (RUB 8 7 8 7 / 8 8 ) S t u t t g a r t 1967, S. 37: Yhr m ein t / y h r ha b t ein fra w e n fein Die g a n tz und ga r s e y keu sch und rein. Vgl. Schiller, Der S ie g e s p r e is 5 7 -6 0 (Werke, edd. FRICKE - GÖPFERT, Bd. 1, S. 425): Glüc kli ch, we m de r G attin Treue Rein und k e us c h das Haus b e ­ w ahrt, Denn das Weib is t fa lsc h e r Art, Und die A r g e lie b t das Neue!

65 66 67

68

D e s T e u f e ls N e tz 6925f., ed. BARACK, S. 219. P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 189 App. Reinmar von Z w eter, G ed ichte 14,7, ed. ROETHE, S. 417; Kaiser— chronik 9184f., MGH Dt. Chron. 1/1, S. 250: du b is t k ius c he und raine, m anne s gedaechte du nie nehaines; Konrad von F u ß e s ­ brunnen, Kindheit Jesu 4 3 5 - 4 3 7 , edd. FROMM - GRUBMÜLLER, S. 88: si i s t c hiusche unt reine unt gewan nie niht g e m e ine m it schände n od m i t sunden. Vgl. auch Kap. IV,2f. Predigten, ed. GRIESHABER, Bd. 2, S. 17. Vgl. Predigten , ed. SC H Ö N ­ BACH, Bd. 3, S. 98: die m it elichem hirat chuslic he n unde rainclichen nach i r re h t e l eb en t. Vgl. Brenz, Der Prediger S a lo m o , fo l. 74 r : Demnach kan de r glaub w e d e r in iu n gfrawen / noch eelic he n / noch w i t w e n / hure rey gedulden . In den eelichen kan e r das b e y s c hla ffe n g e d ul de n / dann eelich / nit seyisch bey sch la ffe n / vnnd re inigke it. Hebr. XIIJ.

69 70 71

is t ein k e u s c h e it

Va te r Sigmund, Ü b er das A lta r sa k r a m en t (S ch r if ttu m , ed. RUH, Bd. 2, S. 107). Predigtm ärlein, ed. FRANZ PFEIFFER (Germania 3, 1858, S. 4 0 7 - 4 4 4 ) S. 423. Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 165. Vgl. ebd. Bd. 3, S. 68f.: i r sCilt

den

lip

ane grifen

m it

vasten

unde

m it

a lle r

güta ete

unde

s u l t an iu da m it lesch en des vlaisches g ir d e d ar umbe, daz ü nserm herren ch üschlichen unde raineclichen m ü g t g edienen.

ir

G e s c h le c h t l ic h e s üb erhaupt

131

leben sch ult unde unsers herren zuchunft in dise w erlt unde sin helige gebü rte eren s u lt.72 Gemeint ist in beiden Fällen E n th a ltsa m k e it in einer von der Kirche vorgeschriebenen Zeit. Im Alten T e sta m e n t m ußten sich die P riester w ährend des Tem peldienstes des G eschlechtsverkehrs e n t­ halten: 185

auch was den pristern das vorboten die in dem tem p el das oppher taten, das sie die achtag solden bliben kusche unnd reine van iren wiben.73

Zum Tugendkatalog eines Priesters des Neuen T esta m e n ts geh ört nach Heinrich von Melk, daß e r seinen Leib dahin bringt, imm er keusch und rein zu sein: 540

ja so l der den lip twingen, daz er werde chiusc unt reine.74

Thomasin von Zirklaere bezieht dies einzeln au f »Leib« und »Leben«, die V orbildfunktion des Priesters hervorhebend: 7827

er so l guotiu bilde geben m it kiuschem lip, m it reinem leben, m it guotem were, m it rede schone: er so l an tugenden tragen kröne.75

Allerdings d a rf niemand, der sich s e lb s t e n tm a n n t (das äiner im se lb s außsniet vmb das e r keusch vnd räin beleihen m och t), P riester w erden.76 C hristus ist der Bräutigam aller, die keusch und rein sind (is t alle der brutegüm e di kuzhe und reine sint).77 Der Lohn ist Keuschen gewiß: Unser vater von himel der g it uns sin erbe, ob wir chüsch und rein sin.78 Die Verheißung bezieht sich b esonders auf diejenigen, die K eusch­ heit in allen L ebensaltern bewahren, also den Jungfrauen: s w e r sich in den (drin) altern reinichlichen und chüschlichen behaltet, der is t saelich.79 Dies is t topisch, so daß ein P red ig tfo rm ular fü r das H eiligenfest einer jeden Jungfrau als Form ulierung vorschlagen kann: dise heilige junevrowe der hochzit wir hüte begen L .J die erw elete den himelischen künik zu einem vriedele und zu eineme gemahelen vor allen mannen, deme hilt sie 72 73 74 75 76 77 78 79

Predigten , ed. HOFFMANN, S. 110. Johan nes Roth e, Lob der K eu sc hheit, ed. NEUMA NN, S. 6. H einr ich von M elk, P rie ster leb en (Dichtu n gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 289). Thom asin , W ä l s c h e r Gast, ed. RÜCKERT, S. 213. Marquard von Lindau, Buch der zeh n G eb ote, ed. VAN MAREN, S. 72. H eilig e Reg el, ed. PRIEBSCH, S. 2. P redigten , ed. JEITTELES, S. 54f. P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 2, S. 15f.

132

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e ite n der U n r e in h e itsm e ta p h o r ik

im lib kusche und reine von gedanken und Worten und werkin.80 Die v e rtra u te Form ulierung kann auf das verbindende »und« ver­ zichten; so b it te t Johannes Rothe im E ingangsgebet zum »Lob der Keuschheit« C hristus um die Gnade, 44

daz ich dit buch geschribe nu dinen reinen, kuschen kinden, das s y tr o s t dar ynne finden unnd da m it vormanet werden wy s y leben sollen u f f d isse r erden 81

Damit läßt sich die zweigliedrige Formel durch ein d ritte s Glied f o r t ­ führen. Der Teufel sa g t über den hl. Martin: Er was künsch, rain und m ilt. Er gab der w eit für mich schirm und sch ilt.82 Marias Leib nie anders wart b eta get wan kiusche, g u o t und reine, bew art vor allem meine.83 Neben dem adjektivischen und adverbialen Gebrauch der Zw illings­ form el findet sie sich gelegentlich sub stantiv isch als »Keuschheit und Reinheit«;84 die geistlichen M enschen bringen ir se lb e r lip m it chüsche unde m it reinecheit dem almehtigen g o t zeim lebentigen Opfer.85 Mit dem Topos »Gott liebt die Reinheit« verbunden wird dies in einer Predigt: W ir schuln wizzen, daz g o t m innet chüsch und re in c h e it86 Der Mönch von Salzburg ü b e rträ g t den A usdruck ca stita s des »Salve, m a te r salvatoris« als »Keuschheit und Reinheit«: G 8,53

dein chewsche und die rainichait is t ein liecht, das nie verswant.87

Konrad von Megenberg ü b e rs e tz t in seinem B runnenkatalog den Ausdruck 80 81

P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 227f. Johan nes Rothe, Lob der K e u sc h h e it , ed. NEU MANN , S. 2; vgl. z.B. ebd. lf., S. 1: Ach w y g a r su berlich en unnd z a r t i s t die reine k u sc h e art; 879, S. 25: ir rein er ku sc h e r m u t ; M e la n c h th o n , R e fo r m a t o r is c h e Schr if ten , ed. STUPPERICH, S. 173: Und wie d e r he y lig g e y s t reyn i s t , a lso w u r t eyn k e u s c h , reyn h e r tz , das do e r s c h r ic k t v o r unke usc hem lu s t und be gierd ; H einr ich von N ö r d lin g e n an M argareth a Ebn er (M argareth a Ebner, ed. STRAUCH, S. 188): dein

82 83 84

D e s T e u f e ls N e tz 3356f., ed. BARACK, S. 109. R u d o lf von E m s, Barlaam 101814-101816, ed. PFEIFFER, Sp. 271. Z.B. K aiserchronik 2989f, MGH Dt. Chron. 1/1, S. 135: durch dlne k u sk e und durh dine raine, und du dih b e h ie lte an maile; San te Servatien Leben 300, ed. WILHELM, S. 161: c hius che unde raeine u nde r seinen br ü ste n lac; vgl. M e i s t e r In gold , Spiel, ed. SCHRÖDER, S. 61: die l a u t e r rainikayt und kiisch hayt. Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 3, S. 61. P redigten , ed. JEITELLES, S. 28. M ön c h von Salzbu rg, Lieder, ed. SPECHTLER, S. 164; de m e n t ­ spricht: Lux e c l ipsim n escien s Virginis e s t c a s tita s .

k üsc he s,

85 86 87

rains h e r tz

ma ch t

mich girig a lle r k üs c he n re inig k eit.

W e it e r e r it u e lle »U nre inhe ite n«

133

fons c a stita tis bei der Deutung au f die G o tte s m u tte r entsprechend: d er prunn bedäutt unser frawen, diu ain prunn is t der käusch und aller rainikait ,88 Der eine Begriff kann jeweils a ttrib u tiv den ändern ergänzen. Als »keusche Reinheit«; Maria soll all jenen Erbarmen schenken, die dir dienen m it kusch er reinikeit ,89 O der um gekehrt: O reine k u scheitl 90

b) W e i t e r e r i t u e l l e » U n r e i n h e i t e n « Menstruation Wie der G eschlechtsverkehr, so machen noch weitere Vorgänge aus dem körperlichen Bereich rituell unrein, wobei K örperflü ssigk eiten91 wohl eine m indestens ebenso große Rolle spielen wie die — in der Religionsgeschichte häufig hervorgehobene — Gefährdung durch Dämonen, denen der Mensch in diesen Situationen in b e so n derer Weise a u sg e s e tz t sei. Bei der M en stru ation geht es zum indest in den schriftlichen Q uellen durchw eg um ein H öchstm aß an Unreinheit, die das Blut h ervorruft, wodurch das M en stru a lb lu t zum Bildspender fü r b esonders schlimme Sünden werden kann. Ein pannus m enstruatae s te h t bereits in der Bibel für etw as ganz und gar V erächtliches (Jes. 64,6; dazu Kap. VII,1). Bei Ezechiel vergleicht G ott das V erhalten (den »Weg«) der Kinder Israels mit der Unreinheit der Menses: iuxta immunditiam m enstruatae facta e s t via eorum coram me (Ez. 36,17). Zwar wurde die M en stru ation als Strafe für die Verfehlung Evas a u fg e fa ß t,92 doch ist die Unreinheit der m enstru ieren den Frau kein Ausdruck ihrer eigenen Sünde. Dies scheint freilich nicht ganz se lb stv e rstä n d lic h gew esen zu sein, denn gelegentlich hält man es fü r nötig, ausdrücklich d arauf zu verwiesen, daß diese Un­ reinheit die Sünde nu r bezeichne, nicht s e lb s t sc h u ld h a ft sei: Quid autem e s t m enstruata? M ulier nimirum quae m enstru os fluores sanguinis patitur, cuius nomine, non natura, uocatur in culpam , se d p ecca to r designatur, in peccati sui immunditiam freq u en ter recidens e t relabens,93

88

89 90

Konrad von M eg e n b er g , Buch der Natur, ed. PFEIFFER, S. 48 4; vgl. WALTER BUCKL, M ege n b er g aus z w e i t e r Hand, Ü b e r l ie f e r u n g s ­ g e s c h i c h t li c h e Stu dien zur R eda ktion B de s »Buc he s von den natü r­ lichen Dingen« (G erm anis tisc he T e x te und Stu dien 42) H il d e s h e im Zürich - N e w York 1993, S. 170-172. Marien R o s e n g a r te n 72 (E rlösung, ed. BARTSCH, S. 286); vgl. Johan nes Rothe, Lob der K eu sc h h e it 875, ed. NE UM ANN, S. 25. Joh an n e s Roth e, Lob der K eu sc h h e it 57, ed. NEUMA NN, S. 2; ebd. 3 2 9 f ., S. 10 (von Maria): in irer reinen ku sc h e it g a r s y den kusc he n C r i stum gebar.

91 92

Dazu PASCHEN, Rein und Unrein, S. 74-81. Vgl. H ildegard , Scivias 1,2,20, CCCM 43, S.

93

Julian von Veze lay, Se rm o 3, SC 192, S. 88.

27: Se d ho c te m p u s d o l ori s in m ul iere non abicio, quoniam illu d Euae d ed i quando in g u st u p o m i p e c c a tu m con cepit, unde e t m u lie r in ho c e o d e m te m p o r e in magna m edicina misericordiae habenda e st .

134

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

Geburt »Unrein« ist auch die W öchnerin.94 Da m eist genaue V o rschriften über die Dauer der Unreinheit b e ste h e n (z.B. 7, 10, 33, 40 Tage), können neben dem G eburtsv org an g95 die nachfolgenden lochialen Blutungen d afür ausschlaggebend gew esen sein.96 Im m osaischen Gesetz (Lv. 12,1-8) ist die W öchnerin nach der G eburt eines Jungen 40 Tage (7 + 33) lang unrein, nach der G eburt eines Mädchens in sg esam t 80 Tage (2 Wochen + 66 Tage). Im Anschluß daran soll die Frau ein O p fer darbringen, der Priester wird für sie beten, e t sic mundabitur (Lv. 12,8). Diese V erun­ reinigung durch die G eburt wurde im C h riste n tu m nicht nur zum Gegen­ s ta n d der A llegorese genommen. Origenes denk t wohl an die allgemeine Sündhaftigkeit des M enschen und verw eist hierzu a u f Ps. 50,7: »in iniquitatibus« inquit »conceptus sum, e t in peccatis pep erit m e m a ter mea«, ostenden s quod quaecumque anima in carne nascitur, iniquitatis e t p ecca ti sorde p o llu itu r.97 Vor allem im Hinblick auf die Reinigung Marias (Lk. 2,22; dazu Kap. V,2e), bei der b e to n t wird, daß Maria sie nicht nötig geh ab t hätte, wird o f t deutlich, daß die Geburt s o n s t d u rc h ­ aus auch die M u tte r mit Sünde b efleck t (wobei freilich gleichzeitig an die vorangegangene Empfängnis zu denken ist): Nulla p ro fe c to opus e s t purificatione, ubi non p ra ecessit aliqua macula culpae. Debuit tamen, licet non purificari, tamen dies purificationis observare: quia et ipsa nata sub lege paritura erat masculum, qui venit non solvere legem , se d adim plere (vgl. Mt. 5,17).98 C hristi G eburt w ar von jeder Befleckung ausgenommen: das die gebürt vnsers herren so ga r edel vnd rain was, wan er nit von man vnd frowen, m er von einer reinen m egde geborn ist, dies m ündet bei M arquard von Lindau in die tro p olo g isch e A ufforderung, das wir vns s o lte n t reinlichen haben vnd halten vnd vns von allen lip lichen bösen lüsten leeren." In einem A nalogieargum ent bei Bernhard »reinigte« C hristi G eburt die unsrige, welche zuvor »unrein« w ar.100 94 95 96 97 98

Dazu u.a. GERHARD BINDER, Art. »Geburt II (r e lig io n sh ist o r isc h )« (RAC 9, Sp. 43-171) Sp. 6 7f., 8 5 - 8 9 , 112; PARKER, Miasm a, S. 4 8 f f . (Lit.!). Vor de m S ü n d en fall wäre eine Geburt Sine s o r d e , e t a b s q ue d o lo r e g e sc h e h e n ; H o n or iu s, Elucidarium 1,14, PL 172,1118B. PARKER, M iasma, S. 55. O rig e n e s, In Lv. hom. 8,3, GCS 29, S. 398. A b s a l o n von Sp rin giersba ch, Serm o 16, PL 211,98A. V gl. P rie ster Wernher, Maria D 3871-3873, edd. WESLE - FROMM, S. 191: diu g e b u r t s a n ft e ergie,

wan sie in ane meil en pfie

v(nd) ane s und e gebar.

99 Marquard von Lindau, Der g lö b (S ch r if ttu m , ed. RUH, Bd. 2, S. 3 0 4 f.) . 100 Bernhard, Sent. 11,31 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 6 / 2 , S. 32): Triplici m o rb o l ab o ra t ge n u s humanum C...3. N a tiv ita s e r a t immunda, vita p e r v e r s a , m o rs pericu losa. Venit Ch ristus , e t c o ntra tr ip lic e m hunc m orb um a tt u li t tr ip le x remediu m. N atus e s t enim, vixit, obiit. Eius n at i v i t as p u r ga vit n os tra m , eius vitam in s t r u x it no s tr a m , m o r s illi us d e s t r u x i t n ostram; danach P s .- H u g o von St. Viktor, M is c e lla n e a V,25, PL 177,769A.; A b s a l o n von Sp rin giersba ch, Se rm o 15, PL 211, 92D-93A. Vgl. Isaak von S te lla , Se rm o 45,3, SC 339, S. 98: Ecce, d i le c t i s s i m i , nobis, qu orum n a tivitas fu it immunda, vita p e r v e r s a , m o r s p eri c ul osa, iam p e r gratiam Ch risti omnia c o m m u ta ta s u n t in melius.

W e ite re r itu e lle »U nre in heiten «

135

Tod Wie der Beginn des m enschlichen Lebens, so b e fle c k t dessen Ende.101 G e setzesv o rsch riften wie Nm. 19,16 (si quis in agro te tig e rit cadaver occisi hominis aut p e r se m ortui sive os illius vei sepulchrum inmundus erit sep tem diebus) w erden im C h riste n tu m durchweg im geistlichen Sinn verstanden. Die Reinigungsvorschrift Nm. 19,11 bezieht Petrus Damiani auf die Buße: Sicut enim p o s t contactum corporum m ortuorum le x praecipit hom ines purificari, ita etiam p o s t perpetration em delictorum iubem ur p e r paenitentiam ablui.102 R upert von Deutz k om m t mit Blick a u f Hbr. 9,13f. vom hier vorgeschriebenen R einigungsw asser (Nm. 19,12) zu C hristi Blut: Ergo aqua cinisque uitulae aspergendus idem hic, quod in Leuitico, sanguis uituli, scilicet aspersionem sanguinis Christi, tactu s uero m orticini hominis mortua significat opera, quibus nos ille emundauit. Toties quippe cadauer tangimus hominis, pro quo nobis expediat lustrari aqua expiationis, qu oties peccatum incurrimus, quod p e r confessionem atque paenitentiae satisfactionem redimi n ecesse e s t.103 Für Origenes is t der K örper des M enschen (in p la to n istisc h e r Tradition) ein »Leichnam«; w er sich körperlichen Lüsten hingibt, der ver­ unreinigt sich, denn e r b e rü h rt einen Leichnam: »Der Satz, daß 'die Leichname die Leichname begraben' (Lk. 9,60), kann n u r im übertragenen Sinne v erstan den werden: es begraben nämlich die Leichname die Leich­ name irgendwie in sich se lb st, inso fern sie ihre eigenen Gräber und G rabm äler gew orden sind. W er Jesus G ehorsam le iste t, verläß t vollständig den Leichnam und b e rü h rt ihn fo rta n auf keine Weise mehr; denn er weiß, daß w er einen Leichnam b e rü h rt, sich b e fle c k t.« 104 Bereits die Bibel b rin gt die Unreinheit der T oten auch vergleichend mit der Sünde in Verbindung. Sir. 34,30: »Reinigt sich jem and von einem T oten (qui baptiza tu r a mortuo) und b e rü h rt ihn dann wieder — was n ü tz t ihm die W aschung? So auch ein Mensch, der seiner Sünden wegen f a s te t {qui ieiunat in peccatis suis) und dasselbe wiederum t u t — was n ü tz t seine Demütigung? W er wird sein Gebet erhören?« G regor d e u te t dies erneu te Verunreinigen als Rückfall nach der reinigenden Reue: Baptizatur quippe a m ortuo qui m undatur fletib u s a peccato; s e d p o s t baptisma m ortuum tan g it, qui culpam p o s t lacrym as r e p e tit.103 Dies fü h rt Gregor auch gegen die häretische A uffassung ins Feld, nach vollzogener Buße dürfe man die abgebüßte Sünde w ieder ern e u t begehen: M ortuum quippe e s t omne opus peruersum, quod pertrah it ad m o rtem , quod uita iustitiae 101 Dazu PARKER, M iasm a, S. 3 3 - 4 8 (Lit.!); PASCHEN, Rein und Unrein, S. 8 0 f .; vgl. MACHO, T o d e sm e ta p h e r n , S. 413f. 102 Petrus Damiani, Ser m o 17,1,10, CCCM 57, S. 93. 103 Rupert, De s. Trinit. XVII,6, CCCM 22, S. 971. 104 O rig e n e s, In Lc. hom . fr gm . 67 (ders., H o m il ie n z um L uk a se van ge ­ lium , dt. HERM ANN -JOSEF SIEBEN [ F o n te s Ch ristiani 4 / 2 3 Freiburg u.a. 1992, S. 453). 105 Gregor, Reg. p ast. 111,30, PL 77,110C; danach Gratian, D is t. 3,16 de pe nit., ed. FRIEDBERG, Sp. 1214.

136

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

non uiuit. B aptizatur ergo a m ortuo e t iterum tangit eum , qui praua opera, quae se egisse meminit, d ep lo ra t, se d in eisdem se iterum p o s t lacrimas im plicat. Anima itaque quaelibet eiusdem m ortui lauatione non proficit, qui hoc iterum faciendo quod planxit nec p e r lamenta paenitentiae ad rectitudinem iu stitiae exsurgit. Paenitentiam enim uere agere e s t com issa plangere s e d iterum plangenda declinare}06 Sonst wird immer wieder allgem ein vor einem Rückfall mit diesen Form u­ lierungen gew arnt. Petrus Damiani: B aptizatur quippe a m ortuo qui m undatur fletib u s a peccato, s e d p o s t baptism a m ortuum tangit qui culpam p o s t lacrimas r e p e t it } 07 O der Alanus ab Insulis (?): P ost lavacrum mundus esse negligit, qui p o s t lacrymas vitae innocentiam non custodit. Lavantur quidam et mundi non sunt, quia comm issa flere non desinunt, et rursus flenda c o m m ittu n t}08 Nach Bernhard von Clair­ vaux wird nach einer Buße ohne Besserung alles nur noch schlimmer: Qui enim baptizatu r a m ortuo e t iterum tangit eum, nihil p roficit lavatio eius, s e d iuxta Salvatoris sen ten tiam , videndum e s t ne ei aliquid deterius contingat (Jh. 5,14).109 Hierbei s te h t jeweils das ern eu te Beschm utzen nach vollzogener Reinigung im V ordergrund; daß das Berühren eines T oten verunreinigend wirkt, v e rste h t sich dabei von selbst.

c) G e s c h l e c h t l i c h e V e r g e h e n Di e S ü n d e d e r L u x u r i a Der Ausdruck luxuria ist in diesem Zusam m enhang ein O ber­ be g riff fü r den ganzen Bereich sexu eller V ergehen,110 oder spezieller für solche Sünden, die nicht — wie etw a Ehebruch oder Inzest — als b esonders gravierend b e w e rte t werden (m eist vorehelicher G esc h le c h ts­ verkehr); wo es um die »Reinheit« von Jung frauen und W itw en geht,

106 Gregor, Ep. XI,27, CCL 140A, S. 912. 107 Petrus Damiani, Se rm o 17,1,10, CCCM 57, S. 93. A m b r o s iu s A u tp e r tu s, In Ape. I, CCCM 27, S. 48: Tamquam diceret: Qui la ua tur b a p tis m a te ab ope ri bus

m o r tu is,

et

crimina m ortalia p o s t

a b lutio ne m

a d m itt it,

qu o d lo t u s fuit. P s.- G re g o r, In 7 ps. poe n it . IV,22, PL 79,596D-597A: Ille quippe lav a tu r a m ortu o , qui p e r p o e n ite n tia m m un d at u r a p e c c ato . Q uem si c o n tig e rit e ad e m quae p unie ra t, nihil ei p r o f u i t

i tera nd o pe c c at a c o m m itt e r e , nihil c o n tu lis s e v id e tu r a dhibita s a t i s ­ f a c t i on i s lav atio, quem m acu lavit in h on e s tius ite r a ta fac ino ris tu rp i tud o. Ebd. 596D: Illoru m ergo sacrificiu m Deus non a ccipit, qui la c ry m i s qui de m se c o m p u n ction is abluunt, s e d e is d e m , a quib us a nte m un dat i e s s e videntur, p e c c a to ru m macu lis in id ip s um r e v e r te n te s s o rd e sc u n t . De talibu s s c rip tu m est...

108 A la nu s (?), S e n te n t ia e aliae, PL 210,257A. 109 Bernhard, In vigilia n a tiv it a tis D om ini 3,4 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 214). 110 Vgl. P s,-A lk u in , De divinis o f f i c i i s 13, PL 101,1194C: De luxuria, quae a luxu nom e n

accepit,

et

e s t immu n ditia

co rp o ra lis.

137

G e s c h le c h t l ic h e V erge h e n

d o rt kann auch Sexualität überh au pt gem eint sein.111 Allgemein heißt es, jem and sei »mit den Flecken der Luxuria verunreinigt«,112 oder es ist die Rede von ihren »Unreinheiten« {inquinationes) .113 Festste h e n d e Form u­ lierungen sind luxuriae inquinamenta,114 immunditia luxuriae115 u.a. Auch der Begriff fornicatio kann diesen ganzen Bereich der sexuellen Sünden u m fa sse n :116 Omnis immunda p o llu tio fornicatio dicitur, quamvis quisque diversa turpitudinis voluptate p ro stitu a tu r.117 Im engeren Sinne meint er nichtehelichen G eschlechtsverkehr zwischen U nverheirateten. Ein Spezialfall ist stuprum »Jungfrauenschändung«;118 dabei g eh t es nicht etw a um Vergewaltigung; dieser Terminus aus der röm ischen R ech ts­ sprache s e tz t vielm ehr voraus, daß es beson ders schlim m sei, einer Frau ihre jungfräuliche »Reinheit« zu nehmen, ohne dazu durch einen Eheab­ schluß b e fu g t zu sein: stuprum , dz is t iunckfreülich zerstöru(n)g: da­ durch z e r s tö r t wirt iu(n)ckfreüliche reinigkeyt.119 W ichtig ist dabei die fehlende Z ustim m ung der Eltern, w eshalb solche Mädchen, die sich »schänden« lassen, eine besondere B estrafung e r w a r te t.120 111 E h e lic h e S e x u a litä t bei Ala nu s ab In su li s, De v irtu tib us e t vitiis (ed. HUIZINGA, Verk nü pfu n g, S. 80): Continenda, uidualis e s t uir tus qua post

e xpe ri e ntiam

luxurie non ampliu s

se

sub ic it e xp e rie ntie.

112 Gregor, Mor. V,20,39, CCL 143, S. 245: Saepe dum uir tute la r g ita tis sp eciosu s

o st e n d itu r,

luxuriae maculis inquinatur.

113 Gregor, In Ev. 1,7,2, PL 76,1100C: Q u isqu is erg o in s up e rb ia m m e n te m e l e v at , quisquis avaritiae a e stib u s anhelat, q uisq uis se luxuriae in quinationi bus p o llu it, cordis os tiu m con tra v e r ita te m claudit; e t ne ad se Dom inus veniat, clau stra animi seris v itio r um damnat. Vgl. ebd. 1,11,3, PL 76,1116A: qu o s ira su perat, su perb ia infla t, a m b itio pei — t urbat , luxuria inqu in at ; Mor. XX XIII,6,13, CCL 143B, S. 1683: q uo s s uperbia e rigit, auaritia tab efacit, u olu p tas dila ta t, ma litia a ng us ta t, ira i nflam m at , discordia s e p a ra t , inuidia exu l c e r a t, luxuria inquinans necat; P s.-G re g o r, In 7 ps. poe n it . IV,12, PL 79,S90C: quid d ic tur i s um us nos, quos luxuria inquinat, invidia an gu s ta t, a m b itio p r a e c ip ita t, su pe rbia e x a l t a t ? A m b r o s iu s A u t p e r tu s , De A d su m p t io n e s. Mariae 12, CCCM 27B, S. 1036: non luxuria inquinet; Hraban, Hom . de f e s t i s 38, PL 110,72D: luxuria coinquinat.

114 Gregor, In Ev. 1,13,1, PL 76,1124A; de rs., In I Reg. V,190, CCL 144, S. 538: quia luxuriae in quinamenta deo ualde odibilia sunt; ebd. VI,47. S. 579. 115 H o n o r iu s, S p ec u lu m E c c le sia e , PL 172,869B: qui immund itia luxuriae s o rd e sc i t . Vgl. Isaak von S te lla , Se rm o 8,11, SC 130, S. 198-200: ut

si s

supe rbia

d ei e c t u s,

116 In

anxius

d ie s e m

Sinn

tu midu s,

tabidu s

avaritia, gula

wohl

invidia,

avidus,

Gregor,

In

I

ira

tur b ule ntu s ,

tr is titia

luxuria immund us .

Reg.

1,26,

CCL

144,

S.

69:

i nm unditia fornication is.

117 Isidor, Sent. 11,39,19, PL 83,642C. T h om as von F roidm ont, Liber de m o d o b ene vivendi 23,66, PL 184,1241A; Pirmin, S carapsu s 14, ed. ENGELMANN, S. 38. Vgl. A la n u s, Su m ma de arte praed ica to ria 5, PL 210,121D: Om ni s immunda p o llu tio , forn icatio dicitur: me lius e s t mo ri quam fornicari; m eliu s

est

mori,

quam libidine maculari.

118 Dazu HOHEISEL, Art, » H o m o s e x u a l it ä t« , Sp. 346; PFAFF, Art. »Stuprum « (RE IVA, S. 423f.). 119 Sp iegel d e s Sü nd ers, ed. BROEK, S. 224, 120 V isio s. Pauli 38 (gr.) (Apokryphen, ed. SCHNEEMELCHER, Bd. 2, S. 664 App.): »D ie se sind die, w e l c h e ihren E lt er n n ic h t g e h o r c h te n , so n d e r n vor der Heirat ihre J u n g frä u lic h k eit b e f l e c k te n .«

138

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e ite n der U n r e in h e it sm e ta p h o r ik

Im Lateinischen meint zudem der Ausdruck libido neben negativ b e w e rte te r Sexualität ü b e rh a u p t121 sexuelle A usschweifung und un­ mäßiges L u ststre b e n in diesem Bereich. In den »Synonyma« Isidors von Sevilla heißt es: Fornicatio gravior e s t m orte; m elius e s t mori quam fornicari, m elius e s t m ori quam libidine maculari.122 Mit dieser Form u­ lierung wird gern vor sexuellen V erfehlungen gew arnt: Nulla jam immunditia po lluaris, nulla libidine maculeris, ab omni te carnis corruptela su spen de, ab omni carnis corruptione extrahe. Luxuria ultra non invalescat, libido ultra non te devincat. M elius enim e s t m ori quam libidine maculari. M elius e s t animam effundere quam eam p e r in­ continentiam p erdere.123 Die Seele wird durch »Flecken« der Libido ver­ unrein igt.124 In einem Sündenkatalog heißt es: Qui ergo in Christum jam credidit, s e d adhuc avaritiae lucra sectatur, in superbia honoris extollitur, invidiae facibus inardescit, libidinis se immunditia p o llu it, prospera quae in mundo sunt concupiscit, Jesum in quem credidit sequi contem nit 125 Diesen Vergehen s te h t als »Reinheit« die »Keuschheit« (ca stita s) g eg enüber;126 sie ist fü r alle M enschen notw endig, vor allem fü r die P rie ste r.12/ Zu Keuschheit g eh ört es, sich nicht mit »verbotenem Ge­ s c h le c h tsa k t zu beflecken« {ad ca stita tem namque p ertin et non fornicari, non moechari, nullo inlicito concubitu maculari).128 Gregor sch reibt über den Eifer der Keuschen gegenüber den Unkeuschen (aber im An­ fe c h tu n g sfa ll auch gegen sich selbst): Si qui ca stita tis bonum in suo corpore cu sto d it contra luxuriantes ze lo accenditur, ut ab immunditiae maculis expientur. Et saepe dum quosdam in lapsibus inuenit, edom at, affligit, atque ad c a stita tis munditiam restringit. Cuius si fo rte m ens de 121 Leander von

Sevilla, Regula, PLS 4,1426: Et qualis e s t virginitas, ubi non p e r m a n e t in tegra, ut caepit e s s e na tura? Primum divino o pe ri i nro g a t ur iniuria, dum qu od ille for m a v it in te g r u m , libidine c onrum pitur, li bidine maculatur.

122 Isidor, Synony m a 11,9, PL 83,847B; danach D e f e n s o r , Liber sc in till a r u m 21,35, CCL 97, S. 98; vgl. T h om as von F ro idm ont, Liber de m o d o be n e vivendi 23,66, PL 184,1241B: forn ica tio gr a v io r e s t m o r te . M elius e s t mori, quam fornicari: m eliu s e s t m o ri, quam fo r nic a tio ne maculari: m el i us e s t mori, quam p e r forn ication em animam p e r d er e .

123 P s .- A n s e lm , E x h o r ta tio ad c o n t e m p t u m te m p o r a liu m , PL 158.679D680A. 124 Caesarius von A r le s , Sermo 4 4 ,4 , CCL 103, S. 197: N e c te p ig e a t f r e q u e n t ius ieiunare, si c orp oris in firm itas non p r o hib e t, ad e c c le s ia m m at uri us s urgere, ut p o s s i s tuam animam a lib id ino s is ma c ulis n iti dam c u st odi re.

125 Gregor, In Ev. 1,2,8, PL 76,1085CD. 126 Gregor, Mor. X X V I,17,28, CCL 143B, S. 1286: Proinde p e r h u m ilita tis c u st o d i a m seruanda e s t mu nditia c as titatis ; vgl. ebd. X X I ,12,19, CCL 143A, S. 1080. MANZ, A u s d r u c k s f o r m e n , S. 319 (§ 628 mund itia castitatis).

127 Hraban, H om . de f e s t i s 47, PL 110,88B: O mnibus enim c a s tit a s pei — n e c essaria e s t , s e d maxime m in istris Ch ris ti altar is , quor um vita aliorum d e b e t e s s e eru ditio e t assidu a sa lu tis p r a e dic a tio . Tales d e c e t Dominum habe re m in istro s, qui nulla con tagione carnis c orr ump antur , s e d p o ti u s

c onti n en tia c a s ti ta ti s

sp len dea n t.

128 A u g u s t i n u s , De b o n o c o n iu g a li 23,30, CSEL 41, S. 225.

139

G e s c h le c h t l ic h e V erg ehen

immundita luxuriae fuerit te n ta ta , ex ipso z e lo quo alios correxit s e m e tipsam conuenit, e t erubescit immunda cogitare, quae se in aliis recolit c o r r e x iss e }29 G regor b e to n t sta rk diesen Gegensatz: Alius luxuriae tabe p o llu itu r e t longa iam consuetudine captus tenetur; quanta autem ca stita tis s it munditia conspicit e t carne uinci turpe rep reh en d it}30 Ais e n tg e g e n g e se tz te Tugend b e seitigt die Keuschheit diese Sünde, was bei »Unreinheit« heißen kann, daß sie sie »reinigt«.131 Im D eutschen wird luxuria (und fornicatio) als Sam m elbegriff fü r jede A rt nichtehelichen G eschlechtsverkehrs (oder negativ b e w e rte te n ehelichen) m eist mit Unkeuschheit ü b e rtra g e n 132 (während Unzucht sich relativ sp ä t auf den sexuellen Bereich einzuengen scheint);133 Unreinheit {lieb der unrainigkayt)134 und U nlauterkeit135 sind dazu o ft nahezu Synonyme. Das entsprech en de Kapitel im »Spiegel des Sünders« is t ü b e r­ schrieben: Von der sibenden todsü n d genant die vnkeüsch oder vnlauterk e y t } 36 Eine K atechism ustafel e r lä u te r t bei den Zehn Geboten: Du s o lt nit unkewschen. Da wirt verpoten aller werich der unlauterchait ausserhalben der ee und auch yn der ee, so nicht zim liche g ötlich e Ordnung darynn angesehen und gehalten wurde.137 Die U nkeuschheit b efleck t das Herz (ess sere b e fle c k e t)}36 Sie b e129 Gregor, In Ez. 1,10,31, CCL 142, S. 160. 130 Gregor, Mor. VII,28,34, CCL 143, S. 357f. 131 Gregor, Mor. VI,16,22, CCL 143, S. 299: Aliu s namque e la tio ne erigitur, alius po n d e r e t i m oris inclinatur, alius libidine a e s tua t, alius auaritia anhelat, alius r e m ission e se deicit, alius ira fe r ue s c it. Se d p e r d o c t rinam sacri eloquii dum su p er bo h u m ilita s trib uitur, tim id o c o n ­ f i de ntia p rae be t u r, lu xu riosu s p e r c a s t it a t is s tud iu m ab immund itia t e rgit ur, auarus p e r co n tin en tiam ab am bitio nis a e s tu te m p e r a tur , r e m i ss u s ze l i re c titu din e erigitur, iracundus a p r a e c ip ita tio nis suae e x c i t at i o n e re fre natu r, universa Deus aquis irriga t (vgl. H iob 5,10); quia uim sui se rm on is in sin gu lis iu xta m oru m d iu e r s ita te m fo r m a t u t ho c in eius e lo q u io quisque inueniat, p e r qu o d uir tutis ne c e s sa r ia e g erm e n f e r a t . 132 Z.B. J o s e p s S ü n d e n sp ie g e l 5 078, ed. SCHÜTZ, S. 194: Luxuria , v nk u sh e y t is de sun de nant; Bavngart, ed. UNGER, S. 192: die m it d e r h ohv art geblaeit sin t und m it s o getan en vn tug e nd en v mb g e n t vnd m i t d e r vnchüsch e vervnraeint s i n t ; Konrad v on M eg e n b er g, Buch der

133 134 135 136

Natur, ed. PFEIFFER, S. 396: die g e m ailig t si n t m it unkäusch. Dazu DWb X I / 3 , Sp. 2 3 0 8 f., 2312f.; vgl. LEXER, Bd. 2, Sp. 1996f. WEIDENHILLER, U n t e r s u c h u n g e n , S. 60. Z.B. WEIDENHILLER, U n t e r s u c h u n g e n , S. 94: unla uterkait. S p iegel d e s Sünd er s, ed. VAN DEN BROEK, S. 223; ebd. S. 227: I te m h a st u v nke üsc he w o r t od(er) weis v or den le ü te n a uß g e c z o g e n dai— durch dich vnd a n der le u t zi 3 de r begirde de r v n la u te r k e y t g e r e y c z e t. Es i s t

dir sc hwärlich en

töd tlich .

137 WEIDENHILLER, U n te r s u c h u n g e n , S. 47. 138 Jo han nes Rothe, Lob der K eu sc h h e it 2655, ed. NEUMA NN, S. 75. Vgl. Gregor, Mor. X ,6,8, CCL 143, S. 540: Me c o r luxuria p o llu a t e t s u b iectum

de side ri i s

p e r illicita

corru mpat;

ne ira

e x a sp ere t

et

usque

ad p ro fe r e n d a m co n tu m eliam in flamm et; ne inuidia m o r d e a t e t alienis f e li c i t a t i b u s aemula, sua s e face con su m m at; ne im m o d e r a te linguam l o q ua c i t as p e rt r a h a t eamque u sque ad lasciuiam o b tr e c ta tio n is e x ­ tendat; ne odium malitia e x c it e t e t os u sque ad iaculum m a le d ic tio nis irrit et ; danach A m b r o s iu s A u tp e r t u s , In Ape. I, CCCM 27, S. 78.

140

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

fle c k t Leib und Seele des M enschen (dazu Kap. VI,lb). Geiler von K aisers­ berg: Das unkeiischait ainem m enschen sein h e rtz verw üste und unrain mach, was b e d a rff ich davon sagen / w er is t also s tu m p f f / der da n itt waißt / wie die fan tasey aines unkeüschen menschens / so vol unflätiger gedenk ist. ich schw eig der äugen, hend. und ander ort des leibs / die davon greußelich b efleckt werden.139 Mit der »Unreinheit« d er U nkeuschheit b e g rün det B erthold von Regensburg die verm inderte R e c h tsste llu n g unehelicher Kinder: A ls unreine is t diu unkiusche und als vint is t ir der alm ehtige g o t, daz er halt diu kint diu von der unelichen unkiusche kom en t niem er an die ere ze rehte laet komen, da die elichen an s in t .140 Der U nkeuschheit s te h t beim 6. Gebot das »reine Leben« gegenüber: 6871

Das se ste , daz man sich bew ar vor unküschekeide gar. Dü sa lt haben reinez leben. Daz is t zü reinekeit gegeben.141

Wie die A usdrücke »Hurerei« und »huren« sich noch heute nicht nur auf P ro stitu tio n beziehen, so m eint im Ahd. und Mhd. huor auch allge­ mein sexuelle V erfehlungen, die als sippehuor »Inzest« oder uberhuor »Ehebruch« n äher b e stim m t w erden können. Die Glieder, m it denen die huorliche unsüberkeit geschieht, erleiden in der Hölle eine spezielle S tra fe .142 U nkeusche Begierde heißt entsp re c h e n d h u orgelust; »unrein« n e nn t sie eine Predigt, welche die sieben H au ptsün den den sieben V ater­ u n s e rb itte n geg e n ü b e rste llt: Daz sibente g e b e te hat uns der heilige Christ an dem heren p a te r n o s te r g e s e z z e t w ider die unreinen hörgelust, da wir sprechen: Libera nos a m alo (Mt. 6,13).143 »Luxuria« wird um schrieben m it der Form ulierung »unreine Sünden«. Schon ganz junge Leute, so k la g t Berthold von Regensburg, b efle c k te n sich heutz u ta g e damit: Wan daz a ller e r s te üz der schaln s liu fe t, daz b e w illet sich nü m it derselben sünde ,144 Und bei diesen »unreinen Sünden« schäme man sich nicht einmal: Und derselben unreinen sünden i s t so vil worden unde sint alse gew onlich worden, daz sich ir nieman schämen wil, wan ir lü tz e l i s t , die sich ir scham ent.14,5 Personifiziert ersc h e in t die Luxuria als g rausam er Feind: Crudelis h o stis e s t luxuria, quae corpora in baptism ate sanctificata p o llu it et sulphureo igni in volvit ,146 Mit M etaphern aus dem Bereich des Kampfes 139 140 141 142 143 144 145 146

Johann Geiler von K aisersb er g, W erk e, ed. BAUER, Bd. 2, S. 230. B e r th o ld von R e gen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 413. Die E r lö s u n g , ed. MAURER, S. 286. Alber , Tun dalu s 907, ed. WAGNER, S. 147. S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 152; ebd. S. 150. B e r th o ld v on R e gen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 82. B e r th o ld von R egen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 278. H o n or iu s, S p ec u lu m E c c le sia e , PL 172,868B.

141

G e s c h le c h t l ic h e V e rg ehen

wird die U nreinheitsm etaphorik verbunden bei einer A rt Personifikation der Libido: quia libido ad perfection is summa tendentibus arma uoluptatis obicit e t corda, quae p o te s t, gladio inmundae suggestion is fe r it .147 Die personifizierte W e lt (D er w eit figur) »trän kt« alle M enschen mit der (feuchten und unreinen) Unkeuschheit: 460 6

Was y e t z nun le b t in d isse r zyt, Das t renk e t s y m it irem trank, Das och b e tü t an allen wank Die fü ch te und die unrainikait Ir vil g rossen unküschait Da m itt si tü t erlaffen Münch, layen, wyb und p fa ffen ,148

Der radik alste Rat fü r Männer, die sich nicht mit U nkeuschheit b e­ flecken wollen, b e s te h t darin, den Umgang mit Frauen, zum ind est den vertraulichen, zu meiden: Darumb spricht Bernhardus: »Bei den frawen wandelen und p ei in nit b efleck t werden, das is t m er englisch dann menschlich, wann allem la s te r mügen w ir w idersten m it vil sachen, aber die g e lü ss t der unlauttrigkait nit anders dann m it fliehen ,«149 Die e n t­ sprechende biblische W arnung Prov. 6,27-29, die m eist an ein Brennen denken läßt, kann auch als Beflecken a u fg efaßt werden: Herumbe sprichet Salomon: »als unmuglich ez is t daz ein man drage brinnende wüir in sinen buszen ane roch und ane scade, noch unmüglicher is t daz er wiben vil heimelich si, er werde ge fle c k e t an lip und an se ie n « }50 Die Luxuria, so m ü ssen freilich keusch lebende M enschen immer wieder e rm ahn t werden, ist nicht die einzige Möglichkeit, sich zu b e­ flecken: Quisque continentiam p ro fite tu r e t ab aliis terrenis desideriis non subtrahitur, quamvis hunc luxuria carnis non polluat, diversa tamen mundanae conversationis operatio m a c u la t}51

K a t a l o g e von F l e i s c h e s s ü n d e n Die verschiedenen M öglichkeiten, im sexuellen Bereich zu sündigen, sc h lü ss e lt die B eichtliteratu r detailliert auf. So nenn t die »Beichte« des H onorius A u g ustodunensis (einfache) Unzucht, Ehebruch, Blutschande, U nzucht m it Tieren und — zusam m en fassend — alle A rten von Un­ 147 Gregor, In I Reg. V,191, CCL 144, S. 538f. 148 Konrad von H e l m s d o r f , S p iegel, ed. LINDQVIST, S. 92. 149 Eine b ayeris ch e F ü r s t e n s p ie g e lk o m p i la t i o n d e s 15. Ja hr hu nd erts, ed. GERD BRINKHUS (MTU 66) M ünchen 1978, S. 166; zur G ege n ü b e r ­ s t e l l u n g von M e n s c h lic h e m und E n g e l h a f t e m SCHUMACHER, » ...ist m e n sc h lich « . 150 H eilig e Regel, ed. PRIEBSCH, S. 43. Vgl. Prov. 6,29: s ic qui ing r e d itur ad m ul ie re m pr o x im i sui non erit mu n du s

151 Isidor, Sent. 11,40,10, PL 83,644B C.

cum

te ti g e r i t

eam.

142

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e ite n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

reinheit, m it der ein Mensch sich beflecken kann: M ultum deliqui in fornicationibus, in adulteriis, in incestibus, in bestiali fornicatione, in omni pollu tion e e t omni immundicia qua se hom o coinquinare p o te s t, coinquinavi corpus meum e t miseram animam meam mecum e t cum omnibus qui mihi consentire voluerunt ,152 Die verw andte Benediktbeurer Beichte III n e n n t s t a t t der (»widernatürlichen«) B estialität den n ä h er­ liegenden G eschlechtsverkehr zu einer verbotenen Zeit: ich (begihe) dem alm ahtigem g ot, daz ich mich versun tet han m it houpthaften sunden, m it huore, m it uberhuore, m it sippim huore, m it unzitigim huore, m it huores gefrumidi, m it a ller slah te huore. ich han mich bew ollen m it unchuschin wortin, m it huorlichen gebardin, m it aller slahte bosheit; da ie dehein suntare sich m it bewal, da han ich mich m it bewollen: daz riw et mich.153 Solche Listen von Sünden sind nicht A usdruck eines individuellen Bekenntnisses, schon deshalb nicht, weil kaum ein Mensch in der Lage wäre, alle diese Sünden zu begehen. Die Kataloge dienen vielmehr dazu, alle möglichen Sünden zusam m enzustellen, um die t a t ­ sächlichen darin w iederzufinden zu können; in Summen fü r Beichtväter m it dem Ziel, eine angem essene Buße verhängen zu können, oder — wie hier — in B eichtform ularen und Beichtspiegeln, um bei der G ew issens­ e rfo rschu ng und beim Bekenntnis keine Sünde zu vergessen. Die damit verbundene Tendenz zum A ufschw ellen zeigt sich e tw a in der Bam berger Beichte, wo nicht alle Fleischessünden sc h arf voneinander abzugrenzen sind (zu denen hier auch Vergehen wie A btreibung und K indstötung zählen): Ich habe gesu n döt in aller sla h te huore: an huorgilusten ioh in huoris gigiridon, an aller g e tilo si (Zügellosigkeit), an aller ungehebede, an a ller unscamide, an erlösi, an huoris gispensten, in huormachungo, in huoris gimeinide, in huoris giw izzide, in huoris unreinide, m it m ir selbem o (M asturbation), m it mannen (H om osexualität) ioh m it wiben, in uehelichemo huore (Bestialität), in sippim o huore (Inzest), in manigemo m einhuore, in allen huorminnon, ioh in huorgibäridon, an dem o m ortöde des unsuangirtuomis (Abtreibung?), und an demo m einflore (Kinds­ tötung?) ioh an dero girride m iner giburte, in m isseboran manigen, an dere biwollinheite m anötlicher su hte (während der M enstruation), an unreinen untroumen, und an der girrida reh tis g ih ileich es}54 und in aller 152 H on or iu s, S p ec u lu m E c c le sia e , PL 172,825B; vgl. VOLKER H ON E­ MANN, Die »Beichte « d e s H on or iu s A u g u s t o n u n e n s i s — eine Rü ck­ ü b e r s e tz u n g aus de m D e u t s c h e n ? (PBB 102, 1980, S. 155-159). 153 Ben edik b eu re r Glaube und B e ichte III (Sprac hd en km äler, ed. STEIN­ MEYER, S. 359); S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 3f. 154 Nach DAVID R. McLINTOCK, Art. »B am berger und E r ste r W e s s o brunner Glaube und Beichte« (VL 21, Sp. S93-596) Sp. 595, heiße dies »B egeh re n r e c h tm ä ß ig e r Ehe«, w e s h a lb die B eic h te aus der P er sp ek tiv e z ö lib atär e r Kleriker g e s c h r ie b e n sei. G em ein t se in d ü rfte eh e r das V e rlan gen nach rec h tm ä ß ig V erh eir atet e n , od e r — w e n n girrida. hier (wie bei an de ro girride m in er gebü rte) »Z e rstöru n g«, »Vernich tung « m ein en p o lit e — »H inderung der r e c h te n Ehe« (SCHULZE, E n tw ic k ­ lu n g, S. 116) od e r » Z e rs tö ru n g einer Ehe«, in be id en F älle n eine Sünde aus dem Bereich d e s E he br uc hs .

143

G e s c h le c h t l ic h e V erg ehen

unreini, und in unkiusci m it diu mennisco in huorlichen meinen in diheina wis sih selben biwelJen mac .15S Von m anchen dieser Sünden wird die Rede sein, wenn nun einzelne Beispiele fü r das Beflecken durch sexuelle Vergehen v o rgefü hrt werden.

Prostitution G eschlechtsverkehr m it Dirnen fä llt häufig u n te r den fornicatio-B egriff und wird dann nicht als eigene Sünde a u fg e fü h rt.156 Zwar lassen sich gerade im Bereich der P ro stitu tio n viele Ausdrücke der Unreinheit finden, doch ist dabei m ehr Abscheu und G eringschätzung gem eint als der Gedanke einer Verfehlung vor G o tt.157 »Schmutzige Dirne« ist ein verbreitetes Schim pfw ort und meint die V erächtlichkeit ihrer Tuns und ihres S ta n d e s.158 Der Präfekt Symphronius d ro h t der hl. Agnes an, aus ihr eine öffentliche Dirne zu machen: Et faciam pollutarum sociam m eretricum .159 Allgemein ist die Rede von der »Unreinheit« der Dirnen (m eretricum imm unditia).160 Beispiele dafür, daß Frauen sich mit P ro stitu tio n als Sünde beschm utzen, geben vor allem die Legenden von den sündigen Heiligen Maria Aegyptiaca (dazu Kap. XI,2b) und Maria M agdalena (dazu Kap. XI,3c). M änner beflecken sich, wenn sie Dienste d er Dirnen in Anspruch nehm en.161 Besonders schlimm ist dies bei Priestern. Die Leviticus-V orschrift, ein P riester dürfe keine P ro stitu ierte zu r Frau nehm en (Lv. 21,7), bezieht Hildegard von Bingen auf die ge­ fo rd e rte geschlechtliche E n th a ltsa m k e it der Priester in der Kirche, w eshalb nicht ganz klar wird, ob der Schmutz, »den schon die alten V äter verabscheuten, da sie erkannten, daß er durch den Anhauch der alten Schlange e n tste h t« , hier P ro stitu tio n meint oder den fü r P riester verbotenen G eschlechtsverkehr überhaupt: ne e t ita immunditiam illam quae repudiata e s t ab eisdem antiquis patribus suis, cum eam de flatu antiqui serp en tis e sse cognoscerent, in contum eliosis actibus perficiat.162 Als Strafe G ottes fü r die »Verunreinigung« der Dirnen wird ihre 155 Bam be rger Glaube und B eichte (Sprachdenkm äler, ed. STEINMEYER, S. 147). Dazu SCHULZE, E n tw ic k lu n g , S. 98-117, hier S. 114-117. 156 Vgl. Petr us Lombar dus, Sent. IV,41,5,2, Bd. 2, S. 500: Fornicatio lic e t s it ge nus omnis illiciti co itu s qui f it extra uxorem, ta men s p e c ia lite r i n t e l l i g i t u r in usu

viduarum

vel m eretricu m

vel concubinarum.

157 ALFRED HERMANN - HANS HERTER, Art. »Dirne« (RAC 3, Sp. 11491213) s e h e n bei v iele n h e id n is ch en B e le g e n für die U n re in heit der Dirne kau m einen m o r a li sc h e n A s p e k t (Sp. 1179f.); in den S c h r if ten der Kirche nväter ge h e e s h in g e g e n um m o r a li sc h e n und t h e o l o ­ g i s c h e n S c h m u tz (Sp. 1193). 158 Z.B. Carmina Burana 121,2,3, ed. VOLLMANN, S. 436: m e r e tr ix inmunda.

159 H ro ts v ith a , P a ssio s. A g n e t i s 190 (Opera, ed. HOMEYER. S. 216). 160 Hraban, H om . de f e s t i s 47, PL 110,87D. 161 Dirnen sind w o h l auch g e m e i n t bei G regor von Tours, H is tor. V,20, ed. BÜCHNER, Bd. 1, S. 328: S ed n ec m u lier e s d ee ra nt, cum quibus p o l l u ere n tur.

162 H ildegard ,

Scivias

11,6,66,

CCCM

43,

S.

283.

144

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der l ln r e in h e it s m e ta p h o r ik

K inderlosigkeit hing estellt: O wol s e r vnd vast vnselig sind die huren„ die leyblich vnkeüsch treyben vnd sich allen mannen vnderlegen vnd sich also verunrainigen, das s y nit wirdig sind, das jn g o t , der herr, frücht g&b jrem le y b e ,163 A u sgerechnet die »Unreinheit« der P ro stitu ie rte n kann jedoch auch als A rgum ent d afür an g efü h rt werden, sie als notw endiges Übel zu dulden. Eine Kloake und der Kielraum eines Schiffes, in den das Sch m utzw asser abfließt {sentina), sind zw ar in h ö ch stem Maße schm utzig, doch bieten gerade sie die V oraussetzung dafür, daß Haus und Schiff sau ber bleiben. In seiner F o rtse tz u n g des F ürsten sp ieg els von Thomas von Aquin nahm Tholom äus von Lucca (+ 1326/27) vor allem die schlimme Sünde der H o m osex ualität ins Visier, die auf solche Weise verhindert werde: Unde Augustinus dicit, quod hoc facit m eretrix in mundo, quod sentina in mari, vel cloaca in p a la tio : »Tolle cloacam, e t replebis fo eto re palatium«: e t sim iliter de sentina: »Tolle m eretrices de mundo, e t replebis ipsum so d o m ia « }64. Mit dieser (durch den Kirchen­ v a te r A ugustinus beglaubigten) These von ihrer A b o rtfu n k tio n konnte die N otw endigkeit der P ro stitu tio n über Ja h rhu nd erte g e re c h tfe rtig t w erden.165

Inzest In zest ist G eschlechtsverkehr mit V erw andten (sippehuor, »Blut­ schande«), wobei es genaue V orsch riften über die V e rw an dtsch aftsgrade gab .166 Allgemein galt die Mahnung, niemand solle sich mit b l u t ­ schänderischem V erkehr beflecken: Nemo incestis coniunctionibus se co inquinit}67 Um dopp elten Inzest geht es in den Dichtungen von Gregorius, der in s tre n g e r Buße von seiner Schuld »gereinigt« wurde (dazu Kap. XI,2b). In der lateinischen Bearbeitung von H artm ann s W erk g e s ta lte t Arnold von Lübeck den "Kampf in Seele und G ewissen"168 von Gregorius' V ater beim e rste n Inzest aus; die ratio w a rn t davor, die B lu tsv e rw a n d tsc h a ft vergessend, solch ein schlim m es V erbrechen zu begehen:169 Hane si contingas p o lu to turpis amore, peccatum viciata te p e tit omne sorore 163 MICHAEL DALLAPIAZZA, Eine s c h w ä b i s c h e Ehe leh re d e s 15. Jahr­ hu n d er ts (PBB 106, 1984, S. 75 -8 4 ) S. 83. 164 T h o l o m a e u s von Lucca (T hom as v on Aquin), De regim in e principum IV,14, ed. JOSEPH MATHIS, Turin 21971, S. 82. Zur B e d e u tu n g von s e nti na be r eit e ich eine e ig e n e Studie vor. 165 ROSSIAUD, Dame V enu s, S. 84 u. 20 4, A. 17. 166 Petrus Lom bard us, Sent. IV,41,1,3, Bd. 2, S. 496, z it ie r t ein en Papst Julius: Mullum in u troqu e sexu p e r m itt im u s e x p r o p in q u ita te sui sanguinis vel uxoris u sque in s e p tim u m gen e r a tio nis g ra d um ux ore m d uc ere vel i nc e sti macula copulari.

167 Pirmin, S c a rapsu s 16, ed. ENGELMANN, S. 42. Zum I n z e s t u.a. BUSCHINGER, I n z e s t - M o t iv , s o w ie die Literatur zum »G re goriu s« S t o f f , zu m A p o ll o n iu s - R o m a n usw . 168 OHLY, M eta p hern für die S ü n d e n s tu f e n , S. 153. 169 A r n o ld von Lübeck, G es ta Gregorii P ec ca to r is, ed. SCHILLING, S. 73.

145

G e s c h le c h t l ic h e V erge h e n

(I,3,49f.). G eschw isterliebe sei schlim m er als alle ändern Vergehen: Incestus superat omne scelus (1,3,53). Er halte sich b e s se r von seiner S chw ester fern, als sich m it solch er Sünde zu beflecken: m elius e s t tibi a sorore elongari quam tan to piaculo coinquinari (I,3,58f.). An diese Mahnung h ä lt er sich bekanntlich nicht. Wie die G regoriusdichtungen, so e rz ä h lt auch die Legende von Albanus die Geschichte von einem grossen haubtsunder, der sich m it der sände der vnkefischeit m it m u te r vnd sch w estei— doch vnwyssenlich — b efleck et hat vnd durch seyn p u ß w ertig leben an sein leczten Zeiten selig vnd heilig worden i s t ,170 Da e r s e lb s t aus einer in zestu ö sen Ver­ bindung hervorging, h a n delt es sich bei M u tte r und S chw ester um dieselbe Person. Als er nach siebenjähriger Buße sieht, daß V ater und M u tte r wider von newem einvielen in die m isse ta te der vnlauterkeit vnd sich m it einander vnseliglich verm ischten ,171 t ö t e t er sie beide und t r i t t eine weitere Buße an.

G e s c h l e c h t s v e r k e h r zu v e r b o t e n e r Z e i t Ehelicher G eschlechtsverkehr ist dann sü ndhaft, wenn er an einem heiligen O rt s ta tt f in d e t; 172 die Eheleute sündigen zudem, wenn sie ihn in einer Zeit vollziehen, in w elcher die Kirche ihn verbietet.173 Beicht­ spiegel fragen: H astu an hochzeitlichen tage(n) suntage(n) vasttage(n) heilige(n) nächten od(er) an heyligen ste tte (n ) dz werck der vnlauterkeyt volbracht?174 Nach Burchard von W orm s h at der Beichtvater nach Sexualität in der F astenzeit zu forschen: Coinquinatus es cum uxore tua in Quadragesima? XL dies in pane e t aqua poen itere debes, aut XX V I so lid o s in eleem osynam dare.175 Caesarius von Arles fo rd e rt wegen des S ak ram entsem pfangs Keuschheit vor den Feiertagen, ins­ besondere aber in der Fastenzeit, dam it man das O s te r f e s t »keusch und 170 AL6recht von Eyb (MORVAY, A lb a n u s le g e n d e , S. 131); OHLY, Der V e r flu c h te , S. 19. 171 A lb r e c h t von Eyb (MORVAY, A l b a n u s le g e n d e , S. 141). 172 Dazu u.a. PARKER, M iasma, S. 74. T em pel od e r Kirchen würd en dadurch b e fle c k t; s. Kap. VIII,5. — H eilig e Orte und Z e ite n l a s s e n si c h auch s c h o n durch u n k e u s c h e »Träume« (Phantasien) b e flec k e n ; H eilig e Regel, ed. PRIEBSCH, S. 45: Van u nk usheit k ü m e t b linthe it d ez herze n,

u n s te te g e sich te,

u nrein ekeit an herzen,

an Worten

und

werken, minnen sich selben , unminne z e Gote, lib z u d e r w e r ld und zu a l l e r i t e l k e i t e , u nkush eit m it den lidigen, m it elichen, m it mage n und m i t ge i st l ic h en , eintreinen heilige s t e t e und he ilige z i t m it un~ k u sc hen

droumen.

173 Dazu u.a. JEAN-LOU IS FLANDRIN, Das G e s c h l e c h t s l e b e n der E h e ­ l e u t e in der a lt e n G e s e l l s c h a ft : Von der kirch lichen Lehre z um r ea len V e rh a lten (ARIES u.a., M asken , S. 147-164) S. 153; GURJEWITSCH, V o lk s k u lt u r , S. 150; RANKE-HEINE MANN, Eunuchen, S. 144-151; zu B e rth o ld IANNUCCI, T r eatm e n t, S. 2 8 -3 0 . 174 S p iegel d e s Sünd er s, ed. VAN DEN BROEK, S. 226; vgl. ebd. S. 271: H a st du v n l au t e r ke y t triben an su n tagen heylig e n tagen, in d e r v a s te n o d e r ander he y ligen Zeiten,

beich t es recht.

175 Burchard v on W o r m s, Decr. X I X ,5, PL 140,960A.

146

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n r e in h e it sm e ta p h o r ik

rein« begehen k ön ne.176 Papst Nikolaus I. s c h ä rft dem n eu bekehrten B u lg arenfürst Bo(go)ris im Jah r 866 sonntägliche E n th a ltsa m k e it ein: »Wenn man am Sonntag von w eltlicher Arbeit absteh en muß, um wieviel m ehr muß man sich vor d er fleischlichen Lust und vor jeder körperlichen Befleckung in Acht nehm en.«177 Zur A bschreckung und als warnendes Beispiel (ad terrorem et ad devitandum) erz ä h lt T hietm ar von M erseburg, wie König Heinrich I. sich mit seiner G attin M athilde verging.178 Nach­ dem er sich einmal am G ründonnerstag betru nk en h a tte , w ohnte er ihr in der darauffolgenden Nacht tr o tz ihres W iderstandes bei, was nach T hietm ar auf te u flisch es A n stiften zurückzuführen war. Hierbei ging es nicht, wie man heute meinen könnte, um das Thema »Gewalt in der Ehe«, sondern allein um den V erstoß gegen ein Kirchengebot, das G eschlechtsverkehr in dieser Zeit nicht erlaubt. Die Folgen des Ver­ sto ß e s blieben nicht aus. Da der Teufel des in dieser Nacht gezeugten Kindes nicht h ab h aft w erden konnte — es wurde u n m itte lb a r nach der G eburt g e ta u ft —, empfahl er den sp äteren H erzog Heinrich I. von Baiern und dessen Nachkommen seiner »Begleiterin, der Zwietracht«. Wie die Chronik zeige, habe es zu seinen und seines Sohnes Zeiten dann in der Tat nur wenig Frieden gegeben. T hietm ar k om m entiert dies nicht n u r geschichtlich, sondern auch th e o lo g isc h .179 W enn die Schwäche u n seres Fleisches schon nicht ohne jede »Befleckung« auskom me, dann solle man sich w enigstens vor schw eren Vergehen hüten und an den Feiertagen »Reinheit« bewahren, also G eschlechtsverkehr un terlassen: Legimus, quod omnia tempora tem pus habent, se d non omnia (vgl. Koh. 3,1), id e s t a Deo nullum e sse viciis locum ab inicio constitutum ; e t quia fragilitas carnis sine aliqua contagione non valet esse, a capitalibus se criminibus abstineat e t in so llem pn itatibus universis mundiciam servet. Zwar liege nach dem Zeugnis der Schrift in legitimen (Ehe-)Ver­ bindungen kein Vergehen (1 Kor. 7,28?); ihre W ürde erhielten sie aber (erst?) durch das E inhalten der F estzeiten (cum observatione festivita tu m honoratur). Das sexuelle E n th alten w ährend der Fastenzeit kann auch zu den Em pfehlungen über rechtes Fasten gehören. So bezieht ein Prediger die Kritik an falschem F asten von Jes. 58,3ff. auf »uns«: daz unser herre zu den Juden sprach daz spricht er ouch zu uns, daz wir 176 Caesarius von A r le s, Sermo 44 ,3, CCL 103, S. 196: ...ut v o s p a s c ha lis s o l l e m n i t a s c a s t o s e t p u ro s inveniat.

177 N ik ola u s

I., Ep. 97,63, PL 119,1004A: quoniam s i D o minic o die ab o p e re m undano cessa n du m e s t qu an to p o ti u s a v o lu p ta te carnali e t om ni m odo c orp oris p o ll u ti o n e cavendum?

178 Thie tm ar von M er se bu rg , Chron. I,24f., edd. HOLTZMANN - TRILLMICH, S. 2 6-28. — FLEISCHHACK, F eg fe uer, S. 137: "Nach der V isio n de s A lb erich m ü s s e n E h e leu te, die an S o n n - ode r F eie rtage n f l e i s c h ­ lich m iteinan der verkeh rte n, eine 360 E lle n hoh e g l ü h en d e , e is e r n e Leiter h in a u fs t e ig e n , von der sie in einen K e s se l m it s ie d e n d e m Öl, Pech und Harz hinabstürzen." 179 T hie tm ar von M er se bu rg , Chron. 1,25, edd. HOLTZMANN - TRILLMICH, S. 28.

147

G e s c h le c h tl ic h e V e rg ehen

kuschliche und reinicliche leben, daz s u lt ir gerne tun. m idet die wip in dirre heiligen zith und g e t gerne zu g o tis dienste. g e b t uwer almüsen gerne, wane die almüsen gehorn zu der vasten.160 Neben diesen fü r die ganze Kirche fe stg e le g te n Zeiten gibt es auch solche, die sich aus dem individuellen Eheleben ergeben. Sie werden häufig nu r a n g e d e u te t,181 e tw a mit der Form ulierung »natürliche Schwäche der Frau«.182 So d a rf w ährend der M e n s tru a tio n 183 eine Frau keinen G eschlechtsverkehr haben, was häufig dam it begrün det wird, daraus e n tstü n d e n au ssätzige oder behinderte Kinder;184 eine A uffassung, die sich n u r zum Teil aus medizinischen Irrtü m e rn erklären läßt, da sie auch auf rein kirchliche V erbotszeiten wie Sonn- und Feiertage bezogen w u rde.185 Papst Innozenz der D ritte e rk lä rt aus dieser W irkung des M en stru a lb lu te s das entsprech en de biblische V erbot und die angedrohte T o des­ stra fe bei Z uw iderhandlung (Lv. 20,18; vgl. Lv. 18,19; Ez. 18,6): Concepti fe tu s vitium seminis contrahunt, ita ut lep ro si e t elephantici ex hac corruptione nascantur. Unde secundum legem Mosaycam m ulier que menstrua p a titu r rep u ta tu r immunda, e t si quis ad m enstruatam accederet iubetur in te r f ic i166 In der V orschrift Lv. 15,24 wird dagegen der Sinn der a ltte sta m e n tlic h e n Regelung deutlich: Schläft ein Mann mit einer m en struierenden Frau, dann ü b e rträ g t sich die Unreinheit der M enses auf ihn, und er wird s e lb s t fü r sieben Tage »unrein«. In einem Beicht­ spiegel heißt diese Sünde der U nkeuschheit macula m enstruorum bzw. W efleckung freulicher recht 107 Insbesondere während der Schw angerschaft ist G eschlechtsverkehr verboten, und zw ar schon deshalb, weil es dabei ganz o ffensichtlich nicht um die Zeugung von N achkom m enschaft geht; so spricht G ott bei Hilde­ gard: Nolo etiam ut praedictum opus uiri ac mulieris exerceatur cum iam radix infantuli in muliere po sita est, ne coagulatio eiusdem infantuli 180 Predigten, ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 165. 181 D es T e u f e ls N e tz 8 0 5 - 8 0 8 , ed. BARACK, S. 28, vo m e h e li c h e n Ge­ sc h le c h tsv e r k e h r : Doch s o l man re ch t m a sz haben Zuo hailigen z it e n und f r o w wol.

tage n

Und

so

mans

n it

tu on

sol:

Das

b e v ilt

die

182 H on or iu s, S p ec u lu m E c c le sia e , PL 172,867C: e t e o te m p o r e quo fe minae n aturale m i nfi rm itate m p a tiu n tu r ab eis abstine a nt.

183 Vgl. zu Philon STELZENBERGER, B eziehun gen , S. 405: "Von der jü­ d isc h e n A n sc h a u u n g her, die die Fru ch tbark eit als S e g e n G o t t e s a u f­ faßt, v e r b ie t e t er den e h e li c h e n Ve rk eh r während der M e n s e s und de r ganz e n Zeit, da die M u tt e r das Kind s t i l l t . Wir b e g e g n e n Spuren davon auch e t w a bei O rig e n e s, H ieronym us und den A p o s t o l i s c h e n K o n stitu tion en ." 184 T h om as von Chobham , Su m m a c o n f e s s o r u m , ed. BROOMFIELD, S. 338, 365f.; Petr us von Poitiers, C om p ila tio p r a e se n s 12, CCCM 51, S. 16f.; B e r th o ld von R e gen sb u r g, Pred igten, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 323; vgl. H ie ronym us, In Ez. VI, CCL 75, S. 235. 185 C aesarius von A r les , Se rm o 44,7, CCL 103, S. 199; Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 320. 186 In nozen z III., De m is eria hu m ane c o n d it io n is 1,4,1, ed. MACCARRONE, S. 12. 187 WEIDENHILLER, U n t e r s u c h u n g e n , S. 75.

148

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

superfluo e t p erd ito semine p o llu a tu r usque ad purgationem p artu s ipsius, cum iterum deinde ab amorem filiorum in rectitudine e t non in petulantia fieri non prohibetur.188 Eine andere Begründung bezieht sich auf die Gefahr einer F e h lg e b u rt.189 Sich an den Tieren ein Vorbild zu nehmen, die sich nur zur A rte rh a ltu n g b eg atten, und deshalb auf solch zw ecklosen G eschlechtsverkehr verzichten, fo rd e rt Am brosius von den Menschen: A t uero homines nec conceptis nec deo parcunt: illo s con­ taminant, hunc exasperant .190 W orin das »Beflecken« der Föten hier b e ste h t, sa g t Am brosius nicht. Wohl in Analogie zur M e nstruatio n wird aus der U nreinheit der W öchnerin (Lv. 12) ein V erbot des Sexualverkehrs hergeleitet; Grund dafü r so llen auch im K indbett unreine Säfte sein: Sim iliter turpissim um e s t iacere cum m uliere iacenti in puerperio dum laborat profluvio m enstrui sanguinis, quia puerpera diu habent fluxum immundi hum oris.191 Zur V orstellung von der U nreinheit der W öchnerinnenblutung k om m t die­ jenige von der Giftigkeit des männlichen Samens fü r die M utterm ilch. P apst Gregor (?) u n te r s t e l lt manchen Frauen, n u r deshalb Ammen zu engagieren, um bald nach der Geburt wieder G eschlechtsverkehr haben zu können; dem gegenüber h ä lt er fe st, daß sich der Mann bis zu r E n t­ w öhnung des Kindes des Beischlafs e n th a lte n s o lle .192

Ehebruch Vom E heb ru ch 193 (adulterium , m oechia, überhuor) als V erletzung des Rechts (insbesondere das des Mannes) auf eheliche Treue zeugen die vielen M etaphern, die dieses Delikt »Beschmutzen« oder »Schänden des E hebetts« nennen (dazu Kap. VII,5). Gegen die Ehe als Sakram ent ric h te t das Verunreinigen sich bei Alanus ab Insulis: O quantum expugnat honestatem , qui rum pit tori fidem ! dum relicto conjugali toro, adulteratur in alio, sacramentum quantum in se est, com m aculat .194 Nach einem d eutsch en Beichtspiegel v e rs tö ß t der Ehebruch e rste n s gegen G o ttes G ebot;195 zw eitens wird man mit ihm maynaide, da man die versprochene 188 189 190 191 192

193

194 195

H ildegard , Scivias 1,2,22, CCCM 43, S. 28. T h o m a s von Chobham , Su m m a c o n f e s s o r u m , ed. BROOMFIELD, S. 338. A m b r o s iu s, In Lc. 1,44, CCL 14-, S. 28. T h om as von Ch obh am , Sum m a c o n f e s s o r u m , ed. BROOMFIELD, S. 338; vgl. S. 366. Gregor (?), Ep. XI,56a , MGH Ep. 2, S. 339; Beda, H is t. e c c l. 1,27, ed. SPITZBART, S. 94 -96; danach auch N ik o la u s I., Ep. 97,64, PL 119, 1004BC. Dazu u.a. die A rtikel von FRIEDRICH HAU CK (ThWbNT 4, S. 737-743); GERHARD DELLING (RAC 4, Sp. 666-677); R. LIEBERWIRTH (HRG 1, Sp. 83 6-8 39); ANNE-MARIE LA BONNADIERE, Art. »A dulter ium « ( A u g u s t in u s - L e x ik o n , Bd. 1, Sp. 125-137). A la n u s, Su m m a de arte pr aedica to ria 45, PL 210,193C. Vgl. Bachiarius, De rep ara tione lap si 18, PL 20,1055C-1056A: L e g is la to r p r ae c e pi t ,

ut

qui

u xorem

alteriu s

m a c u la r e t,

parite r; e t i de o non p e r m i t t i t con ju giu m , s e d dura se n t e n t i a e m en da t c orrigitqu e p e c c a tu m .

cum s ub

ip s a

la p id a r e tu r

nomine

lap id um

149

G e s c h le c h t l ic h e V erg ehen

Treue bricht; Czum dritten m ole m eyligt man die heilicheit der heiligen chirchen .196 Als ein unreines V erhalten wird er beim Armen H artm ann bekannt: ich ouch nit neverm eit di unreinen fure m it ubirhure m it huoregluste in m iner b r u s te } 97

1783

Der Ehebruch z äh lt zu den »Befleckungen« des Körpers, die zu ver­ meiden sind .198 Man b efleckt dam it seinen eigenen Leib,199 oder auch Leib und Seele.200 O ft heißt es, etw a in Bußbüchern, »die Frau seines N ächsten beflecken« (Qui m aculat uxorem proxim i sui...).20{ Eine in der Kanonistik u n te r dem Namen Leos I. laufende Entscheidung b estim m t, daß niemand eine Frau heiraten dürfe, »die e r zuvor mit Ehebruch be­ fleckte«: Nullus ducat in matrimonium quam prius po llu it adulterio.202 Eine altlateinische Fassung von Hiob 31,11 lautet: fu ror enim indom itus est, uxorem alienam conmaculare velle atque pollu ere.203 V ersichert

196 Martin von A m b er g, G e w i s s e n s s p i e g e l , ed. WERBOW, S. 67. 197 Arm er H artman n, Rede vom Glauben (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 2, S. 601). 198 H o n or iu s, S p ec u lu m E c c le sia e , PL 172,869A: F ornic atione s e t o m ne s c o rpori s p o l l u t i o n e s , e t maxime adulteria, d e b e tis fug ie nd o execrare, sc ie n te s

v os p e r haec m axime a D eo alienari.

199 H einrich von Bur geis, Der S e e le Rat 610-615, ed. ROSENFELD, S. 12: L iebe

se i,

w ildu

gen esen ,

So

s o lt u

in

deine r

a cht

f raw , an de ine m man O d er du, w irdt, an deinem h a b e st deinen leib M it b ö s e r ü ber huere.

han

w eib

Ob

du,

B e w o lle n

200 P aulus Egard us , M un dus im m und us. Das ist: Das f a l s c h e C h r iste n th u m b der W e lt , G osl ar - Lüneburg 1623, S. 108: Der Ehebruch i s t eine sc h w e r e Sünde; er i s t eine Z e rrü ttu n g d e r O rdnung G o tt e s / i s t ein Eydbruc h vnnd g r o s s e V n trew / i s t ein Verunreinigung d e r Seelen v nd L eibes /

ist

ein D iebstall.

201 P aen ite n tia le B ig otia n u m (P en ite n tia ls , ed. BIELER, S. 220); auch P en it e n tia lis Vinniani (ebd. S. 86): Si qui(s) laicus ma c ula ue rit uxore m p r o xi m i sui aut uirginem C...U; P aen ite n tia le Cumm ean i (ebd. S. 116): Laicus m aculans u xorem uel uirginem p ro x im i sui, .1. anno cum pane e t aqua sine uxore propria p e n itea t.

202 Gratian, Causa 31,l,lff., ed. FRIEDBERG, Sp. 1108f.; Petrus Lombardus, Sent. IV,35,4,1-3, Bd. 2, S. 471f.; T h o m a s von Ch obh am, Su m m a c o n ­ fe s s o r u m , ed. BROOMFIELD, S. 180; als B e fle c k e n be id er B e te ilig te n am Eheb ru ch bei W a l t e r von M o rta gn e, De sa c r a m e n t o conjugii 13, PL 176,165A: Qui se priu s adu lterio macula v er unt p r o h ib e n tu r a canonibus ne p o s t e a sibi invicem conjugio cop ule ntur .

Unde Leo: Non

p o test esse m a trim on iu m cum qua fu it a d ulte r ium C...D. His a u c t o ri t a t i b u s v e ta n tu r in te r se facere conjugium qui s e p r ius a du l t e ri o p o l lue ru n t. Dem wird die A u t o r itä t A u g u s t i n s e n t g e g e n g e ­

h alten. Dazu SCHNELL, A ndr eas C ap ella nu s, S. 95. 203 Caesarius von A r le s, Se rm o 100,10, CCL 103, S. 411; A u g u s ti n u s , In lob, CSEL 2 8 / 3 , S. 577: fu ro r enim animae meae e s t ind o m itu s c o m ­ m ac ulare uiri uxorem; ders. Se rm o 8,12, CCL 41, S. 89; ZIEGLER, Rand­ n o te n , S. 22: f u r o r enim irae in con tin en s p o llu e r e viri Cvirisl mulie re m.

150

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der l in r e in h e its m e ta p h o r ik

Hiob an dieser Stelle, keinen Ehebruch begangen zu haben, so verw endet die V ulgata dafü r keine Schm utzm etaphorik (31,9-11): Si deceptum e s t cor meum su per mulierem, e t si ad ostium amici m ei insidiatus sum, scortu m s it alteri uxor mea e t su per illam incurventur alii; hoc enim nefas e s t et iniquitas maxima. Die fü r uns erstaun liche A ussage Hiobs, seine Frau solle von ändern geschändet w erden, wenn er in ehe­ b recherischer Absicht anderen (Ehe-)Frauen n a c h g e s te llt habe, wird in d er Exegese u n te r Hinweis auf die Goldene Regel204 nach dem Talionsprinzip erklärt: W er die Frauen anderer M änner befleckt, dem geschehe recht, wenn seiner Frau dasselbe passiert. Thomas von Aquin: Iuste autem puniri videtur qui alienam uxorem adulterio po llu it quod etiam eius uxor ab aliis p olluatur.205 Der Mann ist das alleinige Subjekt, von dem aus das ethische Problem des E hebruchs b eh an d elt wird; die Per­ spektive der b e tro ffe n e n Frau bleibt hier ganz außer Betracht. Nur der andere Ehemann ist der Geschädigte, nicht die eigene Gattin. Der Md. Hiob zäh lt den Ehebruch darum zu den Sünden gegen den M itchristen: 11678

Wan ebrechen is t unreyne Sunde vul, recht als eyn m ot, Und is t w ider G otes gebot. Ouch ebrechen, daz is t bloz, Ist eyn bosheit ummazen g ro z Under den sunden dy da sin Wider den ebencristen din. Wan dem nehsten da, daz is t siecht, Geschit beyd g e w a lt und unrecht An synem lyeb sten dinge gar Von der sunden m iselvar.206

Der Mann ist deshalb vom Ehebruch m ehr b e tro ffe n , weil e r im Gegen­ satz zur Frau nie genau weiß, welches wirklich seine Kinder sind; der Ehebruch u n te rlä u ft so die Funktion der Ehe als R e c h tsin s titu t zur Erzeugung legitim er Erben,207 indem er dem G atten frem de Kinder u n te r ­ schiebt und die eigenen in ihrem Erbe b e e in trä c h tig t.208 Da durch außer204 Philippus, In Job, PL 26,719B: Secundum natu rae b onum lo q uitur , q uo d in Tobia sc ri p t u m est: »Q u od tibi non vis fieri, alii ne fe c e r is « (vgl. Tob. 4,16). 205 T h om as von Aquin, In lo b, S. 166; A lb ert, In lo b , ed. WEISS, Sp. 356, b r in g t zur S t e l l e a u s d r ü c k lich den G ru nd satz der A n a lo g ie von Sünde und Strafe: ut sc. in eo puniar, in quo deliqui; vgl. Sap. 11,16(17). 206 Md. Hiob, ed. KARSTEN, S. 189f. 207 So wird H iob 31,12 e t omnia eradicans genimina v e r s ta n d e n von T ho m as von Aquin, In lo b , S. 167; auch Md. Hiob 11697-706, ed. KARSTEN, S. 190; Cord eriu s, In Job, S. 614. 208 Michel Beheim, G ed ichte 192,53-56, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 2, S. 188: Wann e s g e sc h ieh t czu m an ch er weil, das umb d e r s e lb e n su nden da vone.

m e il

den

g re ch ten

chinden

ir

e r b te il

e ne z o g e n

w irt

151

G e s c h le c h t l ic h e V e rg ehen

ehelichen G eschlechtsverkehr des Mannes — zum indest solange dieser nicht m it einer verheirateten Frau g eschieht — diese Funktion der Ehe u n a n g e ta s te t b leibt (denn uneheliche Kinder waren nicht erbberechtigt), gab es auch im C h riste n tu m tr o tz der Mahnung vieler Theologen, das V erhalten der G eschlech ter gleich zu b e w e rte n ,209 o ft die a ltem Recht entnom m ene A uffassung, ein so lch er einfacher Ehebruch des Mannes sei bei weitem nicht so schlim m wie ein Ehebruch der Frau — und eigentlich g ar kein Ehebruch. Mit vielen Philosophen verurteilen die christlichen Theologen diese »doppelte M oral«.210 Gegen die »unselige Gewohnheit« w e tte r t Caesarius von Arles: Erwische man eine Frau m it einem Sklaven, so b e stra fe man sie; wenn dagegen ein Ehemann mit noch so vielen Sklavinnen »in der Gosse der W o llu st sich wälze«, dann werde e r nicht nu r nicht b e s tra ft, sondern von Seinesgleichen auch noch gelobt: si uxor inventa fuerit cum servo suo, puniatur, si autem vir cum m ultis ancillis in libidinis cloaca volutetur, non solum non puniatur, verum etiam a suis sim ilibus conlaudetur. Im C h riste n tu m stehe auch Männern nicht zu, was Frauen nicht dürfen, da G ott zwischen den G eschlechtern keinen U nterschied mache: Nec adtendunt quod e t viri e t feminae aequaliter Christi sanguine sunt redem pti, e t sim ul sacrosancto lavacro sunt abluti, e t ad altare domini accedentes corpus e t sanguinem domini sim ul accipiunt, et non e s t apud deum discretio m asculi e t feminae.211 A nläßlich von Hiobs »negativem Sündenbekenntnis« d isk u tie rt Papst G regor die Frage, ob jeder nichteheliche G esch lechtsverkehr — also auch der des Mannes — »Ehebruch« g enannt werden m üsse, wie das der m o n ta ­ nistische T ertullian b e h a u p te t h a tte .212 Die A ussagen der Schrift d arüber seien nicht einheitlich;213 Hiob jedenfalls versichere, vom Vergehen des Ehebruchs wie vom Flecken jeder (anderen) U nzucht frei zu sein.214

209 Laktanz, E p it om e , 61,6-8, CSEL 19, S. 748; de rs., Div. in st. VI,23,24f., ebd. S. 568; Isidor, De e c c l e s i a s t i c i s o f f i c i i s 11,20,12, PL 83,813BC. 210 BROWN, K eu sc h h e it , S. 37. 211 Caesarius von A r le s, Serm o 42,3, CCL 103, S. 187. 212 Tertu llia n, De pu dic itia 4,2, CCL 2, S. 1287: C e te r um s i a d ulte rium et

si

s t u p ru m

dix ero , unum

erit

con tam in ata e

carnis

e lo gium.

213 Gregor, Mor. X X I,11,18, CCL 143A, S. 1078. 214 Gregor, Mor. X X I ,11,18, CCL 143A, S. 1078: Per ho c e r g o q uo d dicitur: »Si d e c e p t u m e s t c o r meu m s u p e r muliere m« , ne c c o g ita s s e uir s a n c t u s de fornication is macula dem o n stra tu r . Per ho c a ute m q uo d s ubic it: »Et si ad o stiu m amici mei in si d ia tus sum«, p a t e n te r i n n o t e sc i t qu od a reatu adu lterii lib e r fuit. Se d ad haec f o r ta s s e aliquis dicat: Quid de se mirum san c tu s uir a s s e r it, s i non s o lum ab adul te ri i crimine, uerum etiam a forn ic a tio nis inq uina tio ne s e libe rum se ruauit? Haec au tem paru ipendimu s, si uir tutum eis te m p o r a m inim e pe n sam u s. N ecdu m enim ad re st r ic tio n e m carnis r e ue la ta e g r atiae d i s t r i c t i o r censura p r o c e s s e r a t, quae non s o lu m c o r p o r is s e d e t c ordi s lasc iuiam repreh en dit. N ecdu m m u lto r u m c o ntine ntium c a s t i t a t i s bona imitan da prodieran t, e t tamen b e a tus lo b e x e m p la m undi tiae quae non acceperat, trad eba t. A m u lti s a ute m nunc e tia m p o s t proh i bi t i o n em Dei carnis imm u n ditia p e r p e tr a tu r ; danach, kü rzer

Rupert, In Job, PL 168,110SB.

152

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

Das von Gregor herangezogene Je su sw o rt, w er eine Frau auch n u r b e ­ gehrend ansehe, habe im Herzen schon die Ehe gebrochen (Mt. 5,28), d ehnt die Sünde des E hebruchs auf solche Fälle aus, in denen es nicht zur e rw ü n sch ten körperlichen »Befleckung« kom m t [W er sich seines nächsten Weib von Herzen gelü sten läßt, is t gleich dem, der sie schon b esu d elt hat).2iS Da im Gericht nicht nur unsere W erke b e u rte ilt werden, ist auch ein »geistiger Ehebruch« fü r C hristen Sünde; e r ist eine Be­ schm u tzu n g des H erzens,216 die G ott als »U rheber der Reinheit« verur­ teilt: Per M oysem quippe luxuria perpetrata, p e r auctorem uero munditiae luxuria cogitata damnatur ,217 »Unkeusche Blicke« führen leicht zu voll­ zogener T a t,218 w ofü r Davids Ehebruch mit Bathseba (2 Sam. llf.) als Beispiel d ient.219 Aber sie beflecken auch s e lb s t,220 da ein »Ehebruch im Herzen« keine M etapher ist in einer christlichen Ethik, welche die Sünde des Ehebruchs nicht e r s t in der g eschlechtlichen Vereinigung mit einer frem den Frau e r f ü llt sieht, "sondern bereits in der die Treue ver­ leugnenden Begierde".221

S a k r i l e g (als Zöl i b a t s v e r s t o ß ) G eschlechtsverkehr von und mit Personen, die ein Gelübde der Ehe­ losigkeit ab gelegt haben, sch än d et die Sphäre des Sakralen und heißt deshalb Sakrileg.222 Bußbücher sehen eigene S trafen vor fü r Laien, die eine »Magd G o ttes beflecken«.223 In einem Fragenkatalog fü r Beichtväter heißt es: si quis cum sanctim oniali p o llu tu s vel coinquinatus sacrilegium

215 Franck, Paradoxa, ed. WOLLGAST, S. 226. Vgl. Johan nes Cassian, Inst. VII,22, CSEL 17, S. 145: q u em adm od u m etiam c o r p o r e non p o l l u t o s e uangelic us

se rm o pr o n u n tiat co rde m oe ch at o s . . .

216 Vgl. Gregor, In I Reg. 1,26, CCL 144, S. 69: Ibi im m und itia fo r nic a tio nis a c orpo re reciditur; hic, ut f o r ti tu d o con u e rsatio nis quasi in uirili sexu p r a e c e l l at , e tiam a corde c o g ita tio immu nda re se c atur : »Qui uiderit...«

217 Gregor, Mor. X X I,2,5, CCL 143A, S. 1067 (zu Mt. 5,27f.). 218 Zum Pro b lem der » sü n d ig e n Augen « überha upt SCHL EUSENER-EICHHOLZ, A u ge, S. 797-826; zur »B egierde der A ugen « ebd. S. 8 0 3 815. 219 Gregor, Mor. X X I,8,13, CCL 143A, S. 1074f. (zu Hiob 31,7); B e rth old von R e gen sb u r g , Predigten , edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 139; H einr ich von Bur geis, Der S e e le Rat 323-331, ed. ROSENFELD, S. 7; Adam de P er se ig n e, De m u tu o am ore, ed. RACITI, S. 323: v itio h om ic idii e t

ad u lterii malo p o llu itu r.

220 T ertu lli an, De p a e n it e n tia 3,13, CCL 1, S. 325: Denique d ominus q u e m ­ a d m odum se adiection em legi su p e r s tru e r e d e m o n s tr a t nisi et u o l u nt at i s int e rd icen do delicta? Cum adu lte r u m non eum s o lum d e fini t qui c om m in u s in alienum matrim on iu m c e c id is s e t, uerum e tia m i llum qui a d s p e c tu s con cu piscen tia c on tam ina s s e t.

221 HAU CK (wie A. 193), S. 741. 222 Dazu SCHÜPPERT, Kirchenkritik, S. 63-66. 223 Z.B. P en it e n tia lis Vinniani 37f. ( P en ite n tia ls, ed.

BIELER, S. 88): Si qui(s) laic us pu e llam Dei macu lau erit e t coro na m suam p e r d id e r it e t

g e nue ri t filium ex ea C...3; Si au tem non g en ue r it e x ea filium, s e d ta m e n m aculauit C_□; Paenitentiale. Cum m eani II,24f. (ebd. S. 116).

153

G e s c h le c h t l ic h e V erg ehen

cum luxuria com m isit.22* A ufgrund der Bezeichnung »Sakrileg« fü r dieses Vergehen kann die Analogie zur Tem pelschändung bildspendend sein: sacrilegium, das is t krichenbruch. als wa(n)n die reinigkeit g o t de(m) herre(n) geheiliget d er da(n)n d(er) g eistlich te(m )pel g o ts is t darin(n) e r wonu(n)g hat beleydigt od(er) z e r s tö r t wirt. als seien die ergebe(n) k lo ste rle ü t p r ie s te r vn(d) die ir reynigkeit g o t u(er)Iobt haben 225 Da zölibatäre E n th a ltsa m k e it häufig mit der M etaphorik der B rau tschaft b e g rü nd et wird, erschein t dieses Vergehen als eine A rt Ehebruch dem g ö ttlich en Bräutigam — oder der Kirche, welche die legitime Ehefrau des P riesters sein s o ll226 — gegenüber. So ta d e ln Bonifatius und seine M it­ bischöfe den u nverheirateten König A ethelbald von Mercien dafür, daß e r durch sexuelle Vergehen seinen g uten Ruf vor G ott und den M enschen z e rstö re {sed libidine dominante in scelere luxoriae e t adulterii famam gloriae tuae coram Deo et hominibus confuderis). Das Vergehen, das man ihm nachsagt, ist G eschlechtsverkehr mit Nonnen, heißt jedoch a u s ­ drücklich »Ehebruch«. »Welche Strafe«, so die Bischöfe, »hat nicht ein Knecht bei seinem H errn zu erw arten, der die Frau des H errn durch Ehe­ b ruch schändet; gilt dies nicht umso m ehr fü r jenen, der eine Braut Christi, des Schöpfers von Himmel und Erde, m it der Fäulnis seiner W o llu st be fle c k t hat« (quanto magis ille, qui sponsam Christi creatoris caeli e t terrae putredine suae libidinis commaculaverit)?227 Der junge König wird a ufg eford ert, »jetzt« seine Seele von diesen Sünden der Jugend zu reinigen: si in iuventute adolescentiae tuae putredine luxoriae inquinatus e t fo eto re adulterii involutus e t voragine libidinis quasi p u teo inferni dem ersus fueras, iam tem pu s est, ut m em or Domini tui a diaboli laqueis resipiscas e t a fo e to re luxoriae sordidatam animam laves 226 Als ein v e rsc h ä rfte r Ehebruch ist Vnkeüsch befleckung d'nunnen229 schlim m er als jener: Und die selb e sunde is t sw e re r denne ee prechen umb daz daz man die braw t unsers herren m eylig t.230 V oraussetzun g fü r diese Sünde is t kein allgemeines Sittengesetz; es geht allein um zölibatäre V orsch riften und Gelöbnisse. Die Kritik am Zölibat kann deshalb als Einwand Vorbringen, daß es diese Sünde e r s t sc h a fft und w eitere provoziert. Philipp M elanchthon (+ 1560) b e sch w ö rt mit bew egenden W o rten vor allem die le tz te re Gefahr; dabei sieht auch er den Skandal in der »Unreinheit« sündiger Priester: Dann erstlich is t das gewiß, das Got alle Unzucht und alle Unreinigkeit ernstlichen m it 224 225 226 227 228

W i lh e l m von Au ver gne (?), Tract. novu s de poenit. 24, S. 24S. Sp iege l d e s Sünd ers, ed. BROEK, S. 224. Vgl. H ildeg ard, Scivias 11,6,69, CCCM 43, S. 285f. B o n if a tiu s , Ep. 73, ed. RAU, S. 216. B on if atiu s, Ep. 73, ed. RAU, S. 220; ebd.: iam te m p u s e s t, ut p r o t i m o re c re a t ori s

tui tale piacu lu m iterare e t

te

ma culare

ultr a non

p r ae sum as.

229 Johann G eiler von K aiser sb er g, Von der b e ic h t (Ders., Schr if ten , ed. D A CH EUX, S. 172). 230 Martin von Arnberg, G e w i s s e n s s p i e g e l , ed. WERBOW, S. 68.

154

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e ite n der Unreinheitsm et.aphorik

zeitlichen und ewigen peynen stra ffe t. Zum ändern, wenn die gew issen und hertzen der menschen verunreiniget, so künden s y nit recht und ernstlich beten und Got anruffen, Derhalben s y von einer sünd in die ändern als kinder des zorns fallen.2Zi W ird also in diesem Falle sexuelles Fehlverhalten als verunreinigend und deshalb als fü r P riester unange­ m essen au fgefaßt, so begründen V erfech ter z ö lib atärer E n th a ltsa m k e it ihre Forderung gerade damit, daß G esch lechtsverkehr ü b erhaup t beflecke; ein Priester, der die E ucharistie feiert, dürfe von Frauen nicht »berührt« w erden:232 1S3

bediu, unzuht unt heilicheit, unchiusce unt reinecheit, die sint niht wol ensamt. sw enne des briesters hant wandelt g o te s lichnamen, so l si sich danne nicht zamen von wiplichen anegriffen? entriw en. si sint dar an besw ichen.233

So ist die Kritik an den Priestern, die ein V erhältnis mit Frauen haben oder gar mit ihnen Zusammenleben, voller U nreinheitsm etaphorik (dazu auch Kap. V,2d): cb

91,9,1

14,1

O sacerdos hic, responde, cuius manus sunt immunde, qui freq u en ter e t iocunde cum uxore dormis, unde Mane s urgens m issam dicis, corpus Christi benedicis, p o s t am plexus m eretricis, minus quam tu peccatricis! [...] Plenus sorde, plenus m endis ad auctorem manus tendis, quem contem nis, quem offendis, m eretricem dum ascendis.

231 M e la n c h th o n , R e fo r m a to r isc h e Schr if ten , ed. STUPPERICH, S. 421; ebd.: und ze i i c h t das E e v e rb o t vil sü nden m it sich. 232 T h om as v on Chobham , Sum m a c o n f e s s o r u m , ed. BROOMFIELD, S. 379: Memo enim hanc in du lgen tiam p o t e s t dare fo rnic ar io s a c e r d o ti ut c e l e b re t quamdiu man eat in am plexibu s concubine. C o n s t a t enim o mni bus q u od animam suam

occidit

quamdiu c e le b r a t p o llu tu s .

233 Heinr ich v on M elk, Von de m g e m e in e n le b e n e (D ic htu n gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 311). HEINZEL zu Heinr ich von M elk, S. HO, ver­ w e i s t u. a. a u f Gregor, In 1 Reg. VI,47, CCL 144, S. 578: V olunt q uippe inmunda agere,

s e d au den t sacris

alta r ib us inherere.

G e s c h le c h t l ic h e V erg e h e n

155

C astita tis non imbute, s e d immundis corde, cute animarum pro salu te m issam cantas, o p o llu te / 234 Denjenigen Priestern, die ihr V e r h a lte n . mit dem Paulusw ort, es sei b e s se r zu heiraten als zu brennen (1 Kor. 7,9), zu begründen suchen, wird ein anderes W o rt des A postels e n tgegeng eh alten (1 Kor. 6,18): 2io

ezn wart nie nie men leider danne im, als ich an siner rede da vor vernim, da e r sprichet: »daz huor, daz is t iu [nihtJ guot. wan alle die sunt die der m ensc tuot, diu is t uzzerhalp des lib e s. swenne er des boesen wibes gemeine wil diche gewinnen, der unreinet den lip innen.« von diu suln die phaffen w eder gehien noch brinnen.235

Schlimm ist dieses V erhalten der P riester schon deshalb, weil sie den Laien damit ein schlech tes Beispiel geben: 563

d er die reinicheit da leret, wie er sich selben e n te re t, sw enne er die chiusc lo b t an der predige unt si danne velscet m it boesem lebene!236

Solches A useinanderfallen von W o rte n und T aten ist eine Heuchelei, die der V erkündigung die Glaubw ürdigkeit nimmt: Quomodo laici abhorreant immunditiam carnis, cum audiant quosdam clericos, vel quosdam sa cerd o tes infamia fornicationis re sp e rso s? 237 Ein Predigtexem pel be­ richtet, wie G o tt (der »Vater der Barmherzigkeit«) einen sündigen P farrer durch eine schwere K rankheit aus dem (Sünden-)Schmutz des Konku­ binates zog: Hic tamquam legitim us legitim am habuit concubinam secum. Quem p a te r misericordiarum, ut de lu to fecis erueret (vgl. Ps. 39,3), graui p e rcu ssit infirm itate e t sta tim concubinam dem ouit e t confessus 234 Carmina Burana. Die Lieder der B e n e d ik tb eu re r H a n d sch rif t. Nach der A u sg a b e von A. HILKA - O. SC H U M A NN - B. BISCHOFF, M ün chen 1979, S. 3 0 4 -3 0 6 ; vgl. Carmina Burana, ed. VOLLMANN, S. 312-314; HEINZEL zu H einr ich von M elk, S. 111. 235 H einr ich von M elk, P rie ste r le b e n (D ic htu n gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 271). 236 H einrich von M elk, P rie ste r le b e n (Dichtu n gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 291). 237 H il d e b e r t (?), Serm o 134, PL 171,931A; HEINZEL zu H einr ich von M elk, S. 149.

156

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

sub scola c a stita tis perm ansit.238 In seiner Vision erblick t Barontus »un­ zählige Kleriker« in der Hölle, die sich gegen ihr Gelöbnis »mit Frauen befleckten«: Ibi e t innumerabilis numerus clericorum, qui hic propositu m suum transcenderunt e t se cum mulieribus maculaverunt decepti, et in torm en tis p r e s s i heiulato magno em itteb a n t 239

D as P r o b l e m » w i d e r n a t ü r l i c h e r « S ü n d e n Alle »Unreinheiten« m ißfallen G ott, vor allem aber jene, die nicht »natürlich« sind: Omnes immunditiae Deo displicent, e t maxime quae non sun t naturales.2*0 Als »widernatürlich« gilt jede Form von Sexualität, bei w elcher der Same nicht das von der N atur dafür vorgesehene »Gefäß« findet bzw. finden soll: quia si aliquis in vase vei in loco non ad hoc d eputato aliquam polluerit, contra naturam p e c c a t 2*1 Sie ist durchweg die sch lim m ste aller U nzuchtsünden; der Schmutz der U nkeuschheit be­ fle c k t hier s tä r k e r als bei U nzucht von Ledigen oder Ehebruch: Diz hör m achet die leidigen lu te vnreine. vnd die gebunden lu te m it der ee noch vnreiner. vnd m achet die. die wider der nature lebent al gar stinkende 242 In der theo log ischen F a c h lite ra tu r heißt es: Gravissime ig itu r peccant adulteri, gra viter fornicarii, se d cunctis his gravius incestuosi; quos om nes transcendunt contra naturam delinquentes ,243 wobei man sich fü r diese "S tu fenleiter d er U nzu ch t"244 in der Kanonistik durchweg auf A ugustinus berief;24S danach is t es folgerichtig, zum Beispiel eine M a stu rb a tio n als schlim m ere Sünde anzusehen als etw a eine Verge­ w altigung oder einen In zest m it der eigenen M u tte r — da dabei im m er­ hin eine Zeugung möglich wäre und der Sexualakt deshalb als »natürlich« g e lten kann. Diese »widernatürlichen« V erfehlungen w erden im C h risten tum häufig m it den (im A lten T e sta m e n t nicht näher bestim m ten) Sünden der Sodom iter in Verbindung gebracht, die G o tt bekanntlich h a rt b e s tr a f te (Gn. 19).246 Die Terminologie ist dabei nicht einheitlich; so kann die »Sünde Sodoms« sich auf den ganzen Komplex beziehen oder auf einzelne V ergehen daraus, m eist wohl auf H om osexualität. Bei solchen Ver­ 238 Erzä h lu ngen, ed. KLAPPER, S. 299 (Nr. 81). 239 V isio Baronti 17, MGH SS rer. Merov. 5, S. 391; V isio n s lit e r a tu r , ed. DINZELBACHER, S. SO. 240 Hraban, H om . de f e s t i s 47, PL 110,87C. 241 T h o m a s von Chobham , Sum m a c o n f e s s o r u m , ed. BROOMFIELD, S. 341. 242 P redigten , ed. LEYSER, S. 43. 243 Petrus Lom bardus, Sent. IV,38,2,10, Bd. 2, S. 481. 2 44 RANKE-HEINEMANN, Eun uc he n, S. 210-212. 245 P etrus Lom bar dus, Sent. IV,38,2,10, Bd. 2, S. 481f.; se h r frei nach A u g u s t i n u s , De b o n o c o n iu g a li 8,8 , CSEL 41, S. 198. 246 Zum P ro b lem z.B. BOSWELL, C hristian ity, S. 9 2 f f . ; HOHEISEL, Art. » H o m o s e x u a l it ä t « , S. 329f., vgl. Sp. 333: "Der e r s t e H in w e is a u f die h o m o s e x u e l l e Natu r d e s F re vels in S o d o m a b e g e g n e t in dem T e s t a ­ m e n tu m Naphtali."

G e s c h le c h t l ic h e V e rg ehen

157

fehlungen wie denen der Sodom iter wird nach A ugustin die Natur, deren U rheber G o tt ist, durch die Perversion der Lust b e fle c k t (cum eadem natura, cuius ille au ctor est, libidinis p e n re rsitate p o llu itu r).247 G elegent­ lich ta u c h t das Motiv auf, daß s e lb s t die Teufel sich hierbei schäm en.248 Michel Beheim h ä u ft die negativen W ertm etaphern: 190,1

Von einer sund schedlich und snöd, sundlich, schentlich, veint selig, öd, unlustig, w ü st, unsauber, p lo d wil ich euch machen chunde.249

Daß Lots Frau zur Salzsäule e r s ta rrte , als sie sich nach Sodom umblickte, zeige, wie se h r G o tt schon die gedechtnus der sund unrein (190,80) miß­ falle. Denn in der natürlichen U nkeuschheit mache der Mensch sich den Tieren gleich; in dieser Sünde werde er aber schlim m er als das Vieh, das sich an die O rdnung der N atur halte.250 In der Form eines G regorZ itats s te llt Hans V intler die Sünde Sodoms in ihrer ganzen V erächt­ lichkeit dar. 6192

sand Gregorius sa g t in seiner omelei, das si die sn ö d ist uncheusch sei, ain Zerrüttung des flaisches, p lu e t und pain, und unsaubert die sele rain, und beraubt die junkfrauleichen chron und gait doch ga r ain pösen Ion. auch betrü ebet si den lieben got, und is t widerzäm dem englischen g e p o t 25{

V e r g e h e n in d e r Ehe »W idernatürliche« Sexualität ist nicht nur H om o sexu alität und M asturbation; auch m it ihren Ehefrauen können M änner a uf solche Weise sündigen, vor allem dann, wenn sie sich dem Ehezweck der Kinder­ zeugung w id erstreb en d verhalten. A ugustinus n en nt jenes »andere t o d ­ bringende Übel der Unreinheit, das schon au szusprechen schändlich wäre«, nicht beim Namen: Quod putari p o s s e t non esse peccatum , m isceri scilicet coniugi non filiorum procreandorum causa, quod bonum e s t nuptiale, se d carnalis etiam uoluptatis, ut fornicationis siue adulterii 247 A u g u s t i n u s , Conf. 111,8,15, ed. BERNHART, S. 122. 24 8 Z.B. V intle r, P lu em e n 6184-6187, ed. ZINGERLE, S. 209: noch i s t ain s nöd e u uncheusch bechant, von de r sich d e r teufeJ s e l b e r s c hä m t, und i s t von d e r S o do m iten g e si e c h t. die s e lb i s t w id e r das n at urle ic h re c ht.

249 M ichel Beheim , G ed ichte, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 2, S. 183. 250 Michel Beheim, G ed ichte 190,81-91, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 2, S. 185. 251 Vin tler, Plu em en, ed. ZINGERLE, S. 210.

158

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

siue cuiusquam alterius immunditiae m ortiferum malum quod turpe e st etiam dicere, quo p o te s t tem p ta n te satana libido pertrahere.232 Da man auch s o n s t darüber nicht detailliert sprechen will, wird auch n icht immer deutlich, was genau gemeint ist; s e lb s t Beichtspiegel gehen davon aus, daß jeder, den es b e trifft, schon Bescheid wisse: Ob du das werck der vnlauterkeyt m it and(er) Ordnung da(n)n es die natur ereyschet od(er) wid(er) die ersam keit der ee an de(m) werck in im selb od er m it ändern bösen v(m)mständen dauo(n) w eiter nit zeschreibe(n) is t volbracht h a best.253 Auch H ildegard von Bingen ä uß ert sich in diesem Punkt nicht sehr präzise; bei ihr sprich t G o tt zun ächst von m ännlicher H om o­ sexualität, sodann von »verkehrter Unzucht« m it einer Frau: Qui autem eodem m odo in hac contraria fornicatione peccauerit cum m uliere, uoracissimus lupus in ista peru ersitate sua est. Quomodo? Nam ut homo ille contrarius e t m o le stu s e s se t hominibus qui pulcherrim as et m undissim as epulas habens eas abiceret e t stercu s quod in digestione hominis eg reditu r co m ed eret, ita etiam e t is ti indigni e t immundi coram m e su n t, quoniam rectam in stitu tion em coniunctionis in muliere deserunt e t alienam praeuaricationem in ea quaerunt 254 U nklar bleibt, ob hier verbotene Stellungen, Coitus in te rrru p tu s oder Analverkehr gem eint sind, w orauf vielleicht der Hinweis auf m enschlichen Kot schließen lassen könnte, den zu e ssen einen M enschen so unrein machen würde, wie es ein solcher Sünder vor dem A ngesicht G o ttes ist.

Po llution und M a s tu r b a tio n U n te r verschiedenen Vergehen aus dem sexuellen Bereich bekenn t der Beter der Jüngeren bairischen Beichte, in piuuellida mines lichnamin gesündigt zu haben.255 Da eine spezielle Sünde genannt ist, kann es sich nicht um ein m etaphorisches Beflecken des m enschlichen Leibes handeln als allgemeine Bezeichnung fü r vor allem geschlechtliches Sündigen (dazu Kap. VI,la). Gemeint ist zw eifellos der noch heute »Pollution« genannte (nächtliche) Sam energuß.256 Aber ist Pollution Sünde? Viele Stellen lassen erkennen, daß nicht nur die bew ußte M a stu rb a tio n als Sünde angesehen wurde. Caesarius von Arles sieht hierin ein Kennzeichen der allgem einen .Sündenverfallenheit des Menschen, daß s e lb s t »heilige und g ute Christen« von u n b e a b sich tigter Befleckung nicht ausgenom m en seien: Aliquando ista concupiscentia sic insidiatur sanctis et bonis Christianis, ut faciat dorm ientibus quod non p o te s t vigilantibus: aliquotiens enim inviti e t n o len tes inlusionibus polluuntur. Dies könne

252 253 254 255 256

A u g u s ti n u s , Enchiridion 21,78, CCL 46, S. 92. S p iegel d e s Sünd ers, ed. VAN DEN BROEK, S. 226. H ildegard , Scivias 11,6,78, CCCM 43, S. 292. Jünger e b airisch e B e ichte (Sprac hd en km äler, ed. STEINMEYER, S. 315). Dazu OTTO BASLER, D e u t s c h e s F re m dw örte rb uch, Bd. 2, Berlin 1942, S. 581.

G e s c h le c h t l ic h e V erg ehen

159

ohne Sünde nicht geschehen.257 Auch die Bußbücher sehen nicht nur Strafen fü r denjenigen vor, der sich »willentlich im Schlaf befleckte«: Qui in som nis uoluntate p o llu tu s est, surgat cantatque .viiii. p sa lm o s e t genua fle c ta t e t crastino cum pane et aqua uiuat uel xxx psalm os flectando genua unius cuiusque in fine cantat. Uolens in som nis peccare, si p o llu tu s sine uoluntate, .xv. p salm os cantat.258 Wo die Absichtlich­ keit nicht eigens berü ck sichtig t ist, wird an M astu rbatio n zu denken sein: Si quis se ipsum quoinquinauerit, anno paeniteat si iunior s i t 259 Ein Kriterium fü r die Sündhaftigkeit ist der W achzustand, da nach Julian Pomerius n u r in ihm die Konkupiszenz zum Vorschein komme; im Schlaf sei d er Samenfluß dagegen ein n atürlich er Vorgang: Hinc e s t quod ille corporis fluxus qui fit in dorm ientibus sine culpa, interdum vigilantibus contingat ex culpa. A liud e s t enim quod in dorm iente fit, aliud quod vigilans fa cit. Ibi naturaliter plenitudo humoris expellitur, hic tu rp iter concupiscentia publicatur. Sed haec concupiscentia illis vigilantibus hunc elicit fluxum, quibus p e r foeda colloquia sordidum com m overit appetitum 260 Beichtväter sollen fragen, ob die Befleckung absichtlich geschah,261 da das gegen G ottes Gebote verstoß en würde: Item hie sün det sich der mensch, so e r wylligklich durch gedencken und durch essen oder trincken ursach g y b t zu befleckung im sc h la ff oder s iis t.262 Auch w er durch u n sittliches V erhalten verursacht, daß dir od(er) ändern böß lü st gedenck od er vermeyligung des leibs ko(m)men seind. w isse alles hieinn zebeichte(n). H astu in de(m) sc h la ff s öl ich leiplich lü st vn(d) des leibs v(er)meyligu(n)g gehabt vo(n) s öl ich vorgem elt dein vnzimlich thün vnd lassen empfangen beicht alles hieinn.263 Die Sünde liegt in solchen U nterscheidungen im absichtlichen oder fahrlässigen Verursachen der Pollution. Auch im Schlaf kann dann eine Sünde geschehen, allerdings keine Todsünde.264 Absichtliche Pollution dagegen ist als M asturb ation eine Sünde wider die N atur und damit Todsünde. Schwierig w aren in diesem Z usam m enhang die Träume zu bew erten, die eine »Befleckung« im Schlaf verursachen. Obwohl sie sich m ensch­ licher V erfügung w eitgehend entziehen, m acht Papst Innozenz III. sie 257 C aesarius von A r le s, Serm o 177,4, CCL 104, S. 720. 258 P aen ite n tia le Big otia n um II,l,7f. (P en ite ntials , ed. BIELER, S. 218-220); vgl. P aen ite n tia le Cu m m ean i II,15f, (ebd. S. 114). 259 P aen ite n tia le s. Colum b ani (A) 7 (P en ite ntials , ed. BIELER, S. 96). 260 Julianus P om erius, De vita c o n te m p l a tiv a 111,6,5, PL 59,482BC. 261 Z.B. Petrus v on P oitiers, C om p ila tio p r a e se n s 14f., CCCM 51, S. 18f. 262 WEIDENHILLER, U n te r s u c h u n g e n , S. 76. 263 Sp iege l d e s Sünd er s, ed. VAN DEN BROEK, S. 226. 264 Martin von A m berg, G e w is s e n s s p i e g e l , ed WERBOW, S. 68f.: Wenn die m e y l i gun g die do g e sc h ie t y m s la f f e an d em m e ns che n die i s t n icht an i r s e l b e r fü r ein t o t su n d z w r e ite n , wann wenn man ein t o t sund w i ll begen, so mu z d o r z w gehorn ein fr e ie s und ein w o l b e d ac h t e s g e m u e t und n eygu n ge dez freyen w illen und d e z ma g nic ht g esc he h e n

an einem

slaffen de n

menschen.

160

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

für ein Beflecken auch der Seele verantw ortlich, also für Sünde: A pparent enim frequ en ter in som pniis turpes ymagines, ex quibus p e r illusiones nocturnas non solum caro polluitur, se d e t anima m aculatur.263 Gerade in solchem A usgeliefertsein zeigt sich das Elend des M enschen in diesem Leben. D eutsche A utoren wie Hugo von Langenstein folgen Innozenz in dieser d ü ste re n V orstellung, die dem M enschen wenig Chancen läßt, solche Sünden zu vermeiden: 136,37

Lip vnd se i entreinet wirt In dem slafe vnverirt A ls es die wisen las in Da von div sele mazin Gewinnet vnde fleckin da Und div Conciencia 266

Geht es hingegen darum, V erantw ortlich keit des M enschen auch in dieser H insicht zu betonen, dann muß nach den Ursachen fü r die Träume g e fra g t werden. Beichtspiegel, in denen das Problem Von vnlauteren treümen wie die zebeichten seyend beh an d elt wird, nennen dreyerley vrsach nächtlicher vermaligung des le ib s: U nm äßigkeit in Essen und Trinken, schnöd vn(d) vnrein gedenck, sowie den Neid des T eu fels.267 Zum indest aufgrund der e rs te n beiden Punkte muß wohl jeder nach nächtlicher P ollution ein schlech tes Gewissen haben. Selbst Isidor, der eine sündlose Pollution fü r möglich hält, em pfiehlt, sich diese als Schuld anzurechnen und die U nreinheit mit Tränen zu tilgen: Qui nocturna illusione polluitur, quamvis e ts i extra memoriam turpium cogitationum se se p ersen tia t inquinatum, tamen hoc, ut tentaretur, culpae suae tribuat, suamque immunditiam sta tim fletib u s t e r g a t 268 A usführlich b eh an d elt Hildegard von Bingen diese Problematik. Daß dem Brand der Lust Sam enflüsse e n tströ m e n , m üsse man erleiden, da niemand so keusch sein könne, daß sich menschliche G ebrechlichkeit an ihm nicht bem erk b ar machte: Sed tarnen ibi ab incendio libidinis efflu en tes riuulos in semine u estro su stinebitis, cum tam casti e sse non p o te s tis quin fragilitas humanae teneritudinis se la te n te r o sten d a t in uobis;269 zu vermeiden ist jedoch die unerlau b te und lu s tb e to n te Be­ fleckung {De vitanda illicita e t libidinosa pollutione) 270 Hildegard s e tz t schon durch ein eigenes Kapitel die nächtliche Pollution von den w ider­ n atürlichen Sünden ab, zu denen auch die bew ußte M a stu rb atio n zählt: 265 In nozen z III., De m ise ria humane c o n d it io n is 1,24,3, ed. MACCARRONE, S. 31f.. 266 H u go von L a n genstein , Martina, ed. KELLER, S. 343f. 267 S p iegel d e s Sünd ers, ed. VAN DEN BROEK, S. 193f. 268 Isidor, Sent. 111,6,14, PL 83,671AB; ebd. 111,6,13, 671A; danach Gratian, Dis t. VI,3, ed. FRIEDBERG, Sp. 11. 269 H ildegard , Scivias 1,2,24, CCCM 43, S. 30. 270 H ild eg ard, Scivias 1,2,20, CCCM 43, S. 27.

G e s c h le c h t l ic h e V erg ehen

161

Illi quoque m ares qui cum tactu praeputii sui sem en suum educunt magnum casum animae suae imponunt, quia in hac inquietudine se omnino concutiunt, e t ideo uelut immunda animalia quae catulos suos deuorant coram me apparent, quoniam sem en suum peruerse excutientes illu d ad contum eliosam pollutionem deducunt. H ildegard fü h rt — was in diesem Z usam m enhang se lte n geschieht — auch weibliche S elb stb e­ friedigung ein, die freilich ebenfalls als Beflecken mit »Samen« verstanden wird: Quos e t feminae impudico tactu im itantes, cum in incentiuo ardore ardentis libidinis in constrictione corporis sui sem etip sa s fatigant, ualde culpabiles exinde sunt; quia cum in ca stita te se continere deberent, se in immunditia polluunt. Vnde tam feminae quam uiri qui proprio tactu corporis sui sem en suum de se excutiunt, in hac sorde sua ulceribus et uulneribus se m e tip so s in animabus suis inficiunt .271 Von solch er »wachenden Unreinheit« u n te rsc h e id e t Hildegard dann, wie gesagt, die im Schlaf geschehende; auch sie erfo rd ere eine Reinigung: Non solum autem uolo ut homines a uigilante immunditia se emundent, se d ut etiam a pollu tion e illa quae ipsis dorm ientibus occurrerit se digne pu rgen t.272 Diese Reinigung b e s te h t in der Buße, die fü r P riester uner­ läßlich sei, bevor sie wieder an den A ltar tr e te n d ürfen .273 Die N otw endigkeit einer »Reinigung« von u nb eabsich tig ter Pollution ergibt sich weniger aus der m ateriellen Verunreinigung durch den Samen, als aus der biblischen Tradition, nach der Samenerguß wie G eschlech ts­ verkehr, M enstruation, G eburt usw. rituell unrein macht. So sah Dt. 23,10f. für denjenigen im Heer, der »durch einen nächtlichen Traum b efleck t wurde« (qui nocturno p o llu tu s s it som nio), eine W aschung außerhalb des Lagers vor. Ebenso e rk lä rte Lv. 15,16f. einen Mann, dem Samen ab­ gegangen war, bis zum Abend fü r »unrein«, und verlangte von ihm eine W aschung seines Körpers und seiner Kleider. Wie sta rk diese Unreinheit die Pollution in die Nähe der Sünde rückte, zeigen ausdrückliche Dementis wie dasjenige von A ugustinus: neque enim e t in som nis peccato fit; e t tamen etiam ibi praecepta e s t purificatio 274 An diesen Stellen ist zwar von ritueller, jedoch nicht ausdrücklich von k u ltisc h e r Unreinheit die Rede. Will Caesarius von Arles m it den G esetzesvo rsch riften b e ­ gründen, daß niemand nach n äch tlicher Pollution ohne »Reinigung« die Eucharistie em pfangen dürfe, dann muß er Dt. 23,10 mit Lv. 7,20 kombinieren: »Si quis nocturno p o llu tu s fuerit somno, non manducet carnes sacrificii salutaris, ne pereat anima eius de populo suo.« Si p o s t pollutionem , quae nobis nolentibus fieri so le t, nobis communicare non licet, nisi prius praecedat conpunctio e t elemosina, et, si infirmitas non prohibet, etiam e t ieiunium; quis e s t qui p o s s it dicere, illud quod

271 272 273 274

H ildegard , Scivias 11,6,78, CCCM 43, S. 292. H ildegard , Scivias 11,6,79, CCCM 43, S. 293. H ild eg ard, Scivias 11,6,80, CCCM 43, S. 294. A u g u s t i n u s , De b o n o c o n iu g a li 20,23, CSEL 41, S. 217.

162

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e ite n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

vigilantes e t vo lentes facimus non e sse peccatu m ?275 Dieses Problem scheint die C h risten des F rü h m itte la lte rs ungemein b ew egt zu haben. So zählte zu den Anfragen, die verm utlich an Papst Gregor den Großen g e ric h te t waren, auch diejenige, ob nach nächtlicher Pollution ein Laie kom munizieren und ein P riester die hl. M esse feiern dürfe. Hierzu fü h rt G regor (?) z u näch st die G esetzesbestim m ung an: Hunc quidem testam en tu m veteris legis [...] p o llu tu m dicit e t nisi lotum aqua usque ad vesperum intrare ecclesiam non concedit. Dies habe im W ortsin n nur dam als für jenes Volk gegolten; anders das geistige V erständnis der V orschrift: quia quasi p e r somnium inluditur qui te m p ta tu s inmunditia veris imaginibus in cogitatione inquinatur. Sed lavandus e s t aqua, ut culpas cogitationis lacrimis abluat: e t nisi prius ignis tem ptation is recesserit, reum se quasi ad vesperum cognoscat. Diese tropolog ische Deutung bezieht sich vor allem au f das »Waschen« als Reinigen mit T ränen,276 w ährend — dem Thema der Anfrage e n tsprech en d — das zur Rede stehende Problem der Pollution auf der Ebene des Literalsinns w eiter b ehand elt wird, wobei drei U rsachen fü r die Bewertung au s­ schlaggebend sind. Bei natürlichen U rsachen wie übersch üssig en Säften liege keine Sünde vor, wohl aber dann, wenn Unmäßigkeit zu solchem Uberschuß führte. Bei der d ritte n möglichen Ursache, den unkeuschen Gedanken, sei wiederum genau zu unterscheiden, wozu Gregor (oder der u n te r seinem Namen schreibende Autor) eine ausführliche D arstellung der S ün d enstufen suggestio, delecta tio und consensus b rin g t.276 An weiteren, in ihrer Echtheit u n b e s tritte n e n Stellen v e rste h t Gregor die Pollution jeweils nu r bildlich. So d e u te t er die G esetzesvorschrift, ein Mann mit Samenfluß habe als unrein zu gelten (Lv. 15,2), im Hin­ blick auf das L aster der Geschwätzigkeit; wer den Samen der Ver­ kündigung durch Vielreden verschwende, der zeuge damit keine guten Gedanken bei seinen Zuhörern, sondern beflecke nur sich selbst: In m ente quippe audientium sem en secuturae cogitationis e s t auditae qualitas locu tion is, quia dum p e r aurem serm o concipitur, cogitatio in m ente 275 Caesarius von A ries, Sermo 44,5, CCL 103, S. 198. 276 Vgl. Gregor, Mor. IX ,55,84, CCL 143, S. 514f. (zu

Dt.

23,10f.):

Noc t urnum quippe e s t somn iu m t e m p t a ti o o cc u lta p e r quam te ne b r o s a c og i t at i o n e t urp e aliquid corde con cipitu r, quo d ta men c o r p o r is o p er e non e x p l e t u r . Se d som n io n o ctu rn o p o l l u tu s e g r e d i e x tr a c a s tr a p r a e ­ c i p i t u r quia ui de licet dignum e s t ut qui immund a c o g ita tio n e p o lluitur , indignum s e c unctoru m fidelium so c ie ta tib u s a r b itr e tur , culp ae suae m eri t um ante o c u los po n a t e t ex bonoru m se a e s tim a tio n e d esp ic ia t. P ol l u t o e rgo e x t ra castra exire e s t tu rpi impu g na tio ne la boranti, s e s e e x c o nt i ne nt i um compa ration e despicere. Qui ad ue s p er um la ua tur aqua, cum d e fe c tu m su um con spicien s ad p ae nite n tia e la m e nta c o n uertit ur, ut f l e tib u s dilu at omne qu od animum o c c u lta inquinatio a cc usat.

276 G regor (?), Ep. XI,56a , MGH Epp. 2, S. 3 4 2 f . ; Beda, H is t. e c c l. 1,27, ed. SPITZBART, S. 102-106; Gratian, Dist. VI,lf., ed. FRIEDBERG, Sp. 9-11; dazu OHLY, M etap hern für die S ü n d e n s tu fe n , S. 20f. V on den v iele n N a c h fo lg e r n se i nur P s.-R icha rd von St. Viktor, In Cant. 25, PL 196,480A -C , genann t.

G e s c h le c h tl ic h e V erg ehen

163

generatur. Unde e t ab hujus mundi sapientibus praedicator egregius seminiverbius e s t vocatus (Apg. 17,18). Qui ergo fluxum seminis su stin et immundus asseritur, quia m ultiloquio su b d itu s, ex eo se inquinat, quod si ordinate prom eret, prolem rectae cogitationis edere in audientium corda p o tu isse t; dumque incautus p e r loquacitatem diffluit, non ad usum generis, se d ad immunditiam sem en effundit.277 Das Beflecken durch Samen b e s te h t also auch hier darin, ihn nicht zu Z eugungs­ zwecken zu verwenden, wobei die a n g e stre b te N achkom m enschaft der Predigt in guten Gedanken b e ste h t. Eindeutig um M asturbation, die noch heute als »Selbstbefleckung«278 bezeichnet wird, g eh t es, wenn e tw a von denjenigen die Rede ist, qui propriis manibus se sordidant 279 In Bußbüchern wird u n te r der Rubrik De fornicatione non naturali eine Strafe von 100 Tagen (bzw. 1 Jahr im W iederholungsfall) aufgeführt: Manu uero se m e tip so s coinquinantes prim o .c. diebus, itera n tes anno pen itean t.260 Für die M a stu rb atio n kann m ollitia / m o llities eine (euphemistische) Um schreibung sein.281 Bei der W arnung, daß keine adulteri, neque m o lle s , necque m asculorum concubitores das Reich G ottes b esitzen werden (1 Kor. 6,9f.), sind mit m o lles die »weiblichen« P artner beim hom osexuellen Verkehr g em ein t.282 W ohl in Abgrenzung zu den »Bei­ schläfern von Männern« bildete sich der Bezug auf die Selbstbefriedigung heraus, so daß etw a G erson definieren kann: M ollities e s t po llu tio a seipso.283 A ufgrund einer anderen Ü berlieferung heißen diese Sünder immundi\ eine personifizierte »Immunditia«, die Am brosius A u tp e rtu s neben die »Luxuria« ste llt, will einem weismachen, es sei keine große Sünde, »sich mit eigenen oder frem den Händen zu beflecken«: Inmunditia dicit: Non e s t grande facinus sine concubitu maris e t fem inae, uel propriis, uel alterius inquinari manibus. Sed in tegritas carnis respondet: Non sic ait A po sto lu s. Quid ergo ait? »Neque inmundi«, inquit, »regnum

277 Gregor, Reg. p ast. 11,4, PL 77,32AB; vgl. de ns., Mor. XXIII,15,28, CCL 143B, S. 1164f.: Quid e s t enim sermo, nisi se m e n ? C...D Semen e rg o usui propa gi ni s dicatu m in c o m p e te n te r flu e ns c e te r a m e m b r a c o ­ inquinat, cum se rm o p e r quem in audientium s e n s ib u s nas ci s cie ntia d ebuit , si i nordi nate p r o d e at, etiam quae rec t a s e n s e r i t fo e d a t. Vnde Eliu quoque e t iam quae rec ta p o t e s t se n tire c o m m a c ula t, dum cui uel quid l o q u a t u r ignorat; e t quasi flu xu m s e minis s u s t i n e t qui linguam u t i l i t a t i con gruam p e r uerba uanae lo c u tio n is m o ue t.

278 Dazu DWb X / l , Sp. 458; im K am pf g e g e n »Onanie« z.B. Jo ach im Heinrich Campe, Über die fr ü h e s t e Bildung ju n ger K in ders ee len , ed. BRIGITTE H. E. NESTROJ, Frankfurt a.M. — Berlin 1985, S. 135: an­ g esteck t

von d e r sch än dlichen S euche d e r S e lb s tb e fle c k u n g .

279 P s .- A lk u in , De div. o f f . 13, PL 101,U95B. 280 P aen ite n tia le Big otia n um 11,2,3, (P en ite n tia ls , ed. BIELER, S. 220). 281 BOSWELL, Christianity, S. 107, A. 55 (Thom as von Aquin, Vinz en z von Beauvais). 282 HOHEISEL, Art. » H o m o s e x u a l it ä t« , Sp. 339. 283 J ohan nes G erson, De qu atu or virtu tib u s card inalibus (Ders., CEuvres, ed. P. GLORIEUX, Bd. 9, S. 146).

164

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der l ln r e in h e it s m e ta p h o r ik

Dei possidebu n t«.264. Hier wird das V erbot der M a stu rb a tio n allein da­ durch begrü nd et, daß auch an der angegebenen B ibelstelle von »Unreinen« die Rede ist, die nicht in den Himmel kommen.

Homosexual ität In ganz besonderem Maße g a lt u n te r den Sünden wider die N atur die H o m o se x u a litä t285 — und zw ar in den Q uellen vornehm lich die u n te r Männern — als verabscheuensw ürdig. Sie w ar im M itte la lte r die »stum m e Sünde« schlechthin, da bereits das Sprechen darüber die O hren der H örenden (s. Kap. VI,2e) oder gar die Luft (Kap. VII,7) b eflecken würde, wie ein stehend es A rgum ent lau tet, m it dem sich vor allem Prediger d a fü r entschuldigen, daß sie in diesem Fall nicht ins Detail gehen möchten. Auch s o n s t b eg n üg t man sich o ft mit A ndeutungen oder U m ­ schreibungen wie peccatum sodom iticu m , die keine klare Identifizierung z u la sse n .286 Selbst Schamlose, so der Stricker, schäm ten sich, wenn sie von der Sünde derjenigen M enschen auch nur h örten, die G o tt am m eisten hasse: 467

ir sünde is t unreiner vil, denne ich im m er gesagen wil. si is t so ga r unmüglich, ein scham elöser schäm te sich s o lt e r ez hoeren unde sagen: e r m öh te ez küm e v e rtra g e n 267

Im S treitg esp räch des »Frauenbuches« von Ulrich von Lichtenstein a n t­ w o rte t die Dame auf Anschuldigungen, die der R itter den Frauen gegen­ 28 4 A m b r o s iu s A u tp e r t u s , De c o n f l i c t u vit io r u m atq u e v ir tu tu m 23, CCCM 27B, S. 926; vgl. ebd. 1, S. 910: con tra carnis i n te g r ita te m inmund itia a tqu e luxuria, c on tra cord is m u n ditiam sp irita lis fo rnic atio; e r s t r e b t wird: Inmunditia qu oque uigilantem numquam, d o r m ie n te m uero tardius, sua c ollu u ion e fo e d a b it (ders., Oratio su p e r s e p t e m vitia (Rec. B) 8, S. 954). 285 Dazu u.a. CURTIUS, Literatur, S. 123-127; LEONHARD M. WEBER, Art. » H o m o s e x u a l it ä t II« (LThK 25, Sp. 4 68f.); MAYER, A u ß e n se iter , S. 169-309; BLEIBTREU-EHRENBERG, Tabu; BOSWELL, Ch ristianity; HARRY J. KÜSTER - RAYMOND J. CORMIER, O ld V ie w s and N ew Trends. O b se r v a t io n s on th e P rob le m o f H o m o s e x u a l it y in th e M iddle A g e s (Studi M ed ievali 111/25, 1984, S. 587-610); SPREITZER, Sünde; BEIN, O rp heus, S. 37f. Lit.!; HOHEISEL, Art. » H o m o s e x u a l it ä t « . Zur M etapho rik j e t z t HERGEMÖLLER, Sünde; PUFF, Sünde. 286 Zum Sp rac h p rob le m (mit m e i s t jü n ger e m Material) PAUL DERKS, Voiiä un beau bou gre de paradis! Zur S p r a c h g e s c h ic h t e der m änn lichen H o m o s e x u a l i t ä t (Forum H o m o s e x u a l i t ä t und Literatur 4, 1988, S. 45-7 3). 287 Stricker, Die K lage (Ders., G ed ichte, ed. HAHN, S. 68f.). Zur H o m o ­ s e x u a l i t ä t beim Strick er SPREITZER, Sünde, S. 77-83; RAGOTZKY, G a ttu n g s e r n e u e r u n g , S. 236ff.

G e s c h le c h t l ic h e V erg ehen

165

über macht, ihrerseits mit dem V orw urf der H o m o sex u alität als einem fü r M änner o ffenb ar c h a rak teristisch en Laster; auch hierbei fehlen nicht die üblichen Form eln des N ic h t-d a rü b e r-sp rec h e n -W o lle n s:288 649

nu s o lt ir mich auch wizzen Jan: s ta t daz wol, daz nu die man m it ein ander daz begant, des vogel noch tie r nicht willen hant und alle creature dunket ungehiure? ir w izze t wol, waz ich meine, ez is t so gar unreine, daz ich sin niht genennen g e ta r —

Der D ialogpartner w arnt verständlicherw eise vor Verallgemeinerung und s e tz t sich von diesen »Unreinen« ab, die a u s g e r o tte t werden müßten: 711

die selben gar unreinen die hülfen wir iuch versteinen und u f den hurden brennen, awe, daz man si nennen vor dheiner frawen sol, daz tu o t m ir anders danne wol!

Von solch einer »höchsten Unreinheit« wenden sich so gar die Dämonen ab; über die Sünde der Sodom iter sa g t ein m itte la lte rlic h e r Prediger: Quae e s t illa turpitudo, nisi illa quae immunditia p e r A postolu m appellatu r (Röm 1,24) ? Illa denique e s t turpitudo, illa summa immunditia, illa summa miseria, a qua A ngeli fugiunt, quam daemones videntes oculos claudunt. Illa e s t enim immunditia e t miseria quam masculi in m asculos operantur.289 B erthold von Regensburg predigt w o rtg ew altig gegen die zwei unreinesten sünde von aller der werlde. Bei der e rsten, der une, dem nichtehelichen G eschlechtsverkehr, ist Abhilfe möglich, indem man heiratet. Die zweite n en nt er lieber nicht beim Namen: Diu ander sünde diu ouch der sünden wirstiu is t und aller sünden unreinestiu, die diu w erlt ie ge wan oder iem er m er gewinnen so l [...]. Got beschirme alle die w erlt vor der selben sünde. Wan sie is t so gar unreine, daz manic tiuvel ist, der die selben sünde niht g e ta r geraten offenlichen.290 In einer A uf­ zählung der vier »rufenden Sünden« zählt Berthold o ffenbar auch weib­ 288 U lrich von L ich ten st e in , Frauenbuch, ed. FRANZ VIKTOR SPECHTLER (GAG 520) G öpp ingen 1989, S. 39-45; dazu SPREITZER, Sünde, S. 8 3 87; BEIN, O rp heus, S. 4 7 f . ; vgl. GLIER, A r tes , S. 41-46. 289 P s . - A u g u s t i n u s , Ad fr a tr e s in e re m o 47, PL 40,1326; ebd.: Haec e s t m e ri t o im m unditia, quia e s t nimia m e n tis e t c o r p o r is sp urc itia . Vgl. H il d e b e r t (?), Se rm o 92, PL 171.771A. 290 B e r th o ld von R egen sb urg, Predigten , edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 151f.

166

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

liehe H o m o sex ualität zu diesem Vergehen, das schlim m er sei als Inzest m it der eigenen M utter: Diu vierde is t so unreine, daz ich da von niht reden tar. Ich han da von niht z e reden, wan sie is t noch griulicher verfluochet danne die ändern alle sam t. Und s itz e n t eteliche da vor m ir, sam sie niht w a zzer trüeben kunnen und waz sie an der heimeliche tuon t daz weiz nie man baz, danne sie und ir herre der tiu v e l29i H ildegard von Bingen beklagt, daß s e lb s t Priester, die in Keusch­ heit an den A ltar tr e te n sollten , nicht nu r U nzucht mit Frauen b e ­ gehen, se d etiam in contrarietate fornicationis se contam inantes grauissim um onus d istricti iudici sibi im ponunt. Solch »verkehrte« Sünder verwerfen die fü r Mann und Frau a u fg e ste llte Ordnung, folgen dem Teufel und w erden »befleckt und schimpflich« vor G ottes An­ g esicht erscheinen: Deus uirum e t feminam coniunxit, scilicet quod fo rte e t infirmum erat sim ul copulauit, quatenus alterum ab altero sustentaretur. Sed is ti contrarii adulteri, cum uirilem fortitudinem suam in m ollitiem contrarietatis transferunt rectam institu tion em maris e t feminae abicientes, Satanam in peru ersita te sua turpissim e su b ­ sequuntur, qui illum qui indiuiduus e s t scindere e t diuidere in superbia sua uoluit. Nam ip si alienum e t contrarium adulterium in peruersis artibus suis in sem e tip sis co n stitu u n t, e t ideo in conspectu m eo p o llu ti e t contum eliosi apparent.292 Neben w eiteren Sünden »verkehrter U n­ zucht« b e sprich t H ildegard auch die lesbische Verfehlung, bei d er eine Frau die Aufgabe des Mannes beim G e schlech tsakt nachahme; beide daran b eteiligten Frauen maßen sich unkeuscherw eise frem des Recht an: Sed e t femina quae has diabolicas a rtes rapit, quod se uirili officio cum altera femina coniugari simulat, uilissima in conspectu m eo apparet sim ul e t illa quae se huic in tam contum elioso facinore subicit; quia cum uerecundiam ad passionem suam habere deberent, alienum ius sibi impudice usurpauerunt 293 W egen ihrer schlim m en Sünde sind H om osexuelle ex tre m »unrein«.294 Der m innekranken Lavinia v e rsu ch t die M u tte r den geliebten Eneas zu verekeln, indem sie ihm mit den üblichen U m schreibungen diese Ver­ fehlung u n te rs te llt:

291 B e r th o ld von R e gen sb u r g, P redigten , edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 218. 292 H ild eg ard, Scivias 11,6,78, CCCM 43, S. 291f. 293 H ildegard , Scivias 11,6,78, CCCM 43, S. 292. 294 Vgl. Gregor, Ep. X,2, CCL 140A, S. 827: ...quia Sisinnius Regitana e d u i t a t i s p r e s b y t e r , qu od auditu, ip so in to ler a b ile nimis e s t, id o lo r um u e ne ra t or ac c u l t o r sit, adeo ut in d o m o sua q uo d d a m id o lum p o s itu m habe re pr a e s um e r et; s e d et, qu o d non d issim ile ne fa s e s t, s o d o m ita e illum sc e l e r e m aculatum. — Der s c h ö n e Jün gling P elagiu s w id e r sta n d

de n A n n ä h e r u n g sv e r su c h e n des h o m o e r o ti s c h e n K alifen von Cordoba: Non p a t i t u r t al em m a c u l at i ,

Ch risti nam m ile s

am orem

R egis

pagani

H ro ts v it h a , P a ssio s. Pelagii 23 8f. (Opera, HOMEYER, S. 139); BOSWELL, Ch ristian ity, S. 198-2 00. carnis

luxu

ed.

G e s c h le c h t l ic h e V e rg ehen 282,34

167

diu w erlt hat sin schände, her is ein so unreine man, daz ich im din niene gan, wand ern hat niht güten lib, her gem innete nie wib. ezn is z e sagenne niht g ü t, • waz her m it den mannen t ü t 295

Lavinia will jedoch von solch unreiner »Bosheit« nichts wissen: 2 83, 31

her is ein edele Troiän und vil reinliche g eta n , so man in rehte besiht. hern glih et bösem manne niht 296

Soll m it diesem V orw urf — wie so häufig in der Geschichte und auch heute noch — jemand denunziert werden, so wird in der V erserzählung »Der Borte« des Dietrich von der Glezze H om o sexu alität zum a u sd rü ck ­ lichen Erzählelem ent. Die Frau eines Ritters, die sich aus Habgier zum Ehebruch verleiten ließ und deshalb von ihrem Mann v erlassen wurde, will diesen wiedergewinnen. In M ännerkleidern begibt sie sich zu ihm hin, wird von ihm nicht erk an n t und b rin g t ihn schließlich dazu, daß er — ebenfalls aus Habgier — ihren Forderungen nach hom osexuellen H and­ lungen einwilligt. Daraufhin gibt sie sich zu erkennen und hä lt ihm eine Strafpredigt: 795

daz ich te t, daz was menschlich; so w oldet ir unkristenlich vil gerne haben nu getan; ir sit ein unreiner m a n 297

Der den Mann beschäm ende (und mit seiner Frau wieder versöhnende) V orw urf s e tz t voraus, daß s e lb s t Ehebruch als »natürliches« (im ein­ 295 H einr ich von V e ld e k e , E neasr om an, edd. ETTMÜLLER - KARTSCHOKE, S. 594. Im »Roman d’Eneas« n e n n t sie ihn a u s d r ü c k lich s o d o m it e : STEBBINS, Studien , S. 104-106; SPREITZER, Sünde, S. 90-9 4: BEIN, O rp heus, S. 4S (Lit.!). WOLF-DIETER STEMPEL, M it t e la l te r l i c h e O b s z ö n i t ä t als lit e r a r ä s t h e t i s c h e s P ro b lem (Die nic h t m eh r s c h ö n e n K ün ste, ed. H. R. JAUSS CPoetik und H er m en eu tik 33 M ünchen 1968, S. 187-205) S. 194, z it ie r t dies a ls B eisp iel für die T h e se , "daß das The m a der H o m o s e x u a l i t ä t in der v o l k s s p r a c h l ic h e n Literatur f a s t nur in Verbindu ng m it den »M il d e r u n g s fa k to r en « P olem ik od e r Vei— s p o t t u n g zur Sprache kommt". 296 H einr ich von V e ld e k e , E neasr om an, edd. ETTMÜLLER - KARTSCHOKE, S. 596. 297 D ietrich v on der G lezze , Der Borte, ed. OTTO RICHARD MEYER (G er m an is tis c h e A r be iten 3) H eid e lb e rg 1915; dazu SPREITZER, Sünde, S. 94 -9 8 ; BEIN, O rp he us, S. 4 8 f.

168

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e ite n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

schränkenden Sinne »menschliches«)298 Vergehen bei w eitem nicht so schlim m (»unrein«) ist wie die B ereitschaft zu »widernatürlicher« Sexualität. U m gekehrt b e s te h t dam it die M öglichkeit, alle sexuellen Ver­ stöß e leicht re c h tfe rtig e n zu können, wenn sie nu r nicht w idernatürlich sind.299 Dem Stricker ist eine solche V erharm losung der »Hurerei« ein Pfeffer, m it dem der Teufel verdorbene Speise schm ack haft m acht, die jedoch den ewigen Tod der Verdammnis mit sich b ring t:300 42

si sprechent: »ez is t reine, sw az man bi wiben geliget, s w e r et der manne niht enphliget.« also is t g e p fe ffe rt der hur. der e m it vorhten missevür, der wil nu heilic da m it wesen, ern te t ez niht durch ir genesen: der den p fe ffe r dran gem achet hat, er hat des ewigen to d e s grat in dem p fe ffe r verborgen, si mugen sich wol dran wrgen.

Die Verse w enden sich also gegen den Versuch, m it dem Verweis auf die noch viel schlim m eren H om osexuellen das eigene »natürliche« Fehlver­ halten zu rech tfertigen: 53

die si nu m achent schöne m it der sodom iten höne, die decchent m ist m it m iste und erw rgent sich m it dem liste, s w e r sich der manne wol erw ert und durch diu wip zeh eile vert, dern hat niht vil gewnnen; er is t dem gal gen entrunnen und is t bi dem galgen erslagen.

Die ex trem e »Unreinheit« der H om osexuellen wird bei Heinrich von H esler als Begründung an g e fü h rt fü r ihre stre n g e B estrafung und (im W ieder­ holu ng sfälle auch) A bsonderung nach A rt der A ussätzigen: 298 Dazu SCHUMA CHER, »... i s t m e n sc h lich « . 299 Die Frau e in e s H o m o s e x u e l l e n b e g r ü n d e t ihre A b sic h t, sic h e in en Lieb­ hab er zu h a lt e n , bei B o c ca c cio , Das D e ca m e r o n V,10, dt. RUTH MACCHI, M ün chen 1981, S. 468: »denn ich w erd e nur den m e n s c h ­ lichen G e s e t z e n zuw id e r h an d eln , wäh re nd er sic h g e g e n die G e s e tz e der Natu r versü n d ig t«. 300 Stricker, Die g e p f e f f e r t e S p eise (Ders., Die K lein d ichtu ng, ed. W. W. MOELLEKEN [GAG 1073 Bd. 3 / 2 , G öpp in gen 1975, S. 3 8 0 - 3 8 4 ) ; dazu SPREITZER, Sünde, S. 82f.

G e s c h le c h t l ic h e V erge h e n 2 3 03 3

169

Sw er m it s ul eher sunde unvlat Sich b esu lw it und umme gat, Den sal man strafen touge z w e r O der dries; ob her m er Des la ste rs wirt verwunden, So so l man alle stunde En verdampnen offinbar Und von den luten verren gar, A lso das h er si eine Und nimande m e entreine, Wand sin lesterlich unzucht Ist erger wen die m isel suht. Durch di her is t us g esä t Von der hemilischen s ta t.301

Auch die H ö lle n stra fe n heben sich von denen anderer Sünden ab. In einer Vision k o m m t der den Mönch W e tti durch das Jen seits führende Engel nach der B etrachtung der Jungfrauen auf die zur Ehelosigkeit offenbar k om plem entäre Sünde zu sprechen (P ost haec inde recedentes, coepit ei angelus exponere, in quantis vitiorum sordibus volu ta tu r humanitas) 302 W ährend in der Prosafassu ng H eitos der Gedanke zum A usdruck kom m t, keine Sünde beleidige den Schöpfer so se h r wie diejenige gegen die N atur {in nullo tamen deus magis offenditur), b e to n t der Engel in der V ersversion des W alahfrid S trab o303 die Einzigartigkeit des Strafcharak ters: 640

Nulla tamen tanto peccata furore creator Vindicat offensus, quam quae contraria co n sta t Naturae, quod quisque nefas vitare laboret. Q uapropter cunctos nimium certare necesse e s t , Ne subeat m a ter scelerum Sodom ita libido Et tem plum domini m u te tu r in horrida nigri Serpentis delubra, quibus se degere gaudet.

Obwohl der Engel z un ächst (im Anklang an die »Psychomachie« des Prudentius?) gegen die Sodom ita libido polem isiert, g eht er — U nzucht­ sünden e r s t einmal ins Visier genomm en — auf den Umgang mit Konkubinen oder P ro stitu ie rte n ein: 647

Sordida non tantum hic m orbus contagia praebens Inficit alternas, maribus dum tu rp iter in s ta t, Commaculatque animas ardente cupidine stupri, Verum m ultiplici thalamum violare iugalem

301 H einr ich vo n H e s le r , A p o k a ly p s e, ed. HELM, S. 339. 302 H eit o , V is io W e ttin i 19, MGH P oetae 2, S. 272. 303 W a la hfr id Strabo, V isio W e tti n i, ed. KNITTEL, S. 74-76.

170

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

A d s o le t inluvie, rabiem dum quique sequentes Luxuriae instinctu violenti daemonis acti Naturae concessa suis stim ulan te relinquunt Coniugibus luxu licitum que in stupra calorem V ertentes Satanae incedunt h o stile lupanar. Da auch das Verlassen der ehelichen Beziehung gegen die O rdnung der N atu r v e rstö ß t, mag außerehelicher G eschlechtsverkehr bei W alahfrid vielleicht m it u n te r die Sünden wider die N atur g erechnet sein; bei Heito hingegen u n te rsc h e id e t der Engel die Sünden der V erheirateten von jenen der H om osexuellen, wenn auch in beiden Fällen dasselbe »Gift« einer ansteckenden K rankheit304 zum Ausdruck komme: »Non solum enim«, inquit, »hic m orbus virulenta contagione inrepens inficit animas in te r se concubitu m asculorum pollu tas, s e d etiam in coniugatis m ultiplici p e s te concretus invenitur, dum in rabiem vexatione libidinis versi e t instinctu daemonum agitati, naturae bonum a deo concessum in uxoribus propriis perdunt, ita ut toro im m aculato (vgl. Hbr. 13,4) in stu pri maculam verso ambo coniuges p r o s titu ti daemonibus fiant«.305 Der Mönch W e tti h a t den an ihn als einen Sterbenden g e rich teten A uf­ trag , gegen diese Sünden des Fleisches m ahnend aufz u tre te n , dann da­ durch e rfü llt, daß er seine Vision aufzuzeichnen befahl, w odurch diese Mahnung ü berliefert wurde: 656 Unde tibi iubeo auctoris de nomine nostri, Ista palam referens ut clara voce revolvas, Nec celare velis, quantum discrimen adhaeret E sse subinductas m ulieres pluribus aptas. Tempore nam quanto tam foedis sordibus in sta n tf Non capiunt aditus caeli vitamque beatam.

Be s t i a l i t ä t E ntgegen dem früheren Sprachgebrauch wird heute als »Sodomie« n u r noch der sexuelle Verkehr m it Tieren307 bezeichnet; er heißt in der Sprache der M oraltheologie »Bestialität« (heute auch »Zoophilie«)307 und is t in der V ulgata ein »Beflecken« m it Vieh: Lv. 18,23 cum omni 3 04 Vgl. H e ito , Vis io W e t ti n i 24, MGH P o eta e 2, S. 274: His d ic tis ite r um a tqu e i te ru m de sc e le re so d o m iti c o verbu m in tulit.

C e te r a enim vitia

vitanda s e m e l t a n tu m m o d o n o tav it, hunc vero p e s tif e r u m animae m orbu m c on t ra n atu ram c o m m e n to diaboli s u g g e s t u m , quinquie s e t e o am pli us

v it an dum rep e tivit.

305 H eito , V isio W e t ti n i 19, MGH P oetae 2, S. 273. 307 Dazu ARIE VAN DEN BORN, Art. » B e stia li tä t« (BL, Sp. 200). 307 S o d o m ie als » U n z u c h t m it Tieren« WEIDENHILLER, U n te r s u c h u n g e n , S. 62; BEIN, O rp heus, S. 33, 38. Vgl. auch D e u t s c h e s F r e m d w ö r te r ­ buch, Bd. 4, Berlin - N e w York 1978, S. 246 (»Sod om ie«).

B e s ti a li tä t /

171

Mord

pecore non coibis nec maculaberis cum eo.308 Als sch ändlichste der Sünden wider die N atur ist sie »teuflisch«: Turpe autem e s t innaturaliter lascivire virum in muliere, turpius in m em bris propriis, turpissim um m ulieres in te r se e t viros in ter se, diabolicum si vir vel m ulier exerceat cum bruto animali.309 Als ein Beflecken m it kleinen und großen Tieren bek en n t dies die »W ürzburger Beichte«: ih biuual mih in nozilun ente in uierfiuozun ,310 Der »Schwabenspiegel« nennt dies um gekehrt ein Ver­ unreinigen von Tieren.311

2. W e i t e r e s a) M o r d G egenüber dem großen Komplex von Befleckungsm etaphern im sexuellen Bereich fallen die V erw endungsm öglichkeiten bei anderen Ver­ gehen quantitativ weit zurück. Beim T öten von M enschen ist durch das Vergießen von Blut eine naheliegende Analogie gegeben, die den M örder rituell und m etaphorisch unrein macht: an ihm — vor allem an seiner Hand — k leb t Blut (dazu Kap. VI,2i). In der G ew issenserforschung muß sich jeder fragen, ob er »durch das Vergießen von M enschenblut be­ fleckt« ist.312 Die V erschw örer gegen O tto I. w ollten den König an einem O s te r f e s t (941) ermorden; sie schreck ten also nicht davor zurück, diesen heiligen Tag mit dem Vergießen des Bluts eines G erechten zu be­ flecken: Nec timuere diem paschae sanctum maculare, Si p o s s e t fieri, fuso cum sanguine i u s t i 313 Als Sünde b e fle c k t Mord auch ohne Bezug a u f die B lu t-M e ta p h o rik .314 Ein Beispiel d afü r ist David, der sich — durch A u genlust ve rfü h rt — m it Mord und E hebruch befleckte: con­ cupiscentia oculorum (1 Jh. 2,16) suorum rapitur, vnde vitio homicidii e t 308 309 310 311

Z.B. J o s e p s S ü n d e n sp ie g e l, ed. SCHÜTZ, S. 3SS. T h o m a s von Chobham , Su m m a c o n f e s s o r u m , ed. BROOMFIELD, S. 40 0 . W ü r z burger B eichte (Sprac hd en km äler, ed. STEINMEYER, S. 316). S c h w a b e n s p ie g e l Landrecht 148,9 (SPREITZER, Sünde, S. 119): e r si ein s o d o m i t e ,

o d e r e r habe vihe geu n rein et,

e r si ein k e z z e r .

312 C aesariu s von A r les (?), Serm o 144,2, CCL 104, S. 594: Se d f o r t e dicit aliquis, non se habere qu od plan gat. Recu rrat unusq uis que ad c o n ­ s ci e nt iam suam, e t in ven iet in p e c to r e su o in ter p e lla r e p e c c a tum . Unus c ordi s plaga, a l t e r c orpo ris lab ora t iniuria: uni d o m ina tur s uperbia, a lt e rum d e h o n e st a t damnosa luxuria: unum d e tu r p a t e b r ie ta s , a lte r um i n fl a m m a t c upiditas: unum arguit fa lsita s, a lte r u m p e r avaritiam a cc u sat aliena pau pertas: unus p e r effu sio n e m sanguinis p o l l u i t u r, a l t e r vilissimae m u lieris amore sor d id a tur .

humani

313 H r o ts v it h a , G e s ta O t t o n i s 325f. (Opera, ed. HOMEYER, S. 419). Den v o m T e u f e l e in g e g e b e n e n Plan v e r e it e l t C h ris tu s a ls O st e r la m m , in­ dem er die V e r s c h w ö r u n g a u fd ec k t. 314 In nozen z III., De m is eria hu mane c o n d it io n is 1,18,2, ed. MACCARRONE, S. 2^: Superbia in flat, invidia rodit, avaritia s tim u la t, ira s uc c e nd it, angit gula,

d i s s o lv it luxuria, liga t mendacium ,

ma c ula t homicidium.

172

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

adulterii m al o pollu itu r.315 Allgemein heißt ein M örder unrein.316 Genauer kennzeichnet das Adjektiv m ortm eile denjenigen, der sich mit einem Mord b e fle c k t h a t.317

b) L ü g e ( u n d a n d e r e » S ü n d e n d e s M u n d e s « ) Sünden, bei denen das Sprechen eine wichtige Rolle spielt, w erden in der Katechetik als »Sünden des Mundes« zusam m engefaßt. Die w ich tig ste dieser Sünden ist die Lüge. Alanus ab Insulis: Quantum deviat ab officio linguae, qui com m aculatur mendacii sorde!318 Lüge b efleck t die Lippen und den Mund des Sprechenden (dazu Kap. VI,2f). Der Lügner is t unrein: sw e r lüget, der enist niht rein.319 Die Lüge b e fle c k t freilich nicht nur ihren Erfinder: 585,41

waz ain mensch gesänden mag anders denn m it lug und sag f daz verdam pt nur in allein, aber lug die m acht unrain nit all ain ir ersten maister. allü du in sint vollaister, das mans färo sagen ruchet, dfi sin t al da m itt versuchet, als ain tic h te r g u te r tat: jung und clainer nach im gat also sin t du nach lieg er knollen dis er b öser mer.320

Die A blaßhändler beflecken m it ihren Lügen die Kirche und machen sie lächerlich (qui ecclesiam suis mendaciis maculant e t eam irrisibilem reddunt).321 Im G egensatz zum M enschen ist G o tt m it keinem »Lügen­ mal« b eh aftet: 315 Adam de P er se ig n e, De m u tu o amore, ed. RACITI, S. 323. 316 Z.B. H eilig e R egel, ed. PRIEBSCH, S. 87: D e r unreine mo r d e re . 317 Vgl. N ib e lu n g e n li e d 1044,2f., edd. BARTSCH - DE BOOR, S. 172: sw a man den m o rt m e ile n bi dem tö te n sih t, s ö b lu o te n t im die wunden. A b w e r t e n d v o m » u n g e tr e u e n Mann« Reinmar von Z w eter, G ed ichte 209,5, ed. ROETHE, S. 514: e r leb en d ic re, m o r t m e ili c m a n, ursprinc d e r m iss e tä t!

318 A la n u s, Sum m a de arte pr aedicato ria 27 (Contra m e nd acium ), PL 210, 165D; vgl. ders. (?), S e n te n t ia e 41, PL 210,252B: Q uantum d e v ia t ab o f fic i o linguae, qui os co m m a cu lat mendacii sord e! — Zum ganz e n K o m p lex CASAGRANDE - VECCHIO, Les p e c h e s de la la ngu e, bes. S. 187ff. 319 Herrand v on W ild o n ie , E rzä h lu ngen 111,89, edd. HANNS FISCHER PAUL SAPPLER (ATB 51) T üb in gen 21969, S. 25; ebd. 111,96: wan lüge ist

ein unreinikeit.

320 Heinrich" der Teichn er, G ed ichte, ed. NIEWÖHNER, Bd. 3, S. 123. 321 Pierre d'Ailly (HUIZINGA, H er b s t, S. 212 u. 497).

Lüge / 6 429

Haß und Neid

173

Der m ensche is t lugenm elic, Do wider is t Got so selic Daz her nie lugenmal entph ienc?22

H ierher g e h ö rt auch der Meineid;323 M arbod von Rennes dichtet in einem Sündenbekenntnis an Maria: 9,1

P ollutus sum periurio, Contaminatus odio, Per iniquum mendacium Fefelli saepe proxim um .324

Bei der üblen Nachrede t r i t t der Schaden, den andere M enschen haben, mit ins Bild; da der Denunziant sie verunreinigt, muß er dies e rs t w ieder­ gutm achen, bevor ihm die A bsolution e rte ilt w erden kann. Berthold von Regensburg: A lso s u lt ir dem liigenaere in aller der w erlte keine buoze geben, wan daz e r in m it dem selben munde als schöne mache, als un­ reine er in gem achet hat.325 Um den Schaden fü r andere geht es auch beim falschen Rat; der Engel zeigt T undalus in der Hölle die Strafe dieser Sünder zusam m en mit solchen der V erbrecher und Heuchler: 614

nü m erke re h te f daz sin t die die m it meintaeten und m it meinen raeten sich habent geunreinet, der herze daz niht meinet daz in der m unt sprichet.326

c) H a ß u n d N e i d Um diese Sünden als beson ders verächtlich hinzustellen, kann es heißen, keine Sünde sei so unrein: wanne kein sunde als unrein is t als haz und nyth 327 Der H aß328 ist durch das christliche Gebot d er Feindes­ liebe geäch tet. Der Neid329 s t r a f t sich se lb st, da e r dem Neider das Leben schw er macht: H oc e s t peccatum quod se ipsum p u n it, se 322 Heinr ich v on H e s le r , A p o k a ly p s e, ed. HELM, S. 96; zu st n . luge nmä l und adj. lugenmaelec das W o r tv e r z e ic h n is ebd. S. 380. 323 A m b r o s iu s A u tp e r tu s , In Ape. VI, CCCM 27A, S. 489: alium periuria mac ulant.

324 325 326 327 328 329

Marbod von R enn es , O ratio ad s. Mariam, AH 50, S. 396. B e rth o ld v on R egen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 284. Alber, Tun dalu s, ed. WAGNER, S. 139. P re digten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 36. Dazu JOHN PROCOPE, Art. »Haß« (RAC 13, Sp. 677-714). Dazu K .-H. NUSSER, Art. »Neid« (HWbPh 6, Sp. 695-706); STAATS, Art. » H aup tsün den«, Sp. 762f.

174

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

impunitum non relinquit; sim ul maculat e t cruciat, sim ul punit e t vitiat.330 H äufiger als U nreinheitsm etaphern sind Bilder, die sich auf das S elbstverzehren (ta b e s, livor, Knochenfraß) oder s o n s t a uf die Pathologie des A ffekts (p a llo r, Schielen) beziehen. G eflügelt scheint die Form ulierung invidiae macula zu sein. Fulbert von C h artres b itte t: Invidiae maculam de m entibus ablue n o stris.331 Der Prediger Julian von Vezelay b e ru ft sich ausdrücklich auf Sedulius: Damno enim suo daret si dando p erd eret quod daret. Exquisite Sedulius ait: Inuidiae maculam de se se non abluit qui alteri conferre denegat quod cum dederit non a m i t t i t 332

d) H o c h m u t Zwar kann von der unreinen hochvart die Rede sein,333 doch sind für den H ochm ut m eist andere M etaphern — wie in flatio, tum or, S e lb st­ erhöhung (und Fall) — ch arak teristisch. Für die U nreinheit des H och­ m ütigen b e r u f t man sich auf eine Bibelstelle; Prov. 16,5 Immundus e s t apud Deum, qui e x a lta t cor. G regor hä lt den Vers dem Bischof Johannes von K onstantinopel vor, der sich »ökum enischer Patriarch« nennen ließ.334 Gegen hochm ütige Jungfrauen g e ric h te t wird dies m it V eg etatio ns­ m etaphorik verbunden: Immundus e s t enim omnis qui exa ltat co r suum, quia cor elatum m aculat corpus e t immaculatum decorem succidit floris virginei ne fru ctu s sacrae m ercedis p o s s it subsequi.335 Auch s o n s t b e­ fle c k t die elatio »uns«: Nonnunquam uero aliquantula elatione nos polluunt, e t tan to deiectiores apud Deum faciunt quanto apud n o sm e tip so s nos tum idiores reddunt.336 H ochm ut m acht das ganze Leben »unrein«: Chrisostom us sa g t wo h offart h erschet des selben menschen leben w irt ain vnrains leben verm ercket 337 Von einzelnen V erfehlungen aus diesem Bereich gilt das Eigenlob als beson ders verachtensw ürdig, w eshalb es im neueren Sprichw ort heißt, es 330 A la n u s, Su m m a de arte pra ed ica to ria 8 (Contra invidiam), PL 210,129A. 331 F ulb ert von Chartr es, De s. Cruce 28, AH 50, S. 284. 332 Julian von V eze lay, Se rm o 25, SC 193, S. 566; vgl. Sed u liu s, Ep. ad M ace don iu m , CSEL 10, S. 4: inuidiae siqu idem ma c ula m de s e s e non a b luit qui a l te ri con ferre den egat,

qu od cum

d e d e r it non a m ittit.

333 P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 2, S. 5, 150. 334 Gregor, Ep. V ,44, CCL 140, S. 334; a llg e m e in z.B. Mor. X X X I V ,23,53, CCL 143B, S. 1770; o hn e U n re in h e itsm e ta p h o r ik Reg. p ast. 111,24, PL 77,95B: A b o m i n a tio Domini e s t omnis arrogans. 335 Adam de P er se ig n e, De m u tu o amore, ed. RACITI, S. 306. 336 Gregor, Mor. 1,33,47, CCL 143, S. 50; ebd.: S e d quid e s t, q u o d in hac uita sine quauis ten u issim i con tagii inquina tio ne p e r a g a tur ? N o n­ n um quam nam qu e ip sis bon is quae agimu s ad d e te r iu s p ro p inq ua mus , quia dum l ae t i tiam m e n ti pariu nt, quamdam e tia m s e c u r ita te m g ignunt dum que m en s secu ra redditu r, in t o r p o r e laxatur.

337 A lb r e c h t v on Eyb, S p ie g e l, ed. KLECHA, S. 51; d ort das Zitat: Superbia in nobi s

e x i s t e n te

omn is

vita n o s tr a

f it immunda.

H ochm ut /

175

V öller ei, T run ken he it

stinke;338 ä lte r ist nach Samuel Singer eine lateinische Sentenz, nach der es besch m u tze (Laus proprio so rdescat in ore).339 So w arn t David von A ugsburg vor Prahlerei (iactantia): Omnis quippe laus in ore proprio so rd escit 340

e) V ö l l e r e i , T r u n k e n h e i t Wird vor dem Beflecken durch die Sünde der Völlerei {gula) in Fastenp red ig ten gew arnt, dann ist m it dem Fasten ein extrem es Gegen­ m ittel em pfohlen; etw a in einer Predigt zu 1. Adventsonntag: Vitate e b rie ta te s , abstin ete a caro . Gula vos non inquinet .341 Alanus ab Insulis reiht M etaphern, die darin übereinstim m en, daß durch Völlerei der Mensch zu Dreck und M ist verkomme: Quanto ergo studio fugienda e s t gula, quae corporis dom icilium, spiritus e t animae receptaculum reducit ad sterquilinium , e t carnis nostrae m assam reducit in lutum: quae animam, veram virtutum scholam, rationis regulam , tem plum D eita tis, fundamentum im m ortalitatis, inclinat in vitiorum pom pam, in criminum coenam, in lutum peccati, theatrum immunditiae.342 Das Verunreinigen geschieht o ft indirekt; Völlerei fü h rt zu g e sc h le c h t­ lichen Vergehen, die den Menschen dann beflecken:343 wann dan(n) der bauch vol ist. so ga t er dann gar leych t über in leiplicher begir(.) auß de(r) ku m bt dann die vnlaw trigkeit oder vnkeusch 344 Gregor s te ll t im Sündenkatalog eine Filiationsreihe auf: De uentris ingluuie, inepta laetitia, scurrilitas, immunditia, multiloquium , hebetudo sensus circa in te lle ­ gentiam propagantur.3*5 In »Der Seele Rat« heißt es bei den Sünden der Fünf Sinne:

338 Z.B. Abraham a San ta Clara, M erck s Wienn, S. 97: we il ich w eiß / daß e igne s Lob nach Kn oblauch ri e c h e t ; WANDER, Bd. 1, Sp. 772f.; SINGER, Sp richw örte r, Bd. 3, S. 30. 339 SINGER, Sp richw örte r, S. 30. 340 David von A u g sb u rg , De com p. 1,16,4, S. 23. 341 G aufredus Babion ( P s .- H il d e b e r t ) , Serm o 1, PL 171,347C. 342 A la n u s, Su m m a de arte pr aed icato ria 4, PL 210,119CD. 343 Vgl. A la nu s (?), S e n te n tia e 34, PL 210,249B: Quid e s t gula, nisi luxuriae seminarium, rat ion is sepu lch rum, acervus ster c o r u m , p r a e d o p ud o r is , h o s t i s c a s t i t a t i s , origo immu nditiae, m a te r nause ae ? Vgl. A la nu s, Sum m a de arte pr aedicato ria 4, PL 210,119D-120A: C e r te gula e s t m e n t i s se pulc hru m, acervus ste rc or u m , origo luxuriae, m a te r nauseae.

344 Sp iegel des Sünd ers, ed. BROEK, S. 224; d ass, bei Johan nes von S a l i s ­ bury, P olic ratic u s VIII,12, ed. WEBB, Bd. 2, S. 294: Siquidem de sa tu rita te

libido,

de

libidine

immu n ditia

et

m u lti p le x

p e r nic ie s

g enerat ur.

345 Gregor, Mor. X X X I ,4 5 ,8 8 , CCL 143B, S. 1610; dan ach u.a. A m b ro s iu s A u tp e r t u s , O ratio c o n tr a s e p t e m vitia (A), CCCM 27B, S. 939; vgl. ebd. (B), S. 9S3f.; H eilige R egel, ed. PRIEBSCH, S. 42: Van v ra zhe it s o k u m e t ube rez sen , uberdrinken, u n gewu ge

vroude,

u nre ineke it de z libez, m an igv eldikeit d e r w o rt e , n u n ft e k e i t e

C...3.

s u ntlic he

w o r t,

v e r s to r n is s e d e r vei —

176

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik 363

Des essen s chosten auch schaden tuet: Es hat deheiner so vesten muet, Wil er g u e te r speise leben m it vollen, Er werde p e wol len, Es se y im lieb oder leid, M it der uncheuscheit.346

Die bei Gregor und seinen Nachfolgern aus der Völlerei e n tste h e n d e »Unreinheit« m ochte allgem ein im Sinne von »Unkeuschheit« gemeint gewesen sein, vor allem aber wohl als Pollution, die als sc h u ld h a ft an­ gesehen wurde, wenn man sie durch Unm äßigkeit s e lb s t verursachte. Dies g alt e r s t re c h t fü r die absichtlich hervorgerufene Pollution, die als M astu rb atio n eine Sünde wider die N atur und dam it in der Regel eine T odsünde347 war. Da immunditia auch s o n s t als Fachterm inus für »widernatürliche« Sünden überhaup t verw endet wurde (dazu Kap. II,la), konnte die G rego r-S telle den H intergrun d abgeben fü r das E n tste h e n der »unm enschlichen Unreinheit« aus übermäßigem Trinken (Manie un­ m enschlich unreinikeit Kum t von g rö ze r trunkenheit) .34S Daß es sich bei dieser »Unreinheit« um eine »Sünde wider die Natur« handelt, m acht außer der Bezeichnung als »unmenschlich« auch das Motiv deutlich, daß so g ar die Teufel sich hierbei »schämen«: 9991

Von luoder und von trunkenheit Kum t o fte so gröziu unreinikeit, Daz die tiufel sich des schem ent Des trunken liute an sich nem ent.349

Der unmäßige Genuß von Alkohol (ebrietas) ist auch an sich eine Sünde350 und b e fle c k t deshalb. W en von euch, fra g t ein Prediger in einem Sündenkatalog, h a t Trunkenheit (noch) nicht b efleckt? (Quis autem vestrum est, dilectissim i, quem vel ebrietas non pollu erit, vei amibito non rapuerit, vel invidia non excusserit, vel cupiditas non incenderit, vel avaritia non vulneravit?).351 Die Trunkenheit ist se lb s t »unsauber« (Die unsauber trunkenhait, D ew von der heiligen k riste n 346 H einrich von Burgeis, Der S e e le Rat, ed. ROSENFELD, S. 7f. 347 Petrus von P oiti ers , C om p ila tio p r a e se n s, CCCM 51, S. 9: E t cum unica e b ri e t a s non s i t m o rta le p e c c a tu m , qu o m od o m o r ta le e r it s e q u e ns inde noc turna p o ll u ti o p r ae c e d a t crapula uel

uoluntaria, etiam si no c tur na m p o llu tio n e m c o g ita tio illicita circa la p s u m carnis, e tia m

m o ro sa e t uoluntaria? D icit Petrus Ca n tor q uo d s e q ue ns p o ll u tio n octurna uoluntaria non e s t m o r ta li s , si m e d io te m p o r e c o n tr itio i n te rue ne rit , s e d e s t signu m e t poena.

348 H u g o von Trimberg, Renner 10201f., ed. EHRISMANN, Bd. 2, S. 32. 349 H u g o von Trimberg, Renner, ed. EHRISMANN, Bd. 2, S. 23. 350 Vgl. Leander von Sevilla, Regula, PLS 4,1439: E b r ie ta s enim m o r ta le e s t crimen; i n t e r homecidia

et

adulteria

vel fo r n ic a tio ne s r e p u ta tur .

351 Caesarius von A r le s (?), Serm o 144,4, CCL 104, S. 595.

H abgier, Geiz

177

halt Ist verdam bt und verflucht).352 Der eucharistische Wein hingegen gew ährt ein Freude, die von keinem Sündenschm utz b e fle c k t ist (laetitiam , quae nullius peccati sordibus polluatur) 353

f) H a b g i e r , G e i z Ü bermäßiges Streben nach m ateriellen G ütern ist »unrein« und b efleck t (inquinat)354 den Menschen, wobei lat. avaritia sowohl die Habgier meinen kann wie auch den (kargen) Geiz.355 Durch die unreine g ite k e it356 begibt sich der M ensch in die Gewalt des Teufels: diu unrein girischeit diu m acht daz sich der mensch in des tiu fels g e w a lt git, den g o t m it sinem blüt erledigt het.357 Habgier ist im G egensatz zur fleisch­ lichen V erfehlung der W o llu st ein geistiger Schmutz, der »innen« b e ­ fleckt: Plerumque contingit ut is quem auaritia sauciat, alium in luxuriae uoragine m ersum cernat. Et quia se a p ollutione carnali alienum respicit, quibus ipse sordibus spiritalis uitii intrinsecus p o llu itu r non a tten d it.356 Gregor w arn t e n th a lts a m Lebende dringend vor diesem »Schmutz« {Saepe enim dum de ca stita tis munditia ex tollitur, sorde auaritiae foedatur) 359 Raub und D i e b s t a h l Als E x tre m fo rm der Habgier m acht vor allem Diebstahl unrein:360 besu delstu dich s e lb s t auch m it dem schändlichen L aster deß Dieb­ s t a l s 361 Auch (gegenseitiges) B etrügen verunreinigt.362 Der apokryphe Brief des A postels Paulus an die Laodicener (v. 13) w arn t allgemein vor

352 H einrich von Burgeis, Der S e e le Rat 217-219, ed. ROSENFELD, S. 5. 353 A m b r o s iu s, De sa c r a m e n tis V,3,17, CSEL 73, S. 65. 354 H u g o Ripelin, Comp. 111,19, S. 112; vgl. Bernhard, Sent. 11,1 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 6 / 2 , S. 23): e t avaritiae la be co mmac ula t; Petr us Cantor, V erbum abb reviatum 21, PL 2 0 5 ,77D: immund itia avaritiae. 355 Z.B. Hraban, Hom. de f e s t i s 62, PL 110,117B: Avaritia enim, quam Graeci p hi largy riam vocant, nimia e s t cu piditas div itiarum acquirendi vel tenendi; vgl. Isidor, Diff. 11,4, PL 83,9A: Avarus e s t qui s uo non utitur, c upidus qui aliena desiderat.

356 H u g o von L a n genstein , Martina 135,13f., ed. KELLER, S. 340: Noch d e r la s t g e fu g te

leit

D er vnreinen g itek eit.

357 358 359 360

Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 2, S. 57. Gregor, Mor. 111,31,60, CCL 143, S. 153. Gregor, Mor. V,20,39, CCL 143, S. 245, A u g u s t i n u s , Enarr. in ps. 125,7, CCL 40, S. 1850: Für a ute m s u r g it in n o c t e C...D e t facien do f i t immu ndus. 361 G rim m els h a u s en , C o n tin u a tio 6, ed. TAROT, S. 496. 362 B e rth o ld von R e gen sb urg, Predigten , edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 18: War um be veru n rein est du din g u o t m it tr üg e n he it o d e r m it d ie phe it o d e r m it dime a m te an dinen bruodern, d az i s t an dinen naehsten? wan wir s o lt e n alle einander g eb r iie d e r sin in g o te . So v e runre inet e r sich an dir; alsam t u o s t du h e r wider, unde tr i u g e s t du in,

so

t ri u g e t e r dich h e r wider.

178

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

den »im G ew innstreben Schmutzigen«: Et praecavete sordidos in lucro.363 Am him m lischen Lohn haben nach Laktanz diejenigen keinen Anteil, die »mit Betrug, Raub und Übervorteilung ihr Gewissen b e fle c k t haben« (cuius praemii ca elestis ac sem piterni participes esse non p o ssu n t qui fraudibus rapinis circum scriptionibus conscientiam suam polluerunt) 364 Der Subdiakon Petrus soll nach Gregor bei der V erw altung der Kirchen­ g ü te r d a rauf achten, daß die Kirchenkasse nicht durch schändlichen Gewinn verunreinigt werde (quia nos sacculum ecclesiae ex lucris turpibus nolumus inquinari) 365 Auch Almosen d a rf n u r von reinem Gewinn gegeben werden: Swenni wir unsir almosin gebin, daz wir iz gebin m it gütin willin, m it reh tir andaht, uon reinim gewinne.366 O ft wird b e to n t, daß Reichtum ebensowenig schade wie Arm ut, wenn nur nicht der »Schmutz der Sünde« hinzukomme: Nec diviti obsunt o p e s, si eis bene utatur: nec pauperem eg e sta s comm endabilem facit, si inter inopiam so rd es peccati non caveat.367

Simonie Eine klerikale Variante dieses Lasters ist als Simonie der MKauf und V erkauf geistlicher Ämter, Weihen und Segnungen; aber auch die Erhebung von Gebühren für Dispensen, die Forderung von Stolgebühren sowie der Handel mit Reliquien fallen u n te r diesen B e g riff'.368 Alanus ab Insulis: Simonia e s t cupiditas em endi uel uendendi aliquid spirituale uel spirituali adnexum 369 Das Vergehen wurde als »Ketzerei« b e­ zeichnet,370 da Simon der e rste H äretik er war, der sich gegen die Kirche e rhob.371 Diese unreine Ketzerei kann jedoch schon frü h e r e n tsta n d e n sein: Simoniacae haeresis contagium jam olim in Balaam pullulavit, qui divinationis p retio p r o p o sito ad maledicendum populum Dei perrexit (vgl. Nm. 22).372 Schlechte P riester verlieren die W irksam keit ihrer Salbung: Qui enim de usuris, simoniis, falsis testim oniis, perjuriis, et aliis m odis illicitis male acquirendo lucra sectantur, unctionem a se expellunt, e t pulvere sordido squalidi e ffic iu n tu r373 Sie schänden die Sakram ente mit ihrem u n sittlichen Leben: 363 Vgl. Ap okr yph en , ed. SCHNEEMELCHER, Bd. 2, S. 44: »und h ü t e t eu ch vor dene n, die auf s c h m u t z i g e n Gewinn aus sind.« 364 Laktanz, De ira Dei 24,10, edd. KRAFT - WLOSOK, S. 78. 365 Gregor, Ep. 1,42, CCL 140, S. 52. 366 S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 89. 367 P s.-Bern ha rd, T r a cta tu s de interiori d o m o 28,59, PL 184,537D. 368 SCHÜPPERT, Kirchenkritik, S. 53. 369 A la nu s, De v irtu tib us e t vitiis (ed. HUIZINGA, Verk nü pfu n g, S. 82). 370 Z. B. Gregor, Ep. IV,13, CCL 140, S. 231: ut in simo nia c am ha e r e s e m non p o t u i s s e t incidere; ebd. V,16, S. 283: ne la q ue is s imoniacae, q uo d a b sit, h a e r e s e o s illigetu r.

371 Gregor, Ep. V,58, CCL 140, S. 356; ebd. VI,7, S. 376. 372 H u g o von St. Viktor, De sa c r a m e n tis 11,10,2, PL 176,477C. 373 S te p h an u s de Balgiaco, De sa c r a m e n t o altaris 6, PL 172,1278A.

179

G ö t z e n d ie n s t , G lau be ns ve rfehl ungen 108,91

Und m it dem unrainesten raub der geitikait sie g o te s gaub, sein p lu t und Jeichnum f r ane Und alle ander hailkait s y verkauffen und auch kauffen h ie? 74

g) G ö t z e n d i e n s t , G l a u b e n s v e r f e h l u n g e n V erfehlungen im Bereich des Glaubens erscheinen in christlich er Literatur wohl schon deshalb häufig in der M etaphorik der Unreinheit, weil dies bei G ötzendienst auch in der Bibel — in rituellem wie in m e ta ­ phorischem Sinn — der Fall is t.375 »Wie k a n n st du sagen«, so G ott beim P ropheten Jeremia, »ich habe mich nicht befleckt, den B aalsg öttern bin ich nicht nachgelaufen (non sum polluta, p o s t Baalim non ambulavi)?« (Jer. 2,23). Im Bild des Ehebruchs fü r den G ötzendienst heißt es bei Hos. 5,3: quia nunc fornicatus e s t Ephraim, contaminatus e s t Israhel. Heidnische G ö tte r sind unrein, ihre Verehrung befleck t die M enschen (dazu Kap. V,lb) und das Land, in dem man sie verehrt (Kap. VIII,2). So kann die A llegorese das Berühren von Unreinem auf das Beflecken mit U nglauben (und anderen G esetzesüberschreitungen) deuten; etw a zur altla t. Fassung von Jes. 52,11: »Egredimini de m edio eius, e t immundum ne te tig e ritis.« Ille etenim de m edio reprobae ciuitatis salu briter egreditur, qui in fidelitatis ac transgressionis immunditia in medio habitatorum eius non p ollu itur.376 M etaphorisch ist man b e fle c k t mit dem Schmutz des G ötzendienstes (quae idololatriae p olluta es sordibus),377 mit dem »Verbrechen des G ötzendienstes«378 oder m it schlim m em Glauben (praua religione maculari) 379 Die kanaanäische Frau von Mt. 15,22ff. war mit heidnischem U nglauben b e fle c k t {in dem selben irretuom [...] bew ollen).380 T ertullian k lag t darüber, daß H e rs te lle r von G ötzenbildern Priester werden könnten und dam it nicht nur den Leib des Herrn mit ihren Händen beflecken, sondern das von ihnen Befleckte auch noch anderen darreichen: Parum sit, si ab aliis manibus accipiant quod contaminent, se d etiam ipsae 374 Michel Beheim, G ed ichte, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 1, S. 370. 375 Dazu PASCHEN, Rein und Unrein, bes. S. 81f., 8 4 -8 7 ; a llg e m e in JEAN­ CLAUDE FREDOUILLE, Art. »G ö tze n d ie n s t« (RAC 11, Sp. 8 2 8 -8 9 5 ). 376 A m b r o s iu s A u t p e r t u s, In Ape. IV, CCCM 27, S. 291. 377 H ieronym us, In Jer. 1,31, CCL 74-, S. 22; ido lolat r ia e s o r d e s auch Rupert, De s. tr in it a te XX XVIII,4, CCCM 24, S. 1980; Vgl. A m b ro s iu s, De Abraham 11,11,81, CSEL 32 /1, S. 633: ne idolatria e p o llu a tu r c o nta gio. 378 H ie ronym us, In Jer. IV,17,2, CCL 74, S. 187: Causaque r e d d itu r e o , q uo d imm undae

fue rin t

et

ido lolatria e p o llu ta e

s c e le r e

pro

eo,

q uo d

in

d o m at i b u s e t t e c ti s earum so li e t lunae e t s t e l l i s caeli imm o la ue r int e t tura inc ende rint n ec h oc fu erin t errore con te n ti, s e d imm o la ue r int d a em onibus e t liba fu de rin t dis alienis.

379 C a ssi o d o r , In ps. 137,4-, CCL 98. S. 1239. 380 P re digten, ed. JEITTELES, S. 45.

180

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e itsm e ta p h o r ik

tradunt aliis quod contam inauerunt .381 Nicht die heidnischen O p fer­ speisen an sich sind unrein, e r s t das A nrufen der »Götzen und Dämonen« m ach t sie dazu: Sciendum igitu r quod ipsi quidem cibi e t Dei creatura p e r se omnis munda sit, se d idolorum ac daemonum inuocatio ea faciat inmunda .382 Der A postel Philippus reinigte Skythien vom Schmutz des alten U nglaubens (Philippus lustrans Scythiam Fide pu rgat spurcitiam Veteris perfidiae).383 Solchen Schmutz »verlassen« meint »sich be­ kehren«.384 Vom Rückfall in den G ötzen d ien st385 zeugen biblische Exempla. Im biblischen Bericht von König M anasse, der den G ötzendienst wieder einfü hrte (4 Reg. 21,1-9; 2 Par. 33,2-9), findet sich keine U nreinheits­ metaphorik; anders hingegen, wenn ein c h ristlic h e r A u to r dies mit Ab­ scheu schildert: Flic sacrilego furore p o sse ssu s, in dom o Dei exsecrandae su perstition is aras in stituit, sim ulacris daemonum funestavit, tem pli sacra altaria lapideis figm entis im plevit, lucos excoluit, igni profano filios suos dicavit, captavit auguria, vitam suam m aleficiis inquinavit, populum ad idolorum observationes induxit, ceremoniis pollu it, diabolo m ancipavit, e t omnia quae divinis legibus prohibentur, ultra omnem insolentiam desperatae m entis exercuit.366 Auch bei Salomon, der seinen ausländischen Frauen zuliebe heidnische G o tth eiten verehrte (3 Reg. ll,lff.), sp rich t mit Bachiarius ein c h ristlicher A uto r von einem Beflecken: Salomon [...] in alienigenarum mulierum incurrit amplexus; e t vinculo libidinis illaqueatus, etiam sacrilegii errore se pollu it, quando simulacrum Chamos M oabitico idolo fabricavit.367 Mit dem Ausdruck su p erstitio können alle A rten falschen Glaubens bezeichnet werden, neben dem A berglauben im heutigen Sinn auch G ötzendienst, Häresie usw., also G laubensverfehlungen, die eine Unrein­ heit d a rste lle n ,388 und mit denen man sein Gewissen b e fle c k t.389 G ötzen­ dienst ist gemeint, wenn es zu 1 Sam. 5,2 heißt: Quid ergo fuit tem plum Dagon nisi unaquaeque anima infidelis quondam idolatriae su perstition e po llu ta ? 390 Mit C hristus reinigte G o tt die W e lt vom »schm utzigen 381 T e rtu lli an, De i d o lo la tr ia 7,2, CCL 2, S. 1106; ebd. 7,3: A d le g u n tu r in ordinem

e c c l e si a stic u m

artifice s idoloru m.

Pro sc elus!

382 H ie r on ym u s, In Mt. II, CCL 77, S. 129. 383 Ad am von St. Viktor, S e q u en ze n 49,8,1-3, ed. WELLNER, S. 328. 384 Z.B. G regor von T ours, H is tor. 1,33, ed. BÜCHNER, Bd. 1, S. 38: c r e d id it C hrist o,

r e l i c t i sq u e

m agnus in v i rt utu m

fanaticis

s o rd ib u s

ac

b a p tis m o

en itu it. 385 Z.B. Siricius, Ep. 1,3,4, PL 13,1136A: A d jec tu m C h risti anos ad apo stasiam , qu o d dici n efa s id o l orum

c ul t u

c o n s e c r a tus ,

o pera tion e

ac sacrificiorum

e s t e tia m , q uo s d a m e s t, tr a ns e u nte s , e t

con tam in atio ne p r o fa n a to s .

386 V ic tor von Cartenna, De p o e n ite n tia 15, PL 17,988CD. 387 Bachiarius, De rep aratio ne la psi 12, PL 20,1048B. 38 8 Richard von St. Viktor, Liber e x c e p t i o n u m 11,3,22, ed. CHATILLON, S. 266: e t re se c are omn em su p e r s tit io n is immund itia m. 389 C a ssi o d o r , In ps. 125,2, CCL 98, S. 1169: qui s t u d e n t e s r e c ta e c o n ­ s c i e nti ae nulla se

cu pieban t su p e r s tit io n e po llue r e .

390 Gregor, In I Reg. 111,72, CCL 144, S. 238.

G ö t z e n d ie n s t , G la u b e n s v e r f e h lu n g e n

Aberglauben« purgau it).391

des

Heidentum s

(mundum

a

sordida

181

superstition e

Magie Als Akt des U nglaubens ist (schwarze) Magie eine schlimm e Sünde. Am T eu felsp ak t des Theophilus zeigt sich, wie »unrein« der dazu Bereite w ar {sin herze was unreine, als er wol da schowen lie).392 Auf A n stiftu n g des Teufels hin sa g t Theophilus G ott ab und gibt das dem Teufel auch noch schriftlich: 1936

des gab e r de me tuvele ein b rief gescriben — daz waere b e zze r vermiden — zo eineme urchunde der unreinen sunde, daz der tuvel siner sele d e ste g e w isse r w e r e 393

Gregor der Große e rm ah nt zur stre n g e n B estrafung der mit einem Z auber nam ens canterma Befleckten (m aleficio, quod uulgo canterma dicitur, quosdam didicit maculatos) 394 Mit anderem »Schmutz irdischer Sünden« kann ein e n tla u fe n e r Kleriker namens Paulus seine Vergehen aus dem Bereich der Zauberei mit b eständigen Tränen der Reue ab w aschen.395 Um Befleckungen durch A berglauben und Magie vermeiden zu können, ist es notw endig, die Lehre der Kirche genau zu kennen. In einem H and­ buch fü r Beichtväter heißt es deshalb: O p o rtet ergo sacerdotem scire quid s it credendum e t qui sint articuli fidei, e t sciat instruere penitentem ne m aculetur aliqua specie id ololatrie vel p e r sortilegium vel p e r m aleficium incantationum vel p e r veneficium herbarum e t potionum L..L quia m u lti s tu lti sunt qui talibus inquinantur.396

391 C a s sio d o r , In ps. 16,13, CCL 97, S. 148. 392 Das P a ss io n al. Der Ritter und der T e u fe l 56f. ( M it te la lte r , ed. DE BOOR, S. 462). 393 Arm er Hartmann, Rede vo m Glauben (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 2, S. 604). 394 Gregor, Ep. V,32, CCL 140, S. 299; zu canterm a DU CANGE, Bd. 2, S. 104. 395 Gregor, Ep. IV,24, CCL 140, S. 243: Paulum uero c lericum, qui s a e p e d i c i tur in m al e ficiis depreh en su s, qui, d e s p e c t o habitu suo, ad laicam r e u e rsus uitam Africam fu gera t, si ita e s t, cor p o r a li p r ius p r o u e n ie nte uindicta, praeuid imu s in pae n iten tiam dari, q uatenus e t s ec und um a p o st o l i c a m se n ten tia m e x carnis afflic tion e s p ir itu s s a luus fiat, e t t e rre nas p e c c a t o ru m so rd e s, quas prauis c o n tr a x is s e fe r tu r o pe rib us, la crim arum p o s s i t a ss id u ita te diluere.

396 T h o m a s v on Ch obham, Su m m a c o n f e s s o r u m , ed. BROOMFIELD, S. 44; a u s f ü h r lic h De so rti le g iis e t veneficiis ebd. S. 4 6 6 - 4 8 7 .

182

V e r w e n d u n g s m ö g l i c h k e it e n der U n re in h e it sm e ta p h o r ik

Ketzerei Als Abweichung von der Lehre der Kirche ist Ketzerei »unrein«,397 ja »ganz und gar unrein« (immundissima haere sis) .398 Die Ketzer b eflecken die (Reinheit der) Kirche399 (qui ecclesiae pu ritatem sua p ollu unt turpitudine)400 und verderben den reinen Glauben mit dem »Schmutz ihrer T reulosigkeit.401 Der lüterliche kristen gelou be402 s te h t im G egensatz zum »unreinen« Glauben der K etzer.403 Es ist Aufgabe der »Lehrer«, dazwischen zu unterscheiden; W illiram sch reibt zur Nase als Turm (Cant. 7,5): Dine d o cto res die der künnon discernere in te r bonum e t malum, in ter catholica fidei puritatem e t hereticam prauitatem . sämo diu nasa kan discretionem odoris et fo e to r is .404 Der K etzer ist durch seinen Irrtu m s e lb s t b efleckt. Beschimpft w erden H äretiker als die unreinen irraer.40S Nur diejenigen sind wirkliche Christen, qui se fidei pravitate non polluunt.*06 Papst G regor versichert dem Kaiser, an einem der Häresie verdäch tig ten Priester nam ens Johannes »keinen Flecken ketzerisch er Verdorbenheit« gefunden zu haben {nec quaedam in ipso haereticae macula prauitatis inuenta e s t ) 407 Den Priester A thanasius von Isaurien spricht er dagegen e r s t davon frei, nachdem dieser sich von seinen Irrtü m e rn lo sg e sa g t h at {ab omni te haereticae p eru ersita tis macula iuxta profession em tuam liberum esse decernimus) .408 Bischof Eulogius von Alexandrien wird darin u n te r s tü tz t, unablässig gegen das »Gekläffe der Ketzer« anzugehen {contra 397 Z.B. in e in em Ap okryph on bei P s .- T i t u s , De d i s p o s i t i o n e sa n ctim on ii, PLS 2,1535: In diuersa legimus: Talem lusum odiui, inquit, heresim inmundam, spadonica incendia, corpora glutinata, w a s sich hier a u f den A b fa ll vo m K e u s c h h e i t s g e lü b d e b e z ie h e n k ö n n te . — Zum B e f le c k e n de s G e w is s e n s durch H äre sie CHADWICK, Art. » G ew is se n « , Sp. 1098-1100. 398 H ie r on ym u s, In Jes. IX, CCL 73, S. 360. 399 Vgl. Gregor, In I Reg. IV,113, CCL 144, S. 352 (zu 1 Sam. 9,16 mittam a te virum de terra Beniamin) : Terra ergo Beniamin sancta ecclesia est. Quia ergo heretici ab hac terra expulsi sunt, de terra Beniamin uenit rex, quando non aliqua heresi pollutus sed fide catholicus sancta ecclesiae primatum suscipit. Vgl. C a s sio d o r , In ps. 32,1, CCL 97, S. 283: Ecclesiam catholicam ab haereticorum contagione disiungens.

4 0 0 H ie r on y m u s, In Jer. 1,25,2, CCL 74, S. 19; Hraban, In Jer. I, PL 111,816B. 401 Petr us Damiani, Se rm o 63,7, CCCM 57, S. 367: Christum scilicet ante Alariam non fuisse dogmatizabant, et ita simplicem euangelicae fidei puritatem perfidiae suae squaloribus corrumpebant. Vgl. H ieronym us, In Jes. VI, CCL 73, S. 244: et munditiam uerae fidei haeretica sorde pollueret.

40 2 B e r th o ld von R e gen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 163; ebd. S. 52: heizet lüter kristengeloube; S. 250; S. S42: den reinen kristenglouben; vgl. Bd. 2, S. 234: der liehte kristengeloube. 403 B e rth o ld von R egen sb urg, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 207: und hast darumbe den liehten gelouben, den höhen, den staeten, den reinen, den heiligen und durchnehten, den rehten kristengelouben vei— lan durch den stinkenden, den valschen ketzergelouben.

404 405 4 06 407 408

W ill iram von E bersb erg, E x p o s itio , ed. BARTELMEZ, S. 29. Predigten, ed. SCHÖNBACH, Bd. 2, S. 139. C a s sio d o r , In ps. 100.4. CCL 98, S. 893. Gregor, Ep. VI,16, CCL 140, S. 386. Gregor, Ep. VI,65, CCL 140, S. 442.

G ö t z e n d ie n s t , G laub en s v erf eh l u n ge n

183

haereticorum latratus assidue laborare), damit die Häresie nicht zunehme, durch die viele b efleck t w erden (per illam coinquinentur m ulti).409 In der Abgrenzung von der Häresie als einem »falschen« Glauben g eh t der Stricker so weit, dem »reinen Gott« des w ahren Glaubens einen »G ott der Ketzer« gegenüber zu stellen, der entsp re c h e n d »unreine Dinge«, also schlimme Sünden, zu tu n verlangt: 560

daz is t der reine wise g o t, der so reiniu dinc gebiutet. d er k e tz e r g o t triu te t m anslaht unde morden: daz is t sin lie b e st orden. m eineide, rouben unde stein und ane riuwe daz verheln, unkiusche und untriuwe so l im im m er wesen niuwe. der sin g e b o t behalten wil, d er so l sich flizen, daz er vil unreiner und übeler dinge m it werken volbringe.410

Auch einzelne Häresien werden im Rahmen von U nreinheitsm etaphorik genannt. Papst Leo I. b ekäm pfte den M onophysitism us des Eutyches als Ketzerei; Nemo uestrum efficiatur huius laudis alienus, ut quos p e r to t saecula docente sancto Spiritu haeresis nulla uiolauit, ne eutichianae quidem im pietatis p o ssin t maculare contagia.*11 Erzbischof Theodor von Canterbury w ollte die ihm u n te r s te llte n Kirchen der Angeln vor dieser Be­ fleckung bewahren: His tem poribus audiens Theodorus fidem ecclesiae C onstantinopoli p e r heresim E utychetis m ultum esse turbatam, e t ecclesias Anglorum , quibus praeerat, ab huiusmodi labe inmunes p e r ­ durare desiderans [...].412 Mit einer schlimm en Seuche h a tte der Pelagianism us (heresis Pelagiana) nach Beda den Glauben Britanniens befleckt: fidem Britanniarum feda p e s te conmaculauerat.*13 Johannes Cassian spricht im Z usam m enhang mit der Häresie der A nthropo m o rp hiten von Seelen, qui numquam gentilica su p erstitio n e p o llu ti sunt.*1* Wo Odorich von Pordenone die N estorianer als »übelste Ketzer« (Relatio X,6 qui nequissim i sunt heretici) b e stim m t, ü b e rträ g t Konrad Steckel ergänzend: Die selbn cristn sind ga r p ö sß le w t vnd vnrain checzer.*15 409 Gregor, Ep. VII,37, CCL 140, S. 501. 410 Stricker, Die Klage (Ders., G ed ichte, ed. HAHN, S. 71f.); dazu RAGOTZKY, G a ttu n g s e r n e u e r u n g , S. 23 8 ff. 411 Leo I., Tract. 96,3, CCL 138A, S. 595. 412 Beda, H is t. e c c l. IV,17 (15), ed. SPITZBART, S. 366. 413 Beda, H ist. e c c l. 1,17, ed SPITZBART, S. 62. 414 Johan nes C assian, C o n la tio n e s X,5,2, CSEL 13, S. 291. 415 O do rich von P ord en one , Reise nach China, ed. GILBERT STRASMANN (TspMA 20) Berlin 1968, S. 56f. u. S. 58.

IV. Begriffliches 1. D a s I n n e r e d e s M e n s c h e n a) E i n f ü h r e n d e s Der M ensch in der Sünde ist »unrein«. An vielen Stellen wird »rein« oder »unrein« von Begriffen ausgesag t, die sich auf den M enschen be­ ziehen. Das »Innere« des M enschen, sein Denken, sein Reden (und Singen), sein Handeln und sein ganzes »Leben« — dies alles kann in die m e ta ­ phorische Rede einbezogen sein, ohne s e lb s t m etaph o risch zu werden. Die Begriffe fü r das innere Z entrum des M enschen — die Seele, der Geist, das Herz oder das Gewissen — sind nicht imm er stre n g vonein­ ander ab gegrenzt und können sich teilw eise erheblich überschneiden. Es ist jeweils d a rauf zu achten, welche A spekte im V ordergrund stehen; das Ewige und G ottgleiche im M enschen etwa, das durch die Sünde e n t ­ s t e l lt wird; der O rt, an dem das Böse e n ts te h t, der »unrein« ist, weil er die Sünde hervorbringt, die ihn wiederum b e fle c k t und dam it noch sc h le c h te r macht; oder der Schmutz im Innern als Erinnern an schlimme Gedanken oder Taten, das den M enschen nicht ruhen läßt.

b) S e e l e Die Sünde b e fle c k t die Seele: Herr, gib in reü in irer m isseta t, Wann die su ndt ire se i gem ailigt h a t} Susanna w ollte lieber ste rb e n als ihre Seele zu beflecken: Susanna w olde leu er tid lik es dodes steruen Wan ere sele b esm ytten vnde gode enteruen.2 So zäh lt zu den Schäden der Todsünde: sie macht die byldunge der sele heßlich, blynt, usseczig, s w a r tz , ubelriechen, stincken vor dem allm echtigen gode und bezeychent yne eyn dyener des du fe i s.3 Aber auch zu den »Schäden der täglichen Sünden« zä h lt es, daz dü se i m asig und entrainnet w irt* Daß der Sünder seine Seele b e fle c k t hat, is t einer der Gründe fü r die T rauer der Buße.5 Der M ensch soll seine Seele nicht beflecken, weil G o tt sie nach seinem Ebenbild e rschaffen hat: Ovch sprechen daz die m aistere. daz

1 2 3

H ans R o s e n p lü t, Re im paarsprü ch e 21,199f., ed. REICHEL, S. 240. J o s e p s S ü n d e n sp ie g e l 5516f., ed. SCHÜTZ, S. 206. J ohan nes W o l f f (B eichtb üchlein , ed. FALK, S. 58); ebd. S. 59 i s t die Rede von der sele des mentschen, die da reyne is t von erbesunden und dotsunden.

4 5

St. G eo r gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 299. W i lh e l m von A u ver gne (?), T r a cta tu s n ovu s de p o e n it e n tia 22, S. 2 4 0 a : Lugeat quia Deum a se fugavit, & contumeliam spiritui sancto fecit, diabolo se vulneravit...

subdidit,

animam

suam

coinquinavit,

& lethaliter

Ei nf ü hr en de s /

S e e le

185

iz minner vnmenschlich w ere. der ein crvce vnd ein heilichtum m achete vnreine m it höre von der strazen. dan der eine sele m achet vnrein m it d er vnküscheit die g o t hat geschaffen ime selb en . nach sines selb es gelichnisse vnd nach sinem bilde.6 Als A rgum ent dafür, sich vor Sünden zu hüten, kann auf das E rlösungsw erk Christi verwiesen werden. In leib­ feindlichem Zusam m enhang h a t C hristus dabei nu r die Seele des Menschen »gekauft«. So ch a u ffestv min se i m it dinem blut; da von is t auch dir min se i ü b er danne din blüt. Warumbe behalte ich denne min se i niht an elliv m eil?7 Bei A nfechtungen von Teufel, W elt und Fleisch soll man sprechen: du b ö ser tivel, du ungetrüwe w eit, du unreiner lip, dis enwil ich niem er getün, ich enwil mine sele, die g o t k o u fte m it sim e heiligen bluote, niem er m e entreinen m it den sunden.8 Nur Sünde b e fle c k t die Seele, nicht einmal kö rperlicher A ussatz; Michel Beheim dichtet: 117b,321

A ls so die se i in diser frist in ainem ausseczigen ist, ist also hoch geschönet A ls aines säubern menschen gaist. der unrain leib die se i nit aist, mailiget ader hönet. A ll ain die sünd unertig verm ailt dy se i au f f solchen sin.10

»Reine Seelen« m eint — gew isserm aßen pars pro to to — »gute M enschen«.11 Die Braut des Hohenliedes ist tro p o lo g isc h b e tra c h te t »eine jede reine Seele« (ein eigelich reinu sele).12 Im Rahmen von Kampf­ m etaphorik besiegt eine »reine Seele« die Teufel m it dem Schw ert der Geduld: 78

Geduldekeit daz is t ein sw e rt Da m iede die reyne sele gar Er winnit a ller tv fe l schar.13

Im inneren Gespräch wird der Seele vorgew orfen, die G ottebenbildlich6 7 8 10 11

12 13

Pre digten , ed. LEYSER, S. 43. Bavngart, ed. UNGER, S. 232. Sprüche und V e rse deutscher M ystiker, ed. KARL BARTSCH (Germania 18, 1873, S. 195-200) S. 196. M iche l Beheim, G ed ichte, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 1, S. 439. Z.B. B e r th o ld von R e gen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 412: Pfi, ir verfluochten tiuvel! wie manige reine sele unde wie manic reinez herze ir mit disem stricke (der U n k e u sc h h eit) gevangen habet! St. Trudp er te r H o h e s Lied 43,2, ed. MENHARDT, S. 170; vgl. SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A u ge, S. 173. Der S e e le M innegarten, ed. DIETRICH SCHMIDTKE ( triuwe. Stu dien zur S p r a c h g e s c h ic h te und L i te r a tu r w is s e n s c h a f t. G ed äch tn is b u c h für E lfriede S tu t z , edd. KARL-FRIEDRICH KRAFT [H e id e lb e r g e r Bib lio­ t h e k s s c h r i f t e n 47: H eid e lb e rg 1992, S. 263-293) S. 281.

186

B e g r i f f l ic h e s

keit (vgl. Gn. 1,26) in sich b efleck t zu haben (in Verbindung mit Cant. 1,4): O ynnighe sele, du bist in dy selven over all sw a ert in dyns selves m isdaet, dyns scheppers edel beide unde ghelijcheit hebstu bem aggelt in den slijke der su n d en }4 Die Seele ist das von G ott Empfangene, das ihm »rein« als »ohne Flecken von Todsünden« wieder zurückgegeben w erden soll; drei Dinge seien wir der Seele schuldig: Daz wir si ziren m it vil tügenden und si spisen m it g otlic h e r lere und ir den libp under tenik machen und si reine Gote w ider antw erten ane vlecke to tlic h e r su n d e n }5 Die Seele soll man so »keusch und rein« bewahren, wie man sie von G ott erhielt: wir so n t och ünser sele behalten rainklich und künschklich, daz wir si ünserm herren wider an tw ü rten t als schön und als unverwiert als och er üs si gab .16 Nach dem Tode des M enschen e x istie rt seine Seele weiter: Die tü fel fürent die befleketen seien von dem licham zu dem vegeftir, wan die reinen engel m ögent si nit berüren, die wile si in einer klarheit inen nit gelich sc h in e n t}7 Da die Seele jedoch u n sich tb ar ist, läßt sich auch Reinheit oder Unreinheit durch Anschauung an ihr nicht wahrnehmen. A usgenom m en davon sind Visionen, die erzählerisch realisieren, was s o n s t nur m etaphorisch von der Seele au sg e sa g t wird. So »sah« G ertrud von H e lfta die Seele des Bruders Th. »im Geiste«, wie sie seh r schm utzig und schw arz w ar und mit schrecklichen G ew issensbissen gequ ält wurde (vidit in spiritu animam ejus valde sordidam e t nigram, quae in seipsa p e r rem orsionem conscientiae inexplicabili cruciatu videbatur m iserabiliter to rq u e ri)}8 W erden an Armen Seelen im Fegefeuer »Flecken« w ahrge­ nommen, dann h a n delt es sich um (kleine) Sünden, die sich durch Gebete oder A lm osen tilgen la sse n .19

c) G e i s t , m e n s , m u o t O ft kaum von der Seele (oder von anderen Begriffen des m en sch ­ lichen Innern wie Herz oder Gewissen) geschieden, s te h t der »Geist« des M enschen wie die Seele dem »Leib« gegenüber. Bei A usdrücken wie m ens, spiritu s oder animus g eh t es jedoch w eniger um den A spekt des als Ebenbild von G o tt E rschaffenen und wohl auch nicht um das nach dem Tode selb ständ ig w eiter Existierende; m ehr hingegen s te h t das geistige Z en tru m des M enschen im V ordergrund, sowie sein Begehrungsvermögen. 14 15 16 17 18 19

P s .- V e g h e , L e ctu lu s, ed. RADEMACHER, S. 48. H eilig e R egel, ed. PRIEBSCH, S. 9. St. G eor gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 61. M ec h th ild , Licht 111,21, ed. NEUM ANN, S. 103. Gertrud von H e l f t a , L e g a tu s V,14,l, SC 331, S. 162. Dazu LEOPOLD KRETZENBACHER, Aus Sch w arz wird Weiß. Zu e in em G n ad en si n n z e ic h e n als L e g e n d e n t o p o s (V o lk s k u ltu r. FS Franz C. Lipp, W ien 1978, S. 227-237).

187

G eist

Eine A ufforderung zur Reinheit kann animus und mens nahezu synonym reihen: Sit animus tuus ab omni pollu tion e pu rgatu s. Sit mens

tua pura, nullae ibi so rd es resideant. Sic vitium absterge a te, ut nec animo quidpiam apud te rem aneat.20 Auch cor und animus steh en hier eng beieinander.21 Die interiora m entis s o ll man reinigen.22 Außer »Herz« und »Gewissen« so ll der spiritus vor .dem W e ih n a ch tsfe st gereinigt werden: castificem us corda nostra m undemus conscientiam purificem us spiritum , ac nitidi e t sine macula inmaculati domini suscipiam us adventum, ut cuius natiuitas p e r inmaculatam uirginem cu stodit, eius natalis p e r inm aculatos seruulos procuretur!23 Die puritas m entis ist o f t ein mit der Herzensreinheit id en tisch es Ideal und damit eine V orau ssetzun g für die Kontem plation (Prius igitu r mens ab appetitu gloriae tem poralis,

atque ab omni carnalis concupiscentiae delectatione tergenda est, e t tunc ad aciem contem plationis erigenda) 24 Verbunden ist der reine Geist mit

dem

»einfältigen

Glauben«.25 F leischliche

Lust

verunreinigt

die

m e n s 26 eb en so Haß und andere üble Gedanken: Non cogitat malum (1 Kor. 13,5), quia in amore munditiae m entem solidans, dum omne odium radicitus eruit, uersare in animo quod inquinat n escit 27 Im D eu tschen en tsprich t m ens (neben »Seele« oder »Herz«) o f t der Ausdruck m u o t , der freilich auch c o r ü bersetzen kann. So paraphrasiert Otfried das Herrenwort, w er eine Frau auch nur lü stern ansehe, habe bereits in seinem Herzen {in corde suo) die Ehe gebrochen (Mt. 5,28), als: Er huorot sia giwaro in herzen ju sar suaro m it unreinemo m u o te.28 Obwohl er vor den Leuten als gut erscheint, ist das Herz des

20 21

I s i d o r , S y n o n y m a 11,6, PL 8 3 ,846 C . A m b r o s i u s , In Lc. V,60, CCL 14, S. 155: m undat.

Quid

est

enim

mundare

qui animum

m is e r e tu r c o r s uum nisi so rdem m o r tis

a b ol e re ?

22

A m b r o s i u s , In Lc. V ,5 7, CCL 14, S. 154f.: Emunda ig itu r inte rio ra tua e m en tis

et,

si

d i lig e n te r p e c t o r is

his qui inpugn a n tu r e t in te lle g e tu orum auxilium tu um quaerant.

23 24

25

se c re ta

quan ti

m und a u e r is, c o np a te r e

hominum,

q uanti

fr a tr um

M a x i m u s v o n T u r in , S e r m o 60,3, CCL 23, S. 241. G r e g o r , M o r. V I,37,58, CCL 143, S. 329. Vgl. z.B. d e n s ., In I 111,117, CCL 144, S. 264: qu od nunc m e n tis p u r ita te ad sp ic iunt, p e r p r a e se n t e m lae titiam aeternae retr ibu tion is a p p r e he nd un t ; 111,171, S. 293. H r a b a n , H o m . de f e s t i s 22 (In die P e n t e c o s t e s ) , PL 110,45A: ergo, fr a t re s, haec c o n sidera n tes,

26

tui

Reg. tunc

e bd.

Mos atqu e pura m e n te ac s imp lic i fid e

t r a c t a n t e s , m und em u s n o s ab omni in qu in ame nto carnis (vgl. 2 Kor. 7,1), ut Spirit um san ctu m p ro m e re ri e t acciper e p o s s im u s . G r e g o r , In Ev. 11,36,5, PL 76,1269AB (zu Lk. 14,16-24): A d c oe na m e r go v os ae t erni convivii su m m u s p a terfa m ilia s inv itat; s e d dum alius avaritiae, alius cu riositati, alius v o lu p ta ti carnis e s t d e d itus , nimirum re prob i simu l om n es excu san t. Dum hunc te rre na cura o ccupat, i ll um alieni ac tu s sagax c o g ita tio d e v a s ta t, a lte r ius e tia m m e n t e m v o l u p t a s carnalis inquinat, fa s tid io s u s q uis q ue ad a ete rnae v i tae e pul as nos

27

28

fe stin at.

G r e g o r , M o r . X,6,10, CCL 143, S. S43. O t f r i e d , E v a n g e l i e n b u c h II,19,5f., e d d . ERDM A NN - W O L FF, S. 92.

188

B e g r i f f l ic h e s

Pharisäers »falsch« und sein M ut ist »unrein«.29 Der Hl. Geist wird ge­ beten: gib m ir die reinicheit minis herzin un(de) des m ö tis .30 Gute M enschen haben einen reinen m uot.31 Luxuria freilich bezw ingt o f t s e lb s t diesen: Uncheusche in c h lo ste r schaden tuot, Sy verchert starchen und rain m u et.32

d) H e r z W eit m ehr noch als die »Seele« oder der »Geist« s te h t das »Herz« für das innere Z entrum des M enschen als Sitz der Gedanken und des W illens und dam it als U rsprung des Bösen, das den M enschen verun­ reinigt: de corde enim exeunt cogitationes malae, homicidia, aldulteria, fornicationes, furta, falsa testim onia, blasphem iae; haec sunt quae coinquinant hominem (Mt. 15,19f.). Im Ideal des »reinen Herzens«33 kulm iniert eine ganze V o rste llu n g sw e lt von Ehrlichkeit, A ufrichtigkeit, sim p licita s ,34 g u te r Absicht, Liebe, Hinwendung zu G ott usw., die darin übereinkom m t, eine u m fassende positive H altung gegenüber n u r-fo rm a l k o rre k te m H andeln hervorzuheben. Mundo enim corde sunt, qui non solum non faciunt malum, nec c o g ita n t, s e d adhuc etiam qui omne bonum e t faciunt semper, e t cog itan t.3S Ein Freisein schon von G edankensünden zeigt sich im (vollständig)36 reinen Herzen. M echthild von Magdeburg: D er böse abegust h asset g o tte s m iltekeit, das reine herze vol minne frö w e t sich a ller selek eit.37 Im D eutschen t r i t t zu »rein« auch »lauter«: wir sculen unsern herren suchen m it reinem unt m it lu term hercen.38 Mit lüterm herzen sollen wir G ott an ru fen .39 Das Gebet eines »reinen Herzens« vermag viel, gelegentlich 29

Bruder

Philipp,

M arien leb en

schinest vor den liuten guot:

30 31

6268f.,

ed. RÜCKERT, S. 170: du din herze ist valsch, unrein din m uo t.

G eb ete und B e n e d ik tio n e n von Muri (Denkmäler, ed. WILHELM, S. 85). Z.B. T h o m a s in von Zirklaere, W ä l s c h e r G ast 783, ed. RÜCKERT, S. 22: swa ein wip hät einn reinen muot; vgl. H u g o von Trimberg, Renner 17400, ed. EHRISMANN, Bd. 3, S. 19: Bi edeln frouwen reine gemüete.

32 33

34

H einrich von Bur geis, Der S e e le Rat 451f., ed. ROSENFELD, S. 9. Dazu RAASCH, Co ncept; vgl. ERTZDORFF, Herz; ANSELM GRÜN, Reinh eit de s H er ze n s. A s k e s e und B e w ä ltig u n g der »Gedanken« im a l te n M ö n c h tu m (Erbe und A u ftrag 53, 1977, S. 2 58-2 7 0 ). Vgl. Gregor, In I Reg. V,23, CCL 144, S. 432 (zu Jes. 60,8): Quasi enim columbae ad fenestras suas sunt, qui concupiscenda respiciunt, sed simplicitatem mundi cordis concupiscendo non perdunt.

35 36

P s .-J o h a n n e s C h r y s o s t o m u s , O pu s imperf. in Mt. 9,8, PG 56,682. A lb e r t, P re d ig tzy k lu s, ed. SCHNEYER, S. 132: Illud enim e s t mundum

37 38

M ec h th ild , Licht V,4, ed. NEUMANN , S. 118. Pre digten , ed. HOFFMANN, S. 93; vgl. P rie ster W ernhe r, Maria 86 4, edd. WESLE - FROMM, S. 44: sin herze was lü ter unde reine. B e r th o ld v on R e gen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 489. Vgl. Predigten , ed. JEITTELES, S. 7: Nu sulen wir in (Paulus) heut

cor, quod nullo in puritate pollutum est.

39

bitten mit lüterm herzen.

189

Herz

gar einen »toten« Sünder zu erw ecken (Das g e b e t des reinen herzen erw ek et doch underwilen den selben to ten sünder).40 Das reine Herz ist frei von aller Falsch heit41 und Bosheit,42 und es ist friedfertig (daz der m ensche ein lü te r herze habe vor allem unfride).43 Zum Lob der Tugenden Marias g e hö rt die Aussage, daß ihr Herz frei w ar von Zorn und Haß: ane zorn und ane haz gar .ir reinez herze was.4* Letztlich kom m t es im C h risten tu m immer nur auf diese innere Reinheit an; deshalb ist es gleichgültig, ob man äußerlich sau ber ist oder be­ sc h m u tz t,45 ebenso belanglos ist es, ob man k o stb a re oder einfache Kleider trä g t: 20923

A lm uosen, vasten und g e b e te Sint g o te genem e in aller w ete Und is t daz herze aleine In s le h te r einvelte reine: Wenne sw e r ein reinez herze hat, Dem schadet keiner slah te w ät,46

H eißt es, das Herz des M enschen sei sün denb efleckt {Ist daz herze von sünden meilic),47 dann wird dies o ft von sün d h a fte n Gedanken und Begierden ausgesag t, die zu T atsü nd en führen .48 So ist darau f zu achten, daß die U nkeuschheit nicht das Herz beflecke: Ne cor luxuria pollu at e t subjectum desideriis p e r illicita corrum pat ,49 Der Teufel ver­ unreinigt durch die Versuchung das m enschliche Herz m it »böser Begierde«.50 Unrein ist Falschheit und B etrugsabsicht; Schm eichelw orte lassen deshalb a u f ein unreines Herz im Innern schließen.51 Die W erke 40 41 42

M ec h th ild , Licht VII,3, ed. NEUMA NN, S. 260. Vgl. R u d o lf von Em s, Barlaam und Jo sa p h a t 1474f, ed. PFEIFFER, Sp. 38: e r sol vor aller valscheit sin herze han gereinet gar. Vgl. P redigten , ed. JEITTELES, S. 55: reinen wir unser herze von allen ächusten.

43 44 45

B e r th o ld von R egen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 269. Bruder Philipp. M arien leben 642f., ed. RÜCKERT, S. 18. A m b r o s iu s A u tp e r tu s, De c o n f l i c t u vitio rum atque vir tu tu m 27, CCCM 27B, S. 929: ueruni e st quod dico, non esse colluuionem illam extrinsecus animae noxiam, si ipsa se seruare studuerit intus cordis munditiam.

46 47 48

H u g o von Trimberg, Renner, ed. EHRISMANN, Bd. 3, S. 165. H u go von Trimberg, Renner 4306, ed. EHRISMANN, Bd. 1, S. 177. Vgl. Bruno von Segni, Se nt. VI,7, PL 165,1064D: Illud cor mundum non est, quod odio et iniquitate et malis cogitationibus plenum e st C...3. Illud cor mundum est, in quo non vana et falsa, sed sermones et eloquia Dei reposita sunt.

49 50

Gregor, Mor. X,6,8, CCL 143, S. 540. J ohan nes Pauli, Predigten , ed. WARNOCK,

S.

259:

bös gaist uswendig raitz mit worten, also vergifft er im och inwendig sin hertz mit böser begird.

51

Und wie in der und verunraint

J ohan nes Rothe, Lob der K e u sc h h e it 4 0 5 7 - 4 0 5 9 , ed. NEUM ANN, S. 115: vor smeichenden worten hüte dich, den gloube nicht in dinen sinne,

wanne da liet ein unfletiges hertze ynne!

190

B e g r i f fl ic h e s

der H euchler kom m en nicht aus reinem H erzen.52 Ein »unreines Herz« h a t auch die Bedeutung eines schlech ten Gewissens; w er sein Herz mit schw eren Sünden befleckte, der wird nachts von A lpträum en g e p la g t.53 Die M etaph orizität ist häufig nicht seh r au sgeprägt. Die Unreinheit wird verbunden mit der M etaphorik der V erhärtung des H erzen s54 oder seiner V erdunkelung.55 O ft s te h t sie in d er V orstellun g vom Herzen als Gebäude (Tempel, W ohnung, K lo ste r usw.) und des W ohnens G o ttes darin (dazu Kap. VIII,5.6); es muß gereinigt sein, wenn der reine G ott (als »Liebhaber der Reinheit«; dazu Kap. III,la) d o rt einkehren soll:56 Deus enim qui munditiae am ator e s t, co r p o llu tu m habitare non p o te s t.57 W enn der Teufel es verunreinigt hat, dann fä llt es ihm auch zu: 238,7

52

53

54

55

Dez menschen herze ich meine So daz der tievil vil vnreine Gemachet so heizit ez wol sin Wan g o t wil danne niht darin.56

Gregor, Mor. IV, 10,17,

CCL 143, S. 175: Sunt namque nonnulli qui ante humanos oculos uelut magnis operibus lucent. Sed quia haec ipsa opera a mundo corde non prodeunt, capti in occultis cogitationibus, noctis huius tenebris obscurantur, qui saepe ea quae mundo corde non faciunt, etiam opera amittunt. Isidor, Sent. 111,6,3, PL 83,668B: Qui vero corda sua gravioribus vitiis polluerunt, conscientiae pavore illusi species tremendas aspiciunt; dan ach A lb r e c h t von Eyb, S p ie ge l, ed. KLECHA, S. 121f.: der aber sein hertz m itt swären sünden beflecket / der wirt o ft des nachtes mit erschrockenlichen vnd vnrainen gestalten vnd fantaseyen betrogen. H ildeg ard, Scivias 111,5,1, CCCM 43A, S. 412: Et tale cor quod ita in sorde iniquitatis obduratum et emortuum est, quod nec ueretur iudicium Dei nec uultum hominis, hoc iusto iudicio confundit et deprimit ultione sua zelus Domini in lege Dei. David von A u g sb u rg , Von der A n sc h a u u n g G o t t e s (Mystiker, ed. PFEIFFER, Bd. 1, S. 363): Dü lieber herre, Jesu Kriste, dü liehter tugentspiegel, nü lüter also hie an uns alle die vlecke, die uns daz herze hie tunkel machent; vgl. Bavngart, ed. UNGER, S. 379.

56

Z.B. die P f in g s t p r e d ig t Gregor, In Ev. 11,30,2, PL 76,1220D-1221A (zu Jh. 14,23): Pensate, fratres charissimi, quanta sit ista solemnitas, habere in cordis hospitio adventum Dei. Certe si domum vestram quisquam dives ac praepotens amicus intraret, omni festinantia domus tota mundaretur, ne quid fortasse e ss e t quod oculos amici intrantis offenderet. Tergat ergo sordes pravi operis, qui Deo prae­ parat domum mentis.

57

P s .-Bernha rd , T r a cta tu s de interior i d o m o 6,11, PL 184,513B. Vgl. P s.-Bernha rd , F orm ula h o n e s t a e vitae 1, PL 184,1167C (mit der M e t a ­ ph er v on der S e e le a ls »Sitz« G o t t e s verbunden): ...ita circa tui puritatem cordis te indesinenter studere oportet, quo totius puritatis amator Deus ibi sedem tanquam in coelo sibi collocare dignetur, juxta illud: »Coelum mihi sedes est« (Jes. 66,1), et: »Anima justi sedes e s t sapientiae« (vgl. Prov. 12,23 LXX).

58

H u go v o n L an ge n stein , Martina, ed. KELLER, S. 599. Vgl. Arndt, C h r is te n tu m 1,40,3, S. 162: In allen Dingen, die du gedenkest oder tust, siehe zu, daß du die Reinigkeit des Herzens bewahrest und dich nicht verunreinigest mit h o f f artigen Gedanken, Worten und W'erken, mit Zorn und dergleichen fleischlichen und teuflischen Werken. Denn dadurch wird dein Herz dem Satan aufgetan und GOtt zugeschlossen.

Herz

191

Stärker ist die Bildlichkeit ebenfalls, wenn ein Herz m it Schmutz »an­ gefüllt« wird, also als eine A rt Gefäß (dazu Kap. VII,3) zu denken ist, das der Teufel »in seinen Händen hält«: 4874

der tuvel had in sinen henden eines unkuschen h ertze allen enden unnd erfü llet das m it unflat unnd brenget ess zu schem elicher dat.59

Das häufige Sprechen vom »reinen« Herzen und von seiner »Reinigung« ist durch biblische Form ulierungen vorgegeben. Im Sinne allgem einer S ündhaftigkeit la u te t eine rhetorische Frage (Prov. 20,9) Quis p o te s t dicere mundum e s t cor meum, purus sum a peccato? Recht allgemein fo rm u lie rt ist die Bitte Ps. 50,12 Cor mundum crea in me Deus e t spiritum rectum innova in visceribus meis. Daß G o tt hier gebeten wird, dem M enschen ein reines Herz zu schaffen, b e to n t den gnadenhaften C h arak ter einer Sündenreinigung.60 Aus der Reihenfolge der Erw ähnungen ließ sich eine Rangfolge ableiten: Prius quippe co r mundum in se creari ac deinde spiritum rectum in suis uisceribus precabatur innouari quia utique sciebat spiritum rectum in corde p o llu to sedem habere non p o s s e ,61 Erklärungen w erden dem Z itat ein- oder a n gefüg t:62 Cor mundum crea in me, Deus, quoniam non solum vana cogitatio illu d occupat, e t turpis inquinat, verum etiam amara d issipat.63 An den Sünder ric h te t sich die Mahnung, »dein Herz von der Bosheit zu waschen« (Jer. 4,14): Lava a malitia co r tuum Hierusalem ut salua fias, was als A ufforderung zu Taufe und Buße gem eint sein kann;64 Bischof Turpin r u f t im deutschen »Rolandslied« die K ämpfer vor der Schlacht zur Beichte auf m it 59 60

J ohan nes Rothe, Lob der K eu sc h h e it , ed. NEUMANN, S. 137. P s.-G re g o r, In 7 ps. poenit. IV,12, PL 79,590C: Si propheta pollutum labiis se esse asserit, cujus os Seraphim carbone quem susceperat de altari, purgavit (vgl. Jes. 6,1-7); quid dicturi sumus nos, quos luxuria inquinat, invidia angustat, ambitio praecipitat, superbia exaltat? Non e s t enim virtutis humanae ita ab illicitis motibus mundare animum, ut perstrepentium voces non sentiat cogitationum. Sed quia Deo nihil e st impossibile, clamemus ad Deum tota virtute: »Cor mundum crea in me C...3«.

61

Beda, H om . 11,11, CCL 122, S. 259; vgl. P s.-G re g o r, In 7 ps. poenit. IV,13, PL 79,590CD: Prius enim abrenuntiandum e st tibi omni peccato, et omnis a corde vitiorum foeditas eliminanda, ut omne quod agitur aut dicitur, eo purum in conspectu Dei ac lucidum appareat, quo ex bonae intentionis origine quasi de puro quodammodo fonte manat.

62

Z.B. im D i c h t e r g e b e t P rie st er Arn old , Loblied a u f den H eilig e n G eist 3,11-18 (D ic htu n gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 58): so sprichet der psalmista: cor mundum crea, reinez herze scefe du, trehten, in mir daz ich geture vone dir sagen unte singen, dise rede pringen mit diner volleiste ze lobe deine heiligen geiste.

63 64

P s.-Bern hard, T r a cta tu s de interiori do m o 17,27, PL 184,522A. Z.B. H ie ronym us, In Jer. 1,79,1, CCL 74, S. 46: illa aqua, de qua Isaias loquitur: »lauamini, mundi estote« (Jes. 1,16), aqua baptismi salutaris, aqua paenitentiae.

192

B e g r i f f l ic h e s

den W orten: daz herze m achet reine.65

H e r z e n s r e i n h e i t u n d G o t t e s s c h a u ( Mt . 5,8) Der locus classicus aller christlichen Rede vom »reinen Herzen« ist die Seligpreisung aus der B ergpredigt (Mt. 5,8): Beati mundo corde quoniam ipsi Deum videbunt. Die unüberschaubare A usleg un gsgesch ichte66 soll hier nur u n te r wenigen m etaphorologischen A spekten b e fra g t werden. Um das N ichtsehenkönnen zu erklären, verbindet e tw a Q uodvultdeus die U nreinheit mit der M etapher der Dunkelheit: Cor immundum e t tenebris peccatorum obuolutum, Deum quaerit uidere?67 Häufig m acht die M etapher von den inneren Augen (des Herzens, der Seele usw.) die Seh­ fähigkeit des Herzens verständlich. Da das Herz frei sein soll von allem Bösen, ließ sich die A ussage hiermit form ulieren, nu r w er frei ist von Sünden, komme in den Himmel und könne nach der A uferstehung G o tt schauen:68 Die sin t öch salic, die ir herze gerainet habent uon dem unrehte, uon aller uppecheit, uon aller bosheit, die bescöw en t g o t in sim m e riche.69 Bei B erthold von Regensburg ist dies ein A rgum ent dafür, sich von Sünden freizuhalten: Nü s e h t, ir liebe kristenheit, wie saelic die sint, die da reinez herze tragent! Ir junge werlt, die noch unbewollen sin t m it sünden, beh altet iu w er herze vor allen toetlichen sünden: so w erdet ir g o t sehende in solichen freuden und in so grözen eren, die ouge nie gesach oder ore nie gehörte.70 O der man fo rd e rt mit dieser Stelle zum Reinigen des Herzens auf: wir schäln unser h ertz rainigen, so geseh wir den almaechtigen g o t.71 Richard von St. Viktor: Mundo corde sunt illi qui nec pulvere inutilis cogitation is, nec lu to f edantur prave delectationis. Mundo corde sunt quos non teg it nebula te tre ignorantie, nec corrum pit ardor fede concupiscentie. Mundemus igitu r corda nostra ab omni ignorantia p e r inquisitionem veritatis, e t ab omni perversa concupiscentia p e r amorem virtutis, ut m eream ur Deum videre in gloria regni c e le stis.72 Die Heiligen im Himmel h a tte n auf Erden ir herzen gereinet vor der höhvart unde vor den ändern sünden unde da von sehent sie g o t ie m e r 73 Im m er wieder sind es »innere 65

66 67 68

P fa ffe Konrad, R o la n d slied 266, edd. WESLE - WAPNEWSKI, S. 8; dazu HORST RICHTER, K om m en tar zum R o la n d slied de s P fa f fe n Konrad, Bd. 1, Bern - Frankfurt a.M. 1972, S. 100-102. Reich es Material dazu b i e t e t SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A uge, S. 1023ff.; zur E x e g e s e der B e rg p re dig t STOLL, De V irtute. Q u o d v u lt d e u s , De s y m b o lo 11,3,7, CCL 60, S. 338. A m b r o s iu s, In Lc. 1,27, CCL 14, S. 19: In ipsa quoque resurrectione non facile e s t deum uidere nisi his qui corde sint mundo.

69 70 71 72 73

S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 115. B e r th o ld von R egen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 390. P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 2, S. 46. Richard von St. Viktor, Liber e x c e p t i o n u m 11,11,4,7, ed. CHATILLON, S. 445. B e rth o ld von R e gen sb urg, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 397.

193

Herz

Augen«, die gereinigt werden sollen:74 prius debem us mala quae facimus lacrym is lavare, ut tunc munda m entis acie id quod quaerimus contem plem ur: ut dum antea a nobis plorando d eterg itu r caligo peccati, m undatis cordis oculis albefacta in spician tu r75 Bernhard von Clairvaux klagt: Vae mihi ab immunditia cordis mei, qua im pediente, necdum m ereor ad beatam illam visionem admitti! Quanta sollicitudine, fratres, quanto stu d io danda e s t opera, ut mundari p o s s it oculus, quo videndus e s t Deus? Et ego quidem triplici sorde inquinari me sentio, concupiscentia carnis, concupiscentia gloriae tem poralis, et praeteritorum conscientia delictorum .76 Auch s o n s t g e hö rt das Reinigen des Herzens zu den notw endigen V orbereitungen auf die ewige Seligkeit: nu mane ich uch durch üwers selbin selicheit, tw in g et üwern lib und üwer g em ü te, reiniget üwer herze, bereitet uch zu dem ewigen himelriche 77 Denn niemand kann g ut handeln, der sein Herz nicht gereinigt h a t (daz der mensche niht g u te s mach getan die wile er sine herze niht g e lü tirt und gereiniget hat m it der rüwe und m it der bicht und m it der büze).78 Denen, die G ottes Gnade erlangen wollen, wird geraten, daz ir alrerst paidiu m it bihte unde m it pu oze unde m it aller slah te guotaete iuw er herze ersübert unde errainet vor a ller achust dirre w eite.79 Askese und E n th a ltsa m k e it sind die M ittel, das Herz zu reinigen und »leichter« zu machen, dam it es sich zu G o tt »erheben« kann.80 Auch die frühmhd. »Auslegung des V aterunsers« s e tz t die Reinigung des H erzens als Bedingung fü r das »Aufsteigen« in den Himmel und dam it fü r das Schauen G ottes: 99

Salige die daz riche meinent unde ir herze da zuo reinent daz si stig e n t u f m it g o te

74

Z.B. H u g o de F o li e to ,

De c la u s t r o animae IV,42, PL 176,1180D: Et quia scriptum reperiunt: »Beati mudo corde, quoniam ipsi Deum videbunt«, ideo ut Deum in futuro videant, oculum cordis pulvere terrenae vanitatis mundant. In futura siquidem vita Deus videbitur ab iis , quorum oculi mentis a vitiis purgantur. Zum »Staub« in den

75 76

A u g en s. Kap. VI,2d. T h o m a s von Froidm ont, Liber de m o d o be ne vivendi 6,15, PL 184,1209B. Bernhard, In F e s tiv ita t e Om nium San ctor u m 1,13 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 5, S. 339); ebd.: Sic et contra peccati conscientiam remedium confessionis e st institutum, et omnia in confessione lavantur. Ecce haec sunt quae mundant oculum cordis , oratio et confessio.

77

78 79 80

P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 3, Z.B. A u g u s ti n u s , Tract. in Joh. 1,7,

S. 240. S. 369. S. 90. CCL 36, S. 4:

Quäle cor leuet, uideat; quia ad Dominum leuat: ne sarcina uoluptatis carnalis praegrauatum, ante cadat, quam fuerit subleuatum. Sed uidet se quisque gestare onus carnis? Det operam p er continentiam, ut purget quod leuet ad Deum. »Beati enim mundi corde, quoniam ipsi Deum uidebunt.«

194

B e g r i f fl ic h e s

die beschouw ent noch die go teh eit m it der gebe der genaedicheit.81 G efo rdert wird gleichzeitig die Reinigung des Leibes, um am J ü n g ste n Tage in den Himmel »erhoben« werden zu können: M undemus nos ab omni inquinamento carnis ac spiritu s (2 Kor. 7,1), quia non nisi ca sto corpore ad coelos p o teru n t sublevari in die resurrectionis, nec p o teru n t videre gloriam divinae m ajestatis, nisi illi qui sun t mundo corde.82 Da niemand völlig frei ist von Sünde und deshalb kein (vollständig) reines Herz hat, kann man G o tt in diesem Leben nicht schauen. Julian Pomerius läßt deshalb das »kontem plative Leben« e r s t im Himmel möglich sein: Contem plativa vita, in qua Creatorem suum creatura in tellectualis ab omni peccato purgata, atque ex omni p a rte sanata visura est, a contem plando, id e s t videndo, nomen accepit 83 W ohl die ganze m ystisch und m on astisch geprägte L iteratur des M itte la lte rs sah hingegen in der Reinigung des H erzens — gerade auch im Hinblick auf Mt. 5,8 — die V oraussetzung fü r jede A rt von K ontem plation bereits in diesem Leben. Wie weit dem M enschen die M öglichkeit, sich G ott auf diese Weise zu nähern, auch im m er eingeräum t wurde: Nur wenn sein Herz »rein« war, kon nte er hoffen, »G ott zu schauen«. M ystische Lehren von der purgatio oder der via purgativa im Rahmen eines Stufenw eges der V ollkom m enheit (etwa im »m ystischen Dreischritt«: purgatio — illum inatio — perfectio) k onnten an alte » K a th a rsis« -V o rste llu n g e n an­ knüpfen.84 Daß dies ein Befreien von schw eren Sünden — b ö se r A bsicht oder dem Bewußtsein von Schuld — beinhaltet, v erstan d sich von s e lb s t.85 »Rein« sein so llte das Herz zudem von allem, was sein völliges A usgeric h te tse in auf G ott hin behindern konnte: abschw eifende Gedanken,86 81 82 83 84

85

86

A u s l e g u n g des V a te ru n s er s (Gedichte, ed. SCHRÖDER, S. 79). T h om as v on Fro id m on t, Liber de m o d o be ne viven di 20,57, PL 184, 1236AB. Julianus P om erius, De vita c o n te m p l a tiv a 1,1, PL 59.418D-419A; RUH, G e s c h ic h te , Bd. 1, S. 141. Dazu u.a. HELLMUT FLASHAR. Art. »K atharsis« (HWbPh 4, Sp. 7 8 4 786); vgl. MARTIN ARNDT - RITA und LORIS STURLESE, Art. »Rein­ heit, Reinigung III-IV« (HWbPh 8, Sp. 539-5 47). Zum » S t u f e n w e g « vgl. die ganze Literatur zur a b e n d lä n d is c h e n M ystik. Vgl. A u g u s t i n u s , Enarr. in ps. X X X II ,2,8, CCL 38, S. 287: Ergo ut p os sis libens redire ad cor tuum, munda illud; beati enim mundi corde, quoniam ipsi Deum uidebunt. Aufer inde cupiditatum sordes, aufer labem auaritiae, aufer labem superstitionum, aufer sacrilegia et malas cogitationes; odia, non dico aduersus amicum, sed etiam aduersus inimicum; aufer ista omnia; intra in cor tuum, et gaudebis ibi. Cum ibi coeperis gaudere, ipsa munditia cordis tui delectabit te, et faciet orare C...]. Si ergo loci uisibilis te delectat munditia, quare te non offendit immunditia cordis tui? Intra, munda omnia, leua oculos tuos ad Deum, et statim te exaudiet. Smaragd, Diad em a m o n a c h o r u m 24, PL 102,620B: Dixit quidam Patrum: Quia sicut impossibile e st ut videat quis faciem suam in aqua turbida, sic et anima (nisi purgata fuerit a cogitationibus alienis) contemplative non p o te s t orare Deum.

Herz

195

irdische Sorgen,87 w eltliche oder fleischliche Liebe (quia terrenus am or oculum cordis so rd id a t, ne divina claritas videatur),88 die »Befleckung durch die W elt«.89 Askese als V orbereitung fü r die K ontem plation hat hier ihren O rt. Nach G regor gibt es n u r sehr wenige Menschen, die vom »Schmutz zeitlicher Begierden« gereinigt sind und den Hl. Geist em pfangen können {ualde in humano genere pauci sunt qui a desideriorum tem poralium sorde purgati, ad perceptionem sancti Spiritus ipsa hac purgatione dilatentur).90 Ein »reines Herz« ist der ideale Z ustand des m enschlichen Innern im Verhältnis zu Gott. Nur wenn es frei ist von vergänglicher Liebe, kann es bereit sein für die G ottesliebe.91 Ein von w eltlich er Trauer ge­ reinigtes Herz ist Bedingung dafür, daß die Gebete von G ott angenommen werden: Munda ergo cor tuum ab omni tristitia carnali atque saeculari, et oratio tua erit acceptabilis apud Deum.92 Mit gereinigten Herzen sollen wir in Marias Lob einstimmen: 39,3a,i

Expurgemus n o stra s so rd e s, ü t illius m undicordes A ssista m u s laudibus; Si concordent linguis m e n te s , Aures eius intendentes Erunt n o stris vocibus.93

S a h S a t a n G o t t ? ( H i o b 1,6) A ufgrund der durchgängigen Lehre von der H erzensreinheit als n o t­ w endiger V oraussetzung fü r jede A rt von G ottesschau s te llte sich für 87

Z.B. Gregor, In I Reg. IV,180, CCL 144, S.

88

R obert von Tum balen ia, In Cant. VIII,10, PL 79,513A: SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A u ge, S. 1025. Gregor, In I Reg. IV,164, CCL 144, S. 381: quia uidere internam

89

394f.: Puritatem cordis quis obtinere appetit, caelestia cogitare, nullis curarum saecularium occursionibus inpediri? Sed ad id, quod p er deuotionem appetit, assurgere nequit per profectum puritatis. Repente autem raptus in uirtute superuenientis spiritus, esse carnalis desinit, p o te n te r saeculi curas abigit et in aeternorum contemplationem mira puritate consurgit.

lucem conditoris tanto clarius possunt, quanto studiosius mundum cor a mundi inquinatione custodiunt. Zum W o r ts p ie l mundus/mundum

90 91

s. Kap. VIII,1. Gregor, Mor. V ,28,50, CCL 143, S. 252; vgl. ebd. 29,51, S. 253. H eilig e Regel, ed. PRIEBSCH, S. 59f.: Sente Bernart sprichet: »Swer Got van herzen minnen wil, der müz sin herze inkummeren und reinigen van aller zergenclicher übe, wände di wile di in deme herzen ist, so mak Gotez minne nicht darrin.« Vgl. Arndt, C h r iste n tu m 1,24,14, S. 97: Das Herz soll rein sein von aller Weltliebe. GOtt soll des Menschen höchstes und bestes Gut sein .

92 93

T h om as von Fro id m on t, Liber de m od o be ne vivendi 11,33, 1220C. Adam v on St. Viktor, S e q u en ze n, ed. WELLNER, S. 258.

PL 184,

196

B e g r i f f l ic h e s

die Hiobexegese ein Problem, für das es im Bibeltext kaum einen An­ h a ltsp u n k t gibt. Nach Hiob l,6f. ist u n te r den »Söhnen Gottes«, die vor G ott hintreten , auch Satan. Da sie Satan als Teufel m it dem gefallenen Engel identifizierten, m ußten christliche In te rp re te n begründen, wie der Teufel in den Himmel gelangen konnte, aus dem e r doch »gefallen« war. Sie e rk lä rte n deshalb die Stelle als rh e to risch -w irku ng sv olle A us­ schm ü ck u ng 94 oder als n u r-m e ta p h o risc h e Aussage, daß G ott auch die A bsichten des Teufels nicht verborgen seien: non in persona venit nequissim us diabolus ante Deum, s e d consiliis, e t cogitationibus, atque nequitiae suae meditationibus: e t que cogitavit de eo, quae etiam de Job ju sto , haec venerunt ante Deum, horum memoria venit in conspectu aeterni Dei.95 Gregor der Große, der den B uchstabensinn nicht in Frage ste lle n will, um ihn seinem geistigen Schriftgebäude als Fundam ent zugrunde legen zu können, b e s tr e ite t nicht die histo risch e W ahrheit der Erzählung. Damit ergibt sich fü r ihn aber die Schwierigkeit, die Hiob­ s te lle m it der Seligpreisung in Einklang zu bringen; wie k onnte denn Satan, der nun wirklich kein reines Herz hat, G o tt sehen? Sed hoc, quod adfuisse satan coram Domino dicitur, in graui nobis quaestione uersatur. Scriptum quippe est: »Beati mundo corde, quoniam ipsi Deum uidebunt.« Satan uero, qui mundo corde esse non p o te s t, quom odo uidendo Domino adfuisse p o te s t? Gregor lö s t das Problem m it einem Gleichnis vom Blinden, der die Sonne nicht sieht: Satan wurde zwar von G o tt gesehen, er se lb s t sah G ott jedoch nicht. Venit quippe ut uideretur, non ut uideret. Ipse in conspectu Domini, non autem in conspectu eius Dominus fu it: sicut caecus cum in so le co n sistit, ipse quidem radiis so lis perfu n ditu r s e d tamen lumen non uidet quo illu s tr a tu r 96 Mit Hilfe von Gregors Deutung ließ sich dann s p ä te r die Lehre, daß der Teufel G ott nicht sehen könne,97 auch im Hinblick auf Satan in der H iob-G eschichte formulieren; etw a bei A lbertus Magnus: Unde Gregorius: Staret in conspectu eius, ut videretur a Deo, non ut ipse videret Deum, quia immundus corde Deum non videbit.96

94 Joh an n e s C h r y s o s t o m u s , K om m en tar zu Hiob, dt. HAGEDORN, S. llf . dort: »H ätte die S c hr ift e in fa ch g e s a g t , daß der T e u fe l dem Hiob mit G o t t e s E in w illig u n g n a c h s t e l l t e , h ä t t e die Erzählung dann ein en s o l c h e n Reiz a u s g eü b t? « 95 P s .- O r i g e n e s , In Job I, PG 17,403B. 96 Gregor, Mor. II,4,4f., CCL 143, S. 62. 97 Vgl. SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A u ge, S. 991, A. 340 (A u gustin u s); DIES., B ed e u tu n g, S. 469 (Jakob Böhm e). 98 A lb e r t, In lo b , ed. WEISS, Sp. 41.

G e w is s e n

197

e) G e w i s s e n Ist das menschliche »Gewissen«99 (conscientia, g ew izzen , sam ewizzecheit) »rein« oder »unrein«, dann geht in der Regel weniger um seine Funktion als inneres U rteilsverm ögen über Gut und Böse, die sich in der Moderne bis zu einer autonom en .ethischen Instanz individueller V erantw ortlich k eit hin entw ickelte; diese V orstellun g äußert sich m eist in M etaphern aus dem Bereich des Rechtsw esens. »Unrein« dagegen ist das Gewissen eines Menschen, der sich mit einer Schuld befleckte und sich dessen bew u ßt ist. Neben der auf Sündenbew ußtsein und Reue zielenden Verwendung kann das Beflecken des Gewissens auch als allgemeine Um­ schreibung fü r das Sündigen dienen, wie s o n s t das Beflecken von Herz, Geist und Seele oder des ganzen (inneren) Menschen. W er sein Gewissen befleckte, der ist (als Sünder) unrein: Non enim mundus e s t , cujus immunda e s t con scien tia }00 Das befleckte Gewissen (pollu ta conscientia)101 s te h t fü r die v erkehrte G rundhaltung des Sünders; Geist und Gewissen der Heiden sind b e fle c k t (Tit. 1,15 s e d inquinatae sunt eorum e t m ens e t conscientia). G efo rd ert ist dagegen eine pura conscientia (1 Tim. 3,9; 2 Tim. 1,3)102 oder munda con scien tia}03 Im D eutschen ist das gute Gewissen außer »rein« m eist »lauter«,104 wobei beide A ttrib u te wie eine Z w illingsform el gereiht w erden können: eyne lü ttere, reyne sa n w itzc ik e id }05 Der Tod m ahnt den Ackermann: Uber alle irdische dinge habe lieb rein und lau ter gew issen!106 Dies dient der A ufforderung, keine Sünden zu begehen, die ein unreines Gewissen verursachen würden. Die Nähe des G ew issens-B egriffes zum »Herzen« (oder zur »Seele«) zeigt sich besond ers dort, wo das »reine Gewissen« wie das »reine Herz« den idealen Z u stand des m enschlichen Innern benennt, das sich frei weiß von Schuld, keine bösen A bsichten hegt (»rein« als sim plex »auf­ richtig«) und — vor allem in sp iritu e ll-m o n a stisc h geprägten Traditionen — von ird isch-m ateriellen Gedanken sich befreit. Frau Ava identifiziert 99

Dazu u.a. CHADWICK, Art. »G ew issen« ; s o w ie die b e g r i f f s g e s c h i c h t ­ lic h e n S tu dien von STELZENBERGER, w o die W e it e d e s Gebrau chs von syneidesis / conscientia vom a llg e m e in e n ( M it - ) W i s s e n über das Innere de s M e n sc h e n als r e l i g i ö s - s i t t l i c h e s B e w u ß t s e in und S ü nd en ­ b e w u ß t s e i n bis hin zur h a n d l u n g s l e i te n d e n und - w e r t e n d e n In stanz d e ta ill ie r t a u f g e s c h l ü s s e l t wird. Zur E n tw ic k lu n g in der N e u z eit KITTSTEINER, E n ts te h u n g . 100 H ild eb er t (?), Sermo 76, PL 171,711A. 101 Z. B. Gregor, In I Reg. V,64, CCL 144, S. 460: Polluta quidem con­ scientia habet iam diuinum eloquium contra se, quae, si pollui uitaret, ab eo adiuta et releuata proprio uigore subsisteret.

102 Bruno von Segni, In Job, PL 164,588D. 103 Beda, Hom . 11,3, CCL 122, S. 203. 104 Heinrich von N ör d lin ge n (M argaretha Ebner, ed. STRAUCH, S. 220): lauter gewissen; Predigten, ed. GRIESHABER, Bd. 2, S. 46: ain lüteriu gewissen. S e l te n i s t hier »sauber«; Abraham a San ta Clara, W erke, ed. BERTSCHE, Bd. 1, S. 363: in der Sauberkeit seines gwissen. 105 J ohan nes Rothe, R itt e r sp ie g e l 390, ed. NEUMANN, S. 11. 106 J ohan nes von Saaz, Ack erm an n 32, ed. JUNGBLUTH, S. 129.

198

B e g r i f fl ic h e s

beides ausdrücklich miteinander; wenn wir G o tt zu lieben beginnen, 2388

so haben wir daz lu tere gew izede, daz is t daz reine h e r z e } 07

Im »St. T ru d p e rte r Hohenlied« ist das »lautere Gewissen« als die H altung des völlig auf G o tt a u sg e rich teten Menschen, der nichts Irdisches b e g e h rt oder zu verlieren f ü r c h te t,108 m it dem reinen Herzen die Vor­ au sse tz u n g dafür, G o tt zu schauen und zu erkennen: also lü te r so din g ew izzed e denne ist, also raine is t din herze, also w ol mäht dü in gesehen unde erchennen .109 Auch s o n s t wird das reine Gewissen mit dem reinen Herzen parallel g e s e tz t;110 Berthold von Regensburg: Du s o lt auch frid haben m it g o t, daz dv alle z e it h abest ain lauters hercze vnd ain raines hercze vnd aine raine g e w is s e n } 11 O der es re p rä se n tie rt ein reines Herz: unser herre g o t der n egert w eder silbirs noch g oldes von uns noch keiner slachte gezirde in dirre werlde wane der reinen sam w izzicheit des reinen herzin da der g ü te wille inne is t und die g o tis vorchte .112 »Reinheit und Lauterkeit«, die sich auf das Gewissen wie auf andere Begriffe fü r das menschliche Innere beziehen,113 machen es möglich, daß G ott den »Stuhl« seiner W eisheit in uns a u f s te llt (vgl. Prov. 12,23 sec. LXX anima iu sti sed es sapientiae): Du diener g o ts, wen du peten w ilt vor allen dingen, hab fleyß zu reinykeit und la w terkeit deiner gew issen, deines g em u ts und deiner sele, wann g o t ein liebhaber is t der reinikeit, der s e c z t do den s tu l go tlic h e r weißheit, da reinikeit

107 Frau Ava, Das Leben Jesu (D ic htu n gen , ed. MAURER, Bd. 2, S. 491). 108 Z.B. St. Tru dp er te r H o h e s l ie d 58,17-20, ed. MENHARDT, S. 187f. (zu Cant. 4,12): waz ist daz insigele? daz is t daz lutere gewizede. waz is t daz? daz ist daz der menniske nieht negeret ze gewinnenne noch nieht inuvrhtit ze uerliesenne wane got.

109 St. Tru dp er te r H o h e s l ie d 118,12-14, ed. MENHARDT, S. 25Sf.: SPITZ, widerbildunge, S. 267: "Das Maß der L auterke it d e s G e w is s e n s b e ­ s t i m m t die Re inheit d e s H e r z e n s und d ie se w ie d e ru m die D e u tlic h k e it der Wahrnehmung." 110 Z.B. St. G eor gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 148f.: du s o lt dich flissen daz din hertze und din conscienci gar rain und lu ter si, nit liht argwänig, nüt üppig gedänke; h&t allü z it der luterkait diner conscienci, daz si nit betrübet werde mit dekainen sünden. so dü sunne ie schöner lühtet, so man ie baz gesiht daz klain stüppelin. also ist es umb daz hertze und umb die conscienci: so dü ie lutrer ist, so der mensch ie bas erkennet klain täglich sünde.

111 B e rth o ld von R e gen sb u r g, C h ris tu s r e s u r g e n s a m o r tu is (Schrifttu m , ed. RUH, Bd. 2, S. 13); vgl. ebd. S. 21. 112 Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 232. 113 Vgl. Petrus C h r y s o lo g u s , Ser m o 109,5, CCL 24A,. S. 675: Nos autem, fratres, et corpora nostra aptemus in uiuam dei hostiam, et obsequium nostrum rationabile procuremus, ut sit fides uera, pura conscientia, mens sobria, spes firma, cor mundum, caro casta, sanctus sensus, pius animus, tuta ratio, casta caritas, larga miseri­ cordia , uita sancta, uerecundus habitus, et ad omne Christi ob­ sequium humilitas nostrum semper com itetur incessum.

G e w is s e n

199

und la w terk eit des herczen /s t.114 Auf Hiobs Kinder t r a f dies alles zu: beatissim i filii Job ac filiae casti erant animis e t mundo corde, e t immaculata conscientia e t omnibus imm unditiis atque illicitis ex p ertes.115 Befleckt wird das Gewissen durch alle A rten von Sünden und Ver­ gehen (weshalb viele Belege aus dieser Arbeit auch hier zu nennen wären). Die vom G ötzendienst nicht lassen können, essen w eiter das O pferfleisch, e t conscientia ipsorum cum s it infirma p o llu itu r (1 Kor. 8,7). Seine Ankläger b eschuldigten Boethius fälschlich, sein Gewissen aus Ehrgeiz mit einem Sakrileg b e fle c k t zu haben (ob am bitum dignitatis sacrilegio me conscientiam p o llu isse m en titi su nt).116 Sünden wie die Eigenliebe117 beflecken das Gewissen; ebenso T a tsü n d e n .118 Auch von kleinen Sünden heißt es, daß sie ein la u tte rw gew issen verm äkelnt.119 Es geschieht durch V erschweigen von (oder Z ustim m en zu) frem den Sünden: ne umquam in p ecca tis alterius polluam us conscientias nostras, ne consensum male agentibus praebeam us.120 Ein Gewissen kann unrein sein vom Schmutz der (noch nicht bestandenen) V ersuchung.121 Doch auch zu häufiges Erinnern an vergangene Sünden kann das Gewissen beflecken, da es — wegen der dabei em pfundenen Sündenlust — die Ge­ fah r eines Rückfalls fö rd e r t.122 Die Reinheit oder U nreinheit des Gewissens wird se lte n m etaphorisch w eiter a u sg efü h rt. In der A uslegungsgeschichte von Ps. 6,7 ist das Gewissen ein Bett, das der M ensch m it Tränen w äscht, indem er seine Sünden bew eint (dazu Kap. VII,5). Ist das Gewissen (wie das Herz) ein Haus, dann soll es reingehalten oder gereinigt w erden fü r das Ein­ wohnen G ottes (dazu Kap. VIII,6; vgl. XI,7), denn nur bei gereinigtem Gewissen will G ott im Innern des M enschen wohnen: Munda igitur con­ scientiam tuam, e t sem per paratus esto , ut quacunque hora venerit Dominus, e t tecum habitare voluerit, paratam sibi in te inveniat mansionem.123 Für die schlim m en Folgen eines schlech ten Gewissens 114 WEIDENHILLER, U n t e r s u c h u n g e n , S. 223f. Zum T o p o s »G o tt lie b t die Reinheit« s. Kap. III,la. Vgl. auch A. 57. 115 P s .- O r i g e n e s , In Job I, PG 17,419C. 116 B o e th iu s, P h ilo so p h ia e C o n s o l a t io I,4p., edd. GEGENSCHATZ - GIGON, S. 24. 117 Arndt, C h r iste n tu m 1,14,10, S, 55: Die eigene Liebe machet verkehrte Urteile, verdunkelt die Vernunft, verfinstert den Verstand, verführet den Willen, beflecket das Gewissen, schließt zu die Pforte des Lebens. 118 Abraham a San ta Clara, W erk e, ed. BERTSCHE, Bd. 1, S. 464f.: wie o fft er sein gwissen mit einer tetlichen sindtenmakl vervnrainiget, so offt, sagt Augustinus, tracht er Christo nach dem leben.

119 Johan nes von In ders dorf, V on dreierlei W e s e n , ed. HAAGE, S. 393. 120 O rig e n e s, In Lv. hom . 3,2, GCS 29, S. 301; STELZENBERGER, S y n eid esis bei O rig e n e s, S. 38. 121 Gregor, Mor. 111,32,62, CCL 143, S. 154: et tarnen intus conscientia a tentationis sordibus munda non est.

122 A b s a l o n von Sp rin giers ba ch , Se rm o 19,

PL 211,114B: Quoniam sicut corpus a foetore alicujus cadaveris aliquando corrumperitur: ita aegra conscientia p er frequentem recordationem peccatorum, contaminatur.

123 P s.-B ernha rd , T r actatu s de interiori do m o 1,4, PL 184,510C.

200

B e g r i f fl ic h e s

stehen m eist M etaphern des Erleidens, die gedanklich o f t nicht m it der U nreinheit verbunden sind: Das Gewissen beißt, nagt, schlägt, b renn t, k lag t an, schreit u sw .124 So ist ein unreines Gewissen dasjenige, das den M enschen quält: dar umme soldu die sunde miden, daz dich die unreine sam ew izzicheit niht enpinige.125 Die G ew issensreinheit wird o ft hymnisch in ihren W irkungen ge­ priesen, zu denen auch eine Analogiereinigung zählen kann: O felix purae conscientiae jocunditas! quae vermem interiorem excludit, a carcere doloris liberat rationem, ab immunditia purgat m e n te m }26 Mit einem reinen Gewissen hä lt man allem Unbill s ta n d (wan div lu te r gew izzen is t chäne als ein levw e vnd starch in der widerwaerticheit:);127 und der Tod läß t sich ruhig e rw a rte n :128 A llso das ainen menschen nichts m er s tr a f t. als ob er y e tzu n d sterben so lt. das er niit m er w ü ste zu beichten / wann er hat sein conscientz gerainiget / m it rüwen und m it beychte / und nach em pßiger erfarnuß sein se lb s / m it rat g e le e rte r und erfarner le iitte ,129 Nur bei einem gereinigten Gewissen e rh ö rt G ott das Gebet der Menschen: ...das s y vor allen dingen betrachten, das y r g ew issen geraynigt und g ela u tert werd von den sündenn, wellen sy, das g o t dem herren ire werck genäm sein und erhört werden yn irem g e p e t.130 Beten h ilft (p r o d e s t) nu r dann, wenn es mit reinem Gewissen und D emut des Herzens geschieht: cum pura conscientia, cum cordis humilitate, quia si conscientia fuerit sorde prave voluntatis vel operis nevo polluta, si co r nostrum inani fuerit elatione repletum , oratio nostra apud Deum non recipitur, nec n o s te r animus exauditur.131 B erthold von Regensburg versp richt seinen H örern einen spiegelnden Lohn fü r ein reines Gewissen: Ie b e zze r gew izzen hie nidenan, ie lü terre sele dort 124 An den S c h m u tz e in e s Kerkers d e n k t Caesarius von A r les , Sermo 120,3, CCL 103, S. 503: e t ipse sibi carcer est, obsessus tenebris erroris sui, e t conscientiae squalore concretus... 125 Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 37. 126 A la n u s, Su m m a de arte p raedicato ria 14, PL 210,139A; ebd. 139B: Haec e s t paradisus deliciarum, variis arboribus bonorum operum consita, variis virtutum floribus picturata, fonte coelestis gratiae irrigata. Haec puritas conscientiae vitae aeternae e st imago , e t regni caelestis praefatio. Contra hanc mentis serenitatem, nihil p o te s t turbo fortunae: contra haec mentis propugnacula nihil valent mundi instrumenta. Qui habet puritatem conscientiae, in mediis doloribus gaudet, in mediis lamentationibus ridet, felix e s t in adversis. P s .-

A u g u s tin u s , Ad fr a tr e s in e re m o 10, PL 40,1252. 127 Bavngart, ed. UNGER, S. 278. Vgl. H u g o von St. Viktor, De arca N oe m ora li 111,8, PL 176,654D: Conscientia enim munda nullis adversis superari p o te s t, quia cum intus de Dei semper adjutorio quidquid adversi foris tolerat facile contemnit, et vincit.

confidit,

128 S p iegel der armen sü n d ig e n S e e le , ed. BOON, fo l. H l r: O wol ain sicher leben wa do is t ain raine gewisne / gebaitet wirt.

vnd des tods

011

forcht

129 Johann Geiler v o n K ais er sb er g, W erke, ed. BAUER, Bd. 2, S. 365. 130 U n t e r w e is u n g der Laien (WEIDENHILLER, U n t e r s u c h u n g e n , S. 159). 131 Richard von St. Viktor, Liber e x c e p t i o n u m 11,11,5, ed. CHATILLON, S. 447.

G e w is s e n

201

oben, ie lüterre gew izzen hie nidenan, ie groezer saelde, ie grcezer freude d ort obenan.132 Nur mit einem »reinen und klaren« Gewissen d a rf der C hrist die Kommunion em pfangen, wenn sie ihm nicht zum »Gericht« gereichen soll (vgl. 1 Kor. 11,29):133 Vnser leben sol ze allen Zeiten so gesta lt sin, daz wir mit raeiner gewizen mögen enphahen den heiligen gotes lichnamen134 W er dagegen mit unreinem Gewissen k om m uniziert,135 der gleicht dem Judas (was sich bei Heinrich von Melk gegen sündige P riester richtet): 302

nu verdampne wir alle Judam durch daz e r die phenninge nam unt verchoufet sinen herren: nu wie w elle wir sumlich eren, die sich so l her ta t hant gevlissen unt gen t m it unreiner gew izzen z e sinem tisce vil nach alle tage?136

Der Hinweis au f das »Verkaufen des Herrn« zielt auch im »Elucidarium« auf die Sünde der Simonie: Qui igitu r m ysterium passionis Christi pro favore humano e t pro tem porali lucro vendunt, quid aliud agunt quam Dominum tradunt? Cum vero sordidis manibus, e t pollu ta conscientia, illum tractare praesumunt, in cujus conspectu nec coeli mundi sunt (vgl. Hiob 15,15), quid aliud faciunt quam Dominum crucifigunt?137 Alle A rten von Sündenreinigung können sich auf das Gewissen (wie auf Seele, Herz usw.) beziehen. C hristi (O pfer-)B lut wird nach dem H ebräerbrief u n se r Gewissen von to te n W erken reinigen; Hebr. 9,14 emundabit conscientiam vestram ab operibus m ortuis (dazu Kap. XI,4b). Das Gewissen läßt sich von der Sünde reinigen138 mit Tränen der Reue,139 132 B e r th o ld von R e gen sb urg, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 260. 133 Vgl. Caesarius von A r le s, Se rm o 187, CCL 104, S. 763: ut in illo die cum pura et sincera conscientia, mundo corde et casto corpore ad altare domini possimus accedere, et corpus vel sanguinem eius non ad iudicium, sed ad remedium animae nostrae mereamur accipere.

134 Bavngart, ed. UNGER, S. 358; P s .- H u g o v on St. Viktor, M is c e lla n e a VI,23, PL 177,824A: ut conscientia sit pura. 135 W e r m it f a l s c h e m H er ze n und b e f l e c k t e m G e w is s e n kom m u n iz ie rte , sta rb innerhalb e in es Jahres; O t t o von Freising, Chron. VI,4, edd. HOFMEISTER - LAMMERS, S. 438: Fertur, quod ipso redeunte omnes, qui ficto corde et polluta conscientia ad mensam Do'mini accesserant, infra spacium anni mortui fuerint.

136 H einrich von M elk, P r ie ste r le b e n (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 275). 137 H o n o r iu s, Elucidarium 1,29, PL 172,1130AB. 138 Isidor, Sy nony m a 11,5, PL 83,846BC: A. cogitatione noxia custodi animam tuam, mentem tuam turpis cogitatio non subripiat; discerne cogitationes tuas, quid vites, quid facias; munda conscientiam tuam a peccato. 139 Z.B. G aufred us Babion ( P s .- H il d e b e r t ) , Se rm o 26, PL 171,467B: fletibus pravas conscientias lavate; eleemosynis peccata redimite.

202

B e g r i f fl ic h e s

guten W e rk e n 140 und se lb stv e rstä n d lic h durch die Beichte: Conscientiam m undat.U{ In einem »Lob der Keuschheit« geschieht dies durch die Scham haftigkeit {di schem ede): si reiniget uns di sanw itzikeid.142 Die vorösterliche F astenzeit kann zur Selbstreinigung g e n u tz t w erden, was eine frühnhd. Ü bersetzu ng der M aria-A egyptiaca-Legende als Reinigung des Gewissens versteht: do nachent die czeidt der heiligen vasten. Da raynigten si ir gew issen gegen der czeit der heiligen m a rter vnd vrsten d vnsers herren Ihesu Christi.143

f) G e d ä c h t n i s Insofern es an frühere Sünden erinnert, ist das Gedächtnis (memoria) des M enschen eng mit dem Gewissen verbunden (das es in der Lehre von den drei S eelenkräften repräsen tiert); es ist gleichfalls rein zu halten; Bernhard von Clairvaux: Sit etiam memoria sine sorde, ut nullum in ea peccatum maneat, quod non pura confessione e t dignis fructibus paenitentiae deleatur. Alioquin conscientiam , in qua peccatum la tet, e t voluntas odit, e t ratio exsecratur. Bonum proinde parat habitaculum Deo, cuius nec ratio decepta, nec voluntas perversa, nec memoria fuerit inquinata .144 Das durch schlech tes H andeln befleck te Gedächtnis wird durch eine Beichte gereinigt.145 »Schmutzige Erinnerungen« sind vor allem solche an (eigene und fremde) fleischliche Verfehlungen: Fateor hujus operis nefarii immundis recordationibus me saepe e sse com m otum e t incensum, ardores non m odicos e t inhonestos passum: e t non solum mearum delectationum mala memoria e t stu lta e recordationes mihi nocuere; s e d etiam aliorum m alefacta mihi narrata, e t p e r recordationes sordidas ad memoriam redu cta, co r meum non parvo veneno iniquitatis m aculavere,146 140 H u g o von St. V ik to r (?), M is c e l la n e a 11,67, PL 177,627D: ut prius p er studium boni operis mundetur conscientia, postea autem corde mundo Quaeratur sapientia.

141 H u g o Ripelin, Comp. VI,26, S. 225. V om ö f f e n t l i c h e n S ü n d en b e ­ k e n n tn is Pacianus, P araen esis 2, PL 13,1083B: conscientiae maculas recta et ordinaria confessione purgantibus.

142 J ohan nes Rothe, Lob der K e u sc h h e it 5362, ed. NEUM ANN, S. 150. 143 Leg en de , ed. KUNZE, S. 23; vgl. P aulus D ia c on u s, Vita s. Mariae A e g y p tia c a e 5, PL 73,675C: appropinquavit tempus, quando sacra jejunia Christianis traditum e st celebrare, et purificare divinae passionis diem resurrectionis salutationem.

seipsos

ob

144 Bernhard, In D e d ic a tio n e e c c le s i a e 2,3 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 5, S. 3 7 7 f .); vgl. P s.-Bernhard , T r a cta tu s de interiori d o m o 1,5, PL 184,510D: Dignum habitaculum parat Deo, cujus nec e s t ratio decepta, nec voluntas perversa , nec memoria inquinata. 145 Bernhard, De div ers is 113 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 6/1, S. 391): Prava operatio inquinat memoriam, dolosa intentio rationem vel mentem, impudica affectio voluntatem. Mundatur memoria p er con­ fessionem, mens p er lectionem, affectio vel voluntas p e r orationem.

146 P s.-B ernha rd , T r a cta tu s de interiori d o m o 2 0 ,4 0 , PL 184,529A.

G ed ä ch tnis /

Gedanken

203

2. G e d a n k e n , W o r t e , W e r k e a) G e d a n k e n »Unreine Gedanken« sind böse Gedanken, die auch dann als Sünde gelten, wenn sie nicht zu einer T atsü n de führen. Von solchen Gedanken­ sünden h ä lt ein g u te r M ensch sich frei (Sextussprüche: etiam in cogitationibus mundus e s t a pecca to).147 Sündhaftes Denken heißt »un­ rein« (immunda c og itatio,148 sordida co gita tio 149); en tsp re c h e n d kann die A ussage, »schlimme Gedanken tre n n e n von Gott« (Sap. 1,3), um das A ttrib u t »unrein« ergänzt w erden.1S0 Neben den schlim m en W erken führen die unrainen und die bösen gedaench zur Verdam m nis.151 Eine Begründung d afür läß t sich schon darin finden, daß G o tt als H erzens­ k enner auch das Denken nicht verborgen ist: cogitatio hominis deum non Jätet, et ideo cogitatio tua pura s it ab omni m alo.152 Niemand ist völlig frei von Gedankensünden; nur in C hristus findet sich diese Be­ fleckung nicht: In so lo autem m ediatore Dei e t hominum homine Iesu Christo spiritus perpetu o ueraciter m anet in quo nec sordidae cogitationis maculam quam refu lgeret ullam inuenit.153 Der »Ort« des unreinen Denkens is t das H erz,154 das davon b efreit werden soll: etiam a corde cogitatio inmunda resecatur.155 D rastisch e rk lä rt P eter von Blois das E n tste h e n der unreinen Gedanken als A us­ d ü n ste n aus einem stinkenden Herzen: Sane de corde impii quasi de coenoso lacu e t sca te n ti putredine immundae cogitation es exhalant, et peccatorum abom inationes horrendae sc a tu riu n t156 Auch der Geist ist sein U rsprung: Cogitatio quippe e s t quae m en tem , sicut turpis inquinat, 147 S e x t u s s p r ü c h e 181, ed. CHADWICK, S. 33. 148 Z.B. Gregor, Mor. 111,30,59, CCL 143, S. 152; vgl. P s .- H u g o v o n St. Viktor, M is c e l la n e a V,30, PL 177,761D: immunda cogitatione, supei — flua locutione, impura operatione.

149 Z.B. C aesarius von A r le s, Se rm o 90,3, CCL 103, S. 371; P s.-Bernha rd , T r a cta tu s de interiori d o m o 22,44, PL 184,531A: Ita Redemptor tuus moritur pro te: et tu nescio cujusmodi sordida cogitatione sordidaris in mente!

150 Bernhard, In die P e n t e c o s t e s 3,6 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 5, S. 174): Sed quia perversae et immundae cogitationes separant a Deo, orandum ut cor mundum creetur in nobis, quod utique fiet si spiritus rectus in nostris fuerit visceribus innovatus (vgl. Ps. 50,12).

151 P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 2, S. 167. Vgl. Predigten, ed. GRIES­ HABER, Bd. 2, S. 10: der sol och lazen die bösen un(d) die unrainen gedenke.

152 S e x t u s s p r ü c h e 57, ed. CHADWICK, S. 19. Vgl. H eilig e Reg el, ed. PRIEBSCH, S. 85: wan unserez herren oren zu allen ziten an unserem munde stein t und sin ougen an unser herze sehent, so sule wir unz reinigen an willen, an worten und an werken.

153 Beda, H om . 1,15, CCL 122, S. 109. 154 Vgl. St. G eo r gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 59: rainnen hertzen g ezim et wol rain gedänke.

155 Gregor, In I Reg. 1,26, CCL 144, S. 69. 156 Petrus von B lo is , Serm o 24, PL 207,630CD.

204

B e g r i ff l ic h e s

ita, si fuerit honesta, purificat. A ut si non ex cogitatione facies m entis e x istit, se d qualitas cogitationis ex mente; non sordidae cogitationes m entem sordidam reddunt, s e d ex m ente sordida sordidae cogitationes e x istu n t ,157 »Böse und üppige Gedanken«158 beflecken das H erz159 (di unreynen gedancken e ss beflecken).160 Schlimme Gedanken beflecken so g a r den Geist heiliger Menschen: Saepe namque sanctorum etiam virorum m e n te s, cogitationes illicitae polluunt; e t eas jam ad summa tenden tes, terrenarum rerum delectationibus tangunt .161 Allerdings be­ flecken unreine Gedanken n u r dann, wenn man Gefallen an ihnen findet: C ogitatio tamen immunda m entem non inquinat cum pulsat, nisi cum hanc sibi p e r delectationem subjugat.162 Den unreinen Gedanken, mit denen der Teufel uns anficht, sollen wir w iderstehen: Wir shullen och w iderstein allen sinen reiten und alle sinen bekorungen. Sin reht is t daz e r unz boze bekorunge und unreine gedanke ane werfe. Vnser reht is t daz wir im getruw elichen widerstein.163 W erden (etwa in Sündenkatalogen) verschiedene A rten schlim m er Gedanken aufgezählt, dann sind es m eist die unkeuschen, die beflecken: Inflant, ut superbae; elevant, ut vanae; perturbant, ut invidae; dissipant, ut iracundae: confundunt, ut acediosae; d isten du n t, ut ambitiosae; ligant, ut gulosae; inquinant, ut luxuriosae; contrahunt, ut tim idae; corrumpunt, ut m alitiosae.164 Bekennt der Beter der W ü rzbu rger Beichte, in unsubrun gidanchun gesündigt zu haben,165 dann sind damit gewiß

157 Julianus P om er ius, De vita c o n t e m p l a t iv a 111,6,2, PL 59,481AB. 158 Johann G eiler von K ais er sb er g, W erk e, ed. BAUER, Bd. 2, S.

536:

Wenn du feyrest unnd müsig bist / So hüt dich vor bösen und üppigen gedenken daz sy nit in dir (auch ain klain zeit C)J verharren / wann sy befleckend ainem menschen von stund an sein her tze . Es seien wölicherlay böser gedenk sy wöllen / hoffart / üppiger eer und unkeüschait / haß oder ainer anderlay laster. 159 Bavngart, ed. UNGER, S. 205: swenne wir willichlichen die gedanch in daz hertz nemen, die vns daz hertze maeiligent.

160 Johan nes R oth e, Lob der K e u sc h h e it 2637, ed. NE UM ANN, S. 75. 161 P s .- G re g o r, In 7 ps. p oe n it . 111,8, PL 79,572A. 162 P s.-B ern hard, T r a cta tu s de in teriori d o m o 22,47, PL 184,532D. Vgl. H u g o v on St. Viktor, De arca Noe m orali IV,8, PL 176.676D: Legimus sanctos viros non solum cogitasse , sed et locutos esse et scripsisse de rebus immundis quod utique non fecissent, si cogitationes rerum immundarum animam inquinarent. Nihil interest, quale sit illud quod cogitatur, sed qualis ex ipsa cogitatione affectus consequatur, quia cogitatio mentem non polluit, ubi delectatio conscientiam non corrumpit.

163 H e ilig e R egel, ed. PRIEBSCH, S. 8; als B e rn hard-Z itat ebd. S. 82. 164 P s.-Bern hard, T r a cta tu s de c o n s c i e n t ia 6,11, PL 184,559B; ebd.: His igitur exclusis mens purgatur, si sanctis cogitationibus jugiter ex ­ erceatur. Vgl. G eb ete und B e n e d ik tio n e n von Muri (Denkm äler, ed. WILHELM, S. 88): daz er (Christus) nit un(d) haz uon mir gichere. un(d) allin ubilin willin. daz er alle hohfart uon mir gifromide. un(d) mir giwarin m öt gebe daz er alle unreine gidanche un(d) ubile giluste. un(d) ubile rede uon mime geiste uirtribe. un(d) mir reine gidanche un(d) chusce rede gebe.

165 W ürz b u r ge r B e ic hte (Sp rac hd en km äler, ed. STEINMEYER, S. 316).

Gedanken

205

unkeusche Gedanken g em eint.166 Im Haus des H erzens soll Keuschheit an die Stelle des »unkeuschen und schm utzigen Denkens« tre te n : Locum quem in corde libidinosa e t sordida cogitatio tenebat, ca stitas o c c u p e t}67 Selbst diejenigen Menschen, die ihre Keuschheit G ott geweiht haben, beflecken m it ihrem unreinen Denken immer w ieder ihre Seele (Ecce om nipotenti Deo deuouimus c a stita tem nostram , se d si adhuc immunda cogitatio m entem inquinat, redeam us ad lacrimas) } 6& »Unreine Gedanken« können jedoch auch Fälle von Curiositas sein (etwa bei dem Problem, wie G ott sich in einer kleinen Hostie verbergen könne), welche die A ndacht w ährend der M esse s tö r e n .169 Wie »blaß« die »Unreinheit« bei Gedanken o ft ist, zeigt sich in Bild­ b rü ch en ,170 oder auch darin, daß »unreine (und reine) Gedanken« häufiger als Bedeutung bei M etaphern und Allegorien angegeben w ird.171 Der schlechte Samen, den der Teufel in den »Acker des Herzens« s ä t (vgl. Mt. 13,25): de sin t die bösen gelüste, de sint die unreinen gedenchen. de is t diu begierde nach unküsehe, de is t diu betrahtunge nach unrehtem g ü t e } 72 In einer tro po log ischen E x odus-D eutung bei Origenes sind die Ä gypter »schm utzige und unreine Gedanken«: exstinguit A egyptiu m , qui cogitationes sordidas e t impuras vel dep ellit ex corde vel omnino non r e c ip it} 73 In einer G enitivkonstruktion wird dies mit dem Motiv vom

166 Vgl. A b s a l o n von Sp rin giers ba ch , Se rm o 11, PL 211,72AB: Sunt autem tria genera, cogitationum quae praecipue adversus animas nostras militant. Aut enim sordidae et turpes sunt cogitationes cordis nostri, et habent originem a luxuria, aut res transitoriae nimis appetuntur vel retinentur, et habent originem ab avaricia, aut corda humana contra proximos inflantur vel supra eos eriguntur, et habent originem a superbia. »U n k e u sc h h e it« auch im K on tr ast zur äußeren R einlich ­

k e it (Schönheit?) M e is te r In gold , G o ld e n e s Sp iel, ed. SCHRÖDER, S. 65: Und das is t war das die aller süberlichesten frawen hand die unsuberlichsten, unlauterlichsten gedenck.

167 C aesarius von A rles, Se rm o 45,1, CCL 103, S. 201; OHLY, Art. »Haus«, Sp. 1003. 168 Gregor, In Ez. 11,8,19, CCL 142, S. 350. 169 H u g o von Trimberg, Renner 10963ff., ed. EHRISMANN, Bd. 2, S. 63f.; d o r t auch »w ilde Gedanken«; vgl. SCHUMACHER, Eyn meister, S. 362. 170 Z.B. Gregor, In I Reg. V,189, CCL 144, S. 538: si mens ad inmunda cogitanda labitur.

171 Gregor, In I Reg. V.196, CCL 144, S. 542

(zu 1 Sam. 15,3): Lac ergo paruulorum amalechitarum, tenuis cogitatio inmunditiae: quia si turpis p er cogitationem non pascitur, quasi negato sibi lacte paruuli necantur. »Reine Gedanken« z.B. W illiram , E x p o s itio , ed. BARTELMEZ, S. 4 (zu Cant. 1,14): Scöne bist tu an güoten uuerchon. s c ö n e b is t tu an reinen gedankon ; St. T ru dp erter H o h e s Lied 50,28-31, ed. MENHARDT, S. 179: die säligen sele die weidenent under den liligen (Cant. 4,5), daz chit: siv wejdenönt under den rainen gedanchen unde in den chüssken willen ; ebd. 113,32f., S. 250 (zu Cant. 7,4); Heinrich von H e s le r , A p o k a ly p s e 9 7 0 4 f., ed. HELM, S. 143: Die seitenspil suze luten Und duten luttern gedanc\ Predigten , ed. JEITTELES, S. 92: diu gimme der liehten wärheit und reiner gedanche.

172 P redigten , ed. GRIESHABER, Bd. 2, S. 41. 173 O rig e n e s, In Ex. hom. 5,5, GCS 29, S. 191.

206

B e g r i ff l ic h e s

»Lärm« verbunden;174 oder es ist kom biniert mit der M etapher des Feuers für die fleischliche Liebe, die durch das Blasen des unreinen Denkens au flodert: M ore etenim ignis, quo adtentius insu fflatu r, magis accenditur: quia, si fla tu s inmundae cogitationis deest, ardor libidinosae com m otionis adesse non p o t e s t .175 Ein G egenm ittel ist das »Zügeln«: cum caro digne p e r abstinentiam te ritu r e t m ens a cunctis inmundis cogitationibus refrenatu r ,176 In einer Predigt über die le tz te n Dinge bei James Joyce e n tsp re c h e n Sünden in Gedanken, W o rten und W erken einer dreifachen Verwundung Christi bei d er Passion: Every w ord o f sin is a wound in His ten d er side. Every sinful act is a thorn piercing his head. Every impure thought, deliberately yie ld e d to, is a keen lance transfixing that sacred and loving h e a r t} 77 Heinrichs »Litanei« b i tte t den Herrn, seine Knechte zu erlösen, 1351

von geistlichen unzuhten, von scanden unde von suhtin, von unreinen gedanken, von den glundigen vanken, di diz fl ei sc hur liehe in tzu n den t,178

b) W o r t e ( R e d e n u n d L i e d e r ) W as aus dem Herzen durch den Mund h e ra u s tritt, das m acht den M enschen unrein (Mt. 15,18 quae autem procedunt de ore de corde exeunt e t ea coinquinant hominem). Aus einem unreinen Herzen hervor­ gehende Reden sind s e lb s t »unrein«. Das g ilt einmal für die »Sünden des Mundes« wie Lüge, Meineid, üble Nachrede, falsches Zeugnis usw. (dazu Kap. III,2,b). Es gilt zudem fü r das Reden über »unreine« Materien, das andere M enschen zur Sünde verleitet. Isidor b e stim m t (nach Varro) das Schw ätzen als viel oder »schmutzig« Reden.179 Die colloquia mala von 1 Kor. 15,33 werden als »unreine Reden« verstanden: unsaubre wort wüesten g u ete s i t .180 Sie haben sch lechte S itten zu r Folge: 5194

van dem auch sante Pawel spricht: ein unkusche rede saltu nicht

174 Gregor, Mor. V,31,55, CCL 143, S. 257:

Quibus plerumque contingit ut quanto securius ab externis actionibus cessant , tanto latius immundae in se cogitationis strepitum p er otium congerant.

175 176 177 178 179

Gregor, In I Reg. VI,4, CCL 144, S. 551. Gregor, In I Reg. V,189, CCL 144, S. 538, Joyce, Portrait, S. 123. H einrich s Litanei (D ic htu n gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 234-236). Isidor, D iff. 1,267, PL 83,38A: Loquitur qui recte et temperanter dicit; garrit qui aut multa verba dicit, aut sordide loquitur.

180 H ans Vin tler, P lu em e n 9129, ed. ZINGERLE, S. 30 4.

W orte

207

uss dime munde oppecklichen lassen, wan si di zuch t unnd kuscheid vorwassen. num m er werde geh ört di unkuscheid unnd ander g etu sch der unreynikeid, wan bösen reden volgen mede la s te r unnd auch bose sed e.18{ »Schmutzige W orte« w erden m eist »unkeusche« Reden meinen, die zur »Unreinheit« verfü hren ;182 sie verunreinigen, was die Gnade gereinigt h a tt e .183 So w ollte Paulus nach T ertullian nicht, daß man sich auch nur durchs W o rt beflecke {qui nec uerbo p o llu i uolens), als er fo rderte, von U nzucht solle nicht einmal die Rede sein (Eph. 5,3; 4,29).184 Ein jun ger Mensch wird erm ahnt: 400 ,5 2

hab ach g ew a lt deinr zungen und lass s y kain unrain schedlich w ort vallen pringen,185

Bei Horaz {aut inmunda erepent ignominiosaque dicta)186 ist wohl an unanständige W itze gedacht. Reinmar von Z w eter sprich t von unreinem Spott, der die E intrach t u n te r den M enschen zerstöre: Got sinen vride gap al der w erlt gemeine; den brichestü m it dinem s p o tte unreine!167 S elbst dann, wenn man seinen S p o tt nicht böse meint, geschieht er doch nicht ohne Sündenmakel: Quamvis vero m u lti irrisiones non serio faciant, tamen sine peccati macula has nullatenus peragunt.168 Auch wenn s o n s t Schlimmes ohne böse Absicht geredet wird, geht es nicht ohne Sünde ab. Im m onastischen Bereich soll nur ü b er G o tt gesprochen werden; jedes w eltliche Reden ist schädlich: Redent si aber von der werlt, so wirt div minne vnsvber vnd vraeislich.189 K lo sterleu te w erden daran erinnert, daß schon das H ören e itle r Reden beflecke, zumal es schnell zur Sün d en tat führen könne: Vanus serm o cito p o llu it m entem, 181 Joh an n e s Rothe, Lob der K eu sc h h e it , ed. NEUM ANN, S. 146. 182 Vgl. S p iegel de s Sünd ers, ed. BROEK, S. 227: Item hastu vnkeüsche wort od(er) weis vor den leüten außgeczogen dardurch dich vnd ander letit zi5 der begirde der vnlauterkeyt gereyczet, Es is t dir schwäi— liehen tödtlich. 183 Caesarius von A r le s , Se rm o 127,5, CCL 103, S. 523: Quid e s t , in vacuum gratiam dei recipere (vgl. 2 Kor. 6,1), nisi quod mundavit sordidis cogitationibus polluere, et luxuriosis sermonibus inquinare?

184 Tertu lli an, De pu dicitia 17,lSf., CCL 2, S. 1316f. 185 M ichel Beheim, G ed ichte, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 3/1, S. 142. 186 Horaz, De arte p o e tic a 247, edd. FÄRBER - SCHÖNE, S. 244; d ort (S. 245) die Ü b er se tzu n g : »nie un sau bere und scha ndb are W i tz e la ut w e rd en la sse n « . 187 Reinmar von Z w e ter , G ed ichte 212,7 f . , ed. ROETHE, S. 515. 188 T hie tm ar von M er se bu rg , Chron. 111,6, edd. HOLTZMANN - TRILLMICH, S. 90. 189 Bavngart, ed. UNGER, S. 219.

208

B e g r i f fl ic h e s

e t facile agitur quod lib en ter auditur.190 Beim Vielreden191 b e s te h t immer diese Gefahr, was ein gegen das L aster der G eschw ätzigkeit (und zum Lob des Schweigens)192 häufig a n g efüh rtes Bibel w o rt fe s th ä lt; Prov. 10,19 in m ultiloquio non deerit peccatum . Konrad von M egenberg e rs e tz t »Sünde« bei der Ü b ertragung ohne w eiteres durch einen Ausdruck der Befleckungsm etaphorik: wan viel reden is t niht an m ail. 193 David von A ugsburg zählt ausführlich auf, was aus G eschw ätzigkeit erwachse: Sic qui p e r censuram silentii non »ponit ori suo custodiam « (Ps. 140,3), freq u en ter im m undatur sorde illicitorum verborum: mendaciis, m aledictis, detractionibus, turpiloquiis, iactantiis, scu rillitatibu s et sim ilibus.194 Johnnes der T äufer war dagegen nicht m it der »Schuld der G eschw ätzig­ keit« befleckt, da e r die W ü ste nicht verließ: Quid de conuersatione sua offendere p o tu it qui de eremo non recessit? Quid illum loquacitatis reatu s po llu it qui disiunctus longe ab hominibus fu it? 195

Lieder Populären Liedern, insbesondere Liebesliedern, wird von Predigern gern u n te r s te llt, sü n d h a ft oder gar teu flisc h zu sein.196 Auch in der »Alt­ sächsischen Beichte« b ek en nt der Beter, »heidnische und unreine Gesänge« g e h ö rt zu haben: Jk gihorda hethinnussia endi unhrenia se sp ilo n .197 Sie gelten als beson ders verführerisch; A lbrecht von Eyb: W ollu st der oren k o m pt auß reden vnd gesangen / die is t m it sünden als die w o llu st der äugen / wann w eltliche vnlautere gedieht vnd gesang / bewegen den menschen zu vnkeüschait vnd sünden / vnd füren jn wo s y hyn w ö lle n 198

190 T h om as von F roidm ont, Liber de m o d o ben e vivendi 30,90, PL 184, 1254D; P s.-Bernha rd , T r a cta tu s de interiori d o m o 24,50, PL 184,533D; P s .- A n s e lm , E x h o r ta tio ad c o n t e m p t u m te m p o ra liu m , PL 156,685B; vgl. Pirmin, S carapsu s 18, ed. ENGELMANN, S. 48. 191 Dazu HANS-GERD INGENKAMP, Art. » G e s c h w ä tz ig k e it« (RAC 10, Sp. 829-837). 192 Vgl. Id ste in e r Sprüche der Vä te r 2 (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 1, S. 79): Reines menscen cusce muot swiginde seldin ubil duot. du habis ni so reinen gedanc, claffis du fila, er wird cranc; RUBERG, S c h w eig e n , S. 31. 193 Konrad von M eg e n b er g, Buch der Natur, ed. PFEIFFER, S. 115; vgl. T h om as von Cantimp re, De nat. rer. IV,1, ed. BOESE, S. 102. Zur S t e l l e s o n s t RUBERG, S c h w eig e n , S. 76f. 194 David von A u g sb u rg , De c om p. 111,17,1, S. 194. 195 Gregor, Mor. 111,7,11, CCL 143, S. 120. 196 Z.B. Caesarius von A r les , Serm o 6,3, CCL 103, S. 32: Quam multi rustici et quam multae mulieres rusticanae cantica diabolica amatoria et turpia memoriter retinent et ore decantant! GURJEWITSCH, V o l k s kultur, S. 38. Vgl. Caesarius, Se rm o 13,4, S. 67: Considerate tamen, fratres, si iustum e st ut ex ore christiano, ubi corpus Christi ingreditur, luxuriosum canticum quasi uenenum diaboli proferatur.

Zum Pro b lem auch SCHMIDTKE, Liebeslyrik. 197 S ä c h s is c h e B eichte (Sprac hd en km äler, ed. STEINMEYER, S. 319). 198 A lb r e c h t von Eyb, Sp ie ge l, ed. KLECHA, S. 101.

W or te

209

Gebet »Rein« hat insbesondere das Sprechen mit G o tt zu sein. Ein reines199 (im D eutschen auch »lauteres«)200 Gebet ist ein solches, das nicht durch überflüssig e Gedanken g e s tö r t wird: Pura e s t oratio, quando in suo tem pore superfluae cogitationes non conturbant.201 Es zeichnet sich nicht durch W ortsch w all aus, da G ott, ins Herz schaut: Oratio ergo quae Deo o ffe rtu r debet e sse pura e t ex gem itu cordis probata, non in stre p itu vocis exuberans, quia homo videt in facie, Deus autem in tu etu r cor (1 Sam. 16,7LXX; dazu Kap. VI,2c).202 Es ist nicht durch »schmutzige Gedanken« verunreinigt: Sic enim puritas orantis accipitur, si nullis cogitationum sordibus polluatu r.203 Vor allem ist es vollständig auf G ott hin au sgerichtet; als der Engel Gabriel zu Maria kam, war diese keineswegs mit w eltlichen Dingen beschäftig t, 317

Denne das s y was alain In irem g e b e tte rain Und in ir gedencknussz Nauch Got m it gantzem lu ste .204f

Eine Nonne hingegen, die beim Beten an jemand anderen als an ihren Bräutigam G o tt denkt, verunreinigt ihr Gebet: 258,72

also is t ir p e t t gem aillet daz se w spricht zu aller zeit, dw weil ir h ertz p e y enem 1eit 205

Auch ohne Reue über die eigenen Sünden ist ein Gebet »unrein« {Sand Augustin): W er nit re w hat über sein sundt, der hat kain la u tte rs g ep ett. 199 P rie st er Arn old , Loblied auf den H eilig e n G eis t 16,10 (Dichtun gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 64): ir gebet daz was reine; P rie st er Wernher, Maria, edd. WESLE - FROMM, S. 34f.: din reinez gebet; Predigten, ed. JEITTELES, S. 11, 61, 70, 129, vgl. S. 19; B erth old , Predigten, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 4: wie gar ein reinez gebet; Michel Beheim, G ed ichte 158,49, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 2, S. 44: das rain gepet; Abraham a Santa Clara, W erke, ed. BERTSCHE, Bd. 1, S. 305: mues sein rein, wie g w e s t das g e b e tt Joseph. 200 S p e c u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 108: mit simme luteren g ebete; St. Trud perte r H o h e s Lied 32,6f., ed. MENHARDT, S. 158: das lüthere gebet; Bavngart, ed. UNGER, S. 231: luter gebet; vgl. adverbial Tilo von Kulm, Von si ben i n g e s i g e l n 4 8 5 f., ed. KOCHENDÖRFFER, S. 8: 5uä si noch zu Gote te t Luterlichen ir gebet. 201 T h om a s von F roidm ont, Liber de m o d o be ne vivendi 49,117, PL 184,1271C. 202 Hraban, Hom . de f e s t i s 49, PL 110,91B. 203 C a s sio d o r , In ps. 65,18, CCL 97, S. 579. Vgl. G ün ther von Pairis, De or atio n e, jejunio e t e l e e m o s y n a XI,6, PL 212,206A: Castimoniam quo­ que oranti adesse conveniens et pulchrum est, ut pura et munda Deo pra esentetur oratio, quia nihil turpius e s t quam orationis puritatem libidinis feditate polluere.

204 Konrad v on H e l m s d o r f, S p ie ge l, ed. LINDQVIST, S. 8. 205 Heinrich der Teichner, G ed ichte, ed. NIEWÖHNER, Bd. 1, S. 28S.

210

B e g r i f f l ic h e s

Haben wir nun unser leben verunraint m it sunden nach dem tauff, so lat uns unser g ew issen tauffen m it haissen zächern.206 Den Armen Seelen im Fegefeuer k o m m t nur ein Gebet zur Hilfe, daz g u te r zungen g e lit sprichet ane sunden ro u c h 207 »Rein« ist ein häufiges A ttrib u t eines vollkom m enen Gebetes. Dies wird deutlich bei vielen D eutungen des Gebetes als O pfer {Si puras et Deo mundas cotidie studeam us orationes offerre) 208 die auch als m e ta ­ phorische Steigerung fo rm u lie rt sein können: »Denn b e ss e r als alle O pfer ist das reine Gebet.«209 An die Spiritualisierung des O pfers als Gebet in den Psalmen (z.B. Ps. 140,2 dirigatur oratio mea sicut incensum in conspectu tuo) ließ sich bei der D eutung des »Weihrauchs« (z.B. als eine der Magiergaben) anknüpfen: is t unser g e b e t reine. so brenge wir den wirüch, und da von spricht her David: D irigatur oratio mea etc. herre, mine g e b e t daz käm e vur dich als ein wirüch.210 Ü ber die A ssoziation sk e tte »Weihrauch — O pfer — Gebet« kom m t die A llegorese zum »reinen Gebet« auch von E rw ähnungen des W eihrauchs in der Schrift, an denen nicht von einem O pfer die Rede ist; so e tw a bei dem »W eihrauchhügel« von Cant. 4,6: unte die der och m ir Opfer bringent des diemüotigen unte des reinen g e b e te s.2n Ein »reines Gebet« vermag sehr viel: Davon spricht Sant Gregorius: Magna e s t virtus pure orationis. — Gross is t die craft des lutren g e b e tte s .212 Neben Fasten und A lm osen h at es als Bußwerk sü n den­ tilgende K raft (dazu Kap. XI,2c): Uon div enmegen wir niemir z v g o te chomin nie wan m it vastin vnde m it lüterim g e b e t, m it reinime alm osin.213 Zusam m en mit dem A lmosen ist es eine tägliche Buße fü r unsere tä g ­ lichen Sünden.214 Es d rü c k t den H ochm ut nieder: Das rein g e b e t is t so guet, Es druchet vast uberm uot.21s 206 Jo han nes von In ders dorf, V on dreierlei W e s e n , ed. HAAGE, S. 303; vgl. S. 82. 207 Das P a ss io n al 5 8 4 ,36f., ed. KÖPKE. 208 Petrus Damiani, Se rm o 8,5, CCCM 57, S. 48. 209 Ap hrahat, U n t e r w e is u n g e n 4,18, dt. BRUNS, S. 153. 210 P re digten, ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 91; vgl. ebd. S. 179: bi dem wirouche is t uns bezeichent daz reine gebeth.

211 W illira m , E x p o s itio , ed. BARTELMEZ, S. 14; vgl. St. Trud perte r H o h e s Lied 51,13f., ed. MENHARDT, S. 179: daz sint die mir ge be t bringent uon deme luteren unde uon deme rainin herzen.

212 Johan nes Pauli, Predigten , ed. WARNOCK, S. 49, w o die S t e l l e bei Bernhardin von Siena n a c h g e w i e s e n wird, der sie w ie d e ru m A u g u s tin u s z u sc hrieb . Vgl. z.B. Beda, Hom . 1,22, CCL 122, S. 160: Multum autem iuuat orationis puritas.

213 S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 63. 214 Predigten, ed. SCHÖNBACH, Bd. 3, S. 34: wan er daz wol waiz daz wir von Cinser brödecheit leider taegeliches m issetuon , von danne so hat er üns och taegeliche buoze g ese tze t, daz is t daz reine gebet und is t daz heilige almuosen. Vgl. M ichel Beheim, G ed ichte 198,135f., edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 2, S. 209: Das sol mit iren rain gep et und allmusen werden p es te t.

215 H einrich von Burgeis, Der S e e le Rat 2415, ed. D ort a u s f ü h r lic h zur Wirkung d e s G eb ete s.

ROSENFELD,

S.

46.

Worte

211

Beichte »Reinheit« g e h ö rt zu den — o ft k a talo gartig au fgezählten — n o t­ wendigen Eigenschaften einer Beichte (pro p rieta tes confessionis)216 und ihrer Fähigkeit zur Sündentilgung: Nulla e s t enim tam gravis culpa, quae non habeat veniam p e r puram c o n fe ssio n e m 217 W eit v erbreitet w aren die Verse Poeniteas cito (von Johannes von Garlandia?), die dem Mem orieren dieser E igenschaften der Beichte dienten: Vera sit, integra sit, e t s it confessio munda Sit scita, firma, frequens, humilis, spontanea, nuda, Propria, discreta, lacrimosa, morosa, fid elis.218 G efo rdert ist ein aufrichtiges Bekenntnis, weshalb die Beichte lateinisch m eist pura con fessio g enannt wird. Neben »reiner Beichte«219 heißt sie auch im D eutschen vor allem »lautere Beichte«;220 etw a bei Berthold von Regensburg: so gew innet hiute wären riuwen unde kum et z e lü te rr bihte und enphähet buoze nach gnaden unde nach iuwern sta te n .221 O der in einer anonymen Predigt: durch daz so wil er daz wir vns verzien vnser sünden. vnd sine genade süchen m it warer rüwen. m it lü te r bicht. vnd m it wirdiger vnd genedichlicher büze.222 W enn man alle U m stände des Slindigens ehrlich beichtet, so is t din biht lü te r un(d) rain 223 E rgänzt

216 B e le g e bei Petrus von P oitie rs , C om p ila tio p r a e se n s, CCCM 51, S. 4-7 App. 217 P s.-Bern ha rd, T r actatu s de interiori do m o 21,43, PL 184,530C. 218 (P s.-P e tr u s von Blois,) De P o en it e n tia (P oen ite as c ito), PL 207,1153CD; WEIDENHILLER, U n te r s u c h u n g e n , S. 196, m it einer d e u t s c h e n F assu ng ; dort (S. 193) auch die d e u t s c h e n Verse: Dein peicht sey diemiitig, andachtig, schemig und war, willig, glaubhaft, ganz und da r. V e rs ch ie d en e V e rs io n e n bei ADOLPH FRANZ, Drei d e u ts c h e

219 220

221 222 223

M in o rite npredig er aus de m XIII. und XIV. Jahrhundert, Freiburg 1907; zur V e r f a s s e r f r a g e FRANZ JOSEF WORSTBROCK, Art. »Johannes de Garlandia« (VL 24, Sp. 612-623) Sp. 619ff. P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 210: m it warer rüwe irre sunden und mit reiner biht und mit wirdiger buoze; ebd. S. 50. Z.B. W ürzburger B eichte (Sprachdenkm äler, ed. STEINMEYER, S. 317): in luttero bigihiti; K lo s te r n e u b u r g e r G eb et (ebd. S. 181): mit lutero biicht; S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 63: div rehte riwe, div durnahtige bicherde, div lutere bihte , div raine vaste; B e rth o ld von R e gen sb urg, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 72, 333, 380, 387, 426, 499, 550, 566; ebd. Bd. 2, S. 235: mit luterre bihte; Predigten, ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 221: mit warer rüwe uwerre sünden, mit luterer bicht und mit wirdiger büze; ebd. S. 94, 242, 246; Predigten, ed. LEYSER, S. 102: habt ir wäre rüwe vmme üwere svnde vnd tv t ir latere bicht vnd büzze die man setzet; Predigten, ed. GRIESHABER, Bd. 1, S. 155: son wir uns beraiten mit ainer lüter bihte. un(d) mit ändern güten werchen; Predigten , ed. HOFFMANN, S. 106, 110, 112; H erm ann von Sac h sen h e im , Der g o l d e n e T e m pe l 1318, ed. MARTIN, S. 271: Mit lu ter bicht, gancz ruw. B e r th o ld von R e gen sb urg, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 328. Predigten , ed. LEYSER, S. 127. Pre digten , ed. GRIESHABER, Bd. 2, S. 72.

212

B e g r i f fl ic h e s

w erden kann »lauter« um das A ttrib u t »wahr«.224 Häufig findet sich adverbialer G ebrauch:225 ir s u lt ouch wizzen daz daz himelriche nieman en tph et sunder den sine sunde rüw ent und die lüterliche b ichtet und die b uzet nach genaden und nach rech te und sich m it guten werken wol g ezieret hat.226 Solches Beichten ist schon m ehr als die halbe Genug­ tuung: wan swenne der sünder lüterlichen gebih tot. zehant so hat er sin sünde me e t halbe ge b u e ze t.227 Der Teichner reimt: aber dü da bichten rain, der is t in d er hell enkain 228 Jo ha n n e sN lo th e : do din bichte lutterlich, so werret dir nichte!229 Eine Begründung fü r diese Bezeichnung gibt B erthold von Regens­ burg: Dü s o lt alle dine sünde sagen lüterliche unde gar: da von h eizet ez lü te r bihte 230 Eine Beichte m it H intergedanken wäre nicht »lauter«.231 Item s it pura sine duplicitate vel tergiversatione sine ferm en to vel e x ­ cusationis, vel malitiae, non faciat ibi perizom ata cum prim is parentibus 232 Sie is t frei von einer Beimischung von Falschheit, Heuchelei oder S e lb st­ rechtfertigu ng : pure, id e s t sine adm ixtione falsita tis, sim ulationis, e t excusa tio n is 233 Von der V orstellu n g der »Beimischung« abgesehen, die an unreine M etalle oder W a sse r denken lassen könnte, klingt M etaphorisches am eh e ste n noch in A nalogieargum enten wie »durch reine Beichte wird man rein« an. die la uterkeit des gew issen s vn(d) reynigkeyt des h ertzen s zu d(er) man zu dem vordersten vn(d) aller m e y st durch die la u ter war gan tz vn(d) volkom(m)en beicht d(er) sünden ko(m)men m ag .234 Die Rein­ heit einer Beichte ist V oraussetzung dafür, daß sie (nach der Taufe) von Sünden zu reinigen vermag: als wir in der to u fe würden gewaschen von den sünden da wir m it würden geborn, also werde wir m it der bicht von 224 Kaufringer, W erk e 27,144, ed. SAPPLER, S. 255: mit der peicht lauter und war. vgl. H on o r iu s, S p e c u lu m E c c le sia e , PL 172,879B: per puram confessionem et p er veram poenitentiam.

225 P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 232: daz ir rüwe entphat umme üwere sünde und die lüterliche bichtet und entphet büze; B e rth o ld vo n R e g en sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 194: daz ir lütei — liehen bihten sult alle iuwer sünde; ebd. S. 342; Johann Geiler von K ais er sb er g, W erke, ed. BAUER, Bd. 2, S. 465: da ain mensch alle seyne sünd lautterlichen beichtet, on alle deckmentelin ; A d elh e id Langmann, O ffen b a r u n g e n , ed. STRAUCH, S. 52: leuterlich gepeicht. 226 Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 210. 227 P redigten , ed. GRIESHABER, Bd. 2, S. 72 (als Paraphrase de s Z it ats Confessio peccatoris e st maxima pars satisfactionis ) . 228 Heinrich der Teichn er, G ed ichte 584,101f., ed. NIEWÖHNER, Bd. 3, S. 122. 229 J ohan nes Roth e, Lob der K eu sc h h e it 4 4 6 6 f . , ed. NEUM ANN, S. 126. 230 B e r th o ld von R e gen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 350. 231 P redigten , ed. GRIESHABER, Bd. 2, S. 67: Ist aber , de du vor osteron bihtost. un(d) de du also gedenchest. Ja. kum ich nach osteron. de ich denne da vor han getan de tün ich hin nach aber, sich gedenchestu also so ist din biht niht lüter.

232 W i lh e l m von A u ver gne (?), Tract. n ovu s de p o e n it . 23, S. 242. 233 A b s a l o n von Sp ringiers ba ch, Se rm o 29, PL 211,171C. 234 Sp ie ge l d e s Sünd ers, ed. BROEK, S. 159.

W erk e

213

tegelichen sünden gereinigit, ob si Jäter und rein is t.235 Mit »lauterer« Beichte soll man das Herz reinigen: Nu reinint iw er herze uon allir slah t achuste, m it lutirre bihte, m it warin riwen aller iw er sundi, m it reh tir büzzi, daz ir inphahen m ü zzit den heiligin g e ist 236 Als Feind der Reinheit (dazu Kap. III,la »Gott liebt die Reinheit») versu ch t der Teufel m it seinen Listen, eine »lautere Beichte« zu verhindern, indem e r den M enschen dazu bringt, die Sünden in der Beichte zu beschönigen: wan(n) d(er) teu fel m ag nit erleide(n) die dem ütigkeit einer lautere(n) beicht. als d(er) h o ffertig vn(d) neidig te u fe l. wan(n) er is t ein veind aller dem ütigkeit vnd reynigkeit 237 c) W e r k e Inso fern sie sich nicht auf Gedanken oder W orte beschränken, geht es bei Sünden um schlimme Taten, weshalb ein großer Teil dieses Buches von »unreinen Werken« handelt. Diese beflecken den M enschen (sein Gewissen, sein Herz usw.); z.B. die Juden, die sih iu beuuullan m it unsuberen uuerchan 236 Sie können wie ein u n m etap h orisch er Ausdruck mit einer anderen Bildlichkeit verbunden werden; bei Gregor etw a mit der des Fallens: unde nunc uel p e r immunda opera labitur, uel p e r cogitation es illicitas f o e d a tu r 239 »Reine W erke«240 m eint nicht w e rtn e u tra le s Handeln; es sind viel­ m ehr »gute W erke«,241 die in re c h te r A bsicht geschehen (daz sin t diu reinen were vil guot, diu man durch g o t alhie tu o t).24f2 Vor allem 235 Pre digten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 291. Reinheit a lle in reich t fr ei­ lic h nicht; P s .- H u g o v on Viktor, M is c e lla n e a VI,100, PL 177,857CD: Fideliter, ut in fide Ecclesiae credat sibi peccata dimitti, quia Cain et Judas pure et humiliter confessi sunt, sed non fideliter.

236 S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 79. Vgl. P s .-B ernhard, M e d it a t io n e s p iiss im a e 7,20, PL 184,498A: Munda ergo illud (cor tuum) p er puram confessionem et assiduam orationem, ut mundo corde Deum videre p ossis p er continuam Dei circumspectionem. 237 S p iegel d e s Sünd ers, ed. BROEK, S. 188; ebd.: vnd darumb ist kei(n) sicher, besser vn(d) leicht(er) weg. empfliehen die anuechtung der hoffart vnd vnlauterkeit. wann all lästerlich vnrein vnnd vnlauter gedenck. mit iren zülau f f enden oder züuallenden anuechtunge(n) des leibs od(er) gemüts. klar, vnd laut(er). demütig lieh vor de(m) beichtuatter sagen, vnd dz als dick thün. so dick vn(d) o fft sich sollich gedenck in dem menschen vernewen. Vgl. B e rth o ld von R egen sb urg,

edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 3 42 -3 4 5 . 238 P h y s io lo g u s , ed. MAURER, S. 94. 239 Gregor, Mor. VIII,10,22, CCL 143, S. 398. 24 0 H u g o von Trimberg, Renner 565, ed. EHRISMANN, Bd. 1, S. 23: reiniu werc\ ebd. 784, S. 32; T ilo von Kulm, Von si b e n In g e s ig e l n 4936, ed. KOCHENDÖRFFER, S. 77; Predigten , ed. LEYSER, S. 131: daz die werk reine vnd güt sin\ Pred igten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 116: güte werk und reine werk ; Pred igten , ed. JEITTELES, S. 135: ein Spiegel reiner werche.

241 Vgl. H einr ich der Teichner, G ed ichte 218,13f., ed. NIEWÖHNER, Bd. 1, S. 242: so is t dw chausch ein grünt stain aller guten werch rain. 242 R u d o lf von E m s, Barlaam und J o sa p h a t 5015f., ed. PFEIFFER, Sp. 126.

214

B e g r i f f l ic h e s

geschehen sie nicht in der Absicht, d afü r gelo b t zu w erden,243 was als E itelkeit oder Heuchelei die W erke beflecken würde. Der H euchler will sein W issen nicht durch reines H andeln ergänzen: Pro eo quod non agit quae nouit, etiam hoc quod nouit a m ittit, ut quia scientiae suae puram operationem non sociat, contem pta p u rita te boni operis e t scientiam p e rd a t ,244 Die W erke der Pharisäer sind unrein (vgl. Mt. 23,3): 6191

ir su lt volgen ir w orten niht ir werken, wand unreine s i sint, dem tievel lieb al eine.24,5

Geiler von Kaisersberg nenn t drei Gründe für das Beflecken von-W erken: Was macht daz unsre werk nit rain la u ter und glaß schön beleybent? es is t davon / daz ain mensch sein werk aintw eders tu t auß lu s t und anmüt / so e r im werk hat / oder tu t s y uß aignem willen / oder aber es tringt ain üppigkait damit ein / daz er will gesehen werden und ändern menschen dam it gefallen, oder es g e fa llt im s e lb e r 246 Bei M arquard von Lindau fra g t der iänger, wie er sich v erhalten solle, dam it seine W erke von üppiger ere icht verm äyligt würden,247 Selb st W erke, die in g u te r A bsicht geschehen, können b e fle c k t werden, und zw ar von anderen schlech ten W erken: Got sind nicht dancknäm div güten werch, div gem ischet vnd gem ayligt sind m it den Vbeln.248 Dies besag t, daß es nicht ausreiche, gute W erke zu tun, wenn man von den schlech ten nicht lassen will. Gregor e r lä u te r t dies an dem Hiobvers 1,1, nach dem Hiob G o tt fü rc h te te und das llbel mied; beides sei notwendig: Neque enim bona Deo accepta sunt quae ante eis oculos malorum adm istione m aculantur.249 H ierauf bezieht man sich bei dem Gedanken vom Beflecken g u te r Werke durch schlechte auch son st: A lse da gescribin s ta t. Qvi ingreditur sine macula, e t operatur iusticiam (Ps. 14,2). dar zvo sprichit sanctus gregorius. Nec bona adeo accipiuntur, que ante oculos dei malorum adm ixtione maculantur. Daz quit alsus. Die g v o tta te helfint niw et umbe got. die man tagelich m ischit m it vbeln werkin.250 Bei der Ü bertrag un g ins D eutsche ging hier die Befleckungsm etaphorik verloren. 243 Vgl. H eilig e R egel, ed. PRIEBSCH, S. 7: Swer Gote getruweliche dinet und und alle und

alle sine gute werk luterliche thut durch die libe unserz heren kein menshelichen lob da vone shuchet, deme gibt unser here di dink zu tun da mit her bihalden mag werden beide an lieb an seien.

244 Gregor, Mor. X V ,14,17, CCL 143A, S. 757f. 245 Bruder Philipp. M arien leb en , ed. RÜCKERT, S. 168. 246 Johann Geiler von K aiser sb er g, W erke, ed. BAUER, Bd. 2, S. 340. Vgl. Arndt, C h r iste n tu m 1,33,7, S. 129: Denn wo deine Werke mit eigener Ehre, Liebe, Lob und Mutz beflecket sind, vor GOtt, und wenn's die höchsten Gaben wären.

247 248 249 250

Marquard von Bavngart, ed. Gregor, Mor. Predigten , ed.

taugt es

nichts

Lindau, Buch der z eh n G eb ote, ed. VAN MAREN, S. 130. UNGER, S. 326. 1,3,3, CCL 143, S. 26f. WACKERNAGEL, S. 19.

V. Personen 1. G o t t , E n g e l u n d D ä m o n e n a) G o t t Als in h ö ch stem Maße vollkom m en ist G ott in jeder H insicht heilig und »rein«. Er heißt Got der reyne1 oder Got der vil reine.2 Jesus ver­ lan gt vom Satan, nur den »reinen« G ott anzubeten (vgl. Mt. 4,10): du s o lt anbiten den rainen g o t herren altersainen.3 Heinrich, der D ichter der »Litanei«, sprich t G ott an als: ew iger vater r e in e 4 Bekannt und v ieldiskutiert ist der Beginn des E ingangsgebets von W olfram s »Wille­ halm«: 1,1

Ane valsch du reiner, du dri unt doch einer, schepfaere über alle g esch a ft...5

W enn es auch von keiner V orstellun g oder Definition der »Sünde« her denkbar wäre, daß G o tt eine Sünde beginge — gegen wen so llte sie sich richten? —, so kann G o tt doch ausdrücklich »rein von Sünden« heißen: Got, du b ist alleine Von allen sunden reine.6 Im Falle des G o tt­ m enschen C hristus wäre die A ussage verständlich und sinnvoll, da er in seiner m enschlichen N atur prinzipiell h ä tte sündigen können. Zwar lassen sich A ttrib u te einzelner g ö ttlic h e r Personen auf die ganze Trinität ü b e r­ tra g e n (und um g ek eh rt),7 doch scheint das Reinsein von Sünde hier viel g ru n d sä tz lic h e r gemeint zu sein: Die Sünde (als das »Unreine«) ist das G o tt (dem »Reinen«) W esensfrem de und ihm Entgegenstehende. G ott, der »rein« von Sünden ist, verstieß die sündigen Engel aus dem Himmel und Adam aus dem Paradies; denn: Wan g o t reine is t vor allen 1

2 3 4 5 6 7

Md. H iob 32 04, ed. KARSTEN, S. 53; ebd. 8989, S. 145; 13485, S. 220; 14920, S. 243; vgl. P rie st er Wernher, Maria A 1053, edd. WESLE FROMM, S. 61; Buch der Rügen 742, ed. KARAJAN, S. 66: baet durch g o t den reinen; OCHS, » W ill e h a lm « -E in g a n g , S. 20f.; zur Verbindu ng m it »süß« OHLY, Süße N ägel, z.B. S. 560f., 594. Tilo v on Kulm, V on sib e n I n g e s ig e l n 2138, ed. KOCHENDÖRFFER, S. 34. Frau Ava, Das Leben Jesu 522f. (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 2, S. 417). H einrich s »Litanei« (S) 90 (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 134). W o lfr a m , W ill e h a lm , edd. LACHMANN - KARTSCHOKE, S. 1. H einrich von H es le r , A p o k a ly p s e 9777f., ed. HELM, S. 144. KARTSCHOKE zu W o lf r a m , W ill e h a lm 1,1, edd. LACHMANN KARTSCHOKE, S. 266. Die reine Trin ität z.B. Heinrich v on H e s le r , A p o k a ly p s e 706-711, ed. HELM, S. 11: Got vater, Got sun, Got geist Ein war g o t unzuscheiden, Der vater in in beiden, mit im einen, Her reine mit in reinen Eben here gewaldic.

Sie zwene und glich

216

P er so n en

sünden, so wil e r bi deheiner sünde dehein tuon h in .8 In einer Predigt heißt es, daß der M ensch vor dem Sündenfall G ott an Reinheit gleich war: wan d er m enesce g o te e gelich was m it der reinecheit, da nach wart er ime ungeiich uon sinen sunden.9 Schon die »Ähnlichkeit« mit dem »reinen« G o tt vermag zu erklären, w eshalb »reine« M enschen, die ihr Herz nicht einmal mit müßigen W o rte n beflecken, m it ihrem Gebet so viel bei ihm erreichen: A pud om nipotentis Dei singularem munditiam atque eius sim plicem naturam m ultum C...] humani cordis munditia atque sim plicitas ualet. H oc ipsum namque quod eius famuli, a terrenis actionibus segregati, otiosa loqui nesciunt e t m entem p e r uerba spargere atque inquinare deuitant, auctoris sui prae ceteris exauditionem im petrant, cui, in quantum e s t possibile, ipsa p u ritate ac sim plicitate cogitationis quasi ex quadam iam similitudine concordant.10 Weil e r s e lb s t rein ist, liebt G ott die (vor allem jungfräuliche) Reinheit (dazu Kap. III,la). Wegen der Reinheit G ottes ist die G ottesliebe »rein«.11 Und es ist eine Sünde, unwürdig zu kommunizieren, wane dar ab kü m et ime der vlecke daz er den reinen g o t untphet sundiclichen.12 Weil die Lüge unrein ist (dazu Kap. III,2b), v e rs te h t es sich von selb st, daß G o tt nicht lügt: iii,86

die reinikeit hat e r gegeben: da von is t e r al eine der reine ob aller reine, s w e r liuget, der enist niht rein, da von wart nie w ort so klein, der ez lüge, daz der s i g o t m it reinikeit iht bi. s it er daz niht fü r g u o t enhät, daz liegen so l sin hantgetät, so waere im selben liegen leit, wan lüge is t ein unreinikeit.13

Daß G o tt in seiner übergroßen Reinheit nicht b efleck t werden kann,14 illu strie rt der Topos vom s o l intam inatus m etap ho risch (dazu Kap. VII,8). 8 9 10 11

B e rth o ld von R egen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 238. S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 100. Gregor, Dial. 111,15,13, SC 260, S. 322. Bavngart, ed. UNGER, S. 257: Div vollechomen minne g otes C...D is t rein, wan si von dem reinen g o t chumet. luterlichen durch in selben minnet.

12 13 14

Si is t

luter,

wan

si g o t

Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 5. Herrand von W ild onie , Vier Erzäh lu ngen, edd. HANNS FISCHER PAUL SAPPLER (ATB 51) T üb in gen 21969, S. 24 f. Z.B. P etrus C h r y s o lo g u s , Se rm o 35,2, CCL 24, S. 201; ebd. 36,1, S. 207: quia creaturae suae adtactum nescit deus, deus non p o te s t sordidari ; Tertu lli an, Adv. M arc ion em IV,9,4, CCL 1, S. 559: A quo et si homo inquinari po tuisset, deus utique non inquinaretur, incon­ taminabilis scilicet.

H eid n isc h e G ö t t e r /

C h ristu s

217

T ro tz der durchgängigen A uffassung von der N ichtbefleckbarkeit G ottes gibt es im mer wieder einmal Stellen mit e n tg e g e n g e se tz te r Aussage. Ihnen geht es aber weniger um th eologische Dogmatik, als darum, Sünde oder Sünder als in besonderem Maße v era c h te n sw e rt darzustellen. E tw a in den »Sextussprüchen« (in der lat. F assung des Rufinus): homo incontinens p o llu it deum. 15

b) H e i d n i s c h e G ö t t e r Im Gegensatz zu »Reinheit« des w ahren G ottes sind heidnische G ö tte r to p o s h a f t unrein.16 Diese Unreinheit h at einmal die Funktion, die »Götzen« oder »Abgötter« verächtlich zu machen. Zudem kann mit dem Rückgriff auf die rituelle Verunreinigung durch G ötzendienst in der Bibel (dazu Kap. III,2g) die V erehrung von heidnischen G öttern als sü n d h a ft (»verunreinigend«) h in g e ste llt werden. Und d ritte n s mag das V erständnis der G ö tte r als Dämonen, also als »unreine Geister«, hierbei eine Rolle spielen. Kaiser Karl h ä lt im »Rolandslied« seinem Gegner Paligan vor: dine g o te sint unraine.17 Zu heidnischen Zeiten, so heißt es in der »Kaiserchronik«, b e te te man die »unreinen A bgötter« (abgot diu unrainen) an.18 Der P riester Konrad um schreibt die »stum m en Götzenbilder« (simulacra muta) des Paulus, zu denen es »uns« als Heiden zw anghaft hinzog (1 Kor. 12,2), als »unreine Götzen«, und ihre A nbetung ersch eint d o r t als W erk des »unreinen Geistes«: wan do ir hie bevor ane g o t wäret, do phlac iw e r der vil ubel tivel unde w ist iuch unde fu ort iuch der sine unreine g a ist niht dar ir w olte, sunder da dem tivel da liep was, da ir in sim e namen diu unrainen apgot ane p eten m u o s t} 9 W enn negative A ttrib u te gereiht werden, dann sind die G ö tte r auch »taub« (Div falschin vnd div tovbin Vnreinen verfluochten abgot).20

c) C h r i s t u s Bei C hristus als Sohn G ottes ist das Reinsein durch die Bibelsprache vorgegeben; nach dem H ebräerbrief (7,26) wurde e r fü r uns zum voll­ kom m enen »Hohenpriester«: p o n tife x , sanctus, innocens, in po llu tu s, segregatu s a p eccatoribu s, e t ex celsio r caelis factus. »Rein« kann dabei 15 16 17 18 19 20

S e x t u s s p r ü c h e 429, ed. CHADWICK, S. 61. Z.B. Qumran, 1 QS IV,5 (MAIER - SCHUBERT, Q u m r a n -E ss e n e r , S. 149): »H errliche Reinheit, v e ra b sc h e u e n d a lle unreinen G ötze n« . P f a ffe Konrad, R o la n d slie d 8 4 87, edd. WESLE - WAPNEWSKI, S. 294. Kaiserchronik 45, MGH Dt. Chron. 1/1, S. 80. P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 3, S. 142. H u g o v on L a n genstein , Martina 79,112-80,1, ed. KELLER, S. 199. Vgl. die n e g a tiv e Reihung K aiserchronik 8159-8182, MGH Dt. Chron. 1/1, S. 231f.

218

P er so n en

durchaus im Sinne des Freiseins von Sünde verstand en werden, da C hristus als Mensch »keine Sünde tat« (1 Ptr. 2,22 qui peccatum non fecit). Nach Isidor ist die C hristusbezeichnung »Nazareus« (vgl. Mt. 2,23) etym ologisch g e re c h tfe rtig t: Nazareus a m erito , id e s t sanctus sive mundus, quia peccatum non fe c it.21 Heinrich von H esler um schreibt Jesus als den sundenreinen22 A ttribu tiv heißt er s o n s t »rein«:23 Dö wart K rist al eine fü r alie menschen reine;24 als Person der T rinität auch »reiner G ott«.25 Der Ausdruck p a a rt sich mit w eiteren preisenden E pitheta wie »gut«26 oder »getreu«; der M arner spricht ihn an: g etriu w er reiner K rist 27 Gleiches gilt fü r das A ttrib u t »süß«,28 das auch auf den Namen »Jesus« bezogen w ird.29 Der Gedanke der E rlösung ist mit dem der Sündenreinheit direkt verknüpft; C hristus m ußte frei sein von allem Schmutz, um das M enschen­ geschlech t reinigen zu können: Non filius m atris aut suis e s t ullis sordibus delibutus; neque enim re uera aliquid circa se habere p o s s it inmundum, qui humani generis p eccata, so rd es e t maculas uenerat m undaturus .30 Die göttliche Reinheit Christi wurde durch sein M ensch­ sein nicht beeinträchtigt: N atus e s t in carne Christus, s e d natus e s t de spiritu sancto; accepit hospitium carnis, s e d de aula uirginis, ut e t ueritas e s s e t corporis humani, e t de p ollu tio n e humani generis nil haberet.31 Die Jun g fra u e n g e b u rt w ar die V oraussetzun g dafür, daß er ohne jeden Flecken einer Sünde geboren wurde; H onorius k n ü p ft an der Etymologie von »Libanon« an: Libanus dicitur »candidatio«, e t Christus e s t candidus, quia de casta Virgine sine labe peccati natus.32

21

Isidor, Etym. VII,2,36, ed. LINDSAY; vgl. z.B. Bruno von Segni, In Mt., PL 165,85A: Bene autem Mazaraeus dicitur Christus, quia non

22 23

H einrich von H e s le r , Evangeliu m N ic o d e m i 1586, ed. HELM, S. 62. H einrich der Teichn er, G ed ichte 8 9 ,4 4 f ., ed. NIEWÖHNER, Bd. 1, S. 10 2f.: also ist uns Christ der rain von dem ewigen tod erstanden ; V ä terb uch 34017, ed. REISSENBERGER, S. 492: Cristus der vil reine; P rie st er Wernher, Maria A 36S7f., edd. WESLE - FROMM, S. 205:

24 25

Freidank, B e sc h e id e n h e it 7,2 4f., ed. BEZZENBERGER, S. 74. H einrich der Teichner, G ed ichte 281,14-16, ed. NIEWÖHNER, Bd. 1, S. 311: daz der almachtig got, der rain, der chain sund nie hat

26

Reinmar v o n Z w eter, G ed ichte 1,198, ed. ROETHE, S. 40 8:

soJum ipse e s t

mundus,

verum etiam sine ipso nihil e st

Daz geborn wart der reine

begang,

mundum.

Jesus Christus in einem staine.

für den sunder ward erhäng. du reiner

unde guoter.

27 28

Marner XII,32, ed. STRAUCH, S. 99. Marner XIII,2 4 -2 6 , ed. STRAUCH, reine,

der süeze Alitissimus,

S. 100: Daz was der werde den dü gebaere al eine; Von der The m a CID, S. 22): Der selb raine

29

Z u k u n ft G o t t e s 493 (SCHWAB, suzz christ; Bruder Philipp, M ari en leb en 6431, ed. RÜCKERT, S. 174; ebd. 7416, S. 201. W e it e r e s bei OHLY, Süße N ägel, z.B. S. 594, 599. H eilig e R egel, ed. PRIEBSCH, S. 6 (Bernhard): O suzer, O suzer

30 31 32

Zeno von Verona, Tract. 1,54,2,4, CCL 22, S. 129. Petrus C h r y s o lo g u s , Se rm o 15,4, CCL 24, S. 96. H o n o r iu s, In Cant., PL 172,407C.

name Jesus! du bist mir ein reiner und ein lustich name und über name.

Ch rist u s

219

Das g öttlich e »Wort« nahm u nb efleckt die M enschheit an;33 so sollen wir glauben, daß er genümen habe die m enscheit ane vlecken von der ewigen m agt sen te marien,34 697

Unde als die m u ter hier gebar L u tte r sunder vlecken ga r • Daz gem ischete G otes wort, A lso gebar iz der vater dort In ew eclicher vorbesicht Er dan wurde geschaffen icht.35

C hristus w ar in allem Mensch, nur nicht in der Sünde: 14704

Do glichete her w ol der sunnen. Wen her nam unbewollen Die m enscheit an sich vollen, So da nichtes an gebrach Wen daz da sunden nicht g e sc h a h 36

C hristu s überw and die Sünde in seiner eigenen Person, indem er unbe­ fle c k t die M enschheit annahm: Et iam quidem peccatum in propria persona vicit, quando naturam humanam sine ulla contagione su scepit.37 Seine M enschheit wurde nicht durch Sünden unrein.38 Non enim venit, ut in peccatis n o stris contaminaretur, s e d ut contam inatos mundaret.39 So w ar C hristus in jeder H insicht »rein«: e r waz och der rainste und d er a ller k ü nsch ost m entsch der ie geboren wart oder iem er m e geboren wirt. sinü wort, sinü werch und ällti sin gebärde und allez sin leben waz alz reht raine alz ez so lte, won er waz ain ursprung a ller rainkaitA0 Er nahm den hö c h ste n Grad der Reinheit ein, want he h e fft ghehat vullenkomene vnnoselheit, want he nicht beulecket en was noch nicht beulecket en m och te werden m y t erfsunde o f f m yt w ercklicher sundeM 33

H einrich v on H es le r , A p o k a ly p s e 6 3 9 f., ed. HELM, S. 10: Daz nam unbewollen

34 35 36 37 38

wort

Die menscheit an sich vollen.

P redigten , ed. LEYSER, S. 58. H einrich von H es le r , A p o k a ly p s e, ed. HELM, S. 11; zur »Sonne« s. Kap. VII,8. H einrich vo n H es le r , A p o k a ly p s e, ed. HELM, S. 216. Bernhard, In n a tiv it a te Dom ini 1,4 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 247). P etrus Damiani, Se rm o 63,5, CCCM 57, S. 365: quia suscepta Redemptoris humanitas ab omni peccatorum contagio casta prorsus et inuiolata permansit ; de rs., Se rm o 72,7, ebd. S. 424: Christi C...3 humanitas, pura scilicet atque sincera, necnon a cunctis omnino culparum squaloribus aliena.

39 40 41

G o t tfr ie d von A d m o n t, De b e n e d ic tio n ib u s Jacob Patriarchae 10, PL 174,1149A. St. G eo r gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 304. Jordanu s v on Q uedlinbu rg, Predigten , ed. FLENSBURG, S. 44.

220

P ers on en

A ngesichts dieser durchgängigen Lehre vom U nbeflecktsein Christi, die hinsichtlich seines g ö ttlic h e n W esens auch von seiner U nbefleckbarkeit ausgehen kann, k lingt eine Form ulierung in einem M eisterlied von 1596 ä u ß e rst gew agt, nach der C hristus sich mit u nseren Sünden »be­ fleckte«; dieses »Beflecken« wird jedoch nicht in dem Sinne zu versteh en sein, daß C hristus Sünden beging, sondern daß er sie s te llv e rtre te n d für die M enschen sich zu eigen machte: 53

Darumb ihr Christen la ß et vns bedenckhen, wir waren m it n o tt g a n tz bedeck ht, darumb thät vns G o tt sein Heben sohn schenckhen, d er sich m it vnser sün dt befleckht, a u f das er vns e n tled ig t g ro ß er sch m ertzen,42

Die Idee von einer S te llvertretun g, welche die soteriologische Bedeutung der Passion C hristi e rklärt, h at es mit der paradoxen Situation zu tun, daß jemand »gereinigt« wird, der se lb s t »rein« war. Gregor der Große e n tw ickelt dies in der allegorischen D eutung der Schläge, denen Hiob a u s g e se tz t w ar (vgl. Hiob 2,3) Frustra quippe afflictu s e s t qui e t culpae ultione p ressu s est, e t culpae contagio inquinatus non e s t.43 Die Be­ gründung einer s te llv e rtre te n d e n B estrafung fü r die Sünden der M ensch­ heit wird in dieser Bildlichkeit zur s te llv e rtre te n d e n Reinigung: Rubigo quippe uitii purgari non p o tu it nisi igne torm enti. Venit itaque sine uitio; qui se subiceret spo n te torm ento, ut debita nostrae iniquitati supplicia eo reos suos iu ste am itterent, quo hunc a sem etip sis liberum iniuste tenuissent. Frustra ergo e t non frustra a fflictu s e s t qui in se quidem admissa non habuit, s e d cruore proprio reatus n o stri maculam te rs it.44 Die M etaphorik der M etallreinigung vermag zw ar zu erklären, w eshalb zum Reinigen von Sünde (als »Rost«) ein Leiden (als »Feuer«) notw endig ist; den Gedanken jedoch, daß durch dieses Leiden eines Reinen andere M enschen gereinigt werden, tr ä g t diese M etaphorik nicht. Dies vermag w iederum die Bildlichkeit des A bw aschens m it Christi Blut zu e rläu tern, in welche Gregor deshalb w echselt. Solch ein W echsel von einer M etaphorik in die andere ist bildlich nicht nachvollziehbar; daß er dennoch kaum ins Auge fä llt und die über Ja h rh un derte wirksame Suggestivk raft so lch er A rgum entationen nicht beein trächtigt, liegt w ah r­ scheinlich an dem religio nshistorisch u ra lte n Analogiedenken, nach dem Reinheit sich m itteilen läß t und dam it »reinigt« (dazu Kap. XII,2). Die v e rtra u te D enkform der Analogie ü b ersp rin g t gew isserm aßen die Proble­ matik der aus der Erfahrung nicht zu stü tz e n d e n S te llv e rtre te r-V o r­ stellun g, nach der unreine M enschen gereinigt werden, indem ein Reiner 42 43 44

G eorg M o r g e n s te r n , Ein fig u r der v icto ry Ch risty (M eist e rlied er , edd. KLESATSCHKE - BRUNNER, S. 101). Gregor, Mor. 111,14,26, CCL 143, S. 131. Gregor, Mor. 111,14,27, CCL 143, S. 132.

Engel

221

sich reinigen läßt. V erkürzt findet sich dies in dem knappen Analogie­ argum ent, Christi Reinheit45 möge den Sünder von seiner Unreinheit befreien: 467

O kuscher reyner g o ttis son Ihesa der ny h ot vbels don Dyn reynigheit myn wiistigheit Hyn nym durch dyne g u ttig h e it/46

So gibt C hristi Reinheit dem Sünder die Zuversicht, von C hristus ge­ reinigt zu werden: is te sine dubio me lavare p o te s t, quem co n sta t inquinatum non esseA 7 Bernhard form uliert dies in einer etym ologisch b e g rü nd eten S a lo m o n -{pacificus)-C h ristu s-T y po log ie:48 Minime prorsus apud verum Pacificum istiu sm o d i inquinamenta reperies. O p o rtet namque e sse sine p eccato eum qui to llit peccata mundi, quo ad reconciliandos p ecca to res inventus idoneus, iure sibi nomen vindicet Salom onis,49

d) E n g e l W enn von der Reinheit der Engel die Rede ist, dann g eh t es nu r se lte n um diese him mlischen G eistw esen (etwa wenn G ott um schrieben wird als derjenige, der die engele reine unde lutere gescöf, ime ze dieneste, der armen Christenheit z e tröste).50 In den m eisten Fällen ist »engelhafte Reinheit« (angelica munditia) ein Ideal von Menschen, das vom frü hchristlichen Konzept der vita angelica51 bis zu dem ins Profane gleitende A ttrib u t »engelrein«52 reichen kann. Zwar können die Engel allgemein ein »reines«, d.h. g o ttw o hlg efällig es Leben bezeichnen,53 doch dom iniert deutlich das V erständnis als sexuelle Askese, vor allem in b estän d ig er Jungfräu lichk eit.54 Der Verzicht auf die Ehe nim m t in 45

Z.B.

46 47

Johann von S o e s t , Dy g e m ein bicht, ed. BAHDER, S. 142. Bernhard, In vig ilia n a tiv it a tis Dom ini 4,5 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 223). Dazu u.a. KLINCK, E ty m o lo g ie , S. 60. Bernhard, In Cant. 28,5,11 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 1, S. 200). S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 113. Dazu u.a. FRANK, A n g e l i k o s bios; BROWN, K eu sc hheit. Dazu DWb III, Sp. 575f.; z.B. Reinmar von Z w eter, G ed ichte 79,8f., ed. ROETHE, S. 450: ich hänz dä vür, daz er si engelreine, wer edel si... M ec h th ild , Licht V,32, ed. NEUMANN, S. 192: Die jungvrowen be-

48 49 50 51 52 53

Predigten , ed. LEYSER, S. 25: ihesus christus. wunderliche heilich. wunderliche schon vnd reine der reine gemachet hat die vnreine kinderen adames vnd even. A p oniu s, In Cant. 11, PLS 1,987: moriendo immaculatus pro maculatis.

zeichent tugende, da ein mensche g o tte m itte gedienet hat; die engel bezeichent ein rein leben, da der mensch g o t mit gevolget hat.

54

Bernhard, In N ativ it ate Beatae Mariae 8 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 5, S. 280): Angelica plane vita virginitas, et qui non nubent, neque nubentur, erunt sicut angeli Dei (vgl. Mt. 22,30).

222

Pe r so n en

diesem Leben vorweg, was fü r den Himmel versprochen ist (Mt. 22,30).55 Div chivshe bid ivtet him elishes leben. Er le b t engelishen nicht m ennishlichen der sinen leip chivshlichen behalteet.S6 Mit keiner anderen Tugend wird man engelgleich: Ez mvgen auch die lu t m it cheinen tugenden den engein als gelich werden als m it der chfische.57 Fehlende Verunreinigung ist durchw eg das Kriterium dafür: die junckfrauschafft is t g e sc h ä tzt nit ain menschlich sunder ain englisch leben im flaisch on begierde vnd vermailigung des flaisch zu leben.SQ Auch ein C h ry so sto m u s -Z ita t hebt die Ju ng fräulichkeit hervor: 1 564

Johannes m it dem gülden munde d er sprag also zu einer stunde: alle geistlich e togunde, w y man di vint, alles englische wercke sin t, aber di kuscheit alleine sunderlich di m acht di lu te den engein glich unnd werden in der togu nd ein, wanne s y sin t unbeflecket unnd rein.59

Das V erständnis der Engel als Jung frauen kann als Grund dafür g elten, daß ein Engel dazu ausgew äh lt wurde, um Maria die frohe Bot­ sc h a ft zu bringen (p r o p te r cognationem virginitatis ad naturam angelicam) .61 Die Existenz der Engel b e g rü nd et gleichsam die N otwendig­ keit von Jungfrauen: Es schreibt A ugustinus / als g o t hat im hym el diener / die engel / also w o lt er auch haben auf f erdtrich zu dienst die schar der iunckfrawen / die A ugustinus durch ir rainigkait engel nennet.62 Marias Reinheit ü b e r tr a f die Reinheit der Engel noch: Quae enim vel angelica puritas virginitati illi audeat comparari, quae digna fuit Spiritus Sancti sacrarium fieri e t habitaculum Filii Dei?63 Diejenigen, die im fleischlichen Leib ta p f e r gegen die L aster ankäm pfen und sich nicht vom giftigen Dreck der W e lt beflecken lassen, w erden von den Engeln 55

Vgl. O t t o v on Freising, Chron. VII,35, edd. HOFMEISTER - LAMMERS, S. 560 (von de n O rd en sl eu ten ): Eque tarnen omnes vitae et con­ scientiae puritate ac sanctimonia caelesti et angelica in terris vita degunt ; Beda, De ta b e r n a c u lo II, CCL 119A, S. 58: qui mortificatis ad puram cunctis concupiscentiae carnalis illecebris caelestem quodam modo in terris uitam gerunt atque inter homines p ositi angelicam magis puritatem imitantur.

56 57 58 59 61 62 63

P re digten , ed. LEYSER, S. 12. Bavngart, ed. UNGER, S. 2 0 0 f. A lb r e c h t von Eyb, S p ie g e l, ed. KLECHA, S. 472. Johan nes R oth e, Lob der K e u sc h h e it , ed. NEUMANN , S. 45. H u g o Ripelin, Comp. IV,2, S. 122. A lb r e c h t v on Eyb, S p iegel, ed. KLECHA, S. 469. Bernhard, In A s s u m p t io n e Bea ta e Mariae 4,6 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 5, S. 248); ders., In N a tiv it a te Beatae Mariae 12 (ebd., S. 283): Est in angelis caritas, e s t puritas, e s t humilitas. Quid horum non eminuit in Alaria?

T e u fe l und D ä m o n en

223

bew undert, in deren G esellschaft sie aufgrund ihrer Reinheit eingehen sollen; so sprich t G o tt bei Hildegard von Bingen: O dulcissim i flores, angeli m ei in u estro certamine admirantur quod m ortem transitis, ita quod in uenenoso lu to mundi p o llu ti non estis, cum tamen carnale corpus habetis, illud hoc m odo conculcantes, quod gloriosi in consortio eorum eritis, quoniam secundum sim ilitudinem ipsorum im polluti apparetis ,64 Die Reinheit der Engel dient auch als A rgum ent für den Zölibat des Klerus; da nach dem Propheten Maleachi (2,7) der P riester das Amt eines Engels des H errn ausübt, soll e r auch so leben wie ein Engel: S 29

wir hoeren den wissagen leren, e r si ein engel unsers herren. w elle wir in der engel namen geben, so sulen si ouch engliscen leben, wil er danne m it ubeln wiben den engel von im vertriben, daz er b iw illet sinen lichnamen, des mag er sich iem m er scamen,65

e) T e u f e l u n d D ä m o n e n A nders als bei den Engeln, deren Reinheit m eist im Vergleich fü r m enschliches Freisein von Sünde und Sexualität ste h t, g eht es bei »un­ reinen« Teufeln vor allem um diese s e lb s t.66 Luzifer,67 zuvor ein s tra h le n d e r Erzengel, verlor durch die Sünde seine Reinheit und wurde schw arz wie Ruß oder Kohle; in der Auslegung des schw arzen Pferdes der Apokalypse (6,5) heißt es bei Heinrich von Hesler: 10881

64 65 66

67

68

Daz p fe r t daz sw arz waz als ein kole, Glichet sich Sathanase wole, Wen her m it valschem k lu tte re Sin engelischen lü tte re Vorloz L...].68

H ild eg ard, Scivias 1,2,24, CCCM 43, S. 31. H einr ich von M elk, P r ie st e r le b e n (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 289). A u ch a uf M e n sc h e n b e z o g e n bei A u g u stin u s, De b e a ta vita 3,18 (RUB 7831) S t u t t g a r t 1982, S. 34: quod ritu castissimorum sacrorum spiritus inmundus C...3 duobus modis appellari solet, vel ille, qui extrinsecus animam invadit sensusque conturbat et quendam hominibus infert furorem C...D; aliter autem dicitur spiritus inmundus omnis omnino anima inmunda, quod nihil e s t aliud quam vitiis et erroribus inquinata. Heinrich von H es le r , A p o k a ly p s e 1222-1225, ed. HELM, S. 20: Dar kumt ouch der unreine Lucifer, der helle vurste, Mit unsitelichem geturste, Die sele zu vorslindene.

H einrich von H e s le r , A p o k a ly p s e , ed. HELM, S. 160.

224

P er so n en

Der Teufel ist nun so »unrein«, daß niemand ihn anzuschauen wagt: 4068

D er tiuvei was ein engel her unde s o lte wonen im m er m er bi g o te wunnecliche in sim e himelriche; der is t von sunden orden als unreine worden, daz in nie man ta r ane sehen.69

Ein M eisterlied b ring t die Verwandlung von Engeln in Teufel a u f die knappe Formel: auß g u tten engelein wurden te u f fe i vnrein.70 »Unreine Geister« (immundi spiritus) zu sein, z äh lt zu den Definitionen der Dämonen;71 und es ist eine geläufige Bezeichnung fü r sie, die sich an m ehreren Stellen des N.T. (u.v.a. Mt. 10,1; 12,43; Mk. 1,23; vgl. Lk. 4,33 daemonium immundum) sowie in jüdischen Q uellen find et.72 Krankh e its- und Besessenheitsdäm onen, um die es sich m eist handelt, w erden dann m it den gefallenen Engeln identifiziert: Es e n tste h e n »die Teufel« als die »unreinen Geister«. Luzifer und der V ersucher Satan verschm ilzen (mit w eiteren däm onischen V orstellungen) zu »dem Teufel«, dem »un­ reinen Geist«. Sprachlich ließ sich auch zurückgreifen auf die a ltte sta m e n tlic h e Verheißung Zeh. 13,2 e t proph etas e t spiritum inmundum auferam de terra, wobei »unreiner Geist« an dieser Stelle wohl nicht d äm onologisch gem eint war, jedoch s p ä te r so verstand en w urde.73 Im D eutschen s te h t a ttrib utiv m eist »unrein«,74 gelegentlich auch »unsauber«; so schon im ahd. Tatian, etw a als Ü b ertragung von Mk. 5,8: Tho quad im o th er heilant: üzgang, thü unsuboro geist!75 N iederdeutsch können 69 70 71

Heinr ich von K röllw it z, Va te r un ser, ed. LISCH, S. 165. Jakob Thoma, V om vall der e n g e l 25f. (M eist e rlied er , edd. KLESATSCHKE - BRUNNER, S. 117). Z.B. H u g o Ripelin, Comp. 11,26, S. 58: Daemones sunt spiritus impuri, humani generis inimici, mente rationales, in nequitia subtiles, cupidi nocendi, p er superbiam tumidi, semper in fraude novi, immutant sensus, inquinant affectus, vigilantes turbant, dormientes p er somnia inquietant, morbos inferunt, tem pe state s concitant, in lucis Angelos se transformant (vgl. 2 Kor. 11,14), semper infernum suum secum portant, in idolis sibi cultum divinum usurpant, super bonos dominari appetunt, magicae artes p er eos fiunt, bonis ad exercitium dantur, semper fini hominis insidiantur.

72 73 74

Dazu STRACK-BILLERBECK, Bd. 4, S. 5 0 3 ff. PASCHEN, Rein und Unrein, S. 34. Z.B. Bam berger Glauben (Sprachd en km äler, ed. STEINMEYER, S. 140): daz die uone rehtemo g otes urteilde denne uiruluohte uarent mit dem tiuuele ioh mit allen den unreinen geisten in daz ewiga uivr der helle ; Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 2, S. 59: der unrein g e is t; S. 60; 64; 147: den unreinen geisten; Pred igten, ed. LEYSER, S. 134: der vnreine geist; P redigten , ed. STRAUCH, S. 160: dy vnreinen geist dy weiczigen sy; ebd. S. 173; P redigten , ed. GRIESHABER, Bd. 2, S. 100: der unrain gaist; u.v.a.

75

Tatian 53,7, ed. SIEVERS, S. 74; vgl. ebd. 57,6, S. 80 92,6, S. 134 (zu Mk. 9,24).

(zu. Mt. 12,43);

T e u f e l und D ä m o n en

225

sie de g h e e st der unreynicheit heißen.76 Ein w eiteres negatives A ttrib u t wie »böse« s te ig e rt die V erächtlichkeit noch einmal: der unrain bces ga ist.77 Als eine der vielen U m schreibungen und T a b uw ö rter ist »der Unreine« eine fe ste Bezeichnung des T eufels.78 Den Grund dafür, w eshalb diese G eister »unrein« heißen, sieht man durchw eg in ihrer Sünde und Bosheit: spiritus p e r naturam, immundus p e r culpam; sp iritu s p e r conditionem, immundus p e r iniquitatem .79 Selbst unrein, versuchen sie, das Herz des M enschen m it Sünden zu verun­ reinigen: immundi spiritus munditiam cordis maculare nituntur.80 Auf diese Weise ließ sich die Frage beantw orten , wie der Teufel die Gedanken der M enschen in seinem Sinne beeinflußt (cogitationes hominum incendat e t instiget) — er b e fle c k t sie mit seinem Schmutz (und s te c k t sie wie mit Fäulnis und Krankheit an): Dicunt enim quidam quod cum a deo p e r m ittitu r applicat se anime humane vicinum e t quia ipse to tu s sordidus e t fetid u s inficitur anima e t corrum pitur ex eius vicinia. Unde: »uvaque contacta livorem ducit ab uva«, sicut unum animal ex alio contagioso contrahit contagium.81 Nicht alle Teufel scheinen gleich »unrein« zu sein; jedenfalls ist eine Steigerung möglich. Im »Bamberger Glauben« heißt es, daß Jesus in der W üste bichorot wart uone dem o unreinesten g e iste .82 Diejenigen Teufel, w elche zur »unreinen« Sünde der U nkeuschheit verführen, sind bei B erthold »unreiner« als andere Teufel: sw ie unflaetic alle die tiuvel sint, so sint die tiuvel zeh en stu n t unflsetiger danne ander tiuvel, die da un­ kiusche rätent. Die sin t un f l ästiger vil wan die da m o rt raten t oder höchvart oder dehein ander sünde.83 Auch s o n st ist o ffen bar ein spezieller Teufel fü r diesen Bereich zuständig: ein te u f fe i haist der unrain gaist der d w unchäusch fugen chan.84 Als f e s ts te h e n d e r A usdruck s te h t diese Bezeichnung der Dämonen in der A llegorese auch auf der Bedeutungsseite; etw a in der Auslegung des W ü ste n s tu rm e s, der das Haus der Kinder Hiobs Zusam m enstürzen läßt 76 77

P s .- V e g h e , L e ctu lu s, ed. RADEMACHER, S. 33. D e s T e u f e ls N e tz 59, ed. BARACK, S. 3; vgl. Michel Beheim, G ed ichte 449,299, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 3 /1 , S. 312: die bösen gaist

78

Z.B. H e ilig e Regel, ed. PRIEBSCH, S. 24; P riester Arnold, Legen de von der hl. Juliana 437 (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 39):

79

Richard von St. Viktor, Liber e x c e p t i o n u m 11,12,14, ed. CHATILLON, S. 472. Richard von St. Viktor, Liber e x c e p t i o n u m 11,8,15, ed. CHATILLON, S. 352; vgl. Beda, In Ezram e t Neem iam III, CCL 119A, S. 373: quia

unraine.

(du) unreinerd)

80

spiritus immundi satagunt nostri munditiam cordis commaculare.

81 82 83 84

T h o m a s von Ch obham, Su m m a c o n f e s s o r u m , ed. BROOMFIELD, S. 475; das Zita t nach Juvenal, Saturae 1,2,81. B am berger Glauben und B eichte (Denkmäler, ed. STEINMEYER, S. 137). B e r th o ld von R e gen sb urg, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 413. H einr ich der Teichner, G ed ichte 217,26f., ed. NIEWÖHNER, Bd. 1, S. 242.

226

P er so n en

(Hiob 1,19): regio d e se rti e s t immundorum spirituum m u ltitu d o derelicta, quae dum conditoris sui beatitudinem deseruit quasi manum cultoris amisit; a qua uentus uehemens uenit e t domum subruit quia ab immundis spiritibus fo rtis te m p ta tio su bripit, e t a tranquillitatis suae sta tu con­ scientiam e u e r t it 85 Die V orstellung, Engel seien vom (Äther-) Himmel in den Lufthimm el gefallen, wo sie (als »Luftdämonen«) herum fliegen, fü h rt G regor bei der Deutung von Hiob 1,16 ein, wonach »Feuer G ottes« vom Himmel fiel und die Schafe verbrannte: E t scim us quod immundi spiritu s qui e caelo aethereo lapsi sunt in hoc caeli terraeque medio uagantur, qui tan to magis corda hominum ascendere ad caelestia invident, quanto se a caelestibu s p e r elationis suae immunditiam p ro ie c to s uident. Die wegen ihres H ochm utes unreinen Teufel neiden den M enschen die Reinheit ihrer Gedanken (»Schafe«) und steck en sie mit dem Feuer der Versuchung in Brand. Quia ergo ab aereis p o te s ta tib u s contra cogitationum nostrarum munditiam flamma liuoris irruit, de caelo ignis ad oues uenit. Saepe enim mundas m entis nostrae cogitationes ardore libidinis accendunt; e t quasi igne oues concrem ant dum c a stos m o tu s animi, luxuriae tem ptatio n e perturbant. Quis ignis Dei dicitur quia e ts i non faciente Deo, tamen p e r m itte n te , g e n e ra tu r86 Die U nreinheit der Dämonen wird o ft m etaphorisch nicht w eiter a u s­ g efüh rt, oder sie wird mit anderen M etaphoriken verbunden, zum Beispiel mit der Bildlichkeit des Kampfes (quia inmundi spiritu s cogitationi nostrae, uerbo e t operatione sem p er insidiantur) 87 in der ein Beflecken wie ein F rem dkörper wirkt: quia uirginum chorus contra inmundorum spirituum feritatem tanto uiolentus est, quanto nullo eorum uulnere saucius, nulla eorum su ggestion is sorde p o llu tu s 88 Durch die Erlösung hat G ott uns aus ihrem »Gefängnis« befreit: der uns hat enbunden und e rlö se t von dem charchere der unreiner geiste, di von him ele wurden verstözen.89 Maria »befreit« den M enschen vom »unreinen« Teufel: hirumbe iz t ez guth unsir vrowen dinen, wan sie led eg it den menshen von dem unreinen thüvele, van sinen sunden und von dem ewigen thode.90 Zwar ist es von der Bildseite her nicht einsichtig, weshalb etw as Unreines nicht gereinigt w erden könnte, doch kom m t beim Teufel wohl schon deshalb keine Reinigung in B etracht, weil man sich dadurch in die Häresie des O rigenes begeben würde (»Apokatastasis«). Theophilus von A lexandrien z itie rt einen (echten?) Satz des Origenes, nach dem der Teufel le tzten dlich vom Schmutz aller seiner Sünden b e fre it werde: Christi regnum fin ietur aliquando; zabulus cunctis peccatorum sordibus liberatus aequo honore decorabitur e t cum Christo s u b ic ie tu r9l 85

86 87

88 89 90 91

Gregor, Mor. 11,49,76, CCL 143, S. 105. Gregor, Mor. 11,47,74, CCL 143, S. 103. Gregor, In I Reg. IV,155, CCL 144, S. 375. Gregor, In I Reg. V,78, CCL 144, S. 468. Predigten , ed. JEITTELES, S. 14. H eilig e Regel, ed. PRIEBSCH, S. 12. O rig e n e s, De principiis, edd. GÖRGEMANNS - KARPP, S. 656App.

Sünder /

Jeder M en sc h

227

2. M e n s c h e n a) S ü n d e r In der Sündenm etaphorik der Unreinheit ist ein Sünder g ru nd ­ sätzlich »unrein«; m it jeder Sünde kann der M ensch sich beflecken. Beichten und Sündenklagen, die das Bekenntnis begangener Sünden häufen, gipfeln o ft in einer Formulierung wie »es gibt keine Sünde, mit der ich mich nicht b e fle c k t hätte«. Am Beispiel der Kataloge von Fleischessünden wurde dies b ereits vorg efüh rt (dazu Kap. III,lc). Auch s o n s t kann es heißen: Nullum invenio peccatum , a quo non sim aliquo m odo inquinatus.92 Oder: Nullum enim invenio vitium, a quo non traxerim aliquod contagium 93 Paulinus von Aquileja: 13,1

Nullum peccatum su per terrae faciem P o te st aut scelus inveniri quodpiam, A quorum non sim inquinatus faecibus Infelix ego.94.

Auch Balderich von Bourgueil schließt in seiner »Confessio poenitentialis« einen langen Katalog von Sünden sum m ierend ab: Omnia, que maculant m ise ro s„ contagia feci 95 Solche Bekenntnisse haben einmal die Funktion fü r den Sprechenden, sich als ganz und gar sündig zu bezeichnen; zu­ dem lassen sich m it ihnen — wie in der Beichtpraxis — auch solche Sünden m it einschließen, die se lb st in einem langen Katalog nicht ge­ n an nt wurden. Da niemand alle denkbaren Sünden begehen kann, handelt es sich hier um hyperbolische Form ulierungen für ein ausg ep rägtes Sündenbew ußtsein. Diese Hyperbolik b ie te t gleichzeitig die Sicherheit, keine Sünde im Bekenntnis ausgelassen zu haben.

b) J e d e r M e n s c h G egenüber diesem aus der Perspektive des schuldbew ußten M enschen gesprochenen Bekenntnis, er habe sich mit allen Sünden b efleckt, ist für th eologische Lehre und kirchliche Verkündigung die A ussage c h arak teristisch , alle M enschen seien b e fle c k t mit Sünden. Dieser Ge­ danke, daß niemand ganz ohne Sünden leben könne, wird häufig n ic h t­ m etaphorisch fo rm uliert (oder mit anderen M etaphern verbunden); so etw a bei Gregor: Nemo quippe e s t f qui ita vivat, ut aliquatenus non 92 93 94 95

P s.-B ern hard, T r a cta tu s de interiori d o m o 19,33, PL 184,525B. P s.-Bern hard, T r a cta tu s de interiori d o m o 20,37, PL 184,527B. Paulinus von Aquileja, V e rs u s de Paen itentia, AH 50, S. 149. Balderich von B our gue il, Carm en 122,99, ed. HILBERT, S. 137.

228

Pe r so n en

delinquat .96 Selbst die E rw ählten m üssen sich täg lich von Sünden m ensch ­ licher Schwäche (a peccatis, quibus eos cotidie humana fragilitas maculare non desinit) reinigen.97 Nur m it G ottes Hilfe kann es der schw achen m enschlichen N atur gelingen, sich von Sünden unbefleck t zu halten: 1,7

Nu is t die arme m ensheit A l so cranc vn(d) di brodekeit, Daz si sich um bewollen Inkan behude vollen, Got in du iz bit siner era ft.98

c) K i n d N e m o m u n d u s a s o r d e . . . ( Hi ob 14, 4f.) Dieser Gedanke, kein M ensch könne völlig ohne Sünde leben, ließ sich hyperbolisch ausdrücken mit der Ergänzung, nicht einmal ein Kind, das n ur einen Tag a lt ist, sei frei von »Schmutz« bzw. von Sünde. Diese Form ulierung geht auf eine Bibelstelle zurück (Hiob 14,4f.), die sich in dieser Form zw ar nicht in der V ulgata findet, bei der es sich aber dennoch um die am h äu fig sten zitierte Stelle des Buches Hiob in der lateinischen christlich en L ite ra tu r handeln d ü rfte .99 Ihren ungew öhnlichen »Erfolg« verdankt sie wohl der T atsache, daß sie als Schriftbew eis fü r die E rbsündenlehre herangezogen und in der entsprech en den theolo gisch en L iteratur in a ltla te in isc h e r Fassung tra d ie rt wurde; die Theologie ignorierte den hyperbolischen C h arak ter und nahm sie als Aussage w ö r t­ lich. Da Säuglinge von einem Tag noch keine eigenen Sünden begangen haben können, m üsse es sich bei diesem »Schmutz« um ere rb te n Sünden­ schm utz handeln. Der »Schmutz« (sord es) an dieser Stelle Hiob 14,4f. kann durch die B edeutungsangabe peccatum e r s e tz t werden, die ihm, mit einem »und« verbunden, auch an die Seite g e s te llt wird: Neminem sine sorde e t sine pecca to e s se .100 G enitivkonstruktionen wie nemo sine sorde p e c c a ti101 od er (mundus) a peccati sordibu s102 bestim m en eb enfalls den Schmutz 96

Gregor, Reg. p ast. 11,8, PL 77,43B; ders., Ep. VII,27, CCL 140, S. 485: Quia autem nemo hominum in hoc mundo sine peccato e st — et quid e st aliud peccare nisi a Deo fugere? — fiducialiter dico etiam eandem filiam meam peccata aliqua habere.

97 98

Gregor, In I Reg. 11,15, CCL 144, S. 129. N ie d err hein is che T u n d a lu s fr a g m e n te (Visio Tnugdali, ed. WAGNER, S. 113). 99 Dazu ZIEGLER, l o b 14,4-5a; auch DASSMANN, A k z e n te , S. 4 5 - 4 7 . 100 Cyprian, Ad Quirinum 111,54, CCL 3, S. 141 (als Tite l). 101 A m b r o s iu s, In ps. 118,30, CSEL 62, S. 167; vgl. A u g u s ti n u s , Contra Iulianum 11,77, CSEL 8 5/1 , S. 219; ebd. 111,7, S. 354. 102 P s .- A u g u s t i n u s , Se rm o 391,1, PL 39,1707: Unde sanctus Job neminem mundum dicit, a peccati utique sordibus, nec infantem cujus e st unius diei vita super terram.

229

Kind

als Sünde. A ugustinus e r lä u te r t zudem ausdrücklich: quas enim dixerit sordes, quia peccata in telleg i uoluit.103 Die Bedeutung kann in den zw eiten Teil des Z itats eingehen; zum Beispiel bei Ambrosius: quis enim mundus ab sorde, quando nec unius diei uita hominis in terra caret delictorum contagione?104 G elegentlich s te h t »rein« absolut: Quis enim mundus? Nec infans, cuius e s t unius diei uita su p er terram .i0S Gegenüber der stilistisc h e n Figur von Frage und A ntw ort, die der LXX folgt, findet sich frü h die Form einer autoritativen Aussage, die im M itte la lte r deutlich dominiert. Eine E rläuteru ng gibt A ugustinus: nullus enim m undus a sorde — qua, obsecro, sorde nisi peccati? — nec infans, cuius e s t unius diei uita su per terram .106 Bei Bernhard heißt es in einem »Streit der T ö c h te r Gottes«: Circuit Veritas orbem terrae; e t »Nemo mundus a sorde, nec infans, cuius e s t unius diei vita super terram«.107 Als eine in der Vulgata nicht nachschlagbare Bibelstelle w ar die genaue H e rk u n ft o ft zw eifelhaft. Unverbindlich sind die üblichen Ein­ leitungen eines Bibelw orts wie »es s te h t geschrieben«: Scriptum e s t enim: Nullus mundus a sorde, nec si unius diei uita super terram .108 Eine d eutsche Predigt schreibt die Stelle dem »Propheten« zu: wane als der propheta spricht: nemo mundus a sorde, nec infans unius diei. nieman is t reine ane mal, noch daz kint daz einez tagis alt is t mach ane sunde sin.109 W ohl weil der Kirchenvater sie zitiert, kann Hieroymus als U rheber angegeben werden: Sed auctoritas Ieronimi dicit, quod nec infans unius diei absque p eccato e s t.110 Der Vers wird vergleichbaren Bibelzitaten angehängt, so daß e r davon kaum zu u nterscheiden ist: Salomone testan te: Quis p o te s t dicere: Mundum e s t cor meum, e t purus sum a peccato? (Prov. 20,9). Nec infans unius diei, sine p eccato e s t super terram .111 Auch bei Gratian: Nos autem iuxta epistolam Iacobi m ulta peccam us omnes (wo?), e t nemo mundus a peccatis, nec infans, si unius diei quidem fuerit uita eius.112 Wo der Aus Spruch Hiob zuge­ o rdn et wird, kann e r p roblem los neben der V ulgatafassung derselben Stelle stehen, als ob es sich dabei um zwei verschiedene Bibelzitate 103 104 105 106 107

A u g u s t i n u s , De nu ptiis e t c o n c u p i s c e n t i a 11,29,50, CSEL 42, S. 307. A m b r o s iu s, De i n te r p e lla tio n e lo b e t Dauid IV,2,6, CSEL 3 2 / 2 , S. 272. A u g u s t i n u s , Tract. in Joh. 41,9, CCL 36, S. 362. A u g u s t i n u s , De p e c c a to or igina li 32,37, CSEL 42, S. 196. Bernhard, In A n n u n tia tio n e do m in ic a 1,13 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 5, S. 27); vgl. Bruder H ans, M arien lied er 1803f., ed. BATTS, S. 77: Do kund si nicht ghevinden

Eyn kint von eyine taghe sunder sunde.

108 A m b r o s iu s A u tp e r tu s, In Ape. II, CCCM 27, S. 167. Vgl. A m b rosiu s, A p o lo g ia e p r op h etae Dauid 4,15, CSEL 3 2 / 2 , S. 309: nec unius diei infans mundus esse scripturae testimonio declaratur; G ün ther von Pairis, De or atio n e, jejunio, e t e l e e m o s y n a XI, PL 212,198D: Nemo enim, ut ait Scriptura , mundus e st a peccato, nec infans unius diei, si sit vita ejus super terram.

109 P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 375. 110 O m n e b e n e (LANDGRAF, D o g m e n g e s c h i c h t e , Bd. IV/1, S. H ie r on ym u s ZIEGLER, lo b 14,4-5a, S. 2 8-33. 111 In nozen z III. (?), In 7. ps. poe n it . VII, PL 217,1120D. 112 Gratian, D is t. 11,40 de penit., ed. FRIEDBERG, Sp. 1203.

80).

Zu

230

P er so n en

h a n d e lte .113 Der A uto r des p seu d o -a u g u stin isc h e n »Hypomnesticon« w eist hingegen ausdrücklich d arauf hin, daß es sich um zwei Ü bersetzu n gen einer Bibelstelle handelt: Quis enim, inquiens mundus a sorde? Ne unus quidem, etiam si uinius diei fuerit vita eius su per terram; id e s t p r o p te r p ecca ti sordem , quam trahit a peccante natura, qua nascitur inmundus in mundo. Haec secundum septuaginta interpretum editionem, quae ex graeco in latinum serm onem versa est, posuim us. A udite apertius ad suggillationem vestram idipsum, qualiter ex hebraeo verbo s it in latine translatum . Quis, ait, p o te s t facere mundum de inmundo conceptum sem ine? Nonne tu qui so lu s e s ? 114 Da von einem Neugeborenen die Rede ist, lag es nahe, an eine Be­ fleckung durch Empfängnis und G eburt zu denken. Dies geschieht häufig in Verbindung m it Ps. 50,7. Nach A mbrosius sind E lte rn wie Kinder durch Em pfängnis und durch G eburt sündig.115 Nur C hristus w ar durch die Jun g fra u e n g e b u rt davon ausgenommen; in einer W eihn achtspred igt Leos des Großen heißt es: Alienum quippe ab hac natiuitate est, quod de omnibus legitur: »Nemo mundus a sorde, nec infans cuius unius diei si s it uita eius su per terram«. Nihil in istam singularem natiuitatem de carnis concupiscentia transiit, nihil de peccati lege mana ui t ,116 Bernhard von Clairvaux: M ater e s t sine corruptione virginitatis, Filius sine omni labe peccati. Non cadit in m atrem Evae maledictio, non cadit in prolem generalis illa conditio, de qua dictum e s t p e r Prophetam: »Nemo mundus a sorde, nec infans, cuius unius diei e s t vita su p er terram«. Ecce infans sine sorde, solu s in te r hom ines verax, imm o e t veritas ipsa.117 In diesem Z usam m enhang wird gern d arauf verwiesen, daß nicht die Ehe oder der an sich gute G e sch lechtsak t befleckend wirke, vielm ehr die dabei — freilich aufgrund der E rbsünde notw endig — em pfundene »Lust«: Ideo David, quamvis de legitim o et ju s to conjugio natus, in quo scilicet, nec in­ fid elita tis culpa, nec macula p o te ra t inveniri, tamen p r o p te r originale peccatum , quo naturaliter filii o b stric iti sunt irae, non m odo impiorum filii, se d om nes etiam qui de ju storu m sanctificata carne nascuntur, exclamat: »Ecce in iniquitatibus conceptus sum, e t in peccatis concepit me m a ter mea« (Ps. 50,7). Sanctus etiam Job dicit mundum a sorde non 113 Dazu ZIEGLER, lo b 14,4-5a, S. 13f. 114 P s .- A u g u s t i n u s , H y p o m n e s t i c o n , ed. CHISHOLM, S. 179f.; ebd. S. 180: Sive igitur septuaginta ex hebraeo in graecum, sive alius similiter ex hebraeo in latinum sermonem, unum atque idem, e tsi mutatis verbis, non tamen veritate, parvulos peccati sorde reos esse dixerunt. 115 A m b r o s iu s, A p o lo g i a p r o p h eta e Dauid 11,56, CSEL 3 2 / 2 , S. 337: et si nec unius diei infans sine pec ca to , multo magis nec illi materni conceptus dies sine peccato sunt, concipimur ergo in peccato parentum et in delictis eorum nascimur.

116 Leo I., Tract. 21,1, CCL 138, S. 86. 117 Bernhard, In vig ilia na tiv ita tis Dom ini 4,5 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 223); ebd. Ecce Agnus sine macula, Agnus Dei qui tollit peccata mundi (Jh. 1,29). Quis enim peccata melius to ll e r e t , quam is in quem peccatum non cadit? Iste sine dubio me lavare p o te s t, quem constat inquinatum non esse.

231

Kind

e sse hom inem , nec si unius diei s it ejus vita su p er terram .118 Die Konkupiszenz im G esch lechtsak t ist schuld daran, daß wir als Unge­ rechte geboren werden; vielleicht kam Honorius über die A ssoziation von Sexualität und »Nacht« zu seiner dies begründenden Variante: Nemo autem mundus a sorde, nec infans unius n octis in orbe.119 Die Lehre von der E rb sü n d e 120 wird in den Schriften Augustins häufig m it der a lten Fassung der H iob-Stelle g e stü tz t; etw a im P s a lte rK om mentar, wo von der Sünde Adams und Evas die Rede ist: In Ulis enim duobus hominibus to tu m genus humanum: inde propago m ortis, inde e t in paruulis debita, delicta. Quis enim m undus, ait scriptura, in conspectu tu o ? Nec infans cuius e s t unius diei uita su p er terram. Tradux peccati, tradux m o rtis de prim o p ecca to .121 W ährend Gregor der Große in seinen »Moralia« dem V u lg a ta te x t fo lg t und deshalb bei der Stelle Hiob 14,4 das Thema der Ju n g fraueng eb urt anschneidet (dazu Kap. III,la), zieht er im th e m atischen Z usam m enhang mit der Erbsünde eben­ falls die alte Fassung heran. Die schwierigen dam it zusam m enhängenden Fragen (nach dem U rsprung der Seele usw.) läß t Gregor auf sich b e­ ruhen; u n b e s tritte n sei jedoch, daß nisi sacri baptism atis gratia fuerit renatus h om o, omnis anima originalis p ecca ti uinculis e s t obstricta. Hinc enim scriptum est: »Non e s t mundus in conspectu eius nec unius diei infans su p er terram.« Diese Unreinheit finde allein in der Ursünde der M enschheit, nicht in individuellem Fehlverhalten, ihre Erklärung: Cur ergo infans, qui nihil egit, in conspectu om nipotentis Dei esse non ualet mundus? Cur p salm ista ex legitim o coniugio pro la tu s in iniquitate conceptus e s t (vgl. Ps. 50,7)? Cur nisi qui m undatus aqua baptism atis fu erit, mundus non e s t (vgl. Jh. 3,3)? Cur in Adam omnis homo m oritu r (vgl. 1 Kor. 15,22), si originalis p ecca ti uinculis non tenetur? Sed quia genus humanum in parente prim o uelut in radice p u tru it, ariditatem traxit in ramis et inde omnis hom o cum p ecca to nascitur, unde prim us hom o perm anere noluit sine p ecca to .122 Das Standard arg u m en t der E rb­ sündenlehre, Kinder von einem Tag k ön nten noch keine eigenen Sünden 118 Petrus Lom bardus ( P s .- H il d e b e r t ) , Se rm o 112, PL 171,859D-860A; ebd. 859D: Quia. enim parentum concubitus non e st sine libidine , ideo filiorum ex eorum carne nascentium non p o t e s t sine peccato fieri conceptus, ubi peccatum in parvulos non transmittit propago, sed libido; nec fecunditas humanae naturae facit homines cum peccato nasci, sed foeditas libidinis, quam homines habent, ex primi justissima condemnatione peccati.

119 H on or iu s, Elucidarium 11,12, PL 172,1143CD. 120 H il d eb er t von Lavardin, Se rm o 100, PL 171,809C: Omnia enim peccata quae peccamus, sordes ex sorde sunt. Ex qua autem sorde, nisi ex ea quam dicit Scriptura: »Nemo mundus a sorde, nec infans, cujus e st vita diei unius super terram.« Vgl. Rupert, De s. t r in ita te X X X V I ,6, CCCM 24, S. 1909: Nam infans qui hodie natus est, nimirum in Adam natus e st et originali peccato obnoxius est.

121 A u g u s t i n u s , Enarr. in ps. 103,6, CCL ZIEGLER, lo b 14,4-5a, S. 21-27. 122 Gregor, Ep. IX ,148, CCL 140A, S. 703f.

40,

S.

1525.

W e it e r e s

bei

232

Pe r so n en

begehen, r ic h te t C assiodor gegen die Pelagianer (zu Ps. 50,7): Quemad­ m odum enim p o te s t fieri ut in qualibet aetate paruula non egeamus absolui, qui hunc mundum delictis grauantibus ingredim ur onerati? Iob quoque sim ili uoce profitetur: Nemo mundus ante te, nec infans cuius e s t unius diei uita super terram .123 Abaelard b e ru ft sich auf Hieronymus fü r den Gedanken, »Sündenschmutz« könne hier n ur als Folge der U rsünde gem eint sein: Ut enim beatus m eminit Hieronymus e t manifesta ratio habet, quandiu anima infantili aetate con stitu ta est, pecca to caret. Si ergo a peccato munda est, quomodo sordibus p ecca ti immunda est, nisi quia hoc de culpa, illu d intelligendum e s t de poena?124 An manchen Stellen geht die Bedeutungsangabe »Erbsünde« gleich mit ein in das Hiobzitat; so im R egelkom m entar des Johannes von Kastl: »Tune ero im m aculatus coram eo«, sc ilic e t, »ab actuali peccato, ut virgo Maria, contritione, ut Petrus e t Achab, confessione, ut David, im potentia tam operis quam voluntatis, ut infans, qui tamen etiam unius diei non e s t mundus, scilicet ab originali p e c c a to «, ut dicitur Job 15, 125 Der in Hiob 14,4 genannte »Schmutz« muß nicht im mer M etapher für die Sünde sein. W enn Origenes mit dem H iobzitat die N otwendigkeit der Kindertaufe begründet, dann sind es ausdrücklich nicht »Sünden«, die in der Taufe abgew aschen werden sollen. Origenes un te rsc h e id e t zw ischen »Schmutz« und »Sünde«, schließlich heiße es nicht, »niemand ist frei von Sünde«, sondern »frei von Schmutz«: Non dixit: »nemo mundus a peccato«, sed: nem o m undus a sorde«. Neque enim id ipsum significant so rdes atque p eccata; e t ut scias aliud sordem , aliud sonare peccatum , Isaias m anifestissim e docet, dicens: »lavabit Dominus sordem filiorum e t filiarum Sion, e t sanguinem mundabit de m edio eorum, spiritu iudicii sordem e t spiritu com bustionis sanguinem« (Jes. 4,4).126 Hiernach w erden die Kinder, die noch nicht g esündigt haben, in der 123 C a s sio d o r ,

In ps., CCL 97, S. 458; ebd.: Restat ergo ut originali peccato infantes teneantur obnoxii; quoniam antequam propria faciant, primi hominis secum probantur peccata. Vgl. ebd. 142,2, CCL 98, S. 1275: Sed cum dicitur »omnis uiuens«, hominem significat generalem, ubi et infantum uita concluditur, qui originali peccato nisi aqua regenerationis abluantur , obnoxii sunt. Vnde et Iob ueracissime dicit: Nemo mundus ante te, nec infans cuius e st unius diei uita super terram. 124 Ab aelard, Ethica 3, PL 178.641D; ebd. 641D-642A: Culpam quippe non habet ex contemptu Dei, qui quidem quid agere debeat nondum ratione percipit; a sorde tamen peccati priorum parentum immunis non e s t , a qua jam poenam contrahit , e tsi non culpam , et sustinet in poena quod illi commiserunt in culpa. Sic cum ait David, in iniquitatibus, vel peccatis se esse conceptum (vgl. Ps. 50,7), generali sententiae damnationis ex culpa propriorum parentum se conspexit esse subjectum; nec tam ad proximos parentes quam ad priores haec delicta retorsit. 125 JOSEF SUDBRACK, Die g e is t l i c h e T h e o l o g ie d e s J ohan nes von K astl. S tu dien zur F r ö m m i g k e i ts g e s c h ic h t e d e s S p ä t m it t e l a lt e r s , Bd. 2 (Bei­ tr äge zur G e s c h ic h t e des a l t e n M ö n c h tu m s und de s Ben ed iktinei— o r d e n s 2 7 /2 ) M ü n s t e r 1966, S. 141. 126 O rig e n e s, In Lc. hom . 14,3, GCS 35, S. 85.

233

Kind

Taufe von dem »Schmutz« befreit, den sie in der G eburt durch die An­ nahme des Körpers sich zugezogen haben, w eshalb auch Jesus nach Origenes »gereinigt« w erden m u ß te .127 Parvuli baptizantur in rem issionem peccatoru m . Quorum peccatorum ? vel quo tem pore peccaverunt? aut quom odo p o te s t illa lavacri in parvulis ratio subsistere, nisi iuxta illum sensum, de quo paulo ante dixim us: »nullus mundus a sorde, nec si unius quidem diei fuerit vita eius super terram«? Et quia p e r baptism i sacramentum n a tivitatis »sordes« deponuntur, propterea baptizantur et parvuli: »nisi« enim »quis renatus fuerit ex aqua e t spiritu, non p o te r it intrare in regnum caelorum« (Jh. 3,5).128 Da er bei Lk. 2,22 im Plural dies purgationis eorum liest, bezieht Origenes die vom Gesetz vorge­ schriebene W öchnerinnenreinigung auf M u tte r und Kind. Auch in den Homilien zum Buch Leviticus kom m t er von dieser Reinigung der M u tte r zur Reinigung des Kindes in der T aufe.129 Anders als bei dieser auf G eschlechtsakt, Konkupiszenz oder E rb­ sünde bezogenen Anwendung des H iobspruches, wo die Frage e r n s th a f t b ehand elt wird, ob ein Kind von einem Tag schm utzig oder sü n d h a ft sein könne, g eh t es bei den folgenden Belegen m ehr um die Erw achsenen als um die Kinder. A ugustinus fü h rt die Stelle zw ar in den »Bekenntnissen« an fü r den Gedanken, auch seine frü h e ste Kindheit werde nicht frei ge­ w esen sein von Sünde (an die er sich freilich nicht m ehr erinnern kann): Quis me com m em orat peccatum infantiae meae, quoniam nem o mundus a p ecca to coram te, nec infans, cuius e s t unius diei vita su p er terram ?130 S onst h a nd elt es sich m eist um ein A fortiori-A rgum ent: W enn schon ein Säugling nicht frei ist von Sünden, um wieviel weniger dann e r s t ältere Menschen? die wile der m ensche junc ist, so is t er schone von den sünden und doch niht vollen (der) sunden annich, quia nem o mundus a sorde, nec infans unius diei. M it dem daz daz kint eines tages a lt wirt, s o w echset iz in den sünden und ie m er der m ensche danne w echset in die jar, ie eslich er und erger e r wirt von den sunden, als man spricht in einem bispele: ie eld e r ie erger.131 Dies dient m eist der Mahnung, sich s e lb s t als Sünder zu erkennen und sich nicht fü r g erecht zu halten. Am brosius ta d e lt die Novatianer fü r den Hochm ut, sich se lb s t »die Reinen« zu nennen: Quid his superbius, cum scriptura dicat, quia nemo 127 O rig e n e s, In Lc. hom . 14,5, GCS 35,

S. 87: Oportuit ergo, ut pro Domino et Salvatore nostro, qui »sordidis vestimentis« fuerat »indutus« (vgl. Zch. 3,3) e t terrenum corpus assumpserat, offerentur ea, quae purgare sordes ex lege consueverant. ZIEGLER, lo b 14,4-5a,

S. 33-35. 128 O rig e n e s, In Lc. hom. 14,5, GCS 3S, S. 87f. 129 O rig e n e s, In Lv. ho m . 8,3, GCS 29, S. 396-398; vgl. ebd. 12,4, S. 460: Omnis qui ingreditur hunc mundum, in quadam contaminatione effici dicitur. Propter quod et Scriptura dicit: »nemo mundus a sorde, nec si unius diei fuerit vita eius«. ZIEGLER, lo b 14,4-5a, S. 35f.

130 A u g u s t i n u s , Conf. 1,7,11, ed. BERNHART, S. 26. 131 P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 15; zu de m S. 396.

S p richw o rt

ebd.

234

P er so n en

mundus a p ecca to nec unius diei infans?132 In einem A ufruf zur Beichte heißt es: Omnes peccam us, om nes cum pecca to nascimur, om nes in peccata demergimur, etiam infans cujus e s t unius diei vita su p er terram. Cur ergo tim em us peccata confiteri?133 Nicht einmal die »Knechte und Freunde G ottes« waren frei von (zum indest kleinen) Sünden: Quamvis enim servi e t amici dei capitalia crimina vitaverint, et m ulta opera bona fecerint, tamen sine m inutis eos fuisse non credimus; quia non m en titu r ille qui dixit: non e s t inmunis a p e c c a to , nec infans cuius e s t unius diei vita su p er te rra m }34 Nur C hristus s e lb s t w ar frei davon: unde e t nemo sine p ecca to nec unius diei infans, ille autem peccatum non fecit (vgl. 1 Petr. 2,22).135 Als hyperbolische Form ulierung fü r allgemeine Sündhaftigkeit b o t sich die H iobstelle zur S e lb stre c h tfe rtig u n g des Sünders an: W enn schon ein Säugling nicht frei ist von Sünden, wie k önnte ich es dann sein? Ambrosius w endet sich (mit Origenes) gegen solch ein »falsches Ver­ ständnis«. Elisabeth und Zacharias waren zw ar »gerecht« (Lk. 1,6): Quid ad hoc referunt qui pecca tis suis solacia p raeferentes sine peccatis frequentibus hominem p u ta n t e sse non p o ss e e t utuntur uersiculo quia scriptum e s t in Iob: »nemo mundus a sorde nec si una die uita eius e s t in terra; num erosi m enses eius ab ipso?«136 Freilich kann dasselbe A rgum ent A usdruck des Bew ußtseins gro ß er Schuld und des A ngew iesen­ seins auf g ö ttliche Gnade und Barmherzigkeit sein; so etw a in den F o rt­ setzungen zum Winsbecke: 70,1

Got herre, s it diu kleinen kint von ir gebü rte tages alt niht gar von sünden reine sint, wie wirt ez danne um mich g e s ta lt? des hat din barm ekeit g e w a lt} 37

Nicht im m er wird das »Kind« (oder die »Kinder«) eigens erw ähnt, wenn es um allgemeine Sündhaftigkeit g e h t,138 und dam it um die N otw endig­ keit der Buße (quia nullus e s t sine peccato, nullus s it sine s a tis ­ factione)139 sowie um die B edürftigkeit der g ö ttlic h e n Gnade für alle Menschen: Quia ergo nemo mundus a sorde, necessarius e s t omnibus 132 133 134 135 136

A m b r o s iu s, De p a e n ite n tia 1,1,4, CSEL 73, S. 120. P s .- A u g u s t i n u s , Ad fr a tr e s in e re m o 30, PL 40,1288. Caesarius von A r les , Serm o 91,4, CCL 103, S. 376. A m b r o s iu s, De Cain e t Ab el 1,3,10, CSEL 32/1, S. 345. A m b r o s iu s, In Lc. 1,17, CCL 14, S. 14 (Die In ter p u n k tio n habe ich k o r r ig ie rt). 137 W i n s b e c k i s c h e G ed ichte, edd. LEITZMANN - REIFFENSTEIN, S. 39f. 138 Bernhard, In p s a lm u m »Qui habitat« 9,4 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 438): quod nemo interim mundus a sorde , nemo gloriari p o s s it omnino castum se habere cor.

139 Caesarius von A r ies , Se rm o 144,4, CCL 104, S. 595.

Kind

235

fons misericordiae .140 Auch s o n s t s te h t o ft nicht das Kind im V order­ grund, sondern die Aussage über die Sündigkeit a lle r M enschen und dam it auch der Kinder und Heiligen: In his namque qui adhuc militant, nec sine macula quidem Ecclesia e s t (vgl. Eph. 5,27), quoniam nemo m undus a sorde, nec infans cuius e s t unius diei vita su p er terram , quam utique vitam beatus lo b m ilitiam e sse te s ta tu r (Hiob 7,1).141

D ie R e i n h e i t d e r K i n d e r Die Form ulierung von Hiob 14,4f. e rh ä lt ihre Hyperbolik gerade daraus, daß (kleine) Kinder als unschuldig und deshalb als ä u ß e rs t »rein« g e lte n .142 Kindersprüche wie »Ich bin klein, mein Herz ist rein« machen dies ebenso deutlich wie die etym ologische H erleitung p u er a p u rita te , m it deren Hilfe man E rw ähnungen von »Kindern« in der Schrift auf Heilige und G erechte deuten konnte. So b u ch t Alanus zu Puer. Dicitur purus vel ju stu s, e t tunc dicitur a p u rita te; unde Dominus ait in Luca: »Pueri m ei mecum sunt in cubili« (Lk. 11,7), id e s t sancti in aeterna beatitudine .143 Bruno von Segni bezieht die Stelle Hiob 29,5 hierm it au f das frühe C hristentum : Et tunc erat O m nipotens secum , quod in miraculis declaratur, qui sem p er eum tam p ra e sto exaudiebat. Tunc quoque pueri ejus erant in circuitu ejus, de quibus A p o sto lu s ait: »Nolite pueri effici sensibus, se d malitia parvuli e s t o t e « (1 Kor. 14,20). Pueri enim a pu rita te dicuntur,144 »Rein« sind die Kinder nach der Taufe: Wir suln sin als diu reinen chint, di g o t hat gewaschen in dem urspringe siner berm de.145 Wie »reine Kinder« sollen C h risten sein.146 Nach einer W eihn achtspred igt heißt C hristus auch deshalb »Kind«, weil Kinder sich gern bei anderen Kindern aufhalten: also wil och reht g o t von himel der ain kint durch unseren willen is t worden, och gerne wonen bi den kinden. de is t bi allen, di als lü te r un(d) als ainvaltich sin t als diu k in t} 47 Mit Krippe, W indeln (Tücher) und Kind w erden drei Elem ente der W eihnachtsgeschichte gedeutet: 1323

daz kind b e tü te t rainikait, daz krippe 1in dem üetikait, die willigen armüt dü tüch.148

140 Bernhard, In N ativ it ate Dom ini 1,7 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 249). 141 Bernhard, In F e s tiv ita te O m nium S a n cto r u m 3,2 (Opera, edd. LE­ CLERCQ u.a., Bd. 5, S. 3 S 0 f .) . 142 Dazu HANS HERTER, Das u n s c h u ld ig e Kind (JAC 4,1961. S. 146-162). 143 A la n u s, D is t., PL 210,914D. Vgl. z.B. Hraban, De univ. VII,1, PL 111, 181A: Pueri sancti appellati a puritate... 144 Bruno von Segni, In Job, PL 164,644B. 145 P redigten , ed. JEITTELES, S. 30. 146 P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 2, S. 76: nu schüln wir tün alsam diu reinen chint.

147 P redigten , ed. GRIESHABER, Bd. 2, S. 1. 148 Der S a e ld e n H ort, ed. ADRIAN, S. 23.

236

P er so n en

d) P r i e s t e r »Reinheit« ist vor allem von denjenigen M enschen g eford ert, die in O pfer und Kult G o tt e n tg e g e n tre te n , weshalb »unreine« P riester ein be­ sonderes Ä rgernis darstellen. In den m eisten Fällen d ü rfte es sich um Z ö lib atsverstö ße handeln, doch wird dies nicht im mer deutlich. Daß Saul t r o t z seiner eingesehenen Sünde König blieb (1 Sam. 15,30), erin nert G regor allgem ein an sündige Priester, die eb enfalls im Amt bleiben wollen: Volunt quippe inmunda agere, s e d audent sacris altaribus inherere ,149 Der Subdiakon Petrus wird von G regor erm ahnt, sich beim Regeln der A ngelegenheiten »gefallener« Kleriker nicht zu beflecken: De lapsis sacerdotibus ac leuitis uel quolibet ex clero obseruare te uolumus ut in rebus eorum nulla contaminatione miscearis. Deshalb gibt er ihm genaue Anweisungen, wie mit diesen Personen zu verfahren sei.150 P apst Zacharias fo rd e rt von den Franken P riester [sacerdotes), die rein sind und frei von U nzucht und M o rd ta t (mundos e t c a sto s ab omni fornicatione e t homicidio liberos).151 Nach H ildegard von Bingen muß der P riester in jeder H insicht frei sein vom Schmutz der Sünden; bei ihr sp ric h t G ott, e r wolle, daß seine Diener rein vor seinem A ngesicht e r ­ scheinen: Volo enim ut m inistri m ei sine dolo e t sine sorde in conspectu m eo mundi appareant. Quom odo? Vt recta electione ad altare meum accedant e t tunc etiam ibi sine immunditia mihi a ssista n t.1S2 Denn da das Opfer, w elches die Priester am A ltar darbringen, ganz rein von allem Schmutz ist, m üssen auch sie selb er rein sein, d.h. in z ö lib atärer K eusch­ heit leben und sich anderer Sünden und Laster enthalten : quia sacrificium illud quod e s t uita uiuentium e t refectio animarum speculum que omnium uirtutum, quae p e r sanctam innocentiam in forma c a stita tis perspicuae sunt, ab omni sorde m undissim um est; qu apropter e t illi qui idem sacrificium oblaturi sunt sine spurcitia pollution um esse debent, se etiam contin en tes ab epulatione e t ebrietate, a ioco e t a risu atque a leuibus e t incom positis m oribus.153 Für die Sexualität heißt dies, daß ein P rie ste r nicht n u r auf G esch lechtsverkehr mit Frauen verzichtet, sondern sich auch vor S elbstbefleckung hü te t, die schnell zu einem sc h u ld­ h a fte n Vergehen (der M asturbation) führen kann: Vt sacerdos a con ­ tagione mulieris se custodire debet, sic etiam a se ipso se contineat, scilicet cauens ne tactu manuum suarum p ollutionem de se educat, ita ne 149 Gregor, In I Reg. VI,47, CCL 144, S. 578; ebd. S. 579: Nam Saul et ahiectum se audiuit et regnauit: quia inmundi sacerdotes se sacerdotali culmine deiectos pe r luxuriae inquinamenta cognoscunt et tamen contra dei uoluntatem sacra mysteria temerare non desinunt. Sed rex contra domini uoluntatem regnans non rex sed tyrannus fuit: quia sacerdos indignus, qui merito suae inquinationis abicitur, cum ministrare praesumit, ad tantae gloriae culmen damnandus ascendit.

150 151 152 153

Gregor, Ep. 1,42, CCL 140, S. 54. P ap st Zacharias (B on if a tiu s, Ep. 61, ed. RAU, S. 184). H ildegard , Scivias 11,6,61, CCCM 43, S. 281. H ildegard , Scivias 11,6,66, CCCM 43, S. 283f.

P ri e ste r /

Maria

237

stre p itu s Jibidinis in ipso criminose tu m u ltu e t} 54 In diesem Zusam m enhang wird gern darauf verwiesen, daß die Sünden eines Priesters die W irkung der von ihm g espendeten Sakram ente nicht beeinträchtigen; bei der W andlung ist sog ar der unrein ste Priester »rein«: 245,1

So wol dir p riestr, wie reih ein man, wie hoch is t sin gelaeze unt allez daz er hebet an, swenne e r so werdicliche bereitet sich, daz er Got dienen wil! So s ta t e r vri vor m issetät: des is t geziuc, der sich in sine hende geben hat: die wil diu wandelunge wert, so hat er höher eren v il} 55

Die Laien werden deshalb erm ahnt, nicht immer auf die »Unreinheit« der P riester zu schauen, sondern lieber au f den reinen Gott. Der Teichner b rin gt dies mit einem d ra stisch en Vergleich (der an die M etapher vom P riester als W ach- oder H irtenhund erinnert): 167,62

ir habt gehört manigen tag: »man so l den hunt nicht sehen an, man so l ez durch den wirt Jan.« also so l man g o t an sehen, nicht dez pfaffen tum heit spehen, wie sein leben sei geu n rain et}56

e) M a r i a Von allen Heiligen, von denen nun einige b eispielhaft durchge­ sprochen werden, d ü rfte am häufigsten Maria m it R einheitsattrib u ten b e le g t w orden sein. Die beson ders seit dem sp äteren M itte la lte r au sg e­ p räg te Marienverehrung räum te der G o tte s m u tte r einen Vorrang vor allen anderen Heiligen ein, weshalb G eb etsanrufungen in gro ßer Fülle üb e r­ lie fe rt sind. Preisende E p ith eta finden sich o f t in solchen A nrufungen, wenn auch nicht nur dort. Die (freilich nicht immer s tre n g u n te r­ schiedenen) Gründe dafür, sie als »rein« zu bezeichnen, sind bei Maria m ehrfach er Art. Zum »Rein-« im Sinne von »Heiligsein« k om m t Marias Jungfräulichkeit, die sie auch über Empfängnis und G eburt Christi hin­ aus b e w ah rt hat. D rittens ist der V o rstellu ng sk om plex von Marias Frei­ sein von der Erbsünde zu nennen (Imm aculata conceptio usw.). Schließ­ 154 H ildegard , Scivias 11,6,62, CCCM 43, S. 281f. 155 Reinmar von Z w eter, G ed ichte, ed. ROETHE, S. 531; dazu ebd. S. 627; vgl. Freidank, B e sc h e id e n h e it 15,llf., ed. BEZZENBERGER, S. 81: des priesters sünde ein ende hat,

swenn er in engels waete stät.

156 H einr ich der Teichner, G ed ichte, ed. NIEWÖHNER, Bd. 1, S. 189.

238

P er so n en

lieh w ar Maria auch durch die N iederkunft nicht rituell verunreinigt, w eshalb sie die W öchnerinnenreinigung (Lk. 2,22) nicht nötig gehabt h ätte. In A nreden und U m schreibungen ist Maria die »reine Ju n gfrau «157 {m aget):158 O junckfröleiche, raine maid/159 Dies kann auch ge ste ig e rt werden: Maria, die vil raine m a g t} 60 C hristu s ist »das Kind der reinen Jungfrau«: der reinen m agt se n te Marien k i n t } 61 Das E rstaunliche an der Ju n g fra u e n g e b u rt wird deutlich auch in (scheinbar) paradoxen Form u­ lierungen wie »reine M u tte r und Jungfrau«: vil reiniu m u o ter unde m eit, erwende uns sünden u n gevuoc}62 Gleiches gilt fü r den Ausdruck »reine M u tte r« ,163 wogegen »reine Herrin« (vrouwe)i64f die hohe Stellung Marias 157 Pred igten , ed. LEYSER, S. 25: die reine iunchvrowe; vgl. Adam von St. Viktor, S e q u en ze n 39,4,1, ed. WELLNER, S. 260: virgo sancta, virgo munda.

158 W a lt h e r von der V o g e l w e i d e , G ed ichte 5,36, edd. LACHMANN - KUHN, S. 6: einer reinen megde k lüs ; Frauen lob VIII,19,12, edd. STACKMANN - BERTAU, S. 504: und daz er ouch von einer reinen meide quam; ebd. VIII,26,19, S. 508: maget reine ; M e is te r Boppe, Ave Maria ( M it t e l ­ alte r, ed. DeBOOR, S. 431): reine m aget ; M önch von Salzbu rg , Lieder G 10,95, ed. SPECHTLER, S. 176: du C...D maget rain; ebd. G 11,1, S. 179: Mein trost, Maria, raine mait; G 11,122, S. 184: raine maid ; G 22,8, S. 222: du raine maid Maria; Tilo von Kulm, V on sib e n In g e s ig e l n 789, ed. KOCHENDÖRFFER, S. 13: di reine mait; u.ö.; Heinrich der Teichn er, G ed ichte 10,48, ed. NIEWÖHNER, Bd. 1, S. 14: d\v rein mait; ebd. 3S,39, S. 42: daz in ein rainew mait gepar; H einr ich von M ügeln , D ic h tu n g e n 341,6, ed. STACKMANN, Bd. 2, S. 411: der reinen meit; H er m ann v on Sac h sen h e im , Der G o ld en e T em pel 5 4 2 - 5 4 4 , ed. MARTIN, S. 248: den trügt du, reine meyt, In dinem kuüschen lip, Ein junckfrow und nit wyb; P redigten , ed. LEYSER, S. 27: die reine magt sente Maria; S. 28; Predigten , ed. HOFFMANN, S. 116; Sante Se rv atien Leben 337, ed. WILHELM, S. 162: diu raeine maget. 159 O s w a l d von W o l k e n s t e i n , Lieder 114,27, edd. KLEIN u.a., S. 288. 160 O s w a l d von W o l k e n s t e i n , Lieder 111,103, edd. KLEIN u.a., S. 265. 161 P redigten , ed. LEYSER, S. 39; M ec h th ild , Licht VII,37, ed. N E U ­ MANN, S. 286: Die reinen minnenden junefröwen die söllent vtirbas volgen dem edeln jungelinge Jhesu Christo, der reinen megde kint;

ebd. VII,35, S. 283: der reinen megde kint. 162 Z.B. Marner X V ,19, ed. STRAUCH, S. 114; ebd. reiniu m uoter unde maget,

Lippe

(Liederdichter, ed.

XV,141f., S. 119: Vil ros ane sünden dorn; R e in h olt von der CRAMER, Bd. 3, S. 142); die reine müter

unde maget; vgl. Frauen lob IX ,3,17-19, edd. STACKMANN - BERTAU, S. 510: und h ilf uns, mutter, reine meit, die hulde dines suns ei— werben; A lb r e c h t Lesc h (Liederdichter, ed. CRAMER, Bd. 2, S. 255): wirdige m uter und auch reine meit; ders. (?) (ebd., Bd. 4, S. 72): h ilf uns, Maria, müter, reine meit; Konrad von H e l m s d o r f , S p ie ge l 4149, ed. LINDQVIST, S. 83: Maria, müter, raine magt; P rie st er Wernher, Maria D 2536, edd. WESLE - FROMM, S. 123: maget an ende, mütir ane meil. 163 L ich ten th a ler M arien klage (M it t e la lte r , ed. DeBOOR, S. 449): reiniu muoter; St. G eor gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 57: daz ünser herr C...J wonet bi siner rainnen m üter sant Marien.

164 B e r th o ld von R e gen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 443: Der wart mensche von der reinen frouwen geborn; F rauen lob IX ,2,19, edd. STACKMANN - BERTAU, S. 510; Der G o tt fr ie d v on Straßburg z u g e s c h r ie b e n e M arienpreis und L o b g e sa n g a u f C h ris tu s 4 7 ,lf ., ed. LUDWIG WOLFF, Jena 1924, S. 102: Mü vreu dich, reiniu vrouwe zart,

daz nie din lip bewollen wart.

239

Maria

b e to n t und den P a tron atsgedank en zum Ausdruck bringt: min frouwe sant Mariä, diu reine m eit.165

J u n g f r ä u l i c h k e i t und »reines« Leben Im Z entrum dieser A ussagen s te h t das W under der Jungfrau en ge­ b u r t.166 Maria gebar ihren Sohn »in jungfräulicher reiner K euschheit«.167 Ihr Leib wurde dabei nicht befleckt: 10

nog bew ollen ward din m egedlicher lif, allein gebaere du daz kint, heiligez w if } 68

Als »reine Jungfrau« gebar sie Jesus (was ihr als einziger Frau zuteil wurde): 720

den gebar si m agit reine — di ere di hat siu eine vor allen anderen frowen, des sule wir uns ich frowen — an ir libes sere, daz negesca ouch e nie mere noch ouch niem er m er n etu t neheiner frowen also gut, neheiner slah te wibe m it ganzem e ü b e , unbewollin ire m agit heit, daz gem achete sin g o te h e it.169

Die Empfängnis w ar »ohne Befleckung«; die G eburt geschah ohne Schmerzen: quae sine contam inatione concepit e t sine dolore filium p r o creauit ,170 In einer M arienklage erin nert Maria (den toten) Jesu s daran: 165 B e rth o ld von R egen sb urg, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 197; S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 22: von der reinen meigde, miner fröxven sancte Maerien; H einrich der Teichner, G ed ichte 464,23, ed. NIEWÖHNER, Bd. 2 S. 276: unser fraw, die rain magt. 166 Zur Verk ün digun g Bruder H ans, M arien lied er 1859f., ed. BATTS, S. 80: Se tacht: waz meynt dis gruze, Sint ich doch reyne bin und unbevlecket? Vgl. T h om as Peuntner, Aue Maria (S p ä t m it t e la lt e r , ed. HEGER, Bd. 1, S. 148): (G)egrüest p is t Maria dw vil schöne vnd rayne (magt) an alles mail vnd an alle wee aller sunden.

167 Konrad von H e l m s d o r f ,

Sp iegel 62 -6 4 , ed.

LINDQVIST,

S.

gebar Maria Jhesum Cristum In mägtlicher rainer künschait gentzlich gar on alles layd ; vgl. ebd. 4 4 4 6 - 4 4 4 7 , S. 89.

2: Also Lind

168 A r n s t e in e r M arien lied (Gedichte, ed. SCHRÖDER, S. 173). 169 A rm er Hartm ann, Rede vo m h e ilig e n Glauben (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 2, S. 584); vgl. Frau Ava, Johan nes 8 5 - 8 7 (ebd. S. 385): sit wart si g otis wip neheine.

amme

in magetlicher reine:

daz newart nie

170 Petrus Damiani, Se rm o 46,21, CCCM S7, S. 290. Konrad von H e lm s d o r f , Sp iegel 159-161, ed. LINDQVIST, S. 4: Also das ir rayni lutterkait Da von kain mäsen nouch kain layd

Nye enpfieng, das globent mir!

240

P er so n en

Ich was ane swaere gar, dö ich m u o ter dich gebar ane mannes m ä le }7{ Eine Predigt p re ist die E inzigartigkeit dieser beiden Vorgänge: Haec e st inmaculata coitu , fecunda partu; uirgo lactans, angelorum e t hominum cibum n u trie n s}72 Skeptiker hielten dagegen eine Ju ng fra u e n g e b u rt nicht fü r möglich: Si sprächen alle: daz enm oht nim m er werden, daz ein m eit im m er unbewollen chint g ew u n n e }73 Die Juden können nicht glauben, wie ein mait ein chint gewinn sunder mail an mannez begin n }74 Der K etzer Arius (Arrian) b e s tr itt, daß es möglich wäre, 899

Daz eine mait ein kint geber, Di doch reine m aget wer, Und unbewollen b lib e } 75

Auch s o n s t s te h t im m itte la lte rlic h e n D eutsch immer wieder »unbe­ wollen« fü r die durch Em pfängnis und G eburt un versehrte Ju ng fräulich ­ keit; Maria heißt die »unbewollene Jungfrau«,176 die »unbewollene Frau«177 oder die »Unbewollene«:178 C hristus erw äh lte Maria zur M utter, daz si, unbewolleniu an meil, an sunde, ein sal waere des heiligen g e is te s } 79 Das Erwähnen der Jungfräulichkeit Marias bleibt nicht auf das W under d er Jun g fra u e n g e b u rt b eschränkt. C hristus w ollte, daß seine M u tte r auch s p ä te r im mer Jungfrau blieb: daz si heriu m u ter ir m agtum nicht verloz, daz si ein ungemailiktiu m agt waz vor der geburt, in der g e b u rt, nach der g e b u r t} 60 Dem e n tsp ra c h ihre ganze H altung; Maria war rein an Leib und an Seele: wan sie was äin räine m agt an sele vnd an leip vnd an 171 172 173 174 175 176

L ic h ten th ale r M arien klage (M it te la lte r , ed. DE BOOR, S. 449). A m b ro s iu s A u tp e r tu s, De A d s u m p t io n e s. Mariae 4, CCCM 27B, S. 1029. Predigten , ed. JEITTELES, S. 23f. H einr ich der Teichner, G ed ichte 8,61f., ed. NIEWÖHNER, Bd. 1, S. 12. Tilo von Kulm, Von si ben I n g e s ig e ln , ed. KOCHENDÖRFFER, S. 15. W a lth e r von der V o g e lw e id e , G ed ichte 5,19, edd. LACHMANN - KUHN, S. 6: Aläget vil unbewollen; Heinrich von H es le r , A p o k a ly p s e 1809, ed. HELM, S. 28: der unbewollenen maget; St. G eo rgen er Prediger, ed. RIEDER, S. 28: ain unbewollenü magt; ebd. S. 296; U p sa la e r G eb ete (Denkmäler, ed. WILHELM, Bd. 2, S. 175): Gotes muter, frowe dich umbewollenev maget; P rie st er Wernher, Maria 1113, edd. WESLE - FROMM, S. 56: si is t maget unbewollen. 177 Heinrich von H e s le r , A p o k a ly p s e 13060-13064, ed. HELM, S. 191: Daz brot wirt so gewisse Der wäre Gotes lip Als daz unbewollen wip, Des ewigen vater kune, Daz wort entpfienc zu eime sune. 178 H einrich von H e s le r , A p o k a ly p s e 8753f, ed. HELM, S. 129: Wen Got der unbewollen Gab aller tugenden vollen; ebd. 4105, S. 63: Zu der gar unbewollen; vgl. P redigten , ed. LEYSER, S. 26: Dise beslozzen phorten bedütet die reine magt sente marien vnbewollen.

179 Pred igten, ed. JEITTELES, S. 129. 180 Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 2, S. 89; vgl. Predigten, ed. LEYSER, S. 26: die do was ein magt reine vor der geburt. nach der geburt vnd in der geburt.

241

Maria

in bäiden zu sam en .181 Darin ist sie Vorbild vor allem für K lo ste rle u te 182 und fü r alle »rein« Lebenden; sie ist der reinikeit exem pel ,183 Da sie als e rs te Frau G o tt ihre Ju n gfräulichkeit geweiht haben soll, ga lt sie als Begründerin des Standes der Nonnen: Di selve kuninginne reine, m udir undi m agit eine, si was daz allir e r s te wib, di gode ie g lo v iti umbewollin erin lib.184

8,1

Maria ü b e rtrifft alle ändern Jungfrauen: wan es wart nie m en tsch e ane Got daz ie so volkomen künschi h e tti als si. si waz rain an lib und an h ertzen , und h a tte die tugende der künschi volkom enlicher denn ie kain m entsche. man lis e t wol von mängem hailgen der künsche waz und ain lu te r magt, und waz doch sin h ertze nit volkomen an gedenken, aber ünser vrowe waz volkomen an libe und an h ertzen .18S Nach einem langen Katalog k eu scher M enschen heißt es bei Johannes Rothe: 323

obir disse genanten di m u te r Cristi magh wol ein juncfrauwe der meide s y unnd dar zu ein dem ütige dirnne. recht alss di sonne ubir daz g estirn e lu ch tet s y ubir alle juncfrauwen die man in himm el unn u f f erden mag schauen. in irer reinen kuschelt gar s y den kuschen Cristum gebar, der ein vater is t aller heilikeit unnd ein geb er aller selik e it.186

In einem Analogieargum ent w ar Marias »Reinheit« gew isserm aßen die V o raussetzung dafür, den »reinen« Jesus em pfangen zu können: Dat them ede sik w ol dat [...] de lü tte re vnde aller reyn este werde nicht gebaren van vnreynen dinghen. men he so ch te een iuncfrouwelik 181 Marquard von Lindau, Buch der zeh n G eb o te, ed. VAN MAREN, S. 94. Vgl. Adam v o n St. Viktor, S e q u en ze n 37,1,4-6, ed. WELLNER, S. 244: Tota virgo, sed fecunda, Christum Dominum.

Casta corde,

carne

munda

Gignens

182 St. G eo rgen er Prediger, ed. RIEDER, S. 154: so sont wir bilde ab ir nemen: rainnekait libes und hertzen, demütkait, geduldekait, se n f tmütkait und miltekait und kürzlich alle tugend, won si is t der lühtent tag und der luter Spiegel aller hailikait.

183 Heinrich von M ügeln , D ic h tu n g e n 121,11, ed. STACKMANN, Bd. 2, S. 159. 184 W ern er vom Niederrhein, Di vier sc h iv e n (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 449). 185 St. G eo r gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 28. 186 Joh an n e s Roth e, Lob der K eu sc h h e it , ed. NEUMA NN, S. 10.

242

P er so n en

vat ,187 P euntner b e te t in einer A uslegung des »Ave Maria«: Ja du p is t also rayn gewesen, das der, gegen des schön vnd wirdikayt dy sunn, der mon vnd die schönen steren vnraln g e sc h e c zt werden, der hat deinen junckchfrawleichen leib so rayn gesch eczt, das er m it deiner raynen m enschait (w olt) veraynen sein vil hochwirdige rayne g o t h a i t 188 Meint hier die Reinheit die Ju ng fräulichkeit Marias, so kann Bernhard in d asselbe A rgum ent den Gedanken der völligen Sündenfreiheit Marias einbeziehen: Voluit itaque e sse virginem, de qua immaculata im m aculatus procederet, omnium maculas purgaturus.189 A usdrücklich auf die heilige (»reine«) Lebensweise Marias bezieht dies eine d eutsche Predigt: vnd le b e te als reiniclichen vnd also heiliclichen. daz der alm echtige g o t sinen einborn sün vnsern herrn ihesum cristum in im heiligen lichnamen san te.190 Synonyme Z w illingsform eln steig ern den Ausdruck der Reinheit; Marias Leben was lu tte r und rain.191 Ähnliches gilt für Verbindungen m it »süß«192 und m it »keusch«.193 R e in heitsattrib u te können geh äu ft werden, ohne daß dam it unterschiedliche V o rstellu ng en verbunden sein m üß ten {du raine, keusche m aget pur):194> 111,234

Wann alz s y unsern herren het enpfangen sunder m is s ite t und was pliben ain raines Juncfrowlin a ller gute, unvermailt, unverhalczen, glancz, keusch, lauter, unverut und gancz an leib und an g em ü te.19S

W eiter a u sg e fü h rt wird die M etaphorik der Reinheit im Vergleich zu jener der Engel (dazu Kap. V,ld), die sie noch ü b e rtrifft: die engellisch raynikait g e to r sich deiner m egtlichen klarheit nicht zu geleichen.196 187 KÄMPFER, Stu dien , S. 184 (A 21 b l f f .) . Vgl. z.B. Reinmar von Z w e ter , G ed ichte 226,4f., ed. ROETHE, S. 521: Daz dü so reine ein reinez kint

gebaere.

188 T h om a s Peuntner, Aue Maria (S p ä t m it t e la lt e r , ed. HEGER, Bd. 1, S. 150). 189 Bernhard, In la ud ibus virginis matris 2,1 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 21f.). 190 Predigten , ed. LEYSER, S. 94; ebd. S. 99: die lebete also reinecliche vnd also heiliclichen. daz daz vnvernümen namen die vor ir geborn würden.

was

von keinem

wibes

191 Konrad von H e l m s d o r f , S p iegel 98, ed. LINDQVIST, S. 3. 192 Z.B. W a l th e r v on der V o g e l w e i d e , G ed ichte 3,28, edd. LACHMANN KUHN, S. 4: und ouch der reinen süezen m aget ; P s.-Reinm ar, G ed ichte 2 8 5 ,9f., ed. ROETHE, S. 551: nieman kan foliobin die reinin süzin, die der darin sunnin lühtit vor; Tilo von Kulm, V on si b e n I n g e s ig e l n 1252, ed. KOCHENDÖRFFER, S. 20: Di vil suze reine bruet. 193 Z.B. H erm ann von Sac h sen h e im , Der G o ld en e T e m p e l 4 0 0 , ed. MARTIN, S. 244: Maria kuüsch und rein; ebd. 285, S. 241. 194 M ichel Beheim, G ed ichte 263,8, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 2, S. 410. 195 M ichel Beheim, G ed ichte, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 1, S. 403. 196 T h om as Peuntner, Aue Maria (S p ä tm it te la lt e r , ed. HEGER, Bd. 1, S. ISO).

Maria

243

B erthold von Regensburg s e tz t die allum fassend e »Lauterkeit« Marias in Beziehung zu der des Goldes und der Sonne: Läzet g o lt zeh en stunt g e liu te rt sin od er edel gesteine, so wart eht nie niht m it fleischlichen ougen gesehen, daz so gar lü te r lieht waere alse diu sunne. Daz bediutet ouch die gerehtikeit unde die reinekeit unde die lü terkeit, diu an unser frouwen von kintheit is t gewesen; daz sie aller menschen brosdekeit so lü tz e l ie b etru o b te m it deheiner slahte m eil, daz m enschlich künne ie b e tru o b te , da von so was sie lüter, als diu sunne ist, vor a ller trü ebeheit an gedenken und an w orten und an werken.197 Maria ist d er »Spiegel ohne Flecken« (dazu Kap. VII,4): Ja du schöner Spiegel, du p is t also d y vngemailigt von allen sunden, dastu nicht allain nye gesu ndet hast, du p is t halt zu chainem übel nye genaigt worden vnd jn allem g u et nye gehindert worden.198 Verbunden wird dies mit der (Inkarnations-) M etapher von der Sonne, die durch das Glas scheint: 95

ane vleckin si m agit von ime ginas, alsi di sunne scinit durch daz g la s.199

Heinrich von H esler sprich t von Marias »Blume der Keuschheit«, die sich keinen Sündenflecken dadurch zuzog, daß Maria die M u tte r des H errn wurde: 9342

Den truc die ro se sunder dorn In reinem m agetuem e, Daz ir kuscheite blueme Niekein sunden mal entpfienc.200

In allegorischer D eutung bezieht man die apokalyptische Frau (Apk. 12,1) au f Maria; so auch Heinrich von H esler in seiner A pokalypsenDichtung: 1 65 5 6

Diz g ro ze Zeichen bed u tet Den unbewollenen lip Unser vrouwen, die wol wip Des heiligen g e is te s waz, Do sie iz vater Wortes genas An sim e eingebornen sone Glich einer elichen kone, Daz sie nie sunden mal entpfienc.201

197 B e r th o ld von R egen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 539f. 198 T h o m a s Peuntner, Aue Maria (S p ä tm it te la lt e r , ed. HEGER, Bd. 1, S. 149). 199 W ild er Mann, V on c h r is t li c h e r Lehre (Dichtu n gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 585). 20 0 H einr ich von H e s le r , A p o k a ly p s e, ed. HELM, S. 138. 201 H einrich von H es le r , A p o k a ly p s e , ed. HELM, S. 244.

244

P er so n en

M a r i a u n d d i e E r b s ü n d e ( I m m a c u l a t a c o n c e p t i o ?) Obwohl Maria nicht g e ta u ft war, h a fte te ihr nicht die U rsünde des M en schengeschlechts an, als sie Jesus empfing. Dies wird kaum je in Frage g e stan d en haben; s tr ittig — und zeitweilig heftig u m k a m p ft — war allerdings, ob Maria von Anfang an frei von der E rbsünde war, also b e reits in einer »unbefleckten Empfängnis« gezeugt wurde. D ogm atisch en tschieden h a t die Kirche diesen Streit e r s t 1854, w enngleich sich die »Immakulisten« schon lange vorher in der Theologie d u rc h g e se tz t hatten. Die alte Position ging davon aus, daß Maria (wohl bei der Ver­ kündigung, als der Hl. Geist sie »überschattete«; vgl. Lk. 1,35) »gereinigt« wurde. So s t e h t für Bernhard von Clairvaux fest, daß die göttlich e Gnade Maria ebenso von der Erbsünde reinigte, wie dies heute in der Taufe geschieht (und frü h e r bei der Beschneidung geschah): cum omni­ m odis con stet, ab originali contagio sola gratia mundatam e sse Mariam, quippe cum e t nunc in baptism ate sola hanc maculam lavet gratia, et sola eam raserit olim petra circumcisionis.202 Ein Fachausdruck für die Folgen der E rbsünde ist der »Zunder«; so beim St. G eorgener Prediger: üns is t ain natür an erborn, daz h aisset fom es peccati, und enist des nieman änig won der von dem hailgen gaist is t gerainnet, alz ünser vrowe.203 Derselbe Prediger b e ru ft sich au f Johannes Damascenus: zu der selben stunde do si daz w ort gesprach: »nach dinen worten geschehe mir«, do kam der hailig gaist u ff si und erfu lte si m it der gnade L..] und rainte allez ir blüt von allen ir sünden und von aller ir krankait und sch u f da ain kint von dem rainsten blute daz in irem lip waz, und fü g te sich zehant zü dem kinde dü hailig goth ait und dü hailig sele.20* Daß Maria auch vorher keine T odsünden beging, ist fü r den St. G eorgener Prediger selbstverstän dlich; die Reinigung s c h ü tz te sie nun aber in Z ukunft zudem davor, kleine Sünden begehen zu können: bi der arche (der »Bundeslade«) is t bezaichent ünser vrowe. dü waz ussnan und innan also rain und also künsche daz si nie bewollen wart m it dekainer unkünschi weder an hertzen noch an übe. und e si noch ünsern herren enphiengi, do waz si alz rain daz si nie hobetsünde g e te t noch m ohte getün, alz ed elr nature waz si. und aber do si ünsern hen~en enphie, do wart si so gar raine daz si weder tötlich noch täglich sünd m oht getün für daz me.205 Dieser Gedanke von der Reinigung Marias h a t o ffen bar als Gegen­ p osition die Lehre von der U nbefleckten Em pfängnis hervorgerufen,206 202 Bernhard, In A s s u m p t io n e Beatae Mariae 2,8 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 5, S. 237). 203 St. G eor gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 116. 20 4 St. G eo r g en er Prediger, ed. RIEDER, S. 227. 205 St. G eor gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 239f. 206 HEINRICH M. KÖSTER, Art. » U n b e f le c k t e E m p fä n g n is Mariä I« (LThK 210, Sp. 467): "Daß Maria g e r e in ig t wu rd e, be v o r u. dam it sie C h ristu s e m p fi n g e (G regorio s v. Nazianz: PG 36,325B 633CD; S op h r o n io s v. Jerusalem : PG 87,3 248), wirkt, m e h r d e u tig , sc h l i e ß li c h auch z u g u n s t e n der U. E.”

245

Maria

w elche die Reinheitsm etaphorik b ereits im Titel trä g t. K onkretere Bild­ v orstellu ng en , die n u r diesen A spekt illustrieren, sind allerdings schw er zu finden; m eist un terscheiden sich die Bilder nicht von denen für Marias Jungfräulichkeit. Eine vorbeugende Reinigung würde keine spätere Beschm utzung verhindern. In der M edizinmetaphorik ließe sich hingegen zeigen, wie man mit der M etapher der - prophylaktischen Heilung, die e r s t gar keine Krankheit aufkom m en läßt, diesem spezifischen Problem g erecht zu w erden v e rsu ch te.207 Manche A utoren lassen die Frage offen, wie es dazu kam, daß Maria ohne Erbsünde war, als sie C hristu s empfing; so Michel Beheim mit Bezug auf Petrus Lombardus. Maria w ar frei von jeder A rt von Sünde: 117b,94

Daz e rst dy erbsünd i s t , dy da nit hat gehabt dy lieb juncfrau, des haben wir urkunde. Wann es sprechen dy lerer im driten puch der hahen synn im driten under schaid, dar ynn sein s y der ding bewerer, Day dy lieb czart juncfraw Marei in erbsünd nit enpfangen sei oder sei dach gar drate Gerainigt d iser sünden helb.208

Da die unbefleck te Empfängnis le tztlich dieselbe W irkung hat wie eine nachträgliche Reinigung, kann es auch Fälle geben, in denen beide A uf­ fassun gen m iteinander verbunden sind; etw a in einer Predigt des P riesters Konrad, der vom M arienattrib u t »Rose u n te r Dornen« ausgeht: diu is t ouch e rw e lt uzer alle dirre w erlt sam diu rose uz den dornen, wan die dorne die bezeichent die sunde, die was aver si vil rainiu vil gar ane, wan si was heilic in ir lieben m u o ter buche, dar zuo chom ouch der heilige ga ist zuo zir unde erlu terte beidiu ir lip unde sele, daz si zainer m u o ter wol gezam dem heiligen Christo.209 W enn man dies nicht so verstehen will, daß der Hl. Geist die sündenlose Maria nu r sicher­ h e itshalber noch einmal gereinigt habe, dann wird man auch hier das Reinigen auf die Erbsünde beziehen m üssen und das Freisein von Sünde 207 Z.B. H einrich der Teichner, G ed ichte 21S,52ff., ed. NIEWÖHNER, 1, S. 2 3 4 f .; dazu KÖNIG, A u s s a g e n , S. 110-114. 208 M ichel Beheim, Ged ichte, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 1, S. 433; Petrus Lom bar dus, Sent. 111,3, Bd. 2, S. 31-37. T hom as Peuntner, Maria (S p ä t m it te la lt e r , ed. HEGER, Bd. 1, S. 148): die vor d e r g e pore n

sün d

ist

gänczlich

beh ü et

worden,

oder

in

Bd. vgl. Aue

anniüete rlic he n

leichnam ga r sc hier da von gerayn igt w or de n . 209 Pre digten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 3, S. 206; d e sh a lb s o l l man sie bit te n , s w a i r von den dornen,

daz

sin t

die

sunde,

ie n d e r g e m a ilig e t

unde

g e s e r e t sit , daz si m it ir m u o te rlic h e r waete daz mail hiute g e r o uc he abe z e nem en (S. 206f.).

246

P erso n en

a uf ihren Lebensw andel.210 Noch h eute wird die U nbefleckte Empfängnis o ft m it der Ju n g fra u e n ­ g e b u rt verw echselt. Das hat bereits Tradition, denn V e rtre te r der Im m aculata-Position n u tz te n die U nschärfe der m etaphorischen Form u­ lierungen, um ihren Gegnern zu u n te rste lle n , sie b e s tr itte n Marias Ju n g ­ fräulichkeit. M arquard von Lindau: wann alle menschen in ir m u ter leibe verm asiget sein vnd werden von der erbsänd so vil das die sele dan is t in haß g o te s das sich g o t a u f die z e it so lang die sele in erbsünden is t gentzlichen von ir g ekeret hat. H ervm b so sind aller menschen sele nicht la w te r m egde wan sie alle in masen der vnlaw trigkeit der erbsänd sint gefallen: Herämb die do sprechen das die edel m agt in erbsände gefallen se y Sie sprechen (ir) gan tz war m egtlichkeit ab.2n

Mariä Reinigung Die W öchnerinnenreinigung, der sich Maria — wie vom Gesetz vor­ geschrieben (dazu Kap. III,lb) — unterzog (Lk. 2,22), hat viele Theologen irritiert. Maria h a tte nicht den gering sten Grund zur Reinigung, da w eder bei der Empfängnis noch bei der G eburt etw as Unreines geschah: Nihil in hoc conceptu, nihil in partu impurum fu it, nihil illicitum , nihil purgandum: nimirum cum p ro le s ista fons p u ritatis sit e t purgationem facere venerit delictorum .212 Vor allem in Predigten zum F est »Mariä Reinigung« (»Lichtmeß«; 2. Februar) b e sta n d Begründungsbedarf. Eine Lösung des Problem s sah man in Marias Treue zum Gesetz; sie h a tte es zw ar nicht nötig, gereinigt zu werden, aber sie w o llte kein g ö ttlich es Gebot u n e rfü llt lassen: 616

E doch s y schön und lu te r was, Dar umb te t s y das vil me Das s y hielte die alten ee, Wan s y kain g e b o tt nie über gieng Das mensch von G ott y e enpfieng.213

Maria gab zudem uns, die wir es nötig haben, gereinigt zu werden, ein Beispiel des G ehorsam s und der Dem ut {et nobis oboedientiae et hum ilitatis praeberet exem plum ), um uns von Sünden zu reinigen: Agamus e t nos purgationis dies, nos inquam qui m aculosi e t peccatores sumus, quorum prim us ego sum (vgl. 1 Tim. 1,15); purgem us animas, emaculemus conscientias. Die »Zeit der Reinigung« m eint tro p o lo g isc h die »Zeit der Buße«: Tantillum hoc tem pus uitae quod su p erest purgationi 210 Zum P ro b lem d ie se r S t e l le MERTENS, P re digtbuch , S. 154f. 211 Marquard von Lindau, Buch der z eh n G eb ote, ed. VAN MAREN, S. 94 f. 212 Bernhard, In p u rifica tione S. Mariae 3,2 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 342). 213 Konrad v on H e l m s d o r f , S p ie g e l, ed. LINDQVIST, S. 13.

A p o s t e l Jo han nes

247

depu tem u s, paenitentia, confessione et quotidianis lacrimis praeteritae uitae maculas expurgantes, e t cum purgationis nostrae dies com pleti fuerint, ad caeleste illud tem plum , ad uera illa saecula saeculorum, ubi sacerdos n o ste r sem el ingressus iuge pro nobis o ffe rt sacrificium, trans­ feram ur ,214 Das Problem ließ sich auch m it dem K onzept einer ste llv e r­ tre te n d e n Reinigung wie bei C hristus in der Jo rd a n ta u fe (dazu Kap. XI,3a) lösen: niht durch sine n ot oder siner müter, sunder durch unser notdürft, wanne an siner üben m ü te r enwaz niht zu reinegene noch zu suberne als ein ändern vrowen .21S Glühende V erehrer von Marias Rein­ heit k o n n ten sich mit dem Gedanken, daß Maria jem als gereinigt worden sei, üb erhaup t nicht abfinden; Tilo von Kulm e tw a s tr e ite t dies rundweg ab: 2913

Do irvullet was di cziet Daz man in sechs wochen liet, Der reinunge c zy t ich mein, Daz si wurd gereinget — nein! (Wen di kusche m aget was Reine lu te r als en glas), Sunder daz ir magetum Hoch ob aller meide blum G elobt wurde von irer vrucht.216

f) D e r A p o s t e l J o h a n n e s Wie im Fall der G o tte sm u tte r, so bezeichnet das A ttrib u t »rein« auch beim Lieblingsjünger Johannes häufig die Jungfräulichkeit. Sein männliches G eschlecht sprich t nicht dagegen, denn auch M änner können virgo {maget, juncvrouwe) genannt werden, wenn sie niemals G e schlech ts­ verkehr pflegten: Wan es s i kneht oder dierne, daz die reinikeit behaltet, die es von siner m u o te r libe brähte, daz sint meide.217 Von Johannes b e ric h te t die Bibel zw ar nichts dergleichen (allerdings auch nicht das Gegenteil), doch kann es von ihm heißen, er was chüsch und rein unde diem uot an elliu meil irdischer bröde; d em e wart nie bewollen von wibes u n g e v e rte 218 was wohl auf die apokryphen »Johannesakten« zurück­ geht, wo der A postel vor seinem Tode b etet: »Der du auch mich bis zu 214 Julian von V eze la y, Se rm o 3, SC 192, S. 88; ebd. S. 86: Sec und um le g e m M oy si, pu rga t io ne quam age ba t non eg e ba t uirgo m a te r Domini, q ui ppe quae ge nitu ra so rd e m non con trax erat, nec c o nc e p tu ma cula ta n ec partu, ne c c on ce ptu aperta n ec partu .

215 P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 34. 216 Tilo von Kulm, Von sib e n I n g e s ig e ln , ed. KOCHENDÖRFFER, S. 45. 217 B e r th o ld von R e gen sb u r g, Predigten , edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 196. 218 Pre digten , ed. JEITTELES, S. 28.

24 8

P er so n en

dieser Stunde rein bew ahrt h a s t für dich s e lb s t und u n b e rü h rt m it der Verbindung mit einer Frau C...]«.219 Dies wird nicht se lte n — wohl e r s t ­ mals in dem sog. »m onarchianischen Jo h an nesargu m en t«220 — m it der A usschm ückung des Berichts von der H ochzeit zu Kana (Jh. 2,1-11) ver­ bunden, er sei der Bräutigam gewesen, der im Anschluß an das W ein­ w under seine Braut verließ, um Jesus nachzufo lg en 221 (Hie e s t ille cujus caro nulla pollutione contaminata e s t).222 V erw and tschaft soll der Grund d a fü r gew esen sein, daß Jesus (und Maria) zu dieser H ochzeit geladen waren: 4084

Iohannes siner mümen sun, als mannes libe ein luder m aget, als uns die schrifte hänt gesaget, sulde ein wirtin hän gekouft.

Das e rste W under Jesu bew egt den Bräutigam dazu, immerw ährende Ju ng fräulichkeit zu halten: 4124

Ouch bleip der sunder godes drüt Iohannes kusche sider me und hielt sich an der m egde e.223

Weil C hristus Jungfräulichkeit über alles sc h ä tz t, erw ählte er Johannes zum Lieblingsjünger (umme sine jungfrowelichen reinekeit, wan he ein junevrowe was; wan der maitum treit di kröne über alle tugende);224 A braham a Santa Clara: vndt sezen die m eiste lehrer, die vrsach, warvmb Joannes vor allen ändern sei von Christo gliebt, gehrt worden, sei g w e s t seine Jungfreiliche reinigkeit vndt reine Jungfrauschafft, an dero ehr all andre M itjn g er Jbertroffen: »Merito dilectus a Deo ob Integritatem 219 J o h a n n e sa k te n 113 (Apokryphen, ed. SCHNEEMELCHER, Bd. 2, S. 189), w o eine au s fü h rlich e A u fz ä h lu n g e in er m e h r fa c h e n V e rs u c h u n g zur Ehe bei Joha n nes f o l g t . 220 JÜRGEN REGIIL, Die an tim a r c io n itisc h e n E v a n g e lie n p r o lo g e (V etus L a t in a — Aus der G e s c h ic h te der a l t la t e i n i s c h e n Bibel 6) Freiburg 1969, S. 4 2 f . ; SMITMANS, W ein w un der, S. 202; SCHUMACHER, Jahr, S. 444f. 221 H o n o r iu s, S p e c u lu m E c c le sia e , PL 172,834B: H o c v is o Johannes s p o n sa m suam d e s e r u it, Virginis filio ip se virgo a d h a e s it ; Predigten, ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 259; Bd. 2, S. 21; Jo han nes Pauli, Predigten, ed. WARNOCK, S. 131, erk lärt dam it die J u n g frä u lic h k eit de s m a g t lichen künsc he n herren und rainen ju n g f r o w e n Sancti Johannis e w a ng e l i st e . Dazu SCHRÖDER zu M e i s t e r In gold , G o ld e n e s Sp iel, S.

89f. 222 H ild eb er t (?), Se rm o 81, PL 171,730D. 223 Die E r lö su n g , ed. MAURER, S. 177-179. 224 H erm ann von F ritzlar (M ystiker, ed. PFEIFFER, Bd. 1, S. 37). vgl. Jo­ han nes Roth e, Lob der K e u sc h h e it 2 4 5 - 2 4 9 , ed. NEUMANN , S. 8: Johannes auch d e r e w a n g e lis te d e r sun der lic h lie b w as C r is te umm e daz e r l i s s van sim e wibe unnd w o ld e k us c h unnd reine blibe.

de s h a t te

en

C ristu s

lieb

besu nder.

A p o s t e l Johan nes

249

Sacrae Virginitatis«, also Bonaventura. khan also die mass, die g resse der reinigkeit abgenommen werden durch die g resse vndt m ass der lieb.225 Nach Johann von Soest hat Johannes dadurch eine »besondere Gnade« erlangt: O sant Johan, ewangelist, Du der eyn jungfraw blyben bist An lyb vnd se i gan tz om bem ost. Deshalber son der gnad du h o st Erlangt von cristo, g o t dem h e m .226 Deshalb auch ließ C hristus ihn an seiner Brust (vgl. Jh. 13,23) die g ö t t ­ lichen Geheimnisse erfa h re n ,227 was zum Beispiel Heinrich von H esler au f das Schauen der Apokalypse bezieht: 379

Sus ougete Got Johanne, Dem unbewollenen manne, Sine verborgen tougen 228

Nach dem Tode Marias e n ts ta n d u n te r den A posteln ein vil sü e zer s tr it (v. 584) darüber, w er von ihnen bei der B e sta ttu n g den palmen triiege (585); der heilige Petrus sp rich t dies dem Jün ger Johannes zu, denn dignum est, ut palmam virginis virgo ferat:229 595

g o t hat m er an dich geleit eren und saelicheit danne an unser deheinen. er behielt dich also reinen m aget und enpfalch dir sin m u o ter m aget und dich ir. und da wir alle säzen m it im ze tische und äzen da e r den antläz begie, dich einen er da umbe vie und tw anc dich an die brüste sin.230

225 Abraham a Sa nta Clara, W erk e, ed. BERTSCHE, Bd. 1, S. 511. 226 WIEGAND, H a n d sch rift, S. 48. 227 Vgl. OHLY, W o l f r a m s Gebet, S. 48 7, A. 91: "Das Ruhen de s Johan nes an der B r ust J e su wird s e i t O rig e n e s a ls die Gebärde der E m p fä n g n is der sap i e nt i a , auch des se n su s Christi verstanden." 228 H einrich von H e s le r , A p o k a ly p s e, ed. HELM, S. 7; vgl. ebd. 2 6 4 f f., S. 5. 229 Legen da aurea, ed. GRAESSE, S. 508; E l s ä s s i s c h e Leg en da aurea, Bd. 1, edd. WILLIAMS - WILLIAMS-KRAPP. S. 528: das du d is en bahnen t r a g e s t f o r di se m reinen Jichomen, wenne eine reine l u t e r m a g e t bist.

230 Konrad von H e im e s f u r t , HOFFMANN, S. 26f.

U n s e r v r o u w e n hinvart, edd.

GÄRTNER -

250

P erso n en

Als einziger A postel stan d Johannes (»in jun g fräulicher Reinheit«) u n te r dem Kreuz: Sin drut ouch stuant thar einer m it thiarnuduamu reiner.231 D ort empfahl der H err ihm seine M u tter, und diese ihm (Jh. 19,26f.): 140

noch seit uns diu sch rift daz, e er an dem chriuze erstürbe, daz er siner m u o te r erwürbe an dem vil reinen manne, dem süezen sant Johanne, einen getriuwen phlegaere, und daz er ir enpholhen wasre.232

Jesus empfahl also jeweils einer »Jungfrau« die andere,233 denn beide waren sie »unbefleckt«.234 Dehainem sinem boten en w olte vnser herre sine m f t e r enphelhen niwan s. Iohannes, der ein lu te r degen was. Von div was reht, daz ein m aget h v tte der g o te s meigde 235 Beim Bruder Philipp b e s tä tig t Jesus dies noch einmal ausdrücklich vor der H im m el­ fa h rt:236 8238

Jesus sprach »6 m u o te r reine, ich läz dich, vrouwe, niht al eine, ich M n bevolhen dich Johanne, minem vriunt, dem reinen manne, daz e r dir an miner s ta t helfe tro e s te und gebe rät L..]«237

231 O tfried , E v an g e lie n b u c h IV,32,S, edd. ERDMANN - WOLFF, S. 210; HARTMANN, W ör ter b u ch , S. 339. 232 Konrad von H e i m e s f u r t, U n s e r v r o u w e n hinvart, edd. GÄRTNER HOFFMANN, S. 6. 233 Petrus Damiani, Se rm o 63,5, CCCM 57, S. 366; vgl. N ik ola u s von Lan­ dau (ZUCHHOLD, Se rm one , S. 124): daru mm e wa s e r auch g o d e unde r allen z w e l f b o d e n d e r lie b e s te und daru mme be va lc h im e C r is tus an d em e c rüze sine m ü ter, die auch eine reine m a g e t was. F a st nur a u f

Konjek turen sind wir a n g e w ie s e n , w o die M i l l s t ä t t e r S ü n d en k la g e von den W o r t e n sp richt, die J e su s an se in e M u t te r r ic h te te (vv. 5 8 4 - 5 8 8 ; D ic h tu n gen , ed. MAURER, Bd. 2, S. 89): d o du an d em c hr iuz ze e rs tü rb e und du si bevu lh e dem g u o te n s a n c te Johan ne, de m h e i ll ige m manne, ein m a g et (su nd er m eile? e in er m age t? ). 234 Predigten , ed. JEITTELES, S. 29: D er m u o te r bevalh e r den jung er, d em j u n g e r sin rein m u o ter,

durch daz si beide

unb e w o lle n

wärn.

235 S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 28; vgl. ebd. S. 30. 236 Vgl. z.B. Beda, Hom . 1,9, CCL 122, S. 62. 237 Bruder Philipp, M arien leb en , ed. RÜCKERT, S. 223; vgl. ebd. 9144f., S. 248: al le z daz du von Johanne h a st g e h ö r t d e m reinen manne C...3. R h einis c he s M arien lob 110,13f., ed. BACH, S. 125: D it ha t g e s c hr iv e n d e re i n s t e man, dem din sun dich beval: s e n t Johan ; ebd. 24,14f., S. 27: Bi di r s t e i t d e r r e in ste man, de din h ü te r is: s e n t Johan; 29,17, S. 34: disen reinen man; 121,15, S. 138: d e rein Johan; 124,31, S. 142: de al l e r re i n ste man.

251

Johan nes der Täufer

Der Lohn des Johannes im H im m el238 en tsp ric h t dem der »Jungfrauen«, der den der E heleute weit ü b e rtrifft. Wo dagegen rech tes V erhalten in der Ehe im V ordergrund ste h t, kann der himmlische Lohn auch schon einmal g leich bew ertet werden. Der Patriarch Abraham h ielt sich an die von der Kirche a u f g e s te llte n Regeln fü r ehelichen G eschlechtsverkehr so lew terlich das er sein fraw e nie b e slie f dan in g ö tlic h e r mäinung vnd müt: vnd darf mb spricht sanctus Augustinus das sein Ion nit vngleich s e y sant Johansen Ion des ewangelisten wie das e r vil kind h e tt vnd sant Johannes äin la w te r m agt wer.239 In einem A nalogieargum ent kann der hl. Johannes an seinem F e stta g aufgrund der Reinheit gebeten werden, bei der Reinigung von Sünden behilflich zu sein: Von div, mine vil lieben, svln wir hivte m it rainem herzen, m it kvschem libe tvlden die vil heiligen dult .s. Iohann(i)s, des vil heiligen g o te s trvtes, des vil heiligen g o te s boten, des obersten evangelisten, daz wir m it siner helfe von vnsern svnden gereinet mvzen werden lvterlichen m it kvske, innekliche m it warer minne ze der g o te s heim fde nach disem lebennen komen m vzen.241

g) J o h a n n e s d e r T ä u f e r Der sp ätere Heilige Johannes der T äufer heißt bereits als Kind »rein«.242 In seiner Jugend zog er sich von den M enschen zurück, um sich nicht zu beflecken; er zöch sich in einin walt uon den livten, daz er sich d e ste baz m ähte behütin uor allir slahte sundin, da dehein mennische m ite bewollen mach werdin 243 Auch ihm wird durchw eg die »Ehre der Jungfräulichkeit«, und dam it Reinheit, zugestanden: Nec caruit virginitatis honore, qui cum mulieribus coinquinatus non fuit; se d secutus e s t Agnum quocunque ivit. Eremita quoque fuit, qui viam Domino in eremo praeparavit.244 Hier finden sich ähnliche Äußerungen wie beim A postel Johannes: alle die reinicheit und alle die heilicheit die an keinem irdischen menschen m och te sin, die was an sen te Johannem Baptista, er was ein reine magt, e r was ein propheta und m e r danne ein propheta, er was ein m erterere und g o tis tüfere.243 Als H erzenskenner w ußte Jesus um die Reinheit des Täufers (zu Mt. ll,7ff.): do gedahte unser herre sins vil lieben toufaeres vor sinen ju n gem also lieblichen, also er selbe sin rain 238 Vgl. Johann von S o e s t

(WIEGAND, H a n d sch rif t,

S. 48):

In

d yne m

schy rin d y j u n c f r a w reyn, G o t t z m u t t e r allryn h o s t g e h e b t. Das m äc ht, das k u sc h e it d y r a n kle b t In la u tt e r m h e r tz e n o nue r ze r t. Des halb h o t t dich g o t h og g e e r t M y t ey ne m k r o nly n so nd e rlic h.

239 Marquard v on Lindau, Buch der z eh n G eb ote, ed. VAN MAREN, S. 87. 241 S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 29 (dort: .s. Ioha nne s ) . 242 Pre digten , ed. JEITTELES, S. 117: Dö daz rein c hint g e b o r n was, dö w a rt sin v a t e r Zacharias spre ch en de und sin m u o te r heilich und a lle z sin chunne saelich.

243 S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 82. 244 Garnerius Cvon R o c h e fo r t? ] , Se rm o 25, PL 205,738A. 245 P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 203.

252

P er so n en

herce erchant, der elliu herce selbe gescafen hete. wan e r gab siner rainichait unde siner haeilichait vil manic urchunde 246 T rotz seiner Reinheit m ußte auch der Täufer — wie alle Patriarchen und Propheten — in die (Vor-)Hölle: Von adams ungehorsam was alle menischeliche gesläh t in die armut unde in die n o t chomen, daz nieme wras so gut, noh so haeilih, ern m use z e helle uarn, die haeiligen wissagen, die haeiligen Patriarchen, sancte Johannes der g o te s töfaere, als im g o t selbe urchunde gap, daz nie dehein adams chint reiner war, — die m use alle z e helle.247

h) P a u l u s A ufgrund einer tra d itio nellen Verbindung von p ro p h e tisc h e r Gabe und Jungfräu lich keit wird wie beim Apostel Johannes als vermeintlichem A u to r der Apokalypse auch bei Paulus248 die geistige E n trückung auf Ju n g fräu lich keit249 zurück gefüh rt. Jesus verlieh zw ar allen A posteln W eisheit, zwei von ihnen aber in besonderem Maße: 83,35

Wan si sint uns wal bekant (Johannes ind Paulus sint si genant), den he sunderliche wolde schenken siner wisheit win ind si verdrenken. Si waren reine m egde beide, d! reincheit was ir beider geleide, an des m eisters heimlicheit alda lern den si d! w isheit, df nf engeine zung 'n gesprach, d t ’n gein herz begrifen mach.250

Die A ussagen der »reinen Jungfrau« Paulus über Ehe und Jun gfräu lich ­ k eit d ürfen nach Heinrich von Melk P riester nicht in dem Sinne auslegen, ihnen würde dam it die Ehe g e s ta tte t. 196

wes m erchent si niht den vordem sin? da e r sprichet: »ich w o lte alle liute wesen als ich bin,« (zwar e r was ein reine maget) »ouch si den witwen g esaget

246 Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 3, S. 187. 247 P redigten , ed. HOFFMANN, S. 72. 248 A l s H e i l ig k e i t s a t t r i b u t z.B. P a ssio n a l 549,90, ed. KÖPKE: Paulus d e r vil reine.

249 D a g e g e n sp r e c h e n g u te Gründe, die s c h o n K le m e n s von A le xan d r ie n vortrug: RANKE-HEINEMANN, Eun uc he n, S. 43 f. Zitiert bei O t t o von Freising, Chron. III,2S, edd. HOFMEISTER - LAMMERS, S. 266. 250 R h ein is c h e s M arien lob , ed. BACH, S. 95.

Paulus /

J o s e p h von Nazare th

253

unt den ungehiten wiben, w ell ent si ga r unbewollen beliben als ich bin, daz waer in guot. sw elh aber des niht tuot, daz is t niht wider dem gibot, wil du elichen gehien in got.« da sprichet er, b ezze r si gehien danne brinnen2Sl Auch s o n s t wird 1 Kor. 7,7 in diesem Sinne verstanden, etw a in einer D eutung der weißen Farbe des Mondes: der mane is t uch wiz, also waz sen te Paulus wiz und reine, do er sprach: volo omnes homines esse sicut me ipsum, ich wolde daz alle lu te wern als ich bin 232 Anders als die n u r positiv v erstandenen Heiligen Maria und die beiden Johannes' ist Paulus jedoch auch ein großer Sünder, der »gereinigt« werden mußte. Als Sünderheiliger, der Gnade fand, kann sein Beispiel den Sünder vor Verzweiflung sc h ü tz e n .2S3 Auch er hat sich im »Brunnen der gö ttlich en Barm herzigkeit gewaschen« und k onnte so zum Lehrer der Kirche werden: Paulus qui Ecclesiam crudeliter vexavit, dum se hoc fon te lavit, d o c to r Ecclesiae esse meruit 254

i) J o s e p h v o n N a z a r e t h Für seine Behauptung, auch Joseph, der N ährvater Jesu, sei ain rainer ju n gfro w gew esen,255 kann sich Johannes Pauli nicht auf eine Bibel­ ste lle berufen. Ebensowenig vermögen dies (vor allem östliche) Kirchen­ väter, die in ihm — m it dem Protoevangelium des Ja k o b u s256 — einen alten W itw er sehen w ollten, w om it sie gleicherm aßen w ahrscheinlich machten, daß e r als a lte r Mann257 Marias Jungfräulichkeit nicht Ver­ seh rte, wie sie auch erklären konnten, was es m it den im Evangelium genannten »Brüdern Jesu« (Mt. 12,46-50; Mk. 3,31-35; Lk. 8,19-21) auf sich hatte: es waren Josephs Kinder aus e r s te r Ehe.258 Gegen jeglichen 251 H einr ich von M elk, P rie ste r le b e n (Dichtu n gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 269). 252 P redigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 65. 253 Bernhard, In c o n v e r s io n e Sancti Pauli 1 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 327): Quis d e s p e r e t ultra, p ro magn itud ine c uiu s lib e t c r iminis , q u andoquide m Saulum audiat adhuc spiran tem minarum e t d i sc i p ul o s Domini, su b ito fa c tu m vas ele c tio n is ?

c ae dis in

254 H o n o r iu s, S p ec u lu m E c c le sia e , PL 172,881A. 255 J ohan nes Pauli, Pred igten, ed. WARNOCK, S. 130. 256 P ro to e v a n g e li u m d e s Ja ko bus 9 (Apokryphen, ed. SCHNEEMELCHER, Bd. 1, S. 342). 257 A ls Greis s t e l l t ihn D ic h tu n g und b ild end e K un st o f t dar; zur Ik o n o ­ graphie GABRIELA KASTER, Art. »Jose ph von Nazareth« (LCI 7, Sp. 210- 221) .

258 Z.B. Epiphanius von Sala m is , Der F e s tg e a n k e r te 60, dt. HÖRMANN, BKV 1 /3 8 , S. 9 4 f .; de rs., Haer. 7 8 ,7 ff, ebd. S. 239. V gl. P rie st er W ernhe r, Maria A 1754-1758, ed. WESLE - FROMM, S. 103.

254

P er so n en

Versuch, ihm G eschlechtsverkehr anzudichten, nahm in seiner aszetischen Begeisterung Hieronymus den G atten der G o tte s m u tte r in Schutz;259 eine A uffassung, die im Abendland weite V erbreitung fand.260 Als Beispiel diene hier Bruder Philipp der K artäuser, w elcher zu Beginn des 14. Ja h rhunders sein »Marienleben« u n te r dem A nsporn des hl. Joseph geschrieben haben w ill.261 Seine A postrophierung des Heiligen als »rein« läß t an Sündenfreiheit in um fassen dem Sinne denken: 1190

er was ouch aller tugende rieh vor allen sünden huote er sich, ane haz und ane nit und ane zorn ouch alle zit lebte der vil reine man: aller untugent was er ä n 262

S elb st wenn Philipp »rein« m it »keusch« in Verbindung b ringt, bezieht sich das auch auf Herz und Sinne: 1216

er was künec an aller tugent; der hete er von siner jugent gephlegt mit grözer kiuschekeit und sines herzen reinekeit. sin herz was kiusche und ouch sin sei an aller sünden meil. alliu sin were und sin gebären zühtic unde kiusche wären, elliu sin wort und sine rede diu was kiusch die er getete.

259 H ieronym us, Adv. H elvid iu m 19, PL 23,213AB: Tu d icis Mariam virginem non pe rm an si sse : eg o mihi p lu s vindico etiam ip s um J o s e p h virginem f u i ss e p e r Alariam, u t ex virginali conjugio virgo filius na s c e re tur .

Vgl. dens., In Mt. II, CCL 77, S. 100f.; T h o m as von Aquin, Su m m a t h e o l . 111,28,3, Bd. 4, S. 219. 260 Z.B. S p e c u lu m hu m anae sa lv a tio n is VI,66 (SUNTRUP, Form der T yp o­ lo g ie , S. 46): Alaria e t Joseph t o t o te m p o r e v ita e sua e virgines pei — m anse runt. Frau Ava, Leben Je su 26-2 9 (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 2, S. 399): D o h e te g o t einen alten vil reinen g e ha lte n, ze h e l f e de r m age de, ir n o tu r f t z e gebene. Nach B e r th o ld v on R e g e n s ­ burg, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 192, ha t G o t t s o l c h e Ehe­ l e u t e am l ie b s te n , die m a g e t w es e n d e ze s a m e n k o m e n t und die r e inike it b e h a l t e n t m it ein an der hinz an ir to t, die sie von ir m u o te r Übe brähten. Seh t daz beh ielt sa n t Joseph und min fr o u w e s a n t Alariä, g o t e s m uo ter, und S alom e (?) und k e i s e r Heinrich. Abraham

a Santa Clara, W erk e, ed. BERTSCHE, Bd. 3, S. 10; vgl. Bd. 1, S. 513. 261 Bruder Philipp, M arien leb en 10124-10129, ed. RÜCKERT S. 274: in d e m o rden von Carthüs gesch riben han ich in d e m hüs z e S e itz d itz s e l b e büechelin: san d Jö sep was d e r m an er min d e r Marien h u o te r was, d[iu Jesus, g o d e s suns, genas. Zur s e l b s t ä n d i g e n G e s t a lt u n g der

J o s e p h s - F ig u r bei Philipp MASSER, B ib e l- und L egen de ne pik, S. llOf. 262 Bruder Philipp, M arien leb en , ed. RÜCKERT, S. 33.

255

Heinrich und Kunigunde

kiusch sin ougen, kiusch sin sen, kiusch sin gen und ouch sin sten. er was kiusche, er was reine: des vleisches wart er nie gemeine zuo dem übe noch dar an daz der sele iht schaden kan.263 Josephs auf solch hymnische Weise gepriesenes Reinsein m eint K eusch­ heit als eine den ganzen M enschen betreffen d e H altung, die sexuelle E n th a ltsa m k e it se lb stv e rstä n d lic h mit einschließt,264 sich jedoch nicht darin e rsch ö pft. Dies wird auch fü r die anderen Stellen des W erkes gelten, an denen Josep h als »rein« bezeichnet wird,265 und an denen sich dieser A usdruck mit anderen V o llk om m enh eitsattribu ten wie »gut«266 oder »süß«267 paart: Dem D ichter Philipp ist Joseph in jeder H insicht heilig und frei von Sünde.

j) H e i n r i c h u n d K u n i g u n d e Von einer »Josephsehe« weiß auch die Legende zu berichten, die sich um die Kinderlosigkeit von Kaiser Heinrich II. (+ 1024) und seiner Frau 263 Bruder Philipp, M arien leb en , ed. RÜCKERT, S. 34. 264 Bruder Philipp, M arien leb en 1308-1312, ed. RÜCKERT, S. 36 (Joseph b e t e t e zu Gott): du w e is t ouch, lie b e r her, daz ich z e k iusc he han g ebunde n mich, daz ich wil kiu sch unde reine be liben und w ib e s g meine, he rre n im m er wil gewinnen. Der Eng el de s Herrn b e r uhig te J o se p h über Maria (ebd. 1340-1347, S. 37): ir is t k iusc h und r eini­ keit als lie p als dir, und sin t ir le it alle r s la h t g e l ü s t e v le is c h lich und s w a z z e sün den ziu h et sich. s i wil b elib en m a g t reine, w and s i n i m m er man nes gm ein e dingen; i t v le isch wil s i m it kiu sch e

ge w in n e t näch twingen. D e sh a lb

s üntlic he n

fo r d e r t der E ngel J o se p h zur »reinen Liebe« zu Maria a u f (1354-1359, S. 37): du s o l t sin i r briutegum, und s o l t doch ir m a g e tu o m m it w o r te n noch m i t w e rke n krenken und s o l t n im er ü f s i g e d e nk e n deheiniu dinc diu sünt l i c h sin: rein s o l sin diu minne din. 265 Bruder Philipp, M arien leb en 1245, ed. RÜCKERT, S. 34: d e r reine und ouch de r g o d e s w e r d e ; ebd. 4-889-4891, S. 133: daz k int JSsus s ine r m u o t e r w as ge horsam, dem reinen Joseph ouch alsam; 7663, S. 208

(Maria über die F lu ch t nach Ägypten): min reine r J ö s e p v uo r m it mir; 7668-7 670, S. 208 (Maria über das Leben in Nazareth): Jö se p , d e r vil reine man,

m it

sin er arbeit

uns ge wan

de s

w ir le b te n

elliu dri;

9922, S. 269: de r reine g o t e s trü t. 266 Bruder Philipp, M arien leb en 3108f., ed. RÜCKERT, S. 85: do sp ra ch d e r reine und ouch de r g u o te Jö sep zu des kind e s muo te r; ebd. 9918, S. 269: Jöse p, d er reine und ouch d er gu ote; 7 4 6 9 -7 4 7 4 , S. 203 (Maria zu J e su s am Kreuz): v e r w e is t alles t r ö s t e s ich belibe, w and d e r reine und ouch d e r g u o te e r m i ne r ki usc he waere nu t ö t .

Jö sep den du m ir z e h u o te h ü e te r und kameraere ,

g ae be ,

daz

d e r i s t le id e r ouch

267 Bruder Philipp, M arien leb en 2976-2979, ed. RÜCKERT, S. 81: d e r s ü e z e J o se ph und d e r reine, sin so rg e was n ih t k le ine k indelin und umb die lieben m u o te r sin.

umb daz jung e

256

P er so n en

K unigunde268 rankt. Ebernand von E rfu rt erz ä h lt sie am Beginn des 13. Jah rh u n d e rts in d eutsch en V ersen.269 Danach ging bereits die Initiative zur Vermählung nicht von Heinrich aus, der seine Keuschheit G o tt ver­ sprochen h a tte , sondern von den F ü rste n des Reiches. Sie d rä n gten den edlen heren reine 270 dazu, fü r Nachwuchs zu sorgen; doch dieser h a tte allein C hristus zu seinem »Erben« e rw ä h lt.271 Dem A rgum ent, das Reich nicht allein regieren zu können, verschloß er sich dann allerdings nicht und gab seine Zustim m ung zur Brautsuche. Die auserw äh lte maget reine272 w ar nicht froh über diese Wahl, denn auch sie w ollte Jun gfrau bleiben: 846

ir reinen herze burde wart üz der ahte swar, dö daz kint vornam für war, daz man sie darzuo meinte, ich wen sie ez beweinte: wan sie gelobet hete ir magetuom gote s t e t e 273

Die Hochzeit, zu der man dieses Paar dann drängte, sah in W irklich­ keit ganz anders aus, als die Gäste, die sich d o rt b e lu stig ten, meinten: 884

da enwart doch niht gebrütet so, so daz was in wane: die reine wol getane bleip ein harte kusche brüt; alsame tete ouch ir trüt, unbevlecket er bleip, sine zuht er für sich treip ,274

268 Zu d ie se n H e ilig e n u.a. GIAN DOMENICO GORDINI - ANGELO MARIA RAGGI, Art. »Cune gond a« (B ib lio th ec a S an ctorum , Bd. 4, Rom 1964, Sp. 393-399); GEBHARD SPAHR - COLUMBANO SPAHR - ANGELO MARIA RAGGI, Art. »Enrico II« (ebd. Sp. 1240-1246); HEINRICH GÜNTER, Kaiser Heinrich II., der H eilig e, K em p ten - M ün chen 1904; KLAUSER, H e in r ic h s - und K un igu ndenk ult, (Lit.!). 269 Dazu SCHRÖPFER, »Heinrich und Kunigunde«; HELGA SCHÜPPERT, Art. »Ebernand von Erfurt« (VL 22, Sp. 290-293). 270 Ebernand, Heinr ich und Kunigunde 745, ed. BECHSTEIN, S. 34; die A tt r ib u t e der H eilig k eit (rein, su oz, g u o t us w .) bei Ebernand d isk u tie r t SCHRÖPFER, »Heinrich und Kunigunde«, S. 140f. 271 Ebernand, Heinrich und Kunigunde 757-761, ed. BECHSTEIN, S. 34; vgl. z.B. F r u t o lf von M ic h e lsb e r g , Chron ica (F ru to lfs und Ekk ehards Chroniken und die ano nym e K aiserchronik, edd. FRANZ-JOSEF SCHMALE - IRENE SCHMALE-OTT CFSGA A 153 D a r m sta d t 1972) S. 48; A d alb er t, Vita Heinrici II. imp. 21, MGH SS 4, S. 805. 272 Ebernand, Heinrich und Kunigunde 8 4 3 - 8 4 5 , ed. BECHSTEIN, S. 37: s i e dähte n al ge m ein de wie im die m a g e t reine z e e ine r vr ouw en wurde.

273 Ebernand. H einrich und Kunigunde, ed. BECHSTEIN, S. 37. 274 Ebernand, Heinrich und Kunigunde, ed. BECHSTEIN, S. 39.

257

Hiob

Sie g e lo bten sich gegenseitig, daz wir küschliche leben,275 das heißt, sie sa g te n der »fleischlichen Liebe« ab, um in der »wahren Liebe« entbrennen zu können.276 Dieses V ersprechen lö ste n sie ein, denn — sehr zum Ärger des »Unreinen«277 — gelang es ihnen, 1237

daz sie ensamen lägen und ie doch kuscheit phlägen und bliben also reine: die m arter was niht kleine, wand ez vil lihte k o m et so, daz von füre entbrinnet s t r ö 278

So m ußte es der Teufel mit einer anderen Versuchung probieren; er brach te die wunderreine279 in den Verdacht, mit einem R itter Ehebruch zu begehen.280 Der d arüber seh r b e trü b te König glaubte schließlich den Anschuldigungen, so daß der von allem Schmutz sich frei w issenden Kunigunde281 nichts anders übrig blieb, als durch ein G o ttesu rteil — und zw ar barfuß über glühende Pflugeisen sc h re ite n d 282 — ihre Reinheit zu beweisen, w omit sie den Teufel blamierte.

k) H i o b Bei der a ltte sta m e n tlic h e n G e sta lt des Hiob kann sich »Reinheit« nicht auf das Bewahren der Ju n gfräulichkeit beziehen; er h a tte Frau und Kinder. Hiob w ar gerecht und deshalb »rein«. Er heißt Job der reyne;283 ein altla te in isc h e r H io b tra k ta t sag t von ihm: lionio erat intaminatus, et 275 Ebernand, Heinrich und Kunigunde 945, ed. BECHSTEIN, S. 41. 276 Ebernand, Heinrich und Kunigunde 925-9 30, ed. BECHSTEIN, S. 4 0 f. 277 Ebernand, Heinrich und Kunigunde 1200-1202, ed. BECHSTEIN, S. 50: und ouch de r vil unreine,

de r men schen kunne

w irr e t

und ouch

die k u sc h e i t irret [...J. S ä c h s is c h e W e ltc h r o n ik 164, MGH Dt. Chron. 2, S. 167: s e be leven u m be w olle n beide w an te an iren d o t. De duv el w o l d e se doch uneren.

278 Ebernand, Heinrich und Kunigunde, ed. BECHSTEIN, S. 52. 279 Ebernand, H einr ich und Kunigunde 1319, ed. BECHSTEIN, S. 55. 280 Vitae s. Heinrici a d d ita m e n tu m 3, MGH SS 4, S. 819: Quadam die in ort.o surgent.is aurore, cum beata Cunegundis de tho r o s u r g e r e t i m m ac ul ato, i lle c allidissim u s a ssu m p ta forma m ilitis de c ub ic ulo regine v isus e s t L...Ü; zu m » u n b e fle c k t e n E he b e tt« s. Kap. VII,5.

281 Ebernand, H einrich und Kunigunde 1427f., ed. BECHSTEIN, S. 58: ir m u o t d e r was vil lü te r von a lles la s te r s k l ü t e r ; Vitae s. Heinrici a d d ita m e n tu m 3, MGH SS 4, S. 819: Con scientia mea munda e s t , e t c onsc i us m e u s in ex celso.

282 Vor de m Ordal v e rs ic h e rt ihr ein e S tim m e (vom Himm el) bei Jacobus de Voragine, Leg en da aurea, ed. GRAESSE, S. 495: v irgo Maria te v irginem liberavit; E l s ä s s i s c h e Legenda aurea, Bd. 1, edd. WILLIAMS WILLIAMS- KRAPP, S. 518: »Die reine m a g e t Maria die s o l dich, eine reine m a g e t , e rlösen«. A ls o gin g sü ü ber das isin v nfe r s e r e t. 283 Md. Hiob 4 4 2 8 , ed. KARSTEN, S. 72; ebd. 5051, S. 82; 10604, S. 171.

258

P erso n en

immaculatus atque illibatus.264 Zeno von Verona p reist Hiobs »Reinheit« und seinen Glauben so sehr, daß er G ott den sich s o n s t daran nicht w agenden Teufel zu Hiob ausdrücklich schicken läßt: Tanto autem p u ritatis ac fidei erat muro m unitus, ut non auderet eum adtem ptare diabolus nisi a deo iussus 285 Bei Hiob erhob sich die Frage, w eshalb er so sta rk geschlagen wurde, w enn er doch »rein« w ar,286 also nicht »gereinigt« w erden mußte: 303

Des bescheidet uns alsus Der heilige p a b st Gregorius. Er gyt: »vil tugende manecvalt Unbewollen und unverschalt Job gan tz insiner jugent Vol brachte wol m it mugent. Ydoch eines im gebrach (Sider daz an im geschach) Wi daz er künde sunder sp o t Eren und ouch loben Got Und danken den genaden sin In aller siner sm erzen pin.«267

Hiobs »Reinheit« bezog sich auf seine Seele, die »in Tugenden e rstrahlte« : 621

Und ouch, als di bederwen vrumen, Job alleine nicht volkumen Natürlich an dem libe was, Sunder als ein liecht lampen glas Und als ein g o lt d a r , luter, fin Intugenden schein di sele sin. Einval die was der reine M it der ge danken m e in e 288

Zwischen all den H euchlern verlor Hiob nicht die Reinheit seiner U n­ schuld isuae tamen innocentiae puritatem non amisit) 289 284 P s .- O r i g e n e s , In Job I, PG 17,377A. 285 Zen o von Verona, Tract. 1,15,1,2, CCL 22, S. 60. 286 Md. Hiob 299-3 02, ed. KARSTEN, S. 5: Durch waz, und vilnach anezil, L e it Job d e r s ie g e also

vil,

D er ane m e il d e r tug e n d e ha g

In

Darauf z ie l t der V o r w u r f der Freunde; ebd. 4 0 8 9 - 4 0 9 4 , S. 67 (zu Hiob 11,4): H y wil S o p h o r b e w is e n daz Daz J ob s y g a r eyn sü n dig vaz Und s y des durch eyn urkunde G es o g r o z e r hü t e ph lag?

s lage n durch sy n e sunde, Und b e w is e t im da b y Daz e r v ur G o te unreyn sy; 6 0 27-6032, S. 98 (zu Hiob 15,15): Du d unke s dich g a r reine w ese n, Gar g er e c h t und irlesen. D or an du g e w is lic h briches Und m otes

w i dir d y warh eit sprich es. Ken dem an gesic h te G otes.

287 Md. Hiob, ed. KARSTEN, S. 5f. 288 Md. Hiob, ed. KARSTEN, S. 10. 289 Bruno von Segni, In Job, PL 164,650D.

Wan

du

b is t

g e n tz lic h

v ol

VI. Der Leib des Menschen 1. D e r r e i n e u n d d e r b e f l e c k t e L e i b a) D e r L e i b Wie bei Menschen, die »rein« oder »unrein« sind, so besc h rä n k t sich die M etap ho rizität m eist auf das Unreinsein, wenn es heißt, ihr Leib sei b efleck t — zu m indest solange nicht M etaphern für den Leib oder fü r das Leib-Seele-V erhältnis ins Spiel kommen, oder der Leib als M etapher fü r etw as anderes (z.B. Kirche, Staat) dient. Freilich muß die Unreinheit des Leibes nicht immer die Sünde meinen. Neben den vielfältigen Formen r itu e lle r U nreinheit im Bereich des Körpers ist hier das Phänomen der Leibesverachtung zu berücksichtigen. Vor allem das drastische Argument, an den A u sflü sse n des Leibes sei zu erkennen, wie »unrein« se lb st ein nach außen hin »schön« erscheinender Körper wirklich sei, w ürdigt das M aterielle am M enschen e x trem herab, um ihn zur Demut aufzurufen oder ihn ganz auf den Bereich des Spirituellen hin auszurichten. Alles, was u n te r d er H aut ist, daz z v dem vleisch gehöret, daz is t allez vnrein. M erche, waz vz der nase, m unt vnd oren g a t, ich wil anderre sache geswigen, su st m ahtv bruven die valschen schöne, div vnder der häwt bezogen is t.1 M etaphern fü r den Körper wie das unreine Gefäß (dazu Kap. VII,3) oder der schm utzige Sack (dazu Kap. VII,2) können vorrangig diesem Zweck dienen, während der Körper als b e fleck tes Kleid (dazu Kap. VII,1) m eist an Befleckung durch Sünde denken läßt. W ährend der Mensch m it der Sünde sein Inneres (Seele, Herz, Ge­ wissen usw.; dazu Kap. IV,1) oder sich s e lb s t als ganze Person verun­ reinigt, ist sein »Leib« vor allem dann ausdrücklich in die M etaphorik einbezogen, wenn es um »Sünden des Fleisches« (dazu Kap. III,lc) geht. Ein K euscher b ew ah rt den Leib vor der Unreinheit (corpus ab immunditia custodit);2 die Luxuria hingegen b e fle c k t den Leib.3 Variante dazu ist Befleckung des »Fleisches«.4 Selig sind diejenigen, die »ihr Fleisch nicht mit der Begierde dieser W elt b efleck t haben«: Felices igitu r qui non maculauerunt carnem suam in concupiscendam saeculi huius, sed m ortificauerunt se huic mundo ut p o ssin t uiuere deo.5 Der ehefeindliche 1

2 3

Bavngart, ed. UNGER, S. 276; vgl. HAHN, Parzivals Sch ön h e it, S. 217; SINGER, Sp richw örte r, Bd. 2, S. 167; HUIZINGA, H er b st, S. 194; Jo­ han nes von Saaz, Ack erm an n 24-, ed. JUNGBLUTH, S. 100. Gregor, In Ez. 1,4,10, CCL 142, S. 55. A la n u s, Sum m a de arte pr aedica to ria 5 (Contra luxuriam), PL 210, 122C: quia m e n te m in c e sta t, corpu s com ma c ula t, la x a t g e s tu m , e f fe m i n a t habitu m,

4

Gregor, e lat i o

Mor. ad

ampliat cibum,

X X V I,17,29,

p o l l u tio n e m

pe rtr a h it

u olucrum ad pe tu lan tiam

5

d is s o lv it

CCL 143B,

S.

carnis,

verbum. Quia rep r o b o r um

1287:

m e rg itu r iu men torum.

P s .- T i t u s , De d i s p o s i ti o n e sa n ctim on ii, PLS 2,1523.

ig itu r m e n tis c o r a uo la tu

260

Der Leib de s M en sc h e n

(Ps.-)Titusbrief zitiert eine Ermahnung des A postels Johannes, w elcher nur aus dem Grunde zu einer Hochzeit ging, um die B rautleute (in le tz te r Minute noch) zu bewegen, den Sexualakt nicht zu vollziehen: Filioli dum adhuc caro uestra munda e s t e t intactum corpus habetis nec pereunte ne(c) sordidati ab inimicissimo e t pudentissim o sanctimonio satanaCeJ L..];6 w orauf ein langer (M etaphern-)K atalog z u r H erab­ würdigung des ehelichen Lebens folgt. W er an sein unreines Fleisch »gebunden und geleimt« ist, kann nach Bernhard nicht erw arten, vom Heiligen Geist e rfü llt zu w erden.7 Die Befleckung des Leibes durch Fleischessünden (hier Sakrileg) fü h rt zur Verdammnis: 27,20

sw e r sin lip hat gem eilet m it maniger slahte sunden, so l den der tievel niht gebunden werffen in daz ewige eilende?8

Die Sünde der Luxuria fü h rt zum Stinken des Leibes, v eru rsa c h t also eine A rt von unm etap h orisch em Schmutz, den allerdings nu r keusche Menschen w ahrzunehm en vermögen: Wan diu selb e siinde is t so unreine, swenne sie ein mensche g etu o t, so sm ecket ez ein kiuscher mensche an dir w ol.9 Der Leib wird durch U nzucht freilich nicht befleckt, wenn der Wille nicht zu stim m t; die hl. Lucia ist sich bew ußt, durch erzw ungene T em pel­ p ro s titu tio n ihre Reinheit nicht zu verlieren (und da sie dieses um ihres Glaubens willen erleidet, do pp elt im Himmel b eloh nt zu werden): 28,82

6 7

der licham nicht besu lt wirt an des willen m iteganc; ob ich an lästere g etw an c durch g o t lide u f der erde und hie besul e t werde wider mines herzen mut,

P s .-T i tu s , De d i s p o s i t i o n e sa n ctim o n ii, PLS 2,1536. Bernhard, In A s c e n s io n e Domini 3,8 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 5, S. 136): Si enim A p o s t o l i „ adhuc carni D ominica e in ha e r e n te s , quae sol a sa n c t a , quia S an cti san ctoru m erat. Sa nc to Spiritu r e p le r i nequiv erunt, donec t o ll e r e tu r ab eis, tu carni tu a e , quae s o r d id is s im a e s t e t div e rsarum spu rcitiaru m ph a n tasiis reple ta , a d s tr ic tu s e t c o n ­ g lu t i n a t u s, i llum m eracissim u m S piritu m te p o s s e p u ta s s us c ip e r e, nisi carneis i s t i s con so la tion ib u s fu n d itu s renuntiar e te n ta v e r is ?

8

Heinrich von M elk, Von de s t o d e s g e h u g e d e (D ichtun gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 353); Heinrich von H es le r , A p o k a ly p s e 16393-16397, ed. HELM, S. 241: S w e r daz vleisch unreinet, Daz w o l die erden m ei ne t nam).

9

(Wen iz von d e r erden quam Den w ir f et. h e r in ew ic leit.

Und den g e i s t

von

G o te

B e rth o ld von R e gen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2. S. 206; ebd.: Des m aht a b er s e lb e dü niht get.uon: niur ein k ius c h e r m e ns che der sm ecket

ez

an dir wol.

Leib und S e e l e / G e i s t

261

daz is t m ir dort harte gu t und brenget m it die kröne zw ivaldec an dem lone.10

b) L e i b u n d S e e l e / G e i s t Alle Sünden beflecken den Geist, fleischliche Sünden zudem den Leib. Deshalb heißt es häufig, Leib und Seele zu beflecken, sei ein Proprium der Luxuria: A lle sunden wundent di sele, di unkuze virunreinet lib und se le .n Einen Katalog der Folgen d er Luxuria gibt Innozenz III.: O extrem a libidinis turpitudo, que non solum m entem effeminat, se d corpus enervat, non solum m aculat animam, se d fedat p e rso n a m }2 Michel Beheim d ich tet über die Sünde der Luxuria: 189,63

ander sund mailn die sein allein, aber unkeüsch m ailigt m it ein leib und sei zu dem sw e ch sten .13

T rotz aller H ochschätzung jungfräulicher In te g ritä t rangiert die Rein­ heit des Geistes doch immer vor der körperlichen Reinheit. Sündige Jungfrauen, die demnach am Körper rein, doch im Geist unrein sind, w erden to p o s h a f t erinnert, ein reiner Leib n ü tz te nichts, wenn der Geist b e fleck t sei: Nihil p ro d e st incorruptio carnis, ubi non e s t integritas mentis. Nihilque valet mundum e sse corpore eum qui p o llu tu s e st m en te.14 Ähnlich heißt es bei Johannes Rothe: 1802

was from et auch den licham rein unnd gu t wanne befleck t is t der meide m ut? e ss is t auch b e sser eine reine e kegen g o d unnd den luten vil me danne eine suntliche, h o ffertig m a g e t} 5

10 11

Das P a ss io n al, ed. KÖPKE; vgl. Legenda aurea, dt. BENZ, S. 37. H eilig e Regel, ed. PRIEBSCH, S. 6. Vgl. Gaufredus Babion (Ps.H ild eb er t), Se rm o 27, PL 171,468D-469A: Luxuria c o r p us e t animam

12

In n oz en z III., De miseria hu m ane c o n d it io n is 11,21,1, ed. MACCARRONE, S. 55; J o s e p s S ü n d e n sp ie g e l, ed. SCHUTZ, S. 208. Michel Beheim , G ed ichte, edd. GILLE - SPRIEWALD, Bd. 2, S. 179. Isidor, Sent. 11,40,8, PL 83,644B; Smaragd, Diadema m on ac h or u m 28, PL 102,624A; A lb e r tin u s, H ir n s c h le iff e r , ed. LARSEN, S. 171: dann die rainigke it deß Leibs h ilf ft wenig / woferrn das G e müt vnrein vnd

coinquinat,

13 14

e t pe rd it.

b e f l e c k t i st .

15

Johan nes R oth e, Lob der K eu sc h h e it , ed. NEUMANN, S. 51; ebd. 4 0 0 8 f ., S. 113: des libes rein ikeid is t wenig gu d wanne auch nicht rein i s t

d e r mud.

262

Der Leib d e s M e n sc h e n

Ein Beflecken des Leibes wäre damit das kleinere Übel. Die Jungfrau Irene, der man androht, sie in ein Bordell zu steck en (Faciam te ad lupanar duci corpusque tuum tu rp ite r coinquinari), is t bereit, eine solche V erunreinigung des K örpers in Kauf zu nehmen, wenn nur nicht die Seele durch G ötzendienst b efleck t wird: M elius est, ut corpus quibuscumque iniuriis maculetur, quam anima idolis p ollu atu r .16 W er rein bleibt an Leib und Seele, der wird einen großen Lohn erhalten: 1834

blibestu an liebe unnd an sele reine, so wirt dar umme din Jone nicht kleine.17

Die »Jungfrauen«, die dem »Lamm« (mit Maria) folgen (Apk. 14,4), w erden um schrieben als diejenigen, die an Seele und Leib sich rein g ehalten haben: Deme Godes Jambe volget die keiserinne, so wa it hine geit, bit deme wizeme gesinde. da in mach niman gevoJgen wan die m egede aJeine, die an seien inde an Jive sint behalden reine.18 Nicht imm er bleibt es auf die Luxuria beschränk t, wenn von Be­ fleckung des Fleisches und des Leibes die Rede ist. Gemeint sein können alle (möglichen) Sünden, e tw a wenn Paulus dazu a u fru ft, von jeder Be­ fleckung des Fleisches und des Geistes uns zu reinigen: Mundemus nos ab omni inquinamento carnis et spiritus (2 Kor. 7,1).

2. E i n z e l n e K ö r p e r t e i l e a) E i n f ü h r e n d e s W erden in dieser Bildlichkeit einzelne K örperteile genannt, dann sind sie ebenfalls nicht im m er s e lb s t m etaphorisch, wohl aber ihr B e sc h m u tz t- oder Reinsein. Doch auch in solchen Fällen, in denen es sich nicht um spezielle K örperteilm etap hern handelt, ist die Frage, welche Glieder des m enschlichen Leibes rein oder unrein sind, nicht u n­ wichtig. Vielmehr verw eist dies — vom bloßen A ufzählen von Einzel­ teilen, die für das Ganze stehen, vielleicht a b g eseh en 19 — f a s t immer 16 17 lö 19

H ro ts v ith a , D u lc itiu s 12,3 (Opera, ed. HOMEYER, S. 275). Johan nes R oth e, Lob der K eu sc h h e it , ed. NEUMANN , S. 52. Die Lilie, ed. W ÜST, S. 43. So w o h l bei Beda, H om . 1,9, CCL 122, S. 64; danach B erth old , S e r m o n e s ad r e l i g i o s o s 8. ed. HOETZL, S. 4-5: ac tiv a vita e s t, stu diosu m Christi fam u lu m j u s ti s in si s te re la b o r ib us e t p r im um q uidem ab ho c sae cu lo c u s to d ire se ipsu m imm a c ula tum, m e n te m , manum, linguam ac m em bra c orp oris ce tera ab o mni inq uiname nto c ul pae t e n t a t i s con tin ere.

263

E in zelne Körperteile: Ein fü hren des

auf b estim m te A rten von Sünden oder läß t A ufschluß zu über den Sündenbegriff eines A utors. So g ren zt etw a G regor der Große die »unteren« Glieder von den »oberen« ab und nim m t dam it eine W ertung vor. Zu einer Je re m ias-S telle (2,16), wo der Prophet dem abtrünnigen Israel vorhält, sog ar die Söhne von Memphis und T achpanches,20 also die Ägypter, »schändeten dich bis zum Scheitel«,21 gibt Gregor als Be­ deutung an: Bis an den Scheitel geschändet zu werden, besage so viel wie, nach schlim m em Handeln auch noch in der »Höhe des Glaubens« verdorben zu werden: Cum enim nequissimi spiritus uniuscuiusque animam in prauis operibus inuoluunt, se d integritatem fidei uitiare non possu n t, quasi adhuc inferiora membra polluunt, se d ad uerticem non p e r ­ tingunt. Quisquis autem in fide corrumpitur, iam usque ad uerticem con­ stupratur. Malignus enim spiritus quasi ab inferioribus m em bris usque ad summa pertingit, quando actiuam uitam polluens, castam celsitudinem fidei diffidentiae m orbo corruperit.22 Diese A rgum entation verläuft zwei­ spurig. Einmal w e rte t Gregor das aktive Leben als inferiora membra deutlich ab gegenüber dem Glauben als dem »Höchsten«. Zum ändern s te ll t e r heraus, daß diese u n te re n und deshalb m inderw ertigen Glieder nur b e s c h m u tz t w erden können, was zw ar schlimm, aber nicht lebens­ bedrohlich ist; dagegen geht der Mensch, den die »Krankheit des U nglaubens«23 an den oberen Gliedern befällt, vollständig zugrunde. T a t­ sünden sind fü r Gregor also weit weniger schlimm als Vergehen im Bereich des Glaubens. Doch soll man bedenken, daß die V ersuchung im »untern« Bereich der Vita activa o ft ihren Anfang nimmt, um z u le tz t — den M enschen »bis zum Scheitel schändend« — zum Verderben des Glaubens vorzudringen. Anders als Gregor mit seiner Einteilung des Körpers nach den Kriterien »Unten« und »Oben« g eh t Aponius vor; er o rientiert sich in seinem H oheliedkom m entar an den Fünf Sinnen24, und verk nü pft die 20 JOSEF JANSSEN - HELLMUT BRUNNER, Art. »T ach pa nch es« (BL, Sp. 1698). 21 Vulgata: Filii quoque M e m fe o s e t Tafnes co ns tup r a v e r u nt te usque ad v ertic e m . H ieronym us, In Jer. 1,25, CCL 74, S. 19, s ie h t hier im g e i s t l i c h e n Sinn ein B e s c h m u tz e n durch Ketzer: lu x ta litte r a m r e f e r ad idola A e g y p t ior u m , iu xta in telligen tiam s p ir ita le m ad m a g is tr o s p e ru e rs i do gm a t is, qui ecclesiae p u r ita te m sua p o llu u n t turp itud ine.

22

23 24

Gregor, Mor. X X V ,10,27, CCL 143B, S. 1253; ebd. S. 1252f.:

Vsque ad u e rt ic e m quippe co n stu pra ri e s t p o s t malae o p e r a tio nis usum e tiam in i p se fi de i su b lim ita te corrumpi. Danach Garnerius, Greg. V,6, PL 193, 163AB; Hraban, In Jer. I, PL 111,816BC. Der S c h e itel ( v e r te x ) ais

»Glaube« auch P s .- M e l i to , Clavis (PITRA, Bd. 2, S. 195); A la nu s, D is t., PL 210,998B; Lauretus, S. 1029. Zu di ffi de nt ia a ls »lack o f faith« HAUBER, Vocabulary, S. 96. Die »Sünden der 5 Sinne« z.B. bei Geiler von K aisersb er g, B e ic h t­ s p ie g e l (Sc hr iften , ed. DA CH EUX, S. 138): w e r sein g e h ö r zü b o s z heit s t e r c k t Vnd seh en wil das sü n d b e w e g t w e r le ib e s l u s t n oc h r üc ht und s c h m e c k t w e r g r e if f t das die s e e l verunrey'nt wer g e e t do e r z i5 sü nden m e in t ; f ü n f f a c h e Reinheit bei F. Spee MEYER,

B e d e u tu n g der Zahlen, S. 275, A. L e gatu s IV,17,1, SC 255, S. 184-186.

56.

Vgl.

Gertrud

von

H e lfta ,

264

Der Leib des M e n sc h e n

Allegorese der F e n ste r von Cant. 2,9 als Sinne25 mit der K am pfm eta­ phorik der die Seele m it vielen Sünden an stü rm end en »unsichtbaren Feinde«: Eo utique tem pore quando his circumdatur, quasi carcere retrusa continetur. A d quam serm o Dei, poenitentiae, orationumque vocibus revocatu s, venit, et aspicit p e r fen estras sensus eiusf quibus corporeas pereg it (actiones) si non sunt p ollu tae sordibus (lasciviae) delectationis auditu: si non concupiscentiae visu, si non m eretricum odoribus delectatur, si non turpiloquiis, et quae Deo contraria sunt, labia inquinata; si non sceleratis operibus p ollu tae sunt manus.26 Damit sind mehrere M öglichkeiten des Sündigens angesprochen, die sich w ieder­ finden, wenn nun K örperteile einzeln b eh an delt werden.

b) K o p f Selten ersch ein t der Kopf als ganzer in der M etaphorik der Unrein­ heit. »Jemandem (gründlich) den Kopf waschen«, ist eine Redensart für sc h o n un gsloses Tadeln und für ein offenes W o rt über Dinge, die man nicht gern w ahrhaben will.27 Zu beseitigen sind dabei falsche V or­ s te llu n g e n und Meinungen, U rteile über eigenes V erhalten, sowie Illusionen; jedenfalls etw as, das im Kopf sich befindet, das heißt im Bewußtsein. Ein äußerlicher »Schmutz« ist dagegen die Schminke und der Schmuck am Kopf einer (gottgew eihten) Jungfrau, an dem nu r der Glanz him mlischen Schmuckes e rstra h le n sollte: Munda ab omni in­ quinamento caput, quia crimen e s t illud p o s t chrism atis sanctificationem aut croci aut alterius cuiuslibet pigm en ti suco uel puluere sordidari, aut auro aut gem m is uel qualibet alia terrena specie comi, quod iam caelestis ornatus splendore refulget, grandis quippe diuinae gratiae contumelia e s t mundani et saecularis ornamenti praelatio 26 Bei der Fußw aschung, bei d er e r sich zu n ä c h st strä u b t, sa g t Petrus schließlich, der H err solle ihm nicht n u r die Füße, sondern auch Hände und Kopf w aschen (Jh. 13,9). Petrus Damiani bezieht dies auf die Reinigung von T a t- und Gedanken­ sünden: In quibus utique uerbis beatus ap osto lu s opera nostra sim ul et cogitationes, ut a Domino purificentur atque mundentur, indigere signauit. Siquidem manibus operamus, cogitationes autem ex m e n te, quae caput e s t interioris hominis, proferuntur. Vera ergo ac perfecta purgatio est, cum Deus om nipotens non solum opera nostra munda e t inmaculata c u sto d it, se d etiam prauas cogitationes a cordibus n ostris Sancti Spiritus

25 26 27 28

Dazu HORN, R e sp ic ie n s, b e s. S. 53ff.; SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A u ge, s. R egis ter. A p oniu s, In Cant. 4, PLS 1,866. Dazu LAUCHERT, Sp richw örte r, S. 236; RÖHRICH, Lexikon, S. 525, vgl. S. 578. P s.- S u lp i c i u s Sev erus, Ep. App. 2,10, CSEL 1, S. 237.

K op f /

G esic h t

265

infusione re p e llit.29 Eine Sündenklage k om m t vom »Kopf und den übrigen Gliedern« schnell zum »inneren Schmutz«, den G ott in seiner Gnade abw aschen soll: 84,1

Kaput et reliquos artus Et internos esqualores Cunctis ut abire sinas

aqua munda dilue gratia purifica, defecatum fecibus.30

c) G e s i c h t Die V orderseite des Kopfes, das Gesicht (»Antlitz«, facies), wird in der Bibel von Hiobs Freund Sophar mit der Unreinheit in Verbindung gebracht. W enn Hiob, den er als Sünder anspricht, sich g e b e sse rt haben werde, »dann k a n n st du dein A ntlitz ohne Makel erheben« {tunc levare po te ris f aciem tuam absque macula; Hiob 11,15).31 Die Verheißung bezieht sich auf die Gebärde der Blickrichtung: W er sich schuldig weiß, der b lickt b e schäm t vor sich nieder und tr a u t sich nicht, beim Gebet die Augen zum Himmel zu erheben. Mit den Augen se n k t und h ebt sich m eist auch der Kopf und dam it das Gesicht. Da die Berechtigung, nach oben zu schauen, offenb ar n u r hat, w er frei is t vom Makel der Sünde,32 verknü pft der biblische A u to r die M etapher der Reinheit mit der Be­ deutung dieser Gebärde: Nur ein m akelloses Gesicht d a rf man (zu Gott) erheben. In seiner Exegese dieser Stelle v e rste h t Gregor den Geist (mens) als das »innere Antlitz« des Menschen: Interna quippe facies hominis mens est, in qua nimirum recognoscimur, ut ab auctore n o stro diligamur.33 Dieses Gesicht erhebe man in inb rünstigem Gebet zu Gott. Der Geist ist befleckt, wenn das Gewissen ihn einer Schuld verklagt: Quam scilicet faciem leuare e s t in Deo animum p e r studia orationis attollere. Sed eleuatam faciem macula inquinat, si intendentem m entem reatus sui 29 30 31

32

Petrus Damiani, Se rm o 10,1, CCCM 57, S. 50. P s .-Is id o r, Lam entum p o e n it e n tia e , MGH P oeta e I V /2 , S. 780. Die LXX d e nk en h in g e g e n an ein (in Reinheit) l e u c h t e n d e s An tli tz ; z .B . D id ym os, Zu Hiob, Bd. 3, dt. HAGEDORN - KOENEN, S. 209: »Dann wird dein A n tli tz a u f l e u c h t e n w ie reine s W asser «; vgl. ZIEGLER, R andn oten, S. 15: sic enim r e sp le n d e b it tua fa c ie s ta m ­ quam aqua pura; A u g u stin , In lo b , CSEL 2 8 / 3 , S. 534: fulge b it; Corde riu s, In Job, S. 273; Philip pus, In Job, PL 26,644A: Facies tua t am quam aqua p u ra , e t sp oliabe ris sorde, e t non time b is. Qui e s t sin ce rae e t puri ficatae m en tis, e t mu n du s ab o mni s o r d e , p e r t i m e t vitia: quibus v e l u t exuviis e x sp o lia tu s, tam qua m e te n e b r is e d u c tu s fulg ebit. A lb e r t, In lo b, ed. WEISS, Sp. 159: »absque macula«, p e c c a ti sc.; T h om a s v on Aquin, In lo b, S. 77: »faciem tuam a b s q u e macula«, s c i l i c e t culpae; vgl. Md. Hiob 4 2 8 6 - 4 2 9 0 , ed. KARSTEN, S. 70: So m a c h st u din a n tli tz rin ge Irburen u f an la s te r m a l Und c z itlic h Got, den him e lgral, Vien m it g e b e te inneclich. So ir ho r t dich G ot sicherlich.

33

Gregor, Mor. X,15,27, CCL 143, S. 556f.

266

Der Leib d e s M en sc h e n

conscientia accusat.34 Die Flecken sind schm utzige Gedanken, die das Gesicht mit ihrem Dreck verunreinigen: Et quasi iam faciem anima ad Deum leuare non sufficit, quia in se nimirum inquinata m ente maculas p ollu ta e cogitationis eru bescit.35 Um nicht mit irdischen Gedanken b e fle c k t seine Bitten an G o tt zu richten, soll man sich vor jedem Gebet gründlich prü fen und seine Fehler beweinen: quatenus erroris macula cum fletib u s tergitun in p etitio n e sua cordis facies ab auctore munda u id ea tu r36 Bereits Didymus ging von einer spirituellen Bedeutung dieses G esichtes aus: »Natürlich meint e r das A ntlitz der Seele«.37 Die S e lb st­ verständlichkeit, mit der dies g esag t wird, läßt verm uten, daß die K örperteilm etap her des Gesichts für die Seele und fü r andere Begriffe aus dem Bereich des G eistes38 schon eine lange Tradition h a tte und ver­ b re ite t war; was vielleicht auch in einer se n te n z h a fte n Verbindung von »Gesicht« und »Herz« in einer (altlt.) Version von 1 Sam. 16,7 zum Aus­ druck kom m t, wo dem Angewiesensein der m enschlichen Erkenntnis auf 34

Gregor, Mor. X,15,27, CCL 143, S. 557; dan ach Rupert, In Job, PL 168,1018B; die M etapho rik der A n k la g e auch bei Brenz, In Job, S. 66: leuare aude t fac iem su am coram D e o , sine ma c ula , sine a c c us a tio n e : si enim c onsc i e n tia p ec ca tu m , aut Sathan n o s a cc usa ue rit, D eus e s t qui i ust i fi c at .

35

Gregor, Mor. X,15,29, CCL 143, S. 558; ebd.: e t in p r e c e fa c ie s munda non

36

o s t e n d i t u r quia c og itatio n is infimae lu to

mac ula tur.

Gregor, Mor. X,15,28, CCL 143, S. 557; vgl. ebd. X,15,30, S. 559: Tunc e r go uere sine macula faciem le u a m u s, cum ne c no s p r o hib ita mala c o m m i t t i m u s, nec ea quae in n os co m m issa s u n t e x p r o p r io z e lo r e t i ne m us. Graui n amque m en s n o st r a oratio nis suae te m p o r e c o n ­ f usi one de prim i tu r, si hanc aut sua adhuc o p e r a tio inquinat, aut alienae m alit iae se ru a tu s d o lo r accusat. Quae duo q uis q ue dum t e r se ri t , ad ea quae su bn exa su n t p ro tin u s lib e r e x s u r g it ; danach

37

38

Garnerius, Greg. V,20, PL 193.185AB. Didym us, Zu Hiob, Bd. 3, dt. HAGEDORN - KOENEN, S. 209; der Sc h m u tz der Sünde v e r u n s t a l t e t die G o t te b e n b i ld l ic h k e i t (der Seele); »de nn w e n n der M e n s c h von a lle m S c h m u tz b e fr e it ist, wird er in der Tat se in e E b e n b ild lic h k eit rein und la u te r zeig en « (ebd.). Nur w e n ig e rg ib t der A b s c h n i t t über das » A n tlit z der S eele« bei LETTNER, Bild er sp ra che, S. 42; dort: "Platon sp ric h t nic h t v on einem A n t li tz der Seele; d e n n o ch l i e g t eine de ra rtige A u s s a g e in der Linie p l a t o n i s c h e r Bilder, zum al da er von den A u g e n der S e e le L...1 redet". S p ä ter e s z u m G e s ic h t als M eta p her bei LÜERS, S. 128f.; HARTMANN, W ö r ter b u ch , S. 42f. ( an nu zzi ); SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A uge, S. 9S4, 956, 1005, 1009, 1041. Z.B. Gregor, Mor. IX ,23,51, CCL 14-3, S. 492 (zu Hiob 9,27): m e n tis n o str a e fa c ie s ; Philippus, In Job, PL 26,644A: H om o fac ie m m e n tis suae candoris p u r ita te p r a e fe r e n s r a d ia nte m p o p u l u m signi fi cat Judaeorum, qui Ch ristu m p a tr e m q uo da m m o d o su um o c c i d i t ; P s .-Is id o r, Sent. IV,19,3, PL 83,1167A: Saepe corda ju sto ru m s u b o r ta e c o g ita tio n e s po llu u n t, et te m p o r a lium rerum d e l e c t a t i o n e m tangu nt. S ed dum citiu s manu s ac rae d is c r e tio nis abiguntur, f e s t i n e agitur, ne cordis faciem caligo te n ta tio n is o pe ria t, quae hanc j am i llicita d e le c ta tio n e t a n g e b a t ; St. Tru dp er te r H o h e s l ie d 35,18, ed. MENHARDT, S. 162: (\V)az is t u nsir a n tlu th e ? da z i s t unsir sele ... Mit der B ild lic h k eit der v on der g ö t t l i c h e n Sonne a n g e ­ le u c h t e t e n S e e le als M ond bei A n g e l u s S ile s iu s, W a n d er sm a n n VI,37 (N i c ht s l e u c h t e t ohne die Sonne), ed. GNÄDINGER, S. 253: Rauh i s t d e r M ond g e s t a l t

ohn

dein s e e l e n An ge sich t.

se in e r Sonne

licht:

Rauh

ohne

deine

Sonn

G es ic h t

267

äußere Erscheinung (»ins Gesicht sehen«) die Fähigkeit G ottes k o nfron ­ tie r t wird, »ins Herz schauen« und dam it auch Gedanken b eurteilen zu können: »Der Mensch schaut ins Angesicht, G o tt aber ins Herz«.39 Wird den M enschen fü r die Seligkeit eben diese Fähigkeit verheißen, dann ist dies ausdrücklich eine Folge des Reinseins von Sünde; Julianus Pomerius: Ibi ita patebu n t singulorum singulis m en te s, sicut corporalibus oculis subjacent facies corporales: quia humanorum pectoru m tanta ibi erit e t tam perfecta m unditia, ut habeant unde mundatori suo Deo gratias agant, non unde offensi aliquibus peccatorum sordibus erubescant; quia ibi nec ulla peccata, nec peccatores erunt, et qui ibi fuerint, jam peccare non p o teru n t.40 Eine auch bei G regor anklingende Verbindung von Gesicht und G ewissen41 wird nicht e r s t durch die M etaphorik hergestellt; das bekannte psychologisch-physiologische Phänomen des E rrötens läßt 39

40 41

Die V u lg a t a liest: h om o enim videt ea quae p a r e nt, D ominus a ute m i n t u e t u r c o r (SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A uge, S. 933); d a g e g e n z .B . Cyprian, De la p s is 27, CCL 3, S. 236: H om o u id et in fa c ie m , D eus in c o r ; Tertu lli an, De p r a e sc rip tio n e h a e r etic o r u m 3,7, CCL 1, S. 189: H om o in facie m, D eus in praecordia contemplatur-, Gregor, Mor. X, 30,51, CCL 143, S. 574: H om o uidet in faciem, Deus a ute m p e r s c r u ta t u r cor; Rupert, De s. trinit. VII,16, CCCM 21, S. 448: H o m o enim uidet in facie, Deus a u tem in spicit cor; ebd. X X I X ,79, CCCM 23, S. 1632; A m b r o s iu s, In Lc. 1,18, CCL 14, S. 15: A l i t e r uide nt homines , a lite r deus, hom ine s in facie, deu s in corde; danach Beda, In Lc. 1, CCL 120, S. 22; A m b r o s iu s, E xam e ron 11,1,3, CSEL 23/1, S. 43: non s ic deus uide t que m adm o d u m h omo, deus in corde, h o m o in facie; Bruno von Segni, In Job, PL 164,589C: h om o enim videt in facie, tu a ute m corda c onside ras; ebd. PL 164,688D; H u g o von St. Viktor, De sa c r a m e n tis 11,14,3, PL 176,556B: H om o videt in fac ie; D eus a ute m in tu e tu r cor; Petrus v on B lo is , In Job, PL 207,802B; Ekk ehard IV., C asus 130, ed. HAEFELE, S. 252: H om o C...3 v ide t in facie, Deus in co rd e. Vgl. o. S. 46. Julianus P om er ius, De vita c o n t e m p l a t iv a 1,4, PL 59.421C-422A . Zu Hiob 11,15 (LXX) gib t A u g u s ti n u s , In lo b, CSEL 2 8 / 3 , S. S34, c onsc i e ntia an. H ildegard , Scivias 111,3,7, CCCM 43A, S. 379: die P er so n if ik a tio n der V erecu nd ia te g it etiam fa c ie m s ua m alba manica d e xt r a e m anus suae: quia p r o t e g i t in terior e m c o ns c ie ntia m sua m quasi fac ie m animae, fu gien s a forn ication e e t a p o llu tio n e d ia bo lic a , s e d e fe nd e n s candida u e s te in nocen tiae e t c a s tit a tis , eam ha b e nte s in de xt e ra, quo d e s t in salu ation e operis sui. Wie das A u ge si c h nic ht

s e l b e r s e h e n kann, e s s e i de nn im S p iegel (SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A u ge, S. 86, 113-115), s o s i e h t der M e n sc h auch nic h t se in e ig e n e s G e s ic h t und b e m e r k t d e sh a lb auch keine B e s c h m u t z u n g (ebd. S. 114). Für A u g u s ti n i s t e s m it dem G e w is s e n genau um geke hr t; In Joh. 74,5, CCL 36, S. S15: Sic enim a n ob is uid e tur in no b is e t n o st r a c onsc ie ntia; nam faciem u idemu s alterius , n o s tr a m uidere non p o ss u m u s; c ons cien tiam ueram n o str a m uidemus, a lte r ius non uidemus; STELZENBERGER, C o n s c ie n t ia bei A u g u s tin u s , S. 55.

M ec h th ild , Licht VII,21, ed. NEUM ANN, S. 273, e rk en n t d a g e g e n den Z u s ta n d der e ig e n e n S e e le e r s t im Blick a u f ihre Sü nden als Spiegel: s o be sihe ich da s a n tli tz e m in er s e le in dem Spiegel m ine r sünden. Da sihe ich mich inne wie ich g e l e b e t habe, wie ich nu le b e und wie ich noc h le ben wil. In disem S piegel mi ne r sünden, da sihe ich niht inne de nne o w e und ow e. LUERS, S. 129. Die S p i e g e l- M e ta p h e r z.B. Gregor, Mor. VII,3 0 ,4 4 , CCL 143, S. 368: Q uasi enim ab s p e c u lo f o e da fac i e s di sp lice t, cum m en s a uita simili in s e ip s a q uo d a ue r s e tur uidet.

268

Der Leib d e s M e n sc h e n

im Gesicht ein sch lechtes Gewissen erkennen und m acht »Erröten« (erubescere) zum u n m itte lb a r verständlichen Verb des Schuldbew ußtseins und der Scham. Bruno von Segni denkt bei dem »Flecken« von Hiob 11,15 zw eifellos an dieses Rotwerden: Facies autem levatur absque macula, cum nihil e s t in conscientia, unde homo erubescat.42 Das von Gregor angesprochene Reinigen des A n tlitz e s43 ist einmal ein allgem einer Vorgang der Hygiene und der Schönheitspflege. Des M enschen Seelenantlitz zu waschen, also seine Sünden zu vergeben, s te h t dagegen nur G o tt zu: S olt du wissen das g o t allei(n) die sele des menschen von der m eyle vnnd inwendiger vinsternüsse reyniget. vnnd das angesichte der sele w isch et, vnnd die schulde des ewige(n) to d s a u flö se tM Daß Schmutz im Gesicht in besonderem Maße a u ffä llt und als häßlich em pfunden wird, dient B erthold von Regensburg als A rgum ent dafür, daß G o tt schon aufgrund kleiner (»täglicher«) Sünden die sele niht alse gelustlichen ane siht, als ob si ane sünden waere, ze gelicher wise, sw ie schoene ein mensche ist, is t e r fle c k e t an sinem antlütze, er is t d e ste unliutsaeliger .4S In der Bildersprache des H ohenliedes will G ott n u r solch eine Braut ansehen, deren A ntlitz nicht durch Sünden­ schw ärze v e r u n s ta lte t ist; so bei Aponius: Sponsus videlicet decoram faciem in ea se m p er videre desiderat, quae nulla peccati nigredine sit maculata, non turpium verborum mendaciique umbris absconsa, vel blasphemiarum raucedine voce horrida, se d dulcedinem suis laudibus resonantem; ut re tro iam dixerat: »Quia facies tua decora, e t vox tua suavis« (vgl. Cant. 2,14).46 A bsalon von Springiersbach v e rste h t das Gewissen als »Gesicht des H erzens« {cordis facies), dessen e rs te Schön­ heit (die Unschuld) durch den Sündenfall verlorenging; eine neue (zweite) 42 43

Bruno von Segni, In Job, PL 164,593C. D ie se r Gedanke k lin g t auch d ort an, w o Eliphas nur v om Erheben de s A n t l i t z e s zu G o tt sp ric h t (Hiob 22,26); Mor. XVI,20,2S, CCL 143A, S. 813: A d Deum faciem leuare, e s t c o r ad sub limia inues tig a nd a a t t o l l e r e . Nam s ic u t p e r c o rporis faciem homini, ita p e r inte r io r e m imaginem Deo n o ti atqu e c o n sp icabiles su mu s. Cum uero r e a tu culpa e d epri m i m u r, ad D eum leuare cordis n o s tr i fac ie m ueremur. Dum enim nulla bonorum operum con fiden tia fu lcitu r , intue r i summ a m e ns t r e p i d a t , quia i psa s e con scien tia accu sat. Cum uero iam p a e nite n tia e l a m e n t i s diluitur, e t sic p e r p e tr a ta plan gu n tur , ut p la ng e nd a minime p e rp e t re n t u r , magna m e n ti fiducia nascitur; et ad c onsp ic ie nd a su pe rnae re t ri b u tio n is gaudia cordis n o s tr i fa cie s le uatur . Ohne

44

45

R e in ig u n g sm eta p h o r ik Rupert, In Job, PL 168,1060AB; auch Julian von A e cla n u m , In lo b, CCL 88, S. 64: Con fidentia e te s tim o n iu m e s t , si fac ie m in so l u m n u llu s re a tu s inclinet; Philip pus, In Job, PL 26678B; P s.-H ra b an, A lle g o r ia e , PL 112,920C: c o r hominis. Sp iegel d e s Sü nd ers, ed. BROEK, S. 198. Vgl. Katharina von Siena, G eb ete, ed. BARTH, S. 122: »Mit D e in e m Blu t h a s t Du das G es ic h t Deiner Braut, der S e e le , a b g e w a s c h e n .« B erth old , P redigten , edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 2S9; d e sh a lb muß die S e e le hinab in daz vegefiur, wan alle die w ile und ein meilin an d e r s e l e i s t , als ein p u n c t is t, so ve rb irg e t g o t d e r se l e , daz si ez n ih t mac ge se h e n (ebd.).

46

A p on iu s, In Cant. 5, PLS 1,876.

sin a n tlü tz e

vor

269

G esic h t

Schönheit bew irk t die Demut als » M u tter aller Tugenden«: Primum decorem animae a Deo habuit, se d eum peccando perdidit, quando in Adam omnes ita peccaverunt, ut nemo unquam fuerit vel esse po ssit, qui de innocentiae puritate p o s s it gloriari. Propterea ad secundum animae decorem, quae e s t humilitas, necesse habet hom o confugere, ut pulchritudo conscientiae peccatis denigrata, p e r m atrem virtutum, id e st humilitatem, reparetur A7 W enn der M isse tä te r nach Bernhard das Gesicht seines inneren Menschen b e tra c h te t, dann erk en n t e r den Schmutz seiner Sünden und dam it seine U nähnlichkeit zu G o tt.48 Ohne den Spiegel des Gewissens b e m e rk t man nicht den Schmutz im Gesicht: Och aistu sunder speghel blyvest, so en kanstu dyns selves lelike vlecken nicht kennen in dyn aenghesichteA9 Solche Spiegel sind auch die Gebote G o tte s 50 sowie die Bibel; Gregor: Scriptura sacra m entis oculis quasi quoddam speculum opponitur, ut interna nostra facies in ipsa uideatur. Ibi etenim foeda ibi pulchra nostra cognoscim us .51 Ebenso hat der Hl. Geist als »Wasser« eine solche Spiegel-Funktion der Sündenerkenntnis: dü sele besiht sich och in dem lutren brunnen des hailgen gaistes. si ersiht ir antlüt, wie oder wa si daz hat verwiert m it den sünden, und erkennet sich des ze rüwe, ze bihte und ze bü sse.s2 Ein biblisches Gebot zum W aschen des Gesichts findet sich in d er A uf­ forderung Jesu an die Jünger, beim Fasten nicht fin ste r dreinzuschauen »wie die Heuchler«, vielmehr s ta ttd e s s e n das H aupt zu salben und das Gesicht zu waschen, dam it niemand außer G o tt m erkt, daß man f a s te t (Mt. 6,16-18). Dieses Gebot soll man nach Basilius »auf die inneren Glieder« beziehen: »Wasche die Seele rein von Sünden!«53 Bei Bernhard von 47 48

49

A b s a l o n von Sp rin giersbach , Se rm o 15, PL 211,94CD. Bernhard, In Cant. 82,3,6 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 2, S. 296): Se d qui s t a tu a tu r iniquus an te faciem suam, e t c o ntr a v ultum q u e m dam m o rbi du m p u tid u m q u e in terioris hominis sui s is ta tu r , ut d issim ul are aut declinare non qu eat im pu rita te m c o ns c ie ntia e suae, s e d v ide at v el i nvitu s s o r d e s p ec c a to ru m su orum, vitio rum insp ic ia t d e ­ f o rm i t a t e m , nequaquam iam p o t e r i t ex istim a re D eum fo r e s imile m sibi. P s .- V e g h e , L e ctu lu s, ed. RADEMACHER, S. 101; ebd.: Een s p e g he l h e b st u bynnen in d y selven, ed e le m e n s c h e, d a t is dyn o v e r s t e r e d e o f dyn c o n sc i e n d e , de a ltijt quaet m y d e t unde h a te t b eg e e rt .

50

T h om as von Fro id m on t, Liber de m o d o

b ene

unde oick g u e t

vivendi,

PL 184,1199B:

P raec epta nam que Dei specu la su n t, in quib us s e ip s a s animae in­ s pic iunt, e t in quibus c og n os cu n t m ac u la s , si quae s unt, fo e d ita tis ; quia ne m o m un du s a delicto: e t in quibus em en d a nt vitia c o g ita tio nu m suarum, e t r e l u c e n tes vu ltu s quasi ex r e ddita imagine c o mp o nunt: quia dum p ra e c e p t i s domin icis t o t o animo in ten tu n t, in eis p r o c u l dubio quid in s e c o e l e s ti s p o n s o plac ea t, vel quid d is p lic e a t c o g n o s c unt.

51 52 53

Gregor, Mor. 11,1,1, CCL 143, S. 59. St. G eor gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 58. B asilius, Predigt 1,2, dt. STEGMANN, BKV 1 /4 7 , S. 167. A m b rosiu s, De H elia e t ieiunio 10,37, CSEL 3 2 / 2 , S. 434: laua fa c ie m tuam, emunda animam tuam p e c ca trice m , laua con scien tiam tuam, inde x enim fac ie s p le ru m q u e e s t c o n scien tiae e t quidam tacitu s s e r m o m e n tis , cum aut p e c c a t o c onpun gimu r aut in te g r ita te laetamu r, no li hanc e x te r mina re facie m, laua il la m e t omn em so rd em con scientia e tuae dilue.

270

Der Leib de s M en sc h e n

Clairvaux bezeichnet das Gesicht einmal dasjenige, was sich im Gesicht ausdrückt: E st autem facies, quae in facie e s t conversatio. Hanc fidelis Christi servus lavat, ne quod offendiculum praebeat intuenti; hypocrita magis exterm in at, sum singularia magis e t inusitata secta tu r.5* D arüberhinaus f ü h r t er auch die Deutung au f das Gewissen an: P o te st tamen e t alio m odo lota facies, conscientia pura e t unctum caput intelligi mens devota 55 Die Reinigung der facies animae als Gewissen is t traditionell: Projice ergo abs te avaritiae sordes, perjurii stercora, malitiaeque putredinem; e t lavasti faciem, id est, conscientiam tuam aqua prophetica, de qua dicit Isaias: Lavamini, e t mundi e sto te , auferte nequitiam ab animabus vestris (Jes. 1,16). Si enim abstuleris nequitiam ab anima tua, lavasti conscientiam tuam, e t bene jejunas.56 Das Salben des H auptes ließ sich auf das Gebet und das W aschen au f das A lm osen deuten (dazu Kap. XI,2c); beides g e h ö rt zum Fasten hinzu: M erket min uil lieben disiv wort mines trehtins: Swenne ir uastet, so scu lt ir iw er houbte salben unt sc u lt iw er an tlü tze scone dwahen. Disiv w ort sint bezeichenlich, die scul wir iv ö f tun m it des hilfe, der si gesprochen hat. wie scül wir unser houbet salben? m it den heiligen kierchgengen, m it dem heiligen gibet. wir wellen iv biwaeren, daz daz heilige unt daz reine g ib e t ein gisaelbe is t der sele. C...] wir scüln öch unser antluzze dwahin. wa m it? m it dem heiligen alm üsen, so geschieht uns also da gescriben ste t: Sicut aqua extinguit ignem, ita eleemosyna extinguit peccatum (Sir. 3,33).57 W enn Irdisches das A ntlitz der Seele b efleckt, dann soll der Mensch nach M echthild von H ackeborn beichten, bevor e r die Eucharistie em p­ fä n g t.58 Eine Sünde, die am Gesicht geschah, bew irkt auch einen d ein en vleken an dem antlize der Seele eines v e rstorbenen Bruders, der M echt­ hild von M agdeburg in einer Totenvision dies e rlä u te rt: Ich w iste min

54

Bernhard, In Q u ad rage si m a 1,5 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 357); ebd.: Se d n ec cap u t ungit, cuius a f f e c tio e lo n g a tu r a C h r is to e t vanis fav ori bus de lec tatu r, lin g it p o ti u s f r agrantiam opinionis re sp e rg a t.

55

ut p r o p r ia e

Bernhard, In Q u ad ra ge sim a 1,6 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 357); ebd. S. 357f.: Q u od si pro ba s, adv ers u s d u p le x vitium, q uo d m axim e s o l e n t a p p e te re un c tionis dic ta videntur.

56

s e m e tip s u m ,

ieiu nan tes,

haec

duo

verba

a b lutio nis

et

P s.-J o h a n n e s C h r y s o s t o m u s , O pu s im pe rf. in Mt. 15, PG 56,718; ebd.: Quamdiu enim su m u s in corpore,

con scien tia n o s tr a

s e m p e r s o r d id a

e s t in p e c c a t i s.

57 58

P redigten , ed. HOFFMANN, S. 98. KARL BOECKL, Die E u c h ar is tie -L e h r e der d e u t s c h e n M y stik e r de s M i t t e la l t e r s , Freiburg 1924, S. 54 (Rev. 2,224): "Sie d e n k t si c h de n Gang der V o r b e re it u n g so: Das A n tli tz der S e e le i s t das Abbild der h e i li g s t e n D r e if a lt ig k e it. Durch irdisch e G edanken und B e s t r e b u n g e n wird das A n g e s ic h t der S e e le g e t r ü b t und b e f l e c k t . W e n n nun die S e e le a u f ihr Urbild, die h e i l i g s t e D r e ifa lt ig k e it , sc h a u t , s o erk en n t sie a ls b a ld w ie in e in em S p ie ge l ihre Gebrechen. Sie s o l l nun o f t in d ie s e n S p iegel bl ick en . Dann wird sie b e s t r e b t se in, durch o f t m a l ig e B e icht sic h zu rein ig en und durch B e tra c h tu n g des Leidens Christi ihr A n t li t z zu sch mück en ."

A u gen

271

antJize ernst den, die minen willen nit taten; das bleip ungewandelt an mir.59 Genommen w erden kann ihm dieser Flecken mit einem Seufzer.

d) A u g e n Das Anschauen von V erbotenem b efleckt die Augen. Die Kirchenväter haben vor allem die antiken Schauspiele im Visier, welche Augen (und Ohren) der Z uschauer beflecken.60 Caesarius vor Arles w e tte r t gegen die Teilnahme von C hristen an den au sg elassenen N eujahrsbräuchen: non op o rtet ut oculi vestri, qui adsidue in ecclesia vigilantes ad deum sanctificantur, videndo luxuriam stu lto ru m hominum polluantur .61 Nach Petrus Chrysologus b efleckte der (begehrende) Anblick der verbotenen Frucht im Paradies die Augen (Evas); zur A ufforderung des Engels an die Frauen, ins leere Grab ein z u tre te n und zu schauen, wo der H err lag (Mt. 28,6), schreib t er: Mulierem uocat angelus ad uidendum, ut sacri corporis locus mundaret oculos, quos diabolo claudente peruetitae malae arboris macularat aspectus.62 Bei unreinen Augen s te h t nicht wie beim b e sc h m u tz te n Gesicht der V erlu st der Schönheit im Vordergrund; hier geht es vielmehr durchweg um die B eeinträchtigung des Sehvermögens und dam it — auf die Augen des Geistes oder des Herzens bezogen — der E rkenntnisfähigkeit. Diese inneren Augen sind deshalb vor jedem Schmutz so rg sam zu sch ützen .63 Da er an Herz und Augen unrein war, konnte Arius die Geheimnisse der T rinität nicht erkennen: et dum immundo corde e t impuris oculis Dei m ajestatem videre e t intelligere non po tu it, blasphemare c o e p it, e t Filium a Patre dividere conatus e s t.64 M eist ist »Staub« hier die Schm utzm aterie als M etapher für die Hinwendung zu Irdischem und fü r kleine (»tägliche«) 59 60

M e c h th ild , Licht VII,49, ed. NEUMANN, S. 297; dazu DINZELBACHER, Visio n, S. 3 8 f . Z.B. Salvian von M ars eille , De gubern. Dei VI,3,16, CSEL 8, S. 128; dazu u. zu den »Ohren«. Au ch bei Hilarius, In ps. 14,6, CSEL 22, S. 88 , b e s c h m u t z e n T h e a te r s p ie le die Augen: ig it u r inpo l lu tu s ingr edie ns e t e x t ra om ne m p e c c a ti labem uiuens hic e s s e r e s p o n s u s e s t , cui p o s t b a p t i sm i lauacrum n ullae adh aeserint so r d e s , s e d s it inma cula tus e t nit idus, s i t q u e e t non corpu s stu p ri s co nta m ina tum, non oculi s p e c t a c u l i s the atralibu s sordidi, non m en s uino ebria, non pecunia e uita anc illa ; SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A uge, S. 814.

61 62 63

C aesarius von A r ie s, Se rm o 192,4, CCL 104, S. 782. Petrus C h r y s o lo g u s , Serm o 77,10, CCL 24A, S. 474; SCHLEUSENEREICHHOLZ, A uge, S. 1027. Z.B. Gregor, Mor. 1,36,54, CCL 143, S. 56: Omni cura se ruandus e s t a m al it iae h om inibus

pu l uere oculus o s t e n ta t, apud

cordis, ne h oc q uo d in a ctio ne r e c tum seip su m p e r uitium prauae inte ntio nis

i n t o r q u e a t ; S e u s e, H o r o lo g iu m , ed. KÜNZLE, S. 544: A ie ntis o culum s e m p e r in p u ri t a te e t tra n qu illitate c u stod ia s , in te ll e c tu m a fo r m is r e rum infim arum praeservan do.

64

Bruno von Segni, Sent. IV,3, PL 165,982B; SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A u ge, S. 689.

272

Der Leib de s M en sc h e n

Sünden (dazu Kap. X,l).65 W enn die geistlichen H irten w eltlichen Dingen nachgehen, dann dringt das Licht der W ahrheit nicht zu den U ntergebenen hin: e t subjecti veritatis lumen apprehendere nequeunt, quia dum pa sto ris sensus terrena studia occupant, vento tentationis im pulsus Ecclesiae oculos pulvis caecat.66 Ubie N achredner b lasen s e lb s t den Staub auf, der sie dann daran hindert, die W ahrheit zu »sehen«: Quid aliud detrahentes faciunt, nisi in puluerem sufflant atque in oculos suos terram excitant, ut, unde p lu s detractionis p e rfla n t, inde magis nihil ueritatis uideant?67 Den Staub irdischer Gedanken v erstreu en die Teufel bei der Bibellektüre: Et saepe cum eloquiis sacris intendimus, malignorum spirituum insidias grauius toleram us, quia m enti nostrae terrenarum cogitationum puluerem aspergunt, ut intentionis nostrae oculos a luce intimae uisionis obscurent ,68 W er Geistiges erkennen will, der muß den »Staub äußerer Handlungen« von sich fernhalten: Cum spiritalia discutere uolumus, n ecesse est, ut ab intentione nostra carnalia remoueamus: quia m ens interna non p e n e tra t, quam exteriorum actuum puluis caecat.69 Für den Gedanken, Hinwendung zur W elt verhindere G o tteserk en ntnis, b ie te t sich ein Vergleich mit dem Sehen an:70 Mit Staub in den Augen sieht man die Sonne nicht. 583,70

65

daz ouge muz vil reine, als ich mich versinne, wesen und von allem stou be erlesen, die in die sunnen w ollent sehen und liecht gegen dem liechte brehen. o herre got, du sunne klar, sw e r din wil nemen ebene war in der liechten goteheit,

Dazu SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A uge, b e s. S. 416-4 20. Vgl. Bavngart, ed. UNGER, S. 383: als do ein rihtaer ein v rta il w o lt le se n, e e r an daz ge ri h t e gienge, vnd ch v m t aber de r wrint

66

67 68 69

v nd w e it im den

s ta v p in div äugen, so gesach e r n iht di reh te n w arheit z e le s e nne v nd vervaelt an d e r vrtaeil. E b e n s o verd unk eln die t ä g lic h e n Sü nd en vns div g e i st l i c h e n äugen. Gregor, Reg. p ast. 11,7, PL 77,39B; vgl. 39D: A s u b d iti s e r g o inferio ra g ere nda sunt , a re c to rib u s su mm a cogitanda; ut s c ilic e t oculum, qui p r a e v i de ndi s g r e ss ib u s p raeem in et, cura p u lve r is non o b s c ur e t.

Gregor, Ep. XI,1, CCL 140A, S. 858. Gregor, Mor. XV I,18,23, CCL 143A, S. 812. Gregor, In I Reg. IV,33, CCL 144, S. 313; ebd. 1,64, S. 90; vgl. de ns., In Ev. 1,7,4, PL 76,1103A: Qui enim sine hu m ilita te v ir tu te s c ongre gat, in v e ntu m pu lv e re m p o rta t; e t unde a liq uid fe r r e cernitur, inde d e t e ri u s caecatur.

70

Vgl. P s.- J o h a n n e s C h r y s o s t o m u s , O pu s imperf. in Mt. 10, PG 56,685: Sicut enim oc ulus qu an to m u n d ior fu erit, ta n to lo ng ius videt: s ic e t anima quanto l o n giu s fu e rit a sollicitu d in e mundiali, ta n to amp lius Deo p ro x i m i o r e st. Cujus au tem cordis ocu lu s mundum a sp ic it, illius m e ns non p o t e s t Deum videre.

273

A u gen

der d a rf wol g ro ze r luterkeit, als uns die bischaft zeig et.71 W enn es um reine Augen als V o raussetzung fü r die G o tteserk en ntn is geht, dann ist häufig ein biblischer A n satzp un k t die Seligpreisung d er­ jenigen, die »reinen Herzens« sind (Mt. 5,8; dazu Kap. IV,ld). Leo der Große: M erito haec beatitudo cordis p ro m ittitu r puritati. Splendorem enim luminis ueri sordens acies uidere non poterit, e t quod erit iocunditas m entibus n itid is, hoc erit poena maculosis. Declinentur ergo terrenarum caligines uanitatum , et ab omni squalore iniquitatis oculi tergantur interiores, ut serenus intuitus tanta Dei uisione pascatur.72 Seine Augen reinigt, w er sie von aller Begierlichkeit fern h ält (und sie den Armen nicht v erschließt).73 Sollen wir unsere Augen in diesem Leben reinigen, um G ott derein st schauen zu können {Sed interim, dum in ista corruptione vivimus, mundandus e s t cordis oculus, quo tunc plane e t plene videatur Deus),74 so gelingt dies »heiligen Männern« gelegentlich hier bereits — sow eit es in ihrer m enschlichen Schwäche überhaup t möglich ist — in der K ontemplation: In qua contem platione oculum cordis mundant, ut Deum adhuc etiam in hac carne positi, quantum humanae infirm itati datum est, videant, cujus visione se illuminent, suavitate re fic ia n t75 Nach G regor gibt es M enschen, die »ihr G eistesauge durch reinen Glauben und über­ reiches Gebet« so gereinigt haben (m entis oculum fide pura e t uberi oratione mundantes), daß sie oftm a ls sehen konnten, wie Seelen dem Körper entwichen, obwohl Seelen von N atur her un sic h tb a r sind.76 Für dieses Reinigen der Augen kann m erkw ürdigerw eise das Fortb renn en von Rost bildspendend sein: M enti enim nostrae de consideratione caecitatis suae prius ignis tribulationis im m ittitur, ut omnis uitiorum aerugo con­ cremetur; e t tunc mundatis oculis cordis illa laetitia patriae caelestis aperitur, ut prius purgem us lugendo quod fecimus; e t postm od u m m anifestius contem plem ur p e r gaudia quod quaeramus.77 Näher liegt freilich ein Reinigen durch das T rän en w asser (aqua lachrymarum) d er Reue, das den Schmutz aus den Augen spült: quia sicut purgat oculum, ita e t lachrymae purgant m entis affectum 78

71 72 73

Das P a ss io n a l, ed. KÖPKE. Leo I., Tract. 95,8, CCL 138A, S. 5 8 8 f. P s .-S u lp i c i u s Sev erus, Ep. 2,10, CSEL 1, S. 238: Munda oc ulo s,

74 75 76 77

T r a c ta tu s de p o e n ite n tia 37, PL 213,903B-904A. Robert von Tum balenia, In Cant. VIII,3, PL 79,540AB. Gregor, Dial. IV,7,1, SC 265, S. 40. Gregor, Mor. X X IV ,6,11, CCL 143B, S. 1195; ebd.: Prius a m e n tis acie

dum e o s ab om ni c oncu piscen tia retrah is e t ab in tu itu p a up e rum numquam a u e rt is e t ab om nibus fu cis liber os ea qua a Deo f a c ti s u n t s inc e r ita te c u st o di s .

e xu re nt e

t ri s t i t ia

in te rp o sita

maloru m

caligo

d e te r g itur ,

et

tunc

r e s p l e n d e n t e ra ptim c o ru sc ation e in circu m sc r ip ti luminis illus tr a tu r .

78

A b s a lo n von Sp rin giers ba ch , Se rm o 19, PL 211,113D.

274

Der Leib d e s M e n sc h e n

e) O h r e n Wie die Augen durch das Sehen von Sündigem, so w erden die Ohren durch H ören b e fle c k t.79 Nach Salvian von Marseille geschieht dies n o t ­ wendig bei der Teilnahme an T h e a te rv o rste llu n g e n ,80 wo schm utzige Gedanken die Seele, unkeusche Anblicke die Augen und die d o rt zu Gehör gebrachten Scham losigkeiten die Ohren verunreinigen; in theatris uero nihil horum reatu uacat, quia e t concupiscentiis animi e t auditu aures e t aspectu oculi polluuntur .81 Reine Ohren b e h ält hingegen, w er sie nicht u nanständigem , schändlichem und w eltlichem Gerede a u s s e tz t.82 Umge­ k e h rt la u te t die Forderung an den Sprechenden, nu r dasjenige über seine Lippen kom m en zu lassen, was »die Ohren des H örenden nicht befleckt« {hoc procedat ex labiis, quod aures non pollu at audientis).83 Dies gilt auch für Prediger;84 so nen n t B erthold von Regensburg die Sünde Sodoms nicht beim Namen, wan ich wil iuw er ören niht unreinen.85 Auch im »Bedebok« des Lübecker M ohnkopfverlages von 1487 wird zum Thema der Ehesünden verm erkt: Dar wyl ik nicht van schriuen / vp dat ik de mylden oren der vnschuldigen nicht b e sm y tte .86 Und in der »Legenda 79

80

Das Bild vo m »reinen Ohr« Marias k n ü p ft h in g e g e n an der V o r s t e ll u n g von der E m p fä n g n is de s » W o r tes« du rch das Ohr an; R u d o lf von Em s, Barlaam 10820-1 0824, ed. PFEIFFER, Sp. 271f.: näch d e r g e b u r t si m a g e t was als e v o r d e r g e b u r t da vor. durch ir reinen ören t o r wart i r daz g o t e s w o rt ge sa n t, daz von ir m en s c h e w a r t g ena nt. Vgl. Tertu llia n, De s p e c t a c u l is 17,5, CCL 1, S. 243: Cur quae ore p r o l a t a c om m unican t homin em, ea p e r aures e t o c u lo s a d m iss a non u ide antur hom i nem communicare, cum spiri tui ap pa re ant aures e t o culi ne c p o s s i t mu n du s p ra es ta ri cuius a p p a r ito r e s inquinantur?

81

82

Salvian von M ars eille, De g u b er n a tio n e Dei VI,3,16, CSEL 8, S. 128; SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A u ge, S. 812; vgl. T h e o p h ilu s von A n t io ­ chien , An A u to ly k u s III,IS, dt. LEITL - DI PAULI, BKV 1/14, S. 90: Auch andere S c h a u sp ie le als G lad ia to r e n k äm p fe an z u sch au e n , se i ver­ b o t e n , »damit u n se re A u g en und Ohren nic h t b e f l e c k t werd en , w e n n sie an den M o r d ta te n te il n e h m e n , die dort b e s u n g e n we rden«. P s .-S u lp i c i u s Se veru s, Ep. App. 2,10, CSEL 1, S. 238f.: Aiund a aures, ut nonnisi se rm o n ibu s sa n c tis e t ueris (PL 20,235A: s eriis) aud itum p r ae be ant , ut numquam obscen a aut turpia aut saecularia uerba s u s ­ cipiant.

83

84

Isidor, Synony m a 1,45, PL 83,856A; D e fe n s o r , Liber s c in till a r u m 79,10, CCL 97, S. 166; P s.- A n s e l m von Canterbury, E x h o r ta tio ad c o n t e m p t u m t e m p o ra liu m , PL 158,683B. B e rth o ld von R e gen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 1, S. 267, will n ic ht sa g e n , wie man G o tt fl u c h t , de nn dadurch w ü rd en d ise n liute n allen s a m t i r ören geu n rein et

85

und ir h e rze

beswaeret.

B e rth o ld von R e gen sb u r g, edd. PFEIFFER - STROBL, Bd. 2, S. 152; vgl. H ie ronym us, In Ep. ad Gal. 111,5, PL 26,415C: e t ea no mina re tu r pi ss i m um e s t (ne e t dicen tis os e t aures aud ie ntium p o llu e r e n tu r )\

W ilh e lm von Au ver gne (?), Tract. novu s de po enit. 21, S. 238: I te m p r o p t e r d e t e s t a tio n e m hujus p e c c a ti quan doque lo q ui de ip s o non a u de m us ne os dicen tis, & aures au dien tis p o llu a n tu r ; Sp iege l de s Sü nders, ed. BROEK, S. 267: das n ich t die reinen oren v nd k e us c he n h e rt ze (n) d e r v nsch uldigen m en sch en die d(er) v e r g ifte n sünd en nit w is s e n t /

86

dar durch hiein(n) ein wissen n emen v nd g e e r g e r t w e r d e nt.

KÄMPFER, Studien, S. 167.

Ohren /

275

Mund, Zunge, Lippen

aurea« zö g e rt die Büßerin Maria Aegyptiaca, dem Mönch Zosimas die Geschichte ihres Sündenlebens in Einzelheiten zu erzählen, da sie fürch tet, daß e w er orn von der bösen rede g em eylet wurden.87 Auch so n st bekennt man hiermit, sich beso n ders schlim m er Sünden schuldig gem acht zu haben.88 B eschm utzend ist jeweils das Gehörte, w eshalb ein M ensch sich ta d e ln lassen muß, wenn er »die F e n ste r der Ohren« für ak ustisch Unreines o ffen g eh alten h a t.89 Die M ills tä tte r Sündenklage ta d e lt ver­ schiedene Körperteile; dabei ist das Beschm utzen der Ohren freilich nur K onjektur in diesem sta rk z e rs tö rte n Text: 543

nu

wil ich ruogen miniu oren.

d ie

d ich e

sich

b e w u l / e / 2:

sw a z ich in allen ie

gevru m te

stu n d en

(od er

(od er g eh örte?)

sunden?)

in huore widir dir,

miniu oren brahten ez mir.90

f) M u n d , Z u n g e , L i p p e n U nanständiges auszusprechen, das würde gleicherm aßen die Ohren des H örenden wie die Lippen des Sprechenden beflecken.91 Boshafte und trüg erische Rede b efleck t Zunge92 und Lippen; Petrus Chrysologus: Sicut 87

Leg en de , ed. KUNZE, S. 59; ebd. S. 58: e t aures tua e a s e r m o nib u s m e i s c ontam inabuntur; S. 59: vnd die oren w e r de n v e r v n r e y n tt von d e r rede; Buch von den h e ili g e n M ägde n und Frauen (ebd. S. 85): dine oren würden vnreine; ein M elker M i s c h t e x t (ebd. S. 90): a w f f das deine arn von me in er re d n ich t verm ailig t wern; die lat. F ass u n g bei Paulus D ia c on u s Vita s. Mariae A e gyp tia c ae 12, PL 73,679D—680A, hat nur: Scio au tem quia si co ep ero narrare ea quae s u n t de me, f u gie ns a me, quasi quis fu giat a facie se rp e n tis , auribus non valens audire, ob i ne xpedibilia quae su n t operata.

88 T h o m a s von F ro idm ont, Liber de m o d o be ne vivendi 73,169, PL 184,1305D: 89

S e d dum ti bi pe c c a ta mea m a n ifesto , ne f o r t e aures tuas p o llu a m timeo . Philippus So lita rius, Dioptra 20, PG 127,872CD: Imp udic e a s p e x is ti, c ol o ri s su a v i t a t e ca p tu s es. Lingua e t os tu um c o n tum e liis vacarunt; aurium fe n e st r a e impu ris au ditionibu s patu e ru n t. Manus tuae ad vim e t rapinam, ad pr o x im u m qu e sine causa pu lsan d u m e x te n ta e fue runt. P edes tui ad opera nefaria, ad in h o n esta spe c ta c ula , ad p ug na s e t n e quiti as concurreru nt.

90

91

M i l l s t ä t t e r Sü nd en k la ge (Dichtu n gen , ed. hier t e i l w e i s e m it ä lte r e n Konjektur en. Zur SCHRÖDER, Vom »Rheinauer Paulus«, S. Joyce, Portrait, S. 34: sh e ca lled th at lady th is

C hri st m as

board n o r y o u r

ears,

MAURER, Bd. 2, S. 86f.); Klage über die K örp er teile 51-54.

a name tha t I w o n t s u lly ma'am, n o r m y o w n lip s by

repe at ing.

92

Johan nes von Salisbury, P olic ratic u s VII,12, ed. WEBB, Bd. 2, S. 139: Si

c o e p i st i ,

p e rf e ra s

n eces se

est

aut

proc a c is

linguae

s u s tin e b is

iniurias. D e s i s t e ergo, nisi sordida lingua malueris inquinari. Nam e t imm unda quo m agis mou en tu r, eo ampliu s f e te n t. Vgl. P s .-S u lp ic iu s Se veru s, Ep. 2,10, CSEL 1, S. 238: Munda linguam a m e n d a c io , quia »os qu od m e n ti tu r occidit animam« (Sap. 1,11): d e t rac t i one , a i uramento, ab adulatione, a periurio.

munda

eam

a

276

Der Leib d e s M en sc h e n

carnem uitiat criminosa conscientia, sic dolus labia polluit, linguam m aledicta contam inant ,93 Einem P riester ziem t es nicht, seinen Mund m it einer Lüge — und zw ar durch das A useinanderfallen von W o rten und T aten — zu beflecken: CB 33,5,3

uerba confirm es opere, quia non decet tem ere os sacerdotis pollu i m e n d a tio 94

Ein Sündenbekenntnis fa ß t verschiedene V erfehlungen des Sprechens zusammen: Verbositati deserviens, detractioni studens, os meum mendacio e t detractione inquinavi.95 Johannes C hryso sto m us will es nicht tadeln, wenn man Mund und Hände w äscht, bevor man die Kirche b e tritt; w ichtiger hingegen sei es, den Mund »mit den Tugenden an ste lle des W assers« zu waschen: »Die Unreinigkeit des Mundes b e s te h t in: Fluchen, G o tte slä ste ru n g , Schmähung, Zornreden, Zoten, Spötteleien, Sticheleien. Bist du dir nicht bew ußt, D erartiges b e rü h rt und m it solchem Schmutz dich b e fle c k t zu haben, so d a r f s t du g e tr o s t erscheinen; h a st du aber solchen U nrat unzähligemale au f dich geladen, wie m a g st du da so tö ric h t sein, die Zunge mit W a sse r abzuspülen, w ährend du auf derselben den verderblichen und schädlichen Schmutz mit dir h e ru m trä g s t? « 96 Eine beson ders schlimme Sünde ist es, G o tt zu fluchen oder gar ab­ zuschw ören. Der reuige T e u felsbü n dn er Theophilus zögert, am Abgrund d er Verzweiflung stehend, die G o tte s m u tte r um Fürsprache anzurufen, da e r dies m it unreinen Lippen tu n m üßte, was seine Schuld n u r ver­ größern w ürde:97 Sed qualibus labiis deprecari praesumam benignitatem ejus, ignoro. Scio enim quia p essim e transgressus sum abnegando eam. A ut quale exordium confessionis meae faciam? Quali corde qualiue con­ scientia confitens, impiam linguam & pollu ta labia mouere ten tabo?98 In diesem Fall sind seine Lippen befleckt, da e r m it ihnen C hristus und seiner M u tte r förm lich abschw or — was der schriftliche Vertrag, um den es in dieser Legende geht, nur b e stä tig t. A llerdings b e fle c k t nicht n ur b o sh a fte s Reden. Bereits biblisch ist der Kampf gegen die G eschw ätzigkeit, da es beim Vielreden ohne Sünde 93 94 95 96

97 98

Petr us C h r y s o lo g u s , Se rm o 62,2, CCL 24, S. 346. Carmina Burana, ed. VOLLMANN, S. 80 (Petrus von Blois?). P s.-Bern hard, T r a cta tu s de in terior i d o m o 17,28, PL 184.523A. Johan nes C h r y s o s t o m u s , In Mt. 51,4, dt. BAUR, BKV 1/26, S. 122; ebd. 51,5: »Dann reinige dich! Wie? a u f w e l c h e Art? W eine, s e u f z e , gib A l m o s e n , l e i s t e de m B e le id ig te n A b b itte, v e r s ö h n e dich m it ihm w e g e n d ie se r Dinge, reinige deine Zunge, dam it du G o t t nic ht n o c h m ehr e rz ü r n e st.« P s.-M a rb o d , Vita T he op h ili metrica, PL 171,1598B: Haec aude re tamen, p u t o criminis e s t cu m u lam en , Dum p e c c a t o r i s o r a tio s o r d e a t oris. P aulus D ia conus, De T h e o p h ilo p o e n i t e n t e 7, AASS Febr. I, S. 485; dazu GIER, Sünder, S. 155, vgl. S. 157.

Mund, Zunge, Lippen

277

kaum abgehe (vgl. Prov. 10,19 in m ultiloquio peccatum non deerit). Vor allem im m onastischen Bereich mit seinem eigenen Schw eigeethos99 h ö rt man o ft die A ufforderung, die Lippen oder die Zunge rein zu halten. Wieviel Schmutz, so fra g t Bernhard von Clairvaux, brin gt nicht eine kleine Zunge zusam m en? Quis sane num eret quantas modicum linguae membrum contrahat sordes, quam m u ltiplex in labiis incircumcisis (vgl. Ex. 6,30) immunditia coaguletur, quam s it gravis pernicies oris incircumsp e cti? 100 Schon Scherze und W itze würden als verba otiosa (vgl. Mt. 12,36) den Mund des »Schülers Christi« beflecken: talia divinus serm o e t sanctorum Patrum regulae aeterna clausura damnarunt, ne os Christi discipuli talibus m aculetur eloquiis ,101 Ein von müßigem Reden — bei dem es m eist nicht b leibt — b e fle c k te r Mund wird im Gebet von G o tt nicht erhört: Sicque fit ut ab otiosis ad noxia, a leuibus ad grauiora uerba ueniamus, e t os nostrum ab om nipotente Domino tanto iam minus exauditur in prece, quanto amplius inquinatur stu lta locutione.102 A ll­ gemein gilt die Regel, puro ore e t pacifica m ente zu b e te n .103 Die m etaphorische Aussage, die Zunge wirke befleckend, da sie Sünden verursacht, g eht auf den Jakob us-B rief zurück, wo positive und negative Folgen dieses »kleinen Gliedes« (lingua modicum quidem membrum est. 3,5) gereiht werden; dazu zäh lt auch das Beflecken des Leibes: lingua co n stitu itu r in m em bris nostris, quae maculat totu m corpus (Jak. 3,6). Dies dient im »Narrenschiff« als A rgum ent gegen die Ge­ schwätzigkeit: 19,27

Es is t die zung eyn k l eyn ge lyd Bringt doch vil vnrü / vnd vnfrid B efleckt gar dick den gantzen lib Vnd macht vil zancken / krieg / vnd k y b 104

Auch das christliche Sprechen von »unreinen Lippen« ist w eitgehend durch eine B ibelstelle geprägt. Bei seiner Berufung sieht Jesaja den Herrn auf einem hohen Thron sitzend, um geben von seinen Engeln (Jes. 6,1-4). Bei diesem Anblick G ottes bekenn t der Prophet: vae mihi, quia tacui, quia vir p o llu tu s labiis ego su m , e t in medio populi pollu ta labia habentis ego habito, e t Regem Dominum exercituum vidi oculis meis (6,5). Da nim m t ein Engel mit einer Zange eine glühende Kohle vom Altar, b e rü h rt dam it den Mund des Jesaja und spricht (6,6f.): »Deine Bos­ heit ist von dir genom men und deine Sünde gereinigt« (auferetur iniquitas tua e t peccatum tuum mundabitur). Durch diesen K om m entar des Engels wird die Unreinheit der Lippen deutlich au f die Sünde b e99 100 101 102 103 104

Dazu RUBERG, S c h w eig e n , b e s. S. 26ff. u.ö. Bernhard, De diversis 17,2 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 6/1, S. 151). P a sc h a siu s Radbertus, In Mt., VI,12, PL 120,474B. Gregor, Dial. 111,15,16, SC 260, S. 324. Hraban, H om . de f e s t i s 20, PL 110,41D. Brant, N a r re n s ch iff, ed. LEMMER, S. 50.

278

Der Leib de s M e n sc h e n

zogen. Der Prophet w agt nicht zu sprechen, weil er sich sündig weiß. Die erstau nliche Reinigung der Lippen mit einer glühenden Kohle läßt eine H e rku nft der V orstellu n g aus dem O pferw esen verm uten. Daß die Reinigung durch einen Engel geschieht, verw eist auf eine gnadenhafte Vergebung der Sünden. W eniger klar ist dagegen, worin die Sünden des Propheten bestehen. Das Bekenntnis, unreine Lippen zu haben, ließe sich allgemein als D e m u tsfo rm e l105 eines M enschen verstehen, der sich als Sünder nicht b ere c h tig t fühlt, zu G o tt zu sprechen (und als Prophet G ottes W o rt zu verkünden).106 Die Exegese fra g t spezieller nach der A rt der Verfehlung. So soll sich Jesaja nach Origenes nur Sünden des Mundes schuldig gem acht haben, nicht so lch er der Tat, da n u r seine Lippen b e fle c k t waren, was in diesem Leben niemand verhindern könne: Ex quo o ste n d itu r quod usque ad verbum tantum m odo peccatum eius inveniretur, in facto vero vel opere nullo peccaverit; alioquin dixisset quoniam immundum corpus habeo, vel immundos oculos habeo, si p e c ca sse t in concupiscentia aliena, e t dixisset: immundas manus habeo, si eas p o llu isse t operibus iniquis.107 Wie H ieronym us,108 so erk en n t auch G regor der Große den Grund fü r das Beflecktsein der Lippen in der F o rtse tz u n g des Zitats; wer u n te r dem Volk lebt, könne kaum ver­ meiden, sich durch unwürdige Reden zu beflecken: Qui cur p olluta labia haberet aperuit, cum subiunxit: »In medio populi po llu ta labia habentis ego habito«. Pollutionem namque labiorum habere se doluit, se d unde hanc contraxerit indicauit, cum in medio populi pollu ta labia habentis se habitare perhibuit.109 Der St. G eorgener Prediger sp ric h t den Propheten 105 Z.B. H einrich von N ö r d lin g e n an M argareth a Ebner (M argaretha Ebner, ed. STRAUCH, S. 226): Das ich reden su ll m it unsaubern mund m it d e r so g a r rainen, m it de r ku schen, m it de r die in dem miniglic hen b lu t ires gemach elen , die s o

w o l g e l e u t t e r t is t w o l g e h a u s z e t ha t

in ire s l i e b e s wunden. Vgl. S e u s e , H o r o lo g iu m , ed. KÜNZLE, S. 497: Deinde d e b e s t e i p su m coram ocu lis aeterni iudicis h u m ilite r d e s p ic e r e e t vilem ae stim ar e, ita ut cum pu blican o oc u lo s im m un d o s ne c audeas ad c ae lum le v are (vgl. Lk. 18,13), n ec labiis p o ll u ti s nome n illud g l o ri o su m nominare. Bernhard von M orias, Mariale 111,10,1-4, AH 50, S. 429: Quamv is mu ta e t p o ll u ta Alea sciam labia, Pra es umendum, non si le ndu m

E st

de

tua gloria.

106 D e sh a lb wird der M und m it der B e ichte ge re in ig t; Isaak von S te lla , Se rm o 38,11, SC 207, S. 312: C o n fe ssio ig itu r m und a t o s e t c o n tr itio cor. 107 O rig e n e s, In Lv. hom. 9,7, GCS 29, S. 430; ebd.: Nunc a ute m quoniam in s o l o f o r t a s s e se rm o n e co n sciu s sibi erat d e lic ti illius, de quo d ic it D o m i nu s: »quia etiam de verbo o ti o s o re d d e tis r a tio ne m in die iudicii«

(Mt. 12,36), p ro eo qu o d difficile e s t etiam p e r f e c ti s c ulp am vitare s e rm oni s, i dcirco in digebat etiam p ro p h e ta so la p u r g a tio ne labiorum. Vgl. O rig e n e s, In Jes. hom . 4,3, GCS 33, S. 261; ebd. 5,2, S. 264f. A lb ert, In Jes, ed. SIEPMANN, S. 93: O tiosa enim verba e t f o r t e io c osa vel

f o r te

aliquam

d is s o lu tio n e m

o s te n d e n tia

p o llu e r a n t

labia

eius.

108 H ieronym us, In Jes. III, CCL 73, S. 88: Felix c onsc ie ntia, quae ta ntum in se rm on e pe c cau it, non su o uitio, s e d s o c ie ta te p o p u li ha b e ntis p o l l u t a labia, cum quo loqu i s a e p iss im e c o g e b a tu r C...]. Non fuit ausus laudare Dominum, quia labia h abebat immunda. E t p r o p te r e a labia habe bat i mmunda,

109 Gregor, Dial.

quia cum p e c c a to r e p o p u lo

111,15,15, SC 260,

ue rsab atur.

S. 324; vgl. ebd. 111,15,16.

Mund, Zunge, Lippen

279

im Anschluß daran vollständig frei von Sünden des Mundes: daz waz nit von siner rede schulde, er waz bi den lüten die unrain iefzen hatten t und unrainnti w ort sprachent, und da von warent sin ie ftze n unrain worden.110 Die Unreinheit seiner Lippen bem erkte der Prophet e r s t im Vergleich zur »Höhe der himm lischen Reinheit«, die er schauen durfte: Ecce ad superiora subleuatus, sibim etipsi de labiorum pullutione displicuit. Nisi enim caelestis munditiae alta conspiceret, ecce se iudicabilem non inuenisset.111 Einer anderen Deutung nach b efleckte der Prophet seine Lippen nicht m it Reden, sondern mit Schweigen: Pollutus non mendaciis, non scurillibus, non contum eliis , se d taciturnitate .n2 Dies g eht zurück auf das vae mihi, quia tacui (Jes. 6,5), das als E ingeständnis, geschwiegen zu haben, verstand en w ird,113 etw a in dem Sinne, Jesaja habe den schlimm en König Usija iOzia) nicht genügend g e ta d e lt (vgl. Jes. 6,1): Quia tacui, et non audacter Oziam impium regem corripui, ideo labia mea immunda sunt, et laudes Domini cum angelis cantare non audeo.iU Die Allegorese b e rü ck sichtigt noch w eitere Elem ente des Prophetenberichts. So d e u te t Zeno von Verona die (beiden) Lippen als das Ju den- und Heidentum, die Kohle als das G o tte sw o rt, den A ltar als das Gesetz und die (zweiteilige) Zange als die beiden T e stam ente der Bibel: Etenim labia inquinata duos p opu los Iudaeorum gentium que debem us accipere, qui, cum essen t anterioris uitae facinoribus inquinati — unus Christum blasphemando autque persequendo, alius deos asserendo atque abominanda figmenta colendo —, tactu carbonis in unum populum p e r confessionem nominis Christi noscuntur e sse conflati. Etenim conflatio e t puritatem designabat e t unitatem; carbo enim uerbum dei est, ara lex, forceps duo testam enta, quae credentes tenent, non credentes incidunt .11S Auch Aponius v e rs te h t die Zange als M etapher der beiden Testam ente: Hic namque Dominus Deus Pater dedit verbum ignitum huic mundo, quod in figura carbonis forcipe duorum Testam entorum Novi, et Veteris levatu r de Altari, et labia purgat Isaiae P r o p h e t a e Petrus Chrysologus bildet die M etapher 110

St. G eo r gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 78f. Die M önche z ie h e n sich d e sh a lb v on d ie s e m V olk zurück; Isaak v on S te lla , Se rm o 37,14, SC 207, S. 292-294: Ist a e s t quae in s ilen tio m onacho rum suavi s us ur r o ore ad os l o q u i t u r ad Dominum, tamqu am vir ad p r o x im um suum. Unde e t os e orum sa n c tu m e s t e t labia munda p r o p t e r s e r m o ne m Domini quem fre q ue nt an t. P r o p te r cuius mun ditiae d e s id e r ium e lo n g a n te s s e de m e d i o po pu lor u m immu nda labia h abe ntium , fug e r unt omnia m undi huius o b lec tam en ta, e t mu ndi m an en t in s o litud ine .

111 Gregor, In Ez. 1,8,19, CCL 142, S. 111. 112 Petrus Cantor, V erbum abb reviatum 67, PL 205,189CD. 113 Z.B. Gregor, Reg. p ast. 111,25, PL 77,97A; Mor. 111,10,17, CCL 143, S. 125; ebd. VII,37,60, S. 380. 114 H ie r on ym u s, In Jes. III, CCL 73, S. 88. 115 Zen o v on Verona, Tract. 1,37,1,3, CCL 22, S. 101. 116 A p on iu s, In Cant. 1, PLS 1,810. Lauretus, S. 463. Vgl. aber Ps.-H raban, A lle g o r ia e , PL 212,931A: Forceps e s t Ch ristu s cum Patre, ut in Isaia: » Calc ulus que m fo rc ipe tu le ra t de altari«, qu o d p e r a e q ua lita te m , qua c um Patre unus e s t Filius, Verbum v er itatis a Patre d e tu lit, quo d is c i p u l o s , quos m isit in mundum, pu rgavit.

280

Der Leib d e s M e n sc h e n

von der »Zange von Gesetz und G nade«.117 In einer d eu tsch en Predigt verw eist die Zange auf die G o tte s - und M enschenliebe (wobei die Kohle den HL Geist meint): sw e r aber die zwievaldige minne niene hat, der nehat des koln niht, der nehat des heiligen g e istis niht, des zunge und m unt is t unreine, des geko se is t g o te vil unmere.n8 Auch s o n s t kann aufg run d der M etaphorik des Reinigens durch Feuer hier an den Heiligen Geist gedacht sein; Heinrichs »Litanei« r u f t ihn in dieser Bildlichkeit an mit der Bitte, die »Flecken meiner Zunge m it dem Feuer deiner Liebe« zu »verbrennen«: 4,1

H eiliger geist, warer vogit, den niemen wirdichlichin lobit, du nescephist dei wart in sinem sinne, m it dem viure diner minne, alles g u o tis anegenge, diu meil miner zungen du verbrenne, die deme herzen luteren sin benement ze sprechin dei wart, dei dir gize m en t,119

Die D em utsform el, unreine Lippen zu haben, kann einen Anklang an das P ro p h eten w o rt haben; der hl. Bernhard bezieht es im S elbstvo rw u rf auf sich: Heu quot vana, quot falsa, quot turpia p e r hoc ipsum spurcissim um os meum evom uisse me recolo, in quo nunc caelesti revolvere verba praesumo! Eine einzige Kohle allein reiche fü r ihn nicht aus, um den »alten Rost« seines sündigen (»juckenden«) Mundes voll­ ständig fortzu bren nen, dam it e r würdig werde, von der Verkündigung an Maria zu sprechen: ütinam e t mihi de superno altari, non quidem carbo unus, se d ingens globus ingneus afferatur, qui videlicet m ultam et inveteratam prurientis oris mei rubiginem ad plenum excoquere sufficiat, quatenus A ngeli ad Virginem e t Virginis ad ipsum grata invicem ac casta colloquia dignus habear meo qualicumque replicare sermone!120 Die beim m enschlichen Körper rech t b ru ta le Reinigungsm ethode durch A bbrennen ließ an die M etallschm elze denken und m achte dam it den 117 Petrus C h r y s o lo g u s , Ser m o 57,2, CCL 24, S. 319: Se d nunc no s e tia m t o t o c o rdi s c onpun gam u r aff ec tu , n o sq u e in hac mis er ia carnis m is e r o s e s s e fa t e a m u r, inmunda qu oqu e labia n os hab ere p iis g e m itib u s d e f l e a m u s , ut unus i s t e de seraph im leg is e t g r a tia e fo r c ip e a c c e p ta de supe rno al tari n obis ign itu m fidei d e fe ra t s a c r a me n tum , ta liq ue m ode ram i ne n o s tro ru m tan ga t tenera labiorum, ut iniq uita te s auferat, p e c c a t a de pu rgat, e t ora n o st r a sic in flam m a m p le n a e c o n fe s s io n is a cce ndat, ut s i t is ta sa lu tis adu stio, non d o lo r is . H ieronym us, In Jes. 73, S. 89: Quidam n o str o r u m fo r c ip e m, q uo c a lc ulus c om pre he ndi t ur, duo t e s ta m e n ta pu ta n t, quae in te r s e Sp iritus s a n c ti

III, CCL

unione sociantur.

118 Predigten , ed. SCHÖNBACH, Bd. 1, S. 136. 119 H einrich s »Litanei« (D ic htu n gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 139). 120 Bernhard, In la udibus virginis m atris 3,1 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 36).

Mund, Zun ge, Lippen

281

Sündenschm utz der Lippen zum »Rost«. Petrus von Blois fü g t zum »Rost« noch die »Schlacke« der Lippen hinzu: ütinam advolet unus de seraphim, e t su m pto calculo de altari in eis rubiginem cordium, e t scoriam purificet lab io ru m }21 Allein vom Reinigungsverfahren her wird hier die A rt der B eschm utzung b e stim m t, auch wenn es sch w erfällt, dies bildhaft nach­ zuvollziehen. W eniger sc h m e rz h a ft g eht es bei eher unspezifischen Reinigungen zu, wenn etw a die G o tte s m u tte r gebeten wird, den Schm utz von Herz und Lippen des Dichters zu tilgen, dam it er würdig werde, G o ttes und ihr Lob zu verkünden: x ,6 ,l

7,1

M ater Dei, cordis mei Munda penetralia A c meorum labiorum Dilue contagia, llt p eccatis expurgatis Deum honorificem Et a corde pulsa sorde Laudes tuas p ra e d ic em }22

Obwohl im Sprechen nicht die einzige Funktion des Mundes liegt, ist es fü r ihn doch so charak teristisch , daß bei den »Sünden des Mundes« nahezu im mer an V erfehlungen aus diesem Bereich gedacht wird. Zu den wenigen A usnahm en z äh lt das E ssen von V erbotenem .123 So b e fle c k t die Teilnahme an heidnischer O pfergem ein sch aft Mund und Hände, was nach Cyprian die A bgefallenen unwürdig macht, sogleich wieder den Leib und das Blut C hristi zu em pfang en .124 Doch auch diejenigen, die solches n ur in Gedanken erw ogen haben, seien nicht frei von Schuld: Minus plane peccauerit non uidendo idola nec sub oculis circum stantis adque insultantis populi sanctitatem fidei profanando, non polluendo manus suas fu n estis sacrificiis nec sceleratis cibis ora maculando. Hoc eo proficit ut sit m inor culpa, non ut innocens co n scien tia }25 Sonst b e ­ fleck t ein v e rbo ten er Kuß. Gregor von Nazianz lob t an seiner M u tte r Nonna, daß sie niemals Heiden (zur Begrüßung?) küßte und ihnen auch nicht die Hand gab: 121 P etrus von B lo is , Ep. 134-, PL 207,4 03B. 122 Bernhard v on M orias, Mariale, AH 50, S. 442; vgl. ebd. XII,4,1-4, S. 447: Fons v i rtut u m , sic p o l l u tu m Meum os p u r if ic e s , Ut fa v o re digna fo r e

Mea verba iudices.

123 Die »G old en e Zeit« war ve getar is ch ; Ovid, M e ta m o r p h o s e n X V ,98, ed. RÖSCH, S. 560: n ec p o ll u it ora cruore. 124 Cyprian, De la p s is 22, CCL 3, S. 233: Iacens s ta n ti b u s e t inte g r is uu lne ratus m i natu r et, qu o d non s ta ti m D omini c o r p us inquinatis manibus acc ipiat aut ore p o l l u t o D omini sanguine m bibat, s a c e r d o tib u s s ac ri l e gu s irascitu r.

125 Cyprian, De la p sis 28, CCL 3, S. 237.

282

Der Leib d e s M e n sc h e n

Niemals b e rü h rte dein reiner Mund je unreine Lippen, niemals die schuldlose Hand die g o ttlo se , auch nicht beim Essen, M utter. Du d u rfte s t, dafü r zum Lohne, beim G o tte sd ie n st s te rb e n .126 Wäre es hier die Unreinheit des Unglaubens, die den Mund b e fle c k t h ätte, so geht es beim Küssen s o n s t um den Schm utz verb otener Sexualität. In der Legende der Dirne Thais s te h t der beschm u tzen de Kuß ste llv e rtre te n d fü r ihr ganzes unzüchtiges Leben; Pafnutius verw endet d o rt ein Analogieargum ent, um ihr bew u ß t zu machen, wie unangem essen es wäre, mit solch unreinen Lippen zu beten: Et unde tibi tanta fiducia, ut p o llu tis labiis praesum as proferre nomen inpollutae divinitatis.12? H onorius A u g ustodunensis und die »Legenda aurea« verbinden dies mit der G ebetsgebärde des A u sstreck en s der Hände zum Himmel; hierbei sind dann auch die Hände b efleckt: Non es digna nominare Deum, nec in labiis tuis nomen divinitatis ejus adducere, se d nec ad coelum manus expandere, quoniam labia tua iniquitate sunt plena e t manus tuae sordibus inquinatae ,128 Da im »Passional« — wohl aufgrund einer Ver­ wechslung von osculis und oculis129 — a n ste lle der Lippen die Augen der Sünderin verunreinigt sind, kann ein Gedanke an unzüchtiges Küssen nicht m ehr aufkommen: 542,30

ouch sint besu lt an sulchen schämen din ougen in der sunden schimel, daz du nicht schowen sa lt den himel.130

g) B r u s t , B r ü s t e Die von aller Befleckung reingehaltene B rust m eint U nschuld in jeglicher Hinsicht, da aufgrund der Analogie von »Brust« und »Herz«131 an ein reines Gewissen und ein Freisein auch von G edankensünden zu denken ist {nullum facinus adm ittere pectu squ e purum ab omni sceleris contagione praestare?).132 Wie ihr ganzer Körper, so w aren auch Marias 126 G regor von Nazianz (G riech isch e A n t h o l o g ie VIII,53, dt. EBENER, Bd. 2, S. 216). 127 H ro ts v it h a , P afn utius 7,13 (Opera, ed. HOMEYER, S. 344). 128 Vita s. T hais is 2, PL 73,662A; vgl. J acobus de Vo ra gine, Legenda aurea, ed. GRAESSE, S. 678. 129 V i e ll e ic h t a ufg run d ein er S t e l l e wie H o n o r iu s, S p e c u lu m E c c le sia e , PL 172,893AB: Cave ne manus ad D ominum e x to ll a s m u lti s s o r d id is p o l l u t a s . Momen qu oque Dei non assu m as in os tuum o s c ulis p o llu tu m .

130 P a ss io n a l, ed. KÖPKE. 131 Dazu u.a. HARTMANN, W ö r ter b u ch , S. 74f. ( b r u s t). A u f d ie se r A n a lo g ie b e r u h t auch der in Kap. 11,2i z it ie rte »Fleck«, den der hl. An no »vor s e in e r Brust« sa h (An nolie d 734, ed. NELLMANN, S. 56); die se Form u lie ru ng s o w ie die la te in is c h e V or la ge l e g e n nahe, daß nicht die B rust b e f l e c k t war, so n d e r n se in Kleid, und zw ar dort, w o e s die Bru st b e d e c k t. 132 Laktanz, In st. V,12,2, CSEL 19, S. 436f.

Brust, B rü st e /

V ulva /

Hände

283

M u tte rb rü ste »rein« und deshalb würdig, daß G o tt die Milch aus ihnen sog: 147,20

sine hat der engel niht betrogen: g o t hat daz ir spunne gesogen abe ir vil reinen brüsten, die mannes nie g e lü ste noh neheiner sunden teil, sie ist iem er m u te r ane m aeil.133

Der Reim d e u te t an, daß die »Reinheit« der B rust in einem engen Zu­ sam m enhang mit dem Fehlen sexu eller »Lust« gesehen w erden muß; »rein« ist deshalb hier kein allgemeines V ollk om m en heitsattrib ut.

h) V u l v a Sofern sie nicht se lb s t G egenstand der Allegorese oder Bild­ spen der von M etaphern sind, w erden die G eschlechtsteile n ur se lte n in der Sündenm etaphorik erw ähnt. Geht es darum, jungfräuliche U n v erseh rt­ heit zu loben, dann heißt es m eist, die b e tre ffe n d e Person sei »unbe­ fleckt« bzw. ihr Leib oder ihr »Fleisch«. Lateinische Prediger nennen jedoch ausdrücklich die nicht verunreinigte Vulva Marias und sehen darin, daß C hristu s aus ihr hervorging, einen grundlegenden U nterschied zu Johannes dem Täufer; schon dies allein b e g rün det einen Rangunterschied zwischen ihnen: Johannes enim natus mulieris est, Christus autem uirginis natus est; ille corruptibilis uteri sinibus effusus e s t , is te inpollutae uuluae flore progen itu s ,134 W enn Maria vor der Empfängnis vom HI. Geist »gereinigt« wurde, dann lä ß t dies an ein Reinigen ihres M u tte rsc h o ß e s denken (dazu Kap. V,2e).

i) H ä n d e B l u t an d e r H a n d Hände sind in der M etaphorik häufig b esch m utzt. Dies g eht auf eine alte und verbreitete V orstellun g zurück, nach der Blut an der Hand eines M örders klebt, das ihn rituell unrein m a c h t.13S Da das T öten eines M enschen m eist m it der Hand geschieht und das Vergießen von Blut d afür c h a ra k te ristisc h ist, kann dies von einem M örder auch dann au s­ g esagt werden, wenn beim Mord (etwa bei einer Vergiftung) kein Blut 133 P rie st er Wernhe r, Maria D, edd. WESLE - FROMM, S. 3 u. 5; vgl. h y p e r b o lisc h ebd. A 2792f., S. 161: die ze h e r b e gunde n waichen ir b r u st

v nb e w ol l e n .

134 M axim u s v on Turin, Ser m o 6,2, CCL 23, S. 22; w ö r t l ic h Caesarius v o n A r le s , Serm o 216,1, CCL 104, S. 859. 135 Dazu u.a. PARKER, Miasm a, S. 104-143 (»The Shed ding o f Blood«).

284

Der Leib des M e n sc h e n

floß. Beim Propheten Jesaja (1,15) will G o tt die Gebete seines Volkes nicht erhören, denn »eure Hände sind voller Blut« (manus vestrae sanguine plenae sunt). Vgl. Jes. 59,3 manus enim vestrae p ollu tae sunt sanguine e t digiti vestri iniquitate. Derselbe V orw urf findet sich an der Stelle 4 Esr. 1,26, wo gleicherm aßen die Füße an g eklagt werden, uner­ müdlich zum Morden gelaufen zu sein: M aculastis enim manus vestras sanguine, e t p ed es vestri impigri sunt ad com m ittenda homicidia. In der biblischen Erzählung sc h lä g t Rüben seinen Brüdern vor, Joseph lieber an die Ism aeliter zu verkaufen, als ihre Hände zu beflecken (Gn. 37,27 m elius e st ut vendatur Ism ahelitis e t manus nostrae non polluantur), d.h. die Schuld eines M ordes au f sich zu laden; die A ltd eu tsche Genesis ist eindeutiger: und nebew ellet nieht iuwere hente m it mordisken su n ten f136 Die Kreuzigung C hristi wird den Juden als M ord angerechnet. Der persische Weise A phrahat verbindet Jes. 1,15 mit den folgenden Versen (vor allem 1,18) und w endet dies antijüdisch: »Was ist das denn fü r Blut, was Jesaja im voraus schaut? Doch nur das Blut Christi, das über sie und ihre Söhne gekom m en ist, und das Blut der Propheten, die sie ge­ t ö t e t haben. Dieses Blut r ö te t wie Scharlach und b e fle c k t sie wie der Purpurw urm , so daß sie sich nicht reinigen können.«137 Auch nach T ertullian w ürden die Hände der Juden s e lb s t dann nicht rein, wenn sie sie täglich w ü sch en .138 Beleknegini, die Frau des Arpadenherzogs Geisa, erschlug im Jähzorn einen Mann, was T hietm ar von M erseburg m it der Bemerkung kom m entiert, ihre b efleck te Hand h ä tte b e ss e r — nach A rt der Frauen — die Spindel geführt: Manus haec pollu ta fusum m elius tangeret e t m entem vesanam pacientia refrenaret.139 W erden in Sündenklagen die Sünden einzelner K örperteile h ervor­ gehoben, dann sind die Hände b lutb efleckt: Polluimus enim animam, quam ad imaginem tuam fec isti (vgl. Gn. l,26f.), polluim us corpus e t sensum. Lingua nostra gladius acutus fuit contra proximum: oculi n ostri ignem respiciunt, manus nostrae sanguine plenae sunt (vgl. Jes. 1,15): ped es n o stri veloces ad malum inferendum (vgl. Ps. 13,3): os nostrum 136 A l t d e u t s c h e G en es is 3620, ed. DOLLMAYR, S.104. S o n s t aber Predigten, ed. GRIESHABER, Bd. 2, S. 134: wan s o w e r d e n t un s e r hend e niht geunraint.

137 Ap hrahat, U n t e r w e is u n g e n 4,19, dt. BRUNS, S. 154; ebd: »W ürden sie s ic h aber im W a s s e r der Taufe w a s c h e n und Leib und B lu t Ch risti e m p fa n g e n , w ürd e das B lu t durch Christi B lu t g e s ü h n t , der Leib wü rd e durch C hristi Leib g e re in ig t, die Sünd en w ü rd en durch das W a s s e r ge re in ig t, das G eb et sp rä che dann m it der M ajestät.« 138 T ertu llian, De or atio n e 14, CCL 1, S. 265: O mnib us lic e t m e m b r is l a ue t q u ot i di e Israel, numquam tamen mu n du s e s t . C e r te manus eius s e m p e r i nmundae, sanguine p ro ph e tar u m e t ip s ius D omini inc r u s ta ta e in aete rnum .

139 T hie tm ar von M er se bu rg , Chron. VIII,4, edd. HOLTZMANN - TRILLMICH, S. 4 4 4 .

285

Händ e

conviciis foedatum e s t , et, ut sum m atim dicam„ contaminavimus terram e t aerem.140 Hände und Werke In einem allgem eineren Sinne verw eist die b e fleckte Hand auf schlimme T atsü n den überhaupt, und zwar auf Grund der m etonym ischen Bedeutung der Hände als m enschliche W erke (»Handlungen«):141 Manus autem opera significant, quoniam manibus opera fiunt, e t e s t causa pro e ffe c tu ,142 Dafür kann Jes. 1,15 herangezogen werden, ohne daß an Mord oder T o tschlag gedacht werden muß: Per manus autem quid aliud quam opera designantur? Vnde quibusdam p e r prophetam dicitur: »Manus uestrae sanguine plenae sunt« (Jes. 1,15), id e s t opera cru d elitate,143 Knapp fo rm u lie rt Bruno von Segni: Macula vero in manibus peccatum e s t in operibus.144 In diesem Sinne v e rste h t auch Philippus Presby ter Hiobs V ersicherung, an seinen Händen habe kein Makel g eklebt (Hiob 31,7): Linde nec in operibus manuum mearum ulla peccati macula p o tu it adhaerere, e t hoc ipsum cum quadam juram enti exsecratione confirm at.14S Auch nach Gregor b e s tä tig t Hiob hier, keine in Gedanken e n tstan d en e Sünde bis zur A usführung kom m en gelassen zu haben: Quando enim macula in manibus, id e s t culpa actionibus adhaereret, quam censura disciplinae non sinebat in cogitatione proficere? Neque enim culpa ad opus prodire perm ittitu r, si intus ubi nascitur exstinguatur,146 Da jeder, der seinen Bruder haßt, nach 1 Jh. 3,15 ein M örder ist, k lebt auch an seinen Händen Blut: Praecipit Deus non occidere; se d quot sunt nostrum , quorum, dum m ente quos oderunt interficiunt, manus sanguine plenae su n t, quorum pedes veloces sunt ad effundendum sanguinem (vgl. Ps. 13,3).147 Sonst werden die Hände mit heidnischen O pferriten b e fle c k t.148 W ucher bei Adeligen b e k la g t Johannes Rothe: 2117

Wuchirt ouch eyn r itte r gud, so sint eme di hende unreyne.

140 P s.- J o h a n n e s C h r y s o s t o m u s , Se rm o de p o e n it e n tia 2,1, PG 60 ,700. 141 Zu H iob 22,30 A u g u s ti n u s , Adn. in lo b, CSEL 2 8 / 3 , S. 556: erue i n noc ente m , e t sa lu aberis (in) mun ditia manuum tuarum: no li d e fic e r e in bonis ope ribus , quia curat deus humana ; A lb e r t, In lo b, ed. WEISS,

Sp. 270: hoc e s t operu m su oru m. — P s .- S u lp ic iu s Se veru s, Ep. 2,10, CSEL 1, S. 239: Munda manus, ne p o r r e c ta e ad a c cip ie ndum sint, ad dandum aut e m c o lle c ta e (vgl. Sir. 4,36), n ec ad fer ie nd um p ar ata e, s e d ad omnia m isericordiae e t p i e ta tis

opera s a tis p r o m p ta e .

142 Bruno v o n Segni, In Dt., PL 164,518C. 143 Gregor, Mor. IX ,36,56, CCL 143, S. 497; Garnerius, Greg. V,26, PL 193,196AB. 144 Bruno v on Segni, In Job, PL 164,651D. 145 Philippus Presb yter , In Job, PL 26,719B. 146 Gregor, Mor. X X I,9,14, CCL 143A, S. 1075. 147 G aufredus Babion ( P s .- H il d e b e r t ) , Se rm o 106, PL 171,830D-831A. 148 Cyprian, De la p s is 15, CCL 3, S. 229: A. diabo li aris r e u e r te n te s ad s anc t um Dom ini so rdid is e t in fe c tis nidore ma nibus a c c e d u n t ; vgl. ebd. 27, S. 236.

286

Der Leib d e s M e n sc h e n

Sugit her der armen luthe blud, so werdit sin adil gar cleyne,149 Sind die Hände von Priestern mit Schm iergeldern b efleckt, dann geht es um Simonie. Ein A m tsspiegel (von P etrus von Blois) e rm ah nt g e is t­ liche W ü rdenträger: cb

33,7,3

m alos p o te n te r argue manusque sacras ablue a sordidorum munerum contagio; nullus te p a lp et prem io.150

P riester so llte n ganz reine Hände haben, um das M eßopfer würdig feiern zu k ön n en .151 W enn Laien Sünder sind, so Richard von St. Viktor, dann sei das schon schlim m genug: E t quod m u lto gravius est, quod magis flendum e s t , non solum vulgares, rudes e t indocti laici, verum etiam innumerabiles n o stri tem poris sacerdotes, qui sacro peruncti sunt oleo , qui [...] sacramentum dominici corporis e t sanguinis m undissim is manibus deberent tractare, Deum pro se e t sibi com m isis devotis orationibus placare, ipsi, inquam, sordibus vitiorum involvuntur, ipsi peccatorum maculis polluuntur.152 Caesarius von Arles erm ahn t Laien mit einem en tg e g e n g e se tz te n A rgum ent zu w ürdigem Kommunion­ empfang; die Eucharistie m it (materiell) schm utzigen Händen anzufassen, würde niemand wagen; so so llen wir sie e r s t re c h t nicht in eine unreine Seele aufnehmen: Et si erubescim us ac tim em us eucharistiam manibus sordidis tangere, plu s debem us tim ere ipsam eucharistiam intus in anima pollu ta suscipere.153 Bernhard von Clairvaux verlang t von den O rd e n sle u te n eine viel größere S o rg falt bei der Reinhaltung der Hände als von den M enschen außerhalb des K losters: Magnum e s t homini saeculari mundas habere 149 Joha n nes Roth e, R itt e r s p ie g e l, ed. NEUM ANN, S. 57. 150 Carmina Burana, ed. VOLLMANN, S. 80. Vgl. de n B i s c h o f s s p i e g e l in Prosa bei Petrus v o n B lo is , Ep. 15 App., PL 2 0 7 ,59A: Pius p r o t e c t o r p a upe rum omni p e t e n t i tribue, m alo s p o t e n t e r argue, m a nus q ue s ac ra s a blue a so rd i do ru m mu n eris contagio. Mullus te p a lp e t p ra e mio , q u ae sit a g ra t i s gratia beneficia s e d dign is beneficio. 151 Petrus v on B lo is , Ep. 157, PL 207,452A: Manus v er o m u nd is s im a s e s s e o p o r t e t , quae m u n dissim am carnem e t san guinem C h r is ti tr a c ta nt. Vg l. ebd. 86, PL 207,267B: T e ste A m b ro sio, nunquam nisi p u r o c o r d e e t m undis m anib us e t c o n tritio n e d e v o ta offer e nd a e s t ho s tia , in qua e s t sal us mundi.

152 Richard von St. Viktor, Liber e x c e p t i o n u m 11,11,6, ed. CHATILLON, S. 4 4 8 . 153 C aesarius v o n A rles, Se rm o 44,6, CCL 103, S. 199. Vgl. ebd. 200,2, CCL 104, S. 808: SI enim vobis sin gu las v e s t e s o lo s e r ic a s v e lle t o ff e re deus, m anibu s inqu in atis e t sor d idis illa s non p o s s e t i s accipere: quantum m agi s, cum s e ipsu m vobis dign a tur o f f e r e , non enim nisi in c o rde fi de m u n da to d e b e tis excipere?

Hände

287

manus: monacho non e s t magnum, se d plane magnum ei malum e sse probatur, ne ipsarum quidem contagia declinare. Immo vero in ipsis quoque manibus longe am plior munditia et iustitia abundantior a nobis exigitur quam ab illis. Eine große Befleckung der Hände wären schlimme W erke wie U nzucht oder Diebstahl. Mönche sollen sich aber auch schon vor kleinen Befleckungen wie U ngehorsam keiten hüten, denn je sauberer die Hände, um so häßlicher sei ein noch so kleiner Fleck: Numquid et nobis a huiusmodi contagiis operum e t tam gravi manuum contaminatione timendum e st? Sed quo nitidiores manus, eo gravius m inor quoque in eis naevus offendit et pretiosam vestem exigua quaevis macula turpius decolorat: nobis ad immunditiam minima quaelibet inoboediantia sufficit; nec iam naevus est, se d gravis macula, si in actionibus n ostris vel minorum re sid e t negligentia m andatorum .154

Reine H ä n d e beim G e be t Wie beim O pfern ,155 so m üssen auch beim Gebet die Hände »rein« sein, wenn es e rh ö rt w erden soll. Dies gilt religionsgeschichtlich in m a te rie lle r Hinsicht, da es e h rfu rc h ts lo s wäre, mit schm utzigen Händen zu opfern oder zu beten; entsp rechend e V orschriften ließen sich in ethischem und religiösem Sinn verstehen, auf den es im C h ristentu m vor allem an k o m m t.156 Nach Johannes C hrysostom us läßt sich beobachten, daß viele C h risten sich bem ühen, in der Kirche »mit reinen Kleidern zu erscheinen und ihre Hände zu waschen, daß sie aber keinen W e rt darauf legen, eine reine Seele G ott darzubringen. Das sage ich natürlich nicht, als w ollte ich davon abhalten, die Hände oder den Mund zu waschen, sondern weil ich w ünsche, daß man sich wasche, wie es sich geziemt, nämlich nicht allein mit W asser, sondern auch mit den Tugenden an­ stelle des W a sse rs.« 157 Caesarius von Arles em pfiehlt hierzu Almosen, da äußerer Glanz nichts nütze, wenn die Seele unrein ist: Certe, fratres, quando in ecclesiam intrare e t communicare volumus, prius manus nostras abluimus: se d opus est, ut, quomodo p e r aquam lavamus manus nostras, sic p e r caritatem e t elemosinam abluamus animas n o stra s.158 Der Prediger spielt damit gleichzeitig auf die Sitte an, daß M änner sich vor der Kommunion die Hände w uschen, w ährend Frauen mit weißen

154 Bernhard, De d iv ers is 17,1 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 6/1 , S. 150). 155 Vgl. H es io d , Erga 724, dt. MARG, S. 376: »Un d n ie m a ls br inge in der Frühe die Spen de vo m d u nk len W ein für Zeu s dar m it u n g e w a s c h e n e n Händen und auch nic h t die Spen de n für die ändern U n st e r b li c h e n . Den n dann erh öre n sie n ic h t und v e ra b sc h e u e n die Gebete«; vgl. ebd. 737, S. 377. 156 Vgl. BERNHARD KÖTTING, Art. » H and w asc hu ng« (RAC 13, Sp. 575585). 157 Johan nes C h r y s o s t o m u s , In Mt. 51,4, dt. BAUR, BKV 1/26, S. 122. 158 Caesarius von A r le s , Se rm o 229,4, CCL 104, S. 908.

288

Der Leib d e s M e n sc h e n

Tüchern den Leib des H errn em pfingen.159 Die gedankliche Verbindung zum Beten s t e l lt der 1. T im oth eu sb rief (2,8) über die Gebetsgebärde des E rhebens der Hände zum Himmel her: volo ergo viros orare in omni loco levantes puras manus sine ira et disceptatione .160 Dies gilt als allgemeine G ebetsregel, wobei die E inschränkung auf die M änner im Laufe der Zeit verlorengeht: 2949

Doch ein iclich mensche sa t Beten mac an aller s ta t Und bewisen Gote sich Und irheben luterlich Sine hende sunder laz, Ane czorn und ane haz.161

So tra g e n Engel die Gebete der M enschen nur dann zu G ott, wenn »reine Hände« a u s g e stre c k t waren: Credimus angelos sanctos astare orantibus, offere Deo preces e t vota hominum, ubi tamen sine ira e t disceptatione levari puras manus perspexerin t ,162 Nach Ambrosius komme es bei dieser G ebetsh altu n g nicht darau f an, die Form des Kreuzes C hristi nachzu­ ahmen — eine verbreitete Deutung dieser Gebärde163 —; es gehe auch hier bei den »Händen« um W erke, die »erhoben« w erden sollen: Quid e s t »levantes puras manus«? Numquid debes in oratione tua crucem domini gentibus dem onstrare? Illud quidem signum virtuti est, non pudori. E st tamen, quomodo p o ssis orare nec figuram dem onstres, se d actus tuos le v e s: Si vis operari operationem tuam , levas puras manus p e r innocentiam .164 T ertullian w arn t davor, die Reinheit der Hände m ateriell zu verstehen; der Beter soll sich von solchen Sünden reinigen, die im Geist geplan t werden, doch durch die Hände geschehen: Ceterum quae ratio e s t manibus quidem a b lu tis, spiritu uero sordente orationem obire, quando e t ipsis manibus spiritales munditiae sint necessariae, ut a falso, a caede, a saeuitia, a ueneficiis, ab idololatria ceterisque maculis, quae spiritu con­ ceptae manuum opera transiguntur, purae alleuentur?165 Daß es auf das 159 Caesarius q uando

von A ries, Se rm o 227,5,

c om m unicare

desideran t,

CCL 104, lavant

S.

899f.:

manus

suas;

O m ne s viri, et o m ne s

m u l i e re s ni tida exh iben t linteamina, ubi corpu s C hr isti accipiant. Non e s t grav e qu od dico, f r a t r e s : qu om o d o viri lav ant aqua manus suas, s i c de e l e m os i n is lav en t co n scien tias suas; s i m ili te r e t m ulie r e s , q u o m o d o nit idum exh iben t lin teolu m , ubi c o r p us C hr isti accipiant, s i c c orpus c a st u m e t c o r mu n du m exhibean t, e t cum bona c o ns c ie ntia C h ri sti sac ram e n ta su scipiant. Vgl. Se rm o 229,4, S. 908.

160 Dazu MARIA ADELAIDE BELLIS, »L evantes puras m anus« ne ll' an tic a le t t e r a t u r a c ristia na (Ricerche di Storia R e lig io s a 1, 1954, S. 9-39). 161 Tilo von Kulm, Von si b e n I n g e s ig e ln , ed. KOCHENDÖRFFER, S. 46. 162 Bernhard, In Cant. 7,3,4 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 1, S. 33). 163 Z.B. C a ssi o d o r , In ps. 142,6, CCL 98, S. 12 77: Nam qui e x p a ns is manibus

orat, il lam

cru cem R e d e m p to r is imita tur .

164 A m b ro s iu s, De sa c r a m e n tis VI,4,18, CSEL 73, S. 79. 165 T ertu llian, De or atio n e 13,1, CCL 1, S. 264.

Hände

289

Innere ankom m t, zeigt die Formulierung: Erigamus puras m entes Ad caelum cum manibus.166 Zusam m en m it dem Erheben des (reinen) Herzens s te h t dies bei Aelred von Rievaulx: Leventur purae manus in oratione, quas non sanguis immunditiae m aculavit, tactus illicitus 'non foedavit, avaritia non coinquinavit. Levetur e t cor sine ira e t disceptatione, quod tranquillitas sedavit, pax com posuit, puritas conscientiae animavit.167 Zu anderen E rw ähnungen dieser Gebetsgebärde (Ps. 62,5; 142,6) läßt sich die Stelle 1 Tim. 2,8 erk lärend heranziehen: Et intellege quia in hac manuum extensione com m onem ur operam debere nos habere sanctissim am quam et sancta fides commendet, e t actionum foeditas nulla com m aculet.166

H ändew aschen vor dem Essen An der V erpflichtung, sich vor dem Essen die Hände zu waschen, e n t­ zündet sich im Evangelium eine A useinandersetzung um rituelle und innere Reinheit.169 Die Pharisäer und Schriftg elehrten w erfen Jesus vor, seine Jüng er äßen mit ungew aschenen Händen ihr Brot; »die Pharisäer und alle Juden essen nämlich nichts, wenn sie nicht zuvor ihre Hände gew aschen haben, w om it sie der T radition der A ltväter folgen« (Mk. 7,2f.; vgl. Mt. 15,2). Dies leh nt Jesus als äußerliches Reinheitsverständnis ab: »Nichts was von außen in den M enschen hineinkom mt, kann ihn unrein machen, vielm ehr was aus dem M enschen hervorkom m t, verunreinigt ihn« (Mk. 7,15; vgl. Mt. 15,11). Für die Exegese lag es nahe, dem W aschen der körperlichen Hände ein Reinigen der inneren »Hände« gegenüber zu stellen. Solche Hände der Seele beziehen sich m eist auf die »Werke«; Hieronymus: Manus, is t e s t opera, non corporis se d animae lauandae sunt ut fiat in illis uerbum Dei.170 Die Verbindung zum »W ort G ottes« wird hier wohl über das »Brot« h e rg e ste llt, das die Jü ng er essen. Bei Beda sind Almosen, Tränen und andere »Früchte der Gerechtigkeit« das »W aschm ittel« {lomentum), m it dem man sein H andeln reinigt: Sed necessaria e s t doctrina ueritatis quae iubet eos qui cum pane uitae descendente de caelo participare desiderant crebro elemosinarum lacrimarum aliorumque iustitiae fructuum lom ento sua opera purgare ut casto corde e t corpore caelestibus ualeant communicare m ysteriis, necessarium e s t inquinamenta quae ex temporalium negotiorum curis quisque contraxerit subsequenti bonarum cogitationum et actuum p e r ­ mundet instantia, si internae refectionis cupit epulis perfrui ,171 Bereits in m eta p h o risc h e r Verwendung (wohl ebenfalls im Hinblick auf das Handeln) s te h t die A ufforderung an die »Sünder« zum H ändew aschen Jak. 4,8 emundate manus peccatores e t purificate corda duplices animo. 166 167 168 169 170 171

Adam von St. Viktor, S e q u en ze n 43,10a,3f., ed. WELLNER, S. 290. A e lr e d von Rievaulx, De i n s t i t u t i o n e in c lu sa r u m 31, SC 76, S. 126. C a s sio d o r , In ps. 62,5, CCL 97, S. 552. Dazu KÖTTING (wie A. 156), Sp. 5 8 0 f. H ie r on ym u s, In Mt. II, CCL 77, S. 127; Beda, In Mc., CCL 120, S. 520. Beda, In Mc., CCL 120, S. 520.

290

Der Leib des M e n sc h e n

Vom St. G eorgener Prediger wird solch eine A ufforderung Petrus zuge­ schrieben: da von spricht sant Peter: »ir so n t üwer hende rainnen von dem Übeln«, bi den henden sint üwrü werch bezaichent, reht alz er spräche: »ir so n t üwrü werch rainnen von dem Übeln«.172

H änd e w a sc h e n als U n s c h u l d s b e t e u e r u n g Als eine zeichenhafte Handlung w ar es gemeint, wenn Pilatus die Ver­ an tw o rtu n g fü r den Tod Jesu von sich wies, indem er sich vor dem Volk die Hände wusch und sagte: »Ich bin unschuldig am Blut dieses Gerechten« (Mt. 27,24). Der Evangelienbericht nim m t Bezug auf ein altjüdisches E n tsü h n u n g sritu al fü r einen u n a u fg ek lärten Mord, wobei die Ä lte ste n an ste lle des u nbekannten M örders eine Kuh tö te n , indem sie ihr das Genick brechen; daraufhin w aschen sie die Hände und sagen: »Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen, und unsere Augen haben nichts gesehen« (Dt. 21,6f.). W enn das Händew aschen u rsprünglich auch "real gem ein t” gew esen sein m ag,173 so ließ es schon diese U n sc h u ld s­ beteu erun g zu einer Symbolhandlung werden; an unseren Händen, so is t die Aussage, k le b t kein B lu t.174 Sprachlich k n ü p ft an diesen Brauch gewiß Psalm 72,13 e t lavi in ter innocentes manus meas an, w ährend bei Psalm 25,6 Lavabo in ter innocentes (bzw. in innocentia) manus meas aufgrund der F o rtse tz u n g e t circumdabo altare tuum Domine zudem eine Reinigung vor dem O pfer gem eint sein kann. »Seine Hände in U nschuld waschen« w ar danach eine fe stste h e n d e Redewendung, die auch im D eutschen sp richw örtlich w urde.175 Die Auslegung dieser Stellen kann U nschuld im Hinblick auf das Handeln hervorheben. Dabei verw eist das W aschen auf ein Reinigen mit Tränen (Sed spirita liter manus lauat quisquis actus suos lacrimabili satisfactione diluerit)176 oder mit Reue und Beichte: Ick sal was sehen vnder de vnnoselen mijn hande, recht o f he seghede na der glosen: A l e r byn ick nicht warlike vnnosel, nochtan sal ick wasschen mijn hande, dat is: ick sal reyne maken myne werke, rouwen hebbende vnde bichtende, vnde also sal ick wanderen vnder de vnnoselen.177 Das W aschen der Hände sa g t nichts d arüber aus, ob jemand t a t ­ sächlich unschuldig ist; als Beispiel für eine nur scheinbare U nschuld dient Pilatus: Et bene addidit »inter innocentes« quia p o ssu n t lauare manus etiam qui nocentes sunt, sicut fecit Pontius Pilatus, qui dum animam suam nefanda Domini traditione pollueret, manus suas saeculi 172 St. G eor gen er Prediger, ed. RIEDER, S. 201. 173 GERHARD VO N RAD, Das f ü n f t e Buch M o se . D e u t e r o n o m iu m (Das A l te T e s t a m e n t D e u t s c h 8) G ö ttin g e n 21968, S. 98. 174 Zum H ä n d e w a s c h e n als U n s c h u l d s b e t e u e r u n g KÖTTING (wie A. 156), Sp. 580, 581f.; vgl. HARTMANN, W ör ter b u ch , S. 464. 175 Dazu u.a. RÖHRICH, Lexikon, S. 382f. 176 C a ssi od or , In ps. 25,6, CCL 97, S. 232. Vgl. Gerhoh von Reicher sb er g, In ps. 25,6, PL 193,1166A: Lavando enim p e r la c r y m a s manus, id e s t ope ra mea.

177 Jordanus von Q ued linbu rg, Predigten , ed. FLENSBURG, S. 52.

291

Hände

istiu s liquore m u n d abat}78 Auch s o n s t s te llt man das äußerliche Reinigen der Hände der faktischen Befleckung des Pilatus gegenüber, der zw ar nicht schuldig sein w ollte am Tode Je su ,179 sich von den Juden jedoch zu seinem Fehlurteil hinreißen ließ. Ambrosius: Lauit quidem manus Pilatus, sed facta non diluit; iudex enim nec inuidiae cedere debuit nec tim ori, ut sanguinem innocentis a d d ic ere t}60 Leo der Große: Non purgant contaminatum animum manus lotae, nec in aspersis aqua digitis expiatur quod famul ante impia m ente c o m m ittitu r}61 Der Schmutz, den Pilatus von der Hand abwusch, m eint das Blut, das nicht an seinen Händen kleben soll. Das frühm hd. Gedicht »Christus und Pilatus« d rü ck t dieses Verhältnis in einem Vergleich aus (der in die deutsche Ü b ersetzung des Z itates eingeht): 42

her hiz ime w a zzer bringen do. sine hende dwuoch Pylatus und sprach: »innocens sum a sanguine hujus.« daz spricht »ich wil des blu otes unsculdich sin alse daz hore der hende min.«162

Liturgische Handwaschungen Die christliche Liturgie e n th ä lt mehrere W aschungen der Hände des Priesters, die in der A llegorese auf eine innere Reinigung bezogen w erden.183 Dabei g eht es neben der E h rfu rc h t vor dem Heiligen um die 178 C a ssi od or , In ps. 25,6, CCL 97, S. 232. • 179 Z.B. H ieronym us, In Mt. IV, CCL 77, S. 266f.: Pilatus a c c e p it aquam iu xt a i l l u d p r o p h e tic u m : »Lavabo in te r in n oc e nte s manus me as« (Ps. 25,6), ut in l auacro manuum eius g en tiliu m opera p u r g a r e ntu r e t ab i m p i e t a t e Iudaeorum qui clamauerunt: »Cruc ifige eum«, no s a lie nos f a c e re t qu odam m odo, hoc c o n te s ta n s et dicens: Ego q uide m i nno c e nt e m uolui liberare s e d quoniam se d iti o o r itu r e t p e r d ue llio nis mihi c ont ra Caesarem crimen inpingitur: »Innocens ego s um a sanguine i u st i huius«. Ders., In Mal. 1,1, CCL 76A, S. 903: Quibus aquis e t P ilatus manus lauare con atu s e s t, ne Iuda eo rum b la s p he miis c o n s e n t i r e t ; H on or iu s, S p ec u lu m E c cle sia e, PL 172,924A: Pilatus v er o coram om nibus manus lavit, se in n o cen tem de ejus sang uine c la ma vit.

180 A m b r o s iu s, In Lc. X,100, CCL 14, S. 374; M axim u s von Turin, Serm o 57,3, CCL 23, S. 229f.: Lauerit lic e t manus suas Pilatus, tamen sua f ac t a non diluit; e t quamuis a b ste r g e re se pu ta u e r it iu s ti sanguinem de suis m e m bri s,

eo de m

tamen sanguine m e ns

eius 'te ne tur infec ta .

I pse enim oc c i dit Christu m, qui eum tradidit o cc id endum. Iudex enim c o n st a n s e t bonus, ne sanguinem in n ocen tis a d d ic e re t, nec inuidiae c e de re de bu i t n ec timori.

181 Leo I., Tract. 59,2, CCL 138A, S. 351; ebd.

S. 351f.: E x c e s s it quidem P ilati c ulpam facinus Iudaeorum, qui illu m no mine Caesaris te r r itum e t inuidiosis uocibus in crepatu m, ad e f f e c tu m sui s c e le r is inp ule runt. S e d nec i p s e eu asit reatu m, qui su p er a tu s s e d itio nib us , iudicium propriu m, e t in crimen transiu it alienum.

re liq uit

182 C h ris tu s und P ilatus (Dichtu n gen , ed. MAURER, Bd. 3, S. 433). 183 Dazu SUNTRUP, B ede u tu n g, S. 350-355; KÖTTING (wie A. 156), Sp. 5 8 4 f . ) ; JUNGMANN, M is sa r u m s o lle m n ia , Bd. 2, S. 95-103.

292

Der Leib des M e n sc h e n

»Werke« der M enschen.184 Schon Kyrill von Jeru salem (+ ca. 386) schreib t in seinen »M ystagogischen Katechesen«: »Ihr h a b t gesehen, wie der Diakon dem Bischof und den Priestern, die den A ltar G o ttes um ­ stehen, das W a sse r zum W aschen reichte. Das t a t e r keinesfalls wegen leiblichen Schmutzes. Das ist es nicht: Am Leib h a tte n wir keinen Schmutz, als wir zu Anfang in die Kirche gingen. Das W aschen ist viel­ m eh r Symbol dafür, daß wir uns von allen Sünden und allem U nrecht reinigen m üssen. Weil die Hände Symbol des W irkens sind, waschen wir sie und deuten dam it klar die A ufrichtigkeit und Reinheit der W erke an.«185 Auch im M itte la lte r w erden diese zeichenhaften W aschungen des P riesters tro p o lo g isc h auf »uns«, also auf alle C hristen bezogen; in der frühmhd. »Deutung der Meßbräuche« heißt es: 236

an daz w azzer is t ez g e z e lt, ein an de rez is t dar uz erw elt: wir sculn hinder ime stan vil wol g e d wagen, daz is t war uzzen und innen, unde obe an uns si deheiner slah te übel, bediu nit und haz, abe uns wiscen wir daz.[8b

Dieses W aschen wird präfig uriert durch die W aschungen der jüdischen P riester vor dem O pfer in den W aschbecken des B undeszeltes und des Tempels (»ehernes Meer«; dazu Kap. XI,6a). Einem sündigen Priester se lb s t n ü tz t es freilich wenig, wenn e r in der M esse täglich seine Hände w äscht, jedoch von seinen Sünden nicht abläßt: cb

91,20,1

Forte pu tas manus mundas, cum frequenter fundis undas? quas frequ en ter quamvis fundas, tam fe te n te s non emundas. Lava manus, aquas funde: quamvis clare, quamvis munde, quamvis fuse sint abunde, numquam purgant eas unde.

Das einzige R einigungsm ittel b esteh e K onkubinat — zu beenden:

darin,

die

Sünde — d.h. das

184 H o n or iu s, G em m a animae 1,97, PL 172,576A: S a c e r d o te s lav a nt m a nu s , i d e st , opera p e r lacrymas compu n ction is; ders., Sacram en tarium 88 (De c anone m i ss a e ), PL 172,794A: Hic lavan t diaconi manus, quia s ordi da

opera pr ioris

con versation is,

Ch risti p a s s io n e mund antur.

185 Kyrill von Je ru sa le m , M y s t a g o g i s c h e K a te c h e s e n 5,2, dt. GEORG RÖWEKAMP (F onte s Ch ristiani 7) Freiburg u.a. 1992, S. 147. 186 D e u tu n g der M eß br äuc he (D ic htu n gen , ed. MAURER, Bd. 2, S. 303).

Hände CB 91,22,1

293

Purgamentum vis audire? si reatum vis finire, m ox divine cessant ire, nec te p o te s t im pedire.187

H ä n d e w a s c h e n i m B l u t d e r S ü n d e r ( P s . 57, 11) Schwierig w ar ein Vers des Psalters zu deuten (57,11): Laetabitur iustus cum uiderit uindictam impiorum, manus suas lauabit in sanguine peccatorum . Die m etaphorische Aussage vom W aschen der Hände im Blut der Sünder h än gt eng zusam m en mit der V orstellun g der Freude des G erechten über die Strafe der Bösen.188 Gregor geht davon aus, daß der Tod (»Blut«) der Bösen die zur Sünde verfüh rten M enschen aus A ngst vor Strafe wieder b e s s e r t (»reinigt«): Sicque fit u t, quia iniquus uiuens m u ito s ad culpam traxerat delectatione peccati, quosdam moriens a culpa reuocet terrore torm en ti C...]. In peccatorum morientium sanguine iu sti lauantur manus, quia dum eorum poena conspicitur, conspicientis uita mundatur.189 A ugustinus behan delt ausführlich die Frage, was ein G erechter beim Anblick von S trafen denn abzuw aschen habe, wenn er doch »gerecht« sei. Es sind die Sünden, ohne die auch die Gerechten nicht leben können: Iustus quando uidet poenam peccatoris, proficit ip se ; e t m ors alterius ualet ad uitam alterius. Si enim spirita liter sanguis currit de his qui intrinsecus moriuntur, tu uidens talem uindictam, laua illic manus tuas; de cetero mundius uiue}90 Es gehe hier nicht um Schadenfreude, sondern um eine Erm ahnung G ottes zu gutem Handeln: A c p e r hoc de beneuolentia, non de malitia e s t quod laetatu r iustus, cum uidet uindictam, e t manus suas lauat, id e s t opera mundiora efficit in sanguine, hoc e s t in exitu pecca to ris; sum ens inde non mali alieni gaudium, se d diuinae admonitionis ex e m p lu m }91 An schlimme V ergehen192 d en kt Bernhard von Clairvaux, bei dem V erbrecher sich durch den Bericht über den grausam en Tod eines B lutschänders b e sse rn (»reinigen«): Timuerunt quique flagitiosi audito hoc verbo, —nam m u lti erant in terra —,

187 Carmina Burana. Die Lieder der B enedik tb eu re r H and sc h rift. Nach der A u sg a b e von A. HILKA - O. SC HU M A NN - B. BISCHOFF, M ün chen 1979, S. 308; der C od ex Buranus brin gt einen anderen, ei— he b lich kürzeren W o rtla u t; vgl. Carmina Burana, ed. VOLLMANN, S. 312-314. 188 Zum Pro b lem de s fe h le n d e n M it le id s der S e lig e n be r eite ich eine Stu die vor. 189 Gregor, Mor. XVIII,24,37, CCL 143A, S. 909f.; Isidor, Sent. 111,62,6, PL 83,737AB. 190 A u g u s t i n u s , Enarr. in ps. 57,21, CCL 39, S. 727f. 191 A u g u s ti n u s , Enarr. in ps. 78,14, CCL 39, S. 1108. 192 Die Sünde d e s T e u f e ls bei Bernhard, In Cant. 54,4,7 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 2, S. 107): C o o p e re tu r mihi in bonum e tiam diaboli m a l u m , e t lavem manus meas in sanguine p e c c a to r is .

294

Der Leib de s M e n sc h e n

e t territi purgati sunt, lavantes manus suas in sanguine peccato ris.193 Nach einer F a sten p red igt ist fü r Bernhard die dem ütige Hinwendung zum Sünder ein M ittel der eigenen Sündenreinigung.194

»Ei ne H a n d , die r e i n i g t , mu ß r e i n s e i n« Bei vielen Reinigungsvorgängen ist die Hand des M enschen b e te ilig t.195 Eine Hand, die reinigt, muß rein sein, denn eine Hand, an der Dreck klebt, m acht alles noch schm utziger als es ohnehin schon ist. Mundus in se esse a uitiis debet qui curat aliena corrigere, ut terrena non cogitet, ut desideriis infimis non succumbat; quatenus tanto perspicacius aliis fugienda uideat, quanto haec ipse p e r scientiam e t uitam uerius declinat, quia nequaquam pure maculam in m em bro considerat oculus quem puluis grauat e t superiectas sordes tergere non ualent manus quae lutum ten en t.196 Es ist deshalb nach Gregor so rg fä ltig darau f zu achten, daß ein g eistlicher Leiter, der die Flecken aus anderen Herzen tilgen soll, s e lb s t rein in seinen Gedanken sei: curandum sum m opere e s t ut re c to r cogitatione s it mundus, quatenus nulla hunc immunditia p o llu a t, qui hoc su scepit officii, ut in alienis quoque cordibus pollutionis maculas tergat. Quia necesse e s t ut munda stu deat manus, quae diluere sordes curat, ne tacta quaeque deterius inquinet, si sordida insequens lutum ten e t.197 Dies wurde im M itte la lte r zu r top ischen A ufforderung an Priester, s e lb s t »rein« zu sein, dam it sie ihrer V erpflichtung, andere zu reinigen, nachkom m en können: o p o rte t manum mundam e sse , quae p o llu ti vasis maculas debet purgare; ne pollu ta deterius p o s s it coinquinare, cum sordida sordidum tra cta t.198 Alanus ab Insulis dichtet: C onstat ut illa manus prim o perpulchra lavetur, Quae sibi praesum it vasa lavare Dei; Munda manus mundum vas quod lavat efficit illud: Sordida, sordidius quam fuit ante facit.

193 Bernhard v on Clairvaux, Vita S. Malac hiae e p is c o p i 22,48 (Ders., S ä m tlich e W erke, ed. GERHARD B. WINKLER, Bd. 1, Inns br uc k 1990, S. 546). 194 Bernhard, In Q u ad rage si m a 4,2 (Opera, edd. LECLERCQ u.a., Bd. 4, S. 369f.): Supe rbus ille Pharisaeus ieiunium habuit, ieiunium sa nc tific a v it, qui nim irum e t ieiunavit bis in sa bb ato, e t gr a tia s e g it Deo; s e d non v o cav i t c o e t u m (vgl. Joel 2,15) dicens: »Non su m s ic u t c e te r i hominum« (Lk. 18,11); ideoqu e, ala una n iten s, ieiunium eius non p e r u e n it in e r g o , c arissim i , lava te manus v e s tr a s in sanguine C...D. 195 Vgl. Gregor, Mor. IV,18,34, CCL 143, S. 185: Tanto ig itu r artior i manu p a e n i t e n t i a e , m e n s a p o llu tio n e tergen d a e s t qua nto s e p e r c o ns e ns u m caelum .

Vos

p e c c a t o ri s

c on sp i c i t sord i diu s inquinatam.

196 Gregor, Mor. VII,36,56, CCL 143, S. 377. 197 Gregor, Ep. 1,24, CCL 140, S. 23; de rs., Reg. p ast. 11,2, PL 77,27AB. 198 P s .- A u g u s t i n u s , Ad fr a tr e s in e r e m o 36, PL 40,1298.

Füße

295

Tacta lu to subducta sibi trahit instita sordes. Et nigra fit su bito quae prius alba fu it.199 Obwohl allgemein bek an nt war, daß es sich hier um einen A usspruch des hl. Gregor handelte, b e ru ft sich Petrus von Blois in einer Predigt A d Sacerdotes auf den »Apostel«, also auf Paulus: Quomodo enim nisi e s s e t san ctu s, aliorum immunditias emundaret? necesse e s t , dicit A po stolu s, ut munda sit manus quae diluere sordes c u r a t200 An anderer Stelle wird eine sta rk sen te n z h a fte Variante ebenfalls zum unechten Bibelzitat: scriptum e s t enim: N ecesse e s t , ut munda s it manus, quae sordes diluit alienas.201 Freidank hat den Topos in deutsche Verse ge­ bracht, wobei e r jedoch von der — seit Gregor — häufig hier zugrun de­ liegenden V orstellu ng des Reinigens der Gefäße G o ttes (vgl. Jes. 52,11) zum W aschen von Kleidung w echselt. Dies liegt einmal vom Reim her nahe; es erw e ite rt zudem die m etaphorische Aussage — ähnlich wie beim W aschen des Kopfes bei Abraham a Santa Clara202 — von einer th e o lo ­ gischen V erpflichtung fü r P riester zur allgemeinen Lebensregel »tadle keinen Fehler, den du selber hast«: 70,6

Ich weiz wol, daz horwic hant m achet selten wiz ge want 203

j) Füße H in te r der M etaphorik von unreinen Füßen204 s te h t offen bar keine so alte und einprägsam e V orstellung wie die von den b lu tb e fle c k te n Händen. Dennoch sind Füße o f t in der Sündenm etaphorik b e sch m u tzt, und zw ar häufig im Hinblick auf biblische Fußw aschungen, vor allem auf das nur vom Johannesevangelium b erich tete Geschehen am Vorabend der Passion, als Jesus den z w ölf A posteln die Füße w usch (Jh. 13,1-20).205 Das Modell ist der barfuß oder in Sandalen w andernde Reisende, der beim B etreten eines H auses seine Füße vom Lehm oder Staub der Straße 199 A la n u s, Liber para bo laru m 5, PL 210.590BC. 200 P etrus v on B lo is , Se rm o 56, PL 207,725C. 201 P etrus v on B lo is , Ep. 15, PL 207,52BC; SINGER, Sp rich wörter, Bd. 3, S. 37. 202 Abraham a Santa Clara, Huy! und Pfuy! der W e lt , S. 583: d e r a ls o andere st r a f fe n will, mu ß keinen verflu ch te n W and el führen; w e r ändern w i l l den K o p f f waschen, d er mu ß s e l b s t k eine k o th ig e Händ haben.

203 Freidank, B e sc h e id e n h e it , ed. BEZZENBERGER, S. 130; dazu SINGER, S p richw örte r, Bd. 3, S. 37. Vgl. W’ANDER, Sp richw örte i—Lexikon, Bd. 2, Sp. 307: Sc hmu zige Hand ma ch t kein rein Gewand. 204 Dazu a llg e m e in BERNHARD KÖTTING, Art. »Fuß« (RAC 8, Sp. 722-743). 205 Dazu u.a. GIESS, D a r ste ll u n g ; RICHTER, F ußw asc hu ng; BERNHARD KÖTTING, Art. »F ußw asc hu ng« (RAC 8, Sp. 743-777).

296

Der Leib d e s M e n sc h e n

reinigt (oder gereinigt bekommt) — was zum indest in nördlichen Gegenden m ehr auf die literarische Tradition der Bibel z u rückg eh t als auf eine A lltag serfah ru ng . Die Bibel kenn t auch das A b sc h ü tte ln des Staubs von den Füßen im A ussendungsbefehl an die A postel (Lk. 9,5). Staub ist deshalb die bevorzugte Schm utzm aterie an den Füßen (dazu Kap. X,l).

Füße und Werke In der Bildlichkeit des (Lebens-)W eges beziehen sich die Füße auf die W erke des M enschen.206 Der Weg zum Himmel verlangt reine Füße der Tugenden: Thes selben pades suazi suachit reine fuazi.207 Sind die W erke hingegen verunreinigt, dann m üssen sie gew aschen werden. Von den Augen der Braut in Cant. 7,4 als intentio k om m t der K artäu ser Nikolaus Kempf (von Straßburg) in seinem H o h eliedkom m entar zu den Handlungen, die von läßlichen Sünden gereinigt w erden so llen wie Füße vom Staub: tunc m undantur a ctu s, qui ex ea fiunt, a peccatis venialibus, sicut ped es a pulvere.208 Eine Stelle bei Jesaja (52,7) spricht von den »schönen Füßen« der Freudenboten und meint dam it ihr W illkommensein; der Römerbrief (10,15) bezieht diese speciosi ped es evangelizantium auf die V erkünder des Evangeliums, w eshalb man hierin häufig die Fuß­ waschung erkennen w ollte, bei der Jesus die Füße der A postel fü r die Verbreitung der Frohen B o tsc h a ft über die ganze W e lt b e re ite te .209 Auch dies w eckte die V orstellung von einem Verunreinigen durch schlech tes Handeln; beim Predigen ließen sich die A postel nicht vom S treben nach irdischem Gewinn leiten, sie hielten demnach ihre Füße rein von der Befleckung durch den Schmutz des Weges: Per pe d es vero evangelizantium, a ffectu s intelligim us apostolorum , qui quidem speciosi erant, quando non sua commoda, s e d auditorum utilitatem quaerebant. Speciosi, inquam, erant, qui terreni lucri inquinamenta ex ipso operationis suae incessu non contrahebant. Tunc namque corporeos pe d e s habere speciosos dicimur, quando nulla coenosae viae labe foedamur. Quia ergo ex 206 Z.B. Gregor, In Ev. 11,22,9, PL 76,1180D: Quid s u n t enim p e d e s n o s tr i nisi opera. ?

207 O tfried , E v an ge lie n b u c h 1,18,35, edd. ERDMANN - WOLFF, S. 40; dazu HARTMANN, W örte r b u ch , S. 158-160; zum H e im w e g (pad) der M agier ebd. S. 3 2 9 f.; zum » S ü ß e / F ü ß e « -R e i m OHLY, S c h riften , S. 114-116. 208 N ik ola u s K em p f von Straßburg (SCHLEUSENER-EICHHOLZ, A u ge, S. 755). Das W a s c h e n der Füße m ein t die Forderung, im m er G o t t e s W e g e zu g e h e n (dein f ü e z z e sch iillen gen mein e wege): A d elh e id Langmann, O ffen b a r u n g e n , ed. STRAUCH, S. 4 0 f. C h ris tu s b r a uchte Petrus nur die Füße w asch en ; der Visionärin h in g e g e n i s t n o t daz ich dich um und umb w a sc h e , w e s h a lb v e r s c h ie d e n e K örp er teile g e n a n n t werd en , die auf G o t t hin a u s g e r i c h t e t se in s o l l e n (z.B. Nase: und dein nas e daz

di s m e c k

di f a ls c h e it

d e r werlt).

209 Z.B. H ie r on ym u s, In Jes. XIV, CCL 78A, S. 582: (Paulus) a p o s t o l o s i n t e l l e g i uole ns, quorum D ominus lauit p e d e s , ut mund i e t p ulc hr i e s s e n t ad praedican du m, e t in t o t o orbe discu r r e r e n t bre uiq ue d o c tr ina C h ri sti i m p l e re n t mu ndum. RICHTER, F u ß w a sc h u n g , S. 31, v gl.

8, 17, 75 u. 147.

S. 6,

Füße

297

praedicationis officio terrenas divitias a postoli non quaerebant, recte de eis dicitur quia pedes eorum speciosi erant.210

Füße und A ffekte Das Erwähnen der A ffekte der A postel verw eist auf eine weitere B edeutu ng strad ition der »Füße«. A ugustinüs h a tte die A ffekte als »Füße der Seele«211 in die Deutung der Fußwaschung eingeführt, wohl einer antiken physiologischen V orstellun g folgend, nach w elcher die Ferse in einer engen Beziehung zum m enschlichen Begehrungsvermögen s te h t .212 A ugustin verbindet dieses W issen m it der Erfahrung, daß der Mensch m it den Füßen die »Erde« berüh rt; auch nach der Taufe (wenn wir »ge­ w aschen sind« Jh. 13,10) w äsch t uns C hristus täglich die Füße, indem er fü r uns e in tr itt (vgl. Rm. 8,34) wegen der Sünden, die nach der Taufe geschehen, wenn wir von m enschlichen Dingen (von »Irdischem«) e rre g t werden: W er gew aschen ist, dem brauchen nur die Füße gew aschen zu werden, quia homo in sancto quidem baptism o to tu s abluitur, non p ra eter pedes, se d to tu s omnino: uerumtamen cum in rebus humanis p o stea uiuitur, utique terra calcatur. Ipsi igitu r humani affectus, sine quibus in hac m orta lita te non uiuitur, quasi ped es sunt, ubi ex humanis rebus afficimur [...]. Quotidie igitur ped es lauat nobis, qui interpellat pro n o b is 213 In der Folge b ed eu ten die Füße dann häufig die Affekte, beso nd ers dann, wenn sie mit Sündenschm utz be fle c k t sind oder davon gereinigt w erd en .214 Bei Hugo de Folieto g eht es tro po log isch um das W aschen von Füßen, Händen und Gesicht: Pedes sunt animi affectus, manus opera poenitentiae, facies intentio pura. Lavantur siquidem pedes, id e s t affectu s coinquinati sorde peccati. Lavantur manus, id e s t, opera poenitentiae, quae quandoque sunt aspera pulvere, id est, vanitate. Facies vero quamvis munda, lavatur, dum intentio pura desiderio veniendi 210 P s.- G re g o r, In 7 ps. poe n it . V,22, PL 79,616D-617A. 211 Vgl. H o n or iu s, In Cant., PL 172,435CD: Pedes animae s u n t a f fe c tio ne s , q uibus ad quaeque desideria tran sfertu r, s ic u t c o r p us p e d ib u s g raditur; quae su n t con cu piscen tia, ti m o r , gaudium, d o lo r. C o nc up is cit enim t e rre na , t i m e t ne minime ad ipiscatu r cupita, g a u d e t de a d e p tis , d o l e t de a m i s s i s . DÜWEL, Bild, S. 196f.

212 Dazu KÖTTING, Art. »F ußw asc hu ng« (wie A. 205), Sp. 766; zu den A f f e k t e n bei A u g u s ti n GERARD J. P. O ’DALY - ADOLAR ZUMKELLER, Art. » A f f e c t u s (pa ssi o, pe rtu rbatio)« ( A u g u stin u s-L e x ik o n , Bd. 1, Sp. 166-180). 213 A u g u s t i n u s , Tract. in Joh. 56,4, CCL 36, S. 4-68; ebd. 57,1, S. 469: Vbi uisum e s t i nt e l l igen d u m qu od b a p tism o quidem ho m o to t u s abluitur; s e d dum i s t o p o s te a uiuit in saecu lo, humanis a ff e c tib u s te rr a m u e lut p e d i b u s calcans, ipsa s c ilic e t con u ersa tio ne uitae huius, c o n ­ tr ahi t unde dicat: »D imitte n obis debita n o s tr a « (Mt. 6,12). A c s ic e t iam inde m un da tu r ab eo qui p e d e s lau it disc ip ulis suis, ne c d e s init i nt e rp e l l ar e p r o n obis. Danach in der L it u r g ie a lle g o r e s e (Amalar, Hraban u.a.): SUNTRUP, B ede u tu n g, S. 357f. 214 Z.B. A la n u s, D is t., PL 210,899C, zu »pes«: D ic untur humani a ff e c tu s C...D, unde in Evangelio: »Qui l o tu s e s t non ind ig e t nisi ut p e d e s l av e t«, i d e s t

m e n tis

a f f e c tu s

a venialibus p u r g e t.

298

Der Leib des M e n sc h e n

ad Deum inflammata Jacrymatur ,215 Nach Bruno von Segni, bei dem die Füße auch die Sinne des K örpers bezeichnen, die den M enschen »außer sich« zu verschiedenen Sünden tragen, geht es auf die A ffekte der Seele zurück, wenn den gu ten W erken H ochm ut und E itelkeit beigem ischt werden: Sed quid de animae affectionibus dicam, cum ipsis quoque bonis actionibus superbia, e t vana gloria saepe se im m isceat? Et hic igitur lavatio necessaria e s t,216

D ie F u ß w a s c h u n g C h r i s t i a l s » T a u f e d e r A p o s t e l « ? U n te r Bezug auf die Fußw aschung ließ sich die Frage diskutieren, ob die Apostel g e ta u ft waren. Die A u ffassung von der Fußw aschung als Taufe der A p o ste l217 hat im W e ste n freilich keinen großen Anklang ge­ funden. A ugustinus lehnte die Lehre der Novatianer, Petrus sei damals von C hristus g e ta u ft worden, als häretisch ab;218 aus Jh. 13,10 (»wer gew aschen ist...«) ergibt sich fü r ihn, daß alle A postel bereits g e ta u ft waren, als sie zum Abendmahl kamen! Allein diese auch allgem ein auf die Taufe (und ihre reinigende Wirkung) bezogene S te lle 219 diente damit lange als Beweis fü r die gänzlich unbiblische A posteltau fe. Ambrosius scheint übrigens in der vorhergegangenen Taufe des Petrus die Ver­ gebung der eigenen Sünden zu sehen, w ährend in der Fußwaschung die — noch voraugustinisch als Konkupiszenz zu verstehenden — »ererbten« Sünden g e tilg t werden; zur R echtfertigung einer im A nschluß an die Taufe üblichen Fußw aschung schreibt er m it Blick auf den Sündenfall, bei dem der Teufel dem M enschen das Gift über die Füße goß;220 215 H u g o de F o li e t o , De c la u s t r o animae 111,10, PL 176,1112BC. 216 Bruno von Segni, In Joh. 11,38, PL 16S,557A; ebd. S56D-557A: E t e go q uidem p e r ho s p e d e s , se n su s c o rpo ris e t animae a ff e c tio n e s sig nifica ri p u t o . Ipsi enim n o s fer u n t extra n o s , e t ip si f r e q u e n te r m a c ula ntur in nobis. P o rt a t te visu s ad mu lieris spe ciem c o nte mp la nd a m: ibi m ac ulatur; i nd i g et lavatione. P or tat te a ud itus ad audiendam d e t ra c t i on e m , e t consilium vanitatis: ibi maculatur; ind ig e t la vatione . P or t a t t e g u s t u s ad crapulani, e t ebrietatem : ibi mac ula tur; ind ig e t la v atione . Sic e t in aliis. I s ti ig itu r su n t illi p e d e s , q uo s e tia m illo s , qui jam

lo ti

et

b a p tiza ti

su n t,

fr e q u e n te r

lavare

o p o r te t.

217 Dazu KANTOROWICZ, Baptism; KÖTTING, Art. »F ußw asc hu ng« (wie A. 205), Sp. 761. 218 A u g u s t i n u s , Ep. 265,5, CSEL 57, S. 64 4 (zu Jh. 13,10): ubi inte lle g itu r , q u od iam P e t rus fu e rat

ba p tizatu s .

219 Gregor, Ep. XI,27, CCL 140A, S. 911: Si ig itu r p e c c a ta in b a p tis m a te f u n d i t u s m inim e d im ittu n tu r , qu o m od o is qui lo tu s e s t mund us e s t t o t u s ? T ot us enim m u n du s dici non p o t e s t , cui de p e c c a to aliquid rem ansi t . Se d nem o r e s i s t i t uoci ueritatis: »Qui lo tu s e s t , mundus e s t t ot u s« . Nihil ergo ei de p e c c a ti sui con tag io r e ma ne t, quem to tu m f a t e t u r m undum ipse, qui rede m it. 220 A m b ro s iu s, De sa c r a m e n tis 3,7, CSEL 73, S. 41 (zu Jh. 13,10): Quare hoc ? Quia in b a p tis m a te om n is culpa diluitur. R e c e d it e r g o culpa. Sed quia A.dam s u p p la n ta tu s a diabolo e s t e t v enenum ei s u ff u s u m e s t supra p e d e s , ideo lavas p e d e s, ut in ea p a r te , in qua insid ia tus e s t se rp e ns, maius su bsidiu m sa n c tifica tion is a cc e da t, quo p o s t e a te s u p p l an t ar e non p o s s it . Lavas ergo p e d e s , ut la v e s venena s e r p e n tis .

Füße

299

Mundus erat Petrus, se d plantam lavare debeat; habebat enim primi hominis de successione peccatum , quando eum subplantavit serpens et persuasit errorem. Ideo planta eius abluitur, ut hereditaria peccata tollantur; nostra enim propria p e r baptismum relaxantur.221

Fußwaschung und Sündenreinigung W eniger p ro blem atisch w ar es, wenn das W aschen nicht a u f die Sündentilgung d er A postel bezogen wurde: Daz e r sinen botin ir vzze dWch, daz bezeichint daz, daz er m it siner tö fe unser sunte uertiligote.222 Solche D eutungen der Fußw aschung auf die Sündenreinigung der M enschen ü b e rh a u p t223 finden sich schon früh. Irenaus von Lyon sp rich t von diesem H andeln C hristi in bezug auf die Prophetie Jes. 4,4: »In den le tz te n Zeiten aber, da die Fülle der Zeit der Freiheit kam, w usch das W o rt persönlich den Schmutz der T ö ch ter Sions ab, indem er mit eigenen Händen seinen Jüngern die Füße w usch.«224 Da C hristu s keine G äste m it schm utzigen Füßen im Haus seiner Kirche duldet, reinigt e r ihnen nach Ambrosius die Füße vom Schmutz des früheren Lebens: Christus, qui ped es suis lauare consueuit hospitibus e t quoscumque sua receperit domo p o llu tis non patia tu r habitare uestigiis, se d m aculosos licet uitae prioris in reliquum tamen dignetur mundare p ro cessu s.225 Folgenreich waren beson d ers A ugustins A uslegungen; er d e u te te ver­ schiedene Elem ente der H andlung auf die M enschw erdung und Passion C hristi m it ihrer erlö send en W irkung fü r die M enschheit (für »uns«); dabei e n tsp ric h t e tw a das U m gürten mit dem Leinentuch (Jh. 13,4) der 221 A m b r o s iu s, De m y ste r iis 6,32, CSEL 73, S. 102. Vgl. de ns., In Jes. frg m . 1, CCL 14, S. 405: Ipse s e o b t u l i t , q u o d a nte p u ta b a t e s s e p e c c a t um , lauari sibi non so lu m p e d e s, s e d e t c a p ut p o s c e n s , q uo d ilic o i n t e l l e x i s s e t lauacro pedu m , qui in p ri m o la p s i s u n t homine, s o r d e m obnoxiae su c c e ss ion is aboleri. Dazu (mit w e it e r e n S te lle n )

JOSEF H UH N, De r d o g m a t i s c h e Sinn d e s A m b r o s iu s w o r te s : P lan ta Petri abluitur, u t he reditar ia p e c c a ta t o lla n t u r , n o s t r a e nim propria per b a p tis m u m rela x a n tu r (S. A m b r o s iu s, De m y ste r iis 32) (M ün ch en er T h e o l o g i s c h e Zs. 2, 1951, S. 377-389). 222 S p ec u lu m E c c le sia e , ed. MELLBOURN, S. 52. 223 H o n or iu s, G em m a animae III.84, PL 172,66SAB: Ho d ie q uo que p e d e s d isc i pul orum lavit, design an s qu od nos, qui u ltima me m b r a sua s umus , a so rd i b u s p e c c a to ru m abluit.

224 Irenaus von Lyon, G eg en die H äre sien IV,22, dt. ERNST KLEBBA, BKV 1 / 4 , S. 75f.; ebd. S. 76: »Denn das i s t das Ende d e s m e n s c h l i c h e n G e s c h le c h t e s , das G o tt z um Erbe hat, daß, w ie im A n fa ng wir durch die e r s te n M e n sc h e n alle in die K n e c h t s c h a f t g e b r a ch t wurd en durch die S c hu ld d e s T o d e s, s o j e t z t am Ende der Zeit durch den l e t z t e n M e n s c h e n alle , die von A n fa n g an se in e Sch ü le r waren, g e r e in ig t und a b g e w a s c h e n von der T o d e s s c h u l d , in das Leben G o t t e s e in tre ten . D enn de r den Jün ger n die Füße w u s c h , rein ig te de n ga n z e n Körper und m a c h te ihn sauber.« RICHTER, F u ß w asc h u n g, S. 3: "Die F u ß w a sc h u n g i s t a l s o T yp os d e s u n iv er sa le n s o t e r i o l o g i s c h e n H a n d eln s Jesu." 225 A m b r o s iu s, In Lc. VI,67, CCL 14, S. 197; danach Gratian, Ca usa 24,1,26, ed. FRIEDBERG, Sp. 976.

30 0

Der Leib de s M e n sc h e n

Annahme der K n ech tsg estalt; das Eingießen des W assers ins Fußbecken verw eist auf das Vergießen seines Blutes am Kreuz:226 Quid mirum si m isit aquam in peluim unde lauaret p ed e s discipulorum, qui in terram sanguinem fu d it, quo immunditiam dilueret peccatorum ?227 So wurde sein ganzes Leiden uns zur Reinigung: e t to ta illa eius p a ssio , nostra purgatio e s t 226 Diese E rlösungsgnade wird uns fü r die nach der Taufe geschehenden Sünden (»täglich«) im Kommunionempfang (und wohl auch anderer »H eilm ittel«229) zuteil — ein Gedanke, fü r den Rupert von Deutz die Form ulierungen A ugustins entsp re c h e n d um form t: sanguinem suum effu dit uelut aquam in peluim atque inde quotidie lauat p edes n o s tr o s , cum illum in rem issionem peccatorum nostrorum sumimus 230 W ährend Rupert allgemein von den peccata actualia spricht, was auch schw erere eigene Sünden meinen kann,231 sc h rä n k t der d eutsche »Lucidarius« diese 226 B lu t und W a s s e r aus Ch risti S e ite n w u n d e (Jh. 19,34) bei Gerhoh von Reich er sb er g, In ps ., PL 193,1271C: quia e t Ch r is tus se c und u m suae s apie nti ae c onsiliu m erat m oritu ru s, e t su o sang uine cum aqua de l at e r e suo fl u e n te non s o l o s Petri p e d e s, verum c u n c to s e le c to s e ra t l a v a t u ru s . D ie s b e t r e f f e auch die A l tv ä t e r in der ( V o r -)h ö lle , ebd. 1271CD: H oc e t i am lavacru m ex p e c ta b a n t apud infe r o s e le c ti e o d e m lavandi, e t m undan di, ac liberandi. Die F u ß s c h ü s s e l sind »wir«; Ps.~ H u g o von St. Viktor, M is c e lla n e a VII,52, PL 177,894D-895A: Venit C h ristus, e ff u d i t aquam in pelvim, p r e tio s u m s anguine m in terram; si tam e n p e l v i s su mu s. Pelvis duo habet: c o n c a v ita te m e t s o n o r ita te m . Conc avi tas e s t in tu s, s o n or itas exteriu s, sic e t n o s evacuare no s a v i tii s so n o c o nf ession is, ut aquam de late r e C hr is ti s us c ip ia mus l av ant e m m ac ul as p ec ca toru m .

227 A u g u s ti n u s , Tract. in Joh. 55,7, CCL 36, S. 466. Vgl. Hraban, H om . de f e s t i s 15, PL 110,32f., dort 33A: In h o c itaqu e